Feuer

Neblige Morgen und sonnige Tage. Eine Überfülle von Beerenobst und Pilzen hielt Eva in Atem. Das Sammeln, Eintragen und Aufbewahren war so recht nach ihrem Sinn.

Peter, von seinen eigenen Aufgaben in Anspruch genommen, duldete es, daß sie auch ohne ihn der Ernte nachging, während er den Spuren der Rehe und Wildziegen folgte. Felle mußte er bekommen, denn der Herbst konnte schon böse Kälte bringen. Was der junge Höhlenmensch an Eichhörnchen- und Vogelbälgen erbeutete, genügte ja noch lange nicht, ihn und Eva vor der Winterkälte zu schützen.

Noch war es ihm nicht gelungen, am Köderplatz jene »Katze« zu ertappen, von der Eva so viel Aufhebens gemacht hatte. Er glaubte nicht an das Vorhandensein von wilden Katzen im Heimlichen Grund.

Um so größer war sein Erstaunen, als er eines Spätnachmittags im Halbdunkel des Waldes unweit des Sonnsteins auf dem untersten Ast einer alten Fichte zwei grünleuchtende Punkte gewahrte und erkannte, daß sie einem dämmerungsfarbigen Tier gehörten, das lauernd auf dem Ast hingeschmiegt lag. Es konnte doch nur eine Katze sein. Ihr gekrümmter Rücken und der buschige Schwanz hoben sich deutlich vom Himmel ab, dessen Wolken von der sinkenden Sonne gelbrot durchleuchtet waren. So unheimlich, so feindselig schaute das Tier zu ihm herab, als rüste es sich zum Sprung. Peter legte einen Pfeil auf den Bogen.

Der Pfeil schwirrte ab; mit einem hohen Kreischen, das in markerschütterndes Miauen und dann in tiefe, rollende Kehltöne überging, sprang das Tier auf und stürzte zu Boden. Hier wälzte es sich zuckend vor Schmerz und bemühte sich vergebens, mit den Vorderpfoten den Pfeil aus der Wunde zu ziehen.

Näher trat der Jäger, da sprang das verwundete Raubtier auf ihn zu, sprang aber, vom Pfeil in seinem Hals behindert, zu kurz und empfing im nächsten Augenblick den erlösenden Schlag mit der Steinaxt; sonst hätte Peter seine Unvorsichtigkeit zu bereuen gehabt. Wahrhaftig, Eva hatte richtig gesehen: Eine Katze, eine Wildkatze war es!

Die Dämmerung nahm zu, Peter wollte nicht durch den Urwald nach Hause gehen, sondern lief über das Steinfeld dem Sonnstein zu. Als er mit seiner Beute ins Jungholz am Felsen trat, fiel es dem Erregten nicht auf, daß tiefgehende Wolkenmassen über den Grund hinfegten.

Unten war es schwül. Nur ein matter Windhauch von der Klamm her spielte mit dem Laub der Haseln, durch deren Gezweig Peter hinüberspähte zum Fels. Von der Insel unterhalb der alten Fichte schimmerte etwas Rötliches herüber. Jetzt bewegte sich’s. Eine Rehgeiß äste dort; er kannte sie wohl. Der Wind kam aus ihrer Richtung, sie witterte nichts von der Nähe des Menschen.

Wenn er heute noch ein zweites Fell erbeuten könnte! Peter zitterte vor Jagdbegierde, ein Frösteln überlief seinen schweißbedeckten Leib. Noch stand er zu weit entfernt für einen wirksamen Pfeilschuß. Näherschleichen wollte er sich. Die Rehgeiß streckte den Kopf vor und ließ einen gequetschten Pfiff vernehmen: »Pii-pii, pie!« Da geschah etwas, das Peters Aufregung noch steigerte: Ein tiefes Bellen erschallte. Aus dem Gebüsch trat ein Rehbock, nur ein Gabler, aber kräftig gebaut; er stieß, bei der Ricke angekommen, sein »Bäö, bäö, bö!« aus. Unmittelbar darauf dröhnten von der Grableiten her die gleichen Laute, aber heftiger: Durch das knackende Gestrüpp kam ein zweiter Bock über den Bach herübergestürmt. Die reich beperlten dreizinkigen Geweihstangen gesenkt, stürzte er sich auf den Gabler. Der wich dem Stoß aus und suchte die Flanke des Angreifers zu gewinnen. Blitzschnell fuhr dieser herum, und im nächsten Augenblick schlugen die Gehörne der Nebenbuhler hart gegeneinander.

Peter wagte es nicht, einen Pfeil abzuschießen oder den Speer zu schleudern. Die Behendigkeit der Wendungen, die Wucht der Zusammenstöße ließen den Beobachter fast atemlos zuschauen. Plötzlich fuhr Peter geblendet zurück. Wie eine Feuerschlange glitt ein Blitz am Stamm der Wetterfichte nieder und peitschte das Wasser des Baches zu einer leuchtenden Sprühkugel auf. Fast gleichzeitig erfolgte ein schmetternder Schlag, der Boden erbebte, und ein Windstoß warf Peter rücklings ins Gras.

Da lag er und griff sich mit beiden Händen an den Kopf. Ihm war, als hätte er einen Hieb auf den Schädel erhalten, im Hinterkopf spürte er einen dumpfen Druck.

Mußte er jetzt sterben? Er befühlte seinen Kopf. Beruhigt versuchte er aufzustehen; es gelang ihm, auf die Knie zu kommen; seine Oberschenkel zitterten.

Vor seinen Augen war noch immer grelles Licht. Das konnte doch der Blitz nicht mehr sein?

Mit einem Ruck sprang Peter auf. Sein Blick fiel auf die Wetterfichte, die zersplittert und als lodernde Fackel zum Himmel ragte. Quer über den Bach lag ihre obere, vom Blitz abgeschlagene Hälfte. Lichterloh brannten die dürren Äste der abgestorbenen Seite, qualmend und puffend das grüne Gezweige der anderen.

Die beiden Rehböcke auf dem Rasen waren tot. Peter tat zaghaft einen Schritt vorwärts.

Vom prasselnden Feuer ging eine wohltuende Wärme aus. Peter trat mit weit ausgebreiteten Armen näher und zuckte zurück: Glühendheißer Wind nahm ihm fast den Atem. Rauch und fliegende Aschenteilchen beizten ihm die Augen. Er umging den Brandherd an der rechten Seite und zerrte die gefallenen Tiere aus dem Bereich der Glut.

Ihre noch unversehrten Felle waren die ersehnten Winterkleider!

Oh, wenn sie doch in den Höhlen daheim auch ein wärmendes Feuer hätten!

Halb unbewußt brach Peter einen angebrannten Ast ab und lief, den Feuerbrand über dem Kopfe wirbelnd, auf dem Erntepfad bachaufwärts den Höhlen zu.

Er stürmte dahin; über ihm jagten die Gewitterwolken. Nur jetzt keinen Regen! Er wollte es doch heimbringen, das wohltuende Feuer, nähren wollte er es in der Höhle, daß es fortbrenne ohne Unterlaß. Doch sonderbar! Blitze zuckten von einer Wolke zur anderen, der Donner rollte ohne Unterlaß, aber kein Tropfen Regen fiel.

Und Peter begann zu hoffen. Vielleicht, daß der obere Wind die Wolken davontrieb, wie schon oft … Es wurde ihm zu langwierig, auf dem schmalen Erntepfad durchs Gesträuch zu kriechen, dessen Zweige ihm von beiden Seiten ins Gesicht schlugen.

Er verließ den Pfad und begab sich ins Bachbett, watete durch das Wasser und freute sich über den rotflimmernden Widerschein seiner Fackel auf den unruhigen Wellen. Seine Füße schmerzten vom Gehen auf klobigem Geröll.

Juchzend betrat er das Ufer und entdeckte Eva, die im Rahmen der sanft geröteten Felsen aus ihrer Höhle sah.

