In Der Kaktusfalle

In der Kaktusfalle

Der heiße Wüstenwind war zur Ruhe gegangen und die Sonne hatte das letzte Achtel ihres Tagesbogens erreicht; es gab keinen Flugsand mehr in der Luft und wir konnten den leuchtenden Ball sich im Niedersenken deutlich vergrößern sehen. Welche Scene werden seine Strahlen wohl morgen um dieselbe Zeit bescheinen? So fragten sich wohl die meisten von uns, als wir zunächst still auf unseren Plätzen saßen, denn so wenig Angst wir vor den Comantschen hatten, es wußte doch jeder, daß die besten und vorsichtigsten Berechnungen des Menschen durch einen Zufall, der sich ganz unerwartet einstellt, zu Schanden gemacht werden können.

Es war natürlich, daß ich Winnetou zunächst erzählte, was ich seit meiner Ankunft beim Rendezvous in der Sierra Madre erlebt hatte. Da die Erlebnisse meiner Begleiter hierin mit eingeschlossen waren, brauchte der Apatsche, um eine klare Anschauung zu erhalten, nach diesen nicht zu fragen. Als ich geendet hatte, rekapitulirte er das Gehörte in den Worten:

„Wir haben jetzt nur an das zu denken, was den Ort angeht, an welchem wir uns befinden; alles Übrige können wir später besprechen. Also Vupa Umugi hat hundertfünfzig Krieger am Saskuan-kui bei sich?“

„Hundertvierundfünfzig waren es. Davon gehen die sechs Comantschen ab, die wir am Altschese-tschi überwunden haben.“

„Nale-Masiuv will mit hundert Mann zu ihm stoßen?“

„Von diesen sind bei dem Kampfe gegen das Militär viele getötet oder kampfunfähig gemacht worden; aber er hat heimgesandt, um noch hundert holen zu lassen.“

„Wieviel Krieger hat Schiba-bigk gebracht?“

„Zwanzig.“

„So werden wir ungefähr dreihundert Feinde gegen uns haben. Mein Bruder hat eben so viele Apatschen draußen vor unserem Kaktusfelde; wir sind ihnen also gewachsen.“

„Gewachsen? bloß gewachsen?“ fiel da Old Wabble ein. „Ich meine sogar, daß wir ihnen überlegen sind, weit, weit überlegen! Ich habe die Krieger der Apatschen gesehen, wie gut bewaffnet und disciplinirt sie sind. Zweihundert von ihnen würden dreihundert Comantschen besiegen. Dazu kommen wir Weißen. Winnetou, Old Shatterhand und Old Surehand nehmen eine ganze Menge von Feinden auf sich. Von mir, dem Fox, Parker und Hawley will ich gar nicht reden. Die Kerls sollen nur kommen! Wir schießen sie alle über den Haufen, und ich gebe mein Wort, daß keiner von ihnen sein Wigwam wiedersehen wird!“

Winnetou zeigte ihm sein ernstestes Gesicht und antwortete:

„Mein alter Bruder ist, wie ich weiß, ein unerbittlicher Feind aller roten Männer; er hält sie für Diebe, Räuber und Mörder, ohne zu bedenken, daß sie nur zu den Waffen greifen, um ihr gutes Eigentum zu verteidigen, oder das zu rächen, was an ihnen verbrochen worden ist. Old Wabble hat noch nie einem roten Manne, der in seine Hände fiel, Gnade gegeben; er ist auf der ganzen Savanne als Indianertöter bekannt; aber wenn er sich bei Old Shatterhand und Winnetou befindet, muß er diese Gesinnung ändern, sonst sind wir gezwungen, uns von ihm zu trennen. Wir sind Freunde aller roten und weißen Männer, und wenn wir einen Feind vor uns haben, mag er weiß oder rot aussehen, so besiegen wir ihn wo möglich, ohne daß wir sein Blut vergießen. Old Wabble nennt sich einen Christen; er wird Winnetou einen Heiden nennen; aber wie kommt es doch, daß dieser Christ so gern Blut vergießt, während der Heide das zu vermeiden sucht?“

Daß der sonst so wortkarge Apatsche sich herbeiließ, so viele Worte zu machen, war ein Beweis, daß ihm der Alte sympathischer war, als der Inhalt dieser Worte eigentlich vermuten ließ. Old Wabble senkte den Kopf, hob ihn aber nach einer Weile wieder und verteidigte sich:

„Die Roten, mit denen ich bisher zusammengetroffen bin, sind alle, alle Schufte gewesen.“

„Das bezweifle ich. Und wenn es wahr sein sollte, wer hat sie denn zu Schuften gemacht?“

„Ich nicht!“

„Du nicht?“

„Nein.“

„Sie sind es durch die Bleichgesichter geworden. Und ist Old Wabble nicht auch ein Weißer?“

„Der bin ich, ja. Und ich denke sogar, ich bin einer, der sich schon sehen lassen kann!“

„Und Winnetou denkt, es wäre besser, die Roten, von denen du redest, hätten dich nicht gesehen! Du sagtest, daß alle Comantschen niedergeschossen werden sollen; ich aber sage dir, daß wir, wenn es möglich ist, keinen einzigen von ihnen töten werden. Ist mein Bruder Old Shatterhand einverstanden?“

„Vollständig,“ antwortete ich ihm. „Du weißt, daß du mich da gar nicht erst zu fragen brauchst.“

Der alte Wabble machte ein sehr verlegenes Gesicht, versuchte aber doch, sich zu verteidigen: „Aber sie wollen doch Bloody-Fox überfallen, dem wir helfen müssen! Wir wollen ihn und uns verteidigen, und das kann doch wohl nur durch Gegenwehr geschehen; th’is clear!“

„Es giebt Gegenwehr verschiedener Art, Mr. Cutter,“ antwortete ich. „Laßt Winnetou sprechen; dann werdet Ihr hören, daß wir keineswegs die Comantschen nur allein dadurch, daß wir sie niederschießen, von der Ausführung ihres Vorhabens abhalten können. Es giebt noch andere Mittel.“

„Ja, jedenfalls wieder Eure berühmte List!“

Er sagte das in einem Tone, der meinen Beifall nicht haben konnte; ich brauchte ihn aber nicht zurückzuweisen, denn Parker that dies, indem er einfiel:

„Wird es nicht besser sein, wenn Ihr schweigt, alter Wabble? Ihr seht, daß ich auch still bin. Wenn Mr. Shatterhand und Winnetou miteinander sprechen, ist es gar nicht nötig, daß andere, ohne gefragt zu werden, ihre Meinungen dazugeben. Ihr habt ja mehr als zehnmal versprochen, nur das zu thun, was Mr. Shatterhand will. Wenn Ihr dieses Versprechen nicht halten wollt, so thun wir das, was schon oft gesagt worden ist: wir gehen fort und lassen Euch sitzen!“

Dieses „Sitzen lassen“, von mir nur einmal ausgesprochen, war zur stehenden Redensart geworden, über welche sich Old Wabble ungeheuer ärgern konnte. Er fuhr auch jetzt auf: „Haltet Euern Schnabel! Wer hat Euch um Eure Meinung gefragt? Wenn ich nicht reden darf, so habt Ihr erst recht zu schweigen! Wie könnt Ihr mich einen Querkopf nennen? Kehrt doch erst vor Eurer eigenen Thür! Ich habe mir noch von niemandem einen Elk schenken lassen und dann gesagt, daß ich ihn selbst geschossen habe!“

„Und ich habe noch nie das große Wort geführt und trotzdem solche Dummheiten gemacht, wie Ihr zum Beispiele am Saskuan-kui, wo Ihr mit – – –“

„Still!“ fiel ich ein, „wir haben weit Wichtigeres zu thun, als solche Grillenduells auszukämpfen. Wir sind vorhin dabei unterbrochen worden, daß wir genau so viel Krieger wie die Comantschen haben und ihnen also gewachsen sind. Ich gebe gerne zu, daß Old Wabble recht hatte, als er sagte, daß wir ihnen nicht nur gewachsen, sondern sogar überlegen seien. Das gedenke ich freilich nicht, so wie er, dadurch zu begründen, daß wir große, unüberwindliche Helden sind, gegen die ein roter Krieger als nichts zu achten ist. Der Grund liegt vielmehr in dem Umstande, daß wir unsere dreihundert Apatschen beisammen haben, während die Comantschen in einzelnen Abteilungen kommen und dabei auch noch die weiße Kavallerie gegen sich haben werden.“

„Da hat mein Bruder recht, wie immer,“ stimmte Winnetou bei. „Zunächst wird Schiba-bigk mit einer Schar nahen, um dies Haus und seine Bewohner zu überfallen und die Stangen in den Sand der Wüste zu stecken. Nach ihm kommt Vupa Umugi, um diese Stangen falsch zu stecken und die weißen Soldaten dem Tode des Verschmachtens zuzuführen. Nach diesen weißen Reitern folgt der Häuptling Nale-Masiuv mit seinen Leuten, um den Bleichgesichtern den Rückzug abzuschneiden und sie vollends einzuschließen. Das sind drei verschiedene Trupps, die wir einzeln angreifen werden und vielleicht ohne alles Blutvergießen besiegen können. Old Shatterhand wird diesen meinen Worten seine Beistimmung erteilen.“

„Die gebe ich allerdings,“ sagte ich. „Ich glaube nicht, daß Schiba-bigk, der zuerst kommt, mehr als fünfzig Krieger bei sich haben wird. Wenn wir sie mit unsern dreihundert einschließen, werden sie einsehen, daß es am besten für sie sei, sich ohne Gegenwehr zu ergeben.“

Der alte Wabble konnte trotz der vorhin erhaltenen Zurechtweisung nicht schweigen; er entgegnete:

„Sollte er wirklich nur fünfzig mitbekommen, da wir doch dreihundert haben?“

„Ihr vergeßt, daß die Comantschen gar nicht wissen, daß wir da sind. Sie glauben doch, es nur mit den Bewohnern der Oase zu thun zu haben.“

„Hm, ja, mag sein! Aber das Einschließen ist nicht so leicht, wie man es denkt.“

„In diesem Falle ist es sogar sehr leicht. Wir brauchen sie nur an ein Kaktusfeld zu drängen; da können sie nicht hinein. Wir haben dann nicht nötig, einen ganzen Kreis um sie herum zu bilden, sondern es genügt ein halber. Hinter sich den undurchdringlichen Kaktus und vor sich dreihundert Feinde; da müßten die Fünfzig wahnsinnig sein, wenn sie glaubten, sich heiler Haut durchschlagen zu können.“

„Wenn sie es aber doch glauben?“

„So werde ich mit ihnen sprechen.“

„Sprechen? Hm! Ob sie darauf hören?“

„Was das betrifft, so giebt es Einen unter ihnen, der sicher auf mich hören wird.“

„Wer ist das, Sir?“

„Schiba-bigk, der junge Häuptling. Er hat uns sein Leben zu verdanken, ist hier der Gast unseres Fox gewesen und hat damals sein Wort gegeben, daß er die Oase nicht verraten wolle. Das ist mehr als genug, ihn meinen Worten geneigt zu machen.“

„Bin neugierig, ob Ihr Euch da nicht irren werdet. Ihr seht ja, wie er sein Wort gehalten hat. Verspricht, die Oase nicht zu verraten, und bringt doch volle dreihundert Comantschen hergeschleppt! Hoffentlich brauchen wir nicht lange zu warten, bis er kommt.“

„Er wird morgen abend hier sein.“

„Hier an der Oase schon?“

„Ja. ich glaube nicht, daß diese Berechnung täuscht.“

„Und da wollen wir ihn einschließen?“

„Ja.“

„Des Nachts?“

„Vielleicht schon am Tage. Je eher er kommt, desto eher wird er umzingelt.“

„Da müssen wir aber wissen, wann er kommt; es ist also nötig, ihm Kundschafter entgegen zu senden.“

„Das würde ein großer Fehler sein.“

„Wieso?“

„Weil er die Spuren dieser Späher entdecken und infolgedessen Argwohn schöpfen würde.“

„Hm! Also keine Kundschafter! Wie aber wollen wir erfahren, ob und wann diese – –“

„Mein alter Bruder kann getrost annehmen, daß Old Shatterhand weiß, was er sagt und thut,“ schnitt ihm Winnetou die Rede ab. „Die Comantschen würden die Fährte der Späher sehen; darum dürfen wir keine aussenden. Schiba-bigk ist hier gewesen und von hier aus direkt nach dem Gutesnontin-khai geritten, wo er sich jetzt befindet, um Pfähle zu schneiden. Er wird ganz genau auf demselben Wege wiederkommen. Wir reiten ihm seitwärts dieses Weges entgegen und werden ihn sehen, ohne daß er uns bemerkt. Wenn er vorüber ist, kehren wir um, ihm nach, und treiben ihn gegen ein Kaktusfeld, durch welches er und seine Schar nicht reiten kann; dann haben wir ihn. Ich errate, daß mein Bruder Shatterhand dies sagen wollte?“

„Ja, genau dies war meine Absicht und mein Plan,“ antwortete ich dem scharfsinnigen Freunde.

