Fünfzehntes Kapitel

Bei seinem Erwachen durchlebte Nechludoff mit einem Schlage alles wieder, was ihm am vorigen Tage begegnet war, und von neuem bemächtigte sich seiner das Entsetzen. Trotzdem fühlte er sich entschlossener als je, das angefangene Werk fortzusetzen, unbekümmert um die Folgen. In dieser Gemütsverfassung begab er sich um neun Uhr morgens zu dem Vizegouverneur Maslinnikoff. Er wollte ihn um die Erlaubnis bitten, im Gefängnis nicht allein die Maslow, sondern auch den Sohn jener alten Frau zu sprechen, von dem die Maslow ihm erzählt hatte; und auch die Bogoduschoffska wollte er aufsuchen und zu diesem Zweck um die Erlaubnis nachsuchen.

Nechludoff kannte Maslinnikoff seit langer Zeit vom Regiment her, wo der zukünftige Vizegouverneur Zahlmeister gewesen war. Er war damals ein ehrenhafter und gewissenhafter Offizier, der in der Welt nichts weiter sah und sehen wollte, als sein Regiment und die kaiserliche Familie. Er hatte dann die Armee verlassen, um in die Verwaltung einzutreten, und zwar auf Drängen seiner Frau, einer sehr reichen und geschickten Person, die eine glänzende Versorgung für ihn im Civildienste im Auge hatte. Diese Frau machte sich über ihren Mann lustig und behandelte ihn wie einen kleinen dressierten Hund, Nechludoff hatte sie im vorigen Winter besucht, sie jedoch so uninteressant gefunden, daß er seitdem nicht wieder hingegangen war.

Er fand Maslinnikoff genau so wieder, wie er ihn stets gekannt. Es war, noch immer dasselbe dicke und nichtssagende Gesicht, dieselbe Korpulenz, dieselbe übertrieben elegante Kleidung.

Bei Nechludoffs Anblick geriet er vor Freude außer sich und rief:

Das lasse ich mir gefallen, das ist nett von dir, daß du gekommen bist. Ich werde dich zu meiner Frau bringen, das trifft sich wunderbar, ich habe gerade noch zehn Minuten vor der Sitzung Zeit. Mein Chef ist abwesend, und ich übe jetzt die Funktionen des Gouverneurs aus,« erklärte er eitel.

»Ich komme geschäftlich zu dir …«

»Wieso?« fragte Maslinnikoff und nahm plötzlich einen äußerst strengen Ton an.

»Also höre. In dem alten Regierungsgefängnis befindet sich eine Person, für die ich mich sehr interessiere, und ich möchte gern außer im gemeinsamen Sprechzimmer und außerhalb der gewöhnlichen Besuchsstunden mit ihr sprechen können. Man hat mir gesagt, das hänge von dir ab.«

»Natürlich, und es versteht sich von selbst, mein Lieber, daß ich dir nichts abschlage,« erwiderte der dicke Mann, indem er seine beiden Hände auf Nechludoffs Kniee legte. »Und was du von mir verlangst, ist durchaus nicht unmöglich, denn für den Augenblick bin ich Khalif.«

»Du kannst mir also ein Papier geben, auf Grund dessen ich sie jede Stunde sprechen kann?«

»Es ist eine Frau?«

»Ja, sie ist zur Zwangsarbeit verurteilt, aber ungerecht …«

» Ah! voilà bien les jurés, ils n’en font pas d’autres!« sagte Maslinnikoff, der plötzlich ohne die geringste Ursache französisch zu reden anfing.

»Ich weiß,« fuhr er fort, »wir haben in dieser Hinsicht verschiedene Meinungen. Doch was soll man dagegen thun, c’est mon opinion bien arrêtée! Du bist wohl immer noch liberal?«

»Ich weiß nicht, ob ich liberal bin oder nicht,« erwiderte Nechludoff, »doch ich weiß, daß unsere heutige Justiz mit allen ihren Fehlern doch besser als die frühere ist.«

»Du hast dich an einen Advokaten gewendet?«

»Ja, an Fajnitzin.«

Bei diesen Worten schnitt Maslinnikoff eine Grimasse. »Welch merkwürdiger Gedanke, sich gerade an den zu wenden!«

Der Vizegouverneur konnte es Fajnitzin nicht vergessen, daß er ihn gezwungen hatte, in einem Prozeß als Zeuge zu erscheinen, wo er ihn eine halbe Stunde lang vor dem ganzen Saale zur Zielscheibe seines Spottes gemacht.

»Ich hätte dir nicht geraten, dich mit dem zu befassen, c’est un homme taré

»Ich habe dich noch um etwas anderes zu bitten,« sagte Nechludoff, ohne scheinbar auf ihn zu hören. »Ich habe früher ein junges Mädchen, eine Erzieherin, gekannt … Die Unglückliche befindet sich heute ebenfalls im Gefängnis und hat mir sagen lassen, sie wünsche mich zu sprechen. Kannst du mir auch für sie eine Erlaubnis geben?«

»In welcher Sektion befindet sich deine Erzieherin?«

»Wie man mir gesagt hat, in der politischen.«

»Ja, siehst du, das Recht, die politischen Gefangenen zu besuchen, wird nur den Eltern gestattet. Doch höre, ich werde dir eine allgemeine Erlaubnis geben. Je sais que tu n’en abuseras pas. Und wie sieht deine Protégée aus? Jolie

»Gräßlich häßlich!«

Maslinnikoff schüttelte mißbilligend den Kopf, nahm einen Bogen Stempelpapier und fing an zu schreiben.

»Du sollst sehen, welche schöne Ordnung im Gefängnis herrscht … und es ist durchaus nicht bequem, da Ordnung zu halten, besonders jetzt, da die Säle überfüllt sind und wir viel Zuchthaussträflinge haben. Doch ich wache streng über alles, das interessiert mich sehr. Du wirst sehen, wie gut alles eingerichtet ist und wie alle zufrieden sind. Die Hauptsache ist, man muß diese Leute zu nehmen wissen. In der letzten Zeit hat einmal ein Fall von Insubordination stattgefunden; jeder andere hätte das an meiner Stelle als Meuterei angesehen und ein Unglück angerichtet, dagegen ist bei mir alles gut vorübergegangen. Vor allem muß man Nachsicht und Autorität zu gleicher Zeit besitzen, das ist alles.«

»Darauf verstehe ich mich nicht,« versetzte Nechludoff, »ich bin nur zweimal ins Gefängnis gegangen und muß dir gestehen, daß ich einen ganz kläglichen Eindruck davon empfangen habe.«

»Weißt du was, du solltest einmal die Gräfin Passek besuchen, ihr würdet euch wunderbar verstehen. Sie hat sich ganz und gar solchen Werken gewidmet. Elle fait beaucoup de bien Durch sie und auch durch mich, das kann ich ohne Unbescheidenheit gestehen, ist unser ganzes Gefängnissystem umgestaltet worden. Von den Greueln des alten Systems ist jetzt nichts mehr vorhanden, und die Gefangenen sind wirklich glücklich .. . Aber wie kannst du dich nur an Fajnitzin wenden? Ich kenne ihn nicht persönlich, unsere beiderseitigen socialen Beziehungen führen uns nicht zusammen, doch ich weiß aus sicherer Quelle, daß er ein Schafskopf ist. Ganz abgesehen davon, daß er sich vor Gericht Dinge zu sagen erlaubt …«

»Ich danke dir herzlich für deine Gefälligkeit,« sagte Nechludoff, nahm das Papier, das der Vizegouverneur eben für ihn geschrieben, und stand auf, um fortzugehen.

»Und jetzt komm‘ zu meiner Frau!«

»Das ist heute leider unmöglich, entschuldige mich bei ihr!«

»Sie würde mir nicht verzeihen, wenn ich dich hätte fortgehen lassen,« versetzte Maslinnikoff, während er seinen alten Kameraden bis zu den Stufen der Treppe begleitete, »na, komm‘ schon mit, bloß für eine Minute.«

Doch Nechludoff blieb unerbittlich, und Maslinnikoff rief ihm unten in vertraulichem Tone nach:

»Dann komm‘ aber jedenfalls Donnerstag, dann hat meine Frau » jour«; ich werde ihr deinen Besuch schon jetzt ankündigen.«

Mit diesen Worten kehrte er in sein Arbeitszimmer zurück.

Sechzehntes Kapitel

Als Nechludoff von Maslinnikoff kam, ließ er sich direkt nach dem Gefängnis fahren. Er sagte den Aufsehern, er wolle mit dem Direktor sprechen, und wandte sich sofort dem Bureau dieses Beamten zu.

Wieder hörte er, genau wie beim eisten Mal, die Töne eines schlechten Pianos. Anstatt der »Rhapsodie« von Liszt spielte man jetzt eine Etüde von Clementi; doch es war noch immer derselbe übertriebene Eifer, dieselbe mechanische Fertigkeit, dieselbe Schnelligkeit.

Die Magd, welche öffnete, sagte, »der Hauptmann wäre zu Hause«, und führte ihn in einen kleinen, mit einem Divan, einem Tisch, drei Stühlen und einer ungeheuren Lampe ausgestatteten Salon. Einen Augenblick später erschien der Direktor selbst mit seinem müden, bekümmerten Gesicht.

»Meine Hochachtung, Fürst. Womit kann ich Ihnen dienen?« fragte er, indem er seine Uniform zuknöpfte.

»Ich war beim Vizegouverneur und er hat mir diesen Erlaubnisschein gegeben,« versetzte Nechludoff. »Ich möchte die Maslow sprechen!«

»Die Markow?« fragte der Direktor, der infolge der Musik den Namen nicht verstehen konnte.

»Die Maslow!«

»Ach ja, ich weiß,« sagte er, erhob sich und ging zu der Thür, aus der die Rouladen Clementis kamen.

»Ich bitte dich, Marussja, höre wenigstens eine Minute auf,« sagte er; »man hört ja sein eigenes Wort nicht!«

Das Klavier verstummte, Stühle wurden ärgerlich fortgeschoben, und jemand öffnete die Thür, um einen müden Blick in den Salon zu werfen.

Augenscheinlich erleichtert, nahm der Direktor eine dicke Cigarette aus einem Etui und bot Nechludoff eine an.

»Kann ich die Maslow sprechen?«

»Was willst du hier?« fragte der Direktor ein kleines Mädchen von fünf bis sechs Jahren, das in den Salon geschlichen war und sich, ohne Nechludoff mit den Augen zu verlassen, bemühte, seinem Vater auf den Schoß zu klettern. – »Nimm dich in acht, du wirst fallen,« fuhr er mit nachsichtigem Lächeln fort.

»Nun gut! Wenn es möglich ist, möchte ich Sie bitten, mir die Maslow vorführen zu lassen,« wiederholte Nechludoff.

»Die Maslow! Die können Sie leider heute nicht sprechen!«

»Weshalb nicht?«

»Hören Sie, das ist Ihre Schuld!« versetzte der Direktor mit leichtem Lächeln, »Fürst, glauben Sie mir, geben Sie ihr kein Geld mehr! Wenn Sie wollen, übergeben Sie es mir für sie; aber Sie haben ihr jedenfalls gestern welches gegeben, sie hat sich Schnaps verschafft – dieses Uebel werden Sie nie ausrotten, und heute ist sie vollständig betrunken, so daß sie Lärm gemacht hat.«

»Nun, und?«

»Infolgedessen hat man sie bestrafen müssen und in einen andern Saal überführt. Sie ist übrigens gewöhnlich eine ruhige Gefangene; doch ich bitte Sie, geben Sie ihr kein Geld mehr in die Hand! Wenn Sie diese Sorte so wie ich kennen würden!«

»Aber könnte ich vielleicht die Bogoduschoffska von der politischen Abteilung sprechen?«

»Gewiß!«

Der Direktor nahm sein kleines Mädchen beim Arm, schob es sacht hinaus und stand auf, um Nechludoff nach dem Gefängnis zu führen.

Er hatte noch nicht seinen Mantel im Vorflur angezogen, als sich schon wieder die Rouladen Clementis hören ließen.

»Sie war im Conservatorium; aber es haben Unruhen stattgefunden, und man hat einzelne Schüler entlassen!« sagte der Direktor, während sie die Treppe hinuntergingen. »Sie hat Anlage und möchte in den Konzerten spielen!«

Nechludoff und der Direktor wandten sich dem Bureau zu. In dem Korridor kamen ihnen vier Sträflinge mit Eimern in den Händen entgegen, und Nechludoff sah, wie sie zitterten, als sie den Direktor bemerkten. Namentlich einer von ihnen senkte den Kopf und machte ein böses Gesicht, während es in seinen schwarzen Augen aufleuchtete.

»Gewiß muß das Talent ermutigt werden, und man hat kein Recht, es zu beeinträchtigen; doch in einer kleinen Wohnung, wie der unsrigen, ist dieses Klavier, das nie aufhört, oft störend,« fuhr der Direktor fort, ohne auf seine Gefangenen zu achten, während er Nechludoff in den großen Saal führte.

»Wie heißt die Gefangene, die Sie sprechen wollen?«

»Bogoduschoffska!«

»Sie ist im andern Gebäude bei den Politischen. Sie müssen schon ein bißchen warten. Ich werde sie holen lassen.«

»Könnte ich nicht inzwischen den Gefangenen Mentschoff sprechen, der wegen Brandstiftung verurteilt ist?«

»Er sitzt in seiner Zelle. Wollen Sie ihn dort sprechen?«

»Gewiß, das wird mich interessieren!«

»O, daran ist gar nichts Interessantes!«

In diesem Augenblicke trat der elegante Unterdirektor in den Saal.

»Führen Sie den Fürsten in Mentschoffs Zelle,« sagte sein Chef zu ihm, »und dann ins Bureau zurück. Ich werde inzwischen die Bogoduschoffska holen lassen.«

»Wollen Sie mir gefälligst folgen?« sagte der Unterdirektor mit liebenswürdigem Lächeln zu Nechludoff. »Sie interessieren sich für unser Gebäude?«

»Ja, vor allem aber interessiere ich mich für diesen Mentschoff, der an dem Verbrechen, dessen man ihn angeklagt hat, unschuldig sein soll.«

Der andere zuckte die Achseln und erwiderte ruhig, nachdem er Nechludoff aus Höflichkeit in einem stinkenden Korridor hatte vorangehen lassen, »Aber sie lügen auch oft … Bitte, nach Ihnen!«

Er ließ Nechludoff den ganzen großen Korridor durchschreiten und führte ihn durch eine eiserne Thür in einen zweiten, noch engeren, noch finsteren Gang, in dem es noch entsetzlicher stank.

Auf diesen Korridor führten zu beiden Seiten mit kleinen Guckfenstern versehene verschlossene Thüren. Dieser zweite Korridor war leer; nur ein alter Aufseher mit mürrischem und traurigem Gesicht ging darin auf und ab.

»Mentschoff? In welcher Zelle?«

»Zelle acht links!«

»Und alle diese Zellen sind bewohnt?« fragte Nechludoff.

»Alle, bis auf eine!«

Nechludoff näherte sich einer der Thüren und fragte seinen Gefährten:

»Darf ich hineinsehen?«

»Wie Sie wollen,« versetzte dieser mit seinem liebenswürdigen Lächeln und fing an, mit dem Aufseher zu plaudern.

Nechludoff zog den Deckel von dem Schiebefenster und blickte hinein. In der Zelle saß ein junger Mann von hoher Gestalt, der nur mit einem Hemde bekleidet war und hastig auf und ab ging. Als er Geräusch hörte, warf er einen Blick auf die Thür, zog die Stirn kraus und nahm seine Wanderung dann wieder auf.

Nechludoff blieb vor einer andern Zelle stehen, wo sein Blick dem seltsamen und beunruhigenden Blick eines großen schwarzen Auges begegnete. Schnell schloß er den Deckel wieder. In einer dritten Zelle sah er einen Mann, der mit bedecktem Kopfe zusammengekauert auf einem Bette schlief. In der folgenden Zelle saß ein Mann mit gesenktem Kopfe, die Ellenbogen auf die Kniee gestützt. Als er hörte, wie das Schiebefenster sich öffnete, hob der Mann den Kopf und drehte ihn mechanisch nach der Thür; doch sein ganzes blasses Gesicht und seine tiefliegenden hohlen Augen zeigten zur Genüge, daß es ihn wenig kümmerte, wer in seine Zelle sah.

Der Anblick dieses verzweifelten Gesichts flößte Nechludoff Furcht ein, und er ging direkt nach Mentschoffs Zelle.

Der Aufseher öffnete die doppelt verschlossene Thür, und Nechludoff bemerkte einen muskulösen jungen Mann, mit langem Halse, kleinem Knebelbart und gutmütigen, runden Augen, der an seinem Lager stand und mit erschrockener Miene schnell seine Jacke anzog.

»Hier ist ein Herr, der dich wegen deiner Sache fragen will,« sagte der Unterdirektor zu ihm.

»Ja, man hat mir von Ihnen gesprochen,« sagte Nechludoff, indem er in das Zimmer trat und sich an das Gitterfenster stellte. »Ich möchte aus Ihrem eigenen Munde den Bericht über das Vorgefallene hören.«

Mentschoff näherte sich ebenfalls dem Fenster und begann sofort seine Erzählung. Er sprach zuerst schüchtern, indem er unruhige Blicke auf den Unterdirektor warf; doch nach und nach wurde er mutiger, und als der Unterdirektor seine Zelle verließ, verschwand seine Schüchternheit ganz und gar. Er hatte die Sprache und Manieren eines ehrlichen und einfachen Bauern, und Nechludoff empfand ein seltsames Gefühl, als er diesen braven kleinen Muschik in Sträflingskleidern in einer düsteren Zelle sah. Der Gefangene erzählte, daß ihm der Schenkwirt seines Dorfes gleich nach seiner Heirat seine Frau geraubt hatte. Er hatte sich überall hingewendet, um Genugthuung zu erlangen, doch überall hatte der Schenkwirt die Behörden bestochen und war straflos ausgegangen. Eines Tages hatte Mentschoff seine Frau mit Gewalt nach Hause zurückgebracht, doch schon am nächsten Tage war sie ausgerückt. Nun war er wieder zu dem Schenkwirt gegangen und hatte seine Frau verlangt. Der Schenkwirt hatte ihm geantwortet, seine Frau wäre nicht bei ihm, und ihn dann fortgewiesen; er war aber nicht gegangen, und nun hatte ihn der Wirt mit Hilfe eines Arbeiters blutig geschlagen. Am nächsten Morgen hatte die Scheune des Wirtes Feuer gefangen, und man hatte Mentschoff und seine Mutter angeklagt. Doch Mentschoff hatte das Feuer nicht angelegt, denn er war an diesem Tage bei einem Freunde.

»Ist das auch wirklich wahr, daß du das Feuer nicht angelegt hast!«

»Ich habe nicht einmal daran gedacht, Ew. Excellenz; sicher hat der Hallunke das Feuer selbst angelegt. Man hat behauptet, er hätte seine Scheune versichert, und dabei hat man meine Mutter und mich angeklagt, wir hätten ihn mit der Brandstiftung bedroht. Allerdings habe ich ihn an dem Tage, an dem ich meine Frau zurückverlangte, geschimpft und bedroht, doch das Feuer habe ich nicht angelegt. Er hat es selbst gethan und uns nachher beschuldigt.«

»Ist das wahr?«

»So wahr ich vor Gott spreche, Excellenz. Haben Sie Mitleid mit mir,« sagte er und versuchte dabei, vor Nechludoff niederzuknieen, »hindern Sie es, daß ich ohne Grund umkomme.«

Von neuem zitterten seine Lippen, er fing an zu weinen und trocknete sich dann mit dem Aermel seines schmutzigen Hemdes die Augen.

»Sind Sie fertig?« fragte der Unterdirektor.

»Ja,« erwiderte Nechludoff, wandte sich dann zu Mentschoff und sagte:

»Na, verzweifle nicht, wir werden alles Mögliche thun.«

Mentschoff stand beim Eingang, so daß der Aufseher, als er die Thür schloß, ihn ins Innere zurückstoßen mußte; doch bis die Thür sich vollständig geschlossen hatte, blickte der Unglückliche noch immer durch den Spalt.

Der Unterdirektor ließ Nechludoff von neuem durch den großen Korridor gehen. Es war die Stunde des Mittagsmahles, und alle Saalthüren waren geöffnet. Aus einem der Säle kamen, als er vorüberging, mehrere Gefangene und stellten sich mit tiefen Verneigungen vor ihm auf.

»Wir flehen Sie an, Excellenz, sorgen Sie dafür, daß man etwas für uns thut.«

»Ich gehöre nicht zur Verwaltung, ihr irrt euch, ich kann nichts für euch thun.«

»Gleichviel,« versetzte eine unzufriedene Stimme, »Sie können mit einem von der Verwaltung über uns sprechen. Wir haben nichts verbrochen und seit zwei Monaten behält man uns hier.«

»Wieso, weshalb?« fragte Nechludoff.

»Man hat uns ins Gefängnis gesteckt, seit zwei Monaten sind wir hier und wissen selbst nicht, warum.«

»Das ist wahr, aber die Sache ist rein zufällig,« sagte der Unterdirektor. »Man hat alle diese Leute verhaftet, weil ihnen die Pässe fehlten, und sie sollten in ihre Gouvernements zurückgeschickt werden; doch dort ist das Gefängnis abgebrannt, und deshalb hat man uns gebeten, sie nicht fortzuschicken. Die von den andern Gouvernements sind fortgeschickt worden, doch diese hier mußten wir behalten.«

»Ist es möglich?« fragte sich Nechludoff, näherte sich der Thür und warf einen Blick in den Saal.

Eine Gruppe von etwa vierzig Männern, sämtlich in Gefängniskleidung, umstanden Nechludoff und den Unterdirektor. Mehrere erhoben gleichzeitig die Stimme, bis einer von ihnen, ein schon grauhaariger, kräftiger Bauer, das Wort ergriff, um im Namen seiner Gefährten zu sprechen. Er erklärte, man hätte sie ins Gefängnis gebracht, weil sie keine Pässe hätten. Sie hätten zwar Pässe, aber diese wären seit vierzehn Tagen abgelaufen.

»Wir sind alle Steinsetzer und gehören demselben Zuge an,« meinte er. »Wir wollten alle hier zusammen arbeiten, und man sagt uns, in unserm Gouvernement wäre das Gefängnis abgebrannt. Wir sind aber nicht schuld daran, wir haben es nicht angesteckt; um Gotteswillen, thun Sie etwas für uns.«

Nechludoff hörte diese Rede etwas zerstreut an, denn seine Aufmerksamkeit wurde unwillkürlich von einer ungeheuren großen Laus abgelenkt, die dem braven Steinsetzer aus den Haaren kroch und ihm über die Wangen lief.

»Ist es möglich?« sagte Nechludoff von neuem zu dem Unterdirektor.

»Was wollen Sie, das Gesetz befiehlt es einmal, sie in ihr Gouvernement zurückzuschicken.«

Der Unterdirektor hatte kaum ausgeredet, als ein kleiner Mann aus der Gruppe trat, das Wort ergriff, um sich bitter darüber zu beklagen, wie die Aufseher sie ohne Grund quälten.

»Aber man behandelt uns schlechter, als die Hunde,« erklärte er.

»Na, na, ihr dürft unsere Nachsicht aber auch nicht mißbrauchen,« sagte der Unterdirektor; »schweig‘, sonst weißt du …«

»Was soll ich wissen?« versetzte der kleine Mann verzweifelt; »haben wir das verdient?«

»Ruhe!« rief ein Aufseher, und der kleine Mann schwieg.

»Ist es möglich?« sagte sich Nechludoff, während er weiter über den Korridor schritt.

»Aber es sollte nicht gestattet sein, Unschuldige im Gefängnis zu behalten,« sagte er zu seinem Gefährten, als sie den Korridor verlassen hatten.

»Was wollen Sie dagegen thun? … und dann lügen diese Leute auch sehr viel; wenn man sie hört, sind sie alle unschuldig.«

»Aber diese hier sind doch wirklich unschuldig!«

»Nun, nehmen wir das bei diesen hier an, aber es ist eine ganz verrohte Sorte, ohne Strenge richtet man bei ihnen nichts aus. Wir haben hier schreckliche Taugenichtse, die sich gern auf uns stürzen möchten. So hat man gestern zwei bestrafen müssen …«

»Was nennen Sie »bestrafen«?«

»Man hat sie auf höheren Befehl gepeitscht.«

»Ich glaubte, die körperlichen Züchtigungen wären verboten.«

»Nicht bei den Gefangenen, denen man die Ehrenrechte genommen hat, bei diesen hat man sie nicht unterdrückt.«

Nechludoff erinnerte sich jetzt an die Scene, der er am vorigen Tage in dem großen Saale beigewohnt, und begriff, daß man, während er auf den Inspektor wartete, die Bestrafung vorgenommen. Ohne weiter auf den Unterdirektor zu hören oder sich nach ihm umzusehen, eilte er nach dem Bureau. Der Direktor befand sich dort, doch er war so beschäftigt gewesen, daß er ganz vergessen hatte, die Bogoduschoffska rufen zu lassen. Erst als er Nechludoff eintreten sah, erinnerte er sich seines Versprechens und sagte:

»Bitte tausendmal um Entschuldigung, werde die Gefangene gleich holen lassen, setzen Sie sich inzwischen ein wenig.«

Das Bureau bestand aus zwei Zimmern, von denen das erste sein Licht durch zwei schmutzige Fenster erhielt. Dieses erste Zimmer war fast leer, nur einige Aufseher befanden sich darin. In dem zweiten größeren Zimmer befanden sich etwa zwanzig Personen beiderlei Geschlechts, die in getrennten Gruppen auf Bänken an der Wand saßen und sich mit leiser Stimme unterhielten. An einem der beiden Fenster in der Ecke stand ein Tisch, und an diesem saß der Direktor, als Nechludoff eintrat. Er ließ ihn einen Augenblick Platz nehmen und begab sich in das andere Zimmer, um den Befehl zu geben, die Bogoduschoffska zu rufen. Seine Aufmerksamkeit wurde zuerst von einem jungen Manne im Jacketanzug erregt, der vor zwei auf der Bank sitzenden Personen, einem jungen Mädchen und einem Gefangenen, stand. Etwas weiter sah Nechludoff einen Greis mit blauer Brille, der eine junge Gefangene bei der Hand hielt und eifrig auf das hörte, was sie zu ihm sagte. Ein kleiner Junge mit nachdenklichem und furchtsamem Gesicht stand bei dem Greise und verließ ihn nicht mit den Augen. In einem Winkel hinter ihnen unterhielten sich zwei Liebende in fröhlichem Tone. Das elegant gekleidete junge Mädchen war eine hübsche Blondine von vornehmem Aussehen, während ihr Geliebter, ein Sträfling, ein schönes Gesicht mit scharfgeschnittenen Zügen hatte. Einige Schritte vom Tisch bemerkte Nechludoff eine schwarzgekleidete Frau in grauen Haaren, augenscheinlich eine Mutter, denn sie betrachtete eifrig einen jungen Schwindsüchtigen, und versuchte, mit ihm zu sprechen, ohne daß es ihr gelang, denn die Thränen erstickten sie. Der junge Mann knitterte und faltete mechanisch ein Blatt Papier zusammen, das er in der Hand hielt, und Nechludoff sah neben ihm ein reizendes junges Mädchen in einem grauen Kleide mit einer Pellerine auf den Schultern. Sie saß neben der weinenden Mutter und bemühte sich, sie zu trösten, indem sie ihr leise den Arm streichelte.

Während Nechludoff diese verschiedenen Gruppen neugierig betrachtete, näherte sich ihm neugierig der kleine Junge und fragte ihn mit seinem dünnen Stimmchen:

»Auf wen warten Sie denn?«

Nechludoff war zuerst über die Frage erstaunt, doch das nachdenkliche Gesicht des Kindes rührte ihn, und mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt erklärte er, er warte auf eine Dame.

»Ist das Ihre Schwester?« fragte der Kleine.

»Nein, meine Schwester ist es nicht, aber mit wem bist du denn hier?«

»Mit Mama, sie gehört zur politischen Abteilung,« erwiderte das Kind mit offenbarem Stolze.

»Maria Pawlowna,« rief der Direktor, »rufen Sie Kolja zurück,« und das schöne Mädchen, das zwei Schritte von Nechludoff saß, trat auf sie zu.

