Neuntes Kapitel

Der Zug der Gefangenen sollte am nächsten Tage um drei Uhr vom Bahnhof abfahren, und Nechludoff nahm sich vor, schon gegen Mittag am Gefängnisthor zu sein, um ihn herauskommen zu sehen und bis zur Eisenbahn zu begleiten. Als er vor dem Schlafengehen seine Papiere ordnete, fiel ihm sein Tagebuch in die Hände, und er konnte sich nicht enthalten, die letzten Sätze noch einmal durchzulesen. Als er nach Petersburg abreiste, hatte er geschrieben: »Katuscha will mein Opfer nicht und beharrt auf dem ihrigen. Sie entzückt mich durch diese innere Veränderung, die sich – ich fürchte mich, es zu glauben – in ihr zu vollziehen scheint. Ich fürchte mich, es zu glauben, doch habe ich die Empfindung ihrer Auferstehung.« Darunter hatte Nechludoff das nächste Mal geschrieben: »Heut‘ habe ich einen großen Schlag zu erleiden gehabt; ich habe erfahren, Katuscha habe sich im Hospital schlecht betragen. Auf der Stelle empfand ich einen furchtbaren Schmerz; nie hätte ich gedacht, die Sache würde mich so tief schmerzen. Ich habe die Unglückliche mit Haß und Ekel behandelt, doch dann habe ich mich erinnert, wie oft ich selbst, wenn auch nur in Gedanken, die Sünde begangen, deretwegen ich sie haßte, und von diesem Augenblick an habe ich mich selbst gehaßt; sie hat mir leid gethan, und ich habe ein wohliges Gefühl empfunden.« Nechludoff ergriff die Feder und fügte bei dem Datum des Tages hinzu: »Ich habe Katuscha heut‘ morgen gesehen, und wieder war ich aus Selbstsucht hart und boshaft gegen sie. Auch zu Natascha war ich boshaft und habe zu ihrem Manne gesprochen, wie ich in keinem Falle hätte sprechen sollen. Das alles lastet mir wie ein Centnergewicht auf der Seele. Doch was thun? Morgen beginnt für mich ein neues Leben. Leb‘ wohl, mein altes Leben, für immer!«

Als er am nächsten Morgen erwachte, war sein erstes Gefühl ein lebhaftes Bedauern über sein Benehmen seinem Schwager gegenüber. »Ich kann die Dinge unmöglich so belassen,« sagte er sich; »ich will zu ihm gehen und ihn um Entschuldigung bitten.« Doch bald bemerkte er, daß er dazu keine Zeit haben würde, wenn er dem Abmarsch des Zuges beiwohnen wollte. Nachdem er schleunigst seine Sachen gepackt und sie von dem Hotelhausknecht nach dem Bahnhof hatte bringen lassen, sprang er in einen Fiaker, um nach dem Gefängnis zu fahren.

Man befand sich in der stärkster Julihitze. Das Pflaster, die Steine der Häuser, das Eisen auf den Dächern, die während der glühenden Nacht nicht hatten erkalten können, vermischten ihre Strahlen mit dem Glanz der Sonne und machten die Luft zum Atmen fast gänzlich ungeeignet. Kein Windhauch, nur auf Augenblicke plötzliche Stöße, die den Leuten Staubwolken in die Augen bliesen. Die meisten Straßen waren leer, hier und da streiften einzelne Passanten an den Häusern entlang und suchten hier ein bißchen Schatten. Trotzdem sah Nechludoff in einer Straße eine Gruppe von Steinpflasterern mitten in der Sonne auf dem Damme sitzen und Pflastersteine in den warmen Sand einlegen.

Als Nechludoff am Gefängnis anlangte, fand er das Thor noch geschlossen. Im Innern war man seit vier Uhr morgens damit beschäftigt, die zur Abreise bestimmten Verschickten zu ordnen und Revue passieren zu lassen. Es waren sechshundertdreiundzwanzig Männer und vierundsechzig Weiber, die, zu zwei und zwei geordnet, nicht im Schatten, sondern gerade in der Sonne standen. Vor der Thür stand wie immer eine Schildwache mit dem Gewehr im Arm. Auf dem kleinen Platze sah Nechludoff zwanzig Wagen, die die Sachen der Gefangenen fortschaffen und auch einige unpäßliche oder kranke Gefangene zum Bahnhof bringen sollten. Er sah ferner noch in einem Winkel eine Gruppe armer Leute, Verwandte und Freunde, die auf den Abmarsch der Gefangenen warteten, um sie noch ein letztes Mal zu sehen und ihnen, wenn möglich, Lebensmittel oder Geld zu verabreichen.

Nechludoff gesellte sich dieser Gruppe zu und blieb fast eine Stunde vor der Thür stehen. Endlich hörte er im Innern des Gefängnisses das Gerassel von Ketten, mit lauter Stimme erteilte Befehle, Husten und das verworrene Gemurmel einer auf dem Platze stampfenden Menschenmenge. Das dauerte fünf Minuten, in denen sich die Aufseher fortwährend an der Thür zeigten, um dann wieder hineinzugehen. Dann öffneten sich plötzlich die beiden Thorflügel, das Klirren der Ketten wurde stärker und ein Detachement von Soldaten in blauen Uniformen bildete einen breiten Halbkreis auf den beiden Seiten des Thores. Dann kamen die Verschickten auf einen neuen Befehl zu zwei und zwei heraus. Zuerst kamen die zur Zwangsarbeit Verurteilten, die alle einförmig in graue Blusen gekleidet waren, flache Mützen auf ihren rasierten Köpfen und jeder einen Sack auf dem Rücken trugen; sie schleppten ihre mit Ketten beschwerten Füße nach und hielten mit der einen freien Hand das äußerste Ende des Sackes, der auf ihrem Rücken hing. Sie kamen mit festem und entschlossenem Schritte, den Arm bewegend, heraus, als wenn sie sich zu einem langen Marsche aufrafften; dann blieben sie, nachdem sie zehn Schritt gegangen waren, stehen und lockerten ihre Reihen. Nach ihnen kamen andere, in gleiche Blusen gekleidete und ebenfalls rasierte Männer, die aber keine Eisen an den Füßen hatten und nur an den Händen gefesselt waren. Das waren die zur Verschickung Verurteilten. Dann kamen in derselben Ordnung die Weiber; zuerst die zur Zwangsarbeit Verurteilten, in grauen Blusen und Kopftüchern; zweitens die Verschickten, und endlich die Weiber, die aus freien Stücken mitreisten, um ihren Männern zu folgen; diese trugen Bauernkleider. Mehrere von den Frauen hatten Kinder auf den Armen. Andere Kinder gingen zu Fuß, zwischen den Reihen zerstreut, wie junge Füllen in einer Pferdeherde. Die Männer rückten schweigend vorwärts und wechselten nur hier und da ein Wort. Dagegen erhob sich aus den Reihen der Weiber ein ununterbrochenes Stimmengewirr.

Nechludoff glaubte die Maslow in dem Augenblick zu erkennen, als sie herauskam, doch bald verlor er sie wieder aus dem Gesicht; er sah nichts weiter als eine verworrene Menge grau gekleideter, gleich erscheinender Geschöpfe, denen man in gleicher Weise ihr menschliches Aussehen geraubt hatte.

Man hatte die Verschickten bereits im Gefängnishofe gezählt, zählte sie aber, als sie herauskamen, zum zweitenmale. Als die Zählung vollendet war, rief der Offizier, der den Zug anführte, einen Befehl aus, und es erhob sich ein gewisser Tumult in der Menge. Die Kranken, Männer wie Frauen, verließen die Reihen und stürzten nach den Wagen, wo sie sich neben ihren Sachen niederließen. Nechludoff bemerkte in diesen Wagen in wirrem Durcheinander Mütter, die ihre Kinder stillten, kleine Jungen und kleine Mädchen und einige kranke Gefangene mit brummiger und düsterer Miene. Andere Gefangene mit unbedecktem Haupte baten den Offizier des Zuges um die Erlaubnis, in die Wagen steigen zu dürfen. Der Offizier that zuerst, als höre er nicht, wandte sich ab und wickelte sich eine Cigarette; doch plötzlich sah Nechludoff, wie er sich mit erhobener Hand zu einem der Gefangenen umwandte, die sich ihm näherten.

»Ich werde dir Wagen geben; du wirst den Weg zu Fuß machen!« schrie der Offizier.

Nur ein langer, am ganzen Leibe zitternder Greis, ein Zuchthäusler, bekam die Erlaubnis, in den Wagen zu steigen. Er nahm seine Mütze ab, schlug das Kreuz und versuchte längere Zeit, selbst hinaufzuklettern, doch es gelang ihm nicht, seine langen, mit Eisen beladenen Beine hoch genug zu heben, bis ein altes Weib ihm von dem Wagen aus heraufsteigen half, indem es ihn beim Arm nahm.

Als die Wagen alle voll waren, nahm der Offizier die Mütze ab, trocknete sich mit dem Taschentuch die Stirn, den kahlen Schädel, seinen dicken roten Hals, schlug das Kreuz und kommandierte:

»Vorwärts, marsch!«

Die Soldaten schulterten das Gewehr, die Gefangenen nahmen ihre Mützen ab und bekreuzigten sich, ein Schrei erhob sich aus den Reihen der Frauen, und der Zug setzte sich, von den Soldaten eingeschlossen, in Bewegung, wobei sich bei jeder Bewegung der gefesselten Linie der Staub erhob. An der Spitze hinter den Soldaten schritten die zur Zwangsarbeit Verurteilten, dann kamen die Verschickten und darauf die Weiber. Hinter dem Zuge der zu vier und vier geordneten Gefangenen kamen langsam die Wagen; auf einem derselben sah Nechludoff eine dicht eingehüllte Frau sitzen, die unaufhörlich schluchzte und heulte. Der Zug war so lang, daß die ersten Reihen schon um die Ecke verschwunden waren, als die Wagen sich in Bewegung setzten.

Nechludoff wartete noch einige Augenblicke, stieg dann wieder in seinen Wagen und befahl dem Kutscher, langsam zu fahren, um die Maslow wiederzufinden und sie fragen zu können, ob sie die Sachen erhalten, die er ihr geschickt hatte. Die Hitze war noch stärker geworden. Die Verschickten gingen sehr schnell und wirbelten dabei eine Staubwolke auf, die um sie herschwebte. Als Nechludoff sich den Frauenreihen gegenüber befand, erkannte er die Maslow sofort. Sie befand sich in der zweiten Reihe in der Nähe der »Schönheit«, Fedoffjas und eines Weibes in anderen Umständen, das nur mit großer Mühe vorwärts kam. Die Maslow ging schnell, sie trug ihre Reisetasche auf dem Rücken und blickte gleichzeitig ruhig und entschlossen vor sich hin. Nechludoff stieg aus dem Fiaker und näherte sich ihr, um mit ihr zu sprechen; doch ein Unteroffizier, der an der Spitze des Zuges marschierte, lief auf ihn zu und rief:

»Es ist verboten, sich den Gefangenen zu nähern!«

Als er dann Nechludoff erkannte, den im Gefängnis jeder kannte, fuhr er mit der Hand nach der Mütze und sagte in ehrerbietigem Tone:

»Excellenz, es ist uns wirklich ausdrücklich verboten! Auf dem Bahnhof können Sie mit ihnen sprechen, aber hier ist es unmöglich!«

Nechludoff trat zur Seite, befahl dem Kutscher, ihm zu folgen und begann neben dem Zuge auf dem Trottoir einherzugehen. Dieser war überall der Gegenstand einer lebhaften Aufmerksamkeit, die sich aus Furcht und Sympathie zusammensetzte. Aus den Wagen beugten sich Köpfe hervor und betrachteten eifrig das schreckliche Schauspiel. Einige traten näher und gaben Almosen, die die Aufseher des Zuges entgegennahmen. Andere folgten den Gefangenen wie hypnotisiert, so weit sie konnten.

Nechludoff ging ebenso schnell, wie die Gefangenen, und obwohl er leicht gekleidet war, wurde ihm die Hitze doch fortwährend qualvoller. Endlich hielt er es nicht mehr aus; nach viertelstündiger Wanderung ging er wieder zu seinem Wagen, stieg hinein und befahl dem Kutscher, vorzufahren. Doch im Wagen erschien ihm die Hitze noch unerträglicher. Er bemühte sich, an seine Unterredung vom vorigen Tage mit seinem Schwager zu denken, doch diese Erinnerung, die ihn noch vor wenig Stunden so heftig aufgeregt, vermochte ihn jetzt nicht mehr zu interessieren. Seine ganzen Gedanken waren dem schrecklichen Schauspiel zugewendet, dem er eben beigewohnt. Vor allem aber erstickte er vor Hitze.

Auf einem kleinen Platze sah er im Schatten der Bäume zwei Gymnasiasten, die neben einem herumziehenden Eisverkäufer standen; der eine, der sein Glas bereits geleert, leckte gierig den kleinen Hornlöffel ab; der andere beobachtete die Bewegungen des Verkäufers, der eben das Glas, das er in der Hand hielt, mit gelbem Eis füllte.

»Wissen Sie, wo man hier in der Nähe etwas trinken könnte?« fragte Nechludoff den Kutscher, denn er verspürte plötzlich einen gräßlichen Durst.

»Zwei Schritt von hier ist ein Wirtshaus, ein sehr schönes Wirtshaus,« sagte der Kutscher, lenkte um eine Straßenecke und fuhr Nechludoff nach einem Hause, an dem ein großes Schild hing. Der Wirt, der in Hemdärmeln am Schenktisch stand, und zwei Kellner in schmutzigen Blusen betrachteten neugierig diesen unbekannten Gast und boten ihm dann ihre Dienste an. Nechludoff bat um Selterswasser und setzte sich in den Hintergrund der Gaststube an einen kleinen, mit einem fettigen Tischtuch belegten Tisch.

Zwei Männer saßen an einem Nebentische und tranken Thee. Der eine war brünett und untersetzt, mit einem dicken, ganz mit schwarzen Haaren bedeckten Nacken, und sah Ignaz Nikophorowitsch ähnlich. Diese Aehnlichkeit erweckte in Nechludoff wieder die Erinnerung an die Unterredung vom vorigen Tage und an seinen Wunsch, seinen Schwager und seine Schwester noch einmal wiederzusehen. »Wie wär’s, wenn ich hinginge?« sagte er sich. »Doch nein, ich würde den Zug verpassen. Es ist besser, ich schreibe einen Brief.« Er bat um eine Feder, Tinte und Papier und dachte, während er das frische und prickelnde Wasser in kleinen Schlucken trank, was er schreiben sollte. Doch seine Ideen verwirrten sich, ohne daß er einen Satz zu finden vermochte.

»Liebe Natascha, ich kann dich nicht unter dem peinlichen Eindruck meiner gestrigen Unterredung mit Ignaz Nikophorowitsch verlassen,« begann er. Doch was sollte er dann weiter sagen? Sollte er für seine Worte vom vorigen Tage um Verzeihung bitten? Doch diese Worte waren der Ausdruck seines Denkens, und sein Schwager konnte glauben, er widerrufe. Und auch diese Manier, sich in seine Angelegenheiten zu mischen! Nein, es war ihm unmöglich, zu schreiben, und er fühlte wieder einmal, wie sein Haß gegen diesen Fremden neu erwachte, der außer stande war, ihn zu begreifen. Nechludoff steckte den angefangenen Brief in die Tasche, bezahlte und stieg wieder in den Fiaker, um sich dem Zuge anzuschließen.

Die Hitze war so gräßlich, daß die Pflastersteine und die Mauern der Häuser einen glühenden Hauch auszuströmen schienen. Als Nechludoff die Hand auf den lackierten Schlag des Wagens legte, hatte er die Empfindung einer richtigen Brandwunde.

Das Pferd schleppte sich schwerfällig über das staubige Pflaster, der Kutscher schlummerte, und auch Nechludoff starrte, von der Hitze betäubt, ohne an etwas zu denken, vor sich hin. An einer Straßenecke bemerkte er plötzlich vor einem Thorweg eine Gruppe von Männern, unter denen ein Soldat des Zuges mit dem Gewehr im Arm stand. Er gab dem Kutscher ein Zeichen, anzuhalten und fragte den Portier des Hauses:

»Was giebt’s?«

»Es ist einer der Gefangenen!«

Nechludoff stieg vom Wagen und näherte sich der Gruppe. Auf den ungleichen Pflastersteinen, hart am Trottoir, lag, mit dem Kopf nach unten, ein Gefangener, ein kleiner Mann mit rotem Gesicht und rotem Bart. Auf den Rücken ausgestreckt, die Daumen weit ausgespreizt, hob sich ruckweise seine breite Brust; er seufzte und schien mit seinen unbeweglichen, blutunterlaufenen Augen den Himmel zu betrachten. Um ihn herum standen ein Polizist mit sorgenvoller Miene, ein Hausierer, ein Postillon, ein Ladenkommis, ein altes Weib mit einem Sonnenschirm und ein kleiner Junge mit einem leeren Korb.

»Erst haben sie sie durch die Einsperrung schwach gemacht, und dann lassen sie sie in der Hitze marschieren,« sagte der Ladenkommis, sich zu Nechludoff wendend.

»Er wird sicher sterben!« sagte das alte Weib mit klagender Stimme.

»Schnell! Macht ihm die Brust frei!« schrie der Postillon.

Mit seinen dicken, zitternden Fingern begann der Polizist, das Band abzuknöpfen, das das Hemd verschloß, so daß der adrige und rote Hals des Gefangenen freilag. Er war anscheinend bewegt und traurig, hielt es aber trotzdem für unbedingt erforderlich, die Anwesenden auszuschelten.

»Vorwärts, weitergehen! Was macht ihr da? Ihr hindert ja, daß die Luft zu ihm kommt!«

»Der Arzt ist verpflichtet, alle vor dem Abmarsch aus dem Gefängnis zu untersuchen, und die kranken Gefangenen müssen in die Wagen gesetzt werden, und nun zwingen sie sie, die Reise zu Fuß zu machen,« fuhr der Kommis fort, der sich freute, seine Kenntnis der Gefängnisordnung zeigen zu können.

Nachdem der Polizist dem Gefangenen die Brust entblößt, richtete er sich wieder auf und ließ die Augen umherschweifen.

»Weitergehen, sage ich euch! Das ist nicht eure Sache, ihr könnt nichts dazu thun,« sagte er, sich an den Soldaten wendend, als wenn er an dessen Zustimmung appellieren wollte; doch dieser blieb, seine Stiefel betrachtend, abseits stehen, und die Aufregung des Polizisten schien ihn vollständig kühl zu lassen.

»Die, deren Sache es ist, thun ihre Pflicht nicht; steht es etwa im Gesetz, daß man Leute umkommen lassen soll?«

»Jawohl, auch ein Gefangener ist ein Mensch,« sagten Stimmen in der immer zahlreicher werdenden Gruppe.

»Richten Sie ihm den Kopf auf und geben Sie ihm Wasser,« sagte Nechludoff.

»Ich habe schon Wasser holen lassen,« versetzte der Polizist, hob den Gefangenen am Arm hoch, und es gelang ihm mit Anstrengung, ihm den Kopf auf die Bordschwelle zu legen.

»Was soll das heißen?« rief plötzlich eine gebieterische, rauhe Stimme, und man sah mit zorniger Miene einen Polizeileutnant in glänzender Uniform und hohen, noch glänzenderen Stiefeln herangestürmt kommen. »Weitergehen, aber schnell!« fuhr er, sich an die Menge wendend, fort, ehe er überhaupt noch sah, was eigentlich vorging.

Als er den unglücklichen Gefangenen auf den Steinen liegen sah, machte er ein Zeichen mit dem Kopfe, als wollte er andeuten, er habe noch ganz andere Dinge gesehen, wandte sich dann an den Polizisten und fragte ihn, wie der Unfall passiert wäre.

Der Polizist erzählte ihm, der Gefangene wäre beim Vorüberziehen des Trupps niedergestürzt, und der Offizier hätte den Befehl gegeben, ihn liegen zu lassen.

»Na, dann muß man ihn zur Wache bringen! Man hole einen Fiaker!«

»Sofort, sobald der Portier zurück ist,« sagte der Polizist und fuhr mit der Hand nach der Mütze.

Inzwischen hatte der Kommis wieder von der Hitze zu sprechen angefangen.

»Ist das deine Sache? Geh‘ deines Weges!« erklärte der Polizeileutnant und warf ihm einen so strengen Blick zu, daß der Kommis sofort schwieg.

»Man muß ihm Wasser zu trinken geben,« wiederholte Nechludoff.

Auch auf ihn warf der Polizeileutnant einen strengen Blick, doch da er einen gutgekleideten Mann erkannte, so wagte er nichts zu sagen. Als der Portier mit einem Eimer Wasser zurückkam, befahl der Polizeileutnant dem Wachmann, dem Gefangenen zu trinken zu geben. Der Polizist hob dem Unglücklichen von neuem den Kopf und bemühte sich, ihm das Wasser in den Mund zu gießen, doch der Sterbende weigerte sich, das Wasser zu trinken, und dieses floß über seinen Bart und machte ihm die Jacke und sein staubiges Hemd naß.

»Gieße ihm den Eimer über den Kopf!« befahl der Polizeileutnant.

Der Polizist nahm dem Gefangenen die Mütze ab und goß das Wasser auf seinen kahlen Schädel mit den spärlichen roten Haaren. Der Unglückliche riß entsetzt die Äugen auf, doch sein Körper blieb unbeweglich. Das mit Staub vermischte Wasser floß sein Gesicht hinunter; doch sein Mund stieß noch immer qualvolle Seufzer aus, und plötzlich schüttelte ihn ein heftiges Zittern vom Kopf bis zu den Füßen.

»Da ist gerade ein Fiaker! Setzt ihn hinein!« rief der Polizeileutnant und deutete auf Nechludoffs Wagen, »Heda! Du! Komm‘ mal näher!«

»Ich bin nicht frei,« versetzte der Kutscher.

»Es ist mein Fiaker,« erklärte Nechludoff; »doch Sie können ihn nehmen. Ich bezahle alles!« fügte er, zu dem Kutscher gewendet, hinzu.

»Na, dann los, aber fix!«

Der Polizist, der Portier und der Soldat hoben den Sterbenden hoch, trugen ihn in den Fiaker und setzten ihn auf die Kissen. Doch er war außer stande, sitzen zu bleiben; sein Kopf fiel nach hinten über und sein ganzer Körper rollte auf die Bank.

»Man lege ihn hin!« befahl der Polizeileutnant.

»Seien Ew. Gnaden nur unbesorgt; ich werde ihn schon so hinbringen,« erklärte der Polizist, setzte sich in den Wagen und packte den Gefangenen beim Arm, während der Soldat ihm die Beine ausstreckte. Der Polizeileutnant bemerkte auf dem Pflaster die Mütze des Gefangenen, hob sie auf und setzte sie ihm auf den nassen Kopf, der fortwährend von einer Schulter auf die andere fiel.

»Marsch!« kommandierte er.

Der Kutscher peitschte auf sein Pferd los und fuhr in Begleitung des Soldaten nach der Polizeiwache. Der Polizist versuchte im Wagen vergeblich, dem Gefangenen den Kopf aufzurichten, der stets wieder auf eine Schulter zurückfiel. Nechludoff folgte dem Wagen zu Fuß.

Sobald der Wagen vor der Thür der Polizeiwache hielt, umringten mehrere Polizisten den Gefangenen, der während der Fahrt gestorben war, und packten ihn bei den Armen und Beinen. Zehn Minuten später, als Nechludoff erschien, war man im Begriff, den Leichnam ins Lazarett zu schaffen. Das Lazarett war ein kleines, unsauberes Zimmer mit vier Betten; in zweien derselben lagen Kranke, ein Schwindsüchtiger und ein Mann mit verbundenem Kopf und Hals. Auf eins der beiden andern Betten legte man den Toten. Ein kleiner Mann mit glänzenden Augen und unaufhörlich beweglichen Brauen trat schnellen Schrittes an des Bett, betrachtete erst den Toten und dann Nechludoff und brach in lautes Lachen aus. Es war ein Wahnsinniger, den man bis zur Ueberführung in ein Irrenhaus hier untergebracht hatte.

»Sie wollen mir Furcht einjagen,« sagte er. »Aber nein, es wird ihnen nicht gelingen.«

Gleich darauf sah Nechludoff einen Polizeileutnant und einen Lazarettgehilfen eintreten. Der letztere näherte sich ebenfalls dem Bett, ergriff die gelbe, noch warme und weiche Hand des Toten, hob sie hoch und ließ sie wieder fallen.

»Der hat sein Teil,« erklärte er kopfschüttelnd, was ihn aber nicht hinderte, dem Reglement entsprechend, dem Toten die noch nasse Brust zu entblößen und aufmerksam das Ohr daran zu drücken. Alle schwiegen. Der Lazarettgehilfe richtete sich wieder auf, schüttelte wieder den Kopf und schloß die weit offenstehenden blauen Augen des Toten.

»Sie jagen mir keine Angst ein, nein, Sie jagen mir keine Angst ein,« wiederholte der Wahnsinnige während dieser ganzen Zeit, indem er an die Erde spuckte.

»Nun?« sagte der Polizeileutnant.

»Na, man muß ihn in die Totenkammer bringen,« erklärte der Lazarettgehilfe.

»Man bringe ihn in die Totenkammer!« befahl der Leutnant. »Und du komm‘ ins Bureau, um deinen Bericht abzustatten,« sagte er zu dem Soldaten, der bei dem seiner Obhut anvertrauten Gefangenen stehengeblieben war.

Vier Polizisten ergriffen den Toten und trugen ihn ins Erdgeschoß. Nechludoff wollte ihnen eben folgen, als der Irrsinnige ihn aufhielt.

»Nicht wahr, Sie sind nicht mit ihnen im Einverständnis? Na, dann geben Sie mir eine Cigarette!«

Nechludoff gab ihm eine Cigarette, und der Wahnsinnige begann, ihm alle Verfolgungen zu erzählen, die man ihn erdulden ließ.

»Sie sind alle gegen mich und quälen mich Tag und Nacht!«

»Entschuldigen Sie mich,« sagte Nechludoff und verließ, ohne das Ende der Erzählung abzuwarten, das Zimmer, denn er wollte sehen, was man mit dem Toten anfing. Die Polizisten hatten schon den ganzen Hof durchschritten und waren vor einer Kellerthür stehengeblieben. Nechludoff wollte sich ihnen anschließen, doch der Polizeileutnant hinderte ihn daran.

»Was wünschen Sie?«

»Nichts,« versetzte Nechludoff.

»Sie wünschen nichts? Nun, dann gehen Sie Ihrer Wege!«

Nechludoff drehte sich um und ging zu seinem Fiaker zurück. Der Kutscher schlief auf dem Bock, Nechludoff weckte ihn und sagte ihm, er solle nach dem Bahnhof fahren. Doch noch hatte er keine hundert Schritt zurückgelegt, als er, wieder von einem Soldaten des Zuges begleitet, einer Telega begegnete, auf der ein anderer, bereits toter Gefangener lag. Der Gefangene lag auf dem Rücken; Nechludoff konnte ihn in aller Ruhe betrachten. Ein so nichtssagendes Gesicht der erste Tote gehabt, so schön war dieser an Körper und Gesicht. Es war ein Mann in der Blüte der Jahre. Unter seinem halbrasierten Schädel bemerkte man eine energische, an der Nasenwurzel sich wölbende Stirn. Seine bereits blauen Lippen lächelten unter einem feinen Schnurrbart, und auf der rasierten Seite des Kopfes erschien ein Ohr von sehr reiner Zeichnung. Der Ausdruck des Gesichts war gleichzeitig ruhig, streng und gütig. Und nicht allein das Gesicht bewies, daß möglicherweise moralisches Leben in diesem Manne verloren gegangen war, sondern auch die feinen Knöchel seiner gefesselten Hände und Beine, die allgemeine Harmonie und Kraft der Glieder, alles deutete darauf hin, welch schönes, starkes und kostbares menschliches Geschöpf er gewesen war. Und jetzt hatte man ihn getötet, und es beweinte ihn nicht nur niemand als Menschen, nein, man beweinte auch nicht einmal ein so wunderbares, umsonst zu Grunde gerichtetes Arbeitsinstrument in ihm! Denn Nechludoff sah wohl in den Augen der begleitenden Polizisten, daß das einzige Gefühl, das dieser Tote in ihnen wachrief, der Aerger über die Anstrengung und Plackereien war, die derselbe im Gefolge hatte.

Er stieß einen tiefen Seufzer aus und setzte traurig seine Fahrt zum Bahnhof fort.

Als Nechludoff zum Bahnhof kam, waren sämtliche Gefangene schon in den Waggons mit den vergitterten Fenstern untergebracht. Auf dem Perron standen etwa zwanzig Personen, die Verwandten oder Freunden Lebewohl sagen wollten; sie warteten darauf, daß man ihnen erlaubte, sich den Waggons zu nähern. Die Aufseher des Zuges liefen mit zerstreuter Miene hin und her. Auf dem Wege durch die Stadt waren fünf Gefangene vor Hitze gestorben; drei waren unterwegs verschieden und die beiden andern auf dem Bahnhof. 1 Daß die fünf Männer, die ihrer Obhut anvertraut gewesen, gestorben waren, das kümmerte sie wenig, obwohl die geringste Vorsicht genügt hätte, sie am Leben zu erhalten. Darum kümmerten sie sich wenig, sie kümmerten sich nur darum, daß sie auch alle vom Reglement in solchem Falle vorgeschriebenen Formalitäten erfüllten, die Toten in die Hände der kompetenten Behörden ablieferten, alle ihnen gehörigen Gegenstände beiseite legten und die Namen auf der Liste der nach Nowgorod gebrachten Gefangenen ausstrichen; das alles verursachte ihnen große Verlegenheit, die die erdrückende Hitze noch qualvoller gestaltete.

Sie liefen also aufgeregt nach rechts und links und hatten beschlossen, niemand an die Waggons heranzulassen, bevor nicht alles in Ordnung gebracht war. Trotzdem erhielt Nechludoff die Erlaubnis, näherzutreten; er erhielt dieselbe dadurch, daß er einem der Unteroffiziere des Zuges einen Rubel gab, und dieser bat ihn nur, nicht allzu lange zu bleiben, so daß er von dem Offizier nicht gesehen wurde.

Der Zug bestand aus achtzehn Waggons, die sämtlich, mit Ausnahme des für die Offiziere bestimmten Waggons, mit Gefangenen buchstäblich voll gestopft waren. Als er an den Waggonfenstern vorüberkam, hörte Nechludoff überall Kettengerassel, Gezänk und mit Schimpfworten vermischte Worte; doch nirgends sprach man von den Gefährten, die auf dem Wege umgefallen waren. Die Unterhaltung und das Gezanke betraf hauptsächlich das Gepäck der Gefangenen, die Wahl der Plätze und die Möglichkeit, etwas zum Trinken zu bekommen.

Nechludoff war neugierig genug, einen Blick in einen der Waggons zu werfen. Er sah im Mittelgange zwei Gensdarmen stehen, die den Gefangenen die Handfesseln abnahmen. Abwechselnd hielten die Gefangenen die Hände hin; einer der Aufseher öffnete mit einem Schlüssel den Riegel, der die Handfesseln festhielt, während der andere sie abzog und forttrug.

Nach den für die Männer reservierten Waggons kam Nechludoff zu denen, wo die Weiber eingesperrt waren. In dem ersten dieser Waggons hörte er eine heisere Stimme, die in eintönigem Rhythmus stöhnte: »Ach, Väterchen, ach Väterchen!«

Der Unteroffizier hatte gesagt, die Maslow müsse sich im dritten Waggon befinden. Kaum hatte sich Nechludoff dem Fenster dieses Waggons genähert, als er einen dicken Schweißgeruch verspürte, der ihn einen Augenblick zwang, den Kopf abzuwenden. Im Waggon summte es förmlich von kreischenden und gellenden Stimmen. Auf allen Bänken saßen Weiber in bloßen Haaren, mit aufgeknöpften Jacken und rotem, schweißgebadetem Gesicht; sie schwatzten und keiften unter lebhaften Bewegungen. Nechludoffs Erscheinen hatte bald ihre Aufmerksamkeit erregt. Die, die dem Fenster zunächst saßen, schwiegen plötzlich und riefen dann die Maslow, die auf der andern Seite des Waggons saß und die blonde und lächelnde Fedossja neben sich hatte. Sobald sie Nechludoff bemerkte, stand sie auf, zog das Tuch, das sie eben abgenommen, wieder über ihre schwarzen Haare und lief, mit ihrem ganzen roten und belebten Gesicht lächelnd, zum Fenster, dessen dicke Eisenstäbe sie mit den Händen ergriff.

»Ist das eine Hitze!« sagte sie mit fröhlicher Miene.

»Haben Sie die Sachen bekommen?«

»Ja, ich danke Ihnen!«

»Sie brauchen nichts weiter?« fragte Nechludoff, von der entsetzlichen Hitze, die aus dem Waggon kam, halb betäubt.

»Nein, ich danke, ich brauche nichts!«

»Frage, ob man nichts zu trinken bekommen könnte,« sagte Fedossja schüchtern.

»Ach ja, wir möchten gern etwas trinken,« wiederholte die Maslow.

»Hat man Ihnen kein Wasser gegeben?«

»Doch, einen vollen Krug; aber wir haben nicht alle getrunken!«

»Ich werde darüber gleich mit dem Aufseher sprechen,« sagte Nechludoff. »Jetzt werden wir uns erst in Nischni-Nowgorod wiedersehen!«

»Fahren Sie denn auch dahin?« rief die Maslow und that, als wüßte sie das nicht. Dabei richteten sich ihre Augen mit tiefer Freude auf Nechludoff.

»Ja, ich fahre mit dem nächsten Zuge!«

Die Maslow antwortete kein Wort, seufzte und schlug die Augen zu Boden.

»Ist es wahr, Barin, daß zwölf Gefangene unterwegs gestorben sind?« fragte eine der Gefangenen, eine alte Bäuerin mit scharfgeschnittenen Zügen.

»Ich habe nicht gehört, daß es zwölf sind, doch zwei habe ich selbst fortbringen sehen,« versetzte Nechludoff.

»Ja, man sagt, es wären zwölf. Wird man diesen Henkern denn gar nichts thun?«

»Und bei den Frauen ist nichts vorgekommen?« fragte Nechludoff.

»Wir Frauen haben ein zäheres Leben,« versetzte eine andere Gefangene lachend, »Doch eine Frau hat sich’s einfallen lassen, Geburtswehen zu bekommen, als sie hierherkam. Da, hören Sie sie stöhnen?« fügte sie hinzu und deutete mit dem Finger auf den nächsten Waggon.

»Sie haben mich gefragt, ob ich nichts brauche,« sagte die Maslow und bemühte sich, ihr fröhliches Lächeln beizubehalten. – »Nun denn, kümmern Sie sich nicht darum, uns zu trinken zu verschaffen; doch vielleicht könnten Sie den Führern dieses Zuges sagen, man solle diese Unglückliche ins Hospital transportieren, denn sie stirbt sicher, wenn man sie zwingt, die Reise fortzusetzen!«

»Ja, ich werde darüber sprechen!«

Nechludoff entfernte sich, um Fedossjas Gatten, den man endlich an den Waggon herangelassen, den Platz abzutreten. Doch lange mußte er auf dem Perron hin und her laufen, ohne jemand zu finden, an den er sich wenden konnte. Die Aufseher des Zuges schienen jeden Augenblick mehr zu thun zu haben. Die einen beschäftigten sich damit, Gefangene unterzubringen, andere kauften Lebensmittel für die Reise oder brachten ihre Sachen in den Waggons unter; andere drängten sich wieder um eine Dame, die Frau eines Offiziers, die ihrem Manne folgen wollte. Kein einziger hatte Zeit, auf Nechludoff zu hören.

Der zweite Glockenschlag war bereits erklungen, als Nechludoff endlich den Führer des Zuges bemerkte. Der dicke Offizier trocknete sich gerade den Schweiß von der Stirn und gab einem Adjutanten Befehle.

»Wünschen Sie etwas?« fragte er Nechludoff.

»In einem der Waggons kommt eine Frau nieder, und ich habe gedacht …«

»Sie kommt nieder? Nun gut, lassen Sie sie doch!« sagte der Offizier und lief mit seinen kurzen, dicken Beinen nach seinem Waggon.