Da ergriff Bloody-Fox, der bisher geschwiegen hatte, obgleich die Angelegenheit ihn selbstverständlich am meisten interessieren mußte, zum erstenmale das Wort:

„Mein berühmter Bruder Winnetou mag mir eine Frage gestatten. Schiba-bigk wird sehr vorsichtig nahen, um nicht vor der Zeit bemerkt zu werden. Und wenn wir uns seitwärts aufstellen, ihn zu erwarten, dürfen wir uns seinem Wege doch nicht so weit nähern, daß er uns sieht. Ist es da nicht möglich, daß er vorüberkommt, ohne daß unsere Augen auf ihn und seine Comantschen fallen?“

„Nein.“

„Was Winnetou, der große Häuptling der Apatschen, sagt, ist nicht anzufechten; aber in der Wüste giebt es keinen Weg, den man sieht; es giebt nur eine Richtung, von welcher man leicht rechts oder links abweichen kann. Ist es da nicht möglich, daß Schiba-bigk auch abweicht und grad deshalb auf uns trifft?“

„Nein. Mein Bruder Fox mag sich an Old Shatterhand wenden, um zu erfahren, warum ich nein sage!“

Da Fox mich infolge dieser Worte fragend anblickte und die andern dies auch thaten, erklärte ich:

„Ein Weißer könnte aus der geraden Richtung weichen, ein Roter aber nicht. Ein Roter hat den untrüglichen Ortssinn des Vogels, der meilenweit gerade nach seinem Neste fliegt, obwohl es in der Luft, genau so wie hier im Sande, keine vorgezeichneten Wege giebt. Und sodann ist zu bedenken, daß die erste Schar der Comantschen, welche kommt, die Aufgabe hat, den Weg nach der Oase durch Stangen zu bezeichnen. Das Feststecken der Stangen ist eine Arbeit, die uns die Ankunft Schiba-bigks so kenntlich machen muß, daß wir sie gar nicht übersehen können. Er wird und muß in unsere Hände geraten. Wir schaffen ihn und seine Leute dann nicht etwa hierher, denn er darf den neuen Weg durch den Kaktus nicht kennen lernen, sondern sie werden draußen in der Wüste zusammengebunden und gut bewacht, bis alles vorüber ist.“

„Und was wird aus den Stangen? Es wurde vorhin gesagt, daß wir sie entfernen und in falscher Richtung wieder feststecken werden?“

„Das werden wir allerdings thun, um Vupa Umugi irre zu führen.“

„Wohin?“

„Hm! Irgendwo hin, wo wir ihn leicht einschließen und fassen können. Die Kaktusstrecken haben sich, seit ich zum letztenmal hier war, so verändert, daß ich im voraus nichts sagen kann.“

„Darf ich da einen Vorschlag machen?“

„Warum nicht?“

„Es giebt einen guten Tagesritt südöstlich von hier eine Kaktuswildnis von außerordentlich großer Ausdehnung, in welche ein offener, nach und nach immer schmaler werdender Sandstreifen hineinführt.“

„Wie tief hinein?“

„Wenn man langsam reitet, kann man fast zwei Stunden zubringen, ehe man an das Ende des Streifens kommt.“

„Sind die Kaktus alt oder frisch?“

„Beides durcheinander; aber dicht sind sie, sehr dicht.“

„Da wäre dies freilich ein Ort, wie wir ihn für unsern Zweck gar nicht besser wünschen können. Hält mein Bruder Winnetou ihn für ebenso passend?“

Der Häuptling der Apatschen nickte zustimmend und antwortete in seiner ruhigen, bestimmten Weise:

„Wir werden die Comantschen in diesen Kaktus treiben.“

„So sind wir fertig mit dem, was zunächst und für heut und morgen zu besprechen war; das weitere muß sich nach den Ereignissen richten. Die Sonne hat den Horizont erreicht; wir wollen Menschen und Tieren die Ruhe geben, welche sie brauchen, um morgen kräftig und ausdauernd zu sein.“

Es wurde mir beigestimmt. Wir versorgten unsre Pferde mit allem, was die Oase für sie bieten konnte, und Winnetou begab sich hinaus zu seinen Apatschen, um ihnen die Lagerbefehle zu erteilen und ihnen den Weg durch den Kaktus nach der Oase zu zeigen, denn sie mußten ihre Pferde tränken und sich selbst auch mit Wasser versorgen; dann legten wir uns auf die Maisstrohlager, welche Mutter Sanna inzwischen für uns bereitet hatte.

Aber die meisten von uns kamen nicht sofort zum Schlafen. Ich lag neben Winnetou und hörte seinen leisen Bericht über das, was er seit unsrer Trennung erlebt hatte. Dabei hörte ich, daß Old Wabble und Parker sich noch eine ganze Weile, auch mit unterdrückten Stimmen, miteinander zankten. Durch die offenen Fenster des Hauses schallten die Stimmen des Negers und seiner Mutter, welche außerordentlich glücklich waren, einander wieder zu besitzen, und vom Wasser her waren die Schritte der Apatschen und ihrer Pferde noch stundenlang zu vernehmen. So ein Lagerabend hat einen ganz eigenartigen Reiz, den nur derjenige kennt, der ihn selbst empfunden hat.

Als ich am Morgen erwachte, stand Winnetou schon munter am See, um seinen Oberkörper mit dem Wasser eines gefüllten, großen Kürbis zu baden. Sanna lief leise, aber geschäftig hin und her, dafür besorgt, daß die Gäste ein gutes, reichliches Frühstück finden möchten. Die andern schliefen noch, wachten aber auch bald auf. Dann kamen die Apatschen wieder mit ihren Pferden, die sich für den ganzen Tag jetzt satt zu trinken hatten. Ein leichter Rauch, den wir fern draußen vor dem Kaktusfelde sahen, sagte uns, daß die Roten sich mit Hilfe trockener Kakteen einige Feuer angezündet hatten, um an denselben ihr Essen zu bereiten. Als wir gefrühstückt hatten, ritten wir hinaus zu ihnen; sie hatten nun auch gegessen und waren zum Aufbruche bereit. Eine Abteilung von ihnen, bei welcher Bloody-Fox blieb, wurde zum Schutze der Oase zurückgelassen; dann ritten wir fort.

Gestern waren wir aus Südwesten gekommen, heut hatten wir grad westlich zu reiten, denn dort lag der Gutesnontin-khai. Die Linie, auf welcher die Comantschen zu erwarten waren, mußten wir uns natürlich denken; wir hielten uns parallel mit ihr, und zwar so, daß wir zunächst ungefähr eine halbe englische Meile von ihr entfernt waren, denn jetzt konnten die Feinde noch nicht kommen; später aber mußten wir uns vorsichtshalber weiter von ihr entfernen, wenn nämlich die Luft so rein und durchsichtig blieb, wie sie jetzt war. Man konnte außerordentlich weit sehen. Trotzdem befanden wir uns im Vorteile vor den Comantschen, weil ich ein Fernrohr hatte und Winnetou auch eins besaß.

Wer aber glaubte, wir hätten uns in einem Trupp zusammengehalten, der wäre in einem großen Irrtum befangen. Dies zu thun, wäre der größte Fehler gewesen, den man sich hätte denken können. Die erwähnte gedachte Linie lag nördlich, also rechts von uns. Es war nicht ganz unrichtig, was Old Wabble gestern abend gesagt hatte, daß nämlich die Comantschen zufällig von dieser Linie abweichen könnten, und wenn es auch nur wenig wäre. Darum mußte sich, als der Vormittag ziemlich vergangen war, unsre Schar weiter südlich halten, während nur einige der erfahrensten Leute mehr rechts ritten. Die der gedachten Linie am nächsten Befindlichen waren Winnetou, Old Surehand und ich, und auch wir ritten nicht neben, sondern so weit entfernt voneinander, daß wir unsre Zurufe grad noch hören konnten. Durch dieses Arrangement war dafür gesorgt, daß die Comantschen uns unmöglich entdecken konnten, außer in dem fast unwahrscheinlichen Falle, daß sie von ihrem Wege sehr weit südlich abgewichen wären. Aber selbst in diesem Falle durften wir hoffen, sie zu umzingeln und keinen von ihnen entkommen zu lassen. Das letztere war für alle Fälle die Hauptsache, denn gelang es auch nur einem einzigen, uns zu entschlüpfen, so war es natürlich seine erste und einzige Aufgabe, zurückzureiten und Vupa Umugi, dem großen Donner, Mitteilung von unsrer Anwesenheit zu machen.

Es wurde Mittag und noch hatten wir nichts gesehen. Da, es mochte wohl fast ein Uhr sein, stieß Winnetou, der in diesem Augenblicke sein Fernrohr an das Auge gesetzt hatte, einen lauten Ruf aus und winkte Old Surehand und mich zu sich heran. Als wir ihn erreichten, streckte er die Hand nach Norden aus und sagte:

„Ganz da draußen am Horizonte hält ein Reiter, den man nicht mit dem bloßen Auge erkennen kann.“

„Ist es ein Indianer?“ fragte Old Surehand.

„Das ist nicht zu unterscheiden; mein Bruder mag das Rohr nehmen und dahin sehen, wohin ich zeige.“

Er gab ihm das Perspektiv, und ich setzte das meinige an, um es in dieselbe Richtung zu halten.

„Ja, es ist ein Reiter,“ bestätigte Old Surehand; „aber man kann nicht erkennen, ob ein roter oder weißer.“

„Es ist ein roter,“ warf ich ein.

„Erkennt Ihr das, Sir? Dann ist Euer Rohr viel besser als dasjenige Winnetous.“

„Ich erkenne es nicht; aber dennoch behaupte ich sogar, daß es ein Comantsche ist.“

„Uff!“ rief Winnetou verwundert, der sein Rohr wieder genommen hatte und durch dasselbe blickte.

„Und zwar ein Comantsche von Schiba-bigks Schar; vielleicht ist es dieser selbst.“

„Uff, uff! Warum denkt dies mein Bruder?“

„Er ist nicht allein. Mein Bruder Winnetou mag sein Rohr dahin richten, woher dieser Reiter gekommen sein muß, also ein wenig mehr nach links. Dort sind noch mehr Reiter zu sehen und dabei kleinere Punkte, welche Fußgänger bedeuten, die von ihren Pferden gestiegen sind.“

„Uff, uff, es ist richtig! Ich sehe größere Punkte; das sind Reiter; und kleinere Punkte, welche sich hin und her bewegen; das sind Männer zu Fuße.“

„Weiß mein roter Bruder, warum diese kleineren Punkte nicht geradeaus gehen, sondern sich immer hin und her bewegen?“

„Nun, da mein Bruder Shatterhand mich darauf aufmerksam gemacht hat, weiß ich es. Es sind die Männer, welche die Pfähle einzustecken haben. Um das thun zu können, sind sie von ihren Pferden gestiegen.“

„Ganz richtig! Ihr wißt, Mr. Surehand, daß es unter diesen Comantschen nur einen giebt, der den Weg kennt?“

„Ja, nämlich Schiba-bigk,“ antwortete der Gefragte.

