Drittes Buch. Der Kampf.


Erstes Capitel. Der Sturm.

Für den Seemann ist die Zeit der Tag- und Nachtgleiche eine höchst gefürchtete.

Es ist dies die Zeit der Ankunft der Sturmwinde; furchtbare Erscheinungen gehen diesen vorher.

In jeder Jahreszeit, namentlich zur Zeit des Neu- oder Vollmondes tritt auf dem Meer in einem Augenblicke, wo man es am wenigsten erwarten sollte, plötzlich eine unheimliche Stille ein. Seine wunderbare, unaufhörliche Bewegung schwindet; es wird matt und schläfrig und scheint sich nach Ruhe zu sehnen, so daß man es für müde halten möchte. Alle Schiffszeichen, von dem Wimpel des Fischerboots bis zur Flagge des Kriegsschiffes, die Banner der Admiräle, der Könige und Kaiser hängen schlaff am Maste herab.

Plötzlich indeß beginnen sie sich leise zu bewegen.

In diesem Augenblick stellt der Kapitän oder Führer eines Geschwaders, welcher das Glück hat, eines jener Wettergläser zu besitzen, deren Erfinder unbekannt ist, mit Hülfe eines Mikroskops an diesem Glas Beobachtungen an und ergreift Vorsichtsmaßregeln gegen den Südwind, wenn die Mischung das Aussehen geschmolzenen Zuckers hat, und gegen den Nordwind, wenn sie sich in farrnblatt- oder fichtennadelartige Krystallen auflöst. In diesem Augenblicke befragt der arme irländische oder bretagnische Fischer ein geheimnißvolles Gnomon, welches die Römer oder die Geister auf einem jener räthselhaften viereckigen Steine – in der Bretagne Menhir und in Irland Cruach genannt – eingegraben haben, und zieht seine Barke aus dem Meere zurück.

Indessen dauert die erhabene Ruhe des Himmels und des Oceans fort.

Die düstere Erscheinung des möglicherweise Verborgenen wird dem Menschen durch die verhängnißvolle Undurchdringlichkeit der Dinge verdeckt. Der fürchterlichste und trostloseste Anblick ist ein verschleierter Abgrund.

Man sagt: Da hinter steckt etwas; ja: Sturm ist hinter der Windstille verborgen.

So vergehen einige Stunden, manchmal sogar einige Tage. Die Seefahrer richten ihre Fernröhre hierhin und dorthin. Das Gesicht der alten Schiffer hat einen strengen Ausdruck, welcher dem geheimen Zorn, so lange warten zu müssen, ähnlich sieht.

Plötzlich hört man lautes, verworrenes Murmeln, als wenn in der Luft ein geheimnißvolles Zwiegespräch gehalten würde.

Man sieht nichts.

Die Meeresfläche bleibt gleichgültig.

Indessen wächst, steigt, hebt sich der Lärm und das Zwiegespräch wird lauter.

Es ist Jemand hinter dem Horizont; Jemand Schreckliches: der Wind.

Der Wind, das heißt, jenes Titanenvolk, welches wir Sturm nennen.

Die ungeheure Brut der Finsterniß.

Der Inder nannte sie Marut, der Jude Cherubin, der Grieche Aquilonen. Es sind die unsichtbaren Raubvögel der Unendlichkeit.

Diese Sturmwinde sind im Anzug.

Woher kommen sie? Aus dem Unermeßlichen. Für ihre Fittiche bedürfen sie der Unendlichkeit. Ihre ungemeinen Flügel erfordern die Unbegrenztheit der Einöden. Das atlantische, das stille Weltmeer mit ihren weiten, blauen Räumen sagen ihnen zu. Sie verfinstern das Meer und fliegen in großen Schaaren herbei. Der Commandant Page sah einmal auf hoher See sieben Windhosen zu gleicher Zeit. Plötzlich sind sie da in voller Wuth, sinnen Verwüstung und wählen als Tummelplatz das schnelle und ewige Wogen der Wellen. Was sie können, ist unbekannt, ebenso was sie wollen: Sie sind die Sphynx des Abgrundes und Gama ist ihr Oedipus. In jenem Dunkel des ewig beweglichen Meeres erscheinen sie, die Gesichter der Wolken. Wer ihre bleichen Züge zerstreut an dem Gesichtskreise des Oceans wahrnimmt, fühlt sich in Gegenwart einer unbezwingbaren Macht. Es scheint, als ob der menschliche Geist sie beunruhige und sie sich ihm widersetzten. Der Geist ist unbesiegbar, das Element aber uneinnehmbar. Was läßt sich gegen eine ungreifbare Allgegenwart thun? Der Hauch wird zum Sturme und dann wieder zum Hauche. Die Winde kämpfen mit vernichtender Gewalt und vertheidigen sich durch ihr Verschwinden. Wer ihnen begegnet, fällt ihrem Willen anheim. Ihr verschiedenartiger und stoßweiser Angriff bringt aus der Fassung. Ihre Flucht geschieht ebenso schnell, als ihr Angriff. Es sind unerschütterliche Starrköpfe. Wie kommt man damit zu Ende?

Sie haben die Dictatur über das Chaos; sie gebieten dem Chaos. Was machen sie damit? Man begreift ihre Unversöhnlichkeit nicht. Die Windesgrube ist ungeheuerlicher als die Löwengrube. Wie viele Leichname liegen unter diesem bodenlosen Leichentuche! Die Winde wühlen ohne Mitleid die große dunkle Masse auf. Man hört sie immer, sie hören nichts. Sie vollführen Dinge, welche Verbrechen gleichen. Man weiß nicht, auf wen sie die Spitzen der weißschäumenden Wellen schleudern. Welche gottlose Wildheit in einem Schiffbruch! Welcher Hohn gegen die Vorsehung! Bisweilen sehen sie aus, als wenn sie Gott begeiferten. Sie sind die Tyrannen unbekannter Welten.

Die Bäume dulden zitternd ihre willkürlichen Wege. Was in diesen großen Weiten vorgeht, ist unbeschreibbar. Etwas Ritterliches mischt sich in das Finstere. Die Luft macht einen Höllenlärm. Man sieht nichts und hört doch ganze Reiterschaaren. Obgleich Mittag, wird doch plötzlich Mitternacht: ein Tornado zieht vorüber; trotz Mitternacht, wird plötzlich Tag: das Polarlicht entzündet sich. Wirbelwinde von entgegengesetzten Seiten wechseln in scheußlichem Tanze mit einander ab: das flüssige Element scheint unter Keulenschlägen zu erzittern.

Die Winde laufen, fliegen, matten sich ab, hören auf, beginnen wieder, schweben, pfeifen, brüllen, lachen, wüthen, sind wie entzügelt, indem sie auf den zornigen Wogen nach ihrem Gefallen sich tummeln. Und doch hat das Heulen eine gewisse Harmonie. Der ganze Himmel tönt wohlklingend wieder. Sie stoßen in die Wolken, wie in ein Horn, legen den Weltenraum an ihren Mund und singen in die Unendlichkeit hinaus mit einer Art Prometheus-Fanfare, in welcher die Stimmen aller Clarinetten, Becken, Pauken, Trommeln und Trompeten in einander verschmolzen sind. Wer sie vernimmt, hört Pan. Das Furchtbare dabei ist nur ihr Spiel. Sie haben eine wahre Höllenfreude, wenn sie in jenen Einöden den Schiffen zum Sturmmarsche blasen. Ohne Ruhe, am Tage wie in der Nacht, zu jeder Jahreszeit, in den Tropen und unter den Polen führen sie, sobald sie in ihre mächtige Trompete gestoßen haben, mitten durch die Hindernisse der Wolken und Wellen, die große wilde Jagd der Schiffbrüche. Sie sind die Herren der Meute; lassen gegen die Felsen ihre Hunde, die Wogen, bellen; jagen die Wolken zusammen und treiben sie wieder auseinander. Sie kneten, wie mit tausenden von Händen, die geschmeidigen, unendlichen Gewässer durcheinander.

Das Wasser ist geschmeidig, weil es sich nicht zusammendrücken läßt. Es entschlüpft unter jeder Last. Auf der einen Seite belastet, entweicht es auf der andern. Dadurch bildet sich die Welle. Sie ist also die Befreierin des Wassers.

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Zweites Capitel. Erklärung des Lärms, welchen Gilliatt hörte.

Zur Zeit der Stürme nimmt der Himmel zuweilen eine schlimme Miene an; er wird bleich und scheint einen großen Hermelin umgethan zu haben. Die Seeleute blicken ängstlich in das zornige Antlitz der Wolken.

Aber das zufriedene Aussehen des Himmels fürchten sie noch mehr. Ein lächelnder Himmel zu dieser Zeit gleicht der Katze mit Sammtpfötchen. Bei einem solchen Himmel eilten die Frauen Amsterdam’s auf den Thränenthurm, um nach dem Horizonte auszuschauen.

Wenn der Sturm seine Annäherung verzögert, so geschieht es, um mit desto größerer Wuth losbrechen und desto größere Kräfte sammeln zu können. Mißtrauet seinem Zaudern, denn schon Argo sagt: Das Meer ist ein guter Schuldner.

Wenn es zu lange warten muß, so verräth es seine Ungeduld nur durch eine noch größere Ruhe. Die große magnetische Spannung allein offenbart sich durch das, was man die Entzündung des Wassers nennen könnte. Lichter brechen aus den Wellen hervor, die Luft ist mit Elektricität gesättigt, das Wasser phosphorescirt. Die Matrosen fühlen sich ermattet. Diese Zeit ist namentlich für die Schiffe mit Eisenpanzer gefährlich; ihr ehernes Gehäuse kann den Kompaß falsch leiten und sie selbst zu Grunde richten. Auf diese Weise ging der transatlantische Dampfer Yowa unter.

Denen, welche mit dem Meere genau bekannt sind, gewährt es in solchen Augenblicken einen fremdartigen Anblick: es scheint den Sturm herbeizusehnen und doch zu fürchten. Bei manchen von der Natur selbst angebahnten Verbindungen geschieht dasselbe; so flieht die brünstige Löwin vor dem Löwen. Das Meer ist ebenfalls erregt, daher sein Erzittern.

Die gewaltige Hochzeit will vor sich gehen.

Diese Hochzeit wird, gleich den Ehebündnissen der alten Kaiser, mit Zerstörungen gefeiert und mit Verwüstungen gewürzt.

Unterdessen rücken von unten, von allen Seiten her, aus unbekämpfbaren Breiten, aus dem bleichen Umkreise der Einöden und aus dem Grunde der unermeßlichen Freiheit die Winde heran.

Die Sonnenwende ist eingetreten.

Ein Sturm wird heraufbeschworen. Die alte Mythologie sah halb und halb in dieser großen Auflösung der Natur ein Bündniß unbestimmter Persönlichkeiten. Aeolus verabredete sich mit Boreas. Das Einverständniß des Elements mit dem Elemente ist nothwendig, da sie sich in die Aufgabe theilen. Man muß die Wogen, die Wolken, die Fluth antreiben; auch die Nacht ist Helferin, man muß sie also verwenden. Man muß Kompasse ablenken, Seefeuer auslöschen, Leuchtthürme verhüllen und Sterne verschleiern. Dabei muß das Meer helfen. Jedem Sturme geht ein Gemurmel voran, und hinter dem Gesichtskreis verkündet lautes Kichern seine Annäherung.

Dieses fürchterliche Kichern hatte Gilliatt gehört. Das Phosphoresciren war das erste Anzeichen gewesen, dieses Murmeln das zweite.

Wenn es einen bösen Vielgeist giebt, so ist es sicherlich der Wind; eine große Zahl Kräfte vereinigt sich in ihm.

Daraus folgt ganz natürlich, daß jeder Sturm ein Gemisch ist; die Einheit der Luft erfordert es so.

Die ganze Hölle ist in einen Sturm verwickelt, und ebenso der ganze Ocean. Alle seine Kräfte treten in Reihe und Glied und nehmen am Sturme Theil. Welle heißt der Schrecken in der Tiefe, Sturm der Schrecken in der Höhe. Hat man mit einem Sturme zu kämpfen, so hat man es mit dem ganzen Himmel und dem ganzen Meere zu thun.

Messia, der Seemann und gedankenreiche Astronom der Logette von Cluny, sagte: Der Wind kommt von überall und ist überall. Er glaubte nicht an eine Grenze der Winde, selbst nicht in geschlossenen Meeren. »Jeder Regen kommt von den Tropen,« drückte er sich aus, und jeder Blitz von den Polen.«.

Allgegenwart, das ist der Wind.

Freilich soll es nicht heißen, es giebt keine Windzonen. Nichts ist sicherer bewiesen, als jene Luftströmungen nach bestimmten Richtungen, deren Hauptlinien einst die Luftschifffahrt für die Luftschiffe, welche wir aus Hang zum Griechischen Aëroskaphe nennen, ausnutzen wird. Daß der Wind die Luft kanalisirt, ist unbestreitbar; es giebt in der Luft Ströme, Flüsse und Bäche, aber ihre Verzweigungen entstehen gerade umgekehrt, wie beim Wasser; die Bäche entspringen den Flüssen und diese den Strömen, anstatt sich in sie zu ergießen: daher an Stelle der Vereinigung Zerstreuung.

Diese Zerstreuung schafft das Ineinandergreifen der Winde und die Einheit der Atmosphäre. Das weichende Atom weicht einem andern. Jeder Wind bewegt das All. Zu diesen tiefen Ursachen ihrer Verschmelzung tritt noch die Gestaltung der Erdoberfläche, welche die Luft mit ihren Gebirgen durchlöchert, Knoten und Einschnürungen in den Windströmungen bildet und nach allen Richtungen hin Gegenströmungen bestimmt.

Das Erscheinen des Windes verkündet das Schwanken der beiden Oceane, des einen über dem andern; das Luftmeer, über dem Wasserocean schwebend, stützt sich auf dessen Flucht und wiegt sich auf seinem Beben.

Das Unzertrennbare zerlegt sich nicht in Theile. Es giebt keine Scheidewand zwischen zwei Wellen. Die Inseln im Canal la Manche fühlen den Stoß am Cap der guten Hoffnung. Die ganze Schifffahrt steht einem einzigen Ungeheuer gegenüber. Das ganze Meer ist eine Hydra. Die Wogen bedecken das Meer mit einer Art von Fischhaut.

Ceto heißt der Ocean.

Für den Kompaß giebt es zweiunddreißig Winde, das heißt zweiunddreißig Richtungen, die sich aber in unzählige Unterabtheilungen trennen können. Zählt man den Wind nach Richtungen, so ist er unberechenbar, nach Orten gezählt, unendlich.

So groß ist das Heer.

Die Douvreklippe hörte in dem Augenblicke, als Gilliatt seinen Wellenbrecher fertigte, den fernen Galopp dieses Heeres.

Wie wir eben gesagt haben: der Wind, das heißt: alle Winde.

Ihre ganze Schaar kam an.

Auf der einen Seite diese Legion, – auf der andern Gilliatt.

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Drittes Capitel. Gilliatt hat die Wahl.

Die geheimnißvollen Mächte hatten den Augenblick gut gewählt.

Der Zufall, wenn es einen giebt, ist geschickt.

So lange der Rumpf in dem Schlupfhafen »der Mann« untergebracht und die Maschine auf dem Strande gesichert war, war Gilliatt unbesiegbar. Der Rumpf war in Sicherheit, die Maschine unter Schutz; die Klippen, welche die Maschine hielten, verurtheilten sie zu langsamer Zerstörung, bewahrten sie aber vor einer Ueberraschung. Auf alle Fälle blieb für Gilliatt selbst Hülfe. Wenn auch die Maschine unterging, so ging er doch nicht mit unter, da er zu seiner Rettung noch die Barke besaß.

Aber sollte er abwarten, daß die Barke von dem Ankergrunde, woselbst sie unerreichbar war, zurückgezogen würde, sollte er sich in der Enge der Douvres-Felsen verstricken lassen und geduldig harren, bis auch die Barke von der Klippe ergriffen würde; war es ihm erlaubt, die Rettung, das Abgleiten und Ueberbringen der Maschine zu bewerkstelligen, sollte er jene wunderbare Arbeit, welche Alles in dem Rumpfe vereinigte, nicht unterbrechen? Würde er den glücklichsten Erfolg erringen?! Dies Alles fragte sich Gilliatt, dabei nahmen seine Gesichtszüge ein düsteres Aussehen an und ließen Hoffnungslosigkeit und Mißmuth durchblicken.

In diesem Augenblick waren die Maschine, der Rumpf und Gilliatt in der Straße zwischen dem Felsen vereint und bildeten nur ein Ganzes. – Der Rumpf auf die Klippe geschleudert, die Maschine auf den Grund versenkt und Gilliatt ertrunken, konnte das Werk eines einzigen Augenblickes sein. Alles konnte auf einmal vernichtet, Alles mit einem Schlage aus der Welt geräumt werden.

Keine Lage kann kritischer sein, als die, in welcher sich Gilliatt befand.

Die mächtige Sphynx, beargwöhnt durch die Träume in der Tiefe des Schattens, schien ihm ein Räthsel vorzulegen.

Bleib oder gehe.

Gehen war unsinnig, Bleiben furchtbar.

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Viertes Capitel. Der Kampf.

Gilliatt stieg auf die hohe Klippe, von welcher er das ganze Meer übersah.

Der Westen war überraschend. Eine Mauer erhob sich dort. Eine große Wolkenmauer, welche an einzelnen Theilen die Aussicht hemmte, stieg langsam vom Horizonte zum Zenithe auf; grade und senkrecht, ohne eine Oeffnung in ihrer ganzen Höhe, ohne einen Riß auf ihrem Grate, schien sie mit dem Senkblei erbaut und nach der Richtschnur gezogen. Die Wolke glich dem Granite. Ihre im äußersten Süden ganz senkrechte Böschung zog sich etwas gen Norden, wie ein gekrümmtes Eisen, und gewährte den Anblick einer weiten, glattgeschliffenen, geneigten Ebene. Diese Nebelmauer wuchs und vergrößerte sich, ohne daß ihr Gesims auch nur einen Augenblick der mit hereinbrechender Dunkelheit fast unkenntlich werdenden Gesichtslinie nicht gleichlaufend geblieben wäre. Diese Luftmauer baute sich schweigend aus einem Stücke auf. Nicht eine Bewegung, nicht ein Streifen, noch eine Falte mißbildete sich. Diese Unbeweglichkeit in der Bewegung erschien unheilvoll. Die Sonne erleuchtete bleich, durch irgend welche verderbliche Dünste hindurch, ihre geheimnißvollen Umrisse. Die Wolke hatte fast schon die Hälfte des Raumes verschlungen, man hätte sie die furchtbare Brüstung des Abgrundes nennen können. Es war, als erhöbe sich ein Schattenberg zwischen Himmel und Erde.

Am hellen Tage zog die Nacht herauf.

In der Luft herrschte eine Glühhitze. Ein heißer Windstrom riß sich von jener geheimnißvollen Anhäufung los. Der Himmel war zuerst blau gewesen, dann weiß geworden; jetzt war er grau. Man hätte ihn für eine große Schieferplatte halten können; darunter breitete sich das Meer, matt und bleiern, gleich einer zweiten, unendlichen Schieferplatte aus. Nicht ein Hauch, nicht eine Woge, nicht ein Laut; so weit das Auge reicht, ein verlassenes Meer; nirgend ein Segel; die Vögel hatten sich geborgen. Man witterte Verrath in der Unendlichkeit.

Unbemerkbar nahm jede Wolke an Größe und Stärke zu.

Der schwankende Dampfberg, welcher sich nach dem Douvre zu bewegte, gehörte zu jenen Wolken, die man Kampfeswolken nennen könnte. Schmale Wolken, durch deren dunkle Massen, man weiß nicht, welcher Neid blickt.

Das Nahen dieser Wolke war schrecklich.

Gilliatt beobachtete sie scharf und brummte dann zwischen den Zähnen: Ich habe Durst, Du wirst mir zu trinken geben.

Er blieb einige Augenblicke unbeweglich, das Auge fest auf die Wolke gerichtet. Er schien den Sturm ausmessen zu wollen.

Er zog seine Kappe aus der Tasche, und setzte sie auf; er verbarg in dem Loche, in welchem er so lange geschlafen hatte, seine Ruder und zog seine Beinschienen und sein Wamms an, wie ein Ritter, der im Augenblicke des Kampfes seine Rüstung anlegt. Wie man sich erinnern wird, besaß er keine Schuhe, aber seine nackten Füße waren auf dem Felsen abgehärtet.

Nachdem er seinen Kriegsanzug vollendet, betrachtete er seinen Wellenbrecher, ergriff kräftig die Knotenschnur, stieg von der Höhe der Klippen herab, faßte auf dem Felsen unten Fuß und eilte zu seinem Magazin. Einige Augenblicke später war er bei der Arbeit. Die große, stumme Wolke schien seine Hammerschläge zu vernehmen. Was that er? Mit den Nägeln, Schnüren und Balken, welche er noch besaß, baute er an der schmalen östlichen Einfahrt ein zweites Gitterwerk, zehn bis zwölf Fuß hinter dem ersten, auf.

Noch immer herrschte tiefes Schweigen. Die Grashalme auf den Abhängen der Klippe verriethen nicht die geringste Bewegung.

Plötzlich verschwand die Sonne. Gilliatt hob den Kopf in die Höhe.

Die Wolke hatte in ihrem Steigen so eben die Sonne erreicht. Der Tag schien zu verlöschen und an seine Stelle ein wirres und trübes Licht zu treten.

Die Wolkenmauer hatte ihr Aussehen verändert und zeigte keine Einheit mehr. Als sie den Zenith berührte, faltete sie sich und überzog von da aus den noch übrigen Theil des Himmels, so daß sie jetzt Stockwerke zu besitzen schien. Die Richtung des Sturmes malte sich auf ihr ab, wie die Laufgräben vor einer Festung. Man unterschied deutlich die Regenlagen von den Windschichten. Es blitzte zwar nicht, aber ein schrecklicher Lichtschein verbreitete sich, denn der Gedanke des Schreckens kann sich an die Idee des Lichtes anhaften. Man hörte das gewaltige Athmen des Orkans. Es war eine unheimliche Stille. Gilliatt, ebenso schweigsam, sah, wie sich über seinem Haupte alle jene Dunstwasser anhäuften und zu mißgestalteten Wolken zusammenballten. Ueber dem Horizont drückte und breitete sich ein aschfarbenes Nebelband und am Horizont ein bleifarbenes aus; bleiche Fetzen hingen von den Wolken oben auf die Nebel unten herab. Der ganze Grund der Wolkenmauer sah bleich, häßlich, schrecklich, finster, unbeschreiblich aus. Eine kleine weißliche Wolke, welche entstand, ohne daß man wußte, wie sie gekommen war, schnitt schräg von Nord nach Süd die hohe und dunkle Mauer. Das eine ihrer Enden streifte das Meer und an dem Punkt, wo es das Labyrinth der Wogen berührte, nahm man den Rauch rothen Dampfes wahr. Unter der langen, bleichen Wolke flogen kleine, sehr niedrig und ganz schwarz, gegen einander, als wenn sie nicht wüßten, was aus ihnen werden sollte. Das mächtige Gewölk am Horizont wuchs mit einem Male auf allen Theilen, nahm an Krümmung zu und behielt seine drohende Stellung bei. Nur im Osten noch, hinter Gilliatt, gab es eine klare Stelle am Himmel, die sich aber auch allmälig schloß. Ohne daß man irgend einen Luftzug wahrgenommen hätte, ging eine merkwürdige Zerstreuung, Zertheilung und Zerstückelung des graufarbnen Gefieders vor sich, als wenn ein Riesenvogel hinter jener Mauer der Finsterniß federte. Eine Decke von dichtem Schwarz hatte sich gebildet, sie berührte am äußersten Horizonte das Meer und mischte sich dort in das Schwarz der Nacht. Man fühlte, daß etwas heranrückte. Es lag etwas Gewichtiges, Schweres, Aufgeregtes in der Luft. Die Dunkelheit nahm zu. Plötzlich brach ein gewaltiges Donnern los.

Gilliatt selbst fühlte den Stoß. Der Donner birgt etwas Traumhaftes. Sein rohes Wesen innerhalb des Gesichtskreises besitzt etwas Erschreckendes. Man glaubte, ein Stück Hausgeräth in dem Zimmer eines Riesen fallen zu hören.

Kein elektrisches Aufleuchten folgte dem Schlage. Es war gleichsam ein schwarzer Donner. Wieder wurde es still. So verstrich eine Zeit, als wenn feste Stellung genommen würde. Dann zuckten langsam nach einander mächtige, ungestaltete Blitze auf, stumm, ohne den geringsten Laut. Bei jedem Blitze erglänzte das All. Die Wolkenmauer hatte sich wieder umgestaltet. Sie besaß jetzt Bogen und Gewölbe, und Schattenbilder schienen sich auf ihr abzuzeichnen. Köpfe von Ungeheuern traten hervor; lange Hälse schienen sich zu bilden; Elephanten mit Thürmen auf ihren Rücken zeigten sich halbdeutlich. Eine gerade, runde und schwarze Nebelsäule, gekrönt mit weißem Dampfe, erschien als Rauchfang eines mächtigen, untergegangenen Dampfers, welcher unter den Wellen geheizt wird und dampft. Wolkentücher wogten hin und her, so daß sie wehenden Bäumen glichen. In der Mitte, unter dunkelrothen Schichten, vertiefte sich unbeweglich ein Gewölbe dichten Nebels, träg, undurchdringlich für die elektrischen Funken, gleichsam eine scheußliche Frucht in dem Leibe des Sturmes.

Gilliatt fühlte plötzlich, daß ihn ein Windstoß durchschüttelte. Mehrere dicke Regentropfen zerplatzten neben ihm auf dem Felsen. Dann ein zweites Zucken des Blitzes und der Wind erhob sich.

Der erste Donnerschlag hatte das Meer erregt; der zweite zerriß die Wolkenmauer von oben bis unten. Es entstand eine Oeffnung, nach welcher sich der ganze, in der Luft schwebende Regen ergoß, so daß sie gleichsam zu einem offenen Munde für den Regen wurde, und das Losbrechen des Sturmes begann.

Dieser Augenblick war furchtbar.

Platzregen, Orkane, Donner und Blitze, Wellen bis zu den Wolken, Schaum, Lärm, zügellose Windungen, Geschrei, Krachen, Pfeifen, Alles auf ein Mal.

Der Wind blies aus vollster Kraft; der Regen fiel nicht, er strömte herab.

Für einen armen Menschen, der wie Gilliatt mit einer beladenen Barke zwischen zwei Felsenreihen auf offenem Meere eingeengt war, konnte es keine drohendere Gefahr geben. Das Drängen der Fluth, über welche er gesiegt hatte, war nichts im Vergleich zu der Gefahr des Sturmes.

Gilliatt, um den herum Alles Abgrund war, griff in der letzten Minute und in der höchsten Gefahr zu einer klugen Kriegslist. Er hatte Hülfe bei dem Feinde selbst gesucht und sich eng an ihn angeschlossen; der Douvre-Felsen, sonst sein Gegner, war jetzt in diesem furchtbaren Zweikampfe sein Sekundant. Gilliatt hatte sich unter ihm geborgen, aus diesem Grabe seine Festung gemacht und sich in diese furchtbare Ruine des Meeres fest eingeengt, so daß er dort zwar belagert wurde, aber geschützt war. Er hatte sich, so zu sagen, an die Klippe im Angesichte des Sturmes festgeschmiedet und die Meerenge, jene Straße für die Wellen, verbarrikadirt. Es war übrigens das Einzige, was er thun konnte. Auch der Ocean scheint, gleich andern Despoten, durch Barrikaden zur Vernunft gebracht werden zu können. Die Barke war auf drei Seiten gesichert. Dicht zwischen die beiden innern Seiten der Klippe eingekeilt, wurde sie gabelförmig, wie von einem Storchschnabel, im Norden durch die kleine und im Süden durch die große Klippe geschützt, durch jene wilden Zacken, welche mehr daran gewöhnt waren, Schiffbrüche hervorzurufen, als zu verhindern. Im Westen wurde sie durch die flachen Klippen gedeckt, welche an die Felsen angeschlossen und angekettet waren, als erprobte Barre, welche die rauhe Fluth der hohen See schon oft besiegt hatte, als wahres Festungsthor, dessen Stützpunkt die Klippensäulen selbst, die beiden Douvres, bildeten. Auf diesen Seiten war also nichts zu fürchten, sondern nur von Osten her.

Im Osten befand sich nur der Wogenbrecher. Der Wogenbrecher ist ein Pulverisations-Apparat, der aus wenigstens zwei Gitterstützen bestehen muß. Gilliatt hatte nur eine errichten können und baute die zweite während des Sturmes selbst.

Zum Glück kam der Wind von Nordwest. Das Meer begeht auch Ungeschicklichkeiten. Dieser Wind konnte wenig bei den beiden Klippen ausrichten. Er griff sie verkehrt an und traf die Wogen auf keiner der beiden Seiten der Enge, so daß er, anstatt in die Straßen einzutreten, sich an einem Walle brach. Der Orkan hatte schlecht angegriffen.

Aber die Angriffe des Windes geschehen von verschiedenen Seiten und man muß auf ein plötzliches Drehen vorbereitet sein. Wenn er nach Ost umsprang, bevor die zweite Stütze für den Wogenbrecher fertig war, so würde die Gefahr sehr groß geworden sein; der Sturm hätte sich gewaltsam der Felsenstraße bemächtigt und Alles wäre verloren gewesen.

Die Wuth des Orkans wuchs immer mehr. Der ganze Sturm folgte Schlag auf Schlag.

Die ganze tobende Unermeßlichkeit fiel über die Douvres-Klippen her. Man hörte zahllose Stimmen. Wer schreit denn so? Es entstand der panische Schrecken des Alterthums. Augenblicke hindurch glaubte man so sprechen zu hören, als ob Jemand Befehle austheile; dann Rufen, Schreien, sonderbares Erzittern und jenes großartige und majestätische Heulen, welches die Seeleute den » Ruf des Weltmeeres« nennen. In unendlichen Kreislinien pfiff der flüchtige Wind über die kreisenden Fluthen; die Wogen, unter seinem Drucke zu Wurfscheiben geformt, wurden gegen die verborgenen Klippen geschleudert, wie riesige Geschosse von unsichtbaren Athleten. Unendlicher Schaum bespritzte alle Felsen. Ströme in der Höhe, Fluthen in der Tiefe. Dann verdoppelte sich das Brüllen. Der Ton keines Menschen und keines Thieres kann eine Vorstellung von dem Lärmen geben, welches sich in diese Aufregung des Meeres mischte. Die Wolken donnerten, die Winde knatterten, die hohle See zischte. Einzelne Punkte schienen unbeweglich, an andern legte der Wind hundert Fuß in der Sekunde zurück. Das Meer war bis über den Gesichtskreis hinaus weiß; zehn Meilen Schaumwassers füllten den Horizont. Feuerthore öffneten sich. Die einen Wolken schienen von den andern verbrannt zu werden und auf den Massen rother Wolken, welche Kohlen glichen, sahen sie wie Rauch aus. Wogende Gebilde stießen aneinander und verschmolzen sich, indem sie dabei gegenseitig ihre Gestaltungen vernichteten. Unermeßliches Wasser strömte herab. Man hörte Gewehrfeuer am ganzen Himmel. Gerade in der Mitte befand sich eine Art großer, umgestülpter Bütte, aus welcher in buntem Gemisch Wasser- und Lufthosen, Winde und Wolken, Farben und Phosphor, Finsterniß und Licht, Donner und Blitze herausfielen. So furchtbar ist dieser Schlund mit seinen Abstürzen!

