Drittes Buch.


I.

Die Bartholomäusmetzelei.

Die Kinder wachten auf.

Zuerst die Kleine.

Das Erwachen eines Kindes ist das Aufgehen einer Blume; so ein frisches Seelchen atmet Duft.

Georgette, das Jüngste von den Dreien, das erst anderthalb Jahre alt, noch im Mai von der Mutter gestillt wurde, erhob das Köpfchen, setzte sich in der Wiege aufrecht, betrachtete seine kleinen Füße und fing zu plaudern an.

Beim Sonnenstrahl, der gerade auf die Wiege fiel, hätte es schwer gehalten, zu entscheiden, wer von beiden rosiger sei, Georgettes Füßchen oder der junge Morgen.

Die zwei anderen schliefen noch; freilich, kleine Mannsleute sind schwerfälliger; Georgette aber plauderte stillvergnügt vor sich hin.

René-Jean war braun, Gros-Alain etwas lichter und Georgette blond; bei Kindern hat oft jedes Alter seine Haarfarbe, die sich mit den Jahren ändert. Beide Fäuste gegen die Augenhöhlen gestemmt, lag René-Jean auf dem Bauch wie ein kleiner Herkules und Gros-Alain ließ im Schlaf seine Beinchen auf den Fußboden hinaushängen.

Alle Drei waren in Fetzen, denn die Kleider, die ihnen das Bataillon Bonnet-Rouge gegeben hatte, waren in die Brüche gegangen. Sie hatten kaum mehr Hemdchen an; die zwei Knaben waren halbnackt und Georgette steckte in einem zerlumpten Etwas, das einmal ein Röckchen gewesen und jetzt fast nur ein Leibchen war. Wer nahm sich dieser Kleinen an? Niemand. Eine Mutter war nicht da und die wilden Bauernsoldaten, die sie aus einem Wald in den andern mitschleppten, gaben ihnen von ihrer Suppe zu essen; im Uebrigen mochten die Kinder eben schauen, wie sie zurecht kamen. In Jedem hatten sie einen Herrn gefunden, in Keinem einen Vater. Aber Kindern stehen selbst die Fetzen hübsch und die Kleinen waren reizend.

Georgette plauderte immer darauf los. Kinderplaudern oder Vogelsang, es ist dasselbe undeutlich gestammelte, tiefsinnige Lied; nur hat das Kind außerdem noch das düstere Menschenloos vor sich, und darum schauert auch schon in der Freude des zwitschernden Kleinen ein wehmüthiges Ahnungslauschen auf. Die Erde hat keinen Hymnus, der erhabener wäre als so ein Lallen der menschlichen Seele von Kinderlippen. In einem verworrenen Hinsäuseln eines Gedankens, der sich noch nicht zum Bewußtsein verdichtet hat, liegt gewissermaßen ein unwillkürlicher Aufschrei zur ewigen Gerechtigkeit, vielleicht wohl ein Erbangen vor dem Uebertreten der Lebensschwelle, ein demüthig herzrührender Hilferuf. Diese Unschuld, die dem Unendlichen entgegenlächelt, macht die ganze Schöpfung verantwortlich für das spätere Schicksal, das sie dem schwachen, wehrlosen Wesen bereiten wird, ja, beschuldigt sie sozusagen eines Mißbrauchs des Vertrauens, wenn sie ihm eine unglückliche Zukunft in die Wiege legt.

Das Gelispel des Kindes steht unter und über dem Wort; es besteht nicht aus Silben und doch ist es ein Gesang; es besteht nicht aus Silben und doch ist es eine Sprache; dieses Lispeln stammt noch vom Himmel her und wird auch auf Erden nicht aufhören; vor der Geburt hat es begonnen und klingt jetzt weiter; es ist eine Fortsetzung. Dieses Stammeln enthält, was das Kind als Engel sagte und was es sagen wird als Mensch; die Wiege hat ihr Gestern, wie das Grab seinen Morgen, und dieses doppelt unergründliche Gestern und sein Morgen verschmilzt in dem räthselhaften Gezwitscher. Für Gott, für das Ewige, für unsere Verantwortlichkeit, für unser Doppelwesen, spricht nichts so laut wie jene schauervollen Schatten in einer rosigen kleinen Seele.

Was Georgette jetzt vor sich hinlallte, stimmte sie indessen nicht traurig, denn ihr ganzes niedliches Gesichtchen war ein Lächeln, ein Lächeln ihres Mundes, ein Lächeln ihrer Augen, ein Lächeln der Grübchen in ihren Wangen, und aus diesem Lächeln nickte es wie ein geheimnißvolles Inempfangnehmen des Lebensmorgens, wie ein vertrauensseliges Aufgehen der Seele im Strahlenden: unter dem blauen Himmel, in der lauen Luft, war es ja so schön. Ohne von etwas zu wissen, ohne etwas zu erkennen oder zu begreifen, wohlig gewiegt in gedankenlosem Hinträumen, fühlte sich das zerbrechliche Geschöpf geborgen in dieser Natur, zwischen den ehrlichen Bäumen, dem treuherzigen grünen Laub, in dieser klaren, friedlichen Gegend, mitten in dem bunten Treiben der Vögel, der Quellen, der Fliegen und windbewegten Blätter, über dem die strahlenmilde Unschuld der Sonne leuchtete.

Zunächst erwachte René-Jean, der Aeltere, der Große, der schon ins fünfte Jahr ging. Er setzte sich aufrecht, schwang sich mannhaft aus seiner Wiege, erblickte, was er für ganz selbstverständlich hielt, seine Schüssel und machte sich, am Boden kauernd, über die Suppe her.

Durch Georgette’s Plaudereien war Gros-Alain nicht geweckt worden; aber beim Klappern des Löffels fuhr er aus dem Schlaf und riß beide Augen auf. Gros-Alain, »der dicke Alain«, war der Dreijährige. Auch er sah seine Suppe, streckte die Hand danach aus, nahm sie zu sich ins Bettchen und begann wie sein Bruder die Schüssel, die er mit der einen Faust auf seinem Schooß festhielt, tapfer zu bearbeiten.

Georgette hörte die Beiden nicht und schien sich durch das eigene Hin- und Herwogen ihrer Stimme in Traum zu lullen. Mit weitgeöffneten Augen schaute sie in die Höhe und sah himmlisch dabei aus; einerlei zu welcher Decke oder zu welchem Gewölbe ein Kind emporblickt, was sich in seinen Augen spiegelt, ist immer der Himmel.

Als René-Jean zu Ende war, scharrte er mit dem Löffel noch in der Schüssel herum, seufzte und äußerte dann würdevoll: Ich bin fertig mit meiner Suppe.

Das riß auch Georgette aus all ihren Träumen: Tuttuppe, sagte sie, und nachdem sie den mit Essen fertigen René-Jean und den noch essenden Gros-Alain betrachtet, langte sie nach ihrer Schüssel und machte sich ans Werk, allerdings mit weniger Virtuosität als die Knaben, denn sie führte viel öfter den Löffel zum Mund als diese; von Zeit zu Zeit gab sie sogar aller höheren Kultur den Laufpaß und aß mit den Fingern.

Nachdem Gros-Alain am Boden seiner Schüssel gescharrt hatte wie René-Jean, lief er auf seinen Bruder zu und sprang hinter ihm her.

II.

Plötzlich ertönte draußen, unten vom Wald her, eine strenge, gebieterische Fanfare, welcher oben vom Thurm herab das Horn antwortete.

Dies Mal begann die Trompete das Gespräch, und das Horn ging darauf ein. Nachdem das Signal von beiden Seiten wiederholt worden, erhob sich im Wald eine Stimme, die laut vernehmlich aus der Ferne herüberrief:

– Ihr Räuber, entscheidet! Vor Abend Uebergabe auf Gnade und Ungnade oder wir stürmen.

– Stürmt, dröhnte es vom Thurm zurück.

– Ein Kanonenschuß, fuhr die Stimme von unten fort, wird Euch zum letzten Mal ermahnen, eine halbe Stunde bevor wir stürmen.

– Stürmt, erwiderte die Stimme von oben.

Die Stimmen tönten nicht bis zu den Kindern herüber, wohl aber der Schall der Trompete und des Horns. Bei den ersten Trompetenklängen schaute Georgette von ihrer Schüssel auf und stellte das Essen ein; bei der Antwort des Horns ließ sie den Löffel in die Suppe fallen, folgte, das Zeigefingerchen ihrer rechten Hand abwechselnd erhebend und wieder senkend, dem Takt der Trompetenfanfare, die durch das einfallende Horn fortgesetzt ward, und als Horn und Trompete verstummten, blieb sie regungslos mit aufrechtem Finger sitzen und murmelte nachdenklich vor sich hin: Midik; so hieß nämlich in ihrer Sprache die Musik.

Die Knaben hatten Horn und Trompete nicht beachtet; sie waren von einer Assel, die eben querüber durch die Bibliothek lief, viel zu sehr in Anspruch genommen. Gros-Alain erblickte sie zuerst und rief: Ein Thier!

René-Jean kam herbeigelaufen.

– Es sticht, sagte Gros-Alain.

– Thu‘ ihm nichts, meinte René-Jean.

Und beide vertieften sich in die Betrachtung dieses Ereignisses.

Georgette, die mittlerweile ihre Suppe aufgegessen hatte, suchte ihre Brüder mit den Augen. René-Jean und Gros-Alain kauerten in einer Fensternische, mit ernsthaften Gesichtern über die Assel gebeugt, Stirn gegen Stirn, so daß ihre Haare ineinanderflossen; in atemlosem Staunen beobachteten sie das Thierchen, das von all der Bewunderung wenig erbaut, stillstand und sich todt stellte.

Die Aufmerksamkeit der Brüder machte Georgette neugierig; obgleich es für sie nichts weniger als leicht war, zu ihnen zu gelangen, versuchte sie es dennoch; die Reise war mit unzähligen Hindernissen verknüpft, denn auf dem Fußboden lagen eine Masse von Sachen herum, hier ein umgeworfenes Tabouret, dort ein paar Bündel Papiere, dort wieder offene, ausgepackte Kisten, Truhen und andere imponirende Gegenstände, die umschifft werden mußten, kurz ein ganzes Inselmeer von Klippen. Georgette wagte sich hinein; erst arbeitete sie sich aus der Wiege heraus, dann steuerte sie auf die Riffe los, schlängelte sich durch die Kanäle, rückte ein Tabouret bei Seite, kroch zwischen zwei Truhen und über ein Aktenbündel weiter, bis sie, bald kletternd, bald kollernd, in harmloser Unbekümmertheit um ihre armen kleinen Blößen, die hohe See, das heißt eine ziemlich ausgedehnte Stelle des Fußbodens, erreichte, die der ganzen Breite des Saales nach freistand und wo keine Gefahr mehr drohte. Nun eilte sie auf allen Vieren, mit der Behendigkeit einer Katze, der Wand zu; dort stieß sie auf eine gewaltige Schwierigkeit, nämlich auf die gegen die Mauer gelehnte Leiter, deren Ende noch die halbe Fensternische versperrte und so zwischen Georgette und den Knaben eine Art Vorgebirge bildete. Sie hielt inne und besann sich; als sie mit ihrem stummen Selbstgespräch fertig war, schritt sie sofort zur Ausführung ihres Plans; entschlossen faßte sie mit ihren rosigen Händchen eine der Sprossen an, welche senkrecht und nicht wagerecht liefen, da ja die Leiter auf dem einen ihrer Seitenpfosten ruhte, und machte den Versuch, sich vom Boden aufzuraffen; er mißlang; zwei Mal wiederholte sie ihn vergeblich, ein drittes Mal endlich mit Erfolg, und jetzt marschirte sie gerade und aufrecht, sich immer an der nächstfolgenden Sprosse festhaltend längs der Leiter hin; als sie die letzte Sprosse losließ und der gewohnte Stützpunkt ihr fehlte, strauchelte sie, packte jedoch mit ihren beiden Händchen das Ende des gewaltigen Pfostens, schwang sich glücklich um das Vorgebirge hinüber und lachte René-Jean und Gros-Alain an.

III.

In demselben Augenblick hatte René-Jean den Kopf erhoben und mit großer Befriedigung als Ergebniß seiner Asselstudien verkündigt: Es ist ein Weibchen.

Beim Auflachen von Georgette mußte er gleichfalls lachen, und Gros-Alain lachte seinerseits wieder mit, weil er René-Jean lachen sah. Georgette bewerkstelligte nun den Anschluß an ihre Brüder, und so saßen sie jetzt in einem kleinen Konventikel beisammen. Die Assel aber war verschwunden; sie hatte Georgettes Dazwischenkunft benutzt und sich in die nächstgelegene Ritze verkrochen. Doch diesem Abenteuer folgten andere. Zuerst Schwalben, die wahrscheinlich unter dem Vorsprung des Daches nisteten. Sie kamen bis ganz nahe an das Fenster, flatterten dann, durch die Anwesenheit der Kinder etwas beunruhigt, in weiten Kreisen durch die Luft und ließen ihr sanftes Frühlingsgezwitscher ertönen. Diesem Treiben schauten die Kinder zu, und die Assel war vergessen. Georgette deutete mit dem Finger hinaus und rief: Walbe.

Aber René-Jean wies sie zurecht: – Kleine, man sagt nicht Walbe; man sagt Schwalbe.

– Wawalbe, buchstabirte Georgette.

Und alle Drei starrten durch das Fenster.

Dann flog eine Biene in das Fenster.

Eine Biene ist das Sinnbild der Seele. Sie eilt von Blume zu Blume, wie eine Seele von Stern zu Stern und wie die Seele Licht einsammelt, so sammelt die Biene ihren Honig.

Geräuschvoll summte sie herein; sie schien zu sagen: »Da bin ich; gerade komme ich von einem Besuch bei den Rosen; jetzt will ich auch die Kinder besuchen. Womit beschäftigt man sich hier?« So eine Biene ist eine Wirthschafterin, und das brummt, auch wenn es singt. So lange sie dablieb, verwendeten die drei Kleinen kein Auge von ihr. Sie besichtigte die ganze Bibliothek, durchstöberte jeden Winkel, flog einher, als befände sie sich hier zu Hause in einem Bienenkorb, schwebte mit melodischen Flügeln von einem Schrank zum anderen und schaute durch die Scheiben nach den Büchertiteln wie ein gebannter Geist. Nachdem sie Alles untersucht hatte, empfahl sie sich. – Sie geht heim, sagte René-Jean.

– Es ist ein Thier, meinte Gros-Alain.

– Nein, entgegnete René-Jean, es ist eine Fliege.

– Liege, plapperte Georgette nach.

Gros-Alain, der soeben in einer Ecke eine Schnur mit einem Knoten an dem einem Ende entdeckt hatte, hielt sie nun am entgegengesetzten Ende zwischen Daumen und Zeigefinger fest und drehte sie mit gespanntester Aufmerksamkeit im Kreise herum. Georgette war wieder unter die Vierfüßler gegangen und hatte ihre Irrfahrten über den Fußboden abermals unternommen; auf der Irrfahrt war ihr ein ehrwürdiger, wurmstichiger gepolsterter Armstuhl aufgefallen, an dem aus mehreren Wunden die Roßhaarfüllung hervorquoll. Diesem Fauteuil hatte sie sich nun gewidmet; sie erweiterte die Risse und zupfte voller Andacht die Polsterung heraus.

Plötzlich hob sie den Finger wieder in die Höhe, wie um zu sagen: Da hört! Auch die Brüder kehrten sich um. Von außen her hörten sie ein fernes, dumpfes Getöse, das wohl von einer strategischen Bewegung der Belagerungstruppen im Wald herrührte; Rossegewieher, Trommelwirbel, Wagenrollen, Kettengeklirr und Trompetensignale, die sich gegenseitig verständigten, das Alles lärmte durcheinander und verschmolz zu einer gewissen wilden Harmonie, welcher die Kinder mit Entzücken lauschten.

– Der Liebergott, der macht das, sagte René-Jean.

IV.

Es wurde wieder still. René-Jean war ins Träumen gerathen.

Wie mögen sich wohl in so einem kleinen Hirn die Gedanken zersetzen und wieder verketten? Und was mag wohl die geheimnißvollen Schwankungen eines dermalen noch so trüben und kurzatmigen Gedächtnisses bedingen? In diesem sanften, sinnenden Köpfchen entstand eine Mischung von »Liebergott«, von Abendgebet, von gefaltenen Händen, von einem behütenden Liebeslächeln, das verloren gegangen war, und René-Jean murmelte ganz leise: Mama.

– Mama, wiederholte Gros-Alain.

– Mam, wiederholte Georgette.

Dann fing René-Jean zu springen an, worauf Gros-Alain gleichfalls herumsprang. Gros-Alain machte überhaupt jede Miene und jede Geberde seines Bruders nach, weit mehr als Georgette; drei Jahre, die erblicken bereits in vier Jahren ein Vorbild, aber zwanzig Monate, die halten noch etwas auf ihre Unabhängigkeit. Georgette blieb sitzen und zwitscherte zuweilen ein Wort; sie bildete noch keine Sätze und sprach in kurzen Sinnsprüchen wie ein Denker; ihr gaben die Silben noch zu schaffen. Nach einiger Zeit wirkte jedoch das Beispiel ansteckend auf sie und sie versuchte, es wie die Brüder zu halten, so daß die sechs nackten Füßchen nun mit einander tanzten, liefen und stolperten auf den alten, staubigen, polirten Eichendielen, unter den feierlichen Blicken der Marmorbüsten, denen Georgette hier und da einen bangverstohlenen Seitenblick zuwarf, bei dem sie »Mannemann« vor sich hinmurmelte, ein Wort, das in ihrer Sprache Alles bezeichnete, was einem Mann irgendwie ähnlich sah und doch keiner war; in einem Kinderköpfchen sind Wesen und Schein noch eins.

Georgette wackelte mehr, als sie ging, und folgte zwar den Bewegungen ihrer Brüder, aber am liebsten auf allen Vieren.

Plötzlich streckte René-Jean, bei einem Fenster angekommen, den Kopf in die Höhe, zog ihn aber zurück und flüchtete hinter die Mauer, welche die Fensternische bildete. Er hatte Jemand erblickt, der ihn betrachtete. Es war ein blauer Soldat aus dem Lager des Plateaus, der, den Waffenstillstand benutzend, oder auch wohl etwas übertretend, sich bis zur Böschung der Schlucht vorgewagt hatte, von wo aus man in die Bibliothek hineinschauen konnte. Als Gros-Alain René-Jean flüchten sah, flüchtete auch er; er kauerte sich neben ihn hin, und Georgette versteckte sich hinter die Beiden. So blieben sie eine Weile ganz still und unbeweglich; Georgette mit dem Finger auf dem Mund. Dann ermannte sich René-Jean und streckte den Kopf abermals vor, fuhr aber, da der Soldat immer noch dastand, rasch wieder zurück, und eine geraume Zeit wagten die drei Kleinen kaum mehr, zu atmen. Endlich ward Georgette des Fürchtens überdrüssig, raffte ihre Kühnheit zusammen und guckte hinaus: der Soldat war fort, und nun begann das Rennen und Spielen von Neuem.

Obwohl ein Bewunderer und Nachbeter von René-Jean, hatte sich Gros-Alain eine Spezialität vorbehalten, nämlich die der Entdeckungen. Auf ein Mal sahen ihn Bruder und Schwester wie toll vor einem kleinen vierräderigen Fuhrwerk einhergalloppiren, das er, Gott weiß wo, aufgestöbert hatte. Dieses Puppenwägelchen, das, bestaubt und vergessen, schon seit langen Jahren in guter Nachbarschaft mit den Büchern der Denker und den Büsten der Weisen dahinlebte, mochte wohl ein Ueberbleibsel aus Gauvain’s Kinderzeit sein. Gros-Alain machte aus seiner Schnur eine Peitsche, die er stolzgebieterisch schwang. So sind die findigen Köpfe einmal: Wenn sie Amerika nicht entdecken, so entdecken sie einen Miniaturkarren, immerhin etwas. Jetzt mußten Rollen vertheilt werden. René-Jean wollte sich vor den Wagen spannen und Georgette wollte drinsitzen. Es gelang ihr auch, und René-Jean machte das Pferd, Gros-Alain den Kutscher. Doch der Kutscher konnte nichts und mußte sich durch das Pferd belehren lassen.

Sage doch: Hüst! rief René-Jean dem Bruder zu.

– Hüst! wiederholte Gros-Alain.

0259

Aber der Kutscher warf um.

Aber der Kutscher warf um; Georgette rollte auf den Fußbogen hin. Schreien, das thut selbst ein kleiner Engel, und so schrie denn Georgette. Sie war sogar schon im Begriff, zu weinen. – Kleine, sagte René-Jean, Du bist zu groß, um zu weinen.

– Droß, ja, meinte Georgette und fand in ihrer Größe einen Trost für ihren Fall.

Auf den sehr breiten Mauerkranz, der draußen unter den Fenstern hinlief, hatte der Wind eine ganze Schicht zerstäubten Haidegrunds vom Plateau hergeweht, den der Regen dann wieder zu Erde verdichtet hatte; so hatte sich denn ein gleichfalls vom Wind hergewehtes Samenkorn das bischen Haidegrund zu Nutze gemacht und daraus war eine jener unausrottbaren Brombeerstauden entstanden, die im August reife Früchte tragen; eine Ranke hing zu einem der Fenster herein bis herab auf den Fußboden, und Gros-Alain, der Entdecker der Schnur, der Entdecker des Wägelchens, sollte nun auch der Entdecker der Ranke werden. Er ging darauf los, pflückte eine Brombeere und aß sie.

– Mich hungert, sagte René-Jean, und Georgette rannte auf Händen und Knieen herbei. Die Plünderung begann, und die Ranke wurde bis auf das letzte Beerchen abgegrast. Schwelgend, verschmiert, über und über voll dunkelrothen Saftflecken, wurden jetzt aus den drei kleinen Engeln drei kleine Faune, einem Dante zum Aergerniß und einem Virgil zum Ergötzen. Das Lachen wollte nicht aufhören; nur stachen sie sich, da doch Alles erkauft werden will, hier und da in die Finger; Georgette hielt René-Jean den Daumen hin, aus dem ein Blutströpfchen hervorperlte, und sagte, mit der anderen Hand nach der Ranke deutend: Ticht.

Gros-Alain, der auch nicht verschont geblieben, schaute mißtrauisch hin und folgerte:

– Es ist ein Thier.

– Nein, berichtigte René-Jean, es ist ein Stecken.

– Ein Stecken ist etwas Böses, erwiderte Gros-Alain.

Auch dies Mal war Georgette dem Weinen sehr nahe, aber sie brach dennoch in ein Lachen aus.

V.

Unterdessen war in René-Jean, den die Entdeckungen seines jüngeren Bruders Grois-Alain vielleicht mit einem gewissen Neid erfüllten, ein großer Plan gereift. Während er seine Brombeeren pflückte und sich in die Finger stach, schweiften seine Blicke seit einiger Zeit beharrlich zu dem Pult hinüber, das auf seiner Drehschraube wie ein Monument mitten in der Bibliothek stand, und auf dem das berühmte Evangelium Bartholomäi auflag, ein wirklich prachtvoller und merkwürdiger Quartband aus der Offizin des berühmten Kölner Verlegers der Bibel von Anno 1682, Bloeuw oder auf lateinisch Coesius; das Buch war noch mit der alten Presse und nicht auf holländischem Papier gedruckt, sondern auf jenem schönen, von Edrisi so bewunderten arabischen Papier, das aus Seide und Baumwolle bereitet wird und nie vergilbt. Es hatte einen Einband von vergoldetem Leder und silberne Schlösser. Die innere Garnitur war von jenem Pergament, das die Pariser Pergamenthändler nur im Saal Saint-Mathurin »und sonst nirgends« anzukaufen sich eidlich verpflichten mußten. Das Werk enthielt eine Menge Holzschnitte, Kupferstiche und geographische Abbildungen verschiedener Länder. Es ging ihm ein Protest der Drucker, Papier- und Buchhändler gegen das Edikt von 1635 voraus, welches »die Lederwaaren, die Biere, das Vieh mit gespaltenen Klauen, die Seefische und das Papier« mit einer Abgabe belegte, und auf der Rückseite des Titelblatts stand eine Widmung an die Gryphus, welche in Lyon dieselbe Rolle spielten, wie die berühmte Firma der Elzevir zu Amsterdam. Dem Allen zufolge hatte man es mit einem Exemplar zu thun, welches beinahe ebenso werthvoll und selten war wie der Moskauer »Apostol«.

Der Prachtband, der René-Jean, vielleicht nur zu sehr, in die Augen stach, war gerade auf der Seite eines großen Kupfers aufgeschlagen, das den heiligen Bartholomäus darstellte, wie er seine Haut unter dem Arm trägt, und dieses Kupfer konnte René-Jean von unten wahrnehmen. Nachdem alle Brombeeren vertilgt waren, starrte er es mit verhängnißvoll zärtlicher Begehrlichkeit an, und Georgette, die unverwandt den Blicken ihres Bruders folgte, sah es nun auch und sagte: Bibild.

Diese Aeußerung schien René-Jean endgiltig zu bestimmen, und er verstieg sich zu einem Beginnen, das Gros-Alain mit sprachlosem Staunen erfüllte. In einem Winkel der Bibliothek stand ein großer eichener Stuhl; zu dem ging René-Jean hin, faßte ihn an und schleifte ihn ganz allein an das Pult hin; dann kletterte er hinauf und stemmte beide Fäuste auf das Buch. Zu solcher Höhe angelangt, glaubte er sich selber eine großmüthige Handlung schuldig zu sein; er packte das »Bibild« an der oberen Ecke und riß es herab, sorgfältig, aber, trotz allem guten Willen, schief; die linke Hälfte mit einem Auge und einem Stück vom Heiligenschein des alten zweifelhaften Evangelisten ließ er im Buch zurück und reichte den halben Bartholomäus mit seiner ganzen Haut dem Schwesterchen; dieses nahm das Geschenk in Empfang und sagte: Mannemann.

– Ich auch! rief Gros-Alain.

Mit der ersten Seite hat es dieselbe Bewandtniß wie mit dem ersten vergossenen Blut. Ist der erste Schritt einmal gethan, so kommt das Gemetzel rasch in Gang. René-Jean wendete das zerfetzte Blatt um; hinter dem Heiligen befand sich der Kommentator, Pantönus. Gros-Alain wurde der Pantönus zuerkannt.

0255

Mittlerweile machte Georgette aus ihrem großen Stück zwei kleine.

Mittlerweile machte Georgette aus ihrem großen Stück zwei kleine und aus den zweien vier noch kleinere, so daß behauptet werden könnte, daß der heilige Bartholomäus, nachdem man ihn in Armenien geschunden, in der Bretagne geviertheilt wurde.

VI.

Nach vollzogener Viertheilung hielt Georgette die Hand hin und sagte zu René-Jean: Mehr.

Hinter dem Heiligen und dem Kommentator kamen die sauer dreinschauenden Erklärer, Gavantus an der Spitze; ein Ruck und René-Jean händigte Georgette den Gavantus ein, und so erging es der Reihe nach den Erklärern allen. Der Gebende ist der Ueberlegene. René-Jean beanspruchte nichts für seine eigene Person; Gros-Alain und Georgette starrten ihn an, und das war ihm Lohns genug; er begnügte sich mit dem Bewußtsein, von seinem Publikum bewundert zu werden. Unerschöpflich in seiner Selbstverläugnung beschenkte er den Bruder mit Fabricio Pignatelli und das Schwesterchen mit dem Pater Stilling; ferner wurde Gros-Alain noch mit Alphonse Postat, Henri Hammond und dem Protest der Papierhändler beglückt, Georgette aber mit Cornelius a Lapide, mit dem Pater Roberti nebst Ansicht der Stadt Douai, wo derselbe 1619 geboren ward, und endlich mit der Widmung an die Gryphus. Auch die paar Landkarten wurden vertheilt: Gros-Alain erhielt Aethiopien und Georgette Lykaonien. Und zu guterletzt stieß René-Jean das Buch vom Pult herunter.

Es war dies ein furchtbarer Moment. Mit schauderndem Entzücken sahen die beiden Geschwister, wie René-Jean die Stirn runzelte, wie er alle seine Sehnen anspannte und mit krampfhaft zitternden Fäusten den schweren Quartband über das Pult wegschob. Eine majestätische Scharteke, die das Gleichgewicht verliert, hat etwas Tragisches. Eine Sekunde lang schwebte die herunterhängende Hälfte des dicken Bandes wie zögernd in der Luft; dann polterte er, geborsten, zerknittert, zerrissen, in allen Fugen ächzend und mit beschädigten Schlössern, elendiglich platt auf den Fußboden herunter; ein Glück, daß er auf keines der Kinder gefallen war, die jetzt geblendet und unversehrt hinschauten. Nicht alle Heldenthaten laufen so glatt ab; diese hatte blos den allen Heldenthaten eigenen großen Lärm gemacht und sehr viel Staub aufgewirbelt.

Nach glorreich überstandenem Kampf stieg René-Jean vom Stuhl. Es folgte ein Augenblick des stummen Entsetzens, denn auch der Sieg hat seine Schrecken. Die drei Kinder hielten einander bei den Händen und starrten aus einer gewissen Entfernung nach dem gewaltigen, niedergeschmetterten Buch. Kaum war jedoch das erste Staunen vorüber, so ging auch Gros-Alain entschlossen hin und versetzte dem Besiegten einen Fußtritt. Damit war Alles entschieden. Die Zerstörungslust brach hervor. René-Jean gab seinen Fußtritt Georgette gab ihren Fußtritt und fiel dabei auf die Erde, aber sitzend, ein Umstand, den sie benutzte, um sich mit den Händen über den heiligen; Bartholomäus herzumachen. Die letzte Spur von Scheu war verschwunden: René-Jean griff an, Gros-Alain stürmte, und jubelnd, lachend, unbändig, außer sich, triumphirend, unbarmherzig, schossen die drei kleinen Raubengel auf den wehrlosen Evangelisten herab, zerzausten die Bilder, zerfetzten die Blätter, rupften die Merkbändchen aus, zerkratzten die Deckel, zerrten das vergoldete Leder los, zwickten die Nägel der silbernen Eckenbeschläge ab, rissen die Pergamentstreifen aus dem Rücken, und wütheten, mit Händen, Füßen, Nägeln und Zähnen arbeitend, gegen den ehrwürdigen Text. Sie vernichteten Armenien, Judäa, das Herzogthum von Benevent, wo die Reliquien des Heiligen aufbewahrt werden, Nathanael, so vielleicht identisch ist mit Bartholomäo, den Papst Gelasius, so das Evangelium Bartholomäi-Nathanaels für unecht erklärte, Alles bis aufs letzte Bild und auf die letzte Karte, und die unerbittliche Hinrichtung des alten Buchs beschäftigte sie so ganz ausschließlich, daß eine Maus hätte vorbeilaufen können, ohne von ihnen berücksichtigt zu werden. Kurz, es war eine gründliche Verheerung. Einem Stück Geschichte, der Legende, der Theologie, den wahren und falschen Wundern, dem Kirchenlatein, dem Aberglauben, dem Fanatismus, den Mysterien den Garaus machen und eine ganze Religion von oben bis unten entzwei zu reißen, ist für drei Riesen ein schwer Stück Arbeit und sogar auch für drei Kinder; Stunden gingen darüber hin, aber der Zweck ward auch vollständig erreicht: der heilige Bartholomäus war nicht mehr.

Nach gethaner Arbeit, als die letzte Seite ausgemerzt worden, das letzte Kupfer am Boden lag und vom ganzen Werk nur noch ein paar Text- und Bildertrümmer in dem Skelett eines Einbandes übrig blieben, reckte sich René-Jean in die Höhe, betrachtete den mit Papierblättern übersäten Fußboden und klatschte in die Hände. Gros-Alain klatschte mit. Georgette nahm eins der Blatter, stand auf, lehnte sich an den Fenstersims, der ihr bis ans Kinn reichte und ließ ein abgerissenes Stückchen Papier nach dem andern hinausfliegen. René-Jean und Gros-Alain folgten dem Beispiel; sie hoben auf und ließen fliegen, ließen stiegen und hoben auf, bis der weitaus größte Theil des altehrwürdigen Buches, von den rastlosen Fingerchen zerbröckelt, Blatt für Blatt durchs Fenster gewandert war. Georgette sah diesen Schwärmen, die der Wind auseinandertrieb, sinnend nach und sagte: Metterling. Und so zerstob denn das Gemetzel wie ein Blüthenregen im blauen Himmel.

VII.

Das war die zweite Passion Bartholomai, der bereits sein erstes Martyrium im Jahr 49 nach Christi Geburt erduldet hatte.

Nun rückte die Abendstunde heran; die Hitze nahm zu; die Mittagsruhe schwamm in der Luft, und Georgette zwinkerte schon mit den Augen. René-Jean ging zu seiner Wiege hin, zog den Sack voll geschnittenem Stroh heraus, der ihm als Matratze diente, schleifte ihn bis ans Fenster, streckte sich der Länge nach darauf aus und sagte: Wir wollen schlafen. Gros-Alain legte seinen Kopf auf René-Jean, Georgette stützte den ihren auf Gros-Alain und die drei Missethäter schlummerten ein. Lau wehte es herein durch die offenen Fenster, Wildblumenduft von Hügel und von Schlucht, einherspielend im Atemzug des Abends; eine begnadende Ruhe dehnte sich über den Gefilden; Alles leuchtete; Alles war befriedet; Alles ging in Liebe auf zu Allem; die Sonne liebkoste die Erde mit ihrem Strahl; durch alle Poren sog man jene harmonische Stimmung ein, die der unermeßlichen Milde der Natur entsteigt und mutterzärtlich hinschauert durch das All. Die Welt ist ein ewig werdendes Wunder; sie ergänzt ihre ungeheure Erhabenheit durch ihre Güte. Es war, als ob man das geheimnißvoll vorsorgende Walten einer unsichtbaren Macht fühlte, die im fürchterlichen Widerstreit der Geschöpfe die Schwächlichen in Schutz nimmt gegen die Starken; schön, schön war Alles in diesen Wechselwogen von Sanftmuth und von Herrlichkeit. Ueber der schlummerseligen Landschaft fluthete jener prunkende Flimmer, den das Hin- und Herweben von Licht und Schatten über Bach und Wiesen hinhaucht; Rauchflocken schwebten zu den Wolken empor wie Träume zu den Regionen übermenschlichen Schauens; um La Tourgue kreisten gefiederte Schwärme und die Schwalben blickten durch die Fenster herein, als wollten sie sehen, ob die Kinder auch gut schliefen. Wie eine Gruppe von Amoretten lagen sie da, neben einander hingegossen, halbnackt und unbeweglich, anbetungswerth im Reiz ihrer Unschuld; alle drei zusammen zählten sie noch keine neun Lebensjahre; an ihren traumlächelnden Gesichtchen zogen paradiesische Erscheinungen vorüber; vielleicht flüsterte ihnen Gott gerade ein Vaterwort ins Ohr; gehörten sie ja doch zu Denjenigen, die in jeder menschlichen Sprache die Schwachen und die Gesegneten heißen; sie waren die heilige Unschuld; um sie her schwieg Alles still, als wäre der Hauch, unter dem ihre zarte Brust auf- und niederging, der Inbegriff des Weltalls und als müßte diesem Hauch die ganze Schöpfung lauschen; kein Blatt bewegte sich; kein Grashalm schauerte zusammen; die unendliche Natur mit ihren Sternen allen schien den Atem anzuhalten, um die himmlisch arglosen kleinen Schläfer nicht zu wecken, und nichts auf Erden war erhabener als dieses ehrerbietige Verstummen von Allem um dies holde Bild der unbewußten Demuth.

Schon berührte die untergehende Sonne den Horizont… Da, plötzlich, flammte vom Wald her durch den tiefen Frieden ein Blitzstrahl, dem ein Donnerschlag folgte; das Echo machte sich den Kanonenschuß zu eigen und ließ ihn von Hügel zu Hügel in zehnfach tobendem, gräßlichem Gebrüll fortrollen. Georgette erwachte davon; sie erhob ein klein wenig ihr Köpfchen, streckte lauschend ihr Fingerchen in die Höhe und sagte: Bumm!

Dann verhallte der Lärm; Alles wurde still wie zuvor; Georgette legte den Kopf wieder auf Gros-Alain und schlief weiter.

Viertes Buch.

Victor Hugo

I.

Auf der Düne.

Als Halmalo gänzlich verschwand, hüllte sich der Greis fester in seinen Fischermantel und trat seinen Gang an, langsam, nachdenklich; indessen Halmalo in der Richtung von Beauvoir fortgeeilt war, wendete er sich gegen Huisnes. Hinter ihm ragte das kolossale domgekrönte, mauernumgürtete Dreieck des Mont Saint-Michel mit seinen zwei festen östlichen Thürmen, dem runden und dem viereckigen, die dem Felsenhügel die Last seiner Kirche und seines Dorfes tragen zu helfen scheinen. Der Mont Saint-Michel ist die Pyramide dieser Meereswüste.

Der Triebsand der Bucht von Saint-Michel baut seine Dünen nicht immer an denselben Stellen auf. Damals erhob sich zwischen Huisnes und Ardevon eine sehr hohe, seitdem durch eine besonders heftige Sturmfluth zerstörte Düne, die ausnahmsweise sehr alt und mit einem Gedenkstein geschmückt war, zur Erinnerung an das Konzil, welches im zwölften Jahrhundert nach der Ermordung des heiligen Thomas von Canterbury zu Avranches zusammenberufen worden. Von dieser Düne aus hatte man weit und breit einen deutlichen Ueberblick über die ganze Umgebung. Der Greis ging darauf los und bestieg sie. Oben angelangt, setzte er sich auf eine Stufe unten am Gedenkstein, lehnte sich mit dem Rücken an denselben an und schaute hinab auf die lebende Landkarte, die vor ihm ausgebreitet lag. In der ihm sonst wohlbekannten Gegend schien er einen besonderen Weg ausklügeln zu wollen. Die Dämmerung hatte übrigens das große Bild schon zu trüben begonnen, und scharf hob sich nur der Horizont ab, schwarz vom weißen Himmel; doch konnte man noch die Dächergruppen von elf Flecken oder Dörfern genau unterscheiden, sowie auch auf mehrere Meilen hinaus die Kirchtürme am Strande, die sehr hoch gebaut sind, um den Seeleuten nöthigenfalls zur Orientirung zu dienen.

Nach einer Weile schien der Greis im Zwielicht das entdeckt zu haben, was er suchte, denn sein Blick ruhte nun mitten in der Ebene auf einem Komplex von Bäumen, Mauern und Dächern, die offenbar zu einer Meierei gehörten, und er nickte befriedigt mit dem Kopfe, wie Einer, der zu sich selber sagt: das ist das Richtige; dann begann er, mit dem Finger durch die Luft hin und herfahrend, sich den Entwurf eines Weges durch Felder und Hecken vorzuzeichnen. Von Zeit zu Zeit richtete er seine besondere Aufmerksamkeit auf einen schwankenden undeutlichen Gegenstand, welcher sich über dem Hauptgebäude der Meierei bewegte, und schien sich zu fragen, was das sei; bei dieser vorgerückten Tageszeit sah dieser Gegenstand farblos und verschwommen aus; ein Wetterhahn konnte es nicht sein, denn er flatterte, und zu der Annahme, es sei eine Fahne, war kein Grund vorhanden.

Der Greis war müde; es that ihm wohl, so dazusitzen und jenem lösenden Vergessen nachzugehen, das mit der ersten Minute des Rastens über den erschöpften Menschen kommt. Es gibt eine Stunde im Tag, die sich durch das Nichtsein jeglichen Geräusches kennzeichnen ließe; es ist die Abendstunde, die Stunde der Weihe. Und die war jetzt da, und der alte Mann ruhte in ihr, und betrachtete ihre Stille und lauschte ihrer Stille. Grausame Naturen empfinden zuweilen eine Regung von Melancholie.

Plötzlich wurde das Schweigen durch menschliche Stimmen eher hervorgehoben als unterbrochen. Frauen- und Kinderstimmen, die, wie die lustige Melodie eines Glockenspiels überraschend, in der ernsten Nacht ertönten. Die Sprechenden, durch Hecken verdeckt, gingen unten an der Düne vorbei, der Ebene und den Wäldern zu, und frisch und klar klang es empor zu dem sinnenden Greis; gerade jetzt war die Gruppe so nah, daß er jedes einzelne Wort vernehmen konnte.

Eine der Frauenstimmen sagte:

– Ist ja die reine Schneckenpost mit der Fléchard. Schneller, Frau! Ist das hier unser Weg?

– Nein, der kleinere dort.

Und nun wurde auf die Fragen der einen, resoluten Stimme von der anderen in schüchternem Tone weiter geantwortet:

– Wie heißt der Meierhof, wo wir kampiren?

– L’Herbe-en-Pail.

– Haben wir noch weit hin?

– Eine starke Viertelstunde.

– Nehmen wir den Weg unter die Füße! Die Suppe wird kalt.

– Wir sind freilich etwas spät dran.

– Laufen wäre eigentlich das Beste. Aber Ihre kleinen Kerle sind müde, und wir zwei können die Würmer doch nicht alle drei auf den Armen fortschleppen. Sie haben an dem Mädel so schon genug zu tragen, Sie Gluckhenne. Ein wahrer Klotz. Entwöhnt haben Sie’s freilich, das gefräßige Ding, aber herumtragen thun Sie’s immer noch. Schlechte Gewohnheiten das. Sollten’s marschiren lassen. Na, jetzt ist doch Alles eins. Kalt ist die Suppe so wie so schon.

Victor Hugo

Sie haben an dem Mädel so schon genug zu tragen.

– Sind das einmal gute Schuhe, die ihr mir geschenkt habt, ganz wie für mich angemessen.

– Ist doch gescheiter, als barfuß hinzutappen.

– René-Jean, mach doch größere Schritte!

– Ja, denn du bist schuld daran, daß wir uns verspätet haben. Muß der Schlingel bei jedem kleinen Bauernmädel stehen bleiben und schwatzen. Das will schon ein Mannsbild sein.

– Mein Gott, er geht eben in’s fünfte Jahr.

– René-Jean, sage einmal, warum hast du die Kleine drüben im Dorf angeredet?

Eine Kinderstimme, der man anhörte, daß sie eines Knaben Stimme war, erwiderte:

– Weil das Eine ist, die ich kenne.

Die resolute Stimme entgegnete: – Was? die kennst du?

– Freilich, heute Morgen hat sie mir ja Herrgottskäferchen geschenkt.

– Das ist mir doch etwas bunt! rief das Weib. Kaum drei Tage hier im Quartier, und die kleine Kröte hat euch schon einen Schatz!

Dann verhallten die Stimmen, und es ward wieder still.

II.

Aures habet, et non audit.5

Der Greis regte sich nicht. Er war mehr in ein Träumen als in ein Sinnen vertieft. Rings um ihn her war Alles Friede, Schlummer, Vertrauen, Abgeschiedenheit. Auf der Düne war es noch ganz hell, aber auf der Ebene schon dunkel und gegen die Wälder zu ganz schwarz. In Osten ging der Mond auf und am Zenith durchstachen schon einige Sterne das mattblaue Himmelszelt. Der Mann war, trotz aller Gedanken und Leidenschaften, die in ihm wühlten, versenkt in das unaussprechlich Milde der Unendlichkeit. Er fühlte ein räthselhaftes Dämmern in sich emporsteigen – die Hoffnung, wenn sich das Siegesahnen eines Bürgerkriegs eine Hoffnung nennen kann. Im gegenwärtigen Augenblick, eben entronnen jenem unerbittlichen Meer, unter den Füßen wieder festen Boden, dünkte er sich befreit von jeglicher Gefahr. Niemand wußte um seinen Namen; er war allein, jede Spur hinter ihm verloren, denn auf der See läßt Keiner eine Fährte zurück; geborgen, unbekannt sogar dem Verdacht, empfand er etwas wie eine triumphirende Besänftigung. Um ein Haar wäre er eingeschlafen. Was für ihn, in dem und um den so vieles tobte, dieser flüchtigen Stunde des Friedens einen so seltenen Reiz verlieh, war jenes tiefe Schweigen im Himmel und auf der Erde. Hören konnte man blos den Wind von der See her landeinwärts sausen; aber der Wind ist nur eine fortdauernde Baßbegleitung, an die sich das Ohr so schnell gewöhnt, daß er fast aufhört, ein Geräusch zu sein.

Plötzlich sprang der Mann empor.

Etwas Ueberraschendes hatte ihn aufgeschreckt, etwas, das seinem Blick eine eigene Starrheit verlieh. Sein Blick aber war auf den Horizont geheftet, auf einen Punkt, den Kirchthurm von Cormeray, der im Hintergrund in gerader Linie vor ihm stand. In diesem Kirchthurm ging in der That etwas Absonderliches vor sich. Seine nach oben zu pyramidenförmige Silhouette ragte in scharfen Umrissen, und da wo der Thurm in die Pyramide überging, konnte man den viereckigen, durchbrochenen Glockenstuhl unterscheiden, der, ohne Wetterdach, bretonischem Brauch gemäß nach allen vier Seiten hin offenstand. Dieser Glockenstuhl nun erschien plötzlich abwechselnd offen und verschlossen und zwar in gleichmäßigen Zwischenräumen; einmal war sein hohes Fenster ganz weiß, dann wieder ganz schwarz, bald sah man den Himmel durchscheinen, bald wieder nicht mehr, und dieses Hell und Dunkel, dies Oeffnen und Schließen erfolgte Sekunde auf Sekunde wie der regelmäßige Schlag des Hammers auf den Amboß. Der Kirchthurm von Cormeray stand etwa zwei Meilen weit von der Düne. Der Greis sah nun weiter rechts nach dem Kirchthurm von Baguer-Pican, der gleichfalls am Horizont emporragte; auch dort schloß und öffnete sich der Glockenstuhl gleich dem von Cormeran. Er schaute links nach dem Kirchthurm von Tanis: der Glockenstuhl von Tanis ging auf und zu wie der von Baguer-Pican. So betrachtete er der Reihe nach alle am Horizont sichtbaren Thürme, links die von Courtils, von Précey, von Crollon und von La Croix-Avranchin, rechts die von Raz-sur-Couesnon, Mordray, les Pas, und geradeaus den Thurm von Pontorson: die Glockenstühle all dieser Thürme erschienen abwechselnd schwarz und weiß.

Was sollte das? Das konnte nur bedeuten, daß man die Glocken in Bewegung setzte, und zwar mußte die Bewegung eine ungeheuer gewaltsame sein, sonst hätten die geschwungenen Glocken die Fenster nicht so vollständig decken und wieder frei lassen können. Und warum läuten die Glocken? Sie läuteten offenbar Sturm. Ja, Sturm und wahnsinnig Sturm, Sturm von allen Seiten, von jedem Thurm, in jeder Gemeinde, in jedem Dorf. Und dennoch hörte man nichts, denn die Thürme standen zu fern, so daß der Wind, der von der See herbrauste, keinen Ton bis zur Düne vordringen ließ und den Lärm in entgegengesetzter Richtung über den Horizont hinaustrug.

Dort überall die wüthenden Glocken, mit ehernen Zungen Groß und Klein herbeibrüllend, und hier die Todtenstille: der Gegensatz war grauenvoll.

Der Greis starrte und lauschte. Er sah das Sturmgeläut anstatt es zu hören. Ein Sturmgeläute sehen: fast ein übernatürliches Schauspiel! Für wen aber flogen diese Glocken? Gegen wen läutete man Sturm?

III.

Ein Vorzug der großen Lettern.

Offenbar wurde Jagd gemacht auf Jemand. Aber auf wen? Durch die Stahlnerven des Greises fuhr ein Schauder. Und doch, ihm konnte das wohl nicht gelten. Seine Ankunft hatte man nicht errathen können; die kommissarisch abgeordneten Konventmitglieder konnten davon unmöglich schon unterrichtet sein; er war ja kaum erst gelandet. Von der Korvette war zweifellos nicht ein Mann am Leben geblieben, und wenn auch, außer Boisberthelot und La Vieuville hatte an Bord keine Seele um seinen Namen gewußt.

Mechanisch betrachtete und zählte er die Kirchtürme, die ihre wilde Thätigkeit ununterbrochen fortsetzten, und seine Gedanken huschten von einer Vermuthung zu der andern mit jener schwanken Hast, welche das Umschlagen gänzlicher Sorglosigkeit in schreckliche Gewißheit mit sich bringt. Da dieses Sturmläuten aber schließlich sich auf die verschiedensten Beweggründe zurückführen ließ, suchte er sich zu guter Letzt durch das Bewußtsein zu beruhigen: »Eigentlich kann weder meine Ankunft noch mein Name irgend wem bekannt sein.«

Seit einigen Augenblicken schon war über und hinter ihm ein leises Geräusch entstanden, ähnlich dem Rascheln des bewegten Blattes eines Baumes. Zuerst beachtete er es nicht; da dieses Geräusch jedoch hartnäckig fortbestand, ja sogar einigermaßen wie auf einer Absicht bestand, drehte er sich endlich um. Und ein Blatt war’s auch in der That, aber ein Blatt Papier. Der Wind war nämlich damit beschäftigt, ein großes an den Gedenkstein angeklebtes Plakat gerade über den Kopf des Greises loszulösen. Das Plakat war dort erst seit Kurzem angeschlagen, denn es war noch feucht und hatte deshalb vom Wind gefaßt werden können, der nun mit ihm spielte und es mit sich fortzureißen drohte. Da der Greis die Düne von der entgegengesetzten Seite bestiegen hatte, war ihm, als er oben ankam, das Plakat nicht aufgefallen. Nun schwang er sich auf die Stufe, wo er eben noch gesessen hatte, und hielt den Zettel an der einen Ecke fest, die im Wind flatterte; der Himmel war noch ziemlich hell, denn im Juni hält die Dämmerung geraume Zeit an; unter der Düne war es stockfinster, aber oben glänzte noch ein Schimmer; übrigens war das Plakat zum Theil mit großen Lettern gedruckt, so daß man es immerhin leidlich lesen konnte. So las der Greis denn Folgendes:

Französische eine und untheilbare Republik.

»Wir, Prieur, Abgeordneter des Departements der Marne, Kommissär des Nationalkonvents bei der Küstenarmee von Cherbourg, verordnen:

Der vormalige Marquis von Lantenac und Vicomte von Fontenay, der sich auch für einen bretonischen Fürsten ausgiebt, ist heimlich an der Küste von Granville gelandet und wird hiermit für außer dem Gesetz stehend erklärt. Auf seinen Kopf ist ein Preis von sechzigtausend Livres gesetzt, welche Summe an denjenigen, der ihn todt oder lebendig einliefern wird, ausgezahlt werden soll, und zwar nicht in Assignaten, sondern in Gold. – Ein Bataillon der Küstenarmee von Cherbourg wird sofort zur Verfolgung und Festnahme des vormaligen Marquis von Lantenac ausrücken. –

Die Gemeindebehörden werden aufgefordert, den Truppen hierzu nach Kräften beizustehen. – Gegeben im Rathhaus zu Granville am 2. Juni 1793. – Gezeichnet: Prieur (Marne)«.

Unter diesem Namen befand sich noch eine zweite Unterschrift, aber in viel kleineren Lettern, so daß sie bei der eintretenden Dunkelheit nicht mehr zu entziffern war.

Der Greis drückte den Hut tiefer in die Stirn, hüllte sich bis an’s Kinn in seinen Fischermantel und stieg mit raschen Schritten in die Ebene hinunter. Für ihn war es offenbar von keinem Nutzen, sich im Zwielicht der Anhöhe länger aufzuhalten.

Vielleicht hatte er sich schon zu lang dort aufgehalten; von der ganzen Landschaft war der obere Theil der Düne der einzige noch beleuchtete Punkt.

Unten in der Dunkelheit angekommen, mäßigte der Greis seinen Schritt. Er schlug den Weg nach dem Meierhof ein, wie er sich’s bereits oben vorgezeichnet hatte; zu dieser seiner Wahl bewogen ihn aller Wahrscheinlichkeit nach triftige Gründe der Sicherheit.

Alles war wie ausgestorben. Um diese Stunde war Niemand mehr außer Hause.

Hinter einer Hecke blieb er stehen, zog seinen Mantel aus, wendete seine Jacke nach der behaarten Seite, band sich den zerrissenen Mantel wieder um und ging weiter. Man hatte jetzt Mondschein. An einer Stelle, wo sich der Weg abzweigte, erhob sich ein altes, steinernes Kreuz, an dessen Sockel ein weißes Viereck schimmerte, vermuthlich ein ähnliches Plakat wie auf der Düne. Der Greis trat darauf zu.

– Wo gehen Sie hin? rief ihn eine Stimme an.

Er wendete sich um und sah einen Mann zwischen den Hecken stehen, hochgewachsen wie er selbst, wie er alt, wie er weiß von Haar und in der Kleidung noch zerlumpter als er, kurz, beinahe einen Doppelgänger. Dieser Mann, der sich auf einen langen Stock stützte, wiederholte:

– Ich frage Sie, wohin Sie gehen?

– Und ich frage, wo ich bin, lautete die ruhige, fast gebieterische Antwort.

– In der Herrschaft von Tanis, erwiderte der Mann, die mir zum Betteln, Ihnen aber zu eigen gehört.

– Mir zu eigen?

– Ja wohl. Ihnen, Herr Marquis von Lantenac.

IV.

Der »Caimand«.

Der Marquis von Lantenac – von nun an nennen wir ihn bei seinem Namen – antwortete tiefernst:

– Gut. Liefern Sie mich aus.

Der Mann aber fuhr fort: – Wir sind Beide hier zu Hause, Sie im Schloß und ich im Busch.

– Machen wir ein Ende. Nur zu! Liefern Sie mich aus, sagte der Marquis.

Der Mann fuhr wieder fort: Sie wollten doch zur Meierei von Herbeen-Pail, nicht? – Ja. – Bleiben Sie weg. – Warum? – Weil dort die Blauen sind. – Seit wann denn? – Seit drei Tagen. – Und haben sich die Leute vom Hof und vom Weiler gewehrt? – Nein. Sie haben alle Thüren aufgemacht. – Ach! sagte der Marquis.

Und der Mann wies mit dem Finger nach dem Dach des Hauptgebäudes, das in einiger Entfernung aus den Bäumen hervorragte:

– Das Dach sehen Sie doch, Herr Marquis? – Ja. – Sehen Sie auch das Ding droben? – Das hin und herweht? – Ja. – Es ist eine Fahne. – Blau weiß roth, sagte der Mann.

Es war das der Gegenstand, der schon auf der Düne die Aufmerksamkeit des Marquis auf sich gelenkt hatte.

– Wird nicht Sturm gelautet? fragte der Marquis. – Ja. – Und weshalb? – Unzweifelhaft Ihretwegen. – Aber man hört ja nichts? – Von wegen dem Wind. Haben Sie Ihren Zettel schon gesehen? – Ja. – Man fahndet auf Sie. Drüben, setzte er mit einem Blick nach dem Meierhof hinzu, liegt ein halbes Bataillon. – Republikaner? – Pariser. – Nun also, sagte der Marquis, gehen wir! Und er that einen Schritt in der Richtung der Meierei. Der Mann faßte ihn beim Arm: Gehen Sie nicht hin! – Wohin denn sonst? – Zu mir.

Der Marquis schaute den Bettler an.

– Wissen Sie, Herr Marquis, sagte dieser, schön ist es bei mir nicht, aber geheuer. Ein Keller ist höher als meine Hütte. Mein Fußboden ist eine Streu von Seegras und meine Zimmerdecke ein Geflecht von Zweigen und Gräsern. Kommen Sie mit. In der Meierei würden Sie erschossen werden. Bei mir werden Sie schlafen, denn Sie sind gewiß müde. Morgen früh marschiren die Blauen wieder ab, und Sie können dann weitergehen nach Belieben.

Immer noch betrachtete der Marquis diesen Mann.

– Auf welcher Seite stehen Sie denn eigentlich? fragte er ihn; sind Sie Republikaner oder sind Sie Royalist? – Ich bin ein Armer. – Weder Royalist noch Republikaner? – Ich glaube kaum. – Sind Sie für den König oder gegen ihn? – Zu derlei Sachen habe ich keine Zeit. – Aber wie denken Sie über Alles, was hier vorgeht? – Ich kann mich nicht satt essen. – Aber Sie wollen mir doch helfen. – Ich weiß, daß Sie außer dem Gesetz stehen. Was ist das eigentlich, das Gesetz? Es kann Einer also außer ihm stehen? Das begreife ich nicht. Und ich für mein Theil, steh‘ ich innerhalb des Gesetzes oder außerhalb? Weiß ich’s? Verhungern, ist das gesetzlich? – Seit wann verhungern Sie? – Seitdem ich lebe. – Und Sie retten mich? – Ja. – Warum? – Weil ich zu mir selber gesagt habe: Der da ist noch ärmer als du; du hast wenigstens das Recht, zu athmen, und er hat nicht einmal das. – Allerdings. Und Sie wollen mich also retten? – Gewiß. Jetzt sind wir Brüder, gnädiger Herr. Ich verlange ein Stück Brod und Sie ein Stück Leben. Wir sind zwei Bettler. – Wissen Sie aber nicht, daß auf meinem Kopf ein Preis steht? – Ja. – Woher wissen Sie’s? – Ich habe den Zettel gelesen. – Lesen können Sie? – Ja, und schreiben auch. Warum sollt‘ ich sein wie das Vieh? – Da Sie also lesen können und den Zettel auch gelesen haben, müssen Sie doch wissen, daß, wer mich ausliefert, sechzigtausend Francs bekommt? – Das weiß ich auch. – Und nicht etwa in Assignaten. – Nein, ich weiß schon, in Gold. – Und Sie wissen doch, daß sechzigtausend Francs ein Vermögen sind? – Ja. – Und daß demnach, wer mich ausliefert, sich ein Vermögen macht? – Ja, und was weiter? – Sein Glück macht? – Gerade daran habe ich ja gedacht. Wie ich Sie sah, habe ich für mich selber so gemeint: Wenn man sich sagen muß, daß Jeder darauf rechnen kann, sechzigtausend Francs zu bekommen und sein Glück zu machen, wenn er den Mann da ausliefert, – mein Gott! da hat es wahrhaftig Eile, daß ihn Unsereiner in Sicherheit bringt.

Der Marquis folgte dem Bettler. Beide betraten ein Dickicht, das den Schlupfwinkel des Bettlers barg; es war dies eine Art Wohnstätte, in welcher eine große Eiche den Mann duldete, eine unter den Wurzeln des Baumes ausgehöhlte Behausung, der die Wurzeln als Dachsparren dienten, finster, niedrig, eingezwängt, allen Blicken entrückt. Raum war genug vorhanden für Zwei.

– Ich bin schon vorgesehen für den Fall, daß ich Jemand bei mir bewirthe, sagte der Bettler.

Solch ein unterirdisches Obdach kommt in der Bretagne weniger selten vor, als man glauben dürfte, und heißt in der Sprache der dortigen Bauern ein »carnichot«. Mit demselben Namen bezeichnet man auch ein kleines in der Tiefe einer Mauer angebrachtes ähnliches Versteck. Das ganze Mobiliar besteht aus einigen Töpfen, einem elenden Lager von Stroh oder von gewaschenem und getrocknetem Seegras, einer groben Wolldecke und einigen Talglichtern nebst Feuerzeug.

Halb duckend, halb kriechend drangen die beiden Männer in dies Gemach, das durch große Baumwurzeln in wunderliche Fächer eingetheilt war, und setzten sich auf die Streu von Seegras, welche das Bett vorstellte. Der Raum zwischen zwei Wurzeln, durch den sie sich eben durchgezwängt hatten, die Zimmerthür also, gab noch etwas Licht. Es war allerdings Nacht geworden, aber das Auge, wenn es sich einmal an die Dunkelheit gewöhnt hat, findet immerhin noch ein bischen Helle in der Finsterniß; zudem warf der Mond hier und dort einen matten weißlichen Flimmer durch die Zweige in das Dickicht. In einem Winkel lagen in einer Schüssel neben einem Wasserkrug Kastanien und ein dünner Buchweizenfladen.

– Essen wir etwas, sagte der Arme.

Und sie theilten sich in die Kastanien; der Marquis zog sein Stück Zwieback aus der Tasche und Beide aßen sie nun aus einer Schüssel und tranken sich zu aus demselben Krug. Der Marquis eröffnete das Gespräch, indem er den Mann weiter ausforschte:

– Ob also alles Mögliche sich ereignet oder gar nichts, das läßt Sie vollkommen kalt?

– So ziemlich. Sie und Ihresgleichen, die großen Herren, haben sich um derlei zu kümmern.

– Aber wenn nun einmal Dinge geschehen …

– Sie geschehen weit über mir. Und dann, setzte der Bettler hinzu, geschehen noch weiter oben auch Dinge; die Sonne geht auf; der Mond nimmt zu oder ab: das sind die Dinge, mit denen ich mich beschäftige.

Er that einen Zug aus seinem Kruge:

– Gutes frisches Wasser, sagte er, und wendete sich dann wieder zu dem Marquis: Wie schmeckt Ihnen dieses Wasser, gnädiger Herr?

– Wie heißen Sie denn? fragte der Marquis.

– Ich heiße Tellmarch, und sie nennen mich den »Caimand«.

– Ja, ich weiß; »Caimand« ist ein altes bretonisches Wort.

– Das so viel bedeutet wie Bettler. Oft werde ich auch der Alte genannt. Schon volle vierzig Jahre, fügte er hinzu, heißen sie mich den Alten.

– Vierzig Jahre! Aber Sie waren doch jung?

– Jung bin ich nie gewesen. Sie, Herr Marquis, sind es immer noch, haben die Beine eines Zwanzigers, können auf die große Düne steigen. Ich fange bereits an, mich des Gehens zu entwöhnen; schon nach der ersten Viertelstunde bin ich erschöpft. Und doch stehen wir in gleichen Jahren. Aber die Reichen haben eben vor Unsereinem das voraus, daß sie jeden Tag essen. Essen erhält bei Kräften.

Nach einer kurzen Pause meinte der Bettler:

– Ja, die Armuth und der Reichthum, das sind heillose Sachen, die sind an jenem großen Unglück Schuld. Mir kommt es wenigstens so vor. Die Armen wollen reich und die Reichen nicht arm werden. Daran scheint mir’s zu liegen. Ich mische mich in nichts ein. Was geschieht, lasse ich eben geschehen. Ich halte weder zum Gläubiger noch zum Schuldner. Ich weiß nur, daß es eine Schuld giebt und daß sie bezahlt wird, mehr nicht. Mir wäre lieber gewesen, sie hätten den König nicht umgebracht, aber warum, das könnte ich schwerlich sagen. Uebrigens entgegnet man mir andererseits: Aber früher, wie hat man euch da die Leute baumeln lassen für nichts und wider nichts! Sehen Sie, ich war selber dabei, wie zur Strafe für einen elenden Büchsenschuß auf ein königliches Stück Wild ein Mann gehängt wurde, welcher eine Frau und sieben Kinder hatte. Ueber beide Theile ließe sich eben Manches sagen.

Und nachdem er abermals einige Augenblicke geschwiegen, fuhr er fort:

– Sie verstehen ja schon; das sind blos so Gedanken; man kommt; man geht; es geschehen allerhand Dinge; aber ich, ich betrachte mir die Sterne.

Wieder träumte er eine Weile vor sich hin:

– Ich bin ein klein wenig Bader und Arzt, kenne mancherlei Kräuter und weiß, wofür sie gut sind; weil ich oft bei Kleinigkeiten stehen bleiben kann, halten mich die Bauern so halb und halb für einen Hexenmeister. Aber nachdenken und den Grund finden, sind zweierlei.

– Sie sind wohl in dieser Gegend geboren? fragte der Marquis.

– Ich bin nie draußen gewesen.

– Sie kennen mich?

– Gewiß. Zum letzten Mal habe ich Sie vor zwei Jahren gesehen, als Sie hier durchkamen, um nach England zu gehen. Und als nun vorhin oben auf der Düne ein so großer Mann stand – hochgewachsene Leute sind ja selten bei uns; einen kleinen Menschenschlag haben wir hier zu Land, in der Bretagne – nun, da habe ich recht hingeschaut; den Zettel hatte ich gelesen, und habe zu mir selber gesagt: ei, sieh einmal! Und als Sie nun herunterstiegen, da schien der Mond, und ich habe Sie erkannt.

– Aber ich kenne doch Sie nicht.

– Sie haben mich gesehen und doch nicht gesehen. Ich aber, setzte Tellmarch der »Caimand« hinzu, ich sah Sie jedes Mal.

– Bin ich Ihnen früher denn öfters begegnet?

– Gewiß; ich bettle ja auf Ihrem Grund und Boden. Ich war der Arme unten am Schloßweg; Sie haben mir manchmal ein Almosen gegeben; aber der, welcher schenkt, schaut nicht hin; der nur, der empfängt, beobachtet und prüft. Ein Bettler ist ein Späher; ich aber, wenn ich auch nicht selten traurig bin, suche ein Späher zu sein, der’s gut meint. Ich hielt die Hand hin, und Sie sahen blos die Hand und warfen das Almosen hinein, das ich des Morgens bekommen mußte, wenn ich am Abend nicht verhungern sollte. Es kann schon leicht passiren, daß man durch vierundzwanzig Stunden keinen Bissen unter die Zähne kriegt; dann ist ein halber Groschen das geschenkte Leben, und so haben Sie mich am Leben erhalten, und das zahle ich Ihnen zurück.

– In der That; Sie sind mein Retter.

– Ja, der bin ich, gnädiger Herr, sagte Tellmarch fast feierlich, aber unter einer Bedingung.

– Und die wäre?

– Daß Sie nicht hergekommen sind, um das Böse zu thun.

– Nur Gutes zu stiften, kam ich her, erwiderte der Marquis.

– So legen wir uns denn schlafen, sagte der Bettler. Und sie streckten sich neben einander auf das Lager von Seegras hin. Der Bettler schlief gleich in der ersten Minute ein. Der Marquis aber, obwohl er sehr müde war, richtete sich wieder auf und träumte eine Weile vor sich hin; warf dann in der Dunkelheit einen Blick auf den Bettler und legte sich nieder. Wer in einem solchen Bett liegt, liegt auf der Erde; diesen Umstand benutzte der Marquis, um sein Ohr gegen den Boden zu drücken und zu horchen. Er vernahm ein unterirdisches dumpfes Summen. Bekanntlich findet jeder Lärm seinen Widerhall in den Tiefen des Erdbodens, und so konnte man denn hören, daß immer noch Sturm geläutet wurde. Jetzt erst schlief der Marquis ein.

V.

Gezeichnet: Gauvain.

Als er aufwachte, war es Tag. Der Bettler stand, auf seinen Stock gestützt, draußen am Eingang der Höhle, denn drinnen aufrecht zu stehen, war unmöglich. Sein Gesicht war von einem Sonnenstrahl beleuchtet.

– Gnädiger Herr, sagte Tellmarch, eben hat es vier Uhr geschlagen auf dem Kirchthurm von Tanis; ich habe jeden Glockenschlag gehört. Also hat sich der Wind gedreht und weht jetzt vom Land her; sonst aber läßt sich nichts vernehmen; also wird nicht mehr Sturm geläutet. Im Hof und im Weiler von Herbe-en-Pail ist Alles ruhig; entweder schlafen die Blauen noch oder sie sind schon auf und davon. Die drohendste Gefahr ist vorüber; es wird gut sein, wenn wir uns trennen. Dies ist die Stunde, wo ich mich auf den Weg mache. Und nach einer Seite des Horizonts hindeutend, setzte er hinzu: Nach der Richtung, da gehe ich. Dann bezeichnete er die entgegengesetzte: Gehen Sie nach jener dort.

Hierauf winkte er dem Marquis einen ernsten Gruß zu und sagte noch, indem er auf die Ueberreste des gestrigen Nachtmahls wies:

– Nehmen Sie sich ein paar Kastanien mit, wenn Sie hungrig sind.

In demselben Augenblick war er hinter den Bäumen verschwunden. Der Marquis stand auf und schlug die von Tellmarch angedeutete Richtung ein. Es war gerade jene liebliche Morgenstunde gekommen, die in der alten Sprache der Bauern aus der Normandie als »das Zwitschern des Tages« bezeichnet wird. Die Distelfinken und Sperlinge unterhielten sich mit einander in den Hecken. Der Marquis verließ das Dickicht und betrat den Fußweg, den er am Abend zuvor mit Tellmarch gegangen war. Ueber ein Kurzes befand er sich wieder bei jener Straßenverbindung, wo sich das steinerne Kreuz erhob. Schneeweiß schimmerte das Plakat unter der jungen Sonne; man hätte fast meinen dürfen, es habe eine stille Freude an ihr. Da erinnerte sich der Marquis, daß unter der Hauptanzeige noch etwas stand, das er gestern wegen der Feinheit der Lettern und der vorgerückten Tageszeit nicht hatte lesen können. Er trat an den Sockel des Kreuzes. Die Bekanntmachung schloß in der That, unter der Unterschrift »Prieur (Marne)«, mit den kleingedruckten Zeilen:

»Gleich nach Feststellung der Identität des vormaligen Marquis von Lantenac wird derselbe standrechtlich erschossen werden. – Gezeichnet: der Bataillonschef und Kommandirende der Streifkolonne, Gauvain.«

0087

Er trat an den Sockel des Kreuzes.

– Gauvain! murmelte der Marquis, und in tiefem Sinnen, mit beharrlichem Blick den Zettel anschauend, wiederholte er: Gauvain!

Nun that er ein paar Schritte, wendete aber um, trat wieder vor das Kreuz hin und las die Anzeige nochmals. Dann erst entfernte er sich langsam, und wenn Jemand zugegen gewesen wäre, hätte er ihn noch zuweilen vor sich hinmurmeln hören: Gauvain!

Von den Hohlwegen aus, durch die er nun weiter wanderte, waren die Dächer des Meierhofs, den er links liegen gelassen, nicht sichtbar: Er schritt eine steile Anhöhe entlang, die übersät war mit blühenden Stechpfriemen von einer besonderen Gattung, die längere Dornen hat. Diese Anhöhe gipfelte in einer jener Spitzen, die man in der dortigen Gegend einen Kopf nennt. Dicht unten am Abhang verlor sich der Blick in den Bäumen, deren Laub wie getränkt war von Sonnenschein. Die ganze Natur athmete Morgenfreudigkeit.

Da, plötzlich, schlug diese Freudigkeit in ihren Gegensatz um. Wie aus einem Hinterhalt platzte, der Sandsäule in der Wüste gleich, ein Gemisch von Wuthgebrüll und Gewehrfeuer auf die in Licht gebadeten Fluren und Wälder herab, und in der Richtung der Meierei erhob sich über züngelnden Flammen eine Rauchwolke, als wären Weiler und Hof eine einzige brennende Garbe. Der unvermittelt plötzliche Uebergang vom Ruhen zum Rasen, dieser Ausbruch einer Hölle mitten in dem Morgenfrieden, diese Schreckenshöhe ohne Zwischenstufen, boten einen grauenhaften Anblick. Um Herbe-en-Pail tobte der Krieg. Der Marquis blieb stehen. In derartigen Fällen – Jeder hat es an sich schon einmal erprobt – behält die Neugier die Oberhand über das Bewußtsein der Gefahr und lieber als im Unklaren zu bleiben, trotzt man dem Tod. Der Marquis bestieg die Anhöhe, unter welcher sich der Hohlweg hinzog. Zwar konnte er dort gesehen werden, dafür aber sah auch er. In wenig Minuten hatte er den Kopf erklommen und schaute.

Und wirklich, die Gewehrsalve und die Feuersbrunst, das Geschrei und die Flammen ließen nicht mehr daran zweifeln, daß der Meierhof von Herbe-en-Pail den Mittelpunkt einer Katastrophe bildete. Doch welcher Katastrophe? Herbe-en-Pail war angegriffen worden, aber durch wen? War das wirklich ein Gefecht, oder war es nicht eher eine militärische Exekution? Die Blauen steckten häufig, einer revolutionären Verordnung gemäß, die widersetzlichen Höfe und Dörfer zur Strafe in Brand; als abschreckendes Beispiel wurde jeder Hof oder Weiler eingeäschert, der es unterlassen hatte, die gesetzlich vorgeschriebene Anzahl Bäume zu fällen oder der republikanischen Kavallerie durch die Dickichte einen Weg zu brechen und zu bahnen. So war insbesondere die Gemeinde von Bourgon bei Ernée erst vor Kurzem verheert worden. Ob Herbe-en-Pail wohl dieses Schicksal theilte? Daß keine der gesetzlich befohlenen strategischen Arbeiten in den Wäldern und an den Umzäunungen von Tanis und Herbe-en-Pail vorgenommen worden, ließ sich mit Sicherheit behaupten. War das nun die Strafe dafür? Hatte die Avantgarde, welche die Meierei besetzt hielt, einen diesbezüglichen Befehl erhalten? Sie gehörte ja zu einer jener Streifkolonnen, denen der Beiname »infernalisch« zugelegt worden war.

Die Anhöhe, von deren Gipfel aus der Marquis seine Beobachtungen anstellte, war allenthalben von einem äußerst struppigen, wilden Dickicht eingefaßt, das man den Busch von Herbe-en-Pail nannte, trotzdem er die Ausdehnung eines Gehölzes hatte; er erstreckte sich bis an die Meierei und barg wie alle Wälder in der Bretagne ein ganzes Netz von Schluchten, Pfaden und Hohlwegen, in deren Labyrinth die republikanischen Truppen rathlos umherirrten.

Die Exekution, wenn es überhaupt eine solche war, mußte furchtbar gewesen sein, denn sie war von kurzer Dauer; die Brutalität arbeitet rasch, und der Bürgerkrieg bringt die Brutalität mit sich. Während der Marquis sich in hunderterlei Vermuthungen erging und, noch unschlüssig, ob er verschwinden oder bleiben solle, lauschte und spähte, hörte das Vernichtungsgetümmel auf oder stob vielmehr auseinander. Der Marquis vernahm etwas wie das Umherschwärmen wildfröhlicher Schaaren in dem Dickicht, ein schauerliches Hin- und Herwimmeln unter den Bäumen. Von der Meierei hatte sich’s in den Wald gewälzt. Geschossen wurde nicht mehr, aber zum Angriff getrommelt. Das Ganze schien jetzt den Charakter eines Treibjagens anzunehmen; das Durchstöbern, Verfolgen und Hetzen deutete darauf hin, daß man Jemand auf der Spur war. Das Lärmen war ein räumlich zerstreutes und dennoch nachhaltiges, eine Mischung von Zorn- und Siegesrufen, die zu einem Getöse ineinanderschmolzen, so daß der Marquis keinen einzelnen Schrei heraushören konnte, bis plötzlich, wie die Form eines Gegenstandes aus einer abnehmenden Rauchwolke hervorsticht, dieser Lärm einen bestimmten deutlichen Laut von sich gab, einen Namen, der dem Lauschenden tausendstimmig in’s Ohr schallte: Lantenac! Lantenac! Der Marquis von Lantenac!

Gefahndet wurde auf ihn.

VI.

Die Wechselfälle im Bürgerkrieg.

Plötzlich, von allen Seiten, blitzte es im Dickicht ringsum von Gewehrläufen, Bajonetten und Säbeln; hinterher ragte im Halbdunkel eine dreifarbige Fahne; der Ruf »Lantenac!« donnerte dem Marquis entgegen, und ihm zu Füßen erschienen verwilderte Gesichter über den Dornbüschen und zwischen den Zweigen. Der Marquis stand allein, allen Blicken ausgesetzt auf der Anhöhe. Er konnte die, welche ihn beim Namen riefen, kaum sehen; sie aber sahen Alle ihn. Wenn das Dickicht tausend Flinten barg, so gab er die Zielscheibe ab für alle tausend. Deutlich unterschied er im Dickicht blos die vielen glühend nach ihm starrenden Augen.

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Der Marquis stand allein, allen Blicken ausgesetzt auf der Höhe.

Er nahm seinen Hut vom Kopf, stülpte die Krempe auf, riß von einer Pfriemenstaude einen langen dürren Dorn weg, zog eine weiße Kokarde hervor, heftete die Kokarde an die Krempe und diese an die Hutform fest und, indem er denselben so wieder aufsetzte, daß seine Stirn unter dem befestigten Hutrand und der Kokarde freistand, rief er laut, damit es der ganze Wald auf einmal höre: – Der bin ich, den ihr sucht. Ich bin der Marquis von Lantenac, Vikomte von Fontenay, bretonischer Fürst, Oberstkommandirender der Streitkräfte Seiner Majestät des Königs. Machen wir ein Ende! Legt an! Feuer!

Und die Jacke von Ziegenfell mit beiden Händen auseinanderreißend, entblößte er seine Brust. Als er hinabschaute, die auf ihn gerichteten Musketen mit dem Blick zu suchen, sah er sich umringt von einer knieenden Menge, die nun jubelnd aufschrie:

– Hoch Lantenac! Der gnädige Herr, hoch! Vivat unser General! Und Hüte flogen in die Höhe; Säbel wurden unter Jauchzen geschwungen und aus jedem Busch braunwollene Mützen auf langen Stöcken geschwenkt. Die Leute um ihn her, die sich bei seinem Anblick auf die Knie niedergeworfen hatten, waren Vendéer Aufständische. Sagenhaften Berichten aus dem Alterthum zufolge, sollen in den wildesten Waldrevieren von Thüringen seltsame gigantische Wesen gehaust haben, die sowohl als übermenschliche wie als unmenschliche Geschöpfe behandelt wurden, denn bei den Römern galten sie für Bestien und bei den Germanen für Halbgötter und kamen also je nach Umständen in die Lage, vertilgt oder angebetet zu werden. Der Marquis empfand jetzt wohl etwas Aehnliches wie eines jener Wesen, das schon darauf gefaßt, als Unthier niedergemetzelt zu werden, nun auf einmal als himmlische Erscheinung verehrt worden wäre. Diese unheimlichen, blitzsprühenden Augen hingen alle an ihm mit einem wilden Ausdruck von Liebe.

Der lärmende Haufen war mit Flinten, Säbeln, Sensen, Stangen und Stöcken bewaffnet; sämmtlich trugen die Leute den großen Filzhut oder die braune Mütze mit der weißen Kokarde, weite, nach unten zu offen stehende kurze Beinkleider, haarige Jacken und lederne Gamaschen, dabei Rosenkränze und Amulette in Fülle; sie hatten langes Haar und nackte Knie, und schauten, wenn auch Viele darunter grausam, so doch Alle gewissermaßen kindlich drein.

Ein junger, stattlicher Mann, welcher sich durch die knieende Menge Bahn gebrochen hatte, eilte nun zum Marquis hinauf. Wie die Bauern trug auch er einen Filzhut mit aufgestülpter Krempe und weißer Kokarde und eine Jacke aus Ziegenfell, nur waren seine Hände weiß und sein Hemd fein, und überdies unterschied ihn von den Uebrigen eine weißseidene Schärpe nebst Degen mit goldenem Griff. Oben angekommen, warf er den Hut weg, nahm Schärpe und Degen ab, und sagte, indem er sich auf ein Knie niederließ und Beides dem Marquis darbot:

– Wir haben Sie in der That gesucht und nun auch gefunden. Hier haben Sie die Zeichen des Kommandos. Diese Leute gehören fortan Ihnen. Bisher war ich der Befehlshaber; jetzt, Monseigneur, avancire ich zu Ihrem Soldaten. Nehmen Sie unsere Huldigung entgegen, Herr General, und gebieten Sie über uns.