In demselben Augenblick setzte der Zugführer die Pfeife an den Mund. Ein letztes Glockenläuten folgte dem Pfiff, und man hörte, wie sich lautes Abschiedsgeschrei gleichzeitig aus den Waggons und auf dem Perron erhob. Nechludoff, der auf dem Perron stand, sah, wie die schweren Waggons, an deren Fenstern zwischen den Gitterstäben die rasierten Schädel der Gefangenen erschienen, einer nach dem andern an ihm vorüberzogen. Dann kam der erste Frauenwaggon, dann ein anderer, dann der Waggon, in welchem die Maslow saß. Das junge Weib stand noch am Fenster und warf Nechludoff einen letzten Blick zu, zugleich mit einem traurigen Lächeln, das ihn tief rührte.

  1. In Moskau starben vor einigen Jahren fünf Gefangene auf der Fahrt von ihrem Gefängnis bis zum Bahnhof von Nischni-Nowgorod infolge übermäßiger Hitze.

Zehntes Kapitel

Nechludoff hatte noch zwei Stunden bis zum Abgange des Zuges zu warten, der ihn nach Nischni-Nowgorod bringen sollte. Zuerst hatte er die Absicht, diese Zeit zu benutzen, um seine Schwester wiederzusehen; doch die Eindrücke des Vormittags hatten ihn so bewegt und abgespannt, daß er nicht mehr die Kraft fühlte, sich zu rühren. Er trat in den Wartesaal, setzte sich auf ein Kanapee und schlief dort, den Kopf auf ein Kissen lehnend, nach kurzer Zeit ein.

Er schlief bereits eine Stunde, als ein Geräusch zurückgeschobener Stühle ihn jäh erweckte. Er richtete sich auf, rieb sich die Augen und sah wieder die verschiedenen Scenen vor sich, denen er beigewohnt. Er sah den Zug der Verschickten vor sich, die beiden toten Männer, die Waggons mit den vergitterten Fenstern und die in diese Waggons eingesperrten Weiber, wie auch das traurige Lächeln, mit dem ihm Katuscha durch die Gitterstäbe Lebewohl gesagt. Das Schauspiel, das er vor Augen hatte, war von diesen Erinnerungen grundverschieden; ein mit Flaschen, Vasen, Leuchtern und Blumen beladener Tisch, an dem befrackte Kellner schlummerten, und im Hintergrunde des Saales vor einem ebenfalls mit Flaschen und Vasen beladenen Tisch Reisende, die ihm den Rücken drehten und Reisevorrat einkauften.

Als er wieder zu sich gekommen war, bemerkte Nechludoff, daß alle Personen, die im Salon waren, neugierig etwas betrachteten, das eben an der Eingangsthür vorüberkam. Als er die Augen nach dieser Seite wandte, sah er eine Gruppe von Männern, die eine vollständig in Shawls gewickelte Dame auf einem Stuhle trugen. Der erste Träger war ein Kammerdiener, und Nechludoff erinnerte sich sofort, ihn schon gesehen zu haben. Er erkannte auch den Mann, der hinterher kam, einen Portier in Livree mit gallonnierter Mütze. Neben dem Stuhle stand eine elegante Kammerzofe, die eine Reisetasche, einen runden Gegenstand in einem Lederetuis und mehrere Sonnenschirme trug. Und auf der anderen Seite bemerkte Nechludoff in Reisekleidern den alten Fürsten Kortschagin mit seinen dicken Lippen und seinem schlagflüssigen Hals. Auch Missy war dabei, und ihr Bruder Mitja, und ein junger, Nechludoff wohlbekannter Diplomat, der Graf von Osten, der einen endlosen Hals und ein kleines, stets lächelndes Gesicht besaß. Osten unterhielt sich mit Missy, die sich über seine Scherze sehr zu amüsieren schien. Nechludoff sah auch den Arzt, der mit seiner gewöhnlichen verdrossenen Miene seine Cigarette rauchte. Dieser imposante Zug durchschritt den Saal, um sich in den für die Damen reservierten kleinen Salon zu begeben, und erregte auf seinem Wege eine Neugier, in die sich ein gewisser Respekt mischte. Doch schon im nächsten Augenblick erschien der alte Fürst wieder im Saal, setzte sich an den Tisch, rief den Kellner und erteilte ihm Befehle. Dann erschienen Missy und Osten, und beide wollten sich ebenfalls an dem Tisch niederlassen, als Missy an der Eingangsthür eine Bekannte bemerkte, der sie entgegenlief. Diese Bekannte war Natalia Iwanowna, Nechludoffs Schwester, In Begleitung Agrippina Petrownas eintretend, wandte sie die Augen nach allen Seiten, als suche sie jemand. Sie bemerkte ihren Bruder und Missy gleichzeitig, und als sich Nechludoff ihr näherte, sagte sie, als sie dem jungen Manne die Hand geschüttelt:

»Endlich finde ich dich! Ich verzweifelte schon!« Nechludoff drückte Missy und Osten die Hände, umarmte seine Schwester, und man fing an zu plaudern. Missy erzählte, ihr Landhaus wäre abgebrannt, wodurch sie genötigt seien, einige Wochen bei einer Tante zuzubringen, die auf der Linie nach Nischni-Nowgorod wohnte, Osten erzählte bei dieser Gelegenheit vergnügt Brandgeschichten, doch Nechludoff wandte sich, ohne auf ihn zu hören, an seine Schwester:

»Wie glücklich bin ich, daß du gekommen bist!«

»Ich suche dich seit zwei Stunden,« versetzte sie, »und habe mit Agrippina Petrowna die ganze Stadt durchstreift, ohne dich finden zu können.«

Sie deutete mit dem Kopfe auf die dicke Wirtschafterin, die, in einen Gummimantel gehüllt und einen Hut mit Blumen auf dem Kopfe, bescheiden etwas abseits stand, um die Unterhaltung nicht zu stören.

»Denke dir, ich bin hier auf einem Kanapee eingeschlafen! Wie glücklich bin ich, daß du gekommen bist,« wiederholte er, »Ich hatte gerade einen Brief an dich angefangen!«

»Wirklich?« fragte sie unruhig. »Und was schriebst du mir?«

Als Missy sah, daß Bruder und Schwester eine intime Unterhaltung begannen, glaubte sie, sich mit ihrem Kavalier entfernen zu müssen. Nechludoff führte seine Schwester ans Fenster; dort setzten sie sich auf eine grüne Sammetbank, neben der ein Koffer, ein Plaid und ein Hutkarton lagen.

»Nun denn! Ja! Als ich euch gestern verließ, wollte ich wieder umdrehen und deinen Mann um Entschuldigung bitten,« sagte Nechludoff; »doch ich fürchtete, er könne die Sache schlecht aufnehmen. Ich bin gestern zu deinem Manne recht häßlich gewesen, und das quält mich.«

»Ich wußte es, ich war überzeugt, du hattest nicht die Absicht,« versetzte Natalia Iwanowna.

»Du weißt …«

Thränen stiegen ihr in die Augen, und sie drückte ihrem Bruder fieberhaft erregt die Hand. Nechludoff verstand sofort den Sinn des Satzes, den sie nicht ausgesprochen hatte. Sie wollte sagen, daß sie, wenn sie auch ihren Mann mehr als die ganze Welt liebte, doch auch ihn, ihren Bruder, sehr lieb hatte, und daß jede Trennung von ihm sie grausam schmerzte.

»Ich danke dir! Ach, wenn du wüßtest, was ich heut‘ gesehen habe,« fuhr er fort und erinnerte sich plötzlich wieder an die beiden toten Gefangenen. »Zwei getötete Männer!«

»Wieso getötet?«

»Ja, gewiß, getötet. Man hat sie bei dieser Hitze die ganze Stadt durchwandern lassen, und zwei von ihnen sind am Sonnenstich gestorben.«

»Nicht möglich! Wie? Heute? Eben?«

»Ja, eben! Ich habe ihre Leichen gesehen!«

»Aber warum hat man sie getötet? Und wer hat sie getötet?« fragte Natalia Iwanowna.

»Wer? Die sie gezwungen haben, bei dieser Hitze zu gehen,« versetzte Nechludoff in ärgerlichem Tone, denn er fühlte, daß seine Schwester das von einem anderen Gesichtspunkte als er betrachtete.

»Allmächtiger Gott! Ist es möglich?« fragte Agrippina Petrowna, die sich nicht hatte enthalten können, zuzuhören.

»Ja, wir haben nicht die geringste Idee davon, was man diese Unglücklichen erdulden läßt; und doch hätten wir die Pflicht, uns darüber zu unterrichten,« fuhr Nechludoff fort, indem er unwillkürlich die Augen auf den alten Fürsten richtete, der, eine Serviette um den Hals, sich mit Schinken vollstopfte, ohne an etwas anderes zu denken. Doch plötzlich erhob der Greis den Kopf und bemerkte Nechludoff.

»Nechludoff!« rief er. »Wollen Sie sich nicht stärken? Für die Reise ist das unbedingt nötig!«

Nechludoff dankte mit einem Kopfschütteln.

»Nun, was willst du thun?« fuhr Natalia Iwanowna fort.

»Was ich kann! Ich fühle, daß ich auf jeden Fall etwas thun muß! Und was ich kann, werde ich thun!«

»Ja, ja, ich verstehe dich. Und mit ihnen,« sagte sie, auf Kortschagin deutend, »ist alles aus?«

»Alles! Und ich glaube, das wird auf beiden Seiten niemand bedauern.«

»Das ist schade, sehr schade! Ich habe Missy so lieb! Na, ich habe schließlich nichts zu sagen. Aber warum willst du dich von neuem binden?« fragte sie schüchtern; »warum reisest du?«

»Ich reise, weil ich muß!« versetzte Nechludoff in ernstem und trockenem Tone, als wolle er die Unterhaltung abbrechen, doch gleich that ihm dieses Benehmen seiner Schwester gegenüber leid, und er dachte: »Warum soll ich ihr nicht alles sagen, was ich denke? Ich weiß wohl, Agrippina Petrowna hört uns, doch was thut das, mag sie auch hören!«

»Du sprichst von meinem Heiratsprojekte mit Katuscha,« rief er mit zitternder Stimme. »Nun ja; ich habe diesen Plan gefaßt, und zwar schon am ersten Tage, als ich sie wiedergefunden habe; doch sie hat sich klar und entschlossen geweigert, sich mit mir zu verheiraten! Sie will mein Opfer nicht, sondern zieht es vor, sich selbst zu opfern; denn ihre Verheiratung hätte in ihrer Lage viele Vorteile für sie. Ich aber kann nicht dulden, daß sie sich opfert, und darum reise ich jetzt mit ihr; ich gehe, wohin sie geht, und werde mit allen meinen Kräften versuchen, ihr zu helfen und ihr Schicksal zu lindern.«

Natalia Iwanowna erwiderte kein Wort. Die alte Wirtschafterin schüttelte verzweifelt den Kopf und sah abwechselnd Nechludoff und seine Schwester an. In diesem Augenblick zeigte sich der feierliche Zug von neuem an der Thür des Damensalons. Der schöne Kammerdiener Philipp und der Portier mit der gallonnierten Mütze trugen die alte Fürstin fort, um sie in ihren Waggon zu bringen. In der Mitte des Saales gebot die alte Dame den Trägern Halt, gab Nechludoff ein Zeichen, näherzutreten, und reichte ihm furchtsam ihre mit Ringen überladene weiße Hand, als wolle sie ihn auffordern, sie nur vorsichtig zu drücken.

»Welche entsetzliche Hitze!« sagte sie. »Das ist eine Qual für mich. Dieses Klima tötet mich!«

Als sie genügend über ihre Gesundheit und das Klima gejammert, gab sie den Trägern ein Zeichen, sich wieder auf den Weg zu machen.

»Sie werden uns doch sicher auf dem Lande besuchen, nicht wahr?« sagte sie noch zu Nechludoff, indem sie ihr langes Gesicht mit einem Lächeln ihrer falschen Zähne nach ihm umwandte.

Nechludoff ging auf den Perron. Der Zug des Fürsten wandte sich nach rechts, den Waggons erster Klasse zu. Nechludoff ging in Begleitung Taraß‘, des Mannes der Fedossja, der seine Reisetasche auf der Schulter trug, nach der andern Seite. Ein Gepäckträger, der Nechludoffs Sachen in der Hand hielt, folgte ihnen.

»Siehst du, das ist mein Reisegefährte,« sagte Nechludoff zu seiner Schwester und deutete auf Taraß, dessen Geschichte er ihr eben erzählt hatte.

»Wie? Darin willst du reisen?« sagte Natalia Iwanowna, als sie sah, wie ihr Bruder vor einem Wagen dritter Klasse stehen blieb und dem Gepäckträger ein Zeichen gab, seine Sachen dort hineinzustellen.

»Allerdings; es ist mir angenehmer, und dann will ich auch bei diesem braven Manne bleiben,« versetzte er.

»Höre noch das Eine,« fuhr er nach kurzer Pause fort, »meine Besitzungen in Kuzminskoja habe ich den Bauern nicht gegeben, also fallen sie, wenn ich sterbe, deinen Kindern zu.«

»Ich bitte dich, Dimitri, sprich nicht davon,« sagte Natalia Iwanowna.

»Und wenn ich mich verheirate … nun, dann auch … denn Kinder werde ich nicht haben …«

»Ich bitte dich, sprich nicht davon!« wiederholte Natalia Iwanowna, doch Nechludoff sah an ihren Augen, daß ihr das, was er eben gesagt, Vergnügen bereitete.

Am äußersten Ende des Waggons hatte sich vor dem Coupé, in das die Fürstin Kortschagin gestiegen war, eine Gruppe Neugieriger gebildet. Doch fast alle Reisenden hatten sich schon auf ihre Plätze gesetzt; nur einige Nachzügler kamen, über die Stufen springend, herbeigelaufen; die Schaffner schlossen die Thüren, Nechludoff stieg in den Waggon und setzte sich ans Fenster.

Natalia Iwanowna blieb in Begleitung Agrippina Petrownas auf dem Perron stehen. Da sie sich in ihrer eleganten Toilette und ihrem Hute nach der letzten Mode hier offenbar unbehaglich fühlte, so suchte sie einen Gesprächsstoff, fand aber keinen. Sie konnte ihren Bruder nicht bitten, er solle ihr schreiben, denn jeder regelmäßige Briefwechsel hatte schon seit langer Zeit zwischen ihnen aufgehört. Außerdem hatte auch die Unterhaltung über die Geldfrage und die Erbschaft sozusagen den ganzen Rest geschwisterlicher Beziehungen vernichtet, und sie standen sich jetzt gänzlich fremd gegenüber.

Daher war Natalia Iwanowna im Grunde ihres Herzens glücklich, als sich der Zug in Bewegung setzte und sie ihrem Bruder kopfnickend und lächelnd: »Leb‘ wohl, leb‘ wohl, Dimitri!« zurufen konnte. Sobald der Zug sich entfernt hatte, dachte sie nur noch daran, wie sie ihrem Manne alle Einzelheiten der Unterhaltung erzählen sollte.

Auch Nechludoff fühlte sich, obwohl er für seine Schwester nur gute Gefühle empfand, obwohl er ihr durchaus nichts zu verbergen hatte, in ihrem Beisein verlassen, und wünschte sehnlichst, von ihr getrennt zu werden. Er hatte das Gefühl, von der Natascha, die ihm früher so nahe gestanden, wäre nichts mehr vorhanden. Seine Schwester konnte ihm jetzt nur noch als die Sklavin eines dicken schwarzen Mannes erscheinen, der ihn anwiderte. Er hatte zu deutlich gesehen, daß das Gesicht der jungen Frau sich nur verklärt und belebt hatte, als er ihr von dem, was ihren Mann interessierte, von der Abtretung der Besitzung an die Bauern, von der Hinterlassenschaft gesprochen hatte. Und darum erfüllte eine tiefe Traurigkeit sein Herz.

In dem großen Waggon dritter Klasse, der mit Reisenden vollgepfropft und seit dem Morgen der Sonne ausgesetzt war, war die Hitze so unerträglich, daß Nechludoff kaum, nachdem er sich gesetzt, wieder aufstehen und auf der äußeren Plattform bleiben mußte. Doch auch hier erstickte man, und Nechludoff konnte erst frei aufatmen, als der Zug die Häuser endlich passiert hatte und die freie Landluft erreichte.

»Mörder! Mörder!« sagte er sich und dachte an die Unterhaltung mit seiner Schwester über die Gefangenen. Von allen den Eindrücken, die er seit dem Morgen empfunden, suchte ihn ein einziger heim; er sah mit außergewöhnlicher Klarheit und Schärfe das schöne Gesicht des zweiten Toten mit seinen lächelnden Lippen, der strengen Stirn und dem fein gezeichneten kleinen Ohr wieder vor sich, das unter dem halb rasierten Schädel erschien.

»Ganz besonders gräßlich aber ist es,« sagte er sich, »daß diese Unglücklichen getötet worden sind, ohne daß man weiß, wer sie getötet hat. Sie sind wie alle andern Gefangenen auf einen schriftlichen Befehl Maslinnikoffs nach dem Bahnhof gebracht worden. Doch Maslinnikoff hat sich offenbar darauf beschränkt, eine Formalität zu erfüllen; man hat ihm ein in den Bureaus aufgesetztes Schriftstück zur Unterzeichnung vorgelegt; der Dummkopf hat seinen schönen Schnörkel darunter gesetzt, ohne sich darum zu kümmern, was darauf stand; und um keinen Preis der Welt würde er sich an den eben passierten Unfällen für verantwortlich halten. Auch den Gefängnisarzt, der die Verschickten vor der Abreise untersucht, wird man nicht verantwortlich machen können. Er hat seine Berufspflichten pünktlich erfüllt, hat die kranken Gefangenen ausgesondert und sie in die Wagen steigen lassen und jedenfalls nicht vorausgesehen, daß man den Zug in der Mittagsglut in dichtgedrängter Masse marschieren lassen würde. Der Direktor? Auch der Direktor hat nur die Befehle seiner Vorgesetzten ausgeführt; wie diese es ihm befohlen, hat er am festgesetzten Datum zur bestimmten Stunde eine bestimmte Anzahl von Gefangenen abgeschickt; so viel Männer, so viel Frauen. Auch den Führer des Zuges kann man nicht anklagen; man hat ihm befohlen, aus einem bestimmten Ort Gefangene abzuholen und sie nach einem bestimmten andern Ort zu bringen, und das hat er, so gut er es konnte, gethan. Er hat den Zug heut‘ ebenso geführt wie beim letzten Mal, und auch er konnte nicht voraussehen, daß kräftige und gesunde Männer, wie die beiden, die ich gesehen, die Anstrengung nicht ertragen und unterwegs sterben würden. Niemand ist schuld, und doch sind diese Unglücklichen umgebracht worden, und zwar gerade von diesen Männern, die an ihrem Tode gar nicht schuld sind!«

»Das kommt daher,« sagte sich Nechludoff weiter, »daß alle diese Männer, Gouverneure, Direktoren, Polizisten, Polizeileutnants der Meinung sind, es gäbe Situationen im Leben, wo die direkte Beziehung des Menschen zum Menschen nicht obligatorisch ist. Denn alle diese Männer, von Maslinnikoff bis zu dem Führer des Zuges, wären, wenn sie eben keine Beamten wären, wohl zwanzigmal auf den Gedanken gekommen, daß es nicht möglich ist, einen Trupp bei solcher Hitze marschieren zu lassen; wenn sie sahen, daß ein Gefangener unwohl wird, daß ihm der Atem ausgeht, so hatten sie ihn aus den Reihen treten lassen, ihn in den Schatten geführt und ihm Wasser gegeben, und ihm im Falle eines Unglücks Mitleid bezeugt. Doch sie haben nichts von alledem gethan und es nicht einmal andern gestattet, und zwar weil sie keine Menschen und nicht ihre Menschenpflicht ihnen gegenüber vor sich sahen, sondern nur ihren Dienst, das heißt Pflichten, die sie in ihren Augen von jeder direkten Beziehung von Mensch zu Mensch dispensierten.«

Nechludoff war so in seine Betrachtungen vertieft, daß er nicht bemerkte, daß das Wetter sich verändert hatte; die Sonne hatte sich mit dicken, niedrigen Wolken bedeckt, und vom Horizont her kam von Westen nach und nach ein graues Gewölk, das sich bereits in dichtem Regen über die Felder und Wälder verbreitete. Schon erfüllte Regengeruch die Luft. Zeitweise durchfurchte ein Blitz das Gewölk, und in den Lärm der dahinrasselnden Waggons mischte sich das Krachen eines fernen Donners. Unaufhörlich kamen die Wolken näher, und große, vom Winde gejagte Regentropfen fielen auf Nechludoffs Jackett. Er ging nach der andern Seite der Plattform, atmete mit vollen Lungen den frischen Wind und den wohlthuenden Duft des nach Regen dürstenden Erdreichs ein und betrachtete die Gärten, die Wälder, die gelben Roggenfelder, die noch grünen Haferfelder und die schwarzen Flecke der Kartoffelstauden. Alles hatte sich plötzlich wie mit einer Lackschicht überzogen, das Grün war grüner, das Gelb gelber, das Schwarz schwärzer geworden.

»Immer mehr! Immer mehr!« rief Nechludoff, der unwillkürlich bei der Berührung des Regens die Fröhlichkeit der Felder und Wälder teilte.

Und thatsächlich ward der Regen stärker; doch er dauerte nur kurze Zeit. Das düstere Gewölk, das sich zum Teil zerstreut, zog sich nach einer andern Stelle, und auf den nassen Erdboden fielen nur noch kleine, spärliche, weiche Tropfen, die Sonne erschien wieder, alles verklärte sich von neuem und am Horizont zeigte sich aus der westlichen Seite ein kleiner Regenbogen, in dem die violetten Farben vorherrschten.

»Woran dachte ich doch eben?« sagte sich Nechludoff, als alle diese Veränderungen vorüber waren und der Zug in einen tiefen Tunnel eingedrungen war, von dem aus man die Felder nicht mehr sehen konnte. »Ach ja, ich dachte daran, wie dieser Direktor, dieser Führer des Gefangenentrupps, alle diese Beamten, die doch meistens gute und harmlose Menschen waren, sich in böse Menschen umgewandelt haben!«

Und Nechludoff erinnerte sich, mit welcher Gleichgültigkeit Maslinnikoff die Erzählung der Vorgänge im Gefängnis angehört hatte; er dachte an die Strenge des Direktors, an die Härte des Führers des Gefangenentrupps, der ein Weib in Geburtswehen hilflos leiden ließ.

»Alle diese Menschen sind für das Gefühl der Menschlichkeit offenbar unzugänglich, wie die Steine dieses Tunnels gegen den Regen gefeit sind,« dachte er und betrachtete die Steinreihen, an denen das Wasser bis zu den Waggonrädern herüberspritzte. Vielleicht ist es nötig, diese Tunnels zu graben und sie mit Steinen zu bekleiden, doch es thut einem weh, diese Erde des Regens beraubt zu sehen, auf den sie wartet; diese Erde, die doch auch Getreide, Gras, Sträucher und Bäume hätte hervorbringen können. Und ebenso ist es mit den Menschen! Alles Uebel kommt daher, daß die Menschen glauben, es existieren gewisse Situationen, in denen man lieblos gegen die Menschen handeln kann, während solche Situationen nicht existieren. Gegen tote Gegenstände kann man lieblos handeln; man kann lieblos das Holz spalten, das Eisen schmieden und Ziegel brennen; doch in den Beziehungen eines Menschen zum andern ist die Liebe ebenso unbedingt nötig, als es zum Beispiel die Klugheit im Verkehr des Menschen mit den Bienen ist. Die Natur will es so; es ist eine Notwendigkeit in der Ordnung der Dinge. Wollte man die Klugheit beiseite lassen, wenn man mit den Bienen zu thun hat, so würde man sich und den Bienen schaden. Und ebenso darf man die Liebe nicht außer acht lassen, wenn man mit den Menschen zu thun hat. Und das ist nur gerecht; denn die gegenseitige Liebe zu den Menschen ist das einzig mögliche Fundament des menschlichen Lebens. Gewiß kann sich ein Mensch nicht zur Liebe zwingen, wie er sich zur Arbeit zwingen kann; doch daraus ergiebt sich nicht, daß jemand lieblos gegen die Menschen handeln darf, besonders wenn er andere Menschen braucht. Ein Mensch, der keine Liebe zu den anderen Menschen fühlt, ein solcher Mensch beschäftigt sich nur mit sich, mit den leblosen Dingen, mit allem, was ihm beliebt, nur nicht mit den Menschen. Ebenso wie man nicht ohne Schaden und nur dann mit Nutzen essen kann, wenn man das Bedürfnis zu essen empfindet, ebenso kann man gegen die Menschen nur dann ohne Schaden und mit Nutzen handeln, wenn man die Menschen liebt. Erlaube dir nur, gegen die Menschen zu handeln, ohne sie zu lieben, wie du es gestern bei deinem Schwager gethan, und es giebt keine Grenze für das Böse, das deine Härte vernichten wird.«

»Ja, ja, so ist’s! Das ist wahr!« wiederholte sich Nechludoff und freute sich, nach der schrecklichen Hitze, die ihn bedrückte, gleichzeitig ein bißchen Erfrischung gefunden und in der Lösung des Moralproblems, das ihn beschäftigte, einen Schritt weiter gethan zu haben.

Elftes Kapitel

Der Waggon, in dem sich Nechludoff befand, war zu drei Vierteln mit Reisenden angefüllt. Es befanden sich darin Dienstboten, Handwerker, Fabrikarbeiter, Schlächter, Juden, Kommis, Frauen aus dem Volke, auch ein Soldat, sowie zwei Damen, eine Mutter und ihre Tochter, waren darunter. Die Mutter hatte ein ungeheures Armband an jedem Handgelenk; sie war von einem Manne mit hartem Gesicht begleitet, der wie ein reicher Spießbürger gekleidet war.

Diese ganze Gesellschaft saß, nachdem sie sich bei der Abfahrt sehr lebhaft benommen, jetzt ganz ruhig da. Die einen aßen, andere rauchten, und lebhafte Unterhaltungen entspannen sich unter den Nachbarn.

Taraß, Fedossjas Gatte, der rechts in der Mitte des Waggons saß, hielt – sich gegenüber – einen Platz für Nechludoff frei. Mit glückstrahlendem Gesicht unterhielt er sich mit einem andern Bauern, der auf derselben Bank saß, einen langen Tuchrock trug und – wie Nechludoff später erfuhr – ein Gärtner war, der von einem Urlaub zurückkam, Nechludoff wollte eben seinen Platz wieder einnehmen, als seine Augen auf einen im Mittelgange sitzenden weißbärtigen Greis fielen, der sich mit einer jungen Frau im Bäuerinnenkostüm unterhielt. Diese junge Frau hatte ein kleines Mädchen von sieben Jahren mit zwei fast weißen Haarflechten bei sich, die ein neues Hemdchen trug und ihre kurzen Beine schaukelte, mit denen sie den Fußboden nicht erreichen konnte; dazu bewegte sie unaufhörlich die Lippen. Unwillkürlich blieb Nechludoff bei dieser Gruppe stehen, und sogleich sagte der Greis, nachdem er die Schöße seiner Bluse, die auf der Bank lagen, hochgehoben, zu ihm in freundlichem Tone:

»Setzen Sie sich, bitte!«

Nechludoff dankte und setzte sich neben ihn. Die Bäuerin, die einen Augenblick geschwiegen, nahm wieder die Erzählung auf, in der sie sich unterbrochen. Sie erzählte, wie ihr Mann, dem sie eben ein paar Wochen in der Stadt Gesellschaft geleistet, sie aufgenommen hatte.

»Ich kam am Sonnabend in der Charwoche an und fahre jetzt wieder ins Dorf zurück,« sagte sie. »Zu Weihnachten werden wir uns, so Gott will, wiedersehen!«

»Das ist ein Glück,« meinte der Greis, sich zu Nechludoff wendend. »Es ist ein großes Glück, daß sie sich von Zeit zu Zeit wiedersehen können, denn sonst würde der Mann, der jung ist und allein in der Stadt lebt, leicht liederlich werden können.«

»Ach, Väterchen, so ist mein Mann nicht! Der wird nie Dummheiten machen! Er ist unschuldig und sanft wie ein junges Mädchen! Sein ganzes Geld schickt er bis auf den letzten Heller nach Hause! Und wenn er nur seine Tochter sieht, ist er glücklich; ach, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich er ist!«

Das kleine Mädchen, das der Unterhaltung lauschte und dabei immer noch mit den Beinen wackelte und die Lippen bewegte, richtete seine ruhigen blauen Augen auf den Greis, als wolle es die Worte seiner Mutter bestätigen.

»Er ist vernünftig, und Gott wird’s ihm lohnen,« fuhr der Greis fort. »Und das liebt er wohl auch nicht?« fügte er hinzu und deutete auf ein Arbeiterehepaar, das auf der anderen Seite des Ganges saß. Der Mann warf den Kopf nach hintenüber, führte eine Branntweinflasche an die Lippen und trank in großen Schlucken, während seine Frau ihm zusah und die Reisetasche in der Hand hielt, aus der sie die Flasche eben hervorgeholt.

»Nein, mein Mann trinkt nie!« versetzte die Bäuerin, die sich freute, eine neue Gelegenheit zum Lobe ihres Mannes gefunden zu haben. »Solche Männer wie er, Väterchen, bringt die Erde nicht viel hervor! Wenn Sie wüßten, wie gut er ist!« sagte sie wieder, sich zu Nechludoff wendend.

»Das ist recht!« versetzte der Greis, konnte sich aber nicht enthalten, seine ganze Aufmerksamkeit der Scene zuzuwenden, die sich auf der andern Seite des Ganges abspielte. Der Arbeiter hatte, nachdem er getrunken, die Flasche seiner Frau gereicht, die überglücklich ebenfalls von dem Branntwein zu trinken anfing. Plötzlich aber wandte der Mann, der Nechludoffs und des Greises Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah, sich zu ihnen und sagte:

»Na, was sehen Sie uns denn so an? Etwa, weil wir trinken? Wie wir arbeiten, das sieht keiner, aber wenn wir trinken, das sieht jeder! Ich habe mein Teil gearbeitet, und jetzt trinke ich, und meine Frau macht’s wie ich. Und was die andern davon denken, das kümmert mich nicht!«

»Ja, ja, gewiß,« sagte Nechludoff, der nicht wußte, was er antworten sollte.

»Was sage ich, mein Weib ist ’ne tüchtige Person. Ich bin mit ihr zufrieden und sie mit mir auch! Ist es wahr, was ich sage, Maria?«

»Na, nimm die Flasche, ich habe genug getrunken,« versetzte die Frau. »Du sprichst schon wieder dummes Zeug!«

»Sehen Sie, wie sie ist,« entgegnete der Arbeiter. »Eine tüchtige Person; aber wenn sie zu brummen anfängt, dann knarrt sie wie ein Karren, dem man die Räder zu ölen vergessen hat! Marie, ist es wahr, was ich sage?«

Die Frau zuckte laut lachend die Achseln.

»Da, so ist sie! Eine tüchtige Person, aber wenn sie ein Floh beißt, können Sie sie nicht halten! Was ich sage, ist wahr! Ich sehe schon, mein Herr, Sie halten mich für einen Trunkenbold! Was? – Na, ich habe eben einen Schluck zu viel getrunken; was soll ich dagegen thun?«

Darauf streckte der Arbeiter seine Beine aus, legte den Kopf auf die Schulter seiner Frau und schlief ein. Nechludoff blieb noch einige Zeit bei dem Greis, der ihm seine eigene Geschichte erzählte. Er sagte ihm, er wäre seines Standes Töpfer, arbeite seit dreiundfünfzig Jahren, hätte eine unzählige Menge von Oefen ausgebessert und wolle sich jetzt ein bißchen Ruhe gönnen. Er habe seine Kinder bei der Arbeit gelassen und fahre nun in die Heimat, um seinen Bruder wiederzusehen.

Als er fertig war, erhob sich Nechludoff und ging nach dem Platze, den Fedossjas Gatte ihm reserviert hatte.

»Nun, Barin, Sie wollen sich also nicht setzen? Na, wir wollen die Tasche fortnehmen, damit Sie’s bequemer haben,« sagte der Gärtner, der Taraß gegenüber saß und warf einen gutmütigen, lächelnden Blick auf Nechludoff.

»Wenn man eng sitzt, sitzt man sich näher,« fuhr Taraß mit seiner flötenden Stimme fort, hob seine ungeheure Tasche wie eine Feder hoch und legte sie zwischen seine Beine.

Der treffliche Mann sagte gern von sich selbst, wenn er nicht getrunken hätte, so könne er nicht sprechen, doch wenn er ein Glas getrunken, fände er gleich einen Schwall von Worten. Und thatsächlich war Taraß gewöhnlich sehr schweigsam; doch sobald er getrunken hatte – was bei ihm übrigens nur selten vorkam – wurde er gern geschwätzig. Dann sprach er leicht und sogar elegant, und alles, was er sprach, trug den Stempel jener reizenden Sanftmut, den auch seine gutmütigen blauen Augen und das stets auf seinen Lippen schwebende Lächeln ausdrückten. Da er an jenem Tage ein bißchen getrunken, bevor er sich auf den Weg gemacht, so war er ganz besonders im Zuge. Nechludoffs Erscheinen hatte seinen Redefluß zuerst unterbrochen; doch als er es sich mit der Tasche zwischen den Beinen bequem gemacht und seine beiden dicken Hände auf die Kniee gelegt, erzählte er dem Gärtner weiter alle Einzelheiten von der Geschichte seiner Frau, weshalb man sie verurteilt hatte, und weshalb er sich nach Sibirien begab. Seine Erzählung interessierte Nechludoff auf das lebhafteste, denn er wußte darüber nichts weiter, als was die Maslow ihm berichtet hatte. Unglücklicherweise hatte Taraß den Anfang schon so viel früher erzählt, daß Nechludoff ihn nicht auffordern konnte, noch einmal zu beginnen. Er erfuhr wenigstens, was sich nach dem Vergiftungsversuch ereignet, als Taraß‘ Eltern das Verbrechen Fedossjas entdeckt hatten. »Die ganze Schuld liegt an mir, und zu meiner Strafe erzähle ich die Sache!« sagte Taraß, indem er sich mit bereuender Miene zu Nechludoff umwandte. »Das Unglück hat zu laut gesprochen! Also, Bruder, es ist gleich alles entdeckt worden. Die Alte sagte also zu meinem Vater: »Geh‘ zum Polizeimeister!« sagte sie zu ihm. Aber sehen Sie, mein Vater ist ein gottesfürchtiger alter Mann. »Halte lieber Frieden, Alte!« sagte er. – »Die arme Frau ist noch ein Kind! Sie hat selbst nicht gewußt, was sie that. Mitleid muß man mit ihr haben, Vielleicht, bereut sie!« – Aber meine Mutter wollte nichts hören. »Du willst also,« sagte sie, »daß wir sie hier behalten, damit sie uns auch wie Spinnen vergiftet!« Dann zog sie sich an, Bruder, und ging zu dem Polizeimeister. Und der hat gleich ein gutes Geschäft gewittert. Er ist zu uns gekommen und hat Fedossja mitgenommen!«

»Na, und da?« fragte der Gärtner.

