Romane

Die Bekehrung Aurelian Mc. Goggins

Die Bekehrung Aurelian Mc. Goggins

Reite mit müßiger Gerte, reit‘ mit gestrecktem Sporn.
Einmal in der Runde zu seiner Stunde
Zeig deinem Fohlen den Zorn.
Die Peitsche zuckt, und das Zaumzeug ruckt; tief sticht der stählerne Dorn. – –

Life’s Handicap.

Dies ist eigentlich keine Geschichte. Es ist eine Abhandlung; und ich bin ungeheuer stolz darauf. Denn eine Abhandlung schreiben, ist eine Großtat.

Jeder hat das Recht einer eigenen religiösen Anschauung. Aber niemand, – am wenigsten ein jüngerer Beamter, – darf sie anderen Leuten gewaltsam eintrichtern wollen. – Hin und wieder schickt uns die Regierung die merkwürdigsten Leute in den Zivildienst. Aber Mc. Goggin war der sonderbarste von allen. Er war klug, hervorragend klug, nur führte ihn seine Klugheit auf falsche Bahnen. Anstatt sich an das Studium der Landessprachen zu halten, las er Bücher von Leuten wie Comte, glaube ich, Spencer und einem gewissen Professor Clifford. (Die Bücher findet man auf der Bibliothek.) Sie handeln vom inneren Menschen, aber vom Standpunkt derer, die keine leiblichen Nöte kennen. Es war nicht verboten, sie zu lesen; aber Mc. Goggins Mama hätte ihn trotzdem dafür züchtigen müssen. Das Gelesene gärte in seinem Hirn, und er kam nach Indien mit höchst aufgeklärten Anschauungen über das Leben im allgemeinen und seine Arbeit im besonderen. Sein keineswegs sehr ausführliches Glaubensbekenntnis bewies nur, daß die Menschen ohne Seele, die Welt ohne Gott und das Leben ohne Auferstehung sei, und daß man sich zum Wohle der Menschheit eben irgendwie durchzuschlagen habe. Eine seiner Unterlehren war augenscheinlich die, daß es noch verbrecherischer sei, Befehle auszuführen, als Befehle zu geben. Wenigstens behauptete das Mc. Goggin. Ich glaube aber, er hatte nur seine Elementarbücher mißverstanden.

Gegen den Glauben habe ich nichts einzuwenden. Er wurde in der Stadt geboren, in deren Nebel es nichts gibt als Maschinen, Asphalt und steinerne Bauten. Natürlich kommt da der Mensch allmählich zu der Überzeugung, daß es neben ihm nichts Höheres gibt, und daß das Stadtbauamt die Welt erschaffen hat. Aber hierzulande, wo man die Menschen als Menschen, – rohe, braune, nackte Menschen, unter dem freien, glühenden Himmel auf der allzuverbrauchten Erde vor Augen hat, da schwinden alle diese Theorien unmerklich dahin, und man kehrt zu einfacheren Vorstellungen zurück. Das Leben in Indien ist nicht lang genug, um es mit Beweisen vergeuden zu dürfen, daß das Weltall nicht von einem obersten Herrn geleitet wird. Und das ist verständlich. Denn der Deputierte steht über dem Beamten; der Regierungskommissar über den Deputierten; über dem Kommissar wieder der Unterstatthalter, und über allen denen der Vizekönig; und auch der steht wieder unter dem Staatssekretär, der dem Kaiser und König verantwortlich ist. Wenn nun der König keinem Höheren verantwortlich wäre, das heißt, wenn es überhaupt kein höheres Wesen gäbe, dann wäre unser ganzes Verwaltungssystem falsch, was natürlich völlig ausgeschlossen ist. In England kann man das den Leuten verzeihen, denn sie werden geistig verfüttert und nicht genug bewegt. Wenn man ein schweres, verfüttertes Pferd bewegt, schäumt und geifert es, bis man das Zaumzeug nicht mehr sieht. Aber es bleibt darum doch im Maule. In Indien wird kein Mensch verfüttert. Klima und Arbeit verbieten es, mit Worten wie mit Steinen um sich zu werfen.

Hätte Mc. Goggin seinen Glauben samt allen Schlagworten auf »ismus« bei sich behalten, dann hätte ihn auch niemand danach gefragt. Aber seine Großväter waren Methodistenprediger gewesen, und der Hang zum Predigen brach bei ihm wieder durch. Alle Leute im Klub sollten zu der Einsicht kommen, keine Seele zu besitzen, und ihm helfen, den Schöpfungsgedanken zu tilgen. Er hatte ohne Zweifel keine Seele, da er noch zu jung war, und das sagten ihm viele Leute. Daraus folge aber nicht, daß seine älteren Vorgesetzten ebenso unentwickelt gewesen seien. Ob es nun eine jenseitige Welt gab oder nicht, diesseits wollte man wenigstens ungestört seine Zeitung lesen können. »Das gehört nicht zur Sache, das gehört nicht zur Sache,« pflegte Aurelian zu sagen. Darauf warf mau ihm Kissen an den Kopf und forderte ihn auf, sich in die Welt zu begeben, an der sein Glauben hing. Man taufte ihn »Blastoderm«, – denn nach seiner Behauptung entstammte er einer prähistorischen Familie dieses Namens, – und versuchte ihn durch geißelnden Spott zum Schweigen zu bringen. Er war eine Erzplage für den Klub und ein Ärgernis, besonders für die älteren Herren. Sein Vorgesetzter, der an der Grenze zu arbeiten hatte, während er auf der faulen Bärenhaut lag, sagte ihm ganz offen, er sei für einen gescheiten Jungen doch eigentlich ein recht großer Dummkopf. Er hätte, wenn er bei der Arbeit geblieben wäre, sehr bald einen Posten im Ministerium bekommen können. Männer seines Schlages sind stets dort zu finden; Männer, die ganz Gehirn sind, scheinbar körperlos und voll von tausend Theorien. Keine Menschenseele kümmerte sich weiter um Mc. Goggins Seele. Er hätte ihretwegen keine Seele, zwei Seelen oder auch die eines anderen haben können. Seine Pflicht war es, zu gehorchen und vor seinen Akten zu sitzen, statt den Klub mit seinen »Ismen« zu belästigen.

Er war ein ausgezeichneter Arbeiter, aber er konnte keinen Befehl ohne Verbesserungsversuche hinnehmen. Daran war wieder sein Glaube schuld, denn er forderte von den Menschen zuviel Verantwortlichkeit und überließ zuviel ihrem Ehrgefühl. Ein altes Pferd kann man manchmal auch ohne Trense reiten, ein Füllen niemals. Mc. Goggin machte sich bei seinen Rechtssachen mehr Mühe als sonst wer seines Alters. Er glaubte wohl, daß eine dreißig Seiten lange Urteils Verfügung in einem Fünfzig-Rupien-Prozesse, bei dem beide Parteien bestimmt Meineide geschworen hatten, die Menschheit fördere. Jedenfalls arbeitete er zu viel, kränkte sich über jeden Tadel und predigte nach dem Dienst seinen lächerlichen Glauben, bis der Arzt ihn eines Tages vor Übertreibungen warnen mußte. Kein Mensch wird im Juni ungestraft anderthalb Rupien Arbeit für eine Rupie leisten. Aber Mc. Goggin war geistig immer noch verfuttert, stolz auf seine Kraft und jedem Rate unzugänglich. Er arbeitete am Tage neun Stunden ununterbrochen.

»Gewiß,« sagte der Arzt, »aber Sie werden zusammenbrechen. Ihre Tragfläche ist überlastet.« Mc. Goggin war ein zarter Mensch.

Eines Tages kam der Zusammenbruch so dramatisch, als wäre er gerade nur dieser Abhandlung zuliebe geschehen. Es war kurz vor der Regenzeit. Wir saßen alle auf der Veranda in der windstillen, dumpfigheißen Luft. Wir atmeten schwer und beteten zu den tiefschwarzen Wolken um Kühlung. Ganz, ganz aus der Ferne drang ein leises Rauschen herüber, das zum Brausen werden mußte, wenn die Regenwolken erst über den Fluß kamen. Einer von uns vernahm es, erhob sich vom Stuhl, horchte auf und sagte nicht unerwartet: Gott sei Dank!

Der Blastoderm wandte sich um und sagte: »Warum? Ich versichere Sie, es sind lediglich Folgen völlig natürlicher Ursachen, atmosphärische Erscheinungen einfachster Art. Warum danken Sie dafür einem Wesen, das nie existiert hat, einem Fabelwesen, das – – –«

»Blastoderm,« brummte sein Nachbar, »immer ruhig Blut! Geben Sie mir mal bitte den ›Pionier‹. Wir kennen Ihre Fabelwesen.« Der Blastoderm griff nach dem Zeitungstisch, nahm eine Zeitung und zuckte zusammen, als wenn ihn etwas gestochen hätte. Dann gab er die Zeitung weiter.

»Wie gesagt,« fuhr er langsam und mit Anstrengung fort, »lediglich Folgen völlig natürlicher Ursachen, – natürlicher Ursachen, – ich wollte sagen – –«

»Aber Blastoderm, Sie haben mir ja ein ganz falsches Blatt gegeben.«

Der Staub wirbelte in kleinen Wolken auf, die Baumwipfel schwankten hin und her, und die Dohlen pfiffen. Aber niemand achtete auf den Regen. Wir starrten alle den Blastoderm an, der neben seinem Stuhl stand und nach Worten rang. Er sagte noch langsamer als zuvor:

»Völlig verständlich, – Wörterbuch, – rote Eiche, – abhängig von, – Ursachen, – Federball, – allein, – –«

»Blastoderm ist besoffen,« sagte einer. Aber Blastoderm war es nicht. Er sah uns blöde an und griff in dem einsetzenden Halbdunkel mit seinen Händen wild um sich. Er schrie gellend auf:

»Was ist denn? – Ich kann nicht – an mich halten – erreichbar – Markt – dunkel – –«

Aber seine Zunge schien im Munde zu erstarren. Und gerade als ein doppelzüngiger Blitz den weiten Himmel in drei Teile spaltete, und der Regen in Strömen niederprasselte, verlor der Blastoderm die Sprache. Er schnaubte und stampfte wie ein gewaltsam gehaltenes Pferd, und sein Auge war voller Entsetzen.

Drei Minuten später war der Arzt da und ließ sich den Vorfall erzählen. »Aphasie,« sagte er, »bringen Sie ihn auf sein Zimmer. Ich habe den Krach kommen sehen.« Wir trugen den Blastoderm durch den Regenguß nach Hause, und der Arzt gab ihm Brom zum Schlafen.

Dann kam der Arzt aus dem Zimmer wieder zu uns und erklärte uns, daß die Aphasie, wie so manche Krankheit Indiens, die Menschen plötzlich wie mit einem Keulenschlag trifft. Er habe nur ein einziges Mal einen so starken Fall bei einem einheimischen Soldaten gehabt. – Ich für meine Person habe leichte Aphasie schon öfter bei stark überarbeiteten Menschen erlebt, aber dies plötzliche Verstummen war unheimlich. Wenn es auch nur, um mit dem Blastoderm zu reden, »die Folge ganz natürlicher Ursachen« war.

»Er muß Urlaub nehmen,« sagte der Arzt, »ein Vierteljahr wird er wohl nicht arbeiten können. Nein, nein, es ist weder Wahnsinn noch sonst etwas Verwandtes! Es ist nur ein völliges Versagen der Sprachfähigkeit und des Gedächtnisses. Ich denke, der Blastoderm wird sich jetzt wohl ein Weilchen still verhalten müssen.«

Zwei Tage später kam ihm die Sprache wieder. Seine erste Frage war: »Was war es denn eigentlich?« Der Arzt klärte ihn auf. »Aber ich kann es nicht begreifen!« sagte der Blastoderm. »Ich bin doch ganz normal und soll meines Denkvermögens, meines Gedächtnisses nicht ganz Herr sein? Ist denn das möglich?«

»Gehen Sie drei Monate in die Berge,« sagte der Arzt, »und grübeln Sie nicht weiter.«

»Aber ich kann es nicht begreifen,« wiederholte der Blastoderm. »Mein eigener Verstand! Mein eigenstes Gedächtnis!«

»Das ist nicht zu ändern,« sagte der Arzt. »Es gibt manches, was Sie nicht begreifen. Wenn Sie erst einmal so lange im Berufe sind wie ich, dann werden Sie genau wissen, wieviel ein Mensch in dieser Welt sein Eigen nennen darf.«

Der Schlag duckte den Blastoderm. Er konnte ihn nicht begreifen. Mit Zittern und Zagen ging er ins Gebirge, immer in der Ungewißheit, ob es ihm wohl vergönnt sein würde, den Satz, den er begonnen, zu beenden.

Das Ereignis nahm ihm ganz heilsam seine Selbstsicherheit. Die natürliche Erklärung, daß er überarbeitet gewesen sei, befriedigte ihn nicht. Ein Etwas hatte ihm die Sprache von den Lippen genommen, wie eine Mutter die Milch von Kinderlippen wischt, und er fühlte eine Angst, eine furchtbare Angst.

So hatte denn der Klub Ruhe vor ihm, als er zurückkam. Wenn jemand gelegentlich Mc. Goggin über menschliche Einrichtungen rechten hören sollte, – über göttliche scheint er nicht mehr soviel zu wissen wie früher, – dann lege er nur seinen Finger an die Lippen und sehe zu, was dann geschieht.

Aber er mache mir keinen Vorwurf, wenn ihm ein Glas an den Kopf fliegt.

Die Einnahme von Lungtungpen

Die Einnahme von Lungtungpen

Folgende Geschichte erzählte mir mein Freund, der Gemeine Mulvaney, als wir bei einer Schmetterlingsjagd auf der steinernen Brustwehr am Wege nach Dagschai saßen. Er hatte seine eigenen Ansichten über die Armee und darüber, wie Tonpfeifen zu bemalen sind. Er behauptete, mit Rekruten käme man am weitesten, »von wegen ihrer Lammsunschuld«.

»Hören Sie zu,« sagte Mulvaney und streckte sich der Länge nach auf der Mauer in die Sonne: »Ich bin so’n richtiger, alter Regimentsgaul. Für mich ist die Armee das Leben. Ich gehöre zu den paar, die nicht ohne sie sein können. Siebzehn Jahre bin ich dabei; mir sind die Flötentöne ans Herz gewachsen. Hätte ich mir meinen Monatssuff nicht angewöhnt, dann wäre ich heute Mannschaftsoffizier. Dann wäre ich eine schöne Plage für meine Vorgesetzten, ein Schafskopf für meinesgleichen und mir selber zum Ekel. Aber ich bin nun mal, was ich bin, und bleibe der Gemeine Mulvaney ohne Extrazuschuß für gute Führung und mit einem mächtigen Durst. Aber mit Ausnahme von meinem Freunde Bob Bahadur weiß ich noch immer so viel von der Armee wie sonst wer.«

Hier nannte ich einen Namen.

»Zum Henker mit Wolseley! Hier unter uns, vor Ihnen und mir und dem Schmetterlingsnetz gesagt, ist er so einer, der nichts versteht und über alles redet. Mit dem einen Auge schielt er nach dem Hof und mit dem anderen auf sein eigenes gesegnetes Ich. Andauernd hält er sich für Cäsarn und Alexandern in einer Person. Unser Bob, das ist ein anderer Kerl! Mit dem und ein paar Leuten, die noch keine drei Jahre Dienst hinter sich haben, will ich jede Armee von der Erde herunterfegen und meinethalben noch bis in die Hölle hinein. Weiß Gott, das ist mein Ernst! Die Rekruten, die ganz grünen, die noch nicht wissen, was eine Kugel heißt, und die sich auch nicht daran kehrten, wenn sie es wüßten, die machen die beste Arbeit. Da stopft man sie nun mit Rindfleisch voll, bis sie vor lauter Übermut nicht wissen, wohin; und wenn sie dann nichts zu tun kriegen, dann fahren sie sich selber in die Haare. Das können Sie mir schon glauben. Während der Hitze sollten sie auf Brot und Wasser gesetzt werden. Aber dann gibt’s ’ne Meuterei.

Wissen Sie, wie der Gemeine Mulvaney die Stadt Lungtungpen erobert hat? Nein? Das konnte ich mir denken! Der Leutnant hat den Ruhm, aber der Plan kommt von mir. Kurz ehe ich von Birma ins Lazarett kam, stand ich mit vierundzwanzig jungen Kerls unter Leutnant Brazenose. Die Galle ging uns ins Blut, weil wir Räuber fangen sollten und sie nicht kriegten. Mein Lebtag hab‘ ich nicht solch zweibeiniges Hundepack gesehen! Ohne Hinterlader und Dolche würde man sie überhaupt für friedvolle Ackerbürger und nicht für Räuber gehalten haben, und es wäre eine Gemeinheit gewesen, sie niederzuknallen. Wir haben sie gejagt, aber erwischt haben wir höchstens das Fieber und ein paar Elefanten. Zu guter Letzt faßten wir wirklich einen. ›Behandelt ihn zart,‹ sagt unser Leutnant. Na, ich bringe ihn also ein bißchen in den Dschungel und nehme mir den birmesischen Dolmetscher und meinen Ladestock mit. Und dann sage ich zu dem Kerl: ›Mein friedfertiger Freund,‹ sage ich, ›nun setz dich mal auf deine Schinken und sage mal meinem Freund hier, wo deine Freunde sind, wenn sie zu Hause sind.‹ Bei der Gelegenheit laß ich ihn denn mit meinem Ladestock Bekanntschaft schließen, und er fängt auch gleich an zu schnattern. Unser Dolmetscher dolmetscht, und ich helfe der Abteilung für Nachrichtendienst mit meinem Ladestock ein bißchen auf die Sprünge, wenn das Gedächtnis versagen wollte.

Ich höre also, daß es neun Meilen überm Fluß eine Stadt gibt, die nur so gespickt ist mit Dolchen, Bogen, Pfeilen, Räubern, Elefanten und so weiter. ›Na,‹ sage ich, ›jetzt können wir ja die Auskunftsstelle schließen.‹

Am Abend gehe ich also zum Leutnant und berichte. Bis dahin hatte ich nie viel von Leutnant Brazenose gehalten. Er war zu vollgestopft mit Gelehrsamkeit und Theorien, die nichts taugen. ›Eine Stadt, haben Sie gesagt?‹ fragt er. ›Gemäß der theoretischen Kriegsführung müssen wir auf Verstärkung warten.‹ Na, denk ich, dann können wir man gleich unser Grab schaufeln. Denn die nächsten Truppen saßen bis an den Bauch in den Mimbusümpfen. ›Aber,‹ sagt der Leutnant, ›da hier ein besonderer Fall vorliegt, können wir ja eine Ausnahme machen. Heute nacht wollen wir uns dies Lungtungpen doch mal ansehen.‹

Unsere Kerls waren halb verrückt vor Freude, wie ich’s ihnen erzählte. Sie liefen durch das Dickicht wie die Feldhasen. So um Mitternacht kommen wir an den Fluß, den ich, weiß Gott, dem Leutnant zu melden vergessen hatte. Ich war mit vieren voran. Hatte ich ’ne Angst, daß der Leutnant wieder mit seinen Theorien anfangen würde. ›Runter mit den Sachen!‹ ruf ich, ›runter bis aufs Hemd! Schwimmt euerem Ruhm entgegen!‹ ›Ich kann nicht schwimmen,‹ antworten gleich zwei. ›Sollte man das bei Menschen von eurer Bildung für möglich halten?‹ sagte ich. ›Haltet euch an einem Baumstamm fest. Conolly und ich, wir werden euch schon rüber bugsieren, euch Jungfern!‹

Wir holen also einen alten Baumstamm, legen die Flinten und das Zeug obenauf und schieben los. Die Nacht war stockduster, und als wir gerade flott sind, höre ich den Leutnant hinter mir rufen. ›Es ist ja nur ein halbtrockenes Flußbett! ‹ sag ich, ›ich fühle Grund.‹ Und ich fühlte ihn auch, denn ich war kaum vom Ufer fort.

›Ein hübsches, trockenes Flußbett!‹ sagt der Leutnant. ›Vorwärts, du verrückter Kauz! Runter mit den Sachen, Jungens!‹ Ich hörte ihn lachen, und die Leute zogen sich aus und rollten ’nen Baum für die Sachen ins Wasser. Conolly und ich, wir stoßen ab mit unserem Baum, und die anderen kommen hinterher.

Der Fluß waren meilenbreit. Ortheris, der hinten am Baum mithalf, brummte in den Bart, wir wären wohl aus Versehen in die Themse bei Sheerneß geraten. ›Schwimm weiter, dummer Hund,‹ sag ich, ›und laß hier unseren Irriwaddy mit deinen faulen Witzen in Ruh.‹ ›Ruhe, Leute!‹ ruft der Leutnant. So schwimmen wir also im Finsteren drauf los, mit der Brust gegen den Baum, und verlassen uns auf den lieben Gott und aufs Glück der britischen Armee.

Schließlich stoßen wir wieder auf Grund – Sand war’s – und auf einen Mann. Ich trete ihm gerade auf den Rücken, und da kreischt der Kerl los, und fort ist er.

›Jetzt haben wir’s!‹ sagt der Leutnant Brazenose. ›Wo zum Teufel ist denn nun Lungtungpen?‹ So anderthalb Minuten mußten wir warten. Unsere Leute nahmen die Gewehre, einige versuchten auch noch die Degenkoppel umzuschnallen. Wir gingen, müssen Sie wissen, mit aufgepflanzten Bajonetten los. Wir erfuhren, wo Lungtungpen war. Denn wir waren im Dunkeln an die Flußmauern geraten. Die ganze Stadt starrte von Hinterladern und solchem Krimskrams, wie ein gesträubter Katzenbuckel bei Nacht. Alles schoß auf einmal, aber über uns hinweg mitten in den Fluß.

›Gewehr in Ordnung?‹ ruft der Leutnant. ›Zu Befehl,‹ sagt Ortheris. ›Ich hab‘ dem Hund Mulvaney seins. Das hab‘ ich nun für meinen rückständigen Sold, daß mir das lange Stück das Schlüsselbein einschlägt.‹ ›Vorwärts!‹ schreit Brazenose, den Degen in der Faust. ›Stürmt die Stadt! Vorwärts! Und Gott sei unseren armen Seelen gnädig.‹

Unsere Leute brüllten mörderisch und stürmten ins Dunkel, instinktiv auf die Stadt los. Wie das harte Gras sie in die bloßen Beine stach, kriegten sie die blinde Wut und gingen stocksteif drauf los wie lauter Kavalleriereitlehrer. Ich stieß mit dem Gewehrkolben an ein Bambusding. Ich glaubte, es würde nachgeben. Und die anderen stoßen auch drauf los, während der Krimskrams über uns donnerte und blitzte, und das Geschrei hinter der Mauer uns das Trommelfell zerriß. Aber wir waren schon zu nahe, als daß sie uns hätten treffen können.

Schließlich krachte das Ding, was es auch war, zusammen. Und wir alle sechsundzwanzig stolperten splitternackt wie die Neugeborenen in die Stadt Lungtungpen. Zuerst gab es ein großartiges Handgemenge. Ich weiß nicht, ob sie uns, weiß und naß, wie wir waren, für eine neue Sorte Teufel oder Räuber gehalten haben. Gelaufen sind sie jedenfalls, als wenn wir beides gewesen wären. Und wir mit Kolben und Bajonett hinterher, brüllend vor Lachen. Auf den Straßen brannten Fackeln, und ich sah, wie der kleine Ortheris sich jedesmal, wenn er meine Muskete abgeschossen hatte, die Schulter rieb. Und Brazenose schritt mit seinem Degen voran wie Richard der Löwe, nur hatte er keinen Faden am Leibe. Wir fanden ein paar Räuber versteckt unter Elefanten und hatten bis zum Morgen allerhand zu tun.