»Er hat Sie jedenfalls gefragt, wer Sie sind,« sagte sie zu Nechludoff mit leisem Lächeln. »Das ist so seine Art, er will immer alles wissen,« fuhr sie fort und lächelte dem Kinde so sanft und zärtlich zu, daß dieses und Nechludoff selbst dieses Lächeln unwillkürlich erwiderten.

»Ja, er fragte mich, weswegen ich gekommen wäre.«

»Maria Pawlowna, Sie haben nicht das Recht, mit Fremden zu sprechen, das wissen Sie doch,« sagte der Direktor.

»Gut, gut,« versetzte sie, nahm Koljas kleine Hand in die ihrige und kehrte zur Mutter des Schwindsüchtigen zurück.

»Wessen Sohn ist er?« fragte Nechludoff den Direktor.

»Der Sohn einer politischen Gefangenen, denken Sie sich, er ist im Gefängnis geboren.«

»Wirklich?«

»Ja, und jetzt geht er mit seiner Mutter nach Sibirien.«

»Und das junge Mädchen?«

»Verzeihen Sie, ich habe nicht das Recht, Ihnen alle diese Fragen zu beantworten; außerdem ist da auch die Bugoduschoffska.«

Thatsächlich trat die kleine, gelbe, magere Wera Bogoduschoffska mit ihrem behenden Schritt in das Zimmer.

»Ach, wie gut, daß Sie gekommen sind,« sagte sie und reichte Nechludoff die Hand, »Sie erinnern sich meiner doch noch, setzen Sie sich.«

»Ich erwartete nicht, Sie hier wiederzusehen.«

»O, ich befinde mich hier sehr wohl, so daß ich es mir gar nicht besser wünschen kann,« sagte Wera Efremowna.

Als Nechludoff sie fragte, weshalb man sie ins Gefängnis gebracht, begann sie eine ausführliche Erzählung, in der ihre eigenen Abenteuer viel weniger Platz einnahmen, als die Organisationen und Unternehmungen ihrer »Partei«, und in der die Fremdwörter »Propaganda«, »Organisation«, »Gruppen«, »Sektionen« und »Untersektionen« fortwährend wiederkehrten.

Nechludoff betrachtete ihren mageren Hals, ihre spärlichen und schlecht gekämmten Haare, ihre großen runden Augen und fragte sich, warum sie ihm das alles erzähle, und sich selbst dafür interessiere. Er beklagte sie, aber in ganz anderer Weise wie den Muschik Mentschoff, der ohne Grund in seine verpestete Zelle eingesperrt war. Er beklagte sie nicht wegen des Schicksals, das sie sich zugezogen, sondern wegen der augenscheinlichen Verwirrung, die in ihrem Kopfe herrschte. Die Unglückliche hielt sich für eine Heldin, und deshalb beklagte er sie am meisten.

Die Angelegenheit, von der Wera Efremowna ihm erzählen wollte, war ziemlich verwickelt. Eine Kameradin des jungen Mädchens, Namens Tschustoff, war vor fünf Monaten mit ihr verhaftet und eingekerkert worden, obwohl sie keiner »Untersektion« angehörte. Man hatte bei ihr nur Papiere und Bücher gefunden, die ihre Freunde in ihrem Zimmer abgestellt, und Wera Efremowna, die sich zum Teil an dieser Gefangennahme für verantwortlich erachtete, wollte Nechludoff, »der Beziehungen besaß«, bitten, sein Möglichstes zu thun, um die Freilassung der Tschustoff durchzusetzen. Was ihre eigene Geschichte betraf, so erzählte sie Nechludoff, daß sie sich nach Beendigung ihrer Studien als Hebeamme einer Sektion von »Volksbefreiern« angeschlossen, das »Kapital« von Karl Marx gelesen und den Entschluß gefaßt hatte, sich ganz dem »Fortschritt der Revolution« zu widmen. Zu Anfang war alles gut gegangen, man hatte Proklamationen erlassen und in den Minen Propaganda getrieben, doch eines Tages war eins der Mitglieder der Sektion verhaftet worden, die Polizei hatte bei ihm Papiere gefunden, und die ganze Sektion kam ins Gefängnis.

Nechludoff fragte sie, wer das schöne junge Mädchen wäre. Es war die Tochter eines Generals. Seit langer Zeit der revolutionären Partei angehörend, hatte sie sich schuldig erklärt, einen Revolverschuß auf einen Gensdarmen abgefeuert zu haben. Als die Polizei vor der Wohnung erschienen war, deren sich die Partei zu ihren Beratungen bediente, hatten die anwesenden Mitglieder die Thüre verbarrikadiert, um die dortliegenden Papiere verbrennen oder verstecken zu können. Doch die Polizei hatte die Barrikaden durchbrochen und wollte die Verschwörer verhaften, als einer von ihnen einen Revolverschuß abgefeuert hatte, der einen Gensdarmen tödlich verwundete. Man hatte sofort eine Untersuchung eingeleitet, um den Mörder zu entdecken, und das junge Mädchen hatte die Schuld auf sich genommen; obwohl sie nie einen Revolver in der Hand gehalten, so hatte man doch ihr Geständnis als vollgültig anerkennen müssen. Jetzt war sie zur Zwangsarbeit verurteilt und im Begriff, nach Sibirien abzureisen.

»Eine sehr interessante Persönlichkeit, und in hohem Grade altruistisch,« sagte Wera Efremowna, ihre Erzählung beendend.

Er mußte jetzt noch erfahren, was Wera Efremowna ihm hinsichtlich der Maslow mitzuteilen hatte, und wagte endlich, sie danach zu fragen. Das junge Weib kannte, wie das ganze Gefängnis, die Geschichte der Maslow, und war von dem Interesse unterrichtet, das ihr Nechludoff entgegenbrachte. Sie wollte ihm raten, es doch durchzusetzen, daß sein Schützling zum Krankendienst versetzt wurde, wo man Hilfskräfte brauchte; vom moralischen Standpunkte aus, wie auch von jedem anderen wäre sie dort besser aufgehoben, als in ihrer Abteilung.

Die Unterredung wurde von dem Direktor unterbrochen, welcher sich erhob und erklärte, die Besuchsstunde wäre vorüber. Nechludoff nahm von Wera Efremowna Abschied, um zu gehen, blieb aber neugierig auf der Thürschwelle stehen. Die Bemerkung des Direktors hatte keine andere Wirkung, als die Unterhaltung lebhafter zu gestalten, ohne daß jemand Miene machte, fortzugehen. Bald aber begann der Abschied, und mit ihm das Schluchzen und die Thränen. Namentlich die Mutter des jungen Schwindsüchtigen schien außer sich zu sein. Ihr Sohn zerknitterte das Blatt Papier noch immer zwischen seinen Fingern, und sein Gesicht nahm fast einen boshaften Ausdruck an. Die Mutter lehnte das Haupt an die Schulter des jungen Mannes und brach wie ein kleines Kind in Thränen aus.

Das schöne junge Mädchen stand vor der betrübten Mutter und sprach noch immer tröstend auf sie ein. Der Greis mit der blauen Brille behielt die Hand des Mädchens in der seinen und nickte zu dem, was sie sagte, mit dem Kopfe. Die beiden Liebenden waren aufgestanden und blieben unbeweglich einander gegenüber stehen, ohne ein Wort zu sprechen.

»Die sind wenigstens glücklich,« sagte der junge Mann im Jacket, der ebenfalls stehengeblieben war und der Scene beiwohnte, zu Nechludoff.

»Sie verheiraten sich hier in der nächsten Woche im Gefängnis, und in einem Monat reist sie mit ihm nach Sibirien ab,« fuhr er fort.

»Und was ist er?«

»Er ist zur Zwangsarbeit verurteilt … die sind wenigstens heiter, aber das ist zu entsetzlich anzuhören,« fügte der junge Mann hinzu, und machte Nechludoff auf das heftige Schluchzen aufmerksam, das der Greis mit der blauen Brille jetzt ausstieß.

»Vorwärts, meine Herren, ich bitte Sie,« rief jetzt der Direktor, »was soll denn das heißen? Die Stunde ist doch schon längst vorüber. Ich sage es Ihnen nun zum letztenmal,« fügte er nach einer Pause hinzu, stand auf, setzte sich wieder, that einen Zug aus seiner Cigarette, ließ sie ausgehen und steckte sie wieder von neuem an.

Endlich trennten sich Gefangene und Besucher; die einen wandten sich der Hintertür zu, die andern der großen Pforte, die in das Nebenzimmer führte.

»Ja, das sind merkwürdige Scenen,« sagte der junge Mann im Jacket, der augenscheinlich gern plauderte, zu Nechludoff. »Glücklicherweise ist der »Hauptmann« noch ein braver Mann und hält sich nicht an das Gefängnisreglement. Anderswo ist es ein wahres Martyrium, das sagt jeder.«

»Werden diese Besuche denn in den anderen Gefängnissen nicht in derselben Weise abgehalten?«

»Ach, nichts dergleichen; man kann die politischen Gefangenen höchstens durch zwei Gitter sehen, genau so, wie die schweren Verbrecher.«

Am Fuße der Treppe wurde Nechludoff durch den Direktor von seinem Begleiter getrennt; der Beamte nahm ihn beiseite und sagte zu ihm mit seiner müden Stimme:

»Sie können die Maslow also morgen sehen, wenn Sie wollen, Fürst!«

»Besten Dank!« versetzte Nechludoff und verließ das Gefängnis. Er empfand ein noch stärkeres Gefühl des Widerwillens und des Schreckens, als er es am vorigen Sonntag empfunden, da er die Korridore des Gefängnisses zum erstenmale betrat.

Siebzehntes Kapitel

Am nächsten Morgen begab sich Nechludoff zu dem Advokaten Fajnitzin, setzte ihm Mentschoffs Lage auseinander und bat ihn, die Sache in die Hand zu nehmen. Der Advokat erwiderte ihm, er würde die Akten prüfen, und wenn die Sache sich wirklich so abgespielt hatte, wie Mentschoff sagte, so würde er die Angelegenheit nicht nur übernehmen, sondern sie sogar unentgeltlich durchführen. Nechludoff erzählte ihm dann von den dreihundertdreißig Steinsetzern, die man wegen ihrer nicht visierten Pässe im Gefängnis behielt. Er wollte wissen, von wem die Sache abhinge, und wer dafür verantwortlich zu machen wäre.

Fajnitzin dachte einen Augenblick nach und erwiderte dann:

»Wer dafür verantwortlich ist? Niemand! Wenden Sie sich an den Staatsanwalt, er wird alles auf den Gouverneur schieben. Fragen Sie den Gouverneur, er wird erklären, der Staatsanwalt wäre allein verantwortlich.«

»Ich werde noch heut‘ zu Maslinnikoff gehen, um ihn von allem in Kenntnis zu setzen.«

»Ah bah, da verlieren Sie Ihre Zeit, Er ist – aber Verzeihung, er ist doch weder Ihr Verwandter, noch Ihr Freund, nicht wahr? – Er ist – verzeihen Sie das Wort – ein solcher Kretin und eine solche Kanaille!«

Nechludoff erinnerte sich, in welchen Ausdrücken Maslinnikoff ihm von dem Advokaten gesprochen. Er erwiderte nichts und nahm Abschied.

Nachmittags begab er sich zu dem Vizegouverneur, den er um zweierlei zu bitten hatte: erstens um die Versetzung der Maslow zum Krankendienst, und um die Freilassung der grundlos in Haft genommenen hundertdreißig Steinsetzer.

Als er sich Maslinnikoffs Hause näherte, sah er, daß der Hof voller Equipagen, Kaleschen, Coupés und Karossen stand, und erinnerte sich entsetzt, daß es ja der »Jour« der Frau Maslinnikoff war, zu dem der Gatte der Dame ihn so eifrig eingeladen hatte. Unter den im Hofe wartenden Wagen bemerkte Nechludoff den Landauer der Kortschagins. Der alte, dicke, rotbäckige Kutscher nahm, als er ihn bemerkte, seinen Hut ab und lächelte ihm halb unterwürfig und halb vertraulich zu.

Nechludoff hatte den Portier kaum gefragt, ob Michael Iwanowitsch zu Hause wäre, als dieser in Person oben auf der Treppe erschien. Er geleitete einen Gast, in welchem Nechludoff einen der höchsten Würdenträger der Regierung erkannte. Er unterhielt sich, während er die Treppe hinunterstieg, französisch mit Maslinnikoff, und zwar von lebenden Bildern, die man zum Besten einer wohlthätigen Stiftung zu veranstalten beabsichtigte. Er meinte, das wäre eine ausgezeichnete Beschäftigung für die Damen. »Sie amüsieren sich, und das Geld regnet nur so!«

»Sieh da! Da ist ja der brave Nechludoff,« rief er, seine Moralergüsse plötzlich unterbrechend. »Wie lange hat man Sie nicht gesehen! – Allez vite présenter vos devoirs à ces dames! Die Kortschagins sind schon oben. El Nadine Bucksheyden aussi! Toutes les jolies femmes de la ville vous attendent, heureux gaillard!« fügte er hinzu. » Au revoir, mon cher

Er schüttelte Maslinnikoff zum letztenmale die Hand.

»Gehen wir schnell in den Salon! Ich bin entzückt, Sie zu sehen,« sagte dieser mit exaltierter Miene zu Nechludoff, packte ihn dann beim Arm, lief trotz seiner Korpulenz mit der Behendigkeit eines Jünglings und zog ihn die Treppe entlang. Den ernsthaften Ausdruck auf Nechludoffs Gesicht sah er nicht, hörte nicht auf ihn und schleppte ihn fröhlich nach dem Salon. Es war unmöglich, ihm zu widerstreben oder sich zu entschuldigen, und Nechludoff mußte ihm folgen.

»Von Geschäften sprechen wir gleich! Du weißt doch, ich werde alles thun, was du willst!« sagte Maslinnikoff und führte diesen unfreiwilligen Besucher durch das Vorzimmer.

»Benachrichtigen Sie die Generalin, daß Fürst Nechludoff da ist,« sagte er zu einem an der Salonthür stehenden Diener; dann wandte er sich wieder zu Nechludoff:

» Vous n’aurez qu’à commander, je vous obéirai! Aber zuerst mußt du meine Frau sprechen; das ist unerläßlich. Ich habe neulich schon genug auf die Finger bekommen, daß ich dich habe fortgehen lassen, ohne sie gesprochen zu haben!«

Als sie in den Salon traten, nickte Anna Ignatjewna, die »Generalin«, wie man sie nannte, Nechludoff über den Kreis der Köpfe, die ihren Divan umstanden, liebenswürdig zu.

» Enfin! Sie wollen uns also nicht mehr kennen?« Sind Sie böse? Was haben wir Ihnen gethan?« Mit diesen Worten empfing Anna Ignatjewna den Eintretenden.

»Sie kennen sich, nicht wahr? Frau Bielawskaja, Michael Iwanowitsch Tschernoff … Na, setzen Sie sich zu mir! – Missy, kommen Sie doch an unsern Tisch,« fuhr sie, die Stimme erhebend und sich an eine andere Gruppe wendend, fort. »Und Sie, Fürst, ein bißchen Thee?«

»Das werden Sie mir nie einreden! Sie liebte ihn nicht, das ist alles,« sagte eine Frauenstimme.

»Diese Kuchen sind ausgezeichnet, und so leicht,« sagte eine andere Stimme. »Geben Sie mir noch einen!«

»Und Sie fahren schon aufs Land?«

»Ja, morgen! Darum sind wir heut‘ gekommen. Ein schöner Frühling! Es muß unter den Bäumen herrlich sein!«

Missy, die einen kleinen Sammethut und ein gestreiftes Kleid trug, sah sehr schön aus. Sie errötete, als sie Nechludoff bemerkte und sagte:

»Ich glaubte, Sie wären schon abgereist!«

»Ich stehe auf dem Sprunge. Die Geschäfte nehmen meine ganze Zeit in Anspruch, und ich bin auch nur in Geschäften hierhergekommen.«

»Ich bitte Sie, besuchen Sie Mama, bevor Sie reisen. Sie muß Sie dringend sprechen!«

Sie fühlte, daß sie log, und auch er fühlte es, und deshalb ward sie noch röter.

»Ich fürchte, ich werde keine Zeit dazu haben,« versetzte Nechludoff in möglichst gleichgültigem Tone. Missy zog die Stirne kraus und wandte sich wieder zu dem eleganten Offizier, mit dem sie im Augenblicke plauderte, als Nechludoff eintrat.

Der »Jour« Anna Ignatjewnas war äußerst glänzend, und die Dame war entzückt.

»Mika hat mir gesagt, Sie interessierten sich für unsere Gefängnisse,« sagte sie zu Nechludoff. »Wie sehr begreife ich das! Mika – (das war ihr dicker Mann) – mag seine Fehler haben, aber Sie wissen, wie gut er ist! Seine unglücklichen Gefangenen sind seine Kinder! Er sagt es mir stets selbst; er ist von einer Güte …«

Sie hielt inne und wandte sich plötzlich lächelnd einer alten Dame mit brummigem Gesicht zu.

Als Nechludoff einige Augenblicke geblieben war und ein paar gleichgültige Worte ausgetauscht hatte, erhob er sich und ging zu Maslinnikoff.

»Nun, kannst du mir jetzt einen Augenblick Gehör schenken?«

»Gewiß; was giebt’s denn?«

»Könnten wir uns nicht in ein anderes Zimmer setzen?«

Maslinnikoff ließ ihn in ein kleines japanisches Kabinett neben dem Salon treten, und beide setzten sich ans Fenster.

»Und jetzt stehe ich dir zu Diensten! Willst du rauchen? Aber warte eine Sekunde, ich werde einen Aschbecher holen! Es ist doch nicht nötig, den Teppich schmutzig zu machen, nicht wahr?«

Maslinnikoff suchte einen Aschbecher, setzte sich Nechludoff gegenüber und sagte:

»Ich höre!«

»Also! Ich habe zweierlei mit dir zu besprechen!«

»Ich höre!«

»Zuerst,« fuhr Nechludoff fort, »habe ich etwas für diese Frau zu erbitten, die …«

»Ach ja, die ungerecht verurteilt worden ist! Ich weiß, ich weiß …«

»Ich möchte dich bitten, sie zum Krankendienst versetzen zu lassen! Man hat mir gesagt, das wäre möglich!«

Maslinnikoff preßte die Lippen zusammen und dachte einen Augenblick nach.

»Ich weiß nicht recht, ob das möglich ist,« versetzte er mit wichtiger Miene, »Jedenfalls werde ich mich erkundigen und dir telegraphieren, wie es damit steht.«

»Man hat mir gesagt, es wären viele Kranke vorhanden, und man brauche Hilfskräfte.«

»Das werden wir sehen, das werden wir sehen; auf jeden Fall werde ich dir Antwort telegraphieren.«

»Ich werde dir dafür sehr dankbar sein,« sagte Nechludoff.

Plötzlich erhob sich vom Salon her ein lautes Lachen.

»Ich wette, das ist wieder dieser Witzbold von Viktor!« sagte Maslinnikoff lächelnd, »Tu glaubst nicht, wie komisch der ist, wenn er einmal im Zuge ist!«

»Was die andere Sache betrifft, über die ich mit dir zu sprechen habe,« fuhr Nechludoff fort, »so befindet sich augenblicklich ein Zug von hundertdreißig Arbeitern im Gefängnis, die man hinter Schloß und Riegel behält, nur weil ihre Pässe abgelaufen sind. Seit über einen Monat sind sie hier.«

»Wie hast du denn das erfahren?« fragte Maslinnikoff, und sein Gesicht hatte, plötzlich einen Ausdruck der Unruhe und Unzufriedenheit angenommen.

»Ich wollte einen Verurteilten sprechen, und als ich durch den Korridor schritt, haben diese Unglücklichen mich gebeten…«

»Und wer war der Verurteilte, den du aufsuchtest?«

»Ein fälschlich der Brandstiftung angeklagter Bauer, für den ich einen Verteidiger gesucht habe. Doch ich will von dir wissen, ob diese hundertdreißig Arbeiter wirklich nichts weiter verbrochen haben, als daß ihre Pässe nicht in Ordnung sind, und in diesem Falle …«

»Das geht den Staatsanwalt an!« unterbrach Maslinnikoff in ärgerlichem Tone, »Dafür wird er ja bezahlt. Aber er thut nichts, er spielt Whist!«

»Du kannst also nichts dazu thun?« fragte Nechludoff.

»Wie? Ob ich nichts dazu thun kann? Aber gewiß! Ich werde sofort eine Untersuchung einleiten, aber wir wollen jetzt wieder zu den Damen gehen!«

Doch Nechludoff hielt ihn auf der Thürschwelle zurück.

»Man hat mir neulich im Gefängnisse gesagt, zwei Gefangene wären gepeitscht worden, ist das wahr?«

Maslinnikoff wurde ganz rot.

»Ach, man hat dir das gesagt? Nein, mein Lieber, man darf dich wirklich nicht deine Nase in alles stecken lassen! Das geht dich alles nichts an! Aber komm‘ jetzt, Annette ruft uns!«

Damit nahm er ihn und zog ihn nach dem Salon, doch Nechludoff machte sich los, durchschritt den Raum und ging die Treppe hinunter.

»Was hat er denn?« fragte Annette ihren Gatten.

»Ah bah; er ist ein Original und war stets so!«

Am nächsten Tage erhielt Nechludoff vom Vizegouverneur einen Brief, in welchem Maslinnikoff ihm mitteilte, er hätte sich erkundigt, ob es möglich wäre, die Maslow zum Krankendienste zu versetzen; die Sache ließe sich machen. Unter die Unterschrift hatte Maslinnikoff geschrieben: »Dein alter Kamerad, der dich trotzdem sehr lieb hat.«

»Dieser Dummkopf!« sagte sich Nechludoff, von der Vertraulichkeit dieses unangenehmen »Kameraden« angewidert.

Dreizehntes Kapitel

Zur gewöhnlichen Stunde ertönten die Pfiffe der Schließer in den Korridoren des Gefängnisses; die eisernen Thüren der Säle öffneten sich; Geräusch von Schritten ließ sich vernehmen; die Korridore füllten sich mit dem Gestank der Nachteimer, welche fortgetragen wurden; männliche und weibliche Gefangene kleideten sich an, der Appell wurde abgenommen, und alle setzten sich dann auf ihre Betten, um ihren Thee zu trinken.

In allen Sälen herrschte an diesem Tage eine lebhafte Unterhaltung; dieselbe betraf das Ereignis des Tages, die Peitschung zweier männlicher Gefangenen. Der eine derselben war ein intelligenter und gebildeter junger Mann, ein Commis Namens Wassiljeff, der verurteilt worden, weil er seine Geliebte in einem Eifersuchtsanfalle getötet hatte. Alle seine Zellengenossen liebten ihn wegen seiner Fröhlichkeit und Freigebigkeit, und weil er es verstand, den Aufsehern Trotz zu bieten; denn er kannte das Reglement genau und duldete keine Uebertretung desselben. Dafür konnten ihn auch die Schließer und Aufseher nicht leiden.

Vor drei Wochen hatte der Schließer einen Gefangenen geschlagen, der ihm beim Vorübergehen Suppe auf seine neue Uniform gegossen hatte. Wassiljeff war für seinen Kameraden eingetreten und hatte gesagt, es sei im Reglement verboten, die Gefangenen zu schlagen. »Das Reglement? Ich werde dir das Reglement beibringen!« hatte der Schließer erwidert und auf Wassiljeff zu schimpfen angefangen, Dieser hatte in demselben Tone geantwortet; der Schließer hatte ihn schlagen wollen, doch Wasfiljeff hatte ihn bei beiden Händen gepackt, ihn so einige Augenblicke festgehalten und ihn dann aus dem Saale gestoßen. Der Aufseher hatte sich beschwert und der Inspektor hatte Wassiljeff zum Karzer verurteilt.

Die Karzer waren eine Reihe schwarzer Zellen, die von außen mit einem Doppelriegel verschlossen waren. In diesen schwarzen und kalten Zellen stand weder Bett, noch Tisch, noch Stuhl, so daß der Gefangene sich auf den schmutzigen Erdboden legen mußte, wo so zahlreiche und freche Ratten um ihn und auf ihm herumliefen, daß der Gefangene kein Stück Brot bei sich behalten konnte, ohne daß sie den Versuch machten, es ihm aus den Händen zu reißen.

Wassiljeff hatte erklärt, er hätte keine Schuld und würde deshalb nicht in den Karzer gehen. Mit Gewalt hatte man ihn fortgeschleppt. Er hatte sich gesträubt, und zwei seiner Kameraden hatten ihm geholfen, sich den Händen der Aufseher zu entziehen. Diese hatten sich nun Verstärkung geholt und besonders einen gewissen Petroff herbeigerufen, der wegen seiner Stärke berüchtigt war. Die drei rebellischen Gefangenen waren wieder gefaßt und in den Karzer geworfen worden. Man hatte dem Gouverneur sofort einen Bericht eingereicht, in welchem die Sache als versuchte Meuterei hingestellt war. Als Antwort war aus dem Palast des Gouverneurs eine Ordre gekommen, die die zwei Hauptschuldigen, Wassiljeff und einen Landstreicher Nepomniak, zu je dreißig Knutenhieben verurteilte. Die Knutung sollte noch an demselben Morgen im Frauensprechzimmer stattfinden.

Seit dem vorigen Tage wußte das ganze Gefängnis die Neuigkeit, und in den verschiedenen Sälen war in der Frühstücksstunde nur davon die Rede.

Die Korablewa, die Fenitschka, die »Schönheit« und die Maslow saßen in ihrem Lieblingswinkel und schwatzten alle vier, rot und aufgeregt, denn sie hatten schon viel Schnaps getrunken, der infolge des Geldes der Maslow ihnen jetzt fortwährend floß. Sie tranken ihren Thee und unterhielten sich von der Knutung.

»Wenn er sich noch empört hätte!« sagte die Korablewa und biß mit ihren starken Zähnen ein Stück Zucker durch. »Er hat doch nur einen Kameraden verteidigt! Man hat nicht mehr das Recht, ihn deshalb zu schlagen!«

»Er soll jung und sehr tapfer sein,« fügte Fenitschka hinzu, während sie fortfuhr, auf ihre Theekanne acht zu geben.

»Du solltest mit »ihm« über den armen Jungen sprechen,« sagte die Eisenbahnwärterin zu der Maslow.

Unter dem Worte »ihm« verstand sie Nechludoff.

»Sicher werde ich mit ihm darüber sprechen; er will ja alles für mich thun,« versetzte die Maslow mit eitlem Lächeln.

»Aber Gott weiß, wann er kommt, und Wassiljeff soll schon abgeholt worden sein,« sagte Fenitschka. »Das ist gräßlich!« setzte sie seufzend hinzu.

»Ich habe einmal gesehen, wie ein Mann auf dem Amtsgerichte geschlagen wurde. Man hatte mich zu dem Schwiegervater des Stationsvorstehers geschickt, und als ich nach dem Amtsgerichte kam …«

Und nun erzählte die Eisenbahnwärterin eine lange Geschichte, die aber plötzlich durch das Geräusch von Schritten und Stimmen, die im Korridor des oberen Stockwerks hörbar wurden, unterbrochen ward. Die Weiber schwiegen und spitzten die Ohren.

»Sie haben ihn fortgeführt, die Teufel!« erklärte die »Schönheit«. – »Sie werden ihn jetzt umbringen. Zudem sind die Aufseher noch auf ihn wütend, weil er sie hindert, nach ihrem Kopfe zu handeln!«

Oben ward wieder alles still. Die Eisenbahnwärterin nahm ihre Geschichte wieder auf und erzählte, wie man in ihrem Beisein einen Muschik unter einem Schuppen zu Tode gepeitscht und wie ihr in diesem Augenblick das Herz im Leibe gesprungen war. Die Schönheit berichtete, wie man Tschegloff geschlagen, ohne daß er ein Wort der Klage hören ließ. Dann nahm Fenitschka den Thee fort; die Korablewa und die Eisenbahnwärterin nahmen wieder ihre Näharbeit auf, während die Maslow sich mit hochgezogenen Knieen auf ihrem Bette ausstreckte. Sie wollte ein bißchen schlafen, um die Langeweile zu verscheuchen, als die Aufseherin ihr sagte, sie solle sich ins Bureau begeben, es wäre ein Besuch für sie da.