Gilliatt schien darauf nicht zu achten, sondern hatte den Kopf auf seine Arbeit gesenkt. Schon begann das zweite Gitter in die Luft zu steigen. Auf jeden Donnerschlag antwortete er mit einem Hammerschlage. Man hörte die Schläge abwechselnd in dem furchtbaren Gewirr. Er war ohne Kopfbedeckung, da ihm ein Windstoß seine Kappe entführt hatte.

Sein Durst war brennend, da er wahrscheinlich das Fieber hatte. In den Felslöchern um ihn hatten sich Regenpfützen gebildet. Von Zeit zu Zeit schöpfte er mit der flachen Hand Wasser, trank es und begab sich dann sofort wieder an die Arbeit, ohne sich um den Sturm weiter zu kümmern.

Alles konnte von einem Augenblicke abhängen. Er wußte, was ihn erwartete, wenn er nicht zur rechten Zeit mit seinem Gitterwerke fertig wurde. Wozu also einen Augenblick mit Ausschauen verlieren, um dadurch vielleicht den Tod zu beschleunigen.

Das Toben um ihn glich dem siedenden Wasser in einem Kessel. Es war Lärm und Getöse zu gleicher Zeit. Auf Augenblicke schien der Blitz eine Treppe hinabzusteigen. Die elektrischen Funken schlugen unaufhörlich auf dieselben Spitzen der wahrscheinlich mit Dioritadern durchsetzten Felsen ein. Hagelkörner fielen, wie eine Faust groß. Gilliatt mußte die Falten seiner Theerjacke ausklopfen. Bis in seine Taschen war der Hagel gedrungen.

Der Sturm kam jetzt von West und schlug die Barre der beiden Klippen; Gilliatt aber vertraute ihr, und das mit Recht, denn aus einem großen Stücke des Vordertheils der Durande gebildet, hielt sie ohne Schaden den Stoß der Fluthen aus; die Elasticität nämlich leistet einen Widerstand, und nach Stevenson’s Berechnungen bietet gegen die selbst elastische Welle ein hölzernes Bollwerk von vorgeschriebener Größe und nach einer bestimmten Form zusammengefügt und verbunden, bessern Schutz, als ein gemauerter Wasserbrecher. Die Barre erfüllte diese Bedingungen; sie war außerdem so glücklich festgelegt, daß die Welle, welche auf sie traf, wie der Hammer, welcher auf den Nagel schlägt, wirkte, denn sie trieb sie immer fester gegen den Felsen und machte sie immer dichter; um sie zu zerstören, hätte die ganze Klippe umgeschleudert werden müssen. In der That gelang es dem Sturm nur, einige Wellen der Brandung über jenes Hinderniß auf das Wrack zu werfen. Dank der Barre, konnte der Orkan auf dieser Seite nur geifern, daher kümmerten Gilliatt die Anstrengungen des Orkans auch weniger; hinter der Barre wartete er ruhig die unnütze Wuth des Orkans ab.

Die Schaumflocken, welche auf allen Seiten umherflogen, glichen zerzauster Wolle. Die weite und aufgeregte See badete die Felsen, stieß auf sie, trat in sie ein, drang in ihre inneren Spalten und dann aus den Granitmassen durch die engen Risse wieder heraus, welche in dieser Sündfluth die unerschöpflichen Mündungen kleiner ruhiger Springquellen bildeten. Hier und da fielen Silberstrahlen anmuthig aus diesen Oeffnungen in das Meer.

Die Stütze zur Verstärkung der östlichen Barre näherte sich ihrer Vollendung. Noch einige Knoten in den Seilen und Ketten und der Augenblick war da, wo auch diese Seite den Kampf aufnehmen konnte.

Plötzlich wurde es außerordentlich hell, der Regen hörte auf, die Wolken zertheilten sich, der Wind begann umzuspringen, im Zenithe öffnete sich gleichsam ein hohes Dämmerungsfenster und die Blitze erloschen; man hätte glauben können, es sei das Ende. Es war aber erst der Anfang.

Der Wind war von Südwest nach Nordost umgesprungen.

Der Nord sollte jetzt seinen heftigen Angriff aufgeben. Die Seeleute nennen dies gefürchtete Wiederbeginnen die Drehung um sich selbst. Der Südwind hat mehr Wasser, der Nordwind mehr Blitze.

Der Angriff, jetzt von Osten kommend, wandte sich dem schwachen Punkte zu.

Diesmal unterbrach sich Gilliatt in der Arbeit und blickte auf.

Er stellte sich auf einen Felsenvorsprung, welcher hinter dem zweiten, fast vollendeten Gitter emporragte. Wäre die erste Gitterstütze des Wogenbrechers losgerissen, so wäre auch die zweite, welche noch nicht fest genug war, gewichen und hätte in ihrem Sturze Gilliatt begraben. An dem Platze, welchen er sich gewählt hatte, wäre er untergegangen, bevor er das Wrack, die Maschine und sein ganzes Werk hätte in jenem Abgrunde versinken sehen. Nur diese beiden Fälle waren möglich. Gilliatt nahm diese Möglichkeit an und, fürchterlich, er wollte sie.

Bei einem solchen Scheitern aller seiner Hoffnungen wollte er nur sterben, und zwar zuerst sterben, denn die Maschine machte auf ihn den Eindruck einer Person. Er strich mit der linken Hand seine Haare, welche über den Augen von dem Regen festgeklebt waren, zurück, umfaßte mit der vollen Faust seinen guten Hammer, beugte sich drohend nach hinten und wartete.

Er brauchte nicht lange zu warten.

Ein Blitzstrahl gab das Zeichen, die bleiche Oeffnung im Zenithe schloß sich, ein heftiger Windstoß brach los, Alles wurde finster; kein Licht erschien, als der Blitz. Der finstre Angriff begann.

Die See, sichtbar während der Blitzesfunken, hob sich hohl im Osten, jenseits des »Mann« genannten Felsens. Sie glich einer großen Glaswalze. Blau und schaumlos durchzog sie das ganze Meer und näherte sich dem Wogenbrecher. Beim Herankommen schwoll sie immer höher, als wenn eine mächtige Walze der Finsterniß über den Ocean rollte. Dumpf grollte der Donner.

Diese hohle Welle erreichte jenen Felsen, brach sich an ihm entzwei und rollte über ihn fort. Die beiden wieder vereinten Theile bildeten nur einen Wasserberg, und während sie erst mit dem Wellenbrecher in gleicher Richtung liefen, standen sie jetzt senkrecht auf ihm. Die Woge hatte die Form eines Balkens angenommen.

Dieser Widder warf sich aus den Wellenbrecher. Der Zusammenstoß ging unter fürchterlichem Brüllen vor sich. Alles verschwand im Schaum.

Wenn man sie nicht gesehen hat, so kann man sich diese Schneelawinen nicht vorstellen, welche sich das Meer selbst bildet und unter denen es Felsen von mehr als hundert Fuß Höhe, wie den Großen Anderlo zu Guernesey und die Zinne zu Jersey, verschlingt. Zu Santa Maria auf Madagascar überspringt es sogar die Tintingaspitze.

Auf einige Augenblicke blendete die Wassermasse Alles. Nichts war mehr sichtbar, als ein wüthendes Durcheinander, unermeßlicher Schaum, das weiße, vom Grabeshauche bewegte Linnen, unendlicher Lärm und Toben, worunter die Vernichtung arbeitet.

Der Schaum verschwand. Gilliatt stand aufrecht.

Die Barre hatte gut Stand gehalten. Nicht eine Kette war zerrissen, nicht ein Nagel gelöst. Sie hatte die Probe der beiden, einem Wellenbrecher nothwendigen Eigenschaften gut bestanden. Sie war geschmeidig, wie eine Flechte, und fest, wie eine Mauer gewesen. Die hohle See hatte sich darin in Regen gebrochen.

Ein Schaumplatzregen glitt an den gebogenen Ufern der Wasserstraße entlang und erstarb dann unter dem Wracke.

Der »Mann«, welcher dem Ocean diesen Maulkorb angelegt hatte, setzte seine Arbeit fort.

Zum Glücke nahm der Sturm für einige Zeit eine andere Richtung an. Die Wuth der Wellen kehrte sich wieder gegen die festen Theile der Klippe. Es war vergebens. Gilliatt benutzte diese Zeit, um die Stütze von hinten völlig zu befestigen.

Der Tag näherte sich bei dieser Arbeit seinem Ende. Der Sturm setzte seine wüthenden Angriffe auf die Seite der Klippe mit unheilschwangerer Feierlichkeit fort. Die Wasser- und Feuer-Urnen in den Wolken schütteten ihren Inhalt aus, ohne sich zu leeren. Die bald hohen, bald niedrigen Wogen des Sturmes glichen den Bewegungen eines Drachens.

Als die Dämmerung eintreten sollte, war die Nacht schon da; man bemerkte ihr Hereinbrechen nicht.

Uebrigens war die Dunkelheit nicht vollständig. Die Stürme, erleuchtet und geblendet durch die Blitze, haben sichtbare und unsichtbare Pausen. Bald ist Alles weiß, bald schwarz. Man nimmt das Verschwinden des Lichtes und die Rückkehr der Finsterniß wahr.

Eine Phosphorschicht, roth wie ein Nordlicht, wogte, gleich einem Streifen der Spektralflamme, hinter den dicken Wolken und verbreitete weithin einen fahlen Schein; selbst die großen Regentropfen leuchteten.

Dieses Licht unterstützte und leitete Gilliatt. Einmal drehte er sich um und rief dem Blitze zu: Halte mir die Leuchte.

Bei diesem Lichte konnte er das hintere Gitterwerk noch höher als das vordere machen. Der Wogenbrecher war fast vollendet. Als Gilliatt an den Vordersteven ein Hülfstau befestigen wollte, blies ihm der Wind voll in das Gesicht, so daß er den Kopf umdrehen mußte. Der Wind hatte sich plötzlich wieder nach Nordost gewandt, und der Angriff begann von Neuem aus Osten. Gilliatt ließ seine Blicke in die Ferne schweifen: der Wellenbrecher sollt wiederum angegriffen werden, denn eine neue Welle rollte heran.

Sie prallte heftig an; eine zweite folgte ihr, dann noch eine und wieder eine, fünf oder sechs tobten fast gleich stark; endlich kam noch eine furchtbare.

Sie näherte sich mit großem Ungestüm und hatte das Aussehen eines unbekannten, lebenden Wesens. Es wäre nicht schwer gewesen, sich unter diesen hochangeschwollenen und durchsichtigen Massen Floßfedern und Kiemen vorzustellen. Sie flachte sich ab und zerstieb über dem Wellenbrecher und ihre fast thierischen Formen zerrissen springend an ihm. Auf diesem Gezimmer von Felsen und Balken nahm sie sich wie die Krümmungen einer Hydra aus. Die hohle See kämpfte mit ihr, die Welle schien sich zu krümmen. Ein heftiges Zittern durchbebte die Klippen. Thierisches Gebrüll schien man zu vernehmen. Der Schaum glich dem Speichel eines Leviathans.

Bei dem Zurückfallen des Schaums bemerkte Gilliatt eine schadhafte Stelle. Die letzte Woge hatte das ihrige gethan und diesmal den Wellenbrecher verletzt. Ein langer und schwerer Balken war von der vordern Stütze losgerissen und auf die Barre hinten geschleudert worden, auf den senkrechten Fels, welchen Gilliatt einen Augenblick zum Kampfplatze gewählt hatte. Zum Glück war er nicht dorthin zurückgekehrt, ein jäher Tod hätte ihn sonst ereilt.

Eigenthümlich war es bei dem Sturze dieses Balkens, daß er am Wiederabprallen verhindert und Gilliatt vor seinen Schwingungen und Gegenschlägen gesichert war; ja noch mehr, er wurde sogar, wie man gleich hören wird, in anderer Weise noch nützlich.

Zwischen dem vorspringenden Felsen und der innern Abdachung des Engpasses war ein Zwischenraum, eine große Einbiegung, ähnlich dem Loche an einer Axt oder dem Einsprunge einer Ecke. Das eine Ende des von der Fluth in die Luft geschleuderten Balkens war beim Herabstürzen in diese Höhlung gefallen und hatte sie dadurch erweitert.

Ein Gedanke fuhr Gilliatt durch den Kopf: sich auf das andere Ende stürzen.

Der Balken, durch ein Loch in der Höhlung des Felsens, welche er noch vergrößert hatte, festgehalten, ragte aus ihm grade, wie ein ausgestreckter Arm, hervor. Dieser Arm verlängerte sich parallel mit der innern Façade des Engpasses und das freie Ende des Balkens entfernte sich von diesem Stützpunkte ungefähr achtzehn bis zwanzig Zoll; eine gute Entfernung für das, was geschehen sollte.

Gilliatt stützte sich mit den Füßen, Knieen und Händen gegen die Böschung und lehnte sich mit beiden Schultern gegen den mächtigen Hebel. Der Balken war lang und vermehrte dadurch die Gewalt seiner Schwere. Obgleich der Felsen schon erschüttert war, so mußte Gilliatt doch viermal ansetzen. Von seinen Haaren tropfte eben so viel Schweiß als Regen. Beim vierten Male strengte er sich wie ein Wahnsinniger an; aber der Fels krachte; die zu einer Spalte verlängerte Einbiegung öffnete sich gleich einem Munde und die schwere Masse stürzte unter fürchterlichem Lärmen als Antwort auf die Donnerschläge, in den engen Schlund zwischen den beiden Seiten der Wasserstraße hinab.

Sie fiel gerade und, wenn der Ausdruck anwendbar ist, ohne zu zerbrechen hinab.

Man denke sich einen Felsblock, der als ein Stück in die Tiefe versinkt.

Der Hebelbalken folgte ihm, und Gilliatt, zugleich unter ihm weichend, wäre beinahe auch nachgestürzt.

Der Boden war an dieser Stelle ganz mit Strandsteinen, aber nur mit wenigem Wasser bedeckt. Der Monolith verbarg sich zwischen hoch aufzischenden Schäumen, Gilliatt völlig bespritzend, zwischen zwei großen, der Straße gleichlaufenden Felsen, so daß er eine Quermauer, eine Art Verbindung zwischen den beiden Abhängen, bildete. Seine beiden Enden berührten sie, da er aber etwas zu lang war, so brach seine Spitze, welche aus weichem Gesteine bestand, bei seinem Hinabfallen ab. Durch diesen Sturz bildete sich eine eigenthümliche Sackgasse, welche man noch heute sehen kann. Das Wasser hinter dieser Steinbarre ist fast immer ruhig.

So war ein noch unbesiegbarerer Schutzwall entstanden, als der, welcher von der Durande den Raum zwischen den beiden Klippen ausfüllte.

Diese Barre entstand gerade zur rechten Zeit.

Die Schläge der See hatten immer noch nicht aufgehört und die Wellen streiften sich fortwährend gegen jenes Hinderniß. Die erste Stütze begann sich in Folge der beständig wiederholten Angriffe loszulösen. Eine aufgegangene Masche ist an einem Wellenbrecher ein großer Nachtheil. Die Vergrößerung des Loches war nicht zu verhindern und es gab kein Hülfsmittel, um seine Ausbesserung an Ort und Stelle vornehmen zu können, da die hohlgehende See den Arbeiter mit fortgerissen hätte.

Eine elektrische Entladung erleuchtete die Klippe und enthüllte vor Gilliatt die Verwüstung, welche mit dem Wogenbrecher vorging, die niedergeworfenen Balken, die Enden der Seile und Ketten, welche in dem Winde zu spielen begannen, und den Riß in der Mitte des Apparats. Die zweite Stütze war unversehrt.

Der Steinblock, welchen Gilliatt mit so großer Anstrengung in den Zwischenraum hinter dem Wogenbrecher geworfen hatte, war zwar die solideste Barre, besaß aber einen Fehler: er war zu niedrig. Das Meer konnte ihn mit seinen Wellenschlägen nicht zerbrechen, wohl aber überspülen.

Es war keine Möglichkeit vorhanden, ihn zu erhöhen. Nur wenn man auf diese Steinbarre noch große Felsmassen hätte werfen können, würde man einen Vortheil erzielt haben; wie sollte man die aber ablösen, herbeischleppen, aufheben, übereinanderlegen und befestigen? Man kann wohl Balken, aber nicht Felsen übereinanderthürmen.

Die geringe Höhe dieses kleinen Granitisthmus beschäftigte Gilliatt vollkommen, zumal da sich jener Mangel bald fühlbar machte. Die Windstöße verließen nicht mehr den Wogenbrecher: sie thaten mehr, als ihn blos heftig angreifen, sie schmiegten sich ihm völlig an. Man hörte auf dem erschütterten Gebälk eine Art Stampfen.

Plötzlich flog ein Strebebalken, durch diese beständige Bewegung losgerissen, über das zweite Gitterwerk und über den Querfelsen fort und schoß in die Wasserstraße hinab, wo ihn die See ergriff, ihn in ihren Biegungen mit sich nahm und so den Blicken Gilliatt’s entführte. Wahrscheinlich schien es, daß dieser Balken gegen die Barke schlagen würde. Zum Glück empfand im Innern der Klippe das von allen Seiten eingeschlossene Wasser kaum etwas von dem Toben draußen, und da die Fluth nicht groß war, so konnte der Stoß nicht bedeutend sein. Uebrigens hatte Gilliatt auch keine Zeit, sich um den Schaden zu bekümmern, selbst wenn einer entstehen sollte; denn alle Schrecken erhoben sich von Neuem, der Sturm zog sich völlig an der verwundbaren Stelle zusammen und die drohendste Gefahr starrte ihm entgegen.

Tiefstes Dunkel herrschte einen Augenblick; das Blitzen hatte eine Pause gemacht; finstre Nachsicht. Wolke und Welle waren Eins: es gab einen dumpfen Schlag.

Diesem Schlage folgte ein Prasseln.

Gilliatt steckte den Kopf vor. Die Stütze, welche die Vorderseite der Barke bildete, war entwurzelt. Man sah die Enden der Balken in den Wellen schwimmen. Das Meer bediente sich des ersten Wellenbrechers, um auch den zweiten zu zerstören.

Gilliatt hatte dasselbe Gefühl, wie ein General, welcher seinen Vortrab niedergeworfen findet.

Die zweite Balkenreihe widerstand dem Stoße. Die hintere Armatur war fest ineinandergefügt und verbunden. Die zerbrochne Gitterstütze war aber schwer und befand sich in der Gewalt der Fluthen, welche sie vor- und zurückschleuderten, die Bänder, welche ihr geblieben waren, verhinderten sie daran, sich aufzulösen, und bewahrten ihr das ganze Gewicht, so daß die Eigenschaften, welche ihr Gilliatt zur Vertheidigung verliehen hatte, schließlich vorzüglich zum Zerstören wurden. Der Schild war zur Keule geworden. Außerdem ragten die abgebrochenen Enden und Spitzen auf allen Seiten hervor, so daß sie wie mit Zähnen und Sporen übersäet war. Keine Zerstörungswaffe konnte furchtbarer und dem Sturme handgerechter sein. Sie war das Wurfgeschoß und das Meer das Geschütz. Die Schläge folgten mit einer Art trauriger Regelmäßigkeit auf einander. Gilliatt, nachdenkend hinter der von ihm verbarrikadirten Pforte stehend, hörte dieses Klopfen des Todes, welcher Einlaß begehrte.

Bitter dachte er daran, daß, wenn der Schlot von der Durande nicht so verhängnißvoll durch den Strand zurückgehalten worden wäre, er selbst in diesem Augenblicke und zwar schon seit dem Morgen in Guernesey angelangt und im Hafen mit der Barke in Sicherheit und der geretteten Maschine geborgen sein würde.

Das Fürchterliche trat ein. Der Bruch fand statt. Es war wie ein Röcheln. Das ganze Zimmerwerk des Wogenbrechers mit den beiden durcheinandergewirbelten und zerbrochenen Armaturen wurde auf ein Mal von einer Wasserhose auf die Steinbarre, wie ein Chaos auf einen Berg geschleudert und blieb dort liegen.

Es war nur noch ein buntes Durcheinander, eine unförmliche Balkenmasse, gangbar für die Wellen, die immer noch in der Zertrümmerung fortfuhren. Dieser besiegte Wall wehrte sich auch noch in seinen letzten Zügen heldenmüthig. Das Meer hatte ihn zertrümmert; er brach das Meer. Gebrochen zwar, blieb er doch noch in gewisser Beziehung wirksam. Die Felsenbarre, ein Hinderniß, für welches jedes Weichen unmöglich war, hielt ihn am Fuße fest. Die Durchfahrt war, wie wir schon angeführt haben, an dieser Stelle sehr eng; die siegreichen Windstöße hatten den ganzen Wogenbrecher im bunten Durcheinander in dieser Enge aufgehäuft und die Heftigkeit des Stoßes selbst, als er die Masse losriß und die Bruchstücke in einander keilte, hatte aus diesen Trümmern ein festes Bollwerk gemacht. Er war zerstört und doch unerschütterlich. Nur einige Holzstücke trennten sich los. Die Fluth schleuderte sie umher. Eines flog durch die Luft und so dicht an Gilliatt vorüber, daß er es an seiner Stirne vorbeifliegen fühlte.

Einige Wellen jedoch, jene großen Wellen, welche während der Stürme mit unerschütterlicher Regelmäßigkeit wiederkehren, sprangen über den zerstörten Wogenbrecher fort, fielen in die Enge zurück und versetzten trotz der Krümmungen, welche die Straße machte, das Wasser in Bewegung, so daß die Fluthen in der Durchfahrt sich ärgerlich zu regen begannen und ihre dunkeln Küsse dem Felsen mit immer größerer Gewalt aufdrückten.

Wie konnte man jetzt diese Bewegung, welche sich dem Rumpfe mittheilen mußte, hemmen?

Gilliatt dachte mit Zittern, daß die Windstöße keiner langen Zeit bedürften, um das ganze innere Wasser in vollste Aufregung zu versetzen, daß nach einigen Schlägen der Rumpf zerstört und die Maschine versunken sein würde.

Trotzdem gerieth er nicht außer Fassung; sein Geist kannte keine Verwirrung.

Jetzt hatte der Orkan den Einschnitt gefunden und stürzte sich wahnsinnig zwischen die beiden Ufer der Meerenge, in welcher – in geringer Entfernung hinter Gilliatt – plötzlich ein Krachen ertönte und sich dem ganzen Engpaß mittheilte: es war noch schrecklicher, als Alles, was Gilliatt bis dahingehört hatte.

Es kam von dem Wracke her.

Etwas Schreckliches mußte sich dort zugetragen haben.

Gilliatt eilte hin, denn von der Ostseite aus, wo er sich befand, konnte er wegen der Krümmungen der Straße nach jener Richtung nicht sehen. Bei der letzten Wendung blieb er stehen und erwartete einen Blitzstrahl.

Der Blitz zuckte nieder und klärte ihm die Sachlage auf.

Dem Wellenschlage der See auf der Ostseite hatte einer auf der Westseite geantwortet: ein gegenseitiges Zerschellen war die Folge davon.

Die Barke hatte keinen sichtlichen Schaden gelitten, da sie bei ihrer gabelförmig ausgekehlten Gestalt nur schwer zu fassen war; aber der Rumpf der Durande befand sich in der Auflösung.

Dieses Wrack bot nämlich dem Sturm eine große Oberfläche dar, da es ganz außer dem Wasser, offen und frei dalag. Die Oeffnung, welche Gilliatt angebracht hatte, um die Maschine dadurch herauszuschaffen, hatte den Rumpf des Schiffes vollends geschwächt. Der Kielbalken war zerschnitten und dem Skelette das Rückgrat gebrochen.

Der Sturm hatte darüber fortgesaust.

Nichts weiter brauchte zu geschehen, denn die Brückenplatte hatte sich gefaltet, wie ein geöffnetes Buch und die Zerstückelung ihr Ende erreicht. Das Krachen war durch den Sturm hindurch zu Gilliatt’s Ohren gedrungen.

Was er befürchten mußte, schien fast unheilbar.

Der viereckige Einschnitt, welchen er gemacht, war zu einer Wunde und durch den Sturm zu einem Bruche geworden, welcher den Kiel querdurch in zwei Theile spaltete. Der Hintertheil, dem Gehäuse am nächsten, war fest in seinem steinernen Schraubstocke geblieben, der vordere hingegen, welcher sich Gilliatt gerade gegenüber befand, hing herab. Ein Bruch gleicht, so lange wie er noch etwas zusammenhält, einer Thürangel. Die Masse drehte sich wie auf Gelenken auf den Rissen hin und her und der Sturm schleuderte sie mit furchtbarem Lärmen von der einen Seite auf die andere.

Zum Glücke befand sich das Gehäuse nicht mehr unten; aber das Schaukeln erschütterte auch die andere, zwischen den Klippen noch eingeklemmte und unbewegliche Hälfte des Kieles. Von der Erschütterung bis zum Zerbrechen ist es nicht weit und der Sturm hielt mit solcher Halsstarrigkeit an, daß der schon von seinem Platze verdrängte Theil den andern, welcher das Gehäuse beinahe berührte, plötzlich mit fortreißen konnte, und dann mußte Alles, Gehäuse und Maschine, mit in den Abgrund versinken.

Gilliatt schwebte dieses Unglück vor Augen, wie aber konnte er es abwenden?

Da er jedoch zu den Menschen gehörte, welche die Gefahr selbst immer neue Hilfsmittel aussinnen läßt, so brauchte er sich jetzt auch nur einen Augenblick zu sammeln; dann ging er nach seiner Werkstatt, um seine Axt zu holen.

Der Hammer hatte bereits seine Dienste geleistet und deshalb kam jetzt die Reihe an das Beil.

Hierauf stieg Gilliatt auf das Wrack, stellte sich auf den Theil der Brücke, welcher sich noch nicht gebogen hatte und begann, über den Abhang zwischen den beiden Klippen gebeugt, die Balken völlig zu zerbrechen und den Rest, welcher noch an dem schwebenden Kiele hing, loszuschlagen.

Die Trennung der beiden Kielhälften vollenden, den festgebliebenen Theil befreien, das in die Fluthen werfen, was der Sturm bereits ergriffen hatte und diesem einen Strich durch die Rechnung machen, das war jetzt seine Aufgabe. Sie war mehr gefährlich, als schwierig. Die schwankende Hälfte des Kiels, durch den Sturm und ihr eignes Gewicht niedergezogen, hing nur noch an einigen Stellen fest. Das ganze Wrack glich einer Schreibtafel, deren einer zur Hälfte losgelöster Theil gegen den andern schlägt. Nur fünf bis sechs Stücke des Gerüstes, gebogen und gespalten, aber nicht zerbrochen, hielten noch. Ihre Risse erweiterten sich bei jedem Hin- und Herwehen des Sturmes, so daß die Axt eigentlich nur dem Winde zu helfen brauchte. Dieses geringe Zusammenhalten, wodurch die Arbeit einerseits leicht wurde, machte sie gleichzeitig gefährlich. Alles konnte mit einem Male unter Gilliatt zusammenbrechen.

Der Orkan hatte seinen Höhepunkt erreicht. Der Sturm war bis dahin nur fürchterlich gewesen, jetzt wurde er entsetzlich. Die Aufregung des Meeres siegte über den Himmel. Die Wolke war bis dahin allmächtig gewesen und schien zu thun, was sie für gut hielt, sie gab den Antrieb, reizte die Wogen zur Raserei und bewahrte dabei eine unbeschreiblich düstere Heiterkeit. Unten herrschte Wahnsinn, oben Zorn. Der Himmel war nur Sturm, der Ocean nur Schaum. Das Zittern der Klippe konnte nicht heftiger werden.

Gilliatt seinerseits betrachtete jetzt die Wolke, indem er den Kopf hochhob und sich nach jedem Schlage mit dem Beile hochmüthig umdrehte. Er war oder schien zu zerfahren zu sein, als daß ihm nicht der Hochmuth gekommen wäre. Verzweifelte er? Nein. Dem höchsten Ausbruche der Wuth des Oceans gegenüber bewahrte er ebenso seine Klugheit, wie seine Wuth. Er trat nur auf die festesten Punkte der Klippe; setzte sein Leben auf das Spiel, deckte es aber zu gleicher Zeit. Auch ihn hatte die höchste Aufregung ergriffen. Seine Kraft war verzehnfacht. Seine Kühnheit überstieg alle Grenzen. Die Schläge seines Beils klangen wie Herausforderungen. Er schien ebensoviel an Heiterkeit gewonnen, als der Sturm davon verloren zu haben. Es war ein großartiger und erhabener Kampf. Auf der einen Seite Unerschöpflichkeit, auf der andern Unermüdlichkeit. Die Frage war, wer den andern zuerst loslassen würde. Die schrecklichen Wolken bildeten unzählige Gorgonengesichter, alles nur Mögliche war entfesselt, um Einschüchterung hervorzurufen. Der Regen kam aus den Wolken, der Schaum aus den Wellen, die Gespenster des Windes krümmten sich, das Antlitz des Gewitters röthete sich und verschwand: das Dunkel nach diesem Verschwinden war entsetzlich; es gab nur noch ein Toben, welches von allen Seiten zu gleicher Zeit kam. Alles war Aufregung; die zerrissenen, aschfarbenen Hagelwolken schienen von einer Art Tanzwuth befallen; in der Luft ging ein Lärm vor sich, als wenn trockene Erbsen in einer Schale geschüttelt werden, die von Volta beobachteten entgegengesetzten Elektricitäten trieben von Wolke zu Wolke ihr donnerndes Spiel und die Blitze näherten sich Gilliatt auf das Aeußerste. Er schien den Abgrund in Staunen zu versetzen. Er ging hin und her auf der schwankenden Durande, so daß die Brücke unter seinen Füßen erzitterte, klopfend, schneidend, schlagend, sägend, mit der Axt in der Faust, bleich unter den Blitzen, mit zerzaus’ten Haaren, nackten Füßen, zerfetzten Kleidern, das Gesicht mit dem Geifer des Meeres bedeckt, groß in diesem Gewittertoben.