»Ja, siehst du, ich lag da und hatte Kolik und Erbrechen! In meinem Leibe ging’s drunter und drüber; ich konnte kein Wort sprechen. Dann hat man gleich die Telega angespannt, um Fedossja nach dem Polizeibureau zu bringen. Und sie hat gleich alles gestanden, Bruder! Sie hat gesagt, wie sie sich das Gift verschafft und die Kuchen zubereitet hat. »Aber warum hast du denn das gethan?« hat man sie gefragt. »Na, um ihn loszuwerden!« hat sie geantwortet. »Ich will lieber nach Sibirien, als mit ihm leben!« Sie meinte: »mit mir!« fügte der Bauer lächelnd hinzu, »Na, sie klagt sich also selbst an. Die Sache war klar: ins Gefängnis mit ihr! Und dabei kommt nun die Erntezeit! Meine Mutter ist ganz allein zu Haus und auch so alt, daß sie kaum das Essen zubereiten kann. Da geht mein Vater denn zum Isprawnik; nichts zu machen. Er geht zu einem andern Beamten, er sucht fünfe hintereinander auf, keiner will ihn hören. Wir wollten schon verzichten, da kamen wir zu einem Beamten, einem schlauen Kerl. »Gebt mir fünf Rubel,« sagte er uns, »dann werde ich sie aus dem Gefängnis herausbringen!« – Wir haben uns auf drei Rubel geeinigt. Na, Bruder, er that, wie er sagte. Mir ging’s schon besser; ich fuhr selbst nach der Stadt, stellte die Pferde in der Herberge ab, nehme das Papier und laufe nach dem Gefängnis, – »Was willst du?« – »Meine Frau ist hier eingesperrt,« sage ich, – »Hast du ein Papier?« fragt man mich. Ich gebe das Papier. Man sieht es durch. – »Na gut,« sagt man mir, »komm‘ rein!« – Ich setze mich auf eine Bank, dann kommt ein Vornehmer. »Heißt du Wergunoff?« fragt er mich, – »Ja!« – »Na, warte noch ein bißchen!« – Nach einer Stunde öffnet sich eine Thür, man führt mir Fedossja in den Kleidern, die sie bei uns trug, zu. – »Na,« sage ich zu ihr, »wir wollen fort.« – »Bist du zu Fuß gekommen?« – »Nein, die Pferde sind in der Herberge.« – Wir gehen nach der Herberge, ich bezahle das Futter für die Pferde und lege den übrigen Hafer in den Wagen. Sie setzt sich mit ihrem großen Kopftuch, und wir fahren los. Sie sagt nichts, und ich sage auch nichts. Als wir aber in die Nähe des Hauses kommen, sagt sie zu mir: »Ist deine Mutter noch immer am Leben?« – »Ja,« antwortete ich ihr, – »Und dein Vater ist auch noch immer am Leben?« – »Ja!« – »Taraß,« sagt sie da, »verzeihe mir! Ich habe selbst nicht gewußt, was ich that!« – Ich antwortete ihr: »Davon ist gar keine Rede mehr, ich habe dir schon längst alles vergeben!« – Dann haben wir uns nichts weiter gesagt. Als wir nach Hause kamen, wirft sie sich meiner Mutter zu Füßen. – »Gott verzeihe dir!« sagte die Alte. Mein Vater umarmt sie und sagt: »Was vorbei ist, ist vorbei. Lebe jetzt, wie du sollst. Du kommst zur rechten Zeit, um uns zu helfen. Das Getreide ist, Gott sei Dank, tüchtig gewachsen, doch jetzt müssen wir es einbringen. Morgen früh wirst du mit Taraß mähen!« Und seit der Zeit, Bruder, hat sie sich an die Arbeit gemacht. Und wie sie arbeitete, es war unglaublich! Wir hatten damals drei Morgen Land, die wir gepachtet hatten. Das Getreide und der Hafer waren, Gott sei Dank, reichlich gewachsen. Ich mähe, und sie macht die Garben. Und sie wird so geschickt bei der Arbeit, daß sich das ganze Haus darüber wundert! Und einen Mut zeigt sie! Wir kommen nach Hause, die Finger sind mir angeschwollen und die Arme lahm! Ich will mich ausruhen; doch sie läuft noch vor dem Essen nach der Scheune, um für den nächsten Tag alles vorzubereiten. Du hättest sie sehen sollen, du hättest es kaum geglaubt!«

»Und ist sie zu dir sanfter geworden?« fragte der Gärtner.

»Sprich nicht davon! Sie ist zu mir so anhänglich geworden, daß wir beide gleichsam eine einzige Seele bilden. Alles, was ich denke, denkt auch sie! Selbst die alte Mutter, die doch nicht bequem ist, sagt: »Man hat uns unsere Fedossja umgetauscht; sie ist nicht mehr dieselbe Frau!« Eines Tages, als wir beide Garben einholen, frage ich sie: »Sag‘ mir, Fedossja, wie konntest du nur auf einen solchen Gedanken kommen?« – Da sagt sie mir: »Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, ich könnte nicht mit dir leben. Lieber sterben, sagte ich mir!« – »Na, und jetzt?« – »Jetzt,« sagt sie mir, »bist du mein herzliebster Mann!«

Taraß hielt inne und nickte mit fröhlichem Lächeln mit dem Kopfe, um dann seufzend fortzufahren:

»Als wir eines Tages vom Felde heimkommen, finde ich den Isprawnik, der uns vor der Thür erwartet. Er holt Fedossja zur Verhandlung ab. Und wir hatten gar nicht gedacht, daß sie überhaupt vor Gericht kommen würde.«

»Sicherlich hat sie der Teufel in Versuchung geführt,« sagte der Gärtner. »Der Mensch kommt allein gar nicht darauf, so seine Seele zu Grunde zu richten! Da ist bei uns ein Bursche …«

Und nun begann der Gauner eine Erzählung, doch in demselben Augenblick fuhr der Zug langsamer.

»Man hält,« sagte der Gärtner, »stärken wir uns!«

So wurde die Unterhaltung abgeschnitten. Nechludoff, der Taraß und dem Gärtner folgte, verließ den Waggon, um auf den feuchten Fliesen des kleinen Bahnhofes auf und ab zu wandeln.

Als Nechludoff den Waggon verließ, bemerkte er im Hofe des Bahnhofes mehrere mit prächtigen Pferden bespannte Galawagen, und als er auf den Perron gelangt war, sah er eine Ansammlung, die sich vor einem Waggon erster Klasse gebildet hatte. Im Mittelpunkte derselben erschien eine große und starke alte Dame in einem Regenmantel und einem ungeheuren Federhut; sie war von einem langen jungen Manne mit sehr mageren Beinen im Radfahrkostüm und einem an der Leine geführten großen Hund begleitet. Um sie bemühte sich ein Diener, der Mäntel auf dem Arm trug, eine Kammerzofe und ein Kutscher. Die ganze Gruppe, von der dicken Dame bis zu dem Kutscher, drückte ein merkwürdiges Gemisch von Zufriedenheit und Selbstvertrauen aus. Man merkte sogleich, daß das satte, gesunde Personen waren, die sich glücklich schätzten, auf der Welt zu sein. Um die Gruppe hatte sich bald ein Kreis von Neugierigen gebildet, die das Schauspiel des Reichtums angelockt hatte. Da standen der Stationsvorsteher in der roten Mütze, ein Gensdarm, eine junge Bäuerin, die Brötchen verkaufte, ein Telegraphenbeamter und etwa zehn Reisende, die aus ihren Waggons gestiegen waren.

In dem jungen Manne im Radfahranzuge erkannte Nechludoff Missys jüngsten Bruder. Auch die dicke Dame war ihm nicht unbekannt; es war Missys Tante, bei der die Kortschagins den Sommer zubringen wollten. Der Zugführer öffnete die Thür und hielt sie mit tausend Zeichen der Unterwürfigkeit offen, bis der Diener Philipp und ein Bahnhofsangestellter die alte Prinzessin in ihrem Krankenstuhl hinuntergebracht hatten. Die beiden Schwestern umarmten sich; Nechludoff hörte, wie mehrere Phrasen in französischer Sprache über die Frage gewechselt wurden, ob man die Fürstin in die Kalesche oder in das Coupé setzen sollte; dann setzte sich der Zug mit den beiden Damen an der Spitze in Bewegung. Den Schluß bildeten die beiden Kammerzofen, die ganz mit Sonnenschirmen, Shawls und Reisetaschen beladen waren.

Von dem Gedanken erschreckt, den Kortschagins von neuem zu begegnen und ihnen noch einmal Lebewohl sagen zu müssen, versteckte sich Nechludoff hinter einem Pfeiler, bis der Zug den Bahnhof verlassen hatte. Die alte Fürstin, ihr Sohn, Missy und der Arzt bildeten jetzt die Spitze, dann kam der Fürst mit seiner Schwägerin in zweiter Reihe.

Unter den in französischer Sprache gesprochenen Bemerkungen, die zu Nechludoffs Ohren drangen, fiel ihm eine, wie es oft geschieht, ohne daß er wußte, auf und blieb mit dem sie begleitenden Stimmklang lange in seiner Erinnerung haften. Es war eine Bemerkung des Fürsten, der mit seiner Schwägerin von jemand gesprochen hatte.

»Oh! il est du grand monde, du vrai grand monde!« sagte der alte Kortschagin mit seiner selbstgefälligen Stimme, als er an der Ausgangsthür vorüberkam, wo ihn eine Doppelreihe von Beamten, und Gepäckträgern ehrfurchtsvoll grüßte.

In demselben Augenblick erschien auf dem Perron von der andern Seite des Bahnhofs ein Trupp Arbeiter in Holzschuhen und Felleisen auf den Rücken. Mit gleichmäßigen und entschiedenen Schritten gingen die Arbeiter auf den ersten Waggon zu, der sich vor ihnen befand, und schickten sich an, in denselben einzusteigen; doch sofort kam ein Schaffner herbeigelaufen, um sie daran zu hindern. Die Arbeiter gingen weiter und stiegen in den zweiten Waggon; aber auch hier war für sie jedenfalls kein Platz, denn der Schaffner befahl ihnen, wieder auszusteigen und belegte sie dabei mit allerlei Schimpfreden. Nun wandten sich die Arbeiter zu einem dritten Wagen, demselben, in dem sich Nechludoff befand. Wieder sagte ihnen der Schaffner, sie sollten anderswo suchen, doch Nechludoff, der der Scene beigewohnt, erklärte ihnen, sie würden in dem Waggon ganz gut unterkommen. Sie stiegen also ein und Nechludoff hinter ihnen. In dem Waggon schritten die Arbeiter den Durchgang entlang, um Plätze zu suchen, wo sie sich niederlassen konnten, als der Spießbürger und die beiden Damen seiner Begleitung, die das Erscheinen dieser Arbeiter jedenfalls als einen persönlichen Schimpf ansahen, sich ihrem Eindringen heftig widersetzten und ihnen befahlen, sich so schnell wie möglich zu trollen. Sofort zogen die Arbeiter wieder den Durchgang entlang und schlugen dabei mit ihren Felleisen an die Bänke, Schlösser und Thüren. Man sah, daß sie sich wirklich schuldig fühlten und bereit waren, so bis zum Ende der Welt von Waggon zu Waggon zu irren, um Plätze zu suchen, auf denen sie sich niederlassen konnten. Es waren zwanzig Mann, darunter Greise und Jünglinge; doch alle hatten dasselbe vertrocknete und ausgedörrte Gesicht und im Blick ihrer hohlen Augen dasselbe Gemisch von Abspannung und Entsagung.

»Wo lauft ihr denn hin, ihr Bande? Ihr seid hier eingestiegen, also richtet euch auch ein, hier zu bleiben,« rief ihnen der Kondukteur zu, der ihnen vom andern Ende des Waggons entgegenkam.

»Voilà encore des nouvelles!« sagte die junge Dame in der festen Ueberzeugung, sie würde sich durch ihr elegantes Französisch die Aufmerksamkeit und Achtung Nechludoffs erringen. Was die alte Dame mit den Armbändern, ihre Mutter, betraf, so beschränkte sie sich darauf, zu schnauben, sich die Nase zu schnäuzen, die Stirn kraus zu ziehen und über die Unannehmlichkeit, in Gesellschaft gräßlicher, schlecht riechender Muschiks zu reisen, hastige Bemerkungen auszustoßen.

Inzwischen waren die Arbeiter mit der freudigen Erleichterung von Leuten, die eben heil und gesund einer schrecklichen Gefahr entronnen sind, im Gange stehengeblieben und fingen an, sich niederzulassen, indem sie die schweren Felleisen, die sie auf dem Rücken trugen, mit einer Bewegung der Schultern abschüttelten und auf die Bänke fallen ließen.

Der Gärtner, der in einem andern Waggon einen Freund getroffen, hatte den Platz, den er zuerst Taraß gegenüber einnahm, verlassen, so daß neben Taraß und ihm gegenüber drei Plätze in dem Coupé frei waren. Drei der Arbeiter ließen sich schnell darauf nieder; doch als sich Nechludoff ihnen näherte, versetzte sie der Anblick seines eleganten Anzugs in so große Verwirrung, daß alle drei unwillkürlich aufstanden, um anderswo Platz zu suchen. Nechludoff mußte lange zureden, ehe sie sich wieder setzten; er selbst blieb stehen und lehnte sich an den Rücken einer Bank.

Einer der drei Arbeiter, ein großer und dürrer Mann von etwa fünfzig Jahren, wechselte, nachdem er sich wieder gesetzt, einen mißtrauischen Blick mit einem jüngeren Genossen, der ihm gegenüber saß. Alle beide waren offenbar überrascht und etwas unruhig, daß Nechludoff, anstatt sie, wie es einem »Barin« zukam, zu beschimpfen und fortzujagen, ihnen seinen eigenen Platz abgetreten hatte. Es wollte ihnen noch immer nicht aus dem Sinn, daß sich daraus für sie etwas Unangenehmes entwickeln konnte.

Doch als sie bemerkten, daß er nicht die Absicht hatte, ihnen zu schaden und sich in der natürlichsten Weise von der Welt mit Taraß unterhielt, beruhigten sie sich, und der neben Taraß Sitzende wollte sich durchaus auf die andere Bank setzen, damit Nechludoff sich auch setzen konnte. Zuerst schien der alte Arbeiter sehr verlegen und schob seine in Holzschuhen steckenden Stiefel so weit wie möglich unter die Bank, damit sie dem »Barin« nicht hinderlich werden konnten. Bald aber wurde er kecker und begann so vertraulich mit Nechludoff zu reden, daß er ihm mehrmals seine grobe knochige Hand auf das Knie legte, um die Bedeutung seiner Worte noch mehr hervorzuheben.

Er sagte Nechludoff, wie er hieß, aus welchem Dorfe er sei; er erzählte ihm, daß er und seine Genossen nach Hause führen, nachdem sie zehn und einen halben Monat in einem Torfstich gearbeitet. Er brachte eine Summe von zehn Rubeln mit und hatte schon im vorigen Monat fünf Rubel erhalten. Für diese fünfzehn Rubel hatte er täglich bis zum Knie ins Wasser gehen und vom Morgen bis zur Stunde der Mahlzeit ununterbrochen darin bleiben müssen.

»Wer nicht dran gewöhnt ist, dem wird es zuerst ’n bißchen schwer,« sagte er; »doch wenn du dich einmal abgehärtet hast, dann thut’s nicht mehr weh! Wenn nur das Essen zu genießen wäre! In der ersten Zeit konnte man nichts ‚runterbringen! Aber dann hatten die Leute mit uns Mitleid, und das Essen ist ausgezeichnet geworden, und auch die Arbeit wurde dann leichter.«

Er erzählte dann, daß er so seit mehr als zwanzig Jahren im Tagelohn arbeite und das Geld, das er verdiente, stets zu Hause abgegeben hätte; erst seinem Vater, dann seinem älteren Bruder; jetzt gäbe er es einem Vetter mit starker Familie, dem es sehr schwer wurde, zurechtzukommen. Trotzdem behielt er von den sechzig Rubeln, die er jährlich verdiente, nur zwei oder drei, »zum Amüsieren«, das heißt, um sich Tabak und Streichhölzer zu kaufen.

»Und dann, wissen Sie, sündigt man auch und versagt sich bei Gelegenheit auch ein Gläschen Schnaps nicht!« fügte er mit vertraulichem Lächeln hinzu.

Der Arbeiter erzählte auch von seinen verheirateten Gefährten, deren Frauen im Dorfe blieben und von dem Gelde lebten, das sie ihnen schickten. Er sagte, wie der Werkmeister ihnen an diesem Tage, bevor er sie entließ, allen einen Tropfen hatte auffahren lassen; dann erzählte er, daß einer seiner Genossen gestorben sei und sie einen sehr schwer krank nach Hause brächten.

Der Kranke, von dem er sprach, saß in dem Nebencoupé. Es war ein magerer und blasser Mensch mit blauen Lippen in ganz jugendlichem Alter. Offenbar hatte er sich bei der Arbeit im Wasser das Fieber zugezogen. Nechludoff trat auf ihn zu, doch der junge Mensch warf ihm einen gleichzeitig so strengen und so leidensvollen Blick zu, daß Nechludoff nicht den Mut hatte, ihn durch seine Fragen zu ermüden; er ersuchte deshalb auch nur den alten Arbeiter, ein bißchen Chinin für ihn zu kaufen. Den Namen dieses Mittels schrieb er auf ein Stück Papier, Er wollte ihm auch Geld geben, doch der alte Arbeiter lehnte das entschieden ab.

»Ich habe viele »Barine« gesehen,« sagte er, sich zu Taraß wendend, als Nechludoff den Rücken gedreht hatte, »doch einen solchen Barin habe ich noch nicht gesehen. Er sucht einen nicht nur nicht zu quälen, sondern er steht sogar noch auf und tritt einem seinen Platz ab! Das beweist, Bruder, daß es auch von den Barins verschiedene Arten giebt!«

Während dieser Zeit betrachtete Nechludoff die trockenen und muskulösen Glieder dieser Männer, ihre groben Kleider, ihre abgespannten Gesichter, und überall fühlte er sich von einer neuen Menschheit umgeben, die ernstes Interesse, ernste Freuden und ernstes Leiden besaß. Er fühlte, daß er einem wirklichen menschlichen Leben gegenüberstand.

»Le voici, le grand monde, le vrai grand monde!« Das ist die große, die wahrhaft große Welt,« sagte er sich, und wieder mußte er der französischen Phrasen des Fürsten Kortschagin, der ganzen erbärmlichen Welt dieser Kortschagins mit aller Eitelkeit und Niedrigkeit ihrer Interessen gedenken.

Nechludoff aber empfand tiefer als je das fröhliche Gefühl des Wanderers, der ein neues Land, reich an Früchten und Blumen, entdeckt hat!

Achtes Kapitel

Der Aufbruch der Sträflingsabteilung, zu der die Maslow gehörte, war endgültig auf den 4. Juli festgesetzt, und Nechludoff beschloß, an demselben Tage abzureisen. Er benachrichtigte seine Schwester, die am Tage vor der Abreise ihres Bruders mit ihrem Manne nach der Stadt kam. Nechludoffs Schwester, Natalie Iwanowna Ragojinska, war zehn Jahre älter als er und hatte einen großen Einfluß auf seine Erziehung gehabt. Als Kind hatte sie ihn sehr geliebt, und später, bis zu ihrer Heirat, hatte sie eine vollständige Uebereinstimmung in Gefühlen und Ideen noch stärker miteinander verbunden. Das junge Mädchen war damals in Nikolaus Irteneff, den intimen Freund und Vertrauten ihres Bruders, verliebt.

Dann waren Bruder und Schwester heruntergekommen, Nechludoff durch seinen Verkehr in der Gesellschaft, seine Schwester durch ihre Heirat. Sie hatte einen Menschen geheiratet, den sie rein sinnlich liebte, der aber keinen Geschmack an dem fand, was ihr Bruder und sie früher als das Ideal des Guten und Schönen betrachtet hatten. Und ihr Mann hatte nicht nur keinen Geschmack am Idealen, sondern er war auch unfähig, es zu begreifen. Dieses Streben nach der moralischen Vollkommenheit, dieser Wunsch, sich den Menschen nützlich zu machen, alles, was das Herz Nataliens erfüllte, legte ihr Mann einzig und allein in der ihm verständlichen Weise aus, indem er es auf Rechnung eines raffinierten Egoismus schrieb, dem sich ein krankhafter Wunsch, alles in Erstaunen zu setzen und sich bewundern zu lassen, hinzugesellte.

Ragojinski war ein Mann ohne Vermögen und von geringer Herkunft; doch durch seine natürliche Oberflächlichkeit, seine Neigung zur Intrigue und vor allem die Gabe, den Frauen zu gefallen, hatte er eine ziemlich glänzende Karriere im Beamtenstande gemacht. Er zählte schon fast vierzig Jahre, als er im Auslande die Bekanntschaft Nechludoffs machte, sich die Liebe Nataliens erworben und sich fast gegen die Einwilligung der Mutter, die diese Heirat als eine Mesalliance betrachtete, mit ihr verheiratet hatte.

Nechludoff verabscheute seinen Schwager, obwohl er sich dieses Gefühl selbst zu verheimlichen suchte. Er verabscheute ihn wegen der Niedrigkeit seiner Seele, wegen seines beschränkten Geistes und seiner Selbstgefälligkeit; doch noch mehr verabscheute er ihn, weil seine Schwester eine so selbstsüchtige Liebe zu dieser niedrigen Natur hatte fassen und diese Liebe alles Edle und Schöne in ihr hatte ersticken können. Nie konnte sich Nechludoff ohne Schmerz daran erinnern, daß Natascha die Frau dieses dicken Mannes mit dem leuchtenden Schädel geworden war. Selbst die Kinder, die sie gehabt, konnte er nicht so recht lieben, und jedesmal, wenn er erfuhr, daß sie wieder in andern Umständen war, hatte er unwillkürlich die Empfindung, sie hatte sich von neuem in dem Verkehr mit diesem Manne, der ihn anwiderte, eine häßliche Krankheit zugezogen.

Diesmal waren die Ragojinskis ohne ihre Kinder nach der Stadt gekommen. Als sie sich in den besten Zimmern des besten Hotels eingerichtet, ging Natalia Iwanowna aus und ließ sich nach dem alten Hause ihrer Mutter fahren; als sie Dimitri dort nicht fand und von Agrippina Petrowna erfuhr, er wohne nicht mehr dort, begab sie sich sogleich nach dem Gasthofe, in dem er abgestiegen war. Doch auch hier konnte sie ihn nicht finden. Ein schmutziger Diener, der ihr in einem düstern Korridor, in welchem den ganzen Tag über Gas brannte, entgegenkam, erklärte ihr, der »Fürst« wäre nicht zu Hause. Natalia Iwanowna sagte dem Diener, sie wäre die Schwester Nechludoffs, und bat ihn, sie in die von ihm bewohnten Zimmer treten zu lassen, um ihm ein paar Worte zu schreiben; doch bevor sie zu schreiben anfing, konnte sie sich nicht enthalten, neugierig die beiden kleinen Zimmer zu betrachten, die ihr Bruder bewohnte. Ueberall fand sie die peinliche Ordnung und Sauberkeit wieder, die sie einst an ihm gekannt, doch seine bescheidene Einrichtung setzte sie in Erstaunen und that ihr weh. Sie freute sich, als sie wenigstens auf dem Schreibtisch, auf einem Stoß von Papieren, den alten Marmorbriefbeschwerer mit dem bronzenen Hund wiedersah, und mit großem Vergnügen sah sie aus einem großen Bande mit grünem Deckel die beiden Enden eines elfenbeinernen Papiermessers hervorragen, das sie selbst ihrem Bruder einst geschenkt. Als sie ihre Betrachtung beendet, schrieb sie Nechludoff ein Billet, in welchem sie ihn bat, sie so schnell wie möglich zu besuchen, stieg dann wieder in den Wagen und ließ sich nach Hause fahren.

Zweierlei interessierte Natalia Iwanowna bei ihrem Bruder ganz besonders. Sie wollte wissen, wie es eigentlich um seine Heirat mit Katuscha stand, von der jedermann selbst in der kleinen Stadt sprach, in der sie wohnte. Und sie wollte auch genaue Auskunft über die Abtretung der Güter an die Bauern haben, von der man vielleicht noch mehr sprach und die man gern als eine That von politischem und höchst gefährlichem Charakter hingestellt hätte.

Die Heirat mit Katuscha war Natalia in gewisser Hinsicht nicht unangenehm. Ihr gefiel die Entschlossenheit, die ihr Bruder bei dieser Gelegenheit zeigte, denn sie fand darin ihn und sich wieder, wie sie während ihrer Jugend gewesen waren. Andererseits aber konnte sie nicht ohne Angst daran denken, daß ihr Bruder ein so abscheuliches Geschöpf heiraten sollte, und dieses zweite Gefühl hatte sogar über das erste die Oberhand gewonnen, so daß sie entschlossen war, ihr möglichstes zu thun, um ihren Bruder von seinem Heiratsplane abzubringen, wobei sie sich übrigens vollauf bewußt war, daß das sehr schwierig sein würde.

Was die zweite Angelegenheit, die Abtretung der Güter an die Bauern betraf, so war ihr das im Grunde viel gleichgültiger; ihr Mann dagegen hatte sich darüber aufgeregt und verlangt, sie solle Nechludoff gegenüber darauf bestehen, er möge seinen Entschluß zurücknehmen. Ignaz Nikophorowitsch Ragojinski sagte, dieser Entschluß wäre der Gipfel des Ungesetzlichen, der Leichtfertigkeit und auch der Eitelkeit, denn er ließe sich nur durch eine wahre Manie, aus dem Rahmen herauszutreten und die Aufmerksamkeit der Welt zu erregen, erklären.

»Was hat es denn für einen Sinn, den Bauern Aecker zu geben, wenn man sie zwingt, für sich selbst zu bezahlen?« sagte er. »Wenn Dimitri seine Ländereien durchaus loswerden wollte, so konnte er sie ja durch die Vermittlung der landwirtschaftlichen Bank verkaufen. Das hätte wenigstens einen Sinn gehabt. »Uebrigens deutet sein ganzes Benehmen auf einen anormalen Geisteszustand hin,« fügte der dicke Schlauberger hinzu, der sich schon in der Möglichkeit eines gerichtlichen Verbotes gefiel, das ihm die Vormundschaft über seinen Schwager in die Hände gespielt hätte.

Als Nechludoff das Billet seiner Schwester auf seinem Tische fand, begab er sich sofort zu ihr. Sie war allein in einem großen, als Salon dienenden Zimmer; ihr Mann hielt im Schlafzimmer Siesta. Natalia Iwanowna trug ein in der Taille eng geschnürtes schwarzes Seidenkleid mit einem roten Kragen am Halse; ihre hochgekämmten Haare waren nach der neuesten Mode frisiert. Man sah, sie that alles Mögliche, um sich zu verjüngen und so ihrem Manne zu gefallen.

Als sie ihren Bruder erblickte, lief sie ihm mit schnellem Schritte, der ihren Seidenrock rauschen ließ, entgegen. Bruder und Schwester umarmten sich und sahen sich dann lächelnd in die Augen. Dieser geheimnisvolle Austausch der Blicke ließ die volle Wahrheit ihres seelischen Zustandes erkennen; doch schon im nächsten Augenblick folgte ihm ein Austausch von Worten, der schon nicht mehr ganz der Wahrheit entsprach.

Nechludoff hatte seine Schwester seit dem Tode seiner Mutter nicht mehr wiedergesehen und sagte:

»Du bist stärker und jünger geworden!«

Nataliens Lippen zitterten vor Vergnügen.

»Du bist aber magerer geworden!«

»Ignaz Nikophorowitsch ist nicht da?«

»Er ruht sich ein bißchen aus. Er hat diese Nacht, nicht geschlafen … Du weißt doch, daß ich bei dir war?«

»Ja, ich habe deinen Brief gefunden. Ich mußte unser Haus verlassen. Es war zu groß, ich fühlte mich dort zu einsam und langweilte mich. Alle Möbel, alles, was sich im Hause befindet, ist für mich jetzt unnütz; nimm es alles für dich und mach‘ damit, was du willst!«

»Ja, Agrippina Petrowna hat mir schon davon erzählt. Ich danke dir herzlich, aber …«

In diesem Augenblick brachte der Oberkellner auf einem silbernen Tablett das Theeservice. Nechludoff und seine Schwester schwiegen, bis er fort war, dann fuhr Natalia fort, indem sie plötzlich die Augen auf den Bruder richtete:

»Nun, Dimitri, ich weiß alles!«

Nechludoff antwortete nichts.

»Aber kannst du denn wirklich die Hoffnung hegen, dieses Geschöpf, nach dem Leben, das sie geführt, zum Guten zurückbringen zu können?« fragte ihn seine Schwester.

Nechludoff sagte noch immer nichts, sondern dachte, wie er ihr sein Verhalten erklären konnte, ohne sie zu erzürnen. Er fühlte sich freudiger als je bewegt, und inniger als je empfand er den Wunsch, mit allen Menschen in Frieden zu leben.

»Ich habe sie nicht zum Guten zurückzuführen, sondern muß selbst dahin zurückkehren,« sagte er schließlich.

Natalia Iwanowna stieß einen Seufzer aus.

»Aber dazu giebt es doch andere Mittel, als sie zu heiraten!«

»Gewiß, aber ich glaube, das ist das beste; ganz abgesehen davon, daß es mir eine Welt erschließt, in der ich mich nützlich machen kann.«

»Ich bin überzeugt, diese Heirat wird dein Unglück ausmachen,« sagte Natalia.

»Ich habe mich nicht mehr um mein Gluck zu kümmern!«

»Ja, ich verstehe! Aber sie kann eine solche Heirat, wenn sie Herz hat, nicht glücklich machen; sie kann sie nicht wünschen!«

»Sie wünscht sie auch nicht!«

»Aber schließlich … das Leben …«

»Nun?«

»Das Leben verlangt etwas anderes!«

»Das Leben verlangt nichts, außer daß wir unsere Pflicht thun!« versetzte Nechludoff und betrachtete das schöne Gesicht seiner Schwester, in dem die Jahre schon Runzeln um Mund und Augen zogen.

»Ich verstehe dich nicht,« sagte sie.

»Die Aermste! Wie sie sich verändert hat,« dachte Nechludoff, und tausend Jugenderinnerungen kamen ihm in den Sinn, während ein heißer Strom von Zärtlichkeit sein Herz überflutete.

In diesem Augenblick sah er aus dem Nebenzimmer seinen Schwager Ignaz Nikophorowitsch treten, der wie stets den Kopf hoch und die Brust herausgestreckt trug. Der dicke Mann lächelte wohlgefällig, und Nechludoff sah gleichzeitig die Gläser seines Lorgnons, seinen kahlen Schädel und seinen schwarzen Bart leuchten. »Wie freue ich mich, Sie zu sehen!« rief er in affektiertem Tone. Zuerst hatte er seinen Schwager zu duzen versucht, doch bei dem geringen Erfolge seines Versuches hatte er sich genötigt gesehen, zum »Sie« zurückzukehren.

Die beiden Männer schüttelten sich die Hand, und Ignaz Nikophorowitsch ließ sich sanft in einen Sessel fallen.

»Ich unterbreche Ihre Unterhaltung nicht?«

»Durchaus nicht; ich verhehle niemandem, was ich sage oder thue!«

Als Nechludoff dieses gewöhnliche Gesicht, diese behaarten Hände wiedergesehen und diesen katzenfreundlichen und protektorhaften Tonfall gehört, war sein Gefühl allgemeiner Freundlichkeit mit einem Schlage geschwunden.

»Ja, wir sprechen von seinem Projekt,« sagte Natalie. »Willst du Thee?«

»Gewiß! Mit Vergnügen! Um welches Projekt handelt es sich?«

»Von meinem Projekt, in Begleitung eines zur Zwangsarbeit verurteilten Weibes, dem gegenüber ich mich schuldig fühle, nach Sibirien zu gehen,« erklärte Nechludoff.

»Ich habe sogar gehört, daß Sie noch nicht zufrieden sind, sie zu begleiten, sondern sich noch viel mehr für sie zu thun entschlossen haben.«

»Ganz recht! Sie zu heiraten, wenn sie darauf nur eingeht!«

»Wirklich? Nun, ich wäre Ihnen sehr verpflichtet, wenn Sie mir die Gründe Ihres Verhaltens ein wenig erklären wollten. Ich muß Ihnen gestehen, ich verstehe sie nicht.«

»Die Gründe sind, daß dieses Weib … ihr erster Schritt auf dem Wege des Lasters …«

Nechludoff fand nicht den richtigen Ausdruck und wurde dadurch nur noch mehr gereizt.

»Der Grund meines Verhaltens,« sagte er endlich, »ist der, daß ich der Schuldige bin, während sie verurteilt worden ist!«

»O, wenn man sie verurteilt hat, ist sie gewiß auch nicht unschuldig!«

»Verzeihung, sie ist vollständig unschuldig,« versetzte Nechludoff und erzählte in ganz unnötiger Erregung die ganze Prozeßgeschichte der Maslow.

»Ja, jetzt sehe ich, wie die Sache zusammenhängt! Das kommt alles von der Nachlässigkeit des Präsidenten und der Unüberlegtheit der Geschworenen. Aber für solche Sachen ist doch der Senat da!«

»Der Senat hat die Berufung verworfen.«

»Dann waren die Annullierungsgründe nicht genügend!« versetzte Ignaz Nikophorowitsch. »Der Senat hat die Sachen an sich nicht zu untersuchen. Doch wenn wirklich ein Justizirrtum vorlag, so hätte man ein Gnadengesuch einreichen müssen.«

»Das haben wir bereits gethan, doch ohne jede Hoffnung auf Erfolg. Man wird im Ministerium eine Untersuchung eröffnen, der Minister wird sich an den Senat wenden, der Senat wird ablehnend antworten, und so wird der Unschuldige wie üblich verurteilt werden!«

»Gestatten Sie, gestatten Sie,« sagte Ignaz Nikophorowitsch mit herablassendem Lächeln. »Erstens wird sich der Minister nicht an den Senat wenden, sondern die Akten des Falles einfordern, und wenn wirklich ein Irrtum vorliegt, seine Schlußfolgerungen ziehen. Dann ist es zweitens durchaus nicht üblich, daß der Unschuldige verurteilt wird. Die Schuldigen werden verurteilt,« fuhr der dicke Mann mit seinem ruhigen Tone und seinem ewigen zufriedenen Lächeln fort.

»Nun, ich bin aber vom Gegenteil überzeugt,« behauptete Nechludoff, der immer zorniger auf seinen Schwager wurde. »Ich bin überzeugt, daß fast die Hälfte der Leute, die die Gerichte verurteilen, unschuldig sind.«

»Wie meinen Sie das?«

»Sie sind unschuldig im gewöhnlichsten Sinne des Wortes, wie dieses Weib unschuldig ist, den Kaufmann vergiftet zu haben, wie es ein Mann ist, den ich in diesen Tagen gesehen habe und der wegen eines nicht begangenen Mordes verurteilt worden ist, wie ein Sohn und eine Mutter an einer Brandstiftung unschuldig sind, die der Ankläger selbst angelegt hat!«

»Ja, gewiß; aber es hat stets Justizirrtümer gegeben und wird stets welche geben. Die menschliche Justiz kann keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit erheben.«

»Aber die große Mehrheit der Verurteilten sind unschuldig, weil sie in gewissen Milieus erzogen sind und die Handlungen, die sie begangen, nicht als Verbrechen angesehen haben.«

»Gestatten Sie! Jeder Dieb weiß, daß der Diebstahl keine gute Handlung ist, daß man nicht stehlen darf, und daß das Stehlen etwas Unmoralisches ist,« sagte Ignaz Nikophorowitsch mit einem leicht ironischen Lächeln, das Nechludoff vollends in Wut brachte.

»Er weiß es durchaus nicht! Man sagt ihm, er solle nicht stehlen; doch er sieht, daß sein Meister ihm seine Arbeit stiehlt, daß die Beamten ihm sein Geld stehlen …«

»Wissen Sie, daß das, was Sie da sagen, ganz einfach Anarchismus ist,« unterbrach Ignaz Nikophorowitsch mit seinem ruhigsten Tone.

»Es kümmert mich wenig, wie das heißt, was ich sage; ich sage nur, was ist!« fuhr Nechludoff fort, »Dieser Mensch weiß, daß die Beamten ihn bestehlen; er weiß, daß wir, die Besitzer, ihn bestehlen, indem wir das zu unserem Nutzen ausbeuten, was gemeinsames Eigentum sein sollte. Und wenn dieser Mensch sich dann aus unseren Wäldern ein paar Zweige Reisigholz nimmt, um sein Feuer anzuzünden, dann werfen wir ihn ins Gefängnis und reden ihm ein, er sei ein Dieb.«

»Ich verstehe Sie nicht, oder vielmehr, wenn ich Sie verstehe, so muß ich bedauern, mit Ihnen nicht einer Meinung sein zu können! Die Erde muß notgedrungen einem Herrn gehören. Wenn Sie sie heut‘ in gleiche Teile teilen, so wird sie morgen wieder den Arbeitsamsten und den Fleißigsten zufallen …«

»Aber es spricht ja auch niemand davon, die Erde in gleiche Teile zu teilen. Die Erde darf niemandem gehören, sie darf kein Kaufs- und Verkaufsobjekt werden.«

»Das Eigentumsrecht ist dem Menschen angeboren. Ohne dasselbe hätte niemand Neigung, die Erde zu bebauen. Unterdrücken wir das Eigentumsrecht, und wir kehren gleich wieder zum Zustand der Wilden zurück,« sagte Ignaz Nikophorowitsch in strengem Tone.

