Das Nordlicht (Florentiner Ausgabe) von Annette von Theodor Däubler als EPUB downloaden

Theodor Däubler

Das Nordlicht

Florentiner Ausgabe

Erster Theil

Das Mittelmeer

Prolog

Es sind die Sonnen und Planeten, alle,

Die hehren Lebensspender in der Welt,

Die Liebeslichter in der Tempelhalle

Der Gottheit, die sie aus dem Herzen schwellt.

Nur Liebe sind sie, tief zur Kraft gedichtet,

Ihr Lichtruf ist urmächtig angespannt,

Er ist als Lebensschwall ins All gerichtet,

Was er erreicht, ist an den Tag gebannt!

Ein Liebesband hält die Natur verkettet;

Die Ätherschwelle wie der Feuerstern,

Die ganze Welt, die sich ins Dunkel bettet,

Er sehnt in sich den gleichen Ruhekern.

Durch Sonnenliebe wird die Nackt gelichtet,

Durch Glut und Glück belebt sich der Planet,

Die Starre wird durch einen Brand vernichtet,

Vom Meer ein Liebeswind verweht.

Wo sich die Eigenkraft als Stern entzündet,

Wird Leben auch sofort entflammt,

Und wenn die Welt sich im Geschöpf ergründet,

So weiß das Leid, daß es dem Glück entstammt.

So muß die Erde uns mit Lust gebaren,

Und wird auch unser Sein vom Tag geschweißt,

Können doch Sterne uns vom Grund belehren

Und sagen, daß kein Liebesband zerreißt.

Wir sehn das Leben uns die Jugend rauben,

Es ängstigt uns das Alter und der Tod,

Drum wollen wir an einen Anfang glauben

Und schwören auf ein ewiges Urgebot.

Doch ist die Ruhe blos ihr Ruheleben,

Nichts ist verschieden, was sich anders zeige;

Und vollerfüllt ist selbst der Geister Beben,

Ja, alles die Natur, die sprechend schweigt!

Beständigkeit ist der Gewinn der Starre,

Doch es ereilt, zermürbt sie Ätherwuth,

Und blos der Geist ist da, daß er beharre,

Da er als Licht auf seiner Schnelle ruht.

Es sucht die Welt zwar immerfort zu dauern

Und sie umrundet drum den eigenen Kern,

Sie kann zum Schutz sich selber rings umkauern,

Doch ist ihr Wunsch nicht ewig, sondern fern.

Es mag die Welt das Weiteste verbinden,

Der Geist jedoch, der aus sich selber drangt,

Kann solche Riesenkreise um sich winden,

Daß überall sein Wirken sich verschenkt.

So sind die Welten immerfort entstanden,

Doch da sich Ewiges jedem Fiel entreißt,

Entlösten Sterne sich von Sternesbanden,

Was die Unendlichkeit im Sein beweist!

Ja Liebe, Liebe will sich Welten schaffen,

Blos Liebe ohne Zweck und ohne Ziel,

Stets gleich, will sie stets anders sich entraffen,

Und jung, zu jung, bleibt drum ihr ewiges Spiel.

Denn glühte durch das All ein Schöpferwollen,

So hätte Eine Welt sich aufgebaut,

Und traumlos würden Geister heller Schollen,

Im klaren Sein, von ihrem Dunkelgrund durchgraut.

Ich sah einmal in einen Regenbogen,

Er schien mir aller Stürme stilles Thor,

Dann ward ein Karren plötzlich durchgezogen,

Es zerrten Büffel ihn stets weiter vor.

Es gingen diese Thiere selbst des Weges,

Längst hatte sie der Mensch für sich betäubt,

– Es hieß das noch etwas, – wers kann, erwäges –:

Ich sah hinweg, ins Licht, das nie zerstäubt!

Oh weiße Sonne, Deine goldenen Strahlen

Berauschen und erwecken meinen Geist,

Du bist die Arbeit, und mit heiligen Qualen

Trifft Dein Gebot mich, wenn das Herz vereist.

Was Du bedeutest, Sonne, ist der Seele,

Auf dieser Welt, am innigsten verwandt,

Es ist, als ob die Glut den Kern entschäle,

Denn mein Erbarmen gibt mir selbst Bestand.

Ich bin so blos wie Du, geliebte Sonne,

Und wo ich nackt bin, herrschst Du über mich,

Und folg ich Dir, so ist das reinste Wonne,

Denn Dein Gebot ist mir ganz wesentlich.

Ja, meine Freiheit sind die Weltgesetze,

Der Geist ist Überkraft ihres Vereins,

Dort bin ich tief wie ungehobene Schätze,

Ein Theil des allerjüngsten Eigenseins.

Es kann mein Geist entsetzlich sich ereifern,

Denn alles, was in ihm sich selbst bestimmt,

Wird durch die Schatten, die ihn blaß umgeifern,

Da sie veraltern und zergehn, ergrimmt.

In mir erglimmt die allerreinste Weiße,

Ein Licht, das mich in Sonnentreffen ruft!

Es klirrt beinah: »Was Dich beengt, zerreiße!«

»Ihr Urlichttiefen, schützt, was Ihr erschuft!«

Ich habe jetzt die Welt in mir empfunden

Und langsam überdenk ich, was geschah;

Ich konnte mich, mir selber, klar bekunden,

Ich war als Schöpfer mir Geschöpf ganz nah!

Jetzt weiß ich auch vom Grund der Himmelsdinge,

Die Erde trägt im Kern ihr Sonngebot,

Befiehlt das Licht es, sprengt sie Felsenringe,

Und was verstumpfte zeigt sich goldumloht!

Versucht die Schöpfung in den Raum zu drängen,

Denn zeitlich faßt ihr nicht das WeltenEi.

Und wißt, wo Sterne in einander hängen,

Erkennt das Urlicht sich und schöpft uns frei.

Wo sich die erste Weltenweiße spaltet

Und plötzlich in ihr Urereigniß tritt,

Erscheint der Tag, den sie geheim verwaltet,

Und rollt sein Schweigen in die Sphären mit.

Die Sonne wahrt ihr Wesen stets am hehrsten

Und hat es still der Erde anvertraut,

Die schimmert nun am Pol, wo sie im Leersten

Der Einheit helles Urgebot erschaut.

Der weiße Erdenkelch, der dort ersprossen,

Beweist der Welt, daß der Beschluß

Der Dinge, die sich tief in sich ergossen,

Sich unabwendlich ernst ereignen muß.

Wie es vom Licht die Erde überkommen,

So hegt sie ihr Geschick im eigenen Kern,

Und ist im Menschen das Vertraun verglommen,

Wird sie sofort ein goldener Rachestern.

Auf unserer Freiheit, unserm Innerlichte,

Beruht der Erde stille Schaffensglut,

Doch furchtbar geht die Sonne zu Gerichte,

Beherrscht sie nicht ein geistiger Erdtribut.

Die Erde treibt im Norden tausend blaue Feuerblüthen

Und übermittelt ihren Sehnsuchtstraum der Nacht,

Drum soll der Mensch auch seinen Flammenkelch behüten,

Wenn er, durch ihn belebt und lichterfüllt, erwacht.

Fürwahr, es sind die Gluthanschürer Gärtnerschaaren

Von einer langbegrabenen, auferstandenen Pracht,

Versteinte Wälder wollen sich uns offenbaren

Und Pilger holen sie aus finsterem Erdenschacht.

Ja, Pilger graben, wühlen sich stets mehr hinunter,

Stets tiefer in der Erdenmutter dunkles Heiligtum;

Ihr Herzschlag, ihr Gehämmerwerk, erhält sie munter,

Asketen aber sind sie zu des Urlichts Ruhm.

Auf ihrer Freiheit, ihrer Glutenkernesnähe

Beruht und tagt das ganze Dasein dieser Welt,

Sie sorgen, daß das Totgeglaubte auferstehe,

Durch sie wird jede Nacht vom Nordlichte erhellt.

So wandeln wir in wunderbaren Flammengärten,

Es thürmen Feuerlauben sich ins Grau empor,

Die fernen Drachen wurden freundliche Gefährten

Und schimmern still vor meines Weibes sicherm Thor.

Ihr Grubenarbeiter, Ergrübler freier Wunder,

Vertraut dem Irrlicht nicht, das listig Euch umschwirrt

Bleibt unbeirrte, biedere Erdenherzerkunder,

Seid Eurer eigenen Willensthiere ernster Hirt.

Der Sonne könnt ihr blos im Erdenschooße nahen,

Dort unten stoßt ihr auf den Sinn von dieser Welt,

Und auch das Licht der Dinge, die noch nie geschahen,

Wird grundbestimmt durch Euch in uns hervorgeschwellt.

Fürwahr, ich habe Tropenwälder schon im Traume,

Als Nord und Südlicht, wunderbar erblühn gesehn,

Ich fühlte Morgenröthen rings im Mittagsraume

Aus unserer Erde plötzlich kindlichrein entstehn.

Ich faßte mich und nahte manchem jungen Manne

Und lauschte gern auf seines Wesens Wirkungslied;

Ich fand ihn ganz allein und doch im Urlichtbanne,

Und sah, wie er den Kern von alten Schaalen schied.

Es schienen lauter Hände mir fast Urwaldfächer,

Ja Knospen gar, aus denen Blüthen aufgezuckt;

Und schon ihr Daseinsrausch durchsprühte Scheibendächer

Und hat mit Flammenzungen Düsterzeit verschluckt.

In Riesentreibhäusern sind die verschwundenen Wälder,

Als grüne Flämmchen und als Blüthenschein erwacht,

Der Dampf gemahnte an die heißen Nebelfelder

Von einer tiefvergrauten fernen Lebenspracht.

Und jeder Jüngling hütete die eigene Blüthe;

Sowie er kam, entzuckte sie aus seiner Hand,

Aus jedem Wirten glühte aller Kerne Güte,

Doch gleich verglomm der Glanz, sobald sein Gärtner schwand.

Mit Feuerschwertern ward die Starre aufgerieben,

Mit Samenpfeilen selbst das Eisen kühn erweicht,

Sein Blut aus seinem Wesensgrund emporgetrieben,

Die ganze kalte Weiblichkeit vom Geist geaicht.

In die Natur sind lauter Kolben vorgestoßen,

Die Walzen und die Nacken haben rings geschwitzt,

Aus Allem wühlte sich die Sehnsucht nach dem Großen,

Ein Urgewitter hat in Menschenhut geblitzt.

Nun seh ich Menschen, von der Erde selbst gehoben,

Zu ihrem Werke, wie zu einem Feste, gehn,

Und Tropenwälder, in ihr Wirken eingewoben,

In freier Sonnenluft auf unserer Erde stehn.

Nun sind sie schon der Flammenforst der Menschenseele,

Die Einheit, die sich aus der Wechselschalung samt,

Ein ganzes Weltgewitter lebender Befehle,

Das Schweigen, das uns strahlend an uns selber mahnt.

Ich sehe einen Meteor in Menschenhänden

Sich wunderfältig bilden und dem Geist entfliehn,

Ich staune nun vor lauter Feuerbränden

Und sehe zitternd einen Stern nach Norden ziehn.

Das ist ein Eisenleib, ich kann ihn klar erkennen,

Ein Werk, das in sich selbst das Erdenlicht verschließt,

Es will sich stolz von seinem Ursprungsfeuer trennen,

Oh seht, wie kühn es sich in Fremdheiten ergießt.

Jetzt träum ich nicht, die Gluthen werden blasser!

Das ist ein Riesenschiff, das kühn vom Stapel läuft;

Nun zieht es heim. Sein Wesen kennt das Wasser.

Es wird von tausend Küssen schäumend überhäuft.

Es eilt das Schiff durch seine selbstbewegten Wogen

Und flieht das Land, voll Freude an der Flut,

Doch dann bedenkt es sich und dreht in kurzem Bogen

Rasch um und weiß sich in des Meeres Hut.

Es scheint mir so ein Eisenleib eine Verheißung

Von einer geistgelenkten Meteorenwelt,

Von einer langerwägten, plötzlichen Entreißung

Der fleischgewordenen Seele, die sich lichtwärts schnellt.

Auch ich will wandern, immer weiter heimwärts schreiten,

Mein Geist wird sich im Eis von seiner Furcht befrein,

Um meinen Leib ein blonder Süden hold sich weiten,

Das Meer in meiner Seele eine Thräne sein.

Die Einsamkeit umfange mich wie eigene Flügel,

Selbst die Verzweiflung ist für mich ein kühler Wind.

Schon weiten sich ringsum der Sehnsucht goldene Hügel,

Ein fremdes Erdenglück umlächelt mich gelind.

Das ist ein Wandern, ach, ein schweres, tiefes Wandern,

Zu viele Gletscher sind bereits in mir erstarrt,

Ich bin ein Hafen, voll von sturmgepeitschten Landern,

Doch für mich selbst sind meine eigenen Pförtner hart.

Hinweg, erschallt es, fort von deinen stillen Seen,

Hinweg von deinem stahlkalten Verstand, hinweg!

Hinweg aus Buchten, wo sich Segel windlos drehen!

Wozu ein Traum an einem urbestimmten Fleck?

Ich aber schaue fort, mich zwingen stärkere Träume,

Sie bannen mich, – da stehn sie, – sehn mich an, – weh mir! –

Mein armes Ich, mein Leben, das ich stets versäume,

Aus einem Schwindelgrat sträubt sich mein Willensthier.

Ich will, ich darf nicht in die eigene Tiefe blicken,

Sie zieht mich an, sie quält mich, läßt mich nimmer los,

Ich sträube mich, beschwert mit wirklichen Geschicken,

Mein Thier, mein Nacken bleiben steif: – jetzt keinen Stoß!

Das Übel weicht zurück, ich fühl es an den Haaren;

– Was mich erschreckte, war nicht arg, doch ungewöhnt –

Das Schweigen um mich her hat viel von mir erfahren,

Ich werde irgendwo im Mittagslicht verhöhnt.

Ich kenne in mir selbst ein Thal, wo alle Bäume,

In Fliederbleiche, zu einander Grüße wehn,

Wo längsterlebte, starrgewordene Schreckensträume

Wie Gletscher über Wolken in die Tiefe sehn.

Ich liebe dieses Thal, um mich herauszusehnen,

In weißen Schlössern herrscht mein einziger Feind,

Im Weiher spielen seine Kinder mit den Schwänen

Und meine Spötter sind in Lauben laut vereint.

Ich nahe einem hohen, offenen Gartengitter,

Ich möchte mich versöhnen, doch da bellt ein Hund,

Dann eine Meute, rings umschwirrt mich Astgeknitter,

Ich laufe, Jemand ruft: Verfluchter Vagabund!

Das Thal ist lang, unendlich seine Duftalleen,

Ich stürze meinem eigenen Schrecken hilflos nach,

Dann bleib ich, wie ein Hirsch, den man getroffen, stehen,

Ich wittre, – ja, man beißt mich, ach, der argen Schmach!

Ich lebe noch, somit kann ich noch weiter leben,

»Ich bitte!« sprechen Wege höhnisch rings um mich,

Wohin? Um nicht am gelblich gleichen Fleck zu kleben –

Hinweg vom Wahn! Mein Ich, laß endlich mich im Stich!

Es geht, wenn mans vermag, und schließlich kann man helfen,

Ich wandere stiller fort und nahe einer See;

Ich siegte selbst, – hinweg sind alle Märchenelfen, –

Dort unten schweigt der große Freund von meinem Weh.

Das Meer ist grau, doch urgesund und brandet,

Um nicht der Fiebersterne Ruhebett zu sein,

Es ist der Strand von starkem Algenhauch umrandet;

Es schlürft mein Wesen sein Geheimniß lüstern ein!

Nun heißt es bauen, Schiffe bauen, Holz behauen,

Sich Segel liefern lassen, Bretter hobeln, leimen;

Auch Abends wirken; – furchtlos vor den Dämmerbrauen –,

Des neuen Leibes Rippen ohne Tadel reimen.

Nun muß ich auch zum Daseinsakrobaten werden,

Auf Riesenschleifen nieder und dann aufwärts schnellen,

Das Leben nimmer fürchten, heldisch sein auf Erden,

Verworfen werden, aber nimmermehr zerschellen!

– Den Tod verachten? – Oh, das ist bedeutend schwerer!

Den Denkern glauben? Nebenbuhler, Akrobaten!

Die Dinge selber werden immer mehr die Lehrer,

Was bleibt uns da, als eine Welt naiver Thaten?

Doch alles das bin ich, nicht meine tiefste Flamme,

Verscheucht man mich, so wird sie immer mehr erwarmen,

Ich weiß, daß ich als Geist von altem Adel stamme,

Verhöhn ich mich, so muß sie meiner sich erbarmen!

Ich will das Meer und alle offenen Religionen!

Hinweg von mir, zurück zu meinem hohen Wesen,

Verzehren muß ich mich und gar nichts darf ich schonen,

Doch da ich bin, so heiße es, im Brand genesen.

Geschick! Ein dumpfes Echo unserer toten Heiden.

Vernunft! Ein längst verfahrner, alter Räderkarren.

Der Glaube! Leider oft die Angst vor Glück und Leiden.

Begeistere Dich! So ruft es! Und ich laß mich narren!

Begeistere Dich! erschallt es durch das ganze Leben,

Es ist ein Baum seine Begeisterung, die er meistert,

Du sollst, wie er, mit festen Frühlingsblättern schweben,

Begeistere Dich! Sei schon auf Erden ganz begeistert!

Nun schweige Du als Traum; steh Welten westwärts träumen,

Doch Du geh mit der Erde ihnen ernst entgegen,

Du mußt mit Deinem Kern Dich gegen Sterne bäumen;

Sei friedlich und sei frei auf allen Deinen Wegen!

Mein klarster Strahl, nun sei bereit mit mir zu wandern,

Doch nein, ich folge Dir, Du bist bereits im Osten,

Noch seh ich Dich nicht ganz, Du räthselst noch in andern,

Drum fort, mein Schiff, Du gaukelst schon um Deine Pfosten.

Wir fahren bald den Sternen, Wind und Meer entgegen,

Dann peitscht der Sturm die Träume mir aus meiner Mähne;

Der Wahn wird sich vor meinem Willen niederlegen;

Geschicke mich umblitzen, da ich Macht ersehne!

Sei nicht verzagt, Du suchst die Freiheit jüngster Welten,

Die Erdengluth, die nordwärts strebt, um dort zu dämmern;

Doch zieh nach Süden; laß sie rufen, laß sie schelten,

Laß Du von Deinem Herzen Dir Dein Schicksal hämmern.

Doch gleich ans Werk, – sei ruhig und doch unbesonnen,

Den Abend sieh von toten Tageshelden schwärmen,

Doch Du vollende nie, was Du mit Dir begonnen,

Und reizt das Zwielicht Dich, so magst Du Dich erwärmen!

Sei heiß und heilig, wie die Liebe unserer Erde,

So eisig wie der Sterne strenge Feuerbahnen;

Verbrennt am Tagesgrab man seine Schlachtenspferde,

So mag Dichs an die Nüchternheit des Siegens mahnen.

Doch ruhst Du, ruhe jetzt, – Dich völlig zu begreifen, –

Die Nacht erscheint mit ihren längstdurchlebten Träumen,

In Deinem Tage mag ein anderes Wirken reisen,

Laß die Natur, nicht Dich, vorüberschäumen!

Es folgt am Himmelsbogen

Das Licht dem Mutterruf,

Und scheidend noch bewundert

Die Sonne was sie schuf.

Mit ihren Strahlenarmen

Aus reinem Liebesgold,

Umschlingt sie noch das Leben,

Bevor sie weiterrollt.

Aus Thälern und aus Fluren,

Bedeckt mit Waldespracht,

Dem Kleide unserer Erde,

Entrauscht die kühle Nacht.

Die losen Windesboten

Entschlüpfen dem Geäst

Und herzen einen Nebel,

Ders Tagesbett verläßt.

Der letzte Kronenschimmer

Der Sonnenelfen bricht

Und überall betrübt sich

Das bleiche Dämmerlicht.

Zeigt nimmer sich den Blicken

Der Sonne tiefste Macht,

So gleicht doch unsere Liebe

Enthüllter Sternenpracht.

Enträthselte Gefühle,

Ihr wallt zum Himmelszelt,

Und oben sehn die Sterne

In Liebe auf die Welt.

Zum Wind und Nebelreigen wehn

Rings Wiesenwische gar geschwind,

Man sieht sie durch die Fenster sehn,

Ob Träume etwa munter sind.

Halloh, da folgt ein loser Traum

Dem Schattenwink mit einem Satz

Und gibt dem Waldgespenst aus Schaum

Auf Bauch und Schenkel einen Schmatz!

Der Mond reißt seinen Silberspind

Auf einmal für die Tänzer auf,

Und manche kalte Hand von Wind

Beputzt bereits den Schemenhauf.

Das zieht sich ganz in Flitter an,

Die Nebel nicken, thut es nur,

Und glaubt, daß man uns trauen kann,

Auch wir sind Träume der Natur!

Nun schwebt mit leichtem Windestritt

So mancher Traum mit seinem Dunst,

Der Mond beleuchtet ihren Ritt

Und seine Thiere sind in Brunst.

Ein Traum wird über Feld gebracht,

Durch Haine, die noch unbewohnt;

Ein Märchen, das ein Elf erdacht,

Erzählt man ihm vom Silbermond.

Einst trug der Mond Geschöpfe,

Die wurden immer bleicher,

Denn oben kargten plötzlich

Die vollen Lebensspeicher!

Nun ist man dort verdorben;

Durch Kampfe und Entbehrung

Geschah der Mondesfluren

Entsetzliche Verheerung!

Doch es erfüllte einstens

Ein Mondvolk Sonngebote

Und ahnte kaum das Ende,

Das seinen Feinden drohte.

Die Göttin ihrer Liebe

War unsre grüne Erde,

Ihr sandte man die Träume

Und Seufzer der Beschwerde!

Jetzt giebt es oben Geister,

Doch sind sie ungeboren,

Auch ging für sie die Liebe,

Die sterblich macht, verloren!

Doch glücklich sind sie nimmer,

Sie rühren keine Hände,

Denn geht der Mond in Trümmer,

Bedroht auch sie ein Ende!

Die Nebel fliegen weiter,

Es schüttelt sie der Wind,

Die Nacht ist kühl und heiter,

Den Träumen wohlgesinnt.

Sie ziehen ihre Kreise

Und drehen sich geschwind,

Und ihre rauhe Weise,

Die pfeift der Wirbelwind.

Sie wehen um die Weiden

Der Reihe nach heran,

Und alle ihre Leiden

Erfahrt der Baum sodann.

Die Winde könnens wissen,

Sie Haltens Leid in Bann,

Ihr Leib ist schmerzzerrissen,

Sie ziehn den Selbstmord an.

Sie scheinen sich zu sträuben,

Sind sie noch blaß und nackt,

Ihr Weigern zu betäuben,

Wenn Frühlingsbrunst sie packt;

Doch ihre winzigen Blätter

Verkünden nirgends Glück,

Es sehnt ihr Zweiggekletter

Sich nach dem Nichts zurück.

Des Laubes nasse Schleier

Entrieseln fast dem Baum

Und schleppen bald im Weiher

Den einzig frohen Saum!

Verschiedene Nebel drängen

Sich ganz in das Geäst

Und bleiben drinnen hängen

Und schlafen plötzlich fest.

In weichen Wolkendecken,

Im zarten Nebelflor,

Mag manches Räthsel stecken,

Denn ringsum glänzt das Moor.

Ein Irrlicht huscht herüber

Und tanzt vergnügt am Sumpf,

Doch wird der Wald stets trüber,

Die Luft gar rauh und dumpf.

Nur zwischen Teich und Binsen

Hüpft noch das grüne Licht,

Und einige Nebel grinsen

Mit totem Angesicht.

Das ist der letzte Reigen,

Der um die Sümpfe wallt,

Die kühlen Nebel neigen

Sich ohne Wesenshalt.

Die Nacht hat ausgefunkelt,

Der letzte Stern verblinkt,

Die Welt ist ganz verdunkelt,

Der blutige Mond versinkt.

Die Hymne der Höhe

Wildwabbernde Fackeln, die qualmend verglühen,

Beginnen die Bahre des Tags zu entzünden;

Es gibt im Gebirge kein reifes Verblühen;

Verbluten, Verrauchen, soll Frieden verkünden!

Schon regt sich in Schluchten das traumhafte Leben,

Es fangen Gespenster, in Flammenspiralen,

Sich an in die funkelnde Luft einzuweben,

Und Glastfalter siehst Du ihr Dasein verstrahlen.

Der Hauch und die Seele von farbigen Schäumen

Wird eben von Nebeln zum Meere getragen,

Es scheint, was da blühte, jetzt Wolken zu säumen

Und träumt noch von südlichen, glücklichen Tagen.

Fürwahr, heiter rüstet sich jetzt eine Flotte,

Schon winden sich Segler aus purpurnen Hallen,

Denn meistens beschützt sie der Dom einer Grotte,

Aus Herbstwolkentrümmern und Aderkorallen.

Doch reckt schon, im Thal, sich der Riese des Dunkels

Und hebt mit den Schultern die glühenden Lasten

Des langsam verchwirrenden Tagesgefunkels,

Und tief in den Schluchten scheint alles zu rasten.

Noch einmal zersprengen die Sonnenscheinlanzen

Die Massen und Mauern von Schattentitanen;

Den Gipfeln entstrahlen jetzt Protuberanzen,

Es wird das ein Traumland von lauter Vulkanen.

Es brennen die Höhen. Und Abschiedsignale

Beginnen auf sämtlichen Zinken zu rauchen!

Es wallen auch Blutschatten nieder zum Thale,

Es scheint mir das Jahr heute Nacht zu verhauchen!

Ich sehe die Stunde der Ruhe entschweben,

Es scheinen Gebirge sich grau zu bekränzen,

Der Mond sich, als mildes Gefühl, zu erheben,

Rings Wölkchen in windstiller Andacht zu glänzen.

Es trübt seine Nachtfahrt kein Zittern und Rauschen,

Es wollen sein einmütiges Gipfelerblicken

Die Hoheliedwolken der Sohle belauschen,

Und oben, da scheinen die Sterne zu nicken.

Es funkeln die ewigen Gletschergedanken,

Vom mystischen Blau ihrer Tiefe umwandet;

Sie sind hochgefroren, da gibt es kein Schwanken,

So werden Ideen vom Sterben umbrandet.

Doch sprudeln die Bäche erfolgreich ins Leben

Und selten vergrübeln sich Fluten in Seen,

Der Mond aber liebt es, das heimlichste Weben

Der Dingedurchdringung im Geist zu erspähen. –

Es stürmt dort das Wasser wie zaumlose Pferde

Mit wirbelnden Mähnen die Felsen hinunter,

Das Leben behagt dieser brünstigen Heerde,

Sie wittert es schon und das macht sie so munter.

Zu Adern Italiens geweitet, entschwellen

Die Gießbäche brausend dem Gletscherbereiche,

Auch meine Gefühle sind Hochgebirgsquellen

Und stürzen sich südwärts ins breite Geschleiche.

Es faßt mich das Leben: Verwalten und Spenden,

Ist ewig das Wirken von Menschen und Welten,

Wir selber vollenden mit eigenen Händen

Das Ur-Ich, an dem wir schon zeitlos zerschellten.

Ihr Flammen der Liebe, Ihr Lebensgestirne,

Erfunkelt Euch dauernd das gleiche Bestehen,

Und auch die Ideen in meinem Gehirne

Verwirklichen ewig mein geistiges Lehen.

Sie scheinen mir Blüthen im himmlischen Haine,

Oft pflückt sie der Schöpfer mit goldenen Stielen,

Das Dunkel vernarbt aber rasch jene Scheine,

Die Seufzer ums Leben der Schnuppen die fielen.

Die Sterne behaupten durch rhythmische Schnelle

Ihr Lebensgefunkel erleuchteter Sprache,

Verklärt doch des Blutes erlösende Welle

Auch hier, durch Erkenntniß, die einsamste Brache!

Die schrecklichen Berge sind Steine auf Leichen,

Die Kohlen im Untergrund Särge, die modern,

Doch werden die Toten dereinst den Bereichen

Der unholden Nacht, urbegeistert, entlodern.

Sie pferchten das Gold in das tiefste Gebirge,

Die Habsucht erspäht noch die Schätze des Geizes,

Dann gilts, daß die eine den andern erwürge,

Und stets siegt das Gold und die Schmach seines Reizes.

Doch Gold ist der Schein eines wirklichen Lichtes

Und sagt uns: »Ihr sollt Eure Reichthümer heben!«

Der Erde entschwellt es, die Seelen durchbricht es,

Erreicht Eures Sternes frohsinniges Leben!

Ihr toten Gesellen, wie soll ich Euch packen?

Ich will Euch erwecken, Ihr werdet mir dienen,

Gespenster, ich krieg Euch, es wird Euer Nacken

Dereinst noch vom lastlosen Tag überschienen.

Ihr felsfinstern Sphinxe, auch Ihr tragt im Kerne

Den geistigen Tag ohne Schluß und Beginnen;

Ich wittre sein Dämmern in innigster Ferne,

Nun heißt es, mit Bergen verbunden, gewinnen!

Ihr stummen Kolosse, Ihr sprecht mit den Gipfeln

Bestimmt eine Sprache zerbröckelnder Formen,

Doch seht, in den Zungen, Geberden und Wipfeln

Belebt sich, erhebt sich, ein Grat ewiger Normen.

Ihr Sterne erhebt mich, Ihr Sterne entzückt mich,

Ich bin außer mir, doch in mir wurzeln Gluthen!

Und deshalb, Ihr Sterne, zerpflückt mich, entrückt mich,

Ich fühle so gerne mein Urlichtvermuthen.

Das Thallied des Werdens erklingt in der Seele,

Es glimmt zu den Gipfeln, noch regt es sich leise,

Jetzt faßt mich die Erde, erfüllt meine Kehle,

Und weither durchschauert uns still ihre Weise.

Jetzt packt sie mich ganz, dann streift sie mich sachter,

Es sucht sich in Rhythmen die Zeit zu vollenden;

Ich bin ja ein Dichter, ein Zustandsverachter,

Und kann, was vergeht, zu den Ursprüngen wenden!

Es ist meine Seele an Freiheit gebunden,

Sie kann sie nicht fliehn und erschöpft sie als Bilder,

Sie lebt und besteht auf unendlichen Kunden,

Und Nordlichterscheinungen sind ihre Schilder.

Die Mondscheingebirge umfrösteln jetzt Winde

Und wärmere Hauche verhüllen und betten

Sich tiefer in hangende Wolkengewinde

Und Sturzbäche rauschen wie silberne Ketten.

Es prangen die Gletscher in Monddiademen,

Es können sich Spitzen mit Perlenschmuck krönen,

Die Stirnriesen scheinen verschleierte Schemen,

Und seltsam, man hört keinen Schreckruf erdröhnen!

Es träumen die Adler, es schlafen die Geier,

Und Mondeulen rüsten sich brünstig zum Fluge,

Es brüten die Weibchen rings sichtbare Eier

Und Raubgier erwühlt sich im hellgrauen Zuge.

Jetzt frierts in den Lüften, und starrblaue Schatten

Beginnen die Nacht in die Thäler zu bannen,

Der Mond übergleißt die verglasenden Matten,

Der Reifvogel kann manchen Grat überspannen.

Die Sterne jedoch überglimmen die Schleier

Der frostigen Mondnacht und regsam verkünden

Sie, züngelnd und sprühend, als Glücksprophezeiher,

Das Bündniß von allen erhabenen Gründen.

Die Treue des Kernes der Erde zu Sternen

Kann leise im irdischen Sein sich bekunden,

Wir sollen die Winke des Werdens erlernen

Und strahlend der wechselnden Übel gesunden.

Es birgt alles Dauernde Urlichtsekunden,

Oft werden wir schwindelhaft einwärts gerissen,

Dann zeigt sich uns, plötzlich, die Welt überwunden

Und weit in uns selber erglimmt das Gewissen.

So treibt auch die Erde die innerste Stille,

Ihr rollendes Wesen, in uns, zu ergänzen,

Drum ist es bestimmt, daß der menschliche Wille

Bedeutung erfunkle, um tief zu erglänzen!

Doch nährt auch der Erdkern rebellische Eile,

Und die fügt sich nimmer an runde Konturen;

Beseeligter Gluthen fast sonnige Theile

Zersprengen, zerbröckeln sich Klammertorturen.

Die Pole umschließen die härtesten Rippen,

Die mittlere Schwere bezwingen blos Reifen,

So kommt der Planet immer wieder ins Kippen,

Und was da beginnt, das gelangt nicht zum Reifen.

Es wandern die Pole und zeugen Entgleisung,

Dem Gluthinnern kann sich die Kruste nicht fügen,

Die Rundform veränderter Axenumkreisung

Des Wuthkerns Ellipsenbrunst nimmer genügen.

Die ruhlose Erde vermochte nicht lange

Die Kinder des Lichtes am Land zu bewirthen,

Und schützte, versteckte sie sorgsam und bange,

In sicheren Meeren, die Inseln umgürten.

Jetzt rüttelt die flüssige Lava an Felsen,

Ihr Druck ist zumal am Äquator gar mächtig,

Was helfen Vulkane mit Speichern und Kesseln,

Die Lava zersprengt sie, – die Erde ist trächtig! –

Die Inseln bis Japan erbeben am meisten,

Amerikas Zentrum erlebt keinen Frieden,

Die innere Urgluth vernichtet die Leisten,

Die selbst sich die Rundsucht des Globus beschieden.

Der Lavaball drängt zum magnetischen Pole

Und will sich stets gegen die Erdaxe sträuben,

Er schenkt uns das Nordlicht und trachtet zum Wohle

Des Lebens, des Lichttages Zwang zu betäuben.

Der Mond nun erwartet den Bruder noch immer;

Und läßt oft die Erde aus Sehnsucht erbeben,

Doch diese zersprengt nicht den Mutterschlundglimmer

Und kann nur die Nordlichtpropheten beleben.

Oh Mond, dir zu trauen ist schrecklich gefährlich,

Du trügst uns vielleicht in den freundlichsten Nächten,

Du steinbleiches Bild, ist Dein Wohlwollen ehrlich?

Du bist der Vertreter von furchtbaren Mächten!

Dein Lichtflimmerschleier ist milchig und traurig,

Oh, will er dereinst alles Leben bedecken?

Die Seelen und Mütter durchwühlst Du oft schaurig,

Soll alles, sich wieder gebärend, verrecken!

Geschwächt ist im Innern das Lavagluthtoben,

Das Glastmeer umklammern granitharte Wände,

Die Are wird immer nur mählig verschoben,

Es zeitigt das Leben sich Dauerbestände.

Es streut ja das Nordlicht, aus goldenem Horne,

Rings Blüthen und Küsse auf Gletscher und Meere,

Setzt flimmernde Schlangen in sprudelnde Borne

Und leuchtet in jeder lebendigen Lehre!

Jetzt scheinen Gebirgssphinxe Götter voll Güte,

Sie tragen ja Gluthen in eiskalten Falten,

Es ist, als ob Gott alles Leben behüte,

Es kann sich nur felsenumschlungen erhalten!

Der Mond muß als ohnmächtiger Schemen erbleichen.

Die Aare umkreisen wie Schöpfergedanken

Die Nordlichtgebirge. Den Thälern entweichen

Rings Nebel wie Weihrauch, der Gottheit zu danken.

Vom Herrgott erfleht unsere Erde den Frieden;

Mit eigenen Flammen entbrennt sie ihr Leben;

Dafür wird der Menschheit Vollendung beschieden,

Denn uns ist gegeben, wonach wir noch streben.

Venedig

Mir war es einst, als hätte mich der Felsenaar zum Licht getragen,

Da hob mich Zeus, im Flügelthal, zum Unermeßlichgroßen,

Ein Fordern war mein Wonneflug, dem Mannesblick ein Jagen;

Ich wollte fort, blos fort, und nirgends dort, an Ziele stoßen.

Mir ist es oft, als ob ein Gott die keusche Jünglingsseele kühre.

Da sah mein Herz, noch jung und frei, um sich die Welt entweichen,

Und Zeus war froh, daß sein Geschöpf nicht Furcht und Höhenbangen spüre,

Ich wollte nichts – und wollte doch das Unerfaßbarste erreichen!

Es könnte sich die Weiblichkeit dem Schwane sanft ergeben,

Den schlanken Hals, voll Lustgewalt, um ihre Glieder schmiegen,

Ihr ganzes Sein, beim Gotteskuß, im größten Glück erbeben,

Doch nein, ach nein, es scheint im Weib die holde Urfurcht doch zu siegen.

Oh Sonne, wirf uns übers Meer die blendendlichte Lebensbrücke,

Die allen folgt, die weit von Dir zerstreut, durch Meere steuern,

Es scheint mir doch, oh Sonnenschein, daß jede Regung dich entzücke,

Denn Küsse sprühn, wo Gondeln ziehn, im Kranz von Lebensfeuern.

Durch Wellen schlängelt es sich her, mein Weltband hellen Sonnenlichtes.

Ein Schwanenhals erscheint es mir, am Gondelkiel und Buge,

Der jedes Boot, das schwankt, umkost, und sieh, aus Goldspiralen flicht es

Ein Sonnennetz und dieses folgt, leicht wogend, auch dem Gondelzuge.

Das Ruder schöpft sich Flimmergold aus morgenblassen Spiegelfluten,

Die Inseln rings umspinnen sich mit wunderhellen Sonneweben,

Und dichter sehe ich, wie Gondeln ringsum mich umsputen,

Oh Rührigkeit, bald wird auch mich ein Glückgespinnst umgeben.

So manches Segel, gelb und rot, umschwebt mich, wie Venedig

Es freundlich mir, als Gruß aus seiner Buntheit, sendet;

Oh Herrin, bleibe mir, dem Schönheitspilger, hold und gnadig,

Es ist mein Blick von deinem Spiegelmeer geblendet!

Venedig, deine Marmorsäulenwälder

Durchstreif ich tausendmal und gerne,

Sie sind die bleichen, steinernen Vermelder

Versunkenen Seins in Meer und Nebelferne.

Arkadien bist du unsrer Welt geworden,

Zu Menschenlust von Menschen aufgerichtet,

Schufst du Oriente frei in Welschlands Norden,

Und Hellas Geist hat über dir gedichtet.

Doch ist Arkadien nicht durch dich gefallen?

Oft ward das Leben in besiegten Ländern

Wild von Venedigs scharfen Löwenkrallen

Zerzaust, denn so gefiel es Machtverschwendern.

Die Forste breiter Berge, die verkarsten,

Verschwanden bald im Schlamm, wo sie verschimmeln,

Die Eichen, die einst Abhangfelsen barsten,

Versteinern, wo jetzt Kellerasseln wimmeln.

Arkadien hat sich früher ausgebreitet,

Es rauschten Bäche durch Illyriens Schluchten

Zu Leuten, die sich dort ein Glück bereitet;

Venedigs Flotten lagen in den Buchten!

Erwürger trugen sie, roh und verwegen,

Erpresser, die des Landes Kraft entwalgten;

Es heulten ihnen Stürme zwar entgegen,

Die Felsquelladern rings verkalkten,

Doch blieb der Leu auf seinen braunen Matten;

Dann bargen sich die Krumen unter Steinen;

Und Wolken werfen nun violette Schatten

Auf Friedhöfe von Urwäldern und Hainen.

Oh Frühjahrsfrüh, hoch oben auf Arkadiens Bergen,

Erscheine mir in deiner blaffen Glut,

Du sollst mir keine Zauberkraft verbergen,

Die noch behutsam in den Keimen ruht.

Das Licht erstrahlt aus großer Morgenferne;

Die Sonnennähe, die uns bald umkrallt,

Entreißt sich erst der Ewigkeit der Sterne,

Wenn sich ein Sonnentag zusammenballt!

Oh Weltenei, mit deiner Sonnenmitte,

Dich sehen wir als einen Strahlendom,

Und drinnen regt, mit leichtem Engelstritte,

Das Leben sich, in stillem Feuerstrom.

Schon bannt das Licht die künftigen Gestalten

Mit Gluthenmacht auf harten, nackten Stein

Und merzt sie tief in steile Felsenspalten

Als Lebensbilder, Formgespenster, ein.

Auf Trümmern seh ich Lichtgedanken thronen,

Wo mancher sich mit Wucht am Felsen hält,

Drum wurzeln, dauern Arten für Aeonen,

Da nie ein Sturm ein Gluthenurtheil fällt.

Die Bäume spenden sich mit vollen Zweigen,

Was jeder hat, an Lust, an Lebensduft,

Wir Menschen aber suchen, was uns tief zu eigen

Und doch getrennt ist durch die Sonnenkluft.

Die Macht des Lichtes, die uns rings versprengte,

Wie dies ein großes Taggebot befiehlt,

Ließ Treugefühle, wo sich Brunst verschränkte,

Als Band zurück, das sich durch Gluth erhielt.

Die Wesen, die den Wurzeln sich entringen,

Vollbringen es durch ihre Eigengluth,

Doch hängt ihr Sinn an sonderbaren Dingen,

Denn tausendfach regt sich verwandtes Blut.

Der Mensch kann die Versuchung von sich streifen;

Er weiß, daß eine Reife in ihm ruht;

Erwacht sie, wird er sich erst ganz begreifen,

Die Wahrheit glimmt in keuscher Weibeshut.

Nur eine Seele kann die Blüthe tragen,

Oft knospt sie lang, bevor sie rasch erwacht,

Ein Augenblick kann einem Auge sagen,

Was Sonnenkinder unter sich vollbracht!

Ach, welche Kluft mag mich vom Weibe trennen,

Von jenem Kind vom gleichem Wesensbaum;

Gestalten kanns die Seele, ja erkennen,

Dem Leibe eilt sie weit voraus im Traum.

Bevor mein Sonnenfesttag aufgegangen,

Erblaut mein Schicksal, das ihm blaß entsteigt,

Mit Seelenarmen möcht ich darnach langen,

Ich ahne was sich fern entgegen neigt.

Ja, bloß ein Wesen ist für mich erschaffen,

Einst führt die Sehnsucht uns zum gleichen Ort,

Für Sonnenkinder darf kein Abgrund klaffen,

Man sieht sich und erkennt sich durch ein Wort.

Die Welt kann sich durch Liebe nur erhellen,

Da treu ein Stern des andern Leben hegt,

Ein Weltlichtherz entschnellt nur Schwesterwellen,

Das Lebenslicht, das Liebe trägt und wägt.

So malt die Sonne bunte Frühlingsranken,

Aus Fels und Schlucht, Entwürfe voll von Kraft;

Ihr Mittag bringt des Lebens Vollgedanken,

Aus denen sie die Thatgeburten schafft.

Gedanken, die durch starre Felsen dringen,

Erschöpfen jedes Sein aus Stein und Licht,

Denn bloß notwendige Sonnideen zwingen

Zur Lebenslogik, der die Form entspricht.

Ein Taggeschöpf muß sich zur Sonne kehren,

Der Mensch zumal, denn wir sind glaubensbang;

Mein Innerlicht, dir hehl ich kein Begehren,

Gieb mir ein Weib, mein, rein und seelenschlank.

In deiner Schönheit, Weib, bringst du die Schäume

Der Seelenfluth dem Schöpferkusse dar,

Aus deiner Schlankheit sprudeln weiße Träume

Und Jugendgold verklärt dich wunderbar.

Mir ist es oft, als sehnten sich die Blumenwiesen,

In heitrem Lenzesschmuck, nach einem Fernenflug,

Als wähnten sie, als hofften sie, die Winde bliesen

Sie munter fort, als traumhaftbunten Flatterzug.

Nun plötzlich seh ich, wie sich einige regen,

Befreite sie und trägt sie gar ein Lenzgeruch!

Narzissenfelder können ihren Flug erwägen –

Denn Liebenden gelingt der erste Fluchtversuch! –

Nein, weiße Tauben sind es, die mich deutlich täuschen,

Dort weiß ich, daß ich Blüthensehnsucht wahr empfand,

Nun lausche ich der Vögel wirren Fluggeräuschen,

Die erst im Steilgesang ihr Urgewicht erkannt!

Ich selber bin ein Wunsch nach Liebe und Entfaltung,

Der mühsam erst aus Irrgespinnsten bricht;

Mein Weib, wann gebe ich dir lichte Wahrgestaltung,

Wo bist du Kind, das wieder kindlich zu mir spricht?

Ich weiß genau, daß tausend weiße Himmelswiesen

In uns sich suchen, weil sie gleicher Duft beseelt,

Sie wollen sich aus Liebe ferneher erkiesen,

Und keusches Glück hält sie einst sommertreu vermählt.

Ja, keusch ist die Natur, die liebend sich befruchtet,

Denn Reinheit weht vom Mittagsmeer, vom Schneegefild,

Dir gilt mein Lied, oh Gischtsee, die im Felsland buchtet

Und tiefverschluchtet Lebensdurst und Ruhbrunst stillt.

Mir ist es oft, wenn ich die Augen schließe,

Als ob die Welt der eigenen Phantasie

In einem Strom von mattem Golde fließe

Und traumhaft durch die wache Seele zieh.

Das ist das Blut, das die Erinnerungsbilder

Gar traumbeschwingt aus dem Gemüte hebt;

Es ist ein anderes Leben, zarter, milder,

Das aus den Seelengrüften bleich entschwebt.

Die Lichtgestalten haben ausgerungen,

Mit dem Geschicke scheinen sie versöhnt,

Durch meinen Wesenswunsch, beim Flug verschlungen,

Sind sie des Eigenwillens schon entwöhnt!

Jetzt seh ich herbstlich goldene Wälderhallen;

Um Bilder sind die Aeste schön verzweigt,

Dort wo die welken Blätter langsam fallen,

Verstrahlt ein Tag, der Fabelmanen zeigt.

Es tropft das Lebensblut von Bäumen nieder,

Im Wind zerstiebt das gelbgewordene Laub,

Im Walde hallts von Windnachtsschritten wieder,

Am Weg verliert der Herbst den halben Raub.

Sind auch die Blätter bald im Wald verflogen,

Bleibt ihre Seele doch in der Natur,

Das Sonnenroth, das Bäume eingesogen,

Trinkt erst im gelben Herbst die Kreatur.

Die Sommerfreude jauchzt in Vogelliedern,

Als Waldesecho, noch am goldenen Meer,

Die Menschen werden still und sie erwidern

Die Waldestrauer, bang und wehmuthsschwer.

Wenn arme Leute dürre Zweige sammeln,

So lieben sie und sehn sie erst den Wald,

Wenn sie des Waldes Schaudermärchen stammeln,

Wird er der Geister düsterer Aufenthalt.

Du glaubst an einen Hauch der Menschenseele,

Wenn Du den letzten Athemzug erlauscht,

Du glaubst, daß die Natur von sich erzähle,

Wenn sacht ein Wind im Wald zum Abschied rauscht.

Dann ist es mir, als schlichen Sterbewesen

Durch Träume sich in meine Seele ein,

Als Bilder kann ich sie zusammenlesen

Und berge sie im Urerinnerungsschrein.

Die goldenen Ströme flammen auf wie Hallen,

Ein Strahlendom schließt seine Wölbung zu,

Gedanken, die sich stolz zusammenballen,

Entfalten ihre sehnsuchtsfreie Ruh.

Versteinerte Eichen am Grund der Lagune

Beginnen dem Sumpfe mit Wucht zu entwuchern

Es wachst schon die trutzige Dünenkomune,

Und Kunden erblühen von Nordlandbesuchern.

Es können sich rumpfige Gruppen erreichen,

Es schließen sich Thore, es öffnen sich Brücken,

Es wollen sich wiedererstandene Leichen

Die bleiche, verfeinerte Marmorhand drücken.

Die Seele der alten, versunkenen Wälder

Beginnt sich auf einmal verklärt zu beleben,

Arkadien erwacht, junge Lichtrauschvermelder

Belauschen die Fluthen im Dunkel von Reben.

Es grünt und es blüht unser keusches Venedig,

Erfrischt und verjüngt durch die Reinheit des Meeres,

Gelingt es der Seebraut, des Blutbuhlen ledig,

Ein Freistaat zu sein und ein Herz des Verkehres.

Rialto, die Pulsadern deiner Entfaltung,

Kanäle und Ströme, die ferneher fließen,

Gewähren den Träumen der Pfahlwelt Gestaltung,

Da ringsum verkalkte Gespenstalgen sprießen.

Es tragen die Fluthen vom Osten her Rosse,

Porphyre und Stoffe zum Strande des Piave,

Rabbiner lustwandeln auf grünendem Flosse,

In goldenen Kirchen ertönt hold das Ave.

Die Götter Arkadiens sind wieder erstanden,

Im Schatten von Pappeln schlürft Pan kühle Muscheln,

Sirenen, die schüchtern auf Stranddünen landen,

Beginnen sich Märchen der See zuzutuscheln.

Nun tutet Neptun, bis zum Bauche erhoben,

Und weckt die Tritone, die halb erstickt schnarchen,

Die Fichtentitanen und Brackwasserkloben

Entrecken Holzkronen und Kranzwartenarchen.

Mit glühendem Sonnenstift zeichnet sich Klio

Die Thurmthaten auf, die zum Goldhimmel zucken,

Es flattern die Wespengespenster der Io

Zum Schriftforscher Rio, wo Glastadler spuken;

Promethische Zinnen, mit reinen Erdstimmen,

Erklimmen mit Lebensgischtschwingen den Himmel,

Ein Athemgold kann in der Tiefe erglimmen

Und rings übersprüht es das Menschengewimmel.

Venedig, du selbst bist die klaffende Auster,

In der Aphrodite die Schönheit bekräftigt,

Venedig, es rahmt dich ein zephyrgekrauster

Gischtschleier, der lebhafte Nymphen beschäftigt.

Es weben die Wellen sich Lichtflitterflore,

Die Schleier der Keuschheit entschweben dem Meere;

Venedig, eröffne der Venus die Thore,

Doch stelle dich stolz gegen Lilith zur Wehre.

Oh Farbenstadt Venedig, dir zu Füßen

Verstreut und legt ein grüner Strom Juwelen,

Das Meer will jedes Dogenhaus begrüßen,

Es dürfen nirgends Fluthgeflechte fehlen.

Auf himmelblauem Dunkelgluthengrunde,

Verbrähmt und strickt das Meer vor jedem Schlosse

Prunkteppiche, und seiner Tiefe Funde

Umschwärmen leuchtend jede Seekarosse.

Harmonisch sind des Meeres Sonnenstoffe.

Vor Marmortreppen webt es Züngelspitzen

Und droht verfinsternd steil das Gothisch Schroffe,

So hilft es sich mit Silberwirbelwitzen.

Die reinsten Flammen sind Türkisen, Rauten,

Doch hebt das Meer oft ganze Perlenspiegel,

Narzissen schwemmt es vor die Schimmerbauten

Und rothe Nelken vor Verwitterungsziegel.

Ein wahrer Prachtdamast ruht vor den Stufen

Der Muttergotteskirche »la Salute« ,

Das Meer hat allen Prunk emporgerufen,

In diesen Teppich wirkt es Grundtribute.

Die Kirchenkuppel blickt mit mildem Auge

Zur Spenderin der Reinheit auf, zur Sonne,

Da scheint es fast, als labe sich und sauge

Ein Tempelwunsch am stillen Milchtagsbronne.

Venedig, die Empfindungsinseln stiller Stunden

In deinen Fluchen, geb ich dir in Liedern wieder,

Venedig, bunte Fernen sind in dir verbunden,

Verschwundene Numen öffnen hier die Schlummerlider.

Venedig, dankbar bringen dir die Götter Gaben,

Geschenke, wie sie keine andre Stadt empfangen;

Du bist wie Aphrodite, der du gleichst, erhaben,

Du hast erwachend stets ein trautes Brautverlangen.

Bevor dein Bräutigam, das Meer, dich darf gewahren,

Beschaust du dich im Venusspiegel durch die Schleier,

Die nächtlich sich auf deinen goldenen Sonnenhaaren

Verdichten, als ein Liebespfand von deinem Freier.

Der Venus Tauben, kaum vom Traume aufgeflogen,

Umgurren deine buntgefüllten Wandellauben,

Und Taubenschemen, Schaumphantome goldener Wogen,

Besetzen Zinnen, Kirchenkuppeln aller Glauben.

Es blauen dunkle Fluten um die grünen Augen,

Die glanzlos in den Ebbestunden fast erblinden,

Die Sumpfalgen, die Ströme aus den Furchen laugen,

Beginnen rostigroth rings Tanzkränze zu winden.

Das Licht auf der Lagune ist der Pfau der Hera,

Den Zeus Gemahlin für Venedigs Freundschaft spendet,

Denn hier lebt alles noch in einer Sonnenära,

In der Minerva Helm und Lanze frei verwendet!

Fürwahr, die Götter Hellas leben in Venedig,

Auf der Lagune glitzern Hermes Flügelschuhe,

Das Volk ist findig, eitel, heiter und ruhmredig,

Es fand Merkur in ihm seiner Bewegtheit Ruhe.

Der Dogenpalast, den Phantome bewohnen,

Behorcht Domgebote, die Rom streng erwogen,

Und alle die blutlosen Staatsabstraktionen

Beleben die Rhythmen der rollenden Wogen.

Der Volkswille wird eine Weltblüthenlese,

Es kreuzen sich Sitten verschiedener Länder,

Venedig, die Stadt jeder Brauchexegese,

Verkleidet das Fremde in eigene Gewänder.

Die Säulen, die prachtvoll den Staatspalast tragen,

Verzieren verschiedene Blattkapitäle,

Man sieht den Akantus aus Zwergstämmen schlagen,

Auf nordischem Schaft grünt die griechische Seele.

Der Mythus der Parsen, der Kult der Hebräer,

Verästelt sich mit dem Ardennengeblätter,

Urkomische Gnome, homerische Seher,

Vertragen sich trefflich als Völkerbaumvetter.

In heidnischer Einfalt erblüht eine Säule,

Ein Mädchen erwacht und gefällt einem Manne,

Bald liebt sich das Paar unterm Bettdeckenknäule,

Und dann legt die Amme ein Kind in die Wanne.

Die Eckpfeiler dieses grotesken Palastes

Bezeichnen die Menschenerkenntniß der Sünde,

Zuerst das Geheimniß, die Eva erfaßt es,

Ihr Adam empfindet der Traurigkeit Gründe.

Am anderen Pfeiler liegt Noah im Rausche,

Es hat ihn der Saft der Vergebung umdunkelt,

Damit nicht der Alte die Wahrheit verplausche,

Hat Wuth aus dem Blick eines Engels gefunkelt.

Das richtige Urtheil, – wie hier zu Gerichte, –

Spricht Salomon weise, am dritten der Pfeiler;

Den Vierten steht niemand, im innersten Lichte

Der Kirche erstrahlt er als Weltleidenheiler.

Im Erdgeschoß tragen die Ganzunbekannten,

Die Massen des Volkes, die Last des Palastes,

Im Stockwerk darüber, die friedlichverwandten

Geschlechter des großen SanMarkoMorastes.

Auf schlankerem Schafte erblühn hier Gebilde

Verschiedener Stile zu Tragkapitalen,

Der tragische Widder, das Willkürlichwilde

Im Edelblut wittert auf Eichenlaubpfählen.

Ihr furchtbaren Rümpfe und Staatspalastpfeiler,

Ihr scheint mir ein Wuchtgebild wuchernder Wälder

Versteinender Eichen, die schlanker und steiler

Zum Freilichte klimmen, und seid Leidvermelder!

Ihr schnurrigverkrusteten Trumpfkapitale,

Ihr Eidechsen, Schnecken, Schmarotzer und Räude

Aus Marmor und Moos, ihr seid Meergrundjuwele,

Gebilde des Gischtes und Schaume der Freude!

Die Volkskraft am Meere enthüllt und entwindet

Dem wandernden Wasser sein algengeschmücktes

Geschäftshaus: Venedig, die Einsicht erfindet

Das Stützengerüst, das Gemüt überblickt es!

So flammt denn auf, ihr goldenen Hallen,

Erwache meiner Seele Gold,

Gewaltig mag die Blutfluth wallen;

Erstehe, was zum Tag gewollt!

Oh Sonnentempel, golddurchflossen,

Umwölbe Deinen Pilgersohn,

Du nahtest mir mit Sonnenrossen

Und hältst mich nun in holder Frohn.

In tiefstem Bann magst Du mich halten,

Wann immer ich dich ahnen kann,

Denn rufen mich die Huldgestalten,

So holt mich Helios Viergespann!

Ein Fremdling bin ich, losgerissen,

Befreit vom Boden, der mich schuf,

»Du wirst den Hohn der Dinge wissen!«

Das ist mein Sonnaufforderungsruf.

So flammt denn auf, Ihr Abendhallen,

Oh Herbstwelt, wölbe Dich empor,

Du Goldschaum sollst Dich aufwärtsballen,

Auf Wolken wohnt der Sonnenthor.

Ich werde hier mein Herz ergründen,

In diesem Tempel ruh ich aus,

Das Gold in steilen Seelenschlünden

Erwühlt in mir ein Gotteshaus.

Die Sterne hab ich lang bewundert,

Sie nahten nicht dem Sehnsuchtsgold,

Und forschte ich selbst ein Jahrhundert,

Ich wüßte nie, was ich gewollt.

Die Nacht hab ich mit Gold umzogen,

Die Sterne deckt ein Feuerstor,

Mein Herz umglüht ein Nordlichtbogen,

Und ich vergesse, daß mich fror.

Ihr hohen Thore aus dem Osten,

Du überstülptes Wunderhorn,

Du Sonnendom mit goldenen Pfosten,

Du bist Byzantiums reifes Korn.

Du bältst in Dir, als voller Same,

Die Wüstenträume eingekerbt,

Daß Asiens Glaube nicht erlahme

Hat Dich Venedig übererbt.

Es ruhen Heilige und Propheten

In manchem goldenen Tempelsarg,

Sie warten demuthsstumm und beten,

Denn ihr Gemüt ist hoffnungsstark.

Aus Menschennähe hoben Christen

Die Märtyrer in Sternenglanz,

Den Himmel, den rvir sonst vermißten,

Verbildlichte und wahrt Byzanz.

Venedig, Deine Ferngestalten

Bringt unsre Wesenheit ans Licht,

Die spatgeborenen Christen halten

Sich jetzt an Jesus Erdgesicht.

Man holt in goldenen Prozessionen

Des Tempels Sonnenschatz hervor,

Die Engel sollen menschlich wohnen,

Schon öffnet sich das Mittagsthor.

Ein Psalm erklingt, und Davids Name

An sich ist schon ein Hoffnungsborn,

Fürwahr, San Marko ist ein Same,

So goldig wie das volle Korn.

Denn Gold ist der Kometenpollen,

Die Liebe selbst, die Gott erfreut,

Die Wogen auch, die uns umgrollen,

Wenn sie der Lichtsamen bestreut!

Auf dem Markusplatze in Venedig finden

Seit Jahrhunderten sich stets die gleichen Gruppen,

Denn der Tod kann wirtlich gar nichts überwinden,

Aus den Bengeln müssen Eltern sich entpuppen.

Die Gewänder und sein Erbtheil nimmt ein jeder,

Wie das Schicksal sie ihm eben träge bietet,

Des Verzinkers Sprößling greift vielleicht zum Leder,

Und ein Backersohn entsteht, der Holz vernietet.

Die Belebungsfülle aber bleibt die gleiche,

Nach verebbten Nothformen erscheinen Leute,

Kein Verjüngungsstrom bricht durch die Daseinsdeiche,

In Jahrtausenden ist es genau wie heute.

Die Verblichenen, so scheint es mir, beseelen

Ihre Nachkommen im Jenseits ewig weiter,

Die Langeweile muß sie entsetzlich quälen,

Zeigt sich nirgends ein Gewohnheitsüberschreiter.

Nur die Helden konnte Christi Tod befreien;

Die Gottähnlichkeit ist hier so karg bemessen,

Daß zehntausend Fromme nur zugleich gedeihen,

Der Durchschnitt aber wird in Noth vergessen!

Die Vergeßlichkeit ist unser Trost auf Erden,

Doch wenn zeitlos wir die Dinge übersehen,

Wehe uns, da wir uns ewig hören werden,

Und verstehen, daß wir uns um Nabel drehen.

Täglich strömen Leute aus den finstern Gassen

Von Venedig auf den Platz, um Scherz zu treiben,

Jeder kann das Laster aller andern hassen,

Um demselbstverständlicheigenen treu zu bleiben.

Täglich macht der Pöbel seine alten Witze,

Da er einschrumpft, hält er sie beinah für neuer,

Selten nur durchzischen ihn Begeisterungsblitze,

Und aus Uebermuth legt er dann Freudenfeuer.

Stilgeberden und die Sprache, die uns bleiben,

Sind die Lichtgeschenke, die wir uns gerettet,

Doch die Menschheit seh ich krampfhaft abwärtstreiben,

Ihre Wucht und Furchtbarkeit hat sie verwettet.

Durch Verschiedenheit kann sich die Welt erkennen,

Und als Gegensatz darf Aehnliches bestehen,

Doch von Fleischgewohnheiten soll man sich trennen,

Sonst wird die Menschheit bald ermattet untergehen.

Liebesräusche kennen nur die Kinderlosen,

Zum Vergnügen wird der Mensch zumeist empfangen,

Seine Seele kriegt im Elternalltag Hosen,

Häubchen werden von Verwandten angefangen.

Spießbürger, Ihr seid fürwahr nicht umzubringen,

Fremde kommen her, die Freiheit zu genießen,

Kann die Lust ein junges Sein beschwingen?

Nur ein Abenteurer mehr wird ihr ersprießen!

Nein und doch, das Liebesfeuer gährt in allen,

Aus dem Erdenkerne will es sich befreien,

Klarer kann es wählen; mag der Leib verfallen,

Wahlgeschlechter wird der Geist zusammenreihen.

Denn die Liebe und das liebende Gewissen

Ist die Lichtinsel für treibende Gefährten,

Hinter Finsternissen, vielen Hindernissen,

Seh ich Fernen, wo sich Lichtwesen bewährten.

Pöbel, stärker als Dein Trachten sind die Plagen,

Die das Feuer anstachelt, wenn Du verwüstest,

Gemeiner Wurm, Du mußt zur Sonne ragen,

Wär es nur, wenn Du im Tod Dein Nichts verbüßtest.

Eigenmächtigwilde, zynische Projekte

Schmiedet jedermann, – wie oft, – und muß doch lieben.

Ach, wie häufig man das Heidenthum erweckte,

Lieber Gott, und wir sind Christen doch geblieben!

Ja, ein Brand geht durch die Menschheit, eine Flamme,

Die uns rastlos auffordert, dem Licht zu leben,

Lodre Gluth, in unserm guten Arierstamme,

Würde Du der Wesen, die auf Erden kleben!

Pöbel, nein, ich kann Dich wahrhaft gar nicht hassen,

Weiß ich doch, daß Zukunftsgluthen alle leiten.

Ja das Was und das Warum, wer mag es fassen,

Doch genug, wir alle kennen Sehnsuchtsweiten.

Stundenlang kann ich am Markusplatz lustwandeln,

Albernheiten hör ich hier am Tag verhandeln,

Abends trachtet man mit Mädchen anzubandeln,

Garstiger Pöbel, kannst Du gar nicht Dich verwandeln!

Einmal nur im Leben wird der Mensch zum Dichter,

Wenn sich Schwärmerei seiner Natur bemächtigt,

Opfermüthig für die Braut, aufrichtig, lichter,

Wird der Mann, der liebend seine Lust berechtigt.

Mag er da des Eigenthumes Wahrheit ahnen,

Das in fremder Obhut einzig darf bestehen;

Ja, der Same, dem wir heilige Pfade bahnen,

Soll ins Weib, dem er gehört, keusch übergehen.

Würden wir mit Würde den Geschlechtstrieb lenken,

Gäb es weder Diebe noch verdungene Knechte,

Unsre Sucht Besitzgesetze einzurenken,

Ist der Alp und die Erinnerung echter Rechte.

Armes Volk, ein jeder dünkt sich frei vom Ganzen,

Glaubt, er sei ein Mann, ein Weib, rein wie Ideen,

Die im Sprachgebrauch sich einfach fortverpftanzen,

Niemand weiß, wie viele Dinge übergehen!

Die Geschlechtlichkeit, das Tiefste, will bestehen,

Menschenzwitter triffst Du deshalb selten,

Wesen doch, die mehr Geschlechter in sich ehen,

Giebt es, da die Ursprungsketten sonst zerschellten!

Markusplatz, du mußt vom Jenseits Macht empfangen,

Ehen sind in aller Welt auf Dir entstanden,

Wieviel Wesensreihen haben hier einst angefangen,

Täglich stichst du Blickblitze zu Liebesbanden.

Zufall sagt man; kann es einen Zufall geben?

Bis der Markusplatz besteht, mag man dran glauben!

Ist es nicht viel einfacher, daß Parzen weben,

Und daß wir die Frucht vom Schicksalsbaume klauben?

Heiter bin ich jetzt gestimmt, die Saat geht weiter;

Heil San Marco Dir, Du stiftest ferne Ehen,

Du beglückst das Volk und Deine Glanzbestreiter,

Ja, ein Stern scheint sich um diesen Fleck zu drehen!

Sonnenschiffe, die am Markusstrande landen,

Lassen hier den Lichtbegriff der Menschheit steigen,

Selbst der Markusthurm, den Sturm und Brunst umbranden

Scheint symbolisch sich nach Osten vorzuneigen.

Was ich denke und empfinde,

Herz im Herzen, ist es wahr?

Schwebt die Seele nicht gelinde

Vor den eigenen Wunschaltar?

Götter kann ich jubelnd krönen,

Doch mein Glück bleibt lange aus;

Kann mich nicht hineingewöhnen,

In das fremde Weltenhaus!

Goldene Traumfäden verflechten,

Freuden in mein Nachtgespinnst,

Wenn sie Dauerglauben brächten,

Wüßte ich, Du bist und minnst!

Alles, alles nur Phantome;

Selbst die Lust eine Idee?

Hoch empor im goldenen Dome

Bäumt und träumt sich Heil nnd Weh.

Jedes Schicksal trüg ich gerne,

Auch die Sehnsucht die mich plagt;

Käm ein Wink nur aus der Ferne,

Wäre Wahrheit nicht versagt!

Nach dem Tode sinkt der Parze

Nie der Faden aus der Hand,

Nein, sie zieht ihn durch das schwarze

Erdgewebe umgewandt.

Sie verspinnt ihn immer weiter,

Bricht ihn, kreuzt ihn, wies gelingt,

Seh ich dann die Flammenleiter,

Die mich vor den Richter bringt?

Klotho, laß dem Seelenfaden

Des Geschickes Selbstentschluß,

Laß mich kühn im Sturme baden,

Nur die Freiheit ist Genuß.

Hier im Tempel will ich träumen,

Der sich herbstlich aufgebaut,

Unter Heiligen auf Bäumen,

Die im Laub hervorgegraut.

Eigenwillig, Ihr Erbauer,

Habt Ihr diesen Wald gekrönt,

Doch des Herbstes Gold und Schauer

Haben tief emporgethönt.

Unsre Träume haben Grenzen,

Unsre Wünsche, ach, sind kahl,

Wenn die Werke sich beglänzen,

Traf sie ein Verhängnißstrahl!

Blos gehorchen soll man, schaffen,

Kunst, wachs in den Sturm hinein!

Schiffer, die nur Gold erraffen,

Bringen Dir den richtigen Stein.

Träume wucherten, Propheten

Ruhten dort im Eigenlicht;

Als Euch Schemen tief durchwehten,

Künstler, schuft Ihr voll Verzicht!

Ja, Ihr hörtet Eichen rauschen,

Was Euch fast in Angst gedrängt,

Wolltet dann den Lärm belauschen,

Habt Euch an den Tag gehängt.

Lachesis, laß meinen Faden

Nie aus deiner Liebes Hand,

Halte ihn auf allen Pfaden

An die andern angespannt.

Liebe will ich traut empfangen,

Tausend Wesen hab ich gern,

Ja, der ganzen Menschheit Bangen

Trübt in mir den Freudenstern.

In das Wirrnetz der Moiren,

Greife plötzlich Atropos,

Muß ich einst das Licht verlieren,

Thue rasch, was Gott beschloß.

Glücklich werd ich nie im Leben,

Liebe, Wahrheit, die ich will,

Sind nur Dinge zum Erstreben,

Immer stumm und nimmer still.

Wo ich mich um Kenntniß quäle,

Huschen Irrlichter vorbei,

Flammen die ich rastlos zähle,

Mehren, kreuzen ihre Reih.

Spürend fühl ich nur die Leine,

Unsrer Parzen goldene Schnur,

Jedem, weiß ich, wird das Seine,

Gütig ist die Allnatur.

Glaub ich an den Freiheitschimmer,

An die eigne Willenskraft?

Ja, ich bin ein Lichterklimmer,

Der gehorsam borgt und schafft.

Durch die Numen spukt das Ende,

Das die Sterne treffen muß,

Doch es drängen meine Hände,

Von mir ab, den Athemschluß;

Denn aus einem Machtgeschlechte

Ging ich stolz und kühn hervor,

Götter schuf es sich als Knechte,

König wurde oft ein Thor.

Eines Volkes Stil und Stempel

Heiligt man und nennt ihn Gott,

Fatalisten schänden Tempel,

Nicht der Jakobiner Spott.

Ich gehöre zu den Tauben,

Die der Vorwitz nicht berührt,

An die Freiheit will ich glauben,

An die Gluth die Güte schürt.

Wagt Euch vor Ihr Einzelleute;

Glaubt in Gottes Schurz zu sein,

Wie Ihr fühltet, denkt auch heute,

Völker thun es und gedeihn.

Muß es deshalb Gott auch geben?

Schuf er mich von seinem Thron,

Ward ich durch mein ganzes Streben

Element der Negation!

Das Wasser scheint vom Lande eingesogen,

Es reift ein Nachmittag auf dem Moraste,

Von Purpurfurchen ist der Sumpf durchzogen,

Die Segel hängen schlaff von ihrem Maste,

In Trägheit eingemuschelte Gestade

Umstarrt die See gleich einem Prachtachate,

Die Thürme aber glühn in einem Ätherbade,

Es ist, als ob ihnen ein Lichtgott nahte.

Der Wind, der rothe Barken froh geschaukelt,

Erlaubt den Booten jetzt am Strand zu schlafen,

Die Masten sind von Goldträumen umgaukelt

Und glattes Wasser ebbt um jeden Hafen.

Ganz okergelb, wie aus dem Lehm gezogen,

Bedecken Segel, Netze die sich sonnen,

Den trockenen Strand in einem großen Bogen;

Matrosen schlummern unter morschen Tonnen.

Ich sehe Goldranken die Luft durchrauschen,

Es scheinen heitre Rhythmen rings zu schwirren,

Den seltenen Zauber will ich still belauschen,

Doch horcht man hin, so glaubt man sich zu irren.

Ein Windhauch trägt mir viel zu viel vom Äther,

Vom rothen Dunste in die müden Augen,

Ich schließe sie, bis Abendfarben später,

Gemildert, für die Traumgesichter taugen.

Am Meere flimmern ringsum Briesenschilder,

Es kann der Blick den Glanz nicht mehr ertragen,

Die hohe Sonne aber leuchtet milder,

Es kann der Blick sie um ihr Räthseln fragen.

Oh Sonne, Deine Frohheit kann ich noch ermessen,

Die Fernen suche ich in meiner Tiefe,

Der Gott im Schlummer und im Wachvergessen,

Erscheint mir klar. Es ist, als ob er riefe!

Es lodern die Thürme, es lohen die Masten,

Die Menschen sind ringsum von Flitter umzittert;

Um gothische Eckgibel drängen sich Quasten,

Das Meer scheint mit Quecksilberdraht übergittert.

Die Säulen umschleichen jetzt gelbliche Reben,

Und rothe Reflexe wie herbstliche Blätter

Beginnen Balkone am Strand zu umkleben;

Der Abend erscheint, als des Dionysos Retter!

Venedig, Du hast Hellas Götter empfangen,

Sie brachten Dir alle erhabene Geschenke,

Nun röthest Du selber des Dionysos Wangen,

Den Äther durchschwirren bereits Bacchus Schwänke.

Es wachsen die wispelnden Schatten allmählig;

Kein wucherndes Epheugespenst aber tötet

Die goldenen Dolden, die rings schon unzählig

Der Abend am Marmor noch immer fort röthet.

Die ruhigen Ranken umklammern die Bauten,

Im griechischen Stile, mit Gängen und Lauben,

Hier ist es, als ob Flimmerflechten vergrauten,

Dafür aber strotzen und reifen nun Trauben.

Figuren um Dächer und flache Terrassen

Erscheinen wie Geister, die bleich herabschauen,

Es ist als beseelte der Abend die Massen,

Als wären die Statuen in Bernstein gehauen.

Es scheint sich das Meer an die Ufer zu lehnen,

Der Abend wird schwerer, die Stadt imposanter,

Man könnte jetzt Dionysos über ihr wähnen,

Die ganze Lagune liegt da wie ein Panther.

Sonne, Sonne, holde Sonne,

Spenderin von Lust und Leid,

Eine große Lichtkolonne

Ist zu Streit für dich bereit.

Ringen wir nach deinem Lichte,

Ist es weil uns Gluch durchloht,

Denn mit jedem Lichtverzichte

Droht und folgt uns schon der Tod.

Licht, du kannst uns Richtung geben,

Leben ist ein Sonnenkampf,

Selbst die Erdengötter schweben

Eben frei im Abenddampf.

Jeden Leib, alle Gestaltung

Unterwühlt und fällt der Tod,

Doch des Daseinsurerhaltung

Überthönt das Abendroth;

Alle Formen, die sich sonnen,

Stürzt das hohe Mittagslicht,

Hoch in Wolken eingesponnen,

Überlebt uns das Gesicht.

Sonne, du verdammst zum Tode

Und du bist auch die Geburt,

Denn in jeder Sonnenode

West ihr, die ihr heimwärts fuhrt.

Dionys, du bist erhoben,

Sonnentrunken steigst du auf,

Alle Lichtgewordenen loben

Deinen goldenen Wirkungslauf.

Die Strahlen der Sonne sind blutige Speere

Im Kampfe mit Wolken und Finsternisgraun,

Die Ruhe versinkt in dem dunkelnden Meere,

Ich kann kaum hinab in den Grababgrund schaun.

Die Blüthen der Vorwelt erglühen nun wieder,

Die Lenze Italiens erwachen voll Pracht,

Die Lilien Illyriens eröffnen die Lider,

In marmorner Reinheit als Engel gedacht.

Jetzt denk ich an dich, Jacobello del fiore,

Der alle Narzissen der Inseln vereint,

Auch Du sahst die Jungfrau im goldenen Flore

Der Gluthen der Tiefen, der abends erscheint!

Murano, Du Eiland verwunderter Kinder,

Auf Dir knospen Blumen mit Heiligenschein,

Medusenerschauer, als Bechererfinder,

Lustwandeln in deinem lichtinnigen Hain.

Es bluten die Ziegel der alten Paläste,

Im Augenblick, da uns die Sonne verläßt,

Der Abend verglimmt, und es glüht jede Veste

Des Gürtels, in den sich Venedig gepreßt.

Dann folgen die Farben der sanften Geschlechter,

Denn Fliederlicht sprüht über zartes Gestein,

Giorgione und spätere Traumrechtsverfechter

Vermochten es einst hier im Glanz zu gedeihn.

Jetzt schmückt sich der Himmel mit Wolken und Wappen,

Von sämtlichen Völkern zusammengestellt,

Da flattern die Habichte, Warten und Knappen

Von allen vergangenen Geschlechtern der Welt.

Auch meine Standarte mag aufgerollt fegen:

Die Eindrücke faßt meine Seele im Lauf,

Ich will meine Reime nicht suchen und wägen,

Was Rhythmen mir zuwerfen, das fange ich auf!

Venedig, es ergießt sich Deine Ernte

Aus Blumenseelen in die weite Welt,

Denn jeder Duft, der sich von Dir entfernte,

Trug Samen fort für künftiges Blüthenfeld.

Die Nelken Deiner Vorwelt sind erstanden,

Ihr Zauber hat Carpaccios Traum durchschwebt,

In Basaitis blühenden Guirlanden

Sind wieder Korn und Mohnblumen belebt.

Mansueti hat ein holdes Sonnenmotto,

Das Veilchen blüht in seiner keuschen Hand,

Die großen Glocken des Lorenzo Lotto

Umträumen oft ein goldenes Sommerland.

Bellinis, Du Giovanni, Du Gentile,

Ich pflückte Astern oft in Eurem Traum,

Die Diestel sticht sich dicht zu eurem Stile;

Doch grünt in Eurer Art ein Lorbeerbaum!

Oh Tintoretto, lauter goldene Trauben,

Ein ganzes Erntefeld hast Du erschaut,

Des Herbstes Wolkengold und Kupferlauben

Sind wiederum in Dir emporgegraut.

Venedig, ganz Arkadien ist erstanden,

Dein Veronese übersteht den Lenz,

Die Träumer, die an Deinem Strande landen.

Beräuchern Deine Weltmagnifizenz.

Der Zauber, den ringsum die Nacht aufgerufen,

Beginnt sich vernehmlich am Meere zu regen,

Im Schatten verblauen die marmornen Stufen

Der stillen Paläste an wogenden Wegen.

Der goldene Samen des schaffenden Tages

Ist ringsum im flutenden Meer aufgegangen,

Allüberall flackert und glastet ein wages

Geringel von Aalen und glitzernden Schlangen.

Beim Gondeln begegnen wir Zitterpolypen,

Nebst Austern uud anderen Muscheln der Tiefe,

Die ringsum gespenstig am Wellenkamm wippen,

Es ist, ob die See von Gethier übertriefe.

Auch mir will die Seele im Leibe entquellen,

Die Wünsche entsprudeln, gleich Gischtschmetterlingen,

Den innigsten Wellen, die Freuden erhellen;

Ich will, ach ich will mich ins Lichtdasein schwingen.

Ihr Perlen und Spangen am Grund meiner Seele,

Oh laßt Lebensfunken den Blicken entsprühen,

Und dann sehnlichähnliche Thränenjuwele

Im nämlichsten Wesen voll Schwermuth erglühen!

Ihr Tage vergraut, Nächte dunkelt vorüber,

Bis endlich die Sonne mein Glück mag bescheinen,

Das Herz geht mir über, mein Einblick wird trüber,

Oft möchte ich schluchzen und Felsen wundweinen.

Wann wird mir ein Mund mein Geheimnißwort sagen,

Mein Weib, oh mein Weib, wirst Du je mich verstehen?

Dein Mund muß die Gluth meiner Lippen ertragen,

Mein Schmerz wird zu Dir als mein Glück überwehen.

Die Münder verbrüdern Millionen von Blüthen,

Drum muß jedes Wort, das sie sagen, befruchten,

Ein Mund lispelt Liebe und läßt Stürme wüthen,

Die fern in den Seelen sich fruchtbar verschluchten.

Auf des Tages Abendschleppe

Streut der Mond sein Lichtgeschmeid,

Über ferner Alpentreppe

Funkelt noch das Purpurkleid.

Doch ein Ruhestundenschleier

Glitzert jetzt allein am Meer,

Schwangespenster, Silberreiher

Wimmeln, schwimmen ringsumher.

Wie in einem Irisbecken

Ruht der goldene Honigmond,

Zarte Wolkenhände strecken

Ihn empor, wo Sirius thront.

Viele ersterglimmte Lichter

Nicken wieder schläfrig ein,

Denn des Mondes Flor wird dichter,

Alles, alles funkelt rein.

Da vor unserm Gondelbuge

Rauscht ein weißer Fabelschwan,

Rüstet er sich gar zum Fluge?

Immer huscht er um den Kahn.

Kaum hält unser Fährmann inne,

Taucht das Thier ins Meer hinab,

Und in bleicher Silberrinne

Biegst Du um ein Marmorkap.

In den heimlichen Kanälen

Ist der Schwan dann wieder da,

Dichtumloht von Mondjuwelen

Lenkt und leuchtet er beinah.

Seine weißen Flimmerglieder

Sind viel zarter als ein Traum,

Rings verliert er sein Gesieder,

Oder ist es Gischt und Schaum?

Steile Thürme hoher Bauten

Steigen ringsum jäh empor,

Ausweichrufe nur verlauten,

Finster bleiben Thür und Thor.

Oft kann sich der Mond verstecken;

Hinter irgend einem Haus

Will er sich dann vorwärtsrecken –

Plötzlich aber bleibt er aus!

Dunkel wechselt mit der Helle,

Wolken treiben hin und her,

Schneeschein deckt die Riowälle,

Furchtbar dröhnt das ferne Meer.

Stürmen wird es, Wind und Regen

Singen bald ihr Schauerlied,

Und auf stillen Silberwegen

Horch ich dann was rings geschieht.

Oh, es drängt mich wildes Grausen

Hin zum bleichen Dünenmeer,

Wellen, die die Winde krausen,

Reitet jetzt ein Hexenheer.

Ein Stier mit einem Silberhorn

Trägt die Nacht aus Nebelfugen,

Durch Wolkenritzen windverworren

Siehst Du kaum die Sterne lugen.

In schwüle Dünste eingehüllt

Schwärmen düstre Mondlichtseelen,

Der Wölfe Troß, der oben brüllt,

Klefft den Wind aus Silberkehlen.

Die Thiere, noch ganz ungezähmt,

Bleiben rudelweise stocken,

Die Hexen humpeln halbgelähmt,

Viele wollen plötzlich bocken.

Am Hexenbuckel huckepack

Mit weitausgespreizten Beinen

Hockt oft ein Zwerg als plumper Sack,

Gnomen reiten selbst auf Schweinen.

Was hackt sich dort die Flügel aus?

Ach, das sind die Mondlichteulen,

Sie wirbeln rings in wildem Braus,

Oben muß die Bora heulen.

Der Wind verrammelt rasch die Thür

Großer, voller Wolkenberge,

Im Innern aber wühlt dafür

Eine Schaar geringer Zwerge.

Ein Schneegebirg, ein Slavenschloß

Scheint der wilde Sturm zu tragen;

Den Ritt auf tollem Nebelroß

Will ein dünner Lichtprinz wagen.

Schon sprengt er vor, er wagt den Sprung

Hin zur Burg der Silbersale,

Es wohnt da drin in großem Prunk

Eine bleiche Fabelseele.

Wie traumverloren sitzt sie dort,

Spinnt an ihrem Silberrocken,

Die Spindel webt in einemfort

Und verstreut die Mondlichtflocken.

Ich blicke lange dort hinein,

Schön sind diese Wolkenhallen,

Bis Nebel um den Sonnenschrein

Stummer Mondnachtmärchen wallen.

Vom Lido hörst Du Prall auf Prall

Wogenbogen wild zersplittern,

Daß Gischt und Schaum beim Wellenfall

Silberblitze grell durchzittern.

Es scheint hier manches Marmorhaus

Blendendweiß und schroff gezimmert,

Besonders wenns der Wogenbraus

Silberkalt und bleich umschimmert.

Das wurde einst aus Griechenland

Hergefloßt in gleichem Strome,

Der wogte es von Hand zu Hand

Und verklärte es zum Dome.

Jetzt scheint mir, daß ein Silberwurm,

Dort im Meer, ein großer Drache,

Im Mondlichtpanzer nun den Thurm

Des Sankt Georg still bewache!

Auch steigt ein dichter Silberrausch

Aus dem weichen Wogenpfühle

Und schnellt sich rasch als Lebenshauch

In die nächtlichscharfe Kühle.

Es gab so einer Schaumgestalt,

Kaum erwacht in Mondlichtfrieden,

Der Griechengeist einst Formgehalt,

Denn das sind Okeaniden.

Hoch oben, von der Nacht verscheucht,

Fliehen Mondlichtsilberfalter,

Ein Hexenschwarm, der weiterkeucht,

Schleppt sich fort, trotz Sturm und Alter.

So manche Wetterhexe wirft

Blicke aus der Nebelkappe

Und schärft sie, da sie vorwärts schlürft,

Daß sie besser weitertappe.

Am Meeresstrande aber wohnt

Manche Nymphe schmuck und schnippe,

In Silberspiegel wirft der Mond

Frische Jugendkraft der Sippe.

Es schleppt sich nun ein Rittertroß

Schwer heran auf Zottelkleppern,

Gar müde sind schon Mann und Roß,

Wenn sie sich zusammenläppern.

Bis übers Knie sinkt jeder ein,

Weich und schlüpfrig sind die Dünen,

Doch traben sie im Mondenschein

Als verwegene Nebelhünen.

Sie reiten mühsam bis zum Meer,

Ohne alle Sturmnachtrufe,

Und sie verlieren ringsumher

Aus den Dünen Silberhufe.

Es schlottert alles schon vom Leib

Dieser müden Nebelschaaren,

Im Meere grinst ein Hexenweib

Mit verwirrten Mondlichthaaren.

Im Dunst erstickte fast der Wind,

Und es rieselt schon der Regen,

Durch Wolken guckt der Mond geschwind,

Da sich Schleier um ihn legen.

Doch wie der Dunst sich kaum verzieht,

So entsteht ein Mondlichtleben,

Denn wo er sich in Tümpeln sieht,

Bleiben bleiche Krabben kleben.

Die sind des Mondes Wirbelbild,

Sinds im krausen Wellenspiegel,

Dem allerhand Gethier entquillt;

Und am Ufer liegen Igel.

Fern im Schlamme siehst Du noch

Reiter sich und Rosse wälzen,

Die meisten stürzten in ein Loch,

Sieben schleppen sich auf Stelzen.

Ein Panzerschiff im Hafen scheint

Fast ein Wallfisch aus dem Norden,

Ein Unhold, der den Tag verneint,

Stets bereit, das Volk zu morden.

Venedig, bist Du endlich frei?

Eine Albkraft will mich würgen,

Die Panzerfaust, so schwer wie Blei,

Muß den Druck auf Dich verbürgen!

Rom

Ihr Wasserträgerkaryatiden,

Einst wart Ihr Romas Ziegelsklaven

Und heute seid Ihr Invaliden,

Die früh mit hohen Architraven

Sich fort und fort in sich verschlangen,

Bis sie im fernen Apennin

Gar viele Quellennymphen zwangen,

Vor ihrer Kaiserin zu knien.

Die klaren Bergströme ergossen,

Wie Strahlen, senkrecht sich nach Rom

Und sprangen, sprudelten und flossen

Dort munter als Brillantenstrom.

In Iriskränzen wühltet, spieltet

Ihr Tropfen und Ihr frohen Lichter,

Ihr frischen Blumenschäume kühltet

Der Götter Marmorangesichter.

Dann stürzte Zeus von seinem Throne,

Die Nixen wurden bald verjagt,

Und blasser ward der Glanz der Weltenkrone,

Die siebenzackig sonnwärts ragt.

Ihr Invaliden steht ermattet

In der Campagna nun allein;

Verstümmelt, weinumrankt beschattet

Ihr Ziegen noch im toten Hain;

Voll Trauer seht Ihr wie die Reben,

Sonntrunken in verschlungenen Reihn

Und stolz auf den Albanerwein,

Rings freudig in die Weite streben.

Ihr Saft quillt goldig aus den Trauben,

Die in des Herbstes Purpurlauben,

Umrankt von grünen Epheuschlangen,

Auf tiefgebeugten Ästen prangen.

Durchglüht den Wald der Abendschein,

Beginnt das Licht rings zu verklingen,

So ists, als ob im Pinienhain

Die schwersten Silberfrüchte hingen;

Drangen scheinen uns zu blenden,

Ein grelles, gelbes Transparent

Verhängt das ferne Firmament,

Und Riesenbäume spenden

Uns roter Äpfel große Last;

Doch geht hinter den Obstgeländen

Der fahle Tag dann bald zur Rast,

So fallen sie gereift vom Ast.

Aus einer Wolke Glastportalen

Besonnt die Glut das Herz der Welt

Und spannt mit ihren goldenen Strahlen,

Hoch über Rom, ein Riesenzelt.

Die Nebel, die sich fest verkneten,

Umzackt ein schroffer Feuerrand,

Dann werden sie zu Goldmagneten,

Denn Glut entsaugt das Gold dem Land;

Und viele scheinen selbst mit Händen

Die Farben ringsum anzuziehn,

Und wo sie Lohe wild verschwenden

Da ists, als ob Vulkane spien!

Ist auch die Sonne schon gesunken,

Erhalt sich eine Wolke lange

Die Abendglut in ihrer Wange

Und walzt sich plötzlich farbetrunken

Ins Dämmergold, das aufwärts schwellt.

Der Himmel scheint ein Erntefeld

Mit reifen Sonnenstrahlenähren,

Die Spukgebilde nun verheeren;

Und viele Kupferkuppeln schimmern

Des Abends um das Kapitol,

Und viele tausend Fenster flimmern,

Wie überklebt mit Goldstanniol.

Der Boden ist verdorrt und braun wie Ocker,

Die Hütten und Gebüsche siehst Du kaum,

Die Häuser sind aus Lehm gebaut und locker,

Das ist der nahen Großstadt gelber Saum.

Was leuchtet dort hinter den welken Bäumen?

In tausend Farben schimmert jetzt ein Feld,

Ich sollte so ein Schauspiel nicht versäumen,

Die Todten steigen aus der Unterwelt!

Ich bin zu Allerseelen angekommen,

Oh Rom, schon zeigst Du Dich in buntem Kleid!

Es brennen rings die Blutlampen der Frommen,

Dabei der gelbe Schmerz, das blaue Leid;

Das ist die Saat, die Gottes Licht verstreute

Und die sich Rom in seinem Hain gehegt,

Das da sind lauter brave Weinbergleute,

Die längst der Todesengel fortgefegt.

Feldeinwärts greifen schon die Spinnenfühler

Der Stadt, die jetzt mit einemmal beginnt.

Die Häuser steigen an. Die Luft wird schwüler.

Es zieht mich in das fremde Labyrinth.

Doch überall, hinter den Wuchtzypressen,

Entschwirrt den Friedhöfen ein Schein wie Od.

Ich werde diesen Eindruck nie vergessen,

Ich lobe Rom, dem Hoffnungsroth entloht!

Den Meisten scheinst Du, Rom, dazu erkoren,

Den Frieden immer wieder zu verleihn,

Hat man die Ruhe in der Welt verloren,

So will man Rom, dem Erdenherz, sich weihn!

O Sonnenstadt, Du gießt den großen Massen

Dein Friedensöl in ihre Seelenfluth,

Und selbst den Menschen, die Dein Walten hassen,

Verjüngt Dein Zauber noch den Glaubensmuth.

Ruht doch in Deiner fabelhaften Enge

Die Kraft, die unsern Menschengeist befreit;

Du einst in Dir das größte Machtgepränge

Und wahrst dabei die stolze Eigenheit.

Die Herzblutwellen, die durch Völker rollen,

Entschnellst Du, Rom, durch Deiner Pulse Schlag,

Der Welt befiehlt dadurch Dein Herrscherwollen,

Doch diese leistet nur, was sie vermag!

Es rannte mancher Papst mit seiner Stirne

Wohl aus Verzweiflung an die Tempelwand,

Beschränkt erschienen ihm die Christenhirne,

Für Großes reicht kein menschlicher Verstand!

Dann ward durch Romas Wuth die Welt vergiftet,

Die ganze Menschheit hat den Zorn erweckt,

Der Lateran hat Böses angestiftet,

Das Fieber dann die Erde angesteckt!

So war es mir, als ich die Urbs begrüßte,

Und die Campagna hell in Flammen stand,

Ein Pilgerchor, der seine Schuld verbüßte,

Schlich romwärts in den hellen Feuerbrand.

Enthüllt sich mir ein Glücksempfinden,

Kann ich an Deiner Herznatur

Die Seelenruhe wiederfinden,

Oh Rom, befreit mich Dein Azur?

Ein Sonnentag ist eine Freude

Und wirklich anders hier in Rom,

Krystall umfunkelt die Gebäude,

Die Lust ist mir ein Lichtphantom.

Es ruht des Himmels blaue Leere

Auf Säulen ganz aus Luft und Licht,

Es gleicht der Äther einem Meere,

Kein Himmelssegler ist in Sicht.

Die Sonnenfäulen stehn auf Plätzen

Und tragen ihren Baldachin,

Die Stunden werden sie versetzen

Und ihre Schatten weiter ziehn.

Ein Lebensdom mit Sonnenpfeilern

Zieht ewig über Meer und Land,

Doch bleibt in trägen Erdverweilern

Sein Wesen völlig unerkannt.

Die Sonnenpsalme, die erschallen,

Singt unsre Seele, lichtverwandt,

Und Geister baun sich Tempelhallen,

Wo der Gedanke sich entspannt.

Oft werden Götter überwunden,

Gar bald verlischt ihr hoher Ruhm,

Doch neuer Götzen rasch entbunden,

Verbleibt der Mensch im Heidenthum!

Zur Pauluskirche geh ich täglich,

Es war zuerst blos Zeitvertreib,

Doch liebe ich sie jetzt unsäglich

Und suche dort nach meinem Weib.

Zur Kirche müßt es wiederkehren,

Beglückt wie ich durch ihre Pracht,

Es sollte stets den Rausch begehren,

Der immer wieder hier erwacht!

Der Frau gefallen Kolonnaden,

Die um den Marmorspiegel stehn,

Die Üppigkeit im Knauf entladen

Und sich im Boden wiedersehn.

Es schweift ihr Sinn an Säulengängen

Hinab, hinan und weit zurück,

Sie liebt die fächerfreien Längen

Und Räume, rings beherrscht vom Blick!

Der Petrustempel bleibt hienieden

Zum Einbruch ferner Geister frei,

Es birgt den zweckefremden Frieden

Des Domes aufgerecktes Ei.

In Völkern, die im Kampf gewonnen,

Wird aus dem menschlichen Gehirn,

Dem Weltgesetze eingesponnen,

Sich neue Lebenskraft entwirren.

Es wird der Mensch einst ohne Sorgen

Zum Geist, der gegen Schein sich bäumt

Und unbekümmert um ein Morgen

Die Phantasien ganz entzäumt.

Die Macht sei eingeprägt in Rassen,

Die ihren Staub sich umgeschafft,

Denn sonst verliert sich in den Massen

Der Auserlesenen Sonderkraft.

Dann soll der Mensch in diesen Räumen,

Wo man das Höchste schon erfaßt,

Der Kindheit Gaukelspiel verträumen;

Bei Göttern ist er hier zu Gast.

Unheimlich sind die Dimensionen,

Wo Perspektive fast verschwand,

Den ptolomaeischen Legionen,

Die Eigenmaaße nur gekannt.

Den Raum, die Zeit zu überwinden,

Versucht der Mensch im Petersdom,

Einst werden sie von selbst verschwinden,

Schon bannt uns Ewiges an Rom.

Ein großer Meister, der uns mahnte:

Kopernikanisch sollt Ihr sein!

Und freiere Geschlechter ahnte,

Erbaute seinen Traum in Stein.

Wie bei dem Hirn die Schädeldecke

Sich an die innere Fülle paßt,

So wälzte er die Marmorblöcke

Um die Idee, die er erfaßt.

Er thürmte auf und wölbte mächtig,

Was seiner Ahnung klar entsprang,

Verjüngungskühn, gedankenträchtig

Gebar er seinen Marmorsang.

Der Geistesblitz, der den Planeten

Ins Sternenall hinaufgeschnellt,

Begeisterte den Steinpoeten

Zum größten Tempel dieser Welt.

Er ahnte mehr als er vernommen

Und setzte schon das Monument

Gedanken, die noch kaum erglommen,

Wo die Idee schon hell entbrennt.

Ihr Lebensfeinde, schwere Steine,

Wenn Euch ein Sonnensohn bezwang,

Seid Ihr im rhythmischen Vereine

Ein felsgewordener Sonnensang.

Bei allen heißen Meißelschlägen,

Wenn blitzend das Gestein zerspringt,

Wenn Riesentrümmer sich bewegen,

Und irgendwo ein Werk gelingt,

Wenn wir die Säulen sonnwärts stellen,

Was nur Titanenkraft vollbringt,

Wenn die Gebirge selbst zerschellen,

Hast Du, oh Sonne, uns gelingt.

Drum Marmorstein, Du mußt erbleichen,

Du dienst dem Himmelstürmer Geist,

Den keine Fallsterne erreichen!

Der Meteor erlischt, vereist.

Zu seiner Sehnsucht Starre friert er.

Bringt Kandelaber, reich geschmückt!

Stellt sie um Marmorbilder reichgezierter

Bekräftiger, daß Euch viel geglückt!

Die Leuchter schmücken goldene Spangen,

Die Blutrubine starr umglühn,

Smaragde seh ich ringsum prangen,

Brillanten in den Tempel sprühn.

Nun spricht ein sanftes Gold zum Herzen,

Es rauscht mich an wie Feuerklang,

Gar lieblich flimmern stille Kerzen,

Und das Gemüth wird wehmuthskrank.

Ich höre Engel jubelnd singen,

Die Thränen werden deren Kleid,

Und die Musik zu Unschuldsschwingen,

Mein Glück, da gleichst Du meinem Leid!

Die Wuchtkuppel durchbraust ein Psalter,

Hoch oben schwebt ein Cherubim

Als hehrer Hierarchieerhalter,

Denn Art und Adel tagt in ihm!

Hinan zu meinem Götterhimmel!

Hier werde ich zum Kind und schwach,

Mein Traum entrausche dem Gewimmel,

Du Meteor in mir, erwach!

Dir Artemis, der Erstgeborenen

Von Letos hohem Zwillingspaar,

Dem reinsten Weib, dem zuchterfrorenen,

Bringt mein Gemüth den Nachtsang dar.

Dein Speer und Silberpanzer blinken.

Auf wildem Schimmel, ohne Zaum,

Die Halbmondfackel in der Linken,

Durchschweifst Du still den Sternenraum.

Du reitest sicher, ohne Zügel,

Und stürmisch wiehert nun Dein Roß,

Es wittert weißes Nachtgeflügel,

Da schleuderst Du Dein Wurfgeschoß!

Es sprengt Dein nacktes Magdgeleite

Auf Windfliehern um Dich herum,

Wohl keine weicht von Deiner Seite,

Zur Jagdzeit sind sie meistens stumm.

Sie haschen Vögel, die ermüden,

Doch blos die Göttin wirft den Speer,

Nun kommt der Jungfrau, aus dem Süden,

Ein Vogelzug jäh in die Quer.

Um Störche, weiße Tauben, Reiher,

Ein reiches, frühes Lenzgeschenk,

Wirft jetzt der Jagdtroß dichte Schleier,

Und fängt sie listig und gelenk.

Doch vorwärtswirbelnd, wiederkehrend,

Setzt sich der Vogelschwarm zur Wehr,

Sich weiterwindend, rings sich mehrend,

Weicht nimmer dieses Wolkenheer.

Dianas Fakel zu verdüstern,

Scheint ihnen Rettung in der Noth,

Doch bleiben sie von Windverwüstern,

Trotz Muth und Hurtigkeit, bedroht.

Ein Zug von Turteln gurrt, und lüstern

Wirft sich der Jungfrau munteres Pferd,

Jetzt geifernd aus den weiten Nüstern,

In diese Schlacht, die es begehrt.

Ganz wirr, verworren sind die Mähnen

Der Gäule bei der wilden Jagd,

Sie tragen tausend Luftsirenen,

Von Artemis hoch überragt!

Die führt den Troß, der sie begleitet,

Jetzt wüthend ins Getümmel ein,

So weit das Wolkenfeld sich breitet,

Entbrennt der Kampf im Fackelschein.

Sowie die Herrin Beute wittert,

Durchzuckt Begierde ihr Gesicht,

Es blendet, bricht, es blitzt uud splittert

Jetzt Britemertis Silberlicht.

Sie will das Wild zu Tod verletzen,

Ganz rücksichtslos wird aufgeschlitzt,

Selene liebt das tolle Hetzen,

Ihr Silberlicht wird rings verblitzt.

Bald wird das Nachtgezücht zerstieben,

Der Himmel ist mit Flaum bedeckt,

Der ganze Schwarm ist aufgerieben

Und im Gemetzel lahmgeschreckt.

Den Göttern wird als frohe Kunde

Verkündet, daß die Schlacht vollstreckt,

Es heulen noch die Sturmwuthhunde,

Sie haben heute Blut geleckt.

Der Himmel muß als Mond erscheinen,

Der sich ins Sternenall erstreckt,

Denn hinter Federn und Gebeinen

Liegt nun der Kampfplatz ganz versteckt.

Hoch oben sieht man Kraterschlacken

Von Silbersäumen leicht erhellt,

Und scharf umgrenzt von Mondlichtzacken

Erscheint das große Todtenfeld.

Erstarrt, vereist ist jetzt der Himmel,

Der Mond eroberte ihn ganz,

Und siegreich sticht das Jagdgewimmel

Sich einen Rieseniriskranz.

Nur langsam löst sich das Gefieder,

Es ist der Göttin Jagdtrophäe,

Als Flocken wirbelt es hernieder,

Die Höhen hüllen sich in Schnee.

Als strebten Segler nach dem Orte

Der sichern Rast, mit scharfem Kiel,

Drangt durch das Wogen unserer Worte,

Durch kühner Rhythmen Wechselspiel,

Gleich Pfeilen von entspannter Sehne,

Als Lichtbild, herrlich die Idee:

So tritt aus Nebeln jetzt Selene,

Ganz Hellas glänzt in Silberschnee!

Das Mondlichtnetz umschlingt uns wieder,

Der Himmel ist fast wolkenfrei,

Und Leleithia steigt hernieder,

Sie hilft des Nachts von eins bis drei.

Stets westwärts wehen die Jägerschaaren

Im Mond Muchion übers Meer,

Wie sie Italiens Strand gewahren,

Fliegt flinker noch das freie Heer.

Durch Wälder streifts im Schwebeschritte

Als blasser, weißer Nebelstreif,

Um Wiesen schweifts, mit leichtem Tritte,

Und gleitet schon und schleift aus Reis.

Die Göttin sieht auf fernen Zinken

Des Bruders Troß im Purpurlicht,

Und horch, sie muß zum Aufbruch winken,

Da eine Jungfrau leise spricht:

Zu Wüstensand verbrannte

Der Erde trockener Theil,

Und in die Wildniß sandte

Apoll den ersten Pfeil.

Der Wüstenathem brachte

Ihm nichts als heißen Sand,

Er schmachtete und dachte

Vielleicht an Phöbos Hand.

Die Gluthenstrahlen drangen

Gar tief ins grüne Meer

Und regten das Verlangen

Nach Wolkenschutz und Wehr.

Gar duftige Gestalten,

Vom Wellengang geschnellt,

In Nebelmänteln wallten

Nun in die blaue Welt.

Sie kamen unvermuthet

Zum ausgedorrten Pfeil,

Er war beinah verblutet,

Sie brachten ihm das Heil.

Er wäre bald verkommen,

Er schmachtete im Sand,

Sein Leben schien verglommen,

Die letzte Hoffnung schwand.

Die Nebel kosten, küßten

Den dürren Zukunftsbaum,

Sie labten ihn mit Brüsten,

Erfüllt von Lebensschaum,

Sie sagten: Nicht verzagen,

Es wird die Hoffnung bald

Im Boden Wurzel schlagen,

Sie sei Dein fester Halt!

Sie rauschten das mit Wärme,

Erst hörte er sie kaum,

Dann sah er Nebelschwärme

Ringsum im ersten Traum.

Bald drangen frische Kräfte

Zum letzten Federnsaum,

Und grüne Frühlingssäfte

Durchfieberten den Baum.

Oft hat die Langeweile

Die Palme dann gequält,

Von einem andern Pfeile

Ward ihr darauf erzählt.

Zu unverheilten Wunden

Rang sich ihr Sehnsuchtsdrang,

Da ward die Brunst entbunden

Und blühte liebesbang.

Die Hoffnung wollte lieber

In keiner Blume ruhn,

Sie schwang sich noch hinüber,

Als Duft sich zu verthun.

Den andern Baum bethörte

Der Düfte Überschwang,

Sein Blüthenohr erhörte

Was sein Gemüth durchdrang.

Doch hat der Blüthenzungen

Geflüster nicht die Scham

Der Blume gleich bezwungen,

Als sie von Lust vernahm.

Erröthend nur erhörte

Ein Kelch den Duft sogleich,

Die meisten aber störte

Er nicht, sie welkten bleich.

Verdurstend, elend, standen

Die Palmen oft allein,

Die Nebelkinder fanden

Sich lange, lang nicht ein.

Vom alten Baume blieben

Sie ganze Monde fern,

Da ward er aufgerieben,

Es brach sein Lebensstern.

Die letzten Wesensstrahlen

Erblühten noch voll Pracht,

Es sind die Purpurqualen,

Als Abschiedskranz, erwacht!

Oh Göttin, welches Weh durchzittert

Dich sanft, da Du das Lied erlauscht,

Hat es die Keuschheit Dir verbittert,

Hat Dich der Traum vom Baum berauscht?

Von Ästen seh ich Nebel baumeln,

Der Jungfrau Traumlust scheint erwacht,

Sie zagt, ihr bangt, sie könnte taumeln,

Nun blendet sie die eigene Pracht!

Die Stute wiehert, denn es striegelt

Sie schon der erste Sonnenschein,

Ihr Waidweibantlitz aber spiegelt

Der Nemisee entzückend rein.

Die Schönheit, die ihr göttlich deuchtet,

Die ward mit Keuschheit ihr bestimmt,

Drum hat ihr Blick sich leicht befeuchtet,

Sie flieht, da schon der Tag erglimmt!

Es steigt mit der goldenen Leier

Apollo empor in die Welt,

Das Licht ist an sich eine Feier,

Und wer sie empfindet ein Held.

Es lüften sich duftige Schleier,

Es trennt sie der strahlende Schwall,

Und Erdstimmen freuen sich freier

Im sonnendurchglühten Krystall.

Das Gold, das wir alle begehren,

Das ewig der Sonne entrollt,

Erklingt in den weitesten Sphären,

Denn alles ergötzt sich am Gold.

Wo Wölkchen am Himmel erglimmen,

Da schweben auch Englein hervor

Und singen mit kindlichen Stimmen

Des Morgens unendlichen Chor.

Kaum hört man die Stimmlein noch säuseln,

Die Äuglein sind strahlend und klar,

Die Lüfte des Frühlings verkräuseln

Die Flügel, das goldene Haar.

Die Elfen beginnen den Reigen,

Sobald nur ihr Weckruf erschallt,

Man sieht sie den Blüthen entsteigen,

Ihr Lichtschritt durchzittert den Wald.

Sie wirbeln in flimmernden Schäumen,

Sie tragen sie zierlich zur Schau,

Beim Tanzen entfällt ihren Säumen

Erfrischender, perlender Thau.

Sie folgen geschwind Terpsychoren

Und suchen beim Tanze Genuß,

Erhascht von dem Hauche der Hören

Verwehn sie beim brünstigen Kuß.

Jetzt klingen die Lebensgelüste

Zum spendenden Gott aus dem Thal,

Dann sieht er vom Strahlengerüste

Oft Länder, verwüstet und kahl.

Doch brennt er, mit flammendem Stifte,

Der Starre vernichtet, verzehrt,

Lebendige Worte in Trifte

Der Wüste, die Wollust begehrt.

Der Morgenrothstrauß hat sich lang schon erhoben.

Wie Bluttropfenrosen im sammtigen Moose

Ihr Knospen verbergen, verglüht nun dort oben

Im Dunkel der Dünste die letzte Frührose.

Den Himmel umflimmern die lieblichsten Farben,

Im Nebel erscheinen Hortensien und Lilien,

Es züngeln im Blüthenkranz glühende Garben,

Und alles das spiegelt die See von Sizilien.

Jetzt will sich die Anmuth vollendet genießen,

Dazu ihre Ruhe im Meere vertiefen,

Der Spiegel erscheint, alle Brisen zerfließen,

Als ob nun die wogenden Seewünsche schliefen.

Es gleicht jetzt der Tag einem ruhenden Löwen

Mit goldig erglühender, sonniger Mähne.

Ganz still ist das Meer. Und fast suchen es Möven.

Es ist, als ob jede im Äther sich wähne.

Erschreckt durch ihr Eigenbild flattern sie weiter,

Um irgendwo Winde und Wogen zu finden.

Es reckt nun Poseidon gewaltig und heiter

Sein Haupt aus der See, alle Zweifel verschwinden.

Die Stirne des Gottes ist gar nicht umzogen.

Im Bann seiner Blicke bestätigt sich alles,

Bedächtig und ernst wird die Schöpfung erwogen,

Er denkt an die Kinder des klaren Krystalles.

Da leuchten die Algen und Aderkorallen,

Die leiblos, fast todesverschont, sich vermehren;

Es leben dort Schwämme und farbige Quallen,

Die hinschwimmend Leiden und Jubel entbehren.

Es ist das kein Leben voll Trauer und Schauer,

Wo Leibes und Todesorkane sich hetzen,

Das Wasser ist schwanger an Schwere und Dauer

Und mag sich in klare Betrachtung versetzen.

Es horchen Tritone dem Chore der Horen,

Sie spielen den Sonntag auf goldenen Trompeten,

Es gehn keine himmlischen Hymnen verloren,

Die herrlich der Leier Apollos entwehten.

Es dringt aus den Liedern ein lustiges Trillern,

Ein schalkhaftes Trällern zufriedener Kinder,

Tritonflossen fangen an ringsum zu schillern,

Da lacht man wahrscheinlich und schwimmt nun geschwinder!

Erfaßt von der Freude am Flimmern und Glänzen,

Versprüht auch der Tag seine scherzhaften Brisen,

Delphine umspringen mit schimmernden Schwänzen

Poseidon, den einfältig lächelnden Riesen.

Die schaumgeborenen Nixen sind übersprudelnd heiter,

Sie schnellen sich im Meere, in wilder Lust empor,

Delphine und Tritone sind meist ihre Begleiter,

Gesellig ist ihr Wesen, voll Leichtsinn und Humor.

Du hörst sie unterm Wasser von Lust und Liebe tuscheln,

Sie plätschern und sie schäkern nach lauter Kindesart,

Sie schauen auf zum Strande, bewerfen ihn mit Muscheln,

Und nun erhebt ein Nix sich mit nassem, langen Bart.

Er möchte gerne Fischern verständlich sein und prahlen,

Er taucht nach Iakobsschalen und schlürft daraus das Salz,

Den Bart auswindend spritzt er jetzt plötzlich Wasserstrahlen,

Und Austern, Tang entzaust er dem Haar auf Wams und Hals.

Die raschen Brandungswogen begehren schon das Leben,

Sie rollen voller Sehnsucht herüber übers Meer,

Sie schwellen starke Lüfte, die über Land entschweben,

Und sie gebären Lieder im blinden Greis Homer.

Sie überfluthen Länder und branden erst in Wäldern,

Entzünden bunte Blumen, verkuppeln sie sogar,

Entschäumen dann als Blüthen den winddurchwogten Feldern,

Sie sind die Macht des Meeres, das alle Kraft gebar.

Du dunkle See, vertraue Nachts der Sonnenwärme,

Nur was der klare Tag erschafft ist stark und wahr,

Oh Muttermeer, dem Licht gebierst Du Wolkenschwärme,

Denn es befeuchtet und begehrt Dich immerdar.

Ihr falschen Silberblicke doch, im Dunstgespinnste,

Was flackert Ihr so frech, voll geiler Mondesbrunst,

Es ist, als ob ein Geisterbund am Seegrund grinste,

Ihr sucht umsonst nach Lebenslust und Liebesgunst.

Die Liebe seid Ihr nicht, Ihr kalten Augenblicke,

Es kennt die Freude nicht, was sich der Scheelsucht weiht,

Ihr seid kein Samenlicht für Kraft und Glücksgeschicke,

Da ihr zu seelenleer und doch voll Neidsucht seid.

Du siehst die Eos kaum im Traum erzittern,

Bevor sie plötzlich schön und rasch erwacht,

Von Helden träumte ihr und Lichtgewittern,

Vom Sonnengott, der sie zum Weib gemacht.

Es ließ das Traumgesicht sie leicht erröthen.

Und schon geschieht was Eos kaum gedacht,

Apollo kommt, den Dunkelwurm zu tödten,

Und beider Liebe überströmt voll Pracht.

Oh Sonne, unsere holde Lebensmutter,

Von Wolkenschwärmen bist Du eng umdrängt,

Es gleicht ein Mädchen Dir, das Taubenfutter

Und volles Wohlwollen von Herzen schenkt.

Die weißen Flaume wehen leicht belichtet

Zum Sonnenscheine, der sie hold erhellt,

Ihr ganzes Wesen scheint hinangerichtet,

Denn sie entwanden sich dem Thal der Welt.

Jetzt schillern sie, bekränzt mit Thauguirlanden,

Und wie Perlmutter glänzt die Seeglasur,

Im Morgenflor wird Aphrodite landen,

Sie bringt die Lebensmilch in die Natur.

Es grüßt sie Athene mit blitzender Lanze,

In himmlischen Augen erblaut ihre Seele,

Sie schaut auf ihr Hellas im traumgrauen Glanze,

Auf Elfenbeinburgen und Lichtseejuwele.

Gar fröhlich bringt Hermes den Göttern die Kunde

Der plötzlichen Schönheit erblühender Wiesen,

Sein Flug unterrichtet fofort Junos Runde,

Denn munter erscheint er auf duftenden Brisen.

Es hören die Götter die Lenzlerchen schmettern,

Es jubeln die Schwalben, es gurren die Tauben,

Die Horen beginnen auf Bäume zu klettern,

Um hurtig den Wald und die Flur zu belauben.

Es wecken der Venus leichtschwebende Schritte

Die schlafenden Thiere, Reptilien und Schnecken,

Befreit sind die Muscheln vom schleimigen Kitte,

Es können sich Nattern jetzt wiederum strecken.

Die Sturmfluth des Lenzes, des Lichtes, der Gluthen

Umbrandet die Hügel als reifendes Korn,

Es steigen die Blutdasein fordernden Fluchen

Stets höher, es speist sie ein Ewigkeitsborn,

Im Herbst aber müssen die Reben verbluten,

Dann leert sich der Flora glückspendendes Horn,

Es werden die Faune in Felsspalten tuten,

Und überall zeigt sich die Dürre, der Dorn.

Kein Laub hemmt den Schall mehr; die Zeit heller Klänge,

Die Jäger, das Echo erscheinen im Thal,

Wild wirbelnde Rhythmen verdrängen Gesänge,

Man klatscht und man macht den Bacchantenskandal.

Es fangen die Faune an rings zu erwachen,

Es staken die Schalke in fremdem Revier,

Du hörst sie und gleich darauf Bergschemen lachen,

Und was man auch sagt, hört ein ganzes Spalier.

Es rufen des Herbstes glücksuchende Stimmen,

Es blutet die Rebe, die Gluthen ersehnt,

Sie liebt den Vesuv und sie will ihn erklimmen,

So sonnt sich Ariadne an den Panther gelehnt.

Es wirbelt des Herbstes bacchantischer Reigen,

Es tanzt ihn im Walde ein weiblicher Chor,

Wie Kupfer entflimmern die Blätter den Zweigen,

Es rascheln dabei Tamburellen hervor.

Wie taumelnd erstarrte Titanen verschlingen

Sich Felsen, von Wäldern und Bächen umrauscht,

In Schluchten, wo lustige Sprudel entspringen,

Hat einst die lärnäische Schlange gehaust.

Gigantenkakteen gedeihen auf Wänden,

Um Felshermen züngelt wildwuchernder Wein,

Die Rillen durchklimmt er mit blutigen Händen,

Und Moose umflechten wie Bärte den Stein.

Man sieht sich den Epheu zu Schaukeln verknüpfen,

Und drauf hocken Olme und krötig Gethier.

Vor Grotten beginnen Giftvipern zu hüpfen,

Und drinnen pfeift lüstern ein kleiner Satyr.

Auf Pinien und steilen Zypressen verspinnen

Die Lichter sich langsam zu goldenem Flor.

Es zucken des Abends die purpurnen Zinnen

Der Burgen des Tages zum Äther empor.

Jetzt schreitet uns Bacchus im Walde entgegen,

Das Wetter bedingt seinen launischen Sinn,

Nichts ist ihm an anderer Unbill gelegen,

Mit grünendem Thyrsusstab zieht er dahin.

Am Wagen verschlingt sich das Laub um die Speichen,

Es schleppen ihn Panther durch fruchtbare Flur,

Es scheinen die scheckigen Thiere zu schleichen,

Und Epheu entwuchert als Wagenradspur.

Es reicht eine Nymphe dem Weingotte Wasser,

Er sieht nur mit funkelndem Blicke hinein,

Und schon wirkt der Zauber. Der Trank edler Prasser

Entschäumt nun der Schale. Es blutet der Wein.

Von Eris, der streitbaren Schwester geleitet,

Von Hermes, dem Gotte der Stürme befreit,

Erscheint uns jetzt Ares, der ungestüm reitet,

Er fühlt sich zu jeder Verheerung bereit.

Er hetzt mit dem Sturme, der Eichen entwurzelt,

Und Windwirbel wälzen sich hinter ihm her,

Es sind schon Begleiter in Schluchten gepurzelt,

Die Thäler durchrast bald ein schreckliches Heer.

Als stürmisches Dröhnen die Trifte durchschallte,

Erweckten Trompeten die schlummernde Wuth,

Und als dann der Marssang in Halden erhallte,

Berauschte die Mannen barbarischer Muth.

Das Land überfluthen rebellische Stämme,

Es stürzen sich Völker auf fruchtbare Flur.

Die Anhöhen krönen lebendige Kämme,

Es wechselt der Berge bewegte Kontur.

Jetzt schleudert man Steine auf steiles Gemäuer,

Mit Brandfackeln dringt man zum Hauptthor hinan.

Es helfen die Winde, sie nähren das Feuer

Und stecken im Stadtgebiet Brandherde an.

Verreckende Menschen durchwühlen Gebeine

Verstümmelter, röchelnder Krieger am Feld,

Und brennender Städte wildlohdernde Scheine

Beleuchten die Schlachtnacht, die Ares durchgellt.

Den Stadtwall verkleiden gigantische Leitern,

Es thürmen sich Lanzenquadrate steil auf,

Doch scheint rings die Angreifertaktik zu scheitern,

Verschnaufende decken die Erde zu Hauf.

Der Kriegsgott zieht lachend durchs ärgste Gedränge,

Es freut ihn das Blitzen von Lanze und Speer,

Es dröhnen jetzt überall Schlachtengesänge,

Und hinter ihm taumelt ein klapperndes Heer.

So wird noch der Grause als Traumbild von Kriegern

Im letzten Momente des Lebens gesehn:

»Oh macht unsere Kinder zu Rächern und Siegern!«

Beginnen dabei, die da fiebern, zu flehn.

Ein sterbender Fürst sieht sein Volk nun in Ketten

Und stumm schon, wie Schemen, in fremde Frohn ziehn,

Man kennt ihn nicht, niemand mehr denkt ihn zu retten,

Wie herzlos macht alle der eigene Ruin!

Der Lichtschein der Fackel der Eris beleuchtet

Entsetzliche Szenen; ein Krieger erschlägt,

Von Blut und von Angstschweiß beschmutzt und befeuchtet,

Den eigenen Genossen, der Werthwaffen trägt.

Die Todten ziehn fort, ohne Abschied zu nehmen,

Der Zug ist noch länger und ärger gepreßt,

Die Krieger verbluten, umgaukelt von Schemen,

Und plötzlich entsteigt zwischen Freveln die Pest.

Sie schließt sich an alle veränderten Farben,

In schwarzen Gewändern durchstreift sie die Nacht;

Harpyen, die schreckliche Gifte erwarben,

Verschleppen was heimlich die Greisin entfacht.

Sie stiegen von dannen, das Nahen der Schaaren

Giebt niemals ein Krächzen und Auflodern kund;

Wir können sie nirgends beim Brüten gewahren,

Sie nisten am liebsten in röchelndem Mund.

Sie fliegen stets vorsichtig, durchsichtig, leise

Durch Strecken, die eben der Kriegsgott verheert,

Dann ziehen sie immer noch weitere Kreise,

Und wo sie erscheinen, wird eifrig bekehrt.

Es lassen Propheten oft Jünglinge schlachten,

Die werden den Numen zum Opfer gebracht,

Sie trachten ein Sühnungsgebot zu beachten

Und hoffen, daß Zeus holde Milde erwacht.

Von Betenden, die die Altäre umhocken,

Wird eifrig Erlösung vom Übel ersteht;

Sie möchten den Göttern ihr Mitleid entlocken

Und fühlen sich plötzlich vom Pesthauch umweht.

Ein Jüngling verkam bei der schrecklichen Seuche,

Sein Grab hat ein Mädchen für sich mitbegehrt,

Doch waren im Lande die Opfergebräuche

Verzweifelter Bräute und Wittwen verwehrt.

»Verweigert mir jemand mit Dir fortzuschlafen,

So schwöre ich Rache zu nehmen!« Beschließt

Das Mädchen fanatisch: »Auch mich will ich strafen,

Wie Euch, die Ihr stumpf meinen Buhlen verließt!«

Die Rasende sieht man mit Brandfackeln rennen.

Sie wirft sie in Scheunen. Die Flamme erloht.

Jetzt fängt schon der Seuchenherd an abzubrennen.

Und ringsum die Völker verschont nun der Tod!

Doch früher schon fühlte ein Mann sich erkoren

Und plötzlich von Göttern zum Handeln gedrängt;

Der Angstschweiß bedeckte des Predigers Poren,

Es war seine Sprache von Geistern gelenkt.

Es schien ihm zuerst, daß ihn Todte beklemmten,

Und plötzlich, als würden ihm Worte entwürgt,

Da bald keine Zweifel den Redeschwall hemmten,

So schien ihm die eigene Mission fest verbürgt.

Er hielt alle Menschen um sich für besessen,

Und wirklich aus allen sprach Fieber und Brunst,

Sie schienen orgiastisch die Pest zu vergessen,

Er dünkte sich ringsum von Schweinen umgrunzt.

Er sah, wie die Leiber ihr Leben erhalten,

Bewußtlose Körper von Fäulniß zernagt,

Verkrampften sich, wollten nicht kampflos erkalten,

Da hat er die Worte der Rettung gesagt!

Es stieg ihm ein Frösteln in Nase und Ohren,

Er glaubte sich selber vom Übel erfaßt,

Er hielt sich beim Reden bereits für verloren,

Drum sagte er alles in rastloser Hast.

Er sprach rasch von Flucht und er ward kaum verstanden,

Es schwoll seine Inbrunst, er sah sich gehemmt,

Ein Schwindel war nahe, die Sinne entschwanden,

Er hat sich der Ohnmacht entgegengestemmt.

Es schienen ihn Todte und Träume zu plagen,

Sein innerstes Wesen ist schrecklich entbrannt,

Es konnte sein Herz ohne Hinderniß schlagen,

Es preßte ihn dann eine blutrothe Hand.

Er sprach von der Sonne, von schöneren Landern,

Er sprudelte Worte vom Auszug hervor,

Er sah alle Menschen in Flammengewändern,

Sie kamen ihm größer, lichtähnlicher vor.

»Ihr alle seid Kinder des himmlischen Glanzes,«

Begann er, von Fieber geplagt und gejagt:

»Ihr leuchtenden Träger des Urflammenkranzes,

Oh sagt, habt Ihr noch nicht den Ausfall gewagt?«

Doch wiederum fühlt er die Nachtflügel schlagen,

Er wehrt sich uud bäumt sich, spricht doppelt vom Licht,

Erzählt von dem Gotte im fliegenden Wagen

Und stürzt dann zu Boden, sein Augenlicht bricht.

Da schreien und laufen bereits ganze Schaaren,

Die Sonne hochpreisend zum westlichen Meer.

So lang sie die Krone des Lebens gewahren

Befiehlt noch ein Herzog dem rasenden Heer.

Am Strande besteigen sie eilig Triremen,

Die stürmische Brandung, das Dunkel der Nacht

Vermögen nicht Fahrlustorkane zu lähmen,

Man liefert sich oft um ein Boot eine Schlacht.

Man zimmert sich Flöße, trotz Stürmen und Tosen,

Und stiegt auf die Fluchen mit Weib und mit Kind,

Es stürzen am Wogenmeer thurmhohe Hosen

Hernieder, und Segel zerfetzen im Wind.

Es retten sich Wenige nur in den Booten,

So manches, das steuerlos, dichtgefüllt, treibt,

Vermißt auf dem Meere den sichern Piloten,

Man hört wie die Fluch sich an Bauchplanken reibt.

Wohl glaubt man das Ende des Sturmes zu spüren,

Doch fühlt man sich hilflos, verlassen im Meer,

Man ist nicht im Stande, das Schiffchen zu führen,

Nun scheint die Natur ringsum dunkel und leer.

Doch mag auch das Meer sich im Windschlummer wiegen,

So wacht es doch weiter und nie wird es ruhn,

Die Liebe, das Leben kann gar nicht versiegen,

Am Ozean nachtet ein seliges Thun.

Oft will er sich dehnen und regungslos glatten;

Doch nimmermehr senkt sich sein schöpfender Arm,

Er schlingt mit den Lüften die ewigen Ketten

Des Lebens und schwellt seinen Nachtwanderschwarm.

Ein Boot sah von ferne ein plötzliches Glimmen,

Es ward nur von wenigen Augen gewahrt,

Doch ging es dem Lichte wie freundlichen Stimmen,

Es freute die Menschen auf stürmischer Fahrt.