Gegen den Wahnsinn roher Kräfte kann Geschicklichkeit nur allein ankämpfen; und Geschicklichkeit war Gilliatt’s Siegeswaffe. Er wollte einen einzigen, gemeinsamen Zusammensturz der ganzen, aus ihrer Lage gebrachten Hälfte. Deshalb machte er die Gelenke, durch welche die Bruchtheile noch zusammenhingen, nur so dünn, als möglich, ohne sie ganz durchzuschlagen, so daß nur noch einige Fasern unversehrt blieben und den Rest zusammenhielten. Plötzlich unterbrach er sich und hielt die Axt hoch. Das Werk war vollendet, das ganze Stück riß sich los.

Diese Hälfte des Schiffrumpfes rollte zwischen die beiden Klippen, gerade unter Gilliatt’s Füßen, welcher auf der andern Hälfte stand, und ihr mit vorgebeugtem Kopfe nachblickte. Sie stürzte senkrecht in das Wasser, bespritzte die Felsen hochauf, blieb in der Einschnürung hängen, ohne den Grund erreicht zu haben und ragte weit genug aus dem Wasser hervor, um die Fluth um mehr als zwölf Fuß Höhe zu beherrschen; die senkrechte Brücke bildete zwischen den beiden Klippen eine Mauer; gerade wie bei dem etwas höher hinauf in dem Engpaß querübergeworfenen Felsblock konnte auch hier jetzt kaum etwas Schaum durchdringen, und so hatte Gilliatt dem Sturm gegenüber in der Meerenge eine fünfte Barrikade geschaffen.

Der Sturm hatte in seiner Verblendung an diesem letzten Schutzwalle selbst mitgearbeitet.

Es war ein großes Glück, daß durch das nahe Zusammenrücken der Uferwände diese Barre nicht bis auf den Grund sinken konnte, denn dadurch wurde sie höher und raubte außerdem den Wellen, welche nur unter ihr hindurch konnten, einen Theil ihrer Kraft. Was unten durchgeht, springt nicht oben herüber. Hierauf beruht zum Theil das Geheimniß der schwimmenden Wolkenbrecher.

Was also das Ungewitter auch immer thun mochte, für das Gehäuse und die Maschine war nichts mehr zu fürchten. Das Wasser konnte sie nicht mehr von allen Seiten bespülen. Zwischen dem Verschlusse durch die Klippen, welcher sie im Westen deckte, und der neuen Barre, welche sie im Osten schützte, konnte kein Stoß der Wellen oder Winde sie erreichen.

Gilliatt hatte aus dem Unglücke Vortheil gezogen; denn Alles in Allem hatte ihm das Ungewitter Hülfe geleistet.

Nachdem er hiermit fertig war, schöpfte er mit der hohlen Hand etwas Wasser aus einer Pfütze, trank und rief dem Sturme ein lautes »Dummkopf« zu.

Hierauf stieg er in die Barke hinab und ließ sich bei Untersuchung derselben vom Blitze leuchten. Es war hohe Zeit, daß ihr Hülfe gebracht wurde, denn sie war in der vorhergehenden Stunde stark mitgenommen worden und begann jetzt sich zu krümmen, doch konnte Gilliatt mit einem einzigen Blicke übersehen, daß sie noch keinen eigentlichen Schaden gelitten hatte, obgleich sie jedenfalls sehr heftige Stöße ausgehalten haben mußte. Bei ruhigem Wasser hätte sich der Kiel von selbst wieder zurückgebogen; die Anker waren gut im Stande und auch die Maschine von ihren vier Ketten wunderbar gehalten worden.

Als Gilliatt mit dieser Musterung fertig war, flog ein weißer Gegenstand an ihm vorüber und verschwand in der Nähe. Es war eine Seemöve.

Während der Stürme giebt es keine glücklichere Erscheinung; sobald sich die Vögel nähern, hat der Sturm sein Ende erreicht.

Ein anderes vorzügliches Zeichen war, daß sich der Donner verdoppelte.

Die größte Wuth des Sturmes zerfetzt ihn. Alle Seeleute wissen, daß die letzte Anstrengung furchtbar, aber von kurzer Dauer ist, und daß ein Uebermaß des Donners das Ende verkündet.

Der Regen hörte plötzlich auf, dann vernahm man nur noch ein mürrisches Rollen in den Wolken. Der Sturm war zu Ende, wie ein Brett, welches auf die Erde fällt; er zerbrach sich, so zu sagen. Die ungeheure Wolkenmasse löste sich auf. Klarer Himmel wurde sichtbar, die Finsterniß verschwand. Gilliatt war ganz überrascht; es war heller Tag.

Das Ungewitter hatte beinahe zwanzig Stunden angehalten.

Der Wind, welcher es gebracht hatte, führte es wieder fort. Die zusammenbrechende und zerfahrene Finsterniß umhüllte den Horizont. Die zerbrochenen und fliehenden Wolken thürmten sich lärmend bunt übereinander; von dem einen Ende der Wolkenlinie bis zum andern gab sich der Rückzug kund, man vernahm ein langes, ersterbendes Geräusch, einige letzte Regentropfen fielen und der ganze mit Donner gefüllte Schattennebel verschwand, wie eine Reihe furchtbarer Schlachtwagen.

Bald war der ganze Himmel wundervoll blau.

Gilliatt fühlte, daß er müde sei. Der Schlaf stürzte sich gleich einem Raubvogel auf die Anstrengung. Gilliatt ließ sich in der Barke, ohne erst einen Platz zu suchen, hinsinken und schlief ein. So blieb er einige Stunden unthätig und lang ausgestreckt liegen, kaum von den Balken und Hölzern, unter denen er schlief, zu unterscheiden.

Viertes Buch. Die Doppel-Gründe des Hindernisses.


Erstes Capitel. Wer Hunger hat, ist nicht allein.

Beim Erwachen empfand Gilliatt Hunger.

Das Meer beruhigte sich zwar, aber es war doch noch zu aufgeregt, als daß schon jetzt die Abreise möglich gewesen wäre; zudem war der Tag auch schon zu weit vorgerückt. Um mit der Last, welche das Boot trug, vor Mitternacht in Guernesy anzukommen, mußte man des Morgens fort.

Obgleich ihn der Hunger drängte, begann Gilliatt doch, sich auszukleiden, das einzige Mittel, durch welches er sich erwärmen konnte.

Seine Kleider waren vom Regenwetter völlig durchnäßt, aber das Regenwasser hatte das Seewasser ausgewaschen, und daher konnten sie wieder trocken werden.

Gilliatt behielt nur seine Hosen an und krämpte sie bis zu den Kniekehlen auf.

An verschiedenen Stellen des Felsens rings um sich her breitete er sein Hemde, seine Jacke, sein Schaffell aus und befestigte dies Alles mit Steinen.

Hierauf dachte er an das Essen.

Er nahm also sein Messer, welches er immer sehr scharf und gut im Stande hielt, und löste damit von dem Granitfelsen einige Muscheln von der Art der Gienmuscheln des Mittelmeeres und die man bekanntlich roh essen kann, los. Nach so vielen und so anstrengenden Arbeiten war das aber nur eine magere Kost. Er besaß keinen Zwieback mehr; an Wasser litt er freilich keinen Mangel weiter; es hatte ihn mehr, als gesättigt, es hatte ihn überschwemmt.

Er benutzte das Fallen des Meeres, um zwischen den Felsen nach Krebsen zu suchen, und konnte auf gute Beute hoffen, da der Jagdgrund sehr günstig war.

Allein er dachte nicht daran, daß er nichts mehr kochen konnte. Hätte er sich die Zeit genommen, bis nach seiner Vorrathskammer zu gehen, so hätte er sie unter dem Regen vergraben gefunden. Das Holz und die Kohlen waren durchnäßt, und von seinem Werg, der ihm als Zündstoff diente, war nicht ein Faden trocken geblieben; es gab also kein Mittel, um Feuer anzumachen.

Uebrigens war auch die Schmiede zerstört, das Wetterdach der Esse gebrochen und der Werkstatt von dem Orkane der Garaus gemacht worden. Mit dem Reste des Werkzeuges, welches der Vernichtung entging, konnte Gilliatt allenfalls noch als Zimmermann, aber nicht mehr als Schmied arbeiten; für den Augenblick jedoch dachte er gar nicht an diese Dinge.

Von dem Magen gedrängt, hatte er sich, ohne weitere Ueberlegung, an das Aufsuchen eßbarer Dinge gemacht und streifte nicht innerhalb, zwischen den Klippen, umher, sondern draußen auf der andern Seite, vor den verborgenen Riffen, auf welchen zehn Wochen früher die Durands aufgelaufen war.

Für Gilliatt’s Jagd war die Meerenge außen viel geeigneter, als innen, denn bei niedrigem Wasserstande schöpfen die Krabben gern Luft und wärmen sich an der Sonne, da diese unförmige Wesen die Wärme sehr lieben. Einen sonderbaren Eindruck gewährt es, wenn sie am hellen Tage aus dem Wasser herauskriechen. Ihr Krabbeln macht fast unwillig. Sieht man sie mit ihrem linkischen und schiefen Gange langsam und schwerfällig die untern Stufen der Felsen, wie die Sprossen einer Leiter, hinaufklimmen, so muß man sich gestehen, daß auch der Ocean sein Gezücht hat.

Und seit zwei Monaten lebte Gilliatt von solchem Gezüchte.

An jenem Tage entzogen sich jedoch die Krebse und Krabben seinen Blicken, da der Sturm diese Einsiedler in ihre Verstecke zurückgetrieben hatte und sie noch nicht völlig wieder beruhigt waren. Gilliatt hielt sein Messer offen in der Hand und trennte damit von Zeit zu Zeit unter dem Tange eine Muschel los, welche er dann beim Gehen verzehrte.

Er konnte nicht mehr weit von der Stelle sein, wo Sieur Clubin sich verloren hatte.

Gerade, als er den Entschluß faßte, auf die Meerigel und die Seekastanien zu verzichten, ließ sich ein Klappern zu seinen Füßen vernehmen. Eine große Krabbe, durch seine Annäherung erschreckt, sprang in das Wasser zurück, aber nicht weit genug, um ihm aus den Augen zu verschwinden.

Er begann also, ihr am Fuße der Klippe nachzulaufen. Sie floh.

Plötzlich war nichts mehr zu sehen.

Die Krabbe war in irgend ein Loch unter dem Felsen geschlüpft.

Gilliatt klammerte sich mit der Hand an den Vorsprüngen des Felsens fest und beugte den Kopf vor, um unter die Klippen blicken zu können; und wirklich war eine Höhlung da, in welche sich die Krabbe wahrscheinlich geflüchtet hatte.

Es war mehr als eine Höhlung, eine Art Wölbung.

Das Meer trat zwar in diese Wölbung ein, aber es war daselbst nicht tief. Den Boden bedeckten blaue und mit Conserven bekleidete Steine, ein Zeichen, daß sie nie ganz trocken wurden. Sie sahen von oben wie Kinderköpfe mit grünen Haaren aus,

Gilliatt faßte sein Messer mit den Zähnen, kletterte mit Händen und Füßen an diesem Abhange herunter und sprang dann in das Wasser. Es reichte ihm fast bis an die Schultern.

Er begab sich in die Wölbung und fand sich in einem alten Gange mit den schwachen Anfängen einer Spitzbogenwölbung über seinem Haupte. Die Wände waren glatt und schlüpfrig. Er sah die Krabbe nicht mehr. Zwar stand er auf festem Boden, doch je weiter er vordrang, um so mehr nahm das Tageslicht ab und bald konnte er nichts mehr unterscheiden.

Nach etwa fünfzehn Schritten hörte die Wölbung über ihm auf und er befand sich außerhalb des Ganges. Der Raum war größer, also auch Heller, und außerdem hatten sich seine Pupillen erweitert, so daß er ziemlich gut sehen konnte. Er wurde überrascht.

Er war eben wieder in jene fremdartige Höhle eingetreten, welche er einen Monat vorher besucht hatte; aber diesmal betrat er sie vom Meere aus.

Durch den Bogen, welchen er damals unter Wasser gesehen hatte, war er eben gekommen, da dieser bei ganz niedriger Ebbe gangbar war.

Seine Augen gewöhnten sich allmälig an den Ort. Er konnte ihn immer besser erkennen und er starrte vor Staunen. Er fand denselben außerordentlichen Schattenpalast, dieselbe Wölbung, dieselben Pfeiler, Blut- oder Purpurspuren, dieselbe Steinvegetation, und im Hintergrunde dieselbe Gruft, fast eine Sakristei, und denselben Stein, fast einen Altar, wieder.

Von den einzelnen Gegenständen konnte er sich kaum Rechenschaft ablegen, aber der Gesammteindruck stand lebendig vor seinem Geiste und jetzt wieder vor seinen Augen.

Er hatte jetzt wieder gerade vor sich in einer gewissen Höhe in der Wandung die Oeffnung, durch welche er das erste Mal eingedrungen, und die von dem Punkte, wo er sich jetzt befand, unzugänglich war.

Er sah neben der Spitzbogenwölbung jene niedrigen und dunklen Grotten, gleichsam Höhlen in der Höhle, wieder, welche er bereits von Weitem beobachtet hatte. Jetzt befand er sich dicht bei ihnen; die ihm nächste war trocken und leicht zugänglich.

Noch näher, als diese Einbiegung, bemerkte er über dem Wasserspiegel, im Bereiche seiner Hand, eine Querspalte in dem Granite. Wahrscheinlich hatte sich die Krabbe dorthin geflüchtet. Er streckte also seine Hand, so weit es ihm möglich war, hinein und begann diese Höhle der Finsterniß zu durchsuchen.

Plötzlich fühlte er sich am Arm ergriffen und er empfand in diesem Augenblick einen furchtbaren Schrecken.

Etwas Dünnes, Scharfes, Flaches, Glattes, Klebriges und Lebendiges hatte sich in der Dunkelheit um seinen nackten Arm geschlungen. Es stieg ihm gegen die Brust gleich dem Drucke einer Walze und dem Stoße eines Bohrers. In weniger als einer Sekunde hatte ihm eine unbeschreibbare Schneckenlinie Hand und Arm umschlossen und berührte seine Schulter. Die Spitze drang unter seiner Achsel ein.

Gilliatt wollte zurückspringen, konnte sich aber kaum bewegen. Er war wie angenagelt. Mit seiner freigebliebenen linken Hand ergriff er sein Messer, welches er zwischen den Zähnen hatte, stützte sich mit der Hand gegen den Felsen und versuchte mit einer verzweifelten Anstrengung seinen Arm zurückzuziehen. Es gelang ihm nur, das Band, welches den Arm umwickelt hatte, etwas zu beunruhigen, so daß es ein wenig zurückwich. Es war geschmeidig, wie Leder, fest, wie Stahl, und kalt, wie die Nacht.

Ein zweites, scharfes und schmales Ding kam aus dem Loche in dem Felsen hervor, wie eine Zunge aus einem Maule, leckte Gilliatt’s nackten Rücken zu seinem höchsten Entsetzen und setzte sich plötzlich endlos und ganz sein langziehend, fest auf sein Haupt und umschloß seinen ganzen Körper. Zu gleicher Zeit durchflog ein unerhörter, mit nichts vergleichbarer Schmerz Gilliatt’s gespannte Muskeln. Es war ihm, als wenn unzählige Lippen sich an sein Fleisch anhefteten und sein Blut auszusaugen suchten.

Noch ein drittes Ding wagte sich aus dem Felsen hervor, tastete auf Gilliatt umher, peitschte ihm die Seiten, wie eine Sehne, und befestigte sich dann an seinen Seiten.

Die Angst in ihrer höchsten Erregung ist stumm. Gilliatt stieß nicht einen Schrei aus. Es war hell genug, daß er die widerlichen, ihm anhaftenden Formen erkennen konnte. Ein viertes Band sprang ihm, schnell wie der Blitz, gegen den Bauch und rollte sich darauf fest.

Unmöglich war es ihm, diese scheußlichen Pfriemen, welche sich eng und an vielen Stellen seinem Körper angelegt hatten, durchzuschneiden oder loszureißen. Sie verursachten ihm furchtbare und eigenthümliche Schmerzen; es war ihm, als wenn er von einer Menge kleiner Mäuler auf ein Mal verschlungen würde.

Ein fünftes Ding schnellte aus dem Loche, legte sich über die andern und umschnürte Gilliatt’s Zwergfell. Der Druck vermehrte die Beängstigung, er konnte kaum noch athmen.

Diese, an ihrem äußersten Ende scharf zugespitzten Riemen weiteten sich immer weiter aus. Alle fünf gehörten sicherlich demselben Mittelpunkt an und marschirten und kletterten auf Gilliatt hin und her. Er fühlte, wie sich jene dunklen Oeffnungen, welche ihm als eben so viele Mäuler erschienen, von ihrem Platze fortbewegten.

Plötzlich kam unten aus der Höhlung ein großer, runder und flacher Schleimkörper hervor. Es war der Mittelpunkt, in welchem jene fünf Riemen wie Strahlen um einen Brennpunkt zusammenliefen; an der andern Seite dieser außerweltlichen Scheibe unterschied man drei andere Fühler, welche unter der Vertiefung des Felsens geblieben waren. In ihrer Mitte befanden sich zwei Augen, welche um sich blickten und Gilliatt ansahen.

Gilliatt erkannte den Alp.

Um an den Alp zu glauben, muß man ihn gesehen haben. – Regt man seine ganze Einbildungskraft an, um einen Gegenstand zu erzielen, so ist der Alp ein Meisterstück.

Diese Ungeheuer nennen die Seeleute Thierfrüchte; die Wissenschaft heißt sie Kopffüßler und die Sage Kraken.

Ein Bild in Sonnini’s Ausgabe von Buffon’s Werken stellt einen Kraken vor, der eine ganze Fregatte erdrückt. Denis Montfort glaubt, daß er unter hohen Breiten wirklich im Stande ist, ein vollständiges Schiff zu verschlingen. Bory St. Vincent läugnet dies, aber nach ihm greift er in einigen Gegenden den Menschen an. Auf Serk zeigt man in der Nähe von Brecq-Hou noch heut den Felsblock, wo ein solcher Alp vor einigen Jahren einen Hummerfänger ergriff, festhielt und ertränkte. Péron und Lamarck täuschen sich, wenn sie glauben, daß der Kraken nicht schwimmen könne, da er keine Schwimmapparate hat. Der Verfasser dieses Werkes sah mit seinen eigenen Augen, wie bei Serk ein solches Unthier in der sogenannten Lodenhöhle einen Badenden schwimmend verfolgte. Nach dem Tode maß man das völlig ausgebreitete Thier: es war vier Fuß groß und zeigte die vierhundert Saugapparate ganz deutlich. Das im Todeskampf liegende Thier bewegte sie krampfhaft.

Nach Denis Montfort, einem jener Beobachter, welchen die hohe Gabe der Erkenntniß bis zur Magie hinab- oder hinaufsteigen läßt, besitzt der Kraken fast menschliche Leidenschaften: er haßt. Und wirklich liegt ja auch der Häßlichkeit der Haß zu Grunde.

Der Kraken schwimmt, aber er läuft auch. Etwas Fisch, ist er auch etwas Reptil. Mit Hülse seiner acht Fühler kriecht er auf dem Meeresboden umher und schleppt sich wie eine Stachelraupe fort.

Er hat keine Knochen, kein Blut, kein Fleisch. Es ist ein leerer Beutel, eine Haut. Man kann seine acht Fühlfäden völlig von innen nach außen kehren wie die Finger eines Handschuhes.

Nur eine einzige Oeffnung, gerade in der Mitte seiner Strahlen, findet sich an ihm.

Das ganze Thier ist kalt.

Keine Fessel hält so, wie das Umspannen des Kraken.

Das Thier überzieht den Menschen mit seinem tausendfachen Höllenmund, die Hydra vereint sich mit ihm und er geht in sie über.

Der Tiger kann den Menschen nur verschlingen, der Kraken, o Schreck! athmet ihn ein. Er zieht Dich an sich und in sich hinein und so gefesselt, ausgelöst, ohnmächtig fühlst Du Dich langsam in diesen furchtbaren Sack, diesem Ungeheuer, entleert.

Ueber das Entsetzliche, lebendig gefressen zu werden, geht das Unbeschreibliche, lebendig getrunken zu werden.

Diese Thiere sind ebensowohl Gespenster als Ungeheuer. Ihr Leben ist bewiesen und doch unwahrscheinlich. Ihr Sein ist Thatsache, ihr Nichtsein wäre Recht. Sie sind die Amphibien des Todes. Ihre Unwahrscheinlichkeit bestätigt ihre Existenz. Sie stehen auf der Grenze zwischen Menschen- und Gedankenwelt.

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Zweites Capitel. Andere Kampfsart in der Grotte.

Einem solchen Wesen gehörte Gilliatt seit einigen Augenblicken an.

Das Ungethüm war der Bewohner der Grotte, der Schreckgeist des Ortes, eine Art finsterer Wasserdämon.

Den Mittelpunkt aller Schönheiten der Höhle bildete das Furchtbare.

Einen Monat vorher war an dem Tage, an welchem Gilliatt zum ersten Mal in sie eindrang, die abgegrenzte Schwärze, welche er halb und halb durch die Wellen des ruhigen Wassers gesehen hatte, dieser Alp gewesen.

Er war dort zu Hause.

Als Gilliatt zum zweiten Male die Grotte betrat, um die Krabbe zu verfolgen, hatte er ein Loch bemerkt, welches er für ihren Zufluchtsort hielt, während der Alp auf der Wacht in ihm lag.

Gilliatt hatte seinen Arm in das Loch gesteckt, der Alp ihn ergriffen und hielt ihn fest.

Er war die Fliege dieser Spinne.

Gilliatt stand bis zum Gürtel im Wasser, die Füße auf den glatten und runden Kieseln, den rechten Arm umstrickt und umschlungen von den flachen Windungen der Fühler des Krakens und der Körper verschwand fast unter den Schnürungen und Kreuzungen dieser fürchterlichen Bänder.

Von den acht Armen des Ungethüms hingen drei an den Felsen und fünf an Gilliatt fest. So, auf der einen Seite an dem Granit, auf der andern an dem Menschen geklammert zog es Gilliatt nach dem Felsen hin. Zweihundertundfünfzig Schröpfköpfe lagen auf ihm. Furchtbarsten Schmerz und Ekel erregt es, von einer endlosen Hand mit elastischen, wohl drei Fuß langen, inwendig mit lebenden, das Fleisch durchwühlenden Pusteln besetzten Fingern zerdrückt zu werden.

Wie wir schon einmal sagten, von diesem Alpe kann man sich nicht losreißen. Je mehr man es versucht um so sicherer wird man gefesselt, um so mehr zieht er sich zusammen. Seine Kraft wächst mit der Deinigen. Je größeres Sträuben, desto größeres Umstricken.

Gilliatt hatte nur eine Hülfe, sein Messer, und nur die linke Hand frei, aber, wie man weiß, bediente er sich ihrer so mächtig, daß man von ihm sagen konnte, er besitze zwei rechte Hände.

Sein Messer befand sich geöffnet in dieser Hand.

Man schneidet einem Kraken nicht die Fühlfäden ab, sie sind unzerschneidbares Leder und gleiten unter der Klinge aus; außerdem legen sie sich derartig an das Fleisch an, daß ein Einschnitt in sie auch dieses verletzen würde.

Das Ungethüm ist furchtbar, jedoch giebt es eine Art, sich seiner zu entledigen. Die Fischer auf Serk kennen sie, wie Jeder weiß, der sie im Meere gewisse schnelle Bewegungen ausführen sah. Die Meerschweine kennen sie auch, denn sie beißen den Kraken so, daß der Kopf abgeht. Daher begegnet man auf dem offenen Meere so vielen Tintenfischen, Sepien und Kraken ohne Kopf.

Dieses Thier ist wirklich nur am Kopfe verwundbar, was Gilliatt sehr gut wußte.

Er hatte nie einen Kraken von solcher Größe gesehen.

Beim Kraken giebt es wie beim Stiere nur einen günstigen Augenblick, den man benutzen muß; beim Stiere ist es der, in welchem er den Hals niederbeugt; beim Kraken der, in welchem er den Kopf versteckt. Wer diesen kurzen Augenblick verfehlt, ist verloren.

Alles, was wir so eben erzählten, hatte nur einige Minuten gedauert, während Gilliatt jedoch ein beständig wachsendes Aussaugen von jenen zweihundertundfünfzig Schröpfköpfen fühlte.

Der Kraken ist ein Verräther. Er sucht seine Beute erst zu betäuben. Er ergreift sie und wartet dann so lange als er kann.

Gilliatt hielt sein Messer. Das Saugen wurde immer stärker.

Er sah das Ungethüm an und dieses ihn.

Plötzlich löste es seinen sechsten Fühlfaden von dem Felsen los, schleuderte ihn auf Gilliatt zu und versuchte damit seinen linken Arm zu ergreifen.

Zugleich steckte es seinen Kopf vor. Noch einen Augenblick und sein Rachen mußte Gilliatt erreichen und er, an den Seiten geschröpft und mit zerdrückten Armen, sterben.

Aber Gilliatt wacht, belauert lauerte er.

Er wich dem Fühler aus und in dem Augenblicke, in welchem ihn die Bestie in die Brust beißen wollte, fiel seine bewaffnete Faust auf sie herab.

Zwei Zuckungen fanden entgegengesetzt statt; die des Alp und die Gilliatts.

Es war wie der Kampf zweier Blitze.

Gilliatt stieß die Spitze seines Messers in den flachen Schild und mit einer. Kreisbewegung, welche dem Drehen der Peitschenschnur beim Knallen gleicht, machte er einen Schnitt um die beiden Augen und riß den Kopf ab, wie wenn man einen Zahn ausreißt.

Es war zu Ende.

Das ganze Thier fiel hin.

Es glich einer Leine, welche sich loslöst. Sobald die Luftpumpe zerstört ist, füllt sich wieder der leere Raum. Die vierhundert Schröpfköpfe fielen auf ein Mal von dem Felsen und dem Menschen herab. Der ganze Klumpen rollte auf den Boden des Meeres hin.

Während sich Gilliatt von dem Kampfe erholte, konnte er zu seinen Füßen auf den Kieselsteinen zwei gallertartige, ungestaltete Massen wahrnehmen; hier den Kopf, dort das Uebrige des Thieres. Wir sagen absichtlich das Uebrige, denn Körper konnte man es nicht nennen.

Gilliatt, der eine krampfhafte Bewegung im Todeskampfe fürchtete, zog sich außerhalb des Bereichs der Fühlfäden des Thieres zurück.

Aber das Thier war ganz todt.

Gilliatt klappte sein Messer wieder zu.

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Drittes Capitel. Nichts verbirgt sich und Nichts verliert sich.

Es war Zeit, daß Gilliatt den Kraken tödtete; denn er war fast erstickt; sein rechter Arm und sein Körper waren dunkelroth, mehr als zweihundert Geschwülste, von denen mehrere bluteten, hatten sich auf ihm gebildet. Das Gegenmittel gegen diese Verletzungen ist Salzwasser. Gilliatt tauchte darin unter und rieb sich mit der flachen Hand. Die Geschwulst verschwand unter diesen Reibungen.

Beim Zurückweichen und weiteren Vordringen in das Wasser hatte er sich, ohne es zu bemerken, jener Art Höhle genähert, welche er schon neben dem Loche, in welchem ihn der Alp erfaßt, wahrgenommen.

Diese Höhle verlängerte sich in schräger Richtung und war trocken unter den großen Scheidewänden der Grotte. Durch die Kiesel, welche sich daselbst angehäuft hatten, war ihr Boden bis über die Höhe der gewöhnlichen Fluthen gestiegen. Diese Höhlung war ein ziemlich breites und gedrücktes Gewölbe; ein Mensch konnte eintreten, wenn er sich bückte. Das grüne Licht der unterseeischen Grotte drang hinein und erleuchtete sie schwach.

Zufällig schlug Gilliatt, während er noch eilig die angeschwollenen Stellen rieb, seine Augen gedankenlos auf.

Er fühlte ein Zittern.

Es schien ihm, als wenn er in dem Hintergrunde dieses Loches in dem Schatten eine Art Gesicht erblickt hätte, welches ihn anlächelte.

Die Höhle bildete ziemlich genau eine Art Kalkofen.

Er trat hinein und schritt mit gebeugtem Kopfe auf das im Hintergrunde Befindliche zu.

Etwas lachte in der That.

Es war ein Todtenkopf.

Aber nicht nur der Kopf, sondern auch alle Gebeine des Todten befanden sich daselbst.

Ein menschliches Skelett lag in der Höhle.

Der Blick eines kühnen Mannes weiß bei solchen Begegnungen, woran er sich zu halten hat.

Gilliatt blickte um sich.

Er war von einer Menge von Krabben umgeben.

Diese Menge bewegte sich nicht und glich einem todten Ameisenhaufen. Die Thiere waren sammt und sonders leblos, todt.

Unter diesem Haufen lag das Skelett.

Man bemerkte unter diesem Gewirr von Tastern und Schalen den Schädel mit seinen Streifen, das Rückgrat, die Schenkel- und Schienbeine und die langen gekrümmten Finger mit ihren Nägeln. Die Höhlen in den Seiten waren voll Krabben, wo einst ein Herz schlug. Meeresschimmel bekleidete die Augenhöhlen, Schlüsselmuscheln hatten ihren Schleim in die Nasengruben entleert. Uebrigens gab es in diesem Felsenwinkel weder Seeeichen, noch Gräser, noch irgend einen Lufthauch. Keine Bewegung. Die Zähne grinsten.

Die beunruhigende Seite des Lachens ist das Lachen eines Todtenkopfes.

Dieser wunderbare Palast des Abgrundes, geziert und ausgelegt mit allen Edelsteinen des Meeres, enthüllte und offenbarte endlich sein Geheimniß: es war eine Raubhöhle, denn der Alp bewohnte ihn – und ein Grab, denn ein Mensch lag in ihm.

Die geisterhafte Unbeweglichkeit der Menschengebeine und des Thiergezüchtes schwankte wegen der Wiederspiegelung der unterirdischen Gewässer, welche über diesen Versteinerungen zitterten, unbestimmt hin und her. Die Krabben, schrecklich zusammengehäuft, hatten den Anschein, als wenn sie ihre Mahlzeit beendeten und das Gerippe verzehrten. Nichts kann eigenthümlicher sein, als dieses todte Gewürm über seiner todten Beute.

Gilliatt hatte den Vorrathsschrank des Krakens vor Augen.

Eine finstere Erscheinung, wenn sich auch der furchtbar entsetzliche Sachverhalt sofort erkennen ließ. Der Mensch war von den Krabben, die Krabben von dem Kraken gefressen worden.

Ueber dem Gerippe befand sich nicht das geringste Kleidungsstück. Der Leichnam war also wohl nackt angegriffen worden.