„Er ist also nicht nur der Anführer, sondern überhaupt der Führer. Wo aber pflegt sich so ein Führer aufzuhalten, hinten oder vorn, Sir?“

„Natürlich ist er stets voran.“

Well! Darum nehme ich an, daß der erste, den wir gesehen haben und der an der Spitze der andern hält, der junge Häuptling Schiba-bigk ist. Er reitet voran und bleibt von Zeit zu Zeit, bis ein Pfahl festgesteckt ist, an der Spitze des Zuges halten. Schau! Winnetou wird durch sein Rohr bemerken, daß die Fußgänger jetzt ihre Pferde wieder besteigen. Es ist ein Pfahl eingesteckt worden, und nun reiten die Indsmen weiter.“

Es war so, wie ich sagte; wir sahen, daß die Comantschen sich von der Stelle, wo sie sich jetzt befunden hatten, im Galoppe entfernten. Sie wurden dabei kleiner und immer kleiner, bis wir sie nicht mehr sahen; sie waren genau in der Richtung nach der Oase verschwunden.

„Habt Ihr sie zählen können, Sir?“ fragte mich Old Surehand.

„Nicht genau, aber ich denke, daß ich gestern recht gehabt habe; es werden nicht mehr als fünfzig sein.“

„Was thun wir nun?“

„Wir reiten der Sicherheit wegen noch ein Stück so weiter, wie wir bisher geritten sind; dann wenden wir uns nach Norden, um auf ihre Spur zu kommen. Haben wir diese, so befinden wir uns in ihrem Rücken und folgen ihnen so lange, bis wir eine passende Stelle oder Gelegenheit finden, sie einzuschließen.“

Dies wurde ausgeführt. Wir vereinigten uns mit unserm Trupp, sagten, daß wir die Gesuchten gesehen hätten, und folgten unsrer bisherigen Richtung noch einige Minuten lang; nachher bogen wir rechts ab und erreichten nach zehn Minuten die Fährte der Comantschen. Diese war eine sehr deutliche und ausgesprochene; ein Blinder hätte sie zwar nicht sehen können, aber fühlen müssen. Sie bestand nicht nur aus den Eindrücken der Pferdehufe und Menschenfüße, sondern außerdem aus einer Menge von Strichen, welche tief im Sande fortliefen. Die zu transportierenden Stangen waren nämlich mit einem Ende an den Sattel befestigt und schleiften mit dem andern Ende hinterher. In dieser Weise pflegen die Indianer auch ihre Zeltstangen von einem Orte zum andern zu schaffen, und dadurch waren hier im tiefen, leichten Sande die Striche und Linien entstanden. Da sie ineinander liefen, waren sie nicht zu zählen, aber es war doch zu sehen, daß eine ganz bedeutende Menge von Pfählen mitgeschleppt wurde.

Wir folgten der Fährte so lange rasch, bis wir die Comantschen durch die Fernrohre erkennen konnten; dann mußten wir, um nicht selbst gesehen zu werden, die Schritte unsrer Pferde mäßigen. Indem wir von da an stets in gleicher Entfernung mit ihnen blieben, war es uns leicht, zu bemerken, wie schnell sie vorwärts kamen und wie lange sie brauchen würden, um in die Nähe der Oase zu kommen. Die Entfernung von einer Stange bis zur andern mochte vielleicht einen Kilometer betragen, und wenn die Roten ihre Arbeit in der bisherigen Weise fortsetzten, mußten sie bis zum Abende ihr Ziel beinahe erreicht haben. Sehr wahrscheinlich war es die Absicht Schiba-bigks, des Nachts dann über die Bewohner der Oase herzufallen. Daß er schon am Tage auf Bloody-Fox treffen könne, mußte zwar auch in seiner Berechnung liegen, konnte ihn aber nicht irre machen, weil er jedenfalls glaubte, daß es diesem einen Bleichgesichte unmöglich sei, gegen fünfzig rote Krieger aufzukommen.

Während wir der Fährte folgten, ritt ich zwischen Winnetou und Old Surehand; beide waren still. Desto lauter ging es unmittelbar hinter uns her, wo Old Wabble zwischen Parker und Hawley ritt. Dem alten Cowboy war es geradezu unmöglich, in einer solchen Lage ruhig zu sein. Er erging sich in allerlei Berechnungen und Vermutungen, die ihm von den beiden andern widerlegt wurden, doch fiel es ihm gar nicht ein, ihre Widersprüche als begründet gelten zu lassen.

„Und Ihr könnt sagen, was Ihr wollt,“ hörte ich ihn sagen, „ich meine, daß wir die Halunken vielleicht gar nicht bekommen, wenn wir es nicht klüger anfangen als bisher.“

„Warum denn, alter Wabble?“ fragte Parker. „Ich denke, die drei da vor uns wissen ganz genau, was sie thun.“

„Meint Ihr? Wirklich? Warum lungern wir da so langsam und ohne zuzugreifen hinter den Roten her?“

„Weil die Gentlemen höchst wahrscheinlich warten wollen, bis es Abend geworden ist.“

„Das ist ja noch viel, viel schöner! jetzt sehen uns die lndsmen nicht, und am Abende sehen wir sie nicht; da werden wir sie wohl überhaupt niemals zu sehen bekommen!“

„Hört, Mr. Wabble, unsre Anführer sind keine Kinder, sondern Männer, welche genau wissen, was sie zu thun haben!“

„O! hm! Wenn ich als Anführer da vorn ritte und etwas zu sagen hätte, da wüßte ich etwas Besseres.“

„Was?“

„Ich würde kurzen Prozeß machen.“

„Wieso?“

„Ich würde befehlen, den Pferden die Zügel schießen zu lassen und die Roten einfach über den Haufen zu reiten.“

„Das, alter Wabble, würde wohl das allerdümmste sein, was Ihr anordnen könntet.“

„Unsinn! Warum?“

„Weil die Comantschen uns natürlich kommen hören oder kommen sehen und schnell ausreißen würden.“

„Was schadete das? Wir würden sie natürlich einholen und gefangen nehmen.“

„Das ist leicht gesagt. Wenn sie sich auf der Flucht zerstreuten, könnte uns leicht einer von ihnen entgehen. Und das darf nicht sein. Habe ich da nicht recht, Mr. Shatterhand?“

Ich drehte mich zu dem Fragenden und antwortete ihm:

„Ja. Laßt Mr. Cutter reden! Er kennt die Absichten Winnetous nicht, und so ist es ihm nicht übel zu nehmen, daß er unser Verhalten für fehlerhaft hält.“

Der Alte sah mich fragend an. Er hätte wohl gern gewußt, was ich meinte, getraute sich aber nicht, zu fragen; darum erklärte ich ihm freiwillig:

„Winnetou weiß nämlich, daß ungefähr eine Reitstunde von hier eine Thalmulde liegt, durch welche der gerade Weg nach der Oase des Bloody-Fox führt. Sie ist ziemlich lang und ziemlich tief, so daß derjenige, der sich in ihr befindet, nicht sehen kann, was außerhalb auf der höher liegenden Fläche der Wüste vorgeht. Bis in diese Thalsenkung wollen wir die Comantschen kommen lassen; nicht weiter.“

Da fiel der Apatsche ein:

„Mein Bruder will mir einen Ruhm geben, der mir nicht gebührt, denn dieser Plan ist von ihm; er hat schon gestern abend, bevor wir einschliefen, von ihm gesprochen.“

„Nein, du sprachst davon,“ entgegnete ich.

„Ich wollte sprechen; du kamst mir aber zuvor.“

„So ist es hier wieder so gewesen, wie stets und immer, daß nämlich mein Bruder Winnetou genau so denkt wie ich.“

„Ja, meine Gedanken sind die deinigen, und deine sind die meinigen, denn wir haben gegenseitig unser Blut getrunken und besitzen nicht zwei Herzen, sondern ein einziges. Was wir beide dachten, das soll geschehen: Wir werden die Comantschen in einer Stunde in dem Thale des Sandes gefangen nehmen.“

„Ohne daß einer von ihnen vorher sprechen darf?“

Als ich diese Frage aussprach, sah Winnetou mich fragend an, doch nur einen kurzen Augenblick; dann erkundigte er sich:

„Will mein Bruder den jungen Häuptling ausfragen?“

„Ja.“

„Glaubst du, daß er dir sagen wird, was du wissen willst?“

„Ja.“

„Schiba-bigk ist zwar jung, aber dennoch klug. Ich weiß, daß Old Shatterhand seine Fragen und Worte so zu setzen versteht, daß er selbst einen sehr listigen Mann auszuhorchen vermag. Schiba-bigk weiß dies auch und wird schweigen.“

„Er wird sprechen, denn er wird glauben, daß ich nicht als Feind zu ihm komme, sondern ihm ganz zufällig begegne. Ich werde ihm nämlich nicht nachreiten, sondern mich von euch trennen und einen Bogen reiten, so daß ich also nicht von dieser Seite, sondern von der uns jetzt entgegengesetzten das Thal des Sandes erreiche, und das muß ihn auf die Vermutung bringen, daß ich von Bloody-Fox, von der Oase komme. Er wird also meinen, daß ich seine Spur nicht gesehen und keine Ahnung von seinen Absichten habe. Er wird glauben, mich leicht gefangen nehmen zu können und mich also für unschädlich halten, und das wird ihm zwar den Mund nicht öffnen, ihn aber nicht scharf auf die Worte achten lassen, mit denen ich aus ihm herauslocken will, was mir zu wissen nötig ist. Sieht das mein roter Bruder ein?“

„Ich sehe es ein; aber warum willst du dich in Gefahr begeben, um heut etwas zu erfahren, was du morgen ganz ohne alle Gefahren hören und entdecken wirst?“

„Weil ich vermute, daß es mir heut mehr Nutzen bringt als morgen. Und Gefahr? Winnetou weiß, daß, ehe ich mich in eine Gefahr begebe, ich sie vorher genau berechne.“

„Howgh! Aber hast du daran gedacht, daß die Comantschen, wenn sie uns sehen, dich als Geisel betrachten werden?“

„Auch das habe ich überlegt, doch kenne ich einen Schild, mit dem ich jeden Schuß und Stich von mir abzuwehren vermag.“

„Welchen Schild?“

„Schiba-bigk.“

„Uff, uff! Ich erkenne, daß ich meinen weißen Bruder nicht zu warnen brauchte; er mag getrost ausführen, was er sich vorgenommen hat.“

„So gilt es also nur noch, zu sagen, wie ich euch kommen zu sehen wünsche. Das Thal des Sandes geht lang von West nach Ost. Ihr bildet vier Abteilungen, die sich voneinander trennen, sobald ihr seht, daß die Comantschen im Eingange der Bodensenkung verschwunden sind. Mit dem ersten Viertel deiner Krieger reitest du im Galoppe einen Bogen bis zum östlichen Ausgange des Thales; Old Surehand reitet mit dem zweiten Viertel nach der südlichen, und Entschar-Ko mit dem dritten Viertel nach der nördlichen Seite desselben.

„Wenn dann Old Wabble mit den übrigen seinen Weg fortsetzt und am Eingange der Bodenmulde halten bleibt, in der sich die Feinde befinden, so sind dieselben von allen Seiten eingeschlossen. Natürlich dürft ihr euch nicht sehen oder hören lassen. Ich weiß, daß der starke Knall meines Bärentöters durch das ganze Thal ertönen und von euch allen gehört werden wird. Sobald ich diesen Schuß abfeure, kommt ihr von allen Seiten herbei, und ich bin überzeugt, daß uns dann kein Comantsche entkommen kann. Hat dieser Plan die Billigung meines roten Bruders?“

„Er hat sie,“ antwortete er kurz.