Und auf einen Wink von ihm traten einige Männer mit einer dreifarbigen Fahne zwischen den Bäumen hervor, kamen den Hügel herauf und legten dem Marquis jene Trikolore zu Füßen, die er vorhin im Dickicht hatte ragen sehen.

– Herr General, sagte der junge Mann, der ihm Degen und Schärpe überreicht hatte, es ist dies die Fahne, die wir soeben den Blauen, die in der Meierei von Herbe-en-Pail kampirten, abgenommen haben. Mein Name, Monseigneur, ist Gavard. Ich habe schon unter dem Marquis von la Rouarie gedient.

– Schön, sagte der Marquis, und legte ruhig und ernst die Schärpe an, zog dann den Degen und rief, indem er ihn über seinem Haupt schwenkte: Auf! und ein Hoch Seiner Majestät dem König!

Alles erhob sich, und durch die Tiefen des Dickichts wirbelte es fort in siegestrunkener Begeisterung: Hoch der König! Hoch unser Marquis! Lantenac hoch! Nun wendete sich der Marquis wieder zu Gavard:

– Wie stark sind wir?

– Siebentausend Mann.

Und im Hinabsteigen von der Anhöhe, während die Bauern die Pfriemenstauden vor den Schritten des Marquis von Lantenac bei Seite bogen, fuhr Gavard fort: Die Sache verhält sich nämlich in kurzen Worten ganz einfach so: die Pulvermine bedurfte blos mehr eines Funkens, um zu springen, und deshalb hat die Bekanntmachung Ihrer Anwesenheit durch die republikanische Behörde die ganze Gegend zum Kampf für Seine Majestät aufgerufen. Außerdem war uns die Nachricht auch noch unter der Hand durch den Bürgermeister von Granville zugekommen, der uns sehr ergeben ist, und der schon einmal den Abbé Olivier gerettet hat. In der Nacht ist Sturm geläutet worden.

– Wozu?

– Für Sie.

– Ah so! sagte der Marquis.

– Und hier sind wir, setzte Gavard hinzu.

– Also wirklich siebentausend? – Heute noch; morgen aber sind wir fünfzehntausend; das kann unsere Gegend leisten. Als sich Herr Henri von La Rochejacquelein zur katholischen Armee begeben hat, wurde gleichfalls Sturm geläutet und binnen einer Nacht führten ihm die sechs Gemeinden Isernay, Corqueux, les Echaubroignes, les Aubiers, Saint-Aubin und Nueil allein zehntausend Mann zu. Nur an Munition fehlte es; da fand man noch bei einem Maurer sechszig Pfund Sprengpulver, und damit rückte Herr von La Rochejacquelein in’s Feld. Wir dachten wohl, Sie müßten sich irgendwo in diesem Wald aufhalten, und so kommt’s, daß wir Sie gleich hier suchten.

– Doch wie war denn das mit den Blauen in der Meierei von Herbe-en-Pail?

– Sie hatten in Folge der Windrichtung von dem Sturmläuten nichts gehört und waren auch sonst ohne allen Verdacht, denn das einfältige Volk im Dörfchen hatte sie freundlich aufgenommen. Heute früh, während die Blauen noch schliefen, haben wir den Hof umzingelt, und im Handumdrehen war Alles vorüber. Herr General, ich bin beritten; darf ich die Ehre haben. Ihnen mein Pferd zur Verfügung zu stellen? – Ja.

Ein Schimmel mit militärischer Schabracke wurde von einem der Bauern vorgeführt. Der Marquis bestieg ihn, ohne von Gavard’s angebotener Hilfe Gebrauch zu machen.

– Hurrah! schrieen die Bauern, denn an den Küsten der Bretagne und Normandie, welche in beständiger Geschäftsverbindung mit den Kanalinseln stehen, sind dergleichen Rufe vielfach dem Englischen entlehnt worden.

Gavard fragte salutirend: Monseigneur, wohin verlegen Sie Ihr Hauptquartier?

– Zunächst in den Wald von Fougères. – Eine von Ihren sieben Waldungen, Herr Marquis. – Sorgen Sie mir für einen Geistlichen. – Wir haben einen bereits hier. – Wen? – Den Vikar von La Chapelle-Erbrée. – Den kenne ich. Er hat die Reise nach Jersey gemacht. – Zu dreien Malen, sagte ein Priester, der jetzt vortrat.

Der Marquis wendete sich um:

– Guten Morgen, Herr Vikar. Ich werde Sie sogleich beschäftigen.

– Vortrefflich, Herr Marquis.

– Sie werden Beichte hören, heißt das nur, wenn die Betreffenden einverstanden sind. Gezwungen wird Keiner.

– Herr Marquis, entgegnete der Priester, in Guéménée zwingt Gaston die Republikaner zur Beichte.

– Er ist ein Perrückenmacher. Sterben soll man frei.

Gavard, der sich entfernt hatte, um einiges anzuordnen, kam zurück:

– Herr General, ich erwarte Ihre weiteren Befehle.

– Der Sammelplatz ist der Wald von Fougères. Zunächst haben die Leute also auseinanderzugehen und sich dorthin zu verfügen.

– Die Ordre ist bereits gegeben.

– Sagten Sie mir nicht vorhin, daß in Herbe-en-Pail die Blauen eine freundliche Aufnahme gefunden? – Ja wohl, Herr General. – Und der Meierhof ist niedergebrannt worden. – Ja. – Haben Sie den Weiler mit niedergebrannt? – Nein. – So thun Sie’s! – Erst haben sich die Blauen gewehrt; aber sie waren ihrer hundertundfünfzig und wir volle sieben Tausend. – Welche Sorte von Blauen war’s? – Blaue von Santerre. – Welcher den Trommelwirbel kommandirte, während man den König enthauptete …. Demnach waren es ja Pariser? – Ein halbes Bataillon. – Wie heißt das Bataillon? – Herr General, auf der Fahne steht: »Bonnet-Rouge.« – Bestien also. – Was soll mit den Verwundeten geschehen? – Gebt ihnen den Rest. – Und mit den Gefangenen? – Niederschießen. – Es sind an die achtzig Mann. – Alles nieder. – Dazu noch zwei Weiber. – Mit erschießen. – Mit drei Kindern. – Die gehen einstweilen mit uns, bis ein Weiteres über sie beschlossen ist. Und der Marquis trieb sein Pferd voran.

VII.

Ohne Gnade! – Keinen Pardon!6

Während bei Tanis alle diese Begebenheiten aufeinanderfolgten, war der Bettler in der Richtung von Crollon weitergegangen. Er hatte sich tief in die Schluchten verloren, unter das dichte, schweigsame Laubdach, theilnahmlos, wie er selber gesagt, für alles Einzelne und teilnehmend an nichts, mehr in Träumerei als in Gedanken, denn wer denkt, hat ein Ziel vor sich, der Träumer keines. So schlich und schlenderte er zwecklos einher, blieb zuweilen stehen und aß wilden Ampfer, ein Blatt oder zwei, trank auch aus den Quellen, erhob hin und wieder, wenn von Weitem ein Getöse an sein Ohr schlug, das Haupt und fiel dann in den blendenden Halbschlafzauber der Natur zurück, in Lumpen unter der lieben Sonne, die fernen Anklänge menschlichen Treibens vielleicht wohl hörend, lauschend aber dem Gesang der Vögel.

Langsam und gebrechlich; weit konnte er nicht mehr gehen; er hatte es ja dem Marquis von Lantenac gesagt: nach der ersten Viertelstunde war er schon müde; er machte noch einen kleinen Umweg gegen La Croix-Avranchin zu, und als er heimkehrte, war es bereits Abend.

In geringerer Entfernung von Macey führte ihn der Pfad, dem er folgte, zu einer unbewaldeten Erderhöhung mit einer Fernsicht über den ganzen westlichen Horizont bis an’s Meer. Dort oben wurde er auf einen Rauch aufmerksam. Ein emporschwebender Rauch kann die sanftesten, aber auch die schreckhaftesten Betrachtungen wecken; es giebt einen friedlichen und einen verruchten Rauch. Ein Rauch kann uns je nach seiner Beschaffenheit und Farbe in grellem Gegensatz an den Frieden erinnern oder an den Krieg, an Verbrüderung oder Haß, Gastlichkeit oder Grabesgrauen, Leben oder Tod. Wenn zwischen Bäumen eine Rauchsäule aufsteigt, bedeutet sie vielleicht das Lieblichste, was in der Welt zu finden ist, den häuslichen Herd, oder wieder das Schauerlichste, die Feuersbrunst. Und alles menschliche Glück wie aller menschliche Jammer liegt oft in so einer Dampfwolke, die im Winde zerstiebt.

Der Rauch, den Tellmarch bemerkt hatte, war ein besorgnißerregender, denn er war schwarz und zuweilen röthlich leuchtend; die Flamme, der er entstammte, schien abwechselnd zu steigen und zu fallen, also dem Erlöschen nahe zu sein, und er stand gerade über Herbe-en-Pail. Tellmarch ging in beschleunigtem Schritt darauf zu. Er war freilich recht erschöpft, aber er wollte doch wissen, wie das sei. Als er den Hügel erklommen hatte, an dessen Fuß Hof und Weiler gelegen waren, war weder Hof noch Weiler mehr zu sehen, nur noch ein glühender Schutthaufen.

Es giebt noch einen schmerzlicher beklemmenden Anblick als einen brennenden Palast, das ist eine brennende Hütte. Aus dem Brande einer Hütte steigt ein unendlich jammervolles Etwas: der innere Widerspruch, der darin liegt, wenn die Vernichtungswuth über das Elend hereinbricht und der Geier den Wurm mit seiner Grausamkeit verfolgt, schnürt Einem das Herz zusammen.

Die biblische Legende erzählt, daß ein Zurückschauen auf eine Feuersbrunst ein menschliches Wesen in eine Salzsäule verwandelt hat. In diesem Moment war Tellmarch zu einer solchen Säule erstarrt, gelähmt durch das Schreckniß, das sich ihm darbot. Ueber der ganzen Verwüstung lag Schweigen. Kein Schrei, kein Wimmern stieg mit dem Rauch empor.

Dieser Schmelzofen fuhr fort, die letzten Ueberreste des Dorfes zu verzehren, ohne daß man etwas Anderes hätte vernehmen können, als das Krachen der Balken und das Knistern des verglimmenden Dachstrohs. Hier und da riß der Rauchschleier, und dann wurden durch die eingestürzten Decken die gähnenden Wohnräume sichtbar; die Esse ließ ihre Rubinen alle flimmern und das oder jenes arme, alte Möbel leuchtete wie von Purpur zwischen den gerötheten Mauern, und Tellmarch schaute dann der Verheerung unheimlich blendende Kehrseite.

Im Kastanienwald, der dicht an die Häuser grenzte, waren einige Bäume von dem Feuer ergriffen worden und flackerten zum Himmel.

Vergebens lauschte der Bettler hinaus nach irgend einer Stimme, einem Hilferuf, einem Klagelaut. Nichts sah er sich bewegen als die Flammen, und Alles schwieg, nur der Brand nicht. So waren denn Alle entflohen? Das lebendige, arbeitsame Völkchen von Herbe-en-Pail, wo mochte es jetzt wohl hingekommen sein?

Tellmarch verließ den Hügel. Langsam und mit stierem Blick näherte er sich den Ruinen, diesem düster starrenden Räthsel, das er vor sich hatte, – langsam wie ein Schatten, denn in dieser Grabstätte kam er selber sich vor wie ein Phantom. Nun hatte er die Stelle erreicht, wo sich früher die Einfahrt der Meierei befunden hatte, und sah in den Hof, welcher nun mit seinen eingesunkenen Mauern eins war mit den umliegenden Trümmergruben. Was der Mann bis jetzt gesehen, war aber noch nichts, war nur das Schreckliche; bald sollte er das Grauenhafte erblicken.

Mitten im Hofe lag, von einer Seite durch den Schein des Feuers, von der anderen durch den Mond blos in wenigen Umrissen undeutlich hervorgehoben, eine schwarze Masse. Diese Masse bestand aus einzelnen Menschen und diese Menschen waren todt. Rings um sie herum stagnirte eine Flüssigkeit, in welcher der Brand sich spiegelte; doch sie bedurfte dessen nicht, um roth zu erscheinen, denn es war Blut.

Tellmarch trat näher und untersuchte diese Körper einen nach dem anderen; sie waren alle leblos. Bei der Beleuchtung der Feuersbrunst und des Mondes konnte er erkennen, daß es Soldatenleichen waren, sämmtlich barfuß; die Schuhe waren ihnen ausgezogen worden; auch hatte man die Waffen mit fortgenommen; die Uniform war blau und die Hüte, die unter dieser Anhäufung von ausgestreckten Gliedmaßen und hängenden Köpfen umherlagen, trugen die dreifarbige Kokarde. Die Todten waren Republikaner, jene Pariser, die noch den Abend zuvor, alle frisch und munter, hier in der Meierei von Herbe-en-Pail ihr Quartier hatten. Eine gewisse Symmetrie, die in dieser Unordnung herrschte, deutete darauf hin, daß sie hingerichtet worden waren, ohne langen Todeskampf, sorgfältig; es war kein einziges Röcheln zu vernehmen; nicht Einer hatte die Übrigen überlebt. Tellmarch vergaß bei seiner Leichenschau keinen Einzigen. Jeder hatte ein paar Kugeln in Kopf und Brust. Diejenigen, durch welche die Exekution vollzogen worden, hatten wahrscheinlich eine solche Eile gehabt, wieder weiter zu marschiren, daß sie sich nicht damit befassen mochten, die Opfer zu begraben.

Schon wendete sich der Bettler zum Gehen, als sein Blick auf einen niedrigen Mauerrest fiel, über den er von der andern Seite her vier Füße herunterhängen sah. Diese Füße waren kleiner als die Übrigen und nicht nackt; Tellmarch trat näher. Es waren Weiberfüße. Hinter der Mauer lagen zwei Frauen nebeneinander hingestreckt, gleichfalls erschossen. Tellmarch beugte sich über sie. Die Eine trug eine Art Uniform; ihr zur Seite lag ein durchlöchertes leeres Fäßchen. Die todte Marketenderin hatte vier Kugeln im Kopf. Nun untersuchte Tellmarch die Andere, eine Bäuerin. Sie lag bleich, mit offenem Munde und geschlossenen Augen da. Am Kopf hatte sie keine Wunden. Ihr Kleid, das wohl unter Mühsalen so zerfetzt worden, war durch den Sturz aufgegangen, und ließ den Oberkörper zum Theil entblößt. Tellmarch schob es noch weiter auseinander und entdeckte an der einen Schulter eine runde Schußwunde. Das Schlüsselbein war entzwei. – Mutter und Amme, murmelte der Bettler vor sich hin, indem er den blutbefleckten Busen ansah. Er berührte ihre Schulter; sie war nicht kalt; andere Verletzungen als der Bruch und der Schuß waren nicht vorhanden. Tellmarch legte ihr nun die Hand auf die Herzgrube und fühlte ein mattes Schlagen. Die Frau lebte noch.

– Ist denn Niemand hier? rief der Bettler hoch aufgerichtet, verzweiflungsvoll.

– Bist du’s, Caimand? flüsterte es kaum vernehmbar; ein Kopf tauchte hinter einem Schutthaufen auf, und gleich darauf hinter einem andern ein zweiter. Es waren Bauern, die sich versteckt hatten, die beiden einzig Ueberlebenden. Die wohlbekannte Stimme des Bettlers hatte ihnen Muth gegeben, aus ihren Schlupfwinkeln hervorzukriechen. Sie zitterten noch am ganzen Leib, als sie auf Tellmarch zugingen. Dieser hatte einen Schrei gefunden, aber reden konnte er nicht; so wirken große Erschütterungen auf den Menschen. Er deutete blos auf das Weib zu seinen Füßen hin.

– Lebt sie noch? fragte der eine Bauer.

Tellmarch bejahte mit einem Kopfnicken.

– Und die Andere, lebt die auch? fragte der zweite Bauer.

Tellmarch schüttelte den Kopf, und der Bauer, welcher sich zuerst hatte blicken lassen, sagte wieder:

– Die Andern sind alle todt, nicht wahr? Ich hab’s mit ansehen müssen. Ich war drunten in meinem Keller. O, wie dankt man da seinem Schöpfer, daß man nicht Weib und Kind hat! Mein Haus brannte. Jesus Maria! Alles haben sie umgebracht. Die Frau hier hatte Kinder, drei ganz kleine, und die Kinder schrieen: »Mutter!« und die Mutter schrie: »Meine Kinder!« Die Mutter haben sie zusammengeschossen und die Kleinen mitgenommen. Mein Gott! ich habe das mit ansehen müssen, allmächtiger Gott! Die, welche Alles niedergemetzelt haben, sind dann gegangen. Sie waren zufrieden. Die Kinder haben sie mit fortgenommen und die Mutter umgebracht. Aber sie ist nicht todt, nicht wahr? sie ist nicht todt? Höre einmal, Caimand, glaubst du, daß du sie retten kannst? Wie wär’s, wenn wir sie zu dir heimbrächten? Tellmarch nickte beistimmend mit dem Kopf.

Da der Wald an die Brandstätte stieß, hatten sie aus Zweigen und Farrenkräutern eine Tragbare bald hergerichtet, auf die sie das immer noch bewußtlose Weib hinlegten, und nun traten sie den Rückzug durch das Dickicht an. Die beiden Bauern trugen die Bahre, der eine zu Häupten, der andere zu Füßen, und Tellmarch hielt den Arm der Frau und fühlte ihr von Zeit zu Zeit nach dem Puls.

Den ganzen Weg entlang redeten die zwei Bauern und warfen einander über die Verwundete hinüber, deren bleiches Gesicht der Mond beschien, abgerissene Worte des Schreckens zu. – Alles umzubringen! – Alles niederzubrennen! – Ach du lieber Gott! Soll jetzt so drauf losgehaust werden?

– Der große alte Mann, der hat’s haben wollen. – Ja, der war der Anführer. – Ich habe ihn nicht gesehen, wie man sie umgebracht hat; ist er dabei gewesen?

– Nein. Er war schon fort. Aber thut nichts; wie er’s befohlen hat, so ist’s auch geschehen.

– Dann freilich hat er Alles auf dem Gewissen.

– Zusammenschießen! hatte er gesagt; niederbrennen! ohne Pardon!

– Ist es wirklich ein Marquis? – Wenn ich dir sage, daß er unser Marquis ist! – Wie heißt er fein nur? – Er ist Herr von Lantenac.

Tellmarch blickte gen Himmel und murmelte in seinen weißen Bart: Wenn ich geahnt hätte! …

  1. Er hat Ohren und hört nicht.
  2. Ohne Gnade! – war die Parole des revolutionären Pariser Stadtraths, während der Prinz, der an der Spitze der Emigrirten stand, (Artois, der jüngere Bruder Louis XVI. und spätere König Karl X.) die Parole ausgegeben hatte: Keinen Pardon!

Erstes Buch

Zu Paris

Cimourdain

I

Die Straßen von Paris, damals

Man lebte draußen; sogar der Tisch, an dem gegessen wurde, stand draußen vor der Hausthür; auf den Kirchenstufen saßen die Weiber und zupften Charpie zur Marseillaise; im Park-Monceaux und im Luxembourg-Garten wurde exerzirt; auf allen Plätzen waren kleine Gewehrfabriken in Thätigkeit, und die Waffen entstanden unter den Augen der Beifall klatschenden Menge; die allgemeine Meinung war: »Geduld; wir stehen eben mitten in einer Revolution.« Mit einem heroischen Lächeln ging man in’s Theater wie zu Athen während des peloponesischen Krieges; an den Straßenecken war angeschlagen: »Die Belagerung von Thionville. – Die gerettete Hausmutter. – Der Klub der Unverdrossenen. – Die Päpstin Johanna senior. – Die Philosophen in Uniform. – Ländliche Liebeskünste.« – Die Deutschen waren im Anmarsch; man erzählte, der König von Preußen habe sich schon vormerken lassen für die Opernvorstellungen. Schrecklich war Alles und doch Niemand in Schrecken. Das düstere Gesetz über die Verdächtigen, eine Versündigung Merlin’s aus Douai, ließ das Fallbeil über eines Jeden Kopf hervorblitzen, aber ein denunzirter Prokurator Namens Seran erwartete die Häscher im Schlafrock und in Pantoffeln und blies bei offenem Fenster auf der Flöte. Ueberflüssige Zeit schien’s nicht mehr zu geben; Alles hastete vorwärts. An jedem Hut die Kokarde. »Die rothe Kappe steht uns allerliebst,« meinten die Frauen. Die Läden, wo Alterthümer feilgeboten wurden, waren vollgepfropft mit Kronen, Bischofsmützen, Lilien und Sceptern von vergoldetem Holz, dem abfluthenden Hausrath der königlichen Paläste. Bei den Trödlern kaufte man die Chorröcke und Meßgewände auf »Pack dich damit!« Auf dem Porcherons-Platz und in der Schänke von Ramponneau tranken Leute, die sich in Stolen und Chorhemden gesteckt hatten und auf Eseln im Kirchenornat ritten, den Wein der Kneipe aus den goldenen Gefäßen der Kathedralen! In der Straße Saint-Jacques hielten barfüßige Pflasterer den Karren eines Hausirers an, der mit Schuhen handelte, und kauften mit ihrer zusammengelegten Baarschaft fünfzehn Paar Schuhe, die sie für die Soldaten in den Konvent schickten. Es wimmelte von Büsten eines Franklin, Rousseau, Brutus und Marat. Unter einer jener Büsten von Marat, in der Straße Cloche-Perce, hing unter Glas in schwarzem Rahmen eine Anklage gegen Malóuet mit Belegstücken und folgender Randglosse: »Diese Angaben verdanke ich der Geliebten von Sylvain Bailly, einer guten Patriotin, die mir wohl will. – Gezeichnet: Marat« Auf dem Platze des Palais-Royal war am Brunnen die ursprüngliche lateinische Inschrift hinter zwei großen Bildern verschwunden, die, mit Leimfarbe gemalt, das eine Cahier von Gerville vorstellte, wie er der Nationalversammlung das Erkennungszeichen der »Chiffonisten« von Arles anzeigt, das andere die Rückkehr Ludwig’s XVI. von Varennes mit zwei Grenadieren, welche, das Bajonett am Gewehr, jeder auf einem Ende eines Brettes saßen, das unter der Karosse mit Seilen befestigt war. Von den großen Läden waren die wenigsten offen. Auf Karren mit Lichtern, von denen der schmelzende Talg auf die Gegenstände niedertroff, wurden durch Weiber Kramwaaren und dergleichen von Haus zu Haus feilgeboten. Ex-Klosterfrauen mit blonden Perrücken hatten Kaufbuden unter freiem Himmel aufgeschlagen. Die Person, die drüben in einem Schuppen Strümpfe stopfte, war eine Gräfin und dort jene Näherin eine Marquise; Frau von Boufflers bewohnte einen Dachboden mit Aussicht auf ihr Palais. Eilende Zeitungsverkäufer riefen die »papiers-nouvelles« aus. Die, deren Kinn noch in einer Halsbinde steckte, hieß man »die Skrophulösen«. Bänkelsänger gab es in Unmassen. Unter Gröhlen verfolgte man Pitou, den royalistischen Komiker, der zugleich ein Tapferer war, denn er ließ sich zweiundzwanzig Mal einsperren und wurde vor das revolutionäre Schwurgericht geladen, weil er beim Wort »Bürgertugend« sich einen Schlag unter den Rücken versetzt hatte; als es ihm ernstlich an’s Leben ging, rief er: »Aber meine Herrschaften, schuldig ist doch im schlimmsten Fall nur das Gegentheil meines Kopfes!« ein Witz, über den die Richter selbst lachen mußten, so daß er mit heiler Haut davon kam. Dieser Pitou geißelte die Manie der griechischen und römischen Namen; in sein Lieblingskouplet war von einem Schuster die Rede, den er »Cujus« und dessen Weib er »Cujusdam« hieß. Allenthalben wurde die »Carmagnole« getanzt, wobei man nicht »Kavalier und Dame«, sondern »Bürger und Bürgerin« sagte. Man tanzte sie in den zerfallenen Klöstern mit Lampions auf dem Altar, zwei wagrecht herabhängenden gekreuzten Stöcken mit vier Lichtern am Gewölbe und Grabstätten unter den Füßen. – Es wurden »tyrannenblaue« Westen getragen und Vorstecknadeln »á la Freiheitsmütze« mit weißen, blauen und rothen Steinen. Die Richelieu-Straße hieß Gesetzstraße, die Vorstadt Saint-Antoine Ruhmvorstadt und auf dem Bastille-Platz stand eine Statue der Natur. Man zeigte sich gewisse bekannte Stadtfiguren, Chatelet, Didier, Nicolas und Garnier-Delaunay, die vor der Thür des Tischlermeisters Duplay Wache hielten; Voulland, der bei keiner Hinrichtung fehlte und dem Karren mit den Verurtheilten folgte, was er »in die rothe Mette gehen« hieß, und den revolutionären Geschworenen und Ex-Marquis Montflabert, der sich den Namen »Zehnter August« beigelegt hatte. Man sah dem Défilé der Kriegsschüler zu, die laut Verordnung des Konvents »die Zöglinge des Mars«, durch den Volksmund aber »die Pagen von Robespierre« titulirt wurden. Dann las man wieder die Proklamationen von Fréon, in denen er den Verdächtigen das Verbrechen des »Krämerthums« vorwarf. Die »Zierbengel«, die sich bei den Rathhäusern herumtrieben, verhöhnten die Ziviltrauungen und umdrängten die Brautleute mit dem Spottruf »Municipaliter!« Im Invalidendom trugen die Statuen der Heiligen und Könige die phrygische Mütze. Auf den Ecksteinen wurde gespielt, und zwar mit revolutionären Karten, bei denen die Könige den Genien, die Damen den Freiheiten, die Buben den Gleichheiten und die Asse den Gesetzen hatten weichen müssen. Man pflügte die öffentlichen Gärten um; vor den Tuilerien wurde geackert. Dabei machte sich, und namentlich bei den besiegten Parteien, ein gewisser hochfahrender Überdruß geltend; an Fouquier-Tionville wurde eines Tags geschrieben: »Seien Sie so freundlich, mich von der Existenz zu befreien. Anbei meine Adresse.« Und Champcenez provozirte mitten im Palais-Royal-Garten seine Verhaftung durch die herausgeschrieene Aeußerung: »Der Sultan sollte die türkische Republik proklamiren; nichts würde ich lieber sehen, als wie Nichtswürdiges sich durch die hohe Pforte empfiehlt.« Nirgends durften die Zeitungen fehlen. Während die Friseurgesellen öffentlich an ihren Frauenperrücken kräuselten, las ihnen der Meister mit lauter Stimme den »Moniteur« vor; in lärmenden Gruppen wurde unter lebhaftem Geberdenspiel über den Leitartikel im »Verstehen wir uns auch recht!« von Dubois-Crancé oder in der »Trompete des Père Bellerose« debattirt. Manche Barbiere waren gleichzeitig Wursthändler, so daß man in gewissen Auslagen neben einer goldhaarigen Kopfpuppe Würste und Schinken hängen sah. Fahrende Schenkwirthe priesen den Vorübergehenden ihren »Emigrantenwein« an; ein anderer Weinhändler verzapfte »Zweiundfünfzigsortenwein«; wieder Andere handelten mit Lyra-Pendülen und Sophas à la Düchesse. Ueber der Thür eines Friseurs stand zu lesen: »Hier wird die Geistlichkeit über den Löffel barbiert, dem Adel in die Haare gefahren und der dritte Stand nicht geschnitten.« In der Anjou, vormals der Dauphin-Straße, ließ man sich Nummer 172 bei Martin die Karten legen. Es mangelte an Brod, mangelte an Kohlen, mangelte an Seife. Heerdenweise wurden die Milchkühe aus der Provinz in die Stadt getrieben. In der Vallée kostete das Pfund Lammfleisch fünfzehn Francs. Laut Anschlag des Stadtraths wurde für jede Dekade per Kopf ein Pfund Fleisch verabreicht. Vor den Viktualienläden machte man Queue. Eine dieser regelmäßigen Menschenansammlungen hat sich sogar im Gedächtniß des Volkes erhalten; sie reichte von der Thür eines Spezereihändlers in der Straße Petit-Carreau bis mitten in die Straße Montorgueil. Queue machen hieß damals »die Schnur halten«, wegen des langen ausgespannten Seils, das Alle, der Reihe nach hintereinander stehend, in die Hand nahmen. Die Weiber ertrugen dies Elend mit sanftmüthiger Tapferkeit. Ganze Nächte hindurch warteten sie vor den Bäckerläden, bis die Reihe an sie kam. Die Revolution hatte mit ihren Nothbehelfen Glück; es gelang ihr die Verzweiflung vermittelst zweier Maßregeln abzuwehren, des Zwangskurses der Assignaten und der Einführung des Maximums; das Assignat mußte ihr als Hebel und das Maximum als Stützpunkt dienen, und durch dieses empirische Verfahren wurde Frankreich gerettet. Der Feind in Coblenz wie in London wucherte mit den Assignaten. Dirnen, welche mit Lavendelessenz, Strumpfbändern und Husarenzöpfen hausirten, betrieben die Agiotage.

Die Geldmakler der Vivienne-Straße trugen schmutzige Schuhe, fettes Haar und Bärenmützen mit Fuchsschweif, die »Mayolets« der Valois-Straße hingegen, die sich von den Dirnen dutzen ließen, Lackstiefel, langhaarige Hüte und zwischen den Lippen einen Zahnstocher. Auf beide Gattungen machte das Volk Jagd, wie auch auf die Diebe, die von den Royalisten den Spitznamen »aktive Bürger« bekommen hatten. Diebstähle gehörten übrigens zu den Seltenheiten, und eine trotzige Armuth, eine stoische Rechtlichkeit waren an der Tagesordnung. Mit ernst gesenktem Blick gingen die barfüßigen Hungerleider an den Auslagen der Juweliere des Palais-Egalité vorüber. Bei Gelegenheit einer Haussuchung, welche die Bezirksbehörde der Vorstadt Antoine bei Beaumarchais vornehmen ließ, pflückte ein Weib im Garten eine Blume; sie wurde vom Volk dafür geohrfeigt. Das Holz kostete das Klafter vierhundert Francs in klingender Münze; man sah auf der Straße Leute ihre Bettstatt kleinsägen; im Winter waren die Brunnen zugefroren, und die Tracht Wasser stieg auf zwanzig Sous; alle Ärmern wurden Wasserträger. Der Louisdor wurde mit dreitausend neunhundertundfünfzig Francs Papier bezahlt, die Fahrt in einem Fiaker mit sechshundert. Nach vollendeter Fahrt konnte man folgenden Dialog hören: – Kutscher, was bin ich Ihnen schuldig? – Sechshundert Francs. – Eine Gemüsehändlerin hatte eine Tageseinnahme von zwanzigtausend Francs. Bettelleute sagten zu Einem: »Aus Barmherzigkeit, helfen Sie mir! Es fehlen mir zweihundertdreißig Francs, um meine Schuhe zu bezahlen.«

An den Brücken standen kolossale Statuen, die von David geschnitzt und bemalt waren, und die Mercier höhnischerweise »hölzerne Hanswurste« nannte, Statuen, welche den niedergeworfenen Föderalismus und die zurückgeworfene Koalition darstellten. Dieses Volk, in seiner düsteren Freude, mit den Thronen ein Ende gemacht zu haben, blieb der Entmuthigung unzugänglich. Die Freiwilligen strömten herbei, um dem Feind die Brust zu bieten. Jede Straße stellte ein Bataillon. Die Fahnen der Bezirke wurden herumgetragen, jede mit einer Devise. Auf der Fahne des Bezirks Les Capucins war zu lesen: »Uns soll Keiner barbieren«, auf einer anderen: »Keinen Adel mehr außer im Herzen.« An allen Mauern Plakate, große und kleine, weiße und gelbe, grüne und rothe, gedruckte und geschriebene, mit der Aufschrift: »Es lebe die Republik!« Selbst die kleinen Kinder stammelten schon: »Ça ira«. Diese kleinen Kinder waren die unendliche Zukunft.

Später schlug die tragische Stadt in’s Cynische um. Die Straßen von Paris haben zwei gründlich verschiedene Physiognomien gehabt, vor und nach dem 9. Thermidor; auf das Paris von Saint-Just folgte das Paris von Tallien. Die Weltgeschichte lebt von Gegensätzen: gleich nach dem Sinai kam die Maskerade. Ein Anfall allgemeinen Wahnsinns gehört nicht zu den Unmöglichkeiten; das hatte sich vor achtzig Jahren schon herausgestellt. Nach Ludwig XVI. wie nach Robespierre empfindet man ein dringendes Bedürfniß des Aufathmens; daher die Regentschaft, die das Jahrhundert eröffnet, und das Direktorium, womit es abschließt: doppelte Saturnalien nach doppelter Gewaltherrschaft. Frankreich nimmt sowohl aus dem puritanischen Kloster Reißaus wie aus dem monarchischen, mit der Ausgelassenheit einer dem Kerker entsprungenen Nation. So wurde denn nach dem 9. Thermidor Paris lustig, hirnverbrannt lustig. Es strömte über von krankhafter Freude. Des Sterbens Raserei verwandelte sich in Raserei des Lebens, und die Größe erlosch. Nun erschien ein zweiter Trimalcio in der Person von Grimod de la Reynière; es erschien »der Almanach der Feinschmecker«. Man tafelte im ersten Stock des Palais-Royal unter schmetternden Fanfaren, mit einem Orchester von Weibern, welche in Trompeten bliesen und die Trommel rührten. »Der Rigaudinier« mit seinem Fidelbogen gelangte zur Herrschaft; es wurde bei Méot »orientalisch« soupirt zwischen dampfenden, duftenden Rauchpfännchen. Boze malte seine Töchter, reizende sechzehnjährige Köpfchen voller Unschuld, in »Guillotinentoilette«, das heißt in ausgeschnittenen rothen Hemden. Auf die wilden Tänze in den zerfallenen Kirchen folgten die Bälle bei Ruggieri, bei Luquet, bei Wenzel, bei Manduit, bei der Montausier; nach den strengen, Charpie zupfenden Bürgerinnen kamen die Sultaninnen, die Indianerinnen, die Nymphen, und nach den nackten, blutenden, schmutz- und staubbedeckten Füßen der Soldaten, die nackten, diamantengeschmückten Füßchen der Weiber; mit der Scham war auch die Rechtlichkeit abhanden gekommen; oben tauchten die Armeelieferanten und unten das kleine Raubgesindel auf; das Gewimmel von Spitzbuben überschwemmte Paris, und Jeder mußte seine Brieftasche hüten. Zum Zeitvertreib begab man sich jetzt vor den Justizpalast, um die ausgestellten Diebinnen zu betrachten; es mußten ihnen die Kleider festgebunden werden; am Ausgang der Theater boten einem die Straßenjungen einen Wagen mit dem Beisatz an: »Bürger und Bürgerin, es ist Raum darin für zwei;« man bot statt des »alten Cordelier« und des »Volksfreunds« den »Brief von Polichinell« feil und das »Gesuch der Laufburschen«. In der Bezirksversammlung Les Piques am Vendôme-Platz führte der Marquis von Sade den Vorsitz. Die Reaktion war possierlich und grausam zugleich; die »Dragoner der Freiheit« aus dem Jahre 92 waren als »Ritter vom Dolch« wieder auferstanden. Auf der Bühne herrschte die typische Figur von Joerisse, in der Gesellschaft die »Merveilleuses« und die noch abgeschmackteren »Inconcevables«; man sagte: »par ma parole victimée« und »par ma parole verte«; von Mirabeau war man zu dem Possenreißer Bobêche zurückgesunken.

Das ist das große Hin und Her und Auf und Ab von Paris, der riesenhafte Pendelschlag einer ganzen Kultur von dem einen Pol zum anderen, von Thermopylä nach Sodom und Gomorrha. Nach 93 bewegte sich die Revolution durch eine absonderliche Verfinsterung weiter; es war, als ob das Jahrhundert vergessen würde, zu vollenden, was es begonnen hatte; eine unbegreifliche Orgie lenkte es ab, und schob sich vor und verschleierte die zurückgedrängte, schreckenvoll großartige Vision und brach nach all dem Schauer in ein Hohngelächter aus. Die Tragödie verschwand im Satyrspiel und das Medusenhaupt sah am Horizont nur noch ganz verschwommen herüber durch den Dunst des Karnevals. Im Jahre 93 aber, zur Zeit, um die sich’s hier handelt, hatten die Straßen von Paris von dem wilderhabenen Charakter jener Periode noch nichts eingebüßt. Sie hatten ihre Redner, Barlet, der von seinem Karren herab zu der Menge sprach, ihre Helden, wie zum Beispiel den »Kapitän der beschlagenen Stöcke«, ihre Lieblinge, wie Goffroy, den Verfasser der Flugschrift »Rougiff«. Einige dieser Lieblinge übten auf das Volk einen schädlichen, andere wieder einen wohlthätigen Einfluß, keiner jedoch einen so verhängnißvollen wie in der Geradheit seines Herzens Einer unter ihnen: Cimourdain.

II.

Cimourdain.

Cimourdain war ein reines aber finsteres Gewissen; er war sich eines Einblicks in Ewiges bewußt. Früher hatte er dem geistlichen Stand angehört, eine Thatsache von vielbedeutender Tragweite. Bei Menschen ist, wie am Himmel, eine gewisse düstere Abklärung möglich, sowie sich nur die besondere Veranlassung dazu bietet. So war denn Cimourdain durch das Priesterthum verdüstert worden; das Priesterthum läßt sich nicht wieder ablegen. Aber eine Nacht, die sich in unser Gemüth senkt, kann Sterne mitbringen, und Cimourdain besaß der Tugenden und Herzenswahrheiten gar manche, die aus der Finsterniß seines Wesens leuchteten. Seine äußere Lebensgeschichte war überaus einfach: Erst war er Dorfkaplan und Erzieher in einem vornehmen Hause gewesen; dann hatte er eine kleine Erbschaft gemacht und in Folge dessen seine Freiheit wiedergewonnen. Hartnäckigkeit war der Grundzug seines Charakters. Er arbeitete mit seinen Gedanken, wie man mit einer Zange arbeitet, und hielt sich nur dann für berechtigt, von einem Begriff abzulassen, wenn er ihn erschöpft hatte; er war verbissen in seinem Reflektiren. Mit allen europäischen Sprachen und sogar noch mit einigen anderen bekannt, studirte er unablässig; es hatte ihm dies zwar die Erfüllung seines Keuschheitsgelübdes erleichtert, aber ein solches Zurückdrängen ist unter allen Umständen höchst gefährlich. War’s nun aus Stolz oder zufällig oder aus Seelenwürde gewesen, seine Berufspflichten hatte er nie verletzt, bis auf eine einzige; die Wissenschaft hatte seinen Glauben zerstört, seinen Dogmenglauben wenigstens. Als ihm das ganz in’s Bewußtsein getreten war, hatte er etwas empfunden wie eine Verstümmelung; da er nun doch einmal Priester sein mußte, hatte er seine Bemühungen dahin gerichtet, wieder einen Menschen aus sich zu machen, was ihm nur dem herben Sinne nach gelang. Da er weder Weib noch Kind haben durfte, machte er das Vaterland zu seinem Kind und die Menschheit zu seinem Weibe. Bei einer so ungeheuren Ausdehnung der Gefühlssphäre bleibt der Mittelpunkt eigentlich leer.

Cimourdain’s Vater, ein Bauer, hatte den Sohn Priester lassen werden, damit dieser aus dem Volk heraustrete, und nun war Cimourdain zum Volk zurückgekehrt, und mit schwärmerischer Leidenschaft, mit einer furchtbaren Zärtlichkeit für alles Leidende. Aus dem Priester war ein Philosoph und aus dem Philosoph ein Athlet geworden. Ludwig XVI. hatte noch den Thron nicht bestiegen, und schon neigte Cimourdain, wenn auch vorerst unklar, zur Republik aber zu welcher Republik? Zur Republik Plato’s vielleicht, vielleicht auch zu der eines Drako. Da ihm untersagt war, zu lieben, hatte er sich auf’s Hassen verlegt, und so haßte er nun die Unwahrheit, das Königthum, die Priesterherrschaft, sein eigenes Gewand, haßte die Gegenwart und rief mit lautem Schrei eine Zukunft herbei, die er vorempfand, die er herannahen sah mit seinem Ahnen als etwas Fürchterliches und Herrliches; er begriff, daß dem jammervollen menschlichen Elend nur ein Ziel gesetzt werden könne durch einen Rächer, der auch ein Wohlthäter sein müsse. Er vergötterte schon von ferne die Umwälzung.

Im Jahre 1789 trat sie in’s Dasein und fand ihn bereit. Er stürzte sich in diesen großen menschlichen Regenerationsprozeß mit Konsequenz, das heißt bei einem Mann von seinem Schlag so viel wie unerbittlich; die Logik kann durch nichts gerührt werden. Er durchlebte die großen Revolutionsjahre und jede Fiber in ihm war unter jedem Sturmhauch miterzittert; Anno 89 den Sturz der Bastille, das Ende der Völkermarter, Anno 90 den 4. August, das Ende des Feudalwesens, Anno 91 Varennes, das Ende des Königsthums, Anno 92 die Einsetzung der Republik. Er, der die Revolution hatte aufgehen sehen, war der Mann nicht, sich vor dieser Riesin zu fürchten; im Gegentheil, dieses allgemeine Wachsen hatte ihn belebt, und wiewohl er beinahe schon alt war, ein Fünfziger, – und ein Priester altert rascher als sonst ein Mensch, – so war er selber mitgewachsen. Von Jahr zu Jahr hatte er die Ereignisse steigen sehen und war mitgestiegen. Erst hatte er befürchtet, die Revolution möchte verunglücken; er verließ sie mit keinem Auge; sie hatte die Vernunft und das Recht auf ihrer Seite, und je mehr sie Furcht erweckte, desto mehr beruhigte er sich. Er wollte diese Minerva mit den Friedenssternen der Zukunft gekrönt, zugleich aber als Pallas mit dem Medusenschild bewehrt wissen; ihr göttliches Auge sollte im Nothfall den Dämonen dämonisch entgegenblitzen und Schreckniß durch Schreckniß zurückschrecken können.

Also fand ihn das Jahr 93. 93 ist der Kreuzzug Europa’s gegen Frankreich und Frankreichs gegen Paris, und die Revolution der Sieg Frankreichs über Europa und der Sieg von Paris über Frankreich; daher die Unermeßlichkeit dieser schaudervollsten Minute des Jahrhunderts. Was kann es Tragischeres geben als einen Welttheil, der auf ein Land, und ein Land, das auf eine Stadt losstürzt, so daß sich das Drama noch mit der wuchtigen Massenhaftigkeit des Epos abspielt? 93 ist ein gesteigertes Jahr, der Sturm in seiner vollsten Wuth und seiner größten Erhabenheit; Cimourdain war darin wohl um’s Herz; diese jagende, wild herrliche Atmosphäre behagte seinem Flügelschlag, denn der Mann verband, wie der Seeadler, eine tiefe innere Ruhe mit Verwegenheit nach außen; gewisse verschlossen ungestüme beschwingte Wesen suchen die Windsbraut, und es giebt thatsächlich Sturmseelen.

Cimourdain hatte ein abgesondertes, nur für die Elenden zusammengespartes Mitleid. Wo ihm diejenige Gattung von Schmerz entgegentrat, welche Andern Abscheu einflößt, da opferte er sich auf. Seine eigenthümliche Güte äußerte sich zunächst darin, daß ihm vor nichts ekelte. Seine Barmherzigkeit streifte an’s Scheußliche und war göttlich. Er konnte eiternde Wunden aufdecken, um sie zu küssen; die schönen Thaten, die auf unsere Sinne abschreckend wirken, fallen uns am schwersten, und für die hatte er eine Vorliebe. Im Hotel Dieu lag eines Tags ein Mann an einer Halsgeschwulst auf dem Tod, denn wenn das abscheuliche, verpestete, vielleicht auch ansteckende Geschwür nicht ausgesogen wurde, so mußte er daran ersticken; Cimourdain, der zugegen war, drückte den Mund an die Geschwulst und sog so lange, bis er den ganzen Inhalt des Geschwürs nach und nach ausgespuckt hatte und der Kranke gerettet war. Da er damals noch in geistlicher Tracht ging, sagte Jemand zu ihm: Wenn Sie dem König das gethan hätten, würde er Sie zum Bischof machen. Für den König thät ich es nicht, antwortete Cimourdain. Jene Handlung und jene Antwort hatten den Grund gelegt zu seiner Beliebtheit in den düstern Stadttheilen von Paris. Ueber Alles, was litt und weinte und drohte, übte er eine unumschränkte Herrschaft aus. Zur Zeit der heftigen, zu oft nur fehlgreifenden Erbitterung gegen die wuchernden Aufkäufer genügte ein Wort von Cimourdain, um eines Tages am Quai Saint-Nicolas ein Schiff mit einer Seifenladung vor Plünderung zu bewahren und ein andermal der tobenden Menge Halt zu gebieten, die an der Linie Saint-Lazare die Wagen anfiel. Er war es auch, welcher das Volk anführte, als am zweiten Tag nach dem 10. August die Statuen der Könige niedergeworfen wurden. Sie fielen nicht, ohne Unheil anzurichten. Auf dem Vendôme-Platz wurde ein Weib Namens Reine Vialet von Ludwig XIV. erdrückt, während sie an dem Seil zog, das ihm um den Hals geschlungen worden war. Jene Statue Ludwigs XIV. hatte hundert Jahre gestanden, genau vom 12. August 1692 bis 12. August 1792. Auf dem Concordienplatz wurde ein gewisser Guinguerlot, der die Fürstenbilderstürmer Kanaillen geschimpft hatte, auf dem Piedestal Ludwigs XV. todtgeschlagen. Die Statue hieb man in Trümmer, aus denen später Sousstücke geprägt wurden. Nur ein Arm entging der Zerstörung, der rechte, den Ludwig XV. mit der Geberde eines römischen Imperators ausstreckte, und auf Cimourdain’s Antrag wurde dieser Arm dem alten Latude, der siebenunddreißig Jahre in der Bastille begraben gewesen, vom Volk geschenkt und durch eine Deputation überbracht. Als dieser Mann noch auf Befehl jenes Königs, dessen Statue über ganz Paris ragte, mit einem eisernen Ring am Hals und einer Kette um den Leib in seinem Kerker lebendig dahinmoderte, wer hätte damals gedacht, der Kerker werde fallen, die Statue fallen, Latude aus der Gruft erstehen und die Monarchie statt seiner hinuntersteigen, der Gefangene Herr werden über die Hand, die seinen Haftbrief unterschrieben, und nur ein erzener Arm übrig bleiben von jenem König der Schmach.

Cimourdain war einer jener Menschen, die eine innere Stimme in sich hören und ihr lauschen; solche Menschen sind scheinbar zerstreut, gerade weil sie aufmerken. Cimourdain wußte Alles und nichts: Alles auf dem Gebiet der Gelehrsamkeit und nichts vom praktischen Leben. Daher seine nachsichtslose Starrheit. Er hatte ein Band vor den Augen wie die homerische Themis. In ihm lag die blinde Sicherheit des Pfeils, der nur sein Ziel kennt und hinstrebt. In Revolutionszeiten ist die gerade Linie das Schrecklichste. Cimourdain schritt voran wie ein Verhängniß. Er war der Meinung, daß bei jeder sozialen Wiedergeburt das feste Land erst vom äußersten Punkt ausgeht, ein Irrthum, in den alle diejenigen Geister verfallen, welche den Verstand durch die bloße Logik ersetzen. Er ging weiter als der Konvent; weiter als der Stadtrath: er ging mit dem Evêché.

Die Volksversammlung, welche diesen Namen führte, weil sie in einem Saal des alten bischöflichen Palais ihre Sitzungen hielt, war mehr eine Verwickelung als eine Versammlung von Menschen. Hier fanden sich, wie bei den Sitzungen des Stadtraths, als stumm bedeutsame Zuschauer Leute ein, bei denen, wie Garat sich ausdrückt, »so viel Terzerolen wie Rocktaschen vorhanden waren«. Das Evêché war ein ganz eigenthümliches Durcheinander mit kosmopolitisch-pariserischer Färbung; das letztere schließt das erste nicht aus, da in Paris das Herz der Völker schlägt; das Evêché war der große plebejische Gluthherd. Mit ihm verglichen, erschien der Konvent kühl und der Stadtrath lau. Er war eine jener revolutionären Erscheinungen, welche mit den vulkanischen Bildungen identisch sind. Im Evêché war Alles vertreten: die Unwissenheit, die Dummheit, die Redlichkeit, die Aufopferung, der Ingrimm und die Polizei; der Herzog von Braunschweig hielt Agenten dort; dort saßen Leute, die nach Sparta und Leute, die in’s Zuchthaus gehört hätten. Die Mehrzahl war hirnverbrannt und rechtschaffen. Der Gironde war durch den Mund von Isnard, dem zeitweiligen Präsidenten des Konvents, ein unmenschliches Wort entschlüpft: »Nehmt euch in Acht, ihr Pariser. Von eurer Stadt wird kein Stein auf dem anderen bleiben, und man wird eines Tages die Stelle suchen müssen, wo einst Paris gestanden.« – Dieses Wort hatte das Evêché in’s Leben gerufen. Viele Männer und, wie gesagt, Männer aller Nationen, hatten das Bedürfniß empfunden, sich um Paris zusammen zu schaaren, und Cimourdain war jener Gruppe beigetreten. Sie reagirte gegen die Reaktion, sie war die Ausgeburt eines allgemeinen Verlangens nach Gewaltthätigkeit, welches den Revolutionen ihre unheimliche und geheimnißvolle Seite giebt. Kraft dieser Kraft hatte das Evêché sofort ein spezielles Eingreifen für sich in Anspruch genommen. Bei jedem politischen Erdbeben war es der Stadtrath, welcher die Lärmkanone abfeuerte; das Evêché besorgte das Sturmgeläut.

Cimourdain glaubte in der unversöhnlichen Einfalt seines Herzens, daß dem Wahren nur das Redliche huldigen könne, und deshalb eignete er sich zur Beherrschung der extremen Parteien. Die Schufte fühlten mit Befriedigung die Ehrlichkeit aus ihm heraus, denn dem Verbrechen schmeichelt es, unter dem Vorsitz einer Tugend zu sündigen; bequem ist ihm das freilich nicht, aber es gefällt ihm sehr. Alle wurden sie durch Cimourdain in Respekt gehalten, Palloy, jener Architekt, welcher den Abbruch der Bastille für sich ausgebeutet, indem er die Steine auf eigene Rechnung verkaufte, und welcher am Kerker Ludwigs XVI., den er in Stand zu setzen beauftragt worden war, aus lauter Eifer eine Menge Gitter, Ketten und Halseisen angebracht hatte, und Gouchon, der zweideutige Volksredner der Vorstadt Saint-Antoine, von dem später Quittungen zum Vorschein kamen, und Fournier, der Amerikaner, der am 17. Juli, wie behauptet wurde, im Solde Lafayette’s, auf diesen ein Pistol abgeschossen hatte, und Henriot, der aus Bicêtre kam und Bedienter, Gaukler, Dieb und Spion gewesen war, bevor er als General seine Kanonen gegen den Konvent auffahren ließ, und La Reynie, der frühere Großvikar von Chartres, der sein Brevier mit dem »Père-Duchesne« umgetauscht hatte; die Schlimmsten der Schlimmsten brauchten sich nur unter dem Blick von Cimourdain’s furchtbar überzeugter Treuherzigkeit zu wissen, um bei besondern Gelegenheiten nicht zu straucheln. In ähnlicher Weise zitterte Eulogius Schneider vor Saint-Just. Die Majorität des Evêché, welche größtenteils aus armen und gewaltthätigen, dabei aber das Gute anstrebenden Leuten bestand, glaubte ohnehin an Cimourdain und war ihm ganz ergeben. Als Vikar oder als Adjutant, wie man es eben nennen will, stand ihm ein anderer republikanischer Geistlicher, Darzon, zur Seite, den das Volk schon um seiner hohen Gestalt willen gern sah und den »Sechs Fuß-Abbé« getauft hatte. Jener unerschrockene Straßenkämpfer, den man den »Piken-General« nannte, und jener kühne Truchon, auch »Grand-Nicolas« geheißen, der die Prinzessin von Lamballe an seinem Arm über die Leichen hinweggeführt hätte, um sie zu retten, was auch ohne den grausamen Witz des Barbiers Charlot gelungen wäre – sie Beide wären für Cimourdain durch das Feuer gegangen.

Wie der Stadtrath ein wachsames Auge auf den Konvent hatte, so hatte wiederum das Evêché ein wachsames Auge auf den Stadtrath, und Cimourdain, dessen geraden Sinn jedes versteckte Spiel anwiderte, hatte Pache, den Beurnonville nur den »schwarzen Mann« hieß, schon manchen Faden zwischen den Fingern zerrissen. Er verkehrte im Evêché mit Jedermann in unmittelbarster Weise; von Dobsont und von Momoro zu Rath gezogen, sprach er spanisch mit Gusman, italienisch mit Pio, mit Arthur englisch, mit Pereyra flämisch und mit dem fürstlichen Bastarden Proly aus Oesterreich deutsch. Alle diese Dissonanzen wußte er in Einklang zu bringen, was ihm denn eine dunkle Macht verlieh, vor welcher ein Hébert sich fürchtete. Er übte in jenen tragischen Zeiten und Gruppirungen die Gewalt des Unerschütterlichen aus. Diesen Reinen, der sich unfehlbar dünkte, hatte noch keiner weinen sehen. Seine unantastbar eisige Tugend machte ihn zu einem furchtverbreitenden Gerechten.

Für den Priester gab es in der Revolution keinen Mittelweg; er konnte nur aus den niedrigsten oder aus den erhabensten Motiven in diesem gigantischen, flammenden Abenteuer aufgehen; entweder mußte er die Nichtswürdigkeit oder die Seelengröße selber sein. Cimourdain war die Seelengröße, aber die Seelengröße in der Abgeschiedenheit, auf dem steilen, unwirthlich starrenden Gipfel, mitten unter Abgründen; den hohen Bergen ist solch düstere Jungfräulichkeit eigen.

Cimourdain’s Aussehen war ein ganz gewöhnliches; er kleidete sich ärmlich und ohne einen Gedanken daran zu verlieren. In jungen Jahren trug er die Tonsur und jetzt eine Glatze und spärliches graues Haar um eine breite Stirn, an der man bei näherer Betrachtung ein kleines Muttermal bemerkte. Seine Sprechweise war rauh, leidenschaftlich und feierlich, seine Stimme kurzathmig und im Ton schneidig; er hatte einen traurigen, verbitterten Mund, ein klares tiefes Auge und im Ausdruck des Gesichts etwas Entrüstetes.

Das war Cimourdain. Heute ist sein Name verschollen gleich dem so manches anderen furchtbaren Unbekannten der Weltgeschichte.

III.

Die Achillesferse.

War ein solcher Mann denn auch Mensch? War der Diener der Menschheitsidee einer Neigung fähig, und war er nicht zu viel Seele, um dabei noch ein Herz zu haben? Konnte dieses endlose Umfangen Alles und Aller sich einem Einzelnen zuwenden, und konnte Cimourdain persönlich lieben?

Gerade herausgesagt, ja.

In seiner Jugend, da er in einer fast fürstlichen Familie als Erzieher lebte, hatte er einen Schüler gehabt, den Sohn und Erben des Hauses, und den liebte er. Ein Kind lieb haben, ist ja so leicht, und was verzeiht man nicht Alles einem Kind? Man verzeiht ihm den Grafen, den Fürsten, den König. Vor dieser jungen Unschuld verschwinden die Verbrechen der Ahnen, und die Kluft zwischen den Ständen schließt sich vor der Hülflofigkeit eines Gefchöpfes, dem man seine Größe um seiner Kleinheit willen vergeben muß. Selbst der Sklave vergiebt ihm, daß er der Herr ist, und der alte Neger thut närrisch mit dem kleinen weißen Wurm. Cimourdain hatte zu seinem Schüler eine leidenschaftliche Zuneigung gefaßt. Die Kindheit hat den unaussprechlichen Reiz, daß sich die Liebe in den verschiedensten Formen an ihr durchempfinden läßt. Alles was sein zur Einsamkeit verdammtes Herz an Zärtlichkeit besaß, war auf dieses süße und unschuldvolle Kind wie auf eine Beute niedergeschossen. Er hing an ihm mit der Zärtlichkeit eines Vaters, eines Bruders, eines Freundes, eines Schöpfers, mit allen weichen Regungen seiner Seele zugleich; es war ihm ein Sohn, wenn auch nicht dem Blut nach, so doch im geistigen Sinn; es war sein Werk nicht, und doch, von ihm großgezogen, sein Meisterwerk. Aus diesem kleinen Vikomte hatte er einen Menschen, vielleicht einen großen Mann gemacht; wer weiß? Wir erträumen uns ja zuweilen eine Zukunft. Ohne Vorwissen der Familie – braucht man sich denn erst die Erlaubniß einzuholen, um ein gerades Denken und Wollen heranzubilden? – hatte er dem Zögling die Ergebnisse seines eigenen inneren Vorschreitens beigebracht, hatte ihm seine eigene gewaltige Tugend eingeimpft, seine Ueberzeugung,, sein tiefstes Bewußtsein, sein Ideal in’s Blut hinübergeleitet, hatte des Volkes Seele ausgegossen in dieses Aristokratenhirn. Der Geist ist auch eine Nahrung; dem leitenden Verstand entfließt etwas wie Muttermilch, und der Lehrer, der sein Denken hergiebt, hat etwas von der Amme, die dem Säugling die Brust reicht; wie zuweilen die Amme einem Kind mehr Mutter sein kann als die Mutter, so kann ihm auch ein Vater weniger Vater sein als der Lehrer, der es erzieht. So groß war die geistige Vaterschaft, die Cimourdain an seinen Zögling knüpfte, daß ihn der bloße Anblick des Kindes schon rührte.

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Er hing an ihm mit der Zärtlichkeit des Vaters.

Hier kam übrigens noch Eins in Betracht: Bei diesem Kinde die Stelle des Vaters anzunehmen, war ein Leichtes, denn es hatte keinen, auch keine Mutter mehr; es war verwaist und hatte Niemand auf der Welt als eine blinde Großmutter und einen fernwohnenden Großonkel. Die Großmutter starb, und das Familienoberhaupt, der Onkel, ein ehrgeiziger Offizier, der auch eine Hofcharge bekleidete, mied das alte einsame Stammschloß und lebte theils in Versailles, theils im Lager, so daß das Kind seinem Erzieher im vollsten Sinne des Wortes überlassen blieb. Und noch ein zweites trat hinzu: Cimourdain hatte es beinahe zur Welt kommen sehen; als es noch ganz klein war, hatte es eine lebensgefährliche Krankheit durchgemacht, und Cimourdain hatte ihm Tag und Nacht abgewartet; der Arzt behandelt den Kranken blos, retten muß ihn die Pflege, und Cimourdain hatte das Kind gerettet; also verdankte ihm der Knabe nicht allein seine Erziehung, seine Ausbildung, sein gründliches Wissen, er verdankte ihm auch noch Genesung und Gesundheit, außer der geistigen Reife überhaupt das Dasein. Die uns alles verdanken, die vergöttern wir, und so vergötterte denn Cimourdain das Kind.

Aber dennoch mußte die naturgemäße Trennung eines Tages stattfinden und Cimourdain nach vollendeter Aufgabe den zum Jüngling herangereiften Knaben verlassen. Und wie kühl, ruhig und ahnungslos grausam reißen die Familien den Lehrer vom Kinde, dem er sein Denken, und die Amme vom Kinde, dem sie ihr Blut gegeben hat! Als Cimourdain bezahlt und vor die Thüre gesetzt worden war, stieg er aus den höheren Regionen wieder in die heimischen zurück; die Scheidewand zwischen Groß und Klein war ja wieder vorgeschoben. Der junge Vikomte, der als geborener Offizier sofort ein Hauptmannspatent erhielt, war in irgend eine Garnison abgereist. Der unscheinbare Lehrer, schon damals im Stillen zerfallen mit der Dogmatik, war schnell wieder in jenen dunkeln Parterreraum der Kirche geschlüpft, den man niederen Klerus nennt, und hatte seinen Schüler aus den Augen verloren.

Nun war die Revolution ausgebrochen, aber die Erinnerung an jenes Wesen, aus dem er einen Menschen gemacht hatte, glomm weiter in seinem Herzen, von der Wucht der Ereignisse zwar gedeckt, allein keineswegs erstickt. Eine Statue zum Leben heranmeißeln, ist schön; eine Seele zur Erkenntniß heranbilden noch schöner. Cimourdain war der Pygmalion einer Seele. Der Geist kann sich Kinder zeugen.

Zweites Buch.

Die Schenke der Rue du Paon.

I.

Minus, Rekus und Rhadamantus.

In der Rue du Paon war eine Schenke, die man ein Kaffeehaus nannte. Dieses nunmehr historisch gewordene Kaffeehaus hatte ein Hinterstübchen, wo zuweilen heimlich Männer zusammentraten, welche so mächtig und doch wieder so überwacht waren, daß sie sich scheuten, öffentlich mit einander zu sprechen. Hier war am 23. Oktober 1792 zwischen der Montagne und der Gironde ein berühmter Versöhnungskuß gewechselt worden. Hierher war Garat, wenn er es gleich in seinen Memoiren nicht Wort haben will, auf Kundschaft ausgegangen in jener Schreckensnacht, wo er seinen Wagen am Pont-Neuf halten ließ, um auf das Sturmgeläut zu horchen, nachdem er Clavière in Sicherheit gebracht hatte nach der Rue de Beaune.

Am 28. Juni 1793 saßen in diesem Hinterstübchen drei Männer um einen viereckigen Tisch. Ihre Stühle berührten einander nicht; jeder nahm eine Seite des Tisches ein, so daß die vierte leer stand. Es war ungefähr Abends acht Uhr. Draußen auf der Straße sah man noch hell, im Hinterstübchen aber hatte die Zuglampe bereits angezündet werden müssen, welche – damals ein Luxusgegenstand – über dem Tisch von der Decke herabhing.

Der eine dieser drei Männer war bleich, jung, ernsthaft, hatte dünne Lippen, einen kalten Blick und in der Wange ein nervöses Jucken, das ihm das Lächeln jedenfalls erschwerte. Er war gepudert, gebürstet, zugeknöpft und hatte Handschuhe an; sein hellblauer Rock warf auch nicht ein Fältchen. Er trug ein Nankinbeinkleid, weiße Strümpfe, eine hohe Halsbinde, einen gekräuselten Jabot, silberne Schnallen an den Schuhen. Von den beiden anderen war einer fast ein Riese und der andere fast ein Zwerg. Der große, ganz verwahrlost in seinem weiten scharlachrothen Rock, hatte einen bloßen Hals, denn die Binde war so lose, daß sie über den Jabot herunterhing, eine aufgeknöpfte Weste, an der ein paar Knöpfe fehlten, Stulpstiefel, borstig gesträubtes Haar, dem man noch ansehen konnte, daß es geglättet und frisirt gewesen war, ein Haar, das viel von einer Mähne hatte. Das Gesicht war voller Blatternarben; zwischen den Augenbrauen stand eine Zornfalte, aber um die Mundwinkel lag ein Zug von Gutmütigkeit; dicke Lippen, große Zähne, die Faust eines Hausknechts und im Blick ein Leuchten. Der kleine mit dem gelben Teint schien, wie er jetzt da saß, verwachsen; sein Kopf war zurückgeworfen, sein Auge mit Blut unterlaufen, seine Haut voll von grünlichen Flecken; über dem fetten, steifhängenden Haar trug er ein ungebundenes Tuch; er hatte keine Stirn und einen ungeheuren, schrecklichen Mund. Strumpfhosen und Pantoffeln hatte er an, eine Weste von Atlas, der einmal weiß gewesen zu sein schien, und über der Weste einen Kittel, in dessen Falten eine harte gerade Linie einen Dolch vermuthen ließ. Der erste dieser Männer hieß Robespierre, der zweite Danton, der dritte Marat.

Sonst war Niemand zugegen. Vor Danton stand ein Weinglas neben einer staubigen Flasche, die an Doktor Luthers Humpen erinnern mochte, vor Marat eine Tasse Kaffee, vor Robespierre lagen Papiere. Ferner befand sich noch auf dem Tisch, außer der großen Karte von Frankreich, die in der Mitte ausgebreitet lag, eines jener runden, gerippten, schwerfälligen Tintenfässer aus Blei, die wohl noch Jeder kennt, welcher zu Anfang unseres Jahrhunderts in die Schule ging; daneben eine hingeworfene Feder, und auf den Papieren ein großes kupfernes Petschaft, das ein genaues kleines Modell der Bastille vorstellte und die Inschrift »Palloy fecit« trug.

Draußen vor der Thür wachte der Haushund Marat’s, Laurent Basse, jener Laufbursche des Hauses Nummer 18 in der Cordeliers-Straße, derselbe, welcher ungefähr vierzehn Tage später, den 13. Juli, einen Stuhl einem Weib an den Kopf schlug, das Charlotte Corday hieß und zur Stunde in Caen vor sich hinbrütete. Laurent Basse trug die Korrekturbogen des »Volksfreunds« aus und hatte von seinem Herrn, der ihn in die Rue du Paon mitgenommen, die Weisung erhalten, das Zimmer, in dem sich Marat mit Danton und Robespierre befand, zu hüten und Jedem den Eintritt zu wehren, welcher nicht zum Wohlfahrtsausschuß, zum Stadtrath oder zum Evêché gehörte. Robespierre wollte Saint-Just nicht, Danton nicht Pache und Marat Gusman nicht ausschließen.

Die Unterredung dauerte schon lange; sie hatte die Papiere zum Gegenstand, welche vor Robespierre lagen und von ihm vorgelesen worden waren. Es war zu einem Wortwechsel gekommen; zwischen den drei Männern grollte etwas hin und her wie Zorn, und nach außen tönte zuweilen ein lauterer Ausbruch der Stimmen herüber. Damals pflegte man so häufig allen möglichen Sitzungen beizuwohnen, daß man jedes Zuhören als ein Recht zu betrachten schien. Es war die Zeit, wo der Abschreiber Fabricius Pâris die Debatten des Wohlfahrtsausschusses durch das Schlüsselloch belauschte, was, nebenbei gesagt, insofern nicht unnütz war, als jener Pâris in der Nacht vom 30. auf den 31. März 1794 Danton noch verwarnen konnte. So hatte denn auch Laurent Basse sein Ohr an die Thür gedrückt, hinter welcher Danton, Marat und Robespierre verhandelten. Laurent Basse war in Marat’s Diensten, gehörte aber zum Evêché.

II.

Magna testantur voce per umbras.

0111

Danton war aufgestanden und hatte lebhaft den Stuhl gerückt.

– Ich aber, rief er, sage, daß gegenwärtig nur dies Eine drängt, die Gefahr der Republik. Für mich giebt’s nur dies Eine, Frankreich vom Feind befreien, und dafür sind alle Mittel gut, alle, alle, alle! Wenn ich’s mit jeder Gefahr aufnehmen muß, schöpfe ich aus jeder Hilfsquelle, und wenn ich Alles befürchte, schlage ich Allem in’s Gesicht. Man muß Löwengedanken haben. Nur keine Halbheiten, kein prüdes um den Brei Gehen. Die Nemesis thut nicht zimperlich. Seien wir entsetzlich und nutzbringend. Schaut der Elephant erst, wo er den Fuß hinsetzt? Zermalmen wir den Feind!

– Von Herzen gern, erwiderte Robespierre mit Gelassenheit, und setzte dann hinzu: Nur handelt sich’s darum, zu wissen, wo der Feind ist?

– Draußen ist er, sagte Danton, und ich habe ihn hinausgeworfen.

– Drinnen ist er, entgegnete Robespierre, und ich überwache ihn.

– Und ich werde ihn abermals hinauswerfen, fuhr Danton fort.

– Den innern Feind wirft man nicht hinaus.

– Was dann?

– Man vernichtet ihn.

– Mir schon recht, sagte Danton, und begann dann von Neuem: Aber ich sage Ihnen, Robespierre, draußen ist er.

– Und Ihnen sage ich, Danton, daß er drinnen ist.

– An der Grenze, Robespierre.

– Nein, in der Vendée

– Ruhe! fiel eine dritte Stimme ein, er ist überall, und Ihr seid verloren, sprach Marat. Robespierre schaute ihn an und erwiderte kühl:

– Sehen wir vom Allgemeinen ab. Ich fasse mich also bestimmt. Die Thatsachen sind folgende:

– Pedant! murrte Marat. Robespierre legte die Hand auf seine Papiere und fuhr fort: Die Depeschen von Prieur Marne habe ich Euch vorgelesen. Ich habe Ihnen die Mittheilungen jenes Gélambre soeben zur Kenntniß gebracht. Danton, glauben Sie mir: der Krieg mit dem Ausland ist nichts; der Bürgerkrieg Alles. Der Krieg mit dem Ausland ritzt uns blos am Ellenbogen; der Bürgerkrieg frißt uns wie ein Geschwür an der Leber. Aus Allem, was ich Euch vorlas, erhellt aber Folgendes: Die Streitkräfte der Vendée, bis jetzt unter verschiedene Führer zersplittert, stehen im Begriff, sich zu verschmelzen; sie werden fortan einem einzigen Befehlshaber gehorchen.

– Einem Zentralmordbrenner, murmelte Danton.

Robespierre fuhr fort: Es ist dies jener Mann, der am 2. Juni bei Pontorson landete. Wer er ist, wissen Sie. Bemerken Sie ferner wohl, daß damit die Verhaftung unserer beiden Kommissäre Prieur Côte-d’Or und Romme zusammenfällt, die an eben demselben 2. Juni seitens jenes verrätherischen Bezirks des Calvados zu Bayeux stattfand.

– Sie sind in’s Schloß von Caen abgeführt, sagte Danton.

Robespierre begann wieder: Ich fasse die Depeschen nun weiter zusammen: Der Krieg im Busch wird in großem Maßstab organisirt und gleichzeitig eine englische Expedition vorbereitet; Vendéer und Engländer heißt Bretagne mit Bretagne, denn die Kaffern im Finistère reden die Sprache der Hottentotten von Wales. Ich habe Ihnen einen aufgefangenen Brief von Puisaye vorgelegt, worin geäußert wird, »daß zwanzigtausend rothe Röcke, unter den Aufständischen vertheilt, hunderttausend Bauern auf die Beine bringen werden.« Ist die Bauernempörung einmal so weit gediehen, dann geht die Landung der Engländer vor sich. Ihr Plan – folgen Sie mir nur auf der Karte – ist der:

Und Robespierre begleitete seine Auseinandersetzung mit dem Finger:

– Den Engländern steht die Wahl des Landungsplatzes frei von Cancale bis Paimpol. Craig stimmt für die Bucht von Saint-Brieuc, Cornwallis für die von Saint Cast. Doch das ist Nebensache. Das linke Loire-Ufer ist durch die Vendéer Rebellen gedeckt, und was die freien achtundzwanzig Meilen zwischen Ancenis und Pontorson betrifft, so haben vierzig Gemeinden der Normandie ihre Hülfe in Aussicht gestellt. Der Einfall wird von drei Punkten ausgehen, von Plérin, Iffinac und Pléneuf; von Plérin gegen Saint-Brieuc und von Pléneuf gegen Lamballe; Tags darauf wird auf Dinan marschirt, wo sich neunhundert gefangene Engländer befinden, und gleichzeitig Saint-Jouan und Saint-Méen besetzt, wo eine Abtheilung Kavallerie zurückgelassen wird; am dritten Tage rückt eine Kolonne von Jouan nach Bédée und eine andere von Dinan nach Becherel, einer natürlichen Festung, wo zwei Batterien aufgestellt werden sollen; am vierten Tag Einzug in Rennes. Rennes ist der Schlüssel der Bretagne. Wer in Rennes ist, ist überall; mit Rennes fallen Châteauneuf und Saint-Malo. In Rennes haben wir eine Million Patronen und fünfzig Feldgeschütze….

– Die flöten gehen würden, murmelte Danton dazwischen.

– Ich schließe, sagte Robespierre. Von Rennes aus werfen sich drei Kolonnen auf Fougères, auf Vitré und auf Redon. Da die Brücken zerstört sind, wird sich der Feind, wie wir bereits in Erfahrung gebracht, mit Pontons und Bohlen versehen und außerdem noch die Furten für die Kavallerie durch Führer ausmitteln. Von Fougères aus wird dann Avranche, von Redon Ancenis, von Vitré Laval bedroht. Nantes wird sich, Brest wird sich ergeben. Redon beherrscht den Lauf der Vilaine, Fougères die Straße nach der Normandie, Vitré die Straße nach Paris. In vierzehn Tagen wird eine Armee von dreimalhunderttausend Briganten dastehen, und die ganze Bretagne wird dem König von Frankreich gehören.

– Dem König von England, meinte Danton.

– Nein, von Frankreich, erwiderte Robespierre. Der König von Frankreich ist schlimmer. Um die Fremden zu verjagen, genügen vierzehn Tage, aber kaum achtzehnhundert Jahre, um die Monarchie auszustoßen.

Danton, der sich wieder gesetzt hatte, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf nachdenklich auf beide Hände.

– Die Gefahr springt in die Augen, sagte Robespierre. Vitré öffnet den Engländern den Weg nach Paris.

Danton erhob die Stirn und ließ seine zwei großen geballten Fäuste auf die Landkarte fallen wie auf einen Amboß: Robespierre, öffnete Verdun den Preußen nicht auch den Weg nach Paris?

– Je nun?

– Je nun, man wird die Engländer hinauswerfen, wie man die Preußen hinausgeworfen hat.

Und Danton stand wieder auf.

Robespierre legte seine kalte Hand auf Danton’s fiebernde Faust: Danton, die Champagne hielt nicht zu den Preußen, aber die Bretagne hält zu den Engländern. Verdun zurücknehmen, ist nur Krieg mit dem Ausland; Vitré zurücknehmen, ist Bürgerkrieg. Und nachdem er mit kalter, tiefer Stimme noch dazu gemurmelt hatte: Ein gründlicher Unterschied, sagte er: Setzen Sie sich wieder hin, Danton, und schauen Sie die Karte an, statt mit Fäusten daraufzuschlagen.

Danton aber war ganz in seine Auffassung vertieft.

– Das ist denn doch stark, rief er, die Katastrophe im Westen zu sehen, wenn sie von Osten herkommt! Ich will Ihnen zugeben, Robespierre, daß im Westen England zum Hieb ausholt, aber Italien holt aus hinter den Alpen, aber Deutschland holt aus hinter dem Rhein, und hinterdrein kommt der große russische Bär. Die Gefahr, Robespierre, ist ein Kreis, und wir stehen mitten drin. Außen die Koalition, innen der Verrath. Im Süden läßt Servant den König von Spanien zur halbgeöffneten Thür herein. Im Norden geht Dumouriez zum Feind über; er hatte übrigens von jeher weniger Holland bedroht als Paris; vor Meerwinden verblaßt Valmy und Jemappes. Der Philosoph Rabaut Saint-Etienne, falsch wie alles Protestantische, korrespondirt mit Montesquiou, dem Hofschranzen. Die Armee ist zusammengeschmolzen; wir haben kein Bataillon von über vierhundert Mann mehr, das tapfere Regiment Zweibrücken ist nur noch hundertundfünfzig Mann stark; in Givet bleiben uns kaum fünfhundert Säcke Mehl; wir ziehen uns auf Landau zurück; Wurmser ist Kleber auf den Fersen; Mainz fällt mit Ruhm, Condé mit Schmach und Valenciennes desgleichen, was übrigens nicht hindert, daß in Valenciennes Chancel und der alte Féraud in Condé zwei Helden sind so gut wie Meunier, der Mainz vertheidigt hat; aber die anderen sammt und sonders verrathen uns; uns verräth Dharville in Aachen, verräth Mouton in Brüssel, verräth Valence in Breda, verräth Neuilly in Limburg, verräth Miranda in Mastricht; Stengel ein Verräther, Lanone Verräther, Ligonnier Verräther, Menou Verräther, Dillon Verräther, sie Alle der eine Dumouriez in abscheulicher Scheidemünze. Es muß durch Beispiele gewirkt werden. Die Rückmärsche von Custine sind mir verdächtig; ich habe den Argwohn, daß Custine die einträgliche Wegnahme von Frankfurt der zweckdienlichen Einnahme von Coblenz vorzieht. Frankfurt kann vier Millionen Kriegskontribution zahlen – zugegeben; aber was wiegt das im Vergleich zur Zerstörung der Emigrantenhöhle? Verrath, auf dem Wort bestehe ich. Meunier ist am 13. Juni gestorben. Kleber bleibt nunmehr allein. Unterdessen wächst der Braunschweiger an und dringt vor. Er pflanzt in allen französischen Plätzen, die er einnimmt, deutsche Fahnen auf. Der Markgraf von Brandenburg ist zur Stunde der Schiedsrichter in Europa; er steckt unsere Provinzen in die Tasche; er wird sich Belgien zuschlagen, denken Sie nur an mich; man könnte wirklich glauben, daß wir Berlin in die Hände arbeiten; wenn das so fortgeht und wir nicht rechtzeitig Ordnung schaffen, wird die französische Revolution für Potsdam gemacht worden sein; sie wird keinen anderen Nutzen gehabt haben, als den kleinen Staat Friedrich’s II. zu vergrößern, und wir haben dann den König von Frankreich umgebracht, ganz wie wir Franzosen sagen, »pour le roi de Prusse«.

Bei diesen Worten brach Danton in ein erschreckendes Lachen aus. Danton’s Lachen entlockte Marat ein Lächeln:

– Jeder von Euch reitet sein Steckenpferdchen; das Ihrige, Danton, heißt Preußen und das Ihre, Robespierre, heißt Vendée. Auch ich will mich bestimmt fassen. Die wirkliche Gefahr seht ihr nicht; nun denn, sie liegt in den Cafés und Kneipen. Das Café Choiseul steckt voller Jakobiner, das Café Patin voller Royalisten; das Café du Rendez-Vous greift die Nationalgarde an; das Café Porte-Saint-Martin nimmt sie in Schutz; das Café de la Régence ist gegen Brissot, das Café Corazza für; das Café Procope schwört nicht höher als Diderot, das Café du Theátre-François nicht höher als Voltaire; in der Rotunde werden die Assignate zerrissen; die Cafés Saint-Marceau kennen sich nicht vor Zorn; im Café Manouré streitet man sich um die Mehlfrage; im Cafe von Foy wird randalirt, am Perron surren die Schacherwespen. Darin liegt eine ernste Gefahr.