»Gerade das Gegenteil ist wahr! Dann wird die Erde nicht mehr unnütz sein, wie sie es jetzt ist!«

»Hören Sie, Dimitri Iwanowitsch, was Sie da sagen, ist vollständig unsinnig. Ist es denn in unserer Zeit möglich, das Eigentumsrecht zu unterdrücken? Ich weiß, daß Sie diese Manie schon seit langer Zeit haben! Doch gestatten Sie mir, Ihnen offen herauszusagen …«

Ignaz Nikophorowitschs Gesicht war plötzlich blaß geworden, und seine Stimme hatte zu zittern angefangen. Diese Frage ging ihm offenbar, im Gegensatz zu den vorigen, sehr nahe.

»Ich möchte Ihnen aufrichtig raten, sich diese Sache noch ein bißchen zu überlegen, bevor Sie Ihre Ideen darüber praktisch ausführen!«

»Sie wollen von meiner persönlichen Angelegenheit sprechen?«

»Ja, ich meine, daß wir alle, die wir eine gewisse Stellung einnehmen, uns in die Verantwortlichkeit fügen müssen, die sich aus dieser Stellung ergiebt. Wir müssen die Lebensbedingungen aufrecht erhalten, in denen wir geboren sind, die wir von unserem Eltern empfangen haben und die wir unseren Nachkommen überliefern müssen …« »Ich halte es für meine Pflicht …«

»Gestatten Sie!« sagte Ignaz Nikophorowitsch, ohne sich unterbrechen zu lassen. »Weder mein Interesse, noch das meiner Kinder haben mit dem, was ich Ihnen sage, etwas zu thun. Das Schicksal meiner Kinder ist gesichert, und was mich betrifft, so hoffe ich, mir meinen Lebensunterhalt, so lange ich lebe, verdienen zu können. Deshalb ersuche ich Sie ohne eigennützigen Hintergedanken, in rein theoretischer Weise, aus reiner Ueberzeugung, noch einmal nachzudenken; lesen Sie zum Beispiel …«

»Bitte, lassen Sie mich mich selbst um meine Angelegenheiten kümmern und sorgen Sie sich nicht darum, was ich lesen muß,« rief Nechludoff, ebenfalls blaß werdend. Er fühlte, daß seine Hände kalt wurden und er nicht mehr Herr seiner selbst war. Er schwieg und begann, seine Tasse Thee zu trinken. »Aber wo sind denn deine Kinder?« fragte Nechludoff seine Schwester, nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte.

Natalie versetzte, die Kinder wären bei ihrer Großmutter geblieben, und hocherfreut, daß der Streit Nechludoffs mit ihrem Manne zu Ende war, begann sie zu erzählen, wie ihre Kinder auf der Reise ganz so mit ihren Puppen spielten, wie Nechludoff in seiner Kindheit mit seinem Neger und der großen Puppe gespielt, die er die »Französin« nannte.

»Du erinnerst dich noch daran?« sagte Nechludoff lächelnd.

»Ja, und denke dir, sie spielen ganz ebenso!«

Der peinliche Eindruck war verschwunden. Beruhigt lenkte Natalie, die vor ihrem Manne nicht von Dingen sprechen wollte, die nur sie und ihr Bruder allein verstanden, die Unterhaltung auf das große Ereignis von St. Petersburg, das Duell, in welchem der junge Kamensky getötet worden war.

Ignaz Nikophorowitsch mißbilligte das Vorurteil, das das Duell nicht als gewöhnlichen Mord betrachtete, auf das lebhafteste. Diese Mißbilligung genügte, um Nechludoff von neuem zu empören, und der Streit begann wieder auf diesem andern Gebiet. Ignaz Nikophorowitsch fühlte, daß Nechludoff ihn verachtete und wollte ihm die Ungerechtigkeit dieser Verachtung beweisen, Nechludoff seinerseits war empört, daß sein Schwager sich in seine Angelegenheiten mischte, wobei er übrigens im Grunde seines Herzens anerkannte, daß er als naher Verwandter das Recht dazu hatte. Vor allem aber empörte ihn die Sicherheit und Selbstgefälligkeit, mit der sein Schwager Grundsätze als vernünftig hinstellte, die ihm, Nechludoff, jetzt als höchst albern erschienen.

»Was sollte man denn aber sonst thun?« fragte er.

»Man sollte den Gegner Kamenskys wie einen gewöhnlichen Mörder zur Zwangsarbeit verurteilen.«

»Und was für einen Vorteil hätten Sie darin gefunden?«

»Das wäre gerecht gewesen!«

»Als wenn die gerichtliche Organisation von heut‘ mit der Justiz etwas zu thun hätte!« sagte Nechludoff.

»Und welchen andern Zweck hat sie Ihrer Meinung nach?«

»Sie hat den einzigen Zweck, einen einer gewissen sozialen Klasse günstigen Zustand aufrecht zu erhalten.«

»Das ist mir neu!« versetzte Ignaz Nikophorowitsch lächelnd. »Das ist nicht die Rolle, die man der Justiz gewöhnlich zuschreibt!«

»In der Theorie, nein; doch in der Praxis ist es so; davon habe ich mich selbst überzeugen können. Unsere Gerichte dienen nur dazu, die Gesellschaft in ihrem heutigen Zustande zu erhalten; und daher kommt es, daß sie alle diejenigen verfolgen und bestrafen, die unter dem gewöhnlichen Niveau und ebenso die, die darüber stehen und die Gesellschaft zu ihrem Niveau zu erheben versuchen.«

»Ich kann Ihre Behauptung nicht dulden, daß die Richter Menschen verurteilen, die über dem gewöhnlichen Niveau stehen. Die Menschen, die wir verurteilen, sind meistens der Abschaum der Gesellschaft!«

»Und ich kenne Sträflinge, die unendlich höher stehen, als ihre Richter!«

Doch Ignaz Nikophorowitsch, der nicht gewöhnt war, sich das Wort abschneiden zu lassen, sprach weiter, ohne auf Nechludoff zu hören, was diesen im höchsten Grade empörte.

»Und ich kann auch,« fuhr er fort, »Ihre Behauptung nicht dulden, die Gerichte hätten den Zweck, den gegenwärtigen Zustand aufrecht zu erhalten. Die Gerichte haben einen doppelten Zweck: erstens zu verbessern…«

»Eine hübsche Besserung, die sich aus dem Gefängnissystem ergiebt,« rief Nechludoff.

»Zweitens: diese verrohten und vertierten Wesen, die eine Drohung für das sociale Leben bilden, unschädlich zu machen.«

»Und ich sage Ihnen, die Gerichte erfüllen weder das eine noch das andere! Von vernünftigen Strafen giebt es nur zwei, die beiden einzigen, die man früher gebrauchte: die Peitsche und der Tod!«

»Nun, diese Behauptung hätte ich von Ihnen wahrhaftig nicht erwartet!«

»Aber gewiß! Einen Menschen leiden zu lassen, um ihn an der Wiederholung einer Handlung zu hindern, die ihm Schmerz bereitet hat, das ist vernünftig; und einem Menschen, der für den andern Menschen gefährlich ist, den Kopf abzuschneiden, das hat auch einen Sinn. Doch welchen hat es, sich eines von der Faulheit und dem schlechten Beispiel bereits verdorbenen Menschen zu bemächtigen, um ihn in ein Gefängnis einzuschließen, in welchem die Faulheit für ihn zu einer Verpflichtung wird, und wo ihn die schlechten Beispiele auf allen Seiten umgeben? Oder welchen Sinn hat es, ihn auf Staatskosten – man hat mir gesagt, das koste nicht weniger als fünfhundert Rubel pro Mann – von dem Gouvernement Tula in das von Irkutsk oder Karsk zu befördern …«

»Aber die Leute fürchten doch diese Reisen auf Staatskosten, und ohne diese Reisen und die Gefängnisse würden wir nicht so ruhig hier sitzen, wie wir es heut‘ thun!«

»Trotzdem dürfen Sie mit Ihren Gefängnissen nicht den Anspruch erheben, Sie beschützten die Gesellschaft, denn die Menschen, die Sie ins Gefängnis sperren, kommen früher oder später wieder heraus, und das System, dem Sie sie unterwerfen, hat nur den Zweck, sie noch gefährlicher zu machen.«

»Sie wollen sagen, unser Strafsystem bedürfe der Vervollkommnung?«

»Aber durchaus nicht! Das wäre unnütze Mühe. Mit der Vervollkommnung der Gefängnisse würde man noch mehr Geld verlieren, als man heut‘ mit der Verbreitung des öffentlichen Unterrichts verliert, und auch das müßten wieder die armen Leute bezahlen.«

»Ja, was soll man denn aber thun? Alle Welt umbringen? Oder wie es kürzlich ein bedeutender Staatsmann vorgeschlagen hat, den Verbrechern die Augen ausstechen?« fragte Ignaz Nikophorowitsch mit erzwungenem Lächeln.

»Das wäre grausam, aber es hätte wenigstens einen Sinn! während das, was man jetzt thut, auch grausam ist, aber keinen Sinn hat.«

»Aber ich gehöre ja selbst diesen Gerichten an, von denen Sie so sprechen,« sagte Ignaz Nikophorowitsch erblassend.

»Das ist Ihre Sache! Ich beschränke mich darauf, das zu erwähnen, was ich nicht verstehe.«

»Es giebt viele Dinge, die Sie nicht verstehen,« rief Ignaz Nikophorowitsch mit zitternder Stimme.

»Ich habe im Schwurgerichtshof gesehen, wie ein Staatsanwalt einen unglücklichen Burschen verurteilen ließ, der bei jedem nur einigermaßen anständigen Manne nichts als Mitleid hervorgerufen hätte.«

»Ich würde den Beruf, den ich ausübe, gewiß nicht ausüben, wäre ich von seiner Gesetzlichkeit nicht überzeugt,« sagte Ignaz Nikophorowitsch und erhob sich.

Nechludoff glaubte unter dem Lorgnon seines Schwagers etwas leuchten zu sehen und dachte: »Mein Gott, ich hoffe, es sind keine Thränen.« Es waren aber thatsächlich Thränen, Thränen des Aergers und der Demütigung. Ignaz Nikophorowitsch näherte sich dem Fenster, zog sein Taschentuch heraus, trocknete sein Lorgnon ab und wischte sich gleichzeitig die Augen. Dann setzte er sich auf den Divan, steckte sich eine Cigarre an und sagte nichts mehr.

Nechludoff fühlte sich bei dem Gedanken, seinen Schwager und seine Schwester derartig verletzt zu haben, gleichzeitig tieftraurig und beschämt, um so mehr, da er am nächsten Tage abreiste und wohl wußte, er würde sie wiederzusehen keine Gelegenheit mehr haben. Nach einigen alltäglichen Worten nahm er von ihnen Abschied und kehrte nach Hause zurück.

»Was ich ihm gesagt, ist vielleicht wahr,« sagte er sich. Doch auf jeden Fall hätte ich nicht so zu ihm sprechen sollen. Die Veränderung, die in mir vorgegangen, ist wirklich noch nicht sehr tief gedrungen, daß ich mich so habe aufregen lassen, Ignaz Nikophorowitsch so tief demütigen und meiner armen Natascha so wehe habe thun können!«

Fünftes Kapitel

Als sie aus dem Senat kamen, gingen Nechludoff und der Advokat zusammen das Trottoir entlang. Der Advokat erzählte Nechludoff die Geschichte des hohen Beamten, von dem sich die Senatoren unterhalten hatten; er sagte ihm, wie dieser hohe Beamte, anstatt, wie er das nach dem Gesetzbuch mußte, ins Zuchthaus geschickt zu werden, an die Spitze eines Gouvernements gestellt worden war. Als sie dann an einem Platze vorüberkamen, erklärte er Nechludoff, es wäre eine Subskription eröffnet worden, um auf diesem Platze ein Denkmal zu errichten, doch dieses Denkmal wäre immer noch nicht da, und die bedeutenden Persönlichkeiten, die das Comité bildeten, hätten das gesammelte Geld in ihre Taschen gesteckt. Anläßlich einer dieser Personen fügte er hinzu, seine Geliebte hätte Millionen auf den Rennplätzen verloren. Ein anderer hatte nach den Behauptungen des Advokaten seine Frau für eine hohe Summe verkauft; und unzählig wären die von den und jenen begangenen Betrügereien, die, anstatt im Gefängnis zu sitzen, noch immer höchst angesehene Stellungen inne hatten. Diese Erzählungen – die Quelle war offenbar unerschöpflich – schienen dem Advokaten eine persönliche Befriedigung zu gewähren; sie ließen ihn in der That glauben – und verbreiteten auch bei andern diese Meinung – die von ihm angewendeten Mittel zum Geldverdienen wären durchaus gesetzlich und unschuldig, im Vergleich zu den Mitteln, die die höchsten Vertreter der Aristokratie und der öffentlichen Macht anwandten. Daher war er höchst überrascht, als er sah, wie Nechludoff, ohne das Ende einer seiner Anekdoten abzuwarten, von ihm Abschied nahm und in einen Fiaker sprang, um zu seiner Tante zurückzukehren.

Nechludoff war tieftraurig. Seine Traurigkeit kam vor allem daher, daß die Entscheidung des Senats die ungeheuerliche Strafe der Maslow bestätigt hatte. Deshalb dachte er auch traurigen Sinnes daran, daß diese Senatsentscheidung die Verwirklichung seines Planes, sein Schicksal mit dem der Maslow zu verbinden, noch erschweren würde. Diese Geschichten, die der Advokat mit so großem Behagen erzählt, versetzten ihn vollends in Verzweiflung, denn sie zeigten ihm überall den Triumph des Bösen, ganz abgesehen, davon, daß er stets den kalten und übelwollenden Blick Selenins wiedersah, des Mannes, der früher so gut, so liebevoll und offen gewesen.

Als er zu seiner Tante kam, übergab ihm der Portier mit einer gewissen Verachtung einen Brief, den »ein Weib«, wie der Portier sagte, für ihn gebracht. Dieser Brief war von der Mutter der Tschustoff. Sie dankte dem »Wohlthäter«, dem »Retter« ihrer Tochter in gerührten Ausdrücken und bat ihn, Petersburg nicht zu verlassen, ohne sie zu besuchen. Es wäre im Interesse Wera Bogoduschoffskas, fügte sie hinzu.

Nach allen in Petersburg erlittenen Enttäuschungen fühlte sich Nechludoff äußerst mutlos; die Pläne, die er vor wenigen Tagen entworfen, erschienen ihm ebenso undurchführbar, als die Jugendträume, denen er sich früher überlassen. Als er in sein Zimmer trat, zog er ein Papier aus seiner Brieftasche und wollte sich eine Liste aufstellen, was ihm noch vor seiner Abreise zu thun übrig bliebe, als ein Diener ihm sagte, die Gräfin bäte ihn, in den Salon herunterzukommen und den Thee mit ihr zu nehmen.

Nechludoff steckte seine Papiere wieder in die Brieftasche und ging in den Salon hinunter. Auf dem Wege bemerkte er durch das Treppenfenster den Landauer Mariettes, der vor dem Hause hielt; und plötzlich hatte er die Empfindung, sein Herz freue sich. Es erfaßte ihn der Wunsch, jung zu sein und zu lächeln.

Mariette, die diesmal einen hellen Hut und ein helles Kleid trug, saß auf einem Stuhl neben dem Sessel der Gräfin, eine Tasse Thee in der Hand und sprach mit halblauter Stimme, während ihre lachenden Augen förmlich leuchteten. Als Nechludoff in den Salon trat, hatte sie eben etwas so Komisches – und zwar unpassend Komisches – Nechludoff erkannte das an der Art ihres Lachens – gesagt, daß die treffliche Gräfin Katharina Iwanowna von einer tollen Freude ergriffen wurde, die ihren dicken Körper von den Füßen bis zum Kopfe schüttelte, während Marietta sie mit einem reizend pfiffigen Ausdruck betrachtete, indem sie ihr entzückendes, energisches und leichtfertiges Gesicht ein wenig zur Seite neigte.

»Ich muß noch vor Lachen sterben!« rief die alte Gräfin.

Nechludoff begrüßte sie und setzte sich neben sie, und sogleich änderte Mariette, die den ernsthaften Ausdruck seiner Züge bemerkt hatte und ihm gefallen wollte – was sie ohne recht zu wissen warum, von dem ersten Augenblick an wollte, da sie ihn wiedergesehen – nicht nur ihren äußeren Ausdruck gänzlich, sondern auch ihre innere Stimmung. Sie wurde sofort ernst, schwermütig, mit sich unzufrieden, bekam düstere Ahnungen, und zwar alles ganz aufrichtig, ohne die geringste Heuchelei und ohne die geringste Anstrengung. Unwillkürlich versetzte sie sich, um Nechludoff zu gefallen, in eine ähnliche Stimmung, wie sie sie in diesem Augenblicke bei Nechludoff voraussetzte.

Sie fragte ihn nach dem Erfolge seiner Bemühungen. Er sagte ihr, wie seine Absichten beim Senat gescheitert waren und erwähnte bei dieser Gelegenheit seine Begegnung mit Selenin.

»Ach, welch eine Seele! Das ist wirklich ein Ritter ohne Furcht und Tadel! welch eine Seele!« riefen die beiden Damen und gebrauchten ein Epitheton, das man augenscheinlich auf den jungen Staatsanwalt anzuwenden pflegte.

»Er ist verheiratet; wie ist denn seine Frau?« fragte Nechludoff.

»Seine Frau? … O, sie ist … doch wir wollen niemand verdammen. Leider versteht sie ihren Mann nicht. Und er war auch für die Verwerfung der Berufung?« fuhr Mariette mit aufrichtigem Mitleid fort. »Aber, das ist ja entsetzlich! Wie ich diese Unglückliche beklage!«

Dabei stieß sie aus tiefstem Herzensgründe einen Seufzer aus.

Nechludoff wechselte, von ihrem Kummer bewegt, den Gesprächsstoff. Er erzählte Mariette von der Tschustoff, die durch seine Vermittelung, die Festung endlich verlassen hatte. Nachdem er ihr für ihre Verwendung gedankt, wollte er ihr sagen, wie entsetzlich der Gedanke sei, daß dieses junge Mädchen und ihre ganze Familie so lange gelitten, nur weil niemand für sie die Stimme erhoben, doch Mariette ließ ihn nicht fortfahren, sondern drückte selbst in ähnlichen Ausdrücken wie er ihre tiefe Entrüstung aus.

Die Gräfin Katharina Iwanowna sah sofort, daß Mariette mit ihrem Neffen kokettierte, was ihr übrigens großen Spaß machte.

»Weißt du was?« sagte sie zu Nechludoff. »Komm‘ morgen abend mit uns zu Aline. Kiesewetter wird dort sein. Und du, komm nur auch,« fügte sie, zu Mariette gewendet, hinzu.

»Denke dir, Kiesewetter hat dich bemerkt,« fuhr sie, sich wieder zu Nechludoff wendend, fort. »Er hat mir gesagt, alle Ideen, die du mir auseinandergesetzt und die ich ihm mitgeteilt, wären in seinen Augen ein vortreffliches Zeichen, und du würdest sicherlich bald zu Christus kommen. Ich rechne auf dich für morgen abend! Mariette, sag‘ ihm, daß du auch kommen wirst und auf ihn rechnest!«

»Erstens, teure Gräfin, habe ich kein Recht, Dimitri Iwanowitsch Ratschläge zu geben,« versetzte Mariette, indem sie Nechludoff einen Blick zuwarf, der besagte, sie wäre mit ihm hinsichtlich der evangelischen Manie der guten alten Dame vollkommen einer Meinung … »Und dann, wissen Sie auch, liebe ich es nicht besonders …«

»Ja, ich weiß, du bist stets anders als die andern und denkst über alles in deiner eignen Weise …«

»Wie? in meiner eignen Weise? Aber ich habe ja den einfachsten und alltäglichsten Glauben, den Glauben der unwissendsten Bäuerin!« sagte sie lächelnd. »Vor allem aber muß ich morgen ins französische Theater gehen!«

»Ah! – kennst du übrigens die berühmte … wie heißt sie doch? …« fragte die Gräfin Nechludoff.

Mariette flüsterte ihr den Namen einer berühmten französischen Schauspielerin zu.

»Die mußt du auf alle Fälle sehen, Sie ist erstaunlich!«

»Was soll ich Ihrer Meinung zuerst sehen: die Schauspielerin oder den Propheten?« fragte Nechludoff lächelnd.

»Du bist boshaft, daß du meine Worte so auslegst!«

»Ich glaube, es ist besser, ich sehe zuerst den Propheten und dann die Schauspielerin, sonst könnte ich am Ende jedes Vertrauen auf die Prophezeiungen verlieren,« sagte Nechludoff.

»Lacht, spottet nur! Ihr werdet mir meine Ansicht nicht rauben. Kiesewetter ist eins, und das Theater ist etwas anderes. Man braucht nicht, um für sein Seelenheil zu sorgen, fortwährend düstre Gesichter zu schneiden und zu weinen. Den Glauben besitzen, das genügt; dann findet man am Leben nur noch mehr Gefallen.«

»Aber Tante, wissen Sie, daß Sie besser prophezeien, als der beste Prophet?«

»Und Sie?« fragte Mariette, »wissen Sie, was Sie thun sollten. Sie sollten mich heute abend in meiner Loge besuchen.«

»Ich fürchte, ich werde dazu keine Zeit haben.«

Die Unterhaltung wurde durch den Eintritt des Kammerdieners unterbrochen, der der Gräfin den Besuch des Sekretärs einer wohlthätigen Stiftung meldete, deren Präsidentin sie war.

»O, das ist der langweiligste Mensch von der Welt, ich werde ihn einen Augenblick im kleinen Salon empfangen und komme dann gleich wieder zu euch. Du, Mariette, gieß inzwischen Thee ein.« Darauf verließ die Gräfin mit ihrem männlichen Schritte den Salon. Mariette zog einen ihrer Handschuhe aus und zeigte eine ziemlich schmale, aber vollständig mit Ringen überladene Hand.

»Darf ich Ihnen einschenken?« fragte sie Nechludoff und legte ihre Hand auf die Theekanne.

Dabei hatte ihr Gesicht einen noch ernsteren und traurigeren Ausdruck angenommen.

»Ich will Ihnen ein Geständnis machen,« sagte sie. »Nichts ist mir peinlicher, als der Gedanke, daß Personen, an deren Achtung mir gelegen ist, mich mit der Stellung verwechseln, in der zu leben ich gezwungen bin.«

Es hätte wenig gefehlt, so hätte sie bei diesen Worten zu weinen angefangen, und obwohl ihre Worte, wenn man sie genau betrachtete, nur eine oberflächliche Bedeutung hatten, so erschienen sie Nechludoff doch tief aufrichtig und gütig, eine so große Macht hatte über ihn der Blick, der die Worte der hübschen, frischen und eleganten Frau begleitete.

Ohne ihr zu antworten, sah Nechludoff sie an und konnte seine Augen nicht von ihrem Gesichte abwenden.

»Sie glauben vielleicht, ich verstehe Sie nicht, und wüßte nicht, was in Ihnen vorgeht. Ja, natürlich weiß ich, was Ihnen passiert ist, jeder weiß es hier. Doch niemand versteht Sie; nur ich verstehe, billige und bewundere Sie.«

»Es ist wirklich kein Grund, mich zu bewundern; noch habe ich nichts gethan.«

»Gleichviel, ich verstehe Ihre Gefühle, und die dieser Person. … Es ist gut, es ist gut, ich werde nicht mehr davon sprechen …« unterbrach sie sich, denn sie glaubte in Nechludoffs Zügen eine leise Unzufriedenheit zu bemerken. »Und ich begreife auch,« fuhr sie fort, indem sie sich nur mit dem Gedanken beschäftigte, sich das Herz des jungen Mannes zu erobern, »daß Sie, als Sie den ganzen Greuel und alle Leiden des Gefängnislebens erkannt, das Verlangen empfunden haben, diesen Unglücklichen zu Hilfe zu kommen, diesen Opfern der Selbstsucht und des Egoismus der Menschen … Ich begreife, daß Sie den Plan gefaßt, Ihr Leben für diese Unglücklichen hinzugeben. Auch ich hätte gern das meinige geopfert, doch jedem ist sein Schicksal bestimmt.«

»Sind Sie denn mit Ihrem Schicksal nicht zufrieden?«

»Ich?« rief sie, gleichsam verblüfft, wie man überhaupt solch eine Frage stellen konnte. »Ja, ich habe die Pflicht, damit zufrieden zu sein, und bin es auch. Doch stets lebt in mir ein nagender Wurm, und ich muß Anstrengungen machen, um ihn mit Erde zuzuschütten.«

»Sie dürfen ihn nicht zuschütten, Sie müssen auf diese Stimme hören, die in Ihnen spricht,« sagte Nechludoff, vollständig unterjocht.

Häufig erinnerte sich Nechludoff in der folgenden Zeit mit tiefer Scham dieser ganzen Unterredung; häufig litt er darunter, wenn er die Miene ehrfurchtsvoller Aufmerksamkeit wieder vor sich sah, mit der Mariette ihm zugehört, als er ihr dann seine Besuche im Gefängnis und seine Eindrücke im Verkehr mit den Bauern erzählt hatte.

Als die Gräfin in den Salon zurückkehrte, unterhielten sich Mariette und Nechludoff wie intime Freunde, die nur sich inmitten einer fremden und feindseligen Menge verstehen. Sie unterhielten sich von der Ungerechtigkeit der Machthaber, von den Leiden der Schwachen und dem Elend des Volkes; doch in Wirklichkeit unterhielten sich ihre Augen trotz des Gemurmels der Worte von einem ganz anderen Gegenstand. »Wirst du mich lieben können?« fragten Mariettes Augen. »Ich werde es können,« erwiderten die Augen des jungen Mannes, und trotz der edlen Gedanken, die ihre Lippen aussprachen, zog sie der physische Wunsch zu einander.

Bevor sie ging, sagte Mariette noch zu Nechludoff, wie sehr sie sich freuen würde, ihm bei seinen Plänen zu dienen, und bat ihn, sie auf jeden Fall am nächsten Abend in ihrer Loge im Theater aufzusuchen, indem sie ihm versicherte, sie hätte in »einer höchst wichtigen Angelegenheit« mit ihm zu sprechen.

»Wer weiß, wann wir uns dann wiedersehen,« sagte sie seufzend, und richtete ihre Blicke auf ihre mit Ringen bedeckte Hand. »Es ist also abgemacht, Sie kommen, nicht wahr?«

Nechludoff versprach zu kommen.

In dieser Nacht blieb Nechludoff sehr lange in seinem Bett liegen, ohne einschlafen zu können. Jedesmal, wenn er sich an die Maslow, die Verwerfung ihrer Berufung, seinen Plan, ihr überallhin zu folgen, und die Art, wie er auf seine Güter verzichtet hatte, erinnerte, sah er, wie sich gleichsam wie eine Antwort auf diese Gedanken, die feine und reizende Gestalt Mariettes vor ihm aufrichtete, und er hörte, wie sie seufzend zu ihm sagte: »Gott weiß, wann wir uns wiedersehen werden!« Und wieder sah er ihr Lächeln; er sah es so deutlich und lebhaft, daß er selbst in der Nacht zu lächeln anfing. Unwillkürlich fragte er sich, ob er ein Recht gehabt, die Verpflichtung einzugehen, nach Sibirien zu reisen und sich seines ganzen Vermögens zu berauben.

Er fragte sich das, und die Antworten, die ihm in dieser klaren Petersburger Nacht in den Sinn kamen, waren merkwürdig unbestimmt und verworren. Alles ging in seinem Kopfe drunter und drüber. Er beschwor seine alten Gefühle herauf und ließ seine alten Gedanken wieder auferstehen; doch diese Gedanken und Gefühle hatten ihre frühere Macht über ihn verloren. »Ich habe mir da wieder Träume zusammengebaut, mit denen ich nicht leben kann,« dachte er, und da er sich von Fragen bedrängt fühlte, auf die zu antworten er nicht im stande war, so empfand er eine tiefe Traurigkeit und Mutlosigkeit, wie er sie seit langer Zeit nicht mehr gekannt. Als er gegen Morgen endlich einschlafen konnte, verfiel er in jenen dumpfen, schweren Schlummer, wie früher, wenn er die Nächte beim Kartenspiel zugebracht.

Das erste Gefühl Nechludoffs, als er am nächsten Morgen erwachte, war die unklare Empfindung, am vorigen Tage eine häßliche Handlung begangen zu haben. Er sammelte seine Erinnerungen, eine häßliche Handlung hatte er nicht begangen, aber häßliche Gedanken hatte er gehabt, was in seinen Augen noch schlimmer war. Entsetzt fragte sich Nechludoff, wie er bloß, wenn auch nur auf einige Minuten, solchen Gedanken sein Ohr hätte leihen können. So neu und schwierig sein Entschluß ihm auch war, er wußte doch, das Leben, das sich für ihn daraus ergeben würde, wäre das einzig mögliche für ihn. Und so leicht es auch für ihn gewesen wäre, zu seinem alten Leben zurückzukehren, er wußte doch, das wäre für ihn mit dem Ende des Lebens gleichbedeutend gewesen. Sein Zögern vom vorigen Tage machte auf ihn nur den Eindruck, wie die letzten faulen Bewegungen des erwachenden Menschen, der sich noch in seinem Bette reckt und wieder unter die Decken kriecht, während er doch weiß, daß der Augenblick gekommen ist, da er sich zu einer guten und wichtigen Angelegenheit erheben muß.

Schnell stand er auf und begab sich nach der Straße, in der die Mutter der Tschustoff wohnte.

Die Wohnung der Tschustoffs befand sich im zweiten Stock. Nach den Angaben des Portiers schritt Nechludoff durch dunkle Gänge, kletterte eine düstre und anstrengende Treppe hinauf und trat in eine zu stark geheizte Küche, die ein unerträglicher Geruch von schlechtem Fett erfüllte. Eine alte Frau stand mit aufgekrempten Aermeln, eine Schürze umgebunden und eine Brille auf der Nase, am Herde und mischte etwas in eine Kasserole.

»Was wünschen Sie?« fragte sie mit mißtrauischer Stimme, über ihre Brille blickend.

Noch Nechludoff hatte kaum seinen Namen genannt, als das Gesicht der alten Frau bereits den Ausdruck etwas schüchternen Vergnügens angenommen hatte.

»Ach, Fürst!« rief sie, die Hände an der Schürze abtrocknend, »wie gütig von Ihnen, daß Sie diese dunkle Treppe hinaufgestiegen sind! Sie, unser Wohlthäter! Ich bin ihre Mutter, Sie sind unser Retter,« fuhr sie fort, indem sie sich bemühte, Nechludoffs Hand, die sie in der ihrigen hielt, an ihre Lippen zu drücken. »Ich habe mir erlaubt, Sie gestern aufzusuchen. Meine Schwester hatte darauf bestanden, ich solle es thun. Meine Tochter ist hier, hier entlang, bitte, folgen Sie mir.«

Sie führte Nechludoff durch eine enge Thür in einen kleinen, schlecht erleuchteten Gang und versuchte dabei fortwährend, ihre Haare aufzustecken oder ihre nachlässige Kleidung in Ordnung zu bringen.

»Meine Schwester, die Kornilowa …« sagte sie, »Sie haben jedenfalls von ihr gehört, sie war in eine Geschichte verwickelt … eine sehr intelligente Person.« Mit diesen Worten öffnete sie eine Thür, die auf den Gang führte und ließ Nechludoff in ein kleines Zimmer treten, in welchem ein untersetztes junges Mädchen in einer gestreiften Kattunbluse, mit blonden, leichtgewellten Haaren, die ein rundes, äußerst blasses Gesicht umgaben, auf einem Divan saß. Ihr gegenüber saß ein junger Mann mit kleinem Schnurrbart, der eine russische Bluse mit gesticktem Kragen trug. Der junge Mann, der zusammengekauert auf seinem Stuhle dasaß, sprach so eifrig, daß zuerst weder er, noch das junge Mädchen den Eintritt Nechludoffs bemerkten.

»Lydia, der Fürst Nechludoff hat geruht …«

Das blasse junge Mädchen überflog ein nervöses Zittern. Mit mechanischer Bewegung warf sie eine Locke hinter das Ohr zurück und richtete schüchtern ihre grauen Augen auf den Fremden.

»Endlich sind Sie frei,« sagte Nechludoff und reichte ihr lächelnd die Hand.

»Ja, endlich,« versetzte das junge Mädchen, während ihr Mund sich zu einem gutmütigen Kindeslächeln öffnete, und sie eine Reihe weißer Zähne zeigte. »Meine Tante hat Sie zu sprechen gewünscht. Tantchen!« rief sie, sich einer Thür zuwendend.

»Wera Efremowna hat sich über Ihre Verhaftung viele Sorgen gemacht,« sagte Nechludoff.

»Setzen Sie sich lieber hierher,« sagte Lydia und deutete mit dem Finger auf den Rohrstuhl, von dem der junge Mann aufgestanden war. »Mein Bruder,« fügte sie als Antwort auf den Blick, den Nechludoff auf ihren Gefährten warf, hinzu. Dieser schüttelte dem Fremden mit demselben gutmütigen Lächeln, das das Gesicht seiner Schwester verklärt hatte, die Hand und setzte sich dann ans Fenster, wo sich ein Gymnasiast von 15 oder 16 Jahren zu ihm gesellte.

»Wera Efremowna ist mit meiner Tante sehr befreundet, doch ich kenne sie fast gar nicht,« sagte das junge Mädchen.

In diesem Augenblicke kam eine Frau von 40 Jahren mit angenehmen und intelligenten Gesichtszügen aus dem Nebenzimmer. »Wie gütig, daß Sie gekommen sind,« rief sie und setzte sich neben ihrer Nichte auf den Divan, »Nun, und Werotschka? haben Sie sie gesehen, wie erträgt sie ihre Lage?«

»Sie beklagt sich nicht,« versetzte Nechludoff.

»Daran erkenne ich sie; welch große Seele! alles für die andern und nichts für sich!«

»Sie hat allerdings für sich um nichts gebeten und sich nur mit Ihrer Nichte beschäftigt. Sie hat mir gesagt, sie wäre vor allem über diese ungeheure Verhaftung betrübt.«

»In der That, eine ungeheuerliche Ungerechtigkeit, die Unglückliche hat für mich gelitten.«

»Aber nicht doch, Tantchen,« rief Lydia, »ich hätte diese Papiere ohne Sie genommen.«

»Gestatte! Das weiß ich besser als du,« fuhr die Tante fort, »Sehen Sie,« sagte sie zu Nechludoff, »das alles kam daher, daß jemand mich bat, seine Papiere an mich zu nehmen und ich dieselben, weil ich keine eigene Wohnung habe, meiner Nichte ließ. In derselben Nacht kam die Polizei hin, hat die Papiere konfisziert und sie verhaftet. Und man hat sie bis jetzt dabehalten, weil sie nicht sagen wollte, von wem sie diese Papiere hatte.«

»Und ich habe es auch nicht gesagt,« erklärte Lydia eifrig.

»Das sage ich ja auch nicht,« versetzte die Tante.

»Wenn man Mitin verhaftet hat, so geschah das nicht meinetwegen,« fuhr Lydia errötend fort, indem sie einen unruhigen Blick auf ihre Umgebung warf.

»Aber du brauchst uns das ja gar nicht zu sagen, Lydotschka,« meinte die Mutter.

»Warum nicht? Ich werde im Gegenteil davon sprechen,« erklärte Lydia. Sie lächelte nicht mehr, war ganz rot und wickelte ihre Haare um ihren Finger, indem sie weiter unruhige Blicke nach den verschiedenen Seiten warf.