Bald war es verschwunden und nimmer zu finden,

Die Schiffer durchspähten das Dunkel der Nacht,

Sie trachteten Fackeln am Bug anzubinden,

Es waren die Masten zusammengekracht.

Bald huschte ein Licht, wie ein Irrlicht, am Meere,

Die Fluch schlug darüber und löschte es aus,

Dann fuhren die Armen der Kreuz und die Quere

Und hörten im Meeressaus garnichts als Braus.

Oft zeigten sich Sterne, als Wolken zerrissen,

Sie blinkten wie Splitter auf blaugrauem Stahl,

Der Taggigant hob dann auf wolkigem Kissen

Den Morgen empor in den Sternbildersaal.

Es schienen noch Berge die See zu begrenzen,

Es schliefen die Wellen, der Morgen war lau,

Man sah oft Sprungbrisen am Meere erglänzen,

Und ringsherum wuchtete wolkiges Grau.

Es springen jetzt Lichtschemen plötzlich zum Meere,

Es lächelt das Wasser, der Himmelsazur,

Die Dünste zertheilen die Tageslichtspeere,

Ein Halbwrack umglüht eine Flammenkontur.

Ein Tag ist erschienen voll goldiger Dauer,

So hold wie ein Jüngling, leichtlockig und blond;

Der Himmel wird dunkler, noch höher und blauer,

Ganz glatt ist die See, die sich wonniglich sonnt.

Die Verschwenderin der Liebe, unsere Sonne leuchtet wieder,

Und das Meer ist von der Wonne ihres Goldes überstrahlt,

Ganze Rudel von Delphinen tauchen auf und tauchen nieder,

Ob das Wasser mit der Sonne und den Meergeschöpfen prahlt?

Alle Wellen sind Impulse, sind der Wunsch nach Windbewegung,

Winde sind die Flucht ins Leben, Sprünge aus dem Ruhezwang,

Und das Leben ist die Sehnsucht und der Flug zur Lichterregung,

Und das Meer ist eine Lunge, voll von großem Athmungsdrang.

Weißes Licht und weiche Lüfte, kommt, das Meer wird Euch empfangen,

Schnellt es Wellen doch mit Armen, ganz aus Gischt und Licht empor,

Seht! Es schleudert Freudenkränze, wo sich Luft und Schaum umschlangen,

Und die stiegen nun vergoldet, wie ein Meergoldmeteor.

Freude siehst Du ringsum funkeln, gar nichts rastet auf den Fluchen.

Athmen will das Meer, nur athmen! Seht den Wind, der ihm entweicht!

Hört ihn kichern, hört ihn plätschern! er, das Kind der Sonnengluthen

Wird die schwülen Lüfte kühlen, wo er nur den Strand erreicht!

Auf den Schiffen die Matrosen werden alle froh und heiter,

Wie ein Traum von Schaumbrillanten zischt der Gischt empor am Kiel,

Ringsum springen die Delphine, unsere munteren Schiffsbegleiter,

Und dann schimmern ferne Riffe, für die Schiffenden ein Ziel.

Jedes Schiff bekommt jetzt Ruder, ja womöglich Steuer, Segel,

Alles regt sich voller Hoffnung, da man fern ein Eiland sah,

Hemden näht man rasch zusammen und man findet Hammer, Nägel,

Und so trägt nach kurzen Stunden manches Boot schon Mast und Raa.

Durch den Zitteräther blinken

Riffe traumhafter Gestalt,

Oftmals glaubst Du, sie versinken

Als ein Trugbild ohne Halt.

Silberschwingeninseln schweben

Ferner als der Himmelsrand,

Wenn die Winde sich beleben,

Treibt man bald zu ihrem Strand.

Endlich, endlich kommt man näher,

Und die Rettung scheint gewiß,

Denn es sehn die besten Späher

Nirgends mehr ein Hinderniß.

Sind das Inseln der Sirenen,

Von Smaragden eingefaßt?

Warten auf den Sonnenlehnen

Nymphen auf den seltenen Gast?

Plötzlich wollen alle lauschen,

Jeder fürchtet den Gesang,

Oder hören sie im Rauschen

Etwa schon den Brandungsdrang?

Dennoch gebt es anzulegen,

Sagen sich die Schiffer kühn:

Düfte hauchen schon entgegen,

Und die See wird hell und grün.

Schwierig ist es einzufahren,

Wo das Meer, wie eingeschlitzt,

Zwischen lauter sonderbaren

Klippen Silbergischt verspritzt.

Hohe Brandungswogen pressen

Sich voll Wucht durch eine Schlucht,

Und es wachen rings Zypressen

Um die dunkle innere Bucht.

Doch die Einfahrt zwischen Klippen

Wagt kein Boot bei Wellengang,

Denn mit lauter lauten Lippen

Warnt das Meer den Fels entlang.

An die nächste Inseldüne

Wird ein Schiff dann angeweht,

Denn es haben kühle, grüne

Ströme günstig sich gedreht.

Hin zum Strande, wo die Qualle

Nach dem kalten Salze lechzt,

Steuern jetzt die Schiffe alle,

Rings von Möven laut umkrächzt.

Viele wollen strandwärts waten,

Und am feinen Muschelsand,

Den die Schiffer nie betraten,

Ziehen sie jetzt ihr Boot ans Land.

Viele weitverstreute Schiffe

Hat ein Strom zum Strand geschwemmt,

Und es wurde durch die Riffe

Nur ein einziges geklemmt.

Kaum ist durch die Felsenenge

Dieses volle Schiff hindurch,

Tönen gleich Sirenenklänge,

Und am Buchtgrund lugt ein Lurch.

Wie die Menschen näher kommen

Sehn sie ringsum Nymphen nahn,

Einige kommen angeschwommen

Und es wippt dadurch der Kahn.

Manche sehn sie Kurzweil treiben,

Viele tummeln sich herum,

Menschen doch und Nymphen bleiben

Alle, voll Erstaunen, stumm.

Jene mit den Robbenschwänzen

Sind den andern stets voran,

Und sie sehn sich beim Scharwenzen

Klug mit Seehundsaugen an.

»Will ein Fürst sich offenbaren

Der den Namen freundlich nennt?

Will er sein Geheimnis wahren

Als ein stummer Meerregent?

Seinen Wunsch will ich beachten,

Läßt er gütig uns ans Land!

Opferthiere will ich schlachten,

Stehn wir erst auf festem Strand!«

Diese klug erwogenen Worte

Sprach, vom Schiffe aus, ein Mann,

Und aus hoher Felsenpforte

Trat ein Weib, das sanft begann:

»Seid willkommen, Ihr Dämonen,

Hier am stillen Nymphenstrand,

Auf der Insel dürft Ihr wohnen,

Knüpft mit uns ein Freundschaftsband!

Seht in jenem Flimmerrahmen,

Wie der stille Fürst sich nennt,

Ströme winden seinen Namen

Durch die Flut, die blau entbrennt,

Mag der Wind die Wellen hetzen,

Sichtbar bleibt er immerdar!«

Solches sprach in klaren Sätzen

Jenes Weib mit Wunderhaar.

Darauf stieg sie auf die Klippe,

Wo sich wild die Strömung brach,

Und dort lauschte ihre Sippe,

Wie sie freundlich weiter sprach:

»Fremdlinge, Ihr seid erlesen

Hier in unserer Hut zu sein,

Denn wir sind beherzte Wesen,

Die den Menschen Schutz verleihn.

Durch die Ströme unserer Meere

Wurdet Ihr hierher gebracht,

Der Delphine kundige Heere

Haben Euch dabei bewacht.

Eures Volkes besten Samen

Haben wir in Euch bewahrt,

Ja, wir kennen Eure Namen,

Nun erfahrt von unserer Art:

Wißt, es wurde jedem Fische

Eine Nymphe hold bestimmt,

Seht, wie in der Salzesfrische

Jede anders taucht und schwimmt,

Rings aus unseren niedern Kuppen,

Wo nur eine Nixe liegt,

Leuchten ganz verschiedene Schuppen,

Wenn ein Weib den Schwimmrumpf biegt.

Häufig senden die Forellen

Ihre Nymphen an das Meer,

Über Felsentrümmer schnellen

Sich die Bachbewohner her.

Seht doch, mit dem Karpfenschwanze

Jenes stille Nixenpaar,

Und, im hellen Sonnenglanze,

Jene Goldmakrelenschaar,

Es sind dort die roten Barben

Stolz auf ihren Schuppenglanz,

Schaut und staunt, in tausend Farben

Flimmert unser Nymphenkranz.

Fische werden sie Euch bringen,

Alles wird Euch hier geschenkt,

In die Netze, in die Schlingen

Wird die Nahrung still gesenkt.

Seid nur gütige Dämonen,

Helft den Nymphen immerdar,

Denn auf fernen Muschelthronen

Herrscht ein böses Otternpaar.

Tief in Grotten soll es wohnen,

Furchtbar wird uns seine Brut,

Nimmer sollt Ihr sie verschonen,

Tödtet sie mit kühlem Muth!«

Kaum war dieser Gruß entflossen,

Trat aus einem Felsenthor

Hold, zum Sonnensang entschlossen,

Die Sirenenfürstin vor:

»Höret nun vom großen Sehnen,

Hier auf dieser Sonnenflur,

Was die Schaar der Felssirenen

Schon an Wundern tief erfuhr.«

Diese holdgesungenen Worte

Wiederholte dann ein Chor,

Und es wuchs am steilsten Orte

Eine Harfe hoch empor,

Gleich umflatterten sie Schwingen;

Durch des Weibes Meistergriff

Ward das Spiel zu Schmetterlingen,

Rings umtanzten sie das Riff.

Stärker war die Meeresbrandung,

Wo ein Kap sich niedersenkt,

Vor der Insel Felsumrandung

Schien ein Gischtstrom hingelenkt.

»Blickt auf unsere Flattermähnen!«

Hub die Felsentochter an:

»Ungekämmt sind die Sirenen,

Doch schon wogt der Schmuck heran.

Unsere größte Augenweide,

Taucht aus dem Brillantenschaum,

Rauschend reicht er das Geschmeide

Aus dem allertiefsten Raum.

Seht, es schnellt zu jeder Stunde

Anderer Schmuck vom Grund empor,

Unser Blick giebt unten Kunde,

Welche Gluth man sich erkor!«

Solches sangen die Sirenen

Und sie sie flochten Gluth ins Haar,

Bis auf ihren Flimmersträhnen

Nichts als Licht zu sehen war.

Dieses stoß zum Meer hernieder,

Sprühte zu der Fluth zurück,

Und der Felssirenen Lieder

Sangen hold vom Liebesglück.

Ihre Harfe tönte weiter

Und sie wuchs bei jedem Ton,

Ihres Spieles Stimmungsleiter

Schuf sich eine Formvision.

Denn, statt frischer Silberklänge,

Wurde wildverrungenes Weh

Ein bewegtes Fischgedränge –

Und das fiel dann in die See.

Abend wars mit einem Male,

Ringsum brach das Tagesgold,

Selbst die Nachmittagsopale

Haben sich am Strand verrollt.

»Hört das Wesen unserer Thränen,

Lauscht dem Sonnenabschiedsbrauch,

Hört die Trauer der Sirenen!«

Tönte nun ein Zephirhauch.

»Kommt, Ihr leichten, holden Elfen,

Löst Euch von den Zweigen los,

Kommt, Ihr sollt mir spielen helfen,

Denn die Harfe ward zu groß!«

Also sang die Felsentochter,

Als das letzte Gold verglomm,

Und ihr tonweltunterjochter

Elfenchor gehorchte fromm.

Dieser Fürstin stolze Miene

Schien ergriffen, als sie sang:

»Kurz nur krönen uns Rubine,

Wenn der Tag in Blut versank!«

Dunkler Strudel Purpurgluthen

Schäumten, bäumten sich zur Bö,

Lustimpulse, die noch ruhten,

Sprühten plötzlich in die Höh.

In den Himmel wuchs die Harfe,

Elfen spielten überall,

Und zur stummen Daseinslarve

Ward schon mancher Anfangshall.

In der Höhe ihres Fluges

Nahmen Vögel ihren Sang,

Von des holden Elfenzuges

Schöpferharfe, in Empfang.

Helle Abendrosenkränze

Schlangen sich im Hain empor,

Und die wunderbarsten Tänze

Wand dabei der Elfenchor,

Rosen wuchsen um die Klippen

Auf der dunkeln Kuppenflucht,

Endlich aus der Boote Rippen,

In der stummen Inselbucht.

Und da riefen schönheitsbrünstig

Viele Stimmen auf der See:

»Große Göttin! sei uns günstig,

Lasse uns in Deine Näh!«

»Hört noch dies von den Sirenen!«

Sang darauf die holde Frau:

»Tiefen Nachtfluthen entlehnen

Wir die reichste Krönungsschau.

Diese Ströme bergen Greise,

Blendendhell ist ihr Talar,

Und in stillem Lichtgeleise

Schreiten sie das ganze Jahr.

Nur in Silbermondlichtnächten,

Wenn die Muscheln offen sind,

Suchen sie für uns die echten

Perlen aus dem Kalkgewind.

Seht! Die Strömung bringt uns alle

Perlen her, in ihrem Lauf,

Und sie wirft sie uns beim Pralle

Ihrer Brandung jäh herauf.

Wenn wir dann die Perlen tragen,

Glühen Käfer uns im Haar,

Und in ihrem Silberwagen

Naht uns zart die Elfenschaar.

Lauter leise Elfen laden

Perlen auf, für ihren Wald,

Nächtlich schmücken ihn Dryaden

Lieblich dann und mannigfalt.

Morgens, mit der ersten Wärme,

Wogt der Horenzug heran,

Und es sehn die blonden Schwärme

Sich den Putz der Bäume an.

Und sie blicken voll Entzücken

Auf den Perlenüberfluß,

Auf die Nachtthauzweige drücken

Sie den frühen Blüthenkuß.«

Kaum hat so das Weib gesprochen,

Blinkten Meer und Mondenschein –

Plötzlich hat sie abgebrochen,

Und sie lud die Gäste ein.

Kaum war man ans Land gesprungen,

Hörte man den Wald im Wind,

Doch das Meerlied war verklungen,

Und man hielt sich fast für blind.

Alle Menschen, traumumfangen,

Hatte gleich der Durst gequält;

Von der Ankunft Furcht und Bangen

Wurde später noch erzählt.

Auf der Insel wilder Myrthen

Ließ ein stilles Hirtenvolk

Sich von Nymphen blind bewirthen,

Wunder gaben ihm Erfolg.

Später lebte dort ein echter,

Fabelschauender Poet,

Denn es hatten Urgeschlechter

Guten Samen ausgesät.

Jupiter hat Großes wollen,

Als Semelen er umschlang,

Und da nahmen jene Schollen

Sein Begehren in Empfang.

Es lebt in Dir, oh Zeus, wie Menschen Dich erfassen,

Die Rumpfnatur und unser Trumpf, die Götterwelt.

In Dir sieht man die Riesen, die Du haßt, erblassen,

Sie klammern sich an Dich, wenn sie Dein Arm zerschellt.

Zyklopen, die beim Absturz selber sich zerquetschten,

Hat noch der Kampf gegen die Götterwelt gestählt,

Als die Titanen einst zum letzten Male fletschten,

Hat sich ihr Satansathem Jovis Licht vermählt.

Sie haben sich versteinernd, noch beim Todesringen,

Umkrallt und ihren Feuerodem selbst gehemmt;

Und schrecklich sieht man ihre Leiber sich umschlingen,

Seit eine starre Kruste unsere Welt umklemmt!

Es lebt in Zeus, was er besiegt hat und zerschmettert,

Die Felsenwucht, die unterm Spiegelmeer versinkt,

Der Lebenssturm, der über Wolken weht und wettert,

Der Menschengeist, der ihn im Marmelstein besingt.

Es haucht Dein Mund, oh Jupiter, die Fluchtplejaden,

Und wenn Du lachst, so flattern Nebelkinder auf,

Es können Deine Blicke Wuthblitze entladen,

Es zeugt Dein Donnerwort vom Ernst im Weltenlauf.

Gott, wolltest Du von Deinem Throne Dich erheben,

So hätte alles Wollen seinen Tod erstrebt,

Du aber würdest still und friedlich weiterleben,

Da Deine Allmacht nie vor einem Ende bebt.

Es kann der Reichtum Deines Wesens nicht erlahmen,

Schon ruht des Fatums Ewigkeit in Dir vollbracht.

Die Weltgedanken drängen sich zu Deinem Samen

Und werden Sterne oder Einzelgöttermacht.

Jetzt runzelt sich auf Deiner Stirn der Menschheit Sorge,

Was trübt auf einmal Deine heitere Majestät?

Die Furcht, daß sich der Geist ein anderes Licht erborge,

Zu dem er einst durch Leid vergöttlicht übergeht?

Oh Zeus, Du hehres Angesicht in Hellas Mythen,

Du blaue Himmelsjugend, die sich voll verschenkt,

Nun weichst Du einem Wüstengotte der Semiten,

Der in der Menschheit seine eigene Pein bedenkt.

Oh Rom, Du unermeßlich weiter Machtgedanke,

Du Riesenreich, ohne geniale Religion,

Es widerstand Jupiter Stator nicht dem Zanke

Der fremden Gottheiten vor Vestas Thron.

Als sich der Römer vor den Feinden sicher fühlte,

Als kein Barbar Italiens Fluren mehr betrat,

Und ferne sich die Kriegswuth der Quiriten kühlte,

Da ist die Zeit zum Geisterkampf in Rom genaht.

Oh Rom, Du hast bereits zwischen den Ziegelmauern

Gar sanft und gut in trauter Blumenau geruht

Und konntest drum die Götterschlacht nicht überdauern,

Denn stärker als Zäsarenwuth war Glaubensmuth!

Es ward in Rom dereinst ein Tempelbau beschlossen,

In den die Sonne durch die offene Kuppel scheint,

Es ist ihr Licht darin zu jedem Gott geflossen,

Es schien im Pantheon der Weltolymp vereint.

Man wünschte damals wohl nur einem Gott zu dienen

Und ahnte kaum, welch Ei man in die Festung trug,

Man wollte Numen lieben und erbaute ihnen

Den Streittempel, aus dem die Flamme plötzlich schlug.

Die Brandfackel warf einst der Arier Alexander

In eine Tausendglaubensstadt, nach Babylon,

Er schweißte damals viele Götter aneinander

Und setzte sich auf einen neugefügten Thron.

Doch wurde der, wie Babels Kult, ein Ungeheuer,

Er schwankte bald, und alle Tempel wankten mit,

In Babylon entstand ein großes Glaubensfeuer,

Und es vollzog sich da der Geister Rassenübertritt.

Die Ariergötter wurden männlicher und böser,

Der Rachegeist hat Asiens Staaten eingerenkt,

Gezähmten Wandervölkern aber wurde der Erlöser

Vom Sieger, als Versöhnung, in das Herz gesenkt.

Es überkamen die Semiten Indiens Samen,

Hebräer schürten Asiens Gnadenlicht und Heil,

Die Arier handelten in Staatenschicksalsdramen,

Ihr Pfad zur Rasseneinsicht war verkrümmt und steil!

In Rom erst wurde dieser Kampf ganz ausgerungen,

Die Geister sind zu ihrem Stamm zurückgekehrt,

Das Kreuz hat Asiens Überschwemmungsvolk bezwungen,

Das Judenthum sich gegen Christi Wort gewehrt.

Oh Rom, oh Rom, beschließ die Einheit Deiner Sitten,

Du hast über den Weltenlauf zu kühl gedacht,

Die Römer horchten launisch zu, wenn andere stritten,

Ob Jahwe oder Jupiter die Welt gemacht.

Die Numen wechselten im Lande der Quiriten,

Stets nahm man Fremde auf und hat sie umbenannt;

Es durften alle sich in Rom Altäre miethen,

Man hielt von keinem viel und wurde tolerant.

Der späte Römerglaube war nicht bodenständig,

Sonst hätte ihn kein anderer Brauch ersetzt,

Der Kult der Keuschheit aber war bereits lebendig,

Die Muttergottes hat die Vesta nicht verletzt.

Das Feuer ehrten stets Italiens Kinder,

Es ward als das Symbol der Ehrfurcht scheu geschürt,

Man übergab ihm Opferlämmer, Widder, Rinder,

Und ward dafür bei seiner Gottheit eingeführt.

Dem Müßiggang verdankt die Frau die frühe Achtung,

War sie es doch, die unkundig für Krieger bat,

Dem Tode schenkt, wer rastlos schafft, fast nie Beachtung,

Doch ist ein Fürwort gut, wenn man dem Ende naht!

Wie sind uns heute die Begriffe doch geschwunden,

Um die Geburt verschiedener Glauben einzusehn,

Wie hätte Christi Wort sich können je bekunden,

Hätte kein Urkult dürfen zu ihm übergehn!

Nur wer vermochte sich zu fremdem Leid zu neigen

Und wer die kleinen Freuden eines Volks verstand,

Wer nicht verschmähte sich als Heidenfreund zu zeigen,

Empfing das wahre Heil aus der Apostel Hand.

Es blieben Krieger, die ihr Leben wild verbrachten,

Als Christen selbst den Sakramenten fern;

Und da sie sterbend erst ihr Seelenheil bedachten,

Vertiefte und verewigte man den Avern.

Es fehlte nicht im alten Rom an Emotionen,

Die Todten wurden öffentlich daselbst verbrannt,

Es freute Rom Bestattungsfeiern beizuwohnen,

Es kam die Plebs der ganzen Urbs herbeigerannt.

Ja, Rom ergötzte sich an Trauerbacchanalien,

Es ward in früher Zeit bereits in Rom gepraßt,

Im Heldenlenze gab es schon die Luperkalien,

Vom Schaulusttaumel ward das ganze Volk erfaßt.

Erlag ein Imperator durch Gewalt dem Tode,

Hat jeder Bürger sich voll Wichtigkeit gedünkt,

Er fühlte seine Rolle bei der Episode

Und liebte Romas Boden, wo ihn Blut gedüngt!

Oh Rom, wer hat mit einer Wölfin Dich verglichen,

Die Nimmersatt die Völker um sich her verschlang?

Es hat die Menschen stets ein Angstgefühl beschlichen,

Wenn Botschaft Deiner Siege bis zu ihnen drang.

Dich fürchtete die Welt als Unhold voller Tücke,

Als bösen Dämon, der am Erdenrand besteht,

Sie glaubte, Deine Schwere und Gewalt zerdrücke

Unwiderstehlich was ein anderer Stamm gesät.

So seh ich Dich in Menschen, die Du im Triumphe

Durch Deine Gassen fortschleppst bis zum Kapitol;

Legionen brachten Deinem aufgedunsenen Rumpfe

Die Zufuhr, die ihn labt, denn immer war er hohl!

Zum Spotte und zur Marter zogen Todgeweihte,

In langem Zug, durch manchen aufgesperrten Schlund;

Die Siegespforten und das spöttische Geleite

Der Kriegsgefangenen gab seine Bosheit kund.

So konnte der Besiegten Haß noch nicht erschlaffen,

Sie hatten ihre Ohnmacht allerdings erkannt,

Und dennoch blickten sie voll Wuth auf ihre Waffen,

Die Rom zum Hohne neben die Besiegten band.

Die Männer blieben meistens stumm und wuthvergessen

Und dachten still an neue, nahe Körperqual;

Die Weiber aber schrieen thierisch, wie besessen,

Erfaßte sie die Schmerzensangst mit einem Mal.

Dann wurden sie, ganz ungewohnt länger zu denken,

Urplötzlich still und haben höchstens mitgebrüllt;

Die Römer aber schien die Stumpfheit arg zu kränken,

Denn Folterwuth hat ihren Sinn bereits erfüllt.

Den Qualverfallenen sprachen sie von nahen Schmerzen,

Und haben der Gefangenen Bangen aufgereizt;

Sie wollten erst mit Schreckensgräueln scherzen,

Mit denen sie auch später keineswegs gegeizt.

Verthiert erschienen ihnen meistens die Barbaren

Und nur die Augen kleiner Kinder hell und klug,

Ein Gott dünkte sich jeder unter diesen Schaaren,

Und war gewiß, daß er die Zügel würdig trug.

Der Feldherr mußte still an Alexander denken,

Wie er ihn einst auf einem Schlachtenbilde sah,

Und wollte so die Triumphatorrosse lenken,

Was auch voll Pathos und Geberdenspiel geschah.

Es ward des Vaterlandes glücklichem Befreier

Der Bürger Dank beim Einzug festlich dargebracht,

Ein Dichter hat im Auftrage zur Siegesfeier

Ein Widmungslied auf Romas großen Sohn gemacht.

Oh ruhmumstrahltes Rom, mit einer Riesenrose

Verglich Dein Sänger Dich im Abendpurpurglanz.

Er sah Dich so, da Flammenfalter leicht und lose

Dich bunt umflatterten, als schwirrten sie zum Tanz.

Er nannte, Roma, Dich die Blüthe edler Freuden,

Den Baum der Griechengöttinnen am Tiberstrand,

Die Stadt in deren Tempeln und Gebäuden

Der Geist des Platon die Gespenster Asiens fand.

Doch scheinst Du, Weltstadt, mir, im klaren Sonnenlichte

Ein Wuchtkrystall, der jede Fluthenflucht bezwingt;

Du birgst, in Dir versteint, die halbe Weltgeschichte,

In der, zum Schutz, die eigene Sonderkeit versinkt.

Du hast wohl fremde Sitten, andern Kult erworben,

Zum Spenden aber war Dein Geist zu klein,

Es hat Dein Volk das Wort des Heilandes verdorben,

Und statt Vergessen lugte Trug aus Deinem Wein.

In Rom erschien der Griechen wunderleichte Muse

Und hat sich an Italiens Lichtfeldern erfreut,

Die Urbs jedoch blieb eine rohe Riesendruse,

Die alles aufsog, was ein freier Geist verstreut.

Das Lied verknöcherte in steifen Gönnerbanden,

Die Kunst war schon vor Alarich in Rom verscharrt,

Das Nazarenerthum hat kurze Zeit bestanden,

Zu todten Formen ist sein Feuerthum erstarrt.

Du wuchsest, Urbs, ohne das Weite zu erstreben,

Die Flora Asiens scheint in Dich hineinkrystallisiert,

Du konntest Dich mit dumpfem Punierprunk umgeben,

Der Rom, das große Erdmuseum, ziert.

Aus den Häusern, von den Schollen

Reißen sich jetzt trage Haufen,

Denn der Weckruf ist erschollen,

Wilde Bestien werden raufen.

Ja, im Zirkus giebt es heute,

Einen Kampf von Gladiatoren,

Dann zerfleischte Christusbräute!

Alles drängt schon zu den Thoren,

Hin zum Zirkus der Zäsaren;

Römer, Griechen, Skythen, Mohren,

Können da sich bunt gewahren.

Kinder gingen schon verloren,

Mütter fangen an zu kreischen,

Und gepreßte Kinder krächzen;

Vorwärts wollen alle dringen,

Um sich, selbst durch Schreien, Ächzen,

Ihren Einlaß zu erzwingen.

In dem großen Menschenknäule

Können Diebe Beute haschen,

Und im großen Angstgeheule

Ihre Opfer überraschen.

Vor den argbedrängten Pforten,

Und auch drinnen, auf den Stufen

Des Theaters, allerorten,

Fangen Stimmen an zu rufen:

Bestien seien ausgekommen!

Menschen, die zu rasch geklommen,

Um sich Plätze zu erstürmen,

Die im großen Zirkusbogen,

Sich als Stufen Überthürmen,

Wollen wieder niederwogen;

Andre hergerannte Leute

Aber bleiben trotzdem hocken!

Draußen noch kam eine Meute

Durch die Aufregung ins Stocken,

Da sich in den engen Gassen

Eine Menschenmenge staute,

Die sich durch die Schreckenslaute

Hat von Angst erfassen lassen!

Endlich drängt die Pöbelschlange

Vor bis zu den letzten Sitzen,

Und die Menge kann nun lange

Noch, im Zirkus wartend, schwitzen.

Diese ganzen trägen Massen,

Die das Welttheater füllen,

Wird, sobald die Bestien brüllen,

Wilder Taumel rasch erfassen;

Alle werden ihre Blicke

Gleich zum grausen Schauspiel wenden,

Wo durch Bisse im Genicke,

Menschen ohne Kampf verenden.

Andere, die sich etwas wehren,

Werden wild zerfleischt verrecken,

Um noch anderes Blutbegehren

Ihrer Zuschauer zu wecken!

Ja, die ganze tolle Meute

Wird dann mit erhobenen Händen

Rings, für ihre Menschenbeute,

Tigern lauten Beifall spenden.

Reichgeschmückt ist das Gelichter,

Das da wartet, die Gesichter

Sind gerötet durch die Hitze,

Und darüber fallen Witze;

Römer lachen und verspotten

Alle fremden Prachtgewänder,

Denn der rombeherrschten Länder

Bunte Völkermassen rotten

Sich im Zirkus bunt zusammen.

Nicht allein das Blutvergießen

Kann das Publikum entflammen,

Noch das grause Bauchaufschlitzen

Durch die scharfen Krallentatzen

Völlig wilder Wüstenkatzen

Einzig alle unterhalten.

Nein, man lacht und spottet gerne

Über schlechtgeschminkte Falten,

Und was sonst das Hochmoderne,

Wie zum Beispiel Flachsperücken

Reicher schöner Adelsfrauen,

Die sich fast barbarisch schmücken,

Um berückend auszuschauen!

Heute wird man auch die Priester

Fremder Völker hier verlachen,

Denn die bleiben meistens düster,

Wenn die andern Späße machen.

Unten sieht man ein Geknülle

Doch man kann nichts klar erkennen

Und vernimmt nur Wuthgebrülle.

Wilde Schaulüste erbrennen,

Ganze Zirkusreihen schreien

Aus das Staubgewölke nieder,

Viele Stimmen prophezeien

Dem und jenem krumme Glieder.

Kaum verweht die Balgerwolke,

Steht in ihrem Katzenruhme

Eine Bestie vor dem Volke,

Und schon fliegt so manche Blume

Zu den Tigern, die die Christen,

Vor den Blicken Roms, zerfetzten.

Römer wollen sich nun brüsten,

Daß sie wahrlich nicht die letzten

Seien, die im Stande wären,

Gästen, die sie zu sich luden,

Ein Spektakel zu gewähren!

Nubier freuen sich und Juden

Und ganz ebenso Germanen,

Allen ist bereits das Morden,

In geschlossenen Zirkusbahnen,

Ein Bedürfniß fast geworden!

Sieh Rom, es gleicht Dein rundes Prachttheater,

Das Du der Volksbelustigung geweiht,

Fürwahr dem größten Menschenflammenkrater,

Der Gluthbrunst wuchtvoll rings um sich verspeit.

Es wird von Rom sein Bestes hier geboten,

Denn als es den Theaterbau begann,

Versuchten Künstler alles zu verknoten,

Was je der Geist voll Trefflichkeit ersann!

Es wurden auf Korinthos schlanke Säulen

Etruriens Bögen ringsum aufgesetzt,

Und Hellas Helden mit geschwungenen Keulen

In Marmor und in Travertin gemetzt!

Die Stufen senkten sich vom Aventine

Zum Thale unterm steilen Palatin,

Dem Hügel mit dem Kaiserbaldachine,

Und alles baute man aus Travertin.

Das war die größte Rennbahn unserer Erde,

Sie hat elliptisch Steinpfeiler umkreist.

Dort bäumten sich die erzgegoßenen Pferde,

Die weither übers Meer nach Rom gereist.

Selbst Obeliske sollten lichtwärts sich erheben,

Auch Sphynxe gab es rings in großer Zahl,

Die Wolfin säugte Rheas Brut daneben,

Der Zirkusherkules war kolossal.

Ich ahne einen Zirkusbrunnen,

Der zwischen stummen Numen plaudert,

Und Buben stechen mit Harpunen

Ins Spundthier, das zu speien zaudert.

Darunter ruht ein Marmorbecken,

Das Steintritone wuchtig tragen,

Und aus den Plätscherfluthen recken

Sich Kinder heiterer Wassersagen.

Als Nixen spielen sie und spritzen

Die Fluth zu losen Luftplejaden,

Und aus den Nebelhemdenschlitzen

Der Weibchen rieseln Gischtkastaden.

Ich höre Abendhauche säuseln

Und sehe Wimpeln die sich schlängeln,

Ich merke wie sich Kämme kräuseln

Und langsam aus dem Becken drängeln.

Da überspannt die starken Wogen,

Die windbewegt rasch niederschlagen,

Mit einem Mal ein Regenbogen,

Den goldene Sprudelfluthen tragen.

Der Abend hält die Welt umschlungen,

Der Dinge Lichtringe zerrinnen,

Und lauter goldene Wolkenzungen

Beginnen Stimmung zu gewinnen.

So stiegt denn fort, Ihr Himmelszeichen,

Verklagt die blutigen Zäsaren,

Erzählt von stummen Bruderleichen

Den Schaaren, die Begeisterung wahren.

Entflattert durch den fernen Äther,

Und Pflügern, die ums Wetter fragen,

Erzählt als rastlose Verräther

Von Zirkus und Zäsarenwagen!

Erklärt Euch Völkern, sprecht zu Numen,

Und giebt es wirklich Rachegeister,

So ruft sie auf, und aller Krumen

Befruchtungswunsch sei Cäsars Meister!

Zu Vipern sollt Ihr Wolken werden,

Und laßt Ihr Euch vom Gluthhauch tragen,

So werdet Ihr mit Lämmerheerden

Im fernen Blau zusammenschlagen.

Ein Wolkenwidder wird sich wehren,

Ihr aber sollt nur Rache schreien,

Mit Blitzen streckt die Lümmelbären,

Der Donner muß den Lenz verleihen.

Das Kriegsvolk, das den Blitz betrachtet,

Wird sich für Speer und Schild entflammen,

Der Priester, der sein Opfer schlachtet,

Hört Götter donnernd Rom verdammen!

Ihr Dünste sollt dann hagelschwanger

Die Wolkenbotschaft weiter tragen,

Und trefft Ihr Bauern an am Anger,

So müßt Ihr sie vom Felde jagen.

Zerschlagt die Äcker der Barbaren,

Die feig um ihre Herde lungern,

Erweckt den Neid auf die Zäsaren

Und laßt die Friedlichen verhungern!

Das Taggerüst steht jetzt in Flammen,

Die Ordnungswelt scheint zu verlohn,

Profile, die von Phoebos stammen,

Entweichen vor Hephaistos Thron.

Den Marmor haben Abendstrahlen

Im Zirkus bis aufs Blut verletzt,

Und allseits wird von Marterqualen

Voll grauser Lüsternheit geschwätzt.

Ein Schiffer spricht dabei von Feuern,

Die man auf Masten oft erblickt,

Er sagt, dann muß man furchtsam steuern,

Da sie ein Gott zur Warnung schickt!

Auf einmal scheint es auch, als schwirrten

Arenaflammen ringsumher,

Sie fallen auf und einige Hirten

Erschreckt ein irres Lichterheer.

Das Abendblut ist abgewaschen,

Der Himmel sieht getigert aus,

Die Nacht wird alles überraschen,

Doch lahmt sie nicht den Zirkusbraus.

Es suchen Viele mit dem Schmuck zu protzen

Und halten Werthsachen ans Licht,

Geschmeide, die von Feuer strotzen,

Sind ringsum lange noch in Sicht.

Auf einmal wird der Himmel röther,

Die Sterne scheucht ein Glanz zurück,

Doch schimmern nur die Christentödter

In ihrem Ruhm und Schlächterglück.

Ein Morgen graut am Firmamente,

Im Zirkus blickt sich niemand um,

Jedoch die letzten Erdmomente

Der Opfer machen Viele stumm.

Die Hatz hat noch nicht ausgewüthet,

Nun ist die Blutgier voll erwacht,

Es dünkt sich niemand ganz vergütet

Und eher um sein Geld gebracht.

Noch immer lechzt man nach dem Kampfe,

Der bringt der Menge wahre Lust,

Sie liebt das wüthende Gestampfe

Der Bestien auf des Opfers Brust.

Der Zirkus weckt die Kriegsbegierden,

Die Lust zu plündern lodert hell,

Der Mensch hängt trotz Manier und Zierden

An Schlächtereien und Bordell.

Er will am Abend Lust erreichen,

Er ist durch wilde Brunst erhitzt

Und mancher denkt sich einzuschleichen,

Weil er kein Kaufgeld mehr besitzt.

Im Zirkus sterben ringsum Christen,

Unglaublich steigt die Leichenzahl,

Verreckte giebt es mehr als Kisten,

Und noch fließt Blut durchs Marmorthal.

Schon schwelgen die Patrizierkinder

Im Vorgefühl vom Bacchanal,

Sie sind obszöne Lustempfinder

Und treffen für die Nacht die Wahl.

Die Weiber, die mit Lümmeln flüstern,

Sind ringsum meistens bleich und dick

Und haschen mit dem Buhlen lüstern

Noch einen letzten Christenblick.

Das letzte Augenlichtgeflacker

Erfreut sie, weil es Wuth aufwühlt,

Dann wird beim Bacchanal der Racker

Und Metzen Sinnenlust gekühlt.

Es sind der meisten Menschen Züge

Bereits verthiert und schweißbedeckt,

Doch keiner sah noch zur Genüge

Wie Tiger Menschenblut geleckt.

Im Zirkus liegen lauter Leichen,

Die Opfer haben ausgezuckt,

Die satten Bestien aber schleichen

Durch Leiber, die sie halb verschluckt.

Es schließt das Leid in Liebestriften

Des Jenseits unsere Lust mit ein,

Das Unheil, das wir boshaft stiften,

Macht unsere Opfer wehmuthsrein.

So zieht denn hin, Ihr tapfern Christen,

Dem Märtyrer ist Licht bestimmt!

Wozu ein blasses Leben fristen,

Wenn dort, in Euch, das Lamm erglimmt?

Die Menschen sind verlorene Schafe,

Die der Zerstörer wild zerstreut,

Dort ferne, hinterm Grabesschlafe,

Erscheint der Hirth, der uns erfreut.

Die Freiheit und die Zucht sind Geister,

Die man auf Erden blind verjagt,

Das Jenseits hilft dem edlen Meister,

In dessen Kunst die Wahrheit tagt.

Ihr Christen, Euer weißes Sterben

Ist wirklich ein beherztes Werk,

Ihr mußtet Euch in Rom verfärben

Und glänzt dafür auf Zions Berg.

Auch Euren Feinden wird verziehen,

Sie gehn mit Euch bei Jesum ein,

Es wurde ihnen Wuth verliehen,

Um Eurer Unschuld Hort zu sein.

Siebenfache Bogengänge

Überwinden ihre Schwere

Und sie wölben über Hänge

Sich empor zum Belvedere,

Wo ein Kaiser ungezügelt

Allen seinen Lüsten fröhnt.

Krauses hat er oft erklügelt,

Doch an seine Staatsverwaltung

Hat die Welt sich bald gewöhnt.

Sie erbaute ohne Murren

Was der Träume Prunkentfaltung

Eines Kaisers je an Schnurren

Und an bunten Luftgebilden

Nur begehrte. Hangegärten

Wurden steil von Künstlergilden

Und assyrischen Gelehrten

Mit dem Gelde aller Länder

Aufgebaut und ausgestattet.

Und der römische Verschwender

Sitzt, von Palmen überschattet,

Auf dem goldenen Herrscherstuhle,

Den die schönste Zierrath schmückt,

Neben ihm ruht seine Buhle,

Deren Lächeln ihn beglückt.

Auf des Zirkus Marmorstufen

Liegt die Welt zu Neros Füßen,

Die ihn feierlich mit Rufen

Und Applausen will begrüßen.

Plötzlich aber faßt ihn Schwindel,

Vom verachteten Gesindel

Hört er sich als Gottheit preisen,

Und beglückt durch das Gejohle,

Läßt er tausend Gäste speisen!

Denn es liegt ihm viel am Wohle

Seiner freien Unterthanen,

Die in ihm Apollo ahnen.

Jede Kehle schreit sich heiser,

Denn soeben ist der Kaiser

Aufgestanden, und zum Lohne

Winkt er jetzt von seinem Throne.

Wird er auch Befehle nicken?

Ringsum sieht er bleiche Schranzen

Auf die Kaiserwimpern blicken

Und es wachen Praetorianer

Links und rechts mit blanken Lanzen.

Steil in Stein als Wegebahner

Stehn Kentauren bei den Treppen.

Schwarze Sklaven aber schleppen,

Über Nero hoch erhoben,

Wunderbare Flimmerschilder:

Diesen Einfall will man loben,

Denn das sind die Ebenbilder

Ewig funkelnder Gestirne,

Die dem Kaiser und der Dirne,

Die er heute Nacht wird küssen,

Stets gehorsam folgen müssen!

Nero geht mit seinen Gästen

Jetzt nach Hause, und vom Westen

Speit ein Riesenungeheuer

Ihm die unverdauten Feuer

Eines Tages schräg entgegen.

Dieses Thier scheint sich zu regen,

Greift es gar nach Romas Zinnen,

Die sich immer dunkler röthen?

Soll ein Brand der Urbs beginnen

Und die Stadtbewohner tödten?

Rom sieht spät den Tag verglimmen

Und die Gluthen sich verfärben,

Doch zum Kaiser flüstern Stimmen:

»Bau ein Rom auf Romas Scherben!

Willst Du Dich mit Zeus verbinden,

Mehr als Helios sollst Du können!

Um die Sonne Dir zu gönnen,

Mußt Du aber Rom entzünden!«

Kaiser Neros Blicke schweifen

Jetzt zum Meer, das sie als Streifen,

Wie ein blutigrothes Zeichen,

Voll Bedeutung, noch erreichen.

Feuerkämme überragen

Albalongas Berggelände,

Hohe Lohezungen schlagen,

Aufgewühlt durch Riesenbrände,

Hinter jenen Hügelketten,

Wie aus Kratern, in die Lüfte.

Doch die Straße stiller Stätten,

Wo die großen Römergrüfte

Ernst aus der Campagna steigen,

Wird nun bald im Dunkel rasten

Und ihr Farbenflimmer schweigen.

Auf den höchsten Gräbern glasten

Jetzt bereits die letzten Schlacken,

Und auf steilen Mauerzacken

Sieht man auch nur Einzellichter,

Denn die Finsterniß wird dichter!

Etwas später erst beginnen

Des Gebirges steile Wände

In den Schneefeldern und Rinnen,

Wie in Blut getauchte Hände,

Plötzlich wieder aufzuglühen

Und ihr Gold rings zu versprühen.

Nero sind die grellen Scheine

Vor dem Aufbruch noch erschienen

Und er denkt der Berge Weine

Sich bei Festen zu bedienen.

Romwärts will er jener Thäler

Reiche Purpurfluthen lenken,

Daß die künftigen Erzähler

Ihm einst Anerkennung schenken.

In des Kaisers Hirne spukten

Stets die reichsten Bacchanalien

Von ganz Asien und Italien.

Und auf Riesenaquädukten

Sieht er nun nichts mehr als Weine

In den Zirkus sich ergießen

Und sich selber, im Vereine

Mit dem Volk, die Pracht genießen.

In den spätern Naumachien,

Denkt sich Nero, werden Fürsten,

Herrscher ferner Monarchien,

Die nach Ruhm und Reichthum dürsten,

Einzig dann vor Rom verenden.

Und in andern Wasserschlachten

Will ich Haifische verwenden,

Denn ich weiß, vor mir schon brachten

Kaiser grause Krokodile

In den Zirkus. Doch mein Wille

Ist noch größer, und viel weiser

Bin Ich, Nero, Gott und Kaiser.

Lange, lange muß es währen,

Bis der Zirkus sich vom Haufen

Schwüler Gäste kann entleeren.

Endlich wird man sich verlaufen,

Um in engen, dunkeln Gassen

Oft sein Letztes zu verprassen!

Draußen will sich alles letzen,

Dichte Schatten aber setzen

Sich im leeren Zirkus nieder.

Alle Flämmchen rings zerstieben,

Nur ein Saum wie Frühlingsflieder

Ist am Marmor noch geblieben.

Roms verschiedenartige Schänken

Sieht von Menschen man umringen,

Um erst drinnen nachzudenken,

Wie den Abend zu verbringen.

Ungeheure Gruppen branden

Vor dem gelben Tiberwalle,

Einige können drüben landen,

Doch der Thermen Marmorhalle

Hat Verschiedene aus den Gassen

In ihr Inneres gezogen.

Nun verebben rings die Massen

Aufgewühlter Pöbelwogen.

Ganz stille wirds in Neros finsterm Garten,

Wo die Zypressen auf die Winde warten,

Um laut zu ächzen und zu stöhnen.

Und in den Nischen giebt es Marmorbecken,

Aus denen Flammen aufwärts lecken,

Um Götter mit der Erde zu versöhnen.

Der Kaiser sieht sie mit Geknister lohen

Und trockene Bäume in dem Hain bedrohen.

Es muß ihr Rauch sich im Geäste sammeln,

Wo sich beschwingte, lose Windesschlangen

Im dunkeln Kronendickicht mitverfangen,

Da Pinienhäupter ihren Weg verrammeln.

Umkreist von einem matten Irisbogen

Kommt nun der volle Mond heraufgezogen.

Er ist vom vielen Wandern wohl ermattet,

Er scheint ein trunkenes Auge, roth verschwommen.

Der Kaiser merkt es kaum, daß er erglommen,

Da ihn der Pinienhain tief überschattet.

Er läßt sich in den Gang der Orchideen

Und Rosen, die ihm Duft entgegenwehen,

Von seinen Lieblingssklaven tragen.

Er will sich an den Blüthendüften weiden,

Und Lärm und Lust der Nebenmenschen meiden,

Denn nicht mehr zieht es ihn zu Trinkgelagen.

Der Kaiser denkt jetzt an das GötterEnde.

Oft wars, als ob man Botschaft sende,

Wenn Schnuppen lautlos durch den Äther schwirrten,

Es werde Zeus von seiner Höhe stürzen.

Und irrte er dabei zwischen den stillen Myrrhen.

So konnte ihm der Fall die Nacht verkürzen.

Die Gäste trinken nun beim Bacchanale

Falernerwein aus tiefer, goldener Schaale,

An Schönheit kann sich jeder Gast entzücken,

Gelöst sind Romas ernste Ehebande,

Denn eine große einzige Guirlande

Umfängt die Menschen, die sich frei beglücken.

Es fröhnt in Neros marmornem Gebäude,

Wer fröhlich ist, der tollsten Sinnenfreude.

Man ließ die Wände wunderbar bekränzen,

Und um die Würde festlich abzumildern,

Verhängte man den ernsten Stein mit Bildern

Und schuf im Riesensaale Blumengrenzen.

Wenn Römer ihre Marmorhallen bauen

Und in die Säulen tiefe Rinnen hauen,

So bleibt die Felsenwucht doch ganz dem Steine,

Und wenn die Künstler längst zu Staub zerfallen,

So lebt das Märchen steiler Marmorhallen

Noch fort und schafft sich langsam Trauerhaine.

Die Säulen zeugen stumm von Sklavenleiden,

Und wenn sie Gluthblumen im Herbst umkleiden,

So sprüht als Rankenschmuck das Blut der Todten

Noch rings hervor in dem Erinnerungsgarten

Der vielen tausend fern und längstverscharrten

Gemarterten, Gefangenen von Despoten.

Es blinken weiße Tempel durch die Lauben

Und um die lauten Brunnen gurren Tauben.

Der Säulen rassescharfer Kanelierung

Entspricht des Dorers adlige Regierung.

Die Hallen zeugen rings von Jugendstärke,

Und stolz auf die Gedankenwelt der Sagen,

Die sie in Stein gemetzt zum Lichte tragen,

Sind diese Bauten traute Meisterwerke.

Versuchte Rom das Schönste sich zu bieten,

So griff es zu den heitern Griechenmythen,

Man zauberte die lieblichsten Gelände

Der Odyssee auf roth getünchte Wände.

Gestalten, die im Trojerkrieg erscheinen,

Lustwandeln in Elysiums heitern Hainen,

Und ringsum unter Heldenepisoden,

Bedecken Seidenkissen Mosaike,

Mit ihren Fabelwesen der Antike,

Denn jeder Gast singt, trinkt, versinkt am Boden.

Auf andern Wänden leuchten Luftgestalten

Und blonde Knaben, die Guirlanden halten.

Doch von der Decke eines hohen Saales

Beschauen lauter wohlgepflegte Numen

Die muntern Menschen, reichgeschmückt mit Blumen,

Und freun sich am Gebraus des Bacchanales.

Es leben im Weine rebellische Kräfte!

Denn wenn sich der Sommer mit Wolken bedeckt,

Als ob er zum Aufbruch die Sturmsegel reffte,

So wird auch die Wuthgluth der Reben erweckt.

Das Erdfeuer will dann sein Wollen bekunden

Und bleibt nicht mehr länger in Trauben gebunden,

Es fügt sich nicht länger dem Sonnenverzichte,

Es gährt und es sucht seinen Ausbruch zum Lichte!

Solange sich Reben auf Lichthügeln weiten,

Wird Sonnenbegehren den Menschen begleiten,

Denn Traubensaft stärkt uns beim tollkühnen Wagen

Und läßt selbst den Schwankenden nimmer verzagen!

Der Wein ist die Frucht, die den Wildwald vertrieben,

Und ist der Begleiter der Menschen geblieben,

Er soll zur Berauschung und Freude gedeihen

Und Menschen das Jahr hindurch Lichtlust verleihen,

Er bleibt seinem Pfleger und Lichtspender treu,

In beiden sind Liebe und Lenz ewig neu!

Es reift nicht der Same allein in den Früchten,

Es müssen sich Gluthen als Räusche verflüchten.

Berauschen uns Trauben, vom Sommer geschwängert,

So wird unsere Jugend und Wollust verlängert.

Drum singt man und trinkt man zum wärmenden Weine,

Damit uns das Leben urwillig erscheine,

Der Mensch will die Schönheit zur Freude genießen,

Es soll nicht der Liebe die Frucht nur ersprießen,

Es müssen auch Träume der Seele entschweben,

Kultur ist ein bacchisches Erdgluthenleben,

Und wenn sich die Menschen, aus Traumlust, umschlingen,

So soll sie das Feuer der Erde durchklingen,

Und wenn sie, berauscht, lauter Freuden entzünden,

Befruchten sich Seelen in heimlichen Schlünden!

Ein Weib im Saal vergißt des Adels Hoheit,

Die Brunst erhitzte es zu schwüler Rohheit,

Das Marterschauspiel voller Blutvergießen

Erweckte seine dumpfen Fleischgelüste,

Und als sie einen Sklaven brünstig küßte,

Begann sie ganz in Wollust zu zerstießen.

Der Jüngling ist im Zirkus aufgefallen,

Sein rothes Kleid, die blanken Achselschnallen

Gefielen dort sogleich verschiedenen Frauen,

Und eine treibt mit ihm jetzt süße Händel!

Es schwingt ganz ruhelos ihr Seelenpendel,

Sie kann sich nicht am Kind zufriedenschauen,

Sie küßt sein Haupt und seines Haares Rosen

Und fühlt die Gier noch immer wilder tosen.

Sie hält sein teures Wesen hold im Arme,

Nein, Lüste sind es, die sie halb ersticken,

Jetzt sieht sie Bilder sich entgegennicken

Und Finger winken ihr im Traumlustschwarme.

Gar feurig glühn des Knaben dunkle Augen,

Sie herzt ihn innig, seinen Hauch zu saugen,

Doch treulos schwelgt ihr trübes Lustempfinden

Bei einem andern, der bereits erblaßte

Und dessen blondes Haupt sie nie umfaßte.

Sie sah ihn kaum in wildem Schmerz sich winden

Und seinen weißen Leib im Blut verschwinden –

Er ist dahin, sein holder Blick gebrochen,

Hat er sein letztes Sterbewort gesprochen?

Oh könnte er im Traume noch erscheinen,

Um Unverständliches ihr zuzuraunen

Und sie mit blauen Augen anzustaunen!

Dem Weibe wars, als müßte sie vor Wehmut weinen!

Es drängt sie zum Athmen, sie muß in das Freie,

Sie will, daß ihr Buhle sie dennoch geleite.

Es regt schon der Morgen voll heimlicher Weihe

Die eigene Stimme aus rauschender Weite.

Das Murmeln und Singen vom innersten Werden

Befreit ihre Seele von Erdenbeschwerden.

Nun fühlt sie sich locker, voll trautem Entzücken,

Statt sinnlichem Fiebern ein seelisches Schwingen,

Sie glaubt nun, sie könne den Sorgen entrücken,

Und horcht auf ein erdhaftes, innerstes Klingen.

Nun ist es, beim Wandeln im Parke, dem Paare,

Als ob sich die Seele der Welt offenbare,

Es sieht wie verwundert die Stille sich weiten

Und ruhige Sterne die Nachtbahn durchschreiten,

Und beide erkennen die Urzwistigkeiten,

Sie meinen, es dürften die Winde nachlassen

Und dennoch kann nachttiefer Braus sie erfassen!

Die Nebel entsteigen der goldenen Ferne,

Da spiegeln die Seelen zufriedene Sterne,

Die Umwelt wird munter, und Rom liegt im Schlummer,

Auf Wolken wie Kissen verschlaft es den Kummer.

Fast leichenbleich scheint jetzt die Herrin der Lander,

Wo bleibt das Gebraus seiner Menschenverschwender?

Es schimmern die Berge in ruhigen Linien,

Dem Nebelfeld draußen entragen rings Pinien.

Im Park ein Narziß, wie Ovid ihn sich dachte,

Beschaut sich im Schloßteich und horcht auf sein Rauschen,

Es ist, als ob Sehnsucht in ihm tief erwachte,

Denn immer noch scheint er aus Marmor zu lauschen.

Er frägt und befrägt sich im schlummernden Weiher.

Der Geist dieser Statue begreift nicht das Schweigen.

Dann hüllt er sich langsam in flimmernde Schleier,

Da ringsum der Thau fällt und Lichter entsteigen.

Es werden die Tropfen noch wachsen und schwellen

Und endlich wie schimmerndes Obst sich erhellen,

Wie Keime zu Augen und Knospen ersprießen.

Es wird auch der Thau sich dem Tage erschließen,

Bald werden die Tropfen das Sonnlicht empfangen,

Um fallreif und flimmernd im Garten zu prangen.

Es sehnt die Natur sich mit wuchtiger Brunst

Der Dämmerung entgegen. Es schwankt schon der Dunst.

Er zweifelt, ob heute das Goldlicht obsiegt.

Vielleicht naht ein Tag, da der Nebel aufstiegt:

Doch nein, denn es fiebert das Leben nach Licht,

Das Morgens sich Thaukränze flicht und durchbricht!

Die Kuppen der Berge sind Eisgötterzelte,

Und rings auf den Felsen liegt überall Schnee,

Im Thale erdrosselt der Frühling die Kälte,

Und oben verschanzt sich die Winterarmee.

Wenn westliche Winde dann wonniglich wehen,

Ergrünt um die Eisburg ein lebender Wall,

Die silbernen Panzer verschrumpfen, zergehen,

Und Waldstimmen lispeln vom Schneefestungsfall.

Bald sieht sich der Winter im Lager umzingelt,

Er reißt seine Zelte ab, groß ist die Wucht.

Es hat sich der Schnee schon wie Leinwand geringelt

Und stürzt als Lawine hinab in die Schlucht.

Es tragen die Flüsse die Lenzbotschaft weiter,

Die Schneereste schmelzen, vermischt mit dem Gischt,

Es blühen die Mandeln, der Himmel wird heiter,

Der Winter hat weithin Italien erfrischt.

Den Gießbächen jubeln die Schwalben im Thale

Voll Freude entgegen und alles erblüht,

Das Wasser entbraust jedem Bett und Kanale,

Der Frühling kam diesmal besonders verfrüht.

Die Thauwinde kräuseln die lauen Gefilde,

Da tauchen die Blüthen wie Schaumkämme auf,

Die Weiten umschlingt ihre milchigste Milde,

Stets weißer, blos weiß wird des Lichtlenzes Lauf:

Wie Inseln, umbrandet von schäumenden Wassern,

Erscheinen die Villen, in blühender Au,

Und bergen die Träume von Daseinsvergessern,

Denn oft wohnen Denker in marmornem Bau.

Es rastet die Fluch dort, um ruhig zu wirken,

Und rings bilden Myrthen und Schlehdorn den Haag,

Es treiben bereits viele Linden und Birken,

Und zwischen den Blattern liebäugelt der Tag.

Die langen Alleen beschatten Zypressen,

Ein Teich aber scheint sich durch Rosengerank

Und anderes Dickicht im Park einzupressen,

Und Lorbeer umdunkelt den Gartensfluthgang.

Dem Weiher entragt eine Inselterrasse,

Die gleicht einem Schiffe, das Wasserkraut hemmt,

Im Seerosensumpf steckt die breite Rumpfmasse,

Von Blüthen ist selbst das Verdeck überschwemmt!

Dort oben, am Steinboot, im Frühlaub verborgen,

Enttaucht eine Statue, der Flora geweiht,

Doch sieht man kein Mädchen für Lenzopfer sorgen,

Man nennt das den Ort, wo die Kirsche gedeiht.

Es stellte der umbrische, edle Gestalter

Des Bildes die Reine ins friedliche Grün,

Jetzt singen die Vögel und tanzen die Falter

Davor und umher, wenn die Sträuche erblühn.

Es braucht ihr kein Mensch seine Huld zu bezeugen,

Und bleibt auch das Standbild im Dickicht versteckt,

So werden die Bäume sich weiter verneigen,

Und jährlich wird Frühlingsglück wieder erweckt!

Oh Flora, du hast dein Italien der Kriege

So herrlich mit Blüthen und Träumen verschönt,

Dich hätte das römische Volk nach dem Siege

Von Herzen zur Göttin der Liebe gekrönt.

Doch brachten Gelehrte, verzückt, Aphrodite,

Nach Wanderungsjahren, aus Griechenland heim,

Sie senkten den Blick in die Herzensgebiete,

Das Meer aber gab seinen Erdhimmelsreim.

Die See offenbarte auch ihnen die Liebe

Und hat ihre Räthsel stets weiter entrückt,

Sie zog sie hinein in ihr Wellengestiebe

Und hat sie belehrt und doch niemals beglückt.

Man liebt jenen goldenen, sichtbaren Bogen,

Das Ende der Welt, das sich ewig entdehnt,

Man weiß wohl und fühlt, man wird immer betrogen,

Und doch folgt ihm stets, wer sich fort von sich sehnt.

Und oftmals erblickt man auch Inseln von Streifen,

Wie Reifen mit Flimmerjuwelen umsprüht:

Der Mann will das Eiland erreichen, begreifen,

Und löst seinen Gürtel, der Keusches umglüht.

Der Grieche zumal schäumte leicht durch die Wogen,

Er hat lauter Fernen lebendig erfaßt,

Das Meer ist den tollkühnen Männern gewogen

Und trägt seine Last oft zu traumreicher Rast.

Drum hat sich den Griechen der Zauber des Meeres

Am Strand ihrer Inseln voll Schönheit enthüllt,

Sie sahen am Morgen auf einmal ein hehres,

Lichtinniges Weib, ganz von Erdbrunst erfüllt!

Das war Aphrodite. Aus schäumenden Kronen

Erschien sie und hat ringsum Urmilch verschenkt,

Sie wollte die Kühnen am vollsten belohnen

Und hat Jungfrauaugen vor ihnen gesenkt.

Als Roma die Venus von Hellas empfangen,

Da wurde Italien um Flora gebracht,

Nur selten durchglühte die Lust ihre Wangen,

Und da ist die Keuschheit der Blumen erwacht.

Oh Flora, Dich hätte kein Christkind vertrieben,

Du wärest als Göttin der Liebe erkannt,

Die Erdmutter Gottes, die Urfrau geblieben,

In der die Geburtsgluth der Gnade entbrannt!

Du Ewigkeitsweib, holde Flora, wir stehen,

Du UnerkanntEinsame, die nicht erstirbt:

Oh, lasse Dein Wesen die Erde umwehen,

Da Jugend im Dufte sich sucht und erwirbt!

Oh, lasse entwurzelte Seelen durch Kränze

Noch einmal am Erdhauch sich bitter erfreun,

Im Duft schwankt die Sinne und Urgefühlsgrenze,

Drum mag man mit Reuethau Blüthen bestreun!

Oh Flora, Du hättest, als Göttin der Liehe

Den vollen Gefühlen des Volkes verwoben,

Als Hoffnungssymbol, im Verheerungsgetriebe

Der Kriege, die Seele der Römer erhoben.

Das Heiligthum Deiner vollendeten Güte,

Oh Flora, erglühte bereits in den Herzen

Der Streiter, in denen ein Wunschgarten blühte,

Um einst dort zu rasten und Gram auszumerzen!

Den Römern erschienen auf Gipfeln, in Triften,

Sowie in der Wüste die lieblichsten Gärten,

Und wenn sie den Ozean furchtlos durchschifften,

So sahen sie Fluren, die Frieden gewährten.

Oh Flora, Dich seh ich ein Glücksland enthüllen,

Du zeigst heitere Villen an Bajäs Gestaden,

Die Greise mit Jünglingen eifernd erfüllen,

Und lauter noch plaudern versteckte Kaskaden.

Umrauscht vom wildsausenden Brandungsgebrause,

Erscheinen Terrassen, die Pfade verknüpfen,

Und diese geleiten zu marmornem Hause,

Um wieder im Dickichte rings zu entschlüpfen.

Die Villen entstanden im Sinne Vitruvius,

Und drinnen erblickte man feurige Schlangen,

Die rings auf den Hängen des fernen Vesuvius

Wie kupferne Klammern und Gluthspangen prangen.

Reflexe, wie Aale und blutrothe Fische,

Enthuschen bei Bajä dem flimmernden Gischte,

Und hie und da hört man ein seltenes Gezische,

Wenn einmal das Mondlicht ein Gluththier erwischte.

Oh großes Rom, mit Deinen stolzen Marmorbauten,

Versteckten Backsteinhäusern und verruchten Gassen,

Als Deine Kinder ihrer Weltmacht ganz vertrauten,

Begannen sie die Stadt beruhigt zu verlassen.

Ein zweites Rom, das an die Festungswälle grenzte,

Ist dann in der Campagna wunderbar entstanden,

Und diese Landstadt, die Dich rings und hold umkränzte,

Beschützte ihren Frieden zwischen Laubguirlanden.

Schon Cäsar hat die Wünsche Roms verstanden,

Als er der Allgemeinheit seinen Park vermachte,

Und als die Bürger dann daselbst Erholung fanden,

So freute sich das Volk, weil Cäsar es bedachte.

Dann später wohnten die Patrizier nur in Villen,

Und ihre Baumeister wetteiferten an Können,

Um alle Prachtbedürfnisse von Rom zu stillen

Und sich die Freude freier Künstlerschaft zu gönnen.

Es brachten doch die Bürger zum Palaelienfeste

Bis in das Herz von Rom berühmte Blüthenhügel,

Die Reichen praßten da, das Volk bekam die Reste,

Sogar die Plebs hatte ihr Anrecht auf Geflügel!

Du freudige Stadt, ein ensetzliches Nagen

Durchwühlt Deinen Boden. Vernimmst Du das Klagen?

Oh Rom, horche auf, unterscheide das Bohren,

Es wird unterirdisch ein Lichtgott geboren!

Die Menge der Anhänger Christi gräbt Gänge,

Um drinnen ihr Leid und sich selbst zu verstecken,

Es ist, als ob innerste Erdgluth sie dränge,

Die Heilkraft des Menschengeschlechtes zu wecken.

Du riesiges Rom, Deine Wälle und Mauern

Vermögen dem Anprall der Feinde zu trotzen,

Verfolgte jedoch, die in Grotten schmarotzen,

Beginnen Dich schon voller Haß zu belauern,

Kein Leib aber wird seinen Wurm überdauern!

Die Heiden verspotten noch immer die Christen

Und nennen sie dumme Bewußtseinsbetäuber

Und schelmische Käuze, die unsichtbar nisten.

Versteckt unter ihnen sind allerdings Räuber,

Von Christo in Schutz seines Kreuzes genommen,

In Manchen ist wirklich auch Reue erglommen.

Sie trachten die blutigen Schemen zu bannen,

Womöglich die Erdgiftinstinkte zu würgen,

Und singen Lichtlieder, die Priester ersannen,

Um Büßern das ewige Reich zu verbürgen.

Verschiedene Graber und Nachgrübler wähnen

In sich und den meisten den Tod der Gelüste,

Da aber erstehen auf einmal Hyänen,

Die Nachschleicher dessen, der Jesum falsch küßte,

Und diese beschließen die Christengemeinde

Zuerst zu verleumden und dann zu verkaufen.

Denn, meinen sie, liefern wir Rom seine Feinde,

Im Untergrund, aus, läßt man uns dafür laufen!

Und wirklich, die Römer verzeihen den Räubern

Und lassen die Grottenstadt lüften und säubern:

Sie ziehn unter Rom, aus den schimmligen Löchern,

Gestalten, die halbnackt im Kellersumpf waten

Und lebend schon fast zu Skeletten verknöchern.

Auch Priester sind unten in Isisornaten,

Und alle die Narren, so schmipft man die Sekte,

Von der schon so mancher im Zirkus verreckte,

Vertheilt man nun wieder an alle Theater,

Und spottet: nun rette sie dort ihr Gottvater!

Das Christenthum aber ist nickt zu vernichten,

Es steigen die Jünger des Heiles auf Leitern,

Bereit auf die leibliche Lust zu verzichten,

Zurück in die Grüfte, die stets sich erweitern.

Erglimmt die Begierde zum eigenen Entsetzen,

So reißt man dort heimlich die Kleider in Fetzen

Und kratzt eine Statte, mit blutigen Händen,

Im Urbsuntergrunde, zum Gottesdienst aus.

Die Thatsachen formeln sich hier zu Legenden,

Und singt man, so schallt in den Gängen Gebraus.

Doch lieben die Christen ihr schreckliches Heim,

Und sprechen sie, lispelt die Decke den Reim:

Der Reim ist geboren, der Reim ist erstanden,

Das christliche Lied, in unheimlichen Banden

Vermag aus der Urklage klangwärts zu branden.

Oh Rom, diese Höhlen durchfressen den Boden,

Auf dem Du Dich roth wie ein Morgen erhoben,

Es trachten sich Christen zusammenzuroden,

Um Gott und den Heiland unheimlich zu loben.

Die Leute, die bohrend die Schlünde durchschleichen,

Empfinden ein neues, unstillbares Glück,

Sie trachten gemeinsam das Heil zu erreichen

Und finden davon in sich selber ein Stück.

Gar oft, wenn sie betend und schaffend erschlaffen

Und fieberdurchfröstelt beim Graben verzagen,

Erscheint es beinahe, als könnten Gedanken

Und Geister, allein, weiter schaufeln und schaffen.

Die Weiber erkranken, man grabt kaum, doch Klagen

Und Seufzer vermögen noch weiter zu nagen!

Ein Priester umgab sich im weitesten Gange

Mit gläubigen, bleichen und Leichengesichtern.

Nun spricht er, beleuchtet von rußenden Lichtern,

Mit winziger Stimme, mit zinndünnem Klange,

Vom Golgathasieg über Satan, die Schlange!

Es schleppen sich immer noch Greise auf Krücken,

Mit Weibern und Kindern, mit wimmernden Stimmen,

Von ringsum herbei, um zu Gott zu entrücken

Und frei durch den Geist Christi Reich zu erklimmen.

»Oh kommt«! ruft der Priester: »Ich will Euch beglücken,

Ihr alle dürft Blüthen der Ewigkeit pflücken,

Ihr selbst seid des Geistes lebendige Kronen,

Und kann auch der Tod Eure Stiele nicht schonen,

So bleibt doch das Licht und der Hauch für Aeonen!

Vernehmt Ihr die Worte, die Jesus gesprochen,

So wird in Euch selber der Winter gebrochen,

Dann träufelt der Thau einer geistigen Taufe

Erfrischend und segnend aus Gott in die Seele.

Ihr folgt tausend Strömen, beim innersten Laufe,

Und sorgt, daß der Trost nimmer unter Euch fehle!

Oh Menschen, nun sind in Euch selbst Christi Saaten

In eigener Wärme im Herz aufgegangen,

So spendet den Pollen mildthätiger Thaten,

Dock scheut Euch, verbergt auch die Scham auf den Wangen,

Und kommt dann, das Blut Christi selbst zu empfangen!

Der Sommer der Seele wird Lenze befruchten,

Der Ingrimm in Euch Christi Feind niederwuchten,

Ein Lenz aber, der in der Seele erblühte,

Währt ewiglich, sieht man, daß Gott ihn behüte!«

Die Zuhörer fühlen sich ringsum durchschauert

Und lichte Gedanken, von Sorgen umkauert,

Die alle zu schwach zum Erblühen geblieben,

Beginnen nun spürbar durchs Dunkel zu sieben.

In Träumen entstand wohl bereits manche Ranke

Aus Eden vor Menschen und zauberte Auen

Vor fündige Sinne. Der Anhaltsgedanke

Jedoch war zu schwach, um sich tief zu erschauen,

Und ließ die Gelüste ein Reizschloß erbauen.

Am Ewigkeitskeim konnte Erdfaulheit nagen,

Gewohnheiten durften die Hoffnung verlachen,

Durch Christum jedoch wird Elysium jung tagen,

Die Gluthfrucht im Schwachen am stärksten erwachen!

Oh Rom, ein gewaltiges Hämmern und Bohren

Zernagt Deinen Boden und will nicht verstummen.

Es haben sich Christen tief unten verschworen,

So höre, das unheimlich steigende Summen!

Die Christen beginnen den Leib zu kasteien,

Um so jede Gier aus der Seele zu merzen

Und völlig den Geist aus dem Staub zu befreien,

Denn alles das, glauben sie, können die Schmerzen!

Das Christenthum hat seine Wurzeln geschlagen

Und schon unterwühlt es den römischen Boden,

Es wird bald, als Baum, in den Sonnenraum ragen,

Und einst überschattet es Friedensperioden.

Nur wird es beim Wachsen Rom früher zerspalten

Und alle Theater und Tempel zerschmettern,

Doch spendet es dann mit helllobdernden Blättern

Und ewigen Blüthen der Welt Urgewalten.

Es wird als Befruchter von Geistesgeschlechtern

Den Völkern um sich holde Jugend verleihen.

Durchpilgert von heiligen Glaubensverfechtern

Wird dann ein gesegnetes Weltreich gedeihen,

Und sollte der Baum auch in Rom einst verdorren,

So werden schon Schößlinge ringsum ersprießen,

Denn endlich wird dennoch die Wahrheit entworren,

Wir werden sie alle gemeinsam genießen!

Ein Priester dort unten verträgt nicht das Bohren,

Die Martern, die Sorgen, das ewige Hämmern.

Es ist ihm, als ginge die Jugend verloren,

Als müßte er nutzlos in Kerkern verdämmern.

Es kann schon ein Fühlen die Lüsternheit schüren,

Es packt ihn auf einmal ein Ekeln und Grausen,

Ganz freudlos in Gruben verschüttet zu hausen,

Und schon wird er flüchtig, ein Weib zu verführen.

Doch hält ihn dort oben bald Trauer umklammert,

Er sieht seines Körpers fast todähnliche Blässe,

Er fühlt, daß er nun trost und hoffnungslos jammert,

Und abermals sinnt er von Dunkel und Nässe.

Verfinstert erscheint ihm die Seele der Heiden,

Er hält sie für schlechte, verlotterte Buben,

Ein ewiges Licht aber, weiß er, sind Leiden

Und Jubel der Bruderschaft, tief in den Gruben.

Es scheint ihm auf einmal ein Irrlicht die Pfade

Der Innerlichkeit und der Stadt zu erhellen.

Es huscht durch die Sinne, es scheint ihn zu schnellen –

Da ruft er: »Oh Herr, habe Nachsicht und Gnade!«

Doch folgt er dem Tanzlicht durch Gärten und Gassen

Und trachtet dann Buhlinnen rasch zu bekehren,

So rufen die Leute: »Was sind das für Lehren,

Fürwahr, er ist toll und man müßte ihn fassen.«

Nun will er die Zukunft von Rom prophezeien

Und wie die Sibyllen das Ende der Götter

Verkünden und Tempelaltäre entweihen!

Da ruft aber plötzlich ein anderer Spötter:

»Fürwahr, es braucht niemand in Rom zu verzagen,

Viel besser als Narren, kann Janus uns sagen,

Ob dunkle Epochen mit flunkernden Sehern

Sich uns, den Beherrschern des Erdrundes, nähern.

Doch nein, Ihr könnt still wie der Gott – ohne Grauen,

Den Feinden zum Trotze – ins Zukunftslicht schauen!«

Da ruft jener Priester emphatisch und zornig:

»Ihr Heiden seid bleicher als wir in den Schachten,

Und ist unser Weg auch verborgen und dornig,

So will ich doch wieder im Schlund Gott verfechten!«

Nun hält man den Priester für völlig verschroben

Und laßt ihn auch, trotz seines Blutfluches, laufen;

Doch ihm ist es plötzlich, als müßte er toben

Und weinen, er ist ja gemein wie der Haufen!

Er ist der Gemeinschaft der Christen entflohen

Und hat sich auch wieder den Lüsten ergeben,

Man wird ihn bestimmt als Verräther bedrohen.

Er tappt aber trotzdem zurück durch die Gange,

In denen die Christen voll Bangigkeit schleichen,

Er fürchtet dabei seiner Obrigkeit Strenge

Und freut sich dann wieder, das Heim zu erreichen.

Nun wird er, er kann es wahrhaftig nicht fassen,

Von allen Genossen mit Jubel empfangen,

Man wartete lange, voll Angst und mit Bangen

Auf ihn, der die Grottenverstecke verlassen.

Es scheint sein Erscheinen sogar zu entzücken,

Er sieht, wie die meisten sich demüthig bücken,

Sie glauben, er sei aus der Gruft zum Bekehren

Und Spenden des Heiles urplötzlich verschwunden

Und habe als Flüchtling das Rechte gefunden,

Damit ihm die Freunde die Reise nicht wehren!

Sie hofften, es werde der Herr ihn geleiten,

Und beteten öfters, es möge gelingen,

Gefahrlos die feindliche Stadt zu durchschreiten

Und vielen das Wort des Erlösers zu bringen.

Der Priester war schwach und er konnte sein Treiben

Dort oben in Rom keiner Seele bekennen,

Doch hoffte er ferner asketisch zu bleiben

Und nimmer im Fieber ins Freie zu rennen.

Auf einmal jedoch kam die Luftsehnsucht wieder

Und glühende Brunst fuhr ihm jäh durch die Glieder.

Da warf sich ihm aber ein Mädchen zu Füßen.

Sie kam in die Gruft, für Vergangenes zu büßen,

Sie zitterte lange, jetzt kann sie kaum stehen

Und muthvoll ihr teuflisches Fühlen gestehen.

Doch ruft sie auf einmal mit blutigem Mund:

»Oh heiliger Bruder, mein Herz ist so wund,

Ich starrte in Moder und garstigem Dunst,

Ich stöhnte, oh Heiland, entraff mich der Brunst,

Ich habe gefastet, ich sprach mein Gebet,

Es haben sich Bilder im Kreise gedreht,

Ein Jüngling erschien mir, auf schäckigem Thier,

Doch kam nicht der Heiland herunter zu mir.

Ich faßte den Knaben, er hat mich geküßt,

Da pochte mein Herz und es wuchs mein Gelüst,

Ich weiß, – oh ich hab ihn im Traume gedrückt

Und herrlich mit Blüthen und Thränen geschmückt.

Die Venus, vor der ich mich früher geneigt,

Hat sicherlich diese Gestalt mir gezeigt.

Denn bat ich um Männer vor ihrem Altar,

So zeigte sich gleich eine herrliche Schaar.

Ach, wie mich noch jetzt die Erinnerung quält:

Ich habe da stets, was mich reizte, gewählt,

Doch nun packt mich immer die Sorge im Traum,

Erwach ich, so würgt mich der modrige Raum.

Gespenster erfüllen die furchtbare Leere,

Sie stürzen auf mich, ich fühl ihre Schwere,

Oh hilf mir, ich weiß, ich bin immer noch geil,

Der eigene Kalvarienberg ist mir zu steil,

Oh rette mich, du, und versprich mir das Heil!«

Nun bückt sich der Priester und spricht voller Güte:

»Der Heiland erhört Deinen innigen Ruf,

So bete mit mir, daß der Herr Dich behüte.

Denn siehe, er liebt was er leiderfüllt schuf.

Umarme die Wände und küsse die Erde,

In der wir verborgen den Heiland erflehn,

Und wisse, es ruht Christi folgsame Heerde

In Grüften, um einstens noch rein zu erstehn!

Ob wisse, wir können die Erde nicht schänden,

Sie haucht sich jungfräulich die Pestschemen weg,

Nach Kriegen und Aufruhr, nach gräßlichen Bränden

Umgrünt sie, versteckt sie den schandhaften Fleck,

Sie birgt uns in sich, da wir Rom einst zerstören,

Die Stadt, die wie Babylon, brunsterhitzt praßt,

Doch muß man sich erst gegen sich keusch empören,

Bevor man das Übel der Heidenurbs haßt.

Die Gluth dieser Erde, die hier uns erkoren,

Die Feinde des Fiebers im Darme zu sein,

Hat gleichfalls den Heiland jungfräulich geboren

Und will, daß nun wir unterm Kreuze gedeihn!«

In sich aber greift und erfaßt jener Priester

Das Grauen des Zwiespaltes, der ihn bewegt,

Er beichtet, befragt sich und innerlich liest er

Dabei ein Gebot, das sein Wesen zerlegt.

Er schluchzt: »Mutter Gottes, Du helles Gewissen,

Du glühender Wunsch, der das Dunkel zertheilt,

Der Schmerz hat die Nebel der Seele zerrissen,

Und Du hast mein furchtsames Herz dann geheilt.

Maria, Du liegst in unendlichen Wehen,

Du Erdmutter, Mutter, Du leidest in Gruben,

Im Schlunde der Urbs, die als Urgrund entstehen.

Wir schwanken, uns schwindelt in wunschdumpfen Stuben,

Wir irren und walten durch weltgraue Räume

Und sind nur die Wurzeln für Träume, für Bäume.

Maria, auch Du mußt Dich einsam erkunden,

Wir wühlen für Dich und wir schlagen Dir Wunden,

Wir wollen verschrumpfen, doch Du sollst einst tragen

Und Sonnen verfinsternd der Erde entragen.

Oh Heiland, nun hab ich Dich wahrhaft gefunden,

Du ruhtest so traurig und stumm in dem Grab,

Dann bluteten plötzlich, oh Herr, Deine Wunden,

Da ich Dich, Dein Mörder, bleich angesehn hab.

Das Blut aber leuchtete sanft in der Tiefe,

Es wurde die Erde auf einmal erhellt,

Und mir war, als schimmerte, sickerte, liefe

Es ringsum ins sonnlichtbeackerte Feld.

Ich sehe es noch in den Weinbeeren reifen,

Der Glaube an Dich, guter Heiland, erwacht,

Wir können die Saat Deines Blutes begreifen,

Die Herbsternte strahlt in unsagbarer Pracht!

Es fließt Deine Milch, in verzücktem Gebete,

Und reifen im Lichte Geschlechter heran,

So legt in dem Baum, den die Schöpferhand säte,

Der Sohn seine Liebe und Fruchtbarkeit an.

Es wachsen die Wesen, in Streit und in Liebe,

Und geben ersterbend lebendigen Geist,

Auch ich habe Beeren und Ranken und Triebe

Im Urgrund der Seele, die Gott ewig preist!

In mondbleichen Nächten, beim sternstillen Morgen,

Erleuchtet und kräftigt der Sohn mein Gebet,

Die Gluth, die im Schooße der Erde verborgen,

Berauscht meinen Wein, wenn die Wärme verweht.

Ach, ferne vom Tage und lautem Verhalten

Giebt ganz sich der Mensch seiner Herzlichkeit hin.

Oh Heiland, dann magst Du in mir wachsam walten,

Ich lache, ich weiß, daß ich ganz bei Dir bin.

Du kannst mich zu Dir, viel zu tief zu Dir ziehen,

Dann seh ich, getilgt ist die furchtbare Schuld,

Denn Gnade ist mir, für mich selber, verliehen,

Ich trage die Reue und Scham mit Geduld!«

Ganz erschöpft vom Bacchanale findet Nero keinen Schlaf,

Und es dringt aus fernen Räumen sanft verklingende Musik

Bis zum Kaiser noch herüber, weil sie keine Thüren traf.

Und da flüchtet das Gewölke. Neros Träumemosaik

Zeigt ihm Rom im Purpurkleide, aufgebaut aus Abendpracht.

Das Gestöhns ferner Flöten hat den Dunst nun ganz verzweigt.

Und in Neros Traumregionen ist ein grauser Schwarm erwacht,

Der aus seinen Seelenkerkern zügellos und wild entsteigt.

Freches Lachen, schrille Schreie, wie das raschelt, wie das klingt,

Wie das Zittern straffer Saiten Schloß und Riegel rasch bezwingt,

Wie es Fieberfeuer schürt, selber nun als Lohe glüht,

Bis im Traumgluthstrom des Kaisers mancher Feind als Schatten brüht!

Nero folgt nur seiner Neigung, ob er fiebert oder tobt,

Schrecklich ist das Machtbedürfniß im tiberischen Geschlecht,

Nero kann es nicht vertragen, wenn man Kaiser Claudius lobt,

Weil sich der an fernen Fürsten noch im Innern Roms gerächt.

Viel zu weit sind jetzt die Grenzen im vollstreckten Römerreiche,

Und so feiern Satrapien selber ferne den Triumph.

Es entwachsen Kolonien ringsum schon dem Urbsbereiche,

Und es blühen Freudenstätten ferne zwischen Wald und Sumpf.

Nero aber will, trotz allem, Großes seinen Römern bieten,

Und da glaubt er plötzlich, es entspricht des Volkes Appetiten,

Fängt er an die Traumgestalten wirklich durch die Gluth zu hetzen,

Ganz entschieden, denkt er, wird man mich dafür unendlich schätzen,

Denn es schläft kein Weltbeherrscher, immer schwelgt er nur und träumt!

Es umschleichen ihn stets Schleier, wie ein schnellverträumter Trug.

Plötzlich sieht er Fürsten taumeln, ihr Gewand war roth gesäumt,

Und er sah auch, wie aus Wunden furchtbar grell ein Feuer schlug.

Dieses Bild hat ihn gereizt, und er denkt nun mit Gefallen,

Wie besiegte Völkerstämme furchtbar enge Fesseln tragen,

Wie auf einmal, aus der Höhe, Flammenmassen niederfallen

Und die Menschen rasch vertilgen, weil sie ihm nicht mehr behagen.

Ja, er sieht nun blasse Sklaven sich durch Feuerschlangen winden,

Endlich auch die Senatoren, die ihm immerhin noch trotzen,

Und die ganzen Menschenknäule dann im Flammendunst verschwinden,

Plötzlich aber andere Fratzen aus den Nebelfalten glotzen,

Doch es grämt ihn, daß das Feuer gar so wuchtig weiterschwoll

Und der Rauch so schnell entfauchte, ihm den Marterreiz zu nehmen.

Plötzlich gellt ein heiseres Lachen. Nero hört, man nennt ihn toll.

Und es kreischen schon und kichern, rings um ihn, vermummte Schemen.

Flammen werden wohl erscheinen, wenn die Masken niederrollen,

Denkt der Kaiser. »Aber nein doch, seht, es sind die frechen, tollen

Christen!« ruft er: »Die statt meiner, Rom, die Welt beherrschen wollen!

Nero wagt man toll zu nennen, mich, den größten Römerkaiser?«

Brüllend hat er sich erhoben, und er schreit nun: »Spottet leiser!«

Und er sieht, zum Traum gewendet: »Kreischt doch nicht mit schrillen Stimmen,

Denn die Welt könnte Euch hören!« Da ihn jene fort ergrimmen,

Will er jetzt im eigenen Inneren Rauch und Dunst heraufbeschwören,

Denn die Christen, dieser Auswurf, dürfen keine Allmacht stören!

Solche Qualen der Beschimpfung kann ein Kaiser nicht ertragen,

Und so laßt er Lästerchristen rasch aus ihren Höhlen holen

Und sie rings auf hohe Kreuze für ihr freches Höhnen schlagen.

Darauf läßt er Holz entzünden, denn sie sollen schnell verkohlen.

Dieses Schauspiel findet Anklang, die verdroßenen Weltbesieger

Lassen, unterm Boden Romas, ringsum nun nach Menschen scharren,

Nach dem Maulwurf suchen emsig jetzt Hyänen, Hund und Tiger,

Und man zwingt auch viele Sklaven mitzubrüllen: »Wir sind Narren,

Denn wir glauben an die Marter, spannt uns vor die Judenkarren!«

Ja, es müssen schwarzverhüllte, todtgeweihte Karawanen

Wechselweise ihre Wagen, voll von Christen, vorwärts ziehen,

Und da giebt es ganz verschiedene Bürger, Freie, Unterthanen,

Aber Keinem wird von allen Gnade oder Recht verliehen.

Wie ein Wurm wird nun die Sekte aus dem Darme Roms gerissen.

Doch es trauern nicht die Christen, denn ganz rein ist ihr Gewissen.

Sie bemerken kaum die Feinde, sie vernehmen kein Gekicher,

Ihr Gebet giebt ihnen Starke, denn nun müssen sie verscheiden.

Und sie ziehen fest und tapfer, ihres Martertodes sicher,

Hin zur Stätte ihrer letzten, gottgefälligen Erdenleiden.

Viele glauben es genügt nicht, um zu Gott sich aufzuschwingen,

Stark und gläubig auszuharren, und Verlästerung und Qual

Scheinen ihnen viel zu wenig, um den Himmel zu erringen,

Und sie singen Gott bestürmend fromme Lieder im Choral.

Fieberangstdurchzuckt erreicht nun dieser Wurm die Marterstätte,

Hurtig werden schon die Christen auf die Kreuze angenagelt,

Und man ruft, wie einst bei Christo: »Bittet Gott, daß er Euch rette!«

Und von hohen Flammenstößen sieht man, wie es Funken hagelt.

Rom, besonders um das Forum, wird durch diesen Brand bedroht.

Doch man schürt das Feuer weiter, hocherfreut, daß etwas loht!

Niemand denkt jetzt an Gefahren, mit Gejubel und mit Johlen

Sieht der grausam rohe Haufen jene Christen dort verscheiden.

Alle brüllen, klatschen Beifall, daß die Feinde nun verkohlen,

Denn man liebt es, sich an Leiden anderer Menschen frech zu weiden.

Ach, die wilde Feuermarter, wie sie einreißt, wie sie schneidet!

Doch Gedanken und Gefühle voll von Liebe, Todgeweihte,

Die Ihr für den Henkerkaiser und sein feiges Krongeleite,

Hoch zu Gott empor gerichtet, weil er mit der Schöpfung leider,

Heben Euch zu Dessen Rechten, Nero noch zur linken Seite!

Wie aus Weltenessen stäuben stets lebendige Gedanken,

Und sie legen, wo sie können, Feuer in den Hirnen an.

Heute aber prasseln sichtbar Bäume mit Raketenranken

Und entzünden in den Seelen, was sich nur empören kann.

Glühend rother Bast wie Zunder löst sich los von todten Christen

Und entschwebt ihnen wie Tauben, denn so niedrig ist sein Flug,

Und es kann auch dieses große Gluthgefieder ringsum nisten:

»Feuer!« hört man plötzlich rufen, wo der Sturm den Zug hinschlug!

Eingeäschert ist schon manches jämmerliche Backsteinhaus,

Jeder Brand aber bringt Freude, denn man weiß doch, Nero baut

Jedem gerne neue Häuser und drum giebt es Saus und Braus.

Trunken tanzt man um Ruinen, Rohheit wird nun ringsum laut,

Leichtsinn ist die nächste Folge, mit dem Feuer kann man spielen!

So ein Brand ist doch ein Schauspiel, wie es niemand früher kannte,

Nichts ist schöner als ein Feuer, wenn die morschgewordenen Dielen

Funkenstiebend rasch verprasseln und die Balken imposante

Wuth entflammen; traurig ist nur, wessen Haus nicht mitverbrannte!

Trunken und im Trubel drängen sich die Massen hin zum Kaiser,

Der erleuchtet durch der Kreuze helles, grelles Fackelflackern

Sich das Marterschauspiel ansieht. Viel zu schrill jedoch und heiser

Gellt ihm jetzt das wilde Schreien von so dünkelhaften Rackern!

Ja, er glaubt ein Machtbewußtsein aus dem Volksgebrüll zu hören –

Gar nichts aber, denkt er, darf durch Lob des Kaisers Allmacht stören.

Jetzt erstürmt der böse Pöbel plötzlich Neros schöne Gärten.

Durch des Pincios holde Haine tollt die angetrunkene Menge

Und entleert sich vor den Büsten von Heroen und Gelehrten,

Und vor Virgils Marmorstandbild lallt der Haufen Lottersänge.

Ringsum fahndet er nach Christen, um sie rasch ans Kreuz zu schlagen,

Da man aber keine findet, fängt man an darum zu losen.

Kreuze sind schnell aufgerichtet, tausend Mordgesellen tragen

Schon ein todgeweihtes Mädchen, das sie erst noch lüstern kosen,

Jetzt zum rasch geschaffenen Richtplatz. Keinem Opfer hilft sein Brüllen.

Heute müssen Ungezählte noch als Ruß die Nacht erfüllen!

Die dunkelsten Gluthen des Juli verbluten,

Es scheint ein entschwundenes und kurzes Vermuthen

Glückssprühenden Lebens der Welt zu entsteigen,

Sie fühlt ihrer Spannung tiefrhythmisches Schweigen.

Es quillt wie ein Leuchten aus herbstlichen Narben,

Die Asche der Farben, die brennend erstarben,

Erblaßt und verzittert, und Frühlichtbestäubung

Versenkt alle Schleier der Farbenbetäubung.

Erschlaffen die Strahlen, die Wonne erwecken,

Entstehen Lichtflechten, die Gluth zu bedecken,

Es scheinen sich Netze auf Farben zu legen,

Und Nerven beginnen sich ringsum zu regen.

Die waren einst selber die Freude, die Farben,

Und ahnten im Lenze, nach sonnlosem Darben,

Den Aufruhr des Sommers, sein fühlendes Schaffen,

Und spüren bereits sein urjähes Erschlaffen.

Es liebt die Natur diese drückende Schwüle,

Sie ahnt ihre leiblichsten Muttergefühle,

Sie läßt sich von glühenden Küssen betäuben,

Und fügt sich in Alles, sie kennt ja kein Sträuben!

Sie schweigt, ihrer Wonne, der Sonne ergeben,

Sie schützt ihr der Starre entbundenes Leben,

Und stirbt dann der Sommer, verweht ihr Empfinden,

Sie kann sich mit allen Gestalten verbinden!

Nur kurz hat die Schwüle des Juli gedauert,

Schon fühlt sie, wie Müdigkeit matt auf ihr kauert,

Es flüchtet die Gluth über blühende Zäume.

Und fühlst Du! Ihr Abschied erschüttert die Bäume. –

Es baute sich Nero auf Antiums Gestaden

Ein Lustschloß mit marmornen Prachtkollonaden,

Und eben erfreut sich der Kaiser im Schatten

Am heitern Getriebe auf sonnigen Matten.

Er sieht, wie sich Blüthen im Zephyr entblättern,

Um scheinbar als Flügel ins Blaue zu klettern

Und wieder zu fallen, wenn andere fliegen,

Um träumend sich wieder auf Halmen zu wiegen!

Es ist ihm, als warteten Pinien am Hügel,

Mit riesigen Kronen wie offene Flügel,

Aufs Machtwort des Lichtes, sich selbst zu besiegen

Und übernatürlich zur Sonne zu fliegen!

Er hört ein Geplätscher, aus steinerner Muschel,

Als wäre es Liebender leises Getuschel,

Und wirklich, ein Pärchen in Marmor gehauen,

Kann dort seine Schönheit im Weiher erschauen.

Im Sonnenlicht aber erfrischen Fontänen

Den Garten mit hellen, gelockerten Strähnen,

Die Marmordelphine und Nixe verschnauben,

Damit sie am Mittag wie Perlen verstauben. –

Ein Regenkreis soll diese Borne umranden,

Ihr Thau aber sprüht auf die Gartenguirlanden,

Die Erzkinder, rings voller Lust und Behagen,

Am Brunnenrand winden und mühelos tragen.

Das Wassergeräusch und Gefächle von Kühle

Liebt Nero besonders bei drückender Schwüle;

Da scheint ein Campagnatag weithin zu rauchen,

Um Abends in blutigem Dunst zu verhauchen.

Dann will sich der Äther mit Nebel verhängen

Und allseits die Kreise des Lebens verengen,

Die Küste darf gar keine Welle bespülen,

Es scheint selbst die See dann die Schwüle zu fühlen.

Vermag sie dem Land keine Briese zu schicken?

Sie scheint heute wirklich in Dunst zu ersticken.

Die Sonne versinkt hinter glühenden Streifen,

Doch Nero will weiter den Garten durchschweifen.

Er wartet bis Sterne ihn freundlich begrüßen,

Bald legt sie das spiegelnde Meer ihm zu Füßen;

Denn er ist der Gott, der die Erde verwaltet,

Schon wundert er sich, daß der Dunst sich nicht spaltet.

Der Kaiser beginnt jetzt zu schimpfen, zu fluchen,

Er will es durch wüthendes Schreien versuchen,

Die Götter und Sterne des Himmels zu wecken

Und selbst die Olympier durch Christum zu schrecken.

Nun ruft er, er läßt sich bekehren und taufen

Und will dann die Sterne den Göttern abkaufen,

Dafür aber Rom als sein Opfer anzünden,

Wenn Götter ihm Antwort durch Sterne verkünden.

So wandelt der Kaiser noch lange am Strande

Und blickt auf den Himmel mit purpurnem Rande,

Die Lichter des Abends sind noch nicht erglommen:

Was zögert das Dunkel herüberzukommen?

Es blicken dann endlich drei Sterne hernieder,

Doch haben sie Höfe, wie blutige Lider,

Sie wollen nicht einfach wie sonst herabsehen,

Und alles, voll Milde auf Erden verstehen.

Ihr Blick ist verfinstert und fast ohne Leben,

Nicht reuelos schöpfender Liebe ergeben,

Doch kann sie der Kaiser verweint fast gewahren,

Und hält sie für Zeichen der himmlischen Schaaren.

Er sagt sich, da Götter mich ganz anerkennen,

So muß ich zum Danke die Urbs niederbrennen,

Und bau ich dann Tempel mit goldenen Hallen,

So will ich sie plaudernd mit Hermes durchwallen.

Er will, daß die Welt sein Erträumen erlerne,

Denn denkt er, so krümmt sich sein Sinn in die Ferne!

Er kann lauter raumfreie Haine entfalten,

Und zeitlos, ganz grundferne Bauten gestalten.

Doch plötzlich entsinnt er sich göttlicher Spender

Und blickt dann zum Himmel, wo röthliche Ränder

Noch immer die spärlichen Sterne verschleiern,

Denn ringsum die Nebel sind finster und bleiern.

Es hat sich die Dämmerung noch nicht ganz verzogen,

Er sieht einen heftigen, flitternden Bogen

Von Osten empor sich stets heller erheben,

Daß selbst in der See jetzt Reflexe erbeben!

Es laßt ihn besonders die Richtung erstaunen,

Er glaubt an ein Schauspiel olympischer Launen,

Da sagt sich der Kaiser: nach göttlichem Rechte,

Erleuchte auch ich bald die feindlichen Nachte!

Er sieht sich bereits von der Gluthurbs umgeben,

Wo goldene Wimpel den Fenstern entschweben,

Es dünkt ihn, es grüßen ihn Feuerdämonen

Die lange schon lauernd die Häuser bewohnen.

Doch stehen auf einmal die schrecklichen Recken

In Kellern und Dachkammern auf, schlagen Decken

Und Treppen schnell ein, und die Rieseneinbrecher

Entragen den Lucken der brennenden Dächer.

Die Glutharme greifen voll Wuth und begehrlich

Nach allem was nah ist und feuergefährlich,

Dabei aber trachten die Flammentitanen,

Sich immer noch andere Gassen zu bahnen.

Die lockern Gesellen, mit zackigen Zungen,

Sind sicherlich schon zu den Tempeln gedrungen

Und Flammengestalten, mit furchtbarem Hauche,

Entwachsen rings Arme und Häupter am Bauche.

Es sieht sie der Kaiser sich himmelwärts bäumen,

Und ihn, der ein Gott wird, im Kreise umzäumen,

Darauf, als ein lohender, goldener Reigen,

Tief huldigend ringsum vor ihm sich verneigen.

Doch Nero träumt nimmer! Wahrhaftige Gluthen

Beginnen der dunstigen Nacht zu entbluten,

Es wurden die Wolken zu Lippen und Wunden,

Der Mond und die Sterne sind völlig verschwunden.

Jetzt hört er auch plötzlich ein menschliches Schreien,

Es scheine der Boden rings Feuer zu speien,

Doch gleich darauf: »Rom brennt! es ist ganz verloren,

Es hat sich die Plebs mit dem Heere verschworen!«

Es wollte der Kaiser die Brandfackel werfen,

Drum denkt er die Aufsicht im Land zu verschärfen,

Er sinnt schon nach Strafen für jene Entzünder

Und sieht sich zugleich auch als Roms Neubegründer.

Dann glaubt er, es wollte ihn Zeus freudig stimmen,

Und deshalb ließ Hermes die Häuser erglimmen;

»Es folgte ein Gott«, ruft er, »meinen Befehlen,

So kommt denn, wir wollen beim Brande nicht fehlen!«

Es glaubt nun der Kaiser sein Werk zu genießen,

Nicht soll ihn der Anschlag von Andern verdrießen,

Er freut sich noch heute im Feuer zu prassen,

Ja, strahlend will Nero sein Antium verlassen.

Es scheinen ihm Qualme, durch irdisches Tosen

Und Wettern, entblätterte himmlische Rosen,

Doch immer noch andere erglühen dort oben,

Wo Träume sich plötzlich als Bäume erhoben!

Es haben die meisten ihr Viertel verlassen,

Es schleichen jetzt Diebe, verwegen und dumm,

Durch öde und schmutzige, brennende Gassen

Und schleppen die Beute fortplündernd herum.

Es folgen schon allseits den Räubern und Mördern

Die Flammentitanen mit flatterndem Bart.

Es scheinen auch Stürme ihr Wüthen zu fördern

Und nirgends bleibt irgend ein Stadttheil erspart.

Es stürzen sich Winde, in riesigen Wirbeln,

Ins lodernde Rom und zerschleudern es wild,

Es knattern rings Balken, wo Glastfalter schwirbeln,

Der Hunger der Gluthen wird nimmer gestillt!

Die gräßlichen Brände der Hauptstadt entfachen

Die Funken vom mittleren Feuersbrunstheerd,

Es tönt dort beständig ein furchtbares Krachen,

Die ganze Suburra ist längst schon verheert.

Wenn brennende Bretter beim Einsturz zerschellen,

Erheben sich Funken mit Asche vermischt,

Dann können Raketen sich plötzlich entschnellen

Und lohen, wenn es im Vipernneste dann zischt.

Die Stadt überrascht nun ein gräßlicher Regen

Von Funken, den Keimen zu künftigem Brand,

Und gleich darauf wollen sich Glastschlangen regen,

Gar gierig umzüngeln sie jegliche Wand.

So wie sie dann Pfosten und Balken erschleichen

Umschlingen sie sie, wie durch Hunger ergrimmt,

Es lodern sofort alle Bretter und Speichen.

Der Brand, der die Hügelstadt siegreich erklimmt,

Muß bald den Palast der Cäsaren erreichen!

Am Boden versengen besoffene Leute,

Die plötzlich die Gluth in Spelunken erfaßt,

Es stürzt aus den brennenden Häusern die Meute

Der Räuber fast immer zugleich mit dem Glast;

Denn Menschen beneiden die Gluth um die Beute

Und plündern beinahe mit ärgerer Hast.

Verworfene Weiber durchjohlen mit Dieben

Die Trümmer und scheinen verteufelt vergnügt,

Und werden sie endlich vom Feuer vertrieben,

So rauft sich das Pack, weil kein Raub ihm genügt.

Schon will man nach Christen zum Peinigen suchen,

Die Menge ist wieder zum Martern geneigt,

Der Pöbel beginnt auf die Juden zu fluchen

Und ruft: »Diese Schmutzbrut von Ratten entsteigt

Den Grüften von Rom, um die Stadt einzuäschern,

Drum spüret nach ihnen mit Hunden und Häschern!«

Doch findet der Pöbel nicht viele zum Hetzen,

Der Blutdurst der Massen wird noch nicht gestillt,

Es ist nach dem Rauben von Plunder und Schätzen,

Jetzt mancher zum Morden und Schänden gewillt.

Man flucht auf die Numen und huldigt dem Kaiser,

In Rom wird jetzt nimmer an Götter geglaubt,

Die Stadt hält es sicher für richtiger, weiser,

Wenn jeder die Wuth gegen Schemen verschnauft.

Es haben ja doch beim Verbrennen Penaten

Die Pflicht als Beschützer der Heerde verletzt,

Hingegen kann niemand des Kaisers entrathen,

Denn dieser hat stets, was da brannte, ersetzt.

Es freun sich die Römer, wenn Tempel abbrennen,

Wer wird sich zu Göttern, ohnmächtig ihr Gut

Vor Feuer zu schützen, noch weiter bekennen?

Fürwahr, die Olympier vernichtet die Gluth

Geschädigter Menschen, in Fieber und Wuth!

Entlaufene Sklaven, Soldaten und Metzen

Verprassen Geraubtes in wildem Genuß.

Sie plünderten, raubten zuerst auf den Plätzen

Und schwelgen jetzt roh auf der Insel im Fluß.

Der Äsculaptempel wird schleunigst erbrochen,

Im Inneren predigt ein junger Prophet,

Es scheint ihm das Blut in den Adern zu kochen,

Er schwört, daß er Zion als Lichtbraut erspäht.

Er fiebert von Sodom, Gomorrha, den Städten,

Die einstens Jehova mit Schwefel zerstört,

Er weiß es, die Bibel mit Rom zu verketten,

Und ruft, daß Gottvater, durch Frevel empört,

Beschlossen hat, Rom durch den Brand zu zerstören:

Er habe bereits Christi Jünger gesandt,

Die Welt noch zur Einkehr zu Gott zu beschwören,

Doch wurden sie alle verkannt und verbrannt.

Die Christen erschracken beim Sprengen der Pforten,

Sie wurden auch gleich von der Menge geplagt,

Doch hat es der Priester, mit feurigen Worten,

Zu sprechen und weiter zu donnern gewagt.

Es horcht nun der Mob auf den tapfern Zeloten,

Der alle Patrizier und Reichen verklagt,

Dem Volke, aus Goldgier und Hochmut verboten

Zu haben, verbrüdert und glücklich zu sein,

Doch Christus läd alle zum Abendmahl ein!

Er spricht von Verzeihung und Gnadenverleihung,

Vom himmlischen, allen verheißenen Reich,

Von Herrschaft der Liebe und Knechtebefreiung,

Und siehe, es wirkt diese Predigt sogleich!

Der Pöbel versteht seinen Gott der Zerstörung,

Und fängt schon, in wilder und blöder Empörung,

Im Tempel des Gottes der Heilsmächte an

Die Opfergeräte in Stücke zu schlagen.

Es findet dabei wo ein Mann einen Wagen,

Und rasch macht ein Haufe daraus ein Gespann.

Es wird einer Christin das Büßergewand

Auf einmal mit Johlen vom Körper gerissen,

Und Buben und Greise sind eben beflissen

Das Mädchen zu schmücken; mit komischem Tand

Bedeckt, steht die Nackte nun oben im Karren,

Und der fängt schon an, über Dielen zu knarren!

Obszön hergerichtet, voll Tempelbehängen,

Begleitet von höhnischen Pöbelgesängen,

Erscheint nun die Christin, den Ihren entrissen,

Im Freien. Und kraftlos als prächtiger Bissen

Gepriesen, entschwinden ihr endlich die Sinne,

Da heißt es, es schlafe die Göttin der Minne!

Bedroht durch die Flammen, verfolgt von der Hitze,

Verläßt man die Insel, die Feuer umloht.

Es droht noch der Priester und schreit nach dem Blitze,

Da schlägt ihn ganz einfach die Volksmenge todt.

Darauf zieht die Meute hinab zum Emporium

Und schlägt, in der Unordnung komisch vereinigt,

Ein liederlich klingendes MassenBrimborium.

Und trifft man wo Christen, wird flott losgepeitscht,

Ja, selbst alle Mächtigen, die nicht entflohn,

Begegnen in Rom jetzt verwerflichem Hohn.

Die Flammen erfaßten die Schläuche Boreas,

Da sind alle Winde dem Gotte entsaust,

Nun werden die Güter der Erben Äneas

Von Stürmen und Flammen zusammen zerzaust.

Die Gassen durchhallt wildes Brausen und Pfauchen,

Und oft dröhnt und donnert es plötzlich und kurz,

Das heißt dann, in Häusern, die lodern und rauchen,

Erfolgte ein Dachstuhl und Stützbalkensturz.

Es zerrt mancher Flüchtling des Hauses Penaten

Noch krampfhaft hervor aus dem gräßlichen Brand,

Und rechnet aufs Glück seiner künftigen Saaten,

Auf Zukunft und Wohlstand, durch eigene Hand!

Das Volk läßt sich schwer durch die Hitze vertreiben,

Es hängt noch am grauen, verlorenen Gut,

Und will nah beim Grab seiner Habe verbleiben

Und denkt still an das, was für immer dort ruht.

Doch langsam beginnt es nach oben zu drängen,

Es weiß sich vielleicht höher besser gefeit,

Doch liebt es auch sehr sich in Knäule zu engen

Und drückt sich an anderer Leiber und Leid.

Es suchen die Reichen sich hoch zu versammeln,

Auf kühleren Hügeln, vor Feuer geschützt,

Beschließen sie gleich jeden Weg zu verrammeln,

Damit nicht das Volk diesen Rückzug benützt.

Es muß sie die unklare Zukunft verstimmen,

Besitzende Menschen sind meistentheils scheu,

Sie zittern, wenn Herr oder Diener ergrimmen,

Und hassen und fürchten was fremd ist und neu.

Sie trachten, die raschen Entschlüsse zu meiden,

Sie haben sie oft schon, zu spät erst, gefaßt,

Sie bangen auch jetzt für die Götter der Heiden

Und wünschen dabei nichts als Aufschub und Rast.

Ja freilich, sie schmähten am liebsten, am stärksten,

Und schwer nur verbeißen sie Kummer und Wuth,

Es trifft doch das Feuer die Reichen am ärgsten,

Denn gar nichts verliert die plebejische Brut!

Doch hoffen sie, Nero wird alle beschenken,

Zumal, die das Feuer zu Bettlern gemacht,

Besitz in verläßliche Hände zu lenken,

Bewährt sich doch immer zum Stützen der Macht.

Gar viele erklären die Christen für schuldig

Und tuscheln, sie hätten die Hauptstadt zerstört;

Doch sagt man es nicht, und schweigt lieber geduldig,

Solang man nicht Neros Vermuthung gehört.

Dann wollen die Reichen vor ihm sich verneigen und stöhnen,

Bis endlich sein Herz sich der Ihren erbarmt;

Noch können sie Keiner die Christen verhöhnen,

Sie fühlen sich alle ein wenig verarmt.

Sie trachten nur Nero für sich zu gewinnen

Und sinnen nach Macht durch zäsarische Huld;

Und nennt dann der Kaiser die Träger der Schuld,

So wollen sie die ganz ins Trugnetz verspinnen.

Die Reichen geloben den Thron zu erhalten,

Sie haben im Freistaat das Alte gestützt,

Seit jeher gefiel ihnen machtvolles Walten,

Und oftmals schon haben sie Kaisern genützt!

Sie lassen sich immerdar schützen und führen,

Sie sind doch der Bürgerschaft sicherer Theil,

Auch können Propheten die Reichen nicht rühren

Und selten nur sind sie im Staatsdienste feil.

Das, denken sie, muß doch ihr Kaiser bedenken

Und ihnen, blos ihnen, sein Wohlwollen schenken!

Wahrhaftig sie sind auch kein schwankender Haufe,

Sie haben nur Sinn für die sichtbare Macht,

Sie folgen dem Strome auf jeglichem Laufe

Und haben es stets wie die Starken gemacht;

Ja, sinkt auf der Waage unsichtbarer Machte

Die Schaale des Neuen auf einmal beschwert,

So herrschen sie weiter; durch eherne Rechte

Wird wiederum der, der das Geld hat, geehrt!

Sie bleiben die Staats und Familienerhalter,

Die Herrscher in jeglicher Generation,

Sie lassen ihr Recht als Gesellschaftsverwalter

Bestimmt ihren Enkeln und meistens dem Sohn!

Doch seht nur, sie ehrten doch auch die Penaten,

Und brachten stets Opfer nach herrschendem Brauch,

Sie ließen für Jupiter Mastochsen braten

Und freuten ihn so durch den speckigen Rauch.

Sie stellten sich stets zum Olympe am besten,

Indem sie zu Ehren der Götter gepraßt,

Sie opferten immer bei häuslichen Festen,

Wie es Göttern und Priestern auf Erden gepaßt!

Ja, wurde bei Reichen ein Hymen geheiligt,

So hat man auch Opfergelage bestellt,

Stets waren die Götter beim Jubel betheiligt,

Und neidlos hat Zeus sich zu Menschen gesellt.

Nun haben die Götter die Reichen verlassen,

Sie denken, warum wurde Rom nicht verschont,

Was wollen sie, thun sie, man kann es nicht fassen –

Fürwahr ihre Freundschaft hat gar nicht gelohnt!

Besonders Vulkan wird von allen verlästert,

Es heißt schon, wo bleibt die hieratische Zucht,

Es sind diese griechischen Götter verschwestert,

Und Gift birgt der Inzucht verwerfliche Frucht.

Nun spricht ein Patrizier die folgenden Worte:

»Oh Jupiter Stator, beherrsch uns allein,

Wir halten zu Deinem gesetzlichen Horte,

Damit wir auf Erden fast sorglos gedeihn.

Erscheine als Adler und schrecke die Schlange,

Die fürchterlich wüthet, zurück in den Staub;

Es weilt ihre ringelnde Brut schon zu lange

Hier oben, Dein Rom wird ein Unterweltsraub!

Zertritt diesen Gluthwurm mit schmerzlosem Fuße,

Er knete sich rasch zum verzuckenden Knäul,

Oh Jupiter, hör uns, auch wir thuen Buße,

Gebiete dem furchtbaren Furiengeheul!

Wir lieben Dich, Jupiter, Herr unserer Schlachten,

Du solltest, Du guter und leuchtender Gott,

Die anderen Numen zu Tode verachten,

Sonst stürzt Dich noch einst ein Olympierkomplott.

Wir wollen von nun an nur Dir auf Altaren,

Was Du und was andere Götter begehren,

Zur Huldigung opfern, den Widder, den Stier,

Die Taube, das Schaf, jedes reinliche Thier,

Auch Sklaven, verlangst Du es, schenken wir Dir,

Der Kaiser und wir!« und es ruft schon die Menge:

»Oh Jupiter, herrsche allein auf der Welt,

Wir weihen Dir Tempel, und Feiergesänge

Ertönen für Dich, der die Ordnung erhält!«

Es greift jetzt der Brand nach den weitesten Gassen.

Als hungriger, allesverschluckender Wurm

Beginnt er die Vorstädte rings zu erfassen,

Und seht, seinen Durst löscht ein furchtbarer Sturm.

Doch müssen im Bauch die Metalle sich stauen,

Sie reißen des Drachen Gedärme entzwei,

Und was nicht die heißen Geweide verdauen,

Entfließt seinem Wanste als zuckender Brei.

Der Pöbel verlaßt nun die dumpfigen Stätten

Des Lasters, in denen der Brand ihn bedroht,

Man drangt aus den Schenken, sein Leben zu retten,

Und sieht sich schon himmelhoch, grellroth umloht.

Gewürgt von entsetzlichen Plagen und Sorgen

Verlieren die Menschen ihr letztes Vertraun,

Die Nacht ist voll Schrecken, und was bringt der Morgen?

Sie denken mit Grauen ans baldige Graun.

Jetzt fängt auch die gräßlichste Gier an zu schnauben,

Es folgt das Gelichter dem eigenen Drang,

Es kann sich nun allerhand Raublust erlauben,

Denn plötzlich sind Mörder die Meister vom Strang.

Es grinst die Begierde aus thierischen Zügen,

In Blutblicken fuchtelt die Schurkennatur,

Die Nasen verkrümmten entsetzliche Lügen,

Ein Mord ließ auf jeglicher Stirn seine Spur.

Ein Schrei seines Opfers durchgellte die Ohren

Von jedem Gesellen, der Trümmer durchsucht,

Die Ohrmuscheln sitzen wie knapp angefroren,

Das sagt, so ein Kopf ist von uran verflucht.

Da zieht so ein Haufe, mit Beute beladen,

Die Straßen entlang und verspottet Merkur,

Er ruft ihn, verspricht ihn zu Festen zu laden,

Doch zeigt sich vom Gott keine irdische Spur.

Da pfeift nun der Mob und ein wildes Geschrei

Erklärt, daß er nimmer die Raubgottheit sei!

Der Pöbel macht Aufruhr und schwört, daß er Ares

Allein seinen Diebsantheil abtreten will,

Er flucht und verspricht, daß des Kriegsgottaltares

Gesprenkelter Marmor vom März bis April,

Und dann von September bis Ende des Jahres,

Von Lenzzicken, Ferkeln und HerbstwurfHausthieren

Bedeckt sein wird, um seinen Tisch zu garnieren!

Es kommen jetzt abermals flüchtige Soldaten

Und Sklaven mit wimmernden Kindern und Frauen.

Sie mögen die Asche mit Opfern durchwaten

Und grausam sich, ringsum, am Grauen erbauen.

Oft tragen sie die noch zurück in Spelunken,

Wo Schwache, wie irre, den Flammen erst trotzen:

Doch wirbeln von überall glitzernde Funken,

Und alles beginnt in das Feuer zu glotzen.

Nun fangen die Römer an doch sich zu wehren,

Es packt sie die alte, fanatische Wuth,

Und siehe, sie treiben die Räuber mit Speeren

Und Steinen zurück in die zischelnde Gluth.

Sie sehen oft Mütter im Feuer verschwinden,

Und viele zerfetzen vor Schmerz ihr Gewand,

Die suchen verwirrt ihre Kinder zu finden,

Doch Mörder und Opfer vertilgt schon der Brand.

Es wagt es kein Mann, sie der Gluth zu entreißen,

Und schließlich, wen kümmert das Weibergeschrei?

Sie suchen den eigenen Gram zu verbeißen,

Und stehn, wenn ein anderer schluchzt, stumm dabei.

Es greifen die Gluthklauen immer noch weiter,

Das schnaubende Feuer wird nimmermehr satt,

Es glimmt und es klimmt auf der Hügelurbsleiter

Von Gasse zu Gasse, zum Saume der Stadt.

Es nahen von allseits die Flammen den Schaaren

Von Römern und Fremden in furchtbarer Noth.

Sie können nichts anderes als Feuer gewahren,

Das Grab ihrer Habe ist blutroth umloht,

Die Gluth leckt rings weiter, doch sonst herrscht der Tod!

Das Feuer an sich aber wird zum Gespenste,

Der Gott, der dem Moses im Strauche erschienen,

Und der über Daniel in Babel erglänzte,

Dem jetzt neben Juden auch Christen fromm dienen,

Hat eben sein Antlitz den Römern gezeigt,

Und sehet, das Volk hat vor ihm sich verneigt!

Bedrängt durch das Plündern uud Morden der Horden,

Erstickt und bedroht durch den qualmenden Brand,

Sind alle beinahe zu Kindern geworden:

Da dünkt sich ein Träumer vom Himmel gesandt.

Er plappert emphatisch, zum Volke gewendet,

Es hätten die Götter die Tempel geschändet,

Und dann hat er laut in die Flammen geschrieen:

»Ihr Numen habt Eure Altäre bespieen!

Du Mars, hast die Pfeiler des Staates zerschlagen

Und nicht einmal Hera und Hesta verschont,

Die Flammen Hephaistos verdüstern den Wagen,

In dem herrlich Phöbos, der Sonnengott, thront.

Wir werden an Jesum von Nazareth glauben!

Wir wollen ihm Opferaltäre erbaun!

Es mögen die heidnischen Götter verstauben!

Wir können dem Jupiter nimmermehr traun!«

Die Worte des Priesters erschüttern die Menge,

Sie dünkt sich wahrhaftig von Göttern genarrt,

Doch fühlt sie zugleich die entsetzliche Strenge

Des Neuen, das dort aus der Gluthsäule starrt.

Sie konnte noch nie solche Wuthrede hören,

Was heute erscholl, hat noch niemand gewagt,

Sie will sich noch immer nicht offen empören,

Doch wird alles Alte forsch weiterbenagt.

Wer kann es verstehen, daß Götter verkommen?

Doch seht Euch nur um, allzuwahr ist der Greuel!

Der Herr aber, der seinen Weltthron erklommen,

Verschüchtert noch immer den hilflosen Knäuel

Von Heiden, den Funken und Sprühgarben taufen.

Und plötzlich spricht wiederum einer im Haufen,

Und zwar der verstockteste, grausamste Heide,

Der früher den Pöbel zum Morden verführt,

Von christlicher Hülfe, von siegreichem Leide

Und Herrschaft der Armen, die Jesum erkührt.

Ein anderer sagt mit ekstatischen Gesten,

Er sei aus den Höhlen der Christen entflohen,

Er kenne das Walten der Sekte am besten

Und fühle nun wieder sein Christenthum lohen.

Er habe sich völlig dem Heiland verschrieben,

Da dieser die Menschen als Brüder beschützt,

Er sei auch ein christlicher Priester geblieben

Und habe schon oft der Gemeinschaft genützt.

So werden die Bürger, die Rom tief betrauern,

Dem Christenthum langsam gewogen gestimmt,

Sie müssen sich selber so innig bedauern,

Daß endlich der Heiland in ihnen erglimmt.

Sie denken, ein Gott der sich selber gepeinigt,

Erspart uns, die leiden, bestimmt seinen Hohn.

Ein Gott, der in sich alle Welten vereinigt,

Und der seinen eigenen, leiblichen Sohn

Den Menschen geopfert hat, wird uns beschützen

Und freundlich beim Ausbau von Rom unterstützen.

Ein Weib kommt nun plötzlich wie rasend gelaufen.

Es scheint durch Geschautes verblüfft und verzückt.

Ein eisiges Staunen erfaßt schon den Haufen,

Er wird, wie aus Angst, auseinandergerückt.

Jetzt hält diese Frau ihre Hände erhoben,

Als folgte sie, sehend, der hellsten Vision.

Erst mag sie das Kreuz und die Märtyrer loben,

Und nun schreit die schauende, wilde Person:

»Ich habe zwölf Kinder auf einmal verloren,

Sie wurden vom höllischen Feuer verzehrt!«

Sie hätte acht Söhne dem Staate geboren

Und selber mit üppigen Brüsten genährt,

Nun hätten die Götter die Heimath vernichtet

Und die und sie alle zu Grunde gerichtet.

Nun sucht sie und scharrt sie, im Schutt der Ruinen,

Ihr Schreien hat furchtbar die Brandnacht durchgellt,

Es ist ihr des Heilandes Mutter erschienen:

Sie sieht sie als leuchtende Herrin der Welt.

Nun schwört sie, sie werde zum Throne gerufen,

Es habe die Mutter sich zu ihr geneigt

Und gleich dann, auf herrlicherleuchteten Stufen,

Ihr rings ihre Kinder als Engel gezeigt.

Nun ist sie im Taumel zu Boden gesunken,

Sie glaubt, sie hat himmliche Milde getrunken,

Es hat ihr die Jungfrau die Lichtbrust gereicht

Und drum ist ihr plötzlich so wonnig und leicht.

Doch faßt sie sich wieder, voll brünstigem Verlangen

Zum Volke zu reden, beginnt sie nun laut:

»Ich habe den Heiland, hoch über den Schlangen

Der lodernden Welten, voll Ruhe erschaut!«

Zuerst ist das alles nur schweres Gestotter,

Sie zerrt noch, zerzaust ihren Sprachenballast,

Doch plötzlich entwirrt und enthaspelt sie flotter

Die trefflichsten Worte, zu Sätzen gefaßt.

Stets schriller beginnt sie zu wüthen, zu wettern,

Als schlüge sie Blitze aus stahlhartem Stein,

Sie ruft, sie wird Götteraltäre zerschmettern

Und gleich darauf setzt sie den Weltheiland ein.

Schon folgen ihr Mütter und leidende Frauen,

Die viele verloren, die Kinder, den Mann,

Sie wollen von nun an der Leidmutter trauen,

Die schmerzensreich ewige Gnade gewann.

Nun zieht sie, im Zuge, in offene Gefilde,

Rings sieht sie den Dunst und die arge Gefahr,

Im Himmel erschaut sie die Göttin der Milde

Und baut ihr daselbst einen Sternenaltar.

Ja, Sterne sind wahrhafte Boten der Güte,

Denn immer, wenn lodernde Helle erblaßt,

Sobald nur der Blutring des Tages verglühte,

Erscheinen sie alle als Spender der Rast.

Ihr innerstes Wesen ist seelig beflügelt.

Ihr gläubiges Funkeln verstrahlt Gottes Macht.

Ihr Minnen ist frei und ihr Chaos gezügelt,

Und was da erkeimt, wird von ihnen bewacht.

Im Dasein der Sterne, den schützenden Müttern,

Sind Sorgen und Freuden urewig gepaart,

Drum muß auch ihr Leuchten die Frauen erschüttern,

Die sich schwach und hülfebedürftig gewahrt.

Die nächtliche Ewigkeit, sehen sie, spendet

Erlöschende Sterne der sterblichen Welt,

Die Milde der glücklichen Lichtfürsten sendet

Uns Erdkindern Grüße, durch Mitleid erhellt.

Nun flüstern die Mütter, wir werden allnächtlich

Uns hier, unter Bäumen, oft wiederum sehn,

Oh bleiben wir, tagsüber, reinlich und rechtlich

Und lassen wir Nachts uns von Schauern umwehn.

Oh bringen wir Blüthen, die Sterne des Tages,

Zum holden und herrlichen Gottesaltar,

Dann freuen die Augen des weltlichen Haages

Der Sterne urkindliche, liebliche Schaar.

Jetzt singen die gläubigen Weiber: »Wir pflücken

Die Blüthen der Felder, um Gott zu erfreun,

Wir wollen versammelt uns lieben und schmücken

Und dann wie die Blätter uns weithin zerstreun!«

Als vielerlei Länder Sybillen gebaren,

Hat Romulus Wölfin sie alle gesaugt,

Und jetzt stürzt ein Jude das Reich der Cäsaren,

Und ihn hat das Leid aller Menschen gezeugt.

Er ist ein unendlicher Seelenerwecker,

Er hat an dem Kreuze die Erde befreit,

Er ist aller Völker Verheißungsvollstrecker,

Und wer an ihn glaubt, überflügelt das Leid.

Es hat ihn die Weibheit der Erde getragen,

Er ist, wie das Licht, der Jungfräulichkeit Kind,

Er leidet das Leben und kennt keine Klagen,

Und schenkt uns sein Blut, wie ein Herbstwald dem Wind!

Es folgen ihm Weiber und gläubige Männer,

Durch ihn sind sie Alle zu sterben bereit,

Er ist unser gütiger Herzenserkenner,

Und wer ihn erfreut, ist von Zweifeln befreit.

Er machte die schweigenden Tiefen empfindlich,

Und als er die Römer zur Kreuzigung zwang,

Da wurden die Leidenden unüberwindlich,

Denn groß ist der Büßenden fürstlicher Gang.

Von glühenden Zungen, die Unheil verkünden,

Ist ringsum die Urbs des Genusses umloht,

Und Flammen, die Leiber und Seelen entzünden,

Bereiten den Gottheiten Sorge und Not.

Weltungeheuer, aus Zunder und Feuer,

Es sind Deine Numen in Satans Gewalt,

Es wird schon das Burgen und Tempelgemäuer

Von gräßlichen Klauen des Brandes umkrallt.

Die Auen des Pan sind unheimlich verglommen

Und Flammengedanken verschlingen sich tief

In Seelen, die leibliche Botschaft vernommen!

Erwacht ist der Weinberg, der still und stumm schlief!

Die Krallen des Brandes verschleudern die Steine

Der Tempel der alten, versinkenden Welt,

Verwüstet sind weithin die heiligen Haine,

Es haben Propheten die Eichen gefällt.

Ganz Rom kann die brennenden Tempel erblicken,

Die Numen sind alle vom Feuer bedroht,

Sie werden aus Angst in den Flammen ersticken,

Es naht ihr lebendiger, lodernder Tod.

