Nachtrag
admin am Mrz 29th 2008
Polydeukes und Idas; jeder brannte vor Begierde, seinen toten Bruder zu rächen.
Da blickte Zeus hernieder und nahm sich seines lieben Sohnes an. Eben war Idas
im Begriff, einen riesigen Feldstein dem Gegner ans Haupt zu werfen, da entsandte
der Donnerer einen feurigen Blitzstrahl, und von der himmlischen Flamme verzehrt,
endete der letzte Apharide.
Einen dankbaren Blick nur schickte Polydeukes zum Vater empor, dann eilte er
zu seinem sterbenden Bruder zurück. Noch war dieser nicht tot, aber schwer röchelte
die wunde Brust im Todeskampfe. Da stürzte Polydeukes laut weinend an der Seite
des heißgeliebten Bruders nieder und rief mit gewaltiger Stimme: »O Vater Zeus,
wie soll mein Jammer enden? O laß mich sterben mit diesem zusammen, Herr! Ehre
und Freude ist dem Manne verloren, der seines liebsten Freundes beraubt ward.«
Da schwebte der Götterkönig zu ihm herab und sprach: »Du bist unsterblich, denn
du bist mein Sohn. Dieser aber entstammt einem sterblichen Vater. Wohlan denn!
Frei stell ich dir selber die Wahl: Willst du, dem Tod und dem verhaßten Alter
entflohen, im Olymp bei den seligen Göttern, selbst ein Gott, in Ewigkeit wohnen,
doch ohne Kastor: es sei dir gewährt; oder willst du alles mit dem lieben Bruder
teilen, so magst du mit ihm zugleich die Hälfte der Zeit in der finstern Unterwelt,
die andere Hälfte im goldenen Himmelssaal weilen.« Also sprach der Gott, und
jenem war das Herz nicht einen Augenblick von schwankendem Zweifel bedrückt;
freudig und ohne Zaudern wählte er das gemeinsame Schicksal mit dem Bruder.
Da erschloß Zeus dem Kastor Auge und Zunge. Und so bringen die Zwillinge, unzertrennlich
wie im irdischen Leben, einen Tag beim Vater Zeus und den übrigen Göttern, den
andern im dunkeln Hades gemeinsam zu. Die Menschen aber beten zu ihnen in allen
Nöten des Lebens, denn sie verehren die Dioskuren als gnädige Helfer in Gefahr.
Im Getümmel der Schlacht erscheinen die Brüder als leuchtende Sterne dem bedrängten
Helden und führen ihn zum Sieg; auf tobender See, in Sturm und Wetter schweben
sie auf goldenen Flügeln herab, den verzweifelnden Schiffbrüchigen zu helfen.
Sankt-Elms-Feuer nennt jetzt der Seemann die wundersame heilkündende Lohe, welche
in der Finsternis des Unwetters an Masten, Segeln und Tauen plötzlich aufleuchtet
und in der der Grieche die hilfreichen Zwillinge herniedersteigen sah.
Melampus
Amythaon, ein Sohn des Kretheus, lebte in Messenien in der Stadt Pylos, die
er gegründet hatte. Sein Weib Idomene gebar ihm zwei Söhne; der eine hieß Bias,
der andre aber Melampus, das heißt Schwarzfuß; denn da das Kindlein einst im
Freien eingeschlafen war, verbrannte ihm die Sonne die Fußsohlen, daß sie ganz
schwarz wurden. Die beiden Brüder liebten sich zärtlich, und als sie noch klein
waren, sandte sie der Vater aufs Land, wo sie friedlich miteinander lebten und
groß wurden. Nun stand vor ihrem Wohnhause eine hohe Eiche, in deren Stamm ein
Schlangennest sich befand. Melampus hatte oft seine Freude an den klugen Tieren,
und als einstens die Arbeiter die alten Schlangen getötet hatten, jammerte ihn
der verlassenen Jungen. Da schichtete er Holz zusammen, zündete es an und verbrannte
die Körper der Alten; die kleine Brut aber nahm er mit in das Haus und zog sie
auf. Wie nun die Jungen erwachsen waren, fügte es sich, daß Melampus einmal
im Schlummer lag. Da krochen seine Pfleglinge zu ihm heran, stiegen auf seine
Schultern und leckten ihm mit ihren Zungen die Ohren aus. Und als nun Melampus
erschrocken aufwachte, wunderte er sich sehr, denn er verstand alles, was die
Vögel, die über ihm hinflogen, sangen. Seitdem war er ein berühmter Wahrsager,
denn die Vögel verkündeten ihm die Zukunft. Später lernte er auch noch die Kunst,
aus den Eingeweiden der Opfertiere zu weissagen, und ward der Liebling des Apollon,
des prophetischen Gottes, der sich gern mit ihm unterhielt.
Neben Amythaon war der Held Neleus in Pylos mächtig. Dieser hatte eine wunderschöne
Tochter namens Pero, welche so holdselig war, daß alle Welt um sie freite. Aber
Neleus wollte sie keinem geben. Auch Bias, des Melampus Bruder, sah die schöne
Pero und ward von zärtlicher Liebe zu ihr entflammt. Da ging er zu Neleus und
bat um die Hand seiner Tochter. Neleus aber sagte, er werde sie nur dem vermählen,
der ihm die Rinder des Iphiklos, ein Erbteil seiner Mutter, brächte. Diese Rinder
waren von ausgezeichneter Schönheit und befanden sich zu Phylake in Thessalien,
wo sie von einem Hunde so gut bewacht wurden, daß weder Mensch noch Tier in
ihre Nähe gelangen konnte. Bias bemühte sich denn auch vergebens, die Rinder
zu stehlen, und bat deshalb seinen Bruder, ihm dazu zu verhelfen. Melampus,
der seinen Bruder Bias herzlich liebhatte, verstand sich auch gleich dazu, wiewohl
er voraus wußte, daß er bei dem waghalsigen Unternehmen ergriffen und als Dieb
eingekerkert werden würde. Doch wußte er auch, daß er trotzdem nach Jahresfrist
die Rinder in seine Gewalt bekommen werde. Also verließ er sich auf unverhoffte
Hilfe und reiste, wie er versprochen hatte, nach Phylake. Dort wurde er bei
dem Versuche, die Herden zu stehlen, wirklich ertappt, mit Ketten gefesselt
und ins Gefängnis geworfen. Als nun fast ein Jahr vergangen war, saß Melampus
eines Tages sorgenvoll im Kerker; da hörte er, wie unter dem Dach in den Sparren
die Holzwürmer arbeiteten und miteinander sprachen. Alsbald richtete er die
Frage an sie, wie weit sie mit ihrem Zerstörungswerke seien. »Es ist nur noch
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