»Sprich nur ja mit ihm von uns!« sagte die alte Betschwester zur Maslow, während diese ihre Haare vor einem halbstumpfen Spiegel zurechtmachte. »Du wirst ihm sagen, wir hätten das Feuer nicht angesteckt, sondern der Schenkwirt, der Hallunke, hat es selbst gethan; ein Arbeiter hat es gesehen! Sage ihm, er solle Mitri rufen lassen! Mitri wird ihm alles erklären, so klar wie die Handfläche. Uns, die wir nichts gethan haben, hat man ins Gefängnis geworfen, während er, der Hallunke, in der Schenke mit dem Weib des andern den Zaren spielt, und mein Alter niemand hat, der ihm seine Läuse abfängt!«

»Ich werde es ihm sagen; gewiß werde ich es ihm sagen!« versetzte die Maslow.

»Vorwärts!« fügte sie dann hinzu, »trinken wir noch einen Schluck, um uns Mut zu machen!«

Die Korablewa goß ihr ein Glas Branntwein ein. Die Maslow leerte es in einem Zuge, wischte sich den Mund und eilte mit demselben fröhlichen Lächeln, mit dem sie zu trinken verlangt, »um sich Mut zu machen«, zu der Aufseherin, die im Gange auf sie wartete.

Vierzehntes Kapitel

Nechludoff war schon lange im Gefängnis. Er war sehr früh gekommen und hatte der Schildwache und einem Aufseher den Erlaubnisschein des Staatsanwalts gezeigt.

»In diesem Moment ist es unmöglich,« erklärte der Aufseher; »der Direktor ist beschäftigt.«

»Im Bureau?« fragte Nechludoff.

»Nein, hier, im Sprechzimmer!« versetzte der Aufseher mit einer gewissen Verlegenheit.

»Ist Besuchstag?«

»O nein, in einer andern Angelegenheit!«

»Und wie kann ich den Direktor sprechen?«

»Sie müssen hier auf ihn warten. Er wird gleich vorbeikommen, dann können Sie mit ihm sprechen.«

Einige Minuten darauf sah Nechludoff einen jungen Unteroffizier mit glitzernden Galons, schneidig und mit hochgedrehtem Schnurrbart in den Saal treten; als derselbe ihn bemerkte, wandte er sich mit strenger Miene zu dem Aufseher und sagte:

»Warum haben Sie hier Leute hereingelassen? Nach dem Bureau sollen Sie doch alles schicken.«

»Man sagte mir, der Direktor würde hier durchkommen; ich habe mit ihm zu sprechen!« sagte Nechludoff überrascht, als er auf dem Gesicht des Unteroffiziers denselben verlegenen Ausdruck bemerkte, der ihm schon bei dem Aufseher aufgefallen war.

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür, durch die der Unteroffizier eingetreten war, von neuem, und ein Aufseher, ein wahrer Koloß, trat erhitzt, ganz in Schweiß gebadet, ein. Das war der berüchtigte Petroff.

»Daran wird er denken!« erklärte er, sich an den Unteroffizier wendend.

Doch dieser machte ihn mit einer Kopfbewegung auf die Anwesenheit eines Fremden aufmerksam, und Petroff ging, ohne ein Wort hinzuzufügen, durch eine andere Thür hinaus.

»Wer wird an etwas denken? Und warum sehen sie alle so verlegen aus?« fragte sich Nechludoff.

»Hier wird nicht gewartet! Gehen Sie gefälligst ins Bureau!« sagte der Unteroffizier zu ihm, und Nechludoff wollte bereits hinausgehen, als er durch dieselbe Thür, wie die beiden andern, den Direktor erscheinen sah. Er schien noch verlegener, als seine Untergebenen, und sah vor Aufregung ganz entstellt aus.

Nechludoff sprach ihn an und zeigte ihm den Erlaubnisschein des Staatsanwalts.

»Fedoroff!« rief der Direktor einem der Aufseher zu; »holen Sie mal gleich die Maslow! Fünfter Frauensaal! Sie soll in das Advokatensprechzimmer geführt werden.«

Dann wandte er sich zu Nechludoff:

»Gestatten Sie mir, Sie zu begleiten?«

Sie stiegen eine Wendeltreppe hinauf und traten in ein kleines Zimmer, das mit einem Tisch und einigen Stühlen möbliert war.

Der Direktor setzte sich und sagte seufzend, während er eine dicke Cigarette aus seinem Etui nahm:

»Welch hartes Handwerk! Welch hartes Handwerk!«

»Sie scheinen abgespannt?«

»Mein ganzer Dienst ist mir zuwider! Es sind wirklich zu harte Verpflichtungen! Man möchte diesen Elenden ihr Schicksal erleichtern, und alles, was man thut, macht die Sache noch schlimmer. Wenn ich wenigstens ein Mittel wüßte, von hier wegzukommen! Ein hartes, hartes Handwerk!«

Nechludoff wußte nicht, worin die harten Verpflichtungen des Direktors bestanden; doch ohne sie zu kennen, glaubte er an diesem Tage an ihm ein außergewöhnliches Leiden, eine ganz besonders traurige und verzweifelte Stimmung zu bemerken.

»Ja, ich glaube gern, daß es ein hartes Handwerk ist,« sagte er zu ihm. »Aber wenn es Sie in einen solchen Zustand bringt, warum verzichten Sie nicht darauf?«

»Der Mangel an Vermögen, die Familie …«

Er hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort:

»Das ist noch nicht alles. Denn schließlich thue ich nach meinen Kräften alles, was ich kann, um das Schicksal der Gefangenen zu lindern, und in gewissen Punkten gelingt es mir ja auch; ein anderer würde sie an meiner Stelle ganz anders behandeln. Glauben Sie, es sei eine Kleinigkeit, fast zweitausend Menschen, und Menschen dieser Art, zu dirigieren? Man muß wissen, wie man sie zu nehmen hat. Es sind doch Menschen, und sie thun einem immerhin leid. Doch wenn man sie verzieht, ist alles verloren.«

Der Direktor begann nun eine erst kürzlich passierte Geschichte zu erzählen; eine Prügelei zwischen zwei Gefangenen, die mit dem Tode des einen geendet hatte.

Seine Erzählung wurde durch den Eintritt der Maslow unterbrochen, die in Begleitung eines Aufsehers erschien.

Nechludoff sah sie bereits aus der Schwelle, bevor sie die Anwesenheit des Direktors noch bemerkte. Ihr Gesicht war rot und glühend. Sie schritt schnell hinter dem Aufseher her, ohne ihr Lächeln einzustellen. Als sie den Direktor bemerkte, blieb sie einen Augenblick mit erschrockener Miene stehen, wandte sich aber sofort in fröhlicher Laune nach Nechludoff und sagte zu ihm mit lächelnder Miene: »Guten Tag!«

Dabei drückte sie ihm kräftig die Hand, anstatt sie, wie beim vorigen Mal, nur einfach zu berühren.

»Ich habe Ihnen Ihre Berufung mitgebracht,« sagte Nechludoff, der sich wunderte, sie so lebhaft zu sehen. »Der Advokat hat sie aufgesetzt; Sie brauchen sie nur zu unterzeichnen; wir schicken sie dann nach St. Petersburg.«

»Nun gut, dann werden wir sie eben unterzeichnen; nichts einfacher als das!«

Sie fuhr fort zu lächeln, und eins ihrer Augen schielte stärker, als gewöhnlich. Nechludoff zog das Papier aus der Tasche und näherte sich dem Tische.

»Kann man das hier unterzeichnen?« fragte er den Direktor.

»Setz‘ dich hierher,« sagte der Direktor zu der Maslow. – »Da ist eine Feder und Tinte. Kannst du denn schreiben?«

»Ich habe es früher gekonnt!« versetzte sie lächelnd, hob ihren Rock hoch, warf ihren Aermel zurück, setzte sich an den Tisch, ergriff energisch die Feder und fragte, sich wieder lächelnd zu Nechludoff wendend, was sie thun sollte. Er erklärte ihr, wo und in welchen Ausdrücken sie unterzeichnen müßte.

»Das ist alles?« fragte sie und sah abwechselnd Nechludoff und den Direktor an.

»Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen!« sagte Nechludoff, während er ihr die Feder aus der Hand nahm.

»Nun, so sprechen Sie!«

Ihr Gesicht wurde plötzlich wieder ernst, als wäre ihr irgend ein Gedanke in den Sinn gekommen oder als hätte sie eine heftige Schlafsucht befallen.

Der Direktor erhob sich und verließ das Zimmer, und Nechludoff blieb mit der Maslow allein.

Der entscheidende Augenblick war für Nechludoff endlich gekommen. Er hatte sich fortwährend Vorwürfe gemacht, daß er nicht schon bei seiner ersten Zusammenkunft mit der Maslow gewagt, ihr die Hauptsache zu sagen, daß es seine Absicht war, seine Schuld dadurch zu büßen, daß er sie heiratete. Doch diesmal wollte er ihr alles sagen, mochte kommen, was da wollte!

Er bestärkte sich in seinem Entschlusse, als er der Gefangenen gegenüber am andern Ende des Tisches Platz nahm.

Das Zimmer, in dem sie sich befanden, war hell, und Nechludoff konnte das Gesicht der Maslow in Ruhe betrachten; er sah die Runzeln um den Mund und an den Augen, die angeschwollenen Lider, den allgemeinen Ausdruck frühzeitiger Ausschweifung und Erniedrigung, es beschlich ihn eine tiefe Traurigkeit, und sein Mitleid mit ihr ward noch größer.

Er stellte sich so an den Tisch, daß er von dem Aufseher, der die Maslow hergebracht, weder gehört, noch gesehen werden konnte; der Aufseher blieb im Winkel am Fenster, am andern Ende des Zimmers sitzen. Jetzt neigte sich Nechludoff zu der Maslow hinüber und sagte zu ihr:

»Wenn die Berufung nicht durchdringt, werden wir ein Gnadengesuch an den Zaren richten. Wir werden alles Mögliche thun.«

»Welch Unglück, daß Sie mich nicht früher gefunden haben! Sie hätten mir einen guten Advokaten verschafft! Denn der, den ich hatte, ist an allem schuld! Dieser Dummkopf! Alle beglückwünschen sie mich Ihretwegen,« setzte sie hinzu und fing an zu lachen. »Ach, hätte man am Tage der Verhandlung gewußt, daß Sie mich kennen, die Sache hätte eine ganz andere Wendung genommen. Dagegen so … Ach was, haben sie sich gesagt: das ist ganz einfach ’ne Diebin!«

»Wie seltsam sie heute ist!« dachte Nechludoff und wollte eben die große Frage berühren, als sie von neuem das Wort ergriff:

»Hören Sie nur, was ich Ihnen zu sagen habe … In unserem Saale ist eine alte Frau, über die sich jeder wundern muß! Eine merkwürdige, kleine, alte Frau, wie Sie eine zweite nicht sehen werden! Man hat sie und ihren Sohn verurteilt, Gott weiß, warum; und jeder weiß, daß sie unschuldig sind; und dabei hat man sie angeklagt, sie hätten Feuer angelegt! Da hat sie gehört, daß ich Sie kenne, und daraufhin zu mir gesagt: »Täubchen, sag‘ ihm, er solle mit meinem Sohn sprechen, der wird ihm alles erklären!« Mentschoff ist ihr Familienname. Wenn Sie wüßten! Eine so merkwürdige kleine Frau! Man sieht gleich, daß sie nicht schuldig ist! Nicht wahr, mein Schatz, Sie werden sich mit ihr beschäftigen?« sagte sie und sah ihm mit vertraulichem Lächeln in die Augen.

»Gut, ich werde mich damit beschäftigen und Erkundigungen einziehen,« versetzte Nechludoff, der sich über ihre Gesprächigkeit immer mehr wunderte. »Aber ich möchte mit Ihnen von einer persönlichen Angelegenheit sprechen. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen neulich gesagt habe?«

»Sie sagten mir neulich so viel! Was haben Sie mir denn gesagt?« fragte sie.

Sie hörte nicht auf, ihm zuzulächeln und neigte den Kopf bald nach dieser, bald nach jener Seite.

»Ich habe Ihnen gesagt, ich wäre gekommen, um Sie um Verzeihung zu bitten,« sagte er.

»Ach ja, ganz recht. Da ist nichts zu verzeihen. Sie thäten besser …«

»Ich habe Ihnen noch zu sagen,« fuhr Nechludoff fort, »daß ich meine Schuld wieder gutmachen will, aber nicht durch Worte, sondern durch Thaten … Ich bin entschlossen, Sie zu heiraten!«

Bei diesen Worten nahm das Gesicht der Maslow wieder einen Ausdruck der Angst an. Ihre Augen hörten auf zu schielen und richteten sich strenge auf Nechludoff.

»Weiter fehlte nichts!« sagte sie in bösem Tone.

»Ich habe das Gefühl, daß ich das vor Gott thun muß!«

»Jetzt spricht er noch obendrein von Gott! Gott! Was für’n Gott! Sie hätten besser gethan, früher an Gott zu denken, als …«

Sie hielt offenen Mundes inne, und jetzt spürte Nechludoff zum erstenmale den starken Branntweingeruch, der ihrem Munde entströmte; er begriff die Ursache ihrer Aufregung und sagte:

»Beruhige dich!«

»Ich brauche mich nicht zu beruhigen. Du glaubst, ich bin betrunken? Nun denn ja, ich bin betrunken, aber ich weiß, was ich spreche!« versetzte sie in einem Zuge mit blutrotem Gesicht. »Ich bin eine öffentliche Dirne, eine Zuchthäuslerin, und Sie sind ein vornehmer Herr, ein Fürst. Sie haben nichts mit mir zu schaffen. Geh‘ doch zu deinen Fürstinnen!«

»So grausam du auch mit mir sprichst, deine Worte sind nichts im Vergleich zu dem, was ich selbst empfinde,« versetzte Nechludoff ganz leise und zitternd. »Du kannst dir nicht denken, wie sehr ich mir meiner Schuld gegen dich bewußt bin!«

»Deiner Schuld bewußt warst du!« versetzte sie mit bösem Lachen. »Als du mir die hundert Rubel zustecktest, da warst du dir ihrer nicht bewußt!«

»Ich weiß, ich weiß; doch was soll ich jetzt thun? Ich habe mir geschworen, dich nicht zu verlassen, und werde das ausführen, was ich gesagt habe.«

»Und ich sage dir, du wirst es nicht ausführen!«

»Katuscha!« sagte Nechludoff und versuchte, ihre Hand zu ergreifen.

»Rühr‘ mich nicht an! Ich bin eine Zuchthäuslerin, und du bist ein Fürst; du hast hier nichts zu suchen!« lief sie, toll vor Zorn ihre Hand zurückziehend. »Geh‘ fort,« fuhr sie fort, »ich hasse dich; alles ekelt mich bei dir an, dein Lorgnon, Und dein ganzes schmutziges, fettes Gesicht! Geh‘! Geh‘ deiner Wege!«

Mit schneller Bewegung sprang sie auf die Füße.

Der Aufseher näherte sich ihr.

»Was hast du hier Skandal zu machen?«

»Lassen Sie sie, bitte,« sagte Nechludoff.

»Ich werde dich lehren, dich so zu vergessen,« fuhr der Aufseher fort.

»Ich bitte Sie, warten Sie noch eine Minute!«

Der Aufseher entfernte sich und setzte sich wieder ans Fenster.

Auch die Maslow setzte sich wieder. Sie schlug die Augen nieder und fing an, fieberhaft mit den zusammengedrückten Fingern ihrer kleinen Hände zu spielen.

Nechludoff stand neben ihr und wußte nicht, was er thun sollte.

»Du glaubst mir nicht?« fragte er.

»Was glaube ich nicht? Daß Sie mich heiraten wollen? Nein, nein, das wird nie geschehen! Lieber würde ich mich aufhängen! So, das merken Sie sich!«

»Gleichviel! Trotzdem werde ich dir weiter dienen!«

»Das ist Ihre Sache! Aber ich bedarf Ihrer nicht. So wahr ich es Ihnen sage! – Warum bin ich damals nicht gestorben!« fügte sie hinzu und brach in Thränen aus.

Nechludoff wollte zu ihr sprechen, doch er war nicht dazu im stande. Der Anblick dieser Thränen zerriß ihm das Herz.

Nach kurzer Pause erhob sie wieder die Augen, warf einen gleichsam erstaunten Blick auf ihn und fing an, sich mit ihrem Tuch die Thränen abzutrocknen, die ihr über die Wangen liefen.

Der Schließer, der sich wieder näherte, erklärte, der Zeitpunkt, sie zurückzuführen, wäre gekommen.

»Sie sind heute aufgeregt. Wenn es möglich ist, werde ich morgen wiederkommen. Denken Sie inzwischen nach!« sagte Nechludoff.

Sie gab keine Antwort, sondern ging, ohne ihn anzusehen, mit dem Schließer hinaus.

»Na, meine Kleine, nun werden sie dich aus der Patsche ziehen!« sagte die Korablewa zur Maslow, als diese in ihre Zelle trat; »er wird dich schon ‚rauskriegen! Den reichen Leuten ist ja alles möglich!«

»Das ist wahr,« versetzte die Eisenbahnwärterin mit ihrer singenden Stimme, »Der reiche Mann braucht nur etwas zu wünschen, und alles geschieht, wie er es will. Da war mal einer bei uns …«

».Haben Sie mit ihm gesprochen?« fragte die kleine Alte.

Doch die Maslow warf sich, ohne jemandem zu antworten, auf ihr Bett und blieb, vor sich hinstarrend, bis zum Abend liegen.

Was ihr Nechludoff gesagt, hatte die Vision einer Welt in ihr erweckt, in der sie gelitten und die sie verlassen hatte; sie hatte diese Welt zu hassen angefangen und glaubte, sie auf ewig vergessen zu haben. Jetzt war diese Vergessenheit, in der sie gelebt, verschwunden; doch andererseits war ihr die helle, klare Erinnerung der Vergangenheit unerträglich. Gegen Abend kaufte sie sich eine neue Flasche Branntwein und leerte sie mit ihren Genossinnen.

»So also steht’s!« sagte sich Nechludoff, während er die langen Gefängniskorridore entlangging.

Erst jetzt war er sich zum erstenmal über die Ausdehnung seiner Schuld klar. Hätte er nicht versucht, seine Schuld zu sühnen, sie wieder gutzumachen, er hätte die ganze Ausdehnung nie so gefühlt; und auch Katuscha hätte die Ungeheuerlichkeit des Leids, das er ihr zugefügt, niemals empfunden! Zum erstenmal kam das alles in seinem ganzen Greuel ans Tageslicht.

Bis dahin hatte Nechludoff über sich selbst Rührung empfunden; seine Buße war ihm als ein Spiel erschienen, doch jetzt erfaßte ihn ein wahres Entsetzen. Diese Frau zu verlassen, war jetzt für ihn etwas Unmögliches; doch was sich aus seinen Beziehungen mit ihr entwickeln sollte, das konnte er sich nicht vorstellen.

Vor der Thür des Gefängnisses sah er, wie ein Aufseher, ein Mann mit tückischer und abstoßender Miene, von stark ausgeprägtem jüdischen Typus auf ihn zutrat, der ihm geheimnisvoll ein Papier in die Hand steckte.

»Das ist für Ew. Excellenz,« flüsterte er. »Es ist ein Brief von einer gewissen Person …«

»Von was für einer Person?«

»Ew. Excellenz mache sich die Mühe, zu lesen, dann werden Sie schon sehen! Eine Gefangene von der politischen Abteilung. Ich habe die Aufsicht über sie. Da hat sie mich denn gebeten … Es ist verboten, aber aus Menschlichkeit …« fügte der Aufseher in heuchlerischem Tone hinzu.

Etwas überrascht, daß ein Aufseher einen solchen Auftrag übernahm, steckte Nechludoff das Papier in die Tasche und las es schnell, sobald er das Gefängnis verlassen hatte. Man hatte ihm mit Bleistift in aller Hast folgende Worte geschrieben:

»Da ich erfahren habe, daß Sie in das Gefängnis kommen und sich für eine Gefangene der Kriminalabteilung interessieren, so möchte ich gern mit Ihnen sprechen. Kommen Sie um die Erlaubnis ein, mich sehen zu können. Man wird sie Ihnen bewilligen und ich werde Ihnen sowohl für Ihren Schützling, wie für unsere Gruppe wichtige Dinge sagen. Wera Bogoduschoffska.«

»Bogoduschoffska! Wo habe ich diesen Namen schon gehört?« fragte sich Nechludoff, der von der Erinnerung an seine Unterredung mit Katuscha noch ganz erschüttert war. »Ach ja, ich erinnere mich! Die Tochter des Kirchendieners, während der Bärenjagd!«

Wera Bogoduschoffska war Erzieherin in einem Dorfe des Gouvernements Nowgorod, als Nechludoff auf einer Bärenjagd in jenes Dorf gekommen war. Die Erzieherin hatte den jungen Mann um Geld gebeten, damit sie ihre Schule aufgeben und an der Universität studieren konnte. Nechludoff hatte ihr die gewünschte Summe gegeben und seitdem nie wieder etwas von ihr gehört. Und jetzt erschien diese Person als politische Gefangene vor ihm und versprach, ihm wichtige Dinge über die Maslow mitzuteilen!

Wie einfach und leicht war damals alles, und wie schwer und verwickelt war es jetzt! Nechludoff empfand eine wahre Erschütterung, als er sich an den Tag erinnerte, da er die Bogoduschoffska kennen gelernt.

Es war am Tage vor dem Karneval, in einem einsamen Dorfe, sechzig Werst von der nächsten Eisenbahnstation. Die Jagd war sehr glücklich gewesen. Man hatte zwei Bären erlegt, vorzüglich gespeist und wollte eben wieder aufbrechen, als der Wirt der kleinen Herberge ihnen sagte, die Tochter des Kirchendieners wolle mit dem Fürsten Nechludoff sprechen.

»Ist sie hübsch?« hatte einer der Jäger gefragt.

»Das werden wir gleich sehen,« hatte Nechludoff geantwortet, war dann mit der ernsthaftesten Miene von der Welt vom Tische aufgestanden, hatte sich den Mund gewischt und war hinausgegangen, ohne sich recht zu denken, was die Tochter eines Kirchendieners von ihm wollte.

Im Nebenzimmer stand, in einen großen Bauernpelz gehüllt, doch mit einem Filzhut aus dem Kopfe, ein mageres, knochiges junges Mädchen mit einem langen, anmutslosen Gesicht, in welchem allein die Augen einige Schönheit besaßen.

»Da ist der Fürst, Wera Efremowna,« hatte der Gastwirt gesagt und sie im Zimmer allein gelassen.

»Womit kann ich Ihnen dienen?« fragte Nechludoff.

»Ich, ich … Sehen Sie, Sie sind reich, und geben Ihr Geld aus, um dafür zu jagen und sich zu amüsieren. Ich weiß das und wünsche nur eins, mich andern nützlich zu machen. Aber ich kann nichts thun, weil ich nichts verstehe.«

»Und was kann ich für Sie thun?«

»Ich bin hier Erzieherin und möchte zur Universität gehen, doch man läßt mich nicht hin. Oder vielmehr, man läßt mich schon hin, aber ich brauche Geld. Geben Sie mir Geld; wenn ich meine Studien beendet habe, werde ich es Ihnen zurückgeben. Ich sage mir: »Die reichen Leute gehen auf die Bärenjagd, machen die Muschiks betrunken, und das alles ist schlecht; warum sollten sie nicht auch ein bißchen Gutes thun?« Ich brauche nur achtzig Rubel; wenn Sie nicht wollen, so schadet es auch nichts …«

»Aber in: Gegenteil, ich bin Ihnen für die Gelegenheit, die Sie mir geben, sehr dankbar; ich werde Ihnen das Geld sofort bringen.«

Nechludoff war in das Gastzimmer zurückgegangen; ohne auf die Witzeleien seiner Kameraden zu achten, hatte er aus seiner Reisetasche vier Zwanzigrubelscheine genommen und sie ihr gebracht.

»Ich bitte Sie,« hatte er ihr erklärt, »danken Sie mir nicht, ich bin Ihnen Dank schuldig.«

Nechludoff erinnerte sich jetzt daran mit großem Vergnügen, wie er sich fast mit einem seiner Kameraden gezankt, der über die Geschichte hatte spötteln wollen, und wie die ganze Jagd glücklich und fröhlich gewesen war und er sich in heiterster Stimmung befunden hatte, als er von dem Dorfe zur Eisenbahnstation zurückgekommen war. Und nun war diese Wera Efremowna eine Revolutionärin geworden und wegen ihrer politischen Meinung ins Gefängnis gekommen. Nechludoff entschloß sich, sie aufzusuchen, denn vielleicht konnte sie ihm etwas Interessantes sagen, wie man der Maslow ihr Schicksal erleichtern konnte.

Zweites Kapitel

Als Nechludoff vom Land zurückkam, machte die Stadt einen ganz besonders unangenehmen Eindruck auf ihn. Er kam abends an und begab sich gleich in sein Haus. Alle Zimmer waren von einem starken Naphtalingeruch durchsetzt, und Agrippina Petrowna und Kornej schienen beide gleichzeitig unzufrieden und müde; sie hatten sich sogar am Nachmittag wegen ihrer Arbeit gezankt, die übrigens nur darin bestand, die Teppiche und Kleidungsstücke auszubreiten, trocknen zu lassen und wieder fortzuschließen.

Nechludoffs Schlafzimmer war verhältnismäßig nicht allzusehr in Unordnung; doch man hatte verabsäumt, es für die Nacht in Stand zu setzen, und so standen Koffer, die den Durchgang hinderten, vor der Thür. Offenbar hatte Nechludoff durch seine Rückkehr das große Unternehmen der Reinigung gestört, die schon seit Wochen mit außergewöhnlicher Langsamkeit im Hofe vorgenommen wurde. Das alles erschien Nechludoff, im Vergleich zu dem Elend, das er eben bei den Bauern gesehen, so blöd und lächerlich, daß er das Haus schon am nächsten Morgen zu verlassen beschloß, um sich im Hotel niederzulassen, wobei er Agrippina Petrowna ihre Bestimmungen nach ihrem eigenen Gutdünken treffen ließ. Thatsächlich ging er am nächsten Morgen frühzeitig aus, wählte zwei kleine möblierte Stuben von bescheidenstem Aussehen in dem ersten Wirtshause, das er auf dem Wege zum Gefängnis traf, ließ seinen Koffer, den er schon am vorigen Abend gepackt, hierherbringen und machte sich zu dem Advokaten auf den Weg.

Der Morgen war kalt. Auf die Stürme und Regengüsse war Frost gefolgt, wie er gewöhnlich zu Beginn des Frühlings eintritt. Die Temperatur war so frisch und der Wind so scharf, daß Nechludoff in seinem zu leichten Ueberzieher fröstelte und schneller ging, um sich zu erwärmen.