Denn seht, diese Flammen beschützen das Leben,

Sie sind schon ein furchtbares Zukunftsgespenst,

Es kann sich der Erdgeist oft drohend erheben,

Doch er ist es, der uns mit Freuden bekränzt.

Der Boden muß ringsum Ideen gebären,

Die Erde trägt ewige Wälder im Schooß,

Sie labt, wer da Durst hat, mit Reben und Ähren,

Und wenn wir verzweifeln, so zeigt sie sich bloß.

Denn nackt sind die Flammen, ja Rankenskelette

Das haftige Wesen vom wachsenden Wald.

Gar vieles erzählen uns brennende Städte,

Und Roma entleuchtet Jehovahs Gewalt!

Doch Nero, von brüllenden Löwen umgeben,

Erblickt nur ein Schauspiel von singendem Gold,

Und wenn seine Bestien, vor Schrecken, erbeben,

So fürchtet er gar nichts, denn Zeus ist ihm hold!

Die Katzennatur scheint an Flammen zu saugen,

Vielleicht wird ihr Wüstenbedürfniß gestillt,

Die Grausamkeit gleißt schon aus grünlichen Augen,

Der Brand macht die Thiere erschrocken und wild.

Der Kaiser jedoch merkt kein Zerren und Pfauchen,

Er sieht nur ins Feuer, das Wunder versprüht,

Er schaut, – doch er ahnt nicht, daß Götter verhauchen,

Da jegliches Denken ihn fürchterlich müht.

Die nächsten Geschlechter begruben die Numen

Und haben sich Tempel aus Trümmern gebaut,

Ihr Gott aber wuchs nicht aus römischen Krumen,

Er hat auch nicht einfach ins Weltwerk geschaut.

Man wählte den Gott, der Ägypten gegeißelt

Und der seine Feinde im Meere ertränkt,

Man hat ihn sofort im Gedanken gemeißelt

Und so dessen mystisches Wesen gekränkt.

Man gab ihm bewegliche, griechische Glieder,

Ein jüdisches Haupt und etruskischen Rumpf,

Man webte sein Wesen in christliche Lieder

Und sang sie zu Ostern zum Sonnentriumph.

So müssen im Brande die Götter vergehen,

Das Bildniß des Zeus ist schon lange gestürzt,

Es haben die Stürme, die fürchterlich wehen,

Dem Feuer den Weg über Hügel verkürzt.

Die Flammen zerstören die Marmoraltäre,

Doch unberührt dauert des Weltherrschers Thron,

Dort schützt bald der Papst seine römische Lehre,

Dann später das Reich und die Inquisition.

Oh Weltenleu, oft sträubst Du Deine Flammenmähne,

Entloht der Urbs der Feuerabglanz Deiner Wuth?

Oh jage Löwe: was bedeuten Purpursträhne?

Es brüllt der Mensch. Das Holzwrack knarrt. Es tobt die Gluth.

Sind Gallier drinnen, um nach Römergold zu scharren?

Die Gänse schnattern nicht, fort ist der Latiermuth!

Erscheint ein Triumphator dreist am Siegerkarren,

Soll Rom im Brand den Abglanz seiner Kraft gewahren?

Barbaren sind es und sie werden hier beharren!

Dort kommen sie mit windverworrenen, goldenen Haaren!

Es sträubt die Feuermähne die Zerstörungslust

Von frechen Söldnern und von freien Kriegerschaaren!

Die haben kaum von Gold und Goldesmacht gewußt,

Und wie sie ungestüm die Tempelpforten sprengen,

Erscheint in Manchen plötzlich Gott im Flammenwust!

Die Römer sehn sie wild zertrümmern und versengen,

Sie suchen Gott im Feuerheerd nnd Abendhauche,

Und Rom beginnt sie drum mit Wasser zu besprengen.

Wie eine Wittwe wühlt die Urbs, im eigenen Rauche,

In der Campagna sich ins Grab von ihrem Geiste,

Sie scharrt und stöhnt und liegt dann stumm auf ihrem Bauche,

Das Gold ist fort und tot der Aar, der sie umkreiste!

Das Weltgenie von Rom war todt.

Der Löwe hatte kurz geröchelt,

Die Leiche aber weiter fort die Welt verpestet.

Ihr voller Rumpf, der sich durch lauter Raub gemästet,

Schwoll an, und wie ein Aas im Straßenkoth

Bedrohte er die Welt mit arger Fiebersnoth.

Doch Rom, die Stadt des stumpfen Mittelweges,

Blieb selbst noch skeptischabergläubisch groß.

Sie wuchs, denn sich zu füllen blieb ihr Loos,

Doch sie behielt auch ferner etwas Träges.

Ihr guter Bürgersinn gab ihr Gedanken

Und stellte sie in keiner Lage bloß.

Verletzten sie des Nachbars Räuberpranken,

So gab sie plötzlich ihm den Todesstoß.

Oh Rom, ich sehe, wie Du meistens Dich vertheidigst:

Die Völker, die Italien mitbewohnten,

Propheten, die Dein Mittelmaaß beleidigt,

Die Sklaven, die sich gegen Rom verteidigt,

Und jeder Feind, der Deiner Macht genaht,

Ward von der Göttin Roma überfahren.

Du übertrumpftest schließlich das Triumvirat,

Stets konnte sich Dein Bürgergeiz die Macht bewahren.

Zertrümmert lag das Werk der herrlichen Cäsaren,

Doch Rom, das immer siegreich seinen Feind zertrat,

Besiegte nun durch seinen Glauben die Barbaren.

Das Wort ward durch das Römerthum zur That,

Die Urbs verschmähte nicht vom Besten anzunehmen,

Denn niemals liebte sie, was arg zurückgeblieben,

Das Kühnste mußte schließlich sich nach Rom bequemen,

Denn Rom besteht und die Propheten werden aufgerieben.

Gedeihe, großes Rom, bestelle Dir Konzile,

Verknüpfe alles was Du irgend schlau vermagst,

Es gilt Dein Wollen einem großen Lebensziele,

Dem Werk, in dem Du selber unvergleichlich tagst.

Versuche, Rom, in Deiner Kirche das zu fördern

Was irgendwie sich an Dein Machtverlangen schmiegt.

Du wirfst die Weltrebellen zu gemeinen Mördern,

Und biegst, zerknickst, was Deinem Sieg entgegenliegt.

Es braucht der Mensch den Mittelweg, um still zu wandeln,

Und den hat Rom für alle Völker reingefegt,

Die Abgewichenen wird es gerne mild behandeln,

Da keine Schwäche Rom sich in die Wege legt.

Den Tartarus vertiefte es zur Christenhölle

Und hat dadurch den Einsturz seiner Macht gehemmt:

Sein Geist war da, damit die Zahl der Christen schwölle,

Und seine Kraft hat Riesenfluthen eingedämmt.

Oh Rom, Du wecktest Schätze, die in Heiden schliefen,

Du hast Dir Grundverschiedenes angepaßt,

Du hörtest tausend Stimmen, die nach Rettung riefen,

Und trugst der Weltkultur unendlich große Last.

Du zogst die Welt in Deinen Bann erhabener Ruhe,

Du sammeltest die Worte, die Du rings erfrugst,

Du legtest fremdes Gut in Deine goldene Truhe,

Um die Du dichte Schleier des Vergessens schlugst.

Jetzt fühle ich der Schönheit Flügelschläge,

Im Norden ist die Lilie Frankreichs aufgegangen,

Die Christenliebe wird in Marmorblöcken rege.

Es scheint der Fels nach Sonnenformen zu verlangen,

Es klimmt ein Frühjahr steil empor an Kathedralen,

Und über Thürmen seh ich Schönheitsgipfel prangen.

Das Leben läutert sich aus unempfundenen Qualen,

(Denn nichts zu fühlen ist der Fluch im schweren Steine,)

Zu Formen, die lebendig ihrer Nacht entstrahlen.

Es trachten lauter Sonngeburten im Vereine

Als Pfeilerbündel langsam sich emporzurecken,

Denn alles Irdische verneint das Steile, Reine!

Es scheinen Osterglocken allerliebste Schnecken,

Verkrümmte Lurche, Olme, Echsen, stumpfe Würmer,

Die reinste Teufelsbrut, im Steine zu erwecken.

Fürwahr, es ruft mit ernstem Glockenschlag der Thürmer

Ein ganzes Schlummerreich empor ans Licht, ins Leben,

Und weist: Oh folgt dem Menschen, Eurem Sonnenstürmer!

Ihr Wesen alle, laßt Euch froh zum Licht erheben,

Ihr Schwalben, sehnt Euch her nach stolzen Menschenwerken,

Ein Taubenschwarm soll immerdar dem Bau entschweben!

Ermüdet mag der Wanderer einen Dom bemerken,

Die Schönheit ihm fast engelsgleich entgegenfliegen,

Des Münsters Himmelssehnsucht jeden Pilger starken!

Es mögen Wünsche domwärts in der Luft sich wiegen,

Und sollte unterwegs die Büßer Furcht beschleichen,

So möge Schönheit alle Zweifel gleich besiegen.

Es kann kein Engel zwar von seinem Sockel weichen,

Noch je der Glockenklang ihm goldene Flügel leihen,

Doch seine Schönheit wird uns immerdar erreichen!

Jetzt schweben holde Engel schon in langen Reihen

Vom Dom herab und leiten uns in hohe Hallen,

Um Seelen durch beschlossene Ruhe zu befreien!

Das Innere scheint mir in Italien aufzuwallen:

Da sieht der holde Franz in eigener Innerferne

Die gleiche Gluth wie Frankreich, hinter Blutkrystallen!

Sein Münster wölbt sich über Gottes liebe Sterne,

Selbst Vögel nisten traut in seinen Kathedralen,

Denn was da liegt und leidet hat er innig gerne.

Er scheint mir fast die liebe Frau auf Glas zu malen.

Warum? Ich weiß es nicht: Auf einem stillen Anger

Erscheint mir seine Jungfrau hinter Gnadenstrahlen.

Sie ist für mich der ganzen Welterlösung schwanger,

Es fangen Frühlingsblüthen an um sie zu lachen,

Doch wird ihr Antlitz immer traumhafter und banger.

Besonders blaß erscheint sie durch das Lenzerwachen,

Sie ahnt vielleicht bereits in ihrem Muttertraume

Den eigenen Sohn im Kampf mit irgend einem Drachen.

Da zwitschern aber alle Vögel laut im Zaume

Und wollen wohl die Angstgedanken so verscheuchen,

Doch seht, auch Engel blasen schon im Wolkenflaume.

Das singt aus voller Brust und aufgeblähten Bäuchen,

Das braust, daß es die Jungfrau rasch im Haag erwecke,

Denn Frühlingsstürme werden bald das Land durchkeuchen.

Doch hegt der Heilige besonders eine Hecke,

Wo Blüthen bunt aus blassem Glase bluten,

Und predigt Vögeln dann in einer grünen Ecke.

Das alles ist ein hohes Lied der Erdengluthen,

Ein Heilsversprechen jeder kleinen Vogelstimme,

Ein wunderbares Dichterthum und Grundvermuthen!

Das singt von Höhen, die der Mensch erklimme,

Von einer Liebe, die das Sternenall umarme

Und die in Werken sich ihr Weltgesetz bestimme!

Nun schnitzt der Heilige, in seinem tiefem Harme,

In einer Sprache, die wie Holz so gern erblühte,

Auf einmal Jesum, daß Er unser sich erbarme!

Die Sprache, die beim Trab von Virgils Vers erglühte,

Die wie ein Roß die Recken stolz ins Treffen führte,

Wird plötzlich so, als ob sie sanft zu sein sich mühte.

Ja, sie erweichte, als Franziskus sie berührte.

Nun tönt sie hold und giebt des Heiles Stimme wieder,

Es ist, als ob sie lusthaft seine Hand verspürte.

Es bleibt der Heilige bei seinem Werke bieder,

Er hat nur seinen Gott in frisches Holz geschnitten,

Doch keiner blickte je so treu vom Kreuze nieder.

Das ist ein Christus, der für alle ausgelitten,

Umgraut vom Dunkel einer alten Tempelecke,

Erfahrt er wohl bereits das Gut, das er erstritten.

Jetzt hascht ein rother Strahl empor zur kalten Decke,

Vielleicht ein Wiederschein der Gluth, die er entzündet,

Doch ists, als ob die Hölle sich nach oben recke!

Die Sünder schlängeln sich zum Heil, das er verkündet,

Doch wieder nein, das rothe Licht, das da erzittert,

Ist ruhig wie ein Herz, das sich mit Gott verbindet.

Wer weiß, was dieses Lämpchens Einfalt alles wittert?

Wie dem auch sei, das Werk, mit dem er uns bedachte.

Ward bei der Arbeit nie durch Zweifelsangst verbittert.

Er sähte stets und sah die Saat, die bald erwachte,

Sein Leib war Früh und Abendgluth, die nach dem Sturme

Schon häufig heitere Überraschungsstunden brachte.

Nicht Glocken, Schwalben rufen uns von seinem Thurme.

Es siebt die Erdengluth durch Kathedralenranken,

Sie hat sich rings in kühnem Schnörkelwerk verkrustet,

Das Lebensfieber sprengt nun alle Leibesschranken!

Erschaut die Gluth, die in den Zinken weiter prustet,

Seht NotreDame, das sich trotz Teufelsspott erhoben,

Verweilt, wo Nachts der Sturm durch finstere Bögen hustet!

Dort harrt ein Nonnenzug und scheint den Tod zu loben.

Er steht vielleicht, er möge sie dem Tag entreißen,

Denn hier ist Licht nur bleich in Trauer eingewoben.

Doch höher oben seh ich Marmorengel gleißen,

Die scheinen schon im Himmel Hymnen anzustimmen,

Und drunter trachten Drachen Schmerzen zu verbeißen.

Doch wollen Freuden rings die Leiden überklimmen,

Es strebt und klettert drum das ganze Domgefüge

Vorbei an Wuthgebilden, die in Stein ergrimmen.

Es ringeln sich und wandeln lauter Schneckenzüge,

Wie Schicksalstreppen und astrale Schreckgewinde,

Bedenklich aufwärts über Spuk und Teufelslüge.

Hier ist es ganz, als ob der Stein die Form empfinde

Und sich im Thurm zum Himmelssturme selbst ermannte,

Es ist, als ob ein Dom die Welt in sich verbinde.

Oh Bau, jetzt kommt der Geist, den Dir Italien sandte.

Er wandelte und blickte lange in Ruinen,

Er liebt und er begreift Dich schon, man nennt ihn Dante.

Das Frankenthum erfaßt er in Terzinen,

Er ist ein Massenfolterer und Dichter,

Und rings umschielen ihn verblüffte Mienen.

Es ist, als ob im eigenen Höllentrichter

Er Wurfspiralen, Schatten, rhythmisch bändigte,

Denn seht, im Wirbel glotzen Schreckgesichter!

Es ist, als ob sie Gott in sein Belieben händigte,

Er wird ein Geisterrichter und ein Seelenkomponist,

Heil Dante Dir, der solche Fahrt beendigte!

Du bist ein Weiser, aber dennoch schon ein Christ,

Ein Welscher, der die Massen liebt und heimlich lauert,

Ob einer das Verstellen kurz vor ihm vergißt.

Doch Gnade jedem, der ertappt, vor ihm zusammenschauert,

Denn kalt ist er und jetzt sogar ein Menschenhasser,

Er sieht, versteht kein Laster, das sich dumpf verkauert.

Wie lugt die Faulheit doch, verdummt aus grauem Wasser.

Wo Lebensmilde nie durch dicke Deiche bricht,

Da steckt im EigenDreck der Geizhalz wie der Prasser.

Dem Dichter winkt gar oft ein schreckliches Gesicht,

Das ist dann meistens wer, den er im Leben kannte,

Und häufig lauscht er hin, was so ein Schatten spricht.

Doch da er jeden Zufall aus der Welt verbannte,

So fühlt er eine urgerechte Welt im Ich

Und deshalb rührt auch selten nur ein Schicksal Dante!

Durch innere Zwiste führt der Genius einen Strich,

Da tritt, mit blutigem Haupt, die Tragik erst zu Tage

Und grinst das Wesen an, das sich mit Gott verglich.

Dann ists, als ob das Höllenlachen aufwärts rage,

Als ob die Grausamkeit sich jäh mit Fleisch bekleide,

Und selbst die Starre falsches Lächeln noch vertrage.

Es ist, als ob ein todter Blick am Leid sich weide,

Stets heller, hohler, höher hallt das Höllenlachen,

Und alles grinst und girrt, verkrallt im Lasterrachen.

Das sind die Zangen der Materie, Sünden, Seuchen,

Auch Unzuchtzähne, Fieberbiber, Ursturzmächte,

Gewissensbisse, die uns hin und wieder scheuchen.

Des Schleudergeistes Ohnmacht im Geschlechtsgefechte

Verkrampft, was in uns heult, zum eigenen Steinsymbol,

Zur Höllenplastik ewig starrer Seelenmächte!

Verdammtes kreist da, ohne Axe, ohne Pol,

Die Selbstmörder sind ewig in den letzten Zügen,

Der Urblick zwinkert grundlos tief und schrecklich hohl.

Da muß die Wuth sich in das Welterbeben fügen,

Und das will rastlos, unerlösbar seinen Tod.

Du kannst den Höllengrund zerreißen, nicht durchpflügen!

Es giebt wohl keine Rettung mehr im Sünderkoth,

Und dringt darum auch Wuth und Spott aus dem Morast,

So stößt den Schreier Dante ruhig weg vom Boot.

Vielleicht hat er bereits das Paradies erfaßt,

Es dringt sein Geist wohl ahnungsvoll in Christi Nähe,

Doch nichts als Dites Stadt entstammt ihm seine Hast.

Es ist, als ob sie ganz aus Wuth und Glast entstehe,

Schon sieht er Thürme, Trümmer schaurig funkeln,

Wer weiß, ob nicht ein Schmerz die Festungsstümpfe blähe?

Seht, Nackenmauern, dick bespickt mit Giftfurunkeln,

Umschwirren Seufzerschwärme, die den Schlaf verloren,

Und Weh entströmt aus Thüren, die in uns verdunkeln.

Oh, das sind Schlünde, Münder, Feuerflammenohren,

Gehirne, Bäuche, die sich Nimmersatt verzehren,

Gebisse, Spuk wie Speichel vor den Höllenthoren.

Es brennen Gluthen, ohne etwas zu bekehren,

Sie säubern nichts und sind doch grauenvoll und mächtig,

Und nirgends wird sich ihrer je ein Mensch erwehren!

Ach, ewig bleibt die Erde an Verdammten trächtig,

Und dennoch, – was dort schleicht, – das sei mit Recht verachtet,

Ja, Nachsicht ist der Höllenabkunft sehr verdächtig!

Was sich verstellt und einwärtsschielend sich betrachtet,

Bleibt immerdar der Qual im Höllenschlund verfallen,

In dem das Fleisch, wenn schuldlos selbst, doch nöthig schmachtet,

Da blos als Gegensatz die Seelen heimwärts wallen!

Entreißt der Geist von Dante sich aus Höllenkrallen?

Belebt, vermengt er noch dazu den Rassenschleim?

Durch ihn wird manches fremde Lied in Rom erschallen!

Horcht, jetzt entwindet sich sein Wunsch aus Satansheim,

Mit Himmelsrhythmen sprengt er jede Geistesfessel

Und spielt nur mehr mit Bildlichkeiten und dem Reim.

Denn peitscht sein Feuergeist auch im Verderbenskessel

Die Seelen noch im starren Kreislauf auf und nieder,

Vertauscht er doch schon Höllenthron und Richtersessel.

Er giebt der Christenheit ihr Rechtsbewußtsein wieder,

Er zeigt den Menschen als ein armes Erdensein

Und nennt den Leib ein urverfluchtes Leidensmieder.

Es gilt, aus diesem sich im Geiste zu befrein,

Ist in den Körper doch die Seele blos gebettet,

Und in der Dichtung faßt sie schon den Freiheitsschein!

Wo Dante Büßer durch ihr Seufzen kühn verkettet,

Da hat er rasch den Bann des Einzelseins gebrochen

Und Seelen, als des Wortes Widerhall, gerettet.

Des Handelns Einklang hat der Dichter ausgesprochen,

Wir hören ihn und übergeben ihn den andern,

Und deshalb kommen Büßer vielfach angekrochen.

Verbunden müssen sie dem Heil entgegen wandern,

Doch wieder einzeln und entlöst der Gluth entschweben,

Denn Seelen werden abermals zu Salamandern!

Einst wirst Du stark wie irgendwelches Urerbeben,

Das stets an Rachefelsen, freudenkündend, rüttelt,

Und schreist den Freiheitsschrei, den alle jetzt erstreben!

Denn einst genesen wir vom Fieber, das uns schüttelt,

Ist der Erlösungsruck von Dantes Büßerseelen

Doch ein Gebet, das zwischen Gott und uns vermittelt.

Das Christenthum vermochte sein Genie zu schweelen,

Er wurde zum Symbol, das Jesus Kraft erkannte,

Und konnte, aus Vernunft fast, dessen Lehren wählen.

Oh Du Verbannter, unerfaßbar herber Dante,

Oh sage, was bestimmte Dich fürs Heil zu werben,

Ich glaube und mag glauben, daß dich Liebe sandte.

Du suchtest frische Dornen unter Tempelscherben

Und konntest Worte Platons und von andern Weisen,

Damit in unsere Gesetzestafeln kerben.

Du sahst, wie lang der Geist auf Christum hingewiesen,

Und wie ihn ein verstecktes Volk hervorgebracht,

Und hast dafür die große Vorsehung gepriesen!

Selbst Aristoteles ist jung in Dir erwacht,

Den Himmel bautest Du nach Maaßen alter Heiden,

Ward Ptolemäus doch der Schwerpunkt neuer Macht.

Oh Dante, nun verstand Dein Geist nicht blos das Leiden!

Ein Christ schon, fühltest Du den Überschwang der Gnade,

Aus deren Wesen sich die Lebenswege scheiden.

Damit sich jede Innergluth zu Gott entlade,

Ward uns die Freude am Verschiedenen gegeben,

Und schließlich wandeln wir auf unserm Lieblingspfade!

In allen Völkern sollte sich das Heil beleben,

Und Dante war der Kirche ein beherzter Streiter,

Doch konnte sich sein Geist hoch über Rom erheben!

Seht, alle Völkerengel schweben auf der Himmelsleiter

Empor zum Licht und sind wie Kühnheit, Adel, Treue,

Erhabene und helle Himmelsbahnbeschreiter.

Oh, daß nur keiner seines Fühlens Echtheit scheue,

Verschiedene Menschen, alle Völker sind willkommen,

Daß jeder nur in sich die Gottheit freue!

Alltäglich wird das Paradies von uns erklommen,

Durch Christi Licht ist manche Albgewalt zerstoben,

Und um den Gnadengrund ein Engelskranz erglommen.

Der will im Chor den Wechsel aller Wesen loben,

Und statt der sieben stummen Regenbogenfarben,

Die Ewigkeit bedeuten, wenn Gewitter toben,

Erscheinen Engel, die sich Thatenglanz erwarben,

Und Gottes Ewigkeit im Tagewerk verkünden,

Und alle uns durchstrahlen ihre Flammengarben.

Sie suchen sich zugleich im Fühlen zu verbünden

Und durch den Herzschlag Ewiges zu unterbrechen,

Um rhythmisch nochmals in den Kreislauf einzumünden.

Oft wollen wir zu Gott mit goldenen Glocken sprechen,

Und da entsprüht der Seele englische Musik,

Und alles lobt den Herrn in freien Feuerbächen.

Das Zeitgefühl, das einstens urharmonisch schwieg,

Bevor der Raum sich eigentlich hineinergossen,

Erwirbelt sich bewußt als Rhythmenmosaik.

Die Klangrubine, die ganz klar in uns ersprossen,

Beruhn beinah auf unserm tiefsten Daseinshalt,

Da sie der Zeit, doch ohne Rauminstinkt, entflossen!

Du volle Allgewalt, die durch die Seelen schallt,

Du sollst als Wort den Eindruck meines Ichs erhärten,

Oh, mache mich zu einer freien Lichtgestalt!

Ihr Fieberblüthen meiner Wunsch und Wollustgärten,

Laßt meinen Seelenhüter hehr in Euch enttauchen,

Kommt, Cherubims mit urgezückten Flammengerten!

Aus Zauberbeeten mag die Himmelssehnsucht hauchen

Und wandle bodenlos und stumm durch meine Seele,

Und Gold soll, um ihr rothes Michumwehen, rauchen!

Seht, nun entstehen Engel ohne jede Fehle,

Es blendet mich jetzt ihre grelle Helmenhelle,

Doch ist es schon, als ob ein Hauch sich drüber schweele.

Nun wogt ein grüner Frauenchor zur Gnadenquelle,

Ein ernster Stolz bewegt ihr weises Erdgehaben,

Doch sind sie blos der Lenz der blauen Traumeswelle.

Nun braust auch diese schon, berauscht durch Schöpfergaben,

Die sie in sich verbirgt, gewaltsam durch mein Fühlen,

Und spricht von Greisenernst und Jubeln munterer Knaben.

Wahrhaftig, Kinder singen rings auf Wolkenpfühlen,

Wie mild erweichen mich die Schwingen dieser Geister,

Die das Gemüth erwärmen und mein Fieber kühlen.

Ein Saumschwall innerer, regenbogenglanzumkreister

Vertreter mystischer, wie nichtigster Gewalten

Erscheint uns jetzt, geführt von einem stillen Meister.

Unfaßbare, unendlich ferne Grundgewalten

[Rand: Duccio da Buoninsegna]

Beginnen wie aus Schlünden rings hervorzuklingen,

Um demuthsvoll um Unsere Liebe Frau zu walten.

Fast unsichtbar sind ihre lila Cherubsschwingen,

Und es vermag ihr Chor die liebe Himmelsweise

Durch Erdenrhythmen unverletzbar zu verschlingen.

Es thront die Muttergottes hehr im Engelskreise,

Den unser Dasein in die Ewigkeit erhoben,

Und übertönt der Sterne einfache Geleise.

Der Mutter Wesen ist aus Menschlichkeit gewoben,

Erbleichend darf blos Sirius ihre Pracht begrüßen,

Und unser Hoffen ihre Muttersorgen loben.

Des Mondes Todessichel starrt zu ihren Füßen,

Der Sterne zwölf, durch ihre Bahnen urverbunden,

Erscheinen blos, um in ihr Wesen einzufließen.

Es trachten andere, sich zu einem Reif zu runden,

Und kein Versuch geht je im Mutterschooß verloren,

Selbst Sternensehnsucht kann, als That, der Mensch bekunden!

[Rand: Piero della Francesca]

Ganz makellos erstrahlt, wer unser Heil geboren,

Es ist, ob Ewiges von keiner Sünde wüßte,

Jungfräulichkeit hat sich zur Schöpfungsgluth erkoren!

Es schwellt des Weibes Minne ihre hellen Brüste,

Doch ihre Milch sind Sternennebel die vergrauen,

In ihrem Blick geht jeder Sonnentag zur Rüste.

Die Welten scheint ein Fünkchen Güte aufzubauen,

Und nichts als Gnade strahlt aus ihren stillen Augen,

Die Eine Weltidee spannt ihre Flügelbrauen.

Der Mutter Wangen können alle Thränen saugen,

Was zählt ein bloßer Mond in solchem Perlenbilde?

Ihr Nacken mag zum höchsten Königsleiden taugen!

Wie Arme Hände werden, wird die Macht zur Milde,

Die Würde kann sich unter ihrem Halse stauen,

Der Adel birgt sich hinter ihrem Schulterschilde.

Aus dem Profile ragt das Lebensgrundvertrauen,

Es scheint ihr Haupt, gekrönt von holden, goldenen Flechten,

Die Möglichkeiten der Kometen zu erschauen.

Es ist, als ob die Auen ihr ein Opfer brachten,

Und Duft und Liebeshauche sich zusammenrafften

Und ihre Schöpferin mit ihrem Kleid bedächten.

Mag doch der Duft an allem, was ihm hold ist, haften,

Um so ein menschliches Gedenken zu erwecken,

Denn Hauche sind es, die der Jungfrau Anmuth schafften!

Oh seht, wie Düfte sie gar einfältig bedecken,

Wie plötzlich lauter Hauche sich zu Bauschen schwellen

Und so den keuschen Leib vor unserm Blick verstecken.

Daß ewig Düfte sich um ihre Glieder wellen,

Verbirgt des Erdenfrühjahrs junges Waldverwandeln,

Denn Lenz muß sich zu Lenz in stiller Reih gesellen!

Ich seh ein Hemd, gewoben aus dem Hauch der Mandeln,

Als Duft und Pracht der Jungfrau um den Leib sich legen,

Natur, wie zart willst Du Dein Menschenwerk behandeln!

Die Sonne scheint für Dich, Marie, den Strauch zu hegen,

Dem Rosenströme, Purpurfluthen hold entrauschen,

Für Dich, der Strahl in Kelchen Liebe anzuregen.

Denn Königin, Du zeigst Dich nun in Purpurbauschen,

Du wirst zum Sinnbild aller thronenden Gewalten,

Doch um die Schultern scheinst Du Düfte zu vertauschen.

Denn Veilchenhauch legt dort sich auf die Mantelfalten,

Du willst die Demuth leicht auf Deinem Wesen spüren,

Um in der Welt voll milder Huld zu walten!

Wer tritt nun schaudernd durch die goldenen Himmelsthüren,

Oh Jungfrau, sieht Dich Dante jetzt in Deiner Größe?

Er wagt es nicht, den Saum von Dir nur zu berühren!

Doch ists, als ob er Leben in Gebilde flöße,

Die seinem Innern rein wie ein Gebet entsteigen,

Verträgt doch seine Urvollendung keine Blöße!

Er scheint mir selbst ein Baum mit reichen Blüthenzweigen,

Ein hoher Stamm, an dessen Wurzeln Menschen nagen

Und dessen Äste Liebeswinde weiter neigen.

Er lauscht wie Andere gegenseitig sich verklagen,

Es wollen seine Wurzelfühler Leid verspüren,

Um alles Menschliche durch sein Gefühl zu tragen.

Genie, wer trachtet nicht Dein Wesen einzuschnüren!

Du darfst, Du kannst an Altersschwäche nimmer sterben,

Und deshalb muß der Mensch Dein Feuer furchtbar schüren.

Es wird die Wurzeln Dir der Nageneid verderben,

Denn jeder fühlt sich durch Dein Riesensein beraubt,

Und thut Dir weh, um Dich dann rascher zu beerben.

Doch Dantes Lebensbaum hat sich stets mehr belaubt,

Da seine Seele blos das Paradies ersehnte,

So leuchtete es endlich in sein Dichterhaupt.

Ein Engelschor, den seine Seele wirklich wähnte

Und der sonst unerfaßt am Grund der Seelen weilte,

Verhauchte Blüthen, die sein Baum ersterbend thränte,

Und vieles, was der Mond zerrüttet hatte, heilte!

Oh Rom, Du Stadt des Heiles und der großen Wunder,

[Rand: Buonaventura Berlinghieri]

Du Licht des Glaubens, das die Christenheit durchleuchtet,

Wir alle fühlen uns durch Deinen Trost gesunder!

Ihr Aussatzkranken, die Ihr Euer eigenes Weib verscheuchtet,

Gesteht, vermochte Rom nicht Euer Leid zu bessern?

Ihr sagtet nein, da Ihr verwirrt vorüberkeuchtet!

Kein Papst vermag es, Eiterwunden zu bewässern,

Den Kranken allen, die ein grauses Übel peinigt,

Hilft kein Gebet, noch sonst ein Arzt mit Trank und Messern.

Von Sünden aber wird der Mensch in Rom gereinigt,

Der Vatikan vergiebt die Schuld der Erzbefleckten,

Denn Heiden haben Heilige zu diesem Zweck gesteinigt!

»Dort wo die Märtyrer das Gnadenwerk vollstreckten,

[Rand: Simone Martini]

Da wird uns Elenden der reichste Trost gespendet!«

Denkt mancher Pilger, dessen Muth Legenden weckten.

Wie mancher sich, von Rom aus, wieder heimgewendet,

Erblickte er, mit voller Lust im Lenz den Flecken,

Der seinen Tagesmarsch, als nahes Ziel, beendet.

In junger Pracht, erwachten rings Toskanas Hecken,

Gar schöne Mädchen kamen ihm des Wegs entgegen,

Und keine schien vor fremden Pilgern zu erschrecken.

Auf allen Wegen sah man sich das Leben regen,

Oft Söldner vor den Schänken leicht ihr Geld verspielen,

Ein Fräulein gar am Fenster ihre Flechten pflegen,

Verschiedene Wirthe nach den Pilgersäckeln schielen.

[Rand: Antonio del Pollajuolo]

Oft stumme, dunkle Mädchen, unter niedern Thüren,

Erröthen, wenn sie schmucken Jünglingen gefielen.

[Rand: Masaccio]

Dann kam ein Wirth die Pilger in sein Haus zu führen,

Und da sie lahm und müde vor den Schänken harrten,

War es das Erste dort, die Schuhe zu entschnüren.

[Rand: Sano di Pietro]

Dann wollten sie behaglich auf die Mahlzeit warten,

Zu Haus jedoch, gewahrte einer, voll Vergnügen,

[Rand: Pisanello]

Drei Mädchen wunderbar in einem Nelkengarten.

[Rand: Botticelli]

Es waren Schwestern mit den selben schönen Zügen,

Die sich soeben um den gleichen Freier stritten,

Mit einem andern wollte keine sich begnügen.

Sie riefen, keine hätte jemals es gelitten,

Daß eben der mit einer andern sich vermähle,

Und käm ein Prinz dafür für sie herangeritten!

Ihr goldenes Haar durchblitzen Prachtjuwele,

Und jede konnte, selbst im Streit, den Anstand wahren,

Vielleicht, damit der Fant, als Klügste, sie erwähle!

Sie wollten jetzt schon alle Reize offenbaren,

Die Streitbarste trug in den Flechten grüne Spangen,

Die fast wie Schlangenwunder in dem Goldwust waren.

Die Zweite schien bei jeder Kopfwendung zu bangen,

Sie hatte Perlen still um ihren Hals gewunden,

Und leichtes Fieber schlug ihr öfters in die Wangen.

Der Jüngsten Art und Scherze schienen zu bekunden,

Daß sie der Brautschaft sich am allernächsten wähnte,

Auch schien, dem Lächeln nach, der Zank ihr fast zu munden.

[Rand: Pisanello]

Wie sie das Köpfchen sanft an ein Geländer lehnte,

Umschwirrten dieses Schmetterlinge, die der Nelke

Fast glichen, die von ihrer Brust sich aufwärtssehnte.

Denn keine Blume will, daß sie verblätternd welke,

So schienen Herz und Nelken etwas zu erwarten,

Und endlich knarrten auch der Laube Kreuzgebälke.

Der langersehnte Jüngling war nunmehr im Garten,

[Rand: Botticelli]

Und für die Jüngste hat er gleich ein Beet geplündert,

[Rand: Pisanello]

Doch setzten sich darauf rasch Falter aller Arten.

Kein Zweifel hat den Fant, bei seiner Wahl, behindert.

[Rand: Botticelli]

Er ging zur Jüngsten hin, die ihn so bang ersehnte.

Die Andern schwiegen. Ward dadurch ihr Schmerz gelindert?

Rasch reichten sie der Braut, die nun am Bräutigam lehnte,

Schnellabgerissene, schmetterlingsumhuschte Blüthen

[Rand: Pisanello]

Und gingen dann von dannen, da ihr Auge thränte.

[Rand: Botticelli]

Als dies der Fremdling sah, so mußte er darüber brüthen,

[Rand: Masaccio]

Doch ward er weg vom Traum zum Abendmahl geladen,

Das, wohl aus Müdigkeit, die Pilger stark verfrühten.

Dort hörte er statt holder Freierserenaden

Den Sang von Pilgern, die soeben romwärts zogen,

Und auch er selbst empfahl sich da Marias Gnaden!

Wie Abendvögel kamen Männerstimmen angeflogen,

[Rand: Giotto]

Und endlich konnte er des Liedes Worte auch verstehen,

Sie baten sanft die Jungfrau: »Sei uns Elenden gewogen!«

Sie sangen: »Schenk die Gnade uns, die wir von Dir erflehen!«

Sei freundlich und durch Güte tilge unsere Sünden,

Dein Lächeln ist so lind und mild wie stilles Frühlingswehen.

Oh steig hinab zu unseres Herzens Gluthenschlünden,

Oh kühle unsere Seelen, wie ein Lenzhauch unsere Brüste,

Und hilf uns gnadenvoll das Reich des Sohnes zu begründen!

Maria, geht ein heißer, langer Tag zur Rüste,

So mag, wer seine Heimath liebt, Dich holde Mutter loben,

Dann ists als ob der Himmel sich mit Funkelsternen brüste.

Die Sterne sind in Deinen Mondlichtschleier eingewoben,

Der Gürtel Deiner Reinheit ist der Milchstrom ferner Sterne,

Und unsere Seelen werden über ihm zu Dir erhoben.

Gar tief erfaßt man Dich in seines Wesens Glaubenskerne,

Wir danken Dir, daß Du uns Leid und Liebesahnung schenktest,

Doch hilf uns jetzt, denn wir verzweifeln oft, ob deiner Ferne.

Als Du den ersten Liebesblick ins Weltendunkel senktest,

Da konnte gar kein Augenblick mehr zeitlos je verzittern,

Da Du bereits in jedem Glück zur Weltekstase drängtest.

Bald wandte sich der Sonnenball hervor aus Lustgewittern,

Und bis zu uns empor, die wir uns selbst durch Dich erworben,

Vermochte keine Wuth, kein Trotz die Urfluth zu verbittern!

»Ward dann ein Schöpfungstag auch durch des Bösen List verdorben,

So konnte doch Dein Thränenmeer den Heiland uns gebären;

Du weinst, Marie, daß wir durch eigene Schuld gestorben!«

[Rand: Neoccio da Siena]

Wie konnte dieser Sang nun eines Pilgers Herz beschweren,

Denn dieser blieb zurück, aus Reue sich am Rain zu winden,

Er schluchzte laut, denn unermeßlich war sein Bußbegehren.

Ein anderer Pilger, der nach Haus zog, sollte so ihn finden,

Er neigte sich zu ihm herab und flüsterte ganz leise:

»So hör auf mich, Du armer Mensch, laß alle Sorgen schwinden!

Es winkt der Friede Dir nach einer solchen schweren Reise,

Du gehst bestimmt zum Himmel ein, der Papst wird Dir vergeben!«

Der andere aber schrie: »Er rettet mich auf keine Weise!«

Er stöhnt: »Verteufelt war von Kindheit an mein ganzes Leben!«

Da sagt der andere darauf: »Der Papst ist voller Macht und Güte,

Es scheint ein Jünglingsherz in seinem Inneren zu erbeben!

Er ist kein Greis, ob er uns auch mit weißem Haupt behüte,

Denn als er mir verziehen hat, da schwanden mir die Sinne,

Es war, als neigte sanft zu mir sich eine Frühlingsblüthe.

Es schien, als streifte sie den Schnee herab, daß er zerrinne,

Da fühlt ich keinen alten Mann, ich ward so voll von Leben,

Ich wußte, sah nur, daß ich Trost für alle Zeit gewinne!«

»Umsonst ist meine Pilgerfahrt, ganz nutzlos mein Bestreben!«

Rief abermals der Wandersmann und wandte sich am Boden:

»Es kann sich kein Gebet von mir, bis hin zu Gott erheben!

Der Böse will aus meinem Ich sein Theil zusammenroden,

Ich fühle, wild verzweifelnd mich bereits in seinen Krallen,

Und zahl schon, vor Vertragsverfall, mit Satansepisoden.

Die Seele fleucht den Leib bereits, die Seele die verfallen,

Oh sieh, wie sie die Glieder krümmt, um höllenwärts zu fegen,

Nun büß ich ewig, ewig lang für dieses Erdenwallen.

Ich war fürwahr ein herber Fant, ein wüster, trüber Degen,

Nur war ichs schon von Angeburt, ich mußte eben tödten.

Doch eines Tages konnte sich in mir die Reue regen.

Wie glühte da das Hoffnungsroth empor aus Sturmesnöthen,

Voll Einfachheit schien da mein Sein zu Gottes Werk zu stimmen,

Der nächste Morgen aber war ein höllisches Erröthen!

So muß die Schönheit in der Welt den Bösen arg ergrimmen,

Ach, welchen Bruch vollbrachte er, als ich mein Glück verachtet,

Ich warf es weg, es durfte nichts als Haß in mir erglimmen!

Doch was ich that, war stets bewußt. Mein Sinn war nie umnachtet.

Als Sünder war ich immer frei, mein Blick war niemals kühler,

Ich habe selbst mich schrecklich kalt aus starrem Trotz betrachtet.

Verdammt bin ich in Ewigkeit, ich armer Satansschüler,

Ich füge mich nicht mehr ins Reich, das Gott für uns geschaffen,

Schon fühle ich der Höllenhast verkrümmte Gluthenfühler.

Der Abgrund, den ich selbst erschuf, wird nun unendlich klaffen,

Und Schatten werden mir des Nachts von jetzt ab stets erscheinen

Und, traurig singend oder stumm, durch dumpfes Dunkel gaffen!

Sie singen schon: Wir wollen uns im Mutterschooß vereinen,

Dich hätte blos ein Fünkchen Glück in Gotteswelt gerettet,

Doch stießest Du die Mutter fort, drum müssen wir nun weinen!

Es hätte jede That von uns mit Gott Dich jung verkettet,

Das Böse schmiegt ans Gute sich, sonst gab es keine Güte,

Doch hast Du uns kein einzigmal im Herzen eingebettet.

Da jedes Einzelne von uns, um Dich sich nutzlos mühte,

So sei samt Deinem Schlag verdammt, stets wird der Fluch sich mehren,

Wir nisten nun als Schreck in Deinem ruhlosen Gemüthe.

Auch unser Abgang von der Welt kann Hader rings gebären,

Die Hölle ist entsetzlich rief und steigt, wenn Sünder sinken,

Ihr Haß ist furchtbar, kann sie doch die ganze Welt begehren!

Ja wirklich, sieh, ihr Thor versperren rostgefeite Klinken,

Sie will mit ihrem Dunkelschlund rings Schatten geil erschnappen,

Ich fühle mich ganz rettungslos, stets schneller, gluthwärts hinken!«

Das rief der Pilger und er riß sein Kleid dabei zu Lappen,

Im Staube wälzte er sich bleich, als wär er schon ein Schatten

Und stand dann auf und schwankte weg, um romwärts fortzutappen.

Ein anderer Zug, der heimwärts ging, schien langsam zu ermatten,

Da sang er denn ein geistlich Lied, voll Gottesfurcht und Würde,

Dann ging die Reise mit Gesang viel leidlicher von statten.

Man stimmte an: »Es trägt der Mensch fürwahr die schwerste Bürde,

Doch arg und bitter wär sie nur, wenn Gott uns nicht auf Erden

Den eigenen Sohn, als Trost und Glück, stets reicher schenken würde.

Drum greifet froh nach Gottes Gunst, verzagt nicht bei Beschwerden,

Das wäre wohl ein trüber Fant, der Gottes Hand verschmähte,

Der könnte sich, statt erfurchtsvoll, fürwahr nur dumm gebärden!«

Da plötzlich wars, als ob die Schaar ein Wunderbild erspähte,

Es blitzte im Olivenhain, man sah wo Perlenreifen,

Und alles war so silberfrisch, da Wind im Haine wehte.

Es schien dort eine Wurmgestalt wie durch den Wald zu greifen,

Dann wars der Trasimenersee, zu Füßen eines Weibes,

Denn kalte Hauche sah man klar rings Marmorberge streifen.

Fürwahr, im Mondlicht zeigten sich die Formen eines Leibes,

Das war ein eigenes Wunderding, das an die Götter mahnte,

Und schien entrückt, gar weit entrückt, vom Hauch des Erdgetreibes!

Es wartete, wie kühlbewußt auf Macht, die es schon ahnte,

Es war ein Wolkengötterbild, das in Italien reifte,

Und plötzlich schiens, als ob ein Streif von ihm, sich seewärts bahnte.

Und als die Briefe auf der Fluth wie auf und nieder schweifte,

Da schien der Dunst ein Arm zu sein, der Perlensträhne fischte,

Die wohl die Göttin, Morgens früh, von ihrem Leibe streifte.

So lag der Schmuck bei Tag im See, wo sich sein Glanz erfrischte,

Und kam dann immer nur ans Licht, die Göttin hold zu schmücken,

Dann wars, als ob sein Perlenblau mit Silber sich vermischte.

Doch konnte da die Göttin wohl die Menschen leicht entzücken,

Und tauchte je das Strahlennetz dann auf, voll Lichtgezitter,

So thats der Wind; doch schiens ein Arm beim Fischen zu verrücken!

Zypressen wachten stumm im Thal, man hielt sie leicht für Ritter,

Und Ölbaumreihen ruhten rings wie müde Bajaderen,

Und schliefen sie, durchglimmte stets ihr Dunstlaub Mondlichtflitter.

Doch schien ihr Wesen kaum der Schlaf bedeutsam zu beschweren,

Gar manche sprang frisch auf zum Tanz, wo andere sich umschlangen,

Und eine Ausgestreckte schien schon Wollust zu begehren.

Das Mondlicht war das Flockenbett für mancherlei Verlangen,

Und tausend Lagen gaben sich, die Bäume wie die Schatten,

Es sahn die Pilger, wie sie schon nach andern Posen rangen!

Die Heimfahrt ging den Pilgern nun gar rasch und gut von statten,

Ein Jüngling, der mit ihnen zog, erzählte dann im Norden:

»Italien wollte einen Blick mir in sein Herz gestatten!«

Er sprach: »Ich bin in jenem Land ein anderer Mensch geworden!

Dort spielte, nackt und wunderbar, ein Jüngling aus der Leier,

Der Schwestern neun umrauschten ihn und lauschten den Akkorden.

Gar rhythmisch um den Leib gewellt, umwallten sie die Schleier,

Sie wogten sacht wie Fliederduft und ließen sich nicht haschen,

Auch war ihr Anblick leicht verwischt, wie nur ein Hauch im Weiher.

Doch kann man sie beim Tanze oft im Mondlicht überraschen,

Mit Feuerklängen schmücken sie die rauschenden Gewänder,

Und streuen in Wirbeln dann Brillanten aus den Faltentaschen.

Mit Funkelpracht umgürten sie im Schwung die Schleierränder,

Dann ists, als ob die Klänge rings zu Gluthen übersprühten,

Und so ihr Erdenfeuer sich mit jedem Takt veränder!

Umhaucht ist jener ferne Hain von Oleanderblüthen,

Olivenwälder dehnen sich noch weithin um die Lichtung,

Um ihr Geheimniß vorderhand noch eifrig zu behüten.

Den Wald jedoch durchdringt der Klang von jenes Jünglings Dichtung,

Stets zittern Silberblätter mit, als ob sie Wind bewegte,

Und jeder Ölbaum birgt bereits dort jener Rhythmen Richtung.

Dort ists, als ob der nächste Tag sich langsam mondwärts regte,

Gespenstig schien mir jeder Baum, vor dem sein eigener Schatten,

Zu Mittag, wie um Mitternacht, sich dünn zur Ruhe legte!«

Als eines Morgens, noch im Lenz, rings auf Toskanas Matten,

Sich Pilger ihrem Heimatland gar frei und munter nahten,

Da wollte mancher Einer sich dort lange Rast gestatten.

Sie warfen ihre Stäbe weg und gruben mit dem Spaten

Im Wald nach einem Wurzelstrunk, der wulstig wär und knotig,

Und bei der Arbeit konnte dann ein Lied zumeist gerathen.

Nicht immer war es kunstgerecht, nein schwulstig oft und zotig,

Es trug in sich das rohe Maaß verknorrter Wurzelknoten

Und sprühte voll von Übermut aus seiner herben Gothik.

Es wußte nichts von Silbenzahl, von steifen Kunstgeboten,

Und gab sich selbst den neuen Guß, den Leib, der ihm behagte.

Der Druck blieb dann als Werk zurück. Die Flammen, die entlohten!

Ja, alle Schöpfung, die bestand, das heißt, dem Stein entragte,

Vermied allein den Untergang, denn Dasein ist das Leben,

Dock blieb sie nur dem Tode gleich, der, was sie schuf, verjagte.

Dann konnte sie fast wie der Tod sich plötzlich fremd erheben,

Und fing sich gleich, ganz Leiblichkeit, voll Wollust an zu regen,

Denn jedes will die reifste Form des Einzelseins erstreben.

Es ist ein Sein, auf sich gestellt, fast leidlos und verwegen,

Auf sich allein besteht die Lust und das bewirkt das Leben!

Der Tod kommt, weil wir unbewußt den Weg uns selbst verlegen.

Die Erde trächtige allerorts berauschendes Erbeben

Und hält es sich Millionenhaft durch brunstgeschaffene Rudel

Als Haas entspringt der Lenz dem Busch, als Schwalbe fort zu schweben.

Ein Feigenbaum erscheint beinah ein grüner Wollustsprudel,

In dem die Erde Freude spürt, da sie ihn doch belebte.

Damit das Jüngste munter sei, herzt nun ein Kind ein Pudel.

Es ist, als ob das Blüthenglück am Zaun als Bohne klebte,

Als ob ein lustiges Frühlingslied, gar quellenfrisch gesungen,

Sich plötzlich mit dem ganzen Rausch recht inniglich verwebte.

Der eine sang: »Welch forscher Bursch, kam just vom Busch dahergesprungen.

Der Lenz, das Kind der Winterswuth,

Ist es bestimmt und bläst aus vollen Lungen.

Er ist ein starkes, junges Blut

Und freut sich mit den Lerchen,

In Nestern weckt er schon die Brut

Und klappert mit den Störchen!«

Ein Anderer hat sein Lied verfaßt

Und singt es schaurig wie ein Märchen:

»Der Engel Deines Hasses reißt mit Hast

Mir alte Wunden auf am Marterpfahl,

Ich seh Dich nicht und finde dennoch keine Rast.

Du träumst mit Lust von meiner Höllenqual,

Doch zieh ich weiter durch den Wald in wonniglichen Lüften,

Und freu mich stets am grünen Saal mit seinem gelben Lichtportal!«

Jetzt steht ein Zug geblendet still, umschwirrt von Honigdüften,

Und es vermögen sich die Pilger kaum der Sinne zu bedienen,

Es ist, als stünde ihr Verstand vor lichtdurchsprühten Sonnenklüften.

Es sind die Dinge rings um sie mit einem Irisring erschienen,

Und endlich glaubte mancher doch, er höre ringsumher ein Summen,

Und wehrte sich mit seinem Arm, als wärs ein Schwarm von Bienen.

Und in den Lüften klar und warm schwoll immermehr das dumpfe Brummen.

Doch drang durch keinen Zitterzweig die Spur von einer Leibgestaltung,

Im Goldrausch wollte nichts entstehn, noch das Gemurre rings verstummen.

Doch plötzlich sahn sie einen Keil, wie eine rothe Lichtzerspaltung,

Durchs Flimmergrün, mit festem Schritt, dem Pilgerzug entgegentreten,

Das war dann mancher Wandersmann, der romwärts ging mit edler Haltung.

Es zog wohl oft ein Kriegerherz, dort romwärts für sein Heil zu beten.

Denn mancher Knappe war dabei und wirklich sang ein Troß von Rittern:

»Oh Herr, wir ziehen von den Dingen weg, die unser Herz verdrehten.«

Dann ging es fort: »Wir thaten viel, um Deine Freude zu verbittern,

Doch sehn wir auf dem Golgatha von Lanzenknechten Dich umgeben,

Und ihr und unser Speer muß gleich vor Deiner Huld zersplittern.

Vergießt Du auch Dein Herzeblut, kann sich in Dir kein Zorn beleben,

Die Seele bleibt ganz makellos, ob auch die blutigen Eiterflecken

Den Leichnam dort am Marterkreuz als schwarze Krusten rings umkleben.

Es konnte sich der Geist dafür entscheidend aus dem Körper recken,

Und blau wird jetzt der Himmelsbau, zu dem die Wünsche sacht ersprießen,

Wo noch mit weißen Wolken Dich die Sünden schwer bedecken!

Dann aber kannst Du, durch den Mond, des Nachts Dein Sternenhaus erschließen,

Und jeder, der dann Christum minnt, schaut solche Prachtgestaltung

Und fühlt in sich von überall die große Liebe minnig fließen.

Dann sehn wir hoch im Sternendom die ewige Heilsentfaltung,

In uns ersteht ein Gnadenthal voll stillem Himmelsschimmer

Und alles das verschenkst Du uns für kurze Fleischenthaltung!«

Vorüber zog der Ritterzug, und bald verschwand er im Geflimmer,

Da sang die Schaar, die heimwärts zog, ein geistlich Lied mit vollen Stimmen

Und hörte in den Pausen noch den andern Chor wie ein Gewimmer.

[Rand: Alessio Baldovinetti]

Sie sang: »Oh Mutter, hör auf uns, Du kannst alleine nicht ergrimmen.

Christi Reich mit List und Lanzen kühn bewahren,

Doch Du bleibst Königin des Heils, die Heiligen sind die Immen.

Drum halte treu und sündenrein die Seele Deiner Pilgerschaaren,

Die Schleier, die Du wonnig trägst, sind Nebel leichten Iristhaues,

Und rothes Strahlengold durchglüht den goldenen Schwall von Deinen Haaren.

Als Mittagskleid umwallen Dich die Hüllen unseres Himmelsbaues,

Am Abend aber streifst Dus ab, in Gold und Purpur Dich zu zeigen,

Und fällt es in das Meer, so strahlts wie das Geglitzer eines Pfaues.

Im Rosenhemde magst Du früh dem Sternenkleide sacht entsteigen,

Oh Jungfrau, Jungfrau, hör auf uns: Maria, Jungfrau, bleib uns gnädig,

Und wandere hehr durchs Himmelreich, wenn Stürme Völker niederneigen.

Die Schönheit, die Dein Sein umstrahlt, was Dich enthüllt, ist sonnenfädig

Und knüpft sich jung und neu aus uns, hervor aus unserm Lichtersehnen,

Verzeih uns, Jungfrau, doch es macht Erkenntniß Deiner Huld ruhmredig!

Nicht wir sinds, die Dir Schönheit leihen, nein wenn die Menschen Schönheit wähnen,

So wird von Dir und Deinem Sohn uns dessen Ahnung blos beschieden,

Denn auf den Strömen Deines Heils kann jeder sich durchs Weltall dehnen!«

So war, was man beim Pilgern sang, stets wahr und dennoch sehr verschieden,

Ein Kreuzzug, eine Romfahrt gab den Seelen herrliche Belehrung,

Wer hinzog, war von Angst gepeitscht, wer heimging barg den Frieden.

Verschiedentlich wie die Natur blieb drum der Seelen Lichterhebung.

Doch die Bewegung ging durch Rom. Dort konnte jeder sich bekennen.

Denn da erst faßte man zumeist des Eigenwesens Selbstbestrebung.

Die kleinste Regung gab das Heil. Es sollte überall erbrennen.

Es konnten Offenheit und Scham den lieben Herrgott gleich erfreuen.

Es war, als wollte sich von uns der beste Theil der Seele trennen.

Die Meisten konnten ihren Fehl, des Lebens Sünden tief bereuen,

Und kreuzte man sich dann am Weg, so zog man stets in anderer Richtung,

Daß keine je die andere wog, um jede Wirkung zu zerstreuen.

Ja wahrlich, Rom barg in der Welt, in sich, die größte Wunschverdichtung,

Die Massen wältzen sich herbei, sich ihres Dünkels zu entkleiden,

Und Völker gingen draus hervor, denn rasch ergab sich deren Sichtung.

Veredelten die Christenwelt doch Glaubenszwang und Alltagsleiden,

Ob jetzt ein Kaiser oder Papst auch grausam ihre Macht gewannen,

So waren doch die Folgen gut, sie konnten Glück von Größe scheiden!

Die Zukunft sehnte sich zum Volk, wie Lust und Bildung zu Tyrannen,

Die Kirche herrschte durch den Geist, schon mehr durch Kraft als wahren Glauben

Und trotzte kühn dem Schwabenschwert, des Raisers kriegserfahrenen Mannen.

Stets wollte sich das Äußerste der Macht durch List berauben,

Der Einfalt blieb der Alltag hold und ließ sich selbst zum Heil belügen,

Die wuchs in gerader Ehrlichkeit und ließ die Wildheit dann verschnauben.

Es können Schwert und Fegegluth zur Staatenführung kaum genügen,

Man braucht auch Herrschergier und Noth, um Menschen menschlich zu vereinen,

Denn blos wenn man das Recht erzwingt, gelingt es Reiche fest zu fügen.

Oh Rom, wie konntest Du den Rausch, der Dich umschwoll, in Formen gießen?

Hier weitete des Nordens Bau sich abermals zur Heidenhalle,

Es tauchten wieder Tempel auf, wie Jovis Priester sie verließen.

Es schien, als ob des Franken Geist zur Pilgerfahrt nach Süden walle,

Und plötzlich wie Orvietos Dom und wie Spoletos Kathedrale

Zu Deinen Füßen, altes Rom, bezwungen auf die Kniee falle!

Das Römerthum entreißt sich nie der Erdenwucht mit einemmale,

Gar erdenfreudig strebte hier die stolze Gothik gleich ins Weite

Und wandelte, aus Wonnedrang, den ersten Dom zum hellen Saale.

Doch wars, als ob die Erde selbst die Würde solcher Kunst bestreite,

Die Edelform entstieg dem Grab, denn als man rings nach Tempeln scharrte,

Bedeuchte es, daß Überschwang zum Einfachen von selber leite.

Man sah, wie Brunellescos Trotz zur wuchtigen Rustika erstarrte,

Und wie nach Mystik und nach Furcht, nach langem Himmelsreichbegehren,

Der Mensch nun mehr vernünftig Thun und kluge Wirklichkeit erharrte,

So fügte man auch Stein auf Stein, gar bald nach heiteren Lebenslehren.

Im Norden aber scheinen sich Gerippe gegen Fleisch zu wehren,

Der Geist, der sich von Roms Bestimmtheit weg und weiterkritisierre,

Vermochte plötzlich eine Form nach eigener Artung zu gebären.

Die schale Leiblichkeit, die bald zur Lasterfratze halb verthierte,

Ward selbst als Sinnbild eitler Lust im Kirchenschnörkelwerk vermieden,

Drum sah man aufdemDomen kaum ein Spukbild mehr, das niederstierte.

Man sah, berechnete Verquickungen von seltenen Unterschieden

Und spitzte alles Wissen zu, um himmelwärts hinanzuklettern,

Und steifte sich beim Thürmen stets auf Krönungspyramiden.

Gar manches Münster trotzte so, fast erdentrückt, den Himmelswettern

Und ward dadurch ein Ebenbild geklärter, geistiger Empfindung,

Gereifter Reinheit, ders gelang, die Teufelsmächte zu zerschmettern.

Die Säule, keine Stütze mehr, erkannte sich als Formverbindung,

Im Dome konnten schwindelhoch Gedanken Halt im Stein besitzen,

Denn blos aus tiefstem Innermaaß entströmte jede Pfeilerwindung.

Mit Schillerspielen sollte Licht die Kircheneinsamkeit durchblitzen,

Belehrend drang es in den Dom, erzählte stets von Gottes Wollen,

Und drängte, kreuzte sich versprengt durch die verglasten Mauerritzen.

Auch schien ein dunkler Schwermuthshauch die Marmorbilder zu umgrollen,

Die Köpfe waren leidverzehrt, fast leibentrückt in ihrer Größe,

Und Mäntel sah man oft vom überlangen Halse niederrollen.

Gewänder, schlaff und faltenreich, verbauschten keusch die kleinste Blöße,

Der Heiland aber jener Zeit blieb stumm in seinen Marterqualen,

Und oft verbleichte nur sein Leib, zerfleischt durch rohe Lanzenstöße.

Doch ward er blutentleert zu schwer, so sing die Seele an zu strahlen,

Und waren seine Glieder bald verblichen, wesenslos, gebrochen,

Durchgeistigte der Heilandsgeist ganz eigentlich die Kathedralen.

Oh Christenthum, Du läßt das Herz der Leidentrückten stärker pochen

Denn nie verhehlst Du einen Schmerz, der Armut magst Du Dich nicht schämen,

Und da Du neue Leiden schufst, hast Du Dein Machtwort ausgesprochen.

Ja, die Betroffenen eilten zu, an Deinem Kreuz sich auszugrämen,

Denn schmerzenfördernd wie Du warst, begriffst Du auch, wer Schmerz erlitten,

Es ist, als ob die Leiden doch zum Menschenheil vom Himmel kämen.

Du tönst als ein Naturlaut fort und hast zumeist den Sieg erstritten,

Denn blutvergießend legtest Du stets Balsam aus die Wunden,

Und Du erwarbst dein Engelsheer, wo Du ein Dasein abgeschnitten.

Die Wittwen, Waisen folgten Dir, war doch ihr Fröhlichsein geschwunden,

Die ganze Menschheit aber geht stets sonnenwärts durch Leidepochen

Und hat sich drum aus Müdigkeit mit Leidverbreitern noch verbunden.

Die alten Deutschen, die so schwer mit ihrem Heidenthum gebrochen,

Empfanden lang das neue Heil so arg wie scharfe Marterzangen

Und wollten dann die Leiblichkeit dem Geiste gänzlich unterjochen.

Sie nahmen sich fürwahr zu ernst. Zu freudlos war ihr Lichtverlangen.

Sie suchten, konnten fast das Ich, samt seiner eigenen Unschuld, morden,

Doch schürten sie da unbewußt Beginne, die im Herz erklangen.

Was er nicht liebte und empfand verstand nach langer Pein der Norden,

Doch sind dabei, nach kurzer Frist, die groben, trotzigen Germanen

Ein heimathfremdes Träumervolk, ein wurzelwunder Stamm geworden.

Doch endlich schien die Erde sie an ihren tiefsten Hort zu mahnen:

Und Kathedralen, hoch und hehr, strengmathematisch ausgeklügelt,

Steilrhythmisch in die Höh gethürmt, ein anderes Werden anzubahnen!

Wo sich der Meister selbst erhebt, wenn er des Münsters Wucht beflügelt,

Und kaum der Gottheit Nahe sucht, vermag ers, Thürme aufzurecken,

In denen keinen Höhenflug ein erdentreues Rufen zügelt.

Doch in sich selbst begann man nun noch schönere Dome zu erwecken,

Aus Liebesgluth und Brunst gefügt, erstand so mancher Glaubensthurm,

Der konnte, einmal ganz am Ziel, die Welt, das Sonnenglück erschrecken.

Wohllautwolken entwirbeln im Orgelsturm

Den Seen der Seelen, die Ufer zerschlugen,

Denn ringsum entreckt sich ein glühender Wurm!

Und rhythmenverblitzende, wuchtige Fugen

Erlösen melodisch die Liebesgefühle,

Die lange den Fluch der Verdammniß ertrugen.

Die Freude entschmettert der lüsternen Schwüle

Und wonnigerstrahlend als Freiheit und Äther

Umhaucht sie ersprühte krystalllichte Kühle.

Ein Aufschwung lichtherrlich, urwillig gesäter,

Zu Tönen erglühender, reifender Liebe

Durchwuchtet die Seufzer asketischer Beter.

Genußschreie schluchzen im Wollustgetriebe

Und gleichen dem brausenden Aufklatschen nasser

Strandstürmender, wogenverkrümmender Hiebe.

Es schlingt aus uns allen ein goldener, blasser

Gefühlsschwall, der jeder Verstummtheit entbuchtet,

Sich weitwärts ins bacchische Lachen am Wasser.

Ein tönender Sprudel, der Sonnen befruchtet,

Entzückt, überstürzt sich, berührt mich als Manna,

Erhört sich als Echo im Münster verschluchtet

Und braust über uns als Erlösungshosianna!

Altes Rom, der große Geist Deiner Cäsaren,

Dein erfrühtes Glück und Deine Lustgelüste

Übertrotzten jeden Wuchttrumpf der Barbaren,

Nur Dein Marstag ging im Sturmgebrüll zur Rüste.

Denn als Du die Welt, die Du dereinst besessen,

Voll von Möglichkeiten in Dir selbst erschautest,

Hast Du Deine Erzlegionen bald vergessen,

Und es kam die Nacht, in der Du selber grautest.

Ja, die Riesenkunst von Rom erstand erst später.

Fremdlinge, die wild die Urbswälle zerschellten,

Blieben tausend Jahre ihre Selbstvertreter,

Bis sie Michelangelo ins Dasein schnellten!

Blutvermischung, Völkerwirbel, Rassenspeicher

Haben Buonarroti an den Tag gewunden,

Die Germanen machten ihn wohl glaubensreicher,

Doch vor allen hat sich Rom in ihm empfunden.

Seine Seele konnte selbst das Größte meistern,

Jener Dom, der über seinem Geist entstanden,

Krönt den Tempel einer Welt von freien Geistern,

Deren Macht Erschauer der Natur empfanden.

Peterskirche, Markstein romverlorener Schlachten,

Keim und Prachtkrystall versammelter Kulturen,

Wuchtgefühl der Urbs, das junge Schöpfer überdachten,

Birgst Du Roms Idee in Deinen Steinkonturen!

Greifen doch arenarunde Tempelarme

Wie aus Deinem Wesen in die breite Weite!

Doch beschützt Du auch die Welt im Tagesharme,

Kühlen Brunnen, was Dein Gluthengeist befreite?

Jener Moses, den ein Wunsch für Dich bestimmte,

Petersdom! scheint Deinem Innersten zu fehlen,

Denn der Geist, der über Pracht und Zank ergrimmte,

Kann die Welt nicht mehr, aus Rom heraus, beseelen.

Zuchtgebote mußtest Du mit Wucht verheißen,

Moses Wesen, Rom, zur vollen Gottheit steigern,

Nicht versuchen, Länder rings an Dich zu reißen,

Und Dir selbst das Wort und seine Furcht verweigern!

So hat Michelangelo in seinem Moses

Nur barock sein eigenes Wesen übertrieben,

Und es folgte gleich auf ihn ein hoffnungsloses

Epigonenthum, das ohne Gott geblieben.

Doch mit jenem Sklaven, der in sich das Wesen

Beider Erdgeschlechtlichkeiten noch verbindet,

Hat er ganz gefühlt und ist er Er geblieben,

Denn das Leid um seinen Lenz steht dort entrindet.

Auch in jenem anderen trachtet die Gestaltung

Immer noch aus Unvollendung aufzuragen,

Ach, wie furchtbar ist des Sklaven ganze Haltung,

Da die Muskeln ihren Arbeitstag verklagen!

Gott, Italiens Erde ist so hold und düster,

In der Muttergottes hüllt sie sich in Dünste:

Doch ein knabenhafter, frühlingsglückbegrüßter

Tag entsaugt ihr immer innere Feuersbrünste.

Oh, das Blut durchrollt die honiggoldenen Blöcke,

Deren Wesen Michelangelo erschaute,

Und Italiens Wiesen, Weine, Rinder, Böcke

Rauschen oder flüstern hier versteinte Laute.

Morgen wird es! Wie verfleischlicht schweigt die Frühe.

Langsam athmen blos die hellen, gelben Lehnen,

Und es ist, als ob der Geist sich Formen glühe.

Oh Du Weib in mir, wonach wirst Du Dich sehnen?

Wirf die Nacht und ihre Hüllen stolz vom Haupte,

Schon durch Deinen Wunsch kann sich der Wind erheben,

Doch es ist, als ob Dir nur der Harm erlaubte,

Bald ein Tag zu werden, tief uns zu beleben!

Nein, der Tag erklärt uns nicht sein Wesen,

Ewig unvollendet staunt und lauscht er immer,

Seine Kraft ist niemals seine Macht gewesen,

Blos Panik entwirbelt ihm, als Weltwuchtschimmer.

Könnte er den Arm bereits nach Osten heben,

Oh, so bliebe unsere Erde plötzlich stehen,

Diese Schöpfung würde gar nichts mehr erstreben:

Doch sein Haupt lenkt, unvollendet, keine Wehen!

Jetzt erklärt sich die Sixtina mir im Geiste,

Und ich sehe die Propheten, die Sibyllen

Eifern, daß der Tag sein stilles Lichtwerk leiste,

Denn die Welt gehorcht dem vollen Jenseitswillen.

Bannt doch Gott, der Herr, stets seinen eigenen Schatten

Auf die Erde, daß sie reiche Früchte trage,

Und darum ermüden nimmer unsere Matten,

Denn der Geist verlangt, daß er zum Tage rage!

Dort erfaßt sich die Unendlichkeit im Herzen

Adams, den sie weckt, damit sie tief bestehe.

Diese Gaben aber birgt der Mensch mit Schmerzen,

Und er wünscht, daß er zurück und untergehe.

Oh das Weib, das ihn schon fürchterlich erblickte

Scheint am Manne nun voll Bangigkeit zu hangen,

Und ihr Schatten, der ihn lange schon bestrickte,

Fängt jetzt an, nach Wahrgestaltung zu verlangen.

So geschieht es denn. Die Frau ist auferstanden!

Aus den Farrenbainen wuchten Paradiese,

Vögel jubeln, Palmen schleppen Prachtguirlanden,

Innere Frühjahre erblühn auf Hang und Wiese.

Doch der Genius wächst noch. Wird das Weib genügen?

Fühlt es schon in sich die eigenen Wesensmängel?

Reiz an Reiz versucht es an den Leib zu fügen,

Doch der Mann will die Idee und glaubt an Engel.

Wenn es schläft, ermahnt ihn sein Gewissen,

Halte Dich an das, was Dir der Herr gegeben,

Denn sonst wirst Du bald das Paradies vermissen,

Trachte furchtlos fort in der Natur zu leben!

Adam aber will sein Innerstes erfassen

Und beschließt zu sinken, um zu Gott zu steigen.

Keine Harmonie will er geordnet lassen,

Und was schwach ist knickt und nennt er nun sein Eigen!

Armes Weib, Du Urversuch den Mann zu trösten,

Biete Dich nicht an, verfluchter Lust zu dienen!

Doch es ist, als ob sich alle Fesseln lösten,

Ja, die Freiheit ist im Weib zuerst erschienen!

Der Entschluß des Opfers ist in ihr entstanden.

Feig hat Adam seine Knechtin angenommen

Und enteilt mit ihr nun allen Heimathlanden

Und ist Vielem nah, doch nie zu sich gekommen!

Rase nun, verlorener Sohn, von Schmerz zu Leiden,

Wollte Gott, der Herr, doch still auf Dir beruhen,

Du jedoch willst ihn um seinen Grund beneiden,

Und verzweifelt seh ich Dich den Tag verthuen.

Abend wird es. Blasser Mann, nun darfst Du rasten.

Deine Unvollendung fängt sich an zu klaren.

Und Du sagst Dir ernst: Wozu das breite Hasten?

Doch zu spät! Der Abend kann nicht lange wahren.

Deine Schultern sind die scharfen Horizonte

Eines Thales, dessen Schlund die Nacht entwuchtet,

Die Brust ist alles Berggelände, das sich sonnte

Und nun athmend kundgiebt, was es tief verschluchtet.

Dein gewellter Bauch ist wie die See in Häfen,

Die da aufhüpft, gurgelt und nur schwer ermüdet.

Nachsicht schwebt und legt sich nun um Deine Schläfen

Und Du preist die Nacht, die sich mit Gluth umfriedet.

Oh, die Nacht geht auf und hoch im Osten glimmt es,

Einsichtsvoll versenkt sie sich in innere Sterne,

Denn sie liebt ihr sterbliches, weil urbestimmtes

Lächeln aller Welten ohne Grund und Ferne.

Ihre Brüste sind die See der beiden Hemisphären,

Die da übervoll den jungen Tag erbangen,

Um dem Kinde milde Labung zu gewähren.

Hast auch Du, oh Nacht, so wildes Lustverlangen?

Große Nacht, ich kann Dich eben klar betrachten,

So wie Du in stillen Meeren Dich oft spiegelst,

Fühl auch ich Dich, dessen Sterne tief erwachten:

Bleibe, die Du einst die Sonne ganz verriegelst!

Stürzt die Welt aus ihrer Tiefe her zusammen?

Drangt das ewige Gericht nun zum Erlöser?

Eine nackte Flamme, der wir fern entstammen,

Ruft uns nun zurück, wir werden religiöser!

Was nicht nackt an uns ist, wollen wir verstecken,

Des Verfleischlichten beginnt man sich zu schämen.

Unsere Blosheit aber will sich gottwärts recken,

Herr, Du wirst den Geist in Deine Obhut nehmen.

Alle Welten streben nach der Seelenmitte,

Und darum empfinden wir das Zeitverschwinden.

Heiland, führe uns bei jedem Heimwärtsschritte,

Denn wir können gar nichts aus dem Zeitschlund winden!

Jeder kann in sich den eigenen Werth erlangen,

Doch es gilt zur rechten Stunde anzukommen,

Lange werden deshalb alle Lauen hangen,

Und die Seligkeit gehört den Starken, Frommen!

Herr, die ganze Nacht kehrt in dein Inneres wieder,

Jedes Wesen muß unendlich sich beginnen,

Alle Sterne singen ihre Liebeslieder,

Herr, Du bist in uns und bist in ihnen drinnen!

Ich fühl den Blick von einem Sterne

Seit meiner frühesten Jugendzeit,

Ich spielte kaum und bangte gerne,

Und nur das Leid war mir nicht weit.

Ich hing an mir und kaum am Leben,

Doch meine Mutter liebte mich.

Ich wollte fort und doch vor Lust erbeben,

Und starb nicht, als ich mir entwich!

Ach, ich empfand die Macht von Mächten,

Die mich da losriß vom Gewühl

Und suchte dann in heiteren Nächten

Nach jenem Sterne im Gefühl.

Auf einmal ist er aufgegangen,

Er war nicht der, den ich gewähnt,

Nun überstrahlt er jedes Bangen

Und glüht, wenn meine Seele thränt.

Er lenkt mich oft aus den Gefahren

Und führt mich stets zurück zum Leid,

Er will im Schmerz sich offenbaren,

Und drum vergeß ich jeden Streit.

Als mir das Liebste ward entrissen,

Empfand ich kaum den grauen Tod,

Es ist zwar schwer, den Schmerz zu missen,

Doch bleibt der Stern, dem er entloht!

Oh, immer strenger wird mein Wesen,

Und die Erinnerung findet ihren Grund,

Es gilt sich selber auszulesen,

Die Liebe macht kein Schicksal wund.

Ich fühl den Blick von einem Sterne

Seit meiner frühen Jugendzeit,

Ich spielte nie und bangte gerne,

Und auch das Leid war weit, zu weit!

Arkadien meiner Seele, nun erwache!

Ich harre auf den Wind, der mich versteht,

Ich warte, daß er meinen Lenz entfache:

Erscheine, Geist, der durch die Wesen weht!

Es werden Lieder reif in mir erblühen,

Die keusche Wahrheit plötzlich offen sein,

Das Leid wird dann als Thau den Traum besprühen,

Oh, nun ergründe Dich, mein holder Hain!

In meiner Seele bleichen Dämmerstunden

Wird gar behutsam jedes Reis gehegt,

In stummen Blumen schlummern unsere Wunden

Und öffnen dann die Lust, die man verborgen trägt.

Der Menschen Freude wird sich zu mir bücken,

Ich will ob ihres Glückes glücklich sein!

Auch meine Einsamkeit wird sich dann schmücken,

Und das Erfühlen wunderbar gedeihn!

Es ist Italiens Karneval ein großer Dichter,

Das Urerlebte dieses Volkes wühlt er aus.

Vermummen sich die braven, täglichen Gesichter,

So nehmen die Instinkte ihren freien Lauf.

Es preßt sich da der Geist zurück ins Heidenleben,

Die Dominos sind die Gespenster einer fernen Nacht,

Der Pantalon wird schon in guter Unschuld streben,

Wozu der Harlekin die Zwischensprünge macht.

Er ist der Hermes dieser grausen Lumpengötter,

Doch seine Farben plaudern sein Geheimniß aus,

Er kennt sie alle und ist deshalb auch ihr Spötter

Und hat vor Unterweltfiguren keinen Graus.

Die Colombina läßt sich noch als Venus schmeicheln

Und ist das Affenspiegelbild der Helena,

Katharinen muß man selbst mit Pfauenwedeln streicheln,

Denn sie war Juno, als der Weltanfang geschah!

Der Ganymed ist zum Brighella ausgewachsen,

Zum Doktor hat es Aristoteles gebracht,

Der Jupiter versteckt sich hinter Maskenfaxen

Und wird als Erzbetrüger schließlich ausgelacht.

Jetzt fühlt sich jeder frei wie auf des Oeta Höhen

Und schlüpft, wo er nur kann, bei einer Nymphe ein.

Es lassen Danaen sichs ausgezeichnet gehen,

Es regnet Gold in manches stille Kämmerlein.

Es kann die Juno heute Nacht unmöglich schlafen,

Und wirklich kommt ihr Jupiter mit Bacchus heim,

Sie wird ihn barsch, trotzdem es kalt ist, strafen,

Und zwar am Theil mit plastisch vollem Reim.

Der Bacchus aber läßt den Zeus alleine,

Protheisch ändert er sich plötzlich überall,

Oft ist er dick, oft klein, dann nichts als Beine,

Und scheint der Schatten aller nach dem Maskenball.

Fürwahr, er ändert sich durchs Gehn zwischen Laternen,

Da schiebt er manche, die nach Haus ziehen, fast zum Licht,

Und schmilzt zusammen, wenn sie sich davon entfernen,

Du schlimmer Wicht, hilfst nur in dunklen Gassen nicht!

Was dröhnt jetzt plötzlich? Römische Legionen?

Geharnischt ziehen sie die Gassen laut herauf,

Sie werden ihre Beute, Weibervolk, nicht schonen:

Oh Weltnothwendigkeit, so nimm denn Deinen Lauf!

Der Spaß beginnt, nun wird es immer lauter, toller,

Die vielen Menschen werden langsam aufgemischt,

Das jubelt, sprudelt immer thörichter und voller,

Die Jugend, selbst die Kindheit, wird nun aufgefrischt.

Der Lenz erblüht bereits in den geschloßenen Städten,

Und Frühlingslust und Brunst wird ringsum angefacht.

Das Volk verpfändet selbst die Kleider und die Betten,

Da jeder undrapiert, stets anderswo, erwacht.

Im Karneval drangt alles an die Oberfläche,

Mit Juxen und mit Lumpen ist das Volk bedeckt,

Es ist, als ob der Tand von selbst aus Kisten brache,

Und wer nicht mitthut, wird als Finsterling geneckt!

Die Dirnen erscheinen als büßende Nonnen,

Pierrots, häufig Ladenverkäufer, sind stumm,

Und Diebe, als Richter, zu Strenge gesonnen:

Als schwanger ziehn alternde Fräulein herum.

Verkrümmte verkleiden sich gerne als Krieger,

Matronen, als Puppen, gefallen sich gut,

Es brüllen Bediente als Löwen und Tiger,

Romantiker tragen die Feder am Hut!

Die Damen bewegen sich oft wie Kokotten

Und laufen im heiklen Momente davon,

Der Freidenker läßt sich als Priester verspotten,

Und ringsum ergeht sich ein Weltpantheon.

Voltaire spricht ein wenig französisch und Dante

Giebt rasch einer Köchin für elf Stelldichein,

Selbst Newton verkehrt mit des Belzebubs Tante

Und reitet mit Cato ein hölzernes Schwein.

Ein Lord mit unendlichem Pappenzylinder

Wird eben mit Gyps und Papier überweißt,

Ein Sokrates sucht seine eigenen Kinder,

Ein Mönch wird von johlenden Knaben umkreist.

Seht, Bismarck führt dort eine Gans ins Theater,

Vielleicht reißt sie gleich nach dem Abendmahl aus,

Sechs Kinder verloren soeben den Vater,

Und auch ihre Mutter ist nimmer zu Haus.

Die Weiber, mit männlichem Blut und Allüren,

Sind endlich in Hosen zufrieden und keck.

Betrogene lauern im Dunkel der Thüren

Und springen oft wüthend aus ihrem Versteck.

Nun stiegt wo ein Hut, man zerrt eine Mähne,

[Erstochen wird jedesmal irgend ein Mensch]

Die Deutschen erleben dabei eine Szene,

Und Engländer sitzen zufrieden beim Lönsch.

Nun sieht man den Karneval selber als Prinzen

Im Wagen erscheinen. Er ist eine Frau.

Und allerhand Leute bestaunen, begrinsen

Den Zug mit Najaden und Magiern genau.

Denn alles ist da tiefsymbolisch gestaltet,

Es gehn die drei Könige schmunzelnd voran,

Der Karneval selbst, dessen Anzug veraltet,

Verzweifelt und stirbt schon im Hintergespann.

Doch gleich nach dem Zug kommen Mönche und Nonnen

Und tragen für Mittwoch schon Kohl und Salat,

Doch sind sie noch alle zum Ulken gesonnen

Und tanzen, trotz Gaffern und trotz Zölibat.

Der Frühling ist da und am Korso erscheinen

Die lieblichsten Frauen in offenem Wagen,

Es wollte ganz Rom seine Grazien vereinen,

Das Wetter erlaubt, lichte Kleider zu tragen.

Ein Mädchen, das alle Bewerber verlachte,

Erschien uns soeben in Lilien gebettet,

Sie will, daß die Männerwelt lechze und schmachte:

Wer weiß, welcher Geck sein Geschlecht doch noch rettet?

Ei, seht das Gespann, alle Pferde und Räder

Sind herrlich mit Rosen geschmückt und umwunden,

Die Damen, die drin sind, besuchen die Bäder

Und haben dort immer Bewunderer gefunden.

Da kommen noch prächtige Wagen mit Damen,

Die Gäste des Hauses mit Sträußen beschenken.

Da sieht man auch Bräute in blühendem Rahmen

Vergnüglich an Bälle und Bräutigam denken.

Nun taucht auch ein Karren mit bunten Ciocciaren

Im Hintergrund auf. Rugantino sitzt drinnen.

Wir können durch ihn manches Neue erfahren,

Er wird die Kritik des Momentes beginnen.

Er pfeift auf die Redner und Volkstribunale

Und labt sich am Weine der römischen Hügel,

Es braucht sein Humor kein Nörglerskandale

Er hält keinen Schmeichlern und Strebern den Bügel.

Der Frühling ist da. Keine Maske, kein Spötter

Bekritelt, bezweifelt sein frühes Erscheinen.

Es regen sich überall römische Götter,

Der Janus erklärt sich in sinnlichen Hainen.

Bald fallen die Larven. Dann blicken die Augen

Ganz offen hinaus in die goldenen Tage.

Die Wurzeln beginnen rings Leben zu saugen.

Wir pflückten schon Primeln und Veilchen im Haage.

Bald füllt sich die weite Campagna mit Leuten,

Die Mandeln beginnen sie schon zu erwarten,

Es duften Orangen und rufen nach Bräuten,

Es wird die Natur, wie von selber, zum Garten.

Oh, nun leb auch ich der Freude,

In mir selbst ist Karneval,

Flaggen heiterer Luftgebäude

Wehen jetzt mit einemmal.

Seltenes Glück kann ich erfassen,

Worte hör ich auferstehn,

Darf sie nicht verhallen lassen,

Rasch ist es um sie geschehn.

Flugs verfolge ich Gedanken,

Die ein Wehwunsch aufgescheucht.

Oh, nun aber ja nicht schwanken:

Packt das Wild, das flüchtig keucht!

Ja, das ist ein neuer Kummer,

Dort versteckt er sich im Laub,

Der verbleibt erst dann im Schlummer,

Doch ein Lied ist jetzt mein Raub!

Alle rothen Wolkensippen,

Alles was der Tag verbarg,

Lispelt nun mit tausend Lippen,

Schlimm und gut, um seinen Sarg.

Ferne höre ich die Winde,

Die geschwätzig waldwärts wehn,

Seht, und auch ich selbst empfinde

Träume, die Euch Antwort stehn.

Bäume, die ich oft erspähe,

Tragen ihre Tagesfrucht,

Und die schüttelt erst die Nähe

Einer Nacht in meiner Schlucht.

Rosenhauche kurzer Stunden,

Die Ihr ringsum Gold verwebt,

Wißt! ich bin Euch eng verbunden,

Denn Ihr habt mich tief belebt.

Lieder kann ich jetzt vernehmen,

Alles schweigt und alles singt,

Stimmen, die vor mir sich schämen,

Haben sich schon zugeblinkt.

Oh, sie trachten sich zu reimen,

Bald verdämmert ihre Macht.

Träume, die im Nu erkeimen,

Stehen schon in Blüthenpracht.

Alles mag ich fest umschlingen,

Leg Dich, Wind, an meine Brust!

Nacht, Du wirst mein Herz durchdringen,

Sterne werdet weltbewußt!

Auch Ihr letzten Himmelsnarben,

Seht, auch ich bin stumm und wund.

Bald verflimmern alle Farben,

Denn die Nacht ist urgesund.

Abend ist es, wenn ich singe.

Wenn der Tag verhaucht, verblaßt,

Ahnt sich die Natur der Dinge:

Werde Lied, das mich erfaßt!

Namenlos sind meine Lieder,

Sagbar kaum wie sie entstehn,

Laute tauchen auf und nieder,

Bis sie klar zusammengehn.

Endlich freuen mich die Rhythmen,

Die ein Lied sich ausgewiegt,

Und ich will mich ihnen widmen,

Ihre Stimmung hat gesiegt.

Würde ich durch die Gefühle

Tiefer Liebe überrascht,

Hätte ich im Truggewühle

Alles Wirkliche erhascht.

So vertrau ich meinen Liedern

Nur die wahrste Sehnsucht an.

Kann ein Wesen sie erwidern,

Steh ich schon in einem Bann?

Meine gutgemeinten Worte,

Zieht denn hin und immer fort;

Horcht an manchem fernen Orte,

Ob ein Herz, ein Strauch verdorrt.

Lispelt leiser als die Blätter,

Daß kein Schmerz Euch überhör,

Seid der letzten Hoffnung Retter,

Fädelt Euch durchs feinste Öhr.

Findet Ihr ein keusches Wesen,

Das Euch wirklich ganz vernimmt,

Oh, so kann ich fern genesen,

Plötzlich werd ich gut gestimmt.

Namenlos sind meine Lieder,

Soll ich ihnen widerstehn?

Mein Geschick klingt drinnen wieder,

Was da kommt, ist schon geschehn!

Ich will in einem Park den goldenen Abend feiern

Und träumen, wenn die ersten Sterne sich erschaun.

Dann blickt auch mein Gemüth aus Amethystenschleiern

Und fängt im Traume an Erlebtes zu bethaun.

Dort blinkt schon einer. Und nun gleich ein zweiter.

Ihr fernen Sterne folgt Euch stets und habt Euch gern.

Ihr hehren Weltbeschreiter seid Euch stets Begleiter

Und alle ehrt Ihr, selbst im Kleineren, Euern Herrn.

In die Musik will ich mein schweres Leid versenken,

Sie möge es umzaubern und um mich verwehn,

Von purer Gluth, die Angstgefühle, die mich kränken,

Entwirren, bis Ideen furchtbar vor mir stehn.

Ihr Brunnen seid zu laut zu solcher Klärung,

Ein Garten, ein Sonnett, ein Bild sind mir genug.

Ihr vielen Sterne, gebt mir viel zu viel Belehrung,

Wo Schicksal graut, wird alle Sprache bald zum Trug.

Ein Friedhof ist bereits ein Paradies auf Erden,

In das wir schon aus Marmor unbeweglich schaun,

In Gärten aber, wo die Götter sprachlos werden,

Beschleicht mich unergründlich bleiches Graun.

Die Numen schlummern nicht. In einer kecken Laune,

Sind alle dort im Lorbeerdunkel festgebannt.

Hermaphroditen wehren schlau sich gegen Faune,

Endymion wird von Artemis im Schlaf erkannt.

Ich kann mich nirgends still mit stummem Grün umfrieden,

Vereinsamt unter Myrthen ölt sich ein Athlet.

Bis auf die Zehen bleich sind Marmorniobiden.

Geht jetzt der Mond auf? Flüstert Pan ein Nachtgebet?

Die Götter schlafen nicht. Wo ich auch träume, wander,

Verfolgt der Wind mich und es rauscht das Laub.

Oh, nun begleiten mich auf einmal Oleander,

Alleen sind so traut und dort – die Lichtung – taub!

Fürwahr! Es schweigt und schlummert diese Wiese,

Sie hat sich rings mit Schwermuthsthränen bunt bethaut,

Ein Baum aus Asien wuchtet da als fremder Riese,

Ich meide ihn! Wo tönt mir ein vertrauter Laut?

Ich schweife weiter. Lauter dichtes Flüsterdunkel

Umgiebt mich wiederum! Auf einmal lausch ich auf!

Kamelien blühen. Horcht, ein zartes Waldgefunkel,

Dann ein Gebraus, sagt laut: dort ist ein Wasserlauf!

Carraraschwäne harren blaß an einem Wehre,

Doch Wasserquirle halsen hastig hin und her,

Ein Schneegewölk kommt eben ostwärts in die Quere,

Und nun ist dieses Dunkel lautvoll, leer und schwer.

Der Lorbeerduft und Harzgeruch der Parkzypressen

Umflattert wild mein winderfrischtes Angesicht.

Ich sehe kaum! Wie soll ich Weg und Steg ermessen?

Ich schlendre unterdessen, – und seht, – dort wird es licht!

Ein leiser Weiher spiegelt still den großen Baren.

Die anderen Sterne sind noch alle weiß umwölkt.

Vielleicht wird bald die alte Klarheit wiederkehren,

Zumal da doch der Nordwind noch im Duster schwelgt.

Ich zieh den Teich entlang und denke an die Numen,

Die plötzlich in den Seelen heiter aufgetaucht,

Dereinst begrünten sie Italiens dunkle Krumen,

Und heute sind sie da, und wieder fast verbraucht.

Was bannt mich fest? Was will sich mir erklären?

Wie, spiegelt dieser Weiher eine echte Sphinx?

Ich blick empor und sehe nimmermehr den Bären,

Denn es bedeckte sich der Himmel neuerdings.

Doch sehe ich die Thiergestalt sich trotzdem spiegeln,

Und zwar so still, daß eine Sphynx auch aufwärts blickt.

Es will das Obere seine Tiefe wohl erklügeln,

Und Unteres scheint durchs wahre Dasein ganz berückt.

Ich mag mich abermals im Lorbeerhain verlieren,

Nun weiß ich ja was dieser Garten alles birgt,

Gespenster wallen auf, entwurzeln sich aus Thieren,

Und ruhen dort als Mikrokosmus streng bezirkt.

Der Garten selbst verschlingt in sich Italiens Schätze,

Dem Stein und Muschelstrande gleicht der Weiherkies,

Ein dunkler Weg im Grünen ahmt die Gegensätze

Von Flur und Haide in Etruriens Paradies.

Jetzt ist der ganze Park noch kalt, verwildert, finster,

Und ich verstehe seinen Reiz vielleicht allein,

Erblüht jedoch am Meer und Apennin der Ginster,

So rahmt auch hier der Goldlack holde Beete ein.

Und dann umglühen Käfer offene Purpurblüthen,

Und eine Aloë verschenkt in einer Nacht

Die Pracht, die ihre Wurzeln hundert Jahre hüten,

Bis sie auf einmal jäh und übervoll erwacht.

Es glänzt mein Pfad! Ich werde nun zu Menschen treten.

Fürwahr! Vor mir erstrahlt ein herrlicher Palast.

Zum Feste denn! Ich darf mich heute nicht verspäten.

Ach, welches Bangen mich auf einmal ganz erfaßt!

Ein blendendes Treppenhaus hält mich umfangen.

Ich weiß nicht, wie recht durch die Knäule und Schlangen

Von Masken und Schleppen zum Saal zu gelangen.

Treppauf und treppab seh ich Dominos stiegen

Und riesig gewandt, sich in Festgruppen schmiegen.

Das wirbelt und plaudert. Das blendet die Sinne.

Das funkelt und flunkert von flüchtiger Minne.

Das fächelt mit rosigem Fächer noch Scham

Ins blasse Gesicht eines alternden Gecken,

Der eben sich etwas zu eifrig benahm.

Ich sehe mit Küssen sich Arme bedecken.

Dort wirft eine Dame den Handschuh zurück;

Ein Jüngling berührt ihre Spitzen voll Glück;

Und niemals bemerkte ich Kleider, Geschmeide,

So sehr, als wenn Larven die Züge verhüllen.

Jetzt heben sich Finger behandschuht zum Eide,

Erwünschtes verspricht man sich bald zu erfüllen!

Es ist das ein Vorspiel in rauschender Seide.

Ich selbst aber sehne mich weg von den Stiegen

Und trachte mich langsam ins Innere zu schmiegen.

Es schweift nun mein Auge durch flimmernde Zimmer,

Rings spiegelt sich Flitter und Lüsterlichtschimmer.

Ein Walzer fängt an manches Paar zu beschwingen

Und rhythmisch den festlichen Saal zu durchklingen.

Jetzt wirbelt und tanzt alle Welt durcheinander,

Im Umkreise protzen verlaßene Matronen.

Es streift mich soeben ein Prachtsalamander.

Ein Zwiegespräch könnte sich allerdings lohnen.

Doch ist er bereits unter Feen verschwunden.

Nun faß ichs, es handelt sich hier um Sekunden!

Die nächste Entstiegene lohender Gluthen

Wird sicherlich gleich, wo es sei, angehalten;

Vergnüg ich sie dann blos auf kurze Minuten,

So fürchte ich nimmer die rothen Gewalten!

Ein Domino, schwarz wie die Nacht in den Meeren,

Trägt Perlen im Haare. Ich sah ihn schon früher.

Vielleicht sind das Schnüre urkünftiger Zähren.

Wer weiß? Er ist lustig, denn viele Bemüher

Und junge Erglüher umschwirren ihn heiter.

Nun lassen wir sie, und lustwandeln wir weiter.

Die Kerzen umschimmern schon flimmernde Schleier,

Und Wandspiegel geben sie kugelhaft wieder;

Fürwahr, oben hangen jetzt durchsichtige Eier

Und gießen ihr Irislicht rieseldicht nieder.

Kurz nur treffen sich die Blicke,

Jedes denkt an heitere Dinge.

Knüpft durch eine Zufallsschlinge

Hier der Augenblick Geschicke?

Ist ein Ansturm wo geglückt,

Plötzlich wird dort hell gelacht.

Ward ein Fall ans Licht gebracht?

Jede Laune wird zerpflückt!

Skepsis ist des Faschings Wesen,

Seine Freude Medisance,

Lauter kleine Antithesen

Geben Witzen Resonance:

»Seht im Spiegel jene Damen

Haben Häubchen wie ein I,

Passen wirklich in den Rahmen!«

Lacht ein Täubchen mit ésprit.

Hier ist alles Rokoko,

Blüthenbüschel schlüpfen sacht

Aus der Zierrat blasser Pracht.

Engel sitzen ohne Tracht

Hoch auf Wolken irgendwo.

Feen schweben im Trikot,

Über unserem Erdniveau.

Alle sind galant und froh,

Masken geben Rendezvous,

Vor der Hand, nur Fuß an Fuß,

Gottseidank inkognito.

Überall wird kokettiert,

Herzen brennen lichterloh,

Jeder Witz ist unmaskiert,

Wehe jedem, der sich ziert!

Hier kommt alles apropos,

Nur! wo bleibt mein Domino?

Schwupps! da huscht er durch den Saal!

Maske, hab ich dich einmal!

Muth, mein zugereister Mann!

Sprechen wir sie höflich an:

»Magst Du Maske, mir Vertrauen schenken,

Möchte mich um Deine Gunst bemühen,

Laß den Blick in Deine Seele senken

Und den Fall der Larve hold verfrühen.

Wenn zwei Menschen Gleiches denken,

Kann ein Blick ein Ja versprühen,

Unser Fühlen hold zur Liebe lenken,

Und die Herzen aneinanderglühen!«

Meine Kühnheit hat gefallen,

Denn ich bin schon eingeladen,

Plaudernd auf und ab zu wallen,

Und nach heitern Promenaden,

(Kann ich wirklich amüsieren)

Ernste Themen zu riskieren.

Doch vor allem will ich loben:

»Holde Maske, Du bist prächtig,

Deine Schönheit mitternächtig,

Perlen, die Du rings verwoben,

Gleichen Deine trauten Augen,

Die nicht für die Erde taugen.«

»Nicht so schnell, das Paradies,«

Heißt es jetzt: »ist furchtbar weit,

Und da man mich draus verstieß,

Trag ich jetzt als brave Maid

Muthig jedes Erdenleid!«

»Oh es ist die Einsamkeit,«

Fall ich ein: »Voll Bitterkeit,

Täglich schlag ich eine Schlacht,

Mein Alleinsein giebt mir Macht,

Du jedoch bist wie die Nacht,

Weib und schwarz und voller Pracht!«

»Müßte Dich erst ganz erproben

Kannst bestimmt auch Andere loben!«

»Oh, bewundern kann ich Viele,

Manche,« sag ich: »hat Geschmack,

Helles paßt zum Faschingstile,

Schwarz jedoch zu meinem Frack!«

»Schließe nicht nach dem Gewand!«

Hör ich: »Mann aus fremdem Land,

Oft verbirgt die schwarze Hülle

Weiser Schönheit Überfülle!«

»Ganz und gar nicht, glaube mir,«

Fall ich ein: »Gewand und Zier

Sprechen offener als ein Mund:

Deine Seele ist ein Schlund.

Weißes Fleisch ist ein Geschenk.

Deine Schönheit Dir zu eng.

Durch die Larve, nicht die Haut,

Hab ich ganz in Dich geschaut!«

»Was Du sprichst ist zwar gewagt,«

Wird als Antwort mir gesagt:

»Doch es freut mich immerhin,

Deine Worte haben Sinn.

Willst Du mit mir plaudern gehn?

Hier wo sich die Paare drehn,

Die Musik von Liebe girrt,

Wird man ganz und gar verwirrt!«

»Auf ein recht vertraulich Wort,«

Sag ich: »geh ich gerne fort,

Hier im Saal ist es so warm:

Schlanke Mohrin, Deinen Arm

Und zugleich die kleine Hand,

Als ein erstes Freundschaftspfand!«

»Alma dürfen Sie mich nennen,

Doch von nun an, bitte: Sie.

Sollen lieber gleich mich kennen,

Denn Sie haben Phantasie.

Stellen Sie sich wenig vor,

Schließen Sie nach meinem Ohr,

Das ist klein und etwas rund,

Und so ungefähr der Mund!«

»In die allerliebste Muschel«,

Sag ich: »wispert man kein Sie,

Du und Du wirkt im Getuschel

Voll von dunkler Harmonie!«

»Nun so muß die Larve fallen!«

Heißt es nun mit Energie.

Was nun folgt, kann mir gefallen,

Dieses Weib hat Poesie!

»Werthe Dame, Ihre Blicke

Gaben mir den ersten Stich,

Doch ich glaube an Geschicke,

Und verstehe manchen Schlich.

Wollte mir daher vertrauen:

Frauen sind nicht fürchterlich,

Doch gesteh ich, Ihre Brauen

Triumphieren über mich!«

Kaum bin ich damit zu Ende,

Reicht sie mir vergnügt die Hände:

»Dem Besiegten«, sagt sie: »Gnade,

Sein wir offen und gerade,

Eben noch voll Prüderie,

Hab ich jetzt schon Sympathie!«

»Nun so wandern wir denn weiter,

Flüchten wir von Saal zu Saal!«

Meine ich vergnügt und heitert

»Menschen sind mir eine Qual,

Sehn wir lieber durch das Fenster,

Hinterm riesigen Krystall,

Auf die silbernen Gespenster,

Dort beim großen Wolkenball!«

»Oh da bin ich gern dabei,

Was ist, bitte, Poesie?

Sehe sie in allerlei,

Doch ihr Wesen saß ich nie!«

Wie mich das die Dame frägt,

Sage ich ihr unentwegt:

»Treue Freunde, Traumgebilde,

Jeder Ahnung Wahrgestalt,

Unseres Wanderns Mondgefilde,

Gar kein Ziel, ein innerer Halt!

Lebenshauche unserer Lieder,

Frühjahre der Seelennacht,

Hier an Ihrer Brust der Flieder,

Der mich bang und froh gemacht,

Aller Dinge Melodie,

Nicht der Glanz, doch das Genie,

Tiefste Wirbelharmonie,

Ist ganz greifbar Poesie!«

»Jene Dame dort im Saale

Scheint mir schön geschmückt zu sein,

Ja, es ist mir, als verstrahle

Sie den klarsten Sonnenschein,

Ihre Tagsmaragden leuchten

Und ich sagte gern, befeuchten

Wie ein helles Quellengrün

Wiesen, wo Narzissen blühn!«

In die Rede stimm ich ein:

»Sehn Sie dort, im Kerzenschein,

Ruht ein Weib fast mitternächtig,

Nur Rubine und Granaten

Übersprühn es urbedächtig:

Skeptisch gegen Tagesthaten

Scheuen sie fast jeden Laut!

Doch auf Ihrem Haare graut

Schon des Morgens Perlenschimmer,

Oh sie tagen, tauen immer!«

Ihre Larve fällt herab,

Scham und erstes Morgenroth

Sah und haschte ich noch knapp,

Und ich weiß was mich bedroht!

»Kommen Sie, doch vor den Leuten

Bleibt es noch beim alten Du!

Dieses Sie darf nichts bedeuten!«

Meint die Maske voller Ruh,

»Nun das sei, um Mitternacht,

Sag ich so wie so dann Sie,

Maske, durch Deinen Esprit

Wird die Zeit mir kurz gemacht!«

Kaum erst ist das ausgesprochen,

Werden laut wir unterbrochen.

Es wirbeln und rascheln im Saal Tamburellen,

In Seide gekleidete Masken umtollen,

Als Eidechsen, Falter, Insekten, Libellen,

Bacchantinnen, die ihre Spenden entrollen.

Mit Reben umgeben sie Fenster und Thüren,

Satyre verschenken Orangen und Nüsse,

Silen will die lieblichste Nymphe verführen,

Und Kinder mit Lichtflügeln werfen uns Küsse.

Jetzt tritt Aristophanes selbst auf das Podium

Und ruft die italischen Masken ins Leben;

Wir sehn lauter Frauen voll Kampflust und Odium,

Und Männer sich weiblichen Launen ergeben.

Rosaura hat eben den Hausstand zerschlagen,

Es kann Harlekin sich darüber nicht trösten,

Doch auch Pantalon nicht den Jammer ertragen,

Er läßt bei Brighella rasch Trostäpfel rösten.

Das alles erklärt von olympischer Warte

Ein Weib, das verzückt aus dem Chore getreten;

Es sagt uns, es sei die Commedia dell’ arte

Das letzte Hellenenthum junger Poeten.

Nun schenken uns Faune ganz reizende Düten;

Wir öffnen sie, tosten und schneiden Gesichter,

Wir möchten das bittere Geheimniß behüten,

Doch schwatzt schon und lacht das Paniskengelichter.

Das Weib am Kothurne entschuldigt sich heiter

Und schwört uns bei Bacchus, das seien die Reste

Des attischen Salzes und fahrt munter weiter,

Was wir nun besorgten, sei weitaus das Beste

Aus Hellas, homerisches Riesengelächter!

Wir sollten es tief aus den Bauchhöhlen holen,

Denn Dionysos liebt alle frohen Geschlechter!

Und nun schlagen Kobolde laut Kapriolen.

Auf einmal erscheinen im Saale Laternen.

Wer trägt sie und schwingt sie? Ganz weiße Gestalten,

Pierrots mit hellflimmernden, blendenden Sternen,

Beginnen jetzt schweigsam beim Feste zu walten.

»Sie sind dem eleusischen Dunkel entstiegen

Und kennen die Paare, die bald sich vermählen,

Und werden sich gleich an die Glücklichen schmiegen!«

Beginnt nun die Pythia mit Schwung zu erzählen.

Nun wird meine Maske, dann ich von Laternen

Und stummen Geberden umschwirrt und umgaukelt,

Und trotzdem die Lichter sich endlich entfernen,

Ists beiden, als würden wir förmlich geschaukelt.

Gottlob, die Prophetin fährt fort: »Die Laterne

Hat Diogenes diesen Pierrots hinterlassen,

Doch auch seine Tonne, – ich zeige sie gerne –,

Ist da, sie kann heimliche Insassen fassen!«

Es will meine Maske nicht wegsehen. Verlegen

Erwarten wir beide recht peinliche Scherze.

Doch nein! Ein gefälliger Gott ist zugegen

Und tritt mit dem veilchenumwundenen Märze,

Der Blumen verstreut, rasch im Pantherfell auf.

Das Faß wird gewendet; es sprudelt der Wein

Wie Gold aus dem Spund; seinen schäumenden Lauf

Durchkreuzen und dämmen nur Trinkbecher ein.

Verschiedene Zwerge mit kreischenden Stimmen

Und sprechende Vögel erscheinen im Saal;

Sie thuen, als würden sie neidisch ergrimmen

Und machen im Fistelton argen Skandal.

»Folge mir aus diesem Saal,

Hier ist alles zu konfus,

Das wird fast ein Bacchanal!«

Sagt die Maske: »Billigst Dus?«

»Nein, ich gehe gerne fort,«

Sage ich sogleich erfreut:

»Sprechen wir ein trautes Wort,

Sinnlos, aber doch gescheit!«

»Sehn wir jetzt dem Windfest zu!.«

Sagt die Maske überrascht,

Wie sie plaudernd, ganz im Nu,

Eine Mondvision erhascht.

Hinterm Fenster sehen wir

Wolkenrosse Leichen ziehen,

Und ein helles Silberthier

Glotzt in Chaosharmonien.

»Willenlose Wirbel sind

Wilde Beute ohne Herrn,«

Meint die Maske: »jedem Wind

Folgen, geben sie sich gern.«

»Flockenwolken stocken dort!«

Fall ich in die Rede ein:

»Scheuen sich in einem fort,

Formen oder Gischt zu sein.«

»Nebeldüten öffnen sich,

Weiße Kelche gehen auf,«

Meint die Maske feierlich:

»Sieh den dichten Irishauf!«

»Welches fabelhafte Gold,

Welche große Pollenwuth,«

Sag ich: »sich dort hoch entrollt

Und dann überm Monde ruht!«

»Gehn wir weiter, möchte jetzt

Eigentlich am Meere sein!«

Sagt die Maske: »denn zuletzt

Sah ich es im Mondenschein.

Ringsum perlte der Kies,

Lauter Wünsche huschten auf,

Alles zerrte, schwirrte, stieß

Ohne Anfang und Verlauf.«

»Habe ich nicht recht geahnt,

Als ich sagte, daß Dein Geist

Dich an dunkle Hüllen mahnt?«

Frage ich die Maske dreist,

Sie erwidert: »Sicherlich

Hast Du recht, zu recht gehabt,

Doch ich fühle, innerlich

Wird die Trauer weggeschabt.«

»Nun, so wollen wir im März«,

Ruf ich froh, »aufs Land hinaus,

Ja es pocht bereits mein Herz

Mit dem wilden Meergebraus,

Oh, der Lenz kommt ungehemmt,

Fühlst Du ihn nicht aufwärtsziehn?

Windeswogen überschwemmt,

Wittert ihn der Appenin.

Jeder Wuchtcharakter beugt

Endlich sich vor Lust und Föhn,

Jede Wandlung, die er zeugt,

Macht den Leichtsinn wunderschön.

Hat doch alte Erdenkraft,

Mit der Sonne hold vermählt,

Den Planeten umgeschafft,

Das er selbst den Gott erwählt,

Der sich ihm als Rausch entrafft.«

»Deinen Fels erklimm ich nicht,

Meine Seele liebt die See,

Dir zu folgen wird mir Pflicht,

Doch bedenk auch Du mein Weh!

Unser Urgeburtenmeer

Zog mich fast zurück zu sich.

Schon ward alles ringsum leer,

Und die Leere fürchterlich.

Doch man hat mich aufgefischt,

Die Erinnerung aber war

Schon im Busen aufgefrischt,

Und nun wird mir völlig klar

(Weiß ich auch nicht recht warum),

Daß ich nichts entfalten darf.

Irgend etwas wehrt es stumm,

Damals aber sah ichs scharf!

Doch ich liebe noch das Meer,

Wenns dem Nichts entgegenschäumt

Und erbärmlich hin und her

Sich verschlagt und wild verträumt!

Schäumt es, glaub ich fast, es sträubt

Etwas sich, nur Wind zu sein,

Doch sowie es ganz zerstäubt,

Gischtet es dann frei und rein!«

»Ja, es sträubt, es bäumt die See

Gegen das Zerstäuben sich,

Schäumend schluchzt sie noch Ade,

Und enthaucht dann bitterlich!«

Fall ich ein, dann faß ich mich:

»Schwarze Maske, lasse das,

Komm aus diesem Witterstrich,

Ohne wirklichen Verlaß,

Rasch zurück zum Maskenfest!

Tritt ans Fenster! Monderhellt

Stehn dort Wesen felsenfest,

Blicke in die äußere Welt!«

»Siehst Du jenen Tropenbaum,

Sterne spähn durch sein Geäst,

Goldig sah ich ihn im Traum,

Und darauf ein Schlangennest!«

Sagt das schwarzverhüllte Weib,

Athmet tief und fährt dann fort:

»Gar nichts hatte seinen Leib,

Ringsum wogte Gottes Wort.

Früchte bunt und schlangenrund,

Sah ich ohne Zeit und Ort,

Eine führte ich zum Mund,

Und da war ihr Ast verdorrt.

Ich verbiß in Felsen mich,

Durch die Zähne troff die See,

Und der Erde Vipernstich

Fühl ich noch als großes Weh!«

»Komme fort und sieh mich an,

Weg von Dir uud jener Welt!

Hänge Dich an Deinen Mann,

Sieh in ihm ein Lichtgezelt.

Was man schaut und rings erfährt,

Das bestätigt was man ist!«

Sage ich: »Denn man bewährt

Tiefer sich als Ziel und Frist!

Wenn man wirklich innig liebt,

Braucht man keinen Wunsch zu fliehen,

Was ein einzger Mensch vergiebt,

Hat schon Gott durch ihn verziehen!«

»Sei mein Freund und steh mir bei,

Nimm den Ring von meiner Hand,

So! Nun bin ich endlich frei!«

Sagt ein Weib mir urverwandt!

Mitternacht! Mitternacht! Die Larven fallen.

Mitternacht! Man erkennt sich, jubelt laut.

Mitternacht! Walzer wallen durch die Hallen.

Mitternacht! Keinem Gaste bangt und graut.

Mitternacht! Die Isis wird bewußt

Und entschleiert sich der Sonnenwelt.

Jubel sprudelt aus der Göttin Brust:

Ihre tiefe Einsicht überwellt

Urgesuchte, weltverliebte Lust.

Wollust wird zu Gott geschnellt.

Mitternacht! Ich beschenke Dich mit Blumen.

Mitternacht! Du trinkst mir zu, man wünscht und hofft.

Mitternacht! Blüthenreif bedeckt die Krumen.

Mitternacht! Der Nordwind geistert und erschreckt uns oft.

Mitternacht! Was sieht nimmt einen Flor.

Völker überziehen sich mit Scham.

Ostern glüht jetzt überall empor.

Geist entsteht. Wer weiß woher er kam!

Mitternacht! Mein Weib und ich sind eins,

Eins im ewiggroßen Weltgebraus,

Glücklich unseres Zusammenseins,

Ruhen wir vom langen Wandern aus!

»Alles Fühlen, alles Denken

Ist ein fremdes oder fernes

Insichselbstsichtiefversenken!«

Sag ich: »Jeder Mensch erlern es.

Doch vor allem soll es gelten,

Sich persönlich zu verschenken,

Licht aus seinen Innerwelten

In die Nächsten zu versenken.

Alles Sehen, alles Lieben,

Ist an sich das wahre Leben,

Blos die Hoffnung ist geblieben,

Die Ereignisse entschweben!«

»Das Gebrause, das ich höre,

Ist wahrscheinlich wirklich wahr,

Lauter unsichtbare Chöre

Singen uns als trautes Paar.

Winde walzen Wolkenwogen

Unaufhörlich himmelwärts,

Für die Liebe ausgezogen

Wuchtet auch in uns der Schmerz.

Dieses Ineinanderbranden,«

Sagt mein Weib: »ist wunderbar,

Oft geht da der Blick abhanden,

Doch auf einmal wird es klar:

Immer neue Wünsche winden

Tief sich in ein Urgemüth,

Können nie das gleiche finden,

Da es sich zu dauern müht

Und in stillen Freiheitspeichern,

Immer fester sich erfaßt,

Und so glaub ich, wir bereichern

Uns auch fort und ohne Rast!«

»Willst Du nicht zum Fenster treten?«

Frag ich: »doch dann sprich nur weiter,

Siehst Du jene Statue beten?

Oh, die Mondnacht ist nun heiter!«

Der Mond umfaßt die Glieder eines Knaben

Und seinen Leib bedecken Perlenschnüre.

Ist das Ekstase, starres Lustgehaben?

Die Schatten dauern still wie Liebesschwüre!

Der Mond will sich am weißen Marmor halten,

Als Weltruine liebt er kalte Gesten:

Das Felsgestirn sucht weithin in den Spalten

Der Erdromantik stets nach hehren Resten!

Der Grieche scheint die Mystik einer Seele

Dem todten Lichte völlig darzubringen,

Dafür empfängt sein holder Leib Juwele,

Die aus der Geisterwelt herüberklingen.

Ein Schein wie Milch umfließt die weißen Glieder,

Und Iristropfen schimmern aus dem Steine.

Selene steht und tritt zum Jüngling nieder,

Es ist, als ob sie küssend ihn beweine.

Nun scheint das Licht sich schweigsam zu beleiben

Und fast die stillen Glieder zu erweichen;

Es wollen beide stumm in Glück verbleiben,

Und blos in einem Liede sich erreichen.

»Schwermuthwolken kann ich wittern,

Gehn wir nicht zurück zum Fest?

Träume wollen uns erschüttern,

Werde mein und halt mich fest.

Furchtbar fühl ich schon die Stunden,

Da man lebt wie jeder lebt!«

Sagt mein Weib: »ich liebe Kunden,

Wo der Mensch sich überhebt!«

»Meinst Du jene Lichtsekunden,

Da man selber sich entschwebt,

Da die Mühe überwunden,

Immer tiefer niederstrebt?

Ja, mit jedem Flügelschlage

Schließt man Gräber unter sich,

Denn die Zukunft aller Tage

Wirkt in Dichtern innerlich!

Doch für heute laß das gehn,

Höhen hat die Erde auch,

Und ihr Wesen ist Gestehn!

Doppelspiel ist Frauenbrauch!

Worte«, sag ich: »kann man zügeln,

Sterne aber scheinen wahr,

Blicke kann man kaum erklügeln,

Immer sind sie offenbar!«

»Nun, so komm, wir wollen schweigen,

Glücklich lehnt sich Traum an Traum,

In uns selber aber steigen

Traute Stunden aus dem Raum.«

»Siehe«, spricht mein Weib: »wie innig

So ein Saal sich selbst beseelt,

Wie sich alles still und sinnig,

Minnig fast in Pracht vermählt.

Oh, der Raum fängt an zu sagen!

Ruht er schon vom Feste aus?

Schweigen ist das tiefste Fragen,

Horch! es lispelt jetzt das Haus!«

Marmorsäulen sind mit reicher Steinmetzarbeit dicht umlaubt,

Tragen dumpf der Fenster Bögen. Karyathiden halten Wacht,

Bleich im Narrenspiel der Menschen, stumm im Wechselspiel der Nacht,

Und die kleinen Nischensäulen sind gewunden und geschraubt.

Oh Ihr weiten, fernen Zeiten! In der Seele wachgerufen,

Taucht Ihr auf, Euch zu empfinden, und lebt fort, wenn Ihr mich rührt.

Altumwandet kommt das Neue, und wir werden so verführt,

Als Erprobtes zu verwenden, was wir eben selber schufen.

Große Römervillen werden Ruheplätze der Natur,

Wo sich tausend Elemente unserm Menschenwillen beugten.

Wesen, die fast abgeschlossen von den Schollen, die sie zeugten,

Geistig und sich selber lebten, wandelten auf freier Spur!

Im Gedanken freie Schwärmer, Philosophen, Forscher, Dichter,

Allen Lebens Feuerblüthen, starke Seelen voller Glanz,

Immer schlürft Ihr, wie Kometen, Pollengold vom Sternenkranz,

Ahnt Ihr aber auch die Gründe ewiglich verschiedener Lichter?

Sterne und ihr Nachtgefolge ziehen durch ein stummes All,

Ihre Sehnsucht weckt das Leben, keine Strahlen gehn verloren,

Denn die Ewigkeit ist innig: und in uns bereits geboren,

Wird der Geist, der sie durchleuchtet, jung beseelt als Widerhall!

Stille Treue zu den Sternen ist das Leben der Planeten,

Und die Sonnensehnsucht zeigt sich als Kometen in der Welt,

Und auch diese werden endlich frei auf ihre Gluth gestellt.

Suchen sie dann selbst die Ruhe, können Welten sich verkneten.

Aller Sterne Feuerblüthen schleift in sich der Weltkomet,

Denn sein Schooß empfängt beim Wandern lauter Sternenelemente,

Doch wir selbst erschaun sein Wurzeln blos auf kurze Glücksmomente,

Wenn er Liebesworten ähnlich seine Feuerschnuppen sät.

»Sieh, im Tanzsaale die Paare!

Hofft dort jemand was wir fanden?

Denn was ich nun tief verwahre,

Hab ich früher nie verstanden.

Sage Du mir,« spricht mein Weib:

»Wie soeben alles kam,

War ich Dir blos Zeitvertreib?

Sage, wie ich mich benahm.«

»Nun wir haben traut geplaudert,«

Gebe ich zur Antwort: »Endlich

Hat man nimmermehr gezaudert,

Alles schien uns unabwendlich!

Holde Anmuth Deines Wesens

Hat mich innerlich bewegt

Und die Ahnung des Genesens

Plötzlich in mein Herz gelegt.

Traut beginnen meine Lieder

Bis ich Höhenlust erwühlt,

Schwer nur faß ich mich dann wieder,

Doch so wie ich Dich gefühlt,

Holdes Weib, blieb ich hienieden,

Deine Augen hielten Wacht,

Riefen mich und strahlten Frieden.

War das meine letzte Nacht?«

»Deine letzten finstern Stürme!«

Sagt mein Weib: »An Deiner See,

Bau ich unsere festen Thürme,

Daß ich Dich beruhigt seh!«

»Richtig,« ruf ich: »Deine Blicke

Senkten gleich sich in mein Sein,

Lenkten schon unsere Geschicke,

Denn ich fuhr im Hafen ein.

Wahrlich, so ist es gewesen,

Jetzt entsinn ich mich vielleicht,

Oh, ich war ein wirres Wesen,

Habe nie mein Ziel erreicht.

Schifflein waren unsere Reden,

Wiegenspiele munterer Fahrt,

Mit der Flagge eigener Art,

Sollten ernst sie sich befehden.

Gut gerüstet als Piraten,

Haben meine aufgepaßt,

Deine sollte Dich verrathen,

Da Du Dich verkleidet hast!«

»Ja, die Wimpel meiner Laune«,

Sagt das Weib: »Verrieten mich!

Wirklich wahr, ich denke, staune:

Alle ließen mich in Stich!«

»Ich verfolgte sie im Treffen,

Hofft ich doch, daß ich verlor,

Ließ oft andere Segel reffen,

Sieh, und endlich kam ich vor!

Hinterm Damme Deiner Zähne,«

Mein ich: »Rüstetest Du fort,

Plötzlich fiel da eine Thräne,

Auf das flinkste Kaperwort.

Oh, da ist es gleich gesunken,

Beide tauchten wir danach,

Alle Mannschaft ist ertrunken,

Unsere Schlacht ward unsere Schmach;

Jene Perle liegt im Meere,

Und wir denken noch an sie,

Todt sind unsere munteren Heere,

Alles schweigt aus Harmonie!«

»Bleib in meinem sicheren Hafen,«

Sagt mein Weib: »ich halte Wacht,

Selbst die Träume sollen schlafen,

Ferne braust die dunkle Nacht!«

Die Putten, mit den schweren Fruchtgewinden,

Die heute lauter Schelmerei erlauscht,

Sind fröhlich, denn nun haben sie verstanden

Was Liebe ist und wie uns Lust berauscht.

Die Spiegel, die Gestalten wiedergeben

Und die dem Saale seinen Prunk verleihn,

In denen scheinbar lauter Paare schweben,

Sind bald bestimmt, ganz blind zu sein.

Erinnerungen werden wiederkehren.

Und tausendfach erträumt sich dann der Saal,

Gleich Spiegeln können ihn Visionen mehren,

Und ringsum wimmeln Nischen holder Wahl.

Doch werden hier die Sammtgardinen rasten,

Im Mondlicht schimmert bald ihr Purpur halb,

Die prachtvollen und schweren goldenen Quasten

Umbaumeln sie darauf gleich einem schweren Alb.

Die Gäste fangen an nach Haus zu gehen.

Die Edelsteine hüllen sich in Nacht.

Aus Sammt und Seide wird bald Wärme wehen

Und feenhaft entschwebt sich selbst die Pracht.

Nun heißt es scheiden und zufrieden bleiben,

Ich nehme vieles Glück vom Feste mit.

Der Abschied drängt: wozu noch Kurzweil treiben,

Zum Wiedersehen wagen wir den ersten Schritt!

Nur lose Blumen darf ich jetzt verschenken,

Sie sind so bunt wie es beim Feste war,

Ich selber will blos an die Freuden denken,

Es wird in Blüthen jeder Frühling wahr!

»Oh, sei mein Lenz, ein ganzes neues Leben!

Oh, lös den Reif, der meine Seele zwangt,

Fort aller Trotz, ich will das Glück erstreben!«

Ruft hold mein Weib: »Die Welt ist gluthdurchtränkt!

Mein Keuschheitsfeuer strahlt zu Deiner Wärme,

Mein Leib ist Dein, es folgt bereits der Geist,

Fühlst Du sie nicht, die flüggen Frühlingsschwärme?

Sie sind aus mir in Dich emporgekreist!

Der starken Sprache frische Sprudellieder

Entschwirren mir zugleich als Sang und Lied.

Das Eis zergeht, ich habe Dich nun wieder,

Urewig bin und war ich blos Dein Weib.

Oh sei mein Lenz, ich kann Dich herrlich bannen,

In Sehnsuchtsbachen spiegle sich Dein Licht.

Fängt dann der Lustschwall an sich abzuspannen,

Umträume mich und schweige, schlafe nicht.

Oh bleibe mir, daß sich die Seelen küssen,

Oh fühle dort, wie Wunsch zum Wunsche bangt,

Denn Träume sind es, die sich hören müssen,

Damit ein Sein im andern sich erlangt!«

Nun sage ich: »Laß an die Brust Dich drücken,

Es jauchze schon, voll Übermuth, ein Kind!

Wir wollen kindlich, kindisch uns beglücken,

Denn Lust zerrinnt, wer bannt sie, hascht den Wind?

Wenn weltvernarrte Träume uns entschweben,

Verspinnen Scherze sich von Herz zu Herz,

Und immer mehr von uns muß sich ergeben,

Der Leiber Gluth vereint zu gleichem Schmerz!

Nicht morgenhold sollst Du mich je entstammen,

Kein Scharlachgold entlohe Deinem Blut,

Ich scheue Freuden mit zu wundersamen

Enträthselungen unserer Geisterfluth.

Ich mag die Welt in voller Sonne sehen,

Wo jedes Fühlen sich zur Klarheit dehnt,

Die Mittagshauche Blüthendüfte wehen,

Erhaben alles sich nach Reife sehnt!

Mich freut der Tag, der sich von Liebe flüstert,

Ich liebe Seelen, die sich ganz vertraun,

Das Feuer, das in stillem Blicke knistert,

Doch vor der Schwüle packt mich arges Graun!«

»Oh sei mein Lenz, laß mich den Traum vergessen,«

Fleht nun mein Weib: »Da ich gar einsam war.

Das war ein Bild voll Weiden und Zypressen

Und selbst die Sonne schien nur selten klar.

Nun will ich Luft und Licht und Dich genießen,

Schon kommt der volle Lenz, der mich erweckt,

Des Winters Irisflimmer wird zerstießen,

Bald scheint die Welt von Teppichen bedeckt.

Wird alles Gold aus dunklem Schacht gezogen?

Sieh, wie es innerlich die Reben wärmt,

Von den Geschöpfen wird es eingesogen,

Da es berauschend durch uns alle schwärmt.

Ein Kuß voll Gluth und Gold soll uns vereinen.

Oh komm, zwei Ringe, kühlen, fühlen sich,

Wir wollen fiebernd uns gefällig scheinen,

Wie bist Du kalt, war das ein Stich?

Wir sind ein paar und eng verbunden,

Wir liebten glühend und sind auch erblaßt,

Was fremd uns schien, verblich und ist verschwunden,

Und nur was beide eint, hat sich erfaßt.

