Nachtrag
admin am Mrz 29th 2008
war Atalante kräftig und stark und so schnellfüßig wie das schnellste Reh; Luft
und Sonne hatten Antlitz und Glieder ihr gebräunt, aber ihre Schönheit strahlte
gleich der einer Waldnymphe oder der jungfräulichen Göttin Artemis. So lebte
sie rein und stolz in der Einsamkeit des Gebirges, die Hand eines Gatten verschmähend;
zu Fuß mit dem Speere den edlen Hirsch zu erjagen war ihre höchste Lust. Einst
sahen zwei Zentauren, Rhökos und Hyläos, die schöne Jägerin dahineilen und verabredeten
sich, sie zu entführen. Als sie ihr aber zu nahen wagten, schoß sie beide mit
ihren Pfeilen nieder. Außer an der Erlegung des Kalydonischen Ebers beteiligte
sie sich noch an gar manchen kühnen Heldenunternehmungen, bei denen sie nicht
selten die Männer durch ihre beispiellose Tapferkeit beschämte. So wohnte sie
auch den berühmten Kampfspielen bei, welche der Sohn des Pelias zu Ehren seines
gestorbenen Vaters in Iolkos anstellte; sie rang daselbst mit dem gewaltigen
Peleus, dem Sohn des Äakos, und soll wirklich den Sieg über ihn davongetragen
haben.
Als sie später ihre Eltern wiedergefunden hatte, drang ihr Vater, den einige
Iasos oder Iasion, andre Schöneus, auch Mänalos nennen, mit Bitten in die Tochter,
sie möchte sich doch mit einem tüchtigen Helden vermählen. Atalante aber wollte
davon nichts wissen, sondern scheute das Joch der Ehe, zumal da ihr einst eine
dunkle Weissagung geworden war, die da lautete: »Fliehe den Gatten, Atalante,
du entfliehst ihm dennoch nicht!« Um nun den lästigen Schwarm zudringlicher
Freier zu verscheuchen, schlug sie am Ende eines zum Wettlauf tauglichen Planes
einen drei Ellen langen Pfahl in die Erde; diesen bestimmte sie als Auslaufspunkt
für die Freier, und nur dem, der sie im Laufe besiegte, wollte sie als Gattin
folgen; wer aber später zum Ziele gelangte als sie, dem sollte der Tod zum Lohne
werden. Trotz dieser harten Bedingung war doch die Macht ihrer Schönheit so
groß, daß zahlreiche Werber sich einstellten. Unter den Zuschauern des seltsamen
Schauspiels saß auch ein schöner Jüngling, Hippomenes1), welcher laut die Torheit
der Freier tadelte. Sobald aber Atalante, strahlend von Anmut, die Rennbahn
betrat und er ihrer ansichtig ward, verstummte er plötzlich und sprach bei sich
selbst: ›Verzeiht mir, die ich eben gescholten habe! Der Lohn, um den ihr Leben
und Ehre wagen wollt, war mir unbekannt. Wahrlich, den seligen Göttern schätz
ich den gleich, der diese herrliche Jungfrau erwirbt.‹ Jetzt begann der Wettlauf.
Die kühne Atalante gönnte den Freiern, des Sieges im voraus sicher, einen Vorsprung;
dann aber flog sie dahin wie ein Pfeil von der Sehne des Bogens. Die Bewegung
erhöhte noch den Reiz ihrer Schönheit; und siehe, schon stand sie jauchzend
am Ziel; weit hinter ihr folgten die Besiegten, die nun seufzend die gedrohte
Strafe erlitten.
Da trat Hippomenes an den Pfahl und rief. »Warum, o Atalante, wirbst du um
so wohlfeilen Ruhm, indem du mit Untüchtigen dich missest? Komm und wag es mit
mir! Und wenn das Schicksal den Sieg mir verleiht, so wisse, keinem Geringen
reichst du die Hand: Ich bin Hippomenes, des Megareus Sohn, ein Urenkel des
Meeresfürsten Poseidon! Falle ich aber, so ist dein Ruhm um so größer, da du
den Hippomenes besiegt hast.« Atalante blickte dem Redenden sanft in das schöne
Antlitz. »O Jüngling«, begann sie, »laß ab von deinem Vorsatz! Sieh, mich jammert
deine Jugend; du scheinst mir edel und hochherzig, und jedes Mädchen wird sich
glücklich preisen, dich ihren Gatten zu nennen. Ich aber kann dich nicht schonen,
wenn du einmal den Wettlauf mit mir wagest; denn die Schande, besiegt zu werden,
ist mir unerträglich.« So sprach sie, den herrlichen Jüngling gerührt betrachtend,
und merkte nicht, daß die Liebe ihr eigenes Herz verwundet hatte. Hippomenes
aber betete heimlich zur Göttin der Liebe: »Heilige Aphrodite, sei meinem Beginnen
günstig und steh mir gnädig bei!« Und die Göttin vernahm sein Flehen; auf die
Insel Zypern schwebte sie hernieder und pflückte von einem Wunderbaum, der ihr
geheiligt war, drei goldene Äpfel. Dann trat sie, allen andern unsichtbar, zu
Hippomenes, gab ihm die köstlichen Früchte und unterwies ihn schnell, wie er
sie gebrauchen solle. Jetzt begann zum zweiten Male der Wettlauf, die Trompete
ertönte, und Hippomenes enteilte zuerst. Vom Beifallsruf der Menge ermuntert,
bot er alle Kräfte auf, aber noch war er fern vom Ziele, und schon war Atalante
dicht hinter seinen Fersen. Da ließ er einen von den goldenen Äpfeln der Aphrodite
fallen, und siehe, die Jungfrau stutzte: von der schimmernden Frucht gelockt,
bückte sie sich, den Lauf hemmend, und hob sie staunend auf. Unterdessen hatte
der Jüngling einen beträchtlichen Vorsprung gewonnen, und als Atalante ihn wiederum
einholte, warf er den zweiten Apfel auf die Rennbahn. Und abermals konnte sie
der Lockung nicht widerstehen, während Hippomenes dem Ziele immer näher flog.
»Nun stehe mir bei, hilfreiche Göttin!« betete er laut und entsandte den letzten
der Wunderäpfel. Die Jungfrau zauderte zum drittenmal, und während sie die goldene
Frucht vom Boden hob, hatte Hippomenes das Ende der Bahn erreicht, von der jauchzenden
Menge als Sieger begrüßt. Nicht ungern, so sagt man, folgte die Besiegte dem
herrlichen Jüngling als Gattin, und niemals gab es ein zärtlicheres Paar als
Hippomenes und Atalante. Ihrem Bunde entsproßte ein Sohn, so schön und anmutsvoll
wie seine Eltern: Parthenopaios hieß der Held, der später vor Theben einen rühmlichen
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt