6. Die Esmeralda.

Wir sind froh, unsern Lesern melden zu können, daß während dieser ganzen Scene Gringoire und sein Stück Stand gehalten hatte. Seine Schauspieler hatten, von ihm gedrängt, nicht aufgehört, sein Stück zu declamiren, und er hatte nicht unterlassen, zuzuhören. Er hatte sich dem Getöse gefügt und war entschlossen, bis ans Ende auszuharren, weil er an einer Rückkehr der Aufmerksamkeit seitens des Publikums nicht verzweifelte. Dieser Hoffnungsschimmer wurde noch mehr belebt, als er Quasimodo, Coppenole und die betäubende Begleitung des Narrenpapstes mit lautem Geräusche den Saal verlassen sah. Die Menge stürzte begierig hinter ihnen her. »Gut,« sagte er sich, »das sind die Störenfriede, die da weggehen.« Unglücklicherweise waren alle die Störenfriede das Publikum. In einem Augenblicke war der große Saal leer.

Die Wahrheit zu sagen, es blieben noch einige Zuschauer zurück, manche zerstreut, andere um die Pfeiler herum gruppirt, Weiber, Greise oder Kinder, welche genug an dem Getöse und Tumulte hatten. Einige Studenten waren im Fenstergesims sitzen geblieben und blickten auf den Platz hinab.

»Nun gut,« dachte Gringoire, »das sind gerade so viel als nöthig, um das Ende meines Stückes anzuhören. Es sind wenige, aber es ist ein gewähltes Publikum, ein gebildetes Publikum.«

Gleich darauf blieb ein Musikchor, welches die größte Wirkung bei der Ankunft der heiligen Jungfrau hätte hervorbringen müssen, aus. Gringoire bemerkte, daß seine Musik vom Zuge des Narrenpapstes fortgerissen worden war. »Nur weiter,« sagte er mit stoischer Ruhe.

Er näherte sich einer Gruppe von Bürgern, welche den Eindruck machten, als unterhielten sie sich von seinem Stücke. Folgendes Bruchstück ihrer Unterhaltung verstand er.

»Ihr kennt, Meister Cheneteau, das Hôtel Navarra, welches dem Herrn von Nemours gehörte?«

»Ja, der Kapelle Braque gerade gegenüber.«

»Nun wohl, der Fiskus hat es kürzlich an Wilhelm Alexander, den Geschichtsmaler, für sechs Livres acht Sols Pariser Münze vermiethet.«

»Wie die Miethen aufschlagen!«

»Wirklich,« sagte sich Gringoire seufzend, »die andern hören zu.«

»Kameraden,« schrie plötzlich einer von den jungen Schelmen in den Fenstern, »die Esmeralda! die Esmeralda ist auf dem Platze!«

Dieses Wort brachte eine zauberhafte Wirkung hervor. Alles, was im Saale zurückgeblieben war, stürzte an die Fenster, stieg auf die Mauern, um hinauszusehen, und wiederholte: »Die Esmeralda! die Esmeralda!« Gleichzeitig hörte man draußen lärmendes Beifallsgeschrei.

»Was will denn das heißen, die Esmeralda?« sagte Gringoire, indem er betrübt die Hände zusammenschlug. »Ach! mein Gott! es scheint, daß jetzt die Fenster an der Reihe sind.«

Er wandte sich nach der Marmorplatte um und sah, daß die Vorstellung unterbrochen war. Es war gerade der Augenblick da, wo Jupiter mit seinem Blitz erscheinen sollte. Doch Jupiter stand unbeweglich unten am Theater.

»Michel Giborne,« schrie der erzürnte Dichter, »was machst du da? Ist das deine Rolle? Steige doch hinauf!«

»Ach!« sagte Jupiter, »ein Student hat soeben die Leiter weggenommen.« Gringoire sah hin; die Sache war nur zu wahr. Alle Verbindung zwischen Knotung und Entwickelung seines Stückes war abgeschnitten.

»Der Schurke!« murmelte er» »Und warum hat er diese Leiter genommen?«

»Um die Esmeralda zu sehen,« antwortete Jupiter jämmerlich. »Er sagte: ›Halt, da ist eine Leiter, die niemand braucht!‹ – weg war sie.«

Das war der letzte Streich. Gringoire empfing ihn mit Ergebung.

»Hol‘ euch der Teufel!« sagte er zu den Schauspielern, »und wenn ich bezahlt werde, sollt ihr Geld bekommen.« Dann trat er seinen Rückzug an, mit gesenktem Haupte, aber als der letzte, wie ein Feldherr, der sich tapfer geschlagen hat.

Und als er die gewundenen Treppenstiegen des Palastes hinabstieg, murmelte er zwischen den Zähnen: »Ein schöner Haufen Esel und Tölpel, diese Pariser! Sie kommen ein Schauspiel zu hören, und horchen auf nichts. Sie haben sich mit aller Welt beschäftigt, mit Clopin Trouillefou, mit dem Cardinal, mit Coppenole, mit Quasimodo, mit dem Teufel! aber mit der heiligen Jungfrau Maria nicht. Hätte ich das gewußt, ich würde euch dafür Marien … Dirnen … gegeben haben, ihr Maulaffen! Und ich! Komme, um Gesichter zu sehen und keine Hintertheile! Das heißt Dichter sein und den Erfolg eines Apothekers haben! Freilich hat Homer in den griechischen Marktflecken gebettelt und Naso 29 starb im Exil bei den Moskowitern. Aber mich soll der Teufel erwürgen, wenn ich begreife, was sie mit ihrer Esmeralda sagen wollen. Was heißt denn das Wort eigentlich? Es ist ägyptisch!«

  1. [Ovidius Naso, römischer Dichter († 16 nach Chr. Geb.). Anm. d. Uebers.]

1. Aus der Charybdis in die Skylla.

Die Nacht bricht im Januar frühzeitig herein. Die Straßen waren schon finster, als Gringoire den Palast verließ. Diese hereingebrochene Dunkelheit gefiel ihm; er verlangte danach, eine dunkle und verlassene Gasse zu erreichen, wo er ruhig nachdenken könne, und damit der Philosoph auf die Wunde des Dichters den ersten Verband legen möchte. Die Philosophie war übrigens seine einzige Zuflucht; denn er wußte nicht, wo über Nacht bleiben. Nach dem gänzlichen Scheitern seines theatralischen Versuches wagte er nicht in die Wohnung, welche er in der Straße Grenier-sur-l’Eau, gegenüber dem Heuhafen, innehatte, zurückzukehren; denn er hatte darauf gerechnet, daß der Herr Oberrichter ihn für seine Hochzeitsdichtung honoriren würde, um Meister Wilhelm Doulx-Sire, den Pächter der Kleinvieh-Steuer in Paris, die sechs Monate Miethe zu bezahlen, die er ihm schuldete, nämlich zwölf Pariser Sols: der zwölffache Werth von dem, was er in der Welt sein Eigen nannte, seine Hosen, sein Hemd und seine Mütze mit inbegriffen. Nachdem er einstweilen in dem Kerkerpförtchen des Rentmeisters der heiligen Chapelle untergetreten war und einen Augenblick an das Lager gedacht, das er für die Nacht wählen würde – er hatte das Straßenpflaster von ganz Paris zur Wahl – erinnerte er sich, vergangene Woche, in der Straße de la Savaterie, an der Thür eines Parlamentsrathes einen Steintritt zum Aufsteigen aufs Maulthier bemerkt, und zu sich gesagt zu haben, daß dieser Stein gelegentlich ein ganz vortreffliches Kopfkissen für einen Bettler oder Dichter abgeben würde. Er dankte der Vorsehung, daß sie ihm diesen guten Gedanken eingegeben hatte; aber als er sich anschickte, über den Palastplatz zu gehen, um das winkelzügige Labyrinth der Altstadt zu erreichen, wohin alle diese alten Straßen: die Rue de la Barillerie, die Rue de la Vieille-Draperie, de la Savaterie, de la Juiverie u. s. w. sich schlängelten, die noch heute mit ihren neunstöckigen Häusern stehen, sah er den Umzug des Narrenpapstes, welcher ebenfalls den Palast verließ, und sich quer durch den Hof mit lautem Geschrei, bei hellem Fackelscheine und mit seiner Musik, auf ihn, Gringoire, losstürzte. Dieser Anblick öffnete wiederum die Wunden seiner Eigenliebe; er entfloh. Bei dem Kummer über sein dramatisches Mißgeschick erbitterte ihn alles, was an das Fest des Tages erinnerte und machte seine Wunde bluten.

Er wollte den Weg nach der Sanct-Michaelsbrücke einschlagen; Kinder liefen dort mit Zündlichtern und Schwärmern hin und her.

»Zum Henker mit dem Feuerwerke!« sagte Gringoire und wandte sich plötzlich nach der Wechslerbrücke zurück. Man hatte an den Häusern des Brückenkopfes drei Fahnen befestigt, welche den König, den Dauphin und Margarethe von Flandern vorstellten, und sechs Fähnchen, auf denen der Herzog von Oestreich, der Cardinal von Bourbon, Herr von Beaujeu, die Prinzessin Johanna von Frankreich, der Herr Bastard von Bourbon, und ich weiß nicht wer noch, »abkonterfeiet« waren, Das Ganze war von Fackeln erleuchtet. Die Volksmenge staunte.

»Glücklicher Maler Johann Fourbeault!« sagte Gringoire mit einem tiefen Seufzer; und er wandte den Fahnen und Fähnchen, den Rücken zu. Eine Straße lag vor ihm; er fand sie so schwarz und verlassen, daß er hoffte, hier allem Lärme und allen Freudeausbrüchen des Festes zu entgehen; er verschwand darin. Kurz darauf stieß sein Fuß an ein Hindernis; er strauchelte und fiel. Es war ein Maienbund, welches die Schreiber der Gerichtsschreibergilde heute Morgen zu Ehren des Festtages vor der Thüre eines Parlamentspräsidenten niedergelegt hatten. Gringoire ertrug mit Heldenhaftigkeit diesen neuen Unfall; er erhob sich wiederum und erreichte das Ufer des Wassers. Nachdem er das Bürger- und Criminalgefängnis hinter sich gelassen hatte und die lange Mauer der königlichen Gärten hinuntergegangen war, über den ungepflasterten Strand weg, wo der Schmutz ihm bis an die Knöchel ging, gelangte er an den nördlichen Punkt der Altstadt, und betrachtete eine Weile die kleine Insel des Kuh-Fährmanns, welche seitdem unter der bronzenen Pferdestatue des Pont-Neuf verschwunden ist. Das Inselchen erschien im Dunkel wie eine schwarze Masse über dem schmalen Laufe des weißlichen Gewässers, welches jene davon abhob. Man errieth hier beim Strahl eines kleinen Lichtes die Art Hütte in Gestalt eines Bienenkorbes, worin sich der Fährmann nachts versteckte.

»Glücklicher Fährmann!« dachte Gringoire; »du denkst nicht an den Ruhm, und du machst auch keine Hochzeitsdichtungen! Was kümmern dich die Könige, die sich vermählen, und die Herzoginnen von Burgund? Du kennst keine anderen Margarethenblumen, 30 als die, welche deine Wiese im April deinen Kühen abzuweiden giebt! Und ich, ein Dichter, bin verhöhnt, ich zittere vor Kälte, ich bin zwölf Sols schuldig und meine Schuhsohle ist so dünn, daß sie als Glas für deine Laterne dienen könnte. Dank dir, Fährmann! Deine Hütte beruhigt mich und läßt mich Paris vergessen!«

Er wurde aus seiner fast lyrischen Entzückung von einem lauten Kanonenschlage aufgeschreckt, der zur Feier des Johannisfestes plötzlich von der glückseligen Hütte aus erscholl. Es war der Fährmann, welcher gleichfalls an den Belustigungen des Tages theilnahm, und für sich ein Feuerwerk losbrannte.

Dieser Kanonenschlag machte Gringoire die Haut schaudern.

»Verdammtes Fest!« schrie er, »willst du mich überallhin verfolgen? O mein Gott! selbst bis zum Fährmann der Kuhfähre hin!« Dann betrachtete er die Seine zu seinen Füßen, und eine schreckliche Versuchung ergriff ihn.

»Oh!« sagte er, »wie gern wollte ich mich ertränken, wenn nur das Wasser nicht so kalt wäre!«

Dann packte ihn ein verzweifelter Entschluß. Weil er nun einmal dem Narrenpapste, den Fahnen Johann Fourbeaults, den Maienbündeln, den Zündlichtern und Kanonenschlägen nicht entwischen konnte, so wollte er sich muthig mitten in das Festgewühl selbst hineinstürzen und nach dem Greveplatze eilen.

»Wenigstens,« dachte er, »werde ich da wohl einen Feuerbrand vom Festfeuer finden, mich wieder zu erwärmen, und werde meine Abendmahlzeit mit einigen Krumen von den drei großen Zuckerwappen des Königs halten können, welche da auf dem öffentlichen Schenktische der Stadt ausgestellt sein müssen.«

  1. [Im Französischen wiederum ein Wortspiel zwischen marguerite (die Blume Tausendschön) und Margarethe (die Prinzessin von Flandern). Anm. d. Uebers.]

2. Der Grèveplatz.

Heute ist vom Grèveplatze, wie er damals war, nur noch eine ganz unmerkliche Spur vorhanden: das ist das hübsche Thürmchen, welches den nördlichen Winkel des Platzes einnimmt, und das bereits unter dem häßlichen Mörtel, welcher die scharfen Kanten seiner Steinmetzarbeiten überkleistert, versteckt liegt, und bald vielleicht verschwunden und unter jenem Anwachsen neuer Häuser hingesunken sein wird, das so schnell alle alten Fanden von Paris verschlingt. Leute, wie wir, die nie über den Grèveplatz gehen, ohne einen Blick voll Mitleid und Sympathie auf dieses arme, zwischen zwei baufälligen Hütten aus der Zeit Ludwigs des Vierzehnten eingequetschte Thürmchen zu werfen, können uns in Gedanken das Häuserganze leicht wieder aufbauen, zu dem es gehörte, und den ganzen alten, gothischen Platz des fünfzehnten Jahrhunderts hier wiederfinden.

Er war, wie noch heutzutage, ein unregelmäßiges Viereck, von einer Seite vom Flußdamme, von den drei andern von einer Reihe hoher, schmaler und düsterer Häuser eingefaßt. Am Tage konnte man die Mannigfaltigkeit dieser Gebäude bewundern, welche, ganz in Holz- und Steinbildhauerarbeit, schon vollständige Proben der verschiedenen Häuserbaustile des Mittelalters, vom fünfzehnten bis zum elften Jahrhunderte zurück, lieferten: vom Kreuzfenster an, welches den Spitzbogen zu ersetzen begann, bis zum romanischen Rundbogen, der vom Spitzbogen verdrängt worden war, und der noch unten herrschte im ersten Stockwerk am alten Hausbaue des Rolandsthurmes, im Winkel des Platzes an der Seine, neben der Lohgerberstraße. Nachts unterschied man an dieser Häusermasse nur das schwarze Zackenwerk der Dächer, welche rings um den Platz ihre Kette spitzer Winkel zeigten. Denn eine der Grundverschiedenheiten der Städte von damals und von jetzt besteht darin, daß heutzutage die Häuserfaçaden nach den Straßen und Plätzen zu gerichtet sind, während es früher die Giebel waren. Seit zwei Jahrhunderten haben sich die Häuser umgedreht.

Im Mittelpunkte der östlichen Seite des Platzes erhob sich ein schwerfälliger Zwitterbau, aus drei neben einander gestellten Häusern gebildet. Man nannte ihn mit drei Namen, welche seine Geschichte, seine Bestimmung und seine Bauart bezeichnen: Das »Prinzen-Haus«, weil Karl der Fünfte als Prinz darin gewohnt hatte; das »Kaufhaus«, weil es als Stadthaus diente; das »Säulenhaus« ( domus ad piloria 31), wegen einer Reihe großer Pfeiler, welche seine drei Stockwerke stützten. Die Stadt fand hier alles das, was eine gute Stadt wie Paris gebraucht: eine Kapelle zum Beten; ein »Gerichtszimmer«, um Termine abzuhalten, und im Nothfalle des Königs Leute derb ablaufen zu lassen; und unter den Dächern ein »Arsenal« voll Geschützstücke. Denn die Bürger von Paris wissen, daß es nicht unter allen Verhältnissen ausreicht, zu beten und für die Freiheiten der Stadt zu sprechen, und sie haben immer in einem Speicher des Stadthauses eine tüchtige, rostige Hakenbüchse im Rückhalte.

Der Grèveplatz hatte seitdem das düstre Aussehen, welches ihm noch heute der abscheuliche Gedanke, den er wachruft, und das düstre Stadthaus des Domenik Bocador bewahren, welches das Säulenhaus ersetzt hat. Freilich trugen ein bleibender Galgen und Pranger (»Gerechtigkeit« und »Leiter«, wie man es damals nannte), die mitten auf dem Straßenpflaster neben einander errichtet waren, nicht wenig dazu bei, die Augen von diesem verhängnisvollen Platze, auf dem so viele gesundheit- und lebenstrotzende Wesen verendet waren, wegwenden zu lassen; dort sollte fünfzig Jahre später jenes »Saint-Vallier-Fieber« 32 entstehen, diese Krankheit des Schaffotschreckens, die fürchterlichste aller Krankheiten, weil sie nicht von Gott, sondern von Menschen herrührt.

Es ist ein tröstlicher Gedanke (im Vorbeigehen sei es gesagt), zu wissen, daß die Todesstrafe, welche vor dreihundert Jahren mit ihren eisernen Rädern, ihren steinernen Galgen, mit ihrem ganzen beständigen und auf dem Pflaster bestätigten Folterzubehör noch den Grèveplatz, die Hallen, den Prinzessinplatz, das Kreuz Trahoir, den Schweinemarkt, den fürchterlichen Richtplatz Montfaucon, die Wachtstube der Gerichtsdiener, den Katzenplatz, das Thor Saint-Denis, Champeaux, das Thor Baudets, das Sanct-Jacobsthor versperrte, ohne der zahllosen Richtplätze der Profosse, des Bischofs, der Ordenskapitel, der Aebte, der Prioren mit Gerichtpflege, zu gedenken, ohne die gerichtlichen Ertränkungen im Seineflusse aufzuzählen: – es ist tröstlich, sage ich, daß diese alte Lehnsherrin der feudalen Gesellschaft, nach dem allmählichen Verluste aller ihrer Rüststücke, ihrer Unzahl von Todesarten, ihres vermeinten und wunderlichen Strafrechtes, ihrer Tortur, für die sie alle fünf Jahre im Obergerichtshofe eines Lederbettes bedurfte – heute fast aus unseren Gesetzen und aus unseren Städten verstoßen ist, von einem Gesetzbuche in das andere vertrieben, von einem Platze nach dem andern gejagt, in unserem riesengroßen Paris nur noch einen verachteten Winkel des Grèveplatzes, nur noch eine erbärmliche, heimliche, ängstliche, schändliche Guillotine hat, welche immer zu fürchten scheint, auf der That ertappt zu werden, so schnell verschwindet sie, nachdem sie ihren Streich vollführt hat!

  1. [Säulenhaus. Anm. d. Uebers.]
  2. [»Das Saint-Vallier-Fieber haben« – vor Entsetzen zittern; benannt nach Saint-Vallier, einem Verschwörer gegen Franz I. von Frankreich, welcher auf dem Schaffote begnadigt wurde. Anm. d. Uebers.]

3. Geschichte eines Maishefekuchens.

Zu der Zeit, in welcher sich diese Geschichte zuträgt, war die Zelle im Rolandsthurme besetzt. Wenn der Leser zu erfahren wünscht, mit wem, so braucht er nur die Unterhaltung dreier rechtschaffener Gevatterinnen anzuhören, welche, im Augenblicke, wo wir seine Aufmerksamkeit beim Rattenloche festhielten, gerade von derselben Seite vom Châtelet herkamen und ihre Schritte den Fluß entlang nach dem Grèveplatze hinlenkten.

Zwei von diesen Frauen waren nach der Art anständiger Bürgerfrauen von Paris gekleidet. Ihr feines, weißes Busentuch, der roth- und blaugestreifte Rock aus Wollenstoff, die gestrickten weißen, mit farbigen Zwickeln gewirkten Strümpfe, welche straff über die Wade gezogen waren, ihre rothgelb carrirten Lederschuhe mit schwarzen Sohlen, und namentlich die Kopfbedeckung, diese Art flittergoldenes, mit Bändern und Spitzen überladenes Horn, welches die Frauen der Champagne, im Wetteifer mit den Grenadieren der kaiserlich russischen Garde, noch heute tragen, – alles das verkündete, daß sie zu jener Klasse reicher Kaufmannsfrauen gehörten, welche die Mitte hält zwischen dem, was unsere Bedienten eine »Frau«, und zwischen dem, was sie eine »Dame« nennen. Sie trugen weder Ringe noch goldene Kreuze; aber es war leicht zu sehen, daß das bei ihnen nicht aus Armuth, sondern ganz offenkundigerweise aus Furcht vor der daraufstehenden Strafe geschah. Ihre Gefährtin war ohngefähr in derselben Weise geschmückt, aber es war in ihrer Haltung und ihrem Wesen ein gewisses Etwas, das die Notarsfrau aus der Provinz erkennen ließ. Man ersah an der Art, wie der Gürtel ihr über den Hüften saß, daß sie lange Zeit hindurch nicht in Paris gewesen war. Dazu denke man sich ein in Falten gelegtes Busentuch, Bandschleifen auf den Schuhen, daß ferner die Streifen ihres Rockes in der Breite und nicht in der Länge liefen, und tausend andere Abgeschmacktheiten, über die sich der gute Geschmack entsetzte.

Die beiden ersten wanderten in jenem, den Pariserinnen eigentümlichem Gange, welcher den Landbewohnern Paris kenntlich macht. Die Landfrau hatte einen starken Knaben an der Hand, welcher einen großen Kuchen in der seinigen hielt. Es ist uns unangenehm, hinzufügen zu müssen, daß er, in Anbetracht der Rauheit der Jahreszeit, aus seiner Zunge ein Schnupftuch machte.

Der Knabe ließ sich mit fortziehen, non passibus aequis, 124 wie Virgil sagt, und stolperte jeden Augenblick zum großen Aerger der Mutter. Freilich sah er mehr nach dem Kuchen, als auf den Weg. Zweifelsohne verhinderte ihn irgend ein gewichtiger Beweggrund, in den Kuchen hineinzubeißen; denn er begnügte sich damit, ihn mit zärtlichen Blicken zu betrachten. Eigentlich hätte die Mutter den Kuchen tragen sollen. Es war grausam, aus dem dicken Bausback einen Tantalus zu machen. Indessen unterhielten sich die Bürgerfrauen (die Benennung »Dame« war damals den Edelfrauen vorbehalten) alle drei zu gleicher Zeit.

»Laßt uns eilen, Frau Mahiette,« sagte die jüngste der dreien, die zugleich auch die umfangreichste war, zu der Frau aus der Provinz. »Ich fürchte sehr, wir kommen zu spät; man sagte uns im Châtelet, daß man ihn sofort zum Pranger führen würde.«

»Ah, bah! was sagt Ihr da doch, Frau Oudarde Musnier?« versetzte die andere Pariserin. »Er wird zwei ganze Stunden am Pranger stehen. Wir haben Zeit. Habt Ihr schon jemals einen am Pranger stehen setzen, liebe Mahiette?«

»Ja,« sagte die Frau aus der Provinz, »in Reims.«

»Ach, was! Was will das sagen, Euer Pranger in Reims? Ein elendes Gerüste, auf welchem man nur Bauern umdreht. Das ist was Rechts!«

»Wie? Bauern?« sagte Matziette, »auf dem Tuchmarkte! in Reims! Wir haben sehr schöne Verbrecher gesehen; und solche, die Vater und Mutter ermordet haben! Bauern! Für was haltet Ihr uns, Gervaise?«

Sicherlich war die Frau aus der Provinz auf dem Punkte, sich für die Ehre ihres Prangers zu ärgern. Glücklicherweise lenkte die besonnene Frau Oudarde aber die Unterhaltung zur rechten Zeit auf einen andern Gegenstand hin. »Da fällt mir ein, Frau Mahiette, was sagt Ihr zu unsern flamländischen Gesandten? Habt Ihr auch so schöne Gesandte in Reims?«

»Ich gestehe,« entgegnete Mahiette, »daß man Flamländer, wie jene, nur in Paris zu sehen bekommen kann.«

»Habt Ihr in der Gesandtschaft den großen Gesandten gesehen, welcher Strumpfwirker ist?« fragte Oudarde.

»Ja!« sagte Mahiette. »Er sieht wie ein Saturn aus.«

»Und jenen Großen, dessen Gesicht wie ein nackter Schmeerbauch aussieht?« entgegnete Gervaise. »Und jenen Kleinen mit kleinen Aeugelchen, die von entzündeten, wimperlosen Augenlidern, ähnlich einem zerfetzten Distelkopfe, umrandet sind?«

»Aber erst ihre Pferde, was sind die schön anzusehen,« sagte Oudarde, »wie sie nach der Mode ihres Landes gezäumt und gesattelt sind!«

»Ach, meine Liebe!« unterbrach sie die Landfrau Mahiette, die ihrerseits den Ausdruck der Überlegenheit annahm, »was würdet Ihr wohl sagen, wenn Ihr im Jahre 61, bei der Krönung in Reims, vor achtzehn Jahren, die Pferde der Prinzen und des königlichen Gefolges gesehen hättet? Schabracken und Decken aller Art; die einen aus Damast und seinem Goldstoffe, mit Zobelpelz gefüttert; die andern aus Sammet mit Hermelinschwänzen gefüttert; wieder andere ganz mit Goldstickereien und großen goldenen und silbernen Troddeln überladen. Und das Geld, das das alles gekostet hatte! Und die schönen Pagen, welche darauf saßen!«

»Das verhindert alles nicht,« entgegnete Frau Oudarde trocken, »daß die Flamländer sehr schöne Pferde haben, und daß sie gestern ein prächtiges Abendessen beim Herrn Oberbürgermeister auf dem Rathhause eingenommen haben, wobei ihnen Confect, Gewürzwein, Zuckergebäck und andere Delicatessen aufgetragen wurden.«

»Was sagt Ihr da, liebe Nachbarin?« rief Gervaise. »Beim Herrn Cardinal, im Klein-Bourbon, war es, wo die Flamländer zu Abend gespeist haben.«

»Nein, nein! Auf dem Rathhause.«

»Bewahre, im Klein-Bourbon.«

»Es ist so gewiß auf dem Rathhause gewesen,« entgegnete Oudarde mit Bitterkeit, »als der Doctor Secourable eine lateinische Ansprache an sie gerichtet hat, von der sie sehr befriedigt geblieben sind. Das hat mir mein Mann gesagt, welcher vereideter Buchhändler ist.«

»Es ist so sicher im Klein-Bourbon gewesen,« entgegnete Gervaise ebenso lebhaft, »als ihnen der Hausmeister des Herrn Cardinal folgendes vorgesetzt hat: Zwölf Doppelquart weißen Gewürzwein, Clairet und rothen Gewürzwein, vierundzwanzig Schachteln vergoldeten Lyoner Doppelmarzipan, ebenso viele zweipfündige Wachskerzen; und sechs Halbohme weißen und moussirenden Beaunewein, den besten, welchen man hat schaffen können. Ich hoffe, daß das unumstößlich ist. Ich habe es von meinem Gatten, welcher Vorsteher der Fünfzigmänner im Rathszimmer der Bürgerschaft des Châtelets ist, und der heute morgen einen Vergleich machte zwischen den flamländischen Gesandten und denen des Presbyter Johannes 125 und des Kaisers von Trapezunt, die, unter dem letzten Könige, von Mesopotamien nach Paris gekommen sind und Ringe in den Ohren trugen.«

»Wahr ist, daß sie auf dem Rathhause zu Abend gespeist haben,« erwiderte Oudarde, die sich von diesen Auskramungen kaum berührt fühlte, »daß man niemals einen solchen Reichthum an Gerichten und Delicatessen gesehen hat.«

»Ich sage Euch, ich, daß sie von Le Sec, dem Polizeiofficianten, im Palaste Klein-Bourbon bedient worden sind und daß Ihr Euch in diesem Punkte täuscht.«

»Auf dem Rathhause, sage ich Euch.«

»Im Klein-Bourbon, meine Liebe! So gewiß, als man das Wort ›Hoffnung‹, welches über dem großen Haupteingange geschrieben steht, mit bezaubernden Versen illuminirt hatte.«

»Auf dem Rathhause! Auf dem Rathhause! Blies doch Husson-le-Voir die Flöte dabei!«

»Nein, nein! behaupte ich.«

»Gewiß! Gewiß!«

»Nein! sage ich.«

Die gute dicke Oudarde wollte erwidern, und im Streite darüber wären sie sich vielleicht an die Hauben gerathen, wenn Mahiette nicht plötzlich gerufen hätte: »Sehet doch jene Leute, welche sich da unten am Ende der Brücke zusammengerottet haben! In ihrer Mitte haben sie etwas, das sie betrachten.«

»In der That,« sagte Gervaise, »ich höre das Tamburin schlagen. Ich glaube, es ist die kleine Esmeralda, welche ihre Kunststücke mit der Ziege macht. Wohlan, schnell! Mahiette, verdoppelt Eure Schritte und zieht Euren Knaben mit. Ihr seid hierher gekommen, um die Merkwürdigkeiten von Paris in Augenschein zu nehmen. Gestern habt Ihr die Flamländer gesehen, heute müßt Ihr die Zigeunerin kennen lernen.«

»Die Zigeunerin!« sagte Mahiette, indem sie plötzlich umkehrte und den Arm ihres Sohnes fest umfaßte. »Gott soll mich davor bewahren; sie könnte mir mein Kind stehlen. Komm, Eustache!«

Und sie begann eilig über den Flußdamm, nach dem Grèveplatze hin, zu laufen, bis daß sie die Brücke weit genug hinter sich hatte. Das Kind aber, welches sie mit sich zog, fiel dabei auf die Knien; sie blieb athemlos stehen. Oudarde und Gervaise holten sie wieder ein.