Was unsere Seele nicht unendlich paarte,

Ist weggesprüht, in beiden längst versengt,

Doch was sich heimlich, ähnlich, offenbarte,

Hat sich vermengt und Frieden uns geschenkt!«

Ich sage drauf: »Ich kann nur wenig lieben,

Das, was mich freute wird mir plötzlich fremd,

Was mich dereinst berauschte, das ist stumm geblieben,

Was hat wohl immer noch mein Glück gehemmt?

Mein Traum enttauchte stets dem Abendgolde

Und unermeßlich schien sein Horizont,

Gestalten wandelten in meinem Solde,

Und haben bläßlich sich in Blut gesonnt.

Ich ließ mich oft von Wünschen weiterführen,

Und habe Sänger ahnungslos belauscht,

Ich träumte mich durch offene, goldene Thüren,

Und ward vom Wald in tiefen Schlaf gerauscht.«

»Du rastest nie!« sagt nun mein Weib: »Verbleibe!

Wo rast Du hin, hast Du ein Ziel im Sinn?

Ich habe auch die Nacht in meinem Leibe,

Sie harrt auf Dich, sieh, wie ich hurtig bin!

Schon rauscht aus dunkelen, lebensbangen

Gefühlen Manches wie Verwunderung auf,

Sirenen wollen nach Juwelen langen

Doch trügt der Mond sie und ein Tunfischhauf.«

»Der Mond!« Entschlüpft es mir: »Mit Wolkenflügeln

Erweckt er pulsend kaum den Wind am Meer,

Er küßt die Säume, die ihn glitzernd spiegeln,

Doch grollt die See, denn grau ist sie und leer.«

»Ich habe ja das Meer erschaut, empfunden,«

Sagt nun mein Weib: »Es sucht und hascht die Lust,

Sein ganzes Wesen ist von Glück durchwunden,

In Geistern, Fischen, durch und durch bewußt.

Ein Irisschleier, Netze der Sirenen,

Verschlingen sich um jeden Funkenschaum,

Und Briefen, die sich sprühend weitersehnen,

Verstrahlen flimmernd, irgendwo im Raum.

Das Meer genügt, vergnügt sich, ohne Mitte,

Und spendet was das Mutterland verlangt,

Denn schlagend flüstert es die dumpfe Bitte:

Gieb mir zurück, wonach mich lange bangt.

Die Erde seufzt darauf und athmet schwerer.

Da springt die Briese auf. Der Schiffe Schwarm

Kehrt rasch zurück. Das Meer wird leerer.

Und alles schläft dann ohne Angst und Harm.«

»Oh sei mein Hort, mein Heim,« steht meine Stimme:

»Auf heller Briese wehe ich Dir zu.

Daß nur mein Heimathlicht jetzt nicht verglimme,

Sonst findet meine Seele keine dunkle Ruh.

Du bist mein Pharus, will Dein Licht mich rufen?

Schon wirft es mir sein langes Flammenseil.

Dort ist der Hafen. Da der Mole Stufen.

Ins Dunkel sticht und wühlt der Blendepfeil.

Das Wasser kann allein das Licht erfassen:

Ihm ist kein Stern zu ferne und zu schwer.

Wird sich in Dir mein Glück empfinden lassen,

Und sei es schwankend nur, wie tief im Meer?«

Sahst Du noch nie den Fall der Leoniden?

Wenn Sterne lautlos durch den Äther zittern

Und ringsum sich beim Falle noch zersplittern,

Erkennst Du doch den großen Wunsch nach Frieden.

Blick auf die Vögel! Ziehen sie nach Süden,

So scheinen sie, vereint, kein Arg zu wittern.

Doch kann ein einziger Sturz den Zug erschüttern,

Denn gleich fühlt sich der ganze Schwarm ermüden.

Dich konnt ich durch ein tiefes Wort erlangen,

Denn Du ergabst Dich plötzlich unbewußt,

Und Scham und Liebe quoll in Deine Wangen;

Jetzt glüht Dein Fühlen hold an meiner Brust.

Bald kann ich Dich in voller Gluth umfangen,

Denn Ruhe sucht urschließlich jede Lust.

Nun bist Du mein! Denn wunderbar ist Liebe,

Ein Tag von Stimmen, über uns gekommen.

Wir haben uns im trüben Lautgetriebe

Nur allzutief und klar und ganz vernommen.

Stets überwellten Wünsche Deine Brüste

Und ich bedrückte Dich durch Liebesschwüre,

Doch heute ruhen diese Herzgelüste

Und Deinen Nacken zieren Perlenschnüre.

Erinnerungen schimmern durch die Freuden

Und traut und traurig seh ich Bilder wieder,

Ich harre in unendlichen Gebäuden

Und Träume wachen auf als lauter Lieder.

Ich will das Unvergleichliche verstehen

Und sehe mich im Mondlicht über Seen,

Ein Fieberwind kann mich so mild umwehen,

Daß alle Sterne zitternd untergehen.

Aus Perlen können zarte Träume thauen,

In ihrem Wesen schlaft ein Abgrundgrauen,

Das sie geängstigt immerdar erschauen,

Und Schicksal scheint aus ihnen aufzublauen.

Auf einmal wandle ich in tobten Hallen.

Sie scheinen gothisch und am Mond entstanden,

In Gängen seh ich Wesen heimisch wallen,

Und schon gefall ich mir in diesen Landen.

Unweigerliche, ehrliche Zypressen

Umwuchten dort das einfachste Gebäude,

Da drinnen kann man seine Welt vergessen

Und schöpft aus Seelenbrunnen Himmelsfreude.

Ein Marmorhaus mit seltenem Kirchengibel

Erschimmert jetzt in sanfter Perlenbleiche,

Und hehre Bildergruppen aus der Bibel

Erschauen sich im goldenen Himmelreiche.

Orkane, die zumeist als Traum verblaßten,

Vielleicht das Mittelalter meiner Ahnen,

Gewalten, die sich niemals klar erfaßten,

Beginnen mich bestimmt an sich zu mahnen.

Ein Dom, gewiß dem Monde zugewendet,

Versteinert ringsum seine grünen Muster.

Dort, wo die Hostie ruht bin ich geblendet.

Was glimmt! Ich werde urbewußter.

Ich trete vor und höre hohle Stimmen,

Das ist das KryptaEcho meiner Todten,

Jetzt fängt das Blut der Steine an zu glimmen,

Oh Gott, der Mensch erkennt Dich in Geboten:

Es singt der Fels sein Lied in Strahlengarben.

Oh Herr, gestatte, daß ich einsam werde.

Ich mag um sanfte Marmorstille darben.

Beruht auf ihrem Nordlichte die Erde?

Oh kalte Flamme, leichter als das Leben

Und stiller als die nackten Felsenriesen,

Ich will Dich wie der Stein in mir erstreben,

Oh Herr, Du seist im jüngsten Glück gepriesen.

Der Tempel ist noch immer nicht verschwunden.

Wie kann ich diesen Traum so lange bannen?

Ich bin ihm jetzt durch Wirklichkeit verbunden

Und blos ein Wille bringt mich nun von dannen.

Da schwelgt die Stadt in bleicher Perlenzierde.

Mit Marmorthürmen blickt sie zu den Hügeln.

Doch keine Rhythmen zeigen hier Begierde,

Und Linien seh ich nirgends Sehnsucht zügeln.

Der Fluß mit seinen WaldIntimitäten

Vertheilt gerecht des Thales Ernst und Milde,

In Buchten drängt er sich mit Bußgebeten

Und vor Gemäuer schwemmt er Mondlichtschilde.

In heimlicher Entfernung ragen Vesten,

Der stille Perlenstrom gelangt zu jeder.

Auch ruht ein Nebel fern auf Burgesresten,

Und scheint mir eine Ghibelinenfeder.

Es ist, als ob ein Traum zu sein sich schäme.

Trägt jegliche Idee in sich Verzicht?

Denn sonderbare, große Bergprobleme

Besonnen sich in meinem Innerlicht.

Versteinert sich noch immer nicht mein Schweigen,

Und doch, es schmückt, berückt uns jetzt ein Lenz,

Erinnerung, Du sollst der Nacht entsteigen,

Ich rufe Dich, ich nenne Dich Florenz!

Fürwahr, das sind die edlen Festungsthürme,

Die ich von San Miniato voll empfand,

Dort sah ich allen Marmors Flammenstürme

Und stummer Gluthen leisen Daseinsbrand.

Rings sehnen Lehnen sich zum Arno nieder,

Und Ölbestände glimmen still empor,

Sie lispeln ihre leisen Silberlieder,

Und oft tönt oben ein Zypressenchor.

Du wundervolle Landschaft, Deine Milde

Hat ein gewaltsames Geschlecht verstärkt;

Und deshalb ragt ein Schloß in einem Bilde

Unbändig auf, wenn man es kaum bemerkt.

Das goldene Ostergrün bethauter Wiesen

Erknospt, wenn längst die Morgenlerche singt,

Und rings um steilbethürmte Festungsriesen

Ein mädchenhafter Frühlingshain sich schlingt.

Toskanas Geist erklärt sich mir in Worten,

Schon hat er bleibend sich in mich versenkt

Und meine Sehnsucht oft zu holden Orten,

Zu Füßen hoher Zwingburgen, gelenkt.

Ich liebe Dich, Bereich der Silberlinien

Und Schneegebirge, die als Hauch verwehn,

Gelände, wo nur selten niedere Pinien,

Geschieden von Zypressen, einsam stehn.

Florenz, Dein Volk soll Städtemauern bauen,

Du hast die Arbeit kraftvoll anerkannt,

Dein Geist will Felsentrümmer rein behauen,

Und Klarheit ward durch Dich in Stein gebannt!

Du gabst der Erde Thaten und Ideen,

Doch niemals ward Dein Boden Schwärmern hold,

Du hast Dich selbst als Wirklichkeit gesehen

Und Leib und Seele ganz und rein gewollt.

Die Nacht in Deiner Seele ist nicht finster,

Du kennst doch kaum ein mystisches Versteck,

Aus Deiner Öde blüht noch goldener Ginster

Und lacht und duftet über jeden Zweck.

Es ist Toskanas eingeborene Stimmung

In ihren Robbias eigentlich erwacht,

Sie schufen ringsum kalte Prachterglimmung

Und haben Märzbeginnen angefacht.

Die Engel, die durch blaues Wasser waten,

Wie man sie oft auf Wandmedaillen sieht,

Vermocht ich selber einstens zu errathen;

Es war, als still ein Arbeitstag verschied.

In goldener Wonne ruhten die Maremmen,

Und nirgends, nirgends, regte sich ein Wind:

Da nahte, zwischen eines Flusses Dämmen,

Auf einmal mir ein hehres Himmelskind.

Es mußte sicherlich durchs Wasser schreiten,

Es kam so langsam wie ein Riesenschwan,

Es schien die größte Stille zu verbreiten

Und hat dem Uferhain kein Leid gethan.

Es glühten seine Flügel durch Zypressen,

Die fühlten wohl sein Aureolenlicht,

Denn sie verneigten sich wie angemessen,

Und alle Dinge schienen wirklich schlicht.

Dann kam der Traum mir leider in die Nähe,

Ganz plötzlich hielt ich ihn für reinen Dunst,

Und da empfand die Seele arges Wehe,

Und es verließ sie wohl des Himmels Gunst.

Ein Schiff sollte den letzten Zauber rauben,

Denn als ein solches fuhr der Traum vorbei,

Doch was ich sehe brauch ich nicht zu glauben,

Ich und die Segel sind sich einerlei.

Florenz, das ist ein kühner Frühlingstag,

Ich stoße überall auf heiteres Glück,

Wohin ich auch die Blicke wenden mag,

Es fallt in mich ein Eindruck stets zurück.

Die Sonne blendet heute überall,

Ich kann ihr wirklich kaum entgehn

Und wittere einen Seelenüberfall,

Will gar in mir ein Omen auferstehn?

Ich pralle abermals vor Glanz zurück.

Der Arno schien mir gerade ins Gesicht.

Ich gehe wiederum ein kleines Stück:

Und endlich wird es in mir selber Licht!

Erscheint vielleicht im Geist der weiße Christ,

Ist meine Seele wahr und keusch genug,

Legt seine Milde sich in meinen Zwist,

Da ich schon häufig heiter Leid ertrug?

Entstehe, bleicher Heiland, fern in mir:

Du blendest mich und bist dabei so weich.

Das ist mein Seelengrund: erfüll Dich hier!

Beherrsche mich, Du bist in Deinem Reich!

Wie eine Zelle sei mein stilles Herz,

Oh, geh in sie, wie in San Marco, ein,

Dort ist das Leid so weit von jedem Schmerz,

Oh könnt ich einsam, rein und einfach sein!

Maria ist die Reinheit in der Welt,

Die einzig Gottes Flammenwort empfangt,

Und wenn sie das in sich verborgen hält,

Hat sich der Herr in seinen Sohn versenkt.

Ihr Engel, Wanderer, Esel, Rind,

Erzählt Euch selbst, was Ihr bei der Geburt

Von unserm Gottgeschenkten Gnadenkind

In Eurer biedern Einfachheit erfuhrt.

Denn damals wurde Er in Euch bewußt,

Ihr wart voll Angst und deshalb floh er Euch,

Dann hielt der Nil ihn noch an seine Brust

Und wer ihn zeugte, folgt ihm mit Gekeuch!

Bei seiner Taufe ward ihm selber klar,

Daß er der Heilige der ganzen Welt

Und der Verkünder ihres Geistes war:

Der Jordan selber hat sich aufgewellt.

Oh Herr, jetzt steigst Du aus dem dunklen Grab.

Ob Dich dazu der Wächter Schlaf beschwingt?

Zwar trägst Du schon den holden Friedensstab,

Doch bist Du noch von Urvergessenen umringt.

Was Dir nicht nahen kann, bleibt immer da.

Verbunden sind Dir ewig Fuchtel, Pfahl.

Wo jemals eine Christenthat geschah,

War sie ein Sieg über den Stolz, die Qual!

Der Herr mit seinem Leibe ist nun fort.

Der Engel macht es seinen Jüngern klar:

Er lebt in uns. Er flammt aus Gottes Wort.

Er strahlt nun ewig in der Christenschaar.

Hier ist er nicht, im finstern Grabesloch,

Noch oben zwischen Sternen in der Nacht.

Doch leiblich ist er da. Erkennt ihn doch!

Oh geht ihm nach, versucht was er vollbracht!

Oh Christus, wär ich rein und weltenbleich,

Erfröre endlich jeder Erdensinn,

Erthaute ich in Deinem Himmelreich,

Wie bin ich schwach und sehn ich mich dahin!

Oh Gott, Dein Sohn erscheint im Frühlingshain.

Die Magdalena sieht ihn schwebend gehn.

Es ist kein Thau so klar, kein Schnee so rein,

Wie das Ereignis, das vor ihr geschehn.

In seinem Schweigen schläft bereits das Leid,

Er ist der Dinge allerdünnster Hauch,

Das Leben, das sich seinem Schöpfer weiht,

Der Trost und unser holder Wesensbrauch.

Als Gott mit uns bis in die Sünde fiel

Und in der Wesenheit unendlich blieb,

Enthüllte Er sich als das Himmelsziel

Und tilgte eifrig jeden Wuchertrieb.

Auf dem Erbarmen, das sein Sohn empfand,

Beruht nun auch des Vaters Gnadenthum,

Und in den Christen bleibt das Unterpfand

Von unseres Schöpfers Wirklichkeit und Ruhm.

So hat am Tabor Christus sich verklärt,

Berückend hell war die Astralgestalt,

Er ward das Ganze, das sich nie verwahrt

Und ewig sich in uns zusammenballt.

Es reichen seine Hände aus dem Ei

Des eigenen Wesens und zugleich der Welt,

Er ist der in sich selbst gekehrte Schrei,

Der jedes Wert im Nichts zusammenhält.

Erhoben und zerschmettert ist das Sein.

Die Jünger stürzen, oder wallen hehr,

Aus diesem Erdenleben voller Pein,

In Jesus Christus weites Gnadenmeer.

In Viele schwankt und wankt etwas zurück,

Doch Alle drängt des Geistes Majestät,

In tiefsten Seelenwinkeln glüht das Glück,

Auf dem Er noch in hehrer Pracht besteht.

Maria wird vom Sohne hold gekrönt.

Sie beugt sich keusch zu ihrem Heile vor.

In ihr sind Schöpfer und Geschöpf versöhnt.

Ekstatisch singt die Welt den Gnadenchor.

Angelico, in Dir erklingt er rein,

Wie nirgends sonst in Deinem Heimathland,

Du knüpfst von ganz Toskanas Frühlingshain

Zu Gott ein wunderbares Friedensband.

Florenz, es sprüht aus Deinem großen Ernst,

Ein heiteres Erdenlicht zu Gott empor,

Oft mein ich, daß Du Dich vom Leid entfernst,

Und Deine Seele wellt sich wie ein Flor.

Ein vollerfüllter Wunsch befreit zu sein,

Auf Gottes Sonnenstille zu beruhn,

Eine Idee, der sich die Engel weihn,

Entschuldigt da das untere Sein und Thun.

Oh, wie das jubelt und der Welt verzeiht!

Wie sich das Licht, wenn alles still ist, regt!

Wie sichs Verzückungsstunden hehr verleiht

Und rings die Erdgeschicke redlich wägt!

Ach, dieser Glanz ist außen wie in mir.

Die Sonne selbst hat Gott für sich gestellt.

Als Licht erwärmt Er Menschen, Flur und Thier,

Und ist der Sohn! Und wir sind Geist der Welt!

Oh Gott, Du krönst die Schöpfung, die Du liebst,

Wo ich auch irre, folgt mir Deine Luft,

In der Du Deine ganze Huld vergiebst:

Ich liebe Liebe, Wärme, Licht und Duft.

Florenz, das sind die Erzstunden des Tages!

Jetzt sehe ich die Steingespenster kaum,

Doch zittert nun ein seeliges und vages

Erleben, aus den Bronzen in den Raum!

Es einen Feuer, Wasser, Schmelz und Härte,

Der Geist und die Materie sich im Erz,

Es ist ob Kupfer Lust in sich versperrte,

Und ungebändigt friert im Zinn der Schmerz.

Verocchios Reiter und nervöse Pferde,

Die Jünglinge, die hold die Sonne freit,

Sind dauernde Geständnisse der Erde,

Die fiebernd sich der Sonnenliebe weiht.

Aus Pollajuolos holden Knabenlippen

Erschäumt noch jetzt des Gusses Innergluth,

Des Sonnenlichtes Salamandersippen

Entschlürfen solchen Mündern Wollustblut.

Das Erz ist nackt. Es will sich sieghaft sonnen.

In Donatellos David ward es frei!

Es hat der kleine Leib entblößt gewonnen,

Er hielt allein die Fußbekleidung bei.

Die schien ihm schön! Ob er sie brauchen konnte?

Als Harnisch wird sie stets am Licht bestehn,

Und wie er seinen Körper lieblich sonnte,

Vermocht er es, sich fertig anzusehn.

Die Thiere des Bologna werden munter.

Es sucht ihr Blut im Erz die Sonne auf.

Ein Truthahn sträubt sich, balzt mitunter,

Und Echsenvolk vergoldet sich zu Hauf.

Des Baptisteriums grüne Wunderthüren,

Verkünden sich im Glanz, was einst geschehn,

Und ihre Thiere und Guirlanden spüren

Bestimmt in sich den Frühling übergehn.

Gestalten, die an Bronzepforten hungern,

Berührten oft mein wehmuthsvolles Herz,

Und Hunde, die längs warmen Mauern lungern,

Ersah ich schon und fand ich drum in Erz.

Es giebt auch ewigstarre Kupferpfaue,

Verschiedene Schildkrotpaare aus Metall,

Verzinkte Katzen lieben das Getraue

Vom großen, ganzen Mittagssonnenschwall.

Es ringeln Igel sich am Licht zusammen.

Ein Stieglitz pickt ein Sonnenbrosam auf.

Es streben Krebse aus gebrochenen Flammen,

Und Schlangen knüpfen einen Klopferknauf.

Als einst sich ein Flamingo her verirrte,

Bereitete ein Meister seinen Guß,

Und als er wiederum der Stadt entschwirrte,

Bestand er schon als Kunstentschluß!

Selbst jene erzexotischen Giraffen,

Die man den Medicis einst dargebracht,

Erschienen hier, sich dauernd umzuschaffen,

So daß man ihren Bau noch jetzt belacht.

Auf einem Thurme seh ich Störche hocken,

Auch brütet über uns der Mittagsball,

Es läuten sonngebräunte Männer Glocken

Und so erklingt und wirbelt rings Metall.

Des Knaben Tag vertiefter Mittagsnabel

Bestärkt um sich die ganze Lichtfigur,

Und Jovis Adler raubt mit scharfem Schnabel

Und hellen Krallen seine Kreatur.

Die Glockentöne geben ihr Gestaltung,

Nun sehe ich das Sonnenthier genau,

Auch Ganymed erscheint mit schlanker Haltung

Und schwebt im Erzlicht auf der FrühlingsAu.

Es schlafen Ziegen müde auf den Feldern,

Es hat die warme Luft sie übermannt,

Die Wälder füllen sich mit Brunstvermeldern,

Dort tanzt ein Greis, priapisch angespannt!

Florenz, das sind die Erzstunden des Tages,

Des Mittags urentscheidender Moment,

Die Schicksalsmacht jedes Vernichtungsschlages,

Der Schöpfungssturz, in dem sich Gott erkennt!

Der Augenblick, in dem bereits das Messer

Von Abraham des Sohnes Hals berührt,

Und da der Engel rufend einfällt: »Besser

Als Jakob, das geliebte Kind, gebürt

Es sich, für Jahwe einen reinen Bock zu schlachten!

Oh sieh, da Du das Feuer angefacht,

Begann Dich scheu ein Widder zu betrachten!«

Und Brunelleschi hat das Werk vollbracht.

So strahlt der Durchblick, wenn sich Kinderseelen

Entscheiden Knabe oder Maid zu sein,

Wie andere unbewußt sich nur erwählen,

Als Idolino allem sich zu weihn.

Florenz, am Himmel stehen weiße Lilien

Und strömen Pollengold zu Gott empor,

Es schlingen Bäche sich wie Lichtreptilien

Durch manches burggekrönte Felsenthor.

Der Arno breitet sich im Sonnenscheine

Still zwischen Hainen und Palästen aus,

Wohl übergolden sich bereits die Steine,

Doch schweigt noch lange nicht der Tagesbraus.

Ich sehe Bauern jetzt, auf schlanken Booten,

Stromauf und abwärts ihrer Hauptstadt nahn.

Was für ein Schaustück wird mir nun geboten?

Nur Blüthen duften, glühn aus jedem Kahn.

Es wallen Züge über hohe Brücken,

Jahrhunderte erwehn in diesem Traum,

Ich sehe Häuser sich mit Flieder schmücken

Und Nenupharen gleicht des Flusses Schaum.

Zur alten Hochburg folge ich der Menge,

Denn dorthin rankt sich jeder Blüthenkranz,

Und eine Rosenschlange sonder Länge

Umfaßt bereits die Häusersäume ganz.

Am Platze gleißt ein Riesenscheiterhaufen,

Es höhnen, lachen Schemen wild empor,

Die Henker harren. Ihre Knechte laufen.

Drei Mönche schreiten aus dem Kerkerthor.

Doch eigen! Bauern legen weiter Blüthen

Auf alle Stapfen ihrer Heimathschmach,

Es ist, als ob sie traumhaft sich bemühten,

Zu tilgen, was dereinst Florenz verbrach!

Savonarola schreitet stumm zum Galgen

Und denkt sich, über sich, zu Gott zurück,

Im Umkreis aber sieht er Spuk sich balgen,

Denn Jeder hascht vom Schauspiel blos ein Stück.

Es weiß der Mönch jetzt nichts mehr vom Gefängnis,

Die Marter im Bargello war so arg!

Wogegen jenes Thurmes Schreckensengniß

Beinahe holde Einsamkeiten barg.

Nun zwitschern Vögel um die Seufzerkreise,

Die dort des Heilands Liebling tief erwühlt,

Sie schluchzen laut und jubeln schließlich leise,

Denn Schmerzen werden fast durch Schmerz gekühlt.

Die Bauern bringen immer noch Guirlanden

Und schmücken wunderbar den ganzen Platz,

Ich sehe weiter neue Barken landen:

So flechtet fort, Toskana birgt Ersatz!

Savonarolas Martern waren schrecklich,

Wie stieß das Erz in seine Weichen ein,

Es hieß: »Ist Deine Reue unerwecklich,

So sollst Du fort und fort gefoltert sein!«

Er hörte sich, vielleicht auch Andere schreien,

Die Erzgesetze, die er einsam floh,

Begannen Henkern Rachekraft zu leihen,

Die Not zu leben wurde ringsum roh.

Es kitzelte, erhitzte diese Knaben,

Des armen Mönches Peiniger zu sein,

Vor ihm verkupferten sich plötzlich Raben

Und pickten in sein wundes Fleisch hinein.

Ein Truthahn wühlte sich aus seinem Bauche

Unweigerlich, entsetzlich geil empor,

Er gluckste wie ein Darm und sein Gepfauche

Ging unter Messern selbst in Erz hervor.

Nun denkt der Mönch an seine Zelle,

In der sich Christus hold zu ihm geneigt,

Hat doch die Fluth der inneren Wesensquelle

Ihm stets den Sieg über das Leid gezeigt.

Die Bauern bringen weiter Rosen und Narzissen,

In Barken und auf Karren weit herbei,

Der Mönch kann sie nicht sehen, doch ahnen, wissen,

Daß er ein Keim im neuen Lenze sei!

Jetzt fressen fast wie Kupferkrebse Flammen

Sich in des armen Mannes Nacktheit ein,

Sie müssen wohl aus den Bargello stammen,

Ja, dorther kommen sie in langen Reihn!

Doch wird die Zelle von San Marco weiter,

Der Heiland dämmert in ihr Inneres ein,

Wie herrlich strahlt die hehre Himmelsleiter,

Die Gnade kann ihm Leichtigkeit verleihn.

Die Hähne aus Metall verschwinden krähend,

Der Tag und seine Kraft vergeht in Nichts.

Zurück Astralwelt! dieser Geist wird sehend

Und überblickt sich jenseits des Gerichts!

Der Duft der Tugenden kann ihn umarmen,

Es heben seine Engel ihn zum Heil,

Wie ruhevoll wird er in Gott erwarmen,

Er weiß es tief: sein Weg war gar nicht steil!

Es ist der Scheiterhaufen jäh verschwunden,

Der Platz wird aber weiter ausgeschmückt,

Die Thürme sind durch Kränze weit verbunden,

Die Feindlichkeiten scheinen überbrückt.

Es streuen zarte Kinderhände Rosen,

In denen Wangenroth auf Schnee erglüht;

Ich fühle rings, wie sich Gerüche kosen,

Wie sich ein Duftgewind zu werden müht.

Die volle Pracht der ernsten Loggiabögen,

Die dreimal ihren Schwung bestätigt hat,

Das Merkmal ewig stummer Sprackvermögen,

Bleibt einzig ungeschmückt, erstarrt und glatt.

Doch kann jetzt Perseus hier sein Erz beleben,

Noch wirkt er stolz in grüner Ruhe fort.

Es siegt der Geist, was soll die Welt daneben,

Er ist das wieder stumm gewordene Wort!

Er mag das abgeschlagene Haupt nicht zeigen,

Er wägt es nur und findet es nicht schwer,

Und doch; ihm ward ein großer Sieg zu eigen,

Denn in sich selber würdigt er sich hehr.

Am Arno seh ich weiter Blumen landen,

Sie wellen Düfte um Fiorenzas Brust,

Die Vögel schlingen rings Gesangsguirlanden,

Und alles duftet, jubelt, schluchzt vor Lust!

Es ruft mein Weib: »Du darfst im Singen nicht ermatten,

Es hat Florenz die jungen Werthe angefacht,

Und Mancher darf sich hier ein Heimathlied gestatten!

Oh sieh das Paradies, das aus Toskana lacht!

So blieb der Grund von uns, so muß es ringsum werden,

Im Genius ist schon oft ein Traum davon erwacht.

Einst wird es wieder tiefer Nordlichttag auf Erden,

Die Gluth, die auf den Hügeln in die Reben knistert,

Beginnt sich plötzlich urrebellisch zu gebärden.

Der Wind, der schlangenkalt vom Paradiese flüstert,

Verbreitet leicht und hurtig unsere Sehnsuchtsmähren.

Wie gerne werden Elemente jung verschwistert!«

Da fall ich ein: »Die Urgefallenen begehren,

Am mächtigsten durch das Genie, das sie uns spenden,

Aus ihrer Weiblichkeit zur Macht zurückzukehren.«

Da ruft mein Weib: »Aus unserer Erdenmutter Lenden

Ging einst ihr Hoffnungssohn, der holde Mond, hervor,

Und damals wollte alles sich zum Vollen wenden.

Das Leben schlang der Goldepocken Märchenchor,

Das Lamm war wirklich mit dem Löwen traut verbrüdert,

Und Mondbewohner sorgten für die Nothdurft vor.

Wir alle waren wieder engelsgleich befiedert

Und schlürften Thau als unsern frischen Morgentrank,

Denn unser Seelenfriede wurde rings erwidert!«

Ich falle ein: »Es ward der Mond auf einmal krank,

Da siechten auch die Wesen dieser Erde hin,

Dann starb er ab und allen uns ward todtenbang!«

Nun ruft mein Weib; »Das Dasein birgt den gleichen Sinn,

Toskana ist als letztes Paradies geblieben,

Aus seinem Boden schöpft die Zukunft noch Gewinn.

Das Urlicht will aus seinen Lieblingskindern sieben,

Der Mond entringt sie seiner Mutter fort und fort,

Ein Zweiter kommt in uns und strahlt in Seelentrieben.

Wenn auch Toskanas Erdenparadies verdorrt,

Wird doch gereiftes Innergold Triumphe feiern,

Schon wogt der Mond in uns, Heil unserm Seelenhort!«

Die letzte Heimath kann sich plötzlich mir entschleiern,

Sibiriens Gletscher sind mit Gnadenglast besprengt,

Es singen Kinder, Greise spielen noch auf Leiern.

Der todte Mond ist durch das ewige Licht verhängt,

Der Norden strahlt sein Blut in Welt und Seelenfernen,

Im Menschen hat die Freiheit sich der Brunst entengt.

Du ahnst den Ineinandersturz von Rassenkernen,

Die goldenen und die weißen Völker sind versöhnt

Und spenden ihres Wesens Heimlichkeit den Sternen:

Durch Geistesjugend wird das graue Land verschönt!

Die Windesschlangen lispeln schadenfroh von Eden

[Rand: Botticelli]

Und fiebern goldig dort durch einen Lorbeerhain,

Es will der Abend mit den Blattern freundlich reden

Und Dämmer zieht in die verborgenen Seelen ein.

Am Arno wandeln junge, mythische Figuren,

Ihr Frühling fühlt sich ungeschwächt zur Ruhe gehn,

Ich sah sie oft mit Sonnenuntergangskonturen,

Als Rätsel still erstehn und bald darauf verwehn.

Oft schienen sie, in Thau gehüllt, sich kaum zu wiegen

Und stumm zu weinen, weil ihr Perlenschmuck zergeht,

Sich aneinander schlank und schmerzensbang zu schmiegen

Und hold zu horchen, ob ihr Schicksal sich verräth.

Es blicken Augen, die den ganzen Tag erschauten,

Durch edle Lust vergeistigt, in den frühen Tod,

Und blasse Leiber, die der Tagespracht vertrauten,

Sind urerborgt von goldenem Abendroth umloht.

Die Sorgenbilder eigener Jugend werden schwinden,

Wohl sind sie noch ein Traum, doch sehe ich sie kaum,

Vielleicht kann ich auf einmal sie nicht wiederfinden,

Doch perlt und schimmert jetzt des Flusses Muschelschaum.

Auch in mir selbst ist vieles Schöne schon erstorben,

Und Schnörkel, Schnecken seh ich Abends rings umher,

Wie wenig habe ich bisher im Leid erworben,

Und was mich freut, wird schließlich wieder inhaltsleer.

Nun sind sie weg. Ich wußte es. Die Dunstgestalten,

Die Frühlingsfreuden haben keinen eigenen Halt.

Nun heißt es, Hoffnungen von trüben Dingen spalten,

Der Geist glüht fort und viele Formen werden alt.

Mein Gott, ich habe mich vom Jubel abgewendet

Und horche fort und fort und immer ohne Grund:

Wozu wird meine arme Seele wild verwendet?

Ich lausche auf, doch nirgends ruft ein Wundermund!

Es blickt der Mond schon skeptisch auf die Dinge nieder.

[Rand: Ambrogio Lorenzelli]

»Er fühlt sich«, sagt mein Weib: »als ganzes Element,

Es regen Thierbeginne ihre Ringelglieder,

Erwirbeln sich und werden wieder rings getrennt.

Den Sternen gleich, die ängstlich durch die Dämmerung spähen,

Ob alle Fremderscheinungen bereits verwehn,

Beginnen viele Silberwische zu entstehen,

Um wieder hurtig zwischen Strudeln zu vergehn.

Es macht der Mond im Fluße Quecksilberversuche

Zu einer geilen, jugendhaften Wirkungswelt,

Es spüren Hunde vieles schon vom Brunstgeruche,

Oh hör, wies von Gehöften fern herübergellt!«

»Die Ölbäume, die dunkle Fluren übersilbern,

Verstecken,« sag ich: »manchen grauen Aufenthalt

Von kindischen Geheimnißweltentsilbern,

Die immer wispeln, was nicht mehr zu Ohren hallt!

Oh sieh, dort wird ein müder Esel heimgetrieben,

Wie eigentümlich er vom Fluß gespiegelt wird!

Man stößt und zerrt ihn, sag, wo ist der Herr geblieben?

Hat er, oder das Thier sich hier, vor mir verirrt?«

»Oh lache, lalle nicht, so angstvoll ernste Sachen,

Du magst,« sagt mir das Weib: »Kentauern sehn,

Erfahre Deine furchtbar urempfundenen Drachen,

Doch wehe Dir, wenn je wir auseinandergehn.

Du bist ein Kind und trinkst die Milch von meinen Brüsten,

Du thust so dumpf, weil Dich nach weiterer Lust verlangt,

Genügt kein Liebesglück, kein Weib, Deinen Gelüsten?

Bist Du vielleicht an eitel Übermacht erkrankt?«

Der grüne Kreuzgang soll im Mondenschein vergehen,

[Rand: Paolo Uccello]

Er sei von Silberkatarakten überschwemmt,

Allein die Arche Noahs soll noch fort bestehen,

Man hämmere, zimmere sie, geheim und ungehemmt!

Es kommen alle Vögel langsam angeflogen

Und bauen sich in ihrer Rettungsburg ein Nest,

Auch andere Thiere fühlen sich herbeigezogen

Und kommen selber, Paar an Paar gepreßt!

Im Mondenscheine lagern aber noch Geschlechter,

Auf die das Silberlicht sein Todtenlinnen senkt,

Was helfen da die schwerbehelmten Uferwächter,

Da hoch der Mond das Sterben über sie verhängt!

Kameele kommen mit fast menschlichen Gesichtern

Aus großen Wüstenfernen schwerbeladen heim,

Vom Sonnentag verführt, begleitet von den Richtern,

Den Sternen, wittern sie des Mondes Todeskeim.

Der grüne Kreuzgang soll im Mondenschein vergehen,

Schon stehen nun Figuren wie Gespenster da,

Und überall, wo Nachts die Silberwinde wehen,

Erfriert, erstirbt beinah, was je am Tag geschah.

Im schwachen Schatten freundlicher Olivenbäume

Verschlafen Schafe rings das stille Mondesgraun,

Sie sind wie todt, denn schon verlassen sie die Träume,

Um brünstig sich in Fremdnaturen zu erschaun.

Dort gehen sterbliche Gestalten eben jagen,

Ihr Hund beschnüffelt jeden Mondesschattensaum,

Im Grünen hör ich viele kleine Stimmen klagen,

Den Tod der Eltern fühlen sie vielleicht im Traum.

Der grüne Kreuzgang soll im Mondenschein vergehen,

Ich nehme die Idee von jedem Thier zu mir,

Ein stilles Leben will ich tief fürs Thier erstehen,

Denn wirklich ist das Thier und sterblich einzig hier.

»Erkenne Dich in Deinen gelben Seelenhallen,

[Rand: Giotto]

In denen Du den Sonnenmythus tief erlebst:

Ersehnst Du Wesen, die in Dich herüberwallen,

Ersteht ein stilles Traumbild, daß Du ganz erbebst!«

Hat das mein Weib gesagt? Ich seh es an und träume.

»Fürwahr, in unserer Arche ruht die Schöpfung aus,

Wie groß ist doch der Grund, wie wenig jene Schäume!

Wie rasch!« sagt laut die Frau: »erschöpft sich aller Graus!

Durchlebe es, wie junge Menschen Früchte pflücken,

Wie gerne giebt sich, lockt uns fast das reife Obst,

Es freuen Blüthen sich, ein blondes Haupt zu schmücken,

Denn alles bringt sich dar und wird, wo Du es lobst!«

»Wir müssen uns durch innere Willensthiere dienen

[Rand: Simone Martini]

Und werden erst durch unsere Lieblingslämmer Wir,

Wir brauchen Wölfe mit verwegenen Räubermienen

Und brave Hunde für des Geistes Jagdrevier!

Wir wollen stets ein selbstgewähltes Lamm beschützen

Und drum verketzern wir, was ihm zuwider ist,

Doch«, frage ich, »wozu solch einen Zwist benützen,

Blos um zu wissen, wie man schließlich sich vergißt?«

»Das Lamm ist da, es ist gestorben und erstanden,

Doch Schemen deuchten Hunde mich und Wolfsgezücht,

Der Leu, der Stier, der Aar, die sich dem Lamm verbanden,

Sind«, sagt mein Weib: »ein Element und Urgericht!

Des Geistes Schönheit dünkt mich auch im Grund erhaben,

Ich sehe Dichter fromm zu edlen Frauen gehen,

Die Pracht des Weibes, ganz, sammt seinen Nacktheitsgaben,

Im Marmor als ein Dom der lieben Frau erstehen!«

»Merkst Du denn nicht, wie bange ich im Mondlicht fische,

[Rand: Taddeo Gaddi]

Der Stier, die große Macht, ist schon seit langem todt,

Das Lamm verglüht, jetzt schickt der Geist uns seine Frische,

Ich Armer warte fiebernd vor der Seelennoth!

Ich senke meine Angel in die Meerestiefe

Und sehe keinen Sturm, der meinen Gott bedroht,

Was könnte ich, wenn ich ihn auch aus seinem Schlummer riefe,

Ich fische eigenmächtig,« ruf ich: »Mein Gebot!

Im Geistermeer wird bald der Fische Fürst erscheinen,

Der überstrahlt und klärt dereinst was wild verbraust –

Ich fische fort, verschwende meine langen, langen Leinen:

Wie finster ringsum alles hadert und sich zaust!«

Was man auch will, den Willen wird man doch verketzern!

[Rand: Thomas von Aquino]

Denn blos in großen Grundideen kennt sich Gott.

Oft ist ein Mensch, der sich besinnt, zu voll von Schwätzern,

Und leer an Glauben, Ehrfurcht, Adelskraft und Spott.

Urplötzlich fühl ich mich in Gottes Hand und Nähe,

Und es verklärt sich wundereinfach die Vernunft:

Wie prachtvoll ich die Welt im Geist verankert sehe,

Es folgt die Gnade tief in alle Niederkunft!

Wozu den hehren Kirchenbau bewußt zerstören,

Wozu ihn stützen, falls der Geist ihn schon verließ?

Erlernen wir, statt auszuforschen, jetzt das Hören,

Wer weiß, wie oft das Neue Reich sich schon erwies!

Es sind die Sprachen Flammenvögel, die in Rassen,

Die sie erst selber schaffen, ihre Nester bauen,

Aus mancher kann das »Feuerwort« sich jung entraffen,

In allen schläfts: aus welcher wird es grauen?

Ich horche lange schon, vielleicht schon manches Leben:

Zu jedem Kinde beug ich mich voll Glauben hin,

Was sprüht aus jedem Blick, wer soll die Welt erheben?

Wie furchtbar tief ist jeder Waise Wesenssinn!

Im hellen Seelenscheine sehe ich mich selber,

[Rand: Taddeo Gaddi]

Seit Ewigkeit auf meinem eigenen Kreuzweg gehn,

Ich irre durch das Zweifeln ab, die Welt wird gelber,

Ich sterbe, lebe auf und ab, und muß bestehn!

Oh heilige Verachtung, großer Spott des Geistes,

Der alles urerwogen dennoch tragen kann,

Dein Wesen ist zu streng, denn sieh, mein Herz zerreißt es:

Gesteh, entkomme ich durch Ehrfurcht Deinem Bann?

Hinweg, Du großes Licht, ich will vor Dir vergehen,

Ich fasse nicht die Majestät von Deinem Leib,

Ich fliehe Dich, um stets in Dich zurückzuwehen,

Ich zweifle, fluche, und bin doch zu sein bereit!

Gefühle, die den Geist mit Schmerz geboren haben,

Verstummen und zerwühlen sich vor ihrem Sohn,

Das ganze Leid ist kalt, da kann uns niemand laben,

Oh, welcher Hohn durchdonnert die Passion!

Es kann kein Mensch mehr muthig seine Pflicht verrichten,

Wer weiß, ob seine Meinungen auf Gottes Wort

Nicht immer noch verzichten, ja es gar vernichten:

Wie oft warf ich wohl selbst mein hehrstes Gut schon fort?

Ich treibe um die schalsten Nichtigkeiten Schacher,

In meinen Frieden schleicht sich der Verrath,

Stets finden die Entschlüsse Zufallswidersacher,

Ich klimme, ringe! – Ob mir je die Gnade naht?

Ich sehe mich im Herzenslichte stets nur selber,

Seit Ewigkeit, auf meinem eigenen Kreuzweg gehn,

Ich zweifle immer noch, die Welt wird langsam gelber,

Ich sterbe immer und kann nimmer auferstehn!

Florenz, wie herrlich ragen Deine Burgenthürme,

Toskanas Gluth wölbt Deine Kuppeln stolz empor:

[Rand: Masaccio]

Im hohen Dom vertoben erst die Erdenstürme,

Und oben lobt Dich still der Sterne Engelschor.

Wir wollen alle wieder schlicht und einsam werden,

Wie das die starke Herzensgluth in uns verlangt,

Die sagt: So wird es einst und war es schon auf Erden!

Ja wie? Nun so, wie unserm Herzen darnach bangt!

Wir haben schon den allerwunderbarsten Glauben,

Er macht uns unermeßlich frei und willensstark,

Es kann ein Kind sich Gottes Heim zu sein erlauben,

Und in so manchem Wesen ist kein Trug und Arg.

Ja, blicke ich in Kinderaugen oder Sterne,

So denk ich, Gott, wie viel Du uns noch sagen wirst!

Ich bin in Dir und Du in meinem Wesenskerne,

Oh Mensch, verzage nicht, selbst wenn Du stirbst und irrst!

Florenz, die Muttergottes weilt in Deinen Mauern,

Wie hehr die Erde sich in Dir erhoben hat!

Es kann ihr Hohelied in Deinen Stätten dauern,

Ich lobe Dich, oh lichtverlobte Marmorstadt!

Dein Dom ist hoch, doch über ihm, da sind die Sterne,

Und so viel weiter wird noch unser Glauben sein,

Doch in der Ewigkeit vergeht auch jene Ferne,

Es mag mir Gott kein Fassen, sondern Macht verleihn!

Oh Muttergottes, jenseits Deiner Herzensnähe

[Rand: Die heilige Anna]

Erdämmert eine Mutter, die wir nie erkannt.

Befragt mich nicht, da ich sie unwahrnehmbar sehe,

Doch weiß ich mich von ihrer Heimlichkeit gebannt.

Florenz, wie selbstverständlich still sind die Paläste,

[Rand: Leon Battista Alberti]

Vor denen einstens große Fackeln grell geloht –

Die Feste sind vorbei, nur selten seh ich Gäste,

Und nirgends zeigt sich mehr ein stolzer Schloßdespot.

In engen Gassen stehen sie mit Mondlichtsäumen,

Die grünen Fensterläden sind hermetisch zu,

Du glaubst es kaum, daß noch dahinter Seelen träumen,

Denn alles schweigt in runzeldumpfer, dunkler Ruh.

Ich aber sehne mich nach Todtenmonumenten,

Wo Mann und Weib am eigenen Sarg gelacht,

Dort haben sie, bevor sie sich für immer trennten,

Noch einmal, buhlend, Liebesfieber angefacht.

Wo Wollustwucht zu ganzen Machtgenerationen

In einem Augenblicke sich verschwendet hat,

In heiteren Rustikagebäuden wollt ich wohnen

Und träumt ich gern den Jubeltraum der eigenen Stadt!

Wo bist Du, großer Geist, der alles leisten konnte,

Der akrobatenhaft die Menge unterhielt,

Der Launen meisterhaft als Wirklichkeiten sonnte

Und der mit Weltproblemen wunderbar gespielt?

Die Formen scheinen vor dem Geiste zu verschrumpfen,

Florenz, ich kann und will nicht mehr zu Dir zurück,

Zyklopisch gilt es jetzt sich selbst zu übertrumpfen,

Denn blos in den Geschicksgewittern blitzt das Glück!

Florenz, ich habe mich an Dir emporgesungen

Und jetzt durchwandle ich Dich abermals als Kind,

Ich klopfte an Dein Erz, es hat mir hold geklungen:

Wie sind mir Wind und Dinge hier doch wohlgesinnt!

Der geile Brunnen mit den steilen Wasserwürfen,

[Rand: Bartolomeo Ammanati]

Der zwischen Thürmen sich nach Eigenhöhe sehnt,

Mit seinen Erzfiguren, die nackt Austern schlürfen,

Erscheint mir jetzt einer versunkenen Welt entlehnt.

Wie kalt belauscht Neptun das Plätschern von Tritonen,

Wie freut ihn noch der Gischt, der seine Schenkel kühlt,

Er bleibt auch hier ein Stück der immerstillen Zonen,

Wo Nasses Kaltes durch sich selber fiebern fühlt.

Die Nymphen, mit den vielen Fingern, krauen

Der schlüpfrigen Delphine gleißendes Geschupp,

Und heitere Faune aus den schwülen NachbarAuen,

Umlungern nun bereits den Quell als munterer Trupp.

Der kleinste Faun, der Schalk des muntern Rudels,

Hat eine Fratze wie ein Truthahn, wenn er balzt,

Und schielt nach einem Bengel, der im Schwall des Sprudels

Mit starken Erzgliedern ein Wasserwunder halst.

Dir, Nereus, legt in Deine alten Kupfermuscheln

Das Mondlicht Perlen, die es Wasserschemen weiht,

Die zieren sich damit, und wenn sie wichtig tuscheln,

Bezeigt der ganze Quell ihre Zufriedenheit.

Es stürzt der Gischt in lauter losen Silbersträhnen

Ganz schleierähnlich über manche Erzfigur,

Die seh ich sich an alle Möglichkeiten lehnen

Und juble plötzlich wie die Fluch in die Natur!

Ich habe einst Giganten langsam wandeln sehen

[Rand: Andrea del Castagno]

Und nun vergesse ich das Schauspiel nimmermehr,

Dann konnten sie auf einmal nicht mehr auferstehen

Und ich war froh, denn sie bedrückten mich zu sehr.

Nun dachte ich an lauter frische, grüne Dinge

Und pflückte Manches, das sich mir verschwiegen bot,

Ich wußte wohl, wie jeder Übermuth verginge,

Und dennoch floh ich jede große Lebensnoth.

Doch plötzlich sind sie wiederum vor mir entstanden

Und haben schrecklich sich der Kleinlichkeit entreckt,

Es sind das Königinnen, Fürsten wilder Banden,

Ein Tisch, den man für Weltgewissen fromm gedeckt.

Ihr Riesen dürft mich aber nimmermehr bezwingen,

Zwar seid Ihr größer als der allerhöchste Thurm,

Doch will ich gegen alle Hindernisse ringen,

Es braust in mir ein Sturm, es wühlt in mir ein Wurm!

Ich höre in mir selber eine Hölle heulen,

Weg von der Erde, Ihr Titanen dieser Stadt!

Es packt der Geist die Thürme, schwingt sie stark wie Keulen,

Jetzt findet eine Schlacht, vielleicht im Jenseits, statt!

Es lacht ein Riese, lacht ein grünes Runzellachen.

Das kann der Wille. Wächst er doch durch ihn empor!

Erscheint mir Pan? Kann der durch meine Wuth erwachen?

Ich wälze Felsen und jetzt lacht ein Echochor.

Es bleibt kein Thurm. Ob ich denn nicht zum Kampfe tauge?

Der Dom allein ist übrig. Darf ich ihm nicht nahn?

Der Riese wächst. Der Mond ist sein Zyklopenauge.

Der Dom beharrt. Er wankt durch keinen Größenwahn!

Herz, mein Herz, sei wieder demuthvoll und offen

[Rand: Der heilige / Franz von Assisi]

Und komme Dir und andern Feinden gütig bei,

Du darfst und sollst noch mehr als ein Florenz erhoffen,

Doch manche Dich zuerst von Wuth und Dünkel frei!

Der Dom des Herrn ragt immer noch in holder Bleiche

In diese sternenhelle Perlennacht empor,

Doch scheint er mir bereits wie eine reiche Leiche,

Mit einem mondgewirkten Riesentodtenflor.

Behutsam, meine Seele, denn Du wirst nun siegen!

Erblick im Sterben Leben und Du bist befreit!

Oh, wie die schweren Dinge fürchterlich erliegen,

Sie weichen schon und zwischen uns bleibt unser Leid!

Oh, unsere vielen Willensthiere sind vergänglich,

Wie sehn sie uns aus ihrem Dämmer blutig an,

Mein Herz, so zeige Dich für alles Leid empfänglich,

Oh, liebe sie und ziehe sie in Deinen Bann!

Dem Dome selber gleichen seine tausend Tauben,

Die sind wie er so grau, so blau und fernenroth,

Nun ruhen und gurren sie in meinen Felsenlauben

Und nisten zwischen Seelen, Schnee und Todesnoth!

Oh Gott, jetzt bin ich wirklich schwindellos erhoben,

Der monderhellte Dom verbleicht in meiner Nacht,

Ich stehe fest und möchte dennoch fort nach oben,

Oh Gott, wozu verleihst Du mir so hehre Macht?

Empor, empor, empor zu Gottes mildem Frieden!

Die Völker liegen unter mir in stiller Ruh!

Ich suche Gott und bleibe dennoch ganz hienieden.

Ich herrsche, folge, und wer früge noch: Wozu?

Ich wandle nun, als urbesorgter Mensch und Dichter,

[Rand: Domenico di Michelino]

Als Riese, unerreichbar hoch, über Florenz,

In meiner Hand ist alles, selbst die Himmelslichter,

Ihr Grund gewährts und mein Beschluß erkennts!

Ich wirke selber liebreich zum Bestand der Dinge:

Du einzige Möglichkeit der Möglichkeiten sei!

Durchglüht uns hold, Ihr wundergleichen Schöpfungsringe

Und macht die Sonne reich und unsere Seelen frei!

Du, Sirius, grüßt uns brüderlich durch alle Schleier,

Die still vom Monde niederperlend uns umgraun,

Ich danke und ich melde Dir, die Welt wird freier:

Nur das ist wahr, daß wir uns einst in Gott erschaun!

Wie treu Ihr blickt und blinkt, Ihr traurigen Planeten,

Ihr habt noch ein Geschick und tragt es muthig fort!

Ich grüße Euch, wir wollen heiter sein und beten,

Wir alle wälzen uns um Gottes holdes Wort.

Du müde Stadt, Du Blüthenfrühling mir zu Füßen,

Oh ruht und träumt, entweht Euch, duftet in die Nacht:

Das was Ihr seid, nicht scheinen müßt, will ich begrüßen,

Oh glaubt, was Ihr nicht glaubt! Ihr seid voll Werth und Pracht:

Was Ihr verdeckt, verachtet, höre ich verstummen.

Des Friedens, den Ihr träumt, entsinnt Ihr Euch nicht mehr?

Ihr seht die heitere Pflicht gespenstig sich vermummen,

Doch die ist Euer Tag, so hehr und klar wie er.

Florenz, hoch über Deinen Thürmen schwebt die Seele,

Die blos in Dir für alle Ewigkeit erwacht,

Dafür erhältst Du auch die schönsten Mondjuwele,

Denn Deine Marmorpracht verherrlicht noch die Nacht!

Die Gnade will, daß wir die argen Dinge hassen.

[Rand: Die heilige / Katharina von Siena]

Der Brand entsteht, damit das kalte Licht besteh!

Der Friede kommt, damit wir uns zusammenraffen,

Der Engel aber, der uns liebt, birgt Krieg und Weh!

Es soll auf Erden Lenz und langer Frieden werden,

Doch wehe jedem Volke das die Rast erstrebt,

Drum liebt und tragt für Euer Vaterland Beschwerden:

Denn Gott verläßt den Menschen, der am Eigenen klebt!

Ihr dürft die Häuser, Tempel jeden Lenz bekränzen,

Doch sorgt dafür, daß stets im Herzen Feuer sei,

Bekriegt Euch selbst und brandschatzt jenseits aller Grenzen,

Macht Eure Seelenkluft von Lieblingsplätzen frei.

Erforscht die Bösen, helft Gesunden, tränkt die Feigen

Und seid entmenschlicht, wenn Ihr mit Euch selber ringt:

Ihr sollt der Welt ein thränenloses Auge zeigen,

Erscheint ihr stark, selbst wenn Ihr tief in Ohnmacht sinkt!

Seid Raubthiere mit gräßlich scharfen Daseinskrallen,

Doch wählt die Beute und verzehrt sie still und fern,

Laßt nie ein Stück davon zurück zur Erde fallen,

Denn was Verbote scheut, meint abermals den Herrn.

Das Wort in uns beflügle Euch zu Heldenthaten!

Seid wie ein wandelnder bereiter Festungsthurm,

Wenn Noth es heischt, so dürft Ihr selbst zum Kriege rathen,

Doch wehe Euch, folgt dann kein Frühling auf den Sturm.

Das Wort in uns befreie Euch von aller Stärke,

Verankert demuthsvoll das eigene Volk im Herrn,

Denkt niemandem zu helfen, bleibt beim eigenen Werke,

Und wirkt dadurch so unerschöpflich wie ein Stern.

Florenz, es kämpfen Riesenwolken mit dem Äther,

[Rand: Filippo Brunelleschi]

Noch sind sie haltlos über Fluren hingestreckt,

Doch heller, windgeblähter, lauern rings Verräther,

Am Marmor haben Schatten jäh emporgeleckt!

Jetzt stapeln Wolkenbrocken plötzlich sich zu Treppen

Und schließlich gar zu einer Riesenkuppel auf,

Das ist ein Schwebebau mit lichten Silberschleppen,

Und stets zerschlitzt ihn noch der Mond auf seinem Lauf.

Schon hat das Ganze Ton und Glanz von roher Seide

Und scheint beinah ein faltenloser Baldachin,

Jetzt wetterleuchtet es, und lauter Mondgeschmeide

Beginnen diesen Nachtpalast zu überziehn!

Ich sehe Heiden stolz sich wie daheim benehmen

Und Riesenalabasterkaryathiden stehn

Mit ganz unsagbar echten Perlendiademen

Jetzt rings als Träger stummer Wunder, die geschehn.

Doch herrscht der Mond noch immer hold in diesen Hallen.

Es steigen seine Silberreiher wieder auf,

Ich sah sie ja am Dom empor und niederwallen,

Und plötzlich überschwärmen sie den Bau zu Hauf.

Nun ruft es stumm in mir: die Kuppel ist gelungen,

Und nur der Geist, kein Bauwerk wird je weitergehn,

Die Marmorthürme hat die Zukunftsfluth verschlungen,

Nun heißt es in der Seele einen Dom erspähn!

Der Giottothurm erglüht in seltenem Eigengolde,

Wie sonst es sich allein auf Elfenbein gezeigt:

Florenz, aus Dir erblüht das UnerreichbarHolde,

Ich aber wittere Sturm, wo sich Dein Traum verzweigt!

Florenz, Du wirst in meiner Wirklichkeit bestehen,

[Rand: Cimabue]

Erglühe, strahle ferner monderleuchtet fort,

Mein Seelensturm wird Deinen Lilienstaub verwehen,

Ich trage Kinder Deiner Huld von Ort zu Ort.

Doch Du verglimmst in mir, ich kann Dich nimmer bannen,

Du hast noch einmal Deinen Himmel sanft geklärt,

Dir bleibt der Mond, doch wandere ich nun frei von dannen,

Wer weiß, was meine Seele noch an Huld erfährt!

Fürwahr, nicht eine Wolke ist der Nacht geblieben,

Die Mondstadt hat sie alle über sich verscheucht,

Auch meine Traumgebilde werden bald zerstieben,

Ob mir ein großes Urgeheimniß wirklich deucht?

Hieratisch ist die Mutter Gottes hoch erschienen,

In Mondlicht schimmert rings die Nachtkontur,

Empfindungen mit kindlichstillen Engelmienen

Gewahren mich in Menschen, Dingen, Fluth und Flur.

Ich blicke auf Florenz, doch ist es mir zu ferne!

Der Arno und der Marmor perlen aus dem Grau,

Doch heller kaum als drüben noch der Mond, die Sterne:

Denn Geist erdämmert schon im ersten Morgenthau!

Die Muttergottes grüßt uns, ohne leicht zu nicken,

Je ein Planet verwirklicht ihren Kronenrand,

Die Freigestirne können Geist und Welt erquicken,

Das Christuskind hält bald die Sonne in der Hand.

Der Mond geht herrlich hinter Schneegebirgen unter.

Florenz wird eine Perle, die ich wachgeträumt.

Nun ruht sie wieder und die Farben werden munter.

Oh, welche Frühe aus dem eigenen Weibe schäumt!

Mein Weib und ich, wie glücklich sind wir doch gewesen,

[Rand: Fillippo Lippi.]

Sie folgt uns noch, die goldene Wonne von Florenz,

Es ist in jenem Traum ein anderer Mensch genesen,

Oh glaube, danke doch dem lichtentzückten Lenz.

Es wollen Felsen, Flüsse, Wälder froh sich sonnen,

Und seelig drängt das Frühjahr sich an uns heran,

Was eben Thau benetzte, zeigt sich goldumsponnen,

Horch auf die Luft, ob man ein Kommen wittern kann.

Du Frühling in mir selbst, Jungfräulichkeit der Lüfte,

Erfaßt und halst Euch, klingt und jubelt wie das Licht!

Es ist, als ob der kühne Lenz die Welt verblüffte,

Die Lerchen trällern: Gebt Euch hin, verwehrt Euch nicht!

Jetzt springt der Ginster auf und giebt der Wonne Stärke.

Ein ernstes Glockenläuten zittert durch den Wind.

Am Felde gehen Menschen forsch zum Tagewerke.

Und irgendwo in unserer Nähe brüllt ein Rind.

Auf einmal kann ein Schiff im Strom nicht weitersegeln.

Es halten Pappeln wohl die Morgenbriese auf.

Ins Wasser furcht es lauter krumme Schifffahrtsregeln.

Wann wieder giebt der Wind ihm seinen goldenen Lauf?

Es stiegen meine Wünsche schneller als die Winde.

Ich helfe, schwelle Segel bis ans helle Meer.

Sind meine Lieder nicht belebte Angebinde?

Ihr Auferstehn ist leicht, ihr Dasein folgenschwer!

Ich träume fort, ich träume fort, muß träumen!

Wohin? Wohin? Ein Flügel stürzt dem andern nach!

Das ist der Wind, der Wind! Wir wogen, schäumen!

Ein Lied erbraust, wo eines laut zusammenbrach!

Der Traum von Venedig

Venedig, lös Dich los von meinem Traumeswogen!

Ich bin wie Fluch, die in Kanälenschlangen dunkelt:

Du milchige Lagune, hast mich angezogen

Und nun erscheinst Du lichtlebendig überfunkelt!

Ihr meiner Seele wildverschlungenen Wehmuthsschlangen,

Versucht der Sehnsucht trübe Hüllen abzustreifen,

Verweilt wo Städte zwischen Meer und Himmel hangen,

Denn seht, schon leuchten Inseln aus Smaragdenreifen.

Was taucht nun auf, was zaubert jetzt vor meinen Sinnen?

Es hilft kein Wind den letzten Morgenflor zu weiten,

Es will das Licht, allein, den goldenen Tag entspinnen,

Und alles Wasser scheint mir wie verglast heranzugleiten,

Venezia schweigt in ihrem freien Sonnenfrieden,

Denn Schmuck und Herrlichkeiten bringen ihr die Wellen.

Es wird ihr stets das Meer ein Lichtgeschmeide schmieden,

Und Wogen müssen ihr zu Füßen Gold zerschellen.

Am Strande scheint die Fluth sich vor der Stadt zu neigen

Und rings an ihrem Saume Gaben hinzulegen,

Stets langsam nur zur Marmorbraut emporzusteigen,

Und, schenkend noch, die Schritte endlos zu erwägen.

Ich sehe Wogen hinter Wogen schweigsam rollen

Und weiß, es wünscht das Meer einst zu beharren,

Und dort nur kann sein volles Werdenswollen,

Seit langem schon, zu einem Marmortraum erstarren.

Senkt eine Briese sich nach Freiersart hernieder

Und hebt dann alle Schleier keck hinweg vom Meere,

So giebt die See ihr tausend Wollustküsse wieder,

Als ob sie eine Frau mit Flammenlippen wäre.

Sobald jedoch die Wellen wiederum verschwinden,

Erspiegelt sich Venedig abermals in Frieden,

Denn wo sich Meer und Himmel inniglich verbinden,

Wird jeder Ruheraub in der Natur vermieden.

Ihr weißen Träume, Schwäne auf den Perlenwogen,

Erhebt Euch dort, wo Goldgischt Marmordämme geißelt,

Von mir beseelt, erschwebt in weitem Spannenbogen

Den Traum, den man aus Gold und Elfenbein gemeißelt.

Oh seht, dort schwimmen schwarze Schwäne um Paläste

Und schleppen Purpurteppiche durch grüne Fluchen,

Es eilt vielleicht die ganze Stadt zu einem Feste,

Denn Freude plätschert, wo Gedanken eben ruhten.

Es scheint das Meer sich jetzt mit Gondeln zu bedecken,

Doch schwanken sie wie Traumgestaltungen der Wogen

Noch fern und unstät auf Venedigs Spiegelbecken,

Und immer andere Bilder kommen gleichsam angeflogen.

Ob jetzt ein Traum sich eine Wirklichkeit bereitet?

Ob unser Schicksal seine Plötzlichkeiten mehre?

Denn seht, ein Goldschiff naht von Gondeln hold begleitet:

Nun bleibt es stehen und scheint ein Schloß im Meere!

Wird unsere Welt die eigene Traumlichkeit genießen?

Wie? könnten alle Wünsche, die ihr Glück erstreben,

Hier in Venedig völlig ineinanderfließen?

Ganz Ungeahntes kann sich nun in mir erleben!

Ich fahre noch in meinem Sehnsuchtskahn hinüber,

In einem anderen ruht mein Weib wie traumverloren,

Nun werden aber ihre Augen immer trüber,

Ihr Lachen und ihr Sorgen scheinen tief erfroren!

Sie blickt auf manchen Schweif von klaren Edelsteinen,

Auf alle Funken, die verstreute Gondeln säen.

Die gleichen suchen sich um ihre Gluth zu einen,

Doch alle, die sich sehen, müssen gleich vergehen.

So lasse das, mein Weib, es mag Dir nichts bedeuten!

Schon nähern unsere Kähne sich der Abendstunde,

Und wenn die Glocken dann am Markusthurme läuten,

So giebt es einzig Blutrubine in der Runde.

Ich komm zu Dir, dann wird die Gondel tiefer sinken,

Auf unserer Fahrt nur munteren Funkenprunk beleben:

Die letzten Sonnenblitze werden rings verblinken,

Und wir, dem Wunsche nach, zur Innerruhe schweben.

Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!

Sie nähert sich soeben ruhevoll Venedig

Und dort bereitet man sich laut zu einem Feste,

Um hohe Gäste hold und huldvoll zu empfangen.

Am Himmel seh ich winzige Purpurwölkchen prangen,

Es hat der Wind sie wie Lampions gekräuselt und gezapft,

Und eben zucken auch die ersten Sternlein auf:

Da ists, als wollten sie den Wölkchen sacht sich nähern,

Um rings das Licht der bunten Lämpchen zu entzünden.

Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!

Nun tritt sie stolz, mit silberheller Mondessichel,

Im Abendlande durch Venedigs Pforten ein.

Wie würdevoll sie unterm Sternenbaldachine,

Der höher als der edle Schmuck der Mondessichel schwebt,

Nun übers Meer, mit wollustfreudiger, gütiger Miene,

Sich immer weiter hebt und unser Ruheglück belebt!

Es übersprühen ihre Schleierhüllen Prachtsmaragde,

Und ihren unteren Saum und die Sandalen Blutrubine:

Vier schöne Königssöhne tragen ihren Baldachin,

Zwei Bleichgesichter ziehen still in weißem Seidenkleid voran.

Ihr Wamms ist goldbetreßt, sie tragen einen viola Mantel

Und müssen stets, wenn sie das Abendland beschreiten,

Aus Anstand, einen Schurz um ihre Lenden breiten.

Doch hinter ihrer Königin erscheinen holde Mohren,

Die tragen ihr der Herrschaft herrliche Insignien nach,

Das Szepter gar ist wunderbar, besetzt mit vier Planeten!

Von vorne sind sie völlig nackt, doch überwellt in holder Pracht

Das erste Morgenroth, als Mantel, ihre schwarzen Rücken!

So tragen sie den Baldachin, den schönen, sternbesäten,

Und können drum, voll Königssinn, den Westen stolz betreten.

Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!

Die Mondessichel glänzt und glimmt

Als Silberschmuck auf ihrer kühlen Stirn,

Und ihre volle nackte Brust befächelt sacht

Ihr blasser Sklave Zephir mit dem Wolkenfächer:

Der ist aus Flaum und leichtem Nebelschaum,

Es färben ihn die letzten Abendgluthen,

Es kräuselt ihn sein Eigenwind,

Da ihn der Sklave, schwebend, fächelt.

Belustigt das die Königin,

Denn seht, wie jugendlich sie lächelt?

So bunten, grellen Federnputz

Erreicht in schriller Farbenreih

Allein der Schmuck vom Papagei,

Wie eben ihn in voller Pracht

Der Abend auf dem Flaum entfacht,

Wo selbst das Rötheste und Allerblauste

Der Wind geschmackvoll zueinanderkrauste!

Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!

Mit nacktem Busen, bloßem Bauch

Betritt sie nun die holde Stadt Venedig.

Sie trotzt dem fremden Christenbrauch,

Der starkbehaarte Theil der Scham

Ist jeder Überhülle ledig.

Sie bleibt bei uns, so wie sie kam,

Und um sie her nimmt alles seinen ungezwungenen Lauf,

Doch fällt im großen Dunkel so ein Schamtheil wenig auf.

Der Mohrin Nacktheit merkst Du kaum,

Man schmückt und ändert blos den Schleiersaum,

Den dieses Weib so üppig durch Venedig schleift,

Daß sein Besatz noch weithin die Lagune streift.

Mit Flammengarben aller Art,

Mit Purpurzungen, blutigen Flecken,

Mit manchem fahlen, halbverblaßten Bart,

Will in Venedig man den Schleierrand bedecken.

Am Lande wird das Flammenband,

Nach alter Art, als langer Flammenrang gewahrt,

Den Zauber aber müssen Meerreflexe erst erwecken!

Frohlocken will die ganze Stadt!

Mit langgezogenen Kantilenen,

Mit eigentümlich süßlicher Musik,

Mit Tönen, welche Lüste nur ersehnen,

Mit Trommelstreichen wie im Krieg,

Mit Lustfanfaren nach dem Sieg,

Mag man die Mohrenkönigin empfangen:

Und wenn sie schon berauscht vorbeigegangen,

So heften wir auf ihre Schleppe Purpurspangen.

Ist sie dann fort, kriecht alles Gluthgewürm zur Rast,

Die Flammenschlangen, die der Menschenhand entstammen,

Verbergen sich vor uns in großer Hast,

Und tiefverringelt im Morast,

Muß ihre Brut wie Aale grau verschlammen,

Und auch der Schwarm von grünen Feuerfröschen

Wird bald im dunklen Sumpf verlöschen.

Perlen von Venedig

Jacopo Bellini

Wahrhaftig die Trauer der salzigen Meere,

Erwacht im Gemüth Deines herrlichen Knaben,

Verwundert wie alles allmächtige Gehaben,

Erfüllt sein Erstaunen die glaubhafte Leere.

Das Weltherz ist klar, wie der Schmerz einer Zähre,

Und Sterne, die nichts als ein Muttermeer haben,

Erblassen, um leidende Seelen zu laben,

Denn drüben enttauchen wir sanft, ohne Schwere.

Maria, die Vieles erfuhr und erlitten,

Blickt still auf die Unschuld des strahlenden Kindes

Und hofft, für die Kindlichkeit Aller zu bitten.

Oh, hofft auf die Reinheit des leuchtenden Windes,

Er weht, doch er kommt nicht mit langsamen Tritten,

Er hilft euch als Hauch eines Lichtangebindes.

Der Schiffer

Es ächzen die Flanken und Taue wie Kinder,

Das Meer bäumt sich auf, wie ein fiebernder Kranker,

Es wird jeder Wirbelsturm rascher und schlanker,

Die Hosen entstehn und vergehn stets geschwinder.

Der Fischer bewegt sich und greift wie ein Blinder.

Er wehrt sich und betet: »Mein Gott und mein Anker,

Enttrage das Boot, es wird lecker und schwanker,

Ach, zeige Dich, Herr, als der Sturmüberwinder!«

Es fliegen dem Manne Schaumknäule wie Tauben

Voll Wucht noch im Fluthenbraus unter die Nase,

Da sinkt ihm der Muth und er sucht noch zu schnauben.

Doch steigt schon die Bahre, im grauen Gerase,

Voll Schleier empor, ihm den Athem zu rauben …

Schon ist er erblaßt – verhaucht im Geblase.

Das Weib

Das Kind ruft im Fieber: »Der Vater ist böse,

Beschütze mich, Mutter, er schimpft mich und droht,

Er ballt seine Fäuste, er naht mir im Boot

Und johlt durch das heulende Wogengetöse.«

Es betet die graue, vergrämtreligiöse

Gefährtin des Schiffers in tödtlicher Noth:

»Mein Heiland, entreiße mein Söhnchen dem Tod!«

So wiegt sie, so hofft sie, daß Gott sie erlöse.

Das Kind ächzt: »Der Vater ist wieder betrunken,

Er findet jetzt nimmer den Weg bis nach Haus.«

Die Mutter ist schaukelnd zusammengesunken.

Das Kindlein verstummt, das Gestöhne ist aus:

Es weint nun das Weib und es weißt sich sein Haar,

Das wird es beinahe im Wesen gewahr.

Die Irrsinnige

Madonna, ich sah Dich am sternhellen Meere

Da kamen im Winde die Todten zu mir,

Dann wuchs eine Sichel mit grausamer Gier

Und schnitt in die Weihe der Seelenverkehre.

Ich suchte und fand keine Hülfe zur Wehre,

Es ward jene Schlange ein blendender Stier,

Und sieh, jenes Thier ist jetzt immer noch hier,

Das Kind und den Gatten erdrückt seine Schwere.

Maria, verscheuche den Spender der Schrecken,

Ich schenke Dir gerne mein gischtweißes Haar,

Das Meer aber möge sich wieder verstecken.

Ich bringe die Milch meiner Weiblichkeit dar,

Ich will Deinen Hauch milder Hülfe erwecken,

Es wehe das Schweigen, das wird wie es war.

Um Neumond ist traumblau mein Gatte erschienen,

Sein Kommen verbreitete heimliches Schweigen,

Es wollte mein Wesen sich ganz zu ihm neigen,

Da war er um mich, wie das Schwärmen von Bienen.

Ich wollte sein Nahesein treulich verdienen

Und gab ihm, was irgend der Seele zu eigen,

Um Liebe und Reinheit vereint zu erzeigen,

Da schwirrte es licht, wie das Knistern von Kienen.

Ich sah ihn: es war seine Mannheit vergangen,

Das bartlose Antlitz allwissend verjüngt,

Der Mund ohne Purpur und farblos die Wangen.

Ich habe mich seiner theilhaftig bedünkt,

Sein Wollen durchwogte mein herzhaftes Bangen,

Es ward meine Weichheit mit Thränen gedüngt.

Ich gab meinen Wahnsinn dem wandernden Wasser,

Das schlaflose Schmachten bekam ja die Nacht,

Ich habe das Lachen der Schwachen erdacht

Und achte als wallender, unsichtbar blasser

Erbarmungsgedanke und Warnungserfasser

Auf alles was schamhaft im Weltall erwacht,

Ich habe dem Walde den Sang dargebracht,

Und altere nun als ein markkranker, nasser,

Ja selbstnasser Stamm einer wehweichen Weide

Am Weiher vom weltweiten eigenen Leide.

Ein Reh wittert oft in die sandstarre Haide

Und kehrt dann ins Schicksal zurück, das ich meide.

Ich weiß nicht, verbirgt sich vor mir eine Weide?

Ich weile im Wehwind! Wann weichen wir beide?

Oh Meer, ach, ich brauche von Dir eine Thräne,

Es mag sie Dein Anblick der Seele gewahren,

Da lächelt mein Kind durch den Schimmer der Fähren,

Damit ich sein Mündlein im Augenroth wähne.

Und wenn ich sein fernes Getändel ersehne,

So will ich die Quelle der Schmerzen entleeren,

Und wie auf den Händen die Thränen sich mehren,

So glaube ich, daß sich ein Hauch an mich lehne.

Bald perlen die Finger von kindlichen Blicken,

Nun streichle ich leicht meinen flimmernden Arm,

Und fühle ihn weit leise Kühle erquicken.

Mein Glück ist nun ganz mein erstrahlender Harm,

Das Kind scheint dem sickernden Naß zuzunicken:

Es ist ja wie Milch so beseligt und warm.

Das Märchen vom Meere

Erzähle, oh Meer, mir das Märchen vom Meere,

Das Lied Deiner Inseln versteinerten Leides,

Besinge die Klippen des plötzlichen Neides,

Die Wiederkehrwirbel der innersten Leere.

Die Mär aller Meere ist gar keine Lehre,

Der Mittag bricht ab wie die Kraft eines Eides,

Der Abend, das Bild eines späten Bescheides,

Verbirgt des Verhängnisses sinkende Schwere.

Die Nacht hehrer Meere kann niemand errathen,

Da spiegelt die Trauer unsagbare Dauer,

Es ist, als ob Kunden dort gar nicht mehr nahten:

Die Fragen sind draußen genauer und rauher,

Die Märchen jedoch, die wir je dort erbaten,

Sind stumm und ergrauen in uns nur als Schauer.

Gewißheit

Es rollt der Löwe zweiunddreißig Sonnen,

Zu seinen Füßen und im eigenen Leibe,

Im Sommer nahe vor die Sonnenscheibe,

Und alle Wolken sind sogleich zerronnen.

Die Erde aber bleibt von Gold umsponnen

Und fast verschleiertnackt, gleich einem Weibe,

Von dem man fordert, daß es übertreibe,

Was ihm Natur und Sitte angesonnen.

Dann schlafen alle Träume, alle Schäume.

Blos Mittagsmystik loht aus jedem Zweige.

Und wie vergeistigt sind die stillsten Bäume.

Da ists, als ob ein Ding zum Dingsein neige:

Ja, ja, um Alles schwirren Athemsäume,

Kein Wesen wünscht, daß da ein Gott entsteige.

Die Sonnenblume

Du Blume, die sich hold zur Sonne wendet,

Ich wollte einstens Deinem Wesen gleichen,

In mir die Sonnenzukehr fromm erreichen,

Doch etwas sagte mir: Du bist verblendet!

Ich habe alle Blüthenkraft verschwendet,

Ich fühlte samend meinen Glanz erbleichen,

Die Luft den Duft von meiner Jugend streifen,

Und heute sind die Lust, die Macht verendet.

Doch seh ich Blumen tief aus sich erstrahlen,

An jedem Morgen sich zur Sonne neigen

Und fast mit Hingebung zum Lichte prahlen.

Ich aber mußte rasch herniedersteigen.

Verloren sind ja alle Sehnsuchtsqualm;

Mein Wesen wurde Niemandem zu eigen.

Frieden

Das blaue Meer verliebt sich in das Leben,

Und tausend Augen sind uns wohlgesinnt:

Ja, schon beginnt der Hauche Tausch, der Kräuselwind!

Und lauter Herzen fangen an zu beben.

Bald wird das Meer sich wohl zum Ufer heben.

Die kleinste Welle, die als Schaum zerrinnt,

Die Spitzenschleier um die Erde spinnt,

Mag sich dann irgendwo und ganz ergeben.

Ein blauer Schmetterling hat sich verloren.

Im Blauen draußen find ich ihn nicht mehr:

Hat ihn der Strand als sein Geschenk erkoren?

Mein Herz, Dir werde nicht auf einmal schwer!

Bestimmt hast Du bereits ein Lied geboren,

Nun sing Dich aus, am traumhaft blauen Meer.

Orpheus

Den Inselkranz bewachsen kalte Farren.

Der Thauwind weht vom Süden und vom Meere.

Der Regen stürzt sich in die Wintersleere.

Die Farren aber müssen weiter harren.

Auf einmal scheint ein Rausch den Wind zu narren.

Die Mythe bringt das Lied vom Lichtbegehre:

Sie schwimmt im vollen Mittag durch die Quere.

Ja, Tongestalten siehst Du rings erstarren.

Das ist ein Wunderthier mit goldenen Flossen.

Ein Lied weht seinen Sänger hold zum Strande,

Und Farren lösen alle Wurzelbande.

Durchs Lied sind Liebesblüthen voll ersprossen.

Verthierte Formen drohn vom Pflanzenrande,

Der Sang harrt: steil in Bäumen eingegossen.

Vision

In meinem Traumesgrau erscheinen Lilien:

Unendlich groß und doch in meiner Seele

Wird ihr Erguß zu manchem Prachtjuwele,

Und plötzlich gießt es Licht wie auf Sizilien.

Im Traum verwurzeln sich die Scheinreptilien.

Und halb bewußt, daß ich ihr Wesen schweele,

Umwande ich die scheuesten Urbefehle

Als Pflanzenspuk und als Gesichtsfamilien.

Das heikle Fiebergrau der Traumgewitter

Wird immer silberner und schließlich bleicher,

Und endlich knistert, blitzt ein Zickzackgitter.

Und dennoch merke ich andere Albeinschleicher.

Ihr Streit mit meinem Funkennetz ist bitter:

Doch schon ist meine Furcht gespensterreicher.

Des Liedes Wesen

In einem Land, wo alle Dinge traumhaft schauen,

An einem blauen Wundermeer kam ich zur Welt.

In einer Au, die ihre Pracht verborgen hält,

Begann mein Wesen seinen Räthselthurm zu bauen.

Aus allen Mienen dort glüht gütiges Vertrauen:

Was sanft in jenen Fernen in die Augen fällt,

Beschaut Dich zaghaft, wie von Innerthum erhellt,

Und Seelengrauen schweigt vor solchem Weltergrauen.

Ich glaube noch an jene blauen Morgenmeere,

Und oftmals blickt mich, was ich nie bemerkte, an.

Ja, Lieder perlen, wie in fremdem Augenbann.

Mein Träumen thaut auf Blicken ohne Ort und Schwere.

Mein Sang, der nirgendwo und ganz urselbst begann,

Will fragen, sehn und sein, und funkelt in die Leere.

Einsam

Ich rufe! Echolos sind alle meine Stimmen.

Das ist ein alter, lauteleerer Wald.

Ich athme ja, doch gar nichts regt sich oder hallt.

Ich lebe, denn ich kann noch lauschen und ergrimmen.

Ist das kein Wald? Ist das ein Traumerglimmen?

Ist das der Herbst, der schweigsam weiter wallt?

Das war ein Wald! Ein Wald voll alter Urgewalt.

Dann kam ein Brand, den sah ich immer näher klimmen.

Erinnern kann ich mich, erinnern, blos erinnern.

Mein Wald war todt. Ich lispelte zu fremden Linden,

Und eine Quelle sprudelte in meinem Innern.

Nun starr ich in den Traum, das starre Waldgespenst.

Mein Schweigen, ach, ist aber gar nicht unbegrenzt.

Ich kann in keinem Wald das EchoSchweigen finden.

Panik

Schon fühlen Nachtgestalten rings ihr Walten.

Des Tages Wangenwärme muß enthauchen.

Ihr Dinge wißt doch, daß wir Frieden brauchen,

Drum trachtet nicht den Athem anzuhalten.

Was mahnt, als dürften sich nun Hände falten?

Jetzt wars, als würde eine Furcht enttauchen,

Als ob die Blätter sich, geschreckt, vor Gauchen

Wie Säuglingsfingerchen zusammenkrallten.

Nur Ruhe, Ruhe! Und zuerst im Innern.

Dann läßt sich bald kein Wesen überraschen:

Des Friedens kann man sich ja blos erinnern.

Ach was, am Wasser laß die Plappertaschen:

Laß Dich nicht ein mit Zwiegesprächsbeginnern!

Was kümmern Dich die Schatten, die da waschen?

Odysseus

Das Leid, in dem ich willenlos ertrinke,

Entfernt und wellt mich oft an einen Strand,

Vielleicht in aller Sehnsucht Mutterland,

Von dem aus ich den andern Träumen winke:

Und wenn ich drüben meinem Selbst entsinke,

So bin ich nackt und doch im Schamgewand

Und nehme scheulos einer Jungfrau Hand

Und freu mich, daß ich frei von Schäumen blinke.

In jenem Osten bin ich oft gewesen.

Von dort weht ja die Hoffnung noch herbei:

Hat drüben eine Seele mich erlesen?

Man wandelt dort fast schein und schattenfrei,

Und doch voll Sonnenwohl sind jene Wesen!

Was schöpf ich noch im trüben Allerlei?

Verstumpfen

Du meine Seele, sei nicht so erschrocken!

Wird auch Dein krankes Wehmuthswort verstummen,

So müssen doch die Bienen weitersummen.

Und surren, surren wird es stets um Rocken.

Der goldene Morgen soll ja fort frohlocken,

Und Mücken werden sich zusammensummen,

Denn über jeder Pfütze muß es brummen,

Und Spinnen werden stumpf auf Moder hocken.

Du arme Seele, ach, Du kannst nicht schweigen:

An lauter kleinen Wesen wirst Du kleben

Und noch aus Müdigkeit zur Sonne steigen.

Auch Deine Dumpfheit wird noch weiterleben,

Dein Brüten einst vielleicht zum Weben neigen,

Vielleicht auf Spiegeln als Lybelle beben!

Der Gesandte des heiligen Antonius

An hellen Tagen, wenn die Stunden gelber blinken,

Befährt ein Mönch in einem kleinen Segelboote

Die braune Fluch, die just in vollem Golde lohte,

Und er vermag es, Fische sanft herbeizuwinken.

Sie tauchen heerdenweise auf, das Licht zu trinken,

Und da erklärt der Mönch ihnen die zehn Gebote,

Vertheilt unter die Horcher sieben große Brote

Und zieht dann fort, bis todt die Lichter niedersinken.

Er kann auch ruhig ohne Wind und Ruder fahren,

Denn immer, wenn er auftaucht, folgt ihm eine Briefe

Und oft vermagst Du ihn ganz nahe zu gewahren,

Da ists, als ob ein Geist ihm in das Segel bliese,

Denn gar nichts regt sich dann in seinen blonden Haaren,

Und ungekräuselt bleibt das Gras der nächsten Wiese.

Das Meer

Das Meer beginnt ringsum zu brausen:

Ich horche auf und tauche tief in Qualen,

In Schlünde, ohne Licht und Eigenstrahlen,

Wo nichts als grüne Schatten hausen.

Den bleichen Quallen fängt es an zu grausen,

Sie fliehen mich in dunkelnden Spiralen,

Ich schlüpfe zwischen meinen geilen Aalen

Und will am Hals die Krausen blind zerzausen.

Das Meer, das Meer! Was ist vom Meer geblieben?

Ein böser Traum mit aufgeschlitzten Wogen!

Mein Meer, mein letztes Meer, ich will Dich lieben.

Mir heißt das Meer, Du wirst hinabgezogen,

Du sollst zerträumt, hinweggeträumt, zerstieben:

Oh Meer, oh Meer, auch Du hast mich belogen!

Die Glanzperle

Im Halbmond, wenn die Sterne sich verdichten,

Der Wasserathem langsam dann verzieht,

Enttaucht ein Kahn, so traumhaft wie ein Lied,

Und scheint die letzten Wellen zu beschwichten.

Ein Seelenpaar, das Herz und Blick belichten,

Das blos die reinste Einheit giebt und sieht,

Vermag nach allem, was in Glück geschieht,

Den Rhythmus seiner holden Fahrt zu richten.

Es regt sich da kein Hauch am grauen Meere,

Es hat der Kahn statt Segel einen Traum

Und wiegt ganz spurlos seine Schattenleere.

Die Liebenden sind blaß und zart wie Schaum,

Ihr Antlitz mild, als ob es nichts begehre:

Man wundert sich ja nur, und wähnt sie kaum.

Sonderbar

Es wird der Mond in sieben Tagen erst verscheiden.

Die Ratzen hörst Du haßerfüllt und brünstig miauen,

Im Wasser todte Silberfratzen sich beschauen

Und ringsum hörst Du, hörst Du, Hunde schrecklich leiden.

Gestalten wirst Du plötzlich huschhaft unterscheiden.

Es fangen Hexen an, den Sabbathtrank zu brauen:

Ihr Werbeschrei und Katzentakt durchschrillt die Auen,

Die laute Nacht ist voll von blauen SatansEiden.

Doch jetzt erwachen, dort in Dir, die eigenen Eulen,

Die sind so fremd und eigen, weil Dir selbst zu eigen.

Wie schweigt die Nacht? Beginnt es blos in uns zu heulen?

Die Eulenmutter mag nicht aus dem Neste steigen.

Sie brütet über halberwachten Jungenknäulen.

Wie eigen, wenn die Dinge einmal alle schweigen.

Grau

Ich singe, wenn die seltenen Sterne glänzen,

Der Halbmond sich dem Meer entgegen neigt,

Das dunkle Friedensblau der Au entsteigt,

Und alle Fluren sich mit Thau bekränzen.

Ich singe zu den Mondschritttänzen,

Wenn plötzlich jede Windesstimme schweigt,

Bevor das erste Perlengrau sich zeigt,

Und mag in mir die Furcht der Flur ergänzen.

Doch auch in meinen blaffen Tagesträumen

Erwacht bestimmt der Farbenklang der Nacht

Und hält mich unter frischbethauten Bäumen.

Ein fernes Meer vermuthe ich dann sacht,

Und auch der Hauch von seinen Ginstersäumen

Wird mir mit seinem Rauschen nahgebracht.

Adria

Von Hellas kommt der Wind mit einem Nachen,

In reiner Sternesterbensstunde her.

Es perlen schon die Lüfte überm Meer,

Und ganz geringe Lichtdinge erwachen.

Das Sichverringeln hat etwas vom Lachen,

Und gar nichts, selbst das Fragen, wird mehr schwer:

Das erste Morgengold ist sorgenleer,

Und Alles scheint sich selber anzufachen.

Italiens Silberwälder siehst Du zittern,

Doch blos ein schwacher blauer Stern erbleicht,

Und wenig kann der erste Wind zerknittern,

Erlebst Du, was sein Weltgeschehn erreicht?

Die Erde scheint am Meere viel zu wittern.

Wer weiß, was für ein Wirken uns beschleicht!

Schicksal

Oh Morgenstern, ich wittere Deine Strahlen,

Du scheinst von einem Weib emporgehalten,

Du läßt auf Erden die Empfängniß walten,

Du bist das Ich von allen Scheidensqualen.

Dich Erzfunken unter den Traumopalen

Vernehme ich als welttiefes Erkalten,

Vom Sterben kannst Du frühe Liebe spalten,

Du trittst in Dich zurück, gleich Idealen.

Ick habe nie geliebt, wann muß ich sterben?

Oh Liebe, Liebe, trachte mir zu nahen.

Ich sterbe gern. Ums Sterben will ich werben!

Was thun, um Dinge, die schon urgeschahen?

Ich habe nicht geliebt und soll verderben.

Mein Lied, mein Lied, was bleibt Dir zu bejahen?

Das Eiland

Das Eiland meiner Wünsche ist vergessen,

Verträumt der Hauch seiner Nachmittagswärme,

Hinweg der Trauer traute Bienenschwärme,

Umsonst muß ich die Lider niederpressen.

Ich sehe wohl des Felsen Strandzypressen,

Doch nie die Au, für die ich draußen schwärme:

Je mehr ich mich am Meer um Frieden härme,

Muß ich ein immer Ferneres ermessen.

So bleib ich denn in meinem Hain von Lichtern:

Berauscht von Sternblüthen in düsteren Lauben,

Begegne ich dort anderer Welten Dichtern.

Mich wiegt ein Meer. Ein Leib schnürt meinen Glauben.

Und dennoch pflücke ich mit Traumgesichtern

Die holden Hoffnungen von Sternentrauben.

Der rothe Schimmer

Am klaren Meer unter den letzten Sternen

Kann sich ein Zauberschiff mit goldenen Masten,

Auf denen die verscheuchten Albe rasten,

Aus einem rothen Wolkenschoos entkernen.

Doch wenn Du hinblickst, wird es sich entfernen,

Es ist als ob die Insassen erblaßten:

Zu schwere Schatten dürften es belasten,

Und Du sollst auch das Träumen dann verlernen.

Doch sah ich dort einst Heilige und Frauen,

Die Helden Ilions und Illyriens Fürsten,

In ihren Gründen Künftiges erschauen.

Ich nenne keinen, kenne blos den Dürrsten:

Er sah zurück zu stillen Blüthenauen

Und schien nach Lebensspenden noch zu dürsten.

Die Dogaressa

Das ist ein Weib mit morgenrothen Wangen:

Der Mund gewöhnt, daß man ihm ernsthaft traue,

Verschwendet lächelnd Schimmer wie im Thaue,

Und diese Nase wittert unser Bangen.

Es sind die Flechten goldig wie die Spangen.

Die Augen grau, mit einem Stich ins Blaue,

Die Brauen Bögen, wie bei einem Baue,

Den lange Byzantiner angefangen.

Um ihren Busen athmen auch die Schleier,

Die Achseln fallen wie mit Blutgischt nieder

Und machen so den Hals fast rastlos freier.

Verwegen schlank versinkt das ganze Mieder,

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Das ferne Schloß (Miramar)

Du heller Fürst auf ewiggrünen Hügeln,

Es kennt Dein blaues Auge nicht das Meer,

Umsonst erscheint mir Deine Wehmuthswehr,

Du kannst auf einmal keine Wünsche zügeln.

Du glaubst nur traumhaft hin und her zu klügeln,

Doch weht Dein unergründlicher Begehr

Vom Meer, von dort, vom großen Meere her,

Und ein Entschluß wird alles überflügeln.

Du bleiches Schloß, das Meer hat doch gewonen,

Es grünen Deine Lauben, trotzen noch die Mauern,

Doch alle Heimlichkeit war bald zerronnen.

Du sollst vor Deiner Leere tief erschauern:

Du bist ja schon von Sagen sacht umsponnen,

Das Meer und Deine Trauer werden dauern.

Zauber

Der Vollmond ist schon da! Hinter den Feigen

Siehst Du ihn kupferroth und kalt erscheinen.

Der Himmel hat das Blau von echten Weinen:

Und seht, der Mond erblaßt beim raschen Steigen.

Wie ist die Welt doch thierhaft jetzt und eigen:

Vielleicht wenn still die Sternelein erscheinen,

Für einen Augenblick mit sich im Reinen,

Und alle Seelen müssen dann auch schweigen.

Schon sind sie alle da! Die Szepter, Kronen!

Der Westen blos blieb gelber als Zitronen,

Und auch der Mond beginnt sich einzuschleiern.

Die fernen Glocken werden kurz nur tönen.

Es muß das Ohr sich an die Nacht gewöhnen.

Ich höre lauter Traumkonzerte feiern.

Die Wasserschlange

Besorgniß überkommt mich beim Gedanken,

Daß eine ungeheure Wasserschlange,

In sich verschlungen, bis zum Weib gelange,

Vor dessen Fenstern meine Wünsche kranken.

Ich möchte dort dem Mund mein Glück verdanken,

Und weiß bei allem nicht, weshalb ich bange,

Mein Herz ist voll von holdem Schmeichelsange

Und doch: die Stimme und die Schritte schwanken.

Ich darf in dieser Stadt kein Weib berühren,

Ich fürchte mich vor allen stummen Fluchen,

Sie werden es ja selbst zum Grauen führen.

Ich kam nicht her, um Jubel zu vermuthen,

Ich sollte blos die Angst des Wassers spüren:

Und nun genug, denn lauter Wunden bluten.

Die Epheuranke

Der Epheu dort am gothischen Palaste

Verschlängelt sich zum marmornen Balkone,

Sein Schattenwesen gleicht einem Spione,

Den irgendwie ein Rachewunsch erfaßte.

Es ist, als ob er wachsend weitertaste,

Um klar zu werden, wer das Schloß bewohne,

Und ob sich wirklich ein Verrath verlohne:

Er winkt ja schon mit einem freien Aste!

Nun blickt der Mond um eine hohe Ecke:

Und sieh, ein Weib erscheint hinter den Scheiben,

Was hält es dort so bleich an einem Flecke?

Der Epheu muß noch viele Zweige treiben,

Damit er seinen Kundschaftsweg vollstrecke:

Die Dinge sterben ab, die Räthsel bleiben.

Jetzt mag der Mond auf Mosaiken spielen,

In stillen Kirchen, die man schüchtern meidet,

Beweint sein Licht den Heiland wohl, der leidet,

Weil die Geschöpfe ihrem Nichts verfielen.

Auch knieen blasse Schatten auf den Dielen

Und thränen, schwören, da die Nacht verscheidet:

So wird der Schein, der ihren Schein umkleidet,

Dort eingehn, hinter steilen Lichtprofilen.

Mein Augenblick, mein Traumgeschick wirft Schatten.

Was halte ich? Verlassen wir uns ganz?

Ich werde ja und mag schon langst ermatten.

Ich webe mich empor mit fernem Glanz:

Gestalten, die mich einst verleiblicht hatten,

Erschaut mein leises Wiedersein Byzanz.

Der Strom

Im Mondlicht schwimmen lauter Kinderleichen,

Es halten viele zwar die Augen offen,

Doch im Krystallsarg kann man nimmer hoffen

Und sucht blos Friedensmeere zu erreichen.

Verschleiert scheint das Mondweib nachzuschleichen:

Hast Du es nie verwittwet angetroffen?

Es weint: der Todten Augen bleiben offen,

Es weint und weint, durch Leid Dich zu erweichen.

Geschick, was spricht zu mir? Ich leide!

Ich habe doch genug an mir zu tragen,

Ich weiß ja klar, daß ich umsonst verscheide.

Wozu muß ich, ja ich, nur Schmerz ertragen?

Was zwingt mich, der ich jedes Nahen meide,

In Aller Klagen mich erst freizusagen.

Übertreibung

Oh Stadt, in Deinem letzten Dämmerlichte

Verflattern Fackeln langer Leichenzüge,

Als ob jetzt selbst die Fluch die Gluth vertrüge,

Sprühn alle Ufer nun in stillem Lichte.

Doch plötzlich, seht, die seltsame Geschichte:

Im Wasser selber schöpfen Feuerkrüge.

Doch ist das Schauspiel Zauber oder Lüge?

Wie, flimmerten und fischten drinnen Wichte?

Wie, glühte nie dein Wunder zur Genüge?

Es will nicht, daß ein Grün aufs Sprühn verzichte,

Und drum ergiebt es sich in Würmerflüge.

Nun sage, Sehnsucht, wie ich Dich beschwichte,

Mein Deuchten, Leuchten in den Rhythmus füge:

Ihr, meine Gluthfunken, seid Ihr Gedichte?

Der Vollmond naht des Meeres Silberrande

Und geile Lippen schwellen ihm entgegen,

Ertrunkene siehst Du sich am Seegrund regen:

Gespenster lösen alle Leichnambande.

Das Todtenflüstern aber zeitigt Schande,

Und alles siehst Du deshalb Grauen hegen,

Den Vollmond sich bequem aufs Wasser legen,

Und Angstgekicher weht zum gelben Strande.

Einst wird der Leib in meinem Grund versinken.

Was ich geschaut, ihn kurz und stink umgischten,

Dann jede Taggestalt ertrinken, sinken.

Gar oft, wenn sich Geschicke in mir trafen,

Errieth ich, daß um mich sich Andere mischten,

Einst aber kann ich nackt und einfach schlafen.

Das Sonnett

Es sollte mein Sonnett den Sternen gleichen,

Die blutigblau aus ihren Kernen leuchten,

Zuerst den Augen Feuerkreuze deuchten

Und dann auf einmal Lichtgeschimmer weichen.

Doch muß gar bald das Schimmern auch erbleichen:

Als ob die Urgluthen die Strahlen scheuchten,

Erscheint, bis unsere Lider sich befeuchten,

Den Blicken strahlenfrei das gerade Zeichen.

Dann zittre, wie um Sterne, feucht die Frühe,

Auf das erblickte Lid, zart eine Zähre,

In der die Gluth der Blutwünsche versprühe.

Es wünscht ja doch, daß es die Mär gebäre,

Daß schillernd Träumen seinem Grau entglühe

Und spielt, als ob es eine Perle wäre.

Der Herold des Sonntags

An perlenblassen Sommersonntagsmorgen

Erscheint ein Himmelskind unter den Dingen,

Es öffnet reiner Übermuth die Schwingen,

Und selbst der Wind hat wenig zu besorgen.

Das freie Meer bedenkt kein anderes Morgen,

Denn wenn sich Dinge über Tag verdingen,

So ist es nicht, um selber zu gelingen,

Ein Sonntag ist ja überall verborgen.

Der Sohn der Sonne wird in uns geboren,

Er strahlt aus allen, die dem Tag entstammen,

In diese Welt, die Gottes Wort verloren.

Oh, bleiben wir doch ohne Ort beisammen,

Der Sonntag hat uns, wo wir sind, erkoren,

Die Werke, Wesen werden seine Ammen.

Die hohe Botschaft

Wenn Wolken rings phantastisch niederblicken,

Entsteigt der Mittagsadler ohne Regung,

Doch meint die Stille innerste Bewegung

Und reicht die Frühe fertigen Geschicken.

An Quirlen kann sich da der Aar erquicken,

Der in der Stunde klarster Überlegung

Dort hinblickt zu der Fernen Flügelfegung,

Wenn alle steilen Strahlen rasch zerknicken.

Gar hehr erweist sich da der Geist am Meere:

Wir ahnen wohl, daß wir nicht blos empfangen,

Und streben dann nach eigener SeelenEhre.

Was da der Tag mit uns schon angefangen,

Das hegt und wird der Wesen ewige Lehre

Und kann in aller Nacht zu Wort gelangen.

Der Ruf

Der Sturm erfüllt das ganze Meeresdunkel,

So horcht, von Osten kommt das große Tosen,

Es möchte rufen, doch im athemlosen

Sichüberstürzen hörst Du blos Gemunkel.

Nun brüllt es auch, und zischendes Gefunkel

Vergeistigt wunderlich groteske Hosen,

Die Stengel tanzvernarrter Wolkenrosen:

Und plötzlich drohen oben GlotzKarfunkel.

Der Stier beginnt im Winde jetzt zu rufen.

Er bringt die Stille des bewußten Starken

Und tritt die blinde Wildheit mit den Hufen.

Die Murmelnden beginnen abermals zu harten,

Man dient dem Stier in allen Lebensstufen,

Die Arbeit wird die Wahrheit aller Marken.

Der Löwe

Der Werktag schleppt sich fort in dichtem Regen,

Ein Schiff wird in der Werft zurecht gemacht,

Es drehn sich Krahne unentwegt mit Fracht,

Und auch der Regen will sich gar nicht legen.

Das klare Wasser hört nicht auf zu fegen,

Zu Ende wird die Arbeit bald gebracht.

Da staunt: der Nachmittag zeigt seine Macht,

Der Markuslöwe spendet blauen Segen.

Im Westen ist er goldig klar erschienen,

Er wälzt sich zwischen Regenbogen vor

Und will, daß ihm die Elemente dienen.

Die Menschen wimmeln durch des Löwen Odemflor,

Die Boote auf der Goldsee scheinen Bienen,

Und Aller Blicke krönt ein Siegeschor.

Serenissima

Es beben die Schwalben wie Herzen, die toben,

Sie singen hinein in den siegenden Lenz,

Sie feiern den Herzog der Seeresidenz,

Der ausfährt, sich hehr mit dem Meer zu verloben.

Es ist noch der Morgen in Flore verwoben,

Drum siehst Du kein Schaustück, doch jedes Rind kennts,

Und alles erfreut sich des Hochzeitsmoments

Und dringt mit dem Glockengeläute nach oben.

Der Doge hat stolz einen goldenen Reifen

Ins traumhafte Blau seines Meeres versenkt,

Die Braut nur geschaut, um ihn traut zu begreifen.

Der Herzog hat traurig nach Hause geschwenkt,

Die Gondeln beginnen im Golde zu schweifen,

Dem Sang haben ganz sich die Schwalben verschenkt.

Der Herold von Florenz

Der Herold von Florenz in goldenem Flore,

In leichter, turteltaubengrauer Tracht,

Der unterwegs sein Eigenthum bedacht,

Erscheint am Meer in einem Sonnenthore.

Er tritt zu einem Frühlingskinderchore,

Und wo er hold zu der Umgebung lacht,

Dort gleicht sein Gruß dem Lenze, der erwacht,

Und die Erscheinung einem Meteore.

Am Strande die Gespielinnen der Wellen,

In bleichen Schleiern und mit hellem Haar,

Gewahren ihren fremden Spaßgesellen.

Am Wasser sagt er, was der Himmel war,

Und blau umschwebt von bebenden Libellen,

Wird allen trautes Heimweh offenbar.

Die Tochter von Fiesole

Toskanas Tochter kommt voll Reiz und Scheue

Zur hehren, sonnenhellen Sommersee.

Ein Taubenpaar, so weich und weiß wie Schnee,

Erscheint ihr da in der verzückten Bläue

Der Inselwelt unter dem Flügelleue

Und grüßt der grünen Hügel Frühlingsfee,

Die Hülle einer wehen Glücksidee,

Und wünscht, daß sie der Flug als Gruß erfreue.

Die Tochter Fiesoles entnimmt die Blüthen,

Die Kinder ihrer Vaterstadt gepflückt,

Nun strohgeflochtenen Körben, die sie hüten,

Und schon die Einfalt ihrer Art beglückt:

Die Tauben ruhen nun, wie um zu brüten,

Stumm an der Brust, an die das Mädchen sie gedrückt.

Des Dichters Angebinde

Am Arno stehn Zypressen starr am Grabe

Der Braut, die nur ein armer Träumer sah:

Der Statte ihres Waltens blieb ich nah,

Doch glaub ich, daß ich nichts erfahren habe.

Das Lied, an dem ich meine Sehnsucht labe,

Blieb ganz allein und als alleine da,

Doch plötzlich wars, als ob etwas geschah,

Und ich bekam vom Leide eine Gabe.

Ich wägte, hegte was ich schwer erduldet,

Da ward im milden Licht das Leid zum Lied

Und hat sich tief als Perle eingemuldet.

Und das empfand ich mit gesenktem Lid:

Nun Heimathmeer, mit Dir bin ich verschuldet,

So nimm von mir, was noch mit mir geschieht.

Die Sendlinge von Siena

Auf rothen Rossen kommen stolze Boten,

Mit Rollen über das Gebirge her,

Sie denken nach: das Amt ist schwer,

Es wird ein Freistaatsbündniß angeboten.

Die nordischen Despoten, Roms Zeloten,

Bedrohn die Eigenreiche immer mehr,

Den Markusstaat allein beschützt das Meer,

Doch hofft man nun, Toskana zu verknoten.

Die Reiter sind noch jugendlich und heiter:

Und seht, verkleidet kam ein Mädchen mit,

Zwar ist es angethan wie sonst die Reiter,

Auch merkst Du nicht, daß es beim Ritte litt,

Doch dienen ihm die bärtigen Begleiter,

Und einer folgt ihr gar auf Schritt und Tritt.

Der Wasserfall

Das Wasser wandert durch die blauen Thäler,

Der Wind verliebt sich in die stillen Dinge:

Es will das Licht, daß Alles Hymnen singe.

Und seht, die Wälder werden rings Erzähler.

Ein Bündnißgeist, des Guten frömmster Wähler

Ist da, damit der Heimath Sang gelinge.

Er spricht ins Wasser, daß es Botschaft bringe,

Er dröhnt sogar: Denn horcht, das Thal wird schmäler.

Es ist die Sprache das der Patriarchen.

Das Wasser sagt fürwahr: Wir wollen leben!

Und aller Schaum verlangt, daß Walzen schnarchen.

Der Ache Schleusenschlösser werden Archen,

Des Wassers Klarheit wird ihnen entstreben,

Man mag den Schatz des Wassers »Raschheit« heben.

Der holde Mönch vom Monte Oliveto

Es denkt der Mönch: Die Seele konnt ich wahren,

Ich hoffe, Gott erhält mich keusch in Frieden,

Der Liebe Grauen hab ich fromm vermieden,

Und etwas mag sich stets mir offenbaren.

Ich bin ein Kind mit weißem Kleid und Haaren,

Und habe nie mich weltlich unterschieden,

Ich weiß nicht, weilt ein Leib von mir hienieden,

Denn der hat nie den Hang am Fleisch erfahren.

Und doch, die Seele sing sich an zu trüben,

Drum zog ich aus und wandre nun zum Meere,

Um alle Blauheiten im Blau zu üben.

Damit der Perle Schimmer wiederkehre,

Versenkt man sie ins Meer, dem sie entnommen,

Auch ich bin krank und mag zum Heile kommen.

Das schnelle Ende

Das Grauen meines Wesens will erbleichen,

Es ist, als ob es in der Seele schneite:

Das Lied ist krank, dem ich die Perle weihte,

Der milde Schimmer scheint mir kalt zu weichen.

Ihr tranken Perlen seid der Krankheit Zeichen,

Ihr werdet blau und sagt, das Fieber schreite

Aus meinem Sange in das Klanggeleite:

Statt Perlen seh ich Augen blonder Leichen.

Ihr Perlen wollt meinem Gesicht entgleiten,

Ich spüre Euch ohne Gewicht erweichen,

Vergeht denn, liebliche Absonderheiten!

Ihr ward ein Schein aus morgenklaren Reichen

Und müßt vor einem Tag mit hellen Weiten,

Wie allerletzte Mondstrahlen, entschleichen.

Der Bernstein

Die Menschen lesen gerne in den Sternen

Und denken an die herbe Schrift des Herrn:

Ich aber wähle keine Weltenfernen

Und wähne das Geschick im Wesenskern.

Ich nehme einen Stein aus fremden Meeren

Und sehne mich nach seinem Sagensang,

Sein Wesen glänzt von eingekerbten Lehren

Und macht mich da gar traumerfüllungsbang.

Du goldenes Geschick in meinen Händen,

Erzähle Deine eingefrorene Mär,

Das Honigroth von Deinen glatten Wänden

Besprüht mein Spürsinn lüstern wie ein Bär.

Verglast in Deiner Blaßheit, ahn ich Schwingen

Und senke meinen Wahn in Dich hinein:

Nun lebe ich verwandt mit fernen Dingen,

In Dir, oh Stein, mit mir und Dir allein.

Es pocht mein Herz, Du Bernstein sprichst: sei leiser!

Nun bin ich still, still wie Dein Athemgold,

Denn Bernstein, heller Stein, ich bin Dein Weiser,

Ich weiß wie hold sich Ewiges entrollt.

Du wächst und athmest wie die gelbe Erde,

Die herrlich durch die Wälder Sonne schlürft,

Die wagt und plagt, damit sie größer werde,

Und Wachstum sagt: wachst, da ihr plündern dürft.

Ach was, Du bist ja athemloses Wachsen,

Du bist ja Wachs, halb Wabenwachs, halb Harz:

Mein Wahn erwacht: ein Wasser, voll von Lachsen,

Entrauscht und überrascht den alten Quarz.

Gesprengter Stein, in Ursels und in Fluthen,

Auf Deinen Härten will ich Fernen schaun!

Granitgrate, was könnt Ihr grau vermuthen?

Ihr Urburgen beruht auf Grundvertraun!

Das Wasser wechselt, Wechsel schnellen Wellen,

Und Wellen schwellen Schwingen und den Wind,

Der Wind beseeligt und die Seelen quellen

Unüberwindlich, weil sie gar nicht sind.

Nun Geist, als Sonne, komme Du zu Worte,

Die Sonne ist des Wortes Goldsymbol,

Erkunde unumwunden Zufluchtsorte

Und Hochzeitsgipfel für das Wonnenwohl.

Du Seligkeit, Du Ich mit Frühlingsflügeln,

Erhebe Dich, soweit es Welten giebt!

Dem Wasser laß den Sprung, dem Glück das Klügeln,

Du brauchst nicht Flügel, sei der Flug, der liebt!

Entschwebe Dir doch selbst, beseeltes Wesen,

Auch Deine Mutter Erde stiegt durch Dich,

Sie lebt ja nur, das Beste auszulesen,

Sie strahlt bereits und scheint uns innerlich.

Vineta, holder Wortesort erscheine,

Entschwebe Deiner Zukunft, werde Traum,

Ich schaue Dich in goldener Morgenreine,

Und Dein Erschwellen wellt Gewitterschaum.

Du Wendenwahn Vineta, Wind der Wende,

Du Wehmuthswunsch, erwache auf der Fluch,

Du Wagnißstadt und Warnung ohne Ende,

Entschließe Dich zum Flug, der Flug ist Muth.

Du Wahneswahrheit auf dem Wanderwasser,

Du Ewigkeit mit Gluthwurzeln im Blut,

Ich selbst, ein blauer Wunderwunscherfasser,

Erschaue nur, was fern im Glauben ruht.

Vineta, winde Dich empor zum Wesen,

Vineta, strahle aus Erbarmen auf,

Vineta, werde wie es nie gewesen,

Der Wind der Stille lenke unsern Lauf.

Schluß der Perlen von Venedig.

Du holdes Weib, verliebte, lyrische Gedanken

Berauschen mich im Augenblicke voller Lust,

Es will mein Wesen Dir in jedem Kusse danken,

Und doch, der Liebe Abgrund wird uns nie bewußt!

Durch unseren Jubel zittern Reihen von Äonen,

In ihrer Ewigkeit verzuckt der Schwall der Feit,

Es kann sich alle Einsamkeit in uns belohnen,

Ja, es erklärt und es befriedigt sich das Leid!

Das Athmen Deiner holden Brust vermählt die Wogen

Verwolkter Meere mit der Sonne meines Wesens,

Mein Wollen hat den Sturm aus Dir emporgesogen,

Denn Liebe birgt den Schauer mystischen Genesens.

Aus unserer Liebeswonne jauchzt verborgenes Werden,

Doch sie verschlingt auch todesöde Möglichkeiten,

Sie wiegt in sich das Wesen unverhoffter Erden

Und überschreitet lauter angefangene Zeiten.

In unserem Rausch verträumen jene Weltgebilde,

Die einst der Erde, voll von eigener Wucht, entstrebten:

Doch leuchtet auch in ihn des Lenzes Sonnenmilde,

Die Halt gebot, bevor die Wüsten sich belebten.

Es einten uns die reichen Ursprungselemente,

Doch wir gebaren ein bewußtes Lichterhoffen.

Als sich in Dir der Seele Unschuldshülle trennte,

Stand auch in mir ein Schöpfungsabgrund plötzlich offen.

Wer weiß, was für ein Mensch jetzt in das Dasein schauert,

Was wir ihm schenken werden mag er überwinden,

Was er uns eben giebt, ist das, was ewig dauert,

In ihm soll sich die Welt als neue Macht empfinden!

Irr nicht ab, oh Geist, vom Pfad auf dem Du wandelst,

Frage nicht, ob Du, so wie Du glaubst, auch handelst,

Schwärm Dich aus, Du magst es wie die Andern treiben!

Spätere mögen sich Dein Denken einverleiben.

Fühlte ich mich doch von Jugend an als Heide;

Und verlangt die Seele auch nach fernem Leide,

Will ich es trotzdem mir nicht selbst bescheeren,

Denn das Schicksal birgt für mich von selber Lehren!

Ich fühle mich ganz eins, ein Leib und eine Seele,

Und führe Streit, den ich in mir erwähle;

Kein Gespenst, das ich nicht selber tief erschaue,

Hilft mir je bei meinem eigenen Wolkenbaue.

Singt die Seele auch auf einmal ferne Lieder,

Steigen dann im Herzen Zweifel auf und nieder,

Weiß ich doch, ich werde mich an sie gewöhnen

Und mit neuem Thun und Formenschmuck versöhnen.

Plagegeister, ich erbau Euch keine Bühne,

Nimmer glaube ich an Sünde und an Sühne:

Was Romantiker so gerne übertreiben,

Wird in mir Geheimniß oder Schrulle bleiben.

Heute da die Menschen alle lesen können,

Will ich ihnen gerne große Gesten gönnen,

Doch ich zieh es vor stets athembang zu schweigen,

Wo sich Räthsel plötzlich über mir verzweigen.

Für Saturn begründet man jetzt unbewußt Altare,

Stellt sich philantropisch gegen ihn zur Wehre;

Fortschrittszugluft zeugt gar häufig Gliederreißen,

Einsichtslos will jeder laut das Nichts verheißen!

Opfer der Natur, Ihr könnt mich nicht erboßen,

Statt zu packen, scheint das Leben Euch zu stoßen!

Ach, wie tief es trifft, statt rasch vorbei zu wehen!

Ernst ist es, und dennoch kann ich fortbestehen!

Glocken erschallen!

Von ruhmvollem Dom

Locken und hallen

Die Rufe von Rom!

Es folgen die Leute

Dem klingenden Strom.

– Sonntag ist heute –

Frohlockende Glocken,

Ihr greift mir ins Herz!

Der Äther ist trocken

Und klar schwingt das Erz.

Campaniens Campanen

Erweckt doch in allen

Ein gläubiges Ahnen,

In schallenden Hallen

Ergeht sich der Geist:

Oh Rom, du verzeihst

Dem Geist der entgleist!

Der Frühling erglitzert,

Von Liedern umzwitschert,

Umblühen die Bäume

Inngfräuliche Schäume.

Jetzt tönen auch Schellen

Von Klöstern Kapellen,

Und selbst bis in Zellen

Dringt Jubelgetön:

Ja alles wird schön!

Auf schneeigen Höhn

Verflattert der Föhn!

Duftender Schaum

Steigt durch den Raum,

Das Frühlingserblühn

Verschüttet das Grün.

Wie, alles vergeht?

Der Westwind verweht;

Nein, Bläue die währt,

Hat alles verklärt!

Fromme Gesänge

Beleben die Hänge,

Menschliche Schlangen,

Voll Gottesverlangen,

Durchziehen die Felder,

Dann bergen sie Wälder!

Oft hör ich Gebimmel:

Da seh ich Gewimmel,

Auch scheinen rings Fahnen

Zu drohn und zu mahnen,

Das freut wohl den Himmel,

Denn niemals noch war

Der Äther so klar.

Am Volksplatze vereinen sich die Karawanen.

Von Rom befreite Sklaven aller Welt

Erscheinen mit geweihten Siegerfahnen

Und haben sich auf Rampen ringsum aufgestellt.

Die Sklaverei wurde zum Hauptprobleme

Der Römer, als sie es zur Macht gebracht.

Durch alle Zwangssysteme sind im Diademe

Der Urbs Befreiungsfunken wunderbar erwacht.

Die Kirche hat den Kampf zum Schlusse ausgefochten,

Und überwunden, steht sie dennoch siegreich da.

Die Gegner ihrer Wirksamkeit vermochten

Stets mitzuschaffen, daß die That, die da geschah,

Zerfasert und zerstückelt, dann auf uns gekommm!

Und nun ist Rom sein Lichtgedanke ganz genommen.

Doch öffnet sich die große Stadt den treuen Schaaren,

Gleich einem Herzen, das zu Seligkeiten führt.

Ich kann Sankt Peter und das Kapitol gewahren,

Und jedermann wird durch den Anblick rief gerührt.

Der übersonnte Corso gleicht jetzt einem Pfeile,

Der unser holdes Weltherz durch und durch durchdringt:

Er ist die Strecke der modernen Tageseile,

Der Macht, durch die das Ketzerthum die Urbs bezwingt.

Ihr Pilger, zieht zu Ara Coelis Wunderknaben,

Zur Scala Santa und zum nahen Vatikan,

Versucht den armen Geist durch sein Gebet zu laben,

Ersteht vom Himmel einen jungen Glaubenswahn.

Du Rom, entschließe Dich zu neuem Kampfe,

Tritt gegen Wucher und den Scheinwerth muthig auf,

Die Welt um Dich vergeht in wildem Werktagsdampfe,

Verhindre, kannst Du etwas, diesen Abgrundslauf.

Es ist ja Geldeswerth allein im Geist entstanden,

Drum säe man was fix ist, nicht als Samen aus.

Gold kann nicht wachsen, Christen habt Ihr es verstanden?

Dem Schöpfer ist die Wucherei ein arger Graus.

Das Werk des Vaters nachahmen ist Satanssunde,

Drum sei das Kapital, das sich verzinst, verdammt!

Der Geist, der trachtet, daß er Ewiges begründe,

Und dessen Wesen jedes Handelsmaaß entstammt,

Wird auch beleidigt, wenn man seine großen Werke

Wie Zeitliches behandelt und sich mehren läßt.

Drum Rom, erringe neue Zuversicht und Stärke,

Und stehe endlich gegen Ketzerschacher fest.

Befreite Sklaven, kommt in großen Prozessionen,

Drangt massenweise rings heran: Patrizier Roms

Empfangen Euch mit Flaggen. Auf den Festbalkonen

Begrüßen sie den Geist des freien Menschenstroms.

Es muß auch in der Zeit, was ewig einwirkt, siegen,

Die Feiertage strahlen durch das ganze Jahr,

Doch zu Frohnleichnam bändigen und überstiegen

Die Feststunden die Arbeit, die der Zwang gebar.

Frohnleichnam, Ruhetag unter den Feiertagen,

Du Auferstehung aller großen Erdensagen,

Du sagst, wenn man in einem fort im Leben stirbt,

So muß man schließlich auch an einem Zeitpunkt sterben.

Und wenn man immer neue Himmelslust erwirbt,

So wird dereinst die Welt das Gnadenlicht erwerben!

Wenn ewig sich Jungfräulichkeit im Sein erzeugt,

So mußte eine Jungfrau einmal schuldlos zeugen:

Wo das Geschöpf sich dauernd vor dem Schöpfer beugt

Da sollte Gott sich einmal vor der Schöpfung beugen.

Dort wo dem Fleisch verziehn wird, daß es aufersteht,

Wird einstens alles Sünderfleisch frei auferstehn,

Doch wo der Körper, nicht der Geist, zu Grunde geht,

Wird alles, was nicht geistig ist, zu Grunde gehn.

Da alles, was geschieht, sich unaufhörlich richtet,

So wird die Welt bestimmt auch in der Zeit vernichtet.

Da die Natur zum Schlusse jeden Hader schlichtet,

So wird die Schöpfung noch zum Ursprungsgeist verdichtet.

Dreieinigkeit besiegelt sich in allen Dingen,

Drum muß sie auch sich göttlich in die Höhe ringen.

Und da der Gottheit alle Dinge jung entspringen,

So wird sie ewig, was entsteht, ins Dreimaaß zwingen.

So zieht denn hin, die hohe Gnade soll verflachen,

Durch Euch hindurch in Thier und Pflanze noch erwachen!

Das Christenthum wird ringsum tiefe Wurzeln fassen

Und selbst die Felsenmassen nimmermehr verlassen.

Oh Rom, ich lobe Dich, denn in gezähmten Horden,

Bist Du zu einem tiefen Weltgesetz geworden!

Die vielen Glocken fangen wieder an zu lauten,

Ein ordentliches Dröhnen, – man muß sich dran gewöhnen, –

Beginnt nun, für sich selber, Manches zu bedeuten,

Und will uns da, wo wir auch sind, mit Gott versöhnen:

Das lockt und ruft und eilt einem auch nach,

Oh Klang, erfasse uns, in träger Geistesschmach!

Es sind nun Jesus Christus, Moses, die Sybillen

Bereits ein wenig in die Menge eingedrungen,

Man kann mit Vorsicht und mit etwas guten Willen

Von Dingen, die dem Geist des Christenthums entsprungen,

Nunmehr mit Bürgern und sogar mit Priestern reden.

Sie werden Euch, als närrisch, kaum noch ernst befehden!

Giordano Bruno, wie? Auch Du spukst schon im Haufen,

Jetzt ehrt man Dich, denn Dein System schuf Kopfzerbrechen,

Bekämpfte Dich ein Mensch, so würde man auch raufen

Und für so Schwererlerntes eine Lanze brechen.

Giordano, ach, Du sahst den Heiland in der Menge,

Und Du entsetztest Dich vor ihrer Schauderenge,

Du scheutest ihren Gott, Du holder Sonnensohn,

Und jede Prozession entlockte Deinen Hohn.

Du tratest auf, um träge Festzüge zu stören,

Dein Sang erhob sich bald in tausend Lebenschören

Und als Du heimgingst, mußten Dich die Götter hören!

Du warst ein wahres, feierliches Seelenlicht,

Das heutzutage sich in Prozessionen bricht,

Du selbst bist fort, Dein Regenbogen aber glüht

In allen Farben, die ein ewig Werk versprüht.

Was in uns liegt, kann oftmals ein Gemüth erfassen,

Doch will man es, selbst wenn bewußt, noch schlummern lassen:

Und wühlt es fort, so wird es auch zur Übermacht

Und schließlich uns, durch Liebe, völlig nahgebracht:

Entrauscht es dann, so hat es Eigenkraft zum Leben,

Und endlich müssen wir uns noch zu ihm erheben!

Es ringt das All, sich rings aus Liebe zu durchdringen,

Und ewig sucht es deren Dauer zu erzwingen,

Es kämpft dabei die Zeit, den Abstand zu vernichten

Und trachtet, sich als Lichtgestirne zu verdichten,

Verrundet und erstarrt, Errungenes zu schützen,

Und seine Schlummerlust dadurch, verstreut, zu stützen.

So ruht und so beruht die Welt auf ihren Sternen

Und wir empfinden rastlos deren Daseinsfernen.

Stets müssen sich die Abstände mit Formen füllen,

Die Lüfte sind der weiten Freiheit weiche Hüllen.

Das Licht, die Wärme, die ein Wesen kaum bespülen,

Sind Übergänge in den tiefen Weltgefühlen.

Die See ist da, um Dunst und Seelen aufzuscheuchen,

Und Stürme hören wir in Liebeslücken keuchen:

Ja, ja, das ist die Liebeskette der Natur

Und mitten drin im Meer, entstand die Kreatur.

Wir Menschen sind halb Sonnenkraft, halb Erdenzwang,

Ein Reis, das sich aus Liebe um die Heimat rang,

Denn liebreiches Vermitteln ist des Menschen Denken,

Das ganze Werden soll aus ihm zur Sonne schwenken.

Die Masse ist nur da, Gesetze zu bewachen,

Es soll sich stets der innere Tag in ihr verflachen,

Sie will, daß man sie nicht mit neuen Flammen störe

Und stets Gebotenes, wenn es neu ist, überhöre!

Oh Menschheit, die sich spinnenartig rings verbreitet,

Die alle Erdenbrunst in das Bewußtsein leitet,

– Denn alles was bestimmt ist, bis zum Licht zu klimmen,

Muß erst als Daseinsfunke wurzeltief erglimmen –:

Du wahrst Dir eifrig die Alltäglichkeit im Leben,

Denn Deine Pflicht ist blos ein stilles Weitergeben

Von Räuschen, die vom Grunde aus zur Sonne steigen

Und sich in Wäldern und in Seelen still verzweigen,

Die eine Liebestreppe in den Wesen finden,

Und dauernd, was geschieden ist, in uns verbinden!

Impulse tief verwerthen, Eigenes balanzieren,

Berührt sein, im Gemüth den stäten Wechsel spüren,

Für Kleinigkeiten Muth und Daseinskraft verlieren,

Ganz unbewußt ein Leben voll Gefahren führen,

Das ist das Loos, das immer in uns übergeht,

Und auch zugleich, als fremd, an uns vorüberweht.