Dann wurde halt gemacht und wir stellten uns in Reih und Glied. Die Weiber kreischten in den Häusern, und Leutnant Brazenose wurde rosenrot, als die Sonne uns beleuchtete. So ’ne unanständige Parade habe ich nie mitgemacht. Fünfundzwanzig Gemeine und ein Offizier in Frontstellung ohne so viel Zeug am Leibe, daß man ’ne Flöte damit hätte abwischen können. Achte von uns hatten wenigstens Koppel und Patronentasche um, aber die anderen waren nur mit einer Handvoll Patronen, ohne irgend etwas an, losgezogen. Sie waren nackt wie die Venus.

›Es wird von rechts abgezählt!‹ sagt der Leutnant. ›Die Ungeraden treten ab zum Anziehen. Die Geraden zur Patrouille, bis sie von den andern abgelöst werden können!‹ Ich kann Ihnen sagen, eine Stadtpatrouille ohne was an ist ein Erlebnis! Nach zehn Minuten war ich feuerrot, so lachten die Weiber. Weder vorher noch nachher bin ich rot geworden, aber in den zehn Minuten war ich’s am ganzen Kadaver. Ortheris kam nicht mit. Er sagte nur: ›Ihr könnt mich am Sonntag in der Kaserne –‹ warf sich auf die Erde und kugelte sich vor Lachen.

Als wir alle angezogen waren, zählten wir die Toten: fünfundsiebzig von dem Räubervolk ohne die Verwundeten. Wir hatten fünf Elefanten, einhundertsiebzig Hinterlader, zweihundert Dolche und sonst noch ’nen ganzen Haufen Diebsplunder. Von uns war niemand verletzt, – höchstens der Leutnant, und der auch nur von dem Stoß, den sein Schamgefühl abgekriegt hatte.

Der Älteste von Lungtungpen fragte, als er sich ergeben hatte, den Dolmetscher: ›Wenn die Engländer ohne Kleider so kämpfen, wie in aller Welt kämpfen sie dann in Uniform?‹ Ortheris rollte die Augen, knackte mit den Fingern und fing an zu tanzen, um dem Ältesten zu imponieren. Der machte, daß er in sein Haus kam. Wir trugen unsern Leutnant den ganzen Tag lang auf unseren Schultern durch die Stadt, oder spielten mit den kleinen Birmanenkindern; es war eine ganz bildhübsche, kleine, dicke braune Gesellschaft.

Als ich wegen der Dysenterie zurückkommandiert wurde, habe ich zu unserem Leutnant gesagt: ›Herr Leutnant,‹ sag ich, ›Sie haben das Zeug zu einem großen Mann. Aber, wenn Sie’s einem alten Soldaten nicht übelnehmen, Sie sind zu sehr fürs Theoretische.‹ Er gab mir die Hand und sagte: ›Ihnen kann man’s ja doch nicht recht machen, Mulvaney; Sie haben mich nun durch ganz Lungtungpen wie einen Indianerhäuptling ohne Kriegsschmuck tanzen sehen und werfen mir immer noch die Theorie vor?‹ ›Herr Leutnant,‹ sagte ich, denn ich hatte ihn gern, ›ich würde mit Ihnen ganz genau so durch die Hölle tanzen, und die anderen alle mit.‹ Ich fuhr flußabwärts und schickte ihm meinen Segen. Der liehe Gott mag dafür sorgen, daß er ihn trifft, denn er war wirklich ein forscher, aufrechter junger Offizier.

Aber nun zur Pointe! Was ich da erzählt habe, soll zeigen, was die Rekruten wert sind. Oder glauben Sie vielleicht, daß fünfzig alte Soldaten Lungtungpen im Dunkeln genommen hätten? Ich nicht! Die hätten sich vor Fieber und Kälte gefürchtet, vom Schießen noch gar nicht geredet. Zweihundert hätten’s vielleicht getan. Aber die Jungen wissen wenig und kümmern sich um noch weniger. Und wo keine Furcht nicht ist, da ist auch keine Gefahr. Holt euch Junge und füttert sie gut. Dann werden sie bei der Ehre vom großen, kleinen Bob, unter einem ordentlichen Offizier, ohne Sachen, nicht nur mit schwarzem Räuberpack, nee, auch mit ganzen weißen Armeen fertig werden. Lungtungpen haben sie nackend genommen, Sankt Petersburg werden sie in Unterhosen nehmen. Weiß Gott, das täten sie.

Hier ist Ihre Pfeife, Herr. Rauchen Sie nur recht hübsch vorsichtig; ein anständiges Kraut, wenn der Duft vom Kantinentabak erst raus ist. Ich danke Ihnen schön, aber es hat keinen rechten Zweck, wenn Sie mir meinen Beutel mit Ihrem Kraut vollstopfen. Kantinentabak ist ganz wie die Armee; man verdirbt sich daran den Geschmack für was Feineres.«

Bei diesem Ausspruch nahm Mulvaney sein Schmetterlingsnetz und ging zur Kaserne zurück.

Der Bazillentöter

Der Bazillentöter

Es freut die tönerne Götterwelt,
Wenn der ewige Zeus sein Schläfchen hält.
Doch die kleine Gesellschaft hat nicht bedacht,
Daß zu seiner Stunde auch Zeus erwacht.

In der Regel ist es nicht ratsam, sich in einem Lande in Staatsangelegenheiten zu mischen, wo Leute hoch genug bezahlt werden, damit sie sie für uns erledigen. Aber unsere Geschichte bedeutet eine berechtigte Ausnahme.

Bekanntlich erleben wir alle fünf Jahre ein tief einschneidendes Ereignis. Ein neuer Vizekönig zieht ein und bringt mit seinem anderen Gepäck einen Privatsekretär mit, der manchmal der eigentliche Vizekönig ist, manchmal aber auch nicht, ganz wie das Geschick es fügt. Denn das Geschick wacht über dem indischen Reich, weil es so groß und hilflos ist.

Es war einmal ein Vizekönig, der einen unruhigen Geist als Privatsekretär mitbrachte, – einen unbeugsamen Mann mit schmiegsamen Umgangsformen und einer fast krankhaften Arbeitswut. Dieser Sekretär hieß Wonder, – John Fennil Wonder. Der Vizekönig hatte keinen Namen, aber er besaß eine lange Kette Grafschaften und eine ebensolange Ordenskette. Unter guten Freunden pflegte er zu sagen, er wäre die galvanisierte Buggallione des goldenen Staatsschiffes. Und er sah bald träumerisch, bald belustigt Wonder zu, der völlig außerhalb seines Amtskreises liegende Dinge in seine Hand zu bringen suchte. »Und wenn wir erst alle Engel sind,« sagte Se. Exzellenz einmal, »dann wird mein lieber, guter Freund Wonder sicher eine Verschwörung anzetteln, um dem Erzengel Gabriel die Schwanzfedern auszurupfen oder Sankt Peter die Schlüssel zu stehlen. Aber dann werde ich Anzeige erstatten.«

Die Leute murrten über Wonders Übereifer, obwohl doch der Vizekönig sich nicht weiter darüber beklagte. Bei den Staatsräten fing es an, und schließlich stimmte ganz Simla darin überein, daß in dem gegenwärtigen Regime »zu viel Wonder« und »zu wenig Vizekönig« wäre. Wonder führte andauernd Se. Exzellenz im Munde. »Se. Exzellenz hin, Se. Exzellenz her; Se. Exzellenz sind der Meinung« und so fort. Der Vizekönig lächelte darüber, aber er kehrte sich nicht daran. Er meinte, daß seine »guten, alten Räte« den »ehrwürdigen Orient« in Frieden ruhen lassen würden, solange sie sich mit »seinem lieben Freunde Wonder« herumzankten.

»Sicherlich wird sich kein weiser Mann politisch festlegen,« versicherte der Vizekönig. »Denn feste politische Versicherungen sind Sicherstellungen, die sich nur ein Narr von unberechenbaren Eventualitäten abpressen läßt. Ein Narr bin ich nicht, und das andere glaube ich nicht.«

Ich weiß nicht ganz genau, was er damit sagen wollte, wenn er nicht eine Versicherungspolice meinte. Vielleicht war es auch nur ein eigener Ausdruck des Vizekönigs für: »Gewehr in Ruh!«

Nun kam zu dieser Zeit einer von jenen Leuten nach Simla, die im Leben nur eine gute Idee haben. Solche Menschen bringen die Welt vorwärts, aber für den gesellschaftlichen Verkehr sind sie wenig geeignet. Der Betreffende hieß Mellish. Er hatte fünfzehn Jahre auf seinem Besitztum im unteren Bengalien gelebt, wo er die Cholera studiert hatte. Er hielt den Träger der Cholera für einen Bazillus, der sich in unreiner Luft vermehrt und sich in dicken Flocken auf Baumzweigen festsetzt. Und dieser Bazillus konnte seiner Ansicht nach unschädlich gemacht werden durch »Mellishs unübertreffliches Räuchermittel«, – ein schwarzblaues Pulver – »das Ergebnis fünfzehnjähriger wissenschaftlicher Untersuchungen, werter Herr!«

Erfinder sind, scheint’s, alle gleichen Schlages. Sie reden alle mit erhobener Stimme mit Vorliebe über »monopolistische Ausbeutungsversuche«; sie schlagen mit der Faust auf den Tisch und tragen immer versteckt Proben ihrer Erfindungen bei sich.

Mellish behauptete, es bestünde in Simla eine medizinische Clique mit dem Generalarzt an der Spitze, die alle Krankenhausärzte des Reiches in sich begriffe. Ich weiß nicht mehr, wie er es bewies, aber er sprach von »Durchstechereien usw.«, und Mellish wollte das unbeeinflußte Zeugnis des Vizekönigs, »des Statthalters unseres allergnädigsten Kaisers und Königs, werter Herr!« Darum kam Mellish nach Simla mit einem halben Zentner Räucherpulver im Koffer, um dem Vizekönig in einer Audienz die Vorzüge seiner Erfindung darzulegen.

Aber es ist leichter, einen Vizekönig zu Gesicht zu bekommen, als ihn zu sprechen, wenn man nicht gerade ein so bedeutender Mann ist wie Mellishe aus Madras. Er war ein vermögender Mann, so vermögend, daß seine Töchter nicht heirateten, sondern »eheliche Verbindungen eingingen«. Er selber wurde nicht bezahlt, er erhielt »Remunerationen«, und seine Reisen im Lande waren »Informationsreisen«. Sein Geschäft war es, Madras mit einer langen Stange aufzurühren, wie man Karpfen in einem Teiche aufrührt; und die Leute mußten aus ihrer altgewohnten Gemütlichkeit emportauchen, nach Luft schnappen und staunend ausrufen: »Hier steht Aufklärung und Fortschritt. Ist es nicht eine Lust?« Und man setzte Mellishe Denkmäler und baute ihm aus Blumen Ehrenpforten, in der Hoffnung, ihn loszuwerden.

Mellishe kam nach Simla zu einer »Konferenz« mit dem Vizekönig. Das gehörte zu seinen Nebenbeschäftigungen. Der Vizekönig wußte von Mellishe nichts weiter, als daß er einer der »kleinbürgerlichen Götzen« war, die »scheinbar dem geistigen Wohlbehagen Indiens, dem Paradiese des Kleinbürgertums, unumgänglich notwendig sind«. Und der Vizekönig nahm es als gegeben hin, daß Mellishe »alle öffentlichen Einrichtungen in Madras vorgeschlagen, entworfen, begründet und ausgestattet habe«. Das beweist, daß Se. Exzellenz trotz aller Träumerei solche Leute sehr gut kannte.

Mellishes Name war E. Melishe, und Mellishs Name war E. S. Mellish. Beide wohnten im gleichen Hotel, und das Geschick, das über dem Indischen Reich wacht, fügte es, daß Wonder sich versah, und das »e« am Schlusse des Namens wegließ. Der Amtsdiener förderte den Fehler und übergab den Brief Mellish mit dem Räucherpulver. »Sehr verehrter Herr Mellish, würden sie möglicherweise morgen abkommen können und mittags zwei Uhr mit uns speisen? Der Vizekönig wird eine Stunde zu Ihrer Verfügung halten.« Mellish weinte fast vor Glück und Stolz und ritt zur festgesetzten Stunde nach »Peterhoff« mit einer großen Tüte Räucherpulver im Rockschoß. Seine Stunde war gekommen, und es galt sie zu nutzen. – Mellishe hatte die »Konferenz« so verdächtig bedeutsam gemacht, daß Wonder für ihn ein Frühstück im engsten Kreise veranstaltete, ohne Adjutanten, ohne Wonder, mit dem Vizekönig allein. Und der Vizekönig klagte, er fürchte sich, mit einem so selbstherrlichen Menschen wie Mellishe aus Madras zwanglos allein sein zu müssen.

Aber der Gast langweilte den Vizekönig gar nicht. Im Gegenteil, er belustigte ihn. Mellish war ängstlich erregt und besorgt, möglichst bald auf sein Räucherpulver zukommen. Er redete hin und her, bis das Essen zu Ende war, und Se. Exzellenz ihn aufforderte, zu rauchen. Mellish gefiel dem Vizekönig, weil er nicht fachsimpelte.

Sobald die Zigarren brannten, sprach Mellish frei von der Leber weg. Er fing mit seiner Choleratheorie an, beleuchtete seine »fünfzehnjährige wissenschaftliche Arbeit«, die Machinationen der Simlaer Ärzteclique und die Vorzüglichkeit seines Räuchermittels. Der Vizekönig sah ihn mit halbgeschlossenen Lidern an und dachte: »Das scheint mir wohl doch nicht der Richtige zu sein. Aber ein originelles Huhn ist er.«

Mellishs Haar sträubte sich vor Erregung, und er stotterte. Er wühlte in seinen Rockschößen, und ehe sich’s der Vizekönig versah, hatte er eine Handvoll Pulver in den großen silbernen Aschenbecher geschüttet.

»Ich b–b–b–bitte Sie, sich selbst zu überzeugen, werter Herr!« rief Mellish. »Exzellenz haben die Güte aus eigener Anschauung zu urteilen. Völlig unfehlbar, mein Wort darauf!«

Er tauchte seine glimmende Zigarre in das Pulver; und es begann zu dampfen wie ein Vulkan. Schwere, fettige, kupferfarbene Rauchringe stiegen auf, und im Handumdrehen füllte sich das Zimmer mit einem beißenden, widerlichen Geruch, einem Gestank, der einem gewaltsam die Kehle zuschnürte. Das Pulver sprühte und zischte und schoß blaugrüne Funken, und der Qualm stieg auf, bis man weder sehen, noch hören, noch atmen konnte. Aber Mellish war daran gewöhnt.

»Salpetersaurer Strontian,« schrie er. »Baryt, Knochenmehl usw. Tausend Kubikfuß Rauch auf einen Kubikzoll! Nicht ein Bazillus kann leben bleiben, nicht einer, Exzellenz!«

Aber Se. Exzellenz war geflüchtet und stand hustend auf dem Treppenabsatz, während es in ganz »Peterhoff« wie in einem Bienenkorb zu surren begann. – Die roten Ulanen stürzten herbei und der Oberamtsdiener, der Englisch spricht, und die Leibtrabanten, und die Damen liefen die Treppen hinab und riefen: »Feuer!« Denn der Rauch zog durch das ganze Gebäude, schwelte durch die Fenster, schwoll auf die Veranden, und kräuselte und säuselte über dem Park. Niemand konnte das Zimmer, wo Mellish über sein Räucherpulver Vortrag hielt, betreten, bis das unbeschreibliche Zeug ausgebrannt war.

Dann stürzte ein Adjutant, der sich das Ehrenkreuz verdienen wollte, durch die Rauchwolken und schleifte Mellish in die Vorhalle. Den Vizekönig hatte sein Lachen völlig entkräftet. Erschöpft winkte er Mellish zu, der eine frische Tüte hin und her schwenkte.

»Großartig! Großartig!« stöhnte Se. Exzellenz. »Nicht ein Bazillus kann leben bleiben. Sie haben ganz recht. Ich kann’s beschwören. Ein glänzender Erfolg!«

Er lachte, bis ihm die Tränen kamen. Und Wonder, der den wahren Mellishe wutschnaubend auf der Promenade getroffen hatte, trat ein und war ungemein entrüstet über die Szene. Aber der Vizekönig war begeistert, denn jetzt war er sicher, daß Wonder sehr bald werde gehen müssen. Mellish mit dem Räucherpulver war auch sehr befriedigt, denn jetzt war die Simlaer Ärzteclique bankerott.

*

Wenige Leute können eine Geschichte so gut erzählen wie Se. Exzellenz, wenn er Lust dazu hatte. Und seine Erzählung von »meines lieben, guten Wonders Freund mit dem Räucherpulver« machte in Simla die Runde. Und frivole Leute elendeten Wonder mit ihren Bemerkungen.

Aber Se. Exzellenz erzählte die Geschichte einmal zu viel, – zu viel für Wonder, und zwar mit Absicht. Es war bei einem Picknick. Wonder saß hinter dem Vizekönig.

»Und einen Augenblick war ich wirklich der Meinung,« schloß Se. Exzellenz, »daß mein lieber, guter Wonder einen Meuchelmörder gedungen hatte, um sich den Weg zum Thron zu bahnen.«

Alle lachten. Aber es war ein leiser Unterton in der Stimme des Vizekönigs. Und Wonder verstand ihn. Er fand, daß seine Gesundheit nachließe, und der Vizekönig willigte in seinen Abschied. Er schilderte ihn in den leuchtendsten Farben, um ihn in den maßgebenden Kreisen zu fördern.

»Es war lediglich meine Schuld,« sagte Se. Exzellenz später mit vielsagendem Blinzeln. »Meine Unbeständigkeit muß einer so starken Natur von jeher zuwider gewesen sein.«

Entführt

Entführt

Wir sind hochstehende und aufgeklärte Menschen, und darum empört uns das Verheiraten von Kindern, dessen Folgen hin und wieder recht eigenartig sind. Aber nichtsdestoweniger ist die Sitte der Hindus, – die ja schließlich auch europäische Sitte, uralte Sitte ist, – Ehen ohne Rücksicht auf die Zuneigung der Heiratenden zu schließen, durchaus wohlbegründet. Wer auch nur einen Augenblick darüber nachsinnt, muß das einsehen, vorausgesetzt, daß er nicht an Wahlverwandtschaften glaubt. Dann sollte er meine Geschichte lieber ungelesen lassen. Wie kann ein Mann, der nie verheiratet war, dem man nicht zumuten würde, unter Pferden auf den ersten Blick ein einigermaßen fehlerfreies herauszufinden, wie kann solch ein Mann, dessen glühende Phantasie nur Bilder häuslichen Glückes schaut, sich an die Wahl eines Weibes wagen! Er kann weder klar sehen, noch denken, trotz aller Versuche. Und wenn ein Mädchen ihren Träumen folgt, trifft sie auf die gleichen Hindernisse. Aber wenn reife, verheiratete, besonnene Leute zwei junge Menschen zusammengeben, dann tun sie es wohlüberlegt und bedenken die Zukunft. Und das Paar wird glücklich sein bis an sein Lebensende. Das weiß ein jeder.

Eigentlich müßte die Regierung ein Tribunal für Eheschließungen einrichten mit den nötigen Beamten, einem Geschworenengerichte würdiger Frauen, einem älteren Geistlichen und einem »zur abschreckenden Warnung« im Gerichtshofe an einen Baumstamm gefesselten Paare, das aus Liebe geheiratet hatte und unglücklich ist. Alle Ehen müßten durch diese Abteilung vermittelt werden, die ja dem Unterrichtsministerium unterstellt werden könnte. Eine Übertretung müßte die gleiche Strafe finden wie ein Grundstücksverkauf ohne Stempelvertrag. Aber die Regierung nimmt nun einmal keine Vorschläge an. Sie gibt vor, zu beschäftigt zu sein. Dennoch will ich meine Auffassung niederschreiben und ein Beispiel geben, das meine Theorie beleuchtet.

Es war einmal ein tüchtiger junger Mann – ein ausgezeichneter Beamter. Er hatte eine aussichtsreiche Laufbahn vor sich und die höchsten Orden als erreichbares Ziel. Alle seine Vorgesetzten lobten ihn, denn er wußte zur rechten Zeit Zunge und Feder ruhen zu lassen. Heute gibt es in Indien nur elf Leute, die diese geheime Kunst besitzen, und alle sind, mit einer Ausnahme, zu hohen Ehren und Gehältern gelangt.

Der tüchtige junge Mann war still und verschlossen und viel zu alt für seine Jahre. Und das zieht stets seine Strafe nach sich. Hätte irgendein Unterbeamter, ein Plantagengehilfe oder sonst wer, der sein Leben unbekümmert um den nächsten Tag genießt, das getan, was er nur zu tun versucht hat, niemand hätte sich darum gekümmert. Aber als Peythroppe, der schätzenswerte, tugendsame, sparsame, stille, fleißige, junge Peythroppe zu Fall kam, da ging durch fünf Dienstabteilungen eine nachhaltige Erschütterung.

Und das kam so. Er lernte Miß Castries kennen. Der Name hieß ursprünglich D’Castries, aber die Familie hatte das »D« aus politischen Gründen fallen lassen. Er verliebte sich mit noch größerer Energie, als er bei seiner Arbeit bewies. Ich muß betonen, daß auch nicht der leiseste Hauch, – nicht der Schatten eines Hauches Miß Castries Ruf trübte. Sie war ohne Fehl und sehr schön, – sie war, wie harmlose Leute in England sagen würden, ein spanischer Typus. Sie hatte volles, blauschwarzes Haar bis tief auf die Stirne herab, große blaue Augen und Brauen, geradlinig und schwarz wie der Rand eines Extrablattes, das den Tod eines großen Mannes meldet. Aber – aber – aber. Sie war ein sehr liebes Mädchen und sehr fromm, aber aus manchem Grunde ganz unmöglich. Ganz gewiß! Alle guten Mütter wissen, was das heißt: »Unmöglich«. Es war offensichtlich unsinnig von Peythroppe, sie heiraten zu wollen. Der kleine opalfarbene Onyxrand ihrer Fingernägel sagte das so deutlich, als wenn es öffentlich gedruckt worden wäre. Außerdem bedeutete eine Heirat mit Miß Castries eine Verschwägerung mit vielen anderen Castries, mit dem Mannschaftsoffizier Castries, ihrem Vater, mit Mrs. Eulalia Castries, ihrer Mutter, und allen weiteren Zweigen der Castriesschen Familie mit Monatseinkommen von 175 bis 470 Rupien, samt deren Frauen und Anverwandten.

Peythroppe hätte es weniger gekostet, wenn er einen Regierungskommissar mit einer Hundepeitsche geprügelt oder die Akten des Deputiertenbureaus verbrannt hätte, als jetzt, da er eine Verbindung mit den Castries eingehen wollte. All das hätte ihn in seiner Laufhahn weniger gehindert, selbst unter einer Regierung, die nie vergißt und nie verzeiht. Das sah jeder ein, nur Peythroppe nicht. Jawohl, er wollte Miß Castries heiraten, er war mündig und er hatte sein gutes Einkommen, – und wehe dem Hause, das Mrs. Virginia Saulez Peythroppe nicht mit der dem Range ihres Gatten zukommenden Achtung aufnehmen würde. So lautete Peythroppes Ultimatum, und alle Vorstellungen brachten ihn zur Wut.

So plötzliche Geistesstörungen befallen gerade die klarsten Köpfe. Es war einmal ein Fall, – aber von dem werde ich später einmal erzählen. Der Wahn ist nur zu erklären, wenn man die Auffassung, daß Ehen im Himmel geschlossen werden, gerade in ihr Gegenteil verkehrt. Peythroppe brannte darauf, sich am Anfange seiner Laufbahn einen Mühlstein um den Hals zu binden. Und alle Erörterungen blieben fruchtlos. Er wollte Miß Castries heiraten. Die Sache wäre seine Sache. Er bäte höflichst, Ratschläge bei sich zu behalten. Einen Menschen in solchem Zustande bestärken Worte nur noch. Wie könnte er auch einsehen, daß eine Heirat hier draußen nicht seine Sache, sondern Sache der Regierung ist, der er dient?