In wenigen Augenblicken hatte er den neuen Steigbaum erklettert und stand in der unteren Höhle. Rasch zerbrach er den schwelenden Ast, riß aus seinem Lager trockenes Gras und Reisig, kauerte nieder und blies in die Glut, wie es die Ahnl beim Feuermachen getan hatte. Flackernde Flammenzungen entstiegen den knisternden Reisern, blauer Rauch kräuselte empor. Die Höhlenkinder knieten vor dem Feuer, sie haschten nach den Flammen und sahen mit Entzücken die Lichter und ihre eigenen Schatten über Wände und Decke des Höhlenraumes huschen. Jetzt erst merkten sie, daß die Höhle größer war, als sie geahnt hatten. Im Hintergrund, wo sie die Decke geschlossen wähnten, gähnte ein schwarzes Loch, und weiter rechts vor der schrägen Rinne, die sich zum Quellsee senkte, führte schmal und hoch ein anderer Gang ins Freie.

Jetzt fiel Peter die Wildkatze wieder ein, die er am Sonnstein gelassen hatte. Prahlend schilderte er, wie er das furchtbare Tier erlegt hatte. »Das Fell kriegst du, Eva. Das gibt einen warmen Brustlatz für den Winter.«

Hastig erzählte er auch von den Rehböcken. »Die hol‘ ich gleich.« Zuvor zertrümmerte er noch den alten, halbmorschen Steigbaum. Eva legte einige Scheite auf das zusammengesunkene Reisigfeuer, und dann eilten sie zum Sonnstein.

Sorglos gingen sie durch die Dämmerung – sie hatten ja das Feuer, das ihnen den Weg erhellte. Vom beizenden Rauch vertrieben, verließen Fledermäuse ihre Schlupfwinkel und flohen aus den Wohnungen der Höhlenmenschen, in die das leuchtende Feuer eingezogen war.

Der Urschlitten

Im unruhig zuckenden Licht der Astfackeln näherten sich die Höhlenkinder der Insel. Dichte Rauchschwaden quollen ihnen entgegen: Der Riesenbaum war niedergebrannt. Mannshoch ragte sein schwarzer Strunk, der Quere nach vielfach geborsten, von einer dünnen Aschenschicht überzogen. Über seine dunkle Oberfläche huschten glimmende Lichtstreifen, leuchteten auf und verlöschten. Die toten Rehböcke waren unversehrt. In der Luft lag ein eigentümlicher, halb widerlicher, halb lockender Geruch.

Eva hatte die Wildkatze gefunden und kauerte sich damit zu den toten Rehen. Liebkosend streichelte sie das Fell und die schönen Köpfe der Tiere. Peter stöberte im Gesträuch herum und suchte nach der Ursache des sonderbaren Geruchs.

Am Bachrand, unter versengten Brombeerranken, fand er die Rehgeiß. Ihr vom Brand entstellter Kopf lehnte am heißen Felsen, der dünne Hals war von einem Schorf angebrannter Haare bedeckt. Vom versengten Fell ihrer Vorderläufe und der Brust stieg der widerlich brenzliche Geruch auf. Peter löste mit seinem Steinmesser ein Vorderbein samt der Schulter aus. Hei, wie das gebratene Fleisch duftete!

Er versuchte davon. Nicht schlecht, aber fad! Einer seiner Gürteltaschen entnahm er ein wenig Salz, streute es auf das Fleisch und kostete wieder. Jetzt war es richtig! »Eva, es schmeckt!« Schmausend und schmatzend saßen sie beisammen, den Rücken gegen den durchwärmten Fels gelehnt, Köcher und Bogen neben sich.

Peter ruhte nicht lange. Er dachte ans Heimschaffen der vierfachen Beute. Schon wurde aus Abend Nacht. Er suchte einen großen gegabelten Ast, legte die beiden Böcke und die Ricke darauf, schnürte das Ganze mit Waldrebenranken fest und hatte so einen einfachen Schlitten gebastelt, auf dem sich die Last heimziehen ließ.

Peters Versuch, die drei Tiere auf einmal fortzuschaffen, zeigte ihm, daß er seine Kraft überschätzt hatte, er versuchte es mit nur zweien; aber auch das war zu schwer.

Plötzlich hörte er durchdringende Schreie – Schreie, aus denen Entsetzen, tödlicher Schreck, ein Flehen um Hilfe gellten. Ihn überlief es kalt. Er suchte nach seinen Waffen. Den Bogen fand er sofort, wo aber waren die Pfeile?

Da kam Eva herangestürmt und warf sich schluchzend am Feuer nieder.

»Eva, was gibt’s ? Gib Antwort!«

»Ein schwarzer Mann, da draußen!« Sie deutete in die Heide hinaus.

Peter schirmte seine Augen vor dem Feuerschein ab und starrte angestrengt in die Dunkelheit hinaus. Lange vergeblich. Endlich gewahrte er die Umrisse einer klobigen Gestalt. Sie richtete sich spähend auf, duckte sich, bewegte sich zwischen grellbeleuchteten Blütenständen des Himmelbrands vorwärts.

Jetzt stand sie im vollen Lichte der Flamme. Ein Bär, die schmale Schnauze witternd vorgestreckt, die schweren Tatzen gesenkt, unschlüssig, ob er weiter vordringen solle. Und hinter ihm tauchte ein zweiter auf.

Peter suchte fieberhaft seinen Speer. Da entdeckte er die Pfeile. Sie lagen am Boden verstreut. Und einer von ihnen hatte Feuer gefangen. Das Harz seiner Spitzenbindung schmolz, rann am Schilfrohr entlang, begann zu brennen. Den legte er auf die Sehne, gerade den!

Er zielte nach der Brust des vorderen Bären, und im nächsten Augenblick schwirrte der Pfeil dem Feinde entgegen.

Angefacht von der raschen Bewegung durch die Luft, flammte der Stab lichterloh, als er sich im dichten Pelz des Bären verfing. Das verwundete und geblendete Raubtier brüllte auf und wandte sich zur Flucht, den lodernden Pfeil im Pelz, gefolgt von seinem Gefährten.

Peter aber ergriff eine Handvoll brennender Reiser und stürmte ihnen brüllend nach. Johlend kam auch Eva hinter ihm gelaufen. Auch sie schwang brennende Zweige, daß die Funken stoben und schrie, was die Kehle hergab.

Die großen, zottigen Riesen flohen in überstürzter Hast vor den beiden, in deren Händen die Feuerbrände loderten. Mit einem Lachen, in dem noch die überstandene Angst zitterte, nahm Peter Eva bei der Hand und führte sie zum Sonnstein zurück. Sie leuchtete ihm zur Arbeit; am nahen Waldrand schlug er harzige Zweige von den Föhren. Prasselnd, fauchend und qualmend nahm das Feuer die grünen Reiser auf. Die Kinder legten noch Knüttel, Rindenstücke und Laub zu. Dicker, gelblicher Rauch wälzte sich im Windhauch über das Steinfeld.

Dann machten sie sich auf den Heimweg. Eva trug die Wildkatze. Sie ging mit einem brennenden Kiefernast auf dem Erntepfad voran, und hinter ihr schleifte Peter den stärkeren Rehbock auf dem urtümlichen Schlitten. Keiner sprach.

Rechts von ihnen zog der murmelnde Bach; zur Linken dehnte sich der Wald, dessen flechtenbehangene Baumriesen im Widerschein der Fackel leuchteten und sich von der tiefschwarzen Finsternis des Waldgrundes gespenstisch abhoben. Noch zweimal machten sie den Weg, bis alle drei Stücke des Rehwildes geborgen waren. Beim letzten Gang ereilte sie der Gewitterregen. Er löschte die Flamme am Kiefernast in Evas Händen; im Finstern mußten sie heimtappen zur Höhle. Dort aber begrüßte sie das helleuchtende Feuer, das mit seinem heißen Hauch den Raum durchwärmte. Das leuchtende, wärmende Feuer hatte den Höhlensiedlern die Nacht zum Tage gewandelt.