Es ist der Mensch sein eigener Geschicksmagnet

Und er beherrscht sich durch ein stummes Lichtgebet,

Drum ziehet hin und sammelt Euch in Prozessionen,

Die Geister, die Euch sonst vor Eurem Tod verschonen,

(Denn wißt, er droht Euch rings! Und einem Riesenglücke

Verdankt Ihr Euer Leben trotz des Daseins Tücke,)

Vermögen es, wenn Ihr gefahrlos weiterschreitet,

Das Eigenglück, das Euch sonst Schritt für Schritt geleitet,

Zu Eurem Besten anders und erhabener auszunützen,

Doch müßt auch Ihr es, durch Gebete unterstützen.

Es gilt im Inneren sich zur Prozession zu sammeln

Und vor dem Alltage für einmal zu verrammeln!

Wir Menschen tauchen auf, geboren wird man nicht.

Die Kindlichkeit, die zart sich durch das Dasein flicht,

Verweht, wenn der Karakter in uns aufersteht

Und rhythmisch in die große Ordnung übergeht.

Der Geist, der freie Wille können selten gelten,

Doch, daß sie beide sind, erleuchtet ganze Welten:

Die Freiheit ist so klein, daß erst die Ewigkeit,

In der sie aber Macht hat, ihr ein Maaß verleiht.

Sie ist ein Nichts, doch immer wieder angenommen,

Hat sie in uns den höchsten Einheitswerth erklommen,

Die Möglichkeit zu leben ist unmöglich klein,

Und dennoch fügt sich alles in das Ganze ein!

Ein Opfer, ein Entschluß kann das Geschick von Ländern,

Auf einen Schlag, durch einen Zufall, sagt man, ändern!

Des Erdeneigenwillens kleinste Übermacht,

Der ewigferne schon im Sonnenschooß erwacht,

Hat einst die Welt, auf der wir wandern, frei gemacht!

Auch Menschen streifen lauter Freiheitsmöglichkeiten

Und müssen oder können sie oft überschreiten:

So kommt nach Rom, Ihr Katholikenprozessionen,

Und hofft Ihr es, so wird in Euch ein Wunder wohnen.

Oh, singt der frommen Männer Kampfchoral,

Ja, beugt Euch vor dem Leben, wie aus freier Wahl,

Das was Euch Wucht verleiht, das hält Euch lang befangen,

Doch was Erfahrung giebt ist immer noch vergangen.

Ihr ändert Euch und öfters merkt Ihrs an den Andern,

Das heißt, Ihr seht wie Eure Schrullen wandern,

Die Jugend um Euch her hat Manches Euch entzogen,

Voll Übermuth errafft, Euch Klügere drum betrogen.

Ihr glaubt vielleicht, mit jedem Augenblick zu sterben,

Warum nicht lieber rufen: »Herr wir erben, erben!«

Ihr sollt, was Ihr vereinzelt habt, schnell weitergeben,

Um Euch, nach freier Wahl, stets edler zu beleben!

Der Sinn des Daseins ist blos Handeln und Vertauschen,

Doch wenn Ihr wählt, sollt Ihr Euch selber gut belauschen,

Und bleibt bei Eurem Tode blos der Ursprungsfunken,

So sei Eure Persönlichkeit bereits versunken!

Verrauscht im Krieg der Mannen starke Lebenskraft,

So wird sie gleich von Anderen wonnig aufgerafft,

Es können Schlachten gar nichts auf der Erde schaffen,

In dieser Lebensfluth wird nie ein Abgrund klaffen.

Die Geistersphären, die das All zusammenschweißen,

Kann nimmer irgend ein Geheimniß niederreißen!

Wer herrschen darf, der muß sich überschätzen,

Und seine Macht dadurch, wenn sie entsteht, zersetzen.

Die Liebe aber wächst und rankt das Christenthum,

Die Wahrheit, um den Erdball, voller Macht, herum.

Wir mögen drum an Völkerführer immer glauben,

Noch will uns die Natur nicht die Romantik rauben!

Oh kommt, Ihr Menschen, mit Standarten und mit Fahnen,

Ihr triumphiert bei dieser großen Prozession,

Es zog der Geist zuerst dahin in langen Bahnen,

Nun geht der Leib, die Seele aber herrscht vom Thron.

Oh singt im Sonnenlicht, singt Euren Liebeschor,

Vielleicht könnt Ihr die Schmerzensketten noch zersprengen!

Geht irgendwo bereits ein großer Umschwung vor,

Will aus der Menge sich der Wahrheitsgeist entengen?

Wird man an Kreuzesstatt dereinst die Sonnenscheibe

Bei Prozessionen, wie beim Sonnenkult, gewahren?

Man trägt sie schon, seht die Monstranz aus Gold! Dem Leibe,

So wie dem Geiste, wird sich Gnade offenbaren:

Wir werden immer nur den Gott der Liebe feiern

Und seinen Glanz, aus Furcht, mit Sonnenlicht verschleiern!

Es überkommt die Gaffer bei der Prozession

Gar leicht, besonders wenn es heiß ist, Schlummer.

Und so verduseln viele Leute ihren Kummer,

Sie denken nicht an Mutter, Gatten, Sohn.

Was sie bewegte, sehn sie nur als ferne Bilder,

Dann überblenden sie auf einmal rothe Schilder,

Ein dichter Kupferflitter schwirrt vor ihren Augen,

Und Hals und Beine scheinen nimmermehr zu taugen.

Für sie würgt sich der Zug nur schwer durch heiße Gassen,

Und Schwüle senkt sich auf den Athemdunst der Massen,

Doch wacht man auf, geschieht es meistens wie im Schwindel,

Es ist, als tanzte Blut und Gold um eine Spindel!

Die Weiber, meistens Mütter, kommen nun zu Gruppen,

Das sind des Erdenwiderstandes tapfere Truppen;

Sie beben ihre Wünsche stets aus Seelensummen,

Ihr Hoffen, Wollen ist verwirrt wie Glockensummen.

Den Schein und dessen Anmuth wahren sie dem Leben,

Kein Weib wird sich mit solchem Schild ergeben!

So betet denn für glaubensabgewichene Söhne

Und hofft, daß jeder sich dem Himmel einst versöhne.

Wie herrlich ist es Euch noch fromm und stark zu sehen,

Der Geist wird Eure Reihen immer mehr umwehen!

Das Weib ist reich an Träumen und auch zukunftsschwanger,

Der Mann an Seligkeit zumeist nur ihr Empfanger!

Sie ist zwar leiblicher und auch viel erdennäher,

Doch Sie empfängt dadurch auch alle Urgluth eher,

Das Liebeslicht, das aus der Erde sonnwärts strebt,

Wird immer erst als Scham und Huld im Weib belebt.

Es liebt die Erde wohl die Frau am allermeisten

Und will an ihr das höchste Maaß an Schönheit leisten,

Der Tropen Überfülle wuchtet in den Haaren,

Die wir als Kranz um jedes schöne Weib gewahren.

Des Gischtes Frische mit des Riffes Schliff vermählt,

Ward zum Gebiß, das Seegeblink und Schmelz beseelt.

Der vollen Lust und Jugend holde Morgenkunde

Entschwellt aus jedem wonnereichen Frauenmunde.

Die Abendwolken, die zuletzt am Himmel hangen,

Vergehen nimmer auf des Weibes zarten Wangen,

Des Meeres Ströme, die in Buchten still erwarmen,

Sind nichts als Ahnungen von weichen Frauenarmen.

Des Muttermeeres Kinder aber sind die Seeen,

Zu denen Wolken, deren Ammen, niederwehen,

Oh Weib, in Dir verleiblicht sich die Weltenmilde,

Du bist das stillste aller wirklichen Gebilde.

Mit Purpurfahnen, wo der innern Liebe Gold

Vor unsern Sinnen Märtyrer entrollt,

Erscheinen jetzt in Furcht und Nacht gehüllte Nonnen,

In denen schon der Geist über das Fleisch gewonnen.

Die Allerschwächsten singen einen Machtchoral

Und preisen seelig ihren himmlischen Gemahl,

Nicht jeder Seelenrausch darf sich zum Licht ergießen,

Es müssen Thränen auch zu Wurzeln niederstießen.

Ein Theil der Welt will seine tiefen Schlünde füllen,

Und wer es wagt, wird sich in inneres Dunkel hüllen.

Wer Sonneneigenschaften in sich trägt ist gut,

Doch auch die Erde fordert Gluth von unserm Blut.

Der Staub ist da, damit die Wesen ihn erheben,

Das Licht, damit die Menschen es der Tiefe geben.

Drum dürft Ihr auch, voll Muth, das Tollste denken,

Was man auch thut, den Weltgang wird man weiter lenken!

Die Wahrheit ist vielleicht kein Zweck, blos eine List,

Es giebt blos einen Zwang, der ist, das was man ist.

Der Alltag ist der Gott, die Schönheit blos Symbol,

Die Tugenden und Hoffnungen gar häufig hohl.

Der Spießbürger um uns ist unsere Schicksalsmacht,

Er flüstert nur, durch alles, was er kreischt und lacht,

Die Wirklichkeit von unsrem Erdgeschick ins Ohr!

Wir ahnen es, und deshalb graut uns so davor!

Die Sünden, die wir oft entsetzt in uns gefühlt,

Verbleichen von den Gegenwarten fortgespült,

Doch etwas bleibt von ihnen stets in Jedem hangen,

Und deshalb muß uns noch vor ihren Siegen bangen.

Du fromme Prozession, zieh hin bei Glockenlauten

Du bist zumeist ein Troß von just noch braven Leuten.

Denn jene, die sich einmal nur erwischen ließen,

Nebst denen die den Anstand ganz verließen,

Durchgrübeln Kerkerlöcher, wühlen fort und fort,

Denn stets erwägt sich, stirbt und triumphiert der Mord.

Sie brüten unten fort, verseuchen langsam Alle,

Nur fremde, böse Mächte bringen uns zu Falle.

Wenn jemand plötzlich tief und schauerlich erbebt

Und fühlt, daß sich ein Arm der Hölle aufwärts hebt,

So fürchtet er vor allem selbstbegangene Fehle,

Denn an die Schuld der ganzen Welt erinnert sich die Seele!

Verbrecher sind als Lasterspeicher zu betrachten,

In ihnen lagert sich der Menschheit Schande ab.

Die Schuld, nicht ihre Träger, sollte man verachten,

Wo viel verbrochen wird ist auch der Richter schlapp.

Die Mörder tödten, heißt ihr Unrecht neu gebären

Und so der Welt zwei Missethäter mehr bescheeren.

Die Blutinstinkte, die Gefangene wild verbeißen,

Darf niemand durch Gewaltgerichte roh zerreißen,

Sie müßten sonst gleich einen neuen Mörder schweißen,

Dazu erzeugt auch jede That gleich eine Seele,

Und Blutgespenster schwirren stets um Mordbefehle!

Gewohnheitspanzer schützen uns vor Flüsterstimmen

Und Gluthimpulsen, die am Herzensgrund erglimmen:

Nur was die Menge will und stets von uns begehrt,

Hat sich, bis wir erwachsen sind, als gut bewahrt.

Vielleicht sind Schliffe, die uns unsere Umgebung giebt,

Alleine das Bewußtsein, das um uns zerstiebt:

Wenn uns die vielen Gegensätze rings verließen,

So würde jedes Sein im Traumgewirr zerfließen.

Die Völker haben sich schon ziemlich ausgeglichen,

Und in der Kleidung wird die Gleichheit unterstrichen,

Man hängt von anderen ab und ist sich nie genug,

Die Freibeweglichkeit ist jetzt ein Meistertrug.

Du Gleichheitsdrang, Tellurgesetz, hast viel besiegt

Und wilde Ranken oft um Zäune hold geschmiegt:

Ein Volk, das ruhig seinen Alltag leben mag,

Erscheint bereits und huldigt einzig dem Vertrag.

Bald wird es keine Götter um sich dulden wollen

Und nur Geboten in sich selber Ehrfurcht zollen:

Das Reich des Geistes wird in nächster Feit erscheinen,

Wer wittern kann, beginnt das Große schon zu meinen!

Ein Himmelreich, ein flaches Volk, fast ohne Recken,

Beginnt nun auch den Westen langsam zu bedecken.

Statt Jesus wird der Buddha noch der Herr der Erde!

Oh Heiland, der am Kreuze starb, durchzuckt kein Schauer,

Kein Taumel der Unendlichkeit jetzt Deine Heerde,

Genügt denn Allen eines Daseins dumpfe Dauer?

Oh Rom, beginnst Du, um die Ewige zu bleiben,

Schon wieder Schacher mit dem Christenthum zu treiben?

Du denkst, verzichte ich auf Ruhm und Krone

Und fecht ich mit dem Volke, das jetzt siegreich ficht

Und immer größere Schlingen um die Thronen sticht,

So herrsche ich bestimmt dereinst mit ihm zum Lohne!

Du glaubst, verbleib ich die Gebieterin der Welt

Und kriege ich auf diese Art genügend Geld,

So kann ich alle Volker führen und vergnügen

Und immer mehr Gewinnste zum Errafften fügen.

Italien schenkt mir dann noch eine hohe Kunst:

Man sagt, sie harre einzig auf Mäzenengunst.

Ja, goldene Scheiben in gewandten Händlerhänden,

Zumal wenn diese es mit offenem Verstand verschwenden,

Sind oft so wirksam wie des Lenzes Sonnenschein:

Es dringen ihre Strahlen überall hinein.

Denn zeugt das Licht stets Jubel, Sprudel, Duft und Garben,

Gebärt das Gold Gesänge, Standbilder und Farben!

Das Leben zieht den Purpur an,

Der Abend naht dem Petersdom,

Oh abgespannter Wandersmann,

Bald siehst Du einen Brand von Rom!

Der Tag zieht plötzlich laut dahin,

Es bringt uns seine bunte Schleppe

Verrauschten Jubel in den Sinn;

Es trägt mich eine Himmelstreppe

Jetzt in ein Seelenparadies,

Das ich wahrscheinlich nie verließ

Und mir doch immer nur verhieß.

Ein Schleier der sich niederwellt

Und auch aus allen Kelchen schwellt,

Der ringsum auf die Welt geweht,

Zugleich zum Himmel aufersteht,

Hat auch mich selber überkommen

Und ist doch tief in mir erglommen.

Oh Abendthau in der Natur,

Du Nebelgeist auf goldener Flur,

Bist Du auf einmal auch ein Traum?

Oh sage es, ich träume kaum!

Die Tagesprozession zieht weiter durch die Gassen,

In mir jedoch, erscheint schon manche Nachtgestalt:

Vermag ich es, sie noch in Form zu fassen,

Ist sie ein Wesen oder eine Weltgewalt!

Durch alle Menschen schwebt ein Inbrunstdunst,

Begreife und verdicht ich ihn, so ist es Kunst.

Es zeigt und neigt sich stets Erworbenes und Erlebtes,

Mein Wille, wenn er Muth hat, ordnet und verwebt es.

Mit Panzerhemden gilt es die Vision zu schützen,

Drum Konventionen kommt, Ihr müßt mich unterstützen!

Es sprechen schon die Blitze, die mich rings umschlingen,

Die Bajonette fangen an ihr Lied zu singen.

Ein altes Volk, das überall in Waffen starrt,

Erklärt sich mir: Sein Schicksal scheint ihm hart,

Doch mußte es, um noch der Gleichheit nachzustreben,

Ein großes Heer zum Schutz der Freiheit weit beleben

Und diesen festen Menschenwall im Land erheben.

Der ist ein Wall, wie fern um China, dessen Mauer,

Ein riesiggroßes Buddhathum liegt auf der Lauer:

Es wühlt sich schon empor und schafft sich rings ein Reich,

Oh Rom, was drängte sich in Deinen Machtbereich.

Es heißt vor allem für Millionen Nahrung schaffen!

Der Wille, gut verpflegt zu sein wird bald erschlaffen,

Wer Steuern zahlt, wird sich zu manchem noch bequemen,

Für seinen Frieden läßt man sich das Beste nehmen!

Oh Christenheit, man wird sich wahrhaft Deiner schämen,

Was hilft, um solche fremde Einflüsse zu lähmen?

Es hat der Schöpfer alles derart vorgesehn,

Daß alle Dinge scheinbar ohne Gott geschehn!

Wer die Gesetze mustert und mit List studiert,

Ist oft bestimmt, daß er den Glauben ganz verliert,

Der Geist ist in den Dingen gar so gut versteckt,

Daß wenn Du suchst, Du ihn dann oft nicht mehr entdeckst,

Dafür jedoch ihn unbewußt um Dich erweckst.

Ich mag darum den Staat noch fort analysieren,

Werd ich dabei die Hoffnung weghypnotisieren,

Kann sich vielleicht ein Geist noch irgendwie beleben

Und plötzlich herrlich über meinem Gleichmuth schweben.

Die Sonne hat den Wall, der uns beengt, versprengt.

Der steht in die Gesellschaft dehnbar eingerenkt,

Der blitzt und funkelt überall im Abendlicht

Und er erfüllt bei Prozessionen seine Pflicht.

Die Phantasie verfolgt ihn durch die Christenländer,

Denn jeden Staat verklammern feste Eisenbänder,

Indessen legt ein rother Hauch sich ringsum nieder

Und scheinbar fiebern jetzt die fernen Weltstadtglieder.

Die Prozessionen haben sich bereits verlaufen

Und tausend Schauspiele belustigen den Haufen,

Es flattern Purpurfahnen durch den Abendäther:

Nur in den Kirchen rings verspäten sich noch Beter,

Doch wollen jetzt auch diese schon nach Hause,

Und immer neue ruft der Glocken Erzgebrause.

Und wieder seh ich lauter rauschende Sutanen,

Und in des Tages Feuerstunden wehen Fahnen

Vom hohen Himmel selber auf die Erde nieder.

Aus fernen Kirchen schallen fromme Christenlieder,

Doch alles übertönt der Abendglockenklang,

Die ganze Stadt blinkt wie berauscht und fieberkrank.

Die Sonne ist von Wolkenriesen eingeschlossen,

Denn diese sind des Lebenssternes Kampfgenossen,

Sie häufen sich zu einer stumpfen Pyramide,

Und tief in deren Innern hämmern scheinbar Schmiede.

Nun ist der Bau schon purpurroth und ungeheuer

Und speit und schleudert wie ein Kriegsthurm Feuer,

Auch seh ich aus den überwälzten Stockwerkfugen

Rings Strahlenspeerquadrate drohend aufwärtslugen.

Hoch oben hält man seine Lanze schon gebogen

Und scheint zu einem Angriffe der Nacht gewogen,

Man ist auf diesem Wolkenwall gewöhnt zu siegen

Und unaufhaltbar westwärts immer fort zu stiegen!

Die Sonne ist gesunken und der Apennin

Beginnt sich schon mit Düsterkeiten zu umziehn,

Doch plötzlich überglühn die Spitzen Feuergeister,

Ein Schemenzug, von Norden kommt er, ostwärts reist er,

Umglüht und übersprüht die fernen, höchsten Berge.

Verlassen Könige auf einmal ihre Särge?

Dort seh ich einen goldenen Gigantenzug,

Und Reifen, wie man sie zu Kaiserzeiten trug,

Erscheinen jetzt auf diesen hellen Wiederscheinen!

Auch Kronen, eine Tiara, voll von Edelsteinen,

(Und am Sorakte, selbst nun eine Dogenmütze,

Von der es scheint, daß sie den Berg vor Unheil schütze,)

Umzaubern alle Höhen und verschwimmen schon:

Hinweg ist auch die blasse Geisterprozession!

Die Glocken, Vögel und die Zwielichtzitterluft

Hat nun die Nacht, die stumm erwacht, zur Ruh gebracht:

Die Sterne zeigen sich in jeder Wolkenkluft,

Und auch in mir herrscht eine stille Wundernacht.

So wie der Abendstern durch Dämmerschleier glimmt,

Wird alles auf der Erde friedlicher gestimmt,

Die stummen Stürme wuchten in den Seelenschlund,

Und unser Mund giebt nichts als Athempausen kund.

Befunkelt sich darauf das ganze Firmament,

Durchzuckt uns alle ein Geburts und Glücksmoment!

Wer ist der Mensch, der nicht den Abendzauber kennt?

Es wird die Seele da so still und transparent!

Die Träume schmücken sich mit Tand und Kronen

Und überall vermuthen sich dann Prozessionen,

Es schließt die Nacht bald ihre warmen Wolkenflügel:

In warmen Mutterarmen schlafen ja die ganzen Sänger,

Die vielen, vielen Seelenkreise werden enger,

Und Träume überschimmern alle Blüthenhügel.

Nun zeigen sich auf einmal blaue Nebelgletscher

Und Flimmerbäche scheinen rasch herabzuthauen:

Ich sehe hellen Gischt und höre kein Geplätscher,

Denn Silberkatarakte darf ich blos beschauen!

Auf allen Zinnen und Ruinen perlen Ketten

Und überall erglimmt das müde Silberlicht,

Die Welt versammelt sich in tausend Zauberstätten

Und bringt sich nur im Ragenden dem Sinn in Sicht!

Auf Thürmen, die einst Rom zu seinem Schutz gebaut,

Wird allerlei lebendig – aber niemals laut, –

Dort leuchten bleiche Silberspeere, Geisterschilder,

Doch sind es wortlose, verschlossene Mondlichtbilder.

Ein fester Glaube braucht nicht mehr die hohen Warten,

Und deshalb mußten bald die Thürme hier entarten,

Jetzt sehn wir viele Kirchen Kuppeln hehr erstreben,

Und oben, fast wie eine weiße Friedenstaube,

Das Mondlichtspiegelbild, in sicherer Stille schweben:

Oh Rom, ich glaube nun, es herrscht und siegt Dein Glaube!

Vom Sonnenbann befreit, werden die Erdenwesen

Von Müdigkeit umarmt und in den Schlaf geführt,

Die Jugend wächst heran, Verwundete genesen,

Von Jedermann wird in sich selbst die Nacht gespürt.

Sie läßt im Thal durch uns, ringsum, die Fenster schließen

Und überreift das fröstelnde Gesträuch der Höhn,

In Häusern wollen Paare ihren Leib genießen,

Und wach erhält uns oft Musikgetön.

Die Nacht ermöglicht manches, was der Tag ersonnen,

Denn was das Licht vermittelte, was scheu sich traf,

Vereint das Dunkel und sein Spiel ist so gewonnen:

Die Welt verschließt die Welt in sicherem Liebesschlaf.

Oh Mutterschlummer unserer Erde steige, webe

Dich in das Schicksal aller Deiner Rinder ein,

Entwichene Wünsche, jedes Wesens Werberebe

Soll sanft verpflegt und treu durch Dich erhalten sein.

Es giebt nach einem solchen Sonnenfeiertage

Bestimmt nun einen Traum von Pracht und Glaubensmacht,

Es hält der Schlaf in jeder Seele deren Wage.

Denn Rausch und Ruhe werden da stets gleich gemacht!

Was andere Wesen unter Tags aus uns entrankten,

Wird durch den Schlummer nun in uns zurückgeführt,

Wir taumeln träumend, wenn wir nach Verschiedenem langten,

Und Nachts verhüllt sich, was bei Tag das Herz gerührt.

Dann ruht ja die Vernunft, sie liebt ihr Schweigen,

Die Dinge wirken aus sich selbst, kein Geist greift ein,

Die Träume dürfen in verlorene Tiefen steigen,

Und Längstvergessenes kann auf einmal froh gedeihn.

Die Seele stürzt oft durch verschwundene Zukunftsthüren,

Fürwahr der Traum ist unser großes Labyrinth,

Wir lassen uns vom Sinn der dunklen Ruhe führen,

Da er allein Verwirrtes wieder fest verspinnt!

Die Menschen fangen an sich ringsum zu verlieren.

Die grellsten Häuser scheinen oft vom Mond geschminkt,

Perrücken bleiche Standbilder aus Stein zu zieren,

Die Dinge sind von Silberflitter überblinkt.

Es zischeln und es flimmern allerhand Fontänen,

Gespenster starren auf den grünen Beckengrund,

Brillantensprudel lockern sich zu Perlensträhnen

Und Silber quirlt aus jedem lauten Marmorspund.

Ich fühle jetzt: es träumt die Stadt vielleicht von Schlachten!

Der Geist ergiebt sich unumschränkter Erdenmacht,

Die Phantasie erschaut ein Volk in alten Trachten,

Und Rom umschweben Prozessionen voller Pracht.

Und wie die Traumgewebe sich verwickelt schließen,

Da tauchen lauter Schaumvisionen auf,

Aus tausend Seelen müssen Prachtgestalten sprießen

Und unbewußt tritt jede in den Schemenhauf.

Was träumt der Mensch! Von vielem Kummer, wenig Schmerzen?

Die blassen Nachtgespenster, zart wie Filigran,

Entschwirren voll Ergebung, durcherlebt, den Herzen

Und klären aller Seelen urgeheimen Wahn.

Dort wo das Nordlicht niederperlt, entschweben Schemen

Aus allen Seelen in die blaue Seelennacht,

Sie scheinen oft sich vor dem Schauenden zu schämen

Und haben deshalb lila Hüllen mitgebracht.

Wie viele sind aus unseren Leidweben gesponnen

Und wühlen blaue Trauer in ihr blondes Haar!

Erfüllt uns plötzlich Lust, so sind sie gleich zerronnen,

Und wir erscheinen uns mit Träumen als ein Paar.

Der Mensch wird einst der Träume Wahrheiten erkennen

Und wissen, daß er blos im Schlafe Eigenes denkt,

Daß, wenn ihn fremde Einflüsse des Tags berennen,

Doch nur sein innerer Gesang das Leben lenkt.

Wir ahnen schon, daß alles was wir wirken, schaffen,

Stets Eindrucke für unser Jenseitsträumen läßt

Und daß, wenn alle Eigenformen einst erschlaffen,

Der Schmerz, den wir erweckten, uns dann niederpreßt.

Wir beichten Nachts und sollten uns auch bessern,

Doch geben wir auf keine eigene Stimme Acht,

Wir waten immer schamlos in getrübten Wässern

Und taumeln dumm durch jede Welterfrischungsnacht.

Nun ist die Prozession von Rom zu Ruh gebracht,

Der Meisten Traum verdumpft bereits zu schwerem Schlaf,

Nur über Dichtern zaubert noch die Fabelpracht,

Wer weiß, was sich soeben alles sah und traf?

Ich steh am Tieber und erblicke in der Tiefe

Jetzt eins große, riesengroße Prozession.

Es ist, als ob der Mond sie aus dem Schlummer riefe,

Doch nein, es träumt vielleicht der Strom die Illusion.

Ich sehe unaufhörlich wundersame Greise

Den Fluß hinunter, wohl zum Meere, ziehn:

Vollendet jetzt das Frühlingswalten ihre Reise,

Beginnen sie, erschöpft, vor Jüngeren zu fliehn?

Ich weiß nicht wer das ist, doch sind das Prozessionen!

Vielleicht ein Trauerzug mit Särgen aus Krystall!

Unendlich schnell entwischen diese Mondvisionen,

Doch zaubert es bestimmt im Wasser überall!

Oft glaub ich, Eis beginne rasch herab zu schwimmen,

Und schau und staune, daß sich nichts an Brücken staut,

Dann aber seh ich in den Schwärmen Licht erglimmen

Und weiß und fühle auch, wovor mir lange graut.

Im Strome sehe ich bestimmt Heroensärge,

Der Fluß, der nach der tiefen Stille strebt und rinnt,

Entführt vielleicht die Fürsten unterwühlter Berge,

Wer weiß, ob das nicht lauter Urgewalten sind?

Vielleicht sind Flüsse lauter große Leichenzüge,

Es trägt die Fluch ja alle Wucht der Felsen ab,

Die Ewigkeit erglüht aus jedem Scheingefüge,

Und Wasser, Ströme sind der Schlacke Trubelgrab.

Der Rhythmus ist ein Himmelsflug und zeitigt Träume,

Die Silbenleiter führt zu dauernden Gedanken,

Die Reime sind die Blüthen erdentreckter Bäume,

Und deren Duft Gefühle, die durch Seelen schwanken.

Den Adler raubt das Sonnenlicht den Felsenmassen

Und leiht ihm Kraft zu einem steilen Wonneflug,

Sein Innermaaß kann er beim Steigen erst erfassen,

Denn schwebend ruht er dort, wohin das Licht ihn trug.

So ist es auch für Sonnenhelden nur gebührlich,

Dort auszuharren, wo sich fast der Geist verliert,

Dem Genius ist das Erdentrücktsein so natürlich,

Wie das Scharwenzen einem Gecken, der sich ziert.

Der Tag gebar auch das, was sich die Nacht erkoren,

Denn diese hat dem Mondlicht Wesen gleichgestimmt,

Die Fische, Eulen, Katzen und verschiedene Thoren

Besitzen Seelen, wie das Licht, das blau erglimmt.

Die Blüthen und die Lieder, die an Hecken hängen,

Sind wie das Silberlicht, das rings um Spitzen gleist,

Und Träume, die verschränkt durch unsere Seele drängen,

Sind ohne weißen Mondhalt gleich in uns verwaist.

Die Nachtigall jedoch hat sich ein Stern erschaffen!

Ihr Sang, der langsam schwellend durch die Seele bangt,

Läßt oft im Menschen Ahnungsweiten plötzlich klaffen

Und sagt ihm, daß er schon zur holden Heimath schwankt.

Oh Nachtigall, Du erderzeugtes Kind der Sterne,

Belebe das Gefühl, das sich ins Jenseits schwingt,

Dein kurzer Schlag entringt sich allerfernster Ferne

Und ahnt den Sturm, den noch das Schlummermeer verschlingt.

Oh Nachtigall, Du rufst nach einem Sohn der Erde,

Der die Unendlichkeit in seinem Wesen preist,

Oh schlage Nachtigall, daß er einst wirklich werde,

Erwühle, was ein Schmerzgefühl in Dir verbeißt!

Blos im verworrenen Wollen und im Wunschverlegen

Vermag die Seele nach dem Ewigen zu flehn,

Im steten Wechsel steigt sie selbst zu Sternenwegen

Und fühlt dabei die hehre Stille bleich erstehn.

Ja, die Unendlichkeit beginnt an uns zu zerren

Und wird nicht ruhn, bis sie dereinst auf uns beruht,

Und, daß wir nimmer uns vor ihrer Macht versperren,

Verfolgt sie uns mit Leid und opfert unser Blut.

Ihr holden Sterne, urverzückte Lebensfunken,

Ihr Liebesblüthen, Freuden der Unendlichkeit,

Aus Euren Bornen hab ich Glück und Gold getrunken,

Und nun bin ich berauscht und lustbefreit.

Du Milchstraße, Du Schleier aller Bräutlichkeiten,

Der Geist, der wie ein Wind auf Deinen Äckern weht,

Umarmt und halst mich oft und will mich heimwärts leiten,

Ich weiß, daß Deine Macht in meiner Nacht entsteht.

Die ersten Menschen liebten, fürchteten die Sterne,

Benannten wohl den herrlichsten nach ihrem Schatz,

Dann sagten sie, der dort ist nah, der hat mich gerne,

Und machten bald ins Zahlenthal den Geistessatz.

Mit Magieraugen blickt Ihr dunklen, hellen Sterne

[Rand: Leonardo]

In unsere leiderfüllte, heitere Sonnenwelt

Und wirkt, daß man den Trug der Täglichkeit verlerne.

Und endlich habt Ihr eine Seele selbst erhellt!

Es war das jener Meister stiller Machtfiguren

Und jenes Weibeslächeln, das die Welt versteht,

Der Schöpfer selbsterhellter Menschen und der Fluren,

Auf denen goldene Luft von blauen Auen weht.

Er war allein so ewig wie die stillen Sterne,

Und seine Seele fühlte deren Lebenskuß,

Geschlechtlich zog er fast die Dinge, aus der Ferne,

An seine Brust und sah und schuf sie gleich als Guß!

Als dann der Löwe des Erschauens aus dem Thale

Wager Gestalt, sich abermals zur Klarheit wand,

Verschwanden langsam manche seiner Daseinsmale,

Und heute noch entschweift ihr Geist dem Lebensrand.

Die Bäume sehen wir jährlich gleiche Blüthen tragen,

Bis plötzlich eine schönere irgendwo erglüht –

Dann weht ihr Duft zu anderen, die aus Knospen schlagen,

Und keine will sie, wie des Dichters Gluthgemüth!

Ja es verhaucht, verwildert, manche Wunderseele,

[Rand: Tasso]

Entblättert sich der Wandelträume ohne Halt,

Sie liebt, daß ihre Liebe sie zu Tode quäle,

Und alles ängstigt sie, als fremde Weltgewalt.

Unseelig, wer zum Lieben unter uns gekommen,

Aus Liebe leiden und aus Liebe sterben muß:

Wer stets betrogen, nie sein Echo hold vernommen,

Der ist ein seeliger, unstetiger Überfluß!

Oh Tasso, Tasso, plötzlich schöne Daseinsblüthe,

Was Du ersehntest, wußtest, wurde nie Dein Glück,

Du brauchtest eine Glaubenswelt voll schlichter Güte,

Stets hielt Dich Dein Geschick von jedem Ziel zurück.

Oh Nachtigall im Frühlingswald des Südens,

[Rand: Raphael]

Dein Sang verklingt und nimmer hört man so ein Lied,

Du warst die Fiebergluth urweiblichen Ermüdens,

Ein Hauch, ein Traum, der jede Duftberührung mied.

Geweihtes Rom, Du hast den Geist Deiner Poeten,

Dein Eigenthum, aus Deinen Mauern fortgebannt,

Italiens holde Tugenden in Staub getreten,

Und, Rom, auf einmal hast Du Dich nicht mehr erkannt.

Das Wucherlaub, der Epheu Deiner Urbsruinen,

Lebt nimmer in den Seelen junger Römer fort,

Du fängst nun an, den Schändern Deiner Macht zu dienen,

Warum verwucherst Du den edlen Glaubenshort?

Italiens Lavabäche hör ich nirgends fluthen,

Die hellen Gluthen werden fruchtlos aufgetheilt.

In Normen, die auf Feuerzeugenschaft beruhten,

Hat man Gesetzverschnörkelungen eingekeilt.

Wer riefe noch zum Gott dogmatischer Gebote?

Der stille Schöpfer, der die Sternennacht umfaßt,

Der einst aus allen Thaten gläubiger Wesen lohte,

Wird als Naturphantast entwickelt und gehaßt.

Es fühlt jetzt niemand mehr der Jenseitsstürme Wüthen,

Die Ewigkeit, die bang in jedem Leibe weilt!

Man gleicht, verebbt sich, hat nur Weniges zu hüten,

Und denkt, daß die Verflachung unsere Übel heilt.

Die Sonne hat für uns die Tropengluth verloren,

Das Meer die Seele und die Wüste ihren Geist,

Wir folgen nimmer plötzlich aufgereckten Thoren,

Und Wuchtgestalten stören, ärgern uns zumeist.

Wer kennt die Liebe zu vertrauten Glaubensstätten?

Selbst die Familie, unser Heimathglück, versinkt.

Oh Rom, bleib fest und hilf uns Ewiges zu retten,

Dem Glauben opfre jede Disziplin, die hinkt.

Verstehen wir das Mittelmeer und seine Milde,

Verträumter Spiegelseeen linden Kräuselwind!

Berauscht Euch, jubelt wieder, wellige Gefilde!

Die Mutter Gottes ist den Liedern wohlgesinnt!

Du Seele, fühlst Du nicht: das Leben ist die Wiege

Der Ewigkeit, dem stillen Kind von Lust und Leid?

Du Geist, erörtere wieder Fahrten, Furcht und Siege,

Der Mensch sei stets zu Freiheitsfreiungen bereit!

Mein Rom, in Deinen Kirchen, Friedhöfen und Hainen

Ergeht sich meine Seele, wenn ihr bangt, so oft,

Wie könnte sie dann noch um ihre Todten weinen,

Da alles doch in Rom die Ewigkeit erhofft!

Wie gerne schweife ich durch jene langen Reihen

Lebendiger Obeliske, die als stumme Wacht

Der heiteren Nacht auf Gottesäckern streng gedeihen.

Oh Gott, unter Zypressen ist mein Sang erwacht!

Sie standen da in meiner Kindheit wildem Garten,

Von Pinienwipfeln blickte ich zum Silbermeer,

Ich konnte damals meine Wallfahrt kaum erwarten,

Und alles wuchs und blühte fröhlich um mich her.

Bei Sturm und Nacht verfolgte ich von meinem Fenster

Des Nebels und der Segel märchenhafte Fahrt,

Und als ich schlafen wollte, habe ich Gespenster

Auf meinem Bette oft, wie aufgebahrt, gewahrt.

Oh, meiner langen Kindheit schrecklich bange Tage,

Warum, warum, vergeß ich Euch noch immer nicht,

Weshalb entringt sich mir auch jetzt die ferne Klage:

»Du Jugend, erste Jugend, furchtbares Gericht!«

Zypressen knisterten in unserem wilden Garten,

Ich wollte leben und ich sah sie sorgend an,

Es war mir ja, als ob sie meiner wissend harrten,

Ich lief ins Haus, als bangte mir vor ihrem Bann.

Drum hört, Zypressen, meine dunklen Lieblingsbäume,

Ihr werdet stets in meinen Lichtvisionen stehn,

Ich hab Euch immer noch in meinen holden Träumen,

Als eine Mahnung und Erinnerung, gesehn!

Zypresse, ach verlaß mich nicht,

Wache einst an meinem Grabe:

Wenn ich ausgerungen habe,

Sehe Dich mein Innerlicht!

Greife mit den Wurzeln noch

Bis zu meinem Wundenherz,

Wühle dann nach einem Schmerz,

Sei mein allerletztes Joch!

Du, Zypresse, bist mir ähnlich,

Willst Du mein Begleiter sein?

Strebt Dein volles Sein doch sehnlich,

So wie ich, zum Sonnenschein.

Oh, mein Leben ist so traurig,

Urverlassen glüht mein Herz,

Meine Stille ist oft schaurig,

Dock mein Geist sinnt sonnenwärts!

Armes Herz, mir scheint, Du weinst!

Holder Baum Du sollst dereinst,

Was von mir noch zu erreichen,

Über Dich hinübertragen:

Ach, ich will auch Dir entweichen

Und vielleicht wo anders tagen!

Neapel

Du herrschendes Kind im erwachsenen Leben,

Du strahlender Knabe, unglaubliches Meer,

Du hast Dich für ewig Dir selber ergeben,

Drum bist Du so furchtbar unnahbar und hehr.

Erstaune nicht Kind: es erscheint ein Gespiele.

Er ist nicht so wild wie der kleinliche Wind.

Er schwellt nicht, es schnellt keiner Geisteskeit Kiele,

Er ist wie der Mittag so sinnig und lind.

Sei innig, oh Meer, und sei minnig und leise.

Es liebt Dich ein Sänger voll Sehnsuchtsgesang,

Die Bitterniß schwellt seine weibliche Weise.

Es sei Dir nicht mehr, Meer, um Leidesklang bang.

Entzücke mich, Meer, und sei nicht nur Gespiele!

Mein scheuestes Lied Dir ergiebt es sich ganz.

Du willst keine Liebe. Du wiegst viele, viele!

Du bist nur Gespiele. Dein Spiel ist Dein Glanz.

So sei die Gespielin! Ich will Dich genießen.

Sei mehr als Gespielin: mir wird ja es schwer.

Du kannst als Geliebte die Augen nicht schließen.

Stets mehr bist Du Meer. Denn das Meer ist das Mehr.

Zum sternigen Himmel italischer Nacht,

Versteigt sich der duftige Odem Sorrents,

Soeben sind Boten des Tages erwacht

Und überall freuen sich die Rinder des Lenz.

Es schwellt der Orange benebelnder Duft

Fast heimlich herbei und berauscht meinen Sinn,

Es kühlt stiller Lorbeer die windstille Luft

Und Myrthen enthaucht es, kaum merkbar: ich bin!

Ins traumhafte Dunkel der Nachtigall dringt

Das klagende Brausen der jauchzenden See:

Den Grotten, den Orgeln der Brandung, entringt

Der Rhythmus der Sehnsucht sich ewig und jäh.

Smaragde umschwirren das traumhafte Blau

Vom eingenickt still sich bethauenden Grün,

Und ruhen diese Thierchen auf blühender Au,

So scheinen rings Kelche und Sterne zu glühn.

– Jetzt tagt es, – denn überall sickert das Licht

Ins stetig vergrauende Blauen der Nacht,

Es flüstert auf einmal im Heckengeflicht:

– Es kommt schon der Morgen, – Ihr Wesen, gebt acht!

Das sind keine Rehe, – das Leben beginnt! –

Was knistert? Wer flüstert? – Was ists, das verstummt? –

Oh seht, wie sich etwas besinnt und entspinnt,

Ich liebe Dich, Biene, die immer noch summt! –

Die Sterne verschwinden wie Mythen im Grau,

Nur Sirius, der funkelnde Winterdemant,

Erwartet, wie Morgens der Blick einer Frau,

Den Tag, der die Welt als Gestalt übermannt.

Die bleiche und träumeumschleierte Erde

Besinnt sich des eigenen Ichs und erwacht:

Dahin ist des Nachthimmels Schicksalsbeschwerde,

Die Erde, der Tag, der sie freit: alles lacht.

Sie sehen sich, fasten sich, beide erröthen,

Ein wonniges Athmen entschnürt sich der Braut,

Es ist, ob sich Wesen zur Huldigung erböten,

Es neigt sich der Lorbeer, im Walde wirds laut!

Es schüttelt der Wind die verwelkenden Blüthen

Von thauüberschimmerten Bäumen herab,

Es regnet beinah, und es ist, als verfrühten

Die Lichtbringer rings ihren hastigen Trab.

Es zeigt ihrem weißen und herrlichen Ritter

Die Erdbraut, berauscht, ihre gastliche Pracht,

Durch alle Erlebenden zuckt das Gewitter

Des siegreichen Gatten, der fliehenden Nacht.

Es streichelt der Tag nun mit wonnigem Arme

Sein innig ergebenes, herrliches Weib,

Und lauter vergeistigte, wonnige, warme

Gefühle verhaucht nun der weibliche Leib.

Die See selbst durchzittern jetzt Wonnegefühle,

Die Felsen und Höhen sind sonnenbestaubt,

Und steil über Dünsten, wie Nachtlagerpfühle,

Erhebt der Vesuv sein lebendiges Haupt.

Sein Rauch ist so weiß wie ein bräutlicher Schleier

Und senkt sich fast unsichtbar ringsum herab,

Doch nahen jetzt Knappen des Tages, als Freier,

Sie kommen zur See, sie biegen ums Kap!

Die helleren Segel erscheinen zuerst,

Bei Capri entstammt sich das mächtigste Schiff,

Du Held, der Du rings Deine Schlachtflotte mehrst,

Du fürchtest wohl nirgends ein Seewirbelriff?

Das segelt bereits aus der finstersten Bucht,

Das ist ja die Große Armada des Lichts,

Sie schlagt alle Schemen sofort in die Flucht,

Denn seht doch, schon bleibt von der Dämmerung nichts.

Doch wächst sie noch an,

Wir sehn ihre Macht,

Im Sonnenlichtbann

Gewinnt sie die Schlacht!

Da kommt der Korvetten verschlungene Reih;

Mit schneidender Briese, mit stechendem Strahl,

Erfüllt sie die That, daß es Sonnentag sei!

Und immer noch mehrt sich der Lichtschiffe Zahl.

Mit schlängelnden Hälsen, auf schäumendem Gischt,

Zerreißen die Schwänegallionen die See,

Die seidig ergleißend und gluthuntermischt

Noch dalag wie milchige Weiten im Schnee.

Es spielen die Schwäne mit Silbergeschirr

Und reißen noch immermehr einwärts ins Meer,

Es schwirrt ihr Geklimper und schrilles Geklirr

Ringsum mit den Schiffen des Lichtes einher.

Ach, wie mich der sonnige Morgen erfreut,

Oh seht, jener Wölkchen italische Pracht,

Sie scheinen ja Fächer mit Flitter bestreut,

Und alles am Meer, alles Strahlende lacht.

Wie seelig durchschauert mich irdische Liebe,

Es feiern der Geist und der Wind ihren Rausch,

Sie dringen noch mehr als das Licht ins Getriebe

Und schwärmen sich überall glutherfüllt aus.

Jetzt spielt meine Seele mit Pinien im Walde

Und flüstert bereits den Gesang eines Baums,

Wir beide verstehen Dich, Mutter, und balde,

Italia, umsprüht Dich der Hauch meines Traums.

Oh Pinie, ich stehe auf südlicher Erde,

Wie Du, voller Wurzelgesundheiten, fest,

Doch träum ich mich fort, über jede Beschwerde,

Und fiebere und flüstere wie Du im Geäst.

Du athmest die freiesten Lebensergüsse,

Es meint Deine Schlankheit den krönenden Geist,

Oh Baum, Du empfindest fast Seelengenüsse,

Du bist ja ein grünender Psalm, der sie preist!

Ob verliebt in Menelaus,

Paris oder Fausten,

Wollustküsse jemals ganz

Helena berauschten?

Durch ein Ahnen ward das Glück

Immer ihr verbittert,

Hat sie doch am Mannesmund

Hades Hauch gewittert!

Aber ihr Trabantenchor

Schwelgte in Genüssen

Und vergaß im Augenblick

Völlig sich im Küssen.

Einzig im Erinnern kann

Glück sich still erhellen,

Freuden, die ein Mensch ersehnt,

Träumen nur entquellen.

Was sich sacht und langsam sucht,

Faßt sich keusch und zagend,

Plötzlich erst entstammt Genuß,

Alles überragend.

Holde Braut, Dein Eigenglück

Loht in der Pupille

Und vermählt sich wehmuthsvoll

Meiner tiefen Stille.

Eines Dunkels Trauerlaut

Perlt in Deinen Augen,

Ist es doch, als müßte ich

Licht und Leben saugen!

Still im Weib und unberührt

Ruht in ihm ein Friede,

Doch die Liebe haucht ihn weg –

Faßt ich ihn im Liede?

Gilt ein solcher Abschiedsblick

Deinem schönen Leibe?

Fort, beseeligter Gesang,

Leben, oh verbleibe!

Ahnt die Seele liebend gar,

Daß sie sich verzehre?

Daß die Schönheit, rasch verhaucht,

Nimmer wiederkehre?

Ragst Du mit dem schlanken Leib,

Weib, doch aus dem Staube,

Und der Jugend schwanker Hauch

Wird sich selbst zum Raube.

Hält, wenn man sich herzt und preßt,

Jugend uns umschlungen,

Hat ein Sein sie uns schon oft,

Werdend, abgerungen!

Fort ist unsere Jugend, fort,

Jäh uns weggenommen,

Und in Schöpfungen vielleicht

Über uns erglommen!

Als dereinst an Hellas Strand

Dies ein Mensch verspürte,

Wars, als ob ihn Wehmuth still

Zu sich selber führte.

Und da trat er in den Traum,

Wo die Götter wohnen

Und die Todeshauche sacht

Liebende verschonen.

Und er sah von Meer und Flur

Schleier auferstehen

Und im Frühling keusch und zart

Den Olymp umwehen.

Und er hörte wie der See

Wellenwiege rauschte,

Als die Venus sie fürs Bett

Blumiger Pracht vertauschte.

Die Sonne glüht die Weltgesetze,

Ihr strenges Antlitz giebt sie kund,

Gebote, die man nie verletzte,

Verkündet sie mit Feuermund!

Doch ihre großen, goldenen Strahlenarme

Ergreifen Hände einer andern Welt,

Sie schweifen hin zu manchem Flammenschwarme,

Den ihnen fern ein Stern entgegenschwellt.

Die Sonne birgt in gleichen Lichterhüllen,

In Lebensfalten, die sie schön entrollt,

Geschöpfe, die ihr Lichtgebot erfüllen,

Ideeen, die ihr heißer Kuß gewollt!

Planeten waren einst mit ihr verbunden:

Umfaßt von ihrer goldenen Mutterwand,

Gelang es ihnen selbst sich abzurunden,

Doch nie verletzten sie ihr Liebesband.

Nun will die Liebe uns zur Sonne bringen,

Es sprengt die Seele ihre Erdgestalt,

Die Nacht wird nie die Sehnsucht niederringen,

Sie ist Gesetz und hat in sich den Halt!

Sie ist die Liebe jeder EinzelBlüthe,

Die Welteneinheit, die sich wirklich fühlt,

Der Ring, der unsere Erde einst umglühte,

Die Macht, die jetzt die Starrheit unterwühlt.

Doch ist der Mensch noch tief an sich gebunden:

Wann hat er es bis übers Ziel gebracht?

Nur stufenweise wird das All empfunden,

Und selbst das Ursein ist beschränkt gedacht.

Es wird der Mensch vom Licht in seine Kreise

Durch geistige Wirklichkeit gebannt

Und in der Erde Seelengluthgeleise

Das All, als Ganzheit, erst in ihm erkannt.

Verschieden wurden sämmtliche Planeten,

In sich, ein sonderbarer Sonnentheil,

Und mußte jeder sich auch rund verkneten,

Trifft alle doch der gleiche Sonnenpfeil!

Und da das gleiche Licht auf allen lodert,

Erglüht auf jeden stets ein andrer Kuß:

Was jeder Strahl ist, wird von ihm gefordert,

Daß ihm das Seltene sich ergeben muß!

Durchs Leben wird es an den Tag gewunden,

Ihm Gleiches will das Sonnenangesicht,

Als Lust wird jeder Sonnenkuß empfunden,

Nur was sich liebt und trifft, das ist das Licht!

Ganz unergründbar sind die Sonnenseile,

Die uns auf Seelenhöhen schon gebracht,

Doch Licht sind die erlösten Erdentheile,

Und wärmend ringt, was bald als Licht erwacht.

Das ist die Macht der innern Sonnenmystik,

Die erdenseltenes Seelenlicht erhebt,

Denn durch heroische Charakteristik

Wird in der Welt der Adel streng belebt.

Doch drängt die Massengluth zur Sonnenscheibe,

Erheischt der Mensch für sich ein weites Wohl:

Er selbst vollendet sich in seinem Weibe

Und macht das Gold zum Sonnenglückssymbol!

Es gleicht das Gold erstarrten Sonnenstrahlen,

Gold wollen ist oft Sonnensohnespflicht,

Für Lust erleiden wir auch Schmerz und Qualen,

Denn so will es das Licht, ist Lust doch Licht!

In uns erglüht die Freudenfeuerkette,

Der stumme Nuß der Erd und Sonnengluth,

Und Sonnenwandlung bringt uns stets zur Stätte,

Wo, unser harrend, Glück auf uns beruht.

Doch hat der Ring der Freuden goldene Schranken,

Gar eng ist drum der Kreis vom Erdenglück,

Selbst Starke, die ihm nahe kommen, schwanken,

Denn SonnErkorene stoßen sie zurück.

Blos wer im eigenen Lichtmoment geboren,

Der jauchzt und jubelt unentwegt:

Es lacht das Licht, die Lust, in Feigen, Thoren,

Und freut sich, daß es so die Welt bewegt.

Oh Sonne, Sonne, großer Lichtgedanke,

Der Du das Unding zur Gestaltung raffst,

Oh, wüßtest Du, wie brünstig ich Dir danke,

Daß Du ein Kind durch meine Liebe schaffst.

Des Weibes stummer Blick hat mir verrathen,

Daß meine Sehnsucht heilige Wurzeln treibt,

Daß Träume wogend sich als Keim bejahten,

Und daß ein Wunsch von mir sich nun beleibt.

Du Kind, mein Kind, Du Frucht von meinem Wesen,

Erstehe stark und hold im Mutterschooß,

Oh Du mein Schmerz, sei endlich mein Genesen,

Oh ringe, ringe Dich von mir nun los!

Dann schmiege Dich als Glücklicher auf Erden

Durch die Erkenntniß an das Lichtgebot,

Es gabs ein Sonnensohn den Sonnenheerden,

Wie es am Sonnenantlitz, wechselnd, loht.

Wir Menschen wurden die Beschlußverkünder

Des Daseins, das sich überm Licht erwägt,

Die Einfalt und die Geistigkeitsergründer

Der Dinge, die den Tod in uns gelegt.

Gebt ab, Ihr Seelen, was Ihr kurz empfunden,

Vertieft in Euch was Ihr berauscht erfuhrt.

Es bleibt der Geist mit Eurem Nichts verbunden

Und Echtheit strahlt in jede Nacktgeburt.

Einer Frucht, die reif ist, ähnlich,

Stürzt die Sonne in die See:

Unerdenklich, unerwähnlich,

Ist es Abends Abschiedsweh.

Schatten, die uns überraschen,

Da das letzte Licht versinkt,

Scheinen Hände, die erhaschen,

Was im Äther rasch verblinkt.

Wie von lauter Flammenbündeln

Ist das Düster überloht,

Ringsum seh ich Argwohn zündeln,

Und ein Wolkeneinsturz droht!

Fällt der Aar getroffen nieder,

Schwingt das winzige Volk der Luft

Augenblicklich das Gefieder

Und schon schwirrts in Kluft und Schluft.

Alles Flimmern, das geblieben,

Dieses letzte Zwitterlicht,

Wie es Flederwische lieben,

Ist auf Haar und Schmuck erpicht.

Weiberaugen, Schminkgesichter,

Federfahne, Ring und Knopf,

Gleißen stärker öffentlicher,

Widersinn bezwingt den Kopf.

Weg aus solchen Brunstmomenten,

Niemand hält den Räthseln Stand!

Wär es endlich doch, als trennten

Lauter Sterne Meer und Land.

Schmale, kahle Dünen schmiegen

Ihren Pharus an das Meer,

Und ein Glockenschwall von Ziegen

Tönt vom Thale leise her.

Ängstlich wimmern diese Glocken:

Ob ein Heimchen mich umschwirrt?

Nein, ich höre nun frohlocken,

Eben singt der muntere Hirt.

Schlug man dort, tief eingebuchtet,

Einst ein blutiges Seegefecht,

Denn warum entreißt, entwuchtet,

Rings sich ein Gewaltgeschlecht?

Jene Schemen sind Zypressen,

Die in Gruppen einsam stehn

Und den Zug der Fluch von Pässen,

Sammt den Fluren, übersehn.

Oh, sie ringen aus dem Boden,

Sich entwurzelnd fast, empor:

Wollen sie zusammenroden

Was sich dort an Blut verlor?

Wehmuthsvoll und stumm verbluten

Wolkennarben immer mehr,

Und in farbenschweren Fluchen

Schwimmen Knaben hin und her.

Zwischen goldenen Plätscherkronen,

Die das Tintenblau erwühlt,

Kann sich erst der Schweiß verlohnen,

Wird er kühl hinweggespühlt!

Seht, das Meer tauscht mit den Wipfeln

Seinen ersten Windesgruß,

Und die Dämmerung giebt den Gipfeln

Ihren blutigen Abschiedskuß.

Doch nun glimmt es vor Altaren

Unserer sanften, lieben Frau,

Stimmen, Wesen, die sie ehren,

Bringen selber sich zur Schau.

Und die Stadt, die sich erhellte,

Gleicht im lichten Nachtgewand

Jetzt von selbst dem Himmelszelte

Mit dem Sommerdämmerrand.

Drüben am Vesuve schwellen

Seine Adern blutig auf,

Seines Wesens Grimmeswellen

Lenken unsern Schicksalslauf.

Er vergräbt sich wild in Pläne

Und erfüllt sie auch sogleich,

Seines Hauptes Schlangenmähne

Übersieht das Sonnenreich!

In Geschicke fügt er immer

Noch sein strenges Wirken ein,

Stirnenrunzeln, Wuthgeschimmer

Sind uns dessen Wiederschein.

Fühlte doch die erste Bleiche

Eruptiv die Daseinsnoth,

Ward die schwangere Wolkenweiche

Plötzlich ganz vom Geist durchloht!

Ja, der ersten Liebesschäume

Duftig zartes Dunstgedicht

Reckte sich, als Lebensträume,

Stracks zur Buhlschaft mit dem Licht!

Zucken immer noch Entschlüsse

Durch des Berges Flammenhaupt?

Drohen uns die Lavaflüsse?

Seht, wie grauenvoll er schnaubt!

Kann er gar das Fatum lenken,

Rührt er langsam seinen Arm?

Welches Volk will er ertränken?

Wo versinkt ein Inselschwarm?

Taucht er Skandinaviens Küsten,

Für Atlantis, aus der Fluth?

Mag zum Südpol er sich rüsten,

Wohin gährt sein Lavablut?

Oh Vesuvius, es umschlingen

Würmer Dein Medusenhaupt,

Gifte, die sich Dir entringen,

Werden in den Wind verstaubt.

Todverheißend sind die Schlangen,

Die in Deiner Nacht entstehn,

Lauernd auf den Raub gegangen,

Sprühn sie, wenn sie Leben sehn.

Angeschlemmt mit Todesflammen,

Selber fast ein Lavabrei,

Kneten sie sich erst zusammen

Und dann bersten sie entzwei.

Flammendrache, grauser Wühler,

Du bist Du und nur Dein Schein,

Deines Grundes Lavafühler

Greifen in das Dasein ein.

Was bezweckst Du hier im Leben,

Schäumender Verderbnißkrug?

Menschen, Thiere, Wald und Reben

Tödtet schon Dein Athemzug.

Bis zur Meersirenensippe

Rann sich oft Dein Gold verziehn,

Denn dort wollen auf der Wippe

Weiber rasch damit entfliehn.

Ja, sie balgen und sie streiten

Raschelnd sich ums Aftergold,

Netze sehn wir sie entbreiten,

Und kein einziger Schein entrollt.

Doch der Berg bleibt lebenlenkend,

Unerbittlich gluthverhüllt:

Wechselweise sich verschenkend,

Ist das Sein durch ihn erfüllt!

Es schlingen durch Liebe verkettete Stunden

Ein wonniges Band durch die innere Nacht,

Nun können sich Sterne der Unschuld bekunden,

Doch trüben wir gerne, was ferne erwacht.

Die keuschen Gefühle sind winzige Sterne,

Sie können kaum blinken und winken sich zu,

Sie lächeln wie Kinder in lautferner Ferne,

Sie weinen ein wenig und gehn dann zur Ruh.

In uns Urverliebten, in mir und im Weibe,

Erweckt sie und stärkt sie die große Natur,

Es bittet mein Weib, oh verbleibe mir, bleibe!

In mir aber wüthet es: Sei, Kreatur!

Auch draußen erscheinen die Kleinen, die Freien,

Sie folgen der Mutter natürlichem Wink,

Sie nicken bescheiden in kindlichen Reihen:

Da sind wir und freun uns am eigenen Geblink.

Die Sonne ist längst schon nach Westen gegangen,

Doch schleppt sie im Sommer noch Goldschleier nach,

Drum sehn wir am Ozean Schaumkronen prangen,

Doch schwindet auch dieses Gefunkel gemach!

Durch innige Bande der Liebe verschlungen

Sind Wärme und Lüfte die Buhlen der Welt,

Damit in den triftigen Felsniederungen,

Selbst früh, nicht das Eine dem Andern entfällt.

Ich sehe in Liebe erglühende Sterne

Und auch der Planeten treuhaftenden Blick,

Die Inseln und Berge in nebliger Ferne,

Und alles erfüllt und erfährt sein Geschick.

Das ist es, das ist es, drum sind wir geboren:

Die innere Bestimmung erschaun wir stets mehr!

Kein Blick und kein Einblick geht jemals verloren,

Naiv sind die Sterne und wissend das Meer.

Doch was unsere Augen nicht sehn und nicht merken,

Wird heimlich und herrlich in Herzen erhellt,

Wir können erleben, beleben, uns starken,

Wir sind zweier Menschen geschlossene Welt.

Wie herzhaft erleiden wir Räthsel der Freude:

In Dich leg ich alles, ich bin ja durch Dich,

Oh Freude, oh Freude, oh Traumesgebäude,

Gabs jemals ein Licht, das mit Euch sich verglich?

Wo Du mich durchwitterst, da bin ich der Meine,

Verschiedene Seelen empfanden einst mich,

Doch Du bringst mein Wesen erst freundlich ins Reine,

Mein Weib, ja ich weiß es, Du selber bist »Ich«!

Ein räthselndes Schwingen, Erleiden und Fliegen,

Erläutert uns leuchtend, erklärlich und wahr,

Ein zeitliches SichinderEwigkeitWiegen

Betäubt, was sich eben dem Tage gebar.

Du dunkelerfunkelte, sterneversprühende,

Dich selber zum Tempel verzaubernde Nacht,

Auch ich bin und habe dir glücklich erglühende,

In sich lustverzückteste Hymnen gebracht.

Ihr Schemen des Forderns, zu Lüsten gesteigert,

Wo Ihr, wie von uns grundgesondert, erscheint,

Wenn nichts Eurer Brunst, in uns selbst, sich verweigert,

Sind Körper getrennt und die Seelen vereint.

Es sendet die Welt sich, getrennt, ihr Gefunkel,

In Schnuppen beseelt, in sich selber zurück,

Es weiß das Erstrahlte sein innerstes Dunkel

Und schwellt und erzittert sich ewig sein Glück!

Hier lacht die Nacht: das ist die Stadt der tollen Nächte,

Das ist das Land der Liebe und der Liebesrechte,

Es fürchtet Niemand hier die großen Zweifelsmächte,

Da weilt die Kindlichkeit im schaudernden Geschlechte.

Das herzt sich und lacht, das tanzt auf der Straße,

Das nimmt sich aus Neigung und küßt sich zum Spaße,

Man liebt um zu lieben, entjubelt dem Maaße

Und ruft sich und winkt sich, das singt auf der Straße.

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Die Erde schämt sich, daß wir tanzen, scherzen,

Die Erde blutet ja vor Mutterschmerzen:

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen.

So komme, so komme, die Reue ist ferne,

Ich habe Dich gerne, wir haben uns gerne,

Die Nacht ist beruhigt, es flimmern die Sterne,

Wir jubeln und jubeln: die Sterne! die Sterne!

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Die Erde will nicht, daß wir herzen, scherzen,

Sie will uns aus der Herzensnähe merzen:

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen.

Das ist die Stadt, wo ich ein Wesen knickte,

Wo ich beinah vor Bangigkeit erstickte,

Das war kein Kind, das aus dem Fenster nickte,

Das war die Schuld, die mir das Schicksal schickte.

Jetzt springen wir, wirbeln wir, drüber, hinüber!

Vorüber, vorüber, je schneller je lieber!

Ich juble, wir singen, ich werde doch trüber,

Ich denke nicht dran und ich schwärme im Fieber.

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Die Erde will nicht, daß wir herzen, herzen,

Sie will uns aus der Herzensnähe merzen,

Sie blutet aus dem Herzen! aus dem Herzen!

Der Gram erfaßt mich, ringsum wird es dunkel,

Nur selten blitzt es, wittern wir Gefunkel,

Du börst und mehrst zugleich das Stadtgemunkel,

Auf einmal ward es überraschend dunkel!

Das Mutterherz blutet, es blutet und blutet,

Das Unheil wird überall wortlos vermuthet.

Was giebt es am Meere? Es grollt und man tutet,

Die Nacht ist vergraut, doch sie blutet! und blutet!

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Wir können nicht fröhlich sein, jubeln und scherzen,

Es fängt sich der Himmel an furchtbar zu schwärzen:

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen.

»Du Heiliger, Schutzpatron dieser Gefilde,

Maria, Du Königin ewiger Milde,

Beschirme die Stadt mit dem bräutlichen Schilde!«

Ertönt es vor manchem beleuchteten Bilde.

Wir wollen uns herzen, besitzen, vergnügen,

Wir lassen uns nimmer von Schemen belügen,

Wir mögen uns nicht mit dem Fleische begnügen,

Ihr Anderen laßt Euch betrüben, betrügen.

»Du Mutter, die keine Gewaltthat erfahren,

Beschütze, was fromm ist, vor Schreckensgefahren,

Erschaue Gerechte in thörichten Schaaren!«

Ertönt es: »Und lasse uns Trost offenbaren!«

Es blutet das Dunkel, das Mutterherz blutet,

Es blutet das Meer und man tutet und tutet,

Die Luft ist geschwärzt und von Schaudern durchgluthet,

Der Tag ist verkohlt und die Nacht grell durchblutet.

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Man singt jetzt; »Wir wollen uns eillig noch herzen,

Der Tod ist so schwarz und so ledig an Scherzen!«

Es tönt: »Bringt der Jungfrau gesegnete Kerzen!«

Es donnert die Luft und es tönen die Glocken,

Es kann, was da jubelte, nimmer frohlocken,

Es mag sich jetzt Niemand zum Tändeln verlocken,

Es blutet das Dunkel, es grollen die Glocken.

Das singt Litaneien, beleuchtet die Straßen!

Es wagt es jetzt Niemand zu lästern, zu spaßen,

Die Menschen, die lange das Murmeln vergaßen,

Durchmunkeln nun dunkeldurchblutete Straßen.

Das läuft aus den Häusern, die Freude ist ferne,

Das betet in jeder verrauchten Taverne,

Das tapft von Laterne jetzt stumm zu Laterne:

Auf einmal erschallt es: »die Sterne! die Sterne!«

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Die Menschen fangen plötzlich an zu scherzen,

Das will genießen, jubeln, scherzen, herzen:

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen.

Lebensgold ist jedes Blatt und es kann nicht sterben,

Nichts als Same, selbst der Stiel edles Sichverschwenden:

Was da weste, werden wir urbewußt ererben,

Ja, wir folgen immerdar inneren Palmenhänden.

Ach es blüht, entzaubert sich unsere Lebenssäule.

Reinheitsrosen schmücken sie. Volle Keuschheitskelche

Überwuchern sich zum Wald. An der Sonne grasen Gäule.

Und im Schatten wittern rings stille Friedenselche.

Todesschreie gellen tief, dort in meinen Tiefen,

Hinter Fieberlinden sind sicherlich die Nester

Dieser argen Hälslinge: ach, wenn sie doch schliefen!

Doch vernimm, sie schlafen ja! – Schliefen sie noch fester!

Kaumverfleischlichtes entreißt jäh sich seinen Eltern,

Was sich nur erhalten kann, mag sich schon besitzen,

Oh die Lust, doch auch der Tod, schäumt drum aus Behältern,

Die mit Schweiß und Thränen sich ewig überschwitzen!

Eine Sonne sinkt in mir, denn ich sehe Herzen

Sich erfunkeln und der Nacht Wesenspulse pochen,

Augenblicklich freuen mich meine tiefsten Schmerzen,

Doch die Freuden kommen schon düster angekrochen!

Ja, die Sterne flimmern doch, so wie sie uns scheinen:

Alle hämmern wie ein Herz, züngeln nach Geschicken,

Flackern aus dem Innersten, funkeln nach dem Reinen,

Lebend, durch Lebendigkeit, voll sich zu erquicken!

Mein Gedanke hat mir Weib und Kind getödtet,

Mörder! Mörder! dröhnt es um mich her,

Nein, es ist das kein Gesicht eines Phantasten,

Meine Seele ist ein wilderregtes Meer.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Es scheint mich jenes Licht, das brennt, tief zu verklagen,

Das foltert, tödtet mich mit scharfem Speer,

Es splittert, nein, es beugt sich bis zum Herzen,

Es sticht so tief, so tief hinein! –

Dort scheucht mich jene rothe Blutgardine,

Der langen Gasse einziger Schein!

Er haftet sich an die Erinnerung an,

Er wird der armen Seele blutigrother Fleck,

Es wogt ihm meine Wollenssucht entgegen,

Doch immer wieder packt er mich als Schreck! –

Ach, schrecklich schmiegt er sich, als blutige Schlange:

Jetzt taucht er auf, – taucht empor – mit einem Bild!

Mein Weib seh ich erstarrt in Krämpfen,

Dazu mein Kind, ein blutiges Gebild.

Da liegt sie todt, von mir erdrosselt,

Es hat sie zu viel Lebensmuß erwürgt!

Dort seh ich noch die todten Schlangen, blutige Streifen,

Die Schmerzensspangen, die sie todtgeschnürt.

Ach, hat die Todesangst ihr Licht vernichtet,

Hat sie aufs Leben wissentlich verzichtet,

Hat sie das alles, alles das, gespürt? –

Zu plötzlich faßten sie die Schmerzenskrallen,

Gar rasch ist sie dem Erdentod verfallen,

Es suchte noch ihr Blick nach mir,

Er starrte nach der dunkeln Thür:

Sie spürte Tod und Schmerz in allen Nerven,

Es zerrte ja an seinen Mutterwurzeln

Ein jungerkeimtes eigenes Sonnensein!

Sie rief dabei bestimmt um Menschenhülfe,

Wie läge sonst ein Weib bei ihr, das ich noch nie gesehn,

Es schluchzt noch immer dort an ihrem Todtenbette,

Und weiter treibt es mich von dieser Schreckensstätte!

Ende des ersten Theiles.

Zweiter Theil

Sahara

Ich habe »Sahara« in den Hauptteilen vom Herbst 1904 bis zum Frühjahr 1906 niedergeschrieben. Spätere Ergänzungen, die sich namentlich in den Schlußteilen finden, erstreckten sich bis in den Anfang des Jahres 1910.

Th. D.

Das Kataklisma

Da Deine Sternenaugen nie erblinden,

Oh Liebe, Seele aller Weltnaturen,

So flüstre sacht, kann ich die Todte wiederfinden,

Verspürst Du noch der Vielgeliebten Spuren!

Ist alles fort! Sind Menschen ewige Wesen?

Lebt nur von ihr, was sie in uns versenkte,

In uns, die sie aus Liebe auserlesen,

In mich zumal, dem sie ihr Sein verschenkte!

Du stärkste Liebe, Starrkrampf unserer Erde,

Die uns so schrecklich wird durch ihre Klammern,

Wenn sie mit Krallen, aus der Sonnenheerde,

Lebendiges ergreift, daß wir drum jammern,

Dich, ruf ich an, Dich Förderin der Schrecken,

Dich Mörderin, die uns erfüllt mit Grauen,

Du suchst das Gleiche wieder vorzustrecken

Und trachtest Lebensfluthen anzustaunen!

Wirst Du die Keime meiner Todten binden,

Daß ihre Formen sich zum Licht erheben!

Werd ich durch Liebe sie dann wiederfinden!

Kann, was er raubt, der Tod uns wiedergeben!

Durch seine Wüstenschrecken will ich schreiten,

Doch nur, was ich erfahr, will ich verbuchen:

Kein Hoffnungsglaube möge mich verleiten,

Für wahr zu halten, was wir hoffen, suchen!

Nicht süße Heuchler oder Priesterworte

Beweisen, daß die Todten auferstehn:

Doch forschen will ich, ob der Menschensorte

Gestalten, voll und gänzlich, untergehn.

Oh wüchse doch des Einzelwesens Starke,

Daß es den Tod noch überdauern müßte,

Daß man als Maurer großer Menschenwerke

Doch niemals mehr erbaute als Gerüste.

Dann müßte die Natur uns wieder zeugen

Und abermals zum Meisterwerke stellen:

Wie Gattungen sich nie dem Tode beugen,

So kann der Tod auch keine Helden fällen!

Gar friedlich waren alle Menschen, die mich einst umgaben,

Und fast zufrieden sind die meisten aus der Welt geschieden;

Sie ließen sich von kalten Worten, Staub und Schnee begraben,

Und Flocken fallen auf ihr Grab, fast wie ein Wunsch nach Frieden.

Am Friedhof laßt die Wandersonne ihre letzten Spuren.

Nun sind sie blutig und von Abendschleiern bleich umschattet.

Ich seh mich dort, auf jenen eis und gluthbedeckten Fluren,

Als Menschen, der beim Gehn im harten Schnee ermattet.

Die Schatten werden bald den letzten Tagesschein verdauen,

Und meine Stapfen wird der Wind mit frischem Schnee durchschütteln,

Und auch die Seelennarben werden mehr und mehr vergrauen,

Denn bald schon werden andere Leidensstürme an mir rütteln.

Schon wird es langsam stiller. Der Schnee dient anderm Schnee als Lager.

Und nichts empfindet mehr der frischen Flocken herbe Kälte.

Die Seelen schrumpfen ein: sie werden stumpf, gefühllos, hager,

Da sie ein Schmerzensschrei zu oft, ach gar zu oft, durchgellte!

Natur, Dein Wunsch nach Ruhe mag sich immerdar erfüllen

Und schließlich folgt ihm auch die Menschheit ohne Widerwillen.

Schon naht die Nacht, da alle Jubelfarben sich verhüllen,

Und alle Dinge ihre Sucht, nur Form zu bleiben, stillen.

Ich selber, frostiger Mond, fühl mich zu Dir hinangezogen

Und leiste gern den Albtribut, den ich Dir schulde:

Auf bleichen Schauerträumen bin ich oft zu Dir geflogen

Und spürte da das Grinsen Deiner hohlen Backenmulde.

Erwachte ich, so fühlt ich auf der schweißbedeckten Stirne

Die Silberhand, die mich zurück ins schwere Träumen drängte,

Und folgte willig fast dem schreckverschwendenden Gestirne,

Das alles, was ich je erfuhr, zur Zwerggestalt verrenkte.

So werd ich schmerzzerfleischt den Tod einst selber rufen:

Auf Fieberwiddern ihm in kalter Nacht entgegen jagen,

Die Böcke werden prustend und verhustend, mit den Hufen,

Mein letztes Zucken, Blitzen gleich, aus eisigen Krusten schlagen!

Wer mag dem Tode langer trotzen als die ganze Erde?

Versprüht sie doch das Leben nur, um völlig zu erstarren:

Dem todten Monde folgt bereits der Erde Traumspukheerde.

Schon stolpert ihm die Fallsucht zu und zerrt am Narrenkarren.

Im Winter, wenn die Wolken sanft das Land beschützen,

Vermags der Mond die festgestockten Nebel zu zerreißen,

Dann löschen trockene Winde ihren Durst in Silberpfützen

Und scharfe Kälte kann, was kaum entsteht, bereits zerbeißen.

Zur heißen Zeit verhaucht die Blüthenfülle ganzer Haine

Gar oft in einer einzigen, schwülen Mondscheinnacht im Süden,

Von Anfang an kreist das Gestirn in honiggoldenem Scheine,

Und Duft auf Duft entweicht den Blüthen, die zu Tod ermüden!

Verwelkt ist dann die holde Frühlingspracht am warmen Morgen.

Der Mond kann rasch des Lebens Frühlingsbraus entsaugen:

Sein Licht ist schroff. Er selber kennt nicht mehr die Schöpfersorgen.

Und starrt uns müde an, mit langst erloschenen Krateraugen.

Kein Liebesstrahl erfrischt die Tropennacht, die er durchschreitet.

Wie mattes Erz erglimmen seines Lichtes scharfe Klauen,

Womit er Helfen sprengt und Laken neben Laken breitet,

Um grinsend lichtbedeckte Scheingerippe anzuschauen!

Er raubt uns unsern Schlaf, um unsere Kräfte zu verbrauchen!

Er quält, erschlafft uns durch das Träumen, das uns meist zuwider.

Er bläht, berauscht sich mit der ganzen Erde Lebenshauchen

Und stürzt dann blutbesoffen, umgestülpt, des Morgens nieder.

Mein Weib, mein Weib, wie Du Dich tapfer sträubtest!

Du bist so schwer, so bitter schwer, dahin gegangen.

Du Schmerz, als Du das liebste, holde Sein betäubtest,

Da konnte es der Tod noch lange nicht erlangen!

Als wahre Riesin ist mein Weib, zum Schluß, gefallen!

Mein Weib, Du warst mir da so plötzlich fortgenommen,

Du hast das ganze grause Leid vom Erdenwallen

In Deiner allerletzten Stunde voll vernommen.

Einmal, des Nachts, umschlangen wir uns plötzlich fester!

Als unsere Herzen immer wild und wilder pochten,

Verliebten wir uns mehr als je, stets stärker und gepreßter

Umhalsten wir uns da, wie wir es nur vermochten.

Doch plötzlich, überraschend plötzlich, wars zu Ende.

Zur Ohnmacht, ach, war Deine Stummheit rasch geworden,

Und nutzlos nur, betasteten Dich meine Hände,

Ganz machtlos sah ich Fieberwüthen Dich ermorden!

– – – Vermutheten wir gar, daß wir uns trennen müßten,

Wie wir im Glücke niemals den Verlust bedachten!

Es war, als wir uns damals scheidungsinnig küßten,

Als ob auf einmal lauter Ahnungsschauer jäh erwachten!

Du trampftest Dich an mich und Du begannst zu weinen.

Gar wilde Bitterniß war unserer Lust entfahren!

Was mochte da in Deiner Seele wohl erscheinen!

Denn nichts, was Dich erschreckte, konnten wir gewahren!

Doch Trauer träufelte so schwer auf unsere Freude,

Und nie umschlangst Du meinen Hals so lang und bange,

Und Du erträumtest wohl viel düstre Spukgebäude,

Dann lachtest Du gar kindlich bang und lange.

Und endlich doch, als wir das Glück zurückgewannen

Und uns vertraulich wieder hin zum Schlummer neigten,

Begannen die getrauten Träume Flügel aufzuspannen:

Ihr Bruderflug begann, indem sie nimmer sich verzweigten.

In Seelenfernen, die in uns kein Ende kennen,

Möcht ich Euch nach, ihr seeligen Stunden eilen,

Sie waren beider Glück und können sich nicht trennen,

Doch nein, ich blieb allein und werde nirgends weilen!

Ich seh in mich, ich blick Euch nach zum Himmelszelte!

Mein Glück ist fort, ganz unerreichbar meinem Wesen:

Denn sie ist weg, die unsere Wesen heimwärts schnellte,

Und unser Kind, auch unser Kind, muß mitverwesen!

Der Mondschein ist der Leichenschleier bleicher Kindersterne.

Die Silbersichel mäht zuerst die Allerschwächsten nieder,

Und stündlich ists, als ob ein Größerer sich von uns entferne

Und endlich schließen auch die Nachtbrillanten ihre Lider.

Und überstrahlt die Todtenbleiche ringsumher den Sternenacker,

So sprühn die Ewiggroßen, die selbst kleine Kinder kennen,

Im Vollmondscheine weiter; mit urmächtigem Geflacker

Bestehn sie fort und nichts kann sie von ihren Thronen trennen.

Und wird das Mondlicht später täglich wieder schwach und schwächer,

So siehst Du Sternlein, wie der Mächtigen Kinder, jung erscheinen,

Und es erglühen Bären, Löwen, goldene Palmenfächer,

Die ewige, weiße Schlange wühlt sich vor im Sternenhaine.

Und wie es war, so wird es dort auf Gottes Himmel wieder!

Doch auf der Erde, ach, erstehn wir nimmer aus dem Grabe,

Du Heißgeliebte mein, so öffne wieder Deine Lider,

So komm zurück, Du Lust, Du mein Geschick und meine einzige Habe!

Du Ruhenacht, wie herrlich bist Du doch im schwülen Süden.

Kein schwacher Lufthauch wagt es, Deine Schöpferpracht zu stören.

Es ist, als ob sich Liebesstimmlein fernher zu sich lüden.

Und ohne zu ermüden, müssen sich die Kleinsten hören.

Aus Blüthen und aus Seelen, ja aus der Stille selbst im Haine,

Weht stets ein Duft empor, regt sich ein Traumesschimmer:

Oh Nacht, oh bitterfinstre Nacht, nur mich läßt Du alleine,

Die Stimme, die mich rief, ach nur die meine, hör ich nimmer!

Du leuchtest, klare Sternennacht, in ewiger Schöpferstille:

So spiegle Dich im leiderregten Meere meiner Seele

Und senk Dein schweres Gold hinab! das ist mein Friedenswille:

Nur Du tauchst bis zur Tiefe, wo ich mich um Stummheit quäle.

Nur Du machst alles Leid zum Lied und doch bewunderungsstummer!

Du giebst den Frieden, der befreit: der Schlaf beschwert die Glieder.

Zum Traum verspinnt die Trauer sich: was hilft ein dumpfer Schlummer?

Die Wehmuth hält er weiter wach, beschwert er auch die Lider ……..

Es scheint, daß eine schillerreiche

Nachnebelbrunst dem Meer entschwebt:

Und alles schweigt in dieser Bleiche,

Aus Mondlicht und aus Dunst verwebt!

Die fahlen Silbersträhne dehnen

Sich schleierhaft hervor im Raum.

Den Mond umblinzeln Iristhränen,

Als wie ein feuchter Trauersaum.

Die Sterne starren wie die Blicke

Der Sterbenden im Todeskrampf,

Verlöschend, durch die wolkendicke,

Dunstschwere Wand aus Licht und Dampf.

Sie glitzern und sie flimmern nimmer.

Du siehst wie ihre Kraft gebricht.

Der Mond vergraut im Eigenschimmer:

Und bald verblaßt auch dieses Licht.

Es will das Meer den Sturm gebären,

So plötzlich wogt es grollend auf,

Es brüstet sich, die Welt zu nähren,

Und schwellt die Wellen schon zu Hauf.

Die Sterne und der Mond verblassen.

Das Wasser aber sprudelt hell:

Nun huschen Aale aus dem nassen,

Unsagbar tiefen Lebensquell.

Sie ringeln sich und sie entwischen

Dem Salzgischt, den die Welle spritzt,

Und stehlen sich mit Silberfischen

Ins Leben, das jetzt ringsum blitzt.

Oh Wißbegier, wann hast Du ausgetobt in meinem Innern?

Wann mildern der Gefühle zartverwobene Wehmuthsweben,

Den Sonnenschleiern gleich, die einen stillen Herbst durchschweben,

Das schlafloswilde Wühlen von erregten Sorgenspinnern?

Gefühl und Güte sind der Reichthum innerer Seelenflammen,

Und große Thaten Formen, die sich die Natur gestattet;

Vernünfteln die Verzweiflung einer Gattung, die ermattet,

Die um den Nutzen schleicht, um lustlos zu verschlammen.

Der Erdenwesen Trachten sonnlebendig fortzudauern

Ward einer Schlange, die sich durch die Lebenswüste windet

Und endlich einen nutzerwägenden Verstand erfindet,

Gar ahnungsoft verglichen und erklärt von Weltdurchschauern.

Dein bleiches Spiegelbild, oh Wüste, die das Opfer fordert,

Das will ich jetzt durchträumen und mit Träumerlust genießen:

Nicht soll vor Schmerzensgraun Dein farbenschwankes Bild zerstießen,

Die Einsicht loht bereits, das Schicksal hats beordert!

Wohl ahn ich schon die Ruhe meines eigenen Wesens,

Denn der Gefühle Allgewalt, der Menschen Freude, ihre Liebe,

Die unauslöschlich glimmt und stockt, als wärs aus einem Siebe,

Beherrscht mich schon und zieht mich fort von dem Belauern des Verwesens.

Ich wähle eine Welt mit hellen Flammenkathedralen:

Schon wähn ich sie im Seelenschooße starker Menschenschaaren.

Ein Lebensüberschwang gebiert der Menschen Freigebahren,

Und domhoch seh ich Lebensströme ineinanderstrahlen.

Doch Wüstensand, noch locken mich Verstandespyramiden.

Ich bin ein Sohn der Zeit, da die Vernunft zu höchst gepriesen!

Ein Seelendrang hat mir den Weg ins Wüstenthal gewiesen,

Drum folg ich ihm beherzt, sind meine Wünsche auch verschieden.

Geschöpf, der Augenblick ist nah, Dir freudig zu verkünden,

Daß, was Du hoffst und heischst, Dir die Natur nicht mag verwehren,

Du warst bestimmt, das Feuer freier Freude fromm zu nähren,

Und Deiner Einsicht mag sich heut ein Wonnerausch verbinden.

Es braust der Erde Freudenschwall durch unser Glücksempfinden.

Ein stummer Rausch erzittert wonnig in den Wunschgefühlen,

Doch Wonnewogen, die wir jubelnd in den Äther spülen,

Sind auch das Liebesglück, durch das wir uns zu Sternen winden.

Die Armut, das Verzichten hat der Mensch sich selbst geboten,

Als unserer Erde Wonnerausch noch allzu karg bemessen;

Nun ist er reich und hat den alten Glauben fast vergessen,

Da Freudenflammen ihn noch wuchtiger und frei durchlohten!

Auch der Verstand ward so zum Mittel stärker zuzugreifen,

Er fügte sich in das bedingte Vollmaß als Ergänzung:

Er ist emporgereift aus seiner einstigen Begrenzung

Und fordert den geputzten Sparsinn abzustreifen.

Die Lebensschroffheit und die Sitte bergen die Askese,

Die noch die Lebenswüste fordert, die uns Wesen peinigt.

Doch wißt und glaubt, die Freude steigt jetzt, brüderlich vereinigt:

Dies ist das Wort, das ich im Herzen und am Himmel lese!

Des Lebens große Sonnerklärung

Erwacht im menschlichen Verstand,

Sie ist die reinste Lustgewährung

Der Gluth, die sich im Glück erkannt!

Die Brandung, die uns tief durchwuchtet,

Die schaffend, singend uns durchtönt

Und durch bewußtes Thun befruchtet,

Ist überall von Glück gekrönt.

Die Sonne wird uns Kraft gewahren,

Da Mühsal die Vernunft erhält:

Von Flammen, die sich nie verzehren,

Wird Gluth und Glück zum Licht geschwellt.

Wir können froh den Tag genießen,

Da sich die Menschheit frei verband,

Nicht mögen wir uns scheu verschließen:

Die Sitte ordnet der Verstand.

Die große Sonn und Erdvermählung,

Die sich so reich ins All gefügt,

Die wir geahnt in der Erzählung,

Bis unsere Einsicht sie erglüht,

Die hat harmonisch uns durchklungen:

Sie ist in uns herangereift,

Hat voll und herrlich uns durchdrungen

Und Furcht und Hoffnung abgestreift.

Ein Band muß strahlend sich gestalten,

Das Welten aneinander schweißt:

Erfüllung ruht in solchem Walten,

Wo alles Sein urselbst sich preist.

Was mir erscheint, ist das der große Gotteshimmel,

Ists Sternenglanz, der sich im Traumesdome regt?

Ist es die Nacht auf wildbewegtem Wolkenschimmel?

Ists kühler Wehmuthsschnee, der sich aufs Herze legt?

Du Traumesruhe, die auf reifer, abgemähter,

In schlafversunkener Mutterflur die Schmerzen heilt,

Du bleiches Bild, Du Sternenwelt im Purpuräther:

Ihr Glücksgefühle der Unendlichkeit, Ihr weilt!

Mir ists, als ob nun eine Ähre hell entsteige,

Schon schwebt sie frei, sah ich die Hand, die sie gepflückt?

Nun scheints, daß sie die vollen, goldenen Köpfe neige:

Ists ein Komet, der sich zur Erde niederbückt?

Ein goldener Strahl scheint zitternd aus mich her zu kommen.

Ein Meteor der meinem bangen Herzen naht!

Ein Bote ist vor meinen Augen schon erglommen,

So morgenklar und ernst wie eine freie That:

»Es kann das Menschenherz die Wahrheit streifen,

Es ahnt der Liebe und des Friedens Macht.

Hier mag der Same ewiger Freiheit reisen

Und er ist würdiger als Sternenpracht!

Der Mensch ist nicht von Gott verstoßen,

Er sündigt mit dem Sterne, der ihn trägt,

Es kann sein Thun nicht freuen noch erboßen,

Schon wirkt das Heil, wo man erwägt.

Die Menschheit soll ein Liebesband umschlingen,

Vernunft ist für Gerechtigkeit gereist,

Kein Schmerzensschrei wird unerhorcht verklingen,

Wo er im All ein Menschenherz ergreist.

Vernunft allein wird keine Wege finden,

Sie dient der Gnade, die die Welt verdient,

Ist Anfang nur und laßt den Schluß verschwinden,

Zeigt Euch das Nichts, wo Ihr am Ziele schient!

Die Freude wirble nun in Menschenseelen,

Der Frohsinn sei uns allen nicht vergällt:

Zum Troste mögt Ihr nach Äonen zählen,

Bis alles Leben mit dem Ball zerfällt.

Doch die Gerechtigkeit ist nur Erklimmung

Von Maaßen in der Schmerzenswelt.

Erlösung ist des Weltalls Urbestimmung

Und Gnade ists, die unsere Hoffnung schwellt.

Was leib und lustbegehrlich hier ersprossen,

Was weltharmonisch sich zusammenkrönt

Und sich vernünftig in die Form gegossen,

Das wird von Gnadenstimmen überdröhnt.

Schon die Vernunft ist ein Geschenk der Gnade,

Vor der die Welt in Ewigkeit erstarrt:

Kein Anfang sprüht empor vom Zeitenrade,

Wenn die Vernunft auf ihrer Kraft beharrt.

Das Fleisch ist nun erlöst aus der Verachtung,

In die der Sonne Strenge es gebannt,

Und die Vernunft entwandt sich der Umnachtung,

Wo sie die Gnade früh und schwach erkannt.

Heut mag die Gnade Euch Bestimmtheit schenken,

Sie schäumt und träumt urewiglich empor,

Nicht glauben mögt Ihr, sondern würdig denken,

Und keine Angst beklemme Euern Chor.«

Und als der Bote dies im eigenen Glanz verkündigt,

Verschwand er rasch, doch seine Stimme klang noch fort:

»Der Wahn verschwinde, daß die Schöpfung sündigt,

Doch nun verdunkle die Vernunft das hohe Wort!

Ja, Hohn und Leiden mag das Gnadenkind erfahren,

Da Ahnung seinem holden Sein entschwellt,

Denn aus der Welt, die wir durch Sinnentrug gewahren,

Erstrahlt auch Wahrheit, die uns der Verstand vorstellt!«

Die Silberwölklein, die ich rings um mich gewahrte,

Zerpflückten sich zu allerliebsten Engelein,

Blos Schönheit wars, die meinem Blick sich offenbarte,

Und eigenes Glück, dem sich die Seele konnte weihn.

Der helle Flockenschein auf winzigen Wolkenköpfen,

Der wurde Mang und Sang und Jubelmelodie.

Die Englein schienen aus dem Heil ihr Sein zu schöpfen,

Das stets der Welt ihr Licht und ihren Klang verlieh.

Sie sangen klar: »Wir grüßen Dich, Du große Gnade,

Die aus dem Heil sich in die Ewigkeit ergießt,

Um da als Welt zu wirken, ihrem eigenen Gnadenpfade!

Dich Gnade loben wir, die sich in Leidensformen schließt,

Die sich als Sünde suhlt und Sünderschmerzen leidet,

Bis Gnade sie in ihrem Gnadenschooß erwählt:

Die Gnade zu erfahren, selbst um Gnade neidet,

Da Gnade dann der größten Sünde sich vermählt!«

Dann sah ich rings um mich die Engelschaaren.

Sie wollten niederknien aus Wolkenkissen,

Doch da sie viel zu leicht und lustig waren,

So neigten sie im Chore Lichtnarzissen.

Sie sangen jubelnd: »Erde, Deinen Pollen,

Den Nordlichtsamen streust Du in den Ather,

Du schenkst die Keime hohen Sehnsuchtsschollen

Und wirkst als Deines Heiles Übertreter.«

So schweift denn, freie Flammengoldkometen,

Bis Wirbel Euch in eigene Fesseln legen:

Wenn Sonnen sich aus Liebesgluthen kneten,

So müssen sie im Schooß die Gnade hegen.

Wir Engel pflücken winzige Heilsgefühle,

Die spärlich auf dem Sonnenacker blühen,

Wir sehn das Menschenherz im Kampfgewühle

Und strahlen durch sein muthiges Lichtbemühen.

Ein einziger Gedanke, ein Empfinden,

In letzter Stunde mag ein Wesen retten:

Die Furcht und Reue mögen sich verbinden,

Ein Sein mit unserm Heile zu verketten!

Was Gnade wünscht und freie Gnade spendet,

Erweckt das Heil im Schooße eigener Gnade,

Durch Gnaden wird der Weltenlauf vollendet,

Vermag sie es, daß sie sich selber schade.

Erfülltes Heil in einem Weltenwesen

Muß alle grause Weltenlust zertrümmern,

Drum trachten Engel Gnade aufzulesen

Von Wesen selbst, die schwach und schlecht verkümmern.

Ein freies Nein ist starker als Gestirne,

Die blind, in ihrem Glanz sich eitel drehen,

Die Welterlösung hängt an einem Zwirne,

Nur muß ein Wesen frei zu Grunde gehen.

Der Mensch verstreut den Samen solchen Kommens,

Durch sichentgrenzendes und freies Wirken:

Das Heil vereitelt Knechtschaft eigenen Frommens:

Und drum verwünscht den Wunsch nach Sonnbezirken!

Pocht jetzt der Glaube plötzlich an mein Urgewissen!

Wie, sollte es schon bald mit mir zu Ende gehen!

Von lauter Skrupeln wird das wahre Ich zerrissen,

Und vor dem Tode sollst Du bleich in Stummheit stehen!

Den Wald, die Flur mag ich im heiligen Herbst betteten,

Und meine Seele gleiche dem entlaubten Baum –

Da mag kein Strauch die Andachtsfrist verspäten:

Er sammelt seines Wesens tiefureigenen Traum.

Der Baum, der üppig seine Lebenskraft verschwendet,

Der in des Daseins lustigem Schwelgen mitgewirkt,

Hat sich dem eigenen Räthselwesen zugewendet:

Er fühlt die eigene That, die sich in ihm verbirgt.

Ihr klaren Äste steht die hehrsten Herbstgebete,

Und in die goldene Stille starrt Ihr fromm empor:

So ringt nach Ruhe, wenn ich stumm den Wald bettete,

Ich such von mir, was ich im Jugendrausch verlor!

Die Buchen wollten sich dem Leben schenken.

Es hat am Walde sich der Baum berauscht:

Doch mag er jetzt sein Eigenwesen tränken,

Die Einzelheit, die jedes Sein behaust!

Versenk ich mich in meine Wurzeltiefen,

So glaube ich an einen Lebenskeim,

Dort wo die tausend andern weiterschliefen,

Erwachte er im üppigen Lebensschleim.

Daß Er dann Leben rauben muß und geben,

Weil er nicht mehr als aller Staub besteht,

Daraus erklärt sich Sitte, EinzelStreben,

Nur wünscht und fühlt der Mensch, wie er vergeht!

Von allem Gleichen freundlich angezogen,

Verschenkt er gütig, was sein Ich verlangt,

Er merkt es kaum, wie er vom Schein belogen,

Nur zwischen sich und seiner Freude schwankt.

Hat Irgendwer mein ganzes Sein ergriffen,

So ward mein Ich in größter Lust zerstreut:

Doch wird durch Raub der Mensch so hart geschliffen,

Wie dies das Leben für sein Ich gebeut!

Und doch banal ist was ich hier verfechte,

Die Weltmechanik deuten mag ein Tropf!

Nur ob ein Gott das Urgeschick verflechte,

Ob eine Allmacht ans Gewissen klopft,

Ach, wenn ich dies zu einer Lösung brachte!

Doch nein, dazu genügt kein klarer Kopf!

Die Welt aus ihrem Gleichgewichte heben,

Dies möchte jeder, der persönlich denkt.

In Weltgerüsten, die zusammen streben,

Wird alles, was im Ganzen ist, gezwängt;

Was sich nicht fügen laßt, das bleibt daneben,

Und unsere Seelenkreise werden so verengt.

Drum ist man höchstens noch berufen,

Durch schöne Täuschung, die das Herz erfreut,

Die Menschen vorzulocken vor die Stufen

Des neuen Götzen, der in uns gebeut!

Ersehntes kannst Du wohl zur That berufen,

Doch nur Gewänder werden so erneut!

Gelingt es Göttern, aus der Gruft zu schweben,

Empor zu steigen aus dem schönen Sarg,

Durch den ihr Mythos sich noch mag beleben,

Gar lang nachdem die Gottheit sich verbarg,

So müßten auch die Todten sich ins Sein verweben:

Blieb doch in allen uns ihr Bildniß klar und stark!

Mein Gott, wie kann ich mich zu dem Gespenste wenden,

Zu jenem Wesen, das ich voll erfaßt:

Sie fleht zu mir, mit ihren weißen Händen:

»Vergiß mich nicht, bin ich auch jetzt erblaßt,

Als bleicher Schatten müßte ich verenden,

Wär ich nicht länger Deine Leidens Last!«

Kein Gott und keine Sonne kann mich stärken,

Vernichtung, gieb mir wieder, was Du nahmst,

Nein Leben, sag, was ändert sich an Werken,

Die Du doch immer wieder ahnst und ahmst?

Wird Meinesgleichen einst sein Weib bemerken?

Wenn Du uns wieder in Dein Wirken rahmst?

Schwindel packt mich, Bilder eilen

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Ringsumher in wildem Tanz,

Hergeschleppt viel tausend Meilen,

Sprühn sie auf, in matten Glanz:

Keines mag um mich verweilen,

Jedes schwankt als Firlefanz.

Leiber scheinen sich zu theilen

Und verschwinden plötzlich ganz;

Doch in einem bleichen Haine,

Wo sich Ast und Ast verflicht,

Zeigen plötzlich sich Gebeine –

Und auf einmal wieder nicht.

Eva huscht in rothem Scheine,

Kauernd fast, hervor ans Licht:

Eingestemmt sind ihre Beine,

Abwärts schaut ihr Angesicht.

Ob sie jäh der Mutterscheide

Als ein reifes Weib entsprang,

Und dem Druck der Eingeweide

Schmerzhaft sich, mit Wucht, entrang?

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Wie gedrückt zu ewigem Leide,

Reißt sie sich vom Nabelstrang:

Und schon schwanken alle beide,

Mann und Weib, den gleichen Gang.

Deutlich will der Tod sich zeigen

Und er grinst mich hönisch an:

»Sieh, was einem Sein zu eigen,

Sprich, ob man noch hoffen kann!

Alles will sich hier verzweigen,

Setzt die besten Kräfte dran:

Menschen die zum Lichte steigen

Drehn sich schon in meinem Bann!«

Kurze Beine, schöne Büsten,

Weiber ohne Ebenmaaß,

Sah ich, die sich läppisch grüßten,

Komisch, ohne rechten Spaß!

Ob sie für die Ichsucht büßten,

Die ihr Sein aus Grüften las?

Tod Du wirst den Spuk verwüsten, –

Er zerspringt wie sprödes Glas!

Musiker mit Löwenmähnen,

Häupter ohne Leiberhalt,

Hat ein tiefes Lichtersehnen,

Plötzlich fast, emporgeballt.

Alles scheint sich hier zu dehnen.

Ist noch nichts als Ungestalt.

Sucht sich aber schon zu wähnen:

Wird bewußte Urgewalt!

»Solches Ineinanderklingen

Gab dem Leben Melodie,

Brachte mit gereiften Dingen

Auch den Zwerg in Harmonie.

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Kann nicht so die Sichel schwingen,

Wie sie Schönheit einst verlieh,

Könnt mich um das Unkraut bringen,

Doch verschwinden werd ich nie!«

Kaum hat dies der Tod gesprochen,

Den ich blaß im Zwielicht sah,

Kamen Sphinxe angekrochen –

Und schon waren sie mir nah.

Wie von Zweigen abgebrochen,

Waren auch Harpyen da,

Und mein Herz begann zu pochen,

Als ich merkte was geschah.

Alle letzten Erdengäste,

Die im Todeskrampf entstehn,

Abfallszwitter, Lebensreste,

Die im Menschthum untergehn,

Wollten sich zum letzten Feste

Noch in Folterqualen sehn!

Was sich grausam würgte, preßte,

Lüstern, leidend, zu vergehn,

Fand, als Abglanz, aus den Wänden

Eines Saales jetzt Gestalt.

Manche Sphinx hat beim Verenden

Sich dort oben eingekrallt;

Nur ein Weib bis zu den Lenden,

Blickt sie um sich stumm und kalt,

Doch verräth ihr Nackenwenden

Einer Löwin Hinterhalt!

Ferne scheint mir, goldverschwommen,

Daß ein Weib im Takt sich dreh.

Wirbelnd wird sie naher kommen,

Ob ich sie dann besser seh?

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Ist denn noch kein Blick erglommen,

Hier im Weck m meiner Näh?

Ach, wie bin ich angstbeklommen,

Denn der Tod ward Salome!

Hei, sie tanzt mit Castagnetten –

Wie das klappert, wie das klirrt,

Um den Leib, die goldenen Ketten,

Haben klimpernd sich verwirrt.

Will sie vor dem Haupt sich retten,

Das sie surrend jetzt umschwirrt?

Nein, die Haare will sie glatten,

Und da steht sie unbeirrt.

»Sieh, das Ich in vollem Siege,

Wie es plastisch triumphiert,

Sieh, die Glieder, die ich biege,

Sieh, die Jugend, die sich ziert;

Daß sie nimmer unterliege,

Lobt den Tod, der sie gebiert:

Schaukelnd steht er bei der Wiege,

Da ers Leben balanciert.”«

Als die Worte rasch verklangen,

Die Salome zu mir sprach,

Kamen Greise angegangen

Und die Jugend folgte nach;

Und mir wars, als ob sie sangen,

Als das Schloß zusammenbrach.

Doch von Mauern noch umfangen

Sah ich plötzlich ein Gemach;

Vieler frommer Greise Hände

Trugen sanft ein zartes Kind,

Statt des Mutterleibes Wände

Hieltens Menschen, wohlgesinnt!

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Denn wenn Fleisch und Warme schwanden,

Da wir kaum geboren sind,

Müßten wir gar schnell verenden,

Ist was schroff ist und geschwind,

Doch an sich der Grund der Leiden,

Da er Liebesketten sprengt!

Uns der Ichsucht zu entkleiden,

Die in Jammer uns gedrängt,

Und vom Tod und Sünde, beiden,

Die noch über uns verhängt,

Uns mit Liebeshand zu scheiden,

Ward ein Mensch der Welt geschenkt.

Sterne flogen hin und wieder,

Botschaft kündend nächtelang,

Und die Menschen knieten nieder,

Nahmen Jesum in Empfang.

Königsmienen, still und bieder,

Eine Mutter schwank und krank,

Eines Kindleins zarte Glieder,

Sah ich jetzt im Traumgerank,

Plötzlich ist der Tod erschienen,

Als ich kaum das Bild gewahrt:

»Alles muß mir ewig dienen!«

Höhnte er nach Siegerart.

Mütter mit Verzweiflungsmienen,

Sah ich jetzt um mich geschaart:

»Hab gewüthet unter ihnen,

Keiner blieb ihr Leid erspart!«

Ries der Tod und tanzte schrecklich!

»Hei der Tag vom Kindermord!«

Scholl es: »war für mich erklecklich,

Nie ergötzt ich mich wie dort.

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Selbst die Gluth blieb unerwecklich,

Die mich tödtet und verdorrt!«

Niemals tanzte er so kecklich

Und dann endlich war er fort!

Söldner seh ich spielen, wetten,

Christen, die um Gnade stehn,

Und zum Golgatha, in Ketten,

Jesum durch die Menge gehn.

Kann ein Mensch die Götter retten,

Die bedingt im All bestehn?

Wenn sie Macht zur Hilfe hätten,

Würde sie kein Sturm verwehn!

Alles will nach oben streben,

Höhenrausch umfangt uns schon,

Selbst der Tod kämpft um sein Leben,

Furcht gebiert schon seinen Hohn.

Ja, ein Gott ward uns gegeben,

Ohne Ende, ohne Lohn.

Zu ihm kannst Du Dich erheben,

Läßt Du neidlos ihn am Thron.

Götter mußten arg ergrimmen,

Als ein Mensch in Freiheit starb.

Konnte nicht der Tag verglimmen,

Als sein Leib am Kreuz verdarb?

Nicht die Nacht den Thron erklimmen,

Als ein Mensch um Gottheit warb?

Nutzlos tönten Donnerstimmen:

»Blutiger Himmelsriß, vernarb!«

Nein, die Wunde blieb geröthet.

Gluth ergoß sich aus dem Schnitt.

Götzen, die das Volk gelöthet,

Stürzten ohne Halt und Kitt.

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Menschen, die Ihrs Kreuz erhöhet,

Wo ein Mensch fürs Leben stritt,

Einen Gott habt Ihr getötet,

Doch er riß die Götzen mit!

Da erfaßten mich Skelette,

Statt des Todes Wiederkunft,

Sah ich mich in einer Kette

Von Gespenstern selbst verschrumpft.

Eine Stimme rief: »Ich wette,

Du verknöcherst in der Zunft,

Dichter, laß, daß ich Dich rette,

Folg nun wieder der Vernunft!«

Und nun fühlt ich mich im Fallen.

Sah Gerippe über mir.

Sank allein durch blasse Hallen,

Ausgeschmückt mit Ungethier.

Hielt an Fühlern mich von Quallen.

Und die sahn mich an mit Gier.

Dann entfiel ich ihren Krallen,

Durch ein andres Albspalier!

Und den ganzen Weg des Tanzes,

Den der Tod mit mir getollt,

Schien mir wie ein Drachenganzes.

Hart gestockt! In sich verknollt!

Und im Grün des Panzerglanzes,

In der Schuppen Flimmergold,

Sah ich mich von seines Schwanzes

Knorpelgliedern eingerollt.

Ruckweis ward ich vorgeschoben.

Rhythmisch schwankt ich hin und her.

Durch das Zucken dieses Kloben

Glitt und fiel ich immer mehr.

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Plötzlich schwamm ich wieder oben.

Ob der Schweif der Jordan wär?

Denn den Drachen hör ich toben:

Sicherlich das Todte Meer!

»Dies irae, dies illa,

Solvet saeclum in favilla,

Teste David cum Sybilla!«

Klang es plötzlich aus der Stille:

»WeltenEnde ist der Wille

Unseres Gottes Zebaoth!

Mensch, begreif die Weltennoth!

Sieh was allen Wesen droht,

Denn der Tod ist Urgebot!«

Wahrlich alles kam in Schwanken.

Mein Bewußtsein nur blieb still.

Stumm zerbarsten Felsenschranken.

Doch urplötzlich dröhnt es schrill.

Das sind ganzer Völkerstämme

Todesschreie in der Nacht –

Doch der Berge offene Klemme

Hat sie rasch zur Ruh gebracht.

Wohl gelingt es den Vergeudern

Des Geschaffenen, für den Tod,

Meere in die Luft zu schleudern.

Aufgedampft aus dunklem Schlot,

Thürmen sie in hohen Sphären,

Sich zu Wolkenburgen auf:

Doch es muß das Urmaaß wehren,

Nie entgleists in seinem Lauf.

Unserer Erde Sonnbegehren,

Das die Völker einst durchzuckt,

Muß sich jetzt als Gluth verzehren,

Die aus Kratern Inseln spuckt!

Dort das Volk wird sich erhalten,

Da es schnell und dauernd schwimmt.

Kind und Greis und Weibsgestalten,

Hei, wie das den Fels erklimmt!

Aller Völker Lebenssäfte

Schlagen jetzt aus diesem Stamm.

Ob ein Wuthhund plötzlich kleffte,

Schäumt nun fern ein Wogenkamm.

Kollossale Bergesrachen

Seh ich ganze Meere spein.

Alles muß zusammenkrachen,

Und die Menschheit hör ich schrein: »Ra«

Als ein Echo ohne Ende

Hat der Schrei nun fortgegellt.

Wenn die ganze Welt verschwände,

Dieser Schrei blieb als die Welt!

Ringsum Alles ist verschoben,

Felsendome ziehn mich an:

Was ist unten, was ist oben?

Frei bin ich vom Erdenbann!

Hei, Du wildes Felsgekrämpel,

Ängstigst nicht das Erdenkind,

Denn ich schweb in Deinen Tempel,

Dessen Lücken ringsum sind.

Erdenklammern oben, unten,

Machen unsere Seele frei,

Und es strömt aus lebensbunten

Fenstern jetzt das Licht herbei.

Wie ich mich so haltlos wiege,

Denk ich, daß in größter Noth,

Einst der Mensch dem Land entfliege,

Wenn der Ländereinsturz droht.

Denn die feste Menschbedingung,

Die sich still im All verwebt,

Ist ein Theil der Weltbezwingung,

Die der Sonne Macht belebt.

Unverschieblich, unverletzlich,

Ist das Sonn und Erdenband:

Unser Dasein drum gesetzlich:

Sonnbeschützt auf schwankem Land.

Bis die Erde sich noch bindet,

Ob sie noch so tobt und wühlt,

Ihren Schwerpunkt wieder findet,

Und mit Meeren Wunden kühlt,

Die am tiefsten eingerissen,

Sprengt sie nichts von dem Gesetz,

Das verknotet, als Gewissen,

Frei nun herrscht auf seinem Netz:

Auf dem Netz, das urversponnen,

Freies Sonnbewußtsein hegt,

Und das, wo es nachgesonnen,

Erdenheimweh sonnwärts tragt!

Meere seh ich niederwallen,

Aufgewühlt zu schwülem Dunst.

Menschenschreie hör ich schallen,

Schrecklich durch die Wolkenbrunst.

Ist doch alles eingefallen

Und die Menschheit langst zerstört!

Kann das Echo nicht zerprallen?

Da man noch das Rufen hört?

Was ertönt wird schrill und schriller.

Plößlich kreischt ein heiserer Schrei.

Und dann ists, als huscht ein stiller

Riesenvogel dumpf vorbei.

Und von neuem hör ichs rauschen:

Ja, das ist ein Flügelschlag!

Schallgebilde, rings, vertauschen

Ihre Flugbahn scheu und zag:

Wenn sie stumm um Kanten biegen,

Zwischen Felsen in der Nacht,

Hör ich dumpf ihr schweres Fliegen,

Da das Echo rasch erwacht.

Ganze Stimmenleitern ringen

Sich vom Mutterrufe los,

Um als Schreie zu verschwingen,

Abgesprüht vom Echostoß!

Und zu Bündeln paaren andre

Echowirbel sich im Kreis,

Und da scheints, das Leben wandre

Schon zurück in sein Geleis.

Hier wird gar kein Schrei vernichtet,

Alles schallt von Fels zu Fels:

Ja, die Welt wird neu verdichtet,

Lauscht dem Aufschwall des Gefälls!

Scheint ein Ruf wo abzuprallen,

Irgendwo vom Erdenrand,

Rasch im Chaos zu verhallen,

Steigt schon eine Bergeswand

Hoch empor, ihn aufgefangen!

Jeder Berg und jedes Werk,

Das zu sein nur angefangen,

Ward, daß es die Menschheit stärk!

Alles was nur quillt und schmelzt

Oder aus Bestimmungsbangen

Plötzlich sich ins Dasein wälzt,

Krümmt und thürmt sich nur zu Stufen,

Die dereinst der Mensch besteigt.

Gar nichts wird emporgerufen,

Was sich nicht vor Zwecken neigt!

Immer starker schwanken, beben

Bergkollosse im Entstehn.

Furchtbar ist ihr Haupterheben,

Kurz war das Zugrundegehn!

Ja, ich merk an jener Schlote

Langgefügter Doppelreih,

Daß sein Dasein sich verknote,

Das einst weltharmonisch sei.

Die Natur greift in die Tasten

Und bezähmt bestimmt die Welt,

Alles wird durch Rasten, Hasten,

Immer nur ins Maaß geschnellt!

Ganze Wandermeere dampfen

Aus den Orgelschlünden auf:

Kogel, Knäufe, Gipfel krampfen

Sich nun überall zu Hauf.

Doch das Alles scheint zu wackeln.

Alles wallt empor und fällt.

Still nur leuchten Riesenfackeln,

Wie als Ahnung aufgestellt!

Und ich laß den Traum gewähren,

Der mir lieblich zugeraunt:

Sieh, das sind die Cordilleren

Die Du werdend angestaunt.

Ja, wir wurden eben beide.

Alles was ich da erschaut,

Ist die Macht im Traumeskleide,

Die das Schicksal aufgebaut.

Was ich seh ist längst verschwunden,

Nur die Folgen schleifst Du nach,

Und dem Dasein eng verbunden

Bleibt was jäh zusammenbrach.

Feiern mag ich das Entstehen

Dieser Welt, die noch besteht,

Ihren Ursprung werd ich sehen:

Ursturz werde ein Planet!

Eben ist der Wirbel mächtig,

Irrgestirne zieht er an,

Weltkometen, schlank und prächtig,

Alles stürzt in seinen Bann.

Vieles krampft sich jetzt zusammen.

Der Kometen Flügelschweif,

Der ihn forttrug, auf den Flammen,

Wird zum steifen Erdenreif!

Plötzlich, aus dem Ozeane,

Hebt sich manches schroffe Kap:

Flügellahme Welttitane

Stürzen steil und rasch herab.

Über mir, in Felsenkrämpfen,

Ringt ein Riese mit dem Tod.

Er verpfaucht in Sturm und Dämpfen

Und sein Rumpf ist feuerroth.

Endlich berstet im Giganten

Das Gekrös und gluthenwund

Speit er seine schmerzverbrannten

Eingeweide aus dem Schlund.

In den Rippen, in den Knöcheln,

Zerrt ihn seine letzte Gluth,

Plötzlich schweigt sein Todesröcheln.

Wie verschnaubt er seine Wuth?

Um die Flügel und die Glieder

Hat sich rasch die Nacht geballt,

Aus dem grausen Schaumgefieder

Wich des Riesen Gluthgewalt.

Ja, der Gluthenrest vom Hasse

Des Giganten ist entzitscht.

Donnernd stürzt die kalte Masse.

Hei, die Fittige sind dicht.

Blitzend sprühte er von dannen.

Alles ward nun hart und schwer.

Auch des Riesen Wolkenspannen

Schlummern beide bald als Meer.

Tief in einer Erdenspalte

Stockt und friert der Feuerfluß

Und der große, felsenkalte

Recke ist der Kaukasus!

Mitten in der Erdzerspaltung

Taucht in mir die Ahnung auf,

Daß der Feind der Ungestaltung

Und der tödtliche Verlauf

Allen Daseins die Empörung

In den Leidenswesen schuf:

Und so folgt nun der Zerstörung

Unser Fluch, ihr Sünderruf.

Nun so seh ich die Erscheinung,

Jetzt als Christ und Sünder an,

Schließlich bleibt die tiefste Meinung

Nur ein tüchtiger Steuermann!

Grollen will ich mit den Mächten,

Deren Knecht ich bleiben muß,

Immer such ich nach dem echten

Unerreichten Seelenguß.

Denn mein Tod ist meine Sünde

Und ich ahn die Todesschuld:

In mir selber sind die Gründe

Meiner großen Ungeduld.

Doch: sie nimmer eingestehen,

Ist im Kampf von großem Werth,

Werd ich sie nur um mich sehen

Hab ich mich schon halb bewehrt!

Drum was einstürzt ist mir feindlich,

Mein Gewicht von mir getrennt,

Und mein Leib bedingt vermeintlich

Was man Tod und Strafe nennt.

Sonnwärts wird der Mensch nun stiegen,

Da er seine Schwere haßt.

Jeder Braus in Sonnenkriegen

Sei als Erdflucht aufgefaßt.

Alle Lastersucht versinke,

Da die Sonne Schlankheit heischt.

Seht vor Euch die Sonnenzinke,

Hört den Aar, der sie umkreischt!

Erde, bliebst Du meerumschlossen,

Flög ein flockiges Geschlecht,

Leicht dem Wogenschaum entflossen,

Nie durch Erdenbrust geschwächt,

Steil empor aus Sonnenwegen,

Als der Erde Danktribut,

Dem Planetenschwung entgegen,

Fast als freie Sonnenbrut!

Meer, oh bliebst du allerorten!

Nein die Wüste steigt empor!

Schreckniß, faß ich Dich in Worten?

Tod und Sünde wie zuvor!

Jammer zeigt sich meinem Wittern.

Meer, so öffne Dich, versckluck

Klippen, Riffe die zersplittern:

Doch von unten kommt ein Druck:

Und ich ahne Satanalien.

Stimmen tuschelns hin und her.

Und nun hebt sich ganz Australien

Ungeheuer aus dem Meer.

Schnuppen seh ich erdwärts stürzen.

Schroff und schräg und kreuz und quer!

Schuppenpanzer zwängen, schürzen

Jetzt den Erdball ringsumher.

Hei, das ist ein Feuertaumel:

Wie das heiter prasselt, zischt,

Und das bunte Birngebaumel

Bald sich mit der Gluth vermischt!

Flammen sprühn den Schnuppenregen

Feurig flimmernden Metalls

Erdenessen steil entgegen.

Schon im Wirbelkern des Balls

Lüstern sie, sich zu verschließen,

Einzufrieren in die Rast,

Formlos sich ins Sein zu gießen.

Und in wilder Werdehast

Thürmen Felsen sich unendlich,

Wo ein Menschthum fußen wird;

Und sein Schmerz wird unabwendlich,

Wenn es Wüsten einst durchirrt!

Von der Erde bis zur Sonne

Ist in uns ein steiler Weg,

Und es wälzt sich die Kolonne

Tapferer Völker schwer und trag

Immer weiter nur nach Westen:

Jedes Ziel bleibt unerreicht:

Auch der Uberschwang der Besten

Wird durch Selbstsucht eingedeicht.

Freudenlaute schrill und lüstern

Pfauchen jetzt Titane aus:

Allseits aus den weiten Nüstern,

Schnauben sie ins Weltgebraus:

»Sich im Erdenschacht verkrallen,

Das ist der Titanen Lust,

Krampfhaft sich zusammenballen,

Bein um Arm und Steiß an Brust!«

Also dröhnt es durchs Gepruste:

»Bald giebts keinen Unterschied,

Alles wird zur Felsenkruste,

Jedes ein geschlechtlich Glied.

Nur durch unsere dunkle Starre

Wird die Lust gezeugt, bewacht;

Uns erscheints, daß alles harre,

Ewig dauern Lust und Nacht.

Welches Glück in sich zu finden,

Was sich scheinbar flieht und haßt.

Lust und Ruhe, die sich binden,

Kaum hat man sich ganz erfaßt,

Ihr mögt dauernd Euch belohnen,

Schient Ihr ewig auch getrennt,

Kommt es plötzlich nach Äonen,

Daß Ihr Euch als Eins erkennt!«

Verworren scheint mir, was ich eben hörte,

Doch in mein Wesen dringt der alte Friede,

Es war, als ob mein LichtIch sich empörte,

Daß uns die Erde noch an schwere Ketten schmiede!

Doch gerne fühl ich jetzt die Macht der Erde,

Und die Genesung zuckt in jedem Gliede,

Erbauung sprüht aus jeglicher Geberde,

Ich will den Schein, daß ich den Leib besiege.

Sag, Erde, wann bekleidest Du die Heerde

Der freien Menschen und der Sonnenthiere?

Ihr Feuerwesen glüht in Deinem Flammenheerde,

Daß nimmer sich ihr Lebensgrund verliere.

Wir werden wiederum dem Festlande entstammen!

Sowie die Ruhe kommt, den Ball zu heilen,

So sprudelt Leben gleich aus seinen Schrammen,

Dem meine Wünsche schon entgegeneilen!

Die ganze Sehnsucht fühle ich im Glücke,

In jungen Formen, Mensch an Mensch, verweilen;

Es scheint, daß uns die Erde schwer bedrücke,

Doch hält ein Sonnenwahn den Mensch umfangen,

Daß er dem Erdenglücke stets entrücke.

Wir jubeln wohl aus heiterm Sonnverlangen:

Doch spricht die Erde hier ein Wort der Theilung:

Die Sonnenbrunst bleibt an Geschlechtern hangen,

Und selbst am Ich, das sie, zur eigenen Heilung,

In Menschenwerth und Stammeshort gespalten.

Auch da beruht das Glück nur auf Verweilung,

Da Sitten unsere Stammesart ergänzen;

Denn lassen wir den Glauben gerne walten,

Gilts Stammesart durch Brauche zu ergänzen.

Wo Sitten bald zur Lebensform erkalten,

Dort ruht der Mensch in seinen heiligen Tanzen;

Halb Erdenkind, halb freier Sonnenkrieger,

Schnellt er sich fort, in seiner Schnelle Grenzen;

Da scheint der Leib der Leiblichkeit Besieger

Und seine Seele weilt in sich versunken.

Oh Leib, Du seeleninniger Sonnenflieger,

Nun wirble bald, am Eigenwesen trunken,

Auf Erden, glückerfüllt, wie freier Äther,

Wie starrer Fels, wie ewige Sternefunken!

Wirkt fort, Ihr sonnensündigen Erdenkneter,

Besorgt die Formung einstiger Lustempfinder,

Denn aus dem Wuste starrer Felsvertreter,

Steigt einstens der Gebildeüberwinder.

Statt lüsterm Schlaf, erfüllt er dann die Lüste

Eines Erzeugers eigener Sonnenkinder:

Ja, doppelt, denn er saugt die Gluth der Brüste

Der Erd und Sonnenflammen und empfindet

Die Lust der Erdenruhe, die er überwinden müßte!

Doch da so vieles Glück in ihm sich bindet,

Kann solches Doppelspiel sich nur erfüllen,

Wenn durch bewußtes Wollen jenes schwindet,

Das unsere Sonnenblicke kann verhüllen

Und sich als Erdentrieb bewahrt in Stunden,

Wenn Leiber sich in Brunst zusammenknüllen.

Oh Erde, endlich werde ich gesunden!

Oh Erde, Erde, Wille Du zu meinem Leibe,

Oh Erde, trachte Dich zum Ball zu runden,

Zur stachen berg und tiefenlosen Scheibe.

Wohl sind die Erdentriebe sonnensündig,

Doch sehn ich mich nach sündhaftem Getriebe,

Auch werden Menschen durch die Flammen mündig,

Die durch die Menschenliebe sonnwärts strahlen,

Denn unsere tiefste Lust ist weltenbündig,

Und gern ertrag ich alle Wüstenqualen,

Kann ich dafür das Sonnenziel erreichen.

Drum wältzt Euch tief in Flammenbacchanalen

Der Gluthverschluchtungen, Ihr lavaweichen,

Bald festgestockten, frischen Leiblichkeiten.

Versucht es, Euch in Ruhe einzudeichen.

Erstarrt, um neu den Lebensspalt zu weiten,

Den einst die Menschenseele überbrücke,

Wenn Völker wieder diesen Ball umschreiten!

Nun öffne Dich, Du große Weltenlücke,

Oh, daß die Erde sonnenfeindlich würde!

Du Erde, weih uns sonnenfremdem Glücke,

Denn wollustträchtig ist die Leibesbürde,

Mit ihrem sonnenfernen Erdenhange:

Auch giebt der innere Abstand uns die Würde.

Die Seelenschroffheit zeigt sich schon am Gange,

Dem Merkmal seelenschlanker Sonnenkinder,

Mit ihrem stolzerfüllten Thatendrange!

Drum Flammen, engt Euch ein und werdet minder,

Dann sollt Ihr rasch im Felsenschlund verwehen:

Der Starrheit und der Freiheit Weltverbinder,

Der Mensch, der Wüstenherrscher, muß entstehen!

Ich liebe Dich, Du Trotz im Weltdämone,

Nicht lieb ich nur, ich kann Dich auch verstehen:

Du bist in mir die Kraft zum Kampf und Hohne,

Du bist ein Räubertrieb voll jugendhafter

Vielseitigkeit im Tanz um ewige Throne.

Du nährst den Bauch mit Klumpen sonnentraffter

Verwesungsjauche und Du pfauchst ein nasses

Gewalg, ins Sonnenantlitz, aus dem Aster,

Als Ausbruch Deines ewigen Sonnenhasses!

Die Erde kreist im weltbestimmten Pilgerschritte,

Um täglich ihre lebenskräftigen Lenden

Dem Licht, zum heißen Leibeskusse, zuzuwenden:

Und schon entsprüht das Leben ihrer Flankenmitte.

Orkane, die Ihr wild das Felsgewirr durchkeuchtet,

Iht legt Euch langsam jetzt zur Ruh in tiefen Schluchten,

Doch in der Höhe mögt Ihr zwischen Wolken wuchten,

Dort hoch im Lied der Erde, das ihr Leid durchleuchtet.

Doch die Vulkane, die den Wolkenwust durchflittern,

Verschrumpfen auch zu stumpfen, ausgebrannten Augen.

Mag wohl die Erde nun zum alten Leben taugen,

Und alles Beben in der Sonnensaat verzittern?

Unendlich fühl ich mich zu Dir hinabgezogen,

Doch Erde, gute Mutter, sei mir jung gepriesen:

Schon flackern die Gesichter bärtiger Riesen

Aus Flammengarben, die von selbst zusammenwogen.

Es muß sich alles jetzt zu kräftigen Bündeln einen

Und wird sein Dasein so als Einzelwesen retten,

Was sich getrennt benagte, muß sich fest verketten,

Und unsere alte Welt im Morgenglanz erscheinen!

Die Erde soll sich neue Lebensformen gießen

Und Sonnenwesen stark im eigenen Bann erhalten,

Die Sonne wird den Menschen grad und schlank gestalten,

Denn frei wird er im neuen Lebenstag ersprießen.

Schon blinkt die Mondessichel durch die rothen Dämpfe,

Doch brach liegt noch das Bett erstarrter Lavafluthen,

Zu Lebensformen blocken sich erfrorene Gluthen,

Wie starre Todes und zugleich auch Lebenskrämpfe.

Es ist, als wollten Beine, Rümpfe sich erheben,

Es mag kein Arm getrennt von seinem Leibe bleiben:

Ein Schlachtfeld ists, wo Stümpfe durcheinander treiben,

Und alles hebt und drangt ein dumpfes Erderbeben.

Ein eigenes Weltgeräusch durchzittert noch die Öde,

Durchs Echo ward der letzte Völkerschrei zersplittert:

Nun hörst Du ihn, als Rhythmenschwall, der Leben wittert,

Zurück geschleudert von Gebirgen, schroff und spröde!