Man erinnert sich wohl Mrs. Hauksbees, der bewundernswertesten Frau Indiens. Sie hat Pluffles von Mrs. Reiver befreit, sie hat Tarrion eine Stelle im Auswärtigen Amt verschafft und ist in offener Feldschlacht von Mrs. Cusack-Bremmil geschlagen worden. Sie hörte von Peythroppes bejammernswerter Lage, und ihrem Kopfe entsprang der Plan zu seiner Rettung. Sie besaß die Klugheit der Schlange, die logische Kraft des Mannes, die Furchtlosigkeit des Kindes und den dreifach hellen Blick des Weibes. Nie, – nein, gewiß nie, – solange wie noch eine Tonga den Solonberg hinabkarriolt, solange wie noch verliebte Paare hinter Summer-Hill spazieren reiten, wird wieder solch Genie wie Mrs. Hauksbee erstehen. Sie wohnte der Beratung dreier Männer über den Fall Peythroppe bei, und sie stand auf, zog die Lasche ihrer Reitgerte durch die Zähne und redete. –

*

Drei Wochen später aß Peythroppe mit den Dreien zusammen und las, als die offizielle Zeitung hereingebracht wurde, unter den amtlichen Nachrichten zu seinem Erstaunen, daß er vier Wochen beurlaubt sei. Man frage nicht mich, wie das zuwege kam. Ich bin felsenfest überzeugt, daß die ganze große indische Regierung sich auf den Kopf stellen würde, wenn Mrs. Hauksbee den Befehl dazu erteilte. Die Drei hatten auch jeder einen Monat Urlaub; Peythroppe warf die Zeitung hin und fluchte. Da hörte man vom Hofe her das weiche »Trapp – Trapp« von Kamelen, – Diebskamelen, Bikaneerzucht, die nicht beim Niederknien und Aufstehen gurgelt und heult.

Was darauf geschehen ist, weiß ich nicht. Aber soviel ist sicher: Peythroppe verschwand, verflog wie Rauch. Im Hause der Drei war der »Faulenzer« in Stücke zersplittert, und in einem der Schlafzimmer fehlte ein Bett.

Mrs. Hauksbee erzählte, Peythroppe sei mit den Dreien nach Rajputana auf Jagd. Wir mußten ihr glauben.

Am Ende des Monats stand in der Zeitung, daß Peythroppes Urlaub um zwanzig Tage verlängert sei. Man wütete und jammerte im Hause der Castries. Der festgesetzte Hochzeitstag erschien, aber der Bräutigam kam und kam nicht, und alle die D’Silvas, Pereiras und Duckets erhoben laut ihre Stimmen und höhnten den Mannschaftsoffizier Castries, daß er sich so schändlich hätte betrügen lassen. Mrs. Hauksbee ging zur Trauung und war sehr erstaunt, als Peythroppe nicht erschien. Nach sieben Wochen kamen Peythroppe und die Drei aus Rajputana. Peythroppe war sehr mitgenommen, sehr blaß und verschlossener denn je.

Einer der Drei hatte eine Schmarre über der Nase – vom Rückschlag des Gewehres. Zwölfkalibrige stoßen manchmal sonderbar.

Dann kam der Mannschaftsoffizier Castries, den es nach dem Blute seines treulosen, einstigen Schwiegersohnes dürstete. Er sagte Manches, – Gemeines, »Unmögliches«, was den groben, rohen »Gemeinen« unter dem »Offizier« verriet. Ich glaube, Peythroppes Augen öffneten sich. Jedenfalls hörte er ihn ruhig mit an und faßte sich dann kurz. Mannschaftsoffizier Castries forderte noch einen Schnaps, ehe er ging, um zu sterben, – oder – eine Klage wegen Bruch des Eheversprechens einzureichen.

Miß Castries war ein sehr liebes Mädchen. Sie erklärte, sie wolle keinen Prozeß. Wenn sie auch keine »Dame« sei, sagte sie, so sei sie doch gebildet genug, um zu wissen, daß »Damen« ihre gebrochenen Herzen nicht der Öffentlichkeit preisgeben. Und da sie ihre Eltern beherrschte, blieb es dabei. Später heiratete sie einen sehr ehrenwerten, ganz gebildeten Mann. Er reiste für eine unternehmungslustige Firma in Kalkutta und war, wie ein guter Gatte sein soll.

Peythroppe kam wieder zur Vernunft. Er leistete viel und war geachtet von allen, die ihn kannten. Eines Tages wird auch er heiraten. Aber er wird sich ein liebes, feines, kleines Jungfräulein zur Frau nehmen, die nicht ohne Geld und Verbindungen und dazu auch hoffähig ist, wie jeder weise Mann tun sollte. Und er wird ihr nie im Leben erzählen, was während seines siebenwöchentlichen Jagdausfluges in Rajputana geschehen ist.

Aber man denke daran, wie viele Mühe und Kosten, – denn Kamelmieten sind hoch, und die Bikaneertiere wollen wie Menschen gehalten werden, – wieviel gespart worden wäre, wenn es eine zweckmäßig geleitete Eheschließungsabteilung unter Aufsicht des Kulturministers in enger Verbindung mit dem Vizekönig gegeben hätte. –

Die Verhaftung des Leutnants Golightly

Die Verhaftung des Leutnants Golightly

Wenn Golightly auf irgend etwas stolz war, dann war es darauf, offiziersmäßig und elegant auszusehen. Er behauptete, er kleide sich der Armee zuliebe mit so peinlicher Sorgfalt; aber wer ihn sehr gut kannte, wußte, daß er es seiner Eitelkeit zuliebe tat. Es war nichts auszusetzen an Golightly, nicht das geringste. Er wußte, was ein gutes Pferd war und konnte mehr als reiten. Er spielte ganz erträglich Billard und war ein guter Partner am Whisttisch. Jeder hatte ihn gern, und niemand hätte sich träumen lassen, ihn einmal mit Handschellen als Deserteur auf einem Bahnsteig zu sehen. Und doch geschah dieses traurige Wunder.

Nach Ablauf seines Urlaubs kam er von Dalhousie herab, – zu Pferde. Er hatte seinen Urlaub ausgedehnt, so weit es irgend ging, und hatte Eile. In Dalhousie war es schon recht warm gewesen, und da er wußte, was er in der Ebene zu erwarten hatte, ritt er in einem neuen, eng anliegenden Khakianzug in zartem Olivgrün, trug einen pfauenblauen Schlips, weißen Kragen und einen schneeweißen Tropenhelm. Er war stolz darauf, selbst auf scharfem Ritte elegant auszusehen. Und er sah in der Tat elegant aus. Aber er war bei seinem Aufbruch so in sein Äußeres vertieft gewesen, daß er ganz vergessen hatte, sich mehr als Kleingeld einzustecken. Seine Banknoten hatte er im Hotel gelassen. Seine Leute waren vorausgeritten, um ihn rechtzeitig in Pathankote mit frischen Sachen erwarten zu können. Er nannte das »in offener Marschordnung« reisen. Und er war stolz auf sein Organisationstalent.

Zweiundzwanzig Meilen hinter Dalhousie setzte der Regen ein. Es war kein leichter Gebirgsschauer, sondern ein richtiger leichter Passatregen. Golightly hastete vorwärts und wünschte sich in Besitz seines Regenschirmes. Der Staub auf den Wegen wurde zu Schlamm, und das Pony bespritzte sich über und über und auch Golightlys Khakigamaschen. Aber er ritt unentwegt weiter und suchte sich einzureden, daß die Regenkühle höchst angenehm sei.

Das nächste Pony war schon zu Anfang störrisch, und da Golightlys Hände vom Regen schlüpfrig unsicher waren, warf ihn das Pony an einer Wegbiegung ab. Erlief dem Tier nach, fing es wieder ein und ritt munter drauf los. Der Sturz hatte weder seinen Anzug noch seine Stimmung verschönt. Er hatte einen Sporn verloren, aber dafür brauchte er den anderen um so fleißiger. Auf dieser Etappe hatte das Pony mehr Bewegung, als ihm lieb war, und Golightly war trotz Regen in Schweiß gebadet. Nach einer weiteren qualvollen halben Stunde versank die Welt vor Golightlys Augen in einem dickflüssigen Brei. Der Regen hatte den Kopf seines riesigen, schneeweißen Tropenhelmes in einen übelduftenden Teig verwandelt, und er saß ihm auf dem Kopfe wie ein halboffener Pilz. Dazu lief das grüne Futter aus.

Golightly sagte etwas, das man nicht wiederzugeben braucht. Er riß ein Stück von der Krempe, daß die Augen wieder frei wurden und trottete weiter. Hinten klatschte ihm die Krempe gegen den Nacken, und an den Seiten gegen die Ohren. Aber Ledergurt und Futter hielten den Helm gerade noch so weit zusammen, daß er nicht völlig zerfloß.

Allmählich taute aus dem Helmbrei und dem grünen Futter ein Schleim, der sich nach allen Richtungen über Golightly ergoß, mit besonderer Vorliebe über Nacken und Brust. Auch die Khakifarbe lief aus, – sie war empörend unecht. Teilweise war Golightly braun, stellenweise violett; hier waren ockergelbe Ringe, dort rostbraune Streifen und schmutzigweiße Flecken, je nach der eigentümlichen Zusammensetzung der Farbstoffe. Als er sein Taschentuch herauszog, um sich das Gesicht trocken zu wischen, mischte sich das Grün des Helmfutters mit dem Blau seines Schlipses, das bis auf den Hals durchgesickert war. Die Wirkung war verblüffend.

In der Nähe von Dhar hörte der Regen auf, die Abendsonne brach durch und trocknete Golightly ein wenig; zugleich wurden auch die Farben fixiert. Drei Meilen vor Pathankote wurde das letzte Pony stocklahm, und Golightly mußte zu Fuß gehen. Er drang bis Pathankote vor, wo er seine Leute zu finden hoffte. Er ahnte noch nicht, daß sein indischer Kammerdiener sich unterwegs betrunken hatte und sich am kommenden Tage mit einer »Fußverrenkung« entschuldigen würde. In Pathankote konnte er seine Leute nicht auffinden. Seine Stiefel waren hart und kotig. Der ganze Mensch starrte von Schmutz. Und das Blau des Schlipses war nicht minder ausgelaufen als der Khaki. Er riß ihn sich mitsamt dem Kragen herunter und warf ihn fort. Darauf bemerkte er etwas über Dienstboten im allgemeinen und bemühte sich um ein Glas Whisky und Soda. Er zahlte für das Getränk acht Annas und entdeckte bei dieser Gelegenheit, daß er außerdem nur noch sechs Annas in der Tasche hatte, – und das hieß in seiner Lage, – völlig mittellos sein.

Er ging zum Stationsvorsteher, um mit ihm wegen einer Fahrkarte erster Klasse nach Khasak, seiner Garnison, zu verhandeln. Der Schalterbeamte sagte etwas zum Stationsvorsteher, der Stationsvorsteher etwas zum Telegraphisten, und alle drei starrten Golightly interessiert an. Sie forderten ihn auf, eine halbe Stunde zu warten, unterdessen wollten sie nach Umritsar um Ermächtigung telegraphieren. So mußte er denn warten. Vier Polizisten kamen und gruppierten sich malerisch um ihn. Als er sie gerade bitten wollte, sich zu entfernen, erschien der Stationsvorsteher wieder und sagte, er würde dem »Sahib« eine Fahrkarte aushändigen, wenn der »Sahib« so freundlich sein wollte, in den Schalterraum zu kommen. Golightly ging mit, und ehe er zur Besinnung kam, hatte er an jedem Arm und an jedem Bein einen Polizisten, während der Stationsvorsteher sich bemühte, ihm einen Postbeutel über den Kopf zu stülpen.

Es gab eine tüchtige Balgerei durch den ganzen Schalterraum; Golightly fiel gegen einen Tisch und holte sich eine sehr unangenehme Wunde am Auge. Aber die Polizisten waren in der Übermacht und legten ihm mit Hilfe des Stationsvorstehers starke Handschellen an. Als der Postbeutel wieder entfernt war, sagte er ihnen die Meinung, und der Oberpolizist bemerkte: »Ohne Zweifel haben wir hier den englischen Soldaten vor uns, den wir suchen. Höret nur sein Fluchen!« Golightly fragte den Stationsvorsteher, was zum X und was zum U denn das bedeuten solle. Der Stationsvorsteher setzte ihm auseinander, er sei der »Gemeine John Binkle vom – Regiment,« fünf Fuß neun Zoll hoch, blond, graue Augen, verwahrlostes Äußere, Merkmale: keine besonderen,« der vor vierzehn Tagen desertiert sei. Golightly versuchte eine umständliche Erklärung zu geben, aber je mehr er erklärte, um so weniger Glauben fand er beim Stationsvorsteher. Der behauptete, ein Leutnant könne unmöglich so wüst aussehen, und er habe den Befehl, seinen Gefangenen unter genügender Bedeckung nach Umritsar zu schicken. Golightly fühlte sich nicht nur der Nässe wegen unbehaglich, und seine Reden sind selbst im Auszug nicht zur Veröffentlichung geeignet. Die vier Polizisten eskortierten ihn in einem Kupee dritter Klasse nach Umritsar, und er brachte die vierstündige Fahrt damit hin, so fließend zu schimpfen, wie es ihm seine Kenntnis der Landessprache irgend erlaubte.

Auf dem Bahnsteig in Umritsar schob man ihn in die Arme eines Unteroffiziers und zweier Leute aus dem – Regiment. Golightly richtete sich auf und versuchte die Sache auf die leichte Achsel zu nehmen. Aber ihm war in seinen Handschellen mit vier Polizisten im Rücken und der gerinnenden Wunde im Gesicht gar nicht leicht zumute. Und der Unteroffizier war auch nicht zum Spaßen aufgelegt. »Es ist ein ganz lächerliches Versehen, Leute!«, weiter kam Golightly nicht. Denn der Unteroffizier befahl ihm, »das Maul zu halten und mitzukommen.« Aber Golightly wollte nicht mit, er wollte da bleiben und die Sache aufklären. Und er machte es in der Tat ausgezeichnet, bis der Unteroffizier ihn mit den Worten unterbrach: »Sie wollen ein Offizier sein? Von denen sind Sie einer, die uns Schande machen. Ein großartiger Offizier sind Sie. Ihr Regiment kennen wir. Die Katzen gehen bei Nacht den Geschwindschritt, den Sie marschieren. Ein Schandfleck sind Sie fürs ganze Heer!«

Golightly hielt an sich und begann seine Erklärungen von neuem. Man bugsierte ihn aus dem Regen ins Wartezimmer und riet ihm, sich nicht noch lächerlicher zu machen. Man wollte ihn in die Festung nach Govindghar bringen; und solches »Gebracht werden« ist ebensowenig ehrenvoll wie eine Fahrt im »Grünen Wagen«.

Wut, Frösteln, Mißverständnisse, Handschellen und Schmerz von der Kopfwunde machten Golightly fast hysterisch. Er gab sich wirklich die größte Mühe, das auszudrücken, was seine Seele bedrückte! Als er sich schließlich heiser geschrien hatte, sagte einer der Leute: »Ich habe schon manchen Kerl in Ketten fluchen hören, aber an unseren ›Offizier‹ hier kommt keiner ran.« Sie ärgerten sich gar nicht über ihn, sie bewunderten ihn eher. Im Wartezimmer gab es Bier, und sie boten Golightly etwas an, weil er so »dammich gut« geflucht hätte. Sie baten ihn, er möchte doch von den Herumtreibereien des Gemeinen Binkle etwas zum besten geben. Das brachte Golightly in die äußerste Wut. Wenn er bei Besinnung geblieben wäre, dann hätte er ruhig die Ankunft des Offiziers abgewartet. Aber so versuchte er zu entweichen.

Allein der Kolben eines Martinigewehres im Kreuz tut gehörig weh. Und eine aufgeweichte, mürbe Khakijacke zerreißt, wenn zwei Männer den Kragen packen.

Golightly erhob sich vom Boden, elend und schwindlig. Sein Hemd war über der Brust und fast über dem ganzen Rücken zerfetzt. Er ergab sich seinem Schicksal. Und in diesem Augenblick traf der Zug von Lahore ein mit einem von Golightlys Majoren.

Der Bericht des Majors lautete wörtlich:

»Aus dem Warteraum dritter Klasse drang ein Lärm wie von einer Rauferei. Ich ging hinein und sah den verrissensten Strolch, der mir je in meinem Leben vor Augen gekommen ist. Seine Stiefel und Hosen waren über und über mit Schmutz und Bierflecken bedeckt. Auf dem Kopf trug er etwas wie einen schmutziggrauen Komposthaufen. Die Fetzen hingen ihm über die zerschrammten Schultern. Das Hemd saß nur noch zur Hälfte an seinem Körper, und er forderte die Wache gerade auf, sich doch den Namen am unteren Zipfel anzusehen. Da er das Hemd gerade über den Kopf zog, konnte ich zuerst nicht sehen, wer es war. Aber ich war überzeugt, daß es ein Mann im ersten Stadium des Delirium tremens war, so fluchte er, während er an seinen Lumpen zerrte. Und dann drehte er sich um, und es war, – eine pastetengroße Beule über dem Auge, eine grünliche Bemalung des Gesichts und violette Streifen am Hals abgerechnet, – Golightly. Er war hocherfreut, mich zu sehen,« schloß der Major, »und sprach die Hoffnung aus, daß ich dem Kasino gegenüber schweigen würde. Ich habe es auch getan, aber Sie können jetzt reden, wenn Sie wollen, denn jetzt ist Golightly wieder in England.«

Golightly brachte den größten Teil des Sommers mit dem Versuche hin, den Unteroffizier und die beiden Soldaten vor das Kriegsgericht zu bringen, weil sie einen »Offizier und Gentleman« verhaftet hätten. Sie bedauerten den Irrtum natürlich unendlich. Aber die Geschichte fand ihren Weg in die Kantine und von dort aus in die ganze Provinz. –

Lispeth

Lispeth

Sie war die Tochter Sonoos aus den Bergen und Jadehs, seines Weibes. Eines Tages mißriet ihnen der Mais, und zwei Bären hausten die Nacht über in ihrem einzigen Mohnfeld oben über dem Sutlej-Tale nach Kotgarh zu; darum wurden sie Christen zur nächsten Erntezeit und brachten die Kleine ins Missionshaus zur Taufe. Der Kotgarh-Geistliche gab ihr den Namen Elisabeth, den man »Lispeth« spricht in den Bergen, bei den Pahari.

Später kam die Cholera ins Kotgarh-Tal und raffte Sonoo und Jadeh dahin, und Lispeth wurde bei der Frau des Geistlichen von Kotgarh halb Dienerin, halb Gesellschafterin. Das geschah nach der Zeit der Herrenhuter Missionare, aber damals, als Kotgarh seinen Namen »Herrin der nördlichen Berge« noch nicht ganz vergessen hatte.

Ob das Christentum Lispeth förderte, oder ob unter allen Umständen die Götter ihres Volks das gleiche für sie getan hätten, das weiß ich nicht; jedenfalls wurde sie sehr schön. Wenn ein Mädchen der Berge schön wird, ist es wert, daß man fünfzig Meilen über schlechte Wege wandert, um sie zu sehen. Lispeth hatte ein griechisches Gesicht, – ein Gesicht, wie man es oft malt, und selten sieht. Sie sah aus wie blasses Elfenbein und war außerordentlich groß für ihre Rasse. Dazu hatte sie Augen, die wunderbar waren; und wäre sie nicht in dem abscheulichen Kattun der Missionskleider einhergegangen, sie hätte dem, der ihr unerwartet am Berge begegnete, als das Urbild der auf die todbringende Jagd ausziehenden römischen Diana erscheinen müssen.

Lispeth nahm das Christentum leicht an und ließ es auch nicht, als sie zum Weibe reifte, wie es manches Mädchen in den Bergen tut. Ihre Landsleute haßten sie, weil sie eine Memsahib geworden war, wie sie sagten, und sich täglich wusch; und die Frau des Geistlichen wußte nicht, was sie mit ihr anfangen sollte. Eigentlich kann man von einer stolzen Göttin, die fast sechs Fuß mißt, nicht verlangen, Teller und Schüsseln zu waschen. Darum spielte sie mit den Kindern des Geistlichen, nahm teil am Unterricht der Sonntagsschule, las alle Bücher im Hause und wurde schöner und schöner, wie die Prinzessinnen im Märchen. Die Frau des Geistlichen meinte zwar, das Mädchen müsse nach Simla in Dienst gehen, als Kindermädchen oder als sonst etwas »Besseres«. Aber Lispeth wollte es nicht. Sie fühlte sich glücklich, wo sie war.

Kamen Reisende – nicht oft in jenen Jahren – nach Kotgarh, schloß sich Lispeth in ihr Zimmer ein, aus Furcht, man könne sie nach Simla, oder sonst wohin in die weite Welt mitnehmen.

Eines Tages, als sie einige Monate über siebzehn Jahr alt war, machte Lispeth einen Spaziergang. Sie machte es nicht wie die englischen Damen, die anderthalb Meilen zu Fuß gehen und den Rückweg fahren; sie legte zwanzig, dreißig Meilen zurück auf ihren »kleinen Nachmittagspromenaden«, kreuz und quer zwischen Kotgarh und Narkunda. Diesmal kam sie bei tiefer Dämmerung heim und machte den halsbrecherischen Abstieg nach Kotgarh mit etwas Schwerem im Arme. Die Frau des Geistlichen war im Wohnzimmer eingenickt, als Lispeth schweratmend und ganz erschöpft von ihrer Last eintrat. Lispeth legte sie aufs Sofa nieder und sagte schlicht: »Dies hier ist mein Mann. Ich fand ihn auf der Straße nach Bagi. Er hat sich verletzt. Wir wollen ihn pflegen, und wenn er gesund ist, soll Ihr Mann uns trauen.«

Es war das erstemal, daß Lispeth ihre Auffassung der Ehe kundgab, und die Frau des Geistlichen schrie vor Entsetzen. Allein zunächst mußte sie sich um den Mann auf dem Sofa kümmern. Er war ein junger Engländer; ein spitzer Gegenstand hatte ihm den Kopf bis zum Knochen aufgeschlagen Lispeth sagte, sie hätte ihn unten am Khud gefunden und hierhergebracht. Er atmete unregelmäßig und war bewußtlos.

Er wurde zu Bett gebracht und von dem Geistlichen, der etwas von Medizin verstand, verbunden; Lispeth wartete vor der Tür, für den Fall, daß sie sich nützlich machen könne. Sie setzte dem Geistlichen auseinander, daß das der Mann sei, den sie heiraten wolle, und der Geistliche und seine Frau kanzelten sie hart ab wegen ihres unpassenden Benehmens. Lispeth hörte still zu und wiederholte ihren Vorsatz. Es gehört ein gut Stück Christentum dazu, die unzivilisierten Instinkte des Ostens, wie die Liebe auf den ersten Blick, zu tilgen. Lispeth hatte den Mann gefunden, den sie anbetete, und sie sah nicht ein, warum sie ihre Wahl verschweigen sollte. Sie dachte auch nicht daran, sich fortschicken zu lassen. Sie wollte diesen Engländer pflegen, bis er wohl genug war, sie zu heiraten. Das war ihr harmloser, kleiner Feldzugsplan.

Nach vierzehntägigem leichten Wundfieber kam der Engländer zu vollem Bewußtsein und dankte dem Geistlichen, seiner Frau und Lispeth – besonders Lispeth – für ihre Güte. Er bereise den Osten, sagte er – von »Globetrottern« sprach man nicht in jenen Tagen, wo die junge P.&O. Linie noch klein war, – und sei von Dehra Dun gekommen, um in den Bergen von Simla Pflanzen und Schmetterlinge zu sammeln. In Simla kenne ihn daher niemand. Er glaube, er sei an der Felswand abgestürzt, als er an einem faulen Baumstamm nach einem Farn gegriffen; seine Kulis müßten wohl mit seinem Gepäck durchgegangen sein. Er wolle nach Simla zurück, sobald er sich etwas kräftiger fühle. Das Bergsteigen habe er satt.

