Romane

Der Schmetterling, der aufstampfte

Der Schmetterling, der aufstampfte

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Dieses, o meine Meistgeliebte, ist eine Geschichte – eine neue und wundervolle Geschichte – eine Geschichte, ganz anders als die anderen Geschichten – eine Geschichte über den Höchst Weisen Monarchen Suleiman-bin-Daoud – Salomon, den Sohn Davids.

Es gibt dreihundertfünfundfünfzig Geschichten über Suleiman-bin-Daoud; aber diese ist keine davon. Es ist nicht die Geschichte von dem Kiebitz, der das Wasser fand, oder von dem Wiedehopf, der Suleiman-bin-Daoud in der Hitze Schatten spendete. Es ist nicht die Geschichte von dem gläsernen Straßenpflaster oder von dem Rubin mit dem gekrümmten Loch, oder von den Goldbarren der Balkis. Es ist die Geschichte von dem Schmetterling, der aufstampfte.

Nun paß noch einmal auf und lausche!

Suleiman-bin-Daoud war weise. Er verstand, was die Tiere sprachen, was die Fische sprachen, was die Vögel sprachen und was die Insekten sprachen. Er verstand, was die Felsen tief unter der Erde sprachen, wenn sie sich ächzend zueinander neigten; und er verstand, was die Bäume sprachen, wenn sie mitten am Vormittag raschelten. Er verstand alles, vom Bischof auf der Kanzel bis zum Ysop an der Mauer, und Balkis, seine Hauptkönigin, die Wunderschöne Königin Balkis, war fast so weise wie er.

Suleiman-bin-Daoud war mächtig. Am dritten Finger der rechten Hand trug er einen Ring. Wenn er den einmal drehte, kamen Afrits und Dschinns aus der Erde, um alles auszuführen, was er ihnen befahl. Wenn er ihn zweimal drehte, kamen Feen vom Himmel herunter, um alles auszuführen, was er ihnen befahl; und wenn er ihn dreimal drehte, kam der sehr große Engel Azrael vom Schwert, als Wasserträger verkleidet, und erzählte ihm die Neuigkeiten aller drei Welten: der Oberen – der Unteren – und der Hiesigen.

Und doch war Suleiman-bin-Daoud nicht stolz. Er prahlte nur sehr selten, und wenn, dann tat es ihm nachher leid. Einmal versuchte er, alle Tiere der ganzen Welt an einem einzigen Tage zu füttern, aber als das Futter bereitgestellt war, kam ein Tier aus der Meerestiefe und fraß es mit drei Bissen auf. Suleiman-bin-Daoud war sehr erstaunt und sprach: »O Tier, wer bist du?« Und das Tier sprach: »O König, ewig sollst du leben! Ich bin der kleinste von dreißigtausend Brüdern, und unsere Heimat ist am Grunde des Meeres. Wir hörten, dass du alle Tiere der Welt füttern wolltest, und meine Brüder schickten mich zu fragen, wann das Mittagessen fertig wäre.« Suleiman-bin-Daoud staunte mehr als je und sprach: »O Tier, du hast das ganze Mittagessen verschlungen, welches ich für alle Tiere der Welt zubereiten ließ.« Und das Tier sprach: »O König, ewig sollst du leben, aber nennst du das wirklich ein Mittagessen? Wo ich herkomme, essen wir doppelt so viel zwischen den Mahlzeiten.« Da fiel Suleiman-bin-Daoud platt aufs Gesicht und sprach: »O Tier! Ich gab das Mittagessen, um zu zeigen, was für ein großer und reicher König ich bin, und nicht, weil ich wirklich gut zu den Tieren sein wollte. Jetzt schäme ich mich, und es geschieht mir recht.« Suleiman-bin-Daoud war ein wirklich und wahrhaftig weiser Mann, Meistgeliebte. Nach dieser Sache vergaß er nie, wie albern es ist, zu prahlen; und nun beginnt der eigentliche Geschichtenteil meiner Geschichte.

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Dies ist das Bild von dem Tier, das aus dem Meer kam und das ganze Futter fraß, das Suleiman-bin-Daoud für alle Tiere in der ganzen Welt bereitgestellt hatte. Er war wirklich ein ganz nettes Tier, und seine Mami mochte ihn sehr gerne, genau wie seine neunundzwanzigtausendneunhundertneunundneunzig anderen Brüder, die am Meeresgrund lebten. Du weißt, er war der kleinste von allen, und darum hieß er Klein-Porgies. Er fraß alle die Kisten und Pakete und Stapel und Sachen auf, die für alle Tiere bereitgestellt waren, ohne auch nur einen Deckel abzunehmen oder eine Schnur aufzuknoten, und es machte ihm überhaupt nichts aus. Die hochstehenden Masten hinter den Futterkisten gehören zu Suleiman-bin-Daouds Schiffen. Sie brachten gerade noch mehr Futter herbei, als Klein-Porgies zur Küste kam. Die Schiffe hat er nicht aufgefressen. Sie hörten mit dem Ausladen auf und segelten sofort aufs Meer hinaus, bis Klein-Porgies mit Fressen fertig war. Über Klein-Porgies Schulter kannst du sehen, wie einige Schiffe lossegeln. Ich habe Suleiman-bin-Daoud nicht gezeichnet, aber er ist gerade außerhalb des Bildes, und sehr erstaunt. Das Bündel, das am Mast des Schiffes in der Ecke hängt, ist eine Packung frischer Datteln, als Papageienfutter. Die Namen der Schiffe kenne ich nicht. Das ist alles, was es auf diesem Bild gibt.

Er heiratete sehr viele Frauen. Er heiratete außer der Wunderschönen Balkis noch neunhundertneunundneunzig Frauen; und sie lebten alle in einem großartigen goldenen Palast in der Mitte eines lieblichen Gartens voller Springbrunnen. Er wollte eigentlich keine neunhundertneunundneunzig Ehefrauen, aber in jenen Tagen heirateten alle Männer sehr viele Frauen, und natürlich mußte er als König die allermeisten heiraten, nur um zu zeigen, dass er der König war.

Manche der Frauen waren nett, aber einige waren einfach abscheulich, und die Abscheulichen zankten mit den Netten, bis die auch abscheulich wurden, und dann fingen sie alle an, mit Suleiman-bin-Daoud zu zanken, und das fand er abscheulich. Aber die Wunderschöne Balkis zankte nie mit Suleiman-bin-Daoud. Sie liebte ihn zu sehr. Sie saß in ihren Zimmern im Goldenen Palast oder ging im Palastgarten spazieren und hatte ehrliches Mitleid mit ihm.

Wenn er sich natürlich entschlossen hätte, den Ring an seinem Finger zu drehen und alle die Afrits und Dschinns herbeizurufen, dann hätten die alle neunhundertneunundneunzig zänkischen Frauen schon in weiße Wüstenesel oder Windhunde und Granatapfelsamen verwandelt; aber Suleiman-bin-Daoud hielt so etwas für zu prahlerisch. Wenn sie also zu viel zankten, ging er nur alleine in einem der schönen Palastgärten spazieren und wünschte, nie geboren zu sein.

Eines Tages, als sie drei Wochen lang gezankt hatten – sämtliche neunhundertneunundneunzig Frauen – ging Suleiman-bin-Daoud wie gewöhnlich aus, um Ruhe und Frieden zu finden; und unter den Orangenbäumen traf er die wunderschöne Balkis, die sich sehr sorgte, weil Suleiman-bin-Daoud so gequält war. Und sie sprach zu ihm: »O mein Herr und Licht meiner Augen, drehe den Ring an deinem Finger und zeige diesen Königinnen von Ägypten und Mesopotamien und Persien und China, dass du der große und schreckliche König bist.« Aber Suleiman-bin-Daoud schüttelte den Kopf und sprach: »O meine Herrin und Entzücken meines Lebens, erinnere dich an das Tier, das aus dem Meer kam und mich vor allen Tieren der Welt beschämte, weil ich prahlerisch war. Wenn ich jetzt vor diesen Königinnen von Persien und Ägypten und Abessinien und China prahlte, nur weil sie mich quälen, würde ich mich vielleicht noch mehr schämen als damals.«

Und die wunderschöne Balkis sprach: »O mein Herr und Schatz meiner Seele, was wirst du tun?«

Und Suleiman-bin-Daoud sprach: »O meine Herrin und Friede meines Herzens, ich werde mein Schicksal in den Händen dieser neunhundertneunundneunzig Königinnen, die mich mit ihrem unablässigen Gezänk belästigen, weiter ertragen.«

So ging er weiter durch die Lilien und Loquats und Rosen und Cannae und die schwer duftenden Ingwerpflanzen, die in dem Garten wuchsen, bis er zu dem großen Kampherbaum kam, der da genannt wurde: der Kampherbaum von Suleiman-bin-Daoud. Aber Balkis verbarg sich zwischen den hohen Irisstauden und dem gefleckten Bambus und den roten Lilien hinter dem Kampherbaum, um ihrem einzigen Geliebten nahe zu sein, dem Suleiman-bin-Daoud.

In dem Moment flogen zwei Schmetterlinge unter den Baum, die sich zankten.

Suleiman-bin-Daoud hörte, wie der eine zu dem anderen sprach: »Ich wundere mich sehr über deine Anmaßung, dass du so mit mir sprichst. Weißt du nicht, dass ich nur mit dem Fuß aufzustampfen brauchte, und sofort würde der ganze Palast von Suleiman-bin-Daoud, mitsamt diesem Garten hier, mit einem Donnerschlag verschwinden.«

Da vergaß Suleiman-bin-Daoud seine neunhundertneunundneunzig anstrengenden Frauen und lachte über die Großmäuligkeit des Schmetterlings, dass der Kampherbaum wackelte. Und er streckte einen Finger aus und sprach: »Kleiner Mann, komm her.«

Der Schmetterling war furchtbar verängstigt, aber er schaffte es, auf die Hand von Suleiman-bin-Daoud zu fliegen, hielt sich dort fest und fächelte sich Luft zu. Suleiman-bin-Daoud beugte den Kopf und flüsterte ganz leise: »Kleiner Mann, du weißt, dass all dein Stampfen nicht mal einen Grashalm biegen würde. Warum hast du deine Frau so schlimm angeschwindelt? – denn ohne Zweifel ist das deine Frau.«

Der Schmetterling schaute Suleiman-bin-Daoud an und sah, dass die Augen des höchstweisen Königs funkelten wie Sterne in einer frostigen Nacht, und er nahm seinen Mut in beide Flügel, legte den Kopf zur Seite und sprach: »O König, ewig sollst du leben. Sie ist meine Frau; und du weißt doch, wie Frauen sind.«

Suleiman-bin-Daoud lächelte in seinen Bart und sprach: »Ja, das weiß ich, kleiner Bruder.«

»Man muß sie irgendwie im Zaum halten,« sprach der Schmetterling, »und sie hat den ganzen Vormittag mit mir gezankt. Ich habe das gesagt, damit sie still ist.«

Und Suleiman-bin-Daoud sprach: »Möge es sie beruhigen. Geh zurück zu deiner Frau, kleiner Bruder, und laß mich euch zuhören.«

Zurück zu seiner Frau flog der Schmetterling, die hinter einem Blatt vor Aufregung zitterte, und sie sprach: »Er hat dich gehört! Suleiman-bin-Daoud persönlich hat dich gehört!«

»Mich gehört!« sagte der Schmetterling. »Natürlich hat er mich gehört. Ich wollte, dass er mich hört.«

»Und was hat er gesagt? Oh, was hat er gesagt?«

»Nun,« sprach der Schmetterling und fächelte sich wichtigtuerisch, »unter uns, meine Liebe – natürlich mache ich ihm keine Vorwürfe, denn sein Palast muß sehr teuer gewesen sein, und die Orangen werden gerade erst reif – er bat mich, nicht aufzustampfen, und ich habe ihm versprochen, es nicht zu tun.«

»Gütiger!« sprach seine Frau, und saß ganz still da; aber Suleiman-bin-Daoud lachte über die Unverschämtheit des bösen kleinen Schmetterlings, bis ihm die Tränen das Gesicht herabliefen.

Die wunderschöne Balkis erhob sich hinter dem Baum zwischen den roten Lilien und lächelte, denn sie hatte alles mit angehört. Sie dachte: »Wenn ich klug bin, kann ich meinen Herrn zukünftig vor den Verfolgungen dieser zänkischen Königinnen bewahren,« und sie streckte einen Finger aus und flüsterte der Schmetterlingsfrau leise zu: »Kleine Frau, komm her.« Auf flog die Schmetterlingsfrau, sehr verängstigt, und klammerte sich an Balkis weiße Hand.

Balkis neigte ihren schönen Kopf und flüsterte: »Kleine Frau, glaubst du das, was dein Ehemann eben gesagt hat?«

Die Schmetterlingsfrau schaute Balkis an und sah, daß die Augen der wunderschönen Königin wie tiefe Teiche im Sternenlicht glänzten, und sie nahm ihren Mut in beide Flügel und sprach: »O Königin, ewig sollst du lieblich bleiben. Du weißt doch, wie die Männer sind.«

Und die Königin Balkis, die Weise Balkis von Saba, hielt sich die Hand vor den Mund, um ein Lächeln zu verbergen, und sprach: »Kleine Schwester, ich weiß es.«

»Sie werden wütend,« sprach die Schmetterlingsfrau, »und zwar ohne jeden Grund, aber wir müssen sie bei Laune halten, O Königin. Sie meinen nicht die Hälfte von dem, was sie sagen. Wenn es meinem Mann Spaß macht, zu glauben, dass ich glaube, er könne Suleiman-bin-Daouds Palast verschwinden lassen, indem er mit dem Fuß aufstampft, dann ist mir das herzlich egal. Morgen hat er alles vergessen.«

»Kleine Schwester,« sprach Balkis, »du hast ganz recht; aber wenn er das nächste mal anfängt, aufzuschneiden, dann nimm ihn beim Wort. Bitte ihn, aufzustampfen und sieh, was geschehen wird. Wir wissen, wie die Männer sind, nicht wahr? Er wird sehr beschämt sein.«

Weg flog die Schmetterlingsfrau zu ihrem Ehemann, und nach fünf Minuten zankten sie schlimmer denn je.

»Vergiß nicht!« sprach der Schmetterling. »Vergiß nicht, was ich tun kann, wenn ich mit dem Fuß aufstampfe.«

»Ich glaube dir kein kleines bißchen,« sprach die Schmetterlingsfrau. »Ich würde das wirklich gerne sehen. Stampf‘ doch einfach mal.«

»Ich habe Suleiman-bin-Daoud vesprochen, dass ich es nicht tun würde,« sprach der Schmetterling, und ich will mein Versprechen nicht brechen.«

»Es würde nichts ausmachen, wenn du es tätest,« sprach seine Frau. »Du könntest mit deinem Stampfen keinen Grashalm biegen. Du traust dich nur nicht,« sprach sie. »Stampf! Stampf! Stampf!«

Suleiman-bin-Daoud, der unter dem Kampherbaum saß, hörte jedes Wort, und er lachte, wie er noch nie in seinem Leben gelacht hatte. Er vergaß seine Königinnen; er vergaß das Tier, das aus dem Meer gekommen war;

er vergaß die Prahlerei. Er lachte einfach aus Freude, und Balkis, auf der anderen Seite des Baumes, lächelte, weil ihr einziger Geliebter so froh war.

Jetzt kam der Schmetterling sehr erhitzt und keuchend, in den Schatten des Kampherbaumes zurückgewirbelt und sprach zu Suleiman: »Sie will, dass ich stampfe! Sie will sehen, was passiert, O Suleiman-bin-Daoud! Du weißt, dass ich es nicht kann, und jetzt wird sie mir nie wieder ein Wort glauben. Sie wird mich bis ans Ende meiner Tage auslachen!«

»Nein, kleiner Bruder,« sprach Suleiman-bin-Daoud, »sie wird nie mehr über dich lachen,« und er drehte den Ring an seinem Finger – nur zum Nutzen des kleinen Schmetterlings, nicht, um zu Prahlen, – und siehe, aus der Erde kamen vier stattliche Dschinns!

»Sklaven,« sprach Suleiman-bin-Daoud, »wenn dieser kleine Edelmann auf meinem Finger« (da saß der unverschämte Schmetterling nämlich) »mit dem linken vorderen Fuß aufstampft, werdet ihr meinen Palast und diese Gärten mit einem Donnerschlag verschwinden lassen. Wenn er noch einmal aufstampft, werdet ihr alles sorgfältig zurückbringen.«

»Jetzt, kleiner Bruder,« sprach er, »geh zurück zu deiner Frau und stampfe, so viel du Lust hast.«

Weg flog der kleine Schmetterling, zu seiner Frau, die schrie: »Du traust dich ja nicht! Du traust dich ja nicht! Stampf! Stampf jetzt! Stampf!« Balkis sah, wie die vier ungeheuren Dschinns sich zu den vier Ecken des Gartens mit dem Palast in der Mitte herabbeugten, und sie klatschte leise in die Hände udnsprach: »Zuguterletzt wird Suleiman-bin-Daoud zum Nutzen eines Schmetterlings tun, was er schon längst zu seinem eigenen Nutzen hätte tun sollen, und die zänkischen Königinnen werden eingeschüchtert sein!«

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Dies ist das Bild der vier Dschinns mit Möwenflügeln, die Suleiman-bin-Daouds Palast hochwuchten, genau in der Minute, als der Schmetterling aufstampfte. Der Palast und der Garten und alles kam in einem Stück hoch wie ein Brett, und im Boden blieb ein großes Loch voller Staub und Rauch zurück. Wenn du in die Ecke guckst, siehst du ganz nah bei dem Ding, das wie ein Löwe aussieht, Suleiman-bin-Daoud mit seinem Zauberstab und die beiden Schmetterlinge hinter ihm. Das Ding, das wie ein Löwe aussieht, ist in Wirklichkeit ein aus Stein gehauener Löwe, und das Ding, das wie eine Milchkanne aussieht, ist tatsächlich ein Stück von einem Tempel oder Haus oder so was. Suleiman-bin-Daoud hatte sich da hingestellt, um nicht in dem Staub und Schmutz zu stehen, als die Dschinns den Palast hochwuchteten. Die Namen der Dschinns kenne ich nicht. Sie waren Diener von Suleiman-bin-Daouds magischem Ring, und änderten sich jeden Tag. Sie waren einfach gewöhnliche Dschinns mit Möwenflügeln.

Das Bild unten zeigt einen sehr freundlichen Dschinn namens Akraig. Er fütterte dreimal täglich die kleinen Fische im Meer, und seine Flügel waren aus reinem Kupfer gemacht. Ich habe ihn hineingezeichnet, um dir zu zeigen, wie ein netter Dschinn aussieht. Er hat nicht mitgeholfen, den Palast hochzuheben. Er war damit beschäftigt, die kleinen Fische im Arabischen Meer zu füttern, als es geschah.

Der Schmetterling stampfte auf. Die Dschinns rissen den Palast und die Gärten tausend Meilen in die Luft: es gab einen gewaltigen Donnerschlag, und alles wurde tintenschwarz. Die Schmetterlingsfrau flatterte im Dunkel herum und schrie: »Oh, ich werde lieb sein! Es tut mir so leid, was ich gesagt habe. Bring nur die Gärten zurück, mein lieber guter Mann, und ich werde nie mehr widersprechen.«

Der Schmetterling war fast so erschrocken wie seine Frau, und Suleiman-bin-Daoud lachte so sehr, dass es mehrere Minuten dauerte, bis er wieder genug Luft hatte, um dem Schmetterling zu zu flüstern: »Stampf noch einmal, kleiner Bruder. Gib mir meinen Palast zurück, großmächtiger Zauberer.«

»Ja, gib ihm seinen Palast zurück,« sprach die Schmetterlingsfrau, die immer noch wie eine Motte im Dunkeln umherflog. »Gib ihm seinen Palast zurück, und laß es mit der gräßlichen Zauberei genug sein.«

»Tja, meine liebe,« sagte der Schmetterling so tapfer wie er konnte, »jetzt siehst du, wohin deine Nörgelei geführt hat. Natürlich macht es mir überhaupt nichts aus – ich bin an diese Dinge gewöhnt – aber um Suleiman-bin-Daoud und dir einen Gefallen zu tun, stört es mich nicht, die Sache wieder in Ordnung zu bringen.«

Also stampfte er noch einmal auf, und im selben Augenblick ließen die Dschinns den Palast und die Gärten ohne jede Erschütterung wieder herunter. Die Sonne schien auf die dunkelgrünen Orangenblätter; die Springbrunnen spielten zwischen den rosafarbenen ägyptischen Lilien; die Vögel sangen weiter, und die Schmetterlingsfrau lag unter dem Kampherbaum auf der Seite, zuckte mit den Flügel und keuchte: »Oh, ich werde lieb sein! Ich werde lieb sein!«

Suleiman-bin-Daoud konnte vor Lachen kaum sprechen. Erlehnte sich zurück, ganz schwach und hicksend, drohte dem Schmetterling mit dem Finger und sprach: »O großer Zauberer, welchen Sinn hat es, mir meinen Palast zurückzugeben, wenn du mich im selben Moment mit Heiterkeit erschlägst!«

Dann kam ein schrecklicher Lärm auf, denn alle neunhundertneunundneunzig Königinnen rannten kreischend und schreiend und nach ihren Kindern rufend aus dem Palast. Sie stürmten die großen Marmorstufen unterhalb des Springbrunnens hinab, einhundert nebeneinander, und die weise Balkis trat ihnen würdevoll entgegen und sprach: »Was beunruhigt euch, O Königinnen?«

Sie standen, einhundert nebeneinander, auf den Marmorstufen und riefen: »Was uns beunruhigt? Wir lebten friedlich in unserem goldenen Palast, wie es unsere Gewohnheit ist, als plötzlich der Palast verschwand, und wir uns in einer dicken und ungesunden Dunkelheit wiederfanden; und es donnerte, und Dschinns und Afrits schwebten in der Dunkelheit herum! Das beunruhigt uns, O Hauptkönigin, und wir sind wegen dieser Beunruhigung ganz extrem beunruhigt, weil es eine beunruhigende Beunruhigung war, anders als alle Beunruhigung, die wir kannten.«

Da sprach Balkis, die Wunderschöne Königin – Suleiman-bin-Daouds Überaus Meistgeliebte – Königin war sie von Saba und Sable und der Goldenen Flüsse des Südens – von den Wüsten von Zinn bis zu den Türmen von Zimbabwe – Balkis, fast so weise wie der Höchst Weise Suleiman-bin-Daoud selbst: »Es ist nichts, O Königinnen! Ein Schmetterling hat seine Frau angeklagt, weil sie mit ihm gezankt hat, und es hat unserem Herrn Suleiman-bin-Daoud gefallen, ihr eine Lektion in Leise-Sprechen und Demut zu erteilen, weil das unter den Frauen der Schmetterlinge als Tugend angesehen wird.«

Da erhob eine ägyptische Königin – Tochter eines Pharaohs – die Stimme und sprach: »Unser Palast kann nicht zumNutzen eines kleinen Insekts mitsamt den Wurzeln herausgezogen werden wie eine Lauchstange. Nein! Suleiman-bin-Daoud muß tot sein, und was wir gehört und gesehen haben, war das Donnern und Verdunkeln der Erde wegen dieser Nachricht.«

Da winkte Balkis dieser kühnen Königin, ohne sie anzusehen, und sprach zu ihr und den anderen: »Kommt und seht.«

Sie kamen die Marmorstufen herab, hundert nebeneinander, und da, unter seinem Kampherbaum, noch immer schwach vor Lachen, sahen sie den Höchst Weisen König Suleiman-bin-Daoud vor- und zurückschaukeln, mit einem Schmetterling auf jeder Hand, und sie hörten, wie er sprach: »O Frau meines Bruders in den Lüften, vergiß hiernach nicht, deinem Ehemann in allen Dingen Freude zu bereiten, weil er sonst gezwungen wäre, noch einmal mit dem Fuß aufzustampfen; denn er hat gesagt, dass er an seine Magie gewöhnt ist, und er ist ganz offensichtlich ein großer Zauberer – einer, der den wirklichen Palast von Suleiman-bin-Daoud persönlich stehlen kann. Geht in Frieden, kleine Leute!« Und er küßte sie auf die Flügel, und sie flogen weg.

Da fielen alle Königinnen außer Balkis – der wunderschönen und herrlichen Balkis, die lächelnd abseits stand – platt aufs Gesicht, denn sie sagten: »Wenn er das tut, weil ein Schmetterling mit seiner Frau unzufrieden ist, was wird uns dann geschehen, die wir unseren König mit unserem lauten Sprechen und offenen Gezänk so viele Tage geärgert haben?«

Da zogen sie ihre Schleier vors Gesicht und hielten sich die Hände vor den Mund und gingen auf Zehenspitzen mucksmäuschenstill in den Palast zurück.

Dann schritt Balkis – die Wunderschöne und Hervorragende Balkis – durch die roten Lilien in den Schatten des Kampherbaums und legte ihre Hand auf Suleiman-bin-Daouds Schulter und sprach: »O mein Herr und Schatz meiner Seele, freue dich, denn wir haben den Königinnen von Ägypten und Äthiopien und Abessinien und Persien und China eine große und denkwürdige Lehre erteilt.«

Und Suleiman-bin-Daoud, der noch immer den Schmetterlingen nachschaute, wie sie im Sonnenlicht spielten, sprach: »O meine Herrin und Juwel meines Glücks, wann ist das geschehen? Denn ich habe, seit ich in den Garten kam, mit einem Schmetterling gespaßt.« Und er erzählte Balkis, was er gemacht hatte.

Balkis – die milde und Höchst Liebliche Balkis – sprach: »O mein Herr und Regent meiner Existenz, ich war hinter dem Kampherbaum versteckt und habe alles gesehen. Ich war es, die der Schmetterlingsfrau riet, den Schmetterling zum Stampfen aufzufordern, weil ich hoffte, dass mein Herr zum Spaß einen großen Zauber machen würde, und dass die Königinnen ihn sähen und verängstigt wären.« Und sie erzählte ihm,was die Königinnen gesagt und gesehen und gedacht hatten.

Da stand Suleiman-bin-Daoud vonseinem Sitz unter dem Kampherbaum auf, streckte seine Arme aus und freute sich und sprach: »O meine Herrin, Versüßerin meiner Tage, wisse: wenn ich aus Stolz und Ärger einen Zauber gegen meine Königinnen gemacht hätte, so wie ich das Fest für die Tiere gemacht habe, würde mich das sicherlich in Schande gestürzt haben. Aber durch deine Weisheit habe ich aus Spaß und zumNutzen eines kleinen Schmetterlings einen Zauber gemacht, und – siehe! – es hat mich auch von dem Ärger mit meinen ärgerlichen Frauen befreit! Sage mir also, O meine Herrin und Herz meines Herzens, wie bist du zu dieser Weisheit gekommen?« Und Balkis, die Königin, schön und hochgewachsen, schaute auf in Suleiman-bin-Daouds Augen und neigte den Kopf ein wenig zur Seite, gerade wie der Schmetterling, und sprach: Erstens, mein Herr, weil ich dich liebe; und zweitens, O mein Herr, weil ich weiß, wie die Frauen sind.«

Dann gingen sie in den Palast zurück und lebten glücklich und in Frieden.

Aber war das nicht listig von Balkis?

Einzig war Königin Balkis
Von hier bis zum Ende der Welt;
Denn Balkis sprach mit der Schmetterlingsfrau
Als wäre sie ihr Freund.

Einzig war König Salomon,
seit Anbeginn der Welt,
Denn Salomon sprach mit dem Schmetterling
Als wäre er sein Freund.

Sie war die Herrin Sabäas,
Ganz Asiens König war er;
Mit Schmetterlingen sprachen sie,
Wenn sie ins Ausland fuhr’n.

Wie das Alphabet erfunden wurde

In der Woche, nachdem Taffimai Metallumai (wir werden sie weiterhin Taffi nennen, Meistgeliebte) den kleinen Fehler mit dem Speer ihres Pappis und dem fremden Mann und dem Bilderbrief und allem gemacht hatte, ging sie wieder mit ihrem Pappi zum Karpfenfischen. Ihre Mami wollte, dass sie zu Hause blieb und half, Felle zum Trocknen auf die großen Trockenpfähle vor der neusteinzeitlichen Höhle zu hängen, aber Taffi riß ganz früh zu ihrem Pappi aus, und sie fischten. Auf einmal begann sie zu kichern, und ihr Pappi sagte: »Sei nicht albern, Kind.«

»Aber das war doch so anregend,« sagte Taffi. »Weißt Du nicht mehr, wie der Oberhäuptling seine Backen aufgeblasen hat, und wie komisch der nette fremde Mann mit dem Schlamm in den Haaren ausgesehen hat?«

»Das weiß ich noch sehr gut,« sagte Tegumai. »Ich mußte dem fremden Mann für alles, was wir ihm angetan haben, zwei Hirschfelle geben – weiche mit Fransen.«

»Wir haben ihm gar nichts getan,« sagte Taffi. »Es war Mami mit den anderen Neusteinzeitdamen – und der Schlamm.«

»Wir wollen nicht darüber sprechen,« sagte Tegumai. »Laß uns essen.«

Taffi nahm einen Markknochen und saß ganze zehn Minuten lang mäuschenstill, während ihr Pappi mit einem Haifischzahn auf Birkenrindenstücken herumkratzte. Dann sagte sie: »Pappi, ich habe mir eine geheime Überraschung ausgedenkt. Mach mal ein Geräusch – irgendeins.«

»Ah!« sagte Tegumai. »Genügt das für den Anfang?«

»Ja,« sagte Taffi. » Du siehst aus wie ein Karpfen mit offenem Maul. Sag’s bitte noch einmal.«

»Ah! Ah! Ah!« sagte ihr Pappi. »Sei nicht unverschämt, meine Tochter.«

»Ich meine es nicht unverschämt, wirklich und wahrhaftig,« sagte Taffi. »Das ist doch mein geheimer Überraschungsgedanke. Sag noch mal Ah, Pappi, und laß deinen Mund am Schluß offen, und leih mir mal den Zahn. Ich werde ein weit offenes Karpfenmaul malen.«

»Wozu?« sagte ihr Pappi.

»Verstehst du nicht?« sagte Taffi und kratzte auf ihrer Rinde. »Das wird unsere kleine geheime Überraschung. Wenn ich einen Karpfen mit weit offenem Maul hinten in den Ruß auf der Wand in unserer Höhle male – wenn Mami es erlaubt – wird er dich an das Geräusch erinnern. Dann können wir so tun, als würde ich aus dem Dunkeln hervorspringen und dich mit dem Geräusch erschrecken – genau wie ich es letzten Winter im Bibersumpf gemacht habe.«

»Tatsächlich?« sagte ihr Pappi mit der Stimme, die Erwachsene haben, wenn sie wirklich aufpassen. »Mach weiter, Taffi.«

»Ach Ärgernis!« sagte sie. »Ich kann keinen ganzen Karpfen malen, nur sowas, das wie ein Karpfenmaul aussieht. Weißt du nicht, wie sie auf dem Kopf stehen und im Schlamm wühlen? Also, das hier wäre wohl ein Karpfen (wir können so tun, als ob ich den Rest auch gemalt hätte). Hier ist genau sein Maul, und das heißt Ah.« Und das malte sie:

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»Das ist nicht schlecht,« sagte Tegumai und kratzte auf seinem eigenen Rindenstück; »aber du hast den Fühler vergessen, der ihm am Maul hängt.«

»Aber ich kann doch nicht malen, Pappi.«

»Du brauchst nichts von ihm zu malen als das offene Maul und den Fühler daran. Dann wissen wir, dass es ein Karpfen ist, weil die Barsche und Forellen keine Fühler haben. Guck, Taffi.« Und er malte das:

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»Das male ich jetzt ab,« sagte Taffi. »wirst du das verstehen, wenn du es siehst?«

»Haargenau,« sagte ihr Pappi.

Und sie malte das:

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»Und ich werde genau so erschrocken sein, wenn ich es irgendwo sehe, als wenn du hinter einem Baum hervorgesprungen wärst und »Ah!« gemacht hättest.

»So, jetzt mach‘ ein anderes Geräusch,« sagte Taffi sehr stolz.

»Yah!« sagte ihr Pappi sehr laut.

»Hhm,« sagte Taffi. »Das ist ein gemischtes Geräusch. Das Ende ist ein Ah-Karpfenmaul; aber was machen wir mit dem Vorderteil? Y-y-y und Ah! Ya!«

»Es ist dem Karpfenmaulgeräusch sehr ähnlich. Laß uns ein anderes Teil vom Karpfen malen und die beiden verbinden,« sagte ihr Pappi. Er war auch ganz angeregt.