Old Surehand aber war nicht so schnell einverstanden. Er sagte:

„Euren Plan in allen Ehren, Sir, aber ich glaube doch, daß er ein wenig verwegen ist!“

„Gar nicht!“

„O, gewiß. Was kann der kühnste Mann einer abgeschossenen Kugel gegenüber thun?“

„Ihr ausweichen.“

„Sir, das ist leichter gesagt als gethan. Glaubt mir, daß ich Euch alles zutraue; aber ich habe Euch so lieb gewonnen, und ich wüßte nicht, was – –“

Da fiel ihm der Apatsche schnell in die Rede:

„Winnetou hat ihn noch viel mehr lieb und läßt ihn dennoch fort; mein Bruder Surehand mag also keine Sorge haben; es giebt vier scharfe Augen, die über Old Shatterhand wachen werden, nämlich die seinigen und die meinigen.“

„Und die meinigen auch!“ fügte Old Wabble, sich in die Brust werfend, schnell hinzu. „Er hat mir ein Kommando anvertraut und soll erfahren, daß er sich nicht in mir täuschen wird. Wehe dem roten Halunken, der es wagen sollte, ihm auch nur ein Haar krümmen zu wollen; meine Kugel würde ihn sofort fressen; th’is clear!“

Auf diese eifrige Versicherung war ein kleiner Dämpfer nötig. Ich warnte ihn also:

„Nicht so hitzig, Mr. Cutter! Wenn ich Euch heute wieder einmal Vertrauen schenke, geschieht es in der Absicht, zu erfahren, daß Ihr nicht immer selbständig handelt, sondern im stande seid, eine Euch erteilte Weisung genau zu befolgen. Geschieht das Gegenteil, so könnt Ihr sicher sein, daß ich Euch nie wieder einen Auftrag geben werde. Ihr reitet mit Eurer Abteilung ganz ruhig weiter, bis ihr den Eingang zum Thale erreicht habt. Dort bleibt ihr versteckt halten und habt gar nichts zu thun, als auf den Schuß zu warten. Hört Ihr den, so kommt Ihr im Galopp ins Thal geritten und haltet vor den Comantschen eure Pferde an. Das ist alles, was von Euch verlangt wird, alles.“

Well! Deutlich genug gesprochen! Werde ganz genau so exerzieren, wie Ihr es vorgeschrieben habt. Will nicht wieder sagen lassen, daß Old Wabble Jugendstreiche verübt.“

„Recht so! Und nun muß ich mich von Euch trennen, wenn ich die hintere Seite des Thales zur rechten Zeit erreichen will. Macht Eure Sache gut!“

Diese Aufforderung galt natürlich nur dem Alten; die andern drei zu ermahnen, war natürlich nicht nötig. Ich bog von der Fährte, welcher wir folgten, rechts ab und ritt im Galopp einen Bogen, dessen Sehne eben diese Fährte war, und hielt mich dabei so weit von ihr fern, daß die Comantschen mich nicht sehen konnten. Als ich nach einer halben Stunde das Pferd wendete, sah ich das östliche Ende der Thalmulde vor mir; ich ritt jetzt also, grad umgekehrt gegen vorher, nach Westen, während die Comantschen und hinter ihnen unsere Apatschen ostwärts auf mich zukamen.

Ich kann nicht sagen, daß ich irgend welche Besorgnis hegte; ich war nur gespannt darauf, wie Schiba-bigk sich bei meinem Anblicke verhalten würde. Es stellte sich heraus, daß die Zeit gut berechnet war, denn als ich ungefähr die Hälfte des Thales durchritten hatte, sah ich die Roten kommen. Die Bodensenkung war gar nicht tief, und ihre Wände stiegen ganz allmählich empor, aber dennoch konnte man von da aus, wo ich mich befand, keinen Blick hinaus auf die Ebene des Llano werfen.

Die Roten hatten es nicht für nötig gehalten, hier in dem Thale auch einen Pfahl zu stecken; sie brauchten sich also nicht aufzuhalten und kamen in scharfem Trabe auf mich zugeritten. Wie stutzten sie, als sie mich erblickten! Ich hielt mein Pferd natürlich an, als ob mir diese Begegnung ganz unerwartet sei, und nahm meinen Stutzen zur Hand. Sie griffen auch zu den Waffen und machten Miene, mich zu umringen. Da legte ich das Gewehr an und drohte ihnen entgegen.

„Halt! Wer mir in den Rücken will, der erhält eine Kugel. Welche roten Krieger können hier – – –,“

Ich hielt mitten in der Rede inne und richtete, treu meiner Rolle, den Blick erstaunt auf den Häuptling.

„Uff, uff! Old Shatterhand!“ rief er überrascht, indem er sein Pferd parierte.

„Ist’s möglich?“ ließ ich mich hören. „Schiba-bigk, der junge, tapfere Häuptling der Comantschen!“

„Ich bin es,“ antwortete er. „Ist Old Shatterhand von dem Geiste der Savanne durch die Luft in diese Gegend getragen worden? Die Krieger der Comantschen glaubten ihn weit im Westen von hier.“

Ich sah es ihm an, daß er nicht wußte, welchen Ton er gegen mich anschlagen sollte. Wir waren Freunde gewesen; ich hatte das volle Recht, auch heut noch Freundschaft von ihm zu verlangen, und doch war er jetzt gezwungen, mein Feind zu sein.

„Wer hat meinem jungen, roten Bruder gesagt, daß ich im Westen sei?“ entgegnete ich.

Er öffnete schon den Mund, wahrscheinlich um zu sagen, daß er es von Vupa Umugi erfahren habe, besann sich aber eines Bessern und antwortete:

„Ein weißer Jäger sagte es, der Old Shatterhand gegen Untergang der Sonne getroffen haben wollte.“

Das war eine Lüge. Die Blicke seiner Krieger waren finster und feindselig auf mich gerichtet. Ich that, als ob ich dies gar nicht bemerkte und keinen von ihnen am „blauen Wasser“ gesehen hätte, sondern stieg ruhig und mit scheinbarer Unbefangenheit vom Pferde, setzte mich nieder und sagte:

„Ich habe mit Schiba-bigk, dem jungen Häuptlinge der Comantschen, die Pfeife des Friedens und der Freundschaft geraucht; mein Herz ist entzückt, ihn nach so langer Zeit und so unverhofft wiederzusehen; wenn Freunde und Brüder einander begegnen, so begrüßen sie sich nach der Sitte, von welcher kein Krieger abweichen darf. Mein junger Bruder mag aus dem Sattel kommen und sich zu mir setzen, damit ich mit ihm sprechen kann!“

Die Blicke seiner Leute wurden drohender; sie waren bereit, über mich herzufallen, doch hielt er sie durch eine gebieterische Handbewegung zurück. Ich sah es seinem Gesichte an, daß ihm ein Gedanke gekommen war, jedenfalls der Gedanke, den ich beabsichtigte. Ich hatte gesagt, daß ich mit ihm zu sprechen wünsche, und er ging bereitwillig darauf ein, um mich auszufragen; er hegte also ganz dieselbe Absicht mir gegenüber, die ich ihm gegenüber auch hatte.

„Old Shatterhand hat Recht,“ sagte er. „Häuptlinge müssen sich als berühmte Krieger begrüßen.“

Bei diesen Worten stieg er ab und setzte sich mir gegenüber nieder. Als seine Leute das sahen, verließen sie auch die Pferde und wollten einen Kreis um uns bilden. Dabei wären mir mehrere von ihnen in den Rücken gekommen, was ich verhindern mußte. Darum sagte ich, daß alle es hörten:

„Giebt es unter den Söhnen der Comantschen welche, die so feig sind, daß sie sich nicht getrauen, Old Shatterhand in das Angesicht zu schauen? Ich glaube nicht. Auch bin ich nicht gern so unhöflich, einem tapferen Krieger den Rücken zuzuwenden.“

Das half; sie setzten sich so, daß ich sie alle im Auge hatte. Sie sahen von einem sofortigen Angriffe ab, weil sie mich allein sahen und mich also sicher zu haben glaubten. Ich knüpfte die Friedenspfeife, welche ich am Halse hängen hatte, von der Schnur, that als ob ich sie stopfen wollte, und sagte:

„Mein junger Bruder Schiba-bigk mag den Gruß des Calumets mit mir rauchen, damit er erfahre, daß Old Shatterhand noch sein Freund wie früher ist.“

Da hob er zurückweisend die Hand und antwortete:

„Schiba-bigk war einst stolz darauf, einen so berühmten Bruder zu besitzen, jetzt aber möchte er wissen, ob Old Shatterhand wirklich noch sein Freund ist.“

„Zweifelst Du daran?“ fragte ich, scheinbar erstaunt.

„Ich zweifle.“

„Warum?“

„Weil ich erfahren habe, daß Old Shatterhand ein Feind der Comantschen geworden sei.“

„Wer das sagte, der war entweder ein Lügner, oder er irrte sich!“

„Der es sagte, brachte Beweise, denen ich Glauben schenken mußte!“

„Will mein junger Bruder mir diese Beweise mitteilen?“

„Ich will es. Ist Old Shatterhand nicht an dem Wasser gewesen, welches Saskuan-kui genannt wird?“

„Ja.“

„Was wolltest du da?“

„Nichts. Mein Weg führte mich da vorüber. Ich wollte da lagern und am Morgen weiterreiten.“

„So hast du dort auch nichts gethan?“

„Doch.“

„Was?“

„Ich sah rote Männer da, welche einen weißen Krieger gefangen hatten; den habe ich befreit.“

„Was für Krieger waren das?“

„Ich erfuhr nachher von dem Bleichgesichte, daß sie Comantschen vom Stamme der Naiini seien.“

„Welches Recht hattest du, dieses Bleichgesicht zu befreien?“

„Er hatte den Comantschen nichts gethan. Ebenso würde ich einen Comantschen befreien, wenn er unschuldig in die Hände der Bleichgesichter gefallen wäre. Old Shatterhand ist aller Guten Freund und aller Bösen Feind; er fragt nicht nach der Farbe des Hilfsbedürftigen.“

„Du hast dir aber dadurch die Feindschaft und Rache der Comantschen zugezogen!“

„Nein.“

„Ja.“

„Nein, denn ich habe am andern Morgen mit Vupa Umugi, ihrem Häuptlinge, gesprochen und ein Bündnis geschlossen. Er war mein Gefangener und ich gab ihn frei.“

„Wußtest du, was die Comantschen dort an dem Saskuankui wollten?“

„Wie sollte ich das wissen? Ich habe sie nicht gefragt. Sie werden wahrscheinlich dort gewesen sein, um Fische zu fangen.“

„Weißt du, wo sie sich jetzt befinden?“

„Ich vermute es.“

„Wo?“

„Sie werden westwärts nach dem Mistake-Cañon gezogen sein, um den dortigen Comantschen beizustehen, die, wie ich hörte, von weißen Reitern bedroht werden.“

„Uff!“ rief er aus, indem sein Gesicht ein überlegenes Lächeln zeigte. Seine Leute warfen sich Blicke zu, die mir sagten, daß ich in diesem Augenblicke mir auf meine Klugheit gar nichts einzubilden hätte. Dann fuhr er fort.