»Diese Zigeunerin Euer Kind stehlen!?« sagte Gervaise. »Ihr habt da eine sonderbare Idee.«

Mahiette schüttelte den Kopf mit nachdenklicher Miene.

»Merkwürdig ist doch,« bemerkte Oudarde, »daß die Nonne denselben Gedanken von den Zigeunerinnen hegt.«

»Wer ist das, die Nonne?« fragte Mahiette.

»Ei!« sagte Oudarde, »Schwester Gudule.«

»Wer ist das aber,« entgegnete Mahiette, »Schwester Gudule?«

»Das sieht Euch ähnlich in Eurem Reims, das nicht zu wissen!« antwortete Oudarde. »Es ist die Büßerin im Rattenloche.«

»Wie!« fragte Mahiette, »jenes arme Weib, der wir diesen Kuchen bringen?«

Oudarde machte eine zustimmende Kopfbewegung.

»Die nämliche. Ihr sollt sie sogleich an ihrer Luke auf dem Grèveplatze sehen. Sie hat dasselbe Urtheil, wie Ihr von diesen ägyptischen Vagabunden, welche die Handtrommel schlagen und den Leuten die Zukunft vorhersagen. Man weiß nicht, woher sie diesen Abscheu vor Zigeunern und Aegyptern hat. Aber Ihr, Mahiette, warum lauft Ihr denn vor ihnen so davon? Wollt Ihr sie wenigstens nicht sehen?«

»Oh!« sagte Matziette und schloß den Rundkopf ihres Knaben dabei in ihre Hände, »ich mag nicht, daß mir begegnet, was Paquette-la-Chantefleurie begegnet ist.«

»Aha! Ihr wißt eine Geschichte, die Ihr uns erzählen wollt, meine gute Mahiette,« sagte Gervaise und legte ihren Arm in denjenigen Mahiette’s.

»Recht gern,« antwortete Mahiette; »aber Ihr müßt aus Eurem Paris nicht herausgekommen sein, daß Ihr das nicht wißt! Ich will Euch also sagen (aber wir brauchen, um den Sachverhalt zu erzählen, nicht stehen zu bleiben), daß Paquette-la-Chantefleurie ein hübsches Mädchen von achtzehn Jahren war, als ich auch ein solches war: das heißt vor achtzehn Jahren, und daß es ihre Schuld ist, wenn sie, wie ich heute bin, nicht eine gute, stattliche, kräftige Mutter von sechsunddreißig Jahren mit einem Manne und einem Knaben ist. Uebrigens war von ihrem vierzehnten Jahre an keine Zeit mehr dazu!… Sie war also die Töchter Guybertauts, eines Spielmannes auf den Schiffen in Reims, – desselben, der vor Karl dem Siebenten bei dessen Krönung gespielt hatte, als er unsern Fluß Vesle von Sillery an bis Muison hinabfuhr, und als sogar Jeanne d’Arc, die Jungfrau, mit auf dem Schiffe war. Der alte Vater starb, als Paquette noch ganz jung war; sie hatte damals niemanden weiter, als ihre Mutter, die Schwester des Herrn Pradon, eines Gelbgießers und Kupferschmiedemeisters zu Paris, in der Straße Parin-Garlin, welcher voriges Jahr verstorben ist. Ihr seht, daß sie guter Leute Kind war. Die Mutter war eine gute Frau, leider! und lehrte Paquetten nichts weiter, als ein wenig Handel mit Krimskrams und Kinderspielzeug, der die Kleine nicht verhinderte, sehr stattlich zu werden und sehr arm zu bleiben. Sie wohnten alle beide in Reims, auf der Flußseite, in der Rue Folle-Peine. Merkt darauf; ich glaube, daß das die Ursache war, die Paquetten Unglück brachte. Im Jahre 61, im Jahre der Krönung unseres Königs Ludwig des Elften, den Gott erhalte, war Paquette so lebenslustig und so reizend, daß man sie überall nur die Chantefleurie nannte… Das arme Mädchen!… Sie hatte schöne Zähne, und sie lachte gern, um sie zu zeigen. Nun, ein Mädchen, das gern lacht, kommt bald dahin, Thränen zu vergießen; die schönen Zähne verderben die schönen Augen. So war es auch mit der Chantefleurie. Sie und ihre Mutter verdienten kümmerlich ihr Brot; seit dem Tode des Spielmannes waren sie sehr heruntergekommen; ihr Kramhandel brachte ihnen wöchentlich kaum mehr als sechs Heller ein, was im Ganzen noch nicht zwei Adlerheller beträgt« Wo war die Zeit hin, wo der Vater Guybertaut zwölf Sols Pariser Münze mit einem einzigen Liede bei einer Krönung gewann? Eines Winters (es war im nämlichen Jahre 61), als die Frauen weder Scheitholz noch Reisig besaßen, und es sehr kalt war, gab das der Chantefleurie ein so schönes, frisches Aussehen, daß die Männer sie »Paquette« hießen, und daß einige sie »Paquerette« 126 nannten, und – daß sie zu Falle kam… Eustache! daß ich dich nicht etwa in den Kuchen beißen sehe!… Als sie eines Sonntags mit einem goldenen Kreuze am Halse in die Kirche kam, sahen wir sofort, daß sie verloren war. Mit vierzehn Jahren! Ueberlegt Euch einmal! Anfangs war es der junge Vicomte von Cormontreuil, welcher sein Schloß dreiviertel Meilen von Reims hat; dann der gnädige Herr Heinrich von Triancourt, ein königlicher Reiter; dann ein Geringerer, Chiart von Beaulion, ein Unteroffizier; nun, da sie immer tiefer sank, Guery Aubergeron, ein königlicher Tafeldiener; hierauf Macé von Frépus, der Bartscherer des Herrn Dauphin; später Thévenin Le Moine, ein Koch des Königs. Dann fiel sie, weil sie stets aus den Händen eines Bejahrteren in die eines Gemeineren gerieth, Wilhelm Racine, dem Bänkelsänger und Leiermanne, hernach dem Thiérry de Mer, dem Lampenputzer, zu. Schließlich war sie, die arme Chantefleurie, die Gemeinsame für alle; sie war bis zum letzten Heller ihres einst besessenen Goldstückes angekommen. Was soll ich Euch, werthe Frauen, noch sagen? Bei der Krönung, noch in dem nämlichen Jahre 61, war sie es, die dem Bordellaufseher das Bett machte!… In dem nämlichen Jahre!«

Mahiette seufzte und wischte sich eine Thräne ab, die ihr in die Augen trat.

»Das ist eine Geschichte, die gerade nichts so Außergewöhnliches an sich hat,« sagte Gervaise, »und ich sehe bei alledem weder Zigeuner noch Kinder.«

»Geduld!« fuhr Mahiette fort, »ein Kind – Ihr sollt eins zu sehen bekommen… Im Jahre 66, in diesem Monate auf den Tag der heiligen Paula werden es sechzehn Jahre, kam Paquette mit einem kleinen Mädchen nieder. Die Unglückliche! sie hatte große Freude darüber; sie wünschte sich seit langem ein Kind. Ihre Mutter, eine gute Frau, die nur immer die Augen zuzudrücken verstanden hatte, ihre Mutter war gestorben. Paquette hatte nichts mehr in der Welt, das sie lieben konnte; niemanden, der sie liebte. Seit den fünf Jahren, daß sie den Fehltritt gethan hatte, gab es kein elenderes Geschöpf, als die Chantefleurie. Sie stand allein in diesem Leben, verlassen; man zeigte mit Fingern auf sie, verfolgte sie mit Schimpfwörtern durch die Straßen; die Gerichtsdiener schlugen sie, kleine Gassenbuben in Lumpen verhöhnten sie. Und dann waren die zwanziger Jahre herangekommen; und zwanzig Jahre bedeuten das Alter für verliebte Frauenzimmer. Ihre Liederlichkeit brachte ihr jetzt nicht mehr ein, als ihr Kramhandel vordem. Für jede Gesichtsfalte, die da kam, ging ein Thaler fort; der Winter wurde wieder hart für sie; das Holz machte sich wieder selten in ihrem Feuerloche, und das Brot rar in ihrem Backtroge. Sie konnte nicht mehr arbeiten, weil sie, währenddem, daß sie ausschweifend wurde, träge geworden war, und sie litt viel mehr, als wenn sie bei der Trägheit liederlich geworden wäre. So wenigstens erklärt es uns der Herr Pfarrer von Saint-Remy, warum jene Frauenzimmer mehr Frost und mehr Hunger leiden, als andere Arme, wenn sie alt sind.«

»Ganz recht,« bemerkte Gervaise; »aber die Zigeuner?«

»Einen Augenblick nur, Gervaise!« sagte Oudarde, deren Aufmerksamkeit nicht so ungeduldig war. »Was würden wir am Schlusse haben, wenn alles im Anfange erzählt würde? Fahret fort, Mahiette, ich bitte Euch. Diese arme Chantefleurie!«

Mahiette fuhr fort:

»Sie war also sehr traurig, sehr elend und bleichte ihre Wangen mit ihren Thränen. Aber in ihrer Schande, in ihrer Thorheit und ihrer Hilflosigkeit dünkte es ihr, daß sie nicht so ehrlos, nicht so liederlich und verlassen sein würde, wenn es irgend etwas oder irgend jemand in der Welt gäbe, das sie lieben, und von dem sie geliebt werden könnte. Das mußte ein Kind sein, weil ein Kind allein unschuldig genug dazu sein konnte … Sie hatte das eingesehen, nachdem sie versucht hatte, einen Dieb zu lieben, – der einzige Mensch, welcher nach ihr Verlangen tragen konnte; aber nach Verlauf einer kurzen Zeit hatte sie bemerkt, daß der Dieb sie verachtete … Solche der Liebe ergebene Frauenzimmer müssen einen Liebhaber oder ein Kind haben, um ihr Herz auszufüllen. Andernfalls sind sie sehr unglücklich. Da sie keinen Liebhaber bekommen konnte, so richtete sich ihr ganzes Verlangen nach einem Kinde; und weil sie stets fromm geblieben war, bat sie den lieben Gott fortwährend darum in ihrem Gebete. Der liebe Gott hatte also Mitleiden mit ihr und schenkte ihr eine kleine Tochter. Von ihrer Freude will ich nicht sprechen: es war eine Raserei mit Thränen, Liebkosungen und Küssen. Sie stillte selbst ihr Kind, verfertigte ihm Windeln, aus ihrer Bettdecke, der einzigen, welche sie auf ihrem Bette hatte, und empfand weder Kälte noch Hunger mehr. Sie wurde darüber wieder schön. Aus einem alternden Mädchen wurde eine junge Mutter. Die galante Lebensweise begann von neuem; man besuchte die Chantefleurie wieder; sie fand wieder Kunden für ihre Waare, und aus dem ganzen Sündengelde schaffte sie Wickelzeug, Kindermützchen, Brustlätzchen, Spitzenjäckchen und kleine Seidenmützchen an, ohne je daran zu denken, sich wieder eine Bettdecke zu kaufen … Mein Eustache, ich habe dir schon gesagt, daß du mir den Kuchen nicht ißt!… Sicher ist, daß die kleine Agnes… das war der Name des Kindes, sein Taufname; denn einen Familiennamen hatte die Chantefleurie längst nicht mehr… Sicher ist, daß die Kleine mehr als eine Prinzessin der Dauphiné in Bänder und Stickereien eingewindelt war. Unter andern hatte sie ein Paar kleine Schuhe, wie König Ludwig der Elfte sicher nicht ihresgleichen gehabt hat! Der Kleinen Mutter hatte diese ihr selbst genäht und gestickt, und an ihnen alle ihre Kunstfertigkeiten als Stickerin und allen Aufputz angebracht, den nur ein Gewand der heiligen Jungfrau verdient. Sie waren sicher das niedlichste, rosafarbene Schuhepaar, das man sehen konnte. Sie waren höchstens so lang wie mein Daumen, und man mußte sie von den kleinen Füßen des Kindes abziehen sehen, um zu glauben, daß sie darin hatten Platz finden können. Wahr ist, daß diese Füßchen so klein, so reizend, so rosenfarbig waren! noch rosiger, als der Seidenstoff der Schuhe!… Wenn Ihr einmal Kinder bekommen werdet, Oudarde, werdet Ihr finden, daß nichts so reizend ist, als solche kleine Füße und solche kleine Hände.«

»Ich wünsche nichts inniger, als das,« sagte Oudarde seufzend, »aber ich warte, bis es im Belieben des Herrn Andry Musnier liegt.«

»Uebrigens,« nahm Mahiette wieder das Wort, »hatte das Kind Paquettens nicht nur reizende Füßchen. Ich habe es gesehen, als es erst vier Monate alt war; da war es ein allerliebstes Kind! Es hatte Augen, die größer waren, als der Mund, und die hübschesten, feinen, schwarzen Haare, die sich schon lockten. Das würde eine stolze Brünette geworden sein mit sechzehn Jahren! Ihre Mutter wurde darüber von Tag zu Tag närrischer. Sie liebkoste es, küßte es, kitzelte es, wusch es, putzte es, aß es vor Liebe auf! Einmal verlor sie den Verstand darüber, andermals dankte sie Gott dafür! Vor allem seine rosigen Füßchen waren der Gegenstand endloser Bewunderung, rasender Freude! Sie drückte beständig die Lippen darauf, konnte sich an ihrer Kleinheit nicht satt sehen! Sie steckte sie in die kleinen Schuhe, zog sie wieder heraus, bewunderte sie, gerieth in Staunen darüber, betrachtete sie den Tag lang; es that ihr leid, dieselben einen Gang über ihr Bett versuchen zu lassen, und sie hätte gern ihr Leben auf den Knien damit hingebracht, diese Füßchen, wie die eines Christuskindes, anzuschuhen und auszuschuhen.

»Die Erzählung ist hübsch und gut,« sagte Gervaise mit heller Stimme, »aber wo ist die Zigeunerin bei alledem zu finden?«

»Hier ist sie schon,« entgegnete Mahiette. »Eines Tages erschienen in Reims eine Sorte ganz eigenthümlicher Reiter. Es waren Bettler und Landstreicher, die unter Führung ihres Herzogs und ihrer Grafen im Lande herumzogen. Sie waren von dunkelbrauner Hautfarbe, hatten ganz krauses Haar und trugen silberne Ringe in den Ohren. Die Weiber waren noch häßlicher, als die Männer. Sie hatten die schwärzesten Gesichter, die sie immer unverhüllt zeigten, trugen einen häßlichen Laken auf dem Leibe, ein grob gewebtes Tuch um die Schulter gebunden und das Haupthaar nach Art eines Pferdeschwanzes. Die Kinder, welche sich zwischen ihren Beinen herumwälzten, würden Affen Furcht haben einstoßen können. Es war eine Bande mit dem Kirchenbanne Belegter. Der ganze Haufe kam geradenweges aus Unterägypten über Polen nach Reims. Der Papst hatte ihnen die Beichte abgenommen, wie man sagte, und ihnen als Buße auferlegt, sieben Jahre lang ohne Unterbrechung in der Welt herumzuziehen, ohne sich in Betten zu legen; deshalb nannten sie sich Büßer und verbreiteten einen Gestank um sich. Anscheinend waren sie vordem Sarazenen gewesen, was die Ursache war, daß sie an Jupiter glaubten, und daß sie von allen Erzbischöfen, Bischöfen und Aebten, die mit Krummstab und Insel belehnt waren, zehn Livres Tourssche Münze 127 forderten. Eine Bulle des Papstes hatte ihnen dazu verholfen. Sie kamen nach Reims, um im Namen des Königs von Algier und des deutschen Kaisers den Leuten die Zukunft zu prophezeien. Ihr könnt Euch wohl denken, daß es eines mehreren nicht bedurfte, um ihnen den Eintritt in die Stadt zu verwehren. Hierauf lagerte die ganze Bande bereitwillig an der Pforte Braine, auf jenem Hügel, wo eine Mühle steht, neben den Löchern der alten Kreidegruben. Und in Reims wetteiferten die Leute, zu ihnen hinauszuziehen. Sie sahen einem in die Hand und sagten wunderbare Prophezeiungen; sie waren im Stande, einem Judas zu weissagen, daß er Papst werden würde. Unterdessen verbreiteten sich über sie schreckliche Gerüchte von gestohlenen Kindern, abgeschnittenen Geldbörsen und Menschenfleisch, das sie gegessen hätten. Die Klügern sagten zu den Thörichten: »Gehet nicht hin«, und gingen verstohlenerweise selbst hinaus. Es herrschte also eine allgemeine Aufregung. Thatsächlich ist, daß sie einem Cardinale erstaunliche Dinge vorhersagten. Die Mütter erlebten großen Triumph an ihren Mädchen, seitdem die Zigeunerinnen ihnen aus der Hand allerlei Wunderdinge vorgelesen hatten, die in heidnischer und türkischer Sprache darin geschrieben standen. Die eine bekam einen Kaiser, die nächste einen Papst, die dritte einen Hauptmann. Die arme Chantefleurie wurde von der Neugierde gepackt; sie wollte auch wissen, was sie bekäme, und ob ihre reizende kleine Agnes nicht eines Tages Kaiserin von Armenien oder etwas ähnliches werden würde. Sie trug sie also zu den Zigeunerinnen, und die Zigeunerinnen unterließen nicht, das Mädchen zu bewundern, sie zu liebkosen, mit ihren schwarzen Mäulern zu küssen, sich über ihre kleine Hand zu verwundern, ach! zur großen Freude der Mutter. Vor allem hatten sie ihre Freude an den reizenden Füßen und niedlichen Schuhen. Das Kind war noch nicht ein Jahr alt. Es lallte schon, lachte wie eine kleine Närrin die Mutter an, war feist und kugelrund, und hatte tausend reizende, kleine Züge wie die Engel des Paradieses. Es war ganz entsetzt über die Zigeunerinnen und weinte. Aber die Mutter küßte die Kleine heftiger und ging erfreut über die glückverheißende Zukunft, welche die Wahrsagerinnen ihrer Agnes prophezeit hatten, davon. Sie sollte eine Schönheit, die leibhafte Tugend, eine Königin werden. Sie kehrte also nach ihrer elenden Behausung in der Rue Folle-Peine zurück, ganz stolz, eine Königin dahin zurückzubringen. Am andern Morgen benutzte sie einen Augenblick, wo das Kind auf ihrem Bette schlief (denn sie schlief immer mit ihm zusammen), ließ die Thüre leise angelehnt und eilte zu einer Nachbarin in der Rue de-la-Séchesserie, um ihr zu erzählen, daß ein Tag kommen würde, wo ihre Tochter Agnes bei Tische vom Könige von England und vom Erzherzoge von Aethiopien bedient werden würde, und hundert andere erstaunliche Dinge mehr. Als sie bei ihrer Rückkehr auf der Treppe kein Geschrei vernahm, sagte sie bei sich: »Gut! das Kind schläft noch immer.« Sie fand die Thür weiter offen, als sie sie gelassen hatte; sie trat also ein, die arme Mutter, und eilte zum Bette… Das Kind war nicht mehr da; der Platz war leer; von dem Kinde war weiter nichts mehr vorhanden, als einer von seinen reizenden, kleinen Schuhen. Sie stürzte aus dem Zimmer heraus, warf sich die Treppe hinab, fing an den Kopf an die Mauern zu stoßen und schrie: »Mein Kind! Wer hat mein Kind? Wer hat mir mein Kind genommen?« Die Straße war öde, das Haus stand allein; niemand vermochte ihr etwas zu sagen. Sie eilte durch die Stadt, sie suchte auf allen Straßen, lief den ganzen Tag wahnsinnig, verstört und entsetzt hin und her, forschte an allen Thüren und Fenstern, wie ein wildes Thier, welches seine Jungen verloren hat. Sie keuchte, lief mit verwildertem Haar umher, war entsetzlich anzusehen, und in ihren Augen glühte ein Feuer, welches ihre Thränen trocknete. Sie hielt die Leute auf der Straße an und schrie: »Meine Tochter! mein Kind! meine reizende, kleine Tochter! Wer mir meine Tochter wiedergiebt, dessen Magd will ich sein, die Magd seines Hundes, und er mag mein Herzblut trinken, wenn er will».« Sie begegnete dem Herrn Pfarrer von Saint-Remy und rief ihm zu: »Herr Pfarrer, ich will die Erde mit meinen Nägeln umgraben, aber gebt mir mein Kind wieder!« Es war herzzerreißend, Oudarde; und ich habe einen sehr hartherzigen Mann gesehen, den Sachwalter Meister Ponce Lacabre, der Thränen vergoß.

Ach! die arme Mutter!… Am Abend kehrte sie nach Hause zurück. Wahrend ihrer Abwesenheit hatte eine Nachbarin gesehen, wie zwei Zigeunerinnen heimlich mit einem Packete in ihren Armen zur Wohnung hinaufstiegen, dann wieder herauskamen und eilig entflohen, nachdem sie die Thüre verschlossen hatten. Seit deren Weggange hörte man in Paquettens Hause Schreie, wie die eines Kindes. Die Mutter lachte laut auf, stieg wie mit Flügeln die Treppe hinauf, stieß die Thüre wie mit einem Artilleriegeschütz auf und trat hinein… Entsetzliche Erscheinung, Oudarde! An Stelle ihrer niedlichen, kleinen Agnes, die, so rothbäckig und frisch, ein Geschenk des lieben Gottes war, kroch eine Art kleinen, abscheulichen, hinkenden, einäugigen und verkrüppelten Ungeheuers kreischend über die Diele. Entsetzt verhüllte sie ihre Augen. »Oh!« sagte sie, »in dieses entsetzliche Thier hätten die Hexen meine Tochter verwandeln können?« Man eilte den kleinen Klumpfuß hinauszuschaffen; er würde sie rasend gemacht haben. Es war der gräßliche Balg irgend einer Zigeunerin, die sich dem Teufel hingegeben hatte. Er mochte ungefähr vier Jahre alt sein und redete in einer Sprache, die gar keine menschliche Sprache war; es waren Worte, die nicht denkbar sind… Die Chantefleurie hatte sich auf den kleinen Schuh geworfen – alles, was ihr noch blieb von dem, das sie so sehr geliebt. Da lag sie so lange regungslos, stumm und ohne Athem, daß alle vermeinten, sie wäre todt. Plötzlich zitterte sie am ganzen Körper, bedeckte ihre Reliquie mit wüthenden Küssen und brach in ein Schluchzen aus, als ob das Herz gebrochen wäre. Ich versichere Euch, wir weinten alle mit ihr. Sie begann: »O, mein Töchterchen! mein reizendes Töchterchen, wo bist du?« Und das zerriß einem das Herz im tiefsten Grunde. Ich weine noch, wenn ich daran denke. Unsere Kinder, wißt ihr, sind ja das Mark unserer Knochen… Mein armer Eustache! du bist so schön, du Theurer! Wenn ihr wüßtet, wie nett er ist! Gestern sagte er zu mir: »Ich will Soldat werden, ich.« – »O, mein Eustache, wenn ich dich verlieren sollte!« Die Chantefleurie erhob sich plötzlich und begann in Reims umherzulaufen, wobei sie fortwährend schrie: »Hinaus! Zum Lager der Zigeuner! Zum Lager der Zigeuner! Gerichtsdiener herbei, um die Hexen zu verbrennen!« – Die Zigeuner waren verschwunden. Es war finstere Nacht. Man konnte sie nicht verfolgen. Am nächsten Tage fand man, zwei Meilen von Reims, auf einer Haide zwischen Gueux und Tilloy, die Ueberreste eines großen Feuers, ein paar Bänder, welche dem Kinde Paquettens gehört hatten, Blutstropfen und Bocksmist. Die eben vergangene Nacht war gerade die eines Sonnabends. Man zweifelte nicht mehr daran, daß die Zigeuner auf dieser Haide den Sabbath gefeiert, und daß sie das Kind in Gesellschaft Beelzebubs verzehrt hatten, wie das bei den Muhamedanern zu geschehen pflegt. Als die Chantefleurie diese schrecklichen Dinge vernahm, weinte sie nicht; sie bewegte die Lippen, wie um zu sprechen, vermochte es aber nicht. Am Tage danach waren ihre Haare grau. Am nächstnächsten Tage war sie verschwunden.«

»Das ist in der That eine entsetzliche Geschichte,« sagte Oudarde, »die sogar einen Burgunder bis zu Thränen rühren könnte!«

»Ich wundere mich nicht mehr,« warf Gervaise ein, »daß die Furcht vor den Zigeunern Euch so sehr im Nacken sitzt!«

»Und Ihr habt um so besser daran gethan,« begann Oudarde wieder, »Euch mit Eurem Eustache sogleich aus dem Staube zu machen, da diese ja auch Zigeuner aus Polen sind.«

»O, nein,« sagte Gervaise, »man behauptet, daß sie aus Spanien und Catalonien kommen.«

»Catalonien? Es ist möglich,« entgegnete Oudarde. »Polonien, Catalonien, Wallonien – ich verwechsele immer jene drei Provinzen mit einander. Ausgemacht aber ist, daß sie bestimmt Zigeuner sind.«

»Und daß sie bestimmt Zähne haben,« fügte Gervaise hinzu, »die lang genug sind, um kleine Kinder zu fressen. Und es würde mich gar nicht Wunder nehmen, wenn die Esmeralda auch einmal welche äße, wiewohl sie einen so kleinen Mund macht. Ihre weiße Ziege treibt zu boshafte Streiche, als daß nicht etwas Freigeisterei dabei mit im Spiele wäre.« Mahiette ging stillschweigend weiter. Sie war in jene Träumerei versunken, die gewissermaßen die Fortspinnung einer leidenvollen Begebenheit bildet, und die erst dann aufhört, nachdem sich die aus ihr hervorgehende Erschütterung von Schwingung zu Schwingung bis zu den letzten Fibern des Herzens fortgepflanzt hat. Unterdessen richtete Gervaise die Frage an sie:

»Und hat man nicht erfahren können, was aus der Chantefleurie geworden ist?«

Mahiette antwortete nicht. Gervaise wiederholte ihre Frage, schüttelte sie am Arme und rief sie beim Namen. Mahiette schien aus ihren Gedanken zu erwachen.

»Was aus der Chantefleurie geworden ist?« sagte sie, indem sie mechanisch die Worte wiederholte, deren Einwirkung ganz neu für ihr Ohr war; dann bemühte sie sich, ihre Aufmerksamkeit auf den Sinn der Worte zu lenken: »Ach! man hat es niemals erfahren,« antwortete sie lebhaft. Nach einer Pause fuhr sie fort:

»Einige haben behauptet, sie hätten sie in der Dämmerung durch das Thor Fléchembault, andere wieder, sie hätten sie bei Tagesanbruch durch die alte Pforte Basée, die Stadt Reims verlassen sehen. Ein armer Mann hat ihr goldenes Kreuz gefunden, das an dem steinernen Kreuze, in der Anlage, wo der Markt abgehalten wird, aufgehängt war. Es ist das jenes Kleinod, welches sie im Jahre 61 zu Falle gebracht hatte. Es war ein Geschenk des schönen Vicomte von Cormontreuil, ihres ersten Geliebten. Paquette hatte sich niemals davon trennen wollen, so elend sie auch gewesen war! Sie hielt fest daran, wie an ihrem Leben. Als wir daher die Preisgabe dieses Kreuzes sahen, glaubten wir alle, daß sie todt sei. Jedoch traten Personen aus Cabaret-Les-Vautes auf, welche behaupteten, sie hätten sie, barfuß über die Kieselsteine hinschreitend, auf dem Wege nach Paris wegwandern sehen. Aber dann hätte sie durch das Vesle-Thor davonziehen müssen; und alle diese Behauptungen stimmen nicht überein. Oder, um es deutlicher zu sagen, ich freilich glaube, daß sie zum Vesle-Thore hinausgezogen, aber auch aus dieser Welt gegangen ist.«

»Ich verstehe Euch nicht,« sagte Gervaise.

»Die Vesle,« antwortete Mahiette mit einem schwermüthigen Lächeln, »das ist der Fluß.«

»Arme Chantefleurie!« sagte Oudarde schaudernd, »ertränkt!«

»Ertränkt!« wiederholte Mahiette, »und wer hätte es dem guten Vater Guybertaut wohl voraussagen können, als er unter der Tinqueux-Brücke, mit der Strömung, singend in seiner Barke dahinfuhr, daß eines Tages seine liebe kleine Paquette auch unter dieser Brücke da vorbeikommen würde, aber ohne Gesang und ohne Fahrzeug.«

»Und der kleine Schuh?« fragte Gervaise.