Seine Erinnerung wurde von dem, was er auf dem Dorfe gesehen, heimgesucht; er sah wieder diese Weiber, Kinder und Greise, dieses Elend und diese Abspannung, die er zum erstenmale entdeckt; er sah ganz besonders das arme, elende Kind, das ihm auf den Armen seiner Mutter so kläglich zugelächelt und unaufhörlich seine fleischlosen Beine bewegte; und unwillkürlich verglich er diese Erinnerungen mit dem, was er rings umher sah. Als er an den Läden der Gewürzkrämer, der Schlächter, der Fischhändler und der Konfektionsgeschäfte vorüberkam, fiel ihm das wohlgenährte Aussehen dieser Kleinbürger und der Unterschied dieses Aussehens mit dem der Bauern auf. Ebenso wohlgenährt erschienen ihm die Kutscher der herrschaftlichen Wagen mit ihren ungeheuren Schenkeln, auf denen sich riesige Goldknöpfe breit machten, die Portiers in galonnierter Livree, die Kammerzofen in weißen Schürzen mit den gebrannten Haaren, ja, sogar die Fiakerkutscher erster Klasse, die auf den Kissen ihrer Wagen lagen und zerstreut die Vorübergehenden anstarrten. Doch unter dieser wohlgenährten Miene erkannte Nechludoff jetzt in ihnen dieselbe Sorte Menschen, die er auf dem Lande gesehen. Durch den Mangel an Erde aus ihrem Dorfe verjagt, hatten sie es verstanden, sich den Bedingungen des Stadtlebens anzupassen, sie waren Bürger geworden, freuten sich dessen und waren stolz darauf; doch wie viele andere gab es, die der Mangel an Erde ebenfalls aus ihrem Dorfe gejagt, die weniger Glück gehabt, und die sich in viel erbärmlicherer Lage befanden, als wie sie sie bei sich zu Hause nicht zu ertragen vermocht! So z. B. die Schuhmacher, die an den Fenstern eines Kellers auf das Leder schlugen; die mageren und blassen Wäscherinnen mit den wirren Haaren, die an den geöffneten Fenstern, denen ein erstickender Seifengeruch entströmte, Wäsche plätteten; ferner zwei Häuseranstreicher, an denen Nechludoff vorüberkam und die barfüßig und von Kopf bis Fuß mit Farbe bespritzt durch die Straße marschierten. Die Aermel bis über die Ellenbogen aufgekrempt, trugen sie einen großen Eimer voller Farbe und schrieen sich fortwährend Schimpfworte zu. Ihre Gesichter drückten ein Gemisch von Müdigkeit und schlechter Laune aus. Denselben Ausdruck las er auf den Gesichtern der Fiakerkutscher zweiter Klasse, die zitternd vor Kälte auf ihren Böcken saßen; denselben Ausdruck las man ferner auf den Gesichtern der zerlumpten Männer, Weiber und Kinder, die an den Straßenecken um Almosen bettelten. Doch nirgends fand Nechludoff diesen Ausdruck so auffallend, als auf den Gesichtern, die er an den Fenstern der Kneipen bemerkte, an denen er vorüberkam. An schmutzigen Tischen voller Flaschen und Gläser saßen Gruppen von Männern, die mit schweißgebadeten Gesichtern und flammenden Wangen schrieen oder sangen. An einem Fenster sah Nechludoff einen jener Unglücklichen, der mit hochgezogenen Augenbrauen und geöffnetem Munde gerade vor sich hinstarrte, als wenn er sich an etwas erinnern wollte.

»Aber warum haben sich denn alle in der Stadt versammelt?« fragte sich Nechludoff, während er unwillkürlich mit der Frische des Windes einen widrigen Oelgeruch einatmete, der den Neubauten entströmte.

In einer Straße stieß er auf Lastkutscher, die Eisenstangen fuhren und das Pflaster unter heftigem Eisengeklapper erbeben ließen. Dieser betäubende Lärm verursachte ihm Kopfschmerzen. Er lief, um die Lastfuhrwerke zu überholen, als er plötzlich mitten im Geklapper der Eisenstangen seinen Namen rufen hörte.

Er blieb stehen und bemerkte einen korpulenten, elegant gekleideten Mann mit rotem Gesicht und hochgedrehtem Schnurrbart, der in einem Fiaker erster Klasse saß, ihm freundschaftliche Zeichen mit der Hand machte, ihm zulächelte und dabei Zähne von ungewöhnlicher Weiße zeigte.

»Nechludoff? Du bist’s?«

Der erste Eindruck Nechludoffs war der des Vergnügens.

»Sieh da, Tschembok!« rief er fröhlich, erkannte aber schon im nächsten Augenblick, daß für ihn kein Grund zu solcher Freude vorlag.

Es war derselbe Tschembok, der ihn am Tage, nachdem er Katuscha verführt, von seinen Tanten abgeholt. Nechludoff hatte ihn seit langer Zeit aus dem Gesicht verloren; doch man hatte ihm gesagt, auch Tschembok habe das Regiment verlassen, lebe aber trotz seines Mangels an Vermögen und trotz seiner Schulden – man wußte nicht recht, wie – noch immer in der reichen Gesellschaft. Die Eleganz seiner Kleidung und der befriedigte Ausdruck seiner Züge bewiesen Nechludoff, daß man ihn nicht getäuscht hatte.

»Das ist aber ein Glück, daß ich dich treffe! Auf Ehrenwort, es ist niemand mehr in der Stadt. Ach, mein Lieber, du bist aber alt geworden,« sagte der ehemalige Offizier, aus dem Wagen steigend. »Denke dir, ich habe dich nur an deinem Gange erkannt! Wir speisen zusammen, nicht wahr? Wo kann man denn hier anständig essen?«

»Ich fürchte, ich kann deinen Vorschlag nicht annehmen,« versetzte Nechludoff, der nur nach einem Vorwand suchte, sich von seinem Kameraden zu verabschieden, ohne ihn zu verletzen. »Und du? was thust du hier?« fuhr er fort.

»Ich, mein Lieber, ich bin hier in Geschäften! In Sachen meines Mündels, Denn du weißt doch, ich bin Vormund! Ich verwalte Samanoffs Güter. Du kennst doch den reichen Samanoff? Denke dir, er ist gehirnweich! 54+000 Dessjatinen Land!« fügte Tschembok mit ganz eigentümlichem Lächeln hinzu. »Das Ganze war in einer jammervollen Unordnung! Die Bauern hatten sich die Aecker angeeignet; sie bezahlten nicht, und das Defizit war ungeheuer! In einem Jahre habe ich alles wieder in Stand gesetzt, und die Güter bringen jetzt 70 Prozent mehr. Na, was sagst du dazu?« fragte er mit noch stärker ausgeprägtem Stolze.

Nechludoff erinnerte sich, daß man ihm diese Geschichte allerdings erzählt. Gerade, weil er sein ganzes Vermögen vergeudet und bis an den Hals in Schulden steckte, war Tschembok gewählt worden, um das Vermögen eines alten kindisch gewordenen Millionärs zu verwalten.

»Wie kann ich ihn nur los werden, ohne ihn zu verletzen?« dachte Nechludoff und betrachtete dieses rote und aufgedunsene Gesicht, in welchem ein von Kosmetik glänzender Schnurrbart prangte.

»Na, wo wollen wir speisen?«

»Heut‘ ist es mir wirklich unmöglich,« sagte Nechludoff und zog seine Uhr.

»Wirklich? Na, dann höre! Heut‘ nachmittag findet ein Rennen statt. Du kommst doch?«

»Nein, unmöglich!«

»Aber doch, aber doch, du mußt kommen. Ich habe keine eigenen Pferde mehr, aber Grischin leiht mir eins von seinen. Weißt du, er hat einen prachtvollen Stall! Es ist also abgemacht, du kommst und wir soupieren zusammen!«

»Auch das kann ich dir nicht versprechen,« versetzte Nechludoff lächelnd.

»Dann also auf ein andermal! Und wo gehst du jetzt hin? Soll ich dich begleiten?«

»Danke! ich gehe zu meinem Advokaten, ganz hier in der Nähe.«

»Ach ja, du verbringst ja jetzt dein Leben in den Gefängnissen! Du besorgst Gänge für die Gefangenen! Ja, ich weiß, die Kortschagins haben es mir erzählt,« sagte Tschembok lachend. »Weißt du, daß sie schon abgereist sind? Na, erzähle mir die Sache doch!«

»Ja, ja, das ist alles wahr,« versetzte Nechludoff. – »Aber es ist eine ziemlich verwickelte Geschichte, die sich nicht so auf der Straße erzählen läßt!«

»Ach, alter Junge, du bleibst also immer noch ein Original? Aber gleichviel, ich erwarte dich heut‘ abend nach dem Rennen!«

»Unmöglich, wirklich unmöglich! Du bist mir doch nicht böse?«

»Keine Idee! Das Wetter wird jetzt kalt, nicht?«

»Ja, ja!«

»Na, denn auf das Vergnügen, dich wiederzusehen! Ich habe mich gefreut, dich zu treffen,« sagte Tschembok, schüttelte Nechludoff kräftig die Hände, und sprang in den Wagen, von dem aus er mit seiner weißbehandschuhten Rechten liebevoll winkte, während ein freundschaftliches Lächeln von neuem seine langen, zu weißen Zähne zeigte.

»So bin ich also gewesen?« fragte sich Nechludoff, während er seinen Weg zum Hause des Advokaten fortsetzte. »Ach, bei mir war es noch schlimmer, denn mir ist es nie gelungen, so zu sein, und doch habe ich gehofft, so zu werden und mir eingebildet, ich würde mein ganzes Leben in dieser Weise fortsetzen.«

Zehntes Kapitel

In der Nacht nach ihrer Verurteilung hatte die Maslow, die vor Ermüdung zusammenbrach, in einem wahren Bleischlummer gelegen; in der zweiten Nacht dagegen konnte sie nicht schlafen. Sie wachte allein in dem ganzen Saale, blieb mit weit aufgerissenen Augen in ihrem Bett liegen und grübelte.

Sie dachte daran, daß sie um keinen Preis der Welt sich mit einem Sträfling verheiraten würde, wenn sie erst auf der Insel Sachalin wäre, wohin man sie, wie man ihr sagte, zweifellos bringen würde. Sie wollte es bestimmt so einrichten, daß das nicht geschah, und versuchen, sich mit einem Inspektor oder Sekretär oder auch nur mit einem Aufseher zu verheiraten. »All diese Leute sind leicht zu verführen,« sagte sie sich. »Wenn ich nur nicht zu sehr abmagere, denn dann wäre ich verloren.«

Sie erinnerte sich, wie die Verteidiger, die Geschworenen, die Richter sie angeblickt und wie alle Männer sie auf dem Wege durch die Stadt mit lüsternen Augen angeschaut. Sie erinnerte sich, wie ihr ihre Freundin Klara, die sie im Gefängnis besucht, erzählt, ein Student, ihr »Lieblingskunde«, wäre untröstlich, daß sie nicht mehr bei Frau Kitajeff wäre. Sie dachte an alle Männer, die sie geliebt hatte, an alle, nur nicht an Nechludoff.

An ihre Kindheit und ihre Jugend, vor allem aber an ihre Liebe zu Nechludoff dachte sie niemals. Das waren für sie zu peinliche Erinnerungen, die sie irgendwo in den tiefsten Grund ihres Herzens versenkt hatte, um nicht mehr daran zu rühren. Selbst im Traume sah sie Nechludoff niemals wieder. Wenn sie ihn im Schwurgerichtssaal nicht erkannt, so kam das nicht allein daher, daß das Alter ihn verändert hatte, daß er einen Vollbart trug, sein Schnurrbart lang gewachsen und seine Haare spärlicher geworden waren; trotz alledem hätte sie ihn erkannt, hätte sie sich nicht angewöhnt, niemals an ihn zu denken. Diese Gewohnheit hatte in der schrecklichen, düsteren Nacht begonnen, da Nechludoff, als er aus dem Kriege zurückkehrte, am Hause seiner Tanten vorübergekommen war, ohne dasselbe zu betreten.

Katuscha wußte damals schon, daß sie Mutter wurde, doch so lange sie gehofft hatte, Nechludoff wiederzusehen, so lange hatte ihr der Gedanke an das Kind nicht nur keine Sorgen bereitet, sondern sie war sogar manchmal ganz fröhlich und gerührt darüber.

Die beiden alten Tanten, welche wußten, Nechludoff würde an ihrem Hause vorbeikommen, hatten ihn gebeten, bei ihnen abzusteigen, doch er hatte telegraphisch geantwortet, er könne sich nicht aufhalten, sondern müsse so schnell wie möglich in St. Petersburg sein. Sofort hatte Katuscha den Entschluß gefaßt, nach dem Bahnhof zu laufen, um ihn bei der Durchfahrt wiederzusehen.

Der Zug fuhr bei Nacht, um zwei Uhr, in den Bahnhof. Katuscha hatte, nachdem sie ihre Herrinnen zu Bett gebracht, große Stiefel angezogen, ein Tuch um den Kopf genommen und war in Begleitung der Tochter der Köchin, eines Mädchens von zehn Jahren, fortgegangen.

Die Nacht war schwarz und kalt. Bald begann der Regen in dichten Tropfen zu fallen, bald hörte er wieder auf. Auf den Feldern konnte man den Weg noch unterscheiden, doch im Gehölz herrschte tiefe Finsternis, so daß Katuscha, obwohl sie den Weg ganz genau kannte, sich fast verirrt hätte; infolgedessen kam sie erst spät zu der kleinen Station, als der Zug schon da war.

Sie stürzte auf den Perron und erkannte Nechludoff, der am Fenster eines Waggons erster Klasse saß, sofort. Der Waggon war hell erleuchtet. Auf den Sammetbänken saßen zwei Offiziere und spielten Karten, während er ihnen lächelnd zusah.

Sobald sie ihn bemerkte, wollte das junge Mädchen auf die Plattform des Wagens klettern und ihn anrufen; doch in demselben Augenblick pfiff die Maschine, und die Waggons setzten sich langsam in Bewegung. Der Zugführer hatte Katuscha heruntergejagt, bevor er selbst wieder in den Waggon stieg, und so sah sich das junge Mädchen wieder auf dem Perron, wahrend der Waggon erster Klasse schon an ihr vorübergefahren war. Sie war ihm nachgelaufen, um ihn einzuholen; doch der Zug fuhr schneller; sie sah die Wagen zweiter Klasse, dann die dritter Klasse, und endlich den letzten Wagen mit seiner roten Laterne vorübergleiten. Am Ende des Perrons angelangt, war sie den Schienenweg weitergelaufen. Der Wind, der heftig blies, hatte ihr das Tuch vom Kopfe gerissen, und sie lief mit wirren Haaren, während sie bei jedem Schritte in die Schmutzlachen einsank.

»Tantchen Katuscha,« rief die Kleine, die hinter ihr dreinlief, »dein Tuch ist heruntergefallen!«

Von diesem Schrei erwachend, war Katuscha endlich stehengeblieben und hatte plötzlich eine unendliche Leere empfunden.

»Da sitzt er in diesem warmen Waggon in einem Sammetsessel und lächelt und amüsiert sich,« sagte sie sich, »und ich stehe hier allein in Wind und Wetter, in der dunklen Nacht!« Sie hatte sich auf die Erde gesetzt und war in so lautes Schluchzen ausgebrochen, daß das kleine Mädchen vor Schreck nicht wußte, was sie ihr zum Troste sagen sollte.

»Tantchen,« bat die Kleine, »wir wollen gehen, komm‘ schnell nach Hause!«

Doch Katuscha blieb in Sturm und Regen sitzen. »Ein Zug wird vorüberfahren; ich werde mich auf die Schienen legen, und alles wird vorüber sein!« Schon wollte sie diese Absicht ausführen, als das Kind, das sie unterm Herzen trug, zu zittern begann, und auf der Stelle beruhigte sich ihre Verzweiflung. Alles, was sie noch kurz vorher mit Angst erfüllt, das Gefühl, unmöglich weiter leben zu können, ihr Haß gegen Nechludoff, ihr Verlangen.

sich an ihm zu rächen, indem sie sich tötete, alle diese bösen Gedanken waren verschwunden. Sie war aufgestanden, hatte ihr Tuch wieder umgebunden und war nach Hause zurückgekehrt.

Aus jener Nacht stammte die vollständige Umwälzung ihrer Seele; damals hatte sie angefangen, das zu werden, was sie jetzt geworden war. In jener Nacht hatte sie aufgehört, an Gott zu glauben, an den sie bis dahin geglaubt, und hatte gedacht, auch die andern glaubten an ihn; doch in jener Nacht hatte sie sich gesagt, es gebe keinen Gott, niemand glaube an ihn, und die, die von Gott und seinen Gesetzen sprächen, hätten keine andere Absicht, als sie zu täuschen. Der Mann, den sie liebte und der auch sie geliebt, der sie verführt und verlassen, war noch der beste von allen. Die andern waren noch schlimmer! Alles, was Katuscha in der Folge zugestoßen war, hatte nur dazu beigetragen, sie in dieser Ueberzeugung zu bestärken. Nechludoffs alte Tanten, diese frömmlerischen alten Weiber, hatten sie an dem Tage fortgejagt, da sie nicht mehr im stande war, so viel wie früher zu arbeiten. Von verschiedenen Personen, mit denen sie zu thun gehabt, hatten die einen – vor allem die Frauen – nur eine Ware, mit der sie Geld verdienen konnten, die Männer, von dem Stanovoj bis zu den Gefängnisschließern, nur die Befriedigung ihrer sinnlichen Lüste in ihr gesehen. Niemand in der Welt kümmerte sich um etwas anderes, als um die Befriedigung seiner Lüste. Das hatte ihr namentlich der alte Schriftsteller begreiflich gemacht, dessen Geliebte sie einst gewesen war; er hatte ihr offen heraus erklärt, die Befriedigung der sinnlichen Lüste wäre die einzige Klugheit, die einzige Schönheit des Lebens.

Jeder in der Welt lebte nur für sich, und alles, was man von Gott und dem Guten sprach, war nur Schwindel! Das dachte die Maslow, und wenn sich ihr zufällig die Frage aufdrängte, warum alles in der Welt so schlecht eingerichtet wäre und die Menschen sich nur gegenseitig quälten, anstatt das Leben in Ruhe zu genießen, dann drängte sie diese lästige Frage schnell zurück. Eine Cigarette, ein Glas Branntwein, und sie fühlte sich wieder vollständig beruhigt.

Der folgende Tag war ein Sonntag. Um fünf Uhr morgens, sobald der Pfiff des Wächters im Gange des Gefängnisses ertönte, weckte die Korablewa ihre Nachbarin, die erst gegen Morgen hatte einschlafen können.

»Zwangsarbeit!« sagte sich die Maslow entsetzt, während sie sich die Augen rieb und unwillkürlich die stinkende Pestluft des Saales einatmete. Sie wäre gern wieder eingeschlafen, um sich von neuem in das Reich der Bewußtlosigkeit zu flüchten, doch die Gewohnheit und die Furcht hatten den Schlaf verjagt, und so setzte sie sich denn in ihrem Bette auf, ließ die Füße herunterhängen und fing an, sich umzusehen.

Sämmtliche Weiber waren schon wach, nur der kleine Junge und das Mädchen schliefen noch. Ihre Mutter zog vorsichtig an dem Kittel, auf dem sie lagen. Die wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt verurteilte Frau breitete vor dem Ofen Strohwische aus, die als Windeln für den Säugling dienten, während dieser auf Fenitschkas Armen zappelte, weinte und schrie, ohne daß die zärtlichen Worte der jungen Frau ihn zu beruhigen vermochten.

Die Schwindsüchtige hatte mit blutunterlaufenem Gesicht, während sie ihre Brust mit beiden Händen hielt, ihren Morgenanfall, und stieß in den Zwischenpausen tiefe Seufzer aus, die wie Schluchzen klangen. Die Rothaarige blieb auf dem Rücken liegen und zeigte auf dem Bett ihre dicken, nackten Beine; dabei erzählte sie mit lauter, heiterer Stimme einen verwickelten Traum, den sie eben gehabt hatte. Das alte bucklige Weib stand vor dem Heiligenbild, murmelte immer dieselben Worte und schlug, sich tief verneigend, das Kreuz. Die Tochter des Kirchendieners hatte sich auf ihr Bett gesetzt und starrte mit ihren großen, von der Schlaflosigkeit erschöpften Augen vor sich hin, während die »Schönheit« ihre fettigen, schwarzen Haare über ihre Finger rollte.

Schwere Männerschritte ließen sich auf dem Gange hören, die Thür öffnete sich, und zwei Gefangene traten ein, zwei Männer mit mürrischer, brummiger Miene, die graue Leinwandjacken und graue, bis über die Kniee hochgekrempelte Hosen trugen. Sie hoben den stinkenden Nachteimer auf und trugen ihn auf ihren Schultern fort. Die Weiber traten eine nach der andern in den Korridor, um sich an der Wasserleitung zu waschen. Die Rothaarige zankte sich, während sie darauf, wartete, daß die Reihe an sie kam, mit einer andern Frau aus einem Nebensaal, und von neuem hörte man Schimpfworte, Geschrei und Beleidigungen.

»Du hast dir wohl vorgenommen, ins Karzer zu kommen?« rief der Aufseher, näherte sich der Rothaarigen und versetzte ihr einen so heftigen Schlag auf den Rücken, daß man es auf dem ganzen Korridor hören konnte.

»Ich will deine Stimme nicht mehr hören,« fuhr er, sich entfernend, fort.

»Der Alte hat wirklich eine kräftige Faust,« sagte die Rothaarige, ohne sich über diese etwas schroffe Liebkosung aufzuregen.

»Und beeilt euch,« fuhr der Aufseher fort, »es ist Zeit zur Messe!«

Die Maslow hatte sich noch nicht die Haare gemacht, als der stellvertretende Direktor mit einem Register in der Hand eintrat.

»Aufstellen zum Appell,« rief der Aufseher.

Aus den andern Sälen kam andere Weiber, und alle Gefangenen stellten sich in zwei Reihen den Korridor entlang auf, wobei die aus der zweiten Reihe die Hände auf die Schultern der vor ihnen stehenden Weibern legen mußten.

Der Offizier zählte sie, rief ihre Namen auf und entfernte sich dann mit seinem Register.

Einige Augenblicke später zeigte sich die Aufseherin, die die Gefangenen nach der Messe führen mußte. Die Maslow und die Fenitschka standen in der Mitte der Kolonne, die aus mehr als hundert Frauen gebildet wurde, und alle trugen das weiße Gefängniskleid mit den weißen Kopftüchern. Nur hier und da sah man einzelne Bäuerinnen, die nach der Mode ihrer Dörfer gekleidet waren; das waren die Frauen der zur Zwangsarbeit verurteilten Verbrecher, denen man gestattet hatte, das Schicksal ihrer Männer zu teilen.

Die lange Kolonne füllte die ganze Treppe aus, und man hörte das Klappern der Schuhe auf den Fliesen, ein Stimmengemurmel und zeitweise sogar Lachen. An einer Ecke bemerkte die Maslow das boshafte Gesicht ihrer Feindin, der Botschkoff, die an der Spitze der Kolonne marschierte; sie machte die Fenitschka darauf aufmerksam.

Am Fuße der Treppe schwiegen alle Weiber und traten, das Kreuz schlagend und sich verneigend, zu zwei und zwei in die noch leere, aber schon im Lichterglanze strahlende Kapelle. Sie stellten sich rechts auf und setzten sich dann eng zusammengedrängt auf eine Reihe von Bänken. Gleich darauf kam die Reihe an die Männer, die, sämtlich grau gekleidet, sich auf der linken Seite und im Mittelpunkt der Kapelle niederließen. Einige wurden über eine kleine Treppe zur Orgel geführt, die sich auf dem obersten Punkte des Kirchenschiffes befand.

Die Gefängniskapelle war erst kürzlich auf Kosten eines reichen Kaufmannes renoviert und neu ausgestattet worden, der zu diesem Zweck mehrere tausend Rubel ausgegeben hatte. Sie glänzte im Goldschmuck und hellen Farben.

Einige Zeit lang blieb es in der Kapelle ruhig; man hörte nur das Geräusch sich schnäuzender Nasen, Husten, Kindergeschrei und zuweilen Kettengerassel. Bald aber traten die Gefangenen, die in der Mitte saßen, zur Seite, um einen Zwischenraum freizulassen, und in diesem Gange erschien mit feierlichem Schritt der Gefängnisdirektor, der bis zur ersten Reihe vortrat.

Sofort begann der Gottesdienst. Die Maslow, die in der Mitte der Gefangenenschar stand, konnte nichts weiter, als den Rücken der vor ihr stehenden Frauen sehen, doch als sich alle in Bewegung setzten, um das Kreuz und dem Priester die Hand zu küssen, war es ihr eine große Zerstreuung, die Anwesenden, den Direktor und die Aufseher zu sehen; hinter ihnen erkannte sie einen Mann mit Knebelbart und blonden Haaren, den Gatten der Fenitschka, der seine Blicke zärtlich auf seine Frau richtete.

»Die Maslow soll ins Sprechzimmer kommen,« sagte ein Aufseher, als die Weiber die Kapelle verließen.

»Welches Glück!« sagte sich die Maslow, hocherfreut über die neue Zerstreuung, die sich ihr bot. Sie dachte, es wäre jedenfalls Bertha oder ihre Freundin Klara, die sie besuchte, und so folgte sie fröhlichen Schrittes die Korridore entlang denjenigen ihrer Gefährtinnen, die man ebenfalls in das Sprechzimmer gerufen hatte.

Elftes Kapitel

Auch Nechludoff war frühzeitig aufgestanden. Als er seine Wohnung verließ, um sich nach dem Gefängnisse zu begeben, schien die ganze Stadt noch zu schlafen. Nur ein Bauer fuhr mit seinem Karren von Thür zu Thür und rief mit dumpfer Stimme: »Milch, Milch, Milch!«

Der erste warme Frühlingsregen war in der Nacht gefallen. Ueberall, wo das Pflaster es nicht erdrückte, wuchs das Gras. Die Birken hatten sich in den Gärten mit frischem Grün geschmückt, die Maulbeerbäume und Pappeln zeigten ihre langen, duftigen Blätter. Auf den Straßen wurden langsam die Thüren geöffnet; doch auf dem Trödelmarkt, über den Nechludoff gehen mußte, waren schon viele Menschen. Männer und Frauen drängten sich um die in Reihen aufgestellten Zelte, betasteten, maßen und feilschten um die Jacken, Westen und Hosen.

Auch in den Schenken waren schon Leute. Man sah hier Arbeiter in sauberen Jacken und leuchtenden Stiefeln, die hocherfreut schienen, den Anstrengungen der Fabrik für einen Tag entfliehen zu können; mehrere waren von ihren Frauen begleitet, die seidene Kopftücher in auffallenden Farben und mit Glasperlen garnierte Jackets trugen. Polizisten in großer Uniform, mit Pistolen im Gürtel, standen unbeweglich an den Straßenecken und warteten auf irgend einen Auflauf, der ihnen die Langeweile ein bißchen vertrieb. In den Alleen der Boulevards und auf dem noch feuchten Rasen der öffentlichen Plätze liefen Kinder und Hunde spielend umher, während die in Gruppen auf ihren Bänken sitzenden Ammen laut schwatzten. Ueberall in den Straßen erklang der Ton und das Echo der Glocken, das sich mit dem Lärm der über das Pflaster rollenden Wagen vermischte und die Menge zu einem ähnlichen Gottesdienst rief, wie der, der in der Kapelle abgehalten wurde. Einzelne Fußgänger schlugen, sonntäglich gekleidet, den Weg nach der nächsten Kirche ein.

Als Nechludoff nach dem Gefängnis kam, war dasselbe noch geschlossen.

Auf einem kleinen Platze, etwa hundert Schritt von der Thür, stand eine Gruppe von Männern und Frauen, von denen die meisten Pakete in der Hand hielten. Rechts von dem Platze erblickte man ein niedriges Holzgebäude, links zeigte sich ein zweistöckiges Haus mit einem Schilde. Im Hintergrunde sah man den ungeheuren steinernen Eingang des Gefängnisses, vor dem ein Soldat mit dem Gewehr auf der Schulter Wache hielt. Vor dem Schalter der Holzbaracke saß ein Aufseher, der eine gallonierte Uniform trug und ein Register auf den Knieen hielt. An ihn wandten sich die Besucher, um die Namen der Gefangenen, die sie zu sprechen wünschten, einschreiben zu lassen.

Nechludoff näherte sich ihm und sagte: »Die unverehelichte Katharina Maslow!« Dann fügte er fragend hinzu: »Warum läßt man die Leute denn nicht eintreten?«

»Die Messe wird gerade abgehalten,« versetzte der Aufseher, »sobald sie zu Ende ist, können Sie hinein!«

Nechludoff näherte sich der Gruppe der Besucher, aus der in demselben Augenblick ein in Lumpen gekleideter Mann mit nackten Füßen und einem von roten Furchen durchzogenen Gesicht trat, der sich bis zum Thor des Gefängnisses schlich.

»Höre mal, wo willst du denn hin?« rief ihm der Soldat zu und fuhr mit der Hand nach dem Gewehr.

»Na, was hast du denn so zu brüllen?« versetzte der Mann, indem er langsam umkehrte, ohne sich über das Geschrei des Soldaten weiter aufzuregen. »Du willst mich nicht ‚reinlassen? Nun gut; dann werde ich warten. Hat man je einen Menschen so brüllen hören? Als wenn der Herr ein General wäre!«

Ein zustimmendes Lachen begleitete diesen Scherz. Die Besucher waren meistenteils schlecht gekleidete arme Leute, andere waren sogar ganz zerlumpt; nur einige wenige Männer und Frauen waren elegant gekleidet. Neben Nechludoff stand ein sorgfältig rasierter dicker Mann mit rosigem Gesicht, im Gehrock, der ein schweres Paket in der Hand trug, das Wäsche zu enthalten schien. Nechludoff fragte ihn, ob er zum erstenmale nach dem Gefängnis käme. Nein, der Mann mit dem Paket war schon sehr oft gekommen und kam jeden Sonntag. Er erzählte Nechludoff seine ganze Geschichte. Er war Portier in einem Bankhause, und der Gefangene, den er besuchte, war sein Bruder, der wegen Fälschung verurteilt worden.