Danton lächelte nicht mehr, aber Marat lächelte noch immer. Der Zwerg überlächelte das Lachen des Riesen.

– Haben Sie uns zum Besten, Marat? grollte Danton.

Marat bekam sein allbekanntes konvulsivisches Zucken der Hüfte. Sein Lächeln war geschwunden:

– So, da wären Sie glücklich wieder der Alte, Bürger Danton. Sie waren es ja doch, der mich vor dem ganzen Konvent »das Individuum Marat« genannt hat. Wissen Sie was? Ich will es Ihnen verzeihen. Wir beißen uns durch eine alberne Uebergangszeit. Also hätte ich Sie zum Besten? Ach ja, was bin ich denn auch? Ich habe Chazot entlarvt, habe Pétion entlarvt, Kersaint entlarvt, Dufriche-Balazé entlarvt, Ligonnier entlarvt, Menou entlarvt, Bonneville entlarvt, Gensonné entlarvt, Biron entlarvt, Lidon und Chambon entlarvt; that ich etwa nicht recht? Ich wittere den Verrath aus dem Verräther heraus und halte es für zweckmäßig, den Verbrecher vor der Ausführung anzuklagen. Ich pflege Tags zuvor das zu sagen, was Tags darauf Ihr sagt. Ich bin’s, welcher der Nationalversammlung den vollständigen Plan zu einer Kriminalgesetzgebung vorschlug. Und was that ich bis jetzt? Ich habe Lehrmittel verlangt für die Wahlbezirke, damit sie für die Revolution geschult werden mögen. Ich habe die Siegel abnehmen lassen von den zweiunddreißig Schachteln; ich habe die bei Roland deponirten Diamanten zurückbegehrt; ich habe nachgewiesen, daß die Brissotins dem Sicherheitsausschuß unausgefüllte Haftbefehle gegeben hatten; ich habe die Lücken bezeichnet im Bericht von Linden über Capet’s Unthaten; ich habe dafür gestimmt, daß der Tyrann binnen vierundzwanzig Stunden hingerichtet werde; ich habe die Bataillone le Mauconseil und le Republicain vertheidigt; ich habe die Verlesung des Briefes von Narbonne und von Malouet verhindert; ich habe einen Antrag zu Gunsten der verwundeten Soldaten gestellt; ich habe die Kommission der Sechs abschaffen lassen; ich habe in der Affaire von Mons Dumouriez‘ Verrath kommen sehen; ich habe verlangt, man solle hunderttausend Emigrantenangehörige als Geiseln festnehmen für unsere an den Feind ausgelieferten Kommissare; ich habe vorgeschlagen, jeden Abgeordneten, der die Stadt verlassen würde, für vogelfrei zu erklären; ich habe bei Anlaß der Marseiller Wirren der Coterie Roland die Maske vom Gericht gerissen; ich habe darauf bestanden, daß man einen Preis setze auf den Kopf des jüngern Egalité; ich habe Bouchotte das Wort geredet; ich habe die Abstimmung mit Namensaufruf gefordert, um Isnard vom Präsidentenstuhl zu vertreiben; ich habe die Erklärung veranlaßt, daß sich die Priester um’s Vaterland verdient gemacht haben; und deshalb schimpft mich Louvet einen Hanswurst, deshalb verlangt das Finistère meine Ausschließung, wünscht die Stadt Loudun, daß man mich verbanne, und die Stadt Amiens, daß mir ein Maulkorb angelegt werde, deshalb will der Prinz von Koburg mich verhaftet wissen und schlägt Lecointe-Puiraveau dem Konvent vor, mich für verrückt zu erklären. Ja, sagt mir doch einmal, Bürger Danton, warum ihr mich zu Eurer Besprechung geladen habt, wenn nicht um meine Meinung zu haben? Habe ich etwa darum gebeten? Keineswegs; ich finde nicht den geringsten Geschmack an tête-á-tête’s mit Gegenrevolutionären wie Robespierre und Sie. Uebrigens habt Ihr mich, wie es zu erwarten war, nicht einmal verstanden, Sie gerade so wenig wie Robespierre und Robespierre so wenig wie Sie. Ist denn hier kein Staatsmann bei der Hand? Man muß Euch also politisch buchstabiren helfen und ja nicht vergessen, auch den Punkt über jedes i zu setzen. Was ich vorhin sagte, hieß in dürren Worten: Ihr irrt Euch alle Beide. Die Gefahr liegt weder in London, wie Robespierre, noch in Berlin, wie Danton glaubt; sie liegt hier in Paris, liegt in dieser Zerfahrenheit, in dem Recht, das jeder hat, an seinem eigenen Strang zu ziehen, – und ich habe dabei zu allernächst Euch Zwei im Auge – liegt in dem staubartigen Auseinanderstieben der Geister, in der Anarchie der Willenskräfte…..

– Anarchie, fuhr Danton dazwischen, durch wen ist sie eingerissen, wenn nicht durch Sie?

Marat ließ sich nicht stören:

– Ja, Robespierre, ja, Danton, die Gefahr liegt in dieser Unmasse von Kaffeeschenken, in dieser Unmasse von Spielhäusern, in dieser Unmasse von Klubs, im Klub der »Schwarzen«, im Klub der »Föderirten«, im Klub der »Damen«, im Klub der »Unparteiischen«, der noch aus der Zeit von Clermont-Tonnerre stammt und der erste monarchische Klub vom Jahre neunzig gewesen ist, im »Sozialen Verein«, der durch den Claude Fauchet, den Priester, ausgeheckt worden, im Klub der »Wollmützen«, den Prudhomme, der Zeitungsschreiber, gegründet hat, und so fort, ganz abgesehen von Robespierre’s Jakobinerklub und Ihrem Klub der Cordeliers, Bürger Danton. Die Gefahr liegt in der Hungersnoth, die den Sackträger Blin veranlaßt hat, François Denis, den Bäcker vom Marché-Palu, an der Laterne des Rathhauses aufzuknüpfen, und in der Justiz, die den Sackträger Blin hängen ließ, wie er dem Bäcker Denis gethan. Die Gefahr liegt im Papiergeld, das entwerthet wird. In der Temple-Straße fiel ein Assignat von hundert Franks auf die Erde, und ein Vorübergehender, ein Mann aus dem Volke, meinte, »es verlohne sich der Mühe nicht, sich danach zu bücken«. In den Wuchermäklern und Spekulanten, da liegt die Gefahr. Die schwarze Fahne am Rathhaus, soll die etwa noch ziehen? Ihr habt den Baron Trenck eingesteckt, aber das langt nicht; den Hals müßt Ihr ihm umdrehen, dem alten Gefängniß-Intriguanten. Oder meint Ihr, Alles sei jetzt in Ordnung, weil der Präsident des Konvents Labertêche für die einundvierzig Säbelhiebe, die er bei Jemmappes erhalten, eine Bürgerkrone aufsetzt, und weil Chénier den Elephantenführer dabei abgiebt? Komödien das und Faxen! Ihr schaut nicht um Euch in Paris? Schön! Ihr sucht die Gefahr in der Ferne, während Ihr sie in nächster Nähe habt? Schön! Aber was nützt Ihnen dann Ihre Polizei, Robespierre? Denn Spione halten Sie sich ja doch, im Stadtrath Payan, beim revolutionären Schwurgericht Coffinhal, im Sicherheitsausschuß David, im Wohlfahrtsausschuß Couthon. Ich bin, wie Sie sehen, wohl unterrichtet. So wißt denn dies Eine: die Gefahr schwebt über Euren Köpfen; die Gefahr steckt unter Euren Füßen. Konspirirt wird, konspirirt, konspirirt. Auf den Straßen lesen die Leute sich aus Zeitungen vor und nicken einander zu. Sechstausend Menschen ohne patriotische Legitimationskarten, zurückgekehrte Emigranten, »Muscadins« und »Mathevons« sind in Kellern und auf Dachböden und in den hölzernen Galerieen des Palais-Royal verborgen, vor den Bäckerläden wird Queue gemacht; die alten Weiber unter den Thüren schlagen die Hände über’m Kopf zusammen und sagen: »Wann wird denn wieder Friede?« Ihr mögt Euch, um ganz unter Euch zu bleiben, noch zehn Mal sorgfältiger in den Sitzungssaal des Exekutivraths einschließen, was drin gesprochen wird, erfährt man doch. Sie werden mir’s schon glauben, wenn ich Ihnen wortwörtlich wiederhole, was Sie gestern Abend zu Saint-Just gesagt haben: »Bei Barbaroux setzt sich ein Bauch an; das wird ihm auf der Flucht unbequem werden.« Jawohl ist die Gefahr überall und im Mittelpunkt zumeist. Hier in Paris zetteln die Aristokraten Verschwörungen an, indessen die Patrioten barfuß gehen; die Gefangenen vom 9. März sind schon wieder in Freiheit gesetzt; die Luxuspferde, die an der Grenze vor unseren Kanonen eingespannt sein sollten, spritzen uns den Pflasterkoth an die Beine; ein vierpfündiger Laib Brod kostet drei Francs zwölf Sous; in den Theatern spielt man Schandstücke, und Robespierre wird Danton noch auf die Guillotine bringen.

0119

– Ja Schnecken! unterbrach Danton.

Robespierre suchte emsig auf der Landkarte nach etwas.

– Was noththut, schrie Marat heraus, ist ein Diktator. Sie wissen, Robespierre, daß ich einen Diktator verlange.

Robespierre erhob den Kopf: Ja, Marat, ich weiß: Sie oder ich.

– Ich oder Sie, sagte Marat.

– Ein Diktator? Versuchs einmal Einer! brummte Danton zwischen den Zähnen.

Marat hatte Danton’s Stirnrunzeln bemerkt: Wohlan! begann er wieder, ich will einen letzten Versuch machen, einen Vorschlag zur Güte. Die Situation ist es werth. Haben wir doch früher schon einmal ein Einverständniß erzielt für den 31. Mai. An der Einigkeit ist mehr gelegen als an den Girondins, die nur nebenbei in Frage kommen. Euren Behauptungen liegt ein Stück Wahrheit zu Grunde; aber die ganze Wahrheit, die wahre Wahrheit sitzt in dem, was ich behaupte. Der Föderalismus des Südens, der Royalismus des Westens, der Zweikampf des Konvents und des Stadtraths in Paris und an der Grenze das Zurückweichen Custine’s und Dumouriez‘ Verrath – was bedeutet das Alles? Das Auseinandergehen; und was thut noth? Die Eintracht. Die rettet uns; aber es hat Eile. Paris muß sich eine revolutionäre Regierung geben. Wenn wir noch eine Stunde verlieren, können allerdings die Vendéer in Orléans einrücken und die Preußen in Paris; das Eine, Robespierre, gebe ich Ihnen zu, das Andere Ihnen, Danton; sei’s drum. Doch worauf läuft auch das hinaus? Auf die Nothwendigkeit einer Diktatur. Theilen wir uns drein! Wir drei sind die Träger der Revolution; wir sind die drei Köpfe des Cerberus; der Eine spricht, Sie, Robespierre; der Andere brüllt, Sie, Danton. …

– Und der Dritte beißt, vollendete Danton, Sie Marat.

– Sie beißen alle drei, entgegnete Robespierre.

Es entstand eine Pause. Dann bewegte sich die Auseinandersetzung unter unheimlichen Erschütterungen weiter.

– Hören Sie, Marat, bevor man sich heirathet, muß man sich kennen. Woher wissen Sie, was ich gestern zu Saint-Just gesagt habe?

– Lassen Sie das meine Sorge sein, Robespierre.

– Marat!

– Es ist meine Pflicht, mich aufzuklären, und mein Geschäft, Erkundigungen einzuziehen.

– Marat!

– Ich liebe einmal die Klarheit.

– Marat!

– Robespierre, ich weiß, was Sie zu Saint-Just sagen, gerade so, wie ich weiß, was Danton mit Lacroix spricht, wie ich weiß, was am Theatinerquai im Hotel von Labriffe vorgeht, in jener Höhle, wo die Nymphen der Emigration einkehren, wie ich weiß, was bei Gonesse in jenem Haus von Les Thilles vorgeht, das dem früheren Postadministrator Valmerange gehört und das seiner Zeit von Maury und Cazales, nachher von Sieyès und Vergniaud besucht wurde, und wohin man sich jetzt einmal in der Woche verfügt.

Dieses »man« begleitete Marat mit einem Blick auf Danton.

– Hätte ich für einen Heller Macht in Händen, rief dieser, es wäre furchtbar.

Marat fuhr fort: Ich weiß was Sie sagen, Robespierre, wie ich wußte, was im Temple vorging, als Ludwig XVI. noch drin gemästet wurde, so wohl gemästet, daß im Monat September allein der Wolf, die Wölfin und die Jungen sechsundachtzig Körbe Pfirsiche verzehrt haben. Unterdessen hungerte das Volk. Ich weiß das, wie ich auch weiß, daß Roland in einer Hofwohnung der Straße La Harpe versteckt worden ist, wie ich weiß, daß sechshundert Piken vom 14. Juli bei Faure, dem Schlosser des Herzogs von Orléans, angefertigt wurden, wie ich weiß, was bei der Maitresse von Sillery, der Saint Hilaire, getrieben wird; wenn getanzt werden soll in der Rue Neuve-des-Mathurins, bestreicht der alte Sillery höchsteigenhändig den Fußboden des gelben Salons mit Kreide; Buzot und Kersaint haben dort dinirt; am 27. war auch Saladin geladen, und mit wem, Robespierre? Mit Ihrem Freund Lasource. – Geschwätz, murmelte Robespierre. Lasource ist mein Freund nicht; dann setzte er nachdenklich hinzu: Mittlerweile überschwemmen uns zu London achtzehn Fabriken mit falschen Assignaten.

Marat fuhr mit ruhiger Stimme, aber mit einem schauerlichen leisen Zittern fort: Ihr seid die Partei der Wichtigthuer. Ja, Alles weiß ich, trotz Eurer »Staatsverschwiegenheit,« wie Saint Just das Ding nennt. – Und Marat, der das Wort betont hatte, schaute Robespierre an und sprach dann weiter: Ich weiß, was an Eurem Tisch geredet wird, wenn Lebas David als Gast mitbringt zu den Schüsseln der ihm versprochenen Elisabeth Duplay, Ihrer zukünftigen Schwägerin, Robespierre. Ich bin das ungeheuere Auge des Volkes und schaue heraus aus meinem Keller. Ja, ich sehe, ja, ich höre, ja, ich weiß. Euch genügt Kleines. Ihr staunt Euch an. Robespierre läßt sich durch seine Frau von Chalabre bewundern, die Tochter jenes Marquis von Chalabre, der mit Ludwig XV. nach der Hinrichtung von Damiens Abends die Whistpartie spielte. Ja, man trägt den Kopf hoch aufrecht. Saint-Just bewohnt eine Halsbinde. Legendre kleidet sich tadellos: neuer Rock, weiße Weste und Jabot, damit man seinen Metzgerschurz vergesse. Robespierre denkt sich, die Nachwelt werde einst froh sein, zu wissen, daß er in der konstituirenden Versammlung einen olivenbraunen und im Konvent einen himmelblauen Rock trug. Sein Portrait ziert alle Wände seine Zimmers. …

Robespierre warf in noch ruhigerem Ton als Marat die Erwiderung dazwischen: Und das Ihre, Marat, ziert alle Kloaken.

In demselben Gesprächston fuhren sie auch fort; das langsame Tempo hob die Bitterkeit der Stöße und Gegenstöße nur um so mehr hervor und fügte der Drohung noch eine gewisse Ironie bei.

– Robespierre, Sie haben die Männer, die den Umsturz aller Throne anstreben, »die Don Quichotte’s aller Welt« genannt.

– Und Sie, Marat, haben nach dem 4. August in Ihrem »Volksfreund«, 559. Nummer – ja, die Zahl habe ich mir gemerkt, dergleichen schadet nie – Sie haben verlangt, man möge dem Adel seine Standesbenennungen wiedergeben, und erklärt, »ein Herzog bleibe einmal ein Herzog.«

– Robespierre, in der Sitzung des 7. Dezember haben Sie die Roland gegen Viard in Schutz genommen.

– Wie auch mein Bruder Sie, Marat, in Schutz nahm, als Sie bei den Jakobinern angefeindet wurden. Was will das heißen? Nichts.

– Robespierre, man kennt noch das Kabinet in den Tuilerien, wo Sie zu Garat gesagt haben: »Ich bin der Revolution satt.«

– Hier, Marat, in diesem Zimmer, am 29. Oktober, haben Sie Barbaroux umarmt.

– Robespierre, Sie haben sich gegen Buzot geäußert: »Die Republik, was steckt da auch weiter dahinter?«

– Marat, hier in diesem Zimmer haben Sie die Marseiller bewirthet, von jeder Kompagnie drei Mann.

– Robespierre, Sie lassen sich durch einen Lastträger aus der Fruchthalle mit einem Knüppel eskortiren.

– Und Sie, Marat, haben sich am Vorabend des 10. August, als Reitknecht verkleidet, nach Marseille flüchten wollen und Buzot um seinen Beistand ersucht.

– Als die Volksgerechtigkeit zu den Septemberexekutionen schritt, haben Sie sich versteckt, Robespierre.

– Und Sie, Marat, haben sich gezeigt.

– Robespierre, Sie haben die rothe Mütze von sich geworfen.

– Als ein Verräther sie entweihte, gewiß. Einen Robespierre befleckt, was einen Dumouriez ziert.

– Robespierre, beim Durchmarsch der Soldaten von Chateauvieux haben Sie sich geweigert, über Ludwigs XVI. Kopf einen Trauerflor zu werfen.

– Ich habe sein Haupt nicht verhüllt, aber ich that mehr: ich hieb es ihm herunter.

Nun mischte sich Danton ein, doch wie das Oel ins Feuer: Robespierre, Marat, sagte er, Mäßigung!

Marat hörte sich nicht gern in zweiter Linie nennen; er wendete sich um: Was nimmt Danton sich da heraus? fragte er.

Danton fuhr in die Höhe: Was ich mir herausnehme? Ich nehme mir heraus, Euch zu sagen, daß der Brudermord ein Verbrechen ist, daß ich kein Zerwürfniß dulde zwischen zwei Männern, die dem Volk dienen, daß wir neben dem Krieg mit dem Ausland und dem Bürgerkrieg nicht noch den häuslichen Krieg brauchen können, daß ich, der ich die Revolution gemacht habe, nicht gestatten werde, daß Ihr sie zunichte macht. Das nehme ich mir heraus.

– Nehmen Sie sich erst heraus, Rechenschaft abzulegen, versetzte Marat, ohne die Stimme lauter zu erheben.

– Rechenschaft? schrie Danton. Zieht sie nur zur Rechenschaft, die Pässe der Argonne und die befreite Champagne und das eroberte Belgien und die Armeen, die mich bereits zum vierten Mal dem Kartätschenfeuer die Brust entgegenwerfen sahen! Zur Rechenschaft zieht den Revolutionsplatz, das Schaffot des 21. Januar, den niedergeschmetterten Thron, die Guillotine, jene Wittwe …

– Eine Jungfrau ist die Guillotine, unterbrach Marat; man legt sich darauf, aber man befruchtet sie nicht,

– Sie wollen das wissen? entgegnete Danton; ich würde sie befruchten, ich!

– Das wird sich zeigen, erwiderte Marat. Und er lächelte.

Danton sah dieses Lächeln: Marat, schrie er. Sie sind der Mann der Heimlichkeit; ich bin der Mann des freien Himmels und des hellen Tages. Ein Leben wie’s Reptilien führen, hasse ich; ich mag mich nicht verkriechen wie eine Kellerassel. Sie leben unter der Erde und ich oben drauf. Sie verkehren mit Niemand; mich kann Jeder, der vorbeigeht, sehen und sprechen.

– Schöner Junge, kommt doch mit hinauf, brummte Marat und sein Lächeln verschwand: Danton, begann er in gebieterischem Ton, legen Sie Rechenschaft über die dreiunddreißig Tausend Thaler in klingender Münze, die Montmorin im Auftrag des Königs an Sie ausgezahlt hat, unter dem Vorwand, Sie für Ihre eingegangene Anwaltschaft beim Châtelet zu entschädigen.

– Ich habe den 14. Juli mitgemacht, fuhr Danton hochfahrend drein.

– Aber das Garde-meuble? aber die Krondiamanten?

– Ich habe den 6. Oktober mitgemacht.

– Aber die Diebstähle Ihres alter ego Lacroix in Belgien?

– Ich habe den 20. Juni mitgemacht.

– Aber die Summen, die der Montansier geliehen wurden?

– Ich führte das Volk bei der Rückkehr von Varennes.

– Und der Opernsaal, den man mit Ihren Geldern baut?

– Ich rief die Pariser Bezirke zu den Waffen.

– Und die hunderttausend Livres Geheimfonds für das Justizministerium?

– Ich habe den 10. August gemacht.

– Und die zwei Millionen für unverbuchte Ausgaben der Assemblée, wovon Sie ein Viertel übernommen?

– Ich brachte den anmarschirenden Feind zum Stehen und sperrte den verbündeten Königen den Weg.

– Prostituirter Sie! sagte Marat.

– Ja, schrie Danton hoch aufgerichtet, furchtbar, ja ich bin eine Metze; meinen Bauch habe ich verkauft, aber ich habe die Welt gerettet.

Robespierre kaute an den Nägeln weiter. Er für sein Theil konnte weder lachen noch lächeln; ihm mangelte sowohl das, was aus Danton blitzte, das Lachen, als das, was aus Marat stach, das Lächeln.

– Ich bin wie der Ozean, fuhr Danton fort; ich habe meine Ebbe und meine Fluth, bei niederer See sieht man meine Untiefen, bei hoher See meine Wogen.

– Ihren Gischt, verbesserte Marat.

– Meinen Sturm, sagte Danton.

Marat, der gleichzeitig mit ihm aufgesprungen war, platzte nun heraus; die Schlange war plötzlich zum Lindwurm angewachsen: So, schrie er, Robespierre, so, Danton, hören wollt Ihr mich also nicht? Nun denn, ich sage es Euch: Ihr seid verloren. Eure Politik verläuft sich in Sackgassen; Ihr wißt nicht mehr, wo hinaus, und greift zu Mitteln, die Euch jede Thür verschließen, nur die zum Grabe nicht.

– Unsere Größe, sagte Danton und zuckte mit den Achseln.

– Nimm Dich in Acht, Danton, fuhr Marat fort; auch Vergniaud hat ein breites Maul und geschwollene Lippen und zornige Brauen; auch Vergniaud hat ein Gesicht voller Blatternarben wie Mirabeau und wie Du, und dennoch hat ihn der 31. Mai weggefegt. Ah, Du zuckst mit den Achseln? Mit so einem Achselzucken schüttelt man sich zuweilen den Kopf vom Hals. Danton, ich sage Dir, daß Du mit Deiner polternden Stimme, Deiner lockern Halsbinde, Deinen weichen Stiefeln, Deinen kleinen Soupers und Deinen großen Taschen zu guterletzt doch an Louisette gerathen wirst.

Unter dem Schmeichelnamen Louisette verstand Marat die Guillotine.

– Du aber, wendete er sich nun zu Robespierre, Du gehörst zwar zu den Gemäßigten, wird Dir jedoch Alles nichts helfen. Gehe nur hin und kräusle Dein Haar und frisir Dich und zier Dich und pudere Dich ein, und bürste an Dir herum, und putze Dich heraus, und sei geschniegelt, und halte was auf reine Wäsche; Du wirst nichts destoweniger auf dem Grèveplatz daran glauben müssen; lies nur die Erklärung des Braunschweigers; Du wirst um kein Haar breit glimpflicher behandelt werden als der Königsmörder Damiens und Du wirst Dich nicht länger herrichten und anziehen, als bis an des Henkers vier Pferde die Reihe kommt, anzuziehen, um Dich hinzurichten.

– Koblenzer Echo, knirschte Robespierre.

– Robespierre, ich bin das Echo von nichts; ich bin der Aufschrei von Allem. O Ihr seid noch jung, Ihr Andern. Wie alt bist Du, Danton? Vierundreißig Jahre, und wie alt bist Du, Robespierre? Dreiunddreißig. Aber ich, ich habe von jeher gelebt; ich bin das fortvererbte menschliche Leiden; sechstausend Jahre bin ich alt.

– Wohl wahr, versetzte Danton; sechstausend Jahre hindurch lebte Kain in Haß eingeschlossen wie die Kröte im Stein; der Stein zerbricht, Kain springt unter die Menschen und heißt Marat.

– Danton! schrie Marat, und sein Auge leuchtete auf in fahlem Glanz.

– Soll ich etwa heucheln? sagte Danton. So redeten die drei Gewaltigen zu einander, streitende Donnerwolken.

III.

Aufzucken des innersten Nervenlebens

Das Gespräch stockte; diese Titanen waren momentan in sich selbst zurückgetreten.

Dem Löwen sind die Schlangen unheimlich; Robespierre war sehr bleich und Danton sehr roth geworden. Beide bebten vor Aufregung. Marat’s wildes Auge war erloschen; Ruhe, gebieterische Ruhe herrschte wieder in den Zügen dieses Mannes, der die Schreckenden abschreckte.

Danton fühlte sich besiegt, aber wollte sich nicht ergeben: Marat, hob er an, redet sehr laut von Diktatur und Einigkeit, und dennoch kann er nur Eins, zersetzen.

Robespierre that seinen zugekniffenen Mund auf und fügte hinzu: Wie Anacharsis Cloots, so sage auch ich: Weder Roland noch Marat.

– Und ich, entgegnete Marat, ich sage: Weder Danton noch Robespierre.

Er blickte den Beiden starr in’s Gesicht: Danton, sprach er, ich will Ihnen einen guten Rath geben: Sie sind verliebt und gehen mit dem Gedanken um, wieder zu heirathen; lassen Sie die Hand aus der Politik; seien Sie weise. Und um einen Schritt zurücktretend, im Begriff sich nach der Thür zu wenden, verabschiedete er sich mit den ominösen Worten: Adieu, meine Herren.

Danton und Robespierre überlief ein Schauer. In diesem Augenblick erhob sich im Hintergrund eine Stimme:

– Marat, Du hast Unrecht.

Alle drehten sich um. Während Marat seine Standrede hielt, war Jemand unbemerkt zur Thür hereingetreten.

– Du bist’s, Bürger Cimourdain! sagte Marat. Guten Tag.

Es war in der That Cimourdain: Ich behaupte, daß Du Unrecht hast, Marat, wiederholte er.

Marat wurde grün im Gesicht; es war das sein Erbleichen, und Cimourdain setzte hinzu: Du bist nützlich, aber Robespierre und Danton sind nothwendig. Was drohst Du ihnen? Eintracht, Bürger, Eintracht! Das verlangt das Volk von Allen.

Dieses Auftreten wirkte gleich kaltem Wasser und brachte, wie in einem häuslichen Zwist die Dazwischenkunft eines Fremden, wenn auch keine innerliche, so doch eine äußere Besänftigung hervor. Cimourdain ging auf den Tisch zu. Danton und Robespierre kannten ihn, sie hatten schon oft auf den öffentlichen Tribünen des Konventsaales diesen mächtigen anspruchslosen Mann bemerkt, den das Volk grüßte.

Robespierre, der von der Form nicht lassen konnte, fragte dennoch: Bürger, wie sind Sie hereingekommen?

– Er gehört zum Evêché, antwortete Marat, und beinahe klang im Ton seiner Stimme etwas wie Unterordnung durch. Marat forderte den Konvent heraus, lenkte den Stadtrath und fürchtete das Evêché. Das liegt in der Natur der Sache: Mirabeau fühlt, wie in unbekannten Tiefen Robespierre, Robespierre, wie Marat, Marat, wie Hébert, Hébert, wie Babeuf sich schon regt. So lange die unterirdischen Schichten ruhig bleiben, kann der Politiker vorangehen; aber selbst unter dem radikalsten liegt noch Roherde, und auch die kühnsten stutzen und bangen, wenn sie die Bewegung, die sie auf der Oberwelt hervorgerufen, nun unter ihren Füßen wahrnehmen.

Die Wirksamkeit der lüsternen Eigenliebe von derjenigen der selbstlosen Ueberzeugung unterscheiden, die erste eindämmen und die andere unterstützen, – das allein kennzeichnet den genialen, redlichen, großen Revolutionsmann.

Danton bemerkte dieses Nachlassen Marat’s: O, der Bürger Cimourdain ist hier ganz an seinem Platz, sagte er, und streckte die Hand aus: Setzen wir nur gleich die Sachlage dem Bürger Cimourdain auseinander; er kommt ja wie gerufen: ich vertrete die Bergpartei, Robespierre vertritt den Wohlfahrtsausschuß, Marat den Stadtrat, Cimourdain das Evêché. Er mag einen Ausgleich anbahnen.

– Gut, sagte Cimourdain mit bescheidenem Ernst. Wovon war die Rede?

– Von der Vendée, antwortete Robespierre.

– Von der Vendée! wiederholte Cimourdain, und setzte dann hinzu: Haß ist die große Gefahr; wenn die Revolution sterben muß, so wird sie an der Vendée sterben. Die eine Vendée ist bedrohlicher als ein verzehnfachtes Deutschland, und wenn Frankreich am Leben bleiben soll, muß die Vendée ertödtet werden. Diese wenigen Worte hatten Robespierre gewonnen, aber er fragte doch noch: Sind Sie früher nicht Geistlicher gewesen?

Der priesterliche Habitus konnte Robespierre nicht entgehen; was er selber in sich trug, merkte er auch bei Andern gleich heraus. Cimourdain erwiderte: Ja, Bürger.

– Liegt denn daran etwas? rief Danton. Wenn die Geistlichen gut sind, sind sie die Besten. Eine Revolution schmelzt Geistliche in Bürger um, wie Glocken in Sousstücke und Kanonen. Danjou ist Priester; Daunou ist Priester; Thomas Lindet ist Bischof von Evreux. Im Konvent, Robespierre, sitzen Sie ja hart neben Massieu, dem Bischof von Beauvais. Der Großvikar Baugeois war mit im Insurrektionsausschuß vom 10. August. Chabot ist Kapuziner und Dom Gerle hat zum Eid im Ballhaus den ersten Anstoß gegeben. Die Erklärung, daß die Nationalversammlung über dem König stehe, hat der Abbé Audran veranlaßt; der Abbé Goutte hat in der Legislative den Antrag gestellt auf Entfernung des Thronhimmels über dem Fauteuil Ludwig’s XVI. und der Antrag auf Abschaffung der Königswürde ging vom Abbé Gregoire aus.

– Und wurde durch den Schauspieler Collot d’Herbois unterstützt, grinste Marat; sie Beide haben die Sache in’s Reine gebracht: der Priester hat den Thron umgeworfen und der Komödiant den König gestürzt.

– Kommen wir auf die Vendée zurück, sagte Robespierre.

– Nun, wie steht’s? Was beginnt sie, die Vendée?

– Dies Eine, antwortete Robespierre; sie hat einen Führer; sie wird uns furchtbar werden.

– Wer ist der Führer, Bürger Robespierre?

– Es ist ein vormaliger Marquis von Lantenac, der sich überdies für einen bretonischen Fürsten ausgiebt.

Cimourdain fuhr auf: Den kenne ich, sprach er. Ich bin Priester bei ihm gewesen.

Er sann einen Augenblick nach, und setzte hinzu: Er war ein Lebemann, bevor er ein Kriegsmann wurde.

– Wie Biron zuerst Lauzun gewesen ist, bemerkte Danton.

– Ja, er war früher ein Weiberheld, meinte Cimourdain, noch immer nachdenklich. Er muß schrecklich sein.

– Abscheulich, sagte Robespierre, er steckt die Dörfer in Brand, macht die Verwundeten nieder, würgt die Gefangenen hin, füsilirt die Weiber.

– Die Weiber?

– Ja, unter Andern hat er eine Mutter dreier Kinder erschießen lassen. Was aus den Kindern geworden, ist unbekannt. Nebenbei ist er Soldat; er weiß, wie man Krieg führt.

– Allerdings, versetzte Cimourdain, er hat den Feldzug von Hannover mitgemacht, und die Truppe sagte von ihm: »hinter Richelieu steckt Lantenac.« Eigentlich ist Lantenac der Führer gewesen. Fragen Sie nur Ihren Kollegen Dussaulx.

Robespierre schwieg einen Moment in Gedanken; dann begann er wieder:

– Nun denn, Bürger Cimourdain, dieser Mann kommandirt in der Vendée. – Seit wann? – Seit drei Wochen. – Er muß in Bann und Acht erklärt werden. – Schon geschehen. – Man muß einen Preis auf seinen Kopf setzen. – Auch geschehen. – Einen sehr hohen Preis. – Geschehen. – Nicht in Assignaten. – Geschehen. – In Gold. – Geschehen. – Und guillotinirt muß er werden. – Soll geschehen. – Durch wen denn? – Durch Sie. – Durch mich? – Ja, Sie soll der Wohlfahrtsausschuß zu diesem Zweck abordnen, mit unumschränkter Vollmacht. – Einverstanden, sagte Cimourdain.

Robespierre war als gewiegter Staatsmann rasch in der Wahl; er zog unter den Akten, die vor ihm lagen, ein weißes Blatt hervor mit der gedruckten Aufschrift: Französische eine und untheilbare Republik. Wohlfahrtsausschuß.

Cimourdain wiederholte: Einverstanden, ja. Schrecken für Schrecken. Lantenac ist unmenschlich; ich werde es nicht minder sein. Krieg bis aufs Messer mit dem Mann! Ich werde, so Gott will, die Republik von ihm befreien.

Nach kurzer Pause fügte er hinzu: Ich bin Priester; gleichviel, ich glaube an Gott.

– Gott ist alt geworden, meinte Danton.

– Ich glaube an einen Gott, sagte Cimourdam unbeirrt, und Robespierre stimmte mit einem düstern Kopfnicken bei.

– Wohin soll ich abgeordnet werden? fragte Cimourdain.

– Zum Kommandirenden der Streifkolonne, die gegen Lantenac ausgerückt ist, erwiderte Robespierre. Nur will ich Sie gleich jetzt darauf aufmerksam machen, daß er ein Adeliger ist.

– Das sind auch Dinge, um die ich mich einen Kuckuck scheere, warf Danton dazwischen. Ein Adeliger, was weiter? Mit dem Adeligen geht’s just wie mit dem Geistlichen: wenn er gut ist, ist er vortrefflich. Der Adel ist ein Vorurtheil, das man ebensowenig theilen wie umkehren soll. Ist Saint-Just nicht auch von Adel, Robespierre? Florelle von Saint-Just, versteht sich! Anacharsis Cloots ist Baron; unser Freund Karl Hessen, der keine Sitzung bei den Cordeliers versäumt, ist Prinz und leiblicher Bruder des regierenden Landgrafen von Hessen-Rothenburg; Montaut, Marat’s Intimus, ist Marquis von Montaut. Unter den Geschworenen des Revolutionstribunals sitzen der Priester Bilate und der Adelige Leroy, ein Marquis von Montflabert, und doch sind Beide kapitelfest.

– Sie vergessen übrigens, berichtete Robespierre, den Präsidenten der Jury.

– Antonelle?

– Den Marquis von Antonelle, sagte Robespierre.

– Von Adel, beschloß Danton, sind auch Dampierre, der sich vor Condé für die Republik todtschießen ließ, und Beaurepaire, der sich eine Kugel durch den Kopf jagte, nur um die Preußen nicht in Verdun einziehen zu sehen.

– Was nicht hindert, hörte man Marat dreinbrummen, daß am Tage, wo Condorcet die Aeußerung that, »die Gracchen seien Adelige gewesen«, Danton demselben Condorcet zurief: »Verräther sind die Adeligen alle, von Mirabeau an bis herunter zu Dir.«

Cimourdain’s ernste Stimme hob jetzt an: Bürger Danton, Bürger Robespierre, Euer Vertrauen in mich mag wohl gerechtfertigt sein, aber das Volk ist mißtrauisch, und daran thut es wohl. Wenn zur Ueberwachung eines Adeligen ein Priester bestellt wird, ist die Verantwortung eine zwiefache und der Priester muß unbeugsam sein.

– Gewiß, sagte Robespierre.

– Und unerbittlich.

– Wohlgesprochen, Bürger Cimourdain, bemerkte Robespierre. Es handelt sich hier um einen jungen Mann, dem Sie schon durch die doppelte Zahl der Jahre imponiren werden. Er soll gelenkt werden, aber mit Schonung. Es scheint, daß er wirklich militärisch begabt ist, sonst würden nicht alle Berichte in diesem Punkt übereinstimmen. Er gehört einem Korps an, das von der Rheinarmee nach der Vendée detachirt wurde. Er kommt von der Grenze, wo er von seinem Scharfblick und Muth glänzend Zeugniß abgelegt hat, und führt die Streifkolonne ausgezeichnet; seit vierzehn Tagen hält er bereits den erfahrenen Lantenac in Schach, fügt ihm Schlappen zu und treibt ihn vor sich her; schließlich wird er ihn noch bis an’s Meer drängen und hineinwerfen. Lantenac hat die Schlauheit des alten, er die Kühnheit des jungen Soldaten für sich. Der junge Mann hat auch seine Widersacher und Neider schon. Der Generaladjudant Léchelle ist ihm mißgünstig….

– Dieser Léchelle, unterbrach Danton, das will ein Korpsführer sein! Für ihn spricht gar nichts als ein Kalauer und dazu noch ein schlechter: »Nur wenn General Charrette eine unzählige Schaar hätte, könnte er General Léchelte alle Schellen zurückgeben.« In Wahrheit aber ist es leider Léchelle, der die Schellen bekommt. Er hat sich’s einmal in den Kopf gesetzt, er und kein Anderer müsse mit Lantenac fertig werden. Allem Unglück im Krieg mit der Vendée liegen diese Eifersüchteleien zu Grund. Unsere Soldaten sind Helden, aber Helden ohne Führung. Ein einfacher Husarenrittmeister Namens Chérin mit einem Trompeter, der »Ça ira« bläst, zieht zum Beispiel in Saumur ein und ergreift Besitz von der Stadt; er konnte so fortmachen und von Cholet Besitz ergreifen; aber er muß es aufgeben, weil er ohne Instruktionen ist. In der Vendée sollten alle Kommandos neu besetzt werden. Die Wachtposten werden verzettelt, die Kräfte zersplittert; eine zerfahrene Armee ist eine gelähmte Armee, ein Block der zu Staub zerrieben wird. Im Lager von Paramé fehlt es an Zelten. Zwischen Tréguier und Dinan liegen hundert unnütze kleine Abtheilungen, die, zu einer Division verschmolzen, den ganzen Küstenstrich decken könnten. Von Parrein unterstützt, entblößt Léchelle das nördliche Meeresufer unter dem Vorwand, das südliche sicherzustellen, und öffnet dadurch den Engländern die Thür von Frankreich. Eine halbe Million Bauern in Aufruhr und eine Landung von der britischen Insel aus, das ist Lantenac’s Plan. Nun aber heftet sich diesem Lantenac der junge Kommandant der Streifkolonne an die Fersen und bedrängt und schlägt ihn, ohne Léchelle’s Geheiß; dieser jedoch ist sein Vorgesetzter und verklagt ihn deshalb. Ueber den jungen Mann gehen die Meinungen sehr auseinander: Léchelle will ihn erschießen, Prieur Marne zum Generaladjutanten ernennen lassen.

– Mir scheint der junge Mann hervorragende Eigenschaften zu besitzen, sagte Cimourdain.

– Nur hat er einen Fehler.

Die Worte waren durch Marat dazwischengeworfen worden.

– Welchen? fragte Cimourdain.

– Die Milde. Und Marat fuhr fort: Das ist Euch während des Kampfes bombenfest und hinterher schlaff; das macht in Nachsicht und Barmherzigkeit, giebt Pardon, nimmt Euch die Nonnen und Klosterfrauen in Schutz, rettet die Weiber und Töchter der Aristokraten und giebt die Gefangenen frei und läßt die Priester laufen.

– Ein großer Fehler, murmelte Cimourdain.

– Ein Verbrechen, sagte Marat.

– Zuweilen, meinte Danton.

– Oft, sagte Robespierre.

– Fast immer, entgegnete Marat.

– Den Feinden des Vaterlandes gegenüber stets, sagte Cimourdain.

Marat wendete sich nach ihm um: Was würdest Du wohl mit einem republikanischen Befehlshaber anfangen, der einen royalistischen Befehlshaber freilassen würde?

– Ich würde Léchelle beistimmen und ihn füsiliren lassen.

– Oder guillotiniren, sagte Marat.

– Gleichviel, erwiderte Cimourdain.

Danton mußte lachen: Mir wäre das Eine gerade so lieb wie das Andere.

– Eins von Beiden ist Dir gewiß, brummte Marat. Und sein Blick fiel von Danton wieder auf Cimourdain: Wenn also ein republikanischer Befehlshaber strauchelte, so würdest Du, Bürger Cimourdain, ihn um einen Kopf kürzer machen lassen?

– Binnen vierundzwanzig Stunden.

– Nun denn, sprach Marat, so bin ich mit Robespierre der Ansicht, daß Bürger Cimourdain dem Kommandirenden der Streifkolonne unserer Küstenarmee als Kommissär des Wohlfahrtsausschusses beigegeben werden soll. Wie heißt er doch nur, jener Kommandant?

– Es ist ein vormaliger Adeliger, antwortete Robespierre, indem er seine Akten durchblätterte.

– Den mag uns der Priester also in’s Gebet nehmen, sagte Danton. Einem einzelnen Priester traue ich nicht, so wenig wie ich einem einzelnen Edelmann traue; doch wenn Beide beisammen sind, fürchte ich keinen; der Eine überwacht den Andern und Jeder thut gut.

Der entrüstete Ausdruck über Cimourdain’s Brauen steigerte sich; da er jedoch der Bemerkung eine gewisse Berechtigung nicht absprechen konnte, sah er von einem persönlichen Protest ab und erklärte bloß in strengem Ton: Wenn sich der mir anvertraute republikanische General eines Fehltritts schuldig macht, stirbt er.

– Hier steht der Name, sagte Robespierre, über die Akten gelehnt: Bürger Cimourdain, der Kommandant, über den Sie unumschränkte Gewalt haben werden, ist ein vormaliger Vikomte und heißt Gauvain.

– Gauvain! rief Cimourdain und erbleichte, Vikomte Gauvain!

– Ja, sagte Robespierre.

Marat hatte dieses Erblassen Cimourdain’s bemerkt. Was ist? fragte er, ihm scharf in’s Auge schauend.

Es entstand eine Pause; dann begann Marat: Bürger Cimourdain, nehmen Sie unter den von Ihnen selbst angegebenen Bedingungen die Sendung als abgeordneter Kommissär beim Kommandanten Gauvain an? Abgemacht?

– Abgemacht, antwortete Cimourdain, der bleich und bleicher wurde.

Robespierre nahm die Feder vom Tisch, schrieb langsam in den gewohnten saubern Zügen ein paar Zeilen auf das weiße Blatt, das die Aufschrift »Wohlfahrtsausschuß« trug, unterzeichnete und reichte dann Danton Blatt und Feder; Danton unterzeichnete gleichfalls, und nach ihm Marat, der von Cimourdain’s fahlem Antlitz kein Auge wendete. Robespierre griff nochmals nach dem Blatt, setzte das Datum darauf und übergab es Cimourdain, welcher Folgendes las:

»Jahr Zwei der Republik.

Hiermit wird dem Bürger Cimourdain als abgeordnetem Kommissär des Wohlfahrtsausschusses bei dem Bürger Gauvain, Kommandanten der Streifkolonne der Küstenarmee, unumschränkte Vollmacht ertheilt.

Robespierre. Danton. Marat.« Und unter den Unterschriften: »Den 28. Juni 1793.«

Der republikanische oder Civilkalender war damals noch nicht gesetzlich eingeführt und wurde erst am 5. Oktober 1793 auf Romme’s Antrag vom Konvent genehmigt. Während Cimourdain las, betrachtete ihn Marat noch immer, und sagte halblaut wie zu sich selber:

0141

Das Alles muß durch Verordnung des Konvents oder durch Spezialbeschluß des Wohlfahrtsausschusses genau bestimmt werden. Es fehlt noch etwas.

– Bürger Cimourdain, fragte Robespierre, wo wohnen Sie?

– Cour de Commerce.

– Sieh da, ich auch! sagte Danton; wir sind ja Nachbarn.

– Jeder Augenblick ist kostbar, hob Robespierre wieder an. Morgen erhalten Sie Ihre regelrechte Vollmacht mit der Unterschrift sämmtlicher Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses. Dies mag Ihnen blos zur Beglaubigung der Vollmacht dienen, namentlich in Ihren speziellen Beziehungen zu den kommissarisch abgeordneten Konventsmitgliedern Philippeaux, Prieur Marne, Lecointre, Alquier und den Uebrigen. Wir wissen, wer Sie sind; Sie haben vollkommen freie Hand und können Gauvain zum General avanciren oder enthaupten lassen. Morgen um drei wird Ihnen Ihre Vollmacht zugestellt. Wann reisen Sie?

– Um vier, antwortete Cimourdain.

Und sie gingen auseinander. Als Marat heimkam, sagte er zu Simonne Evrard, daß er sich morgen zur Konventsitzung begeben wolle.

Drittes Buch.

0127

Der Konvent

I.

Wir nähern uns nun der großen Bergspitze, dem Konvent, und starren hinauf: etwas Höheres hat sich an unserem Horizont nicht aufgethürmt; der Konvent ist auch ein Himalaya; in ihm gipfelt vielleicht die Weltgeschichte.

Bei Lebzeiten des Konvents, denn eine solche Versammlung lebt ein Eigenleben, waren sich die Menschen seines wahren Wesens kaum bewußt, denn gerade seine Größe entging dem Blick der Zeitgenossen: man war zu bestürzt, um geblendet zu werden. Alles Große strahlt eine heilige Scheu aus. Dutzend Menschen und Hügel lassen sich leicht bewundern; aber vor dem überhoch Ragenden, sei es nun ein Genius oder ein Berg, ein Moment in der Geschichte oder ein Meisterwerk der Kunst, überläuft uns ein Schauer, wenn wir ihm zu nahe stehen; wir empfangen den Eindruck des Uebertriebenen. Das Steigen erschöpft. Man wird athemlos auf den steilen Pfaden; man gleitet auf den Abhängen aus; man stößt sich wund an Härten, die für das Auge Schönheiten sind; die schäumenden Sturzbäche erzählen von den Abgründen und die Spitzen sind in Wolken gehüllt; das Steigen ist vom Schrecken des Sturzes begleitet, und deshalb überwiegt das Entsetzen statt der Bewunderung. Es überkommt Einen ein ganz absonderliches Gefühl, ein Widerwillen gegen das Große. Man bemerkt die Untiefen, aber nicht die Erhabenheiten, das Wunderbare nicht, nur das Ungeheuerliche. So wurde anfänglich der Konvent beurtheilt; er wurde durch Kurzsichtige angeblinzelt, er, der eine Augenweide sein sollte für die Adler. Heutigen Tages erscheint er uns perspektivisch und zeigt uns, vom tiefen Himmel sich abhebend, aus tragisch verklärter Ferne das kolossale Profil der französischen Revolution.

II.

Der 14. Juli war ein Tag der Befreiung gewesen, der 10. August ein Tag der Zerschmetterung, der 21. September ein Tag der Begründung. Der 21. September war die Tag- und Nachtgleiche, das Gleichgewicht. Unter dem Zeichen der Wage, wie Romme damals auch bemerkte, dem Sinnbild der Gleichheit und Gerechtigkeit, wurde die Republik geboren und ein Sternbild leuchtete die Nachricht durch die Nacht. Der Konvent ist die erste in Verkörperung des Volkes; er ist die erste Zeile auf dem großen neuen Blatt und mit ihm begann die heutige Zukunft.

Jeder Gedanke bedarf der sichtbaren Hülle, ein Prinzip muß eine Wohnstätte haben; eine Kirche ist nichts anderes als Gott zwischen vier Wänden; jedes Dogma braucht seinen Tempel. Die erste Frage, als der Konvent in’s Leben trat, war die, wo er untergebracht werden sollte.

Zuerst wählte man die Reitschule, dann die Tuilerieen. In der Reitschule stellte man einen großen Rahmen mit einem von David Grau in Grau gemalten Prospekt auf, symmetrische Bänke, eine viereckige Rednerbühne, gleichlaufende Pilasterreihen mit Untersätzen wie Blöcke, geradlinige Bindebalken, rechtwinklige, erhöhte Schachteln, in denen sich die Menge kaum rühren konnte und die man die öffentlichen Tribünen nannte, ein römisches Belarium und griechische Draperieen; und in diese rechten Winkel und geraden Linien hinein setzte man den Konvent, mitten zwischen die Geometrie den Sturm. An die Rednerbühne war, in Grau, eine Freiheitsmütze gemalt worden. Erst entstand unter den Royalisten großes Gelächter ob der rothen Mütze, welche grau war, dem zusammengeleimten Saal, dem Pappdeckelbau, dem Heiligthum aus Papiermachee, dem Provinz-Theater-Pantheon. Wie so bald sollte der Spott verstummen! Die Säulen bestanden aus Faßdauben, die Gewölbe aus Schindeln; die bas-reliefs waren von Mastix, die Gesimse von Tannenholz, die Statuen von Gyps, die Wände von Leinwand, der Marmor gemalt; doch Frankreich schuf in diesem Provisorium Ewiges.

Als der Konvent den Saal in der Reitschule bezog, klebten die Wände noch voll Plakate, wie sie zur Zeit der Rückkehr von Varennes ganz Paris überfluthet hatten. Auf dem einem war zu lesen: »Der König kommt! wer ihm Beifall zuruft, bekommt Stockprügel; wer ihn beschimpft, kommt an den Laternenpfahl.« – Auf einem andern: »Ruhe! Hut auf behalten! Er fährt an seinen Richtern vorbei.« – Auf einem dritten: »Der König hat auf die Nation angelegt; das Gewehr ist nicht losgegangen; Volk, jetzt schieße Du!« – Und auf noch einem: »Das Gesetz vollstrecken, das Gesetz!« Zwischen diesen Mauern saß der Konvent über Ludwig XVI. zu Gericht.

0143

Zwischen diesen Mauern saß der Konvent über Ludwig XVI. zu Gericht.

In den Tuilerieen, in die er am 10. Mai 1793 übersiedelte und die den Namen Nationalpalast erhielten, nahm der Sitzungssaal den ganzen Raum zwischen dem Pavillon de I’Horloge, damals Einheitspavillon, und dem Pavillon Marsan, damals Freiheitspavillon geheißen, ein. Der Florapavillon war nach der Gleichheit umgetauft. Zu diesem Saal führte die große Treppe von Jean Bullant. Unter dem ersten Stock, wo die Versammlung tagte, war der ganze Parterreraum eine einzige lange Wachtstube voll Gewehrpyramiden und Pritschen für die Truppen aller Waffengattungen, die den Konvent zu schützen hatten. Die Volksvertretung verfügte überdies noch über eine Ehrenwache von »Grenadieren des Konvents«. Ein dreifarbiges Band trennte das Schloß und die Versammlung vom Garten, in welchem das Volk ab- und zuging.

III

Beschreiben wir auch diesen Sitzungssaal genau: eine so furchtbare Stätte ist in jeder Einzelheit interessant. Was beim Eintreten zunächst auffiel, war, zwischen zwei großen Fenstern eine Riesenstatue der Freiheit. Zweiundvierzig Meter in der Länge, zehn in der Breite, und elf in der Höhe, in diesen Verhältnissen war der Raum gehalten, der aus einem Theater des Königs in das Theater der Revolution umgewandelt worden. Der elegante, von Vigarani für die Hofleute erbaute Prachtsaal verschwand unter dem plumpen Gerüst, welches Anno 93 die Last der Volkes über sich ergehen lassen mußte. Dieses zur Aufnahme des Publikums bestimmte Gerüst war insofern ein Unikum, als es sich auf nur einen Balken von zehn Metern stützte. Es haben wenig Kariatiden so Schweres geleistet wie dieser Balken, der Jahre lang den wuchtigen Anprall der Revolution ertrug. Er hielt treulich aus unter all der Begeisterung, all den Jubel- und Schmährufen, dem Gebrüll, dem Fußgestampf, den chaotischen Zornausbrüchen des Aufruhrs; nach dem Konvent sah er den Rath der Aeltesten noch und wurde erst abgelöst durch den 18. Brumaire, wo ihn Percier durch Marmorsäulen ersetzte, die von kürzerer Dauer sein sollten.

Die Architekten schwärmen oft in sonderbaren Gebilden; dem Erbauer der Rivolistraße hat die durchschneidende Linie einer Kanonenkugel als Ideal vorgeschwebt, dem Erbauer von Karlsruhe ein Fächer; der Erbauer des Saals, den am 10. Mai 93 der Konvent bezog, schien es auf eine kolossale Kommodeschublade abgesehen zu haben, etwas Gestrecktes, Hohes und Flaches. An der einen Langseite des gleichlaufenden Vierecks war ein großes Amphitheater angebracht, wo sich, gleichfalls in Halbkreisen, die Bänke der Abgeordneten befanden, ohne Tische oder Pulte; Garan-Coulon, der häufig Notizen nahm, mußte auf seinen Knien schreiben. Den Bänken gegenüber stand die Rednerbühne, davor eine Büste von Lepelletier-Saint-Fargeau, dahinter der Präsidentenstuhl. Der Kopf der Büste erhob sich etwas über den Rand der Tribüne und wurde deshalb in der Folge entfernt. Die Bänke waren in neunzehn stufenweise hintereinander aufsteigenden Halbkreisen aufgestellt, die sich an beiden Enden verlängern ließen. Im Hufeisen unter der Rednerbühne hielten sich die Huissiers auf. Auf der einen Seite der Tribüne hing an der Wand in einem schwarzen Holzrahmen eine neun Fuß hohe, in der Mitte durch einen scepterförmigen Strich in zwei Spalten getheilte Tafel mit dem Verzeichniß der Menschenrechte; auf der einen Seite, die jetzt noch leer stand, wurde später in ähnlicher Weise, nur durch einen schwertförmigen Strich getheilt, die Verfassung des Jahres Zwei angebracht. Ueber der Tribüne und der Kopfhöhe des Redners rauschten aus einer tiefen, zweigetheilten, von Zuschauern wimmelnden Galerie drei ungeheuere Trikolorfahnen um einen geschnitzten Altar, der die Inschrift »Dem Gesetz« trug und hinter dem, als Schildwache der freien Worte, hoch wie eine Säule, ein römisches Ruthenbündel ragte. Den Abgeordneten zugekehrt, dicht an der Wand, standen Kolossalstatuen, zur Rechten des Präsidenten Lykurg, zur Linken Solon und gegenüber, über den Sitzen der Bergpartei, ein Plato. Die Statuen standen auf einfachen Würfeln, die auf dem langen, vorstehenden Kranz ruhten, welcher um den ganzen Saal lief, und das Volk von der Versammlung trennte; dieser Kranz diente den Galerien als Brüstung. Der schwarze Rahmen der Tafel mit den Menschenrechten reichte bis hinauf, sogar etwas über die Zeichnung des Gesimses hinaus, eine Unterbrechung der geraden Linie, über die sich Chabot Vadier gegenüber mit den Worten beschwert hatte: »Das ist unschön.« Auf den Köpfen der Statuen wechselten Kränze von Eichenlaub mit Lorbeerkränzen ab. Von dem fortlaufenden Mauerkranz hingen grüne Draperieen, auf denen in dunklerem Grün die gleichen Kränze gemalt waren, in großen steifen Falten herab und bedeckten den ganzen untern Theil der Wände, an denen oberhalb aus der weißen kalten Uebertünchung zwei ausgehöhlte, wie mit dem Ausschneideeisen hineingerissene Etagen ohne Laubwerk noch sonstige Verzierung klafften, die viereckigen Zuschauergalerien unten, die runden darüber, ganz nach den damaligen Regeln der Baukunst, denn so stand es im Vitruv, der damals noch nicht entthront war. An jeder Langseite des Saals befanden sich zehn öffentliche Tribünen und an den Breitseiten je zwei ungeheuere Logen, im Ganzen also vierundzwanzig Räumlichkeiten, in denen sich die Volksmenge anhäufte. Die Zuschauer der untern Tribünen strömten über und gruppirten sich auf der Brüstung und auf jeden Vorsprung der Architektur. Eine lange auf Brusthöhe fest eingeklammerte Eisenstange diente den obern Tribünen als Geländer und schützte das dortige Publikum gegen die Folgen des stürmenden Andranges von den Treppen her; dennoch wurde einmal ein Mann in die Versammlung hinuntergestoßen, wo er zum Theil auf Massieu, den Bischof von Beauvais, zu fallen kam; das rettete ihn und gab ihm die Bemerkung ein: »Sieh da, zu etwas ist’s doch gut, so ein Bischof!« – Der Saal des Konvents konnte zweitausend Menschen fassen, in bewegten Tagen sogar dreitausend. Sitzungen fanden jeden Morgen und jeden Abend statt. Der Fauteuil des Präsidenten hatte eine runde, mit vergoldeten Nägeln beschlagene Lehne; die Tischplatte davor ruhte auf vier phantastischen geflügelten und einfüßigen Thiergestalten, von denen man hätte glauben können, sie seien der Apokalypse entstiegen, um die Revolution mitzuerleben; sie schienen vom Wagen des Ezechiel ausgespannt worden zu sein, um am Henkerkarren von Samson zu ziehen. Auf dem Tisch stand eine große Schelle, fast eine mittelgroße Glocke, ein breites Messingtintenfaß und ein Foliant in Pergamenteinband, der die Sitzungsprotokolle enthielt; auf diesen Tisch war schon Blut herabgetropft von abgeschnittenen, auf Piken getragenen Köpfen. Zu der Rednerbühne führten neun Stufen; sie waren hoch, steil, unbequem; Gensonné war eines Tages darauf gestolpert: »Das ist ja die reine Guillotinentreppe!« hatte er gesagt, und Carrier hatte ihm zugerufen: »Studir’s nur ein!« Die Ecken des Saales, wo die kahle Wand am meisten aufgefallen wäre, hatte der Architekt mit Fasces ausgeschmückt, deren Beile nach außen gekehrt waren. Zur Rechten und Linken der Rednerbühne stand auf einem Postament je ein Kandelaber in der Höhe von zwölf Fuß und mit vier Paar Ziehlampen. Ein gleicher Kandelaber war auch in jeder Tribüne angebracht. Die Postamente waren mit ausgehauenen Ringen verziert, welche im Volksmund »Guillotinenhalsbänder« hießen. Die höchsten Bänke der Versammlung reichten beinahe bis zum Kranz vor den Tribünen hinauf, so daß die dort sitzenden Abgeordneten und das Volk mit einander reden konnten. Die Thüren der Tribünen mündeten in ein Labyrinth von Gängen, die oft von einem wilden Getöse widerhallten! Der Konvent staute sich im Palast und fluthete bis in die umliegenden Hotels zurück, in’s Hotel Coigny und in’s Hotel Longueville; in letzteres wurde, wenn einem Brief von Lord Bradford Glauben zu schenken ist, nach dem 10. August das königliche Mobiliar hinüber geschafft. Zwei Monate lang wurde damals an den Tuilerieen ausgeräumt.

Die Ausschüsse waren in der Nähe des Saals untergebracht, im Gleichheitspavillon Gesetzgebung, Ackerbau und Handel, im Freiheitspavillon Marine, Kolonien, Finanzen, Assignate, öffentliche Wohlfahrt, im Einheitspavillon der Krieg. Der Sicherheitsausschuß stand mit dem Wohlfahrtsausschuß vermittelst eines dunklen Ganges in Verbindung, in dem Tag und Nacht eine Laterne brannte und wo die Kundschafter aller Parteien ab- und zugingen; es wurde dort leise gesprochen.

Die Schranken des Konvents sind mehrmals anders gestellt worden; für gewöhnlich befanden sie sich zur Rechten des Präsidenten. An beiden Enden des Saales lagen zwischen den senkrechten Wänden, die links und rechts die konzentrischen Halbkreise des Amphitheaters abschlossen, und zwischen der Saalmauer zwei enge lange Durchgänge, in die zwei dunkle viereckige Thüren mündeten; durch diese Thüren trat man aus und ein. Die Abgeordneten gelangten unmittelbar von der Terrasse des Feuillants in den Saal. Dieser hatte sowohl bei Tag, wo er durch die ungenügenden Fenster, wie bei hereinbrechender Dämmerung, wo er durch fahle Lichter spärlich erhellt war, etwas düster Nachtendes an sich. Die halbe Beleuchtung ergänzte nur das abendliche Dunkel und die Sitzungen bei Lampenschein waren unheimlich. Sehen konnte man sich nicht; von einem Ende des Saals zum andern, von rechts, von links warfen Gruppen von vernebelten Gesichtern einander Schmähungen zu. Man traf zusammen, ohne sich zu erkennen; nach der Tribüne eilend, war eines Abends Laignelot im Gang, der von den Bänken hinabführte, gegen Jemand angerannt: »Robespierre, Pardon,« sagte er. – »Für wen hältst Du mich?« antwortet ihm eine rauhe Stimme. – »Pardon, Marat,« sagte nun Laignelot.

Unten, rechts und links am Präsidenten, befanden sich zwei reservirte Tribünen, denn merkwürdigerweise gab es im Konvent bevorzugte Zuschauer; diese Tribünen waren die einzigen, vor denen, in der Mitte des Architravs hinter zwei Quasten aufgebauscht, eine Draperie hing. Die öffentlichen Tribünen waren kahl.

Das Ganze bot einen gewaltsamen, wilden und dennoch regelmäßigen Anblick; Korrektheit im Ingrimm kennzeichnet überhaupt mehr oder minder die Revolution. Der Konventsaal lieferte das vollständige Muster dessen, was die Künstler seither den »Messidorbaustil« genannt haben, etwas Plumpes und Ärmliches; die damaligen Architekten verwechselten das Symmetrische mit dem Schönen. Die Renaissance hatte unter Ludwig XV. ihr letztes Wort gesprochen und nun war der Rückschlag gekommen; das Edle war in’s Läppische und das stilistisch Reine in’s Langweilige ausgeartet. Es giebt auch eine architektonische Prüderie. Nachdem die Kunst des achtzehnten Jahrhunderts sich in blendenden Formen und Farben sattgeschwelgt, schränkte sie sich jetzt auf Brod und Wasser ein und gestattete sich nur mehr die gerade Linie; eine derartige Äußerung des Ebenmaßes führt jedoch zum Häßlichen, denn solche nüchterne Enthaltsamkeit hat das Mißliche an sich, daß sie den Stil mager werden läßt, und daß so die Kunst sich zum Skelett verknöchert.

Auch abgesehen von aller politischen Spannung und einzig und allein im Hinblick auf das Architektonische, starrte aus diesen Wänden ein beklemmendes Etwas; es stieg ein dunkles Erinnern in einem auf an das frühere Theater, an die guirlandenumrankten Logen, an die azurne und purpurne Decke, an den Kronleuchter mit seinen geschliffenen Glasrauten, an die Girandolen mit ihrem Diamantengefunkel, an die hellgrauseidenen Tapeten, an die Unzahl von Nymphen und Amoretten auf Vorhang und Draperieen, an das ganze gemalte, geschnitzte, vergoldete, kosende Königsidyll, das hier gelächelt hatte über dieser strengen Stätte, wo jetzt dem Blick lauter harte, kalte, messerscharfe rechte Winkel begegneten und wo man eine dunkle Empfindung hatte, als sei hier die Phantasie eines Voucher durch David guillotinirt worden.

IV.

0150

Brissot. Barbaroux.

Vergniaud. St. Just.

0151

Joseph Chenier. David.

Sieyès. Camille Desmoulins.

Aber über der Versammlung vergaß man den Saal, über der Tragödie die Dekorationen. Nichts Ungestalteres und wieder nichts Verklärteres als die handelnden Personen: eine Heldenschaar und eine Heerde von Feiglingen, Löwen auf einem Berg und Kröten in einem Sumpf, das wimmelnde, drängende, herausfordernde, drohende, ringende Dasein aller jener Kämpfer, die jetzt nur noch Phantome sind – ein titanisches Getümmel. Rechts eine Legion von Denkern, die Gironde, links eine Schaar von Athleten, die Bergpartei. Auf der einen Seite Brissot, der die Schlüssel der Bastille in Empfang genommen hatte, Barbaroux, der Führer der Marseiller Freiwilligen, Kervélégan, der Liebling der in der Vorstadt Saint-Marceau einquartirten Bataillons von Brest, Gensonné, der die Obergewalt der Abgeordneten über die Generale zur Geltung gebracht hatte, der verhängnißvolle Guadet, dem in einer Nacht die Königin in den Tuilerieen den schlafenden Dauphin gezeigt und der das Kind auf die Stirn geküßt, den Vater aber mit um den Kopf gebracht hatte, Salles, der märchenhafte Erfinder des Einverständnisses zwischen der Bergpartei und Österreich, der hinkende Sillery, der Krüppel der Rechten (auch die Linke hatte ihren Krüppel, Couthon), Lause-Duperet, welcher einen Journalisten, der ihn einen Wicht geschimpft hatte, mit der Bemerkung zu Tisch lud: »Ich weiß wohl, daß Wicht nichts anderes bedeutet als Andersdenkender«; Rabaut Saint-Etienne, der seinen Almanach für 1790 mit den Worten eingeleitet hatte: »Die Revolution hat ihr Ziel erreicht«; Quinette, einer Derjenigen, die Ludwig XVI. stürzten, der Jansenist Camus, der die Zivilverwaltung der Geistlichkeit in Paragraphen brachte, an die Wunder des Diakonus Paris glaubte und sich allnächtlich vor einem in seinem Zimmer angenagelten sieben Fuß hohen Christusbild niederwarf, Fauchet, ein Priester, der Camille Desmoulins den 14. Juli hatte machen helfen, Isnard, der das Verbrechen beging, zu sagen: »Paris wird zerstört werden«, in demselben Augenblick, wo der Herzog von Braunschweig drohte: »Ich werde Paris einäschern«; Jakob Dupont, der Erste, der laut bekannte: »Ich bin Atheist«, worauf Robespierre ihm zurief: »Der Atheismus ist eine aristokratische Anschauung«; Lanjuinais, ein harter, scharfsinniger, heißer bretonischer Kopf, Ducos, der Euryalus von Boyer-Fonfrède, Rebecqui, der Pylades von Barbaroux, der seine Entlassung einreichte, weil Robespierre noch nicht guillotinirt worden war, Richaud, der die Permanenz der Bezirksräthe bekämpfte, Lasource, der den mörderischen Ausspruch gethan hatte: »Wehe den erkenntlichen Nationen!« und der sich später, als er das Schaffot bestieg, widersprach, indem er den Montagnards die stolzen Worte hinwarf: »Wir sterben, weil das Volk schläft, und ihr sterbt einmal, wenn es erwacht sein wird«; Biroteau, der durch seinen Antrag auf Abschaffung der parlamentarischen Unverletzlichkeit ahnungslos das Fallbeil schliff und sich selber das Blutgerüst zimmerte, Charles Villatte, der seinem Gewissen in dem Protest Luft machte: »Ich will nicht unter dem Messer abstimmen«; Louvet, der Verfasser des »Faublas«, der später mit seiner Lodoiska eine Buchhandlung im Palais-Royal eröffnete, Mercier, der Verfasser des »Tableau de Paris«, der einmal äußerte: »Der 21. Januar ist allen Königen in den Nacken gefahren«; Marec, dem »die Partei der früheren Einschränkungen« zu Herzen ging, der Journalist Carra, der auf der Guillotine zum Henker sagte: »Es verdrießt mich, zu sterben; ich hätte die Fortsetzung mit ansehen mögen«; Vigée, der sich selber »Grenadier im zweiten Bataillon von Mayenne-et-Loire« titulirte und, von den Tribünen herab bedroht, ausrief: »Ich verlange, daß beim ersten Murren auf den Tribünen wir uns Alle zurückziehen und mit dem Säbel in der Faust, nach Versailles marschiren«; Buzot, der einst dem Hungertod verfallen, Valazé, der dem eigenen Dolch erliegen, Condorcet, der im Bourg-la-Reine oder vielmehr Bourg-Egalité umkommen sollte, verrathen durch den Horaz, den er bei sich trug; Pétion, dem das Geschick zu Theil ward, im Jahre 1792 von der Menge vergöttert und im Jahre 1793 von den Wölfen verschlungen zu werden, und zwanzig Andere noch, Pontécoulant, Marboz, Lidon, Saint-Martin, Dussaulx, der Übersetzer des Juvenal, der den Feldzug von Hannover mitgemacht hatte, Boilleau, Bertrand, Lesterp-Beauvais, Lesage, Gomaire, Gardien, Mainvieille, Duplantier, Lacaze, Antiboul und über diesen Allen, ein zweiter Barnave, Vergniaud.

Auf der andern Seite der bleiche dreiundzwanzigjährige Antoine-Louis-Léon Florelle von Saint-Just mit der niedrigen Stirn, dem reinen Profil und der tiefen Trauer im geheimnißvollen Blick, Merlin aus Thionville, den die Deutschen den Feuerteufel nannten, Merlin aus Douai, der frevelhafte Urheber des Gesetzes gegen die Verdächtigen, Soubrany, den das Volk am ersten Prairial zu seinem Anführer wählte, der vormalige Pfarrer Lebon, der in der Hand, mit der er Weihwasser gereicht hatte, jetzt einen Säbel schwang, Billaud-Varennes, der die Rechtsprechung der Zukunft erdachte: Schiedsrichter statt der Richter von Fach; Fabre-d’Eglantine, der auf einen reizenden Einfall gerieth, den republikanischen Kalender, aber nur auf den einen Einfall, wie Rouget de Lisle eine einzige geniale Eingebung gehabt hatte, die Marseillaise; Manuel, der Prokurator des Stadtraths, der gesagt hatte: »Der Tod eines Königs macht die Welt um keinen Menschen ärmer«; Goujon, der in Tripstadt, in Neustadt und in Speier eingezogen war und das preußische Heer hatte fliehen sehen, Lacroix, ein General gewordener Advokat, der sechs Tage vor dem 10. August das Ludwigskreuz erhalten hatte, Fréron der Thersites, Fréron’s des Zoïlus Sohn, Ruth, der unerbittliche Durchstöberer des eisernen Schranks Ludwigs XVI., der in der Folge zum großen Selbstmord des Brutus griff, weil er die Republik nicht überleben wollte; Fouché mit der Teufelsseele und dem Leichengesicht, Camboulas, der Freund des Père Duchesne, der zu Guillotin sagte: »Wenn Du auch zu den Feuillants gehörst, Deine Tochter gehört zu den Jakobinern«; Jagot, der Denjenigen, welche die Gefangenen wegen ihrer mangelhaften Kleidung bedauerten, die herzlose Antwort gab: »Ein Gefängniß ist ein steinerner Anzug«; Javogues, der unheimliche Aufbrecher der Gräber von Saint-Denis, Osselin, ein eifernder Verfolger, der eine Verfolgte, Frau Charry, bei sich versteckte, Bentabole, der, wenn er den Präsidentenstuhl innehatte, den Tribünen das Zeichen zum Applaus oder zum Zischen gab, der Journalist Robert, dessen Gattin, Fräulein Kéralio, die Worte schrieb: »Mich besucht weder Robespierre noch Marat; Robespierre empfange ich, wann es ihm genehm sein sollte, Marat aber nie«; Garan-Coulon, der, als sich der spanische Hof für Ludwig XVI. verwenden wollte, mit stolzem Trotz verlangt hatte, daß sich die Versammlung nicht herablasse, die Fürbitte eines Königs für einen König zu lesen; der Bischof Grégoire, der, nachdem er sich der apostolischen Zeiten würdig erwiesen hatte, später, unter dem Kaiserreich, den Republikaner Grégoire für Grégoire den Grafen hinwarf, Amar, welcher behauptete: »Ludwig XVI. ist in den Augen der ganzen Menschheit verurtheilt; wer könnte da noch den Richterspruch revidiren? Nur die Sterne«; Rouyer, der sich am 21. Januar dem Abfeuern der Kanone vom Pont-Neuf aus dem Grunde widersetzt hatte, daß der Kopf eines Königs im Fallen nicht mehr Lärm machen solle als der Kopf eines andern Menschen«; Chénier, der Bruder von André Chénier, Vadier, einer von Denen, die ein Pistol vor sich auf die Tribüne legten, Panis, der zu Momoro sagte: »Marat und Robespierre sollen sich bei mir, an meinem Tisch, umarmen.« – »Wo wohnst Du denn?« – »In Charenton.« – »Dacht‘ ich mir’s doch,« erwiderte Momoro; Legendre, der, wie Pride der Fleischer der englischen Revolution gewesen, der Fleischer der französischen war. »Komm her, daß ich Dich niederschlage!« rief er eines Tages Lanjuinais zu und Lanjuinais entgegnete: »Erst laß die Verordnung ergehen, daß ich ein Ochse bin;« und Collot d’Herbois, der finstere Komödiant mit dem Januskopf, der zugleich Ja und Nein sagte, mit dem einen Mund billigte, was er mit dem andern verwarf, Carrier’s Verhalten in Nantes brandmarkte und Chalier’s Verhalten in Lyon in den Himmel hob, der Robespierre in den Tod und Marat in’s Pantheon schickte; Génissieux, der gegen Jeden die Todesstrafe beantragte, bei dem die Medaille mit der Inschrift »Ludwig XVI. der Märtyrer«, gefunden wurde, Leonard Bourdon, der Schulmeister, der dem Greis vom Mont-Jura sein Haus angeboten hatte, Dobsent, ein Seemann, Gouvilleau, ein Advokat, der Kaufmann Laurent Lecointre, der Arzt Duhem, der Bildhauer Sergent, David der Maler, Joseph-Philipp Egalité der Prinz; außerdem noch Lecointe-Puiraveau, der begehrte, daß Marat durch Dekret für unzurechnungsfähig erklärt werde, Robert Lindet, der beängstigende Schöpfer jenes Ungeheuers, dessen Kopf der Sicherheitsausschuß war und das Frankreich mit einundzwanzigtausend Armen festhielt, die man die revolutionären Ausschüsse nannte, Leboeuf, auf den Girey-Dupré in seinen »Weihnachten der falschen Patrioten« den Vers gedichtet hatte: »Le boeuf vit Legendre et beugla«;7 der milde Thomas Payne, ein Amerikaner; Anacharsis Cloots, ein deutscher Baron und Millionär, Atheist, Anhänger Hebert’s, treuherzig; der gewissenhafte Lebas, der Freund der Familie Duplay; Nevère, einer jener seltenen Menschen, die boshaft sind um der Boshaft willen, denn der Grundsatz, daß die Kunst sich selber Zweck ist, macht sich zuweilen auch bei Charaktereigenschaften geltend; Chalier, der die Aristokraten mit »Sie« angeredet wissen wollte; der elegische und grausame Tallien, der in der Folge aus Verliebtheit den 9. Thermidor machte; Cambacérès, erst Anwalt, dann Fürst; Carrier, erst Anwalt, dann Tiger; Laplanche, der einmal ausrief: »Ich verlange die Vorhand für die Lärmkanone«; Thuriot, der die laute Abstimmung der Geschworenen des Revolutionstribunals begehrte; Bourdon aus dem Departement Oise, der Chambon zum Zweikampf forderte, Payne verklagte und selber durch Hébert verklagt wurde; Payon, der für die Vendée »eine mordbrennerische Armee« begehrte; Tavaux, der am 13. April die Gironde und die Bergpartei beinahe versöhnte; Vernier, der beantragte, die beiderseitigen Parteiführer möchten sich als gemeine Soldaten anwerben lassen; Rewbell, der Mainz mitvertheidigte; Bourbotte, dem bei der Einnahme von Saumur das Pferd unter dem Leib erschossen ward; Guimberteau, der die Küstenarmee von Cherbourg, Jard-Painvilliers, der die Küstenarmee von La Rochelle, Lecarpentier, der das Geschwader von Cancale leitete; Roberjot, der bei Rastatt ermordet werden sollte; Prieur aus der Marne, der im Lager seine alten Schwadronschef-Epauletten trug; Levasseur aus dem Departement Sarthe, der mit einem Wort den Kommandanten des Bataillons Saint-Amand, Serrant, in den Tod zu gehen bestimmte; dazu noch Reverchon, Maure, Bernard aus Saintes, Charles Richard, Lequinio und an der Spitze der ganzen Gruppe ein Mirabeau Namens Danton.

Außerhalb dieser beiden Lager, beide in Schach haltend, ein einzeln Ragender, Robespierre.

V.

Unten drunten neigte sich das Entsetzen, das auch edel sein kann, und krümmte sich die niedrige Furcht. Unter all den Leidenschaften, all dem Heldenmuth, all der Aufopferung, all der Wuth, wogte die trübe Schaar der Namenlosen in den Tiefen, die man »die Ebene« nannte. Hier fand sich jedes schwankende Element zum andern, Männer des Zweifels und Zauderns und Zurückrufens und Aufschiebens und Zuwartens, oder in Angst vor Jemand oder Etwas. Die Montagnards waren eine Elite, die Girondins eine Elite; die Plaine war die Menge; sie verdichtete und verkörperte sich in der Person von Sieyès.

Sieyès war tief angelegt, aber hohl geworden; er war beim »dritten Stand« stehen geblieben und hatte sich nicht bis zum Begriff Volk emporschwingen können. Gewisse Geister sind wie eigens geschaffen, auf halben Höhen zu wandeln. Sieyés nannte Robespierre den Tiger und wurde von diesem der Maulwurf genannt. Dieser Metaphysiker hatte sich die Weisheit nicht, aber die Klugheit ergrübelt. Er war der Höfling, nicht der Diener der Revolution. Mit der Schaufel auf der Schulter spannte er sich neben Alexander Beauharnais vor einen Karren und zog mit dem Volk zur Arbeit auf das Marsfeld aus. Er rieth Andern zum Durchgreifen und machte selber von dem Rath keinen Gebrauch; so sagte er zu den Girondins: »Gewinnt die Kanonen für Eure Partei.« Es giebt Denker, die kämpfen wollen; in der Weise stand Condorcet zu Vergniaud oder Camille Desmoulins zu Danton; und es giebt hinwider Denker, die leben wollen, und diese standen zu Sieyès. Auch in den reinsten Kufen bildet sich ein Bodensatz. Unter »der Ebene« lag noch »der Sumpf«, eine scheußlich stagnirende Masse, durchsichtig vor lauter Selbstsucht. Da fröstelte die stumme Gespanntheit der Zitterer; da kauerte der Inbegriff der Erbärmlichkeit, jede Schändlichkeit und keine einzige aufrichtige Schande, ein verkrochener Grimm, der Aufstand hinter der Unterwürfigkeit. In hündischem Erbangen entwickelten jene Memmen den ganzen Muth der Feigheit; sie waren für die Gironde und stimmten mit der Montagne; den Ausschlag mußten immer sie geben, und immer warfen sie nach der Seite des Erfolgs um; sie lieferten Ludwig XVI. an Vergniaud aus, Vergniaud an Danton, Danton an Robespierre, Robespierre an Tallien; sie brandmarkten den lebenden Marat und vergötterten ihn im Tod; sie unterstützten Alles bis zum Tag, wo sie es stürzen halfen; sie hatten den Instinkt des letzten Stoßes für alles Wankende. Da sie ihre Knechtsdienste von der Widerstandskraft ihrer Herren abhängig machten, galt deren Wanken in ihren Augen für Verrath. Sie waren Zahlen, waren die Kraft, waren die Angst; daher ihre Frechheit im Schmählichen, daher der 31. Mai, der 11. Germinal, der 9. Thermidor, Tragödienverwickelungen durch Riesen geknüpft und gelöst durch Zwerge.

VI.

Mitten unter den Berserkern hatte der Konvent auch seine Träumer; das Utopische war in allen seinen Äußerungsformen vertreten, von der kriegerischen, die das Schaffot billigte, bis zur friedlichsten, welche die Todesstrafe abschaffte – den Königen gegenüber den Dämon, den Völkern gegenüber den Engel herauskehrend. Zwischen den streitbaren saßen die brütenden Geister; jene sannen auf Kampf, diese auf Ruhe; einer jener Köpfe, der von Carnot, gebar vierzehn Armeen, indessen ein anderer, der von Jean Debry, dem Plan zu einer demokratischen Weltverbrüderung nachhing. Unter diesen tobenden Rednern mit den brüllenden Donnerstimmen saßen fruchtbringende Schweiger: Lakanal schwieg und entwarf die Grundzüge des öffentlichen Nationalunterrichts; Lanthenas schwieg und schuf dann die Volksschulen; Revellière-Lépaux schwieg und träumte von der Erhebung der Philosophie auf die Altäre der Religion. Andere beschäftigten bescheidenere, praktischere Detailfragen: Guyton-Morveaux trug sich mit einer gesünderen Einrichtung der Spitäler, Maire mit Aufhebung der Realservituten, Jean-Bon-Saint-André mit Abschaffung der Schuldhaft, Romme mit dem Vorschlag von Chappe, Duboë mit der Organisation der Archive, Coren-Fustier mit der Gründung der anatomischen und naturwissenschaftlichen Sammlungen, Guyomard mit der Regelung der Flußschifffahrt und dem Querdamm der Schelde. Auch für Kunst wurde geschwärmt, von Einzelnen sogar bis zur Manie; am 21. Januar, während auf dem Revolutionsplatz das Haupt der Monarchie niederrollte, besichtigte Bézard, ein Abgeordneter des Departements Oise, einen Rubens, der in einer Dachkammer der Straße Saint-Lazare entdeckt worden war. Künstler, Redner, Propheten, Kolossalnaturen wie Danton und kindliche Naturen wie Cloots, Gladiatoren wie Philosophen, Alle hatten sie ein gemeinsames Ziel vor Augen, den Fortschritt. Durch nichts ließen sie sich beirren.

Die Größe des Konvents besteht darin, daß er idealen Dingen, welche von den Menschen als Unmöglichkeiten verschrieen werden, das innewohnende Maß Wirklichkeit abzuringen trachtete. Auf der einen Seite hielt Robespierre den Blick auf das Recht, auf der andern hielt Condorcet den Blick auf die Pflicht gerichtet. Condorcet war der Mann des Traums und des Lichts, Robespierre der Mann der Ausführung, und in Perioden, die über Tod oder Leben einer altgewordenen Kultur entscheiden, ist Ausführung zuweilen gleichbedeutend mit Austilgung. Die Revolutionen haben zwei Abhänge, bergauf und bergab, und auf beiden sind die Jahreszeiten ihrer Entwicklung vertreten, vom Winterschnee bis zu den Herbstblüthen, und jede Zone jener Abhänge bringt die ihr entsprechenden Männer hervor, von denen, die im Sonnenschein, bis zu denen, die im Wetterstrahl leben.

VII.

Man zeigte sich den Winkel des linken Durchgangs, in dem Robespierre Garat, dem Freund Clavière’s, die drohenden Worte zugeflüstert hatte: »Clavière hat sich, wo er ging und stand, vergangen und zu komplottiren unterstanden.« In eben demselben Winkel, der sich zu heimlichen Gesprächen und halblauten Zornausbrüchen eignet, hatte Fabre d’Eglantine Romme einen Verweis gegeben, weil dieser den republikanischen Kalender durch Umänderung von »Fervidor« in »Thermidor«, wie ihm vorgeworfen wurde, entstellt hatte. Man zeigte sich auch die Ecke, wo, dicht neben einander, die sieben Vertreter der Haute-Garonne saßen, die bei der Urtheilfällung über Ludwig XVI. zuerst aufgerufen, der Reihe nach geantwortet hatten, Mailhe: »Todesstrafe,« Delmas: »Todesstrafe«, Projean: »Todesstrafe«, Calès: »Todesstrafe«, Ayral: »Todesstrafe«, Julien: »Todesstrafe«, Desaby: »Todesstrafe« – ein Beweis dafür, daß die Weltgeschichte eine endlose Reihenfolge von Rückschlägen ist, welche von den Mauern jedes Tribunals das Echo der Gruft widerhallen lassen. Man wies in diesem wilden Getümmel von Gesichtern mit dem Finger auf alle die einzelnen, deren tragische Richtersprüche sich zu dem einen großen Racheschrei verschmolzen hatten; Paganel, der gesagt hatte: »Todesstrafe; ein König ist nur im Sterben nützlich«; Millaud, der gesagt hatte: »Wenn es heute noch keinen Tod gäbe, müßte man einen erfinden«; den alten Raffron du Trouillet, der gesagt hatte: »Schleunige Todesstrafe«; »Goupilleau, der gerufen hatte: »Gleich auf’s Schaffot mit ihm! die Zögerung verschärft den Tod«; Sieyès hatte sein Votum in das eine düstere Wort zusammengefaßt: »Tod«; Thuriot hatte gegen die von Buzot vorgeschlagene Berufung an das Volk geeifert: »Wie? man will die Wähler befragen? vierundvierzigtausend Gerichtshöfe einsetzen? Es würde ein Prozeß ohne Ende, und Ludwig’s XVI. Haupt hätte Zeit genug, noch weiß zu werden vor dem Fallen«; Augustin-Bon Robespierre rief, nachdem sein Bruder gesprochen: »Ich kenne das Erbarmen nicht, das die Völker hinwürgt und den Despoten verzeiht. Todesstrafe! Aufschub verlangen, heißt, der Berufung an’s Volk die Berufung an die Tyrannen unterschieben«; Foussedoire, der Stellvertreter von Benardin de Saint-Pierre, hatte gesagt: »Das Blutvergießen ist mir ein Greuel, aber Königsblut ist kein Menschenblut; Todesstrafe«; Jean-Bon-Sant-André sagte: »Ohne todten Tyrannen kein freies Volk«; Lavicomterie that einen ähnlichen Ausspruch: »So lang der Tyrann athmet, erstickt die Freiheit; Todesstrafe«; Chateauneuf-Randon rief: »Tod Ludwig dem Letzten«; Guyardin: »Hinrichtung bei umgestürzter Barrière«; er meinte damit die »Barrière du Thrône«; Tellier sprach: »Man gieße, um ihn auf den Feind zu feuern, eine Kanone für den Kopf Ludwigs XVI.« Man zeigte sich auch die Nachsichtsvollen: Gentil, der gesagt hatte: »Ich stimme für Gefängniß; ein zweiter Karl Stuart bringt uns einen zweiten Cromwell«; Bancal, der gesagt hatte: »Verbannung; ich will den ersten König der Welt verurtheilt sehen, zu einem Handwerk zu greifen, um sein Brod zu verdienen«; Albouys, der gesagt hatte: »In’s Exil mit ihm! laßt ihn als lebendiges Gespenst zwischen den Thronsesseln umgehen«; Zangiaconi sagte: »Gefängniß; der lebende Capet sei ein Schreckbild in unsern Händen«: »Er lebe«, meinte Chaillon; »ich will den Todten nicht durch Rom heilig sprechen lassen.« Während diese Worte von strengen Lippen der Reihe nach der Weltgeschichte anheim fielen, zählten auf den Tribünen geputzte Frauen in ausgeschnittenen Kleidern die Stimmen nach und merkten sie mit Nadelstichen auf Verzeichnissen der Abgeordneten an.

Wo die Tragödie sich einmal gezeigt hat, da lassen sich Grauen und Mitleid dauernd nieder. Zu welcher Zeit man den Konvent auch betrachten mochte, immer wieder bot er einen ähnlichen Anblick wie bei der Abstimmung über den letzten Capet; die Legende vom 21. Januar schien in jeder ferneren Entschließung fortzuklingen; die gewaltige Versammlung war durchweht von jenem verhängnißvollen Sturmhauch, der über die alte, achtzehn Jahrhunderte lang brennende Fackel der Monarchie hingestrichen war und sie gelöscht hatte. Die entscheidende Verurtheilung aller Könige in dem einen war gleichsam der Ausgangspunkt des großen Krieges, den der Konvent gegen die Vergangenheit führte. Ganz einerlei welcher Sitzung man beiwohnte, stets warf das Schaffot Ludwigs XVI. seinen Schatten herein; die Zuschauer erzählten einander, wie Kersaint, wie Roland damals gesprochen, wie Duchâtel, ein Abgeordneter des Departements Deux-Sèvres, sich auf seinem Krankenbett hereintragen ließ, und, selber sterbend, für Leben stimmte, worüber Marat lachen mußte; und man suchte jenes seither verschollene Mitglied mit den Blicken, das nach der siebenunddreißigstündigen Gerichtsverhandlung vor Erschöpfung auf seiner Bank eingeschlafen war, und, vom Huissier zur Abgabe seiner Stimme geweckt, mit halbgeöffneten Augen »Todesstrafe« sagte und wieder einschlummerte.

Als Ludwig XVI. zur Guillotine verurtheilt wurde, hatten Robespierre noch achtzehn Monate, Danton fünfzehn, Vergniaud neun, Marat fünf Monate und drei Wochen, Lepelletier-Saint-Fargeau einen Tag Leben vor sich. Furchtbar war das Athmen jener Männer und kurz.

VIII.

Für das Volk ging ein stets offenes Fenster auf den Konvent hinaus, die öffentlichen Tribünen, und genügte das Fenster nicht, so wurde die Thür aufgemacht und die Straße entleerte sich in den Saal. Jenes Einbrechen der Menge in diese Versammlung gehört zu den überraschendsten Erscheinungen der Geschichte. Meistentheils war die Invasion gut gemeint; die Vorstädte schmollirten mit dem kurulischen Stuhl; aber es lag etwas Unheimliches in dieser herzlichen Zudringlichkeit eines Volkes, das eines Tages, ehe drei Stunden vergangen waren, die Kanonen des Invalidenhauses und Vierzigtausend Flinten ausgeführt hatte. Sehr häufig wurden die Sitzungen durch den Aufmarsch von Deputationen unterbrochen, die man mit Gesuchen, Huldigungen oder Liebesgaben an die Schranken vorließ. Es wurde durch Weiber die Ehrenpike der Vorstadt Saint-Antoine hereingetragen. Einmal widmeten Engländer den barfuß kämpfenden Soldaten zwanzigtausend Schuhe. »Der Bürger Arnoux«, las man ein andermal im Bericht des Moniteur, »Pfarrer von Aubignan und Kommandant des Bataillons vom Departement Drôme, verlangt, unter Vorbehalt seiner Pfarrei, an die Grenze zu marschiren.« Die Bezirksvertreter brachten auf Tragbahren Platten, Kelche, Monstranzen, ganze Haufen von Silber und Gold herbei, dem Vaterland von jenem Volk in Fetzen geweiht, das dafür als einzige Belohnung die Erlaubniß begehrte, dem Konvent die Carmagnole vorzutanzen. Chenard, Narbonne und Vallière kamen, um patriotische Lieder auf die Bergpartei abzusingen. Der Bezirk Mont-Blanc verehrte der Versammlung eine Büste von Lepelletier und ein Weib setzte dem Präsidenten eine rothe Mütze auf, worauf sie von diesem umarmt wurde. »Die Bürgerinnen des Bezirks le Mail« streuten »den Gesetzgebern« Blumen. »Die Schüler des Vaterlandes«, voran eine Musikbande, statteten dem Konvent ihren Dank ab »für Begründung der Wohlfahrt des Jahrhunderts.« Die Frauen des Bezirks Gardes-Françaises brachten Rosen, die vom Bezirk Champs-Elysées einen Kranz von Eichenlaub; die Mädchen vom Bezirk Temple leisteten vor den Schranken einen Eid darauf, »sich nur mit echten Republikanern zu verbinden.« Der Bezirk Molière widmete eine Medaille von Franklin, die laut Verordnung an die Krone der Freiheitsstatue gehängt wurde. Die Findelkinder, nunmehr die Kinder der Republik, zogen in der nationalen Uniform vorbei. Die Jungfrauen des Bezirks Zweiundneunzig kamen in langen weißen Gewändern, und am folgenden Tage las man im Moniteur: »Der Präsident empfängt einen Strauß aus den unschuldigen Händen einer unschuldigen Schönheit.« Die Redner grüßten die Menge, riefen ihr zuweilen sogar Schmeicheleien zu, wie: »Du bist unfehlbar; Du bist untadelhaft; Du bist erhaben.« Das Volk hat etwas vom Kind: es nascht gern Süßigkeiten. Oft auch brauste der Aufruhr durch die Versammlung; brach tobend herein und strömte beschwichtigt von dannen wie die Rhone, die beim Einmünden in den Genfer See trübe und beim Ausfluß himmelblau gefärbt ist. Mehrmals lief es jedoch so friedlich nicht ab, und Henriot ließ vor den Tuilerieen Roste herbeischaffen für die Brandkugeln.

IX.

Neben dem Zündstoff für die Revolution entwickelte die Versammlung auch eine befruchtende Kulturpotenz. Der Weltbrand nährte eine schöpferische Schmiede, und in dieser Esse, wo der Schrecken brodelte, klärte sich das Gold des Fortschritts ab. Aus dem Chaos von Schatten und der jagenden Wolkenflucht flammten Lichtstrahlen der ewigen Wahrheit nieder, unvergängliche Lichtstrahlen, die den Völkerhimmel für alle Zeiten erhellen und die sich Gerechtigkeit nennen und Duldsamkeit und Wohlwollen und Vernunft und Wahrhaftigkeit und Menschenliebe. Der Konvent stellte den großen Grundsatz auf: »Die Freiheit des Bürgers hört da auf, wo die Freiheit eines anderen Bürgers anfängt,« ein Axiom, das in zwei Worten die Bedingungen alles gesellschaftlichen Lebens zusammenfaßt. Er sprach das Elend heilig, heilig die Gerechtigkeit im Blinden und Taubstummen, die er der Fürsorge des Staates übergab, heilig die Mutterschaft in der Gefallenen, die er tröstete und aufrichtete, heilig die Kindheit in der Waise, die er dem Vaterland in den Arm legte, heilig die Unschuld im freigesprochenen Angeklagten, den er entschädigte. Er brandmarkte den Negerhandel und schaffte die Sklaverei ab. Er machte sich zum Herold der gegenseitigen Verbindlichkeit Aller gegen Alle. Er führte den unentgeltlichen Unterricht ein, regelte die nationale Erziehung durch Gründung der Normalschule zu Paris, der Centralschulen in den Departements-Hauptstädten und der Primärschulen in den Gemeinden, schuf Musik-Akademien und Kunstsammlungen, brachte die Einheit in der Gesetzgebung und durch das Dezimalsystem die Einheit in Maß, Gewicht und Münzwesen zu Stande, stellte die Ordnung in den Finanzen wieder her und rettete aus dem monarchischen Bankrott den öffentlichen Kredit. Dem Verkehr schenkte er den Signaltelegraphen, dem Alter die dotirten Versorgungshäuser, der Krankheit die verbesserten Spitäler, der höheren Ausbildung die polytechnische Schule, der Wissenschaft die geographische Vermessungsanstalt, dem menschlichen Geist die vereinigten gelehrten Körperschaften. Neben den patriotischen Zwecken verfolgte er auch kosmopolitische. Von den elftausendzweihundertundzehn Verordnungen, die der Konvent erließ, trägt ein Drittel nur einen speziell politischen, der Rest einen allgemein humanen Charakter. Der Gesellschaft wurde die Weltmoral, dem Gesetz das Gewissen der Welt zu Grund gelegt. Und Abschaffung der Dienstbarkeit, Verbrüderung Aller, Schutz für die ganze Menschheit, Läuterung des öffentlichen Gewissens, Verwandlung der ausgebeuteten Arbeit in ein gesetzlich gesichertes Recht, Befestigung des Staatsvermögens, Aufklärung und Leitung der Jugend, Förderung der Künste und Wissenschaften, Verbreitung des Lichts nach jeder Seite hin, Beistand für jedes Elend und Geltendmachung jedes höheren Grundsatzes – Alles das schuf der Konvent mit der Hydra der Vendée am Herzen und von Außen zerfleischt durch die Tigerheerde der europäischen Fürstenkoalition.

X.

Auf dem unermeßlichen Kampfplatz vereinigten sich in episch gewaltigem Widerstreit alle menschlichen und unmenschlichen und übermenschlichen Typen. Während Guillotin David aus dem Weg ging, beschimpfte Bazire Chabot; Guadet verspottete Saint-Just; Vergniaud verschmähte Danton; Louvet klagte Robespierre, Buzot Egalité an; Chambon stellte Pache an den Pranger; Alle verabscheuten Marat. Und wie viel andere Namen wären an dieser Stelle noch zu verzeichnen! Armonville, genannt Bonnet-Rouge, weil er nur in der phrygischen Mütze an den Sitzungen theilnahm, ein Freund Robespierre’s, der »nach Ludwig XVI. auch diesen guillotiniren lassen wollte, dem Gleichgewicht zulieb.« Massieu, der unzertrennliche Kollege des guten Bischofs Lamourette, der so ganz geschaffen war, einem berühmt gebliebenen Versöhnungskuß seinem Namen zu geben; Lehardy aus dem Morbihan, der die bretonischen Priester brandmarkte; Barère, der Mann der Majoritäten, der das Präsidium führte, als Ludwig XVI. vor den Schranken des Konvents erschien, und der zu der Pamela der Frau von Genlis in denselben Herzensbeziehungen stand wie Louvet zu Lodoïska; Daunon, welcher der Kongregation des Oratoriums angehörte und zu sagen pflegte: »Gewinnen wir nur erst Zeit«; Dubois-Crancé, mit dem Marat oft flüsterte; der Marquis von Chateauneuf, Laclos, Hérault-Séchelles, der vor Henriot mit dem Ruf zurückwich: »An die Geschütze!« Julien, der die Montagne mit den Thermopylen verglich; Gamon, der eine besondere öffentliche Tribüne für die Weiber beanspruchte; Laloy, der dem Bischof Gobel die Ehren der Sitzung zuerkannte, als dieser in den Konvent kam, um die Mitra gegen die Freiheitsmütze umzutauschen; Lecomte, der damals äußerte: »Man reißt sich ja darum, sich zu entpfaffen!« Féraud, vor dessen Kopf Boissy-d’Anglas später den Hut abzog, wodurch die offene Frage entstand: »Hat Boissy-d’Anglas den Kopf, und somit das Opfer, oder die Pike, also die Mörder, gegrüßt?« Die zwei Brüder Duprat, von denen der eine Montagnard, der andere Girondin war, und die einander haßten wie die beiden Chénier.

Von der Rednertribüne fielen zuweilen Worte von jener unabsehbaren Wirkung, von welcher der Sprechende selbst keine Ahnung hat, Worte, denen das Verhängnißvolle der Revolution innewohnt und auf die hin die materiellen Ereignisse plötzlich in’s ungehalten Leidenschaftliche umgeschlagen zu sein scheinen, als hätten sie das eben Gesagte übelgenommen; was geschieht, scheint dann aus Zorn zu geschehen über das, was gesprochen worden, und schmetternde Katastrophen brechen dann herein, wie zur Tollwuth angestachelt durch die Worte der Menschen. So genügt auf den Schneebergen oft ein Schrei, um eine Lawine in’s Rollen zu bringen, und so kann auch eine allzuscharf klingende Redensart einen Zusammensturz im Gefolge haben, der sonst ausgeblieben wäre. Oft liegt selbst in den Begebenheiten etwas persönlich Jähzorniges. Aus einem solchen Grund, weil zufällig die Aeußerung eines Redners mißverstanden wurde, fiel zum Beispiel das Haupt von Madame Elisabeth.

Im Konvent genoß die Maßlosigkeit im Ausdruck Bürgerrechte. Durch die Debatte schwirrten und kreuzten sich die Drohungen wie Funken in einer Feuersbrunst. – Robespierre, kommen Sie zur Sache! rief eines Tages Pétion. – Die Sache sind Sie, Pétion, entgegnet Robespierre; Ihnen werde ich nur zu früh zur Sache kommen. – Zur Guillotine mit Marat, schrie eine Stimme. – Am Tag, wo Marat sterben wird, antwortet dieser, wird kein Paris mehr sein, und am Tag, wo Paris sterben wird, stirbt die Republik mit. – Billaud-Varennes steht auf und sagt: Wir wollen … – Du sprichst wie ein König, unterbricht ihn Barére. – Und eines andern Tages, da Philippeaux darüber klagt, daß ein Mitglied den Degen gegen ihn gezogen, ruft Audouin: Präsident, rufen Sie den Mörder zur Ordnung! – Nur Geduld, sagt der Präsident; und Panis ruft ihm zu: Ich, Präsident, rufe jetzt Sie zur Ordnung. – Im Konvent wurde auch gelacht, derbe gelacht. – Der Pfarrer von Chant-de-Bout, berichtete einmal Lecointre, beschwert sich über Fauchet, seinen Bischof, der ihn nicht heirathen lassen will. – Ich sehe nicht ein, fährt eine Stimme dazwischen, warum Fauchet Maitressen halten darf, wenn er bei Andern keine Ehefrauen duldet. – Drauf los heirathen, ihr Priester, fällt eine zweite Stimme ein. – Die Tribünen mischen sich in die Debatte; sie dutzten die Abgeordneten. Eines Tages bestieg Nuamps die Rednerbühne, und weil die einer seiner »Hüften« viel entwickelter war als die andere, wurde ihm von oben zugerufen: – Dreh Dich doch nach rechts mit Deiner Backe à la David. – Dergleichen Freiheiten erlaubte sich das Volk im Konvent. Einmal jedoch, beim Tumult des 11. April 1793, ließ der Präsident einen Schreier auf den Tribünen verhaften.

In einer Sitzung, die der alte Buonarotti beschreibt, ergreift Robespierre das Wort und spricht volle zwei Stunden, den Blick immer auf Danton gerichtet, bald geradeaus (schon schlimm genug), bald von der Seite, was noch weit schlimmer war. Aus unmittelbarster Nähe schmettert er seine Blitze herab und schließt mit einem Ausbruch von Entrüstung voll verderbenschwangerer Anzüglichkeiten: Man kennt die Heuchler; man kennt die Verführer und die Bestochenen; man kennt die Verräther: sie sind hier in dieser Versammlung. Sie hören uns zu; wir sehen sie und wenden kein Auge von ihnen ab. Ueber ihren Häuptern erblicken sie – ja schaut hinauf, das Schwert des Gesetzes; in ihrem Gewissen – schaut nur hinein! – erblicken sie die eigene Verworfenheit. Verräther, nehmt Euch in Acht! – Robespierre bricht ab, und Danton, den Kopf zur Decke gewendet, mit halbgeschlossenen Augen und einen Arm über die Lehne der Bank hin- und herwiegend trällert zurückgeworfen zwei Verse von »Kadet Rousssel« halblaut vor sich hin:

– Verschwörer! – Mörder! – Schurke! – Rebell! – Reaktionär! Alle Verwünschungen platzten oft auf einander los; man schrie seine Anklagen wechselseitig zu der Büste des Brutus hinauf; man fuhr sich an, verfluchte, forderte sich heraus: von allen Seiten wüthende Blicke, geballte Fäuste, hervorschimmernde Pistolen, halbgezückte Dolche; weit und breit ein hundertfaches Emporflammen um die Tribüne. Einige sprachen, als lehnten sie an der Guillotine. Entsetzt und entsetzlich wogten die Köpfe hin und her, Montagnards, Girondins, Feuillants, Gemäßigte, Terroristen, Jakobiner, Cordeliers, darunter achtzehn Priester, die für den Tod des Königs gestimmt hatten, Alle in einander verschwimmend wie vorangetriebene Rauchwolken.

XI.

Es waren sturmgepeitschte Geister; der Sturm aber fuhr auf Fittigen des Wunders einher. Ein Mitglied des Konvents war eine Welle im Ozean, und das galt auch von den Größten. Die Triebkraft kam von oben her. Es herrschte im Konvent ein Gesammtwollen, das vom Wollen des Einzelnen ganz verschieden war, eine Idee, unbezwingbar und unermeßlich, die von den Höhen niedersauste durch das Dunkel, und die wir eben die Revolution nennen. Wenn diese Idee dahinstrich, warf sie den Einen zu Boden und raffte den Andern empor, ließ Diesen zu Schaum zerstieben und zerschmetterte Jenen an Felsenriffen. Sie wußte, wohin sie steuerte, diese Idee, und trieb den Abgrund vor sich her. Wenn man die Revolution für das Werk der Menschen ausgeben wollte, so müßte man auch Ebbe und Fluth für das Werk ausgeben der Wellen. Die Revolution ist eine Kraftäußerung des großen Unbekannten. Man nenne sie gut oder böse, je nachdem man die Zukunft oder die Vergangenheit herbeisehnt, aber man mache ihr den Ursprung nicht streitig. Sie scheint allerdings aus dem gemeinschaftlichen Zusammenwirken von großen Ereignissen und großen Menschen hervorgegangen, ist aber in der That lediglich die Kraftsumme der Ereignisse. Die Ereignisse geben aus; die Menschen zahlen. Die Ereignisse diktiren; die Menschen unterschreiben. So ist der 14. Juli Camille Desmoulins, der 10. August Danton, der 2. Dezember Marat, der 21. September Grégoire, der 21. Januar Robespierre gezeichnet; aber Desmoulins, Danton, Marat, Grégoire und Robespierre haben weiter nichts dabei gethan, als die Urkunden auszuschreiben. Der eigentliche gigantisch strenge Verfasser jener Geschichtsblätter heißt Gott und führt das Pseudonym Schicksal. Robespierre glaubte an einen Gott; er mußte ja wohl!

Die Revolution ist eine Erscheinungsform des immanenten Wollens in und um uns; wir nennen es die Nothwendigkeit. Vor dieser geheimnißvollen Verwickelung von Wohlthaten und Bitternissen wirft sich das Warum des Denkers auf. »Weil eben einmal«: diese Antwort des Nichtwissens ist zugleich die der Erkenntniß. Im Angesicht jener klimatischen Umwälzungen, welche die Kultur verheeren und beleben, scheut man vor einem Urtheil über das Einzelne zurück. Ob das Ergebniß die Menschen tadeln oder loben, heißt ungefähr so viel, als man würde die Zahlen ihrer Summe wegen loben oder tadeln. Was vorbeistürmen muß, stürmt eben vorbei. Die hehre Ewigkeit wird durch diese Windstöße nicht berührt, und Wahrheit und Gleichgewicht bleiben über den Revolutionen stehen wie der Sternenhimmel über dem Orkan.

XII.

Das war jener unermeßliche Konvent; eine von allen Finsternissen auf ein Mal berannte Schanze der Menschheit, das nächtliche Lagerfeuer eines belagerten Heers von Gedanken, eine ungeheuere Feldwache der Geister am Rand eines Abgrunds. Nichts läßt sich in der Geschichte zusammenhalten mit jener Versammlung von Männern, die zu gleicher Zeit Senat war und Pöbel, ein Konklave und ein Auflauf, ein Areopag und eine Agora, Richter und Angeklagter. Der Konvent hat sich stets beugen müssen unter dem Sturmhauch, aber es war auch ein Sturm ausgehaucht vom Mund des Volks, der Athemzug Gottes. Und heute, nach achtzig Jahren, wenn der Konvent vor dem Seelenspiegel eines Menschen auftaucht, gleichviel vor welchem, gleichviel ob Historiker oder Philosoph – der Mensch bleibt stehen und verliert sich im Betrachten. Die große Geisterkarawane unbeachtet vorüberziehen zu lassen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

II.

Marat hinter den Coulissen

Am Tage nach der Zusammenkunft in der Rue du Paon, verfügte sich Marat, wie er es Simonne Evrard schon zu wissen gethan hatte, in den Konvent. Bekanntlich gab es dort einen maratistischen Marquis, Louis von Montaut, derselbe, der später dem Konvent eine Dezimaluhr schenkte mit der Büste von Marat. Im Augenblick, wo dieser eintrat, war Chabot auf Montaut zugegangen: Ex-Marquis, sagte er… Montaut schaute auf: Weshalb nennst Du mich Ex-Marquis ?

– Weil dem so ist.

– Was?

– Du warst doch Marquis.

– Niemals.

– Unsinn!

– Mein Vater war ein Soldat, mein Großvater ein Weber.

– Was faselst Du da, Montaut?

– Ich heiße nicht Montaut.

– Wie denn sonst?

– Maribon heiße ich.

– Mir, sagte Chabot, kann’s eigentlich gleich sein. Und er brummte noch zwischen den Zähnen: Man reißt sich förmlich drum, kein Marquis zu sein.

Marat war in dem Durchgang links stehen geblieben und betrachtete Montaut und Chabot.

Jedes Eintreten von Marat rief ein Gemurmel hervor, doch nur in der Entfernung: in seiner Nähe wurde geschwiegen. Dergleichen bemerkte Marat gar nicht; er verachtete »das Quaken des Sumpfes.«

Im Halbschatten der untern obskuren Bänke wurde mit dem Finger auf ihn gedeutet: Bei Coupé vom Departement Oise, Prunelle, Villars, einem Bischof, der später Akademiker wurde, Boutroue, Petit, Plaichard, Bonet, Thibeaudeau, Valdruche, hieß es:

– Sieh da! Marat. – Er ist also nicht krank? – Doch, weil er einen Schlafrock an hat. – Ja, einen Schlafrock! – Wahrhaftig! – Alles nimmt er sich heraus! – Die Frechheit, so im Konvent zu erscheinen! – Kam er schon einmal im Lorbeerkranz, so mag er auch im Schlafrock kommen! – Kupfergesicht mit Grünspanzähnen. – Ein neuer Schlafrock, will mir scheinen. – Was für ein Stoff? – Reps. – Gestreift. – Sehen Sie nur die Aufschläge. – Pelz. – Tigerpelz. – Nein, Hermelin. – Aber falsch. – Und Strümpfe hat er an! – Sonderbar. – Und Schnallen an den Schuhen. – Von Silber! – Das werden ihm die Holzschuhe von Camboulas nie verzeihen.

Auf andern Banken befliß man sich eines gesuchten Uebersehens und sprach von andern Dingen: Wissen Sie schon, Dusfaulx? begann Santhonac.

– Was? – Vom Ex-Grafen von Brienne? – Der mit dem Ex-Herzog von Villeroy in la Force gesessen hat? – Ja, der. – Ich habe sie Beide gekannt. Nun? – Sie waren so voller Angst, daß sie die rothe Mütze jedes Gefangenwärters grüßten und sich eines Tags vor einer Partie Piquet sträubten, weil man ihnen ein Spiel Karten mit Königen und Damen gegeben hatte. – Nun und? – Gestern sind sie guillotinirt worden. – Beide? – Beide. – Wie haben Sie sich im Kerker durchweg benommen? – Feig. – Und auf der Guillotine? – Mehr als tapfer. – Sterben ist eben leichter als leben, warf Dussaulx vor sich hin.

Barère verlas gerade einen Bericht über die Vendée. Neunhundert Mann aus dem Morbihan seien mit Artillerie ausgerückt, um Nantes zu decken. Redon sei von den Bauern bedroht, Paimboeuf bereits angegriffen. Von Maindrain aus kreuzten Kriegsschiffe, um eine Landung zu verhüten. Von Ingrande bis Maure strotzte das ganze linke Loire-Ufer von royalistischen Batterien. Dreitausend Bauern hielten Pornic besetzt und riefen »Vivat England!« Ein Brief von Santerre an den Konvent, den Barère mittheilte, schloß mit den Worten: »Siebentausend Bauern haben Vannes überfallen; wir haben sie zurückgeschlagen und ihnen vier Geschütze abgenommen…«

– Und wie viel Gefangene, unterbrach eine Stimme.

– Barère fuhr fort:

– Nachschrift des Briefes: »Gefangene haben wir nicht, denn wir machen keine Gefangenen mehr.«

Marat stand immer noch unbeweglich und hörte nicht zu: er schien einem düstern Gedanken nachzuhängen; er zerknitterte ein Papier, das er zwischen den Fingern hielt und auf dem, wenn man es hätte entfalten können, folgende Zeilen von Momoro’s Hand zu lesen waren, wahrscheinlich als Antwort auf eine Anfrage von Marat: »Gegen die Omnipotenz der abgeordneten Kommissäre ist nicht aufzukommen, namentlich gegen die der Kommissäre des Wohlfahrtsausschusses. Wenn Génissieur in der Sitzung vom 6. Mai auch betont hat, daß jeder Kommissär unumschränkter herrscht als ein König, geändert ward an der Sache nichts. Sie entscheiden über Leben und Tod. Massade in Angers, Frullard in Saint-Amand, Nyon bei General Marcé, Parrein bei der Armee von les Sables, Millier bei der Armee von Niort sind geradezu allmächtig. Der Jakobinerklub ist so weit gegangen, Parrein zum Brigadechef zu ernennen. Alles wird auf die Umstände geschoben und ein Kommissär des Wohlfahrtsausschusses hält einen kommandirenden General in Schach.«

Nun steckte Marat das zerknitterte Papier in die Tasche und ging langsam auf Montaut und Chabot zu, welche ihn nicht bemerkt hatten und weitersprachen.

Chabot sagte: Maribon oder Montaut, paß auf: just komme ich aus dem Wohlfahrtsausschuß. – Und was treiben sie dort? – Sie lassen einen Adeligen überwachen durch einen Priester. – So? – Einen Adeligen wie Du … – Ich bin kein Adeliger, wiederholte Montaut. – Durch einen Priester. – Wie Du. – Ich bin kein Priester, entgegnete Chabot.

Und Beide mußten lachen.

– Laß hören wo und wer, sagte Montaut.

– Es verhält sich so: Ein Priester Namens Cimourdain ist mit unumschränkter Vollmacht zu einem gewissen Vikomte Gauvain abgeordnet. welcher Vikomte die Streifkolonne der Küstenarmee befehligt. Es soll verhütet werden, daß der Adelige falsch spielt und daß der Priester verräth.

– Nichts ist leichter, erwiderte Montaut, man braucht nur den Tod mitreden zu lassen.

– Gerade deshalb bin ich hier, fiel Marat ein.

Die Beiden schauten auf:

– Guten Tag, Marat, sagte Chabot; Du kommst selten in unsere Sitzungen.

– Mein Arzt verordnet mir Bäder, antwortete Marat.

– Den Bädern ist nicht zu trauen, meinte Chabot; Seneca ist in einem Bad gestorben.

Marat lächelte: – Hier, Chabot, haben wir keinen Nero.

– Dich haben wir, sagte eine derbe Stimme. Es war Danton, der vorbeiging, um zu seinem Platz zu steigen.

Marat wendete sich nicht um. Er streckte den Kopf vor und raunte den Beiden zu: Hört einmal, ich bin in einer ernsten Angelegenheit da; es muß Einer von uns heut einen Antrag stellen im Konvent.

– Nicht ich, sagte Montaut; auf mich hört man nicht; ich bin ein Marquis.

– Auf mich, sagte Chabot, hört man nicht; ich bin ein Kapuziner.

– Und auf mich, sagte Marat, hört man auch nicht; ich bin Marat.

Alle Drei schwiegen. Marat anzureden, wenn er über etwas nachsann, war kaum gerathen. Nichtsdestoweniger erlaubte sich Montaut die Frage:

– Was denn soll beantragt werden, Marat?

– Todesstrafe für jeden Befehlshaber, der einem gefangenen Rebellen zur Freiheit verhilft.

– Giebt’s schon, bemerkte Chabot, die Verordnung besteht seit Ende April.

– Dann besteht sie so gut wie nicht, sagte Marat. Ueberall, in der ganzen Vendée, hat man’s darauf abgesehen, die Gefangenen laufen zu lassen, und die Hehlerei geht straflos aus.

– Die Verordnung ist eben in Vergessenheit gerathen, Marat.

– Chabot, man muß sie wieder in Wirksamkeit setzen.

– Allerdings.

– Und demgemäß im Konvent sprechen.

– Den Konvent, Marat, brauchen wir nicht; der Wohlfahrtsausschuß thut’s auch.

– Der Zweck ist schon erreicht, fügte Montaut hinzu, wenn der Wohlfahrtsausschuß die Verordnung in allen Gemeinden der Vendée anschlagen läßt und zwei oder drei Mal Ernst macht.

– Mit vornehmen Köpfen, stimmte Chabot ein, mit Generalen.

– In der That, brummte Marat, das wird hinreichen.

– Gehe Du selber hin, Marat, meinte Chabot, und sage das dem Wohlfahrtsausschuß.

Marat sah ihm in beide Augen, was keineswegs angenehm war, sogar für Chabot:

– Chabot, sprach er, der Wohlfahrtsausschuß, das heißt so viel wie Robespierre; zu Robespierre gehe ich nicht.

– So will ich denn gehen, sagte Montaut.

– Gut, antwortete Marat.

Tags darauf wurde vom Wohlfahrtsausschuß an alle Munizipalbehörden der Vendée der Befehl erlassen, für allgemeine Verbreitung und strenge Ausführung des Dekrets Sorge zu tragen, welches die Mitschuld am Entweichen gefangener Räuber und Rebellen mit dem Tod bestrafte.

Jenes Dekret war übrigens nur der erste Schritt zu weiteren Maßregeln. Einige Monate später, am 11. Brumaire des Jahres Zwei (November 93), in Anbetracht, daß Laval die fliehenden Vendéer aufgenommen, verhängte der Konvent über jede Stadt, welche den Rebellen ein Obdach gewähren würde, gänzliche Zerstörung.

Ihrerseits hatten die Fürsten Europa’s im Manifest des Herzogs von Braunschweig, der vom Haushofmeister des Herzogs von Orleans, Marquis von Linnon, zu Papier gebrachten Gesinnungsäußerung der Emigranten, erklärt, jeder unter den Waffen ergriffene Franzose werde standrechtlich erschossen und Paris, falls man dem König auch nur ein Haar krümmen sollte, der Erde gleichgemacht werden.

Wildheit gegen Barbarei.

  1. Ein Wortspiel: »Leboeuf sah Legendre und brüllte.« Le boeuf heißt aber wörtlich der Ochs; Legendre war Schlächter; folglich hatte der Vers auch den Sinn: »Der Ochs sah den Schlächter und brüllte.«

Erstes Buch.

In der Vendée.

Die Vendée.

I.

Die Wälder.

Es gab damals in der Bretagne sieben grauenvolle Wälder. Der Vendéerkrieg ist der Priesteraufruhr gewesen, und der Wald hat ihm Vorschub geleistet, Finsterniß im Bund mit Finsterniß.

Die sieben »schwarzen Wälder« der Bretagne waren: Der Wald von Fougères, der den Weg zwischen Dol und Avranches versperrt; der Wald von Princé mit einem Umfang von acht Meilen; der Wald von Paimpont, der, von Schluchten und Bächen durchfurcht, für einen Angriff von Baignon her fast unzugänglich war und den Rückzug auf den royalistischen Marktflecken von Concornet deckte; der Wald von Rennes, wo Puysaye Focard verlor und wo man aus der Ferne das Sturmgeläut der republikanischen Gemeinden hören konnte, deren es um die größeren Städte herum allenthalben eine beträchtliche Anzahl gab; der Wald von Machecoul, mit seinem Ungeheuer: Charette; der Wald von La Garnache, der den Familien La Trémoille, Gauvain und Rohan, und der Wald von Brocéliande, welcher dem Feenreich gehörte.

»Herr der sieben Wälder« war ein Adelstitel, der sich unter den Vikomtes von Fontenay vererbte, welche auch den bretonischen Fürstentitel führten, bretonisch im Gegensatz zu den französischen Fürsten. Solche bretonische Fürsten waren auch die Rohan. Der Fürst von Talmont wurde am 15. Nivôse des Jahres Zwei, in einem Bericht von Garnier Saintes an den Konvent, als »jener Capet der Räuber und souveräne Herr in Maine und Normandie« bezeichnet. Ueber die bretonischen Wälder von 1792 bis 1800 ließe sich eine Monographie abfassen, die sich der Geschichtschreibung der Vendéerkriege gewissermaßen als Legende anschließen würde. Wie die Geschichte, so hat auch die Legende ihre innere Wahrheit, und diese unterscheidet sich von der historischen blos der Form nach; von einer Fiktion ausgehend, gelangt sie schließlich bei der Wirklichkeit an. Geschichte und Sage verfolgen ein gemeinsames Ziel, die Schilderung der menschlichen Wesenheit in vergänglichen Typen. Es wird nur dann ein vollständiges Verständniß der Vendée erzielt, wenn die Legende die Geschichte, das Besondere das Allgemeine ergänzt. Und sagen wir es gleich heraus, die Vendée ist es auch werth. Die Vendée ist wunderbar. Jener Ignorantenkrieg, so stupid und doch so glänzend, scheußlich und herrlich, hat Frankreich mit Jammer und doch wieder mit einem Gefühl der Genugtuung erfüllt; die Vendée ist eine ruhmvolle Wunde. Zu gewissen Zeiten giebt die menschliche Gesellschaft Räthsel auf, Räthsel, die sich für den Wissenden in Klarheit, für den Unwissenden in Verdüsterung, Gewaltthätigkeit und Barbarei lösen. Der Philosoph zögert mit der Anklage. Er zieht die Verwirrung in Betracht, welche Probleme mit sich bringen, denn wie die vorüberziehenden Wolken, so werfen auch Probleme ihre Schatten unter sich.

Das Verständniß der Vendée hängt von der Beachtung des großen Gegensatzes ab zwischen der französischen Revolution einerseits und andererseits dem bretonischen Bauern. Neben jene unvergleichlichen Ereignisse, jene ungeheuere unmittelbare Bedrohung mit allen Wohlthaten zugleich, jenen Zornanfall der Kultur, jenen tobenden über’s Ziel schießenden Fortschritt, jene maßlos unbegreifliche Besserungswuth stelle man den sonderbar feierlichen Eingeborenen, den Mann mit dem blauen Auge und dem langen Haar, der von Milch und Kastanien lebt, dem sein Strohdach, sein Zaun und der Graben dahinter die Welt bedeuten, der jedes Nachbardorf am Klang seiner Glocke erkennt, der das Wasser lediglich zum Stillen des Durstes verwendet, der ein Lederwamms mit seidenen Arabesken trägt, die Stickerei auf der Rohheit, der, wie seine keltischen Vorfahren ihr Gesicht, nunmehr seine Kleider tätowirt, der in seinem Henker noch seinen Herrn hochhält, der eine ausgestorbene Sprache spricht, seine Gedanken also unter einen Grabhügel sperrt, der seine Ochsen antreibt, seine Sense wetzt, sein Feld ausjätet, seinen Buchweizenfladen knetet, der seinen Pflug zuerst und dann seine Großmutter verehrt, der an die heilige Jungfrau und an die weiße Dame glaubt, der in Andacht schauert vor dem Altar und auch wieder vor dem geheimnißvollen hohen Stein, welcher über der Haide ragt, der in der Ebene auf den Ackerbau, an der Küste auf den Fischfang und im Dickicht auf’s Wildern ausgeht, der seine Könige, seine Schloßherren, seine Priester, ja seine Läuse lieb hat und oft stundenlang stehen bleiben kann am weiten einsamen Strand in düsterem Belauschen des Meeres – man denke sich in den Gegensatz hinein und frage sich dann, ob dieser Blinde jenes Licht zu begrüßen fähig war.

II.

Die Menschen.

Der Landmann hat an zwei Dingen einen Halt, am Feld, das ihn ernährt, am Walde, der ihn birgt. Von den bretonischen Wäldern machen wir uns kaum noch einen Begriff. Es waren Städte. Nichts Verschlosseneres, Stummeres, Wilderes, als jene ineinandergewachsenen Verstrickungen von Dornhecken und Astwerk; die dichten Gebüsche schienen Lagerstätten regungslosen Schweigens; keine Einöde konnte einen vollständigeren Eindruck des Ausgestorbenen, Grabähnlichen hervorbringen. Wären jedoch plötzlich, mit einem Zauberschlag, die Bäume vom Erdboden verschwunden, so hätte man ein ganzes Menschengewimmel erblickt.

Enge runde Gruben, durch einen unter Zweigen versteckten steinernen Deckel verschlossen, welche sich trichterförmig nach unten zu erweiterten und, erst senkrecht, dann horizontal laufend, in dunkle Kammern mündeten, das hatte Cambyses in Egypten vorgefunden, und das fand Westermann in der Bretagne; die egyptischen Keller dehnten sich unter der Wüste, die bretonischen unter den Wäldern aus; in jenen lagen Todte, in diesen hausten Lebendige. Eine der entrücktesten Lichtungen im Gehölz von Misdon, welche ihrem ganzen Umfang nach unterhöhlt war und in deren Stollen und Zellen eine geheimnißvolle Einwohnerschaft ab- und zuging, hieß »die große Stadt«; eine andere, oberhalb nicht minder öde und unterhalb nicht minder bevölkerte hieß »der Königsplatz«. Dies unterirdische Treiben in der Bretagne ließ sich auf undenkliche Zeiten zurückführen; von jeher hatte dort der Mensch vor Menschen flüchten müssen; daher die Schlupfwinkel zwischen den Baumwurzeln. Dies Unterkriechen schrieb sich noch von den Druiden her, und einige dieser Krypten sind so alt wie die Dolmens. Die Gespenster der Sage und die Ungeheuer der Geschichte, Alles war über dieses finstere Land dahingefluthet: Teut, Cäsar, Hoël, Neomen, Gottfried von England, Alain mit dem eisernen Handschuh, Pierre Mauclerc, das französische Haus von Blois, das englische Haus der Montfort, die Könige und die Herzoge, die neun bretonischen Barone, die fahrenden Richter, die Grafen von Nantes in Fehde mit den Grafen von Rennes, die entlassenen Kriegsvölker und plündernden Vagabundenrotten, René II., Vikomte von Rohan, die königlichen Statthalter, der »gute Herzog von Chaulnes«, der unter den Fenstern der Frau von Sévigné die Bauern baumeln ließ, im fünfzehnten Jahrhundert die Feudalmetzeleien, im sechzehnten und siebzehnten die Religionskriege, im achtzehnten die dreißigtausend auf den Mann dressirten Bluthunde. Das ohne Unterlaß dermaßen zusammengestampfte Volk hatte zum Verschwinden seine Zuflucht genommen: so verkrochen sich denn der Reihe nach die Ureinwohner vor den Kelten, die Kelten vor den Römern, die Bretonen vor den Normannen, die Hugenotten vor den Katholiken, die Schmuggler vor den Zollwächtern, erst in die Wälder und dann unter die Wälder, wie die Thiere, denn so weit bringt die Tyrannei den Menschen. Seit zweitausend Jahren in allen möglichen Gestalten: Eroberung, Feudalwesen, Priesterfanatismus, Steuererpressung, hetzte sie diese jammervolle, athemlose Bretagne ab und gab das unerbittliche Treibjagen in der einen Form nur auf, um es in einer neuen fortzusetzen. Die Menschen gruben sich ein. Die zornverwandte Verzweiflungsangst dehnte sich schlagfertig in den Seelen, und die Höhlen dehnten sich schlagfertig unter den Wäldern, als die französische Revolution ausbrach. Die Bretagne hielt die aufgedrungene Freiheit für Unterdrückung und empörte sich. Aber so sind die Sklaven.

III.

Einvernehmen der Menschen und Wälder.

Die tragischen Wälder der Bretagne fielen in ihre gewohnte Rolle und spielten, wie in allen vorausgegangenen Aufständen, so auch im gegenwärtigen die Helfershelfer und Mitschuldigen. Der Boden unter jenen Wäldern war meistens sternkorallenförmig ausgehöhlt, also nach allen Richtungen von einem unsichtbaren Netz von Schatten, Zellen und Galerien durchzogen: in jeder dieser schwarzen Zellen lebten fünf bis sechs Männer; fast ohne Luft: darin bestand die Hauptschwierigkeit. Wie gewaltig der große Bauernaufstand organisirt war, läßt sich aus gewissen überraschenden Zahlen ersehen: Im Wald von Le Petre, Departement Ille-et-Vilaine, dem Asyl des Fürsten von Talmont, war kein Hauch zu vernehmen, keine menschliche Spur zu entdecken, und doch hatte Focard seine sechstausend Mann dort. Im Wald von Meulac, Departement Morbihan, wo sich keine Seele blicken ließ, lagen achttausend Mann, und jene zwei Wälder, Le Petre wie Meulac, gehören nicht einmal zu den größern. Wehe dem, der sie betrat! Jene trügerischen Gebüsche mit dem unterirdischen Labyrinth voll Kämpfern glichen ungeheuern dunkeln Schwämmen, die unter dem ersten Schritt der Gigantin Revolution den Bürgerkrieg in Strömen ausspritzten. Unsichtbar lauernde Bataillone, ja, ungeahnte Armeen wanden sich unter den Füßen den republikanischen Kolonnen hin und her, quollen plötzlich aus der Erde und quollen ebenso wieder hinein, stürmten massenhaft vor und zerstoben, allgegenwärtig, allverschwindend, erst Lawine, dann Staub, Ungeheuer, welche wie durch Zauber zusammenschrumpften, im Angriff Riesen und Zwerge auf der Flucht, Leoparden mit allen Eigenschaften des Maulwurfs.

Nicht genug, daß es Wälder gab; es gab auch noch Gehölze; wie die Städte durch Dörfer, so waren die Waldungen durch eine Anzahl allenthalben zerstreuter Forste unter einander verbunden. Die alten Schlösser, aus denen nun wieder Festungen, und die Dörfer, aus denen Feldlager geworden waren, die Pachtgüter, hinter deren Umzäunungen die Hinterlist ihre Fallen legte, und die Wirtschaftsgebäude mit ihren Schanzgräben und Baumpallisaden bildeten die einzelnen Maschen des Netzes, in das die republikanischen Armeen sich verrannten. Einer jener Komplexe von Forsten hieß le Bocage. Von Bedeutung waren darin das Gehölz von Misdon, in dem ein Teich verborgen lag, wo Jean Chouan hauste; ferner das Gehölz von Gennes mit dem Bandenführer Taillefer, das Gehölz von La Huisserie mit Gouge-le-Bruant; la Charnie mit Courtillé-le-Bâtard, den man den Apostel Paulus nannte, und der im Lager von La Vache-Noire kommandirte; Burgault mit jenem räthselhaften Monsieur Jacques, der im Gewölbe von Juvardeil ein unerklärtes Ende finden sollte; das Gehölz von Charreau, wo Pimousse und Petit-Prince, von der Garnison von Châteauneuf angegriffen, sich in die republikanischen Reihen stürzten und Grenadiere zwischen ihren Armen in die Gefangenschaft forttrugen; das Gehölz von La Heureuserie, wo die Abtheilung von Longue-Faye eine Niederlage erlitt; das Gehölz von l’Aulne, das einen Ausblick hatte auf die Straße zwischen Rennes und Laval; La Gravelle, das durch einen Fürsten von La Trémoille beim Kugelspiel gewonnen worden; im Departement Côtes-du-Nord, Lorges, wo nach Bernard von Villeneuve Charles von Boishardy befahl; Bagnard bei Fontenay, wo Lescure Chalbos den Kampf bot und Chalbos ihn eins gegen fünf annahm; La Durondais, einst ein Streitgegenstand zwischen den Söhnen Karls des Kahlen, Alain Le Redru und Héripoux; das Gehölz von Croqueloup am Rand jener Haide, wo Coquereau seine Gefangenen schor; La Croix-Bataille, wo Jambe-d’Argent und Morière ihre homerischen Beschimpfungen ausgetauscht; La Saudraie, wo wir ein Pariser Bataillon auf einer Rekognoszirung begleitet haben, und noch manches andere Gehölz.

In mehreren jener Wälder und Forste gab es außer den um die Höhle des Anführers gruppirten unterirdischen Dörfern noch ganze Weiler von niedrigen Hütten, die unter Bäumen versteckt und oft so zahlreich waren, daß der ganze Wald davon wimmelte. Zuweilen wurden sie durch ihren Rauch verrathen. Zwei jener Weiler im Gehölz von Misdon sind berühmt geblieben: Lorrière beim Teich und gegen Saint-Ouen-les-Toits zu der Hüttenkomplex La Rue de Bau.

Die Weiber lebten in den Hütten und in den Gruben die Männer, welche zum Kriegführen die Feengalerien und die alten keltischen Schächte verwertheten; die Nahrung wurde ihnen zugetragen, und wurde dies vergessen, so verhungerten diejenigen, welche ihre Gruben nicht zu öffnen verstanden; es waren dies, fast in allen Fällen, ungeschickte Leute, denn die bemoosten und belaubten Deckel waren nicht nur so künstlich geformt, daß man sie von außen zwischen dem Gras unmöglich unterscheiden konnte, sondern sie ließen sich auch ganz leicht von innen heben und zumachen. Die Höhlen wurden mit Sorgfalt gegraben; die abgetragene Erde warf man in den nächsten Weiher; Boden und Wände waren mit Farrenkraut und Moos austapezirt. Solch ein Loch hieß »loge« und war soweit bequem, wenn der Bewohner von Licht, Feuer, Brod und Luft absehen wollte.

Ohne Vorsicht unter die Lebenden zurückzusteigen, war mit Gefahr verbunden, denn man konnte zur Unzeit auferstehen und zwischen die Beine einer Armee gerathen. Schrecklich waren jene Gehölze mit ihren Doppelfallen unter und über der Erde: die Blauen wagten sich nicht recht hinein und die Weißen nicht recht hinaus.

IV.

Das Leben unter der Erde.

Man langweilte sich unter der Erde; zuweilen, des Nachts, stieg man auf alle Gefahr hin ins Freie, um auf der Haide zu tanzen; oder man schlug die Zeit mit Beten todt. »Den ganzen Tag über,« sagt Bourdoiseau, »ließ uns Jean Chouan rosenkränzeln.« Fast unmöglich war es, die Leute von Unter-Maine davon abzuhalten, zur Zeit des Garbenfestes auszubrechen und an der Feier theilzunehmen. Einzelne geriethen auf die absonderlichsten Einfälle; so zum Beispiel ging Denys, genannt Franche-Montagne, in Weiberkleidern nach Laval ins Theater und verkroch sich dann wieder in seinem Keller. Kam es zum Kampf, so vertauschten viele dieser Männer unmittelbar den Kerker mit dem Grab. Oft hoben sie den Grubendeckel in die Höhe und lauschten, ob man sich in der Ferne nicht schlage, und folgten dem Verlauf des Gefechts mit dem Gehör; das Feuer der Republikaner war regelmäßig, das der Royalisten ungleich; darnach wurden die Chancen berechnet; wenn das Peletonfeuer plötzlich schwieg, hatten die Royalisten den Kürzeren gezogen; wenn aber das ruckweise Schießen andauerte und sich in der Entfernung verlor, waren sie im Vortheil. Die Weißen verfolgten den Feind immer, die Blauen, die das ganze Land gegen sich hatten, nie. Die unterirdischen Streitkräfte waren ganz ausgezeichnet berichtet und standen unter einander in überraschend unmittelbarer, geheimnißvoller Verbindung. Alle Brücken hatten sie zerstört, alle Fuhrwerke unbrauchbar gemacht und fanden Mittel und Wege, einander jede Ordre und jede Warnung zukommen zu lassen.

Von Wald zu Wald, von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof, von Hütte zu Hütte, von Busch zu Busch lösten die Kundschafter einander systematisch ab. Tölpelhaft aussehende Bauern trugen in hohlen Stöcken Depeschen hin und her. Nostidoux, welcher der konstituirenden Versammlung angehört hatte, versorgte die Aufständischen mit unausgefüllten, für die ganze Bretagne giltigen republikanischen Pässen nach neuem Muster, die jener Verräther sich bündelweise zu verschaffen wußte. Hinter alle die Schliche zu kommen, war unmöglich. »Geheimnisse,« berichtet Puysaye, »die mehr als viermalhunderttausend Individuen bekannt waren, sind ohne jegliche Ausnahme gewahrt worden.« Das ganze Viereck, das südlich durch die Strecke von Les Sables bis Thouars, östlich durch die Strecke von Thouars nach Saumur und den Bach von Thoué, im Norden durch die Loire und im Westen durch das Meer begrenzt war, schien förmlich ein Nervensystem zu besitzen, das bei jeder Berührung eines einzelnen Punktes die Erschütterung der ganzen Fläche mittheilte. Im Handumdrehen gelangte eine Nachricht von Noirmoutier bis nach Luçon und vom Lager von La Loué ins Lager von La Croix-Morineau. Fast hätte man glauben können, die Vögel verrichteten Botendienste. »Es ist gerade, als ob sie Telegraphen auf ihren Kirchthürmen hätten,« meinte Hoche in einem Schreiben vom 7. Messidor Jahr Drei. Es war eine ähnliche Einrichtung wie die der schottischen Clans; jede Gemeinde hatte ihren Anführer. Mein Vater hat diese Kämpfe mitgemacht: ich weiß davon zu erzählen.

V.

Das Leben im Krieg

Viele waren blos mit Piken, aber auch Viele mit guten Jagdflinten bewaffnet. Die Wilderer von Bocage und die Schmuggler aus Loroux waren unübertreffliche Scharfschützen, lauter absonderliche, gräßliche, tollkühne Streiter. Die Nachricht von der Aushebung der dreimalhunderttausend Mann hatte in sechshundert Dörfern die Sturmglocken in Bewegung gesetzt. An allen Enden flackerte die Feuersbrunst in einem Athem auf; an einem und demselben Tag explodirten Poitou und Anjou. Bemerken wir übrigens, daß man im Jahr 92, am 8. Juli, also schon einen Monat vor dem Tuileriensturm, ein erstes Grollen auf der Halde von Kerbader vernommen hatte, und daß der heute kaum mehr genannte Alain Redeler der Vorgänger La Rochejacquelein’s und Jean Chouan’s gewesen war. Bei Todesstrafe zwangen die Royalisten alle wehrfähigen Männer zum Ausmarsch. Sie requirirten Pferde, Fuhrwerke, Lebensmittel. Gleich bei Anbeginn verfügte Sapinad über dreitausend, Chatelineau über zehntausend, Stofflet über zwanzigtausend Streiter und zog Charette in Noirmoutier ein. Der Vikomte von Scepeaux wiegelte Ober-Anjou auf, der Chevalier von Dieuzie die Gegend zwischen der Vilaine und der Loire, Tristan l’Hermite Unter-Maine, der Barbier Gaston die Stadt Guemenée und der Abbé Bernier alles Uebrige. Man setzte in das Tabernakel eines vereidigten Pfarrers, eines »schwörenden Pfarrers«, wie sie bei den Bauern hießen, eine große schwarze Katze, die dann während der Messe plötzlich heraussprang. – »Der Teufel war’s!« schrieen Alle, und der ganze Bezirk empörte sich. Die Beichtstühle sprühten Flammen. Um die Blauen anzupacken und über die Gräben zu setzen, führten die Landleute ihren fünfzehn Fuß langen Springstock bei sich, eine Waffe gleich geeignet für den Kampf wie für die Flucht. Mitten im Ringen, beim Angriff auf die republikanischen Karrés, wenn man auf dem Schlachtfeld auf ein Kreuz oder eine Kapelle stieß, fiel Alles auf die Knie und betete unter dem Kartätschenfeuer seinen Rosenkranz ab; dann sprangen die Ueberlebenden auf und stürzten sich auf den Feind, wahre Riesen – ja leider! Sie hatten die besondere Fertigkeit, im Laufen ihr Gewehr zu laden. Weißmachen ließen sie sich Alles; ihre Pfarrer zeigten ihnen andere Geistliche, denen sie eine rothe Schnur fest um den Hals gebunden hatten, und sagten ihnen, das seien auferstandene Opfer der Guillotine. Sie hatten auch ihre Anwandlungen von Ritterlichkeit und präsentirten vor Fesque, einem republikanischen Fähndrich, der sich lieber niedersäbeln ließ, als daß er die Fahne preisgab. Auch spotten konnten sie; sie nannten die verheiratheten republikanischen Priester, Leute, die ihr Priesterkäppchen weggeworfen, »Sanscalotten, aus denen Sanscülotten geworden.« Anfangs fürchteten sie sich vor der Artillerie, später warfen sie sich mit ihren Stöcken drüber her und eroberten sogar einzelne Kanonen, zuerst ein stattliches Bronzegeschütz, daß sie »den Missionsprediger« tauften, dann ein anderes, das noch aus den Religionskriegen stammte und unter einer Mutter Gottes das Wappen von Richelieu führte.

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Sie eroberten sogar einzelne Kanonen.

Als diese Kanone, die sie ihre »Marie-Jeanne« hießen, bei der Einnahme von Fontenay wieder verloren ging, ließen sechshundert Bauern kaltblütig für sie das Leben, und als Fontenay um der »Marie-Jeanne« willen abermals genommen war, wurde diese mit Blumen bekränzt unter die Lilienfahne zurückgeführt, und die Weiber, die des Weges kamen, mußten sie küssen. Aber zwei Geschütze, das war doch gar zu wenig; Chatelineau, der Stofflet ob dessen Marie-Jeanne neidisch war, rückte von Pin-en-Mange aus, und eroberte beim Sturm auf Jallais eine dritte Kanone; hierauf wurde von Forest auch Saint-Florent überfallen und die vierte weggenommen. Ein noch schöneres Stückchen lieferten zwei andere Bandenführer, Chouppes und Saint-Pol, welche aus Baumstämmen und Puppen eine falsche Batterie herstellten und unter weidlichem Lachen vermittelst dieser Artillerie die Blauen nach Mareuil zurücktrieben. Das war noch die großartige Zeit. Später, als La Marsonnière durch Chalbos in die Flucht geschlagen wurde, ließen die Bauern auf dem Feld der Schande zweiunddreißig englische Kanonen zurück. England besoldete damals die französischen Prinzen und versendete, wie Nantiat unterm 10. Mai 1794 schrieb, Gelder an Monseigneur, »weil Herrn Pitt bemerkt worden war, daß dies passend sein dürfte.« »Das Kriegsgeschrei der Rebellen«, sagte Mellinet in einem Bericht, lautet: »Vivat England!« Die Bauern verwendeten oft eine kostbare Zeit aufs Plündern. Zur Frömmigkeit gesellte sich die Raubgier. Auch Wilde haben ihre Laster, und bei diesen packt sie später die Kultur. Puysaye erzählt in seinem zweiten Band auf Seite 187: »Ich habe mehrmals den Marktflecken Plélan vor Plünderung bewahrt.« Und weiter unten, Seite 434, versagt er sich den Einzug in Montfort: »Ich machte einen Umweg, um die Plünderung der Jakobinerhäuser zu vermeiden.« Die Aufständischen stahlen in Cholet, raubten Challans aus und plünderten, nachdem ein Handstreich gegen Granville ihnen mißlungen, Ville-Dieu. Sie nannten diejenigen Landbewohner, die sich den Blauen angeschlossen hatten, »Jakobinerpack« und machten sie mit besonderer Vorliebe nieder. Wie Soldaten zog es sie zum Blutbad und wie Räuber zum Gemetzel hin. Sie fanden ein Wohlgefallen daran, die »Patschfüße«, wie sie die Städter hießen, zu füsiliren und hatten dafür einen eigenen Ausdruck: »Fastenfleischspeisen genießen.« In Fontenay streckte einer ihrer Geistlichen, der Pfarrer Barbotin, einen Greis mit einem Säbelhieb zu Boden. In Saint-Germain-sur-Ille erschoß einer ihrer Führer, ein Edelmann, den Gemeindeprokurator und nahm dessen Uhr zu sich. In Machecoul verfuhren sie mit den Republikanern wie beim Abholzen eines Berges; fünf Wochen hindurch wurden tagtäglich dreißig Mann hingerichtet; jede solche Abtheilung von dreißig Verurtheilten – »ein Rosenkranz«, wurde vor einer offenen Grube aufgestellt und hineinfüsilirt; oft lebten einige Opfer noch und wurden nichtsdestoweniger mit den andern begraben. Dergleichen hat sich in der Folge wiederholt. Joubert, dem Bezirkspräsidenten, sägte man die Fäuste ab; den gefangenen Blauen legte man eigens geschmiedete schneidige Handschellen an; man hieb sie auf dem Marktplatz nieder und blies das Hallali dazu. Charette, der nie anders unterschrieb, als »in Brüderlichkeit der Chevalier Charette« und der, wie Marat, ein umgebundenes Tuch über den Brauen trug, verbrannte die Bevölkerung von Pornic in ihren Häusern. Es war gerade zur Zeit der Unthaten von Carrier. Greuel wetteiferten mit Greueln. Der bretonische Insurgent sah dem neugriechischen äußerlich ziemlich ähnlich: kurze Jacke, umgehängte Flinte, hohe Gamaschen, weite Hosen, die an die Fustanelle erinnerten; so ein Bauernbursche hatte wirklich Manches mit dem Klephten gemein. Henri von La Rochejacquelein war im einundzwanzigsten Jahr mit einem Stock und einem paar Pistolen zu Feld gezogen. Jetzt war die Vendéer Armee hundertvierundfünfzig Divisionen stark. Man ließ sich bereits auf regelrechte Belagerungen ein; drei Tage hindurch hielt man Bressuire eingeschlossen. An einem Charfreitag beschossen zehntausend Bauern die Stadt Les Sables mit Brandkugeln, und es gelang ihnen, innerhalb vierundzwanzig Stunden, von Montigné bis Courbeveilles vierzehn republikanische Kantonnements zu zerstören. Auf der großen Mauer zu Thouars hörte man folgendes prächtiges Zwiegespräch zwischen La Rochejacquelein und einem Bauernburschen: – Karl! – Da bin ich. – Auf Deine Schultern laß mich steigen! – Hier. – Deine Flinte! – Hier. – Und La Rochejacquelein sprang von der Mauer in die Stadt und eroberte ohne Sturmleiter jene Thürme, die ein Duguesclin belagern mußte. Diesen Leuten war eine Patrone mehr werth als ein Louisd’or. Sie weinten, wenn sie ihren Kirchthurm aus den Augen verloren. Wenn sie die Flucht ergriffen, was ihnen ganz einfach vorkam, riefen die Führer ihnen zu: »Fort mit den Holzschuhen; nur die Flinten behalten!« Fehlte es an Munition, so beteten sie einen Rosenkranz und holten sich Pulver aus den Protzkästen der republikanischen Artillerie; später ließ sich d’Elbée durch die Engländer damit versorgen. Wenn der Feind anrückte und sie Verwundete bei sich hatten, versteckten sie sie im hohen Korn oder zwischen den größeren Farrensträuchern und suchten sie nach beendigtem Kampf dort wieder auf. Uniform hatten sie nicht. Ihre Kleider gingen in die Brüche und Edelleute wie Bauern hüllten sich in das Nächstbeste. Roger Mouliniers trug einen Turban und einen Dolman aus der Theatergarderobe von La Flèche, der Chevalier von Beauvilliers einen Richtertalar und über einer wollenen Haube einen Damenhut. Als allgemeines Abzeichen war die weiße Schärpe oder Feldbinde eingeführt; die Chargen unterschieden sich durch Schleifen. Stofflet führte eine rothe Schleife, La Rochejacquelein eine schwarze. Wimpsen, der übrigens halb und halb zur Gironde gehörte und die Normandie niemals verließ, trug die Armbinde der »Carabots« von Caen. In den Reihen der Insurgenten fochten auch Weiber: Frau von Lescure, die spätere Frau von La Rochejacquelein; Therese von Mollien, die Geliebte von La Ronarie, welche das Verzeichniß der Gemeindeanführer verbrannte; die schöne junge Frau von La Rochefoucauld, welche ihre Bauern mit dem Degen in der Hand beim großen Schloßthurm von Le Puy-Rousseau wieder sammelte, und jene Antoinette Adams, die unter dem Beinamen Ritter Adams eine solche Tapferkeit entwickelte, daß sie, als sie in die Hände der Blauen fiel, zwar erschossen wurde, aber aus Hochachtung aufrecht. Ein Hauch von Grausamkeit weht uns aus jenen epischen Zeiten entfesselter Leidenschaften entgegen. Frau von Lescure ritt geflissentlich über die am Boden liegenden Republikaner, über die Todten, wie sie behauptet, vielleicht wohl auch über Verwundete. Zum Verrath ließen sich Männer hin und wieder herbei, die Weiber jedoch nie; Fräulein Fleury vom Théâtre Français trat zwar von La Rouarie zu Marat über, aber aus Liebe. Die Befehlshaber waren oft ebenso unwissend, wie die Soldaten; Herr von Sapinaud hatte von einer Orthographie keine Ahnung. Die einzelnen Truppenführer haßten einander; die aus dem Marais riefen: »Nieder mit den Oberländern!« Die Kavallerie war schwach vertreten und schwer aufzutreiben. »Mancher«, schreibt Puysaye, »der mir frischweg seine beiden Söhne giebt, wird starr, wenn ich eins von seinen Pferden begehre.« Stöcke, Heugabeln, Sensen, alte und neue Flinten, Jagdmesser, Spieße eisen- und nägelbeschlagene Knüppel, jede Waffe war willkommen. Einige trugen zwei gekreuzte Menschenknochen vor der Brust. Beim Angriff stürzten sie plötzlich unter wildem Gebrüll von allen Seiten herbei, aus dem Gehölz, von den Hügeln, aus Büschen und Hohlwegen, formirten sich in einen Halbkreis, tödteten, zerstörten, vernichteten wie der Donnerschlag und stoben wieder auseinander. Beim Durchmarsch durch eine republikanisch gesinnte Ortschaft hieben sie den Freiheitsbaum um, verbrannten ihn und tanzten den Reigen um das Feuer. Ihr ganzes Treiben hüllte sich in nächtliches Dunkel und ging vom Grundsatz aus: nur immer überrumpeln. Oft marschierten sie fünfzehn Stunden in aller Stille, ohne sozusagen einen Grashalm zu zertreten; am Abend, nachdem durch die Führer in einem Kriegsrath beschlossen worden war, wo man beim nächsten Morgengrauen über die republikanischen Posten herfallen sollte, luden sie die Gewehre, murmelten ihr Gebet, zogen ihre Holzschuhe aus und huschten in gestreckten Kolonnen barfuß über das Moos und Haidekraut durch die Wälder hin, ohne ein Wort, ein Geräusch, einen Hauch, wie Wildkatzen, unterm Schleier der Nacht.

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»Barfuß, unterm Schleier der Nacht, huschten sie durch die Wälder.«

VI.

Der Erdgeist strömt in den Menschen über.

Der Aufstand in der Vendée muß allermindestens auf fünfmalhunderttausend Köpfe angeschlagen werden, Weiber und Kinder mit eingerechnet. Tussin von La Rouarie giebt sogar eine Kombattantenzahl von einer halben Million an. Dabei thaten die Föderalisten noch das Ihrige; die Gironde machte sich zur Mitschuldigen der Vendée. Das Departements Lozère entsendete dreißigtausend Mann in das Bocage. Acht andere Departements, die fünf bretonischen und drei von der Normandie, schlossen einen Sonderbund. Evreux verbrüderte sich mit Caen und ließ sich bei der Insurgentenregierung durch seinen Bürgermeister Chaumont und einen Notabeln Namens Gardembas vertreten. Buzot, Gorsas und Carbaroux zu Caen, Brissot zu Moulins, Chassan zu Lyon, Rabaut-Saint-Etienne zu Nismes, Meillan und Duchâtel in der Bretagne, Jeder schürte an dem großen Schmelzofen mit Hauch und Hand. Es hat zweierlei Vendéen gegeben, die große, die den Krieg im Wald, die kleine, die den Krieg im Busch führte; daher zwei verschiedene Nüancen: Charette und Jean Chouan. Die kleine Vendée war urwüchsig, die große, schlimmere, verrottet. Charette wurde Marquis, Generallieutenant der königlichen Streitkräfte und Großkreuzträger des Ludwigordens; Jean Chouan blieb Jean Chouan; er grenzte an den fahrenden Ritter, Charette hingegen an den Banditen. Was die Hochherzigen unter den Führern anbelangt, einen Bonchamps, Lescure, La Rochejacquelein, so waren sie eben in einem hochherzigen Irrthum befangen. Die große katholische Armee war eine sinnlose Gewaltanstrengung, welche die Nothwendigkeit ihrer Niederlage schon mit auf die Welt brachte; man denke sich nur einen Bauernsturm, der Paris umblasen will, eine Koalition von Dörfern, die das Pantheon belagert, eine Meute von Gebeten und Kirchenliedern, die den Marseiller Hymnus anbellt, ein Getrampel von Holzschuhen, das sich gegen eine Legion von Geistern voranwälzt. Diese Tollheit wurde bei Le Mans und Savenay Lügen gestraft. Die Loire überschreiten, war der Vendée unmöglich. Alles Andere war denkbar, nur dieser Riesenschritt nicht. Der Bürgerkrieg kann nicht erobern. Der Uebergang über den Rhein ist die natürliche Kraftäußerung eines Cäsar oder Napoleon; für La Rochejacquelein aber ist der Uebergang über die Loire der Untergang. Nur auf eigenem Grund und Boden kann die Vendée Vendée bleiben; dort ist sie mehr als unverwundbar, ist ungreifbar. Der Vendéer in der Heimath ist eben Alles, Schmuggler, Ackersmann, Soldat, Schäfer, Wilddieb, Freischütz, Ziegenhirt, Glöckner, Bauer, Spion, Mörder, Meßner, Schwarzwild. La Rochejacquelein ist nur ein Achilles, Jean Chouan jedoch ein Proteus. Die Vendée war eine Fehlgeburt. Andere Volksbewegungen, die schweizerische zum Beispiel, haben allerdings ihr Ziel erreicht, aber zwischen einem Bergbewohner, wie dem Schweizer, und einem Buschklepper, wie dem Vendéer, macht sich der Unterschied geltend, daß fast immer unter dem unabänderlichen Einfluß der Lebensweise jener sich für ein Ideal- und dieser für Vorurtheile schlägt. Der eine schwebt und der andere kriecht. Der eine kämpft für die Menschheit, der andere um seine Abschließung; der eine will frei werden, der andere vereinzelt bleiben; der eine wehrt sich für die Bürgergemeinde, der andere für das Kirchspiel. Gemeindefreiheit! Gemeindefreiheit! riefen die Helden von Murten. Hier der Verkehr mit dem Abgrund; dort der Verkehr mit dem Sumpf; hier Männer der schäumenden Gießbäche; dort Männer der stagnirenden Fieberpfützen; dem einen zu Häupten der blaue Himmel; dem andern zu Häupten ein Gestrüpp; ein Wandeln auf Gipfeln gegenüber einem Wandeln in Finsternissen. Es kann nicht gleichgültig sein, ob einer auf Bergen oder in Niederungen groß wird. Der Berg ist eine Hochveste, der Wald ein Hinterhalt; der Berg erzieht den Menschen zur Kühnheit, der Wald zur List. Schon das Alterthum verlegte die Götter auf den Olymp und die Satyre ins Dickicht. Der Satyr ist der Mann im wilden Zustand, halb Mensch, halb Thier. Freie Länder haben ihre Apenninen, ihre Alpen, ihre Pyrenäen, ihren Parnaß. Der Mont-Blanc war ein kolossaler Bundesgenosse Wilhelm Tell’s, und zwischen und über dem unermeßlichen Widerstreit der Licht- und Nachtgeister, von dem die indischen Dichtungen singen, ragt ein Himalaja. Griechenland, Spanien, Italien, die Schweiz, führen einen Berg, die kimmerischen Länder einen Baum im Wappen; der Wald verwildert. Die Beschaffenheit des Bodens giebt dem Menschen mancherlei Entschlüsse ein; sie wirkt mehr nach, als man glaubt. Im Angesicht gewisser unheimlicher Landschaften möchte man den Menschen entschuldigen und die Schöpfung verklagen; man fühlt eine dumpfe Schuld der Natur heraus; die Einöde ist manchmal ungesund für das Gewissen, namentlich für das seiner nur halbbewußte; das Gewissen kann ein Riese sein, und dann heißt es Sokrates oder Jesus; es kann ein Zwerg sein, und dann heißt es Atreus oder Judas, denn wie leicht kommt ein schwaches Gewissen ins Kriechen! Der Umgang mit den dämmernden Waldgründen, den stechenden Dornhecken, den überwachsenen Teichen wird ihm verhängnißvoll und bedrängt es mit tiefgeheimen, unholden Einflüsterungen. Die optischen Täuschungen, die unerklärlichen Luftspiegelungen, das unheimliche Verschwimmen von Zeit und Raum lassen im Menschen jenes halb mystische, halb thierische Grauen aufschauern, das in gewöhnlichen Zeiten den Aberglauben und in Zeiten der Umwälzung die Brutalität erzeugt. Die Truggesichte leuchten voran zum Greuel. Im Raubmörder steckt etwas vom Nachtwandler. Die wunderbare Natur birgt einen Doppelsinn, der die großen Geister ins Licht badet und die rohen Geister mit Blindheit schlägt. Wenn der unwissende Mensch in einer Einöde voller Visionen lebt, wird das Dunkel seiner Seele durch das Dunkel seiner Abgeschiedenheit ergänzt, und es thun sich Abgründe in ihm auf. Gewisse Felsen, gewisse Schluchten, gewisse Dickichte, gewisse wilde Risse im Laubwerk, durch die der Abend hereinscheint, treiben den Menschen zu rasenden Unthaten. Es ließe sich beinahe behaupten, daß es verruchte Landschaften giebt. Wie viel des Tragischen hat nicht der düstere Hügel zwischen Baignon und Plélan gesehen! Weite Gesichtskreise lenken die Seele zu allgemeinen, engere Gesichtskreise hingegen zu beschränkten Anschauungen hin, und so müssen zuweilen große Herzen zu kleinen Geistern zusammenschrumpfen; man denke nur an Jean Chouan. Allgemeine Anschauungen von beschränkten Anschauungen angefeindet, das eigentlich ist der Kampf des Fortschritts; zwei Worte, Heimath und Vaterland, fassen den ganzen Vendéerkrieg in sich, den Streit des Lokalen mit der Gesammtheit, der Bauern mit den Patrioten.