»Verschwunden mit der Mutter,« antwortete Mahiette.

»Armer, kleiner Schuh!« sagte Oudarde.

Oudarde, eine wohlbeleibte, empfindsame Frau, würde es sehr wohl zufrieden gewesen sein, in Gesellschaft mit Mahietten zu Kammern. Aber Gervaise, viel neugieriger als sie, war mit ihren Fragen nicht zu Ende. »Und das Ungethüm?« sagte sie plötzlich zu Mahiette.

»Welches Ungethüm?« fragte diese.

»Das kleine Zigeunerungethüm, das von den Zauberinnen als Ersatz für ihre Tochter bei der Chantefleurie zurückgelassen worden war. Was habt Ihr damit angefangen? Ich hoffe doch, daß Ihr es gleichfalls ertränkt habt.«

»O, nein!« antwortete Mahiette.

»Wie? dann verbrannt? In der That, das ist richtiger. Ein Hexenkind!«

»Weder das eine, noch das andere, Gervaise. Der Herr Erzbischof nahm Antheil an dem Zigeunerknaben, hat ihn beschworen, geweiht, ihm den Teufel ganz gründlich aus dem Leibe getrieben und nach Paris geschickt, damit er auf dem hölzernen Bette in Notre-Dame als Findelkind ausgesetzt würde.«

»Diese Bischöfe!« sagte Gervaise murrend, »weil sie erfahren sind, thun sie nichts so, wie andere Leute. Ich bitte Euch aber, Oudarde, den Teufel unter die Findelkinder zu legen! Denn ganz gewiß war dieses kleine Ungeheuer doch der Teufel. Nun aber, Mahiette, was in aller Welt hat man in Paris damit angefangen? Ich glaube doch, daß keine menschenfreundliche Person etwas davon hat wissen wollen.«

»Ich weiß es nicht,« antwortete die Reimserin; »gerade zu jener Zeit geschah es, daß mein Gatte die Gerichtsschreiberei in Bern kaufte, zwei Meilen von der Stadt, und wir haben uns nicht mehr um diese Geschichte gekümmert; außerdem liegen vor Bern die beiden Hügel von Cernay, die schuld sind, daß man die Kathedralthürme von Reims aus den Augen verliert.«

Unter diesen fesselnden Gesprächen waren die drei würdigen Bürgerfrauen auf dem Grèveplatze angekommen. Bei ihrem Interesse für Mahiettens Erzählung waren sie, ohne zu verweilen, vor dem öffentlichen Gebetbuche am Rolandsthurme vorbeigegangen und richteten ihre Schritte unwillkürlich nach dem Pranger hin, um welchen die Menschenmenge in jedem Augenblicke wuchs. Wahrscheinlich hätte das Schauspiel, welches hier soeben die Blicke aller auf sich zog, sie vollständig das Rattenloch und die Rast, die sie hier zu machen beschlossen hatten, vergessen lassen, wenn der große sechsjährige Eustache, den Mahiette an der Hand hinter sich herzog, ihnen nicht plötzlich das Ziel ihrer Wanderung ins Gedächtnis zurückgerufen hätte. »Mutter,« sagte er, als ob irgend ein Gefühl ihm sagte, daß das Rattenloch hinter ihm läge, »kann ich jetzt den Kuchen essen?«

Wenn Eustache pfiffiger, das heißt nicht so gefräßig gewesen wäre, so würde er noch gewartet haben, und erst nach der Heimkehr in das Universitätsviertel, in die Wohnung beim Meister Andry Musnier in der Straße Madame-la-Valence, wenn die zwei Seinearme und die fünf Brücken der Altstadt sich zwischen dem Rattenloche und dem Kuchen befunden hätten, die schüchterne Frage gewagt haben: »Mutter, darf ich jetzt den Kuchen essen?«

Diese Frage aber erregte im Augenblicke, wo Eustache sie unklugerweise that, die Aufmerksamkeit Mahiettens.

»Mein Gott!« rief sie, »wir vergessen ja die Büßerin! Zeigt mir doch Euer Rattenloch, damit ich ihr den Kuchen bringe.«

»Gleich,« sagte Oudarde, »das ist ein Werk der Barmherzigkeit.«

Das war aber ein Strich durch die Rechnung von Eustache.

»Halt, das ist mein Kuchen!« sagte er, während er abwechselnd bald rechts bald links die Ohren mit den Schultern in Berührung brachte, was in solchen Fällen als Zeichen höchster Unzufriedenheit gilt.

Die drei Frauen lenkten ihre Schritte zurück, und als sie am Gebäude des Rolandsthurmes angekommen waren, sagte Oudarde zu den beiden andern:

»Wir dürfen nicht alle drei auf einmal in das Loch blicken, wenn wir die Nonne nicht in Zorn versetzen wollen. Thut ihr zwei so, als ob ihr scheinbar das »Dominus« 128 im Gebetbuche läset, währenddem ich die Nase in die Luke stecken will; die Nonne kennt mich ein wenig. Ich will euch dann benachrichtigen, wenn ihr kommen dürft.«

Sie trat allein an die Luke heran. In dem Augenblicke, wo ihr Blick hineinfiel, malte sich ein tiefes Mitleid auf allen ihren Zügen aus, und ihre fröhlichen und offenen Gesichtszüge änderten so plötzlich Ausdruck und Farbe, als ob sie aus dem Licht der Sonne in das des Mondes getreten wäre; ihr Auge wurde feucht, ihr Mund zog sich zusammen, wie wenn man weinen will. Gleich darauf legte sie einen Finger an die Lippen und gab Mahietten ein Zeichen zu kommen und zu sehen.

Mahiette kam gerührt, schweigend und auf den Fußzehen herbei, als ob sie sich dem Lager eines Sterbenden nähere.

Es war in der That ein trauriger Anblick, der sich hier den Augen der beiden Frauen bot, als sie starr und athemlos durch die vergitterte Luke des Rattenloches sahen.

Die Zelle war eng, mehr breit, als tief, gothisch gewölbt, und ihr inneres Aussehen glich so ziemlich der Höhlung einer großen Bischofsmütze. Auf der nackten Steinplatte, welche den Fußboden des Loches bildete, saß oder kauerte vielmehr in einem Winkel ein Weib. Ihr Kinn ruhte auf den Knieen, welche die kreuzweis verschlungenen Arme fest gegen die Brust preßten. So in sich versunken, mit einem braunen Sacke bekleidet, der sie ganz in seine weiten Falten hüllte, die langen, grauen haare nach vorn übergeschlagen, so daß sie über ihr Antlitz weg an den Beinen entlang bis auf die Füße herabfielen, zeigte sie sich auf den ersten Blick nur als eine sonderbare, auf dem dunkeln Boden der Zelle hingesunkene Gestalt, als eine Art schwärzlichen Dreiecks, das der Strahl des durchs Fenster schimmernden Tages genau in zwei Abstufungen, eine dunkle und eine helle, theilte. Es war eine jener halb dunkeln, halb lichten Erscheinungen, wie man sie in Träumen und auf dem wunderlichen Werke Goyas sieht: bleich, starr, finster, auf ein Grab gekauert, oder an das Gitter eines Gefängnisses gelehnt. Es war weder ein Weib, noch ein Mann, weder ein lebendes Wesen, noch eine feste Gestalt: es war eine Figur, eine Art Traumbild, in dem sich Wirklichkeit und Einbildung wie Dunkel und Licht begegneten. Kaum erkannte man unter ihren, bis zur Erde herabhängenden Haaren ein abgemagertes, strenges Antlitz; kaum ließ ihr Gewand die Spitze eines nackten Fußes hervortreten, der sich auf dem harten und eisigen Boden zusammenkrampfte. Das Wenige von Menschengestalt, das man unter dieser Trauerhülle erblickte, machte schaudern.

Diese Gestalt, von der man hätte glauben mögen, daß sie an den Boden gefesselt wäre, schien weder Bewegung, noch Denkvermögen, noch Athem zu haben. In ihrem dünnen Leinwandsacke, im Januar, fast nackt auf einem Granitpflaster liegend, ohne Feuer, in der Nacht eines Kerkers, dessen schräges Luftloch von draußen nur dem Nordwinde und niemals der Sonne Zugang gestattete, schien sie nicht zu leiden, überhaupt nichts zu empfinden. Man hätte meinen sollen, sie wäre zu Stein mit dem Kerker, zu Eise mit der Jahreszeit geworden. Ihre Hände waren verschlungen, ihre Augen starr. Im ersten Augenblicke hielt man sie für ein Gespenst, beim zweiten für eine Bildsäule. Zeitweilig jedoch öffneten sich ihre blauen Lippen zu einem Athemzuge und bebten, aber so todt und so maschinenmäßig wie Blätter, die im Winde sich bewegen.

Manchmal zuckte aus ihren finstern Augen ein Blick, ein unaussprechlicher Blick, ein tiefer, trauriger, unerschütterlicher Blick, der, was man von draußen nicht wahrnehmen konnte, beständig auf einen Winkel der Zelle geheftet war, – ein Blick, der alle düstern Gedanken dieser leidenden Seele an irgend einen geheimnisvollen Gegenstand zu fesseln schien. Das war also das Wesen, welches nach seiner Behausung den Namen »Klausnerin«, nach seinem Gewande den Namen »Büßernonne« erhalten hatte.

Die drei Frauen – denn Gervaise war gleichfalls zu Mahietten und Oudarden getreten – sahen durch die Luke. Ihre Köpfe hemmten die schwache Beleuchtung des Kerkers, ohne daß die Unglückliche, die sie darum brachten, ihnen – so schien es – Beachtung schenkte. »Wir wollen sie nicht stören,« sagte Oudarde mit leiser Stimme, »sie ist in ihrer Verzückung: sie betet.«

Währenddem betrachtete Mahiette mit immer zunehmender Aengstlichkeit diesen blassen, entstellten, zerzausten Kopf, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. »Das würde doch sehr merkwürdig sein,« murmelte sie.

Sie steckte ihren Kopf durch die Gitterstäbe des Luftloches, und es gelang ihr, den Blick bis in den Winkel dringen zu lassen, wohin das Auge der Unglücklichen unveränderlich gerichtet war.

Als sie ihren Kopf aus der Luke herauszog, war ihr Gesicht von Thränen naß. »Wie nennt Ihr diese Frau?« fragte sie Oudarden.

Oudarde antwortete:

»Wir nennen sie Schwester Gudule.«

»Und ich,« entgegnete Mahiette, »ich nenne sie Paquette La-Chantefleurie.«

Dann legte sie den Finger auf den Mund und machte der erstaunten Oudarde ein Zeichen, auch ihren Kopf in das Fenster zu stecken und hineinzublicken.

Oudarde blickte hinein und sah in dem Winkel, in welchem der Blick der Klausnerin mit düsterer Verzückung haftete, einen kleinen Schuh von rosafarbenem Seidenstoffe und mit zahllosen Gold- und Silberlitzen gestickt. Nach Oudarden blickte Gervaise hinein; und dann, nachdem sie die unglückliche Mutter gesehen, begannen die drei Frauen bitterlich zu weinen.

Weder ihre Blicke, noch ihre Thränen hatten indessen die Klausnerin gestört. Ihre Hände blieben verschlungen, ihre Lippen stumm, ihre Augen starr; und wer ihre Geschichte kannte, dem zerriß der Blick, mit dem sie den kleinen Schuh betrachtete, das Herz in der Brust.

Die drei Frauen hatten noch kein Wort hervorgebracht; sie wagten nicht zu sprechen, nicht einmal mit leiser Stimme. Dieses tiefe Schweigen, dieser tiefe Schmerz, das völlige Vergessen, in welchem, einen einzigen Gegenstand ausgenommen, alles hingeschwunden war, machte auf sie den Eindruck wie ein Hochaltar am Oster- oder Weihnachtsfeste. Sie verstummten, sie sammelten sich in Andacht, sie waren bereit, auf die Knien niederzusinken. Es kam ihnen vor, als ob sie an einem Charwochentage in die Kirche eingetreten wären.

Zuletzt versuchte Gervaise, die neugierigste und folglich die am wenigsten gefühlvolle von den dreien, die Klausnerin zum Reden zu bewegen. »Schwester,« sagte sie, »Schwester Gudule!«

Sie wiederholte diesen Zuruf bis zu drei Malen und steigerte bei jedem Male ihre Stimme. Die Klausnerin rührte sich nicht: nicht ein Wort, kein Blick, kein Seufzer, kein Lebenszeichen.

Oudarde begann nun mit sanfterer, schmeichelnder Stimme: »Schwester!« rief sie, »heilige Schwester Gudule!«

Immer dasselbe Schweigen, dieselbe Regungslosigkeit.

»Eine sonderbare Frau!« rief Gervaise; »die würde von keiner Donnerbüchse beunruhigt werden!«

»Sie ist vielleicht taub,« sprach Oudarde.

»Möglicherweise blind,« fiel Gervaise ein.

»Vielleicht gar todt,« versetzte Mahiette.

Wenn die Seele wirklich diesen bewegungslosen, gefühllosen, starren Leib noch nicht verlassen, so hatte sie sich wenigstens in Tiefen zurückgezogen und verborgen, wohin die Wahrnehmungen der äußern Sinnesorgane nicht mehr zu dringen vermochten.

»Wir werden also,« sagte Oudarde, »den Kuchen an der Luke zurücklassen müssen; da wird ihn irgend ein Bursche wegnehmen. Was thun, um sie zu wecken?«

Eustache, der bis jetzt seine Aufmerksamkeit auf einen kleinen Wagen gerichtet hatte, den ein großer Hund zog, und der soeben vorübergefahren war, bemerkte auf einmal, daß seine drei Begleiterinnen etwas in der Luke betrachteten. Die Neugierde ergriff nun ihn; er stieg auf einen Eckstein, richtete sich auf den Fußzehen in die Höhe, steckte sein dickes, rothbackiges Gesicht in die Oeffnung und rief: »Mutter, sieh einmal, was ich sehe!«

Bei dieser hellen, frischen, lauten Kinderstimme schrak die Klausnerin zusammen. Sie wandte den Kopf mit der kurzen und raschen Bewegung einer stählernen Sprungfeder zur Seite, ihre beiden langen, knöchernen Hände begannen die Haare aus der Stirn zu streichen, und sie heftete Blicke voll Erstaunen, Bitterkeit und Verzweiflung auf den Knaben. Dieser Blick war nur ein Aufblitzen.

»O mein Gott!« schrie sie plötzlich, während sie ihr Haupt zwischen den Knien verbarg, und es schien, als ob die rauhe Stimme dabei ihre Brust zerriß, »zeiget mir wenigstens nicht diejenigen anderer Leute!«

»Guten Tag, Madame,« sagte der Knabe ernsthaft.

Diese Erschütterung aber hatte die Klausnerin gleichsam aufgerüttelt. Ein langer Schauder schüttelte den ganzen Körper vom Kopf bis zu den Füßen; ihre Zähne klapperten, sie richtete den Kopf halb auf und sagte, während sie die Ellbogen an die Hüften preßte und die Füße, als ob sie diese erwärmen wollte, in die Hände nahm:

»O! die entsetzliche Kälte!«

»Armes Weib!« sprach Oudarde voll tiefen Mitleids, »wünscht Ihr ein wenig Feuer?«

Sie schüttelte den Kopf zum Zeichen der Verneinung.

»Nun gut,« fuhr Oudarde fort und hielt ihr ein Fläschchen hin, »da ist Gewürzwein, der wird Euch erwärmen: trinket.«

Sie schüttelte von neuem den Kopf, sah Oudarden starr an und antwortete: »Wasser.«

Oudarde wurde dringend. »Nein, Schwester, das ist kein Getränk jetzt für den Januar. Ihr müßt ein wenig Würzwein trinken und diesen Maishefenkuchen essen, den wir für Euch gebacken haben.«

Sie stieß den Kuchen, den ihr Mahiette hinreichte, zurück und sagte: »Schwarzbrot.«

»Wohlan,« sprach Gervaise, die jetzt auch vom Mitleiden ergriffen wurde und ihren wollenen Rock auszog, »hier ist ein etwas wärmerer Ueberrock, als der Eure. Legt ihn um Eure Schultern.«

Sie wies den Ueberrock ebenso zurück, wie die Flasche und den Kuchen, und antwortete: »Einen Sack.«

»Aber Ihr müßt doch wenigstens wohl merken,« begann die gutmüthige Oudarde wieder, »daß heute ein Festtag war.«

»Ich merke es,« sagte die Klausnerin, »seit zwei Tagen habe ich kein Wasser in meinem Kruge.« Nach einer Pause fuhr sie fort: »Es ist Fest; man vergißt mich. Man thut wohl daran. Warum sollte die Welt an mich denken, da ich nicht an sie denke. Verlischt die Kohle, erkaltet die Asche.«

Und gleichsam wie ermüdet davon, so viel gesprochen zu haben, ließ sie ihr Haupt wieder auf die Knien sinken. Die schlichte und mitleidige Oudarde, welche aus ihren letzten Worten zu entnehmen glaubte, daß sie sich noch über die Kälte beklagte, antwortete ihr treuherzig: »Nun, wünscht Ihr ein wenig Feuer?«

»Feuer!« sagte die Nonne mit einem seltsamen Tone; »und wollt Ihr auch ein wenig für die arme Kleine bringen, die seit fünfzehn Jahren unter der Erde ist?«

Alle ihre Gliedmaßen zitterten, ihre Stimme bebte, ihre Augen funkelten, sie hatte sich auf den Knien emporgerichtet; plötzlich streckte sie ihre bleiche, magere Hand nach dem Knaben aus, der sie mit erstauntem Blicke maß. »Bringet dieses Kind fort!« schrie sie. »Die Zigeunerin wird gleich vorbeikommen.«

Dann fiel sie mit dem Gesichte zur Erde; und ihre Stirn schlug mit einem Geräusche auf die Steinplatte auf, wie wenn ein Stein gegen den andern trifft. Die drei Frauen hielten sie für todt. Einen Augenblick nachher jedoch bewegte sie sich, und sie sahen, wie sie sich auf ihren Knien und ihren Ellbogen bis zu dem Winkel schleppte, in dem der kleine Schuh sich befand. Da wagten sie nicht hinzublicken; sie sahen sie nicht mehr, aber sie hörten zahllose Küsse und zahllose Seufzer, von herzzerreißendem Geschrei und von dumpfen Schlägen unterbrochen, wie die sind, wenn ein Kopf gegen die Wand stößt; dann, nach einem dieser Schläge, der so heftig war, daß sie alle drei sich darüber entsetzten, hörten sie nichts mehr.

»Sollte sie sich getödtet haben?« sagte Gervaise und wagte sich, den Kopf in das Luftloch zu stecken. »Schwester! Schwester Gudule!«

»Schwester Gudule!« wiederholte Oudarde.

»O, mein Gott! sie rührt sich nicht mehr!« versetzte Gervaise; »ist sie denn todt? Gudule! Gudule!«

Mahiette, die so außer sich war, daß sie kein Wort hervorbringen konnte, bemühte sich gleichfalls. »Wartet,« sagte sie; dann beugte sie sich nach der Luke hin. »Paquette!« rief sie, »Paquette La-Chantesteurie!«

Ein Kind, das arglos den schlecht brennenden Zünder einer Petarde anbläst, und sich dieselbe ins Gesicht explodiren macht, kann nicht mehr entsetzt sein, als es Mahiette bei der Wirkung dieses Namens war, nachdem sie ihn plötzlich in die Zelle von Schwester Gudule hineingerufen hatte.

Die Klausnerin bebte am ganzen Körper, richtete sich auf ihren nackten Füßen in die Höhe und sprang mit so flammenden Augen an die Luke, daß Mahiette und Oudarde und die andere Frau mit dem Knaben bis an die Brustmauer des Flußdammes zurücksprangen.

Währenddem zeigte sich das schreckliche Gesicht der Klausnerin an das Gitter der Luke gepreßt. »Ach! ach!« schrie sie mit entsetzlichem Gelächter, »das ist die Zigeunerin, die mich ruft.«

In diesem Augenblicke fesselte eine Scene, welche sich am Pranger zutrug, den wilden Blick der Klausnerin. Ihre Stirn runzelte sich vor Abscheu; sie streckte die beiden skelettdürren Arme aus ihrer Zelle heraus und schrie mit einer Stimme, die derjenigen der Rohrdommel glich: »Du bist es also wieder, Tochter Aegyptens! Du bist es, die mich ruft, Kinderräuberin! Nun denn: Verflucht seist du! Verflucht! Verflucht! Verflucht!«

  1. [ Lateinisch: Nicht in gleichen Schritten. Anm. d. Uebers.]
  2. [Der Presbyter Johannes, Korkhan, wird im Mittelalter als christlicher Fürst in Asien genannt. Anm. d. Uebers.]
  3. [Das im Deutschen nicht wiederzugebende Wortspiel liegt in: Paquette (Maßliebchen) und Pâquerette (Tausendschön). Anm. d. Uebers.]
  4. [In Frankreich wurde in älterer Zeit nach zweierlei Münzfuße gerechnet: demjenigen von Paris und dem von Tours. Nach dem Pariser galt der Livre (alte Frank) 25 Sols (Sous), nach der Toursschen 20 Sols. Anm. d. Uebers.]
  5. [Lateinisch: »Herr« (Anfang eines Gebetes). Anm. d. Uebers.]

4. Eine Thräne für einen Tropfen Wasser.

Diese Worte waren gleichsam der Vereinigungspunkt von zwei Scenen, die sich bis dahin neben einander, in demselben Augenblicke, jede aber auf ihrem besonderen Schauplätze abgespielt hatten: die eine, wie man soeben gelesen hat, im Rattenloche, die andere, wie der Leser erfahren soll, auf der Leiter des Prangers. Die erste hatte nur die drei Frauen zu Zeugen gehabt, mit denen der Leser soeben Bekanntschaft gemacht hat; die zweite hatte als Zuschauer das ganze Publikum gehabt, das wir weiter oben, auf dem Grèveplatze, um den Pranger und Galgen sich ansammeln gesehen haben.

Diese Volksmenge, der die vier Gerichtsdiener, welche seit neun Uhr morgens an den vier Ecken des Prangers postirt waren, Hoffnung auf eine mittelmäßige Rechtsvollstreckung, nicht etwa auf eine Aufknüpfung, sondern nur auf eine Auspeitschung, auf ein Ohrenabschneiden, kurzum: auf etwas, erweckt hatten, – diese Menge war so schnell angewachsen, daß die vier Gerichtsdiener, die allzusehr bedrängt wurden, mehr als einmal in die Notwendigkeit versetzt wurden, sie mit tüchtigen Ruthentziehen und durch Ausschlagenlassen der Pferde mit dem Hintertheile »zusammenzuschnüren«, wie man sich damals ausdrückte. Diese Volksmenge, die bei öffentlichen Rechtsvollstreckungen ans Warten gewöhnt war, zeigte nicht allzuviel Ungeduld. Sie unterhielt sich damit, den Pranger zu betrachten: eine Art sehr einfachen Bauwerkes, das aus einem gemauerten, inwendig hohlen Würfel von etwa zehn Fuß Höhe bestand. Ein sehr roher Stufenaufgang aus unbehauenem Steine, den man vorzugsweise »die Schandleiter« nannte, führte auf die höher gelegene Plattform, auf welcher man ein Rad aus hartem Eichenholze in wagerechter Lage bemerkte. Man band den armen Sünder kniend und mit den Armen auf dem Rücken auf dieses Rad. Eine hölzerne Stange, die eine im Innern des kleinen Baues verborgene Winde in Bewegung setzte, gab dem Rade, das immer in horizontaler Lage blieb, eine drehende Bewegung, und zeigte auf diese Weise das Gesicht des Verurteilten nach und nach allen Punkten des Platzes. Dies Verfahren nannte man »einen Missethäter drehen«.

Wie man sieht, war der Pranger auf dem Grèveplatze weit davon entfernt, alle die Ergötzlichkeiten desjenigen an den Hallen zu bieten. Da war nichts Architektonisches, nichts Denkmalartiges zu entdecken. Kein eisernes Kreuzdach, kein achteckiges Thürmchen, keine zarten Säulchen, welche am Dachrande in laub- und blumengeschmückte Kapitäle ausliefen, keine chimärisch und ungeheuerlich geformten Dachrinnen, keine geschnitzte Holzarbeit, keine geschmackvolle und gründlich in Stein gearbeitete Bildhauerarbeit – nichts von alledem war zu finden.

Man mußte sich mit diesen vier Bruchsteinflächen nebst zwei Sandsteinmauern und einem häßlichen, dürren, schmucklosen Steingalgen daneben, zufriedenstellen. Für Liebhaber der gothischen Baukunst wäre das Vergnügen gering gewesen. Wahr ist, daß nichts weniger begierig auf Baudenkmäler war, als die biedern Maulaffen des Mittelalters, und daß sie sich über die Schönheit eines Prangers nur wenig graue Haare wachsen ließen.

Der arme Sünder kam endlich, auf das Hintertheil eines Karrens gebunden, an, und als er auf die Plattform hinaufgezogen war, als man ihn von allen Punkten des Platzes mit Stricken und Riemen auf das Rad des Prangers gebunden sehen konnte, erscholl ein ungeheures Hohngeschrei, mit Gelächter und Beifallklatschen vermischt, vom Platze her. Man hatte Quasimodo erkannt.

Er war es in der That. Der Glückswechsel war seltsam. An dieser nämlichen Stelle stand er am Pranger, wo man ihm den Abend vorher als Papst und Fürsten der Narren, in Begleitung des Herzogs von Aegypten, des Königs von Thunes und des Kaisers von Galiläa, zugejauchzt, ihn ausgerufen und begrüßt hatte. Ganz gewiß gab es in der Menge nicht eine Seele, selbst ihn nicht, der vorher den Triumphirenden und nun den armen Sünder vorstellte, mit eingerechnet, welche sich in Gedanken dieses Zusammentreffen ordentlich deutlich machte. Gringoire und seine Lebensweisheit fehlten bei diesem Schauspiele Alsbald ließ Michel Noiret, der vereidete Trompeter des Königs, unseres gnädigen Herrn, dem Volke Schweigen gebieten, und rief das Urtheil, der Verfügung und dem Befehle des Herrn Oberrichters gemäß, aus. Danach stellte er sich mit seinen Leuten, die in Uniformen gekleidet waren, hinter dem Karren auf.

Quasimodo in seiner Gleichgiltigkeit verzog keine Miene. Jeder Widerstand war ihm durch das unmöglich gemacht worden, was man damals, im Stile der Criminalkanzlei »die Stärke und Festigkeit der Fesseln« nannte, was da sagen will, daß die Riemen und Ketten ihm wahrscheinlich ins Fleisch einschnitten. Uebrigens ist das eine Ueberlieferung von Kerker, und Galeere her, die sich nicht verloren hat, und welche die Handschellen genau noch unter uns, dem civilisirten, sanften und menschlichen Volke, bewahren, – Bagno und Guillotine natürlich nicht zu vergessen.

Er hatte sich führen und stoßen, tragen und setzen, binden und freimachen lassen. Man konnte aus seinem Gesichte nichts herauslesen, als das Staunen eines Wilden oder eines Blödsinnigen. Man wußte, er war taub; man hätte ihn auch blind nennen können.

Man setzte ihn in knieender Stellung auf das kreisförmige Brett: er ließ es geschehen. Man zog ihm Hemd und Wamms bis zum Gürtel aus: er ließ sie machen. Man schnürte ihn in ein neues System von Riemen und Fesseln: er ließ sie schnallen und schnüren. Von Zeit zu Zeit nur schnaufte er laut wie ein Kalb, dessen Kopf auf dem Rande des Fleischerkarrens hängt und baumelt.

»Der Tölpel,« sagte Johann Frollo-du-Moulin zu seinem Freunde Robin Poussepain (denn die zwei Studenten waren, wie sich das versteht, dem armen Sünder gefolgt), »er begreift nicht mehr, als ein Maikäfer, der in eine Schachtel gesperrt ist!«

Ein tolles Gelächter entstand bei der Menge, als man seinen nackten Buckel, die Kameelsbrust, seine schwieligen und haarigen Schultern erblickte. Während dieser allgemeinen Heiterkeit stieg ein Mann in der Stadtuniform, von untersetztem Wuchse und robustem Aussehen, auf die Plattform und nahm neben dem armen Sünder Platz. Sein Name machte schnell die Runde im Zuschauerkreise. Es war Meister Pierrat Torterue, der vereidete Foltermeister beim Châtelet.

Zuerst stellte er auf eine Ecke des Prangers eine schwarze Sanduhr, deren obere Kapsel mit rothem Sande gefüllt war, welchen diese in den unteren Behälter laufen ließ; hierauf zog er seinen halbtheiligen Ueberrock aus, und man sah ihn mit der Rechten eine kleine Peitsche ergreifen, die mit langen, weißen, glänzenden, knotigen, geflochtenen und mit Metallhaken besetzten Riemen versehen war. Mit der linken Hand faltete er nachlässig das Hemd um den rechten Arm bis zur Achsel in die Höhe.

Währenddem rief Johann Frollo, der seinen blonden Lockenkopf über die Menge hob (er war zu diesem Zwecke auf die Schultern Robin Poussepains gestiegen): »Kommt und sehet, ihr Herren und Damen! schauet, wie man den Glöckner meines Bruders, des Herrn Archidiaconus von Josas, den Meister Quasimodo, diesen närrischen Kauz von abenteuerlichem Gestelle mit einem Buckel wie ein Thurmdach, und mit Beinen wie verdrehte Säulen, ein- für allemal auspeitschen wird!«

Der Haufe brach in Gelächter aus, vornehmlich die Kinder und jungen Mädchen.

Endlich pochte der Foltermeister mit dem Fuße auf. Das Rad begann sich zu drehen. Quasimodo schwankte in seinen Fesseln. Die Bestürzung, die sich plötzlich in seinem häßlichen Gesichte malte, verursachte, daß das Gelächter ringsumher sich verdoppelte. Plötzlich, im Augenblicke, wo das Rad in seiner Umdrehung dem Meister Pierrat Quasimodo’s hügligen Rücken zeigte, hob Meister Pierrat den Arm; die seinen Riemenschnuren pfiffen scharf, wie ein Bündel Nattern durch die Luft, und fielen wüthend auf die Schultern des Unglücklichen nieder.

Quasimodo fuhr in sich zusammen, als ob er plötzlich aus dem Schlafe erwachte. Jetzt begriff er. Er wand sich in seinen Fesseln; ein heftiges Zucken, aus Ueberraschung und Schmerz gemischt, durchwühlte die Muskeln seines Gesichtes, aber er stieß nicht einmal einen Seufzer aus. Nur den Kopf wandte er hinterwärts, erst zur Rechten, dann zur Linken, wiegte ihn dann hin und her, wie ein Stier thut, der von einer Bremse in die Flanke gestochen wird.

Ein zweiter Hieb folgte dem ersten, dann ein dritter, dann ein neuer, dann wieder einer, und so fort. Das Rad drehte sich in einem fort, und es regnete Hiebe. Bald spritzte das Blut hervor, man sah es aus zahllosen Striemen über die schwarzen Schultern des Buckligen rieseln, und die dünnen Riemen spritzten es, bei ihrem Sausen durch die Luft, in Tropfen auf die Menge.

Quasimodo hatte, so schien es wenigstens, seine ursprüngliche Gleichgültigkeit wiedergefunden. Er hatte anfangs im Stillen und ohne großen, sichtbaren Kraftaufwand seine Fesseln zu zerreißen versucht. Man hatte gesehen, wie sein Auge flammte, seine Muskeln sich spannten, die Glieder sich zusammenzogen, und die Riemen und Ketten sich ausdehnten. Die Anstrengung war gewaltig, ungeheuer, verzweifelt; aber die erprobten Folterinstrumente des Gerichtsamtes widerstanden. Sie krachten, und dabei blieb es. Quasimodo sank erschöpft zusammen. Auf seinen Zügen machte die Betäubung einem Gefühle der Bitterkeit und tiefer Entmuthigung Platz. Er schloß sein einziges Auge, ließ seinen Kopf auf die Brust sinken und erschien wie todt. Von nun an rührte er sich nicht mehr. Nichts vermochte ihm eine Bewegung abzunöthigen. Weder das Blut, das unaufhörlich floß, noch die Hiebe, deren Wuth sich verdoppelte, noch der Zorn des Foltermeisters, der sich selbst anfeuerte und in der Auspeitschung berauschte, noch das Sausen der schrecklichen Peitschenriemen, die immer schneidender wurden und zischender als Insektenflügel.

Endlich streckte ein Beamter vom Châtelet, der schwarzgekleidet und auf schwarzem Rosse seit dem Beginne der Execution neben der Leiter gehalten hatte, seinen Ebenholzstab nach der Sanduhr hin. Der Henker hielt inne. Das Rad stand still. Das Auge Ouasimodo’s öffnete sich langsam wieder.

Die Geißelung war zu Ende. Zwei Knechte des vereinten Foltermeisters wuschen die blutenden Schultern des Delinquenten, rieben sie mit irgend einer Salbe ein, die augenblicklich alle Wunden schloß, und warfen ihm eine Art braunes Tuch, das wie ein Meßgewand zugeschnitten war, über den Rücken. Währenddem ließ Pierrat Torterue die rothen, blutgetränkten Peitschenriemen auf den Boden abtropfen.

Noch war nicht alles für Quasimodo vorüber. Er mußte zum Schluß noch jene Stunde Prangerstehen abbüßen, welche Meister Florian Barbedienne so verständigerweise zu dem Urteilsspruche des Herrn Robert von Estoureville hinzugefügt hatte; – alles zum höchsten Ruhme des alten physiologischen und psychologischen Wortspieles von Johann von Cumenes: » Surdus absurdus«. 129

Man drehte also die Sanduhr um und ließ den Buckligen auf dem Rade gefesselt, damit doch ja der Gerechtigkeit völlig Genüge geleistet würde.

Das Volk, vornehmlich im Mittelalter, ist in der Gesellschaft das, was das Kind in der Familie ist. So lange es in diesem Zustande jugendlicher Unwissenheit, sittlicher und geistiger Unmündigkeit verharrt, kann man von ihm, wie vom Kinde sagen:

»Dieses Alter ist ohne Erbarmen.«

Wir haben schon früher gezeigt, daß Quasimodo allgemein verhaßt war, und zwar aus mehr als einem triftigen Grunde. In dieser Menschenmenge gab es wohl kaum einen Zuschauer, der nicht Veranlassung hätte oder zu haben glaubte, über den boshaften Buckligen von Notre-Dame Klage zu führen. Die Freude war allgemein gewesen, als man ihn am Pranger erscheinen sah; und die rohe Strafvollstreckung, die er soeben erlitten, wie die klägliche Lage, in der sie ihn gelassen hatte, weit davon entfernt den Pöbel zum Mitleid zu bewegen, hatte dessen Haß noch ingrimmiger gemacht, weil er mit dem Stachel der Schadenfreude bewaffnet war.

Als daher dem »beleidigten Gerechtigkeitsgefühle« der Menge, wie noch heutzutage die viereckigen Mützen 130 kauderwelschen, Genüge gethan war, kam die Reihe an die tausenderlei Privatracheakte. Hier, wie im Großen Saale, brachen besonders die Weiber los. Alle hatten einen Groll auf ihn: die einen wegen seiner Bosheit, die andern wegen seiner Häßlichkeit. Die letztern namentlich waren am wüthendsten«

»Oh! du Larve des Satans!« rief eine.

»Du Besenstielreiter!« schrie eine andere.

»Du Muster von jämmerlicher Fratze,« heulte eine dritte, »wer möchte dich zum Narrenpapste machen, wenn heute gestern wäre!«

»Das ist gut,« fuhr eine Alte fort. »Hier sehen wir die Grimasse des Prangers; wann die des Galgens?«

»Wann wirst du, mit deiner großen Glocke über den Ohren, hundert Fuß unter der Erde liegen, verfluchter Glöckner?«

»Das ist also dieser Teufel, der das Angelus 131 läutet!«

»Ach! der Taube! der Einguck! der Bucklige! das Unthier!«

»Seht das Gesicht, das eine Schwangere besser, als alle Arznei- und Apothekermittel zur Fehlgeburt bringen kann!«

Und die zwei Studenten Johann du Moulin und Robin Poussepain sangen aus vollem Halse den alten Volksrefrain:

Einen Strick
Für das Diebsgenick!
Und ein Birkenreis
Für den Affensteiß!

Tausend andere Beschimpfungen regnete es, und Hohngeschrei, Verwünschungen, Gelächter und Steinwürfe kamen von allen Orten.

Quasimodo war taub, aber er sah deutlich; und die Wuth des Pöbels war nicht weniger kräftig auf den Gesichtern, als in ihren Schimpfreden ausgedrückt. Uebrigens machten ihm die Steinwürfe das tolle Gelächter begreiflich.

Zuerst hielt er Stand. Aber nach und nach wankte diese Geduld, welche unter der Peitsche des Foltermeisters starr geblieben war, und gab allen diesen Insektenstichen Raum. Der Stier Asturiens, welcher von den Angriffen des Lanzenreiters kaum gereizt wird, geräth über die Hunde und Banderillos in Zorn.

Langsam warf er zuerst einen drohenden Blick auf die Menge. Aber geknebelt, wie er war, blieb sein Blick zu machtlos, um die Fliegen zu verjagen, die an seiner Wunde nagten. Dann schüttelte er sich in seinen Fesseln, und seine wüthenden Sprünge ließen das alte Prangerrad auf seinen Brettern krachen. Ueber allem dem nahmen die Spöttereien und das Hohngeschrei nur noch zu.

Nun wurde der Unglückliche, welcher die für ein wildes Thier bestimmte Fessel nicht brechen konnte, ruhig; nur manchmal hob ein ingrimmiger Seufzer alle Tiefen seiner Brust. Auf seinem Antlitze sah man weder Scham noch Zornesröthe. Er war dem Zustande der Gesellschaft zu sehr entfremdet und dem der Natur zu nahe, um zu wissen, was Scham bedeutet. Ist übrigens die Ehrlosigkeit auf dieser Stufe der Häßlichkeit noch ein merkbares Etwas? Der Zorn aber und der Haß und die Verzweiflung lagerten auf diesem häßlichen Gesichte nach und nach eine immer düsterere Wolke ab, die sich immer mehr mit Zündstoff füllte, welcher in zahllosen Blitzen aus dem Auge des Cyklopen zuckte.

Indessen hellte sich diese Wolke einen Augenblick auf, als ein Maulthier, welches einen Priester trug, herankam und die Menge theilte. Je weiter er diesen Maulesel und diesen Priester von sich entfernt sah, sänftigte sich das Angesicht des armen Teufels. Auf die Wuth, welche es zusammenzog, folgte ein seltsames Lächeln voll unaussprechlicher Milde, Sanftmuth und Zärtlichkeit. In dem Maße, wie der Priester sich näherte, desto offenherziger, deutlicher und strahlender wurde dieses Lächeln. Es war als ob der Unglückliche die Ankunft eines Erretters begrüßte. In dem Augenblicke jedoch, wo der Maulesel nahe genug beim Pranger war, so daß sein Reiter den Delinquenten erkennen konnte, senkte der Priester die Blicke, kehrte plötzlich um, gab dem Maulthiere beide Sporen, als ob er Eile gehabt hätte, sich von demüthigenden Forderungen, und vielleicht auch von Sorge zu befreien, von einem armen Teufel in solcher Stellung gegrüßt und erkannt zu werden.

Dieser Priester war der Archidiaconus Dom Claude Frollo.

Die Wolke senkte sich düsterer wieder auf die Stirne Quasimodo’s. Eine Zeit lang mischte sich noch ein Lächeln hinein; aber es war bitter, muthlos, unendlich traurig.

Die Zeit verfloß. Seit anderthalb Stunden wenigstens stand er nun, zerfleischt, mißhandelt, unaufhörlich verspottet und fast gesteinigt, da.

Plötzlich bewegte er sich von neuem in seinen Banden; und mit der Verdoppelung der Verzweiflung, vor der das ganze Gerüst zitterte, das ihn trug, schrie er, indem er das Schweigen brach, das er bis dahin hartnäckig beobachtet hatte, mit heiserer und wüthender Stimme, die mehr einem Gebelle, als einem Menschenrufe glich, und welche den Lärm des Hohngeschreies übertönte: »Zu trinken!«

Dieser Nothschrei, weit entfernt Mitleiden zu erregen, vergrößerte noch das Vergnügen des süßen Pariser Pöbels, der die Leiter umringte, und der, wie man sagen muß, damals kaum weniger grausam und weniger verthiert war, als jene Bettlerhorde, zu der wir den Leser schon geführt haben, und die ganz einfach die niedrigste Schicht des Volkes war. Nicht eine Stimme erhob sich rings um den außer um mit seinem Durste Spott zu treiben. Freilich war er in diesem Augenblicke wunderlicher und abstoßender noch, als Mitleid erregend mit seinem purpurroten und schweißtriefenden Gesichte, seinem irren Blicke, seinem vor Zorn und Leiden schäumenden Munde und der halb heraushängenden Zunge. Auch muß man sagen, daß, hätte sich in diesem Haufen irgend eine barmherzige und gute Bürger- oder Bürgerinnenseele gefunden, die in Versuchung gerathen wäre, diesem bedauernswerthen Geschöpfe in seiner Pein ein Glas Wasser zu bringen, daß, sage ich, an den verrufenen Stufen des Prangers ein solches Vorurtheil von Schimpf und Schande haftete, daß dieses genügt hätte, den barmherzigen Samariter zurückzutreiben.

Nach Verlauf einiger Minuten ließ Quasimodo seinen verzweifelten Blick über die Menge schweifen und wiederholte mit noch herzzerreißenderer Stimme: »Zu trinken!«

Alles brach in Lachen aus.

»Trink‘ das!« rief Robin Poussepain und warf ihm einen in der Gosse herangetriebenen Schwamm ins Gesicht. »Da, tauber Schurke, ich bin dein Schuldner.«

Ein Frauenzimmer warf ihm einen Stein an den Kopf:

»Das möge dich lehren, uns des Nachts mit deinem verwünschten Läuten zu stören.«

»Ach ja, Bursche!« heulte ein Gelähmter, der sich bemühte, ihn mit seiner Krücke zu erreichen, »willst du uns noch von der Höhe der Notre-Dame-Thürme behexen?«

»Da hast du einen Napf zum trinken!« begann jetzt ein Mann und warf ihm einen zerbrochenen Krug an die Brust. »Du bist die Ursache, daß meine Frau, an der du nur vorbeigegangen bist, ein Kind mit zwei Köpfen zur Welt gebracht hat!«

»Und meine Katze einen sechsbeinigen Kater!« kreischte eine Alte und warf einen Dachziegel nach ihm.

»Zu trinken!« wiederholte Quasimodo schnaufend zum dritten Male.

In diesem Augenblicke sah er, wie der Volkshaufen sich theilte. Ein junges, wunderlich gekleidetes Mädchen trat aus der Menge hervor. Sie war von einer kleinen weißen Ziege mit vergoldeten Hörnern begleitet und trug eine baskische Trommel in der Hand.

Quasimodo’s Auge funkelte. Das war die Zigeunerin, welche er in der vergangenen Nacht zu entführen versucht hatte: eine Beschimpfung, das fühlte er dunkel, für die man ihn jetzt in diesem Augenblicke züchtigte; was übrigens am allerwenigsten der Fall war, da er ja nur infolge des Unglücks, taub zu sein, und von einem Tauben verurtheilt worden zu sein, Strafe erlitten hatte. Er zweifelte nicht, daß sie nur kam, um sich auch zu rächen, und ihm ihren Schlag, wie alle andern, zu versetzen.

Er sah sie in der That eilig die Leiter heraufsteigen. Zorn und Aerger schnürten ihm die Kehle zu. Er hätte gewünscht, den Pranger zusammenbrechen lassen zu können; und wenn der Blitz seines Auges hätte zerschmettern können, so wäre die Zigeunerin, ehe sie auf der Plattform ankam, zu Staub zermalmt worden.

Sie näherte sich, ohne ein Wort zu verlieren, Quasimodo, der sich vergebens hin- und herwand, um ihr auszuweichen, machte eine Kürbisflasche von ihrem Gürtel los und setzte sie sachte an die trockenen Lippen des Unglücklichen. Da sah man aus diesem bisher so trockenen und glühenden Auge eine dicke Thräne rollen, welche langsam über das mißgestaltete und vor Verzweiflung verzerrte Gesicht herabfloß. Das war vielleicht die erste Thräne, welche der Unglückliche jemals vergossen hatte.

Dabei vergaß er zu trinken. Die Zigeunerin verzog ungeduldig ihren kleinen Mund und setzte lächelnd den Flaschenhals an Quasimodo’s zahnigen Mund. Er trank in langen Zügen. Sein Durst war brennend.

Als er geendet hatte, spitzte der Unglückliche seine schwarzen Lippen: jedenfalls, um die schöne Hand zu küssen, die ihm soeben Hilfe geleistet hatte. Aber das junge Mädchen, welches vielleicht nicht frei von Mißtrauen war, und sich des gewalttätigen Versuches von der Nacht her erinnerte, zog ihre Hand mit der erschrockenen Geberde eines Kindes zurück, welches von einem Thiere gebissen zu werden fürchtet.

Da heftete der arme Taube einen Blick voll Vorwurf und unsäglicher Traurigkeit auf sie.

Es war jedenfalls ein rührendes Schauspiel, dieses schöne, frische, reine, reizende und zugleich so schwache Mädchen zu sehen, wie es so mitleidig zum Beistande so großen Elends, so großer Häßlichkeit und Bosheit herbeigeeilt war. Auf einem Pranger war dies Schauspiel erhaben.

Die Menge selbst war davon ergriffen und fing unter den Rufen »Hurrah! Juchhe!« an in die Hände zu klatschen.

Gerade in diesem Augenblicke bemerkte die Klausnerin von der Luke ihres Loches aus die Zigeunerin auf dem Pranger und schleuderte ihr den gräßlichen Fluch zu: »Verflucht sei du, Tochter Aegyptens! Verflucht! Verflucht!«

  1. [ Lateinisch: Ein Tauber ist unsinnig.]
  2. [Gemeint sind die Richter, welche solche Mützen tragen. Anm. d. Uebers.]
  3. [ Lateinisch: »Der Engelsgruß«, Vespergebet an die heilige Jungfrau. Anm. d. Uebers.]

2. Peter Gringoire.

Die Genugthuung und die Bewunderung, welche sein Costüm überall hervorgerufen hatte, verschwanden jedoch während seiner Ansprache; und als er mit den unglücklichen Worten schloß: »Wir werden anfangen, sobald seine Hochwürden, der Herr Cardinal angekommen sein wird,« verschwand seine Stimme in einem donnernden Hohngeschrei.

»Fangt auf der Stelle an! Das Schauspiel! Auf der Stelle das Schauspiel!« schrie das Volk. Und über alle Stimmen hinweg hörte man diejenige des Johannes von Molendino, welche den Tumult durchdrang wie die Pfeife bei einer Katzenmusik in Nimes: »Sofort anfangen!« kreischte der Student.

»Nieder mit Jupiter und dem Cardinal von Bourbon!« schrien Robin Poussepain und die andern im Fensterkreuz hockenden Studiosen.

»Sofort die Aufführung!« wiederholte die Menge, »sofort, auf der Stelle! Galgen und Rad für die Schauspieler und den Cardinal!«

Der arme Jupiter, verwirrt, bestürzt und unter seiner Schminke erbleichend, ließ seinen Donnerstrahl niederfallen und nahm seinen Helm in die Hand; dann grüßte er zitternd und stotterte heraus: »Seine Eminenz … die Gesandten … Frau Margarethe von Flandern …« Er wußte nicht, was sagen. Er fürchtete auch, gehangen zu werden. Gehangen durch den Pöbel, wenn er zögerte, gehangen vom Cardinal, wenn er früher angefangen hätte. So sah er von zwei Seiten einen Abgrund, d. h. den Galgen. Glücklicherweise erschien jemand, um ihn aus der Verlegenheit zu ziehen und die Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen.

Ein Mensch, welcher sich diesseits des Geländers in dem rings um die Marmorplatte freigelassenen Raume befand, und den noch niemand bemerkt hatte, so vollständig war seine dürre, lange Figur für jedes Auge von dem Durchmesser der Säule, an welche er sich gelehnt hatte, verborgen worden, – dieser ziemlich große, magere, bleiche, blonde, trotz Falten an Stirn und Wangen noch junge Mann mit glänzenden Augen und lächelndem Munde, in schwarze, vom Alter abgenutzte und glänzende Sarsche gekleidet, näherte sich der Marmorplatte und gab dem armen Dulder ein Zeichen. Dieser aber, in seiner Bestürzung, sah ihn nicht.

Der Ankömmling trat einen Schritt näher.

»Jupiter! mein lieber Jupiter!« rief er.

Dieser hörte aber nichts.

Endlich schrie ihm der große Blonde ungeduldig geworden fast ins Gesicht:

»Michel Giborne!«

»Wer ruft mich?« sagte Jupiter erschrocken, wie aus dem Schlafe erwachend.

»Ich,« antwortete der Schwarzgekleidete.

»Ah!« sagte Jupiter.

»Fangt gleich an,« fuhr jener fort. »Stellt das Volk zufrieden; ich übernehme es, den Herrn Palastvogt zu beschwichtigen, der wieder den Herrn Cardinal beschwichtigen wird.«

Jupiter athmete auf.

»Meine Herren Bürger,« rief er mit aller Kraft seiner Lungen der Menge zu, welche fortfuhr, ihn zu verhöhnen, »wir wollen sogleich beginnen.«

» Evoe Jupiter! Plaudite cives13 schrien die Studenten.

»Juchhe! Juchhe!« schrie das Volk.

Ein betäubendes Händeklatschen begann, und Jupiter war schon hinter den Vorhang zurückgekehrt, als der Saal noch vom Beifallsgeschrei erzitterte.

Unterdessen war der Unbekannte, der auf so magische Weise »den Sturm in Stille« verwandelt hatte, wie unser alter, lieber Corneille sagt, bescheiden in das Halbdunkel seines Pfeilers zurückgekehrt, und würde dort unsichtbar, unbeweglich und stumm wie zuvor geblieben sein, wenn ihn von hier nicht zwei junge Frauenzimmer, die in der Vorderreihe der Zuschauer standen, und die sein Zwiegespräch mit Michel Giborne-Jupiter beobachtet hatten, weggelockt hätten.

»Meister,« sagte die eine von ihnen, die ihm mit der Hand ein Zeichen gab, heranzukommen …

»Schweiget doch, liebe Liénarde,« sagte ihre reizende, junge und in ihrem Sonntagsstaate stattlich geputzte Nachbarin; »das ist kein Gelehrter, sondern ein Laie; und Ihr dürft nicht Meister, 14 sondern müßt vielmehr Herr sprechen!«

»Herr,« sagte Liénarde.

Der Unbekannte trat an das Geländer.

»Was wünscht ihr von mir, liebe Fräulein?« fragte er eifrig.

»Oh! nichts,« sagte Liénarde ganz verwirrt, »meine Nachbarin Gisquette la Gencienne ist es, die Euch sprechen will.«

»Ganz und gar nicht,« versetzte Gisquette erröthend, »Liénarde hat Euch Meister gerufen, und ich sagte ihr, daß man Herr sagen müßte.«

Die beiden jungen Mädchen schlugen die Augen nieder. Jener der nichts angelegentlicher wünschte, als ein Gespräch anzuknüpfen, sah sie lächelnd an.

»Ihr habt mir also nichts zu sagen, werthe Fräulein?«

»Oh! ganz und gar nichts,« antwortete Gisquette.

»Nein, nichts,« sagte Liénarde.

Der große blonde junge Mann trat einen Schritt zurück; aber die beiden Neugierigen hatten nicht Lust, die Beute fahren zu lassen.

»Mein Herr,« sagte Gisquette lebhaft und mit dem Ungestüm einer sich öffnenden Schleuse oder eines Weibes, die einen Entschluß faßt, »Ihr kennt also den Soldaten, der die Rolle der heiligen Jungfrau im Schauspiele geben wird?«

»Ihr wollt sagen die Rolle Jupiters?« entgegnete der Unbekannte.

»Ei, ja!« sagte Liénarde, »die Thörichte! Ihr kennt also den Jupiter?«

»Michel Giborne?« antwortete der Unbekannte; »ja, werthes Fräulein.«

»Er hat einen prächtigen Bart!« sagte Liénarde.

»Wird das hübsch sein, was man da oben sprechen wird?« fragte schüchtern Gisquette.

»Sehr schön, mein Fräulein,« entgegnete der Unbekannte ohne das geringste Zaudern.

»Was wird es denn sein?« sagte Liénarde.

»Das gerechte Urtheil der heiligen Jungfrau, ein moralisches Stück, wenn’s beliebt, mein Fräulein.«

»Ah! das ist etwas andres!« versetzte Liénarde.

Ein kurzes Schweigen folgte. Der Unbekannte unterbrach es:

»Es ist ein ganz neues Stück, und noch gar nicht gegeben.«

»Es ist also nicht dasselbe,« versetzte Gisquette, »welches man vor zwei Jahren, beim Einzuge des Herrn päpstlichen Gesandten gegeben hat, und in welchem drei hübsche Mädchen Rollen gaben …«

»Sirenen,« sagte Liénarde.

»Und ganz nackt – « fügte der junge Mann hinzu.

Liénarde schlug verschämt die Augen nieder. Gisquette sah sie an und machte es ebenso. Er fuhr lächelnd fort:

»Das war sehr spaßhaft zu sehen. Das heutige Schauspiel ist expreß für das gnädige Fräulein von Flandern gemacht.«

»Wird man Liebeslieder singen?« fragte Gisquette.

»Pfui!« sagte der Unbekannte, »in einem moralischen Stücke? Man darf die Gattungen nicht verwechseln. Wenn es eine Posse wäre, allerdings!«

»Schade!« entgegnete Gisquette. »Damals gab es an der Fontaine von Ponceau wilde Männer und Frauen, welche mit einander kämpften, mehrere Gruppen aufführten und kleine Arien und Liebeslieder sangen.«

»Was für einen päpstlichen Gesandten paßt,« sagte ziemlich trocken der Unbekannte, »Paßt nicht für eine Prinzessin.«

»Und neben ihnen,« fuhr Liénarde fort, »spielten mehrere dumpfe Instrumente prächtige Melodien.«

»Und zur Erfrischung der Vorübergehenden,« fuhr Gisquette fort, »spie die Fontaine aus drei Mündungen Wein, Milch und Gewürzwein aus, wovon trank wer wollte.«

»Und ein wenig unterhalb Ponceau, bei der Trinité,« sagte Liénarde, »gab es ein Stück aus der Leidensgeschichte Christi, von stummen Personen aufgeführt.«

»Ja, ich erinnere mich!« rief Gisquette, »der Herr am Kreuze und die beiden Schächer links und rechts.«

Jetzt begannen die beiden Schwätzerinnen, in der Erinnerung an den Einzug des Herrn Legaten sich ereifernd, beide auf einmal zu sprechen.

»Und weiter vorwärts bei der Malerpforte waren andere sehr reich geschmückte Personen zu sehen.«

»Und bei der Fontaine Saint-Innocent der Jäger, welcher eine Hindin unter lautem Hundegebell und Hörnerschall verfolgte.«

»Und bei dem Schlachthause von Paris die Gerüste, welche die Burg von Dieppe vorstellten.«

»Und weißt du, Gisquette, als der Legat vorüberkam, spielte man die Erstürmung und allen Engländern kostete es die Köpfe.«

»Und nach dem Thore des Châtelet hin waren sehr schöne Figuren zu sehen!«

»Und auf der Wechslerbrücke, die oben ganz mit Teppichen behangen war.«

»Und als der Legat vorüberzog, ließ man auf der Brücke mehr als zweihundert Dutzend Vögel aller Art fliegen; das war herrlich, Liénarde.« »Heute wird’s viel schöner sein,« fuhr endlich der Unbekannte fort, welcher ihnen anscheinend mit Ungeduld zuhörte.

»Ihr versprecht uns, daß dies Schauspiel schön sein wird?« sagte Gisquette.

»Ohne Zweifel,« antwortete er; dann fügte er mit einem gewissen Nachdrucke hinzu: »Meine Fräulein, der Verfasser desselben bin ich.«

»Wahrhaftig?« riefen die jungen Mädchen ganz erstaunt.

»Gewiß!« antwortete der Dichter, indem er sich vornehm in die Brust warf; »das heißt, wir sind zwei: Johann Marchand, der die Bretter zugeschnitten, das Gerüst des Theaters und das Holzwerk aufgebaut hat, und ich, der das Stück gemacht hat. Ich heiße Peter Gringoire.«

Der Dichter des »Cid« hätte mit nicht mehr Stolz sagen können: »Peter Corneille.«

Unsere Leser haben bemerken können, daß schon eine gewisse Zeit verflossen sein mußte seit dem Augenblicke, wo Jupiter hinter den Vorhang zurückgekehrt war, und der Verfasser des neuen Stückes sich so plötzlich der naiven Bewunderung Gisquettens und Liénardens offenbart hatte. Sonderbare Thatsache! Diese ganze, wenige Minuten zuvor so unbändige Menge wartete jetzt mit Sanftmuth auf das Wort des Schauspielers hin; was die ewige und in unsern Theatern noch alle Tage erprobte Wahrheit darthut, daß das beste Mittel, das Publikum geduldig warten zu machen, das ist, ihm zu erklären, daß man sofort beginnen werde.

Jedoch der Student Johannes ließ sich nicht in Sicherheit einwiegen.

»Holla, he!« schrie er auf einmal mitten in der ruhigen Erwartung, die dem Lärme gefolgt war: »Jupiter, heilige Jungfrau, Teufelsgaukler, wollt Ihr uns foppen? Das Stück, das Stück! Fangt an oder wir beginnen von neuem!«

Mehr brauchte es nicht.

Eine Musik von lauten und gedämpften Instrumenten ließ sich aus dem Innern des Gerüstes heraus vernehmen; der Vorhang hob sich; vier geputzte und geschminkte Personen traten hervor, kletterten die steile Theaterleiter hinauf und stellten sich, auf der obern Plattform angekommen, in einer Linie vor dem Publikum auf, welches sie mit tiefer Verbeugung begrüßten. Jetzt schwieg die Symphonie. Das Stück begann nun.

Nachdem die vier Personen das Beifallsklatschen für ihre Verbeugungen reichlich eingeerntet hatten, begannen sie unter andächtigem Schweigen der Hörer einen Prolog, mit dem wir den Leser bereitwillig verschonen wollen. Uebrigens beschäftigte sich das Publikum, wie heutzutage noch geschieht, mehr mit den Costümen, welche sie trugen, als mit der Rolle, die sie vortrugen; und in Wahrheit, es war in der Ordnung. Sie waren alle vier in halb gelbe und halb weiße Gewänder gekleidet, die sich von einander nur durch die Beschaffenheit des Stoffes unterschieden; die eine war in Gold- und Silberbrokat, die andere in Seide, die dritte in Wolle, die vierte in Leinwand gekleidet. Die erste Person trug ein Schwert in der Rechten, die zweite zwei goldne Schlüssel, die dritte eine Wage, die vierte einen Spaten; und um den beschränkteren Köpfen, welche die Bedeutung dieser Attribute nicht vollkommen klar hätten begreifen können, zu Hilfe zu kommen, konnte man unten auf der brokatenen Robe in großen, schwarzgestickten Buchstaben lesen: »Ich bin der Adel«; unten auf der seidenen: »Ich bin die Geistlichkeit«, auf der wollenen: »Ich bin der Handel« und auf der leinenen: »Ich bin die Arbeit«. Das Geschlecht der beiden männlichen Figuren war für jeden urteilsfähigen Zuschauer an den weniger langen Gewändern und an der Mütze angedeutet, welche sie auf dem Kopfe trugen, während die beiden weiblichen Erscheinungen nicht so kurz gekleidet und mit einer Haube geschmückt waren.

Es hätte viel böser Wille dazu gehört, um aus dem Inhalte des Prologs nicht zu begreifen, daß die Arbeit mit dem Handel, die Geistlichkeit mit dem Adel vermählt war, und daß die zwei glücklichen Paare gemeinsam einen prächtigen Golddelphin hatten, den sie nur mit der Schönsten zu verbinden beabsichtigten. Sie zogen also durch die Welt, auf der Suche nach dieser Schönheit, und nachdem sie nach und nach die Königin von Golkonda, die Prinzessin von Trapezunt, die Tochter des Groß-Kans von der Tartarei u. s. w. u. s. w. verworfen hatten, waren Arbeit und Geistlichkeit, Adel und Handel nach dem Justizpalaste gekommen, um sich auf der Marmorplatte niederzulassen, und vor einem verehrungswürdigen Publikum so viele Sittensprüche und Maximen auszukramen, wie man damals bei der Facultät der freien Künste, in den Prüfungen, wo die Meister ihre Doctorhüte erlangten, Trugschlüsse, Determinationen, Redefiguren und Disputationen an den Mann bringen konnte.

Alles das war wahrhaftig sehr schön.

In dieser ganzen Menschenmenge jedoch, über welche die vier Erscheinungen um die Wette Fluten von Gleichnisreden ausschütteten, gab es kein aufmerksameres Ohr, kein klopfenderes Herz, kein unstäteres Auge, keinen gereckteren Hals, als Auge, Ohr, Hals und Herz des Autors, des Dichters, dieses braven Peter Gringoire, welcher kurz zuvor dem Entzücken nicht hatte widerstehen können, den beiden hübschen Mädchen seinen Namen zu nennen. Er war nicht weit von ihnen entfernt hinter seinen Pfeiler zurückgekehrt, und dort hörte, sah und verschlang er. Der wohlwollende Beifall, mit welchem der Vortrag seines Prologs aufgenommen worden war, tönte noch in seinem Innern nach, und er war ganz von jener Art verzückter Betrachtung hingerissen, mit welcher ein Autor seine Gedanken, einen nach dem andern, von den Lippen des Schauspielers in die Stille eines ungeheueren Auditoriums fallen hört. Würdiger Peter Gringoire!

Es thut uns leid, es zu sagen, aber diese erste Verzückung wurde sehr bald gestört. Kaum hatte Gringoire seine Lippen an den berauschenden Becher der Freude und des Triumphes gelegt, als ein Wermuthstropfen hineinfiel.

Ein zerlumpter Bettler, welcher nicht hatte einsammeln können, weil er mitten im Gedränge sich befand, und der zweifelsohne in den Taschen seiner Nachbarn keine hinreichende Entschädigung gefunden hatte, war auf den Gedanken gekommen, irgend einen sichtbaren Platz zu suchen, um die Blicke und Almosen auf sich zu lenken. Er hatte sich deshalb während der ersten Verse des Prologes mit Hilfe der Pfeiler, welche sich an der Gesandten-Tribüne befanden, auf das Karniß geschwungen, welches den untern Theil derselben begrenzte; und da hatte er sich niedergelassen, um Aufmerksamkeit und Mitleiden der Menge durch seine Lumpen und eine scheußliche Wunde am rechten Arme auf sich zu ziehen. Uebrigens sprach er kein Wort.

Das Stillschweigen, welches er beobachtete, ließ den Prolog ohne Störung vorübergehen, und keine merkliche Unordnung wäre eingetreten, wenn das Unglück nicht gewollt hätte, daß der Student Johannes von der Höhe seines Pfeilers den Bettler und seine Firlefanzereien gesehen hätte. Ein tolles Lachen packte den jungen Taugenichts, welcher, unbesorgt darum, das Schauspiel zu unterbrechen und die allgemeine Aufmerksamkeit zu stören, frech ausrief:

»Seht da den Elenden, der um ein Almosen bittet!«

Wer je einmal einen Stein in eine Froschpfütze geworfen, oder eine Flinte auf einen Vogelschwarm abgefeuert hat, kann sich einen Begriff von der Wirkung machen, welche diese unpassenden Worte bei der allgemeinen Stille hervorbrachten. Gringoire fuhr zusammen, wie von einem elektrischen Schlage getroffen. Der Prolog blieb stecken, und alle Köpfe wendeten sich heftig nach dem Bettler um, der, ohne die Fassung zu verlieren, in diesem Zwischenfalle gute Gelegenheit zu einer Ernte erblickte, und mit schmerzlicher Miene und halbgeschlossenen Augen zu rufen anfing:

»Eine milde Gabe, wenn’s beliebt!«

»Ei aber … bei meiner Seele,« versetzte Johannes, »das ist Clopin Trouillefou. Holla, Freund, deine Wunde genirte dich wohl am Beine, daß du sie auf den Arm gelegt hast?«

Bei diesen Worten warf er mit der Geschicklichkeit eines Affen ein kleines Silberstück in den schmierigen Filz, den der Bettler mit seinem kranken Arme hinhielt. Der Bettler nahm das Almosen und die beißenden Worte unbeirrt hin, und fuhr mit kläglicher Stimme fort: »Gebt mir ein Almosen, ich bitte!«

Dieser Zwischenfall hatte die Hörerschaft sehr zerstreut; und eine ziemliche Anzahl Zuschauer, Robin Poussepain und alle Studenten an der Spitze, klatschten diesem sonderbaren Duett lustig Beifall, welches, mitten im Prolog, der Student mit seiner kreischenden Stimme und der Bettler in seinem beharrlichen Klagetone eben improvisirt hatten.

Gringoire war sehr mißgestimmt. Nachdem er sich von seiner ersten Bestürzung erholt hatte, ermannte er sich und rief den vier Personen auf der Bühne zu: »Fahret fort, zum Teufel, fahret fort!« ohne auch nur sich gemüßigt zu fühlen, einen verächtlichen Blick auf die zwei Störenfriede zu werfen.

In diesem Augenblicke fühlte er sich am Saume seines Oberkleides gezogen; er wandte sich nicht ohne eine gewisse Uebellaune um, mußte aber, wenn auch widerwillig, lachen. Es war der hübsche Arm der Gisquette la Gencienne, welche über das Geländer hinweg auf diese Weise seine Aufmerksamkeit reizte.

»Mein Herr,« sagte das junge Mädchen, »werden die da fortfahren?«

»Gewiß,« entgegnete Gringoire von dieser Frage ziemlich beleidigt.

»In diesem Falle, Herr,« fuhr sie fort, »habt Ihr wohl die Güte, mir zu erklären …«

»Was sie sagen werden?« unterbrach sie Gringoire. »Nun gut! hört nur zu!«

»Nein!« sagte Gisquette, »aber was sie bis jetzt gesprochen haben.«

Gringoire that einen Satz, wie ein Mensch, dessen offene Wunde man berührt.

»Daß dich die Pest, du dummes, vernageltes Ding!« murmelte er zwischen den Zähnen.

Von diesem Augenblicke an hatte es Gisquette bei ihm vollständig verdorben.

Indessen hatten die Schauspieler seinem energischen Befehle Folge geleistet, und das Publikum, welches sah, daß sie wieder zu sprechen anfingen, hatte begonnen zuzuhören; viele Schönheiten waren ihm aber bei der Art Zusammenlöthung der zwei Theile des so schändlich unterbrochenen Stückes verloren gegangen. Gringoire machte die bittere Bemerkung ganz in der Stille. Dennoch war die Ruhe nach und nach wiederhergestellt; der Student schwieg, der Bettler zählte einiges Geld im Hute, und das Stück hatte seinen Fortgang genommen.

Es war in der That ein sehr schönes Werk, aus dem man, wie uns bedünkt, noch heute mit kleinen Aenderungen sehr wohl Nutzen ziehen könnte. Die Erfindung des Stückes war, wenn auch nach den Regeln der Kunst ein wenig lang und dürftig, einfach; und Gringoire bewunderte vor dem lauteren Heiligthume seines geistigen Richterstuhles deren Durchsichtigkeit. Wie man sich wohl denken mag, waren die vier allegorischen Gestalten ein wenig ermüdet von ihrem Zuge durch die drei Welttheile, ohne Gelegenheit gefunden zu haben, sich ihres Golddelphines angemessen entledigen zu können. Nun kam eine Lobrede auf den wunderbaren Fisch, mit tausend feinen Anspielungen auf den jungen Bräutigam Margarethens von Flandern, der damals höchst jämmerlicherweise in Amboise eingeschlossen war, und sich wohl nicht träumen ließ, daß Arbeit und Geistlichkeit, Adel und Handel soeben seinetwegen eine Fahrt durch die Welt gemacht hätten. Besagter Delphin also war jung, schön, tapfer und vor allem – herrlicher Ursprung aller königlichen Tugenden! – er war der Sohn des Löwen von Frankreich. Ich erkläre, daß dieses kühne Gleichnis bewunderungswürdig ist, und daß die Naturgeschichte des Theaters, an einem Tage, der für verblümte Rede und königliches Hochzeitsgedicht bestimmt ist, nicht irgendwie an einem Delphine Anstoß nimmt, welcher der Sohn eines Löwen ist. Das sind eben die seltenen und pindarischen Vermengungen, welche den Enthusiasmus zeigen. Nichtsdestoweniger, um auch noch etwas Tadel unter das Lob zu mischen, hätte der Dichter diesen schönen Gedanken in etwa zweihundert Versen aussprechen können. Es ist wahr, daß das Schauspiel, nach Anordnung des Herrn Oberrichters von zwölf Uhr mittags bis um vier Uhr dauern sollte, und nothwendigerweise wohl etwas gesagt werden mußte. Außerdem hörte man geduldig zu.

Auf einmal, mitten in einem Streite zwischen Frau Handel und Frau Adel, im Augenblicke, wo Meister Arbeit folgenden wunderbaren Vers sprach:

»Nie sah man in Wäldern ein stolzeres Thier« –

öffnete sich ganz zur Unzeit die Thür zu der reservirten Tribüne, welche bis dahin leider geschlossen geblieben war, und die lautschallende Stimme des Thürhüters meldete hastig: »Seine Eminenz, der hochwürdige Herr Cardinal von Bourbon.«

  1. [ Lateinisch: Hurrah Jupiter! Klatscht Beifall, Bürger! Anm. d. Uebers.]
  2. [»Meister« war im Mittelalter die Anrede für Gelehrte, Künstler ec. Anm. d. Uebers.]

3. Der Herr Cardinal.

Armer Gringoire! Das Knallen aller großen Doppelpetarden am Johannisfeste, die Salve von zwanzig Hakenbüchsen, der Donner jener berühmten Feldschlange auf dem Thurm Billy, die während der Belagerung von Paris, am Sonntage den 29. September 1465, sieben Burgunder auf einmal tödtete, die Explosion des ganzen an der Pforte du Temple aufgespeicherten Pulvers, hätten ihm in diesem feierlichen und dramatischen Augenblicke nicht so heftig die Ohren zerreißen können, als die wenigen, dem Munde eines Thürhüters entfallenen Worte: »Seine Eminenz, der hochwürdige Herr Cardinal von Bourbon.«

Es fürchtete Peter Gringoire nicht etwa den Herrn Cardinal, noch haßte er ihn. Er besaß weder jene Schwäche, noch diese Verwegenheit. Durchaus Eklektiker, wie man heutzutage sagen würde, gehörte er zu den stolzen und festen, gemäßigten und ruhigen Geistern, die sich immer in allem mitten inne zu halten wissen ( stare in dimidio rerum), und die voll Verstand und freier Lebensweisheit sind, auch, wenn sie mit Cardinälen zu rechnen haben. Schätzbares und immer gleichmüthiges Philosophengeschlecht, denen die Weisheit, als eine andere Ariadne, einen Garnknäuel gegeben zu haben scheint, an dessen Faden sie seit Anfang der Welt mitten durch das Labyrinth menschlicher Verhältnisse sich hindurchfinden! Man findet sie, immer die nämlichen, zu allen Zeiten, d. h. allen Zeitläufen gemäß. Und ohne unseres Peter Gringoire zu gedenken, der jene im fünfzehnten Jahrhunderte zeigen würde, wenn wir dazu kämen, ihm die Verherrlichung zu Theil werden zu lassen, die er verdient, so ist es sicherlich ihr Geist, der den Pater Du Breul beseelte, als er im sechzehnten Jahrhunderte folgende naiv erhabenen Worte schrieb, die aller Jahrhunderte würdig sind: »Ich bin Pariser von Geburt und freimüthig in der Rede, da im Griechischen » Parrhisia« 15 Freimuth im Sprechen bedeutet, von welcher ich selbst gegen die hochwürdigen Herren Cardinäle, den Onkel und den Bruder des gnädigen Herrn Prinzen von Conty Gebrauch gemacht habe: gleichwohl mit Ehrfurcht und ohne jemanden ihres Gefolges zu beleidigen, was viel ist.«

Es war also weder Haß gegen den Cardinal, noch Geringschätzung seiner Gegenwart bei dem widerwärtigen Eindrucke, den sie auf Peter Gringoire machte. Ganz im Gegentheile; unser Dichter hatte zu viel gesunden Verstand und einen viel zu fadenscheinigen Kittel, als daß er nicht dem einen besondern Werth beigelegt hätte, daß manche Anspielung seines Prologes, und besonders die Verherrlichung des Delphins, des Sohnes des französischen Löwen, von einem hochwürdigsten Ohre aufgenommen würde. Es ist aber nicht das Interesse, was in der edlen Natur der Dichter vorherrscht. Ich setze den Fall, daß die Wesenheit des Dichters durch die Zahl Zehn ausgedrückt wird; gewiß ist, daß ein Chemiker, wenn er sie analysirte und durcheinander mischte, wie Rabelais sagt, diese aus einem Theile Eigennutz mit neun Theilen Eigenliebe zusammengesetzt finden würde. Im Augenblicke nun, wo die Thür sich für den Cardinal geöffnet hatte, waren die neun Theile Eigenliebe bei Gringoire angeschwollen und hervorgetreten, und in einem Zustande erstaunlicher Zunahme, bei welcher jene unmerkliche Eigennutzmoleküle, welche wir soeben in der Gemüthsbeschaffenheit der Dichter erkannten, wie erstickt verschwand; – übrigens ein kostbarer Bestandteil, ein Ballast von Wirklichkeit und Menschenwesen, ohne die sie nicht mehr die Erde berühren würden. Gringoire weidete sich daran, eine ganze Versammlung zu bemerken, zu sehen, gewissermaßen zu betasten, die – allerdings aus Gesindel bestehend, doch was thut das? – betäubt, versteinert und wie erstickt vor dem endlosen Wortschwalle stand, der beständig aus allen Theilen seines Hochzeitsgedichtes hervorsprudelte. Ich bestätige, daß er selbst die allgemeine Seligkeit theilte, und daß Gringoire, im Gegensatze zu La Fontaine, der bei der Aufführung seines Lustspieles »Der Florentiner« fragte: »Wer ist der Kerl, der das Flickwerk gemacht hat?« gern seinen Nachbar gefragt hätte: »Von wem ist dieses Meisterwerk?« Man kann jetzt beurtheilen, welche Wirkung das plötzliche und unzeitige Erscheinen des Cardinals auf ihn hervorbrachte.

Was er befürchten konnte, verwirklichte sich nur zu sehr. Der Eintritt Seiner Eminenz brachte die Zuhörer in Verwirrung. Alle Köpfe wandten sich nach der Tribüne hin. Man konnte sein eigenes Wort nicht verstehen. »Der Cardinal! Der Cardinal!« wiederholten alle Stimmen. Der unglückliche Prolog blieb zum zweiten Male stecken.

Der Cardinal blieb einen Augenblick auf der Schwelle zur Tribüne stehen. Während er einen ziemlich gleichgiltigen Blick über die Zuhörerschaft schweifen ließ, verdoppelte sich der Tumult. Jeder wollte ihn am besten sehen und suchte seinen Kopf über die Schultern seines Nachbars zu heben.

Es war in der That eine stattliche Persönlichkeit, deren Anblick wohl jedes andere Schauspiel aufwog. Karl, Cardinal von Bourbon, Erzbischof und Graf von Lyon, Primas beider Gallien, war sowohl mit Ludwig dem Elften durch seinen Bruder Peter, den Herrn von Beaujeu, welcher die älteste Tochter des Königs geheirathet hatte, als auch mit Karl dem Kühnen durch seine Mutter Agnes von Burgund verwandt. Der herrschende Zug nun, das eigenartige und hervorstechende Merkmal im Charakter des Primas beider Gallien war hofmännischer Sinn und Ergebenheit gegen die Mächtigen. Man kann die zahllosen Verlegenheiten, welche ihm diese doppelte Verwandtschaft verursacht hatte, und alle die zeitweiligen Klippen sich denken, zwischen denen sein Geistesschiff hatte laviren müssen, um weder an Ludwig noch an Karl zu scheitern, – dieser Charybdis und dieser Skylla, welche den Herzog von Nemours und den Connetable von Saint-Pol verschlungen hatten. Dank dem Himmel, er hatte diese Fahrt glücklich überstanden und war ohne Unfall in Rom angelangt. Aber obgleich er im Hafen war, und eben weil er in ihm war, erinnerte er sich nie ohne Besorgnis der verschiedenen Wechselfälle seiner so lange Zeit hindurch stürmischen und mühevollen politischen Laufbahn. Daher pflegte er zu sagen, daß das Jahr 1476 »trübe« und »licht« für ihn gewesen sei; womit er meinte, daß er im nämlichen Jahre seine Mutter, die Herzogin von Bourbonnais, und seinen Vetter, den Herzog von Burgund, verloren, und daß ein Trauerfall ihn über den andern getröstet hätte.

Uebrigens war er ein schlichter Mann, führte ein vergnügtes Cardinal-Leben, erheiterte sich gern mit königlichem Gewächs von Challuau, hatte weder Richarde la Garmoise noch Thomasse la Saillarde ungern, gab hübschen Mädchen lieber ein Almosen, als alten Weibern, und aus allen diesen Gründen war er beim Pariser »Volke« sehr beliebt. Er zeigte sich auf der Straße nur umgeben von einem kleinen Hofstaate von Bischöfen und vornehmen, galanten Aebten, lustigen Herren, die, wenn’s sein mußte, tüchtig schmausten; und mehr als einmal hatten die ehrbaren Betschwestern von Saint-Germain d’Auxerre, wenn sie abends unter den erleuchteten Fenstern des Bourbonischen Hauses vorübergegangen waren, sich geärgert, von denselben Stimmen, die ihnen am Tage Vespern gesungen hatten, beim Gläserklirren den bacchantischen Trinkspruch Benedikt des Zwölften: » Bibamus papaliter« 16 vortragen zu hören, jenes Papstes, welcher der Tiara 17 noch eine dritte Krone hinzugefügt hatte.

Ohne Zweifel war es diese so rechtmäßig erworbene Popularität, welche ihn bei seinem Erscheinen vor jedem üblen Empfange seitens der Volksmenge bewahrte, die den Augenblick zuvor so unzufrieden und an dem Tage sogar, an welchem sie einen Papst wählen sollte, sehr wenig zum Respect vor einem Cardinal aufgelegt war. Doch die Pariser besitzen wenig Groll; und dann hatten die guten Leute, weil sie den Beginn der Vorstellung mit Gewalt durchsetzten, über den Cardinal einen Sieg errungen, und dieser Triumph genügte ihnen. Uebrigens war der Herr Cardinal von Bourbon ein schöner Mann; er trug ein schönes rothes Kleid, das ihm sehr gut stand; daher hatte er alle Weiber für sich und folglich die bessere Hälfte der Zuhörerschaft. Gewiß, es würde ungerecht sein und schlechten Geschmack verrathen, einen Cardinal zu verhöhnen, der beim Schauspiele auf sich hatte warten lassen, zumal er ein schöner Mann war, der sein rothes Kleid gut trug.

Er trat also ein, grüßte die Versammlung mit jenem angeborenen Lächeln der Mächtigen für das Volk, ging mit langsamen Schritten nach seinem scharlachrothen Sammetsessel hin und zeigte ein Gesicht, das an irgend etwas anderes dachte. Sein Gefolge, was wir heutzutage seinen Generalstab von Bischöfen und Aebten nennen würden, drang hinter ihm auf die Tribüne ein, nicht ohne den Tumult und die Neugierde im Parterre zu verdoppeln. Hier galt’s jetzt, diese zu zeigen, sie zu nennen, wenigstens einen mußte man kennen! Der eine erkannte Herrn Alaudet, den Bischof von Marseille, wenn mir recht ist, der andere den Obern von Saint-Denis, ein dritter Robert von Lespinasse, den Abt von Saint-Germain des Paris, diesen liederlichen Bruder einer Maitresse Ludwigs des Elften: – alles das wurde mit vielen, verächtlichen und häßlichen Worten zum besten gegeben.

Namentlich die Studenten lästerten. Das war ihr Tag, ihr Narrenfest, ihre Saturnalie, die alljährliche Orgie der Basoche 18 und der Universität. Keine Schändlichkeit, die an dem Tage nicht recht und geheiligt war. Und da gab es ja auch tolle Gevatterinnen in der Menge: Simone Quatrelivres, Agnes la Gadine, Rosine Piébedon. Konnte man da nicht wenigstens fluchen nach Belieben und ein bißchen den Namen Gottes lästern, an einem so schönen Tage, in so guter Gesellschaft von Geistlichen und Freudenmädchen? Daher fehlte es an ihnen nicht, und mitten in diesem Getobe gab es kein entsetzlicheres Kunterbunt von Lästerungen und Schändlichkeiten, als das dieser entfesselten Zungen, dieser Schreiber- und Studentenzungen, die das ganze Jahr hindurch von der Furcht vor dem heißen Eisen des heiligen Ludwig im Zaume gehalten wurden. Armer Sanct Ludwig! Welchen Hohn bereitet man dir in deinem eigenen Justizpalaste! Jeder von ihnen aus der Zahl der Neuangekommenen hatte ein schwarzes oder graues oder weißes oder violettes Priestergewand aufs Korn genommen. Johannes Frollo von Molendino aber hatte, als Bruder eines Archidiaconus, sich kühn an das rothe gemacht und brüllte aus Leibeskräften, seine frechen Augen auf den Cardinal heftend: » Cappa repleta mero!« 19

Alle diese Einzelnheiten, welche wir hier zur Erbauung des Lesers enthüllen, waren dermaßen von dem allgemeinen Spectakel übertönt, daß sie verhallten, ehe sie zur reservirten Tribüne gelangten; auch wäre der Cardinal wenig davon getroffen worden, so sehr waren die Zügellosigkeiten jenes Tages den Sitten angemessen. Es war übrigens eine ganz andere, in seinem bedenklichen Antlitze sichtbare Sorge, die ihm auf dem Fuße folgte und fast zu gleicher Zeit die Tribüne mit ihm betrat: das war die flandrische Gesandtschaft.

Nicht als ob er ein tiefblickender Staatsmann war, und die Heirath seiner Frau Cousine Margarethe von Burgund mit seinem Herrn Cousin Karl, dem Wiener Kronprinzen, als eine Sache von möglichen Folgen betrachtete, nein: wie lange die Scheinfreundschaft zwischen dem Herzoge von Oestreich und dem Könige von Frankreich dauere, wie der König von England die Verschmähung seiner Tochter aufnehmen würde, – das beunruhigte ihn ein wenig, und er ließ sich jeden Abend das königliche Gewächs von Chaillot schmecken, ohne zu ahnen, daß einige Flaschen vom nämlichen Weine (freilich vom Doctor Coictier ein klein wenig stärker gemacht), die von Ludwig dem Elften in aller Herzlichkeit Eduard dem Vierten dargebracht wurden, eines schönen Morgens Ludwig von Eduard befreien sollten. »Die sehr ehrenwerthe Gesandtschaft des Herrn Herzogs von Oestreich« brachte dem Cardinal keine dieser Sorgen, aber sie belästigte ihn von einer andern Seite. Es war in der That etwas hart, und wir haben schon auf der ersten Seite dieses Buches ein Wort davon gesprochen, daß er, Karl von Bourbon, genöthigt war, unbekannte Bürger zu bewillkommnen und festlich zu bewirthen; er, der Cardinal, Schöppen; er, der Franzose und fröhliche Gesellschafter, flamländische Biersäufer, und dazu vor allen Leuten! Das war sicherlich eine der lästigsten Heucheleien, welchen er, dem Könige zu lieb, jemals sich unterzogen hatte.

Er wandte sich also mit der höchsten Anmuth (so verstand er sich darauf) nach der Thüre, als der Thürhüter mit schallender Stimme meldete: »Die Herren Gesandten des Herrn Herzogs von Oestreich.« Es braucht kaum gesagt zu werden, daß der ganze Saal es ebenso machte.

Nun kamen, zwei und zwei, mit einer Würde, die mitten unter dem ausgelassenen geistlichen Gefolge Karls von Bourbon contrastirte, die achtundvierzig Gesandten Maximilians von Oestreich, an der Spitze der hochwürdige Pater in Gott, Johann, Abt von Saint-Bertin, Kanzler des goldenen Vließes, und Jacob von Goy, Herr Dauby, der würdige Landvogt von Gent. In der Menge trat tiefes Schweigen ein, hier und da von unterdrücktem Lachen beim Anhören all dieser absurden Namen und bürgerlichen Titel unterbrochen, die jede dieser Persönlichkeiten unbeirrt dem Thürhüter angab, der dann Namen und Titel bunt durcheinander und ganz verstümmelt in die Menge hineinwarf. Da kamen Meister Loys Roelof, der Schöppe der Stadt Löwen; Herr Clays von Etuelde, Schöppe von Brüssel; Herr Paul van Baeust, Herr von Voirmizelle, der Präsident von Flandern; Meister Johann Coleghens, der Bürgermeister der Stadt Antwerpen; Meister Georg de la Moere, erster Schöppe des Gerichtshofes der Stadt Gent; Meister Gheldolf van der Hage, erster Schöppe beim Erbschaftsgericht genannter Stadt; und der Herr von Bierbeque, und Johann Pinnock, und Johann Dymaerzelle u. s. w. u. s. w. u. s. w., Gerichtsvögte, Schöppen, Bürgermeister; Bürgermeister, Schöppen, Gerichtsvögte, alle hölzern, steif und gezwungen, in ihrem Sonntagsstaate von Sammet und Damast, die Köpfe in schwarze Sammetbaretts mit dicken Quasten aus cyprischen Goldtressen gehüllt; echte flamländische Köpfe jedoch, würdige und ernste Gesichter, von der Sorte derer, wie sie Rembrandt so mächtig und ernst auf dem dunkeln Grunde seiner Nachtrunde hervortreten läßt; Personen, welche es alle auf der Stirn geschrieben trugen, daß Maximilian von Oestreich Grund hatte, »platterdings«, wie sein Manifest sagte, »auf ihre gute Gesinnung, Tapferkeit, Erprobtheit, Ehrenfestigkeit und Gutwilligkeit« zu vertrauen.

Einer machte jedoch eine Ausnahme. Es war ein feines, kluges, listiges Gesicht, eine Art Affen- und Diplomatengesicht, welchem der Cardinal auf drei Schritte entgegenging und eine tiefe Verbeugung machte, und das sich schlechtweg nur »Wilhelm Rym, Rath und Pensionair der Stadt Gent« nannte.

Wenige Leute wußten damals, was es mit diesem Wilhelm Rym auf sich hatte. Er war ein seltenes Genie, das zur Zeit einer Revolution mit Glanz auf der Oberfläche der Ereignisse erschienen wäre, das aber im fünfzehnten Jahrhunderte zu versteckten Intriguen gezwungen war, und sich genöthigt sah, »in Minen zu leben«, wie der Herzog von Saint-Simon sagt. Uebrigens wurde er auch als der erste »Minengräber« Europa’s geschätzt, der vertraulich mit Ludwig dem Elften geheime Pläne schmiedete, und oft die Hand in des Königs versteckten Handlungen hatte. Alles das war diesem Haufen ganz unbekannt, den die Aufmerksamkeiten des Cardinals gegen die erbärmliche Figur eines flamländischen Schultheißen in gerechte Verwunderung setzten.

  1. [Im Original steht hier ein nicht wiederzugebendes Wortspiel zwischen Parisien (der Pariser), und Parrhisian (der Freimüthige), von dem Altgriechischen παρρησια (Freimuth) abgeleitet. Anm. d. Uebers.]
  2. [ Lateinisch: Laßt uns wie ein Papst trinken!]
  3. [Die Tiara (päpstliche Krone) besteht aus drei Kronen übereinander. Anm. d. Uebers.]
  4. [Basoche: der Gerichtshof der Schreiber des Pariser Parlamentes (gegründet 1303). Anm. d. Uebers.]
  5. [ Lateinisch: Du weinschwerer Chorrock! Anm. d. Uebers.]

4. Meister Jacob Coppenole.

Während der Pensionair 20 von Gent und die Eminenz eine sehr tiefe Verbeugung und einige Worte in noch tieferem Tone austauschten, erschien ein Mensch von hoher Gestalt, mit breitem Gesichte und mächtigen Schultern, um gleichzeitig mit Wilhelm Rym wie eine Dogge hinter einem Fuchse einzutreten. Sein Filzhut und sein ledernes Koller wurden auffällig mitten in Sammet und Seide, welche ihn von allen Seiten umgaben. In der Annahme, es sei ein verirrter Stallknecht, hielt der Thürhüter ihn an.

»He, Freund! hier geht’s nicht herein.«

Der Mann im ledernen Koller schob ihn an der Schulter zurück.

»Was will der Narr von mir?« sagte er mit lauter Stimme, die den ganzen Saal auf die sonderbare Unterhaltung aufmerksam machte. »Du siehst nicht, daß ich dazu gehöre?«

»Euer Name?« fragte der Thürhüter.

»Jacob Coppenole.«

»Euer Titel?«

»Strumpfwirker, mit dem Hauszeichen ›Zu den drei Kettchen‹, in Gent.«

Der Thürhüter zögerte. Schöppen und Bürgermeister zu melden, das mochte gehen; aber einen Strumpfwirker, das war beschwerlich. Der Cardinal saß wie auf Kohlen. Die ganze Volksmenge horchte und sah hin. Seit zwei Tagen hatte Seine Eminenz sich bemüht, diese flamländischen Bären zu belecken, um sie für öffentliche Vorstellung etwas fähig zu machen, und der Streich war arg. Während dessen näherte sich Wilhelm Rym mit seinem feinen Lächeln dem Thürhüter.

»Meldet Meister Jacob Coppenole, Schreiber der Schöppen der Stadt Gent,« flüsterte er ihm sehr leise zu.

»Thürhüter,« begann der Cardinal mit lauter Stimme, »meldet Meister Jacob Coppenole, Schreiber der Schöppen aus der erlauchten Stadt Gent.«

Das war ein Fehler. Wilhelm Rym würde das Hindernis ganz allein beseitigt haben; aber Coppenole hatte den Cardinal verstanden.

»Nein, Kreuz Gottes!« schrie er mit Donnerstimme. »Jacob Coppenole, Strumpfwirker. Hörst du, Thürhüter? Nichts mehr oder weniger. Kreuz Gottes! Strumpfwirker, das ist gut genug. Der Herr Erzherzog hat mehr als einmal seinen Handschuh in meinen Hosen gesucht.«

Gelächter und Beifallsklatschen brachen los. Ein Witzwort wird sofort in Paris verstanden und folglich immer beklatscht.

Dazu kam, daß Coppenole zum Volke gehörte und daß das Publikum, welches ihn umgab, zum Volke gehörte. Daher war die Verständigung zwischen jenen und ihm augenblicklich, elektrisch gewesen, so zu sagen auf gleichem Boden. Der hochmüthige Ausfall des flamländischen Strumpfwirkers, mit welchem er die Hofleute demüthigte, hatte in allen plebejischen Gemüthern jenes eigentümliche Gefühl der Selbstachtung berührt, das im fünfzehnten Jahrhunderte noch schwankend und undeutlich war. Das war einer Ihresgleichen, dieser Strumpfwirker, der soeben dem Herrn Cardinal getrotzt hatte! Gewiß, ein angenehmer Gedanke für arme Teufel, die gewöhnt waren an Respect und Gehorsam gegen die niedrigsten Amtsvogtsbedienten des Abts von Sanct Genoveva, des Schleppenträgers seiner Eminenz des Cardinals.

Coppenole grüßte stolz Seine Eminenz, welche den Gruß eines so mächtigen, von Ludwig dem Elften gefürchteten Bürgers erwiederte. Dann, und während Wilhelm Rym, der »kluge und boshafte Mann«, wie Philipp de Comines 21 sagt, sie beide mit einem spöttischen und überlegenen Lächeln verfolgte, nahm jeder seinen Platz ein, der Cardinal verlegen und bekümmert, Coppenole ruhig und stolz, indem er ohne Zweifel dachte, daß nach allem sein Strumpfwirker-Titel ebensoviel gälte, als ein anderer, und daß Maria von Burgund, die Mutter eben dieser Margarethe, welche Coppenole heute verheirathete, ihn weniger als Cardinal, denn als Strumpfwirker gefürchtet hätte; denn kein Cardinal hätte die Genter gegen die Günstlinge der Tochter Karls des Kühnen aufgewiegelt; kein Cardinal hätte die Menge mit einem Worte gegen ihre Thränen und Bitten gefeiet, als das Fräulein von Flandern bis zum Fuße des Schaffotes ging, um für jene ihr Volk um Gnade anzuflehen, während dessen der Strumpfwirker nur seinen lederbedeckten Arm zu heben brauchte, um eure zwei Häupter, erlauchteste Herren Guy von Hymbercourt und Kanzler Wilhelm Hugonet, fallen zu lassen! Doch war für den armen Cardinal nicht alles vorbei, und er mußte den Kelch, in so schlechter Gesellschaft zu sein, bis auf den Grund leeren.

Der Leser hat wohl den unverschämten Bettler nicht vergessen, welcher beim Anfange des Prologes erschienen war, und sich an den Fransen der Cardinaltstribüne festhielt. Die Ankunft der erlauchten Gäste hatte ihn ganz und gar nicht vermocht, seinen Stand zu verlassen; und während die Prälaten und Gesandten in den Sperrsitzen der Tribüne sich ganz wie holländische Häringe zusammendrängten, hatte er es sich bequem gemacht und seine Beine auf dem Gesimse ungenirt übereinander geschlagen. Die Unverschämtheit war einzig, und niemand hatte sie im ersten Augenblicke bemerkt, weil die Aufmerksamkeit auf andere Gegenstände gelenkt war. Er seinerseits kümmerte sich um nichts im Saale; er wiegte seinen Kopf mit der Sorglosigkeit eines Neapolitaners und wiederholte in dem Getöse von Zeit zu Zeit mit maschinenmäßiger Gewöhnung: »Ein Almosen, ich bitte Euch!« Und sicherlich war er in der ganzen Versammlung wahrscheinlich der einzige, der bei dem Wortwechsel zwischen Coppenole und dem Thürhüter es nicht für werth gehalten, den Kopf umzuwenden. Da wollte es der Zufall, daß der Meister Strumpfwirker von Gent, mit dem das Volk schon lebhaft sympathisirte, und auf den aller Augen gerichtet waren, gerade in der Vorderreihe der Tribüne, über dem Bettler, sich niedersetzte; und man war nicht wenig erstaunt, zu sehen, wie der flamländische Gesandte, als er den unter seinen Augen niedergekauerten Kerl erblickt hatte, ihn freundschaftlich auf die lumpenbedeckte Schulter klopfte. Der Bettler wandte sich um; Ueberraschung, Erkenntlichkeit, Freude war auf den beiden Gesichtern zu sehen u. s. w.; dann, und ohne sich im geringsten um die Personen oder Zuschauer zu kümmern, begannen der Strumpfwirker und der Sieche Hand in Hand mit leiser Stimme eine Unterhaltung, währenddem die Lumpen Clopin Trouillefous, die auf den Goldstoff der Tribüne herabhingen, wie eine Raupe auf einer Orange aussahen.

Die Neuheit dieser sonderbaren Scene erregte einen solchen Ausbruch der Narrheit und Lustigkeit im Saale, daß der Cardinal nicht umhin konnte, davon Notiz zu nehmen; er neigte sich vornüber, und weil er von seinem Platze aus das schimpfliche Gewand Trouillefous nur sehr unvollkommen bemerken konnte, so glaubte er ganz natürlich, daß der Bettler ein Almosen begehrte, und von dieser Kühnheit empört, rief er: »Herr Palastvogt, werft mir diesen Kerl in den Fluß.«

»Kreuz Gottes! Gnädiger Herr Cardinal,« sagte Coppenole, ohne die Hand Clopins loszulassen, »das ist ein Freund von mir.«

»Hurrah! Juchhe!« schrie der Haufen. Von diesem Augenblicke an hatte Meister Coppenole in Paris wie in Gent »ein großes Ansehn beim Volke; denn Leute von solchem Schlage haben es da,« sagt Philipp de Comines, »wenn sie ebenso wüst sind«.

Der Cardinal biß sich auf die Lippen. Er neigte sich zu seinem Nachbar, dem Abt von Sanct Genoveva, und sagte leise zu ihm:

»Drollige Gesandte das, die der Herr Erzherzog uns da schickt, um uns Frau Margarethen anzumelden!«

»Eure Eminenz,« entgegnete der Abt, »verschwenden Ihre Aufmerksamkeiten an diese flamländischen Rüsselthiere. Margaritas ante porcos.« 22

»Sprecht lieber porcos ante Margaritam, 23 antwortete der Cardinal lächelnd.

Der ganze kleine Hofstaat im Priestergewande gerieth über dies Wortspiel in Verzückung. Der Cardinal fühlte sich ein wenig erleichtert; er war jetzt mit Coppenole quitt, sein Witz hatte auch Beifall gefunden.

Jetzt mögen diejenigen von unfern Lesern, welche die Fähigkeit besitzen, ein Bild und einen Gedanken zu verallgemeinern, wie man im heutigen Stile sagt, uns die Frage erlauben, ob sie sich wohl so recht das Schauspiel vergegenwärtigen können, welches das große Rechteck des Palastsaales in dem Augenblicke darbot, wo wir ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. In der Mitte des Saales, an die östliche Mauer angelehnt, eine große, reiche Tribüne mit Goldbrokat, auf welche durch eine kleine Spitzbogenthür in feierlichem Zuge würdevolle Männer eintraten, die der Reihe nach von einem lautrufenden Thürhüter angemeldet worden. Auf den ersten Bänken schon viele ehrwürdige, in Hermelin, Sammet und Scharlach gehüllte Gestalten. Rings um die Tribüne, die würdevoll und schweigend verharrt, unten, gegenüber, überall eine große Menschenmenge und großes Gedränge. Tausend Augen der Menge auf jedes Gesicht der Tribüne geheftet, tausendmal jeder Name gezischelt. Gewiß das Schauspiel ist merkwürdig und verdient wohl die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Aber da unten, ganz am Ende, was ist denn das für ein Gerüst mit vier scheckigen Gliedermännern oben und vier andern unten? Wer ist denn, zur Seite des Gerüstes, dieser Mensch im schwarzen Kittel und mit blassem Gesicht? Ach! mein lieber Leser, das ist Peter Gringoire und sein Prolog.

Wir hatten ihn ganz und gar vergessen. Und das war es gerade, was er fürchtete.

Von dem Augenblicke an, wo der Cardinal eingetreten war, hatte sich Gringoire ununterbrochen über das Geschick seines Prologes geängstigt. Zuerst hatte er den in Ungewißheit harrenden Schauspielern befohlen, fortzufahren und lauter zu sprechen; darauf sie innehalten lassen, weil er sah, daß niemand zuhörte; und seit beinahe einer Viertelstunde, welche die Unterbrechung dauerte, hatte er unausgesetzt mit dem Fuße gestampft, sich abgemüht, Gisquetten und Liénarden aufgefordert, ihre Nachbarn zur Fortsetzung des Prologes anzufeuern – alles vergeblich. Keiner ließ den Cardinal, die Gesandtschaft und die Tribüne aus den Augen, den einzigen Mittelpunkt dieses ausgedehnten Gesichtskreises. Auch muß man glauben, und wir sagen es mit Betrübnis, daß in dem Augenblicke, wo die Ankunft Seiner Eminenz eine so unglückliche Zerstreuung verursachte, der Prolog die Zuhörer allmählich zu langweilen begann. Kurzum, auf der Tribüne, wie auf der Marmorplatte war es immer das nämliche Schauspiel: der Conflict zwischen Arbeit und Geistlichkeit, zwischen Adel und Handel. Und viele Leute wollten sie wahrhaftig lieber lebend, athmend, handelnd, sich stoßend, aus Fleisch und Knochen, in dieser flamländischen Gesandtschaft, in diesem bischöflichen Hofstaate, unter dem Kleide des Cardinals, unter der Jacke Coppenoles sehen, als geschminkt, geputzt, in Versen sprechend und gleichsam ausgestopft unter den gelben und weißen Röcken, mit denen sie Gringoire vermummt hatte.

Doch als unser Dichter die Ruhe etwas wiederhergestellt sah, ersann er eine Kriegslist, die alles gerettet hätte.

»Herr,« sagte er, sich an einen seiner Nachbarn, einen braven großen Mann mit geduldiger Miene wendend, »wenn man wieder anfinge?«

»Was?« entgegnete der Nachbar.

»Nun, das Schauspiel,« sagte Gringoire.

»Wie es Euch beliebt,« versetzte der Nachbar.

Diese halbe Zustimmung genügte Gringoire; und um seine Angelegenheiten selbst zu betreiben, begann er, sich nach Möglichkeit in die Menge drängend, laut zu schreien: »Fangt wieder mit dem Schauspiele an! Fangt wieder an!«

»Zum Teufel!« sagte Johannes von Molendino, »was schreien sie denn da unten, am Ende? (Denn Gringoire machte Lärm für viere.) Sagt, Kameraden, ist das Schauspiel noch nicht zu Ende? Sie wollen es neu anfangen, das ist lächerlich.«

»Nein, nein,« schrien alle Studenten, »fort mit dem Schauspiele! zum Teufel damit!«

Aber Gringoire verdoppelte seine Anstrengungen und schrie nur noch mehr: »Fangt wieder an! fangt wieder an!«

Die Rufe zogen die Aufmerksamkeit des Cardinals auf sich.

»Herr Palastvogt,« sagte er zu einem großen, schwarzgekleideten Manne, der einige Schritte von ihm saß, »ist das Pack in einen Weihkessel gerathen, daß es diesen Höllenlärm vollführt?« Der Palastvogt war so eine Art obrigkeitliche Amphibie, eine Sorte richterlicher Fledermaus, zugleich die Mitte haltend zwischen Ratte und Vogel, zwischen Richter und Soldat.

Er näherte sich Seiner Eminenz, und nicht ohne große Furcht vor ihrem Mißfallen erzählte er ihr stotternd die Unschicklichkeit des Volkes: daß Mittag vor Erscheinen Seiner Eminenz herangekommen sei, und daß die Schauspieler gezwungen worden wären, anzufangen, ohne Seine Eminenz zu erwarten.

Der Cardinal lachte laut auf.

»Meiner Treu! der Herr Universitätsrector würde es ebenso haben machen müssen. Was sagt Ihr dazu, Meister Wilhelm Rym?«

»Hochwürdigster Herr,« entgegnete Wilhelm Rym, »wir wollen zufrieden sein, dem halben Schauspiele glücklich entgangen zu sein; das ist immer etwas gewonnen.«

»Dürfen die Schurken mit ihrer Posse fortfahren?« fragte der Vogt.

»Mögen sie fortfahren, immer zu,« sagte der Cardinal, »meinetwegen. Unterdessen will ich in meinem Brevier lesen.«

Der Vogt ging an den Rand der Tribüne und rief, nachdem er mit der Hand Ruhe geboten hatte:

»Bürger, Insassen und Einwohner! Um diejenigen zufrieden zu stellen, welche wünschen, daß man wieder anfange, und diejenigen, welche wollen, daß man schließe, befiehlt Seine Eminenz, daß fortgefahren werde.«

Beide Parteien mußten sich schließlich zufrieden geben. Indessen hegten Dichter und Publikum lange Zeit Groll gegen den Cardinal.

Die Personen auf der Bühne nahmen ihren Vortrag also wieder auf, und Gringoire hoffte, daß wenigstens die andere Hälfte seines Stückes angehört werden würde. Diese Hoffnung wurde jedoch bald getäuscht, wie seine übrigen Illusionen; die Ruhe war allerdings im Zuhörerraume so ziemlich wieder hergestellt, aber Gringoire hatte nicht bemerkt, daß im Augenblicke, wo der Cardinal das Zeichen fortzufahren gegeben hatte, die Tribüne noch lange nicht besetzt war; daß nach den flamländischen Gesandten neue Personen, die zum Gefolge gehörten, erschienen waren, deren Namen und Titel der Thürhüter zeitweilig mitten in den Dialog hineinschrie, wodurch große Verwirrungen dabei verursacht wurden. Man denke sich die Wirkung, wenn die kreischende Stimme eines Thürhüters, mitten in einem Theaterstücke, zwischen zwei Verse und oft zwischen zwei halbe Alexandriner Einschaltungen hineinwirft, wie:

»Meister Jacob Charmolue, königlicher Procurator beim Kirchengerichtshofe!«

»Johann von Harlay, Junker, Offizier vom Dienst der reitenden Nachtwache der Stadt Paris!«

»Herr Galiot von Genoilhac, Ritter, Herr von Brussac, Chef der königlichen Artillerie!«

»Meister Dreux-Raguier, Wasser- und Forstinspector unseres königlichen Herrn im Lande Frankreich, Champagne und Brie!«

»Herr Ludwig von Graville, Ritter, Rath und Kammerherr des Königs, Admiral von Frankreich, Vogt des Vincenner Waldes!«

»Meister Denis Le Mercier, Vorsteher des Blindenhauses zu Paris!« u.s.w. u.s.w.

Das wurde unausstehlich.

Diese seltsame Begleitung des Stückes, welche es schwer machte, seinem Gange zu folgen, erregte Gringoire’s Unwillen um so mehr, als er sich nicht verheimlichen konnte, daß der Reiz desselben mehr und mehr zunahm, und daß ihm nichts fehlte, als angehört zu werden. Es war in der That schwer, sich einen genialeren und dramatischeren Aufbau zu denken. Die vier Personen des Prologes wehklagten eben in ihrer peinlichen Bedrängnis, als Venus in Person (vera incessu patuit dea) vor ihnen erschienen war, in ein schönes Gewand gekleidet, das mit dem Schiffe der Stadt Paris als Wappen 24 geschmückt war. Sie wollte selbst den Dauphin, welcher der Schönsten versprochen war, für sich fordern. Jupiter, dessen Donner man im Ankleidezimmer grollen hörte, munterte sie dazu auf, und die Göttin wollte ihn entführen, d. h. unbildlich geredet, den Herrn Dauphin heirathen, als ein junges Mädchen in weißen Damast gekleidet und eine Perle 25 in der Hand (eine leicht ersichtliche Personification des Fräuleins von Flandern) erschienen war, um ihn der Venus streitig zu machen. – Theatereffect und plötzlicher Wechsel. – Nach einem Wortstreite waren Venus, Margarethe und die Coulissen übereingekommen, sich deshalb dem unparteiischen Urtheile der heiligen Jungfrau zu unterwerfen. Es war noch eine schöne Rolle im Stück: die des Dom Pedro, des Königs von Mesopotamien; aber wegen der vielen Unterbrechungen war es schwer, herauszufinden, was sie vorstellte. Alles das war die Leiter hinaufgestiegen.

Es war aber darum geschehen; keine der Schönheiten wurde empfunden oder verstanden. Man hätte sagen mögen, daß mit dem Erscheinen des Cardinals ein unsichtbarer Zauberfaden alle Blicke von der Marmorplatte nach der Tribüne, von dem südlichen Ende nach der nördlichen Seite des Saales hingezogen hätte. Nichts konnte die Zuhörerschaft entzaubern, alle Augen blieben da festgebannt, und die Neueintretenden, ihre verdammten Namen, ihre Gesichter und Trachten verursachten eine anhaltende Zerstreuung. Das war traurig. Mit Ausnahme von Gisquette und Liénarde, die sich von Zeit zu Zeit umwandten, wenn Gringoire sie am Aermel zog, den großen, geduldigen Nachbar ausgenommen, hörte kein Mensch hin, niemand sah auf das arme, verlassene Schauspiel, und Gringoire sah die Gesichter nur noch von der Seite.

Mit welcher Bitternis sah er sein ganzes Ruhm- und Poesiegebäude Stück um Stück zusammensinken! Und man denke nur, daß dieses Volk auf dem Punkte gewesen war, sich gegen den Herrn Palastvogt zu empören, rein aus Ungeduld, sein Werk zu vernehmen! Jetzt, da man es hatte, kümmerte man sich nicht darum. War das dieselbe Vorstellung, welche unter so einmüthigem Beifalle begonnen hatte? Beständige Ebbe und Flut der Volksgunst! Man denke sich, daß die Diener des Vogts beinahe gehangen worden wären! Was hätte er nicht dafür gegeben, um noch in dieser Wonnestunde zu sein!

Doch das ungeschliffene Selbstgespräch des Thürhüters hörte auf; alles war angelangt, und Gringoire athmete auf; die Schauspieler fuhren muthig fort. Aber da – erhebt sich da nicht Meister Coppenole, der Strumpfwirker, plötzlich? Und Gringoire hört ihn unter allgemeiner Aufmerksamkeit folgende schreckliche Anrede halten:

»Meine Herren Bürger und Junker von Paris! ich weiß, Kreuz Gottes, nicht, was wir hier beginnen. Ich sehe wohl da unten in dem Winkel, auf diesem Gerüste, Leute, die Miene machen, als ob sie sich schlagen wollten. Ich weiß nicht, ob das ist, was ihr ein »Schauspiel« nennt; aber unterhaltend ist das nicht; sie fechten mit dem Munde, und weiter ist’s nichts. Seit einer Viertelstunde warte ich auf den ersten Hieb, nichts erfolgt; das sind feige Schufte, die sich nur mit Beleidigungen kratzen. Man sollte Ringkämpfer von London oder Rotterdam kommen lassen, und meiner Treu, da würde es Fausthiebe gesetzt haben, daß man’s da unten auf dem Platze würde hören können; aber jene erregen Mitleiden. Sie sollten uns wenigstens einen maurischen Tanz oder eine andere Mummerei zum besten geben! Das da hatte man mir nicht gesagt; ein Narrenfest mit Papstwahl war mir versprochen worden. Wir haben auch unsern Narrenpapst in Gent, und darin sind wir, Gottes Kreuz, hinter euch nicht zurück. Aber das machen wir so: man versammelt sich, ein Haufe wie hier; dann steckt abwechselnd jeder seinen Kopf durch ein Loch und schneidet den andern eine Grimasse; wer die häßlichste macht, wird mit Zustimmung aller zum Papst gewählt; damit abgemacht. Das ist sehr unterhaltend. Wollt ihr, daß wir euern Papst nach der Sitte meiner Heimat wählen? Das wird weniger langweilig sein, als diesen Schwätzern zuzuhören. Wenn sie ihre Grimasse im Loche machen wollen, so können sie mitspielen. Was sagt ihr dazu, meine Herren Bürger? Es ist eine hinlänglich komische Musterprobe beiderlei Geschlechts hier, um einmal auf flämisch lustig zu sein, und wir sind häßliche Gesichter genug, um auf eine schöne Fratze rechnen zu können.«

Gringoire hätte gern antworten wollen: Staunen, Zorn, Unwille nahmen ihm aber das Wort. Uebrigens wurde der Vorschlag des populären Strumpfwirkers mit einem solchen Enthusiasmus von diesen Bürgern, die sich geschmeichelt fühlten, »Junker« zu heißen, aufgenommen, daß jeder Widerstand nutzlos war. Es blieb nichts weiter übrig, als sich von dem Strome fortführen zu lassen. Gringoire verbarg sein Gesicht in seinen beiden Händen, da er nicht so glücklich war, im Besitze eines Mantels zu sein, um, wie der Agamemnon des Timantes, sein Haupt verhüllen zu können.

  1. [»Pensionair« ehemals Titel des ersten Staatsministers in Holland. Anm. d. Uebers.]
  2. [Französischer Geschichtsschreiber und Staatsmann († 1509).]
  3. [ Lateinisch: Perlen vor die Schweine.]
  4. [ Lateinisch: Schweine vor Margarethen. Der Wortwitz liegt im Gleichklange zwischen Margarita (Perle) und Margaretha (Namen der Prinzessin). Anm. d. Uebers.]
  5. [Das Wappen von Paris enthält einen Dreimaster auf wogender See und die Devise: Fluctuat nec mergitur. Anm. d. Uebers.]
  6. [Perle heißt französisch: marguerite; die Bedeutung des Sinnbildes liegt im Gleichklange der Wörter » marguerite« und »Margarethe« (Prinzessin von Flandern). Anm. d. Uebers.]

5. Quasimodo.

In einem Augenblicke war alles bereit, Coppenole’s Gedanken zu verwirklichen. Bürger, Studenten und Parlamentsgerichtsschreiber hatten sich an die Arbeit gemacht. Die kleine Kapelle, der Marmorplatte gegenüber, wurde zum Schauplatze der Fratzenschneiderei ausersehen. Eine zerbrochene Fensterscheibe in der hübschen Rosette über der Thüre ließ einen Steinkranz frei, durch welchen die Bewerber, so wurde bestimmt, den Kopf stecken sollten. Um dahin zu gelangen, genügte es, auf zwei Fässer zu steigen, welche irgendwoher genommen, und so gut als möglich über einander gestellt worden waren. Es wurde bestimmt, daß jeder Bewerber, Mann oder Weib (denn man konnte auch eine Päpstin wählen), sein Gesicht verhüllen und sich in der Kapelle bis zum Augenblicke des Erscheinens versteckt halten sollte, damit der Eindruck seiner Grimasse vollkommen und neu bleiben möchte. In weniger als einem Augenblicke war die Kapelle mit Bewerbern gefüllt, hinter denen die Thüre sich schloß.

Coppenole bestimmte, leitete und ordnete alles von seinem Platze aus. Während des Tumultes hatte sich der Cardinal, der ebenso wie Gringoire außer Fassung gerathen war, mit seinem ganzen Gefolge unter dem Vorwande von Geschäften und des Nachmittaggottesdienstes davon gemacht, ohne daß die Menge, die bei seinem Erscheinen so lebhaft bewegt worden war, die geringste Erregung bei seinem Verschwinden gezeigt hätte.

Wilhelm Rym war der einzige, der den Weggang Seiner Eminenz bemerkte. Die Aufmerksamkeit des Volkes setzte, wie die Sonne, ihre Bahn fort; von einem Ende des Saales ausgegangen, war sie jetzt, nach einigem Verweilen in der Mitte, am andern Ende. Die Marmorplatte, die Brokattribüne hatten ihr Verweilen genossen; jetzt war die Reihe an Ludwigs des Elften Kapelle. Das Feld war jetzt für jede Narrheit frei. Es gab nur noch Flamländer und Pöbel.

Das Fratzenschneiden begann. Das erste Gesicht, welches in der Fensteröffnung erschien, die Augenlieder verdreht, mit rachenartig geöffnetem Munde und mit einer Stirne, die gefaltet wie ein Husarenstiefel aus der Zeit des Kaiserreiches war, erregte ein solch unauslöschliches Gelächter, daß Homer alle diese Leute für Götter gehalten hatte. Und doch war der große Saal nichts weniger als ein Olymp, und der arme Jupiter des Gringoire wußte das besser, als irgend einer. Eine zweite, eine dritte Fratze folgte, dann eine andere und noch eine; und immer verdoppelte sich das Gelächter und Freudengetümmel. Bei diesem Schauspiele herrschte eine ganz besondere Tollheit, eine eigenartige Trunkenheit und Zauberkraft, wovon es schwer sein würde, dem Leser der Gegenwart und unserer Salons einen Begriff zu geben. Man denke sich eine Reihe von Gesichtern, die nach und nach alle geometrischen Formen vorstellten, vom Dreieck an bis zum Trapez, vom Kegel bis zum Vieleck; alle menschlichen Gesichtsausdrücke, vom Zorn bis zur Wollust; alle Alter, von den Falten des Neugeborenen bis zu den Runzeln einer sterbenden Alten; alle religiösen Spukgestalten, vom Faun bis zum Beelzebub; alle thierischen Profile, vom Rachen bis zum Schnabel, vom Rüssel bis zur Schnauze. Man denke sich alle Fratzenköpfe des Pont-Neuf, 26 die unter der Hand des Germain Pilon versteinerten Traumbilder lebend und athmend, nach und nach herankommen und einem mit glühenden Augen ins Gesicht sehen; alle Masken des Carnevals von Venedig vor dem Augenglase vorüberziehen: mit einem Worte ein Menschen-Kaleidoskop.

Die Orgie wurde mehr und mehr flamländisch. Teniers 27 würde nur ein sehr unvollkommenes Abbild davon geben können. Man denke sich die Schlacht des Salvator Rosa 28 als ein Bacchanal. Da waren keine Studenten, keine Gesandten, keine Bürger, keine Männer, keine Frauen mehr; nur Individuen wie Clopin Trouillefou, Gilles Lecornu, Marie Quatrelivres, Robin Poussepain. Alles verschwand in der allgemeinen Zügellosigkeit. Der große Saal war nichts als ein flammender Ofen voll Frechheit und Lustigkeit, wo jeder Mund ein Schrei, jedes Gesicht eine Fratze, jedes Individuum eine Erscheinung war: das Ganze schrie und heulte. Die abscheulichen Gesichter, welche abwechselnd in der Rosette erschienen und mit den Zähnen knirschten, glichen den in die Kohlen geworfenen Brandfackeln; und aus dieser tosenden Menge zischte, wie der Dampf aus dem Glühofen, ein gellendes, scharfes, schneidendes, pfeifendes Geräusch, wie die Flügel einer Bremse»

»Ho, he! Verflucht!«

»Sieh nur dies Gesicht!«

»Es taugt nichts.«

»Ein anderes!«

»Guillemette Maugerepuis, sieh nur dieses Ochsenmaul, es fehlen ihm nur die Hörner. Dein Mann ist das nicht!«

»Fort damit!«

»Beim Bauche des Papstes! wer ist die Fratze da?«

»Holla! he! Das heißt betrügen. Man soll nur sein Gesicht zeigen!«

»Diese verdammte Perrette Callebotte! Die ist dessen fähig.«

»Juchhe! Juchhe!«

»Ich ersticke –!«

»Da ist einer, der mit den Ohren nicht durch das Loch kann!« u.s.w. u.s.w.

Wir müssen aber unserem Freunde Johann Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Mitten in diesem Hexensabbath erkannte man ihn noch oben auf seinem Pfeiler, wie einen Schiffsjungen auf dem Topsegel. Er ereiferte sich mit einer unglaublichen Raserei. Sein Mund stand ganz weit offen, und Schreie stieß er aus, die man kaum hörte, nicht etwa weil sie von dem allgemeinen heftigen Getöse übertäubt wurden, sondern weil seine Stimme ohne Zweifel die Grenze der vernehmbaren hohen Töne, die zwölftausend Schwingungen Sauveurs oder die achttausend Biots, erreicht hatte.

Was Gringoire betrifft, so hatte er wieder Fassung bekommen, nachdem der erste Augenblick der Bestürzung vorüber war. Er hatte dem Mißgeschick Trotz geboten. »Fahret fort!« hatte er zum dritten Male seinen Sprechmaschinen, den Schauspielern, zugerufen; dann vor der Marmorplatte in großen Schritten auf- und abgehend, kam er auf den Einfall, in der Luke der Kapelle sich auch zeigen zu wollen, wäre es auch nur des Vergnügens halber, diesem undankbaren Volke Grimassen zu schneiden. »Aber nein! das wäre unserer nicht würdig; keine Rache! Kämpfen laßt uns bis ans Ende,« wiederholte er sich; »groß ist die Macht der Poesie über das Volk. Ich werde sie zurückbringen. Wir wollen sehen, wer den Sieg davontragen soll, ob Fratzen, oder ob die schönen Künste.« Wehe! er war der einzige Zuschauer seines Stückes geblieben.

Es war noch schlimmer als vorhin. Er sah jetzt nur die Hintertheile der Leute. Doch nein! Der dicke geduldige Mann, den er schon einmal im kritischen Augenblicke um Rath gefragt hatte, war dem Theater zugewandt stehen geblieben. Gisquette und Liénarde aber waren schon längst davongelaufen.

Gringoire wurde von der Treue seines einzigen Zuschauers im tiefsten Herzen gerührt. Er näherte sich ihm, sprach zu ihm, indem er ihn sanft am Arme schüttelte; denn der gute Mann hatte sich an das Geländer gestützt und schlief ein wenig.

»Herr,« sagte Gringoire, »ich danke Euch vielmals!«

»Herr,« erwiderte der dicke Mann mit einem Gähnen, »wofür?«

»Ich sehe, was Euch langweilt,« entgegnete der Dichter, »es ist dieser ganze Lärm, der Euch hindert, nach Belieben zuzuhören. Aber seid ruhig: Euer Name wird der Nachwelt überliefert werden. Euer Name, wenn ich bitten darf?«

»Renauld Château, Siegelbewahrer des Gerichtshofes von Paris, zu dienen.«

»Herr, Ihr seid hier der einzige Vertreter der Musen,« sagte Gringoire.

»Ihr seid zu gütig, Herr,« antwortete der Siegelbewahrer des Gerichtshofes.

»Ihr seid der einzige,« entgegnete Gringoire, »der das Stück anständig angehört hat. Wie findet Ihr es?«

»Ei! nun!« antwortete der dicke Beamte noch halb im Schlafe, »gewiß recht lustig.«

Gringoire mußte sich mit diesem Lobe begnügen; denn ein donnerndes Beifallklatschen mit ungeheuerem Jubelgeschrei schnitt ihre Unterhaltung plötzlich ab. Der Narrenpapst war erwählt.

»Hurrah! Juchhe! Hurrah!« schrie das Volk von allen Seiten.

Es war in der That eine wunderbare Fratze, die soeben im Loche der Rosette erglänzte. Nach alle den fünf- und sechseckigen und unregelmäßigen Gesichtern, welche nach und nach in jenem Guckloche erschienen waren, ohne das Ideal des Häßlichen, das sich in den erhitzten Köpfen gebildet hatte, zu verwirklichen, bedurfte es nichts Geringeren, als der grandiosen Fratze, welche soeben die Versammlung berückt hatte und die Stimmen erhielt. Meister Coppenole selbst klatschte Beifall; und Clopin Trouillefou, welcher als Mitbewerber aufgetreten war (Gott weiß, welchen Grad der Häßlichkeit sein Gesicht erreichen konnte), erklärte sich für besiegt. Wir wollen dasselbe thun. Versuchen wollen wir aber nicht, dem Leser einen Begriff zu geben von dieser vierkantigen Nase, diesem hufeisenartigen Maule, von diesem kleinen, hinter roth-borstiger Augenbraue versteckten linken Auge, während das rechte ganz unter einer ungeheuern Warze verschwand, von diesen unregelmäßigen, hier und da abgebrochenen Zähnen, Schießscharten einer Festung vergleichbar, von dieser schwulstigen Lippe, über welche einer dieser Zähne, wie ein Elephantenstoßzahn herausfuhr, von diesem gespaltenen Kinn und dem Gesichtsausdruck, der unter alledem verborgen lag, von dieser Mischung von Bosheit, Stumpfsinn und Trübsinn. Wer es kann, vergegenwärtige sich dieses Ganze!

Das Beifallsgeschrei war einstimmig; man stürzte auf die Kapelle los. Im Triumphe wurde der glückliche Narrenpapst herausgebracht. Aber Ueberraschung und Bewunderung stiegen jetzt auf den höchsten Gipfel: die Grimasse war sein wirkliches Gesicht.

Oder besser: seine ganze Person war eine Grimasse. Ein dicker Kopf, der von rothen Haaren starrte; zwischen beiden Schultern ein ungeheurer Buckel, dessen Gegenstück man vorn sehen konnte; Schenkel und Beine in so widernatürlicher Stellung, daß sie sich nur an den Knien berührten, und von vorn gesehen zwei Sichelbogen glichen, die am Griff verbunden waren; mächtige Füße, ungeheure Hände, und bei all dieser Mißgestaltung ein schrecklicher Anstrich von Stärke, Gewandtheit und Muth: eine sonderbare Ausnahme von der ewigen Regel, nach welcher Kraft wie Schönheit aus der Harmonie entspringt. So war der Papst, den sich die Narren soeben gewählt hatten. Man hätte ihn für einen zerbrochenen und schlecht zusammengefügten Riesen halten mögen.

Als dieses Stück Cyklop auf der Schwelle der Kapelle erschien, unbeweglich, untersetzt, fast ebenso breit wie hoch, »ein viereckiges Ganze«, wie ein großer Mann sagt, erkannte ihn die Bevölkerung sofort an seinem halb rothen, halb schwarzen, mit silbernen Thürmen übersäeten Rocke, vor allem an der vollendeten Häßlichkeit, und rief einstimmig:

»Das ist Quasimodo, der Glöckner! Das ist Quasimodo, der Bucklige von Notre-Dame! Quasimodo, der Einäugige! Quasimodo, das Krummbein! Hurrah! Juchhe!«

Man sieht, der arme Teufel konnte sich Spitznamen wählen.

»Nehmt die schwangern Weiber in Acht!« schrien die Studenten.

»Oder die es gern werden wollen,« fuhr Johannes fort.

Die Frauen verhüllten in der That das Gesicht.

»O! der häßliche Affe!« sagte eine.

»So boshaft, wie häßlich,« fuhr eine andere fort.

»Das ist der Teufel,« setzte eine dritte hinzu.

»Ich habe das Unglück, neben Notre-Dame zu wohnen; des Nachts höre ich ihn in der Dachrinne umherlaufen.«

»Mit den Katzen.«

»Er ist immer auf unsern Dächern.«

»Er wirft uns verzauberte Dinge durch die Schornsteine herab.«

»Neulich Abend machte er mir eine Grimasse in mein Dachfenster. Ich glaubte, es wäre ein Mensch. Ich hatte Furcht.«

»Ich bin überzeugt, er geht auf den Hexensabbath. Einmal hat er einen Besen auf meinem Dache liegen lassen.«

»O! das häßliche Gesicht des Buckligen.«

»O! die gemeine Seele!«

»Buha!«

Die Männer im Gegentheil waren entzückt und klatschten Beifall.

Quasimodo, der Gegenstand des Tumultes, stand immer noch an der Thür der Kapelle, finster und ernst, und ließ sich bewundern.

Ein Student (Robin Poussepain, glaube ich, war es) stand ein wenig zu nahe und lachte ihm ins Gesicht. Quasimodo ließ sich genügen, ihn am Gürtel zu packen und zehn Schritte weit mitten durch die Menge zu werfen – und alles das, ohne ein Wort zu sagen.

Meister Coppenole näherte sich ihm erstaunt:

»Kreuz Gottes! Heiliger Vater! du hast ja die schönste Häßlichkeit, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Der Papstwürde wärest du in Rom wie in Paris werth.«

Während dieser Worte legte er ihm lustig die Hand auf die Schulter. Quasimodo rührte sich nicht. Coppenole fuhr fort: »Du bist ein Kerl, mit dem ich Lust habe, eins zu trinken, sollte es mir auch zwölf neue Tournosen kosten.«

Quasimodo antwortete nicht.

»Kreuz Gottes!« rief der Strumpfwirker, »bist du taub?«

Er war es allerdings.

Indessen fing er an, über Coppenole’s Benehmen ungeduldig zu werden, und wandte sich plötzlich mit einem so fürchterlichen Zähnefletschen nach ihm hin, daß der flamländische Riese wie ein Bulldogge vor einer Katze zurückfuhr.

Nun entstand um die seltsame Person vor Schrecken und Ehrfurcht ein Umkreis, der mindestens fünfzehn Fuß im Halbmesser hatte.

Eine alte Frau setzte dem Meister Coppenole auseinander, daß Quasimodo taub wäre.

»Taub!?« sagte der Strumpfwirker mit seinem lauten flamländischen Lachen. »Kreuz Gottes! das ist ein vollkommener Papst!«

»Ei, ich erkenne ihn!« rief Johann, der schließlich von seinem Säulenknaufe heruntergestiegen war, um Quasimodo in der Nähe zu sehen, »es ist der Glockenläuter meines Bruders, des Archidiakonus. Guten Tag, Quasimodo!«

»Teufelskerl!« sagte Robert Poussepain, der von seinem Falle noch ganz zerquetscht war. »Er ist offenbar ein Buckliger; geht er, so habt ihr ein Krummbein; sieht er euch an, da hat er nur ein Auge; sprecht ihr mit ihm, da ist er taub. Nun wohlan, was macht er denn mit seiner Zunge, dieser Polyphem?«

»Wenn er will, kann er sprechen,« sagte die Alte; »er ist durchs Läuten taub geworden. Stumm ist er nicht.«

»Das fehlt ihm noch,« bemerkte Johann.

»Und er hat ein Auge zu viel,« fügte Robin Poussepain hinzu.

»Ganz und gar nicht,« sagte Johann verständig; »ein Einäugiger ist doch weit unvollkommener, als ein Blinder; er weiß, was ihm fehlt.«

Unterdessen hatten alle Bettler, alle Bedienten, alle Beutelschneider, im Verein mit den Studenten, feierlich aus dem Schranke der Gerichtsschreibergilde die pappene Tiara und das Spottkleid des Narrenpapstes herbeigeholt. Quasimodo ließ sich damit bekleiden, ohne eine Miene zu verziehen, ja mit einer Art stolzer Bereitwilligkeit. Dann ließ man ihn auf einem buntgeschmückten Tragsessel niedersitzen. Zwölf Beamte der Narrenbrüderschaft hoben ihn auf ihre Schultern, und eine Art herber und verachtender Freude strahlte auf dem mürrischen Gesichte des Cyklopen, als er unter seinen mißgestalteten Füßen alle diese Köpfe schöner, gesunder und wohlgestalteter Menschen sah. Dann setzte sich der heulende und zerlumpte Zug in Bewegung, um, dem Herkommen gemäß, den Umzug in den innern Galerien des Palastes auszuführen, ehe er seinen Marsch durch die Straßen und Gassen begann.

  1. [Eine Pariser Brücke. Anm. d. Uebers.]
  2. [David Teniers, Name zweier berühmter holländischer Maler (der ältere gest. 1649, der jüngere gest. 1694).]
  3. [Italienischer Maler (gest. 1673). Anm. d. Uebers.]

2. Dies wird jenes vernichten.

Unsere Leserinnen werden verzeihen, wenn wir uns einen Augenblick dabei aufhalten, nachzuforschen, welches wohl der Gedanke sein mochte, der sich unter den räthselhaften Worten des Archidiaconus verbarg: »Dies wird jenes vernichten. Das Buch wird das Gebäude vertilgen.« Nach unserer Meinung hatte dieser Gedanke zwei Gesichtspunkte. Zunächst war es ein Priestergedanke. Es war der Schrecken eines Geistlichen vor einer neuen Culturmacht: der Buchdruckerkunst. Es war das Entsetzen und die Verblendung eines Kirchendieners vor der leuchtenden Presse Guttenbergs. Die Kanzel und die Handschrift, das gesprochene und das geschriebene Wort waren es, die über das gedruckte Wort in Schrecken geriethen; etwas der Bestürzung eines Spatzen Aehnliches, wenn er die himmlische Legion ihre sechs Millionen Flügel ausbreiten sehen würde. Der Ruf des Propheten war es, welcher bereits die vom Joche befreite Menschheit brausen und wogen hört; welcher in Zukunft die Religion durch die Erkenntnis untergraben, das Urtheil den Glauben entthronen und die Welt Rom abschütteln sieht. Es war die Vorhersagung des Philosophen, welcher den menschlichen Gedanken, der von der Presse beflügelt war, aus dem theokratischen Destillirgefäße sich verflüchtigen sieht; der Schrecken eines Soldaten, welcher den ehernen Sturmbock betrachtet und spricht: »Der Thurm muß zusammenbrechen.« Das bedeutete, daß eine Macht an die Stelle einer andern Macht treten wollte; das wollte sagen: »Die Druckerpresse wird die Kirche vernichten.« Aber hinter diesem Gedanken, dem nächsten und einfachsten zweifelsohne, stand, unserer Meinung nach, ein anderer und modernerer, der Folgegedanke aus dem erstern und nicht so schwer zu begreifen, aber viel schwieriger zu läugnen, eine ganz ebenso philosophische Ansicht, die nicht sowohl mehr die eines Geistlichen, als vielmehr die eines Weisen und Künstlers war. Es war das Vorgefühl, daß der menschliche Gedanke mit der Aenderung seiner Form die Ausdrucksweise zu ändern sich anschickte; daß der Hauptgedanke jedes Menschenalters nicht mehr mit demselben Material und in derselben Weise dargestellt werden würde; daß das so solide und dauerhafte Buch aus Stein dem noch solidern und dauerhafteren aus Papier den Platz einräumen sollte. Mit Rücksicht darauf hatte der unbestimmte Gedankenausdruck des Archidiaconus einen andern Sinn; er sprach aus, daß eine Kunst eine andere Kunst vom Throne zu stoßen sich anschickte; er wollte sagen: »Die Buchdruckerkunst wird die Baukunst vernichten.«

In Wahrheit bildet, vom Ursprünge der Dinge an bis einschließlich zum fünfzehnten Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung, die Baukunst das große Buch der Menschheit, das Hauptausdrucksmittel des Menschen in seinen verschiedenen Entwicklungszuständen, sei es nun als Macht oder sei es als Intelligenz.

Als die Gedächtniskraft der ersten Rassen sich zu sehr beladen wußte, als der Erinnerungsballast des menschlichen Geschlechtes so schwer und unordentlich wurde, daß das nackte und flüchtige Wort Gefahr lief, ihn unterwegs zu verlieren, übertrug man ihn in der sichtbarsten und zugleich dauerhaftesten und natürlichsten Weise auf den Erdboden. Man versiegelte jede Ueberlieferung in einem Baudenkmale.

Die ersten Baudenkmäler waren einfache Gevierte aus Felsenstücken, »welche das Eisen nicht berührt hatte«, sagt Moses.

Die Architektur fing wie jede Schreibkunst an: sie war zuerst Alphabet. Man stellte einen Stein aufrecht hin, und das war ein Buchstabe, und jeder Buchstabe war eine Hieroglyphe, und auf jeder Hieroglyphe ruhte eine Gedankengruppe, wie das Kapital auf der Säule. In dieser Weise schufen die ersten Rassen, überall, im nämlichen Augenblicke, und auf der Oberfläche der ganzen Erde. Man findet den »aufgerichteten Stein« der keltischen Völkerschaften im asiatischen Sibirien und in den Pampas von Amerika wieder.

Später bildete man Worte; man stellte den Stein auf den Stein; man verband diese granitenen Silben, das Wort versuchte einige Wortverbindungen.

Der keltische Dolmen 106 und Cromlech, 107 der etruskische Tumulus, 108 der Galgal 109 der Juden sind Worte. Einige, namentlich der Tumulus, sind Eigennamen. Zeitweilig sogar, wenn viel Steine und eine weite Landstrecke vorhanden waren, schrieb man einen Satz. Die ungeheure Steinmasse von Karnak ist schon eine ganz vollkommene Formel.

Schließlich wurden Bücher geschaffen. Die Überlieferungen hatten Sinnbilder hervorgebracht, unter denen jene wie der Stamm eines Baumes unter seinem Blätterwerk verschwanden; alle diese Sinnbilder, an welche die Menschheit glaubte, begannen mit der Zeit zuzunehmen, sich zu vervielfältigen, zu verbinden und sich mehr und mehr zu verwirren; die ersten Baudenkmäler genügten nicht mehr, sie in sich aufzunehmen; sie waren überall aus den beengenden Formen herausgequollen; kaum drückten diese Denkmäler noch die ursprüngliche Überlieferung aus, welche wie sie, einfach und nackt, auf dem Erdboden ruhte. Das Sinnbild hatte Bedürfnis, sich in dem Gebäude zu enthüllen. Die Architektur entwickelte sich damals mit dem menschlichen Gedanken; sie wurde eine tausendköpfige und tausendarmige Riesin und hielt in einer ewigen, sicht- und greifbaren Form diesen ganzen schwankenden Sinnbilderausdruck fest. Während Dädalus, der die Kraft bedeutet, maß, während Orpheus, der die Intelligenz vorstellt, sang, gruppirten sich, nach einem Gesetze der Meßkunst und nach einem solchen der Dichtkunst zugleich in Bewegung gesetzt, die Säule, welche einen Buchstaben, die Bogenwölbung, welche eine Silbe und die Pyramide, welche ein Wort vorstellt, verbanden sich, verschmolzen in einander, senkten sich herab, stiegen in die Höhe, setzten sich auf dem Boden neben einander und schichteten sich nach dem Himmel hinauf, bis daß sie, unter dem Dictate eines Hauptgedankens einer Zeitepoche, jene wunderbaren Bücher: die Pagode zu Eklinga, das Rhamseion in Egypten und den Tempel des Salomo geschrieben hatten, die ebenso bewunderungswürdige Bauwerke waren.

Der Grundgedanke, das Wort, fand sich nicht allein in der Anlage, sondern auch in der Form aller dieser Bauwerke. Der Tempel des Salomo zum Beispiel war nicht etwa einfach der Einband des heiligen Buches: er war das heilige Buch selbst. An jeder seiner concentrischen Einfriedigungen vermochten die Priester das den Augen überlieferte und offenbarte Wort zu lesen; und sie verfolgten so seine Umbildungen von Heiligthum zu Heiligthume, bis daß sie es in seinem letzten Zufluchtsorte und in seiner sinnfälligsten Gestalt, welche die Baukunst noch hatte, festhielten: als Arche. Auf solche Weise war das Wort in dem Gebäude eingeschlossen, aber sein Abbild fand sich auf seiner Hülle, wie die menschliche Gestalt an der Einsargung einer Mumie.

Und nicht nur die Gestalt der Gebäude, sondern auch die Baustelle, welche für sie gewählt wurden, enthüllten den Gedanken, welchen sie ausdrücken wollten. Je nachdem das auszudrückende Sinnbild anmuthig oder düster war, krönte Griechenland seine Berge mit einem für das Auge harmonischen Tempel, Indien durchwühlte die seinigen, um in ihnen jene unförmlichen, unterirdischen Pagoden auszumeißeln, die von riesigen Reihen granitner Elephanten getragen werden.

So ist während der sechs ersten Jahrtausende, der Welt, von der urältesten Pagode Hindostans an bis zum Kölner Dome, die Baukunst die große Schreibkunst des menschlichen Geschlechtes gewesen. Und das ist dermaßen in der Wahrheit begründet, daß nicht nur jedes religiöse Sinnbild, sondern auch jeder menschliche Gedanke in diesem ungeheuern Buche seine Seite und sein Denkmal besitzt.

Jede Civilisation beginnt mit der Priesterherrschaft und endigt mit der Demokratie. Dieses Gesetz freiheitlicher Entwicklung, welches an die Stelle der Einheit tritt, ist in der Baukunst niedergeschrieben. Denn, wenn wir auf diesen Punkt Gewicht legen, so muß man nicht glauben, daß die Mauerkunst vermögend sei, nur den Tempel zu bauen, nur den Mythus und die kirchliche Symbolik darzustellen, nur die geheimnisvollen Tafeln des Gesetzes auf seine steinernen Seiten in Hieroglyphenschrift einzutragen. Wenn es so wäre, wie ja in jedem menschlichen Gesellschaftszustande ein Augenblick eintritt, wo das geheiligte Sinnbild sich abnutzt und vor dem freien Gedanken verschwindet, wo der Mensch sich dem Priester entzieht, wo das Auswachsen der philosophischen Wissenschaften und Systeme die Grenzlinie der Religion durchbricht, so würde die Baukunst diesen neuen Zustand des menschlichen Geistes nicht wiedergeben können: ihre auf der Vorderseite beschriebenen Blätter würden auf der Rückseite leer bleiben, ihr Werk würde verstümmelt und ihr Buch unvollständig sein. Das geschah nun freilich nicht.

Nehmen wir zum Beispiel das Mittelalter an, bei dem wir deutlicher sehen können, weil es uns näher ist. Seine erste Periode hindurch, während daß die Priesterherrschaft Europa organisirt, während der Vatican die Elemente eines Rom wieder um sich vereinigt und zum Ansehen bringt, welches mit dem am Fuße des Capitols in Ruinen liegenden Rom geschaffen wird, während daß das Christenthum hinauszieht, um im Schutte der frühern Civilisation alle Schichten der Gesellschaft zu durchdringen und mit ihren Ueberresten ein neues hierarchisches Weltall aufzubauen, in dem das Priesterthum der Schlußstein der Wölbung ist, hört man es in diesem Chaos zunächst sich regen; hierauf sieht man, wie nach und nach unter dem Hauche des Christenthums und unter den Händen der Barbaren aus dem Schutte todter – griechischem und römischer – Bauformen jene geheimnisvolle romanische Baukunst, die Schwester der unter Priesterherrschaft entstandenen Mauerwerke Egyptens und Indiens, das unvergängliche Sinnbild des reinen Katholicismus und die unwandelbare Hieroglyphe päpstlicher Einheit sich erhebt. Die ganze Gedankenwelt von damals ist in Wahrheit in diesem düstern romanischen Stile geschrieben. Ueberall fühlt man dabei die päpstliche Gewalt, die Einheit, Verschlossenheit, das Unumschränkte, den gewaltigen Gregor den Siebenten heraus; überall den Priester, niemals den Menschen; überall die Kaste, niemals das Volk. Da kommen aber die Kreuzzüge heran. Es ist eine große Volksbewegung, und jede große Volksbewegung, mögen ihre Ursache und ihr Endziel sein, welche es wollen, befreit den Geist der Freiheit stets von seinem letzten Niederschlage. Neuerungen wollen sich Bahn brechen. Damit beginnt nun die stürmische Periode der Volksaufstände, der Bauernkriege und der Fürstenbündnisse. Die Autorität geräth ins Wanken, die Einheit spaltet sich. Das Lehnswesen fordert eine Theilung mit der Priesterherrschaft, indem es auf das Volk rechnet, das unvermeidlich und plötzlich auftreten und, wie immer, den Löwenantheil davontragen wird: quia nominor leo. 110 Die Lehnsherrschaft erscheint also hinter der Priesterherrschaft, die Volksherrschaft hinter der Lehnsherrschaft. Das Aussehen Europa’s wird umgestaltet; nun gut! Die Form der Baukunst hat sich gleichfalls geändert. Gleichwie die Civilisation hat sie eine neue Seite aufgeschlagen, und der neue Geist der Zeitverhältnisse findet sie bereit, unter seiner Eingebung zu schreiben. Sie ist aus den Kreuzzügen mit dem Spitzbogen heimgekehrt, wie die Völker mit der Freiheit. Hernach verfällt die romanische Baukunst, während daß Rom nach und nach zerstückelt wird. Die Hieroglyphe verschwindet aus dem Dome und beginnt den Thurm in die Wappenkunde einzuführen, um dem Lehnswesen einen Zauber zu verleihen. Der Dom selbst, dieses einst den Glauben so sicher ausdrückende Bauwerk, entzieht sich, hinfort von dem Bürgerthume, von der Gemeinde und der Freiheit in Besitz genommen, dem Priester und verfällt der Macht des Künstlers. Dieser baut ihn nach seiner Weise. Das Mysterium, die Mythe und das Gesetz sind verabschiedet, die Phantasie und Laune treten an deren Stelle. Falls der Priester das Schiff und den Altar für sich behält, so hat das nichts zu sagen: die vier Mauern gehören dem Künstler. Das steinerne Buch gehört nun nicht mehr dem Priesterthume, der Religion oder Rom; die Einbildungskraft, die Poesie und das Volk haben es in Besitz genommen. Von da an beginnen die reißend schnellen und unzähligen Umbildungen in diesem Zweige der Baukunst, die nur noch drei Jahrhunderte hindurch blüht, und die nach dem beharrlichen Stillstande des romanischen Baustiles während sechs oder sieben Jahrhunderten um so auffälliger sind. Inzwischen schreitet die Kunst mit Riesenschritten vorwärts. Das Genie und die Ursprünglichkeit des Volkes besorgen, was sonst die Bischöfe thaten. Jede Generation schreibt gelegentlich seine Zeile in das Buch; sie löscht die alten romanischen Hieroglyphen an den Vorderseiten der Dome aus, und das wird um so eher erkenntlich, wenn man hier und da noch das Dogma unter dem neuen Sinnbilde, welches sie ihnen aufdrückt, hervorschimmern sieht. Die Drapierungskunst des Volkes läßt kaum das aus dem Glaubensdogma entsprungene Knochengerüst errathen. Man vermag sich schwerlich einen Begriff von der Zügellosigkeit zu machen, die sich damals die Baumeister selbst gegen die Kirche erlauben. Da finden sich Kapitäle, die, wie in der Kamingalerie des Justizpalastes zu Paris, mit unzüchtig gepaarten Mönchs- und Nonnenfiguren geschmückt sind. Da sieht man das Abenteuer des Noah »in ganzen Zügen« ausgemeißelt, wie am Domportale zu Bourges. Da findet sich ein bacchischer Mönch mit Eselsohren und dem Glase in der Hand, der einer ganzen Gemeinde ins Gesicht lacht, wie am Waschbecken in der Abtei zu Bocherville. Es giebt in diesem Zeitabschnitte für den in Stein geschriebenen Gedanken ein ganz ähnliches Privileg, wie unsere gegenwärtige Preßfreiheit: das ist die Freiheit in der Baukunst.

Diese Freiheit geht sehr weit. Manchmal zeigt ein Portal, eine Façade, ja eine ganze Kirche einen bildlichen Sinn, welcher dem Gottesdienste völlig fremd, oder der Kirche sogar feindlich ist. Vom dreizehnten Jahrhunderte an haben Wilhelm von Paris, Nicolaus Flamel im fünfzehnten solche Seiten aufrührerischen Inhaltes geschrieben. Die Kirche Saint-Jacques-de-la-Boucherie war völlig ein den Widerstreit vorstellendes Gotteshaus. Der Gedanke war damals nur in solcher Gestalt frei; daher wurde er ganz vollständig nur in denjenigen Büchern niedergeschrieben, welche man Bauwerke nannte. Ohne diese steinerne Form, in der Gestalt einer Handschrift, würde er sich auf freiem Platze von der Hand des Henkers brennen gesehen haben, wenn er thöricht genug gewesen wäre, sich ans Licht zu wagen. Und der Gedanke in Kirchenportalgestalt hätte der Hinrichtung des freien Gedankens beigewohnt. Daher trieb die Maurerkunst, die nur diesen Ausweg hatte, um in die Erscheinung treten zu können, mit Gewalt und von allen Seiten nach dieser Richtung zu. Daher stammt die ungeheure Menge von Kathedralen, die Europa bedeckt haben, die eine so erstaunliche Anzahl bildet, daß man kaum an sie glaubt, selbst wenn man sich von ihr überzeugt hat. Alle physischen und alle geistigen Kräfte der Gesellschaft liefen in demselben Punkte: der Baukunst, zusammen. In dieser Weise, und unter dem Vorwande, der Gottheit Kirchen zu bauen, entfaltete sich die Kunst in großartigen Verhältnissen.

Wer damals immer als Dichter geboren wurde, ward Baumeister. Das in den Massen verstreute Genie, welches unter dem Feudalismus überall, wie unter einem Schildkrötenpanzer von erzenen Helmen zurückgedrängt war, und nur auf Seiten der Baukunst einen Ausweg fand, befreite sich in dieser Kunst, und seine Iliaden nahmen die Gestalt von Kathedralen an. Alle andern Künste gehorchten der Baukunst und stellten sich unter ihre Zucht. Sie waren die Arbeiter an dem großen Werke. Der Baumeister, der Dichter, der Magister verschmolz in seiner Person die Steinmetzkunst, welche ihm seine Façaden meißelte, die Malerei, welche ihm seine Fenster malte, und die Musik, die ihm seine Glocke schwang und in seiner Orgel klang. Es gab, im eigentlichen Sinne gesagt, nur eine ärmliche Dichtkunst: nämlich diejenige, welche hartnäckig darauf bestand, in den Manuscripten zu vegetiren; die, um etwas zu sein, nicht genöthigt war, sich unter der Form der Hymne oder Prosa in das Bauwerk einfügen zu lassen: zufolge allem dieselbe Rolle, welche die Tragödien des Aeschylus bei den Priesterfesten Griechenlands, und das Erste Buch Moses im Tempel des Salomo gespielt hatten.

Also bis zu Guttenbergs Auftreten war die Baukunst die hauptsächliche schriftliche Kunst, die Allgemeinschrift. Dieses granitne Buch wird im Oriente begonnen, vom griechischen und römischen Alterthume fortgesetzt, und das Mittelalter schreibt dessen letzte Seite. Uebrigens zeigt sich jene Erscheinung einer Volksbaukunst, welche, wie wir soeben im Mittelalter beobachtet haben, die Baukunst einer Gesellschaftskaste verdrängt, bei ganz gleichartiger Richtung in der menschlichen Intelligenz, auch in andern großen Epochen der Geschichte. Also: um ein Gesetz, welches verlangen könnte, in zahlreichen Bänden aufgedeckt zu werden, hier nur summarisch darzustellen, so folgte im Innern des Morgenlandes, an der Wiege der Urzeiten, auf die Baukunst der Hindus diejenige der Phönizier, als die reiche Mutter der arabischen Baukunst; im Alterthume schloß sich an die ägyptische Baukunst, von welcher der etruskische Stil und die Cyklopenbauten nur eine Abart sind, die griechische an, von welcher der römische Stil nur eine mit dem karthagischen Gewölbe überlastete Verlängerung ist; in den neuern Zeiten trat an Stelle des romanischen der gotische Baustil. Und wenn wir diese drei Stilreihen trennen, so finden wir an den drei ältern Schwestern: der Baukunst der Hindus, der ägyptischen und der römischen, dasselbe Symbol wieder, das heißt: die Priesterherrschaft, die Kaste, die Einheit, das Dogma, den Mythus, Gott; und was die drei jüngern Schwestern: die phönizische, griechische und gothische Baukunst betrifft, so finden wir, wie groß übrigens die Formenverschiedenheit, welche ihrer Natur anhaftet, auch sein mag, gleichfalls die nämliche Bedeutung, das heißt: die Freiheit, das Volk, den Menschen.

Ob es Bramine, Magier oder Papst in der indischen, ägyptischen oder romanischen Mauerkunst heißen mag, immer merkt man den Priester, nichts als den Priester. Das Nämliche ist es nicht in den Baukunstformen des Volkes. Sie sind reicher und nicht so heilig. In der phönizischen sieht man den Kaufmann, in der griechischen den Republikaner, in der gothischen den Bürger.

Die Haupteigenschaften aller aus der Zeit der Priesterherrschaft herstammenden Baudenkmäler sind: Unveränderlichkeit, Abscheu vor dem Fortschritte, Festhalten an den überlieferten Linien, Heilighaltung ursprünglicher Formen, unveränderliche Darstellung in allen Gestaltungen des Menschen und der Natur bei unbegreiflichen Einfällen in der Behandlung des Symboles. Es sind Bücher voll dunkeln Sinnes, welche nur die Eingeweihten zu entziffern wissen. Uebrigens hat bei ihnen jede Form und jede Mißgestaltung einen Sinn, der sie unverletzlich macht. Niemand fordere von den indischen, ägyptischen und romanischen Bauhütten, daß sie ihren Plan ändern oder ihre Bildhauerkunst vervollkommnen mögen. Jede Vervollkommnung ist bei ihnen Gottlosigkeit. Es scheint, als ob sich in diesen Bauwerken die Starrheit des Glaubensdogmas wie eine neue Versteinerung über den Stein verbreitet habe. – Im Gegensatze dazu sind die Haupteigenschaften der im Volke entstandenen Mauerwerke: Mannigfaltigkeit, der Fortschritt, Ursprünglichkeit, großer Reichthum und beständige Abwechslung. Sie sind schon hinlänglich von der Religion getrennt, um die Schönheit nicht zu vergessen, an diese ernstlich zu denken und die Ausschmückung ihrer Bildsäulen oder Arabesken unaufhörlich zu verbessern. Sie verrathen ihr Jahrhundert. Sie haben etwas Menschliches an sich, das sie beständig mit dem göttlichen Symbole vermengen, unter dessen Führung sie sich noch zeigen. Daher stammen nun Bauwerke, die von jedem Herzen, von jeder Intelligenz, von jeder Phantasie begriffen werden können, und wiewohl noch symbolischen Charakters, doch leicht wie die Natur zu verstehen sind. Zwischen der Priesterbaukunst und dieser findet ein Unterschied statt, wie derjenige zwischen einer frommen Sprache und der Volksrede, zwischen der Hieroglyphe und der Kunst, wie zwischen Salomo und Phidias.

Wenn wir das, was bis jetzt ganz summarisch angegeben worden ist, zusammenfassen, und dabei von zahllosen Beweisen und ebenso vielen Einwürfen absehen, so sind wir zu der Erkenntnis gelangt: daß die Baukunst bis zum fünfzehnten Jahrhunderte das Hauptbuch der Menschheit gewesen ist; daß in diesem Zeiträume nicht ein irgend verwickelter Gedanke in der Welt zu Tage getreten ist, der nicht Baudenkmal geworden wäre; daß jeder Volksgedanke, wie jedes Religionsgesetz seine Denkmäler gehabt hat; daß endlich das menschliche Geschlecht nichts Bedeutendes gedacht hat, was es nicht in Stein geschrieben hätte. Und warum? Deshalb, weil jeder Gedanke, mag er religiöser oder philosophischer Natur sein, sich zu verewigen ein Interesse hat; weil der Gedanke, der eine Generation aufgeregt hat, andere Generationen aufregen und seine Spur zurücklassen will. Ach, welche zweifelhafte Unsterblichkeit ist doch diejenige, welche in einer Handschrift liegt! Was ist doch ein Bauwerk für ein weit festeres, dauerhafteres und widerstandsfähigeres Buch! Um das geschriebene Wort zu vertilgen, genügt ein Schwamm und ein Türke. Um das aufgerichtete Wort zu vernichten, bedarfs eines gesellschaftlichen Umsturzes, einer Erdrevolution. Die Barbaren sind über das Colosseum hingegangen, die Sündflut ist vielleicht über die Pyramiden gebrandet. – Im fünfzehnten Jahrhunderte ändert sich alles.

Der menschliche Gedanke hat ein Mittel entdeckt, sich nicht nur dauerhafter und widerstandsfähiger, als durch die Baukunst? sondern auch einfacher und leichter fortzupflanzen » Die Architektur wird vom Throne gestoßen. An die Stelle der steinernen Buchstaben des Orpheus treten nun die bleiernen Lettern Guttenbergs.

Das Buch wird einst das Baudenkmal vernichten.

Die Erfindung der Buchdruckerkunst ist das größte Ereignis der Geschichte. Es ist die fortzeugende Revolution. Es ist die Ausdrucksweise der Menschheit, welche sich vollständig verjüngt; es ist der menschliche Gedanke, welcher eine Form ablegt und dafür eine andere anzieht; es ist die vollständige und letzte Häutung jener symbolischen Schlange, die seit Adams Zeiten den Geist vorstellt.

In der Gestaltung durch Buchdruck ist der Gedanke unvergänglicher, denn je zuvor; er ist beflügelt, unfaßbar, unvertilgbar. Er vereinigt sich mit der Luft. Zur Blütezeit der Baukunst ward er zum Berge und nahm gewaltthätig von einem Orte und einem Jahrhunderte Besitz. Jetzt wird er zur Vogelschaar, zerstreut sich in alle vier Winde und hat zugleich alle Punkte des Himmels und der Erde inne.

Wir wiederholen es: wer sieht nicht, daß der Gedanke in dieser Gestalt noch viel unauslöschlicher ist? Von der Festigkeit, die er besaß, gelangte er zur Schnelligkeit. Von der Dauerhaftigkeit geht er zur Unsterblichkeit über. Man kann eine feste Substanz vernichten, wie aber will man die Allgegenwart vertilgen? Möge eine Sündflut kommen – die Berge werden schon längst unter den Fluten verschwunden sein, wenn die Vögel noch dahinfliegen; und wenn eine einzige Arche auf dem Spiegel der Wasserflut segelt, werden sie sich auf ihr niederlassen, werden mit ihr obenauf schwimmen, mit ihr das Fallen der Fluten erleben, und die neue Welt, die aus diesem Chaos hervorgeht, wird aufwachend über sich, beflügelt und luftig den Gedanken der versunkenen Welt dahinschweben setzen.

Und wenn man beachtet, daß diese Ausdrucksweise nicht nur die conservativste, sondern auch die einfachste, die bequemste, die für Alle thunlichste ist; wenn man überlegt, daß sie kein großes Gepäck mit sich führt und kein unbeholfenes Geräth fortschleppt; wenn man den Gedanken vergleicht, der, um in ein Baudenkmal sich zu übersetzen, gezwungen ist, vier oder fünf andere Künste und Tonnen Goldes, einen ganzen Berg von Steinen, einen ganzen Wald von Balken und ein ganzes Volk von Arbeitern in Aufruhr versetzt; wenn man ihn mit dem Gedanken vergleicht, der zum Buche wird, und dem ein wenig Papier, ein wenig Tinte und eine Feder genügt – wie will man sich darüber wundern, daß der menschliche Geist sich von der Baukunst zur Buchdruckerkunst gewendet hat? Man durchsteche plötzlich das ursprüngliche Bett eines Flusses, eines Kanales, der unter seinem Niveau ausgehöhlt ist, und der Fluß wird sein Bett verlassen.

Man beobachte also, wie seit der Erfindung der Buchdruckerkunst die Baukunst hinsiecht, abzehrt und verschwindet; wie man fühlt, daß das Wasser sinkt, der Saft vertrocknet, und daß der Gedankengang der Zeiten und der Völker sich von ihr abwendet! Die Abkühlung ist im fünfzehnten Jahrhunderte fast noch unmerklich, die Presse ist noch zu schwach und nimmt höchstens der mächtigen Baukunst etwas Lebensüberfluß ab. Seit dem sechzehnten Jahrhunderte aber ist die Krankheit der Baukunst ersichtlich: sie drückt das gesellschaftliche Leben schon nicht mehr in wesentlicher Weise aus; sie ändert sich in kläglicher Weise zur klassischen Kunst um; aus gallischer, europäischer, eingeborener Kunst wird sie zu griechischer und römischer, aus wahrer und moderner zur falschen Antike. Es ist jener Verfall, der die Renaissance benannt wird: immerhin noch ein glänzender Verfall; denn der alte gothische Genius, diese Sonne, welche hinter der riesigen Buchdruckerpresse von Mainz hinabsinkt, durchleuchtet mit ihren letzten Strahlen noch eine Zeit lang diese Bastardmasse aus lateinischen Bogenwölbungen und korinthischen Säulenhallen.

Und gerade diese untergehende Sonne halten wir für eine Morgenröthe.

Von dem Augenblicke an jedoch, wo die Baukunst nur noch eine Kunst ist, wie die andere, seitdem sie nicht mehr die Gesammtkunst, die unumschränkte, die tyrannische Kunst ist, hat sie die Macht nicht mehr, die andern Künste im Zaume zu halten. Sie machen sich somit frei, brechen das Joch des Baumeisters und schlagen jede einen Weg für sich ein. Jede von ihnen gewinnt bei dieser Entzweiung. Die Absonderung macht jede größer. Die Steinmetzkunst wird zur Bildhauerkunst, die Bildschnitzkunst zur Malerei, der strenge Kanon zur freien Musik. Man könnte die Baukunst ein Weltreich nennen, welches beim Tode seines Alexander zerfällt, und dessen Provinzen zu Königreichen werden.

Damit beginnt die Zeit Raphaeëls, Michel-Angelo’s, Johann Goujons und Palestrina’s, dieser Sterne des glanzvollen sechzehnten Jahrhunderts.

Zu gleicher Zeit mit den Künsten befreit sich der Gedanke allerwärts. Freigeister des Mittelalters hatten dem Katholicismus schon tiefe Wunden geschlagen. Das sechzehnte Jahrhundert zerreißt die Glaubenseinheit. Vor der Buchdruckerkunst wäre die Reformation nur eine Spaltung gewesen, die Erfindung des Buchdruckes macht sie zur Revolution. Man nehme die Presse weg, und die Ketzerei ist wirkungslos. Mag das verhängnisvoll oder von der Vorsehung bestimmt sein: Guttenberg ist der Vorläufer Luthers.

Doch als die Sonne des Mittelalters vollständig untergegangen, als das gothische Genie für immer am Horizonte der Kunst erstorben war, beginnt die Baukunst immer unscheinbarer zu werden, mehr und mehr zu verbleichen und zu erlöschen. Das gedruckte Buch, dieser Nagewurm des Gebäudes, zehrt sie auf und vertilgt sie. Sie entblößt, sie entblättert sich und nimmt zusehends ab. Sie ist dürftig, sie ist arm, sie ist nichtig. Sie drückt gar nichts mehr aus, nicht einmal die Erinnerung an die Kunst einer andern Zeit. Auf sich selbst beschränkt, verrathen von den andern Künsten, weil der menschliche Gedanke sie im Stiche läßt, zieht sie, aus Mangel an Künstlern, Handwerker an sich. Die Glasscheibe ersetzt das Kirchenfenster; der Steinhauer tritt an die Stelle des Bildhauers. Dahin ist jede Kraft, jede Ursprünglichkeit, jedes Leben, jeder Geist. Als klägliche Bettlerin vor der Werkstätte schleppt sie sich von Nachbildung zu Nachbildung. Michel-Angelo, der zweifelsohne merkte, wie sie seit dem sechzehnten Jahrhunderte hinstarb, hat einend letzten Gedanken gehabt, einen Gedanken der Verzweiflung. Dieser Titan der Kunst hatte das Pantheon auf das Pantheon gethürmt und Sanct-Peter in Rom geschaffen. Es ist ein gewaltiges Werk, welches verdiente, einzig in seiner Art zu bleiben, es ist das letzte ursprüngliche Werk der Baukunst, der Namenszug eines riesengroßen Künstlers auf dem Schlußblatte eines ungeheuern Buches von Stein, welches sich schloß. Als Michel-Angelo todt war, was thut da jene jämmerliche Baukunst, die sich in ihrem gespenstigen Schattendasein selbst überlebte? Sie macht sich an Sanct-Peter in Rom und formt ihn ab, parodirt ihn. Es ist ein Wahnwitz; es ist zum Erbarmen. Jedes Jahrhundert hat seinen Sanct-Peter von Rom: das siebzehnte Jahrhundert die Val-de-Grace-Kirche, das achtzehnte Sanct-Genoveva. Jedes Land hat seinen Sanct-Peter von Rom. London hat den seinigen; Sanct-Petersburg gleichfalls. Paris hat ihrer zwei oder drei. Es ist das nichtssagende Testament, die letzte Faselei einer großen, abgelebten Kunst, welche kindisch wird, ehe sie stirbt.

Wenn wir, anstatt der eigenartigen Baudenkmäler, wie die sind, von denen wir soeben gesprochen haben, das Gesammtaussehen der Kunst vom sechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhunderte prüfen, so bemerken wir die nämlichen Erscheinungen des Verfalles und Hinsiechens. Seit der Zeit Franz des Zweiten verschwindet die architektonische Form der Bauwerke mehr und mehr und läßt die geometrische Form, ähnlich dem Knochenbaue eines abgemagerten Kranken, hervortreten. Die schönen Linien der Kunst weichen den kalten und strengen Linien der Geometrie. Ein Bauwerk ist nicht mehr ein Baudenkmal, es ist eine Zusammenstellung von Flächen. Dabei martert sich die Baukunst, diese Blöße zu verstecken. Daher finden wir den griechischen Giebel, welcher auf das römische Giebelfeld aufgesetzt wird, und umgekehrt. Es ist immer das Pantheon im Pantheon, der Sanct-Peter Roms. Daher stammen die Ziegelsteinhäuser mit Hartsteinecken aus Heinrichs des Vierten Zeit; die Place-Royale, die Place-Dauphine. Daher die Kirchen Ludwigs des Dreizehnten: plumpe, untersetzte, gedrückte und zusammengewürfelte Bauten, die eine Kuppel tragen, welche wie ein Buckel aussieht. Daher die Mazarin-Bauart, die schlechte italienische Stilpastete an den Quatre-Nations. Daher die Paläste Ludwigs des Vierzehnten: weite, steife, kalte und langweilige Hofschranzenkasernen. Daher endlich die Bauart aus Ludwigs des Fünfzehnten Zeit, mit ihren Cichorienblätter- und Fadennudelverzierungen und allen Warzen und Schwämmen, welche diesen alternden, hinfälligen, einer zahnlosen Kokette gleichenden Baustil verunstalten. Von Franz des Zweiten Zeiten bis zu Ludwig dem Fünfzehnten ist das Uebel im geometrischen Fortschritte gewachsen. Die Kunst besteht nur noch aus Haut und Knochen. Sie ringt in kläglicher Weise mit dem Tode.

Was wird unterdessen aus der Buchdruckerkunst? Jene ganze Lebenskraft, welche die Baukunst verläßt, geht zu ihr über. In dem Maße, wie die Baukunst niedersinkt, geht sie in die Höhe und wird groß. Dieser Reichthum an Kräften, den der menschliche Gedanke in Bauwerken verschwendete, gab er hinfort in Druckdenkmälern aus. Daher kämpft vom sechzehnten Jahrhunderte an die Presse, die über das Niveau der hinschwindenden Baukunst hinausgewachsen ist, mit ihr und tödtet sie. Im siebzehnten Jahrhunderte ist sie bereits unumschränkt, siegreich und in ihrem Siege befestigt genug, um der Welt das Schauspiel eines großen, wissenschaftlichen Jahrhunderts zu bieten. Im achtzehnten Jahrhunderte, nachdem sie lange Zeit am Hofe Ludwigs des Vierzehnten brach gelegen, ergreift sie das alte Schwert Luthers als Waffe Voltaire’s, und eilt mit lautem Geräusche zum Sturme auf jenes alte Europa, dessen Gedankenformen sie bereits in der Baukunst vernichtet hat. Im Augenblicke, wo das achtzehnte Jahrhundert zu Ende geht, hat sie alles zerstört. Im neunzehnten schickt sie sich an, wieder aufzubauen.

Aber, fragen wir jetzt, welche von den beiden Künsten spiegelt seit drei Jahrhunderten in der That den menschlichen Gedanken ab? Welche giebt ihn weiter? Welche drückt ihn aus, und zwar nicht etwa seine wissenschaftlichen Verirrungen und Schulthorheiten, sondern seine weitgehende, tiefe und allseitige Bewegung? Welche liegt gleichmäßig, ohne Riß und ohne Lücke über dem menschlichen Geschlechte, dem tausendfüßigen Ungethüme, das vorwärts eilt, ausgebreitet da? Die Baukunst oder die Buchdruckerkunst? – Die Buchdruckerkunst! Man wolle sich hierin nicht täuschen; die Baukunst ist todt, todt ohne Wiederkunft, vernichtet vom gedruckten Buche, vernichtet, weil sie nicht genug vorhält, vernichtet, weil sie zu theuer ist. Jede Kathedrale hat den Werth einer Milliarde. Man vergegenwärtige sich jetzt, welchen Aufwand von Mitteln es erfordern würde, um das architektonische Buch noch einmal zu schreiben; um Tausende von Bauwerken von neuem auf dem Erdboden zu errichten; um zu jenen Zeiten zurückzukehren, wo, nach Aussage eines Augenzeugen, die Menge der Baudenkmäler eine solche war, »daß man hätte sagen mögen, die Welt hätte, sich schüttelnd, ihre alten Gewandungen von sich geworfen, um sich mit einem weißen Kleide von Kirchen zu bedecken«. [Erat enim ut, si mundus, ipse excutiendo semet, rejecta vetustate, fandidam eccelsiarum vestem induceret. (Glaber Radulphus)]

Ein Buch ist so bald hergestellt, kostet so wenig und kann so weit gelangen! Wie darf man sich wundern, daß der ganze menschliche Gedankengang auf dieser Bahn dahineilt? Damit soll nicht gesagt sein, daß die Baukunst nicht noch hier und da ein schönes Baudenkmal, ein vereinzeltes Hauptwerk sein nennen wird. Unter der Herrschaft der Buchdruckerkunst wird man wohl von Zeit zu Zeit noch eine Säule aufweisen können, die, ich setze den Fall, von einem ganzen Heere, mit verschmolzenen Kanonen hergerichtet ist, wie man, unter der Herrschaft der Baukunst, Iliaden und Romanzeros, Mahabaratas und Nibelungen besaß, die von einem ganzen Volke aus angesammelten und mit einander verschmolzenen Heldenliedern geschaffen worden waren. Der Glücksfall, ein Baumeistergenie zu besitzen, wird im zwanzigsten Jahrhunderte ebenso unerwartet eintreten können, wie im dreizehnten derjenige mit Dante. Aber die Baukunst wird nicht mehr die Kunst der Gesellschaft, die Gesammtkunst, die herrschende Kunst sein. Die große Dichtung, das große Denkmal, das große Kunstwerk der Menschheit wird nicht mehr gebaut, es wird gedruckt werden.

Und künftighin, wenn die Baukunst sich neu belebt, wird sie nicht mehr die Gebieterin sein. Sie wird sich dem Gesetze der Wissenschaft unterwerfen, welche dasselbe einstmals von ihr erhielt. Die beiderseitigen Stellungen der zwei Künste werden zu einander im umgekehrten Verhältnisse stehen. Gewiß ist, daß in der Epoche der Baukunst die Dichterwerke selten und in Wahrheit den Baudenkmälern gleichen. In Indien ist die Vyasa bunt, sonderbar, unergründlich, wie eine Pagode. Im ägyptischen Morgenlande besitzt die Dichtkunst, wie die Gebäude, Größe und Ruhe der Linien; im alten Griechenlande Schönheit, Heiterkeit und Ruhe; im christlichen Europa die Erhabenheit des Katholicismus, volksthümliche Anmuth und das reiche und üppige Wachsthum einer Epoche der Wiedergeburt. Die Bibel gleicht den Pyramiden, die Ilias dem Parthenon, Homer dem Phidias. Dante im dreizehnten Jahrhunderte ist gleichsam die letzte romanische Kirche; Shakespeare im sechzehnten der letzte gothische Dom.

Um also das, was wir bis jetzt in einer nothwendigerweise unvollständigen und verstümmelten Art gesagt haben, zusammenzufassen, so hat das menschliche Geschlecht zwei Bücher, zwei Register, zwei Testamente: die Baukunst und die Buchdruckerkunst, die Bibel aus Stein und die Bibel aus Papier. Wenn man diese zwei, im Laufe der Jahrhunderte so weit geöffneten Bibeln betrachtet, so ist es gewiß erlaubt, über die offenbare Erhabenheit der granitnen Schrift, über diese riesigen in Colonnaden, in Portale, in Obelisken geformten Alphabete, über diese von Menschenhänden aufgerichteten Berge zu trauern, die von der Pyramide des Cheops an bis zum Straßburger Münster die Welt und die Vergangenheit bedecken. Man soll die Vergangenheit auf diesen marmornen Blättern wiederlesen, man muß das von der Baukunst geschriebene Buch bewundern und fortwährend wieder durchblättern; aber man darf die Größe des Denkmales nicht in Abrede stellen, das sich auch seinerseits die Buchdruckerkunst aufrichtet.

Dieses Denkmal ist riesenhaft. Ich weiß nicht, welcher Statistiker ausgerechnet hat, daß, wenn man alle aus der Presse seit Guttenberg hervorgegangenen Bände über einander aufschichtete, der Raum zwischen Erde und Mond ausgefüllt werden würde; von dieser Art Größe wollen wir aber gar nicht reden. Wenn man indessen ein vollkommenes Bild von der Gesammtheit der Buchdruckserzeugnisse bis auf unsere Zeit für seine Vorstellung zu bekommen sucht, erscheint uns dann diese Gesammtheit nicht wie ein ungeheures Gebäude, welches auf der ganzen Welt ruht, in welchem die Menschheit ununterbrochen arbeitet, und dessen Giebel im tiefen Dunkel der Zukunft verschwindet? Es ist das Durcheinander geistiger Kräfte, der Bienenstock, nach welchem alle Phantasien, diese goldschimmernden Bienen, mit ihrem Honige eilen. Der Bau hat unzählige Stockwerke. Hier und da sieht man die dunkeln Gänge der Wissenschaft, welche sein Inneres durchschneiden, nach den Zugängen hin ausmünden. Ueberall an seiner Außenseite zeigt die Kunst ihre reichverschlungenen Arabesken, ihre Rosetten, ihre spitzenartigen Verzierungen. Da hat jeder einzelne Bau, so phantastisch-launenhaft und abgesondert er auch erscheinen mag, seine Stelle und seine Wirkung. Harmonisches Zusammenwirken ergiebt sich aus dem Ganzen. Von der Shakespeare-Kathedrale an bis zur Byron-Moschee erheben sich unzählige Thürme in buntem Gemisch über diese Metropole des Weltgedankens. An der Grundmauer des Baues hat man einige alte Urkunden der Menschheit, welche die Baukunst nicht verzeichnet hatte, niedergeschrieben. Links vom Eingange hat man das alte, weißmarmorne Homer-Basrelief eingefügt, rechts erhebt die Polyglottenbibel ihre sieben Häupter. Der Romanzero-Drache sträubt sich weiterhin; auch einige andere Bastardformen, die Vedas und die Nibelungen. Uebrigens bleibt dieser wunderbare Bau ewig unvollendet. Die Presse, diese Riesenmaschine, welche ohne Unterlaß alle geistigen Säfte der Gesellschaft einsaugt, speit unaufhörlich neues Arbeitsmaterial für sein Werk aus. Das ganze Menschengeschlecht ist vollzählig auf dem Baugerüst; jeder Geist ist Maurer. Der Niedrigste verstopft ein Loch und legt einen Stein auf. Rétif de la Bretonne bringt seine Bütte voll Gypsmörtel herbei. Täglich wird eine neue Schicht aufgerichtet. Unabhängig von der selbstständigen und persönlichen Beisteuer jedes Schriftstellers finden sich Sammelbeiträge. Das achtzehnte Jahrhundert giebt die » Encyklopädie«, die große französische Revolution den » Moniteur«. Gewiß, auch da haben wir einen Bau, der wächst und sich in endlosen Spirallinien aufthürmt; auch da giebt es eine Sprachverwirrung, unendliche Thätigkeit, unermüdliche Arbeit, einen erbitterten Wettkampf der ganzen Menschheit, aber auch einen Zufluchtsort, welcher dem Geiste gegen eine neue Sündflut, gegen ein Versinken in Barbarei gesichert ist. Es ist der neue babylonische Thurm des Menschengeschlechtes.

  1. [Die älteste Form des keltischen Steinbaues.]
  2. [Der keltische Druidentempel.]
  3. [Der Grabhügel der Etrusker.]
  4. [Der altjüdische Begräbnisplatz. Anm. d. Uebers.]
  5. [ Lateinisch: Weil ich Löwe heiße. Anm. d. Uebers.]