Eva holte vom Trockenboden eine Handvoll getrockneter Beeren und machte dabei eine traurige Entdeckung: Viele Beeren und die meisten Pilzschnitten waren verschimmelt. Sie räumte das verdorbene Zeug fort. Erst als ihre Augen vom beißenden Rauch tränten und sie dem Schlaf nicht mehr widerstehen konnte, suchte sie ihr Lager auf.

Peter aber plagte sich noch weiter. Er wurde mit dem Abhäuten der Beutetiere nicht fertig. Trotz der Müdigkeit, die schließlich auch ihn bezwang, vergaß er nicht, das Feuer zu nähren. Er legte noch den Strunk des alten Steigbaums in die Glut. Das Feuer durfte nicht ausgehen, unter keinen Umständen durfte es ausgehen! Vorsorglich zog er noch den neuen Steigbaum herauf und lehnte ihn in die Luke, die aus der Höhle hinaufführte zu einem noch unbekannten oberen Raum.

Draußen begann der Tag zu grauen. Taumelnd vor Müdigkeit streckte sich Peter auf sein Laublager, das Gesicht der Wand zugekehrt, um den Qualm nicht einatmen zu müssen, der die Höhle erfüllte.

Eva und Peter

Die dreijährige, flachsblonde Eva wäre der Liebling der Windisch-Garstener gewesen. Aber sie lebte als Waise bei ihrer Großmutter, der alten Stoderin, die der Hexerei verdächtig war. Das war schlimm für die alte Frau und für ihre Enkelin, die Eva.

Die Stoderin, Witwe des einst weit und breit bekannten Wundarztes Eusebius Theophil Stoder, sammelte Würz- und Heilkräuter an den Hängen des Toten- und des Sengsen-Gebirges. Sie tat ihr Bestes, um Mensch und Tier von Gebrechen zu heilen. Daß sie die Wirkung der Heilpflanzen durch uralte heidnische Sprüche erhöhen wollte, bestärkte die Menschen in der Meinung, sie sei eine Zauberin. Und doch waren es nur uralte Segensworte aus verschollener Zeit, mit denen die Stoderin zum Beispiel den verrenkten Fuß eines Pferdes »besprach«, bevor sie einen kühlenden Umschlag aus zerdrückten Huflattichblättern darumband. Wo ein Kranker starkes Vertrauen hatte zur erfahrenen Witwe des Arztes, trat oft Besserung ein.

Als im Frühsommer 1683 ein Hagelwetter die Fluren von Windisch-Garsten verwüstete, wurde die Stoderin, die das Unwetter in den Wäldern draußen erlebt hatte, angeklagt, sie habe das böse Wetter gemacht. Nur durch eilige Flucht gelang es der alten Frau, einem Hexenprozeß zu entgehen, der sie auf den Scheiterhaufen gebracht hätte. Jeder, der ihr geholfen hätte, wäre selbst der Hexerei verdächtig geworden.

Wie ein gehetztes Wild im Dickicht Bergung sucht, so wanderte die alte Frau im Schutz der Gebirgswälder südwärts, um bei ihrem Bruder Hans Zuflucht zu suchen. Der hauste als Köhler und Pechsieder in der menschenfernen Einöde der Geiergräben, wenn er nicht gerade irgendwo am Eisack eine Rindenhütte bezogen hatte und seinen Kohlenmeiler betreute.

Fünf Wochen lang zog sie mit ihrer Enkelin Eva auf dem Rücken dahin. Sie nährte sich und die Kleine von rohen Pilzen, Wurzeln und Beeren. Endlich gelangte sie in die Geiergräben, von wo aus sie ins Gelände aufstieg. Vom Bruder wurde sie gern aufgenommen. Sie war ja erst einundsechzig, zehn Jahre jünger als er, und so durfte er von ihr und dem Mädchen Eva Pflege im Alter erhoffen.

Der Stoderin, die von ihrem Manne her wußte, wie Arzneipflanzen anzuwenden waren, gelang es meist, Tiere und Menschen von Krankheit zu heilen. Sie tat es um Gotteslohn und verlangte nie etwas; da sie aber arm war, nahm sie gern, was ihr die Leute aus Dankbarkeit gaben. Im Tauschhandel brachte sie ihre Büschel wilden Kümmel, Fenchel, Bitterklee, Quendelkraut, Schafgarbe und andere Gewürz- und Arzneipflanzen leicht an. Von ihren weiten Streifzügen zu Bergbauern und Hirten kehrte sie erschöpft heim, beladen mit Feldfrüchten, mit Brot, Mehl, Hühnerfutter, süßen Kastanien, Käse, Butter, geräuchertem Fleisch und Speck, manchmal sogar mit einem Stück grober Leinwand oder hausgewebten Wollzeugs.

In der verräucherten Köhlerhütte war es behaglich, obwohl ihre Bewohner hart arbeiten mußten. Alles, was sie brauchten, mußten sie auf dem Rücken eintragen, denn die Pfade und Steige vom Tal herauf waren nicht einmal für einen Schiebkarren befahrbar. Bald nach der Ankunft der Stoderin belebten einige Ziegen und Schafe, eine graue Hauskatze und ein halbes Dutzend Hühner die kleine Wirtschaft.

Eva gedieh in der Einsamkeit der Bergwelt; nur still war sie und viel zu ernst. Auch die Ahnl, die Großmutter, war wenig gesprächig, und den Großonkel, den Eva nicht ganz zutreffend Ähnl, Großvater, nannte und trotz seines langen, struppigen Graubarts und verwitterten Aussehens liebgewann, sah die Kleine nur selten.

Von den Kindern der entlegenen Gehöfte abgeschnitten, war Eva in ihren Spielen auf das angewiesen, was sie sich ersann und zusammenbastelte.

Wollige Rosengallen, in die sie vier Hölzchen steckte, waren ihre Schäfchen. Auch einen Hühnerhof schaffte sie sich, indem sie Eicheln mit Federn besteckte und auf zwei Holzbeine stellte. Holzpüppchen mit Köpfen aus Galläpfeln stellten den Ähnl, die Ahnl und sie selbst dar. Beim Spiel mit diesen Dingen redete sie leise vor sich hin. Wohl gab es Zeiten, wo ihr helles Lachen durch die Einsamkeit schallte, weil die jungen Zicklein oft mit allen vieren in die Höhe sprangen und sich vor Eifer überpurzelten, wenn sie ihnen Futter streute. Aus dem wenigen, das ihr die beiden Alten über Wichtel, Kobolde und Waldfrauen erzählten, und aus dem, was sie selber sah, baute sie sich eine eigene, eine Märchenwelt.

Als Eva fünf Jahre alt war, erlebte sie einmal spät nachts etwas, das sie zu neuen Grübeleien zwang. Vom flackernden Schein des angezündeten Kienspans geweckt, sah sie, wie Ähnl und Ahnl sich an der sonst verschlossenen Wandnische zu schaffen machten. Der Ähnl nahm ein schmales Holzkästchen aus dem Wandschrank, öffnete es und holte ein zottiges Wurzelmännlein heraus. Es war mit einem Ledergurt, mit Pantöffelchen und einem Feuerschwammhütchen angetan. Die Ahnl zog den Alraun aus, badete ihn in einer bereitgehaltenen Schüssel und murmelte etwas Unverständliches. Dann goß sie das Wasser vorsichtig in eine irdene Flasche, denn jeder Tropfen dieses Badewassers galt als kostbare Arznei. Das Wurzelmännchen wurde wieder angekleidet und in sein Bett gelegt. Eva, die sich auf ihrem Lager aufgerichtet hatte, sah, wie der Ähnl allerlei Glitzerndes und Klingendes um das Männlein ordnete. »Vergiß das Gold nicht!« hörte sie die Ahnl sagen, die dem Alten winzige Stücke des Edelmetalls zureichte. »Ach!« entfuhr es Eva unwillkürlich – da blies der Ähnl so stark in die Flamme des Kienspans, daß sie erlosch, und beeilte sich, beim Schimmer der Glut den »Hausgeist« wieder in seinen Schrank zu stellen. Jetzt wußte Eva um ein Geheimnis der Großen. Mehr erfuhr sie freilich nicht.