„Waren noch andere Männer bei dir?“

„Einige Bleichgesichter.“

„Wohin seid ihr vom Saskuan-kui aus geritten?“

„Nach Westen.“

„Und doch befindest du dich jetzt so weit östlich von dem blauen Wasser! Wie kommt das?“

„Ich hörte von der Feindschaft zwischen den weißen Soldaten und den Kriegern der Comantschen. Als Weißer hätte ich den Soldaten helfen müssen; da ich aber ein Freund der roten Männer bin, suchte ich dies dadurch zu umgehen, daß ich mich ostwärts wandte.“

„Wieder nach dem blauen Wasser?“

Es war für ihn natürlich sehr wichtig, zu erfahren, ob ich wieder dort gewesen sei. Ich antwortete:

„Weshalb hätte ich dorthin zurückkehren sollen? Ich bin nach dem Llano geritten, um meinen jungen Bruder Bloody-Fox zu besuchen, den du auch kennst, denn du bist damals sein Gast gewesen und hast die Pfeife des Friedens und der Freundschaft mit ihm geraucht.“

„Hast du die Bleichgesichter mit zu ihm genommen, die bei dir waren?“

„Das fragst du, der doch weiß, daß wir Bloody-Fox versprochen haben, sein Geheimnis nicht zu verraten? Kann ich da fremde Männer zu ihm bringen?“

„Wo sind sie jetzt?“

„Als ich mich von ihnen trennte, wollten sie nach dem großen Flusse und EI Paso hinüber.“

„Hast du Bloody-Fox getroffen?“

„Ja.“

„Wo befindet er sich jetzt?“

„In seinem Hause.“

„Du bist so schnell von ihm fort. Hat er seinen berühmten Bruder Old Shatterhand nicht bei sich behalten wollen?“

„Doch. Ich kehre zu ihm zurück.“

„Warum verließest du ihn heut? Wohin wolltest du jetzt reiten?“

„Muß ich dir das erst sagen? Weißt du nicht mehr, daß es seine Aufgabe ist, den Llano von den Geiern zu befreien?“

„Da hilfst du ihm?“

„Ja, heut ganz genau noch so wie damals, als du bei uns warst. Doch, nun habe ich alle deine Fragen beantwortet, und du weißt, was du wissen wolltest; jetzt wollen wir das Calumet sprechen lassen.“

„Warte noch!“

Ich hatte mich scheinbar wie ein Knabe ausfragen lassen; er war auch ganz stolz darauf, mich so ausgehorcht zu haben; das sah ich den triumphierenden Blicken an, die er auf seine Begleiter warf. Er glaubte wahrscheinlich in diesem Augenblicke, mir wirklich gewachsen zu sein, denn sein „Warte noch!“ klang außerordentlich gebieterisch, und es war ein Ton mich still belustigender Überlegenheit, in welchem er fortfuhr:

„Es sind Sonnen und Monde vergangen, seit wir uns damals von einander trennten, und während so langer Zeit verändern sich die Menschen; aus Klugen werden Kinder, und Kinder werden stark und weise. Old Shatterhand ist auch ein Kind geworden.“

„Ich? Wieso?“

„Du hast dich von mir ausfragen lassen wie ein Knabe, der noch kein Hirn besitzt, oder wie ein altes Weib, dessen Hirn vertrocknet ist. Deine Augen sind dunkel geworden und deine Ohren taub. Du ahnst nicht, wer wir sind und was wir wollen.“

„Uff, uff! Ist das die Rede eines jungen Mannes, mit dem ich einst die Pfeife des Friedens rauchte?“

„Es ist die Rede eines jungen Mannes, aus dem ein großer und berühmter Krieger geworden ist. Das Calumet gilt nichts mehr, denn du bist nicht mehr mein Freund, sondern mein Feind, den ich töten muß.“

„Beweise es, daß ich dein Feind geworden bin!“

„Du hast unsern Gefangenen befreit!“

„War er der deinige?“

„Ja.“

„Nein. Ich befreite ihn aus den Händen der Naiini-Comantschen; du aber gehörst zu einem andern Stamme.“

„Die Naiini sind meine Brüder; ihr Feind ist auch mein Feind. Kennst du sie nicht, die hier vor dir sitzen?“

„Gehören diese Krieger nicht zu deinem Stamme?“

„Nur zwanzig von ihnen. Die übrigen dreißig sind Naiini, die du am blauen Wasser gesehen hast. Wir haben die Beile des Krieges gegen alle Bleichgesichter ausgegraben, und du bist ein Bleichgesicht. Weißt du, was deiner wartet?“

„Ich weiß es.“

„So sage es!“

„Ich werde wahrscheinlich mein Pferd wieder besteigen und ruhig weiterreiten.“

„Uff! Es ist wirklich wahr, daß Old Shatterhand ein Kind geworden ist. Du wirst unser Gefangener sein und am Marterpfahle sterben.“

„Ich werde weder euer Gefangener sein, noch sterben, wenn und wie es euch, sondern dem großen Manitou gefällt.“

Die Ruhe und Unbefangenheit, mit welcher ich dies sagte, war ihm und seinen Leuten unerklärlich. Ich regte mich nicht; ich machte keine Bewegung, weder der Flucht, noch der Verteidigung; das hielt ihre Hände von den Waffen ab. Sie bemerkten freilich nicht, daß ich einen jeden von ihnen scharf und genau im Auge hatte.

Es war ein fast geringschätziges oder gar mitleidiges Lächeln, mit dem der Häuptling mich fragte:

„Glaubst du etwa, uns widerstehen zu können?“

„Ja, das glaube ich.“

„Uff! Du hast wirklich den Verstand verloren. Siehst du denn nicht, daß du fünfmal zehn tapfere Krieger gegen dich hast?“

„Hat Old Shatterhand jemals seine Feinde gezählt?“

„So rechnest du auf dein Zaubergewehr?“

Im Nu hatte ich den Henrystutzen in der Hand, sprang auf, stellte mich hinter mein Pferd, welches meinen Körper deckte, und rief:

„Ja, darauf verlasse ich mich. Wer von euch nach irgend einer Waffe greift, bekommt augenblicklich eine Kugel! Ihr wißt, daß ich mit diesem Gewehre unaufhörlich schießen kann!“

Das war so rasch geschehen, daß sie, als ich diese Worte gesprochen hatte, noch saßen wie zuvor. Einer langte hinter sich, wo seine Flinte lag; als er aber meinen Lauf sofort auf sich gerichtet sah, zog er den Arm zurück. Die Angst vor der Zauberflinte war noch ganz ebenso stark wie früher. Ich wußte, was nun kommen würde, nämlich ein Angriff, einstweilen noch mit Worten. Das hatte ich beabsichtigt, denn dabei hoffte ich, das zu erfahren, was ich wissen wollte. Keiner getraute sich, der erste mit der Hand an der Waffe zu sein; darum stand zu erwarten, daß man mich durch Worte, durch Drohungen bewegen werde, mich freiwillig zu ergeben.

Man denke ja nicht, daß allzuviel Verwegenheit zu meinem Verhalten gehörte. Ich kannte die Roten und die Furcht vor meinem Stutzen, und ich hatte, natürlich von ihnen unbemerkt, den mir gegenüberliegenden niedrigen Rand der Thalmulde gemustert, wohin ich Old Surehand mit seinen Apatschen bestellt hatte. Von dort drohten über siebzig Gewehrmündungen herab, allerdings nur für mich sichtbar, der ich davon wußte. Die Besitzer dieser Gewehre lagen tief im Sande eingewühlt und konnten also nicht gesehen werden. Auf der Höhe hinter mir lag jedenfalls die Abteilung Entschar-Ko’s ganz ebenso bereit; links hinten hielt Winnetou, und von rechts her mußte Old Wabble bei dem ersten Schusse erscheinen. Da war es gar nicht schwer, so zuversichtlich zu sein, wie ich mich zeigte.

Was ich erwartet hatte, das geschah: der junge Häuptling versuchte es zunächst mit der Überredung.

Pshaw!“ rief er mit einem Lachen aus, welches freilich etwas gezwungen klang. „Wir wissen, daß deine Flinte unaufhörlich schießt, aber fünfzigmal kannst du doch nicht auf einmal schießen. Du wirst zwei oder drei oder vier treffen; dann aber haben wir dich ergriffen!“

„Versucht es doch!“

„Wir brauchen auch das nicht zu thun. Wir sind viel mächtiger und zahlreicher, als du denkst.“

Pshaw!“ lächelte ich höhnisch, um ihn zu den gewünschten Mitteilungen zu verleiten. „Euch fünfzig fürchte ich nicht: Kommt doch heran!“

„Wir können warten; aber sobald du schießest, werden wir uns wehren.“

Ach, jetzt war also schon nicht mehr vom Angreifen, sondern nur noch vom Wehren die Rede!

„Wenn ich mich entferne und auf jeden schieße, der mir folgt, wird keiner von euch es wagen, mich zu halten!“

„Du wirst trotzdem nicht entkommen. Wir sind nicht allein, sondern nur der Vortrab eines ganzen Heeres.“

Pshaw! Lüge!“

„Es ist keine Lüge, sondern Wahrheit!“ versicherte er eifrig. „Wohin wolltest du fliehen?“

„Zu Bloody-Fox.“

„Den wollen wir ja überfallen; da gerietest auch du in unsre Hände!“

„So reite ich nach Westen!“

„Dorthin giebt es nur einen Weg. Du müßtest nach dem Suks-ma-lestavi flüchten.“

„Das werde ich.“

„Da würdest du auf Vupa Umugi stoßen, welcher dorthin gezogen kommt.“

„Ich weiß es; aber er kommt erst in drei Tagen.“

„Nichts kannst du wissen! Er wird schon morgen abend dort eintreffen.“

„Da ist es dunkel, und es wird mir leicht gelingen, mich vorüberzuschleichen.“

„So wirst du von Nale-Masiuv gefangen, der nur einen halben Tag später kommt.“

Pshaw!“

„Lache nicht! Es ist auch jenseits der Wüste eine weite Ebene, in welcher du gesehen werden mußt. Wie kannst du so vielen Kriegern entgehen? Wenn dein Verstand noch nicht geschwunden ist, wirst du dich uns ergeben.“

„Old Shatterhand? Sich ergeben? Wem? Einem Knaben, wie du bist? Bist du überhaupt ein Knabe? Bist du nicht ein kleines, wimmerndes Mädchen, welches noch auf den Rücken der Mutter gehört, nicht aber unter erwachsene Männer, welche sich Krieger nennen?“

Einen Indsman ein altes Weib zu heißen, ist eine sehr große Beleidigung; noch größer aber ist die, ihn ein kleines Mädchen zu nennen. Schiba-bigk sprang wütend von seinem Sitze auf und schrie mich an, freilich ohne nach seinem Gewehre oder seinem Messer zu greifen:

„Hund, soll ich dich töten? Ich brauche nur ein Wort zu sagen, so fallen fünfzig Krieger über dich her!“

„Und ich brauche nur ein Zeichen zu geben, so seid ihr in zwei Minuten tot, wenn ihr euch mir nicht ergebt!“

Bei diesen Worten zog ich den Hahn der Büchse auf.

„So gieb doch dieses Zeichen!“ höhnte er.

„Sag das nicht noch einmal, sonst thue ich es!“

„Thue es doch, thue es! Wir wollen sehen, wer dir zu Hilfe kommen kann, uns zu töten oder zu fangen!“

„Sofort sollst du es sehen. Paß auf!“

Mein Schuß krachte. Da kamen von der gegenüberliegenden Höhe über siebzig Apatschen unter Kriegsgeheul herabgesprungen; sie hatten ihre Pferde droben zurückgelassen. Hinter mir wurde das Geheul erwidert; von links her kam Winnetou mit seiner Abteilung und von rechts her Old Wabble mit der seinigen gesprengt. Die Comantschen waren starr, ganz bewegungslos vor Schreck.

„Entwaffnet sie; bindet sie!“ rief Winnetou.

Sie lagen, noch ehe sie an Gegenwehr dachten, am Boden und jeder wurde von fünf, sechs Apatschen niedergehalten, um gebunden zu werden. Kaum zwei Minuten nach der letzten höhnischen Aufforderung Schiba-bigks waren sie alle gefesselt, ohne daß auch nur einer der Apatschen die geringste Verletzung davongetragen hatte. Nun ließen sie allerdings ihre Stimmen hören und versuchten, sich unter dem Drucke der unzerreißlichen Riemen aufzubäumen, vergeblich.

„Nun, Sir, habe ich meine Sache gut gemacht?“ fragte mich Old Wabble, indem er zu mir trat.

„Ja,“ antwortete ich. „Aber viel dürft Ihr Euch ja nicht darüber einbilden, denn es war kinderleicht.“

„Ja, wenn man einmal denkt, ganz fehlerlos gehandelt zu haben, dann war es kinderleicht; th’is clear!“

Er wendete sich mißmutig ab.

Das Thal war jetzt voller Pferde und Menschen; die ersteren wurden angehobbelt, und die letzteren lagerten sich. Die Gefangenen schob man so zusammen, daß sie eng nebeneinander lagen. Ihren jungen Häuptling aber ließ ich so weit von ihnen entfernen, daß sie nicht hören konnten, was ich mit ihm sprach. Es geschah das aus Rücksicht für ihn, denn ich wollte ihn nicht unglücklich machen. Wären die Demütigungen, die ihm bevorstanden, an ihre Ohren gekommen, so hätte er auf seine Häuptlingswürde für immer verzichten müssen. Ich wußte, daß seine gegenwärtige Niederlage überhaupt schon schlimme Folgen nach sich ziehen werde, selbst wenn ihm bei uns nichts Schlimmes weiter geschah.