»Ich habe es nicht gesagt,« fuhr sie fort, »und mich darauf beschränkt, zu schweigen. Als sie mich nach meiner Tante und Mitin fragten, habe ich nicht geantwortet, und auch erklärt, ich würde nichts antworten. Da hat dieser Kiriloff …«

»Kiriloff ist ein Gensdarm,« sagte die Tante, sich zu Nechludoff wendend.

»Da fing dieser Kiriloff an, mich auszuschelten,« fuhr Lydia seufzend und aufgeregt fort. »Jeder ist überzeugt, Sie werden sprechen,« sagte er zu mir, »und das kann niemandem schaden, im Gegenteil. Wenn Sie sprechen, werden Sie Unschuldige befreien, die sonst Gefahr laufen, ungerecht zu leiden.« »Aber trotzdem habe ich nichts gesagt, und nun meinte er: »Nun gut, sagen Sie nichts, aber leugnen Sie wenigstens nicht, was ich sagen werde.« Dann fing er an, Namen zu nennen, und nannte auch den Namen Mitin. Und denken Sie, am nächsten Tage erfahre ich, daß Mitin verhaftet ist. Also ich habe ihn ans Messer geliefert, sagte ich mir, und dieser Gedanke quälte mich derart, daß ich geglaubt habe, ich müßte wahnsinnig werden.«

»Aber es ist doch bewiesen, daß du nichts mit seiner Verhaftung zu thun hast,« sagte die Tante.

»Ja, aber ich wußte es nicht und dachte immer dabei: Ich habe ihn ans Messer geliefert. Ich ging in der Zelle hin und her und dachte: Ich habe ihn ans Messer geliefert, ich habe ihn ans Messer geliefert. Ich legte mich nieder, deckte mir den Kopf zu, und eine Stimme schrie mir ins Ohr: Du hast ihn ausgeliefert, du hast Mitin ausgeliefert! Es war entsetzlich,« rief Lydia, die immer lebhafter wurde und dabei eine Locke ihrer blonden Haare um ihren Finger hin und her wickelte.

»Lydotschka, beruhige dich,« wiederholte die Mutter und tippte ihr auf den Arm.

Doch Lydotschka konnte sich nicht beruhigen.

»Und das Gräßlichste dabei ist,« fuhr sie fort; dann stieß sie, ohne ihren Satz zu vollenden, einen Seufzer aus, stand von dem Divan auf und entfloh aus dem Zimmer, während ihre Mutter ihr folgte.

»Für die jungen Leute ist diese Einsperrung in die Zellen etwas Entsetzliches,« sagte die Tante, während sie sich eine Cigarette ansteckte.

»Nun, ich denke mir, das ist sie doch für jeden,« entgegnete Nechludoff.

»Nicht für jeden. Für die richtigen Revolutionäre – das haben mir viele gesagt – ist es im Gegenteil ein Ausruhen, eine Sicherheit. Die Unglücklichen leben in der Angst, in Entbehrung, in Furcht; sie fürchten gleichzeitig für sich, für die andern, und für ihr Werk. Dann verhaftet man sie eines schönen Tages, alles ist aus, jede Verantwortlichkeit hört auf, sie können sich ausstrecken und ausruhen. Ich kenne welche, die bei ihrer Verhaftung eine aufrichtige Freude empfunden haben. Doch für die Jungen, wie Lydotschka, ist die erste Erschütterung schrecklich. Was folgt, ist im Vergleich dazu gar nichts. Die Beraubung der Freiheit, die schlechte Behandlung, der Mangel an Luft und Nahrung, das alles hätte keine Bedeutung und ließe sich leicht ertragen, wäre nicht diese moralische Erschütterung, die man stets empfindet, wenn man zum erstenmale eingekerkert wird.«

Lydias Mutter, die jetzt zu Nechludoff zurückkehrte, teilte ihm mit, ihre Tochter wäre leidend und hätte sich ins Bett legen müssen.

»Ohne jede Ursache haben sie dieses junge Leben zu Grunde gerichtet,« sagte die Tante, »und ich leide noch mehr bei dem Gedanken, daß ich unwillkürlich die Ursache dieses schrecklichen Unglücks gewesen bin.«

»Aber nicht doch, noch ist nichts verloren, die Landluft wird sie wieder herstellen.«

»Ohne Sie wäre sie auf jeden Fall umgekommen,« fuhr die Tante, sich zu Nechludoff wendend, fort. »Doch ich vergesse ganz, Ihnen zu sagen, weshalb ich Sie eigentlich habe sprechen wollen. Ich wollte Sie bitten, Wera Efremowna diesen Brief zu übergeben. Das Kouvert ist nicht geschlossen. Sie können ihn lesen und zerreißen, wenn Ihre Ansicht mit dem Inhalt nicht übereinstimmt; doch ich habe darin nichts Kompromittierendes geschrieben.«

Nechludoff nahm den Brief, sagte den beiden Damen Adieu und verließ das Zimmer. Auf der Straße schloß er, bevor er den Brief in seine Brieftasche legte, das Kouvert, denn er war fest entschlossen, den Auftrag auszuführen, mit dem ihn die Tante der Lydia Tschustoff betraut hatte.

Nechludoff hätte Petersburg gern an diesem Abend verlassen, doch er hatte Mariette versprochen, sie im Theater aufzusuchen, und obwohl er sich darüber vollständig klar war, daß es seine Pflicht gewesen wäre, nicht hinzugehen, so beschloß er, es doch zu thun, indem er sich selbst belog, das heißt, indem er sich sagte, es wäre seine Pflicht, das gegebene Versprechen zu halten. Er sagte sich ferner, er hätte hier zum letztenmale Gelegenheit, jene Welt wiederzusehen, die einst die seine gewesen und ihm von jetzt ab fremd sein sollte. »Zum letztenmale will ich ihren Verführungen trotzen, ihr zum letztenmale ins Gesicht sehen,« dachte er und fühlte dabei doch, daß dieser Gedanke nicht so ganz aufrichtig war.

Sofort nach dem Diner erhob er sich von der Tafel, zog seinen Frack an und begab sich ins Theater, wo die Vorstellung schon längst begonnen hatte. Man spielte die ewige »Kameliendame«, in der die berühmte französische Schauspielerin dem Publikum wieder einmal zeigte, wie schwindsüchtige Frauen sterben.

Die Kontrolleure empfingen Nechludoff am Eingange des Theaters mit ganz besonderen Rücksichten, als sie erfuhren, welche hohe Persönlichkeit ihn eingeladen hatte, und beeilten sich, ihn zu Mariettes Loge zu führen. Der Kammerdiener der letzteren, der in Galalivree vor der Loge stand, begrüßte ihn vertraulich und führte ihn ein. Aller Augen im Theater waren auf eine knochige, häßliche und schon bejahrte Schauspielerin gerichtet, die, in Seide und Spitzen gekleidet, mit zerhackter und affektierter Stimme einen Monolog deklamierte. Als Nechludoff in die Loge trat und ihm gleichzeitig ein warmer und frischer Luftzug ins Gesicht schlug, drehte sich einer der Zuschauer nach ihm um und machte entrüstet: »Sst!« In der Loge hatte Mariette zwei Männer und eine dicke Dame in rotem Kleide mit einem ungeheuren Chignon neben sich sitzen. Von den beiden Männern war der eine der Gatte Mariettes, den Nechludoff zum erstenmale sah. Er war groß und wohlgebaut, mit gewölbter Brust, einem kühlen und harten Gesicht und großer Adlernase. Der andere Mann war ein kleiner, untersetzter Blondin mit grauem Schnurr- und Backenbart. Graziös, fein und elegant, in einem dekolletierten Kleide, das ihre festen und muskulösen Schultern sehr tief sehen ließ, saß Mariette im Vordergrund der Loge. Auch sie wandte sich beim Geräusch der Thür um, zeigte Nechludoff einen hinter ihr stehenden Stuhl und lächelte ihm vertraulich und bedeutungsvoll zu. Ihr Gatte nickte dem Fremden mit der Ruhe, die er bei allen seinen Handlungen zur Schau trug, mit dem Kopfe zu und warf dann einen befriedigten Blick auf seine Frau, den Blick des Besitzers eines schönen und eleganten jungen Weibes.

Als der Monolog zu Ende war, erbrauste das Theater unter einem wütenden Applaus. Sofort erhob sich Mariette und ging, mit einer Hand ihren Seidenrock festhaltend, in den Hintergrund der Loge, um Nechludoff ihrem Manne vorzustellen. Dieser lächelte seiner Frau weiter zu, reichte dem jungen Manne die Hand und sagte ihm in ruhigem Tone, er wäre entzückt, ihn kennen zu lernen. Damit war ihre Unterhaltung beendet.

»Ich hätte heute abend abreisen sollen, und ohne das Versprechen, das ich Ihnen gegeben, hätte ich es auch gethan,« sagte Nechludoff, sich zu Mariette wendend.

»Wenn es Ihnen kein Vergnügen macht, mich zu sehen,« versetzte diese, die seine Gedanken von neuem erriet, »so wird es Ihnen vielleicht Vergnügen machen, eine bedeutende Künstlerin zu sehen und zu hören. Wie schön sie in der letzten Scene war, nicht wahr?« fragte sie, sich zu ihrem Gatten wendend.

»Ich muß Ihnen gestehen, das alles bewegt mich nicht besonders,« versetzte Nechludoff, »ich habe heute so viel wirkliches Elend gesehen, daß ich …«

»Nun, setzen Sie sich und erzählen Sie mir alles.« Der Gatte hörte die Unterhaltung zerstreut mit an, indem er immer ironischer lächelte.

»Ich bin zu dem unglücklichen Geschöpf gegangen, das man endlich in Freiheit gesetzt hat, nachdem man sie so lange im Gefängnis behalten; sie ist auf ewig vernichtet.«

»Das ist die Frau, von der ich dir heut‘ erzählt habe,« sagte Mariette zu ihrem Gatten.

»Ach ja, ich bin sehr glücklich gewesen, daß ich sie freilassen konnte,« versetzte der Gatte, während er sich erhob, um im Foyer eine Cigarette zu rauchen.

Nechludoff blieb sitzen und wartete immer, Mariette würde ihm »das« sagen, was sie ihm zu sagen hatte. Sie aber sagte ihm nichts, suchte ihm gar nichts zu sagen, sondern scherzte und sprach von dem Stücke, das ihn wohl ihrer Meinung nach ganz besonders interessieren mußte. Er sah bald, daß sie ihm in Wirklichkeit nichts zu sagen hatte, sondern daß sie sich ihm nur im vollen Glanze ihrer Abendtoilette mit den nackten Schultern und dem Schönheitsfleck auf einer derselben zeigen wollte, und diese Entdeckung bereitete ihm Vergnügen und erregte ihm gleichzeitig Widerwillen. Das Vergnügen kam von dem äußeren Zauber, der auf alledem lag; doch Nechludoff entdeckte gleichzeitig, was hinter diesem äußeren Zauber steckte, und das erregte ihm Widerwillen. Er freute sich über Mariettes Aussehen; doch gleichzeitig sagte er sich, diese hübsche Frau wäre eine Lügnerin, sie füge sich wunderbar in das Leben mit ihrem Schurken von Gatten; alles, was sie ihm am vorigen Tage gesagt, wäre erlogen, und sie wollte von ihm nichts weiter, als ihn zwingen, sich in sie zu verlieben. Und das war ihm gleichzeitig verhaßt und angenehm. Mehrmals erhob er sich von seinem Stuhle, um sich zu verabschieden, setzte sich aber immer wieder. Doch als der Gatte endlich mit einem starken Likörgeruch in seinem dicken Schnurrbart in die Loge zurückkehrte und seine ironischen Blicke auf den jungen Mann richtete, hielt es Nechludoff nicht mehr aus, benützte den Umstand, daß die Thür offen geblieben war, und stürzte auf den Korridor.

Als er über den Newsky-Prospekt ging, um zu seiner Tante zurückzukehren, bemerkte er vor sich eine hochgewachsene, wohlgebaute Frau, die mit auffallender Eleganz gekleidet war. Alle Vorübergehenden drehten sich nach ihr um und sahen ihr nach. Es war ein vollständig verschminktes Geschöpf, doch mit schönen Zügen. Sie lächelte Nechludoff an, und ihre Augen glänzten. Und dieses Geschöpf brachte auf Nechludoff dasselbe Gemisch von Verführung und Widerwillen hervor, das er vorhin in der Loge empfunden hatte.

Er entfloh, wütend auf sich selbst, und lief bis zur Mowskaja, wo er auf dem Quai zur großen Verwunderung der Polizisten auf und ab ging.

»Das ist dasselbe Lächeln, das Mariette an mich richtete, als ich in die Loge trat,« sagte er sich, »und dieses Lächeln hatte dieselbe Bedeutung. Der einzige Unterschied ist, daß dieses Weib offen und ehrlich spricht, während die andere ganz andere Gedanken heuchelt und scheinbar höhere Gefühle hegt. Im Grunde ist es dasselbe, doch diese spricht die Wahrheit, während die andere lügt!«

Nechludoff gedachte seines Verhältnisses mit der Frau seines Freundes, und eine Menge schmachvoller Erinnerungen kamen ihm in den Sinn. »Schrecklich,« sagte er sich, »ist dieses hartnäckige Verharren der Bestie im Menschen! Doch wenn sie offen daliegt, und du sie als das erkennst, was sie ist, so bleibst du derselbe, der du vorher warst, ob du nun nachgiebst oder widerstrebst; verbirgt sich dieses tierische Verlangen dagegen unter einer sogenannten poetischen Außenseite, will sie dir, anstatt dir in ihrer Niedrigkeit zu erscheinen, Respekt einflößen, so ist es ganz und gar um dich geschehen! Das Tier in dir unterdrückt den Menschen, und du kannst das Gute nicht mehr vom Bösen unterscheiden. Das ist schrecklicher, als alles Uebrige!«

Nechludoff sah das jetzt so klar, wie er die Paläste, die Festung, den Fluß, die Schiffe, die Fiaker vor sich sah. Und ebenso wie in dieser Nacht keine Schatten über der Stadt schwebten, sondern alles von einem traurigen und verschwommenen Lichte beleuchtet wurde, ebenso hatte Nechludoff die Empfindung, daß sich alle Schatten des Unverstandes in seiner Seele zerstreuten und einem farblosen und traurigen Lichte Platz machten. Er erkannte, daß alles, was als gut und bedeutend galt, in Wirklichkeit nur Schmach und Nichts war, und daß all dieser Glanz, all dieser Luxus des modernen Lebens uralte Laster bedeckte, die aus dem bestialischste Grunde der menschlichen Natur stammten.

Nechludoff hätte diese Entdeckung gern vergessen und nichts von ihr sehen mögen, doch er vermochte es nicht mehr, und ein seltsames Gefühl erstand in ihm, in welchem sich die Freude der Gewißheit mit einer schmerzlichen Furcht vereinte.

Sechstes Kapitel

Sobald Nechludoff in die Stadt, die er bewohnte, zurückgekehrt war, begab er sich in das Gefängnis, um der Maslow mitzuteilen, daß ihre Berufung verworfen worden und sie sich auf ihre Abreise nach Sibirien vorzubereiten hätte. Er hatte das Gnadengesuch in der Tasche, das er sie unterzeichnen lassen wollte; doch er rechnete nicht auf diese Begnadigung, und – seltsamerweise – hatte er auch aufgehört, sie zu wünschen. Seine Gedanken hatten sich bereits an den Gedanken der Abreise nach Sibirien, an das Leben unter den Sträflingen und Verschickten gewöhnt, und er hatte Mühe, sich vorzustellen, was er mit sich und der Maslow anfangen sollte, wenn das Gnadengesuch bewilligt werden sollte. Er erinnerte sich an eine Bemerkung des amerikanischen Schriftstellers Thoreau, der da sagte, in einem Lande, wo die Sklaverei herrsche, wäre der einzige Ort, der sich für einen ehrlichen Mann eigne, das Gefängnis. Alles, was er in Petersburg gesehen, war geeignet, ihm diese Bemerkung ins Gedächtnis zurückzurufen.

Der Aufseher des Hospitals, der ihn sofort erkannte, kam ihm entgegen und erklärte ihm, die Maslow wäre nicht mehr da.

»Und wo ist sie?«

»Wieder in der Weiberabteilung!«

»Aber warum hat man sie dorthin zurückgebracht?«

»Bah, Sie wissen, Excellenz, das ist so ’ne Sorte!« versetzte der Aufseher mit verächtlichem Lächeln. »Sie hat mit einem Krankenwärter Streiche gemacht, und da hat sie der Oberarzt vor die Thür gesetzt!«

Nie hätte Nechludoff geglaubt, daß ihm die Maslow und seine eigenen Gefühle für sie so am Herzen lägen. Doch die Worte des Aufsehers wirkten auf ihn wie ein Keulenschlag. Er empfand ein Gefühl, wie man es empfindet, wenn man die Nachricht eines unvermutet eingetretenen großen Unglücks unvorbereitet erfährt. Ein grausamer Schmerz packte ihn und raubte ihm zuerst jede Ueberlegung.

Als er nach und nach wieder zu sich kam, bemerkte er, daß das, was in ihm vorherrschte, die Scham war. Er errötete über seine lächerliche Freude, als er in der Seele der Maslow eine scheinbare Veränderung zu bemerken geglaubt. All die schönen Worte, die sie zu ihm gesprochen, um sein Opfer zurückzuweisen, ihre Vorwürfe, ihre Thränen, das alles war also nur eine Komödie gewesen, die ihm ein elendes Geschöpf vorgespielt, um ihn zu foppen und sich ihm gegenüber wichtig zu thun. Er hatte jetzt die Empfindung, als habe er schon bei seiner letzten Unterredung mit ihr das Zeichen dieser Vorahnung bemerkt, an der er jetzt nicht mehr zweifeln konnte. Und all diese Gedanken und Erinnerungen drängten sich in ihm, während er das Hospital verließ.

»Aber was soll ich jetzt thun?« fragte er sich, »Bin ich noch mit ihr verbunden? Oder hat ihr Benehmen alle Bande gelöst?«

Doch kaum hatte er sich diese Frage gestellt, da begriff er auch schon, daß er, wenn er die Maslow von neuem verließ, nicht sie, sondern sich selbst bestrafte, und dieser Gedanke erfüllte ihn mit Entsetzen.

»Nein! Was geschehen ist, kann meinen Entschluß nicht nur nicht verändern, sondern muß ihn noch verstärken. Wenn dieses Weib so handelte, so hat sie sich nur dem Charakter angepaßt, die ihr die Lebensverhältnisse verliehen haben. Daß sie mit einem Krankenwärter »Streiche gemacht hat«, das ist ihre Sache! Doch meine Sache ist es, das zu vollführen, was mein Gewissen von mir verlangt. Und mein Gewissen verlangt, daß ich meine Freiheit opfere, um meine Sünde wieder gutzumachen. Was auch geschehen mag, ich werde sie heiraten und ihr überall dahin folgen, wohin sie geht!« Er wiederholte sich das mit einer Hartnäckigkeit, in die sich ein gewisses Unbehagen mischte, während er mit großen Schritten die Korridore entlang schritt.

Als er an der Thür des großen Saales angelangt war, bat er den wachhabenden Aufseher, dem Direktor zu sagen, er wünsche die Maslow zu sprechen. Der Aufseher, der schon mehrmals mit ihm gesprochen, teilte ihm als Antwort eine große Neuigkeit mit; der »Hauptmann« wäre pensioniert worden, und an seine Stelle wäre ein anderer, weit strengerer Direktor getreten.

»O, das Leben wird jetzt viel härter werden!« fügte der Aufseher hinzu und lief fort, um den neuen Direktor zu benachrichtigen, der bald erschien. Es war ein großer, magerer Mann mit mürrischem Gesicht und hervortretenden Backenknochen.

»Man darf die Gefangenen nur noch in den vorschriftsmäßigen Besuchsstunden sprechen,« sagte er zu Nechludoff, ohne ihn anzusehen.

»Ich möchte ein Gnadengesuch unterzeichnen lassen!«

»Sie brauchen es ja nur mir zu übergeben!«

»Ich muß die Gefangene Maslow um jeden Preis einen Augenblick sprechen; bis jetzt ließ man mich sie stets sprechen!«

»Es sind bis jetzt viele Dinge geschehen, die nicht mehr geschehen werden,« sagte der Direktor, indem er die Augen plötzlich auf Nechludoff richtete.

»Aber ich habe eine Erlaubnis des Gouverneurs!« erklärte Nechludoff und zog seine Brieftasche hervor.

»Gestatten Sie,« sagte der Direktor, nahm das Blatt in seine langen, knochigen Hände, las es langsam durch und sagte dann:

»Wollen Sie ins Bureau kommen?«

Das Bureau war leer. Der Direktor setzte sich an einen Tisch und begann, darauf liegende Papiere zu durchblättern; er wollte offenbar der Unterredung beiwohnen. Als Nechludoff ihn fragte, ob er auch eine politische Gefangene, die Bogoduschoffska sprechen könne, erwiderte der Direktor in kurzem Tone, das wäre unmöglich. »Die Besuche bei den politischen Gefangenen sind untersagt,« erklärte er und vertiefte sich in die Lektüre seiner Papiere. Nechludoff, der einen Brief für die Bogoduschoffska in der Tasche hatte, hatte die Empfindung, er würde verdächtigt, könnte Verdacht erwecken und im Gefängnis zurückgehalten werden.

Als die Maslow ins Bureau trat, erhob der Direktor den Kopf und beschränkte sich, ohne Nechludoff oder sie anzusehen, auf die Bemerkung: »Sie können sprechen!« Dann vertiefte er sich wieder in seine Papiere.

Die Maslow trug ihr altes Gefängniskleid mit ihrer weißen Jacke und dem Kopftuch. Als sie den kühlen und feindseligen Ausdruck in Nechludoffs Gesicht bemerkte, errötete sie, ergriff einen Zipfel ihrer Jacke und schlug die Augen zu Boden. Ihre Haltung bestätigte in Nechludoffs Augen die Erzählung des Aufsehers.

Er hätte sie gern ebenso wie früher behandelt, doch als er versuchte, ihr die Hand zu reichen, war es ihm unmöglich, eine so große Abneigung hatte er gegen sie.

»Ich bringe Ihnen eine schlimme Nachricht,« sagte er zu ihr mit ruhiger Stimme, doch ohne sie anzusehen oder ihr die Hand zu reichen, »Ihre Berufung ist verworfen.«

»Ich wußte es im voraus!« versetzte sie ganz leise.

Unter anderen Verhältnissen hätte Nechludoff sie gefragt, warum sie das sagte; doch diesmal beschränkte er sich darauf, sie anzusehen, und nun bemerkte er, daß ihr die Thränen in den Augen standen; doch anstatt ihn zu rühren, wurde er durch diesen Anblick nur noch ärgerlicher.

Der Direktor stand auf und begann auf und ab zu gehen. Trotz seines Aergers glaubte Nechludoff der Maslow das Bedauern ausdrücken zu müssen, das er über die Verwerfung der Berufung empfand.

»Verzweifeln Sie nicht,« sagte er, »man kann noch auf das Gnadengesuch rechnen und…«

»O, das ist es nicht, was …« versetzte sie und richtete klagend ihre thränenfeuchten Augen auf ihn.

»Aber was denn?«

»Sie sind nach dem Hospital gegangen und man hat Ihnen gesagt …«

»Ach was! Das geht nur Sie an!« versetzte Nechludoff stirnrunzelnd in trockenem Tone. Die Erwähnung des Hospitals hatte in ihm das elende Gefühl seines verletzten Stolzes aufs neue erweckt. »Ich, ein Mann von Welt, mit dem sich das vornehmste junge Mädchen mit Freuden verheiratet hätte, ich habe mich erboten, dieses Geschöpf zu heiraten, und sie, sie konnte nicht warten und hat mit einem Krankenwärter Streiche gemacht!« Als er sich das sagte, sah er sie mit bösen Augen an.

»Sie müssen das unterzeichnen,« sagte er und legte ein großes Blatt Papier, das er aus der Brusttasche genommen, auf den Tisch. Die Maslow trocknete mit einem Zipfel ihres Kopftuches ihre Thränen, setzte sich an den Tisch und fragte ihn, wo sie unterzeichnen sollte.

Er zeigte ihr die Stelle; während sie schrieb, stand er vor ihr und betrachtete ihren über den Tisch geneigten Rücken, der zeitweise von heftigem Schluchzen erschüttert wurde.

In seiner Seele begann nun der Kampf der guten und bösen Gefühle, seines beleidigten Stolzes und seines Mitleids für sie, die er leiden sah, und das letztere Gefühl trug schließlich den Sieg davon. Dachte er zuerst daran, sie zu beklagen, oder erinnerte er sich zuerst an seine eigenen Fehler und besonders an die Fehler nach Art derer, die er der Unglücklichen zum Vorwurf machte? Jedenfalls fühlte er sich plötzlich schuldig, und sie that ihm leid.

Sie hatte inzwischen zu Ende geschrieben, rieb ihre tintenfleckigen Finger an ihrem Rock, stand auf und sah ihn an.

»Was auch geschehen mag und was Sie auch thun mögen, nichts wird meinen Entschluß ändern,« sagte Nechludoff zu ihr.

Der Gedanke, er verzeihe ihr, stärkte sein Mitleid mit ihr nur noch mehr, und er empfand ein gebieterisches Bedürfnis, sie zu trösten.

»Was ich Ihnen gesagt, werde ich thun. Wohin man Sie schickt, ich gehe mit Ihnen!«

»Nicht nötig!« unterbrach sie ihn und errötete von neuem.

»Und denken Sie auch an das, was Sie für die Reise brauchen.«

»Ich danke, ich brauche nichts!«

Der Direktor näherte sich ihm, und ohne seine Bemerkung abzuwarten, nahm Nechludoff von der Maslow Abschied und entfernte sich; er empfand dabei ein Gefühl, wie er es noch nie empfunden, ein Gefühl tiefer Ruhe und inniger Liebe für die Menschheit. »Jetzt sehe ich es,« sagte er sich stolz, »was die Maslow auch thun mag, nichts kann meine Anhänglichkeit für sie erschüttern. Wenn sie mit den Krankenwärtern Streiche macht, so ist das ihre Sache; die meine ist es, sie zu lieben, und zwar nicht um meinetwillen, sondern um ihret- und Gottes willen.«

Die »Streiche«, die die Maslow mit dem Krankenwärter gemacht, bestanden in Wirklichkeit in folgendem: Eines Tages, als sie die Krankenwärterin nach der Apotheke geschickt hatte, um Brustthee zu holen, war sie am äußersten Ende des Ganges dem Wärter Ustinoff begegnet, einem großen Manne mit sinnigem Gesicht, der sie schon seit langer Zeit mit seinen Galanterien verfolgte. Dieser Mensch hatte sie gepackt, sie hatte sich verteidigt und sich so lebhaft von ihm losgerissen, daß sie an ein Gestell gestoßen hatte und zwei daraus stehende Flaschen zerbrach. In demselben Augenblick kam der Oberarzt durch den Gang und sagte, als er das Geräusch des zerbrechenden Glases hörte und die Maslow blutrot und mit wirren Haaren entfloh:

»Na, Mütterchen, wenn du anfängst, hier Skandal zu machen, dann werde ich dich schnell wegbringen. Um was handelte es sich denn?« fragte er den Krankenwärter, den er mit strengen Augen anblickte.

Der Wärter begann mit seinem blöden Lachen eine lange Geschichte, in der er alles Unrecht auf die Maslow abwälzte. Der Arzt ließ ihn übrigens nicht zu Ende reden, und noch an demselben Abend wurde die Maslow auf sein Ersuchen vom Lazarett fortgeschickt.

Diese Strafe kümmerte sie an sich sehr wenig; doch der angegebene Grund betrübte sie um so mehr, als ihr der Gedanke an jede fleischliche Berührung mit einem Manne jetzt Abscheu einflöße. Nichts in der Welt demütigte und betrübte sie so sehr, als sich sagen zu müssen, daß sich jeder Mann auf Grund ihrer Vergangenheit berechtigt glaubte, ihr Gewalt anzuthun. Und als sie sich Nechludoff im Bureau genähert hatte, hatte sie die feste Absicht gehabt, sich vor ihm von den ungerechten Anklagen, die man gegen sie erhoben hatte, zu reinigen, Doch schon bei den ersten Worten, die sie zu ihm gesprochen, hatte sie gemerkt, er würde ihr nicht glauben, und alle ihre Entschuldigungen würden seinen Argwohn nur noch bestärken. Da waren ihr die Thränen in die Kehle gekommen, und sie hatte geschwiegen.

Die Maslow bildete sich weiter ein, sie könne Nechludoff, wie sie es ihm bei seinem zweiten Besuche gesagt, nicht verzeihen und hasse ihn immer noch. In Wirklichkeit aber hatte sie bei diesem zweiten Besuche wieder angefangen, ihn zu lieben. Sie liebte ihn derart, daß sie unbewußt alles that, was er ihrer Ansicht nach nur wünschen konnte: sie hatte zu rauchen, zu trinken und an die Männer zu denken aufgehört; und um Nechludoff zu gefallen, hatte sie auch eingewilligt, im Hospital zu dienen. Alles, was sie that, that sie nur einzig und allein darum, weil sie ahnte, er wünsche es. Und wenn sie ihm jedesmal erklärte, sie wolle sein Opfer nicht, so kam das zuerst daher, daß sie sein Anerbieten zum erstenmale abgelehnt und nun ein Gefühl der Eigenliebe dabei empfand, auf ihrer Absicht zu beharren; doch es kam auch außerdem und hauptsächlich daher, weil sie fühlte, ihre Heirat mit Nechludoff würde für diesen eine Quelle des Schmerzes werden, und darum schwor sie sich mit allen Kräften zu, sein Opfer nicht anzunehmen. Gleichzeitig aber blutete ihr das Herz bei dem Gedanken, daß er sie verachtete und der Ansicht war, sie müsse stets so bleiben, wie sie gewesen, ohne die Veränderung kennen zu wollen, die sich in ihr vollzogen hatte. Der Gedanke, Nechludoff könne sie im Verdacht haben, Beziehungen zu dem Krankenwärter zu unterhalten, quälte sie weit mehr, als die Nachricht von der Verwerfung ihrer Berufung oder die Aussicht ihrer bevorstehenden Abreise nach Sibirien.

Siebentes Kapitel

Die Maslow konnte zum ersten Zuge beordert werden, so daß Nechludoff keine Zeit zu verlieren hatte, wenn er seine Angelegenheiten vor ihrer Abreise noch regeln wollte. Doch die zu regelnden Angelegenheiten waren so zahlreich, daß er wohl fühlte, er würde in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit nicht damit zu stande kommen.

Seine Lage war von diesem Gesichtspunkte aus anders als in der Vergangenheit. Früher hatte er allerdings Mühe gehabt, eine Beschäftigung zu finden, und alle seine Beschäftigungen hatten nur den einzigen Gegenstand gehabt, der eben in Dimitri Iwanowitsch Nechludoff selbst bestand; was ihn übrigens nicht gehindert hatte, seine Thätigkeit damals tötlich langweilig zu finden. Jetzt dagegen hatten seine Beschäftigungen nicht mehr ihn selbst zum Gegenstand, sondern einen andern, und trotzdem interessierten sie ihn, er begeisterte sich dafür, und ihre Zahl war endlos. Die Geschäfte, die ihn in diesem Augenblick in Anspruch nahmen, teilten sich in vier Kategorien; er selbst hatte sie mit seinen etwas pedantischen Gewohnheiten so eingeteilt und die darauf bezüglichen Papiere in vier verschiedene Brieftaschen einrangiert.

Die erste Kategorie betraf alle auf die Maslow bezüglichen Angelegenheiten. Von dieser Seite aus war Nechludoff alles selbständige Handeln unmöglich, da alles von der Aufnahme abhing, die dem Gnadengesuch zu teil wurde. die zweite Kategorie betraf die verschiedenen Angelegenheiten, die sich auf das Vermögen der Nechludoffs bezogen. In dem Dorfe, das er von seinen Tanten geerbt, und in einem andern, noch kleineren Dorfe, hatte er alle seine Aecker den Bauern geschenkt und verlangte dafür nur die Bezahlung einer Rente, die für ihre eigenen allgemeinen Bedürfnisse bestimmt war. Doch in Kuzminskoja hatte er die Dinge so gelassen, wie sie waren, als er abgereist war, das heißt, der Ertrag der Aecker sollte ihm selbst bezahlt werden. Er mußte jetzt nur noch die Zahlungstermine dieser Rente bestimmen, auch mußte er festsetzen, welchen Teil der Summe er für sich behalten und welchen Teil er den Bauern überlassen wollte. Auch bei diesem Punkte mußte Nechludoff noch warten, denn er wußte nicht, wie viel Kosten seine Reise nach Sibirien, die ihm jeden Tag wahrscheinlicher schien, verursachen würde. Die dritte Kategorie betraf die Unterstützung von Gefangenen, die sich in immer größerer Zahl fortwährend an ihn wandten. Die Zahl dieser Unglücklichen war so groß geworden, daß es Nechludoff ungemein schwer wurde, sich mit jedem einzelnen im besonderen zu befassen, ganz abgesehen davon, daß die geringen Erfolge seiner einzelnen Bemühungen nicht danach angethan waren, ihn zu ermutigen. Außerdem hatte er sich mit einer weit allgemeineren Frage zu beschäftigen, die ihm schon, als er das Gefängnis zum erstenmale betreten hatte, aufgefallen war. Diese Frage bestand in der Untersuchung, wie und warum die merkwürdige Einrichtung geschaffen werden konnte, die man das Kriminalgericht nennt und die die Gefängnisse, die Zuchthäuser, die Festungen und das Opfer von Tausenden von menschlichen Wesen zur Folge hat. Aus seinen persönlichen Beziehungen zu den Gefangenen, den von dem Advokaten und dem Seelsorger des Gefängnisses gelieferten Mitteilungen, sowie auch aus mit großer Geduld studierten gerichtlichen Statistiken hatte Nechludoff die Schlußfolgerung gezogen, daß sich die Gesamtheit der Verbrecher genannten Gefangenen in fünf Arten von Menschen teilen ließ. Der ersten Art gehörten die vollständig Unschuldigen an, die Opfer von Justizmorden, wie der angebliche Brandstifter Metschoff, die Maslow und andere. Nach Aussage des Beichtigers war die Zahl dieser Leute sehr beschränkt, etwa sieben Prozent. Dagegen verdiente ihre Lage ganz besonderes Interesse. Die zweite Art umfaßte Leute, die wegen Verbrechen verurteilt waren, die sie unter ganz außergewöhnlichen Verhältnissen begangen hatten, etwa in der Wut, Trunkenheit, Eifersucht und so weiter, Verbrechen, die die Richter dieser Männer wahrscheinlich unter denselben Verhältnissen auch begangen hätten. Diese Gefangenen waren ziemlich zahlreich vorhanden, es war ungefähr die Hälfte der Gesamtzahl, soweit Nechludoff es hatte berechnen können. In der dritten Gruppe befanden sich Leute, die wegen Verübung von Handlungen verurteilt worden waren, die in ihren Augen durchaus nichts Schuldiges hatten, doch in den Augen der Menschen, die mit der Abfassung und Anwendung der Gesetze betraut waren, als Verbrechen galten, so zum Beispiel die Gefangenen, die des Verkaufs von geschmuggeltem Branntwein, des Gras- oder Holzdiebstahls aus öffentlichen und privaten Besitzungen angeklagt waren. Die vierte Klasse von Verbrechern umfaßte einfach diejenigen, die einen höheren moralischen Wert als der Durchschnitt der Gesellschaft besaßen, wie die Mitglieder der verschiedenen Religionssekten, wie auch die Polen, die Tscherkessen, die man verurteilt hatte, weil sie ihre Unabhängigkeit verteidigt, wie die wegen Ungehorsam gegen die Behörde verurteilten politischen Gefangenen. Die fünfte Gruppe dieser Menschen bestand endlich aus Unglücklichen, gegen die die Gesellschaft unendlich schuldiger war, als sie es selbst dieser gegenüber waren. Das waren Menschen, die die Gesellschaft aufgegeben und die eine beständige Unterdrückung zum Vieh herabgewürdigt hatte, Leute von der Art des jungen Burschen, der die Besen gestohlen, und hundert andere Elende, die die Bedingungen ihres Lebens sozusagen systematisch dazu gebracht hatten, die als Verbrechen gewertete Handlung zu begehen. Es befanden sich in dem Gefängnis viele Diebe und Mörder, die dieser Kategorie angehörten, und ihr gesellte Nechludoff auch die von Hause aus und von Geburt verrohten Menschen zu, die eine neue Schule die geborenen Verbrecher nennt, und deren Existenz das stärkste Argument derjenigen bildet, die für die Notwendigkeit der Strafgesetzbücher und der Strafen stimmen. Auch diese Vertreter des sogenannten Verbrechertypus waren für Nechludoff Unglückliche, gegen die die Gesellschaft weit größeres Unrecht hatte, als sie es gegen sie hatten; denn anstatt nur gegen sie allein schuldig zu sein, war es die Gesellschaft auch gegen ihre Eltern, was ihre Verantwortlichkeit nur noch schwerer machte.