Doch wie es mit verbotenen Dingen geht: Der Alraun reizte Evas Neugierde. Obwohl sie wußte, daß sie unrecht tat, öffnete sie heimlich den mit einem Pflock verschlossenen Wandschrank, nahm das geheimnisvolle Kästchen aus dem Dunkel der Mauernische und betrachtete den Inhalt.

Da waren Rosengallen, Haselnüsse, Zirbelzapfen, Stücke von Edelsteinen, aber auch Körner und Fäden eines hellgelben Metalls, an denen Eva sich nicht sattsehen konnte.

Immer wieder nahm sie das Gelbe, Schimmernde in die Hand. Es mußte etwas ganz Kostbares sein. »Vergiß das Gold nicht!« hatte die Ahnl gesagt … Da hörte sie den Bergstock der heimkehrenden Großmutter aufschlagen und stellte mit Windeseile das Holzkästchen in sein Versteck zurück. Die Ahnl hielt den Besitz des Alrauns, dieses heidnischen Hausgeistes, vor aller Welt geheim. Er hätte sonst nach ihrer Meinung seine Heilkraft verloren.

Später, als Eva schon gut das Haus hüten konnte, begann die alte Frau ihre Wanderungen auszudehnen. Mochten auch die abergläubischen Älpler glauben, sie sei mit dem Teufel im Bunde, man rief sie doch, wenn man sie brauchte, diese alte, hagere Frau mit dem scharfgeschnittenen, vom Leid gezeichneten Gesicht und den entzündeten Lidern. Argwöhnisch und hoffnungsvoll zugleich lauschten die Menschen auf die unverständlichen Worte ihrer »Besprechungen«.

Da geschah etwas Schlimmes. Eine Bäuerin, die einen Heiltrank der Stoderin getrunken hatte, erkrankte an einer Gliederlähmung, gegen die kein Mittel helfen wollte. Das Gerücht, die Stoderin habe ihr’s »angehext«, gewann so viel Glauben, daß die alte Frau wieder flüchten mußte, wenn sie nicht auf dem Scheiterhaufen brennen wollte. Der Bruder selbst geleitete sie bei Nacht übers Gebirge südwärts nach dem »Heimlichen Grund«, der ihm aus seiner Jugendzeit bekannt war; dort hatte er als junger Bursch mit Armbrust und Pfeilen Steinböcke gejagt. Von den abergläubischen Anwohnern wurde der Bergkessel Jahrzehnte ängstlich gemieden. In der engen Klamm, die den einzigen Zugang bildete und die »Teufelsschlucht« hieß, waren drei tollkühne Eindringlinge nacheinander vom Steinschlag getötet worden. In seiner Fürsorge schleppte der alte Mann trotz der schwierigen nächtlichen Wanderung eine Ziege mit; sie sollte der Schwester wenigstens so lange Nahrung geben, bis die Kastanienbäume, eine Hauptnahrungsquelle der Tiere des Heimlichen Grunds, Früchte trugen.

Nach dem lebensgefährlichen Anstieg durch das noch wasserarme Bett des Klammbachs wies der alte Hans seiner Schwester die Wohnhöhlen unter den Salzwänden des Heimlichen Grunds und kehrte eiligst in die Geiergräben zurück, wo Eva allein zu Hause war. Als die Ahnl wochen- und monatelang ausblieb, wurde das Mädchen immer bedrückter, denn der alte Onkel war noch mürrischer und noch wortkarger geworden.

Ein Jahr verging. Die gelähmte Bäuerin war inzwischen fast genesen, und die Verdächtigungen gegen die Stoderin verstummten. Schon wollte sich Hans auf den Weg machen und seine Schwester wieder heimholen, als sie ungerufen zurückkehrte. Sie kam ohne die Ziege, aber nicht allein. Ein stämmiger, braunäugiger, schwarzhaariger Junge von ungefähr sieben oder acht Jahren, den sie unterwegs aufgelesen hatte, begleitete sie. Er hieß Peter.

Seine Mutter, auch eine Flüchtige, wie es damals viele im Lande gab, war im einsamen Bergwald bei der Geburt eines toten Mädchens in den Armen der ihr völlig fremden alten Frau gestorben. Die Stoderin hatte sie begraben und mit dem verwaisten Buben ein Gebet gesprochen. Als könnte es gar nicht anders sein, führte sie ihn an der Hand mit sich fort und brachte ihn heim in die Geiergräben; auch ihm wurde sie eine fürsorgende Ahnl. Peter war ein früh gereifter, fleißiger Bub.

Er und Eva gewöhnten sich rasch aneinander – ja, die stille Eva wurde zusehends heiterer und gesprächiger.

Der kräftige Junge half unermüdlich beim Einschleppen von Holzvorräten und beim Heuen und erwies sich auch beim Kräutersuchen und Wurzelgraben, beim Sammeln von Pilzen als gelehrig und geschickt. Besser denn je zuvor konnte die Stoderin ihrer Sammelarbeit nachgehen und zeitweise ihre Talwanderungen unbesorgt tagelang ausdehnen. Für die verlorene Ziege tauschte sie nach und nach mehrfach Ersatz ein, und Peter wurde ein verläßlicher Ziegenhirt, der seine kleine Herde beisammenzuhalten wußte. Die Tageszeiten las er vom Stand der Sonne ab; Größe und Gestalt des Mondes sagten ihm, welche Woche es war. Sein Verstand entwickelte sich im Laufe der nächsten Jahre durch die Anforderungen der Arbeit, durch Beobachtung der Wetterzeichen und nicht zuletzt durch die Erklärungen der alten Stoderin über die Wirkung der Gift- und Heilkräuter. Sie behandelte den Jungen bald wie einen verständigen Erwachsenen und besprach mit ihm alles, was mit ihrer und seiner Arbeit zusammenhing. Mit dreizehn Jahren war er ein tüchtiger Hirt, der den Muttertieren alle Sorgfalt angedeihen ließ. Je mehr die Stoderin den Buben liebgewann, um so öfter sprach sie zu ihm von ihren Heilerfolgen bei Menschen und Tieren; es war, als wollte sie ihm alle ihre Erfahrungen vererben. Was Peter im Gebirge an Wundern erschaute und erlauschte, verwob sich mit den Erzählungen der alten Frau zu einem Bild von der Welt, das reich an Vermutungen und Irrtümern war. Von dem, was er an der Seite der Mutter gelernt hatte, vergaß er vieles.

Alles Wissen der alten Stoderin von den Heilkräutern war ein Erbe vergangener Geschlechter und Zeiten und samt den Pflanzennamen, die an längst vergessene Götter, Holde und Trolle erinnerten, überliefert worden. Die Heckenrose, deren Gallen sie als Schlafmittel sammelte, nannte sie »Friggadorn«, die Hauswurz »Wodansbart«, die Mistel »Marentaken«, die Tollkirsche »Lokiwurz«. Die Blüten der Ragwurz, »Frauentränen«, gemahnten an die »Liebe Frau« der Vorfahren, an Freia, die als blaublühende »Wegwarte« der Heimkehr ihres Gatten Odin harrt.

Peter kannte die eßbaren Kräuter und Wurzeln der Alpenwelt bald so gut, daß er draußen um eine Mahlzeit nie verlegen war. Wenn es ihm an Quellwasser fehlte, kaute er saftigen Sauerklee und löschte so seinen Durst. Vor den Tollkirschen, vor den appetitlichen Beeren des Seidelbastes und anderer Giftpflanzen war er gewarnt; er kannte die gefährlichen Pilze und vermied sie wie die Ziegen die giftigen Blätter der Nieswurz. Alles, was die Ahnl dem Peter beim gemeinsamen Kräutersammeln mitteilte, erzählte er Eva. Und während sie, allein gelassen, die gesammelten Pflanzen und Pilze verlas, schnitt und trocknete, war sie mit ihren Gedanken in einer Welt des Wundersamen und Geheimisvollen.