VII

Die Vendée hat der Bretagne ein Ende gemacht

Die Bretagne ist eine alte Widerspänstige. Jedes Mal, seit zweitausend Jahren, hatte sie, wenn sie sich auflehnte. Recht gehabt, nur das letzte Mal nicht. Und doch, ob gegen die Revolution gerichtet oder gegen die Monarchie, gegen die Kommissäre des Konvents oder gegen die hochadeligen Statthalter, gegen das Papiergeld oder gegen die Salzsteuer, und wer die Kämpfer auch sein mochten, ob Nikolas Rapin, François von La Noue, der Kapitän Pluviau und die Dame von La Garnache oder Stofflet, Coquereau und Lechandelier von Pierreville, unter Herrn von Rohan gegen und unter Herrn von La Rochejacquelein für den König – immer wieder führte die Bretagne denselben Krieg des Lokalgeistes gegen den Gemeinsinn. Jene alten Provinzen waren ein Teich, dessen stehenden Gewässern jede Bewegung widerstrebte; der Wind, der sie aufwühlte, reizte sie auf, anstatt sie zu beleben. An der Landspitze Finisterre – finis terrae (Ende der Welt) – hörte Frankreich, hörte der Kontinent auf und blieb der Vormarsch der Generationen stehen. Halt! rief dort der Ozean dem Land, und halt! die Barbarei der Kultur entgegen. Jedes Mal wenn vom Mittelpunkt, von Paris, ein Impuls ausgeht, ob im royalistischen Sinn oder im republikanischen, ob in der Richtung der Willkür oder in der Richtung der Freiheit, für die Bretagne bedeutet er eine Neuerung, und dagegen sträubt sie sich: Laßt mir meine Ruhe; was wollt ihr von mir? Und in Marais wird zur Heugabel, im Bocage zum Stutzen gegriffen. Jede Bestrebung, jede Verbesserung der Gesetzgebung oder des Unterrichtswesens, Encyclopädien, philosophische Systeme, Nationalgeist und Nationalruhm, an Le Houroux scheitert alles; die Sturmglocke von Bazouges bedroht die französische Revolution; die Haide von Le Faou steht auf gegen das wogende Forum von Paris und der Kirchthurm von Le Haut-des-Prés erklärt an den Thurm vom Louvre den Krieg. Entsetzliche Taubheit! Schauerliches Mißverständniß, dieser Aufruhr der Vendée! Ein Scharmützel in kolossalen Verhältnissen, ein Nörgeln von Titanen, eine ungeheuere Rebellion, die nichts als ihren glänzenden und schwarzen Namen zurückläßt in der Weltgeschichte, ein Selbstmord für Abwesende, eine Opferthat zu Gunsten der Selbstsucht, ein hartnäckiges Beschenken der Feigheit mit einer Tapferkeit ohne Grenzen, ohne Berechnung, ohne Strategie, ohne Taktik, ohne Plan, ohne Zweck, ohne Oberhaupt, ohne Verantwortung, ein Beispiel, bis zu welchem Grade der Ohnmacht es die Willenskraft bringen kann, etwas Wildes und etwas Ritterliches, ein brünstiger Wahnwitz, der das Licht in Finsternis eindämmen will, ein unermüdlich dummer und heldenkühner Widerstand der Unwissenheit gegen Wahrheit, Billigkeit, Recht, Vernunft und Befreiung, ein achtjähriges Entsetzen, die Verheerung von vierzehn Departements, verwüstete Felder, zerstampfte Saaten, brennende Dörfer, zerstörte Städte, ausgeplünderte Häuser, hingewürgte Weiber und Kinder, eine Brandfackel für jedes Strohdach, ein Schwert in jedem Herzen, der Schrecken aller Kultur und die Hoffnung des jüngeren Pitt: das war jener Krieg, jener unbewußte Versuch eines Muttermordes.

Im großen Ganzen aber ist die Vendée dem Fortschritt insofern zugut gekommen, daß sie die Nothwendigkeit endgiltig dargethan hat, die alte bretonische Finsterniß allenthalben zu zerreißen und jenes Gestrüpp durch alle verfügbaren Sonnenpfeile zu lichten. Die Katastrophen bringen in einer unheimlichen Art und Weise gewisse Dinge ins Reine.

Zweites Buch

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I.

Plus quam civilia bella8

Der Sommer des Jahres 1792 war sehr regnerisch gewesen; der Sommer des Jahres 93 war sehr heiß. Dank dem Bürgerkrieg gab es sozusagen keine Wege mehr in der Bretagne, aber gereist wurde doch; der schöne Sommer ließ es zu; kein besseres Reisen als auf trockenem Boden.

Am Abend eines klaren Julitages, etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang, hielt ein Mann, der von Avranches hergeritten kam, am Eingang von Pontorson vor dem kleinen Wirthshaus von La Croix-Branchard, auf dessen Schild vor einigen Jahren noch zu lesen war: »Bon cidre à dépoteyer« (Hier wird guter Apfelwein verzapft). Es war ein heißer Tag gewesen, aber jetzt erhob sich der Wind. Der Reiter war in einen weiten Mantel gehüllt, der das Kreuz seines Pferdes bedeckte, und trug einen breitkrämpigen Hut mit der dreifarbigen Kokarde, was eine gewisse Kühnheit verrieth, denn in jenem Lande der Hecken und Büchsenschüsse war eine Kokarde eine Zielscheibe. Unterhalb des festgebundenen Kragens ging der Mantel auseinander, um den Armen des Reisenden freien Spielraum zu geben, und ließ eine dreifarbige Schärpe und darüber zwei Pistolenkolben durchblicken; unterhalb des Saums hing eine Säbelscheide herab. Als das Pferd stillstand, ging das Hausthor auf und der Wirth erschien mit einer Laterne auf der Schwelle. Es war gerade die Dämmerstunde: auf der Straße noch Tag und im Zimmer schon Nacht.

– Bürger, sagte der Wirth, nachdem er sich die Kokarde angesehen, steigen Sie hier ab? – Nein. – Wohin wollen Sie denn? – Nach Dol. – Dann rathe ich Ihnen, nach Avranches zurückzureiten oder hier in Pontorson zu bleiben. – Warum? – Weil man sich schlagt in Dol. – So! sagte der Fremde, und setzte dann hinzu: geben Sie dem Pferde Hafer.

Der Wirth trug die Krippe herbei, schüttete einen Sack voll Hafer hinein und zäumte den Gaul ab, der sich schnaubend über sein Futter hermachte. Das Gespräch spann sich weiter fort:

– Bürger, haben Sie da ein requirirtes Pferd? – Nein. – Es gehört Ihnen? – Ja. Ich habe es gekauft und bezahlt. – Woher kommen Sie, Bürger? – Von Paris. – Doch nicht geraden Weges? – Nein. – Kann mir’s denken; die Straßen sind versperrt. Aber die Post, die fährt noch. – Bis Alençon; dort bin ich ausgestiegen. – Ach! Eine Post wird es in Frankreich bald nicht mehr geben. Wo soll man die Pferde hernehmen? Für einen Gaul von dreihundert Franks werden heutigen Tages sechshundert gezahlt und das Futter ist sündentheuer. Ich bin Postmeister gewesen und muß mich jetzt auf den Ausschank verlegen. Von den dreizehnhundertunddreizehn Postmeistern, die es gegeben hat, sind wir bereits unser zweihundert, die nicht mehr mitthun. Sind Sie nach dem neuen Tarif gereist, Bürger? – Nach dem vom ersten Mai, ja. – Erster Platz zwanzig Sous, zweiter zwölf und dritter fünf Sous. In Alençon also haben Sie das Pferd da gekauft? – Ja. – Und sind heute den ganzen Tag über geritten? – Seit Sonnenaufgang. – Und gestern auch? – Auch vorgestern. – Weiß jetzt; Sie kommen über Domfront und Mortaint. – Und Avranches. – Hören Sie auf mich, Bürger, und rasten Sie aus. Sie werden doch wohl müde sein? Der Gaul hat auch genug. – Pferde dürfen müde werden, der Mensch nicht.

Der Wirth schaute abermals zu dem ernsten, ruhigen, strengen, von grauem Haar umrahmten Gesicht des Fremden forschend empor; dann, nachdem er einen Blick auf die unabsehbar öde Landstraße geworfen, fragte er wieder:

– Und reisen so mutterseelenallein? – Nicht doch. – Wieso? – Ich habe meinen Säbel und meine Pistolen bei mir.

Nun holte der Wirth einen Eimer, gab dem Pferd zu trinken und sagte zu sich selber, indem er, während das Thier seinen Durst löschte, den Fremden unausgesetzt betrachtete: Gleichviel, wie ein Geistlicher sieht er doch aus.

– Sie sagen, daß man sich zu Dol schlägt? fragte der Reisende. – Ja; gerade jetzt soll’s losgehen. – Wer schlägt sich denn dort? – Zwei vom Adel. – Sie meinen? … – Ich meine, daß ein Adeliger, der zur Republik hält, sich gegen einen Adeligen schlägt, der zum König hält. – Den giebt’s ja nicht mehr. – Den Kleinen meine ich. Und das Sonderbare bei der Geschichte ist, daß die zwei Adeligen noch obendrein nahe Verwandte sind.

Da der Fremde aufmerksam zuhörte, erzählte der Wirth weiter: Der eine ist jung, der andere alt, Großneffe und Großonkel; der Alte ist Royalist und der Junge Patriot; der Onkel kommandirt die Weißen und der Neffe die Blauen. Die geben einander keinen Pardon; das steht fest. Sie bekämpfen einander bis auf den Tod. – Bis auf den Tod? – Jawohl, Bürger. Da schauen Sie nur einmal her, was die sich für Artigkeiten an den Kopf werfen. Das hier ist ein Zettel, den der Alte, Gott weiß wie, überall anzubringen versteht; an jeden Hof und jeden Baum, ja sogar an mein eigenes Hausthor ist er angeschlagen worden.

Der Wirth leuchtete mit seiner Laterne auf ein Plakat, das an einem der Thürflügel klebte, und so groß gedruckt war, daß es der Reisende vom Pferde herab lesen konnte.

»Der Marquis von Lantenac giebt sich die Ehre, seinem Großneffen, dem Herrn Vikomte Gauvain, zur Kenntniß zu bringen, daß, wenn dem Herrn Marquis das Glück zu Theil werden sollte, sich seiner Person zu bemächtigen, er so frei sein wird, den Herrn Vikomte nach aller Form Rechtens über die Klinge springen zu lassen.«

– Und hier, fuhr der Wirth fort, ist die Antwort. Er wendete sich seitwärts und leuchtete mit der Laterne auf ein anderes Plakat, das in gleicher Höhe wie das erste am andern Thürflügel klebte. Der Fremde las die bündigen Worte:

»Gauvain thut Lantenac zu wissen, daß er, falls er ihn fängt, ihn standrechtlich erschießen lassen wird.«

– Gestern, bemerkte der Wirth, ist der eine Zettel hier angeschlagen worden und heute früh der zweite. Die Antwort hat nicht auf sich warten lassen.

Der Reisende sprach halblaut und wie zu sich selber ein paar Worte, die der Wirth hörte, ohne sie sonderlich zu verstehen: Ja, das ist noch mehr als der Bürgerkrieg; es ist der Krieg in der Familie. So muß es sein, und so ist es auch recht. Eine große Verjüngung ist nicht billiger zu haben. Und der Fremde, dessen Blick noch immer am zweiten Plakat haftete, erhob die Hand zum Hut und machte ihm die Honneurs.

– Wissen Sie, Bürger, fuhr der Wirth fort, die Dinge liegen so: In den größeren Städten und Marktflecken sind wir für die Revolution; auf dem Land sind sie dagegen; mit anderen Worten, die Städte sind französisch und in den Dörfern ist man bretonisch. Es ist eben ein Krieg zwischen Bürgers- und Bauersleuten. Sie schimpfen uns Patschfüße und wir schimpfen sie Dickschädel, und hinter ihnen stecken die Adeligen und die Geistlichkeit.

– Nicht Alle, unterbrach der Fremde.

– Freilich nicht; sehen wir doch selber, wie ein Vikomte einem Marquis zusetzt, sagte der Wirth und dachte bei sich: Und entweder bin ich blind, oder ich habe es mit einem Priester zu thun.

– Wer von beiden behält die Oberhand? fragte der Reisende.

– Bis jetzt der Vikomte. Aber es kostet Hitze. Der Alte hat Haare auf den Zähnen. Sind aus einem alten Geschlecht aus der hiesigen Gegend, die Leute; die Familie zerfällt in zwei Linien, in die Hauptlinie mit dem Marquis von Lantenac als Oberhaupt und in die Seitenlinie mit dem Vikomte Gauvain. Jetzt raufen die beiden Linien mit einander. Ja, bei den Bäumen kommt so was nicht vor, aber bei den Stammbäumen schon. Dieser Marquis von Lantenac ist in der Bretagne allmächtig; den Bauern gilt er für einen Fürsten. Am Tage, wo er gelandet ist, hat er im Handumdrehen achttausend Mann um sich gehabt und innerhalb einer Woche waren dreihundert Gemeinden in Aufruhr; und wenn er von der Küste nur so viel hätte besetzen können, hatten wir die Engländer am Hals. Glücklicherweise war aber jener Gauvain bei der Hand, sein Großneffe – schnurrige Geschichte das. Er ist der Kommandant der Republikaner und hat seinem Herrn Onkel heimgeleuchtet. Und dann hat auch das Glück gewollt, daß dieser Lantenac, der gleich bei seiner Ankunft eine Menge Gefangener umgebracht hat, zwei Weiber miterschießen ließ, wovon die eine drei Kinder hatte, die von einem Pariser Bataillon angenommen worden waren. Daraufhin wurde das Bataillon teufelswild; Bonnet-Rouge heißt es. Sind ihrer zwar nicht mehr viel, aber das Donnerwetter haben sie in ihren Bajonetten, diese Pariser. Man hat sie der Kolonne von Gauvain zugetheilt. Nichts hält vor ihnen Stand. Sie wollen die Weiber rächen und die Kinder wieder haben. Was der Alte angefangen hat mit den Kleinen, darüber ist man im Unklaren. Das macht die Pariser Grenadiere ganz rabiat. Ja, wären die Kinder nicht, so würde Manches in diesem Kriege unterbleiben. Der Vikomte ist ein guter, wackerer junger Mann; aber der Alte ist ein scheußlicher Marquis. Die Bauern heißen das den Kampf des heiligen Michael mit Belzebub. Sie wissen vielleicht, daß der Erzengel Michael ein Landespatron ist; er hat einen eigenen Berg mitten im Meer, in der Bucht. Es wird von ihm erzählt, er habe den Teufel niedergestochen und hier in der Nähe unter einem anderen Berg begraben, unter dem Tombelaine.

– Ja, murmelte der Fremde, Tumba Beleni, das Grab des Belenus oder Belus, Baal, Belial, Belzebub.

– Sie wissen davon, wie ich höre. Und der Wirth setzte wieder im Geist hinzu: Wahrhaftig, er redet lateinisch; jetzt ist kein Zweifel mehr. Dann fuhr er fort: Nun denn, Bürger, in den Augen der Bürger ist es jener Kampf, der aufs Neue losgeht. Der heilige Michael ist selbstverständlich kein Anderer, als der royalistische General und der republikanische muß für Belzebub herhalten; wenn aber hier einer der Satan ist, so ist es Lantenac, und der Engel ist Gauvain. Bürger, wollen Sie nicht eine Stärkung zu sich nehmen?

– Ich habe meine Feldflasche und ein Stück Brod bei mir. Aber Sie sagen mir nicht, was in Dol vor sich geht?

– Folgendes: Gauvain kommandirte also die Küstenkolonne. Lantenac hatte die Absicht, weit und breit alles auf die Beine zu bringen, die untere Bretagne mit der untern Normandie zu verbinden, Herrn Pitt die Thür aufzuschließen und dann mit zwanzigtausend Engländern und zweimalhunderttausend Bauern der großen Vendéer Armee auf die Strümpfe zu helfen. Nun hat Gauvain einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er hält die Küste besetzt und treibt Lantenac ins Innere, die Engländer auf die hohe See zurück. Lantenac stand hier auch und hat weichen müssen; Gauvain hat ihm Pont-au-Beau wieder abgenommen, hat ihn aus Avranches verjagt, aus Villedieu verjagt und hat ihm den Weg nach Granville versperrt; er zielt jetzt darauf hin, ihn in den Wald von Fougères zurückzuwerfen und dort zu umzingeln. Gestern war noch alles im besten Gang; Gauvain war hier, mit seiner Kolonne. Da, plötzlich, wird er alarmirt. Der Alte, ein Fuchs, hat einen Vorstoß gegen Dol gemacht. Fällt die Stadt in seine Gewalt und pflanzt er auf dem Mont-Dol eine Batterie auf, denn Geschütz hat er ja, so beherrscht er einen Theil der Küste, wo dann die Engländer landen können, und alles ist hin. Und deshalb, weil keine Minute zu verlieren war und weil er ein heller Kopf ist, hat Gauvain blos bei sich selber Rath geholt, und ohne eine Ordre zu verlangen noch abzuwarten, zum Aufbruch blasen lassen, seine Artilleriepferde vorgespannt, seine Infanterie zusammengetrommelt, seinen Säbel gezogen, und so fällt nun, während Lantenac über Dol hinfällt, Gauvain über Lantenac her. Dort werden sie ihre zwei bretonischen Schädel gegeneinanderrennen; sie müssen bereits an Ort und Stelle sein.

– Wieviel Zeit braucht man bis Dol?

– Eine Kolonne mit Train mindestens drei Stunden; aber sie sind jedenfalls schon dort.

Der Fremde horchte auf und sagte: In der That, mich dünkt, ich höre die Kanonade.

Der Wirth lauschte gleichfalls: Jawohl, Bürger, auch Gewehrfeuer. Es wird zum Tanz aufgespielt. Sie sollten hier übernachten. Dort drüben läßt sich nichts Gescheutes einkaufen.

– Ich darf keine Zeit verlieren und muß weiter.

– Sie haben Unrecht. Zwar weiß ich nicht, was Sie für Geschäfte haben, aber Sie setzen alles aufs Spiel, und wenn es sich nicht um Ihr Liebstes handelt in dieser Welt …

– Darum handelt sichs freilich, unterbrach der Fremde.

– Etwa um einen Sohn …

– Ja, etwas dergleichen, sagte der Fremde.

Der Wirth schaute ihn an und sprach mit sich selber: Aber wie ein Priester sieht er doch aus. Dann besann er sich noch einen Augenblick: Ei was, das hat auch Kinder, so ein Priester.

– Zäumen Sie mein Pferd, sagte der Reiter. Was bin ich Ihnen schuldig?

Er zahlte. Der Wirth stellte Krippe und Eimer an die Mauer und trat dann wieder vor den Fremden hin: Wenn Sie durchaus fort wollen, nehmen Sie wenigstens einen guten Rath mit. Daß Sie nach Saint-Malo reisen, liegt auf der Hand. Nun denn, reiten Sie nicht durch Dol. Es giebt außer dem Weg über Dol noch einen Weg längs dem Meer, der kaum weiter ist als der andere: er geht über Saint-Georges de Brehaigne, Cherrueix und Hirel-le-Vivier, nördlich von Dol und südlich von Cancale. Am Ende dieser Straße, Bürger, zweigen sich die beiden Wege ab, der über Dol nach links, der über Saint-Georges de Brehaigne nach rechts. Merken Sie wohl auf: wenn Sie durch Dol reiten, gerathen Sie mitten ins Blutbad hinein; darum nicht links einbiegen, sondern rechts.

– Danke, sagte der Fremde und trieb sein Pferd an; bald war er, dem nachschauenden Rathgeber nicht mehr sichtbar, in der mittlerweile hereingebrochenen Nacht verschwunden. Am Straßenende, wo sich die Wege abzweigten, hörte er den Wirth von Weitem rufen: Rechts abschwenken, rechts!

Er schwenkte nach links.

II.

Dol

Dol, wie in den alten Urkunden geschrieben steht, eine spanische Stadt Frankreichs in der Bretagne, ist keine Stadt, nur eine Straße, eine lange, alte, gothische Straße, sehr breit, mit zwei unregelmäßigen Reihen von säulengetragenen vorspringenden oder zurücktretenden Häusern. Die übrige Stadt ist weiter nichts als ein Netz von Gäßchen, die mit der großen durchlaufenden Straße in Verbindung stehen und hineinmünden wie Bäche in einen Fluß. Ohne Thor noch Mauern, vom Mont-Dol überragt, konnte die offene Stadt keine Belagerung aushalten, wohl aber die Straße, denn die vorspringenden Häuser, die vor fünfzig Jahren noch zu sehen waren, und die zwei auf Säulen ruhenden Galerien zu beiden Seiten boten sehr günstige, widerstandsfähige Vertheidigungslinien. Jedes Haus war eine Festung, die gestürmt werden mußte, zumal die alte Markthalle, die ungefähr in der Mitte der Straße stand.

Der Wirth von La Croix-Branchard hatte Recht gehabt: im Augenblick, wo er sprach, wälzte sich durch Dol ein wüthendes Handgemenge, ein plötzlich über die Stadt hereingebrochener Zweikampf zwischen den Morgens angekommenen Weißen und den Abends eingetroffenen Blauen. Die Kräfte waren ungleich, denn die Weißen zählten sechstausend, die Blauen blos fünfzehnhundert Mann; gleich war jedoch die Erbitterung der Gegner. Merkwürdigerweise waren es die Fünfzehnhundert, welche die Sechstausend angegriffen hatten.

Auf der einen Seite ein Gewühl, auf der anderen eine Phalanx. Hier sechstausend Bauern mit Herzen Jesu auf den Lederjacken, weißen Bändern an den runden Hüten, christlichen Denksprüchen auf den Armbinden, Rosenkränzen am Gürtel, mit mehr Heugabeln als Säbeln und mit Stutzen ohne Bajonett, mit Kanonen, die sie selber an Seilen mit sich zogen, mit schlechter Montur, schlechter Disziplin, schlechten Waffen, aber voller Tollwuth. Dort fünfzehnhundert Soldaten mit Trikolorekokarden an den dreieckigen Hüten, in langen Röcken mit hohen Aufschlägen am gekreuzten Wehrgehänge, den kurzen Säbel mit Messinggriff und am Gewehr das lange Bajonett führend, eingeschult, in Reih und Glied, lenksam und unbändig, Leute, die zu gehorchen wissen, wie sie auch befehlen könnten, Freiwillige wie die Gegner, aber Freiwillige für das Vaterland, im Uebrigen zerfetzt und ohne Schuhe. Auf Seite der Monarchie mittelalterlich ritterliche Bauern, auf Seite der Revolution barfuß kämpfende Helden; beide Schaaren beseelt von ihrem Führer, die Royalisten von einem Greis, die Republikaner von einem Jüngling. Hie Lantenac, hie Gauvain.

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Die Revolution hat neben ihren gigantischen auch ihre idealen männlich jugendlichen Gestalten, neben Danton, Saint-Just und Robespierre einen Hoche und Marceau. Eine solche Gestalt war auch Gauvain. Er war dreißig Jahre alt, hatte die Figur eines Herkules, den schwärmerisch feierlichen Blick eines Propheten und konnte lachen wie ein Kind. Er rauchte nicht, trank nicht, fluchte nicht, führte mitten im Krieg ein Toilettenkästchen mit sich, pflegte sorgfältig seine Nägel, seine Zähne und sein prachtvolles braunes Haar und schüttelte, wenn er Halt kommandirt hatte, seinen bestaubten, von Kugeln durchlöcherten Hauptmannsrock selber aus. Trotzdem er sich immer tollkühn ins Handgemenge stürzte, war er nie verwundet worden. Seine sehr sanfte Stimme brach, wenn es Noth that, in ein ungestüm gebieterisches Schmettern aus. Wo es auf bloßer Erde zu übernachten galt, unter Sturmwind, Regen oder Schneegestöber, ging immer er mit dem guten Beispiel voran und legte sich in den Mantel gewickelt nieder, mit einem Stein als Kissen für sein anmuthiges Haupt. Er war eine unschuldvolle Heldenseele. Ihn verklärte der gezogene Degen. Er hatte jenes Weibliche an sich, das furchtbar wird in der Schlacht. Dabei war er ein Denker und Philosoph, ein junger Weiser; einen Alkibiades sah, wer ihn anschaute, und wer ihm lauschte, hörte einen Sokrates aus ihm sprechen.

In jener unermeßlichen Schöpfung aus dem Stegreif, die man die französische Revolution nennt, war dieser junge Mann sofort ein Kriegsmann geworden. Seine Kolonne, sein eigenes Werk, war, wie die römische Legion, eine vollständige Armee im Kleinen mit Fußvolk und Reiterei, Scharfschützen, Pionieren, Sappeurs und Pontoniers, und wie die römische Legion ihre Wurfmaschinen, so hatte die Kolonne ihre Artillerie, drei wohl bespannte Feldgeschütze, die ihr einen Halt gaben, ohne die Beweglichkeit zu beeinträchtigen.

Lantenac seinerseits war auch ein Kriegsmann und hatte neben der Bedachtsamkeit seiner Jahre zugleich noch die größere Kühnheit vor Gauvain voraus. Ein wirklicher alter Degen ist kühler als der junge, weil er den Morgen längst hinter sich hat, und kecker, weil er dem Ende näher steht. Er hat ja so gut wie nichts mehr zu verlieren. Daher die gleichzeitig tollkühne und durchdachte Kriegführung Lantenac’s. Und dennoch, in diesem hartnäckigen Ringkampf des Jünglings und des Greises blieb fast immer im Großen und Ganzen Gauvain im Vortheil, allerdings wohl nur, weil er Glück hatte; der Erfolg, selbst der Erfolg im Furchtbaren, gehört eben der Jugend: die Siegesgöttin ist zum Theil noch Weib.

Lantenac war auf Gauvain rein wüthend, erstens weil Gauvain ihn schlug, und zweitens weil Gauvain mit ihm verwandt war. Was hatte er sich auch unterstanden, unter die Jakobiner zu gehen, dieser Gauvain! Der Schlingel! Der einzige Erbe des Marquis, denn Kinder hatte dieser nicht; sein leiblicher Großneffe, fast ein Enkel! »O, sagte der Pseudo-Großvater, wenn er mir in den Wurf kommt, schieß ich ihn nieder wie einen Hund!«

Die Republik hatte übrigens allen Grund, über diesen Marquis von Lantenac in Aufregung zu gerathen. Kaum gelandet, verbreitete er schon das Entsetzen. Wie ein Lauffeuer hatte sein Name in der ganzen Vendée und Bretagne die Runde gemacht, und sofort war er der Mittelpunkt des Aufruhrs geworden. In einem solchen Aufruhr aber, wo Jeder dem Anderen neidisch ist und Jeder seinen eigenen Busch oder Hohlweg beherrscht, schaart der hinzugekommene Höhere die vereinzelten gleichberechtigten Befehlshaber um seine Person. So hatten sich fast alle Bandenführer an Lantenac angeschlossen und gehorchten ihm nah und fern. Nur Einer hatte ihn verlassen, der Erste, der zu ihm gestoßen, jener Gavard. Weshalb? Weil er ein Mann des blinden Vertrauens war; Gavard hatte alle Geheimnisse und Absichten jener früheren Kriegführung getheilt, die Lantenac nun beseitigte und durch ein anderes System ersetzte. Das Zutrauen des Untergebenen vererbt sich nicht auf jeden neuen Vorgesetzten, und da Lantenac sich der Taktik von La Rouarie nicht anbequemen konnte, hatte sich Gavard mit Bonchamp vereinigt.

Lantenac war ein Soldat aus der Schule Friedrichs II. und strebte eine Verschmelzung des großen und des kleinen Krieges an. Er wollte weder von einer »ungegliederten Masse« im Stil der großen königlich katholischen Armee etwas wissen, die blos für das Zermalmen taugte, noch von einer Verzettelung durch Wälder und Gebüsch, womit der Feind wohl beunruhigt, nicht aber niedergeworfen werden konnte. Der Guerillakrieg bringt es zu keinem oder zu einem elenden Abschluß; man beginnt mit dem Angriff aus eine Republik und endigt mit der Plünderung eines Eilwagens. Lantenac wollte den Kampf weder auf das offene Feld beschränken wie La Rochejacquelein, noch auf den Busch wie Jean Chouan, also weder Vendée noch Chouannerie; er wollte den vollständigen Krieg, wollte das bäuerische Element strategisch verwerthen, aber im Zusammenhang mit dem soldatischen, auf Grundlage taktisch ausgebildeter Regimenter. Die Vortrefflichkeit der plötzlich zusammengeläuteten und ebenso plötzlich wieder zerstiebenen Dorfarmeen für Angriff, Hinterhalt und Ueberfall sah er vollkommen ein, aber sie waren ihm zu flüssig; sie zerrannen ihm zwischen den Händen wie Wasser; er wollte den in alle Richtungen auseinander fluthenden Kampf um einen festen Kern zusammenziehen, wollte den wilden Banden in den Wäldern eine geschulte reguläre Truppe als Angelpunkt zu Grunde legen, und darauf gestützt, mit ihnen manöveriren, ein furchtbar fruchtbarer Gedanke, dessen Ausführung die Vendée unüberwindlich gemacht hätte. Wo aber jenes Element, wo die Soldaten, die Regimenter, wo eine schlagfertige Armee hernehmen? Aus England. Daher Lantenac’s fixe Idee: die Landung der Engländer. So kapitulirt das Gewissen der Parteien; die weiße Kokarde deckt den rothen Rock. Lantenac hatte nur noch das eine Trachten, sich irgend eines Küstenstrichs zu bemächtigen, um ihn Pitt zu überantworten. Deshalb hatte er sich auf das zur Zeit wehrlose Dol geworfen, um dadurch in den Besitz des Mont-Dol und durch den Mont-Dol in den Besitz des Strandes zu gelangen. Die Stellung war vortrefflich gewählt. Eine Batterie auf dem Mont-Dol konnte nach der einen Seite Le Fresnois, nach der andern Saint-Brelade bestreichen, konnte das Geschwader von Cancale in Schach halten und den Landungstruppen die ganze Uferstrecke zwischen Le Raz-sur-Couesnon und Saint-Meloir-des-Ondes zur Verfügung stellen. Um diesen entscheidenden Schlag zu führen, hatte Lantenac etwas über sechstausend Mann an sich gezogen, die Auslese der unter seinem Befehl stehenden Banden, und zur Errichtung einer starken Batterie auf dem Mont-Dol zehn sechszehnpfündige Feldschlangen, eine achtpfündige Schiffskanone und einen Vierpfünder mitgenommen, seine sämmtliche Artillerie, denn er ging von dem Grundsatz aus, daß zehn Geschütze mit tausend Schüssen mehr ausrichten als fünf mit fünfzehnhundert. Der Erfolg schien gesichert. Den sechstausend Mann stand, gegen Avranches zu, blos Gauvain mit seinen fünfzehnhundert gegenüber und gegen Dinan zu Léchelle, der allerdings fünfundzwanzigtausend Mann stark, dafür aber auch zwanzig Stunden weit abseits war. So hatte denn Lantenac, was Léchelle betraf, von der großen Zahl in Folge der großen Entfernung und, was Gauvain anbelangte, von der geringen Entfernung in Folge der geringen Zahl nichts zu besorgen. Dazu kam noch, daß Léchelle unfähig war, was er später mit Selbstmord büßte, nachdem er mit seinen fünfundzwanzigtausend Mann auf der Haide von La Croix-Bataille eine Niederlage erlitten. Lantenac fühlte sich demnach vollständig sicher. Rasch und rücksichtslos war er in Dol einmarschirt, und da seine unerbittliche Härte bereits sprichwörtlich war, war nicht der geringste Versuch eines Widerstandes gemacht worden. Die entsetzten Einwohner schlossen sich in ihre Häuser ein. In bäuerischer Unordnung, fast wie bei einem Jahrmarkt, ließen sich die Vendéer in der Stadt nieder; ohne Fouriere, ohne Quartieranweisung, bivouakirten sie, wo es ihnen just gefiel, kochten ihre Menage unter freiem Himmel, verliefen sich in die Kirchen, legten die Flinten ab und griffen zum Rosenkranz. Lantenac nahm mit einigen Artillerieoffizieren sofort die Rekognoszirung des Mont-Dol vor und übergab das Kommando an Gouge-le-Bruant, den er zu seinem Stellvertreter ernannt hatte.

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Gauvain schrie, den Degen schwingend

Dieser Gouge-le-Bruant hat in der Geschichte eine dunkle Spur hinter sich zurückgelassen; er hatte zwei Beinamen: »Brisebleu«, wegen seines Wüthens gegen die Blauen, und »der Imânus«, wegen des unaussprechlichen Grausens, das von ihm ausging. Imânus, vom Lateinischen »immanis« abgeleitet, bezeichnet im Dialekt der unteren Normandie, das übermenschlich Häßliche, dämonisch Entsetzliche, den Teufel, den Unhold, den Kinderfresser. Schon in einer alten Handschrift lesen wir: »d’mes daeux iers j’vis l’imânus« (mit meinen beiden Augen sah ich den Bösen). Die alten Leute vom Bocage wissen heutigen Tages nicht mehr, wer Gouge-le-Bruant war, und was Brisebleu bedeuten soll, aber sie entsinnen sich ganz dunkel des Imânus. Der Imânus hat sich in den Lokalaberglauben eingeflochten. Von ihm wird noch in Trémorel und Plumeaugat erzählt, zwei Dörfer, wo Gouge-le-Bruant schauerliche Spuren hinterließ. Die Andern in der Vendée waren die Wilden; Gouge-le-Bruant war der Barbarische. Er war tätowirt wie ein Indianerhäuptling, nur mit Kinderfibelkreuzen und Lilien; aus seinem Gesicht brach das scheußliche, fast übernatürliche Schimmern einer Seele, der keine andere menschliche Seele ähnlich sah. Im Kampf war er teuflisch tapfer und teuflisch grausam nachher. Er hatte ein Herz voll verschlungener Irrgänge, das jeder Aufopferung fähig war und zu jedem Greuel hinneigte. Konnte er nachdenken? Ja, doch wie die Schlangen kriechen, in Windungen. Beim Heldenthum fing er an, um mit dem Mord aufzuhören. Unmöglich war es, zu errathen, wie er zu seinen Entschlüssen kam, die oft vor lauter Ungeheuerlichkeit etwas Großartiges an sich trugen. Ihm war alles gräßlich Ueberraschende zuzutrauen. Seine Entsetzlichkeit war episch wie die der Cyklopen. Daher der ungestalte Beiname Imânus. Der Marquis von Lantenac baute auf seine Grausamkeit, und mit vollem Recht; darin war der Imânus Meister, weit mehr als in den Künsten des Krieges, weshalb denn auch der Marquis vielleicht nicht wohl daran that, ihn zu seinem Stellvertreter zu erwählen. Gleichviel, er ließ ihn als solchen mit dem Auftrag zurück, für Alles Sorge zu tragen. Gouge-le-Bruant mit seinem mehr streitbaren als militärischen Wesen eignete sich weit eher zur Niedermetzelung eines Clans als zur Bewachung einer Stadt. Nichtsdestoweniger stellte er Posten auf.

Als Lantenac nach gepflogener Untersuchung des Terrains Abends nach Dol zurückritt, hörte er plötzlich Kanonenschüsse und sah aus der Hauptstraße einen röthlichen Rauch emporsteigen; das bedeutete Ueberfall, Einbruch, Sturm: In der Stadt schlug man sich. Obgleich den Marquis fast nichts in Erstaunen zu setzen vermochte, jetzt war er verblüfft. Dieser Zwischenfall kam ihm ganz unerwartet. Wer konnte das sein? Gauvain offenbar nicht; in einer Minderzahl von eins gegen vier greift man nicht an. War es etwa Léchelle? Aber was hätte das für ein Eilmarsch sein müssen! Von beiden Vermuthungen war also die eine unwahrscheinlich, die andere unmöglich. Lantenac spornte sein Pferd an; bald darauf stieß er auf fliehende Stadtleute, die er anhielt; sie waren ganz außer sich vor Schrecken und riefen nur immer: Die Blauen! die Blauen!

Als der Marquis endlich eintraf, stand es um die Seinen schlimm. Zugetragen hatte sich Folgendes:

III.

Kleine Heere, große Schlachten.

Nach dem Einmarsch in Dol hatten sich, wie gesagt, die Bauern nach Gutdünken in der Stadt herumgetrieben als Leute, die, wie ihr eigenes Schlagwort lautete, »aus Freundschaft gehorchen«, ein Gehorchen, welches zwar Helden, aber nimmermehr Soldaten heranbilden kann. Artillerie und Gepäck hatten sie unter den Bögen der alten Markthalle untergebracht und lagerten nun ausruhend, essend und trinkend, oder »rosenkränzelnd«, in buntem Durcheinander auf der Hauptstraße, mehr als Hindernisse des Verkehrs denn als Hüter des Platzes. Bei sinkender Nacht schoben die Meisten den Schnappsack unter den Kopf und schliefen ein, Der und Jener an der Seite seines Weibes, denn oft geschah es, daß Bäuerinnen mitausrückten und dann, besonders die in gesegneten Umständen waren, Kundschafterdienste versahen. Es war eine milde Julinacht, und am tiefen schwarzblauen Himmel funkelten die Sternbilder. Während diese Menge, die man eher für eine rastende Karawane als für ein Bivouak gehalten hätte, friedlich schlummerte, fiel den Wenigen, welche die Augen noch nicht geschlossen, plötzlich auf, daß an der einen Straßenmündung, vom Zwielicht beschienen, drei Kanonen gegen sie gerichtet waren – Gauvains Kanonen; er hatte die Wachtposten überrumpelt, war in die Stadt eingedrungen und hielt den Eingang der Straße besetzt. Ein Bauer richtete sich aus, schrie Werda? und feuerte seine Flinte ab. Ein Kanonenschuß war die Antwort. Gleich darauf schlug ein Platzregen von Gewehrkugeln ein. Alles fuhr aus dem Schlaf empor, ein schreckenvolles Erwachen für Leute, die eben noch unter dem Sternenschimmer einschlummerten.

Der erste Augenblick war schauderhaft, denn es giebt nichts Entsetzlicheres als das Hin- und Herwimmeln einer Masse, auf welche Blitzstrahlen hereinhageln. Man warf sich auf die Waffen, schrie, rannte, stürzte getroffen nieder. Die angefallenen Bauernburschen schossen in fassungsloser Verwirrung auf die eigenen Leute. Aufgeschreckte Gestalten huschten aus den Häusern und huschten wieder herein oder liefen wie wahnsinnig im Getümmel umher. Die zu einander gehörten, riefen einander an. Mitten in dem furchtbaren Gefecht heulten Weiber und Kinder. Die Finsterniß war allenthalben von pfeifenden Kugeln durchstrichen; aus jedem dunkelen Winkel Flintenschüsse; das Ganze ein riesiger in Rauch verschwimmender Wirrwarr zwischen durcheinanderstehenden Karren und Munitionswagen. Die Pferde schlugen aus; aufbrüllende Verwundete wurden auf dem Boden zerstampft; neben der Verzweiflungswuth starres Entsetzen, Soldaten, die ihre Führer, und Führer, die ihre Soldaten suchten; stellenweise auch düstere Gleichgiltigkeit, an einer Mauer ein Weib, daß ihren Säugling stillte, während ihr Mann, der blutend, mit zerschmettertem Bein neben ihr lehnte, kaltblütig den Stutzen lud und auf gut Glück hin den Tod in die Finsterniß hinaussendete. Zwischen den Rädern der Fuhrwerke lagen Bauern der Länge nach ausgestreckt und feuerten durch die Speichen. Zuweilen gellte ein tausendstimmiger Aufschrei durch die Nacht; dann behielt der Donner der Kanonen wieder die Oberhand. Es war grauenvoll. Wie Bäume unter einem Bergsturz fielen die Leichen auf die Leichen. Aus seinem Hinterhalt schmetterte Gauvain mit Sicherheit und beinahe ohne einen Mann zu verlieren Alles nieder.

Nach einiger Zeit jedoch kam eine gewisse Ordnung in das Gedränge der unverzagten Bauern; sie zogen sich unter den großen dunkelen Säulenwald der Markthalle wie hinter ein Vorwerk zurück und faßten dort festen Fuß; was nur irgend welche Aehnlichkeit mit einem Walde hatte, flößte ihnen Selbstvertrauen ein. Der Imânus suchte nach besten Kräften den Marquis zu ersetzen. Seine Geschütze ließ er zwar, zu Gauvains größtem Erstaunen, unbenutzt, denn nur die mit Lantenac ausgerittenen Artillerieoffiziere wußten damit umzugehen; die Bauernburschen waren zur Bedienung der Feldschlangen und des Achtpfünders nicht einexerzirt, entsendeten aber dafür einen Hagel von Kugeln auf die Kanoniere der Blauen und erwiderten die Kartätschensalven mit Gewehrfeuer. Die besser Gedeckten waren jetzt sie; denn sie hatten alle, in der Markthalle befindlichen Karren, Fuhrwerke, Proviantsäcke und Fässer im Nu zu einer hohen Barrikade mit Schießscharten aufgestapelt, aus denen sie ein mörderisches Feuer unterhielten, im Nu, denn bevor eine Viertelstunde verstrichen war, erhob sich vor dem Gebäude eine unübersteigbare Mauer.

Gauvain gerieth dadurch in eine kritische Lage. Diese plötzlich in eine Zitadelle umgewandelte Markthalle, in welcher die Bauern eine feste, konzentrirte Stellung einnahmen, kam ihm unerwartet. Den Feind zu überfallen war ihm zwar gelungen, nicht aber, ihn in die Flucht zu schlagen. Er war abgesessen und spähte aufgerichtet, den Degen in der Faust, mit verschränkten Armen beim Schein einer Fackel, die seine Batterie beleuchtete, in die Dunkelheit hinaus. Sein hoher Wuchs und der Fackelschein machten ihn zur Zielscheibe der Barrikade, doch daran dachte er nicht und ließ, in Sinnen versunken, den Kugelregen um sich her einschlagen. Zum Glück konnte er den Flinten allen mit seinen Geschützen Trotz bieten; die Kanonen behalten immer das letzte Wort und auf Seite der Artillerie bleibt der Sieg; mit seiner wohlbedienten Batterie war er noch immer im Vortheil.

Da, plötzlich sprühte aus der finsteren Markthalle ein Blitz, und donnernd schmetterte eine Kanonenkugel über Gauvain in ein Haus. Die Barrikade setzte der Artillerie Artillerie entgegen. Was hatte das zu bedeuten? Offenbar hatte sich drüben etwas ereignet und das Gefecht trat in ein neues Stadium.

Eine zweite Kugel folgte der ersten auf dem Fuß und schlug dicht neben Gauvain in die Mauer ein; eine dritte riß ihm den Hut vom Kopf. Die Kugeln waren von schwerem Kaliber, sechszehnpfündig.

– Auf Sie ist es abgesehen, Kommandant, riefen die Kanoniere und löschten die Fackel. Nachdenklich bückte sich Gauvain nach seinem Hut.

In der That hatte es Jemand auf ihn abgesehen, und zwar Lantenac.

Der Marquis hatte die Barrikade von der entgegengesetzten Seite her erreicht, und der Imânus war auf ihn zugestürzt: Gnädiger Herr, man hat uns überfallen!

– Wer?

– Ich weiß nicht.

– Steht der Weg nach Dinan offen?

– Ich glaube.

– So muß der Rückzug angetreten werden.

– Geschieht schon; es sind bereits Viele entwischt.

– Es handelt sich nicht um das Entwischen; es handelt sich darum, sich zurückzuziehen. Warum ist die Artillerie nicht zugezogen worden?

– Man hat den Kopf verloren, und dann waren die Offiziere nicht bei der Hand.

– Ich will dafür sorgen.

– Gnädiger Herr, ich habe möglichst viel Gepäck, die Weiber und alles Ueberflüssige nach Fougères abgehen lassen. Was soll aus den drei kleinen Gefangenen werden?

– Ach so, aus den Kindern?

– Ja.

– Wir behalten sie als Geisel. Sorge dafür, daß sie nach La Tourgue gebracht werden.

Hierauf trat der Marquis hinter die Barrikade. Das Eintreffen des Führers änderte die ganze Sachlage. Beim Bau der Barrikade war auf die Artillerie keine Rücksicht genommen worden; es war blos für zwei Geschütze Raum vorhanden; der Marquis ließ zwei größere Oeffnungen durchbrechen und zwei Sechszehnpfünder dahinter aufpflanzen. Als er sich über die eine der Feldschlangen beugte um die feindliche Batterie durch die Schießscharte zu beobachten, erblickte er Gauvain. – Er ist es! rief er und griff nach Wischer und Setzkolben, lud das Geschütz, richtete das Visier und zielte. Zu dreien Malen feuerte auf Gauvain und fehlte. Mit dem dritten Schuß riß er ihm den Hut vom Kopf. – Gestümpert! murmelte er vor sich hin. Ein paar Zoll tiefer und ich traf den Kopf.

Da erlosch plötzlich die Fackel, und er hatte nur noch Finsterniß vor sich. – Sei es drum, sagte er und rief seinen Artilleristen zu: Mit Kartätschen!

Gauvain war seinerseits nicht ruhiger. Seine Lage verschlimmerte sich. Der Kampf nahm einen anderen Charakter an. Jetzt setzte die Barrikade ihm mit Kanonen zu. Wer konnte wissen, ob sie nicht von der Defensive zur Offensive übergehen würde? Er hatte es, die Todten und Flüchtigen auch abgerechnet, mit mindestens fünftausend Mann zu thun und verfügte selber über nur mehr zwölfhundert kampffähige Leute. Was sollte aus den Republikanern werden, wenn der Feind sich von ihrer geringen Zahl überzeugte. Die Rollen würden unfehlbar vertauscht und die bisherigen Angreifer die Angegriffenen werden. Ein Ausfall aus der Barrikade konnte die Vernichtung herbeiführen. Was thun? Die Barrikade in der Front anzupacken, daran war nicht zu denken; ein Gewaltstreich wäre eine Chimäre gewesen; zwölfhundert Mann können fünftausend aus einer solchen Stellung unmöglich verjagen. Mit Ueberstürzung ließ sich nichts ausrichten, und jedes Abwarten war vom Uebel. Ein Ende mußte gemacht werden, aber wie?

Gauvain, der ja aus der Gegend gebürtig war, kannte die Stadt; er wußte, daß die alte Markthalle, in der sich die Vendéer verschanzt hatten, mit der Rückseite an ein Labyrinth von engen, winkeligen Gäßchen stieß, und wendete sich nun an seinen Unterkommandanten, den tapferen Hauptmann Guéchamp, der sich später dadurch so rühmlich auszeichnete, daß er Jean Chouan’s Heimath, den Wald von Concise, säuberte und durch die Verteidigung des Dammweges am Teich La Chaîne die Wegnahme von Bourgneuf vereitelte. – Guéchamp, sagte er, ich übertrage Ihnen das Kommando. Setzen Sie das Feuer nach besten Kräften fort; schießen Sie Bresche in die Barrikade und halten Sie mir die Leute in Atem.

– Verstanden, erwiderte Guéchamp.

– Formiren Sie alle verfügbaren Kräfte in eine Angriffskolonne, und warten Sie mit geladenen Gewehren das Zeichen zum Stürmen ab.

Und er flüsterte Guéchamp ein paar Worte ins Ohr. – Abgemacht, sagte dieser. – Sind alle Tambours noch auf den Beinen? fragte Gauvain. – Ja wohl. – Es sind ihrer neun. Ich lasse Ihnen zwei davon zurück; die andern sieben gehen mit mir.

Die sieben Tambours stellten sich schweigend vor Gauvain in Reih und Glied.

– Heran das Bataillon Bonnet-Rouge! rief Gauvain.

Es trat ein Sergeant an mit elf Mann.

– Ich meine das ganze Bataillon, sagte Gauvain.

– Hier, antwortete der Sergeant.

– Euer zwölf!

– Nur noch unser zwölf.

– Schön, sagte Gauvain.

Der Sergeant war jener wackere soldatischderbe Radoub, der im Namen des Bataillons die drei Kinder aus dem Wald von La Saudraie angenommen hatte. Man wird sich wohl noch erinnern, daß blos die eine Hälfte des Bataillons in Herbe-en-Pail niedergemetzelt worden; Radoub war so glücklich gewesen, der andern Hälfte anzugehören.

– Sergeant, sagte Gauvain, indem er mit dem Finger auf einen in der Nähe stehenden Fouragenwagen deutete, lassen Sie Ihre Leute Strohwische binden und um die Gewehrläufe legen, damit es beim Aneinanderstoßen kein Geräusch giebt.

Einige Minuten darauf war der Befehl in der Dunkelheit still vollzogen worden. – Ist geschehen, meldete der Sergeant.

– Soldaten, zieht die Schuhe aus, befahl Gauvain weiter.

– Haben keine, bemerkte der Sergeant.

Die Tambours mitgerechnet, waren es neunzehn Mann, und Gauvain war der zwanzigste. – In einer einzigen Reihe, rief er, mir nach! Hinter mir die Tambours, dann das Bataillon; Sie führen es, Sergeant.

Er stellte sich an die Spitze der neunzehn Mann, und während auf beiden Seiten die Kanonade fortgesetzt wurde, bogen sie, wie Schatten dahingleitend, in die öden Gäßchen ein. So schlichen sie eine Zeitlang längs den Häusern hin. Die Stadt schien ausgestorben zu sein; die Einwohner hatten sich in den Kellern versteckt; jede Thür war verrammelt, jeder Fensterladen geschlossen, von einem Licht keine Spur. Wüthend dröhnte es von der Hauptstraße her in diese Stille herüber; der Artilleriekampf dauerte fort und die beiden Batterien spien mit Erbitterung ihre Kartätschen auf einander. Nachdem man sich zwanzig Minuten hindurch im Zickzack vorwärts bewegt hatte, erreichte Gauvain, der sich in der Finsterniß vortrefflich zurechtfand, ein Gäßchen, welches wieder in die Hauptstraße mündete, aber auf der andern Seite der Markthalle. Die Stellung war somit umgangen. Diese Seite – die Unvorsichtigkeit der Barrikadenkämpfer bleibt ewig dieselbe – war nicht verschanzt, sondern stand offen und gewährte freien Eintritt in das säulengetragene Gewölbe, wo ein paar reisefertige Gepäckwagen hielten. Die zwanzig Mann hatten die fünftausend Vendéer vor sich, aber jetzt mit dem Rücken statt mit der Front. Nachdem Gauvain dem Sergeanten ein paar Worte zugeflüstert, wurden die Strohwische von den Gewehren entfernt; die zwölf Grenadiere nahmen im Winkel des Gäßchens Stellung und die sieben Tambours warteten mit den Trommelstöcken in den Fäusten auf das Signal.

Die Artilleriesalven erfolgten immer noch in regelmäßigen Zwischenräumen. Einen solchen benutzte Gauvain und schrie, den Degen schwingend, mit einer Stimme, die wie ein Trompetentusch durch die momentane Stille schmetterte: Zweihundert Mann rechts vor! Zweihundert Mann links! Alles andere in der Front!

Sofort fielen die zwölf Gewehrschüsse, die sieben Tambours trommelten zur Attacke und Gauvain brach in den gewaltigen Kampfruf der Blauen aus: Bajonett vor! Drauf los!

Die Wirkung war eine unerhörte; die ganze Bauernmasse fühlte sich im Rücken angegriffen und glaubte sich von einer zweiten Armee überrumpelt. Zu gleicher Zeit setzte sich vom obern Ende der Straße her auf das verabredete Signal hin die Kolonne von Guéchamp, ebenfalls unter Trommelwirbel, in Bewegung und stürmte im Laufschritt gegen die Barrikade vor. Die Bauern sahen sich einem doppelten Feuer ausgesetzt. Der panische Schrecken vergrößert Alles; für ihn wird der Pistolenschuß zum Kanonendonner, das Bellen eines Hundes zum Gebrüll des Löwen, jeder Lärm zum gespenstigen Schreckniß. Fügen wir noch hinzu, daß der Bauer ins Fürchten geräth wie ein Strohdach ins Brennen und daß gerade wie die Flamme im Strohdach in eine Feuersbrunst, die Furcht des Bauern in unaufhaltsame Flucht ausartet. Es entstand ein ganz unbeschreibliches Drängen und Jagen. In einigen Minuten war die Halle leer; die entsetzten Burschen rannten auseinander, unbekümmert um ihre Offiziere, unbekümmert um den Imânus, der vergebens ihrer zwei oder drei niederschoß, und unter Angst- und Verzweiflungsgeschrei verlief sich die royalistische Armee durch die Gäßchen der Stadt wie durch die Löcher eines Siebs und zerstob im freien Feld mit der Schnelligkeit einer sturmgepeitschten Wolke. Die Einen flohen in der Richtung von Chateauneuf, Andere gegen Plerguer, Andere wieder gegen Antrain zu.

Der Marquis von Lantenac mußte diese tolle Flucht mitansehen. Mit eigener Hand vernagelte er die Geschütze und zog sich dann, von Allen der Letzte, langsam und kaltblütig mit den Worten zurück: Auf die Bauern ist entschieden kein Verlaß. Ohne die Engländer geht es nicht.

IV.

Zum zweiten Mal.

Es war ein vollständiger Sieg. Gauvain wendete sich zu den Grenadieren des Bataillons Bonnet-Rouge um und sagte: Ihr zwölf wiegt ein Tausend auf. So ein Wort aus dem Mund des Chefs war das Ehrenkreuz jener Zeiten. Guéchamp jagte, auf Gauvains Befehl, den Fliehenden nach und brachte viele Gefangene ein. Dann wurde die Stadt bei Fackelschein durchsucht. Alle, die nicht mehr entkommen konnten, ergaben sich. Die Hauptstraße, die man mit Pechkränzen beleuchtete, war mit Todten und Verwundeten übersät. Hin und wieder setzten sich noch, denn jeder Kampf hat sein gewaltsames Nachspiel, verzweifelte Gruppen zur Wehr, streckten jedoch, sowie sie umringt waren, die Waffen.

Im rasenden Gewirr des Ausreißens war Gauvain ein tollkühner Mensch aufgefallen, eine stämmige, flinke Faunengestalt, welche die Flucht der Anderen gedeckt hatte, ohne dann selber zu fliehen. Meisterhaft hatte dieser Bauer seine Flinte gehandhabt und so lange mit Schüssen und Kolbenschlägen um sich geworfen, bis sie zerbrochen war; nun stand er da mit einem Pistol in der einen Faust und einem Säbel in der anderen. Keiner wagte sich an ihn heran. Da sah ihn Gauvain plötzlich taumeln und sich gegen den Pfeiler eines Hauses lehnen. Der Mann war verwundet, hielt aber noch immer sein Pistol und seinen Säbel fest. Gauvain nahm den Degen unter den Arm und trat auf ihn zu. – Ergieb dich, sagte er.

Der Bauer stierte ihn an. Das Blut troff ihm unter den Kleidern aus der Wunde und rann zu seinen Füßen in eine Lache zusammen.

– Du bist mein Gefangener, wiederholte Gauvain.

Der Mann blieb stumm.

– Dein Name?

– Ich heiße Danse-à-l’Ombre, antwortete der Bauer.

– Du bist ein Tapferer, sagte Gauvain und streckte ihm die Hand entgegen.

– Vivat der König! rief der Mann, und mit dem letzten Aufwand seiner Kräfte beide Arme zugleich erhebend, führte er einen Säbelhieb nach Gauvains Kopf und schoß ihm nach dem Herzen.

Es war dies mit der Behendigkeit des Tigers vor sich gegangen; noch behender war aber ein Anderer gewesen, ein Reiter, der eben angekommen, unbeachtet in nächster Nähe hielt und der, im Augenblick, wo er den Vendéer Säbel und Pistol erheben sah, zwischen diesen und Gauvain vorgestürzt war. Ohne den Reiter war Gauvain verloren. So aber fing das Pferd den Schuß, der Mann den Hieb auf, und beide sanken zu Boden. Das Alles war so rasch geschehen, wie man einen Schrei ausstößt. Auch der Insurgent war jetzt am Pfeiler zusammengebrochen.

Der Reiter, dem der Hieb mitten im Gesicht saß, lag bewußtlos am Boden. Sein Pferd war todt.

– Wer ist der Mann, fragte Gauvain, indem er vor ihn hintrat. Er betrachtete ihn. Das Gesicht des Verwundeten war von Blut derart übergossen, daß es wie unter einer rothen Maske verschwand. Erkennen ließ sich nur soviel, daß das Haar grau war.

– Der Mann hat mir das Leben gerettet, hob Gauvain wieder an; weiß Keiner, wer er ist?

– Dieser Mann, Kommandant, sagte ein Soldat, ist eben erst in die Stadt hereingeritten, von Pontorson her; ich habe ihn kommen sehen.

Der Regimentsarzt war mit seinem Verbandzeug herbeigeeilt, untersuchte den noch immer Bewußtlosen und erklärte: Nur eine Schramme, hat nichts zu bedeuten, wird einfach wieder zusammengenäht. In acht Tagen geheilt; aber ein schöner Schmiß.

Der Verwundete trug einen Mantel, eine dreifarbige Schärpe, Pistolen und einen Säbel. Er wurde auf eine Tragbahre gelegt und halb entkleidet. Der Arzt, dem man einen Eimer Wasser gebracht hatte, wusch ihm das Blut vom Gesicht, dessen Züge allmälig sichtbar wurden.

– Hat er Papiere bei sich? fragte Gauvain, der den Fremden mit gespanntester Aufmerksamkeit betrachtete

Der Arzt betastete den Rock des Mannes und zog aus der Brusttasche ein Portefeuille hervor, das er Gauvain überreichte. Mittlerweile brachte die Berührung mit dem kalten Wasser den Verwundeten nach und nach zur Besinnung, und seine Augenlider geriethen in ein leises Zucken. Beim Durchsuchen der Brieftasche fand Gauvain ein zusammengelegtes Blatt Papier, das er entfaltete: »Wohlfahrtsausschuß. Der Bürger Cimourdain ….« Als er die Worte gelesen, that er einen Schrei: – Cimourdain! Bei diesem Schrei schlug der Verwundete die Augen auf. Gauvain war außer sich: – Sie sind es, Cimourdain! Zum zweiten Male verdanke ich Ihnen mein Leben.

Cimourdain sah ihn an und ein unbeschreibliches Freudenblitzen verklärte sein blutendes Gesicht. Gauvain fiel auf die Knie nieder und rief:

– Mein Lehrer!

– Dein Vater, sprach Cimourdain.

V.

Der Tropfen kalten Wassers.

Lange Jahre waren es her, daß sie einander nicht mehr gesehen, aber ihre Herzen hatten einander nie verloren und sie fanden sich wieder zusammen, als hätten sie sich erst am Abend zuvor getrennt. Im Rathhaus von Dol hatte man in aller Eile ein Lazareth eingerichtet und Cimourdam wurde auf einem Bett in ein Zimmerchen gebracht, das an den großen allgemeinen Krankensaal stieß. Der Arzt, der die Schramme zugenäht hatte, setzte den Herzensergüssen der Beiden ein Ziel, indem er es für nothwendig erklärte, Cimourdain ausschlafen zu lassen. Uebrigens mußte auch Gauvain tausenderlei Dingen nachgehen, welche die Vorsicht dem Sieger zur Pflicht macht. Cimourdain blieb allein, aber er schlummerte nicht; ihn schüttelte ein zwiefaches Fieber, das Wundfieber und das Fieber der Freude. Er schlummerte nicht, und doch konnte er sich kaum einreden, daß er ja wache. War’s denn auch möglich, daß sein Traum zur Wirklichkeit geworden? Cimourdain gehörte zu den Leuten, die sich keinen Treffer zutrauen und nun hatte er ihn doch gezogen. Gauvain, das Kind, das er hatte verlassen müssen, fand er jetzt wieder, fand ihn herangereift zum Mann, groß dastehend, gefürchtet und tapfer; siegreich hatte er ihn wiedergefunden, und siegreich in der Sache des Volkes. Gauvain war die Stütze der Revolution in der Vendée und er, Cimourdain, hatte der Republik diesen Strebepfeiler errichtet. Der Triumphator war sein Schüler und was er aus diesem jugendlichen Antlitz strahlen sah, dem vielleicht dereinst die Ehren des Pantheon zutheil werden sollten, war ja sein, Cimourdains, Gedanke; sein Jünger, der Sohn seines Geistes, bereits ein Held, konnte demnächst eine Ruhmessäule der Republik werden. Es war Cimourdain, als grüße ihn, zum Genius verklärt, seine eigene Seele; hatte er doch mit eigenen Augen gesehen, wie Gauvain Krieg führte. Ihm war zu Muthe wie dem alten Chiron, als er Achilleus kämpfen sah; – eine geheimnißvolle Uebereinstimmung zwischen dem Priester und dem Kentauren, denn auch der Priester ist nur zur Hälfte Mensch. Alle Wechselfälle dieses Abenteuers wirkten mit dem fiebernden Brennen seiner Wunde zusammen, um Cimourdain in eine gewisse mystische Verzückung zu versetzen. Ein junges Geschick ging in Sonnenherrlichkeit auf und er, der Glückselige, durfte es lenken; nur noch ein einziger Erfolg wie der heutige, und ein bloßes Wort von Cimourdain bewog die Republik, eine ihrer Armeen Gauvain anzuvertrauen. Nichts blendet mehr als das Staunen darüber, daß Alles gelungen ist. In jener Zeit trug sich Jeder mit seinem militärischen Traum; Jeder wollte einen General emporbringen, Danton Westermann, Marat Rossignol, Hébert Ronsin; nur Robespierre wollte keinen aufkommen lassen. Warum also nicht auch Gauvain? dachte Cimourdain, in Zukunftspläne vertieft; vor ihm eröffnete sich ein unermeßliches Feld; er baute Hypothese auf Hypothese; alle Hindernisse schwanden. Wer einmal auf diese Leiter den Fuß gesetzt hat, der hält nicht mehr inne, der steigt ins Unendliche und versteigt sich nach und nach vom Menschen bis hinauf zum Stern. Ein großer General bricht blos seinen Heeren, ein großer Kriegsheld bricht zugleich auch seinen Ideen Bahn. Cimourdain träumte sich Gauvain als Kriegshelden; schon sah er ihn, denn Träume haben Siebenmeilenflügel, auf dem Ozean die Engländer verjagen, am Rhein die Könige des Ostens züchtigen, auf den Pyrenäen die Spanier zurückwerfen, von den Alpen herab Rom zur Freiheit wachrufen. Die zwei Menschen, die in Cimourdain wohnten, der zärtliche wie der düstere, waren beide zufrieden, denn das Ideal, die Unerbittlichkeit, blieb ja gewahrt: Gauvain verbreitete nicht allein Strahlen; er verbreitete auch Schrecken. Cimourdain faßte zunächst immer das ins Auge, was vor dem Aufbau niedergerissen werden mußte, und glaubte nicht, daß die Stunde der hinschmelzenden Rührung schon gekommen sei. Er dachte sich Gauvain, wie das damalige Schlagwort hieß, »auf der Höhe der Situation«, den Dämon der Nacht zertretend, im Panzer des Lichts, mit einem Leuchten der Herrlichkeit auf der Stirn, die idealen Schwingen der Gerechtigkeit und der voranstrebenden Vernunft ausbreitend und ein feuriges Schwert schwingend – Engel, aber Engel des Gerichts.

Mitten in dieser Träumerei, die an die Extase grenzte, hörte er durch die zugelehnte Thür im nebenanliegenden großen Lazarethsaal sprechen und erkannte die Stimme Gauvain’s; sie hatte ihm, der langen Trennung zum Trotz, fortwährend im Herzen fortgeklungen und in der Stimme des Mannes läßt sich etwas wiederfinden von der Stimme des Kindes. Er lauschte. Man hörte auch Schritte.

– Kommandant, sagte ein Soldat, das hier ist der Mann, der auf Sie geschossen hat; während Alles um den Reiter beschäftigt war, verkroch er sich in einen Keller. Dort haben wir ihn entdeckt, und hier ist er. Und nun vernahm Cimourdain folgendes Zwiegespräch zwischen Gauvain und dem Bauern:

– Du bist verwundet.

– Bin aber noch kräftig genug, um füsilirt zu werden.

– Bringt den Mann in ein Bett; er soll verbunden und geheilt werden.

– Sterben will ich.

– Du wirst leben: im Namen des Königs hast Du mich umbringen wollen; im Namen der Republik sei begnadigt.

Ueber Cimourdain’s Stirn fuhr ein Schatten. Ihm war, als sei er plötzlich aus dem Schlaf aufgeschreckt worden und mit einer gewissen düstern Niedergeschlagenheit murmelte er vor sich hin:

– Kein Zweifel; er hat ein mürbes Gemüth.

VI.

In geheilter Brust ein blutend Herz.

Eine Schramme heilt rasch wieder zu; weit schwerer als Cimourdain war sonst Jemand verwundet worden, nämlich das angeschossene Weib, das Tellmarch der Bettler bei der großen Blutlache von Herbe-en-Pail aufgelesen hatte. Michelle Fléchard war damals noch schlimmer dran, als Tellmarch zuerst geglaubt: außer dem Schuß über der Brust saß noch ein Schuß im Schulterblatt; während ihr die eine Kugel das Schlüsselbein gebrochen hatte, war ihr eine zweite von hinten in die Achsel gefahren. Da die Lunge jedoch unversehrt geblieben, konnte die Genesung zu Stande kommen. Tellmarch war, wie die Bauern sagen, »ein Philosoph«, das heißt zum Drittel Arzt, zum Drittel Chirurg und zum Drittel Zauberer. Er behandelte die Kranke in seiner Höhle, auf dem Lager von Seegras, mit jenen geheimnißvollen Kräutersäften, aus denen die Leute auf dem Land ihre sogenannten Hausmittel bereiten, und unter seiner Pflege blieb sie am Leben. Das Schlüsselbein wuchs wieder zusammen; die Löcher über der Brust und in der Schulter heilten zu und nach einigen Wochen war die Verwundete auf dem Wege vollständiger Besserung, so daß sie eines Morgens, auf Tellmarch gestützt, die Höhle verlassen und sich unter den Bäumen in die Sonne hinsetzen konnte. Tellmarch war über ihre näheren Verhältnisse so ziemlich im Unklaren; Brustwunden erheischen anhaltendes Schweigen und während des halben Deliriums, das der Wiederherstellung vorangegangen war, hatte die Frau nur wenige Worte gesprochen, denn sowie sie reden wollte, wehrte Tellmarch es ihr; aber sie hing einer hartnäckigen Träumerei nach und ihr Blick verrieth ein inneres Hin- und Herwälzen von herzbeklemmenden Gedanken.

Jetzt fühlte sie sich bei Kraft und konnte beinahe ohne Stütze gehen. Eine gelungene Kur gewährt dem Arzt eine väterliche Befriedigung: stillglücklich betrachtete Tellmarch seine Patientin; der gute alte Mann lächelte sie an: – Nun, nun, jetzt wären wir ja wieder munter und Alles ist vernarbt.

– Bis auf das Herz, antwortete das Weib und setzte dann hinzu: Ihr wißt also gar nicht, wo sie sind?

– Wer? fragte Tellmarch.

– Meine Kinder.

In diesem Wörtchen »also« lag eine ganze Welt von Gedanken; dieses Wörtchen sagte: »Weil Ihr mir nicht von ihnen sprecht, weil Ihr nun schon so manchen Tag um mich seid, ohne ihrer auch nur zu erwähnen, weil Ihr mir Schweigen gebietet, so oft ich den Mund aufthue, weil Ihr zu befürchten scheint, daß ich die Frage an Euch richte, so könnt Ihr mir eben keinen Aufschluß geben.«

Im Fieber, in der Aufwallung, im Delirium, hatte sie häufig nach ihren Kindern gerufen und wohl bemerkt, denn auch das Delirium hat sein Fassungsvermögen, daß der alte Mann ihr darauf keine Antwort gab. Und was hätte Tellmarch ihr auch mittheilen sollen? Es ist kein Leichtes, einer Mutter von ihren verschwundenen Kindern zu sprechen, und was wußte er denn eigentlich? Nichts, als daß ein Weib niedergeschossen worden war, daß er dieses Weib am Boden liegend gefunden, daß es, als er es zu sich nahm, sozusagen eine Leiche war, daß diese Leiche drei Kinder hatte und daß der Marquis von Lantenac, nachdem er die Mutter niederschießen ließ, die Kleinen mit fortgenommen. Mehr hatte er ja nicht erfahren. Was war aus den Kindern geworden? Waren sie überhaupt am Leben? Nur soviel hatte er ermitteln können, daß es zwei Knaben waren und ein kaum entwöhntes kleines Mädchen; sonst nichts. Er richtete betreffs der bejammernswerthen Kleinen an sich selber eine Menge Fragen, die er nicht beantworten konnte. Aus den Leuten, die er um Auskunft gebeten hatte, war nichts herauszubringen gewesen als ein Kopfschütteln. Herr von Lantenac war ein Mann, von dem Niemand gerne sprach. Und nicht nur sprach man nicht gern von Lantenac, sondern man sprach auch nicht gern mit Tellmarch. Die Bauern haben ihr absonderliches Mißtrauen. Sie fühlten sich von ihm abgestoßen; Tellmarch der Caimand war für sie eine unheimliche Erscheinung; warum starrte er immer in den Himmel hinauf? Was that er und was machte er sich für Gedanken, wenn er stundenlang so unbeweglich dastand? Dahinter mußte etwas stecken. In dieser Gegend voller Krieg, die sich in flammendem Aufruhr verzehrte, wo Jedermann nur einem Geschäft, der Zerstörung, einer Arbeit, dem Gemetzel, nachging, wo man in gegenseitigem Wettstreit Häuser in Brand steckte, Familien hinschlachtete, Wachtposten niederhieb und Dörfer plünderte, wo alles Sinnen und Trachten darauf hinauslief, sich in einen Hinterhalt zu legen, den Feind in eine Falle zu locken und sich beiderseits umzubringen, hatte er entschieden etwas Beunruhigendes an sich, jener in den Anblick der Natur versenkte, gewissermaßen im unendlichen Frieden der außermenschlichen Dinge untergegangene Einsiedler, der seine Gräser und Kräuter pflückte und sich lediglich mit Blumen, Waldvögelchen und Sternen abgab; er war offenbar nicht bei Verstand; er kroch ja mit keiner Flinte hinter den Hecken und schoß auf Niemand; deshalb betrachtete man ihn mit einem dumpfängstlichen Gefühl. »Der Mann ist verrückt«, sagten die, die an ihm vorbeigingen; Tellmarch war mehr als einsam: er war gemieden. Man redete ihn nicht an, antwortete ihm nur selten, und so war es ihm denn nicht möglich geworden, alle gewünschten Erkundigungen einzuziehen. Der Kampf hatte sich weitergewälzt; man hatte den Kriegsschauplatz gewechselt; der Marquis von Lantenac war hinter dem Horizont verschwunden und das Wüthen des Hasses mußte ein Mensch wie Tellmarch, wenn er es beachten sollte, auf seinem Nacken fühlen.

Bei der Aeußerung »meine Kinder« hatte Tellmarch zu lächeln aufgehört und die Mutter nachzugrübeln begonnen. Was ging in ihrer Seele vor? Sie war wie gefangen in einem Abgrund. Plötzlich schaute das Weib zu Tellmarch auf und rief abermals, fast im Ton des Zornes: – Meine Kinder!

Tellmarch senkte das Haupt wie Einer, der sich schuldig weiß; er dachte an jenen Marquis von Lantenac, welcher seiner gewiß nicht dachte, ja längst wohl vergessen hatte, daß ein Tellmarch existirte. Das sah er auch ein und sagte zu sich selber: Ein vornehmer Herr, der kennt Einen, so lange die Gefahr währt; nachher ist’s aus mit der Bekanntschaft. Aber, warum, fragte er sich, warum hast Du den vornehmen Herrn gerettet? Weil es ein Mensch ist, gab er sich zur Antwort und verweilte eine Zeitlang bei dem Gedanken; dann fragte er weiter: Ist das auch so gewiß? und schloß mit seinem bittern Ausspruch von damals: Hätte ich ahnen können! …

Das ganze Abenteuer mit dem Marquis drückte ihn nieder, denn aus seiner That blickte ihn etwas Räthselhaftes an, das wehmüthige Betrachtungen in ihm wachrief: eine gute Handlung konnte also auch eine böse Handlung sein; wer den Wolf rettet, tödtet die Lämmer; wer die Schwinge des Geiers heilt, wird verantwortlich für die Klauen.

Er warf sich wirklich eine Schuld vor und gab dem unbewußten Zorn der Mutter Recht. Daß er diese gerettet hatte, ließ ihn zwar die Rettung des Marquis wieder verschmerzen; aber die Kinder?

Auch die Frau brütete noch immer vor sich hin. Beider Gedanken hielten Schritt mit einander und mochten sich wohl, wenn auch ohne Worte, im Halbdunkel der Träumerei verschmelzen. Jetzt richtete die Mutter den umnachteten Blick wieder auf Tellmarch: – So kann es doch nicht ausgehen, sagte sie. – Still, flüsterte Tellmarch und legte den Finger auf den Mund. Sie jedoch fuhr fort: – Es war nicht recht von Euch, mich ins Leben zurückzurufen und ich verarg es Euch. Lieber wäre ich todt; dann könnte ich sie wenigstens sehen und wüßte, wo sie sind, und wenn auch sie mich nicht sehen würden, so wäre ich doch um sie; so etwas wie eine Todte, das darf gewiß über die Seinen wachen.

Tellmarch streckte die Hand aus und griff ihr nach dem Puls: – Beruhigt Euch; Ihr redet Euch ja ins Fieber.

– Wann werde ich fort können? fragte sie; fast mit barscher Stimme.

– Fort? – Ja, in die Welt hinaus.

– Nie, wenn Ihr nicht vernünftig seid; wollt Ihr aber brav sein, schon morgen.

– Was heißt Ihr brav sein? – Dem lieben Gott vertrauen. – Gott! was hat er mit meinen Kindern angefangen?

Sie war wie von Sinnen: – Ihr begreift doch, setzte sie hinzu, und ihre Stimme klang plötzlich sehr weich, daß ich so nicht weiterleben kann. Ihr habt keine Kinder gehabt, aber ich. Das ist doch ein Unterschied. Man kann sich keinen Begriff von einer Sache machen, wenn man nicht weiß, was es ist. Ihr habt nie Kinder gehabt, nicht wahr?

– Nein, antwortete Tellmarch.

– Und ich habe sonst nichts gehabt als Kinder. Was wäre ich denn ohne meine Kinder? Es soll mir Einer nur erklären, warum ich meine Kinder nicht bei mir habe. Eben weil ich’s nicht verstehe, merke ich, daß etwas vorgeht. Sie haben mir meinen Mann umgebracht, haben auf mich geschossen; aber ich versteh’s einmal nicht.

– Da packt Euch schon Euer Fieber wieder. Seid doch nur still. Sie sah ihn an und verstummte. Von diesem Augenblick sprach sie nicht mehr. Sie wurde gehorsamer, als es Tellmarch lieb war. Stundenlang konnte sie beim alten Baum kauern, und vor sich hinstarren, brütend und schweigend. Im Schweigen finden die einfachen Gemüther, wenn sie sich in einen Schmerz vertieft haben, eine Art Zuflucht. Sie schien es aufzugeben, ihre Lage zu begreifen. Ueber ein gewisses Maß hinaus ist dem Verzweifelnden die Verzweiflung nicht mehr faßbar. Tellmarch betrachtete sie voller Rührung. Beim Anblick dieses Jammers verfiel der alte Mann in die Denkweise eines Weibes: Ach ja, sagte er zu sich selber, mit den Lippen spricht sie nicht; sie spricht aber mit den Augen; ich sehe schon, was ihr fehlt; sie hat blos ein einziges Gefühl: Mutter gewesen zu sein und es nicht mehr zu sein, einen Säugling gestillt zu haben und ihn nicht mehr stillen zu können. Sie kann’s nicht verwinden. Sie denkt an das ganz Kleine, dem sie noch vor Kurzem die Brust reichte. Daran denkt und denkt sie immer und immer. Und es muß ja auch so überaus lieblich sein, zu fühlen, wie ein kleiner rother Mund Einem die Seele aus dem Leib trinkt und sich ein eigenes Leben saugt aus dem Leben der Mutter.

Auch er schwieg jetzt, denn dieser Zerknirschung gegenüber leuchtete ihm die Ohnmacht der menschlichen Sprache ein. Eine stumme fixe Idee ist etwas Schreckliches. Und wie wäre der fixen Idee einer Mutter beizukommen? Aus der Mutterempfindung giebt es keinen Ausweg; mit ihr läßt sich nicht rechten. In dieser vernunftlosen Verbortheit liegt gerade das Erhabene an einer Mutter. Die Mutterliebe ist das Göttliche im Thierischen. Eine Mutter ist nicht mehr das Weib; sie ist das Weibchen und die Kinder sind ihre Jungen. Daher ein Etwas, welches zugleich unter und über dem logischen Denken steht, ein sechster Sinn. In der Mutter webt das unendliche, geheimnißvolle Wollen der Schöpfung, eine Blindheit voll Erkenntnißahnen. Jetzt bemühte sich Tellmarch, die Unglückliche wieder zum Reden zu bringen, leider umsonst.

– Es ist ein Elend, sagte er eines Tags zu ihr, daß ich alt bin und nicht mehr gehen kann. Ich bin beim Ende meiner Kraft früher angelangt als beim Ende meines Wegs. Schon nach einer Viertelstunde versagen die Beine mir den Dienst und ich muß ausruhen. Sonst könnte ich Euch begleiten. Doch wer weiß? vielleicht ist es doch gut so; ich würde Euch eher Gefahr als Nutzen bringen. Hier duldet man mich, aber den Blauen bin ich als Bauer verdächtig und den Bauern als Hexenmeister.

Er wartete auf eine Antwort. Sie schaute nicht einmal auf. Eine fixe Idee führt zum Wahnsinn oder zum Heldenthum. Doch zu welchem Heldenthum kann ein armes Bauernweib sich versteigen? Zu keinem; es kann Mutter sein, weiter nichts. So versank sie denn, unter Tellmarchs Augen, täglich tiefer in ihre Träumerei. Er versuchte nun, sie zu beschäftigen, brachte ihr Faden, Nadel- und Fingerhut und, zur Freude des armen Bettlers, fing sie wirklich zu nähen an; sie war zwar stets noch verträumt, aber doch fleißig, immerhin ein Zeichen von Gesundheit. Ihre Kräfte nahmen sichtlich zu. Sie stickte ihre Wäsche, ihre Kleider, ihre Schuhe, doch ihr Auge blieb verglast. Mitten unter der Arbeit sang sie mit halber Stimme verworrene Liederweisen vor sich hin und murmelte Namen, wahrscheinlich Kindernamen, aber so undeutlich, daß Tellmarch sie nicht verstand. Zuweilen hielt sie inne, um die Vögel zu belauschen, als ob sie von ihnen etwas erfahren könnte. Auch nach dem Wetter schaute sie. Ihre Lippen bewegten sich und leise sprach sie mit sich selber. Sie nähte sich einen Sack und füllte ihn mit Kastanien. Eines Morgens machte sie sich auf, den Blick aufs Geradewohl vor sich hingerichtet in den tiefen Wald.