»Nein. Wenn sie verbunden sind, kann ich es mir nicht merken. Mal‘ es einzeln. Mal‘ seinen Schwanz. Wenn er auf dem Kopf steht, kommt zuerst der Schwanz. Ausserdem kann ich den Schwanz am leichtesten malen, glaube ich,« sagte Taffi.

»Eine gute Idee,« sagte Tegumai. »Hier hast du einen Karpfenschwanz für das Y-Geräusch .« Und er malte das:

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»Jetzt versuche ich’s,« sagte Taffi. »Denk dran, ich kann nicht so malen wie du, Pappi. Genügt es wohl, wenn ich einfach das geteilte Ende vom Schwanz male, und das gerade Ende für die Verbindung?« Und sie malte das:

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Ihr Pappi nickte, und seine Augen leuchteten hell vor Aufregung.

»Das ist schön,« sagte sie. »Jetzt mach noch ein Geräusch, Pappi.«

»Oh!« sagte ihr Pappi sehr laut.

»Das ist ganz leicht,« sagte Taffi. »Du hast den Mund ganz rund gemacht, wie ein Ei oder einen Kieselstein. Also wird ein Ei oder ein Stein dafür gut genug sein.«

»Du wirst nicht überall Eier oder Steine finden. Wir müssen so ein ähnliches rundes Ding kratzen.« Und er malte das:

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»Mein Güte!« sagte Taffi, »was für eine Menge Geräusch-Bilder wir gemacht haben, – Karpfenmaul, Karpfenschwanz und Ei! Jetzt mach noch ein Geräusch, Pappi.«

»Sch!« sagte ihr Pappi, und runzelte die Stirn, aber Taffi war zu aufgeregt, um es zu bemerken.

»Das ist ziemlich einfach,« sagte sie und kritzelte auf die Rinde.

»Hä, was?« sagte ihr Pappi. »Ich meinte, du solltest mich nicht beim Nachdenken stören.«

»Es war ja trotzdem ein Geräusch. Das war das Geräusch, was die Schlangen machen, Pappi, wenn sie nicht beim Nachdenken gestört werden wollen. Ist das so richtig?« Und sie malte das:

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»So,« sagte sie. Das ist noch ein Überraschungsgeheimnis. Wenn du eine Zischel-Schlange an den Eingang von deiner kleinen Hinterhöhle, wo du die Speere reparierst, hinmalst, dann weiß ich, dass du nachdenkst; und dann bin ich ganz mäuschenstill, wenn ich reinkomme. Und wenn du fischen gehst, kannst du sie auf einen Baum am Fluß malen, dann weiß ich, dass ich ganz ganz mäuschenstill gehen muß, damit ich nicht das Ufer erschüttere.«

»Haargenau wahr,« sagte Tegumai. »An diesem Spiel ist mehr dran, als du denkst. Taffi-liebes, ich habe eine Ahnung, dass deines Pappis Tochter auf das tollste Ding gekommen ist, dass es je gab, seit der Stamm von Tegumai Haifischzähne statt Flintstein für die Speerspitzen genommen hat. Ich glaube, wir haben das große Geheimnis der Welt entdeckt.«

»Warum?« sagte Taffi, und auch ihre Augen leuchteten vor Anregung.

»Ich erkläre es,« sagte ihr Pappi. »Wie nennt man Wasser in der Tegumaisprache?«

»›Ya‹, natürlich, und das heißt auch Fluß – zum Beispiel ›Wagai ya‹ – der Fluß Wagai.«

»Wie nennt man schlechtes Wasser, von dem du Fieber kriegst, wenn du es trinkst – schwarzes Wasser – Sumpfwasser?«

»›Yo‹ natürlich.«

»Jetzt guck mal,« sagte ihr Pappi. »Angenommen, du sähest das hier an ein Wasserloch im Bibersumpf gemalt?« Und er malte das.:

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»Karpfenschwanz und rundes Ei. Zwei Geräusche vermischt! Yo, schlechtes Wasser,« sagte Taffi. »‘Türlich würde ich das Wasser nicht trinken, weil ich wüßte, das du gesagt hast, es ist schlecht.«

»Aber ich müßte gar nicht in der Nähe von dem Wasser sein. Ich könnte meilenweit weg sein, jagen, und trotzdem –«

»Und trotzdem wäre es wäre es genau so, als ob du da ständest und sagtest ›Geh weg, Taffi, oder du kriegst Fieber.‹ Das ist alles in dem Karpfenschwanz und dem runden Ei! O, Pappi, das müssen wir Mami erzählen, schnell!« und Taffi tanzte um ihn herum.

»Noch nicht,« sagte Tegumai; »erst, wenn wir etwas weiter sind. Laß mal sehen. Yo ist schlechtes Wasser, aber So ist auf dem Feuer gekochtes Essen, nicht wahr?« Und er malte das:

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»Ja. Schlange und Ei.« sagte Taffi. »›So‹ bedeutet, dass das Essen fertig ist. Wenn du das in einen Baum gekratzt sähst, wüßtest du, dass es Zeit ist, zur Höhle zu kommen. Ich auch.«

»Mein kluges Kind!« sagte Tegumai. »Das ist wahr. Aber warte mal. Ich seh‘ da eine Schwierigkeit. ›So‹ heißt: ›kommt zum Essen‹, aber ›Sho‹ heißen die Trockenpfähle, wo wir unsere Felle aufhängen.«

»Gräßliche Trockenpfähle!« sagte Taffi. »Ich hasse es, die schweren, heißen, haarigen Felle aufhängen zu helfen. Wenn du Schlange und Ei maltest, und ich dächte, es bedeutete Mittagessen, und ich käme aus dem Wald und müßte Mami helfen, die beiden Felle auf das Trockengerüst zu hängen, was dann?«

»Dann wärst du sauer. Und Mami auch. Wir müssen für ›sho‹ ein anderes Bild malen. Wir müssen eine gefleckte Schlange malen, die ›sh-sh‹ macht, und wir tun so, als ob die einfache Schlange nur ›ssss‹ machte.«

»Ich könnte aber vielleicht die Flecken nicht richtig reinmalen,« sagte Taffi. »Und v’leicht, wenn du es eilig hättest, würdest du sie weglassen, und ich würde denken, es wäre ›so‹ wenn es eigentlich ›sho‹ sein sollte, und Mami würde mich doch kriegen. Nein! Ich glaube,wir malen lieber ein Bild von den gräßlichen hohen Trockenpfählen selbst, dann ist es sicher. Ich ritze sie gleich hinter die Zischel-Schlange. Guck!« Und sie malte das:

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»V’leicht ist das am sichersten. Es sieht jedenfalls ziemlich genau aus wie unsere Trockenpfähle, sagte ihr Pappi. »Jetzt mache ich ein Geräusch mit einer Schlange und einem Trockenpfahl. Ich sage ›shi‹. Das bedeutet ›Speer‹ in Tegumai-Sprache, Taffi.« Und er lachte.

»Mach dich nicht über mich lustig,« sagte Taffi, weil sie an ihren Bilderbrief und den Schlamm in den Haaren des fremden Mannes dachte. »Mal du das, Pappi.«

»Diesmal ohne Biber oder Hügel, hm?« sagte ihr Pappi. »Ich male nur eine gerade Linie für meinen Speer.« Und er malte das:

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»Da würde nicht mal Mami denken, dass das bedeutet, dass ich ermordet werde.«

»Bitte sag das nicht, Pappi. Da wird mir ungemütlich. Mach noch ein paar Geräusche. Wir kommen schön voran.«

»Äh-hm!« sagte Tegumai. Wir sagen mal ›shu‹. Das bedeutet Himmel.«

Taffi malte die Schlange und den Trockenpfahl. Dann stutzte sie. »Wir müssen ein neues Bild für den Klang am Ende malen, oder ?«

»Shu-shu-u-u-u!« sagte ihr Pappi. »Was soll’s, das ist nur das runde Eigeräusch, etwas schwächer gemacht.«

»Also angenommen, wir malen ein schmales rundes Ei und tun so, als ob das ein Frosch wäre, der seit Jahren nichts gefressen hat.«

»N-nein,« sagte ihr Pappi. »Wenn wir das zu schnell malten, könnten wir es mit dem runden Ei selbst verwechseln. Sh-shu-shu! Ich sag‘ dir, was wir tun. Wir machen ein kleines Loch in das runde Ei, dann sieht man, wie das O-Geräusch schwächer wird, ooo-oo-oo. Genau so.« Und er malte das:

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»Oh, das ist hübsch! Viel besser als ein dünner Frosch. Mach weiter,« sagte Taffi und ritzte mit ihrem Haifischzahn. Ihr Pappi malte weiter, und seine Hand zitterte vor Anregung. Er hörte nicht auf, bis er das gemalt hatte:

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»Nicht nachgucken, Taffi,« sagte er. »Versuch mal, ob du herausfinden kannst, was das in der Tegumaisprache bedeutet. Wenn du es kannst, haben wir das Geheimnis gefunden.«

»Schlange-Trockenpfahl-Ei-mit-Loch-Karpfenschwanz und Karpfenmaul,« sagte Taffi. »Shu-ya. Himmel-Wasser (Regen).« Eben da fiel ein Tropfen auf ihre Hand, denn der Himmel hatte sich bewölkt. »Ach, Pappi, es regnet. Wolltest du mir das sagen?«

»Natürlich,« sagte ihr Pappi. »Und ich habe es dir gesagt, ohne ein Wort zu sprechen, stimmts?«

»Gut, ich dachte, ich hätte es in einer Minute rausgefunden, aber der Regentropfen hat es mir ganz klar gemacht. Das werde ich jetzt nie mehr vergessen. ›Shu-ya‹ heißt ›Regen‹, oder ›es wird gleich regnen‹. Ach, Pappi!« Sie sprang auf und tanzte um ihn herum. »Angenommen, du gingst weg, bevor ich wach wäre, und maltest ›shu-ya‹ in den Ruß auf der Wand, dann wüßte ich, dass es regnen wird und würde meine Biberfellkapuze mitnehmen. Wäre Mami nicht überrascht?«

Tegumai sprang auf und tanzte. (Pappis hatten in jenen Tagen keine Schwierigkeiten, so etwas zu tun.) »Mehr noch! Mehr noch!« sagte er.

»Angenommen, ich wollte dir sagen, dass es nicht sehr lange regnen wird und dass du zum Fluß kommen mußt, was würden wir malen? Sag‘ die Worte zuerst in der Tegumaisprache.«

»Shu-ya-las, ya maru. (Himmel-Wasser endet. Fluß hinkommen.) wie viele neue Geräusche! Ich weiß nicht, wie wir die malen sollen.«

»Aber ich weiß es – ich weiß es!« sagte Tegumai. Warte nur eine Minute, Taffi, und dann sind wir für heute fertig. Shu-ya haben wir schon, nicht wahr? Aber dieses ›las‹ ist schwierig. La-la-la« und er schwenkte seinen Haifischzahn.

»Die Zischel-Schlange ist am Ende, und das Karpfenmaul vor der Schlange – as-as-as. Wir brauchen nur la-la,« sagte Taffi.

»Das weiß ich, aber wir müssen la-la erfinden. Und wir sind die Ersten auf der ganzen Welt, die das jemals versucht haben, Taffimai!«

»Gut,« gähnte Taffi, denn sie war ziemlich müde. »›Las‹ bedeutet ›brechen‹ oder ‚beenden‘ oder auch ›aufhören‹, oder?«

»So ist es,« sagte Tegumai. »›To-las‹ heißt, dass kein Wasser mehr zum Kochen für Mami in der Zisterne ist – meistens, wenn ich jagen gehen will.«

»Und shi-las bedeutet, dass dein Speer zerbrochen ist. Wenn ich doch darauf gekommen wäre, anstatt alberne Biberbilder für den Fremden zu malen!«

»La! La! La!« sagte Tegumai und schwenkte mit grimmigem Gesicht seinen Stock. »Hach! Schwierig!«

»Ich hätte ›shi‹ ziemlich einfach malen können,« fuhr Taffi fort. »Da hätte ich deinen Speer ganz zerbrochen gemalt – so!« Und sie malte:

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»Das ist es,« sagte Tegumai. »Das ist ›la‹, ganz genau. Es ähnelt auch den anderen Zeichen überhaupt nicht.« Und er malte das:

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»Nun zu ›ya‹. Oh, das haben wir schon. Also ›maru‹. Mum-mum-mum. Mum schließt dir den Mund, oder? Wir malen so einen geschlossenen Mund. Und er malte:

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»Jetzt das offene Karpfenmaul. Das macht ›Ma-ma-ma‹! Aber was ist mit diesem rrrrr-Ding, Taffi?«

»Es klingt ganz rauh und kantig, wie deine Haifischzahnsäge, wenn du eine Planke für ein Kanu schneidest,« sagte Taffi.

»Du meinst, mit sehr scharfen Kanten, so wie das?« sagte Tegumai. Und er malte:

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»Genau,« sagte Taffi. Aber wir wollen nicht so viele Zähne; mach nur zwei.«

»Ich mache nur einen,« sagte Tegumai. »Wenn aus unserem Spiel das wird, was ich glaube, dann – je einfacher wir unsere Geräuschbilder machen, desto besser für alle.« Und er malte:

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»Jetzt haben wir’s,« sagte Tegumai, auf einem Bein stehend. »Ich male sie jetzt alle an eine Schnur, wie Fische.«

»Sollten wir nicht besser einen kleinen Stock oder so etwas zwischen jedes Wort tun, damit sie sich nicht aneinander reiben und sich anrempeln, als ob sie Karpfen wären?«

»Oh, dafür lasse ich Platz,« sagte ihr Pappi. Und sehr angeregt malte er sie alle, ohne anzuhalten, auf ein großes frisches Stück Birkenrinde:

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»Shu-ya-las ya-maru,« sagte Taffi, alle Geräusche einzeln vorlesend.

»Das ist genug für heute,« sagte Tegumai. »Außerdem wirst du müde, Taffi. Mach dir nichts draus, Liebes. Wir machen morgen alles fertig, und dann wird man sich noch nach Jahren und Jahren an uns erinnern, nachdem die größten Bäume, die du sehen kannst, schon längst zu Feuerholz zersägt sind.«

So gingen sie heim, und den ganzen Abend saß Tegumai auf der einen Seite des Feuers und Taffi auf der anderen, und sie malten ›ya‹ und ›yo‹ und ›shu‹ und ›shi‹ in den Ruß auf der Wand und kicherten miteinander, bis ihre Mami sagte: »Wirklich, Tegumai, du bist schlimmer als meine Taffi.«

»Bitte mach‘ dir nichts daraus,« sagte Taffi, »es ist nur eine geheime Überraschung, liebe Mami, und wir werden dir alles erzählen, sobald es fertig ist; aber bitte frag‘ mich jetzt nicht, was es bedeutet, sonst muß ich es sofort erzählen.«

Also war ihre Mami sehr bedacht, nicht zu fragen; und am hellen frühen nächsten Morgen ging Tegumai zum Fluß hinunter, um über die neuen Geräuschbilder nachzudenken, und als Taffi aufstand, sah sie ›Ya-las‹ (das Wasser ist alle) mit Kreide auf die Seite der großen steinernen Zisterne vor der Höhle gemalt.

»Hmm,« sagte Taffi, »diese Bildgeräusche sind ein ziemliches Ärgernis! Pappi hätte ebensogut selber herkommen und mir sagen können, dass ich Kochwasser für Mami holen muß.« Sie ging zu der Quelle hinter dem Haus und füllte die Zisterne mit einem Rindeneimer, und dann rannte sie zum Fluß und zog ihren Pappi am linken Ohr – an dem sie immer ziehen durfte, wenn sie brav war.

»Jetzt komm, wir malen alle übrigen Geräuschbilder,« sagte ihr Pappi, und sie verbrachten einen höchst anregenden Tag damit, mit einem schönen Mittagessen mittendrin und zwei Balgereien. Als sie zum ›T‹ kamen, sagte Taffi, weil ihr Name und der ihres Pappis und der ihrer Mami alle mit diesem Geräusch anfingen, sollten sie eine Art Familienbild von sich selber malen, wie sie sich an den Händen hielten. Das war ganz gut, wenn man es ein- oder zweimal malte; aber als sie es sechs- oder siebenmal getan hatten, malten Taffi und Tegumai es immer kritzeliger und kritzeliger, bis das T-Geräusch schließlich nur noch ein langer Tegumai war, der die Arme ausstreckte, um Taffi und Teshumai zu halten. An diesen drei Bildern könnt ihr teilweise sehen, wie das passierte:

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Viele von den anderen Bildern waren anfangs viel zu schön, besonders die von vor dem Mittagessen, aber als sie wieder und wieder auf Birkenrinde gemalt wurden, wurden sie einfacher und leichter, bis Tegumai schließlich sagte, dass er nichts mehr daran aussetzen könnte. Sie drehten für das Z-Geräusch die Zischel-Schlange um, damit zu sehen war, dass sie auch ganz scharf und unfreundlich zischen konnte

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und für das ›E‹ machten sie einfach einen Schnörkel, weil es so oft in den Bildern vorkam;

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und für das ›B‹ malten sie Bilder vom Heiligen Biber der Tegumais;

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und weil es ein nörgeliges, nasales Geräusch war, malten sie einfach Nasen für das N-Geräusch, bis sie müde wurden;

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und sie malten ein Bild vom Maul des großen Seehechts für das gierige Ga-Geräusch;

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und sie malten das Hechtmaul noch einmal, mit einem Speer dahinter, für das kratzige, schmerzhafte K-Geräusch;

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und für das nette, wendig-wendige W-Geräusch malten sie Bilder von einem kleinen Stückchen des gewundenen Wagai-Flusses;

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und so weiter und immer so fort, bis sie alle Geräuschbilder fertig gemalt hatten, die sie wollten, und das war das Alphabet, ganz vollständig.

Und nach Tausenden und Tausenden und Tausenden von Jahren, und nach Hieroglyphikern und Demotikern, und Nilotikern, und Kryptikern, und Kufikern, und Runikern, und Doriern und Ioniern und allen Arten von -ikern und -iriern (weil die Woons und Negusse und Mullahs und Bewahrer der Tradition niemals eine gute Sache in Ruhe lassen würden, sobald sie sie sahen), bekam das gute alte, einfach zu verstehende Alphabet – A, B, C, D, E und der ganze Rest – seine richtige Form zurück, damit alle Meistgeliebten es lernen konnten, sobald sie alt genug waren.

Aber ich erinnere mich an Tegumai Bopsulai und Taffimai Metallumai und Teshumai Tewindrow, ihre liebe Mami, und die vergangenen Zeiten. Und so war es – genau so – vor einiger Zeit – an den Ufern des großen Wagai!

OF all the Tribe of Tegumai
Who cut that figure, none remain, –
On Merrow Down the cuckoos cry
The silence and the sun remain.

But as the faithful years return
And hearts unwounded sing again,
Comes Taffy dancing through the fern
To lead the Surrey spring again.

Her brows are bound with bracken-fronds,
And golden elf-locks fly above;
Her eyes are bright as diamonds
And bluer than the skies above.

In mocassins and deer-skin cloak,
Unfearing, free and fair she flits,
And lights her little damp-wood smoke
To show her Daddy where she flits.

For far – oh, very far behind,
So far she cannot call to him,
Comes Tegumai alone to find
The daughter that was all to him.

Wie der Wal zu seinem Rachen kam

Wie der Wal zu seinem Rachen kam

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Es war einmal im Ozean, o mein Meistgeliebter, ein Wal, und der fraß Fische. Er fraß den Sternfisch und den Sonnenfisch, und die Krabbe und die Dabbe, und den Barsch und den Dorsch, und den Kabeljau samt seiner Frau, und die Makrele und die Garnele und den wirklich echten Schlingel-Schlängel-Aal. Alle Fische, die er im ganzen Ozean finden konnte, fraß er so mit seinem Maul! Bis zuletzt nur noch ein kleiner Fisch im ganzen Ozean übrig war, und das war ein kleiner Schlaufisch, und der schwamm ein wenig hinter dem rechten Ohr des Wales, um in Sicherheit zu sein. Dann stellte sich der Wal auf seinen Schwanz und sagte: »Ich habe Hunger«. Und der kleine Schlaufisch sagte mit kleiner schlauer Stimme, »Edler und großmütiger Walfisch, hast Du jemals Mensch geschmeckt?«

»Nein,« sagte der Wal, »wie schmeckt das?«

»Nett,« sagte der Schlaufisch. »Nett aber knotig.«

»Dann bring mir was davon,« sagte der Wal, und schlug mit seinem Schwanz das Meer schaumig.

»Aber nur einen auf einmal« sagte der Schlaufisch. »Wenn du nach 50° nördlicher Länge und 40° westlicher Breite schwimmst (das ist magisch), wirst du auf einem Floss sitzend, mitten im Ozean, mit nichts bekleidet als einem Paar blauer Segeltuchhosen und einem Paar Hosenträger (du darfst die Hosenträger nicht vergessen, Meistgeliebter), und einem Taschenmesser, einen schiffbrüchigen Seemann finden, der, was ich dir aus Anstandsgefühl sage, ein Mann unendlicher Raffinesse und Findigkeit ist.«

So schwamm und schwamm der Wal nach 50° nördlicher Länge und 40° westlicher Breite, so schnell er schwimmen konnte, und auf einem Floß sitzend, mit nichts bekleidet als einem Paar blauer Segeltuchhosen, einem Paar Hosenträger (du mußt besonders die Hosenträger im Gedächtnis behalten, Meistgeliebter), und einem Taschenmesser, fand er einen einzelnen, einsamen schiffbrüchigen Seemann, der seine Zehen ins Wasser hielt.

Dann öffnete der Wal sein Maul weit und weiter und weiter, bis es fast seinen Schwanz berührte, und er verschluckte den schiffbrüchigen Seemann, und das Floss, auf dem er saß, und seine blauen Segeltuchhosen, und die Hosenträger (die du nicht vergessen darfst), und das Taschenmesser – er verschluckte das alles in seine warme, dunkle innere Speisekammer, und dann schmatzte er so mit den Lippen und drehte sich dreimal auf seinem Schwanz.

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Dies ist das Bild von dem Wal, wie er den Seemann mit der unendlichen Raffinesse und Findigkeit verschluckt, mitsamt dem Floß und dem Taschenmesser und seinen Hosenträgern, die du nicht vergessen darfst. Die Dinger mit den Knöpfen sind die Hosenträger des Seemanns, und direkt daneben kannst du das Messer sehen. Er sitzt auf dem Floß, aber es ist zur Seite gekippt, so dass du nicht viel davon siehst. Das weißliche Ding an der linken Hand des Seemanns ist ein Stück Holz, mit dem er versuchte, das Floß zu rudern, als der Wal vorbeikam. Das Holzstück wird Gaffelklaue genannt. Der Seemann ließ es draußen, als er hineinrutschte. Der Name des Wals war Grinser, und der Seemann hieß Mr. Henry Albert Bivvens. Der kleine Schlaufisch versteckt sich unter dem Bauch des Wals, sonst hätte ich ihn gezeichnet. Dass das Meer so wirbel-quirlig ist, liegt daran, dass der Wal es alles in sein Maul saugt, um Mr. Henry Albert Bivvens und das Floß und das Taschenmesser und die Hosenträger einzusaugen. Du darfst niemals die Hosenträger vergessen.

Aber sobald der Seemann, der ein Mann von unendlicher Raffinesse und Findigkeit war, sich wirklich in der warmen, dunklen inneren Speisekammer fand, stampfte er und hüpfte er, und er pochte und er klopfte, und er tollte und er tanzte, und er krawallte und er knallte, und er schlug und er biss, und er sprang und er kroch, und er graulte und er jaulte, und er hopste und er tobte, und er weinte und er greinte, und er krabbelte und er babbelte, und er schritt und er glitt, und er tanzte Hornpipe wo er nicht durfte, und der Wal wurde wirklich sehr unglücklich. (Hast du die Hosenträger vergessen?)

Also sagte er zu dem Schlaufisch, »Dieser Mann ist sehr knotig, und außerdem macht er mir einen Schluckauf. Was soll ich machen?«

»Sag ihm, er soll rauskommen,« sagte der Schlaufisch.

Also rief der Wal in seinen Rachen hinab dem schiffbrüchigen Seemann zu, »Komm raus und benimm dich. Ich habe den Schluckauf.«

»Nix da!« sagte der Seemann. »Nichts zu machen, sondern ganz im Gegenteil. Bring mich zu meinem Heimatstrand und den weißen Klippen von Albion, dann werde ich es mir durch den Kopf gehen lassen.« Und er begann, noch toller als zuvor zu tanzen.

»Du solltest ihn besser heimbringen,« sagte der Schlaufisch zu dem Wal. »Ich hätte ich warnen sollen, dass er ein Mann von unendlicher Raffinesse und Findigkeit ist.«

Also schwamm und schwamm und schwamm der Wal, mit beiden Flossen und dem Schwanz, so schnell er mit seinem Schluckauf konnte; und schließlich sah er des Seemanns Heimatstrand und die weißen Klippen von Albion, und er rutschte halb auf den Strand, und öffnete sein Maul weit und weiter und weiter, und sagte, »Umsteigen nach Winchester, Ashuelot, Nashua, Keene und Bahnhof Fitchburg Road;« und gerade, als er »Fitch« sagte, spazierte der Seemann ihm aus dem Maul. Aber während der Wal geschwommen war, hatte der Seemann, der wirklich eine Person von unendlicher Raffinesse und Findigkeit war, sein Taschenmesser genommen und das Floß zu einem kleinen Gitter geschnitzt, das ganz kreuz und quer verlief, und er hatte es mit seinen Hosenträgern zusammengebunden (jetzt weißt du, warum du die Hosenträger nicht vergessen solltest!) und er drückte das Gitter gut und fest in den Rachen des Wals, und da steckte es! Dann rezitierte er das folgende Sloka, welches, weil du es noch nicht gehört hast, ich jetzt vortragen werde-

Ein alter Gitterrost
verdirbt dir nun die Kost.

Denn der Seemann war auch Hi-ber-ni-er. Und er trat heraus auf den Strandkies und ging heim zu seiner Mutter, die ihn hatte gehen lassen, damit er seine Zehen ins Wasser halten konnte; und er heiratete und lebte fortan glücklich und in Frieden. Das tat auch der Wal. Aber von diesem Tage an verhinderte der Gitterrost in seinem Rachen, den er weder aushusten noch herunterschlucken konnte, das er irgendetwas anderes fraß als sehr, sehr kleine Fische; und das ist der Grund, warum Wale heutzutage niemals Männer oder Jungen oder kleine Mädchen fressen.

Der kleine Schlaufisch ging und versteckte sich im Schlamm unter der Türschwelle des Äquators. Er befürchtete, dass der Wal wütend auf ihn sein könnte.

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Hier sieht man, wie der Wal den kleinen Schlaufisch sucht, der sich unter der Türschwelle des Äquators versteckt. Der kleine Schlaufisch hieß Pingel. Er versteckt sich zwischen den Wurzeln des großen Seetangs, der vor den Türen des Äquators wächst. Ich habe die Türen des Äquators gezeichnet. Sie sind geschlossen. Sie werden immer geschlossen gehalten, weil eine Tür immer geschlossen sein sollte. Das Seil-Ding direkt darüber ist der Äquator selbst; und die Dinger, die wie Felsen aussehen, sind die beiden Riesen Moar und Koar, die den Äquator in Ordnung halten. Sie haben die Schattenbilder auf die Türen des Äquators gemalt, und sie haben auch all die verdrehten Fische unter den Türen geschnitzt. Die Fische mit den weißen Schnauzen werden Weißschnauzendelphine genannt, und die anderen Fische mit den komischen Köpfen nennt man Hammerhaie. Der Wal fand den kleinen Schlaufisch nicht, bis er sich beruhigt hatte, und dann wurden sie wieder gute Freunde.

Das Taschenmesser nahm der Seemann mit nach Hause. Er trug die blauen Segeltuchhosen, als er auf den Strandkies heraustrat. Die Hosenträger blieben zurück, du verstehst, um den Gitterrost zusammen zu binden; und das ist das Ende dieser Geschichte.

Wenn die Kabinenluken sind dunkel und grün,
Von den Wellen draußen auf See;
Wenn das Schiff macht wupp (mit ’nem Wackeln darin)
Und der Steward fällt in die Suppenterrin‘,
Und die Koffer rutschen davon;
Das Kindermädchen liegt wie ein Bündel auf Deck
Und Mama schickt dich müde hinaus,
Und du bist ungekämmt, ungewaschen und nackt,
Na dann wirst du wissen (wenn du’s nicht erraten hast)
du bist 50° Nord und 40° West!

Wie der erste Brief geschrieben wurde

Wie der erste Brief geschrieben wurde

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Es war einmal vor langerlanger Zeit ein Neu-Steinzeitmann. Er war kein Jütländer oder Angelsachse, oder sogar Drawide, was er gut hätte sein können, Meistgeliebte, aber frag‘ nicht warum. Er war ein Primitiver, und er lebte kuschelig in einer Höhle, und er trug sehr wenig Kleidung, und er konnte nicht lesen und nicht schreiben und wollte das auch gar nicht, und außer, wenn er hungrig war, war er ganz glücklich. Sein Name war Tegumai Bopsulai, und das bedeutet: ›Mann-der-seinen-Fuß-nicht-eilig-vorwärts-setzt‹; aber wir, o Meistgeliebte, werden ihn einfach Tegumai nennen. Und seine Frau hieß Teshumai Tewindrow, und das bedeutet: ›Dame-die-sehr-viele-Fragen-stellt‹; aber wir, o Meistgeliebte, werden sie einfach Teshumai nennen. Und der Name seiner kleinen Tochter war Taffimai Metallumai, und das bedeutet: ›Kleine-Person-ohne-Manieren-die-verhauen-gehört‹; aber ich werde sie Taffi nennen. Und sie war Tegumai Bopsulais Meistgeliebte und ihrer Mami Bestgeliebte, und sie bekam nicht halb so viel Haue, wie ihr gut getan hätte; und alle drei waren sie sehr glücklich. So bald Taffi umherlaufen konnte, ging sie mit ihrem Pappi Tegumai überall hin, und manchmal kamen sie nicht bevor sie sehr hungrig waren zur Höhle zurück, und dann sagte Teshumai Tewindrow: »Wo in aller Welt seid ihr zwei gewesen und habt euch so entsetzlich dreckig gemacht? Wirklich, mein Tegumai, du bist nicht besser als meine Taffi.«

Nun paß auf und hör zu!

Eines Tages ging Tegumai Bopsulai durch den Biber-Sumpf zum Wagai-Fluß, um Karpfen zum Abendbrot zu speeren, und Taffi ging mit. Tegumais Speer war aus Holz, mit Haifischzähnen an der Spitze, und bevor er auch nur einen Fisch erwischt hatte, hatte er ihn sauber abgebrochen, als er ihn zu fest auf den Grund des Flusses stach. Sie waren meilenweit von zu Hause weg (natürlich hatten sie sich in einer kleinen Tasche etwas zu Essen mitgenommen), und Tegumai hatte nicht daran gedacht, ein paar Ersatzspeere mitzunehmen.

»Das ist ja eine schöne Bescherung!« sagte Tegumai. »Ich werde den halben Tag brauchen, um das zu reparieren.«

»Du hast doch noch den schwarzen Speer zu Hause,« sagte Taffi. »Laß mich zur Höhle zurück laufen und Mami bitten, dass sie ihn mir gibt!«

»Das ist zu weit für deine kleinen dicken Beine,« sagte Tegumai. »Außerdem könntest du in den Biber-Sumpf fallen und ertrinken. Wir müssen einfach das Beste draus machen.« Er setzte sich hin und nahm seinen kleinen ledernen Werkzeugbeutel heraus, der voller Rentiersehnen und Lederstreifen und Klumpen von Bienenwachs und Harz war, und fing an, den Speer zu reparieren.

Taffi setzte sich auch hin, ließ die Zehen ins Wasser hängen und stützte das Kinn in die Hand und dachte sehr stark nach. Dann sagte sie – »ich meine, Pappi, dass es ein ekelhafter Mist ist, dass du und ich nicht schreiben können, nicht wahr? Wenn wir es könnten, könnten wir eine Botschaft schicken und einen neuen Speer bestellen.«

»Taffi,« sagte Tegumai, »wie oft habe ich dir gesagt, dass du vernünftig sprechen sollst? ›Ekelhafter Mist‹ ist kein schöner Ausdruck, aber, wo du es gerade erwähnst, es könnte Vorteile haben, wenn wir nach Hause schreiben könnten.«

In dem Moment kam ein fremder Mann den Fluß entlang, aber der gehörte zu einem weit entfernten Stamm, den Tewaras, und er verstand nicht ein einziges Wort von Tegumais Sprache. Er stand am Ufer und lächelte Taffi an, weil er auch eine kleine Tochter zu Hause hatte. Tegumai zog einen Streifen Hirschsehen aus seinem Werkzeugbeutel und fing an, den Speer zu reparieren.