Seine Abreise beeilte er nicht gerade, und nur langsam kam er wieder zu Kräften. Lispeth ließ sich weder von dem Geistlichen noch von seiner Frau bereden; darum sprach diese mit dem Engländer und erzählte ihm, wie es um Lispeths Herz stand. Er lachte herzlich und fand die Sache sehr niedlich und romantisch, das reinste Himalaya-Idyll. Da er sich aber in der Heimat verlobt habe, würde hier wohl nichts passieren. Selbstredend würde er vorsichtig sein. Und er war es. Trotzdem fand er es sehr angenehm mit Lispeth zu plaudern, mit Lispeth spazieren zu gehen, ihr allerlei Liebes zu sagen, ihr Kosenamen zu geben und sich langsam zu erholen. Ihm bedeutete das alles gar nichts, Lispeth die ganze Welt. Sie war glücklich in diesen beiden Wochen, denn sie hatte den Mann gefunden, den sie lieben konnte.

Als Kind der Wildnis gab sie sich keine Mühe, ihre Gefühle zu verbergen. Und dem Engländer machte das Spaß. Als er aufbrach, ging Lispeth mit ihm den Berg hinauf bis nach Narkunda, sehr, sehr unruhig und unglücklich. Die Frau des Geistlichen, als gute Christin abgeneigt gegen alles, was irgendwie Aufsehen oder gar Skandal erregen konnte mit Lispeth konnte sie gar nicht fertig werden – hatte dem Engländer geraten, er solle Lispeth sagen, daß er wiederkommen werde, um sie zu heiraten. »Sie ist das reinste Kind, wissen Sie, und, ich fürchte, im Grunde ihrer Seele eine Heidin,« sagte die Frau des Geistlichen. Darum versprach der Engländer auf dem zwölf Meilen langen Bergwege, den Arm um ihre Taille gelegt, daß er wiederkommen und sie heiraten werde; und Lispeth ließ es ihn immer wieder versichern. Sie weinte auf der Narkunda-Höhe, bis sie ihn auf dem Mutiana-Steig aus den Augen verlor.

Dann trocknete sie ihre Tränen, ging zurück nach Kotgarh und sagte zu der Frau des Geistlichen: »Er kommt wieder und heiratet mich. Er ist nur zu seinen Landsleuten gegangen, um es ihnen zu sagen.« Und die Frau tröstete Lispeth und sagte: »Er kommt wieder.« Als der zweite Monat zu Ende ging, wurde Lispeth ungeduldig und erfuhr, daß der Engländer übers Meer nach England gereist sei. Sie wußte, wo England lag, weil es in ihrer kleinen geographischen Schulfibel stand. Aber sie hatte natürlich keinen Begriff vom Meer, da die Berge ihre Heimat waren. Im Hause hatte man eine alte zusammensetzbare Weltkarte. Lispeth hatte damit gespielt, als sie Kind war. – Nun holte sie sie wieder hervor, setzte sie an den Abenden zusammen, weinte für sich und suchte sich vorzustellen, wo ihr Engländer sei. Da sie weder von Entfernungen noch von Dampfern einen Begriff hatte, waren ihre Vorstellungen einigermaßen falsch. Es hätte auch nicht das geringste ausgemacht, wenn sie völlig richtig gewesen wären. Denn der Engländer dachte nicht daran, wiederzukommen und ein Mädchen der Berge zu heiraten. Er hatte sie und ihre Welt schon ganz vergessen, als er in Assam Schmetterlinge jagte. Später schrieb er ein Buch über den Osten, aber Lispeths Name stand nicht darin.

Als der dritte Monat zu Ende ging, pilgerte Lispeth täglich nach Narkunda, um zu sehen, ob nicht ihr Engländer des Weges käme. Das gab ihr Trost, und die Frau des Geistlichen, die sie glücklicher fand, glaubte, daß sie ihre »barbarische und höchst unzarte Laune« überwunden habe. Bald darauf vermochten diese Gänge Lispeth nicht mehr zu trösten, und ihre Stimmung verschlimmerte sich sehr. Folglich hielt die Frau des Geistlichen die Zeit jetzt für geeignet, sie den wahren Stand der Dinge wissen zu lassen, – daß der Engländer ihr nur sein Wort gegeben hätte, um sie zu beruhigen, daß er keinerlei Absichten gehabt hätte, und daß es »nicht recht und nicht schicklich« für Lispeth sei, an eine Heirat mit einem Engländer zu denken, der aus feinerem Ton geknetet sei, und der sich überdies einem Mädchen seines Volkes versprochen habe. Lispeth erklärte, das wäre ja unmöglich, denn er hätte ihr doch gesagt, daß er sie liebe, und sie – die Frau des Geistlichen – hätte doch auch mit eigenem Mund bestätigt, daß er wiederkäme.

»Wie kann denn das nicht wahr sein, was Sie und er gesagt haben?« fragte Lispeth.

»Es war nur eine Ausflucht, um dich ruhig zu machen, Kind,« sagte die Frau des Geistlichen.

»Dann haben Sie mich also belogen,« sagte Lispeth, »Sie und er?«

Die Frau des Geistlichen senkte den Kopf und erwiderte nichts. Auch Lispeth schwieg ein Weilchen; dann ging sie ins Tal hinab und kam in der Tracht des Berglandes zurück, schandbar schmutzig, aber ohne Nasen- und Ohrringe. Sie hatte ihr Haar mit schwarzem Zwirn in einen langen Zopf geflochten, wie ihn die Weiber in den Bergen tragen.

»Ich will zu meinem Volk zurück,« sagte sie. »Lispeth habt ihr getötet. Nur der alten Jadeh Tochter ist übrig geblieben, die Tochter eines Pahari, die Dienerin der Tarka Devi. Ihr Engländer seid Lügner, alle miteinander.«

Ehe sich die Frau des Geistlichen von dem Schreck über Lispeths Umkehr zu den Göttern ihrer Mutter erholt hatte, war das Mädchen auf und davon; und sie kam nie wieder.

Sie schloß sich mit solcher Leidenschaft ihrem unsauberen Volk an, als wolle sie einholen, was das Leben, von dem sie schied, ihr schuldig geblieben war; nach kurzer Zeit heiratete sie einen Holzhauer, der sie nach Pahari-Weise schlug, und ihre Schönheit welkte bald.

»Es gibt keinen Maßstab für die Tollheiten der Heiden,« sagte die Frau des Geistlichen, »und ich glaube, daß Lispeth im Grunde ihrer Seele immer eine Ungläubige gewesen ist.« Wenn man bedenkt, daß Lispeth in dem reifen Alter von fünf Wochen in die Kirche aufgenommen war, macht dieser Ausspruch der Frau des Geistlichen keine Ehre.

Lispeth war eine sehr alte Frau, als sie starb. Des Englischen war sie stets mächtig, und wenn sie betrunken genug war, konnte man sie bisweilen dazu bewegen, die Geschichte ihrer ersten Liebe zu erzählen.

Dann war es schwer zu begreifen, daß das runzelige Wesen mit dem verschwommenen Blick, das einem rußigen Lumpenbündel so ähnlich sah, einstmals die »Lispeth aus dem Kotgarher Missionshaus« gewesen war.

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

»Lieber Freund! Das war nicht recht von Dir; Du hast mir das Leben nur noch schwerer gemacht. Ich weiß, daß ich schwach war; das Kind hatte mich zu sehr erschüttert. Aber ich will vollbringen, was mich hergetrieben hat, und Du sollst mich stärken dabei, nicht hindern, Nick. Bitte, komm in den nächsten Tagen nicht. Ich brauche alles, was ich bin oder zu sein hoffe zu der Arbeit, die vor mir liegt. Ich glaube wirklich gutes wirken zu können, bitte, laß mich’s thun! Käte.«

Dieses Briefchen, das Tarvin am folgenden Morgen erhielt, las er wieder und wieder durch, jedesmal einen neuen Sinn in den schlichten Worten entdeckend. All seine Mutmaßungen konnten aber schließlich doch die Erkenntnis nicht beseitigen, daß Käte, trotz eines Augenblicks der Schwäche, entschlossen war, ihren Pfad zu wandeln. Gegen ihre sanfte Hartnäckigkeit richtete er immer noch nichts aus, und es war ratsam, nicht einmal den Versuch zu wagen. Plauderstündchen auf der Veranda und Schildwache stehen auf ihrem Weg zum Palast waren ja ganz angenehme Beschäftigung, aber im Grund war er doch nicht in Rhatore, um Käte seiner Liebe zu versichern! Topaz, dem die andre Hälfte seines Herzens gehörte, hatte dieses Geheimnis längst vernommen und – Topaz hoffte und harrte auf das Erscheinen der drei C. wie er auf Kätes Erscheinen harrte und hoffte! Sein Mädchen war unglücklich, überreizt, verzagt, aber da er ja Gott sei Dank zur Stelle war, um sie vor ernstlichem Mißgeschick zu bewahren, konnte er sie für den Augenblick getrost Frau Estes‘ Fürsorge und Mitgefühl anvertrauen. Etwas Gutes mußte sie ja schon gewirkt haben in dem ängstlich bewachten Gebiet der Frauen, denn die Mutter des Maharadscha Kunwar vertraute ihr des einzigen Sohnes Leib und Leben an (wer hätte auch umhin können, Käte zu lieben, Käte zu vertrauen?) was aber hatte er seines Teils für Topaz geleistet? Mit dem Maharadscha Pachisi gespielt, das war alles! Die aufgehende Morgensonne warf den Schatten des Rasthauses langgestreckt vor seine Füße. Die Handlungsreisenden kamen einer nach dem andern aus ihren Zellen gekrochen, richteten den ersten Blick auf den mauerumgürteten Koloß Rhatore und sprachen ihren Fluch darüber aus. Tarvin bestieg sein Roß, von dem noch viel zu sagen sein wird, und ritt im Schritt nach der Stadt hinauf, um dem Maharadscha eine Aufwartung zu machen. Er war es, durch den er, wenn überhaupt, in Besitz des Naulahka gelangen mußte. Darum hatte er den Mann sorgfältig beobachtet, die Verhältnisse scharfsinnig erwogen und glaubte nun einen brauchbaren Plan ersonnen zu haben, sich des Maharadscha zu versichern. Ob dieser Plan ihm zum Naulahka verhalf oder nicht, jedenfalls würde er ihm das Vorrecht sichern, in Rhatore zu bleiben. Daß diese Vergünstigung gefährdet war, hatten ihm mehrere Winke von Oberst Nolan begreiflich gemacht und Tarvin hatte erkannt, daß er für seine Anwesenheit einen praktischen, wie auch einleuchtenden Vorwand erfinden müsse, und wenn er den ganzen Staat danach durchsuchen müßte. Um bleiben zu können, mußte er irgend etwas Besonderes ausführen. Was er jetzt vorhatte, war eigenartig genug und sollte ihm in erster Linie das Naulahka eintragen und dann – wenn er überhaupt der Mann war, für den er sich hielt, Käte!

Schon in der Nähe des Thores sah er Käte zu Pferd in Begleitung von Frau Estes den Garten des Missionshauses verlassen.

»Du brauchst keine Angst zu haben, Kind, ich werde dich nicht belästigen,« sagte er lächelnd vor sich hin, indem er sein Pferd zurückhielt und der Staubwolke nachsah, die von den Pferdehufen aufstieg, »aber wissen möchte ich, was du in solcher Gottesfrühe vorhast.«

Das Elend innerhalb der Palastmauern, das Käte in solchen Jammer versetzt hatte, bildete ja nur einen Teil der selbstgewählten Aufgabe. Wenn im Schatten des Throns solch verzweiflungsvolle Zustände möglich waren, was mochte erst das gemeine Volk auszustehen haben? Käte war jetzt auf dem Weg zum Krankenhaus.

»Es ist nur ein Arzt da für die ganze Anstalt,« teilte ihr Frau Estes unterwegs mit, »und der ist ein Eingeborener, also selbstverständlich ein Müßiggänger.«

»Wie kann ein Mensch hier müßiggehen?« rief Käte, als die unter dem Thorbogen aufgespeicherte Hitze den Durchreitenden um die Schläfen strich.

»In Rhatore lernt jeder träge werden, und zwar rasch,« bemerkte Frau Estes mit einem leisen Seufzer; sie mochte an ihres Mannes hochfliegende Pläne und Hoffnungen und seine jetzige milde Gleichgültigkeit denken.

Käte saß im Sattel, wie nur Westamerikanerinnen, die Reiten und Gehen zugleich lernen, im Sattel sitzen, und ihre wohlgebildete schlanke Gestalt kam dabei zu voller Geltung. Der entschlossene Mut, der aus ihren Augen leuchtete, verlieh ihrem Gesicht eine eigenartige vergeistigte Schönheit; das Bewußtsein, ihrem Ziel so nahe zu sein, den Zweck zweijähriger Arbeit, Kämpfe und Träume erreicht zu haben, färbte ihre Wangen höher. Bei einer Biegung der Hauptstraße lag plötzlich eine Flucht von roten Sandsteinstufen vor ihnen, die zu einem dreistöckigen weißen Sandsteingebäude führten und worauf viele Menschen wartend umherstanden und hockten. Ueber dem Haupteingang des Hauses stand »Allgemeines Krankenhaus«, die Buchstaben waren aber so müde, daß sie sich aneinander lehnen mußten und zu beiden Seiten der Thüre schlaff herunterhingen.

Als Käte die wartende Schar von Weibern überblickte, die in hell- und dunkelrote, indigo und himmelblaue, safrangelbe, rosen- und türkisfarbige rohe Seide gekleidet waren, kam ihr wieder einmal alles unwirklich vor, wie eine Scene aus einem Fabelland. Fast jede der Frauen hatte ein Kind bei sich, das sie in ein Tuch gebunden auf der Hüfte trug, und als Käte vor den Stufen ihr Pferd anhielt, wurde ein allgemeines Wehklagen laut. Die Frauen umdrängten sie, griffen nach dem Steigbügel, nach ihrem Fuß und reichten ihr die Kinder in den Sattel. Eins davon nahm sie und wiegte es zärtlich in ihren Armen. Das kleine Ding war ganz verkohlt vom Fieber.

»Seien Sie vorsichtig,« sagte Frau Estes. »Im Hügelland herrschen die Blattern, und diese Leute haben ja keinen Begriff von Vorsichtsmaßregeln!«

Käte, die den Klagen der Weiber lauschte, gab keine Antwort. Jetzt trat ein stattlicher, weißbärtiger Eingeborener in einem braunen Schlafrock von Kamelhaaren und gelben Lederstiefeln aus dem Hause, trieb die Weiber auseinander und verbeugte sich tief und feierlich vor Käte.

»Sie seien die neue Doktordame?« fragte er. »Spital ganz bereit für Besichtigung … gebt Raum für das Fräulein Sahib!« herrschte er in der heimatlichen Mundart die Weiber an, die Käte noch dichter umringten, als sie vom Pferde stieg. Frau Estes blieb im Sattel und sah sich die Scene von der Höhe an.

Ein ungewöhnlich großes Weib aus der Wüste mit goldgelber Haut und scharlachroten Lippen riß ihr Tuch vom Gesicht, faßte Käte am Handgelenk und machte Miene, sie unter lautem, heftigem Geschrei in einer unverständlichen Sprache mit Gewalt wegzuzerren. Angst und Verzweiflung sprachen indes so verständlich aus ihren Augen, daß Käte widerstandslos folgte. Die Menge teilte sich, und sie gewahrte nun seitwärts von den Stufen ein auf den Knieen liegendes Kamel und auf seinem Rücken einen zum Skelett abgemagerten Mann, der vor sich hinsprach und zwecklos an dem mit Nägeln beschlagenen Sattel zerrte und riß. Die Frau richtete sich zu ihrer vollen Höhe auf und warf sich dann ohne ein Wort zu Boden, Kätes Knie leidenschaftlich umklammernd. Mit zuckenden Lippen beugte sich Käte nieder, um die Unglückliche aufzurichten, der Doktor aber rief ihr über die Köpfe der Umstehenden weg mit vergnügter Stimme zu: »Hat nichts zu sagen! Hat unheilbaren Wahnsinn, ihr Mann. Bringt ihn immer her!«

»Ja und geschieht denn nichts für ihn?« rief Käte, sich empört umwendend.

»Was kann denn geschehen? Will ihn ja nicht dalassen zur Behandlung, sonst würde ich ihm Zugpflaster setzen!«

»Zugpflaster!« wiederholte Käte entsetzt, indem sie die beiden Hände der Frau ergriff und sie fest in den ihrigen hielt. »Sagen Sie ihr, daß der Mann hier bleiben muß,« befahl sie dem nähergetretenen Doktor.

Er übertrug den Bescheid in die Mundart der Leute. Das Weib atmete tief auf und starrte mit hochgezogenen Brauen in Kätes Gesicht wohl eine halbe Minute lang. Dann führte sie Kätes Hand an die Stirn des Mannes, verhüllte ihr Gesicht und setzte sich in den Staub der Landstraße.

Ganz benommen von solchen Aeußerungen der fremden Volksseele sah Käte die Frau an, dann wallte das Mitleid, das keinen Unterschied der Rassen kennt, heiß in ihr auf und sie beugte sich über die hockende Gestalt und küßte die Stirn der Verzweifelten.

»Man trage den Mann hinauf,« befahl sie mit einer sprechenden Gebärde, und der Kranke wurde sofort aufgehoben, die Stufen hinauf und in das Spital getragen, wobei das Weib hinterdreinschlich wie ein treuer Hund. Einmal wandte sie sich um und sagte ein paar Worte zu den andern, die darüber teils zu weinen, teils zu lachen anfingen.

»Sie sagt,« übersetzte der Doktor mit Schmunzeln, »wer Ihnen ein Haar krümme, den wolle sie totschlagen, und Ihrem Sohn wolle sie die Brust reichen!«

Käte trat zu Frau Estes, die jetzt weiterritt, um höher oben in der Stadt eine Besorgung zu machen, dann folgte sie dem Doktor die Stufen hinauf.

»Sie wollen also unser Spital besichtigen?« fragte er. »Lassen mich erst vorstellen. Ich bin Lalla Dhunpat Raj, approbierter Arzt, studiert im Duff College. Erster Eingeborener meiner Provinz, der Examen gemacht hat. Vor zwanzig Jahren war es.«

Käte sah ihn verwundert an.

»Und wo waren Sie seither?« fragte sie.

»Eine Zeit in meines Vaters Haus, dann Gehilfe in Apotheke in Britisch-Indien, dann haben Hoheit mir gnädigst Stellung verliehen, die jetzt habe.«

Käte zog die Augbrauen in die Höhe: das war also ihr Kollege und sein Lebenslauf! Schweigend traten sie nebeneinander in das Gebäude: Käte hielt ihr Reitkleid auf, um dem massenhaft angesammelten Schmutz des Fußbodens zu entgehen.

In dem mit Unrat erfüllten Mittelhof des Gebäudes standen sechs elende, von Stricken und Bindfäden zusammengehaltene Pritschen von zweifelhafter Sauberkeit und in jeder davon lag ein Mann in weißem Hemd stöhnend, sich herumwerfend und schwatzend. Von der andern Seite kam eine Frau, die eine ranzig riechende süße Speise brachte und vergeblich versuchte, einen von den Männern zum Genuß dieser leckern Schüssel zu bewegen. Im blendenden Sonnenlicht, das durch die kreisrunde Oeffnung der unbedachten Kuppel fiel, stand ein junger, beinah ganz nackter Mann, der die Hände am Hinterkopf verschränkt hielt und unmittelbar in die Sonne starrte. Jetzt stimmte er einen Gesang an, brach aber gleich wieder ab und lief von Bett zu Bett, jedem Kranken für Käte unverständliche Worte zurufend. Dann stellte er sich wieder auf seinen Posten in den Sonnenkreis und fuhr in seinem Gesang fort.

»Auch unheilbar Wahnsinn,« erklärte der Doktor seiner Begleiterin. »Viele Zugpflaster gesetzt, stark geschröpft, will gar nicht mehr fort von hier. Ist ganz harmlos, außer wenn sein Opium nicht bekommt!«

»Sie werden doch Ihren Kranken nicht gestatten, Opium zu essen?« rief Käte.

»Natürlich gestatten ich! Würden sonst sterben, wie die Fliegen. Alle Leute in Radschputana Opiumesser von klein auf.«

»Und Sie selbst?« fragte Käte entsetzt.

»Früher nicht gethan, nicht eh‘ ich hier kam, aber jetzt…« Er zog eine vom langen Gebrauch abgeschliffene Zinndose aus der Tasche und entnahm ihr Kätes Schätzung nach eine ganze handvoll Opiumpillen. Die Verzweiflung umbrandete sie förmlich und schlug über ihr zusammen.

»Zeigen Sie mir die Frauenabteilung,« sagte sie mutlos.

»O, Frauen sind oben, unten, ringsum,« erwiderte der Doktor aufs Geratewohl.

»Und die Wöchnerinnen?« fragte sie.

»Wo es eben Platz gibt.«

»Wer besorgt die Entbindungen und wartet sie?«

»Mögen mich nicht leiden; kommt sehr geschickte Frau, Hebamme, von auswärts; kommt hierher.«

»Ist sie geschult, richtig ausgebildet?«

»Hat großen Ruf in ihrem Dorf, halten viel von ihr,« versetzte der Doktor. »Ist jetzt hier, wenn sehen wollen.«

»Wo ist sie?« fragte Käte.

Dhunpat Raj, der allmählich in eine etwas unbehagliche Stimmung geraten war, beeilte sich, seinen Gast eine enge, dunkle Treppe hinaufzuführen bis zu einer Thüre, aus der ihnen der Weheruf erwachenden Lebens entgegen drang. Käte riß die Thüre mit Ungestüm auf. Es war dies die richtige Abteilung für Wöchnerinnen, und die Wärterin bestreute eben die aus Thon und Kuhmist geformten Bilder zweier Gottheiten mit Ringelblumenknospen. Alle Fenster waren fest geschlossen, jede Mauerritze, durch die ein Luftzug hätte eindringen können, zugestopft, in einer Zimmerecke loderte das »Geburtsfeuer«, dessen Qualm und Rauch der eintretenden Käte entgegenschlug.

Was zwischen ihr und der in ihrem Dorf so hochgeschätzten klugen Frau vorfiel, hat niemand je erfahren. Die neue »Doktordame« blieb über eine halbe Stunde in dem Zimmer, die kluge Frau aber verließ es lange vor ihr, und zwar leise vor sich hinkichernd und mit zerzausten Haaren.

Nach der Bekanntschaft mit diesem Raum war Käte auf alles gefaßt, sogar auf die Beschaffenheit der Arzneimittel in der Apotheke, wo der Mörser niemals gereinigt und alle Arzneien anders gemacht wurden, als je ein Arzt sie aufschreiben würde; meist nahm man die doppelte Dosis. Mut- und hoffnungslos ließ sie sich von einem ungesäuberten, ungelüfteten, moderigen, dunkeln Zimmer zum andern führen. Die Kranken durften ihre Freunde zu jeder Zeit und in jeder Anzahl empfangen und alle Speisen und Getränke zu sich nehmen, die mißverstandene Güte ihnen anbot. Trat der Tod ein, so standen die Trauernden um die wackelige Bettstelle her und erhoben ein Klagegeheul, dann trug man den splitternackten Leichnam unter Jubelrufen der Geisteskranken zwischen allen Kranken über den Hof und in die Stadt hinein – was für Ansteckungsstoffe man ihr zutrug, das focht niemand an.

Auch während der Krankheit wurde an Absonderung ansteckender Fälle nicht gedacht. An den Augen operierte Kinder spielten leichtherzig mit ihren Besuchen zwischen den Betten der Diphtheritiskranken. Nur in einem Punkt war dieser Doktor stark, in diesem aber auch sehr; er behandelte nämlich mit großem Erfolg das offenbar sehr häufige Uebel, das er als »Lendenbiß« ins Tagebuch eintrug. Die Holzhauer und Hausierhändler, die genötigt waren, einsame Straßen des Staats Gokral Sitarun zu wandeln, wurden nicht selten von Tigern angefallen, und in diesen Fällen griff der Doktor, der ganzen englischen Pharmakopöe den Abschied gebend, auf uralte »lokale« Volksmittel zurück, die gerade in dieser Gegend in Ansehen standen, und wirkte damit Wunder. Nichtsdestoweniger war es nötig, ihm begreiflich zu machen, daß hinfort nur ein Wille im Staatsspital galt, und daß Fräulein Käte Sheriffs Befehle unweigerlich und pünktlich ausgeführt werden mußten.