Gerade, als der brave Portier, der über sich alles gesagt, Nechludoff ausfragen wollte, wurde ihre Aufmerksamkeit durch eine Mietskutsche abgelenkt, aus der ein junger Student und eine Dame in hellem Kleide stieg. Der Student hielt ein dickes Paket in der Hand, ging auf Nechludoff zu und fragte ihn, ob er wohl glaube, daß man ihm gestatten würde, den Gefangenen eine Ration Weißbrot zu geben, das sein Paket enthielte. »Meine Braut hat diese Idee gehabt; diese junge Dame dort ist meine Braut; ihre Eltern haben uns erlaubt, den Gefangenen dies hier herzubringen.«

»Ich komme selbst zum erstenmal her und kenne die Gebräuche des Ortes nicht, glaube aber, Sie thun gut, sich dorthin zu wenden,« versetzte Nechludoff und deutete mit dem Finger auf den galonnierten Aufseher, der vor seinem Register saß.

Plötzlich öffnete sich die äußere Thür des Gefängnisses, und man sah einen Offizier in Gala-Uniform, der von einem Aufseher begleitet wurde, der einige Worte leise mit seinem Vorgesetzten wechselte und dann erklärte, die Besucher könnten eintreten.

Die Schildwache trat zur Seite, und alle drängten sich dem Gefängnisthor zu, als fürchteten sie, zu spät zu kommen.

Hinter der Thür stand ein Aufseher, der die Besucher, die an ihm vorüberschritten, mit lauter Stimme zählte. Einige Schritte weiter im Hintergrunde des ersten Korridors stand wieder ein Aufseher, der alle Personen, die an ihm vorüberkamen, am Arm faßte, bevor er sie durch eine kleine Thür gehen ließ, und sie von neuem zählte, damit man sich beim Ausgang davon überzeugen konnte, daß kein einziger Besucher im Gefängnis geblieben und kein einziger Gefangener dasselbe verlassen hatte. Dieser Aufseher, der mit seiner Berechnung viel zu sehr beschäftigt war, um sich die Gesichter anzusehen, mit denen er zu thun hatte, schlug Nechludoff, als dieser vorüberkam, heftig auf die Schulter, worüber er sich trotz seiner vortrefflichen Absichten doch etwas ärgerte.

Die kleine Thür führte in ein großes gewölbtes Zimmer mit Eisenbeschlägen an den Fenstern. Nechludoff durchschritt es langsam und ließ die eilige Flut der Besucher an sich vorüber. Er empfand gleichsam ein Gefühl des Widerwillens gegen die in diesem Gefängnis eingesperrten Verbrecher, ein Gefühl des Mitleids für die Unschuldigen, die, wie Katuscha und der Angeklagte vom vorigen Tage, mit ihnen zusammen dort eingesperrt waren, und ein Gefühl des Stolzes und der Freude bei dem Gedanken an die Heldenthat, die er vollbringen wollte.

Am andern Ende des großen Saales sagte ein Aufseher etwas zu den Besuchern, die an ihm vorüberzogen. Doch Nechludoff, der in seine Gedanken versunken war, hörte nicht auf ihn und folgte weiter der vor ihm herschreitenden Gruppe. So kam er nach dem Männersprechzimmer, während er sich doch hatte nach dem Frauensprechzimmer begeben wollen.

Als er als letzter in das Sprechzimmer trat, war er zuerst von einem betäubenden Lärm betroffen, den eine große Reihe gleichzeitig sprechender Stimmen hervorbrachte. Die Ursache dieses Lärmes erkannte er erst, als er in die Mitte des Saales gelangte, wo die Menge der Besucher wie ein Schwarm Fliegen auf einem Stückchen Zucker sich vor einem Gitter zusammendrängte.

Der Saal war von einem Doppelgitter, das von der Erde bis zur Decke hinanstieg, in zwei Hälften geteilt. Zwischen den beiden Gittern lag ein Raum von ungefähr drei Arschin, in welchem Soldaten auf und ab gingen. Auf der einen Seite standen die Gefangenen, auf der andern Seite die Besucher. Sie waren durch zwei Gitter und einen leeren Raum von drei Arschin getrennt, so daß es dem Besucher nicht nur schwierig war, den Gefangenen etwas zu geben, sondern sogar sie zu sehen. Ebenso schwierig war es, von einer Gruppe zur andern zu sprechen. Man mußte, um sich verständlich zu machen, aus Leibeskräften schreien. Da sich aber jeder verständlich machen wollte und eine Stimme die andere übertönte, so war jeder gezwungen, noch lauter als die andern zu brüllen. Daher kam der merkwürdige Lärm, der Nechludoff beim Eintritt in den Saal aufgefallen war.

Die einzelnen Worte zu verstehen, daran war nicht zu denken. Nur an den Gesichtern konnte man die Gegenstände, von denen die Rede war, und die Beziehungen, die zwischen den Gefangenen und ihren Besuchern bestanden, erraten.

Ganz in Nechludoffs Nähe stand eine kleine alte Frau mit einem Taschentuch auf dem Kopf, die sich an das Gitter drängte und einem jungen Manne, einem Sträfling mit halbrasiertem Kopfe, etwas zurief; der junge Mann zog die Stirne kraus und schien mit größter Aufmerksamkeit zuzuhören. Dann kam der zerlumpte Mann, der vorhin die Menge vor der Thür so belustigt hatte; er sprach mit einem Freunde, machte heftige Bewegungen, schrie und lachte. Neben ihm sah Nechludoff eine saubergekleidete Frau auf der Erde sitzen, die ein Kind auf den Armen hielt und weinte und schluchzte, ohne auch nur die Kraft zu haben, die Augen auf den Sträfling zu richten, der mit halbrasiertem Kopfe und Eisen an den Füßen an der andern Seite des Gitters ihr gegenüberstand.

Als Nechludoff erkannte, er würde sich auch mit Katuscha unter denselben Bedingungen unterhalten müssen, wandelte ihn ein heftiger Haß gegen die Menschen an, die eine solche Qual hatten erfinden und gestatten können. Entsetzen packte ihn bei dem Gedanken, daß eine so gräßliche Einrichtung, ein so grausamer Schimpf den heiligsten Gefühlen gegenüber noch niemand vor ihm empört hatte. Mit Entrüstung sah er, daß die Soldaten und der Aufseher, ja, die Gefangenen selbst sich darin fügten, sich in dieser Weise zu unterhalten, als wäre das ganz natürlich und unvermeidlich.

Nechludoff blieb so einige Minuten im Banne einer tiefen Schwermut stehen, in die sich der Ekel vor allem Möglichen und das Gefühl seiner eigenen Schwäche mischten.

»Trotzdem muß ich das thun, weshalb ich hierhergekommen bin,« sagte sich Nechludoff, »doch an wen soll ich mich wenden?«

Er suchte mit den Augen den Aufseher des Saales und entdeckte ihn schließlich unter der Menge. Es war ein kleiner, magerer Mann mit Offiziersepauletten an seiner Uniform. Nechludoff trat auf ihn zu und sagte mit erzwungener Unterwürfigkeit:

»Verzeihung, mein Herr, können Sie mir nicht sagen, wo die Frauenabteilung ist und an wen ich mich wenden muß, um dort jemand zu sprechen?«

»Sie wollen nach dem Frauensprechzimmer?«

»Ja, ich möchte eine Frau sprechen!«

»Warum haben Sie das nicht gleich in dem ersten Saale gesagt, als man Sie danach fragte?«

Dann wurde er ruhiger:

»Wen wollen Sie denn sprechen?«

»Die unverehelichte Katharina Maslow!«

»Eine politische Gefangene?«

»Nein, sie ist nur …«

»Na, was denn? Eine Angeklagte oder eine Verurteilte?«

»Ja, seit vorgestern verurteilt,« versetzte Nechludoff in sanftem Tone, denn er fürchtete, durch eine zu heftige Bemerkung die gute Laune zu zerstören, die er bei dem Aufseher zu bemerken geglaubt, und thatsächlich schien seine Sanftmut den schrecklichen Menschen zu rühren.

»Ich werde Sie in das Frauensprechzimmer bringen lassen, obwohl es mir verboten ist, jemand vor dem Signal hier hinausgehen zu lassen. Aber ein andermal irren Sie sich gefälligst nicht wieder!«

»Sidoroff,« rief er einem ganz mit Medaillen behangenen Aufseher zu, »komm‘ mal hierher und führe den Herrn ins Frauensprechzimmer.«

Der Aufseher öffnete die Thür, die doppelt verschlossen war, ließ Nechludoff in den Korridor treten, führte ihn wieder in den großen gewölbten Saal und dann durch einen andern Korridor in das Frauensprecchzimmer.

Dieses Sprechzimmer war wie das andere durch zwei Gitter in drei Teile geteilt, und obwohl es bedeutend kleiner und die Zahl der Besucher geringer war, so war das Geschrei hier vielleicht noch betäubender. Auch hier stand die Behörde zwischen den beiden Gittern, doch diesmal wurde sie von einer Aufseherin verkörpert, ebenfalls in Uniform mit Galons auf den Aermeln, blauen Aufschlägen und einem Gürtel von derselben Farbe. Ganz wie in dem andern Sprechzimmer klammerten sich auf der einen Seite die in der verschiedensten Weise gekleideten freien Besucher an das Gitter; auf der andern standen die Gefangenen, meistens im weißen Kleide mit weißen Kopftüchern. Auf der ganzen Breitseite des Gitters war nicht ein freies Plätzchen, und auf der Seite der Besucher war das Gedränge so groß, daß sich mehrere Frauen auf die Fußspitzen stellen mußten, um über die Köpfe der vor ihnen stehenden Personen hinwegzuschreien.

Als Nechludoff sich ein wenig an den Lärm des Saales gewöhnt hatte, wurde seine Aufmerksamkeit von der langen und mageren Gestalt einer Zigeunerin erregt, die im Mittelpunkte des Gitters auf der Seite der Gefangenen mit hastigen Bewegungen und einer kreischenden Stimme einem Besucher in blauer Jacke, ebenfalls einem Zigeuner, der auf der andern Seite stand, etwas erklärte. Neben diesem Zigeuner stand ein junger Bauer mit blondem Knebelbart, der sich unter heftigem Erröten bemühte, seine Thränen zurückzuhalten; er lauschte auf die Worte, die eine ihm gegenüberstehende hübsche Gefangene zu ihm sprach, die ihn zärtlich mit ihren großen blauen Augen betrachtete. Das war Fenitschka mit ihrem Gatten.

Nechludoff betrachtete die Gesichter der Gefangenen, die sich gegen das Gitter lehnten; die Maslow war nicht darunter. Doch hinter der ersten Reihe verborgen, stand eine Frau, und Nechludoff sah, daß sie das war. Der Atem stockte ihm in der Brust und das Herz klopfte ihm stärker. Die entscheidende Minute nahte.

Er trat bis zum Gitter vor, bahnte sich mit Mühe einen Weg und heftete seinen Blick auf die Maslow.

Sie stand hinter der Bäuerin mit den blauen Augen und schien lächelnd auf ihre Unterhaltung mit ihrem Manne zu lauschen. Anstatt des grauen Kittels, den sie am vorigen Abend trug, war sie ganz weiß gekleidet. Unter ihrem Kopftuch erschienen die reizenden Locken ihrer schwarzen Haare.

»Ich muß einen Entschluß fassen,« dachte Nechludoff, »Aber wie soll ich sie anrufen? Wenn sie mich doch sehen und von selber kommen möchte!«

Sie kam aber nicht auf diesen Gedanken, denn sie glaubte stets, Bertha oder Klara auftauchen zu sehen, und vermutete nicht, daß dieser elegante Besucher ihretwegen gekommen war.

»Wen wünschen Sie zu sprechen?« fragte die Aufseherin Nechludoff und blieb bei ihm stehen.

»Katharina Maslow!« versetzte Nechludoff, der nur mit großer Mühe sprechen konnte.

»Heda, Maslow!« rief die Aufseherin, »da ist jemand für dich!«

Die Maslow drehte sich plötzlich um, erhob den Kopf, streckte die Brust vor und näherte sich mit jenem Ausdruck des Eifers, den Nechludoff früher an ihr gekannt, dem Gitter, nachdem sie zwischen zwei Gefangenen durchgeschlichen war. Dann begann sie Nechludoff mit einem Gemisch von Ueberraschung und Erstaunen zu betrachten, erkannte ihn aber noch immer nicht. Doch schnell erriet sie in ihm nach seiner Kleidung einen reichen Mann und lächelte ihm zu.

»Sie sind meinetwegen gekommen?« fragte sie und drückte ihre lächelnden, etwas schielenden Augen an das Gitter.

»Ja, ich wollte …«

Nechludoff hielt inne, denn er wußte nicht, ob er »Sie« oder »du« zu ihr sagen sollte. Endlich entschloß er sich zum »Sie« …

»Ich wollte Sie sehen … ich …«

»Du langweilst mich mit deinen Geschichten,« rief ein neben ihm stehender Besucher, »hast du’s genommen, ja oder nein?«

»Alle Tage kränker; sie stirbt,« rief man von der andern Seite.

Die Maslow konnte von dem, was ihr Nechludoff sagte, nichts verstehen. Doch am Ausdruck seines Gesichts erkannte sie ihn, während er sprach. Oder sie glaubte vielmehr ihn zu erkennen, denn einen Augenblick später sagte sie sich, sie hätte sich geirrt. Das Lächeln verschwand von ihren Lippen und in ihrer Stirn blieb eine Leidensfalte zurück.

»Man hört nicht, was Sie sprechen,« schrie sie augenblinzelnd, während sich ihre Stirn immer krauser zog.

»Ich kam …«

»Ja, ich thue meine Pflicht; ich büße!« dachte Nechludoff, und kaum war ihm dieser Gedanke gekommen, als ihm Thränen die Augen und die Kehle füllten. Er klammerte sich mit den Fingern an das Gitter und schwieg, denn er fühlte, beim ersten Wort würde er in Schluchzen ausbrechen.

»So wahr Gott mich hört, ich weiß nichts davon!« rief eine Gefangene im Hintergrunde des Saales.

Die Aufregung hatte Nechludoffs Gesicht einen Ausdruck verliehen, daß die Maslow ihn sofort erkannte. Alle ihre Zweifel schwanden, aber sie glaubte doch, während sie ihn anblickte, sprechen zu müssen.

»Ich bin nicht recht sicher, daß ich Sie erkenne.«

Dabei überströmte eine plötzliche Röte ihre Wangen, und der Ausdruck ihrer Züge ward noch düsterer.

»Ich bin gekommen, dich um Verzeihung zu bitten,« sagte Nechludoff jetzt.

Er sagte das, so laut er konnte, mit eintöniger Stimme, wie eine auswendig gelernte Lektion.

Doch als er es gesagt, ergriff ihn eine heftige Scham, und er sah sich um. Doch er dachte, diese Scham wäre gut, und es wäre recht, sich so der Schande auszusetzen, und deshalb rief er, so laut er konnte:

»Verzeihe mir; ich habe schwer gesündigt gegen …«

Sie stand unbeweglich hinter dem Gitter und verließ ihn nicht mit den Augen.

Er hatte nicht die Kraft, den Satz zu vollenden, und entfernte sich von dem Gitter, indem er sich bemühte, die Thränen zurückzuhalten, die seine Brust erschütterten.

Der Aufseher, der ihn hergebracht, war im Saale geblieben und der Scene jedenfalls mit den Augen gefolgt. Als er Nechludoff vom Gitter forttreten sah, ging er auf ihn zu und fragte ihn, warum er sich nicht weiter mit der Frau unterhalte, die er zu sprechen gewünscht. Nechludoff schnäuzte sich, faßte sich nach Möglichkeit und erwiderte:

»Es ist nicht möglich, durch das Gitter zu sprechen! Man versteht ja sein eigenes Wort nicht!«

Der Aufseher überlegte einen Augenblick und sagte dann:

»Hören Sie! Ich glaube, ich könnte die Gefangene vielleicht hierherkommen lassen. Aber nur eine Minute!«

»Maria Karlowna,« rief er der Aufseherin zu, »lassen Sie die Maslow hierherkommen! Es handelt sich um eine sehr dringende Angelegenheit!«

Bald trat die Maslow durch eine Seitenthür ein. Sie näherte sich Nechludoff leise und betrachtete ihn von der Seite, ohne den Kopf zu erheben. Ihr krankhaftes, aufgedunsenes, blutleeres, aber immer noch angenehmes Gesicht war vollkommen ruhig; doch die schwarzen Augen glänzten unter den angeschwollenen Lidern in ungewöhnlichem Glanze.

»Sie können sich hier ein oder zwei Minuten unterhalten!« sagte der Aufseher und trat diskret zur Seite.

Nechludoff hatte sich auf eine in der Wand eingelassene Bank gesetzt; die Maslow blieb mit ehrerbietiger Miene vor dem Aufseher stehen, doch als er fortgetreten war, entschloß sie sich, zu Nechludoff heranzugehen und setzte sich, ihren Rock hochhebend, neben ihn auf die Bank.

»Ich weiß, es wird Ihnen schwer, mir zu verzeihen,« begann Nechludoff, hielt von neuem inne, als wolle er Mut schöpfen, und fuhr dann fort:

»Aber wenn es auch nicht mehr möglich ist, die Vergangenheit auszulöschen, so bin ich doch wenigstens jetzt entschlossen, alles zu thun, was in meinen Kräften steht. Sagen Sie mir …«

»Wie haben Sie mich denn nur aufgefunden?« unterbrach sie, ohne auf seine Fragen zu antworten, und richtete den Blick ihrer glänzenden Augen bald auf ihn, bald auf den Erdboden.

»Mein Gott! Komm‘ du mir zu Hilfe! Lehre mich, was ich thun soll,« sagte sich Nechludoff, von dem lasterhaften und gemeinen Ausdruck, den er auf diesem blassen Gesicht las, ganz entsetzt.

»Es war vorgestern, im Schwurgerichtssaal,« sagte er, »als man gegen Sie verhandelte. Ich war Geschworener … Sie haben mich nicht erkannt?«

»Nein, gar nicht! Wie hätte ich Sie erkennen sollen? Uebrigens habe ich auch niemand angesehen!« fügte sie hinzu.

»Es ist also ein Kind gekommen?« fragte Nechludoff und fühlte, wie er rot wurde.

»Gott sei Dank ist es gleich gestorben,« versetzte die Maslow mit kurzer, boshafter Stimme, indem sie die Augen abwandte.

»Woran und wie?«

»Ich war selbst krank und wäre fast gestorben!« fuhr sie fort, ohne die Augen zu erheben.

»Und meine Tanten haben Sie fortgeschickt?«

»Behält man eine Zofe, die ein Kind bekommt? Sobald sie bemerkten, daß ich in anderen Umständen war, haben sie mich abgelohnt … Aber wozu auch darüber sprechen? Ich erinnere mich an nichts mehr, ich habe alles vergessen … Das ist alles vorbei!«

»Nein, es ist nicht vorbei! Es darf nicht vorbei sein! Ich will meine Schuld jetzt gutmachen.«

»Es ist nichts gutzumachen! Was geschehen ist, ist geschehen und alles ist vorbei,« versetzte sie und richtete mit häßlichem, kläglichem und herausforderndem Lächeln ihre Blicke auf Nechludoff.

Die Maslow hatte nicht erwartet, Nechludoff je wiederzusehen, vor allem nicht in diesem Augenblick und an diesem Orte. Deshalb hatte sie sein Anblick zuerst verletzt und ihr Dinge ins Gedächtnis zurückgerufen, an die sie nie mehr hatte denken wollen. Als sie Nechludoff wiedersah, hatte sie sich zunächst an die wunderbare Welt von Gefühlen und Träumen erinnert, die ihr ihre erste Liebe einst vorgezaubert; sie hatte sich erinnert, wie sie diesen Mann und wie er sie geliebt, doch auch an die Grausamkeit seines Treubruchs, die lange Reihe von Leiden und Demütigungen aller Art hatte sie gedacht, die diesen kurzen Augenblicken des Glückes gefolgt waren, und alle diese Erinnerungen thaten ihr weh. Doch da sie nicht die Kraft hatte, sich damit abzufinden, so nahm sie wieder einmal zu ihrem gewöhnlichen Mittel ihre Zuflucht, sie drängte diese schmerzlichen Erinnerungen in die tiefsten Tiefen ihrer Seele zurück.

Als sie Nechludoff wiedersah, hatte sie ihn zuerst mit dem Jüngling verglichen, den sie einst geliebt; doch schon im nächsten Augenblick verzichtete sie darauf, da ihr das zu peinlich war. Jetzt war dieser elegant gekleidete Herr mit dem schönen, feingeschnittenen Bart für sie nur noch einer ihrer »Kunden«, die sich solcher Geschöpfe, wie sie eins war, bedienten, wenn sie sie brauchten, und deren sich Geschöpfe wie sie bedienen konnten, soweit ihnen das möglich war. Deshalb sah sie ihn jetzt so einschmeichelnd lächelnd an.

Sie schwieg und überlegte, wie sie sich seiner am besten bedienen könnte.

»Ja,« sagte sie, »alles ist aus! Und jetzt hat man mich zur Zwangsarbeit verurteilt!«

Ihre Lippen zitterten, als sie diese schrecklichen Worte aussprach.

»Ich wußte, ich war überzeugt. Sie wären nicht schuldig!«

»Gewiß war ich nicht schuldig! Bin ich eine Diebin oder eine Giftmischerin?«

Wieder schwieg sie einen Augenblick und fuhr dann fort:

»Man sagt hier, der Verteidiger sei schuld, und ich solle eine Berufung einlegen. Doch man sagt, das sei sehr teuer … wegen der Kosten … und der Verteidiger …«

»Ja, gewiß,« versetzte Nechludoff; »ich habe mich schon an einen Advocaten gewendet …«

»Aber man muß auch einen guten nehmen … einen teuren …«

»Ich werde alles Mögliche thun.«

Wieder trat eine Pause ein. Das Lächeln der Maslow wurde immer freundlicher.

»Ich möchte Sie – wenn es Ihnen nicht unangenehm ist – um ein bißchen Geld bitten. Nicht viel … zehn Rubel – Aber nur, wenn es Ihnen keine Umstände macht … Ich habe weiter nichts nötig!«

»Gewiß, gewiß!« versetzte Nechludoff verwirrt und zog seine Brieftasche hervor.

Die Maslow warf einen schnellen Blick auf den Aufseher, der im Hintergründe des Saales auf- und abspazierte.

»Warten Sie, bis er den Rücken gedreht hat, sonst würde man mir das Geld fortnehmen!«

Nechludoff nahm einen Zehnrubelschein aus seiner Brieftasche, doch gerade, als er ihn ihr geben wollte, drehte sich der Aufseher um. Er versteckte den Schein in der Handfläche und dachte, während er dieses blasse und aufgedunsene Geschöpf beobachtete, das mit seinen zu glänzenden Augen abwechselnd die Bewegungen des Aufsehers und die Gesten der die zehn Rubel haltenden Hand beobachtete:

»Aber das ist ja ein totes Geschöpf!«

Einen Augenblick war der Unglückliche ganz mutlos. Der Versucher, der in der vorvorigen Nacht zu ihm gesprochen, erhob von neuem in seinem Innern die Stimme, um seine Gedanken von dem, was er thun mußte, abzulenken und sie vielmehr auf die Folgen dessen, was er thun wollte, hinzulenken.

»Nie wirst du aus diesem Weibe etwas machen,« sagte der Versucher, »du wirst dir nur einen Stein um den Hals legen, der dich ersäufen und dich hindern wird, andern nützlich zu werden! Ihr Geld geben, das ist recht! Alles Geld, das du in deiner Brieftasche hast! Dann aber sag‘ ihr Lebewohl und mach‘ ein Ende!«

Doch sofort fühlte Nechludoff, daß sich in dieser nämlichen Minute eine entscheidende Krisis in ihm vollzog, daß seine Seele sich am Trennpunkte zweier Wege befand, und er, wenn er den einen gewählt, nie mehr auf den andern zurückkehren konnte. Er fühlte, daß er in diesem Augenblick an einem Wendepunkt seines ganzen Lebens angelangt war, und diesen Wendepunkt überschritt er, nachdem er den Gott zu Hilfe gerufen, dessen Anwesenheit er in seinem Herzen am vorvorigen Tage so klar und deutlich wahrgenommen hatte.

Er beschloß, der Maslow alles zu sagen, und zwar sofort:

»Katuscha! Ich bin hergekommen, um dich um Verzeihung zu bitten! Doch du, du hast mir nicht geantwortet, du hast mir nicht gesagt, ob du mir verzeihst, ob du mir je verzeihen würdest!«

Doch sie hörte nicht einmal auf ihn und betrachtete abwechselnd die zehn Rubel und den Aufseher. Als dieser sich umdrehte, streckte sie schnell die Hand aus, ergriff den Schein und versteckte ihn in ihrem Gürtel.

»Was Sie mir da sagen, klingt recht seltsam,« fuhr sie dann mit einem Lächeln fort, von dem sich Rechludoff angewidert fühlte.

Er hatte den Eindruck, es schlummere in ihr hinter diesem Lächeln etwas wie Haß gegen ihn, das ihn stets hindern würde, tiefer in ihre Seele einzudringen.

Doch diese Empfindung lenkte ihn, ohne daß er wußte, wie es geschah, nicht nur nicht mehr von der Maslow ab, nein, sie verband ihn nur noch inniger mit ihr. Er fühlte, er hatte die Pflicht, diese Seele, trotz allem, aufzuwecken; diese Aufgabe war furchtbar schwierig, aber diese Schwierigkeit lockte ihn sogar noch mehr. Er empfand der Maslow gegenüber ein Gefühl, das er bis dahin bei niemandem empfunden, er wünschte an ihr für sich nichts; er wünschte nur, sie möge aufhören, so zu sein, wie sie jetzt war, und wieder so werden, wie sie einst gewesen.

»Katuscha, warum sprichst du so zu mir? Du weißt doch, ich kenne dich; ich weiß, wie du früher in Panofko warst …«

»Das Alte verschwindet,« versetzte sie trocken.

»Ich erinnere mich an alles, um meine Schuld gutzumachen und zu sühnen,« erklärte Rechludoff.

Er wollte ihr sagen, er sei bereit, sie zu heiraten; doch er richtete die Augen auf sie und las in ihnen etwas so Gemeines und Abstoßendes, daß er nicht die Kraft fand, sein Geständnis weiter fortzusetzen.

In diesem Augenblick wurde das Zeichen gegeben, daß die Besuchsstunde zu Ende war. Der Aufseher näherte sich Nechludoff und sagte ihm, der Moment, die Unterredung zu beenden, wäre gekommen. Die Maslow erhob sich und betrachtete Nechludoff mit freundlichem Blick, doch im Grunde war sie hocherfreut, ihn loszuwerden.

»Auf Wiedersehen; ich habe Ihnen noch viel zu sagen,« sagte Nechludoff und reichte ihr die Hand.

Die Maslow berührte die Hand, drückte sie ihm aber nicht.

»Ich werde Sie wieder besuchen und Ihnen dann sehr wichtige Dinge sagen, die ich Ihnen sagen muß!« fügte Nechludoff hinzu.

»Es ist gut! Kommen Sie! Es wird mich freuen,« versetzte sie, und fand für ihn das Lächeln wieder, das sie bei solcher Gelegenheit ihren »Kunden« zu teil werden ließ.

»Sie stehen mir näher als eine Schwester!« sagte Nechludoff noch.

»Was sagen Sie da?« fragte sie, ohne sich darüber weiter zu wundern, und lief mit einem letzten Lächeln zur Thür.