Nach den unter Gentlemen herrschenden Regeln wäre es freilich sehr unedel gewesen, ihm die Beleidigungen zurückzugeben; ich hätte stolz darüber schweigen müssen; hier aber war es etwas ganz andres. Es galt, dem Seelenleben eines jungen, hoffnungsvollen Indianers eine Richtung zu geben, die es ihm ermöglichte, seinen einstigen Untergebenen etwas weit Besseres als ein roher, blutdürstiger Kriegshäuptling zu werden. Ich setzte mich neben ihn und winkte diejenigen fort, welche sich uns nähern wollten; ich hielt es für besser, allein mit ihm zu sein. Er wendete das Gesicht von mir weg und schloß die Augen.

„Nun,“ fragte ich, „wird mein junger Bruder auch jetzt noch behaupten, daß er ein großer, ein so berühmter Krieger sei?“

Er antwortete nicht, aber er schien den milden Ton, in welchem ich dies sagte, nicht erwartet zu haben, denn seine finsteren Züge erhellten sich ein wenig.

„Oder ist Schiba-bigk immer noch der Ansicht, daß man Old Shatterhand zu den alten Weibern rechnen müsse?“

Er regte sich nicht und sagte nichts. Ich fuhr fort:

„Der Vater meines jungen Freundes hat Tevua-Schohe geheißen, das ist Feuerstern; ich bin sein Freund und Bruder gewesen, und er war der einzige Krieger der Comantschen, den ich liebte.“

Jetzt öffnete er die Lider halb und warf einen forschenden Blick in mein Gesicht, sagte aber noch immer nichts.

„Feuerstern starb unter den Händen weißer Mörder, und mein Herz wurde krank, als ich es hörte. Wir haben ihn an den Mördern gerächt, und die Liebe, die ich für ihn hegte, ist auf seinen Sohn übergegangen.“

Er schlug die Augen auf, drehte den Kopf herum und richtete den Blick voll auf mich, verharrte aber auch jetzt noch in seinem Schweigen. Ich sprach weiter:

„Old Shatterhand hatte einen Namen, der an allen Lagerfeuern ertönte, und Schiba-bigk war ein Knabe, den niemand kannte. Dennoch nahm er sich seiner an, denn er wünschte, der junge Sohn der Comantschen möchte ein Mann werden, wie sein Vater war, mild und treu im Herzen, hell und klar im Kopfe und stark in der Faust. Ich geleitete dich damals durch den öden Llano estacado; ich half dir gegen deine Feinde; ich führte dich nach der Wohnung des Bloody-Fox und war dein Lehrer in all‘ den Tagen, die wir dort verlebten. Wenn ich zu dir sprach, so erschien dir meine Stimme wie die Stimme des toten Vaters, und wenn ich deine Hand in die meinige nahm, so glänzte Wonne auf deinem Gesichte, als ob meine Hand diejenige deiner Mutter sei. Damals hattest du mich lieb.“

„Uff, uff!“ sagte er jetzt leise, und seine Augen schimmerten feucht.

„Da füllte ich mein Calumet und rauchte die Pfeife des Friedens und der Brüderschaft mit dir; ich war der ältere, und du warst der jüngere Bruder, denn wir hatten miteinander einen Vater, den guten Manitou, von dem ich dir erzählte. Ich ließ dich in mein Herz und in meinen Glauben blicken und glaubte, ein Maiskorn in das deinige gepflanzt zu haben, welches sich nach und nach zu einer großen, reichen Ernte vermehren würde, denn dein Herz war ein fruchtbarer Boden und verhieß tausendfältige Frucht.“

„Uff, uff, uff!“ wiederholte er, abermals ganz leise und gepreßt, als ob er sich Mühe gebe, die Thränen zu unterdrücken.

„Was ist aus diesem Maiskorne geworden? Es hat keinen Tau und keine Sonne gefunden und ist elend vertrocknet und verdorrt.“

„Aga, aga, nein, nein!“ versicherte er, endlich ein Wort sprechend, wobei ihm aber das Gewissen oder die Scham das Gesicht von mir wieder wegdrehte.

„Uweh uweh, ja ja,“ behauptete ich; „es ist so, wie ich sage. Was ist aus meinem jungen Freund und Bruder geworden? Ein undankbarer Gegner, ein Feind, der mich verhöhnt und mir nach dem Leben trachtet. Das ist traurig, sehr traurig bei einem jungen Krieger, der nur das strenge Gesetz der Prairie kennt; noch viel, viel trauriger aber ist es von einem Jünglinge, der einen Christen lieb gehabt und durch ihn den großen, guten Manitou kennen gelernt hat. Als du vorhin Old Shatterhand beschimpftest und verhöhntest, konntest du mich nicht beleidigen; aber es hat meinem Herzen sehr wehe gethan, daß du meine Lehren vergessen hast und geworden bist wie einer, dem ich meine Hand nie wieder reichen kann. Wer ist schuld daran?“

„Nale-Masiuv und die andern Häuptlinge,“ antwortete er, sich mir wieder zuwendend. „Ich erzählte ihnen alles, was ich von dir gehört hatte; da lachten sie über mich und sagten, Old Shatterhand habe den Verstand verloren und sei ein priest geworden.“

„Mein junger Bruder, ich wollte, ich wäre ein priest und könnte der deinige sein! Du hast dich also Old Shatterhands geschämt?“

„Uweh uweh, ja ja,“ nickte er.

„So sollte ich mich jetzt nun deiner schämen; ich thue es aber nicht, sondern traure um dich. Eure Häuptlinge und Medizinmänner und diejenigen, welche nach dem Willen des großen, guten Manitou handeln, sind an ihren Thaten zu erkennen und von einander zu unterscheiden. Was hättet Ihr mit mir gethan, wenn ich in eure Hände gefallen wäre?“

„Wir hätten dich an den Marterpfahl gebunden.“

„Und doch habe ich euch nichts Übles zugefügt. Ihr aber habt mir nach dem Leben getrachtet. Was denkst du wohl, was nun mit euch und dir geschehen wird, da wir euch ergriffen haben?“

Er bäumte sich in den Fesseln halb empor, sah mir starr in das Gesicht und fragte hastig:

„Sag du es selbst, wie ihr euch rächen werdet!“

„Rächen? Ein Christ rächt sich nie in seinem Leben, denn er weiß, daß der große und gerechte Manitou alle Thaten der Menschen so vergelten wird, wie sie es verdienen. Du wirst einige Tage unser Gefangener sein und dann die Freiheit zurückerhalten.“

„Ihr werdet mich nicht töten, nicht vorher martern?“

„Nein.“

„Mich peinigen und verwunden?“

„Nein. Wir verzeihen dir.“

Er sank unter einem langgedehnten Seufzer wieder zurück, fragte aber hierauf schnell und mit blitzendem Auge:

„Glaubt Old Shatterhand etwa, daß ich aus Angst vor den Schmerzen so gefragt habe?“

„Nein. Ich weiß, daß du die Schmerzen verachtest, die man deinem Körper zufügen würde. Es waren Schmerzen der Seele, welche dir geboten, diese Frage auszusprechen. Ist es so oder nicht?“

„Old Shatterhand hat recht.“

„Und noch eines will ich meinem jungen Freunde sagen; ich weiß freilich nicht, ob du mich verstehen wirst. Du glaubtest vorhin, mich recht klug ausgefragt zu haben; aber ich wußte bereits alles, denn ich habe die Naiini am blauen Wasser und die Roten Nale-Masiuvs belauscht, und in den Antworten, die ich dir erteilte, waren, ohne daß du es ahntest, Fragen verborgen, die du mir alle ohne dein Wissen beantwortet hast. Nicht du hast mich, sondern ich habe dich ausgefragt. Du warest so stolz und deiner Sache sicher, und doch hast du mir verraten, daß Vupa Umugi morgen abend und Nale-Masiuv einen halben Tag später nach dem Suksma-lestavi kommen wird. Wie ist das zu erklären?“

Ich weiß es nicht; ich wollte nichts verraten.“

„Aber ich weiß es. Du hattest dich zwar Old Shatterhands und seiner Lehre geschämt, aber beide wohnten, ohne daß du es dachtest, noch in deinem Herzen. Als ich dann vor dir stand, in deinen Augen als Besiegter und doch eigentlich als Sieger, empörte sich dein Herz gegen dich selbst und hieß dich Dinge sagen, die du verschweigen solltest. Hast du das verstanden?“

„Nicht ganz, aber ich werde darüber nachdenken. Was wird mit mir geschehen, wenn die andern Häuptlinge erfahren, daß ich alles verraten habe!“

„Du hast nichts verraten, sondern ich habe das alles vorher gewußt. Ich lag nahe am Beratungsfeuer, als Vupa Umugi mit den alten Kriegern den Überfall des Bloody-Fox besprach, und ich war dabei, als die zwei Boten Nale-Masiuvs kamen und den Wächtern am Flusse ihre Botschaft anvertrauten. Ich habe auch die Späher belauscht, welche Vupa Umugi nach dem Kleinen Walde schickte. Ja, Winnetou hat schon längst gewußt, daß Bloody-Fox von euch überfallen werden soll, und ist schleunigst nach dem Llano geritten, um ihm beizustehen.“

„Uff, uff, Winnetou! Darum sehe ich ihn hier mit so vielen Kriegern der Apatschen!“

„Damit du dir keine Vorwürfe machst, will ich dir sogar anvertrauen, daß wir wissen, daß die weißen Soldaten nach dem Llano gelockt und durch die Pfähle, welche ihr heute gesteckt habt, in den Tod geführt werden sollen. Du hattest die Stangen zu stecken; dann kommt Vupa Umugi mit seinen hundertfünfzig Kriegern; hierauf folgen die Soldaten, und endlich soll Nale-Masiuv erscheinen, der nach seinen Wigwams um neue hundert Mann gesendet hat.“

„Uff! uff! Entweder seid ihr viel, viel klügere Männer als wir, oder Manitou hat euch lieber als uns und steht euch gegen uns bei!“

„Manitou hat alle Menschen gleich lieb, die roten wie die weißen; aber wer ihm gehorcht und nach seinem Willen handelt, den beschützt er in jeder Gefahr und giebt ihm Weisheit und Verstand, alle Feinde zu überwinden. Wir werden sämtliche Krieger der Comantschen gefangen nehmen.“

„Ich glaube es; ich glaube es; ich höre es dir an! Was werdet ihr dann mit den vielen Gefangenen thun?“

„Wir werden sie zum Guten ermahnen und ihnen dann die Freiheit wiedergeben.“

„Obgleich sie eure Feinde sind?“

„Der Christ kann Feinde haben, ist aber niemals selbst ein Feind. Seine Rache besteht in der Verzeihung.“

Er wendete den Kopf wie unter einer innern Qual hin und her und meinte, tief und schwer atmend:

„So können nur die Bleichgesichter sein; ein roter Krieger aber kann und darf das nicht!“

„Du irrst. Grad der tapferste und berühmteste unter den roten Kriegern ist genau so, wie du es jetzt von mir hörtest.“

„Wen meinst du?“

„Wen anders doch als Winnetou!“

„Den Häuptling unserer ärgsten Feinde, der Apatschen!“

„Warum nennt ihr sie eure Feinde? Haben sie euch angegriffen, oder seid ihr es, von denen das Beil des Krieges ausgegraben worden ist? Ihr waret stets die ersten, die zum Angriffe schritten, und doch sagte Winnetou erst gestern abend, daß womöglich das Blut keines einzigen Comantschen vergossen werden solle! Die roten Männer und Völker müssen untergehen, weil sie nicht aufhören, sich untereinander selbst zu zerfleischen; ihr Manitou ist ein Manitou des Blutes und der Rache, der ihnen selbst in den ewigen Jagdgründen keinen Frieden, sondern Schlachten und Kämpfe ohne Ende bietet. Unser Manitou aber hat uns ein großes Gebot gegeben, welches alle, die an ihn glauben, schon hier auf Erden glücklich und nach dem Tode ewig selig macht.“

„Will Old Shatterhand mir dieses Gebot sagen?“

„Es lautet: wir sollen ihn allein verehren und alle Menschen lieben wie uns selbst, mögen sie nun unsre Freunde oder unsre Feinde sein.“

„Auch unsre Feinde?“ fragte er, indem er mich mit weit offenen, erstaunten Augen ansah.