Der Umstand, daß Käte auch die Frauen im Palast in Behandlung hatte, hielt Dhunpat Raj ab, Einsprache dagegen zu erheben, auch hatte er während seiner Amtszeit schon manche Reformbestrebungen und Anläufe zu neuer Organisation durchgemacht und durch seine Unthätigkeit und Glattzüngigkeit lahmgelegt, so daß er hoffen durfte, auch mit dieser Wendung zum Besseren fertig zu werden! Er bückte und beugte sich, gab Käte in allen Stücken recht, nahm ihre Vorwürfe gelassen hin und wiederholte nur immer sein entschuldigendes Wort: »Spital erhält vom Staat nur hundertfünfzig Rupien im Monat – wie soll man um dieses Geld Mittel kommen lassen, den langen Weg von Kalkutta?«

»Diese Bestellung bezahle ich,« erklärte ihm Käte, die auf dem Pult des als Amtsstube benützten Badezimmers ein Verzeichnis der unentbehrlichsten Droguen und Verbandmittel aufsetzte, »und was ich sonst für nötig halte, werde ich auch auf meine Kosten anschaffen,«

»Aber Bestellungen gehen offiziell durch mich?« schlug Dhunpat Raj, den Kopf auf die Seite legend, vor.

Da Käte keine überflüssigen Schwierigkeiten machen und haben wollte, that sie ihm hierin den Willen. Angesichts dieser Elenden, die unbehütet und ungepflegt, ganz der Gnade dieses Menschen preisgegeben, in den dumpfigen Stuben lagen, konnte man nicht über äußere Vorteile rechten.

»Jawohl, das versteht sich,« sagte sie daher entschieden, und als der Doktor den Umfang und Geldwert ihrer Bestellung überschlug, fand er, daß er sich unter solchen Umständen viel gefallen lassen könne.

Nach dreistündigem Aufenthalt verließ Käte das Haus, vor Müdigkeit, Hunger und Herzweh dem Umsinken nahe.

Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Tarvin hatte in den nächsten acht Tagen viel zu lernen, und nachdem er sein Anpassungsvermögen zuerst äußerlich durch einen schneeweißen Leinenanzug bewiesen hatte, begann die Einweihung in ein völlig neues System von Manieren, Gebräuchen und Anschauungen. Nicht alles, was er zu beachten lernte, sagte ihm zu, aber er hatte seinen Zweck fest im Auge und wußte, warum er sich fügte, auch ließ er seine neue Lebensweisheit keinen Tag ungenützt, sondern verwendete sie gleich dazu, sich dem einzigen Mann vorstellen zu lassen, von dem er mit Sicherheit wußte, daß er den Gegenstand seiner Sehnsucht mit Augen gesehen hatte. Estes war gerne bereit, ihn beim Maharadscha einzuführen, und so ritten sie denn eines Morgens den steilen Felsabhang hinauf, worauf der selbst aus dem Felsen gehauene Palast stand.

Durch einen breiten, dunkeln Thorweg gelangte man in einen mit Marmor gepflasterten Hof, wo der Maharadscha in Begleitung eines einzigen zerlumpten und zerschlissenen Dieners einen Foxterrier besichtigte, der in der Sonne ausgestreckt auf den Fliesen lag.

Tarvin, der sich über Könige im allgemeinen nur sehr mangelhafte Vorstellungen machen konnte, hätte von einem solchen, der seine Rechnungen nicht bezahlte, immerhin eine gewisse Würde und billigerweise ein zurückhaltendes Benehmen erwartet; auf die Schlampigkeit eines Herrschers im Hausrock, der sich, von dem ihm sonst durch die Gegenwart des englischen Statthalters auferlegten Zwang befreit, behaglich gehen ließ, war er dagegen ebensowenig gefaßt gewesen, als auf die malerische Mischung von Schmutz und Schmuck an diesem Hofe. Dieser braune Maharadscha mit dem buschigen Bart, der einen mit Gold gesprenkelten Schlafrock aus grünem Sammet trug, schien entschieden ein liebenswürdiger Despot zu sein, dem es sichtlich das größte Vergnügen machte, einen Mann kennen zu lernen, der nichts mit der englischen Regierung zu schaffen hatte und das Wort Geld nicht in den Mund nahm.

Die ganz unverhältnismäßige Zierlichkeit der Hände und Füße des hochgewachsenen Beherrschers von Gokral Sitarun verriet jedem Eingeweihten, daß er das älteste Blut von Radschputana in seinen Adern hatte. Seine Vorfahren hatten blutig gekämpft und waren weit geritten mit Schwertgriffen und Steigbügeln, die man in England für Kinderspielzeug angesehen haben würde! Sein Gesicht war fleckig und aufgedunsen, die trüben Augen starrten schläfrig aus tiefen faltigen Höhlen. Tarvin, der gewöhnt war, seinen Landsleuten ihr Wollen und Denken vom Gesicht abzulesen, konnte in diesen Augen weder Furcht noch Willen entdecken, sie drückten nur eine unsägliche schlaffe Müdigkeit und Ueberdruß aus. Es war, als ob man in einen erloschenen Vulkan geblickt hätte, einen Vulkan der in geläufigem Englisch rumpelte.

Tarvin hatte sowohl wirkliches Verständnis für Hunde, als den heißen Wunsch, sich dem Staatsoberhaupt angenehm zu machen. Als König kam ihm dieser Mann ja etwas gefälscht vor, aber als Nebenmensch, Hundefreund und Herr des Naulahka war er ihm ein Bruder, und mehr als das, der Bruder einer Geliebten! Er unterhielt sich demnach unbefangen und redselig und erreichte dadurch sein Ziel.

»Kommen Sie wieder,« sagte der Maharadscha, und die matten Augen leuchteten wirklich, als der Missionar seinen Gast etwas befremdet entführte. »Kommen Sie heute abend nach Tisch wieder! Sie stammen aus einem ganz neuen Land?«

Spät am Abend, berauscht vom Opiumtrank, ohne den ein Radschpute weder sprechen noch denken kann, lehrte Seine Majestät diesen unehrerbietigen Fremdling, der ihm von weißen Männern jenseits des Wassers köstliche Geschichten erzählte, das Königsspiel Pachisi. Sie spielten es bis tief in die Nacht hinein in dem marmorgepflasterten Hof, und Tarvin hörte hinter den grünen Fensterläden, die rings um den Hof liefen, Frauenstimmen flüstern und seidene Gewänder rauschen. Ohne den Kopf zu drehen, sah er, daß der ganze Palast Augen hatte.

Andern Tags traf er den Fürsten in der ersten Morgenfrühe mitten in der Hauptstraße seiner Stadt, der Heimkehr eines wilden Ebers gewärtig. Die Jagdgesetze von Gokral Sitarun galten auch für die Straßen befestigter Städte, und das Wildschwein konnte bei Nacht unbehelligt in den engen Gäßchen seine Nahrung suchen. Der erwartete Eber kam richtig und wurde aus einer Entfernung von hundert Schritten durch Seiner Majestät neue englische Jagdflinte niedergestreckt. Es war ein sehr anständiger Schuß, und Tarvin kargte nicht mit Beifall für den Schützen. Hatte Seine Majestät je eine Münze im Flug durchschießen sehen? Die gelangweilten Augen funkelten vor kindlicher Lust, und Tarvin warf einen amerikanischen Vierteldollar in die Luft, den seine Revolverkugel richtig im Niederfallen durchbohrte. Der Fürst bat ihn, das Kunststück zu wiederholen, aber Tarvin, der seinen Ruf nicht unnütz aufs Spiel setzen wollte, erklärte höflich, zuvor möge einer von den Hofleuten es ihm nachthun.

Der König hatte die größte Lust, es selbst zu versuchen, und Tarvin warf ihm die Münze. Die Kugel zischte ungemütlich nah an Tarvins Ohr vorbei, aber der Vierteldollar, den dieser artig aus dem Gras aufhob, war richtig durchlocht! Dem Maharadscha war ein Loch, das Tarvin hineingeschossen hatte, ebenso lieb, als das seiner eigenen Kugel, und dieser hütete sich, ihm die angenehme Täuschung zu rauben.

Am Tag darauf hatte sich die Sonne fürstlicher Huld plötzlich verdunkelt, ja, es trat völlige Sonnenfinsternis ein und Tarvin erfuhr erst durch die sehr mißvergnügten Handlungsreisenden im Dâk Bungalow, daß Sitabhai wieder einmal in königlichem Zorn zu rasen geruhe. Auf diese Nachricht hin verfügte sich Tarvin samt seiner ungeheuren Fähigkeit, Menschen im Sturm zu gewinnen, zu Oberst Nolan und brachte den verdrießlichen weißhaarigen Herrn durch seine Schilderung der fürstlichen Schießübungen zum Lachen, wie er seit seinen Leutnantstagen nicht mehr gelacht hatte. Tarvin teilte dann das zweite Frühstück mit ihm und erhielt im Lauf des Nachmittags volle Klarheit darüber, was die englische Regierung im Staat Gokral Sitarun eigentlich bezweckte. Das indische Kaiserreich wollte das Land heben; da der Maharadscha indes nichts für Kulturfortschritte ausgeben wollte, ging es damit sehr langsam. Was Oberst Nolan über die innere Palastpolitik äußerte – natürlich mit der seiner Stellung zukommenden Vorsicht – war genau das Gegenteil von dem, was der Missionar gesagt hatte, und wich andererseits auch gänzlich vom Klatsch der Handlungsreisenden ab.

Gegen Abend sandte der Maharadscha einen berittenen Boten an Tarvin, denn das Gewitter in den königlichen Gemächern hatte ausgetobt, und ihn verlangte nach dem großen weißen Mann, der Münzen in der Luft durchschießen, Geschichten erzählen und Pachisi spielen konnte. An diesem Abend kam aber noch andres als Pachisi aufs Tapet: Seine Majestät war in rührsamer Stimmung und vertraute Tarvin in einer langen, ausführlichen Unterredung seine persönlichen Nöte und die des Staats an, wobei ihm die Verhältnisse zum zweitenmal in ganz anderm Licht gezeigt wurden. Am Schluß kam dann eine etwas unzusammenhängende Anrufung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, von dessen unumschränkter Macht und weitreichendem Einfluß ihm Tarvin, dessen Patriotismus in diesem Augenblick sich auf die ganze Nation erstreckte, der Topaz angehörte, eine hohe Vorstellung beigebracht hatte. Immerhin hielt Tarvin die Stunde noch nicht für gekommen, Unterhandlungen wegen des Naulakha anzuknüpfen – der Maharadscha würde jetzt vielleicht sein halbes Königreich verschenkt und sich morgen an den Statthalter gewendet haben!

Der nächste und noch mancher folgende Tag brachte ganze Karawanen in allen Regenbogenfarben prangender Orientalen in das Rasthaus, wo Tarvin sich noch immer aufhielt. Jeder einzelne davon war Minister irgend eines Hofes, sah mit tiefer Verachtung auf die geduldig harrenden Geschäftsleute herab, verfehlte aber nicht, sich Tarvin ehrerbietig zu nähern. Von jedem einzelnen wurde er in geläufigem, etwas geziertem Englisch eindringlich gewarnt, doch ja niemand zu trauen, als eben ihm; jede dieser vertraulichen Unterredungen schloß mit: »An mir haben Sie einen wahren Freund, Sahib,« und jeder bezichtigte seine Kollegen dem Fremden gegenüber der verbrecherischen oder wenigstens übelwollenden Anschläge gegen die Regierung, die er vermutlich selbst im Schild führte.

Tarvin konnte sich nur teilweise zusammenreimen, was all das zu bedeuten hatte. Mit dem Maharadscha Pachisi zu spielen, dünkte ihm gar kein so außerordentlicher Vorzug, und die gewundenen Gedankengänge orientalischer Diplomaten waren für ihn dunkel. Ebenso unverständlich war Tarvin diesen Herrn Gesandten! Vollständig selbstbewußt, vollständig furchtlos und, soweit sie die Sache überblicken konnten, ganz uneigennützig war dieser Fremdling an ihrem Horizont aufgetaucht, um so triftigere Gründe hatten sie ihrer Lebensanschauung nach, in ihm einen wohlverkleideten Regierungsvertreter zu vermuten, der Pläne ausführen sollte, die in undurchdringliches Geheimnis gehüllt waren. Daß er eine wahrhaft barbarische Unwissenheit verriet in allem, was die innere indische Politik anging, bestärkte sie nur in ihrem Verdacht. Daß er den Maharadscha insgeheim besuchte, stundenlang mit ihm allein war und für den Augenblick des Königs Ohr besaß, genügte ihnen.

Diese feierlichen, glattzüngigen, geheimnisvollen Gäste wurden Tarvin bald zum Ueberdruß, ja sie erfüllten ihn mit Widerwillen und er hielt sich dafür an den Handlungsreisenden schadlos, denen er Anteilscheine seiner Land- und Bodenverbesserungsgesellschaft aufhängte. Dem Gelbseidenen, als seinem ersten Bekannten und Berater in diesem wunderlichen Land, vergönnte er sogar ein paar Aktien seiner Lieblingsmine »Die zögernde Ader«. Es waren die Tage vor der Goldernte im Unteren Bengalen, und man hatte damals noch Vertrauen in die amerikanischen Minen.

Derartige Geschäfte versetzten ihn in Gedanken in die Heimatsluft von Topaz und erweckten eine brennende Sehnsucht nach Nachricht von den Freunden daheim, von denen er sich völlig abgeschnitten hatte durch das Geheimnis, worein er sein Unternehmen hüllte. Er wollte ja den hohen Einsatz allein wagen, der Gewinn dagegen sollte allen zu gute kommen. Aber alle Rupien in seiner Tasche würde er freudig hingegeben haben für eine einzige Nummer des Topazer Tagblatts, ja sogar für einen Blick in die Zeitung von Denver! Was mochte in seinen Minen vor sich gehen – in der »Mollie K.«, die in Pacht betrieben wurde, der »Mascot«, über der ein Rechtsstreit schwebte, in der »Zögernden Ader«, wo man bei seiner Abreife eben im Begriff gewesen war, neue reiche Adern zu erschließen, und wie stand es um seine Rechte auf die »Garfield«. die Fibby Winks bestritt? Was war aus den Minen seiner Freunde, ihren Viehweiden und ihrem sonstigen Handel seither geworden? Was aus Colorado und den Vereinigten Staaten insgesamt? Er war ja so ganz auf dem Trockenen mit Nachrichten, daß man in Washington das Silber gesetzlich abgeschafft, die Republik in eine Monarchie verwandelt haben könnte, ohne daß er etwas davon erfahren hätte!

Sein einziges Heilmittel gegen die Pein dieser heimmärtsschweifenden Gedanken war ein Besuch im Missionshaus, ein Gespräch über Bangor und den Staat Maine. In dem Haus war ihm wohl, schon weil er wußte, daß jeder Tag das kleine Mädchen dort hinführen konnte, das im Aug‘ zu behalten er um die halbe Erdkugel gereist war. Im leuchtenden Glanz eines gelben und violetten Sonnenaufgangs wurde er am zehnten Tag nach seiner Ankunft durch eine schrille Kinderstimme aus dem Schlaf geweckt, die von der Veranda her erklang und ungesäumt den »neuen Engländer« zu sprechen verlangte. Der Maharadscha Kunwar, der voraussichtliche Thronerbe von Gokral Sitarun, ein bleichschnäbeliges Knäblein von neun Jahren, hatte seinem Miniaturhofstaat, den er ganz gesondert von dem des Vaters besaß, Befehl erteilt, seine leichte Halbchaise einzuspannen und ihn zum Dak Bungalow zu befördern.

Wie sein welker Vater lechzte auch dieses Kind nach Unterhaltung, und die Frauen im Palast hatten ihm erzählt, daß der Maharadscha immer herzlich lache, wenn der »neue Engländer« bei ihm sei. Der Maharadscha Kunwar sprach noch viel besser englisch als sein Vater, auch französisch war ihm geläufig und es gelüstete ihn, mit diesen Fertigkeiten vor einem Publikum zu glänzen, dessen Bewunderung er noch nicht befohlen hatte.

Tarvin gehorchte der Stimme, weil es eben eine Kinderstimme war, sah aber, als er heraustrat, zuerst einen scheinbar leeren Wagen, den zehn riesengroße Soldaten beschützend umgaben.

»Wie geht es Ihnen? Comment vous portez-vous? Ich bin der Prinz dieses Landes, ich bin der Maharadscha Kunmar, später werde ich der König sein. Wollen Sie nicht mit mir spazieren fahren?«

So klang das Stimmchen hinter dem Halbverdeck hervor, und nun streckte sich Tarvin auch ein schmales Händchen im Halbhandschuh zum Gruß entgegen. Diese Halbhandschuhe waren aus gröbster Wolle gestrickt, mit einem grünen Streifen ums Handgelenk, das übrige Kind aber war von oben bis unten in steifen, goldstrotzenden Brokat gekleidet und trug auf seinem Turban eine sechs Zoll lange Agraffe von Diamanten, während ihm eine Schnur von Smaragden bis auf die Augenbrauen fiel. Unter diesem glitzernden Schmuck schauten ein paar Onyxaugen hervor, die, so stolz sie blickten, doch von einer einsamen, traurigen Kindheit erzählten.

Tarvin setzte sich gehorsam auf den leeren Platz neben dem Prinzen. Es begann ihm fraglich zu werden, ob ihn überhaupt noch etwas in Erstaunen setzen könne.

»Wir wollen über den Rennplatz nach der Eisenbahnstraße fahren,« sagte der Knabe und setzte, die kleine Hand leicht auf Tarvins Arm legend, hinzu: »Wer sind Sie?«

»Nur ein Mensch, mein Söhnchen.« Das Gesicht unter dem Turban sah merkwürdig alt aus, denn die zur Herrschaft Geborenen, die nie einen versagten Wunsch kennen gelernt haben, altern unter der versengenden indischen Sonne noch schneller, als andre Kinder des Ostens, die auch schon selbstbewußte Männer sind, wenn sie erst schüchterne Knaben sein sollten.

»Man sagt, Sie seien hierher gekommen, um unser Land anzusehen?«

»So ist’s auch,« erwiderte Tarvin.

»Wenn ich einmal König bin, lasse ich niemand in mein Land herein, nicht einmal den Vizekönig!«

»Das berührt mich wenig,« bemerkte Taruin lachend.

»Sie dürfen kommen,« milderte der Knabe sein künftiges Verbot, »wenn Sie mich zum Lachen bringen. Erzählen Sie mir jetzt etwas Lustiges!«

»Soll ich, kleiner Mann? Nun, es war einmal – ja wenn ich nur müßte, was die Kinder in diesem Land zum Lachen bringt! Ich habe noch keines lachen sehen! Wie« – Tarvin stieß einen langgezogenen Pfiff aus – »was ist denn das da unten, mein Junge?«

Eine kleine Staubwolke war in weiter Entfernung von der Straße aufgestiegen. Sie wurde durch rasch und leicht hinwirbelnde Räder erregt, konnte also nicht von dem offiziellen Verkehrsmittel des Büffelkarrens herrühren. »Deshalb bin ich da herausgefahren,« erklärte ihm der Maharadscha Kunwar. »Sie wird mich gesund machen, sagt mein Vater, der Maharadscha. Ich bin nämlich nicht gesund.«

»Soor Singh,« wandte er sich in der heimischen Mundart an den Diener auf dem Hinteren Wagentritt, »wie heißt man das, wenn ich das Bewußtsein verliere? Ich weiß das englische Wort nicht mehr.«

»Sohn des Himmels, ich weiß es auch nicht,« versetzte der Diener, sich über ihn beugend.

»Jetzt fällt mir’s wieder ein,« rief das Kind plötzlich. »Frau Estes hat mir gesagt, es seien Krämpfe – was sind Krämpfe?«

Tarvin legte seine Hand zärtlich auf des Knaben Schulter, aber sein Blick hing unverwandt an der wachsenden Staubwolle.

»Was es auch sein mag, mein Kind, hoffen wir, daß »sie« dich davon heilt. Aber wer ist »sie« denn?«

»Den Namen weiß ich nicht, aber mein Vater sagt, sie werde mich gesund machen, darum hat er ihr auch einen Wagen entgegengeschickt.«

Eine scheinbar leere Halbchaise wich zur Seite aus, als der wackelige Postwagen, dessen Lenker einem buckeligen Klapphorn schmetternde Klänge entlockte, naher kam.

»Jedenfalls besser als ein Büffelkarren,« brummte Tarvin vor sich hin, wahrend er im Wagen aufstand, weil sein Herz zum Zerspringen klopfte.

»Weißt du denn nicht, wer sie ist, mein Sohn?« fragte er abermals.

»Sie wird uns geschickt,« versetzte der Maharadscha Kunwar.

»Und sie heißt Käte,« sagte Tarvin mit heiserer Stimme. »Merk dir den Namen wohl! Käte,« flüsterte er noch einmal stillvergnügt vor sich hin.

Der Knabe winkte seinem Gefolge, und die Berittenen teilten sich, um mit all dem Brimborium irregulärer Kavallerie zu beiden Seiten der Landstraße Aufstellung zu nehmen. Der Postwagen hielt und Käte, in zerknüllten, bestaubten Kleidern, von den Stößen des Wagens verschobener Frisur, mit von Hitze und Schlaflosigkeit geröteten Wangen zog den Vorhang ihres sänftenartig gebauten Wagens beiseite und trat, von der Sonne geblendet, heraus. Die von der endlosen Fahrt steif gewordenen Glieder würden ihr den Dienst versagt haben, aber Tarvin sprang aus seinem Wagen und fing sie in seinen Armen auf, ohne alle Rücksicht auf die feierlichen Berittenen und auf das Kind in Goldbrokat mit den stillen Augen, das laut und heftig: »Käte! Käte!« rief.

»Fahr nur allein nach Hause, mein Junge,« rief er dem Thronfolger zu. »Nun – Käte?«

Aber Käte hatte zum Willkomm nichts als Thränen und ein atemlos gestammeltes: »Du! Du! Du!«

  1. Die Radschputen, Sanskrit Nadschaputra, Königssöhne bedeutend, sind ein arischer Volksstamm, der sich von der altindischen Kriegerkaste abzustammen rühmt. Anm. d. Uebers.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Aufs neue standen Thränen in Kätes Augen, als sie vor dem Spiegel in Frau Estes‘ sorgsam für sie bereiteten Gastzimmer ihre Haare bürstete, dieses Mal Thränen des Aergers. Sie hatte ja schon öfter die Erfahrung gemacht, daß die Welt uns nichts für sie thun lassen will und daß ihr die Menschen mißliebig sind, die sie aus ihrer trägen Zufriedenheit aufrütteln möchten. Aber bei der Landung in Bombay hatte sie doch das Gefühl gehabt, daß jetzt alle Hemmnisse und Abhaltungen hinter ihr lägen: vor sich aber erblickte sie nur die naturgemäßen und zuträglichen Mühen ernster Arbeit. Und jetzt war Nick hier!