Gilliatt machte sich aufmerksam und prüfend daran, die Krabben von dem Menschen herabzunehmen. Was war er gewesen? Der Leichnam war so wunderbar gut zerlegt, daß man ihn für ein anatomisches Präparat halten konnte. Das ganze Fleisch war abgelöst, nicht ein Muskel übrig geblieben, nicht ein Knochen fehlte. Wäre Gilliatt Mediziner gewesen, so hätte er das bestätigen können. Die entblößten Knochen waren weiß, glatt und glänzten wie Stahl. Ohne einige grüne Conserven an wenigen Stellen hätte man sie für Elfenbein halten können. Die knorpeligen Scheidewände waren unter zartester Schonung verdünnt worden. Das Grab macht solche dunkeln Kleinodien.

Der Leichnam war unter den todten Krabben wie vergraben, Gilliatt grub ihn wieder aus.

Plötzlich beugte er sich lebhaft vor.

Er hatte soeben um den Rückgrat eine Art Band bemerkt.

Es war ein Ledergürtel, welcher augenscheinlich auf dem Körper des Menschen bei seinen Lebzeiten befestigt worden war.

Das Leder war ganz weich, das Schloß, welches es zusammenhielt, verrostet.

Gilliatt zog den Gürtel an sich heran. Die Wirbel leisteten jedoch Widerstand, so daß er sie zerbrechen mußte, um den Gürtel loslösen zu können. Er war noch unversehrt; nur eine Muschelkruste begann sich auf ihm zu bilden.

Er stieß sie ab und fühlte einen harten und viereckigen Gegenstand im Innern. Die Schnalle konnte er nicht öffnen, also zerschnitt er den Gürtel mit seinem Messer.

Der Gurt enthielt eine kleine Büchse aus Eisen und mehrere Guineen. Gilliatt zählte zwanzig Goldstücke.

Die eiserne Büchse war eine alte Matrosenschnupftabaksdose, welche sich durch einen Druck öffnete, aber sehr verrostet und fest verschlossen war; die völlig oxydirte Feder spielte nicht mehr.

Wiederum zog das Messer Gilliatt aus der Verlegenheit, denn ein Druck mit der Spitze seiner Klinge ließ den Deckel der Dose aufspringen.

Sie öffnete sich.

Nur Papier befand sich in ihr.

Eine kleine, sehr dünne, viermal zusammengefaltete Lage Blätter bedeckte ihren Boden. Das Papier war seucht, aber sonst unversehrt, denn der luftdichte Verschluß der Büchse hatte es vor jeder Beschädigung bewahrt. Gilliatt entfaltete es.

Es waren drei Banknoten, jede zu tausend Pfund Sterling, also im Ganzen zwanzigtausend Thaler.

Gilliatt legte die Noten wieder zusammen, that sie in die Dose, steckte auch, da es der noch übrige geringe Platz der Dose erlaubte, die zwanzig Guineen ein und schloß die Dose, so gut er konnte.

Hierauf untersuchte er den Gürtel.

Das früher von außen lackirte Leder war inwendig roh. Auf seinem fahlen Grunde waren einige Buchstaben mit starker, schwarzer Dinte aufgetragen. Gilliatt entzifferte sie und las: Sieur Clubin.

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Viertes Capitel. In dem Raume zwischen sechs Zoll und zwei Fuß hat der Tod Platz.

Gilliatt legte die Dose wieder in den Gurt, steckte diesen in seine Hosentasche, und überließ das Gerippe, wie den todt danebenliegenden Kraken den Krabben.

Während er sich hier befand, hatte die steigende Fluth den Zugang zur Grotte verschlossen, so daß er sie also nur verlassen konnte, wenn er unter dem Bogen ihrer Oeffnung hindurchtauchte, was er auch ohne Mühe that, da er den Ausweg kannte und Meister in allen Schwimmübungen war.

Man kennt jetzt also das Schauspiel, welches sich zehn Wochen früher an dieser Stelle ereignet hatte. Ein Ungeheuer hatte das andere gepackt: der Kraken hatte Clubin aufgefressen.

Auf dem Boden des Abgrundes waren diese beiden, aus Erwartung und Finsterniß zusammengesetzten Wesen auf einander gestoßen und das eine – das Thier – hatte das andere – die Seele – vernichtet. – Finstere Gerechtigkeit!

Gilliatt kam davon zurück, die Felsen weiter zu durchstöbern, er suchte nur nach Seeigeln und Muscheln, aber er wollte keine Krabben mehr, da es ihm schien, als wenn er dann Menschenfleisch äße.

Es lag ihm indeß doch daran, vor seiner Abfahrt noch so gut als möglich zu essen. Nichts hielt ihn mehr von seiner Abfahrt ab. Den großen Stürmen folgt stets eine Windstille, welche manchmal mehrere Tage anhält, so daß keine Gefahr jetzt von Seiten des Meeres drohte. Gilliatt war entschlossen, am folgenden Morgen abzufahren. Wegen der Fluth war es wichtig, die zwischen den Klippen befindliche Barre die Nacht hindurch zu bewahren; er rechnete aber daraus, sie mit Anbruch des Tages losmachen, den Rumpf aus den Klippen herausstoßen und nach St. Sampson segeln zu können. Die gerade aus Südost wehende Brise war genau der Wind, dessen er bedurfte.

Das erste Mondviertel im Mai begann; die Tage waren lang.

Als Gilliatt seinen Streifzug um die Felsen beendet, seinen Hunger ziemlich gestillt hatte und nach dem Theile der Meerenge zurückgekommen war, wo der Rumpf lag, war die Sonne untergegangen und die Dämmerung verdoppelte sich unter dem halben Mondlichte, die Fluth hatte ihren Höhepunkt erreicht und das Wasser begann wieder zu fallen. Der Schlot der Maschine, welcher über dem Rumpfe hervorragte, war durch den Schaum des Sturmes mit einer, im Monde hellblitzenden Salzschicht bedeckt worden.

Hierdurch erinnerte sich Gilliatt daran, daß der Orkan viel Regen- und Meerwasser in den Rumpf geworfen und daß er, falls er am folgenden Morgen abreisen wollte, die Barke entleeren mußte.

Als er sie verließ, um sich auf die Krabbenjagd zu begeben, hatte er in ihr sechs Zoll Wasser gemessen; seine Schaufel war also wohl groß genug, um sie auszuschöpfen.

Als er zurückkam, überlief ihn ein Gefühl des Entsetzens, denn es befanden sich beinahe zwei Fuß Wasser in der Barke.

Furchtbarer Zwischenfall; sie hatte ein Leck.

Wäre Gilliatt eine Stunde später zurückgekommen, so hätte er außerhalb des Wassers wahrscheinlich nur den Schlot und den Mast gefunden.

Nicht einmal eine Minute zum Ueberlegen durfte er verlieren. Er mußte das Leck suchen und zustopfen und dann die Barke ausschöpfen oder wenigstens erleichtern. Die Pumpen der Durande waren in dem Schiffbruche untergegangen und Gilliatt auf die Wasserschaufel des Bootes beschränkt.

Vor Allem mußte er das Leck suchen, dies war das Eiligste.

Er begab sich sofort schaudernd an’s Werk, ohne sich erst noch Zeit zum Wiederankleiden zu nehmen. Weder Hunger, noch Kälte fühlte er.

Die Barke füllte sich immer fort. Zum Glück herrschte nicht der geringste Wind, denn das leiseste Schwanken hätte sie umgeworfen.

Der Mond ging unter.

Gilliatt, tastend, gebeugt und mehr als zur Hälfte im Wasser, suchte lange vergebens, endlich fand er den Schaden.

Während des furchtbaren Windstoßes, in dem kritischen Augenblick, wo sich die Barke gebogen hatte, war sie ziemlich heftig gegen den Felsen geschleudert worden und ein Riff der kleinen Klippe hatte am Tribord des Kieles einen Bruch verursacht.

Das Leck befand sich leider, man könnte sagen, verhängnißvoller Weise, in der Nähe der beiden Katzensparren, das Toben des Sturmes hatte Gilliatt bei seiner schnellen Untersuchung in der Dunkelheit und im stärksten Unwetter verhindert, früher den Schaden wahrzunehmen.

Der Bruch hatte das Beunruhigende, daß er groß war, und das Beruhigende, daß er augenblicklich zwar durch das innen befindliche Wasser überdeckt wurde, sonst aber über dem Wasser sich befand.

In dem Augenblicke, als der Riß entstand, wurde die Fluth heftig in die Enge geschleudert und das Wasser über seine gewöhnliche Höhe getrieben, so daß die Welle durch den Riß eindrang, das Boot unter dieser Ueberlast um einige Zoll sank und selbst, nachdem die Wellen sich wieder beruhigt, das Gewicht des eingedrungenen Wassers die Traglinie der Barke mehr nach oben schob und das Leck unter Wasser ließ. Daher die furchtbare Gefahr. Sobald es indeß gelang, das Leck zu verstopfen, konnte man die Barke ausschöpfen, hierdurch mußte sie wieder bis zu ihrer normalen Wasserlinie steigen, so daß der Riß aus den Fluthen herausragte und, wenn er so trocken lag, seine Ausbesserung leicht oder wenigstens noch überhaupt möglich war. Wie wir schon anführten, befand sich Gilliatts Zimmermannswerkzeug noch in ziemlich gutem Zustande.

Aber welche Ungewißheit, bevor er so weit kam! Welche Gefahren! Welche schlechte Aussichten! Gilliatt hörte das Wasser unerbittlich hervorquellen. Ein Stoß und Alles konnte untergehen. Welches Elend! Vielleicht war keine Zeit mehr.

Gilliatt klagte sich bitter selbst an. Er hätte das Leck sofort suchen sollen, da ihn die sechs Zoll Wasser darauf aufmerksam machen mußten. Es war thöricht gewesen, diese sechs Zoll Wasser dem Regen und Schaum allein zuzuschreiben. Er warf sich sein Schlafen und sein Essen, seine Müdigkeit, ja fast sogar den Sturm und die Nacht vor. Alles war sein Fehler.

Diese Selbstvorwürfe mischten sich unter seine Arbeit, hielten ihn aber dabei nicht auf.

Das Leck war gefunden; dies war der erste Schritt. Es zu verstopfen, der zweite. Er konnte für den Augenblick nicht mehr thun. Man treibt unter dem Wasser nicht viel Schreinerei.

Ein glücklicher Umstand war der, daß sich das Leck in dem Räume zwischen den beiden Ketten befand, welche den Schlot der Maschine am Tribord festhielten. Das Stopfwerk konnte sich auf diese Ketten stützen.

Indessen wuchs das Wasser immer mehr; es überstieg schon zwei Fuß; so daß Gilliatt bis über die Knie in ihm stand.

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Fünftes Capitel. De profundis ad altum.

Gilliatt hatte in der Aufbewahrungskammer des Takelwerkes ein ziemlich großes, getheertes Pfortsegel mit langen und scharfen Haken an seinen vier Ecken zur Verfügung.

Er nahm es, befestigte zwei Ecken mittelst der Haken in zwei Ringen der Rauchfang-Ketten auf der Seite des Lecks und warf es dann über Bord. Es breitete sich wie ein Tuch zwischen der kleinen Klippe und der Barke aus und versank in die Fluthen. Das Wasser, welches in den Kiel eindringen wollte, trieb es dagegen an und jemehr es drängte, um so fester hing das Segel sich an. Die Wogen selbst trieben es auf den Riß und bepflasterten ihn.

Diese getheerte Leinwand legte sich zwischen das Innere des Kieles und die Wellen draußen, so daß kein Tropfen Wasser mehr eindringen konnte.

Das Leck war verdeckt, aber nicht verstopft.

Gilliatt gewann eine kleine Frist.

Er nahm die Schöpfkelle und begann die Barke zu leeren. Es war hohe Zeit, sie zu erleichtern. Diese Arbeit machte ihn wieder etwas warm, aber seine Ermattung war so groß, daß er sich gestehen mußte, er könnte nicht zu Ende kommen und den Kiel von neuem flott machen, zumal er kaum gegessen hatte und zu seiner größten Betrübniß zugeben mußte, daß er völlig erschöpft war.

Er maß das Fortschreiten seiner Arbeit in Bezug auf das Fallen des Wassers an seinen Knieen: es fiel langsam.

Außerdem war das Eindringen des Wassers nur unterbrochen. Das Uebel war verdeckt, nicht geheilt. Das Pfortsegel wurde durch die Fluth in das Leck getrieben und begann sich in dem Kiele aufzublähen, so daß es aussah, als wenn sich eine Faust unter der Leinwand befände und sich zu durchbohren versuchte. Das feste, getheerte Segel widerstand zwar, aber es blähte sich unter wachsender Spannung immer mehr auf, so daß es ungewiß war, ob es nicht nachgeben und früher oder später zerreißen würde; dann mußte Wasser von neuem eindringen.

Alle, von solcher Noth bedrängten Seeleute wissen, daß ein Pfropfen ihre einzige Rettung ist. Man nimmt Lappen aller Art, welche sich gerade vorfinden und in der Schiffersprache »Futter« genannt werden, und stopft damit, so weit es geht, dasselbe in das Leck zurück.

Von solchem »Futter« besaß Gilliatt gar nichts. Alles was er von Lumpen oder Lappen aufgespeichert hatte, war bereits von ihm bei der Arbeit verbraucht oder von dem Unwetter fortgetrieben worden.

Vielleicht konnte er aber noch einige Reste auffinden, wenn er die Felsen genau durchsuchte. Die Barke war schon hinreichend erleichtert, um ihm eine Abwesenheit von einer Viertelstunde zu gestatten; was sollte er aber ohne Licht anfangen? Es herrschte völlige Finsterniß. Der Mond schien nicht mehr; nichts war zu sehen, als der düster besternte Himmel. Gilliatt besaß nicht einen trockenen Faden zu Zunder, keinen Talg, um Licht zu machen, keinen Zündstoff, um Feuer anzuzünden, keine Laterne, um sich leuchten zu können. Alles, in der Barke, wie auf der Klippe erschien verwirrt und undeutlich. Man hörte das Wasser um den verwundeten Kiel rauschen, das Leck selbst sah man nicht; nur mit den Händen hatte Gilliatt die wachsende Spannung des Segels bestimmen können. Unmöglich war es, in solcher Finsterniß ein fruchtbares Nachsuchen nach Segelstücken und zwischen den Felsen zerstreuten Tauenden vorzunehmen. Wie konnte er solche Lappen zusammenbringen, wenn er nicht deutlich sehen konnte? Traurig blickte er in die Nacht hinaus. Unzählige Sterne, aber nicht ein Licht.

Da sich das Wasser in der Barke verminderte, so nahm der Druck von außen zu; das Segel blähte sich immer weiter auf und rundete sich immer mehr. Es glich einem Geschwür, welches sich öffnen will. Die für einen Augenblick gebesserte Lage wurde indeß wieder drohend.

Ein Pfropf war unumgänglich nothwendig.

Gilliatt besaß nur seine Kleider, hatte sie aber, wie man sich erinnern wird, auf den Spitzen der kleinen Klippe zum Trocknen ausgebreitet.

Eilig holte er sie und legte sie auf den Bord des Kahns.

Er nahm seine Theerjacke, kniete im Wasser nieder, drückte sie in das Leck, stieß das aufgeblähte Segel nach außen und entleerte es auf diese Weise. Auf die Jacke legte er das Schaffell, hierauf sein wollenes Hemd und auf dieses sein Wamms. Alles ging hinein.

Nur noch ein Kleidungsstück hatte er an, er zog es aus und vergrößerte und befestigte mit der Hose das »Futter.« Der Pfropf war fertig und schien vorläufig seinen Zweck zu erfüllen.

Er begann nun wieder den Kiel zu leeren, aber er konnte in Folge der Anstrengungen die mit Wasser gefüllte Schaufel kaum heben. Er war nackt und zitterte vor Kälte.

Er fühlte die düstere Annäherung des Aeußersten.

Die Möglichkeit eines Glückszufalls ging ihm durch den Kopf. Vielleicht befand sich ein Segel auf offener See. Ein Fischer konnte zufällig bei den Klippen vorüberfahren und ihm zu Hülfe kommen. Der Augenblick war gekommen, wo ein Mitarbeiter unumgänglich nothwendig wurde. Ein Mensch mit einer Laterne und Alles war gerettet. Zu zweien konnte man die Barke ohne Mühe leeren; sobald sie trocken war und nicht mehr jene Ueberfülle von Wasser besaß, mußte sie bis zu ihrer Wasserlinie wieder steigen, so daß das Leck über Wasser kam, die Ausbesserung war dann möglich, man konnte an Stelle des Futters ein Stück Holz anbringen und den vorläufig vor dem Risse angebrachten Apparat durch eine gründliche Reparatur ersetzen. War dies nicht der Fall, so mußte er bis zum Tage warten, die ganze Nacht hindurch! Furchtbare Zögerung, welche das Verderben herbeiführen konnte. Gilliatt fieberte vor Aufregung. Befand sich zufällig eine Schiffsleuchte in Sicht, so konnte er von der Spitze der großen Klippe aus Zeichen geben. Das Wetter war ruhig, kein Wind mehr, kein aufgeregtes Meer, ein unter dem gestirnten Himmel sich bewegender Mensch konnte möglicherweise bemerkt werden. Ein Schiffscapitän, selbst der Besitzer einer Barke segelt Nachts nicht in den Gewässern der Douvres, ohne sein Fernrohr auf die Klippen zu richten; schon aus Vorsicht.

Gilliatt hoffte, daß man ihn bemerken würde.

Er eilte auf den Strand, faßte die Knotenschnur und kletterte auf die große Klippe.

Nicht ein Segel in Sicht. Nicht eine Laterne. So weit das Auge reichte, nur ödes Meer.

Kein Beistand und kein Widerstand war möglich.

Gilliatt fühlte sich, was bis dahin noch nicht vorgekommen war, entwaffnet.

Das dunkle Verhängniß war jetzt sein Herr. Er, mit seiner Barke, mit der Maschine der Durande, mit seiner ganzen Arbeit, seinem ganzen Glücke und seinem Muthe, sollte jetzt dem Abgrunde angehören. Er hatte keine Hülfsmittel mehr gegen den Kampf; er wurde unthätig. Wie konnte er die Fluth am Kommen, das Wasser am Steigen, die Nacht am Vorrücken verhindern? Jener Pfropf war sein einziger Stützpunkt. Er war völlig erschöpft und außer Stande, ihn zu vergrößern und zu vervollständigen; das Futter war so, wie es war und mußte so bleiben; zum Unglück war alle Anstrengung zu Ende. Das Meer hatte jenes schnell gegen das eindringende Wasser gefertigte Hinderniß in seiner Gewalt. Der Schlag einer Welle genügte, um den Riß wieder zu öffnen. Etwas Druck mehr oder weniger, darauf beruhte jetzt Alles.

Gilliatt war nur noch Zuschauer da, wo es sich um Leben und Tod handelte. Jener Gilliatt, der eine Vorsehung gewesen war, wurde in der letzten Minute durch einen vernunftlosen Widerstand aus seiner Stelle verdrängt.

Keine Prüfung und kein Schreck, von allen, die er bestanden hatte, nichts glich dieser Gefahr.

Als er auf der Klippe angekommen war, sah er sich von Einsamkeit umgeben, gleichsam von ihr ergriffen.

Diese Einsamkeit that mehr, als daß sie ihn umgab, sie schloß ihn förmlich ein.

Tausend Drohungen hatten ihm auf einmal ihre Fäuste entgegengestreckt. Der Wind war da, zum Toben bereit; und das Meer zum Brüllen. Es war unmöglich, diesen Mund – den Wind – zu verstopfen; unmöglich diese Kinnbacken – das Meer – zahnlos zu machen. Und trotzdem hatte er mit ihnen gekämpft; er hatte Brust gegen Brust mit der See gestritten und sich mit dem Sturme herumgeschlagen.

Er hatte andern Aengsten und Nöthen die Stirn geboten und mit allen Gefahren zu thun gehabt. Ohne Werkzeuge hatte er Arbeiten, ohne Hebel Lasten von der Stelle schaffen, ohne Wissen Aufgaben lösen, ohne Vorrath essen und trinken und ohne Bett und Dach schlafen müssen.

Auf dieser Klippe, der trauervollen Strebe, waren ihm der Reihe nach Fragen unter den verschiedensten und quälendsten Formen von der Natur – einer Mutter, wenn es ihr gut dünkt, und einem Henker, wenn es ihr gefällt – vorgelegt worden.

Er hatte die Einsamkeit, Hunger und Durst, Kälte und Fieber, Arbeit und Schlaf besiegt. Gegen ihn hatten sich alle Hindernisse verbündet, um ihm den Weg abzusperren.

Nach der Entblößung das Element; nach der Fluth der Sturm; nachdem Unwetter der Kraken; nach dem Ungeheuer das Gespenst.

Finsterer Hohn des Letzteren. In der Klippe, von welcher Gilliatt als Sieger zu scheiden dachte, hatte ihn der todte Clubin lächelnd betrachtet.

Das Gespenst hatte mit seinem Hohnlächeln Recht gehabt. Gilliatt sah sich verloren und war ebenfalls todt, wie Clubin.

Der Winter, der Hunger, die Ermüdung, das Zerstückeln des Strandes, das Umladen der Maschine, die Schläge der Aequinoctien, der Wind, das Gewitter, der Kraken, Alles das war nichts gegen das Leck. Gegen Alles das konnte man Hülfsmittel haben und Gilliatt hatte sie ja auch stets gefunden; gegen die Kälte Feuer, gegen den Hunger Seemuscheln, gegen den Durst Regen, gegen die Schwierigkeiten bei der Rettung Fleiß und Thatkraft, gegen die Fluth und den Sturm Wogenbrecher und gegen den Kraken das Messer. Gegen das Leck hatte er Nichts.

Das Ungewitter hinterließ ihm diesen traurigen Abschiedsgruß.

War seine Barke untergegangen, so hatte er nichts mehr zu thun, als auch vor Hunger und Kälte zu sterben, wie der andere, der Schiffbrüchige des Felsens der »Mann.«

Er hatte nicht mehr ein einziges Kleidungsstück. Er war nackt vor der Unendlichkeit.

Da, in dem Uebermaße dieser ganzen unbekannten Ungeheuerlichkeit, als er nicht mehr wußte, was man von ihm wollte, als er sich dem Schatten gegenüberbefand, in Gegenwart dieser dichten Finsterniß, in dem Rauschen der Wasser, der Wellen, der Fluchen, der hohlen See, des Schaumes, der Brandungen, unter den Wolken, den Winden, der unbestimmten zerstreuten Kraft, dem geheimnißvollen Firmamente der Fittiche, Gestirne und Gräber, unter der möglichen, sich mit ungemessenen Dingen mischenden Absicht, als er um und unter sich das Meer und über sich die Sterne unter dem Unergründbaren hatte, da beugte er sich, leistete Verzicht auf Alles, legte sich der ganzen Länge nach mit dem Rücken auf den Felsen, das Gesicht gegen die Sterne, und besiegt, und die Hände vor der furchtbaren Tiefe faltend, rief er in die Unendlichkeit: Gnade!

Niedergeschmettert von der Unermeßlichkeit betete er zu ihr.

Da lag er, allein in einer solchen Nacht auf einem solchen Felsen inmitten eines solchen Meeres, niedergefallen vor Erschöpfung, ähnlich einem vom Blitze Getroffenen, nackt, wie der Gladiator im Circus, nur anstatt des Circus hatte er den Abgrund, anstatt der wilden Thiere die Finsterniß, anstatt der Augen des Volkes die Blicke des Unbekannten, anstatt der Vestalinnen die Sterne und anstatt des Cäsaren Gott.

Es schien ihm, als fühlte er seine Auflösung bei der Kälte, der Ermattung, der Ohnmacht im Gebete, in der Finsterniß und seine Augen schlossen sich.

————

Sechstes Capitel. Es giebt ein Ohr in dem Unbekannten.

Einige Stunden verflossen.

Die Sonne erhob sich blendend.

Ihr erster Strahl erleuchtete auf der Platte der großen Klippe eine unbewegliche Gestalt. Es war Gilliatt.

Er lag immer noch auf dem Felsen ausgestreckt.

Die kalte und verwitterte Nacktheit hatte kein Zittern mehr. Die geschlossenen Augenlider waren todtenbleich. Die Entscheidung wäre schwer gewesen, ob er nicht schon ein Leichnam sei.

Die Sonne schien ihn zu betrachten.

Wenn dieser nackte Mensch nicht todt war, so war er so nahe daran, daß der geringste kalte Wind genügte, den Tod herbeizuführen.

Der Wind begann zu wehen, aberlau und belebend: der Frühlingshauch des Mai.

Indessen stieg die Sonne in die Tiefen des blauen Himmels; ihr weniger wagerechter Strahl wurde purpurn, ihr Licht Hitze; sie hüllte Gilliatt ein.

Gilliatt rührte sich nicht vom Flecke. Wenn er athmete, so war es ein Athmen, so leise und unhörbar, das es kaum einen Spiegel blind gemacht hätte.

Die Sonne stieg immer höher und die Sonnenstrahlen fielen immer senkrechter auf Gilliatt. Der zuerst nur laue Wind wurde jetzt heiß.

Der harte und nackte Körper Gilliatts blieb immer noch ohne Bewegung; die Haut schien jedoch weniger todtenfarben.

Die Sonne näherte sich dem Scheitelpunkte und fiel senkrecht auf die Fläche der Klippe. Ein Ueberfluß von Licht ergoß sich von der Höhe des Himmels; die weite Rückstrahlung des erhabenen Meeres verband sich mit ihr; der Felsen begann heiß zu werden und erwärmte den Menschen.

Ein Seufzer hob Gilliatt’s Brust.

Er lebte.

Die Sonne setzte ihre fast glühenden Liebkosungen fort.

Gilliatt bewegte sich.

Die Ruhe des Meeres war unbeschreiblich. Es sang leise, wie eine Amme bei ihrem Kinde. Die Wellen schienen die Klippe zu wiegen.

Die Vögel des Meeres, welche Gilliatt jetzt kannten, flogen unruhig über ihm her; aber nicht mehr mit ihrer alten, wilden Unruhe, sondern mit einer gewissen Zartheit und Brüderlichkeit. Sie sahen aus, als wenn sie ihn riefen.

Eine Möve, welche ihn ohne Zweifel liebte, setzte sich vertraulich dicht neben ihn und begann mit ihm zu sprechen. Er schien sie nicht zu hören. Sie sprang ihm auf die Schulter und schnäbelte ihn leise.

Gilliatt öffnete die Augen.

Befriedigt flogen die wilden Vögel davon.

Gilliatt richtete sich auf, reckte sich wie der erwachende Löwe, eilte an den Rand der Platte und blickte unter sich in die Enge hinab

Die Barke lag da, unversehrt. Das Futter hatte gehalten und das Meer hatte es wahrscheinlich wenig zersaust.

Alles war gerettet.

Gilliatt war nicht mehr müde. Sein Kräfte halten sich erholt. Dieser Scheintod war ein erquickender Schlaf gewesen.

Er leerte die Barke, machte den Kiel trocken und brachte das Leck über Wasser, zog sich wieder an, trank, aß und war froh.

Bei Tage besehen erforderte das Leck mehr Arbeit, als er geglaubt hatte. Es war ein ziemlich bedeutender Schaden. Gilliatt hatte den ganzen Tag mit der Ausbesserung zu thun.

Am folgenden Morgen brach Gilliatt bei Anbruch des Tages, nachdem er die Barre zerstört und den Ausgang aus der Wasserstraße wieder geöffnet, mit den Kleidern bedeckt, welche das Leck geschützt hatten, mit dem Gürtel Clubin’s und den sechszigtausend Francs, in der ausgebesserten Barke neben der geretteten Maschine stehend, bei günstigem Winde und wunderbar ruhigem Meere von der Klippe auf.

Er hielt auf Guernesey zu.

In dem Augenblicke, wo er sich von der Klippe entfernte, hätte man ihn, wenn man sich dort befunden hätte, das Lied Bonny Dundee halblaut singen hören können.

Erstes Buch. Nacht und Mond.

 

Erstes Capitel. Die Hafenglocke.

Das heutige St. Sampson ist fast eine Stadt, das St. Sampson vor vierzig Jahren war fast ein Dorf.

Sobald der Frühling gekommen und die Wintertage zu Ende waren, machte man daselbst kurze Abende und begab sich mit Anbruch der Nacht zu Bette. St. Sampson, früher ein Pfarrdorf, in welchem zu Abend geläutet wurde, hatte die Gewohnheit beibehalten, seine Lichter zeitig auszulöschen, und mit dem Tage aufzustehen und zu Bette zu gehen. Diese alten normännischen Dörfer glichen darin den Hühnern.

Außerdem besteht St. Sampson’s Bevölkerung mit Ausnahme einiger reicher Bürgerfamilien, aus Steinbrechern und Zimmerleuten, da sein Hafen ein Ausbesserungshafen ist. Während des ganzen Tages fördert man Steine oder richtet Balken zu; hier herrscht die Picke, dort der Hammer. Beständiges Bearbeiten von Eichenholz und Granit. Am Abend fällt man vor Ermüdung am und schläft wie Blei. Auf harte Arbeit folgt ein fester Schlaf.

Eines Abends, im Anfang Mai, betrat Mess Lethierry, nachdem er während einiger Augenblicke dem Aufsteigen des Mondes über den Bäumen zugesehen und Deruchette’s Schritt, welche auf Kosten der Nacht allein in dem Garten der Bravées spazieren ging, belauscht hatte, sein Zimmer am Hafen und legte sich zu Bette. Douce und Grâce schliefen schon, und – Deruchette ausgenommen – das ganze Haus. Ueberhaupt hatte sich schon Alles in St. Sampson hingelegt. Alle Thüren und Thore waren geschlossen, Niemand ging mehr in den Straßen. Einige wenige Lichter brannten wie blinzelnde Augen, welche sich schließen wollen, hier und da hinter den Dachfenstern und verkündeten das Zubettegehen der Dienstboten. Schon hatte es neun Uhr von dem alten, mit Epheu bedeckten, römischen Thurme geschlagen, der mit der Kirche zu St. Breade auf Jersey die Eigenthümlichkeit theilt, daß er als Jahreszahl vier Eins trägt: 1111, was so viel, als Elfhundertelf heißen soll.