»Komm her,« sagte Taffi. »Weißt du, wo Mami wohnt?« Und der fremde Mann sagte »Um!«, weil er, wie du weißt, ein Tewara war.

»Dumm!« sagte Taffi. Und stampfte mit dem Fuß auf, weil sie einen Schwarm sehr großer Karpfen den Fluß hinaufziehen sah, gerade jetzt, wo ihr Pappi seinen Speer nicht benutzen konnte.

»Belästige keine Erwachsenen,« sagte Tegumai, so mit seiner Speerreparatur beschäftigt, dass er sich nicht einmal umdrehte.

»Tu ich doch gar nicht,« sagte Taffi. »Ich will nur, dass er tut, was ich will, und er versteht nichts.«

»Dann belästige mich nicht,« sagte Tegumai, und fuhr mit seinem Ziehen und Zerren an den Hirschsehnen fort, den Mund voller loser Enden. Der fremde Mann – ein echter Tewara war das – setzte sich ins Gras, und Taffi zeigte ihm, was ihr Pappi machte. Der fremde Mann dachte: ›Dieses ist ein sehr wundervolles Kind. Sie stampft mit dem Fuß vor mir auf und schneidet Gesichter. Sie muß die Tochter des edlen Häuptlings sein, der so bedeutend ist, dass er mich nicht einmal bemerkt.‹ Also lächelte er noch höflicher als zuvor.

»Also,« sagte Taffi, »ich möchte gerne, dass du zu meiner Mami gehst, weil deine Beine länger sind als meine, und weil du nicht in den Biber-Sumpf fallen wirst, und um Pappis anderen Speer bittest – den mit dem schwarzen Handgriff, der über unserer Feuerstelle hängt.«

Der fremde Mann (der ein Tewara war) dachte, »Dieses ist ein sehr, sehr wundervolles Kind. Sie schwenkt die Arme und schreit mich an, aber ich verstehe nicht ein Wort, das sie sagt. Aber wenn ich nicht tue, was sie will, fürchte ich sehr, dass dieser stolze Häuptling, Mann-der-Besuchern-den-Rücken-kehrt, wütend wird.« Er stand auf, drehte ein großes Stück Rinde von einer Birke ab und gab das Taffi. Er tat das, Meistgeliebte, um zu zeigen, dass sein Herz so weiß war wie die Birkenrinde, und dass er nichts Böses im Schilde führte; aber Taffi verstand es nicht ganz richtig.

»Oh!« sagte sie. »Jetzt verstehe ich! Du willst Mamis Adresse haben? Natürlich kann ich nicht schreiben, aber ich kann Bilder malen, wenn ich etwas Spitzes zum Kratzen finde. Bitte leih mir den Haifischzahn von deiner Halskette.«

Der fremde Mann (der ein Tewara war) sagte nichts, also streckte Taffi ihre kleine Hand aus und zog an der schönen Perlen-, Samen- und Haifischzahnkette, die er um den Hals trug.

Der fremde Mann (der ein Tewara war) dachte, ›Dieses ist ein sehr, sehr, sehr wundervolles Kind. Der Haifischzahn an meinem Hals ist ein magischer Haifischzahn, und man hat mir immer gesagt, dass jeder, der ihn ohne meine Erlaubnis berührt, unverzüglich anschwellen und zerplatzen würde, aber dieses Kind schwillt nicht an und zerplatzt nicht, und der bedeutende Häuptling, Mann-der-sich-nur-um-seine-Arbeit-kümmert, der mich immer noch nicht bemerkt hat, scheint keine Angst zu haben, dass sie anschwillt oder zerplatzt. Ich werde besser noch höflicher sein.‹

Also gab er Taffi seinen Haifischzahn, und sie legte sich flach auf den Bauch, die Beine in der Luft, wie manche Leute, wenn sie auf dem Wohnzimmerfußboden Bilder malen wollen, und sie sagte: »Jetzt werde ich dir ein paar schöne Bilder malen! Du kannst mir über die Schulter sehen, aber du darfst nicht wackeln. Zuerst male ich Pappi beim Fischen. Es sieht ihm nicht sehr ähnlich; aber Mami wird ihn erkennen, weil ich seinen Speer ganz zerbrochen gemalt habe. Gut, jetzt male ich den anderen Speer, den er braucht, den Speer mit dem schwarzen Griff. Es sieht aus, als ob er in Pappis Rücken steckte, aber das kommt nur, weil der Haifischzahn abgerutscht und dieses Rindenstück nicht groß genug ist. Das ist der Speer, den du holen sollst; also male ich jetzt noch ein Bild von mir, wie ich es dir erkläre. Meine Haare stehen nicht so hoch, wie ich es gemalt habe, aber so kann ich es besser malen. Jetzt male ich dich. Ich weiß, dass du in Wirklichkeit sehr nett bist, aber ich kann dich auf dem Bild nicht nett malen, also darfst du nicht beleidigt sein. Bist du beleidigt?«

Der fremde Mann (der ein Tewara war) lächelte. Er dachte: »Es muß irgendwo eine große Schlacht geplant sein, und dieses außergewöhnliche Kind, die meinen magischen Zahn nimmt, aber weder anschwillt noch zerplatzt, befiehlt mir, alle großen Stammeshäuptlinge zusammenzurufen, damit sie ihm helfen. Er ist ein großer Häuptling, sonst hätte er mich bemerkt.«

»Schau,« sagte Taffi und zeichnete sehr angestrengt und kratzig, »jetzt habe ich dich gemalt, mit dem Speer, den Pappi haben möchte, in der Hand, um dich zu erinnern, dass du ihn hierher bringen mußt. Jetzt zeige ich dir, wie du Mamis Wohnung findest. Du gehst da lang, bis du zu zwei Bäumen kommst (das da sind Bäume) und dann gehst du über einen Hügel (das ist ein Hügel) und dann kommst du zu einem Bibersumpf voller Biber. Ich habe nicht die ganzen Biber reingemalt, weil ich keine Biber malen kann, aber ich habe ihre Köpfe gemalt, und mehr wirst du sowieso nicht von ihnen sehen, wenn du durch den Sumpf gehst. Paß auf, dass du nicht reinfällst! Dann ist unsere Höhle direkt hinter dem Bibersumpf. Sie ist nicht wirklich so hoch wie die Hügel, aber ich kann nicht so klein malen. Da draußen ist meine Mami. Sie ist schön. Sie ist die allerschönste Mami auf der Welt, aber sie wird nicht beleidigt sein, wenn sie sieht, dass ich sie so einfach gemalt habe. Sie wird sich freuen, weil ich malen kann. Also, falls du es vergißt, habe ich den Speer, den Pappi haben möchte, außen vor unsere Höhle gemalt. Eigentlich ist er drinnen, aber wenn du meiner Mami das Bild zeigst, wird sie ihn dir geben. Ich habe sie mit Händen hoch gemalt, weil ich weiß, sie freut sich, wenn sie dich sieht. Ist das nicht ein schönes Bild? Und verstehst du auch alles, oder soll ich es noch mal erklären?«

Der fremde Mann (der ein Tewara war) schaute das Bild an und nickte sehr kräftig. Er dachte bei sich: ›Wenn ich den Stamm dieses großen Häuptlings nicht herbeihole, um ihm zu helfen, wird er von seinen Feinden erschlagen werden, die von allen Seiten mit Speeren auf ihn zu kommen. Jetzt verstehe ich, warum der große Häuptling so getan hat, als bemerke er mich nicht! Er befürchtete, dass seine Feinde sich in den Büschen verstecken und ihn sehen könnten. Darum wendete er mir den Rücken zu und ließ dieses weise und wundervolle Kind das Bild malen, das mir seine Schwierigkeiten zeigt. Ich will los und bei seinem Stamm Hilfe für ihn holen.‹ Er fragte Taffi nicht einmal nach dem Weg, sondern raste wie der Wind los durch die Büsche, mit der Birkenrinde in der Hand, und Taffi, höchst zufrieden, setzte sich hin.

Und hier ist das Bild, das Taffi ihm malte!

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»Was hast du gemacht, Taffi?« sagte Tegumai. Er hatte den Speer repariert und schwenkte ihn vorsichtig hin und her.

»Ich habe ein bißchen was urganisiert, lieber Pappi,« sagte Taffi. »Wenn du mich nichts fragst, wirst du es gleich schon merken, und dann wirst du überrascht sein. Du weißt nicht, wie du überrascht sein wirst, Pappi! Versprich, dass du überrascht sein wirst.«

»Sehr gut,« sagte Tegumai und fing wieder an zu fischen.

Der fremde Mann – wußtest du, dass er ein Tewara war? – eilte mit dem Bild davon und rannte einige Meilen, bis er fast zufällig Teshumai Tewindrow am Eingang ihrer Höhle antraf, wie sie sich mit einigen anderen Neusteinzeitdamen unterhielt, die sie zu einer primitiven Mahlzeit eingeladen hatte. Taffi ähnelte Teshumai sehr, besonders in der oberen Gesichtshälfte und um die Augen herum, also lächelte der fremde Mann – immer ein reiner Tewara – höflich und überreichte Teshumai die Birkenrinde. Er war schnell gerannt, so dass er schnaufte, und seine Beine waren von Dornensträuchern zerkratzt, aber er versuchte trotzdem, höflich zu sein.

Sobald Teshumai das Bild sah, schrie sie wie sonstwas und stürzte sich auf den fremden Mann. Die anderen Neusteinzeitdamen schlugen ihn sofort nieder und setzten sich in einer Sechserreihe auf ihn, während Teshumai ihn an den Haaren zog.

»Es ist so offensichtlich wie die Nase im Gesicht dieses fremden Mannes,« sagte sie. »Er hat meinen Tegumai mit Speeren aufgespießt und meine arme Taffi so erschreckt, dass ihre Haare aufrecht stehen; und, damit nicht zufrieden, bringt er mir ein gräßliches Bild davon. Seht!« Sie zeigte das Bild allen Neusteinzeitdamen, die geduldig auf dem fremden Mann saßen. »Hier ist mein Tegumai mit gebrochenem Arm; hier ist ein Speer, der in seinem Rücken steckt; hier ist ein Mann mit wurfbereitem Speer; hier ist noch ein Mann, der einen Speer aus einer Höhle wirft, und hier ist eine ganze Bande« (das waren in Wirklichkeit Taffis Biber, aber sie sahen ziemlich wie Leute aus) die hinter Tegumai herankommen. Ist das nicht entsetzlich!«

»Höchst entsetzlich!« sagten die Neusteinzeitdamen, und sie schmierten dem fremden Mann Schlamm in die Haare (wovon er sehr überrascht war), und sie schlugen die Widerhallenden Stammestrommeln und riefen alle Häuptlinge von Tegumais Stamm zusammen, mit allen Hetmännern und Dolmännern, mit Negussen, Woons und Mullahs der Organisation, überdies die Kriegsherren, Schamanen, Jujumänner, Bonzen und alle, die dann beschlossen, dass sie der fremde Mann, bevor sie ihm den Kopf abhackten, sofort zum Fluß führen und ihnen zeigen sollte, wo er die arme Taffi versteckt hatte.

Inzwischen war der arme fremde Mann (obwohl er ein Tewara war) richtig verärgert. Sie hatten ihm ziemlich dicken Schlamm in die Haare geschmiert; sie hatten ihn auf knorrigen Kieseln rauf und runter gerollt; sie hatten in einer langen Reihe zu sechst auf ihm gesessen; sie hatten ihn herumgebufft und geknufft, bis er kaum noch atmen konnte; und obwohl er ihre Sprache nicht verstand, war er ziemlich sicher, dass die Namen, die die Neusteinzeitdamen ihm gegeben hatten, nicht damenhaft waren. Trotzdem sagte er nichts, bis der ganze Stamm von Tegumai versammelt war, und dann führte er sie zurück zum Ufer des Wagaiflusses, und da fanden sie Taffi, die Blumenkränze flocht, und Tegumai, der mit seinem reparierten Speer sorgfältig kleine Karpfen aufspießte.

»Toll, du warst aber schnell!« sagte Taffi. »Aber warum hast du so viele Leute mitgebracht? Lieber Pappi, da ist meine Überraschung. Bist du überrascht, Pappi?«

»Sehr,« sagte Tegumai; »aber damit ist das Fischen für heute erledigt. Auweh, der ganze liebe, freundliche, nette, saubere Stamm ist da, Taffi.«

Und so war es auch. Allen voran marschierte Teshumai Tewindrow mit den Neusteinzeitdamen, die den fremden Mann gut festhielten, dessen Haare voller Schlamm waren (obwohl er ein Tewara war). Hinter ihnen kamen der Oberhäuptling, der Vize-Häuptling, die Hilfs- und Assistenz-Häuptlinge (alle bis an die Schneidezähne bewaffnet), die Hetmänner und und Centurionen, Zugführer mit ihren Zügen, und Dolmänner mit ihren Divisionen; Woons, Negusse und Mullahs standen weiter hinten (aber auch bis an die Zähne bewaffnet). Hinter ihn der Stamm in hierarchischer Ordnung, angefangen bei Besitzern von vier Höhlen (eine für jede Jahreszeit) einer privaten Rentier-Rennstrecke und zwei Lachstreppen, über feudale Zinsbauern mit vorstehenden Zähnen und einem Anteil an einem halben Bärenfell im Winter, sieben Meter vom Feuer, bis hin zu adskribierten Leibeigenen, deren Erbteil aus der Anwartschaft auf einen ausgelutschten Markknochen bestand. (Sind das nicht schöne Wörter, Meistgeliebte?) Alle waren sie da, sprangen umher und lärmten, und sie verschreckten alle Fische im Umkreis von zwanzig Meilen, und Tegumai dankte ihnen in flüssiger neusteinzeitlicher Rede.

Dann rannte Teshumai Tewindrow hin und küsste und herzte Taffi sehr ausgiebig; aber der Oberhäuptling des Stammes von Tegumai ergriff Tegumai an den Federn in seinem Haarknoten und schüttelte ihn heftig.

»Erklären! Erklären! Erklären!« schrie Tegumais ganzer Stamm.

»Um’s Himmels willen!« sagte Tegumai. »Laß meinen Haarknoten los. Kann ein Mensch nicht mal seinen Karpfenspeer zerbrechen, ohne dass die ganze Landbevölkerung herbeigelaufen kommt? Ihr seid ein sehr distanzloses Volk.«

»Ich glaube nicht, dass ihr Pappis Speer mit dem schwarzen Griff überhaupt mitgebracht habt,« sagte Taffi. »Und was macht ihr da mit meinem netten fremden Mann?«

Sie bufften ihn zu zweit und zu dritt und zu zehnt, bis er die Augen verdrehte. Er konnte nur nach Luft schnappen und auf Taffi zeigen.

»Wo sind die bösen Leute, die dich mit dem Speer verletzt haben, Liebling?« sagte Teshumai Tewindrow.

»Solche Leute gab’s keine,« sagte Tegumai. »Mein einziger Besucher heute morgen war der arme Kerl, den ihr eben zu erwürgen versucht. Bist du nicht ganz gesund, oder bist du krank, o Stamm von Tegumai?«

»Er hat ein entsetzliches Bild gebracht,« sagte der Oberhäuptling, – »ein Bild, auf dem du voller Speere warst.«

»Äh-hm – v’leicht sollte ich erklären, dass ich ihm das Bild gegeben habe,« sagte Taffi, aber sie fühlte sich nicht ganz wohl dabei.

»Du!« sagte der ganze Stamm von Tegumai. »Kleine-Person-ohne-Manieren-die-verhauen-gehört! Du?«

»Taffi-liebes, ich fürchte, wir stecken ein bißchen in Schwierigkeiten,« sagte ihr Pappi und legte seinen Arm um sie, also machte es ihr nichts.

»Erklären! Erklären! Erklären!« sagte der Oberhäuptling des Stammes von Tegumai und hüpfte auf einem Fuß.

»Ich wollte, dass der fremde Mann Pappis Speer holen sollte, also habe ich ihn gemalt,« sagte Taffi. »Es waren gar nicht so viele Speere. Es war nur ein Speer. Ich habe ihn nur dreimal gemalt, um sicherzugehen. Ich konnte nichts dran ändern, dass es aussah, als ob er in Pappis Kopf steckte – es war nicht genug Platz auf der Birkenrinde; und das, was Mami böse Leute genannt hat, sind meine Biber. Ich habe sie gemalt, um ihm den Weg durch den Sumpf zu zeigen; und ich habe Mami am Höhleneingang gemalt, wie sie ihn freundlich anguckt, weil er ein netter fremder Mann ist, und ich glaube, ihr seid einfach die dümmsten Leute der Welt,« sagte Taffi. »Er ist ein sehr netter Mensch. Warum habt ihr ihm Schlamm in die Haare geschmiert? Wascht ihn!«

Lange Zeit sagte niemand etwas, bis der Oberhäuptling lachte; dann lachte der fremde Mann (der ein Tewara war); dann lachte Tegumai, bis er platt auf das Ufer fiel; dann lachte der ganze Stamm immer mehr und schlimmer und lauter. Die einzigen, die nicht lachten, waren Teshumai Tewindrow und ihre Neusteinzeitdamen. Sie waren alle immer höflich zu ihren Ehemännern und sagten sehr oft ‚Idiot’.

Dann rief und sagte und sang der Oberhäuptling des Stammes von Tegumai: »O Kleine-Person-ohne-Manieren-die-verhauen-gehört, du hast eine große Erfindung gemacht!«

»Das wollte ich nicht; ich wollte nur Pappis Speer mit dem schwarzen Griff,« sagte Taffi.

»Mach dir nichts draus. Es ist eine große Erfindung, und eines Tages werden die Menschen es ›Schreiben‹ nennen. Im Moment sind es nur Bilder, und, wie wir heute gesehen haben, werden Bilder nicht immer richtig verstanden. Aber es wird eine Zeit kommen, o Kind von Tegumai, da wir Buchstaben machen – alle sechsundzwanzig – und genauso gut lesen wie schreiben werden, und dann werden wir immer genau das sagen, was wir meinen, ohne jeden Fehler. Laßt die Neusteinzeitdamen den Schlamm aus dem Haar des Fremden waschen.«

»Das wird mich freuen,« sagte Taffi, »weil ihr schließlich, obwohl ihr jeden einzelnen anderen Speer aus dem Stamm von Tegumai mitbrachtet, Pappis Speer mit dem schwarzen Griff vergessen habt.«

Dann rief und sagte und sang der Oberhäuptling: »Liebe Taffi, das nächste Mal, wenn du einen Bilderbrief schreibst, schickst du besser einen Mann damit los, der unsere Sprache spricht, um zu erklären, was er bedeutet. Mit persönlich ist es egal, weil ich ein Oberhäuptling bin, aber es ist schlecht für den Rest des Stammes von Tegumai, und, wie du siehst, überrascht es den Fremden.«

Dann nahmen sie den fremden Mann (einen echten Tewara aus Tewar) in den Stamm von Tegumai auf, weil er ein feiner Mensch war und kein Theater machte wegen des Schlamms, den die Neusteinzeitdamen ihm ins Haar geschmiert hatten. Aber von jenem Tag bis heute (und das ist meiner Meinung nach alles Taffis Schuld), haben nur sehr wenige kleine Mädchen gerne Schreiben und Lesen gelernt. Die meisten ziehen es vor, Bilder zu malen und mit ihren Pappis zu spielen – genau wie Taffi.

Es blieb nur noch ein grüner Pfad
Vom alten Weg durchs Merrowtal –
Ein Stundenmarsch bis Guildford Stadt
Dem Flusse Wey gehört das Tal.

Hier regten alte Briten sich,
Sobald das Pferdeglöckchen klang
Neugierig auf Waren, wunderlich
Aus dunkelem Phönikerland.

Und irgendwo hier saß man nett
Mit Fremden im Gespräch und so –
Man tauschte Perlen gegen Jett
Und Zinn und hübsche Torcs und so.

Doch lang, sehr lang vor jener Zeit
(Als Bisons wanderten vorbei)
Da lebte Taffi hier im Tal
Mit ihrem Pappi Tegumai.

Dann gab es Biber dort am Bach
Auf ihrem Sumpf steht Bramley heut‘
Aus Shere kam Mancher, schaute nach
Wo Taffi war, ist Shamley heut‘.

Der Wey, von ihr Wagai genannt,
War seinerzeit sechsmal so groß;
Und nobel war der ganze Stamm,
Von Tegumai, ganz grandios!

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Hier ist die Geschichte von Taffimai Metallumai, wie sie vor langer Zeit von den Alten Völkern auf einen alten Stoßzahn geschnitzt wurde. Wenn du meine Geschichte liest oder dir vorlesen läßt, kannst du sehen, wie alles auf dem Stoßzahn beschrieben ist. Der Stoßzahn gehörte zu einer alten Stammestrompete, die dem Stamm von Tegumai gehörte. Die Bilder wurden mit einem Nagel oder so etwas hineingeritzt, und dann wurden die Ritze mit schwarzem Wachs ausgefüllt, aber die Trennlinien und die fünf kleinen Kreise am unteren Ende wurden mit rotem Wachs ausgefüllt. Als er noch neu war, hatte er eine Art Netz aus Perlen und Muschelschalen und Edelsteinen an einem Ende; aber das ist entzwei und verlorengegangen – alles außer dem kleinen bißchen, das du siehst. Die Buchstaben rund um den Stoßzahn waren Magie – Runenmagie – und wenn du sie lesen kannst, wirst du etwas ziemlich Neues herausfinden. Der Stoßzahn ist aus Elfenbein – sehr gelb und zerkratzt. Er ist zwei Fuß lang und zwei Fuß im Umfang und wiegt elf Pfund und neun Unzen.

Wie das Rhinozeros zu seiner Haut kam

Wie das Rhinozeros zu seiner Haut kam

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Es war einmal auf einer unbewohnten Insel an der Küste des Roten Meeres, da lebte ein Parse, von dessen Hut die Sonnenstrahlen in mehr als orientalischer Pracht reflektiert wurden. Und der Parse lebte am Roten Meer mit nichts als seinem Hut und seinem Messer und einem Kochherd von der Art, den man keinesfalls anfassen darf. Und eines Tages nahm er Mehl und Wasser und Korinthen und Pflaumen und Zucker und so weiter und machte sich einen Kuchen, der zwei Fuß breit und drei Fuß dick war. Es war wirklich ein Erlesenes Nahrungsmittel (das ist magisch), und er setzte ihn auf den Herd, weil er auf dem Herd kochen durfte, und er buk ihn und buk ihn bis er ganz fertig braun war und höchst sentimental duftete. Aber gerade, als er anfangen wollte, ihn zu essen, kam aus dem Gänzlich Unbewohnten Binnenland ein Rhinozeros zum Strand herunter, mit einem Horn auf der Nase, zwei Schweinsäuglein und wenig Manieren. In jenen Tagen paßte dem Rhinozeros seine Haut ganz genau. Es waren nirgendwo irgendwelche Falten darin. Es sah genau wie das Rhinozeros von der Arche Noah aus, aber natürlich viel größer. Jedenfalls hatte es damals keine Manieren, und es hat heute keine Manieren, und es wird nie Manieren haben. Es sagte „Hau!“ und der Parse ließ den Kuchen liegen und kletterte auf die Spitze eines Palmenbaums, mit nichts an als seinem Hut, von dem die Sonnenstrahlen in mehr als orientalischer Pracht reflektiert wurden. Und das Rhinozeros warf den Ölkocher mit seiner Nase um, und der Kuchen rollte in den Sand, und es spießte den Kuchen auf das Horn auf seiner Nase, und es fraß ihn und ging, wobei es mit dem Schwanz wedelte, in das verlassene und Gänzlich Unbewohnte Binnenland, welches an die Inseln Mazanderan, Socotra und die Vorgebirge des Grösseren Äquinoktiums angrenzt. Dann kam der Parse von seinem Baum herunter und stellte den Herd wieder auf die Beine und rezitierte folgendes Sloka, welches, weil du es noch nicht gehört hast, ich nun vortragen werde:-

Der, wer tut versuchen
des Parsenmanns Kuchen
wird fürchterlich fluchen.

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Dieses Bild zeigt, wie der Parse anfängt, an einem sehr heißen Tag auf der Unbewohnten Insel im Roten Meer seinen Kuchen zu essen; und von dem Rhinozeros, wie es aus dem Insgesamt Unbewohnten Binnenland herabkommt, welches, wie du wahrhaftig sehen kannst, völlig felsig ist.

Die Haut des Rhinozeros ist ziemlich glatt, und die drei Knöpfe, mit der sie zugeknöpft ist, sind unten drunter, deshalb kann man sie nicht sehen. Das Schillernde auf dem Hut des Parsen sind die Sonnenstrahlen, die in mehr als orientalischer Pracht reflektiert werden, denn wenn ich echte Strahlen gezeichnet hätte, würden sie das ganze Bild ausfüllen. In dem Kuchen sind Rosinen; und das Rad-Ding, das vorne im Sand liegt, gehörte zu einem der Streitwagen des Pharaohs, als er versuchte, das Rote Meer zu überqueren. Der Parse hat es gefunden und behalten, um damit zu spielen. Der Name des Parsen war Pestonji Bomonji, und das Rhinozeros wurde Strorks genannt, weil es durch den Mund atmete anstatt durch die Nase. Über den Kochherd würde ich an deiner Stelle keine Fragen stellen.

Aber das hatte viel mehr zu bedeuten, als du denkst.

Weil es vier Wochen später eine Hitzewelle am Roten Meer gab, und alle ihre sämtlichen Kleider auszogen. Der Parse nahm seinen Hut ab; aber das Rhinozeros zog seine Haut aus und trug sie über der Schulter, als es zum Strand herabkam, um zu baden. In jenen Tagen wurde sie am Bauch mit drei Knöpfen zugeknöpft und sah wie ein Regenmantel aus. Es sagte überhaupt nichts über den Kuchen des Parsen, weil es ihn ganz aufgefressen hatte; und es hatte überhaupt keine Manieren, weder damals, noch seitdem, noch künftig. Es watschelte geradewegs ins Wasser und blies Blasen aus der Nase, die Haut ließ es am Strand liegen.

Jetzt kam der Parse vorbei und fand die Haut und er lächelte ein Lächeln, das zweimal ganz um sein Gesicht herum lief. Dann tanzte er dreimal um die Haut herum und rieb sich die Hände. Dann ging er in sein Lager und füllte dort seinen Hut mit Kuchenkrümeln, denn der Parse aß nichts anderes als Kuchen und fegte nie sein Lager. Er nahm die Haut und schüttelte sie, und er schrubbte sie, und er füllte sie so voll mit alten, trockenen, abgestandenen, kitzligen Kuchenkrümeln und verbrannten Korinthen, wie nur hineingehen wollten. Dann kletterte er in den Wipfel seines Palmenbaums und wartete, dass das Rhinozeros aus dem Wasser käme und sie anzöge.

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Dieses Bild zeigt, wie der Parse anfängt, an einem sehr heißen Tag auf der Unbewohnten Insel im Roten Meer seinen Kuchen zu essen; und von dem Rhinozeros, wie es aus dem Insgesamt Unbewohnten Binnenland herabkommt, welches, wie du wahrhaftig sehen kannst, völlig felsig ist.

Die Haut des Rhinozeros ist ziemlich glatt, und die drei Knöpfe, mit der sie zugeknöpft ist, sind unten drunter, deshalb kann man sie nicht sehen. Das Schillernde auf dem Hut des Parsen sind die Sonnenstrahlen, die in mehr als orientalischer Pracht reflektiert werden, denn wenn ich echte Strahlen gezeichnet hätte, würden sie das ganze Bild ausfüllen. In dem Kuchen sind Rosinen; und das Rad-Ding, das vorne im Sand liegt, gehörte zu einem der Streitwagen des Pharaohs, als er versuchte, das Rote Meer zu überqueren. Der Parse hat es gefunden und behalten, um damit zu spielen. Der Name des Parsen war Pestonji Bomonji, und das Rhinozeros wurde Strorks genannt, weil es durch den Mund atmete anstatt durch die Nase. Über den Kochherd würde ich an deiner Stelle keine Fragen stellen.

Und das Rhinozeros tat das auch. Es knöpfte sie mit den drei Knöpfen zu, und das kitzelte wie Kuchenkrümel im Bett. Da wollte es sich kratzen, aber davon wurde es nur schlimmer; und dann legte es sich in den Sand und rollte und rollte und rollte herum, und bei jedem Rollen kitzelten die Kuchenkrümel schlimmer und schlimmer und schlimmer. Da rannte es zu dem Palmenbaum und rieb und rieb und rieb sich daran. Es rieb sich so sehr und so feste, dass es die Haut zu einer großen Falte über den Schultern verschob, und noch einer Falte unten, wo die Knöpfe waren (aber es rieb die Knöpfe ab), und es rieb sich noch ein paar Falten über den Beinen. Und damit verdarb es sich die Laune, machte aber nicht den geringsten Eindruck auf die Kuchenkrümel. Sie blieben unter der Haut und kitzelten.

Aber der Parse kam von seinem Palmenbaum herab, mit dem Hut auf dem Kopf, von dem die Sonnenstrahlen in mehr als orientalischer Pracht reflektiert wurden, packte seinen Kochherd zusammen und ging davon, Richtung Orotavo, Amygdala, Hochlandweiden von Anantarivo und Marschen von Sonaput.

Diese unbewohnte Insel
Liegt vor Kap Guardafui,
Bei den Stränden von Socotra,
Und dem rosa Meer von Arabie:
Aber heiß – zu heiß von Suez
darum können wir nicht buchen
bei P&O
oder so
und den Kuchen-Parsen besuchen!

Wie der Leopard zu seinen Flecken kam

Wie der Leopard zu seinen Flecken kam

Übersetzt von Erich Ferdinand

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In den Tagen, als alle glücklich anfingen, Meistgeliebter, lebte der Leopard in einer Gegend, die ›das Hohe Veldt‹ genannt wurde. Denk‘ dran, es war nicht das Tiefe Veldt oder das Buschveldt oder das Saure Veldt, sondern das gänzlich kahle, heiße, besonnte Hohe Veldt, wo es Sand gab und sandfarbene Felsen und nur Büschel von sandig-gelbem Gras. Da lebten die Giraffe und das Zebra und die Elenantilope und der Kudu und die Kuhantilope; und sie waren vollständig über und über sandgelb-bräunlich; aber der Leopard, der war der vollständig sandgelbst-bräunlichste von allen – eine Art grau-gelblich katzenförmiges Tier, das aufs Haar zu der vollständig gelblich-gräulich-bräunlichen Farbe des Hohen Veldts passte. Das war schlecht für die Giraffe und das Zebra und die Übrigen; denn er legte sich zu einem vollständig gelblich-gräulich-bräunlichen Stein oder Grasflecken, und wenn die Giraffe oder das Zebra oder die Elenantilope oder das Kudu oder der Buschbock oder der Bontebock vorüberkamen, schreckte er sie aus ihrem sprunghaften Leben. O ja, das tat er! Und außerdem gab es da noch einen Äthiopier mit Pfeil und Bogen (das war damals ein gänzlich gräulich-gelblich-bräunlicher Mann), der bei dem Leopard im Hohen Veldt lebte; und sie jagten zusammen – der Äthiopier mit seinem Pfeil-und-Bogen, und der Leopard ausschließlich mit seinen Zähnen und Krallen – bis die Giraffe und die Elenantilope und das Kudu und das Quagga und alle die Übrigen nicht mehr wußten, wohin sie noch springen sollten, Meistgeliebter. O nein, sie wußten es wirklich nicht mehr!

Nach langer Zeit – sie hatten alle ein langes Leben in diesen Zeiten – lernten sie, allem aus dem Weg zu gehen, was wie ein Leopard oder Äthiopier aussah; und Schritt für Schritt – die Giraffe zuerst, weil sie die längsten Beine hatte – verließen sie das hohe Veldt. Sie machten sich davon, tage- und tage- und tagelang, bis sie zu einem großen Wald kamen, vollständig voller Bäume und Büsche und streifiger, fleckiger, klecksiger Schatten, und da versteckten sie sich: und nach langer Zeit, weil sie halb im Schatten und halb in der Sonne standen, und wegen der flimmer-flackernden Schatten der Bäume, die auf sie fielen, wurde die Giraffe fleckig, und das Zebra streifig, und die Elenantilope und das Kudu wurden dunkler, mit kleinen welligen grauen Strichen auf dem Rücken, wie Rinde auf einem Baumstamm; so dass du sie, obwohl du sie hören und riechen konntest, nur selten sehen konntest, und das nur, wenn du genau wußtest, wo du nachschauen mußtest. Es ging ihnen wunderbar in den vollständig fleckig-streifigen Schatten des Waldes, während der Leopard und der Äthiopier im vollständig gräulich-gelblich-bräunlichen Hohen Veldt draußen herumrannten und sich wunderten, wo alle ihre Frühstücke und Mittagessen und Abendbrote geblieben waren. Schließlich waren sie so hungrig, dass sie Ratten und Käfer und Felskaninchen aßen, der Leopard und der Äthiopier, und dann hatten sie das Grosse Bauchweh, alle beide; und dann trafen sie Baviaan – den hundeköpfigen, bellenden Pavian, der das Wirklich Weiseste Tier in Ganz Süd-Afrika ist.