Dem Erdbereiche ist kein einziger Laut entkommen.

Gebirge haben seitwärts sich für ihn erhoben.

Es donnerten die Wolken ihn zurück von oben

Und unten wurde jeder sorgsam aufgenommen.

Jetzt können Töne sich als Stimmen gar zerstreuen.

Am Lavafelde wogen sie nun auf und nieder,

Und immer schriller geben sie die Spitzen wieder,

Als wollten sie bereits ein Weltidiom erneuen.

Ich seh kein Pferd und höre das Gestampf von Hufen,

Auch Menschen nicht und doch vernehm ich ihre Stimmen,

Wenn alle Lebenstrümmer wieder zu einander stimmen,

Dann werden Münder ihre Einzelsilben rufen.

Und Ohren werden sie, zur Rettung, gleich empfangen.

Und sprechend werden Leiber sich zum Tag erheben.

Und aller Länder Echo wird als Mundart sich beleben

Und jedes Volk wird unverschiedenen Klang erlangen.

Schon krallen sich Leiber hervor aus den Schluchten.

In Brunst sind die beiden Geschlechter verbunden.

Sie halten sich krampfhaft beim Werden umwunden

Und müssen sich unbewußt kletternd befruchten.

Erst dann, wenn die Flammen am Erdball verglimmen,

Die Meere verflachen, mit Höhn sich bedachen,

Kann helles Gewahren im Menschen erwachen.

Und schnelles Gebahren das Dasein bestimmen.

Nun klettern rings Körper auf Zacken wie Zunder;

Doch hätte auf einmal der Ball sich beschwichtigt,

So würde die Lage im Schlage berichtigt,

Und jedes geschäh, wie dereinst, durch ein Wunder!

Jetzt scheinen die Rassen hier Boden zu fassen.

Es zwängt diesen Trichter ein eigenes Gemenge

Von allerlei Kliffen in buntem Gepränge,

Und Farbe und Ausdruck erwerben die Massen,

Von felsigen Grund, den sie senkrecht erstürmen;

Sie streben empor zum beleuchteten Grade

Und färben sich kletternd, auf kantigem Pfade,

Um, aufwärts vom Grade, die Glieder zu thürmen.

Die Haut scheint durch innere Gluth zu verblassen,

Drum seh ich auch deutlich das Leibergeranke:

Jetzt walzt es und ringt es sein Sonnengedanke

Empor aus dem Trichter, als wulstige Massen.

Der Haarwuchs bedünkt mich ein wuchtiger Schatten

Am Menschen, der schreitend die Sonne ersehne!

Drum fallen vom Haupte die nächtlichen Strähne

Zum Schlunde zurück, wie ein weiches Ermatten.

Pechschwarz sind die Haare von jeglicher Rasse.

Sie wallen zu Boden wie riesige Schleppen.

Die Rothhäute schleifen sie längst über Steppen,

Denn diese erklommen zuerst die Terrasse.

Sie stiegen auf härtestem, altem Granite,

Der röthlich sie färbte, gewandt bis zum Lichte.

Schon folgen die kleineren, braunrothen Wichte

Den Spuren der Starken im Nachbargebiete.

Auch scheint sich im Trichter ein Stamm zu verbohren!

Er möchte der Lichtkegel steilsten erklettern,

Doch müssen die meisten entgleisen, zerschmettern,

Die übrigen bleiben schwarzlockige Mohren.

Nun endlich erklimmen die hellsten die Spitzen.

Doch steigen sie weiter auf endlosen Lehnen.

Das Schicksal bestimmt sie zu ewigem Ersehnen,

Zum schweifenden Zweifel und kurzen Besitzen.

Die gelben hingegen, am Rande der Spalte,

Bestreben sich muthig die Flur zu erreichen:

Ich sehe sie tapfer Kamine durchschleichen,

Sie trotzen dem spröden und glatten Basalte.

Sie klettern gar rüstig. Sie harren am längsten

Und athmen den Schwefel vulkanischer Dämpfe.

So fördern die Völker bewußtlose Krämpfe

Und streben noch immer, gefeit vor Sturzängsten!

Du Lebenskrampf, nun wirst Du Klarheit wollen.

Das Sonnenmuß erscheint als Lust zu leben.

Das letzte Volk entklettert zäh den Stollen,

Und Vollbewußtsein kann sein Haupt erheben.

Die Massen, die dem Kraterschlund entfliegen,

Bedünkten mich verkrampft am Hang zu kleben,

Als Tausendhänder sich hervorzuschmiegen,

Verkrallt, verrunzelt, wo die Spalten klafften,

Noch starr die schroffen Schranken zu besiegen.

Nicht länger taugt das Aneinanderhaften.

Es muß die Blindheit der Gefühle schwinden.

Die Menschheit löst sich aus den fabelhaften,

Fast schlangengleichen, starren Urgewinden

Nun langsam auf, in krumme Einzelwesen;

Doch jedes trachtet wieder das zu finden,

Was eben noch mit ihm verschränkt gewesen.

Noch stehn die Menschen kaum und dennoch kriechen

Die Leiber, ihrer Wunden erst genesen,

Sogleich zurück zum fiebersiechen,

Geschlechtsverschiedenen andern Leibe

Und scheinen da den gleichen stets zu riechen.

Dann ists, als ob sie andere Sucht vertreibe.

Die Männer trachten sich emporzurecken,

Doch stets verfolgt vom gleichen krummen Weibe,

Gelingt es schwer, den Sonninstinkt zu wecken.

Denn will der Mann sein Ich aus Brunst erheben,

So trachtet sich das Weib ihm nachzustrecken:

Und scheint dann eines ganz aufeinmal zu erbeben,

So liegen gleich auch Andere mit in Krämpfen,

Um Drillingen im Nu das Sein zu geben.

Doch das Gebären kann die Wollust dämpfen.

Die Weiber wollen ihre Kinder nähren

Und lassen nun die Männer wüthend kämpfen.

Der Feinde muß sich Niemand noch erwehren,

Und dennoch würgt man sich nach alter Weise.

Ja, das Bewußtsein scheint erst einzukehren,

Wälzt der Instinkt sich längst im Urgeleise!

Der Schreck verfärbt die Haare mancher Streiter,

Und schon besitzt die Welt wie einstens Greise,

Doch diese leben hundert Jahre weiter.

Die Jugend werden Kinder bald ersetzen,

Und vollbesetzt ist dann die Altersleiter.

Gestalten, die das stumpfe Sein benetzen,

Die treten in der Menschheit jung zu Tage.

In ihr versucht die Welt sich festzusetzen

Und urhamonisch schafft sie eine Lage,

In der Gestirne sich das Leben spenden,

Dem einst die Menschheit klarbewußt entrage.

Zum Weib seh ich den Mann sich aufrecht wenden.

Er findet wieder was er einst verlassen.

Er labt das Weib mit seinen eigenen Händen,

Und was ihm naht, das muß er blindlings hassen.

Drum scheint es mir, es wird nach einiger Weile,

Wie einst, sich alles ineinanderfassen:

Und sprießt, was jetzt entsteht, mit Sturmeseile,

Geschiehts, um alte Maaße einzurenken.

Der Menschheit grundverschiedene Wesenstheile

Sind da, sich als Bewußtsein zu verschränken.

So wird die Einheit stolz ihr Sein erfassen

Und ihren Lebensdurchlauf kurz bedenken:

Heil Dir Natur, wie kannst Du Kraft verprassen!

Du reißt die Stütze Deines Weltenbaues

Aufeinmal ein und Du vertilgst die Rassen,

Die Fluren Deines heitern Erdengaues:

Du stückst und thürmst sie wiederum zusammen,

Und kühlst von Deines hohen Sonnenbaues

Unendlich steilem Throne alle Schrammen!

Wir wagens, Dich in Gut und Schleckt zu theilen!

Doch selber wirst Du nimmer Dich verdammen.

Viel größer ist Dein ewiges Urverweilen,

Als Lebensstürme, die sich selbst verzehren

Und zweck und ziellos durch das Chaos eilen!

Du kannst sie ewig jung in Dir gebaren.

Nun grüß ich sie in meiner eigenen Gattung,

Denn eben laßt Du diese sich vermehren.

Auf Erden giebt es nirgends mehr Ermattung.

Und was sich jäh in seine alte Form gegossen,

Das fordert des Geraubten Rückerstattung,

Und nichts Erworbenes ist mit ihm ersprossen!

Jetzt sind die Stumpfgewalten übermächtig,

Noch giebt es keine Kampf und Ehgenossen.

Die Leiber bleiben kaum drei Monde trächtig,

Um Drillingen das Erdensein zu schenken.

Selbst Greisinnen und Mädchen, jung und schmächtig,

Gewahr ich, wie sie plötzlich Kinder tranken:

Die vollen Brüste strömen üppig über,

Und nichts kann diesen Überfluß beschränken.

Oft wird das Lichtbewußtsein wieder trüber.

Die Schnellgeburten rauben es den Vätern:

Doch giebt es gleich ein Licht und Schattengegenüber,

Verkörperlicht in Sonn und Erdvertretern.

Auch Länder fangen wieder an zu beben.

Da hörst Du plötzlich die Bewohner zetern

Und Schreckensrufe schrill und laut erheben.

Doch so wird manches Angstempfinden rege,

Und unsere Sprache uns zurückgegeben.

Die Menschen packen auf den Wüstenwegen,

Die Echorufe auf von Felsenrändern,

Damit der ganze Stamm sie sorgsam hege

Und, um die Muttersprache nie zu andern!

Die Völker ziehn dem Lebenslaut entgegen,

Ihn aufzugreifen, in verschiedenen Ländern

Und ihn hinein ins eigene Sein zu legen!

Die Sprache hilft die Stämme auszuprägen

Und selbst den Eigenstolz als Gott zu heben,

Denn wallt sie auf, so zwingt sie zu erwägen,

Und wildfanatisch seh ich Völker sprechen,

Als schrien sie, schmerzdurchzuckt von Peitschenschlägen!

Ja, so nur können sie die Starrheit brechen

Und Zwecke fühlen durch das Volksgehaben:

Und solches fängt nun an hervorzustechen!

Nun sieht ein Wanderstamm in einem Graben

Die Reste abgedorrter Fühlerhaken.

Die zucken noch und trachten sich zu laben:

Sie stammen wohl von gleichen Lebenskraken,

Der plötzlich aus dem Krater Fühler langte,

Die lange tief im Erdenschooße staken.

Doch was sich krampfhaft hier zum Wurm verrankte,

Das scheint fürwahr kein Knäul von Menschengliedern,

Und jedes Volk, dem gleich vor Fremdem bangte,

Beginnt nun diese Masse anzuwidern.

Die meisten werfen schon darauf mit Steinen,

Doch einige trachten mit gesenkten Lidern

Sich dort mit Weibestheilen zu vereinen.

Die Menschen kamen fast allein in steinige Lande,

Und dann erst wucherte die Lebensfülle nach:

Sie hungerten und dursteten im Gluthensande,

Denn Sturm und Sonne lüfteten nun allgemach

Die Wolkendünste, die das Erdenrund bedeckten,

Und Gluthenströme stürzten nieder auf das Land.

Die Wüstenlehnen, die sich weit und weiter streckten,

Entstanden kahl und brach im großen Sonnenbrand.

Der Himmel selbst verlor sich hinter Feuersbrünsten:

Nur Abends zeigte sich ein Gluthenkatarakt.

Dann ward es dunkel und der Erdendunst am dünnsten

Und Gold umschwirrte Felsenzacken, gelb und nackt.

Die Menschen, die sich oft zu Dritt, zu Viert, verloren,

Vermochten nie allein oder getrennt zu ziehn.

Sie trafen plötzlich Andere, die gar weit geboren,

Und dies hat ihnen ihre Lebenskraft verliehn.

Sie blieben mindesten zu Dritt und eng verbunden.

Sie schleppten müd und traurig eine Kettenlast.

Sie sahn sie nicht. Doch niemals ist sie ganz geschwunden.

Sie hielt sie unzersprengbar fest und schwer umfaßt.

Dies waren unserer Ahnen große Fesselqualen.

Doch Selbst und Pflichtgefühl ist nur dadurch erwacht!

Sank einer hin, verwundet von den Sonnenstrahlen,

So ward vom andern ihm ein Labetrunk gebracht.

Die Schlangen, die fast unbemerkbar rasch entstanden,

Vergifteten die Menschen oft durch ihren Biß,

Die andern saugten gleich wo sie ein Tröpfchen fanden,

Wodurch der Lebensdurst dem Tod ein Sein entriß.

Doch stürzte irgend einer jäh in eine Tiefe,

So warfen sich die andern alle blindlings nach.

Es war, als ob ein Wesensband durch alle liefe,

Das Schwindel zeugte, wo ein Glied zusammenbrach.

Das Gleiche sehn wir heute noch bei unsern Ziegen,

Sie folgen rudelweise einem einzigen Bock

Und sehn sie ihn in eine Schlucht hinunterstiegen,

So folgt dem einen Bock sogleich das ganze Schock!

Und mußte dann ein Mensch im Wüstensande sterben,

So haben sich die andern doch nicht mehr von ihm getrennt,

Sie mußten angeschmiedet dort im Nu verderben,

Dies aber zeugte, was man Freiheitssehnsucht nennt!

Doch eines Tages fanden sich gar viele Stamme

Auf einem Kap zusammen, das meereinwärts stach,

Nun wars, als ob es Leben überschwemme,

Wo machtlos sich das Meer an seinen Klippen brach.

Hier konnten sich die Menschenfesseln plötzlich lösen,

Denn alles zog sich allseits durcheinander an

Und warf den Samen zur Erkenntniß alles Bösen,

Das sich, als menschenfeindlich, je ein Mensch ersann.

Die Allgemeinheit konnte bloß das Sein befreien.

Durchs Pflichtgefühl giebt Jedermann an sie zurück

Was das Gemeinwohl schafft, wo Wollende gedeihen,

Und um den Heldenglauben wogt das Völkerglück.

Der Menschheit Sonnbewußtsein will, daß wir uns ändern:

Und jeder opfert gerne seinem Sonnenziel.

Der Glaubenszwang, die Strafen in verschiedenen Ländern,

Sind Völkern, wie den Kindern, heitres Spiel.

Es muß sich solch Gebahren lange vorbereiten,

Bis später es der Mensch zur Sitte prägen kann,

Um Sonnenkinder stark am Sonnenweg zu leiten,

Auf dem ein Wahnbild selbst Bedeutung oft gewann!

Wir sehn das Vorbedachte sich in Formen wälzen,

Da nur das Tiefbedingte in Erscheinung tritt;

Und können große Sonnenbrände unsere Götzen schmelzen,

Genügt zum neuen Guß bereits ein Wageschritt!

Wir nennen weltharmonisch, was schon vorbereitet,

Urplötzlich faßbar, vor beschränkten Sinnen steht:

Oft sehn wir nicht, was schon bewußte Bahn beschreitet,

Weil Sonnenwollen dem Geschehn entgegenweht.

Nicht solche Lichtgedanken, aber Sonnenthaten,

Ersann allein auf einer Klippe dort ein Mann,

Aus einem Riff, das andre Menschen nicht betraten,

Da jetzt die Fluth ringsum die Oberhand gewann.

Er sah die jungen Menschen sich durch wilde Tänze

Der neuerworbenen Freiheit hier am Kap erfreun;

Es war, als ob sich alles ganz beim Fest ergänze,

Als suchte Leben volle Pollensaat zu streun.

Man wollte lang und frei am steilen Riff verweilen,

Und Jünglingsgruppen schleppten goldenes Korn herbei.

Und andere sah er froh zu brünstigen Spielen eilen,

Und unersättlich, rastlos wogte noch die Reih

Der nackten, jungen, lüstern tollenden Gestalten,

Und mächtig zogs den Einsamen zurück zum Spiel.

Er sah nun einen Mann das Weib im Arme halten,

Das ihm vor allen andern wunderbar gefiel!

Er wollte rasch durch jene Sturmesfluthen schwimmen,

Dem Jüngling zu entreißen, was er fest umschlang,

Da hörte er auf einmal weiche, innere Stimmen,

Und leise horchte er dem eigenen Seelensang.

Da ist ein ewiges Weib in einer Mannesseele,

Die Sonnensitte, jäh, mit keuschem Blick, erwacht.

Ihr Auge flehte, laß, daß ich mein Lieb erwähle,

Und rasch hat sie ihr Schöpfer plastisch ausgedacht.

Er sah die Anmuthsreiche sich im Tanze schmiegen,

Die Weiblichkeit der Menschheit, Weichheit der Natur,

Die Kriegerbrunst im Manne einst besiegen,

Und er empfand die Anmuth schon auf freier Flur! –

Die Sonne hatte viel aus ihrer eigenen Kraft getrunken,

Nun sank sie übersatt und überrund herab.

Da stand der Mann, in seine Einzelheit versunken,

Gar tiefbewegt und stumm auf jenem schroffen Kap.

In seiner Ruhe blieben alle Rhythmen rege,

Die dort in brünstiger Lust sich üppig ausgetobt:

Nach Sonnverscheiden wurden alle müd und träge,

Doch ward das Licht, in ernster Andacht, noch gelobt!

Schon wogte Nacht: Schon fühlten sich die schlaffen Glieder,

Als jenen Sonnbefreiten rasch die Sonne sank.

Und sonnberauscht und müde sank die Menge nieder

Und wußte, unbewußt, den Schöpferstrahlen Dank.

Doch kaum wars dunkel, kam das Übel angekrochen.

Man fühlte, daß die Freiheit mit der Sonne schied.

Die Nacht hat sanft ihr erstes Machtwort ausgesprochen:

Die Sterne kündeten es funkelnd vom Zenith.

Und schon begann das Sonngefühl sich zu umnebeln,

Es zogen sich die Menschenknäule brünstig an.

Die Wucht des Leibes konnte bald die Stimme knebeln,

Die heut, beim Sonnenfest, ihr Sonnenlied begann.

Das Sonnenfest, das Sonnenglück war abgebrochen.

Man würgte sich und preßte sich in wilder Gier.

Raum ward es dunkel, kam das Übel angekrochen:

Die ganze Menge schnaubte wie ein brünstiges Thier.

Erdrosselte vermengten sich bereits zu Haufen,

In einem lustdurchwühlten, engverkrampften Knäul,

Und man vernahm, vermischt mit ächzendem Verschnaufen,

Verschlungener Menschen brünstigstöhnendes Geheul.

Die Stärksten trachteten zum Strand zurückzuschleichen.

Sie sahn, mit Graun, den Leiberwust in fahlem Schein,

Und mitten drin erstickte Menschen, schlaffe Leichen,

Und, auf dem Fels, den einzig freien Mann, allein!

Da packte sie die Wuth und einige warfen Steine,

Auf jenen Helden, der persönlich sich erhielt.

Dann schleuderten sie alle, blindlings im Vereine,

Doch nur die ersten Würfe waren wohlgezielt.

Nun sanken ihre Arme schwer und steif hernieder,

Sie langten wohl noch lange schlafbefallen aus,

Doch alle Kenntniß schwand, es senkten sich die Lider,

Und schlummernd überwand ihr Sein den ersten Graus.

Sie krochen unbewußt zurück zu jenem Haufen,

Der sie mit Ekel und mit dumpfem Graun erfüllt.

Es konnte keiner sich zu seinem Heil verlaufen,

Sie waren alle bald mit jenem Knäul verknüllt.

Der Mann auf seiner einsamsteilen Felsenklippe

Empfand die Kettenlast, die ihn hinüberzog,

Ihm wars, als ob er selber mit dem Felsen wippe,

Als ob nun alles um ihn her in Dunst zerflog.

Ein Sprung ins Meer wäre bestimmt sein Tod gewesen:

Der Gischt, der über Klippen jäh emporgebraust,

Erschien ihm jetzt ein Heer von wasserflüchtigen Wesen,

Verschränkt emporgeschnellt, verschlungen und verkraust.

Der Schaum, der stach zurrückglitt, die verstreuten Leichen,

Die jetzt die See in einem Wirbelgrab verschlang:

Er fühlte auch, er könnte nie das Land erreichen,

Und tief in Ohnmacht lag er viele Träume lang.

Doch als man Steine warf, da war das Werk gelungen!

Er richtete sich auf, als wär er selbst aus Gneis.

Die Kette, die ihn fest umschlang, war jäh zersprungen, –

Doch ward in kurzer Frist aus jenem Mann ein Greis.

Als er die Menschen sah, die ihn aus Neid bewarfen,

Da sprach er nichts, doch seiner Seele wilde Gluth

Verrunzelte sein Antlitz und in schroffen, scharfen

Verkreuzten Furchen, da erstarrte seine Wuth.

Ein Ackerfeld, das kaum der Lebensgeist bepflügte,

War jetzt des freien Menschen kühnes Angesicht,

Und was er selber über sich am Fels zerfügte,

Das machte er der ganzen Menschheit nun zur Pflicht.

Sein Fieberodem stockte rasch zu Wolkenmassen,

Voll Zornesdonnern beim befruchtenden Erguß,

Um mit den Flammen Blindbelebtes zu verprassen:

Und Mahnblicksfolgen blitzten durch der Seele Überfluß.

Die letzten Steine sah er jetzt am Riff zerprallen,

Da hat der Menschen Ohnmacht ihn in Wuth gebracht,

In Sonnenkriege ließ er Völkermassen wallen

Und Machtgedanken flatterten bereits zur Schlacht.

Verbote, die sich Panthern gleich aufs Opfer stürzen,

Hat auf die Lauer er vor manches Ziel gelegt,

Gewitter, die zur Erntezeit die Lüfte würzen,

Die haben sein erträumtes Sonnenfest durchfegt.

Zerstören mochte er, was allzurasch gelungen,

Zur Menschbefreiung aber wollte er den Zwang,

Der ihn vom Knäul getrennt, bis dessen Reif zersprungen,

Durch alle legen, als ein sonderndes Gerank.

Ein Baum ward so gepflanzt, ein Kunstwerk hold begonnen.

Wie Blüthenthau, der durch den Morgen schwebt,

Hielt nun ein leiser Duft den Hauch der Welt umsponnen.

Ein Sonngeschenk, in dem das Erdenglück erbebt,

Ein Kunstwerk ward gepflanzt. Der ganze Hain begonnen,

In dem der Mensch sein Opfer gegen Himmel hebt.

Da mochte jeder sich in heiterm Glücke sonnen,

Ward doch durch alle auch sein Einzelzweck erstrebt!

Nun ebbte es und siedend flohen schon die Fluchen,

Da wußte wohl der Mann, der Staaten ausgeträumt,

Es würde, wenn auch Sturm und Meer nicht bald gesondert ruhten,

Der Rückweg ihm doch immerhin geräumt.

Und da begann der Sturm den Samen fortzutragen,

Der aufgespeichert um die brünstige Rotte lag.

Er wurde westwärts in ein fernes Land verschlagen

Und überschwemmte es mit Korn am nächsten Tag.

Der Menschen Brunstgestöhne und ihr Angstgepuste

Entflatterte der Erde steil im Sturmesflug,

Die Stimme gabs der Möve, die entstehen mußte,

Und kam zum fernen Strand, wohin der Vogel es vertrug.

Das Echo ward von jungen Möven gleich erwidert.

Im Neste weckte sie der erste Mutterruf.

Bald hatten alle Lebensschreie sich befiedert,

Da alles Dasein sich ein Lebensurlaub schuf!

Ganz plötzlich ward ein blondes Mädchen irgendwo geboren.

Sie reizte durch ihr Haar, und Kinder hatten sich verschworen,

Bei jedem wilden Spiel ihr junges Leben zu gefährden.

Drum hätte sie es auch bestimmt, bei einem Streit, verloren,

Wäre ihrs ein einziges Mal mißglückt, der andren Herr zu werden.

Doch sie war stark und nahm es selbst mit rohen Knaben auf.

Die überlangen Haare schlang sie fest zu einem Knauf,

Denn sie belustigten sie oft beim Spiele und im Lauf,

Und wuchs und reifte sie auch rascher als die Spielgenoßen,

Schien dennoch große Üppigkeit in ihren Leib gegossen.

Die bleichen Schenkel schwellten durch das Laufen und das Hetzen,

Wie Milch, die beim Erwärmen aus der Schale ausgeflossen.

Die Brüste sind mit seltener Kraft dem schlanken Leib entsprossen

Und wogten auf, wie Wellen, die sich leicht mit Schaum benetzen:

Und große Anmuth schien sich an den Hüften festzusetzen.

Doch kaum entquoll die erste Milch den vollen Brüsten,

So floh sie mit zwei Jünglingen, die sie im Walde küßten,

Als sie erschöpft, durch die Verfolgung, in das Moos gesunken:

Denn beide hatten von der Jungfrau Athemquell getrunken.

Nun flohn sie alle drei nach einem Ort in fernem Lande,

Dort jenseits, hinterm Wald, vielleicht an einem Weltenrande.

Ein Einziger konnte ihrer Wollust nimmermehr genügen,

Sie wollte Lust zu Lust in holdem Wechselspiele fügen,

Sie trug verschiedene Rassen eingeprägt in ihren Zügen,

Und nur dem Krampf verschiedener Lust gelang es, sie zu sondern.

An ihren Kindern sah sie oft die Spuren beider Väter,

Ihr eigenes Antlitz spiegelte sich meistens in den Blondern

Und später schien der Wesensgang der Vaterschaft Verräther.

Doch damals waren Zwillinge gar oft so grundverschieden,

Daß man nicht wußte, welchem Vater sie das Weib geboren.

Doch lebten alle lange, lange noch im Wald in Frieden,

Denn keinen hatte sich das Weib zu größerer Lust erkoren.

Sie zog mit ihren Männern, ihren Kindern immer weiter,

Durch Wälder, die in kurzer Frist, mit stolzer Wucht, entstanden,

Und immer blieb sie munter, blieben munter die Begleiter.

Nur Glück empfanden diese sorgenlosen Walddurchschreiter,

Bis alle, wie gebannt, vor einem Wunder sich befanden.

Ein Spiegel lag vor ihnen. Silbergrau und dennoch heiter.

Er löste sich, mit sanfter Anmuth, aus den Uferbanden

Und wurde weit das breite Meer und wogte weiter, weiter.

Dann senkten sich die Abendgluthen auf die müden Fluchen,

Und auf den Klippen wars, als ob dort bleiche Flocken ruhten,

Und Rieselwässer, sickernd, sich durch braune Klüfte drängten,

Da Honig oder blonde Harze sich mit Gluth durchtränkten,

Bevor sie bernsteinschwer ihr Gold in grüne Tiefen senkten!

Violette Quallen waren matte Schatten grüner Wellen,

Und tauchten auf, wie untere, festgestockte, salzige Quellen.

Die Möven flogen hin und her, da sie die Vögel schreckten,

Die sie doch selber, als ihr Schattenspiegelbild, erweckten.

Das Weib, das an der Küste stand, umspielten grüne Schatten,

Denn dunkler Wald bekränzte noch die Klippen und die Watten:

Sie stieg auf einen Fels im allerletzten Sonnenscheine,

Und trat dem Wunder stolz entgegen, tapfer und alleine.

Sie sah das dunkle Meer ihr rings entgegenbrausen.

Doch ihre Flanken konnten einen Rassenkeim behausen.

Der kühn in ihr entsprossen und am Meeresstrand erzogen,

Als Volk sich heimisch fühlen würde, auf den trotzigen Wogen.

Sie stellte ihre Macht, mit Würde, einem Meer entgegen:

Vermochte jenes schwere Frühlingswolken aufzufegen,

Aus Wellenbrüsten Lenzesfolgen ewig oft zu spenden

Und dennoch seine Schöpferkräfte nimmer zu verschwenden,

So konnte Ihrem Busen fette Lebensmilch entquellen,

Die Völker säugt, wie sie im Wald die höchsten Stämme fällen.

Und die, in pechdurchtränkten, kornbeladenen, hohlen Bäumen,

Den Winden und den Wellenschäumen sich entgegenbäumen.

Auch ihre Träume wiegte sie gar oft am Meeresstrande,

Und nimmer schied sie von dem holden, wunderreichen Lande,

Wo all ihr Fühlen sich in bunter Bilderreih ergänzte

Und gleicher Rhythmus ihren Athem und die Fluch begrenzte.

Es glich ihr Sturmesodem einer überstürzten Welle

Im Meergebraus; der Seele stillem rhythmischem Gefälle

Entsprachen aber Tage wahrer, klarer Sonnenhelle,

Und viele Jahre später sang sie noch an jener Stelle:

»Wie flüchtige Wünsche, seh ich Wolken mit den Winden ziehen.

Sie gleichen Bräuten, die dem Liebeswunder sich ergeben,

Und scheinen wohl in keuschester Jungfräulichkeit gediehen,

Drum müssen sie auch bleich im goldenen Morgenschmuck erbeben.

Doch sind sie alle nur vergängliche und grause Launen

Erfüllungsschwangerer, unendlich keuscher Sehnsuchtsmeere. –

Und blitzen Fragen auf, durchrollt sie donnernd das Erstaunen.

Entringt sich ihnen Wolkenwonne und urbrünstige Schwere,

So möchte meine Seelensee unendlichlang ihr Glück genießen:

Sie schenkt es nicht. Sie schlürft es ein, aus jedem blonden Strahle,

Dem Lande gleich, wenn sich die Gluthenströme drauf ergießen,

Den Wonnedurft zu stillen aus der goldenen Tagesschale.

Die Erde trinkt doch stets aus überstülptem Sonnenbecher,

Den sie des Morgens mit dem Lippenrande kaum benippte,

Den ganzen Tag. Und ist er leer, so wird ihr Durst erst langsam schwächer.

Auch schlief die Erde stets, sowie die Schale niederkippte!

Ich gleiche einer Welle, die sich sonnewonnetrunken,

In Abendwollust, zwischen Klippen brünstig bettet,

Und die den Schaum, in dessen Goldgeflecht sie fast versunken,

Um Felsen spült, mit denen sie ihr Glück beinah verkettet!

Ich liebe Wellen, die sich zwischen Felsenklippen balgen,

Denn ich vermag es, so wie sie, die Liebe doppelt zu genießen,

Es wählen, quälen ja die Schaumes wellen brünstig zwischen Krustenalgen,

Wie weiche Arme, die sich sanft um rauhe Männer schließen.«

Und ihren Gatten sang das Weib noch schönere Wonnelieder.

Eins klang: »So legt Euch neben mich im weichen Sande nieder,

Denn ungeduldig wogt der Busen und mir glühn die Glieder,

Und keine Fluch, kein Meer giebt mir die holde Kühle wieder,

Und einzig nur ein Kuß von Euch vermag die Brunst zu kühlen.

Ihr, meine Männer, laßt mich Eure kühlen Küsse fühlen,

So küßt und kühlt mich überall, die Gluth hinwegzuspülen.

So küßt die Flechten mir, und in den Euren laßt mich wühlen.

Wie traurig lieg ich Nachts alleine zwischen weichen Pfühlen;

Ein grauses Träumen wallt empor aus scheuen Angstgefühlen,

Und nur aus Albgestalten, ach, aus bildertollen, schwülen,

Verhaucht der Traum, wenn Morgenlüfte unsere Schläfen kühlen.

Bin ich allein, verhängt sich jede Nacht mit schweren Dünsten.

Ich wälze mich am Lager, bis die leeren Plätze dünsten,

Und lüstern spring ich auf, verzehrt von innern Feuersbrünsten:

Doch seid Ihr da, sind Traum und Luft zugleich am allerdünnsten.

Und wacht Ihr noch, seht Ihr mich an, wenn ich in Schlaf verfalle,

So ists, als ob sich klar der Himmel immer höher balle;

Ich träume da, daß ich in stillem Sternenhain nach Hause walle

Und alles blickt mich freundlich an in der geträumten Halle.«

Einst lag, nach langer Zeit, das blonde Weib im Traumesschlummer,

Als sie die Morgenwache längst schon hätte wecken müssen.

Doch alle waren zaghaft, selbst das laute Volk schien stummer,

Und keine Thaten folgten den Verlegenheitsbeschlüssen,

Denn über allen lag ein ungewohnter, schwerer Kummer.

Doch da entschloß ein Sklave sich, dem sie als Weib gewogen,

Die blonde Herrin sanft aus ihrem tiefen Schlaf zu küssen.

»Welch starker Thau heut niederfallt, der Herbst kommt angezogen«,

Sprach da das Weib: »Nun werden uns die Schwalben bald umschwärmen!«

Mit diesen Worten ist ihr letzter Traum hinweggeflogen,

Denn als sie aufstand, hörte sie ganz plötzlich starkes Lärmen,

Und alles drängte aus dem Zelt der lauten Schaar entgegen,

Um sie nicht allzusehr durch ihren Anblick abzuhärmen,

Denn mancher war des Nachts bei Überfall und Mord zugegen.

Und sah der Herrin Liebling mit blaublutigen Gedärmen!

Man dachte nun, man werde einen Todten niederlegen.

Doch statt der Bahre schleppte man den Mörder, der sich bäumte,

Vor die Gebieterin, die das Ereigniß rasch durchschaute

Und sah, wie er aus Wuth, geknebelt und gebunden, schäumte,

Daß Geifer plötzlich vorquoll, der sich hinter seinen Lippen staute.

Dann blickte sie um sich und merkte, wie dem ganzen Volke graute.

Erst stand sie stumm, dann eilte sie in wildem Schmerz von dannen.

Ein Sklave folgte ihr mit raschem Schritt, auf einige Spannen.

Lang hetzten sie im Wald umher. Dann liefen sie zur Leiche

Und fanden sie in blutigen Pfützen, die bereits gerannen.

Sie wusch sie ab und stürzte dann auf ihre edle Bleiche.

Dies war der Jüngling, den sie einst zu sich heran gezogen,

Er blieb so lange mädchenhaft in seiner holden Weise:

Nun lag er da, verrenkt, verkrümmt, wie ein zerbrochener Bogen,

Und schien ein Kind, ein todtes Kind, aus einem stillen Teiche

Ans Land zurrückgeschwemmt von unschuldsvollen, stummen Wogen.

Er war ein Kind und konnte nie zum starken Helden reifen,

Drum wars so hold, ihm all das schwere Rüstzeug abzustreifen.

Nun war es aus. Die Glieder waren frostig anzugreifen

Und blieben in der Hand, um ihre Starrheit abzuwägen.

Die Herrin konnte nur zum letztenmal die Flechten pflegen

Und ihre warmen Arme um die kalten Schenkel legen,

Den aufgeschlitzten Bauch mit einem rothen Tuch bedecken,

Die Thränen vor sich selbst und ihrem ganzen Volk verstecken,

Um sich zur Rache und zu neuer That emporzurecken.

»Ich habe meine Pflicht erfüllt, ich hab mich nie verweigert

Und ohne Heuchelei der Männer Leibeskuß empfangen,

Und nach Verdienst, nicht nach der Jugend, meine Lust gesteigert,

Denn meine Brunst war groß, wenn würdige Krieger mich umschlangen,

Und blieben Jäger lange ohne Weiber und Gefährten

Allein im Wald, bis sie mit schwerer Beute wiederkehrten,

So gab ich ihnen, was sie kühn von mir begehrten,

Und war beglückt und brunsterfüllt, wenn sie den reichen Samen

Mit freiem Lusterguß, mir in das leere Becken warfen.

Und welche Männer immer mich in ihre Zelte nahmen,

Das Volk geleitete uns stets mit Fackeln und mit Harfen,

Und selbst den ersten Männern, die der Tod mit fortgenommen,

Ergab ich mich, erschienen sie mir, Nachts, als Larven.

Es durften Sklaven, Kinder, Kindeskinder zu mir kommen

Und meine ewigen Jugendreize konnten allen frommen!«

So sprach das Weib, dann ward vor ihr und ihrem Volk gerichtet.

Der Mörder hatte selbst auf die Vertheidigung verzichtet,

Und beim Verhöre ist er stumm und willensstark geblieben.

Hat irgendwer von seiner Lust und Grausamkeit berichtet,

So peinigte die Menge ihn sogleich mit Peitschenhieben.

Kein mitleidsvoller Blick, kein Trost hat ihn emporgerichtet:

Er fügte sich gefesselt in des Feindes Machtbelieben.

Doch plötzlich schien der Herrin Wuth besänftigt und beschwichtet.

Doch nein, sie log, da ihre Blicke noch aus Haß zerstieben,

Es hat kein großes Lieben ihren Seelenkern gelichtet,

Sie rief: »Er ist ein Krieger, er hat manchen Kampf bestanden

Und einst des Feindes Übermacht in einer Schlacht vernichtet!«

Die Menge aber brüllte: »Kein Mensch in Feindeslanden

Hat je Dick so gekränkt, zum Kämpfen war er doch verpflichtet,

Drum quetscht ihn ein und peinigt ihn mit seinen eigenen Banden!«

Sie aber rief dazwischen: »Ach, gedenkt doch seiner Sänge,

Erinnert Euch der Lieder, die er einst für mich gedichtet,

Bedenkt, bedenkt, er ist ein Sänger und dann mildert Eure Strenge!«

Nun aber tobte es noch ärger in der großen Menge.

Gar viele heulten: »Sagt was kümmern uns die süßen Klänge,

Wir möchten sehn, ob uns kein Minnelied für Dich gelänge,

Wenn uns Dein Arm, wie einstens ihn, in holder Brunst umschlänge!«

Nun hat in jenem Weibe eine Schlange sich verringelt,

Die Wuth, die Eitelkeit, und manche Schlacke brünstiger Triebe,

Verschlangen sich zum Knäule, und ihr Haß hat drauf gezüngelt.

Voll Wonne hörte sie die Rufe und die dichten Hiebe,

Und plötzlich kreischte sie von ihrem ganzen Volk umzingelt:

»Vergeßt es nicht, vielleicht seid Ihr die Kinder seiner Liebe

Und dort, Ihr Peiniger, des trotzigen Mörders Söhne;

So laßt doch ab und hört erbarmungsvoll auf sein Gestöhne.

Giebts keine Einsicht, die Euch endlich mit dem Mann versöhne?«

Nun wars, als ob der ganze Wald vor Wuthgeheul erdröhne.

Man hörte nichts. Doch schiens, daß man das Opfer laut verhöhne.

Und alle schlugen drauf, als ob ein Volk der Mordlust fröhne.

Dazwischen aber wimmerten des Mörders Sterbetöne.

Schon war er fast bewußtlos und man hörte nimmer das Gepfauche,

Noch jene Stimme, die da rief: »Laßt ab, denn ich verpöne

Die grause Lust, da ich das Maaß zum Staatenbauen brauche!

Laßt ab, daß ich mein Werk in letzter Stunde noch verschöne!

Bezähmt die Wuth, damit ich tief in Eure Seelen tauche,

Den Schmuck zu fischen, der Euch einst in fernen Tagen kröne:

So faßt Euch denn und dann empfangt aus meiner Hand die Löhne!

Der hellen Sonne gleich, die nach dem wolkenüppigen Föhne

Das Wesen ihrer Macht in klare, goldene Strahlen kleidet

Und ruhig Sturm und See und Dunst und Berge wonnig scheidet,

Die Feuerbrücken spannt, wo schon der Glanz das Naß zerschneidet,

Und Nebel trennt, wo bald ein Hirt die sanften Schafe weidet,

Vermöge es die Königin, im Volk die Wuth zu schlichten!

Mit ihrem hellen Blick, die ganze Massenwuth zu sichten!

Mit salbungsvollen Worten, die sich auf die Wogen legen,

Die Zorneswirbel durch die wilden Horden fegen,

Das tolle aufgeregte Volk allmählich zu beschwichten!

Und durch Versprechungen die Friedenswünsche zu verdichten!«

Von eigener Brunst begann sie ihrem Volke zu berichten,

Um all der Aufgeregten Spannung auf sich selbst zu richten.

Und siehe, bald begann man auf das Martern zu verzichten.

Kaum hat die Herrin im Gewühl den Zornesprall gebändigt,

Mit Wort und Blick die Urnatur in ihrem Volk gemeistert,

So hat sie kühn, mit einem dreisten Zug, ihr Werk beendigt

Und sich am eigenen Seelenschwung und Wörterrausch begeistert.

Sie hat die Wollust ihrem Redeschwalle eingehändigt.

Es rief das Weib: »Ich schlief mit jenem Kind in meinem Zelte,

Als eine Gluth die Glieder beider zu einander schwellte.

Wir sahn das Blut, das Lust und Liebe durch die Leiber wellte,

Und als der warme Hauch der nahen Körper sich berührte,

Da wars, als ob ein Wesensschaum die holde Lust verspürte:

Ein Schauer überfiel uns, als sich Schwindel in uns rührte,

Und wohl als Jubel sich aus Brust und Kehle sanft entschnürte.

Wir fühlten wonneschwere Leiber ineinander fallen,

Die gute Lust von Glied zu Glied, von Aug zu Auge wallen.

Wir sahn uns an. Ich bebte. Konnte nichts von Liebe lallen.

Und hatte an den Gliedern, die ich wundschlug, mein Gefallen.

Er war so jung, ich wollte mich an seine Jugend krallen.

Ich küßte seinen Nacken und befühlte seine Lenden.

Die steifen Finger wühlten in den weichen Leibeswänden.

Was kann die Nacktheit eines Leibes doch an Prunk verschwenden!

Mit Purpurspangen schmückte ich sein Fleisch, mit meinen leeren Händen!

Und ich erstickte seine Küsse, wollte sie beenden,

Um nach Belieben seinen Körper hin und her zu wenden.

Doch war er gar so sanft und folgte jeder Sinnesregung.

Er sah mich an, so glückerfüllt und fast bereit zu sterben.

Ein schwüles Graun erfüllte mich bei jeglicher Bewegung.

Ich schnürte seinen Hals und sah den Körper sich verfärben.

Ein Blick noch schien, wie um Erinnerung, zu werben.

Und lächelnd wollte er aus meinen Schlangenarmen scheiden,

Von ihrem Druck befreit, von Leid und Leib sich sanft entkleiden!

Da packte michs, ich müßte mich an seiner Sehnsucht weiden.

Ich ließ ihn los und hauchte nun auf seine blassen Lippen.

Wie war das herb, wie fühlte ich ein wonneschwüles Leiden.

Ich rieb und rieb und sah die Röthe zwischen seinen Rippen,

Denn endlich kam das Blut und tilgte seine Schreckensbleiche:

Ich tödtete ein Kind, zum Manne weckt ich nun die Leiche.

Als er erwachte, war ein Abgrund zwischen uns geschaffen.

Wohl half ich ihm, doch blieben wir für immerdar geschieden!

Wir trachteten uns stumm zu neuem Leben aufzuraffen,

Doch unsere scheuen Blicke hatten sich dabei gemieden.

Dann schlich ich aus dem Zelt, in dem der erste Mord geschehen,

Und er lief bald in einen Wald, mir aus dem Weg zu gehen.

Nach Jahren kam er heim in einem selbstgefügten Boote

Und unser Dorf umschlich er scheu, als ob ihm Strafe drohte.

Doch nie empfand ich ihn als Übertreter der Gebote,

Er konnte wiederkommen, doch sein Leben war gebrochen.

Er hatte nie zu einem Weib von süßer Lust gesprochen,

Was ihn umgab, das wollte er zerstören und entschleiern.

Er schuf den Pfeil, um seine Rache auf der Jagd zu feiern.

Es zog sein ganzes Wesen zu den leichengierigen Geiern.

Aus Lust am Rauben hat er kühn ein schlankes Boot gezimmert,

Die letzte Liebe zu der Welt und allen ihren Dingen

Gab ihm die Sucht und Lust in ihr Geheimniß einzudringen. –

Er haßte das Vorhandene, das freudetrunken schimmert:

Er wollte das Bestehende zu anderm Dasein zwingen.

Und hat das Holz geächzt und seine Beute matt gewimmert,

So gab ihm das die Lust, was er begann, ans Ziel zu bringen.

Drum ruf ich stolz, was Ihr erschafft, ist immerdar geschlechtlich,

Was anders käme, wäre freudlos und somit verächtlich.

Die Weiblichkeit ist räthselträchtig, unerforscht und mächtig,

Sie hält ein Stück des Weltgeheimnisses durch Scham verborgen,

Und drum empfangt Ihr auch unwiderstehlich stark und rechtlich,

Aus ihren Armen nur, den jungen Thatendrang am Morgen.

Ihr fühlt Euch einzeln und Ihr sucht Euch allseits zu ergänzen.

Euch macht das Räthsel, das Ihr brünstig sucht, im Weltall Sorgen,

Und das Bewußtsein habt Ihr, weil Gefühle Euch begrenzen.

Als Einzelwesen glaubt Ihr ganz mechanisch an Ergänzung

Der Sinnlichkeit, durchs ewige Eins, das still und unverständlich

Sich tief in allen birgt, weit jenseits allen Daseins Ichumkränzung:

Und Freuden schufen Euch einst thätig, lustbelebt und endlich,

Drum scheinen Euch die Lust und schließlich Welt und Weib verblendlich.

Vom Weibe abseits sucht ein Jeder, von etwas etwas zu erfahren,

Und vom Genusse manches für die Stille zu bewahren.

Wer schwer des Weibes Huld empfängt, wird häufig schwül und bissig

Und wittert in der Welt umher und findet sie bald rissig.

Und der, dem ichs vergällt habe, hat Kräfte überschüssig

Die eigene Welt sich aufzubauen, die Welt mit einem Henkel,

Die Welt in der er Ordnung fand, weil alles eigenschlüssig:

Und zeugt er keine Kinder drin, schafft ihm sein Trachten Enkel!

Und statt im Schamtheil sucht er dann knapp unter ihm im Zwickel

Ein Räthsel, das sich hohl erweist. Doch spreiz ich da die Schenkel,

Geschiehts, damit sich furchtbar stets ein Wonnespiel entwickel.

So bleibt das Weib der Räthselhort! Und könnt Ihrs nicht genießen,

So laßt ihr eine Wollustwelt aus Dreiecken ersprießen.

Seit jenen Tagen hab ich Jünglinge zumeist erkoren,

Da fühlt ich fast das warme Blut den jungen Leib durchstießen:

Hab ihnen Kinder, wie den Männern, schmuck und schlank geboren.

Ich lieb des Jünglings Lächeln nach der ersten Nacht der Liebe,

Und nimmer hats ein Schreck in Kinderzüge eingefroren.

Ich spielte selbst damit und hoffte, daß es lang verbliebe,

Denn selbst des Tags geht solches Lächeln nicht verloren:

Und alles that ich, daß der Freudenschimmer nicht zerstiebe.

Doch jenes letzte Kind, das ich in holder Lust genossen,

Das traurig zu mir kam, als ob ihn grauses Schicksal triebe,

Hat jener dort erdrosselt, ach, hat mir so theures Blut vergossen!

Drum schlagt den Wütherich!! Sagt, weshalb zögern Eure Hiebe?

Erfüllt die Pflicht und martert ihn und peitscht ihn unverdrossen!

Er ist ein Mörder und Ihr peinigt stets die feigen Diebe.

Ja gerne! Selbst wo man bereut! Und jener bleibt verschlossen!«

Doch nun bemerkte jenes Weib ein eigenes Volksgetriebe.

Die Freien und der Henker selbst, mit seinen Spießgenossen,

Vereinten sich zu einem Volk, das seiner Herrin trotzte.

Man drohte dreist und hielt die Mächtige umschlossen

Und sah, wie sie erschreckt, auf ihre Sprossen wüthend glotzte.

Im Augenblicke hatte sich ihr schlichtes Haar geringelt.

Ein Schlangenhaupt erschien dem Volk, das fast mit Frechheit protzte.

Und rasch zerstob der Mob, der dreist das Weib mit Wuth umzüngelt.

Dann rief sie laut: »Nur ich hab jenem Manne Lust gegeben,«

Und hastige zügellose Wuth hat nun aus jedem Wort gezüngelt:

»Mein Haß vermochte hohe, kühne Thaten zu beleben,

Drum bleib ich stolz und Ihr müßt feig und scheu erbeben.

Nun rasch zur Pflicht, jetzt peitscht ihn weiter, und gehorcht aufs Wort,

Entreißt ihm mit Gewalt die letzten Worte vor dem Mord.

Doch nein, sein Todesröcheln, horcht, entgurgelt ihm soeben,

Nun rasch die Axt zur Hand und murkst ihn ab, ich blicke fort!«

Jetzt senkten Ernst und Trauer sich, auf die Gemüther nieder:

Aus Menschenseelen, wie aus Felsenklüften, schien das Schweigen

Als erste Abendahnung schwer und mählig aufzusteigen.

Millionenflügel eines Windes schwirrten hin und wieder.

Die schwülen Hauche senkten müd ihr schlaffes Luftgefieder.

Sie irrten durch den Hain und schliefen ein, auf üppigen Zweigen.

Und alle Aste schienen sich von Luft beschwert zu neigen.

Des Himmels letzte Wolke schwebte nun herab zum Meere.

Sie schien von einer Insel sanft zu sich herabgezogen.

Sie senkte sich wohl selbst, durch ihre eigene Wollustschwere,

Und kam als brünstiger Schwan, aufs üppige Eiland zugeflogen.

Und fern verflüchtigt, senkten sich zwei Wolken thalwärts nieder,

Als wollten sie ihr Liebesthun in dunkler Schlucht verbergen.

Und zum Genusse streckten sie die zarten Schaumesglieder

Gar lange aus, als ob sie überall ein Fiebern bargen.

Die eine hielt die andere fest, in lüsterner Umarmung,

Und ihr Geheimniß wallte auf, bis zu den stummen Bergen.

Und durch die Welt zog nun ein Rausch unendlicher Erbarmung.

Da trat die Königin hervor und sprach zum ganzen Volke:

»Es droht uns Tod und Neid und Streit und seelische Verarmung!

Der Menschheit Frevel liegt auf diesem Strand wie eine Wolke.

Verlaßt das Land, es scheint von einem Alb belastet.

Verscharrt mich hier im Wald und nehmt mich mit in Euren Träumen:

Und träumt von mir und fremden Bäumen, wenn Ihr ferne rastet:

Was Ihr von mir erfaßtet, als Sage laßt es schäumen.

Verlaßt den Strand, aus flotten Booten, hoch und steil bemastet,

Zieht Träumen gleich, auf Schäumen hin, wo Schäume Länder säumen.

Kreuzt selten eine Bucht, da nichts auf Eure Fahrten achtet,

Und zieht der Sonne nach, wenn Euer Sinn nach Fielen trachtet.

Ich selber wähl den Tod und will zur Greisin nicht erfrieren.

Mein goldenes Haar darf seine edle Farbe nicht verlieren.

Ich bin ein Fels, den Abendstrahlen matt mit Gluth verzieren.

Ich bin ein Sagenberg, mit Gold erfüllt und goldumflossen.

Lebt wohl, ich hab genug von holder Sonnenlust genossen.

So legen eigene Kinder mich, als Greise, bald zu Grabe

Und hüllen mich in blonde Flechten ein, die mich umwallen.

Dann ruh ich tief gebettet in der schönsten goldenen Habe:

Denn Gold, nur Gold, wird allseits auf die Glieder niederfallen.

Doch sollt Ihr stets in fernen Herbsten die Mysterien feiern,

Und an die Mutter denken, die nach langem Erdenwallen,

Sich selbst zurück zur Erde sehnte, um in goldenen Flechten

Gar tief zu ruhn, wenn Sänger einst ihr Sagenbild entschleiern.

Ich selber habe aufgehört zu knechten und zu rechten.

Zieht dann umher und singt berauscht, mit laubbekränzten Leiern,

Den Hymnus Eurer MutterErde, der die Saat entsprossen,

Und heut zum letzten Mal, nachdem Ihr meinen Sarg bereits verscharrtet,

Besingt die Erde, der ein reicher Erntestrom entflossen,

Und die bereits die neue Samengluth erwartet.

Belauscht die Sprache, die im Lispelton die Blätter sprechen,

Wenn sie geräuschlos fast von ihren dürren Zweigen fallen.

Belauscht Euch selbst, wenn Schamgefühle aus der Liebe brechen,

Und ein Geheimnißzauber anfängt in Euch aufzuwallen.

Dies ist die Erde. Fürchtet nichts, die gute Muttererde!

Dies ist der Tod, die Stille und die sehnsuchtsreiche Liebe!

Sie schlummern, tief verborgen vor begehrlicher Geberde,

Im Alltag unerkannt, verdrängt von lautem Sonngetriebe:

Doch bricht die Erdmacht vor, so zieht es Euch zurück ins Dunkel!

Was Ihr nur selten fühlt, wird zum Geheimniß Euch, das Lieben!

Was Euch dem Licht entzieht, ja Eures Wesens Lustgefunkel,

Das Sterben ist Euch feindlich und verhängnißdumpf geblieben.

So bleibt denn unbelauscht, wenn Euch die Liebe schwer durchgluthet!

Was Ihr in seltenem Liebesglück Euch gebt, verschließt es innig.

Versenkt es in den Seelengrotten, die Ihr kaum vermuthet,

Und bleibt Euch treu, seid Ihr aus reiner Sehnsucht minnig!

Und wer für Liebe und für Liebesschmerz wie ich verblutet,

Der thut es für ein Räthsel, das voll Schwermuth ist und sinnig!

Die Leiblichkeit des Weltgeheimnisses sind Zucht und Sitte:

Durch Thaten zwingt die Erde uns, es dauernd einzukleiden:

Denn ihre Macht hält zwischen den Bestrebungen die Mitte

Und bleibt sich gleich und zwingt uns stets zum Unterscheiden.

Darum erwägen wir mit Stolz die eigenen Lebensschritte,

Beschließen wir nach freier Art Verworfenes zu vermeiden,

Will sich in uns das herrlichste Geheimniß doch behaupten!

Drum auf! Zu den Mysterien! Zieht im Herbst mit gluthumlaubten,

Verwelkten Zweigen zu den heiligen Grotten der Propheten

Und windet Euch, im Chore, durch die langen sonnbestaubten,

Geweihten Haine, zu den Priesterinnen vor, die beten!

Dort weilen Weiber, die noch nie vom Liebeshauch getrunken

Und keines Mannes Schöfperrausch im eigenen Sein empfunden!

Sie bleiben stets in heiliger Erdenandacht tief versunken

Und halten sich mit ihrem eigenen Räthsel eng verbunden.

In Dampf gehüllt wird aller Weiber SonnenIch gebändigt:

Und manche kann dabei, betäubt, Empfundenes dumpf bekunden,

Wovon die innere Erdbestimmtheit sie im Traum verständigt.

Doch wird der Erdenräthsel urgewaltige Vollerfüllung

Durch Euer keusches Thun und Lieben allerzeit beendigt,

Und dem, was sich erfordert, gebt Ihr stündlich die Umhüllung!

Du erderwünschtes Zögern, edle Sprödigkeit des Weibes,

Du wahrst und förderst das Geheimniß unserer Seele,

Dem Sinn entrückt, wirkt Muttererde in der Frucht des Leibes:

Ihr nah zu treten, fühlst Du fast als Schmach und Fehle,

Denn heilig ist die Scham und sie verwirklicht Zuchtbefehle!«

Als nun der Abend seine Purpurdecken niedersenkte,

Und dann der Tag, mit blutigem Schatten, wie zum Abschied, schwenkte,

Da ließ die Herrin einen großen Löwen vor sich führen,

Den ihr, vor kurzem erst, ein mächtiger Nachbarkönig schenkte.

Sie ließ des Thieres Leib mit Stricken fest umschnüren:

Und sieben Männern nur gelangs, den Auftrag auszuführen.

Dann sprach das Weib: »Jetzt will ich meine letzte Lust verspüren!

Ich mag aus freier Wahl den kühnsten Sühnentod erküren:

Nun bindet mich auf dieses Thieres holdgeschmeidigen Rücken.

Sein goldener Leib wird meine weiche Nacktheit noch beglücken:

Dann sprengt die Löwenfessel, laßt uns Klüfte überbrücken

Und seine Wildheit wird uns Euren Blicken rasch entrücken.

Stecht ihm zuerst, mit einem Schwert, in seine fleischigen Lenden,

Der Katze Wuth zu steigern und die Todesqual zu kürzen:

Dann werden wir zusammen bald in einer Kluft verenden,

Denn schmerzzerfleischt wird diese Bestie jäh von einem Felsen stürzen.

Ich bin ein Sturm und will die letzte Wucht und Wuth verschwenden!

Seht dort die Wolken, die um spitze Felsenkegel fegen,

Wo Winde ihre Horste baun, sich drin zur Rast zu legen.

Soll da ein Sturmbraus keine Lust an seinem Ende haben!

Wohl doch! Seht, ich berausch mich an den letzten Flügelschlägen!

Wo Ihr mich finden werdet, sollt Ihr mich sogleich begraben,

Damit ich mich in meine Ewigkeit hinüber dehne:

Im Goldhaar ich, die Rachekatze aber mit der Mähne.

Nun hört auch, welches Wesen ich in diesem Thiere wähne.

Erschaut das giftige Gefunkel seiner Stachelblicke,

Oft scheint sein Fieberauge eine haßdurchblitzte Thräne,

Dem Seelengroll entquoll, und nun durchzuckt es grüne Tücke.

Ein Unheilstern der Menschheit sträubte diese Sonnenmähne:

Drum ruh ich bald auf meines Feindes wuchtigem Genicke

Und menge wollustvoll die beiden Flammendiademe

Und stemm mich auf und krall mich fest, im letzten Schreckensglücke,

Und warte, daß der Tod uns grauenvoll entgegen gähne.

Oh Menschen, als Ihr einst den Wald durchwandelnd einwärts drängtet,

Da ließ die Wildniß Euch am Wege süße Beeren finden.

Als Ihr Euch haufenweise durchs Gestrüppe vorwärts zwängtet

Und hohe Bäume furchtlos fälltet, um Euch durchzuwinden,

Da fandet Ihr die Stacheln neben saftgeschwellten Beeren.

Und als Ihr boshaft Eure Schritte durch den Urwald lenktet,

Da mußte der, zum Schutz, die Schlangenbrut gebaren.

Und als Ihr Wälder dann, aus argem Trutz, versengtet,

Da sollten giftige Flammen Euren Weg im Wald durchqueren.

Sie huschten nachts aus Tümpeln, wo Ihr Euch des Tages tränktet,

Wie Feuerfrösche, schnell hervor, den Marsch Euch zu erschweren.

Ihr fiebertet bereits, als Ihr am Wege abseits schwenktet,

Dem Tod entgegen taumelnd hinter falschen Flammenheeren.

Und wo Ihr Eure Glieder nicht aus Schmerzensqual verrenktet,

[Denn Fieber kamen, Eure Dörfer gräßlich zu verheeren]

Ertrankt Ihr oft, wo Ihr das Wollen in den Wald versenktet,

Im Schlamme, der sich aufgehäuft vor Eurem Sonnbegehren!

Und weiter zogt Ihr, ob Ihr Euch auch martertet und kränktet,

Bis Euch die Wildheit selbst entgegen sprang, um sich zu wehren:

Der Wildniß Wucht und Wuth mit einem Katzensatze zu entleeren.

Ihr Menschen, das Mysterium müßt Ihr aus dem Walde locken!

Es rankt sich, Epheuschlangen gleich, empor an stolzen Stämmen.

Es krampft sich einwärts in die letzten, splitterspröden Brocken.

Es wühlt sich aus der Fäulniß vor, ersproßt in bunten Schwämmen.

Es scheint der Viper gleich, in welkem Laub und Busch zu hocken

Und trachtet überall sein giftiges Sein hervorzuklemmen.

Und muß der Bäume Saft in frischen Stümpfen plötzlich stocken,

So seht Ihr Pilze bald die Waldeslichtung überschwemmen!

Doch zieht es an, das schreckliche Geheimniß wilder Wälder!

Erkennt im Wald des Schädlichen und Bösen giftige Keime:

Erfaßt und hegt in Euch die ersten kindlichen Vermelder,

Von inneren Reuelauten. Jedes Mißtons Echoreime,

Giebt Euch die Seele ganz empfindungsklar von innen wieder:

Oft sind es Laute nur, oft unbezwingbar wilde Lieder!

Ein Sang, ein Lebenshauch durchrauschte sanft mein Lebenswallen

Und ward ein Wind und wehte scharf um jede Lebenswende.

Doch endlich schlief er ein in meiner Seele Waldeshallen:

Doch diesmal ists ein Sturm, sein Echo werfen alle Wände

Gar tief in mich zurück, die Stimmen können nicht zerprallen

Und rufen laut in mir nach einem kühnen Sühnungsende:

Drum kommt! Ihr müßt mich rasch auf dieses Löwen Rücken schnallen!«

Gar hurtig regten sich der jungen Sklaven blutige Hände,

Die nun den Löwen knebelten. Und Blut, vermischt mit Geifer,

Entträufelte den Lefzen dieser Katze, die behende,

Sich ihrer Peinigerschaar erwehrte, die mit wildem Eifer

Nun ihre Herrin auf des Löwen Rücken band und schnürte.

Und noch bevor das Weib die Ohnmacht seiner Glieder spürte,

Da es, die Katze wild umhalsend, seine Arme rührte,

Entsprang das schöne Thier, das seine Königin entführte.

Wieder kam die Welt ins Schwanken!

Berge stürzten jählings ein:

Und das Bersten aller Schranken

Nahm der Mensch in Augenschein.

Auf den Inseln, die versanken,

Konnten Völker schon gedeihn:

Doch als Mensch und Thier ertranken,

Wurden sie noch handgemein.

Denn, dem Tode sich entraffen,

Dies nur galt und wirkte jetzt.

Gar kein Wesen konnt erschlaffen:

Angst hat rasch die Kraft ersetzt.

Magre Hälse der Giraffen

Würgten Schlangen, fluthbenetzt,

Und den wildbehenden Affen

Haben Menschen nachgehetzt.

Weg von seinen eigenen Jungen

Flog nun selbst der Pelikan.

Haß und angst und kraftverschlungen,

Fletschten sich die Bestien an.

Alle hat der Tod bezwungen,

Wo die große Fluth begann:

Lauernd war sie aufgesprungen,

Plätschernd schlich sie sich heran!

Ärger war es, wo sie zagend

Vorgedrängt, von Fern genaht:

Als wo Berge, himmelragend,

Nieder sausten auf die Saat

Junger Wesen, die fast fragend,

Aufgeblickt zum Felsengrat,

Der, sie alle rasch erschlagend,

Jeden Sonnenkeim zertrat.

Schrecklich sahn sich Menschenfratzen

Dumpf vergurgeln in der Fluth:

Eng verkrallt mit wilden Katzen

Sträubte Mancher sich mit Muth.

Andere, aufgebläht zum Platzen,

Bargen lang noch Lebensgluth:

Und das Wasser schien zu schmatzen,

Ganz durchschwelgt von Aas und Blut!

Bild und haltlos war die Eule

Schon als erster Vogel schlapp;

Schlangen reckten sich als Säule,

Hoch empor am letzten Kap.

Andere stürzten dumpf als Knäule,

Oft mit Tigern jäh herab,

Und es schien, daß im Geheule

Alles hörbar Athem schnapp.

Wie ein grauses Angstgequake

Halbverreckter Krötenbrut

Scholls aus der Kadaverlake,

Und noch immer schwoll die Fluth.

Gurgelnd trug die Aaskloake

Der Ersoffenen Erdtribut,

Als ein gelber Wasserkrake,

Dumpf in sich hinab, voll Wuth!

Riesenschlangen, Büffeltruppen,

Barsten rings, in sich verkrampft.

Gräßlich waren auch die Gruppen,

Wo die Lurche, hufzerstampft,

Auf den letzten Lebenskuppen

Ziegenheerden, starr und sanft,

Würgten: und dort haben Suppen

Schwüler Fäulniß aufgedampft.

Und es war beim Knäulverzucken

Allerlei hineingeklemmt,

Zwischen Bären eingestemmt,

Sah man Menschen drinnen hucken.

Und die Fluth hat beim Verschlucken

Geil mit Mensch und Vieh geschlemmt:

Doch sie hat beim Leichenspucken

Bäuche nur zurückgeschwemmt.

In einem Land, das von der Fluth fast unberührt geblieben,

Begann der Boden sich auf einmal bebend zu verschieben:

Das Meer hat hohe Wasserhosen an den Strand getrieben,

Die bald beim Sturm zu Brandungsschaum und Wirbelgischt zerstieben.

Da drang der Druck der großen Fluth herbei mit grausem Blitzen:

Ein Sturmrausch wars, ein Sausebraus, beschwert mit Hagelschauer,

Als wollte sich sein Nebelrumpf zerreißen und zerfitzen.

So stürzte er am Weltenmeer, auf wilder Dauerlauer,

Als Riesenwirbel hin und her und wurde immer dichter

Und riß auch manches Felsenriff hinab in seinen Trichter.

Da wälzte sich in einem Ruck ein Sturmstumpf mit Gebrüllt,

Vom Trubelkessel wuchtig los und trug, in schwarzen Hüllen,

Gar furchtbare Gewitterlust und schlug die Mutterfülle,

Als junge Stürme, keuchend los; da stürzten die, wie Füllen,

Dem Braus mit Windgewieher nach: und alles tanzte, tollte

Mit Wirbellust in sich zurück, als ob es sich verschlingen wollte.

Und Dünste schlürfend wuchs der Sturm noch immermehr, am Ozean,

Und raste dann mit einemmal dahin als fahndender Orkan.

Wahrscheinlich zog das Abendland ihn plötzlich mächtig an:

Er wallte, wogte hin zum Land, bis er den schwanken Strand gewann.

Und Schaum und Gischt und Fluth und Nacht erklommen Riesenhänge.

Der Mittag war in Sturm gehüllt. Die See entsprang den Ufern.

Weiß übergischtet war der Fels in steiler Meilenlange.

Das Meer hat stürmisch aufgejauchzt, als wärs von tausend Rufern:

Und Schlamm und Dunkel mischten sich zu wirbelndem Gedränge.

Die Schlacken zuckten blitzend auf, wie unter Sonnenhufern:

Da wars, als ob ein Rhythmentanz die Wildheit fast verschlänge,

Als trüge Fluth, beim Lebenssturm, als Mähne Gischtbehänge.

Und wieder donnerte am Meer ein anderes Ungeheuer,

Noch manche dunkle Ungeburt, aus dunstbezwungenem Feuer,

Zerschlug verblitzend, dort am Strand: und klarere Orkane

Entschlangen sich dem Wirbelherd und landeten am Strande.

Es war, als ob ein Walten sich auf einmal wieder ahne:

Denn peitschten Winde Kämme auf, dort hart am Strandesrande,

So waren sie im Trab davon, als ob sich eine Karawane,

Da stracks, am starren Lavahang, den Weg ins Dasein bahne!

Der Strand erklang, da Sturmeshast das ganze Land durchfegte,

Und allerseits dem Trubel sich, der Hang entgegenregte.

Ein Armenacker, Beingerank, das Gott von Rümpfen sägte,

Rang lavastarr nach Daseinsform und schwankte, ob es wägte,

Nach welcher Art, am freiesten, den neuen Leib zu fügen!

Das Erderbeben schnellte nun, aus tiefen Wirbelzügen,

Die erdenbrache Kreiskraft auf, der Lebenshast entgegen,

Und langsam schien ein Massenkrampf sich wirklich zu bewegen.

Und Sturm und Wogen klommen jäh empor auf Lavahängen.

Und Lustsuchtwucht und Ursprungsqual erstürmten starre Riffe.

Die Blitze mußten Dunst und Nacht mit einemmal zersprengen:

Ganz athemlos kam ein Orkan, als ob er seinwärts griffe,

Auf Wellenschimmeln gleich daher. Und alles drang nach oben.

Und immer wuchtiger erscholl das hohe Brandungstoben.

Und stöhnend, schnaubend, schlug die Fluth nun aufwärts über Klippen.

Und ächzend, wiehernd brach der Wind sich rings an scharfen Kanten.

Und dröhnend, knarrend fügte sich der Fels zu Knochenrippen.

Und pfauchend raste der Orkan, der plötzlich leibhaft rannte,

Dahin, am schwanken Lavafeld. Schon ward er eine Heerde!

Und gruppenweise stürzten sich ins Dasein wilde Pferde.

Und Schimmeltruppen schlugen toll den Blitz aus Lavakanten.

Und Rappen trabten, wo das Land im Augenblick erstarrte:

Da Schwankheit und Verzogenheit sich rasch in schlanke Leiber wandten.

Der Erdfels starrte, den, im Nu, der Rossetroß durchscharrte.

Und auch der wilde Wind verschwand. Der Sturm war abgebrochen!

Sein Rhythmus nur ward fortgeschnellt, als Herz und Lungenpochen.

Der Dunst umschwoll das Felsgestell aus festgefügten Knochen.

Und immer kam noch, fern am Meer, die Lavafluth gekrochen.

Die Wogen bäumten sich empor. Fast waren sie schon Rosse!

Es schien, als ob beim Brandungssatz, der See ein Sein entsprosse!

Und Pferdphantome, gischtbewehrt, entsausteu schon den Wellen.

Festleiblich ward ihr Luftgebild. Zum Hufe ward die Flosse.

Die Nüstern witterten voraus. Und eilig wie Gazellen,

Sah sich der ganze Rossetroß, jählings ins Leben schnellen.

Sie streckten ihre Hälse vor, wie einstmals die Giraffen:

Doch waren sie zu bärenplump und stürzten ihren Formen nach:

Beim Rasen ihre Leiblichkeit zu haschen, zu erraffen,

Wobei sich manches Roß sogleich die sprödgefügten Glieder brach.

Von Schimmeln wimmelte das Feld. Den Stuten und den Hengsten

Lief wiehernd manches Füllen nach und rief sie schon mit Ängsten,

Als suhlte es, beim Sturmgebraus, nicht rasch genug im Lauf zu sein.

Die Hengste sprengten mitten durch. Sie hielten sich am längsten.

Sie strengten sich oft gräßlich an und stürzten über Roß und Stein.

Sie drängten sich behende vor, und wo der Knäul am engsten,

Da warfen sie sich brunsterfüllt auf hurtige Mutterstuten

Und mußten meistens, hufzerstampft, am Boden dann verbluten.

Es konnten Rosse nun, im Trab, das Kap rasch überfluthen.

Ihr Blick war voller Kampfbegier. Sie lugten immer weiter:

Doch blitzten aus dem Seelenschlund, fast menschlich gute Fluchen

Und überglühten fast die Wuth, oft perlensanft und heiter.

Denn Räthsel würgten sich empor, die tief verborgen ruhten,

Und plötzlich wieherte ein Roß, als rief es seinen Reiter.

Doch ganze Heerden rasten vor. Sie wollten sich blos sputen.

Die Funken blitzten hell empor. Dies ward ein Jagdgewitter:

Denn abgestaut schien selbst der Wind, durch sonniges Gezitter,

Und Schweif und Mahnen sprühten jetzt, von Schweiß benetzt wie Flitter.

So stoß denn holdes Sonnengold aufs stolze, hohe Kap herab.

Und kataraktrasch sprang die Fluth jäh aufwärts über Klippen.

Der Lavastrand hat ausgebebt und dröhnte unterm Rossetrab:

Denn der hat jetzt den Gau belebt und trug in sich das Wippen.

Da schlug die innere Hast den Trupp bis hin zum Abendrande.

Und vorgewälzt und rings umdrängt, entschloß der Troß der Rosse

Sich rasch zum kühnen Todessatz und sprang am andern Strande

Ins schwanke, kalte Naß herab. Wie wuchtige Geschosse,

Entstürzte nun, mit toller Wuth, dem Strand die Pferdeheerde:

Und wieder gab dem Wogenmeer, was sie empfing, die Erde!

Und tausend über Tausende von Rossen wankten nieder

Und brachen sich beim Sprung sofort die kaum verkrallten Glieder.

Und immer größer war der Schub: je mehr im Meer ertranken,

Um destomehr erkrampften sich ihr Sein am andern Strande.

Sie klommen durch den Wogenprall, entsprangen Brandungspranken:

Und wild umkraust von Mähnengischt, sah man sie einwärts dampfen,

Und mit den Hufen, blitzhaft rasch, das Lavaland zerstampfen.

Im Nu belegte Stutenbrut, verfolgt von jungen Füllen,

Durchschwamm nun eine Ruhebucht, um da aufs Land zu springen.

So sollte sich die Ursprungswucht, durch Zufallslust, erfüllen,

Und unserer Wieherthiere Wurf nun unbedingt gelingen.

Und immer tiefer drin im Meer ward jeder Ruck zum Roß:

Und was am Wasser aufgetaucht, das ward gar rasch ein Wogensproß:

Und schwamm da lang als schwammiger Hengst, bevor er aufwärts schoß,

Und durch den heftigen Brandungssprung, sich fest in Formen goß:

Wo alles sich so wunderbar zu tieferfaßter Fügung schloß.

Von Wasserrossen so verfolgt, durchschnaubten stets die Pferde

Den schlackenstarren Lavaplan und fahndeten hinüber

Und rasten durch das brache Land und fühlten nie Beschwerde

Und stürzten dann, nach langer Hast, am andern Strand kopfüber,

Zurück, hinab ins Wassergrab, wo sie beim Satz ertranken.

Und andere trabten ihnen nach, vom Meer empor, zum Meer zurück:

Und sanken abermals ins Nichts: nurs Land kam aus dem Schwanken:

Doch rasch verschnaubte jedes Pferd: sie stürzten alle, Stück für Stück,

Hinab in einen Trubelschlund: die See hat sie verschlungen:

Und andre sind, trotz Todesritt, noch immer nachgedrungen.

Durch Schlucht und Schlund brach jäh der Sturm:

Er brauste lang am grauen Meer

Und schleppte seinen Trubelthurm,

Aus Schlamm und Wasser, hin und her.

Nun drang er zwischen Bergen ein

Und wälzte trockenen Lehm bergauf:

Er schien ein Bau, aus Staub und Stein,

Und rauchte aus dem Wirbelknauf.

Er stürzte sich, durch Fels und Schlucht,

Wo alles noch gebebt, gezuckt:

Und unten ward die dumpfe Wucht

Von manchem runden Schlund verschluckt.

Dort zuckte oft ein rothes Roß,

Im schauerlichem Todeskrampf.

Das Blut, das aus den Nüstern stoß,

Ward schwüler, dicker Lakendampf.

Die Würmer zehrten schon vom Fett:

Und als der Sturm daher gebraust,

Erweckte er das Pferdskelett,

Das halb verreckt war und verlaust.

Dies war vielleicht der letzte Rest

Vom herrlich freien ersten Ritt.

Was klein blieb, ward herabgepreßt,

Das Starte stürzte strandwärts mit.

Jetzt reckte manches Pferd den Hals

Und zerrte sich aus Dreck und Staub.

So ward der Zweck des Weltenfalls

Ein eiliger Bewegungsraub.

Die Rotte schlotterte noch lang:

Doch schwankte auch das Lavaland;

So schleppte sie, mit gradem Gang,

Sich langsam fort, durch Staub und Sand.

Am Boden lag ein Leiberstumpf:

Durch Wüstenwolken, fast verdeckt,

Vielleicht ein Rest vom Krakenrumpf,

Der sich als Menschen aufgereckt.

Die Rosse schnüffelten aus Durst,

In Fleisch herum und Menschgebein:

Da regte sich die Leiberwurst

Und biß sich in die Zitzen ein.

Es wieherten die Mähren laut

Und schleppten einzeln Menschen mit:

Und was sich da zu Haus gestaut,

Ward zuckender, bei jedem Schritt.

Beschwert durch solche Körperlast,

Die es nicht mehr von sich gewälzt,

Sank manches Roß. Doch halsumfaßt,

Trugs Reiter, die sich draufgesetzt.

Und Weiber, Kinder schleppten sich

Mit Pferden fort, am Bauch und drauf.

Und als das Bodenbeben wich

Kam alles bald in raschen Lauf.

Voll Schmerz und Müh ward fortgestampft.

Die Kraft kam nun vom Sturmwuchtbruch.

Und Mensch und Pferd in sich verkrampft

Entgurgelte ihr Ursprungsspruch. –

Es schreckt mich die Wüste, die rings sich entrollt:

Sie zeigt mir kein Ende im flimmernden Gold.

Die Sonne blickt traurig, als dunkler Opal,

Auf blendende Felsen, wie starrende Qual.

Es schweigen die Winde, von Hitze erstickt:

Da zeigen sich Wirbel, zu Wolken verdickt.

Sie treiben am Sande spiralisch umher,

Verschwinden auf einmal und werden bald mehr,

Durchstauben die Ebene, umkreisen den Grat,

Da scheint mir der Plan ein bewegter Achat.

Sie kommen mir naher. Ich athme den Staub.

Ich hör kein Gesause: ich wähne mich taub.

Da stampft schon im Sande ein Volksstamm vorbei:

Auf bräunlichen Pferden durchsprengt eine Reih

Verrunzelter Reiter mein sichtbares Feld.

Ich seh, wie sich jeder da sattelfrei halt.

Es kommen auch Weiber und grinsen mich an:

Sie folgen auf Gäulen, mit Kindern, dem Mann.

Es fletscht mit den Zahnen manch zwerghafter Wicht.

Sie scheinen mir Schemen: ist das ein Gesicht?

Mein Geist ist gespenstig, doch die sind aus Fleisch!

Nun hör ich auch deutlich ihr Gurgelgekreisch.

Es ist das der Hyksos berittenes Volk!

Ich fand ihre Truppspur, damit ich ihr folg.

Ich merk mir den Sturmschwarm aus Räubern und Staub,

Das Wüstengewitter, das Lichtheer auf Raub:

»Ein gelblicher Zwergstamm mit Weib und mit Kind,

Durchstreift die Sahara, gewandt und geschwind.

Auf braunen Arabern erreicht er den Nil

Und kommt und verschwindet und bleibt ohne Ziel!«

Nun seh ich auf einmal durch lebende Zinnen

Ein Schlackengeschwanke in wirbelnder Pein.

Dort mag wohl die Lava zu Formen gerinnen,

Und Flammen entwallen dem Brockengestein.

Es sträubt sich und wehrt sich der Schlundgrund dort drinnen,

Als wollte er stocken und tanzmunter sein:

Verzerrt und verzogen erhebt er sich zuckend

Und gluthrothe Qualme umsprühn ihn ringsum.

Und Schluckten, fast trubeldumpf Garben verschluckend,

Durchbuchtet ein dunkles und dumpfes Gebrumm:

Und Menschen, auf stilleren Felsspitzen huckend,

Begaffen das Schauspiel verwundert und stumm.

Der Felskessel hebt sich. Er bebt und verschwindet.

Der Krampf, den die Lava erstarrend verlor,

Wird leibhaft: und plötzlich empfindet

Ein Rumpf innere Gluth, da sein Umkreis erfror.

Jetzt lechzen die letzten Gluhtzünglein nach Leben.

Die Rachen am Brachplan sind glattstarr verkrallt.

Verschrumpft sind die Zacken. Zerzuckt ihr Erbeben:

Nun reißt jene Bestie empor mit Gewalt.

Sie laßt sich vom Felsgrat urplötzlich erheben.

Doch macht schon ihr Sockelblock überrascht Halt

Und schnellt nun den Urur empor auf die Beine.

Da steht er gewaltig. Gefühllos! Und bockt,

Als scheute er immer noch blutige Scheine,

Die rings aus dem Brockengemäuer gestockt.

Da klettern zum Apis, im Brudervereine,

Die Menschen, die rings die Geburtskluft umhockt.

Ich fühle mich selber hinübergerissen.

Ich folge dem Volk, das den Numen erkennt.

Auf einmal ist alles erregt und beflissen.

Ich seh mich im Schwarm, der die Zinne berennt.

Und wieder bewegen sich Felsenkulissen.

Doch brüllt nun der Stier für das Wuthelement!

Ein Kreisen von Bergen, von rasselnden Graten,

Ein Felsengewirbel entschleudert uns jetzt.

Die Erde scheint schrecklich in Schwung zu geraten:

Wir stehn auf der Platte und werden versetzt.

Vom Stamm, der bestimmt ist zu herrlichen Thaten,

Wird niemand beim großen Ereigniß verletzt!

»Wir rufen Dich, Isis, geschwängert im Bauche

Der Mutter, vom Bruder, Osiris dem Gott,

Entraff uns den Klüften, dem Schwefel, dem Rauche!

Sei huldvoll dem Volk, das um Apis sich rott!

Wir werden Dich ehren nach heiligem Brauche:

Dir nahe kein Feind mit verwegenem Spott! « – – –

Nun plötzlich verrammt sich die riesige Schraube.

Die Hose aus Kegeln und Gipfeln beharrt.

Verstummt ist das Dröhnen und Rasselgeschnaube.

Hat alles zurück in die Angeln geknarrt!

Es schützt uns die Erde. Es hilft uns der Glaube.

Kein einziger Mensch ward beim Bergruck verscharrt.

Oh Nilthal, Ägypten, du bist uns beschieden!

Wir steigen vom Sinai ekstatisch herab:

Dort schirme die Wüste ihr Zuchtreich in Frieden.

Es brüllt schon der Apis, beim zottigen Trab!

Bald baun wir ihm Tempel und Felspyramiden,

So steil wie der Sinai, das rettende Kap!

Wir wollen Dich ehren, Gebirge der Erde:

Du trugst uns aus Westen im Fluge herbei!

Wir folgten dem Apis. Wir sind seine Heerde.

Wir glauben an Isis, befruchtet im Ei

Ihrer Mutter vom Bruder, als Hort ewiger Herde:

Oh Isis, Du inbrunstgewaltiger Schrei!

Das Ra Drama

Die Pyramide

»Verwegener was willst Du?

Was peitscht Dich aus der Ruh?!«

Erscholls in meinen Träumen,

Als jähbewußter Schrei.

»Ich kann Dich nimmer zäumen,

Du Lichtbrunst schön und frei.

Ihr Wünsche zu erfahren,

Euch schnellt ein Sonngeheiß,

Die Lust am Faßbarklaren,

Empor zum Bild von Sais!«

Dies hab ich rasch gestammelt,

Als ich Ägyptens Ra,

Vor Tempeln traumverrammelt,

In heiliger Würde sah.

Das Volk war rings versammelt.

Da schien es mir beinah,

Als trügen jene Schaaren

In sich den Urbeweis

Der Kraft des Sonnenwahren

Bis vor das Bild zu Sais.

Dort hockten stumme Beter.

Da drang, nach Art und Weis

Der Krieger, ein Trompeter

Hervor aus einem Kreis

Ekstatisch krampfverdrehter

Erleuchteter von Sais!

Er blies und rief: »Für Väter

Der Gaue schafft ein Gleis,

Ihr andern folgt erst später:

Der erste sei ein Greis!«

Ich aber rief: »Wo geht er?

Daß er um keinen Preis

Vor mir, dem Lichtvertreter,

Den Schleiertand zerreiß?«

Nun hört ich ein Gezeter.

Es heulte das Geschmeiß

Der Weiber, Missethäter,

Besessener zu Sais.

Da lag das Pack in Krämpfen.

Ein Knäul von nacktem Fleisch!

Um Wuth und Brunst zu dampfen,

Schrie Ra durch das Gekreisch;

»Das Heil will Ich erkämpfen:

Verstummt, da ichs erheisch!«

Doch brüllten Weiber, Kinder,

Jetzt stärker und zu Fleiß.

Und Bauern trieben Rinder,

Mit Peitschen, in den Kreis.

Und riefen: »Schmerzverwinder,

Wann hilfst Du uns zu Sais?

Was soll mir Pein und Mühe,

Was Plage, Drangsal, Schweiß,

Zerstampfen Stier und Kühe,

Das eigene Weib, als Geis,

Wenn ich in Fieber glühe,

Am Feld, das junge Reis!«

»Es sollt Ihr armen Bauern,

Versammelt hier zu Sais,

Im Traume nicht erschauern,«

Rief Ra: »Und zum Beweis,

Begründ ich vor Beschauern

Was stets RaArbeit heiß.

Die wird Euch überdauern:

Ihr gebt mir nur den Gneis:

Ein Werk daraus zu mauern,

Wie ich allein es weiß!

Kein Volk wird es betrauern:

Der Welt vermach ich Sais!«

»Wir werden schmähen, keifen,

Bis Du uns nicht erhörst,

Uns fest darauf versteifen,

Daß Du den Alb zerstörst,

Und jammernd Sais umschweifen,

Bis Du den Spuk beschwörst!

Wir schließen einen Reifen,

Und wenn Du Dich empörst,

So wird man sich vergreifen,

Weil Du das Land bethörst.

Versuch nicht zu entkneifen,

Da Du den Strauß verlörst!«

So schrie beim Stadtumstreifen,

Ägyptens Volk vor Sais.

Dies ward ein Johlen, Pfeifen,

Ein wüthendes Gekreisch.

Selbst Kinder sah man kneifen,

Zur Stärkung ihres Schreis.

»Ihr seid zu viele Bauern.

Ich schaff den Priesterstand.

Wenn Träume Euch belauern,

Entschüttelt sie durch Sang

Und gebt mit Felsbehauern,

In einer Riesenwand,

Tief zwischen Felsenmauern,

Dem Schreckgesicht Bestand!«

Dies hatte Ra verkündet!

Wo man sich schlug und wand,

Da war sein Kult begründet,

Im nilgeborenen Land.

Da hat den Glaubensbrand

Wo still der Schlammstuß mündet,

Die Sprache Ras entzündet,

Gott schaffend, gottgesandt!

»Die Widder kommen nächtlich,

Als Spuk in unsern Gau.

Die Zahl ist gar beträchtlich,

Wir sehn sie ganz genau,

Stumm sehn sie und verächtlich

Auf uns, in unserer Au,

Und scheinen unanfechtlich

Bis spät im Morgengrau:

Drum sperr Du sie bedächtlich

Des Nachts in ihr Verhau!«

So rief man: »Ist es rechtlich,

Daß eine große Sau

Mit Ferkeln, mitternächtlich,

In unserm Kürbisbau

Gefräßig und geschlechtlich

Am Dasein sich erbau?«

So mischten mit Emphase

Sich Andere ins Geschwätz:

»Bei uns ist es der Hase,

Der wider das Gesetz,«

Schrie plötzlich eine Blase:

»Uns plagt. Und wie ich schätz,

Frißt er den Kohl im Grase,

Wenn je ich solchen setz!«

»Kein Alb soll Euch entsetzen,

Daß man sich drauf verlaß,

Ich kann ihn grabwärts hetzen!«

Rief Ra begeisterungsblaß;

»Nach seinen Lebensplätzen,

Sucht traumgrau, voller Haß,

Was Ihr mit Axt und Netzen,

Und ohne Unterlaß,

Getrachtet zu verletzen!

Drum zieht nunmehr fürbaß,

Das Thierbild beizusetzen,

Im eigenen Nachtgelaß!«

»Kein Reiher läßt sich fassen,

Wenn ich im Schlaf mich wetz!

Des ganzen Gaues Sassen

Verstricken sich im Netz,

Wo Vögel früh verblassen,

Ob sie das Licht verletz:

Drum sag, wie man Grimassen

Der Nacht sich widersetz?!«

So riefen die Erwerber

Der Landschaft hart am Nil. –

»Und uns umrauscht der Sperber,

Wir tödteten zuviel.

Wir wurden Jagdverderber,

Weils Morden uns gefiel.

Kein Landvolk hauste herber,

Beim grausen Jägerspiel!«

So rief ein starker, derber

Gaustamm mit Aarprofil;

»Jetzt sind wir Rangbewerber,

Mit Hohenpriesterziel:

Sind wir einst Machterwerber,

Bleibt doch der Stand servil!«

Da rief der Kraftverleiher,

Ägyptens Ra: »So seis,

Oh Sperbergau, Du freier,

So komm, ich überweis

Dir Macht und Schutz vom Schleier

Der Gottgewalt zu Sais.

Euch Priester, Prophezeiher,

Euch Wissende umkreis

Der Sperber heiliger Weiher,

Als Sohn des SonnenEis:

Am Mittag aber, sei er

Euch Sinnbild, Hort und Preis!

Ich will, daß man ihn feier,

Verehr und monatweis,

Als Sohn vom Lebensfreier,

Von Ra, der Urkraft, preis!

Ihr Andern kriegt den Reiher,

Und was Euch quält, die Geis.

Die Hasen, Storch und Geier,

Gewährt Euch wechselweis

Mein Gau und Gotteinweiher:

Auch Träger des Geweihs

Bekommt Ihr Bauern, Meier,

Nach Schreck und Zweck zu Sais!«

Nun heulten Männer, Weiber:

»Oh Herr, ein böses Thier

Ist unser Ruhvertreiber!

Doch sind wir alle hier,

Gesellen, Weber, Schreiber

Und flehen fromm zu Dir:

Oh, heile Seelen, Leiber

Vor der Dämonengier!

Wir sind nicht Übertreiber!

Doch glaub, ein Albvampyr

Ist jener Nachtdurchbleiber

In unserm Schlafquartier,

Wir spüren nur den Schrecken,

Wir fühlen einen Druck

Und können uns nicht recken,

So bleischwer wiegt der Spuk.

Ein Sarg will uns bedecken,

Da kann kein Stoß und Ruck

Der Sklaven uns erwecken,

Da ist es, als verschluck

Ein Würgerschlaf, in Sacken,

Den Rumpf, daß er verzuck!«

»Das sind die Todtenlehren!«

Rief Ra gedankenschwer:

»Verstorbene begehren

Die Sonnenwiederkehr.

Sie wollen Euch beschweren:

Begrenzen Euch stets mehr,

Zurück zu sich, zu kehren:

Was langsam im Verkehr

Sich ändern kann, verzehren:

Denn bleibt Ihr wie bisher

Und haltet Ihr in Ehren,

Was heilig ist und hehr,

So könnt Ihr fort Euch wehren:

In ewiger Todeswehr

Wird jung sich das gebären,

Was nie den Stamm versehr,

Dann taucht Ihr in der Rasse,

Als Form, die stets sich gleicht,

Und werdend nur erfasse,

Was ihr die Urform reicht,

Als ewiger Hintersasse,

Empor, wo Gleiches weicht!

Und solche Völkermasse

Erzeugt sich straks und leicht:

Denn, daß Bewehrtes passe,

Bleibt überrall erreicht.

Kein Krieg, geschürt vom Hasse,

Der, bildend, Euch durchschleicht,

Erzwingt sich eine Gasse,

Die Jungformen umdeicht.

So horcht auf Eurer Ahnen

Sichselbsterhaltungsschrei,

Friedförderliches Mahnen

Und Schlafaufwiegelei:

Beschreitet ihre Bahnen,

Macht Euch vom Albdruck frei!

Der Kultus, den wir planen,

Verlängert Eure Reih

Zu Lebenskarawanen

Im Schutz der Wüstenei.

Verbleibt beim Gutgethanen,

Aus Ahnenschwärmerei,

Und steht als Unterthanen

Den RaErstarkern bei!«

So sprach der Gott, da brachte

Ein junger Menschenbund,

In dem der Kult erwachte,

Ein Unthier groß und rund,

Aus einem tiefen Schachte

Vom Fels herab zum Sund.

Beim Tragen überdachte

Sein Rumpf die Männer und

Der Eindruck, den er machte,

War wunderlich und bunt.

Man trug den Unhold sachte

Und gab den Leuten kund,

Dies sei ein Gott und schmachte

Nach Kult am Erdenrund.

Man rief, er übernachte,

Verschrumpft am Grottengrund,

Und wenn auch todt, so trachte

Der hohle, heilige Fund,

Daß ihn der Mensch betrachte!

Trotz Bauch und Leberschwund,

Empfehl es sich, man schlachte,

Für den bezahnten Schlund,

Ein Opferthier und achte

Auf seinen Rumpfbefund.

Und wo man dies erdachte,

Ward man zur Stund gesund!

»Ach Ra, aus Schreckensnächten,

Vom Zorn des Albgottskloß,

Mach uns mit regelrechten

Beschwörungsformeln los.

Bestimm, uns selbst zu knechten,

Wir wünschen den Verstoß

Und wollen nimmer rechten,

Denn unsere Not ist groß!

So hilf den Spuk zu ächten:

Gar schrecklich ist das Los,

Gewürgt von Werggeflechten,

Erstarrt und athemlos,

Verklemmt in Todesschächten,

Zu sinken in den Schooß

Von feindlichschlechten Mächten:

Die Freiheit gieb uns blos!«

So schrien bejammernswerthe

Gepeinigte nach Frohn.

Und Ra, der Gott, bescheerte

Ägypten seinen Thron.

Dem Volk zu Sais erklärte

Er kühn die Sonnvision:

»Das, was ich Euch gewährte,

Wird jetzt zur Religion.

Es sehn die Priester schon,

Daß sich zum Guten kehrte,

Was Euch, zu Spott und Hohn,

Als Alb, den Schlaf verwehrte;

Drum lebe jetzt und wohn,

Wer lang die Rast entbehrte,

In Glück daheim, zum Lohn:

Und Priester und Gelehrte

Bewachen die Nation!

Ihr müßt Euch gleich erhalten!

Drum schafft ein Glaubensbild

Des gutbewährten Alten.

Und Inbrunst kühn und wild,

Laßt rings im Stein erkalten.

Was jung und frisch entquillt,

Mag Eure Kunst gestalten.

Doch was am meisten gilt:

Euch selbst müßt Ihr verwalten,

Wie Ra Euch einst gedrillt!

Dies wird den Kult entfalten,

Und durch ein Lichtgebild,

Bleibt Ihr dann ungespalten:

Der Wechseltrieb gestillt!«

Da war es, als entstamme

Urplötzlich Ra das Land.

Im aufgebrachten Stamme

Geschah nun allerhand.

Da schrie man: »Ra, verdamme,

Was Dir als fremd bekannt,

Und schütz mit festem Damme,

Nur was uns eng verwandt;

Erzwing durch unduldsame

Verbote den Bestand!«

»Ich laß vom Bräutigame,«

Schrie plötzlich brunstentbrannt

Ein Mädchen. »Zieh als Amme

Zum Kalb, das Ra gesandt!«

Befahl dem Weib ein Gatte,

Der eben sich entmannt.

»Oh Vater mein, gestatte!«

Rief jemand überspannt;

»Daß ich Dich neu bestatte,

Der Du in Nacht gebannt!

Ich heb die Felsenplatte,

Vom Grab mit eigener Hand;

Was ich am liebsten hatte,

Das sei Dir zugewandt.

Nun ruh auf anderer Matte,

Da nimm auch mein Gewand!«

Dann war es, als ermatte

Der Grabgestikulant.

Nun wurden lange Züge

Einander stumm gewahr.

Die brachten Eimer, Krüge

Und was ihr Hof gebar,

Den Fruchtpreis ihrer Pflüge,

Spontan zum RaAltar!

Man dachte, es genüge,

Bringt jeder Opfer dar,

Daß sich ein Staatsgefüge

Fest aufbau und bewahr.

Doch änderten die Züge

Der opferwilligen Schaar

Sich rasch, als Ra, zur Rüge,

Nun aufschrie: »Die Gefahr,

Die Gauen droht und Glauben,

Ist stets der Seelengeiz!

Wohl haben Lämmer, Tauben

Für Priester Werth und Reiz,

Doch nie werd ich erlauben,

Daß sich ein Reicher spreiz,

Weil er von üppigen Lauben

Am Felde, allerseits,

Die beste Frucht kann klauben!

Zur Linderung Eures Leids,

Müßt Ihr Euch schwer berauben:

Beim Schwören eines Eids

An Alle, die verstauben,

Wird nur des Ahnenneids

Plagkraft und Wucht verschnauben.

Drum nehmt das Liebste! Weihts

Für ewig Euren Todten,

So lang Ihr lebt und leibt!

Auch Euch wirds einst geboten,

Wenn Ihr Euch jetzt verschreibt

Und thut, was ich geboten!

Der Sohn, der hinterbleibt,

Erhalt Euch mit devoten

Gefühlen wohlbeleibt,

Und frag bei Todtenboten,

Ob Ihrs, wie einstens, treibt!

Im Dasein sich verknoten

Vermag, wer sich beweibt.

Doch das ist ganz verschieden,

So wie es Könige gilt

Mit Freuden, wie hienieden,

Im Westlichen Gefild,

Für ewig zu umfrieden!

Denn Könige sind gewillt

Von allen Unterschieden

Der Stände sich ein Bild

In loser Form zu schmieden:

Drum bergt, was ungestillt

Verloht, in Pyramiden!

Auf Sorgen flüchtig wild,

Legt einen todtsoliden

Sargdeckel, wie ein Schild.«

Da schleppte man die Blöcke

Ekstatisch hin zu Ra.

Auch waren Opferstöcke,

Von überall schon da.

Geschrei und Bocksgeblöcke

Verriethen was geschah.

Die Obern schwangen Stöcke

Und tödteten beinah;

Doch band man sich an Pflöcke

Ganz willig und man sah,

Wie Menschen Kühe, Böcke

Umtanzten, mit Hurrah!

»Laßt Urerfüllungszacken

Als Wunderbau entstehn!

Die schwanken, scharfen Hacken

Der Bilder, die verwehn,

Ergreifen sich und packen

Euch stets beim Untergehn.

Jetzt tragen sie als Nacken

Von Männern, die da flehn:

Kein Albgott soll sie zwacken:

Sie thürmen und zergehn.

Ihr Sein ist Ziegelpacken,

Befehlen und verstehn,

Verunglücken, beim Backen,

Vor Schmerz, das Aug verdrehn!«

Rief Ra: »Fürwahr, das Große

Ist nötig, schon gethan.

Nun lohts vom Erdenschooße,

Empor als Menschenwahn.

Der Schmerz vom wuchtigen Stoße,

Gab Schürung dem Orkan:

Daß man sich schlag, erbose,

Gehört zum Brunstvulkan!

Doch bleibt vom Tagalbkloße

Nichts übrig als ein Zahn.

Beim Aufbau schon Ruine,

Durchweht vom Todeshauch,

Entsteh das Grab und diene,

Beim Werden, als Verbrauch

Des Seins und als Maschine,

Die Sonnwucht knapp verpfauch!

Doch Bauer und Beduine,

Im Bann vom neuen Brauch,

Der Menschen Stromlawine,

Die sich ums Zweckmal stauch,

Das Weib mit Schreckensmiene,

Mit aufgeschlitztem Bauch,

Das gläubig zu empfangen,

Sich wild der Frucht entleert,

Und voller Brunstverlangen,

Die Ahnen, die es ehrt,

Die längst schon heimgegangen,

Als Kinder nur begehrt,

Das sind die Schicksalszangen,

Die ewig unversehrt,

Aus dumpfem Zukunftsbangen,

Urmächtig, unverwehrt,

Scharf ineinander hangen!

In diesem Fall verzehrt

Der Raffzahn der Erfüllung

Sich spurlos nicht und läßt

Des Nöthigen Leibumhüllung

Als Felseck scharf und fest.

Und tiefster Krafwerknüllung

Stumpfwunderlicher Rest

Erstarrt in Stein auf Erden!«

Der Pöbel schien mir Gleis

Und Pläne zu gefährden,

Da blickt ich sehnsuchtsheiß,

Empor aus diesen Heerden.

Inmitten des Geschreis

Stand Ra, mit Kraftgeberden.

Sein Mantel, schwer und weiß,

Konnt nimmer blutig werden

Und zu mir sprach er leis:

»Nach Trübsal und Beschwerden

Berausch Dich nun zu Sais!«

Ach, Fata Morgana der Sagensahara,

Erhabener Abglanz des alten Ägypten,

Ich las Deine Texte von Wandmanuskripten,

Ich wagte und schwankte; da kamen und kippten

Die Tempel, mit Inschriften, um. Und all das da sah Ra!

Da stand Er auf endlosen, schwebenden Treppen.

Ich kniete auf Stufen, am untersten Rand,

Und fühlte des Baues erstarrten Bestand:

Da wollt ich mich lichtwärts zum Taggotte schleppen.

Es warf noch sein Leib einen menschlichen Schatten,

Der fiel über Treppen, als Teppich, herab.

Ich stammelte lange, und bat ihn dann knapp,

Er möge mir Eintritt und Einsicht gestatten.

Dann kam ich zum Schatten. Ich faßte den Saum.

Denn dieser war wirklich, die Treppe ein Traum!

Ra blickte nach Westen und streckte den Arm

Zur Sonne hinüber, die aufwärts gewuchtet.

Der Tag war entstammt und das Dunkel verschluchtet.

Sein Auge ganz klar und sein Athem so warm.

Und Ra starrte schweigsam dem Taggott entgegen,

Der war uns im goldenen Karren genaht:

Kein Wind schien durch Ärmel und Falten zu fegen,

Und dennoch verwehte und schwand sein Ornat;

Auch brauchte kein Wollen den RaArm zu regen,

Nackt ragte er sonnwärts, als Warnung und That!

Da packten gar grimmige Riesen den Wagen,

Der Horus von Osten herüber getragen.

Sie ballten und krallten sich fest an die Räder.

Sie sprühten und glühten und bebten aus Wuth.

Es barst fast ihr rachsuchtentflammtes Geäder,

Da nirgends der Himmel Gewitter entlud!

Nun zogen auch wirklich die gierigen Hände

Der feindlichen Mächte den Wagen hernieder.

Nun wars, als ob alles im Brande verschwände.

Es fanden der Rosse geschmeidige Glieder,

Sammt Speichen und Deichsel und Karre, ihr Ende.

Da öffnete Horus, der Lichtgott, behende

Das flimmernde, herrliche Tagesgefieder!

Zum blauenden Saume verzitterte Iris.

Es trugen des Sonnenballs machtvolle Spannen,

Zerflitternd den leuchtenden RaSohn Osiris,

Aus stammendem Karren der Ankunft, von bannen!

Von Eindrücken, die mich so innerlich packten,

Hat wohl mein Bewußtsein nur einige erhascht.

Wo war ich? In grabpyramidenumzackten

Gefilden des Delta, mit Staub überascht?

Hat Fließen und Branden von Nilkatarakten,

Vielleicht meinen Halbtraum gar stark überrascht!

Ein riesiger Kessel umschloß mich im Kreise.

Auch stand ich so hoch, daß ich Gleise und Reise

Des Stomes in weitester Ferne gewahrte.

Ich sah, wie der Nil sich im Süden zertheilte,

Durch Schluchten schnell eilte, im Sande verweilte,

Sich einte und trennte und abermals paarte.

Doch gab es kein Ende, als glühenden Sand,

Und näher beinah, eine flammende Wand,

Und rückwärts vielleicht einen anderen Brand!

Der Nilstrom schien langsam herunter zu fließen.

Er schlich durch die Wüste in breiter Verschlingung,

Um rasch unter mir dann vorüber zu schießen.

Dies war, wie ein Anlauf zur Aufstiegserzwingung,

Um mühsam den Schlamm in die Höhe zu wälzen

Und endlich empor auf den Abhang zu kommen.

Gar prächtige Vögel auf riesigen Stelzen,

Umzogen den Strom, der die Nordwand erklommen,

Dann schienen sich Haine und Licht zu verschmelzen!

Dies war wohl ein Trug, der am Himmel erglommen?

Oft schien er so deutlich, oft goldrauschverschwommen!

Nun konnt ich den Blick schon zur Sonne erheben,

Zwar tiefer als wir, steht sie nirgends und nimmer,

(Die Warte sei hoch oder meerspiegeleben,)

Doch scheint sie des Morgens der See zu entschweben;

Versinkt sie des Abends im fluthenden Schimmer,

So stehn wir so hoch wie die Pupurgluthbrandung,

In der sie im eigenen Lichtsturm zerprallt,

Denn nur was uns scheint, trägt der Logik Gewandung

Und giebt unserer Urvernunft dauernden Halt!

Ihr Gräberkollosse, symmetrisch und protzig,

Erstarrte Symbole unbändiger Stumpfheit,

Ihr macht mich rebellisch, verwegen und trotzig!

Nur anspruchsvoll, ausspruchslos, dumm fast und klotzig,

Verwahrt Ihr die Mumien in modriger Dumpfheit;

Ihr sagt zwar, daß Völker gar lang, als Barbaren,

Des Stammlandes Wesensart halten und wahren,

Und wenn innere Gluthen den Wechsel entfachen

Und Horden als fahndende Menschen erwachen,

So wuchte die Starrform gespensterhaft nach

Und baue sich Fetisch und Ahnengemach.

Doch ist, was nur ruhn will, verrucht und verflucht.

Die Scholle soll geben. Die Erde muß spenden.

Und wer sie begehrlich, mit Lust, untersucht,

Den will sie mit Schätzen verwirren, verblenden,

Dem wird sie auf Wänden mit Schattenlegenden,

Die Bahnen bedeuten, das Werk zu vollenden,

Um Furcht, von sich selbst und der Menschheit zu wenden!

Sie schenkt und versagt ihren weiblichen Reiz:

Vergiebt uns die Habsucht, doch nimmer den Geiz:

Mir selber verzeiht sie und liebt mich bereits!

Ihr Seelenkrampfkrystalle, todte Pyramiden,

Alte Stillstandsmale, starre Dauertrümpfe,

Wie ist die Menschheit doch von Euch verschieden!

Ich hasse Euch, Ihr starren Urwuchtstümpfe!

Verachtung zoll Euch, Ihr gewaltsstupiden

Albhorte, jetzt die Plebs der Sudelsümpfe:

Ich will, daß gegen Euch, nach Störenfrieden,

Die Nasen störrisch selbst der Rudel rümpfe.

Wer sind die Gäuche, die ich rings vermuthe,

Die gräßlich nun entstehn, daß ich erbleiche?

Vampyrenbrut, Du trinkst von meinem Blute!

So weiche doch, noch bin ich keine Leiche,

Kaum ahnst Du selber Dich eine Minute,

Und schon ists, als ob Dich Lust durchschleiche:

Schon regt sich, was soeben scheinlos ruhte.

Welch neuer Alb erscheint im Mumienreiche!

Es ist, als ob mir Furcht und Muth entfluthe,

Und ringsum Rümpfe zum Gefühl erweiche.

Ach, wie entstehn doch alle Weltenwesen:

Was ist Bewußtsein, was Geschlecht, Verstand,

Was Sitte, Leib und Seelenantithesen,

Wie geht, was sich bekämpft, stets Hand in Hand!

Wie könnten wir von Spuk und Furcht genesen!

Du Sonne, brich der Starrheit Widerstand!

Wozu, mein Ra, hast Du mich auserlesen,

Was wollt Ihr Bestien wuth und brunstentbrannt?

Soeben seid Ihr nichts als Alb gewesen

Und schon erscheint Ihr meinem Sein verwandt!

Die Hälse reckt Ihr überlang vom Rumpfe,

Auch zwangt aus einigen sich bereits ein Kopf.

Dort ists, als ob ein Löwenleib verschrumpfe,

Und seine Mahne flechtet sich zum Zopf.

Zu Klumpen scheinen Stuten zu verstumpfen,

Doch wächst ihnen dafür ein Menschenschopf.

Nach Leben sehnt sich aber wirklich alles:

Die Ruhwucht, Urbrunst des Uräußerrings

Vereint sich selbst, bei des Ellypsenfalles

Vernunftgeburt, und zeugt sich neuerdings,

Beim Umlauf, kraft des Aufwärtspralles

Und der Beweglichkeit des tiefsten Dings,

Und starrt als Schwerpunkt unseres Dogmenwalles!

Und wie im Zauberbanne eines Winks,

Versteinerte nun jedes Thier zur Sphinx

Und reihte sich um mich: und rechts und links

Erblickte ich priapisch steile Obeliske.

Da wars vom Weiberhaltenden, als drings

In weiche Leiber, als fixierten Basiliske

Das Strakserstarrende, zur männlichgeraden Sphinx!

Und taufende von RaOsiris Sonnendisken,

Im Vollbesitze ihres Irislichtgeblinks,

Umschwirrten Purpursphinxe weiter Tempelzonen,

Wie Lichtgedanken zwischen Gluth und Blutvisionen.

Es mußte Ra in solchen Tempelhallen thronen,

Damit sein Ruhbewußtsein sich für uns bewahre,

Und RaGedanken, lauter unsichtbare Aare,

Umkreisten mich im Flügeltakte von Äonen!

Ein Albdruckgebirge, menschmächtig und nächtlich,

Entwuchs nun der Erde und scharrte mich ein.

Sein Sphinxblick nach innen durchdrang mich verächtlich,

Und rings das Gekröse erstarrte zu Stein.

Da schlug meine Seele, ein ängstlicher Vogel,

Ihr weißes Gefieder. Dann schwand mir das Licht.

Die Sphinx ward zum Berge. Ihr Kopfknauf ein Kogel.

Ihr Rumpf wohl ein Thierleib: ein Gott ihr Gesicht.

Und endlich erwacht ich aus Enge und Graun.

Und schlotternde Schatten, verschwommen und braun,

Gestatteten gelbes Gerank zu erschaun.

Gestalten verschwanden und trennten sich, wippten

Wie einst ich sie sah, nun in schweflichem Glanz.

Da rief eine Stimme: »Erwach in Ägypten!

Germane, verträume das Träumen beim Tanz!

Verschling, die vom Nektar der Traumgötter nippten,

Und stehe dann fest und gehöre uns ganz!«

Waren dies die Spinxfelsfibern,

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Die da schwollen und erstarrten?

Wars ein Ruck von Weltverschiebern,

Die noch tief in Grotten harrten?

Oder kam ich selbst ins Fiebern,

Als um mich die Berge knarrten!

Welch Gezücht von Ottern, Biedern

Quietschte in den Felsenscharten,

Als aus Höllenschluchtkalibern

Grufteinbrüche sie verscharrten.

Bache sträubten sich und zischten,

Auf und nieder durch Kulissen.

Wo sich Fels und Wasser mischten,

Ward der Strudel fortgerissen.

Eulen, die mit Hast entwischten,

Prallten auf an Hindernissen;

Und ich sah die mörderischten

Szenen jetzt ins Schattenrissen.

Riesengroße Schlangen fischten,

Aufgereckt, nach Leichenbissen!

Aufwärts langten sie nach Beute.

Senkrecht standen sie im Kessel.

Und ich wußte: dies bedeute,

Daß, was todt schien, sich entfessel:

Und bald peitscht die Albspukmeute

Uns mit Dorngerank und Nessel!

Mumien sehn ein neues Heute.

Tod sitz fest auf Deinem Sessel,

Denn, was Deine Hand zerstreute,

Bricht die Raum und Zeitmaaßfessel!

Und als Schlangenhälse barsten,

Da entkrochen Lurchenkröpfen

Nestbesätze mit bizarrsten

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Schwulstentschlüpften Doppelköpfen,

Und die allersonderbarsten

Vögel, mit Gesicht und Zöpfen,

Flogen aus den todtenstarrsten

Mumien auf und Urnentöpfen.

Schlünde sah ich rasch verkarsten

Und im Nu ihr Schreckbild schöpfen.

Felsen zeigten, daß sie leben,

Daß die todtgeglaubten Steine,

Ewig wechselnd, sich erheben.

Katzenklumpen, Riesenschweine

Schienen fast im Sprung zu schweben.

Und im letzten Wonnehaine,

Trat ein Stier auf heilige Reben.

Rosse schleppten Menschenbeine,

Und von Dreck und Aas umgeben,

Schnaubten Hunde Feuerscheine.

Plötzlich klaffte eine Spalte,

Und des Tages gelbe Grelle,

Die ins dunkle Wirrsal prallte,

Bannte uns an Ort und Stelle.

Nur ein Mannestorso ballte

Sich empor mit Riesenschnelle:

In ihm staute und verkrallte

Sich die letzte Lebenswelle,

Und der Glast, der einwärts wallte,

Glich da einem Löwenfelle.

Ja, es krümmten sich und zuckten

Rumpfgestalt und Muskelbänder,

Denn sie alle würgten, schluckten

Unthierspuk und Leichenschänder.

Keine Kopfknaufschwülste guckten

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Wuchernd über Halsstumpfränder,

Denn die Brut von Spukprodukten,

Lang verheerter Unglücksländer,

Schrumpfte ein, und manche duckten

Selber sich im Zweckvollender.

Berge wurden Muskelgruppen.

Rückgratfurchen Gießbachsschachte!

Achselhöhlen Grottenkuppen:

Jedes Ungeheuer brachte

Abfallschnitzel, Wesenschnuppen

Unter, als ihr Herr erwachte.

Knorpeln, Muskeln, Fleisch entpuppten

Stets was ihr Entstehn entfachte.

Drachen, Lurche, Urbrunsttruppen

Wurden, daß ein Arm sie schlachte!

Rings auf albbefreite Länder

Schien der Mittag heiter nieder,

Wolkenberge, Inselränder

Gaben klar die Wollust wieder,

Die das Meer, der Liebesspender,

Aus dem Irisflittermieder,

Rings durch Schleier, durch Gewänder

Und mit Lust und Luftgefieder,

Wallen läßt, als Freudensender!

Und um schroffe Inselglieder

Wand sich eine Strandguirlande,

Und die See, die weiblichweiche,

Spielte mit dem feinen Sande.

Sie, die trug und schimmerreiche,

Schwellte Flittergold zum Strande:

Und da warfen Klippen, Teiche,

Scheine, Splittergold, zum Pfande

[Rand: Der klassische Todtentanz]

See zurück, fürs Gleiche;

Und so suchte, im Verbande,

Jedes, daß es Lust erschleiche!

Aus den Räthselbuchten fuhren

Windgetragene Seegelboote,

Und auf ihren goldenen Spuren

Sah ich, wie die Schönheit lohte.

Volle junge Kraftnaturen

Folgten da dem Lichtgebote,

Fernen, fremden Kreaturen

Nichts zu sein als Liebesbote:

Und ich wünschte, fern auf Fluren,

Glück dem Schönheitsaufgebote!

Rings um Brunnen, klare Quellen,

Wuschen Königskinder Linnen:

Solches Mädchenspiel mit Wellen

Wollte Venus einst ersinnen,

Daß der Busen holdes Schwellen,

Vor der Mädchen Prüfersinnen,

Sich dort spiegeln und erhellen

Müßte, stündlich, vor dem Minnen:

Pracht zur Strahllust zu gesellen,

Ist der Venus Urbeginnen!

Aller Herrlichkeit Vollendung

Sah mein Aug, im Abendglanze

Vor sich stehn, als reife Sendung.

Nackt, mit einem Myrthenkranze,

Ward ein Weib, mit keuscher Wendung

Ihrer Hüften jetzt der ganze

Inbegriff von Schönheitsspendung!

Ach, in einem Todtentanze,

Traf mich plötzlich volle Blendung:

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Helena stand auf der Schanze

Priamus, und Troja brannte!

Und ich sah, wie sich begehrlich

Heldensinn zu Fernen wandte!

Völker schienen unversehrlich,

Als die Not sie westwärts sandte.

War die Fahrt auch grundgefährlich,

Kam man doch um Riff und Kante.

Fehlte auch was unentbehrlich,

Wenn kein Wind die Segel spannte,

Blieb doch Raubsucht unverzehrlich!

Grüne, schmale Länderstrecken,

Zwischen gelben Horizonten,

Silberranken, Städte, Flecken,

Felsenlehnen, die sich sonnten,

Kollossale Gräberrecken,

Ewig stumme Gruftremonten,

Tempel zu Begräbnißzwecken,

Schrecklich starre Festungsfronten,

Sah ich rings das Feld bedecken,

Das mir Träume geben konnten.

Aller Vögel Zufluchtstätte,

Anhalt meiner Trostgedanken,

Reich der Todten, stau und rette,

Was Du kannst, in schattenschwanken

Wunschphantomen: ach verkette

In den blassen Traumesranken,

Jetzt im stummen Spukballette,

Aller jener, die versanken,

Die, die ich so gerne hatte:

Ach, vermöcht ichs, Dir zu danken!

Helden wohl nach dem Gebahren,

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Mann und Weib in Brunst verschlungen,

Konnt ich nun genau gewahren.

Just ist Lust ins Weib gedrungen.

Er, bedeckt von ihren Haaren,

Schwand beinah vom Weib bezwungen:

Manneswucht zu offenbaren,

Ist er keuchend aufgesprungen.

Sie ist mit emporgefahren:

Keinem ist der Sieg gelungen.

Tief verschmolzen, brunstbeklommen,

Konnte niemand matt entschleichen,

Zu einander zuckten, klommen,

Beide wonneschauergleichen

Leiber, deren Lust erglommen.

Wieder hat sie seine reichen

Lebenskräfte aufgenommen,

Doch nun mußte sie erbleichen,

Plötzlich war sie weißverschwommen,

Und ihr Fleisch schien zu erweichen.

Und sie hockten alle beide

So verkrümmt, aus Brunstverlangen,

Daß die Blicke, voll vom Leide

Ihrer Lust, mich wild bezwangen.

War ich beider Augenweide?

Galt mein Schmerz und Schauderbangen

Als der Ausdruck nur vom Neide,

Weil sich Schemen hold umschlangen?

Hell erblitzte ihr Geschmeide,

Ihre Augen, ihre Spangen,

Denn nun war sie weiß wie Kreide.

Wieder hat ihr Leib empfangen.

Dennoch wars, als ob er leide:

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Sprühend waren seine Wangen,

Unerschöpft die Eingeweide:

Sie doch blieb, von ihm umfangen,

Ein Skelett im Schleierkleide,

Ihre letzten Gluthen drangen,

Wie durch leichte, bleiche Seide.

Augen und Rubinenschlangen,

Glühten jetzt so schauertrunken:

Alles was ich um mich sah,

Schien ein Streit von Wollustfunken,

Ach, und ich erkannte da

Jener Augen Glühn und Prunken:

Meiner Todten war ich nah!

Wie, sie winkte halbversunken?

Gräßlich war nun was geschah:

Schon zersetzten dunkle Tunken

Antonius und Kleopatra!

Wie bist Du furchtbar hingeschwunden,

Geliebte mein, Geliebte mein,

Wie konntest Du mich so verwunden,

War Deine Seele niemals rein?

Nein, nein, sich so verrucht bekunden:

Der Frevel geht mir nimmer ein!

Als Buhlin jenem dort verbunden,

Soll dies ein Neugierantrieb sein,

Daß ich in grausen Marterstunden

Dich nun verfolg mit Graun und Pein!

Ist dies die Feindschaft der Geschlechter,

Der ewige Amazonenkrieg!

Schon seh ich Männerschaaren, Fechter,

Mit ewigvorbestimmtem Sieg.

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Dort ists, als ob ein Troß bezechter

Mänaden sich durchs Dunkel schmieg:

Und schon durchzuckt mich Brunstgelächter,

Das lang in meiner Seele schwieg.

Auch scheint mir gar nichts folgerechter

Als, daß schon Eins beim Andern lieg.

Nun will das Weib den Mann bezwingen.

Wie es bestrickend ihn umnetzt!

Er muß die Weiblichkeit durchdringen.

Ach, wie der Mann die Beute hetzt!

Nein, beide wollen sich verschlingen!

Der Haß wird langsam abgewetzt.

Der Friede will auch hier gelingen:

Es ist im Urlauf festgesetzt,

Daß Ruheformen jung entspringen,

Wo irgendwas das Maaß verletzt.

Die Schatten seh ich rings verschwinden.

Nun taucht ein Jüngling strahlend auf.

Mein Auge scheint fast zu erblinden,

Als ob es Goldgeflock betrauf.

Wie Knospen langsam sich entrinden,

Entschwellt nun Anmuth jedem Knauf

Der Sehnen, die sich herb verbinden,

Und endlos ist ihr Fleischverlauf.

Des Jüngling Namen will ich finden,

Ich denke nach, wie ich ihn tauf:

Antinous, nicht Bacchus heißt er

Und wird als Ziel emporgeschnellt.

Als Frucht entschwundener, entgleister

Gestalten, die er rings zerschellt,

Ist er versuchsgeburtumkreister

Endzweck, der sich ins Menschthum stellt!

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Wird ein Geschlecht sein hehrer Meister?

Erscheint die Zeit, da er verfallt,

Und andre junge SonnenGeister

Befruchten was sein Maaß erhält?

Leibhaftig sah ich ihn soeben!

Die Einsicht hat ihn mir erhellt:

Weltkräfte, die uns Knorpeln geben,

Die Weiblichkeit, die Busen schwellt,

Die haben sich als Formbestreben,

Zusammen hier als Leib gesellt.

Von Milch der Weichlichkeit umgeben,

Von Mädchenanmuth zart umwellt,

Seh ich den Jüngling keusch erbeben:

Um den Epheben ringt die Welt.

Tod, Du menschlicher Gedanke,

Sag, wann wirst Du ausgewischt?

Was nicht harren kann, das Kranke,

Wann wirds plastisch aufgefrischt?

Werden uns nach wildem Zanke,

Wenn die Rachsucht einst verzischt,

Feste Bissen mit dem Tranke

Seliger Räusche aufgetischt!

Noch erzwingt sich keine Schranke,

Bis der Aufruhr nicht erlischt!

Hier in diesem Herd der Gährung,

Seh ich alles wild vermengt:

Sklaven, ohne Rast und Zehrung,

Werden rasch zurückgedrängt.

Wer nichts suchte als Belehrung

Wurde nutzlos angestrengt.

Wünschte jemand gar Bekehrung,

Weil ihn Todesfurcht bedrängt,

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Hat er Urtheil, Gott, Entbehrung

Selber über sich verhängt!

Zwischen rundverzweigten Schienen

Ist der Tod ein Sektorschnitt,

Durchgefurcht durch Brunstlawinen,

Voll bewegtem Lebenskitt.

Hier kann nur Erfahrung dienen.

Sonst hält der Verstand nicht Schritt!

Unter Fratzen, wilden Mienen,

Geht der Tod mit Würde mit,

Doch er ist als Bild erschienen,

Platon ists, der ihn vertritt!

Unfügbar ins Wechselganze

Bleibt das feste Ideal,

Drum gehts auch im Todtentanze

Weiter ein für allemal.

Tod, zu unserm Lebensglanze,

Bist Du selbst der tiefste Strahl:

Larven auch, zum Mummenschanze,

Schenkst Du uns, zur eigenen Wahl:

Gott und Mensch und Thier und Pflanze

Streben aus der Scheidungsqual!

Aus dem Schäumen des Gesagten und den Rhythmen, die mich trugen,

Aus den Wogen des Gewagten, die mich leidenschaftlich schlugen.

Zog mich Halberschöpften plötzlich Ra empor, mit starkem Arm:

»Fühl Dich fest und ursprungssicher, dieses Land ist lebenswarm!

Kannst Du völlig uns begreifen, schwindet bald Dein wilder Harm.

Lös Dich los von jenem schwanken, rast und zweckelosem Schwarm:

Gierig sind die Schemen alle, aber schrecklich beutearm.

Komm, mein Sonnenkind, und walle tiefberuhigt durch die Halle,

Fürchte nichts vom Widerhalle, folge mir: vor jedem Falle,

Wahrt Dich meine Götternähe!« Also ward zu mir gesprochen

Und ich fühlte dann: ich stehe wirklich fest mit Fleisch und Knochen.

Endlich wußt ich auch: ich sehe, denn der Tag war angebrochen,

Und es hatten Nacht und Wehe tief in Winkeln sich verkrochen.

Und ich flehte: »Nun vergehe, meines Herzens graues Pochen!«

»Sieh die große Tempelhalle mit den hehren Königsbildern,

Keine Zunge ist im Stande ihre Herrlichkeit zu schildern,

Kein Gedanke, keine Sehnsucht ihren Schreckensernst zu mildern,

Faß Dich drum, Du wirst erfahren was gestaltbelebend wirkt:

Freue Dich, Du wirst gewahren, daß kein Räthsel sich verbirgt.

Höre rasch auf mein Geheiß: hier im Heiligsten zu Sais,

Dreh Dich rings herum im Kreis, nirgends steht ein Gottbeweis.

Jenes Bild ist eine Sage: Antwort giebt auf jede Frage,

Hilfe doch bei keiner Klage, das Bewußtsein das ich trage!«

Also ward ich angeredet, dann gab Ra mir die Erklärung:

»Den Urkern aller Selbstverzehrung,

Den Quellgrund eigener Lichtgewährnng,

Den Weltzwang unserer Lebensnährung,

Die kennst Du, durch Dein Grüblen, alle längst,

So daß Du mich durch Einsicht vorwärts drängst.

Nur was dem Geiste nach ägyptisch,

Doch für das Volk hier unerfaßbar,

Daß aller Urgrund ruheleptisch,

Dies sag ich Dir nun leiblos, haßbaar.

Der Laut durchbraust uns als der Hellste,

Wo er am zartesten entschwellt:

Das Licht erscheint uns als das Grellste,

Wo es verzitternd fast sich wellt:

Denn mächtiger, als ihr Ruhestreben,

Hat da ihr Ursprung sich entschnellt:

Verschlängelt muß sich drum erheben,

Was ruheflüchtig sich erhält!

Der Mensch, durch Sonnenzwang erhoben,

Verkrümmt sich bald zur Niederkehr,

Doch da ihn Gluthen wild durchtoben,

So streift und streckt er sich noch mehr.

Der Affe ist einst aufgeschossen,

Nach Andern hast Dus selbst erschaut,

Bis spät in seinen graden Sprossen

Sich Erdwucht üppig angestaunt.

Ein Neugeschlecht ist vorgeschritten.

Sein Lichtgang, erdbewußt und fest,

Hat mit dem Lichttrieb hold gestritten,

Der sich ein Seelchen fast entpreßt.

Das Faulthier, das herabgefallen,

Erstrebte den Elypsenschluß,

Doch sonnwärts muß Belebtes wallen,

Drum war das auch kein Dauerguß.