– Wo wollt Ihr hin, fragte Tellmarch?

– Sie suchen, erwiderte sie.

Tellmarch ließ sie ohne jegliche Vorstellung ziehen.

VII.

Die beiden Pole des Wahren.

Nach einigen Wochen, reich an allen Abwechselungen des Bürgerkriegs, wurde in der Gegend von Fougères nur noch von zwei Männern gesprochen, die, trotz ihrer gründlichen Charakterverschiedenheit, ein gemeinsames Ziel verfolgten, das heißt neben einander die große revolutionäre Schlacht ausfochten. Der Zweikampf in der Vendée dauerte fort; nur verlor die Vendée von ihrem Terrain. Im Departement Ille-et-Vilaine namentlich war es dem jungen Kommandanten, der in Dol zu so gerathener Zeit die Kühnheit der sechstausend Royalisten mit der Kühnheit der fünfzehnhundert Patrioten übertrumpft hatte, gelungen, den Aufstand wenn nicht zu ersticken, so doch bedeutend zu schwächen und einzudämmen. Auf diesen Handstreich waren seitdem noch ein paar ähnliche gefolgt und durch dies Kriegsglück wurde eine neue Situation geschaffen.

Die Lage hatte eine andere Gestalt angenommen, aber zu gleicher Zeit war eine eigenthümliche Verwickelung eingetreten. Daß in diesem Theil der Vendée die Republik die Oberhand hatte, darüber war kein Zweifel möglich, doch was für eine Republik? Mitten im aufkeimenden Triumph standen einander zwei Verkörperungen der Republik gegenüber, die Republik des Schreckens und die Republik der Milde; die eine wollte durch Einschüchterung, die andere durch Großmuth siegen. Welche sollte Recht behalten? Beide Systeme waren durch zwei Männer von besonderem Einfluß und Ansehen vertreten, durch einen Militärchef und einen Civilbevollmächtigten. Welchem von den Zweien gehörte die Zukunft? Der Eine, der Civilbevollmächtigte, stützte sich, um seine Anschauung durchzusetzen, auf manchen gebieterischen Rückhalt: auf die drohende Parole des Pariser Stadtraths, die er den Bataillonen von Santerre zu überbringen hatte: »Keine Gnade, keinen Pardon!« ferner auf die Verordnung des Konvents, die über Jeden Todesstrafe verhängte, »der einem gefangenen Rebellenführer die Freiheit schenken oder zur Flucht verhelfen würde«, ferner auf die ihm vom Wohlfahrtsausschuß übertragene unumschränkte Gewalt und endlich auf eine Bekräftigung seiner Vollmacht durch Robespierre, Danton und Marat. Der Andere, der Soldat, konnte sich nur auf die Kraft berufen auf das Mitleid. Er hatte nichts als seinen Arm, der die Feinde schlug, und sein Herz, das sich ihrer erbarmte. Als Sieger beanspruchte er das Recht, die Besiegten zu schonen. Daher eine Verborgene aber tiefgehende Spaltung zwischen diesen Männern, die von zwei verschiedenen Wolken herab im Kampf mit der Rebellion ihren besonderen Donnerkeil schleuderten, der Eine den Sieg, der Andere den Schrecken.

Im ganzen Bocage war nur von ihnen die Rede und allenthalben richtete man den Blick mit um so größerer Spannung auf sie, als die zwei so schroff einander Gegenüberstehenden, hiervon abgesehen, auf’s Innigste verbunden waren. Nie hatten sich zwei Seelen in edlerer und wärmerer Zuneigung zu einander hingezogen gefühlt; trug doch der Hartherzige eine Narbe auf der Stirn, die davon erzählte, daß er dem Weichmüthigen das Leben gerettet hatte. Aus dem Einen starrte der Tod; aus dem Andern strömte das Leben; aus dem Einen sprach der Grimm, aus dem Andern die Versöhnung, und – seltenes Räthsel! – sie liebten einander dennoch. Man denke sich einen barmherzigen Orest und einen unerbittlichen Pylades, oder denke sich Ahriman als den Bruder von Ormuzd. Bemerken wir übrigens noch, daß derjenige, den wir den Hartherzigen genannt haben, zugleich der aufopferndste Mensch der Welt war, daß er die Verwundeten verband, die Kranken pflegte, Tag und Nacht in Lazarethen und Spitälern wachte, daß ihn ein barfüßiges Bettelkind im Tiefsten rühren konnte, daß er nichts besaß, weil er den Armen Alles gab. Wo man sich schlug, war er dabei; an der Spitze der Kolonnen drang er ins dichteste Schlachtgewühl vor, bewaffnet, denn er trug ja einen Säbel und im Gürtel zwei Pistolen, und wehrlos, denn noch nie hatte man ihn den Säbel ziehen oder die Pistolen abfeuern sehen. Er trotzte jedem Hieb, ohne ihn zu erwidern. Er sei eben Priester gewesen, sagte man. Zwischen den Menschen Gauvain und Cimourdain waltete Freundschaft, aber ihre Anschauungsweisen stießen einander feindlich ab. Sie glichen den beiden Hälften einer entzwei geschnittenen Seele; es war, als habe Cimourdain seinen zarten Theil, den hellen Strahl, dem Schüler abgetreten und für sich behalten, was man den dunkeln Strahl nennen möchte. Darin lag eine schlummernde Dissonanz, ein dumpfer Widerstreit, der früher oder später einen Anprall herbeiführen mußte. So brach denn auch eines Morgens der offene Kampf aus. Cimourdain sagte zu Gauvain:

– Wie weit wären wir jetzt eigentlich?

– Das wissen Sie so gut wie ich, antwortete Gauvain. Ich habe Lantenac’s Banden zerstreut.

Mit den paar Mann, die er noch bei sich hat, kommt er aus dem Wald von Fougères nicht mehr heraus. In acht Tagen ist er umzingelt.

– Und in vierzehn Tagen?

– Gefangen.

– Und dann?

– Sie haben mein Plakat ja gelesen?

– Ja, also dann?

– Dann wird er erschossen.

– Immer wieder diese Milde. Guillotinirt muß er werden.

– Ich, sagte Gauvain, bin für den Soldatentod.

– Und ich, entgegnete Cimourdain, bin für die revolutionäre Hinrichtung.

Er schaute Gauvain scharf zwischen die Augen und fragte:

– Warum hast Du jene Klosterfrauen von Saint-Marc-le-Blanc auf freien Fuß setzen lassen?

– Ich führe nicht Krieg gegen Frauen, erwiderte Gauvain.

– Jene Frauen hassen das Volk und im Hassen wiegt ein Weib zehn Männer auf. Warum hast Du Dich geweigert, jenes ganze Rudel von fanatischen alten Priestern, das in Louvigné gefangen ward, vors revolutionäre Schwurgericht zu verweisen?

– Ich führe nicht Krieg gegen Greise.

– Ein alter Priester ist schlimmer als ein junger und um so gefährlicher die Rebellion, wenn man sie predigt mit weißem Haar, denn so eine runzelige Stirn imponirt den Menschen. Nur kein falsches Mitleid, Gauvain. Von den Königsmördern geht die Befreiung aus. Laß mir den Thurm le Temple nicht aus dem Auge.

– Den Thurm le Temple! Aufschließen würde ich ihn dem gefangenen Dauphin: ich führe nicht Krieg gegen Kinder.

– Wisse, Gauvain, sagte Cimourdain mit strafendem Blick, daß Krieg geführt werden soll auch gegen das Weib, wenn es Marie-Antoinette, auch gegen den Greis, wenn er Pius VI., auch gegen das Kind, wenn es Louis Capet heißt.

– Lieber Lehrer, ich bin kein politischer Kopf.

– Ein gefährlicher Kopf zu sein, davor hüte Dich. Beim Angriff auf den Wachtposten von Cossé, als der Rebell Jean Treton, in die Enge getrieben, mit dem gewissen Tod vor Augen, sich, den Säbel in der Faust, allein, auf Deine ganze Kolonne warf, warum hast Du gerufen: »Oeffnet die Reihen, laßt ihn durch?«

– Weil man nicht zu Fünfzehnhundert zusammensteht, um einen Einzelnen umzubringen.

– Und in la Cailleterie d’Astillé, als Deine Soldaten sich anschickten, den verwundet am Boden hinkriechenden Joseph Bézier niederzumachen, warum hast Du da gerufen: »Vorwärts Marsch! Laßt das meine Sache sein«, und hast Dein Pistol dann in die Luft abgefeuert?

– Weil man Keinen umbringt, der am Boden liegt.

– Und hast doch wieder Unrecht gehabt, denn zur Stunde führt Jeder von Beiden eine Bande an; aus Joseph Bézier ist Moustache geworden und aus Jean Treton Jambe-d’Argent. Durch die Rettung jener zwei Männer hast Du die Feinde der Republik um zwei vermehrt.

– Mein Streben aber war und ist, ihr Freunde zu werben, anstatt ihre Feinde zu verbittern.

– Warum hast Du nach dem Sieg von Landéau Deine dreihundert Gefangenen nicht erschießen lassen?

– Weil Bonchamp zuvor die gefangenen Republikaner geschont hatte und nicht gesagt werden sollte, die Republik sei minder hochherzig als ein Royalist.

– So würdest Du also auch Lantenac, wenn er in Deine Hände fiele, am Leben lassen?

– Nein.

– Warum denn nicht, da Du die dreihundert Bauern am Leben gelassen hast?

– Die Bauern sind blinde Werkzeuge; Lantenac hingegen weiß, was er thut.

– Aber mit Lantenac bist Du verwandt.

– Ich bin verwandt mit Frankreich.

– Lantenac ist ein Greis.

– Lantenac ist ein Fremder. Lantenac hat kein Alter. Lantenac ruft die Engländer herein. Lantenac ist die Invasion. Lantenac ist der Feind des Vaterlands und der Zweikampf zwischen ihm und mir kann nur mit seinem Tod enden oder mit dem meinen.

– Gauvain, diese Worte grabe in Dein Gedächtniß.

– Das sind sie schon.

Es entstand eine Pause; Beide schauten einander an.

– Blutroth wird sie in der Geschichte stehen, diese Jahreszahl 93, bemerkte Gauvain.

– Sei auf der Hut vor Dir selber, rief Cimourdain. Die furchtbaren Pflichten sind Wirklichkeiten. Klage nicht an, was nicht angeklagt werden kann. Seit wann trägt der Arzt die Schuld an der Erkrankung? Freilich ist es die Unerbittlichkeit, welche diesem Ungeheuern Jahr den Stempel aufdrückt. Und warum? Weil es das große Revolutionsjahr ist. Dies Jahr, in dem wir leben, ist die Verkörperung der Revolution. Die Revolution hat einen Feind, die alte Welt, und für den kennt sie kein Erbarmen, gerade wie der Wundarzt einen Feind hat, den Krebs, und für den auch kein Erbarmen kennt. Die Revolution schneidet das Königthum aus in der Person des Königs, den Adel in der Person des Adeligen, die Willkürherrschaft in der Person des Söldlings, den Aberglauben in der Person des Priesters, die Barbarei in der Person des Richters, mit einem Wort alle Tyrannei in der Person derer Aller, welche der Tyrann sind. Die Operation ist gräßlich; mit sicherer Hand führt die Revolution sie zu Ende, und was das gesunde Fleisch betrifft, das mit ausgeschnitten wird, frage nur einmal bei einem Boerhave an, wie er darüber denkt. Welches Geschwür läßt sich entfernen ohne Blutverlust? Welcher Stadtbrand läßt sich löschen, ohne daß man ihm ein paar Häuser erst aufopfert? Gerade diese schrecklichen Nothwendigkeiten sind die Grundbedingungen des Erfolgs. Ein Wundarzt hat immer eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Fleischer, und wer da heilt, läuft immer Gefahr, für Einen gehalten zu werden, welcher hinrichtet. So giebt sich die Revolution opfermuthig zu dem Schicksalswerk her und verstümmelt, um zu retten. Und Ihr, Ihr ruft sie um Gnade an für die Fäulniß? verlangt Nachsicht von ihr für den Giftstoff? Aber sie hört nicht auf Euch. Sie hält die Vergangenheit unter dem Messer und wird ihr den Rest geben. Sie schneidet unserer Kultur eine klaffende Wunde, aus welcher die Gesundheit des ganzen Menschengeschlechts hervorblühen wird. Ihr leidet darunter? Freilich; doch auf wie lang? Nur bis die Operation überstanden sein wird, und dann sollt Ihr leben. Die Revolution amputirt der Welt ein paar Glieder, und den Blutabfluß nennen wir das Jahr 93.

– Der Chirurg bleibt kalt, sagte Gauvain, und die Männer von heute sind voller Leidenschaft.

– Die Revolution, entgegnete Cimourdain, braucht wilde Gehilfen. Sie weist jede Hand zurück, die ins Zittern geräth, und vertraut sich nur den Unerbittlichen an. Danton ist der Furchtbare; Robespierre ist der Unbeugsame; Saint-Just ist der Unabwetzbare; Marat ist der Unversöhnliche. Nimm Dich in Acht, Gauvain. Diese Namen sind Notwendigkeiten, sind ebensoviel Armeen und vor ihnen wird die europäische Koalition zurückbeben.

– Die Nachwelt vielleicht auch, sagte Gauvain und fuhr dann nach kurzem Schweigen fort: Sie irren sich übrigens, mein lieber Lehrer, wenn Sie glauben, daß ich Jemand anklage. Für mich läßt sich die Revolution nur von einem Standpunkt aus beurtheilen, von dem der Unverantwortlichkeit und ohne allen Schuldbegriff. Ludwig XVI. ist ein Lamm unter Löwen. Er will fliehen, sucht Rettung, möchte sich vertheidigen, würde beißen, wenn er nur könnte, aber Löwe kann nicht Jeder sein; es blos sein zu wollen, gilt für ein Verbrechen. Das zornentbrannte Lamm zeigt die Zähne. Seht den Verräther! sagen die Löwen und sie zerreißen es. Und dann, dann bekriegen sie einander selbst. – Ein Lamm ist ein Thier. – Und ein Löwe, was ist der?

Dieser Einwurf gab Cimourdain zu denken.

– Jene Löwen, sagte er, das Haupt wieder erhebend, jene Löwen sind ebensoviele Gewissen, ebensoviele Ideen, ebensoviele Prinzipien.

– Sie führen die Schreckenszeit herauf.

– Die vollbrachte Revolution wird die Rechtfertigung der Schreckenszeit sein. Sorgen Sie dafür, daß die Schreckenszeit nicht die Verleumdung der Revolution werden möge. Und Gauvain fuhr fort: Freiheit, Gleichheit, Verbrüderung, das sind doch Grundsätze des Friedens und Herzenseinklangs; warum also ihnen eine abschreckende Gestalt geben? Was wollen wir denn? Die Völker für die Weltrepublik gewinnen. Flößen wir ihnen also vor Allem keine Furcht ein. Wozu die Einschüchterung? Gerade so wenig wie die Vögel fühlen sich die Menschen zu einem vor ihnen aufgerichteten Schreckbild hingezogen. Man soll nicht um des Guten willen Böses thun. Man stürzt einen Thron nicht, um ein Schaffot stehen zu lassen. Den Königen Tod, aber für die Völker Leben! Reißen wir die Kronen herab, nicht die Köpfe! Die Revolution ist die Eintracht, nicht das Entsetzen, und zur Verbreitung milder Anschauungen taugen keine nachsichtlosen Männer. In der ganzen menschlichen Sprache ist das Wort Aussöhnung für mich das Schönste. Blut will ich nur da vergießen, wo ich mein eigenes in die Schanze schlage. Indem kann ich nichts Anderes und bin weiter nichts als ein Soldat. Wenn jedoch nicht verziehen werden darf, verlohnt sich’s kaum mehr, zu siegen. Seien wir darum nur während der Schlacht die Feinde unserer Feinde, dann aber ihre Brüder!

– Zum dritten Mal warne ich Dich, sagte Cimourdain. Du, Gauvain, bist mir mehr als ein Sohn; darum laß Dich warnen! Und in Gedanken versunken, fügte er noch hinzu: In unsern Zeiten ähnelt das Mitleid möglicherweise dem Verrath.

Der Meinungsaustausch dieser zwei Männer aber ähnelte einem Zwiegespräch zwischen dem Degen und der Axt.

VIII.

Dolorosa.

0207

Unterdessen suchte die Mutter ihre Kleinen.

Sie wanderte, wanderte. Wie sie lebte? Es läßt sich schwer sagen; sie selber wußte es kaum. Tage und Nächte lang war sie unterwegs; sie bettelte; sie stillte ihren Hunger mit dem Gras des Feldes, schlief auf der harten Erde oder im Gestrüpp, unter freiem Himmel, oft unter den Sternen, oft auch unter Regen und Sturm. Sie erkundigte sich von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof, auf den Thürschwellen, in Fetzen, hier aufgenommen, dort weitergejagt. Wenn sie in den Häusern nicht geduldet wurde, ging sie ins Gehölz. Die Gegend war ihr unbekannt; unbekannt war ihr überhaupt Alles außer Siscoignard und der Gemeinde von Azé. Planlos streifte sie umher, fand sich oft an der Stelle wieder, die sie kurz zuvor verlassen hatte, und legte den unnütz gemachten Weg zwei Mal zurück, bald auf Steinen, bald in den Geleisen der Karren, bald auf Waldpfaden. Ihre elenden Kleider fielen ihr auf der Irrfahrt vom Leib. Erst ging sie in ihren Schuhen, dann barfuß, zuletzt auf blutenden Sohlen. Sie lief mitten durch den Krieg, zwischen den Flintenschüssen einher, ohne zu hören, ohne zu sehen, ohne auszuweichen, immer nach ihren Kindern. Alles war in Aufruhr; es gab weder Gensdarmen mehr, noch Bürgermeister, noch Gemeindebehörden, sie war lediglich auf die zufällig Vorübergehenden angewiesen; die redete sie denn an: Habt Ihr irgendwo drei kleine Kinder gesehen? fragte sie. Die Vorübergehenden schauten. Zwei Knaben und ein Mädchen, fuhr sie fort; René Jean, Gros-Alain, Georgette? Ist Euch so was nicht vorgekommen? Der Aelteste, setzte sie hinzu, ist vier und ein halbes Jahr alt, die Kleine zwanzig Monate. Wißt Ihr vielleicht, wo sie sind? fragte sie weiter; weggenommen hat man sie mir.

0239

Die Kinder wachten auf.

Aber man schaute sie an, und dabei blieb es. Da sie merkte, daß man sie nicht verstand, erklärte sie: Die Kinder gehören eben mir; so verhält es sich.

Und wenn die Leute weitergingen, blickte sie ihnen schweigend nach und riß sich den Busen mit den Nägeln wund. Ein Tages jedoch hörte ihr ein Bauer zu und schien sich auf etwas zu besinnen. Ja, was wäre denn das? meinte der gute Mann. Drei Kinder, sagt Ihr?

– Drei Kinder.

– Zwei Knaben?

– Und ein Mädchen.

– Das also sucht Ihr?

– Ja.

– Ich habe von einem großen Herrn gehört, der drei Kinder mit fortgenommen und bei sich hatte.

– Wo ist der Herr? rief sie. Wo sind sie. – Geht einmal nach La Tourgue. – Und dort werde ich meine Kinder wiederfinden?

– Allem Anschein nach, ja.

– Wohin sagtet Ihr?

– Nach La Tourgue.

– Was ist das, La Tourgue?

– Eine Gegend halt.

– Ein Dorf oder ein Schloß oder ein Gehöft?

– Dortgewesen bin ich nie.

– Habe ich weit dorthin?

– Nahe ist’s nicht.

– Wozugegen?

– Gegen Fougères zu.

– Wie kann ich hinkommen?

– Ihr seid zu Vantortes, sagte der Bauer, müßt also Ernée links und Coxelles rechts liegen lassen und geradeaus dorthin, wo die Sonne untergeht, fuhr er fort und deutete mit dem Arm nach Westen; erst über Lorchamp und nachher über Leroux.

Während der Bauer noch hindeutete, hatte sie sich schon auf den Weg gemacht. – Aber paßt auf, rief er ihr nach; dort drüben schlägt man sich.

Sie gab keine Antwort und eilte, ohne auch nur umzuschauen, in der gegebenen Richtung voran.

IX.

1.

La Tourgue.

0223

Der Wanderer, der von Laignelet nach Parigne durch den Wald von Fougères ging, wurde, noch vor vierzig Jahren, am Saume des wilden Dickichts angelangt, durch eine düstere Begegnung überrascht. Beim Heraustreten aus dem Wald stand er plötzlich La Tourgue gegenüber, oder vielmehr der geborstenen, zerschossenen, durchlöcherten, verstümmelten Leiche von La Tourgue. Die Ruine verhält sich zum Gebäude wie das Gespenst zum Menschen. Man konnte nichts Unheimlicheres sehen als den hohen, runden, wie einen Verbrecher einsam am Waldrand lauernden Thurm La Tourgue. Diesen Thurm, der auf einem senkrechten Felsen emporragte, hätte man für einen Römerbau halten können, denn in ihren regelmäßigen, mächtigen Dimensionen legte Einem die gewaltige Steinmasse zugleich mit dem Begriff des Verfalls den Begriff der Dauerhaftigkeit nahe. Einigermaßen römisch war sogar der Thurm auch, denn er war romanisch; im neunten Jahrhundert entstanden, war er im zwölften Jahrhundert, nach dem dritten Kreuzzug, vollendet worden; für dies Alter zeugten die rechtwinkeligen Vorsprünge an den Kämpfern der Thür- und Fensteröffnungen. Wenn man näher trat, die Höhe erklomm und sich durch eine Bresche wagte, die man jetzt gewahrte, war man drinnen, und drinnen war Alles leer. Man denke sich in etwas wie eine kolossale, aufrechtstehende, steinerne Trompete hinein; von unten bis hinauf kein Hemmniß für den Blick, weder Decken noch Fußböden mehr, nur hin und wieder Gewölbe- und Kaminunterlagen, und in verschiedener Höhe Lücken für das Querholz, granitene Mauerkränze mit Balkenträgern und noch einige, die Lage der Stockwerke andeutende, von den dort hausenden Nachtvögeln verunreinigte Balken; sonst nichts als die riesige, am Boden fünfzehn und an der Spitze zwölf Fuß dicke Mauer mit Löchern, die einst Thüren gewesen und durch welche man die im Innern dieser Mauer aufsteigenden dunkeln Treppen halb errathen, halb wahrnehmen konnte. Der Wanderer, der am Abend bis hierher vordrang, hörte das Geschrei der Eulen, der Windfänger, der Ziegenmelker und Schildreiher, und sah Dornsträucher, Steine, Reptilien zu seinen Füßen, zu Häupten aber, durch eine schwarze Rundung, welche die Thurmspitze war und der Oeffnung eines ungeheuern Brunnens glich, die Sterne. In der Gegend war von Alters her das Gerücht verbreitet, daß in den oberen Stockwerken des Thurms geheime Thüren seien, große Steine, die, wie die Pforten an den jüdischen Königsgräbern, auf einem Zapfen ruhend, durch Drehen geöffnet wurden, und die, wieder zugemacht, in der Mauerfläche verschwanden, – eine architektonische Mode, welche, wie auch der Spitzbogen, in Folge der Kreuzzüge dem Orient entlehnt worden. Geschlossen, waren diese Thüren für den nicht Eingeweihten unmöglich zu finden, so täuschend sahen sie allen übrigen Steinen der Mauer ähnlich. Solche Pforten kommen heutigen Tages noch in den geheimnißvollen Ortschaften des Libanon vor, welche vom Erdbeben der zwölf Städte unter Tiberius verschont geblieben sind.

2.

0228

Die Bresche.

Die Bresche, durch die man in die Ruine trat, rührte von einer Mine her, welche den vollen Beifall eines mit Errard, Sadi und Pagan vertrauten Kenners verdient hätte. Die pfaffenmützenförmige Pulverkammer stand zum Objekt, das sie sprengen sollte, in richtigem Verhältniß und mußte mindestens ihre zwei Centner Pulver enthalten haben. Sie befand sich am Ende eines geschlängelten Ganges, der ja dem geraden immer vorzuziehen ist. Das Springen der Mine hatte im zerrissenen Gemäuer die Bahn der Pulverwurst blosgelegt, welche den erforderten Durchmesser eines Hühnereis aufwies, und dem Thurm eine tiefe Wunde beigebracht, durch welche die Belagerer jedenfalls eindringen konnten. Daß dieser Thurm zu allen möglichen Zeiten solche regelmäßige Belagerungen hatte aushalten müssen, zeigten die je nach ihrem Alter verschiedenartigen Verletzungen, mit denen er über und über bedeckt war; jedes Geschoß hinterläßt seine charakteristische Spur, und dem Thurm hatte auch Jegliches seine Siegel aufgedrückt, von den steinernen Kugeln des vierzehnten bis zu den eisernen des achtzehnten Jahrhunderts.

Gegenüber der Bresche, durch die man in den Raum trat, der früher das Parterre gewesen, öffnete sich in der Thurmmauer das Pförtchen, durch welches man zu einer in den Felsen gehauenen Krypte hinunterstieg, welche sich zwischen dem Fundament des Gebäudes bis unter das Erdgeschoß ausdehnte. Diese zu drei Vierteln bereits verschüttete Krypte hat der Alterthumsforscher von Bernau, Herr August Le Prevost, im Jahr 1855 säubern lassen.

3.

Das Burgverließ

0229

Das eigentliche Burgverließ des Schlosses La Tourgue.

Die Krypte war das Burgverließ, das unter dem Hauptthurm keines Schlosses fehlen durfte; sie war, wie viele unterirdischen Kerker aus derselben Zeit, zweistöckig. Den ersten Stock, in den man durch das Pförtchen gelangte, bildete ein ziemlich geräumiges Gewölbe, das an den ebenerdigen Saal grenzte. An den Seitenwänden dieser Kammer bemerkte man gegenüberliegend je eine senkrechte Furche; beide Furchen liefen längs der Decke mit tiefem Einschnitt geleiseförmig in einander. Geleise waren es auch, denn sie waren durch zwei Räder gegraben worden. Früher, zur Zeit der Feudalherrschaft, wurde in dieser Kammer die Viertheilung vollzogen, und zwar in einfacherer Weise als vermittelst der vier Pferde. Auf jeder Seite stand nämlich, die Speichen der Wand zukehrend, ein Rad, welches so stark und groß war, daß es sowohl Wand wie Decke berührte. An jedes Rad wurde ein Arm und ein Bein des armen Sünders befestigt; dann wurden die Räder in entgegengesetzter Richtung gedreht und der Mann in Folge dessen mitten entzweigerissen. Da dies nur mit bedeutendem Kraftaufwand geschehen konnte, hatten die Räder die Wände durchfurcht. Ein ähnliches Gewölbe findet man in Vianden heute noch.

Unter dieser Kammer lag eine zweite, das eigentliche Burgverließ. Es führte in dieselbe keine Thür, sondern ein Loch; der arme Sünder wurde, nachdem man ihn entkleidet hatte, an einem unter seinen Achselhöhlen festgebundenen Seil durch eine in der Mitte des steinernen Fußbodens der oberen Kammer angebrachte Oeffnung hinuntergelassen. Wenn er beharrlich weiterlebte, warf man ihm auf gleichem Weg seine Nahrung herab. Solch ein Loch ist jetzt noch in Bouillon zu sehen. Durch dies Loch zog ein Luftstrom aufwärts. Die tiefere Kammer, welche unter dem ebenerdigen Saale lag, war mehr ein Brunnen als eine Kammer; sie stand stellenweise voller Wasser und war von einem eisigen Windhauch durchweht. Dieser Windhauch, unter dem der untere Gefangene erstarrte, war eine Lebensbedingung für den Darüberwohnenden; er ermöglichte dem unter seinem Gewölbe im Finstern Herumtastenden das Atmen, denn nur durch dieses Zugloch wurde ihm Luft zugeführt. Wer übrigens in das Verließ hinab gelassen ward oder hinunterfiel, kam nie wieder heraus. Vor einem solchen Hinabfallen musste sich der Bewohner des ersten Kerkers wohl in Acht nehmen, denn es bedurfte nur eines Fehltritts, und der arme Sünder von oben musste unten zu Grunde gehen; dass ihm dies nicht widerfuhr, dafür hatte er eben zu sorgen. War ihm sein Leben lieb, so war das Loch für ihn eine Gefahr; war er hingegen des Lebens überdrüssig, so war es ihm ein Befreier. Das obere Stockwerk war das Gefängnis, das untere das Grab, eine Abstufung, die ein Abbild darbietet der damaligen Kulturzustände.

Von außen gewahrte man über der Bresche, durch die allein man vor vierzig Jahren in das Innere des Turms gelangte, eine Öffnung, welche breiter war als die anderen Schießscharten und an der ein zum Teil losgekittetes eingeschlagenes Gitterwerk aus Eisen herunter hing.

4.

Das Brückenschlösschen.

0231

Die Hinrichtung der Charlotte Corday

Der Tod Marat´s.

An der der Bresche entgegengesetzten Turmseite schloss sich, auf drei fast noch unversehrten Pfeilern ruhend, eine steinerne Brücke an, auf welcher ein Gebäude gestanden hatte, von dem nur noch die Trümmer vorhanden waren, das offenbar durch eine Feuersbrunst geschwärzte und angefressene Gebälk, eine Art Knochengerüst, durch welches die Sonne schien, und das sich neben dem Thurm erhob wie ein Skelett neben einem Phantom.

Nunmehr ist die Ruine ganz niedergerissen worden und keine Spur mehr davon übrig geblieben. Oft kann ein Bäuerlein in einem Tag abtragen, was manche Könige durch Jahrhunderte hindurch aufgebaut.

Der Name La Tourgue ist die volkstümliche Abkürzung von La Tour-Gauvain, ebenso wie »La Jupelle« eine Abkürzung von La Jupellière ist und der Name des Bandenführers »Pinson-le-Tort« das abgekürzte Pinson-le-Tortu.

La Tourgue, welches vor vierzig Jahren eine Ruine war und jetzt nur eine Erinnerung ist, war im Jahr 1793 noch eine Festung. Es war die alte Burg Derer von Gauvain, die Hochmacht am westlichen Eingang des Waldes von Fougères, der heutigen Tages ebenfalls kaum mehr ein Gehölz ist. Die Zitadelle war auf einen jener unzähligen großen Schieferblöcke gebaut, die zwischen Mayenne und Dinan auf den Haiden und im Dickicht zerstreut liegen, als hätten kämpfende Titanen damit herumgeworfen. Der Thurm war die ganze Festung; darunter der Fels, und unten am Felsen einer jener Bäche, die im Januar schäumend vorbeiströmen und im Juni versiegen. Diese überaus einfach angelegte Veste war im Mittelalter so gut wie unbezwingbar gewesen. Jetzt war ihre Widerstandsfähigkeit durch die Brücke beeinträchtigt. Diese Brücke war neueren Datums. So lange die von Gauvain Vikomte’s waren, hatte ihnen einer jener schwanken Stege genügt, die sich mit ein paar Beilhieben beseitigen lassen, als sie aber Marquis geworden und ihren Horst mit dem Hof vertauschten, bauten sie drei Pfeiler in das Bett des Baches und machten ihre Burg von der Ebene her zugänglich, wie sie selber zugänglich geworden waren für die Gunstbezeugungen des Königs. Die Marquis des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts gaben wenig mehr auf uneinnehmbare Schlösser; anstatt wie früher in die Fußtapfen ihrer Ahnen zu treten, kopierten sie jetzt Versailles.

Dem Thurm gegenüber, nach Westen zu, lag ein ziemlich hohes Plateau, das sich verlorenerweise an das Flachland anschloß; dieses Plateau stieß beinahe an den Felsen des Thurmes und war von ihm nur durch die tiefe Schlucht getrennt, in welcher der Bach dahinfloß, um in den Couesnon zu münden. Die Brücke, welche die Festung mit dem Plateau verband, ruhte, wie gesagt, auf Pfeilern, und auf diesen Pfeilern wurde, wie zu Chenouceaux, im Stile Mansards ein Gebäude aufgeführt, welches wohnlicher war als der Thurm; da sich jedoch die Sitten damals nur unmerklich gemildert hatten, hausten die Burgherren nach altem Brauch vorzugsweise noch in den kerkerähnlichen Räumen ihres Thurmes. Was das Schlößchen auf der Brücke betrifft, so enthielt es ein langes Hochparterre, das man den Saal der Garden nannte, und durch welches man aus- und einging, darüber eine Bibliothek und über dieser den Dachboden. Lange Fenster mit kleinen Rundscheiben von böhmischem Glas; zwischen den Fenstern Pilaster; steinerne Médallíons in den Mauern; drei Stockwerke; im unteren Partisanen und Musketen, im mittleren Bücher und im oberen Säcke voll Hafer: das Ganze war etwas romantisch und sehr vornehm.

Der Thurm nebenan war bedrohlich. Seiner ganzen unheimlichen Höhe nach beherrschte er den koketten Anbau, und von seiner Plattform aus konnte man die Brücke zerschmettern. Die beiden Wohnstätten, die steilragende und die niedlich schwebende, stießen eher wider als an einander; der Stil der einen widersprach dem Stil der anderen. Wenn es auch den Anschein hat, als müßten zwei Halbkreise identisch sein, so steht doch dem romanischen Rundbogen nichts schroffer gegenüber als eine klassische Bogenverzierung. Jener Thurm, der nur in den Wald paßte, war für diese Brücke, die nach Versailles gepaßt hätte, eine sonderbare Nachbarschaft. Man denke sich einmal Alain den Krummbart Arm in Arm mit Ludwig XIV. Die Zusammenstellung war abschreckend und es lag ein gewisses peinlich gewaltsames Etwas in der Aneinanderkoppelung so unverträglicher Vorzüge.

Vom militärischen Standpunkt aus war, wir wiederholen es, die Brücke dem Thurm äußerst gefährlich; durch sie verziert und entwaffnet, gewann er einen Schmuck und verlor dafür von seiner Stärke, denn durch die Brücke war er jetzt an das Plateau festgeschmiedet; von der Waldseite her noch immer unüberwindlich, war er nach der Ebene zu nunmehr verwundbar und wurde von dem Plateau, das früher er beherrschte, selber beherrscht. Wie leicht konnte sich von dort aus ein Feind der Brücke bemächtigen! Bibliothek und Dachboden kamen dem Belagerer als Bundesgenossen gegen den Vertheidiger zustatten. Eine Bibliothek hat mit einem Dachboden das gemein, daß sowohl Bücher wie Stroh Zündstoff sind. Dem Belagerer, dem die Feuersbrunst zugut kommt, gilt es gleich, ob ein Homer oder ein Bündel Stroh brennt, wenn überhaupt nur etwas brennt; dafür liefern französischerseits Heidelberg und deutscherseits Straßburg den Beweis. Demnach war der Anbau der Brücke ein strategischer Fehler; aber im siebzehnten Jahrhundert, unter Colbert und Louvois, ließen sich die Fürsten Gauvain, ebensowenig wie die Fürsten von Rohan oder von La Trémoille, träumen, daß sie jemals noch belagert werden dürften. Dennoch hatte der Architekt einige Vorsichtsmaßregeln getroffen. Erstens war für den Fall einer Feuersbrunst vorgesorgt worden: unter den drei Fenstern des Schlößchens bachabwärts hing querüber an Haken, welche vor einem halben Jahrhundert noch zu sehen waren, eine starke Rettungsleiter, deren Länge der Höhe des unteren und mittleren Stockwerks, also der Höhe von drei gewöhnlichen Stockwerken, entsprach. Zweitens war auch gesorgt für den Fall eines Angriffs: die Brücke war vom Thurm durch eine schwere, niedrige, gewölbte Thür von Eisen getrennt, deren großer Schlüssel sich in einem dem Schloßherrn allein bekannten Versteck befand und die, einmal zugesperrt, des Sturmbocks spotten, ja vielleicht wohl auch den Kanonen Trotz bieten konnte. Zu dieser Thür führte nur die Brücke und in den Thurm nur diese Thür. Einen anderen Eingang gab es nicht.

5. Nummer

Die eiserne Thür.

Die mittlere Etage des auf den ragenden Pfeilern ruhenden Brückenschlößchens entsprach dem zweiten Stock des Thurmes, und in dieser Höhe war, der größeren Sicherheit halber, die eiserne Thür angebracht worden. Gegen die Brücke zu führte sie in die Bibliothek und gegen den Thurm zu in einen großen gewölbten Saal mit einer Säule in der Mitte; dieser Saal bildete, wie wir bereits wissen, das zweite Stockwerk des Thurmes und war deshalb rund; seine Beleuchtung erhielt er durch lange Schießscharten, die auf die Ebene hinausgingen. Die rohe Mauer trug keinerlei Verzierung und zeigte, übrigens symmetrisch sauber aneinandergereiht, ihre nackten Steine. Zu dem Saal führte eine in der Mauer aufsteigende Wendeltreppe, was bei einer Mauer von fünfzehn Fuß Tiefe nichts Absonderliches war. Im Mittelalter eroberte man eine Stadt Straße für Straße, eine Straße Haus für Haus, ein Haus Zimmer für Zimmer. Bei einer Festung mußte ein Stockwerk nach dem anderen belagert werden, und in dieser Hinsicht war La Tourgue vortrefflich eingerichtet; es setzte einem im Innern weiter dringenden Feind große Schwierigkeiten und Hindernisse entgegen. Die Treppen, durch welche die verschiedenen Stockwerke mit einander in Verbindung standen, waren, abgesehen von ihren Windungen, auch noch sehr steil und die schrägen Thüren so niedrig, dass man sich bücken mußte, um durchzukommen; mit vorgebeugtem Kopf eintreten müssen, hieß aber so viel wie mit zerschmettertem Kopf hereinfallen, denn hinter jeder Thür lauerte der Belagerte dem Belagerer auf.

Unter diesem runden Saal mit dem Pfeiler lagen zwei ähnliche Räume, einer im ersten Stock und einer im Erdgeschoß; darüber noch volle drei Etagen, und über den sechs aufeinander stehenden Gemächern war der Thurm durch einen steinernen Deckel geschlossen, welcher die Plattform bildete und auf den man durch ein enges Schauthürmchen emporstieg.

Die fünfzehn Fuß dicke Mauer, durch die man die Öffnung hatte brechen müssen, in welche man die eiserne Thür angebracht, schloss diese in eine lange Wölbung ein, so dass sich, wenn sie zu war, vor und hinter ihr, sowohl nach dem Saal wie nach der Brücke zu je eine Vorhalle von sieben bis acht Schuh Tiefe befand; stand hingegen die Pforte offen, so bildeten die beiden Vorhallen ein einziges doppelt so langes Thorgewölbe.

Unter der Vorhalle an der Brückenseite öffnete sich im Innern der Mauer das niedrige Pförtchen einer fliegenden Treppe, die in den unter der Bibliothek gelegenen Durchgang hinabführte; daraus erwuchs dem Belagerer wieder eine Schwierigkeit. Das Schlößchen auf der Brücke kehrte da, wo diese in geringer Entfernung vom Plateau mit dem dritten Pfeiler abschloß, dem Feind eine senkrechte Mauer zu, die nur durch eine niedere Thür durchbrochen war; von dieser Thür aus wurde vermittelst einer Zugbrücke, die wegen der Höhe des Plateaus nur in schiefer Lage herabgelassen werden konnte, die Verbindung zwischen jenem Plateau und dem langen Durchgang, den man den Saal der Garden nannte, hergestellt. Hatte sich der Angreifende dieses Durchgangs bemächtigt, so mußte er, um zur eisernen Thür zu gelangen, sich erst auf der fliegenden Brücke zum zweiten Stockwerk Bahn brechen.

6.

Die Bibliothek

Die Bibliothek war ein schmales Viereck von gleicher Länge und Breite wie die Brücke und hatte keinen andern Ein- und Ausgang als die eiserne Pforte. Eine grünausgefütterte blinde Thür mit einem Gewicht fiel, wenn man ihr von innen einen Stoß gab, zu und verdeckte die Wölbung, welche in den Thurm führte. An der Wand des Bibliothekzimmers nahmen die ganze Höhe vom Fußboden bis zur Decke Glasschränke ein im geschmackvollen Möbelstil des siebzehnten Jahrhunderts. Sechs große Fenster, drei zu jeder Seite und zwei über jedem Pfeiler der Brücke, erhellten den Raum. Zwischen diesen Fenstern, durch die man vom Plateau aus hereinschauen konnte, standen auf Postamenten von geschnitztem Eichenholz sechs Marmorbüsten: Hermolaus von Byzanz, Athenäus, der Grammatiker aus Naukratis, Suidas, Casaubonus, Klodwig, König von Frankreich und sein Kanzler Anachalus, der, nebenbei bemerkt, gerade so wenig Kanzler wie Klodwig König von Frankreich gewesen. Die Glasschränke enthielten gleichgültige Bücher. Ein einziges nur brachte es zu einer gewissen Berühmtheit: es war dies ein alter Quartband mit Kupfern, auf dessen Titelblatt in großen Lettern »Bartholomäus« gedruckt war und darunter als zweiter Titel: »Das Evangelium Bartholomäi mit einer Vorrede des christlichen Philosophen Pantaeni, worinnen untersucht wird, ob dieses Evangelium für unecht erklärt werden soll und ob der heilige Bartholomäus und Nathanael nicht eine und dieselbe Person sind«. Dieses Buch, welches für ein Unikum galt, lag mitten im Zimmer auf einem Pult auf und wurde im vorigen Jahrhundert als Merkwürdigkeit besichtigt.

7.

Der Dachboden

Der Dachboden hatte, wie die Bibliothek, die länglich viereckigen Dimensionen der Brücke und lag unmittelbar unter dem rohen Sparrenwerk des Dachstuhls; es war eine große von sechs kleinen Fenstern erhellte Mansarde voller Heu und Stroh, ohne jede weitere Verzierung als an der Thür einen ins Holz geschnitzten heiligen Barnabas mit dem lateinischen Vers: »Barnabus sanctus falcem juvat ire per herbam«.

Ein hoher, dicker, sechsstöckiger, hin und wieder mit Schießscharten durchbrochener Thurm, in welchem und aus welchem einzig und allein eine eiserne Thür führte, die auf ein vermittelst einer Zugbrücke abgesperrtes Brückenschlößchen hinausging; hinter dem Thurm, zwischen ihm und dem Plateau, eine tiefe, enge, mit Gesträuch bewachsene Schlucht, im Winter ein Strom, im Frühling ein Bach, im Sommer eine steinige Grube: das also war La Tour-Gauvain, genannt La Tourgue.

X.

Die Geisel.

Die letzten Julitage waren bereits dahin; im August strich über Frankreich ein wildheroischer Sturmhauch einher; zwei blutige Schatten waren am Horizont vorbeigefahren, Marat mit einem Messer im Herzen und die enthauptete Charlotte Corday: immer furchtbarer wurden die Zeiten. Die Vendée, im großen Krieg überwunden, nahm wieder zu dem kleinen und, wie schon bemerkt, entsetzlichem ihre Zuflucht, zu einer ungeheuern durch die Wälder auseinandergewürfelten Schlacht. Die Niederlagen der großen sogenannten katholisch-königlichen Armee hatten bereits begonnen; laut Verordnung des Konvents marschirten die Regimenter von Mainz in die Vendée ein; Ancenis hatte den Ausständigen achttausend Mann gekostet; von Nantes zurückgeschlagen, aus ihrer Stellung von Montaigu vertrieben, verdrängt aus Thouars, aus Noirmoutier verjagt, zurückgeworfen aus Chollet, aus Mortagne und aus Saumur, räumten sie Parthenay, gaben Clisson auf, verließen Chatillon, verloren eine Fahne bei Saint-Hilaire, wurden bei Pornic besiegt, besiegt bei les Sables, bei Fontenay, bei Doué, bei Château-d’Eau, bei Ponts-de-Cé, erlitten bei Luçon eine Schlappe, bei La Chataigneraye einen Rückstoß, bei La Roche-sur-Yon eine Niederlage; einerseits aber bedrohten sie La Rochelle und anderseits wartete eine englische Flotte unter Admiral Craig nur auf ein Zeichen des Marquis von Lantenac, um einige britische Regimenter und die tüchtigsten Offiziere der französischen Marine an die Küste zu setzen. Diese Landung konnte der royalistischen Empörung wieder zum Sieg verhelfen. Pitt war übrigens ein politischer Missethäter. In der Staatskunst ist auch der Verrath vertreten, wie bei den Wandtrophäen der Dolch. Pitt erdolchte das Land des Gegners und verrieth sein eigenes, denn sein Vaterland entehren, heißt es verrathen. Unter und durch Pitt’s Regierung verlegte sich England auf die punische Arglist, spionirte, log und betrog; ihm war, vom Mord bis zur Münzfälschung, kein Mittel zu schlecht, und in seinem Haß stieg es bis zur Kleinlichkeit herab. Es ließ den Talg aufkaufen, der damals fünf Francs das Pfund kostete; einem Engländer wurde zu Lille ein Schreiben von Prigent, dem Agenten Pitt’s in der Vendée, abgenommen, worin wortwörtlich gesagt war: »Ich bitte Sie, den Geldpunkt nicht zu berücksichtigen. Dagegen hoffen wir, daß die Attentate auf Personen mit der nöthigen Klugheit ausgeführt werden mögen; hierfür empfehlen sich vor Allen die verkappten Priester und die Weiber. Schicken Sie sechzigtausend Livres nach Rouen und fünfzigtausend nach Caen«. Dieser Brief wurde am 1. August durch Barrère im Konvent vorgelesen. Auf diese Nichtswürdigkeiten antworteten die Unthaten von Parrein und später die Greuel von Carrier. Die Republikaner von Metz und die aus dem Süden verlangten, gegen die Rebellen ausmarschiren zu dürfen. Der Konvent verordnete die Errichtung von vierundzwanzig Pionierkompagnien, um im Bocage die Zäune und Einfassungen in Brand zu stecken. In dieser unerhörten Krisis erlosch der Krieg an einer Stelle, nur um an einer anderen zu entbrennen. Keine Gnade! Keine Gefangenen! lautete beider Parteien Losung und eine furchtbare Verfinsterung brach herein über das Land.

In diesem Monat August wurde la Torgue belagert. Eines Abends – gerade gingen in der friedlich sommerlichen Dämmerung die Sterne auf; im Wald regte sich kein Blättchen und kein Grashalm erschauerte in der Ebene –, da tönte von den Zinnen des Thurms durch das Schweigen der sinkenden Nacht ein Hornstoß, dem von unten her ein Trompetenstoß antwortete. Auf der Plattform des Thurms befand sich ein bewaffneter Wächter und unten, in der Dunkelheit, ein Feldlager. Man gewahrte um La Tour-Gauvain im Finstern ein undeutliches Gewimmel von schwarzen Gestalten, und dieses Gewimmel war ein Bivouak. Hier und da begannen unter den Bäumen des Waldes und zwischen dem Haidekraut des Plateaus einige Wachfeuer die Schatten der Nacht aufflackernd zu durchbrechen, als wolle die Erde ihre Sterne leuchten lassen wie der Himmel, die düstern Sterne des Kriegs. Das Lager, welches sich vom Plateau aus bis in die Ebene erstreckte und nach dem Walde zu sich im Dickicht verlor, ließ seiner Ausdehnung nach auf eine große Truppenmasse schließen und hielt die Festung so eng blokirt, daß es auf der Thurmseite bis an den Felsen und auf der Brückenseite bis an die Schlucht reichte.

Zum zweiten Male ertönte das Horn und zum zweiten Male die Trompete; Rede und Gegenrede; der Thurm fragte: Kann man Euch sprechen? und das Lager antwortete mit: Ja. Die Vendéer wurden damals vom Konvent nicht als kriegführende Partei angesehen, und da in Folge dessen gesetzlich verboten war, mit den »Banditen« durch Parlamentäre zu verhandeln, suchte man, so gut es sich eben thun ließ, einen Ersatz für den Verkehr, welchen das Völkerrecht im internationalen Kampf erlaubt, im Bürgerkrieg jedoch untersagt. So kam es denn noch gerade zu einem gewissen Einverständniß zwischen dem Horn des Bauern und der Trompete des Soldaten. Das erste Signal war nur eine vorläufige Einleitung gewesen; das zweite enthielt die bestimmte Anfrage: Wollt Ihr mich anhören? Schwieg der Trompeter, so hieß das Nein, blies er aber, so hieß es Ja, und die Feindseligkeiten wurden auf ein paar Minuten eingestellt.

Da das zweite Zeichen erwidert worden war, fing der Mann vom Thurm folgendermaßen zu sprechen an: – Ihr Männer da drunten, ich bin Goug-le-Bruant, genannt Brisebleu, weil ich schon der Euren Viele vertilgt habe, und auch der Imânus geheißen, weil ich noch mehr der Euren umbringen werde, als ich bis jetzt gethan; mir hat ein Säbelhieb beim Sturm auf Granville einen Finger vom Flintenlauf abgehackt, und zu Laval habt Ihr mir meinen Vater, meine Mutter und meine Schwester Jacqueline, die erst achtzehn Jahre alt war, guillotiniren lassen. Jetzt wißt Ihr, wer ich bin. Und nun rede ich zu Euch im Namen des Herrn Marquis Gauvain von Lantenac, der auch Vikomte von Fontenau, bretonischer Fürst und Herr der sieben Wälder ist, im Namen meines Gebieters. Erfahrt zuerst, daß der Herr Marquis, bevor er sich in diesen Thurm einschloß, in dem Ihr ihn belagert, sechs Anführer zu seinen Stellvertretern gewählt hat, um den Krieg fortzusetzen, Delière für die Gegend zwischen der Straße von Brest und der Straße von Ernée, Treton für die Gegend zwischen La Roë und Laval, Jacquet, auch Taillefer geheißen, für das Grenzland von Ober-Maine, Gaulier, genannt Grand-Pierre, für Château-Gontier, Lekomte für Craon, Herrn Dubois-Gun für Fougères und für die ganze Mayenne Herrn von Rochambeau, so daß mit der Einnahme dieser Festung für Euch noch nichts gewonnen ist und daß, selbst wenn der Herr Marquis sterben sollte, die Vendée, die für den allmächtigen Gott und Seine Majestät den König kämpft, am Leben bleiben wird. Wenn ich Euch dies Alles sage, so wißt, daß dies nur geschieht, um Euch zu warnen. Mein gnädiger Herr steht hier oben, an meiner Seite. Ich bin der Mund, durch den er zu Euch spricht; darum hört schweigend zu. Ihr Männer, die Ihr uns belagert! Von Wichtigkeit ist, daß Ihr vernehmt, was ich Euch jetzt sagen werde: Vergeßt nicht, daß der Krieg, den Ihr gegen uns führt, kein gerechter Krieg ist. Wir wohnen hier in unserer Heimath und kämpfen einen ehrlichen Kampf und leben einfachen und reinen Sinnes unter der Allmacht Gottes wie das Gras unter dem Thau. Die Republik aber hat uns angegriffen; sie ist herübergekommen zu uns und hat uns in unserem Frieden gestört, hat uns die Häuser und die Ernten niedergebrannt, unsere Meierhöfe zusammengeschossen und unsere Weiber und Kinder barfuß waldeinwärts gejagt, während die Grasmücke noch ihre Winterweisen sang. Ihr, die Ihr dort unten steht und mich hört, Ihr habt uns bis in den Busch gehetzt und haltet uns hier in diesem Thurm eingeschlossen; Diejenigen, welche zu uns gestoßen waren, habt Ihr getödtet oder zersprengt; ihr führt Kanonen mit Euch, habt Eure Kolonne durch die Besatzungen und Wachtposten von Mortain, von Barenton, von Teilleul, von Landivy, von Evran, Tinténiac und Vitré verstärkt, so daß Ihr uns selbst fünfhalbtaufend angreift und wir uns selbst neunzehn vertheidigen. Wir haben Proviant und Munition. Euch ist gelungen, eine Mine anzulegen und ein Stück von unserem Felsen, sowie ein Stück von unserer Mauer zu sprengen. Es ist dadurch eine Lücke in den untersten Theil des Thurms gebrochen worden, und durch diese Bresche könnt ihr eindringen, obwohl sie nicht unter freiem Himmel liegt und vom Thurm, der immer noch fest und aufrecht dasteht, überwölbt ist. Ihr bereitet Euch nunmehr zum Sturm vor und wir, zuerst der Herr Marquis, der Fürst ist in der Bretagne und weltlicher Prior der Abtei von Sainte-Marie de Lantenac, in der die Königin Johanna eine tägliche Messe gestiftet hat, ferner wir anderen, die wir den Thurm halten, insbesondere der Herr Abbé Turmeau, im Feld Grand-Francoeur genannt, mein Kamerad Guinoiseau der Oberste, des Lagers Camp-Vert, mein Freund Chante-en-Hiver, der Oberste des Lagers von l’Avoine, mein Kamerad La Musette, der Oberste des Lagers von les Fourmis, und ich, ein Bauer aus dem Flecken Daon, wo der Moriandre-Bach durchfließt, wir Alle haben Euch deshalb zuvor noch etwas zu sagen. Hört, Ihr Männer unten am Thurm! Wir haben hier drei Gefangene bei uns, drei Kinder, die von einem Eurer Bataillone angenommen worden und folglich Eure sind. Wir machen uns anheischig, diese Kinder Euch zurückzugeben, unter der einen Bedingung, daß Ihr uns freien Abzug gewährt. Wollt Ihr das nicht, so merkt wohl auf: Angreifen könnt Ihr uns nur auf zweierlei Arten, durch die Bresche vom Wald her oder vom Plateau her über die Brücke. Das Gebäude auf der Brücke hat drei Stockwerke; in das unterste habe ich, der Imânus, der zu Euch spricht, sechs Tonnen voll Theer und hundert Bündel trockenes Haidekraut bringen lassen; das oberste Stockwerk liegt voll Stroh und das mittlere voll von Büchern und Papieren. Die eiserne Thür, welche von der Brücke ins Schloß führt, ist zugesperrt, und der gnädige Herr hat den Schlüssel dazu in der Tasche; unter der Thür habe ich ein Loch durchgebrochen, und durch dieses Loch läuft eine geschwefelte Lunte, deren eines Ende in einem der Theerfässer steckt und deren anderes Ende sich im Innern des Thurmes befindet; ich brauche mich nur danach zu bücken, um es zu der von mir beliebten Stunde anzuzünden. Weigert Ihr uns den Abzug, so werden die drei Kinder in den mittleren Raum der Brücke gesetzt, zwischen das Stockwerk, in das die geschwefelte Lunte ausläuft und wo die Theerfässer liegen, und zwischen dasjenige, das voll Stroh liegt; hierauf wird die eiserne Thür hinter ihnen abgeschlossen. Stürmt Ihr von der Brücke her, so wird das Gebäude durch Euch, stürmt Ihr gegen die Bresche, so wird es durch uns den Flammen übergeben; stürmt Ihr auf beiden Seiten zugleich, so wird es auch zugleich durch Euch und durch uns in Brand gesteckt, und in jedem der drei Fälle gehen die Kinder zu Grunde. Jetzt sagt Ja oder Nein! Wenn Ihr Ja sagt, ziehen wir ab; sagt Ihr Nein, so sterben die Kinder. Jetzt wißt Ihr’s.

Der Mann oben auf dem Thurm schwieg, und von unten rief ihm eine Stimme zu: wir sagen Nein!

Die Stimme klang scharf und herb. Eine zweite, weniger strenge, wenngleich feste Stimme, fügte hinzu: wir lassen Euch vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, Euch auf Gnade oder Ungnade zu ergeben.

Nach einer Pause fuhr die Stimme fort: Wenn Ihr morgen, zu dieser Stunde, die Waffen nicht gestreckt habt, wird Sturm gelaufen.

– Und dann ohne Pardon, schloß die erste, die rauhe Stimme, und ihr ward eine Antwort. Von der Plattform des Thurmes sah man zwischen zwei Zinnen eine hohe Gestalt herunterschauen und konnte beim Sternenlicht die gewaltigen Gesichtszüge des Marquis von Lantenac erkennen, dessen Blick unten in der Dunkelheit Jemand zu suchen schien und der hinabrief:

– Bist Du’s beichtstuhlentlaufener Gesell?

– Ja, Rebell! rief die herbe Stimme zurück.

XI.

Schauderschaft wie der Mythus.

Die scharfe Stimme war Cimourdain’s Stimme und die jugendliche, weniger gebieterische die Stimme Gauvain’s. Also hatte der Marquis von Lantenac den vormaligen Abbé richtig erkannt.

In dieser unter dem Bürgerkrieg blutenden Gegend hatte, wie wir wissen, Cimourdain in wenigen Wochen eine Berühmtheit erlangt, eine entsetzliche Berühmtheit: neben Marat in Paris und Châlier in Lyon nannte man Cimourdain in der Vendée. Er wurde noch eigens gebrandmarkt für all die Hochachtung, die man ihm einst gezollt, für das Priesterkleid, das er nunmehr ausgezogen hatte; man verabscheute ihn. Unglücklich sind die Gestrengen, denn wer ihr Handeln sieht und sie verdammt, würde sie vielleicht freisprechen, wenn er ihnen ins Gewissen schauen könnte; gar leicht läuft ein unverstandener Lykurg Gefahr, für einen Tiber gehalten zu werden. Wie dem auch sei, zwei Männer brachten die Wagschalen des Hasses ins Gleichgewicht: der Marquis von Lantenac und der Abbé Cimourdain. Die Verwünschungen, womit Diesen die Royalisten, und die Flüche, womit Jenen die Republikaner verfolgten, wogen einander auf. Jeder von Beiden galt im gegnerischen Lager für das Ungeheuer, und daraus ergab sich sogar die erwähnenswerthe Thatsache, daß während in Granville Prieur-Marne auf Lantenacs Kopf einen Preis setzte, Charette in Noirmoutier einen Preis setzte auf den Kopf von Cimourdain. Beide, der Marquis wie der Priester, waren in der That auch bis zu einem gewissen Grad identisch mit einander. Die eiserne Janusmaske des Bürgerkriegs kehrt mit gleich tragischem Blick das eine ihrer Gesichter der Vergangenheit und ihr zweites der Gegenwart zu; das erste dieser Gesichter war Lantenac und das andere Cimourdain; nur starrte um Lantenacs verbitterten Mund nächtlicher Schatten, während auf Cimourdains verhärteter Stirn ein Morgenleuchten aufdämmerte.

Das eingeschlossene La Tourgue hatte vierundzwanzig Stunden Ruhe vor sich; so lang dauerte ja die durch Gauvain anberaumte Frist, die so ziemlich einem Waffenstillstand gleichkam. Von den numerischen Verhältnissen der Belagerer war der Imânus offenbar wohl unterrichtet, denn in Folge der Aufgebote Cimourdains cernirte Gauvain La Tourgue wirklich mit viertausendfünfhundert Mann Linientruppen und Nationalgarden und verfügte über zwölf Geschütze, von denen sechs in niedrig liegender Batterie am Waldsaum gegen den Thurm und auf dem Plateau sechs in Hochbatterie gegen die Brücke der Festung gerichtet waren. Auch hatte er die Mine spielen lassen können und dadurch unten am Thurm die Bresche zu Stand gebracht. Nach Verlauf der vierundzwanzigstündigen Frist sollte zwischen den viertausendfünfhundert Mann auf dem Plateau und im Wald und zwischen den neunzehn Mann im Thurm der Kampf sofort beginnen; was die Namen jener Neunzehn betrifft, so lassen sie sich durch die veröffentlichten Listen der in Bann und Acht Erklärten ermitteln, und wir selber werden vielleicht noch in den Fall kommen, Den und Jenen unter ihnen zu erwähnen. Als Kommandirenden von viertausendfünfhundert Mann, also schon einer kleinen Armee, hatte Cimourdain seinen Zögling zum Generaladjutanten avanciren lassen wollen, doch Gauvain hatte das Anerbieten mit der Bemerkung ausgeschlagen: »Warten wir erst einmal ab, bis Lantenac gefangen ist; ich habe noch kein Anrecht auf Auszeichnung«. Es war überhaupt republikanischer Brauch, mit einer bescheidenen Charge ein wichtiges Kommando zu vereinigen. So war später zum Beispiel Bonaparte gleichzeitig Artilleriemajor und Oberbefehlshaber der Armee von Italien.

Das eigenartige Schicksal, demzufolge La Tour Gauvain von einem Gauvain vertheidigt und von einem Gauvain belagert wurde, mischte dem Angriff eine gewisse Zurückhaltung bei, eine Zurückhaltung, die der Gegner keineswegs theilte, denn Herr von Lantenac war der Mann nicht, irgend welche Rücksicht walten zu lassen; auch hatte er ja die meisten Jahre in Versailles verlebt und konnte schon deshalb nichts Individuelles empfinden für das ihm so wenig vertraut gewordene La Tourgue. Er hatte sich lediglich aus Noth hingeflüchtet, und hätte unter Umständen nicht das geringste Bedenken getragen, das Schloß niederzureißen. Pietätvoller hingegen fühlte Gauvain. Der wunde Fleck an der Festung war entschieden die Brücke; doch die Bibliothek über der Brücke enthielt alle Familienurkunden. Wenn nun von dieser Seite gestürmt wurde, so war die Zerstörung der Bibliothek unvermeidlich, und das Familienarchiv verbrennen, das weckte in Gauvain eine Empfindung, als solle er sich an seinen Vätern vergreifen. La Tourgue war die Stammburg seines Geschlechts; bei diesem Thurm ging alles bretonische Besitzthum Derer von Gauvain zu Lehen, wie alles Besitzthum der französischen Krone bei dem Thurm des Louvre; hier knüpften alle Familienerinnerungen an; hier war Gauvain geboren worden, und nun versetzten ihn die verhängnisvollen Verwickelungen des Lebens in die Nothlage, als Mann die ehrwürdigen Mauern anzugreifen, die des Kindes Schutz gewesen. Sollte er die Pietätlosigkeit gegen das Vaterhaus soweit treiben, es in Asche zu legen, seine eigene Wiege vielleicht in Asche zu legen, die wohl noch in einem Winkel des Dachbodens über der Bibliothek stehen mochte? Gewisse Begriffe sind Schauer der Rührung, und Gauvain fühlte sich gerührt angesichts der alten Wohnstätte der Seinen; darum hatte er bis jetzt das Schlößchen geschont und sich darauf beschränkt, durch Aufstellung einer Batterie jeden Ausfall oder Fluchtversuch von der Brücke her unmöglich zu machen; darum hatte er die entgegengesetzte Seite für den Angriff ausersehen und am Fuß des Thurms die Mine graben lassen. Und Cimourdain hatte nicht dreingeredet; zwar warf er sich’s vor, denn seine Strenge runzelte die Stirn beim Anblick all des mittelalterlichen Gerümpels und er wollte mit Gebäuden nicht nachsichtsvoller verfahren als mit Menschen; Nachsicht mit einem Haus war ja schon ein Ansatz zur Milde; die Milde aber war Gauvains schwache Seite, und, wie wir wissen, lag Cimourdain auf der Lauer, um ihn von jedem Schritt aus dieser schiefen Ebene abzuhalten, die er zu betreten für verderblich hielt. Und doch mußte er mit einem gewissen Ingrimm sich selber eingestehen, daß auch er La Tourgue nicht ohne einen heimlichen Herzensschauer wiedergesehen hatte, daß ihn der Anblick jenes Studirzimmers weich machte, welches die ersten Bücher enthielt, die Gauvain mit ihm gelesen. Von seiner Pfarrei Parigné, dem nächstgelegenen Dorf, war er, Cimourdain, auf den Dachboden des Brückenschlößchens umgezogen; in der Bibliothek hatte der kleine Gauvain buchstabirend auf seinen Knien gesessen; zwischen diesen alten vier Wänden war sein vielgeliebter Schüler, der Sohn seiner Seele, unter seinem Vaterauge körperlich herangewachsen und geistig gediehen; und in diese Bibliothek in dieses Schlößchen, in diese Mauern, zwischen welchen er so oft Segen herabgefleht hatte auf das Kind, sollte er den Feuerbrand und die Vernichtung schleudern? Nein, er ließ Gnade walten, aber ihm schlug dabei sein Gewissen. So hatte er denn Gauvain die Belagerungsarbeiten vom Wald her beginnen lassen und ihm stillschweigend gestattet, von La Tourgue statt der gesitteten Seite, dem Schlößchen, die barbarische anzubrechen, den Thurm. Von einem Gauvain angegriffen und von einem Gauvain vertheidigt, wurde die alte Festung, mitten in der französischen Revolution, wieder in ihre gewohnten Feudalzustände zurückversetzt; weist doch die ganze Geschichte jener Zeiten kaum etwas Anderes auf als häusliche Fehden. Gestalten wie Eteokles und Polynikes gehören nicht blos der antiken, sondern auch der mittelalterlichen Welt an, und Hamlet führt in Helsingör einen ähnlichen Todesstoß wie Orestes in Argos.

XII.

Ein Rettungsgedanke.

Auf beiden Seiten wurde die Nacht unter Vorbereitungen durchwacht. Gleich nach der düstern Unterhandlung, die wir mit angehört, war Gauvains erste Sorge gewesen, seinen Unterkommandanten zu sich zu rufen. Guéchamp, den wir schon ein wenig näher betrachten müssen, war eine Natur zweiten Ranges, ehrenfest, unverzagt, von keiner besonderen Bedeutung, ausgezeichnet als Soldat und mittelmäßig als Führer, eine jener Intelligenzen, die gerade bis dahin reichen, wo es ihnen zur Pflicht wird, inne zu halten, ein schroffer, unzugänglicher Mann, der weder sein Gewissen durch niedrige Mittel noch seinen Gerechtigkeitssinn durch Mitleid bestechen ließ. Geist und Herz waren ihm zwischen der Disziplin und der Ordre eingedämmt wie Wagenpferde, die an beiden Augen ein Scheuleder tragen, und bewegten sich im freigebliebenen Raum schnurgerade, aber beschränkt vorwärts. Er war ein durchaus zuverlässiger Offizier, stramm im Ertheilen und pünktlich im Ausführen eines Befehls.

– Guéchamp, eine Leiter her! redete ihn Gauvain lebhaft an.

– Wir haben keine, Kommandant.

– Es muß eine geschaffen werden.

– Eine Sturmleiter?

– Nein, eine Rettungsleiter.

Guéchamp besann sich und erwiderte: Ich verstehe, aber zu dem Zweck müßte sie sehr lang sein.

– Mindestens drei Stock hoch.

0247

Als die Sonne aufging.

– Jawohl, Kommandant, so schätze es beiläufig auch ich.

– Eher noch länger, damit wir unserer Sache ganz gewiß sind.

– Allerdings.

– Wie kommt es denn, daß wir keine Leiter bei der Hand haben?

– Da Sie nicht für gut fanden, vom Plateau aus La Tourgue anzufassen, sondern es auf besagter Seite blos zu blokiren, um vom Wald her anzugreifen, hat man sich ausschließlich mit der Mine beschäftigt und von einer Ersteigung der Brücke abgesehen; deshalb sind keine Leitern gemacht worden.

– Lassen Sie auf der Stelle eine machen.

– Eine drei Stock hohe Leiter läßt sich nicht aus dem Aermel schütteln.

– So lassen Sie einige kürzere aneinander binden.

– Auch die müßten wir erst haben.

– Requiriren Sie welche.

– Verlorene Mühe. In der ganzen Gegend zerstören die Bauern jede Leiter, wie sie auch ihre Karren ruiniren und die Brücken abschneiden.

– Sie wollen die Republik lahm legen, allerdings.

– Weder ein Fuhrwerk sollen wir benutzen können, noch einen Fluß überschreiten, noch eine Mauer erklimmen.

– Und doch ist die Leiter durchaus nöthig.

– Kommandant, da fällt mir gerade der große Zimmerhof zu Iavené bei Fougères ein; dort ist vielleicht eine zu bekommen.

– Wir haben keine Minute zu verlieren.

– Wann müssen Sie die Leiter haben?

– Morgen, spätestens um diese Zeit.

– Ich lasse einen Reiter mit der Ordre hingaloppiren. Der Kavallerieposten, der in Javené liegt, wird die Eskorte abgeben, und morgen, vor Sonnenuntergang, kann die Leiter hier sein.

– Gut, das ist früh genug, sagte Gauvain. Also rasch!

Zehn Minuten darauf kam Guéchamp mit der Meldung zurück: Kommandant, der Bote ist schon unterwegs.

Gauvain stieg nun auf das Plateau und maß lange Zeit das Brückenschlößchen über der Schlucht mit den Augen. Der Giebel des Schlößchens hatte keine andere Oeffnung als den tiefliegenden durch die aufgerichtete Zugbrücke verschlossenen Eingang und stand der jähen Böschung der Schlucht gegenüber. Um vom Plateau aus unten an die Brückenpfeiler zu gelangen, mußte man, was nicht unmöglich war, längs dieser Böschung von Strauch zu Strauch niederklettern, war aber, wenn dies gelungen, allen Kugeln ausgesetzt, die aus den Fenstern der drei Stockwerke in die Schlucht herabhageln konnten. Gauvain hatte sich schließlich zur Genüge überzeugt, daß, wie die Dinge gegenwärtig standen, der eigentliche Angriff durch die Bresche des Thurmes erfolgen mußte. Er traf alle Vorkehrungen zur Vereitelung jedes Fluchtversuchs, vervollständigte die enge Zernirung von La Tourgue und zog die Maschen seiner Bataillone so dicht zusammen, daß ganz unmöglich etwas durchkonnte. Dann theilte er sich mit Cimourdain in die Belagerung der Veste; Cimourdaain bekam die Brückenseite; die Thurmseite behielt Gauvain für sich, und es wurde ausgemacht, daß, während Gauvain, von Guéchamp unterstützt, den Sturm gegen die Bresche leiten würde, Cimourdain und seine Batterie mit brennenden Lunten das Schlößchen und die Schlucht überwachen sollten.

XIII.

Thätigkeit des Marquis.

Wie draußen Alles für den Angriff, so wurde drinnen Alles für den Widerstand aufgeboten. Nicht ohne Grund heißt in gewissen Gegenden von Frankreich ein Thurm auch eine Daube, denn oft kann man einem Thurm mit einer Mine zusetzen wie der Daube mit dem Stecheisen und gleichsam ein Spundloch durch die Mauer bohren. Das zeigte sich zu La Tourgue, denn das Stecheisen von Gauvain, die Mine mit den zwei oder drei Centnern Pulver, hatte in die ungeheure Mauer durch und durch eine Lücke gebrochen, welche am Fuß des Thurms einen annähernd trichterförmigen Einschnitt bildete und als ungestaltete Wölbung in das Erdgeschoß der Festung mündete. Dieses Loch hatten von außen her die Belagerer überdies noch mit Artillerie erweitert und zurechtgeschmettert, um es für den Sturm zugänglicher zu machen.

Der ebenerdige Raum, auf den sich die Bresche öffnete, war ein großer runder Saal mit ganz rohen Wänden und einem Mittelpfeiler, auf dem der Schlußstein des Gewölbes ruhte. Dieser Saal, der allergrößte des Thurms, hatte einen Durchmesser von vollen vierzig Fuß. Jedes Stockwerk des Thurms bestand in einem ähnlichen Raum; nur waren jene Säle von geringerem Umfang und hatten kleine Verschlage an den Nischen ihrer Schießscharten. Solche Schießscharten fehlten im Erdgeschoß; überhaupt fehlte irgend welche Oeffnung sowohl am Boden wie an der Decke, und Licht und Luft gab es hier nicht mehr und nicht weniger als in einem Grab. Eine Thür, fast ganz von Eisen, führte in die beiden Burgverließe und eine zweite zur Treppe, auf der man in die oberen Stockwerke stieg. Alle Treppen waren in die Mauer hineingebaut. Diesen unteren Saal konnten die Belagerer durch ihre Bresche erstürmen; waren sie erst einmal so weit, dann hatten sie noch den Thurm zu erobern. An ein eigentliches Atmen war in diesem Raum früher nie zu denken gewesen, und binnen vierundzwanzig Stunden hätte Jeder darin ersticken müssen. Jetzt, da die Bresche Luft zuführte, war’s wenigstens zum Aushalten, und deshalb mauerten die Belagerten die Lücke, – was hätte es auch genützt? – nicht zu. Durch die Kanonen draußen wäre doch wieder Alles gleich zerstört worden.

Die Männer stießen einen eisernen Fackelhalter zwischen zwei Steine, stellten eine Fackel hinein, und man konnte sich umsehen.

Wie nun das Erdgeschoß halten? Da ein Vermauern der Bresche zwecklos erschien, entschied man sich für einen Abschnitt. Ein Abschnitt ist eine Verschanzung mit einspringendem Winkel, eine sparrenförmige Barrikade, von der aus die Angreifenden in ein Kreuzfeuer genommen werden, und welche, ohne äußerlich die Bresche zu schließen, sie nach innen zu versperrt. An Baumaterial war kein Mangel; bald war der Abschnitt errichtet und mit Schießscharten für die Gewehrläufe versehen. Der einspringende Winkel ging vom Mittelpfeiler aus, und die beiden Flügel stießen mit ihren Enden an die Mauer. An den passendsten Stellen wurden auch einige Flatterminen angelegt.

Lantenac leitete Alles als Urheber, Anordner, Führer und Gebieter, kurz als die Seele des Ganzen. Er gehörte jenem Geschlecht von Kriegshelden aus dem achtzehnten Jahrhundert an, die noch als Achtziger verlorene Städte zu retten vermochten, wie jener Graf von Alberg, der nahebei in seinem hundertsten Lebensjahr den König von Polen aus Riga vertrieb.

– Muth, Freunde, sagte der Marquis, zu Anfang unseres Jahrhunderts, Anno 1713, hat Karl XII. in seinem Haus zu Bender mit dreihundert Schweden zwanzigtausend Türken die Spitze geboten.

Die zwei unteren Stockwerke wurden ebenfalls befestigt, die Säle verschanzt, die Verschläge mit Zinnen und die Thüren mit eingehämmerten Balken versehen, die diese wie Strebepfeiler stützten. Nur die Wendeltreppe, welche die Stockwerke mit einander verband, mußte dem Verkehr offen bleiben, denn wenn man sie verrammelt hätte, um sie den Stürmenden unzugänglich zu machen, wären zugleich die Belagerten von einander abgeschlossen worden. So hat jede Verteidigung ihre schwache Seite.

Der Marquis, kräftig und unermüdlich wie ein Jüngling, ging rastlos mit dem Beispiel voran, half Balken heben und Steine tragen, überall Hand anlegend, befehlend, beispringend, kameradschaftlich lachend mit seinen milden Spießgesellen, aber dennoch der Herr und Gebieter, hochfahrend und herablassend, unbändig und elegant. Da gab es kein Widersprechen. »Wenn sich eine Hälfte der Mannschaft auflehnen wollte, sagte er, so würde ich sie durch die andere Hälfte erschießen lassen und den Platz mit den Ueberlebenden halten«. Wer eine solche Sprache führt, wird von seinen Leuten vergöttert.

XIV.

Thätigkeit des Imânus.

Während Lantenac um die Bresche und den Thurm beschäftigt war, beschäftigte sich der Imânus mit der Brücke. Schon bei Beginn der Belagerung war auf Befehl des Marquis die außen unter den Fenstern des zweiten Stocks querüberhängende Rettungsleiter entfernt und durch den Imânus in die Bibliothek geschafft worden. Durch sie mochte Gauvain wohl auf den Gedanken gekommen sein, eine Leiter für seine Zwecke zu verwenden. Jedes Einbrechen durch die Fenster des Saales der Garden oder des Hochparterres war durch ein in den Stein gelöthetes dreifaches Gitter von Eisenstäben unmöglich gemacht. Die Fenster der Bibliothek standen frei, lagen dafür aber auch sehr hoch. Der Imânus ließ sich von drei Männern begleiten, die wie er jeder That fähig und, auch zu Allem entschlossen waren: von Hoisnard, genannt Branche d’Or und den beiden Brüdern Pique-en-Bois. Er nahm eine Blendlaterne, öffnete die eiserne Thür und untersuchte bis ins Kleinste die drei Stockwerke des Brückenschlößchens. Hoisnard Branche d’Or war nicht minder erbittert als der Imânus, da ihm die Republikaner einen Bruder getödtet hatten. Der Imânus besichtigte den Dachboden, der von Stroh und Heu strotzte, stieg dann in den Saal der Garden hinab, in den er noch Pechkränze bringen ließ, die er neben den Theerfässern anhäufte, schichtete die Bündel von Haidekraut über den Tonnen auf, nachdem er zuvor geprüft, ob die geschwefelte Lunte, die von der Brücke in den Thurm lief, auch in gutem Stande sei, und goß unten an den Fässern und Bündeln eine Theerlache aus, in die er das Ende der Schwefellunte untertauchte. Dann ließ er in die Bibliothek, zwischen den Parterreraum voll Theer und den Dachboden voll Stroh, die drei Wiegen herübertragen, in denen René-Jean, Gros-Alain und Georgette ganz fest schliefen; man ging vorsichtig dabei zu Werke, denn man wollte die Kleinen nicht wecken. Es waren drei Wiegen, wie sie auf dem Lande gebräuchlich sind, ein sehr niedriges Korbgeflecht, das unmittelbar auf der Erde ruht, so daß das Kind ohne Beihilfe nach Belieben heraussteigen kann. Neben jede Wiege ließ der Imânus eine Schüssel voll Suppe mit einem hölzernen Löffel hinstellen. Die abgehakte Rettungsleiter lag, an die Wand gelehnt, auf dem Fußboden; an der anderen Wand, parallel mit der Leiter, standen in einer Flucht hintereinander die Wiegen. Um einen zweckdienlichen Luftzug zu gewinnen, öffnete der Imânus die sechs Fenster der Bibliothek auf die bläuliche, klare, laue Sommernacht hinaus und schickte die Brüder Pique-en-Bois in die zwei anderen Stockwerke, um dort ein Gleiches zu thun. An der Ostseite des Gebäudes war die Brücke über und über von altem, verdorrtem, braungelbem Epheu überrankt, der die Fenster der drei Stockwerke förmlich einrahmte. Kann auch nicht schaden, dachte der Imânus, prüfte noch Alles mit einem letzten Blick und kehrte dann mit seinen drei Gefährten in den Thurm zurück. Die schwere eiserne Thür sperrte er doppelt ab, untersuchte noch sorgfältig das ungeheure, furchtbare Schloß daran und betrachtete mit zufriedenem Kopfnicken die geschwefelte Lunte, die durch das von ihm durchgebrochene Loch ging und nunmehr das Einzige war, was Thurm und Brücke verband. Diese Lunte lief vom runden Saal aus unter der eisernen Thür durch, unter der Wölbung der Thurmmauer weiter und schlängelte sich über die fliegende Treppe und am Fußboden des Saals der Garden hin bis mitten in die Theerlache an den Reisigbündeln. Nach der Berechnung des Imânus mußte die Lunte, einmal im Innern des Thurms angezündet, ungefähr eine Viertelstunde lang glimmen, bis sie die Theerlache unter der Bibliothek in Brand steckte. Nachdem für Alles genügend gesorgt und das Kleinste untersucht worden, überreichte der Imânus den Schlüssel der eisernen Thür dem Marquis, und dieser steckte ihn zu sich.