Sprach Leopard zum Pavian (und es war ein sehr heißer Tag)

»Wo ist das ganze Wild hingegangen?«

Und Baviaan zwinkerte. Er wußte es.

Sprach der Äthiopier, »Kannst du mir den derzeitigen Aufenthalt der eingeborenen Fauna benennen?« (Das bedeutete genau dasselbe, aber der Äthiopier benutzte immer so lange Wörter. Er war erwachsen.)

Und Baviaan zwinkerte. Er wußte es.

Dann sagte Baviaan, »Das Wild ist zu anderen Flecken gegangen; und mein Rat an dich, Leopard: gehe auch zu anderen Flecken, so bald du kannst.«

Und der Äthiopier sagte: »Das ist alles sehr schön, aber ich möchte wissen, wohin die eingeborene Fauna gewandert ist.«

Da sagte Baviaan, »Die eingeborene Fauna hat sich der eingeborenen Flora angeschlossen, weil es höchste Zeit für eine Veränderung war; und mein Ratschlag für dich, Äthiopier, ist, dass du dich verändern solltest, so bald du kannst.«

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Dies ist der weise Baviaan, der Hundskopfpavian, welcher Ziemlich Das Weiseste Tier in Ganz Südafrika ist. Ich habe ihn nach einer Statue gezeichnet, die ich mir in meinem eigenen Kopf ausgedacht habe, und auf seinen Gürtel und seine Schulter und auf das Ding, auf dem er sitzt, habe ich seinen Namen geschrieben. Ich habe es in Schriften geschrieben, die man heute Koptisch und Hieroglyphisch und Cuneiformisch und Bengalisch und Burmisch und Hebräisch nennt, weil er so weise ist. Er ist nicht schön, aber sehr weise; und ich würde ihn gerne mit Wasserfarben ausmalen, aber das darf ich nicht. Das regenschirmähnliche Ding um seinen Kopf ist seine gewöhnliche Mähne.

Das verwirrte den Leoparden und den Äthiopier, aber sie gingen los, um die eingeborene Flora zu suchen, und plötzlich, nach so-und-so-vielen Tagen, sahen sie einen großen, hohen, hochgewachsenen Wald voller Baumstämme, die alle vollständig gefleckt und verdeckt und verdreckt und bematscht und beklatscht und bekleckst und befleckt und kreuz-und-quer mit Schatten bedeckt waren. (Sag das mal schnell und laut, dann wirst du sehen, wie sehr schattig der Wald gewesen sein muß.)

»Was ist das,« sagte der Leopard, »was da so vollständig dunkel und doch so voller kleiner Lichtstückchen ist?«

»Ich weiß es nicht,« sagte der Äthiopier, »aber es muß die eingeborene Flora sein. Ich rieche Giraffe, und ich höre Giraffe, aber ich kann keine Giraffe sehen.«

»Das ist seltsam,« sagte der Leopard. »Ich nehme an, das kommt, weil wir gerade aus dem Sonnenschein gekommen sind. Ich rieche Zebra, und ich höre Zebra, aber ich kann kein Zebra sehen.«

»Warte mal,« sagte der Äthiopier. »es ist lange her, dass wir sie gejagt haben. Vielleicht haben wir vergessen, wie sie aussehen.«

»Quatsch!« sagte der Leopard. Ich weiß noch genau, wie sie auf dem Hohen Veldt waren, besonders die Markknochen. Giraffe ist ungefähr siebzehn Fuß hoch, und von Kopf bis Fuß vollständig rötlichocker-goldgelb; und Zebra ist ungefähr viereinhalb Fuß groß, vollständig grau-rehbraun gefärbt von Kopf bis Fuß.«

»Ähm,« sagte der Äthiopier und schaute in die fleckig-klecksigen Schatten des eingeborenen Flora-Waldes. »Dann sollten sie auf diesem dunklen Hintergrund auffallen wie reife Bananen im Räucherhaus.«

Das taten sie aber nicht. Der Leopard und der Äthiopier jagten den ganzen Tag; und obwohl sie sie riechen und hören konnten, sahen sie kein einziges von ihnen.

»Um Gottes Willen,« sagte der Leopard zur Abendbrotzeit, »laß uns warten bis es dunkel wird. Dieses Jagen bei Tageslicht ist absolut skandalös.«

So warteten sie die Dunkelheit ab, und da hörte der Leopard ein schnüffelndes Atmen in dem Sternenlicht, das ganz streifig durch die Zweige fiel, und es roch wie Zebra, es fühlte sich wie Zebra an, und als er es umwarf, trat es wie Zebra, aber er konnte es nicht sehen. Also sagte er, »Sei still, o Person ohne Form. Ich werde mich bis zum Morgen auf deinen Kopf setzen, weil du etwas an dir hast, was ich nicht verstehe.«

Gleichzeitig hörte er ein Grunzen und ein Krachen und ein Scharren, und der Äthiopier rief: »Ich habe ein Ding gefangen, das ich nicht sehen kann. Es riecht wie Giraffe, und es tritt wie Giraffe, aber es hat keine Form.«

»Trau‘ ihm nicht,« sagte der Leopard. »Setz dich bis zum Morgen auf seinen Kopf – so wie ich. Sie haben keine Form – keins von ihnen.«

So saßen sie auf ihnen, akkurat bis zur hellen Morgenzeit, und dann sagte der Leopard, »Was hast du an deinem Tischende, Bruder?«

Der Äthiopier kratzte sich am Kopf und sagte: »Es sollte vollständig zart gräulich-rehbraun sein, und es sollte Zebra sein; aber es ist über und über mit schwarzen und purpurnen Streifen bedeckt. Was in aller Welt hast du mit dir angestellt, Zebra? Weißt du nicht, dass ich dich auf dem Hohen Veldt aus zehn Meilen Entfernung sehen könnte? Du hast überhaupt keine Form.«

»Ja,« sagte das Zebra. »Aber hier ist nicht das Hohe Veldt. Kannst du das nicht sehen?«

»Jetzt kann ich’s,« sagte der Leopard. Aber gestern ging es überhaupt nicht. Wie macht man das?«

»Laßt uns aufstehen,« sagte das Zebra, »und wir zeigen es euch.«

Sie ließen das Zebra und die Giraffe aufstehen; und Zebra ging zu einem kleinen Dornbusch, wo das Sonnenlicht ganz streifig schien, und Giraffe

ging zu ein paar höheren Bäumen, wo die Schatten ganz fleckig waren.

»Jetzt paßt auf,« sagten das Zebra und die Giraffe. »So wird’s gemacht. Eins-zwei-drei! Und wo ist euer Frühstück?«

Leopard glotzte, und Äthiopier glotzte, aber alles was sie sahen, waren streifige Schatten und fleckige Schatten im Wald, aber keine Spur von Zebra und Giraffe. Die waren einfach weggegangen und hatten sich im schattigen Wald versteckt.

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Dies ist das Bild von dem Leoparden und dem Äthiopier, nachdem sie den Rat des Weisen Baviaan angenommen hatten und der Leopard zu anderen Flecken gegangen war und der Äthiopier seine Haut verändert hatte. Der Äthiopier war eigentlich ein Schwarzer, und sein Name war Sambo. Der Leopard hieß Spots, und so nennt man ihn in England immer noch. Sie jagen in dem fleckig-klecksigen Wald, und sie suchen Herrn Eins-zwei-drei-wo-ist-dein-Frühstück. Wenn du ein wenig suchst, wirst du Herrn Eins-zwei-drei finden, gar nicht weit weg. Der Äthiopier ist hinter einem gescheckten verdeckten Baum versteckt, weil der zu seiner Haut paßt, und der Leopard liegt neben einer fleckig-klecksigen Steinbank, weil die zu seinen Flecken paßt. Herr Eins-zwei-drei-wo-ist-dein-Frühstück steht da und frißt Blätter von einem hohen Baum. Das ist in Wirklichkeit ein Suchbild wie ›Wo ist die Katze?‹

»Hi! Hi!« sagte der Äthiopier. »Den Trick sollte man lernen. Nimm dir ein Beispiel, Leopard. Dich sieht man in diesem Dunkel wie ein Stück Seife im Kohlenkasten.«

»Ho!Ho!« sagte der Leopard. »Würde es dich sehr verwundern zu hören, dass du in dieser Dunkelheit auffällst wie ein Senfpflaster auf einem Kohlensack?«

»Gut – mit Beleidigungen fängt man kein Mittagessen,« sagte der Äthiopier. »Kurz und knapp gesagt: wir passen nicht zu unserem Hintergrund. Ich werde Baviaans Rat annehmen. Er sagte: ich sollte mich verändern; und da ich außer meiner Haut nichts habe, was ich verändern könnte, werde ich die ändern.«

»Wozu?« sagte der Leopard in fürchterlicher Aufregung.

»Zu einer nett aussehenden schwarz-bräunlichen Farbe, mit ein wenig Purpur darin und einer Spur schieferblau. Es wird das Optimale sein, um sich in Löchern und hinter Bäumen zu verstecken.«

So änderte er an Ort und Stelle seine Hautfarbe, und der Leopard wurde aufgeregter als je zuvor; er hatte noch niemals gesehen, dass ein Mensch seine Hautfarbe änderte.

»Aber was ist mit mir?« sagte er, als der Äthiopier seinen letzten kleinen Finger in die feine neue schwarze Haut verwandelt hatte.

»Du nimmst auch Baviaans Rat an. Er sagte: du solltest zu Flecken gehen.«

»Das habe ich doch getan,« sagte der Leopard. »Ich bin so schnell ich konnte zu neuen Flecken gegangen. Ich bin mit dir zu diesem Flecken gegangen, und das hat mir viel Gutes gebracht.«

»Oh,« sagte der Äthiopier. »Baviaan hat keine Flecken in Süd-Afrika gemeint. Er meinte Flecken auf deiner Haut.«

»Was soll das bringen?« sagte der Leopard.

»Denk an Giraffe,« sagte der Äthiopier. Oder, wenn du Streifen bevorzugst, denk an Zebra. Sie sind mit ihren Streifen und Flecken perfekt zufrieden.«

»Ähm,« sagte der Leopard. »Ich möchte nicht wie Zebra aussehen – niemals.«

»Gut, dann denk dir was aus,« sagte der Äthiopier. »weil ich es hassen würde, ohne dich jagen zu gehen, aber das muss ich wohl, wenn du darauf bestehst, wie ein Sonnenblume vor einem geteerten Zaun auszusehen.«

»Ich nehme dann also Flecken,« sagte der Leopard; »aber mach sie nicht so vulgär groß. Ich möchte nicht wie Giraffe aussehen – niemals.«

»Ich mache sie mit den Fingerspitzen,« sagte der Äthiopier. »Auf meiner Haut ist noch reichlich Schwarz übriggeblieben. Stell dich her!«

Dann preßte der Äthiopier seine fünf Finger fest zusammen (es war noch viel Schwarz auf seiner neuen Haut übrig) und drückte sie überall auf den Leoparden, und überall, wo seine fünf Finger hinkamen, machten sie fünf kleine schwarze Abdrücke, alle ganz eng zusammen. Du kannst sie auf jedem beliebigen Leopardenfell sehen, Meistgeliebter. An eingen Stellen rutschten die Finger, und die Abdrücke wurden etwas verschmiert; aber wenn du dir jetzt irgendeinen Leoparden genau anschaust, wirst du sehen, das es immer fünf Flecken sind – von fünf fetten schwarzen Fingerspitzen.«

»Jetzt bist du eine Schönheit!« sagte der Äthiopier. Du kannst draußen auf dem nackten Boden liegen und wie ein Haufen Kieselsteine aussehen. Du kannst auf den nackten Felsen liegen und aussehen wie ein Stück Lavagestein. Du kannst auf einem beblätterten Zweig liegen und aussehen wie Sonnenschein, der durch die Zweige fällt; und du kannst gerade mitten auf dem Weg liegen und aussehen wie nichts Besonderes. Stell dir das vor und schnurre!«

»Aber wenn ich das alles bin,« sagte der Leopard, »warum bist du dann nicht auch fleckig geworden?«

»Oh, glattes Schwarz ist für einen Neger am besten,« sagte der Äthiopier. »Jetzt komm, laß uns sehen, ob wir nicht mit Herrn ‚Eins-zwei-drei-wo-ist-euer-Frühstück klarkommen!«

So gingen sie und lebten fortan glücklich und in Frieden, Meistgeliebter. Das ist alles.

Oh, und gelegentlich wirst du Erwachsene sagen hören, »Kann der Äthiopier seine Hautfarbe ändern, oder der Leopard seine Flecken?« Ich denke, so etwas Dummes würden nicht einmal Erwachsene immer wieder sagen,wenn der Leopard und der Äthiopier es nicht wenigstens einmal getan hätten – was meinst du? Aber sie werden es nie wieder tun, Meistgeliebter. Sie sind ganz zufrieden, wie sie sind.

Ich bin der hochweise Baviaan, hör‘ mein weises Wort
»Laß uns in der Landschaft aufgehen – nur wir zwei geh’n fort«
Leute sind gekommen – mit der Kutsche – zu Besuch. Aber Mama ist da…
Ja, ich darf gehen, wenn du mitkommst – Kindermädchen sagte »Ja«.
Zu den Schweineställen gehen und uns auf den Hofzaun setzen!
Den Kaninchen was erzählen, schau’n, wie sie durchs Gatter wetzen.
Wir sollen – ach, egal, Papi, Hauptsache, wir allein zu zweit
Wir sollen auf Entdeckung gehen, bis zum Abendbrot ist Zeit!
Hier, deine Stiefel bring ich dir, die Mütze und den Stock,
Hier, auch noch Pfeife und Tabak – komm schnell, wir hauen ab.

Die Krabbe, die mit dem Meer spielte

Die Krabbe, die mit dem Meer spielte

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Vor den Erhabenen und Weit Zurückliegenden Zeiten, o meine Meistgeliebte, war die Zeit des Ersten Anfangs; und das waren die Tage, als der Älteste Magier die Sachen in Gang brachte. Zuerst brachte er die Erde in Gang; dann brachte er die Sonne in Gang; und dann sagte er allen Tieren, dass sie zum Spielen herauskommen konnten. Und die Tiere sagten: »O Ältester Magier, was sollen wir spielen?« und er sagte: »Ich zeige es euch.« Er nahm den Elefanten – Alles-was-es-an-Elefant-gab – und er sagte: »Du spielst, ein Elefant zu sein.« Und Alles-was-es-an-Elefant-gab spielte. Er nahm den Biber – Alles-was-es-an-Biber-gab – und sagte: »Du spielst, ein Biber zu sein.« Und Alles-was-es-an-Biber-gab spielte. Er nahm die Schildkröte – Alles-was-es-an-Schildkröte-gab – und sagte: »Du spielst, eine Schildkröte zu sein.« Und Alles-was-es-an-Schildkröte-gab spielte. Einen nach dem anderen nahm er alle Tiere und Vögel und Fische und sagte ihnen, was sie spielen sollten.

Aber gegen Abend, als die Leute und alles unruhig und müde wurden, kam der Mensch (Mit seiner eigenen kleinen Tochter?) – Ja, mit seinem eigenen meistgeliebten kleinen Tochtermädchen auf den Schultern, und er sagte: »Was ist das für ein Spiel, Ältester Magier?« Und der Älteste Magier sagte: »Ho, Sohn Adams, es ist das Spiel des Ersten Anfangs; aber du bist zu verständig für dieses Spiel.« Und der Mensch salutierte und sagte: »Ja, ich bin zu verständig für dieses Spiel; aber sieh zu, dass alle Tiere mir gehorsam werden.«

Nun, während die beiden miteinander sprachen, verdrückte sich Pau Amma die Krabbe, die als nächstes dran gewesen wäre, seitwärts, und schlüpfte in das Meer, wobei sie vor sich hinmurmelte: »Ich werde mein eigenes Spiel in den tiefen Wassern spielen, und ich werde diesem Sohn Adams nie gehorsam sein.« Niemand sah sie verschwinden, außer der kleinen Tochter, die sich an die Schulter des Menschen lehnte. Und das Spiel ging weiter, bis alle Tiere ihre Aufgaben bekommen hatten; und der Älteste Magier wischte sich den feinen Staub von den Händen und ging auf der Welt umher, um zu sehen, wie die Tiere spielten.

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Dieses Bild zeigt, wie die Krabbe Pau Amma wegläuft, während der Älteste Magier mit dem Menschen und seiner kleinen Tochter sprach. Der Älteste Magier sitzt auf seinem magischen Thron, in seine magische Wolke gehüllt. Die drei Blumen vor ihm sind die drei Magischen Blumen. Oben auf dem Hügel kannst du Alles-was-es-an-Elefant-gab sehen, und Alles-was-es-an-Kuh-gab, und Alles-was-es-an-Schildkröte-gab, wie sie losgehen, um zu spielen, wie es der Älteste Magier ihnen gesagt hatte. Die Kuh hat einen Buckel, weil sie Alles-was-es-an-Kuh-gab war; deshalb mußte sie alles haben, was nachher alle Kühe brauchen würden, die es je geben würde. Unter dem Hügel sind Tiere, die gelernt haben, welche Spiele sie spielen sollen. Du kannst Alles-was-es-an-Tiger-gab sehen, wie er Alles-was-es-an-Knochen-gab anlächelt, und du siehst Alles-was-es-an-Elch-gab, und Alles-was-es-an-Papagei-gab, und Alles-was-es-an-Kaninchen-gab auf dem Hügel. Die anderen Tiere sind auf der anderen Seite des Hügels, also habe ich sie nicht gezeichnet. Das kleine Haus auf dem Hügel ist Alles-was-es-an-Haus-gab. Der Älteste Magier hat es gebaut, um dem Menschen zu zeigen, wie er sich ein Haus bauen könnte, wenn er wollte. Die Schlange rund um den spitzigen Hügel ist Alles-was-es-an-Schlange-gab, und sie spricht mit Alles-was-es-an-Affe-gab, und der Affe ist frech zu der Schlange, und die Schlange ist frech zu dem Affen. Der Mensch ist sehr in sein Gespräch mit dem Ältesten Magier vertieft. Die kleine Tochter schaut zu, wie Pau Amma wegläuft. Das bucklige Ding vorne im Wasser ist Pau Amma. Sie war damals keine gewöhnliche Krabbe. Sie war eine Königskrabbe. Deshalb sieht sie anders aus. Das Ding in dem der Mensch steht, und das wie aus Ziegelsteinen aussieht, ist das große Miz-Labyrinth. Wenn der Mensch seine Unterhaltung mit dem Ältesten Magier beendet hat, wird er in das Miz-Labyrinth gehen, weil er das muß. Das Zeichen auf dem Stein unter dem Fuß des Menschen ist ein magisches Zeichen: und unten drunter habe ich die drei magischen Blumen hingezeichnet, ganz in die magische Wolke verwoben. Dieses ganze Bild ist Große Medizin und Starke Magie.

Er ging nach Norden, Meistgeliebte, und er fand Alles-was-es-an-Elefant-gab, der mit seinen Füßen auf den schönen neuen Erdboden stampfte, der für ihn gemacht war, und ihn mit seinen Stoßzähnen umgrub.

»Kun?« sagte Alles-was-es-an-Elefant-gab, und das hieß: »Ist das so in Ordnung?«

»Payah kun,« sagte der Älteste Magier, und das hieß: »Das ist ganz in Ordnung«; und er hauchte die großen Felsen und Erdklumpen an, die Alles-was-es-an-Elefant-gab aufgeworfen hatte, und daraus wurde das große Himalaya-Gebirge, und das kannst du dir auf der Landkarte anschauen.

Er ging nach Osten, und er fand Alles-was-es-an-Kuh-gab, die fraß auf dem Feld, das für sie gemacht war, und sie schleckte mit ihrer Zunge um einen ganzen Wald auf einmal herum, und verschluckte ihn und ließ sich nieder, um wiederzukäuen.

»Kun?« sagte Alles-was-es-an-Kuh-gab.

»Payah kun,« sagte der Älteste Magier; und er hauchte den kahlen Flecken an, wo sie gefressen hatte, und die Stelle, auf der sie sich niedergelassen hatte, und eines wurde die Große Indische Wüste, und das andere wurde die Wüste Sahara, und die kannst du dir auf der Landkarte anschauen.

Er ging nach Westen, und er fand Alles-was-es-an-Biber-gab, der einen Biberdamm über die Mündungen großer Flüsse baute, die für ihn gemacht waren.

»Kun?« sagte Alles-was-es-an-Biber-gab.

»Payah kun,« sagte der Älteste Magier; und er hauchte die gefällten Bäume und das ruhige Wasser an, und sie wurden zu den Everglade-Sümpfen in Florida, und du kannst sie dir auf der Landkarte anschauen.

Dann ging er nach Süden und fand Alles-was-es-an-Schildkröte-gab, die mit ihren Flossenhänden in dem Sand kratzte, der für sie bereitgestellt worden war, und Sand und Felsen wirbelten durch die Luft und fielen weit weg in das Meer.

»Kun?« sagte Alles-was-es-an-Schildkröte-gab.

»Payah kun,« sagte der Älteste Magier; und er hauchte auf den Sand und die Felsen, wo sie ins Meer gefallen waren, und sie wurden zu den wunderschönen Inseln Borneo, Celebes, Sumatra, Java und den anderen des Malaiischen Archipels, und du kannst sie dir auf der Landkarte anschauen!

Zuguterletzt traf der Älteste Magier den Menschen an den Ufern des Flusses Perak und sagte: »Ho! Adams Sohn, sind dir alle die Tiere gehorsam?«

»Ja,« sagte der Mensch.

»Ist dir die ganze Erde gehorsam?«

»Ja,« sagte der Mensch.

»Ist dir das ganze Meer gehorsam?«

»Nein,« sagte der Mensch. »Einmal am Tag und einmal in der Nacht läuft das Meer in den Fluß Perak und treibt das Süßwasser zurück in den Wald, so dass mein Haus naß wird; einmal am Tag und einmal in der Nacht läuft es den Fluß hinunter und zieht das ganze Wasser mit sich, so dass nichts als Schlamm zurückbleibt und mein Kanu umkippt. Hast du ihm gesagt, es sollte dieses Spiel spielen?«

»Nein,« sagte der Älteste Magier. »Das ist ein neues und schlechtes Spiel.«

»Schau!« sagte der Mensch, und als er das sagte, kam das große Meer die Mündung herauf und trieb den Fluß Perak zurück, bis er alle die dunklen Wälder Meilen und Meilen weit überschwemmte und das Haus des Menschen überflutete.

»Das ist verkehrt. Setz dein Kanu ins Wasser, und wir werden herausfinden, wer da mit dem Meer spielt,« sagte der Älteste Magier. Sie setzten sich in das Kanu; die kleine Tochter kam auch mit; und der Mensch nahm seinen Kris – einen kurvigen, welligen Dolch mit flammenförmiger Klinge – und sie stießen ab in den Fluß Perak. Dann fing das Meer an, zurück und zurück zu fließen, und das Kanu wurde aus der Mündung des Flusses Perak gesaugt, an Selangor vorbei, an Malacca vorbei, an Singapur vorbei, hinaus und hinaus bis zu der Insel Bintang, als ob es an einem Faden gezogen würde.

Da stand der Älteste Magier auf und rief: »Ho! Tiere, Vögel, Fische, die ich am Ersten Anfang in meine Hände genommen habe und die ich die Spiele gelehrt habe, die sie spielen sollen, welches von euch spielt mit dem Meer?«

Da sagten alle Tiere, Vögel und Fische zusammen: »Ältester Magier, wir spielen die Spiele, die du uns gelehrt hast – wir und und unsere Kindeskinder. Aber nicht eines von uns spielt mit dem Meer.«

Dann ging der Mond groß und voll über dem Wasser auf, und der Älteste Magier sagte zu dem buckligen alten Mann, der im Mond sitzt und eine Angelschnur spinnt, mit der er hofft, eines Tages die Welt zu fangen: »Ho! Fischer im Mond, spielst du mit dem Meer?«

»Nein,« sagte der Fischer; »ich spinne eine Schnur, mit der ich eines Tages die Welt fangen werde; aber ich spiele nicht mit dem Meer.« Und er fuhr fort, seine Schnur zu spinnen.

Nun gibt es da auch noch eine Ratte auf dem Mond, die die Schnur des alten Fischers genauso schnell zernagt, wie sie gesponnen wird, und der Älteste Magier sagte zu ihr: »Ho! Ratte im Mond, spielst du mit dem Meer?«

Und die Ratte sagte: »Ich bin zu sehr damit beschäftigt, die Schnur zu zernagen, die dieser alte Fischer spinnt. Ich spiele nicht mit dem Meer.« Und sie fuhr fort, die Schnur zu zernagen.

Da hob die kleine Tochter ihre weichen braunen Arme mit den schönen weißen Muschelketten hoch und sagte: »O Ältester Magier! Als mein Vater hier am Ersten Anfang mit dir sprach, und ich auf seiner Schulter lehnte, während die Tiere ihre Spiele lernten, ging ein unartiges Tier ins Meer, bevor du ihm sein Spiel erklärt hattest.«

Und der Älteste Magier sagte: »Wie verständig sind kleine Kinder, die sehen und schweigen! Wie sah das Tier aus?«

Und die kleine Tochter sagte: »Es war rund und es war flach; und seine Augen saßen auf Stielen; und er ging so seitwärts; und er trug eine starke Rüstung am Körper.«

Und der Älteste Magier sagte: »Wie verständig sind kleine Kinder, die die Wahrheit sprechen! Jetzt weiß ich, wohin Pau Amma gegangen ist. Gebt mir ein Paddel!«

Also nahm er das Paddel; aber es war gar nicht nötig, zu paddeln, denn das Wasser floß gleichmäßig an allen Inseln vorbei, bis sie zu dem Ort kamen, der Pusat Tasek heißt – das Herz des Meeres – wo das große Loch ist, das ins Herz der Welt führt, und in dem Loch wächst der Wunderbaums Pauh Janggi, der die magischen Zwillingsnüsse trägt. Dann ließ der Älteste Magier seinen Arm bis zur Schulter durch das warme Wasser gleiten, und unter den Wurzeln des Wunderbaumes berührte er den breiten Rücken der Krabbe Pau Amma. Und Pau Amma beruhigte sich unter der Berührung, und das Meer hob sich, wie Wasser in einem Bassin sich hebt, wenn man seine Hand hineintaucht.

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Dies ist das Bild der Krabbe Pau Amma, wie sie aus dem Meer emporsteigt, so hoch wie der Rauch von drei Vulkanen. Ich habe die drei Vulkane nicht gezeichnet, weil Pau Amma so groß war. Pau Amma versucht, eine Magie zu machen, aber sie ist nur eine dumme alte Krabbe und kann überhaupt nichts. Du siehst, dass sie nur aus Beinen und Klauen und leerer hohler Schale besteht. Das Kanu ist das Kanu, in dem der Mensch und das Mädchen und der Älteste Magier vom Flusse Perak hergesegelt sind. Das Meer ist ganz schwarz und blubberig, weil Pau Amma gerade aus Pusat Tasek emporgestiegen ist. Pusat Tasek ist unten drunter, also habe ich es nicht gezeichnet. Der Mensch schwenkt sein gekrümmtes Kris-Messer vor Pau Amma. Die kleine Tochter sitzt ruhig mitten in dem Kanu. Sie weiß, dass sie bei ihrem Pappi ganz sicher ist. Der Älteste Magier steht am anderen Ende des Kanus und fängt gerade mit einer Magie an. Er hat seinen magischen Thron am Strand zurückgelassen und seine Sachen ausgezogen, damit sie nicht nass werden, und die magische Wolke hat er auch da gelassen, damit das Boot nicht umkippt. Das Ding, das auch wie ein Kanu aussieht, nennt man einen Ausleger. Das ist ein Stück Holz, an Stangen festgebunden, und es verhindert, dass das Kanu umschlägt. Das Kanu ist aus einem einzigen Stück Holz gemacht, und an einem Ende hat es ein Paddel.

»Ah« sagte der Älteste Magier. »Jetzt weiß ich, wer mit dem Meer gespielt hat.« Und er rief laut: »Was machst du, Pau Amma?«

Und tief unten antwortete Pau Amma: »Einmal am Tag und einmal in der Nacht gehe ich aus, um mir Futter zu suchen. Einmal am Tag und einmal in der Nacht kehre ich zurück. Laß mich in Ruhe.«

Da sagte der Älteste Magier: »Höre, Pau Amma. Wenn du aus deiner Höhle gehst, ergießen sich die Wasser des Meeres nach Pusat Tasek, und alle Strände aller Inseln fallen trocken, und die kleinen Fische sterben, und Radscha Mojang Kaban, der König der Elefanten, seine Füße werden schlammig. Wenn du zurückkommst und dich in Pusat Tasek verkriechst, steigen die Wasser des Meeres, und die kleinen Inseln werden halb ertränkt, und das Haus des Menschen wird überschwemmt, und Radscha Abdullah, der König der Krokodile, sein Maul füllt sich mit Salzwasser.«

Da lachte Pau Amma tief unten und sagte: »Ich wußte nicht, dass ich so wichtig bin. Von jetzt an werde ich sieben Mal täglich ausgehen, und die Wasser werden nicht mehr stillstehen.«

Und der Älteste Magier sagte: »Ich kann dich nicht zwingen, das Spiel zu spielen, das du spielen solltest, Pau Amma, weil du mir am Ersten Anfang entkommen bist; aber wenn du dich nicht fürchtest, dann komm hoch, damit wir darüber reden können.«

»Ich fürchte mich nicht,« sagte Pau Amma, und sie kam im Mondlicht herauf, an die Oberfläche des Meeres. Niemand auf der Welt war so groß wie Pau Amma – denn sie war die Königskrabbe aller Krabben. Keine einfache Krabbe, sondern eine Königskrabbe. Eine Seite ihrer riesigen Schale berührte den Strand von Sarawak; die andere berührte den Strand von Pahang; und sie war höher als der Rauch aus drei Vulkanen! Als sie sich durch die Zweige des Wunderbaums Pauh Janggi erhob, riß sie eine der großartigen Zwillingsfrüchte ab – der magischen doppelkernigen Nüsse, die jung machen – und die kleine Tochter sah sie am Kanu vorbeispringen und zog sie hinein und fing an, die weichen Augen mit ihrer kleinen goldenen Schere auszustechen.

»Nun,« sagte der Magier, »mach einen Zauber, Pau Amma, um zu zeigen, dass du wirklich wichtig bist.«

Pau Amma rollte mit den Augen und schwenkte die Beine, aber sie konnte nur das Meer aufwühlen, denn, obwohl sie eine Königskrabbe war, war sie doch nichts anderes als eine Krabbe, und der Älteste Magier lachte.

»Du bist am Ende doch nicht so wichtig, Pau Amma,« sagte er. »Nun laß mich mal versuchen,« und er machte mit seiner linken Hand etwas Magisches – nur mit dem kleinen Finger der linken Hand – und, siehe da, Meistgeliebte, Pau Ammas harte, blau-grün-schwarze Schale fiel von ihr ab wie die Hülle von einer Kokosnuß, und Pau Amma war auf einmal ganz weich – weich wie die kleinen Krabben, die du manchmal am Strand findest, Meistgeliebte.

»Du bist ja tatsächlich sehr wichtig,« sagte der Älteste Magier. »Soll ich den Menschen hier bitten, dich mit dem Kris aufzuschneiden? Soll ich nach Radscha Moyang Kaban senden, dem König der Elefanten, damit er dich mit seinen Stoßzähnen piekt, oder soll ich Radscha Abdullah, den König der Krokodile, rufen, damit er dich beißt?«

Und Pau Amma sagte: »Ich schäme mich! Gib mir meine harte Schale zurück und laß mich nach Pusat Tasek zurückkehren, und ich werde mich nur einmal am Tage und einmal in der Nacht rühren, um Futter zu suchen.«

Und der Älteste Magier sagte: »Nein, Pau Amma, ich werde dir deine Schale nicht zurückgeben, denn dann wirst du größer und stolzer und stärker werden, und vielleicht dein Versprechen vergessen und wieder mit dem Meer spielen.«

Da sagte Pau Amma: »Was soll ich machen? Ich bin so groß, dass ich mich nur in Pusat Tasek verstecken kann, und wenn ich woanders hingehe, so weich wie ich jetzt bin, werden die Haie und Hundsfische mich fressen. Und wenn ich, so weich wie ich bin, nach Pusat Tasek gehe, bin ich zwar in Sicherheit, kann aber nicht ausgehen, um mir Futter zu suchen, und dann werde ich sterben.« Und sie fuchtelte mit den Beinen und jammerte.