Nun will der Mensch sich frei erheben

Und schwingt sich kühn der Seele nach,

Wenn beide sich einst jung verweben,

Schwebt vor, was sich die Flügel brach.

So schlängelt Ihr Euch hin zum Lichte.

Verkrümmt bleibt drum der Höhenlauf.

Durch stille Kult und Selbstverzichte

Gebt Ihr das Überwundene auf.

Der Sphynxe kühnes Haupterheben

Entsteht elyptischschön im Leib

Und zeigt wie Formen sich beleben:

Aus Drang zum Licht, wie zum Verbleib!

Zum Manne klimmt die Weibesseele

Und sträubt sich vor dem Leibverein,

Es scheint, daß sie der Antrieb quäle:

Sie bildet sich zu gerne ein!

Doch habt Ihr sie einst fortgerissen,

So giebt sie Scham und Glauben auf,

Wird gerne Lustversprechen missen

Und willigt in den Daseinskauf.

Man kanns im Kleinen schon erleben,

Du selbst bist da kein Sonderling,

Du scheinst zu stark am Weib zu kleben,

Als daß Dein Geist sein Werk vollbring.

Zwar ist die Schwäche stark geschwunden,

Du hast Dich Todten nachgeschnellt,

Du hast sie, ehrlich, nicht gefunden,

Doch Du entdecktest diese Welt.

So laß denn gehn, was langst zersplittert,

Doch nimmer mehr vor Dir erscheint:

Du hast als Bock herumgewittert,

Doch war der Anlauf gut gemeint.

Die Todte müßtest Du vergessen.

Sie war zu nichtig und zu klein

Für Dich, der sich so hoch vermessen!«

Da aber fiel ich plötzlich ein:

»Du Ra, bist wahrlich unermeßlich,

Grad ragt Dein Geist zur Sonne auf,

Doch etwas bleibt mir fremd und gräßlich,

Daß Wehmuth nie Dein Herz betrauf,

Du bist fürs Weib ganz unberührbar,

Uranisch bist Du, nichts als Mann!

Der Lichtweg ist in Dir durchführbar,

Und geistig wirkt, was dumpf begann,

Doch sag, wo ist das Weib geblieben,

Denn ihre Fährten such ich nun.

Du sprachst, die mußten sich verschieben.

Nein, nein, wo ist der Todten Spur,

Wo ist, was sich beinah vom Leibe

Der MannElypse einst getrennt?

Du sagst, wir sind nicht weit vom Weibe,

Ich glaub, man hats, wo man es nennt!«

»Fürwahr, Du bist nicht leicht zu bessern,

So stürm Ihr nach, wenn Dus vermagst,

Wenn Du in blassen Sumpfgewässern

Die Taube ohne Pfeil erjagst.

Doch hehrer wärs, beim dumpfen Waten,

Wo Du nichts Flügges haschen kannst,

Du läßt den Seelenwurf gerathen,

Indem Du Dich zum Flug ermannst!

In Geistelypsen aufzuspüren,

Ist schrecklich schwer, doch wonnehell:

Es giebt das grellste Lusterglühen,

Erfahrs aus Deinem Strahlenquell!«

So hatte Ra zu mir gesprochen,

Und wieder stammte jedes Wort:

»Es schlängelt, ewig ungebrochen,

Das Leben sich zur Sonne fort.

Es sucht im Grund die runde Ruhe,

Doch lichtwärts führts sein Sonnenzwang.

Daß sich das Muß nicht schlaff verthue,

Sorgt stets der Sonnenmutterstrang,

Denn nie verrunzeln Nachtplaneten,

Von ihrem Urlicht ganz getrennt:

Sie bleiben, mit empfundenen Nahten,

So lang das Heben dumpf verbrennt,

Mit ihrem Mutterstern verbunden:

Und wenn sich Sonnenhöh erkennt,

Wird sich das Muß als Macht bekunden,

Indem es Zwänge Schöpfer nennt!

Ein Kind hat Freuden und Gedanken

Der Mutter immer zugewandt

Und seine ersten Schritte schwanken

Zur hilfbereiten Menschenhand.

So kommts, daß sich der Erdenkinder

Urstamm dem Kult der Sonne weih,

Dann kommen schlaue Gotterfinder

Und fühlen sich, begeistert, frei!«

»Ein freier Gott ist Menschenfreiheit!«

So jauchzt ich in die Rede ein:

»Und das Gelingen zeigt die Dreiheit,

In der es stets in uns erscheint.

Was Du mir zeigst, ist ramechanisch,

Es ist da Uhrwerk nur von Gott,

Doch was ich fühl ist überpanisch:

Erst jetzt wird mein Beginnen flott!

Nicht nur der Mutter urverbunden

Scheint mir ein Mensch, der wirkt und liebt,

Er hat in langen Schauerstunden,

In sich versenkt, was nie zerstiebt:

Was Raum, was Zeit, wir sind erwachsen!

Ich fühle was mein eigen war:

Wann kreuzen sich die Lebensaxen?

Was schimmert dort auf dem Altar?«

»Dir werde, was Du kannst erzwingen!

Vermags Dus, sprenge jedes Thor,

Der Lichtwucht wird noch viel gelingen!«

Sprach Ra: »Doch höre mich zuvor,

Wohl schwingt sich fort, was Du vollbrachtest,

Doch krümmst Du selbst Dich bald zurück:

Seitdem Du ichbewußt erwachtest,

Verglühte ein Elypsenstück.

Das Beste, was Du hier vollbrachtest,

Lebt fort, es war Dein größtes Glück.

Nun gilts, daß Du Dich selbst betrachtest,

Und sich Dein Urlauf niederbück!

Dein zweiter Brennpunkt wird erscheinen,

Den Du in Dir fürs Menschthum siehst.

Es schafft Dein Wollen ihn, Dein Meinen,

Vom Standpunkt, dem Du nie entfliehst.

Bald brennt in Deinem Busen Theben,

Weils viel zu viele Gluthen barg.

Der andere Brand in Deinem Leben

Der Stadt, die siebenhügelstark,

Ist langst verglommen und vorüber:

Du hast ihn unbewußt entstammt,

Denn damals war Dein Wesen trüber,

Und hat halbahnungslos verdammt!

Doch hör, es strahlt beim Brand von Theben,

Der Sonnenkult mit Macht empor,

Und es versagt sein Glanzbestreben

In Rom, wo er die Schlacht verlor!

Vernimm vom Strahl der andern Schlange,

Die langsam aus der Erde reift,

Die zündend, oft im Überschwange,

Die große Brunstspirale streift.

Sie strebt viel grader und viel greller,

Mit gleicher Schnelligkeit zum Licht:

Der Erdenkern, ihr Machtentschneller,

Bewirkt, daß sie den Tod durchbricht.

Sie weht in uns ganz sonnenähnlich,

Sie macht uns frei und mild und gut:

Und bleibt die Sonne stets ersehnlich,

So liebe auch die innere Gluth,

Die Flamme, die vom tiefsten Kerne

Der Erde, durch die Menschheit steigt.

Sie freue Dich, habe sie gerne,

Wo sie im Nächsten sich verzweigt!

Die Erde streift den Schwang der Seelen,

Beim Sonnumkreisen ewig ab:

Nach Rhythmen, die sich da entschälen,

Ists, als ob Chaos gierig schnapp.

Die meisten sind für uns verloren,

Nur wenige werden festgeschweist,

Und leiblich angepackt, geboren,

Weil sie die Erde niederreißt,

Die ihre Are rasch umschwingend,

Noch Abgewetztes stark ergreift

Und, unsere Flucht mit Wucht bezwingend,

Uns leiblich wieder niederschleift.

Von zwei Bewegungen erschaffen,

Wo sich zwei Richtungen erraffen,

Kommt auch ein Wesen nur zur Welt,

Was die Geschlechtlichkeit erhält!

Du siehst auch die Natur auf Erden,

Wie sie den Samen voll verpraßt,

Wie selten nur die Wesen werden,

Weil ihre Keimlust Kraft erfaßt.

Doch fruchtlos scheint mir keine Liebe,

Denn Seele ist sie selber nur.

Und glaubt man auch, ihr Rausch zerstiebe,

So läßt sie dennoch eine Spur.

Und was dem Ball, im All, entwuchtet,

Ist anderer Welten Keimgewalt,

Und was im Dasein nichts befruchtet,

Wird herrlich noch zu Gluth geballt.

Und um die Pole glüht der Same,

Den unsere Erde üppig streut,

Ein Wink, daß nie die Macht erlahme,

Die Wechselordnung sich gebeut!«

Da fiel ich ein mit sanfter Stimme:

»Jetzt fühl ich wohl, daß ich nun bald

Die Höhe eines Seins erklimme,

Da jeder Laut mich hold umhallt.

Ich bin befreit von jedem Grimme.

Ich habe selbst mich in Gewalt.

Mir ists, als ob das Leid verschwimme,

Ich fühl mich leicht und gluthdurchwallt!«

»Du weißt was heute sich begegnet,«

Hat Ra nun freundlich eingestimmt:

»Was flammenhändig alles segnet,

Und um die Pole kalt erglimmt:

Doch ohne Schreck ists nicht entstanden!

Du weißt: der Erde Kerngluth kreist,

Stets rüttelnd an den starren Banden,

Womit der Rundball sie umschweißt,

Da zum elyptischen Beharren,

Sie selbst ihr Flammenwesen weist:

Doch Lavakrusten, die erstarren,

Der Kugelschädel, der vereist,

Will selbst die Axendrehung ändern,

Wenn eine Wechselkraft erkreist:

Es trachtet stets nach gleichen Rändern,

Was Starrsinn in die Ruhe reißt!

So dient die Kugel sich zum Schutze

Vor kosmischer Zersetzungswuth,

Die Axe ändert sie zum Trutze,

Denn ihr ist Gleichheit ewige Hut.

Doch stört sie stets ein aufgeblähter,

Schnell schwingender Äquatorreif:

Denn innere Gluth, verwandt dem Äther,

Wirkt urelyptisch, ruhereif.

Das Mittelding von Fels und Helle,

Umkämpft den alten Axenstand,

Und sprengte oft, als Wechselschnelle,

Die innere starre Kugelwand.

Doch jetzt ist dieser Ball gegossen.

Der Makrokosmos schrumpfte ein.

Urfremdes hat sich angeschlossen

Und schafft das Leben im Verein!«

… … … … … … … …… . .

»Das mystische Suchen, das Mythenverbuchen,

Der Packt der Eunuchen, die Kraft zu verfluchen,

Die Inbrunst beim Besten, das Wunschkrautentjäten,

Das Werk der Asketen, die Sehnsuchtsraketen

Verflachen am Ende: Du stehst an der Wende,

Empfange die Spende verschwendender Brände!«

So hörte ich plötzlich die Stimme von Ra.

Nun war es ergötzlich, was vor mir geschah,

Ich fiel in die Rede des Herren des Lichtes:

»Am Ende der Fehde, des EigenVerzichtes,

Wo bald die Elypse des Uebergewichtes

Den Leib sich erschwingt, der den Aufschwung vollbringt,

Den Formguß erringt, der selbstherrlich erklingt.

Durchbraust mich und winkt mir, was traumhaft gelingt!

Wo nichts als die Nacht den Altar mir enthüllte,

Und flimmernde Pracht sich dann langsam verknüllte,

Da seh ich nun Schleier ein Bildniß umwallen,

Es öffnet ein Weib seine goldenen Schnallen,

Nun werden die Hüllen den Hüften entfallen!«

Jetzt hör ich mich selber, mein Rufen erschallen,

Mein eigener Name erbebt in den Hallen,

Schon sind Leib und Leib ineinander gefallen

Und fühlen an Liebe, am Dasein Gefallen.

Mein Weib ist mir wieder in Wonne gegeben,

Ich hab es errungen, ich hab es erkämpft.

Jetzt will ich nur leben, berauschend erbeben,

Kein Glück sei verschwiegen, kein Schaudern gedämpft.

»Du hast Deine Höhe im Dasein erklommen,

Du bist an Dein Lichtziel, als Wesen, gekommen,

Nun mußt Du Dich eigenselbst immer mehr neigen,

Zurück in sich selbst wird Dein Thun sich verzweigen:

Hat einst sich die Leidenschaft völlig empfunden,

So wird auch die Lichtbrunst verstumpfen und schweigen!«

Dies konnte mir Ra noch, verdunkelnd, bekunden,

Dann ist mir der Nume für immer entschwunden.

»Das sind Deiner Augen hinsterbende Blicke,

Glückwerbende Funken im dunkeln Geschicke,

Das ist Deines Mundes lustseliges Lachen,

Wenn Freuden und Gluthen der Wangen erwachen

Und morgenzart Träume des Glückes entzünden

Und Wolken der sonnigsten Wonne verkünden.

Du schäumende Seele, Du träumende See,

Dein fruchtbares Fluchen, Dein dunkelndes Weh,

Dein weichliches Wogen und furchtbares Grollen,

Dein weibliches Wähnen und funkelndes Wollen

Entschwellen dem Busen, gebähren den Lenz,

Mit dem ich Gestalten und Tempel bekränz:

Du bist meine Kraft, Du mein seliger Genuß,

Ein Sommer erglüht jedem brennenden Nuß!«

»Und Du meiner Träume kometvolle Nacht.«

So flüstert das Weib, fast unhörbar und sacht:

»Du birgst meiner Sehnsucht grellzwinkernde Zwecke

Drum weck ich der Sterne unendliche Decke,

Die Lust und Begehren beharrlich umblaut

Und tief aus der Seele den Frieden erschaut!«

»Es glühn die Gefühle, die goldenen Schwäne,

Die Löwen des Himmels mit schweifender Mähne,

Empor in die Nacht, die um uns sich verschluchtet,

Da jedes Erzittern ein Weltbild befruchtet!«

Dies jüngste Empfinden versenkt ich, bis tief,

Wo traumlos, die Seele des Weibes noch schlief.

Dann rief sie: »Dein Wirken ist Fiebern und Wittern,

Dein Rhythmenempfinden ist Liebeserzittern,

Und was Du erfaßt, das begreifst Du mit Lust,

Du fühlst was Du herrlich beseeligen mußt.

Es schmerzt Dich, Du herzt es, und rhythmisch durchpulst,

Entmerzt das Gebild sich dummstillosem Schwulst!«

»Ich lieb Dich, Dein Wittern, Du wirst zur Gestalt,

Zum Blut, das berauschend die Glieder durchwallt!«

Dies hab ich gerufen, gestammelt, gelallt,

Dann sagt ich ihr stiller, voll Freudengewalt:

»Du Lust, Du Bewußtsein, Du Lustwuth und Hunger,

Es ist ob ein Brunsthund Dich unstät umlunger,

Doch Du nur bist wahrhaft, als scheinloses Spiel,

Dein Dasein ist Wirkung, ist Anfang und Ziel.

Die Erde ist erst mit den Menschen entstanden,

Die Geister beherbergend Urlust empfanden.

Nur Aberwitz zählt nach der Sonnenumkreisung,

Denn todt sind Äonen der Weltenentgleisung:

Unzählbar Epochen sonnüppiger Speisung

Stumpf niedriger Kriecher, die widrig zerstieben:

Uns sind nur Impulse, von allem geblieben!

Ein Krieg ist ein Brunstwolf, ein Weltjahr Lichtfibern,

Und liebender Menschen erzitternde Fibern,

Erzuckende Nerven empfinden der Welten

Entstehn und Vergehn, denn dumpfbrunststumpf zerschellten

Die Kegel und Gipfel, wo Menschenerkenntniß,

Ermessend nur, Anläufe annimmt und Endniß!

Ich liebe, ich herze, ich halt Dich umschlungen,

Nun werd ich vom tiefsten Ereigniß durchdrungen:

Aus unserer Umarmung entsteht eine Welt,

Durch jedes Gefühl wird ein Lustlicht geschwellt!

Wir zittern erzuckend: Jahrhunderte, dringt

Empor aus den Chaos, entsprüht uns, entspringt.

– Wir leben: – Jahrtausende, sterbt und versinkt!«

Lothos

Ich liege im Kahne und fahre nach Theben

Und sinne, wie Dinge sich sorglos verweben,

Es träumt und es lächelt ein Mädchen daneben,

Sie schläft nun, da Winde sich kühlend erheben.

Die schwellenden Segel entschleichen der Stille.

Der Mondschein belichtet die Palmen am Nile.

Was hascht durch das Wasser, vielleicht Krokodille?

Es plätschern die Wellen jetzt silberne Spiele.

Die Mystik der Stille scheint Träume zu wecken:

Auf riesigen, schimmernden, schwimmenden Strecken

Sich suchender Fluchen, die Wirbel verstecken,

Die silberne Zungen des Schweigens belecken,

Kann leise der fiebernde Lothos erwachen.

Nun will seine Fülle Lichtblumen entfachen

Und mag, überblühend, die Kelche mit schwachen

Lichtkronen umgaukeln, die schaukelnd verflachen.

Der Nil überschwemmt bald mit Schlamm alle Saaten.

Gefunkel bedrängt schon verdunkelte Watten,

Wo Flußpferde schnuppern und uferwärts waten:

Sie scheinen gestockte, verknorpelte Schatten.

Du Mädchen im Kahne, Du kindliche Seele,

Dein Mund, der Traumtrautlichkeit bebende Schwelle,

Durchhaucht meinen Athem, ich trink ihn: die Kehle

Durchsickert die frische, gluthpurpurne Quelle.

Und Küsse auf Küsse entblühen dem Munde,

Ich plündre Dein Wesen in glücklicher Stunde,

Und laß nur die Seele, als blutende Wunde,

Die Lippen, geschwellt zu gluthüppiger Runde.

Du Kind, überreich noch an Lust und Begehren,

Dein wohllüstig Wesen muß heut sich verzehren,

Drum schweele es Freuden, die Freuden gebähren,

Bevor es Gedankengewitter verheeren.

Schon staut sich das Dunkel ringsum zu Ruinen,

Mit Strahlenkonturen und tragischen Mienen,

Von rückwärts von bleiblauem Mondlicht beschienen:

Dann senken sich plötzlich schwarzfinstere Lawinen.

Die Sterne zerflackern in rauchrothen Gassen,

Und Gluthzungen seh ich nach Nilbeute haschen,

Doch decken die Fackeln noch Hafendammmassen,

Bis Nachtkatarakte mich rasch überraschen.

Theben ist eben dem Leben ergeben!

Wohl hör ich sein Brausen, doch fehlt mir das Auge,

Mich vollauf mit all seinem Rausch zu verweben.

Ein Traum, der mich würgt, dem ich Sphynxmilch entsauge,

Verscheucht sich in Wirbeln und bannt mich doch mächtig:

Da fühle ich Ekel vor dampfender Lauge.

Doch die brodelt weiter, dickqualmig, albträchtig:

Dann weckt mich mein Erdhang beim Schlafen urplötzlich,

Der Traum setzt mich selbst nun ans Land, zartbedächtig.

Und was nun geschah schien mir leibhaft ergötzlich:

Das Wasser durchwateten schwankende Massen,

Der Könige hörige Völker, die göttlich, gesetzlich

Der Herrscher Ägyptens berief, um jetzt vielfach zu prassen.

Sie kamen durchs Wasser, sich vorerst zu waschen,

Dann hallte ihr Schritt durch gepflasterte Gassen.

Es sollte der Nahenden Zahl durch das Rascheln bereits überraschen.

Der lüsterne Fürst aber harrte allein im Terrassenpalaste

Und suchte des Anblicks Gewalt, voll Wollustgeschmack, zu erhaschen.

Es staute sich Anzahl auf Anzahl, daß nimmer der Volksanprall raste.

Wie glitzernden Gürteln entschmiegt, entwimmelten viele dem Nile,

Doch andere torkelten nach, im mondblau besprengten Moraste.

Noch weitere kamen von fern, herwandernd zum heiligem Ziele,

Zu Amon, dem machtvollen Gott! Sie brachten ihm allerhand Gaben,

Daß keiner die göttliche Gunst, die Huld seines Herrschers, verspiele!

Es hatten die Wandrer im Nile fast alle ein ernstes Gehaben,

Sie schwammen und wateten leicht, als hatten sie flimmernde Flossen:

Dann kamen sie nackt und ganz naß an das Land aus dem marschigen Graben.

Da wurden auch Wasser und Schaum zu Schemen von Menschen und Rossen,

Auch diese erstiegen den Strand, mit silbernen Rümpfen und Greifern.

Doch kaum kam das Schauspiel zu Stande, war rasch auch sein Zauber zerflossen.

Doch folgten sich Troß über Troß, für Amon die Gottheit zu eifern.

Dann hatte der König den Tod der pilgernden Schaaren beschlossen.

Drum zerrten ihn Löwen herbei, umgeben von Huren und Pfeifern.

Es stürzten die Bestien sich wild, voll Grimm, auf die frommen Genossen,

Sie sprengten dem Herrscher ein Gleis, zerrissen die Menschen am Wege,

Und haben das Blut und das Fleisch, der König den Anblick genossen!

Und immer noch walzte der Nil die Massen gewaltig und träge

Ans Land, wo zu Kurzweil und Spiel, die Katzen den Haufen durchrannten;

Doch starr blieb des Königs Profil, als ob er sich gar nicht errege.

Dann plötzlich enttauchten der Nacht, dem Dunkel, die Staatselephanten.

Die stampften die Büßer zu Tod, erwürgten sie rasch mit dem Rüssel

Und schleuderten wild aus der Nahe des Fürsten die niedern Passanten.

Dann reichte der König voll Huld dem Kanzler des Festraumes Schlüssel.

Wohl freit ich ein Kind,

Urjung wie die Nacht,

Bevor sie erwacht

Und des Tags sich besinnt.

»Sei heut meine Braut!«

So flüstert ich kaum:

Da hat sie im Traum

Mein Wesen durchschaut.

Sie blickte mich an,

So düster und süß,

Dann sprach sie: »Ich grüß

Dich minniger Mann.«

Sie folgte mir treu,

Mit traurigem Blick:

Es war ihr Geschick,

Daß ihr Leib mich erfreu.

Es sangen Gespielinnen lieblich beim Reigen:

»Ergieb Dich Du herrlichste Freundin und Schwester,

Bezaubre den Fremdling und sei ihm zu eigen,

Daß nie seine Zunge Niltöchter verläßter.

Dein Wesen umschmiege den Stolz seiner Seele,

Er gleiche der Palme, umrankt von Lianen,

Ihr mögt Euch umklammern, durchschauern, vermählen,

Bis goldene Stunden zum Aufbruche mahnen.

Wir Mädchen zerknicken, vom Manne gebrochen,

Sobald wir das Übel des Glückes genossen:

Wir gleichen dem Lothos, der endlose Wochen

Geduldig erkeimt, ohne Knospen und Sprossen.

Wir ähneln Agaven, die wuchern und wuchten,

Die knorpliche Blätter entknollen, entrollen,

Beinah brunstentwurzelt, ihr Fleisch zu entfruchten:

Und Pollen der Schollen dem Sonngolde zollen.

Der Aloë gleicht unser traumhaftes Wesen:

Der Pflanze, der einmal Lichtfieber erblühen,

Um kurz nur, des Nachts, ihrer Brunst zu genesen,

Der rauschrasch und brausstark Blühlüste entbrühen.

Es gleicht unsere Liebe der Luftlust am Dufte,

Der Urlust des Duftes, mit Winden zu spielen,

Es ist, als ob rasch jedes Blühglück zerpuffte,

Als ob Jungfraureize, erfreit, gleich zerfielen.«

»Wie die Blume nach der Blüthe,

Sehnt die Jungfrau sich nach Liebe;

Wacht, daß sie ein Glück behüte,

Das dann rasch als Lust zerstiebe.

Jüngling, hör, ich bin die Blume,

Die in einer Nacht verschmachtet,

Die, vom tiefsten Eigenthume,

Alles zu verschenken trachtet.

Jüngling, glaubs, ich bin Dein eigen,

Geist und Leib will ich Dir geben,

Will mich freun, erbeben, schweigen,

Lust und Seelenglück verweben.

Komm, oh komm, mit raschen Schritten,

Nur aus Liebe bangt der Seele:

Laß sie nimmer zaghaft bitten,

Daß der Leib sich traut vermähle.

Trag mich, über Marmorstufen,

Zu des Brautgemaches Thore!«

Also hat die Maid gerufen

Und dann sang sie mit dem Chore:

»Mondlicht weckt die Zauberstille, Priesterin im Heiligthume,

Das ein frommer Weltenwille bildet ohne Thun und Lärmen:

Schweigsam, schuldlos, jungverwundert blüht am Nil die Lothosblume

Und sie fühlt ihr zartes Träumen sacht zur Sternennacht entschwärmen.

Jungfrau, laß, wenn Freudenschäume perlend Deinen Leib erwärmen,

Nur behutsam, lustversunken, seinen Mund am Busen zittern.

Hast Du Nacktheit ihm gegeben, laß ihn tiefstes Fieber wittern,

Niemals mag nach Unerwühltem er sich ruhelüstern härmen.

Jungfrau, hell wie eine Woge, wie der Thon der schlanken Vasen,

Hefte Lothos in die Flechten, in die dunklen Lockenhaare:

Wieg ihn, voller Leibeswollust, durch die kühnsten Glückekstasen,

Daß sich wild, in Schauernächten, alle Schönheit offenbare.

Streu die Perlen, streu sie schimmerend auf das Lager, auf die Kissen,

Laß die Stille in den Räumen, tief im dunklen Brautgemache,

Ihre Zauber schwer verträumen: ach, vergiß, um nichts zu missen!

Sink, versink in Schmerzbegehren, fühl des Lustempfundenen Brache.«

Brust an Brust in Lust versunken,

Halt ich Dich mit warmem Arm:

Meiner Glücksgefühle trunken,

Schenk mir Deinen Fieberschwarm.

Denn der Seele Wollustfunken,

Übersprühn als Irrlichttanz

Der Pupillen dunkles Prunken,

Grüner als ein Iriskranz.

Deine Träume mag ich haben.

Deine Nacht! Dein Sternenreich!

Schätze will ich wild ergraben,

Sinken in den tiefsten Teich.

Schrecklich muß ich mich beglücken.

Weib, Du meine schönste Nacht!

Schmerzen, Lüste, die entzücken,

Alle, alle sind erwacht.

Sternennächte, groß im Raume,

Hab ich oft in mir verträumt:

Himmel doch im Zeitenzaume,

Die kein Weltenende säumt,

Kannst nur Du, mein Weib, mir schenken!

Sterne funkeln würdig auf,

Rhythmen, die Geschicke lenken,

Kreuzen sich im Feuerlauf.

Dichte Augenzwinkerhaufen,

Bilder träum ich wüst und leer,

Schnuppen fühl ich niedertraufen,

Ewig glüht das Flammenmeer.

Sterne, Sterne sprüht die Seele.

Jetzt ists ein Brillantenschweif!

Plötzlich bleiche Mondjuwele,

Dann ein rother Flackerreif.

Ziellos ziehn die Sternenwelten,

Strahlend wie ein Glücksgefühl,

Friedlich unter Zeitenzelten,

Als verknüpftes Lustgewühl.

Sterne, Sterne, will ich haben.

Ewig daure das Gesicht!

Reich, oh Nacht, bist Du an Gaben.

Weib, versagst Du? willst Du nicht?

Nein Du spendest unermüdlich,

Nur ich selbst bin satt und müd,

Unerschöpflich, übersüdlich,

Bist Du, Jungfrau, lustdurchglüht.

Wüthe nicht, ich kanns nicht fasten!

Ewigkeit hab ich gewollt:

Großes laß ich Dich verprassen,

Sternengold das todt verrollt!

Was ich kann, muß ich entpressen,

Riesenweib, Du unterliegst:

Gelbe Schmerzenssternenessen

Spenden Lust, bis Du versiegst.

Dies sind meine Schicksalleuchten,

Dies der tiefste Unheilsblitz,

Angstschweiß, Sphynx, soll Dich befeuchten,

Sieh, schon klafft ein rother Ritz.

Hah, nun hab ich mein Geheimniß!

Bluthkorallen tropft im Takt!

Nichts bereu ich, als Versäumnis,

Ich bin Ich, Barbar und nackt.

Es schweigt der Silbersichelsee.

Drin blitzt das Licht der Himmelsbilder.

Nur Krieger flüstern in der Näh:

Im Mondlicht blinken ihre Schilder.

Sie spielen wohl die ganze Nacht.

Du hörst sie oftmals hellauf lachen.

Wohl keiner denkt an eine Schlacht,

Und einsam wandeln bloß die Wachen.

Die Erde, die zum Himmel gähnt,

Verlangt jetzt Lusterreger:

Die Kriegerschaar, die sie ersehnt,

Verstümmelt die gefangenen Neger.

Sie peitscht die Opfer rings herbei:

Wer bockt, wird gleich zu Tod gesäbelt.

Es liebt der Mensch den Marterschrei,

Drum wird, was leiden soll, entknebelt!

Als Werkzeug dient ein Riesenpflug,

Der kann auch Fleisch zerreiben:

Der schneidet jetzt, auf einen Zug,

Zehn Leiber durch, mit scharfen Scheiben.

Der Pharao, im Festsaal, läßt

Die liebsten Sklavinnen erwürgen;

Des Schergen Finger, der sie preßt,

Muß für die nächste Marter bürgen.

Die ganze Hand wird abgehackt,

Dem Henker bleiben blutige Stummeln.

Drob lachen Weiber, jung und nackt,

Die schäckernd ihn, im Takt, umtummeln.

Im Saale wird nun aufgetischt,

Wo lüstern leckre Paare zechen!

Doch Gift ward ins Gericht gemischt,

Und einige siehst Du schon erbrechen.

Erschrocken fahren andere auf

Und fangen an hinauszurasen,

Doch packen Krämpfe sie im Laus

Und Blut entsickert ihren Nasen.

Und rings, im Festraum hingestreckt,

Verröcheln jetzt die Königsgäste,

Dann kommen Söldner, blutbefleckt,

Und bringen johlend Menschenreste.

Geschultert werden Bein und Arm,

Rumpftrümmer, die noch immer triefen,

Dann folgt ein dichter Fliegenschwarm,

Und finster wirds in Schwindeltiefen.

Mir träumte nun, uns allen träumte,

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Daß, was da zuckte, vorwärtsglitt

Und so die Welt zusammenräumte,

Denn jeder Abfall hupfte mit.

Das Blut, das noch aus Schrammen schäumte,

Ward abermals zum Daseinskitt,

Was krampfhaft sich zusammen bäumte,

Verschrumpfte rasch beim Übertritt

Zum Jungwurf, der sich kraus umsäumte,

Denn kleinlich war der neue Schnitt.

Was Menschen stündlich wüst verwuchern

Verkrüppelte und wurde starr.

Das Lumpige in Weltdurchsuchern,

Verschrumpfter Seelen Brunstkatarrh,

Das Schamlose in Fleischverfluchern,

Was zynisch bleibt und urbizarr,

Der Zunftdruck in Geschichtsverbuchern,

Eunuchenlust, Berufsgeknarr,

Der Muth in dummen Weibsversuchern,

Verbeugte sich als Zwerg und Narr.

Des Kloben schwammige Substanzen,

Durch Zwergtracht in Betracht gebracht,

Die Bauchfracht und der Buckelranzen,

Verdrehten sich ganz ungeschlacht.

Er wirbelte, begann zu tanzen.

Er hat lebendig aufgelacht.

Er kreiste zwischen Firlefanzen

Und riß sie mit als Wirbelmacht:

Was schimmelnd anfing anzuranzen,

Ist, rasch gewandt, als Wicht erwacht.

»Zwerg, Wirbelknirbs« rief ich: »belustig

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Dich frisch, verdirbs dem Tod, beim Tanz,

Was stiegt erwirbs und werde fett und wustig:

Des Nichtsgezirbs Urdissonanz

Sei laut in Dir, sei eigenbrustig!

Tanz, tanz, die Welt entlaus, entwanz,

Hei Negerzwerg, pechspeckig, rußdick

Bedeckt von schwarzem Kohlenglanz,

Dein Kopf schrumpft ein, der Rumpf wird krustig,

Und um Dich walzt ein Mummenschanz!«

Falls alle schwarzen Larven fallen,

So grinsen mich nur Schädel an:

Gerippe sinds mit Fingerkrallen,

Im Kaftan, wie ein Muselmann.

Die Mäntel, die sie lang umwallen,

Sind Schatten nur, die Truglust spann:

So dacht ich und mit Wohlgefallen,

Bemerkt ich wie der Spuk zerrann:

Durchschaut zerstoß wie Gallenquallen

Der Schwarm in meinem Geisterbann.

Statt Masken, dunklen Spukhalunken

Umgab mich jetzt ein Tschungelteich;

Umkrochen fühlt ich mich von Unken,

Und was ich abgriff wurde weich:

Ich selber bin somit gesunken.

Ich schwamm und watete zugleich,

Mir wars, als ob in Seegrundtunken

Mich eine Leiche bleich umschleich,

Und lauter grüne Fischblickfunken

Erleuchteten ihr Nebelreich.

Mein Sinken mocht ich nur vermuthen,

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Denn schon entschlüpfte ich dem Schlamm,

Und meine starren Glieder ruhten

Bereits auf einem Sammtsanddamm.

Tief unter mir, in dunklen Fluthen,

Erglühte mancher blutige Schwamm:

Am Ufer wuchsen Binsenruhten

Und blühten Blut, das leuchtend schwamm.

Die Leiche fing sich an zu sputen

Und regte sich gar wundersam.

Schon tauchten ihre schwarzen Flechten

Empor aus tiefem Tintenteich,

Dann schlug sie plötzlich mit der Rechten

Ein Halbrad und versank sogleich.

Die allzuschweren Haare schwächten

Zu stark das Weib, das leichenbleich

Und eingezwängt von Schilfgeflechten,

Versuchte, daß es einen Deich,

Halbangeschwemmt und halb mit rechten

Schwimmregungen, bewußt, erreich.

Kaum war das Weib ans Land geschwommen,

So wich der Teich hinweg und sank.

Sie aber blickte angstbeklommen

Zurück auf Binsenkraut und Tang.

Vom Sumpf, dem sie zur Noth entklommen,

Blieb fast nur das Morastgerank,

Doch ist kein Gluthschwamm drin verglommen,

Blutblühten sprühten auf der Bank,

Und ganze Funkenschwärme klommen

Empor am nahen Uferhang.

Des magern Weibes starre Glieder

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Vermochten kaum noch gradzustehn,

Sie standen auf und fielen nieder,

Sie mußten sich aus Schwache drehn.

Nun schlossen sie sogar die Lider.

Das Weib war noch zu matt zum Sehn.

Die Binsen lagen rings danieder

Und schienen plötzlich einzugehn,

Doch ihre Kraft gab ihr ein Mieder:

Ein Gluthhauch schien sie anzuwehn.

Zu Muskeln wurden Marterknuten.

Das Fleisch ward straff und fasersteif.

Das Blut sing an mit Hast zu fluten.

Die Brüste wurden schwer und reif.

Es war, als ob der Binsenruthen

Urdasein in die Schenkel kneif,

Die Striemen, die am schlaffsten ruhten,

Erhärteten zum Knorpelreif:

Es schien, in kurzen Kraftminuten,

Als ob, was schafft, zusammengreif.

Die Seele fing an aufzuwachen.

Nie war sie so empfindungsreich.

Brunstjagden, die die Lust entfachen,

Des Mannes Sieg, sein Züchtigungsstreich,

Das Willkürbangen aller Schwachen,

Verschmolzen Furcht und Lust zugleich:

Drum mußten beide hier verflachen,

Und, sieh, das Weib ward wesensweich!

Kaum sah es auf, vernahms das Lachen

Von Menschen und ward schreckensbleich.

Scheingreise grinsten rings im Kreise,

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Und da empfand das Weib die Scham,

Da kams, daß sie auf grause Weise

Ein wilder Ekel überkam.

Angstfieber schüttelten sie leise

Und ihr Gehaben wurde zahm.

Es staunten selbst die lüstern Greise,

Wie seltsam sich das Weib benahm,

Ihr wars, als stak sie tief im Eise,

Und ihre Glieder wurden lahm.

Die Schaulustunken, Lasterkröten,

Die Fische geiler Grausamkeit

Durchfröstelten das Weib, erhöhten

Ihr Junggefühl als nackte Maid.

Es war, als ob sie Schamkraft böten,

Zum Ruckstoß der Urwesenheit.

Sie wurden Fleisch, und Fleisch zu töten

Und haben dicht die Brunst beschneit:

Doch Ahnungen von Morgenröthen,

Die Wallung der Verborgenheit,

Quoll hoch empor in Weibeswangen.

Es sprang die Ruthengluth herbei,

Die Blühten, die am Schilfrohr schwangen,

Durchfieberten sie frisch und frei.

Es trug sie dort ein mutvoll Bangen,

Dem, vollbewußt, das Weib sich weih!

Zum Jungfrauschauspiel zu gelangen

Umstaute eine Greisenreih

Das Weib, und ihre Blicke drangen

Mitschöpfend, daß die Zuckt gedeih,

Tief ein ins fremde Weibeswesen.

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Und dieses, schamdurchschauert, scheu,

Versuchte Ranken aufzulesen.

Doch, was es angriff, ward zu Spreu.

Die Ruthen, selbst die Binsenbesen,

Zerstoben wie verdürrtes Heu.

Sie alle mußten rasch verwesen

Und trugen schon, im Weib, aufs Neu:

Sie sind der Zuchtkraft selbst genesen,

Und sieh, das Weib ward keusch und treu.

Es mochte nun zum Wasser langen,

Daß plätschernd es die Scham bedeck,

Doch nutzlos war das Unterfangen,

Längst leckte es ein Fiebern weg.

Durchs Bücken und Sichbeugen drangen

Die Flechten zum geheimsten Fleck

Und dienten so dem Weibsverlangen,

Durch Zufall, zum Versteckungszweck.

So blieb es denn, die Haare schlangen

Sich breit ums tiefe Schenkeleck.

Zuerst erstarrten Hand und Sohle.

Dann ward das Becken festgebannt.

Die Jungfrau ward zum Steinsymbole,

Durch sie bekam die Scham Bestand.

Das Greisengeile, Urfrivole

Erhärtete und blieb frappant.

Ein Mohr, verschrumpft zur Fußkonsole,

Entwuchs der dunkeln Unterwand:

Dann ward das Schauspiel rasch zu Kohle,

Da alles schwarz in schwarz verschwand.

Lauter winzige Silberwische

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Wurden ringsum immermehr,

Keimgefunkel, schwärmerische

Flitterblühten, wie im Meer,

Liebesblicke ewiger Frische,

Wohl ein ganzes Traumlustheer,

Wirbelten als gleisnerische

Sehnsuchtsfibern, voll Begehr,

Daß sich Gleiches geil erwische,

Sich verwickelnd, um mich her.

Waren das die Brunstgedanken?

Wars der Sinne Feuerbrand,

Jener Menschen, die versanken,

Als die Jungfrau keusch verschwand?

Wurden gar die schwachen Ranken,

Die ich zart um mich empfand,

Die ich leuchten sah und schwanken

Einer Jungform Urbestand?

Wurzeln, die das Fieber tranken,

Das die Leiber hold verband?

Eine Lothosblume ragte

Nun verduftend in die Nacht:

Als die Gluth der Liebe tagte,

Ist die Blume hold erwacht:

Und vor solcher Pracht verzagte

Mein Begehr, der brunstentfacht

Jede tolle Frage wagte,

Um zu wissen, was, vollbracht,

Jede Antwort kühl versagte:

Und ich hab nur nachgedacht!

Denn der Blüthe blasse Blätter

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Wiegten sich gar wollustbleich,

Blutdurchglüht und leicht violetter

Schmiegten sie sich weiblichweich,

Immer fleischlicher und fetter,

Endlich weißen Leibern gleich,

Eins ans andre, als erkletter

Jede Wallung aus dem Teich,

Fiebernd, wie ein fernes Wetter,

Leiblich schon und wollustreich,

Ein erzuckendes Empfinden,

Das als Buhlin sich ergiebt:

Und ich ahnte, hier verbinden

Viele was sich rings verschiebt.

Wenn wir selbst in Lust uns winden,

Wenn die Brunst als Glück zerstiebt,

Sucht das Weib vom Weib zu finden,

Was im Rausch dem Mann entsiebt,

Und der Mann will sich entrinden,

Der den Mann im Weibe liebt!

Welturanisch, unerklärlich

Liebt sich selbst das tiefste Ding,

Ewig still und unversehrlich

Schließt sich der UräusRing!

Die Geschlechter sind begehrlich,

Doch das Übel ist gering,

Für sich selber nur gefährlich,

Weil sich drin der Schmerz verfing,

Bleibt ihr Dasein unentbehrlich,

Daß die Liebe sich entschwing!

In den letzten Brunstgewittern,

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Die ganz kraftlos sind und satt,

Sprüht die Liebe noch aus Zwittern,

Fast affektlos schon und matt;

Ohne Fernen zu durchwittern,

Ist die Liebe satt und platt,

Kaum geschlechtlich mehr, erzittern

Leib an Leib verlegen, glatt;

Und hier zucken und verwittern

Weib an Weib als Lothosblatt. –

Nächtlich keimen und entrollen

Blätter, zart und wundersam,

Den Bestand der weibertollen

Weibchen aus dem Mutterstamm

In den Kelch der wesensvollen

Liebe mit dem Blüthenkamm:

Lustgefühle, jäh erquollen,

Sind sich Braut und Bräutigam.

Und, statt goldenen Sonnenpollen,

Schnellt die Liebe, unduldsam,

Ohne leiblos auszurasten,

Aus dem tiefsten Werdenskern

Knaben vor, die sich betasten

Und sich haßvoll und doch gern

Ansehn und beim Schwelgen hasten:

Denn bald sind sie feind und fern!

Viele sah ich, die verblaßten,

Doch der Liebe ewiger Stern

Gab sich andern, die erfaßten,

Das Geschlecht erst zu ersperrn!

»Barbaren!« war der Warnungsruf,

»Die Feinde!« der Verzweiflungsschrei,

Dann traf mich schon ein Pferdehuf,

Und rings begann die Metzelei!

Nun bin ich wach und seh genau:

Ein feindlicher Volksstamm, mit Rossen und Wagen,

Durchplündert und brandschatzt den Usgau,

Da kommt er mit Pferden, auch Menschen zu jagen:

Die Hyksos erscheinen, Ägypten zu plagen!

Sie fahren im Karren, zertrümmern, zerschlagen,

Was immer sich aufreckt und aufthürmt,

Wo Reiter und Roß wild dahinstürmt.

Es schnalzen die Hyksos, es wiehern die Rosse!

Es blinken die Lanzen, es schwirren Geschosse!

Es pfeifen die Lenker, es grinsen die Weiber!

Gewimmer entschnarrt einem rauchenden Haufen

Verreckender Menschen, verzuckender Leiber,

Die röchelnd sich bäumen, zuletzt noch zu raufen!

Bewußtlose Menschen empfinden die Hiebe

Der Hufe, verscheidend, beinahe als Lust:

Zerquetscht durch die Räder im Karrengetriebe,

Verschnarcht mancher Rumpf mit zerschlagener Brust.

Nun rasen die Wagen bergauf über Leichen,

Es macht erst der Ansturm die Insassen munter,

Doch weiche Kadaver belasten die Speichen,

Drum stürzt Roß auf Roß katarakthaft herunter:

Ein irdisches Fiebern durchschüttelt Ägypten.

Ein Lichtbraus, der hurtige Hyksos beflügelt,

Durchschauert das Land, wo die Bauern versippten

Und menschlicher Starrsinn ein Hiersein erklügelt.

Die Lichtwucht will liebreich Erdkinder durchdringen,

Doch kann Mann an Mann nur im Kampfdrang heran:

Ganz anders, gelingt es dem Mann durch das Ringen

Zu fassen, was haßvoll ihm zustürmt im Mann!

Es wälzt sich ein Wüstengetümmel herüber,

Ein wildes Gewimmel verirrt sich zum Nil:

Nie färbte der Fluthschlamm die Flußwässer trüber,

Als da die Sahara das Thal überfiel.

Ein rasender Reitertroß würgt und verstümmelt,

Mit Wagen und Waffen, was rastete, praßte;

Ich selbst habe, nackt, unter Nackten gelümmelt,

Bis Angst mich vor kalten Kadavern erfaßte.

Ein Roß überstürzt sich, jetzt muß ich ersticken!

Es wiehert, ich beiß ihm mit Lust in die Nüstern,

Es wird mich erdrücken, ich fühl mich zerknicken,

Doch hört mein Bewußtsein noch weltwirres Flüstern.

Ich blute bestimmt, bin verwundet, zerschunden,

Gewahre im Mondlichte Rümpfe und Fratzen,

Ich schleiche durch Leichen, mit triefenden Wunden,

Um gierig das Fleisch von den Schädeln zu kratzen.

Nun packt mich ein Grauen, verkrampft mich in Mähnen:

Ein Pferd, das verreckte, versteckt meine Glieder,

Denn überall lecken und schnuppern Hyänen:

Nie ward mir ein Eindruck so schrecklich zuwider.

Es dürsten am Schlachtfeld wohl Tausende weilen,

Ich merk es am Lecken und hörbarem Trinken,

Drum such ich zum Schutze nach Lanzen und Pfeilen,

Die müssen im Mondlichte irgendwo blinken.

Und immer noch rasen Saharabarbaren,

Wie Schatten des Wahnes empor aus der Nacht:

Ich kann ihre Wagen am Schlachtfeld gewahren,

Da nirgends ein Tempel mich steil überdacht.

Vermag die Sahara das Thal zu verscharren?

Versandet das Land und zerfallen die Hallen?

Denn Schaaren von Hyksos, auf Rossen, in Karren,

Entfahren der Ferne, sich hier einzustallen.

Sie jagen durch Tempel und Tempelruinen:

Da wenden sich ihnen rings Menschen entgegen:

Vom sterbenden Mondscheine gelblich beschienen,

Beginnen sich etliche Gegner zu regen.

Verwesendes Theben, entstehn Dir denn Helden?

Vermag es die Schlachtenwucht Muth zu gebähren!

Beginnt sich die Schmerzbrunst Geschlagener zu melden?

Die Wurmlust der Ohnmacht sich stumpf zu verzehren?

Was Ehren, was Trotz, was Gefasel von Thaten,

Zum Schluß hilft die Geilheit beim muthvollen Sterben!

Mag plötzlich den Feigling Beherztheit berathen!

Ich seh ihn, verderbend, um Lustjucken werben,

Drum greif ich zum Scheine nach Pfeilen und Lanze

Und hoffe, es wird mich der Tod nicht verschonen!

Dem Feind winkt der Speer mit erbebendem Glanze,

Der Opfertod möge mein Großthun belohnen.

Komm Hyksos, erfreu dich beim Stechen und Schnüren,

Ich trachte Dir katzenhaftfahl zu entweichen,

Dann kann ich mein nahendes Ende verspüren

Und langsam erkalten wie andere Leichen.

Verzagtheit und Keuschheit, Ihr Ehrfurcht und Grauen,

Stets habt Ihr mir Thatkraft und Werblust versauert,

Nun laßt Euch, als Ohnmachtsgauch, kauernd, durchschauen,

So seid noch mein Lustwurm, von Abscheu durchschauert!

Erblickt mich der Krieger, der einsam dort reitet!

Ach, käm er herüber, ich wags nicht zu winken.

Wie werd ich gering, wenn der Angstkrampf sich weitet,

Bald muß ich in schrecklicher Schmerzlust versinken!

Unheimliches Kommen, angstschwangerstes Nahen,

Ich kann Dich erwartungsstumpf, einsam ertragen.

Mir ist es, als ob wir uns kannten und sahen,

Nun komm, Mann, mich Wehrlosen roh zu erschlagen! –

Halb Unding, halb menschlich empfundener Schatten,

So springt jener Klotzgnom vom zottigen Rosse:

Ach, bald kann ich schlafschlaff erblassen, ermatten,

Wie groß wird doch plötzlich mein Schlußlustgenosse!

Mein Henker, mein Richter, ergötz Dich beim Köpfen,

Die Freude wirft ewig quallüsterne Schatten:

Nur Du magst das größte Glück, tödtend, erschöpfen:

Da bist Du, nun geht die Vernichtung von Statten.

Ich fühl alles Zagen, voll Wollust, verrunzelt,

Jetzt kann ich die ganze Verachtung ertragen:

Nun seh ich den Henker, ganz blitzrasch, geil schmunzeln,

Und lüstern, als Jüngling, mich kühn überragen!

Sind Kopf jetzt und Wesen, gefällt und zerspalten!

Mir ist es, als sauste der Henker selbst nieder:

Fast wach ich, verkrampft unter Schattengewalten:

Und Dunkel und Ruhe belasten die Glieder.

Ein Sturmbraus durchwuchtet mein schluchtiges Wesen,

Mein Henker ist selbst in mein Inneres gefahren,

Nur so kann die Seele der Schmachlust genesen:

Ich reiß mich empor, um mich selbst zu gewahren!

Da kommen die Hyksos, von Raublust gepeinigt!

Oh, könnt ich ein Pferd ohne Reiter erspähn,

Oh, wär meine Seele von Feigheit gereinigt,

Ich würde nicht Raub und nicht Todtschlag verschmähn!

Jetzt schnell ich empor, um ein Roß zu erfassen,

Schon schnüre ich Nüstern und würg einen Reiter,

Ich schlag ihn zu Boden, ich seh ihn erblassen,

Ich saus auf den Gaul und schon brausen wir weiter.

Das war nun ein angstfreier, klarer Gedanke!

Ihr eigenstes Glück hat sich Kühnheit errungen,

Nun fall ich dem Feinde, zu Pferd, in die Flanke,

Und streite als Reiter: mein Streich ist gelungen!

Jetzt hetz ich mein Pferd ins Gemetzel von Schlemmern.

Bewußtlose Menschen zertritts mit den Hufen,

Und Halbtodter Schlafen beginnen zu hämmern

Und wollusttoll hör ich Verendende rufen!

Verächzen, Gestöhne, den Schrei der Hyäne,

Vernehm ich beim Ritt, über Rümpfe und Stummeln,

Es ist, als ob Erbschmerz der Dumpfheit entgähne,

Nun will ich, zu Roß, auf dem Schlachtfelde tummeln.

Hier bin ich der Meister, der Held und der Sieger,

Ich kann Dich, Saharanacht, qualbaar, verachten,

Ich bin kein Verreckender, bin auch kein Tiger,

Ich bin das Ereigniß nach brunstwuchtigen Schlachten.

Ich werde der Lebensrausch krampfstarrer Reste:

Geschwellt von der Sprudelbrunst sterbender Welten,

Erhält sich der Geist, als urewige Veste,

Die leidlos empfängt, was die Sinne vergelten! –

Gedanken, als klare, krystallkalte Drachen,

Ereignen sich tief, ich durchschau sie mit Muße!

Sie flattern wie Banner. Allflammen erwachen.

Und leibhafte Sieger thun schmerzverkrampft Buße.

Sahara, Du hast Deine Rasse geboren!

Schon schwängern die Schatten der Todten die Leiber:

Im Weib wird der Feindesschleim fertiggegoren,

Der Hyksossohn sei einst der Hyksosvertreiber.

Im Weibesleib treffen sich feindliche Rassen,

Dort keimen dumpf, unerfüllt, männliche Seelen:

Im Weib kann die Eigenheit stets sich erfassen,

Aus breiter Eintönigkeit Formen entschälen.

Die Frau ist das Traumesgraun schlummernder Lenze,

Die Ahnung, den Urbrunstdurst selbstlos zu schöpfen,

Die Nacht aller Möglichkeit, weit ohne Grenze,

Das Staunen vor Höhen ergrübelnden Köpfen.

Den Mann hat die RaGewalt sonnhoch erhoben:

Der Drang und das tiefste Ding bleiben das Gleiche,

Doch schufen die Sinne, die lustbunt vertoben,

Den Trieb, der die Einsicht persönlich erreiche! –

Die Kette der Liebe ist nirgends zerrissen:

Zwar hat die Sahara uns zahllos gespalten,

Doch bildet das Weib die verschiedenen Gewissen,

Und drum wurden Wesen geschlechtlich erhalten.

Der Urgrund der Seele ist wesensuranisch

Und soll sich, verkörpert, geschlechtlich empfinden:

Oft opfert der Sonnkern sich heldisch, titanisch,

Daß alles, was Weib wird, tief innen verschwinde.

So faß ich ratapfer Saharagedanken:

Kein Weib kann das Weib meines Wesens erwecken,

Die Reinheit des Einblicks gebiert ihre Schranken,

Und schrecklos läßt Klarheit in mir sich erstrecken.

Ihr zwinkert, Ihr Sterne, auch Ihr seid nur Sünder!

Ists Licht auch naiv, das Ihr selbstwesend spendet,

So seid Ihr Entzünder des Lebens auch Gründer

Verdunkelnder Schollen, wos Wollen verendet.

Ihr weckt die Planeten, die selbst sich verdichten,

Die furchtlos vom Tag in die Dunkelheit tollen,

Die Finsterniß lieben, verschließen, verkneten

Und, ewig vertrieben, enttollen, verrollen!

Heut gleicht Euch mein Geist, an Gewalt und an Würde,

Er selbst ist ein Stern und ein Tag aller Klarheit:

Er ruht und erträgt seine kosmische Bürde,

Sein Wesen, ein Ganzes, ist sonnhohe Wahrheit.

Er strahlt aus sich selbst, wenn die Erde verdunkelt,

Er kennt seine Macht, wie einst Simson die Kräfte.

Dich, Tempel der Welt, der als Raum mich umfunkelt,

Verklammert mein Urgrund jetzt blindlings, wie Schäfte

Versänk ich und wollt ich das Sein überwinden,

So würdet Ihr, zitternde Sterne, zertrümmert,

Ihr müßtet im finstersten Nichts mitverschwinden:

Das All wäre leer, um sich selbst unbekümmert!

Ra

Oh Sonne, Dein Wesen ist ewiges Siegen!

Dein Wollen ist Licht, Deine mystischen Flügel

Erstrahlende Wärme, Dein Siegen ist Fliegen

Und hoch überblickst Du die Thäler und Hügel.

Dein Anblick ist herrlich, erscheinende Scheibe,

Und schön was Du ansiehst, oh Gottheit der Milde:

Du weist auf den Reichthum im menschlichen Leibe

Und schaffst den Gedanken zum stilstrengen Bilde.

Fast athemlos starr ich Dich an, gutes Feuer,

Ich bete und strebe zu Dir wie die Saaten:

Doch weilte kein Geist je beständiger und treuer

Bei Ra, seiner Gottheit, als ich Dein Chuenaten.

Erwachen die Strahlen des Tages, am Morgen,

So lachen wir alle Dir kindlich entgegen

Und können vom Sonnengold sorglos erborgen,

Was dann zu gebrauchen, wir frei überlegen.

Doch kann die Sahara Dick Abends verscharren,

So muß sich die Erde im Dunkel vergraben.

Sie gleicht dann den Todten, die tagfern erstarren

Und wahllos mit Gaben von andern sich laben.

Was da ist, ist da, weil es nachahmt und trachtet

Wie Du, heiliger RaBall, im Glanz zu erscheinen,

Vom Tage gebändigt, geschwängert, betrachtet

Das Erdkind sein allgemein eigenstes Meinen.

Wir wollen uns formen, wie Du es beorderst,

Und wünschen den Lichtpriestern schlechtwegs zu gleichen,

Wir hoffen und streben zu sein, was Du forderst,

Und loben Dich, wo wir Dein Wollen erreichen.

Es hüpft unser Herz, wenn wir folgsam Geheiße

Der Urgluth in uns, Dir zum Danke, erfüllen:

Da singt unsere Seele, als blende und gleiße

Ein RaTag in Tiefen, die stumm sich verhüllen.

Dir zwitschern frühmorgens die Vögel entgegen,

Die Fische entschlüpfen den Tiefen des Niles,

Die Schiffe beginnen sich munter zu regen,

Mich selbst fühlt ein Ich tiefverinnigsten Spieles.

Du, mannbarer Ra, hast das All erst erschaffen,

Das höchste der Werke mit Lust zu empfinden,

Doch laßt Du die Schlünde vom Werdesturz klaffen,

Um ewig das Größte, besiegt, zu verwinden.

Du blickst in die Tiefe erschreckender Meere,

Die fürchten, daß Sturmwuth die Weltfluth erschöpfe:

Es ist, als obs Weib sich, gebährend, verzehre:

Du tödtest die Schöpfung durch ihre Geschöpfe!

Doch Du dauerst fort. Von Räthseln durchschauert,

Erwartet das Erdweib das Sonnfruchterwachen.

Es horcht, ob das Leben, das tief im Leib kauert,

Durch Hüpfen es anstachelt, sonnauf zu lachen.

Ra, Allmacht Ägptens, Du Weltfelsenthürmer,

Du Herrgott der Hyksos, Du Urgrund der Meere,

Du Königserschöpfer und Schützer der Würmer,

Du Ungeduld aller, Du ewige Lehre,

Dich rufe ich an, als Dein Diener Chuenaten!

Ich will aller Welt Deine Macht offenbaren,

Drum gieb mir die Kraft zu rarühmlichen Thaten,

Dann ziehn wir gar bald zum Altar mit Fanfaren.

Du, Ra, gabst der Menschheit das Recht auf Gebieter,

Drum darf sie auch fordern, daß ich sie bezwinge:

Oh, sieh Deinen Diener Chuenaten, hier kniet er,

Hier fleht er, oh laß, daß das RaWerk gelinge!

Das Weib hat das Recht einem Mann zu behagen,

Die Dirne, als Kind, daß ein Knabe sie schände,

Es haben die Beine das Recht, uns zu tragen,

Die Palmen und Staaten aus plündernde Hände,

Die Lüfte der Wüste, aufs Meer sich zu stürzen,

Die Nebel, daß hitzige Winde sie hetzen,

Die Düfte der Blüthen, die Lüfte zu würzen,

Der Neid den Besitz seines Nächsten zu schätzen,

Verstorbene auf Ruhe und Murmelgebete,

Die Urgluth, durch Brunstwucht, die Lücken zu füllen,

Auf Angst und auf Kampf, die Allarmtrompete,

Die Luft und das Leid auf der Hungernden Brüllen,

Die Dummen, daß Gauner sie oftmals belehren,

Der Krieg auf die Städte, die prassen und rasten,

Das Feuer auf Zyklen, aufs Stetswiederkehren

Des Tags, das vermag, allen Glast zu entlasten.

Du, Ra, hast ein Recht auf die Werbegebete,

Da Du uns erleuchtest, was leuchtet, zu nehmen;

Du schufst uns, daß jeder Dein Wollen vertrete,

Drum preist Dich, wer aufhört, vor Dir sich zu schämen.

Du bist ja der Reichthum der alles verschwendet!

Wer einseitig handelt, mag gut sich verhalten

Und wäre gar thöricht und maaßlos verblendet,

Versuchte er selbst, sein Gesetz zu gestalten.

Doch Ra, ich, der König, verkünde Dein Wollen,

Da Du, Ra, mein Vater, ob unserer ergrimmtest:

Mein Wort gleicht des Lothos sonngoldenem Pollen,

Der alles befruchtet, was Du ihm bestimmtest.

Ein Urtrieb der Menschheit, gehorsam zu dienen,

Verschafft uns die Lust, uns nach Numen zu sehnen;

Was feig sonst, in mir ists heroisch erschienen,

Auch ich mag die Nacht meiner Gottheit entlehnen!

Ich bin wie des Niles belebende Fluthen,

In denen die Menschen sich spiegelnd erkennen,

Du selbst schufst die Fluthen und Ursprungsbrunstgluthen,

Damit Deine Räthsel in mir erst erbrennen.

Du siehst und erkennst Dich in Meeren und Seelen

Und suchst sie Dir ewig, aus Liebe, zu nähern,

Drum willst Du Gebete und Nilnebel schweelen,

Erfreust Dich, zur Fluthzeit, an Lichtheilerflehern!

Das alles, oh Ra, will ich folgsam erringen,

Ich will Nilfluthspeicher mit Spiegeln erschaffen,

Das Wasser, das abfällt, verriegeln, bezwingen,

Der RaWallfahrt alle Altare erraffen.

»Chuenaten,« rief Ti, dessen Mutter: »Chuenaten,

Dein Morgengebet ist fürwahr unbesonnen,

Oh laß Dich, Du thörichter Schwärmer, berathen!

Das Werk, das Dein herrlicher Vater begonnen,

Zerstöre es nicht durch verzweifelte Thaten:

Chuenaten, Chuenaten, die stolzen Kolonnen

Der Kämpfer für Ra, Deine bravsten Soldaten

Sind ringend gefallen, und wer hat gewonnen!

Es stehen die Vesten und Tempel von Theben.

Und mag Deine Würde auch ruhmvoll erstrahlen,

So weißt Du, was Anbeter Amons erstreben.

Die Priester der Hauptstadt verstehn mit Kabalen

Bestimmt noch den Aufruhr im Land zu beleben!

Du fahndest fanatisch nach RaIdealen,

Du wandelst auf einsamer Bahn und daneben

Vergißt Du der andern Gedanken und Qualen.

Ich warne Dich. Sage, was bringt Dich zum Rasen!

Ein Wahn ist in Dich, mein Chuenaten, gefahren.

Was wallt in Dir auf? Ach, laß die Ekstasen

Den Armen, den Kranken, die das offenbaren,

Was lange RaPriester vor Priestern verlasen.

Begrab die Gefallenen und laß die Fanfaren,

Die Frieden verkünden, zum Todtenfest blasen!

Das Ahnenverscharren bewahrt vor Gefahren:

Zur Zeit als mein Mann Amenemhotep lebte,

Befand sich, wo immer man Kriegsruhm erstrebte,

Im Heere des Landes ein Kadaververpacker,

Der sorgsam die Mumien der Helden verklebte,

Und sieh, auch Dein Vater war tapfer und wacker!

Doch weiß ich von Unheil, das einst uns umschwebte:

Es warf die Sahara waghalsige Racker,

Bis Theben, zu Pferd, daß die Erde erbebte,

Und damals, nur damals, verwesten die Leichen.

Chuenaten! So banne die schwankenden Schatten

Und laß uns nickt wieder von Ahnen umschleichen;

Sie kamen zuerst als verhungernde Ratten

Hervor aus den dumpfen, verdunkelten Reichen,

Und als wir für sie keine Nahrung mehr hatten,

Da mußten die Lebenden selber erbleichen:

Drum sollst Du, mein Sohn, Deine Todten bestatten,

Um nimmer den bösen Barbaren zu gleichen!

Ja, Zeichen erscheinen am Himmel, auf Erden,

Die gleichen, die einstens auf Elend gewiesen;

Die Priester erzählen mit Schauergeberden,

Von Tempelgespenstern und Schattenrißriesen.

Chuenaten, was soll aus den Nilländern werden,

Die Äcker sind brach, kein Vieh auf den Wiesen;

Sieh, niemand bekümmert sich mehr um die Heerden,

Die Steuern sind höher, geringer die Priesen,

Und Bauern vertummeln ihr Gut mit den Pferden!

Fürwahr, mein Chuenaten, Du gleichst den Barbaren,

Ratrunken zerbrachst Du Altare und Städte,

Doch sag, kann Dein Ra Dich vor Schaden bewahren!

Ich seh in den Tempeln, in Theben, Skelette,

Rings Menschen im Elend, statt rastarken Schaaren.

Man raschelt den Namen von Ra um die Wette

Und ahmt Dich auch nach, mit verwandtem Gebahren,

Doch Ra, wenn er Allkraft und Dankbarkeit hatte,

So könnt er Ägypten den RaKrieg ersparen!

Oh, glaube dem Weib, das mit Leid Dich geboren,

Dem Amon und Ptah bleibt die Kraft für die Rache,

Schon jetzt ist Dein Werk und Dein Welttraum verloren,

Schon ahn ich der RaFeinde gräßliche Lache.

Die RaMacht zerprallt vor den Amonstadtthoren:

Es spiegelt der Mond sich im Blutsprudelbache,

Der aufschäumt aus Mündern, aus Wunden und Ohren:

Mir ists, als ob Ras Tempel berste und krache,

Als hatte das Land gegen Dich sich verschworen!

Chuenaten, Chuenaten, Du hast keine Söhne,

Es konnte Dir Ra keine Knaben bescheeren,

Dies bleibt Deine Schuld, – drum hör mich: versöhne

Dich rasch mit den Feinden, die allseits sich mehren.

Chuenaten, oh hör auf das Völkergestöhne

Und laß uns nicht länger den Frieden entbehren!

Vermahle die schönste der Töchter und kröne

Den Freier zum König, bestürm ihn mit Ehren,

Daß niemand dereinst Dein Gedenken verpöne.«

»Ach Mutter«, rief plötzlich fanatisch Chuenaten,

»Kein Weib wird mein Streben und Wirken verhindern,

Das Dasein von Ra kannst Du nimmer errathen,

Da giebts keine Milde, da läßt sich nichts lindern.

Das da ist das Drama aus Ras Manngewalten,

Die allseits erwachen, den RaKampf entfachen,

Beim Dreinschlagen lachen, die Maße zerspalten,

Die Staaten gestalten, die Sklaven bewachen!

Ra selbst ist der mannbare Daseinsgedanke,

Der geisterhaft wachst und den Leib überwindet:

Er selbst der RaSehnsucht asketische Ranke,

Ist das, was im Menschen das Lichtall verbindet!

Er kehrt von der Erde den Blick hin zum Lichte,

Er kennt seine Ewigkeit zwischen den Welten,

Er wirkt, daß das Zeitliche selbst sich vernichte,

Und liebt was fanatisch bleibt, raumfrei und selten.

Ra selbst ist das Dasein von Menschen und Thieren,

Ra tödtet was schwach wird beim Sichselbsterringen,

Ra will, daß wir Männer den Erdtrieb verlieren,

Ist Ra doch das Schicksal: wer mag es bezwingen?

Die RaFlamme stirbt nicht, denn Licht ist ihr Wirken,

Ihr Anfang, ihr Aufschwall und zielloses Ende:

Sie will sich entzirkeln, entstrebt den Bezirken

Und schafft drum den Urschein von Raum und Zeitwende.

Chuenaten, oh Mutter, wird nimmermehr sterben:

Ihm konnte kein Weib seine Söhne bescheeren,

Ich werde einst selber mein Wirken ererben,

Die Flamme in mir kann sich nimmer verzehren.

Bald wird die Sahara das Nilthal verscharren,

Das reiche und üppige Leben verwesen,

Das Schwache erstarren, die RaKraft beharren,

Drum trennt sich was Mann ward vom weiblichen Wesen.

Bei Fischen, bei Fröschen, bei Kröten und Schlangen

Sind Männchen und Weibchen von nämlicher Gattung,

Die Tigerin hat noch das Raubthierverlangen

Des Tigers und zeigt keine Weibheitsermattung.

Die Löwin ist tapfer, doch fehlt ihr die Mahne,

Schon konnte der Löwe den Königstopf krönen.

Bei Vögeln, bei denen es ist, als ob sich Erhöhung ersehne,

Ist schön nur das Männchen, an Formen, an Tönen!

Der Stier ist das reifste der männlichen Thiere,

Die Kuh ist verschrumpft und sie gleicht einer Mutter:

Für uns ist es gut, daß sie Wildheit verliere,

Sie sucht nur ihr Futter, sie kalbt und giebt Butter:

So mag sich im Weib alle Weiblichkeit sammeln,

Der Mann muß, was schwach ist, von Anfang an, bannen,

Es darf das Geschlecht keine RaBahn verrammeln:

Und wird man ganz Mann, kann man fast sich entmannen!«

»Chuenaten, erscheine beim Fest der Kastraten!«

Rief plötzlich ein Priester mit zitternder Stimme.

Chuenaten ist fast außer Fassung gerathen,

Doch sieh, er ging hin mit verbissenem Grimme.

Rings standen des Tages Altarkandidaten,

Meist Kinder, bestimmt, daß ihr Urtrieb verglimme.

Es brachten die Eltern die Knaben nach Theben,

Sie sollten geschlechtslos dem Staatswesen nützen.

Es freute die Kinder, ein Fest zu erleben,

Sie suchten sich kaum vor den Schmerzen zu schützen,

Denn Neugier und Angst ließ sie gleichstark erbeben,

Dann schauten sie lüstern auf blutrothe Pfützen.

Es waren die Weiber nicht langer zu halten,

Es graute sie garnicht, das Schauspiel zu schauen,

Man sah wie sie keiften, wie Fauste sich ballten:

Es wollten sich alle am Blutstuß erbauen,

Und schrie säh ein Knabe, verkrallten sich, prallten

Und stauten sich Haufen von grausamen Frauen.

Die Männer im Harnisch, die rings sie vertrieben,

Beachteten kaum, mit verlorenen Blicken,

Die blutigen Szenen und stießen mit Hieben

Die Weiber zurück, um nicht selbst zu ersticken;

Gar viele verreckten, doch mehr noch verblieben,

Sich wirklich in Theben, beim Fest, zu erquicken.

Oft warfen sich Männer orgiastisch zu Boden,

Gar manche begannen sich selbst zu entmannen,

Und schrien dann vor Schmerz, mit verstümmelten Hoden.

Und Weiber, die wild ihren Wachen entrannen,

Begrinsten, begafften die Krampfepisoden,

Die rings sich, beim Fest der Kastraten, entspannen.

Die Hallen begannen sich langsam zu ädern:

Ein Scharlachbach sprang über Marmorterrassen:

Die Weiber, gereizt zum Beschaun von Blutbädern,

Bekamen die Jünglinge blasserer Raffen

Zu lüsternem Spiel, zum Verstümmeln, zum Rädern

Und kalten Betrachten von Martergrimassen.

Unfaßbar viel Volk ist nach Theben gekommen,

Und immer noch folgen sich Schiffe auf Schiffe:

Da kommen schon wieder Nilflotten geschwommen!

Gar viele umschifften gefährliche Riffe:

Zumal die den Weg durch die Schnellen genommen,

Sind fix und verstehn sich auf Nilschifffahrtskniffe!

Verankerte, heimische Barken entladen

Die nächtlich erbeuteten Austern und Fische:

Gar sorgsam entklaubt man von jäglichem Faden

Des Netzes die Thiere, daß keines entwische;

Und nah, am Gestade, lustwandeln und baden

Thebaner, erquickt durch die silberne Frische.

Jetzt nähern sich ringsum die Segler dem Strande,

Verschiedene bringen aus Punt Spezereien.

Die Händler erscheinen im besten Gewande,

Um sich und der Waare den Glanz zu verleihen:

Das hebt ganz natürlich die Freude am Tande,

Und gleich fängt man an, Werth und Preis auszuschreien.

Die Mannschaften klettern und reffen und raffen,

Mit Hast, doch im Takt, daß die Kraft nicht erlahme.

Fast würdevoll sitzen hingegen die Affen

Mit vagen Besitzerbegriffen im Krame

Und lassen sich gerne vom Haufen begaffen,

Und einer begrinst eine alternde Dame.

Die Frauen aus Punt sind rundputzig und tragen

Nur kurze, durchsichtige Kleider wie Glocken,

Begehrliche Männer, mit schlechtem Betragen,

Beginnen sie drum, halb zum Spaß, zu umhocken;

Behindert, beleidigt, vertheidigen, schlagen

Sich manche und andere entkommen erschrocken!

Die Krämer aus Charu, auf hohen Kameelen,

Belustigt das Schätzen und bloße Betrachten

Der Menschen und Sachen zum kaufen und stehlen;

Und manche, die lange nach Sinneslust schmachten,

Spazieren bereits ihre lüsternen Seelen,

Wo Gaukler und Weiber berauscht übernachten.

Vertheilt und versprengt, fast verloren, gerathen

Doch schließlich die meisten zum Platze des Festes,

Zur Feier der eben geweihten Kastraten.

Ganz Theben strebt hin und kein einziger verläßt es,

Denn dort sieht man Narren und Tanzakrobaten,

Und stets giebt ein Fest, wo auch Blut fließt, sein Bestes!

Chuenaten begrüßt nun sein Volk vom Balkone

Des Schlosses und spendet sein Gold den Getreuen

Des Ra; er zeigt sich den Städtern zum Lohne,

Weil diese nicht länger die Götzenmacht scheuen.

Selbst Hörige, Sklaven befreit er von Frohne,

Wenn diese sein Herz, durch den RaKult, erfreuen.

Der König, vom Weib und den Töchtern umgeben,

Denn sieben hat jene Chuenaten geboren,

Hat Ai und sein Weib, für ihr Günstlingsbestreben,

Statt Priestern des Amon, zur Huldigung erkoren:

Und diese versprechen stets eifrig zu leben

Und haben Chuenaten RaTreue geschworen.

Des RaTempels Diener umtanzen, umspringen,

Mit Trommeln und Flöten, den König zum Danke

Für alles was Ai und sein Weib schon empfingen;

Chuenaten hat fast die gebräuchliche Schranke

Und Ferne, die Königsgesetze bedingen,

Verwunden, denn einzig gilt jetzt der Gedanke!

Des Ai beste Schreiber und Zeichner erscheinen,

Bereit, das Ereigniß sofort zu vermerken;

Gemalt und gemeißelt, auf Rollen und Steinen,

Bewahr es die Nachricht von heilsamen Werken,

Von Tugenden, die sich im König vereinen,

Von Strahlen des Ra, die ihn anstachelnd stärken!

»Nun seht,« spricht Chuenaten: »ich fühle die Hände,

Die tief aus dem RaAll mein Inneres ergreifen;

Empfangt drum beherzt jede fürstliche Spende,

Denn ewig läßt Ra seine Tagessaat reifen:

Sein Reichthum ist alles, was anfängt sein Ende,

Drum spür ich sein Wollen zu Gold sich versteifen!

Nehmt hin: ich verschenke das Gut meiner Väter,

Empfangt auch das Geld jener feindlichen Lenker

Des Staates, der schamlosen Amonanbeter!

Ich selbst bin der eifrige RaStaatseinrenker

Und wüthe bewußt gegen alle Verräther:

Ja, wer nicht gehorcht, der verfällt meinem Henker!

So seht doch den Himmel und seht jene Streifen

Von Nebeln, die weit ihn und stillernst bedecken;

Um milde den heutigen Tag zu durchschweifen,

Gebar sie das Licht, und nun will sichs verstecken;

Doch bald wird es wieder durchs Schleierbrett greifen,

Als wollte es stündlich sein Dasein erwecken:

Doch dann sollt Ihr betend zum RaBall Euch wenden,

Damit er Euch, perlend und funkelnd wie Sterne,

Aus Wolken erblühend, erschaun kann und blenden.

Ihr Männer Ägyptens, Ihr Söhne der Ferne,

Dann beugt Eure Kniee und steht mit den Händen,

Und liebt Licht und Wärme, verehrt sie auch gerne!«

Es hat kaum Chuenaten die Worte gesprochen,

So strahlt schon der RaBall hervor aus den Schleiern,

Und stolz fühlt der König sein hohes Herz pochen,

Dann jetzt wird auch Theben die RaAllmacht feiern.

Schon kommt auf den Knieen die Menge gekrochen

Und schrill schallt der Schrei aller RaProphezeiher,

Die überekstatisch das RaReich verheißen.

Der König erscheint nun, von Gold übergossen,

Am hohen Balkone; denn Lichtbündel gleißen,

Hernieder auf ihn, auf sein Weib, auf die Sprossen

Des Hauses, die lieblich und zart sich befleißen,

Zu schenken, was scheinbar vom Himmel geflossen.

Es schreit nun die Menge: »Du, großer Chuenaten,

Unendlich wie Ra sind fürwahr Deine Thaten,

Du bautest die prachtvolle RaStadt Chutaten

Und schütztest die Tempel mit tapfern Soldaten,

Du sandtest dann Fürsten, mit Friedensmandaten

Nach Theben, zur Warnung der Stadtpotentaten,

Und siehe, sie kehrten mit Rathreferaten

Von Amon bekehrt und als Ras Renegaten

Zurück in die Stadt, die sie schamlos verrathen.

Du straftest sogleich alle KaApostaten

Und nahtest dann selbst Deinen Aufrührerstaaten.

Rasch schlugst Du die Heere von Amons Prälaten

Und bist, laut Beschlüssen und Friedenstraktaten,

Nun Herr und nun hier in der Stadt der rabiaten

Beherrscher des Usgau, in Amons Ornaten.

Wir sehn Deine Kraft an den Kriegsresultaten,

Wir preisen Dein Wesen in Tempelkantaten

Und trachten gehorsamst Dir gleich zu gerathen!«

Die Menschen die solche Gesinnung vertraten

Und jammernd den König um Gunstgaben baten,

Begannen in Ras Krampfgewalt zu gerathen

Und heulten orgiastisch: »Chuenaten, Chuenaten,

Nun laß uns dem Sumpf der Eunuchen entwaten!

Chuenaten, Chuenaten, ersetz die Kastraten

Durch Mönche mit Lustobgewaltsurrogaten;

Verriegle die Weiber allein in Kemnaten

Und schaff einen Orden mit Razölibaten

Und wahr uns vor fremden Geschlechtsattentaten.

Oh bilde die Sekte! Und Uraggegraten

Sind alle Ägypter, oh König Chuenaten!«

Nun bringen auf einmal fanatische Frauen

Die Kindlein herbei, sie dem Könige zu zeigen,

Und lassen Chuenaten, erfüllt von Vertrauen,

Indem sie sich tief vor dem Throne verneigen,

Die Säuglinge, die sie geboren, beschauen:

Und Graun packt den König, und nun folgt ein Schweigen!

Mit Riemen verschnürt sind die kindlichen Leiber,

Die Köpfe beschwert, um sie ganz abzuflachen,

Denn längst schon begannen die Zeichner und Schreiber,

Beim Bilden, ganz schroff, jede Stirn abzudachen:

Denn so ist der König und, sieh, auch die Weiber

Versuchen es Schreibern, in Fleisch, nachzumachen!

Der Priester des Amon benützt nun das Schweigen

Und ruft, von geharnischten Kriegern umgeben:

»Dein Aarprofil, König, ist garstig und eigen

Und sagt nur, Chuenaten ist überverwegen:

Er wird sich zu maßloser Dreistheit versteigen,

Ganz schonungslos handeln und nichts überlegen.

Gar schlaff ist Dein Fleisch, schlanker König Chuenaten,

Gar zart bist Du wahrlich, Du Mann Du, gerathen!

Doch sag, warum schreist Du in Mannschaftstraktaten,

Daß Du Mann, nur Mann bist, mit Ras Mannmandaten:

Fürwahr Du bewährst Deine Kraft durch Soldaten,

Die alles zerstampfen, so Städte wie Saaten!

Für Dich sind die Menschen umsonst und zuwider,

Drum schlachtest Du alles im RaÜbermuthe,

Und liegen auch Städte und Strecken darnieder,

Was thut es, zum Schluß liebst Du nur Deine Stute.

Nichts freut Dich als Reiten und Stärken der Glieder;

Ja, sicherlich steckt Dir der Hyksos im Blute!

Du plünderst die Grüfte, verweigerst die Gräber!

Du bringst selbst Amenti in Angst und Erregung!

Du bist nicht Osiris, Du schändlicher Streber!

Du giebst keiner Mumie die erste Bewegung!

Du bist nur ein diebischer Würdenvergeber

Und sorgst, statt für Todten für Pferdeverpflegung!

Du glaubst an ein urfreies leibloses Leben

Und willst Ku von Nivu und Ba gar entlösen,

Doch Blut ist die Seele und eitel Dein Streben,

Drum schone das Blut, mit bewußtreligiösen

Gefühlen der Achtung, dem Ewigen ergeben:

Nichts Tieferes giebt es in Leichengekrösen!

Doch laß alle Buße, Dir hilft kein Spruchsprudeln,

Zu spät ist es heute, Dein Blut ist verloren,

Es mag Dick Dein RaTroß, die Aischaar lobhulden!

Von Amon verdammt, wirst Du nimmer geboren;

Nun zähl Deine Freunde: in Ras Aufruhrrudeln

Hat mancher RaSchwärmer sich treulos verschworen!«

Jetzt naht von gewaltigen Massen umgeben,

Fast athemlos, Amons Gesandter Chuenaten

Und ruft: »Du Verwegener, nun sollst Du erbeben,

Verzucke, gefällt durch die eigenen Thaten

Und ohne, daß andere den Leib Dir verkleben,

Zum Nichtsein verflucht, von Soldaten verrathen,

Verdirb auf dem Felde, den Geiern zur Beute!

Nichts bleibe mehr aufrecht von Ras Machtdiktaten,

Aufflamme das Gold aller habsüchtigen Leute,

Die Gaben und Almosen schalkhaft erbaten:

Die Gluth ihres Gutes verzehre noch heute

Die RaSchaar im Nilthal, samt allen Piraten.«

Nun stürmen sich wüthend zwei Haufen entgegen:

Der König entreißt einem Bauern die Hacke

Und bricht sich gewaltsam, ganz tollkühn, verwegen

Ein Gleis, – trotz des Anpralls vom schwankenden Packe,–

Jetzt vor, bis zu Amon und stürzt ihn mit Schlagen

Der Axt und schreit: »Alpklotz zerstückle, zerknacke!«

Nun sieht er sich strahlend der Menge entragen

Und spottet, zum Priester des Amon gewendet:

»Nun kannst Du, vermagst Dus, den RaBall zerschlagen,

Denn Amon liegt da, von Chuenaten geschändet;

Ich mußte fürwahr nicht aus Zartheit verzagen,

Du rufe Dein Amen, mein Werk ist vollendet!«

Es dringt jetzt ein schreckliches Fremdengezeter,

Vermischt mit Gewimmer erstickender Kinder,

Hervor aus den Reihen lautschreiender Beter:

Auch kreischen die Weiber und Priester nicht minder,

Doch plötzlich schweigt alles, nun heißt es: »Dort geht er!«

Und bleich weicht das Volk vor dem Gottüberwinder.

Nun ruft man fanatisch; »Chuenaten, Chuenaten,

Wir sind es, die stets Deine RaRraft bejahten,

Du gabst uns Beweise, mit wahrhaft probaten

Gewaltakten, die ja Ras Allmacht verrathen!«

Und Männer aus Charu und andern Fremdstaaten

Bewundern besonders die That von Chuenaten.

»Chuenaten,« spricht Ti, dessen Mutter: »Chuenaten,

Der Kampf war gewaltig, der Sieg ist errungen,

Die Feinde, die Amon und Theben vertraten,

Sind alle zerspalten, beinahe bezwungen.

Chuenaten, doch laß Dich trotz allem berathen,

Du hast viele Fremde als Söldner gedungen,

Erhalt sie und laß Deinen Bauern den Spaten,

Der Friede beweist, was im Kriege gelungen.

Chuenaten, auch ich habe große Gedanken,

Ich wage es einen Dir, flüsternd, zu sagen:

Die Fremden, Chuenaten, zerbrachen die Schranken,

Die ewig im Nilthal dem Staat unterlagen;

Ich glaube sie alle sind wuchernde Ranken,

Die schwer nur die Stämme Ägyptens ertragen:

Nie darf unser Land wegen jener erkranken,

Doch sollst Du sie plagen, nicht wahllos verjagen!

Chuenaten, Dich haben die Fremden betrogen,

Sie haben gestohlen, geschachert, erbeutet,

Sie haben Ägypten die Nährmilch entsogen

Und wo Ihr Euch hadernd im Nilthale bläutet,

Dort haben sie ihre Erfolge erwogen.

Und wenn Ihr Euch herrlicher Siege erfreutet,

Ward immer von Fremden der Kampfplatz bezogen:

Die nahmen, was Ihr zu erringen Euch scheutet,

Mein Sohn, und Du bist solchen Leuten gewogen!

Erfülle, Chuenaten, die einzige Bitte,

Behalte die Fremden als Sklaven im Lande

Und tödte die Reichen, nach üblicher Sitte:

So bringst Du gewaltige Feste zu Stande

Und jedermann richtet dann lieber die Schritte

Nach Städten des Ra und erneuert die Bande

Mit Dir, großer König, und löst so die Kitte

Der Gaue mit Theben, dem Amon zur Schande:

Denn sieh, Dein Chutaten liegt gut in der Mitte

Des Landes und prächtig am Weg zu den Meeren.

Dort kannst Du die Straßen nach Theben verlegen,

Den Zulauf zu Festen des Amon verwehren

Und leichter Ägypten zum RaKult bewegen.

Doch Ra, der Dir half, sollst Du einzig verehren

Und Haß gegen Fremde und Günstlinge hegen.

Auch sollst Du den Erben nicht länger entbehren,

Was ist Dir an Weib und an Töchtern gelegen,

Ein anderes könnte Dir Knaben bescheeren!«

Worauf jetzt der König entschlossen erwidert:

»Die Fremden besitzen ein gutes Gedächtniß,

Sie sahen erstaunt, was ich rastark gegliedert,

Wer weiß, übernahm man dabei mein Vermächtniß?!«

»Mein Kind,« wimmert Ti jetzt verletzt und erschrocken:

»Nicht wurden die widrigen Hyksos vertrieben,

Um ärgere Feinde ins Nilthal zu locken:

Noch ist uns die Macht zum Regieren geblieben,

Mein Sohn, und Du lockerst den Staat, um die Brocken

Ägyptens dem gierigen Feind zuzuschieben,

Zum Schluß wird das elende Kusch noch frohlocken

Und Du die Kuschitinnen hätscheln und lieben,

Mein Kind, dies erwog ich und sag es nun trocken.«

»Ach Muter, Du sprichst nur, Du weißt nicht zu sagen,

Du willst nichts erfragen, Du hast nichts verloren;

Das Weib bleibt das Übel, dem Thäter entragen,

Und sieh, Männer sagen, als wissende Thoren!«

Kaum hat jetzt die Mutter die Worte vernommen,

So giebt sie zur Antwort: »Du sollst mich belehren,

Mein Sohn, alles Große stets soll es Dir frommen,

Du konntest Ägypten zum RaKult bekehren,

Dein Heer hat die Mauern von Theben erklommen,

Drum soll Dich das Vaterland lieben und ehren;

Es seien die Fremden im RaStaat willkommen,

Dein Schutz sei vollkommen, Du magst ihn gewähren,

Doch hält Deine Rachsucht mein Herz arg beklommen!«

»Der Mann ist der Sünder, das Weib seine Sünde,

Es würgen und sän doch die nämlichen Hände:

Verrucht ist der Staat, den ich eben begründe,

Doch laß, daß ich schrecklos mein Werk jetzt vollende!«

»Du zitterst, mein Sohn, laß, mein Kind, Dich begreifen,«

Hat Ti jetzt, als Antwort, aus Antwort, gegeben:

»Du fieberst,« so spricht sie: »Visionen umschweifen

Dich jetzt und verdrängen Dein ernstes Bestreben.

Du solltest Dich besser auf RaWerthe steifen

Und andere aus göttlichem Ansehn entheben,

Du magst Dich an Götzen wie Amon vergreifen,

Doch nimmer so tief in Dir selber erbeben,

Ach, ruh jetzt und laß Deine RaSaat erst reifen!«

»Nein Mutter, es stehen die Tempel von Theben,

Die werden noch heute, zum Fest der Kastraten,

Entstammende Arme zum Himmel erheben

Und beten und flehen, daß alle drin braten.«

Es hat kaum der König die Worte gesprochen,

So schreit seine Mutter: Ȇb Gnade, Chuenaten,

Schon hab ich die Flammen seit Wochen gerochen,

Ich sah Dich, aus Wahnwitz, in Blutlachen waten;

Das Feuer ist rasch in der Stadt ausgebrochen,

Drob bist Du in arge Bedrängniß gerathen;

Es waren um Dich alle Wachen bestochen

Und stießen Dich nieder, als Feinde Dir nahten:

Selbst jetzt läßt der Anblick mein Herz rascher pochen.«

»So werde ich alle Ägypter entlassen

Und Fremde zu Wachen und Anstiftern wählen,

So mag denn die Gluth gleich ganz Theben erfassen,

Und niemand sich feig aus der Feuersbrunst stehlen.«

Den Worten des Königs wirft Ti sich entgegen

Und schreit: »Warum willst Du die Hauptstadt verbrennen?

Wie kannst Du so ruchlose Lauerwuth hegen,

Wie wagst Dus, den grausamen Plan zu bekennen?

Wozu blindlings dreinhaun und Feuer anlegen,

Warum nicht den Freund erst vom Erbfeinde trennen?

Du dürftest mich nimmermehr, Mutter mein, nennen,

Vermöchtest Dus nochmals den Brand zu erwägen!«

»Ein großes Bewußtsein ersetzt tausend Theben,

Denn Ra wirkt im Hirne, gewaltsam und herrisch,

Er muß sich aus Kampf und Krampf ewig ergeben,

Drum ist solch ein Wahnwitzbrand fürwahr nicht närrisch.«

Kaum sagt das der König, so spricht Ti entschlossen:

»Ich kann Deinen Worten wahrhaftig nicht trauen,

Ins Schloß, wo Du einst meinem Schooße entsprossen,

Begeb ich mich jetzt, ohne Zaudern und Grauen,

Inmitten von Theben, vom Feind eingeschlossen,

Erwart ich mein Schicksal, umgeben von Frauen.

Ich hoffe, Ihr habt Eure Pfeile verschossen,

Ich will, daß die Bauern den Usgau bebauen,

Von Bränden, von Possen, erzähl Zechgenossen!«

Allein zu sich selbst sagt nun grimmig Chuenaten:

Gott selbst ist der Sünder, die Schöpfung die Sünde,

Drum darf ich das Weib, nicht sie mich verrathen,

So brenne denn Mutter: ich wüthe, entzünde!

»Was mag der Krawall im RaLager besagen,

Es kappern wohl endlich die krätzigen Fremden,

Man will vielleicht Aussatzbefallene verjagen

Und kreischt oder feilscht nur um prunkvolle Hemden.

Ägypter, die Zucht unserer Väter verkümmert!«

Schreit jetzt Amons sehender Priester und wimmert;

»Der König hat hier unsere Gottheit zertrümmert

Und uns und sich selber das Dasein verschlimmert!

Fast trachtet der Tag heute länger zu dauern,

Es scheint sich ein Glastwall um Theben zu stauen;

Bespickt mit Beschauern sind alle Stadtmauern,

Rings mag sich die RaSchaar am Ballfall erbauen.

Man ahnt wobl, daß heute das Glück Thebens scheidet,

Denn morgen schon wird man in Blutgossen waten,

Ach Ai, warum hast Du uns albern beneidet,

Und ach, was verbrachst Du, waghalsiger Chuenaten!«

»Was machst Du da, Papis, fast scheinst Du zu warten!«

So schrein aus dem Tempel Altartanztrabanten:

»Komm laß uns die Seele von Amon entfachen,

Wir wollen toll schweißen, was andere umrannten!«

»Ach laßt mich,« sagt Papis: »den Abend betrachten

Und warten bis sacht alle Strahlen verglühen,

Jetzt wallen Gefallene vergangener Schlachten

Durchs Thal: sagt, was treibt Euch, das Fest zu verfrühen?«

»Es zieht der Tanz Todte an« schrein Koribanten:

»Gewesene hetzen uns, jung zu entstehen,

Und wo sie mit Krallenkraft Paare festbannten,

Umschauert gleich Mann und Weib des Werdens Wehen!«

»Ich komme gleich, Kinder mein, Ihr mögt genießen,«

Spricht Papis: »Das Licht ist nun ziemlich verschieden,

Doch seht wie um Theben jetzt Gluthähren sprießen,

Ein Goldrausch erwacht nun statt Silberfrieden!«

»Die Männer vermummten, verhüllten sich alle,

Die Mägdlein erscheinen wie Lichtmeteore,

Drum walle zum Schalle, zu Amons Nachtballe!«

So gellts aus des Tempels verdunkeltem Thore.

»Ich komme, ich komme, doch horcht aufs Geprassel,

Ja Flammen und Waffen des Ra seh ich nahen,«

Ruft Papis, dann hört er nur Schall und Gerassel

Der Schaaren, die rings seine Ahnung bejahen.

Im Tempel das Fest ist schon lange im Gange:

Die Männer, in Mäntelgewändern verkleidet,

Versuchen, verdunkelt, im Tanzüberschwange,

Ein Mädchen, das keine Gestalt unterscheidet,

Für sich zu erhaschen und hold einzufangen.

Die Mädchen, in flimmernden Schleiern, vermeiden

Zu rasch in die Freiersgewalt zu gelangen,

Woran sich die Sinne der Theilnehmer weiden.

Es ist das der Tanz heller Glanzmeteore!

Erstrahlende Mädchen entwallen dem Dunkel

Und wirbeln und kreuzen sich, rhythmisch im Chore:

Sie tanzen nach Harfen: ihr Perlengefunkel

Erzittert so reizend wie Mondlicht im Nile.

Schon sieht man so manche im Mantel verschwinden,

Da treibt sie ihr Freier zu lieblichem Spiele,

Wenn andere sich lang noch dem Dunkel entwinden.

»Ihr Kinder, Ihr Kinder, was hab ich geraten,

Das Fest ist ergötzlich, doch falsch Ort und Stunde!«

Ruft Papis: »Beim Feste fremdwidrer Kastraten

Darf niemand mehr tändeln; vernehmt meine Kunde:

Es mag jetzt die Gottheit durch Euch nicht genesen,

Es steht unser Amon mit Ra nun im Bunde,

Wir werden im Tempel verbrennen, verwesen,

Schon stammen die Häuser, ringsum in der Runde!«

»So komm in den Tempel, Dein Fieber zu kühlen,

Wir kennen die Männer nicht, die uns verführen,

Doch hold ist ihr Athem, und süß ihn zu fühlen,

So komme denn selber, ein Mädchen zu kühren.«

So singt man im Tempel, doch Papis ruft traurig:

»Ach, seht wie die Nacht sich mit Purpur verschleiert,

So glaubt an die Gluth, denn sie naht und ist schaurig:

Es geht nicht, daß Ihr, wenn man Ra anruft, feiert.«

»Die Sterne sind heiter und flimmern wie immer,

Das ist ein Komet, der uns goldig umschmeichelt,

Wir lieben sein schwirrendes, lichtes Geflimmer,

Er ists, der uns anhaucht und liebkosend streichelt.«

So singt man im Tempel, doch Papis schreit grimmig:

»So seht doch die Funken, die hoch Euch umschweben,

Erhebt Euch jetzt endlich und betet einstimmig,

Es möge Euch Amon das Zögern vergeben.«

»Die Sterne stehn fest, doch wir Taumelnden schwanken,

Wir zittern und beben, uns schwindelt, wir sinken;

Zu groß ist das Glück, um jetzt Amon zu danken,

Oh, laß uns Lust trinken, da Sterne selbst winken.«

So singt man im Tempel, doch rasend ruft Papis:

»Zertrümmere, Du bübischer Stümper Chuenaten,

Den Amon, den Ptah und vertreibe den Apis,

Doch wahr uns vor Flammen; ach laß die Soldaten

Rasch Eimer ergreifen, statt nutzlosen Lanzen:

Verschone Ägypter, die nie Arges thaten,

Sie wollten nur glücklich sein, jubeln und tanzen,

Du darfst nicht brandschatzend das Nilthal verrathen!«

Das Feuer haust immer noch näher und näher,

Jetzt stieben die Paare erhitzt auseinander,

Verstummt ist die Stimme von Papis dem Seher,

Doch ist es, als ob er die Halle durchwander.

Die Männer zerstampfen die Mantel und Larven

Und tanzen jetzt nackend im purpurnen Lichte,

Man spielt noch frenetisch auf berstenden Harfen

Und glaubt, daß man tanzend den Amon aufrichte.

Jetzt sträuben die Häuser entsetzt Flammenmähnen,

Die Winde zerzausen sie prasselnd und rauschend:

Im Tempel beginnen entsetzliche Szenen.

Doch Papis bleibt still und sich selber belauschend

Erwägt er die Flucht aus den rauchenden Mauern.

Da fangen schon Mäntel und Schleier rings Feuer

Und Papis sieht, lang kann es nimmermehr dauern,

Und keiner der Ausgänge scheint ihm geheuer,

So ruft er denn: »Kinder, die Todten erwachen!«

Er rast nun und ruft zu der Tanzsarabande:

»Es kann Euer Lachen den Amon anfachen,

So schmelzt jetzt versengend die ehernen Bande,

Die Euch mit der Gottheit für ewig verschweißen!«

So tollen denn alle, die brennend noch johlen.

Und Großes sucht Papis dem Volk zu verheißen.

Dann wogt Gold aus Körpern, die röchelnd verkohlen!

Die Windsbraut, die Brunstbraut, entfahren den Dächern,

Sie fassen sich, lassen sich tanzend nicht ruhen,

Sie sausen mit Fächern, entzausen sie Schwächern

Und wirbeln sich Gluthschmuck aus funkelnden Truhen.

Hier tanzt alles anders. Hier giebts kein Verweilen.

Die Glastpaare springen aus Lucken und Thüren.

Des Wahnwitzes Brandschwärme sprühn, glühn und eilen

Im Fluge aus furchtbaren Funkelgeschwüren.

Terrassen, umglastet von Scharlachguirlanden,

Die Flammen, auf Blutgluthglastkränzen erklettern,

Erscheinen wie Hallen für Brandsarabanden,

Und Blüthen umglühn sie mit grünlichen Blättern.

Ein Garten erwacht auf den brennenden Bauten,

Denn Blumen entwirbeln den flimmernden Schleiern,

Und Lichtbäume wuchern, wo Gluthen sich stauten:

Ja, Harze entstammen wie Kelche auf Weihern.

Die Thürme, die langsam zu bersten beginnen,

Erklimmen jetzt glimmende RaBrandBananen,

Und Wimpel umspringen die finstersten Zinnen,

Als schwenkten Chuenatens Fanatiker Fahnen!

Jetzt rasen auf einmal die Menschen zu Haufen

Zurück in die Stadt, ihre Habe zu retten:

Es scheint ganz unglaublich zu sehn, wie sie laufen,

Und viele versengen sogleich zu Skeletten.

Doch andere, die wieder im Freien erscheinen,

Entschleppen die Götzen und tanzen vor Jubel:

Es kann so der Brand ganz Ägypten vereinen,

Denn selbst RaSoldaten thun mit im Getrubel.

Die Fremden aus Charu durchplündern die Trümmer,

Sie sollten die Stadt für Chuenaten entzünden,

Doch dachten sie klüger: es wäre nichts dümmer,

Als glüthen die Güter in Feuersbrunstschlünden.

So stimmten die Fremden, voll Witz, und einhellig:

Die Tempel umsprühe ein glühender Gürtel,

Dort sei man beim Anschüren kühn und anstellig:

Doch ganz unbehelligt belaß man die Viertel

Der Stadt, wo die kleinmüthigen Spießbürger wohnen,

Dort schände man Mädchen und prügle Matronen,

Dann mag wohl der Tag sich zum Brandschatzen lohnen.

Doch plötzlich entsteht unter Mordbrennern Fehde,

Denn Weiber und Kinder beginnen zu stehlen;

Da hält gleich ein Lediger folgende Rede:

»Vermählte, Ihr sollt Eurer Diebsbrut befehlen,

Daß keines sich mehr an der Beute vergreife

Und lieber die Karren und Schiffe bereite,

Damit man dann leichter das Raubgut fortschleife,

Und nun schafft das Pack ohne weiteres beiseite.«

»Wie sprecht Ihr da,« zischelt ein Vater und Gatte:

»So laßt Weib und Kind sich ihr Eigenes erwerben,

Im Gegentheil will ich, daß niemand ermatte;

Es suche ein Jeder sein Gut unter Scherben.

Ihr Lottergesellen und Mütterverführer,

Ihr sollt jetzt ägyptische Jungfrauen schänden,

Ihr Schurken, Ihr zuchtlosen Meuteaufrührer,

Ihr müßt Euch vom Plündern zum Einbrechen wenden.«

»Wir haben zusammen Chuenaten verrathen,

Und rauben, um dann Eure Weiber zu kaufen,

Ihr Alten doch sollt heut in Feuer gerathen.«

So antwortet jener vom fraufreien Haufen.

Drauf wird vom Familienbeflissenen erwidert:

»Die Weiber und Kinder bestimm ich zum Plündern,

Zum Schutz sind die Väter ins Heer eingegliedert,

Und Ihr bleibt mit weitaufgerissenen Mündern.«

»Ihr Weibsknechte wartet, Ihr Lumpenbrutzüchter,

Ich will Euch im Nilthal wie Unkraut ausrotten;

Dich krieg ich, Du willkührlich ruchloser Richter,

Erwisch ich die Hoden, so liegst Du am Boden.«

Kaum schreit das der Ledige, entsteht ein Gezeter,

Es fängt mancher Hausen schon an, los zu raufen,

Doch blast noch vor Anfang des Kampfs ein Trompeter,

Und alles beginnt nach dem Hauptplatz zu laufen,

Doch gräßlich erregt und erschreckt, schreit die Menge;

»Wer Recht hat, entscheide, wer laut disputierte,

Im Einzelturnire verlier und versprenge

Nur der Blut und Gut, der so dreist renommierte.«

Da ruft schon der Gatte: »So warte Du Schmäher,

Gleich werd ich Dich quetschen, Dein Knorpelfleisch kneifen,

Du Einsteiger, Milchkalb und Kindskopfverdreher,

Ich werde Dich, Feigling, durch Blut und Dreck schleifen.«

»Und ich Deinen schlaffen Familiensitz packen,

Du Hahnrei, mich dünkts, ihn in Händen zu haben,

Dann mag ich Dich langsam erst knebeln und zwacken

Und will mich zum Schluß noch, beim Todtwürgen, laben.«

Kaum sagt das der Ledige, so droht ihm sein Gegner

Und trachtet, am Kampfplatz, ihn knapp anzuspringen:

»Du nennst Deine Schliche, Du dummdreistverwegner,

Du witzloser Ringer, so muß mirs gelingen

Dich gleich, selbst beim ersten Sprung, drunterzukriegen;

Noch bin ich gelenk und steh fest auf den Beinen,

Drum schleich ich umher, Dick im Nu zu bezwingen,

Und merk Dirs, ich werf Deine Eier den Schweinen.«

»Doch wärmt mich noch eher Dein Hausvaterlaken,

Ich hab Dir bereits Frau und Tochter geschändet,

Du glaubst nicht wie oft andere bei ihnen staken,

Noch wer Deine Habe genießt und verschwendet.«

Es schreit dies der Ledige, hindurch durchs Gelächter

Der Leute am Markte, die zischen und keifen:

»Ihr seid uns gar feig, beide, Hausdieb und Wächter,

So greift Euch doch an und erfreut Euch beim Kneifen.«

Nun kracht es und poltert es, blitzt es entsetzlich:

Der Tempel des Amon ist plötzlich geborsten!

Drin flattert, was flockig ist, flink und zerfetzlich,

Ja, Brandadler brausen aus glaststarren Horsten,

Und bis das Geprassel, das Rasseln der Wabe

Sich langsam besänftigt, sind Kinder und Weiber

Verbrannt und verscharrt unterm flammenden Grabe.

Ein Mann nur bleibt übrig und mustert die Leiber,

Die brenzelnd und bebend und knisternd verrecken,

Und hin zu ihm strecken sich glasthafte Tatzen,

Drauf schrecken ihn Zungen, die lechzend Gluth lecken,

Dann Blicke, so blau, wie von taubstummen Katzen.

Nun trachtet er kriechend dem Tod zu entkommen

Und stolpert zu Körpern, die hilflos verröcheln,

Die Angst vor dem Brand zeigt ihm alles verschwommen,

Und plötzlich verbohrt sich ein Schmerz in den Knöcheln.

Er muß seinen Leiberweg forttastend wähnen,

Er merkt nur, die Wand ist mit Gluth überkrustet,

Und menschliche Bänder sind brennende Mahnen,

Doch ists ihm, als hörte er rings sich umpustet:

Draus wirds ihm, als ob ihm der Ausriß gelange,

Auch ist er, fast traumhaft, ganz richtig getreten.

Und wie er hervortritt, umschreit ihn die Menge:

»Es zeigt uns ein Gott seinen echten Propheten.«

Nun wird schon der Mann auf die Schultern gehoben,

Er kann kaum den Schmerz seiner Wunden verbeißen

Und merkt nur, wie alle ihn johlend umtoben

Und schreiend laut auffordern Gott zu verheißen.

Doch ruft er nur: »Wasser!« und immer nur: »Wasser!«

Da stürmen die Fremden fanatisch zum Nile,

Und allseits verfolgen sie Amons RaHasser

Und selbst RaSoldaten sind jetzt mit im Spiele;

Und trotzdem gelingt es den Fremden, die Schiffe

In Eile zu kentern und rasch zu befrachten.

Die meisten sind flott und bereits im Begriffe

Die Anker zu lichten; wo andere noch trachten,

Die Feinde hübsch ferne vom Ufer zu halten

Und recht viel Erbeutetes unterzubringen:

Doch schließlich sind alle fast, ganz wohlbehalten,

Am Wasser und fangen an Psalme zu singen.

Doch da sich Ägypter am Ufer versammeln,

So lacht man verachtungsvoll draußen am Wasser

Und schlachtet, mit eben geheiligten Hammeln,

Auch Sperber und Reiher; ja, immer noch krasser,

Man laßt auch den Apis zum Frühstück zerstückeln!

Nun hört man ihn brüllen; dann grunzen und gackeln.

Drauf giebt man den Garaus selbst Neckhes Karnickeln.

Da packen Ägypter hellflammende Fackeln

Und trachten sie schwimmend in Brand zu erhalten,

Um draußen die Schiffe noch rasch anzuzünden;

Doch müssen fast alle beim Nachtbad erkalten,

Denn überall tauchen, aus nächtlichen Schlünden,

Des Nils Krokodille empor und erhaschen

Sofort alle Schwimmer, die selbst sich belichten.

Es wußten die Thiere: es giebt was zum Naschen!

Sie merkten das Brenzeln von vielen Gerichten

Und hörten das Lachen und Brüllen beim Schlachten.

Nun finden sie Menschen, die vortrefflich munden,

Und alle die Flammen, die Schiffern Noth brachten,

Sind wunderbar plötzlich zusammen verschwunden.

Da rufen die Fremden: »Stets gehe es Häschern

Wie Euch, grausen Henkern, in allen Gewässern;

Ihr wolltet uns ruchlos, zur Rache, einäschern,

So plätschert statt uns, frechen Apisfleischessern,

Jetzt heiter, mit heiligen Nilkrokodillen,

Im Flusse der Heimath und freut Euch am Spiele!

Wir wollen das Leid unserer Mitbürger stillen:

Es wartet schon Moses am unteren Nile.«

Jetzt tragen die Winde die Flammen zu Hausen:

Die Mitte von Theben steht gänzlich in Feuer,

Und Sprühregenbündel und Gluthblüthen traufen

Aus Rauchsäulen, rings überm Trummergemauer.

Das Feuer gelangt nun allmählich zum Garten

Des alten und prachtvollen Herrscherpalastes,

Und selbst alle Hallen, wo Staatswachen warten,

Sammt Pharaos Sammlungsarchiven erfaßt es.

Es knattern entstammende Balken und Planken,

Und alle die schlanken Palastsaalpilaster

Umarmen rasch RaGlastgranatapfelranken,

Und krachend zerbröckelt der Wandalabaster.

Da läßt sich denn Ti aus dem Flammenhaus tragen.

Die andern sind alle vor Theben geblieben,

Nur sie war entschlossen, ihr Leben zu wagen,

Sie hoffte, es würde ihr Sohn sie noch lieben.

Nun tritt sie, von Sklaven getragen, zu Tage,

Und rüstige, wirklich noch biedergesinnte

Bediente, vom alten ägyptischen Schlage,

Entführen sie klug aus dem Brandlabyrinthe.

Wohl stürzen am Wege Ruinen zusammen,

Und Brandstätten scheinen die Bahn zu versperren,

Doch senkrecht fast streben die Essen und Flammen

Empor aus den Tempeln, und unbeirrt zerren

Die Diener den Karren der Herrin treu weiter,

Und rings um den Zug fallen Glastschlacken nieder.

Ein Wirbel zerschlagener, ringsumverspeiter,

Zersplitterter Scherben umschwirrt ihn stets wieder.

Doch schrecklos und fast ohne inneres Bangen

Vermögen die Flüchtlinge weiter zu schreiten,

Um endlich heraus aus dem Brand zu gelangen.

Und bald scheint sich Kühle ringsum auszubreiten.

Die Kaiserin ward unverwundet gerettet:

So wurde die Mutter Chuenatens zum Wunder!

Sie war im Palast zwischen Glast eingebettet.

Die Pracht wie der Plunder, verpufft nun wie Zunder

Und steigt, zu Rosettengebilden verkettet,

Empor, um die Herrin von Ferne zu schmücken.

Doch sie hat, ganz einzig, beim Brand nichts verwettet,

Sie ging aus dem Schloß, um ihr Land zu beglücken,

Ihr ist es, als ob sich ihr Herz gar nickt gräme,

Sie tritt, ihrer Würde bewußt, aus dem Feuer:

So wird ihr die Hauptstadt zum Prachtdiademe,

Sie selbst zum Orakel im RaAbenteuer.

Es war das kein Brand, sagt sich selber Chuenaten,

Und was da noch aufflammt kann keiner mehr werden,

Ich wurde vom eigenen Anhang verrathen,

Was hilft da ein Anruf, was Menschenbeschwerden!

Wir werden jetzt selber von Theben verschlungen.

Ich mag auch mein Weib und die Kinder nicht retten.

Es ist mir der RaStaat, das Lichtreich, mißlungen.

Was kümmern mich da alle Kerker und Ketten!

Doch kann ich den nahenden Tag nicht erwarten,

Ich müßte, aus Scham, vor dem Lichte erröthen:

Es Glaube nicht Ra, daß wir alle ihn narrten,

Er findet noch Theben, doch ich will mich tödten!

Ach Mutter, wie eigen sind doch unsere Loose,

Du sagtest, es würde mich niemand bestatten,

Und siehe, Du selber versprühst in der Rose

ErG0ühender Blätter, die stammend ermatten.

Wie mochtest Du doch ob des Feuers erschrecken,

Nun bist Du verloren, auf ewig vernichtet,

Es wird Dich Ossiris jetzt nimmer erwecken,

Doch ich werde bald von ihm selber gerichtet!

Kein Mensch soll je wissen, wohin ich mich wende,

Kein Sklave Chuenatens Kadaver verrathen:

Ich will, daß kein Feind meine Grabstätte schände,

Drum berg ich den Leib vor Gewaltattentaten.

Ich klopf an die Thore der Stadtnekropole:

»Ihr Würmer der Unterwelt, öffnet die Pforte

Und sorgt, daß der König nicht oben verkohle,

Gehorcht, denn das sind eines Selbstmörders Worte.«

»Amenhoteps Sohn ist jetzt König im Lande,

Er nennt sich: Der AbG0anz vom RaBall, Chuenaten,

Er warb fremde Häscher und macht uns nur Schande,

Er fahndet fanatisch nach wahnwitzigen Thaten.«

Kaum ward diese Antwort im Keller gesprochen,

So wurde Chuenaten fast starr vor Entsetzen,

Und fing, halb gebrochen, an, nochmals zu pochen.

Er drohte noch, flehte schon folgende Sätze:

»Ich heiße Chuenaten und trachte zu sterben,

Ihr Priester empfangt meine letzten Befehle,

Doch wählt Ihr dann selber, zum Dank, meinen Erben,

Und hütet dafür auch das Blut meiner Seele!«

»So tödte Dich draußen, Du König der Häscher,

Wir warten auf Dich mit dem Bauchaufschlitzmesser,

Die Priester, Ossiris Gedärmeauswäscher,

Bereiten Dich dann für den Rangsargzumesser.«

Kaum hört das Chuenaten die Priesterschaft sagen,

So ruft er verzweifelt: »So laßt Euch verkünden,

Ich will das am lebenden Leibe ertragen,

Doch thut es, sonst laß ich ganz Theben entzünden.«

»Chuenaten, so nahe den schlafenden Ahnen

Im Urall, wo Dauer und Ewigkeit kämpfen,

Es fahnden fanatische RaKarawanen

Zuletzt nach Schlußkrämpfen, die Leid und Lust dämpfen.«

Kaum wurden die Worte von unten gesprochen,

So ward eine winzige Steinthür entriegelt,

Und flugs ist der König durchs Felsloch gekrochen,

Dann hat man es eilig versperrt und versiegelt.

Es folgt nun Chuenaten dem Priester durch Gänge,

Hindurch zwischen Bergen von Mumien und Särgen,

Jetzt kommt er zu einem, der hat seine Länge,

Da sagt ihm der Führer: »Der da wird Dich bergen!«

Chuenaten entblößt seinen Bauch und sagt tapfer:

»Da lieg ich im Sarge, der knapp ist und sackhaft.

Nun walkt, Darmauspacker und Blutsturzabzapfer

Im Bauchwurm herum: mancher Krampf ist auch schmackhaft.

Es freun mich die eigenen und anderer Schmerzen,

Drum laßt auch mein Blut, langsam tröpfelnd, entfließen

Und greift dem lebendigen König zum Herzen:

Ich will noch den Balsam der Mumien genießen.«

»Chuenaten, Du forderst unsagbare Leiden,

Wie kannst Du Dich selber so wahnwitzig hassen,

Wir tödten Dich erst, um Dich dann aufzuschneiden.«

Erwidert der friedliche Priester gelassen.

Drauf sagt rasch der König: »Ich kann Euch nicht trauen,

Ich will die Gewähr meiner Wiederkunft spüren,

Ich will mich beinahe als Mumie beschauen,

Drum wetzt Eure Messer und laßt Euch nicht rühren.«

Drauf murmeln die Männer der Mystik zusammen,

Und endlich spricht einer: »Dein Blut darf nicht fließen,

Sonst kannst Du Dich selber zum Nichtsein verdammen,

Es muß Dirs Ossiris einst wieder eingießen.«

»So sammelt, was abfließt, in Schläuchen aus Därmen,

Und legt es mir bei, in der Höhlung des Bauches,

So wird es mich einst, bei der Wiederkunft, warmen,

Doch folgt sonst in allem den Formen des Brauches!«

Kaum hat das Chuenaten ekstatisch gesprochen,

So sind alle Priester zum Schlachten entschlossen:

Man bindet ihn fest, dann wird rasch zugestochen

Und nichts von dem Blute Chuenatens vergossen.

»Ra, Ra,« rast Chuenaten: »Du schmerzwahres Alles,

Du wahrst Dir den Sieg, oh Du Macht des Erkennens,

Was macht Dir der Schlag meines eigenen Falles,

Du bist ja die Schlange des Weltallerbrennens!

Ra, Ra, laß den Mastdarm Chuenatens anpacken,

Es wallt rastlos G0ast durch die Adern erstarrter,

Fast harter G0uthmuskeln! und Brandzangen zwacken

Wahrhaftig ins Schmerzfleisch, ach, raste RaMarter!

Was soll diese Ruhe, Ihr grausamen Henker,

Ihr wollt meine Wunden mit Balsam bestäuben!

Ach, gebt mir den Garaus; doch laßt einen Denker,

Der sehend verscheidet, nicht sündhaft betäuben!

Ich fühl Deine Wege, Du rastlose Schlange!

Du selbst überwundene, unendlich verbundene,

Unfühlbare, sichtbare Zeugin vom Drange

Der Erde zur Sonne! Du furchtbar empfundene

Erstickerin, Würgerin üppiger Triebe,

Du kalte Vernunft und Du mitleidlos Leiden,

Du Irrweg im Krampfhirn, Du Schmerzsterngestiebe,

Du siegende Schlange, ach, laß mich verscheiden!

Ich spür mich zurück bis zur Wurzel vom Bösen,

Denn weibliches Leiden erschleicht mein Geweide:

Du Dreckweg zum Menschen, in Urschwulstgekrösen

Erweist Du Dich immer und steigst von der Scheide

Empor, bis zum menschlich veränderten Herzen,

Du würgtest die Urwelt bis hinzugelangen

Und suchst jetzt Instinkte mit Schmerz auszumerzen

Und kannst durch den Hirnbrei im Weltall frei hangen.

Du suchst Dich verschlungen im Bauch zu verstecken,

Das ist Deine List, mannhaft furchtbare Schlange!

Entweicht Dir das Erdweib, so kannst Du Dich recken,

Denn Frauen empfangen vom RaDrange bange

Den Schleimwurf mit übelgeträchtigtem Samen.

Entwischt Dir die Beute, so wirst Du G0eich steifer

Und zischst geil bis Scham, Graun im Weibsbild erlahmen,

Und spritzt Du Dich aus, speist Du giftigen Geifer.

Ra, Ra, Fatum, furchtbares Flammenentstammen,

Ich selbst bin das Feuer. Man packt mein Gedärme.

Ach, Schmerzbrände züngeln aus zuckenden Schrammen

Und setzen sich fest, und entsetzliche Schwärme

Von Brandfaltern flattern aus brennenden Resten

Des Leibes empor und verpesten die Länder!

Ach, Papis und ich, alle beide entpreßten,

Bei widrigen Festen, als Schwärmer und Schänder

Der Erde den Sommergott, trächtig an Schrecken

Und Freund der Kastraten und rastloser Laster!

Ra, Ra, Du kannst rasende Schmerzen erwecken!

Du siegst, Hascher, Häscher! Es wächst das Geknaster

Verpraster Brandgarben. Jetzt wackelt das Pflaster.

Dort qualmen die Fackeln. Hier schwirren die Kerzen.

Es fallen die raG0asterfaßten Pilaster.

Und mir greift von unten jetzt jemand zum Herzen.«

Der Ararat

Die Indische Symphonie

Milde Winde warmer Nächte,

Streift die Fieberträume fort,

Wenn der Schlaf mir Frieden brachte,

Glühte ich ein Flammenwort.

Morgen, morgen will ich sagen,

Was mich jetzt so toll umdrängt

Und dann mag ich klagen, fragen,

Welches Räthsel mich durchtränkt.

Doch ich muß in mich versinken

Und die Träume ferne sehn,

Wenn sie aus der Seele winken

Und dann still vorübergehn.

Von den Wesen muß ich scheiden,

Die mich kindlich hold gelenkt,

Will sie noch mit Licht umkleiden,

Doch ich selbst bleib unbeschenkt.

Zieht denn weiter, heitere Dinge,

Schöne Menschen, kühnes Spiel!

Und wenn ich Euch leicht beschwinge,

Ist es, weil mein Traum zerfiel.

Ach, ich muß in mich verrunzeln,

Hab schon tief hinabgeschaut;

Wie wenn Brunnenbrüder schmunzeln,

Hat es mich vor mir gegraut.

Bis zum Tag, da ich geboren,

Hielt ich oft Gedächtnißschau:

Und da schoben sich, als Mohren,

Bilder vor aus blassem Grau.

Und ich ließ sie würgen, brennen,

Hab mit Feuer sie gekrönt,

Als ich anfing sie zu kennen,

War ich schon daran gewöhnt.

Alle liebe ich wie Kinder,

Ach, der Abschied thut mir weh,

Doch ich schrumpfe ein – geschwinder

Noch entgleist mir was ich seh.

Lebt allein, zu anderer Freude,

Schwelgt und welkt aus Überschwang;

Schweb empor, mein Traumgebäude,

Über meinem Untergang!

Kann die Nacht heut nimmermehr vergrauen?

Hält die Welt die Sternenträume wacht

Sind es Wolken die sich ringsum stauen?

Wann entstammt das ganze Himmelsdach?

Was erschau ich, das aus Schachten gruselt.

Sind es Riesen, die dem Grab entrollen?

Seht, sie schlafen; ihr Bewußtsein duselt;

Augen, Ohren sind noch dickgeschwollen.

Weiber sind es, überstark und schwanger,

Männer mit verkrampften Muskelgruppen,

Und sie stehn zusammen, wie am Pranger,

Um die Urbrunst blutend zu entpuppen.

Immer andere wuchern aus der Erde!

Sind es Menschen, die sich sterbend regen?

Glühend macht sie jede Krampfgeberde,

Bis sich Purpurkrusten drüberlegen.

Sind es Scharlachbäche, die entsickern?

Alabasterschwarten schwären, platzen:

Schweiß benetzt bereits die Dickern

Und sie zucken, wetzen sich und kratzen.

Seht, ihr Handgranit kann nimmer schmelzen,

Selbst die Arme frieren aneinander,

Bäuche scheinen sich hervorzuwälzen,

Doch wird Gneiß sofort ihr Krampfumrander.

Klumpenbrut, verramme Dich als Mauer,

Würg Dich, um die Restgluth zu entschnüren;

Schwül umschwirr sie uns, auf Zunderlauer,

Und entfliege dann zum Taganschüren!

Wahrlich, endlich hat der Tag begonnen;

Und schon wird sein Kupferrahmen breiter:

Licht beginnt das Weltbild zu besonnen:

Und ich seh, die Felsen wachsen weiter.

Glast umtanzt sie jetzt mit Scharlachschwingen,

Doch sie selber sind ganz formlos, massig,

Plötzlich aber hör ich Stimmen singen,

Und die tönen tief und dumpf und rassig;

»Arier, laß Dich unter Pracht begraben,

Sieh, Dein Werden ist ein rasches Sterben,

Nur die Kraftgedanken sind erhaben,

Die für ewig sich in Felsen kerben.

Wir sind alle nur von Dir verstanden:

Nackte Schatten, die Dich blaß umsprangen

Und dann plötzlich sich allein empfanden,

Können wir jetzt Werthbestand erlangen.

Doch Du selbst magst Dich verlassen, härmen,

Nichts erhaschend, nahe Deinem Grabe,

Laß von Schatten rastlos Dich umschwärmen,

Dazu stammt in Dir die LoderWabe.

Deine Aussicht muß Dein Traum verbauen,

Und er wird, soweit Du siehst, entrücken:

Ferne aber werden wir uns stauen,

Und als Grab von Dir die Welt entzücken.

Warte lang, verachte Dich und schmachte,

Gieb Dich auf, verweil in Dich versunken,

Deinen Nabel, nur Dich selbst, betrachte,

Schür in Dir den urbewußten Funken.

Doch erreicht ihn Deine Seelenleiter,

Wirst Du Wunder überall verbuchen!«

– Still ists jetzt, das Echo nur gellt weiter,

Wie ein Chor erstarkender Eunuchen.

Mein Erbtheil will ich wohl versehen:

Wie Blüthen liebt der Baum den Saft,

Ein Winterlied soll ernst erstehen,

Ich sammle meine Wanderkraft.

Doch soll ein Baum mit Wunderblüthen

Mein Schützer sein und doch kein Traum,

Es wird sein Grün mich kühl behüten,

Mein Reich umschwankt sein Schattensaum.

Und singt der Wind in seinen Ästen,

Und lullt sein lauer Hauch mich ein,

So träum ich von den liebsten Gästen,

Und bitte sie, mir gut zu sein.

Sie bleiben! Und mit steilen Leitern,

Durchsteigen sie des Baumes Laub;

Sie sprechen weiter und erheitern

Sich kindlich, selbst beim Früchteraub.

Dann ruf ich sie herbei und sage:

»Euch munden süße Früchte gut,

Ich lehr Euch, wie Ihr alle Tage

Mit Früchten Euch zu gute tut.

Ihr sollt Euch alle tief begreifen:

Die Silben lispeln wie ein Blatt,

Ein ganzer Satz kann in Euch reifen,

Der Saftgeschmack und Adel hat.

Ein Wort aus sich herausgesprochen,

Wird fruchtbar im Prophetenmund,

Und ist es reif hervorgebrochen,

So fühlt man das am eigenen Schlund.

Ein sanfter Nachgeschmack bleibt haften,

Er fühlt sich an wie Dattelduft,

Er reizt und zieht die halberschlafften

Wortfolgen aus der Gurgelschluft.

Seht, unsere Münder sind wie Blüthen,

Ein Hauch rafft das Geplapper fort,

Doch wenn wir Früchte in uns selber glühten,

Genügt von uns ein Mussewort.«

Es streben die Felsen stets fester und steiler

Empor aus der Sagen entathmenden Erde,

Und Ahnungen wallen, wie wandernde Meiler,

Umher mit gespenstiger Sehergeberde.

Mein Baum kann die Traumlandschaft langsam befruchten:

Es fangen jetzt Palmen an, Wurzel zu fassen,

Und Feuchtigkeit traust aus den Purpurgluthschluchten

Und macht sie zu wuchtigen Schattensatzmassen.

Durch Furchen erblick ich den Einbruch des Tages:

Die Gluthen beginnen bereits zu verblauen,

Und Kuppen und Buchten berauscht nun ein vages

Gefunkel von Augen mit randharten Brauen.

Man fordert mich auf, dort ein Meer zu erblicken,

Und wirklich ich seh einen glattstarren Spiegel,

Mit Sternen am Grunde, die ängstlich ersticken:

Dann ists, als ob Wind dünnes Grün drin aufwiegel.

Ach, Nebel durchschwarmen wie seltene Fische,

Mit eigenem Lichte, die dunkleren Fluthen,

Da spritzt jetzt und gischtet das Licht und die Frische

Ins untere Thal, wo die Nachtschatten ruhten.

Es ist, als ob Strahlen die Massen festbannten,

Dafür aber recken sich Schatten ins Leben:

Aus Wuchtklumpen macht sich ein Ruck Elephanten,

Die Hügel umscknuppernd, die Rüssel erheben.