Nechludoff hatte sich eingebildet, Katuscha würde sich freuen, wenn sie ihn wiedersah und wenn er ihr seine Reue und seine Absicht, ihr zu Hilfe zu kommen, entdecken würde, Rührung empfinden und gleich wieder die alte Katuscha werden. Doch er mußte sich sagen, daß Katuscha nicht mehr existierte und nur noch die Maslow vorhanden war, und dieser Gedanke setzte ihn in Erstaunen.

Vor allem aber wunderte er sich, daß Katuscha sich ihres Standes als Prostituierte nicht nur nicht schämte, sondern darüber sogar glücklich und fast stolz war, während sie sich ihres Standes als Gefangene sehr schämte.

Das war aber im Grunde gar nicht so verwunderlich. Wir alle müssen, um wirken zu können, unsere Art der Betätigung als bedeutend und schön betrachten; daher kommt es, daß jedes menschliche Wesen, seine Stellung mag sein, welche sie wolle, sich vom Leben eine Auffassung zurechtmacht, in der ihm seine besondere Bethätigungsart als richtig und schön erscheint.

Man redet sich gern ein, der Mörder, der Verräter, der Dieb, die Dirne erröten über ihr Handwerk oder halten es doch wenigstens für schlecht. In Wirklichkeit geschieht nichts dergleichen. Die Menschen, die ihr Geschick und ihre Fehler in eine bestimmte Lage gebracht haben, bilden sich, so unmoralisch dieselbe auch sein mag, immer eine allgemeine Lebensauffassung, in der ihre besondere Lage ihnen als berechtigt und bedeutend erscheinen kann. Um diese Ausnahme zu bekräftigen, stützen sie sich instinktiv auf andere Menschen, die sich in derselben Lage wie sie befinden, und das Leben im allgemeinen und ihren Platz in diesem Leben im besonderen in derselben Weise auffassen.

Wir sehen mit Erstaunen, wie Diebe sich ihrer Gewandtheit, Dirnen ihrer Sittenlosigkeit, Mörder ihrer Fühllosigkeit rühmen. Doch wir wundern uns darüber nur, weil die Zahl dieser Personen sehr beschränkt ist und ihr Kreis, ihre Atmosphäre sich außerhalb der unsrigen befinden. Doch wir sind z.B. nicht überrascht, daß reiche Leute auf ihren Reichtum, d.h. auf ihren Diebstahl, oder Mächtige auf ihre Macht, d.h. auf ihre Gewalttätigkeit und Grausamkeit stolz sind. Wir bemerken nicht, wie diese Leute ihre natürliche Lebensauffassung und ihre ursprüngliche Bedeutung von Gut und Böse umgestalten und vernichten, um ihre Lage in ihren eigenen Augen zu rechtfertigen. Wir wundern uns darüber nicht und denken gar nicht daran, uns darüber zu wundern; und zwar einzig und allein darum, weil der Kreis der Personen, der diese verrohte Auffassung hat, groß ist und wir selbst dazu gehören.

Eine Auffassung dieser Art hatte sich die Maslow vom Leben im allgemeinen und von ihrer eigenen Rolle im besonderen gebildet. Obwohl eine Dirne niedrigen Grades und zur Zwangsarbeit verurteilt, machte sie sich trotzdem eine Lebensauffassung zurecht, die ihr gestattete, ihr Benehmen zu rechtfertigen und sogar vor andern ihrer Art darauf stolz zu sein.

Diese Auffassung beruhte auf dem Gedanken, daß das hauptsächliche Glück aller Männer – aller, ohne Ausnahme, alter und junger, reicher und armer, gebildeter und ungebildeter – im körperlichen Besitz des Weibes bestände. Die Maslow nahm es als feststehend an, daß alle Männer, trotz der andern Gedanken, die sie angeblich im Kopfe hatten, in Wirklichkeit nur daran dachten; und da sie ein angenehmes Weib war, das diesen Wunsch der Männer nach ihrem Belieben befriedigen oder nicht befriedigen konnte, so hielt sie sich gleichzeitig für eine unendlich wichtige und notwendige Persönlichkeit.

Das war ihre Lebensauffassung, und thatsächlich wurde dieselbe durch ihre ganze persönliche, augenblickliche wie frühere Erfahrung vollauf bestätigt.

Seit zehn Jahren hatte sie überall, wo sie gewesen war, bei allen Männern den Wunsch wahrgenommen, sie zu besitzen. Vielleicht war sie auch mit Männern zusammengekommen, die dieses Verlangen nicht empfunden hatten, doch diese waren ihr nie aufgefallen. So war ihr die ganze Welt als eine Vereinigung von Männern erschienen, die in ihren Körper verliebt waren, sie unermüdlich zu besitzen wünschten und sich durch gleichviel welche Mittel, durch Verführung, Gewalt, List oder Geld bemühten, ihren Körper zu genießen.

An diese Lebensauffassung hatte sich die Maslow um so fester angeklammert, als sie fühlte, daß sie, wenn sie sie verlor, in ihren eigenen Augen auch die Bedeutung verlor, die sie sich beigelegt, und um diese Bedeutung nicht einzubüßen, schloß sie sich instinktiv an den Kreis der Personen, die das Leben in derselben Weise auffaßten. Darum war sie auch so eifrig bemüht, die Erinnerungen an ihre erste Kindheit aus ihrem Herzen zu verjagen, denn diese paßten nicht zu ihrer augenblicklichen Lebensauffassung; in den tiefsten Winkel ihres Herzens hatte sie sie zurückgedrängt, eingesargt und, so gut es ging, vermauert, wie die Bienen den Eingang zu den Nestern bestimmter Insekten verstopfen, die im stande sind, ihren Stock zu zerstören. Darum hatte sie in Nechludoff, als sie ihn wiedersah, nicht mehr den Mann sehen wollen, den sie früher keusch und unschuldig geliebt: darum wollte sie nur einen reichen Kunden in ihm sehen, einen Menschen, aus dem Nutzen zu ziehen sie das Recht und die Pflicht hatte, und mit dem sie Beziehungen unterhalten konnte wie mit den anderen Männern ihrer Kundschaft.

»Nein, das Wichtigste, was ich ihr zu sagen hatte, konnte ich ihr heute nicht sagen, ich konnte es nicht,« dachte Nechludoff, als er das Sprechzimmer mit der Schar der Besucher verließ. »Doch das nächste Mal werde ich ihr alles sagen!«

In dem großen Saale zählten die beiden Aufseher von neuem die Vorübergehenden, damit kein Gefangener hinauskam und kein Besucher im Gefängnis blieb. Und von neuem stieß man Nechludoff und schlug ihn auf die Schulter. Doch er bemerkte es jetzt nicht einmal.

Zwölftes Kapitel

Am Tage, nachdem er Katuscha auf der Anklagebank wiedergesehen, hatte Nechludoff den Entschluß gefaßt, seine Lebensweise zu ändern; er hatte beschlossen, sein Haus zu vermieten, seine Dienerschaft zu entlasten und wie ein Student in einem möblierten Zimmer zu wohnen.

Doch Agrippina Petrowna bewies ihm, es wäre eine Thorheit von ihm, seine Lebensweise vor dem Winter zu ändern, denn niemand würde das Haus im Sommer mieten, niemand die Möbel kaufen, und er müßte dieselben bis zum Winter irgendwo unterstellen. Daher blieben die Bemühungen Nechludoffs in diesem Punkte und seine schönen Entschlüsse wirkungslos.

Es ging nicht nur alles in seinem Hause genau so wie vorher weiter, nein, man begann sogar die Möbel, Pelze, Kleidungsstücke und Wollsachen zu bürsten, abzustäuben und auszubessern; eine Arbeit, an der der Portier und sein Gehilfe, die Köchin und der Wiener Kornej teilnahmen. Nechludoff sah, wie eine Menge Röcke, Uniformhosen, Pelze, die niemand mehr gebrauchen konnte, aus den Schränken genommen und auf Stricke gehängt wurden; er sah, wie man die Teppiche fortnahm und die Möbel von einem Zimmer ins andere schleppte; er wohnte unzähligen Reinigungen bei und mußte den Naphtalingeruch ertragen, der sich durch sämtliche Stuben verbreitete. Mit Erstaunen entdeckte er, welche ungeheure Menge unnützer Gegenstände er bis dahin in seinem Hause behalten hatte. Das alles hatte jedenfalls keine weitere Daseinsberechtigung und Bestimmung, als Agrippina Petrowna, Kornej, dem Portier, seinem Gehilfen und der Köchin Gelegenheit zu geben, ihre Zeit totzuschlagen, dachte er.

»Doch übrigens,« sagte er sich weiter, »es ist wahr: ich kann nicht daran denken, meine Lebensweise zu ändern, so lange das Schicksal der Maslow nicht entschieden ist. Alles hängt davon ab, was man mit ihr anfängt; ob man ihr die Freiheit wiedergiebt oder sie nach Sibirien schickt; denn in diesem Falle gehe ich mit ihr mit!«

Am festgesetzten Tage begab sich Nechludoff zu dem Advokaten Fajnitzin, der ein großes, prachtvolles Haus bewohnte, das mit seltenen Pflanzen geschmückt, mit prächtigen Vorhängen an den Fenstern und einem teuren und geschmacklosen Mobiliar ausgestattet war, wie man es nur bei Leuten sieht, die ohne Mühe und niedrige Mittel allzu schnell reich geworden sind. In dem Wartezimmer fand Nechludoff zehn Klienten, die wie bei einem Zahnarzt traurig an den Tischen saßen, darauf warteten, bis sie an die Reihe kamen, und in der Lektüre alter illustrierter Zeitungen einigen Trost suchten. Doch der Sekretär des Advokaten, der im Hintergründe des Salons an einem imposanten Schreibtisch thronte, erkannte Nechludoff sofort, trat auf ihn zu und sagte ihm, er würde seinen Chef von seiner Anwesenheit unterrichten.

In demselben Augenblick öffnete sich die Thür von Fajnitzins Zimmer, und man sah den Advokaten heraustreten, der eine äußerst lebhafte Unterhaltung mit einem vierschrötigen jungen Manne mit einem dicken, roten Gesicht fortsetzte, der einen sehr schönen neuen Anzug trug. Seine und Fajnitzins Gesichtszüge zeigten den eigentümlichen Ausdruck, den man auf den Zügen von Männern liest, die eben ein ausgezeichnetes, allerdings nicht sehr sauberes, aber doch ausgezeichnetes Geschäft beendet haben.

»Das ist Ihre Schuld, Väterchen!« sagte Fajnitzin lächelnd, »Ich möchte gern ins Paradies kommen, aber meine Sünden lassen es nicht zu!«

»Das ist gut, das ist gut, alter Spaßvogel; man weiß schon, wie es damit steht.«

Dabei fingen beide affektiert zu lachen an.

»Ah, Fürst, haben Sie die Güte, einzutreten,« sagte Fajnitzin, als er Nechludoff bemerkte, und führte ihn in sein Arbeitszimmer, das im Gegensatz zu seinem Salon mit strenger Einfachheit ausgestattet war.

»Legen Sie sich bitte keinen Zwang auf; rauchen Sie ganz nach Belieben,« sagte er, indem er Nechludoff gegenüber Platz nahm und sich bemühte, das Lächeln zu verbergen, das der Gedanke an das eben abgeschlossene gute Geschäft in ihm hervorrief.

»Ich danke!« versetzte Nechludoff; »ich komme wegen des Falles Maslow …«

»Ja, ja, ganz recht! Ach, was sind diese reichen Bürger doch für Hallunken! Sie haben doch eben den Kerl gesehen, der vorhin fortging? Denken Sie sich, er hat zwölf Millionen Kapital! Aber wenn er Ihnen einen Fünfundzwanzigrubelschein abknüpfen kann, dann wird er ihn Ihnen eher mit den Zähnen fortreißen, ehe er ihn Ihnen läßt!«

Der Advokat sagte das in vertraulichem, scherzhaftem Tone, als wollte er Nechludoff daran erinnern, daß er mit ihm auf gleicher Stufe stand, während er weder mit seinem vorigen Besucher, noch mit denen, die im Salon auf ihn warteten, etwas gemein hatte.

»Ich bitte Sie um Verzeihung, aber der Kerl hat mich wirklich zu sehr geärgert; ich mußte mein Herz ein bißchen ausschütten,« fuhr er fort, als wollte er sich wegen der Abschweifung entschuldigen. – »Kommen wir jetzt zu unserer Sache! Ich habe die Akten genau studiert. Dieses verdammte Verteidigerchen war ja unter der Kanone! Er hatte sich alle Annullierungsgründe entgehen lassen!«

»Und was beschließen Sie?«

»Ich stehe in einer Minute ganz zu Ihrer Verfügung,« – »Sagen Sie ihm,« erklärte er seinem Sekretär, der eben eingetreten war und ihm eine Karte übergeben hatte, »sagen Sie ihm, es wird so geschehen, wie ich gesagt habe; wenn er die Mittel hat, so ist es gut; wenn nicht, geschieht nichts!«

»Aber er meint, er könne auf Ihre Bedingungen nicht eingehen!«

»Dann geschieht also nichts,« entgegnete Fajnitzin, und sein so fröhliches und liebenswürdiges Gesicht wurde für einen Augenblick düster und bösartig.

»Man behauptet, die Advokaten verdienten Geld, ohne etwas zu thun,« sagte er, sich wieder zu Nechludoff wendend, mit diensteifrigem Lächeln, »Denken Sie sich, ich habe einen bösen Schuldner von einem schlimmen Prozeß befreit, den zu verlieren er alle Chancen hatte, und jetzt wenden sich alle seine »Gesinnungsgenossen« an mich! Und wenn Sie wüßten, was mir das für Mühe macht! Ich muß mir doch meinen Lebensunterhalt verdienen! Um aber auf Ihre Sache zurückzukommen, oder vielmehr auf die Sache, die Sie interessiert, so ist sie, wie ich Ihnen sagte, ganz liederlich geführt worden. Gute Gründe zur Annullierung des Urteils habe ich nicht gefunden, aber man kann schließlich immerhin den Versuch machen, welche zu entdecken. Sehen Sie, da habe ich einen Entwurf der Berufung für Sie fertiggestellt.«

Er nahm ein Papier vom Tische und begann laut zu lesen, wobei er über die juristischen Formeln sehr schnell hinwegging und dafür andere Stellen betonte.

»Berufung vor der Kassations-Kriminalkammer des Senats u.s.w. u.s.w. … gegen das Urteil des Schwurgerichtshofes u.s.w. verurteilt die unverehelichte Katharina Maslow zur Strafe von u.s.w. u.s.w. … Zwangsarbeit … wegen Mordes begangen an der Person des … u.s.w. … auf Grund des Paragraphen u.s.w.«

Hier hielt der Advokat inne und richtete die Augen auf Nechludoff. Trotz seiner langen Gewohnheit hörte er mit offenbarem Wohlgefallen das schöne Dokument, das er da zu stande gebracht.

»Dieses Urteil,« fuhr er fort, »scheint aus so schweren gesetzlichen Irrtümern und Fehlern hervorgegangen zu sein, daß es nicht aufrecht erhalten bleiben darf. Erstens ist die Verlesung des Protokolls über den Leichenbefund des Kaufmanns Smjelkoff vor dem Schlusse vom Präsidenten unterbrochen worden.«

»Aber der Staatsanwalt hat ja diese Verlesung gefordert!« sagte Nechludoff ganz überrascht.

»O, das thut nichts! Die Verteidigung konnte sich darauf auch stützen.«

»Aber dieses Dokument hatte doch für einen andern keinen Nutzen.«

»Gleichviel; es ist immer ein Annullierungsgrund! Fahren wir fort: zweitens ist der Verteidiger der Maslow im Augenblick vom Präsidenten unterbrochen worden, als er die Personalien der Angeklagten charakterisieren wollte und die intimen Gründe ihres Falles auseinandersetzte, die nach Ansicht des Präsidenten mit der Sache nichts zu thun hätten; doch in Kriminalfällen ist, wie der Senat erst kürzlich festgestellt hat, die psychologische Erklärung des Charakters für die Abschätzung des Grades der Kriminalität von größter Wichtigkeit. Das ist der zweite Punkt!« sagte der Advokat, indem er die Augen von neuem auf Nechludoff richtete.

»Der Verteidiger sprach sehr schlecht,« sagte dieser; »man konnte von dem, was er sprach, nichts verstehen.«

»Das hatte ich geahnt; solch kleiner Schafskopf konnte nur dummes Zeug schwätzen. Aber schließlich kann man darin immerhin einen Grund zur Annullierung finden. Aber hören Sie die Fortsetzung: drittens hat der Präsident, im Gegensatz zu dem Artikel … des Kriminalstrafverfahrens den Geschworenen nicht auseinandergesetzt, daß sie erklären konnten, die Maslow hätte, als sie dem Kaufmann Smjelkoff das Gift ins Glas schüttete, nicht die Absicht zu töten gehabt. Deshalb konnte das Urteil der Geschworenen zu stande kommen; hätte sie der Präsident dagegen von der Möglichkeit einer solchen Einschränkung unterrichtet, so hätte die von der Maslow begangene Handlung nicht als Mord, sondern als fahrlässige Tötung aufgefaßt werden können; das ist sehr wichtig!«

»Aber das hätten wir ja selbst begreifen können, ohne daß man es uns zu erklären brauchte! Denn wir allein sind für den begangenen Irrtum verantwortlich!«

»Endlich, viertens: ist die Antwort der Geschworenen in einer Form abgefaßt, die einen Widerspruch in sich schließt. Die Geschworenen haben anerkannt, daß die Maslow nicht schuldig ist, sich das Geld des Kaufmanns Smjelkoff angeeignet zu haben, während sie sie andererseits schuldig fanden, ihn vergiftet zu haben; daraus geht hervor, daß die Angeklagte nach Ansicht der Geschworenen wohl den Kaufmann Smjelkoff getötet hat, doch ohne die Absicht dazu zu haben, denn nur der Wunsch, ihn zu bestehlen, könnte eine solche Absicht bei ihr erklären. Infolgedessen fiel diese Antwort der Geschworenen unter den Artikel 817 und folgende, und der Präsident hätte die Pflicht gehabt, die Geschworenen auf den begangenen Irrtum aufmerksam zu machen und sie zur Fertigstellung einer neuen Antwort in ihr Beratungszimmer zurückzuschicken.«

»Aber warum hat der Präsident das nicht gethan?«

»Ja, das ist seine Sache,« versetzte Fajnitzin fröhlich.

»Und glauben Sie, daß der Senat den Irrtum berichtigen wird?«

»Das hängt von den Senatoren ab, in deren Hände die Berufung fällt. Hören Sie jetzt die Schlußfolgerung!«

Nun las der Advokat Nechludoff noch einen langen Abschnitt vor, in welchem er sich auf zahlreiche Artikel des Strafgesetzbuches und verschiedene Präcedenzfälle stützte; zum Schluß verlangte er, das Urteil solle kassiert und der Fall einem neuen Gericht vorgelegt werden.

»So!« sagte der Advokat schließlich. »Alles, was man thun konnte, habe ich gethan; doch ich will Ihnen aufrichtig meine Ansicht sagen, wir haben fast keine Chancen, durchzudringen. Übrigens hängt alles von den Senatoren ab, die in der Kassationskammer sitzen. Wenn es Ihnen möglich ist, suchen Sie die Sache nach dieser Seite hin zu günstigem Ende zu führen.«

»Ja, ich habe einige Verbindungen im Senat.«

»Und beeilen Sie sich, denn diese ehrwürdigen Beamten dürften bald ihre Hämorrhoiden pflegen, und dann müssen Sie drei Monate warten. Im Fall des Nichterfolges haben wir dann noch das Mittel eines Gnadengesuchs. Alles hängt von der Arbeit hinter den Kulissen ab, und ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich auch in diesem Fall zu Ihrer Verfügung stehe, sowohl um hinter den Kulissen zu arbeiten, wie auch um das Gesuch aufzusetzen.«

»Ich danke Ihnen herzlich … Und was das Honorar betrifft …«

»Mein Sekretär wird Ihnen eine Kopie des Dokumentes mit allen Angaben über die noch zu machenden Schritte geben.«

»Noch um eins möchte ich Sie bitten. Der Staatsanwalt hat mir einen Erlaubnisschein gegeben, die Verurteilte in ihrem Gefängnis zu sprechen; doch ich möchte sie auch außer den Besuchstagen und anderswo als in dem gemeinsamen Sprechzimmer sehen. An wen habe ich mich zu wenden, um die Erlaubnis zu erhalten?«

»An den Gouverneur! Doch er ist augenblicklich abwesend, und der Vizegouverneur vertritt ihn. Ein Idiot sondergleichen; ich zweifle, daß Sie bei dem etwas durchsetzen.«

»Maslinnikoff, nicht wahr? Den kenne ich genau,« sagte Nechludoff und stand auf, um sich zu verabschieden.

Während Nechludoffs Unterredung mit dem Advokaten war eine kleine, schrecklich häßliche, gelbliche und knochige Frau schnellen Schrittes in das Wartezimmer getreten. Das war Fajnitzins Frau. Ohne sich von ihrer Häßlichkeit entmutigen zu lassen, war sie mit größtem Luxus gekleidet. Sie hatte Spitzen, Sammet und Seide auf dem Leibe, und ihre aschfahlen Haare waren in der auffallendsten Weise frisiert. Sie war in den Salon gestürzt, wo ihr ein großer, magerer Mann mit erdfahlem Teint entgegeneilte, der einen Gehrock mit seidenen Aufschlägen trug. Es war ein Schriftsteller; Nechludoff kannte ihn von Ansehen.

»Anatole!« sagte die Dame zu ihrem Gatten und öffnete die Thür seines Arbeitszimmers; »Simon Iwanowitsch ist da! Wir erwarten dich im kleinen Salon! Er bringt sein Gedicht mit, und du wirst uns deinen Aufsatz über Garschin vorlesen!«

Nechludoff wollte sich verabschieden, doch die Dame wandte sich zu ihm:

»Fürst Nechludoff, nicht wahr? Ich kenne Sie schon seit langer Zeit dem Namen nach. Machen Sie uns doch das Vergnügen, unserer literarischen Matinee beizuwohnen. Es wird sehr interessant, Anatole liest vollendet vor.«

»Sie sehen, was für verschiedenartige Beschäftigungen ich habe!« sagte Anatole lächelnd und deutete mit einer Handbewegung auf seine Frau, als wolle er sagen, einem so verführerischen Weibe könne man nichts abschlagen.

Doch Nechludoff dankte sehr höflich, allerdings mit etwas kühlem Gesicht, Frau Fajnitzin für die Ehre, die sie ihm erwies, und sagte ihr, er könne zu seinem großen Bedauern nicht annehmen.

»Was ist das für ein Grimassenschneider!« sagte die Dame von ihm, als er sich entfernt hatte.

Im Salon übergab der Sekretär Nechludoff eine Abschrift der Berufung und antwortete auf seine Frage wegen des Honorars, Anatole Petrowitsch habe dasselbe auf tausend Rubel festgesetzt, wobei er erklärend hinzufügte, Anatole Petrowitsch befasse sich nie mit Geschäften dieser Art und habe diese Sache nur aus reiner Gefälligkeit übernommen.

»Und wer muß dieses Papier unterzeichnen?« fragte Nechludoff.

»Die Angeklagte kann es selbst unterzeichnen, wenn sie dazu im stande ist, sonst wird es Anatole Petrowitsch für sie unterzeichnen.«

»Nein, ich werde der Verurteilten das Papier bringen und es von ihr unterzeichnen lassen,« rief Nechludoff, glücklich, einen Vorwand zu haben, um sich schon am nächsten Morgen mit Katuscha wieder aussprechen zu können.

Erstes Kapitel

Als Nechludoff erfahren, die Berufung der Maslow würde wahrscheinlich in vierzehn Tagen vor den Senat gelangen, hatte er den Entschluß gefaßt, nach St. Petersburg zu fahren, um dort die nötigen Schritte zu thun, und auch, im Falle die Berufung verworfen werden sollte, das Gnadengesuch vorzulegen, wie es ihm der Advokat geraten hatte. Da Nechludoff noch immer auf seiner Absicht beharrte, ihr überallhin, selbst nach Sibirien zu folgen, so war er entschlossen, diese vierzehntägige Wartezeit zu benutzen, um seine verschiedenen Besitzungen eine nach der andern zu besuchen und ein für allemal Ordnung in seine Angelegenheiten zu bringen. Zuerst begab er sich nach Kuzminskoja. Das war von allen seinen Besitzungen die nächste und auch die bedeutendste, die ihm das größte Einkommen brachte. Hier hatte er in seiner Jugend gelebt und war später zu wiederholten Malen hierher zurückgekehrt.

Gegen Mittag kam er nach Kuzminskoja. Seine allgemeine Lebensauffassung hatte sich so sehr vereinfacht, daß er nicht einmal daran gedacht hatte, seinem Verwalter, einem Deutschen, zu telegraphieren, um ihm seinen Besuch anzukündigen. Als er aus dem Waggon stieg, hatte er einen Wagen genommen, um sich nach seiner Besitzung fahren zu lassen. Der Kutscher, ein junger Bauer, sprach frei von der Leber weg über den Verwalter von Kuzminskoja, ohne zu ahnen, daß er mit dem Gutsherrn zu thun hatte.

»Er pflegt sich gut, dieser verschlagene Deutsche!« sagte er, sich auf seinem Bocke umdrehend. »Er hat sich eine Troika mit prächtigen Pferden geleistet und fährt mit seiner Alten spazieren, wo es ihm gut dünkt! Im Winter hatte er zu Weihnachten einen schönen, aufgeputzten Baum, wie man im ganzen Gouvernement keinen zweiten findet. Ach, er hat Geld zusammengescharrt, der Kerl! Und warum auch nicht? Er kann ja alles thun! Man sagt, er habe sich eine Besitzung gekauft!«

Nechludoff war es gleichgültig, wie sein Verwalter sein Gut leitete; aber trotzdem machte, die Erzählung des Kutschers einen peinlichen Eindruck auf ihn, der erst verschwand, als er in Kuzminskoja ankam und sich mit der Regelung seiner Angelegenheiten zu befassen begann. Die Prüfung der Gutsregister und die Erklärungen eines Angestellten, der ihm naiverweise die Vorteile auseinandersetzte, die sich für die Besitzung daraus ergeben würden, wenn die Bauern sehr wenig eigenes Land besäßen, das alles bestärkte ihn in seinem Entschlusse, auf die Ausbeutung des Gutes für eigene Rechnung zu verzichten, und sein ganzes Land den Bauern abzutreten. Die Prüfung der Register und die Erklärungen des Kommis bewiesen ihm tatsächlich, daß genau so wie früher zwei Drittel seiner Felder von seinen Ackerknechten mit vorzüglichen Apparaten bebaut wurden, während ein Drittel die Bauern bewirtschafteten, denen man für den Morgen fünf Rubel gab. Mit anderen, Worten, gegen Bezahlung von fünf Rubeln verpflichtete sich der Bauer, einen Acker Land zu bebauen, zu säen, zu mähen, d, h. eine Arbeit zu verrichten, für die ein Ackerknecht wenigstens zehn Rubel pro Morgen verlangte. Außerdem ließ man die Bauern alles, was ihnen das Bureau lieferte, zu einem sehr teuren Preise bezahlen.

Das alles war nichts Neues für Nechludoff; aber es erschien ihm neu, und er wunderte sich, daß er so lange nicht verstanden hatte, wie unnatürlich ein solcher Zustand war. Deshalb bat er den Verwalter, schon am nächsten Morgen die Bauern von Kuzminskoja und den umliegenden Dörfern zusammenzuberufen, damit er ihnen selbst von seinem Entschlusse Mitteilung machen und sich über den Pachtzins mit ihnen verständigen konnte.

Entzückt von der Energie, mit der er den Beweisgründen des Verwalters widerstanden, verließ Nechludoff das Bureau und ging in der Nähe des Hauses spazieren. So vergingen die letzten Stunden des Tages. Als er den Plan der Rede entworfen, die er am Morgen an die Bauern halten wollte, kehrte er ins Haus zurück, nahm den Thee mit dem Verwalter ein und ging dann vollkommen ruhig, zufrieden und auf sich selbst stolz, für die Nacht in das Schlafzimmer hinauf, das man für ihn bestimmt hatte, und das stets für Logierbesuch bereit gehalten wurde.