Der Sonntag war der einzige Tag, an dem die Kinder in ihrer Märchenwelt schwelgen konnten. Die alte Stoderin wußte nichts von den Sonntagsbräuchen der heidnischen Vorfahren. Verwirrt vom Glaubensstreit der Zeitgenossen, hielt sie jedoch daran fest, daß nach der harten Arbeitswoche der heilige Tag ein Feiertag sein sollte, durch keine grobe Arbeit entweiht. Dann führte Peter seine Gefährtin auf die hochgelegenen Halden, wo Edelweiß und leuchtend rote Alpenrosen prangten.

Da die Geiergräben mehr als eine Tagreise weit vom nächsten Kirchdorf entfernt waren, wußten nur wenige Menschen von den Höhlensiedlern, und niemand kümmerte sich darum, daß die Kinder bei der Stoderin fast als Heiden aufwuchsen. Aber es war kein reines Heidentum. Ab und zu entnahmen sie aus einem Stoßseufzer der Ahnl, daß sie mit einem allmächtigen Gott sprach, dem Allvater, der aber nicht zu sehen war.

Peter arbeitete gern und war stolz, wenn die Ahnl zu ihm sagte: »Du schaffst wie ein Großer!«

Auch dem Ähnl war der Junge ans Herz gewachsen. Er zeigte ihm, wie man von grünen Weidenschößlingen durch Klopfen die Rinde lösen und daraus Hirtenflöten machen kann. Unermüdlich schleppte er für den Jungen heim, was er an Kristallen im Urgestein fand, aber auch Mergelplatten aus dem Kalkgebirge, sonderbar geformte Baumschwämme, Knorren, Garns- und Rehkrickel aus dem Lawinenschutt. Peter barg in seinem Winkel auf dem Dachboden einen reichen Schatz, den er durch neue Funde vermehrte, ohne mit den Dingen viel anfangen zu können, weil die Arbeit ihm keine Zeit ließ. Nur an regnerischen Sonntagen, wenn er die Haustiere versorgt, Holz und Wasser geschleppt hatte, pflegte er seine Schätze vor Eva auszukramen und hatte seine Freude daran. Ab und zu regte ihn die Form eines Gegenstandes an, daraus ein Gerät zu basteln. So diente ihm ein Ziegenhorn als Scheide für den Wetzstein zu seiner Sichel, und einen dünnen Bergkristall benützte er als Griffel, mit dem er so gut es ging die Umrisse von Tieren und Menschen in die Mergelplatten ritzte.

War Peter mit seinen Ziegen allein im Gefels, so vertrieb er sich die Zeit nach Hirtenbubenart: Er warf mit Steinen nach allerlei Zielen. Bald gelang es ihm, einen faustgroßen Steinbrocken, den er auf die Spitze eines Felsens gelegt hatte, aus ziemlicher Entfernung zu treffen und wurde darin so geschickt, daß er ein Murmeltier vor dem Bau und einen Alpenhasen beim Äsen erlegte. So steuerte er wie ein Jäger der grauen Vorzeit manches Stück Wildbret für die Küche bei und schulte Auge und Hand. Für die Bälge der erlegten Tiere, die Peter sorgfältig abgezogen hatte, tauschte die Ahnl bei den Bauern allerlei Eßbares ein.

Der altwerdende Köhler Hans pries den Tag, an dem Peter ins Haus gekommen war; nun brauchte ihm vor den Jahren der Gebrechlichkeit nicht mehr angst zu sein. Und wenn er mit seiner weißhaarigen Schwester ausruhend vor der Hütte saß, sprachen beide davon, daß Eva einst Peters Frau werden sollte.

Da kam wieder Unglück in das bescheidene Leben dieser Menschen. An einem Sommernachmittag hielt der Knecht des Kohlenbauern mit seinem Ochsengespann am Meiler. Er erzählte, im Stall eines Bauern, der die alte Stoderin in der Futterkammer hatte übernachten lassen, sei die Klauenseuche ausgebrochen. Das alte Gerücht, die Stoderin sei eine Hexe, sei wieder laut geworden, und die Meraner Gerichtsbarkeit habe Soldknechte ausgeschickt, sie gefangen zu nehmen. Daß ein Hexenprozeß nicht nur der Greisin den Martertod, sondern auch ihren Angehörigen Unheil bringen konnte, das wußten die beiden Alten nur zu gut. Noch am Abend mußten sie mit den beiden Kindern nach dem Heimlichen Grund aufbrechen. Die Stoderin verkleidete sich als Mann, um wenigstens von weitem Verfolger zu täuschen.

Über pfadlose Schutthalden stiegen sie empor zu einem Gebirgssattel, der südwärts führte.

Die Flucht zum Heimlichen Grund

Am Tage verbargen sie sich in den Schluchten, bei Nacht zogen sie weiter, und am dritten Morgen langten sie auf der Höhe einer Glimmerschieferhalde an. Mit rundlichen Blöcken bedeckt, fiel sie sanft ab zu einem tiefausgewaschenen Tal, aus dessen Bodennebeln vereinzelte Zirbelkiefern undeutlich aufragten. Jenseits des Baches hingen rostgelbe, vom Wasser unterhöhlte Kalkwände über, in denen sich als schwarzer, nach oben weit auseinanderklaffender Riß die Teufelsklamm abzeichnete.

Ohne Deckung wagten sie es nicht, bei Tag den langwierigen Abstieg zu unternehmen. Und todmüde waren sie auch. Jeder bekam ein Stück steinhartes Brot und trockenen Käse, und dann kauerten sich die Kinder mit der Ahnl auf dem harten Boden zum Schlafe hin. An einen Felsblock gelehnt, hielt der Alte scharf Ausschau, ob nicht irgendwo ein Verfolger auftauchte.

Gewohnt, auf Wettervorzeichen zu achten, musterte er den Himmel. Vom Osten, wo über sattblauen Bergketten Eisfelder leuchteten, bis zum fernen Westen, wo Gletscher im Alpenrot glühten, war die Welt der Berge überwölbt von wolkenloser, weißdurchleuchteter Bläue. Stechend strahlte die Sonne hernieder, trotz des frühen Morgens.

Dem Alten war die Morgenhitze verdächtig. Alles deutete auf ein bevorstehendes Gewitter. Und schon im Laufe des Vormittags zeigte sich im Nordwesten über den Schroffen eine Trübung des Himmels, die sich zusehends zu Wolken verdichtete.

Jetzt stand die Sonne fast über der Klamm und beleuchtete grell die schrägen Halden ihrer klaffenden Ränder. An ihnen hingen wunderlich verwitterte Gerölltrümmer so gefährlich, als könnten sie jeden Augenblick niedergehen.

Von dorther kamen die Steinschläge, vor denen niemand sicher war, der es wagte, zur Zeit der Schneeschmelze, nach Regenwetter oder gar bei einem Gewitter in die Klamm einzudringen, um den Heimlichen Grund aufzusuchen! Der Alte legte die Stirn in Falten. Ging das Gewitter vor Nacht nieder, dann würde sich der Klammbach in ein gischtendes Wildwasser verwandeln, das die schmale Schlucht hoch anfüllte; kam es in der Nacht, während sie in der Klamm waren, so brachte es ihnen den sicheren Tod. Im offenen Gelände aber durften sie nicht vordringen. Jeder, der ihnen auf die Spur kam, konnte sie dem Gericht ausliefern. Erst im Dunkeln durften sie den Abstieg wagen.

Der alte Köhler bangte um die Kinder, die noch das Leben vor sich hatten, und um seine Schwester, die ihnen als Pflegemutter unentbehrlich war. Eilig nestelte er seinen Rucksack auf, in dem er neben dem Feuerzeug und den notwendigsten Werkzeugen den Alraun versteckt hatte. Er öffnete das Kästchen des Schutzgeistes, um sich von ihm Rat zu holen. Da rollten einige Erzstücke, die beim Tragen ihre Lage verändert hatten, dem Alraun auf die verbogenen Füße. Er richtete sich von seinem Lager auf und blieb dann ruhig sitzen, das Gesicht der Klamm zugekehrt. Jetzt gab’s für den Alten keinen Zweifel mehr: Der Alraun wies nach der Klamm!

In der Mittagssonne des überheißen Sommertages überkam den alten Mann eine große Mattigkeit; er wäre eingeschlafen, wenn der Durst ihn nicht so gepeinigt hätte. Rasch weckte er die Schwester.

Sie rüttelte die Kinder wach und teilte vom geringen Rest an Brot, Speck und Käse aus ihrem Rucksack jedem sein Mittagsmahl zu. Die Kinder schliefen wieder ein.

Am Spätnachmittag wurden sie unruhig. Zuerst wachte Eva auf, rieb sich die Augen und klagte über Hunger und Durst. Dann erhob sich Peter, holte sein Messer aus der Joppe und begann nach Hirtenbubenbrauch Eberwurzen und Sauerklee in seinen Hut zu sammeln. Hier und dort fand er auch eine Schwarzwurzel. Er selbst kaute während der Arbeit mit vollen Backen, dann bewirtete er mit den flüchtig ausgeschälten Blütenböden der Eberwurzdistel, den noch recht mageren Schwarzwurzeln und dem Sauerklee die anderen.

Das Gewitter schien den Flüchtenden noch so weit entfernt, daß sie vor seinem Ausbruch durch die Klamm zu kommen hofften. In abergläubischem Vertrauen zum Alraun begannen sie den Abstieg. Als sie bei den Zirbelkiefern des Talgrundes anlangten, ließ ein Knistern im Bodenreisig sie vor Schreck zusammenfahren. Gott sei Dank, es waren keine Verfolger! Zwei Stück Rehwild brachen durch das Jungholz und verschwanden im dunklen Wald. Endlich standen die Flüchtlinge im Bett des Klammbachs, dem einzigen Weg durch die Klamm. Im kühlen Wasser watend, drangen sie durch die Schlucht aufwärts, zwischen den Felswänden durch, die das Murmeln des Baches zum Getöse anwachsen ließen. Gegen das strömende Wasser, das ihnen über die Knöchel, manchmal sogar bis zu den Knien reichte, gingen sie mühsam an. Langsam schritt der Alte voran; seine Rechte tastete die Felsblöcke ab, mit der Linken zog er Peter nach sich, der Eva führte. Die Ahnl folgte als letzte.

Solange der Widerschein des Mondlichtes auf dem unruhigen Wasserlauf lag, bewegte sich der Alte sicher vorwärts. Als es aber völlig finster wurde und er nicht wußte, ob ein überhängender Fels oder eine Wolke das Licht verdeckte, begann er zu stolpern, so daß er sich wiederholt die Schienbeine blutig schlug. Dann kamen Stellen, wo der Bach über Felsblöcke niedersprühte, die überklettert werden mußten. Das Getöse des stürzenden Wassers schwoll an solchen Stellen betäubend an und machte jedes Wort unverständlich. Als der erste Blitz die Finsternis erhellte und ein lang nachrollender Donner das Losbrechen des Gewitters anzeigte, wurde dem Alten bewußt, daß von der Schnelligkeit ihrer aller Leben abhing. Je höher sie in der Klamm emporkamen, desto schwieriger wurde das Vordringen. Stärker rauschte das Wasser, das nun steiler fiel. Dazu gesellte sich das Scheuern und Anschlagen des vom Bach geschobenen Gerölls; von den nahen und fernen Felswänden kam der Schall tausendfach gebrochen als Nachhall und Widerhall zurück.

Plötzlich flammte wieder grellweißes Licht auf und zerriß für einen Augenblick die schwarze Nacht. Unmittelbar darauf erzitterte die Luft von einem Donnerschlag. Ihm folgte ein scharfes Knattern und grollendes Rollen. Das Gewitter war da. Blitz folgte auf Blitz, ein Donnerschlag löste den anderen ab.

Dann setzte ein Platzregen ein. Lange, lange strömte es herab. Die Ahnl warf den Rucksack und die regenschweren Überkleider ab; die Kinder folgten ihrem Beispiel. Es galt, das nackte Leben zu retten.

Gegen die anschwellende Ache ankämpfend, dachten die Alten an nichts anderes als an das steigende Wasser und an die unausbleiblichen Steinschläge.

Da – ein Knattern, das Gepolter stürzender Felsblöcke und ein Aufklatschen im Wasser, das hoch aufspritzte. Steinschlag!

Der Alte drehte sich nach den Kindern um und winkte ihnen zu, sich seitwärts zu halten, wo die vorspringende Felswand den Bach schirmte. Im nächsten Augenblick brach er zusammen, niedergeschlagen von einer schweren Steinplatte, die ihn im Bach begrub. Die Kinder standen wie versteinert da. Die Ahnl aber faßte sie an den Händen und zog sie fort, vorbei am überfluteten Grabstein.

Die Felsen nahmen in der wachsenden Tageshelle bestimmte Umrisse an; durch den feinen Nebel, der die Schlucht erfüllte, sahen die Überlebenden den nahen Ausgang.

Was an Kraft noch in ihnen war, boten sie auf. Dort vorne winkte die Rettung: der Heimliche Grund!

Im Spalt, den oben weit vorhangende Felsen überdachten, nahm das Licht eine grünliche Färbung an. Noch wenige Schritte im Geröll neben dem Bach, und sie atmeten erleichtert auf: Vor ihnen lag der Heimliche Grund – ein weiter Talkessel, rings eingeschlossen von hohen Felswänden, an deren Fuß sich schräge, stellenweise mit Nadelbäumen bewachsene Schutthalden hinzogen! Der schotterige Grund aber, durch den sich der Bach schlängelte, war von hohem Gras, breitblättrigem Huflattich, üppigen Pestwurzen, blühenden Stauden und Jungholz bedeckt.

Da kniete die Ahnl nieder. Die Kinder folgten ihrem Beispiel. Die gefalteten Hände zum Himmel erhoben, betete sie laut und flehentlich: »Lieber Gott im Himmel, erbarme dich! Behüt mir die Kinder!« Dann stand sie taumelnd auf, und die drei Geretteten setzten ihren Weg in das Tal fort. Aus dem Lärmen des Bachs war nun ein Murmeln geworden, das die Stille im Talkessel kaum störte. Die tief hängenden grauen Wolken und darunter die Nebelschwaden an den Felswänden hatten etwas Einschläferndes.

Steifbeinig und langsam, aber zielbewußt, ging die Ahnl dahin, immer bachaufwärts; dort in der oberen Wand mochten wohl die Höhlen sein, von denen sie den Kindern oft erzählt hatte; still kam Peter nach und zog Eva, die kaum noch gehen konnte, mit sich.

Plötzlich änderte die alte Frau die Richtung. Sie bog nach rechts ab, wo ein überhängender Fels ein Dach gewährte. Dort lag eine Schicht braunen Laubes, vom Vorjahre her angeweht und angeschwemmt, halbvermodert. In diesen Laubhaufen vergrub sich die Stoderin, ihre Augen sahen ausdruckslos ins Leere. Peter und Eva kauerten sich zu ihr. Noch im Einschlafen spürten sie die Schauer, die den Körper der Ahnl überliefen.

In der Klamm aber lag unter einem Felsstück begraben der Ähnl samt Werkzeug und Gerät, das ihnen hätte dienen sollen: Beil und Handsäge, Meißel, Bohrer, Messer, Kochpfanne und Feuerzeug, alles war dahin, alles verloren!

Knochenfunde

Im Frühlicht des Sonntags traten die beiden Höhlenkinder aus dem Schatten der Salzwände.

Tautropfen glitzerten auf Gräsern und Kräutern, hingen als schimmernde Perlen an den Ranken und Zweigen zu beiden Seiten des Erntepfads.

Die Wegwarten hatten schon ihre himmelblauen Blütensterne geöffnet. Mit dem Rehkrickel grub Peter einige davon aus. Die Wurzeln waren gut gediehen. Für die erste Mahlzeit war gesorgt. Einige Händevoll Brombeeren vom Sonnstein ergänzten das Mahl. Dann ging es quer über das Steinfeld.

Und ehe noch die Habichtskräuter, die an dem schattigen Hang Spätaufsteher waren, ihre gelben Blütenkörbchen öffneten, standen die beiden schon am Grab der Ahnl. Es war unversehrt. Sie erzählten ihr von ihren Erlebnissen, und Peter bat sie, dem Ähnl und der Mutter alles wiederzusagen; sie waren ja alle bei Gott.

Ein Knistern in den Heidelbeerbüschen ließ die beiden aufschauen. Da sahen sie die Ricke mit den zwei größer gewordenen Kitzen, die Peter am Sterbetag der Großmutter mit dem Stein in der Faust verfolgt hatte. Beide hatten schon die weißen Flecken im rotbraunen Fell verloren.

Diesmal griff er zu Pfeil und Bogen. Eva aber flüsterte ihm zu: »Tu’s nicht, hier nicht und heut nicht; heilig ist der Ort, und heilig ist der Tag.« Und Peter ließ den Pfeil in den Köcher zurückgleiten.

Nach kurzer Andacht wanderten die Kinder über das Steinfeld dem Klammbach zu. Sie nahmen sich vor, jeden Sonntag das Grab der Ahnl aufzusuchen. Bald aber wurden sie durch die Umgebung auf andere Gedanken gebracht.

»Schau, Eva, die Königskerzen machen schon ihre Wipfelknospen auf; bald ist’s aus mit der warmen Zeit. Und eh‘ der Winter kommt, muß ich uns warme Kleider schaffen. Ein paar Rehböck‘ oder ein paar Füchs‘ sollt‘ ich erwischen!«

»Alles wird werden zur rechten Zeit, wie die Ahnl selig g’sagt hätt‘. Verlaß dich drauf. Es ist schon viel besser geworden, seit wir da sind im Heimlichen Grund. Jetzt wird’s dann reife Haselnüss‘ geben und Kastanien; korbweis‘ werden wir’s eintragen, gelt?«

Eva war so glücklich und voll Zuversicht, da sie heute Peter begleiten durfte.

Als sie nahe am Klammeingang den Bach durchwateten, fiel ihnen auf, daß er hier bedeutend wasserreicher war als oben bei den Höhlen. Er hatte den Moorbach bereits aufgenommen, aber wo?

Wohl sahen sie drüben ein tief eingerissenes Bachbett, aber sein dunkles Geröll war trocken, nur zwischen und unter den Steinen rieselte es leise.

Der Bachrand hüben und drüben war mit Schilf und Erlen bestanden. Also floß hier das Moorwasser unter dem Schotter des Steinfeldes. Hier war auch das Röhricht, aus dem Peter das Rohr für seine Pfeile geholt hatte.

Im feuchten Bachbett stiegen sie allmählich zum Hochmoor an.

Unwillkürlich musterten sie Sand und Steine. Da gab es rot und weiß gebänderte weichere Rundsteine – Marmor und daneben graues, aus geschichteten Glimmerblättchen zusammengesetztes Schiefergeröll mit roten Körnern – Granat –, auch gelbliche und weiße Hartsteine – Kiesel und Feldspat; die schönsten nahmen sie mit.

Am merkwürdigsten aber war der feuchte Sand, der in der Hauptsache aus weißglitzernden Glimmerplättchen bestand. Darunter gab es gelbe und wasserhelle, fast durchsichtige Kiesel, so groß wie Finkeneier, und dunkelrote, stumpfkantige Körner, die im Sonnenschein herrlich leuchteten. Es waren von Wasser und Sand angeschliffene Granate.

Peter gefielen die Steinchen, deren feierliches Rot ihn reizte. Immer wieder hob er eines auf, betrachtete es von allen Seiten und überlegte, was er damit anfangen könnte. Nichts konnte er damit anfangen; aber Eva nahm sie mit, weil sie gar so schön waren.

Einige hellrote, aber undurchsichtige, rauhe, lehmig abfärbende Steine – Rötel –, die Peter auflas, verrieten gleich, wozu sie taugten. Das war etwas zum Rotfärben der Haut, vielleicht auch zum Zeichnen auf Mergel. Das mußte er versuchen!

Vergnügt kamen die Wanderer unversehens zur Böschung, die zum Moor anstieg. Hier sahen sie das Wasser über einen niederen Steinriegel herabrieseln. Der war so dunkel wie der untere Teil der Felswand drüben; er gehörte zum Urgestein, dem die Kalkfelsen drüben aufgelagert waren. Nach links und rechts hin dehnte sich anschließend der lehmige Wall, der das Sumpfwasser staute.

An der rechten Seite des Bachbetts drangen sie durch Schilf, Buschwerk und Waldreben über feuchten Lehmboden und langten mit einem entzückten Ah! oben an, wo die braungrüne Ebene des Moores, durchsetzt mit Heidelbeerstauden und wehenden Flockensimsen, vor ihnen lag. Und wieder war es ein Brachvogel, der mit seinem Warnruf das Sumpfgeflügel vom Nahen einer Gefahr benachrichtigte. Unter dem aufgescheuchten Vogelwild waren drei kleine, langbeinige, schlankhalsige Nachtreiher mit spitzen Schnäbeln, ein mächtiger Fischreiher, etliche Rohrdommeln, eine Menge Wildenten und zwei schön gebänderte Wiedehopfe.

Wohl griff Peter zu Pfeil und Bogen, aber war es die Nähe Evas, die ihm an diesem Tag schon einmal das Töten verwehrt hatte, war es die Stimmung des heiligen Tages? – er ließ die Vögel unbehelligt.

Die beiden schlenderten am rechten Rand des Moores schweigend bergan, sie gingen Hand in Hand. Peter zeigte Eva die Stelle, wo er das Moor betreten, und den Tümpel, wo er den Enterich erbeutet hatte. Beim Stegbaum angelangt, versuchte Eva vergeblich, über die starrenden Wurzeln auf den Stamm zu gelangen; sie mußte auf ihren Schurz aus Vogelbälgen zu sehr achtgeben. Da hieb Peter mit seinem Faustkeil eine reichverästelte Wurzel ab, um eine Lücke zu schaffen. Eva, die rasch zugegriffen hatte und an der Wurzel zerrte und drehte, konnte sich nicht entschließen, sie wegzuwerfen, als sie endlich los war. Der starke, am Bruchende leicht gebogene Wurzelast erschien ihr handlich; als rundlicher Haken schmiegte er sich förmlich in die Linke, wenn die Rechte vorgreifend die fast gerade Wurzel umfaßte. Das Gewirr am unteren Ende bildete einen regelrechten Besen, und als solchen gedachte sie es zu verwenden, ein willkommenes Gerät für die Ausstattung der Höhlenwohnung.

Die Kinder stiegen am rechten Ufer aufwärts, ein Gebiet zu erforschen, das auch Peter noch unbekannt war.

Anfangs ging es sanft bergan auf dem moosbedeckten Uferrand des ruhigen Baches, dann aber wurde das Gelände steiler; lauter murmelte, rauschte der Bach zwischen dunklen, rundgerollten Glimmerschieferblöcken über Felsstufen herab. Allmählich trat der Rasen am Bachrand zurück. Ein Geröllsaum begleitete das munter zu Tal hüpfende, schäumende und rauschende Wasser. Und jetzt eilte es in einer tief zwischen den Felsblöcken eingeschnittenen Rinne dahin, umwachsen von Waldrebengewirr, hohen Farnen und großblättrigen Pestwurzen, so daß die Kinder nur von Felsblock zu Felsblock springend vorwärts gelangen konnten. Ab und zu sahen sie an den Seiten handbreite Quellbächlein aus dem lichter werdenden Gehölz hervortreten und in den Moorbach münden.

Das Bachbett verengte sich zu einer steil ansteigenden Klamm, deren verwitterte, von dunklem Moos und gelben Flechten bedeckte Glimmerschichten bei jeder Berührung abbröckelten. Dabei fanden sie zwischen den grauen Plättchen wieder jene roten Steinchen. Aber hier waren sie nicht angeschliffen wie unten im Bachbett, sondern von lauter glatten, schiefwinkeligen Vierecken begrenzt, die schöne Kanten bildeten, als ob sie sorgfältig zugeschliffen wären. Es waren Granatkristalle. Eva sammelte mehr als eine Handvoll der feurigen Edelsteine, wickelte sie sorgsam in Blätter und legte sie in ihren Korb.

Üppige Farnkräuter umbauschten die Ränder der noch taufeuchten Felswände. In der schattigen Tiefe aber war die Luft kühl, fast kalt. Plötzlich war die Klamm zu Ende. Aufschauend sahen die Kinder mächtige Felsmassen von rotem, mit weißen Adern durchzogenem Kalkgestein dachförmig über ihren Häuptern. Und hier, wo das Kalkgebirge auf dem Urgestein ruhte, stürzte der Moorbach aus einer Felshöhle hervor, die tief in die Kalkwand zu führen schien. Die beiden kletterten neben dem Wasserfall zur Quellhöhle hinauf. Dort blieben sie stehen und schauten zurück: Zur Rechten unterhalb der bewaldeten Lehne lag der dunkelgrüne, von den runden Wasserspiegeln der Mooraugen durchsetzte Sumpf mit seinen silbrig schimmernden Weidenkronen und weißen Birkenstämmen. Dahinter schoben sich die von der Schlucht zerrissenen Klammwände senkrecht hoch, ihre drei ragenden Wahrzeichen – Spitz, Henne und Horn – erschienen von hier aus fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Sie waren breiter geworden und eng aneinander gerückt. Von der Henne war der Kopf nicht zu sehen; sie war zur schlafenden Henne geworden. Zu ihren Füßen hatten sie zunächst einen mächtigen Laubwald und dann das vom Klammbach durchquerte Steinfeld. Dahinter stieg die dunkle Grableiten an, mit der darüber ragenden Wand aus grauem Kalkstein, eine mächtige Steinmauer, an deren obersten Zinnen Wolkenfetzen hintrieben. Dort oben mochte ein scharfer Wind wehen, aber im Heimlichen Grund unten rührte sich kein Blatt.

Den Klammbach aufwärts entdeckten ihre suchenden Augen im Talkessel den Sonnstein mit der morschen Wetterfichte. Seine Westseite war noch völlig im Schatten, es war also noch vor dem Mittag. Und links von ihm säumte düsterer Wald den Fuß der Salzleiten. Sein Grün verdeckte fast die untere Wohnhöhle; nur Evas Lichtluke guckte hinter den Baumwipfeln herüber.

Plötzlich schrie Peter auf: »Das Steinwild! Das Steinwild! Schau, dort droben an der Salzwand, wo sie die langen, nassen Streifen hat! – Die Steinböck‘ sind an der Salzlecke!«

Lange mußte Eva ihre Augen anstrengen, bis sie die Tiere gewahrte, deren dunkles Braungrau sich kaum von der Felswand abhob.

Peter, dessen Augen schärfer und geübter waren, bemerkte, daß drei von den Tieren weiß gescheckt waren. Es waren Nachkommen der weißen Ziege, die mit der Ahnl in den Heimlichen Grund gekommen war! Seine Freude war so übermächtig, daß er sich in einem gellenden Juchzer Luft machen mußte.

Das Steinwild stand wie angewurzelt. Ein zweiter Juchzer aber, der mit dem Widerhall zusammenklang, brachte es in Bewegung.

In wohlgeordnetem Zuge stiegen die Tiere schräg auf, den Steinschlagwänden zu; in kühnen Sprüngen setzten sie über Risse und Spalten und entschwanden oberhalb der Südwand den Blicken der Beobachter unten am Fuß.

Peter war wie im Fieber. Er wußte nicht, was er wollte; den Böcken jetzt nachjagen, wäre ja zwecklos gewesen. Heimwärts drängte es ihn, auf dem kürzesten Wege. Und so führte er Eva nicht wieder zum Moor zurück, sondern an der Südwand entlang, so schnell es ging.

Allmählich aber zwang grobes, dem Felsen vorgelagertes Gestein die Wanderer langsam zu gehen. Sie gerieten in ein Steinkar, auf dem Flechten, Bärlapp und Moos gediehen. Wacholderbüsche, steifes, spärliches Gras, Enzian, Brombeerstauden und verblühte Alpenrosen wucherten zwischen verwitterten Steintrümmern; schlanke Bergeidechsen sonnten sich auf durchwärmten, moosigen Blöcken oder huschten erschrocken durch das verblühte Heidekraut.

Vor wie vielen Jahren mochte hier eine Steinlawine zum Stillstand gekommen sein? Nun hatte blühendes Leben die Greuel der Verwüstung überdeckt.

Peter spähte zwischen die Trümmer hinein nach Resten erschlagenen Wildes, mochten es auch nur Knochen sein. Und Knochen fand er. Aber was für Knochen!

Ein flechtenbedecktes Hirschgeweih, dessen armdicke Stangen mit fünf kronenförmig beisammenstehenden Endsprossen aus dem Geröll ragten, entlockte ihm einen langen Pfiff.

Er und Eva machten sich ans Ausgraben. Steine und Bruchsand flogen zur Seite; der wohlerhaltene Schädel mit dem vielendigen Geweih, dessen Rosen die Größe von Peters Handtellern hatten, wurde bloßgelegt, dann die Halswirbel und dann – ein zweiter Schädel, mit breitem, in einen starken Knochenkamm übergehenden Hinterkopf, daumendicken Eckzähnen und stumpfhöckerigen Backenzähnen; ein Bärenschädel!

Steil lag er auf dem eingedrückten Brustkorb des Hirsches; beim Weitergraben fanden sie die mächtigen Schulterblätter und das Rückgrat des Raubtieres. Die gewaltigen Wirbel waren vom Eisenrost des ausgelaugten Gesteins braun gefärbt. Die dicken Röhrenknochen der Bärenpranken und die schlanken der Hirschläufe waren unvollständig.

Offenbar hatte Raubzeug weggeschleppt, was das Geröll nicht zugedeckt hatte. Das gemeinsame Grab von Raubtier und Beute erzählte eine Geschichte aus ferner Zeit.

Hirsche gab’s jetzt im Heimlichen Grund nicht. Sie mochten einst hier gehaust haben. Oder hatte sich ein von Jägern verwundeter Hirsch durch die Klamm herauf hierher geflüchtet? Jedenfalls war er einem starken Bären zum Opfer gefallen. Aber als der Räuber über seine Beute herfiel, war das Verhängnis gekommen. Eine Steinlawine hatte ihn erschlagen, mitten in der Freude des reichlichen Fraßes.

Unwillkürlich schaute Peter zur Wand empor, von der einst der Steinschlag niedergeprasselt war. Aber dort gab es keine sichtbaren Abbruchstellen. Legföhren hatten sich in den Felsritzen eingenistet und hingen, mit den schlangenförmigen Wurzeln das Gestein umspannend, über dem Abgrund; ihr Anblick hatte etwas Beruhigendes. Und jetzt begann Peter den Knochenfund zu mustern. Prüfend drehte er Stück für Stück in den Händen, und seine Augen fragten jedes einzelne, wozu es gut wäre.

Dann wurden die Körbe gefüllt. Langsam schritten die Kinder mit ihren schweren Bürden heimzu. An ein Durchqueren des alten Laubwaldes, in dem vielleicht die Kastanienbäume stehen mochten, war heute nicht zu denken.

Vorsichtig kehrten sie zum Moorbach zurück und wanderten in seinem Bett abwärts. Schon stand die Westseite des Sonnsteins in vollem Licht, und die Salzwände prangten im rosigen Widerschein der sinkenden Sonne.

Von der Lehmleiten des Moorrandes stiegen die glücklichen Sammler mit ihren Lasten nieder ins Heideland des Steinfeldes.

Als sie sich dem Sonnstein näherten, flüchtete ein Rudel Rehe, darunter ein starker Bock mit reichbeperltem Geweih, den Peter zum erstenmal sah.

Langsam zogen die Kinder den Erntepfad dahin; Peter führte Eva durch die Dämmerung heim.