Die ganze Reise von Topaz her hatte sie in gehobener Stimmung zurückgelegt. Sie war vom Stapel gegangen, dieses Glück machte sie beinahe schwindeln, wie den Knaben der erste Vorgeschmack vom Leben des Mannes. Endlich war sie frei, niemand konnte ihr Einhalt gebieten. Nichts stand mehr zwischen ihr und der Erfüllung ihres Gelübdes, nur noch eine kurze Wartezeit, und sie konnte die Hand ausstrecken und ihre Arbeit in Angriff nehmen. Wenige Tage und Nächte noch, und sie stand Aug in Auge dem Leid gegenüber, das nach ihr geschrieen hatte über Länder und Meere. In ihren Träumen sah sie flehend gerungene Hände, die sich zu ihr erhoben, fieberglühende Finger, die sich um die ihrigen klammerten. Der stetige Gang des Schiffs war ihrer Sehnsucht zu langsam, sie zählte fast die Drehungen der Schraube. Im Vorderteil des Schiffs stand sie mit windzerzaustem Haar: mit hungrigen Blicken nach Indien ausspähend, eilte ihr Herz dem Schiff voraus, den Gesuchten entgegen: ihr persönliches Leben schien sich von ihr abzulösen und eilig, eilig über die Wellen dahinzugleiten, bis es die Elenden erreicht hatte und sich ihnen hingab. Als sie den Fuß aufs Land setzte, kam ein Augenblick des Umschlags, des Zauderns. Jetzt war sie ihrer Arbeit nahe – aber war sie ihr auch bestimmt? Diese alte Bangigkeit, die von Anfang an neben allem Planen und Handeln hergeschlichen war, warf sie jetzt mit dem festen Entschluß hinter sich, von Stund an alles Grübeln zu lassen. Soviel Arbeit, als der Himmel sie verrichten ließ, war ihr bestimmt, und sie ging mit einem neuen, starken, demütigen Aufopferungsdrang vorwärts, der sie über sich selbst hinaushob und stützte.

In dieser Stimmung hatte sie vor den Mauern von Rhatore den Wagenschlag geöffnet – um in Tarvins Arme zu sinken!

Sie war ja nicht ungerecht gegen ihn, sie würdigte die Herzensgute wohl, die ihn übers Meer getrieben hatte, aber ach – es wäre ihr so viel lieber gewesen, wenn er nicht gekommen wäre! Das Bewußtsein, daß ein Mann, dem sie nichts zuliebe thun konnte, mit ganzem Herzen an ihr hing, war eine schwere Last, auch wenn vierzehntausend Meilen zwischen ihr und diesem Mann lagen, blieb er aber an ihrer Seite in Indien, so wurde es zu einer niederdrückenden Bürde, die ihr die Kraft benahm, andern ernstlich zu helfen. Die Liebe erschien ihr ja in diesem Augenblick wirklich nicht als das Wichtigste im Leben, die Barmherzigkeit stand ihr weit darüber, aber gleichgültig konnte ihr deshalb Nicks Jammer doch nicht sein, sie konnte ihn nicht von sich abschütteln, nicht ihre Haare flechten, ohne daran zu denken! An dem Morgen, wo sie in ihr neues Leben eintreten wollte, das allen, die ihr erreichbar sein würden, Hilfe bedeuten wollte, dachte sie an Nikolas Tarvin!

Und weil sie voraussah, daß sie immerfort an ihn denken werde, wünschte sie ihn weit weg. Er war der Schaulustige, der in der Kirche umhergeht und die Knieenden im Gebet stört, er war der andre Gedanke, der sich in die eigenen einschleicht. Seine Person verkörperte ihr das Leben, das sie hinter sich gelassen, von dem sie sich abgewendet hatte, ja, weit schlimmer, er stellte ihr ein Leiden vor Augen, das sie nicht heilen wollte und konnte. Vom Gespenst einer zuwartenden Liebe verfolgt, verrichtet man keine großen Thaten, mit geteilter Seele hat noch kein Eroberer Städte bezwungen. Was sie zu vollbringen glühte, brauchte ihre ganze Kraft, ihre ganze Seele, eine Teilung selbst mit Nick war unmöglich. Und doch war es gut von ihm, herüber zu kommen, es lag sein ganzes Wesen darin. Sie wußte, daß selbstsüchtige Hoffnung allein ihn nicht getrieben hatte, es war, wie er sagte – er konnte nicht mehr schlafen aus Angst um sie. Seine Sorge um sie, das war selbstlose, echte Güte.

Frau Estes hatte Tarvin auf heute zum Frühstück eingeladen gehabt, als Käte noch nicht in Sicht gewesen war, und er war nicht der Mann, darum eine Einladung im letzten Augenblick abzusagen. So saß er ihr denn an ihrem ersten Morgen in Indien am Frühstückstisch gegenüber und lächelte ihr zu, daß sie ihn wider Willen freundlich ansehen mußte. Trotz einer schlaflosen Nacht sah sie ungemein frisch und hübsch aus in dem weißen Waschkleid, womit sie den verstaubten Reiseanzug vertauscht hatte, und als Frau Estes nach der Mahlzeit ihren Haushalt beschickte und der Hausherr in seine innerhalb der Stadt gelegene Missionsschule gegangen war, setzten sich die beiden Gäste allein auf die Veranda und Tarvin sprach sich bewundernd über das kühle weiße Kleid aus, eine Toilette, die im Westen Amerikas selten gesehen wird. Allein Käte that seiner Artigkeit Einhalt.

»Nick,« begann sie, ihm gerade in die Augen sehend, »willst du mir etwas zuliebe thun?«

Tarvin sah ihren Ernst und versuchte den Angriff mit Humor abzuschlagen, aber sie ließ ihn nicht dazu kommen.

»Nein, Nick, nicht so,« schnitt sie ihm das Wort ab. »Es ist etwas, woran mir sehr viel liegt. Willst du es mir zuliebe thun?«

»Als ob ich nicht alles für dich thäte!« rief er ernst.

»Ich weiß doch nicht, ob gerade dieses! Aber du mußt es thun.«

»Was ist’s denn?«

»Fortgehen.«

Er schüttelte den Kopf.

»Du mußt gehen.«

»Höre mich an, Käte,« begann er, beide Hände in die tiefen Taschen seines weißen Rocks vergrabend. »Ich kann nicht gehen. Du hast noch keine Ahnung davon, wo du hingekommen bist – richte dasselbe Verlangen heute in acht Tagen wieder an mich. Nachgeben werde ich dir auch dann nicht, aber wenigstens will ich dann den Fall mit dir durchsprechen.«

»Ich weiß jetzt schon, was in Betracht kommt,« entgegnete sie, »aber ich will leisten und vollbringen, was mich hierher führt, und wenn du da bist, kann ich’s nicht. Du verstehst ganz gut, wie ich’s meine, Nick, und weißt, daß es genau so ist, wie ich dir sage. Daran ändert niemand etwas.«

»Doch, ich kann’s ändern, indem ich mein Betragen danach einrichte – ich will sehr artig sein!«

»Du brauchst mir gar nicht zu sagen, daß du das willst, ich weiß es! Aber all deine Güte ändert nicht, daß du mich hemmst. Glaube mir das, Nick, und geh fort. Nicht, weil ich dich nicht gern um mich hätte, das weißt du ja …«

»Oho!« warf Nick lächelnd hin.

»Ach, stelle dich doch nicht, als ob du mich falsch verständest,« rief Käte, ohne daß der Ernst von ihren Zügen gewichen wäre.

»Nein, ich verstehe dich wohl, aber wenn ich mich gut halte, bin ich dir nicht im Wege. Das weiß ich und du wirst es einsehen,« fügte er sanft hinzu. »Eine greuliche Reise, nicht wahr?«

»Du hattest mir versprochen, sie nicht zu machen!«

»Habe sie auch nicht gemacht,« behauptete Tarvin lächelnd, indem er ihr die Hängematte zurecht machte und sich einen von den tiefen, rohrgeflochtenen Verandastühlen holte. Er legte sich hinein, kreuzte die Beine und stülpte den weißen Korkhelm, zu dem er sich bequemt hatte, auf sein Knie. »Ich nahm eigens die andre Route.«

»Wieso?« fragte Käte, mit einiger Vorsicht in die Hängematte sinkend.

»Ueber San Francisco und Yokohama – du hattest mir ja verboten, dir zu folgen.«

»Nick!« Die eine Silbe enthielt wunderbarerweise alle Anklage und Mißbilligung, alle Neigung und Verzweiflung, womit die geringste und größte seiner Vermessenheiten sie erfüllte.

Tarvin fand ausnahmsweise keine Entgegnung auf diesen inhaltschweren Laut und Käte konnte die Pause nützen, um sich zu vergewissern, daß seine Gegenwart ihr ein Greuel sei, und hatte Zeit, die Aufwallung von Stolz zu bekämpfen, die ihr einflüstern wollte, es sei doch schön, so aus Liebe um die Welt herum verfolgt zu werden, und die heimliche Bewunderung einer solchen Hingebung zu unterdrücken. Sie hatte vor allem Zeit, sich des Gefühls von Einsamkeit und Verlassenheit zu schämen, das sich wie eine Wolke aus dieser endlosen Wüste auf sie herwälzte und ihr die schützende Nähe des Mannes, den sie daheim, im andern Leben gekannt hatte, lieh und erwünscht zu machen drohte. Das empfand sie als das Schlimmste und eine wirkliche Schande.

»Du hast doch nicht im Ernst erwartet,« sagte Tarvin jetzt, »daß ich daheim bleiben und dich allein deinen Weg suchen lassen werde in diesem alten Sandhaufen, wo einem alles Mögliche zustoßen kann? Wenn ich dich allein hätte ankommen lassen in diesem Gokral Sitarun, dich kleines, verlassenes Ding, das wäre doch eine frostige Geschichte gewesen? Wie frostig, das weiß ich erst, seit ich hier bin und gesehen habe, was für eine Gegend das ist!« »Warum sagtest du mir nicht, daß du hierher kommen werdest?«

»Bei unserm letzten Zusammensein hast du nicht sonderlich viel Teilnahme für mein Thun und Lassen verraten!«

»Nick!! Ich wollte dich nicht hier haben und ich mußte doch her.«

»Und jetzt bist du ja da! Hoffentlich gefällt dir’s,« bemerkte er spitzig. »Ist es wirklich so schlimm, Nick?« fragte sie. »Nicht, als ob mich das im geringsten erschreckte …«

»Schlimm! Erinnerst du dich an Mastodon?«

Mastodon war eine jener Städte des Westens, die ihre Zukunft hinter sich haben, eine vollständig aufgegebene, verlassene Stadt ohne einen einzigen Bewohner.

»Nimm Mastodons Oede und Leadvilles Ruchlosigkeit – die Ruchlosigkeit im ersten Jahr des Entstehens – dann hast du etwa einen Begriff von den Zuständen hier, einen schwachen freilich, denn es ist um neun Zehntel schlimmer.«

Tarvin entwarf nun ein Bild der Verhältnisse der Vergangenheit, Politik und Gesellschaft von Gokral Sitarun, das von seinem persönlichen Standpunkt aus aufgenommen war, und er ging dabei mit dem toten, erstarrten Osten ins Gericht, wie nur das Lebensgefühl des werdenden amerikanischen Westens ins Gericht gehen konnte. Sein Thema erfüllte und erregte ihn; er war glücklich, zu jemand sprechen zu können, der seinen Standpunkt Wenigstens begriff, wenn auch nicht vollständig teilte. Der Ton, den er anschlug, lud Käte ein, doch auch ein wenig mit ihm zu lachen, und sie lachte aus Gefälligkeit, aber nur ein klein wenig, dann bemerkte sie, daß ihr diese Zustände mehr traurig als belustigend vorkämen.

Darin gab er ihr ja vollkommen recht, fügte aber hinzu, daß er nur lache, um nicht weinen zu müssen. Er sagte, es gehe ihm auf die Nerven, die Trägheit, Starrheit, Leblosigkeit dieses reichen, stark bevölkerten Landes nur mitanzusehen, eines Landes, das von Rechts wegen blühen und gedeihen müßte, eines Volkes, das Handel treiben, Erfindungen machen, sich rühren könnte, neue Städte gründen, die alten erhalten und für die Neuzeit brauchbar machen, Schienen legen, Unternehmungen beginnen sollte, daß es eine Art hätte.

»Sie haben Hilfsquellen genug,« versicherte er, »sie können sich gar nicht darauf hinausreden, das Land sei arm. Das Land ist recht! Versetze die Einwohnerschaft einer rührigen Stadt in Colorado nach Rhatore, gib ein gutes Lokalblatt heraus, organisiere eine Handelskammer, teile der Welt mit, was hier los ist und du wirst in sechs Monaten einen Aufschwung erleben, daß dem indischen Kaiserreich Hören und Sehen vergeht! Aber was kann man mit diesen Leuten hier anfangen? Sie sind tot, sind Mumien, hölzerne Götzenbilder! In diesem ganzen Gokral Sitarun ist nicht genug echte altmodische Energie, Umtriebigkeit, nicht genug Schwung und Regsamkeit, um einen Milchwagen in Bewegung zu setzen!«

»Ja, ja,« murmelte Käte mit leuchtenden Augen vor sich hin, »deshalb bin ich ja gekommen.«

»Wieso? Du?«

»Weil sie nicht sind wie wir,« versetzte sie, ihm ein verklärtes Gesicht zukehrend. »Wenn sie klug und gewandt und weise wären, wozu hätten sie uns nötig? Weil sie thörichte, dumpfe, hilflose Geschöpfe sind, deshalb brauchen sie uns, deshalb« – sie atmete tief auf – »thut es wohl, hier zu sein.«

»Es thut wohl, dich hier zu haben, soviel ist richtig,« bemerkte Tarvin.

Sie schreckte zusammen.

»Bitte, bitte, Nick, komm mir nicht mit solchen Reden!«

»Wie du befiehlst,« brummte er mißgestimmt.

»Du mußt mich recht verstehen, Nick,« sagte sie ernst, aber nicht unfreundlich. »Ich gehöre solchen Dingen nicht mehr an, nicht einmal die Möglichkeit davon darf mich streifen! Betrachte mich wie eine, die den Schleier genommen hat, betrachte mich als Klosterschwester, die jedem Glück bis auf das Glück ihrer Arbeit auf ewig entsagt hat!«

»Hm – erlaubst du, daß ich rauche?« Sie nickte, und er steckte seine Zigarre in Brand.

»Freut mich, daß ich hier bin, der Zeremonie wegen.«

»Was für eine Zeremonie meinst du?«

»Nun, ich kann ja zusehen, wenn du den Schleier nimmst. Du wirst es aber nicht thun.«

»Und warum nicht?«

Er brummte etwas Unverständliches und blies Rauchringe in die Luft, dann blickte er auf.

»Weil ich sehr triftige Gründe habe, daran zu zweifeln. Ich kenne dich, ich kenne Rhatore und ich kenne …«

»Was noch? Wen noch?«

»Mich,« versetzte er.

Sie legte ihre Hände im Schoß zusammen.

»Nick,« sagte sie, sich aus der Hängematte beugend, »du weißt, daß ich dich gern habe, viel zu gern, um dich auch fernerhin denken zu lassen – du sprachst davon, du könntest nicht mehr schlafen. Meinst du denn, ich könne schlafen, wenn ich immerfort denken muß, du liegest wach vor Schmerz und Enttäuschung, die ich nicht lindern kann, außer indem ich dich bitte, fortzugehen! Und darum bitte ich dich von ganzem Herzen!«

Tarvin sog nachdenklich an seiner Zigarre.

»Mein liebes Kind,« sagte er nach eine Weile, »ich fürchte mich nicht.«

Sie wandte sich ab und blickte seufzend auf die endlose Wüste hinaus.

»Ich wollte, du wüßtest was Furcht ist!« sagte sie mutlos.

»Furcht ist ein Gefühl, das der Gesetzgeber nicht kennen darf,« versetzte er im Rednerton.

Sie fuhr rasch herum und sah ihn an.

»Gesetzgeber! O Nick, bist du …«

»Gewählt? Ja, ich bedaure, dir es sagen zu müssen, mit einer Mehrheit von 1518 Stimmen« – damit reichte er ihr das Telegramm.

»Mein armer Papa!«

»Nun, ich weiß nicht …«

»Ach! Ich gratuliere dir natürlich von Herzen!«

»Danke schön.«

»Aber ich zweifle, ob es das Richtige für dich ist.«

»Ja, daran zweifle ich auch! Wenn ich die ganze Sitzungsperiode hier zubringe, werden meine Wähler bei meiner Rückkehr wahrscheinlich nicht in der Laune sein, meine politische Laufbahn sehr zu fördern!«

»Um so mehr Grund …«

»Nicht wie du meinst! Um so mehr Grund, die Hauptsache in Ordnung zu bringen, sage ich dir. In der Politik kann ich jederzeit festen Fuß fassen, aber bei dir festen Fuß zu fassen, Käte, dazu ist nur jetzt die Zeit, jetzt und hier

Er stand auf und beugte sich über sie.

»Meinst du, ich könne das auf später aufschieben, Käte? Nein, von einem Tag zum andern will ich mich ja gedulden, will es frohen Mutes thun, und du sollst nichts mehr davon hören, bis du bereit bist. Du hast mich ja gern, Käte, ich weiß es, und ich – nun ich habe dich sehr lieb, und wenn sich zwei Menschen lieb haben, so endet die Geschichte wie sie enden muß. Jetzt adieu« – er reichte ihr die Hand – »morgen hole ich dich ab und führe dich in die Stadt!«

Käte sah der entschwindenden Gestalt lange nach, dann zog sie sich ins Haus zurück, und ein Plauderstündchen mit Frau Estes, wobei wesentlich von den Kindern in Bangor die Rede war, half ihr zu einer verständigeren, gesünderen Anschauung der Lage, die durch Tarvins Anwesenheit nun einmal gegeben war. Sie sah, daß er entschlossen war, zu bleiben, und wenn sie den Ort nicht verlassen wollte, mußte sie den rechten Weg finden, diese Thatsache mit ihren Plänen zu vereinigen. Seine Hartnäckigkeit erschwerte ein Unternehmen, das sie sich so wie so nicht leicht gedacht hatte, und weil sie gewöhnt war, unverbrüchlich an sein Wort zu glauben, war sie auch im stande, sich auf sein Versprechen »des Artigseins« zu verlassen. Faßte man den Begriff ein wenig weit, so bedeutete es für Tarvin wirklich viel, am Ende das Höchste, was sie fordern konnte.

Alles reiflich überlegt, blieb ihr ja immer noch die Möglichkeit zu fliehen, aber sie fühlte zu ihrer Schande, daß eine furchtbare Anwandlung von Heimweh sie am nächsten Morgen zu ihm hinzog und ihr seine heitere Gegenwart sehr willkommen erscheinen ließ. Frau Estes war ja die Güte selbst, die beiden Frauen hatten sich sofort zu einander hingezogen gefühlt und herzliche Freundschaft geschlossen, aber ein Gesicht aus der alten Heimat war doch noch etwas andres, und vielleicht war ihr gerade Nicks Gesicht besonders viel wert. Jedenfalls lehnte sie die von ihm vorgeschlagene Führung durch die Stadt keineswegs ab.

Tarvin brachte bei diesem Gang den Vorsprung von zehn Tagen, den er in der Bekanntschaft mit Rhatore hatte, gehörig zur Geltung; er warf sich ganz zum Führer auf, zeigte ihr die Gebäude und die Aussicht und gab die aus zweiter Hand gewonnene Einsicht in die Verhältnisse mit einer Sicherheit von sich, um die ihn mancher im Dienst ergraute englische Beamte hätte beneiden können. Die Fragen der indischen Politik trug er auf dem Herzen, als ob ihm die Losung aller Schwierigkeiten auferlegt wäre – war er denn nicht Mitglied eines gesetzgebenden Körpers und als solches in allen Dingen zuständig? Die rastlose und praktische Neugierde, womit er allem zu Leib ging, was ihm neu war, hatte ihm in diesen zehn Tagen wirklich viel Belehrung über Rhatore und Gokral Sitarun eingetragen und setzte ihn jetzt in die Lage, dieser Käte, die noch so ganz Neuling war, alle Wunder und Geheimnisse der winkeligen Gäßchen zu erklären, auf deren dickem Sand die Fußtritte von Menschen wie Kamelen nur gedämpft erklangen. Bei der fürstlichen Menagerie ausgehungerter Tiger hielten sie sich länger auf, auch verweilten sie vor den Käfigen der zwei zahmen Jagdleoparden, die Kappen trugen wie die Falken und gähnend und scharrend auf ihren Lagerstätten am Hauptthor der Stadt ruhten. Und er zeigte ihr auch die gewichtige Thüre des großen Stadtthors, die, zum Schutz gegen Angriffe des lebendigen Sturmbocks, des Elefanten, mit fußlangen Stacheln gespickt war. Dann führte er sie durch die lange Reihe dunkler Kauflädchen, der Bazars, die sich in zerfallenen Palästen eingenistet haben, deren Erbauer längst vergessen sind. Sie besuchten die zerstreut liegenden Baracken, wo sie ins Gewimmel phantastisch herausgeputzter Soldaten gerieten, die ihre Markteinkäufe am Flintenlauf baumeln ließen, und das Mausoleum der Beherrscher von Gokral Sitarun im Schatten des großen Tempels, wo die Kinder der Sonne und des Monds ihre Andacht verrichten, und wo der glattpolierte schwarze Stier über den quadratischen Platz hinüberstarrte nach dem billigen Bronzedenkmal von Oberst Nolans Amtsvorgänger, einem herausfordernd energischen und herausfordernd häßlichen Herrn aus Yorkshire. Schließlich sahen sie sich außerhalb der Mauern die geräuschvolle Karawanserai vor dem Thor der drei Gottheiten an, von wo die Kamele mit ihrer glitzernden Last von Steinsalz den Weg zur Eisenbahn antraten und wo bei Tag und Nacht in Mäntel gehüllte Reiter mit Kinnbändern einkehrten, deren Sprache kein Mensch verstehen konnte und die mit Gott weiß welcher Geschwindigkeit von jenseits der weißen Hügel von Jensulmir einherjagten.

Unterwegs erkundigte sich Tarvin auch angelegentlich nach Topaz. Wie sie es verlassen habe? Wie die liebe alte Stadt aussehe? Käte erinnerte ihn daran, daß sie ja schon drei Tage nach ihm abgereist sei.

»Drei Tage! Drei Tage sind eine lange Zeit im Leben einer wachsenden Stadt!« rief Tarvin.

»Ich habe keine Veränderungen bemerkt in diesen drei Tagen,« sagte Käte lächelnd.

»Keine? Peters hatte doch gesagt, er wolle gerade am Tag nach meiner Abreise die Grabarbeiten für sein Backsteingasthaus in der G.-straße anfangen lassen, und Parsons erwartete eine neue Dynamomaschine für das städtische Elektrizitätswerk. In der Massachusettsstraße wollte man mit dem Nivellieren beginnen und auf meinem Grundstück von dreiundzwanzig Morgen sollte gerade an dem Tag der erste Baum gepflanzt werden. Kearney wollte ein neues Schaufenster von Spiegelglas in seinem Droguengeschäft einsetzen, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn die neuen Briefladen, die Maxim in Meridan bestellt hatte, auch noch vor deiner Abreise angekommen wären – ist dir nichts aufgefallen?«

Käte schüttelte den Kopf.

»Ich hatte in den Tagen an andres zu denken, Nick.«

»Hm – ich hätt’s gern gewußt! Aber es ist ja einerlei – es ist wohl zu viel verlangt von einem Mädchen, daß sie neben ihren eigenen Angelegenheiten die Verbesserungen der Stadt im Auge behalten solle,« setzte er entschuldigend hinzu. »Frauen sind nun einmal nicht so geschaffen – ich habe gleichzeitig einen Wahlkampf und verschiedene Geschäfte und noch etwas ganz andres im Kopf und im Herzen haben müssen …«

Er lächelte Käte pfiffig an und sie drohte ihm mit dem Finger.

»Ja so, ein verbotener Gesprächsgegenstand! Gut, gut, ich will ganz gewiß artig sein! Aber wenn einer gewollt hätte, daß ich etwas nicht merke, der hätte früh aufstehen müssen! Was haben denn deine Eltern gesagt, als es nun ernst wurde, Käte?«

»O bitte, sprich mir nicht davon!«

»Wie du befiehlst.«

»Wenn ich manchmal bei Nacht plötzlich aufwache und an die Mutter denken muß, das ist furchtbar. … Ich glaube fast, ich hätte zu allerletzt noch fahnenflüchtig werden können, wenn jemand das rechte – oder auch das unrechte Wort gesprochen hätte, so war mir’s zu Mut, als ich in den Zug stieg und ihnen das letzte Lebewohl zuwinkte!«

»Ich Narr! Warum war ich nicht da!« stöhnte Tarvin.