Die Volkstümlichkeit von Mess Lethierry zu St. Sampson hing mit seinem Erfolge zusammen. Sobald die Erfolge aufhörten, hatte sich die Verlassenheit eingestellt. Die hübschen Söhne der Familie vermieden Deruchette. Die Einsamkeit um die Bravées war jetzt so groß, daß man hier nicht einmal das kleine und doch so große Localereigniß erfahren hatte, welches an jenem Tage ganz St. Sampson in Aufregung versetzte. Der Vorsteher der Pfarre, der ehrenwerthe Joe Ebenezer Caudray, war reich geworden. Sein Onkel, Seine Herrlichkeit der Dekan von St. Asaph, war so eben zu London verstorben. Die Postschaluppe Cashmere, welche an demselben Morgen von England angekommen war und deren Flagge man auf der Rhede des St. Peterhafens wehen sah, hatte diese Nachricht mitgebracht; der Cashmere sollte am Mittag des folgenden Tages nach Southampton zurückkehren und, wie man erzählte, den ehrenwerthen Vorsteher mit sich nehmen, der ohne Verzug nach England zur officiellen Oeffnung des Testaments gerufen wurde, ganz abgesehen von den andern Drängnissen einer großen, in Empfang zu nehmenden Erbschaft. Den ganzen Tag hindurch hatte St. Sampson nur davon gesprochen. Der Cashmere, der ehrenwerthe Ebenezer, der Tod seines Onkels, sein Reichthum, seine Abreise und die Möglichkeit seiner Beförderung für die Zukunft bildeten den Gegenstand aller Gespräche. Nur ein einziges Haus war davon nicht unterrichtet und nahm nicht Theil; das der Bravées.

Mess Lethierry hatte sich völlig angekleidet auf seine Hängematte geworfen.

Seit dem Unglück der Durande warf er sich stets auf die Hängematte. Der Gefangene streckt sich auf seine Pritsche aus und Mess Lethierry war der Gefangene seines Kummers. Er legte sich hin; dann trat Ruhe ein, – Erholung, – ein Stillstand in seinen Gedanken. Schlief er? Nein. Wachte er? Nein. In Wahrheit befand er sich seit zwei und einem halben Monate – es waren zwei und ein halber Monat seit dem Untergange der Durande verflossen – in dem Zustande eines Nachtwandlers. Er hatte sich noch nicht wieder gefaßt und lebte in jener Verwirrung und Zerstreuung, welche nur die kennen, welche große Bekümmernisse durchgemacht haben. Seine Betrachtungen waren keine Gedanken, sein Schlaf keine Ruhe. Am Tage wachte er nicht und Nachts schlief er nicht; am Tage stand er nur, in der Nacht lag er nur, das war Alles. Lag er auf seiner Hängematte, so kam etwas Vergessen über ihn und er nannte das Schlaf. Einbildungen durchflogen ihn, nächtliche Wolken voll verwirrter Gesichter durchschwirrten sein Gehirn; der Kaiser Napoleon dictirte ihm seine Erinnerungen, es gab mehrere Deruchetten, sonderbare Vögel lebten auf den Bäumen, die Straßen zu Lons-le-Saulnier wurden zu Schlangen. Das Alpdrücken faßte ihn mit Verzweiflung. Er brachte seine Nächte mit Träumen und seine Tage mit Dämmern hin.

Bisweilen blieb er den ganzen Nachmittag hindurch unbeweglich an seinem Stubenfenster, welches – wie man sich erinnern wird – auf den Hafen hinausging, mit gesenktem Kopfe auf beide Fäuste gestützt, die Ellbogen gegen die Stirne gedrückt, der ganzen Welt den Rücken zukehrend, das Auge auf den alten Eisenring geheftet, welcher in die Mauer seines Hauses einige Fuß von seinem Fenster eingelassen war und an dem sonst die Durande befestigt wurde. Er betrachtete den Rost, welcher diesen Ring allmälig überzog.

Er war zur reinen Maschine herabgesunken.

Es befand sich ein Widerspruch in dieser Natur; er bildete ein Gemisch wie das Meer, aus welchem er war, ja, dessen Geschöpf man ihn eigentlich nennen konnte. Mess Lethierry betete nie.

So lange er glücklich war, existirte Gott, so zu sagen, mit Fleisch und Knochen für ihn; er sprach mit ihm, verpfändete ihm sein Wort und gab ihm fast von Zeit zu Zeit einen Händedruck. Aber in seinem Unglücke verschwand Gott gänzlich, wie immer, wenn man sich einen guten Gott geschaffen hat, der ein guter Mensch ist.

In diesem Seelenzustande gab es für ihn nur eine angenehme Erscheinung, Deruchette’s Lächeln. Außer diesem Lächeln war Alles für ihn schwarz.

Seit einiger Zeit war, ohne Zweifel in Folge des Verlustes der Durande, dessen Schlag sie mitgefühlt hatte, dies reizende Lächeln Deruchette’s seltener geworden. Sie schien in Gedanken versunken, ihr kindliches Spielen und Kosen hatte aufgehört. Morgens sah man sie nicht mehr bei Tagesanbruch einen Knix machen und der aufgehenden Sonne ein fröhliches »Guten Morgen!« zurufen! oder ein »Bitte, treten Sie näher.« Auf Augenblicke hatte sie sogar ein sehr ernstes Aussehen, eine traurige Erscheinung bei einem so sanften Wesen. Trotzdem gab sie sich alle Mühe, um Mess Lethierry anzulächeln und aufzuheitern, aber ihr Frohsinn minderte sich von Tag zu Tag und bedeckte sich mit Staub, wie die Flügel eines durchbohrten Schmetterlings. Außerdem schien sie sich, sei es aus Gram über den Kummer ihres Onkels, denn es giebt rückwirkende Schmerzen, sei es aus anderen Gründen, jetzt sehr zur Religion zu neigen. Zur Zeit des alten Pfarrers, Jaquemin Herode, ging sie, wie man weiß, kaum viermal jährlich in die Kirche; jetzt hingegen sehr oft. Sie fehlte bei keinem Gottesdienste, weder am Sonntage, noch am Donnerstage. Die frommen Seelen der Gemeinde sahen mit Befriedigung diese Aenderung. Denn es ist ein großes Glück für ein junges Mädchen, welches so vielen Gefahren von Seiten der Menschen ausgesetzt ist, wenn es sich zu Gott kehrt.

Die armen Eltern sind dann wenigstens vor Liebeleien gesichert.

Alle Abende, wenn es das Wetter erlaubt, ging sie eine oder zwei Stunden in dem Garten der Bravées spazieren und war dabei fast ebenso nachdenkend, wie Mess Lethierry, und immer allein. Sie ging zuletzt zu Bette; trotzdem beobachteten Douce und Grâce sie immer etwas mit dem Instincte der Wachsamkeit, welcher allen Dienstboten eigen ist; Spionieren macht das Dienen kurzweilig.

Bei dem umschleierten Zustande, in welchem sich sein Geist befand, entgingen diese kleinen Veränderungen in Deruchette’s Wesen Mess Lethierry. Außerdem war er nicht zum Hofmeister geboren. Er bemerkte selbst Deruchette’s Pünktlichkeit im Kirchengehen nicht.

Es war übrigens seit etwa einer Woche mit Mess Lethierry eine Veränderung vorgegangen; die Träumerei seiner ersten Verzweiflung war einer gewissen Zerstreuung gewichen; sein Geist war weniger traurig und weniger thatenlos; er war immer ernst, aber nicht mehr finster; ein gewisses Verständniß der Thatsachen und Ereignisse kam ihm wieder und er begann etwas davon zu spüren, was man den Rücktritt in die Wirklichkeit nennen könnte.

So hörte er am Tage in dem niedrigen Saale die Worte der Leute nicht, aber er verstand sie. Grâce kam eines Morgens ganz triumphirend zu Deruchette und theilte ihr mit, daß Mess Lethierry den Band einer Zeitung geöffnet habe.

Sich wieder für die Wirklichkeit interessiren, ist ein gutes Zeichen. Es verräth die Genesung.

Die Rückkehr zur Wirklichkeit hatte bei ihm folgende Veranlassung:

Eines Nachmittags gegen den fünfzehnten oder zwanzigsten April, hatte man an der Thür des niedrigen Saales der Bravées das zweimalige Klopfen des Briefträgers vernommen. Douce hatte geöffnet: es war in der That ein Brief.

Dieser Brief kam über’s Meer, war an Mess Lethierry adressirt und trug den Poststempel Lisboa.

Douce brachte ihn an Mess Lethierry, welcher sich in seinem Zimmer eingeschlossen hatte. Er nahm ihr den Brief ab und legte ihn mechanisch auf den Tisch, ohne ihn anzusehen. So blieb er eine gute Woche auf dem Tische ungeöffnet liegen.

Eines Morgens sagte endlich Douce zu ihm:

– Soll der Staub auf Ihrem Briefe abgewischt werden?

Lethierry schien zu erwachen und antwortete: Es ist gut.

Er öffnete den Brief und las Folgendes:

 

»Auf hoher See am zehnten März.
»Mess Lethierry, aus St.-Sampson.

»Sie werden mit Vergnügen von mir hören:

»Ich bin auf dem Tamaulipas; auf einer Reise, von welcher ich nicht zurückkehren werde. Unter der Schiffsmannschaft befindet sich der Matrose Ahier-Tostevin aus Guernesey, der wieder nach Hause fährt und Manches zu erzählen haben wird. Ich benutze die Begegnung mit dem Schiffe Hernan Cortez, welches nach Lissabon fährt, um Ihnen diesen Brief zukommen zu lassen.

»Wundern Sie Sich. Ich bin ein ehrlicher Mensch.

»Ebenso ehrlich, als Sieur Clubin.

»Ich muß glauben, daß Sie wissen, was sich ereignet hat; trotzdem ist es vielleicht nicht überflüssig, wenn ich es Ihnen mittheile.

»Also:

»Ich habe Ihnen Ihre Gelder wiedergegeben.

»Ich hatte mir von Ihnen auf etwas unedle Weise fünfzigtausend Francs geliehen. Bevor ich St. Malo verließ, übergab ich Ihrem Vertrauensmann, Sieur Clubin, für Sie drei Banknoten, jede zu tausend Pfund, was also fünfundsiebzigtausend Francs macht. Ohne Zweifel wird Ihnen diese Rückzahlung genügen.

»Sieur Clubin nahm Ihre Interessen und Ihr Geld mit großer Eile. Er schien mir sehr eifrig, weshalb ich Sie davon benachrichtige.

»Ihr anderer Vertrauensmann,
»Rantaine.«

» Nachschrift. Sieur Clubin hatte einen Revolver, deshalb habe ich keine Quittung.«

Beim Berühren eines Zitteraales oder einer geladenen Leydener Flasche fühlt man ungefähr ein Aehnliches, als was Mess Lethierry beim Lesen dieses Briefes empfand.

Dieses Couvert, dieses viermal zusammengelegte Blatt Papier, auf welches er zuerst so wenig geachtet hatte, mußte auf ihn eine tiefe Erschütterung ausüben.

Er erkannte die Schrift und die Unterschrift. Was die Sache anbetrifft, so verstand er zuerst Nichts.

Diese Erschütterung brachte so zu sagen, seinen Geist wieder auf die Beine.

Die Geschichte mit den fünfundsiebzigtausend Francs, welche Rantaine Clubin anvertraut hatte, war ein Räthsel und deshalb die nützlichste Seite der Erschütterung; denn sie zwang Lethierry’s Gehirn zum Arbeiten. Eine Vermuthung aufstellen, ist für den Verstand eine gesunde Beschäftigung. Vernunft und Logik werden von Neuem geweckt.

Seit einiger Zeit beschäftigte sich die öffentliche Meinung zu Guernesey wieder mit der Beurtheilung Clubin’s, jenes ehrbaren Mannes, welcher so viele Jahre hindurch und so allgemein in hoher Achtung gestanden hatte. Man fragte sich, begann zu zweifeln wettete für und gegen und stellte eigenthümliche Ansichten auf. Man begann sich über Clubin aufzuklären, das Für und Wider seines Charakters hervorzuheben.

Eine gerichtliche Erkundigung, was aus dem Küstenwächter 619 geworden sei, fand zu St. Malo statt. Das scharfe Auge des Gesetzes hatte einen falschen Weg eingeschlagen, was ihm oft passirt. Es ging nämlich von der Ansicht aus, daß der Küstenwächter von Zuela angeworben und auf dem Tamaulipas nach Chili eingeschifft sei. Diese geistreiche Vermuthung hatte starke Irrthümer nach sich gezogen und die Kurzsichtigkeit der Gerechtigkeit Rantaine nicht einmal bemerkt, aber dafür hatten die Untersuchungsrichter unterwegs andere Fährten aufgefunden und die dunkle Geschichte dadurch noch verwickelter gemacht, indem auch Clubin in das Räthsel mit hineingezogen und eine Gleichzeitigkeit, ja selbst die Möglichkeit in einer Beziehung zwischen der Abfahrt des Tamaulipas und des Verlustes der Durande festgestellt wurde. Im Gasthause am Dinan-Thore, wo Clubin unbekannt zu sein glaubte, hatte man ihn erkannt; der Gastwirth hatte geplaudert: Clubin habe eine Flasche Branntwein gekauft. Für wen? Der Waffenschmied in der Straße St.-Vincent erzählte, Clubin habe bei ihm einen Revolver gekauft. Gegen wen? Clubin hatte keine Erklärung abgegeben. Der Capitain Gertrais-Gaboureau hatte gesprochen. Clubin hatte abfahren wollen, obwohl gewarnt und wissend, daß er in den Nebel ging. Die Bemannung der Durande hatte gesprochen. Die Beladung war mangelhaft und das Takelwerk schlecht, leicht zu verstehende Nachlässigkeiten, wenn der Capitain das Schiff zu Grunde richten will. Die Passagiere aus Guernesey hatten erzählt, Clubin habe auf den Hanois zu stranden geglaubt, die Leute aus Torteval wußten, daß Clubin dort einige Tage vor dem Verlust der Durande angekommen und nach Plainmont, in der Nähe der Hanois, gegangen sei. Er trug ein Felleisen. Er war damit fortgegangen, aber ohne dasselbe zurückgekommen. Die Grünlinge hatten gesprochen und ihre Geschichte schien mit Clubin’s Verschwinden zusammenzupassen, sobald man die Rückkehrenden für Pascher halten konnte. Endlich hatte auch das Geisterhaus zu Plainmont selbst geplaudert: entschiedene Leute waren hineingestiegen, und was hatten sie daselbst gefunden? Gerade Clubin’s Felleisen. Das Zollamt von Torteval hatte es mit Beschlag belegen und öffnen lassen. Es enthielt Mundvorrath, ein Fernrohr, einen Chronometer, Kleider und Wäsche mit Clubin’s Anfangsbuchstaben. Alles dies baute sich in den Gemüthern der Bewohner von St. Malo und Guernesey zusammen auf und bildete sich zu einem vollen Betruge aus. Man brachte verwirrte Angaben zusammen; man constatirte mit einer eigenthümlichen Verachtung alle Angaben; sie bildeten einen zusammenhängenden Rahmen. Der Zufall des Nebels, die verdächtige Nachlässigkeit in der Auftakelung, die Flasche Branntwein, der trunkene Steuermann, der Capitain an Stelle des Steuermanns und der zum Wenigsten sehr ungeschickte Barrenschlag, der Heldenmuth, auf der Brandung zu bleiben, wurde zur Gaunerei. Clubin hatte sich übrigens in der Klippe getäuscht. Sobald die Absicht eines Betruges festgestellt war, verstand man auch die Wahl der Hanois, da die Küste leicht durch Schwimmen zu gewinnen war, und sie boten Gelegenheit zum Aufenthalt im Geisterhause, um eine Gelegenheit zur Flucht erwarten zu können. Das Felleisen vollendete den Beweis. Durch welches Band dies Abenteuer aber mit dem andern, dem des Küstenwächters, zusammenhing, begriff man nicht. Man ahnte einen Zusammenhang; weiter nichts. Man vermuthete, seitens dieses Menschen, dem Küstenwächter Nummer 619, ein ganzes Trauerspiel, in welchem Clubin vielleicht nicht mitspielte; man bemerkte ihn aber hinter den Coulissen.

Alles klärte sich nicht durch den Betrug auf. Wozu diente der Revolver? Wahrscheinlich gehörte er zu der andern Geschichte.

Das Gefühl des Volkes ist fein und gerecht und stellt wunderbar richtig die Wahrheit aus einzelnen Theilen und Stücken wieder her; nur über die Ursachen des wahrscheinlichen Betruges herrschte tiefe Ungewißheit.

Alles hielt und paßte zusammen; aber der Grund fehlte.

Man giebt kein Schiff aus reinem Vergnügen auf und unterzieht sich nicht allen Gefahren des Nebels, der Klippe, des Schwimmens und der Flucht ohne Interesse. Welches Interesse hatte aber Clubin haben können?

Man sah seine That, aber nicht seinen Beweggrund.

Deshalb zweifelten Viele. Wo kein Grund ist, scheint auch keine That zu sein.

Die Lücke war groß, aber Rantaine’s Brief füllte sie aus; denn er gab Clubin’s Beweggrund an: Clubin wollte fünfundsiebzigtausend Francs stehlen.

Rantaine war der deus ex machina, der aus den Wolken mit der Leuchte in der Hand herabsteigt.

Sein Brief gab die völlige Aufklärung.

Er erklärte Alles und gab außerdem noch einen Zeugen an, Ahier-Tostevin.

Er entschied auch über die Benutzung des Revolvers. Ohne Zweifel war Rantaine vollkommen unterrichtet, denn sein Brief berührte Alles sehr genau.

Keine Möglichkeit gab es, um Clubin’s Schlechtigkeit zu verringern. Er hatte den Schiffbruch vorher ausgesonnen, der Beweis dafür war das in dem Geisterhause gefundene Felleisen. Sollte man ihn wirklich für unschuldig und den Schiffbruch für zufällig halten, hätte er dann nicht im letzten Augenblicke, als er entschlossen war, sich aus der Klippe zu opfern, die fünfundsiebzigtausend Francs für Mess Lethierry den Leuten übergeben müssen, welche sich in der Schaluppe retteten? Die überzeugende Wahrheit brach hervor. Was war jetzt aus Clubin geworden? Wahrscheinlich war er das Opfer seines Irrthums geworden und ohne Zweifel auf der Douvre-Klippe untergegangen.

Das Aufbauen dieser, wie man sieht, der Wahrheit sehr nahekommenden Vermuthungen beschäftigte Mess Lethierry mehrere Tage hindurch. Rantaine’s Brief erwies ihm den Dienst, ihn zum Nachdenken zu zwingen. Zuerst durchzitterte ihn Ueberraschung, dann machte er die Anstrengung, sich an’s Ueberlegen zu geben und hierauf die noch schwierigere, Erkundigungen einzuziehen. Er mußte Unterhaltungen aufnehmen, ja sie selbst suchen. Nach Verlauf von acht Tagen war er bis auf einen gewissen Punkt wieder praktisch geworden, sein Geist hatte sich wieder zusammengerafft, und war fast geheilt, jedenfalls aus seinem verwirrten Zustande herausgetreten.

Rantaine’s Brief gab zwar zu, daß Mess Lethierry einige Hoffnung auf Wiedererstattung von dieser Seite her hätte unterhalten können, zerstörte aber gleichzeitig seine letzte Zuversicht.

Sie fügte zu dem Unglück der Durande diesen neuen Schiffbruch der fünfundsiebzigtausend Francs, brachte ihn für einen Augenblick wieder in den Besitz dieses Geldes, um ihn dessen ganzen Verlust desto härter fühlen zu lassen und zeigte ihm den vollen Abgrund seines Unglücks.

Er begann – was er seit zwei Monaten nicht gethan hatte – sich wieder damit zu beschäftigen, was mit seinem Hause, und was mit ihm werden, was er anfangen sollte. Kleinliche, tausendspitzige Sorgen quälten ihn, ein Zustand, fast ärger als der der Verzweiflung. Das geschehene Unglück läßt sich tragen, nicht das, was man hereinbrechen sieht. Voll drückt es nieder, getheilt martert es. Untergehen ist nichts, höchstens großes Feuer, aber Verarmen ist ein kleines Feuer.

An dem Abend, von dem wir sprachen, einem der ersten im Mai, ließ Lethierry beim Mondenschein Deruchette in dem Garten umherwandern und legte sich, trauriger als je, zu Bette.

So manche unangenehme und ungefällige Kleinigkeiten, die Zugaben zum Verluste des Vermögens, alle diese Sorgen dritter Ordnung, durchflogen seinen Geist. Was sollte er thun? Was sollte aus ihm werden? Welche Opfer konnte er Deruchette auferlegen? Wen sollte er fortschicken, Douce oder Grâce? Sollte er die Bravées verkaufen? Würde er nicht die Insel verlassen müssen? Da nichts sein, wo man Alles gewesen ist, ist in der That nicht zu ertragen.

Und war das Alles?! Dazu kamen die Erinnerungen an die Ueberfahrten, welche Frankreich mit den Inseln verbanden, an das Fortgehen Dienstags und die Rückkunft Freitags, an die Menge auf dem Quai, an jene mächtigen Befrachtungen, jenen Fleiß, jenes Aufblühen, jene gerade und stolze Schifffahrt, jene Maschine, auf welche der Mensch seinen Willen überträgt, jenen allmächtigen Dampfkessel, jenen Rauch, jene Wirklichkeit!

Diese ganze Fülle des Bedauerns marterte Lethierry. Niemals vielleicht hatte er seinen Verlust bitterer empfunden. Eine gewisse Betäubung folgt solchen scharfen Anfällen. Unter dieser drückenden Traurigkeit schlummerte er ein.

Er blieb ungefähr zwei Stunden mit geschlossenen Augen, etwas schlafend, viel träumend und fieberhaft. Solche Erschlaffung verdeckt eine dunkle, sehr anstrengende Arbeit des Gehirns. Gegen Mitternacht, etwas früher oder später, schüttelte er diesen Schlaf ab. Er wachte auf, öffnete die Augen und sah durch das seiner Hängematte gegenüberliegende Fenster etwas Außergewöhnliches.

Eine Gestalt war vor seinem Fenster. Eine unerhörte Gestalt. Der Schlot eines Dampfers.

Mess Lethierry setzte sich mit einem Ruck aufrecht. Die Hängematte schwankte wie durch das Rütteln eines Sturmes. Lethierry blickte hinaus. In dem Fenster lag eine geisterhafte Erscheinung. Der hell vom Mond beschienene Hafen zeichnete sich auf den Gläsern ab und auf dieser Helle schnitt sich dicht beim Hause gerade, rund und schwarz ein prächtiges Schattenbild aus.

Die Röhre einer Maschine war da.

Lethierry sprang aus der Hängematte, lief an das Fenster, schob den Riegel zurück, bog sich nach außen und erkannte den Gegenstand.

Der Rauchfang der Durande lag vor ihm, sie lag auf ihrem alten Platze.

Vier Ketten hielten den Rauchfang an Bord eines Schiffes fest, in welchem man eine Masse mit undeutlichen Umrissen erkannte.

Lethierry bebte zurück, kehrte dem Fenster den Rücken zu und fiel sitzend auf die Hängematte zurück.

Er drehte sich um und sah die Erscheinung wieder.

Einen Augenblick später war er, eine Laterne in der Hand, mit Blitzesschnelle auf dem Quai.

An einem alten Ankerringe der Durande war eine Barke befestigt, welche etwas nach hinten zu einen massiven Block trug, aus dem der Schornstein gerade vor dem Fenster der Bravées in die Höhe stieg. Der Vordertheil der Barke verlängerte sich außen über die Mauerecke des Hauses hinaus, mit dem Quai in gleicher Richtung.

Niemand war in der Barke.

Diese Barke hatte eine so eigenthümliche Form, daß ganz Guernesey sie hätte beschreiben können. Es war der Rumpf.

Lethierry sprang hinein und eilte auf die Masse zu, welche er jenseits des Wassers sah. Es war die Maschine.

Sie war da, ganz, vollständig, unversehrt, fest auf ihrem eisernen Boden ruhend; der Dampfkessel hatte alle seine Scheidewände; der Radbaum war neben ihm befestigt; die Pumpe an ihrem Platze; nichts fehlte.

Lethierry untersuchte die Maschine.

Die Laterne und der Mondschein halfen ihm dabei.

Er untersuchte den Mechanismus.

Er sah die beiden Kasten, welche an der Seite waren, betrachtete den Radbaum, ging in die Kabine, welche leer war, dann zu der Maschine zurück, berührte sie, steckte seinen Kopf in den Kessel und kniete nieder, um hineinsehen zu können.

Er hielt seine Laterne in die Feuerung, deren Licht den ganzen Mechanismus erhellte und fast die Täuschung einer geheizten Maschine hervorrief.

Dann begann er zu lachen und sich umdrehend, das Auge auf die Maschine gefesselt und die Arme gegen den Schlot ausgestreckt, rief er: Zur Hülfe!

Die Hafenglocke befand sich einige Schritte von ihm auf dem Quai, er lief hin, erfaßte die Kette und begann heftig zu läuten.

————

Zweites Capitel. Noch einmal die Hafenglocke.

Gilliatt war in der That nach einer abenteuerlosen, aber bei der schweren Ladung der Barke etwas langsamen Fahrt, nach Anbruch der Nacht, näher an zehn als an neun Uhr, in St. Sampson angekommen.

Gilliatt hatte die Stunde berechnet, es war zur Zeit der halben Fluth, so daß man bei genügendem Mondschein und Wasser in den Hafen gelangen konnte.

Der kleine Hafen war in vollständiger Ruhe. Einige Schiffe lagen dort vor Anker, die Geytaue auf den Raaen, die Mastseile angelegt und ohne Leuchten. Im Hintergrunde bemerkte man einige Barken, welche ausgebessert werden sollten, trocken auf den Werften liegend.

Sobald Gilliatt durch die Brandung gefahren war, hatte er den Hafen und den Quai untersucht. Nirgends brannte Licht, weder in den Bravées noch anderswo. Kein Mensch ließ sich mehr blicken, vielleicht mit Ausnahme eines Einzigen, der in das Pfarrhaus hineinging oder es verließ. Zudem war es noch nicht sicher, ob es überhaupt eine Person war, da die Nacht Alles, was sie malt, vertuscht und der Mondschein nie etwas Anderes als Unentschiedenes zeigt. Die Entfernung vermehrte noch die Dunkelheit. Außerdem lag das Pfarrhaus auf der andern Seite des Hafens, an einer Stelle, wo sich heute ein offener Raum befindet.

Gilliatt war schweigend an den Bravées gelandet und hatte die Barke an dem Ringe der Durande unter Mess Lethierry’s Fenster befestigt.

Dann war er über Bord auf das Land gesprungen.

Nachdem er die Barke am Quai angelegt hatte, ging er um das Haus, hierauf eine Straße entlang, dann noch eine, betrachtete nicht einmal den Seitenweg, welcher nach Bû de la Rue führte, und blieb nach einigen Minuten in der Mauerecke stehen, wo sich wilde Malven mit rosenfarbnen Blumen im Juni, Stechpalmen, Epheu und Nesseln finden. Von dort hatte er, unter Brombeeren verborgen und auf einem Steine sitzend, oft in den Sommertagen lange Stunden und ganze Nächte hindurch über diese Mauer, welche so niedrig war, daß man sie zu übersteigen versuchen konnte, den Garten der Bravées und durch die Baumäste zwei Fenster eines Zimmers in dem Hause betrachtet. Er fand seinen Stein wieder, seine Brombeeren, die immer gleich niedrige Mauer, den noch immer dunkeln Winkel, und wie ein Raubthier, welches in seinen Schlupfwinkel zurückkehrt, verschwand er mehr schleichend als gehend darin. Da er erst einmal da saß, machte er keine Bewegung mehr. Er betrachtete nur; er sah den Garten, die Gänge, die Gebüsche, die Blumenbeete, das Haus und die beiden Zimmerfenster wieder. Der Mond zeigte ihm dieses Bild. – Es ist schrecklich, daß man athmen muß. Er that Alles, was in seinen Kräften stand, um sogar das Athmen zu verhindern.

Es war ihm, als wenn er ein Geisterparadies sähe. Er hatte Furcht, daß Alles davonfliegen könnte. Fast unmöglich war es, daß diese Dinge vor seinen Augen wahr sein sollten, und wenn sie dort sich befanden, so würden sie auch plötzlich wieder verschwinden, wie es bei allen göttlichen Dingen der Fall ist. Ein Hauch und Alles würde verfliegen. Gilliatt zitterte davor.

Ganz nahe vor ihm, an dem Ende eines Baumganges befand sich in dem Garten eine grünangestrichene Holzbank. Man erinnert sich dieser Bank.

Gilliatt betrachtete die beiden Fenster und dachte daran, daß vielleicht Jemand hinter ihnen schliefe. Er war auf diesen Fleck gebannt; er hätte lieber sterben, als fortgehen mögen. Er dachte an das Athmen, welches eine Brust schwellte. Sie, dieses Wunder, dieses Licht in der Dunkelheit, dieses Wesen, das ganz seinen Geist durchwogte; sie war da! Er dachte an sie, die ihm so nahe und doch jetzt unerreichbar war. Seine Seele war im Himmel.

Der Himmel ist ebenso gut für das Herz eines armen Menschen, wie Gilliatt, als für das eines Millionärs geschaffen. Auf einer gewissen Stufe der Leidenschaft ist jeder Mensch dieser Verblendung unterworfen. Ist es eine rauhe und ursprüngliche Seele, so ist noch mehr Grund dazu vorhanden. Dann tritt noch die Wildheit zu dem Traume.

Das Entzücken ist eine zu große Fülle, welche wie jede andere überfluthet. Diese Fenster sehen, war für Gilliatt fast zu viel.

Plötzlich sah er sie selbst.

Aus den Zweigen eines durch den Frühling schon starkbelaubten Gebüsches trat mit einer unbeschreibbaren, geisterhaften und himmlischen Ruhe eine Gestalt, ein Kleid, ein göttliches Gesicht, fast eine Helle unter dem Monde hervor.

Gilliatt fühlte sich schwach werden, es war Deruchette.

Deruchette näherte sich, blieb stehen, that einige Schritte, um sich zu entfernen, blieb wieder stehen, kam dann zurück und setzte sich auf die Holzbank. Der Mond schien durch die Bäume, einige Wolken irrten zwischen den bleichen Sternen, die Stadt schlief. Deruchette beugte den Kopf mit den gedankenvollen Augen, welche etwas aufmerksam betrachteten; man sah ihr Gesicht von der Seite, der Kopf war fast unbedeckt, da die Mütze sich gelöst hatte und auf ihrem zarten Nacken die wogenden Haare sehen ließ; sie rollte mechanisch ein Haubenband um einen Finger, Halbschatten umgab ihre Marmorhände, ihr Kleid trug eine von jenen Farben, welche die Nacht weiß färbt; die Bäume bewegten sich, als wenn sie den Zauber, welcher sie umgab, verständen; man sah die Spitze eines ihrer Füße, ihre gesenkten Wimpern zeigten jenes unbestimmte Zucken, welches eine zurückgetretene Thräne oder einen zurückgedrängten Gedanken verräth; ihre Arme entfalteten die entzückende Unbestimmtheit, welche keinen Stützpunkt zu finden weiß; etwas Schwankendes mischte sich in ihre ganze Haltung; es war mehr ein Schein, als ein Licht, mehr eine Grazie, als eine Göttin; die Falten unten an ihrem Unterrocke waren ausgewählt schön, ihr anbetungswürdiges Gesicht sann jungfräulich nach. Sie befand sich ganz in seiner Nähe. Gilliatt hörte sie sogar athmen.