Um den heftig auf ihn einstürmenden Gedanken zu entgehen, legte er sich in die frischen Betten und versuchte zu schlafen, indem er sich sagte, am nächsten Morgen würde er ruhigen Kopfes all die Probleme lösen, aus denen er jetzt keinen Ausweg fand. Doch der Schlaf wollte nicht kommen. Durch die halbgeöffneten Fenster drang mit der scharfen Nachtluft und den Strahlen des Mondes, das Quaken der Frösche zu ihm, in das sich im fernen Park der klagende Gesang der Nachtigall mischte; eine Nachtigall sang sogar ganz in seiner Nähe unter seinen Fenstern in einem Hollunderbusch. Der Gesang dieses Vogels lenkte seine Gedanken auf die Musik der Tochter des Direktors, und er dachte an den Direktor selbst und an die Maslow. Er sah wieder, wie ihre Lippen zitterten, während sie zu ihm sagte: »Sie müssen mich verlassen!« Plötzlich hatte er die Empfindung, der Deutsche, sein Verwalter, fiele in den Froschteich. Er fühlte, er hätte die Pflicht, ihn herauszufischen; doch statt dessen war er plötzlich die Maslow geworden und rief: »Ich bin eine Zuchthäuslerin, und du bist ein Fürst!«

Er schüttelte sich, erhob den Kopf und fragte sich: »Ist das, was ich thue, gut oder schlecht? Ah bah, das werde ich morgen früh erfahren!«

Dann schlief er endlich ein.

Am nächsten Morgen erwachte Nechludoff erst um neun Uhr.

Der junge Kommis brachte ihm seine Stiefel, stellte einen Krug frischen und klaren Quellwassers neben sein Bett und teilte ihm mit, daß die Bauern sich bereits versammelten. Nechludoff sprang aus dem Bett, und die Ereignisse des vorigen Tages kamen ihm wieder in den Sinn. Während er sich ankleidete, freute er sich der Handlung, die er vollführen wollte, und in seine Freude mischte sich unwillkürlich ein gewisser Stolz. Das Wetter hatte sich in der Nacht verändert, ein leiser, feiner und warmer Regen fiel seit dem Morgen und heftete seine Tropfen an die Blätter und Gräser. Nechludoff sah, wie sich die Bauern auf dem Rasen versammelten. Einer nach dem andern kamen sie, grüßten sich, stellten sich im Kreise auf und plauderten, sich auf ihre Stücke stützend.

Der Verwalter, ein dicker, vierschrötiger Mann, der einen kurzen Rock mit grünem Kragen und ungeheuren Knöpfen trug, trat in das Zimmer. Er sagte zu Nechludoff, es wären alle versammelt, doch man könne noch warten. Dann fragte er ihn, was er zum Frühstück lieber nehmen wolle, Kaffee oder Thee.

»Nein, ich danke, wir wollen lieber das Geschäft in Ordnung bringen,« versetzte Nechludoff. Er empfand ein ihm noch ungewohnteres Gefühl, als am vorigen Abend, ein Gemisch der Schüchternheit und Scham, wenn er an seine Unterredung mit den Bauern dachte.

Er schickte sich an, den innigsten Wunsch der Bauern zu erfüllen, einen Wunsch, dessen Verwirklichung sie nicht einmal zu träumen wagten. Er wollte ihnen alle Aecker des Dorfes zu niedrigen Preisen überlassen und ihnen diese kostbare Wohlthat anbieten. Trotzdem verspürte er, ohne daß er recht wußte, warum, eine gewisse Verlegenheit. Als er sich den Bauern genähert hatte und sah, wie sie alle vor ihm die Mützen abrissen, und ihre blonden, schwarzen, grauen, lockigen und kahlen Köpfe entblößten, wurde seine Verwirrung so groß, daß er längere Zeit nicht sprechen konnte. Das peinliche Schweigen wurde endlich von dem Verwalter unterbrochen, der zu den Bauern sagte:

»Hört, der Fürst will euch Gutes thun, er will euch die Aecker abtreten, obwohl ihr es nicht verdient,«

»Wie sollten wir es nicht verdienen, Basil Karlitsch? arbeiten wir nicht für dich?« versetzte ein kleiner rothaariger Bauer. »Wir waren mit der seligen Fürstin sehr zufrieden – der Herr schenke ihr die ewige Ruhe – und der junge Fürst hat, wie wir sehen, die Gnade, uns auch nicht zu verlassen.«

»Wir haben hohe Achtung vor der Herrschaft, aber das Leben ist hart,« versetzte ein anderer Bauer, ein Mann mit dickem Gesicht und langem Bart.

»Ich habe euch zusammenberufen, um euch mitzuteilen, daß ich euch, wenn ihr wollt, alle meine Aecker abtrete,« erklärte Nechludoff.

Die Bauern blieben stumm, als ob sie die Worte des »Barin« nicht verstanden hätten, bis sich einer von ihnen endlich zu der Frage erkühnte:

»Und in welcher Weise wollen Sie uns, bitte, die Aecker abtreten?«

»Ich möchte sie euch vermieten, damit ihr sie billig bekommt und daraus Nutzen ziehen könnt.«

»Ein gutes Geschäft!« sagte ein alter Mann.

»Wenn wir den Preis nur erschwingen können,« meinte ein anderer.

»Das ist leicht gesagt, aber zum Bezahlen braucht man Geld,« ließ sich eine andere Stimme vernehmen.

»Das ist eure Schuld, wenn ihr keins habt,« erklärte der Deutsche. »Ihr braucht nur zu arbeiten und euer Geld zu behalten.«

»Sie haben leicht reden, aber wir können nicht mehr thun, als wir thun.«

So ging ein unerwarteter und unnützer Schwall von Worten weiter, wobei jeder ohne Zweck und selbst ohne zu wissen, warum, sprach. Nechludoff versuchte ungeduldig die Unterredung auf den Gegenstand zurückzuführen, den er auf dem Herzen hatte, und fragte:

»Nun, was beschließt ihr hinsichtlich der Überlassung meiner Aecker, willigt ihr ein? und welchen Pachtpreis bietet ihr mir?«

»Sie sind der Händler, Sie müssen den Preis festsetzen.«

Nechludoff setzte einen Preis fest, der weit geringer war, als der, den man gewöhnlich zahlte; doch die Bauern fingen natürlich trotzdem zu feilschen an und fanden ihn zu hoch. Nechludoff hatte erwartet, sein Vorschlag würde mit Begeisterung aufgenommen werden, doch er hatte sich geirrt und von der Freude der Bauern war, wenn sie überhaupt vorhanden war, nichts zu merken. Endlich wurde mit Hilfe des Verwalters ein Preis festgesetzt, man kam über die Zahlungstermine überein, die Bauern zerstreuten sich unter lautem Geschrei und heftigen Bewegungen, und Nechludoff ging wieder ins Bureau, um den Pachtvertrag aufzusetzen. Am nächsten Morgen, als er alles mit dem Verwalter erledigt, fuhr er wieder nach dem Bahnhof. Die Bauern, denen er begegnete, zankten und stritten sich noch immer und schüttelten mit unzufriedener Miene den Kopf. Und auch er war mit sich selbst unzufrieden, ohne zu wissen, warum; unwillkürlich fühlte er sich traurig und schämte sich ein wenig.

Von Kuzminskoja begab sich Nechludoff nach der Besitzung, die er von seinen Tanten geerbt, und auf der er einst Katuscha kennen gelernt. Auch hier wollte er sich, wie in Kuzminskoja, mit den Bauern wegen Ueberlassung seiner Aecker verständigen und sich gleichzeitig möglichst genau nach Katuscha und ihrem Kinde erkundigen. War das letztere wirklich tot, oder hatte seine Mutter es nur im Stiche gelassen?

Er kam ziemlich früh in das Dorf, in welchem die Besitzung lag, und war zuerst, als er in den Hof trat, von dem Verfall aller Gebäude heftig betroffen. Nur der Garten war nicht nur nicht verfallen, sondern hatte sich frei und ungehindert entwickelt, alles stand in voller Blüte.

Der Inspektor, ein durchgefallener Seminarist, kam Nechludoff lächelnd entgegen; lächelnd forderte er ihn zum Eintritt auf, und lächelnd ließ er ihn im Bureau Platz nehmen, gerade, als wenn er durch sein Lächeln irgend etwas Besonderes ausdrücken wollte.

»Um wieviel Uhr befehlen Sie das Mittagessen?« fragte er den Gutsherrn lächelnd.

»Wann Sie wollen; ich habe keinen Hunger; jetzt will ich einen Rundgang durch das Dorf machen.«

»Möchten Sie nicht zunächst in mein Haus treten? es ist alles in Ordnung. Nicht wahr, Sie entschuldigen, wenn draußen …«

»Jetzt nicht, später! Aber sagen Sie mir, wissen Sie, ob hier eine Frau Namens Matrena Tscharina wohnt?«

So hieß Katuschas Tante, bei der sie niedergekommen war.

»Die Tscharina? ja, gewiß, die wohnt hier im Dorfe. Ach, was die mir für Sorgen macht! Sie besitzt nämlich die Dorfschenke. Ich schelte sie aus, und drohe ihr, sie fortzuschicken, wenn sie nicht bezahlt, aber im letzten Augenblick geht es doch über meine Kräfte, und ich habe Mitleid mit ihr. Die arme Alte! Dann hat sie auch Kinder bei sich,« fügte der Inspektor lächelnd hinzu.

»Und wo wohnt sie? ich möchte sie aufsuchen!«

»Am Ende des Dorfes, auf der andern Seite das drittletzte Haus. Zur linken Seite erblicken Sie ein Ziegelhaus, und gleich darauf kommt ihre Kneipe. Uebrigens werde ich Sie hinführen, wenn Sie wollen.«

»Nein, ich danke, ich werde schon finden. Inzwischen möchte ich Sie bitten, die Bauern vor dem Hause zusammenzurufen, weil ich mich mit ihnen wegen der Aecker zu verständigen habe.«

Der Tag war klar und warm, sogar zu warm für die Jahreszeit; die Wolken häuften sich zusammen und bedeckten zeitweise die Sonne. Die lange ansteigende Straße, die das Dorf bildete, war vollständig mit einem scharfen, beißenden, aber nicht unangenehmen Düngergeruch angefüllt, der gleichzeitig von den Wagen aufstieg, die die Straße entlang fuhren und außerdem den Misthaufen entströmten, die in den Höfen lagerten, deren Thüren weit offen standen. Die Bauern, die mit nackten Füßen und Mistflecken auf ihren Hemden und Hosen hinter den Wagen herschritten, betrachteten neugierigen Blickes den großen und kräftigen »Barin« in seinem mit Seide gefütterten grauen Tuchanzug, wie er mit seinem schönen Stock mit dem silbernen Knopf im Dorfe spazieren ging. Die Weiber verließen ihre Häuser, um ihm nachzusehen, folgten ihm mit den Augen, und eine zeigte ihn der andern. Vor einer der Thüren wurde Nechludoff beim Vorübergehen von einem großen Wagen aufgehalten, der, bis oben mit Dünger beladen, aus einem Hofe fuhr. Ein junger Bauer war damit beschäftigt, die Pferde auf die Straße zu ziehen. Ein graublaues Füllen passierte bereits das Thor, als es vor Nechludoff erschrak und sich wieder an seine Mutter drängte, die eine unruhige Bewegung machte und einen Augenblick wieherte. Das alles geschah unter den Augen eines alten, mageren und trockenen Bauern, der ebenfalls barfüßig war und eine gestreifte Hose und eine blaue Blouse trug.

Als sich der Wagen endlich auf der Straße befand, trat der Greis vor die Thür und verneigte sich vor Nechludoff.

»Sie sind wohl der Verwandte unserer beiden seligen Fräuleins?«

»Ja, ganz recht!« »Seien Sie willkommen,« fuhr der Bauer fort, der gern plauderte.

»Na, und wie lebt Ihr?« fragte Nechludoff, der nicht wußte, was er sagen sollte.

»Wie wir leben? ach, unser Leben ist leider recht elend,« entgegnete der Alte.

»Elend? weshalb?« fragte Nechludoff, sich der Thür nähernd.

»Ach, es ist ein trauriges Leben!«

Während des Sprechens drängte der Greis Nechludoff in das Innere des Hofes zurück.

»Siehst du, ich habe in meinem Hause zwölf Personen,« fuhr er fort und deutete mit dem Finger auf zwei Weiber, die mit aufgekrempelten Aermeln, die Röcke bis über die Kniee aufgeschürzt, mit Mistgabeln in der Hand, auf dem Rest des Düngerhaufens standen.

»Alle Monate muß ich sechs Pfund Mehl kaufen, und wo sie hernehmen?«

»Hast du denn kein eigenes Mehl?«

»Eigenes Mehl?« rief der Greis mit verächtlichem Lächeln. »Was ich an Land habe, genügt gerade für drei Personen; zu Weihnachten ist der ganze Vorrat erschöpft.«

»Aber was fangt Ihr denn dann an?«

»Man muß sich eben einrichten. Einer meiner Söhne ist im Dienst, und dann leihen wir auch bei Ew. Exzellenz. Wenn man wenigstens die Abgaben bezahlen könnte!«

»Wieviel betragen die Abgaben?«

»Siebzehn Rubel, nur für uns allein!«

»Könnte ich vielleicht in dein Haus eintreten?« fragte Nechludoff, indem er weiter auf dem Hofe vorschritt.

»Aber gewiß,« versetzte der Greis, ging Nechludoff mit seinen nackten Füßen schnell voran und öffnete ihm die Hausthür, während die Weiber mit einer gewissen Furcht diesen eleganten, saubern Herrn mit seinen goldenen Manschettenknöpfen betrachteten, der Miene machte, ihr Haus zu betreten.

Nechludoff durchschritt einen kleinen Gang und kam in die enge und dunkle Isba. Dort stand am Ofen ein altes Weib, deren aufgekrempte Aermel die mageren Arme und schwarzen Hände mit den hervortretenden Adern sehen ließen.

»Das ist unser »Barin«, der uns einen Besuch abstatten will,« sagte der Alte zu ihr.

»Meinen tiefsten Gruß,« versetzte die Alte, sich verneigend.

»Ich wollte einmal ein bißchen sehen, wie ihr lebt,« sagte Nechludoff.

»Das kannst du ja sehen, wie wir leben,« entgegnete keck die alte Frau und schüttelte mit bezeichnender Miene den Kopf. »Die Isba ist dem Einsturze nahe und wird sicherlich einen totschlagen, doch der Alte findet es gut so. Du siehst, ich bin gerade dabei, das Essen zu bereiten, ich ernähre das ganze Haus.«

»Na, und was habt Ihr heute zum Essen?«

»Was wir zum Essen haben? Erster Gang: Kwaß und Brot, zweiter Gang: Brot und Kwaß.«

Dabei fing die Alte laut an zu lachen und riß ihren großen zahnlosen Mund weit auf.

»Nein, nein, ohne Scherz, zeigt mir, was Ihr heute zum Essen habt.«

»Na, Mutter,« sagte der Alte, »zeige es ihm doch.«

Seine Frau schüttelte von neuem den Kopf.

»Haha, du bist aber ein merkwürdiger »Barin«; so einen wie du habe ich noch nie gesehen. Alles will er wissen. Na, wir haben Brot und Kwaß, und dann noch Kohlsuppe und Kartoffeln.«

»Ist das alles?«

»Na, was soll denn noch sein?« versetzte die Alte mit pfiffigem Lächeln.

Durch die offen gebliebene Thür sah Nechludoff, daß der ganze Korridor mit Leuten angefüllt war. Da standen Kinder, junge Mädchen, Weiber mit Säuglingen auf den Armen, und diese ganze Schar drängte sich vor die Thür und betrachtete den seltsamen Gutsherrn, der sich nach der Nahrung von Muschiks erkundigte.

»Ja, unser Leben ist recht traurig; das kann man wohl sagen,« fuhr der Alte fort. »Na, hört mal, was wollt Ihr denn hier?« rief er, sich den Neugierigen zuwendend, die Miene machten, einzutreten.

»Na, jetzt Adieu, ich danke Euch,« sagte Nechludoff, der ein Gemisch von Unbehagen und Scham empfand.

»Herzlichen Dank, daß Sie uns besucht haben,« versetzte der Alte.

Im Korridor trat die Menge schnell vor Nechludoff zur Seite und ließ ihn mit aufgesperrten Mäulern vorüber. Doch auf der Straße bemerkte er zwei barfüßige kleine Jungen, die hinter ihm herliefen. Der eine, der ältere, trug ein schmutziges Hemd. Nechludoff wandte sich nach ihnen um, und der Kleine mit dem weißen Hemd fragte ihn:

»Wo gehst du denn jetzt hin?«

»Ich gehe zu Matrena Tscharina,« antwortete Nechludoff; »kennt ihr sie?«

Der kleinste der beiden Jungen fing an zu lachen, doch der andere erwiderte sehr ernsthaft:

»Was für eine Matrena; ist sie alt?«

»Ja, eine Alte!«

»Dann wird es sicher die Semenitscha sein. Das ist am andern Ende des Dorfes, wir werden dich hinführen, nicht wahr, Fedka, wir werden ihn hinführen?«

»Und die Pferde?«

»Ah bah, das thut nichts!«

Fedka willigte ein, und alle drei gingen die lange Dorfstraße hinauf.

Nechludoff fühlte sich sehr behaglich bei den beiden Jungen, die ihn übrigens den ganzen Weg mit ihrem Geschwätz erheiterten. Der kleinere, das Kind im rosa Hemde, lachte nicht mehr und sprach ebenso ernst und verständig, wie sein Gefährte.

»Na, wer ist denn der Aermste im Dorfe?« fragte Nechludoff.

»Wer Aermste? Michael ist arm, und Semen Makaroff ist arm, aber Martha ist doch noch ärmer.«

»Aber Anissja ist doch noch ärmer; Anissja hat nicht einmal eine Kuh, sie bettelt.«

»Das ist wahr, daß sie keine Kuh hat, aber bei ihr sind nur drei, und bei Martha sind fünf.«

»Ja, aber Anissja ist Witwe!«

»Du sagst, Anissja ist Witwe; aber Martha ist doch eben so gut wie Witwe, sie hat doch auch keinen Mann.«

»Wo ist denn ihr Mann?« fragte Nechludoff.

»Der pflegt seine Läuse im Gefängnis,« versetzte das ältere Kind.

»Im vorigen Jahr,« unterbrach der Kleine, »hat er zwei Birken gefällt, da haben sie ihn ins Gefängnis gesteckt. Seit sechs Monaten sitzt er nun, sie hat drei Kinder, und die ernährt die Mutter.«

»Und wo wohnt sie?«

»Das ist gerade ihr Haus,« sagte der Bursche und zeigte mit dem Finger auf ein Haus, vor welchem ein ganz kleiner Junge mit weißem Kopfe auf krummen Beinen mühselig auf- und abging.

»Wanja, du Taugenichts, willst du wohl schnell hereinkommen?« rief vom Hause her eine noch junge Frau, die einen so schmutzigen Rock und ein eben solches Hemd trug, daß man hätte glauben können, beides wäre mit Asche überschüttet. Sie stürzte ängstlich nach der Straße, ergriff ihr Kind und trug es ins Haus.

»Na, und Matrena? ist die auch arm?« fragte Nechludoff.

»Wie soll die denn arm sein? die verkauft ja Schnaps,« versetzte der kleine Junge in dem rosa Hemd in entschiedenem Tone.

Vor Matrenas Thür nahm Nechludoff von seinen beiden Begleitern Abschied. Das Haus der alten Frau war klein, und enthielt nur ein einziges Zimmer. Als Nechludoff eintrat, war Matrena eben im Begriff, mit Hilfe ihrer ältesten Enkelin alles in Ordnung zu bringen. Zwei andere Kinder kamen, als sie den Fremden bemerkten, aus dem Winkel hervor und stellten sich vor die Thür.

»›Was wollen Sie?« fragte das alte Weib mit scharfer Stimme.

»Ich bin … aus der Stadt und habe … mit Ihnen zu sprechen.«

Ohne zu antworten, betrachtete ihn die Alte mit ihren kleinen Augen. Plötzlich aber veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

»Ach, du bist’s, mein Lämmchen! Und ich, altes Tier, erkannte dich nicht und sagte mir, das ist sicher ein Wanderer, der mich um etwas bitten will! Verzeihung, im Namen Christi!«

Sie sprach mit einschmeichelnder Flötenstimme.

»Könnte ich nicht ein paar Worte mit Ihnen allein sprechen?« fragte Nechludoff und deutete mit den Augen auf die offen gebliebene Thür, in der die Kinder standen, und in der eben ein mageres junges Weib erschienen war, das auf ihren Armen ein in alte Lumpen gekleidetes Kind von wahrhaft furchtbarem Aussehen trug.

»Was habt ihr hier zu glotzen? Wartet, ich werde gleich meinen Stock holen!« rief Matrena, sich zur Thür wendend. »Verschwindet schleunigst und macht die Thür zu!«

Die drei Kinder entflohen. Auch die junge Frau entfernte sich und schloß die Thür.

»Und ich fragte mich, wer da wäre! Es war mein junger »Barin« selbst, mein Goldvogel, mein Juwel! Setz‘ dich, Exzellenz, setz‘ dich da auf die Bank,« fuhr sie fort, nachdem sie die bezeichnete Bank sorgfältig abgewischt. »Und ich dachte, der Teufel wolle mich quälen, und nun ist es mein »Barin«, mein Wohlthäter, mein Ernährer! Verzeihe mir, das Alter macht mich blind!«

Nechludoff setzte sich, während die Alte vor ihm stehen blieb und mit ihrer flötenden Stimme fortfuhr:

»Die Jahre vergehen, Exzellenz! Aber schön warst du und bist noch schöner geworden!«

»Also! ich wollte Sie um eine Auskunft bitten. Sie erinnern sich noch der Katuscha?«

»Der Katharina, die im Schloß war? Wie sollte ich mich ihrer nicht erinnern? Sie war ja meine Nichte! Ach, über die habe ich viele Thränen vergossen! Ich weiß ja alles, was vorgefallen ist! He, Väterchen, wer hat denn nicht gegen Gott und den Zaren gesündigt? Die Jugend ist an allem schuld! Und andere hätten sie an deiner Stelle verlassen, während du sie noch beschenkt hast! Hundert Rubel hast du ihr gegeben! Ach! hätte sie auf mich gehört, dann wäre sie glücklich! Man hat sie fortgeschickt, und auf einer andern Stelle, die sie nachher bei einem Förster hatte, hat sie auch nicht bleiben wollen.«

»Ich wollte Sie fragen, ob Sie von ihrem Kinde etwas gehört haben?«

»Ob ich davon etwas gehört habe? Aber es ist ja hier geboren! Es war ein schöner, kleiner Junge! Aber quengelig! Keinen Augenblick ließ er seine Mutter in Ruhe! Da habe ich ihn denn taufen lassen, wie es recht ist, und ihn in ein Asyl geschickt. Was wäre wohl aus dem kleinen Engel geworden, wenn die Mutter gestorben wäre? Andere handeln anders; sie behalten das Kind, nähren es nicht, und Gott nimmt es wieder zu sich. Ich aber habe mir gesagt, nein, es ist besser, wenn er lebt!«

»Und wissen Sie, unter welcher Nummer er eingetragen worden ist?«

»Ja, eine Nummer war auch dabei. Doch der kleine Engel ist gleich gestorben, als er hinkam. Sie hat es mir gesagt: ›Ich war kaum ins Asyl gekommen, da starb er!‹«

»Was für ein ›sie‹?«

»Na, die Frau, die das Kind fortgebracht hat. Sie wohnte in Skorodno. Es war eine Frau, die allerlei solche Besorgungen machte. Sie hieß Melanja und ist jetzt tot. Wenn man ihr ein Kind brachte, dann behielt sie es bei sich, anstatt es gleich ins Asyl zu bringen. Dann nährte sie es, und wenn man ihr ein anderes brachte, behielt sie es auch. Sie wartete, bis sie drei oder vier zusammen hatte und brachte sie dann zusammen ins Asyl. Doch Katharinas Kind hat sie nicht länger als acht Tage behalten.«

»Und wie sah es aus? War es ein schönes Kind?« fragte Nechludoff mit zitternder Stimme.

»O, ein zu schönes Kind! es konnte nicht leben. Es war ganz dein Ebenbild,« fügte die Alte augenblinzelnd hinzu.

»Und woran ist es gestorben? Jedenfalls hat man es schlecht genährt?«

»He, Väterchen, wie hätte man’s denn gut nähren sollen? Aber sie hat den Totenschein mitgebracht! ’s ist alles in Ordnung!«

Das war alles, was Nechludoff über sein Kind erfahren konnte.

Als Nechludoff der alten Matrena Lebewohl gesagt und sie verließ, bemerkte er die beiden Jungen, die auf ihn warteten. Andere Kinder hatten sich ihnen angeschlossen, und auch einige Weiber, unter denen er das unglückliche Geschöpf bemerkte, das den kleinen, blassen, in Lumpen gekleideten Jungen auf dem Arme trug.

Nechludoff fragte, wer dieses Weib wäre.

»Das ist die Anissja, von der ich dir erzählt habe,« sagte einer der Jungen. »Ich habe sie geholt, damit du sie dir ansiehst!«

Nechludoff wandte sich zu Anissja.

»Wie lebt Ihr und wovon?« fragte er.

»Wovon ich lebe? Von dem, was man mir giebt!« versetzte Anissja und begann zu weinen.

Nechludoff zog seine Brieftasche heraus und gab der armen Mutter zehn Rubel. Er war noch keine zehn Schritt gegangen, als ihn ein anderes Weib mit einem Kind an der Brust ansprach, dann eine alte Frau, und dann wieder eine.

Alle sprachen von ihrem Elend und baten um eine Unterstützung. Nechludoff verteilte fünfzig Rubel, die er bei sich hatte, unter sie, und kehrte mit einem Gefühl tiefer Traurigkeit in das Bureau des Verwalters zurück. Dieser kam ihm mit seinem ewigen Lächeln entgegen und teilte ihm mit, die Bauern würden sich gegen Abend versammeln. Nechludoff ging inzwischen im Garten auf den Fußwegen spazieren, die das Gras überwuchert hatte und die die weißen und roten Blüten der Apfelbäume bedeckten. Er ging auf und nieder, und immer wieder trat ihm die Erinnerung an das Geschehene vor’s Auge. Traurig dachte er bei sich: »Diese Unglücklichen kommen um, weil sie kein Land haben, das sie ernähren kann; weil ihnen die Erde fehlt, die sie selbst für andere bebauen, damit andere den Ertrag ins Ausland verkaufen und sich dafür Pelze, Stöcke, Kaleschen, Bronzen u. s. w. kaufen. Und wir, die Urheber dieses Uebels, betrachten das als natürlich und notwendig; in unsern Universitäten, unsern Verwaltungen, unsern Zeitungen streiten wir über die Ursachen des Bauernelends und die verschiedenen Mittel zur Abhilfe, lassen aber die einzige Ursache dieses Elends bestehen, ohne sie auch nur zu erwähnen, und berauben die Bauern weiter der Erde, deren sie doch so sehr bedürfen.«

Was alles war Nechludoff jetzt so klar, daß er sich immer mehr wunderte, es so lange Zeit nicht begriffen zu haben. Er erkannte mit vollkommener Klarheit, daß das einzige Mittel gegen das Elend der Bauern darin bestand, ihnen die Erde wiederzugeben, damit sie sich davon ernähren konnten. Er begriff, daß besonders die Kinder starben, weil es ihnen an Milch fehlte, und zwar fehlte es ihnen an Milch, weil ihre Eltern keine Wiesen hatten, auf denen sie ihre Kühe konnten weiden lassen.

Und Nechludoff faßte sogleich den Entschluß, den Bauern seine Aecker zu verpachten, aber derart, daß der von ihnen zu zahlende Pachtzins nicht ihm, sondern ihnen zu gute kommen sollte, damit sie ihre Steuern bezahlen und auch andere allgemein nützliche Ausgaben bestreiten konnten.

Als er in die Wohnung des Inspektors zurückkehrte, teilte ihm dieser mit ganz besonders freundlichem Lächeln mit, das Essen wäre bereit; er fügte hinzu, er fürchte nur, es wäre ein bißchen angebrannt, trotz aller Mühe, die sich seine Frau mit Hilfe eines jungen Mädchens, das ihr die Wirtschaft befolgte, mit der Zubereitung gegeben.