»Höre, Pau Amma,« sagte der Älteste Magier. »Ich kann dich nicht zwingen, das Spiel zu spielen, für das du bestimmt bist, weil du mir am Ersten Anfang entkommen bist; aber wenn du dich freiwillig dafür entscheidest, kann ich jeden Stein und jedes Loch und jedes Algenbüschel in allen Meeren für immer zu einem sicheren Pusat Tasek für dich und deine Kinder machen.«

Da sagte Pau Amma: »Das ist gut, aber ich entscheide mich noch nicht. Guck! Da ist der Mensch, der am ersten Anfang mit dir sprach. Wenn er dich nicht abgelenkt hätte, wäre ich nicht des Wartens müde geworden und weggelaufen, und dieses alles wäre nie geschehen. Was wird er für mich tun?«

Und der Mensch sagte: »Wenn du dich entscheidest, werde ich einen Zauber machen, damit das tiefe Wasser und auch das trockene Land für dich und deine Kinder eine Heimat sein können – so dass du dich sowohl am Land als auch auf dem Meer verstecken kannst.«

Und Pau Amma sagte: »ich entscheide mich noch nicht. Guck! da ist das Mädchen, das mich am Ersten Anfang weglaufen sah. Wenn sie gleich was gesagt hätte, hätte der Älteste Magier mich zurückgerufen, und alles dieses wäre nie geschehen. Was wird sie für mich tun?«

Und die kleine Tochter sagte: »Ich esse hier gerade eine gute Nuß. Wenn du dich entscheidest, werde ich einen Zauber machen und dir diese Scheren geben, die sehr scharf und stark sind, so dass du und deine Kinder jeden Tag solche Kokosnüsse essen könnt, wenn ihr vom Meer auf das Land kommt; oder ihr könnt euch mit euren eigenen Scheren selbst ein Pusat Tasek graben, wenn kein Stein und keine Höhle in der Nähe ist; und wenn die Erde zu hart ist, könnt ihr mit der Hilfe dieser selben Scheren auf einen Baum klettern.«

Und Pau Amma sagte: »Ich entscheide mich noch nicht, denn, so weich wie ich bin, werden mir diese Geschenke nichts nützen. Gib mir meine Schale zurück, o Ältester Magier, dann werde ich euer Spiel spielen.«

Und der Älteste Magier sagte: »Ich werde sie dir für elf Monate im Jahr zurückgeben, Pau Amma; aber im zwölften Monat jeden Jahres wird sie wieder weich werden, um dich und alle deine Kinder daran zu erinnern, dass ich ein Magier bin, und um dich in Demut zu halten, Pau Amma; denn ich sehe, dass du zu eingebildet werden wirst, wenn du sowohl unter Wasser als auch auf dem Land laufen kannst; und wenn du Bäume erklettern und Nüsse knacken und mit deinen Scheren Löcher graben kannst, wirst du zu gierig werden, Pau Amma.«

Da dachte Pau Amma ein wenig nach und sagte: »Ich habe mich entschieden. Ich werde alle Geschenke annehmen.«

Da machte der Älteste Magier mit der rechten Hand einen Zauber, mit allen fünf Fingern der rechten Hand, und siehst du, Meistgeliebte, da wurde Pau Amma kleiner und kleiner, bis am Ende nur noch eine kleine grüne Krabbe im Wasser neben dem Kanu schwamm, die mit sehr zarter Stimme rief: »Gebt mir die Scheren!«

Und die Tochter nahm sie auf die Fläche ihre kleinen braunen Hand, setzte sie auf den Boden des Kanus und gab ihr Scheren, und Pau Amma nahm sie mit seinen winzigen Armen, öffnete und schloss sie und ließ sie schnappen und sagte: »Ich kann Nüsse essen. Ich kann Schalen knacken. Ich kann Löcher graben. Ich kann Bäume erklettern. Ich kann in der trockenen Luft atmen, und ich kann unter jedem Stein ein sicheres Pusat Tasek finden. Ich wußte nicht, dass ich so wichtig bin. Kun?« (Ist das so in Ordnung?)

»Payah-kun,« sagte der Älteste Magier, und er lachte und gab ihr seinen Segen; und die kleine Pau Amma schlüpfte über die Bordwand des Kanus ins Wasser; und sie war so winzig, dass sie sich an Land im Schatten eines trockenen Blattes hätte verstecken können, oder unter einer leeren Muschelschale am Grunde des Meeres.

»Haben wir das gut gemacht?« sagte der Älteste Magier.

»Ja,« sagte der Mensch. »Aber jetzt müssen wir nach Pusat Tasek zurück, und das ist eine ermüdende Paddelstrecke. Wenn wir gewartet hätten, bis Pau Amma von Pusat Tasek nach Hause zurückgekommen wäre, hätte das Wasser uns von selbst dorthin getragen.«

»Du bist faul,« sagte er Älteste Magier. »Also werden deine Kinder auch faul sein. Sie werden die faulsten Leute auf der Welt sein. Man wird sie oft als Faultiere bezeichnen;« und er richtete seinen Finger auf den Mond und sagte:

»O Fischer, hier ist ein Mensch, der zu faul ist, um nach Hause zu rudern. Zieh sein Kanu mit deiner Schnur nach Hause, Fischer.«

»Nein,« sagte der Mensch. »Wenn ich mein Leben lang faul sein soll, laß das Meer für immer zweimal täglich für mich arbeiten. Das wird mir viel Paddeln ersparen.«

Und der Älteste Magier lachte und sagte: »Payah kun« (Das ist in Ordnung).

Und die Ratte im Mond hörte auf, die Schnur zu zernagen; und der Fischer ließ seine Schnur herab, bis sie das Meer berührte, und er zog das ganze tiefe Meer, vorbei an der Insel Bintang, vorbei an Singapur, vorbei an Malacca, vorbei an Selangor, bis das Kanu in die Mündung des Flusses Perak zurück wirbelte. »Kun?« sagte der Fischer im Mond.

»Payah kun,« sagte der Älteste Magier. »Nun sieh zu, dass du das Meer für immer zweimal am Tag und zweimal bei Nacht hin- und herziehst, so dass dem faulen Fischern viel Paddeln erspart bleibe. Aber paß auf, dass du nicht zu stark ziehst, sonst werde ich einen Zauber auf dich werfen wie auf Pau Amma.«

Dann fuhren sie allen den Fluß Perak hinauf und gingen zu Bett, Meistgeliebte.

Nun höre und paß auf!

Von jenem Tage an bis heute hat der Mond das Meer immer hinauf und hinunter gezogen und das gemacht, was wir die Gezeiten nennen. Manchmal zieht der Fischer des Meeres ein bißchen zu stark, und dann kriegen wir die Springflut; und manchmal zieht er ein wenig zu schwach, und dann kriegen wir das, was man Nippflut nennt; aber fast immer ist er vorsichtig, wegen des Ältesten Magiers.

Und Pau Amma? Wenn du an den Strand gehst, kannst du sehen, wie alle Babies von Pau Amma sich kleine Pusat Taseks unter jedem Stein und Algenbüschel im Sand machen; du kannst sehen, wie sie mit ihren kleinen Scheren winken; und in manchen Teilen der Welt leben sie wirklich auf dem trockenen Land, rennen die Palmenbäume hinauf und fressen Kokosnüsse, genau wie es die kleine Tochter vorausgesagt hatte. Aber einmal im Jahr müssen alle Pau Ammas ihre Schalen abwerfen und weich sein – um sie daran zu erinnern, was der Älteste Magier tun könnte. Und darum ist es nicht gerecht, Pau Ammas Babies zu töten oder zu jagen, nur weil die alte Pau Amma vor sehr langer Zeit so dumm und unverschämt war.

Oh Ja! Und Pau Ammas Babies mögen es nicht, aus ihren kleinen Pusat Taseks geholt und in Einmachgläsern nach Hause gebracht zu werden. Deshalb zwicken sie dich mit ihren Scheren, und das geschieht dir recht!

P’s und O’s auf Chinafahrt
Streifen Pau Ammas Spielplatz hart
Pusat Tasek ist irgendwie
Nah bei der Strecke von B.I.
U.Y. und N.D.L.
kennen Pau Ammas Lieblingsstell‘
Wie auch der Meeresfischer kennt
Bens, Rubattino und M.M.
Jedoch, (und das erscheint mir dumm)
ATL fährt andersrum;
O. & O. und D.O.A.
Fahr’n nur nach Amerika.
Orient, Anchor, Bibby, Hall,
Fahr’n so weit auf keinen Fall.
U.C.S. vermeidet lieber
die Gegend: wegen Dschungelfieber.
Und wenn ›Beavers‹ seine Fracht
Hätte nach Penang gebracht,
Oder ›Shaw-Savill‹ brächt‘ nur
Passagier‘ nach Singapur,
Oder ›White Star‹ führ‘ – au weia!
Ungeniert nach Surabaya,
Oder B.S.A. getraute
sich nach Cheribon trotz Flaute
Dann käm‘ der große Mister Lloyd
und schleppte sie zurück noch heut‘!

Mein Rätsel kannst du leicht ermessen,
Sobald du Mangosteens gegessen.

Oder, wenn du nicht so lange warten kannst, frag‘ mal, ob sie dir das erste Blatt der »Times« geben können; auf Seite 2 siehst du links oben die Überschrift »Reedereien«; dann nimm den Atlas (und das ist das schönste Bilderbuch der Welt) und schau nach, wie die Namen der Orte, zu denen die Dampfer fahren, zu den Namen auf der Landkarte passen. Jedes Dampfer-Kind sollte das können; wenn du aber nicht lesen kannst, bitte jemanden, es dir zu zeigen.

Der Ursprung der Gürteltiere

Der Ursprung der Gürteltiere

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Dieses, o Meistgeliebte, ist eine weitere Geschichte aus den Erhabenen und Lang-Vergangenen Zeiten. Genau in der Mitte dieser Zeiten gab es einen stachlig-pieksigen Igel, und der lebte an den Ufern des schlammigen Amazonas, wo er schalige Schnecken und so was fraß. Und er hatte einen Freund, eine bedächtig-solide Schildkröte, die an den Ufern des schlammigen Amazonas lebte und sich von grünem Salat und so was ernährte. Und so weit war alles in Ordnung, Meistgeliebte. Verstehst du?

Aber außerdem, und zur gleichen Zeit, in jenen Erhabenen und Lang-Vergangenen Zeiten nämlich, gab es da einen Scheckigen Jaguar, und der lebte auch an den Ufern des schlammigen Amazonas; und er fraß alles, was er kriegen konnte. Wenn er keine Hirsche oder Affen kriegen konnte, fraß er Frösche und Käfer; und wenn er keine Frösche und Käfer kriegen konnte, ging er zu seiner Jaguarmutter, und sie erklärte ihm, wie man Igel und Schildkröten frißt.

Sie sagt es ihm so vielmals, wobei sie graziös mit dem Schwanz wedelte: »Mein Sohn, wenn du einen Igel findest, mußt du ihn ins Wasser werfen, dann wird er sich auseinanderrollen, und wenn du eine Schildkröte fängst, mußt du sie mit deiner Pfote aus ihrem Panzer kratzen.« Und damit war das in Ordnung, Meistgeliebte.

In einer wunderschönen Nacht an den Ufern des schlammigen Amazonas fand Scheckiger Jaguar den stachlig-pieksigen Igel und die bedächtig-solide Schildkröte, wie sie unter einem umgefallenen Baumstamm saßen. Sie konnten nicht weglaufen, also rollte Stachlig-Pieksig sich zu einem Ball zusammen, weil er ein Igel war, und Bedächtig-Solide zog den Kopf und die Füße unter den Panzer, so weit es ging, weil er eine Schildkröte war; und damit war das in Ordnung, Meistgeliebte. Verstehst du?

»Nun hört mir mal zu,« sagte Scheckiger Jaguar, »weil das jetzt sehr wichtig ist. Meine Mutter sagte mir, dass, wenn ich einen Igel treffe, ich ihn ins Wasser werfen soll, dann wird er sich auseinanderrollen, und wenn ich eine Schildkröte antreffe, soll ich sie mit der Pfote aus dem Panzer kratzen. Nun, welcher von euch ist der Igel, und welcher ist die Schildkröte? – denn, bei meinen Flecken, ich kann’s nicht sagen.«

»Weißt du genau, was deine Mama gesagt hat?« sagte Stachlig-Pieksiger Igel. Bist du ganz sicher? Vielleicht hat sie ja auch gesagt, dass du, wenn du eine Schildkröte auseinanderrollst, sie mit einem Kratzer aus dem Wasser panzern sollst, und wenn du einen Igel anfaßst, mußt du ihn auf den Panzer fallen lassen.«

»Weißt du genau, was deine Mama gesagt hat?« sagte Bedächtig-Solide Schildkröte. »Bist du ganz sicher? Vielleicht hat sie ja auch gesagt, dass du einen Igel in die Pfote fallen lassen musst, wenn du ihn ins Wasser tust, und dass du eine Schildkröte, wenn du sie antriffst, panzern mußt, bis sie sich auseinanderrollt.«

»Ich glaube, es war überhaupt nicht so,« sagte der Scheckige Jaguar, aber er war ein wenig verwirrt; »bitte, sagt das doch noch einmal etwas deutlicher.«

»Wenn du mit der Pfote Wasser kratzst, rollst du es mit einem Igel auseinander,« sagte Stachlig-Pieksig. »Vergiß das nicht, denn es ist wichtig.«

»Aber,« sagte die Schildkröte, »wenn du dein Fleisch in die Pfote nimmst, mußt du es mit einem Kratzer in die Schildkröte fallen lassen. Warum kannst du das nicht verstehen?«

»Von eurem Gerede tun mir die Flecken weh,« sagte Scheckiger Jaguar; »und nebenbei, ich wollte eure Ratschläge überhaupt nicht. Ich wollte nur wissen, wer von euch Igel ist und wer Schildkröte.«

»Ich werd’s dir nicht sagen,« sagte Stachlig-Pieksig. »Aber du kannst mich aus meinem Panzer kratzen, wenn du möchtest.«

»Aha!« sagte Scheckiger Jaguar. Jetzt weiß ich, dass du Schildkröte bist. Du dachtest, ich würde es nicht tun! Aber jetzt tu ich’s.« Scheckiger Jaguar schlug pfeilschnell mit seiner Patschpfote zu, gerade, als Stachlig-Pieksig sich einrollte, und natürlich war Jaguars Patschpfote sofort voller Stacheln. Was noch schlimmer war, er hatte Stachlig-Pieksig einen Schubs gegeben, so dass der wegrollte, weiter und weiter, in das Unterholz und die Büsche, wo es zu dunkel war, um ihn wiederzufinden. Dann steckte er sich die Patschpfote ins Maul, und natürlich taten die Stacheln nun noch mehr weh. Sobald er wieder sprechen konnte, sagte er: »Jetzt weiß ich, dass er auf keinen Fall Schildkröte ist. Aber«- und er kratzte sich mit der nicht-bestachelten Pfote am Kopf – »woran kann ich erkennen, dass dieser andere Schildkröte ist?«

»Aber ich bin Schildkröte,« sagte Bedächtig-Solide. »Deine Mutter hatte ganz recht. Sie sagte, du solltest mich mit der Pfote aus dem Panzer kratzen. Fang an.«

»Vor einer Minute hast du nicht gesagt, dass sie das gesagt hat,« sagte Scheckiger Jaguar, wobei er an den Stacheln in seiner Pfote saugte. »Du sagtest, sie habe etwas ganz anderes gesagt.«

»Gut, angenommen, du sagst, dass ich sagte, dass sie etwas ganz anderes gesagt habe, dann weiß ich aber nicht, worin der Unterschied bestehen soll; denn wenn sie gesagt hat, was du sagtest, dass ich gesagt habe, sie habe es gesagt, ist das ganz dasselbe, als wenn ich gesagt hätte, dass sie gesagt habe, was sie gesagt hat. Andererseits, wenn du meinst, dass sie gesagt habe, dass du mich mit einem Kratzer entrollen sollst, anstatt mich mit einem Panzer ins Wasser zu patschen, kann ich doch nichts dafür, oder?«

»Aber du sagtest, du wolltest mit meiner Pfote aus dem Panzer gekratzt werden,« sagte Scheckiger Jaguar.

»Wenn du noch einmal nachdenkst, wirst du erkennen, dass ich nichts dergleichen gesagt habe. Ich sagte, dass deine Mutter sagte, dass du mich aus dem Panzer kratzen solltest,« sagte Bedächtig-Solide.

»Was wird geschehen, wenn ich das tue?« fragte der Jaguar sehr verächtlich und sehr vorsichtig.

»Ich weiß es nicht, weil ich noch niemals aus dem Panzer gekratzt worden bin; aber ich sag’s dir ganz ehrlich, wenn du mich wegschwimmen sehen willst, mußt du mich nur ins Wasser werfen.«

»Das glaube ich nicht,« sagte Scheckiger Jaguar. »Du hast alles, was meine Mutter mir gesagt hat, mit dem durcheinandergeworfen, was du mich gefragt hast, ob ich sicher wäre, dass sie sie nicht gesagt hat, so dass ich nicht mehr weiß, ob ich auf dem Kopf oder auf meinem scheckigen Schwanz stehe, und jetzt kommst du an und erzählst mir Sachen, die ich verstehen kann, und es verwirrt mich noch mehr. Meine Mutter hat mir gesagt, dass ich einen von euch ins Wasser werfen muß, und weil du anscheinend so heiß darauf bist, geworfen zu werden, glaube ich, dass du nicht geworfen werden willst. Also spring‘ in den schlammigen Amazonas, und zwar ein bißchen plötzlich.«

»Ich mache dich darauf aufmerksam, dass deine Mami nicht erfreut sein wird. Sag ihr nicht, dass ich’s dir nicht gesagt hätte,« sagte Bedächtig-Solide.

»Wenn du noch ein Wort darüber verlierst, was meine Mutter gesagt hat-« antwortete der Jaguar, aber er hatte den Satz noch nicht ausgesprochen, als Bedächtig-Solide geräuschlos in den schlammigen Amazonas tauchte, eine weite Strecke unter Wasser schwamm und auf dem Ufer herauskam, wo Stachlig-Pieksig auf ihn wartete.

»Das war sehr knapp,« sagte Stachlig-Pieksig. »Ich hänsele den Scheckigen Jaguar nicht. Was hast du ihm gesagt, wer du wärst?«

»Ich habe ihm aufrichtig gesagt, dass ich eine wahrheitsliebende Schildkröte bin, aber er wollte es nicht glauben, und er ließ mich in den Fluß springen, um zu sehen, was ich bin, und das tat ich, und er ist erstaunt. Jetzt ist er weg, um es seiner Mami zu erzählen. Hör ihn dir an!«

Sie konnten Scheckiger Jaguar zwischen den Bäumen und Büschen längs des schlammigen Amazonas auf und ab brüllen hören, bis seine Mami kam.

»Sohn, Sohn,« sagte seine Mutter vielmals, wobei sie graziös mit dem Schwanz wedelte, »was hast du getan, das du nicht hättest tun sollen?«

»Ich habe versucht, etwas mit der Pfote aus seinem Panzer zu kratzen, das sagte, es wolle aus dem Panzer gekratzt werden, und meine Pfote ist voller Sta-hacheln,« sagte Scheckiger Jaguar.

»Sohn, Sohn,« sagte seine Mutter vielmals, wobei sie graziös mit dem Schwanz wedelte, »an den Stacheln in deiner Patschpfote sehe ich, dass das ein Igel gewesen sein muß. Den hättest du ins Wasser werfen sollen.«

»Das habe ich mit dem anderen Ding getan; und der sagte, er sei eine Schildkröte, und ich habe ihm nicht geglaubt, aber es war ganz wahr, und er ist in den schlammigen Amazonas getaucht, und er kam nicht wieder rauf, und ich habe überhaupt nichts zu essen, und ich glaube, wir sollten lieber woandershin umziehen. Die hier am schlammigen Amazonas sind zu schlau für mich Ärmsten!«

»Sohn, Sohn,« sagte seine Mutter vielmals, wobei sie graziös mit dem Schwanz wedelte, »nun hör mir zu und merk dir, was ich sage. Ein Igel rollt sich zu einem Ball zusammen, und seine Stacheln stehen in alle Richtungen auf einmal heraus. Daran kannst du den Igel erkennen.«

»Ich mag diese alte Dame kein kleines bißchen,« sagte Stachlig-Pieksig im Schatten eines großes Blattes. »Möchte mal wissen, was sie noch alles weiß?«

»Die Schildkröte kann sich nicht zusammenrollen,« fuhr Mutter Jaguar fort, wobei sie vielmals graziös mit dem Schwanz wedelte. »Sie zieht nur den Kopf und die Beine in den Panzer. Daran kannst du die Schildkröte erkennen.«

»Ich mag diese alte Dame gar nicht – gar nicht, sagte Bedächtig-Solide Schildkröte. Nicht einmal Scheckiger Jaguar kann diese Hinweise vergessen. Es ist sehr schade, dass du nicht schwimmen kannst, Stachlig-Pieksig.«

»Erzähl mir nichts,« sagte Stachlig-Pieksig. »Stell dir vor, wie viel besser es wäre, wenn du dich zusammenrollen könntest. Das ist ein Schlamassel! Hör dir Scheckigen Jaguar an.«

Scheckiger Jaguar saß am Ufer des schlammigen Amazonas, saugte Stachel aus seiner Pfote und sagte sich vor-

»Kann nicht rollen, aber schwimmt-
Bedächtig-Solide bestimmt!
Rollt sich auf, wird nicht gern nass-
Stachlig-Pieksig ist das!«

»Das wird er nicht vergessen, solange die Sonne scheint,« sagte Stachlig-Pieksig. »Halt mein Kinn hoch, Bedächtig-Solide. Ich werde schwimmen lernen. Es könnte nützlich sein.«

»Ausgezeichnet!« sagte Bedächtig-Solide; und er hielt Stachlig-Pieksigs Kinn, während Stachlig-Pieksig in den Wassern des schlammigen Amazonas strampelte.

»Du wirst noch ein hervorragender Schwimmer,« sagte Bedächtig-Solide. »Wenn du jetzt meine Rückenplatten ein wenig aufschnüren könntest, will ich mal versuchen, wie weit ich es im Zusammenrollen bringe. Es könnte nützlich sein.«

Stachlig-Pieksig half, die Rückenplatten der Schildkröte ein wenig aufzuschnüren, so dass Bedächtig-Solide es mit viel Drehen und Zerren tatsächlich schaffte, sich ein winziges kleines bißchen zusammen zu rollen.

»Ausgezeichnet!« sagte Stachlig-Pieksig. »Aber ich sollte es damit erstmal genug sein lassen. Du wirst schon ganz blau im Gesicht. Führ mich freundlicherweise noch einmal ins Wasser, und ich werde den Seitenschlag üben, den du so leicht findest.« Und so übte Stachlig-Pieksig, und Bedächtig-Solide schwamm nebenher.

»Ausgezeichnet!« sagte Bedächtig-Solide. »Noch ein bißchen üben, und du wirst ein richtiger Wal. Wenn ich dich jetzt noch einmal bitten dürfte, meine Bauch- und Rückenplatten um zwei weitere Löcher aufzuschnüren, werde ich diese faszinierende Krümmung versuchen, die du so einfach findest. Wird der Scheckige Jaguar staunen!«

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Dieses Bild zeigt die ganze Geschichte von dem Jaguar und dem Igel und der Schildkröte und dem Gürteltier auf einem Haufen. Es sieht ziemlich gleich aus, egal, wie du es drehst. Die Schildkröte ist in der Mitte und übt gerade, sich zusammenzurollen, darum sind die Teile ihres Panzer so auseinander gespreizt. Sie steht auf dem Igel, der wartet, bis er mit den Schwimmübungen anfangen kann. Der Igel ist ein Japanischer Igel, weil ich unsere eigenen Igel im Garten nicht finden konnte, als ich sie zeichnen wollte. (Es war heller Tag, und sie waren in ihren Betten unter den Dahlien.) Gescheckter Jaguar schaut um die Ecke, mit seiner Patschpfote, die seine Mami behutsam verbunden hat, weil er sich gestochen hat, als er den Igel auskratzen wollte. Er staunt sehr über das, was die Schildkröte da macht, und seine Pfote tut ihm weh. Das rüsselige Ding mit dem kleinen Auge, über das der Gescheckte Jaguar zu klettern versucht, ist das Gürteltier, in welches die Schildkröte und der Igel sich verwandeln werden, sobald sie mit ihrem Zusammenrollen und Schwimmen fertig sind. Es ist ein ganz magisches Bild, und das ist einer der Gründe, warum ich dem Jaguar keinen Backenbart gezeichnet habe. Der andere Grund ist, dass er noch so jung war, dass ihm noch kein Backenbart wachsen konnte. Der Kosename, mit dem seine Mami den Jaguar rief, war ›Stoffel‹.

»Ausgezeichnet!« sagte Stachlig-Pieksig, ganz nass von dem schlammigen Amazonas. »Ich konstatiere, dass ich dich nicht von einem aus meiner eigenen Familie unterscheiden könnte! Zwei Löcher hast du, glaube ich, gesagt? Ein bißchen mehr Ausdruck, bitte, und grunze nicht so sehr, der Scheckige Jaguar könnte uns hören. Wenn du fertig bist, möchte ich die lange Tauchstrecke versuchen, die du so einfach findest. Wird der Scheckige Jaguar staunen!«

Und so tauchte Stachlig-Pieksig, und Bedächtig-Solide tauchte nebenher.

»Ausgezeichnet!« sagte Bedächtig-Solide. »Ein bisken mehr darauf achten, dass du den Atem anhältst, und du wirst am Grunde des schlammigen Amazonas deinen Haushalt führen können. Jetzt werde ich versuchen, meine Hinterbeine um die Ohren zu wickeln, was du ja so besonders gemütlich findest. Wird der Scheckige Jaguar staunen!«

»Ausgezeichnet!« sagte Stachlig-Pieksig. »Aber es überdehnt deine Rückenplatten ein wenig. Sie überlappen einander, statt Seite an Seite zu liegen.«

»Oh, das macht die Übung,« sagte Bedächtig-Solide. »Ich habe auch bemerkt, dass deine Stacheln miteinander zu verschmelzen scheinen, und dass du anfängst, ziemlich wie ein Kiefernzapfen auszusehen, und nicht mehr so sehr wie eine Kastanienfrucht.«

»Tatsächlich?« sagte Stachlig-Pieksig. »Das kommt davon, dass das Wasser mich so aufgeweicht hat. Oh, wird der Scheckige Jaguar staunen!«

Sie fuhren mit ihren Übungen fort, halfen sich gegenseitig, bis der Morgen herankam; und als die Sonne hoch stand, ruhten sie aus und trockneten sich. Da sahen sie, dass sie sich beide sehr verändert hatten.

»Stachlig-Pieksig,« sagte die Schildkröte nach dem Frühstück, »ich bin nicht mehr, was ich gestern noch gewesen bin, aber ich glaube, dass ich für Scheckigen Jaguar immer noch sehr amüsant sein kann.«

»Das war genau, was ich gerade dachte,« sagte Stachlig-Pieksig. »ich glaube, dass Schuppen gegenüber Stacheln eine ungeheure Verbesserung darstellen – ganz zu schweigen von der Befähigung zum Schwimmen. Oh, wird der Scheckige Jaguar staunen! Laß uns gehen und ihn suchen.«

Nach einiger Zeit fanden sie Scheckigen Jaguar, der immer noch seine Patschpfote pflegte, die in der vorigen Nacht verletzt worden war. Er war so überrascht, dass er dreimal rückwärts ohne anzuhalten über seinen scheckigen Schwanz purzelte.

»Guten Morgen!« sagte Stachlig-Pieksig. »Und wie geht’s heute deiner lieben graziösen Mami?«

»Es geht ihr ganz gut, danke,« sagte Scheckiger Jaguar; »aber ihr müßt entschuldigen, wenn ich mich im Moment nicht ganz genau an eure Namen erinnere.«

»Das ist herzlos von dir,« sagte Stachlig-Pieksig, »wenn man bedenkt, das du mich gestern um diese Zeit mit der Pfote aus meinem Panzer kratzen wolltest.«

»Aber du hattest keinen Panzer. Es waren alles Stacheln,« sagte Scheckiger Jaguar. »Ich weiß es. Guck dir nur meine Pfote an!«

»Du hast mir befohlen, mich in den schlammigen Amazonas zu werfen und zu ertrinken,« sagte Bedächtig-Solide. »Warum bist du heute so grob und vergeßlich?«

»Kannst du dich nicht mehr erinnern, was deine Mutter dir gesagt hat?« sagte Stachlig-Pieksig.

»Kann nicht rollen, aber schwimmt –
Stachlig-Pieksig bestimmt!
Rollt sich auf, wird nicht gern nass –
Bedächtig-Solide ist das!«

Dann rollten sie sich beide zusammen und rollten immer um Scheckiger Jaguar herum, bis ihm seine Augen wirklich wie Wagenräder im Kopf herumgingen.

Dann ging er und holte seine Mutter.

»Mutter, sagte er, »es gibt heute zwei neue Tiere in den Wäldern, und der eine, wo du sagtest, der kann nicht schwimmen, schwimmt doch, und der andere, wo du sagtest, der kann sich nicht zusammenrollen, rollt sich doch zusammen; und sie haben sich ihre Stacheln geteilt, glaube ich, weil sie beide über und über geschuppt sind, statt dass der eine glatt und der andere sehr stachlig ist; und außerdem rollen sie immer im Kreis herum, und mir geht’s nicht gut.«

»Sohn, Sohn,« sagte seine Mutter vielmals, wobei sie graziös mit dem Schwanz wedelte, »ein Igel ist ein Igel, und kann nichts anderes sein als ein Igel; und eine Schildkröte ist eine Schildkröte, und kann niemals irgendetwas anderes sein.«

»Aber es ist kein Igel und keine Schildkröte. Es ist etwas von beidem, und ich weiß seinen richtigen Namen nicht.«

»Unsinn!« sagte Mutter Jaguar. »Alles hat einen richtigen Namen. Ich würde es ›Gürteltier‹ nennen, bis ich den richtigen herausgefunden hätte. Und ich würde die Pfoten davon lassen.«

Und der Scheckige Jaguar beherzigte, was ihm geraten wurde, besonders das mit dem Pfoten-davon-lassen; aber das Seltsame ist, das von jenem Tage an bis heute, o Meistgeliebte, niemand an den Ufern des schlammigen Amazonas für Stachlig-Pieksig und Bedächtig-Solide jemals einen anderen Namen benutzt hat als ›Gürteltier‹. Es gibt anderswo natürlich Igel und Schildkröten (einige sogar in meinem Garten); aber die echte alte und listige Sorte, die ihre Schuppen überlapp-lipp-lappend eine über der anderen liegen hat, wie Kiefernzapfen, die in den Erhabenen und Lang-Vergangenen Zeiten an den Ufern des schlammigen Amazonas lebte, wird immer Gürteltier genannt, weil sie so listig war.

Nun ja; na gut, Meistgeliebte. Verstehst du?

Ich reiste nie am Amazon,
erreichte nie Brazil;
Doch der Don und Magdalena
die fahren dauernd hin!

Ja, täglich von South-Ampton,
die Dampfer, weiß und Gold,
Roll’n runter bis nach Rio,
(Roll‘ hin – roll‘ hin nach Rio!)
Und ich möcht‘ so gern nach Rio
Noch bin ich nicht zu alt!

Ich sah noch nie den Jaguar,
das Gürteltier noch nie
das Tier mit einem Gürtel ‚rum,
das fehlt mir irgendwie.

Darum will ich nach Rio
zu Wundern mannigfalt –
Roll‘ hin, roll‘ hin nach Rio –
Roll‘ wirklich bis nach Rio!
O, so gern rollt‘ ich nach Rio
Bevor ich werd‘ zu alt !

Die Katze, die frei umherstreifte

Die Katze, die frei umherstreifte

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Höre und merke auf und lausche; denn dieses geschah und ereignete sich und wurde und war, O meine Meistgeliebte, als die zahmen Tiere noch wild waren. Der Hund war wild, und das Pferd war wild, und die Kuh war wild, und das Schaf war wild, und das Schwein war wild – so wild wie es nur sein konnte – und sie streiften wild und im Alleingang in den Weiten Wilden Wäldern umher. Aber das wildeste aller wilden Tiere war die Katze. Sie streifte frei umher, und sie fühlte sich überall zu Hause.