Nun galt es, alle Bewegungen der Feinde zu beobachten. Der Imânus stieg auf die Plattform des Thurms hinauf und hielt, mit seinem Hirtenhorn an der Seite, oben im Schauthürmchen Wache. Auf dem Fenstersims des Thürmchens hatte er eine Pulverflasche stehen, daneben einen leinenen Sack mit Kugeln von einem Kaliber, und drehte, während er mit einem Auge nach dem Wald und mit dem anderen nach dem Plateau spähte, aus ein paar alten Zeitungen Patronen.

Als die Sonne wieder aufging, beschien sie am Waldsaum acht Bataillone, kampfbereit, den Säbel an der Seite, mit voller Patrontasche und aufgepflanztem Bajonett; auf dem Plateau eine Batterie mit vollen Protzkasten und angehäuften Kartätschen; in der Festung neunzehn Männer, welche Mauerbüchsen, Musketen, Pistolen und Jagdstutzen luden, und in den drei Wiegen drei schlummernde Kinder.

  1. Noch mehr als Bürgerkriege

Sechstes Buch

Nach dem Sieg der härteste Kampf

I.

Lantenac gefangen

Der Marquis war wirklich in die Gruft zurückgekehrt. Man führte ihn ab. Sofort wurde, unter Cimourdain’s strenger Aufsicht das ebenerdige in den Stein gehauene Verließ von La Tourgue geöffnet, eine Lampe, ein Krug Wasser, ein Kommislaib und ein Strohbündel hineingeschafft, und bevor noch eine Viertelstunde verflossen war, seitdem die Hand des Priesters den Marquis berührt hatte, schloß sich bereits hinter Lantenac die Thür seines Kerkers. Gleich darauf – es schlug in der Ferne auf dem Kirchthurm von Parigné gerade elf – begab sich Cimourdain zu Gauvain und sagte zu ihm: Ich werde ein Kriegsgericht einsetzen, ohne jedoch Dich beizuziehen. Du bist ein Gauvain und Lantenac ist ein Gauvain. Ihr seid zu nahe verwandt, als daß Du sein Richter sein könntest, und ich tadele es, daß Egalité über Capet mit abgeurtheilt hat. Das Kriegsgericht wird aus drei Richtern bestehen, einem Offizier, dem Hauptmann Guéchamp, einem Unteroffizier, dem Sergeanten Radoub, und mir, dem Präsidenten. Mit Allem, was von jetzt ab geschehen soll, hast Du Dich nicht zu befassen. Wir halten uns an den Beschluß des Konvents und werden ganz einfach die Identität des vormaligen Marquis von Lantenac feststellen. Morgen die Gerichtssitzung, übermorgen die Guillotine. Die Vendée ist todt.

Gauvain machte nicht die geringste Einwendung, und Cimourdain, von dieser seiner endgültigen Aufgabe völlig in Anspruch genommen, verließ ihn, denn es blieben noch Stunden zu bestimmen und Lokalitäten zu wählen. Wie Lequinio zu Granville, Tallien zu Bordeaux, Châlier zu Lyon, Saint-Just zu Straßburg, pflegte er bei den Hinrichtungen zugegen zu sein; diese Gewohnheit des Richters, dem Henker zuzuschauen, galt für ein gutes Beispiel und war von den dreiundneunziger Schreckensmännern den französischen Parlamenten und der spanischen Inquisition entlehnt worden.

Nicht minder in Anspruch genommen war auch Gauvain.

Vom Wald her blies ein rauher Wind. Gauvain überließ es Guéchamp, die nöthigen Befehle zu ertheilen, ging in sein Zelt am Waldsaum, auf dem Rasenplatz vor La Tourgue, und hüllte sich in seinen Mantel. Dieser Mantel war mit einer Kapuze versehen und mit jener einfachen Borte besetzt, in der die prunklos republikanische Auszeichnung der Korpskommandanten bestand. Dann wandelte er auf der blutigen Wiese, wo der Sturm auf La Tourgue begonnen hatte, auf und nieder. Er war ganz ungestört. Das Feuer, dem nunmehr keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde, brannte weiter. Radoub war bei den Kindern und der Mutter, fast ebenso mütterlich wie diese. Das Brückenschlößchen war beinahe vernichtet; die Sappeurs isolirten nur noch den Gluthherd. Man warf Gruben auf für die Todten, verband die Verwundeten, riß die Barrikade nieder, entfernte die Leichen aus den Gemächern und von den Treppen, reinigte den Schauplatz des Gemetzels und schaffte den fürchterlichen Kehricht des Sieges bei Seite. Die Soldaten besorgten mit militärischer Hurtigkeit, was man das Hauswesen einer beendigten Schlacht nennen könnte. Aber von dem Allen sah Gauvain nichts. Kaum daß er, aus seiner Träumerei heraus, einen Blick auf den Wachtposten vor der Bresche warf, der auf Cimourdains Befehl verdoppelt worden war. Der Wiesenfleck, wo er gewissermaßen eine Zuflucht gesucht hatte, lag etwa hundert Schritt von der Bresche, deren schwarzen Schlund er in der Dunkelheit unterscheiden konnte. Dort hatte vor drei Stunden der Angriff begonnen; dort war Gauvain in den Thurm eingedrungen; dort befand sich der Saal, wo die Barrikade gestanden; jener Saal führte in den Kerker des Marquis, welcher durch den Wachtposten der Bresche bewacht wurde, und jedes Mal, wenn Gauvains Blick diese Bresche streifte, tönte ihm wie Grabgeläute ein verworrener Nachhall der Worte ins Ohr: »Morgen die Gerichtssitzung, übermorgen die Guillotine.«

Die Feuersbrunst, wiewohl begrenzt und durch die Sappeurs mit allem verfügbaren Wasser begossen, erlosch nicht ohne Widerstand und wirbelte stellenweise noch Flammen auf; hin und wieder hörte man das Gekrach des Gebälks und der aufeinander einstürzenden Stockwerke, und dann sprühte das Schlößchen, wie eine geschwungene Fackel, ganze Wirbel von Funken; der äußerste Horizont erglänzte wie bei einem Blitzstrahl und La Tourgue warf plötzlich einen riesenhaften Schlagschatten bis zum Waldsaum hinüber.

Gauvain, der langsamen Schritts in der Dunkelheit vor der Bresche auf und abging, kreuzte zuweilen beide Hände hinter der Kapuze seines Soldatenmantels, die er über den Kopf geschlagen hatte, und sann.

II.

Gauvain in Gedanken

Es war ein unergründlich tiefes Hinbrüten; hatte doch eine unerhörte Verwandlung soeben stattgefunden. Der Marquis von Lantenac hatte sich verklärt, und diese Verklärung hatte Gauvain mit angesehen. Nie hätte er geglaubt, daß irgend welche Verwickelung von Umständen dergleichen Dinge mit sich bringen könne, und nie, selbst im Schlaf nicht, geahnt, daß so etwas möglich sei. Das Unerwartete, dieses unbestimmte, mit den Menschen spielende herrische Walten, hatte ihn erfaßt und hielt ihn fest. Unter seinen Augen war das Unmögliche, Sichtbare, Greifbare, Unvermeidliche, Unerbittliche Wirklichkeit geworden. Wie stellte sich nun er, Gauvain, zu dieser Thatsache? Nicht Ausflüchte zu suchen galt es hier; es galt, einen Schluß zu ziehen. Es war eine Frage an ihn gerichtet worden, welcher er nicht ausweichen durfte, und wer richtete diese Frage an ihn? Die Ereignisse, und die Ereignisse nicht allein, denn wenn die wandelbaren Ereignisse anfragen, steht die unwandelbare Gerechtigkeit dahinter und fordert Antwort. Hinter der Wolke, die ihren Schatten auf uns wirft, leuchtet der Stern, und wir können, uns dem Licht ebenso wenig entziehen wie dem Schatten.

Gauvain bestand ein Verhör. Er erschien vor einem Richter, einem furchtbar strengen Richter: seinem eigenen Gewissen. Er empfand ein innerliches Taumeln; seine festesten Vorsätze, seine bestimmtesten Versprechungen, seine unwiderruflichsten Entschlüsse, das Alles kam in den Grundfesten seiner Willenskraft in ein Wanken. Wie Erdbeben, so giebt es auch Seelenbeben. Je mehr er dem Gesehenen nachgrübelte, desto tiefer wühlte sich die Umwälzung. Ihm, der als Republikaner das Wahre erfaßt zu haben glaubte und auch erfaßt hatte, erschien nun urplötzlich eine höhere Wahrheit, über der politischen Idee die rein menschliche. Was in ihm vorging, ließ sich nicht bemänteln; der Thatbestand fiel schwer ins Gewicht; Gauvain, der in diesen Thatbestand mit verflochten war, konnte sich nicht zurückziehen, und trotz Cimourdains Versicherung: »Mit Allem, was von jetzt ab geschehen soll, hast Du Dich nicht zu befassen«, fühlte er in seinem Innern etwas Aehnliches wie ein Baum, der von seiner Wurzel losgerissen wird. Jeder Mensch hat eine Grundlage, und jede Erschütterung dieser Grundlage versetzt den Menschen in namenlose Verwirrung; diese Verwirrung war über Gauvain gekommen, und er drückte beide Hände gegen seine Stirn, als wolle er das Richtige daraus hervorpressen.

Eine solche Situation klar zusammenzufassen war kein Leichtes; es gab sogar nichts Schwereres; großmächtige Zahlen ragten vor ihm auf, aus denen er eine Summe ziehen sollte; ein ganzes Schicksal zusammen addiren, wem schwindelt davor nicht? Er machte den Versuch; er rang nach Aufklärung; er mühte sich ab, seine Gedanken zu sammeln, das oder jenes heimliche Widerstreben zu überwältigen, die Thatsachen der Reihe nach zu prüfen und sie sich selber zu erläutern.

Wer hat sich nicht schon einen Selbstbericht erstattet und ist nicht, an Wendepunkten seines Lebens, mit sich zu Rath gegangen, um sich einen Weg. für den Vorstoß oder für den Rückzug vorzuzeichnen?

Gauvain hatte etwas Unerklärliches geschaut. Gleichzeitig mit dem irdischen Kampf war ein himmlischer ausgefochten worden, der Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen; in diesem Kampf war ein steinern Herz überwunden worden, und wenn man alle Verdüsterungen dieses Herzens in Betracht zieht, die Gewaltthätigkeit, die Selbsttäuschung, die Blindheit, die krankhafte Verstocktheit, den Hochmuth, die Eigenliebe, so war hier wirklich ein Wunder geschehen: der Sieg der Menschheit über den Menschen. Das Menschliche hatte über das Unmenschliche triumphirt. Und wie hatte es einen Riesen an Zorn und Haß niedergeworfen? Durch welche Mittel? Mit welchen Waffen, welcher Kriegsmaschine? Durch eine bloße Kinderwiege.

Gauvain war wie durch ein Meteor geblendet. Mitten im sozialen Kampf, im Auflodern aller Feindseligkeiten und Rachegelüste, im dunkelsten, wildesten Moment des Aufeinanderprallens, in der Stunde, wo das Verbrechen in seinen hellsten Flammen und der Haß in seiner vollsten Finsterniß aufging, in diesem Augenblick der Schlacht, wo Alles zur Waffe wird und wo das Handgemenge so verhängnißwuchtig tobt, daß man nicht mehr weiß, auf welcher Seite die Gerechtigkeit, die Ehrlichkeit, die Wahrheit zu suchen sind, hatte das unbekannte Etwas, der geheimnißvolle Seelenmahner, über dem menschlichen Licht- und Schattenwiderstreit, urplötzlich den großen ewigen Strahlenborn leuchten lassen. Ueber dem düstern Zweikampf des Falschen und des nur bedingt Richtigen war mit einem Mal, in tiefster Ferne, das Antlitz der Wahrheit erschienen und die Macht der Schwachen zum Durchbruch gekommen. Man hatte drei armselige, kaum geborene, kaum ihrer selbst bewußte, verlassene, verwaiste, vereinsamte, stammelnde, lächelnde Wesen den Sieg davontragen sehen über den Bürgerkrieg, über die systematische Wiedervergeltung, über die gräßliche Logik der Gegenwehr, über den gewaltsamen Tod, das Gemetzel, den Brudermord, die Raserei, den verbissenen Groll, kurz über alle Gorgonen; man hatte eine verruchte, zu einem Verbrechen gedungene Feuersbrunst mißlingen und fehlschlagen gesehen, gesehen, wie ein unmenschlicher Vorbedacht entwaffnet und vereitelt wurde, gesehen, wie die überlieferte Grausamkeit des Mittelalters, die alte unerbittliche Menschenverachtung, die erfahrungsmäßigen angeblichen Nothbehelfe der Kriegführung mitsammt der Staatsräson und den eingefleischten, angemaßten Vorurtheilen eines grausamen Greisenthums in nichts zerstoben waren vor dem blauen Blick Solcher, die noch nicht gelebt hatten: eigentlich ein natürlicher Vorgang, denn wer noch nicht gelebt hat, hat auch noch nicht gesündigt; er ist die Gerechtigkeit, die Wahrheit, die weiße Reinheit, und in den kleinen Kindern verkörpern sich die Engel des Himmels.

Ein nutzbringend Schauspiel, ein guter Rath, eine Lehre war’s für die maßlosen Kämpfer eines unbarmherzigen Kampfes, plötzlich zu sehen, wie sich im Angesicht all der Unthaten, all der Frevel, all der Parteiwuth, der Blutgier, der scheiterhaufenanfachenden Rache, des fackelschwingenden Todes die Allmacht der Unschuld über die unzählige Legion von Greueln erhob. Und die Unschuld hatte gesiegt. Und jetzt konnte man sagen: Nein, es giebt keinen Bürgerkrieg, es giebt keine Barbarei, giebt keinen Haß, kein Verbrechen, keine Finsterniß mehr, dies Heer von Unholden zu zerstreuen genügte ein einzig Morgenroth: die Kindheit.

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In keinen Kampf, niemals, hatte sowohl das Göttliche wie das Teuflische sichtbarlicher eingegriffen. Der Kampfplatz war ein Gewissen gewesen, das Gewissen Lantenacs, und nun brach, noch heißer und noch entscheidender, in einem andern Gewissen der Kampf los, in Gauvains Gewissen. Ein Mensch, welch ein Schlachtfeld! Göttern, Ungeheuern und Riesen sind wir preisgegeben, unsern eigenen Gedanken, und diese wilden Ringer, wie oft zerstampfen sie uns die Seele!

Immer tiefer versank Gauvain in sein Grübeln.

Der Marquis von Lantenac, eingeschlossen, bestürmt, verurtheilt, in Bann und Acht, festgekeilt wie ein Löwe in der Arena, wie der Nagel in der Zange, in seiner kerkergewordenen Höhle gefangen und allenthalben bedrängt von einer feurigen Eisenmauer, hatte ihr zu entrinnen vermocht; er war wie durch ein Wunder entkommen; ihm war ein Meisterstück gelungen, in einem solchen Krieg das schwerste unter allen, die Flucht. Er hatte wieder Besitz ergriffen von seinem Wald, um sich darin zu verschanzen, von der ganzen Umgegend, um darin zu kämpfen, von der Finsterniß, um darin zu verschwinden. Er war der schreckenverbreitende Auf- und Niedertaucher wieder, der düstere Irrfahrer, das Oberhaupt der Unsichtbaren, der Anführer der unterirdischen Männer, der Herr der Wälder. Gauvain hatte den Sieg, Lantenac aber seine Freiheit errungen. Er hatte fortan die vollste Sicherheit, den unbegrenzten Raum, die unerschöpfliche Wahl seiner Schlupfwinkel vor sich; er war ungreifbar, unentdeckbar, unerreichbar; der gefangene Löwe war der Falle entsprungen und in diese Falle war er zurückgekehrt, hatte freiwillig, aus eigenem Antrieb, willkürlich, den Wald und den Schatten und die Geborgenheit und das Asyl seiner Freiheit verlassen, um sich tollkühn in die entsetzlichste Gefahr zu begeben, ein erstes Mal, als er sich in das Gebäude stürzte, das ihn mit dem Untersinken in den Flammen bedrohte, und dann noch ein zweites Mal, als er an jener Leiter hinabstieg, die ihn seinen Feinden überantwortete und die, eine Rettungsleiter für die Anderen, für ihn die Leiter zum Grab war. Und weshalb hatte er das Alles gethan? Um drei Kinder dem Tode zu entreißen. Und was wollte man jetzt mit diesem Mann beginnen? Ihm den Kopf vor die Füße legen. Für drei Kinder – waren es seine Kinder? Nein; gehörten sie wenigstens seiner Familie an? Nein; seiner Kaste? – Nein – für die drei Kinder einer Bettlerin, die nächstbesten, für unbekannte, zerlumpte, halbnackte Findlinge hatte dieser Edelmann, dieser Fürst, dieser Greis, der Gerettete, der Befreite, der Sieger – denn solch ein Entrinnen ist ein Triumph – Alles gewagt, Alles aufs Spiel gesetzt, Alles wieder in Frage gestellt und hatte, in demselben Augenblick, da er die Kinder zurückgab, seinen bis dahin verhaßten, nunmehr aber verehrungswürdigen Kopf mit gebieterischer Ueberlegenheit zurückgebracht und dem Henker angeboten. Und was geschah jetzt? Das Gebotene war angenommen worden. Lantenac hatte die Wahl gehabt zwischen fremdem Leben und zwischen seinem eigenen und hatte sich majestätisch für seinen Tod entschieden. Und den wollte man ihm jetzt zuerkennen, ihm den Tod zur Belohnung seines Heldenthums, wollte auf eine hochherzige That mit einer barbarischen antworten und der Revolution diese Blöße geben! Wie klein müßte da die Republik erscheinen neben dem Marquis! Während der Mann der Vorurtheile und der Unterdrückung, plötzlich umgewandelt, in die Menschheit zurückkehrte, sollten sie, die Männer der Befreiung und der Unabhängigkeit, im Bürgerkrieg verharren, in der Routine des Blutvergießens, im Brudermord! Das göttliche Gesetz der Vergebung, der Selbstverleugnung, der Erlösung, der Opferfreudigkeit sollte also den Verfechtern des Irrthums heilig sein und den Soldaten der Wahrheit nicht! Wie? Sollte man etwa an Großmuth hinter dem Gegner zurückbleiben? Diese Niederlage über sich ergehen lassen? In der Vollkraft sich als der schwächere Theil erweisen, siegreich morden und die Behauptung möglich machen, es ständen auf der Seite der Monarchie Die, welche die Kinder retten, und Die, welche Greise umbringen, seien unter den Republikanern zu suchen? Dieser tapfere Soldat, dieser gewaltige Achtziger, dieser entwaffnete, eher geraubte als gefangene Feind, mitten aus einer edlen That herausgerissen, mit seiner eigenen Erlaubniß festgenommen, noch mit den Schweißperlen einer erhabenen Opferthat auf der Stirn, sollte die Stufen des Schaffotts hinansteigen, wie man hineinsteigt zur Apotheose? An das Fallbeil sollte dieses Haupt ausgeliefert werden, von den bittenden drei Seelen der geretteten kleinen Engel umschwebt? Und bei dieser Selbsterniedrigung seiner Henker sollte Lantenacs Antlitz lächeln und das Antlitz der Republik erröthen? Und in seinem, Gauvains, des Befehlshabers, Beisein sollte das geschehen? Und er, der es verhindern konnte, sollte sich nicht rühren, sich zufrieden geben mit der stolzen Abfertigung: »Mit dem, was von jetzt ab geschehen soll, hast Du Dich nicht zu befassen?« Würde er nicht zu sich selber sagen müssen, daß in solchen Fällen eine Abdankung die Mitschuld ist? Und müßte er sich nicht eingestehen, daß der, welcher eine so ungeheuerliche That zuläßt, noch verwerflicher handelt, als der sie vollbringt, weil er nebenbei noch die Rolle des Feiglings spielt?

Aber hatte er nicht bereits versprochen, den Tod des Marquis herbeizuführen? Hatte er, Gauvain, der Mann der Milde, nicht erklärt, daß Lantenac als Ausnahme außer dem Bereich der Milde stehe und daß er ihn Cimourdain überantworten werde? Diesen Kopf war er schuldig; er zahlte ganz einfach seine Schuld ein. Aber war es denn auch noch derselbe Kopf? Bis jetzt hatte Gauvain in Lantenac lediglich den barbarischen Gegner gesehen, den fanatischen Vorkämpfer des Königthums und der Feudalzustände, den Schlächter der Gefangenen, den durch den Bürgerkrieg losgelassenen Mörder, den Blutmenschen, und jenen Menschen fürchtete er nicht; gegen den Wütherich konnte er wüthen, dem Unversöhnlichen die Unversöhnlichkeit entgegensetzen. So wäre die Sache äußerst einfach und der vorgeschriebene Weg mit düsterer Leichtigkeit einzuhalten gewesen; den Tödtenden tödten war weiter nichts als die gerade Linie des Gräßlichen. Jetzt aber war diese gerade Linie ganz unvermuthet unterbrochen worden und hinter ihrer Krümmung that sich, wie durch eine Offenbarung, ein neuer Gesichtskreis auf. Der unbekannte, verwandelte Lantenac betrat die Bühne. Dem Ungeheuer entstieg ein Held, ja, mehr noch als ein Held, ein Mensch, und mehr noch als eine Seele, ein Gemüth. Gauvain hatte keinen Würger mehr, einen Retter hatte er vor sich. Er war niedergeworfen durch einen himmlischen Lichtstrom; Lantenac hatte ihm einen Donnerschlag der Güte ins Herz geschmettert.

Und dieser verklärte Lantenac sollte Gauvain nicht auch verklären? Was? Auf diesen Strahlenstoß sollte kein Rückstoß erfolgen? Der Mann der Vergangenheit sollte voran- und der Mann der Gegenwart zurückschreiten? Der Mann der Grausamkeit und des Aberglaubens sollte, auf plötzlich ausgebreiteten Schwingen einherschwebend, den Mann des Ideals von oben herab im Staub und in der Nacht kriechen sehen, weiterkriechen im ausgefahrenen Geleise der Rohheit, indessen er, Lantenac, in den Lüften hinsegelte, erhabenen Begegnungen zu?

Und dann noch dies Andere: die Familie! Das Blut, das Gauvain vergießen sollte – denn es vergießen lassen, hieß es selber vergießen – war es nicht sein eigenes? Sein Großvater war gestorben, aber sein Großonkel lebte, und dieser Großonkel war der Marquis. Mußte derjenige der beiden Brüder, der im Grab lag, nicht daraus hervorsteigen, um zu verhindern, daß der andere hinabgestoßen werde? Mußte er nicht seinem Enkel befehlen, fortan diese Krone von weißem Haar, die Schwester seiner eigenen Strahlenkrone, zu ehren, und blitzte nicht zwischen Gauvain und Lantenac der Entrüstungsblick eines Todten? Hatte die Revolution denn die Entartung der Gemüther zum Zweck? War sie gemacht worden, um die Bande der Familie zu sprengen und alles menschliche Fühlen zu ersticken? Im Gegentheil, 89 war ja über der Welt aufgegangen, um diese höchsten Wahrheiten zur Geltung zu bringen und nicht, um sie zu verneinen, denn die Bastillen niederwerfen, heißt die Menschheit befreien, die Feudalherrschaft abschaffen, heißt die Familie begründen. Da der Urheber der Ausgangspunkt der Autorität ist, und da die Autorität dem Urheber innewohnt, giebt es keine andere Autorität als die des Vaters; daher die berechtigte Herrschaft der Bienenkönigin, die ihr Volk gebiert und ihre Königswürde der Mutterschaft entlehnt; daher der Widersinn des Menschenkönigs, der, ohne der Vater zu sein, dennoch der Herr sein will; daher die Absetzung dieses Königs; daher die Republik. Was ging aus dem Allen hervor? Die Familie, die Menschheit, die Revolution. Die Revolution war die Thronbesteigung der Völker und im Grund ist das Volk nichts anderes als das Individuum. Die Frage war so gestellt, ob jetzt, da Lantenac in die Menschheit zurückgekehrt war, Gauvain seinerseits nicht in die Familie zurückkehren werde; die Frage war, ob Oheim und Neffe sich in der höheren Lichtregion zusammenfinden sollten oder ob dem Fortschreiten des Oheims ein Rückschritt des Neffen entsprechen müsse. Auf diese Frage also lief Gauvains erregte Auseinandersetzung mit seinem Gewissen hinaus, und die Antwort schien sich von selber zu ergeben: Rettung für Lantenac.

Wohl, aber Frankreich?

Hier wechselte das schwindelnde Problem plötzlich die Gestalt. Wie? Frankreich lag in den letzten Zügen! Frankreich stand offen, ausgesetzt, ohne Bollwerk; es hatte keinen Wallgraben mehr: Deutschland drang über den Rhein; es hatte keine Mauern mehr: Italien stieg über die Alpen und Spanien über die Pyrenäen. Ihm blieb nur der große Schlund des Ozeans, nur den Abgrund hatte es noch für sich. Dem den Rücken zuwendend, konnte es freilich, auf seine Meere gestützt, dem ganzen Festland die Stirne bieten. Eigentlich war diese Stellung unüberwindlich. Aber nein, diese Stellung war im Rücken bedroht. Dieser Ozean gehört Frankreich nicht mehr. Auf diesem Ozean hausten die Engländer. England wußte allerdings nicht, wie es hinüberkommen sollte, doch siehe da! Es fand sich ein Mann, der ihm eine Brücke bauen wollte, ein Mann, der ihm die Hand reichte, ein Mann, der zu Pitt, zu Craig, zu Cornwallis, zu Dundas, zu den Piratenschiffen sagte: Kommt! Ein Mann, der eben hinüberschreien wollte: Da, England, nimm Frankreich hin! Und dieser Mann war der Marquis von Lantenac und diesen Mann hielt man fest. Nach drei Monaten der Hartnäckigkeit, der Verfolgung, der Hetzjagd, war man seiner endlich habhaft geworden. Gerade war auf den Fluchbeladenen die Hand der Revolution niedergefahren; die zusammengekrampfte Faust von 93 hatte den royalistischen Henker beim Kragen gefaßt, und durch eine Fügung jenes geheimnißvollen Vorbedachts, der von oben herab in die irdischen Ereignisse eingreift, erwartete just in seinem eigenen Stammkerker dieser Muttermörder die Strafe, der mittelalterliche Mensch im mittelalterlichen Burgverließ; die Steine seines Kastells standen wider ihn auf und schlossen sich über ihm, und der sein Vaterland gefangen geben wollte, wurde selber gefangen gegeben durch sein Haus. Das Alles hatte Gott augenscheinlich also angeordnet; die Stunde der Gerechtigkeit hatte geschlagen; die Revolution hatte diesen öffentlichen Widersacher festgenommen; er konnte nicht mehr kämpfen, nicht mehr handeln, nicht mehr schaden; in jener Vendée, die über so viele Arme gebot, war er der einzige Kopf; mit ihm ging der Bürgerkrieg zu Ende; er war gefangen und damit Alles zum tragisch glücklichen Abschluß gekommen; nach so vielen Blutszenen und Metzeleien saß er hinter Schloß und Riegel, und sterben sollte nun auch Der, welcher getödtet hatte. Und dieser Mann hätte einen Retter finden sollen? Cimourdain, das heißt 93, hielt Lantenac, das heißt die Monarchie, in seiner Faust und es sollte sich eine Hand rühren, um der eisernen Kralle diese Beute zu entreißen? Lantenac, derjenige, in dem sich jene Garbe von Plagen zusammenflocht, die man die Vergangenheit nennt, der Marquis von Lantenac lag im Grab; die schwere Pforte der Ewigkeit schlug hinter ihm zu, und es sollte Jemand nahen und von außen den Riegel wieder wegschieben? Dieser soziale Uebelthäter war todt und mit ihm der Aufruhr, der brudermörderische Kampf, der unmenschlich geführte Krieg, und ihn sollte Jemand zurückrufen ins Leben? O wie würde der Todtenkopf dazu lachen! Recht so, würde dieses Gespenst grinsen, da habt ihr mich wieder, ihr dummen Tröpfe! Und wie würde er dann wieder an seine verruchte Arbeit gehen! Mit welcher freudigen Unversöhnlichkeit würde er sich wieder in den Pfuhl des Hasses und der Kriegswuth stürzen! Wie würden, schon am nächsten Tag, die Häuser in Brand gesteckt, die Gefangenen hingeschlachtet, die Verwundeten niedergemacht, die Weiber erschossen werden!

Und jene That, die Gauvain also blendete, maß er ihr denn auch wirklich keinen übertriebenen Werth bei? Drei Kinder waren verloren, und Lantenac hatte sie gerettet. Aber weshalb waren sie verloren? Waren sie’s nicht durch Lantenacs Schuld? Wer hatte jene Wiegen jener Feuersbrunst ausgesetzt? War’s nicht der Imânus? Und was war der Imânus? Das Werkzeug des Marquis. Verantwortlich ist der Befehlshaber. Der Mordbrenner war also kein Anderer als Lantenac. Was hatte er demnach so Bewundernswerthes gethan? Nichts, als daß er von seinem Vorsatz abließ. Nachdem er das Verbrechen zur Hälfte begangen, war er davor zurückgebebt, hatte sich selber Abscheu eingeflößt. Der Schrei der Mutter hatte jenen Rest von angestammtem menschlichen Mitleid in ihm aufgerührt, der als eine Art Ablagerung des allgemeinen organischen Lebens jeder Seele, sogar der ungeheuerlichsten, innewohnt. Bei jenem Schrei hatte er sich umgewendet und war aus der Nacht, in der er sich verlor, zum Licht zurückgekehrt und hatte die Wirkung seines Verbrechens aufgehoben. Sein ganzes Verdienst bestand lediglich darin, daß er nicht bis zum Schluß der Unmensch gewesen.

Und für ein so geringes Verdienst sollte man ihm Alles wiedergeben? Den offenen Raum, die Gefilde, die Ebenen, die Lüfte, den Tag, den Wald ihm wiedergeben, daß er ihn für seine rebellischen Zwecke, die Freiheit, daß er sie zur Knechtung, die Existenz, daß er sie zur Vertilgung anderer ausnütze?

Oder konnte man etwa einen Versuch machen, sich mit ihm zu verständigen, mit seiner gebieterischen Seele zu unterhandeln, ihm bedingungsweise die Befreiung vorzuschlagen, ihn zu fragen, ob er sein Leben mit dem Versprechen erkaufen wolle, sich fortan jeder weiteren Auflehnung und Feindseligkeit zu enthalten? Wie verfehlt wäre solch ein Anerbieten gewesen und welch ein Triumph für ihn! Und mit welch stolzer Geringschätzung könnte er dem Fragenden die Antwort ins Angesicht schlagen: Die Entwürdigungen behaltet für Euch und tödtet mich!

Mit diesem Mann war in der That nichts Anderes zu beginnen, als ihn zu tödten oder zu befreien. Bei ihm gipfelte sich Alles; er war stets bereit, zu entschweben oder sich zu opfern; er war der Adler und der Abgrund seiner selbst, ein psychisches Räthsel. Ihn tödten, welch ein Alp! Ihn befreien, welch eine Verantwortung! War Lantenac frei, so mußte in der Vendée Alles wieder von Neuem begonnen werden; von Neuem mußte man ringen mit dem Lindwurm, dem man den Kopf nicht abgeschlagen. In einem Nu, wie der Blitz, würde die verglimmende Flamme beim ersten Wiedererscheinen dieses Mannes aufflackern, und dieser Mann würde nicht eher ruhen, als bis ihm sein fluchwürdiger Plan gelungen, demzufolge, wie ein Sargdeckel, die Monarchie über die Republik und England über Frankreich geschraubt werden sollte. Lantenac retten, hieß Frankreich opfern; Lantenacs Leben bedeutete den Tod einer Menge von unschuldigen, dem Bürgerkrieg aufs Neue anheimfallenden Wesen, Frauen und Kinder so gut wie Männer; es bedeutete die Landung der Engländer, den Rückprall der Revolution, die Verwüstung der Städte, ein zerfleischtes Volk, eine verblutende Bretagne, ein der Klaue zurückerstattetes Opfer. Und mitten in einem Meer von verworrenen Lichterscheinungen und durcheinander gekreuzten Strahlen sah Gauvain, wie sich allmälig vor seiner hinträumenden Seele das Problem abklärte und aufrichtete: Freigebung des Tigers.

Und dann trat die Frage wieder in ihrer ersten Gestalt an ihn heran; der Sisyphosblock, das Sinnbild des inneren Widerstreits im Menschen, rollte wieder zurück. War Lantenac denn auch wirklich der Tiger? Er mochte ein Tiger gewesen sein; aber war er auch jetzt noch einer? Gauvain empfand die peinlich schwindelnden Windungen des Gedankens, der wie die Schlange in sich selber zurückschnellt. Ließ sich denn schließlich auch nach redlichster Prüfung die Opferthat Lantenacs, seine stoische Selbstverleugnung, seine majestätische Uneigennützigkeit in Abrede stellen? Vor dem aufgerissenen Rachen des Bürgerkrieges der Humanität huldigen, in den Konflikt der untergeordneten Wahrheiten die höhere Wahrheit schleudern, den Beweis führen, daß es über den Königsthronen, über den Revolutionen, über den irdischen Streitfragen noch das endlos zärtliche Hinschmelzen der Seele giebt, die Pflicht der Starken, den Schwachen zu beschützen, die Rettungspflicht der Geretteten gegen die Rettungsbedürftigen, die Vaterpflicht aller Greise gegen alle Waisen – diese Herrlichkeiten zur Geltung bringen und das eigene Haupt dafür einsetzen, General sein und auf den Krieg, auf die Schlachten, auf die Revanche verzichten, Royalist sein und zu einer Wage greifen und auf die eine Schale den König von Frankreich, eine fünfzehnhundertjährige Monarchie, die wiederherzustellenden alten Gesetze, die wiedereinzuführende alte gesellschaftliche Ordnung und auf die andere Schale die nächstbesten drei Bauernkinder legen und den König, den Thron, das Scepter, die fünfzehn Jahrhunderte leicht befinden gegen eine dreifache Unschuld – das Alles sollte so viel sein wie nichts, und Der dies vollbracht, sollte der Tiger bleiben und als Bestie ausgerottet werden? Nein, zehnmal nein! Ein Unmensch war es nicht, der soeben noch den Abgrund des Bürgerkrieges mit dem Strahl einer göttlichen That erhellt hatte! Aus dem Schwertschwinger war ein Lichtspender geworden; der Höllenfürst war wieder Lucifer der Engel. Durch sein Opfer hatte sich Lantenac von allen früher verübten Greueln losgekauft; er hatte sich durch seinen zeitlichen Untergang moralisch gerettet, hatte sich eine neue Unschuld erkämpft, hatte seine eigene Begnadigung unterschrieben, denn es besteht ein Recht der Selbstverzeihung, und von nun an war Lantenac ehrwürdig. Er hatte das Außerordentliche bereits geleistet, und nun kam die Reihe an Gauvain; Gauvain war ihm die Antwort schuldig. Der Widerstreit der edlen und unedlen Leidenschaften hatte dermalen die Welt in ein Chaos zurückgestoßen und diesem hatte Lantenac die Humanität abgerungen; Gauvain fiel nun die Aufgabe zu, dem Chaos noch ein Zweites abzuringen, die Familie. Was mußte geschehen? Konnte Gauvain unterlassen, was Gott selber ihm zutraute? Nimmermehr, und aus seinem Tiefsten heraus flüsterte ihm eine Stimme zu: Retten wir Lantenac! – Nun denn, entgegnete eine andere, thue es nur, arbeite den Engländern nur in die Hände, desertire, lauf über zum Feind, rette Lantenac und werde zum Verräther am Vaterland!

Und er schauderte in sich zusammen.

O Du Träumer, Deine Lösung des Problems ist keine Lösung. – Vor Gauvain stieg in der Finsterniß, die ihn umgab, die düster lächelnde Sphinx auf. Seine Situation glich einem grauenhaften Kreuzweg, in den die widersprechenden Wahrheiten einmündeten und sich einander gegenüberstellten, und wo die drei höchsten Güter des Lebens einander anstarrten: die Menschheit, das Vaterland, die Familie. Jede dieser Wahrheiten ergriff der Reihe nach das Wort und der Reihe nach sagte jede etwas Richtiges. Wie sollte da gewählt werden? Eine um die andere schien den Berührungspunkt der Weisheit und der Billigkeit entdeckt zu haben und mahnte: So mußt Du handeln. Aber mußte wirklich so gehandelt werden? Ja und Nein. Die Vernunft rieth zu Dem, das Gefühl zu Jenem, und die beiden Rathschläge bildeten einen Gegensatz. Die Vernunft ist blos unser Hirn und geht vom Menschlichen aus; das Gefühl ist oft das Gewissen der Weltseele und geht demnach aus vom Uebermenschlichen. Darum auch hat das Gewissen die mindere Klarheit, aber die größere Macht. Und dennoch, was liegt in der strengen Vernunft nicht für eine Gewalt! Gauvain schwankte in grausamer, Rathlosigkeit zwischen zwei Abgründen hin und her: den Marquis verderben oder ihn retten. In einen von beiden mußte er sich stürzen; aus welchem von beiden aber rief die Pflicht?

III.

Der Mantel des Kommandanten.

Die Pflicht und abermals die Pflicht: vor Cimourdain stieg sie düster, vor Gauvain bedrohlich empor, einfach vor Jenem und vor Diesem vielseitig, widerspruchsvoll, verwickelt.

Mittlerweile hatte es Zwölf und Eins geschlagen.

Ohne daß er es merkte, hatte sich Gauvain allmälig der Bresche genähert.

Die Feuersbrunst war zu einer sterbenden Gluth verglommen, deren Widerschein auf das gegenüberliegende Plateau fiel und es in den Zwischenräumen, wo der Rauch sie nicht umwölkte, matt erhellte. Dieser stoßweise auflebende und plötzlich wieder erlöschende Schimmer gab den Gegenständen ein unverhaltnißmäßiges Aussehen und die Schildwachen des Lagers tauchten wie Gespenster darin auf. Aus seiner Traumwelt heraus folgte zuweilen Gauvains Blick mechanisch diesem Untergehen des Qualms im Aufleuchten und des Aufleuchtens im Qualm. Das Auf- und Abwogen der Gluth entsprach einigermaßen der innern Fluth und Ebbe seiner Seele.

Plötzlich warf zwischen dem Aufwirbeln zweier Rauchwolken ein davonfliegender Feuerbrand des verglimmenden Gluthherdes ein grelles Licht auf die höchste Stelle des Plateaus und beschien dort mit röthlichem Glanz die Umrisse eines Karrens. Gauvain schaute hinüber. In diesem Karren, um welchen berittene Gendarmen hielten, glaubte er das Fuhrwerk wiederzuerkennen, das er vor einigen Stunden, bei Sonnenuntergang, durch Guechamp’s Fernrohr betrachtet hatte. Es standen Menschen darauf, die etwas abzuladen schienen, und zwar etwas Schweres, das hin und wieder dumpf durcheinander klirrte; was es eigentlich war, hätte sich schwerlich bestimmen lassen; dem Aussehen nach mochte es wohl Balkenwerk sein. Zwei von den Männern schafften eben eine dreieckige flache Kiste herab, die auf die Erde gestellt wurde. Da erlosch der Feuerbrand und Alles verschwamm wieder im Dunkeln. Nachdenklich starrte Gauvain noch immer hinüber nach dem Plateau, auf dem Laternen angezündet worden waren und undeutliche Gestalten ab und zugingen, die Gauvain, von unten und diesseits der Schlucht, nur dann wahrnahm, wenn sie zum äußersten Rand des Plateaus vortraten. Man hörte auch Stimmen, konnte jedoch keine Worte unterscheiden. Hier und da ertönte es wie von Hammerschlägen auf Holz oder gab jenen eigenthümlichen metallischen Klang, der das Wetzen einer Sense begleitet. Es schlug Zwei.

Langsam wie Einer, der nach zwei Schritten vorwärts am liebsten drei andere wieder rückwärts thun möchte, ging Gauvain auf die Bresche zu. Als er näher kam, erkannte ihn die Schildwache trotz der Dunkelheit an der

goldenen Borte seines Mantels und präsentirte das Gewehr. Nun trat Gauvain in den ebenerdigen Saal, der jetzt in eine Wachtstube umgewandelt worden; die Laterne, die von der Decke herunterhing, gab gerade so viel Licht, daß man durch das Gemach schreiten konnte, ohne über die am Boden auf Stroh ausgestreckten Soldaten des Postens zu stolpern, die fast alle schliefen. Da wo sie vor wenig Stunden noch gekämpft, schlummerten sie jetzt, zwar nicht gerade bequem, denn auf den mangelhaft gekehrten Steinplatten kam mancher noch auf ein von der Schlacht übrig gebliebenes Eisen- oder Bleigeschoß zu liegen; aber sie waren müde und rasteten wenigstens aus. Auf dieser gräßlichen Stätte des ersten Angriffs war gebrüllt, geheult, mit den Zähnen geknirscht, geschlagen, gewürgt, geröchelt worden; auf diesem Fußboden, der ihnen nun als Lager diente, waren gar viele der Ihrigen getroffen niedergestürzt; das Stroh, auf dem sie ruhten, trank das Blut ihrer Kameraden; jetzt war Alles vorüber, man hatte das Blut fortgespült, die Säbel abgewischt; die Todten waren todt und die Ueberlebenden friedlich eingeschlummert. So will es der Krieg. Und auch in der nächsten Nacht sollte ebenso friedlich geschlafen werden.

Als Gauvain erschien, erhoben sich Diejenigen, die blos dämmerten, und unter diesen der Kommandirende des Wachtpostens, vom Boden. Gauvain deutete nach der Kerkerthür und sagte: Machen Sie mir auf. Die Riegel wurden zurückgeschoben und Gauvain trat durch die geöffnete Thür ein, die sich sofort wieder hinter ihm schloß.

Siebentes Buch.

0343

Mittelalter und Neuzeit.

I.

Der Ahnherr.

Auf einer Steinplatte des Gefängnisses, neben der viereckigen Oeffnung des unterirdischen Verließes, brannte eine Lampe; weiter hinten war auch der Wasserkrug mit dem Kommisbrod und das Bündel Stroh. Da der Kerker in den Felsen gehauen war, wäre der Einfall, dieses Stroh in Brand zu stecken, dem Insassen übel bekommen, denn er hätte, ohne den geringsten Schaden anrichten zu können, unfehlbar im Rauch ersticken müssen.

Im Augenblick, wo sich die Thür in den Angeln drehte, schritt der Marquis in seinem Gefängniß auf und nieder, mit der mechanischen Unruhe des Löwen im Käfig. Beim Geräusch der auf- und zugehenden Pforte erhob er den Kopf, und die Lampe zwischen Gauvain und ihm leuchtete den Beiden von unten ins Gesicht. Sie schauten einander an, mit einem Blick, vor dem Jeder erstarrte. Dann brach Lantenac in schallendes Gelächter aus und rief: – Guten Tag, mein Herr. Es sind nun schon hübsch viele Jahre, daß mir das Glück nicht mehr zutheil geworden, mit Ihnen zusammen zu treffen. Sie haben die Gewogenheit, mir einen Besuch abzustatten. Ich danke Ihnen. Es kommt mir ganz erwünscht, ein klein wenig zu plaudern, denn ich war bereits auf dem besten Weg, mich zu langweilen. Ihre guten Freunde vergeuden die Zeit mit allerlei Weitschweifigkeiten, mit Feststellungen der Identität und Kriegsgerichten. Ich ginge rascher zu Werk. Bemühen Sie sich nur ganz herein – ich bin hier zu Hause. Nun, was sagen denn Sie zu Allem, was sich jetzt abspielt? Recht originell, nicht wahr? Es war einmal ein König und eine Königin; der König war der König; die Königin war Frankreich. Den König hat man enthauptet und die Königin mit Robespierre vermählt; dieser Herr und diese Dame haben eine Tochter bekommen, die man die Guillotine heißt und deren Bekanntschaft ich allem Anschein nach morgen früh machen werde. Es soll mir ein Vergnügen sein, gerade so vorzüglich, mein Herr, wie das, Sie hier bei mir zu sehen. Führt Sie etwa diese Angelegenheit her? Wären Sie wohl gar zum Henker avancirt? Wenn Sie mir hingegen einen bloßen Freundschaftsbesuch zugedacht haben, so bin ich unendlich gerührt. Sie wissen vielleicht nicht mehr, was ein Edelmann ist. Nun wohl, hier steht Einer: ich. Sehen Sie sich das sonderbare Ding nur an; das glaubt Ihnen an Gott; das glaubt an Althergebrachtes, glaubt an die Familie, an seine Vorfahren, an das Beispiel seines Vaters, an die Loyalität, an die Treue gegen den Landesherrn, an die Achtung vor den überlieferten Gesetzen, an eine Tugend, an eine Gerechtigkeit und das würde Sie mit Freuden füsiliren lassen. Aber bitte, gefälligst Platz zu nehmen, auf dem Stein zwar, denn in diesem Salon kann ich Ihnen keinen Fauteuil anbieten; doch wer im Unrath lebt, kann sich auch am Boden niedersetzen. Glauben Sie ja nicht, daß ich mit dieser Aeußerung eine beleidigende Absicht verbinde, denn was wir den Unrath nennen, das nennen Sie die Nation und von mir werden Sie doch schwerlich verlangen, daß ich mitrufe: Freiheit, Gleichheit, Verbrüderung. Wir stehen hier in einem alten Gemach meines Hauses; vor Zeiten sperrten die Herren die Hintersassen, jetzt sperren die Hintersassen die Herren hinein. Dergleichen Albernheiten heißt man eine Revolution. In sechsunddreißig Stunden soll mir auch, so scheint es, der Hals abgeschnitten werden. Ich sehe nicht ein, was ich daran aussetzen sollte. Nur hätte man wenigstens so höflich sein können, mir meine Dose herunterzuschicken, die ich droben im Spiegelzimmer ließ, wo Sie als kleines Kind oft gespielt haben und auf meinen Knieen geritten sind. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen auch mittheilen, daß Sie den Namen Gauvain führen und daß sonderbarerweise edles Blut in Ihren Adern fließt, ja weiß Gott, dasselbe Blut wie in den meinen, und daß dies Blut aus mir einen Mann von Ehre macht und aus Ihnen etwas Anderes. Jeder hat seine Eigenheiten. Sie werden mir vielleicht bemerken, das sei nicht Ihre Schuld; nun, meine ist es auch nicht. Mein Gott, man kann ja ein Uebelthäter sein, ohne es zu wissen; das liegt an der Luft, in der man lebt, und in Zeiten, wie wir sie jetzt haben, ist man für sein Handeln keineswegs verantwortlich; die Revolution, die nimmt jede einzelne Nichtswürdigkeit auf ihre Kappe, und all Ihre großen Verbrecher sind die leibhaftige Unschuld. Einfaltspinsel sind’s! Sie zu allermeist. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Bewunderung ausspreche. Ja, ich bewundere einen Jungen, der wie Sie, von hoher Geburt, eine hervorragende Stellung im Staat einzunehmen und ein edles Blut zu vergießen hat für eine edle Sache, einen Vikomte von La Tour-Gauvain, einen bretonischen Fürsten, der von rechtswegen Herzog und von erbschaftswegen Pair von Frankreich sein könnte, so ziemlich Alles, was ein vernünftiger Mensch hienieden verlangen dürfte, und der seinen Spaß daran findet, dem, der er ist, zum Trotz der zu sein, der Sie sind, so daß er schließlich seinen Feinden als ein Bösewicht und seinen Freunden als ein Dummkopf erscheinen muß. Da fällt mir eben ein, empfehlen Sie mich doch auch dem Herrn Abbé Cimourdain.

Der Marquis sprach behaglich und gelassen, ohne irgend etwas besonders zu betonen, mit einer Salonstimme, mit klarem, ruhigem Blick und mit den Händen in den Westentaschen. Nachdem er innegehalten, um aufzuathmen, begann er wieder: – Ich will Ihnen nicht verschweigen, daß ich Alles aufgeboten habe, um Ihnen das Leben zu nehmen. Wie Sie mich hier sehen, habe ich zu dreien Malen, ich selber, eigenhändig eine Kanone auf Sie abgefeuert, ein unfeines Verfahren, ich gebe es zu, aber es hieße von einer irrigen Voraussetzung ausgehen, wenn man sich einbilden wollte, daß in Kriegszeiten der Feind bemüht sei, sich Einem gefällig zu erweisen, und wir führen ja Krieg, Herr Neffe, mit Feuer und Schwert, und es läßt sich auch nicht in Abrede stellen, daß der König hingerichtet worden ist. Ein anmuthiges Jahrhundert das!

Er schwieg abermals und hob dann wieder an: – Wenn man bedenkt, daß dies Alles unterblieben wäre, hätte man nur Voltaire gehenkt und Rousseau auf eine Galeere gesetzt! O die geistreichen Männer, welch ein Krebsschaden! Ei, zum Teufel, was können Sie ihr denn vorwerfen, dieser Monarchie? Sie hat allerdings den Abbé Pucelle in seine Abtei von Corbigny zurückgeschickt mit der freien Wahl der Fahrgelegenheit und der Bewilligung einer beliebigen Reisedauer, und was Ihren Herrn Titon anbelangt, der mit Verlaub ein rechter Wüstling war und bei den Dirnen vorsprach, eh er dem wunderthätigen Diakonus Paris nachlief, so wurde er vom Schloß von Vincennes nach dem Schloß von Ham in der Picardie übergeführt, welches, ich leugne es nicht, allerdings ein ziemlich garstiger Aufenthaltsort ist. Das waren die Beschwerdepunkte; ich erinnere mich noch ganz gut; ich habe meiner Zeit auch mitgeschrieen; ich bin so einfältig gewesen wie Sie.

Der Marquis griff an seine Tasche, als wolle er die Tabaksdose herausnehmen und fuhr fort: Aber so bösartig nicht. Man redete, um eben zu reden. Es wurde auch Unfug getrieben mit den Untersuchungen und Eingaben, und nachher kamen die Herren Philosophen; statt der Verfasser hat man ihre Schriften verbrannt; die Hofintriguen haben mitgespielt; dann kamen auch alle die Dummköpfe wie Turgot, Quesnay, Malesherbes, die Physiokraten und Konsorten, und die Hetzerei ging los. Die Schmieranten und Versifexe haben den ganzen Wirrwarr in Szene gesetzt. Die Encyclopädisten! Diderot! d’Alembert! O über die nichtsnutzigen Tröpfe! Daß ein anständiger Mann wie jener König von Preußen sich in dergleichen verrennen konnte. Wie hätte ich an seiner Stelle die Tintenkleckser sammt und sonders aus dem Weg geschafft! Ha, wir Andern, wir wußten noch mit der Rechtspflege umzugehen. Hier diese Mauer mit den Räderspuren erzählt noch davon. Wir machten Ernst. Nein, nein, fort mit dem Schreiberpack! So lange es noch Leute giebt wie einen Arouët, wird es auch Leute geben wie Marat; so lange noch Krakehler Papier verkratzen, werden Spitzbuben morden; so lange die Tinte fließt, werden die schwarzen Flecken nicht ausbleiben, und so lange eine Menschenpfote einen Gänsekiel halten wird, werden die frivolen Albernheiten in niederträchtige Albernheiten ausarten. Die Verbrechen werden durch die Bücher in die Welt gesetzt. Das Wort Chimäre hat einen doppelten Sinn: es bezeichnet einen Traum und bezeichnet ein Ungeheuer. Wie bereitwillig giebt man sich mit leeren Redensarten zufrieden! Was faselt ihr mir da vor von Rechten? Von Menschenrechten, Volksrechten! Läßt sich etwas Hohleres, etwas Stupideres, etwas Unmöglicheres, etwas Inhaltloseres aushecken? Ich, wenn ich sage: Havoise, die Schwester Conans II., brachte dem Grafen Hoël von Nantes und Cornouailles die Grafschaft Bretagne mit in die Ehe; von diesem vererbte sich die Krone auf Alain Fergant, den Oheim von Bertha, welche sich mit dem souveränen Herrn zu La Roche-sur Yon, Alain dem Schwarzen, vermählte und ihm Conan den Kleinen, den Ahnen von Guy oder Gauvain von Thouars, dem Gründer unseres Stamms, gebar, – wenn ich so spreche, so spreche ich eine bestimmte Thatsache aus und leite ein bestimmtes Recht davon ab. Auf welche Rechte aber berufen sich Ihre Strolche, Ihre Gaudiebe, Ihre Hungerleider? Auf die Gotteslästerung und auf den Königsmord. Und das soll nicht niederträchtig sein? O welche Hallunken! Es thut mir leid für Sie, mein Herr, aber Sie sind aus jenem stolzen bretonischen Geschlecht; Sie wie ich stammen von Gauvain von Thouars ab, auch von jenem großen Herzog von Montbazon, der französischer Pair und Großkreuz des königlichen Hausordens war, der die Vorstadt von Tours stürmte, im Gefecht von Arques verwundet wurde und in seinem sechsundachtzigsten Lebensjahr als Oberstjägermeister von Frankreich auf seinem Schloß von Couzières in der Touraine verstarb. Ich könnte Ihnen ferner noch vom Herzog von Laudunois, dem Sohn der Freifrau von La Garnache, erzählen, von Claude von Lothringen, Herzog von Chevreuse, und von Henri von Lenoncourt und von Françoise von Laval-Boisdauphin; aber wozu? Der junge Herr haben die Ehre, ein Simpel zu sein, und wollen durchaus mit meinem Stallknecht rangiren. Ich sage Ihnen nur so viel, daß ich schon ein betagter Mann war, als Sie noch in den Windeln lagen. Ich habe Ihnen oft das Rotznäschen geputzt und möchte es wieder thun, denn Sie haben das Kunststück geliefert, mit den Jahren kleiner zu werden. Seitdem wir uns nicht mehr gesehen haben, ist Jeder von uns seiner Wege gegangen, ich den rechtschaffenen, Sie den entgegengesetzten. Wozu das Alles führen wird, weiß ich zwar nicht, aber das weiß ich, daß Ihre Herren Freunde famose Schurken sind, O ja, es ist Alles recht schön und gut; ich muß es loben; der Fortschritt ist kolossal; in der Armee hat man die Strafe des dreitägigen Wassertrinkens für die Säufer abgeschafft; man hat das Maximum, den Konvent, den Bischof Gobel, die Herren Chaumette und Hébert und rottet die ganze Vergangenheit mit Stumpf und Stiel aus, von der Bastille bis herab zum Kalender, in dem die Heiligen durch Gemüsesorten ersetzt werden. Schön, Ihr Herren Bürger, herrscht nur zu, regiert, macht es Euch bequem, thut Euch gütlich, genirt Euch nicht. Dafür bleibt die Religion doch die Religion; dafür füllt das Königthum doch fünfzehn Jahrhunderte in unserer Geschichte aus; und dafür steht der alte französische Adel doch über Euch, auch wenn Ihr ihn köpft. Und über Eure Nörgeleien am historischen Recht der Dynastien zucken wir nur die Achseln. Hilperich war blos ein Mönch Namens Daniel und wurde durch Rainfried untergeschoben, um Karl Martell zu ärgern; das Alles wissen wir so gut wie Ihr. Aber darum handelt sich es nicht; es handelt sich darum, ein großes Reich zu sein, das alte Frankreich, dieses herrlich organisirte Land: an der Spitze die geheiligte Person des Monarchen, dann die Prinzen, dann die Würdenträger der Krone für den Krieg zu Land und zu See, für die Artillerie, für die Oberleitung und Pflege der Finanzen, dann die souveräne und subalterne Justiz, dann das Steuerwesen und die Staatseinnahmen und zuletzt die drei verschiedenen Abstufungen der Königlichen Polizei. Das war schön und vornehm angeordnet; Ihr habt es zerstört, habt die Eintheilung der Provinzen zerstört, Ihr jämmerlichen Ignoranten, ohne auch nur zu ahnen, was die Provinzen bedeuten sollten. In Frankreichs Genius konzentrirte sich der Genius des ganzen Kontinents und jede französische Provinz vertrat eine europäische Tugend, die Pikardie die deutsche Offenherzigkeit, die Champagne die schwedische Großmuth, Burgund den holländischen Gewerbefleiß, das Languedoc die polnische Rührigkeit, die Gascogne den spanischen Ernst, die Provence die italienische Klugheit, die Normandie den griechischen Scharfsinn, das Dauphiné die schweizerische Treue. Von dem Allen habt Ihr nichts gemerkt; Ihr habt zerbrochen, zertrümmert, zerschmettert, niedergerissen, in aller Seelenruhe, wie die Bestien. Ah, Ihr wollt keinen Adel mehr? Nun gut, Ihr sollt auch keinen mehr haben. Ergebt Euch denn darein; verzichtet nur gleich auf die Paladine, auf die Helden; gute Nacht, du alte Größe! Zeigt mir heut zu Tage einen d’Assas! Ihr seid Alle besorgt um Eure Haut; es ist vorbei mit jenen ritterlichen Kämpfern von Fontenoy, die den Feind grüßten, ehe sie losschlugen, vorbei mit den Heroen in seidenen Strümpfen, die bei der Belagerung von Lerida gefochten, vorbei mit jenen stolzen Schlachten, wo die Federbüsche wie Meteore einherstürmten; Ihr seid ein bankrott gewordenes Volk; Ihr werdet die Nothzucht der Invasion über Euch ergehen lassen, und wenn ein zweiter Alarich kommt, wird er keinen zweiten Klodwig finden; wenn Abderrahman wiederkehrt, wird kein Karl Martell, wenn die Sachsen wiederkehren, wird kein Pipin da sein. Ihr werdet kein Agnadel, kein Rocroy, kein Lens, Staffarde, Neerwinden, Steinkirchen, La Marsaille, Rocoux, Laufeld, Mahon mehr erleben, kein Marignan mit seinem Franz I., kein Bouvines mit seinem Philipp August, der mit der einen Hand den Grafen Renaud von Boulogne und mit der anderen den Grafen Ferrand von Flandern gefangen nimmt. Nur zu einem Azincourt werdet Ihr es bringen, aber ohne dabei einen Oriflammenträger zu haben wie den edlen Herrn von Bacqueville, der sich, in seine Fahne gewickelt, niederhauen läßt. Aber geht, geht nur immer Eures Wegs und seid die Männer der Neuzeit und werdet klein.

Der Marquis machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: – Aber uns laßt groß bleiben. Bringt die Könige um, die Edelleute, die Priester, zerstört, verheert, guillotinirt, tretet mit Füßen Alles, setzt Eure Stiefelsohlen auf die Ueberlieferungen der Vergangenheit, trampelt auf dem Thron herum, stampft die Altäre nieder, schmettert Gott in den Staub und tanzt darüber hinweg! Das ist Eure Sache. Ihr seid Verräther und Feiglinge, unfähig, Euch für etwas hinzugeben und aufzuopfern. Ich bin zu Ende. Jetzt lassen Sie mich guillotiniren, Herr Vikomte. Ich habe die Ehre, Ihr Allergehorsamster zu sein.

Und er setzte noch hinzu: Nicht wahr, ich habe Ihnen die Leviten gelesen? Warum sollte ich nicht? Ich bin ja todt.

– Sie sind so frei, sagte Gauvain. Und er trat auf den Marquis zu, knöpfte den Mantel auf, warf ihm denselben über die Schultern und zog ihm die Kapuze über die Stirn. Sie waren Beide in einer Größe.

– Ei, was thust Du denn da? fragte der Marquis.

– Lieutenant! schließen Sie auf! rief Gauvain mit lauter Stimme. Die Thür wurde geöffnet.

– Riegeln Sie die Thür gleich wieder hinter mir zu! befahl Gauvain und stieß den staunenden Marquis zum Kerker hinaus.

Der ebenerdige Saal, der jetzt eine Wachtstube war, hatte, wie man sich erinnern wird, keine andere Beleuchtung als die einer Hornlaterne, die Alles ganz trübe erscheinen ließ und mehr Nacht verbreitete als Licht. In diesem verschwommenen Dämmerdunkel sahen die noch wach gebliebenen Soldaten einen hochgewachsenen Mann in dem Mantel und der Kapuze des Kommandanten dem Ausgang zu vorüberschreiten und salutirten. Langsam trat der Marquis zur Bresche und durch diese, nicht ohne sich mehrmals die Stirn anzurennen, vor den Thurm hinaus. Dort präsentirte ihm die Schildwache, welche Gauvain zu erkennen glaubte, das Gewehr. Als er draußen war, auf dem Grasplatz, zweihundert Schritte vom Wald, mit dem unbegrenzten Raum und der Nacht und der Freiheit und dem Leben vor sich, stand er eine Weile regungslos, wie Einer, dem ohne sein Zuthun etwas durch Ueberraschung aufgenöthigt worden und der nun nach Benutzung der offenen Thür, mit sich selbst im Unklaren, zaudert und, bevor er weitergeht, erst seine Gedanken sammelt. Nach einigen Momenten aufmerksamer Ueberlegung, erhob er die rechte Hand, drückte den Mittelfinger gegen den Daumen und sagte, indem er ein Schnippchen schlug: Meinetwegen!

Als er den Wald betrat, war der Kerker, in welchem Gauvain zurückgeblieben, schon längst wieder verriegelt.

II.

Das Kriegsgericht

In der damaligen Militärjustiz herrschte so ziemlich die Willkür. Dumas hatte wohl in der gesetzgebenden Versammlung Grundzüge zu einem Kodex für die Kriegsgerichte entworfen und seine Arbeit war auch durch Talot im Rath der Fünfhundert wieder aufgenommen worden, aber die endgiltige Gesetzgebung für die Armee ist das Werk des Kaiserreichs. So war zum Beispiel zur Revolutionszeit den Kriegsgerichten noch nicht vorgeschrieben, beim Einsammeln der Stimmen mit der untersten Charge zu beginnen. Im Jahre 93 vereinigten sich so gut wie alle Befugnisse eines solchen Gerichtshofs in der Person des Präsidenten; er wählte die Votanten, bestimmte die beizuziehenden Chargen, entschied über den Abstimmungsmodus, kurz war Machthaber und Richter in einer Person.

Zum Sitzungslokal war durch Cimourdain der ebenerdige Saal ausersehen, wo die Barrikade gestanden hatte und wo sich jetzt der Wachtposten befand. Alles sollte möglichst abgekürzt werden, sowohl der Weg vom Gefängniß zur Verhandlung, wie von dieser zum Schaffott. Hier hatte sich das Gericht, Cimourdain’s Anordnung zufolge, um zwölf Uhr Mittags versammelt. Die ganze äußere Ausstattung bestand aus drei Strohsesseln, einem Tisch aus Tannenholz, darauf zwei brennende Lichter und dahinter ein hoher Schemel: die Sessel für die Richter, der Schemel für den Angeklagten. An jedem Ende des Tisches stand noch ein anderes Tabouret für den Auditor, der ein Fourier, und für den Schriftführer, der ein Korporal war. Auf dem Tisch befand sich ferner noch eine Stange von rothem Siegellack, ein kupfernes Amtssiegel, zwei Tintenfässer, Schreibpapier und zwei ihrer ganzen Größe nach entfaltete gedruckte Plakate, das eine mit der Bekanntmachung, daß Lantenac außer dem Gesetz stehe, das andere mit der Verordnung des Konvents. Ueber dem mittleren Stuhl erhoben sich ein paar dreifarbige Fahnen. In diesen prunklos derben Zeiten verlor man mit der Ausschmückung nicht viel Zeit und konnte im Handumdrehen eine Wachtstube in einen Gerichtssaal umwandeln. Der mittlere Sessel, der Präsidentenstuhl, war der Kerkerthür zugewendet. Soldaten bildeten das Publikum, und hinter dem für den Angeklagten bestimmten Schemel standen zwei Gensdarmen.

Cimourdain saß auf seinem Platz, zu seiner Rechten den Hauptmann Guéchamp als ersten Richter und als zweiten zur Linken den Sergeanten Radoub. Er hatte einen Hut mit dreifarbigem Federbusch auf, seinen Säbel an der Seite und in der Schärpe seine zwei Pistolen. Der grimmige Ausdruck seines Gesichts wurde durch die hochrothe Narbe noch gesteigert.

Radoub, der sich schließlich hatte verbinden lassen, trug ein Tuch um den Kopf gewickelt, auf dem ein Blutflecken zu sehen war, welcher allmälig um sich griff.

Die Sitzung hatte noch nicht begonnen. Beim Gerichtstisch stand eine Staffette, deren Pferd man draußen scharren hörte, und Cimourdain schrieb folgende Worte nieder: »Bürger und Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses, Lantenac ist gefangen und wird morgen guillotinirt.« Er setzte das Datum hinzu, unterschrieb die Depesche, faltete und versiegelte sie und reichte sie dann dem Boten, der sich damit entfernte. Hierauf sagte Cimourdain mit lauter Stimme: Man öffne das Gefängniß.

Die zwei Gensdarmen schoben die Riegel zurück, schlossen auf und traten hinein. Cimourdain hob den Kopf in die Höhe, verschränkte die Arme, schaute nach der Thür und rief: Man führe den Gefangenen vor.

Da erschien unter der Wölbung der Thür zwischen den zwei Gensdarmen ein Mann.

Cimourdain zuckte zusammen, als er ihn erblickte: Gauvain! rief er aus und setzte dann hinzu: Den Gefangenen will ich haben.

– Der bin ich, sagte Gauvain.

– Du?

– Ich.

– Und Lantenac?

– Ist frei.

– Frei?

– Ja.

– Ausgebrochen?

– Ausgebrochen.

Zitternd stammelte jetzt Cimourdain: Allerdings dies Schloß hier ist ja sein; er kennt alle Schliche; sein Gefängniß hat wohl einen geheimen Ausgang; daran hätte ich denken sollen; es wird ihm eben gelungen sein, zu entrinnen, ohne irgend welcher fremden Hilfe zu bedürfen.

– Ihm ward geholfen.

– Zur Flucht?

– Zur Flucht.

– Und wer verhalf ihm dazu?

– Ich.

– Du?!

– Ja, ich.

– Du sprichst im Traum!

– Ich bin zu ihm in den Kerker gegangen, war dort mit ihm allein, habe meinen Mantel von den Schultern genommen und um die seinen geworfen; habe ihm die Kapuze über das Gesicht zurückgeschlagen, dann hat er sich statt meiner entfernt; ich bin statt seiner geblieben, und hier stehe ich.

– Das hast Du nicht gethan!

– Ich habe es gethan.

– Es ist rein unmöglich.

– Es ist so.

– Bringt mir Lantenac!

– Er ist schon weit. Die Soldaten, die ihn im Kommandantenmantel sahen, haben ihn für mich gehalten und an sich vorübergehen lassen. Es war noch Nacht.

– Du redest irre.

– Ich rede die Wahrheit.

Nach einer Pause stotterte Cimourdain: Aber dann verdienst Du ja …

– Den Tod, sagte Gauvain.

Cimourdain’s Gesicht war blaß geworden wie ein abgeschnittener Kopf; er saß regungslos da, wie vom Blitz gerührt. Es war, als athme er nicht mehr, und Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. Endlich sprach er mit etwas festerer Stimme: Man lasse den Gefangenen niedersitzen.

Gauvain nahm seinen Platz auf dem Schemel ein. – Gensdarmen, hob Cimourdain wieder an, zieht die Säbel.

Es war dies die gebräuchliche Form, wenn Jemand eines Verbrechens angeklagt war, das durch den Tod bestraft wurde.

Die Gensdarmen zogen blank. Cimourdain’s Stimme hatte ihre ganze gewohnte Festigkeit wiedergewonnen. Angeklagter, sagte er, stehen Sie auf.

Er redete Gauvain nicht mehr mit Du an.

III.

Die Abstimmung.

Gauvain erhob sich.

– Wie heißen Sie? fragte Cimourdain.

– Gauvain.

Nun nahm das Verhör seinen weiteren Verlauf.

– Wer sind Sie?

– Ich bin Oberkommandant der Streifkolonne vom Departement Côtes-du-Nord.

– Sind Sie mit dem flüchtig Gewordenen blutsverwandt oder verschwägert?

– Ich bin sein Großneffe.

– Sie haben Kenntniß von der Verordnung des Konvents?

– Dort liegt sie gedruckt auf dem Tisch.

– Haben Sie betreffs dieser Verordnung etwas zu bemerken?

– Ich habe zu bemerken, daß ich sie mit unterzeichnete, daß ich die Vollstreckung in Aussicht stellte und daß ich selber das von mir unterschriebene Plakat anschlagen ließ.

– Wählen Sie sich einen Vertheidiger.

– Ich werde mich selber vertheidigen.

– Sie haben das Wort.

Cimourdain beherrschte sich wieder; nur glich diese Selbstbeherrschung weniger der Seelenruhe eines Menschen als der Starrheit eines Felsens. Gauvain blieb eine Weile stumm und in sich gekehrt.

– Was können Sie zu Ihrer Vertheidigung vorbringen? mahnte Cimourdain.

Langsam erhob Gauvain das Haupt und antwortete, ohne Jemand anzublicken: Dies Eine: mich hat ein Umstand verhindert, einen anderen in Betracht zu ziehen; eine gute That, allzusehr in der Nähe beschaut, hat mir hundert Missethaten verdeckt; ein Greis einerseits und andererseits die Kinder, das Alles hat sich zwischen mich und meine Pflicht gedrängt. Ich habe die eingeäscherten Dörfer vergessen, die verwüsteten Felder, die erschossenen Gefangenen, die niedergemachten Verwundeten, die hingerichteten Weiber, habe das an England verrathene Frankreich vergessen und den Mörder des Vaterlandes in Freiheit gesetzt. Ich bin schuldig. Indem ich also spreche, könnte man vielleicht glauben, ich spräche gegen mein Interesse, aber das wäre ein Irrthum: ich rede mir selber das Wort, denn wenn der Schuldige seine Schuld erkennt, so rettet er das Einzige, was zu retten sich der Mühe verlohnt, die Ehre.

– Ist das Alles, was Sie zu Ihrer Vertheidigung zu sagen haben? fragte Cimourdain.

– Ich füge noch hinzu, daß, wie mir als dem Kommandanten obgelegen hätte, mit gutem Beispiel voranzugehen, Ihnen als den Richtern jetzt ein gleiches obliegt.

– Worin soll das gute Beispiel bestehen?

– In meinem Tod.

– Sie finden ihn also gerechtfertigt?

– Und nothwendig.

– Setzen Sie sich.

Nun erhob sich der Fourier und verlas in seiner Eigenschaft als Auditor erstens den Beschluß, der den vormaligen Marquis von Lantenac in die Acht erklärte, zweitens die Verordnung des Konvents, welcher über Jeden die Todesstrafe verhängte, welcher einem gefangenen Rebellen zur Flucht verhelfen würde, und schloß mit den der Verordnung beigefügten wenigen Zeilen, durch welche, gleichfalls bei Todesstrafe, strengstens verboten wurde, dem obengenannten Rebellen Beistand und Vorschub zu leisten, und welche die Unterschrift trugen: »Der Kommandant der Streifkolonne, Gauvain.«

Nachdem dies geschehen, setzte sich der Auditor wieder. Cimourdain schlug die Arme über einander und sagte: Angeklagter, merken Sie wohl auf, und Ihr Anwesenden hört, schaut und schweigt. Jetzt waltet das Gesetz. Ich lasse abstimmen. Die einfache Majorität soll entscheiden. Der Reihe nach und in Gegenwart des Angeklagten, denn die Gerechtigkeit hat nichts zu verheimlichen, werden die Richter ihr Urtheil fällen. Ich ertheile dem ersten Richter das Wort; Hauptmann Guéchamp, reden Sie.

Der Hauptmann Guéchamp schien weder Cimourdain noch Gauvain zu sehen; seine gesenkten Wimpern versteckten seine unbeweglichen Augen, die zu dem Plakat des Konvents hinüberstarrten, als starrten sie in einen Abgrund: Der Wortlaut des Gesetzes, sagte er, ist klar. Ein Richter aber ist mehr und weniger als ein Mensch, weniger, denn er darf kein Herz haben, und mehr, denn er führt das Schwert. Im Jahr 414 der römischen Zeitrechnung ließ Manlius seinen eigenen Sohn das Verbrechen, ohne seinen Befehl gesiegt zu haben, mit dem Leben büßen. Die verletzte Disziplin erheischte diese Sühne. Im vorliegenden Fall nun ist das Gesetz verletzt worden und das Gesetz steht noch über der Disziplin. Das Vaterland schwebt in Folge einer Anwandlung von Mitleid wieder in Gefahr. Auch das Mitleid kann zum Verbrechen anwachsen. Der Kommandant Gauvain hat dem Rebellen Lantenac zur Flucht verholfen. Gauvain ist schuldig. Ich stimme für Todesstrafe.

– Schriftführer, sagte Cimourdain, nehmen Sie zu Protokoll: »Hauptmann Guéchamp Todesstrafe.«

Während der Korporal schrieb, erhob Gauvain die Stimme und sprach: Sie haben ein gerechtes Urtheil gefällt, Guéchamp, und ich danke Ihnen dafür.

– Jetzt hat der zweite Richter das Wort, begann wieder Cimourdain. Reden Sie, Sergeant Radoub.

0351

Radoub stand auf und wendete sich gegen Gauvain.

Radoub stand auf, wendete sich gegen Gauvain und machte vor dem Angeklagten die Honneurs; dann rief er: Ja, wenn das so ist, so köpft mich mit, denn hier lege ich bei allen Himmeldonnerwettern mein heiligstes Ehrenwort darauf ab, ich möchte gehandelt haben erstens wie der Alte und zweitens wie mein Kommandant. Als ich sah, wie sich der achtzigjährige Patron ins Feuer warf, um die drei Thierchen zu retten, da habe ich gesagt: Weißkopf, Du bist ein braver Kerl! Und wenn ich jetzt erfahre, daß durch meinen Kommandanten der Alte Eurer dummen Guillotine aus dem Rachen gerissen worden ist, Gott verdamm mich, da muß ich sagen: Kommandant, Sie sollten mein General sein, denn Sie sind ein ganzer Mann, und hol mich der Teufel! Ihnen würde ich das Ludwigskreuz anhängen, wenn es noch Kreuze und heilige Ludwige und dergleichen gäbe. Ja Wetter! Soll etwa von nun an der höhere Blödsinn Trumpf sein? Wenn dafür die Schlacht von Valmy und die Schlacht von Jemappes und die Schlacht von Fleurus und die Schlacht von Wattignies gewonnen worden sind, so muß man’s nur gleich heraussagen. Wie! da ist der Kommandant Gauvain, der seit vier Monaten all die royalistischen Kaffern nach Noten zu Paaren treibt und der die Republik mit seinem Säbel aus dem Gedränge heraushaut und der das Dol ins Werk gesetzt hat, wozu doch wahrhaftig eine gewisse Pfiffigkeit gehörte, und wenn man einmal einen solchen Mann hat, so giebt man sich alle Mühe, ihn wieder loszuwerden, und will ihm, anstatt ihn zum General avanciren zu lassen, gar noch die Gurgel abschneiden? Da möchte man doch gleich kopfüber über das Geländer vom Pont-Neuf springen; Ihnen aber, Bürger Gauvain, meinem Kommandanten, sage ich, daß, wenn Sie, anstatt mein General zu sein, mein Korporal wären, ich Ihnen sagen würde, daß Sie vorhin strohdummes Zeug gesagt haben. Der Alte hat wohl daran gethan, die Kinder zu retten; Sie haben wohl daran gethan, den Alten zu retten; und wenn man die Leute für jede gute That guillotinirt, dann soll das Donnerwetter dreinfahren; dann weiß ich nicht mehr, was die Uhr geschlagen hat, dann sehe ich nicht ein, wo man aufhören soll. Ja, ist das Alles denn auch wirklich wahr? Man muß sich wirklich zwicken, um zu sehen, daß man nicht träumt. Mir steht der Verstand still. Hätte vielleicht der Alte die kleinen Dinger bei lebendigem Leibe verbrennen und mein Kommandant dem Alten den Hals entzweischneiden lassen sollen? Nun gut, schneidet den Hals auch mir entzwei; mir kann es schon recht sein. Noch Eins: nehmen wir an, die Kleinen wären umgekommen, so war das Bataillon Bonnet-Rouge entehrt. Wäre das etwa in der Ordnung gewesen? Nun dann fressen wir einander nur gleich auf dem Kraut! In der Politik weiß ich ebenso gut Bescheid wie Sie Alle und habe oft genug im Klub vom Bezirk Les Piques gesessen. Hol es der Teufel! Wir gehen nachgerade den Krebsgang. Kurzum, mir ist Alles zuwider, was den Nachtheil hat, zu bewirken, daß man sich schließlich garnicht mehr zurechtfinden kann. Warum, zum Henker, lassen wir uns denn umbringen? Damit man uns unseren Kommandanten umbringt? Nichts da, Frau Tante. Meinen Kommandanten will ich zurückhaben; ich muß ihn haben meinen Kommandanten; heute gefällt er mir noch immer besser als gestern. Den auf die Guillotine schicken – lächerbar! Von dem Allem wollen wir ein für allemal nichts wissen; ich habe herumgehorcht, und was auch gesagt werden mag, Punktum, aus der Geschichte wird nichts.

Und Radoub setzte sich. Seine Wunde hatte sich wieder geöffnet und von der Stelle, wo ihm das Ohr abgeschossen worden, rann ihm das Blut tropfenweise durch die Binde am Hals herab.

– Sie stimmen also für Freisprechung des Angeklagten? fragte ihn Cimourdain.

– Ich stimme dafür, daß er zum General ernannt werde, antwortete Radoub.

– Ich will wissen, ob Sie für seine Freisprechung stimmen?

– Ich stimme für seine Ernennung zum obersten Posten der Republik.

– Sergeant Radoub, stimmen Sie, Ja oder Nein, für Freisprechung des Kommandanten Gauvain?

– Ich stimme dafür, daß man mir an seiner Stelle den Kopf abschneide.

– Freisprechung, sagte Cimourdain. Schriftführer, nehmen Sie zu Protokoll: »Sergeant Radoub Freisprechung.«

Nachdem der Korporal geschrieben, bemerkte er: Die Stimmen sind also getheilt.

Nun kam die Reihe an Cimourdain. Er stand auf, nahm seinen Hut ab und legte ihn auf den Tisch. Er war weder bleich noch fahl mehr; sein Gesicht war erdfarbig geworden. Wenn alle Anwesenden in Leichentüchern da gelegen hätten, es hätte keine tiefere Stille geherrscht als jetzt. Mit feierlicher, gedehnter und fester Stimme sagte Cimourdain: Angeklagter, die Verhandlung ist geschlossen. Im Namen der Republik und mit zwei Stimmen gegen eine …

Er stockte und hielt inne; zauderte er, sich für den Tod, oder zauderte er, sich für das Leben zu erklären? Alles stand athemlos. Jetzt fuhr er fort: Verurtheilt Sie das Kriegsgericht zum Tod.