Nun glastet der Tag aus den Wäldern und Spalten,

Aus Bergen, die immer noch Spitzen entschnellen,

Und Gipfel, wie warnende Arme, gestalten;

Und Jubel umzwitschert die sprudelnden Quellen.

Das Wasser entrauscht allen Spalten und Scharten

Und trachtet Granitfelsen rasch zu umarmen,

Als klarer Bach lacht es und mag nirgends warten

Und trankt alle Adern und kann nicht verarmen.

Jetzt springt es gar kühn, ungestüm über Trümmer

Und fängt an, auf Felsen und Wände zu klimmen,

Dann stürzt es aufs Grün, daß es nimmer verkümmer,

Und purzelt um Bäume, die kugelnd nun schwimmen.

Da ruf ich, mit Unmuth, zum Urwald gewendet:

»Ihr schnellfüßigen Rhythmen und holdtollen Wellen,

Ich will, daß Ihr selbst Euch, als Wesen, mir spendet.

Es soll Eure Wildheit zu mir sich gesellen.«

Da schenkt mir der Wald eine junge Gazelle,

Sie platscht durch den Bach, rascher herzugelangen,

Sie naht mir und ist auch schon munter zur Stelle

Und legt sich zu Boden und kost unbefangen.

Das Wasser erbraust aber immer noch stärker,

Ganz andere Bäche umbranden die Felsen:

Ein Wuchttrubel sprengt seinen sckluftdumpfen Kerker,

Und Schaumschwäne sausen mit Wirbelgischthälsen

Heraus aus dem Spalt und zergehn halbgestaltet:

Ein Spundbruch hat ringsum die Fluthwuth entbunden

Und bald alle Bachgewalt fallend entfaltet,

Im Nu sind die Flußfurten weithin verschwunden.

Jetzt schrei ich hinein in den kreisenden Strudel:

»Ich trag nach dem Schaum allen Wassers Verlangen,

Ein Wunder spukt stumm durch das Trubelgehudel,

Gestalte Dich eigenes, unklares Bangen!«

Es stiegt nun ein Taubenpaar sausend herüber

Und setzt sich jetzt gurrend, im Bäume, zur Ruhe;

Drauf gießt es auf einmal, es wird ringsum trüber,

Und ich der Verüber beschau, was ich thue.

Der Bergring gebart selbstersonnene Wolken,

Auch hat mancher Bach sich nach Farben gespalten,

Aus lockerem und ockrigem Boden wogt Molken,

Und Sandschleim und Milchgischt gleißt weiß auf Basalten.

Der Fluthsturz durchwuchtet das Wassertheater;

Der Schluchtschluft entgruselt der Indus, der Ganges.

Granitgrat, Du bist auch des Euphrat Felsvater,

Der Tigris entrieselt der Nachtwand des Hanges!

Es gleicht jetzt der Wuthfluthen Ursprungswuchtwunder

Dem fallenden Barthaar des Wahlvaters Brahma,

Denn Ewigkeitsbleiche umgraut den Bekunder

Vom Anklang und Anfang im Allflammendrama.

Jetzt steh ich, mit Wehmuth dem Welternst ergeben:

»Du Ehrfurcht in mir, Du mein Tiefdlickgewissen,

Ihr Schaumwollustleiber, die bleich niederschweben,

Ihr Gischtkinder, rings in den Wirbel gerissen,

Du Nacktheit des Wassers im Schaumkatarakte,

Du Urbrunst und Unschuld im Hudelgetrubel,

Gedanke, der Scharten und Grate zerzackte,

Entschleiere die Frucht unterm Gischtsudgejubel.«

Im Nu stürtzt der Wuthsturz nun selbst eine Brücke:

Ein prachtvolles Bogenroth loht aus dem Wasser,

Und Gelb schwellt, und Blau schaut, und Grün füllt die Lücke

Im Gluthrund am Fluthschlund. Und nun glüht ein blasser

Doch breiter, weitschweifender Veilchenkranz, sichtbar

Schon, mit in dem thorhohen deutlichen Bogen:

Und siehe, der Fluthguß und Gischt wird beschwichtbar:

Ein Loch hat die Wogen vielleicht aufgesogen.

Ja, tief unterm Fluthsturz kann Felsgrund erscheinen,

Und wuchtig entwächst jetzt ein Grat den Gewässern,

Ein Eiland aus harten und kahlen Gesteinen,

Entsteigt starr und farbig den glitzernden, blässern

Und langsam verrieselnden, flimmernden Schleiern,

Die bachkatarakthaft das Kap überdachen.

Dort will jetzt mein Geist eine Einweihung feiern

Und scharrt aus dem hohlen Granitgrottenrachen

Gemächer und prachtvolle, heilige Hallen:

Er kann seinen Felstempel herrlich entzacken:

Ich lasse in mir den Ballastwall zerfallen,

Und Schattenschalmassen zermalmen wie Schlacken.

Ich spür mich von Einsamkeitschmerzen zerfressen.

Ich fasse die Ohnmacht im Traumraum der Seele.

Nie werd ich die wirklichste Sehnsucht vergessen:

Ich preß mich durch schier unermeßliche Säle,

Ich werf mich dämonisch in wildfinstre Schlünde,

Und Glaubensgedanken umstarren mich heiter;

Ich staune nun selber und will meine Gründe:

Kein Traum aber zweifelt am Zeitbergbesteiger!

Die standbildgestaltenden Langergedanken

Entzieht mein Bewußtsein, im Kleid von Begriffen,

Jetzt langsam dem Traumbau, mit endlichen Schranken,

Und sieht seinen Felstempel fertig geschliffen.

Von Jubelbrunstfluthen und Bächen von Thränen

Verhüllt, überspült, und beim Sturz überschüttet,

Erfaß ich als Jungfrau mein inbrünstiges Sehnen

Und hüte in mir, was kein Suchtsturm zerrüttet.

Durch Urgluthbrunstunschuld und Reinheit des Gischtes

Kann prachtvoll das Weib sich im Geist offenbaren,

Stets darf ein durch Wassergeburt jungerfrischtes

Urdasein der Mannheit die Frau keusch bewahren!

Umkreist von den Wellen des Kesselgetreibes

Erscheint mir mein herrlichstes, lieblichstes Wesen:

Den Wuchtfels umschmeicheln die Flechten des Weibes,

Das selbst sich der Geist aus der Welt auserlesen,

Und Ruhe durchstrahlt alle Weltwechselfieber,

Obwohl jetzt die Farben des Bogens erblinden:

Doch was ich erschau ist mir tausendmal lieber,

Das Auge der Frau kann ich langsam empfinden!

Sie lehnt an der Pforte der Felstempelgrotte,

Die eben mein Forschergedanke gegraben,

Dort wohnt sie wohl ewig und hegt ihrem Gotte,

Im eigenen Leibe, der Welt Weibweihgaben.

Der Weg bis zum Tempel ist frei und ich wäre

Jetzt leicht bis zum liebreichen Weib vorgedrungen,

Doch ruf ich: »Ihr Fluchen erklärt Furth und Fähre,

Ihr wurdet just jubelnd und schluchzend verschlungen:

Jetzt dürft Ihr nicht schlürfend und summend verstummen,

Vermag ichs, den Grat, ohne Pfad, zu erklimmen!

So helft mir im Kummer, zertheilt die Unsummen

Von Schluckgurgelwirbeln zu wirklichen Stimmen.«

Ich weiß nun: ich habe die Sprache des Wassers

Und alles um mich ist nur Echo, Nachahmung:

Die That selbst ein Rückprall aufs Haupt des Verfassers

Der Eigenwelt, tief in der Traumrauschumrahmung.

Drum mag ich mich ernstlich der Jungfrau zuwenden

Und juble und schluchze, mit bebender Stimme,

Und hör erst das Echo von allen Wandenden,

von dem was da wimmert. Und schrei dann im Grimme:

»Oh sag und gieb kund allda, ahnende Nymphe,

Was schafft Dir das Wasser, dem Manne zu sagen,

Sei wahr, ich bewahr Dich vor jeglichem Schimpfe,

Ich nahe Dir nicht und will ferner nicht fragen.

Mein eigener Traum mag als Schaumhauch verzittern,

Die Urbrunst in mir laß ich leidwund enteilen,

Die Lust meiner Seele verzuckt in Gewittern,

Die andere Tage dereinst ernst zertheilen.

Es wird meine Dichtung ihr Eigenglück spüren,

Wohl mögen die holden Gefühle oft tauschen,

Doch nichts kann von meinem Gejauchze herrühren,

So bleibe denn keusch, Du Gesicht von Glücksrauschen.«

Nun schlagen auf einmal ganz rauchlose Flammen,

Im Umkreis der Jungfrau, hervor aus der Erde:

Sie müssen wohl tief aus dem Quarzpanzer stammen,

Sie zünden nichts an und ich seh keine Herde.

Mein Anruf doch gab jener Jungfrau die Gabe,

Durch folgende Sätze, mich tief zu belehren:

»Im Mannstamm die Flamme, im Weibe die Wabe,

Die laß Dir aus andern Gewalten erklären.

Du drangst stark und rasch durch den Sand der Sahara

Und sankst da ins Grab, wie Dir Ra das wahrsagte,

Du bautest ein Drama aus Quarz von Sakkhara

Und sahst, wie Chuenaten dem Epos entragte.

Jetzt fällst Du noch schneller zurück in dich selber,

Da giebt es bestimmt keinen Tag der Verweilung,

Doch werden die Träume schon heller und gelber,

Und siehe, Du fühlst auch bereits Deine Heilung.

Zwar trennt sich die lange Erdwandererspirale,

Die Schlange des Ra, jetzt stets mehr und stets starker

Von jener des Erdkerns, die gleich einem Strahle

Zur Sonne emporschnellt, aus tieffinsterm Kerker.

Zwar mußt Du als Mensch Deine Schwerwucht wegschleppen

Und fast Deine Seele, als Traumbild, verlassen,

Doch kennst Du bereits Deinen Weg durch die Steppen

Und weißt, wie dereinst Deinen Wunsch zu erfassen.

Das Weib macht dem Arier den Lichtumweg leichter,

Die Frau ist, als Erdweib, der Erdwabe näher,

Drum senkt auch der Mann, von der Höhe erreichter

Lichtspitzen, als ewiger Ellipsenbegeher,

Die eigene Seele zurück in die Seele

Des Weibes, das langsam, von Wabe getragen,

Dem Wandersmann nachklimmt und fast parallele

Strahlpfade betritt, um ihm nach aufzuragen.

So wird auch die Liebe der Menschen viel tiefer:

Sie giebt der Geschlechtlichkeit Mystik und Weihe,

Dann ist es am Lichtweg des Mannes, als rief er

Die Seele nur auf, daß sein Weib reich gedeihe.

Jetzt sind Leib und Seele beinahe verbunden.

Drum ist auch Dein Rücktritt noch nicht so beschwerlich,

Noch kann sich das Weib als Gefährtin bekunden,

Doch bald wird Dein Raubsteig der Frau zu gefährlich:

Dann klimmst Du allein und gedenkst Deiner Seele

Und suchst Dich an ihr und am Weib zu beglücken,

Dann hofft auch die Frau, daß sie Dir sich vermähle,

Und kann stets, durch Schmerzgeburt, ruckweis nachrücken.

Will später das Weib seine Schwachheit verwinden

Und kann die Genossin des Mannes erwachen,

So werden sich Seele und Leib wiederfinden

Und langsam die Pfade zum Lichte verflachen.

Du selbst aber wirst nur den Rückzug verspüren,

Und aufsteigend nichts als die Schaufelmüh fühlen,

Du wirst, bleich vor Schreck, blos ein Traumschaumbild küren

Und Spuklaunen, bis in Dein Grab, hinabwühlen.

Doch weißt Du, seit Sais, welchen Weg Du beschreitest,

Und siehe: Dein Traum wurde fremder und ärger,

Nur wußtest Du kaum, ob Du selbst ihn begleitest,

Und rings die Sahara ward nackter und kärger.

Zwar sinkst Du noch tiefer zurück in Dein Inneres,

Doch bald wird Dein Traum Dir den Weltaufschwung zeigen,

Denn alles was wird, das durchzittert ein dünneres

Und hilfreiches Feuer, das Indien zu eigen.

Es gleicht unser Land einem riesigen Herzen,

Vom Ozean, ostseits und westwärts, umflossen,

Beherbergt die Erde hier Berge von Erzen,

Und drin in den Grotten liegt Gold wohlverschlossen.

Im Norden verriegeln Gebirge die Pforten

Und halten den Gangeslandausgang verrammelt.

Und deshalb gehorchen wir stolz eigenen Worten,

Denn Kraft ist in allen uns tief angesammelt.

Wir gruben und suchten nach funkelnden Schätzen,

Wir grübelten nach und erwühlten Gefühle,

Die ätzten sich ein, an seeleinsamen Plätzen,

Und trieben uns rein aus der trüben Lustschwüle.

Das Mutterthum selbst hat die Weihe erschlossen:

Das Erdweib umgürtet sich kühn mit der Wabe,

Die reich aus dem Erdkern, im Lichtreich ersprossen,

Sie gab uns die Scham und das Mitleid als Labe.

Das geistige Reich, das in Indien erwachte,

Ist tief mit dem Innern der Erde verwachsen,

Zwei Wanderbranddrachen entwallen dem Schachte:

Der Gatsberge Richtungen sind ihre Aren.

Das Erdwabezwillingspaar theilt sich und schreitet

Der Sonne entgegen und folgend, nach Norden,

Die Gluth, die die Zugspuren mystisch begleitet,

Wird so einst, in Herzform, ein Weltstück umborden.

Denn das, was sich hier, fast als Gabel, gespalten,

Erstrebt doch ein Ziel, auf geschiedenen Wegen,

Zwar wird sich ein Drache fast krampfhaft erhalten,

Denn hart ist sein Brandkampf dem Tagball entgegen,

Doch muß sich der andere gar herrlich erweitern,

Um einstens den Bruder zu sich hin zu führen,

Und sieh, dieser Ernst soll Dein Herz jetzt erheitern:

Ich wähle für Dich Indiens westliche Thüren!

Ich selbst will den Träger des Tages gebären,

Oh, könnt ich mein Kind einst als Lichtkönig krönen!

Die Hingabe ist nur ein dankbar Verehren

Des größeren Mannes und Spenders von Söhnen.

Doch will auch die Seele ihr Lichtkind, voll Milde,

Der Welt ihren Sonnensohn, gottgleich, bescheeren;

Der Erdenschoß schenkt ihn dem Sonnengefilde,

Dann soll er hier oben das Wabewort lehren.

Wir Lichtkinder alle sind irdische Sünder

Und müssen ob unseres Daseins erschrecken,

Doch kann schon die Liebe des Mannes den Gründer

Des Reiches der Güte im Weibe erwecken.

Denn wisse: der Sonnensohn gleicht seinem Vater,

Und beide umstreben die Flammenumarmung,

Und kann man sich lieben, oh Wanderer, so naht er:

Der Geist reißt durchs Leidfleisch und heißt Welterbarmung!

Die Sünder, Gott selber der sündigt, erlöst er,

Daß Erdweib wird so einst geheiligt erscheinen:

Ein König ersteh mir, ein Lichtkindertröster,

In dem sich vereinigte Flammen verneinen!

Urjungferlich, ohne die Sonngluthbefruchtung,

Gebiert einst das Mutterthum rein seinen Heiland!«

So schluchzt nun das Weib in der Felsenverschluchtung,

Und Wabe umwallt schon ihr einsames Eiland.

Ich kann meine Jungfrau jetzt nimmer befragen,

Ihr Anblick hat wohl meine Einsicht beschwert,

Ich werde sie lange und tageweit tragen,

Bis einst sich die wandernde Wabe verzehrt.

Ich weiß, daß die Anfangshand nimmermehr rastet,

Es wäre die Ankunft zu wunschlos und hold,

Doch Wolken und Gipfel und Felsen umglastet

Sichselberbesitzendes, schweigsames Gold.

Und ich bin ein Schatten vergänglicher Träume,

Der ewig besitzlos sein Wesen verschenkt,

Ein Weiher, der selber befruchtete Bäume,

Zurück in sich selber, als Ansicht, versenkt.

Vielleicht schreit ich, streitend, den Dingen entgegen,

Vielleicht bleiben Lichtsprung und Nachtanbruch starr:

Vielleicht kann in mir sich der Tag schlafen legen:

Was bin ich, ein alles umfassender Narr?

Ich selbst bin ein Griff, Unbegriffenes zu pflücken,

Und sehend erwähl ich das Reife zum Mahl.

Die Aste, die, früchtebehangen, sich bücken,

Sind wohl so vernünftig wie ich, bei der Wahl.

Verlang ich beim Wandern, auf einsamen Pfaden,

Nach ruchloser Lust und versuch ich, zum Spaß,

Gewaltsam dem labenden Walde zu schaden,

So gleich ich dem Sturme, dem Stammfraß und Aas,

Die Wälder verderben und Städte verpesten!

Ich bin wie der Wirbelwind unstät und wild

Und irre, verwirr mich, wie er in den Asten,

Und wahllose Gesten verblassen mein Bild.

Vermag ichs vernunftvoll, den Gluthdurst zu stillen,

So braucht mich die Welt und gewährt mir auch Schutz

Und will, daß, vom Gaumen auf, Rauschadern quillen,

Und schafft mir Genuß, stets aus Ureigennutz.

Gewöhnt an den Frieden des Lebensgenießers,

(In dem erst die Wollust des Reifens ersprießt,

Die täglich die Frucht unterm Strahl des Begießers,

Voll Obhut und Freude am Werden, verschließt)

Wird wohl die Natur meine Stille erhalten

Und trachten, den sanften Betrachter der Welt

Stets jung zu gebären und gleich zu gestalten,

Da tief in den Wesen ihr Maß sich erhält.

Verließ ich auf einmal mein Dasein auf Erden,

So würde mein Waldaufenthalt hurtig ersetzt,

Mein Abgang wär trächtig an Austauschbeschwerden,

Wodurch ein Ereigniß Ergebnisse hetzt.

Ich selbst bin des Erdwerdens Reifevollstrecker,

Mein Seelenempfinden der Duft nur vom Duft,

Das Schmecken der Ernte ist Zweck für die Äcker,

Das Säen ein Sprung über jegliche Kluft.

Nun zeig mir, mein Inneres, die Frucht vom Gegrübel,

Der Wahrsagung Nachhall entschleire zuerst:

Des Wasserfallmaßes unsichtbare Kübel

Begreif ich als Rhythmus, durch den Du mich lehrst,

Die Einsicht ins Wesen begeistert zu steigern,

Denn schaffend nur treten wir gänzlich zu Tag:

Ein eigener Traum wird allein nichts verweigern,

Er zeigt erst wieviel in uns sprachlos brach lag.

Die Landschaft um mich ist noch immer gewachsen:

Die Wabe loht sott, denn es löscht sie kein Wasser,

Ihr Schatten macht haschende handartige Faxen,

Als wär das der Spukzug der Daseinserfaffer.

Ja, wahrhaft, der Abgang der Nymphe ließ Lücken:

Sie selbst ist verschwunden, die Arbeit blieb liegen,

Drum sammeln sich Schwaden, ins Sein einzurücken,

Und Höchstunwahrscheinliches fängt an zu wiegen.

Der Traum war zu groß, um sich jetzt zu erweisen,

Es kann sein Versprechen den Umfang nicht halten.

Es sei denn, die Welt rollt in Wahnwitzgeleisen

Und kann alle Räthsel ins Dasein einschalten.

Oh Wabe, oh Wabe, die Theben gerettet,

Da Du, wie ich ahne, die Flammen ersticktest,

So zeig Dich, unheimlich im Sein eingebettet,

Wie einst, als Du, fremd noch, mich dennoch bestricktest.

Und wahrlich, die Wabe zerschleiert, zerflattert,

Die letzten Glaststerne vernebeln, verblassen,

Doch bleibt nirgends Asche, da gar nichts verknattert,

Der Wabeschwall hat keine Spuren gelassen.

Dafür aber blühen die Sträuche und Bäume,

Ein Dufthauch und Blutrausch ist übrig geblieben

Und zündet die Blüthen an, schlüpft in die Träume,

Und alles fängt an sich ekstatisch zu lieben.

Was seh ich? Ein Paar scheint im Walde zu fliehen!

Die Nacktheit der Beiden, von Anmuth durchschauert,

Mag mächtig die Seelen zum Urwunsche ziehen.

Wo kauert der Feind, der mein Traumbild belauert?

Der Wald ist voll Keuschheit, oh, laßt Euch drin nieder,

Ihr dürft seine Düftelust überempfinden,

Ihr schlürft seine Sehnsucht ein: glühn Eure Glieder,

So müßt Ihr aus Wünschen die Wonne entwinden.

Verschlingt Eure Arme, als wären es Äste,

Und laßt drauf die Gluthküsse traumhaft erblühn,

Denn jede Umhalsung vertieft sich zum Neste,

Dem Jubelgefühle der Jugend entsprühn.

Was schreckt Euch, was kann Euch im Wald überraschen?

Die Schatten, die flatternd von Ast zu Ast hasten,

Sind Wabegespenster, die Glastfalter haschen,

Um dann mit den Fluchtgluthen ganz auszurasten.

Zwar scheinen mir dort jene Schatten gar eigen,

Die Wabe verglimmte schon lang, und sie weilen

Noch immer um uns, ohne matt zu verzweigen.

Doch fürchtet nichts, bald wird ihr Schwarm sich zertheilen.

Nun sagt mir, was macht Euch jetzt fröstelnd erbeben!

Des Mannes Pupille verstrahlt Diamanten,

Die Weibesblickperlen erschimmern ergeben,

Es ist, als ob beide die Sinne anspannten!

Wo harrt die Gefahr! Wie, verkrampfte das Dunkel!

Jetzt scheint es, als nahten uns Kriegselephanten:

Ein fernes Gesumme erwachst zum Gemunkel,

Dort kommt wohl ein König, gefolgt von Trabanten,

Die schildkrötenartig, geschützt von zwei Panzern

Und Helmen, mit ehernen, lauernden Katzen,

Jetzt plötzlich, und gleich bösen Waldfirlefanzern,

Hervorhuschen und mit verrunzelten Fratzen

Dem Liebespaar, ringsum im Urwald, auflauern.

Schon will eine Sippe die Flüchtigen anspringen,

Da scheint ein Gewitter den Wald zu durchschauern,

Und überall sieht man sich Schützer aufschwingen.

Es werfen sich Baren herab von den Zweigen

Und stemmen sich Einbrechern zornig entgegen,

Doch immer noch neue Verfolger entsteigen

Den Büschen, wo Bären die Wege verlegen.

Da fangen die Schatten verblaßter Erdwabe,

Die nimmer verzitternd nach Dasein verlangten,

Auf einmal an, grabbelnd, nach langem Geschabt

Am Waldrand, wo Handschemen lang und bang schwankten,

Ein Antlitz und leiblichen Gang zu erraffen;

Schon ordnet ein Zug sich behender Gestalten.

Und drauf schafft ein Ruck rings selbständige Affen,

Die stattliches Kriegergepräge entfalten.

Voraus saust ihr König mit goldener Krone,

Froh folgt ihm ein Troß mit blankblitzenden Lanzen,

Auch ficht manche Äffin, als Astamazone,

Gar listig jetzt mit, hinter Urwaldlaubschanzen.

Die trefflichen Schützen erklettern die Bäume

Und helfen den Baren, die Flüchtigen zu schützen,

Schon scheints, daß der Feind feig die Waldwahlstatt räume,

Da stürzen sich Unken aus Dschungeln und Pfützen

Und trachten, fast grunzend, das Paar anzuekeln,

Auch sieht man sich Fledermausschwärme erheben,

Und wie sich im Wegkehricht Spannferkel rekeln:

Drum wird es jetzt Zeit, daß die Zweige erbeben,

Daß alle Waldblätter, als Prachtpapageien

Davonfliegend, Fledermauswirbel vertreiben,

Und quakende Frösche, durch kindsartiges Schreien,

Die garstigen Kröten im Sticksumpf aufreiben!

Jetzt wird jede Astachsel gleichsam zum Neste,

Und allerhand Waldvögel folgen dem Zuge

Der Gluthkakadus und der gelben Festgäste

Der Äste, beim Dschungelsumpfstreitlustkriegsftuge.

Es wälzen die Bären die Säue aus Löchern

Und brummen, damit wir das Grunzen nicht hören,

Die Affen mit selbstsichanfüllenden Köchern

Beginnen die feindliche Wehr zu zerstören.

Sie stürzen sich stürmisch aus Thürme und Throne,

Die Kriegselefanten zum Kampfplatz befördern;

Sie schleichen behänd in die Tragpavillone,

Und manche Matrone erschrickt vor den Mördern,

Die frech alle Insassen zerren und zausen

Und muthwillig Menschen aus Käfigen wetzen

Und anfangen Damen der Hofwelt zu lausen,

Um Thierchen von sich in den Zopfschopf zu setzen.

Das macht selbst die würdigen Staatstrampler ruppig,

Sie wollen nicht länger das Affenpack tragen,

Doch drinnen im Kasten sind allesamt struppig,

Drum packt oft ein Rüffel ein Fräulein beim Kragen.

So kollern die Buckelbewohner zu Boden

Und kugeln, von Affen umhalst, in die Pfützen,

Da fängt sich, durch alle die Plumpsepisoden,

Der Einhufergleichmut an stark abzunützen.

Und wuthentbrannt stürmen die laufenden Hügel,

Mit Thronen und Schlössern und Götterpagoden,

– Doch ohne Geduld und Vernunft oder Zügel, –

Hinein in den Wald, wo Verfolgter Kustoden

Sich eilfertig waffnen, den Angriff zu hemmen.

Es senken die Bäume von selbst ihre Aste,

In dichtes Gestrüppe den Feind einzuklemmen,

Und bilden dadurch eine lebende Veste.

Nun spannen die Äffinnen Ranken und Kränze,

Um rings Elephanten zum Stolpern zu bringen;

Sie trachten auch listig der Waldstampfer Schwänze

Jetzt untereinander gewandt zu verschlingen.

So wird jede feindliche Festung gefangen,

Der Hof und das Harem des Königs geschändet,

Doch hofft noch der Herrscher zum Paar zu gelangen,

Und jetzt wird dazu gar ein Magier verwendet.

Der kann dem Gebieter nur eines versprechen:

Ihm selber, alleinig, doch fast bis zum Paare,

Ganz heil und gesund einen Weg durchzubrechen,

Damit er es dort lustverschlungen gewahre.

Der Herrscher greift zu, und schon knistern die Zweige:

Die Flüchtlinge fühlen den Sieg ihrer Liebe,

Da ist es, als ob sich ein Greisenhaupt zeige

Und gleich alle Unschuld der Nacktheit zerstiebe.

Es flattern die buntesten Blumen der Runde,

Als Schmetterlingsschwärme herbei und bedecken

Mit Blumen den Leib ihrer Jungfrau, im Bunde,

Und schützen die schamvollen Seelen vor Schrecken.

Und glänzende Käfer entschwärmen den Ästen,

Die Nacktheit des Jünglinges hold zu verhüllen.

Nun ists, als ob Panzer die Glieder umpreßten,

Ein Schutz und ein Keuschheitsgebot zu erfüllen.

Der Greis blickt jetzt grausam enttäuscht auf die Jugend:

Sein Wunschweib vergab sich, ein anderer bekam es,

Und brunstgeil, durch Buschwerk und Thränenthau lugend,

Verharrt er noch lange am Platz seines Grames.

Verheimlicht die Jugend sogar ihre Reize!

Was bleibt da dem Alter noch länger zu schaffen!

Kaum kann man sich spreizen; vom gräßlichen Geize

Besessen, gehts schwer mehr, sich Lust zu erraffen.

Die Traumbraut lehnt still an der Brust ihres Freiers,

Der Jüngling hat alles, ach, alles errungen!

Der Greis sieht den Sieg durch den Gischt eines Schleiers,

Denn Bäche von Leid sind den Lidern entsprungen.

Die Thränen des Alters sind frisch wie das Lachen

Der Jungen, die glücklich zusammen erzittern,

Auch kann oft ein Greisenblick Blitze entfachen,

Und Schmerzschleier werden zu Brunstdunstgewittern.

Der König soll donnern, doch stockt seine Stimme,

Da wirken sein Haß und sein Lähmungsschreck magisch,

Die Nagegedanken, der Wuthbruch im Grimme,

Umschwirren ihn eingepuppt, leiblich und tragisch.

Dann wallen sie langsam zu Gattin und Gatten,

Doch fliegen schon Bienen herbei und verscheuchen,

Als schwebende Helme, die flatternden Ratten,

Die endlich, gehetzt und zerstochen, verkreuchen!

Der Greis schweigt. Verbleicht! Und die schneeweißen Flechten,

Sein Bart, scheinen langer noch niederzuwallen.

Sie ringeln und kräuseln sich, gleich kunstgerechten

Gelegenheitslocken. Und wachsend umwallen,

Verschnallen sie Bündel und Büschel mit Zweigen

Der lebenden, himmelwärts wachsenden Bahre:

Gleich zeigt sich der Geier fleischwitternder Reigen,

Doch bergen den Leichnam jetzt Aste und Haare.

Dem Paare im Walde verschaffen die Thiere

Die herrlichsten Steine und Schleiergewänder,

Sie ziehen erbeutete Szeptersaphire

Und Kronenrubine eroberter Länder

Hervor aus den Truhen des fremden Thronschatzes

Und freun sich, damit die Verfolgten zu schmücken;

Im Raum um das Paar, auf der Flur des Waldplatzes,

Erscheinen rings Diener und füllen die Lücken

Der Aste und Wipfel mit Leibern und Schleiern.

Ernst senken zwei Tauben die Schaumhemden nieder,

Und Mantel, gehalten von schwebenden Reihern,

Umarmen dann langsam der Brautleute Glieder.

Ganz ruckweise schwärmen die Käfer und Falter

Nun auf von den Leibern, die hold sich bekleiden.

Doch Affen, die eifrigsten Putzumgestalter,

Benehmen sich keck und zumeist unbescheiden.

Sie geben sich viel mit den Spiegeln zu schaffen:

Die Äffinnen ärgern die eigenen Grimmassen,

Drum trachten sie Bilder der Frau zu erraffen

Und spiegeln sie links und rechts, frech, ausgelassen,

Und können es nimmer, beim Draufblick, verstehen,

Weshalb jene Züge so haltlos verblassen,

Hingegen die eigenen nimmer vergehen

Und niemals das lebende Glashaus verlassen.

Jetzt kapern die Affen des Greises Prunkbarke

Und rudern sie wuchtig herbei bis zum Paare,

Fast ists, als ob jeder da sichtbar erstarke,

Ja, alle sind schon wahre Prachtexemplare.

Der König der Affen sitzt sicher am Steuer

Und späht, ob sich keinerlei Unholde nähern.

Wahrhaftig sein Wesenskreis scheint nicht geheuer,

Denn nirgends noch stach man die Feinde mit jähern

Blitzspitzen, als hier dieses Thierherrschers Blicke

Vergiftend, vernichtend die Bösartigen treffen.

Und da es fast ist, als ob Rudern erquicke,

So trachten die Bären das Thun nachzuäffen

Und machen sich gleich um die Stricke geschäftig.

Doch nicken sie allzu geschwind mit den Köpfen

Und thun, trotz der Plumpheit, so überaus heftig,

Daß bald Bauch und Brust rudern, Athem zu schöpfen.

Das Brautpaar steigt ein, und es rudern die Affen

Die Barke, durch Röhricht und Algen, vom Lande,

Wo Feinde mit Packelephanten und Waffen

Im Walddickicht stecken, nach sicherem Strande.

Sie fahren durch Dschungeln und enge Kanäle.

Es bildet der Urwald unendlich viel Pforten.

Das Brautpaar umjubelt die ganze Waldseele,

Denn Thiere begrüßen es jetzt allerorten.

Die Fische umspringen den Kiel und die Ruder

Und zeigen den hellbunten Bauch ausgelassen,

Und selbst Krokodile ziehn mit, um ein Luder,

Das abfallen könnte, im Nu zu erfassen.

Das plätschert und gischtet gar lustig durchs Wasser,

Die Singvögel zwitschern dazu ihre Lieder,

Und oben am Aste, da hockt mancher Hasser

Des Daseins und sieht unwillkürlich hernieder.

Den Mahatma kann man am Mantel erkennen,

Der erdgelb stets auffällt, wo immer die Zweige,

Vom Walderemiten belastet, sich trennen,

Und jedermann vorerst vermeint, oben zeige

Sich fahl zwar, doch klar ein Stück Himmel im Walde;

Und Schreipapageien umschwirren im Kreise

Die Schallbahn der Barke durch Waldgang und Halde,

Und Lichtfalter folgen dem Schaumspurgeleise.

Das Siegerpaar naht einer sichtbaren Insel;

Da fängt das Geäst an, den Feind zu befreien,

Und hörbarer wird nun ein schwaches Gewinsel,

Weil Menschen und Thiere gleich, wachwerdend, schreien.

Es ist das die Zeit, da Gazellen und Hirsche

Rings anfangen wild ihr Geweih abzuwetzen,

Drum kriegen die Aste gar häufig unwirsche

Geweihstöße, die ihnen Thiere versetzen.

Beim Äsen und Schnuppern im dunkeln Geäste

Will öfters ein Männchen ein Weibchen bespringen,

Dann knicken die Zweige, und tiefeingepreßte,

Vom Buschwerk umwucherte Wesen entschlingen

Sich langsam ringsum aus dem Waldlaubgefängniß;

Zuerst sehn sich zwerghaste Krieger entschlüpfen,

Die gleich die Gefährten aus arger Bedrängniß

Befreien, indem sie Laubknoten aufknüpfen

Und dichtes Geäst, mit den blinkenden Schwertern,

Ganz einfach und forsch jetzt, der Reih nach, aufhauen.

So wird bald den stärkern und kriegskunstgerechtern

Gewaltelementen, die Lauben umstauen,

Ein Ausweg aus feindlicher Waldhast bereitet:

Jetzt können schon Menschen und selbst Elephanten

Die Lichtung, die rings vor den Blicken sich breitet,

Behäbig beschreiten: statt schlafübermannten,

In Waldnacht gebannten, gefangenen Soldaten

Besitzt so der Erbe des Reiches des Greisen,

Der eben gestorben, ein Heer von probaten

Genossen, entschlossen sich treu zu erweisen.

Jetzt denkt man vor allem ans Königsbegräbniß,

Das weite Veranstaltungsumsicht gebietet:

Vorbei ist ja nun das Gefängnißbegebniß

Im Dickicht, das jeglichen Lichtblick vernietet!

Doch als noch sein Wachsen das Heer schwer bedrängte,

Verrenkte und streckte sich immer der Leichnam:

Auch schwand dessen Haar, das sich Pflanzen verschenkte,

Da bald es der Wald in den eigenen Bereich nahm.

Ja, wuchtige, weißliche Wollbäume wuchern

Jetzt rings um den eben verschiedenen Riesen,

Auch nützt gleich der Fund diesen Buschwerkdurchsuchern

Die hier, mittendrin in den Fruchtparadiesen,

Im dichten Gewirre von Myrthen und Linden,

Von Mangos, Katappen und Ebenholzbäumen,

Auch Fasern zum Weben und Einhüllen finden,

Um leichter dann Schäume der Wildbrunst zu zäumen.

Der Leichenzug zieht nun, nach mehrstündiger Mühe,

Durch Haine von Palmen und heiligen Feigen,

Es scheint, daß zur Feier der Lodrahbaum blühe

Und manche Padmakastammzweige sich neigen.

Es kann sich von selbst jetzt ein Urwaldweg bahnen:

Wie Schlangen entschleichen spiralhaft Bananen,

Udumbarafeigen und Myrobalanen

Umwandeln sich langsam zu Affenaltanen,

Da rings, überall, sich die Waldthiere stauen,

Verwundert, aus Lauben den Zug zu erschauen;

Denn Brustwehren scheinen sich steil aufzubauen,

Weil Brustbeerbaumranken sich armstark vertauen.

Und Dschungeln, umgeben von urstummen Muscheln,

Wo munter die Unkenbruthnumen sich tummeln

Und suchen, sich Lustsucht durch Brunst zuzutuscheln,

Umsummen Unsummen von Brummeln und Hummeln.

Natur, wie reich und hehr mußt Du in uns erscheinen,

Da nur, was sich vertiefen wird, ins Dasein stürzt:

Und kann mit Fernem Durchempfundnes sich vereinen,

So fühlt man, wie ein Wunder die Erfüllung würzt.

Doch könnte jeder seinen Schlummerkern erkennen,

Entbehrten wir der Räthsel heilige Prachtgewalt;

Und alles, was die Menschen weltharmonisch nennen,

Erschräcke uns als zackenlose Ungestalt.

Und dennoch will ich die Vernunft zur Reife bringen

Und trachten, daß die Frucht in einen Urschlund fall;

Nicht jedes Ei muß sich zum Himmelsflug beschwingen,

Nicht jedem Wunsch entsprießt ein Sehnsuchtsschwall!

Die Ruhe sucht, erträumt die Blume, die verduftet:

Zum Frieden treibts die Menschheit, die Erkennmiß will:

Im Eigensein, in Seelen, schreck und felsdurchkluftet,

Beschwichtet sich die Brunst und liebt sich wieder still.

Die Leidenschaft, die Bäume, Träume, Bilder zeitigt,

Und stets verschiedenes aus dem gleichen Trieb erwirbt,

Wird leider nie vom Eigengeist verneint, beseitigt,

Bis nicht dereinst der Erdensehnsuchtswirbel stirbt.

Die Waldung scheint verführerisch und überglücklich,

Doch bald erwacht bewußt der Wind, der drinnen jagt,

Und es zerstückt, entzweit sich dann was unverrücklich

Sich selbst verschweigt, bevor die Arbeitsunrast tagt.

Nein, nein, mein Traum, Du kannst mich nicht bethören:

Ich mach mich leicht von Lust und Schönheitsräuschen frei,

Ich mag den Jagdruf meiner Tagbrunst nimmer hören,

Ich hole meines Wesens Ende selbst herbei.

Der krumme Weg, den diese Menschheit steil beschreitet

Und den sie immer völkergruppenweis erklimmt,

Ist jedem Einzelnen, der frei sein Dasein sich bereitet,

Zum Schlusse doch ganz gleich, vom Ursprung an, bestimmt!

Der Eine kargt, um seinen reichen Geist zu schärfen,

Ein Andrer schwelgt, weil innere Armut es verlangt,

Ein Späterer kann ins Weltall tanzend Sphären werfen,

Wo vielen vor der eigenen Geschlechtskraft bangt.

Ein jeder wird an seinem besten Platz geboren,

Verbrecherisch, asketisch, menschlich Weib und Mann:

In Waisen, Henkern, Narren, Dichtern, Krüppeln, Thoren

Steigt jegliches Bewußtsein gleich und steil hinan.

Ich habe ganz bestimmt das Meiste schon erfahren:

Ich war einst Mörder, Sänger, Dirne, Büßer, Held:

Ein jähes Ende doch und tausend Taggefahren

Ersparte mir vielleicht das Gleichgewicht in dieser Welt.

Und jetzt, in einem besseren und leichten Leben,

Erwartet mich bestimmt bereits ein Überfall:

Ein Schicksalseinbruch muß sich logisch oft ergeben,

Denn selbst zieht man ihn an, im Unzeitintervall.

Doch nein, die Menschheit muß das alles durchempfinden:

Mein Wesen ist nur einmal hier am rechten Platz:

Ich soll ein Vorspiel wohl mit Späterem verbinden,

Und mein Bewußtsein bleibt im Schicksalsbuch ein Satz.

Ich tauche ja, als logisch schuldloses Ergebniß,

Im Dasein auf und fühl ein Theil vom Weltenleid:

Doch mein ist kaum das einzige Jetzterlebniß,

Nein, nein, ich werde durch den Tod befreit!

Ich habe keine Seele, die unsterblich leidet,

Und schrecklich wär es, würde eine mir zu Theil,

Der Lebensgriff, der mich in Daseinsformen kleidet,

Verwelkt, und sein Verdorren ist mein eigenes Heil.

Oh Seele, meine Furcht, und wenn Du trotzdem fortbeständest,

So würde ich Dich tiefbegreifend dennoch los,

Du bist und leidest, weil Du Dich zu Fernem wendest,

Doch ich verschränke Dich in meinem Eigenschooß.

Ich bin die Frucht, die stirbt und keine Wurzelfühler

Und keine Blätterflügel in das Zeitreich streckt,

Ich bin ein kühler Grübler und vernünftiger Schüler

Der Erde, die Lichtherde in sich selbst erweckt!

Ich will keine Seele, vernehmt es Ihr Berge,

Und gebt mirs vielstimmig, als Echo, zurück!

Ich will keine Seele, so schreit es, Ihr Zwerge,

Ihr Riesen: denn dies ist mein Weltzuchtmeisterstück.

So schreit es noch lauter, dann kann ich es glauben:

Ich will keine Seele! Das Leid ist besiegt!

Das Grab ist ein Ende. Die Leiber verstauben.

Mein Ich wird zurück in den Schlummer gewiegt.

Es giebt keine Seele: das Erdwabenfieber,

Die innerste Gluth bringt uns Lebensverdruß.

Sie würgt die Mannflamme. Doch dies ist mir lieber.

Sie hilft, daß ich nimmermehr Mensch werden muß!

Ich seh einen Friedhof, von Träumen befruchtet:

Die Vorstellung reckt Grabkolosse empor,

Das Thal, das mich anstarrt, ist dunkel verschluchtet,

Und steigende Stummheit verschleiert ein Moor.

Durch Werdesturzurwucht und Sehnsucht zum Lichte

Entsteigt mancher Grabklotz, als Phallusgebild,

Und ringsum, wohin ich die Blicke auch richte,

Entragt die Begierde dem Lichtbrunstgefild.

Die furchtbarste Erdfurche, gleich einer Scheide,

Vertieft sich und klafft unter jeglichem Grab,

Der Stein und die Grube erhalten drum, beide,

Den Urspalt getrennt, der sich Tagdasein gab.

Die Gruftstümpfe, ursprünglich gleich, doch verschieden

Verzapft und verzackt und stets lichtwärts gewandt,

Umziehn ihre Schatten mit stumpfen, stupiden

Verreckungen, knapp schon beim Eigengrabrand.

Das da aber sind unsere wahrhaften Seelen:

Sie werden zu Mittag verdickt und verkürzt:

Jetzt wachst noch der Traumwall: doch wird er einst fehlen,

Begreif ich, warum man dann grufteinwärts stürzt.

Es giebt keine Seele! Laut kann ich es schreien.

Ich sink schon ins Lock, dem ich kaum erst entkroch.

Du hast keine Seele! den Phallusgruftreihen

Entgähnt schon das Ende. Ich bin nicht ….. und doch?

Den Gipfeln und Riegeln, die rings sich belaubten,

Entschnellen auf einmal unendliche Kegel.

Was will sich vor mir gluthentfesselt behaupten?

Es ist, als ob Stummheit im Nebelschiff segel.

Von Zeit zu Zeit kann sich das Dasein verheißen!

Und Urbrunstgluth muß uns zum Ursprung berufen!

Ich seh jetzt die Erde Glastkrater aufreißen

Und Felszungen zuckend sich starr überstufen.

Doch stumm sind die Kletterblitzdonnerwuchtspuren,

Es wird wohl ein Wort bald das Weltall durchgellen.

Es sammelt, beim Rasten der Tagkreaturen,

Sich stets die Gesangskrast, vor Anspruchsapellen,

In Herzkammern an, um dann rasch zu erwachen.

So wird auch die Erde ihr Fieberlied hören,

Doch vorläufig wachsen noch Zeugen aus Rachen

Und Kratern empor, um das Sein zu beschwören.

Der Felskegel fünf recken, handhaft verbunden,

Sich steil über mir in den schweigenden Äther,

Und siehe, sie bluten aus furchtbaren Wunden,

Und jegliche Schramme wird stets aufgeblähter.

Dann schrumpft jede anders verrunzelt zusammen,

Nun kann sich der Handschatten plötzlich verkneten,

Auch er scheint dem selbigen Arm zu entstammen

Und will seine Wirklichkeit thätlich vertreten.

Ein eben verknorpelter Finger empfindet

Den Spender der eigenen Schattensaumseele,

Drum merk ich, wie einer den andern umwindet!

Der Wirklichen Größter trägt seltene Juwele.

Er kann sich nicht krümmen. Er stellt die Probleme

Und läßt sich von Augen des Schattens bestaunen.

Ein anderer besteht, da ich selbst ihn vernehme,

Und der kann dem Schattenohr Dasein zuraunen.

Der vierte, der dünnste und schwächlichste Finger,

Verschrumpft ohne Knöchel und sucht seinen Schatten,

Der rüsselhaft schnuppert, als wäre er Ringer,

Mit Wucht anzupacken; doch beide ermatten

Und ziehn sich verekelt zurück, so wie Schnecken

In Krampfschaalen, diese in Eigenschleimwände.

Der letzte bleibt wund, und, bedeckt von Blutstecken,

Beleckt ihn des Schemen erhebendes Ende.

Die Hände, die beide sich ängstlich ergänzen,

Sind Männlichkeit, Weiblichkeit, engangegliedert:

Die, Umrisse sprengend und trotzdem in Grenzen,

Sich selber, im Nebengeschlechte erwidert,

Urinnig genießen und sinnlich begreifen,

Doch ich kann sie dreifach, als Drittes, ermitteln:

Sie schaffen den Raum, den Gedanken durchschweifen,

Und Willenskraft schließt sich, mit jenen Zweidritteln

Des Menschenbewußtseins lebendig zusammen;

Und zwiefach erkenn ich, durch Sprache und Geste:

Es muß, was stets wechselt, sich selber entstammen,

Denn hier giebts nur Gluth, Luft, die Fluth und das Feste.

Drum seh ich auch Leichtigkeit, Fluchtsucht und Dauer,

Urrundwucht, Weltwechsel, Verfall und Allschmiegung,

Als sieben bewegliche Glieder auf Lauer

Nach einer vom Dasein geforderten Biegung.

Noch vier solche Wuchtgruppen sieht meine Seele,

Als irdische Gottheit, das Dasein gestalten.

Wer kann sie beschreiben! Ich staune und zähle

Die Handpalmen, die sich aus Armschaften spalten!

Ein Felstempel leidet und bebt jetzt lebendig

Und blickt in sich selber, mit allerhand Augen,

Ich selbst bin mehr drinnen und sehe inwändig

Die stetswunden Fühlspitzen Blut einwärts saugen.

Der sinnlichempfindende Zackenkamm gliedert

Sich achtzehnfach, leidvoll und lustreich, vom Stocke

Der fünf Gefühlspitzfühler los und erwidert

Dann sechstens, verrunzelt, verwirklicht, als hocke

Im Innern des Tempels, in selbstheller Engniß,

Verpriestert ein Finger, bewußt das Empfundene:

Er sperrt, was er spürt, ins Gedächtnißgefängniß

Und ihm nur verdankt sich das Rhythmischverbundene.

Den sechs Weltempfindungen setzen Gesichter

Sich, zerrbildhaft spiegelnd, genau gegenüber,

Drum ändern sich stets ihre Selbsteinblickslichter:

Entrückt die Empfindung, so werden sie trüber!

Erhebt sich der Finger der Eigenempfindung,

So scheint sein Gesicht ihn halbstarr anzustaunen;

Verbirgt er sich aber, als Brunstimpulswindung,

Verräth sich sein Schrumpfruck durch Auflachkrampflaunen.

Die Finger sind blaß. Und des Welttraumes Buntheit

Ergießt sich wahltrefflich ins All aus Pupillen:

Und ebenso trachtet das Erdsein die Rundheit

Und Rhythmensymmetrik, durch Ruhlust und Willen,

Die urfest bestehn, in uns zu erzeugen:

Und Süßgeschmack, Wollustduft sichern und regeln

Ideen, die unter sich Werdendes beugen,

Und zwingen sich stets, sich als Bild einzukegeln.

Der große Koloßklotz beruht auf Wühlfüßen,

Die zwei über fünfzig Gefühle verspüren,

Oft kann eins das andere stark übel versüßen,

Wo einige, vereinigt, das Leid herbeiführen.

Im Innern des Tempels verknüpfen die Enden

Von neun mehr als achtzig Welthanden als Herz sich

Und wollen, vertieft schon, sich Selbstdasein spenden

Und sitzen auf mir, denn stets bin ich inwärts Ich.

Doch tiefer als ich noch, im Schooß des Kolosses,

Erblick ich den Freiheitsohn selbsthell erleuchtet,

Dort reift er heran, in der Pracht eines Schlosses,

Und thront schon am Lothes, der nie sich befeuchtet.

Wahrhaftig, ich sehe das herrlichste Wunder!

Die Erde wird selbst ihren Heiland gebaren;

Erst wurde der Mutterleib runder und wunder,

Doch fängt jetzt der Geist an, das Fleisch aufzuzehren.

Das Kind, wie der Morgen im Irislichthemde,

Verweilt ernstbedenklich, von Engeln umlächelt:

Und Krüppel und Bettler entsendet die Fremde,

In welche der Wind schon die Botschaft gefächelt.

Wer bucklig war, schreitet heran wie ein Ritter.

Die Stummen beginnen Heilshymnen zu singen.

Die Blinden erschreckt noch das Taglichtgeflitter.

Und alles, was taub war, erhält Seelenschwingen.

Der Seele entreißt sich das Ursprungsgedächtniß.

Was eingesperrt war, überspringt seinem Kerker.

Die Menschheit erwirbt und verbirgt ihr Vermächtniß,

Denn ringsum erscheinen Ereignißvermerker.

Dem Himmel entsteigen jetzt Weltschlundkometen

Und wallen als Urwabezungen hernieder.

Das Kind aber wächst durch die Kraft von Gebeten

Und strahlt durch des Mutterleibs Honiggoldglieder.

Der Sohn kann der Mutter die Schönheit verleihen:

Der einfache schlanke Geburtszweckgedanke,

Wird alles jetzt weibereich, rhythmisch anreihen,

Und üppiger bleibt nur die Weltfruchtschaalflanke.

Und selbst alle Thiere durchzuckt das Menschwerden

Des Sohnes der Erde, der gar nicht empfangen

Und lustunbesteckt, ohne Schmerz und Beschwerden,

Im Mutterleib Kraft hat, sein Werk anzufangen.

Ein hellblonder Löwe vergnügt sich mit Kindern.

Und goldene Gänse durchstiegen den Äther,

Durch Liebesdurstbotschast Lustsehnsucht zu lindern.

Die Tigerbruth selbst sendet sanfte Vertreter.

Die Schlange Ananta verkrümmt sich als Brücke

Und läßt still die Thierstuch den Pfuhl überschreiten.

Die Singvögel jubeln von fristfreiem Glücke

Und lassen sich angstlos von Falken begleiten.

Im Waffer die Fische erheben die Köpfe

Und scheinen bereits die Verheißung zu hören:

Als ob dieser Freiheitssohn Erdfieber schöpfe,

Gelingt es jetzt Wildheit und Maß zu beschwören.

Ein Edelhirsch stürzt nun, mit goldenem Geweihe,

Gehetzt, aus dem Urwald hervor an die Lichtung,

Es scheint, daß der Heiland ihm Beistand verleihe,

Denn selbst bricht und lenkt sich der Pfeile Flugrichtung.

Es kann ihn kein Menschengeschoß je erlegen:

Verfolgen ihn ringsum auch hungrige Jäger,

Und rennen ihm einige hurtig entgegen,

So tauscht er gewandt jeden Fluchtwegverleger.

Wohl sind die Verfolger mit Blindheit geschlagen,

Denn niemand vermag es, das Kind zu erblicken,

Und jedermann trachtet die Thiere zu jagen,

Um endlich mit Speise den Leib zu erquicken.

Doch keinem gelingt es, ein Thier zu erhaschen:

Die Beute entgleitet sofort allen Händen,

Das kann zwar die Jäger gar stark überraschen,

Doch niemand befiehlt noch die Jagd zu beenden.

Verzweifelt, von Hunger gepeinigt, entschließen

Sich, fiebernd, die Menschen jetzt Beeren zu essen,

Doch selbst diese Früchte sind nicht zu genießen,

Es scheinen die Finger stets Perlen zu pressen.

Ein halbharter, dickfeuchter, prickelnder Reifen

Verteidigt auf einmal die mindesten Kräuter:

Die Menschen versuchen ins Obstfleisch zu kneifen,

Doch alles hat Stacheln, und nichts als Dickhäuter

Beherbergt der Forst jetzt, und selbst durch den Äther

Gelangt das Geflügel ganz heil, aus Gefahren,

Zum Wabealtar, wo die letzten Verspäter

Im Luftreich sich still um den Freiheitssohn schaaren.

Jetzt sehn sich die menschlichen Jäger den Schrecken

Des Endes durch Hunger und Furcht preisgegeben:

Ihr Bangen ums Dasein kann Mitleid erwecken,

Und Tauben beginnen erweicht zu erbeben.

Die fiebernden Thiere, die nimmermehr grasen,

Sehn wehmuthsvoll auf zum vermenschlichten Leiden,

Da sieht man auf einmal, erstaunt, einen Hasen,

Das Jägervolk auffordern, ihn auszuweiden.

Sofort wird das Opfer des Thieres vollzogen.

Doch kaum ward der Hase vom Menschen geschlachtet,

So steigen der Wabe schamkräuselnde Wogen,

Im Geiste der Jäger, der jäh sich entnachtet,

Gewaltsam empor: und auch sie packt das Wunder.

Sie sehn schon ihr Opfer sich goldroth erleuchten,

Ihr Leib fühlt sich satt an, die Seele gesunder

Wie je noch, wenn Fasttage Krankheit verscheuchten.

Jetzt fängt sich im Erdleib das Kind an zu regen.

Viel heller und greller noch blendet es alle.

Der Mutter entsteigt es und spendet den Segen.

Und gleich einem Leuschrei durchbebt es die Halle:

»Ich bin! das Martyrium der Erde verschwinde:

Mein Dasein erheischt aller Gottheit Verneinung,

Mein Licht blinkt von innen, und mild und gelinde,

Durchzieh ich die Welt als Urfriedenserscheinung.

Bald habt Ihr den Brahmakrampf ganz überstanden,

Die Tagkraft, der Arbeitsdrang darf rasch verfallen,

Das Licht aber geht Euch dafür nicht abhanden,

Es mag aus Euch allen ins Ätherall wallen.

Es wird jedes Kalpa aus mir jung geboren,

Die Felsen erschüttert mein Erdlichterklimmen,

Aus Seelenschluchtthoren zu Mutterleibsohren

Verkünden mein Kommen komethafte Stimmen.

Vernehmt meine heutige Seelenverheißung:

Die Wabe in mir, die ich machtvoll entfalte,

Verspricht Euch die herrlichste Lichtschmerzentreißung

Und schließt manche Scharte und Taggattungsspalte.

Es kann Euch der Hase der Umwelt versöhnen,

Denn jetzt bleibt die Wabe den Erdkindern nahe,

Kein Opferthier soll je zum Sonnengott stöhnen,

Damit sich das Fatum der Tagkraft bejahe.

Ganz schonungslos dürft Ihr nun keines mehr tödten,

Das Lebensleid sollt Ihr gemeinsam verneinen,

Das Weib, das mich jetzt ohne Schmerzschrei und Nöthe

Gebar, aber darf Euch noch unrein erscheinen.

Auch wird meine Mutter nach knapp sieben Tagen,

Nachdem sie mich sichtbar zehn Monde getragen,

Als unbefreit sterben, und weitere Plagen

Erwarten das Weib, doch laßt mich das sagen:

Nach mir kann dereinst sein Befreier erstehen,

Das Jungfrausymbol bleibt auch dann noch erhalten,

Das Kind aber wird mit entsetzlichen Wehen

Den Leib seiner schreienden Leidmutter spalten.

Das Weib jedoch wird dann am Leben verbleiben

Und sehn, wie die Menschheit den Erdheiland peinigt,

Ein Opferlamm nochmals sich willig entleiben,

Das Weib aber dann mit dem Manne vereinigt.

Die Wabe muß stumm um den Lichtaltar wallen

Und langsam den Gott mit dem Sohne vereinen:

Die Sünde dereinst auch vom Fleischgenuß fallen,

Und so sich das Jungfrausymbol selbst verneinen.

Dann werden verschiedene Mütter, vom Manne

Geschwängert, den eigenen Erdsohn gebaren,

Die Wabekraft kann einst, von Spanne zu Spanne,

Dem Tagjammer Helfer der Wahrheit gewähren.

Doch merkt es, die Wabe hilft ewig den Rassen,

Die rastlos sich aufwärts zum Lichtspender schwingen:

Und kann sie der Vater im Menschthum erfassen,

So dürft Ihr das Reich freien Friedens erringen.

Da giebt es aus Erden einst keine Verneinung:

Die Flamme wird tief in die Erdwabe greifen,

Die Liebe tritt wieder als Urlichterscheinung

Ins Dasein, zu welchem wir allesamt reifen.

Schon wartet im Norden der Hort der Befreiung:

Er schlummert im Schatzberge, Meru geheißen,

Und selbst meiner Wiedergeburt Prophezeihung

Verkündet er kühn, Völker an sich zu reißen!

So nennt mich denn Buddah und hört diese Wahrheit:

Ich werde im Dunkel der Menge verschwinden,

Mein Dasein verliert wieder langsam die Klarheit,

Mit der mich die leidreichen Menschen empfinden.

Ich gleiche dem Monde, der traurig verscheidet,

Sich selber erfüllend hingegen die Erde

Gar freundlich belächelt und Lichtschäfchen weidet,

Denn seht doch, auch ich sammle stets meine Heerde.

Bevor ich im Glanz meiner Machtpracht erstrahle,

Vergleicht mich dem Monde, in dem ich den Hasen,

Als Abbild vom sanften Verzichtideale,

Dort selbst, in verschiedenen Abnahmephasen,

Zum Abschiede, stets meinem Erdgeschlecht zeige,

Denn wißt: das Entsagungsthier hab ich mit Wabe

Dort tief eingemerzt, und ich selber entsteige,

Als Vollmondlicht, stets meinem nachtschwarzen Grabe.

Wie, gleich ich dem Vollmond? Der Mond bin ich selber!

Das Zeitleid durchbrech ich als Werth im Kalender,

Aus Herbstfeldern steig ich als reifer und gelber

Erdfruchtkern empor und belausche die Länder,

Die allesammt lang meine Nachtmacht ersehnen.

Gar pausbackig schau ich als Gautama nieder.

Als Erdgeist durchschimmere ich perlende Thränen,

Und Lichtflügel geb ich dem Erdfurchtgefieder,

Das fiebernd versucht, an der Mondbrust zu saugen.

Und seht, meine Milde entschwellt ihrer Hülle:

Mit Lichtmilch beträufle ich traurige Augen,

Und wieder verschwindet die Brust im Lichttülle,

In perlenden Schleiern und Irisgischtspitzen!

Denn wißt jetzt: ich wünsche mich wenig zu regen,

Ich bleibe, der Langlebigkeitsgottheit gleich, sitzen

Und bin drum stets lebend als Buddah zugegen.

Ich gleiche dem Monde, dem Sohne der Erde,

Der nimmer den Bruder befreit und alleine,

Voll Mitleid mit jeglicher Menschenbeschwerde,

Gar schweigsam dahinschleicht in bleichlichem Scheine.

Ich gleiche dem Monde, der Träume und Träumer

Der Erde entschmeichelt: ich kann auch die Brüder,

Die Buddahs, die schlummern, als Erdurschlundräumer,

Durch Ruhe gebären und werde nicht müder!

Ich gleiche dem Monde! Als Sohn dieser Erde

Und milder Verneiner des Sonnenrobottes,

Als Buddah, als der ich in Indien jetzt werde,

Bezweifle ich jegliches Sein eines Gottes!«

Kaum wurden die Worte von Buddah gesprochen,

So meldeten Wächter, im Festprachtgewande:

Ein goldener Vogel sei jäh ausgebrochen,

Nur weiß man nickt wo, ob im eigenen Lande,

Ob ferne im Osten, im Goldschloß der Sonne,

Ob südwärts, wo Meere der Stürme bedürfen,

Ob westlich, wo ewig die Wellen die Wonne

Des Sonnlichtes schmatzend und geilfletschend schlürfen.

Ob hoch, dort im Norden, wo Berge und Sterne

Beharren und nimmer den Wanderer bethören!

Der eine der Wächter sieht scharf in die Ferne,

Der andere kann alles was weitherstammt hören.

Sie lugen und lauschen und spüren noch immer:

Doch keiner vermag, was uns naht, zu errathen.

Da fang ich nun selbst an, in mir einen Schimmer,

Ein Klimperspiel, wie von verschiedenen Dukaten,

Genau, in der eigenen Welt, zu vernehmen.

Ich seh keinen Buddah mehr. Felstempel brennen.

Die Wesen verstecken sich, schreckhaft wie Schemen.

Und Werthe versuchen ihr Sprechwort zu nennen.

Da schlagen auf einmal unendliche Schwingen

Die Sprache der Indier, voll Pracht, auseinander:

Die Federn des Thieres sind Rhythmen, die klingen,

Doch fest, daß ihr Schallband das Weltall durchwander.

Und wahrlich, allüberall formen sich Sprachen.

Lautgruppen versuchen ihr Sein zu beflügeln

Und taumeln wie Nachen, die jäh in See stachen,

Noch auf und ab, tief zwischen Windwogenhügeln.

Der Mutterrumpf gleicht einem Glastpelikane,

Mit weiblichen Brüsten: und ist Mann und Ahne

Der Andern zugleich, und im Aufopferungswahne

Verpraßt er für Nachkommen Sprachenorkane.

Nun wird es mir klar: Indiens Sprache versprühte

Der innersten Mystik unendliche Güte,

Sobald ihre Fülle als Hymnus erglühte,

Und so im Gemüthe, den Ruhbuddab glühte!

Der Glaube, der voll aus ihr selber entstanden,

Befreit erst sein Wesen aus heimischen Banden,

Sein Flügelschlagbraus kann jetzt überall branden,

Und was ihm entstammt selbst im Ozean landen.

Und wirklich des Urrumpfes Achseln entschlüpfen

Schon allerhand Falter, die rings flugs weghüpfen,

Und einige, die flügge sind, fliehn und verknüpfen

Die Rassen, daß bald sich die Federn betüpfen.

Sonngoldene Möven enteilen dem Meere,

Damit sich der Anhang des Buddah vermehre,

Am Schwanz sitzt ein Kauz, Indiens heimliche Lehre,

Doch spürt kaum ein Goldthier die silberne Schwere!

Jetzt läßt mich die Welteinsicht wahrhaft erstaunen:

Die Sprachlaute stauten sich eben zu Daunen

Und schallen am Strande schon stark wie Posaunen,

Die Kauzart jedoch wird im Tempelgrau raunen.

Das schallt Mahabharata! Rakasch erwidern,

Als Echo, das Indieridiom in den Bergen.

Ich selber empfinde den Rausch in den Gliedern:

Und tief aus den Zwergen, die rings sich verbergen,

Verbreiten sich herrliche Lichthymnenfieber.

Der Taumel gefällt mir, denn rings tummeln Frauen,

Oh, könnte er dauern, je langer, je lieber:

Man kann nicht auf einmal das Traumgrau durchschauen.

Die zärtlichsten Winde, die Morgens liebkosen,

Ein mädchenhaft wahres und quellklares Lachen,

Dazu einen Dufthauch von Haut und von Rosen,

Das Auge der Frau, nach dem Brautnachterwachen,

Das alles erfaß ich, als greifbare Bilder:

Ein tanzender Ausbund von Jugendgestalten,

Umwirbelt mich sichtbar und schwingt immer wilder

Die Schleier zu blumenblattartigen Falten.

Und wirklich, beim Wirbeln, verwickeln die Hüllen

Sich krampfhaft, von Blumengedanken gehalten,

Sie schickten, verknüllten sich, Kelche zu füllen,

Als ob sich Dämone zu Tanzknäulen ballten.

Ein einziges Schleiergewirbel verknetet

Die Kleider zum Schlusse, und Jungfrauen hüpfen

Jetzt nackt in den Raum, wo die Priesterschaft betet.

Und wahrend die Hüllen sich bauschig verknüpfen,

Ergeben die Mädchen sich brünstig den Freiern:

Und aller Goldschutzschurz wird Pollen der Blume,

Aus plötzlich von Purpur durchglühten Brautschleiern:

Und oben hockt Schiwa im hochrothen Ruhme,

Der siegreichen eigenen Weltbildvereinung.

Sein Gluthgewicht senkt seinen Thron in die Tiefe,

Und rasch nur erfaß ich die Fiebererscheinung,

Es ist, als ob Gift aus dem Kelch übertriefe.

Ja, zwischen den Blattern liegt brunstschwül ein Panther,

Den Schiwa, sanft streichelnd, im Augenblick bändigt:

Doch tropft Schleim und Speichel ganz kurz übermannter

Thierurwuth vom Maul, wo das Reißzahnfleisch endigt,

Als Giftgeifersprudel hervor und durchrieselt

Die Blutblume, die unter Schiwa verschwindet.

Ein Stechregen, der nun ringsum niederrieselt,

Vertilgt jede Blattflamme, die sich entrindet.

Die Gluthzunge Schiwas, sein Raubkatzenauge,

Verschwinden zuletzt in der Schluftgruft der Erde,

Es scheint, daß der Gott alle Welthast aufsauge,

Denn jetzt stockt in uns jede Körpergeberde.

Die Brunstblume sinkt tief ins Innere der Seele

Des kummerlos schlummernden Tagelephanten,

Da ists, als ob Schiwa sein Kraftsein jäh stähle,

Als ob sich die Mannfasern ruckrasch anspannten.

Denn schon wälzt der weise Kolloß, wilderglühend,

Voll Brunst sich hervor, um die weibliche Erde

Mit Hast zu erfassen; lichtsprühend sich mühend,

Verschwitzt er aus Durstrausch und Auftauch beschwerde

Jetzt tausend Thaubäche, die perlend zerstießen;

Doch geht da die Nachttragpagode in Trümmer,

Das Lichtthier will nichts als den Erdleib genießen,

Es ist, als ob gar keine Weltpflicht ihn kümmer.

Der Sternbaldachin ist schon langst hoch verschwunden:

Der Purpurschabracke zerflatternde Fetzen

Zerstieben in kurzen Urbrunstlustsekunden,

In denen Thauströme die Erdstur benetzen.

Denn immernoch rieseln vom Lichtelephanten

Die Taggeilheitsbache wie Regen hernieder,

Die Perlmutterthürme mit hochimposanten

Prachtflanken, der Baubonzen Elfenbeinglieder,

Die Nachtherrschaftshallen sind alle zerfallen:

Der Tagelephant hat sie brunstwild zerschmettert:

Jetzt kann er sich platt in das Brunststeisch einkrallen:

Er wirst sich aufs Land, das er wuchtstumpf erklettert!

Doch kann mir nun Wischnu aufeinmal erscheinen;

Er thront ja mit Lackschmy, der Gattin, im Äther,

Ganz nackt, hockt er hoch mit verschlagenen Beinen,

Denn Dankgaben, Schambrauch, das alles verschmäht er.

Sein Fleisch strahlt so hell wie die Gletscher im Norden,

Wenn Rosenlichthauche sie Morgens umschmeicheln,

Sein Weib fächelt Wolken nach Blutstromakkorden:

Himalajas Eiswelt, die Stürme kaum streicheln,

Nur kann ich den Gott der Erhaltung vergleichen!

Die Gattin will ganz seine Anmuth genießen

Und wagt es, ihm prachtvolle Spangen zu reichen,

Und siehe, des Weltherrschers Füße umschließen

Bereits allerhand Glanzgeschmeide und Ringe.

Lichtkränze umwallen die Hüften und Schlafen,

Die Hände besetzen unzählige Dinge

Aus fernen, ausländischen Überseehäfen.

Die haarlose Nacktheit bleibt trotzdem erhalten:

Es läßt sie die Pracht nicht an Geltung verlieren,

Im Gegentheil trachtet das Weib, mannigfalten

Prunkgluthschmuck ums reizreiche Fleisch zu gruppieren.

Jetzt windet ein Weib sich, von Armen und Schlangen

Beinahe gebändigt, vor Wischnu in Krämpfen.

Ein Unthier, ein Jüngling, voll Brunstlustverlangen,

Versuchen gemeinsam, das Fleisch zu erkämpfen.

Das Weib aber weiß wohl sein Erbtheil zu stählen!

Geschickt wie die Schlange, entschleicht es dem Manne,

Verständig und fähig, Kampfkräfte zu wählen,

Enteilt es dem Thier, um die kleinste Zeitspanne.

Die Bestie, der Mensch müssen schnell unterliegen,

Denn siegreich erreicht jetzt das Weib beide Rhythmen,

Man sieht es den Feinden im Wirbel entfliegen

Und demüthig Wischnu sein Tanzkunststück widmen.

Die Männer, im Umkreise, athmen viel schwerer,

Da schwellende, fleischige Muskeln sie reizen.

Das Weib aber fühlt nun den Hauch der Verehrer

Und greift, wie um plötzlich mit Schönheit zu geizen,

Jetzt schamhaft zum Knie, um die Schenkel, das Becken

Verlegen mit Flechten gerecht zu verstecken:

Da stockt und da stockt nun der Odem der kecken

Gesellen und fängt an, das Weib zu bedecken.

Nun tanzt es auch wieder im wolkigen Hemde,

Und perlender Thau übersprüht seine Glieder,

Da wirbt und da stirbt jetzt ein Prinz aus der Fremde,

Und siehe, das Weib kriegt ein purpurnes Mieder!

Es tanzt noch, und Rosen, die fruchtlos verwehen,

Entsenden der Tänzerin duftmüde Hauche,

Die kann sie, beim Wirbeln, zu Blutschärpen drehen,

Und braucht sie symbolisch, beim landläufigen Brauche,

Die Scham vor den Menschen der Gottheit zu weihen.

Es scheint, daß ein Schleier ein Weib trefflich rüste;

Die Priester jedoch, die sich rings umherreihen,

Betrachten gar lüstern der Tänzerin Brüste.

Die Gluthblicke bleiben sogleich daran haften.

Im Nu überfunkelt ein Panzer den Busen,

Und Männer, die brunststarr die Nacktheit begafften,

Versuchen das Weib nun mit geilen, konfusen

Versprechungen dennoch zum Fall zu bewegen.

Das Weib aber kann jede Antwort verweigern,

Leicht lächelnd den Kriß in die Zahnklemmen legen

Und wieder den Wirbeltanz unbändig steigern.

Ein Glastpanther trägt dann das Mädchen im Panzer

Auf einmal davon, zu Verwandten und Ahnen,

Und Nachtelephanten und Grausfirlefanzer

Zerstampfen mit ganzer Gewalt die Brahmanen.

Die Nautsch knautschen laut und die Tagdewas spotten,

Um Nachdruck dem grausamen Rausch zu verleihen,

Und abermals lausch ich aufs Echo der Grotten

Und hör Zakhasch laut Mahabharata schreien.

Ich aber sage allen Lebensüberwindern:

Laßt von der Schönheit Euch jetzt nimmermehr verführen!

Ich will die Leiden Eures Erdendaseins lindern,

Ich weiß des Flammengangs geheime Seitenthüren.

Sie stehn Euch offen, folgt mir bloß auf meinen Wegen,

Ihr dürft ein todtes Leben ohne Leid erhoffen,

Ihr könnt Euch selbst die steile Sonnenbahn verlegen,

So kommt, wir haben uns zur Wallfahrt gut getroffen.

So reißt Euch los vom Weib! Das Weib ist bloße Erde!

Doch steigt ins Grab hinein, und nicht empor zum Himmel.

Das Licht, der strenge Hirt, treibt seine Menschenheerde

Mit friedlichem Gebimmel, wie ein Schafsgewimmel,

Stets fort, bergan von Schmerz zu Wunsch, von Brunst zu Leiden;

Ich aber lehre Euch das Licht der Seele zu entzünden,

Und so als freies Sein, den Außenzwang zu meiden,

Und meinen Kult will ich mit Wucht in Euch begründen.

So gebt Ihr Eurem Sein die beste Selbsterhaltung,

Den Tod könnt Ihr im Dammerscheine kaum gewahren,

Verneint Ihr das Geschlecht, die Leib und Seelenspaltung,

So birgt für Euch das Dasein keinerlei Gefahren.

Seid Sternen gleich, die keine andern Sterne stören,

Ich werde wie der Mond Euch durch das Dunkel führen,

Ihr sollt die Lieder meiner Inbrunst nimmer hören,

Und nichts als meiner Liebe Stille in Euch spüren.

Oh Mond, Du lauterer Lothos tiefster Weltenweiher,

Du schwimmst im Urallozean dahin: und Sterne

Entschlummern bleich, bedeckt von Deinen leichten Schleiern,

Und auch die Sehnsucht schweigt in Deiner Obhut gerne!

Drum folgt mir, Daseinsflüchtlinge und Mendikanten,

Vertilgt im Seelenfieber Eure Lichtbegierde,

Entstammt den Ampelschein, da wir sein Heil erkannten,

Kein Drang, kein Mangel sind des Priesters tiefste Zierde!

Ein Lothoslicht voll Milde ist in uns erschienen:

Ich hüte mich, sein Wesen irgendwie zu nennen:

Der Einheit aller Dinge soll mein Walten dienen,

Und Sinnbegriffe, Laute können nichts als trennen.

Der Mund, die Ohren, Augen sind der Umwelt Lucken,

Durch die uns äußere Feinde wahrnehmbar betrachten,

Einst soll jedoch die Einheit ineinander zucken,

Die Urlust die getheilte Reizbarkeit verachten.

»Du irrst, Unseeliger, Du irrst!« ruft eine Stimme.

Ein Krüppel, der mir nachschleicht, hält mir diese Rede:

»Ich reize Dich vielleicht zu herbem«, bitterm Grimme,

Doch wisse, Thor, Du trennst nur und Du wirbst um Fehde.

Laß Leib und Seele mit einander wandern, seelig

Die Welt genießen und das Leidmaaß tragen,

So steigen wir am Sonnenpilgersteig allmählig

Und ohne Umweg auf aus unsern Jammertagen.

Unseliger, Du willst aus Milde Krüppel zeugen,

Ich bin bereits dereinst ein Bettelmönch gewesen,

Mein Leib verkam, doch ließ die Seele sich nicht beugen,

Dafür muß jetzt mein Leib lebendig halb verwesen.

Ich habe meinen Mord vielleicht noch zu begehen

Und werde als Vampyr die Nachte bleich durchschleichen,

Ich muß die Marterqual wahrscheinlich einst bestehen

Und soll verflucht, als Spuk, mein Ziel zuletzt erreichen.

Unglücklicher, Du kannst dem Schicksal nicht enteilen,

Du bist Asket und warst Du wirklich nie ein Prasser,

So wirst Du noch als Schlemmer auf der Erde weilen!

Du hältst Dich rein: vergeblich suchst Du einst nach Wasser!

An mir, dem Hinkenden, kannst Du genau erkennen,

Daß unsere Seelen mindestens ein Leben dauern,

Wildträumend will die Meine sich vom Leibe trennen,

Wohl seh ich oft, wie Windchimären sie belauern,

Doch krampfhaft kann der Rumpf sie abwärts an sich reißen,

Um starrbewußtlos sie ins Fleisch zurück zu binden;

Und dennoch kann sie nimmer sich im Leib verbeißen,

Noch jemals sich wie er, so jung und siech empfinden.

Denn das ist ja das Schauderräthsel meiner Tage:

Die Seele ist viel weiter als mein Leib gegangen,

Es scheint, daß sie fast greisenhaft ins Jenseits rage,

Und sieh, ich bin ein krankes Kind mit rothen Wangen.

Auch ich, unseliger Pilgerhirt, auch ich erblicke

Das Lothoslicht am Rothen Ozean der Seelen:

Wenn ich zusammenknicke und beim Schrein ersticke,

So fängt der Buddah grausam an mich tief zu quälen.

Er ruft: ich bin der Aufruhr und die Seelenruhe,

Ich bin des Mondes Bruder, tief im Mutterschooße,

Ich bin die Furcht vor dem, was ich im Kerker thue,

Den Tod entfessele ich mit jedem Erdgluthstoße.

Ich bin der Daseinsflamme tiefste Urverneinung,

Da ich als Buddah die Vernunftaskese förder,

Drum ist ein Selbstmord meine schwerste Machtverheißung:

Ekstatisch bin ich Mahatma und Seelenmörder.

Mein Sieg kann nur in unterwühltem Land gelingen:

Ich muß den Lebensüberdruß zuerst verbreiten:

Wo Erderschütterungen meinem Sein entspringen,

Vermag ich es, den Kriegs und Pestweg zu beschreiten.

Statt Mord und Sühne könnt Ihr Euch den Selbstmord wählen:

Das ist das Resultat von meinen Einheitskrämpfen:

Die Krüppel dürfen sich im Dasein weiterquälen,

Denn Rohheit läßt sich leichter als das Weltleid dämpfen!

Die Iranische Rhapsodie

Das ist das Land, wo alle Vöge gerne weilen,

Die Zone, wo die Erdbewohner Nester schonen,

Die Höhe, wo die Arten ihre Lücken heilen

Und durch Gefährtenthum den Ackermann belohnen.

Wenn ich im Lenz gar schwer mein leeres Feld bestelle,

Und Pferde Ockertnollen vor dem Pflug zertreten,

So geht ein Hund stets wedelnd mit, und sein Gebelle

Besänftigt Weib und Kind, wenn wir uns wo verspäten.

Wie gut ist doch ein Hund! Wie liebreich viele Thiere!

Wie reizvoll zwitschern Vögel ihre Liebeslieder,

Und girren tausend Tauben ringsum im Reviere,

Drückt mich die Müh und Lebensgier zur Erde nieder!

Wir schaufeln unser Grab, wenn wir das Land bebauen,

Und weilen schon allein, wenn wir die Furchen graben,

An unsere Armuth denken wir dabei mit Grauen;

An mir wird sich die Erde einstens mühlos laben!

Nein, lieber will ich meinen Leib den Geiern weihen,

Was ich so schwer zu Herz und Hirn emporgetragen,

Das sei mit Leidlustschreien und in breiten Reihen

Von Raubthierleibern, über Alltagsarbeitsklagen,

Gar steil und weit zu Licht und Lichterlust gerissen:

Ich gönne Vögeln meines Leibes Leckerbissen:

Sie mögen keines Körpers Kotgekröse missen

Und siegreich ihr Gefieder immer höher hissen!

Mein Bruder, dessen Äcker an die meinen grenzen,

Hält schweißbedeckt in seiner Pflugschararbeit inne

Und sucht mein Lied, in meiner Nähe, zu ergänzen:

Er will vielleicht, daß sich ein Zeitgespräch entspinne.

Ich horche denn auf meines Bruders holde Worte

Und lasse sorglos meine brachen Schollen schlafen,

Und gehts zur Arbeit, so bestimmen wir am Orte,

An welchem wir uns eben unversehens trafen,

Für andere Frühlingstage noch Zusammenkünfte:

Und abermals allein, betrachte ich, was er erdachte,

Wie brüderlich vernünftig er die Einzelzünfte,

In sich, zu einem Lichtzusammenschlusse brachte.

Er hat wohl Recht: wir Bauern schaufeln unsere Gröber

Und sind dem Seemann nur unwesentlich verschieden,

Wir ziehn das Tagwerk kreuz und quer, wie jeder Weber,

Und Lichterstreber sind die Priester nur hienieden.

Mein Pflug gleicht wahrlich einem blanken Kiele;

Er sprüht die Krumen, wie den Gischt, aus scharfem Gleise,

Er nähert sich, wie Schiffe, immer einem Ziele,

Doch kehrt er um, verneint er seine Pilgerreise.

Er ist ein braves Fahrzeug, das die Zeit durchsegelt,

Denn nur viel später siehst Du Pflugscharfurchen schäumen:

Erst wenn der Frühlingssprünge Ubermuth sich regelt,

Beginnen ernste Felder blumenbunt zu träumen.

Gischtweiße Pracht siehst Du zumeist zum Licht ersprießen

Und Wellen gleich die Acker weiß und weit bedecken:

Wir dürfen erst der Pflüge Blüthenschaum genießen,

Wenn sich die Arbeitsnachen irgendwo verstecken.

So lockre denn mein Schicksalsboot die trockenen Schollen,

Es ist, als wäre Lenzgezwitscher eine günstige Briese:

Ich horche, wie in mir die Ozeane grollen,

Und mein Verhängniß übersteigt mich wie ein Riese.

Mein Bruder, ach, Du meintest wohl, was ich empfinde,

Und wärst Du nicht so weit, so möcht ich Dich befragen:

Die Geier, die uns gleich nach dem Verrecken finden,

Sind wohl wie Wolken, die den Tod im Schooße tragen.

Wie oft sieht man sie hoch dem Ozean entragen,

Wie oft die Wogen an der Barke Planken schlagen,

Wie häufig hört man Geier um Kadaver klagen,

Und was uns unterliegt, kann unsere Frist benagen!

Ein Nachbar ist mir jetzt beim Ackern nah gekommen

Und sagt: »Kein Lenz ist je so zeitlich heiß gewesen,

Der Sommer ist wohl heute Morgen schon erglommen:

Zu allen Plagen scheint der Bauer auserlesen!

Wir armen Parsen arbeiten im Glanz des Tages

Und beten, wenn wir uns nach Regenwetter sehnen,

Und dennoch formen Schollen unseres kargen Sonnertrages

Unendliche, im Lenz verbrannte, welke Lehnen.

Zusammen könnten wir den Abhang urbar machen:

Die Felder sollten sich bis dort hinauf erstrecken,

Doch müßte Blau aus Pfützen uns entgegen lachen,

Und blieben selbst die Pferde drin im Drecke stecken,

So ging es immerhin beim Pflügen viel geschwinder:

Die grünen Wiesen würden Frühlingslüfte würzen,

Im Kühlen sangen Vögel und es könnten Kinder,

Durch übermüthige Sprünge, uns die Zeit verkürzen!«

»Dann würde ich den Meder nimmermehr beneiden

Und ließ den Fremdling gern in unserer Mitte, Felder,

In Sternennächten, ihrer Kleinodien entkleiden,

Denn selbst dem Fels entweiden Meder ihre Glieder!«

Dies hat ein Nachbar, der uns hörte, ausgesprochen,

Da sagt der frühere zu mir: »Fürwahr ich dachte

Gar oft, weshalb hält jener sich des Tags verkrochen

Und warum steigt er Nachts hinab in schwarze Schachtel«

Nun tritt der Dritte nah heran, um fortzunadern:

»Fürwahr, wir Parsen, die das Land beackern, darben,

Wir arbeiten in Hadern und aus unsern Adern

Entsprühn in Wirklichkeit jetzt Irans Frühlingsgarben!

Hingegen scheint der Meder nie sein Feld zu pflegen:

Bei Trockenheit sind seine Schollen grobe Knollen,

Nie sehn wir anderes dort als Lehm nach einem Regen,

Doch tiefverborgenes Gold liegt tief in einem Stollen.«

»Fürwahr,« setzt jetzt der andere Nachbar ein: »Wir sehen

Den Fremdling nur in lauer Mondnacht drüben wandeln,

In blauem Prachtgewand sah ich ihn dort alleine stehen

Und mit dem Eigenschatten irgendwas verhandeln.

Was mag er da Geheimnißvolles einsam machen?

Nach Nebeln, diesen gleich, die jetzt das Licht verschleiern,

Hat er in jener grauen Nacht mit mannigfachen

Handregungen gefahndet, und gleich Riesengeiern

Warf da, nachdem der Mond sich erst von selbst versteckte,

Der Wolkentroß sich auf die todte Vollmondscheibe:

Es graute Menschen, Thieren, die ihr Schweiß bedeckte,

Ein Schaudern sprühte kalt aus jedem Baum und Leibe.

Der Meder aber, glaub ich, blieb noch ausrecht stehen:

Wahrscheinlich konnte da sein Schatten niedersteigen,

Denn als der eisige Nebelgletscher anfing zu zergehen,

Ein goldener Mondring sich vermochte bleich zu zeigen,

Da schien der Fremde ebenfalls von Gold umsponnen.

Und als der Mond verjüngt den Himmel heiterfegte,

Da wars, als wäre Licht auf seinem Rock geronnen,

Doch Gold wars, das sein Schatten ihm zu Füßen legte!«

Jetztspricht mein nächster Nachbarfassungslos in seinem Zorne:

»Wir wollen diesen Eindringling nicht länger dulden,

Durch unsere Arbeit sprudeln ringsum klare Borne,

Und salzige Laken sammeln sich in reinen Mulden.

Verschwinden werden nächstens jene gelben Lehnen,

Aus denen höhnisch blaue Tümpel uns begrinsen,

Schon schwellt des Fremdlings Frechheit meine Schlafenvenen:

Vertreiben will ich ihn mit seinen letzten Binsen.

Er dient, der Finsterniß ergeben, blos dem Bösen,

Und scheint bei Ahriman gar tapfer auszuharren,

Den Vögeln giebt er nichts von Speiserestgekrösen

Und läßt sich noch, verreckt, dereinst aus Geiz verscharren!

Er krächzt oft Magierformeln wie ein garstiger Rabe:

Abra, abra, abrakada, dabra so fangen

Die Sätze an, und dann folgt rasch ein Fluchbuchstabe,

Und an dem Satzgespinnst bleibt gleich ein Erdschatz hangen.

Das kann in unserm Lande nimmer länger dauern,

Er würde lauter Unheil hier heraufbeschwören,

Beim nächsten Vollmond wollen wir ihm scklau auflauern

Und seine Macht sammt ihrem Zugehör zerstören.«

Ich habe selbst im Herzensgrunde Wuth empfunden,

Doch fällt mir ein, wie ich dereinst mein Weib erfreute:

Der Meder gab mir einen Stein aus seinen Funden,

Und heute reizt er noch den Neid der Nachbarsleute.

Vielleicht verhexte das Geschenk des Weibes Sinne,

Bestimmt ist es seit damals nimmer zu erkennen,

Es schmückt sich jetzt viel lieblicher zu unserer Minne,

Und öfters seh ich seinen Sehnsuchtsblick erbrennen.

Die Glücksgedanken kann es kaum vom Kleinod scheiden,

Es fühlt mein Weib in mir die Lust an meinen Spenden,

Mein Dasein giebt ihm Kraft, mein Abgang ist sein Leiden,

Doch hält es fest, was ich ihm gab, als Trost in Händen.

Es will die Frau vom Manne Dank und Tand empfangen,

Zufriedenheit kann ich ihr nimmer leicht bezeigen,

Zumal wenn ihr Geschenkgruppierungen gelangen,

Und nur was sie erhält empfindet sie als eigen.

Ein Erbtheil wird sie leichter als ein Gut verschwenden,

Das nacheinander sich um ihren Hausstand gliedert,

Sie sucht sich unsere Gunst durch Weigerung zuzuwenden,

Und oft ists ihre Lust, daß sie kein Glück erwidert.

Das alles habe ich gar rasch in mir erwogen

Und wollte, daß der Fremde uns noch Steine brächte,

Drum sag ich auch: »Wir werden ganz bestimmt betrogen,

Wir haben auf des Meders Geld und Beistand Rechte.

Ach, wäre doch mein Bruder jetzt beim Streit zugegen,

Doch seht, er ackert noch allein dort oben weiter,

Er trachtet, nackt wie ich, die Felder gut zu pflegen

Und bleibt bei seiner Arbeit immer neidlos heiter.

Fürwahr, der würde gütig unsern Gast beschützen,

Er sagte einst, die Wälder, die ich urbar mache,

Erscheinen, meine wachen Träume hold zu stützen:

Es ist, als ob in mir ein Wunderlenz erwache.

Die Kraft, die unter Tags die starken Stämme fällte,

Treibt Nachts die reifsten Lichtgedanken aus der Seele.

Das Traumlaub, das mir oft den Sonnenweg verstellte,

Beschattet mich, seitdem ich mich tagsüber stähle.

Mich selber seh ich ernst empor zum Äther ragen

Und Licht und Nahrung stolz und froh genießen.

Die Nachtigallen fangen an in mir zu schlagen,

Und immer tiefer will ich sie dabei verschließen.

Mein Bruder, könntest Du jetzt selber weitersagen,

Wie Du begreifst, daß Deiner Nachtigallen Lieder

Nur Antwortsfragen auf der andern Klagen wagen,

Oh kämst Du doch ermüdet jetzt zu uns hernieder!

Du ackerst knapp an Deines Arbeitsfeldes Grenze

Und thust, was Du dereinst in Deinem Traum erschautest,

Ein größeres Gut umfriedest Du mit jedem Lenze

Und schützt dadurch auch das was Du nicht selbst bebautest!«

Mein Bruder wirft mit starkem Mannesarm den Samen,

Oh seht zu ihm, er wird vielleicht herüber denken:

Damit die Lichtgedanken nimmermehr erlahmen,

Vermag er jeder Einsicht ihren Traum zu schenken!

Wie jeder Schößling sich mit Blättern leicht beflügelt,

Und wie die Bäume durch das Laub dem Staub entfliegen,

Birgt jeder Spruch, den man bewußt und kühl erklügelt,

Ursprünglichkeit, Furcht, ungezügelt, zu besiegen.

Mein Bruder komm, des Meders Geiz soll sich entfalten,

Der stumpfe Wurm, als Schmetterling, im Lichte schwirren,

Aus unserm Haß entschäle alle Taggewalten,

Die unsere Sinne jetzt als Hirngespinnst verwirren.

Wenn Deine Staatsgedanken bald zu Macht gelangen,

Dann ist es recht, daß auch des fremden Ansicht gelte,

Wenn Sonnenlehren einst in unserer Seele prangen,

Verdienen Medergeld und Werthe nimmer unsere Schelte.

Mein Bruder wird Euch immer klug und gut berathen,

Und meines Weibes Einfalt ist im Grunde besser

Als unsere Wuth und haßerfüllten Mannerthaten,

Drum schleifen wir jetzt Edelsteine anstatt Messer.

Es soll mein Weib von nun an goldene Spangen tragen.

Der Meder darf Geschmeide mit dem Hammer schlagen:

Wir alle wollen einen Staat zu gründen wagen

Und vor dem Anschlag auf das Alte nicht verzagen!

Die Erde, die wir plündern, ist voll innerer Güte,

Und ob der Mensch auch noch so unvernünftig wüthe,

Erscheint trotz allem doch kein Frühling ohne Blüthe,

Und diesmal ist es gar, als ob er sich verfrühte.

Die Erde spendet jetzt auch die geheimsten Gaben:

Sie will bestimmt, daß wir nach ihren Schätzen graben

Und uns im Alter durch Erspartes alle laben,

»Es wird der Sohn es besser als sein Vater haben!«

Jetzt regnet es! Ich kann bereits die Tropfen zählen!

Mein Bruder ist schon patschenaß und denkt entschieden,

Sich nimmermehr mit seiner Arbeit abzuquälen:

So gönnen wir uns denn für heute alle Frieden!

Es sind das sonderbare Wolken, sonnumsponnen

Und gar so dünn, daß sie den Himmel kaum verhüllen;

Und trotzdem hat das Tröpfeln ringsumher begonnen:

Die Nebel werden sich wohl auch zusammenknüllen.

Der Meder hat das Wasser sicherlich gespendet:

Die Tropfen scheinen wie geschmolzenes Gold zu gleißen:

Ein Freund hat diesen Regen ganz gewiß gesendet

Und will vielleicht die Opfer Irans an sich reißen.

Das Nieselwetter sickert mild wie Schweiß hernieder:

Es ist, als ob uns Silberperlen rings benetzten:

Die Thiere nicken ein und schließen ihre Lider,

Ach, wenn die Nebel uns in einen Traum versetzten!

Es scheint das Gold aus unsern Poren sanft zu dringen,

Doch nein, wir sehn es doch vom Himmel niederrinnen,

Dort oben wieder kann es sich zum Lichte schwingen

Und alles was da lebt mit Irisglanz umspinnen.

Nun fängt es endlich lau und kräftig an zu regnen,

Und jeder denkt, die Werkzeuge nach Haus zu tragen,

Wahrscheinlich wird man sich beim Heimwärtsgehn begegnen,

Dort scheint mein Nachbar schon die Schafe fortzujagen.

Nun sehne ich die ganzen Thiere rings im Schlafe:

Kein Hirt vermag das Vieh aus dem Versteck zu treiben,

Wahrscheinlich packt die Angst auf einmal alle Schafe,

Die Böcke, selbst die Rinder, wollen draußen bleiben.

Wir helfen. Immer stärker klitschts und klatschts hernieder!

Es scheint, daß jetzt die Kühle auch erwache.

Die Feuchtigkeit dringt schnell und stark in meine Glieder.

Ich stehe bis zum Knie in einem kalten Bache.

Ich trachte mich bereits an Ästen anzuklammern.

Ein Wolkenbruch ist irgendwo herabgegangen.

Ich höre Thiergebrüll und Einzelstimmen jammern.

Ich fange selber an, ums Eigenheil zu bangen.

Was kann man da im Wasserwirbel wirklich machen!

Ists besser in den Bachen hin und her zu schwimmen?

Vielleicht gelang ich irgendwo zu einem Nachen!

Vielleicht ists rathsam, aus ein nahes Dach zu klimmen!

Nun, schließlich ist es nicht so arg! Noch kann ich stehen!

Ich will versuchen durch den Bach nach Haus zu waten,

Doch jetzt beginnen Nebelfetzen herzuwehen,

Und drunter baumeln lauter Schauderakrobaten.

Die Firlefanzer drangen sich um Schwefelmäuler,

Die scheinen sie voll Geilheit zu verspeisen,

In Schlünden hört ich noch die kleinen Windskindsheuler,

Leicht wimmernd, weggeleckt und eingeschlürft vereisen.

Grad über mir, ein dunkles Sturmwurmungeheuer,

Durch Sumpfdunst aufgedunsen, bricht jetzt Fieberwinde,

Denn dem geplatzten Bauch und Maul, bezahnt mit Feuer,

Entprasselt nun der Hagel seiner Rumpfgewinde.

Der Ätherhai will seinen weißen Laich verspritzen!

Doch nein: ein Weibchen ists, mit kleinen, geilen Eiern!

Ei sieh, die reiben, ritzen sich an allen Spitzen:

Ihr Hochzeitsreigen aber bleibt dabei ganz bleiern.

Die Eiswindwirbel, die sich schräg herniederwälzen,

Vertrusten wohl bereits an allen scharfen Ecken,

Doch mußte Reif in wenigen Minuten schmelzen,

Und in den Hecken bleiben jetzt die Heerden stecken!

»Halloh!« so ruft nun irgendeine ferne Stimme,

Ein Eber grunzt in einem Wurzelstumpf verschlungen,

»Zur Hilfe Elender!« schreit jemand jetzt im Grimme:

Rings von Gebraus und von Geräusch bin ich umklungen.

Ich selber wate durch das Wasser, halb betrunken.

Soeben ist ein Bock, der blöckend schwomm, ersoffen.

So mancher Rumpf ist unter mir im Sumpf versunken,

Und Leichen hab ich, treibend, überall getroffen.

Die Zeit hetzt schnell. Es ist nicht werth bei uns zu bleiben!

Des Übels Unglück ist es, seinen Grund zu fühlen,

Drum laßt sich, was ein Maaß in sich umarmt, vertreiben,

Und das Gewissen wird das Grübeln unterwühlen!

Ach, könnte ich den Wahn der Einzelheit besiegen,

Da die Gefühle doch bei fremden Leiden weilen,

Ach, ließen Zeitsturm, Raumtraum sich in uns durchfliegen,

So war ich frei und könnte alle Menschen heilen!

Was ist das, daß ich nicht am Eigenbangen hafte,

Vermags ein Fieber mich der Umwelt zu verschwägern?

Ich wate in Gefahr, da ich bereits erschlaffe,

Ich taste weiter zwischen eklen Schreckerregern.

»Zur Hilfe denn, die Herden werden weggerissen!«

Dies hör ich irgend eine ferne Stimme wimmern,

Ich fühle klar, ich will, man soll mich nicht vermissen,

Und müßte sich die eigene Lage selbst verschlimmern.

Durch Fluth und Guß versuch ich, munter durchzukommen,

Und fühle wie mich Quellen, lau wie Blut, umspülen.

Von goldenen Zitterwischen dünk ich mich umschwommen,

Und Salzgeprickel kann dabei die Glieder kühlen.

»Verfluchter Meder, der das Wetter uns bescheerte,

Wir werden Dich mit Deiner Hexenbrut vernichten,

Wir kennen jetzt der Erdenschatze Zauberwerthe,

Und auf Verkehr mit Wichten wirst Du nun verzichten!«

Den Fluch vernehm ich jetzt, beinah in meiner Nähe,

Und denke: habe ich das Leid hervorgerufen?

Und nun entsteht um mich ein Bild, voll wildem Wehe,

Denn alles, ach, zerfiel, was unsere Hände schufen!

Ganz fabelhafte, fahle Hagellagen decken,

Wie Klobenroggen, alle Abhänge und Kanten:

Und Menschen, Hirsche, spießten sich in riesenhaften Hecken,

In welche Thiere mit Geweihen blindlings rannten.

Am Himmel wuchten schwere, plumpe Sturmdunstklumpen,

Und blos ein Schauerknaul, mit lauter aufgeschlitzten Bauchen,

Verzieht sich ausgestreckt, und Wolkenbruchrestlumpen

Versucht nun eine Fuchtel schwankend zu verscheuchen.

Ist jener gelbe Fleck dort überhaupt die Sonne?

Sie will sich eitel, einer Greisin gleich, verstecken

Und lugt oft durch die Schleier, geil wie manche Nonne,

Die beten will, dient sie auch brünstig kecken Zwecken.

Jetzt scheint mein Eigenlicht ermüdet zu verkümmern:

In einsam tiefer Dämmerung muß mein Lied verbluten!

Es glüht ein Abend über ungekannten Trümmern,

Die Tempel werden sollten und verschollen ruhten.

Was kann im Halbschlaf mir ein Wasserdasein sagen!

Ich spähe aus, was noch mein Lebensodem bändigt,

Ich will den Anruf eines Wellenwesens wagen,

Vielleicht ist meine Pilgerfahrt noch nicht beendigt.

Ein Gauch wird scharf in meiner Vorstellung entwickelt:

Ich zeichne klar des Zwanges Leibergebniß,

Ich seh bereits, wie Fischblut durch die Adern prickelt.

Und nun steh fest! Dies wird bestimmt noch ein Erlebniß.

Gar schwabbelig ist dieser Wasserwamms gewachsen:

Sein Narwalbauch, mit Zitzenansatz, ist halb thierisch,

Drum stimmen mich auch seine laxen Wackelfaxen

Sowie sein Wachshautnackenflachshaar bald satyrisch.

Er kann kaum athmen, denn das Wasser sprudelt

Ihm unaussetzlich aus dem Walroßmaule,

Die Schwimmhautpratzen, die er rasch zusammen nudelt,

Verschrumpfen mit den Armen fast zu einem Knaule.

Sein Haupt ist bartlos, und der Aussatz klettert

Vom blauen Runzelhals empor zur stachen Glatze.

Der Anblick regt mich auf. Ich bin vor Schreck zerschmettert

Und sehe, stets violetter wird die ekle Fratze.

Sein Fleisch erweicht zu eitrigen Geschwüren,

Blutwucherungen krampfen sich um seine Lenden,

Jetzt fängt das Tümpelgeistgesicht an, mich zu rühren,

Und traurig ruf ich: »Bruder, kann ich Hilfe spenden?«

Der Wasserplatscher aber bleibt dabei apathisch

Und trachtet nichts am Asthmazustande zu andern,

Ich weiß nicht, weshalb, doch er wird mir jetzt sympathisch,

Und fängt sich an mit grünen Zünglein zu umrändern.

Ich tret ihm immer näher und ich sehe, seiner Zehen

Mistmuscheln sind verrunzelte und schmutzige Nägel,

Und wunde Wadenwarzen, die sich gräßlich blähen,

Umkleben bis zur Schlegelhälfte, ekle Egel.

Die Schwefelgarben aber, die ihn grell umglasten,

Gestatten mir das Wasserwesen zu betrachten,

Die nassen Schwimmhautpranken, die nach Nahrung tasten,

Umranken Algen, die die Arme stark befrachten.

Drum platscht er gar so arg im Blattpflanzenmoraste,

Und nun vermag ich auch ganz wahrhaft zu gewahren:

Der Aussatz, der bereits vom Bauch das Haupt erfaßte,

Ist ein Geranke blaßerwachter Nenupharen,

Die Tags darauf sich, langsam wachsend, rosa färben,

Und in der nächsten Nacht, verblauend, leicht erbleichen

Und tief ermüdet in der Blüthenfülle sterben,

Denn liebesschwer versinken sie in ihren Teichen.

Die Kratzkorallen und durch Krampf geplatzten Adern

Vermag ich jetzt mit andern Augen zu betrachten,

Beim Bauche staun sich Pampas und Papierbaumhadern,

Die wildzerzaust auch seine Schamtheile benachten.

Die Wucherungen, mit den blutigen Wurmgeschwüren,

Erfasse ich als kaktusartige Bulbenpflanzen,

Und auf der Schilfbestande schäckigen Rückgratschnüren

Beginnen winzige Wanzentupfen anzuranzen.

Die großen Eiterknollen seh ich goldgelb stocken:

Vielleicht muß ich mich an den Anblick erst gewöhnen:

Doch nun erkenn ich sie als grobe Bernsteinbrocken

Mit schönen, unpolierten fetten Ockertönen.

Ich glaube doch, daß irgend was sich da veränder,

Denn, reich beschwert, beginnt das Wassersein zu sinken,

Jetzt scheint das Ungeheuer fast ein Fettblatthand er,

Auf dessen Flossen Rosen anstatt Ringen blinken.

Der Rumpf ist nun beinah im Sumpf versunken.

Sein Haupt jedoch hat sich mit Gras bebartet.

Die Garstigkeit enthüpft ihm in Gestalt von Unken –

Nun ist er ganz als Mensch und blasser Mann geartet.

Im Tang verstrüppt, versank der Geist bis an die Hüfte.

Jetzt ruhn die Schultern auf den weichen Algenkissen.

Mit runden Büffelaugen schaut er in die Lüfte,

Und schweigend wird er in den tiefen Teich gerissen.

Dämonisch ernst verschwanden Hals und Nacken:

Die längst verzopften Bartflechten sind Aderblätter:

Ganz glatt und glanzhaft bleiben seine fetten Backen,

Und, schlürfend, wird der kurze, schwulstige Mund violetter.

Der Larve Nasenlöcher deckt bereits das Wasser.

Die starren Augen seh ich im Krystalle glänzen.

Verdunkelt sind die hohen Brauen und ein blasser

Goldbogen schwellt empor, die Fluthgruft zu bekränzen.

Ein Weltgeheimniß will sich hier aus sich erschließen!

Ein Zwitter ist ganz manngeschlechtlich jetzt entstanden:

Die Weiblichkeit, die abfiel, sah ich rein ersprießen,

Und da verstand ich, was wir alle längst empfanden.

Die hellen Wellenringe, die sich frei verschlingen,

Die Brauen, Ohren, Nase, Mund und Augen waren,

Erzählen flimmernd von den allerletzten Dingen,

In uns die Schmerzerlösung einst zu offenbaren.

Das Wasser, das ich anstarre, ist klar und strahlend.

Das Geisterauge hat es so zurückgelassen:

Die kalten Angstglastgarben, die beinahe prahlend

Entflackern, kann mein baarer Mannverstand nicht fassen.

Wie tausend Aale ist der Wasserfürst verschwunden.

Ein Werk des Heiles will er sicherlich besiegeln:

Er konnte sich bestimmt schon wo für uns bekunden!

Ich schaue auf. Ganz wach! Und seh den Mond sich spiegeln.

»Den Mann da, hat der Mond wahrhaftig angeduselt,

Er steht mit beiden Füßen in der hellen Quelle

Und sieht verdutzt, wie rings der Unkensumpf verfuselt,

Heh, Held der Feldgesprache, rühr Dich von der Stelle!«

Dies spricht nun, hoch im Fisteltone, eine Stimme.

Ich blicke hin und seh jetzt schnell sechs wilde Schimmel

Den Fels erklimmen, und ein Wicht peitscht sie im Grimme,

Denn ziemlich hell blinkt rings des Himmels Sterngewimmel.

Der Mond hingegen hat sich wiederum verzogen,

Drum kann ich auch den Pferdetreiber nicht erkennen,

Jetzt werd ich wohl von Träumen meines Traums betrogen,

Denn weshalb trachten jene Rosse durchzubrennen?

Ich sah die Pflugschar nicht am Acker blinken,

Wars Kalkgestein, ein Eisquadrat das aufwärts jagte?

Ich rief »halloh« und konnte kurz nur winken,

Da keine Frage sich aus meinem Munde wagte.

Ich möchte mich zurück zum Wassergeiste wenden,

So wahr und glaubhaft ist sein Wesen durch mich selbst gedrungen,

Doch ruht der Sumpf jetzt dunkel zwischen grauen Wanden,

Drum bin ich ihm auch unbedingt im Nu entsprungen.

Ein Wolkenknäul verdunkelt immermehr die Gegend.

Die Sterne werden weniger. Der Mond bleibt finster.

Das rauhe Schrein wirkt drum besonders wildaufregend.

Und angsthaft lauschend schwank ich jetzt durch dichten Ginster.

Im Thale traben lange Schattenkarawanen.

Tief unten hör ich Rosse durch die Schluchten pusten,

Hier Thiergespanne sich am Abhang Pfade bahnen,

Mit Silber scheint der Berg sich rings zu überkrusten.

Das sah ich rasch, da mir der Mond aus Nebeln

Den Überblick für einen Augenblick gewahrte,

Jetzt aber hör ich nichts als ein Geklirr von Säbeln

Und sehe nirgends einen Mann mit einem Schwerte.

Ich tappe weiter, und nun wirds noch einmal heiter,

Da merk ich einen Greis, umringt von weißen Schafen,

Der spricht: »Vertreiben Dich vielleicht die bleichen Reiter?

Tritt ein, wahrscheinlich ist es gut, daß wir uns trafen!«

Ich taumle in die Grotte eines Eremiten.

Ich sinke hin an einem heiligen Feuerherde.

Ich hör den Greis: »Wenn Urgefühle mich verriethen,

Empfangt ein reines Weib vielleicht das Kind der Erde.

Astvatereta wird wahrscheinlich jetzt geboren,

Im Schooße einer Jungfrau muß er hold erwachen,

Denn selbst des reinsten Weibes Echtheit geht verloren,

Kann purer Samen Lebensgluth in ihm entfachen.

Des Parsen Urtrieb ist die Spaltung der Geschlechter!

Drum ist es nöthig, daß sich unsere Welt erlöse,

Wir sind der Elementereinheit rege Wachter,

Und Scheidung ist in uns das Einfachreligiöse.

Das Weib ist irdisch und der Erde gleich zu ehren,

Der Same, den der Mann hat, seine halbe Habe.

Doch fängt er an, den Leib des Weibes zu beschweren,

So liegt er leichenunrein, wie in einem Grabe.

Des Mannes Auswurf, der das Weib entweihte,

Entleert es wiederum, mit einem Schmerzensstoße.

Doch wie das Weib einstmals aus eines Mannes Seite,

Entsteht der Heiland bald aus einer Jungfrau Schooße.

Vielleicht sind jene Stürme, die im Chaos wühlen,

Die Fluthergüsse, unter denen wir erbeben,

Die fürchterlichen Flüsse, die den Berg umspülen,

So wilderregt, weil sie das Erdenkind beleben!«

»Wohl mag es sein!« Hab ich als Antwort drauf gegeben!

»Noch glaube ich, die Nacht bricht jetzt herein auf Erden,

Drum sehn die erste wir, erschreckt, die Welt durchschweben,

Und alles trennt sich scharf, was wir vertreten werden.«

Jetzt wühlt der Greis beim Grübeln tief im Barte

Und starrt mit großen, rothen Augen in die Flamme,

Als ob er Antwort aus dem Element erwarte!

Mich aber reizt das Rankenspiel vom Gluthenstamme.

Die ganze Klamm durchwirbeln grelle Blatterschemen,

Und Schatten wallen durch die Halle des gerechten

Felseremiten, und, bekränzt mit Diademen,

Erstrahlen Stalagmiten ernst wie Marmorflechten.

Jetzt spricht der Einsiedler zu mir: »Anachoreten

Entschließen sich in einem Gottesohr zu hausen,

Die Erde mag, daß wir in Felsenlöchern beten,

Und diese Muschel höre gern sich selber sausen.

Die ganze Sehnsucht Irans hab ich hier gebeichtet,

Auch wirkte ich, da sie so mancherlei gewahrte,

Denn alles, was Ihr Parsen je im Krieg erreichtet,

Durchmurmelte zuerst als Wunschspruch unsere Bärte.

Wir baten alle: Erde laß uns einzeln walten,

Du sollst den Priesterstand des Herrscheramts entlasten,

Vom König mögen Götter, was sich ziemt, erhalten,

Wir Weisen aber und die Priester werden fasten.

Der Leiblichkeit entrückt, kann sich der Geist entfalten,

Drum meiden wir es, bis zur Sättigung zu speisen

Und trachten heilige Gerichte einzuschalten,

Gar mancher Magier machte drum auch Pilgerreisen!«

»Du mildgesinnter Greis, ich will bei Dir verweilen!«

Erwidre ich: »Ich liebe Dich und diesen edlen Sinter,

Denn hier, wo Steine weinen, hofft mein Leid zu heilen.

Nur in der Tiefe giebt es niemals einen Winter.

Mit Tropfsteinen umwolkt sind solche hohe Grotten,

Es wälzt der Fels unendlich viele Frauenbrüste

Aus sich hervor, Goldmolken sickert rings aus Zotten,

Als ob hier alles Bernstein überkrusten müßte.

Hier will ich Dir von edlen Erdgerichten melden,

Von Wein und von Getreide, um das Volk zu speisen,

Doch brauchen wir vor allem große Sonnenhelden,

Die uns in ihrer Zubereitung unterweisen.

Der Wein ist pur und gut, hat er sich rein gegohren,

Das weiße Mehl ist echter Same des Getreides,

Drum sei das goldene Brod als Heilssymbol erkoren,

Vom Weltenbesten, Flamme, Same, hat er beides.

Veredeln wollen wir den Parsenstamm durch Nahrung,

Die ferne, unterjochte Länder reichlich spenden,

Des Parsen Krieg gilt einzig seiner Artbewahrung,

Jetzt tragen Siege uns zu weiten Weingeländen.

So viel man kann, mag man zur Läuterung an sich reißen,

Ich will dem Feuer Feindes Habe, Labe weihen,

Denn meine Zähne sperrt das Recht, ins Fleisch zu beißen,

Mein Flammenstamm kann nur im Krieg gedeihen!«

Nun spricht der Greis: »Mein Kind, Du siehst im Fieber!

Es schmelzt Dein Feuergeist die letzten Erdenbänder,

In Dir erzuckt die Männlichkeit in jeder Fiber,

Doch wirst Du leicht zum hitzigen Sonnengutverschwender.

Es wabbert Deine Seele. Deine Kriegsbrunst knattert.

Sie gleicht dem rothen Flammenbart der aufwärts lodert:

Du siehst nicht wie er rasch im Eigendunst zerflattert,

Und ewige Nahrung fordert, die durch ihn vermodert.

Denn Feuer frißt, als Hungerwurm, in allen Brettern,

Nur stille Seelengluth kann unsere Wuthbrunst dämpfen,

Auch Du begehrst nur ringsum, alles zu zerschmettern,

Und haßt die Nacht mit ihren hehren Wunderkämpfen.

Wie Mondlicht stiegt mein Bart zurück zur guten Erde.

Ich selber fiebre auch, doch meine Lust ist milde:

Sieh, meine Seele liebt die sanfte weiße Heerde

Und sie vergiebt selbst Hast und Haß der Kriegergilde.

Den Wein und das Getreide will ich reinlich ehren,

Doch darf sich nicht der ganze Stamm daran berauschen,

Der Menschheit will ich sie symbolisch nur gewähren,

Zuerst jedoch die Erde selber noch belauschen.

Doch die Orakelantwort ahne ich zur Stunde:

Die Erde will, daß alle sich zuvörderst läutern,

Denn ihre reinste Frucht enthüllt sich nur im Munde

Des edlen Pilgrims und der echten Lebensdeuter!

Und Du, mein Sohn, genieße blos vom goldenen Weine,

Im Augenblick, da Du Dich ganz als Mann erkanntest:

Den Wahrsten blos durchschauere hold das Feuerreine,

Das sag ich Dir, zum Lohn, weil Du Dich schon ermanntest.

Du zwingst die Erde Deinen Traumrausch zu verlangen,

Es liebt die Welt bereits die Frucht unserer Bekanntschaft,

Wer Bilder sieht, braucht keinen Eindruck zu empfangen,

Das Mannwerk kennt man bald am Mangel aller Landschaft!«

»Die Kunst in uns erwuchs noch nie im stumpfen Rudel!«

So rufe ich: »Allein will ich mein Werk vollenden,

Es wuchtet in mir selbst ein furchtbar dumpfer Sprudel,

Oh Greis, ich zieh von Dir, hab Dank für Deine Spenden!

Der Mann, der sich vom Weibe gänzlich ausgespalten,

Kann in sich selbst den Geist vom Leibe unterscheiden,

Und läßt die Seele, als sein Liebstes, über beiden walten,

Und wird am Leib, was sie beleidigt, frei vermeiden.

Ein bloßes Wiederholen ist das Kinderzeugen,

Die Menschlichkeit hingegen dient Begeisterungszwecken,

Dem sucht die Frau, durch ihr Geheimniß vorzubeugen,

Und deshalb sehn wir Weiber das Geschlecht verstecken.

Vom Weib, von Erdenfesseln muß der Mann sich trennen

Und milde was ihn hindert in die Kissen legen,

Allein den Eigenmangel soll er rasch erkennen

Und schroff verachten, ohne lange zu erwägen.«

Das Sausenheim, das Tropfsteinloch des Grottengreises,

Vertausch ich nun mit Sturmgewölk und Regenmahnen,

Ich wähle mir den Schloßenscklag des Hageleises,

Statt eines Weisen Bart mit Weltbegeisterungsthränen!

Das prasselt und das gischtet erderfrischend nieder,

Und sieh, das spritzt und plätschert, wie der Stahl zersplittert,

Aus Schlitz und über Spitz der reinen Erdfelsglieder:

Und Licht erblick ich, das den Silberguß durchzittert.

Du heilige Himmelstraufe, die den Fels entkleidet,

Die Ackerkrumen vom bebauten Lande spülte

Und die es nimmer leidet, wenn man sorglos weidet,

Dich grüßt der Geist, der sich im Fleisch erwühlte.

Du reiner Regen, der das Felsgestein durchschauert,

Der mit dem Mondlicht, erdverliebt, sich ganz entladet,

Du Wasserbart, der den Orkan fast überdauert,

Du letztes Sturmwuchtbündel, wo der Geist sich badet,

Oh, laß mich einst das unfruchtbare Ding erfassen:

Ich kann mein Haus, der Noth gehorchend, nicht besorgen,

Das muß ich Weibern und den Knechten überlassen,

Ich fühle Ewigkeit und ich vergaß das Morgen.

So wie des Weisen Bart vom Geist herabgeflossen,

Denn in den Augen muß die Seele wohl erglühen,

So hast auch Du aus einem Sterne Dich ergossen,

Denn nur der Sirius kann so reine Pracht versprühen.

Die Seele wächst in diesem herrlich frischen Regen:

Sie öffnet ihrer Feuerblüthe Sternkelchflammen

Und läßt sich still von hellen Lichtgeweben hegen,

Sie muß bestimmt vom inneren Erdensterne stammen!

Oh lichte Himmelsmilch, ergieße Dich hernieder,

Umspinn der Urgluthblume weiblich keusches Becken,

Berühr der Kelchamphora wabezarte Glieder,

Und gleich wird sie in heiliger Furcht zusammenschrecken.

Umprassle, eisiger, kalter Schauer, meine Mannesmähne,

Laß Stahlgedanken Staatsgewalten scharf zerspalten:

Da ich mit blutiger Inbrunst mich nach Schlachten sehne,

So laß in mir das gluthgeschweißte Schwert erkalten.

Die Sterne werden mich auf meinem Zug begleiten!

Es zieht das Blut zum nimmersinkenden Gestirne:

Jetzt hört der Wuchtguß auf, der Umblick muß sich weiten,

Und Sterne spiegeln sich im Perlennaß der Stirne.

Heil Sirius, der den frischen Regen uns gespendet!

Du Erden und Du Himmelseinheit ohne Gleichen,

Du steigst nicht gern empor, lang bleibst Du abgewendet,

Und meidest da Tagarbeitsäcker, voll von Leichen.

Oh dunkle Schlummernacht, wie Du uns alle reinigst,

Wie sonderbar und wunderreich Du Dich betrachtest,

Mit Sternen glüht die reine Seele still vereinigt

Und staunt, wie sich das Lichtlosleibliche verachtet.

Die Erde selbst versinkt in ihre Eigenfalten:

Das Glanzlose ist Nachts dem kalten Nichts verfallen,

In Wirbelträumen fegen alle Taggewalten,

Mit Schreckgewalt, hinab in halbzerfallene Hallen.

Der Mensch vergißt sein Thun, daß er sich nur vergebet

Denn unschuldsrein, ein Kind der Ewigkeit, sind alle.

Lebst Du auch kurz in Deinem Schlummerspinngewebe,

So wahrt Dich doch das Zeitlose vom Folgenfalle.

Den Frevel bangt, hinabgeträumt ins Urbewußte,

Noch einst, als Zorneshose, tosend aufzutauchen,

Und das Verbrechen, das man einst begehen mußte,

Vermag man, unerkannt, zum Heile zu gebrauchen.

Mit Kindeseinfalt ruhen eingelullte Seelen,

Wie reine Seeen, nach den garstigen Tagesträumen:

Sie spiegeln Sterne und sie spielen mit Juwelen

Und fädeln Märchen ein und hegen Schicksalsbäume.

Oh Nacht, das Wunder fliegt aus Wolken um die Erde,

Der Geist erfrischt Dich wie der Wind und füllt die Lücken

Und Zwickel jeder jungermessenen Weltgeberde:

Die Freiheit siehst Du überall ihr Lichtschwert zücken.

Das Mondlicht will sogar das arme Land umarmen.

Erlösung möchte durch die Schönheitsflechten leuchten.

Wozu? Die Erde wird in garstiger Brunst erwarmen!

Warum die Feindin mit Geschmeiden rein befeuchten?

»Was brütest Du Menschenkind, hilf uns geschwinde,

Fang an, Deinen Acker zum Schutz zu ummauern,

Wo sind Deine Pferde, Dein Weib, das Gesinde,

Du bist wohl der Faulste von allen uns Bauern!«

Ich schau auf den Rufer und seh einen Wagen,

Von Rindern gezogen, mit Quadern befrachtet,

Bergauf einen mäßigen Halbtrab anschlagen,

Und drauf hockt ein Bauer, der schlau mich betrachtet.

»Ha Nachbar, Feldredner, erkennst Du mich nimmer?«

Dies hör ich: »Heh, wird denn Dein Blick auch schon trüber?«

Mein Nachbar fürwahr! Ich erkenn ihn im Schimmer

Des Mondlichts und laß ihn ganz lautlos vorüber.

Im Thal dort vernehm ich unsägliches Klagen,

Wahrscheinlich hat unten der furchtbare Regen

Die Bergsturzlawinen zusammengetragen,

Ich merk es, weil Menschen sich schrecklich aufregen.

Jetzt seh ich auf einmal Gestalten erscheinen:

Bestimmt nackte Männer, die bergaufwärts laufen.

Die Wehrlosen sehn mich und wimmen und weinen:

»Du magst uns aus Gnade als Sklaven ankaufen!«

»Ich brauche wohl Knechte, mein Feld zu besorgen!«

Dies geb ich zur Antwort; das Land, das mein Eigen,

Ist goldreich: so hoffe ich! Es mißt viele Morgen.

Und ich will mich nimmer zum Staub niederneigen.

»Wer seid Ihr?« so herrsch ich die Kerle entschlossen

Jetzt an. Und erbebend erklären mir jene:

»Die Fluth, die sich hoch über Berge ergossen,

Gebar uns für Dich, dort am Fuß dieser Lehne!«

Jetzt seh ich die Felsen auf einmal erstrahlen,

Ein Flammenband prachtvoll die Zacken umglasten,

Dann merk ich, wie Fackeln in Weltbrandspiralen

Erdämmern, da Männer den Sklaven nachhasten.

Sie klimmen am Abhang behend. »Unsere Krieger!«

So ruf ich und kann schon den ersten umarmen.

Das sind Babels Stadtthurm und Zinnenerflieger!

»Stoßt nieder!« schreit einer: »Und habt kein Erbarmen!«

»Erzählt erst was hat sich im Thale begeben!«

Bestimm ich; drauf sagt mir der Führer der Stürmer:

»Ein Wunder ists, daß diese Flüchtlinge leben,

Der Regen bescheert uns die elenden Würmer!«

»Der heilige Regen!« bestätigen die Gelben,

Denn erdfahl erscheinen die Flüchtigen belichtet;

Ich wende mich ab und vernehme vom selben:

»Wir haben schon längst die Gefangenen gerichtet!

Wir schonten sie nur, um die Geier zu speisen,

Sie lagen bewacht im befestigten Lager,

Und einzelne hatten sogar Feffeleisen,

Doch nährten wir sie, denn sie schienen zu hager,

Um einst unsern heiligen Geiern zu schmecken.

Wir dachten sie eben im Thal abzuschlachten,

Da goß es aus einmal an allen vier Ecken,

Es war als ob Himmel und Erde zerkrachten!«

»Gefesselt!« Befehl ich und höre dann weiter:

»Der Wall unseres Lagers ward plötzlich durchbrochen,

Nichts sah ich, die Bresche ward immer noch breiter,

Und da sind uns alle Gefangenen entkrochen!«

»Ich werde sie alle als Sklaven behalten!«

Dies wurde vom Kriegsvolk sofort angenommen:

»Wir haben ein riesiges Reich zu verwalten,

Und Parsen darf niedrige Arbeit nicht frommen!«

Jetzt seh ich im Felsschloß, knapp links gegenüber,

Entzückt eine herrliche Feuererscheinung:

Ich sehne mich hin, doch es wälzt sich ein trüber

Gebirgsbach, als trennte uns schroff eine Meinung,

Wildaufgeregt gischtend und zischend dazwischen.

Zwölf Riesen mit Fakeln stehn hoch auf der Brüstung!

Dort weilt auch mein Bruder: an echtkriegerischen

Geberden erkenn ich ihn jetzt in der Rüstung.

Er sieht mich und winkt mir nun freundlichabwehrend.

Er späht in die Tiefe. Er gleicht einem Sterne!

Es trachtet sein Troß, daß er Tod und Noth, wahrend

Er niederblickt, schnell aus dem Rückhalt entferne:

Jetzt wittert er sicherlich wildfremde Dinge!

Ich sehe ihn tiefinnerlich schrecklich erbeben.

Es ist, als ob Licht rings zu Schatten verklinge,

Er will sich vielleicht in den Himmel erheben.

Giganten gruppieren vertheilt Flammenflügel,

Es bilden die Fackeln, zu sechs, eine Spanne;

Mein Bruder bleibt ruhig und führt über Hügel

Die Heerschaaren aufwärts, im Augapfelbanne.

Jetzt seh ich verschiedene Fremdlinge nahen.

Zu mir kommen Greise mit herrlichen Bärten,

Die nackt sind und trotzdem mit Schmuck sich versahen

Und Treiber und Thiere mit Lasten beschwerten.

Sie tragen sonnartige, goldene Scheiben,

Die Weiber erscheinen in gelben Gewändern,

Und Kinder, die munter die Maulthiere treiben,

Entstammen bereits den verschiedensten Ländern.

Es spricht jetzt ein Greis: »Sieh die Priesterschaft Babels,

Hier stehn wir von Ria geschützt und gefangen,

Wir suchen Poissona im Schooß des Weltnabels

Und möchten zum Schiffe des Nouah gelangen.

Dem Licht sind wir immer entgegen gezogen,

Und leicht wallt kein Voltsstamm von Norden nach Osten,

Drum sind wir dem Gold und dem Gelb stets gewogen,

Auch wir sind Naturen, die nimmermehr rosten!

Wir haben die Sonnensymbole, zum Schutze

De Freiheit der Welt, in die Knechtschaft getragen,

Doch nun wird es dunkel, und siehe, ich stutze:

Vielleicht kann die Nacht uns jetzt zwiefach arg plagen.

Denn Bal rast vom Ausgang nach Westen und trachtet

Den Lichtschatz auf ewig für sich zu erhalten;

Erjagt er die Räuber, so ringt er, umnachtet,

Im Erdbauche selbst, um die Alltagsgewalten.

Nun sieh, diese Schilde und Weltlichtgeschirre

Versteckten wir tief in den Felstempelkellern,

Hier sind sie jetzt, ach, und ich fürchte, Bal irre

Durch Erdlabyrinthe, mit Himmelserhellern,

Und könne die Krönungsgeschmeide nicht finden!

Wir haben sie oben nach Osten getragen.

Gestatte dar