Natürlich war auch der Mann noch wild. Er war schrecklich wild. Er wurde erst zahm, als er der Frau begegnete, die ihm sagte, dass sie so eine wilde Lebensweise nicht leiden konnte. Anstatt eines feuchten Blätterhaufens als Schlafstelle suchte sie eine nette trockene Höhle aus; und sie bestreute den Boden mit sauberem Sand; und hinten in der Höhle zündete sie ein nettes Holzfeuer an; und sie hängte ein getrocknetes Wildpferdfell mit dem Schwanz nach unten vor den Eingang der Höhle; und sie sagte: »Wisch dir die Füße ab, wenn du reinkommst, Lieber, und jetzt wohnen wir.«

An dem Abend, Meistgeliebte, aßen sie Wildschaf, auf heißen Steinen geröstet und gewürzt mit wildem Pfeffer und wildem Knoblauch; und Wildente, gefüllt mit Wildreis und wildem Bockshornklee und wildem Koriander; Markknochen vom Wildochsen; und Wildkirschen und wilde Grenadillen. Dann legte sich der Mann überglücklich beim Feuer schlafen; aber die Frau blieb noch auf und kämmte sich die Haare. Sie nahm den Knochen von der Hammelschulter – das große dicke Schulterblatt – und sie betrachtete die wundervollen Zeichen darauf, warf noch Holz auf das Feuer und machte einen Zauber. Sie machte den ersten Gesangszauber der Welt.

Draußen in den Weiten Wilden Wäldern versammelten sich alle wilden Tiere, wo sie aus der Ferne das Licht des Feuers sehen konnten, und fragten sich, was das bedeuten sollte. Dann stampfte das Wildpferd mit seinem wilden Huf und sagte: »O meine Freunde und O meine Feinde, warum haben der Mann und die Frau das große Licht in dieser großen Höhle gemacht, und welches Leid wird es uns zufügen?«

Der Wilde Hund hob seine wilde Nase, schnupperte den Geruch des gebratenen Hammels und sagte: »Ich werde hingehen und sehen und schauen und berichten; denn ich glaube, es ist etwas Gutes. Katze, komm mit.«

»Nein, nie!« sagte die Katze. »Ich bin die Katze, die frei umherstreift, und ich bin überall zu Hause. Ich werde nicht mitkommen.«

»Dann können wir nie wieder Freunde sein,« sagte der Wilde Hund und trabte davon zur Höhle. Aber als er ein kleines Stück weit weg war, sagte die Katze zu sich selbst: »Ich bin überall zu Hause. Warum sollte ich nicht auch hingehen und sehen und schauen und wieder weggehen, wie es mir paßt.« Also schlich sie leise, ganz leise, dem Wilden Hund hinterher und versteckte sich, so dass sie alles hören konnte.

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Dies ist das Bild von der Höhle, in der der Mann und die Frau zu allererst lebten. Es war wirklich eine sehr nette Höhle und viel wärmer, als sie aussieht. Der Mann hatte ein Kanu. Es liegt am Flußufer im Wasser, damit es aufquillt. Das zerfledderte Ding am anderen Ufer ist das Lachsnetz des Mannes, mit dem er Lachse fängt. Hübsche saubere Steine führen vom Fluß zur Höhle hinauf, so dass der Mann und die Frau Wasser holen können, ohne Sand zwischen die Zehen zu kriegen. Die Dinger weit unten am Srand, die wie schwarze Käfer aussehen, sind in Wirklichkeit Stämme von toten Bäumen, die aus den Weiten Wilden Wäldern vom anderen Ufer herüber geschwommen sind. Der Mann und die Frau zogen sie aus dem Wasser, trockneten sie und machten Feuerholz daraus. Ich habe den Pferdefellvorhang am Höhleneingang nicht gezeichnet, weil die Frau ihn gerade zum Waschen heruntergenommen hat. Alle die kleinen Schmutzflecken im Sand zwischen der Höhle und dem Fluß sind Abdrücke von den Füßen des Mannes und den Füßen der Frau.

Der Mann und die Frau sind beide in der Höhle beim Mittagessen. Als das Baby kam, sind sie in eine gemütlichere Höhle ungezogen, weil das Baby immer zum Fluß gekrabbelt und hineingefallen ist, und der Hund es herausziehen mußte.

Als der Wilde Hund den Höhleneingang erreichte, hob er das getrocknete Pferdefell mit der Nase an und schnüffelte nach dem wunderbaren Geruch des gebratenen Hammels, und die Frau, die das Schulterblatt betrachtete, hörte ihn, lachte und sagte: »Da kommt der erste. Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, was willst du?«

Der Wilde Hund sagte: »O meine Feindin, Weib meines Feindes, was riecht hier so gut in den Wilden Wäldern?«

Da nahm die Frau einen gebratenen Hammelknochen auf und warf ihn dem Wilden Hund vor und sagte: »Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, probiere und versuch’s.« Der Wilde Hund nagte an dem Knochen, und der war leckerer als alles, was er je geschmeckt hatte, und er sagte: »O meine Feindin, Weib meines Feindes, gib mir noch einen.«

Die Frau sagte: »Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, hilf meinem Mann am Tag bei der Jagd und bewache in der Nacht diese Höhle, und ich werde dir so viele gebratene Knochen geben, wie du brauchst.«

»Ah!« sagte die Katze, als sie das hörte. »Das ist eine sehr kluge Frau, aber sie ist nicht so klug wie ich.«

Der Wilde Hund kroch in die Höhle und legte der Frau den Kopf auf den Schoß und sagte: »O meine Freundin, Weib meines Freundes, ich werde deinem Mann den ganzen Tag beim Jagen helfen, und bei Nacht werde ich eure Höhle bewachen.«

»Ah!« sagte die Katze. »Das ist ein sehr dummer Hund.« Und sie ging durch die Weiten Wilden Wälder davon, ihren wilden Schweif schwenkend, in ihrem wilden Alleingang. Aber sie verriet nichts.

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Dies ist das Bild von der Katze, die allein umherstreifte, wie sie im Alleingang durch die Weiten Wilden Wälder wandert und ihren Wilden Schweif schwenkt. Sonst ist außer ein paar Pilzen nichts auf dem Bild. Sie wuchsen da, weil die Wälder ziemlich feucht waren. Das klumpige Ding auf dem unteren Zweig ist kein Vogel. Es ist Moos, das da wuchs, weil es in den Wilden Wäldern so feucht war.
br> Unter dem richtigen Bild ist ein Bild von der gemütlichen Höhle, in die der Mann und die Frau umgezogen sind, als das Baby kam. Es war ihre Sommerhöhle, und davor pflanzten sie Weizen an. Der Mann reitet auf dem Pferd, um die Kuh zu suchen und zum Melken zur Höhle zurück zu bringen. Er hält die Hand hoch und winkt dem Hund, der auf die andere Seite des Flusses geschwommen ist, um dort Kaninchen zu suchen.

Als der Mann aufwachte, sagte er: »Was macht der Wilde Hund denn hier?« Und die Frau sagte: »Sein Name ist nicht mehr Wilder Hund, sondern Erster Freund, weil er für immer und immer und immer unser Freund sein wird. Nimm ihn mit, wenn du Jagen gehst.«

Am nächsten Abend schnitt die Frau einen großen grünen Armvoll frisches Gras aus den Wasserwiesen, trocknete es am Feuer, so dass es wie frischgemähtes Heu roch, und sie setzte sich an den Höhleneingang und flocht ein Halfter aus Pferdehaut, und sie schaute auf das Hammel-Schulterblatt – auf das große breite Schulterblatt – und machte einen Zauber. Sie machte den zweiten Gesangszauber der Welt.

Draußen in den Wilden Wäldern fragten sich alle wilden Tiere, was mit dem Wilden Hund geschehen war, und schließlich stampfte das Wilde Pferd mit dem Huf und sagte: »Ich werde gehen und sehen und berichten, warum der Wilde Hund nicht zurückgekommen ist. Katze, komm mit.«

»Nein, nie!« sagte die Katze. »Ich bin die Katze, die alleine umherstreift, und ich bin überall zu Hause. Ich werde nicht mitgehen.« Aber trotzdem folgte sie dem Wilden Pferd leise, ganz leise, und versteckte sich, so dass sie alles hören konnte.

Als die Frau das Wilde Pferd trappeln und über seine lange Mähne stolpern hörte, lachte sie und sagte: »Hier kommt der zweite. Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, was willst du?«

Das Wilde Pferd sagte: »O meine Feindin, Weib meines Feindes, wo ist der Wilde Hund?«

Die Frau lachte, nahm das Schulterblatt auf, schaute es an und sagte: »Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, du bist nicht wegen des Wilden Hundes hergekommen, sondern wegen dieses guten Grases.« ( In jenen Erhabenen Zeiten war der Genitiv noch überall verbreitet, Anm.d.Übers.)

Und das wilde Pferd, trappelnd und über seine lange Mähne stolpernd, sagte: »Das ist wahr; gib es mir zu fressen.«

Die Frau sagte: »Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, beuge deinen wilden Kopf und trage, was ich dir gebe, und du sollst dreimal täglich das wunderbare Gras fressen.«

»Ah,« sagte die Katze, als sie das hörte, »das ist eine schlaue Frau, aber sie ist nicht so schlau wie ich.« Das Wilde Pferd beugte seinen wilden Kopf und die Frau zog ihm den geflochtenen Lederhalfter über, und das Wilde Pferd atmete auf die Füße der Frau und sagte: »O meine Herrin, Weib meines Herrn, für dieses wunderbare Gras will ich euer Diener sein.«

»Ah,« sagte die Katze, als sie das hörte, »das ist ein sehr dummes Pferd.« Und sie ging durch die Weiten Wilden Wälder davon, ihren wilden Schweif schwenkend, in ihrem wilden Alleingang. Aber sie verriet nichts.

Als der Mann und der Hund vom Jagen kamen, sagte der Mann: »Was macht das Wilde Pferd hier?« Und die Frau sagte: »Sein Name ist nicht mehr Wildes Pferd, sondern Erster Diener, weil es uns für immer und immer und immer von einem Ort zum andern tragen wird. Reite auf seinem Rücken zur Jagd.«

Am nächsten Tag kam die Wilde Kuh zur Höhle, ihren wilden Kopf hoch erhoben, damit ihre wilden Hörner sich nicht in den wilden Bäumen verfingen, und die Katze folgte ihr und versteckte sich genau wie zuvor; und alles ging wieder genau so wie zuvor; und die Katze sagte dasselbe wie zuvor, und als die Wilde Kuh versprochen hatte, der Frau jeden Tag ihre Milch im Tausch für das wunderbare Gras zu geben, ging die Katze durch die Weiten Wilden Wälder, ihren wilden Schweif schwenkend und in ihrem wilden Alleingang davon, ganz genau wie zuvor. Aber sie verriet nichts. Und als der Mann und das Pferd und der Hund vom Jagen nach Hause kamen und die selben Fragen wie zuvor stellten, sagte die Frau: »Ihr Name ist nicht mehr Wilde Kuh, sondern Spenderin Guter Nahrung. Sie wird uns für immer und immer und immer die warme weiße Milch geben, und ich werde sie pflegen, während du mit dem Ersten Freund und dem Ersten Diener jagen gehst.«

Am nächsten Tag wartete die Katze, ob noch ein Wildes Ding zu der Höhle gehen würde, aber niemand rührte sich in den Weiten Wilden Wäldern, also ging die Katze allein hin; und sie sah, wie die Frau die Kuh molk, und sie sah das Licht des Feuers in der Höhle, und sie roch den Geruch der warmen weißen Milch.«

Katze sagte; »O meine Feindin, Weib meines Feindes, wo ist die Wilde Kuh hingegangen?«

Die Frau lachte und sagte: »Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, geh‘ zurück in die Wälder, denn ich habe meine Haare hochgeflochten, und ich habe das magische Schulterblatt weggepackt, und wir haben keinen Bedarf mehr an Freunden oder Dienern in unserer Höhle.«

Katze sagte: »Ich bin kein Freund und ich bin kein Diener. Ich bin die Katze, die alleine umherstreift, und ich wünsche, in eure Höhle zu kommen.«

Frau sagte: »Warum bist du dann nicht am ersten Abend mit dem Ersten Freund gekommen?«

Katze wurde sehr wütend und sagte: »Hat der Wilde Hund Geschichten über mich erzählt?«

Da lachte die Frau und sagte: »Du bist die Katze, die frei umherstreift, und fühlst dich überall zu Hause. Du bist weder Freund noch Diener. Du hast es selbst gesagt. Hau ab und geh zu deinem Überall-Zu-Hause.«

Da tat die Katze so, als ob es ihr leid täte und sagte: »Darf ich niemals in die Höhle kommen? Darf ich niemals am warmen Feuer sitzen? Darf ich niemals die warme weiße Milch trinken? Du bist doch sehr weise und sehr schön. Du solltest nicht grausam sein, nicht einmal zu einer Katze.«

Die Frau sagte: »Ich wußte, dass ich weise bin, aber ich wußte nicht, dass ich schön bin. Also werde ich einen Handel mit dir machen. Wenn ich jemals ein Wort zu deinem Lob sage, darfst du in die Höhle kommen.«

»Und wenn du zwei Worte zu meinem Lob sagst?« sagte die Katze.

»Das werde ich niemals tun,« sagte die Frau, »aber falls ich zwei Worte zu deinem Lob sage, darfst du in der Höhle am Feuer sitzen.«

»Und wenn du drei Worte sagst?« sagte die Katze.

»Das werde ich niemals tun,« sagte die Frau, »aber falls ich drei Worte zu deiner Ehre sage, darfst du dreimal täglich die warme weiße Milch trinken, für immer und immer und immer.«

Da machte die Katze einen Buckel und sagte: »Nun mögen der Vorhang am Eingang der Höhle und das Feuer im Innern der Höhle und die Milchtöpfe, die am Feuer stehen, sich erinnern, was meine Feindin, das Weib meines Feindes, gesagt hat.« Und sie ging, ihren wilden Schweif schwenkend, in ihrem wilden Alleingang durch die Weiten Wilden Wälder davon.

Als an diesem Abend der Mann, das Pferd und der Hund vom Jagen kamen, erzählte die Frau ihnen nichts von dem Handel, den sie mit der Katze gemacht hatte, weil sie befürchtete, dass es ihnen nicht gefallen würde.

Die Katze lief weit, weit weg und vesteckte sich lange Zeit in den Weiten Wilden Wäldern in ihrem wilden Alleingang, bis die Frau sie ganz vergessen hatte. Nur die kleine Fledermaus – die kleine kopfüber-Fledermaus – die in der Höhle hing, flog mit den Neuigkeiten, die es gab, zur Katze.

Eines Abends sagte die Fledermaus: »In der Höhle ist jetzt ein Baby. Er ist neu und rosa, und fett und klein, und die Frau hat es sehr gern.«

»Ah,« sagte die Katze, »aber was hat das Baby sehr gern?«

»Es hat Sachen gern, die weich sind und kitzeln,« sagte die Fledermaus. »Es mag warme Sachen im Arm halten, wenn es einschläft. Es mag, wenn man mit ihm spielt. Das mag es alles gerne.«

»Ah,« sagte die Katze, als sie das hörte, »dann ist jetzt meine Zeit gekommen.«

In der nächsten Nacht ging die Katze durch die Weiten Wilden Wälder und versteckte sich ganz nah bei der Höhle, bis am Morgen der Mann und der Hund und das Pferd zum Jagen gingen. Die Frau war an dem Morgen sehr mit Kochen beschäftigt, und das Baby weinte und störte sie bei der Arbeit. Also trug sie es vor die Höhle und gab ihm eine Handvoll Kiesel zum Spielen. Aber das Baby weinte immer noch.

Da streckte die Katze ihr Patschpfötchen aus und tätschelte dem Baby die Bäckchen, und es gluckste; und die Katze rieb sich an seinen speckigen Knieen und kitzelte es mit dem Schwanz unter dem speckigen Kinn. Und das Baby lachte; und die Frau hörte es und lächelte.

Dann sagte die Fledermaus – die kleine kopfüber-Fledermaus, die am Höhleneingang hing: »O meine Gastgeberin, Weib meines Gastgebers und Mutter des Sohnes meines Gastgebers, ein wildes Ding aus den wilden Wäldern spielt sehr schön mit deinem Baby.«

»Gesegnet sei das Ding, was immer es auch sein mag,« sagte die Frau und streckte ihren Rücken, »denn ich war heute morgen eine sehr beschäftigte Frau und es hat mir einen Dienst erwiesen.«

In genau dieser Minute und Sekunde, Meistgeliebte, fiel der getrocknete Pferdefell-Vorhang, der mit dem Schwanz nach unten über den Eingang der Höhle gespannt war – wuusch! – herunter, weil er sich an den Handel erinnerte, den sie mit der Katze gemacht hatte, und als die Frau hinging und ihn aufhob – siehe da! – da saß die Katze ganz zufrieden in der Höhle.

»O meine Feindin, Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes,« sagte die Katze, »ich bin es: denn du hast ein Wort zu meinem Lob gesprochen, und jetzt darf ich für immer und immer und immer in der Höhle sitzen. Aber ich bin immer noch die Katze, die frei umherstreift, und ich bin überall zu Hause.«

Die Frau war sehr wütend, nahm ihr Spinnrad auf und begann zu spinnen. Aber das Baby weinte, weil die Katze weggegangen war, und die Frau konnte es nicht beruhigen, weil es um sich schlug und trat und ganz blau im Gesicht wurde.

»O meine Feindin, Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes,« sagte die Katze, »nimm einen Faden von dem Garn, das du spinnst, binde es an deine Spinnwirtel und zieh sie über den Boden, und ich werde dir einen Zauber zeigen, der dein Baby so laut zum Lachen bringt, wie es jetzt schreit.«

»Ich werde das mal machen,« sagte die Frau, »weil ich mit meiner Weisheit am Ende bin, aber ich werde dir nicht dafür danken.«

Sie band den Faden an die kleine tönerne Spinnwirtel und zog sie über den Boden, und die Katze rannte hinterher, schlug mit den Pfoten danach und rollte Hals-über-Kopf, warf sie sich rücklings über die Schulter und jagte zwischen ihren Hinterbeinen danach, verlor sie zum Schein und sprang wieder darauf los, bis das Baby so laut lachte, wie es geschrieen hatte, und hinter der Katze her krabbelte und in der ganzen Höhle herumtollte, bis es müde wurde und sich mit der Katze in den Armen schlafen legte.

»Jetzt,« sagte die Katze, »werde ich dem Kind ein Lied singen, von dem es eine Stunde lang schlafen wird,« und sie begann zu schnurren, laut und leise, leise und laut, bis das Baby fest schlief. Die Frau lächelte, als sie auf die zwei herabschaute und sagte: »Das hast du wunderbar gemacht. Keine Frage, du bist sehr gescheit, O Katze.«

In der selben Minute und Sekunde, Meistgeliebte, kam der Rauch des Feuers hinten in der Höhle in Wolken von der Decke herab – puff! – weil er sich an den Handel erinnerte, den sie mit der Katze gemacht hatte, und als er sich verzogen hatte – siehe da! – saß die Katze ganz gemütlich direkt am Feuer.

»O meine Feindin, Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes,« sagte die Katze, »ich bin es, denn du hast ein zweites Wort zu meinem Lob gesprochen, und jetzt kann ich für immer und immer und immer an dem warmen Feuer hinten in der Höhle sitzen. Aber ich bin immer noch die Katze, die frei umherstreift, und ich bin überall zu Hause.«

Da war die Frau sehr sehr wütend, und öffnete ihr Haar, legte Feuerholz nach, holte das breite Schulterblatt des Hammels hervor und begann einen Zauber zu machen, der sie davor schützen sollte, ein drittes Wort zum Lob der Katze zu sagen. Es war kein Gesangszauber, Meistgeliebte, es war ein Stummer Zauber; und nach und nach wurde es so still in der Höhle, dass eine kleine winzige Maus aus einer Ecke hervorkroch und über den Boden rannte.

»O meine Feindin, Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes,« sagte die Katze, »gehört die kleine Maus zu deinem Zauber?«

»Aah! Hieeh! Nein, überhaupt nicht!« sagte die Frau, und sie ließ das Schulterblatt fallen und sprang auf den Hocker, der vor dem Feuer stand, und drehte ihr Haar sehr schnell auf, aus Angst, dass die Maus daran herauflaufen würde.

»Ah,« sagte die Katze, als sie das sah, »dann wird die Maus mir nicht schaden, wenn ich sie auffresse?«

»Nein,« sagte die Frau und drehte ihre Haare auf, »friß sie schnell auf, und ich werde dir ewig dankbar sein.«

Katze machte einen Sprung und fing das Mäuschen, und die Frau sagte: »Tausend Dank. Nicht einmal der Erste Freund ist schnell genug, um so wie du Mäuschen zu fangen. Du mußt sehr klug sein.«

In diesem selben Moment und Augenblick, o Meistgeliebte, zerbrach der Milchtopf, der beim Feuer gestanden hatte, in zwei Stücke – ffft – weil er sich an den Handel erinnerte, den sie mit der Katze gemacht hatte, und als die Frau von ihrem Hocker sprang– siehe da! – schlabberte die Katze die warme weiße Milch aus einem der Bruchstücke.

»O meine Feindin, Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes,« sagte die Katze, »ich bin es; denn du hast drei Worte zu meinem Lob gesprochen, und jetzt kann ich dreimal täglich für immer und immer und immer die warme weiße Milch trinken. Aber ich bin immer noch die Katze, die frei umherstreift, und ich bin überall zu Hause.«

Da lachte die Frau und stellte der Katze eine Schale mit warmer Milch hin und sagte : »O Katze, du bist so klug wie ein Mensch, aber denk daran, dass dein Handel nicht mit dem Mann oder dem Hund abgeschlossen wurde, und ich weiß nicht, was sie machen werden, wenn sie nach Hause kommen.«

»Was interessiert mich das?« sagte die Katze. »Wenn ich meinen Platz am Feuer in der Höhle und dreimal täglich meine warme Milch habe, kümmert es mich nicht, was der Mann oder der Hund machen.«

Als an dem Abend der Mann und der Hund in die Höhle kamen, erzählte die Frau ihnen die ganze Geschichte von dem Handel, während die Katze am Feuer saß und grinste. Dann sagte der Mann: »Ja, aber mit mir hat sie keinen Handel gemacht, und auch nicht mit den anständigen Männern, die nach mir kommen werden.« Dann zog er seine beiden Lederstiefel aus und nahm seine kleine Steinaxt (das waren drei) und er holte ein Stück Holz und ein Beil (das macht zusammen fünf ), stellte alles in einer Reihe auf und sagte: »Jetzt werden wir unseren Handel machen. Wenn du nicht Mäuse fängst, so lange du in der Höhle bist, für immer und immer und immer, werde ich diese fünf Sachen nach dir werfen, sobald ich dich sehe, und alle anständigen Männer nach mir werden das auch so halten.«

»Ah,« sagte die Frau, als sie das hörte, »das ist eine sehr kluge Katze, aber sie ist nicht so klug wie mein Mann.«

Die Katze zählte die fünf Sachen (die sehr knorrig aussahen) und sagte: »Ich werde für immer und immer und immer Mäuse fangen, wenn ich in der Höhle bin; aber ich bin immer noch die Katze, die frei umherstreift, und ich bin überall zu Hause.«

»Nicht, wenn ich in der Nähe bin,« sagte der Mann. »Wenn du das zuletzt nicht gesagt hättest, hätte ich alle diese Sachen für immer und immer und immer weggelegt; aber jetzt werde ich meine Stiefel und meine kleine Steinaxt nach dir werfen (das sind drei), wann immer ich dich sehe. Und alle anständigen Männer nach mir werden das auch so halten.«

Dann sagte der Hund: »Wartet mal. Mit mir und mit allen anständigen Hunden nach mir hat sie keinen Handel gemacht.« Und er zeigte seine Zähne und sagte: »Wenn du nicht für immer und immer und immer lieb zu dem Baby bist, so lange ich in der Höhle bin, werde ich dich jagen, bis ich dich habe, und wenn ich dich habe, werde ich dich beißen. Und alle anständigen Hunde nach mir werden das auch so halten.«

»Ah,« sagte die Frau, als sie das hörte, »das ist eine sehr kluge Katze, aber sie ist nicht so klug wie der Hund.«

Die Katze zählte die Zähne des Hundes (und die sahen sehr spitz aus) und sagte: »Ich werde für immer und immer und immer lieb zu dem Baby sein, wenn ich in der Höhle bin, so lange es nicht zu feste an meinem Schwanz zieht. Aber ich bin immer noch die Katze, die frei umherstreift, und ich bin überall zu Hause.«

»Nicht, wenn ich in der Nähe bin,« sagte der Hund. »Wenn du das zuletzt nicht gesagt hättest, hätte ich für immer und immer und immer meine Schnauze gehalten; aber jetzt werde ich dich auf einen Baum scheuchen, wann immer ich dich sehe. Und alle anständigen Hunde nach mir werden das auch so halten.«

Dann warf der Mann seine zwei Stiefel und seine kleine Steinaxt (das macht drei) nach der Katze, und die Katze rannte aus der Höhle, und der Hund scheuchte sie auf einen Baum; und von jenem Tage bis heute, Meistgeliebte, werden drei von fünf anständigen Männern immer mit Sachen nach einer Katze werfen, sobald sie sie sehen, und alle anständigen Hunde werden sie auf einen Baum scheuchen. Aber die Katze hält ihre Seite des Handels genauso ein. Sie wird Mäuse töten und lieb zu Babies sein, wenn sie im Haus ist, solange die sie nicht zu feste am Schwanz ziehen. Aber wenn sie damit fertig ist, und auch zwischendurch, und wenn der Mond aufgeht und die Nacht kommt, dann ist sie die Katze, die frei umherstreift, und ist überall zu Hause. Dann geht sie in die Weiten Wilden Wälder oder auf die Weiten Wilden Dächer, ihren wilden Schweif schwenkend, in ihrem wilden Alleingang.

 

Pussi sitzt am Feuer und schnurrt,
Pussi springt auf den Baum,
Spielt mit dem alten Kork an der Schnur,
Spielt für sich, beachtet mich kaum.
Viel lieber ist mir da Bello, der Hund
Der sich richtig benehmen kann,
Bello ist, was der Erste Freund war, und
ich bin der Höhlenmann.

Pussi ist nur Mein-Mann-Freitag geblieben,
Bis es Zeit war, die Pfoten zu rühren;
(Für Crusoe hat sie’n Fuß-Abdruck geschrieben)
Jetzt will sie auf Dächern spazieren.
Sie plustert den Schwanz und miaut
Und kratzt und rennt hin und her.
Doch Bello spielt mit und bellt fröhlich laut,
Mein Erster Freund, das ist er.

Pussi reibt ihr Köpfchen an meinem Knie
Tut so, als liebt‘ sie mich sehr;
Doch wenn ich zu Bett geh, seh ich sie nie,
Dann läuft sie im Hof hin und her;
Und da bleibt sie, bis die Sonne aufgeht,
Darum weiß ich, sie macht mir was vor;
Denn Bello schnarcht nachts bei mir vor dem Bett,
Mein Erstester Freund, das ist er!

Ein Sang des Kabir

Ein Sang des Kabir

        Oh, wie leicht wog die Welt in der Macht seiner Hand!
Wie weit zog sein Ruhm über Lehen und Land!
Er stieg nieder vom Thron, ließ die Macht und den Schein,
Ging in Bettlergewand, ein Bairagi zu sein.

Weiß glüht Delhis Straße, dem Fuß nun zur Matten,
Dammar und Akazie dem Haupt nun zum Schatten,
Sein Heim das Gewühl, Feld und Wald, Wüstenei’n,
Einen Pfad sucht im All der Bairagi allein.

Er schaute den Menschen, sein Auge ward klar
(Einer wird, spricht Kabir, einer ist, einer war),
Der Tat roter Nebel nicht hüllt ihn mehr ein,
Er wandelt den Pfad – ein Bairagi – allein.

Daß vom Bruder, dem Tier, seinem Bruder, der Erde,
Seinem Bruder, dem Gott, Erkenntnis ihm werde,
Ließ Thron er und Rat – er starb nun dem Schein
(Ihr hört? spricht Kabir), ein Bairagi zu sein.

Die Dschungel los!

Die Dschungel los!

        Hüllet sie, decket sie, schlinget sie ein,
Blüte und Ranke und Kraut!
Der Geruch und Geschmack soll vergessen sein,
Dieser Brut, ihr Blick und ihr Laut!
Schwarzfette Asche am Altarstein,
Weißflüssiger Regen, hierher!
Die Hirschkuh kalbt am verwilderten Rain,
Niemand erschrecke sie mehr.
Zerbröckelt die Mauern, zerstückelt der Schrein.
Keiner hause hier mehr!

Sicher erinnert ihr euch noch daran, wie das damals war, als Mogli Schir Khans Haut an den Rätefelsen heftete und dem Rest des Sionirudels erklärte, er wolle fortan allein in der Dschungel jagen. Nur die vier Jungen von Mutter und Vater Wolf taten sich zu ihm.

Aber leicht ist es nicht, sein ganzes Leben mit einemmal zu ändern – vornehmlich in der Dschungel. Als das aufrührerische Wolfspack abgezogen war, begab sich Mogli als erstes zur heimatlichen Höhle und schlief einen Tag und eine Nacht hindurch. Darauf erzählte er Vater und Mutter Wolf von seinen Erlebnissen bei den Menschen, soviel sie davon verstehen konnten; und als er die Morgensonne auf der Klinge seines Jagdmessers aufblitzen ließ – des Messers, mit dem er Schir Khan abgehäutet hatte –, sagten sie, er habe etwas gelernt. Dann berichteten Akela und Graubruder von ihrer Mitwirkung bei dem großen Büffeltreiben in der Schlucht, und Balu kam herangewackelt, um alles zu hören, während Baghira in seiner Freude über Moglis Kriegskunst sich am ganzen Körper kraulte.

Lange nach Sonnenaufgang war es schon, aber keiner dachte an Schlaf; von Zeit zu Zeit hob Mutter Wolf den Kopf hoch und schnupperte tief befriedigt, wenn der Wind ihr den Geruch des Tigerfells vom Rätefelsen zutrug.

»Ohne Akela und Graubruder hätte ich es nicht geschafft«, endete Mogli seine Erzählung. »O Mutter, Mutter! Hättest du die blauen Herdenbullen gesehen, wie sie die Schlucht hinabdonnerten oder durch die Tore stürmten, als das Menschenvolk mit Steinen nach mir warf.«

»Froh bin ich, das nicht gesehen zu haben«, sagte Mutter Wolf sehr steif. »Es ist nicht meine Art, zu dulden, daß meine Jungen wie Schakale gehetzt werden. Ich würde dem Menschenpack eine schöne Rechnung gemacht haben; aber die Frau, die dir Milch gab, hätte ich geschont. Ja, sie allein.«

»Frieden, halte Frieden, Raschka!« sagte Vater Wolf und dehnte sich faul. »Unser Frosch ist ja heimgekehrt und so weise geworden, daß sein eigener Vater ihm die Füße lecken muß. Was macht schon eine Schramme mehr oder weniger am Kopf? Laß die Menschen in Ruh!« – »Laßt die Menschen in Ruh!« wiederholten Balu und Baghira.

Mogli, den Kopf an Mutter Wolfs Seite gelegt, lachte zufrieden und sagte, was ihn angehe, so wünsche er nie wieder den Menschen zu sehen, zu hören oder zu riechen.

»Was aber dann«, sagte Akela, ein Ohr hochstellend, »was aber dann, wenn die Menschen dich nicht in Ruhe lassen, kleiner Bruder?«

»Wir sind unserer fünf«, rief Graubruder, sich im Kreise umsehend, und schnappte mit hartem Laut die Kiefer zusammen.

»Bei dieser Jagd möchten wir auch dabei sein«, sagte Baghira mit leisem »Switsch, switsch« des Schweifes und sah Balu an. »Aber warum jetzt an Menschen denken, Akela?«

»Darum!« entgegnete der Einsiedelwolf. »Als die Haut des gelben Diebes an den Felsen geheftet war, lief ich zurück auf unserer Fährte, dem Dorf zu; aber meiner Spur folgend, schwenkte ich bald nach rechts, bald nach links, bald wälzte ich mich, um die Fährte zu verwischen, falls jemand uns folgen sollte. Als ich aber die Fährte so getrübt hatte, daß ich sie selbst kaum wiedererkannte, kam Mang, die Fledermaus, angeschwirrt und hakte sich über mir an einem Aste fest. Sprach Mang: ›Im Dorf des Menschenpacks, wo sie das Menschenjunge ausstießen, summt es wie in einem Hornissennest.‹«

»Ich habe aber auch einen tüchtigen Stein geworfen«, lachte Mogli, der oft reife Papayas in die Nester der Hornissen geworfen hatte, um sich dann in den nächsten Pfuhl zu stürzen, ehe sie ihn einholen konnten.

