Nachtrag

admin am Mrz 29th 2008

Tod fand.

1.

Zuweilen auch Milanion genannt.

Zethos und Amphion

Als der thebanische König Polydoros, ein Sohn des Kadmos, auf dem Totenbette
lag, empfahl er seinen unmündigen Sohn Labdakos der Obhut seines Schwähers Nykteus.
Dieser regierte mehrere Jahre lang in des Labdakos Namen, bis derselbe großjährig
geworden war. Aber nur ein Jahr lang erfreute sich Labdakos der neuen Würde;
da starb er, und Nykteus übernahm nun die Vormundschaft über Laïos, den kleinen
Sohn des Labdakos. Nykteus hatte eine schöne Tochter, namens Antiope, welche
von Zeus geliebt ward. Aber der König von Sikyon, Epopeus, der auch von ihrer
Schönheit gehört hatte, kam heimlich nach Theben und entführte die Jungfrau.
In Sikyon machte er sie zu seinem Weibe. Darüber ergrimmte Nykteus und fiel
mit einem Heere im Lande des Epopeus ein. Es kam zur Schlacht, in welcher sowohl
Nykteus als der Entführer verwundet wurden. Der Sieg aber blieb auf seiten des
letzteren, und die Thebaner mußten mit ihrem sterbenden Herrscher nach Hause
zurückziehen. Vor seinem Tode bestellte er seinen Bruder Lykos zum Nachfolger
auf dem Throne, bis der kleine Laïos erwachsen sein werde; auch beschwor er
ihn dringend, an Epopeus Rache zu nehmen und Antiope selbst wieder nach Theben
zurückzubringen. Lykos gelobte dem sterbenden Bruder feierlich, nach seinem
Willen zu tun, und rüstete sich zum Kriege gegen Epopeus. Aber dieser war inzwischen
ebenfalls an seiner Wunde gestorben, und sein Thronerbe Laomedon gab die Antiope
freiwillig heraus. Als nun Lykos mit ihr zurückkehrte, schenkte sie unterwegs
in der Gegend von Eleutherä zwei Söhnen das Leben. Diese wurden alsbald im Gebirge
ausgesetzt, aber ein gutherziger Rinderhirt nahm sich ihrer an und erzog sie
allmählich zu herrlichen Jünglingen. Niemand ahnte, daß Amphion und Zethos Söhne
des Götterkönigs selbst seien. Obwohl beide durch innige Liebe miteinander verbunden
waren, so entwickelten sich doch ihre Gemüter ganz verschieden: Zethos wurde
ein rüstiger Hirt, kühnen Sinnes und mit riesiger Körperkraft begabt; Amphion
dagegen übte sich im Gesang und Saitenspiel, denn er hatte von Hermes selbst
eine Leier zum Geschenk erhalten; und er brachte es in seiner Kunst zu so hoher
Meisterschaft, daß sogar der hehre Gott Apollon ihn seines Umgangs würdigte.

Während so die Brüder unerkannt in der Einsamkeit dahinlebten, hatte ihre Mutter
Antiope schweres Leid zu erdulden. König Lykos nämlich war zwar ein milder und
gütiger Mann, aber er hatte ein böses Weib mit Namen Dirke. Diese war von Eifersucht
betört und glaubte, ihr Gemahl liebte die Tochter seines Bruders. In ihrer blinden
Wut übte sie an der Unglücklichen die grausamste Rache. Oft sengte sie ihr mit
glühendem Eisen das goldene Lockenhaar weg, schlug ihr mit der Faust ins zarte
Antlitz und quälte sie auf die boshafteste Weise. Die arme Antiope mußte spinnen
und arbeiten wie eine gemeine Sklavin und erhielt dafür oft kaum Wasser und
Brot zur Nahrung. Tagelang schmachtete sie im Dunkel verpesteter Kerker, ihr
Lager war der harte Stein. Endlich aber war das Maß ihrer Leiden voll; Zeus
ließ in einer Nacht die Ketten von ihren Händen abfallen und sprengte die Tür
des Gefängnisses. So enteilte die Unglückliche zu den Gipfeln des Kithairon,
allein, unkundig des Weges, in finstrer Nacht, vom kalten Sturmwind gejagt,
bis sie an ein einsames Hirtengehöft mitten im Walde kam. Dort flehte sie um
ein Obdach. Zwei Jünglinge traten heraus, ihre eignen Söhne, die beide ihre
Mutter nicht kannten. Amphion war sogleich willig, die Arme aufzunehmen, sein
zartes Herz fühlte sich unbewußt zu ihr hingezogen; der trotzige Zethos wollte
ihr zwar den Eintritt wehren, doch siegte zuletzt die Natur, und sie gewährten
der Flehenden das Obdach. Allein jetzt kam auch schon Dirke dahergeeilt. Sie
hatte die Flucht der Gefangenen bemerkt und ihre Spur verfolgt. Durch erlogene
Beschuldigungen wußte sie die beiden Jünglinge zu überreden, daß Antiope eine
gemeine Verbrecherin sei. Den Bitten und Drohungen der Königin wagten die Brüder
nicht zu widerstehen, und schon brachten sie einen wilden Stier hergeführt,
an den sie ihre eigene Mutter binden wollten, damit sie auf Dirkes Befehl zu
Tode geschleift werde da stürzte der alte Hirt herbei, der einst die Zwillinge
vom Tode errettet hatte, und offenbarte das Geheimnis: Antiope ist die Mutter
des Zethos und Amphion! Nun kehrte sich die gerechte Wut der Brüder gegen die
nichtswürdige Dirke. Sie ward an den wilden Stier gebunden, und dieser schleifte
sie durch das Gebirge, bis sie unter den gräßlichsten Qualen ihren Geist aufgab.
Ihren Leichnam aber verwandelte der Gott Dionysos in eine Quelle in der Nähe
von Theben, die den Namen der bösen Königin Dirke noch in späten Zeiten geführt
hat.

Nun zogen Amphion und Zethos mit ihrer wiedergefundenen Mutter nach Theben,
wo sie den schwachen Lykos vertrieben und selbst sich der Herrschaft bemächtigten.
Da aber die Stadt, die unterhalb der alten von Kadmos erbauten Burg lag, noch
keine Mauern hatte, so beschlossen die Brüder, sie mit einer solchen zu umgeben.
Zethos brach gewaltige Felsblöcke aus den Bergen und schleppte sie zum Bau herbei;
Amphion aber ließ sein Saitenspiel ertönen; siehe, da bewegten sich doppelt

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