Nechludoff hatte zum Beispiel Gelegenheit gehabt, einen rückfälligen Dieb Namens Otschotin kennen zu lernen. Der natürliche Sohn einer Prostituierten, in Tag- und Nachtasylen erzogen und aufgewachsen, hatte dieser Otschotin sicher bis zu seinem dreißigsten Jahre keinen Menschen mit moralischen Gefühlen kennen gelernt, sich schließlich einer Bande Diebe angeschlossen, und so war der Diebstahl sein einziges Handwerk geworden. Dabei besaß er aber eine Art komisches Genie, das ihm die Sympathie aller derjenigen, mit deren er zusammenkam, verschaffte. Während er Nechludoff um Unterstützung anging, konnte er sich nicht enthalten, seine Gefährten, die Richter und alle menschlichen und göttlichen Gesetze zu verspotten.

Ein anderer Gefangener, ein gewisser Feodoroff, hatte einen Greis ermordet und in der Erde vergraben, um ihm ein paar Rubel zu stehlen. Es war ein Bauer, dessen Vater von einem Nachbar jeder Gerechtigkeit zuwider zu Grunde gerichtet worden war. Er selbst, der eine leidenschaftliche, glühende, genußsüchtige Natur besaß, hatte nicht ein einziges Mal in seinem Leben Leute kennen gelernt, die sich mit etwas anderm als dem Genusse beschäftigten, und er hatte nicht ein einziges Mal gehört, daß es für den Menschen etwas anderes in der Welt giebt, als das Vergnügen.

Diese beiden Gefangenen waren Nechludoff lebhaft aufgefallen. Er hatte die Empfindung, beide hätten dem Guten zugeführt werden können, und ihr Verbrechertum käme einfach nur daher, weil die Gesellschaft sich nie um sie gekümmert hatte. Wenn diese mit all ihren Lastern ihm sympathisch waren, so widerten ihn dafür mehrere andere unter den Gefangenen durch ihre Verrohtheit und Grausamkeit an. Doch auch in diesen konnte er nicht den berühmten Verbrechertypus erkennen, von dem die italienische Schule sprach; er sah in ihnen nur Wesen, die ihm persönlich antipathisch waren, ebenso wie viele andere Personen, denen er nicht in den Gefängnissen, sondern in den Salons, im Frack, in der Gala-Uniform oder im Spitzenkleide begegnet war.

Das waren die verschiedenen Arten von Menschen, deren Gesamtheit die Masse der Verbrecher bildete, und die vierte Angelegenheit, die Nechludoff beschäftigte, bestand darin, in Erfahrung zu bringen, warum alle diese Menschen ins Gefängnis geworfen und gemartert wurden, während andere, ihnen ähnliche, ja, teilweise sogar unter ihnen stehende Menschen in Freiheit belassen und betraut waren, über sie zu Gericht zu sitzen und sie zu verurteilen. Nechludoff hatte zuerst die Hoffnung gehegt, in den Büchern eine Antwort zu finden, und hatte sich alle Werke gekauft, die den Gegenstand behandelten. Mit der größten Aufmerksamkeit hatte er die Schriften von Lombroso, Garofalo, Ferri, Maudsley, Tarde und ihrer Kollegen in der Kriminologie studiert, doch diese Lektüre war für ihn nur eine Quelle bitterer Enttäuschungen gewesen. Es passierte ihm dasselbe, was gewöhnlich jedem Menschen passiert, der eine Wissenschaft studiert, nicht um eine Rolle unter den Gelehrten zu spielen, nicht um schreiben, diskutieren und lehren zu können, sondern um auf gewisse einfache, praktische und lebenskräftige Fragen eine Antwort zu finden; die Wissenschaft, die er zu studieren angefangen, antwortete auf taufend feine, ausnehmend gelehrte Fragen, doch auf die Fragen, die ihn beschäftigten, gab sie keine Antwort. Und doch war diese Frage die einfachste von allen. Er fragte sich, wie und mit welchem Recht einige Menschen andere Menschen einsperrten, marterten, verschickten, schlugen und töteten, während sie doch diesen Menschen, die sie marterten, schlugen und töteten, ganz ähnlich waren. Doch anstatt auf diese Fragen zu antworten, fragten sich die Gelehrten, deren Werke er studierte, entweder, ob der menschliche Wille frei ist oder nicht, oder ob ein Mensch einfach nach seiner Schädelform als Verbrecher erklärt werden kann, oder ob der Instinkt der Nachahmung nicht in der Kriminalität eine große Rolle spielt. Die Gelehrten fragten sich ferner, was die Moralität, die Entartung, das Temperament, die Gesellschaft und so weiter und so weiter wäre. Sie studierten auch den Einfluß, den das Klima, die Nahrung, die Unwissenheit, der Hypnotismus, die Leidenschaft und so weiter auf das Verbrechertum ausübte.

Alle diese Werke erinnerten Nechludoff an die Antwort, die ihm einmal ein kleiner Junge, der aus der Schule kam, gegeben hatte. Nechludoff hatte ihn gefragt, ob er buchstabieren könne. »Gewiß,« hatte das Kind geantwortet. – »Nun, buchstabiere mir einmal das Wort Schnauze.« – »Ja, was für eine Schnauze, eine Hundeschnauze oder eine Ochsenschnauze?« hatte der kleine Junge mit verständnisinniger Miene gerufen. In derselben Weise beantworteten die von Nechludoff angerufenen Autoren die einzige Frage, die ihn beschäftigte. Er las sie noch weiter, gab aber immer mehr die Hoffnung auf, aus ihnen Nutzen zu ziehen. Dennoch schrieb er diesen Mangel nur dem oberflächlichen Charakter der kriminologischen Wissenschaft zu, und so hatte er sich bis dahin versagt, eine radikalere Antwort auf diese Fragen zu geben, die sich ihm doch in der letzten Zeit mit immer größerer Klarheit aufdrängte.

Auferstehung – Band 3

Der Advokat war zu Hause, und obwohl es nicht sein »Sprechtag« war, beeilte er sich doch, Nechludoff zu empfangen. Zuerst erzählte er ihm von dem Falle Mentschoff; er hatte die Akten studiert, und die Anklage war thatsächlich unhaltbar.

»Die Sache ist aber doch ziemlich verwickelt,« fügte er hinzu. »Aller Wahrscheinlichkeit nach hat der Schenkwirt selbst seine Scheune in Flammen gesteckt, um die Versicherungsprämie zu erheben. Es liegt auch nicht ein Schatten von materiellen Beweisen vor. Die Verurteilung ist nur durch den Uebereifer des Untersuchungsrichters und die Nachlässigkeit des Staatsanwalts erfolgt. Doch das Uebel ist einmal geschehen, und die Sache wird schwer rückgängig zu machen sein. Gleichviel! Wenn man nur durchsetzt, daß der Fall von neuem zur Verhandlung kommt und zwar hier am Orte, so werde ich ihn ganz sicher gewinnen, ich werde sogar ohne Honorar plaidieren. Auch mit dieser Fedossja Wergunoff, von der Sie mir erzählten, habe ich mich beschäftigt. Hier ist ihr Gnadengesuch; wenn Sie wegen der Maslow nach St. Petersburg gehen, können Sie es mitnehmen und es selbst zur Annahme empfehlen. Verlassen wir uns nämlich auf den Verwaltungsweg, so wird das Dokument in den Bureaus liegen bleiben, und wir haben nur unsere Zeit verloren. Thun Sie Ihr Möglichstes, da die Sache Ihnen so sehr am Herzen liegt, um bei Personen Zugang zu finden, die in der Begnadigungskommission Einfluß haben. So! kann ich Ihnen sonst noch mit etwas dienlich sein?«

»Ja! man hat mir erzählt…«

»Haha! wie ich sehe, sind Sie das Sprachrohr für die Beschwerden des Gefängnisses geworden,« sagte der Advokat mit derbem Lachen. »Aber ich sage Ihnen im voraus, nie werden Sie damit zu Ende kommen, es sind zu viel!«

»Nein! – aber das ist wirklich eine ganz ungeheuerliche Sache,« fuhr Nechludoff fort und wiederholte dem Advokaten eine Erzählung, die er vor zwei Tagen im Dorfe gehört.

Ein gebildeter Bauer hatte das Evangelium vorgelesen und es seinen Genossen erklärt. Der Pope hatte darin ein Vergehen gesehen und ihn angezeigt. Es war eine Untersuchung eingeleitet worden, und der Staatsanwalt hatte eine Anklage erhoben, die das Zuchtpolizeigericht bestätigt hatte.

»Ist das nicht fürchterlich?« fragte Nechludoff. »Ist das nicht ungeheuerlich?«

»Was setzt Sie dabei so sehr in Erstaunen?«

»Nun, alles! Oder vielmehr nein; ich verstehe das Verhalten des Popen und der Polizei, sie haben nur nach ihrer Vorschrift gehandelt. Doch dieser Staatsanwalt, der die Anklage erhoben hat, konnte doch andere Schlüsse ziehen; denn er ist doch schließlich ein gebildeter Mensch!«

»Ach, man sieht, Sie kennen das nicht! Man bildet sich gewöhnlich ein, die Prokuratoren, die Staatsanwälte und alle Beamte im allgemeinen seien geistig gebildete, liberalen Ansichten zugängliche Leute. Ja, das waren sie früher, doch jetzt haben sich die Dinge stark geändert. Die Richter sind jetzt nur noch Beamte, die einzig und allein die Sorge um ihre Beförderung kümmert. Sie erheben ein Gehalt und wünschen sich ein höheres, darauf beschränken sich ihre Grundsätze! Sonst sind sie bereit, einen jeden anzuklagen, vor Gericht zu stellen und zu verurteilen!«

»Aber es giebt doch schließlich Gesetze! Sie haben doch nicht das Recht, jemand zu verschicken, nur weil er mit seinen Freunden das Evangelium liest?«

»Sie haben nicht nur das Recht, ihn zu verschicken, sondern ihn sogar zur Zwangsarbeit zu verurteilen, wenn sie die Laune anwandelt, zu erklären, dieser Mann habe sich bei der Erklärung des Evangeliums von der vorgeschriebenen Auslegung entfernt und die Kirche dadurch öffentlich beleidigt. Auf Beleidigung des orthodoxen Glaubens steht – Zwangsarbeit!«

»Ist es möglich?«

»Wie ich Ihnen sage. Ich sage den Richtern stets,« fuhr der Advokat fort, »ich könnte sie nie sehen, ohne eine tiefe Dankbarkeit für sie zu empfinden, denn wenn wir, ich und Sie und jeder andere, nicht im Gefängnis sitzen, so verdanken wir das nur ihrer Gefälligkeit.« »Aber wenn alles von der Laune des Staatsanwalts und anderer Personen abhängt, die dem Gesetze zu folgen oder nicht zu folgen brauchen, worin besteht dann die Autorität der Justiz?«

Der Advokat beantwortete diese Frage mit einem fröhlichen Lachen:

»Das sind Probleme, die Ihrer würdig sind! Doch das alles, werter Herr, gehört zur Philosophie! Wissen Sie, kommen Sie einmal Sonnabend abends zu uns! Sie werden bei uns Gelehrte, Schriftsteller, Künstler treffen. Dann können wir über diese allgemeinen Fragen in Ruhe sprechen. Kommen Sie bestimmt! Meine Frau wird entzückt sein, Sie wiederzusehen!«

»Gewiß, ich werde mein Möglichstes thun,« versetzte Nechludoff; er fühlte, daß er log und daß er sein Möglichstes thun würde, um nie zu den »Sonnabenden« des Advokaten zu kommen und sich nie in diesen Kreis von Gelehrten, Schriftstellern und Künstlern zu begeben.

Das Lachen Fanitzins, mit dem er seine Frage beantwortet, und der ironische Ton, in dem er die Worte »allgemeine Fragen« gesprochen, machten Nechludoff vollends begreiflich, wie sehr sich seine Art zu denken und zu fühlen von der des Advokaten und jedenfalls auch von der seiner Freunde unterschied. Trotz der in ihm vorgegangenen Veränderung hatte er das Gefühl, Tschembok bliebe ihm und würde ihm stets noch weniger fremd bleiben, als dieser Fajnitzin und alle »Intellektuellen« seiner Umgebung.

Als Nechludoff die Mauern des Gefängnisses bemerkte, schnürte sich ihm das Herz zusammen, und ängstlich fragte er sich, in welcher Verfassung er die Maslow finden würde; doch noch mehr ängstigte ihn das Geheimnis, das er in ihrer Seele vermutete, dieses Geheimnis, das das ganze Gefängnis zu erfüllen schien.

Er klingelte am Hauptthor, und als ein Aufseher ihm entgegenkam, bat er um die Erlaubnis, die Maslow sprechen zu dürfen. Der Aufseher, der ihn erkannt hatte, ließ ihn sofort eintreten und sagte ihm, die Maslow wäre zum Krankendienst versetzt worden. Nechludoff wandte sich der Krankenabteilung zu. Dort fand er einen guten, alten Aufseher, der ihn gleich eintreten ließ und ihn selbst nach der Kinderabteilung führte, der die Maslow zugeteilt war.

Ein junger Assistent, der einen starken Karbolgeruch ausströmte, kam Nechludoff im Korridor entgegen und fragte ihn in strengem Tone nach dem Zweck seines Besuches. Dieser junge Assistent war stets gefällig gegen die Kranken, was ihn fortwährend unangenehmen Erklärungen mit den Gefängnisbeamten und mit seinem Vorgesetzten, dem dirigierenden Arzt, aussetzte. Da er fürchtete, Nechludoff wolle ihn um irgend eine ungesetzliche Gefälligkeit bitten, und weil er vielleicht auch zeigen wollte, daß er bei niemandem eine Ausnahme machte, so zwang er sich, seine strengste Miene anzunehmen und erklärte:

»Hier sind keine Frauen; hier ist die Kinderabteilung.«

»Ich weiß, doch man hat mir gesagt, es wäre hier eine Gefangene kürzlich als Wärterin angestellt worden.«

»Wir haben allerdings zwei Wärterinnen. Welche wollen Sie sprechen?«

»Ich stehe in Beziehung zu einer derselben, einer gewissen Maslow,« sagte Nechludoff, »und sie möchte ich sprechen. Ich reise morgen nach St. Petersburg, wo ich mich mit der Annullierung ihres Urteils zu beschäftigen habe. Dann wäre ich auch glücklich, ihr dies übergeben zu können; es ist nur eine Photographie,« fügte er hinzu und zog ein weißes Kouvert aus der Tasche.

»Gut, ich werde sie rufen,« sagte der Assistent, bereits besänftigt, wandte sich dann zu einer alten Wärterin in weißer Schürze und sagte ihr, sie solle die Maslow kommen lassen.

»Wollen Sie sich nicht setzen? oder wollen Sie sich ins Sprechzimmer begeben?«

»Danke!« versetzte er, die Veränderung in dem Benehmen des Assistenten bemerkend, und fragte ihn, ob er mit der Arbeit der Maslow zufrieden wäre.

»Gewiß! sie arbeitet nicht allzu schlecht, besonders wenn man bedenkt, woher sie kommt,« versetzte der Assistenzarzt, »Aber da ist sie ja!«

Die Maslow war thatsächlich eben in Begleitung der alten Wärterin in den großen Korridor getreten. Auch sie trug eine weiße Schürze über ihrem gestreiften Leinenkleid und auf dem Kopfe ein Tuch, das ihre Haare bedeckte. Als sie Nechludoff bemerkte, blieb sie einen Augenblick zögernd stehen, errötete, zog die Stirn kraus, schlug die Augen zu Boden und trat schnell auf ihn zu. Zuerst wollte sie ihm nicht die Hand geben, reichte sie ihm aber schließlich doch und errötete noch stärker.

Nechludoff hatte sie seit dem Tage nicht wiedergesehen, da sie sich wegen ihrer Heftigkeit ihm gegenüber entschuldigt; er hoffte, sie in derselben Verfassung wiederzufinden. Doch sie war diesmal in ganz anderer Stimmung, nämlich zurückhaltend, ihm feindlich gesinnt. Er wiederholte ihr, was er eben dem Assistenten gesagt; er reise nach St. Petersburg, habe sie vor seiner Abreise noch einmal sehen wollen und ihr etwas mitgebracht.

»Da nehmen Sie,« fuhr er fort; »das habe ich in dem Hause meiner Tanten entdeckt; es ist eine alte Photographie. Vielleicht macht es Ihnen Vergnügen, sie sich wieder anzusehen. Da nehmen Sie sie!«

Sie zog ihre schwarzen Augenbrauen in die Höhe, und ihre etwas schielenden Augen hefteten sich überrascht auf Nechludoff, als wenn sie fragen wollte: »Warum giebt er mir das?« Dann nahm sie, ohne ein Wort zu sprechen, das Kouvert und verbarg es unter ihrer Schürze.

»Ich habe auch Ihre Tante im Dorfe gesehen,« fügte Nechludoff hinzu.

»So!« versetzte sie gleichgültig.

»Und wie fühlen Sie sich hier?«

»Sehr gut; ich habe mich nicht zu beklagen!«

»Die Arbeit ist nicht zu schwer?«

»Ach nein, nicht allzu sehr; ich bin noch nicht daran gewöhnt, das ist alles!«

»Es ist also noch immer besser, nicht wahr, als Ihr Leben da drüben?«

»Wie meinen Sie das, da drüben?« rief sie, und eine Blutwelle überströmte ihre Wangen.

»Ich meine da drüben im Gefängnis!« beeilte sich Nechludoff hinzuzufügen.

»Warum ist das besser?«

»Ich denke mir, die Leute sind hier besser. Da drüben sind es doch nicht dieselben Leute!«

»Auch da drüben giebt es viele brave Leute!« versetzte sie trocken.

»Uebrigens habe ich mich auch mit dem Falle der Mentschoffs beschäftigt! Ich habe die Hoffnung, man wird sie freilassen.«

»Das walte Gott! sie ist eine so merkwürdige alte Frau,« sagte sie und wiederholte ihre Erklärung der alten Gefangenen, während ein leises Lächeln über ihr Gesicht huschte.

»Ich hoffe auch, daß Ihre Sache bald in St. Petersburg untersucht und das Urteil kassiert werden wird!«

»Das ist mir jetzt gleichgültig, ob es kassiert wird oder nicht!«

»Warum sagen Sie ›jetzt‹?«

»Ach, ich meine nur so!« versetzte sie, und er glaubte, in ihren Augen eine Frage zu lesen.

Nechludoff bildete sich ein, sie wolle wissen, ob er noch in seinen Entschlüssen beharre oder ob er sich in den Korb gefunden, den sie ihm gegeben hatte.

»Warum Ihnen das gleich ist,« sagte er, »weiß ich nicht; doch was mich anbetrifft, so wird es an dem, was ich zu thun gedenke, nichts ändern. Was auch kommen mag, ich werde stets bereit sein, mein Versprechen zu halten!«

Sie richtete von neuem ihre schielenden schwarzen Augen auf ihn, und unwillkürlich zeichnete sich eine tiefe Freude darin ab, die aber nur ihre Augen ausdrückten, denn sie sagte:

»Sie verlieren Ihre Zeit, wenn Sie so zu mir sprechen!«

»Ich spreche so zu Ihnen, damit Sie wissen, woran Sie sind.«

»Was gesagt ist, ist gesagt; ich werde nichts mehr hinzufügen,« erklärte sie mit mühsamer Stimme.

In diesem Augenblick ließ sich im Nebenzimmer ein Geräusch vernehmen, dem ein Kinderschrei folgte.

»Man ruft mich,« sagte die Maslow und blickte sich unruhig um.

»Nun denn. Adieu!«

Sie that, als sähe sie nicht, daß er ihr die Hand reichte und entfloh, ohne sich umzuwenden, indem sie die tiefe Freude niederzuzwingen versuchte, die ihr Herz erfüllte.

»Was geht in ihr vor? Was denkt sie? Was fühlt sie? Will sie mich nur auf die Probe stellen? Oder kann sie mir wirklich nicht verzeihen? Kann sie mir nicht sagen, was sie denkt und fühlt, oder will sie es nicht? Ist sie mir günstiger oder ungünstiger gesinnt, als beim letzten Mal?« fragte sich Nechludoff und bemühte sich vergeblich, diese Fragen zu beantworten. Nur eins erschien ihm klar, daß eine große Veränderung in ihr vorging und daß er durch diese Veränderung ihr und dem, in dessen Namen er gehandelt, näher trat. Und der Gedanke an diese Annäherung erfüllte ihn mit zarter Wonne.

Inzwischen war die Maslow in den Saal, in dem sie arbeitete, zurückgekehrt, einen kleinen Saal mit acht Kinderbetten. Auf den Befehl der Nonne machte sie die Betten. Plötzlich trat sie, weil sie die Arme zu hoch erhoben und sich zu sehr nach hintenüber geneigt, fehl und wäre beinahe gefallen. Ein kleiner, in der Genesung begriffener Junge, der mit verbundenem Kopfe auf einem Bette saß, bemerkte ihre Bewegung und fing zu lachen an, worauf die Maslow, die sich nicht länger halten konnte, ebenfalls in ein so fröhliches, so ansteckendes Gelächter ausbrach, daß alle andern Kinder darin einstimmten. Die Nonne wurde ärgerlich und sagte zur Maslow:

»Was hast du zu lachen? Du glaubst dich wohl noch drüben, von wo du kamst? Geh‘ in die Küche und hole das Essen!«

Die Maslow hörte zu lachen auf und ging, wohin man sie schickte. Doch selbst die harten Worte der Nonne hatten die Freude nicht ersticken können. Mehrmals am Tage zog sie, wenn sie allein war, die Photographie, die ihr Nechludoff gebracht, aus dem Kouvert und warf schnell einen Blick darauf. Als sie endlich abends nach dem Appell in ihr kleines Zimmer gehen konnte, das sie mit einer andern Gefangenen teilte, nahm sie die Photographie vor und betrachtete sie längere Zeit, indem sie bei den geringsten Einzelheiten der Gesichter, der Anzüge, der Balkonstufen verweilte. Sie fand an dieser vergilbten und verblaßten Photographie ein außerordentliches Gefallen; besonders gern aber betrachtete sie ihr eigenes Gesicht, das Bild ihres frischen, jungen Gesichts von damals mit den über die Stirn flatternden Lockenhaaren. Sie war in diese Betrachtung so tief versunken, daß sie nicht einmal bemerkte, wie ihre Genossin ins Zimmer trat.

»Was betrachtest du denn da? Hat »Er« dir das gegeben?« fragte das dicke Mädchen, das eben eingetreten war und sich ein bißchen über ihre Schulter lehnte. »Das sieht ja wie ein Bild aus!«

»Erkennt man mich wirklich noch?« fragte die Maslow mit freudigem Lächeln.

»Und das, das ist »Er«? Das ist wohl seine Mutter?«

»Nein, seine Tante! Aber man erkennt mich wirklich noch!«

»Du hast dich allerdings sehr verändert und hast nicht mehr dasselbe Gesicht. Man sieht, es sind seitdem viele Jahre vergangen!«

»Nicht die Jahre, sondern etwas anderes hat mich verändert,« versetzte die Maslow, und ihre freudige Erregung verschwand plötzlich ganz und gar; ihr Gesicht verdüsterte sich, und eine Runzel erschien auf ihrer Stirn.

»Was für anderes? Dein Leben ist doch nicht so hart gewesen!«

»Nein, sehr hart nicht,« entgegnete die Maslow, den Kopf abwendend. »Aber trotzdem ist das Zuchthaus noch besser.«

»Du brauchtest ja nur fortzugehen!«

»Ich wollte es mehr als einmal; doch ich konnte es nie! Wozu davon sprechen?« rief die Maslow, erhob sich schnell, versteckte die Photographie in einer Schublade und verließ das Zimmer, indem sie mühsam Thränen des Zornes zurückdrängte.

Als sie die Photographie betrachtete, hatte sie wieder so zu werden geglaubt, wie sie einst gewesen; sie dachte an all das Glück, das sie genossen, und an das, das sie noch hätte genießen können! Und nun erinnerten sie die Worte ihrer Gefährtin an das, was sie jetzt war! Wieder sah sie den ganzen Abscheu dieses Lebens vor sich, vor dem sie stets, ohne es sich selbst gestehen zu wollen, eine unklare Furcht empfunden hatte!

Ganz besonders trat ihr die Erinnerung an eine Nacht lebhaft vors Auge. Es war eine Nacht im Karneval. Die Maslow, die ein tief ausgeschnittenes und ganz mit Weinflecken beschmutztes rotes Seidenkleid und ein rotes Band in den aufgelösten Haaren trug, hatte sich abgespannt, betäubt, halb betrunken, um zwei Uhr morgens, nachdem sie einen Besucher hinausgeleitet, bevor sie wieder zu tanzen anfing, einen Augenblick neben die Klavierspielerin, ein mageres, knochiges, ganz mit Pickeln übersäetes Geschöpf, gesetzt. Sie hatte plötzlich eine Zentnerlast auf dem Herzen gefühlt, hatte der Klavierspielerin gestanden, das Leben, das sie führe, bedrücke sie, und sie hätte nicht mehr die Kraft, es noch länger zu ertragen. Die Klavierspielerin hatte erwidert, auch sie wäre des Lebens, das sie führe, überdrüssig; und als Klara auf sie zugekommen war und ihre Klagen mit denen der beiden andern Weiber vereinigt hatte, beschlossen alle drei, auf und davon zu gehen und ihren Lebenswandel so bald wie möglich zu ändern. Die Maslow verzichtete auf den Tanz, wollte den Salon verlassen und auf ihr Zimmer hinaufgehen, als sich im Korridor wieder die weinseligen Stimmen einiger Männer hören ließen. Der Violinist hatte ein Ritornell begonnen, die Klavierspielerin hatte ihn schnell begleitet; ein kleiner betrunkener Mann in schwarzem Frack hatte die Maslow um die Taille gefaßt; ein dicker Mann im Vollbart hatte Klara gepackt, und man hatte sich noch lange Zeit gedreht, getanzt, getrunken und geschrieen! So war ein Jahr nach dem andern vergangen! Wie sollte sie da ihren Lebenswandel ändern?!

Und an alledem war »Er«, Nechludoff, schuld! Stärker als je zuvor fühlte sie den Haß gegen ihn erwachen. Sie hätte ihn beschimpfen, ihn schlagen mögen. Sie bedauerte, daß sie sich an diesem Tage die Gelegenheit hatte entgehen lassen, ihm von neuem zu zeigen, daß sie ihn genau kannte, daß sie ihm nicht nachgeben und ihm nicht gestatten würde, sie zum zweitenmale zu mißbrauchen!

Ihre Leidenschaft war so heftig, sie fühlte einen so wilden Schmerz und Zorn, daß sie den Wunsch verspürte, Branntwein zu trinken, um sich zu beruhigen und zu vergessen. Trotz des Schwures, den sie sich geleistet, keinen mehr zu trinken, hätte sie sicher welchen getrunken, wenn sie ihn sich nur hätte verschaffen können. Doch der Branntwein stand unter der Obhut des Oberkrankenwärters, und vor diesem hatte die Maslow Furcht, weil sie wußte, daß er ihr nachstellte.

So blieb sie denn im Korridor auf einer Bank sitzen; dann kehrte sie wieder in ihr Zimmer zurück und weinte, ohne auf die Worte ihrer Gefährtin zu antworten, noch lange Zeit über ihr verpfuschtes Leben.

Drittes Kapitel

Abgesehen von der Berufung der Maslow, die seine Reise nach St. Petersburg hauptsächlich verursachte, hatte Nechludoff sich noch mit drei anderen Angelegenheiten zu beschäftigen, von denen ihm Wera Bogoduschoffska zwei anvertraut hatte. Er sollte den Versuch machen, bei der Begnadigungskommission des Gnadengesuch der Fedossja durchzusetzen, der jungen Gefangenen, die wegen Mordversuchs verurteilt war, und der ihr Gatte verziehen hatte; den Direktor der Gensdarmerie sollte er um die Freilassung der Studentin Tschustoff bitten, und außerdem wollte er für die Mutter eines politischen Gefangenen die Erlaubnis erhalten, ihren im geheimen Gewahrsam gehaltenen Sohn sprechen zu dürfen.

Seit seinem letzten Besuche bei Maslinnikoff und seinem Aufenthalte auf dem Lande fühlte er einen tiefen Widerwillen gegen die Gesellschaft, der er bis dahin angehört hatte; er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß zum Wohlbehagen und zum Zeitvertreib dieser Gesellschaft Millionen Menschen litten, und daß ihr Leiden an den Augen dieser Gesellschaft unbemerkt vorüberging, die es gleichzeitig vermied, über das Verbrecherische und Erbärmliche ihres eigenen Lebens Rechenschaft abzulegen. Doch in dieser Gesellschaft wurzelten seine Gewohnheiten; in ihr lebten seine Verwandten und Freunde; vor allem aber dachte er daran, daß er, um der Maslow und den andern Unglücklichen, deren Sache zu verteidigen er übernommen hatte, zu Hilfe zu kommen, den Schutz und die Dienste von Personen dieser Gesellschaft in Anspruch nehmen mußte, eine so große Abneigung er auch gegen sie im allgemeinen und gegen diese Personen im besonderen empfand.

Der letzte Grund veranlaßte ihn, als er nach St. Petersburg kam, bei seiner Tante, der Fürstin Tscharska, der Gattin eines früheren Ministers, Wohnung zu nehmen. Er würde sich wieder im Mittelpunkt der aristokratischen Welt befinden, und dieser Gedanke bereitete ihm Qualen, doch er wußte ebensogut, er beleidigte seine Tante, wenn er nicht bei ihr wohnte, und beraubte sich so für seine Unternehmungen einer Hilfe, die ihm äußerst wertvoll werden konnte.

»Nun, was hat man mir denn von dir erzählt?« fragte ihn die Gräfin Katharina Iwanowna, während sie sich damit beschäftigte, ihm seinen Milchkaffee vorzusetzen, »Du bist ja ein Original geworden, der Herr spielt sich als Philanthrop auf! Er unterstützt die Verbrecher und besucht die Gefangenen; du machst wohl Studien?«

»Ach nein, daran denke ich gar nicht!«

»Na, um so besser; dann ist es also ein romantisches Abenteuer? Erzähle!«

Nechludoff erzählte sein Verhältnis mit der Maslow genau so, wie es gewesen war.

»Ach ja, ich erinnere mich; deine arme Mutter hat nach deinem Aufenthalt bei den alten Jungfern davon erzählt. Sie hatten jawohl die Absicht, dich mit ihrer Mündel zu verheiraten, wie hieß sie doch noch? Ist sie noch hübsch?«

Die Gräfin Katharina Iwanowna Tscharska war eine kräftige, heitere, geschwätzige und energische Frau von 60 Jahren. Von hoher Gestalt und sehr korpulent, hatte sie einen kleinen schwarzen Schnurrbart, der sich ganz deutlich auf der Oberlippe abzeichnete. Nechludoff hatte sie sehr lieb, und er war seit seiner Kindheit daran gewöhnt, ihr seine Sorgen mitzuteilen und sein Herz auszuschütten.

»Nein, liebe Tante, das alles ist vorbei. Ich will ihr nur zu Hilfe kommen, weil sie unschuldig verurteilt worden ist und ich an ihrem ganzen Elend schuld bin. Ich halte mich verpflichtet, für sie alles zu thun, was in meinen Kräften steht.«

»Denke dir, man hat mir gesagt, du wolltest sie heiraten.«

»Ja, ich habe es gewollt, und will es noch, aber sie will nicht.«

Katharina Iwanowna, die ihren Neffen mit verzweifelter Miene betrachtete, beruhigte sich bei den letzten Worten und lächelte wieder.

»Nun, sie ist eben klüger als du; ach, mein armes Kind, was bist du doch für ein Taugenichts! Und du würdest dich wirklich mit ihr verheiraten?«

»Gewiß!«

»Nach alledem, was sie gewesen ist?«

»Gerade deshalb! Bin ich nicht schuld daran?«

»Höre: du bist doch ein richtiger Taugenichts,« erklärte die Tante weiter lächelnd, »ein richtiger Taugenichts, aber gerade darum liebe ich dich, weil du solch richtiger Taugenichts bist.«

Sie wiederholte das Wort beständig und war jedenfalls entzückt, einen Ausdruck gefunden zu haben, der die Vorstellung, die sie sich von ihrem Neffen machte, so ausgezeichnet wiedergab.

»Aber das trifft sich ja wunderbar. Aline hat gerade ein Asyl für büßende Magdalenen eröffnet. Ich war neulich dort, gräßlich! Als ich von meinem Besuch nach Hause kam, mußte ich ein Bad nehmen. Doch Aline hat sich ihrem Asyl mit Leib und Seele gewidmet; wir werden ihr deinen Zögling anvertrauen. Wenn jemand auf der Welt sie zum Guten zurückführen kann, dann ist es Aline.«

»Ja, sehen Sie, diese Unglückliche sitzt aber im Gefängnis und soll zur Zwangsarbeit abgeführt werden. Ich bin gerade hierhergekommen, um die Annullierung ihrer Verurteilung zu versuchen. Das ist eine der zahlreichen Angelegenheiten, in denen ich Ihrer Hilfe bedarf.« »Wovon hängt ihre Angelegenheit denn ab?«

»Vom Senat!«

»Vom Senat? Aber mein lieber Vetter Leo sitzt doch im Senat. Ach so, ich vergaß, er ist ja in der heraldischen Abteilung. Und außer ihm kenne ich niemand im Senat. Man findet dort nur Leute, die Gott weiß woher kommen, und außerdem viele Deutsche. Leute von der andern Welt! Aber trotzdem werde ich mit meinem Manne sprechen, er kennt sie ja alle. Er kennt die ganze Welt, ich werde mit ihm sprechen. Aber du mußt ihm die Sache selbst erklären, mich würde er nie verstehen. Wenn ich ihm etwas sage, antwortet er immer, er verstehe nicht. Das ist Voreingenommenheit, aber was soll ich dagegen thun?«

Die Gräfin wurde in ihren Mitteilungen durch den Eintritt eines Dieners unterbrochen, der ihr auf silbernem Teller einen Brief reichte.