„Ja, auch die Feinde.“

„Wie uns selbst?“

„Wie uns selbst.“

„So soll ich einen Apatschen, der mir nach dem Leben trachtet, so lieben, wie ich meinen Vater liebte und wie ich mich selbst liebe?“

„Ja. Es giebt eine einzige große Liebe, welche, wenn sie wahr ist, nicht in einzelne größere und kleinere Teile zerfallen kann.“

„Dann sind es nur die Bleichgesichter, die sie haben; einem roten Krieger aber ist es niemals möglich, seinen Feind oder gar mehrere zu lieben.“

„Denke an Winnetou! Wir waren Todfeinde und sind Brüder geworden, die allezeit bereit sind, ihr Leben für einander zu lassen. Ihr seid seine Feinde, und doch verzeiht er es euch, daß ihr ihm und den Seinen nach dem Leben trachtet. Er giebt euch, seinen grimmigen Feinden, die Freiheit zurück, obwohl er weiß, daß ihr ihn trotzdem nicht weniger hassen werdet. Wie oft war ich dabei, wenn er Feinde besiegte, die ihn töten wollten; ihr Leben lag in seiner Hand; er konnte es ihnen nehmen; er hat es ihnen aber stets geschenkt. Darum ist er geehrt und berühmt, so weit man seinen Namen kennt, und darum kann ich behaupten, daß es auch einem roten Krieger sehr wohl möglich ist, seinem Feinde zu verzeihen und ihm Wohlthat und Liebe zu erweisen. Ich wollte, mein junger Bruder könnte sein wie Winnetou!“

Er hielt die gefesselten Hände an die Stirne, schwieg eine ganze, ganze Weile und bat mich dann:

„Old Shatterhand mag gehen, und mich allein lassen! Ich will mit mir selbst sprechen; ich will mich fragen, ob ich so sein kann, wie Winnetou, der große Häuptling der Apatschen.“

Ich folgte seiner Aufforderung und ging, wohl wissend, daß ich ihn in innerer Pein zurückließ. Warum hatte ich ihm nur Winnetou, einen Menschen, einen Indianer, zur Nachahmung genannt? Gab es nicht höhere Vorbilder? Warum hatte ich nicht das höchste, das heiligste erwähnt? Weil es ihm in dieser Kürze unverständlich, unbegreiflich gewesen wäre; war ihm doch schon Winnetou zu viel, obgleich er diesen vor sich sah und hundert Züge des Edelmutes und der Liebe aus seinem Leben kannte! Man muß auch mit der Darreichung geistiger Nahrung vorsichtig sein. Jedenfalls hatte ich das verschwundene „Maiskorn“ wieder aus der unfruchtbaren Tiefe emporgeholt, und die Folge zeigte, daß es von heute an zu keimen begann.

Ich sah Winnetou mit Entschar-Ko und den Weißen beratend beisammensitzen und ging zu ihnen. Dabei bemerkte ich wohl, daß Winnetou sich schweigend dabei verhielt oder verhalten hatte, denn wenn ich mich bei ihm befand, war es nicht seine Art und Weise, andern Leuten vor mir seine Ansicht darzulegen.

„Gut, daß Ihr kommt, Mr. Shatterhand,“ sagte Old Wabble. „Wir müssen doch besprechen, was geschehen soll.“

„Habt ihr es nicht schon besprochen, Sir?“ fragte ich.

„Wir haben freilich hin und her geredet, doch will es uns nicht gelingen, einig zu werden.“

„Das ist doch seltsam! Nach allem, was wir jetzt wissen, kann es doch gar keinen Zweifel darüber geben, was wir thun müssen.“

„So? Sonderbar, daß es bei Euch nie einen Zweifel giebt. Ob aber Winnetou mit Euch einverstanden ist?“

Da erklärte der Apatsche in seiner bekannten Weise:

„Der Plan meines Bruders Shatterhand ist gut. Wir werden ihn ausführen.“

„Schön! Aber erst müssen wir ihn hören, denn was man nicht weiß, das kann man auch nicht wissen; th’is clear! Also sprecht, Mr. Shatterhand! Wann soll von hier aufgebrochen werden?“

„Sogleich,“ antwortete ich.

„Wohin? Nach der Oase?“

„Ja, aber nicht alle; wir werden uns teilen.“

„Ah! Wieso?“

„Es gilt, die bereits eingesetzten Stangen, welche den richtigen Weg nach der Oase verraten, schleunigst zu entfernen und in der Richtung nach der Gegend in den Sand zu stecken, von welcher Bloody-Fox sprach.“

„Wer soll das thun? Ich möchte mit.“

„Das geht nicht an; es darf das natürlich nur von Indianern geschehen.“

„Warum? Ich sehe keinen Grund dazu.“

„Das ist auch gar nicht nötig, Sir, wenn nur ich ihn kenne. Diejenigen, welche diese Aufgabe lösen, werden natürlich zahlreiche Spuren zurücklassen, und das müssen Indianerspuren sein, damit Vupa Umugi sie für die Spuren seiner Comantschen hält, wenn er kommt.“

„Ah, brillant! Das leuchtet mir ein.“

„Es dürfen nicht weniger und nicht mehr Leute sein, als wir hier Comantschen festgenommen haben. Darum wird Winnetou mit fünfzig Apatschen und den hier noch vorrätigen Stangen sofort von hier nach dem Gutesnontin-khai aufbrechen, um die Arbeit auszuführen.“

Kaum hatte ich dies gesagt, so stand der Häuptling auch schon auf und fragte mich:

„Hat mein Bruder für mich noch etwas hinzuzufügen? Ich will fort.“

„Nur eine Bemerkung – Da du das Kaktusfeld nicht kennst, nach welchem wir die Comantschen locken wollen, so wirst du die Stangen in südöstlicher Richtung aufstellen müssen. Ich sende dir dann Bloody-Fox zu, der dich genauer führen wird. Das ist alles, was ich dir zu sagen habe.“

Eine längere, eingehendere Besprechung war zwischen uns beiden nicht nötig. Schon fünf Minuten später galoppierte er mit fünfzig Apatschen aus dem Thale hinaus, den hundert Bäumen zu.

„Das ist ein Kerl!“ bewunderte ihn der alte Wabble. „Der bedarf keiner stundenlangen Instruktion, um zu wissen, wie er etwas anzufassen hat! Welche Anweisung werdet Ihr denn uns erteilen, Mr. Shatterhand?“

„Gar keine. Wir reiten direkt nach der Oase.“

„Und dann?“

„Dann bleibt ihr zur Bewachung der Gefangenen so lange dort, bis ihr Nachricht von mir bekommt.“

„Von Euch? Ihr werdet also nicht bleiben?“

„Nein. Ich muß auch nach den hundert Bäumen, um die Ankunft der Comantschen dort zu beobachten.“

„Allein?“

„Mr. Surehand wird mich begleiten.“

„Könnte ich denn nicht mit? Ich verspreche Euch, ganz gewiß keinen Bock oder Pudel zu schießen!“

Ich hatte keine Lust, ihn mitzunehmen, seiner bekannten Voreiligkeit wegen, aber er gab so lange gute Worte, bis ich endlich beistimmte:

„Nun wohl, so reitet mit! Aber wenn ein einziger Fehler vorkommt, sind wir geschiedene Leute. Was werdet Ihr inzwischen mit Euren gewaltigen mexikanischen Sporen machen?“

„Mit meinen Sporen? Soll ich die vielleicht nicht an den Füßen behalten, Sir?“

„Nein.“

„Warum?“

„Weil wir auch indianische Fußeindrücke machen müssen, um nicht den Argwohn der Comantschen zu erregen! Wir werden also unsere Stiefel mit Mokassins vertauschen.“

„Woher welche nehmen?“

„Von den Gefangenen; die werden schon die Güte haben, uns auszuhelfen.“

„Hm! Wird sehr schwer fallen! Ja, Ihr mit Euern Parketfüßchen findet jedenfalls passende; aber seht da meine Ständer an!“

Er hatte allerdings Füße, die selbst für seine sehr hoch aufgeschossene Gestalt zu lang waren, und die riesige Bekleidung derselben gehörte zu der Art, von welcher man zu sagen pflegt, „mit drei Schritten über die Rheinbrücke in Mainz“.

Es war Zeit zum Aufbruche; ich ließ also die Comantschen aufsitzen und mit Riemen an die Pferde festbinden; sie ließen das geschehen, denn sie sahen ein, daß eine Weigerung die größte Dummheit gewesen wäre. Ihren jungen Anführer aber wollte ich nicht in derselben Weise behandeln; darum sagte ich zu ihm:

„Ich habe meinem roten Bruder Schiba-bigk mein Herz geschenkt, und es würde mir wehe thun, ihn ebenso fesseln zu müssen wie seine Leute. Wenn ich ihm erlaube, frei mit uns zu reiten, wird er da zu entfliehen versuchen?“

„Ich bin in deiner Hand,“ antwortete er.

„Das ist keine Antwort, wie ich sie haben will.“

„Ist es nicht genug, wenn ich sage, daß ich in deiner Hand bin?“

„Nein. Daß du mein Gefangener bist, das weiß ich, ohne daß du es mit Worten zuzugeben brauchst. Ich will aber wissen, ob du, wenn ich dich nicht binden lasse, einen Versuch machen wirst, dich der Gefangenschaft zu entziehen.“

„Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten!“

„Ich weiß es.“

„Ihr werdet die Krieger der Comantschen alle ergreifen; aber wenn es mir gelänge, zu entkommen und sie zu warnen, würde kein einziger von ihnen in eure Gewalt geraten.“

„Das ist deine Ansicht, die meinige aber nicht.“

„Es ist meine Pflicht, die Flucht zu versuchen.“

„Diese Worte überzeugen Mich, daß du nicht nur ein wakkerer Krieger, sondern auch ein aufrichtiger, ehrlicher Mann bist. Dennoch werde ich dich nicht mit Riemen quälen.“

„Uff!“ rief er erstaunt aus.

„Ja; ich werde dich nicht binden lassen.“

„Da entfliehe ich!“

Pshaw! Selbst wenn wir zwei allein wären, würdest du nicht entwischen; du siehst, wieviel Reiter ich bei mir habe. Übrigens werde ich ein Mittel anwenden, welches dich fester als alle Fesseln bei uns halten wird.“

„Welches?“

„Ich nehme dir die Medizin ab.“

„Uff, uff!“ rief er.

„Ja, das thue ich. Beim ersten Versuche, zu entfliehen, werden alle Gewehre auf dich gerichtet sein, und würdest du, was aber gar nicht möglich ist, von keiner Kugel getroffen, so hättest du im nächsten Augenblicke über zweihundert Verfolger hinter dir. Und sollte dich keiner von ihnen fangen, was wieder gar nicht zu denken ist, so würde ich deine Medizin vernichten und mit ihr deine Seele.“

Er senkte den Kopf und ließ ein ergebungsvolles „Uff“ hören; er that auch keinen Griff, es zu verhindern, als ich ihm die Medizin abnahm und an meinen Hals hing. Er gab sich die allergrößte Mühe, seine Gedanken zu verbergen, konnte mich aber nicht täuschen. Es hatte, allerdings nur für einen ganz kurzen Moment, ein Licht in seinem Auge aufgeblitzt, welches mir sagte, daß er alles wagen und selbst den Verlust der Medizin daran setzen werde, die Freiheit zu erlangen.