Tief im Verborgnen sang eine Nachtigall. Das Streichen des Windes durch die Zweige setzte die unbeschreibbare nächtliche Stille in Bewegung. Deruchette, schön und heilig, erschien in dieser Dämmerung wie die Blume in ihren Strahlen und Düften; dieser unendliche und weitverbreitete Reiz schwebte geheimnißvoll zu ihr und verdichtete sich bei ihr, so daß er sie ganz einnahm. Sie erschien als die Blumenseele dieses ganzen Schattens.

Dieser ganze, Deruchette umwogende Schatten drückte auf Gilliatt. Er war überwältigt. Was er empfand, läßt sich nicht durch Worte wiedergeben; die Bewegung ist immer neu und das Wort sagt immer dasselbe; daher die Unmöglichkeit, die Bewegung zu schildern. Es ist das Uebermaß des Zaubers, – Deruchette sehen, sie selbst, ihr Kleid, ihre Haube, ihr Band, welches sie um den Finger rollte, kann man sich so etwas vorstellen? War es möglich, neben ihr zu sein? Was sollte er jetzt thun? Dieser Zauber, sie zu sehen, betäubte ihn. Sie war da und er war hier! Seine Gedanken, geblendet und festgewurzelt, blieben auf diesem Geschöpfe, wie auf einem Karfunkel haften. Er betrachtete diesen Nacken und diese Haare; aber er sagte sich nicht einmal in Gedanken, daß er binnen Kurzem, morgen vielleicht das Recht haben würde, dieses Band zu lösen, diese Haube abzunehmen. So weit zu träumen, dieses Uebermaß von Kühnheit hätte er nicht einen Augenblick begriffen. Er glaubte zu sterben.

Aufstehen, die Mauer übersteigen, sich nähern, sagen »ich bin es«, mit Deruchette sprechen, dieser Gedanke kam ihm nicht. Und wäre er ihm gekommen, so hätte er sich geflüchtet. Wenn etwas einem Gedanken Aehnliches seinen Kopf durchzitterte, so war es das, daß Deruchette da war. Weiter verlangte er jetzt nichts; die Ewigkeit hätte beginnen können.

Ein Geräusch störte sie alle Beide; sie in ihrer Träumerei, ihn in seinem Entzücken.

Es ging Jemand im Garten. Wegen der Bäume konnte man nicht sehen, wer es war. Es war der Schritt eines Mannes.

Deruchette hob die Augen in die Höhe.

Die Schritte näherten sich und hörten dann auf. Der Gehende war so eben stehen geblieben. Er mußte ganz nahe sein. Der Pfad, in welchem die Bank war, verlor sich zwischen zwei dichten Gebüschen. Dort war dieser Mensch, an dieser Stelle, einige Schritte von der Bank.

Der Zufall hatte die dichtbelaubten Zweige derartig vertheilt, daß Deruchette, nicht aber Gilliatt ihn sehen konnte.

Der Mond zeichnete von dem Gebüsch bis zur Bank auf der Erde einen Schatten.

Gilliatt sah diesen Schatten.

Er betrachtete Deruchette.

Sie war ganz blaß. Ihr halbgeöffneter Mund hauchte einen Schrei der Ueberraschung. Sie hatte sich halb von der Bank erhoben und war wieder halb darauf zurückgefallen; in ihrer Stellung lag etwas von Flucht und von Bezauberung. Ihr Staunen war ein Entzücken voller Furcht. Auf ihren Lippen hatte sie fast ein strahlendes Lächeln und in ihren Augen leuchtende Thränen. Sie schien durch die Ankunft wie verklärt und nicht mehr der Erde angehörig. Ein Engel spiegelte sich in ihrem Blicke wieder.

Das Wesen, welches für Gilliatt nur ein Schatten war, sprach. Eine Stimme, sanft wie die eines Weibes und doch eine Mannesstimme, drang aus dem Gebüsch hervor. Gilliatt hörte folgende Worte:

– Mein Fräulein, ich sehe Sie jetzt jeden Sonntag und jeden Donnerstag; man sagte mir, daß Sie sonst nicht so oft kamen. – Man hat diese Bemerkung gemacht, ich bitte deshalb um Verzeihung. Ich habe nie zu Ihnen gesprochen, ich durfte nicht; heute spreche ich zu Ihnen, es ist meine Pflicht. Ich muß mich zuerst an Sie wenden. Der Cashmere fährt morgen ab; deshalb bin ich gekommen. Sie spazieren alle Abende in Ihrem Garten. Es wäre schlecht von mir, Ihre Gewohnheiten zu beobachten, wenn ich nicht eine bestimmte Absicht dabei hätte. Mein Fräulein, Sie sind arm; seit heute früh bin ich reich. Wollen Sie mich zu Ihrem Gatten?

Deruchette faltete ihre Hände, wie eine Bittende, und betrachtete den, der zu ihr sprach, stumm, mit festem Auge, zitternd vom Kopfe bis zu den Füßen.

Die Stimme fuhr fort:

– Ich liebe Sie. Gott hat das Herz des Menschen nicht dazu gemacht, daß es schweige. Es giebt für mich auf der Erde nur Ein Weib, das sind Sie. Ich denke an Sie, wie an eine Verheißung. Mein Glauben ist an Gott und meine Hoffnung in Ihnen. Sie sind mein Leben und schon mein Himmel.

– Mein Herr, antwortete Deruchette, es ist Niemand im Hause, um Ihnen zu antworten.

Die Stimme erhob sich vom Neuem:

– Ich habe diesen süßen Traum gehabt. Gott verbietet keine Träume. Sie machen auf mich den Eindruck einer Glorie. Ich liebe Sie leidenschaftlich. Die heilige Unschuld sind Sie. Ich weiß, daß jetzt die Stunde ist, in welcher man schläft; aber ich hatte nicht die Wahl eines andern Augenblicks. Erinnern Sie sich der Stelle in der heiligen Schrift, welche uns einmal vorgelesen wurde. Ich habe seitdem immer daran gedacht. Ich habe sie oft wiedergelesen. Der ehrwürdige Herode sagte zu mir: Du mußt eine reiche Frau haben. Ich antwortete ihm: Nein, ich muß eine arme Frau haben. Mein Fräulein, ich spreche zu Ihnen, ohne mich zu nähern, ich werde sogar zurücktreten, wenn Sie nicht wollen, daß mein Schatten Ihre Füße berührt. Sie sind die Herrscherin; Sie werden zu mir kommen, wenn Sie wollen. Ich liebe und warte. Sie sind die lebende Gestalt des Segens.

– Mein Herr, stammelte Deruchette, ich wußte nicht, daß man mich Sonntags und Donnerstags bemerkte.

Die Stimme fuhr fort:

– Man vermag nichts gegen das Ueberirdische. Das ganze Gesetz ist Liebe. Die Heirath ist Kanaan. Sie sind die verheißene Schönheit. O höchste Anmuth, ich grüße Sie.

Deruchette antwortete:

– Ich glaubte nichts Schlechteres zu thun, als alle Andern, welche ihre Pflicht thun.

Die Stimme sprach weiter:

– Gott hat seinen Willen in die Blumen, die Morgenröthe, den Frühling gelegt und er will, daß man liebt. Sie sind schön in dieser heiligen Dunkelheit der Nacht. Dieser Garten ist von Ihnen gepflanzt, und in seinen Düften ruht etwas von Ihrem Odem. Mein Fräulein, die Begegnungen der Seele hängen nicht von sich ab. Es ist nicht unser Fehler. Sie waren da, ich war da, weiter nichts. Ich habe nichts gethan, als gefühlt, daß ich Sie liebe. Bisweilen haben sich meine Augen zu Ihnen erhoben. Ich habe Unrecht gethan, aber was sollte ich thun? Indem ich Sie ansah, kam Alles. Man kann es nicht verhindern. Es giebt einen geheimnißvollen Willen, der über uns ist. Der erste Tempel ist das Herz. Ihre Seele in meinem Hause haben, nach diesem irdischen Paradiese sehne ich mich; stimmen Sie ein? So lange ich arm war, habe ich nichts gesagt. Ich weiß Ihr Alter. Sie sind einundzwanzig, ich sechsundzwanzig Jahre. Ich reise morgen ab, wenn Sie mich zurückweisen, für immer. Seien Sie meine Verlobte, wollen Sie? Meine Augen haben schon mehr als einmal wider meinen Willen den Ihrigen diese Frage vorgelegt. Ich liebe Sie, antworten Sie mir. Ich werde mit Ihrem Onkel sprechen, sobald er mich empfangen kann. Zuerst aber wende ich mich an Sie. Oder könnten Sie mich nicht lieben?

Deruchette neigte den Kopf und murmelte:

– O! Ich bete ihn an!

Sie sagte das so leise, daß nur Gilliatt es hörte.

Sie stand fortwährend mit gebeugtem Haupte; als wenn das Gesicht im Schatten auch den Gedanken beschatten solle.

Eine Pause entstand. Die Blätter an den Bäumen bewegten sich nicht. Es war ein ernster und stiller Augenblick, in welchem der Schlummer der Dinge sich mit dem Schlummer der Wesen vereinte und die Nacht den Herzschlag der Natur zu hören schien. Aus dieser Ruhe erhob sich, wie eine Harmonie, welche das Schweigen vervollständigt, das unendliche Rollen des Meeres.

Die Stimme begann wieder:

– Mein Fräulein!

Deruchette zitterte.

Die Stimme fuhr fort:

– Ach! Ich warte.

– Worauf warten Sie?

– Auf Ihre Antwort.

– Gott hat die Antwort gehört, sagte Deruchette.

Dann wurde die Stimme beinahe feierlich und zugleich sanfter, als je. Folgende Worte drangen aus dem Dickichte, wie aus einem feurigen Busche hervor:

– Du bist meine Verlobte. Erhebe Dich und komme. Möge der blaue Sternenhimmel dieser unserer Verlobung beiwohnen und möge sich unser erster Kuß mit dem Firmamente vermischen!

Deruchette erhob sich und blieb einen Augenblick unbeweglich, den Blick vor sich geheftet; ohne Zweifel auf einen andern Blick wartend. Dann, mit langsamen Schritten, den Kopf erhoben, die Arme hängend und die Finger ausgestreckt, als wenn man auf einer unbekannten Stütze vorwärts schreitet, ging sie auf das Gebüsch zu und verschwand daselbst.

Einen Augenblick später befanden sich auf dem Sande anstatt eines Schattens zwei; sie gingen in einander über und Gilliatt bemerkte zu seinen Füßen die Umarmung dieser beiden Schatten.

Die Zeit enteilt von uns, gleich einer Sanduhr, ohne daß wir diese Flucht fühlen; namentlich in gewissen Augenblicken höchster Seligkeit. Dies Paar einerseits, welches diesen Zeugen nicht vermuthete und ihn nicht sah; dieser Zeuge andererseits, welcher dies Paar nicht sah, aber seine Gegenwart wußte, – wie viele Minuten blieben sie so, in dieser geheimnißvollen Spannung? Unmöglich ist es, dies zu sagen. Plötzlich erscholl ein entfernter Lärm, eine Stimme rief: Zur Hülfe! Die Hafenglocke ertönte. Dieses Geräusch vernahm wahrscheinlich das trunkene und himmlische Glück nicht.

Die Glocke fuhr fort zu läuten. Hätte Jemand Gilliatt in dem Mauerwinkel gesucht, so hätte er ihn nicht gefunden.

Erstes Buch. Worauf ein schlechter Ruf sich gründet.

 

Erstes Capitel. Ein Wort, geschrieben auf ein weißes Blatt.

Der Weihnachtstag des Jahres 182* zeichnete sich zu Guernesey durch ein ganz unerhörtes Factum aus: Es schneite an diesem Tage. Auf den Inseln des Canals ist Eis eine Merkwürdigkeit und Schnee ein Ereigniß.

An diesem Christmorgen war der Weg am Ufer des St. Patrikhafens ganz weiß. Es hatte von Mitternacht bis gegen Morgen geschneit. Bald nach Sonnenaufgang, etwa um die neunte Stunde, um welche Zeit die Anglikaner noch nicht in die Kirche von St. Sampson und die Wesleyaner noch nicht nach der Kapelle Eldad zu wandern pflegen, war der Weg am Ufer noch fast menschenleer. Auf der ganzen Strecke, welche die Thürme beider Kirchen von einander scheidet, befanden sich nur drei Wanderer, ein Kind, ein Mann und ein Weib. Jeder Einzelne dieser Fußgänger schritt, getrennt von den Uebrigen, einsam seines Weges dahin; kein sichtbares Band vereinigte sie. Das Kind, welches ungefähr acht Jahre zählen mochte, war stehen geblieben und beobachtete mit Neugier den Schnee. Der Mann ging in einer Entfernung von ungefähr hundert Schritten hinter der Frau her und verfolgte gleich ihr, den Weg nach Saint-Sampson. Er war noch jung; sein Aeußeres verrieth einen Arbeiter oder Matrosen. Er trug seinen Werktagsanzug, einen Kittel von grobem Tuch und ein nach unten betheertes Beinkleid, was anzudeuten schien, daß er ungeachtet des Festtages in keine Kirche zu gehen beabsichtigte. Seine schweren Schuhe waren von rohem Leder, mit dicken eisernen Nägeln beschlagen; sie hinterließen im Schnee Spuren, welche eher einem Gefängnißschlosse, als den Fußtapfen eines Menschen glichen. Die weibliche Fußgängerin hatte eine sorgfältigere Toilette gemacht; sie trug ersichtlich ihren Sonntagsstaat, welcher aus einem weiten wattirten schwarz seidenen Mantel bestand, der ein sehr kokettes Kleid von irischem Popelin mit rosa und weißen Falbelas in seine reichen Falten hüllte. Hätte sie nicht rothe Strümpfe getragen, so hätte man sie für eine Pariserin halten können. Sie schritt mit jenem leichten und elastischen Gang eines jungen Mädchens dahin, dem das Leben noch keine Bürde ist. Ihre Haltung besaß jene flüchtige Grazie, die der zartesten Uebergangsperiode eigen ist, welche zwei Dämmerungen, die der endenden Kindheit und der beginnenden Jungfräulichkeit mit einander verbindet. Der männliche Wanderer hatte für alles Dieses keine Augen.

Als sie jedoch, in der Nähe eines Eichengebüsches, den ein Hanffeld begrenzte, an einem Orte angekommen war, welchen man »die niedrigen Häuser« nannte, wandte sie sich um, und nun sah ihr der Mann in’s Angesicht. Sie blieb stehen, schien ihn einen Augenblick zu beobachten, und er glaubte zu bemerken, daß sie mit dem Finger etwas in den Schnee schrieb. Dann erhob sie sich schnell, verdoppelte ihre Schritte, sah sich nochmals um, lächelte, und verschwand dann links hinter den Hecken, welche den Weg begrenzen, der nach dem Schlosse von Lierre führt. Als sie sich zum zweiten Male umgewendet hatte, erkannte sie der Mann: es war Deruchette, ein reizendes Landmädchen.

Er fühlte nicht das geringste Bedürfniß, seinen Schritt zu beschleunigen; einige Augenblicke später erreichte er den Eichenbusch am Winkel des Hanffeldes. Er dachte schon nicht mehr an Diejenige, welche soeben diese Stelle verlassen, und es ist sehr wahrscheinlich, daß, wenn in diesem Moment ein Delphin aus dem Meer hervorgetaucht, oder ein Rothkehlchen im Busch gesungen hätte, er das Auge auf den kleinen Vogel oder den Fisch gerichtet haben würde. Zufällig hatte er in diesem Augenblick die Wimper gesenkt, und so kam es, daß unwillkürlich sein Blick an jener Stelle haftete, auf welcher das junge Mädchen stehen geblieben war. Zwei kleine Fußspuren bezeichneten dieselbe, und daneben las der Wanderer das in den Schnee geschriebene Wort »Gilliatt.«

Es war sein Name.

Er hieß Gilliatt.

Lange blieb er regungslos auf dieser Stelle stehen, betrachtete die Schrift, sowie die in den Schnee eingedrückten kleinen Fußspuren, und ging dann gedankenvoll weiter.

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Zweites Capitel. Das Gespensterhaus.

Gilliatt wohnte in der Pfarrei von Saint-Sampson. Er war dort nicht beliebt. Das hatte seine Gründe.

Erstens bewohnte er ein Haus, in dem es nicht geheuer war. Dem, welcher die Gegend von Jersey und Guernesey besucht, begegnet es wohl leicht, daß ihm auf dem Lande, in der Stadt, in irgend einem einsamen Winkel, oder auch in einer belebten Straße, ein Haus auffällt, dessen Eingang verbarrikadirt ist. Stechpalmen und Dorngestrüpp versperren die Thür; mit Nägeln beschlagene Bretter bedecken wie häßliche Pflaster die Fenster des Erdgeschosses. Die des oberen Stockwerks sind zugleich geschlossen und geöffnet; die Rahmen der Fenster nämlich sind alle sorgfältig verriegelt, die Scheiben jedoch sämmtlich zerbrochen. Wenn solch ein Haus einen Hof hat, wächst fußhohes Gras darin; hat es zufällig auch einen Garten, so kann man sich darauf verlassen, daß in demselben eine Fülle von Unkraut, Brennnesseln, Dornen und Schierling wuchert, und man kann darin die Bekanntschaft vieler seltener Insecten machen. Im Innern aber ist das Haus zerfallen; die Schornsteine sind geborsten, die Dächer schadhaft, die Balken verfaulen, die Steine verschimmeln, die Tapeten der Zimmer hängen in Fetzen von den entblößten Mauern herab. Man kann auf diesen Fetzen die wechselnden Moden der verschiedenen Epochen studiren. Man findet auf ihnen die Greife des Kaiserreichs, die bogenartigen Draperien des Directoriums, wie die Geländer und Halbsäulen, welche den Geschmack des Zeitalters Ludwig XVI. kennzeichneten. Die dichten Spinnengewebe mit ihrer Menge von Fliegenleichen lassen auf den tiefsten Frieden, die ungestörteste Ruhe dieser fleißigen Arbeiterinnen schließen. Hie und da bemerkt man einen zerbrochenen Topf auf einem Brett. Von solchen Häusern sagt man, es spuke darin, und der Teufel treibe dort allnächtlich sein Wesen.

Ein Haus kann, wie der Mensch, eine Leiche werden. Der Aberglaube vermag es zu tödten. Dann ist es ein Gegenstand des Grauens. Diese todten Häuser sind nicht selten auf den Inseln des Canals.

Die Land- und Seeleute verstehen, was den Teufel betrifft, keinen Spaß. Die vom Canal, dem englischen Archipelagus und der französischen Küste haben ihre ganz bestimmten Vorstellungen von ihm. Der Teufel hat nach ihrer Meinung seine Abgesandten in allen Weltgegenden. Belphegor ist sein Gesandter in Frankreich, Hutgin in Italien, Belial in der Türkei, Thamutz in Spanien, Martinet in der Schweiz und Mammon in England. Satan ist so gut Kaiser wie ein Anderer. Satan-Cäsar! Er macht ein großes Haus. Dagon ist Groß-Bannerträger, Succor Benoth das Haupt der Eunuchen, Asmodeus der Chef der Spielbanken, Kobal Theater-Director und Verdelet Groß-Ceremonienmeister; Nybbas ist der Hofnarr; Wiérus, den ausgezeichneten Gelehrten, guten Vampyrkenner und wohlunterrichteten Dämonograph, nennt Nybbas »den großen Parodisten.«

Die Fischer der Normandie sind auf offner See sehr auf ihrer Hut vor den Blendwerken des Teufels. Man war lange Zeit der Meinung, daß der heilige Maclou den großen viereckigen Felsen Ortach bewohne, welcher sich zwischen Aurigny und den Klippen von Gers befindet, und viele alte Matrosen versichern, ihn oft auf diesem Felsen sitzend und in einem Buche lesend gesehen zu haben. Vorüberfahrende Schiffer versäumten es daher auch niemals, vor dieser Steinmasse andächtig ihr Kniee zu beugen, bis die Alles besiegende Wahrheit auch diese Sage verdrängte. Man hat seitdem die Entdeckung gemacht, daß der Bewohner des Felsens Ortach kein Heiliger, sondern ein Teufel sei. Dieser Teufel, mit Namen Jochmus, hatte sich arglistiger Weise mehrere Jahrhunderte hindurch für den heiligen Maclou ausgegeben. Solche Irrthümer kommen vor; ist doch die Kirche selber zuweilen darin befangen. Die Teufel Raguhel, Oribel, Tobiel waren Heilige bis zu dem Jahre 745, wo der Papst Zacharias ihre Teufelei gewittert und sie ausgetrieben. Um solche Austreibungen vornehmen zu können, welche sicherlich sehr nützlich sind, muß man in der Teufelei sehr bewandert sein.

Die alten Landleute erzählen – jedoch gehören diese Thatsachen der Vergangenheit an – daß die katholische Bevölkerung des normännischen Archipelagus, obgleich gegen ihren Willen, mit dem Bösen in engerer Verbindung stand als die Hugenotten. Warum? wissen wir nicht. Sicher ist, daß diese Minorität ehemals vom Bösen sehr geplagt wurde. Der Teufel hatte die Katholiken in ganz besondere Affection genommen, und zog ihren Umgang dem der Hugenotten vor, was für die Wahrscheinlichkeit spricht, daß der Teufel eher Katholik als Protestant ist. Zu den unerträglichsten Vertraulichkeiten, welche er sich herausnahm, gehörten die nächtlichen Besuche, die er katholischen Eheleuten in dem Augenblick, wo der Mann schon ganz, die Frau jedoch erst halb eingeschlafen war, abstattete. Daher die vielfachen Mißgeburten. Patrouillet erklärte Voltaire’s Entstehung auf diese Weise. Diese Meinung ist nicht ganz unwahrscheinlich. Ein solcher Fall ist übrigens ganz bekannt und in den Beschwörungsformeln unter der Rubrik: de erroribus nocturnis et de semine diabolorum beschrieben. Er wurde zu St. Helier mit ganz besonderer Strenge behandelt; wahrscheinlich zur Strafe für die Sünden der Revolution. Die Folgen der revolutionären Frevel sind unberechenbar. Wie dem aber auch sein mag, die Möglichkeit eines nächtlichen Besuchs vom Teufel machte vielen rechtgläubigen Frauen großen Kummer. Es ist freilich nicht angenehm, einen Voltaire zur Welt zu bringen. Eine dieser Frauen erkundigte sich in ihrer Herzensangst bei ihrem Beichtiger nach einem Mittel, noch bei Zeiten dem Unfug dieser Verwechselung zu steuern. Der Beichtvater antwortete: Wenn Ihr wissen wollt, ob Ihr es mit Eurem Manne oder mit dem Teufel zu thun habt, so dürft Ihr ihn nur an die Stirn fassen; fühlt Ihr dort Hörner, so könnt Ihr sicher sein, daß … Was denn? fragte die Frau.

Das Haus, welches Gilliatt bewohnte, gehörte ehemals zu denen, in welchen es spukte. Jetzt zwar stand es nicht mehr in dem Ruf, allein gerade deshalb war es um so verdächtiger. Es herrschte kein Zweifel, daß. wenn in einem Haus, in welchem es spukte, ein Hexenmeister wohne, der Teufel dasselbe gut verwahrt glaube und dann so höflich sei, wie der Arzt zum Kranken, der nur, wenn er gerufen wird, kommt.

Dieses verrufene Haus also hieß das Gespensterhaus. Es befand sich an der Spitze einer Land- oder vielmehr Felsenzunge, welche einen eigenen kleinen Ankerplatz in der Bucht von Houmet-Paradis bildete. Das Wasser ist dort tief. Fast abgeschnitten von der übrigen Insel, stand das Haus ganz allein auf der Landzunge; das geringe Erdreich seiner Umgebung lieferte nur nothdürftig den Raum zu einem kleinen Gemüsegarten. Zur Zeit der Fluth stand derselbe völlig unter Wasser. Zwischen dem Hafen von St. Sampson und der Bucht von Houmet-Paradis befindet sich der große Hügel, welchen die mit Epheu umrankten Thürme des Schlosses du Valle krönen. Man konnte daher von St. Sampson aus das Gespensterhaus nicht sehen.

In Guernesey sind Hexenmeister noch etwas ganz Gewöhnliches. Diese Art Leute üben in gewissen Kirchspielen ihr Geschäft aus, ohne daß das neunzehnte Jahrhundert etwas dagegen einzuwenden hätte. Die Ausübung dieser Künste ist wahrhaft sträflich. Sie machen Gold, pflücken um Mitternacht Kräuter, und behexen das Vieh durch den bösen Blick. Man holt sich Rath bei ihnen, bringt ihnen das Wasser der Kranken und schüttelt kummervoll den Kopf, wenn sie sagen: »Das Wasser scheint höchst bedenklich.« Einer von ihnen hatte im März des Jahres 1857 in dem Wasser eines Kranken nicht weniger als sieben Teufel entdeckt. Solche Leute sind eben so gefürchtet als furchtbar. Ein Anderer von Ihnen hatte einmal einen Bäcker sammt seinem Backofen verhext. Wieder ein Anderer hatte die Bosheit, mit der größesten Sorgfalt Briefcouverts zu versiegeln, welche nichts enthielten. Noch ein Anderer hatte in seinem Hause drei Flaschen auf einem Brette stehen, welche mit einem Etiquette versehen waren, auf welchem der Buchstabe B zu lesen war. Diese Thatsachen sind erwiesen. Einige dieser Zauberer sind sehr mitleidiger Natur; sie übernehmen für drei Goldgulden die Krankheiten ihrer Nebenmenschen, wälzen sich auf ihren Betten umher und schreien. Währenddessen sind die Kranken gesund und von ihren Qualen erlöst. Anderen helfen sie durch ein Taschentuch, welches sie ihnen um den Leib binden. Es ist dabei nur zu verwundern, daß man nicht schon früher an dieses höchst einfache Heilmittel gedacht. Im vorigen Jahrhundert wurden diese Leute durch den Gerichtshof zu Guernesey zum Scheiterhaufen verurtheilt und verbrannt; in unserer Zeit sperrt man sie acht Wochen ein: vier Wochen bei Wasser und Brod, und vier Wochen in Einzelhaft. Beide Strafarten wechseln mit einander ab. Amant alterna catenae.

Der letzte Scheiterhaufen, auf welchem man einen Hexenmeister verbrannte, wurde zu Guernesey im Jahre 1747 errichtet. Die Stadt hatte zu dieser außerordentlichen Gelegenheit einen ihrer Plätze, den Kreuzweg der Doggs, hergegeben. Von 1565 bis 1700 wurden auf diesem Platze elf Zauberer verbrannt. In den meisten Fällen legten die Schuldigen ein Geständniß ab. Man erleichterte es ihnen durch die Folter. Dieser Kreuzweg leistete der Gesellschaft und der Religion auch noch andere Dienste. Man verbrannte dort die Ketzer unter Maria Tudor, unter anderen Hugenotten auch eine Mutter, Perrotine Massy mit ihren zwei Töchtern. Eine dieser Töchter war in gesegneten Umständen und genas auf dem Scheiterhaufen eines Knäbleins. Die Chronik bewahrt dieses merkwürdige Ereigniß der Nachwelt durch folgende Notiz auf: Ihr Leib spaltete sich, und es entglitt ihm ein Kindlein, welches vom Scheiterhaufen herab auf die Erde rollte. Ein Mann, Namens House, hob das Kindlein auf, aber der Herr Landvogt Hélier Gosselin, ein guter Katholik, ließ dasselbe wieder in die Flammen werfen.

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Drittes Capitel. Für Deine Frau, wenn Du Dich vermählst.

Kehren wir zu Gilliatt zurück.

Man erzählte sich dort zu Lande, daß gegen das Ende der Revolution eine Frau mit einem kleinen Kinde nach Guernesey gekommen wäre, vermuthlich eine Engländerin; war sie dies nicht, so war sie wahrscheinlich eine Französin. Sie hatte einen Namen, aus welchem die Sprache und die Orthographie der Einwohner von Guernesey den Namen Gilliatt machte. Diese Frau lebte allein mit ihrem Kinde, das Einige für ihren Neffen, Andere für ihren Sohn, und wieder Andere für keins von Beiden hielten. Sie hatte nur gerade so viel Geld, um knapp davon leben zu können. Sie kaufte eine Wiese nahe bei dem Polizeigericht und ein Grundstück in Crespel bei Roquaine. In dem Gespensterhause spukte es zu dieser Zeit. Es war seit dreißig Jahren nicht bewohnt worden, und fiel in Trümmer. Der Garten, durch gar zu häufige Ueberschwemmungen verwüstet, brachte Nichts hervor.

Außer dem allnächtlichen Lärmen und den Lichtern, welche man in diesem Hause flackern sah, erzählten sich die Leute auch noch eine höchst merkwürdige und in der That sehr grauenhafte Geschichte, welche dort passirte. Man sagte, daß wenn man am Abend vor dem Schlafengehen einen Knäuel Strickwolle nebst Stricknadeln auf das Kamin lege und einen Teller voll Suppe daneben stelle, so fände man am nächsten Morgen den Teller leer und daneben ein Paar gestrickte Fausthandschuhe. Man bot das Haus sammt dem darin sein Wesen treibenden Kobold für einige Pfund Sterling zum Kaufe an. Diese Frau, entweder vom Teufel oder von der Billigkeit verführt, wagte den Kauf. Ja, sie that mehr als das: sie bewohnte auch das Gespensterhaus mit ihrem Knaben, und von diesem Augenblick an wurde es dort ganz ruhig. Die Leute meinten, das Haus hätte nun, was es wollte. Die Gespenster hörten auf, ihr Wesen zu treiben. Man hörte des Morgens nicht mehr schreien und toben, und sah kein anderes Licht darin, als das Talglicht, welches die gute Frau jeden Abend anzündete. Das Licht eines Zauberers, sagten die Leute, ist so gut wie die Fackel des Teufels. Diese Erklärung genügte dem Publicum.

Die Frau lebte von dem Ertrag ihrer wenigen Morgen Landes und von einer guten Kuh, die vortreffliche Milch und gelbe Butter lieferte. Sie verkaufte, wie jede andere Frau vom Lande, ihre Pastinakwurzeln in kleinen Tonnen, ihre Zwiebeln in Bündeln, sowie Bohnen und Kartoffeln metzenweise. Doch brachte sie ihre Waaren nicht selber zu Markte, sondern ließ sie durch einen Bekannten, einen Landmann aus der Umgegend, Namens Guilbert Falliot, feil bieten.