»Wie sich das trifft! Ein Brief von Aline! Du wirst auch Kiesewetter hören!«

»Wer ist Kiesewetter?«

»Kiesewetter? Komm‘ heute abend zu uns, dann wirst du sehen, wer es ist. Er spricht so vorzüglich, daß die verstocktesten Verbrecher sich ihm weinend und bereuend zu Füßen werfen. Ach, wenn deine Magdalena ihn hören könnte, dann würde sie sich gleich bekehren. Aber komm‘ sicher heute abend, du wirst ihn hören, es ist ein ganz erstaunlicher Mensch.«

»Ja, aber, liebe Tante, diese Dinge interessieren mich nicht besonders.«

»O doch; ich sage dir, es wird dich schon interessieren, und du wirst kommen, ich will es, hörst du? Und jetzt sage, was du noch von mir willst; schnell, krame deine Neuigkeiten aus.«

»Ich habe mich auch mit der Angelegenheit eines jungen Menschen zu beschäftigen, der auf der Festung eingeschlossen ist.«

»Auf der Festung? Ach ja, ich kann dir auch einen Brief für den Baron Kriegsmuth geben, das ist ein braver Mensch, übrigens kennst du ihn ja. Er war ein Kamerad deines Vaters. Er hat sich dem Spiritismus zugewendet, ist aber trotzdem ein braver Mann. Was willst du von ihm?«

»Ich will für die Mutter des jungen Mannes um die Erlaubnis nachsuchen, ihren Sohn sprechen zu dürfen. Ich habe auch ein Gesuch für Tscherwianski, was mir sehr unangenehm ist.«

»Tscherwianski? Ach, dieser häßliche Mensch! Das ist ja Mariettens Gatte; doch ich kann mich immerhin an sie wenden. Sie wird alles für mich thun; sie ist ja so nett!«

»Ich habe sie um die Freilassung eines jungen Mädchens, einer Studentin, zu bitten, die seit mehreren Monaten im Gefängnis sitzt, ohne daß jemand weiß, warum!«

»O, sie selbst wird schon wissen, warum; diese Mädchen mit den kurzen Haaren sind weich wie Butter, wenn sie hinter Schloß und Riegel sitzen.«

»Ich weiß nicht, ob sie wirklich weich wie Butter sind, ich weiß nur, daß sie leiden, wie wir an ihrer Stelle leiden würden. Wie können Sie als Christin, die Sie doch an das Evangelium glauben, so mitleidslos sein?«

»Was sagst du da? Das ist ja Unsinn! Das Evangelium ist das Evangelium, und was schlecht ist, ist schlecht. Soll ich vielleicht erklären, ich liebe die Nihilisten und besonders die Nihilistinnen mit ihren kurzen Haaren, während ich sie in Wirklichkeit nicht ausstehen kann?«

»Ja, aber warum können Sie sie denn nicht ausstehen?«

»Was brauchen sie sich in Dinge zu mischen, die sie nichts angehen?«

»Nun, da ist zum Beispiel Mariette; Sie geben doch selbst zu, daß sie das Recht hat, sich mit den Angelegenheiten ihres Mannes zu beschäftigen?«

»Bei Mariette ist das etwas anderes, aber wenn so eine, Gott weiß was, so eine Popentochter uns gute Lehren geben will …«

»Sie will uns keine guten Lehren geben, sondern dem Volke helfen.«

»Man braucht sie aber gar nicht, um die Bedürfnisse des Volkes kennen zu lernen.«

»O, liebe Tante, darin irren Sie sich. Die Bedürfnisse des Volkes werden größer, und wir kennen sie tatsächlich nicht. Ich habe mich davon selbst überzeugt, denn ich komme eben vom Lande. Finden Sie es gerecht, daß die Bauern über ihre Kräfte arbeiten und nicht einmal ihren Hunger stillen können, während wir in Müßiggang und Luxus leben,« fuhr Nechludoff fort, den das Wohlwollen seiner Tante veranlaßte, ihr alle seine Gedanken nach und nach mitzuteilen.

»Was willst du denn aber? Soll ich etwa arbeiten und nicht essen? Mein Lieber, mit dir nimmt es noch einmal ein schlimmes Ende.«

»Weshalb denn?«

Während der letzten Worte war ein kräftiger, hochgewachsener, älterer Herr in das Speisezimmer getreten; das war der Gatte der Gräfin Tscharska, der frühere Minister. Er küßte seiner Frau galant die Hand und sagte dann, Nechludoff seine frischrasierte Wange hinhaltend:

»Ah, guten Tag, Dimitri, seit wann bist du hier?«

»Nein, er ist unbezahlbar,« sagte die alte Gräfin zu ihrem Manne. »Er wünscht, ich solle meine Wäsche selbst im Flusse waschen und mich nur von Kartoffeln nähren. Du kannst dir nicht denken, was für ein Taugenichts er geworden ist. Trotzdem aber thätest du gut, alle seine Wünsche zu erfüllen. Apropos, man sagt, mit Frau Kamenski stehe es so verzweifelt, daß man für ihr Leben fürchtet; du solltest ihr einen Besuch machen.«

»Ja, es ist furchtbar,« versetzte der Mann.

»Und jetzt unterhaltet euch von euren Angelegenheiten im Rauchzimmer, ich habe Briefe zu schreiben.«

Nechludoff hatte das Eßzimmer kaum verlassen, als sie ihm nachrief, er solle wieder zu ihr kommen.

»Soll ich auch an Mariette schreiben?«

»Ach ja, Tante!«

»Aber ich werde die Erklärung dessen, um was du ihren Mann wegen der Nihilistin zu bitten hast, freilassen. Sie kann ihrem Manne dann befehlen, zu thun, was du verlangst, und er wird es thun. Aber glaube nur nicht, daß ich mitleidslos bin. Sie sind alle Ungeheuer, deine Schützlinge, aber ich will ihnen durchaus nicht übel, Gott beschütze sie. Also auf heute abend, du kommst heute abend sicher! Du wirst Kiesewetter hören und dann mit uns beten, das wird dir gut thun; also auf heute abend, nicht wahr?«

Der frühere Minister, Graf Iwan Michaelowitsch Tscharskin, war ein Mann von strengen Grundsätzen. Seine Grundsätze hatten von Jugend an in folgendem bestanden: Er war überzeugt, ebenso wie der Vogel sich von Würmern nährt, im freien Raum umherfliegt, mit Federn bekleidet ist, ebenso müsse er sich ganz naturgemäß von den feinsten Speisen nähren, mit den besten Stoffen bekleidet sein und in den teuersten Kaleschen fahren, denen die schnellsten Pferde vorgespannt waren. Der Graf Iwan Michaelowitsch glaubte, das müsse so sein und für ihn stets bereitstehen. Er hatte aber noch eine andere Ueberzeugung. Er war überzeugt, je mehr Geld er aus dem öffentlichen Schatze erheben, je mehr Orden und Titel er erhalten, je vertrauter er mit Personen von höherem Range werden würde, um so besser würde das für ihn und das ganze Weltall sein.

Im Vergleich zu diesen seinen Hauptgrundsätzen erschien dem Grafen Iwan Michaelowitsch alles übrige unbedeutend und interesselos. Ob alles andere so oder so geschah, das kümmerte ihn wenig. Mit solchen Ansichten hatte der Graf vierzig Jahre lang in Petersburg gelebt und war dann an die Spitze eines Ministeriums gestellt worden. Er hatte diese Ehre folgenden Vorzügen zu verdanken: Zunächst hatte er den Sinn der Vorschriften und anderer offizieller Akte verstanden, und konnte solche Akte selbst herstellen, allerdings, ohne viel Gedanken und Stil dabei zu verwenden, aber auch ohne allzu viel orthographische Fehler zu machen. Außerdem repräsentierte er ausnehmend gut und konnte zu gleicher Zeit, je nach den Umständen, den Eindruck der Würde, der Vornehmheit und Unzugänglichkeit oder den des Wohlwollens und der Demut hervorrufen; drittens besaß er den Vorzug, daß ihm alle nicht mit seinen Funktionen übereinstimmenden Grundsätze sowohl moralischer wie politischer Art vollständig fehlten, so daß er nach Belieben alles billigen oder mißbilligen konnte. Wir müssen ferner noch hinzufügen, daß er seine Ansichten je nach den Umständen wechselte, nie in allzu großem Widerspruche mit sich selbst stand, und zwar deshalb, weil er sich einzig und allein um das Wohlwollen seiner Vorgesetzten kümmerte, ohne je danach zu fragen, welche Folgen das für Rußland oder für das Wohl der Menschheit haben könnte.

Als er an die Spitze des Ministeriums gestellt worden war, hatten alle seine Untergebenen und die Mehrzahl der anderen Personen, die ihn kannten, und noch mehr er selbst, die feste Ueberzeugung, er würde sich als ein ganz bedeutender Politiker bewähren. Als man aber nach einer gewissen Zeit feststellen mußte, er hätte weder etwas geändert noch verbessert, und andere, die die offiziellen Dokumente ebenso gut verstanden und aufsetzten, ihn ersetzen konnten, da bemerkte man einstimmig, daß er durchaus kein Mann von hervorragender Intelligenz, sondern im Gegenteil ein höchst beschränkter Mensch von maßloser Eitelkeit war. Man bemerkte, daß er nichts besaß, was ihn von den andern beschränkten, eitlen Mittelmäßigkeiten unterschied, die seine Stelle einzunehmen wünschten. Er aber hatte sowohl nach, wie vor seinem Ministerium die feste Ueberzeugung, er habe das Recht, jedes Jahr ein höheres Gehalt zu erheben, mehr Titel und Orden zu erhalten und jedes Jahr eine höhere sociale Stellung einzunehmen. Diese Ueberzeugung war in ihm so tief eingewurzelt, daß niemand den Mut hatte, ihm zu widersprechen, und so erhob der Graf Iwan Michaelowitsch jedes Jahr ein höheres Gehalt, hatte das Recht, jedes Jahr neue Kreuze oder Emaillesterne anzustecken, und vielleicht besaß niemand in St. Petersburg so ausgebreitete Verbindungen als er.

Die Erklärungen Nechludoffs hörte er mit demselben Ernst und derselben Aufmerksamkeit an, mit der er früher die Berichte seiner Bureauchefs angehört. Als er sie vernommen, sagte er seinem Neffen, er würde ihm zwei Empfehlungsbriefe geben. Der eine derselben war für den Senator Wolff vom Kassationshofe bestimmt. »Man spricht so mancherlei von ihm,« fügte Iwan Michaelowitsch hinzu, »aber auf jeden Fall ist es ein sehr »schneidiger« Mann, er ist mir verpflichtet und wird thun, was in seinen Kräften steht.« Der zweite Brief war an ein sehr einflußreiches Mitglied der Begnadigungskommission gerichtet, dem das Gnadengesuch der Fedossja vorgelegt werden sollte, deren Geschichte den früheren Minister sehr zu interessieren schien. »Wenn Ihre Majestät mir die Ehre erweist, mich zu einer ihrer nächsten kleinen Donnerstaggesellschaften einzuladen, so wird es mir vielleicht möglich sein, ein Wort über diese Sache fallen zu lassen.«

Als Nechludoff von seinem Onkel diese beiden Briefe und von seiner Tante den für Mariette Tscherwianska erhalten, begann er sofort, die nötigen Schritte zu thun. Zunächst begab er sich zu Mariette. Er hatte sie als junges Mädchen gekannt und wußte, daß sie nach einer ziemlich ärmlichen Kindheit sich mit einem sehr thätigen und sehr ehrgeizigen Beamten verheiratet hatte, der es jetzt schon verstanden hatte, sich eine sehr schöne Stellung zu schaffen. Er wußte außerdem, daß dieser Gatte in einem höchst verdächtigen Rufe stand, und geriet in große Verlegenheit bei dem Gedanken, diesen Mann um eine Gefälligkeit zu ersuchen. Zu dieser Verlegenheit trat noch für ihn ein persönliches Gefühl. Er fürchtete, er könne im Verkehr mit dieser Welt, die zu verlassen er entschlossen war, wieder an einem leichten und oberflächlichen Leben Geschmack gewinnen. Dieses Gefühl hatte er bereits empfunden, als er zu seiner Tante kam, und er erinnerte sich, wie er in der Unterhaltung mit ihr sich hatte hinreißen lassen, die ernstesten Fragen in ironischem und leichtfertigem Tone zu behandeln. Im allgemeinen machte St. Petersburg wieder auf ihn den verweichlichenden und berauschenden Eindruck, den er bereits früher empfangen hatte. Alles war darin so sauber, so bequem, es fehlte darin vollständig an geistigen und moralischen Skrupeln, daß das Leben hier leichter als anderswo erschien.

Ein Kutscher von wunderbarer Sauberkeit fuhr ihn in einem Wagen von ebenso wunderbarer Sauberkeit auf einem reinen und glatten Pflaster durch elegante und saubere Straßen bis zu dem Hause, in welchem Mariette lebte. Vor der Auffahrt sah er ein paar englische Pferde vor einem Landauer, auf dessen Bock mit würdiger und ernster Miene ein Kutscher saß, der einen Backenbart trug und den Eindruck eines Engländers machte. Ein in auffallende Livree gekleideter Portier öffnete die Eingangsthür, während Nechludoff am Fuß der Treppe einen ebenfalls in prächtige Livree gekleideten Diener mit sorgfältig gekämmtem Backenbart stehen sah; derselbe blieb unbeweglich, ohne Nechludoffs Erscheinen bemerken zu wollen, doch ein anderer Diener trat vor und sagte:

»Der General empfängt nicht und die Frau Generalin ebensowenig, sie hat eben ihre Befehle zum Ausfahren gegeben.«

Nechludoff zog aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte, näherte sich einem kleinen Tische im Vorzimmer und wollte mit Bleistift einige Worte darauf schreiben, als der Diener plötzlich eine Bewegung machte, während der Portier mit dem Worte: »Vorfahren!« auf die Freitreppe stürzte; der Diener richtete sich auf, legte die Hände an die Hosennaht und folgte mit den Augen einer kleinen und dünnen jungen Frau, die, ohne sich allzu viel um die Forderungen der Würde zu kümmern, schnellen Schrittes die Treppe herunterkam. Mariette trug einen großen Hut mit einer schwarzen Feder, dazu eine schwarze Pellerine über einem schwarzen Kleide und knöpfte sich beim Gehen ein Paar schwarze Handschuhe an. Ihr Gesicht war unter einem Schleier verborgen. Als sie Nechludoff bemerkte, lüftete sie den Schleier und zeigte ein sehr hübsches Gesicht mit großen glänzenden Augen. Als sie den Besucher einen Augenblick betrachtet, rief sie mit vertraulicher und fröhlicher Stimme:

»Ah, Fürst Dimitri Iwanowitsch!«

»Wie? Sie erinnern sich noch meines Namens?«

»Und Sie haben also vergessen, daß wir, meine Schwester und ich, einen ganzen Sommer in Sie verliebt gewesen sind?« versetzte sie lachend. »Aber wie verändert Sie sind! Wie schade, daß ich ausfahren muß! Uebrigens könnten wir noch einen Augenblick in den kleinen Salon gehen,« sagte sie zögernd, blickte auf die Uhr im Vorzimmer und fuhr fort: »Leider ist es unmöglich! Ich fahre zu den Kamenskys zur Leichenfeier. Schrecklich, nicht wahr?«

»Aber was ist denn diesen Kamenskys widerfahren?«

»Wie? Sie wissen nicht? Ihr Sohn ist im Duell gefallen. Ein Streit mit Posen. Ihr einziger Sohn! Es ist entsetzlich! Die Mutter ist wahnsinnig vor Verzweiflung. Nein, hier kann ich unmöglich bleiben, aber kommen Sie morgen oder heut‘ abend,« fuhr sie fort und wandte sich mit ihrem leichten Schritte der Thür zu.

»Heut‘ abend kann ich leider nicht! Ich kam gerade in einer wichtigen Angelegenheit!« sagte Nechludoff, während er mit ihr auf die Freitreppe trat.

»In was für einer Angelegenheit?«

»Hier ist ein Brief meiner Tante!« sagte Nechludoff und reichte ihr das kleine Couvert, das ein umfangreiches Siegel aufwies.

»Ja, ich weiß, die Gräfin Katharina Iwanowna bildet sich ein, ich hätte Einfluß auf meinen Gatten! Wie sie sich irrt! Ich vermag nichts über ihn und will mich nicht in seine Angelegenheiten mischen. Aber natürlich bin ich für Sie und die Gräfin bereit, von meinen Grundsätzen abzuweichen. Um was handelt es sich also?«

»Um ein junges Mädchen, das auf der Festung sitzt! Sie ist krank und man hat sie aus Verschen verhaftet.«

»Wie heißt sie?«

»Tschustoff, Lydia Tschustoff. Sie finden alle Auskünfte über sie in der dem Briefe beigefügten Notiz!«

»Nun, ich werde mir die Sache angelegen sein lassen,« sagte Mariette, während sie den Fuß auf das Trittbrett des eleganten neuen Wagens setzte, dessen Firniß in der Sonne glänzte. Sie setzte sich und öffnete ihren Sonnenschirm. Der Diener stieg auf den Bock und gab dem Kutscher ein Zeichen, man wäre bereit. Der Wagen setzte sich in Bewegung, doch in demselben Augenblick tippte Mariette mit dem plötzlich wieder geschlossenen Sonnenschirm dem Kutscher auf die Schulter; die Pferde, die unter dem Druck der Zügel den Kopf erhoben hatten, blieben stehen und bewegten ihre feinen Beine auf dem Platze.

»Aber Sie werden mich doch besuchen, und dann ohne selbstsüchtigen Grund?« fragte sie mit einem Lächeln, dessen Macht sie kannte. Dann öffnete sie den Sonnenschirm wieder und gab dem Kutscher ein neues Zeichen.

Nechludoff nahm höflich zum Abschied seinen Hut ab. Die Pferde stampften nervös auf dem Pflaster, und der Wagen entfernte sich schnell und leise.

Während Nechludoff sich an das Lächeln erinnerte, das er eben mit Mariette ausgetauscht, stellte er allerlei innerliche Betrachtungen an. »Du wirst kaum den Kopf gewendet haben,« sagte er sich, »und dieses Leben wird dich von neuem in seinen Bann schlagen.« Wieder dachte er an die Schwierigkeiten und Gefahren, die hinter seinen Bemühungen bei den Personen der Gesellschaft für ihn lauerten, die jetzt nicht mehr die seine bleiben konnte.

Als er Mariette verließ, begab er sich sofort nach dem Senat. Man führte ihn in ein großes Zimmer, in welchem eine Menge sehr sauberer und höflicher Beamten saßen, die ihm mitteilten, das Gesuch sei zur Prüfung an den nämlichen Senator Wolff geschickt worden, für den ihm sein Onkel ein Empfehlungsschreiben gegeben hatte.

»Am nächsten Mittwoch findet eine Senatssitzung statt,« sagte man ihm, »doch die Tagesordnung ist so belastet, daß der Fall Maslow jedenfalls auf eine nächste Sitzung verschoben werden wird. Indessen können Sie immerhin die Beschleunigung der Beratung beantragen.

In diesem Senatsbureau hörte Nechludoff, während er weitere Einkünfte einholte, wieder von dem unglücklichen Duell sprechen, in welchem der junge Kamensky gefallen war. Zum erstenmale erfuhr er die Einzelheiten einer Geschichte, mit der sich damals die ganze Stadt beschäftigte. Die Sache hatte in einem Restaurant begonnen, wo die Offiziere Austern speisten und ihrer Gewohnheit gemäß viel tranken. Da einer derselben sich einige beleidigende Bemerkungen über das Regiment erlaubte, in dem Kamensky diente, so hatte ihn dieser einen Lügner geheißen; der so beschimpfte Offizier hatte ihn geohrfeigt, und das Duell hatte am nächsten Tage stattgefunden. Kamensky hatte eine Kugel in den Unterleib bekommen und war zwei Stunden später gestorben. Sein Gegner und die Zeugen waren verhaftet und auf mehrere Wochen ins Gefängnis gesperrt worden.

Vom Senat fuhr Nechludoff zur Begnadigungskommission, wo er einen hohen Beamten, den Baron Worobjeff, zu sprechen hoffte, an den ihm sein Onkel einen Brief mitgegeben. Doch der Portier gab ihm in strengem Tone zu verstehen, man könne den Baron nur an bestimmten Tagen sprechen. Nechludoff ließ den Brief da und begab sich zu dem Senator Wolff. Dieser hatte eben sein Frühstück beendet und sorgte für die Beförderung seiner Verdauung, indem er in seinem Kabinett auf und ab ging und dazu Cigarren rauchte. Nechludoff fand ihn bei dieser Thätigkeit. Wladimir Efimowitsch Wolff war wirklich ein Mann comme il faut; er stellte diese Eigenschaft über alle andern, und nichts war seiner Ansicht nach berechtigter, denn ihr nur allein verdankte er seine glänzende Laufbahn und die Befriedigung seines Ehrgeizes. Durch sie hatte er eine reiche Heirat gemacht, die ihm den Titel Senator und eine Stellung mit achtzehntausend Rubeln Gehalt eingebracht. Doch er war nicht damit zufrieden, ein Mann comme il faut zu sein, und betrachtete sich als einen Typus von ritterlicher Rechtschaffenheit. Tiefe Rechtschaffenheit bestand aber seiner Ansicht nach darin, die Privatleute zu schröpfen. Er glaubte seiner Rechtschaffenheit keinen Abbruch zu thun, wenn er alle Art von Geschenken, Schweigegeldern und Trinkgeldern entgegennahm und im Notfalle sogar darum bat. Er glaubte seine Rechtschaffenheit auch nicht zu verleugnen, wenn er seine Frau betrog, die er ihres Geldes wegen geheiratet hatte und die in ihn verliebt war. Im Gegenteil, niemand war stolzer als er auf die weise Einrichtung seines Familienlebens. Die Familie bestand aus seiner Frau, der Schwester der letzteren, deren Vermögen er sich unter dem Vorwand, es verwalten zu wollen, angeeignet, und einer Tochter, einer nicht besonders hübschen, schüchternen und sanften Person, die ein einsames und trauriges Leben führte und deren einzige Zerstreuung die frommen Versammlungen waren, die bei Aline und der alten Gräfin Tscharska abgehalten wurden.

Der Senator Wolff hatte auch einen Sohn, einen kräftigen Burschen, der bereits mit fünfzehn Jahren einen Bart wie ein Mann hatte und schon in diesem Alter angefangen hatte, zu trinken und den Mädchen nachzulaufen. Mit zwanzig Jahren hatte ihn sein Vater aus dem Hause gejagt, weil er seine Studien nicht beenden konnte und sein Benehmen ihn bloßzustellen drohte. Später hatte er für seinen Sohn eine Schuld von zweihundertdreißig Rubeln und dann noch eine von sechshundert Rubeln bezahlt, ihm dabei aber erklärt, das wäre die letzte. Anstatt sich zu bessern, hatte der Sohn wieder eintausend Rubel Schulden gemacht, und nun hatte ihm der Vater mitgeteilt, er betrachte ihn nicht mehr als seinen Sohn. Von diesem Augenblick an lebte er, als hätte er nie einen Sohn gehabt, und niemand wagte bei ihm zu Hause, von demselben zu sprechen. Das hinderte ihn aber nicht, der vollen Ueberzeugung zu leben, niemand könnte ein Familienleben so trefflich gestalten wie er.

Wolff empfing Nechludoff mit dem liebenswürdigen und etwas spöttischen Lächeln, mit der er seine Gefühle als Mann comme il faut der übrigen Menschheit gegenüber zum Ausdruck brachte.

»Ich bitte Sie,« sagte er, nachdem er den Brief des Grafen Iwan Michaelowitsch gelesen, »nehmen Sie Platz. Mir aber gestatten Sie wohl, weiter auf und ab zu gehen. Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen und natürlich auch dem Grafen Iwan Michaelowitsch gefällig zu sein,« fuhr er fort, nachdem er eine dichte, blaue Rauchwolke ausgestoßen, wobei er seine Cigarre sorgsam so hielt, daß die Asche nicht auf den Teppich fallen konnte.

»Ich möchte Sie nur bitten, die Prüfung der Berufung beschleunigen zu lassen,« sagte Nechludoff, »damit die Maslow, wenn sie nach Sibirien muß, so schnell wie möglich abreisen kann.«

»Ja, ja, mit dem ersten Dampfer von Nischnij-Nowgorod, ich weiß!« erklärte Wolff mit seinem vorigen Lächeln, wie ein Mann, der genau im voraus weiß, was man mit ihm sprechen will. »Sie sagen, die Verurteilte heißt…?«

»Katharina Maslow!«

Wolff ging auf seinen Schreibtisch zu und öffnete einen Karton mit Papieren.

»Die Maslow! Ganz recht! Schön, ich werde mit meinen Kollegen darüber sprechen, und wir werden über den Fall Mittwoch beraten.«

»Darf ich meinem Advokaten telegraphieren?«

»Wie? Sie haben in dieser Sache einen Advokaten? Das ist ganz unnütz! Aber ja, Sie können ihm schließlich telegraphieren.«

»Ich fürchte, die Gründe zur Annullierung genügen nicht,« sagte Nechludoff, »aber schon das Protokoll der Verhandlungen beweist, daß die Verurteilung auf Grund eines Mißverständnisses erfolgt ist.«

»Ja, ja, das ist möglich; aber der Senat hat sich nur mit der Sache selbst zu beschäftigen,« versetzte Wolff, auf seine Cigarrenasche blickend, in strengem Tone. Der Senat muß sich darauf beschränken, ob die Verhandlung nach Gesetzesvorschrift erfolgt ist.«

»Aber ich glaube, der Fall liegt hier so außergewöhnlich…«

»Gewiß, gewiß! Alle Fälle sind außergewöhnlich. Na, wir werden thun, was zu thun ist!«

Die Asche hielt noch immer, begann aber am Ende der Cigarre zu zittern.

»Und Sie kommen nur selten nach Petersburg,« fuhr Wolff fort, indem er die Asche in den Aschbecher abstrich, »Dieser Tod des jungen Kamensky ist doch entsetzlich! Ein so reizender junger Mann! Der einzige Sohn! Die Mutter ist vor Verzweiflung wahnsinnig,« fügte er hinzu und wiederholte fast Wort für Wort, was die ganze Stadt sprach.

Nechludoff stand auf, um sich zu verabschieden.

»Wenn es Ihnen recht ist, so frühstücken Sie doch einmal in den nächsten Tagen bei mir,« sagte Wolff, während er ihm die Hand reichte.

Die Zeit war schon so vorgerückt, daß Nechludoff seine weiteren Bemühungen auf den nächsten Tag verschob und nach Hause, d. h. zu seiner Tante zurückkehrte.

Es waren an diesem Abend sechs Personen bei der Gräfin Katharina Iwanowna zu Tische. Der Graf, die Gräfin, ihr Sohn, – ein junger mürrischer und brummiger Gardeoffizier, der mit den Ellenbogen auf dem Tische aß, – Nechludoff, die französische Vorleserin und der Verwalter des Grafen.

Die Unterhaltung drehte sich natürlich um den Tod des jungen Kamensky. Jeder entschuldigte Posen, der die Ehre seiner Uniform verteidigt hatte. Nur die Gräfin Katharina Iwanowna zeigte sich mit ihrer freien und unüberlegten Sprechweise streng gegen den Mörder.

»Sich betrinken und dann reizende junge Leute töten, das werde ich nie entschuldigen,« erklärte sie.

»Ich begreife nicht, was Sie damit sagen wollen,« bemerkte ihr Gatte.

»Ja, ich weiß! Du begreifst nie, was ich sagen will,« versetzte die Gräfin und wandte sich zu Nechludoff, als wolle sie ihn zum Zeugen nehmen. »Jeder begreift mich, nur nicht mein Mann. Ich sage, ich beklage die Mutter dessen, den er getötet hat, und kann es nicht dulden, daß dieser Mensch, der Kamensky gemordet, davon noch Annehmlichkeiten haben soll.«

In diesem Augenblick ergriff der Sohn der Gräfin, der bis dahin nichts gesagt, das Wort, um die Verteidigung Posens zu übernehmen. In ziemlich grober Weise griff er die Worte seiner Mutter an und bemühte sich, ihr zu beweisen, ein Offizier müsse so handeln, wie Posen gehandelt; ja, er fügte hinzu, hätte er anders gehandelt, so hätte ihn das Ehrengericht der Offiziere aus dem Regiment ausgestoßen.

Ohne an der Unterhaltung teilzunehmen, hörte Nechludoff diese verschiedenen Reden an. In seiner Eigenschaft als früherer Offizier begriff er die Behauptungen des jungen Tscharsky und fand sie natürlicher, als er sich selbst zu gestehen wagte, andererseits konnte er sich bei dem Fall dieses Offiziers, der einen seiner Kameraden getötet, des Gedankens nicht erwehren, an einen jungen Mann zu denken, den er im Gefängnis gesehen und der wegen eines im Laufe eines Streites begangenen Mordes zur Zwangsarbeit verurteilt worden war.

In beiden Fällen war die erste Ursache des Verbrechens die Trunkenheit gewesen. Der junge Bauer hatte unter dem Eindruck einer ungewöhnlichen Ueberreizung getötet, und um ihn dafür zu bestrafen, hatte man ihn von seinem Weibe und seinen Kindern getrennt, ihm Eisen an die Füße gelegt, ihm den halben Kopf rasiert und wollte ihn nun zur Zwangsarbeit verschicken; dagegen saß der Offizier, der unter ganz gleichen Bedingungen dasselbe Verbrechen begangen, in einem hübschen Zimmer in Arrest, aß gute Speisen, trank gute Weine, las ungehindert alle Bücher, die er lesen wollte, und wurde demnächst in Freiheit gesetzt, um sein altes Leben wieder aufzunehmen, wo er jetzt Aussicht hatte, von nun an mit noch größerer Rücksicht als bisher behandelt zu werden.

Nechludoff konnte dem Verlangen, alles zu sagen, was er dachte, nicht widerstehen. Zuerst schien die Gräfin Katharina Iwanowna seine Ansichten zu billigen; kurz darauf schwieg sie jedoch ebenso wie die andern Tischgäste, und Nechludoff hatte die Empfindung, er habe mit seinen Bemerkungen etwas Unpassendes gesagt.

Nach dem Diner gingen die Gäste in den großen Salon, den man der Gelegenheit entsprechend wie einen Schulsaal hergerichtet. Man hatte hier Bänke und Stühle in Reihen aufgestellt; im Hintergrund des Saales stand auf einer kleinen Estrade ein Tisch und ein Stuhl für den Redner. Schon kamen die Gäste in großer Zahl und freuten sich, den berühmten Kiesewetter hören zu können.

Die Straße vor dem Hause füllte sich mit prächtigen Equipagen. In den reich ausgestatteten Salon traten in Seide, Sammet und Spitzen gekleidete Namen mit hoch aufgebauten Frisuren und künstlich verengerten Taillen. Mit ihnen kamen einige Männer, Civilisten und Militärs in Gala-Uniform, und Nechludoff sah zu seiner Verwunderung in dieser glänzenden Gesellschaft fünf Leute aus dem Volke: zwei Diener, einen Krämer, einen Handwerker und einen Kutscher.

Kiesewetter, ein untersetzter kleiner Mann mit grauen Haaren, stieg auf die Estrade und begann seine Rede. Er sprach deutsch, und ein mageres junges Mädchen mit einem Lorgnon auf der Nase, übersetzte seine Worte stückweise.

Er sagte, daß unsere Sünden so groß und die Strafen so schwer und unvermeidlich wären, daß es für uns ganz unmöglich wäre, in der Erwartung dieser Strafen ruhig zu leben.

»Theure Brüder und Schwestern, denken wir einen Augenblick an uns selbst, an unser Leben, an die Art, wie wir handeln, wie wir den Zorn Gottes erregen; dann werden wir begreifen, daß es für uns keine Verzeihung, keinen Ausgang, kein Heil giebt und daß wir rettungslos verloren sind. Das schrecklichste Verderben, ewige Qualen sind uns bestimmt,« fügte er mit zitternder Stimme hinzu. »Wie uns retten? Meine Brüder, wie sollen wir uns aus diesem schrecklichen Brande retten? Schon hat er unser Haus ergriffen, und es fehlt uns jeder Ausweg!«

Er schwieg. Richtige Thränen flossen über seine Wangen. Schon seit acht Jahren empfand er, wenn er an diese Stelle seiner Rede kam, die ihm am meisten gefiel, einen Krampf in der Kehle, und Thränen flossen über seine Wangen. Im Saal ließ sich Schluchzen vernehmen. Die fetten, entblößten Schultern der Gräfin Katharina Iwanowna wurden von heftigem Zittern ergriffen. Der Kutscher betrachtete den Redner mit einem Gemisch von Verwunderung und Entsetzen, wie er etwa einen Mann betrachtet hätte, den seine Pferde überfahren hätten. Wolffs Tochter, die mit auffälligem Luxus gekleidet war, war auf die Kniee gesunken und verbarg das Gesicht in den Händen.

Inzwischen erhob der Redner wieder das Haupt, und auf seinen Lippen erschien ein Lächeln, wie es die Schauspieler zeigen, wenn sie die neu auftauchende Hoffnung andeuten wollen. Und mit sanfter und demütiger Stimme fuhr er fort:

»Aber die Rettung lebt. Sie ist uns erreichbar, sicher, leicht und fröhlich. Diese Rettung ist das für uns vergossene Blut des Gottessohnes. Sein Martyrium, sein für uns vergossenes Blut retten uns vor dem Verderben. Meine Brüder und Schwestern, danken wir Gott, der seinen einzigen Sohn für die Erlösung von des Menschen Sünden gnädiglich geopfert hat. Sein dreimal gesegnetes Blut…«

Während dieser Rede war Nechludoffs Unbehagen so unerträglich geworden, daß er die allgemeine Aufregung benutzte, in diesem Augenblick auf den Fußspitzen hinausging und sich in sein Zimmer begab.

Viertes Kapitel

Als Nechludoff sich am nächsten Morgen ankleidete, brachte ihm der Diener eine Karte des Advokaten Fajnitzin, der sich selbst auf den Weg gemacht hatte, nachdem er sein Telegramm erhalten. Er fragte Nechludoff nach den Namen der Senatoren, vor denen die Sache zur Verhandlung gelangen sollte.

»Man möchte wahrhaftig glauben, sie wären absichtlich ausgesucht, um die verschiedenen Typen des Senators zu verkörpern,« rief er. »Wolff ist der Petersburger Beamte, Skoworosnikoff der gelehrte Jurist, und Be der praktische Jurist. Auf ihn können wir am meisten rechnen. Na, und wie steht’s mit der Begnadigungskommission?«

»Ich will eben zu dem Baron Worobjeff gehen. Gestern konnte ich nicht zu ihm gelangen.«

»Wissen Sie, warum dieser Worobjeff Baron ist?« fragte der Advokat als Antwort auf die ironische Betonung, mit der Nechludoff diesen fremden Titel »Baron« aussprach, der einem so durchaus russischen Namen beigefügt war. »Der Kaiser Paul hat diesen Titel seinem Großvater verliehen, der bei ihm Kammerdiener war. Da dieser Diener ihm einige Dienste intimen Genres erwiesen hatte, so ernannte ihn der Kaiser zum Baron, denn einen russischen Titel wagte er ihm nicht zu geben, das hätte zu viel Geschrei gegeben. Seitdem haben wir die Barone Worobjeff. Und man muß sehen, wie stolz der Kerl auf seinen Titel ist. Uebrigens ein Stockfisch ohnegleichen. Ich habe einen Wagen vor der Thür; soll ich Sie hinbringen?«

Auf der Freitreppe übergab der Portier Nechludoff ein Billet, das ein Diener eben für ihn gebracht. Es war von Mariette und lautete folgendermaßen:

»Um Ihnen gefällig zu sein, habe ich ganz gegen meine Grundsätze gehandelt und mich bei meinem Manne für Ihren Schützling verwendet. Die betreffende Person kann sofort freigelassen werden. Mein Mann hat an den Kommandanten geschrieben. Machen Sie mir doch jetzt einen »uneigennützigen« Besuch, Ich erwarte Sie. – M.«

»Wie?« rief Nechludoff; »diese Frau halten sie seit sieben Monaten in geheimem Gewahrsam, und jetzt entdecken sie, daß sie nichts verbrochen hat! Und es hat nur eines Wortes bedurft, um sie in Freiheit zu setzen!«

»Darüber dürfen Sie sich nicht wundern,« sagte der Advokat lächelnd. »Sie sollten sich lieber freuen, daß Sie in dieser Sache durchgedrungen sind!«

»Nein, ich mag thun, was ich will, dieser Erfolg erfüllt mich mit tiefer Bitterkeit. Ist es möglich, daß es so zugeht? Warum behielt man sie denn im Gefängnis?«

»Wenn Sie das ergründen wollen, dann werden Sie sich nur selbst Sorgen bereiten.«

Diesmal empfing der Baron Worobjeff. In dem ersten Zimmer, das Nechludoff betrat, saß ein junger Beamter mit ungeheuer langem Halse und stark hervortretendem Adamsapfel.

»Ihr Name?« fragte er Nechludoff.

Nechludoff nannte seinen Namen.

»Ach, ganz recht; der Baron haben eben von Ihnen gesprochen. Sie werden gleich empfangen werden.«

Der Beamte trat in das Zimmer im Hintergrunde und kam nach einer Minute in Begleitung einer schwarzgekleideten alten Dame, die ohne Unterbrechung weinte, wieder heraus.