»Ich fragte Mang, was er gesehen hätte. Er erzählte, die rote Blume blühe vor dem Eingang des Dorfes, und Männer mit Flinten säßen dabei. Ich aber weiß, und guten Grund habe ich dafür«, hier sah Akela nach seinen alten Narben auf Flanken und Schultern, »daß Menschen nicht zum Vergnügen Flinten tragen. Und jetzt, kleiner Bruder, sucht ein Mensch mit Flinte unsere Spur, wenn er sie nicht schon gefunden hat.«

»Aber warum sollte er?« fragte Mogli ärgerlich. »Sie haben mich ausgestoßen, die Menschen. Was wollen sie noch mehr?«

»Ein Mensch bist du, kleiner Bruder«, antwortete Akela. »Uns, den freien Jägern, steht nicht zu, dir zu sagen, was deine Brüder tun und warum.«

Er hatte gerade noch Zeit, seine Tatze hochzureißen, als Moglis Jagdmesser neben ihm tief in den Grund fuhr. Moglis Wurf war schneller, als ein menschliches Auge folgen konnte; aber Akela war ein Wolf, und selbst ein Hund, der dem Wolf, seinem wilden Vorfahren, bei weitem nachsteht, kann, aus tiefem Schlaf auffahrend, noch zur Seite springen, wenn ein Wagenrad schon seine Flanke berührt, ohne daß es ihn verletzt.

»Ein andermal«, sagte Mogli ruhig und steckte das Messer in die Scheide, »ein andermal sprich von dem Menschenvolk und Mogli nicht in einem Atemzuge.«

»Phff, das ist ein scharfer Zahn«, sagte Akela und beschnüffelte den Einschnitt, den das Messer im Boden gemacht hatte. »Aber das Leben unter den Menschen hat dein Auge verdorben, kleiner Bruder. In der Zeit, wo du das Messer warfst, hätte ich einen Bock reißen können.«

In diesem Augenblick sprang Baghira auf, warf den Kopf hoch, witterte und stand regungslos, jeden Muskel des Körpers gestrafft. Schnell folgte Graubruder dem Beispiel, sich links von ihm haltend, um den Wind zu bekommen, der von rechts kam; Akela sprang fünfzig Meter dem Wind entgegen und lag sprungbereit niedergeduckt. Mogli sah neidvoll zu. Vieles witterte er, wie kaum ein Mensch, doch nie erreichte er auch nur annähernd die haarscharfe Feinheit der Dschungelnase, und die drei Monate im Dorf unter Menschen hatten zudem seinen Geruchssinn abgestumpft. Indessen befeuchtete er den Finger, rieb ihn an seiner Nase und stand hoch aufgerichtet, um die obere Witterung zu bekommen, die, wenn auch die schwächste, doch die sicherste ist.

»Menschen«, knurrte Akela und setzte sich auf die Hinterläufe.

»Buldeo!« rief Mogli und ließ sich nieder. »Er folgt unserer Fährte; und seht, die Sonne glitzert auf seiner Büchse.«

Es war nur ein kurzes Aufblinken, der Bruchteil einer Sekunde, auf den Messingbeschlägen der alten Muskete; aber in der Dschungel blinkt niemals etwas so mit solchem Blitzen, sofern nicht Wolken über den Himmel jagen. Dann glitzert wohl im rasch wechselnden Licht ein Stück Glimmer, eine kleine Wasserpfütze oder ein glänzendes Blatt auf wie ein Sonnentelegraph. Aber heute war der Tag gleichmäßig klar und wolkenlos.

»Ich wußte, daß Menschen uns folgen würden«, sagte Akela triumphierend, »nicht umsonst war ich Führer des Rudels.« Moglis vier Wölfe schlichen schweigend, tief zur Erde geduckt, den Hügel hinab und verschwanden im Dorn und niederen Gestrüpp.

»Wohin lauft ihr denn, ohne ein Wort zu sagen?« rief Mogli.

»Still! Vor Mittag noch rollen wir seinen Schädel hierher«, antwortete Graubruder.

»Zurück! Zurück Ihr! Und wartet!« schrie Mogli. »Menschen fressen keine Menschen.«

»Wer wollte noch eben ein Wolf sein? Wer warf das Messer nach mir, weil ich sagte, er wäre ein Mensch?« und die vier krochen widerwillig gehorchend zurück.

»Muß ich Gründe nennen für das, was mir zu tun beliebt?« gab Mogli wütend zurück.

»Mensch ist das, so spricht Mensch!« murrte Baghira leise in seinen Bart. »Just so redeten die Menschen vor den Käfigen des Königs in Oodeypore. Wir von der Dschungel wissen, daß der Mensch das weiseste aller Geschöpfe ist. Dürften wir aber unseren Ohren trauen, so würden wir erkennen, daß er der törichste ist von allen.« Laut sagte er dann: »Das Menschenjunge hat recht. Menschen jagen in Rudeln. Einen zu töten, ohne zu wissen, was die anderen tun werden, ist schlechte Jagd. Kommt, laßt uns sehen, was dieser Mann gegen uns im Schilde führt.«

»Wir kommen nicht mit«, brummte Graubruder. »Jage allein, kleiner Bruder, wir wissen, was wir wollen. Jetzt könnte der Schädel schon fertig sein, um hierhergebracht zu werden.« Moglis Blicke wanderten von einem Freund zum anderen, seine Brust hob sich, und die Augen füllten sich mit Tränen. Er ging ein paar Schritte vor, fiel auf die Knie und sagte: »Weiß ich etwa nicht, was ich will? Seht mich an!«

Unsicher blickten sie auf ihn, und wenn ihre Augen sich abwenden wollten, rief er immer wieder und wieder: »Blickt mich an!« Bis jedes Haar an ihrem Körper sich sträubte und ihre Glieder zitterten unter Moglis starrendem Blick.

»Nun«, sagte er endlich, »wer ist der Führer unter den fünfen?«

»Du bist der Führer, kleiner Bruder«, sagte Graubruder und leckte Moglis Füße.

»So folgt denn«, befahl Mogli, und die vier schlichen hinter ihm drein mit eingekniffenen Schwänzen.

»Das hat man davon, wenn man sich mit Menschen abgibt«, zischte Baghira, ihm nachgleitend. »In der Dschungel gilt noch etwas anderes jetzt als Dschungelgesetz, Balu.«

Der alte Bär schwieg, aber dachte sich so manches. Geräuschlos durchquerte Mogli die Dschungel im rechten Winkel zu Buldeos Pfad. Als er das Unterholz teilte, sah er den alten Mann, die Muskete geschultert, auf der zwei Tage alten Fährte im Hundetrab herankeuchen.

Ihr entsinnt euch, wie Mogli das Dorf verließ, mit der schweren Last von Schir Khans Haut auf den Schultern, während Akela und Graubruder hinter ihm dreintrabten, so daß die Fährte sehr deutlich gezeichnet war. Nun aber kam Buldeo an die Stelle, von der aus Akela, wie ihr wißt, kreuz und quer zurückgegangen war, um die Spur zu verwischen. Buldeo setzte sich nieder, hustete, brummte, stand dann wieder auf und lief hierhin und dorthin im Dickicht, um die Fährte wiederzufinden, während er leicht hätte einen Stein werfen können auf die, die ihn belauschten. Kein anderes Geschöpf kann sich so leise bewegen wie der Wolf, wenn er nicht gehört sein will; und auch Mogli konnte kommen und gehen wie ein Schatten, wenn die anderen ihn auch plump und schwerfällig fanden. Sie umkreisten den alten Mann. Tümmlern gleich, die einen Dampfer in voller Fahrt umringen; dabei redeten sie sorglos weiter, denn ihre Sprache setzte erst nach dem untersten Ton der Skala ein, die für geübte menschliche Wesen vernehmbar ist. Das andere Ende der Skala gipfelt in dem schrillen Pfiff von Mang, der Fledermaus, die viele gar nicht hören können, und bei diesem Ton erst setzt die eigentliche Sprache der Vögel, Fledermäuse und Insekten ein.

»Das hier ist noch besser als Beute schlagen«, sagte Graubruder, indes Buldeo sich bückte, stierte und schnaufte. »Er sieht aus wie ein Schwein, das sich in der Uferdschungel verloren hat. Was sagt er?« Buldeo brummte wütend vor sich hin.

Mogli übersetzte: »Er sagt, daß hier das Wolfsrudel um mich herumgetanzt haben müßte. Er sagt, eine solche Fährte wäre ihm noch nicht in seinem ganzen Leben vorgekommen. Müde sei er.«

»Er wird zur Ruhe gebracht werden, bevor er noch die Fährte wiedergefunden hat«, sagte Baghira kühl und schlängelte sich um einen Baumstamm in ihrem gemeinsamen Blindekuhspiel. »Was tut das magere Ding jetzt?«

»Es frißt oder bläst Rauchwolken aus seinem Mund, Menschen müssen immer etwas tun mit ihrem Mund.« Und die stillen Treiber sahen, wie der alte Mann eine Pfeife füllte, anzündete und rauchte; und sie merkten sich genau den Geruch des Tabaks, um Buldeo, wenn nötig, auch in dunkelster Nacht ausmachen zu können.

Später kam ein kleiner Trupp von Köhlern des Wegs und hielt an, um mit Buldeo zu sprechen, dessen Ruhm auf zwanzig Meilen im Umkreis zum mindesten reichte. Alle setzten sich nieder und rauchten. Baghira und die anderen schoben sich näher heran und horchten, indes Buldeo die Geschichte von Mogli, dem Teufelskind, zu erzählen begann, mit allerlei Zutaten und Erfindungen. Er selbst hatte natürlich Schir Khan getötet, und Mogli hätte sich plötzlich in einen Wolf verwandelt und den ganzen Nachmittag mit ihm gekämpft, worauf er dann wieder Knabe wurde und Buldeos Büchse behexte, so daß die Kugel, als er auf Mogli schoß, um die Ecke flog und einen von Buldeos eigenen Büffeln traf; nun habe das Dorf ihn, den tapfersten Jäger in Sioni, ausgeschickt, um das Teufelskind zu erledigen. Inzwischen hätten sie im Dorf Messua und ihren Mann, zweifellos die Eltern des Teufelskindes, in ihrer eigenen Hütte eingesperrt und wollten sie nun bald foltern, damit sie geständen, Zauberer und Hexe zu sein, worauf sie dann verbrannt werden sollten.

»Wann wird das sein?« fragten die Köhler, denn sie wollten bei dem Fest nicht fehlen. Buldeo sagte, es würde nichts geschehen, bis er zurückgekehrt wäre, denn man wünsche im Dorfe, daß er zuvor den Dschungelknaben tötete. Danach sollten Messua und ihr Mann drankommen, und ihre Äcker und Büffel sollten unter die Dorfbewohner verteilt werden. Messuas Mann besäße einige kapitale Stücke. Es wäre sehr verdienstvoll, Zauberer zu vernichten, meinte Buldeo, und Leute, die Wolfskinder aus dem Dschungel aufzögen, wären sicher die allerschlimmsten Zauberer.

Aber wenn nun die Engländer davon erführen? meinten die Köhler. Die Engländer wären ein ganz verrücktes Volk, hätte man ihnen gesagt, und hinderten ehrbare Landleute daran, Hexen in Ruhe zu verbrennen.

Ach was, erklärte Buldeo, der Dorfvorsteher würde berichten, daß Messua und ihr Mann am Schlangenbiß gestorben wären. Das sei alles schon abgemacht. Die Hauptsache wäre nun, das Wolfskind zu töten. Ob sie vielleicht zufällig irgendwo eine solche Kreatur gesehen hätten?

Die Kohlenbrenner blickten sich scheu um und dankten den Sternen, einem solchen Wesen nicht begegnet zu sein; aber sie zweifelten nicht, daß ein so tapferer Mann wie Buldeo den Dämon finden würde, wenn der überhaupt zu finden wäre. Die Sonne stand schon tief, und ihnen kam der Gedanke, nach Buldeos Dorf zu wandern, um sich die Hexe anzusehen. Buldeo erklärte darauf, es wäre zuvor seine Pflicht, das Teufelskind zu töten, aber unbewaffnete Männer so ohne Schutz und Begleitung durch den Dschungel gehen zu lassen, wo jeden Augenblick der Wolfsdämon auftauchen könnte, das wäre sträflicher Leichtsinn. Er wollte daher mit ihnen gehen, und sollte das Hexenkind auftauchen – nun, dann würde er ihnen zeigen, wie der beste Jäger in Sioni mit so einem Ding fertig wird. Außerdem hätte ihm der Brahmane einen Talisman gegen den Dämon gegeben, so daß man also ganz sicher sein könne.

»Was sagt er? Was sagt er?« wiederholten die Wölfe alle Augenblicke, und Mogli übersetzte, bis er zu der Hexengeschichte kam, die etwas über seinen Verstand ging. Dann sagte er den Wölfen, daß der Mann und die Frau, die so gut zu ihm gewesen wären, in der Falle säßen.

»Fangen die Menschen denn andere Menschen in Fallen?« fragte Baghira.

»So sagt er. Ich verstehe das Geschwätz nicht. Verrückt sind sie alle zusammen. Was haben Messua und ihr Mann mit mir zu schaffen, daß man sie in der Falle fängt? Und was bedeutet das Gerede von der roten Blume? Ich muß gehen und nachsehen. Was sie auch immer vorhaben gegen Messua, sie werden nichts unternehmen, ehe Buldeo zurück ist, und so…« Mogli dachte scharf nach, mit den Fingern am Griff des langen Jagdmessers spielend, Buldeo aber und die Köhler entfernten sich, tapfer im Gänsemarsch schreitend.

»Ich muß sofort zum Menschenpack zurück«, sagte Mogli endlich.

»Und jene da?« fragte Graubruder und blickte gierig den braunen Rücken der Köhler nach.

»Singt sie heim«, sagte Mogli grinsend. »Ich wünsche nicht, daß sie vor Dunkelheit am Dorftor ankommen. Könnt ihr sie zurückhalten?«

Graubruder fletschte voller Verachtung seine weißen Zähne. »Rund herum im Kreise werden wir sie hetzen, wie festgebundene Ziegen – wie ich die Menschen kenne.«

»Das ist nicht nötig. Singt ihnen etwas vor, damit sie sich nicht einsam fühlen auf ihrem Wege, und, Graubruder, ein Wiegenlied braucht es nicht zu sein. Geh‘ mit ihnen, Baghira, und hilf singen. Wenn die Nacht gekommen ist, trefft mich bei dem Dorfe – Graubruder kennt die Stelle.«

»Leichte Jagd ist das nicht, fürs Menschenjunge zu spüren. Wann soll ich denn schlafen?« gähnte Baghira, aber seine Augen verrieten, wie er sich auf das Vergnügen freute. »Ich soll nacktem Menschenwild vorsingen? Na, versuchen wir’s!«

Er senkte den Kopf, damit der Schall weitertrage, und brüllte ein langes, langes »Große Jagd«. Ein Mitternachtsschrei am Nachmittag, Schreck erregend genug für den Anfang. Mogli hörte es rollen und steigen und fallen und hinsterben in eine Art grauenvollem Gewimmer, und lachend rannte er durch die Dschungel. Er sah, wie die Köhler sich angstvoll in einen Haufen zusammendrängten, und sah, wie der Büchsenlauf des alten Buldeo hin und her schwankte wie ein Bananenblatt im Winde. Dann gab Graubruder den Bocktreiberruf yalahei! yalaha!, mit dem das Rudel die Nilghai, die große, blaue Kuh, vor sich herjagt; und es schien vom Ende der Welt zu kommen, drang näher, näher und näher, bis es mit einem schrillen Schrei jäh abbrach. Die anderen drei antworteten, so daß selbst Mogli hätte schwören können, ein volles Rudel Wölfe stimme den großen Jagdschrei an. Dann fielen alle ein in den sieghaften Morgengesang, mit Schwingungen, Tusch und Trillern, wie sie jeder tiefmäulige Wolf des Rudels kennt. Dies hier ist nur eine ungefähre Wiedergabe des Sanges, aber stellt euch vor, wie er klingen mag, wenn er die Nachmittagsstille des Dschungels durchbricht:

        Still schlichen wir noch eben hier
Uns ohne Schatten fort,
Nun trifft er rund vor uns den Grund,
Drum auf, zum Lagerort!

Im Morgentraum ragt Fels und Baum,
Im Schweigen starrt die Welt –
Nun gebt in Hast den Ruf »Gute Rast«,
Wer Dschungelsatzung hält.

Es duckt sich schnell Horn, Zahn und Fell
In Höhle, Busch und Spalt,
Denn ruhen will, versteckt und still,
Das Freigeschlecht vom Wald.

Schon beugt vorm Flug den starren Bug
Der Stier ins Menschenjoch,
Und drohend loht des Frühlings Rot
Am Morgenhimmel hoch.

Zur Höhl‘ in Eil‘, schon schießt den Pfeil
Durchs Gras das Sonnenaug‘!
Und knisternd zieht durchs Bambusried
Des Frühlings Warnungshauch.

Fremd Busch und Strauch dem Dunkelaug‘,
Das scheu nur blinzeln mag,
In Lüften frei Wildentenschrei:
Des Menschen ist der Tag!

Und Fell und Gras, vom Taue naß,
In Sonne trocken dampft;
Es birst der Schlamm am Uferdamm,
den nächtens wir zerstampft.

Der Nacht Verrat deckt auf den Pfad
Von Pfot‘ und Klau‘ und Huf –
Nun – wer da Dschungelfrieden hält,
Gut Rast! – ihm gilt der Ruf!

Keine Übertragung aber kann die Wirkung wiedergeben noch den gellenden Hohn, den die vier in jedes Wort legten, als sie die Bäume krachen hörten, denn die Männer kletterten hastig hinauf ins Geäst, und Buldeo begann Beschwörungen und Zauberformeln vor sich hin zu lallen.

Dann legten sich die Wölfe nieder zum Schlafen, denn wie bei allen, die von eigener Körperkraft leben, war ihr Denken methodisch, und niemand kann gut arbeiten ohne Schlaf. Inzwischen legte Mogli neun Meilen in der Stunde zurück, sich leicht voranschwingend und erfreut darüber, daß er nach den einzwängenden Monaten unter den Menschen noch in so guter Form war. In seinem Kopf war der eine Gedanke, Messua und ihren Mann aus der Falle zu befreien, welcher Art diese auch sein mochte, denn er hatte ein natürliches Mißtrauen gegen Fallen. Späterhin, so gelobte er sich, würde er dem Dorf großzügig die Schuld heimzahlen.

Es begann schon zu dämmern, als er die wohlbekannten Weidegründe und den Dhâkbaum erblickte, unter dem Graubruder ihn erwartet hatte an jenem Morgen, da er Schir Khan erlegte. So zornig er auch war auf Menschen und Menschengemeinschaft, schnürte doch etwas seine Kehle zusammen, so daß er tief Atem schöpfen mußte, als er die Dächer des Dorfes erblickte. Ihm fiel auf, daß die Bewohner ungewöhnlich früh von den Feldern heimgekehrt waren, und anstatt die Abendmahlzeit zu bereiten, sich alle unter dem Dorfbaum versammelt hatten, schwatzten und schrien.

Menschen müssen immer Fallen stellen den Menschen, sonst sind sie nicht zufrieden, dachte Mogli. Vor zwei Nächten galt es Mogli, doch das scheint schon viele Regenzeiten her zu sein. Heute abend sind es Messua und ihr Mann. Morgen und viele weitere Nächte vielleicht wird wieder Mogli an der Reihe sein.

Er schlich sich an der Umwallung des Dorfes bis zu Messuas Hütte und blickte dann durch das Fenster ins Innere. Messua lag, geknebelt und an Händen und Füßen gefesselt, schwer stöhnend am Boden. Ihr Mann war an der buntbemalten Bettstatt festgebunden. Die Tür der Hütte, die sich nach der Straße öffnete, war fest verrammelt, und drei oder vier Männer saßen davor, den Rücken gegen die Tür gelehnt.

Mogli kannte Sitten und Gepflogenheiten der Dörfler ziemlich genau. Solange sie essen, schwatzen und rauchen konnten, überlegte er, würde nichts weiter geschehen; aber sobald sie gesättigt waren, wurden sie gefährlich. Buldeo mußte in Kürze beim Dorfe eintreffen, und wenn seine Begleitung ihre Pflicht getan hatte, würde er eine spannende Geschichte zu erzählen haben. Mogli stieg durch das Fenster, neigte sich über den Mann und die Frau, durchschnitt die Fesseln, zog die Knebel heraus und sah sich in der Hütte nach Milch um.

Messua war halb toll vor Schmerz und Angst, denn sie war den ganzen Morgen hindurch geprügelt und gesteinigt worden; und Mogli legte ihr noch gerade rechtzeitig die Hand auf den Mund, um sie am Schreien zu hindern. Der Mann war nur zornig und verwirrt, saß da und zupfte Schmutz und Splitter aus dem Bart.

»Ich hab’s gewußt – hab’s gewußt, er würde kommen«, schluchzte Messua endlich. »Jetzt weiß ich, daß er mein Sohn ist«, und sie preßte Mogli ans Herz. Bis dahin war Mogli vollkommen gleichgültig geblieben, aber nun begann er über und über zu zittern, und das setzte ihn in unbeschreibliches Erstaunen.

»Was sollten diese Stricke? Warum haben sie dich gebunden?« fragte er nach kurzem Schweigen.

»Um zu Tode gefoltert zu werden, weil wir dich als Sohn aufnahmen – was sonst?« sagte der Mann mürrisch. »Sieh her, ich blute.«

Messua schwieg. Aber nur ihre Wunden sah Mogli, und seine Zähne knirschten beim Anblick ihres Blutes.

»Wer hat das getan? Einen hohen Preis wird man dafür zahlen.«

»Das ganze Dorf tat es. Zu reich war ich, besaß zu viele Rinder. Darum sind sie und ich Zauberer, und weil wir dir Obdach gaben.«

»Ich verstehe nicht. Messua, erzähle du.«

»Milch gab ich dir, Nathu, weißt du noch?« begann Messua zaghaft. »Denn du bist mein Sohn, den der Tiger raubte, und ich liebe dich von Herzen. Sie sagten, ich wäre deine Mutter, die Mutter eines Teufels, und deshalb verdiente ich den Tod.«

»Und was ist ein Teufel?« fragte Mogli. »Tod habe ich schon gesehen.«

Der Mann blickte düster unter seinen Brauen hervor, Messua aber lachte. »Sieh«, sprach sie zu ihrem Mann, »ich wußte – wußte immer, daß er kein Zauberer ist. Mein Sohn ist er, mein Sohn!« »Sohn oder Zauberer, was nützt uns das«, entgegnete der Mann. »Töten wird man uns trotzdem.«

»Dort läuft der Weg durch die Dschungel –«, Mogli wies durch das Fenster. »Frei sind eure Hände und Füße, geht jetzt.«

»Wir kennen die Dschungel nicht, mein Sohn, wie – wie du sie kennst«, begann Messua. »Ich glaube auch nicht, daß ich weit wandern könnte.«

»Und die Männer und Frauen würden auch hinter uns her sein und uns hierher zurückschleppen«, sagte der Mann.

»Hm«, meinte Mogli und kitzelte seine Handfläche mit der Spitze des Jagdmessers. »Ich wünsche nicht, irgendwem im Dorf ein Leids zu tun – dennoch – aber ich glaube nicht, daß sie euch zurückhalten werden. Binnen kurzem werden sie an ganz anderes zu denken haben. Aha!« Er erhob den Kopf und lauschte auf das Schreien und Trampeln draußen. »So haben sie Buldeo nun heimkehren lassen.«

»Diesen Morgen wurde er ausgeschickt, dich zu töten«, rief Messua. »Bist du ihm begegnet?«

»Ja – wir – ich begegnete ihm. Eine Geschichte kann er erzählen, und während er redet, bleibt Zeit, vieles zu tun. Aber ich muß erst wissen, was sie vorhaben. Überlegt, wohin ihr euch wenden könnt, und sagt es mir, wenn ich zurückkomme.«

Er schwang sich aus dem Fenster und lief wieder außen an der Umwallung entlang, bis er in Hörweite der Menge gelangte, die um den wilden Feigenbaum versammelt war. Buldeo lag auf der Erde, ächzte und stöhnte, und alle bestürmten ihn mit Fragen. Das Haar hing ihm wirr um den Kopf, Arme und Beine waren zerschunden vom Klettern auf die Bäume; kaum vermochte er zu sprechen, aber war sich doch der Bedeutung seiner Person sehr bewußt. Ab und zu murmelte er etwas von Teufeln, singenden Teufeln und magischen Verzauberungen, um der Menge einen Vorgeschmack zu geben von dem, was folgen würde. Dann rief er nach Wasser.

»Bah«, dachte Mogli, »immer nur Geschwätz und Geschnatter. Blutsbrüder des Affenvolkes sind die Menschen. Jetzt muß er erst seinen Mund mit Wasser waschen, dann Rauch blasen; und wenn das alles getan ist, so hat er noch seine Geschichte zu erzählen. Wahrlich, ein weises Volk, diese Menschen! Niemanden werden sie zurücklassen, um Messua zu bewachen, bis ihre Ohren vollgestopft sind mit Buldeos Geschichten, und – ich werde auch so träge wie sie!«

Er schüttelte sich und schlich nach der Hütte zurück. Gerade, als er unter dem Fenster war, fühlte er eine Berührung am Fuß.

»Mutter«, sagte er, denn er kannte diese Zunge gut, »was hast du hier zu schaffen?«

»Meine Kinder hörte ich durch den Wald singen; und ich folgte ihm, den ich am meisten liebe. Kleiner Frosch, ich habe das Verlangen, die Frau zu sehen, die dir Milch gab«, sagte Mutter Wolf, die ganz durchnäßt war vom Tau.

»Man hat sie gefesselt und wollte sie töten. Die Stricke habe ich durchschnitten, und jetzt wird sie mit ihrem Mann durch die Dschungel gehen.«

»Ich will ihr folgen. Alt bin ich, aber noch nicht zahnlos.« Mutter Wolf stellte sich auf die Hinterläufe und äugte durch das Fenster in die dunkle Hütte.

Kurz darauf ließ sie sich wieder geräuschlos nieder und sagte nur: »Die erste Milch gab ich dir; aber Baghira spricht die Wahrheit: Mensch geht zuletzt immer zu Menschen.«

»Mag sein«, sagte Mogli mit düsterem Gesicht; »aber heute nacht bin ich dieser Fährte noch sehr fern. Warte hier, aber laß dich nicht sehen.«

»Angst hattest du niemals vor mir, kleiner Frosch«, sagte Mutter Wolf und verschwand rückwärts tretend im hohen Grase. Mogli schwang sich wieder durchs Fenster in die Hütte. »Jetzt«, sagte er heiter, »sitzen sie alle um Buldeo versammelt, der ihnen erzählt, was nicht geschah. Wenn aber sein Gerede zu Ende ist, so werden sie, wie sie sagen, hierherkommen mit der roten – mit Feuer, um euch beide zu verbrennen. Und ihr?«

»Ich habe mit meinem Mann gesprochen«, sagte Messua. »Kanhiwara ist dreißig Meilen von hier entfernt, aber dort in Kanhiwara werden wir die Engländer finden – –«

»Was sind die für ein Rudel?« sagte Mogli.

»Ich weiß nicht. Weiß sollen sie sein, und man sagt, daß sie das ganze Land regieren und nicht dulden, daß die Menschen totgeschlagen und verbrannt werden ohne ihre Erlaubnis. Wenn wir heute nacht dorthin gelangen, werden wir leben. Sonst aber müssen wir sterben.«

»Lebt denn. Heute nacht wird keiner im Dorf aus dem Tor gelassen. Aber was schafft er dort?« Messuas Mann lag in einem Winkel der Hütte auf den Knien und wühlte in der Erde.

»Sein weniges Geld ist es«, erklärte Messua; »nichts anderes können wir mitnehmen.«

»Ach ja. Das Zeug, das von Hand zu Hand geht und niemals wärmer wird. Braucht man das auch anderswo als in diesem Dorf?« sagte Mogli.

Der Mann schaute ärgerlich hoch. »Ein Narr ist er und kein Teufel«, murmelte er. »Mit dem Geld kann ich mir ein Pferd kaufen. Wir sind zu zerschunden, um weit gehen zu können, und in einer Stunde wird das ganze Dorf hinter uns her sein.«

»Ich sage, sie werden euch nicht folgen, bis ich es will. Aber das Pferd ist ein guter Gedanke, denn Messua ist müde.« Der Mann stand auf und knotete die letzten Rupien in sein Hüfttuch. Mogli half Messua durch das Fenster steigen; und die kühle Nachtluft belebte sie; aber im Glanz der Sterne ragte dunkel und furchtbar die Dschungel.

»Kennt ihr die Fährte nach Kanhiwara?« flüsterte Mogli.

Sie nickten.

»Gut. Und nun fürchtet euch nicht. Auch braucht ihr nicht rasch zu wandern. Nur – nur mag da etwas Gesang sein in der Dschungel, hinter euch her und vor euch.«

»Glaubst du, wir hätten gewagt, eine Nacht in der Dschungel zu sein, wenn wir nicht fürchteten, verbrannt zu werden? Besser ist es, von wilden Tieren getötet zu werden als von Menschen«, sagte Messuas Mann; aber Messua sah Mogli an und lächelte.

»Ich sage«, fuhr Mogli fort, fast so wie Balu, wenn er ein altes Dschungelgesetz dem unaufmerksamen Jungen zum hundertsten Male wiederholte, »ich sage, daß nicht ein Zahn in der Dschungel gegen euch gefletscht, nicht eine Tatze in der Dschungel erhoben sein wird. Weder Mensch noch Tier soll euch aufhalten, bis ihr in Sehweite von Kanhiwara gelangt sein werdet. Eine Wache werdet ihr um euch haben.« Er wandte sich rasch zu Messua: »Er glaubt nicht, aber du wirst glauben?«

»Ja, wahrlich, mein Sohn. Mann, Geist oder Wolf der Dschungel – ich glaube dir.«

»Er wird sich fürchten, wenn er mein Volk singen hört. Du aber wirst wissen und verstehen. Geh‘ jetzt, und langsam, denn zu hasten braucht ihr nicht. Die Tore sind geschlossen.«

Messua warf sich aufschluchzend zu Moglis Füßen, aber rasch, sehr rasch hob er sie wieder auf und erschauerte leicht. Dann umschlang sie seinen Hals und segnete ihn mit den zärtlichsten Worten, die sie finden konnte. Aber ihr Mann sah neidvoll über seine Felder hin und sagte: »Erreichen wir Kanhiwara und gewinnen das Ohr der Engländer, werde ich die Gerichte anrufen gegen den Brahmanen, den alten Buldeo und alle übrigen; der Prozeß soll das Dorf bis auf die Knochen kahlfressen. Zwiefach sollen sie mir bezahlen für mein Korn, das ich nicht ernten, und meine Büffel, die ich nicht füttern durfte. Ja, ein großer Richterspruch wird mir werden.«

Mogli lachte: »Ich weiß nicht, was Richterspruch ist, aber – kehre du zurück vor dem nächsten Regen und sieh zu, was von allem übriggeblieben ist.«

Sie wanderten gegen die Dschungel zu davon, und Mutter Wolf sprang hervor aus ihrem Versteck.

»Folge ihnen!« sagte Mogli. »Melde allen in der Dschungel, daß diese zwei sicher sind. Gib etwas Laut, ich möchte Baghira herbeirufen.«

Das lange, tiefe Geheul stieg auf und verebbte. Mogli sah Messuas Mann zusammenfahren und sich umwenden, halb entschlossen, zur Hütte zurückzuflüchten.

»Geht weiter!« rief Mogli heiter. »Ich sagte euch ja, es könnte etwas Gesang geben; der wird euch folgen bis Kanhiwara. Es ist die Gunst der Dschungel.«

Messua drängte ihren Mann vorwärts, und alsbald verschlang die Dunkelheit sie und Mutter Wolf. Im gleichen Augenblick tauchte Baghira fast unmittelbar vor Moglis Füßen auf, zitternd vor Lust an der Nacht, die das Dschungelvolk toll macht.

»Ich schäme mich deiner Brüder«, sagte er schnurrend.

»Wie? Haben sie Buldeo nicht hübsch vorgesungen?« sagte Mogli.