Die Schäden des baufälligen Hauses wurden mühsam ausgebessert, und es wurde wieder in einen etwas wohnlichen Zustand gesetzt. Es mußte schon arges Unwetter sein, wenn das Wasser durch die Dachritzen und Oeffnungen in die Stuben lief. Die Wohnung bestand aus einem Erdgeschoß und einem Speicher. Das Erdgeschoß hatte drei Säle, welche durch eine Leiter mit dem Speicher in Verbindung standen. Die Frau besorgte nicht nur Haus und Küche, sondern lehrte auch ihr Kind lesen. In die Kirche ging sie nicht. Aus diesem Umstande schloß man, daß sie eine Französin sei. Das »Nirgend-Hingehen« erregte große Bedenklichkeiten.

Im Ganzen genommen wußte man nicht recht, was man aus diesen Leuten machen sollte.

Eine Französin konnte diese Frau wohl sein. Vulkane werfen Steine, Revolutionen Menschen aus. Ganze Familien werden aus ihrem natürlichen Boden gerissen und in fremdes Erdreich verpflanzt; die verschiedenen Glieder zerstreuen und verlieren sich. Menschen fallen aus den Wolken: Diese weht der Wind nach Deutschland, Jene nach England, Andere nach Amerika. Die Eingeborenen dieser Länder wundern sich: »Wo kommen diese Fremden her?« Der Vesuv hat sie ausgespieen. Man giebt diesen ausgestoßenen, verlorenen, aus der Luft gefallenen, diesen vom Schicksal bei Seite geschafften Wesen Namen. Man nennt sie Emigrirte, Flüchtlinge, man nennt sie Abenteurer. Wenn sie bleiben, werden sie geduldet; wenn sie gehen, hat man nichts dagegen. Es sind dies oft – und besonders die Frauen unter ihnen – harmlose Geschöpfe, den Ereignissen, die sie aus ihrer Heimath vertrieben, völlig fremd, und verwundert, ohne ihr Verschulden, ohne Haß noch Zorn zu hegen; sich als von vulkanischen Auswürfen in die Luft geschleuderte Körper betrachten zu müssen. Arme, aus ihrem heimathlichen Boden gerissene Pflanzen, suchen sie im fremden Land, so gut sie können, Wurzel zu fassen. Sie, die Niemandem etwas zu Leid gethan. verstehen das ihnen auferlegte Schicksal nicht. Ich sah, wie einst ein armseliges Büschel Gras von einer Pulvermine in die Luft gesprengt wurde, wie sich die Halme von einander trennten, wie sie sich in der Luft zerstreuten und verloren gingen. Die französische Revolution hatte mehr solcher Ausgeworfener als irgend ein anderer Ausbruch. – Die Frau, welche man in Guernesey Gilliatt nannte, war vielleicht der Halm eines solchen Grasbüschels.

Sie wurde alt, ihr Knabe wuchs heran. Sie lebten allein; von Jedermann gemieden, genügten Mutter und Sohn einander. »Wölfin und Wölflein liebkosen sich,« sagten die wohlwollenden Nachbarn. Der Knabe wurde ein Jüngling, der Jüngling ein Mann. Der Baum des Lebens schält sich, die alten Rinden fallen ab und machen den jungen Platz. Die Mutter starb. Sie hinterließ ihrem Sohne ihre Wiese, ihr Grundstück und das alte, baufällige Haus. Im Inventarium waren ferner hundert Goldgulden aufgeführt, welche sich in einem Strumpfe befinden sollten. Das Haus war anständig ausgestattet; es befanden sich in demselben zwei eichene Koffer, zwei Betten, sechs Stühle und andere Utensilien. Auf einem Brett waren einige Bücher aufgestellt, und in der Ecke eines Zimmers stand ein Koffer von durchaus gewöhnlichem Aussehen, welcher wegen des aufzunehmenden Inventariums geöffnet werden mußte. Dieser Koffer war von falbem Leder; es waren Arabesken darin eingepreßt, und der Deckel war mit kupfernen Nägelköpfen und zinnernen Sternchen geziert. Derselbe enthielt eine vollständige weibliche Aussteuer, Hemden und Unterröcke von holländischer Leinwand, und seidene Kleider im Stück. Es lag ein Zettel dabei, worauf die Worte zu lesen waren: » Für deine Frau, wenn du dich vermählst

Dieser Tod verursachte dem Ueberlebenden großen Kummer. War er bisher ungesellig, so wurde er nun förmlich menschenscheu. Die Welt ward ihm zur Einöde. Es war nicht mehr Einsamkeit; es war völlig Leere um ihn. Zweien ist stets das Leben leicht; dem Einsamen, Verlassenen wird es zur Last, zur Bürde, die er kaum zu tragen vermag. Er versucht es auch gar nicht. Das ist der Anfang der Verzweiflung. Später lernt man es begreifen, daß uns das Leben die Pflicht auferlegt, es zu ertragen. Man betrachtet den Tod, man betrachtet das Leben und willigt darein, diese Pflicht auf sich zu nehmen; doch wird der Entschluß mit blutendem Herzen gefaßt.

Gilliatt war noch jung, seine Wunde vernarbte. In seinem Alter heilen noch die Herzenswunden. Seine persönliche Schwermuth milderte sich in dem Anblick der Natur. Dieses Gefühl, das eine Art von Reiz hat, zog ihn von den Menschen ab zu den Dingen, und söhnte seine Seele mehr und mehr mit der Einsamkeit aus.

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Viertes Capitel. Unbeliebtheit.

Gilliatt war, wie schon gesagt, in seinem Kirchspiel nicht beliebt. Dieser Unbeliebtheit fehlte es nicht an Ursachen. In erster Reihe stand das Haus, welches er bewohnte. Sodann wußte man so gut wie gar nichts über seinen Ursprung. Wer war jene Frau? Und was hatte es mit dem Kinde für eine Bewandtniß? Die Leute in dortiger Gegend zerbrechen sich nicht gern den Kopf über die Fremden, welche sich in ihrer Gegend ansiedeln. Ferner gab ihnen der Arbeiter-Anzug des Sohnes zu denken. Warum kleidet er sich wie ein Arbeiter, wenn er zu leben hat und nicht zu arbeiten braucht? Alsdann war es höchst auffallend, daß der Garten dieser Leute trotz der Aequinoctialstürme und der häufigen Ueberschwemmungen so gedieh, daß er prächtige Kartoffeln und ausgezeichnetes Gemüse lieferte. Und was mochte es wohl mit den großen dicken Büchern sein, die auf dem Brette standen, und in welchen Gilliatt so häufig las?

Aber das war noch nicht Alles!

Woher kam es, daß Gilliatt so allein das düstere Gespensterhaus bewohnte? Es war eine Art Lazareth; man hielt ihn in Quarantaine; so war es ganz natürlich, daß man sich über seine Einsamkeit wunderte und ihn dafür verantwortlich machte.

Er ging niemals in die Kirche. Oft ging er in der Nacht aus seinem Hause; er mußte mit Zauberern verkehren. Ein Mal überraschte man ihn in einem höchst auffälligen Zustande von Geistesabwesenheit im Grase sitzend, wo er mit Kräutern, Blumen und Steinen Zwiegespräche hielt. Man schwor darauf, es gesehen zu haben, wie er vor dem singenden Felsen eine Verbeugung machte. Es war ferner ebenso auffallend als unbegreiflich, daß er alle Vögel, welche ihm zum Kaufe angeboten wurden, fliegen ließ. Er war zwar artig und zuvorkommend gegen die Bürger von St. Sampson; man bemerkte indessen, daß er Umwege machte, um ihnen auszuweichen. Er fischte häufig und kam nie ohne Beute nach Hause. Man sah ihn Sonntags in seinem Garten arbeiten. Er hatte bei Gelegenheit eines Durchmarsches von einem schottischen Soldaten eine Flöte gekauft, auf welcher er bei einbrechender Nacht am Meeresstrand und in den Felsenriffen blies. Seine Bewegungen waren wie die eines Säemannes. War es ein Wunder, wenn er unter solchen Umständen nicht beliebt war? Was sollte wohl ein Land mit einem solchen Menschen anfangen?

Die Bücher, welche ihm die Verstorbene hinterlassen, und in denen er zuweilen las, waren nicht minder beunruhigend. Der hochwürdige Herr Pastor Jaquemin Hérode bemerkte bei Gelegenheit des Begräbnisses der verstorbenen Frau auf dem Rücken der Bücher folgende äußerst verdächtige Titel: Dictionnaire von Rosier, Candide, von Voltaire, Gesundheitslehre für das Volk, von Tissot. Ein französischer Emigrant, welcher sich nach St. Sampson zurückgezogen hatte, hielt es für sehr möglich, daß dieser Tissot derselbe sei, welcher den Kopf der Prinzessin von Lamballe auf einem Spieß getragen habe.

Der hochwürdige Herr Pastor hatte übrigens auch noch auf einem anderen Buche den ebenso sonderbaren als bedrohlichen Titel: » De Rhabarbero « gelesen.

Es muß jedoch hinzugefügt werden, daß das Buch, wie schon der Titel besagt, in lateinischer Sprache abgefaßt war; es war daher anzunehmen, daß Gilliatt, welcher diese Sprache nicht verstand, besagtes Buch auch nicht gelesen hatte.

Aber gerade die Bücher, welche ein Mensch nicht lies’t, zeugen gegen ihn. Die spanische Inquisition hat dieses außer allen Zweifel gestellt.

Das Buch war übrigens nur eine Abhandlung des Doctor Tilingius über den Rhabarber, welche im Jahre 1679 in Deutschland erschienen war.

Man wußte es nicht ganz genau, aber man hatte Gilliatt sehr stark im Verdacht, daß er allerhand Zaubertränke bereitete, denn er war im Besitz von Phiolen.

Und warum ging er des Abends aus dem Hause und trieb sich bis Mitternacht auf den steilen Küstenabhängen umher? Ohne allen Zweifel, um mit den bösen Geistern Umgang zu pflegen, welche des Nachts an den Ufern des Meeres, auf den Felsenriffen und im Nebel hausen.

Man wußte, daß er einmal einer alten Hexe, mit Namen Montonne Gahy, einen Karren aus dem Schlamme ziehen half.

Bei Gelegenheit einer Einwohner-Zählung, welche auf den Inseln vorgenommen wurde, gab er auf die Frage nach seinem Stand und seiner Beschäftigung den Beamten folgende, ebenso merkwürdige als verdachterregende Antwort: » Ich fische, wenn es etwas zu fischen giebt

Stellen wir uns auf den Standpunkt der Leute, so werden wir leicht begreifen, welchen Anstoß derartige Antworten geben mußten.

Armuth und Reichthum sind relative Begriffe. Gilliatt hatte eine Wiese, Felder und Haus. Im Vergleich zu Denen, welche gar Nichts hatten, war er nicht arm zu nennen. Eines Tages fragte ihn ein Mädchen, entweder um seine Meinung zu prüfen, oder einer Werbung entgegen zu kommen – denn Weiber heirathen ja den Teufel, wenn er reich ist – ob, und wann er sich zu verheirathen gedächte. Gilliatt antwortete ihr: » An dem Tag, an welchem sich der singende Berg verheirathet

Dieser singende Berg ist ein großer Felsblock, welcher das Hanffeld des Herrn Lemezurier de Fry durchschneidet. Dieser Steinmasse ist nicht zu trauen, sie muß sorgfältig überwacht werden. Es ist eine unerklärliche, aber deshalb nicht minder auffällige Thatsache, daß auf besagtem Felsen ein Hahn kräht, den man wohl hören, allein nicht sehen kann. Dieses eben so unwiderlegte als unwiderlegliche Factum ist höchst unheimlicher Art. Man ist ferner darüber einig, daß der singende Berg von Kobolden in das Hanffeld des Herrn Lemezurier de Fry geschoben wurde.

Wenn in der Nacht unter Blitz und Donner schwarze Gestalten in den rothen Wolken des Himmels und in der zitternden Luft erscheinen, so kann man sich darauf verlassen, daß es Kobolde sind. Eine Frau in Grand Mellier kennt sie ganz genau. Als eines Abends ein Fuhrmann unschlüssig an einem Kreuzweg stand und nicht recht wußte, welche Richtung er einschlagen sollte, rief sie ihm zu: Fragt nur die Kobolde; es sind gute, sehr umgängliche Geister, höflich und leutselig gegen Jedermann, die gern den Leuten Rath ertheilen. Es ist Hundert gegen Eins zu wetten, daß diese Frau eine Hexe war.

Der eben so scharfsinnige als gelehrte König Jacob I. ließ alle Weiber dieser Art lebendig brühen, kostete die Brühe und entschied nach dem Geschmack der Brühe, ob es eine Hexe war oder nicht. Schade, daß die Könige der Jetztzeit nicht auch solche Talente besitzen, welche die Nützlichkeit von dergleichen Einrichtungen begreiflich machen.

Gilliatt stand nicht ohne triftige Gründe in dem Geruch der Hexerei. Man sah ihn einmal in der Nacht während eines Sturmes ganz allein in einem Kahn der Gegend der Sommeilleuse zuschiffen. Man hörte ihn fragen: Ist hier wohl durchzukommen?

Eine Stimme antwortete vom Felsen herab: Sieh zu, Verwegner! Mit wem sprach er, wenn nicht mit Einem, der ihm Antwort gab? Die Sache scheint uns ein neuer Beweis für unsere Behauptung.

In einer anderen Sturmnacht, so schwarz, daß man nichts sah, hörte man ganz in der Nähe des Catiau-Roque, der eine Doppelreihe von Felsen bildet, auf welchen Hexen, Ziegenböcke und Gestalten aller Art in der Freitag-Nacht tanzen, die Stimme Gilliatts ganz deutlich. Man belauschte folgendes Gespräch, das er mit den Gespenstern führte.

– Wie befindet sich Meister Brovat? (Das war ein Maurer, welcher vom Dach herab gefallen.)

– ’s geht besser.

–Was Ihr sagt! Er ist höher als von diesem Pfosten heruntergefallen. Es ist wunderbar, daß er sich nichts gebrochen hat! –

– Die Leute hatten vorige Woche gutes Wetter am Strand.

– Besseres als heute.

– Laßt’s gut sein, sie werden ihren Fang schon machen.

– Es ist zu windig.

– Man wird die Netze nicht tief genug legen können.

– Und was macht die Cathrin?

– Ach, die ist wie behext.

Die »Cathrin« war offenbar eine Hexe, und Gilliatt ohne Frage ein Hexenmeister; wenigstens zweifelte Niemand daran.

Er goß auch zuweilen Wasser aus einem Krug auf die Erde. Aber Wasser, welches man auf die Erde gießt, zeichnet die Gestalt von Teufeln.

Es giebt auch auf dem Wege von St. Sampson, nicht weit von dem ersten Felsen drei Steine, welche treppenförmig übereinander liegen. Ehemals stand ein Kreuz, wenn nicht gar ein Galgen darauf; jetzt sind sie leer. Diese Steine sind sehr verrufen.

Ganz erstaunlich kluge und glaubwürdige Leute versichern gesehen zu haben, wie Gilliatt ganz in der Nähe dieser Steine mit einer Kröte sprach. Nun weiß Jeder, der die Gegend von Guernesey kennt, daß es dort keine Kröten giebt; es sind nur Nattern in Guernesey, in Jersey aber giebt es Kröten. Die Kröte, mit welcher Gilliatt sprach, mußte daher von Jersey aus zu ihm geschwommen sein, das lag auf der Hand. Sie plauderten übrigens sehr freundschaftlich mit einander.

Daß dies Alles erwiesene Thatsachen sind, bezeugen die drei Steine, welche noch immer auf derselben Stelle liegen. Wer daran zweifelt, kann sich selber davon überzeugen. Die Steine liegen nahe bei einem Hause, welches an folgendem Schild zu erkennen ist: Hier kauft man todtes und lebendes Vieh, alte Stricke, Eisen, Knochen und Lumpen. Für höfliche Behandlung und prompte Bezahlung wird garantirt.

Es gehört schon böser Wille dazu, die Existenz dieser Steine und dieses Hauses zu leugnen. Alles das schadete Gilliatt.

Nur Unwissende wissen nicht, daß der König von Auxcriniérs das Gefährlichste in den Gewässern des Canals ist. Es giebt kein furchtbareres Seegespenst als ihn. Wer ihn gesehen hat, leidet binnen Jahresfrist Schiffbruch. Er ist klein, denn er ist ein Zwerg, und taub, denn er ist ein König. Er weiß die Opfer, welche das Meer verschlungen, alle mit Namen zu nennen; er kennt die Stellen, wo sie begraben sind; er kennt den Kirchhof Ocean gründlich. Ein oben schmaler, unten breiter Kopf, eine untersetzte Gestalt, ein unförmiger Leib, knotige Auswüchse auf dem Schädel, kurze Beine und lange Arme, Flossen statt der Füße, Krallen statt Hände, ein breites, grünes Gesicht – das ist das Bild des Königs von Auxcriniérs. Seine Krallen sind mit Schwimmhäuten versehen, seine Flossen mit Nägeln. Man denke sich ein Fisch-Gespenst mit einem Menschenantlitz. Um es unschädlich zu machen, müßte man es beschwören oder – angeln. Jedenfalls ist es unheimlich. Nichts ist beunruhigender, als es zu sehen. Eine niedrige Stirne, Stumpfnase, platte Ohren, ein ungeheurer Mund, in welchem die Zähne fehlen, eine gräuliche Mundöffnung, ziegenartig gezeichnete Augenbrauen, große lustige Augen. Wenn falbe Blitze es beleuchten, ist sein Gesicht flammenroth, bei flammenrothen fahl. Er trägt einen starren triefenden Bart, der sich, viereckig gestutzt, auf einer pelzartigen Haut ausbreitet, welche vorn und hinten mit je sieben, also mit vierzehn Muscheln geziert ist. Diese Muscheln sind äußerst merkwürdig für den Kenner. Der König von Auxcriniérs ist nur bei hochgehender See sichtbar; er ist der finstere Possenreißer des Sturmes. Im Regen, Nebel, Wind erkennt man nur undeutlich, wie eine blasse Skizze, seine Formen. Sein Nabel ist häßlich. Ein Schuppenharnisch bedeckt seine Seiten und die Brust. Er erhebt sich über die zischenden Wogen des Meeres, welche sich unter den mächtigen Athemzügen des Sturmes bäumen und sich kräuseln wie Holzspähne unter dem Hobel des Tischlers. Seine Gestalt bleibt unberührt von dem Schaumspritzen, und wenn am Horizont Fahrzeuge erscheinen, welche ihren letzten Kampf mit den Wogen kämpfen, dann strahlt sein im Schatten fahles Antlitz im Glanz eines wüsten Lächelns und, das Antlitz in wahnwitzigem Schrecken verzerrt, beginnt er zu tanzen. Das ist ein böses Begegnen. Zu der Zeit aber, als Gilliatt den Leuten in St. Sampson zu reden gab, hatte der König von Auxcriniérs nur noch dreizehn Muscheln an seinem Barte. Wo war die vierzehnte geblieben? Hatte er sie verschenkt? Und wem hatte er sie geschenkt? Das wußte Niemand zu sagen. Man weiß nur, daß Herr Lupin-Mabier, ein höchst ansehnlicher Mann, dessen Besitzungen sehr hoch abgeschätzt waren, bereit war, eidlich zu erhärten, daß er in den Händen Gilliatt’s eine höchst merkwürdige Muschel gesehen habe.

Es war nichts Seltenes, zwei Bauern aus der dortigen Gegend Gespräche wie folgendes führen zu hören:

– Findet Ihr nicht, Nachbar, daß mein Ochse ein ganz prächtiges Thier ist?

– Zu aufgeschwemmt, Nachbar.

– Hm – könnt Recht haben.

– Nichts Solides – mehr Talg als Fleisch.

– Daß Dich das Wetter!

– Seid Ihr ganz sicher darüber, daß Gilliatt ihn nicht behext hat?

Gilliatt blieb zuweilen auf einem Feldweg bei den Ackersleuten und an den Gärten bei den Gärtnern stehen und sprach dann wohl mitunter geheimnißvolle Worte zu ihnen, z. B.:

– Wenn der Teufelsbiß blüht, schneidet den Winterroggen. (Der Teufelsbiß ist die sogenannte Scabiose.)

– Sobald die Esche Knospen treibt, giebt es keinen Frost mehr. Um die Sommersonnenwende blüht die Distel.

– Wenn es im Juni nicht regnet, bekommt das Getreide den weißen Rost.

– Wenn die Vogelkirsche grün wird, traut dem Vollmond nicht.

– Habt Acht auf das Thun und Treiben der Nachbarn, mit denen Ihr im Rechtsstreit lebt. Wenn ein Schwein heiße Milch trinkt, geht’s caput; und reibt man der Kuh die Zähne mit Lauch ein, so frißt sie nicht mehr und fällt.

– Frischer Schierling bewahrt vor den Fiebern.

– Wenn sich der Frosch zeigt, säet die Melonen.

– Säet die Gerste, wenn’s Leberkraut blüht.

– Wenn die Linde blüht, mähet die Wiesen.

– Wenn die Ulme blüht, werfet die Laichnetze aus.

– Blüht der Tabak, so schließt Eure Gewächshäuser.

Und schrecklich! Wer seinen Rath befolgte, befand sich wohl dabei.

Als er eines Abends in der Gegend von Demie de Fontenelle auf der Düne die Flöte blies, ging der Makrelen-Fang fehl.

Zur Zeit der Ebbe fiel in der Nähe seiner Wohnung ein Frachtwagen um. Wahrscheinlich aus Furcht vor polizeilicher Untersuchung, half er mit der ungeheuersten Anstrengung den Wagen wieder aufrichten, und belud ihn auch selber wieder mit dem herausgefallenen Seegras. Ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft hatte Läuse; da ging Gilliatt nach Saint-Pierre-Port, holte dort eine gewisse Salbe und rieb das Kind damit ein. Er befreite es von seinen Läusen; es ist also klar, daß Gilliatt sie ihr angehext hatte.

Alle Welt ist darüber einig, daß man einem Menschen Läuse anhexen kann.

Er hatte auch die Gewohnheit, die Brunnen in der Umgegend zu besichtigen; ein sehr gefährliches Unternehmen, wenn man » den bösen Blick« hat. Eines Tages wurde das Wasser eines Brunnens so trübe, daß die gute Frau, welcher derselbe gehörte, Gilliatt zu Rathe zog. Dieser besah das Wasser, welches die Frau ihm in einem Glase zeigte, und sagte: Es ist wahr, das Wasser ist trübe. Die gute Frau aber, welche ihm nicht traute, sagte zu Gilliatt: Macht, daß das Wasser wieder gut wird. Er richtete darauf folgende, höchst bedenkliche Fragen an die Frau: – Ob sie einen Stall habe? – Ob dieser Stall einen Abflußkanal habe? – Ob vielleicht dieser Abflußkanal sehr nahe bei dem Brunnen vorbeiflösse? – Die gute Frau sagte zu Allem: Ja.

Da ging Gilliatt in den Stall, machte sich an dem Kanal zu schaffen, leitete die Gosse ab, und das Wasser des Brunnens wurde wieder klar. Man dachte sich am Ort so Mancherlei. Ein Brunnen wird nicht, so mir nichts dir nichts, schlecht und dann wieder gut. Man fand die Verwandlung des Wassers sehr unnatürlich, und der Verdacht lag nahe, Gilliatt habe diesen Brunnen verhext.

Einmal, als er nach Jersey gegangen war, hatte man bemerkt, daß er in einem Hause Quartier genommen, welches in der Schatten-Straße stand. Schatten aber sind bekanntlich Gespenster.

In den Dörfern merken die Leute auf dergleichen Dinge. Sie erkundigen sich nach Allem. Die Erkundigungen werden zu einem Resultat zusammengeschmolzen: dieses bildet den Ruf eines Menschen.

Es kam vor, daß man Gilliatt überraschte, als ihm die Nase blutete. Das war eine wichtige Entdeckung. Ein Bootsmann, welcher fast die ganze Welt gesehen hatte, behauptete, daß bei den Tungusen alle Hexenmeister Nasenbluten hätten. Blutet also einem Menschen die Nase, so weiß man, was man von ihm zu halten hat.

Freilich machten einige vernünftige Leute die Bemerkung, daß, wenn bei den Tungusen die Zauberer auf diese Weise kenntlich wären, dieses in Guernesey nicht in demselben Grade der Fall zu sein brauchte.

Es war zu Michaelis, als man Gilliatt einmal auf einem mit der Heerstraße von Videclins in Verbindung stehenden Feldweg gewahrte. Man sah ihn auf einer Wiese Halt machen und hörte ihn pfeifen. Bald darauf ließ sich in seiner Nähe ein Rabe nieder und es dauerte gar nicht lange, so kam auch eine Elster. Diese Thatsache ist durch einen der glaubwürdigsten Zeugen verbürgt.

Auch waren in der Gegend von Guernesey alte Frauen, welche ganz deutlich gehört haben wollten, wie eines Morgens ganz früh einige Schwalben den Namen Gilliatt gezwitschert hätten. Dazu kam noch, daß Gilliatt ein schlechtes Herz haben mußte.

Ein armer Mann schlug einst einen störrischen Esel, der nicht vorwärts wollte. Als alle Püffe nichts fruchten wollten, gab er ihm mit seinen schweren Holzschuhen einige derbe Fußtritte in die Seiten, so daß der Esel fiel. Gilliatt eilte hinzu, um ihm wieder aufzuhelfen. Der Esel war todt. Gilliatt ohrfeigte den armen Mann.

Ein anderes Mal sah er einen kleinen Knaben von einem Baum herabsteigen, mit einem Nest voll neugeborener fast noch nackter Vögelchen. Gilliatt nahm dem Knaben das Nest aus der Hand und trieb die die Ruchlosigkeit so weit, es wieder dahin zu bringen, wo es der Bube gefunden hatte.

Als einige Vorübergehende ihm Vorwürfe machten, zeigte er statt aller Antwort auf den Baum, wo die Alten ängstlich schreiend das Nest ihrer Jungen umflatterten. Er hatte eine Liebhaberei für Vögel. Das ist ein Zeichen, woran man in der Regel die Zauberer erkennt.

Den Kindern macht es Spaß, die Nester der Seemöven an den steilen Küsten-Abhängen auszunehmen. Sie bringen ganze Massen blauer, gelber und grüner Eier mit nach Hause, welche sie als Zierde des Kamingesimses reihenweise aufpflanzen. Da die Abhänge steil und glatt sind, geschieht es leicht, daß Jemand ausgleitet, fällt und um’s Leben kommt. Nichts ist verlockender für ein Kind, als diese hübschen bunten Vogeleier auf dem Kamin. Was that Gilliatt, um den Kindern das unschuldige Vergnügen zu stören?

Er erkletterte mit eigener Lebensgefahr die höchsten Felsen und brachte Vogelscheuchen an den gefährlichsten Stellen an. So verhinderte er die Vögel, hier zu bauen, und die Kinder hinzugehen.

Darum war Gilliatt beinahe in der ganzen Gegend verhaßt. Wer wäre es nicht, wenn solche Gründe vorliegen?

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Fünftes Capitel. Andere zweideutige Seiten Gilliatts.

Man hatte zwar seine Meinung über Gilliatt, allein man war doch noch nicht ganz einig.

Die Meisten hielten ihn für einen »Marcou,« Einige aber gingen so weit, ihn für einen »Cambion« auszugeben. Ein Cambion ist der Sohn des Teufels und eines menschlichen Weibes.

Wenn eine Frau von einem Manne sieben männliche Kinder hinter einander zur Welt bringt, so ist das siebente ein Marcou. Die Reihe darf aber nicht durch die Geburt eines Mädchens unterbrochen sein.

Der Marcou hat an irgend einer Stelle seines Körpers das Zeichen der Lilie, welches ihm die Fähigkeit verleiht, die Scropheln eben so gut zu kuriren wie die Könige von Frankreich. Es giebt in Frankreich fast aller Orten Marcous, besonders um Orleans. Jedes Dorf in der Gegend von Gätin hat seinen Marcou. Er darf die Verwundeten nur anhauchen, oder von ihnen seine Lilie berühren lassen, so sind sie geheilt. In der Nacht des Charfreitag gelingen solche Operationen am besten. Ungefähr vor zehn Jahren lebte in Ormes ein Küfer – ein angesehener Mann, der Wagen und Pferde hielt – man nannte ihn nur den schönen Marcou, der einen ganz außerordentlichen Zuspruch hatte. Von Nah und Fern strömten aus der Umgegend die Leute in sein Haus. Man mußte, um seinen Wundern Einhalt zu tun, mit militärischer Gewalt einschreiten. Er hatte die Lilie unter der linken Brust. Andere haben sie anderswo.

Es giebt Marcous in Jersey, in Aurigny, in Guernesey. Dies kommt wohl daher, weil Frankreich Rechte auf die Normandie hat. Wozu wären sonst die Lilien?

Es giebt auch Scrophelnbehaftete auf den Inseln des Canals, was wiederum die Marcous nothwendig macht.

Als Gilliatt eines Tages in offener See badete, glaubten einige Anwesende die Lilie an seinem Körper zu bemerken. Als man ihn darüber befragte, lachte er, anstatt zu antworten. Ja, ja, Gilliatt lachte zuweilen, ganz wie ein anderer Mensch. Seit dieser Zeit jedoch badete er nicht mehr in offener See, sondern an versteckten einsamen Orten. Man vermuthete, daß er es des Nachts bei Mondenschein that. Wie dem aber auch sei: die Sache war sonderbar.

Diejenigen, welche darauf versessen waren, Gilliatt für einen Cambion, das heißt für einen Sohn des Teufels auszugeben, befanden sich offenbar im Irrtum. Sie hätten wissen müssen, daß es fast nur in Deutschland Cambions giebt. Allein in le Valls und St. Sampson waren vor fünfzig Jahren die Leute in der Wissenschaft noch sehr zurück.

Daß man aber in Guernesey einen Sohn des Teufels suchen wollte, war offenbar eine Phantasie.