»Treten Sie gefälligst ein,« sagte der junge Beamte zu Nechludoff und deutete auf die Thür von des Barons Arbeitszimmer.

Der letztere war eine magere, aber muskulöse Mittelfigur mit kurzgeschnittenen Haaren. Er saß an einem ungeheuren Schreibtisch und blickte wohlgefällig vor sich hin. Sein rotes Gesicht überflog ein wohlwollendes Lächeln, als er Nechludoff erblickte.

»Bin entzückt, Sie zu sehen; Ihre Mutter und ich, wir waren die besten Freunde. Ich habe Sie als Kind und später als Offizier gekannt. Na, setzen Sie sich und sagen Sie mir, womit ich Ihnen dienen kann!«

Nechludoff erzählte ihm Fedossjas Geschichte.

»Sehr gut, sehr gut; ich sehe schon, um was es sich handelt,« sagte der Greis. »Das ist in der That sehr rührend, – Haben Sie ein Gnadengesuch aufgesetzt?«

»Jawohl,« versetzte Nechludoff und zog ein Papier aus der Tasche. »Doch ich wollte Sie persönlich sprechen, um Sie zu bitten, diesem Falle Ihre besondere Aufmerksamkeit zu schenken.«

»Sie haben daran sehr recht gethan. Ich werde mich mit der Sache selbst beschäftigen. Die Geschichte ist wirklich sehr rührend,« fuhr der Baron mit der freundlichsten Miene fort. »Ich sehe die Sache förmlich vor mir. Diese Unglückliche war ein Kind, ihr Mann widerte sie durch seine Plumpheit an; dann haben beide bereut und sich gegenseitig in einander verliebt. Ja, ich werde mich mit der Angelegenheit selbst beschäftigen.«

»Der Graf Iwan Michaelowitsch hat mir übrigens versprochen, er würde ebenfalls …«

Doch kaum hatte Nechludoff diese Worte gesprochen, als sich der Gesichtsausdruck des Barons veränderte und er in kühlem Tone zu Nechludoff sagte:

»Geben Sie Ihr Gesuch doch im Bureau ab, und ich werde sehen, was sich thun läßt!«

Nechludoff verließ das Gemach und begab sich in die Bureaus, um sein Gesuch abzugeben. Auch hier sah er, wie im Senat, eine Menge Beamte, Angestellte und Aufseher, die alle auffallend sauber und höflich waren.

»Wie viele das sind, und wie wohlgenährt! wie glänzend, geschniegelt und gebügelt! Aber was haben sie wohl für einen Zweck?« fragte sich Nechludoff, während er sie betrachtete.

Der Mann, in dessen Händen das Schicksal der Gefängnisgefangenen lag, war ein alter General, der zwar in dem Rufe stand, ein großer Dummkopf zu sein, trotzdem aber die glänzendsten Diensterfolge aufwies. Er besaß eine große Menge von Orden, deren Insignien er übrigens zu tragen verschmähte, mit Ausnahme eines kleinen weißen Kreuzes, das in seinem Knopfloch hing. Er hatte sich dieses Kreuz im Kaukasus verdient, weil er unter seinem Befehle stehende junge russische Bauern gezwungen hatte, Tausende von Leuten aus dem Lande zu töten, die ihre Freiheit, ihre Häuser und ihre Familie verteidigten. Dann hatte er in Polen gedient, wo er junge russische Bauern gezwungen hatte, dieselben Handlungen zu begehen, was ihm neue Ehren eingebracht hatte; dann hatte er noch irgendwo anders gedient und sich dort in derselben Weise ausgezeichnet. Jetzt war er alt und abgespannt, und bekleidete den Posten eines Festungsinspektors. Er erfüllte die Pflichten seines Amtes mit unbeugsamer Strenge und hielt dieselben für die heiligste Sache von der Welt.

Die Pflichten seines Amtes bestanden darin, politische Gefangene beiderlei Geschlechts im geheimen in düstere Zellen einzusperren und sie derart zu behandeln, daß die Hälfte von ihnen unfehlbar in zehn Jahren starb; einige verloren den Verstand, andere wurden schwindsüchtig, und eine große Anzahl tötete sich, indem sie Hungers starben, sich mit einem Glasscherben die Adern öffneten oder sich an der Stange eines Fensters aufhingen.

Der alte General wußte das alles, und das alles passierte unter seinen Augen; doch diese Vorfälle regten ihn nicht mehr auf, als das Unglück, das der Blitz, die Ueberschwemmungen und andere Naturerscheinungen hervorbrachten. Das einzige, was ihn interessierte, war der Gehorsam gegen das ihm vorgeschriebene Reglement. Dieses Reglement mußte vor allen Dingen befolgt werden; die Folgen, die daraus entstanden, kümmerten ihn wenig. Einmal in der Woche besuchte der alte General nach der Vorschrift des Reglements sämtliche Zellen und fragte die Gefangenen, ob sie irgend eine Beschwerde vorzubringen hätten. Die Gefangenen führten sehr oft Beschwerde, er hörte sie ruhig an, ohne etwas zu erwidern, erledigte dieselben aber nie, denn er wußte im voraus, daß alle diese Beschwerden Dinge verlangten, die mit dem Reglement nicht im Einklang standen.

Als Nechludoff sich dem alten General vorstellte, saß dieser in einem kleinen Salon, dessen sämtliche Fenstervorhänge heruntergelassen waren, so daß man sich in vollständiger Dunkelheit befand. Er war eben damit beschäftigt, in Gesellschaft eines jungen Malers, des Bruders eines seiner Untergebenen, einen Tisch zum Klopfen zu bringen. Die dünnen und zarten Finger des jungen Künstlers berührten die dicken, runzligen und zum Teil verknöcherten Finger des alten Generals. Der Tisch war eben im Begriff, auf eine von dem General gestellte Frage zu antworten, und zwar lautete dieselbe, »ob die Seelen sich nach dem Tode wohl wiedererkennen«.

An diesem Tage sprach die Seele der Jeanne d’Arc aus dem Tische. Schon hatte sie gesagt: »Ja, die Seelen erkennen sich,« und hatte schon das folgende Wort zu diktieren angefangen, als sie plötzlich innehielt. Sie hatte von dem folgenden Wort bereits die ersten Buchstaben, ein p, ein o und ein s diktiert. Thatsächlich hatte sie innegehalten, weil der General wünschte, der folgende Buchstabe solle ein l werden, während der Künstler wollte, es würde ein v. Der General wünschte, Jeanne d’Arc solle sagen, die Seelen erkennen sich nach ( posl) ihrer Reinigung, der Künstler dagegen wollte Jeanne d’Arc sagen lassen, die Seelen erkennten sich nach dem Lichte ( po svitu), das ihnen entströmte.

Der General zog mit mürrischer Miene seine ungeheuren weißen Augenbrauen zusammen, betrachtete starr seine Hände und dachte noch immer, der Tisch würde sich entschließen, ein l zu schreiben; der Künstler dagegen, der das Gesicht der Ecke des Zimmers zuwandte, machte mechanisch mit seinen Lippen die zur Aussprache des Buchstabens v erforderliche Bewegung. Inzwischen übergab ein Soldat, der die Stelle des Kammerdieners bei dem alten General vertrat, dem letzteren Nechludoffs Karte. Der General, dem es sehr unangenehm war, gestört zu werden, zog die Brauen noch stärker zusammen; setzte dann nach einer minutenlangen Pause sein Lorgnon auf die Nase, las die Karte, die er mit ausgestreckten Armen hielt, erhob sich mit schmerzlicher Anstrengung, rieb sich lange die Lenden und Beine und sagte dann:

»Laß ihn in mein Kabinett treten.«

»Ew. Excellenz brauchen sich nicht zu beunruhigen, ich werde die Sache allein zu Ende bringen; ich fühle, wie das Fluidum wiederkehrt.«

»Es ist gut, bringen Sie es allein zu Ende,« versetzte der General in seinem strengen Tone und ging, mühselig seine alten, angeschwollenen Beine nachschleppend, in sein Kabinett.

»Freue mich, Sie zu sehen,« sagte er zu Nechludoff und deutete auf einen an seinem Schreibtisch stehenden Stuhl. »Sind Sie schon lange in St. Petersburg?«

Nechludoff versetzte, er wäre eben angekommen.

»Und der Fürstin, Ihrer Mutter, geht es noch immer gut?«

»Meine Mutter ist tot, Excellenz.«

»Verzeihen Sie, ich bin untröstlich. Wissen Sie, daß ich mit Ihrem seligen Vater zusammen gedient habe? Wir waren Freunde, Brüder. Und Sie, sind Sie noch im Dienst?«

»Nein, augenblicklich nicht.«

Der General schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Ich habe eine Bitte an Sie zu richten, Herr General,« fuhr Nechludoff fort.

»Schön, worin kann ich Ihnen dienen?«

»Wenn meine Bitte Ihnen nicht annehmbar erscheinen sollte, so bitte ich jetzt schon um Entschuldigung; doch ich glaubte mich verpflichtet, sie vorzutragen.«

»Na, was wünschen Sie denn?«

»Unter den Ihrer Obhut anvertrauten Gefangenen befindet sich ein gewisser Gurkewitsch; seine Mutter bittet um die Erlaubnis, ihn sprechen und, wenn das unmöglich sein sollte, ihm doch wenigstens Bücher schicken zu dürfen.«

Der General hatte diese Bitte ohne das geringste Zeichen von Zustimmung oder Unzufriedenheit angehört und sich darauf beschränkt, den Kopf zu neigen und eine nachdenkliche Haltung anzunehmen. Thatsächlich dachte er aber gar nicht nach und interessierte sich für die Worte Nechludoffs absolut nicht, denn er wußte im voraus, daß das Reglement die Erlaubnis nicht zuließ. Deshalb hörte er nur aus Höflichkeit zu und erwiderte:

»Sehen Sie, das alles hängt nicht von mir ab. Was die Besuche anbetrifft, so werden die Bedingungen derselben durch ein kaiserliches Dekret geregelt. Was dagegen die Bücher anbelangt, so haben wir hier eine Bibliothek, und die Gefangenen haben das Recht, Bücher aus derselben zu entnehmen.«

»Ja, aber dieser Gurkewitsch möchte wissenschaftliche Werke haben und sich beschäftigen.«

»Glauben Sie doch das nicht, er will sich gar nicht beschäftigen; nur aus Insubordination verlangt er die Bücher.«

»Aber diese Unglücklichen müssen doch in ihrer traurigen Lage den Wunsch hegen, sich zu beschäftigen,« sagte Nechludoff.

»Sie beklagen sich stets,« sagte der General; »wir kennen sie.«

Er sprach immer von »ihnen«, wie von einer ganz besonderen Menschenrasse.

»Und tatsächlich haben sie hier Bequemlichkeiten, wie Sie sie in anderen Festungen vergeblich suchen würden,« fuhr er fort.

Darauf begann er, diese Bequemlichkeiten ausführlich zu beschreiben, und wenn man ihn hörte, konnte man glauben, die Gefangenen würden nur zu dem Zweck in die Festung eingesperrt, um ihnen einen angenehmen Aufenthalt zu verschaffen.

»Früher behandelte man sie allerdings sehr streng, doch jetzt werden sie so gut wie nur möglich behandelt. Sie bekommen drei Gerichte zu essen, und darunter immer eine Fleischspeise: Cotelettes oder Hackfleisch. Sonntags geben wir ihnen sogar ein Gericht mehr, eine Zwischenspeise. Wollte Gott, daß sich ganz Rußland eines Tages so wie sie ernähren könnte.«

Wie alle alten Leute hielt der General, wenn er sich einmal in einen Gegenstand festgebissen hatte, nicht mehr auf und wiederholte sich immer aufs neue.

»Was die Bücher anbetrifft, so stellen wir ihnen religiöse Werke und auch alte Zeitungen zur Verfügung. Wir haben eine sehr gut ausgestattete Bibliothek. Aber sie lesen nur selten. Zuerst thun sie allerdings so, als wenn sie sich für die Lektüre interessierten; doch nach kurzer Zeit geben sie die Bücher zurück, ohne sie nur angerührt zu haben. Auch schreiben können sie; wir geben ihnen Schiefertafeln, damit sie zu ihrem Vergnügen und Zeitvertreib darauf schreiben können. Sie können schreiben, auslöschen und wieder schreiben, aber auch das thun sie nicht. Nein, nein, nur in der ersten Zeit denken sie daran, sich zu beschäftigen; später werden sie fett und immer bequemer und fühlloser.«

Nechludoff hörte diese heisere Stimme an, betrachtete die schwerfälligen Glieder, die unter den ungeheuren Augenbrauen angeschwollenen Lider, den kahlen Schädel, und das kleine weiße Kreuz im Knopfloch; und wieder erkannte er, wie unnütz es war, einem solchen Menschen irgend etwas zu erklären.

Er erhob sich und verbarg mit großer Mühe das Gemisch von Abscheu und Mitleid, das ihm dieser gräßliche Greis einflößte. Diesem dagegen war es ganz angenehm, dem Sohne seines alten Freundes die Leviten lesen zu können.

»Adieu, mein Kind,« fuhr er fort. »Nehmen Sie das, was ich Ihnen gesagt, nicht übel auf, ich sage es Ihnen aus reiner Freundschaft; doch kümmern Sie sich nicht um unsere Gefangenen. Bilden Sie sich nur nicht ein, daß es Unschuldige unter ihnen giebt! Alle, die einen wie die andern, sind elende Verbrecher, und wissen, was sie wert sind … Und dann glauben Sie mir, treten Sie wieder in den Dienst, der Kaiser bedarf aller seiner Leute und das Vaterland auch. Denken Sie doch nur, was passieren würde, wenn ich und alle Leute unseres Standes nicht mehr dienen wollten.«

Nechludoff stieß einen Seufzer aus, verneigte sich sehr tief, schüttelte dem Greise die grobe, knochige Hand und verließ das Zimmer.

Als der General wieder allein war, rieb er sich lange Zeit die Hüften und schleppte sich wieder in den Salon, wo der junge Künstler während seiner Abwesenheit die vom Geiste Jeanne d’Arcs diktierte Antwort niedergeschrieben hatte. Der General las durch sein Lorgnon: »Sie erkennen einander an dem Lichte, das ihrem Astralkörper entströmt.«

»Ha,« rief der General, heftig mit den Augen blinzelnd; doch plötzlich erfaßte ihn ein Zweifel.

»Dieses Licht ist also nicht für alle gleich?« fragte er, legte von neuem seine Hand auf die des Künstlers und ließ sich neben dem kleinen Tische nieder.

Als Nechludoff auf die Freitreppe getreten war, rief er seinen Kutscher.

»Ach, gnädiger Herr, wie man sich hier langweilt,« sagte der Kutscher, »ich wäre beinahe, ohne auf Sie zu warten, fortgefahren.«

»Ja, man langweilt sich hier wirklich,« versetzte Nechludoff seufzend, setzte sich in den Wagen und versuchte sich zu zerstreuen, indem er das Spiel der grauen Wolken am Himmel und die glitzernden Wasser der Newa bewunderte, die von Barken und Dampfschiffen durchfurcht wurde.

Am nächsten Tage, einem Mittwoch, sollte der Fall der Maslow untersucht werden, und Nechludoff kam frühzeitig in den Senat. Vor dem Eingangsthor traf er mit dem Advokaten zusammen, der auch eben angekommen war. Zusammen stiegen sie die ungeheure, feierliche Treppe bis zum zweiten Stock hinauf. Im ersten Zimmer, das sie betraten, nahm ihnen ein Nuntius ihre Stöcke und Mäntel ab und sagte ihnen, die vier Senatoren wären schon da, der letzte wäre eine Minute vor ihnen gekommen. Fajnitzin, der Frack und weiße Kravatte trug, ließ Nechludoff in das Nebenzimmer treten, an dessen Wänden große Schränke von etwas außergewöhnlicher Form standen. Ein Greis von patriarchalischem Aussehen befand sich dort in diesem Augenblick, ein großer Mann mit weißen Haaren; zwei Diener halfen ihm ehrfurchtsvoll den Mantel ausziehen, dann wandte er sich einem der Schränke zu, in dem Nechludoff ihn plötzlich verschwinden sah.

Indessen hatte Fajnitzin einen seiner Kollegen, der ebenfalls Frack und weiße Kravatte trug, bemerkt, lief auf ihn zu, und Nechludoff hatte volle Muße, die andern Personen die sich im Saale befanden, zu betrachten. Es waren etwa 15 Männer und zwei Damen anwesend, die eine jung, mit einem Lorgnon, die andere schon mit grauen Haaren. An diesem Tage sollte ein Preßbeleidigungsprozeß untersucht werden, daher dieser Zulauf eines Publikums, das sich gewöhnlich zu den Sitzungen des Kassationshofes nicht drängte.

Der Nuntius, ein schöner Mann mit rotem Gesicht, der eine imposante Uniform trug, näherte sich Fajnitzin, um ihn zu fragen, in welcher Angelegenheit er plädieren wolle. Während er die Antwort des Advokaten auf ein Papier notierte, öffnete sich die Thür des Schrankes, und Nechludoff sah den Greis mit dem patriarchalischen Aussehen heraustreten; derselbe trug aber jetzt nicht Jacket und graue Pantoffeln wie vorher, sondern hatte vielmehr seine Kleider gegen eine buntscheckige Uniform vertauscht, die ihm das Aussehen eines Riesenvogels gab. Diese Verkleidung mußte ihm übrigens peinlich sein, denn er verließ den Saal im Laufschritte.

»Das ist Be, ein respektabler Mann,« sagte der Advokat zu Nechludoff, und fing an, den Fall, der eben zur Verhandlung gelangte, zu erklären.

Kurz darauf wurde die Sitzung eröffnet, und mit dem übrigen Publikum trat auch Nechludoff in den Sitzungssaal, der weniger groß und einfacher ausgestattet als der des Schwurgerichtshofes, aber sonst in derselben Weise eingerichtet war. Dieselbe Trennung zwischen Publikum und Richter, dieselben Bilder an den Wänden; und als der Nuntius meldete: »Der Gerichtshof!« erhoben sich alle, um die Senatoren zu begrüßen, die sich in großer Uniform an den Tisch setzten und eine möglichst feierliche Miene annahmen.

Es waren vier Senatoren; zuerst Nikitin, ein großer, glattrasierter Mann mit dünnem Gesicht und stählernen Augen, der das Amt des Präsidenten versah; dann Wolff, der frisch rasiert war und seine schönen weißen Hände zeigte; dann Skoworodnikoff, ein kleiner, dicker und schwerfälliger alter Mann, dessen Gesicht von den Blattern ganz zerfressen war, und endlich Be, der Greis mit dem patriarchalischem Aussehen. Hinter den Senatoren traten der Aktuar und der Staatsanwalt auf die Estrade; der letztere ein noch junger, magerer Mann mit dunkler Gesichtsfarbe und tieftraurig blickenden Augen. Trotz des seltsamen Kostüms, das er trug, erkannte Nechludoff sofort in ihm einen seiner besten Freunde von der Universität.

»Heißt dieser Staatsanwalt nicht Selenin?« fragte er seinen Advokaten, der sich auf den für das Publikum bestimmten Bänken neben ihn gesetzt hatte.

»Ja, was weiter?«

»Ich kenne ihn genau, er ist ein bedeutender Mensch.«

»Und ein außergewöhnlich hervorragender Staatsanwalt, sehr thätig und bereits sehr einflußreich. An ihn hätten Sie sich wenden müssen,« sagte der Advokat.

»O, der wird einzig und allein nur nach seinem Gewissen handeln,« sagte Nechludoff, der sich an die hervorragenden Eigenschaften der Milde, Rechtlichkeit und vornehmen Gesinnung seines früheren Mitschülers erinnerte.

»Uebrigens wäre es jetzt auch zu spät,« erwiderte Fajnitzin und hörte wieder aufmerksam die weitere Diskussion des Falles mit an.

Auch Nechludoff hörte zu und suchte eifrig zu begreifen, was sich da vor ihm abspielte; doch von neuem wurde er daran dadurch verhindert, daß man, anstatt den eigentlichen Prozeß zu besprechen, die ganze Verhandlung auf die Nebenumstände leitete. Der Prozeß hatte einen Zeitungsartikel zur Grundlage, in welchem die Schwindeleien des Präsidenten einer Aktiengesellschaft aufgedeckt worden waren. Die Hauptfrage wäre gewesen, ob dieser Präsident seine Mandaten wirklich bestahl, und wie man in diesem Falle diesen Diebstählen ein Ende machen konnte. Man stritt aber einzig und allein um die Frage, ob der Zeitungsredakteur nach einem bestimmten Paragraphen das Recht hatte, den Artikel zu drucken und ob er, wenn er nicht das Recht hatte, durch die Drucklegung eine Beleidigung oder eine Verleumdung oder eine verleumderische Beleidigung begangen hatte.

Nur zweierlei fiel Nechludoff auf; er beobachtete zuerst, daß Wolff, der ihm einige Tage vorher erklärt hatte, der Senat beschäftige sich nur mit den in der Verhandlung begangenen Formfehlern, mit großer Wärme die den Prozeß selbst betreffenden Argumente anrief, um die Verurteilung des Zeitungsredakteurs annullieren zu lassen; er beobachtete ferner, daß Selenin, der gewöhnlich so kühl war, die entgegengesetzte These mit gleicher Wärme aufrecht erhielt; ja, er glaubte sogar, bei dieser Wärme des Staatsanwalts eine gewisse Feindseligkeit Wolff gegenüber zu bemerken, der schließlich wohl einen ähnlichen Eindruck empfangen mußte, denn bei einer Bemerkung Selenins zitterte er, errötete und erwiderte kein Wort mehr.

Nachdem die Diskussion beendet war, zogen sich die Senatoren zur Beratung zurück. Der Nuntius machte Fajnitzin darauf aufmerksam, daß der Fall der Maslow in einigen Augenblicken zur Verhandlung gelangen würde.

Sobald die vier Senatoren in ihrem Beratungszimmer Platz genommen hatten, begann Wolff mit vieler Wärme die Gründe auseinanderzusetzen, weshalb man das gegen den Zeitungsredakteur gefällte Urteil kassieren müsse.

Der Präsident, ein schon im allgemeinen wenig wohlwollender Mann, war an diesem Tage ganz besonders schlecht aufgelegt. Schon während der Fall in öffentlicher Sitzung verhandelt wurde, hatte er sich seine feste Meinung gebildet und blieb jetzt in seine Gedanken versunken, ohne auf Wolff zu hören. Seine Gedanken wandten sich fortwährend der Thatsache zu, daß er am vorigen Tage in seinen Memoiren erzählt, wie Weljanoff und nicht er zu einem Posten ernannt worden war, um den er sich seit langer Zeit beworben hatte. Dieser Präsident Nikitin war im tiefsten Innern davon überzeugt, daß seine Meinung über die verschiedenen hohen Beamten, die kennen zu lernen er Gelegenheit gehabt, ein höchst wichtiges Dokument für die Geschichte bilden würde. In dem Kapitel, das er am vorigen Tage geschrieben, beurteilte er mit äußerster Strenge das Verhalten einiger dieser hohen Beamten, die ihn, wie er sich ausdrückte, verhindert hatten, Rußland vor dem Untergang zu retten, was einfach sagen wollte, sie hatten ihn verhindert, ein höheres Gehalt zu erheben; jetzt fragte er sich, ob er sich auch klar genug ausgedrückt, damit die Nachwelt das alles einmal von einem ganz neuen Gesichtspunkte aus beurteilen konnte.

»Gewiß, gewiß,« gab er Wolff zur Antwort, wenn dieser sich an ihn zu wenden schien, hörte aber nicht ein Wort von dem, was jener sagte.

Auch Be hörte nichts von dem, was Wolff sprach. Mit vertiefter Miene zeichnete er Wappen auf ein vor ihm liegendes Papier. Dieser Be war ein Liberaler der alten Klasse. Noch immer hegte und pflegte er die Tradition der Schule von 1860, und nur seine politischen Meinungen ließen ihn von seiner Unparteilichkeit abweichen. So wollte er auch in dem Verleumdungsfalle nichts weiter sehen, als einen Angriff auf die Freiheit der Presse. Als Wolff zu sprechen aufgehört, erhob der Greis einen Augenblick den Kopf, setzte seine Ansicht in einigen klaren Worten auseinander, senkte seinen weißen Kopf von neuem und fing wieder an, Wappen zu zeichnen.

Skorowodnikoff, der Wolff gegenüber saß und die ganze Zeit damit zubrachte, seine Schnurrbarthaare in den Mund zu stecken, unterbrach sich einen Augenblick bei dieser Beschäftigung und erklärte, in Ermanglung eines jeglichen Formfehlers erscheine ihm das Urteil zur Kassation nicht geeignet. Der Präsident stimmte dieser Ansicht bei, und das Urteil wurde infolgedessen aufrecht erhalten. Wolff war wütend, um so mehr, als er aus mehreren Anspielungen bei seinen Kollegen, wie beim Staatsanwalt Zweifel an seiner Uneigennützigkeit herausgemerkt hatte. Doch als Mann comme il faut verstand er es, seine schlechte Laune zu verbergen, nahm sofort ein anderes Aktenstück zur Hand und fing an, die auf den Fall Maslow bezüglichen Dokumente vorzulesen. Seine drei Kollegen klingelten und bestellten sich Thee und unterhielten sich dann über ein Ereignis, das sich mit dem Duell Kamensky in die Aufmerksamkeit von ganz Petersburg teilte. Ein höchst bedeutender Beamter, Abteilungschef in einem Ministerium, war unter der Anklage eines Sittlichkeitsverbrechens verhaftet worden.

»Gräßlich!« sagte Be in einem Tone des Ekels.

»Was finden Sie denn daran so gräßlich?« fragte Skoworodnikoff, während er mit der Zunge die Cigarette befeuchtete, die er sich eben gewickelt hatte, »Ich habe in diesen Tagen eine Studie eines deutschen Schriftstellers gelesen, der verlangt, die Ehe eines Mannes mit einem anderen Manne solle als gesetzlich angesehen werden.«

»Nicht möglich?!« rief Be.

»Ich werde Ihnen den Artikel nächstens mitbringen,« versetzte Skoworodnikoff und zitierte ohne Stocken ganze Sätze aus dem Artikel, dessen Titel, Datum und Erscheinungsort er außerdem nannte.

»Man sagt, er solle irgendwo nach Sibirien als Gouverneur geschickt werden,« sagte Nikitin.

»Das wäre der Gipfel! Ich sehe schon, wie der Ex-Priester ihm mit seinen ganzen Klerus entgegenzieht!« rief Skoworodnikoff, stieß einige Züge aus seiner Cigarette und fing wieder an, seine Barthaare zu kauen.

Jetzt trat der Nuntius in das Beratungszimmer und sagte den Senatoren, der Advokat Fajnitzin wünsche der Verhandlung über die Berufung der Maslow beizuwohnen.

»Diese Sache Maslow ist ein ganzer Roman,« sagte Wolff und erzählte seinen Kollegen, was er von dem Verhältnis Nechludoffs zur Maslow wußte.

Die Senatoren, die Eile hatten, fortzukommen, hätten diese Angelegenheit viel lieber unter sich, im Handumdrehen, erledigt, doch das Ersuchen des Advokaten konnte anstandshalber nicht zurückgewiesen werden; sie entschlossen sich daher, ihr Beratungszimmer zu verlassen und in den öffentlichen Sitzungssaal zurückzukehren.

Wieder entwickelte Wolff mit seiner Flötenstimme die Annullierungsgründe des Urteils; wieder that er es mit offenkundiger Parteilichkeit und ließ dabei seinen Wunsch durchblicken, das Urteil möge kassiert werden.

»Haben Sie noch etwas zu bemerken?« fragte der Präsident, sich zu Fajnitzin wendend.

Fajnitzin erhob sich, reckte sich in seiner ausgeschnittenen Weste auf und begann, Punkt für Punkt mit bemerkenswerter Klarheit und Schärfe zu beweisen, daß die Schwurgerichtsverhandlung sechs, dem Gesetze zuwiderlaufende Punkte ergeben habe; dann erlaubte er sich, der Sache selbst mit eigenen Worten zu Leibe zu gehen, um die Zusammenhangslosigkeit und augenscheinliche Ungerechtigkeit des Urteils des Schwurgerichtshofes zu beweisen. Nach dieser in gleichzeitig ehrerbietigem und festem Tone gesprochenen Rede schien die Annullierung des Urteils unvermeidlich, und Nechludoff war um so mehr überzeugt, er werde seine Sache gewinnen, als ihm der Advokat beim Sprechen befriedigt zugelächelt hatte. Doch ein Blick auf das Gesicht der Senatoren bewies ihm, daß Fajnitzin nur allein lächelte und entzückt war. Die Senatoren und der Staatsanwalt lächelten keineswegs und waren durchaus nicht entzückt; sie machten das gelangweilte Gesicht von Männern, die unnütz ihre Zeit verloren, und alle schienen dem Advokaten zu sagen: »Sprich du nur immerhin! wir haben noch ganz andere wie dich gehört!«

Sobald Fajnitzin mit Sprechen aufgehört, erteilte der Präsident dem Staatsanwalt das Wort; dieser aber beschränkte sich auf die Erklärung, die verschiedenen, angeführten Anullierungsgründe wären nicht wichtig und das Urteil müsse bestehen bleiben; darauf erhoben sich die Senatoren und gingen in ihr Beratungszimmer.

Hier teilten sich die Ansichten von neuem. Wolff war für die Annullierung; Be, der der einzige war, der sich die Natur des Falles klargelegt, sprach in demselben Sinne und entwarf seinen Kollegen ein treffendes Bild von der mangelhaften Intelligenz der Geschworenen und der Nachlässigkeit der Richter. Nikitin dagegen, der stets Anhänger des strengen Gesetzes war, stimmte gegen die Annullierung. Alles hing daher von Skoworodnikoffs Stimme ab. Dieser erklärte sich dagegen, und zwar nur, weil ihn der Entschluß Nechludoffs, sich aus Pflichtgefühl mit der Maslow zu verheiraten, im höchsten Grade empört hatte.

Dieser Skoworodnikoff war Materialist und Darwinianer; jede Kundgebung des Pflichtgefühls und noch mehr des religiösen Gefühls wirkte auf ihn nicht nur wie eine empörende Albernheit, sondern auch wie eine persönliche Beleidigung. Darum erklärte er, ohne sich im Kauen seiner Barthaare zu unterbrechen, er sähe in der Sache nichts Gesetzwidriges und die zur Kassation angeführten Gründe wären unzureichend.

»Aber das ist ja entsetzlich!« rief Nechludoff, nach der Verlesung des Urteils auf den Advokaten zugehend. »Eine offenkundig ungerechte Verurteilung! Und diese Leute bestätigen sie unter dem Vorwande, sie enthielte keinen Formfehler.«

»Das ist bei ihnen Voreingenommenheit!« versetzte der Advokat.

»Und auch Selenin war gegen die Annullierung! Das ist entsetzlich,« wiederholte Nechludoff. »Was jetzt thun?«

»Ein Gnadengesuch einbringen! Reichen Sie es selbst ein, während Sie hier sind! Ich werde es Ihnen aufsetzen.«

In diesem Augenblick trat der Senator Wolff mit allen seinen Kreuzen auf seiner Uniform in den Saal, näherte sich Nechludoff und sagte, seine schmalen Schultern zuckend:

»Was thun, mein werter Fürst? Die Annullierungsgründe reichten nicht aus!«

Darauf trat er schnell in einen der Schränke, um sich umzukleiden, hinter Wolff kam Selenin, der seinen früheren Freund sofort erkannte.

»Dich erwartete ich nicht, hier zu treffen!« sagte er zu ihm, mit den Lippen lächelnd, während seine Augen ihren traurigen Ausdruck beibehielten.

»Ich wußte nicht, daß du Ober-Staatsanwalt bist!«

»Staatsanwalt,« verbesserte Selenin. »Und was thust du hier?«

»Hier? Ich kam in der Hoffnung, hier Gerechtigkeit und Mitleid für ein ungerecht verurteiltes Weib zu finden,«

»Was für ein Weib?«

»Nun, das, das ihr eben von neuem verurteilt habt.«

»Ach so, die Maslow!« erinnerte sich Selenin. »Ihre Berufung war nicht begründet.«

»Nicht um ihre Berufung handelt es sich, sondern um sie selbst. Sie ist unschuldig, und man bestraft sie ohne Grund.«

Selenin seufzte.

»Ja, das ist möglich, aber …«

»Das ist nicht nur möglich, es ist gewiß!«

»Woher weißt du das?«

»Ich gehörte zu den Geschworenen, die sie verurteilt haben, und weiß, daß wir in unserer Urteilsfällung einen Irrtum begangen haben.«

Selenin dachte einen Augenblick nach und fuhr fort:

»Du hättest gleich auf den Irrtum aufmerksam machen müssen.«

»Das habe ich gethan!«

»Man hätte das ins Protokoll aufnehmen sollen! Das wäre ein Grund zur Annullierung gewesen.«

»Aber die Prüfung des Falles bewies schon allein zur Genüge, daß das Urteil der Geschworenen widersinnig war!« sagte Nechludoff.

»O, darum hat sich der Senat nicht zu kümmern! Wenn er sich erlaubte, ein Urteil im Namen der Gerechtigkeit zu kassieren, so würde er sich nicht allein bald der Gefahr aussetzen, die Ungerechtigkeit wachsen zu sehen,« versetzte Selenin, indem er an Wolff und den vorher verhandelten Fall dachte, »sondern die Entscheidungen der Geschworenen würden ihre ganze Daseinsberechtigung verlieren.«

»Ich weiß nur, daß dieses Weib unschuldig ist, und daß es jetzt jede Hoffnung verloren hat, ihrer ungeheuerlichen Strafe zu entgehen. Der höchste Gerichtshof hat die Ungerechtigkeit bestätigt!«

»Aber nicht doch, er hat sie nicht bestätigt, denn er hatte sich darum ja gar nicht zu kümmern!« wiederholte Selenin mit einer gewissen Ungeduld in der Stimme, dann fügte er mit augenscheinlichem Verlangen, den Gesprächsstoff zu wechseln, hinzu: »Man hatte mir gestern gesagt, du wärest hier. Die Gräfin Katharina Iwanowna hat mich neulich abend eingeladen, bei ihr den neuen Propheten zu hören. Ich wäre hingegangen, hätte ich mir denken können, du würdest da sein.«

»Ich war auch da, bin aber angeekelt fortgegangen!«

»Weshalb angeekelt? Es ist auf jeden Fall die Kundgebung eines religiösen Gefühls, so seltsam und verroht dieselbe auch ist!«

»Ach, warum nicht gar! Eine ungeheuerliche Tollheit ist es,« erklärte Nechludoff.

»Aber nicht doch, nicht doch! Das einzige Seltsame und Häßliche dabei ist, daß wir mit den Lehren der Kirche so wenig vertraut sind, daß wir das als etwas Neues betrachten, was nur die Erklärung der Grundlehren unseres Glaubens ist,« sagte Selenin in verlegenem Tone, denn er erinnerte sich, daß er einst vor Nechludoff ganz andere Ideen ausgesprochen hatte.

Nechludoff betrachtete ihn mit großer Aufmerksamkeit, in die sich eine gewisse Ueberraschung mischte. Selenin hielt seinen Blick aus, doch Nechludoff glaubte auf dem Grunde seiner traurigen Augen ein leises Mißtrauen zu bemerken.

»Uebrigens sprechen wir noch darüber,« sagte Selenin, nachdem er dem Nuntius ein Zeichen gegeben, er habe mit ihm zu sprechen – »denn wir müssen uns um jeden Preis wiedersehen. Du triffst mich stets zur Dinerstunde zu Hause.«

Er nannte Nechludoff seine Adresse und schüttelte ihm liebevoll die Hand; dann fügte er, bevor er sich entfernte, hinzu: »Ach, wie viel Wasser ist seit unserer letzten Unterredung die Brücken hinuntergeflossen!«

»Ja, ich werde dich besuchen, wenn ich kann,« versetzte Nechludoff. Doch im Grunde seines Herzens fühlte er, daß in dieser kurzen Begegnung aus einem der Menschen, die er am meisten auf der Welt liebte und achtete, auf immer ein für ihn Fremder, ja fast ein Feind geworden war.