»Zu schön! Zu schön! Sie ließen selbst mich meinen Stolz vergessen; und, beim gesprengten Schloß, das mich befreite, ich spazierte singend durch die Dschungel, als wäre ich auf Freite im Lenz. Hast du uns nicht gehört?«

»Anderes Spiel hatte ich im Gange. Buldeo frage, ob ihm der Sang gefallen hat. Aber wo sind die vier? Ich will nicht, daß einer vom Menschenpack heute nacht die Tore verläßt.«

»Was brauchst du die viere dazu?« sagte Baghira mit lodernden Augen, von einem Bein aufs andere tänzelnd und lauter schnurrend denn je. »Ich allein kann sie halten, kleiner Bruder. Kommt es zum Töten am Ende? Das Singen und der Anblick der Männer, wie sie an den Bäumen hochkletterten, machten mir Lust dazu. Was ist der Mensch, daß wir ihn schonen sollten – den nackten, braunen Gräber, den Haarlosen und Zahnlosen, den Erdfresser? Gefolgt bin ich ihm durch den ganzen Tag – im weißen Sonnenglast. Ich trieb ihn in Herden, wie die Wölfe den Bock. Baghira bin ich! Baghira! Baghira! Wie ich mit meinem Schatten tanze, so tanzte ich mit jenen Männern. Sieh!«

Der mächtige Panther sprang, wie ein Kätzchen einem trockenen Blatt nachspringt, das über ihm im Winde wirbelt, schlug links und rechts in die leere Luft, daß sie unter den Streichen pfiff, fiel lautlos nieder, sprang wieder und wieder, halb schnurrend, halb knurrend, lauter und stärker, wie Dampf im Kessel rumpelt. »Ich bin Baghira – in der Dschungel – in der Nacht, und über mir ist meine Kraft. Wer kann meinem Streich widerstehen? Menschenjunges, mit einem Schlag meiner Tatze könnte ich dir den Kopf so platt schlagen wie einen toten Frosch im Sommer.«

»Schlage denn!« rief Mogli in der Sprache des Dorfes und nicht in der Zunge der Dschungel. Die Menschenworte brachten Baghira mit einem Ruck zum Stillstand. Er fiel hart zurück auf die Hinterläufe, die unter ihm zitterten, Kopf an Kopf mit Mogli. Wieder starrte Mogli, wie er die meuternden Jungen angestarrt, voll in die beryllgrünen Augen, bis die rote Lohe erlosch hinter dem Grün, wie wenn der Lichtkegel eines Leuchtturms, zwanzig Meilen über die See hin suchend, plötzlich ausgeschaltet wird; Mogli starrte weiter, bis die Augen des Panthers sich senkten und der mächtige Kopf mit ihnen tiefer und tiefer – und zuletzt die rote Raspel der Zunge über Moglis Fußspann leckte.

»Bruder – Bruder – Bruder!« flüsterte der Knabe, sanft und gleichgültig über Baghiras Hals und wogenden Rücken streichend. »Sei ruhig, ruhig! Es ist Schuld der Nacht, nicht deine Schuld.«

»Die Gerüche der Nacht waren es«, sagte Baghira reuevoll. »Die Luft schreit laut zu mir. Aber wie weißt du das?«

Die Luft um ein indisches Dorf ist durchschwängert mit Gerüchen aller Art; und für Wesen, die fast nur durch die Nase denken, sind Gerüche ebenso berauschend wie Musik und geistige Getränke für die Menschen. Mogli streichelte den Panther noch einige Minuten, bis dieser sich niederlegte wie die Katze vor dem Feuer, die Pfoten unter die Brust gezogen, die Augen halb geschlossen.

»Du bist von der Dschungel und bist nicht von der Dschungel«, sagte er zuletzt. »Ich bin nur ein schwarzer Panther, aber ich liebe dich, kleiner Bruder.«

»Sehr lange reden sie schon unter dem Baum«, sagte Mogli, ohne auf Baghiras letzte Worte zu achten. »Viel Schwindelgeschichten scheint Buldeo ihnen erzählt zu haben. Bald werden sie nun kommen, um die Frau und den Mann aus der Falle zu zerren und in die rote Blume zu werfen. Die Falle werden sie zersprungen finden. Ha! Ha!«

»Nein, höre«, sagte Baghira. »Das Fieber ist jetzt fort aus meinem Blute. Mich sollen sie dort finden! Wenige aber werden ihre Hütten wieder verlassen, nachdem sie mich erblickt haben. Nicht zum erstenmal bin ich im Käfig, und glaube nicht, daß sie mich binden werden mit Stricken.«

»Sei aber vernünftig«, lachte Mogli, denn auch er wurde nun übermütig wie der Panther, der bereits in die Hütte hineinglitt.

»Puh!« fauchte Baghira, »hier stinkt es nach Mensch! Aber da ist just so ein Lager, wie sie mir gaben in den Käfigen des Königs zu Oodeypore. Dort lege ich mich nieder.« Mogli hörte das Geflecht des Lagers sich dehnen unter dem Gewicht der großen Katze. »Beim gesprengten Schloß, das mich befreite, sie werden glauben, großes Wild gefangen zu haben! Komm, kleiner Bruder, setz dich an meine Seite; wir wollen ihnen gemeinsam ›gute Jagd‹ bieten.«

»Nein, in meinem Wanst ist ein anderer Gedanke. Das Menschenvolk soll nichts erfahren von meiner Rolle im Spiel. Mache deine Jagd für dich. Ich will sie nicht sehen.«

»Sei es denn«, sagte Baghira. »Jetzt kommen sie!«

Die Versammlung unter dem Feigenbaum am entferntesten Ende des Dorfes war lauter und lauter geworden und zuletzt in gellendes Geschrei übergegangen. Nun kamen Männer und Frauen die Straße heraufgestürmt, Keulen, Bambusstöcke, Sicheln und Messer schwingend. Buldeo und der Brahmane führten die Menge an, aus der es tobend schrie: »Die Hexe und der Zauberer! Laßt sehen, ob glühendes Eisen sie zum Geständnis bringt! Zündet ihnen die Hütte an über dem Kopf! Lehren wollen wir sie, Wolfsteufel aufzunehmen! Nein, peitscht sie erst! Fackeln! Mehr Fackeln her! Buldeo, glüh‘ den Flintenlauf an!«

Das Öffnen der Tür machte Schwierigkeiten. Sie war fest verrammelt, aber die Menge brach sie ein, und der Schein der Fackeln strömte hell in den Raum – und auf dem Lager ausgestreckt lag Baghira, die Tatzen gekreuzt und leicht überhängend, schwarz wie die Hölle und furchtbar wie ein Dämon. Einen Augenblick herrschte Schweigen des Entsetzens, dann suchten die vordersten der Menge stoßend und schlagend sich zurückzudrängen. Nun erhob Baghira den Kopf und gähnte – langsam, ausgiebig und prahlerisch –, wie er gähnt, wenn er seinesgleichen verspottet. Die gefransten Lefzen schoben sich zurück und aufwärts, die rote Zunge rollte sich, der Unterkiefer sank und sank, bis man tief in den heißen Schlund hineinsah. Die grimmigen Eckzähne ragten entblößt bis zur Wölbung des Gaumens und schnappten ein mit dem Klang einer Panzertür, die in das Schloß fällt. In der nächsten Minute schon war niemand mehr in der Tür der Hütte zu sehen. Baghira sprang durch das Fenster und stand an Moglis Seite, während eine heulende, kreischende Menge, übereinander stolpernd, in panischem Schrecken in die Hütten flüchtete.

»Bis der Tag kommt, rühren sie sich nicht heraus«, sagte Baghira gelassen. »Und jetzt?« Die Stille der Nachmittagsruhe schien über dem Dorf zu liegen; aber als sie lauschten, hörten sie Geräusche, wie wenn schwere Kornkisten über den Boden geschoben und gegen die Türen gestellt würden. Baghira hatte recht; das Dorf würde sich nicht rühren vor Anbruch des Tages. Mogli aber saß unbeweglich, in Gedanken versunken; düsterer und düsterer wurde sein Antlitz.

»Was tat ich?« sagte Baghira endlich, ihn umschmeichelnd.

»Nur Gutes. Bewache sie jetzt, bis es Tag ist. Ich will schlafen.« Mogli lief in die Dschungel, warf sich auf das Moos und schlief den Tag und die folgende Nacht durch. Als er erwachte, saß Baghira an seiner Seite, und ein frisch gerissener Bock lag zu seinen Füßen. Der Panther äugte gespannt, während Mogli mit seinem Messer ans Werk ging, aß und trank und dann still saß, das Kinn in die Hand gestützt.

»Der Mann und die Frau gelangten sicher in die Sehweite von Kanhiwara«, sagte Baghira. »Deine Mutter sandte die Kunde durch Tschil, den Geier. Unterwegs in der Nacht ihrer Befreiung fanden sie ein Pferd und kamen rasch davon. Ist das nicht gut?«

»Ja, gut«, sagte Mogli.

»Und das Menschenvolk im Dorfe rührte sich nicht, bis am Morgen die Sonne hoch stand. Dann aßen sie ihr Futter und rannten schnell wieder in ihre Hütten.«

»Haben sie dich etwa gesehen?«

»Kann sein. Als der Morgen dämmerte, rollte ich mich im Staub vor dem Tore; ich mag mir wohl auch ein wenig vorgesungen haben. Nun, kleiner Bruder, bleibt nichts mehr zu tun. Komm, jage mit mir und Balu. Frische Bienenstöcke hat er entdeckt, die will er dir zeigen; wir alle aber wünschen, daß du wieder unter uns lebst wie ehedem. Lege das Gesicht ab, das sogar mir Furcht macht. Der Mann und das Weib werden nicht in die rote Blume geworfen, und in der Dschungel geht alles gut. Ist das nicht wahrlich so? Laß uns das Menschenvolk endlich vergessen.«

»Sie sollen vergessen sein – in einer kleinen Weile. Wo ist Hathi heute nacht?«

»Wo immer ihm beliebt. Wer kann wissen, was der Schweigsame tut. Aber warum? Was wäre, das Hathi tun könnte und wir nicht?«

»Richte ihm aus, er soll mit seinen drei Söhnen zu mir hierherkommen.«

»Aber, wirklich und wahrhaftig, kleiner Bruder, es – es schickt sich nicht, zu Hathi zu sagen ›Komm‹ und ›Geh‹. Bedenke, er ist der Meister der Dschungel; und bevor das Menschenpack den Ausdruck auf deinem Gesicht wandelte, lehrte er dich ein Meisterwort der Dschungel.«

»Ganz gleich. Ich habe für ihn jetzt ein Meisterwort. Bitte ihn zu Mogli, dem Frosch, zu kommen, und hört er nicht gleich, dann sage, er solle kommen, um der Verwüstung der Felder von Bhurtpore willen.«

»Verwüstung der Felder von Bhurtpore«, wiederholte Baghira zwei- oder dreimal, um es sich genau zu merken. »Ich gehe. Schlimmstenfalls kann Hathi zornig werden. Ich aber würde die Jagd eines Mondes darum geben, ein Meisterwort zu vernehmen, das den Schweigsamen zwingt.«

Er glitt davon und ließ Mogli zurück, der wütend mit seinem Jagdmesser in die Erde stieß. Nie zuvor im Leben hatte er Menschenblut gesehen, bis er sah und – was ihm viel mehr bedeutete – roch das Blut von Messua an den Stricken, mit denen man sie gebunden hatte. Messua aber war gut zu ihm gewesen, und soviel er von Liebe wußte, liebte er Messua so tief, wie er das übrige Menschenvolk haßte. Aber so sehr er auch die Menschen, ihre Sprache, ihre Grausamkeit und ihre Feigheit verabscheute, so hätte er doch für nichts, was die Dschungel ihm bieten konnte, es über sich gebracht, Menschenleben zu nehmen und den schrecklichen Blutgeruch wieder vor die Sinne zu bekommen. Sein Plan war einfacher, aber gründlicher; und er lachte vor sich hin, als ihm einfiel, daß der alte Buldeo ihm den Gedanken eingegeben hatte, als dieser wieder einmal am Abend unter dem Feigenbaum eine von seinen Geschichten erzählte.

»Wohl war es ein Meisterwort«, flüsterte ihm Baghira ins Ohr. »Sie weideten am Strom, und sie gehorchten, als ob sie zahme Ochsen wären. Sieh, dort rücken sie schon an.« Lautlos, wie gewöhnlich, waren Hathi und seine drei Söhne herangekommen. Der Flußschlamm klebte noch frisch an ihren Flanken; und Hathi kaute, in Gedanken versunken, am grünen Stamm eines jungen Pisangbaumes, den er mit den Stoßzähnen ausgegraben hatte. Aber jede Falte des wuchtigen Körpers verriet Baghira, der die Dinge richtig zu sehen verstand, wenn sie ihm vor die Augen kamen, daß es nicht der Meister der Dschungel war, der zu einem Menschenjungen kam, sondern einer, der Angst hatte, zu treten vor den, der ohne Angst war. Die drei Söhne stellten sich Seite an Seite hinter dem Vater auf.

Kaum hob Mogli den Kopf, als Hathi ihm »Gute Jagd« bot. Lange Zeit ließ Mogli den Elefanten sich wiegen und schaukeln von einem Fuß auf den anderen, ehe er endlich zu sprechen anhub, und dann wandte er sich zu Baghira, nicht zu Hathi.

»Ich will eine Geschichte erzählen, die ich von dem Jäger vernahm, den ihr heute getrieben habt«, begann Mogli. »Um einen alten und weisen Elefanten handelt es sich, der in eine Fallgrube geriet, und der spitze Pfahl im Boden der Grube brachte ihm eine große Wunde bei, und sie hinterließ eine weiße Narbe, die ihm von der Fessel bis zum Schulterblatt reicht.«

Mogli streckte seine Hand aus, und als Hathi sich zur Seite drehte, erglänzte im Mondlicht eine lange weiße Narbe, die, wie von einer rotglühenden Peitsche geschlagen, sich über die schiefergraue Haut hinzog. »Männer kamen, um ihn aus der Fallgrube zu ziehen«, fuhr Mogli fort, »aber die Stricke zerriß er, denn er war stark, und er zog von dannen, bis seine Wunde geheilt war. Dann, eines Nachts, kehrte er zornerfüllt zurück zu den Feldern dieser Jäger. Und jetzt fällt mir auch ein, er hatte drei Söhne. Das alles geschah vor vielen, vielen Regen, und sehr weit weg von hier – in den Feldern von Bhurtpore. Was wurde aus den Feldern bei der nächsten Ernte, Hathi?«

»Ich erntete sie ab und meine drei Söhne«, sagte Hathi.

»Und was wurde mit dem Pflügen, das dem Ernten folgt?«

»Es wurde nicht gepflügt«, sagte Hathi.

»Und was wurde aus den Menschen, die bei den grünen Feldern in der Ebene lebten?«

»Sie zogen fort.« »Die Dächer rissen wir in Stücke, und die Dschungel verschlang die Mauern«, sagte Hathi.

»Und was geschah noch außerdem?« fragte Mogli weiter.

»Soviel guten Boden nahm die Dschungel ein, wie ich in zwei Nächten durchwandern kann, von Osten nach Westen und in drei Nächten von Norden nach Süden. Die Dschungel ließen wir kommen über fünf Dörfer; und in den Dörfern, auf den Feldern und Wiesen, Weidegründen und weichen Äckern ist heute kein Mensch mehr, der dort Nahrung findet. Das war die Verwüstung der Felder von Bhurtpore durch mich und meine drei Söhne; und jetzt frage ich, Menschenjunges, wie dir davon Kunde wurde?« endete Hathi.

»Ein Mensch erzählte sie mir, und nun sehe ich, daß selbst Buldeo einmal Wahrheit sprechen kann. Gut getan war es, weißnarbiger Hathi; aber zum zweitenmal wird es noch besser geschehen, denn ein Mensch wird nun alles leiten. Du kennst das Dorf des Menschenvolkes, das mich ausstieß. Träge sind sie, unverständig und grausam; sie spielen mit ihren Mäulern, und sie töten die Schwächeren nicht zur Nahrung, sondern zum Spaß. Sind sie vollgefressen, wollen sie die eigene Brut in die Flamme werfen. Das alles habe ich gesehen. Es ist nicht gut, daß sie hier noch länger leben. Ich hasse sie!«

»So töte sie!« rief der jüngste von Hathis drei Söhnen, riß ein Büschel Gras aus, schlug es um seine Vorderbeine und warf es wieder fort; und die kleinen roten Augen blinzelten verstohlen von einer Seite zur anderen.

»Was soll ich mit weißen Knochen?« antwortete Mogli heftig. »Bin ich ein Wolfsjunges, um mit einem nackten Schädel in der Sonne zu spielen? Ich habe Schir Khan getötet, und seine Haut modert nun auf dem Rätefelsen; aber – aber ich weiß nicht, wohin Schir Khan geraten ist, und mein Magen ist leergeblieben. Nun will ich nehmen, was ich sehen kann und berühren. Laß die Dschungel los gegen das Dorf. Hathi!«

Baghira schauderte und duckte sich nieder. Er konnte, wenn es zum Schlimmsten kam, sich wohl einen plötzlichen Einbruch in die Dorfstraße denken, mit Tatzenhieben rechts und links in die Menge, oder auch ein lustiges Töten von Menschen, die in der Dämmerung hinter den Pflügen gehen – aber ein ganzes Dorf mit Vorbedacht auslöschen vor den Augen von Mensch und Tier, das erschien ihm fürchterlich. Nun verstand er, warum Mogli nach Hathi geschickt hatte. Nur der langlebende Elefant allein vermochte es, einen solchen Krieg zu planen und durchzuführen.

»Mache, daß sie davonfliehen, wie die Menschen aus den Feldern von Bhurtpore! Das Regenwasser allein soll der einzige Pflug sein, und das Rauschen des Regens auf den festen Blättern soll das Schnurren ihrer Spindeln ersetzen. Baghira und ich wollen lagern im Haus des Brahmanen, und der Bock soll aus der Zisterne des Tempels trinken. Laß die Dschungel los, Hathi!«

»Aber ich – aber wir haben keinen Streit mit ihnen; und erst der roten Raserei großer Schmerzen bedarf es, ehe wir Plätze niederreißen, wo Menschen wohnen«, sagte Hathi und wiegte sich nachdenklich.

»Seid ihr die einzigen Grasfresser in der Dschungel? Treibt eure Völker hinein. Lasset das Wild und die Sauen und die Nilghai die Sache besorgen. Keine Handbreit deiner Haut brauchst du zu zeigen, bis die Felder nackt sind. Laß die Dschungel los, Hathi!«

»Wird da kein Töten sein? Rot wurden meine Hauer bei der Verwüstung der Felder von Bhurtpore, und den Geruch möchte ich nicht wieder erwecken.«

»Auch ich nicht. Nicht einmal ihre Knochen will ich auf unserer reinen Erde bleichen sehen. Fortwandern sollen sie und sich ein neues Lager suchen. Nicht länger sollen sie hierbleiben! Das Blut der Frau, die mir Nahrung gab, habe ich gesehen und gerochen; und sie hätten die Frau getötet, wäre ich nicht gekommen. Nur der Duft frischen Grases auf den Schwellen ihrer Hütten kann diesen Geruch tilgen – er verbrennt mir den Mund. Laß die Dschungel los. Hathi!«

»Ja«, sagte Hathi, »so auch brannte die Narbe von dem spitzen Pfahl in meiner Haut, bis wir ihre Dörfer untergehen sahen im Blühen des Frühlings. Nun verstehe ich! Dein Krieg sei unser Krieg! Die Dschungel lassen wir los!«

Mogli hatte kaum Atem geschöpft – er bebte vor Wut und Haß –, als auch schon der Platz leer war, wo eben noch die Elefanten gestanden hatten. Baghira aber blickte voller Entsetzen auf Mogli.

»Beim gesprengten Schloß, das mich befreite!« rief der schwarze Panther nach einer Pause. »Bist du der nackte Frosch, für den ich sprach vor dem Rudel, als alles jung war? Meister der Dschungel, wenn meine Kraft von mir geht, sprich für mich – sprich für Balu – sprich für uns alle. Junge sind wir vor dir! Zerknacktes Gesträuch unter deinen Füßen! Rehkitze sind wir, von der Ricke verlassen!«

Sich Baghira als verirrtes Rehkitz vorzustellen, brachte Mogli aus der Fassung; er lachte, rang nach Atem, schluchzte und lachte wieder, bis er zuletzt, um sich zu beruhigen, in den nahen Teich sprang. Dort schwamm er in Kreisen, tauchte zwischen den Mondstrahlen hindurch, wie sein Namensvetter, der Frosch.

Indessen waren Hathi und seine drei Söhne von dannen gezogen, jeder in einer anderen Richtung der Windrose, und schritten geräuschlos durch die Täler. Weiter und weiter zogen sie, zwei Tagesmärsche – das sind sechzig Meilen – durch die Dschungel; und jeder Schritt, den sie machten, jeder Schwung der Rüssel, wurde bemerkt, beachtet und besprochen von Mang und Tschil, von dem Affenvolk und allen Vögeln. Dann begannen sie zu weiden – ruhevoll, etwa eine Woche lang. Hathi und seine Söhne sind darin wie Kaa, der Felsenpython. Niemals eilen sie, ehe es not tut. Am Ende dieser Zeit durchdrang ein Geraune die Dschungel, und niemand wußte, woher es kam; bessere Nahrang und besseres Wasser sei zu finden in dem und dem Tal. Die Wildschweine – die um eines besseren Futterplatzes willen bis ans Ende der Welt zu laufen bereit sind – zogen zuerst in Scharen, grunzend, fort über die Felsen. Dann machte sich das Rotwild auf den Weg, gefolgt von den kleinen wilden Füchsen, die von den Toten und Sterbenden der Herde leben; in gleicher Richtung mit dem Wild zogen die schwerschultrigen Nilghai, und hinter den Nilghai stampften die wilden Büffel aus den Morästen. Der geringste Anstoß hätte ausgereicht, die zerstreuten weidenden Herden, die grasten, dahinschlenderten, tranken und wieder grasten, zur Umkehr zu bestimmen; aber sobald Unruhe ausbrach, war immer einer da, der sie besänftigte. Manchmal war es Ikki, das Stachelschwein, mit guter Botschaft über reiche Nahrung nur ein kleines Stück weiter; bald erschien Mang, die Fledermaus, pfiff ermutigend und flatterte über eine Lichtung hin, um zu zeigen, daß alles frei war; oder Balu, das Maul voller Wurzeln, trottete längs einer schwankenden Reihe dahin, und halb scheuchte, halb drängte er sie wieder auf den richtigen Pfad zurück. Viele der Tiere brachen dennoch aus, liefen weg und verloren die Lust am Weiterwandern; aber sehr viele blieben und drängten vorwärts. Nach etwa zehn Tagen stand es so: Das Wild, die Sauen und die Nilghai bildeten, immer weiterziehend, einen Kreis von acht bis zehn Meilen im Durchmesser, die Fleischfresser scharmützelten außen herum, und der Mittelpunkt dieses Kreises war das Dorf. Rings um das Dorf aber reiften die Saaten, und in den Feldern saßen Männer auf sogenannten »Machans« – hohen Kanzeln, wie Taubenschläge auf vier Pfählen ruhend –, um Vögel und anderes Diebsvolk zu verscheuchen. Nun wurde das Wild schärfer gedrängt. Die Fleischfresser waren ihm dicht auf den Fersen, zwangen sie voran und hinein in den Kreis.

Eine dunkle Nacht war es, als Hathi und seine drei Söhne aus der Dschungel herangetrottet kamen und mit den Rüsseln die Pfähle der Machans aus der Erde rissen. Sie sanken um wie geknickte Schierlingstengel, und die Männer, die von den Kanzeln herabstürzten, hörten ganz dicht an ihrem Ohr das tiefe Gurgeln der Elefanten. Dann brach die Vorhut der von rückwärts gedrängten Armee des Wildes herein und überflutete die Weidegründe und die Saaten; das scharfhufige, wühlende Wildschwein kam mit ihnen und zerstörte, was das Wild übrigließ. Von Zeit zu Zeit fuhr ein Rudel Wölfe zwischen die Herden, die dann verängstigt hin und her jagten, die junge Gerste niedertraten und die Dämme der Bewässerungskanäle platt trampelten. Vor Anbruch der Morgendämmerung gab der Druck an einer Stelle des Außenringes nach; die Fleischfresser fielen zurück und ließen einen Ausgang nach Süden frei; und Herde auf Herde von Böcken flüchtete hohen Laufs hindurch. Andere, die verwegener waren, lagerten sich im Dickicht, um das Mahl in der folgenden Nacht fortzusetzen. Aber das Werk war fast schon völlig getan. Am Morgen sahen die Dorfbewohner, daß ihre Ernte für dieses Jahr verloren war. Das bedeutete den Tod für sie, so sie nicht fortziehen konnten, denn jahraus, jahrein lebten sie so nahe dem Verhungern, wie die Dschungel ihnen nahe war. Als die Büffel des Dorfes hinausgelassen wurden, fanden die hungrigen Tiere die Weidegründe vom Wild kahlgefressen, und so wanderten sie in die Dschungel hinein und trieben fort mit ihren wilden Verwandten. Als es dunkelte, lagen die vier Konies, die das Dorf besaß, mit eingeschlagenen Köpfen in ihren Ställen. Nur Baghira konnte solche Streiche geführt haben, und Baghira nur konnte es sein, der frech den letzten toten Körper offen auf die Straße zerrte.

Die Dorfbewohner wagten nicht, in dieser Nacht Feuer in den Feldern anzuzünden; so hielten Hathi und seine drei Söhne Nachlese, und wo Hathi Nachlese hält, ist kein Halm mehr zu finden. Die Menschen beschlossen, bis zur Regenzeit von dem lagernden Saatkorn zu leben und dann als Tagelöhner Arbeit zu suchen, um den Verlust des Jahres einzubringen.

Der Kornhändler überlegte noch, welche Preise er für seine wohlgefüllten Saatkörbe erzielen könnte, als Hathi bereits mit seinen mächtigen Stößern die Lehmmauern des Vorratshauses umlegte und die Körbe mit der kostbaren Saat zertrat.

Nachdem man diesen letzten Verlust entdeckt hatte, war es an dem Brahmanen, sich zu äußern. Er hatte zu seinen Göttern gefleht, ohne Erhörung zu finden. Möglich wäre es, meinte er nun, daß das Dorf unwissentlich einen der Götter der Dschungel beleidigt habe, denn zweifellos wäre die Dschungel gegen sie.

Da schickten die Dörfler Boten zu dem Führer des nächsten Stammes der wandernden Gonds; es sind kleine weise und sehr dunkelfarbige Jäger, die tief in der Dschungel hausen; sie gehören zu der ältesten Rasse Indiens, und ihre Vorfahren waren die ursprünglichen Beherrscher des Landes. Als der Führer der Gonds eintraf, bewirtete man ihn mit dem, was man noch besaß. Der Gond stand auf einem Bein, seinen Bogen in der Hand, zwei bis drei vergiftete Pfeile durch seinen Haarbüschel gesteckt und blickte halb ängstlich, halb verächtlich auf die trauernden Dorfleute und ihre verwüsteten Felder. Wissen wollten sie von ihm, ob seine Götter – die alten Götter – ihnen zürnten, und welche Opfer man ihnen darbringen müßte.

Der Gond aber schwieg, hob eine Ranke der Karela auf, der Schlingpflanze, die den wilden bitteren Kürbis trägt, und flocht sie hin und her über das Tempeltor, dem starrenden, roten Hindubildnis gerade gegenüber. Darauf stieß er mit der Hand in die Luft, in Richtung der Straße nach Kanhiwara, und wanderte dann heim nach seiner Dschungel.

Die Dorfbewohner brauchten nicht nach der Deutung zu fragen: Der wilde Kürbis würde wuchern dort, wo sie zu ihren Göttern gebetet hatten, und je eher sie flüchteten, desto besser für sie.

Aber es ist schwer, sich von seiner Heimat und seiner Scholle zu trennen. Sie zögerten, solange sie noch etwas Nahrung fanden; sie versuchten, Nüsse in der Dschungel zu sammeln, aber Schatten mit glühenden Augen verfolgten sie und zeigten sich selbst am hellen Mittag auf ihrem Wege. Und wenn sie dann verängstigt zurückflohen zu ihren schützenden Mauern, dann fanden sie die Rinde der Baumstämme, an denen sie vor kaum fünf Minuten vorbeigekommen waren, zerkratzt und gemeißelt vom Schlage irgendeiner großen, bekrallten Pranke. Je mehr sie sich in ihren Mauern hielten, um so dreister wurden die wilden Tiere, die auf den Weidegründen spielten und brüllen, dort am Waingungafluß.

Die Menschen fanden nicht mehr den Mut, die Hinterwände der leeren Kuhställe auszuflicken, die nach der Dschungel zu lagen. Die Wildschweine trampelten sie nieder, und die knotenwurzeligen Schlingpflanzen drängten nach und streckten ihre Fühler aus über den neugewonnenen Grund, während hinter ihnen das harte Gras hochschoß.

Zuerst flohen die ledigen Männer und verbreiteten die Kunde, daß ein Fluch auf dem Dorfe läge. Wer könnte kämpfen, sagten sie, gegen die Dschungel oder gegen die Götter der Dschungel, denn selbst die Dorfkobra habe ihre Höhle unter dem Fuß des Feigenbaums verlassen. So schrumpfte der kleine Handel mit der Außenwelt immer mehr zusammen, und die Pfade, die über die Lichtung führten, verwischten sich und wuchsen zu. Die nächtlichen Trompetenschreie Hathis und seiner drei Söhne beunruhigten die im Dorf nicht mehr, denn sie hatten nichts mehr zu verlieren. Alle Saaten waren verschwunden, schon verloren die Umrisse der Felder ihre Gestalt. Zeit war es jetzt, sich der Barmherzigkeit der Engländer in Kanhiwara anzuvertrauen.

Nach Art der Eingeborenen verschoben sie den Abzug von Tag zu Tag, bis die ersten Regen sie überraschten und die Fluten durch die durchlöcherten Dächer strömten. Bald waren die Weidegründe fußhoch überschwemmt, und nach der langen Sommerhitze schoß plötzlich überall das Grün hervor. Nun wateten sie fort – Männer, Frauen und Kinder – durch die grauen Schleier des heißen Morgenregens und wandten sich noch einmal um zu einem letzten Abschiedsblick auf ihre Heimat.

Als die letzte Familie schwerbeladen durch das Tor schlich, hörten sie das Krachen von stürzenden Balken und Strohdächern hinter den Mauern. Sie sahen einen schwarzen, schlangenartigen Rüssel für Augenblicke auftauchen und fauliges Dachstroh umherschleudern. Dann verschwand er, und abermals ertönte ein Krachen, gefolgt von einem ärgerlichen Quarren. Hathi pflückte die Dächer der Hütten ab, wie man Wasserlilien pflückt, und dabei hatte ihn ein zurückschnellender Balken empfindlich getroffen. Das hatte nur noch gefehlt, um seine volle Wut zu entfesseln, und von allen Geschöpfen in der Dschungel ist der Elefant im Wutrausch der wollüstigste Zerstörer. Jetzt trampelte Hathi rückwärts gegen eine Lehmwand, die unter seinem Stoß zerbröckelte und in gelblichem Schmutz zerfloß. Dann schwenkte er um und fegte, hell trompetend, durch die engen Straßen, rechts und links gegen die Hütten wuchtend, die Türen zersplitternd und die Dachrinnen zerknitternd; und seine drei Söhne wüteten hinter ihm, wie sie gewütet hatten bei der Verwüstung der Felder von Bhurtpore.

»Die Dschungel wird diese Reste verschlingen«, sprach eine ruhige Stimme inmitten der Vernichtung. »Die Außenmauern muß man umlegen!« Und Mogli, von dessen nackten Schultern der Regen tropfte, sprang von einer Hauswand hinweg, die eben hinsank wie ein müder Büffel.

»Alles zu seiner Zeit«, keuchte Hathi. »Ah! Aber rot waren meine Stößer in Bhurtpore. An die Außenmauern, Söhne! Jetzt zu–gleich!«

Seite an Seite stießen die vier; die Außenmauer bog sich, barst und fiel. Die Dorfbewohner, stumpf vor Entsetzen, sahen die furchtbar dräuenden Schädel der Zerstörer lehmbedeckt aus der Bresche ragen. Da flohen sie, arm und heimatlos, in das Tal hinab; und ihr Dorf, zerstückt, zerfetzt, zerstampft, versank hinter ihnen.

Einen Monat danach war der Ort, wo das Dorf gestanden hatte, ein flacher Hügel, bedeckt mit jungem grünem Gras; und zu Ende der Regenzeit herrschte schrankenlos die rauschende brausende Dschungel dort, wo vor kaum sechs Monden noch Menschen pflügten und ernteten.