Obgleich man Gilliatt fürchtete, suchte man doch seinen Rath. Mit einer gewissen inneren Unruhe, welche die Furcht erzeugte, befragten ihn die Bauern über ihre verschiedenen Krankheitsfälle. Diese Furcht schließt das Vertrauen nicht aus, im Gegentheil: je verrufener auf dem Lande ein Arzt ist, desto wirksamer sind seine Mittel. Gilliatt hatte seine eigenen Arzneien; sie waren ihm von der verstorbenen alten Frau übermacht worden; er half damit Allen, welche seine Hülfe begehrten, ohne sich dafür bezahlen zu lassen. Er heilte Nagelgeschwüre durch kühlende Kräuter; eine seiner Phiolen enthielt einen Saft, welcher das Fieber heilte; der Chemiker in St. Sampson, den man sonst Apotheker zu nennen pflegt, hielt diesen Saft für ein Decoct von Chinarinden. Selbst die böswilligsten Lästerer konnten nicht leugnen, daß Gilliatt, wenigstens was die Heilung der gewöhnlichen Krankheiten anbelangte, ein ziemlich guter Teufel war; wer aber seine Heilkünste als Marcou in Anspruch nehmen wollte, hatte einen weit schwierigeren Stand. Wenn sich ein Aussätziger meldete, welcher durch Berührung seiner Lilie Heilung suchte, so schlug er ihm ohne Umstände die Thür vor der Nase zu; Wunder durfte Keiner von ihm verlangen, zu solchen Sachen mochte er sich durchaus nicht verstehen – für einen Zauberer eine lächerliche Weigerung! Wenn Ihr kein Hexenmeister sein wollt, gut! Seid Ihr es aber einmal, so thut, was Eures Amtes ist!

Der allgemeine Widerwille hatte jedoch eine oder zwei Ausnahmen. Die eine dieser Ausnahmen bildete der Sieur Landoys, welcher die Stelle eines Schreibers in der Pfarrei des Hafens von Saint-Pierre bekleidete; ihm war das Register der Geburten, Heirathen und Todesfälle anvertraut. Besagter Herr Landoys war nicht wenig stolz darauf, sich für einen Abkömmling des Schatzmeisters Pierre Landoys halten zu dürfen, welcher im Jahre 1485 in der Bretagne gehängt worden war. Dieser Sieur Landoys hatte sich einmal beim Baden zu weit in die offene See gewagt, und schwebte in großer Gefahr zu ertrinken. Gilliatt rettete ihn mit Gefahr seines eigenen Lebens. Von diesem Tage an redete Landoys nichts Böses mehr über Gilliatt. Wenn man sich darüber verwunderte, antwortete er: Wie kann ich einen Mann verachten, der mir nichts zu Leide gethan und der mir einen so wichtigen Dienst geleistet? Der frühere Widerwille des Herrn Amtschreibers war nicht allein völlig gewichen, sondern hatte sogar einem gewissen Gefühl von Freundschaft Platz gemacht. Er war ein Mann ohne Vorurtheile. Er glaubte nicht an Zauberei. Er lachte über die Gespensterfurcht. Obgleich er, der den Fischfang als Liebhaberei trieb, oft Stunden lang in seinem Kahn auf dem Meere segelte, so war ihm doch noch niemals etwas begegnet, den einzigen Fall ausgenommen, daß er einmal eine weiße Frau im Mondenschein in das Meer springen sah; und auch das konnte er nicht als Wahrheit verbürgen, es mochte wohl eine Täuschung gewesen sein. Montonne Gahy, die Hexe von Torteval, hatte ihm ein kleines Säckchen gegeben, welches, auf der Brust getragen, vor den bösen Geistern schützen sollte; er lachte Ueber diesen Aberglauben, er hatte das Säckchen nicht einmal untersucht, wußte also gar nicht, was es enthielt; nichts desto weniger trug er es, weil er sich mit diesem Säckchen sicherer fühlte, auf der Brust.

Noch einige andere Leute von Muth hatten die Kühnheit, dem Vertheidigungs-Eifer des Sieur Landoys beizustimmen, indem sie durch Anführung gewisser mildernder Umstände den Stachel von Gilliatts bösem Leumund zu entkräften suchten. Wenn man auch Alles über ihn ergehen ließ, so mußten doch selbst seine erbittertsten Widersacher gelten lassen, daß es keinen mäßigeren und nüchterneren Menschen gab als Gilliatt. Man vermaß sich sogar zu der ungeheuer schmeichelhaften Frage: Wer ist so mäßig als Gilliatt? Er raucht nicht, er schnupft nicht, er trinkt nicht, er spielt nicht.

Nach der Meinung der Leute aber ist die Nüchternheit nur dann eine lobenswerthe Eigenschaft, wenn andere dazu kommen.

Die öffentliche Meinung war nun einmal gegen Gilliatt.

Wie dem aber auch sei, als Marcou konnte Gilliatt wesentliche Dienste leisten. Es erschien daher an einem gewissen Charfreitag um Mitternacht, an welchem Tag und zu welcher Stunde gewisse Wunderkuren unfehlbar waren, ein ganzes Heer Aussätziger im Gespensterhaus. Sie streckten flehend die Hände aus, entblößten ihre Wunden, und baten Gilliatt inständig, er möchte ihnen helfen. Er schlug es ab. Jetzt war man über seine Schändlichkeit im Klaren.

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Sechstes Capitel. Ein altmodisches Schiff.

So war Gilliatt.

Die Mädchen fanden ihn häßlich. Er war es nicht; er war vielleicht das Gegentheil. Er hatte in seinem Profil etwas von einem antiken Barbaren. In Momenten der Ruhe glich er einem der Dacier auf der Säule des Trajan. Seine Ohren waren klein, von zierlicher Form und durch die Abwesenheit sogenannter Ohrlappen, wie durch einen bewunderungswürdig akustischen Bau ausgezeichnet. Zwischen den Augenbrauen hatte er jene stolze Linie, welche den kühnen und beharrlichen Mann verräth. Seine Mundwinkel waren herabgezogen, ein Kennzeichen der Schwermuth und Melancholie. Die Wölbung seiner Stirn war edel und klar, sein Auge offen und frei, obgleich die Ruhe seines Blickes öfter durch jenes Zucken der Lider unterbrochen wurde, welches den Fischern eigen ist; eine Erscheinung, die das wechselnde Licht der Wogen erzeugt. Sein Lachen war kindlich und reizend. Man konnte nichts Schöneres sehen als seine blendend weißen Zähne. Aber die Sonne hatte einen Neger aus ihm gemacht. Nicht ungestraft setzt man sich Tag und Nacht den Stürmen und Wettern des Oceans aus; obgleich erst dreißig, glich er einem Mann von fünfundvierzig Jahren. Er trug die dunkle Maske des Sturmes und der See.

Man nannte ihn Gilliatt, den Schelm.

Eine indische Fabel erzählt: Eines Tages frug Brâhma die Stärke: »Wer ist noch stärker als Du?« Sie antwortete: »Die Gewandtheit.« Ein chinesisches Sprichwort sagt: »Was vermöchte nicht der Löwe, wenn er ein Affe wäre?« Gilliatt war weder Löwe noch Affe; allein die indische Fabel und das chinesische Sprichwort paßten auf das, was er that, und wie er es that. Nur mittelmäßig groß und mit nur gewöhnlichen Körperkräften begabt, war er dennoch im Stande, Riesenlasten zu heben und Athletenwerke zu leisten. Keiner wußte wie er, durch Erfindungsgabe, durch Klugheit und Geschicklichkeit die Wirkungen der Kraft zu erzielen.

Ihm war die Gymnastik angeboren; er bediente sich mit gleicher Leichtigkeit der linken wie der rechten Hand.

Er war kein Jäger, aber ein Fischer. Die Vögel schonte er, doch nicht die Fische. Wehe den Stummen! Auch war er ein trefflicher Schwimmer.

Die Einsamkeit bildet Talente und Blödsinnige. Gilliatt konnte für Beides gelten. Er hatte zuweilen ein »erzdummes« Aussehen, dann aber hatte er wieder einen bezaubernd tiefen Blick. Im alten Chaldäa gab es solche Menschen; in gewissen Stunden leuchteten Magier durch die undurchsichtige Hülle des Hirten.

In Wahrheit war Gilliatt nichts weiter als ein armer Mensch, der lesen und schreiben konnte. Er stand auf der Grenze, welche den Träumer vom Denker scheidet. Der Denker will, der Träumer läßt sich leiten. Gesellt die Einsamkeit sich zur Einfalt, so vervollkommnet sie dieselbe. Sie erfüllt sie ohne ihr Wissen mit einem heiligen Grauen. Der Schatten, welcher Gilliatts Geist umhüllte, war aus zwei verschiedenen, doch in ihrer Stärke fast gleichen Elementen zusammengesetzt; in ihm war Unwissenheit, Schwäche, außer ihm das Geheimniß, die Unendlichkeit.

Das Inselmeer hatte ihn mit seinen tausendfältigen Gefahren, denen er muthig die Stirn bot, wenn er die steilen Felsen erkletterte und sich im Sturme bei Tag und Nacht dem Untergang Preis gab, indem er das erste beste Fahrzeug regierte, ohne sein Wissen und Wollen zu einem bewunderungswürdigen Seemann gemacht.

Er war ein geborener Lootse. Der Lootse ist ein Seemann, der mehr nach dem Grund, als nach der Oberfläche fragt. Die Woge ist eine räthselhafte Fläche, deren Gestalt fortwährend wechselt nach den Formen des Meergrundes, über welchen das Fahrzeug dahingleitet. Wenn man Gilliatt durch die Wasserberge und Felsenriffe des normännischen Archipelagus sich wie eine Wasserschlange winden sah, schien es, als ob unter der Wölbung seiner Stirn die Karte des Meeresgrundes verborgen wäre. Er kannte Alles und überwand Alles. Er kannte die Baken besser als die Seeraben, welche sich darauf setzen. Die unmerklichen Unterschiede, durch welche jeder einzelne der vier mit Pfählen gespickten Leinpfade der Creux, der Alligande, der Tremies und der Sardrette sich auszeichnet, waren für ihn im Nebel und selbst in der Dunkelheit der Nacht vollkommen klar und erkennbar.

Seine Seemannskunst bewährte sich glänzend bei Gelegenheit eines Schifferstechens, welches in Guernesey eines Tages stattfand. Man hatte nämlich die Aufgabe gestellt, ganz allein ein Schiff mit vier Segeln von St. Sampson bis zu der Insel Herm, – zwei Orte, welche zur See eine Meile weit von einander entfernt liegen – und wieder zurück zu führen. Das Lenken eines Schiffes mit vier Segeln ist für einen geübten Seemann nun gerade keine Hexerei. Die Schwierigkeit bestand aber erstens in dem zu regierenden Schiffe selber, welches eine jener breiten, schweren, kolossalen Schaluppen war, die aus Holland stammen und welche die Seeleute des vorigen Jahrhunderts » Holländische Bäuche« nannten. Man begegnet noch heute auf offener See solchen altmodischen Schiffsmodellen. Sie sind bausbäckig, flach, sie haben am Backbord und Steuerbord zwei Flügel, die den Schiffskiel vertreten. Die zweite Schwierigkeit war der Rückweg von Herm, wo das Schiff mit einer schweren Ladung Steine versehen wurde. Leer stach es in See, schwer beladen kam es zurück. Der Preis des Schifferstechens war eben diese Schaluppe. Der Sieger behielt sie. Dieser dickbäuchige Holländer wurde früher zum Lootsendienste benutzt. Der Lootse, welcher ihn zwanzig Jahre lang führte, war der kräftigste Seemann im Canal; als er starb, blieb das Schiff herrenlos, weil kein Anderer es zu regieren im Stande war, daher man denn auf den Gedanken kam, es zum Preis eines Schifferstechens zu machen. Das Schiff, obgleich mit keinem Verdeck versehen, hatte nichts desto weniger seine dem Kundigen erkennbaren Vorzüge. Es war nach vorn mit einem Maste versehen, was die Triebkraft des Segelwerkes vermehrte. Es hatte ein festes Gerippe, schwer, aber breit und hielt gut die weite See; es war so ein rechtes Sonntagsschiff. Es schien den Appetit der Seeleute sehr zu reizen; denn es entspann sich ein reger Wettkampf um den Besitz desselben. Sieben oder acht Fischer, die kräftigsten auf der Insel, waren als Kämpfer um den Preis in die Schranken getreten. Sie versuchten Alle nach einander ihr Heil, aber kein Einziger von ihnen erreichte Herm. Der Letzte, welcher es versuchte, war als kühner Wagehals bekannt, der einmal bei Sturm und Wetter den gefährlichen Engpaß zwischen Serk und Brecq-Hon in einem Kahne, und nur von dem Ruder Gebrauch machend, durchschifft hatte. Wie gebadet im Schweiße fruchtloser Anstrengung brachte er den dickbäuchigen Holländer zurück und sagte: Es ist unmöglich! Nun war die Reihe an Gilliatt, sein Glück zu versuchen. Er bestieg das Fahrzeug, stach in See und erreichte Herm nach einem Zeitraum von drei viertel Stunden. Nach drei Stunden brachte er das Schiff mit seiner schweren Ladung nach Sampson zurück. Das Fahrzeug war zum Ueberfluß noch mit der kleinen Kanone von Bronze beladen, welche die Bewohner von Herm alljährlich am fünften November, dem Todestag von Guy Fawkes abzufeuern pflegten.

Guy Fawkes war, beiläufig gesagt, vor zweihundert sechszig Jahren gestorben; die Freude über seinen Tod war also von sehr altem Datum.

Gilliatt erreichte St. Sampson ungeachtet der Kanone des Guy Fawkes, und ungeachtet eines conträren Südwindes, welcher sich bei der Rückfahrt erhoben hatte.

Als ein gewisser Mess Lethierry, von welchem später die Rede sein wird, das beladene Fahrzeug ankommen sah, rief er begeistert aus: Das nenne ich mir einen Seemann!

Er reichte Gilliatt die Hand. Die Schaluppe wurde demselben feierlichst zugesprochen.

Trotz dieser Heldenthat behielt er seinen Beinamen: der Schelm.

Einige Leute suchten das Wunder durch die Vermuthung zu erklären, daß Gilliatt irgendwo in diesem Schiffe einen wilden Mispelzweig verborgen habe; denn wie sollte gerade er, der doch kein Seemann war, etwas vollbringen können, was erfahrene Schiffskundige nicht vermochten? Nein, es war nicht möglich, es mußte Zauberei im Spiel sein.

Seit jenem Tage hatte Gilliatt kein anderes Fahrzeug mehr in Gebrauch, als diese altmodische holländische Schaluppe. Sie diente ihm sogar zum Fischfang. Er brachte sie in jenem, ihm allein gehörenden kleinen Hafen neben seinem Hause unter. Wenn es donnerte, warf er seine Netze über den Rücken, schritt durch den Garten, setzte dann über eine Brustwehr trockener Steine, und von einem Felsen zu dem andern springend, erreichte er sein Fahrzeug und stach in See.

Er brachte stets reiche Beute mit nach Hause. Die Leute meinten, dies auffallende Glück im Fischfange schreibe sich daher, daß er noch immer den Mispelzweig in der Schaluppe verberge; es hatte ihn indessen Keiner dort entdeckt.

Seinen Ueberfluß an Fischen verkaufte Gilliatt nicht, sondern er verschenkte ihn.

Die Bedürftigen nahmen seine Fische an, waren aber nichts desto weniger empört über die Hexerei mit dem wilden Mispelzweig. Das ist sündlich, sagten sie; man darf das Meer nicht um sein Eigenthum betrügen.

Gilliatt war Fischer; aber er trieb nicht allein den Fischfang, sondern auch noch manche andere Dinge zum Zeitvertreib. Er war auch Tischler, Schmied, Wagner, Schiffs-Zimmermann und sogar auch ein wenig Mechanikus. Er hatte eine angeborene Geschicklichkeit zu allen Dingen und trieb diese verschiedenen Handwerke, ohne sie gelernt zu haben, zum Vergnügen. Keiner konnte ein so gut gearbeitetes Rad liefern als er. Alle seine Fischerwerkzeuge verfertigte er sich selbst. Er hatte in einem Winkel seines Hauses eine vollständige kleine Schmiedewerkstätte eingerichtet. Seine Schaluppe hatte nur einen Anker; er fertigte ohne die Hülfe eines Arbeiters und ohne jede Anweisung einen zweiten, der ganz vortrefflich war, und er verstand die Größe und Stärke des Ankerstocks so zu berechnen, daß ein Umschlagen des Schiffes nicht möglich war.

Er hatte mit großer Geduld alle eisernen Nägel aus den Schiffsplanken gezogen und sie durch hölzerne ersetzt, wodurch er die gefährlichen Rostlöcher unmöglich machte.

Auf diese Weise hatte er seinen »Holländer« noch weit seetüchtiger gemacht. Er machte auf demselben von Zeit zu Zeit kleine Streifzüge und brachte oft monatelang auf irgend einer einsamen Insel zu. Dann sagten die Leute, Gilliatt ist fort; Keiner aber nahm sich seine Abwesenheit besonders zu Herzen.

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Siebentes Capitel. Ein sonderbarer Mensch in einem sonderbaren Haus.

Gilliatt war ein Träumer. Aus seiner Träumerei entsprang sowohl seine Kühnheit wie seine Schüchternheit. Er hatte seine Gedanken für sich.

Er hatte etwas von einem Geisterseher, etwas von einem Illuminaten. Jeder Bauer kann eben so gut Geisterseher sein, wie König Heinrich IV. Der geheimnißvolle Schleier, welcher die Welt des Unbekannten vor den Blicken der Erdbewohner verhüllt, öffnet sich zuweilen, wenn auch nur für Augenblicke. Der dichte Schatten, welcher das Unsichtbare birgt, lüftet sich plötzlich, um sich dann wieder zu schließen. Solche Visionen verklären zuweilen die Menschen, welchen sie verliehen sind. Sie machen aus einem Kameeltreiber einen Mahomed und aus einer Hirtin eine Johanna d’Arc. Es giebt gewisse erhabene Geistesverirrungen, welche die Einsamkeit erzeugt. Sie sind der Rauch des flammenden Dornbusches. Aus ihnen entsteht ein geheimnißvolles Zittern der Gedanken, welches den Arzt zum Hellseher, den Dichter zum Propheten erhebt. Es hat Horeb, Cedron, Ombos, Peleïa in Dodonaien, Phemonoë in Delphis, Trophonius in Lebadea, Ezechiel auf dem Kebar, Hieronimus in der thebischen Wüste hervorgebracht.

Gewöhnlich wirkt der Zustand des Hellsehens betäubend auf den Menschen. Es giebt einen heiligen Stumpfsinn. Der Fakir ist mit seiner Vision behaftet, wie der Cretin mit seinem Kropf. Luther, der auf der Wartburg dem Teufel sein Dintenfaß an den Kopf warf, Pascal, der sich mit seinem Bettschirm vor dem Fegefeuer geschützt, der Negerpriester, der mit dem weißen Gotte Bossum spricht – alles dieselbe Erscheinung, die sich nach der Verschiedenheit der Intelligenz verschiedenartig gestaltet. Luther und Pascal sind und bleiben große Männer; der Negerpriester ist ein Wahnwitziger.

Gilliatt war weder das Eine noch das Andere. Er war ein Träumer; weiter nichts.

Es waren ihm im Meerwasser zuweilen sonderbare medusenartige Thierformen verschiedenster Gestaltungen und Größe aufgefallen, die außerhalb des Wassers wie weicher Krystall aussahen und welche, wieder in das Wasser geworfen, demselben an Farbe und Durchsichtigkeit so vollkommen ähnlich waren, daß ihre eigenthümlichen Formen ganz verschwanden und sie wie aufgelöst in der Allgemeinheit des Elementes erschienen. Gilliatt schloß daraus, daß, wie im Wasser, so auch wohl in der Luft lebendige Wesen existiren könnten, deren Gestaltungen mit dem Element so verschmolzen seien, daß man ihre besondere Erscheinung nicht unterscheiden könne. Die Vögel sind nicht die Bewohner der Luft, sie sind ihre Amphibien. Gilliatt glaubte nicht an die Leere der Luft. Er sagte: Wie sollte die Luft leer sein, wenn das Meer voll von unsichtbaren Wesen ist? Sollten nicht auch in der Luft Wesen existiren, deren Gestaltung wir nicht wahrnehmen können, weil sie aus demselben Element gebildet, welches sie bewohnen? Die Analogie deutet darauf hin, daß die Luft ebenso gut ihre Fische habe wie das Meer die seinigen, nur sind diese Fische Luftfische, durchsichtig und anscheinend körperlos wie das Element, das sie bewohnen; das hat zu ihrem und zu unserem Wohl die göttliche Vorsehung so eingerichtet; das Licht des Tages durchdringt ihre ätherischen Körper ohne einen Schatten zu bilden; das ist der Grund, warum wir sie nicht sehen. Gilliatt bildete sich ein, daß, wenn man die Atmospäre, das Luftmeer wie das Wassermeer behandeln, wenn man dieses Meer wie ein anderes befahren, und Netze darin auswerfen könnte, man eine Fülle der wunderbarsten Wesen finden würde. Und, setzte Gilliatt träumerisch hinzu, es würden viele Dinge offenbar werden, die unserem begrenzten Menschenauge sich entziehen.

Die Träumerei ist der Gedanke im nebelhaften Schlummerzustand. Die Luft, mit durchsichtigen lebenden Wesen gefüllt, das wäre der erste Blick in jene unbekannte Welt der Wunder. Aber die Voraussetzung dieser einen Möglichkeit, wie vielen anderen Möglichkeiten und Voraussetzungen öffnet sie nicht die Thore! Wo andere Wesen sind, als die uns bekannten, da ist auch eine andere Welt. Keine übernatürliche Welt, nein, nur die verborgene geheimnißvolle Fortsetzung der unendlichen Natur. Gilliatt, der seine Zeit mit diesem geschäftigen Müßiggang träumerischen Denkens ausfüllte, welches das Wesen seiner Existenz geworden war, Gilliatt war ein wunderlicher Forscher. Er ging so weit, sogar den Schlaf zu beobachten und den geheimnißvollen Organismus seiner Erscheinungen zu sondiren. Der Traum berührt das Mögliche, welches wir auch das Unwahrscheinliche nennen. Die Welt der Nacht ist eine solche, die mit der des Tages nichts gemein hat. Die Nacht ist ein Universum für sich. Der materielle Organismus des Menschen, auf welchem der Druck einer fünfzehnhundert Meilen hohen Luftsäule lastet, ermüdet, wenn der Abend kommt. Der Mensch wird matt, er legt sich nieder und ruht aus. Die Augen des Körpers schließen sich. In diesem Zustand der Betäubung und scheinbarer Trägheit oder gänzlicher Abwesenheit des Geistes öffnen sich innere Augen, die Blicke des Schläfers richten sich auf eine andere, unbekannte Welt. Die dunkeln Dinge dieser ungekannten Welt nähern sich dann dem Menschen. Diese Annäherung ist eine wirkliche oder visionaire. Es scheint, daß die unsichtbar im Weltraum Lebenden dann zu uns kommen, um uns, die Erdbewohner, neugierig zu betrachten; es steigen Phantome im Halbdunkel des Traumes zu uns heraus und hinab. Vor unserem geistigen Auge verwickeln und entwickeln sich die Bilder eines neuen unbekannten Lebens, welche uns unser eigenes Ich selbst in Verbindung mit andern unbekannten Wesen zeigen. Der Schläfer aber sieht mit dem halb umflorten Blick seines Bewußtseins jene seltsamen Thiergestalten, jene wunderbaren Pflanzen, Gespenster, Larven, jene schrecklichen oder lieblichen Gestalten, jenes verworrene Kaleidoskop der sonderbarsten Erscheinungen, jenes Mondlicht ohne Mond, jene dunkeln sich in Räthsel auflösenden Räthsel, jenen plötzlichen Wechsel der Gestaltungen, das ganze unergründliche Geheimniß, welches wir Traum nennen und welches doch nichts Anderes ist, als das Nahen einer unsichtbaren Wirklichkeit. Der Schlaf ist das Aquarium der Nacht.

So grübelte Gilliatt.

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Achtes Capitel. Der Felsen-Stuhl.

Man würde sich heute umsonst bemühen, in der Bucht von Houmet das Haus Gilliatts, seinen Garten und den Hafen zu finden, in welchem er seine Schaluppe bewahrte. Das Gespensterhaus existirt nicht mehr. Das Haus auf der Landzunge fiel durch die Spitzhacken der Felsensprenger. Die Schiffe der Granithändler wurden mit seinen Trümmern beladen. Aus diesen Steinen wurden Quais, Kirchen, Paläste in der Hauptstadt gebaut. Der ganze Klippenkamm ist schon seit langer Zeit nach London gewandert.

Diese in das Meer ragenden Felsen mit ihren Sprüngen, Rissen und Einschnitten sind wahrhafte kleine Bergketten. Man hat, wenn man sie sieht, etwa den Eindruck, den ein Riese beim Anblick der Cordilleren haben würde. In der Landessprache werden sie Bänke genannt. Diese Bänke bieten verschiedene Gestaltungen und Formen. Einige sehen aus wie ein Rückgrat, andere wie Wirbelbeine; diese wie Fischgräten, jene wie trinkende Krokodile.

An der äußersten Spitze der Felsenbank am Gespensterhaus, befand sich das sogenannte Kuhhorn, ein Name, welchen die Fischer von Houmet einem großen pyramidenförmigen Felsen gegeben hatten, der, wenn auch von weniger beträchtlicher Höhe, viele Aehnlichkeit mit der sogenannten Zinne von Jersey hatte. In der Zeit der Flut wurde er von der mit ihm zusammenhängenden Felsenkette der Bank abgeschnitten und stand vereinzelt im Meer. Während der Ebbe war es möglich ihn zu ersteigen. Die Meerseite dieses Granitkolosses bot dem Auge des Beschauers eine ganz besondere Merkwürdigkeit dar. Die Arbeit der Wogen hatte nämlich auf diesem Felsen eine Art Stuhl gezimmert, den der Regen sehr glatt polirt hatte. Dieser Stuhl war ein tückischer Verräther. Es schien, als habe ihn die Natur eigens zu dem Zweck gemacht, um dem Bewunderer eine Stelle zu gewähren, von wo aus er die herrliche Gegend überschauen könne; er war um so verführerischer, als er den Naturschwärmer mit einer unwiderstehlich verlockenden Gewalt zu sich empor zog. Es liegt ein großer Reiz in weiten Fernsichten. Der Stuhl bildete eine Art Nische in der zackigen Felsenwand, und es war nicht allzuschwer, diese Nische zu erklettern. Das Meer, welches für den Bewunderer seiner Schönheit einen Stuhl in diese Nische gestellt, hatte auch durch treppenartig angeschwemmte Granitblöcke dafür gesorgt, daß der Naturfreund dieselbe ohne allzugroße Anstrengung, ja mit einer gewissen Bequemlichkeit erreichen konnte. Der Abgrund ist wohl höflich und zuvorkommend; man darf aber seiner Höflichkeit nicht trauen. So ein Plätzchen, welches die Natur an mancher Stelle wie ein Schild ausstellt, auf dem geschrieben steht: »Zur schönen Aussicht,« ist sehr verführerisch. Und dieser Felsenstuhl war ganz besonders einladend. Er lockte unwiderstehlich, man mußte ihn erklettern! Man erkletterte ihn, setzte sich darauf und genoß der entzückendsten Aussicht. Den Sitz dieses merkwürdigen Stuhles hatte der Meeresschaum geglättet und gerundet; seine Lehne bildeten zwei Krümmungen, welche sich an der Felsenwand bis an den Gipfel des sogenannten Kuhhorns hinaufzogen. Man bewundert die kolossale Stuhllehne über seinem Haupt, ohne daran zu denken, daß das Ersteigen dieser äußersten Felsenspitze unmöglich ist. Der Stuhl hat das Eigentümliche, daß man alle diese Dinge und sich selber auf ihm vergißt. Man hat an andere Dinge zu denken; die Aufmerksamkeit ist durch die herrliche Fernsicht gefesselt. Der Blick über den weiten Wasserspiegel ist unbegrenzt. Das weite Meer, auf welchem so viele Schiffe kreuzen, die das Auge verfolgen kann, bis sie wie kleine Punkte sich hinter den Casquets in der Rundung des Oceans verlieren, bezaubert und berückt uns. Die erquickende Meerluft umschmeichelt die Wangen des Wanderers und spielt mit seinen Haaren – o, es ist ein Genuß, eine wahre Herzensfreude! – In der Gegend von Cayenne giebt es eine Fledermaus, die sehr wohl weiß, warum sie Dich mit dem sanften Wesen ihres Flügelschlages einschläfert. Der Wind ist eine solche unsichtbare Fledermaus: wenn er nicht fortreißt, so schläfert er ein. Der Wanderer betrachtet das Meer, belauscht den Wogenschlag, vernimmt das Rauschen des Windes. Unmerklich wird er vom Entzücken eingeschläfert. Ist das Auge von einem Uebermaß von Glanz und Schönheit erfüllt, dann ist es eine Wollust, es zu schließen. Plötzlich erwacht man. Es ist zu spät! Die Flut ist allmälig gewachsen. Das Wasser hat den Felsen bedeckt. Man ist verloren.

Entsetzliche Belagerung durch die steigende Flut!

Anfangs bilden die Wogen nur kleine Hügel; unmerklich steigen sie höher; und wenn sie die Höhe der Felsen erreicht haben, rasen sie und schäumen vor Wuth. Nur in seltenen Fällen gelingt die Rettung; die gewandtesten Schwimmer wurden am Kuhhorn in der Nähe des Gespensterhauses von den Wogen verschlungen.

Zu gewissen Zeiten und an gewissen Stellen in das Meer zu schauen, ist tödtlich. Fast so tödtlich wie mitunter, in das Auge eines Weibes zu schauen!

Die ältesten Bewohner von Guernesey nannten diesen von den Wogen des Meeres gemeißelten Felsenstuhl: Gild-Holm-‚Ur, oder Kidormur. Es ist dieses ein celtischer Ausdruck, dessen Sinn dem der celtischen Sprache Unkundigen entgeht, jedoch dem Franzosen verständlich ist. » Qui-dort-meurt.« Das Idiom des Landes hat diesen Namen in Kidormur verwandelt.

Es steht Jedem frei zwischen der Uebersetzung: Qui-dort-meurt und jener zu wählen, welche im Jahre 1819 ein Gelehrter aus der Bretagne, ein gewisser Herr Athenas, lieferte. Dieser ehrenwerthe Sprachkundige übersetzte die celtische Benennung: Gild-Holm-‚Ur: Halte-Platz der Vögelschwärmer.

Es existirt auch in Aurigny ein solcher Stuhl, den man den Mönchs-Stuhl nennt. Die Wogen haben ihn so sauber gemeißelt und mit einem so künstlichen Granit-Betpult versehen, als wollten sie dem Anbeter der Naturschönheiten einen Schemel unter die Kniee schieben.

Zur Zeit der Fluth verschwand der Stuhl von Gild-Holm-‚Ur ganz in den Wogen. Das Wasser machte ihn unsichtbar.

Dieser Felsenstuhl war ein Nachbar des Gespensterhauses. Gilliatt kannte ihn genau. Er besuchte ihn oft, und setzte sich auf denselben. Dachte er nach? Nein, Gilliatt dachte nicht, er träumte; doch ließ er sich niemals von der Fluth überraschen.