Auf Cimourdain’s Gesicht malte sich die Marterqual des düsteren Triumphes. Als Jakob sich durch den Engel, den er in der Finsterniß überwunden hatte, segnen ließ, zuckte wohl solch ein entsetzliches Lächeln über sein Antlitz. Nur dies eine flüchtige Aufblitzen und Cimourdain’s Züge erstarrten wieder zu Marmor; er setzte sich, bedeckte sich und fügte hinzu:

– Gauvain, die Hinrichtung wird morgen bei Sonnenaufgang vollzogen.

Gauvain erhob sich, grüßte und entgegnete: Ich spreche dem Gerichtshof meinen Dank aus.

– Man führe den Verurtheilten zurück, befahl Cimourdain. Auf seinen Wink hin that sich die Kerkerthür wieder auf; Gauvain trat ein und die Thür ging zu. Die Gensdarmen blieben mit blankem Säbel rechts und links als Schildwachen davor stehen. Radoub wurde ohnmächtig fortgetragen.

IV.

Nach dem Richter Cimourdain Cimourdain der Gebieter

Ein Lager ist ein Wespennest, zumal in Revolutionszeiten. Gern und rasch tritt der dem Soldaten innewohnende Stachel des Bürgersinns hervor und trägt kein Bedenken, sich, nachdem der Feind verjagt worden, am eigenen Anführer zu vergreifen. Im Hin- und Hersummen der tapferen Schaar, die La Tourgue eingenommen hatte, machten sich verschiedene Strömungen geltend; die erste richtete sich gegen den Kommandanten Gauvain, als Lantenac’s Flucht bekannt wurde. Der Augenblick, da man Gauvain aus dem Kerker treten sah, in dem man den Marquis festzuhalten glaubte, wirkte wie ein elektrischer Funke, denn im Nu hatte sich im ganzen Lager die Nachricht davon verbreitet und durch das kleine Heer zog ein brummend Geflüster: Jetzt gehen sie mit Gauvain wohl ins Gericht, aber sie machen uns nur blauen Dunst vor. Da traue Einer den Junkern und Pfaffen! Erst haben wir gesehen, wie ein Vikomte einem Marquis das Leben gerettet hat, und nun werden wir sehen, wie der Priester den Vikomte freispricht. Als man aber Gauvain’s Verurtheilung erfuhr, erhob sich ein anderes Murren. Das ist doch etwas stark! Unser Chef, unser wackerer Chef, unser junger Kommandant, ein Held! Er ist Vikomte, allerdings; aber deshalb sind seine Verdienste um die Republik gerade um so höher anzuschlagen. Was? ihn, den Befreier von Pontorson, von Villedieu, von Pont-au-Beau, den Sieger von Dol und von La Tourgue, den Mann, dem wir unsere Unüberwindlichkeit verdanken, den rechten Arm der Republik in der Vendée, den Feldherrn, der seit fünf Monaten die Chouans in Schach hält und alle Böcke von Léchelle und Konsorten wieder gut macht, den wagt dieser Cimourdain zum Tode zu verurtheilen? Und warum? Weil er einen Greis rettete, der drei Kinder gerettet hat? Ein Soldat, der von Priesterhand fällt, ist das nicht unerhört?

In diesen und ähnlichen Worten machte sich der Mißmuth der siegreichen und unzufriedenen Truppe Luft. Cimourdain war von einem finstern Grollen umgeben. Viertausend Mann gegen einen einzigen, man sollte meinen, das sei ein wirksames Gegengewicht, aber nein: diese Viertausend waren blos eine Menschenmenge, und Cimourdain war ein Wille. Man wußte, daß sich Cimourdain’s Stirn gar leicht in Falten zog, und das genügte, um das Armeekorps in Respekt zu halten. In jenen strengen Zeiten brauchte sich hinter Jemand nur der Schatten des Wohlfahrtsausschusses zu erheben, um ihn bedrohlich erscheinen zu lassen und die Verwünschungen zu einem Gelüster zu dämpfen und das Geflüster zum Schweigen zu bringen. Nach wie vor diesem Gemurmel blieb Cimourdain der unumschränkte Gebieter über Gauvain’s wie über aller Anderen Schicksal. Man wußte, daß man von ihm nichts fordern durfte und daß er lediglich auf die übermenschliche, ihm allein verständliche Stimme seines Gewissens hören werde. Von ihm hing Alles ab. Er allein konnte das Urtheil, das er als Präsident des Kriegsgerichts gefällt hatte, als Zivilkommissär wieder umstoßen. Ihm allein stand das Recht der Begnadigung zu. Kraft seiner unbegrenzten Vollmacht bedurfte es nur eines Winks von ihm, und Gauvain war frei; Cimourdain war der Herr über Leben und Tod; ihm nur gehorchte die Guillotine, und in dieser tragischen Situation war er der Mann der Entscheidung.

Der Tag ging bereits zur Neige. Man konnte nur abwarten, was der nächste Morgen bringen würde.

V.

Im Kerker

Aus dem Gerichtssaal war wieder eine Wachtstube geworden, in welcher wie am Abend zuvor, ein doppelter Posten aufzog, und vor der Kerkerthür schritten zwei Schildwachen auf und nieder.

Gegen Mitternacht kam ein Mann mit einer Laterne in der Hand her, gab sich zu erkennen und ließ sich das Gefängniß aufschließen. Er trat hinein, und die Thür blieb hinter ihm zugelehnt.

Dunkel und still war’s im Kerker. Cimourdain that einen Schritt vorwärts in diese Finsterniß, stellte die Laterne auf den Fußboden hin und blieb unbeweglich. Die gleichmäßigen Athemzüge eines Schlafenden drangen an sein Ohr durch die Schatten der Nacht und sinnend lauschte er dem friedlichen Hauch Gauvain’s, der an der Rückwand des Kerkers auf dem Bündel Stroh in tiefem Schlummer lag. So geräuschlos wie möglich schlich er sich dicht an ihn heran und betrachtete ihn mit einem Blick so zärtlich und so unaussprechlich, wie ihn nur eine Mutter haben kann, wenn sie ihren Säugling anschaut. Dieser Blick war wohl stärker als er, denn er drückte sich, wie oft Kinder thun, beide Fäuste gegen die Augen und rührte sich nicht. Nachdem er eine Weile so gestanden, kniete er nieder, nahm Gauvain’s Hand und führte sie zu seinen Lippen. Gauvain machte eine Bewegung, schlug staunend die Augen auf wie Jeder, der nicht von selber aufwacht, und erkannte beim trüben Schein der Laterne Cimourdain. – Sieh da, sagte er. Sie sind’s, mein Lehrer. Mir träumte, fügte er hinzu, meine Hand küsse den Tod.

Cimourdain empfand jene Erschütterung, mit der uns zuweilen das plötzliche Hervorbrechen einer Gedankenfluth durchzuckt, und diese Fluth geht hier und da so stürmisch hoch, daß sie die Seele zu ertränken droht. Dem tiefsten Herzen Cimourdain’s konnte sich nur ein einziger Laut entringen: Gauvain!

Und beide blickten einander in die Augen, Cimourdain mit jenen Flammen darin, welche die Thränen verbrennen, Gauvain mit seinem sanftesten Lächeln.

– Diese Narbe hier auf Ihrer Stirn, sagte Gauvain, indem er sich auf den Ellenbogen stützte, ist der Säbelhieb, den Sie für mich aufgefangen haben. Gestern noch standen Sie neben mir und mir zulieb im Kugelregen, und wenn die Vorsehung Sie nicht an meine Wiege gestellt hätte, wo wäre ich jetzt? Mitten in Finsternissen. Daß ich jetzt einen Begriff habe von der Pflicht, verdanke ich Ihnen allein, denn in Banden war ich geboren, in Banden des Vorurtheils, und Sie haben mich davon befreit, haben meinem Wachsthum Spielraum gegeben und haben aus etwas, das schon eingepfercht war wie eine Mumie, wieder ein Kind gemacht. In eine Seele, die sonst hätte verkrüppeln müssen, haben Sie ein Gewissen gepflanzt. Ohne Sie hätte ich mich zum Zwerg entwickelt. Durch Sie lebe ich. Ich war nur ein Vikomte und Sie haben mich zum Bürger herangezogen; ich war nur ein Bürger und herangezogen haben Sie mich zu einem Geist; durch Sie bin ich als Mann für die Existenz auf Erden und als Seele für die im Himmel reif geworden. Sie haben mir, um in das Menschliche einzudringen, den Schlüssel der Wahrheit, und um einzudringen ins Übermenschliche, den Schlüssel des Lichts gegeben. O mein Lehrer, wie dank ich Ihnen, daß Sie mein Schöpfer gewesen!

Cimourdain setzte sich neben ihn auf das Strohlager und sagte: Laß uns zu Nacht essen mit einander.

Gauvain brach sein schwarzes Brod und reichte es Cimourdain, der die eine Hälfte davon nahm; dann hielt er ihm den Wasserkrug hin.

– Trink Du zuerst, sagte Cimourdain.

Gauvain gehorchte und gab dann den Krug an Cimourdain. Er hatte blos einen Schluck gethan; Cimourdain hingegen trank in langen Zügen. Ueberhaupt war bei diesem Liebesmahl Gauvain der Hungrige und Cimourdain der Durstige, ein Beweis für die Ruhe des Einen und die fieberhafte Aufregung des Andern.

Nun verbreitete sich in diesem Kerker eine geheimnißvolle Verklärtheit. Die beiden Männer unterhielten sich mit einander:

– Die großen Dinge sind im Werden, sagte Gauvain. Die jetzige Thätigkeit der Revolution ist eine räthselhafte, und hinter dem sichtbaren Werk geht das unsichtbare seinen Gang; das eine verdeckt das andere. Das sichtbare Werk ist grausam, das unsichtbare erhaben. Das Alles leuchtet mir ein in diesem Augenblick. Ein seltsames, herrliches Schauspiel. Freilich hat man sich mit dem vorgefundenen Material behelfen müssen; daher dieses außergewöhnliche 93. Unter einem Gerüst von Barbarei wird der Humanität ein Tempel aufgebaut.

– Jawohl, erwiderte Cimourdain. Aus diesem Uebergangszustand wird sich der endgiltige entwickeln, das heißt ein Parallelismus von Recht und Pflicht, verhältnißmäßig gesteigerte Besteuerung, obligatorischer Kriegsdienst, eine Ausgleichung ohne Ausnahmen, und über Allen und Allem die gerade Linie des Gesetzes, die logische Republik.

– Die ideale Republik, entgegnete Gauvain, wäre mir die liebste. Und nach einer Pause fuhr er fort: O mein Lehrer, wo findet in Allem, was Sie da erwähnt haben, die Hingebung, die Aufopferung, die Selbstverleugnung, die großmüthige Verkettung der wohlwollenden Gefühle, mit einem Wort die Nächstenliebe ihren Platz? Ein allgemeines Gleichgewicht ist viel werth, noch mehr aber die allgemeine Harmonie. Ueber der Wage steht doch noch das Saitenspiel. Durch Ihre Republik wird der Mensch gemessen, eingetheilt, geregelt; meine trägt ihn zum blauen Himmel empor; beide unterscheiden sich gerade so von einander wie ein mathematischer Lehrsatz und ein Adler. – Du verlierst Dich in den Wolken. – Und Sie verlieren sich in der Berechnung. – Diese Harmonie versteigt sich ins Reich der Träume. – Das thut die Algebra auch. – Durch einen Euklid möchte ich den Menschen konstruirt wissen. – Und ich, meinte Gauvain, durch einen Homer.

Cimourdains strenges Lächeln schien Gauvain Halt gebieten zu wollen:

– Dichterphantasten! Durch die Poeten laß Dich nicht bestechen.

– O ich kenne das. Laß Dich durch keinen Lufthauch bestechen, nicht bestechen durch Alles, was strahlt, durch Alles, was duftet, durch die Blumen, durch die Sternbilder. – Von dergleichen läßt sich auch nicht leben. – Wissen Sie das so genau? Auch die Ideen sind in ihrer Art eine Speise; eine Hälfte unseres Wesens nährt sich von Gedanken. – Nur keine Utopien. Die Republik ist ein Einmaleins, und wenn ich Jedem gegeben, was ihm unbedingt zukommt … – Sind Sie Jedem noch das schuldig, was ihm nicht unbedingt zukommt. – Was meinst Du damit? – Damit meine ich die unendliche Reihe von gegenseitigen Konzessionen, zu welchen Alle gegen jeden Einzelnen verpflichtet sind und auf denen das ganze soziale Leben beruht. – Außerhalb des strengbegrenzten Rechts giebt es nichts mehr. – Oder Alles. – Ich sehe nur Eins vor mir, die Gerechtigkeit. – Und ich sehe höher. – Was stände wohl noch über der Gerechtigkeit? – Die Billigkeit.

Zuweilen hielten Beide inne, als folgte ihr Blick einem vorüberschwebenden Leuchten. – Drücke Dich bestimmt aus, hob Cimourdain wieder an; ich wette, Du vermagst es nicht. – Wohlan. Sie erstreben den obligatorischen Kriegsdienst. Gegen wen? Gegen Mitmenschen. Ich strebe ihn nicht an, weil ich den Frieden anstrebe. Sie wollen den Elenden geholfen, ich aber will das Elend abgeschafft wissen. Sie verlangen die fortschreitende Besteuerung; ich bin jeder Besteuerung abgeneigt und möchte die allgemeinen Ausgaben auf ein Minimum zurückführen, das durch den sozialen Ueberschuß gedeckt würde. – Was willst Du damit wieder sagen?

– Weiter nichts, als schafft vor Allem das Berufsparasitenthum ab, den Priester, den Richter, den Soldaten. Beutet ferner Eure Reichthümer aus; leitet den Dünger statt in die Kloake auf die Felder; drei Viertel des Bodens liegen brach; macht Frankreich einmal urbar; bebaut die nutzlosen Triften; vertheilt die Gemeindegründe; gebt jedem Menschen einen Acker und jedem Acker einen Menschen. Im Augenblick, wo wir sprechen, gewinnt der französische Bauer der Erde nur die Möglichkeit ab, sich vier Mal des Jahres mit Fleisch zu nähren, und dieselbe Erde könnte, bei einer praktischeren Verwendung, dreihundert Millionen Menschen, ja ganz Europa erhalten. Zieht doch Nutzen aus der urkräftigen, unbeachteten Bundesgenossin, aus der Natur. Macht Euch jeden Windhauch dienstbar, jeden Wasserfall, jede magnetische Strömung. Unser Planet ist von einem Netz von unterirdischen Adern durchwoben, und in diesen Adern fließt Wasser, Oel und Feuer die Menge; diese Adern schneidet auf und verwerthet das Wasser für Eure Brunnen, das Oel für Eure Lampen, das Feuer für Euren Herd. Vertieft Euch in die Schwankungen der Wellen, in die Ebbe und die Fluth, in dieses gewaltige Hin- und Herwogen. Was ist der Ozean Anderes als eine ungeheure verlorene Kraft? Wie thöricht ist es doch von der Erde, daß sie das Meer nicht für sich arbeiten läßt! – Da segelst Du schon mitten im Traum. – Das heißt mitten in der Wirklichkeit.

– Und das Weib, fuhr Gauvain fort, was macht Ihr aus dem? – Was es ist, antwortete Cimourdain, die dienende Gefährtin des Mannes.

– Einverstanden, aber unter einer Bedingung. – Welche? – Daß der Mann seinerseits der dienende Gefährte sei des Weibes.

– Bist Du bei Sinnen? rief Cimourdain; der Mann und dienen? Nimmermehr. Der Mann ist der Herr; ich erkenne nur eine Oberherrschaft an, die am häuslichen Herd; dort ist der Mann ein König. – Einverstanden, aber unter einer Bedingung. – Und die wäre? – Daß die Frau dort eine Königin sei. – Du begehrst also für den Mann und für das Weib… – Gleichberechtigung. – Gleichberechtigung? Weißt Du denn auch, was Du sprichst? Zwei grundverschiedene Wesen! – Darum habe ich Gleichberechtigung gesagt, nicht absolute Gleichheit.

Wieder entstand eine Pause, etwas wie eine Waffenruhe für diese zwei aufeinanderblitzenden Geister; dann brach Cimourdain das Schweigen: Und das Kind, wem gehört das? – Zuerst dem Vater, der es zeugt, dann der Mutter, die es zur Welt bringt, dann dem Lehrer, der es unterrichtet, dann der Heimath, die es zum Mann erzieht, dann der Mutter im höheren Sinn, dem Vaterland, und endlich der Mutter im allerhöchsten Sinn, der Menschheit. – Und Gott übergehst Du? – Jede dieser Bildungsstufen, Vater, Mutter, Lehrer, Heimath, Vaterland, Menschheit ist ja eine Sprosse der Himmelsleiter, die zu ihm emporsteigt.

Cimourdain verstummte und Gauvain setzte hinzu: Wer die letzte Sprosse erreicht hat, ist bei der Gottheit angelangt, die sich dann vor ihm aufthut und ihn in sich aufnimmt.

Cimourdain machte die Geberde, mit der man einen Andern aus der Ferne zu sich nimmt: Kehre auf die Erde zurück, Gauvain. Das Mögliche wollen wir verwirklichen. – Drum sorgt vor Allem dafür, daß es unten Euren Händen nicht zum Unmöglichen werde. – Verwirklichen läßt sich das Mögliche immer. – Immer nicht. Wenn man mit der Hoffnung zu derb umgeht, so tödtet man sie. Nichts ist wehrloser als das werdende Ei. – Aber man muß die Hoffnung immerhin anfassen und sie durch das kaudinische Joch der Wirklichkeit treiben und dem Rahmen der Thatsachen anbequemen. Der abstrakte Begriff muß zu Fleisch und Blut werden; was er an Schönheit und Größe einbüßt, gewinnt er dafür an Nützlichkeit und an Gehalt. Das Recht muß sich in das Gesetz hineinzwängen, und ist dies einmal geschehen, dann wohnen auch dem Gesetz die ewigen Eigenschaften des Rechts inne, und dann ist das erreicht, was ich das Mögliche nenne. – Das Mögliche reicht auch weiter. – So, nun ergehst Du Dich schon wieder in Träumen. – Das Möglichste ist ein geheimnißvoller Adler, der stets über den Menschen kreist. – Diesen Adler muß man einfangen. – Aber lebendig. Ich denke so, fuhr Gauvain fort: Nur immer voran. Wenn Gott gewollt hätte, daß der Mensch zurückschreite, hätte er ihm die Augen nicht vorn in den Kopf gesetzt. Richten wir nur immer den Blick dem Morgenroth, dem Aufblühen, dem Werden zu. Jedes Abfallen bedingt ein Hervorkeimen, und das Aechzen des absterbenden Baumes ruft dem Samenkorn entgegen: Sprieß auf! Jedes Jahrhundert wird sein Werk vollbringen, heute noch das staatliche, morgen das allgemein menschliche. Heute handelt es sich um das Recht; morgen wird sich’s um den Lohn handeln. Lohn und Recht sind im Grunde genommen eins. Der Mensch lebt nicht, um leer auszugehen, denn indem Gott Leben schafft, übernimmt er eine Verpflichtung; das Recht ist der angeborene Lohn und der Lohn das zur Geltung gekommene Recht.

Gauvain sprach mit der Innigkeit eines Propheten und Cimourdain lauschte; die Rollen waren vertauscht; jetzt schien der Schüler der Lehrer zu sein.

– Deine Gedanken fliegen rasch, murmelte Cimourdain. – Weil ich wohl etwas eilen muß, sagte Gauvain mit einem Lächeln. – Mein theurer Lehrer, begann er wieder, der Unterschied zwischen unseren beiden Träumen liegt darin, daß Ihnen die obligatorische Kaserne, mir die Schule vorschwebt; Ihr Ziel ist der Soldat und meines ist der Bürger; Sie streben den furchteinflößenden Menschen an, ich den sinnenden; Sie gründen die Republik des Schwertes; ich gründe …. Das heißt, unterbrach er sich, gründen würde ich eine Republik der Geister.

Cimourdain senkte den Blick auf die Steinplatten des Kerkers und sagte: Und bis dahin, was willst Du haben? – Was schon ist. – Du klagst also die Gegenwart nicht an? – Nein. – Weshalb nicht? – Weil sie ein Sturm ist und ein Sturm immer weiß, was er thut; für einen Eichbaum, den er entwurzelt, braust er vielen Wäldern ein frischeres Leben zu. Die menschliche Kultur litt an einer Pest und dieser Orkan befreit sie davon. Vielleicht ist er nicht wählerisch genug, aber wie wäre das auch möglich bei einer solchen Reinigungsaufgabe? Von so verderblichen Dünsten ist die Luft geschwängert, daß ich die Wuth der Windsbraut wohl begreife. Uebrigens, fuhr Gauvain fort, was kümmert mich der Sturm, wenn ich einen Kompaß, was kümmern mich die Ereignisse, wenn ich mein Gewissen habe! Und mit jener gedämpften Stimme, die oft die feierlichste ist, setzte er hinzu: Es lebt Jemand, den man unter allen Umständen walten lassen soll. – Wer? fragte Cimourdain. Gauvain deutete nach oben, und Cimourdain, dessen Blick die Richtung des erhobenen Fingers verfolgte, glaubte durch das Gewölbe des Kerkers hindurch den Sternenhimmel leuchten zu sehen.

Abermals schwiegen Beide.

– Was Du herbeisehnst, begann dann Cimourdain, ist größer, als es die Natur zuläßt. Ich wiederhole es: Du greifst über das Mögliche hinaus; das sind Utopien. – Nein, das ist der Endzweck. Wenn nicht, wozu das gesellschaftliche Zusammenleben? Warum dann nicht ganz bei der Natur bleiben, im Zustand der Wildheit? Otahiti ist ein Paradies, aber ein Paradies, in dem nicht gedacht wird, und solch einem stumpfsinnigen Paradies würde ich eine geistig thätige Hölle noch vorziehen. Doch nein, fern sei uns auch solch eine Hölle! Lassen Sie uns eine menschliche Gesellschaft werden, die über die Schranken der Natur hinauswächst! Wenn zum Naturzustand nichts Weiteres hinzukommen sollte, weshalb aus ihm heraustreten? Dann begnügt Euch mit der Arbeit wie die Ameise und mit dem Honig wie die Biene und entscheidet Euch für die fleißige Thierheit statt für die gebietende Intelligenz. Sobald Ihr der Natur etwas beifügt, werdet Ihr nothwendigerweise größer als sie, denn beifügen heißt mehren und mehren heißt vergrößern. Die Gesellschaft ist die sublimirte Natur und ich beanspruche für sie Alles, was dem Bienenkorb, Alles, was dem Ameisenhaufen fehlt, die Prachtbauten, die Künste, die Poesie, die Helden der That und die Helden des Gedankens. Der Mensch kann unmöglich dazu verurtheilt sein, ewig Lasten zu tragen. Nein, nein, fort mit den Parias, mit den Sklaven, mit den Galeerenruderern, mit den Verdammten! Jedes Attribut des Menschen sei ein Sinnbild der höhern Kultur und ein Gefäß des Fortschritts! Freiheit für die Geister, Gleichheit für die Herzen, Verbrüderung für die Seelen! Kein Joch mehr, nein! Um Schwingen auszubreiten und nicht um Ketten zu schleppen sind wir geschaffen. Darum nicht weiter gekrochen am Boden! Ich verlange, daß sich die Larve zum Schmetterling verkläre, daß sich der Wurm in eine lebendige, davonstiegende Blume verwandle, verlange….

Er hielt inne. Sein Auge glühte; seine Lippen bewegten sich noch, aber er sprach nicht mehr.

Durch die nur angelehnte Thür drang das Geräusch der Außenwelt bis in den Kerker. Erst vernahm man gedämpfte Trompetenklänge, wahrscheinlich die Reveille, dann das Dröhnen von Gewehrkolben: draußen wurden die Schildwachen abgelöst; und endlich entstand, ziemlich nah beim Thurm, eine Bewegung, die man, soweit man sich in der Dunkelheit davon Rechenschaft zu geben vermochte, für ein Hin- und Herschieben von Brettern halten konnte, welches von regelmäßigen dumpfen Hammerschlägen begleitet war.

Cimourdain erblaßte und lauschte hin, aber Gauvain sah und hörte nicht. Immer tiefer war er in seine Träumerei versunken. Er schien nicht einmal mehr zu athmen, so war er in den Anblick dessen verloren, was aus der visionenerfüllten Wölbung seiner Stirn vor ihm aufstieg. Zuweilen durchzuckte ihn ein seliges Aufschauern und immer glänzender strahlte das Morgenleuchten seines Auges.

Nachdem die Beiden geraume Zeit stumm dagesessen, fragte Cimourdain: Woran denkst Du?

– An die Zukunft, sagte Gauvain und sank in seine Betrachtungen zurück. Er bemerkte nicht, daß Cimourdain sich vom Strohlager erhob, auf das dieser sich neben ihm niedergelassen hatte; Cimourdain aber bewegte sich rücklings, den Blick bis zu Ende auf den sinnenden Jüngling zärtlich geheftet, langsamen Schritts der Thür zu und entfernte sich so aus dem Kerker, der gleich darauf wieder geschlossen wurde.

VI.

Bei Sonnenaufgang

Es dauerte nicht mehr lange, so graute der Morgen und mit dem Morgengrauen tauchte über dem Wald von Fougères, auf dem Plateau vor La Tourgue, etwas Seltsames, Unbewegliches, Befremdendes auf, das die Vögel des Himmels hier noch nie gesehen hatten. Es war über Nacht aufgebaut oder besser aufgepflanzt worden und sein Profil hob sich vom Horizont in lauter harten, geraden Linien ab, die an die Form eines hebräischen Buchstabens oder einer Hieroglyphe aus dem alten egyptischen Räthselalphabet erinnerten. Der erste Begriff, den dieses Ding im Beschauer weckte, war der der Zwecklosigkeit. Man fragte sich, wozu es dort auf jener Fläche von glühendem Haidekraut stand. Dann aber überlief Einen ein Schauder. Man hatte ein auf vier Posten ruhendes Podium vor sich. An dem einen Ende dieses Podiums ragten zwei lange Pfähle hoch aufgerichtet in die Luft und an dem Querbalken, der sie oben mit einander verband, hing ein rechtwinkeliges Dreieck, das im blauen Morgenhimmel schwarz erschien. Am anderen Ende war eine Leiter angebracht. Am Podium zwischen den beiden Pfählen, also unter dem Dreieck, gewahrte man eine Art Riegelwand, aus zwei beweglichen Hälften bestehend, die zusammen, wenn die obere auf der unteren ruhte, ein rundes, dem Umfang eines menschlichen Halses so ziemlich entsprechendes Loch bildeten. Die obere Hälfte griff rechts und links in eine Fuge an die Pfähle ein und konnte so hinaufgezogen und heruntergelassen werden. Dermalen waren die beiden Hälften mit ihren halbkreisförmigen Einschnitten von einander getrennt. Am Fuß der zwei Pfähle mit dem Dreieck bemerkte man ferner ein Brett mit Scharnieren, das sich schaukelförmig heben und senken ließ. Neben diesem Brett stand ein langer und zwischen den beiden Pfählen, gegen den Rand des Podiums zu, ein viereckiger Korb. Das Ganze war, mit Ausnahme des eisernen Dreiecks, von Holz und roth angestrichen. Man sah ihm an, daß es von Menschenhand gezimmert worden, so häßlich, kleinlich und armselig war es, und dennoch schaute es so entsetzlich drein, daß es verdient hätte, durch Rachegenien hergetragen worden zu sein. Dies ungestaltete Balkenwerk war die Guillotine. Ihr hart gegenüber ragte aus der Schlucht ein anderes Ungeheuer, La Tourgue; das steinerne Ungeheuer bildete die Folie zum hölzernen. Es läßt sich fast behaupten, daß Holz und Stein, wenn vom Menschen einmal gestaltet, aufhören, Holz und Stein zu sein und etwas vom Wesen ihrer Bearbeiter annehmen. Ein Gebäude ist zugleich auch ein Grundsatz und eine Maschine eine Idee. La Tourgue war jenes verhängnißvolle Ergebniß der Vergangenheit, welches in Paris die Bastille hieß, in England der Londoner Tower, in Deutschland der Spielberg, in Spanien das Eskurial, zu Moskau der Kreml und das Kastell Sant‘-Angelo zu Rom. In La Tourgue hatten sich fünfzehnhundert Jahre zusammengedrängt, das ganze feudale Mittelalter mit seinem Lehenswesen und seiner Leibeigenschaft; in der Guillotine verkörperte sich das eine Jahr 93, und diese zwölf Monate hielten jenen fünfzehn Jahrhunderten die Wage. La Tourgue war die Monarchie; die Guillotine war die Revolution. Welch tragisches Gegenüber! Auf der einen Seite die Schuld, auf der anderen die Verfallzeit, hier die unentwirrbare soziale Verwickelung, Hörige und Herren, Sklaven und Gebieter, Bürgerthum und Adel, eine Unmasse von Gesetzbüchern, jedes abgezweigt in eine andere Unmasse Gewohnheitsrechte, das Bündniß des Richters und des Priesters, die zahllosen Unterbindungen aller Lebensadern, der Fiskus, die Salz- und Kopfsteuer, die todte Hand, die Ausnahmestellungen, die Privilegien, der königliche Vorbehalt des Bankrotts, das Szepter, der Thron, die Willkür, das Gottesgnadenthum; dort ein einfaches Fallbeil. Dem Knoten gegenüber das Schwert. Wie lange hatte La Tourgue in dieser Einsamkeit gebieterisch gewaltet! Da stand es noch mit seinen Mauervorsprüngen, aus denen einst siedendes Oel und brennendes Pech und geschmolzenes Blei hinabströmte, mit seinem Verließ voll Gebeinen, mit seiner Folterkammer, mit der ungeheuren Tragik seines Vorlebens, eine unselige Gestalt, die im Schatten dieses von ihr beherrschten Waldes fünfzehn Jahrhunderte wilder Ruhe genossen; für die ganze Umgegend war dieser Thurm die einzige Macht, die einzige Respektsperson, der einzige Schrecken gewesen; er hatte regiert, barbarisch und unumschränkt, und sah nun plötzlich etwas, nein mehr als etwas, Jemand vor sich und gegen sich aufstehen, der ebenso gräßlich war, die Guillotine. Dem Stein scheint zuweilen ein räthselhaftes Schauen innezuwohnen, als könne die Statue beobachten, der Thurm lauern, der Palast betrachten. So war es jetzt auch, als ob La Tourgue, die Guillotine mit den Augen verschlingend, an sich selber die Frage richte, was das sei. Jenes Etwas schien aus der Erde herausgewachsen zu sein, und so verhielt es sich auch in der That; aus dieser verhängnißvollen Erde war ein verhängnißvoller Baum aufgeschossen; aus diesem Boden, den so viel Schweiß, so viele Thränen, so viel Blut gedüngt hatte, aus diesem Boden, in den so viele Gruben und Gräber, Höhlen und Fallen gegraben worden, aus diesem Boden, in dem alle Opfergattungen jeder Gattung von Tyrannei moderten, aus diesem Boden, der auf so vielen Abgründen lag und in den so manche Unthaten wie ebensoviel fruchtbare Samenkörner versenkt waren, aus diesem tiefdurchfurchten Boden war zur gegebenen Stunde jene unbekannte Rächerin, jene blutdürstige schwertführende Maschine emporgestiegen, und 93 hatte zu der alten Welt gesagt: Da bin ich. Mit vollem Recht konnte die Guillotine dem Thurm zurufen: Ich bin Deine Tochter. Und der Thurm seinerseits fühlte – denn dergleichen lebt ein dunkles Räthselleben –, daß ihm diese seine Tochter das Leben nahm. Wie verstört blickte er zu der drohenden Erscheinung hinüber, man hätte fast meinen können, er fürchte sich davor. Seine ungeheuerliche Granitmasse war in ihrer majestätischen Verruchtheit durch jene zwei Balken mit dem Dreieck überboten und mit Abscheu bebte die gestürzte vor der neueingesetzten Allmacht zurück. Die Kriminalgeschichte und die Geschichte der Feudaljustiz starrten einander an. Die Gewaltthätigkeit von ehemals verglich sich mit der jetzigen und die alte Festung, das alte Gefängniß, die alte Herrenburg, die einst vom Geheul entzweigerissener armer Sünder widerhallte, der kampfunfähig und nutzlos gewordene, geschändete, entwaffnete, seiner Krone beraubte Krieg- und Mordbau, dieser Steinhaufen, der nun gerade so viel werth war wie ein Häuflein Asche, dieser abscheuliche, imponirende Leichnam, in dem noch die Seelenschwingungen greuelvoller Jahrhunderte nachzitterten, sah jetzt mit Grauen die gegenwärtige Stunde an sich vorüberziehen. Dem Gestern schauderte vor dem Heute; die alte Grausamkeit erkannte und erduldete das Entsetzen der Neuzeit; das schon ins Nichts Hinschwindende riß vor dem Werkzeug der Schreckenstage seine Geisteraugen auf und das Phantom betrachtete das Gespenst.

Die Natur ist unbarmherzig; sie übt die Gnade nicht, vor den menschlichen Freveln mit ihren Blumen, ihrem Wohllaut, ihren Strahlen und Düften zurückzuhalten, und erdrückt den Menschen lieber unter dem Kontrast ihrer göttlichen Pracht und seiner sozialen Häßlichkeit; sie erläßt ihm auch nicht einen Schmetterlingsflügel, auch nicht einen Vogeltriller; mitten im Mord, mitten in der Rache, mitten in der Barbarei, muß er den Anblick der heiligen Dinge ertragen und darf sich nicht dem unendlichen Vorwurf der allgemeinen Milde und dem unerbittlich heitern Blau des Himmels entziehen.

Mitten im blendenden Glanz der Ewigkeit muß die Mißgestalt der menschlichen Satzungen sich in ihrer ganzen Nacktheit bloßstellen. Der Mensch zerbricht und zermalmt; der Mensch zerstört und tödtet, aber der Sommer bleibt der Sommer, die Lilie bleibt Lilie, das Gestirn Gestirn.

Nie war die frische Morgensonne lieblicher aufgegangen als an diesem Tag. Ein lauer Wind wiegte die Grashalmen hin und her; weich schmiegten sich Dunstflocken durch die Zweige und ganz durchweht vom Athemhauch der Quellen dampfte der Wald von Fougères wie ein großer duftender Altar. Das blaue Firmament, die weißen Wolken, das klare, durchsichtige Wasser, das Grün der Blätter, jene harmonische Farbentonleiter, die vom Aquamarin aufsteigt bis zum Smaragd, die brüderlichen Baumgruppen, die Rasenteppiche, die tiefgedehnten Landflächen, das Ganze war von jener Reinheit durchdrungen, mit der die Natur dem Menschen von Ewigkeit her ins Gewissen redet. Und unter dem Allem machte sich des Menschen verruchtes Treiben schamlos breit; aus dem Allem erhoben sich die Festung und das Schaffot, der Krieg und das Hochgericht, die Verkörperungen des blutgierigen Zeitalters und der blutigen Minute, die Nachteule der Vergangenheit und die Fledermaus der Zukunftsdämmerung. Der leuchtende Himmel aber, der im Angesicht der blühenden, duftenden, liebenden und liebenswerthen Schöpfung auch La Tourgue und die Guillotine in Morgenstrahlen badete, schien den Menschen zu sagen: Da seht, was ich thue und was Ihr thut. So kann ein gewaltiger Mahnruf oft hervorklingen aus dem Licht der Sonne.

Dieses Schauspiel hatte zahlreiche Zuschauer. Die viertausend Mann der kleinen Expeditionsarmee standen in Schlachtordnung auf dem Plateau, zu drei Seiten der Guillotine, um die sie, um uns bildlich auszudrücken, die Figur eines lateinischen großen E beschrieben, in dessen längerer Linie die Batterie die Mitte einnahm. Die rothe Maschine war zwischen den drei Fronten, diesen Mauern von Soldaten, die sich zu zwei Seiten bis zum Rande des Plateaus ausdehnten, wie eingesperrt; nur die vierte Seite, die der Schlucht und dem Thurm zugekehrte, war frei. Das Ganze bildete also ein längliches Viereck, in dessen Zentrum sich das Schaffot erhob. Je höher die Sonne stieg, desto mehr verkürzte sich der Schatten, den die Guillotine warf. Die Kanoniere standen mit glimmender Lunte bei ihren Geschützen. Aus der Schlucht qualmte ein sanfter bläulicher Rauch, das letzte Lebenszeichen der hinsterbenden Feuersbrunst. Dieser Rauch umschwamm, ohne ihn jedoch zu verschleiern, den Thurm von La Tourgue, dessen ragende Plattform den ganzen Horizont beherrschte. Plattform und Guillotine waren nur durch die Breite der Schlucht von einander getrennt, so daß man hüben und drüben mit einander sprechen konnte. Auf diese Plattform hatte man den Gerichtstisch und den Sessel mit den dreifarbigen Fahnen geschafft und am immer sonnigeren Hintergrund hob sich die Steinmasse der Festung und oben drüber auf dem Präsidentenstuhl und unter den Trikoloren die Gestalt eines mit verschränkten Armen dasitzenden Mannes schwarz ab, Cimourdain’s Gestalt. Er war wie am Abend zuvor als Zivilkommissar gekleidet und trug den Hut mit dreifarbigem Federbusch, an der Seite einen Säbel und im Gürtel seine Pistolen. Er schwieg. Es schwieg Alles. Mit gesenktem Blick standen die Soldaten Gewehr bei Fuß, so dicht neben einander, daß sie einander mit den Ellenbogen berührten, aber dennoch flüsterte keiner mit seinem Nebenmann. In dumpfem Hinbrüten ließen sie diesen ganzen Krieg vor ihrem Geist vorüberziehen mit all seinen Kämpfen, mit den kugelsprühenden Hecken, die sie so muthig angriffen, mit den Schwärmen von anstürmenden Bauern, die ihre Tapferkeit zurückgeworfen, mit den eroberten Festungen, den gewonnenen Schlachten, den Triumphen allen, und jetzt ward ihnen, als verkehre sich in Schande ihr ganzer Ruhm. Eine düstere Erwartung schnürte jede Brust zusammen. Auf der Plattform der Guillotine sah man im wachsenden Morgenglanz, der sich majestätisch über den Himmel ausbreitete, den Henker auf- und niederschreiten.

Plötzlich vernahm man den gedämpften Schall von umflorten Trommeln, ein schauerliches Wirbeln, das immer näher kam. Die Front that sich auf und ließ einen Zug durch, der sich nach dem Blutgerüst bewegte, voran die verschleierten Trommeln, dann eine Kompagnie Grenadiere mit umgekehrtem Gewehr, dann ein Peloton Gendarmen mit blankem Säbel, dann der Verurtheilte, Gauvain, der frei einherschritt, ohne Fesseln, in kleiner Uniform, den Degen an der Seite, und endlich ein anderes Peloton Gendarmen. Gauvain’s Antlitz war noch von jener sinnigen Glückseligkeit umflossen, die ihn verklärt hatte, als er zu Cimourdain gesagt: »Ich denke an die Zukunft,« und es ließ sich nichts Erhabeneres denken als dieses fortleuchtende Lächeln. Sein erster Blick, als er die düstere Stätte erreichte, galt, die Guillotine verschmähend, der Plattform des Thurms, denn er wußte, daß Cimourdain es für seine Pflicht halten werde, der Hinrichtung beizuwohnen. Ihn suchte sein Auge und fand ihn auch dort oben.

Cimourdain ward erdfahl und eisstarr. Die neben ihm Stehenden konnten seinen Athemzug nicht vernehmen.

Als er Gauvain ankommen sah, war auch nicht das leiseste Zucken an ihm zu bemerken gewesen.

Unterdessen ging Gauvain auf die Guillotine zu, schaute aber, während er so dahinwandelte, immer noch zu Cimourdain hinüber, der auch ihn unverwandt anschaute. Es war, als stütze sich Cimourdain auf diesen Blick.

Nun war Gauvain am Fuße des Schaffots angelangt und bestieg es, gefolgt von dem Offizier, der die Grenadiere befehligte. Er schnallte den Degen los und überreichte ihn dem Offizier; dann nahm er die Halsbinde ab und reichte sie dem Henker. Nie war er so schön gewesen; er strahlte wie ein Traumbild. Seine braunen Locken flatterten im Wind; damals war es nicht Brauch, dem Verurtheilten das Haar abzuschneiden, sein Nacken war lieblich anzusehen wie der eines Weibes und sein Blick heldenmüthig und erhaben wie der eines Erzengels. So stand er traumhaft auf dem Blutgerüst. Auch diese Stätte ist ein Gipfel, und auf diesem Gipfel thronte Gauvain befriedet und von der Sonne wie mit einem Glorienschein umwoben.

0367

Gnade! Gnade! rief es von allen Seiten.

Nun trat der Henker mit einem Strick in der Hand an ihn heran, um ihn zu binden, und jetzt, im Augenblick, wo sie ihren jungen Führer wirklich dem Beil verfallen sahen, hielten es die Soldaten nicht länger aus; den Kriegern sprengte diese Minute das Herz, und man hörte etwas Unerhörtes, das Aufschluchzen einer Armee. – Gnade! Gnade! rief es von allen Seiten. Einige fielen auf die Knie; Andere warfen ihre Gewehre weg und erhoben die Arme zur Plattform des Thurms nach Cimourdain. – Nimmt man denn für das Ding da keine Ersatzmänner an? schrie ein Grenadier, indem er auf die Guillotine deutete; hier bin ich! Und wie außer sich riefen Alle wieder: Gnade! Gnade! und selbst Löwen hätten bei diesem Anblick der Rührung und des Schreckens sich nicht erwehrt, denn es ist etwas Furchtbares um die Thränen eines Soldaten. Selbst der Henker hielt inne und stand rathlos. Da sprach vom Thurm herab eine abgebrochene, leise Stimme, deren Worte doch Jedermann vernahm:

– Dem Gesetz die Ehre!

Jetzt kannte man den Ausspruch der Unerbittlichkeit. Cimourdain hatte entschieden. Der Armee überlief ein Schauder. Der Henker zögerte nicht länger; er trat näher.

– Warten Sie, sagte Gauvain. Und gegen Cimourdain gewendet, winkte er ihm mit seiner freigebliebenen Rechten einen Scheidegruß zu; dann ließ er sich binden. – Pardon, noch eins, sagte er, als dies geschehen war, zum Henker, und rief mit lauter Stimme: Es lebe die Republik!

Dann wurde er auf das Schaukelbrett gelegt; der verruchte Ring schloß sich hinter seinem anmuthigen stolzen Haupt; sanft hob ihm der Henker das Haar vom Nacken und drückte an der Feder. Das eiserne Dreieck löste sich vom Querbalken und glitt erst langsam, dann blitzschnell herab; ein gräßlich Dröhnen und …

In demselben Augenblick dröhnte es ebenso gräßlich von drüben her. Dem Dröhnen des Fallbeils antwortete das Dröhnen eines Schusses. Cimourdain hatte eine der Pistolen aus seinem Gürtel gerissen und jagte sich, im Moment, da Gauvains Kopf in den Korb rollte, eine Kugel durch das Herz. Aus seinem Mund brach ein Blutstrom und er sank todt in den Sessel zurück.

So entschwebten sie denn miteinander, diese zwei Seelen, tragisch verschwistert und so innig in einander hinschmelzend, daß der Schatten der einen im Licht der anderen zerfloß.

Victor Hugo

Ende.

Drittes Buch.

Halmalo.

I.

Und der Geist war im Wort.

Nun erhob auch der Greis langsam das Haupt.

Der Mann, der zu ihm gesprochen, war ungefähr dreißig Jahre alt. Seine Stirn war von der Seeluft gebräunt; in eigentümlicher Mischung schaute in ihm der Scharfblick des Matrosen aus den treuherzigen Augen des Bauern. Wuchtig hielt er die Ruder in seinen beiden Fäusten fest. Er hatte etwas Kindliches. Im Gürtel trug er ein Dolchmesser, zwei Pistolen und einen Rosenkranz.

– Wer sind Sie? fragte der Greis. – Sie haben es gehört.

– Und was wollen Sie von mir?

Der Mann ließ die Ruder los, kreuzte die Arme und sagte:

– Sie umbringen.

– Sie können es, sagte der Greis.

– Halten Sie sich bereit, sprach der Mann mit erhobener Stimme.

– Bereit wozu?

– Zu sterben.

– Warum? fragte der Greis.

Es entstand eine Pause. Der Mann schien ein paar Augenblicke über die Frage zu staunen. Dann erwiderte er:

– Sie haben’s gehört: ich will Sie umbringen.

– Und ich frage Sie, warum?

In den Augen des Matrosen erglänzte ein flüchtiger Blitz:

– Weil Sie meinen Bruder umgebracht haben.

Der Greis entgegnete ruhig: Nachdem ich ihm zuvor das Leben gerettet.

– Das ist wahr; Sie haben ihn zuerst gerettet und dann umgebracht.

– Nicht ich.

– Wer denn sonst?

– Seine Schuld.

Mit noch größerem Staunen als zuvor sah der Matrose den Greis an; aber bald darauf zog sich seine Stirne wieder in drohende Falten zusammen.

– Wie heißen Sie? fragte der Greis.

– Ich heiße Halmalo, doch meinen Namen brauchen Sie nicht zu wissen, um von mir umgebracht zu werden.

In diesem Augenblick ging die Sonne auf. Ein heller Strahl fiel auf den Matrosen und leuchtete ihm ins trotzige Gesicht. Forschend betrachtete ihn der Greis. Das Geschützfeuer grollte noch immer aus der Ferne, aber mit Unterbrechungen und stoßweise wie in letzten Zuckungen. Ueber den Horizont senkte sich eine dichte Dampfwolke. Das Boot trieb, von keinem Ruderer mehr gelenkt, willenlos ins Weite. Der Matrose zog mit der rechten Hand eine seiner Pistolen und mit der Linken seinen Rosenkranz aus dem Gürtel. Aufstehend, hoch emporgerichtet fragte der Greis:

– Glaubst du an einen Gott?

– Unseren Vater im Himmel, versetzte der Matrose und schlug ein Kreuz.

– Hast du deine Mutter noch?

– Ja. Und er bekreuzte sich nochmals. Dann sagte er:

– Es muß sein. Ich schenke Ihnen nur noch eine Minute, gnädiger Herr. Und er schob den Hahn an seinem Pistol zurück.

0055

Es muß sein, ich schenke Ihnen nur noch eine Minute, gnädiger Herr!

– Warum hast du »gnädiger Herr« zu mir gesagt?

– Weil Sie ein Herr sind; das sieht man Ihnen an.

– Hast du einen Herrn?

– Ja, und einen Großen. Einen Herrn muß doch Jeder haben.

– Wo ist er, dein Herr?

– Das weiß ich nicht. Fort. Er heißt der Herr Marquis von Lantenac; er ist auch noch Vikomte von Fontenay und Fürst und Herr von Sept-Forêts. Gesehen habe ich ihn zwar nie, aber deshalb bleibt er nicht minder mein Herr.

– Und wenn du ihn sähst, würdest du ihm wohl gehorchen?

– Sicherlich. Wär ich doch ein Heide, wenn ich ihm nicht gehorchen wollte! Zuerst ist man Gott Gehorsam schuldig, dann dem König, weil er Gott am nächsten steht, und dann dem Herrn, weil er dem König am nächsten steht. Aber davon ist jetzt die Rede nicht: Sie haben meinen Bruder umgebracht und darum müssen jetzt auch Sie umgebracht werden.

– Daß ich ihn umgebracht habe, antwortete der Greis, daran that ich recht.

Der Matrose preßte die Finger krampfhaft um sein Pistol und sagte:

– Machen wir ein Ende.

– Meinetwegen, erwiderte der Greis, und setzte ruhig hinzu:

– Wo ist der Priester?

Der Matrose sah ihn fragend an:

– Der Priester?

– Ja wohl, der Priester. Deinen Bruder habe ich nicht ohne Beichte sterben lassen; den Priester bist du mir schuldig.

– Ja, wenn ich ihn hätte, entgegnete der Matrose, und fuhr dann fort:

– Als ob man hier auf offener See einen Priester holen könnte! Immer dumpfer ertönte der konvulsivische Geschützdonner des fernen Todeskampfes.

– Die, welche dort drüben sterben, haben einen, sagte der Greis.

– Schon wahr, murmelte der Matrose. Sie haben den Herrn Schiffsprediger.

Der Greis fuhr fort:

– Du vergreifst dich am Heil meiner Seele, und das fällt schwer ins Gewicht. Der Matrose schaute sinnend vor sich nieder.

– Und mit meinem Seelenheil, sagte der Greis, vernichtest du zugleich auch dein eigenes. Höre mich an: du dauerst mich. Nachher kannst du’s ja noch immer halten, wie du willst. Ich habe der Pflicht die Ehre gegeben, sowohl als ich vorhin deinem Bruder das Leben rettete, wie auch als ich es ihm wieder nahm, und jetzt gebe ich abermals der Pflicht die Ehre, wenn ich versuche, dir dein Seelenheil zu retten. Gieb wohl Acht; was ich sagen werde, bezieht sich unmittelbar auf dich. Hörst du die Kanonenschüsse dort drüben? In diesem Augenblicke sterben dort Männer, röcheln Verzweifelnde, Gatten, die ihre Frauen, Väter, die ihr Kind, Brüder, die, wie du, ihren Bruder nicht mehr wiedersehen werden. Und das Alles durch wessen Schuld? Durch deines Bruders. Du glaubst an einen Gott, nicht wahr? Aber dann mußt du auch wissen, daß in diesem Augenblick Gott leidet in seinem allerchristlichsten Sohn, dem König von Frankreich, der ein Kind ist gerade wie das Jesuskind, und den sie in den Thurm des Temple gesperrt haben; daß Gott leidet, so weit die ganze Bretagne reicht, in seiner Kirche, leidet in seinen geschändeten Kathedralen, leidet in seinen zerrissenen heiligen Büchern, leidet in seinen entweihten Andachtstätten, leidet in seinen hingemordeten Dienern. Warum haben wir uns eingeschifft allesammt auf jenem Wrack, das jetzt eben untergeht? Nur um Gott zu Hilfe zu eilen. Wenn dein Bruder ein treuer Knecht gewesen wäre, wenn er mit Klugheit, Eifer und Ernst seine Pflicht erfüllt hätte, dann wäre das Unglück mit dem Geschütz unterblieben, dann wäre die Korvette nicht beschädigt worden, wäre nicht von ihrem Kurs abgewichen, wäre nicht jenen gottvergessenen Kreuzern in die Hände gefallen, und wir, wir würden Alle, jetzt zur Stunde, als tapfere Kriegs- und Seeleute an der heimatlichen Küste landen, den Säbel in der Faust, mit fliegender Lilienfahne, stark an Zahl und stark an frischer Freudigkeit, und würden den wackeren Bauern der Vendée das Vaterland retten helfen, den König retten helfen, Gott retten helfen. Das wollten wir thun; das würden wir thun; das soll ich, der einzig Überlebende, noch immer thun. Aber du, du verhinderst es. In diesem Kampf der Gottlosen gegen die Priester, der Königsmörder gegen den König, des Höllenfürsten gegen Gott ergreifst du die Partei des Höllenfürsten. Dein Bruder war sein erster Helfershelfer; der zweite bist du. Was er begonnen, das führst du zu Ende. Du stehst den Königsmördern bei gegen den Thron, stehst den Gottlosen bei gegen die Kirche, nimmst Gott die letzte Hilfe weg in der Noth. Weil ich nicht da sein werde an des Königs Stelle, müssen die Dörfer weiterbrennen, die Weiber weiterweinen, die Priester weiterbluten, muß die Bretagne weiterleiden, der König seine Ketten weitertragen und unser Heiland weiterwanken gen Golgatha in Schmach und Schmerzen. Und wer wird das Alles auf dem Gewissen haben? Du. Nun, du hast ja die freie Wahl. Ich durfte zwar von dir gerade das Gegentheil erwarten; etwas Täuschung, und ja! im Grunde hast du ganz Recht: habe ich nicht deinen Bruder erschießen lassen? Dein Bruder ist muthig gewesen: ich habe ihn belohnt; er ist schuldig gewesen, und ich habe ihn bestraft. Er hat sich an seiner Pflicht versündigt, ich nicht, und was ich that, das würde ich wieder thun, und, das schwöre ich dir bei unserer hochheiligen Anna von Auray, die uns in die Herzen schaut: gerade wie ich deinen Bruder erschießen ließ, hätte ich im gleichen Fall meinen leiblichen Sohn erschießen lassen. Jetzt handle nach Gutdünken, aber ich bedaure dich. Du hast deinen Kapitän angelogen; du willst ein Christ sein und bist ohne Treu und Glauben; du willst ein Bretone sein und hast keine Ehre im Leibe; deiner Redlichkeit bin ich anvertraut worden; dein Verrath hat Ja dazu gesagt, und nun wirfst du Allen, denen du gelobt hast, mich zu retten, meinen Kopf vor die Füße. Weißt du auch, wen du dabei strafst? Dich! Du raubst dem König mein Leben und schenkst dafür deine Seele der Hölle. Aber laß dich nicht abhalten, begehe nur dein Verbrechen, thu’s! Dein Antheil an der ewigen Seligkeit ist dir feil und werthlos – gut. Dir also wird es zuzuschreiben sein, daß der Satan siegen wird, dir, daß die Heiden die Kirchen niederreißen, dir, daß sie fortfahren werden, die Glocken zu Kanonen umzugießen, um dann zu tödten mit dem, was den Seelen einst das Leben geben half. Jetzt, im Augenblick, da ich zu dir spreche, wird deine Mutter vielleicht zerrissen durch die Glocke, die deine Taufe eingeläutet hat. Aber geh, hilf nur dem bösen Feind, thu’s nur. Ja, ich habe deinen Bruder verurtheilt, doch wisse, daß ich ein Werkzeug bin des Allmächtigen. Du aber wirfst dich zum Richter auf über die Maßregeln Gottes – was? Du wirst nun wohl ins Gericht gehen mit dem Blitz des Himmels? Unglückseliger, du wirst gerichtet werden durch ihn. Bedenke wohl, was du thust. Weißt du auch nur, ob ich frei von jeglicher Todsünde aus der Welt gehe? Nein. Aber kehre dich daran nicht, und führe deinen Vorsatz nur aus! Es steht dir vollkommen frei, mich der Hölle in den Rachen zu schleudern und dich selber mit. Unser Beider Verdammniß liegt in deiner Hand. Die Verantwortlichkeit dafür trifft aber vor Gott nur dich. Wir sind allein, und ringsum gähnt der Abgrund. Vorwärts! Mach ein Ende! Vollbring’s! Ich bin ja alt, und du bist jung, ich bin wehrlos und du in Waffen. Losgedrückt! Feuer!

Während der Greis, hochaufrecht und mit einer Stimme, die das Rauschen der Wogen gewaltig übertönte, also sprach, ließen ihn die Schwankungen der Wellen einmal im Dunkeln, dann wieder im Sonnenlicht erscheinen. Der Matrose war kreideweiß geworden; große Schweißtropfen perlten ihm von der Stirn; er zitterte wie das Blatt im Wind; zuweilen führte er den Rosenkranz an seine Lippen. Als der Greis zu sprechen aufhörte, warf er sein Pistol hin und fiel nieder aus die Knie:

– Seien Sie barmherzig, gnädiger Herr! rief er ihn an, verzeihen Sie mir! Aus Ihnen redet der liebe Gott. Ich habe mich versündigt, und mein Bruder hat sich versündigt. Alles will ich thun, um wieder gut zu machen, was er verbrach. Machen Sie aus mir, was Ihnen beliebt. Befehlen Sie, und ich gehorche.

– Ich erbarme mich deiner, sagte der Greis.

II.

Bauerngedächtniß kann ebenso nützlich sein wie Feldherrntalent.

Die mitgenommenen Vorräthe kamen den beiden Flüchtlingen sehr zu Statten, denn, auf vielfache Umwege angewiesen, brauchten sie volle sechsunddreißig Stunden, bis sie die Küste erreichten. Sie verbrachten die nächstfolgende Nacht auf hoher See, aber es war eine schöne Nacht, nur etwas zu mondhell für Leute, die ungesehen bleiben wollen.

Zu Anfang mußten sie sich von Frankreich wieder etwas entfernen, wieder gegen Jersey zu. So kam’s, daß sie die letzte Geschützsalve der niedergedonnerten Korvette noch hörten, das letzte Gebrüll eines tödtlich getroffenen Löwen. Nun trat eine große Stille ein.

Diese Korvette »Claymore« endete in ähnlicher Weise wie der »Vengeur«; aber für sie blieb der Nachruhm aus. Der Kampf gegen das Vaterland läßt kein anerkanntes Heldenthum aufkommen.

Halmalo war geradezu überraschend: er verrichtete wahre Wunder seemännischen Geschicks und Scharfsinns. Diese aus dem Stegreif entworfene Fahrt durch die Klippen, die Wellenschläge und das Auflauern des Feindes war eine Musterleistung.

Nun hatte der Wind nachgelassen, und die See war fügsamer geworden, Halmalo wich vor les Caux des Minquiers aus, beschrieb einen Halbkreis um la Chaussée aux Boeufs und rastete einige Stunden in dem kleinen Schlupfhafen aus, der sich dort an der Nordseite zur Ebbezeit vorfindet; dann stahl er sich, den Kurs wieder nach Süden nehmend, zwischen Granville und den Chausey-Inseln durch, ohne von den beiden Wachtposten von Chausey und von Granville bemerkt zu werden, und lief in die Bucht von Saint-Michel ein, ein kühnes Unterfangen, wenn man die geringe Entfernung von Cancale in Betracht zieht, wo die Kreuzer einen Ankerplatz hatten. Am zweiten Tag Abends, etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang, landete er, den Mont Saint-Michel im Rücken, an einer Stelle des Strandes, wo sich gewöhnlich Niemand hinwagt, weil dort immer ein Auffahren im Sande zu befürchten steht.

Glücklicherweise hatten sie gerade hohe See. Halmalo trieb das Boot mit einem möglichst kräftigen Ruck ans Land, befühlte die Sandfläche, that dann, als er sie hinlänglich fest befunden, einen Sprung aus der Jolle und zog sie ans Ufer.

Der Greis folgte nach und suchte sich genau zu orientiren.

– Gnädiger Herr, sagte Halmalo, wir sind hier beim Ausfluß des Couesnon und haben an Steuerbord Beauvoir und Huisnes an Backbord. Geradeaus sehen Sie den Kirchthurm von Ardevon.

Der Greis bückte sich und nahm ein Stück Zwieback aus dem Boot; dann sagte er zu Halmalo:

– Nimm du den Rest.

Halmalo legte, was von der Ochsenzunge übrig war, zu dem Zwieback, lud den Sack auf die Schulter und fragte:

– Soll ich den gnädigen Herrn führen oder soll ich ihm folgen?

– Keins von Beiden.

Halmalo schaute den Greis verwundert an, und dieser fuhr fort:

– Wir werden uns trennen, Halmalo. Selbzweit gehen taugt nicht. Entweder zu Tausend oder Jeder für sich allein. Und sich unterbrechend, zog er aus einer seiner Taschen eine grünseidene Schleife, die beinah die Form einer Kokarde hatte und in deren Mitte eine goldene Lilie gestickt war.

– Kannst du lesen? begann er nun wieder.

– Nein.

– Schon recht; das Lesen thut nicht gut. Hast du ein scharf Gedächtniß?

– Ja.

– Schön. Und jetzt merke wohl auf, Halmalo: Du wirst rechts gehen und ich links, ich gegen Fougères zu, du gegen Bazouges. Den Sack behältst du bei dir; er giebt dir das Aussehen eines Bauern. Deine Waffen verstecke. Schneide dir einen Stock, krieche über die Aecker – der Roggen steht ja hoch –, schleiche die Hecken entlang, steige über die Pfahlzäune, um ins Freie zu kommen, meide Menschen, Wege und Brücken, halte dich in gehöriger Entfernung von Portorson … Ach so! du mußt ja über den Couesnon; wie willst du hinüberkommen?

– Durchschwimmen.

– Gut; es giebt übrigens eine Furt; weißt du vielleicht wo?

– Zwischen Ancey und Vieux-Mel.

– Ganz recht; ich sehe, daß du wirklich hier zu Hause bist.

– Aber es wird Nacht. Wo werden der gnädige Herr schlafen?

– Meine Sache; wo wirst du schlafen?

– In irgend einer Höhlung. Bevor ich Matrose wurde, war ich ein Bauer.

– Den Matrosenhut wirf ins Wasser! er könnte dich verrathen. Du wirst doch irgendwo eine andere Kopfbedeckung auftreiben können?

– O ja, eine Regenkappe, die giebt’s überall. Der nächstbeste Fischer wird mir seine verkaufen.

– Gut. Nun höre weiter: Du kennst doch die Wälder hier herum?

– Alle.

– In der ganzen Umgegend?

– Von Noirmoutier bis Laval.

– Kennst du sie auch bei ihren Namen?

– Die Wälder, die Namen, Alles.

– Und wirst auch nichts vergessen?

– Nichts.

– Gut, und jetzt aufgepaßt! Wie viel Stunden Wegs kannst du in einem Tag wohl zurücklegen?

– Zehn, fünfzehn, wenn’s noththut zwanzig.

– Es wird noththun. Verliere kein Wort von Allem, was ich dir jetzt sagen werde: Zunächst begiebst du dich in den Wald von Saint-Aubin.

– Bei Lamballe?

– Ja. Am Rande der Schlucht zwischen Saint-Rieul und Plédéliac steht ein großer Kastanienbaum. Bei dem hältst du still. Sehen wirst du Niemand.

– Aber es wird doch Jemand da sein; weiß schon.

– Du wirst das Zeichen geben. Kennst du das Zeichen auch?

Halmalo blies die Backen auf, wendete sich gegen das Meer und stieß den Eulenruf aus. Man hätte darauf geschworen, dieses »Huhu« ertöne aus tiefster Waldesnacht, so echt war’s und schauerlich.

0063

Halmalo schaute den Greis verwundert an.

– Gut, sagte der Greis; du bist ein Wissender.

– Hier, setzte er hinzu, indem er Halmalo die grünseidene Schleife hinhielt, hier hast du meine Kommandoschleife. Stecke sie zu dir. Einstweilen ist noch viel daran gelegen, daß mein Name unbekannt bleibe. Aber die Schleife genügt schon. Diese Lilie hat Madame, die Königin Antoinette, in ihrem Gefängniß mit eigener Hand gestickt.

Halmalo beugte das Knie und griff mit bebender Hand nach der Schleife, die er zu seinen Lippen führte; aber plötzlich innehaltend, fragte er mit innerem Grauen:

– Darf ich denn auch?

– Küssest du das Kruzifix nicht auch? Also.

Und Halmalo küßte die Lilie.

– Steh auf, sagte der Greis. Halmalo stand auf und verwahrte die Schleife an seiner Brust.

– Gieb wohl Acht, fuhr der Greis fort. Die Ordre lautet: Zu den Waffen – ohne Pardon. Beim Kastanienbaum giebst du also das Zeichen, und zwar zu dreien Malen. Nach dem dritten Mal wird ein Mann aus der Erde steigen.

– Aus einem Loch unten an einem Baum; weiß schon.

– Dieser Mann ist Planchenault, auch Coeur-de-Roi geheißen. Dem zeigst du die Schleife vor, und er wird verstehen. Nachher schleichst du auf Wegen, deren Wahl ich dir überlasse, in den Wald von Astillé; dort wirst du einen hinkenden Mann treffen, der den Beinamen Mousqueton führt, und der niemals Pardon giebt. Dem sagst du, daß ich ihn lieb habe, und daß er seine Gemeinden auf die Beine bringen soll. Ferner verfügst du dich in den Wald von Couesbon, eine Stunde von Ploërmel. Dort giebst du abermals das Zeichen und wirst einen Mann aus einer Öffnung hervorkriechen sehen, den Seneschall von Ploël, Herrn Thuault, welcher Mitglied der sogenannten konstituirenden Versammlung war, aber ein Rechtschaffener. Dem sagst du, er möge das Schloß von Couesbon in Stand setzen, ein Besitzthum des ausgewanderten Marquis von Guer. Schluchten, Buschwerk, ungleiches Terrain, läßt sich ausnützen; Herr Thuault ist ein gerader, besonnener Mann. Hieraus gehst du nach Saint-Ouen-les-Toits, wo du mit Jean Chouan sprechen wirst, der in meinen Augen der eigentliche Anführer ist, und von dort in den Wald von Ville-Anglose, wo du Guitter, auch Saint-Martin zubenannt, aufsuchen wirst, um ihm zu sagen, er solle ein Auge haben auf einen gewissen Courmesnil, Schwiegersohn des alten Goupil aus Préfeln und Rädelsführer der Jakobinerbande von Argentan. Präge dir Alles genau ins Gedächtniß! Ich gebe dir nichts Schriftliches mit, weil dergleichen nie schriftlich besorgt werden soll. La Rouarie hat ein Namensverzeichniß niedergeschrieben, und Alles kam heraus. Dann ermittelst du im Wald von Rougefeu einen Mann, der Miélette heißt und immer einen langen Stock mit eiserner Spitze führt.

– Mit so einem Stock setzt man über die breitesten Gräben.

– Kannst du das auch?

– Ich müßte keine Bretone und kein Bauersmann sein! Der Springstock ist ja unser Freund in der Noth; den Arm dehnt er aus und verlängert die Beine.

– Verringert demnach den Feind und verkürzt den Weg.

– Mit meinem Springstock habe ich einmal drei Salzwächter zurückgeschlagen, die mit Säbeln bewaffnet waren.

– Wann war das?

– Vor zehn Jahren.

– Da herrschte ja der König noch.

– Freilich.

– Damals also lehntest du dich auf?

– Gewiß.

– Gegen wen?

– Ja, das weiß ich nicht recht. Ich war Salzschmuggler.

– So.

– Sie nannten es eben den Kampf gegen die Salzsteuer. Haben denn die Salzsteuer und der König etwas mitsammen gemein?

– Ja. Nein …. Aber das sind Dinge, die du nicht zu verstehen brauchst.

– Ich bitte den gnädigen Herrn, mir zu verzeihen, daß ich so frei war, den gnädigen Herrn zu fragen.

– Fahren wir fort: Kennst du La Tourgue?

– Ob ich es kenne! Dort bin ich ja her.

– Wie so her?

– Nun ja, weil ich aus Parigné bin.

– Allerdings: Parigné liegt ganz nah bei La Tourgue.

– Ob ich es kenne, das große runde Schloß! Es ist ja das Stammschloß meines gnädigen Herrn! Ein großes eisernes Thor ist daran, welches das alte Schloß von dem neuen absperrt; mit Kanonen könnte man’s nicht sprengen. In dem neuen Schloß ist auch das berühmte Buch über den heiligen Bartholomäus zu sehen, das die Leute ehemals zu betrachten kamen. Ganz klein habe ich auf dem Grasplatz gespielt, wo die vielen Frösche sind. Und der unterirdische Gang erst! Den weiß vielleicht kein Mensch mehr außer mir.

– Ein unterirdischer Gang. – Was willst du damit sagen?

– Das war für die früheren Zeiten, damals als La Tourgue noch belagert wurde. Da konnten die Leute sich durch den Gang flüchten, der unter der Erde bis tief in den Wald hineinführt.

– Einen solchen Gang giebt es allerdings im Schloß La Jupellière und auch in dem von La Hunaudaye und im Thurm von Champéon, aber in La Tourgue ist nichts dergleichen vorhanden. – Ja doch, gnädiger Herr. Die Durchgänge, von denen der gnädige Herr sprechen, sind mir zwar unbekannt. Ich weiß blos um den zu La Tourgue, weil dort eben meine Heimath ist. Aber außer mir dürfte schwerlich Jemand darum wissen. Man sprach davon nicht; es war verboten, weil man den Gang zur Zeit des Herrn von Rohan im Krieg benutzt hatte. Mein Vater kannte das Geheimniß und hat mir’s gezeigt. So kenne denn auch ich den geheimen Eingang und den geheimen Ausgang; vom Wald kann ich in den Thurm und vom Thurm in den Wald gelangen, ohne daß mich Einer sieht. Und deshalb findet der Feind auch Niemand mehr, wenn er in das Schloß eindringt. Ja, so ist das eingerichtet in La Tourgue; ich weiß es genau.

– Du bist offenbar im Irrthum, erwiderte der Greis, nachdem er eine Weile nachgesonnen, wenn etwas Derartiges da wäre, müßte ich es kennen.

– Gnädiger Herr, ich bin meiner Sache gewiß. Es ist ein Stein, der sich dreht.

– So, so! Nun ja, von Steinen wißt ihr Bauern alles Mögliche zu erzählen, von Steinen, welche sich drehen, welche singen oder welche des Nachts an den Bach gehen, um zu trinken. Ammenmärchen.

– Wenn ich aber dem gnädigen Herrn sage, daß ich selber gesehen habe, wie sich der Stein drehte.

– Wie viel Andere haben ihn nicht auch singen hören! La Tourgue, mein Sohn, ist ein sicheres, festes Castell und leicht zu vertheidigen; allein wer sich auf einen unterirdischen Weg verlassen wollte, um zu entkommen, der wäre auf dem Holzweg.

– Aber gnädiger Herr…..

– Verlieren wir keine Zeit, unterbrach ihn der Greis mit einem Achselzucken, und kommen wir auf das Wichtigere zurück.

Dieser entschiedene Ton setzte jedem weiteren Betheuern eine Schranke.

– Fahren wir fort, sagte der Greis. Von Rougefeu, hörst du wohl, geht es dann in den Wald von Montchevrier; dort haust Benedicite, das Oberhaupt der Zwölf, auch Einer von den Rechten. Während er die Gefangenen füsiliren läßt, pflegt er sein »Benedicite« zu beten. Ja, nur keine Empfindelei in Kriegszeiten. Von Montchevrier gehst du …. Fast hätte ich das Geld vergessen, fiel er sich plötzlich ins Wort, und zog aus seiner Tasche eine Börse und ein Portefeuille, die er Halmalo übergab: Das Portefeuille hier enthält dreißigtausend Livres in Assignaten, etwas wie drei Livres zehn Sous. Die Scheine sind zwar falsch, aber die echten sind deshalb um keinen Heller mehr werth. In dem Beutel, paß auf, sind hundert Louisdor. Es ist meine ganze Baarschaft; hier brauche ich so kein Geld mehr, und es ist auch besser, wenn keines bei mir gefunden werden kann. Jetzt höre weiter: Von Montchevrier begibst du dich nach Antrain zu Herrn von Frotté, von Antrain nach La Jupellière zu Herrn von Rochecotte, von La Jupellière nach Noirieux zu dem Abbé Baudoix. Kannst du das Alles auswendig behalten?

– Wie das Vaterunser.

– In Saint-Brice-en-Cogles sprichst du mit Herrn Dubois-Guy, in dem befestigten Marktflecken Morannes mit Herrn von Turpin und in Château-Gonthier mit dem Fürsten von Talmont.

– Darf ich mit einem Fürsten denn auch sprechen?

– Sprichst du nicht auch mit mir?

Halmalo verneigte sich.

– Jeder, dem du die Lilie von Madame vorzeigst, wird dich willkommen heißen. Vergiß nicht, daß du Ortschaften berühren wirst, wo patschfüßiges Gebirgsvolk haust. Du wirst dich dann verkleiden müssen. Geht ganz leicht; so dumm sind diese Republikaner, daß Einen Keiner beachtet, wenn man nur einen blauen Rock, den dreieckigen Hut und die dreifarbige Kokarde trägt. Regimenter giebt es ja nicht mehr, Uniformen auch nicht; die Abtheilungen haben keine Nummern mehr und Jeder steckt sich in den Trödel, der ihm gerade paßt. Hernach gehst du nach Saint-Hervé zu Gaulier, auch Grand-Pierre geheißen; dann nach Parné, wo Männer mit geschwärzten Gesichtern im Quartier liegen; sie schießen mit Kies und mit doppelter Pulverladung, um mehr Lärm zu machen; daran thun sie auch recht; aber vor Allem schärfe ihnen ein: nur immer todtschlagen, todtschlagen, todtschlagen! Dann gehst du ins Lager von La Vache-Noire, das auf einer Anhöhe mitten im Wald von La Charnie liegt, ferner ins Lager von L’Avoine, ferner ins Lager Camp-Vert, ferner ins Lager von Les Fourmies, ferner nach Le Grand-Bordage, das auch Le Haut-du-Pré genannt wird; dort wohnt eine Wittwe, deren Tochter Treton, den sie auch »den Engländer« nennen, geheirathet hat. Le Grand-Bordage gehört zur Gemeinde von Quelaines. Auch Epineux-le-Chevreuil, Sillé-le-Guillaume, Parannes und die nächstliegenden Waldungen wirst du bereisen. Allenthalben wirst du Freunde treffen; die schickst du zur Grenzscheide von Ober- und Nieder-Maine. Endlich wirst du noch Jean Treton in der Gemeinde von Baisges, Sans-Regret in Le Bignon, Chambord in Bonchamps, die Gebrüder Corbin in Maisoncelles in Saint-Jean-sur-Erve le Petit-sans-Peur aufsuchen, der auch Bourdoiseau heißt. Wenn du das Alles besorgt und Jedem die Parole gegeben hast »Zu den Waffen – ohne Pardon«, wirst du dich der großen katholisch-königlichen Armee anschließen, wo sie zur Zeit gerade kampiren wird. Dort meldest du dich bei den Herren d’Elbée, von Lescure, von La Rochejacquelein, kurz bei den Chefs, die dann noch am Leben sein werden, und zeigst Ihnen meine Kommandoschleife vor. Sie werden sie schon erkennen; du bist zwar nur ein Matrose, aber Cathelineau ist auch nicht mehr als ein Fuhrmann. Du wirst ihnen in meinem Namen Folgendes verkünden: Es ist nun an der Zeit, beide Kriege zugleich zu führen, den großen und den kleinen; der große macht lautern Lärm, der kleine ausgiebigere Geschäfte; die Vendée ist allerdings gut, aber die Chouans sind ärger, und im Bürgerkrieg ist das Aergste stets das Beste, denn der Werth einer Kriegführung läßt sich überhaupt nur nach dem angerichteten Schaden bemessen.

Und in einen anderen Ton übergehend, fuhr der Greis fort:

– Von Allem, was ich dir da gesagt habe, hast du vielleicht nicht jedes Einzelne, den Sinn aber des Ganzen gewiß begriffen. Ich habe Vertrauen zu dir gefaßt, als ich zusah, wie du unser Boot lenktest; ohne je Geometrie gelernt zu haben, wußtest du doch die überraschendsten, scharfsinnigsten Schwenkungen zu erdenken; wer mit einer Barke so umzugehen versteht, gibt auch einen Lootsen ab für eine Volkserhebung; der Art nach, wie du mit der See fertig geworden bist, darf ich von dir erwarten, daß du alle meine Aufträge in entsprechender Weise ausführen wirst. Vernimm jetzt meine letzten Worte, die du den Generälen mittheilen sollst, dem Sinne nach, so gut du es eben vermagst – es wird schon richtig sein:

Ich ziehe den Krieg im Busch dem Krieg auf offenem Felde vor und trage kein besonderes Gelüste darnach, hunderttausend Bauern vor den Gewehrsalven der Blauen und der Artillerie des Herrn Carnot regelrecht in Reih und Glied zu stellen. Innerhalb eines Monats will ich fünfmalhunderttausend Schützen auf dem Anstand stehen haben in den Wäldern. Die republikanischen Regimenter sind mein Wild; meine Soldaten sollen Jäger sein; ich bin der Stratege des Busches…. ah, schon wieder ein Ausdruck, der dir nicht geläufig ist; thut aber nichts; klar wird dir schon dieses sein: Keinen Pardon! überall eine Falle. Weniger Gelehrsamkeit und mehr Hinterlist! Du wirst hinzufügen, daß wir die Engländer auf unserer Seite haben. Nehmen wir die Republik in ein Kreuzfeuer! Europa kommt uns zu Hilfe. Zertreten wir die Revolution! Im Osten hat sie den Krieg mit den Königreichen; im Westen erhebe sich der Kreuzzug der Dörfer! So wirst du zu ihnen sprechen. Hast du verstanden?

– Ja. Dreinfahren mit Feuer und mit Schwert!

– Recht so.

– Niemals Pardon geben.

– Keinem, recht so.

– Ich werde überall hingehen.

– Aber Vorsicht, denn hier zu Lande wird man leicht ein stiller Mann.

– Mich kümmert das wenig. Man weiß so nie, ob man den ersten Schritt nicht in den letzten Schuhen thut.

– Tapfer gesprochen.

– Und wenn man mich nach dem Namen des gnädigen Herrn fragt?

– Der muß noch verschwiegen werden. Du wirst einfach die Wahrheit sagen, daß du ihn nicht weißt. – Und wo werde ich den gnädigen Herrn wiederfinden?

– Wo ich gerade zugegen sein werde.

– Aber wie soll ich das erfahren?

– Von selbst, denn Jedermann wird es wissen. Ehe acht Tage vergehen, will ich von mir reden lassen, will den König und die Kirche durch Strafgerichte rächen, und du wirst schon erkennen, daß ich es bin, von dem geredet wird.

– Ich weiß schon.

– Also nichts vergessen.

– Seien Sie ganz unbesorgt.

– Und jetzt behüte dich Gott. Geh!

– Alles werde ich thun, wie Sie gesagt, werde gehen, werde sprechen, werde befehlen.

– Gut.

– Und wenn mir’s gelingt…

– Mach‘ ich dich zum Sanct-Ludwigsritter.

– Wie meinen Bruder, und wenn mir’s nicht gelingt, mögen Sie mich erschießen lassen.

– Wie deinen Bruder.

– Einverstanden, gnädiger Herr.

Der Greis senkte das Haupt und verfiel in strenges Sinnen. Als er wieder aufblickte, war er allein. Ein schwarzer, schwindender Punkt, verlor sich Halmalo schon am Horizont. Die Sonne war eben untergegangen. Die großen und kleinen Möven kamen heimgeflogen von draußen, vom Meer. Man fühlte jene Bangigkeit durch die Lüfte zittern, welche der Nacht vorangeht. Mitten unter dem Schmettern des Unkenrufs umflatterten die Wasserschnepfen mit schrillem Schrei die Pfützen, an denen sie gesessen; die Raben, Krähen, Dohlen stimmten ihr abendliches Gekrächze an; alle Vögel des Strandes lockten einander herbei. Von einem menschlichen Wesen keine Spur; in der Bucht kein Segel, kein Bauer drüben auf dem Gefild. So weit das Auge reichte, auf der öden Fläche die tiefste Einsamkeit. Die großen Sanddisteln schauerten zusammen; vom weißverdämmernden Himmel strömte noch über See und Küste ein fahler Widerschein, und fernab auf der finsteren Ebene schillerte hin und wieder ein Teich wie eine hingenagelte große Zinnplatte, indeß ein Windhauch landeinwärts hinstrich über die Fluthen.