»Du hättest das Wort nicht sprechen können, Nick,« versetzte sie ruhig.

»Aber dein Vater, willst du sagen. Ja, wenn er zufällig ein andrer wäre, würde er’s gekonnt und gethan haben! Wenn ich daran denke, möchte ich …«

»Sag nichts gegen meinen Vater!« rief sie mit zitternden Lippen.

»O mein liebes Kind!« murmelte er, sich mühsam beherrschend. »Das wollte ich ja nicht … sag mir, über wen ich losziehen soll … irgend jemand muß ich verwünschen, dann will ich Ruhe geben!«

»Nick!!«

»Nun, ich bin eben kein Holzblock,« brummte er.

»Nein, nur ein sehr, sehr thörichter Mann!«

Tarvin lächelte.

»Nun bist du’s, die schimpft!« bemerkte er.

Um auf etwas andres zu kommen, erkundigte sich Käte nach dem Maharadscha Kunwar, und Tarvin schilderte ihr das seltsame Kerlchen und meinte, es wäre gut bestellt, wenn die übrige Gesellschaft in Rhatore nicht schlechter wäre.

»Du solltest Sitabhai sehen!«

Er erzählte ihr dann ausführlich vom Maharadscha und den Leuten im Palast, mit denen sie ja in Berührung kommen mußte. Sie besprachen die seltsame Mischung von Lebensüberdruß und Kindlichkeit in diesem Volk, die auch Käte schon beobachtet hatte, und sprachen über die Ursprünglichkeit seiner Neigungen, die Einfalt seiner Anschauungen – einfältig und einheitlich wie der ganze Orient.

»Sie sind nicht, was wir gebildet nennen. Von Ibsen wissen sie rein nichts und aus Tolstoi machen sie sich so wenig als aus sauren Aepfeln,« bemerkte Tarvin, der nicht umsonst in Topaz seine drei Zeitungen am Tag gelesen hatte. »Wenn sie die moderne Frau wirklich zu Gesicht bekämen und begreifen könnten, ich glaube sie wäre ihres Lebens keine Stunde mehr sicher! Aber sie haben doch auch ganz richtige Ideen, ausgezeichnete, altmodische Grundsätze, ungefähr dieselben, die mir auf meiner Mutter Knieen im fernen Staat Maine eingeimpft wurden. Meine Mutter glaubte nämlich an die Ehe, mußt du missen, und darin stimme ich mit ihr überein und zugleich mit den altmodischen Indern. Diese ehrwürdige, hausbackene, wurmstichige Einrichtung, dieser überwundene Standpunkt steht hier noch in hohem Ansehen.«

»Habe ich je gesagt, daß ich Nora recht gebe, Nick?« rief Käte, seinem Gedankengang im Sprung folgend.

»So? Nun, dann hast du ja auch wenigstens einen Punkt mit dem indischen Reich gemein. Das ›Puppenheim‹ würde in diesem gesegneten, altväterischen Land einfach abgelehnt werden, es fände keinen Raum.«

»Aber alle deine Ansichten teile ich darum doch nicht,« fühlte sie sich gedrungen hinzuzusetzen.

»Von einer weiß ich das sehr genau,« versetzte er mit einem pfiffigen Lächeln. »Gerade zu der will ich dich aber bekehren!«

Käte blieb mitten in der Straße stehen.

»Und ich hatte dir vertraut, Nick!« sagte sie vorwurfsvoll.

Tarvin blieb auch stehen und sah ihr wehmütig in die anklagenden Augen.

»O Gott!« seufzte er. »Ich hatte mir auch mehr zugetraut, aber ich muß eben immer daran denken. Was kannst du auch andres von mir erwarten? Aber ich will dir etwas sagen, Käte, dies soll das letzte Mal gewesen sein – endgültig, unwiderruflich. Ich schließe ab damit – von heute an bin ich ein bekehrter Sünder. Nicht mehr daran zu denken, gelobe ich dir nicht, und weiter fühlen muß ich, ob ich will oder nicht. Aber ich will schweigen – meine Hand darauf.«

Damit reichte er ihr die Hand und Käte faßte sie. Dann gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander her, bis Tarvin in trübseligem Ton fragte: »Heckler hast du wohl unmittelbar vor der Abreise nicht mehr gesehen, oder?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Dachte mir’s. Du und er, ihr wart ja nie dicke Freunde.«

»Soviel ich weiß, nahm man an, du seiest nach San Francisco gefahren, um persönlich mit einigen Direktoren der Central-Colorado-California-Linie zu verhandeln. Man nahm das an, weil der Schaffner deines Zugs die Nachricht verbreitete, du seiest nach Alaska gereist, und daran wollte niemand glauben; was die Wahrheitsliebe betrifft, scheinst du keinen guten Leumund in Topaz zu haben, Nick, das thut mir sehr leid!«

»Mir auch, mir auch, Käte!« rief Tarvin mit Ueberzeugung. »Aber wenn man mir alles glaubte, wie sollte ich’s dann fertig bringen, den Leuten etwas weis zu machen? Ich wollte, daß sie mich in San Francisco vermuten sollten, für ihre Interessen thätig. Wenn ich aber das durch den Schaffner hätte ausstreuen lassen, so würde man vor Abend behauptet haben, ich kaufe in Chile Land auf! Dabei fällt mir ein – wenn du nach Hause schreibst, so erwähne, bitte, nicht, daß ich hier bin. Vielleicht bringen sie’s auch heraus – nach den Gesetzen des Widerspruchs, aber ich will ihnen keinen Anhaltspunkt geben.«

»Du kannst ruhig sein, ich erwähne es gewiß nicht,« versicherte Käte, die dabei sehr rot wurde.

Gleich nachher kam sie wieder auf ihre Mutter zu sprechen. In der heißen Sehnsucht nach der Heimat, die inmitten der fremdartigen Welt, die Tarvin ihr zeigte, aufs neue in ihr aufstieg, schnitt ihr der Gedanke an die Mutter, die einsam und sehnsüchtig, geduldig auf ein Wort von ihr wartete, durchs Herz wie in der Stunde der Trennung. Die Erinnerung war ihr in diesem Augenblick so schmerzlich, daß sie nicht schweigend damit fertig wurde, aber als Tarvin dann fragte, warum sie denn fortgegangen sei, wenn sie so empfinde, versetzte sie mit dem Mut ihrer guten Stunden: »Warum zieht der Mann in den Krieg?«

In den nächsten Tagen sah Käte nicht viel von Tarvin. Frau Estes führte sie im Palast ein, und da gab es genug des Neuen, um Herz und Gedanken auszufüllen. Beklommen tastete sie in einem Reich umher, wo ewiges Zwielicht herrscht, suchte ihren Weg in den Irrgärten von Gängen, Treppen, Höfen, Geheimthüren, wo verschleierte Frauen an ihr vorüberstreiften, sie anstarrten und hinter ihrem Rücken über sie lachten, oder mit kindischer Neugier ihr Kleid, ihren Hut, ihre Handschuhe befühlten. Sie verzweifelte daran, sich jemals auch nur im kleinsten Teil dieses ungeheuren Bienenstocks zurechtzufinden, in dem Dämmerlicht die blassen Gesichter der Frauen unterscheiden zu lernen, die sie durch lange Reihen leerer Zimmer führten, wo der Wind allein unter dem glitzernden Deckenschmuck seufzte, und hinauf in schwebende Gärten, zweihundert Fuß über der Stadt, und doch noch neidisch von hohen Mauern eingefaßt, und aus der strahlenden Helle der flachen Dächer über nicht enden wollende Treppen hinab in stille unterirdische Gemächer, die man aus Furcht vor der Hitze sechzig Fuß tief in den Felsen gehauen hatte. Und auf Schritt und Tritt Frauen und Kinder und abermals Kinder und Frauen! Man schätzte die Einwohnerschaft des Palastes auf viertausend lebende Seelen: wie viele tot und begraben darin lagen, wußte kein Mensch zu sagen.

Viele von den Frauen – wie viele, das hätte sie nicht sagen können – weigerten sich, durch Gerede und Gerüchte verhetzt, unbedingt, Kätes Hilfeleistungen anzunehmen. Sie seien nicht krank, erklärten sie, und die Berührung der weißen Frau sei befleckend. Andre vertrauten ihr die Kinder an und baten sie, den schwächlichen, im Dunkel aufgewachsenen Pflänzchen Farbe und Frische zu verschaffen, und glutäugige Mädchen stürzten aus der Dämmerung auf sie los mit leidenschaftlichen Klagen, die sie nicht verstand, nicht zu verstehen wagte. Von den Wänden der kleinen Stübchen starrten ihr häßliche anstößige Bilder entgegen und unzüchtige Götter grinsten sie aus schauerigen Nischen über den Thüren höhnisch an. Die heiße Luft, Küchen- und Weihrauchdüfte, die unbeschreibliche Ausdünstung der dicht zusammengepferchten Menschheit benahmen ihr oft den Atem, aber was sie zu hören bekam und erraten lernte, war widerlicher als alle mit den Sinnen wahrnehmbaren Greuel. Es war entschieden etwas ganz andres um den heldenmütigen Entschluß, dem im Geist geschauten Elend indischer Frauen ihr Mitgefühl, ihr Leben zu weihen, und der unbeschreiblichen Wirklichkeit in der Abgeschlossenheit der Frauengemächer von Rhatore gegenüberzutreten.

Tarvin erforschte mittlerweile das Land nach einem selbst ersonnenen System. Es beruhte auf Ausnutzung der Möglichkeiten nach Maßstab ihrer Bedeutung – alles, was er unternahm, stand in ursächlichem, wenn auch nicht immer erkennbarem Zusammenhang mit seinem Zweck und Ziel, dem Naulahka.

In den fürstlichen Gärten, wo unzählige, nur selten bezahlte Gärtner mit Wasserschläuchen und Gießkannen gegen die zerstörende Gewalt der Hitze ankämpften, konnte er ungehemmt aus und ein gehen. Er hatte auch freien Zutritt zum Leibstall des Maharadscha, wo achthundert Pferde allnächtlich auf der Streu lagen, und konnte zusehen, wenn sie am Morgen zu je vierhundert in einer Staubwolke zur Morgenarbeit ausrückten. Die äußeren Palasthöfe standen ihm uneingeschränkt offen, er konnte der Toilette der Elefanten beiwohnen, wenn der Maharadscha einen Staatsumzug hielt, konnte mit der Wache plaudern und lachen und sich an drachenköpfigen, schlangenhalsigen Geschützen erbauen, die von eingeborenen Kunsthandwerkern erfunden waren, denen hier im fernen Osten die Mitrailleuse gedämmert haben mußte. Aber in das Gebiet, wo Käte weilte, durfte er keinen Fuß setzen. Er wußte, baß ihr Leben in Rhatore so sicher war wie in Topaz, aber als sie zum erstenmal, zuversichtlich und ohne Zaudern hinter dem teppichverhangenen Eingang zum Frauenpalast verschwand, fuhr seine Hand unwillkürlich nach dem Griff seines Revolvers.

Der Maharadscha war ein guter Kamerad und ein vortrefflicher Pachisispieler, aber als Tarvin ihm eine halbe Stunde nach jenem Verschwinden gegenüber saß, überlegte er sich doch, daß er des Maharadscha Leben keiner Versicherungsgesellschaft empfehlen möchte, falls seiner Liebe etwas zu Leid geschähe in dem geheimnisvollen Reich, aus dem außer Flüstern und Rascheln kein Laut in die Außenwelt drang. Als Käte späterhin wieder heraustrat, wobei der Maharadscha Kunwar an ihrem Arm hing, war ihr Gesicht blaß und verzerrt, in ihren Augen funkelten Thränen der Entrüstung. Sie war sehend geworden.

Tarvin eilte an ihre Seite, aber sie wies ihn mit der herrischen Gebärde von sich, die allen Frauen in tiefer Erregung zu Gebot steht, und flüchtete sich zu Frau Estes.

Es war ihm, als ob er mit rauher Hand aus ihrem Leben hinausgedrängt worden wäre, und der Maharadscha Kunwar traf ihn am Abend, wie er mit großen Schritten auf der Veranda des Rasthauses hin und her ging, beinah bereuend, daß er den Maharadscha, den eigentlichen Urheber jenes Schreckensausdrucks in Kätes Augen, nicht niedergeschossen hatte. Mit einem tiefen Atemzug dankte er seinem Schöpfer dafür, daß er hier war, um sie zu bewachen, zu verteidigen, im Notfall mit Gewalt fortzubringen. Ihn schauderte, wenn er sich Käte hier allein vorstellte, einzig auf Frau Estes‘ Beistand aus der Ferne angewiesen.

»Ich habe etwas für Käte gebracht,« sagte der Prinz vorsichtig aus dem Wagen steigend, denn er hielt einen Pack, der seine beiden Arme ausfüllte. »Komm mit mir zu ihr!«

Nichts Schlimmes ahnend, fuhr Tarvin mit seinem kleinen Freund zum Missionshaus.

»Alle Leute in meinem Palast sagen, daß sie deine Käte sei,« bemerkte er unterwegs.

»Freut mich, daß die Herrschaften das gemerkt haben!« brummte Tarvin ingrimmig in sich hinein.

»Was hast du denn da?« fragte er den Knaben laut, indem er die Hand auf den folglich gehüteten Pack legte.

»Das ist von meiner Mutter, der Königin. Das ist die wirkliche Königin, weißt du, ich bin ja der Prinz. Ich muß auch etwas bestellen.«

Nach Kinderart begann er, seinen Auftrag leise vor sich hin zu flüstern, um ihn ja nicht zu vergessen.

Käte saß auf der Veranda, als der Wagen anfuhr, und ihr trauriges Gesicht hellte sich beim Anblick des Knaben ein wenig auf.

»Die Wache soll nicht in den Garten treten – auf der Straße warten!«

Wagen und Gefolge zogen sich auf diesen Befehl zurück. Der Maharadscha Kunwar streckte Käte das Paket hin, ohne Tarvins Hand dabei loszulassen.

»Es ist von meiner Mutter,« begann er. »Du hast sie ja gesehen. Dieser Mann kann bleiben: er ist« – er suchte ein wenig nach dem Ausdruck – »von Deinem Herzen, nicht wahr? Deine Rede ist seine Rede?«

Käte errötete, aber sie machte keinen Versuch, das Kind zu widerlegen – was hätte sie auch sagen können?

»Und das soll ich dir sagen, zuerst vor allem, bis du es ganz verstehest.«

Das Kind strich sich die baumelnden Smaragden aus der Stirne, richtete sich zu seiner vollen Höhe auf und sprach zögernd, die ihm eingeprägten Worte aus der heimischen Mundart ins Englische übertragend: »Meine Mutter die Königin – die wirkliche Königin – sagt: ›Drei Monate habe ich daran gearbeitet. Es ist für dich, weil ich dein Angesicht gesehen habe. Was ich gemacht, kann wieder zertrennt werden, und einer Zigeunerin Hände zerstören alles. Bei den Göttern beschwöre ich dich, achte darauf, daß eine Zigeunerin nicht zerstört, was ich gemacht habe, denn mein Leib und meine Seele wohnen darin. Bewahre und schütze mein Werk, das von mir kommt – ein Gewand, daran ich neun Jahre gewebt habe!‹ – Ich kann besser englisch als meine Mutter,« setzte der Knabe im Alltagston hinzu.

Käte öffnete das Paket und entfaltete ein ungeschickt gestricktes Umschlagtuch von grober schwarzer Wolle mit gelben Streifen und schreiend roten Fransen – mit solchen Handarbeiten füllten in Gokral Sitarun Königinnen ihre müßigen Stunden aus.

»Das ist alles,« sagte der Maharadscha Kunwar, ohne sich indes zum Gehen anzuschicken.

Käte drehte die armselige Gabe hin und her und fand keine Worte; die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Der Knabe, der Tarvins Hand noch keinen Augenblick losgelassen hatte, fing plötzlich an, die Botschaft feierlich Wort für Wort zu wiederholen, und seine schmale Hand krampfte sich dabei förmlich um Tarvins Finger.

»Sag deiner Mutter, daß ich ihr sehr dankbar sei,« erwiderte Käte verwirrt und befangen mit unsicherer Stimme.

»Das war die rechte Antwort nicht,« sagte der Knabe mit einem hilfesuchenden Blick auf seinen hochgewachsenen Freund, den neuen Engländer.

Das müßige Geschwätz der Handlungsreisenden auf der Veranda des Rasthauses kam Tarvin in den Sinn, und einen Schritt vortretend, legte er die Hand auf Kätes Schulter und flüsterte dicht an ihrem Ohr: »Begreifst du nicht, was sie meint? Des Knaben Leben – das Gewand, woran sie neun Jahre gewebt hat!«

»Aber was kann ich thun?« stöhnte Käte in tiefster Seele erschrocken.

»Ihn bewachen, ihn ohne Aufhören bewachen! Du begreifst doch sonst so rasch – Sitabhai trachtet ihm nach dem Leben. Du sollst sorgen, daß sie ihm kein Leid anthut.«

Jetzt dämmerte Käte einiges Verständnis – der erste Tag in dem grauenvollen Palast hatte ihr Möglichkeiten genug gezeigt, warum nicht auch die eines Kindermords? Sie hatte schon einen Begriff bekommen von dem Haß zwischen kinderlosen Frauen und den Müttern von Königen! Bewegungslos stand der Maharadscha Kunwar; die Juwelen an seiner Kleidung funkelten im Zwielicht.

»Soll ich’s noch einmal sagen?« fragte er.

»Nein, nein, nein, Kind! O nein!« schrie Käte förmlich auf, indem sie auf den Knieen zu ihm hinrutschte und die kleine Gestalt in überwallendem zärtlichem Mitleid an ihre Brust preßte.

»O Nick, was sollen wir beginnen in diesem gräßlichen Land?« rief sie, in Thränen ausbrechend.

»Ach!« sagte der Knabe vollständig unbewegt. »Wenn ich dich weinen sehe, soll ich gehen!«

Mit heller Stimme nach seiner Leibwache und dem Wagen rufend, ging er die Stufen hinunter. Das häßliche wollene Tuch blieb am Boden liegen.

Schluchzend saß Käte in der jäh hereingebrochenen Dunkelheit. Weder Estes noch seine Frau waren in der Nähe. Das kleine Wörtchen »wir«, das sie in ihrem Jammer ausgestoßen hatte, war für Tarvin eine beseligende Offenbarung gewesen. Er beugte sich über sie und umschlang sie mit seinen Armen; Käte stieß ihn nicht zurück.

»Wir werden’s miteinander durchkämpfen, mein kleines Mädchen!« flüsterte er, ihr bebendes Köpfchen an seiner Schulter bettend.

Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Am andern Morgen lief in ganz Cañon City das Gerücht um, daß Tarvin seinen Gegner einfach vernichtet habe, und mehr als Gerücht, wohlverbürgte Thatsache war, daß Sheriff, als er sich ziemlich kleinmütig angeschickt hatte, das Wahlprogramm des Redners vorschriftsmäßig zu bekämpfen, durch die einmütige öffentliche Meinung gezwungen worden war, den Mund zu halten. Trotzdem begrüßte er Tarvin auf dem Bahnhof, wo beide in den nämlichen Zug nach Topaz einsteigen wollten, mit anerkennenswerter Höflichkeit und machte durchaus nicht Miene, seinem Widersacher scheu auszuweichen. Wenn Tarvin Kätes Vater wirklich »in den Staub getreten« hatte, wie ganz Cañon City sich vernehmen ließ, so schien dieser seine Vernichtung nicht sonderlich schwer zu empfinden. Tarvin überlegte bei sich, daß Sheriff allerdings Grund habe, sich mit einer andern Niederlage des jüngeren Mannes zu trösten, die diesen Triumph wohl aufwog, und diese Ueberlegung zog die zweite nach sich, daß er sich einfach lächerlich gemacht habe. Er hatte die Genugthuung gehabt, dem Nebenbuhler öffentlich seine Überlegenheit beweisen zu können, und das Vergnügen genossen, seiner Partei greifbar klar zu machen, daß er immer noch eine Kraft sei, auf die man bauen könne, wenn sich auch im Kopf eines jungen Mädchens tolle Weltverbesserungsideen angesiedelt hatten. Aber förderte ihn das etwa bei Käte? Es förderte ihn nicht, es schied ihn eher von ihr, wenigstens soweit der Vater Einfluß auf die Sache hatte und soweit seine Wahlaussichten dadurch verbessert wurden. Daß er gewählt werden würde, stand ihm jetzt fest. Aber was half es ihm? Selbst die Würde eines Sprechers, die er vor ihr hatte funkeln lassen, schien ihm nach den Erfahrungen des heutigen Abends ins Gebiet der Möglichkeiten gerückt, aber die einzige Präsidentschaft, nach der Tarvins Sinn wirklich stand, war die über Kätes Herz – wenn sie ihn nicht wählte, was‘ nützten ihm alle andern Stimmen?

Er fürchtete ernstlich, daß ihm diese höchste Würde nicht so bald blühen werde, und als er sich den untersetzten, vierschrötigen Mann ansah, der gleich ihm auf dem Bahnsteig stand, kam er auf den Gedanken, diesen dafür verantwortlich zu machen. Käte würde sicher nicht nach Indien gehen, wenn sie einen andern Vater hätte, einen Mann, wie er ihrer etliche kannte! Aber solch ein schmiegsamer, schlauer, selbstsüchtiger Protz, der’s mit niemand verderben wollte – was ließ sich von so einem erwarten? Wenn hinter der Geschmeidigkeit Kraft gesteckt hätte, würde Tarvin diese Eigenschaft geschätzt statt mißachtet haben, aber er hatte seine eigenen Gedanken über einen Mann, der an einem Ort wie Topaz zufällig reich geworden war.

Was für Taruin diesen Sheriff so unleidlich machte, war das von ihm dargebotene Schauspiel eines Mannes, der ohne sein Zuthun plötzlich verblüffend reich geworden ist und nun als Glückspilz umherging, ängstlich vermeidend, irgend jemand auf die Hühneraugen zu treten. In der Politik betrieb er diese Kunst mit besonderem Eifer, außerdem war er aber jetzt Hort und Stolz des Komitees, das einen Eisenbahningenieursball arrangierte, half den »Tempelrittern« Ausflüge zu stand bringen, war Mitglied aller erdenklichen Vereine und die Zuflucht derer, die Wohlthätigkeitsbazare, Theatervorstellungen und Austerndiners zu guten Zwecken und hohen Preisen in Scene setzten. Ohne wählerisch zu sein, nahm er an Austernessen wie an jedem andern Wohlthätigkeitssport in Topaz teil, und zwar nicht allein, Frau und Tochter mußten mitgehen und ihre Wohnstube füllte sich mit Puppen im Täuflingsputz, protestantischen Stickereien, katholischen Sofakissen und künstlerischen Spritzarbeiten – es entstand eine wahre Sammlung.

Allein diese Allerweltsliebenswürdigkeit machte den Mann durchaus nicht so beliebt, als er es verdient hätte. Die dunklen Ehrenmänner nahmen sein Geld und hielten an ihrer Meinung über den Mann fest; Tarvin, sein Gegner, hatte den Leuten gezeigt, wie er über derartige Politik dachte, indem er sich offen weigerte, auch nur eine einzige Eintrittskarte zu nehmen. Dieser thörichte, erbärmliche Drang, es allen Leuten recht zu machen, war, wie Tarvin richtig erkannte, auch der Grund von Sheriffs schlaffem Verhalten der töchterlichen Narrheit gegenüber. Weil Käte eben durchaus gehen wolle, fand es der Vater schließlich bequemer, sie gehen zu lassen. Er versicherte, den Plan anfangs heftig bekämpft zu haben, und das glaubte ihm Tarvin auch, denn er wußte ja, daß der Vater an seinem Kind hing. Nicht Mangel an gutem Willen machte er ihm zum Vorwurf, aber Mangel an der Fähigkeit, seinen Willen durchzusetzen. Schließlich mußte er sich freilich sagen, daß die eigentlich Schuldige wie in allen Stücken so auch in diesem Käte selbst war, denn ihr Starrsinn war allen Vorstellungen unzugänglich.