Nach dem Essen nötigte Nechludoff den Inspektor, sich an den Tisch zu setzen. Er empfand das Bedürfnis, zu sprechen, und jemandem, gleichviel wem, die großen Gedanken mitzuteilen, die sein Herz bewegten. Er setzte dem Inspektor seinen Plan auseinander, seine Güter den Bauern abzutreten, und fragte ihn dann, was er davon denke. Der Inspektor lächelte, als wenn er das alles schon lange dächte, und sich freue, daß man diesen Gedanken aussprach; dabei hatte er aber eigentlich gar nicht verstanden; trotzdem antwortete er:

»Das ist ausgezeichnet! – Sie wollen also Ihre Aecker verpachten und die Rente erheben?«

»Aber nein! Verstehen Sie doch recht! Ich will ihnen meine Aecker vollständig schenken!«

»Dann« – rief der Inspektor und hörte zu lachen auf; »dann erheben Sie also keine Rente?«

»Nein, ich verzichte darauf!«

Der Inspektor stieß einen leisen Seufzer aus, fing aber gleich darauf wieder zu lächeln an. Jetzt hatte er verstanden. Er hatte erkannt, daß Nechludoff ein bißchen verrückt war; sein Projekt war in seinen Augen eine Excentricität, über die er sich nicht einmal mehr wunderte; er dachte nur darüber nach, welchen Nutzen er selbst daraus ziehen könnte. Doch als er kurz darauf merkte, Nechludoffs Absicht könne ihm persönlich nichts nützen, fühlte er sich wieder unangenehm berührt, fuhr aber, um Nechludoff, der sein Herr war, gefällig zu sein, zu lächeln fort.

Als Nechludoff sah, daß der Inspektor ihn doch nicht verstand, ging er in das Bureau und schrieb auf einem alten Tisch den Entwurf seines Projektes nieder.

Inzwischen war die Sonne untergegangen, während der Mond aufging. Schnell schrieb er seinen Plan zu Ende, rief den Inspektor und erklärte ihm, er wünsche nicht, daß die Bauern ins Bureau kämen; er wolle lieber im Dorfe an dem und dem Orte, den sie bestimmen sollten, mit ihnen sprechen; darauf goß er schnell das Glas Thee hinunter, das der Inspektor ihm auftrug, und schlug wieder den Weg nach dem Dorfe ein.

Die Bauern, die sich ziemlich zahlreich im Hofe des Starosten versammelt hatten, unterhielten sich geräuschvoll; doch als sie Nechludoff bemerkten, schwiegen sie und nahmen wie die in Kuzminskoja ihre Mützen ab.

Nechludoff teilte ihnen gleich zu Beginn seiner Rede mit, er hätte den Entschluß gefaßt, ihnen seine Aecker abzutreten. Die Bauern hörten stillschweigend zu, ohne daß ihr Gesicht irgend welche Aufregung verriet.

»Ich bin der Ansicht,« fuhr Nechludoff errötend fort, »daß jedermann das Recht hat, aus der Erde Nutzen zu ziehen.«

»Das ist wahr! Das ist vollständig richtig!« riefen mehrere Stimmen.

Nechludoff setzte seine Rede fort, sagte ihnen, der Ertrag der Erde müsse unter alle geteilt werden und schlug ihnen infolgedessen vor, ihnen gegen eine Rente, die sie selbst bestimmen sollten, und die ein zum gemeinschaftlichen Gebrauch bestimmtes Gesellschaftskapital bilden sollte, seine Aecker abzutreten.

Von neuem ließen sich einige zustimmende Rufe vernehmen, doch die ernsthaften Gesichter der Bauern wurden immer finsterer, und ihre zuerst auf den »Barin« gerichteten Blicke hefteten sich auf den Erdboden, als wenn sie sich gefürchtet hätten, Nechludoff zu beschämen, indem sie ihm zeigten, daß sie seine List durchschaut, und daß sich keiner von ihnen dadurch beschwindeln lassen würde.

»Nun, welchen Preis bietet ihr mir für das Land?« fragte Nechludoff zuletzt.

»Wie kämen wir dazu, einen Preis zu bieten? Das ist unmöglich! Das Land gehört ja Ihnen,« riefen Stimmen aus der Menge.

»Aber ich sage euch doch, ihr sollt von diesem Gelde für eure gemeinsamen Bedürfnisse den Genuß haben!«

»Das können wir nicht thun!«

»So begreift doch!« rief der Inspektor, der hinter Nechludoff hergekommen war und eingreifen zu müssen glaubte. »Ihr versteht also nicht, daß der Fürst euch den Vorschlag macht, er wolle euch das Land für Geld verpachten, doch dieses Geld soll euch gehören und ein Kapital bilden, aus dem ihr alle Nutzen zieht!«

»Wir verstehen den Fürsten vollkommen,« sagte ein alter, zahnloser, kleiner Mann mit brummiger Miene. »Das ist ebenso, als wenn das Geld in eine Bank gelegt würde! Aber inzwischen müßten wir am Verfalltag bezahlen! Und das wollen wir nicht! Es wird uns so schwer genug, durchzukommen! Das wäre unser vollkommener Ruin!«

»Er hat recht! Das ist sicher! Wir wollen lieber wie früher bleiben!« riefen unzufriedene, ja sogar zornige Stimmen.

Doch die Unzufriedenheit wuchs noch, als Nechludoff erzählte, er würde im Bureau des Inspektors einen unterzeichneten Vertrag zurücklassen, den auch die Bauern unterzeichnen sollten.

»Unterzeichnen! Warum sollten wir unterzeichnen? Wie wir jetzt arbeiten, so werden wir auch weiter arbeiten! Wozu soll das alles?«

»Wir können darauf nicht eingehen, weil wir mit solchen Geschäften nicht vertraut sind! Die Dinge mögen so bleiben, wie sie sind! Das verlangen wir, nichts weiter!« riefen einzelne Stimmen.

»So lehnt ihr meinen Vorschlag also ab? Ihr wollt nicht, daß ich euch meine Aecker abtrete?« sagte Nechludoff, und wandte sich an einen Bauern mit leuchtendem Gesicht, der einen geflickten Kaftan trug, barfüßig ging und mit militärischer Haltung seine zerrissene Mütze in der Hand hielt.

»Allerdings, Exzellenz!« versetzte der Bauer.

»So habt ihr also genug Land?« fuhr Nechludoff fort.

»Was für Land? Wir haben gar kein Land«, versetzte der frühere Soldat mit erzwungener Liebenswürdigkeit.

»Thut nichts! Ihr werdet euch das, was ich euch gesagt, überlegen!« erklärte Nechludoff bestürzt und wiederholte ihnen seinen Vorschlag noch einmal.

»Es ist alles überlegt! Es wird alles geschehen, wie wir gesagt haben,« versetzte der zahnlose Greis mit brummiger Miene.

»Ich werde bis morgen hier bleiben! Wenn ihr eure Meinung ändert, sagt es mir!«

Die Bauern antworteten kein Wort, und Nechludoff kehrte traurig ins Schloß zurück.

»Sehen Sie, Fürst,« sagte der Inspektor mit seinem freundlichen Lächeln, »nie werden Sie sich mit ihnen verständigen; diese Sorte ist eigensinnig wie die Maulesel. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, wird sie nichts auf der Welt davon abbringen. Und dann haben sie stets vor allem Furcht. Dabei sind sie aber gar nicht dumm! – Es sind einige darunter, die für Muschiks sehr schlau sind, z. B. dieser Alte, der so laut schrie und Ihr Anerbieten am schroffsten zurückwies! Wenn er ins Bureau kommt, und ich ihn zum Thee einlade, begreift er alles und spricht von allem; es ist ein Vergnügen, sich mit ihm zu unterhalten. Doch in der Versammlung – das haben Sie ja jetzt gesehen – wird er ein ganz anderer Mensch; es ist unmöglich, ihm eine Idee begreiflich zu machen.«

»Aber könnte man denn nicht einige von ihnen, die intelligentesten, hierherkommen lassen?« fragte Nechludoff, »ich würde ihnen die Sache genau auseinandersetzen.«

»Ja, das ginge schon!« erwiderte der Inspektor.

»Nun gut, dann lassen Sie sie gefälligst morgen früh kommen!«

»Nichts leichter als das; morgen früh werden sie hier sein!«

Nechludoff verließ das Bureau und begab sich in das Zimmer, das man ihm für die Nacht hergerichtet hatte.

Die Zurückweisung, die ihm von seiten der Bauern zu teil geworden, betrübte ihn nicht mehr. Im Gegenteil, er fühlte sich seltsam ruhig und fröhlich, obwohl die Bauern ihm hier Unzufriedenheit und sogar Feindseligkeit bezeigt hatten, während sie ihm in Kuzminskoja schließlich noch gedankt.

Da er die Luft im Zimmer erstickend fand, so ging er, in der Absicht, sich in den Garten zu begeben, nach dem Hofe; doch er erinnerte sich der schrecklichen Nacht, des beleuchteten Küchenfensters, des Hinterbalkons im Hause, und fühlte nicht den Mut, die Orte wiederzusehen, die zu viel solcher Erinnerungen für ihn aufwiesen. Er setzte sich auf den Vorderbalkon, betrachtete längere Zeit die dunkeln Flecke der Bäume und lauschte auf das Klappern der Mühle und den Gesang eines Vogels, der ganz in der Nähe in einem Busche pfiff.

Ein Sprichwort sagt, daß die Hähne in fröhlichen Nächten frühzeitig krähen, und diese Nacht war für Nechludoff thatsächlich fröhlich; oder vielmehr sie war mehr als fröhlich, sie war voller Glück und Entzücken. Seine Phantasie ließ die einst in diesem wunderbaren Sommer empfundenen Gefühle wieder aufleben, den er jung und unschuldig an demselben Orte verlebt, und er fühlte sich wieder so werden, wie er früher gewesen war. Er fühlte sich wieder so werden, wie er in dem ganzen glücklichen und schönen Teile seines Lebens gewesen war, als er zu 14 Jahren Gott bat, er möge ihm die Wahrheit enthüllen oder wenn er auf dem Schoße seiner Mutter weinte und ihr zuschwor, er wolle immer gut sein und ihr nie wehe thun. Er fühlte sich wieder so werden, wie er es gewesen war, als er mit seinem Freunde Nikolaus Irteneff beschlossen hatte, sich stets auf dem Wege des Guten gegenseitig Beistand zu leisten und ihr ganzes Leben dem Glück der Menschen zu weihen.

Er erinnerte sich dann, wie ihn in Kuzminskoja eine Versuchung angewandelt hatte, und er sich fast nach seinem Haus, seinen Wäldern, seinem Pachthof und seinen Aeckern zurückgesehnt hatte. Er fragte sich, ob er sich im tiefsten Herzen immer noch danach sehnte. Er sehnte sich jetzt nicht nur nicht mehr danach, sondern begriff auch nicht, wie er dazu hatte imstande sein können. Dann sah er das wieder vor sich, was er im Dorfe gesehen, als er zur Matrena kam. Er sah die junge Mutter, der man den Mann ins Gefängnis geworfen, weil er in seinem Walde einen Baum gefällt; er sah die gräßliche Matrena wieder, die ihm sogar gesagt hatte, es wäre die Pflicht der jungen Mädchen ihrer Klasse, ihrer Herrschaft zu Diensten zu sein. Er erinnerte sich, was ihm die Alte über die Art gesagt, wie die Kinder ins Asyl gebracht würden, und wieder erschien das kränkliche Kind vor seinen Augen. Und von diesem Kinde wandten sich seine Gedanken wieder dem Gefängnis, den rasierten Köpfen, den stinkenden Korridoren und den Zellen zu, und er verglich mit all diesem Elend den blöden Luxus seines eigenen Lebens. Nechludoff erinnerte sich, wie er in Kuzminskoja angefangen, über sich und sein Leben nachzudenken, wie er daran gedacht hatte, was er thun würde und was er anfangen sollte. Er hatte sich Fragen vorgelegt, die er nicht lösen konnte, so viel Gründe waren für und wider vorhanden, so verwickelt und schwierig erschien ihm das Leben. Von neuem legte er sich dieselben Fragen vor, und wunderte sich, daß er sie so einfach fand. Sie waren jetzt einfach für ihn, weil er nicht mehr dachte, was ihm passieren würde, und nur noch daran dachte, was er thun müßte. Und merkwürdigerweise, – so viel Mühe es ihm gemacht hatte, zu bestimmen, was er für sich selbst thun müßte, so klar sah er, was er für die andern thun mußte. Er sah klar, er mußte den Bauern seine Aecker geben, weil die Bauern sie brauchten, und er selbst kein Recht hatte, sie zu besitzen. Er sah klar, daß er Katuscha nicht verlassen durfte, sondern ihr im Gegenteil behilflich sein mußte, auf den Absichten zu verharren, die er beim letzten Male an ihr entdeckt; denn er hatte eine Schuld gegen sie begangen, die er wieder gut machen mußte. Was aus alledem entstehen würde, das wußte er nicht; doch er wußte, daß er die absolute Pflicht hatte, so zu handeln, und diese innige Ueberzeugung erfüllte ihn mit hoher Freude.

Fröhlichen Herzens kehrte er ins Haus zurück und dachte. »Ja, ja! so ist es! der Nutzen meines Lebens, die tiefe Bedeutung dieses Lebens, das höhere Ziel, zu dem wir auf dieser Welt sind, begreife ich nicht und kann es nicht begreifen. Warum haben meine Tanten gelebt? Warum ist Nikolaus Irteneff tot, und warum bin ich am Leben? Warum bin ich Katuscha begegnet? Warum bin ich so lange blind und toll gewesen? Was alles weiß ich nicht; das Werk des Herrn zu begreifen, steht nicht in meiner Macht. Doch seinen Willen zu vollführen, wie er in meinem Herzen geschrieben steht, das liegt in meiner Macht und ich weiß, daß ich das thun muß. Und ehe ich es nicht vollbracht, werde ich keine Ruhe finden!«

Nechludoff kehrte in sein Zimmer zurück, entkleidete sich und legte sich ins Bett; er fühlte einige Unruhe wegen der Wanzen, denn die schmutzige und zerrissene Wandtapete hatte ihm auf den ersten Blick das Vorhandensein derselben verraten.

»Ja, ich muß mich als Diener, nicht als Herr fühlen!« dachte er, und dieser Gedanke erfüllte ihn mit Freude.

Seine Befürchtung war nicht unbegründet; kaum hatte er die Kerze ausgelöscht, als die Tiere ihm schon über den Körper liefen.

»Meine Aecker fortgeben, nach Sibirien gehen; die Flöhe, den Schmutz, die Wanzen, alles werde ich ertragen, da ich es eben ertragen muß!«

Doch trotz seiner schönen Entschlüsse ertrug er sie in dieser Nacht noch nicht. Er stand auf, setzte sich ans offene Fenster und betrachtete lange die schwarzen Wolken, die sich zerstreuten, und den Halbmond, der am Himmel aufstieg.

Nechludoff schlief erst gegen Morgen ein, so daß er am nächsten Tage sehr spät erwachte. Gegen Mittag erschienen die sieben von dem Inspektor ausgewählten Bauern in dem Obstgarten, wo unter den Apfelbäumen zwei aus Brettern gebildete Bänke und ein Tisch standen. Nechludoff hatte große Mühe, die sieben Abgesandten zu veranlassen, ihre Mützen aufzusetzen und sich auf die Bänke zu setzen. Erst als der älteste der Schar, ein breitschultriger Greis von ehrwürdigem Aussehen mit langem, grauem Bart, nach Art des Moses von Michel Angelo mit dichten, grauen Haaren seine große Mütze aufsetzte, seinen neuen Kaftan zuknöpfte und sich setzte, zögerte niemand mehr, seinem Beispiel zu folgen. Als diese Formalität erledigt war, nahm Nechludoff den Bauern gegenüber auf der andern Bank Platz, ergriff das Papier, auf dem er sein Projekt niedergeschrieben und fing an, es vorzulesen und zu erklären. Diesmal empfand er keine Verlegenheit mehr. Unwillkürlich wandte er sich hauptsächlich an den Greis mit dem langen Barte, als wenn er von diesem, mehr als von den andern, Zustimmung oder Tadel erwartet hätte. Doch die hohe Meinung, die er sich von ihm gebildet, war leider eine Täuschung. Der ehrwürdige Greis senkte bald seinen schönen Patriarchenkopf, bald schüttelte er ihn mißtrauisch, wenn er seine Gefährten dasselbe thun sah; im Grunde wurde es ihm ungeheuer schwer, nicht nur Nechludoffs Gedanken, sondern sogar die Bedeutung seiner Worte zu erfassen.

Sein Nachbar verstand Nechludoffs Gedanken weit besser. Er war ein kleiner einäugiger und lahmer Greis, der eine geplättete Nankingjacke, und alte Stiefel an den Füßen trug. Er war seines Standes ein Töpfer, wie er Nechludoff im Laufe der Unterhaltung mitteilte. Neben ihm saß ein anderer, muskulöser und untersetzter kleiner Greis, mit weißem Bart und glänzenden Augen, der jede Gelegenheit benutzte, um ironische und spaßhafte Bemerkungen zu machen; das war augenscheinlich der Schöngeist des Dorfes. Auch der frühere Soldat schien zu verstehen, um was es sich handelte, doch seine Bemerkungen beschränkten sich auf einige alltägliche Formeln. Der ernsthafteste Zuhörer der Gruppe war ein großer Bauer mit langer Nase und kleinem Bart; er verstand alles und sprach nur, wenn er wirklich etwas zu sagen hatte. Von den beiden anderen Anwesenden war der eine der zahnlose Alte, der Nechludoffs Vorschlägen am vorigen Tage am meisten widersprochen hatte; der andere war ein weißhaariger, hochgewachsener Mann mit gutmütigen Augen. Alle beide schwiegen an diesem Tage und begnügten sich, mit großer Aufmerksamkeit zuzuhören. Nechludoff setzte zunächst seine Ideen über das Grundeigentum auseinander und sagte:

»Ich bin der Ansicht, daß man weder das Recht hat, Land zu kaufen, noch zu verkaufen; denn hätte man das Recht, so würden die, die Geld haben, alle Aecker aufkaufen und den andern die Möglichkeit rauben, daraus Nutzen zu ziehen.«

»Das ist wahr!« sagte der Mann mit der langen Nase in tiefem Baßtone.

»Gewiß!« erklärte der frühere Soldat.

»Meine Alte hat für unsere Kühe ein bißchen Gras gepflückt, man hat sie gefaßt und ins Gefängnis gesteckt,« sagte der Schöngeist mit dem weißen Barte.

»Das Land, das man besitzt, ist so groß, wie dieser Garten und anderes zu pachten ist unmöglich,« fuhr er fort. »Man hat die Preise so hoch geschraubt, daß man nicht daran denken darf, wieder zu seinem Gelde zu kommen.«

»Ja,« rief ein anderer, »man schindet uns, wie man will. Das ist schlimmer, als zur Zeit der verstorbenen Fräuleins!«

»Ich denke darüber wie ihr!« sagte Nechludoff, »und betrachte es als eine Sünde, Erde zu besitzen. Darum habe ich mich entschlossen, mich aller meiner Aecker zu entäußern.«

»Wenn die Sache möglich ist, so sagen wir nicht nein,« sagte der Greis mit dem langen Bart, der augenscheinlich verstanden hatte, daß Nechludoff ihnen seine Aecker verpachten wollte.

»Ja, deshalb bin ich hergekommen. Ich will von meinen Aeckern keinen Nutzen mehr ziehen. Doch wir müssen uns noch verständigen, wie ihr davon Nutzen haben könnt.«

»Du brauchst die Aecker ja nur den Bauern zu schenken!« rief der zahnlose Greis plötzlich.

Als Nechludoff das hörte, geriet er einen Augenblick in Verwirrung, denn er fühlte in diesen Worten einen Argwohn hinsichtlich der Ehrlichkeit seiner Absichten. Doch er beherrschte sich gleich wieder und erinnerte sich an seinen Entschluß, alles auszusprechen, was er zu sagen hatte.

»Ich würde gern meine Aecker fortgeben,« fuhr er fort; »aber wem und wie?«

Niemand antwortete, und Nechludoff fuhr fort:

»Hört mich an! Wenn ihr an meiner Stelle wäret, wie würdet ihr es anfangen?«

»Wie wir es anfangen würden? Das ist ganz einfach: Wir würden alles unter die Bauern verteilen,« fuhr der weißbärtige Greis fort, und alle billigten, einer nach dem andern, diese Antwort, die ihnen vollauf befriedigend erschien.

»Doch wie soll man diese Teilung vornehmen?« fragte Nechludoff. »Soll man den Knechten, die nicht bebauen, auch Land geben?«

»Nein, gewiß nicht!« erklärte der Schöngeist, doch der große Bauer mit der langen Nase war nicht seiner Meinung, sondern erklärte nach kurzer Ueberlegung:

»Man muß alles gleichmäßig unter alle verteilen!«

»Nein, das ist nicht möglich,« fuhr Nechludoff fort. »Wenn ich gleichmäßig unter alle teilte, so würden die, die nicht für sich selbst arbeiten, nicht selbst bebauen, ihren Anteil nehmen, ihn den Reichen verkaufen, und das Land würde sich wieder bei den Reichen ansammeln. Was die betrifft, die wirklich bebauen, so würde ihre Familie sich vermehren und die Aecker zerstückelt werden. Weiter würden die Reichen ihre Macht auf diejenigen ausüben, die der Erde zum Lebensunterhalt bedürfen.«

»Man muß eben verbieten, daß jemand Erde verkauft und jeden zwingen, selbst zu bebauen!« rief der Töpfer mit gierigem Blick.

Doch Nechludoff hatte diesen Einwurf vorausgesehen und erklärte, es wäre unmöglich, zu untersuchen, ob einer für eigene Rechnung oder für die eines anderen bebaue; außerdem wäre die gleiche Teilung unmöglich.

»Einer von euch würde gute Erde, der andere Lehm oder Sand bekommen, und ihr möchtet doch alle gute Erde haben.«

Nun machte der große Muschik mit der langen Nase, der klügste der sieben, den Vorschlag, alle sollten gemeinsam bebauen.

»Wer bebaut, soll seinen Anteil haben, und wer nicht bebaut, soll nichts haben«, erklärte er mit seiner klaren und entschlossenen Baßstimme.

Nechludoff erwiderte, er hätte auch daran gedacht, doch um dieses Projekt auszuführen, müßten alle dieselben Pflüge und dieselben Ackergeräte haben, und zwar müßte alles allen gemeinsam gehören; dazu müßten aber alle einig sein.

»Nie werden unsere Leute darüber einig werden,« erklärte der kleine Alte mit der brummigen Miene.

»Das würde gleich eine Prügelei geben,« sagte der weißbärtige Greis mit lachenden Augen. »Selbst die Weiber würden sich schlagen.«

»Ihr seht, die Sache ist nicht so einfach, wie sie zuerst schien!« sagte Nechludoff, »und wir sind nicht die einzigen, die darüber grübeln. Da ist ein Amerikaner, ein gewisser George. Hört, was er erfunden hat; ich denke darüber genau wie er.«

»Du bist der Herr, du kannst nach deinem Belieben schalten! Wir werden wohl auf deine Vorschläge eingehen müssen,« sagte der zahnlose Greis.

Diese Unterbrechung that Nechludoff weh, doch zu seiner großen Befriedigung entdeckte er, daß er sich nicht allein darüber kränkte.

»Verzeihung, Onkel Semen, laß ihn zuerst seine Ideen auseinandersetzen,« sagte der langnasige Bauer, der offenbar der weise Mann der Schar war, mit seiner Baßstimme.

Beruhigt begann Nechludoff, ihnen die Lehre Henry Georges zu erklären und sagte:

»Die Erde gehört niemandem; sie gehört nur Gott!«

»Ganz recht! So ist’s! Das ist recht gesprochen!« riefen mehrere Stimmen.

»Die ganze Erde muß gemeinsam besessen werden! Alle haben darauf ein gleiches Anrecht, doch es giebt gute Erde und weniger gute. Jeder aber möchte gute Erde haben. Wie es nun anfangen, um die Teile gleich zu gestalten? Wer eine gute Erde ausbeutet, muß seinen Ueberschuß mit dem teilen, der eine weniger gute ausbeutet. Da es nun schwer ist, die zu bestimmen, die bezahlen sollen, und wem sie bezahlen sollen und das Geld in unserm jetzigen Leben unerläßlich ist, so ist das Klügste, jeder, der ein Stück Land ausbeutet, zahlt der Gemeinde für die gemeinsamen Bedürfnisse im Verhältnis zu dem, was sein Stück Land wert ist. Auf diese Weise wird Gleichmäßigkeit erzielt werden. Will jemand ein Stück Land ausbeuten, so wird er für eine gute Erde mehr und für eine weniger gute weniger bezahlen. Will er die Erde nicht ausbeuten, so soll er nichts bezahlen, und die, die die Erde ausbeuten, werden für sie die zum gemeinsamen Bedürfnis notwendige Steuer bezahlen.«

»Das ist ein tüchtiger Kopf, dieser Georgy«, rief der Bauer mit dem langen Barte.

»Das ist gerecht,« erklärte der Töpfer, »wer die beste Erde hat, bezahlt am meisten.«

»Wenn wir nur den Preis erschwingen können!« sagte der Langnasige.

»Der Preis muß so berechnet werden, daß er weder zu hoch, noch zu niedrig ist. Ist er zu hoch, so bezahlt man ihn nicht und es entstehen Verlegenheiten; ist er zu niedrig, so kauft jeder dem andern Land ab, und der Schacher beginnt von neue. Das sagt George; und nach seinen Grundsätzen möchte ich mich mit euch verständigen.«

»Ganz recht! Das ist gerecht! Das wollen wir auch!« riefen die Bauern.

»Das ist ein Kopf!« wiederholte der Greis, der dem »Moses« ähnlich sah. »Dieser Georgy! Denkt nur, das hat er alles ersonnen!«

»Und wenn ich nun auch Land haben will?« fragte der Inspektor lächelnd.

»Die Beteiligung steht jedem frei; nehmt und arbeitet!« versetzte Nechludoff.

»Was brauchst du Land? Du bist schon fett genug!« rief der Schöngeist.

So endete die Besprechung. Nechludoff wiederholte noch einmal seinen Plan und fügte hinzu, er verlange keine sofortige Antwort, riet aber den Abgeordneten, sich mit den andern Bauern zu verständigen und ihm dann die Antwort zu überbringen.

Am nächsten Tage feierten die Bauern, und man beriet über den Vorschlag des »Barin«, Doch die Beratungen blieben resultatlos, denn die Gemeinde war in zwei Lager geteilt; die einen hielten die Vorschläge des »Barin« für vorteilhaft und gefahrlos; die anderen sahen darin noch immer eine List, deren Zweck sie nicht zu ergründen vermochten, die ihnen aber darum nur noch gefährlicher erschien.

Trotzdem einigten sie sich aber doch am nächsten Tage dahin, daß sie Nechludoffs Bedingungen annahmen, und die sieben Abgeordneten teilten diesem den Beschluß der Gemeinde mit.

Am letzten Tage seines Aufenthaltes ging Nechludoff in die Gemächer seiner verstorbenen Tanten hinauf, um dort die noch vorhandenen Gegenstände durchzusehen. In der inneren Schublade eines Schränkchens aus Rosenholz entdeckte er ein Päckchen alter Briefe und darunter eine Photographie, auf der eine vor dem Hause stehende Gruppe dargestellt war; Marie Iwanowna, Sophie Iwanowna, Nechludoff im Studentenanzug, und Katuscha waren darauf abgebildet. Von all den Gegenständen, die das Haus enthielt, nahm Nechludoff nur die Briefe und diese Photographie. Den Rest, Möbel, Bilder, Teppiche und Behänge überließ er dem Müller, der dem Inspektor eine große Provision versprochen hatte, wenn er das alles billig bekommen würde.

Wieder erinnerte sich Nechludoff an das Gefühl des Bedauerns, daß er in Kuzminskoja bei dem Gedanken empfunden, auf seine Besitzungen verzichten zu müssen, und fragte sich wieder bestürzt, wie er ein solches Gefühl hatte empfinden können. Jetzt empfand er nur noch ein köstliches Gefühl der Befreiung, in das sich für ihn der Reiz der Neuheit mischte; ein Gefühl, wie es der Entdecker empfinden muß, wenn er nach grausamen Prüfungen endlich ein neues Land erblickt!