Als der Topazer Zug angekommen war, stiegen Sheriff und Tarvin in denselben Wagen. Tarvin hatte gerade nicht das Bedürfnis, sich während der Fahrt mit Kätes Vater zu unterhalten, aber es sollte auch nicht aussehen, als ob er ein Gespräch scheute. Im Wagen bot ihm Sheriff eine Cigarre an, und als dann Dave Lewis, der Schaffner, hereinkam, begrüßte ihn Tarvin als alten Freund und forderte ihn auf, sich ein wenig zu ihnen zu setzen, wenn seine Dienstpflichten erledigt wären. Tarvin mochte den Mann wohl leiden, wie er tausend andre Zufallsbekannte leiden mochte, die ihm irgendwo in den Weg gekommen waren und bei denen er sich großer Beliebtheit erfreute: die Aufforderung entsprang übrigens wenn auch nicht ganz, so doch teilweise dem Wunsch, ein Alleinsein mit Sheriff zu vermeiden. Redselig teilte ihnen der Mann mit, daß er den Präsidenten der C. C. C. im Zug habe, der mit seiner Gesellschaft in einem eigenen Salonwagen fahre.

»Was der Tausend!« rief Tarvin und bat dann seinen Freund, ihn auf der Stelle dem Präsidenten vorzustellen, der ihm gerade recht käme.

Lachend sagte der Schaffner, daß er doch kein Bahnvorstand sei und so etwas nicht wagen dürfe. Als er aber nach vollendeter Runde wieder in den Wagen kam, erzählte er, der Präsident habe ihn gefragt, ob er ihm nicht einen rechtschaffenen Mann in Topaz empfehlen könne, der ein Herz für öffentliche Angelegenheiten habe und mit dem sich die Frage, ob die drei C, nach Topaz kommen sollen, vernünftig erörtern ließe. Darauf hatte ihm der Schaffner gesagt, daß sich gleich zwei für diesen Zweck geeignete Herren im Zug befänden, und nun lasse der Präsident ihnen sagen, es würde ihm sehr angenehm sein, wenn sie sich in seinen Wagen bemühen und ihm ihre Aufmerksamkeit schenken mochten.

Seit einem ganzen Jahr hatte der Verwaltungsrat der Central-Colorado-California-Eisenbahnlinie Beratungen gepflogen, ob die Bahn über Topaz geführt werden solle oder nicht, und die Mitglieder hatten sich in der leidenschaftslosen, unparteiischen Weise geäußert, die Verwaltungsräten eigen ist, solange sie Zuspruch und Aufmunterungen von allen Seiten erwarten. Die Handelskammer von Topaz hatte den Wink begriffen und es an der gewünschten Ermutigung nicht fehlen lassen. Diese hatte die Gestalt einer städtischen Anleihe und von Landschenkungen angenommen, und schließlich hatte man sich durch Ankauf von Aktien zu einem in die Höhe getriebenen Preis an dem Unternehmen selbst beteiligt. Das war aller Ehren wert, selbst für eine Handelskammer, aber von städtischem Hochmut und Ehrgeiz gespornt, hatte Rustler sie übertrumpft. Rustler lag fünfzehn Meilen von Topaz entfernt, höher in den Bergen, folglich auch näher bei den Bergwerken, und Topaz bekam seine Nebenbuhlerschaft auch in andern Angelegenheiten als der dieser Eisenbahnlinie zu fühlen.

Nie beiden Städte waren ungefähr zu gleicher Zeit entstanden und erblüht, dann hatte die Lebenskraft Rustler verlassen und sich in Topaz niedergelassen. Das hatte Rustler eine gehörige Anzahl von Bürgern gekostet, die an den gedeihlicheren Ort übersiedelten: Manche davon hatten ganz einfach ihr Haus auf den Rücken genommen wie die Schnecken, das heißt es auf einen Güterwagen geladen und als Frachtgut nach Topaz geschickt, was den Zurückbleibenden einen großen Schrecken einjagte. Neuerdings aber rührte sich in Topaz das unbehagliche Gefühl, daß ihm etliches aus den Fängen glitt. Ein oder zwei Häuser waren schon nach Rustler zurückgewandert, Rustler nahm einen neuen Aufschwung, und wenn die Eisenbahn dort hingeführt wurde, so war Topaz verloren, riß es dagegen die Bahnlinie an sich, so war ihm der Sieg gewiß. Die beiden Städte haßten einander, wie man nur im Westen haßt – bösartig, leidenschaftlich, mit wolllüstigem Ingrimm. Wenn ein Erdbeben die eine oder die andre Stadt verschlungen hätte, die übriggebliebene wäre an mangelndem Lebensinteresse hingesiecht. – Hätte Topaz Rustler oder Rustler Topaz totschlagen können, durch größeren Unternehmungsgeist, Umsatz und Umtrieb oder auch durch Schmähungen in der Presse, man würde in der überlebenden Stadt Triumphzüge und Siegestänze gehalten haben. Aber die Zerstörung durch andre Mittel als die vom Himmel eingesetzten des lautern und unlautern Wettbewerbs würde dem überlebenden Teil herben Kummer verursacht haben.

Das heiligste Gut des westlichen Mannes ist der Stolz auf seine Stadt, und der köstlichste Duft dieser Blume ist der Haß gegen die Nachbarstadt. Stadthochmut kann nicht bestehen ohne Stadtneid, und es traf sich deshalb glücklich, daß Topaz und Rustler gerade in der richtigen Haßweite von einander lagen, denn der lebendige Glaube des Menschen an den besonderen Fleck in der endlosen westlichen Wildnis, wo er zufällig sein Zelt aufgeschlagen hat, enthält die Zukunft und das sichere Gedeihen des Westens.

Tarvin hegte dieses Gefühl wie eine Religion. Es war ihm außer Käte das Höchste auf der Welt, ja mitunter stand es ihm sogar höher als Käte. Dieses Gefühl ersetzte ihm, was andern Ideale und Streben sind. Er wollte Erfolge erringen, er wollte eine Rolle spielen, aber sein persönlicher Ehrgeiz fiel mit seinem Ehrgeiz für die Stadt zusammen. Wenn seine Stadt darnieder lag, konnte auch ihm nichts gelingen, wenn sie blühte, mußte auch ihm alles glücken. Sein Ehrgeiz für Topaz, sein Stolz auf Topaz, das war ein leidenschaftlicher, ganz persönlicher Patriotismus. Topaz war für ihn das Vaterland, und weil es so nah und greifbar vor ihm stand, weil er’s mit Augen sehen und mit Händen fassen konnte, besonders aber auch, weil er Stücke davon kaufen und verkaufen konnte, war es viel deutlicher sein Vaterland, als die Vereinigten Staaten von Amerika, die seiner nur in Kriegszeiten bedurften.

Er war bei der Geburt von Topaz zugegen gewesen, er hatte die Stadt gekannt, als er sie schier noch mit den Armen hätte umfassen können, er hatte sie werden und wachsen sehen, hatte sie gehätschelt und aufgepäppelt; mit den Pfählen, die man bei der Abmessung eingetrieben hatte, war auch sein Herz eingerammt worden, er wußte also auch besser als Lucas, was ihr taugte. Ihr taugten die drei C.

Der Schaffner führte Sheriff und Tarvin in den Salonwagen und stellte dem Präsidenten die Herren vor, und der Präsident machte diese mit seiner Frau bekannt, einer blonden jungen Dame, die sich deutlich bewußt war, hübsch zu sein und die Neuvermählte sehr zur Schau trug. Rasch von Erkenntnis, wie Tarvin war, ließ er sich sofort neben der Dame nieder. Der Salonwagen enthielt diesseits und jenseits von der Abteilung, worein sie geführt worden waren, noch andre Gemächer. Das ganze rollende Haus war ein Wunder von Bequemlichkeit und Raumausnutzung, die Ausschmückung von vornehmstem Geschmack. Der Salon schimmerte von Plüsch in gebrochenen unbenennbaren Farbtönen, blankem gedrehtem Nickelgeräte und Spiegelglas, und die in neuerem Stil ausgesucht einfache Täfelung dämpfte den Glanz ab, wie sie ihm zugleich als Folie diente.

Der Präsident der noch ungeborenen Central-Colorado-Californialinie machte für Sheriff in einem der beweglichen Stühle aus Rohrgeflecht Raum, indem er einen ganzen Pack illustrierter Zeitungen beiseite warf, und sah sich dann unter buschigen Augenbrauen hervor mit runden, dunklen Aeugchen seinen Mann näher an. Seine eigene behäbige Gestalt füllte einen andern von den etwas zerbrechlichen Stühlen zum Ueberfließen aus. Er hatte die gefleckten Wangen und das schlaffe Doppelkinn eines Fünfzigers, der besser lebt, als ihm bekömmlich ist, und lauschte mit undurchdringlich verschlossenem Gesichtsausdruck den lebhaften Auseinandersetzungen, die Sheriff sofort vom Stapel ließ.

Tarvin hatte unterdessen Frau Mutrie in ein Gespräch gezogen, worin das Vorhandensein von Eisenbahnen gar nicht berührt wurde. Zufällig hatte er einiges über die Heirat des Präsidenten der C. C. C. gehört und er fand die Neuvermählte sehr geneigt, seine höchst schmeichelhafte Lesart der Geschichte anzuhören. Er überschüttete sie mit Artigkeiten und ließ sich des langen und breiten von ihrer Hochzeitsreise erzählen. Die heutige Fahrt gehörte eigentlich noch dazu, dann ging’s nach Denver in die Häuslichkeit. Sie war sehr gespannt, ob es ihr dort gefallen könne, und Tarvin beteuerte, daß ihr die Stadt zusagen werde. Er verbürgte sich für sie, er malte sie in leuchtenden Farben auf Goldgrund und schlang Blumenranken darum, er machte sie zu einem Ideal und bevölkerte sie mit Paradiesesmenschen. Dann rühmte er die Läden und Theater: er behauptete, New Jork könne sich daneben verkriechen, aber vorher müsse sie das Theater in Topaz sehen. Er hoffe sehnlich, die Herrschaften würden sich ein paar Tage in Topaz aufhalten.

Topaz selbst pries er nicht so grell, als er Denver gepriesen hatte. Er begnügte sich, der jungen Frau seinen einzigartigen, besonderen Reiz anzudeuten, und als er sie dahin gebracht hatte, sich Topaz als die hübscheste, vornehmste, gedeihlichste Stadt des Westens vorzustellen, ließ er den Gegenstand fallen. Im übrigen drehte sich das Gespräch um persönlichere Dinge, und Tarvin streckte nach allen Richtungen Fühlhörner aus, zuerst um etwaige übereinstimmende Anschauungen, dann um ihre Schwächen zu entdecken. Er wollte wissen, woran die Frau zu packen war, denn das war das Mittel, den Mann zu packen, soviel hatte er schon beim Eintreten vom Blatt gelesen. Ihre Geschichte kannte er, ihren Vater hatte er sogar persönlich gekannt. Tarvin war einmal in dem Gasthof abgestiegen, den dieser in Omaha geführt hatte. Er erkundigte sich nach dem alten Haus, nach den Besitzern, die seither mehrmals gewechselt hatten. Wer führte das Haus jetzt? Hoffentlich hatte er ihres Vaters Oberkellner beibehalten! Und der Koch? Der Mund wässerte ihm heute noch nach der leckern Küche! Sie lachte herzhaft und wurde zuthunlich. In diesem Gasthof hatte sie ja ihre Kindheit verlebt, in den langen Gängen und auf den Vorplätzen gespielt, auf dem Klavier im Damenzimmer herumgetrommelt, in der Anrichte Zuckerzeug genascht. Ja freilich, den Koch kannte sie auch, ganz persönlich, der hatte ihr manchmal noch Pudding ins Bett geschickt – ja wohl, der war heute noch im Hause!

Tarvins offene, freundliche Art, seine Bereitwilligkeit sich belustigen zu lassen, und die noch größere, zur Belustigung der andern beizutragen, übten allerorten, die Macht, Menschen anzuziehen. Seine herzliche, mannhafte Art, seine zuversichtliche Fröhlichkeit, die das Leben stark und vielseitig und glückbringend anfaßte, strömten Wärme aus. Er begegnete jedem Menschen mit gleichmäßigem Wohlwollen, er fühlte sich jedem verwandt, nahm jeden als Bruder auf, wenn man ihn nur gewähren ließ.

So war er denn auch mit Frau Mutrie bald auf ganz vertrautem Fuß und sie bat ihn, mit ihr an das große Fenster am Ende des Wagens zu gehen und ihr die Aussicht auf die Schluchten des Berglands von Arkansas zu erklären. Sie kauerten sich am Fußboden nieder, um den vollen Anblick der über ihren Häuptern hängenden massigen Felspartieen zu genießen, und blickten auf das Chaos von Felsblöcken hinaus, das sich aufgethan hatte, um sie durchzulassen, und sich unmittelbar hinter ihnen wieder zusammenschloß. Fühllos und nüchtern rasselte der Zug durch die in Trümmer gestürzte Schönheit dieser bisher unberührten Welt, wunderbar erschien es, wie er sein Gleichgewicht erhielt auf dem für das Auge kaum messerbreiten Raum, den man für ihn, auf einer Seite dem Fluß, auf der andern den Bergen abgewonnen hatte. Frau Mutries Gleichgewicht kam dafür öfter ins Wanken, wenn der Zug um die zahllosen Kurven schwenkte, so daß Tarvin sie mehrmals vor dem Fallen bewahren mußte, bis er schließlich ihren Arm durch den seinigen zog und sie nun gemeinsam die Bewegungen des Zuges mitmachten, er den Halt durch weit gespreizte Beine sichernd. So blickten sie unverwandt nach den Gigantentürmen und Mauern hinauf, die über ihren Häuptern zu schweben, im Wirbel zu tanzen schienen.

Frau Mutrie stieß häufig laute Rufe des Erstaunens und Entzückens aus, die anfangs die gewohnheitsmäßige Antwort der Frauennatur auf große Natureindrücke waren, die aber bald zu einem scheuen, schreckensvollen Murmeln wurden. Ihre Oberflächlichkeit fühlte sich von diesem gewaltigen Anblick gehemmt und erdrückt, wie die Gegenwart des Todes sie wohl auch zum Schweigen gebracht haben würde; gewohnheitsmäßig, aber ohne rechten Mut ließ sie die kleinen Frauenkünste Tarvin gegenüber trotzdem weiter spielen, als aber der Zug aus dem Felsgekluft in die Ebene hinaustrat, atmete sie erleichtert auf und zog den Reisebegleiter, den sie offenbar als ihr Eigentum ansah, ungestüm wieder in den Salon zurück. Sheriffs Redestrom war noch nicht erschöpft; er zählte dem Präsidenten die Vorzüge von Topaz in endloser Reihe auf, dieser hörte ihm aber zerstreut zu und starrte gelangweilt durchs Fenster. Als die junge Frau zurückkam, ihren Mann zärtlich auf die Schulter klopfte und ihm ein paar Worte ins Ohr flüsterte, nahm sich der beleibte Herr ungefähr aus wie ein in Verlegenheit geratender Menschenfresser. Tarvin mußte seinen alten Platz neben ihr einnehmen und erhielt Befehl, sie sehr gut zu unterhalten, worauf er bereitwillig einging, indem er ihr eine sehr erfolgreiche Expedition schilderte, die er einmal in das Felsengebiet gemacht hatte. Was er dabei suchte, Silber, hatte er zwar nicht gefunden, aber wenigstens einige ganz ungewöhnlich große Amethyste.

»Was Sie sagen! Nein, Sie Glückspilz, davon müssen Sie mir noch viel erzählen! Amethyste? Wirkliche, lebendige? Ich hatte keine Ahnung, daß in Colorado Amethyste gefunden würden!«

In ihren Augen funkelte ein merkwürdiger Glanz, es war geradezu leidenschaftliche Begehrlichkeit. Tarvin fing den Blick auf – war das Ihr schwacher Punkt? Nun, wenn dem so war – von Edelsteinen wußte er genug, zu erzählen, sie waren ja eine von den »natürlichen Hilfsquellen« seiner geliebten Stadt! Wenn das sie fesselte, davon konnte er vom Morgen- bis zum Abendläuten reden! Ob man damit die drei C. würde nach Topaz locken können? Es flog ihm durch den Kopf, daß man sich in Form eines Hochzeitsgeschenks niedlich machen könnte; vor seinen Augen flimmerte ein von der Handelskammer überreichtes Diadem von Diamanten, aber er verwarf den tollen Einfall so rasch, als er ihm aufgestiegen war. Nein, nein, öffentliche Ehrengaben thaten’s nicht, hier war nur geheime Diplomatie am Platz, und man mußte sehr vorsichtig, sehr zartfühlend sein, ganz ruhig und freundschaftlich vorgehen, mit leisem Finger da und dort anpochen, um dann plötzlich mit raschem Griff zuzufassen, kurz, ein Fall für Nikolas Tarvin, den einzigen Mann auf Erden, der das leisten konnte! Er sah sich im Geist seinen Mitbürgern die C. C. C. zuführen, unerwartet, glanzvoll, wie ein königlicher Geber, und sah sie durch desselben Nikolas Tarvins alleinige Kraft ausgeführt, er sah sich als den Gründer kommender Größe seiner geliebten Stadt. Er sah Rustler verödet und verlassen, sah den Eigentümer eines gewissen Grundstücks von dreiundzwanzig Morgen als Millionär vor sich!

Seine Phantasie verweilte ein wenig bei dem betreffenden Grundstück: leicht war das Geld nicht verdient worden, womit er’s gekauft hatte, und am letzten Ende ist Geschäft immer Geschäft. Einen Teil davon konnte man als Bauplatz für ein Maschinenhaus an die C. C. C. verkaufen, wenn diese wirklich kam, das übrige als Bauplätze für Wohnhäuser. Das war keine unangenehme Vorstellung, über es war nicht die Hauptsache, sein höchster Traum war Topaz. Wenn es wahr ist, daß die Vorsehung ihre Hilfe immer dann schickt, wenn sie am nötigsten ist, und dahin, wo sie am meisten gewürdigt wird, hier konnte der Satz einmal bestätigt werden!

Jetzt fiel ihm erst auf, was für ungewöhnliche Ringe Frau Mutrie trug. Es waren ihrer nicht besonders viele, aber die Steine erlesen schön. Er wagte es, den ungeheuren Solitär an ihrer linken Hand zu bewundern, worauf sie den Ring abstreifte, daß er ihn genauer sehen könne. Dieser Diamant habe eine Geschichte, sagte sie. Ihr Vater hatte ihn einem Schauspieler abgekauft, einem Tragöden, der in Denver, Topeka, Kansas und St. Io vor leeren Häusern gespielt und in Omaha vollends schlechte Geschäfte gemacht hatte. Der Wert des Steines hatte hingereicht, um die Heimreise nach New York für die ganze Truppe zu bestreiten, und das war offenbar die einzige wirkliche Gutthat, die der Stein seinen Besitzern je erwiesen hatte. Der Tragöde hatte ihn nämlich einem Spieler abgewonnen, der einen andern im Streit darum niedergestochen hatte; der Mann, der für diesen Stein sein Leben hatte lassen müssen, hatte ihn sehr billig von einem durchgebrannten Commis eines Juwelenhändlers gekauft.

»Der Vollständigkeit halber sollte er schon aus den Minen, etwa aus Kimberley, herausgeschmuggelt worden und durch einen I. D. B. unter die Leute gekommen sein; finden Sie nicht, Herr Tarvin?«

Sie stellte ihre Fragen mit hochgezogenen Brauen und einem Zustimmung heischenden Lächeln: eine Forderung, die von Tarvins Seite immer rasch erfüllt wurde. Wenn sie Behauptungen aufgestellt hätte, die Galilei und Newton Lügen gestraft hätten, Tarvin würde ihr jetzt vollständig Recht gegeben haben. Er saß beobachtend und abwartend neben ihr, alle Willenskraft angespannt, wie der Jäger auf Anstand.

»Ich sehe oft lang in den Stein hinein,« plauderte Frau Mutrie weiter, »und suche, ob sich die Verbrechen, die er mit angesehen hat, nicht drin spiegeln! Ich finde sie prachtvoll gruselig, besonders den Mord – ist das nicht auch Ihr Geschmack, Herr Tarvin? Aber das Liebste ist mir doch der Stein an und für sich – er ist wirklich wunderschön, nicht wahr? Mein Papa sagt, es sei der schönste, der ihm je vor Augen gekommen sei, und in einem Gasthof bekommt man gute Diamanten zu sehen!«

Dabei liebäugelte sie zärtlich mit dem klaren Wasser des Steins.

»Es gibt doch nichts Herrlicheres als schöne Steine!« tief sie aus Herzensgrund mit leuchtenden Augen – zum erstenmal war der Klang ihrer Stimme ganz unbefangen und natürlich. »Einen tadellosen Stein könnte ich fortwährend ansehen, aus der Fassung dagegen mache ich mir nicht viel, es handelt sich mir nur um den Stein. Papa wußte wohl, wie ich edle Steine liebe, und lag immer auf der Lauer, von seinen Gästen welche zu erhandeln. Handlungsreisende haben nämlich eine große Vorliebe für Schmuck, aber in der Regel wissen sie einen guten Stein nicht von einem schlechten zu unterscheiden; dadurch kam Papa manchmal zu einem sehr guten Geschäft,« setzte sie, die Lippen nachdenklich kräuselnd, hinzu. »Er nahm immer nur wirklich Gutes und vertauschte es gegebenenfalls gegen noch Besseres. Zwei oder drei Steine gab er gern gegen einen ganz klaren, wenn sie nur die geringsten Flecken hatten – er wußte ja, daß ich mir nur aus den tadellosen etwas mache. Die liebe ich aber auch! Die sind einem mehr als viele Bekannte! Man hat sie immer bei sich und sie sind immer gleich schön!«

»Ich wüßte von einem Halsband, das Ihnen gefallen würde, wenn Sie Freude an derlei Sachen haben,« bemerkte Tarvin ruhig.

»Wahrhaftig?« rief sie freudestrahlend. »O, wo ist es?«

»Weit, weit von hier.«

»Ach, bei Tiffany! Sie wollen mich reizen,« rief sie wieder, in den gekünstelten Ton verfallend.

»Nein, viel weiter fort.«

»Wo denn?«

»In Indien.«

Einen Augenblick starrte sie ihn prüfend an.

»Bitte, beschreiben Sie mir’s!« sagte sie dann mit wahrer Inbrunst. Wieder waren Haltung und Ton ganz verändert, es gab wirklich etwas, was ihr heiliger Ernst war! »Ist es wirklich so schön?«

»Das Schönste auf der Welt.«

»Und woraus besteht es? Spannen Sie mich doch nicht auf die Folter!«

»Es besteht aus Diamanten, Perlen, Rubinen, Opalen, Türkisen, Amethysten, Saphiren, ein Seil voll! Die Rubinen sind so groß wie Ihre Faust und die Diamanten ungefähr wie Hühnereier. Es wäre ein Lösungsgeld für einen König!«

Die junge Frau schnappte förmlich nach Luft.

»Oh!« seufzte sie nach einer langen Pause und dann wieder: »Oh!« ein verwundertes, sehnsüchtiges schmachtendes Oh! »Und wo ist es?« fragte sie dann jählings.

»Am Hals eines Götzenbilds in der Provinz Radschputana. Möchten Sie es haben?« fragte Tarvin.

Sie lachte hell auf. »O ja,« rief sie.

»Dann werd‘ ich’s Ihnen verschaffen,« erklärte er einfach.

»O Sie…« schmollte sie.

»Ich werde es Ihnen verschaffen,« wiederholte Tarvin.

Sie warf das hübsche blonde Köpfchen zurück und lachte zu den gemalten Putten an der Decke des Wagens hinauf. Sie warf immer den Kopf zurück, wenn sie lachte; ihr weißes Hälschen nahm sich so hübsch aus dabei.

  1. I. D. B. steht für Illicit diamond buying, ein Vergehen gegen das strenge und streng gehandhabte Gesetz, das Minenarbeitern jeden Handel mit Diamanten untersagt. Anm. d. Uebers.