Ich hatte also wohl Grund, ihn fesseln zu lassen, that dies aber nicht, denn ich wollte wissen, weshalb er, entgegengesetzt allen indianischen Anschauungen, selbst auf die Medizin verzichtete, um frei werden zu können. Sollten meine einstigen Lehren doch so tief in ihm gehaftet haben, daß sie im stande gewesen waren, seine heidnischen Ansichten über die ewigen Jagdgründe ins Wanken zu bringen? Denn wenn die Medizin ihre Macht über ihn verloren hatte, so konnte er unmöglich mehr an eine derartige Fortdauer nach dem Tode glauben; das stand fest. Also ließ ich ihn, um ihn in dieser Beziehung auf die Probe zu stellen, nicht binden, sorgte aber anderweit dafür, daß die Flucht nicht gelingen konnte.

Die beste Art und Weise, etwas, was andere thun wollen, zu verhindern oder unschädlich zu machen, ist die, es selbst herbeizuführen; dann hat man es in der Gewalt und kann zur rechten Zeit seine Gegenmaßregeln treffen. Also mußte ich, um des jungen Häuptlings sicher zu sein, ihm an irgend einem Augenblicke die Flucht so leicht wie möglich machen. Ging er auf diese Finte ein, so konnte ich ihn schnell fassen, grad so, wie die Katze die Maus, mit der sie spielt.

Als wir aufgebrochen waren, ritt ich zunächst allein hinterher, um, ohne daß der Häuptling es bemerkte, meinen Lasso so in fertigen Rollen um die Schulter zu legen, daß es nur eines schnellen Griffes bedurfte, ihn wurfgerecht in die Hand zu bekommen. Dann ritt ich als Führer voran und rief ihn an meine Seite. Ich unterhielt mich in der Weise mit ihm, als ob ich ihn gar nicht beaufsichtigte, und blieb dann, als es zu dunkeln begann, mit ihm weiter und weiter zurück, bis wir uns anstatt an der Spitze des Zuges schließlich am Ende desselben befanden. Die Dämmerung verdichtete sich schnell zum vollständigen Abenddunkel. Schiba-bigk ritt mir zur rechten Seite. Ich that so, als ob mir am Sattelzeuge etwas in Unordnung geraten sei, hielt das Pferd an und beugte Mich, ohne abzusteigen, an der linken Seite nieder. Wir waren die letzten im Zuge; ich drehte ihm den Rücken zu: Wenn er jetzt nicht floh, so hatte er überhaupt die Absicht gar nicht, uns zu entwischen. Ich griff gespannt mit der rechten Hand nach dem Lasso. Richtig! Ein Knirschen des Sandes, wie unter den Hufen eines Pferdes, welches auf den Hinterbeinen herumgeworfen wird – schnell erhob ich mich wieder im Sattel und drehte mich um: Da hinten flog er in Carriere auf dem Wege zurück, den wir gekommen waren, doch in demselben Augenblicke hatte ich mein Pferd gewendet und flog hinter ihm her. Mein Rappe hatte nicht ohne Grund den Namen Hatatitla, was so viel wie Blitz bedeutet. Er war dem Pferde Schiba-bigks überhaupt und ganz besonders auch in Beziehung auf die Schnelligkeit weit überlegen. Es war noch nicht eine einzige Minute vergangen, so war ich dem Flüchtlinge so nahe, daß mein Lasso ihn erreichen mußte.

„Halt an!“ rief ich ihm zu.

„Uff, uff!“ antwortete er in schrillem Tone, was so viel bedeuten sollte, nein, das fällt mir gar nicht ein.

Da flog mein Lasso nach vorn; die Schlinge senkte sich auf ihn nieder und faßte ihn bei den beiden Armen, die sie ihm an den Leib zog. Ich hielt meinen Rappen an, und der Ruck, den der Lasso dadurch erhielt, riß den Indianer vom Pferde. Ich sprang ab und kniete bei ihm nieder. Er lag bewegungslos.

„Ist mein junger Bruder noch am Leben?“ fragte ich, denn es war leicht möglich, daß er den Hals gebrochen hatte. Solche Unfälle kommen bei dem Fangen mit dem Lasso häufig vor.

Er antwortete nicht.

„Wenn Schiba-bigk nicht redet, werde ich ihn wie eine Leiche auf das Pferd schnallen. Wenn ihm dann die Glieder schmerzen, hat er es sich selbst zuzuschreiben,“ warnte ich.

„Ich lebe,“ antwortete er jetzt.

„Hast du Schaden genommen?“

„Nein.“

„So rufe dein Pferd herbei!“

Es war, als er aus dem Sattel gerissen wurde, noch eine Strecke weit fortgelaufen. Er stieß einen scharfen Pfiff aus, und es kam.

„Jetzt werde ich meinem jungen Bruder die Hände binden; er selbst ist schuld daran, daß ich das thun muß.“

Er lag noch am Boden. Die Schlinge des Lasso hielt ihm die Arme am Leibe fest. Ich half ihm beim Aufstehen, band ihm die Hände zusammen und befahl ihm, aufzusteigen. Als er das gethan hatte, zog ich ihm unter dem Bauche des Pferdes einen Riemen von einem Fuße zum andern und band dann seine Zügel mit den meinigen zusammen. Dadurch bekam ich sein Pferd in meine Gewalt, und er konnte nicht herunter. Nachdem ich mir den zusammengeschlungenen Lasso wieder über die Schulter gehängt hatte, stieg ich auf und ritt mit dem Gefangenen im Galoppe zurück, unserer Truppe nach.

Diese war halten geblieben, weil man bemerkt hatte, daß wir fehlten. Old Surehand, Wabble, Parker, Hawley und Entschar-Ko kamen uns entgegen.

„Gott sei Dank, da seid Ihr ja!“ rief der alte König der Cowboys aus. „Wo habt Ihr denn gesteckt, Mr. Shatterhand?“

„Wir haben einen kleinen Aus- oder Rückflug unternommen,“ antwortete ich.

„Der Rote wollte wohl echappieren?“

„Ja.“

„Da habt Ihr es! Sage ich nicht, daß diese Kerls alle nichts taugen? Solche Kerls darf man nicht mit Handschuhen anfassen, wie das so Eure Mode ist. Hoffentlich ist er nun gebunden?“

„Ganz nach Eurem Wunsche, Mr. Cutter.“

„Warum sagt Ihr das so ironisch, Sir?“

„Weil er schon vorher gefesselt war.“

„Das ist mir neu. Habe nichts davon gesehen.“

„Ob mit Riemen gefesselt oder durch meine Augen bewacht, das ist ganz dasselbe.“

„So? Na, wenn Eure Augen Riemen sind, so laßt sie nicht zu lang herunterhängen; die Pferde könnten sie Euch wegtreten; th’is clear!“

Ich hätte ruhig hinterherreiten können, denn eine Wiederholung des Fluchtversuches war nun vollständig ausgeschlossen; dennoch begab ich mich wieder an die Spitze, denn ohne meine Führung hätten die andern den Weg verfehlt. Auch Schiba-bigk hätte, selbst wenn er nicht in unsere Hände gefallen wäre, die Oase nicht überfallen können, weil es ihm unmöglich gewesen wäre, den neuen Durchgang durch den Kaktus zu finden. Er kannte nur den alten, und der war, wie schon erwähnt, von Bloody-Fox zugepflanzt worden.

Es war nach sechs Uhr dunkel geworden. Ungefähr anderthalb Stunden später kamen wir im Lager der Apatschen an, bei denen sich der Fuchs befand. Er war natürlich sehr begierig, zu erfahren, welchen Erfolg wir gehabt hätten, fügte aber der Frage, welche er daraufhin aussprach, gleich die Antwort hinzu:

„Uff! Da sehe ich, daß es gar keiner Erkundigung bedarf. Das sind ja eine ganze Menge Comantschen, die Ihr mitbringt. Ihr seid also mit Ihnen zusammengetroffen und habt sie gebeten, mitzukommen. Ist Schiba-bigk dabei?“

Yes,“ antwortete Old Wabble. „Werden doch die Roten nicht ohne ihren Anführer bringen!“

„Sind welche erschossen oder verwundet worden? Haben sie sich gewehrt?“

„Ist ihnen nicht eingefallen. Es hat keiner ein Löchlein in die Haut bekommen. Das ging so sauber zu wie in der Knabenschule, wenn Tintenklexe ausradiert werden. Will es Euch erzählen, wenn es Euch Vergnügen macht. Fürs Erste aber wollen wir hinein zum Wasser, um die Pferde trinken zu lassen. Das ist das Notwendigste, was geschehen muß.“

Er hatte Recht. Ich stieg ab und band Schiba-bigk los.

„Wenn mein roter Bruder sich eingebildet hat, Bloody-Fox überfallen zu können, so hat er sich in einem großen Irrtume befunden; die Gegend ist ganz anders geworden, als sie damals war. Weil du der Flucht verdächtig bist, wirst du den richtigen Weg nicht sehen dürfen.“

Ich nahm ihn vom Pferde, verband ihm die Augen und ergriff ihn beim Arme, um ihn durch den Kaktus nach der Hütte zu führen. Die Weißen und Entschar-Ko folgten uns. Die Gefangenen waren den Apatschen sogleich zur Bewachung übergeben worden; ihre Pferde wurden auch hereingebracht, um getränkt zu werden.

Eigentlich hatte ich die Absicht gehabt, nicht nur den feindlichen Comantschen, sondern auch den Apatschen den Zutritt zu dem Innern der Oase zu verwehren; es war immer am besten, gar keinen von ihnen diese Örtlichkeit kennen lernen zu lassen; aber dies hatte sich durch das unvermeidliche Tränken der Pferde als hinfällig erwiesen. Wenn über dreihundert Pferde und ebenso viele Menschen mit Wasser zu versehen waren, konnte der Quell unmöglich verborgen bleiben.

Während die andern sich draußen an den Tischen niedersetzten, führte ich Schiba-bigk in das Innere des Hauses, wo ich ihn anband.

„Mein Bruder hat es nur sich selbst zuzuschreiben, daß ich dies thue,“ sagte ich. „Hätte er mir sein Wort gegeben, nicht zu entweichen, so dürfte er jetzt frei hier herumgehen.“

„Dieses Wort darf ich nicht geben,“ antwortete er, „ich bin ein Häuptling der Comantschen, und da unsre Krieger sich in Gefahr befinden, habe ich die Pflicht, zu fliehen, sobald es möglich ist.“

„Diese Möglichkeit wird nicht eintreten!“

„Vorhin war sie da!“

„Nein!“

„Wenn das Pferd meines weißen Bruders nicht schneller gewesen wäre als das meinige, wäre ich entkommen.“

„Hast du das wirklich geglaubt?“

„Ja.“

„So habe ich dich für scharfsinniger gehalten, als du bist. Wir befanden uns erst dem Zuge voran. Warum blieb ich dann mit dir zurück?“

„Weil du glaubtest, mich sicher zu haben.“

„Nein, ganz im Gegenteile, weil ich wußte, daß du fliehen wolltest. Und weshalb hielt ich an, um nach meinem Sattelzeuge zu sehen?“

„Weil etwas daran zerrissen oder verschoben war.“

„Auch nicht, sondern um dir Gelegenheit zu geben, die Flucht zu ergreifen.“

„Uff!“ rief er verwundert. „Old Shatterhand wollte mich an der Flucht verhindern und hat mir doch die Gelegenheit dazu gegeben!“

„Das begreifest du nicht?“

„Wer kann das begreifen!“

„Jeder Mensch, welcher gelernt hat, nachzudenken. Grad weil ich die Flucht verhindern wollte, habe ich dir die Gelegenheit dazu gegeben. Wärest du in einem Augenblicke geflohen, an welchem ich nicht darauf vorbereitet war, so hättest du, weil es dunkel war, trotz der Schnelligkeit meines Pferdes entkommen können; ich mußte also vorbereitet sein, und das konnte nur dadurch geschehen, daß ich selbst den geeigneten Augenblick herbeiführte; dann war ich um so schneller hinter dir her.“

„Uff, uff!“

„Siehst du es jetzt ein?“

„Ich sehe ein, daß es wahr ist, was alle roten und weißen Krieger wissen: Old Shatterhand ist nicht zu überlisten, sondern er überlistet sie alle.“

„Hm, dich heut zu überlisten, dazu gehörte gar nicht viel. Du bist ein Häuptling, aber doch noch fast ein Knabe; wenn du das wenigstens mir gegenüber beherzigen willst, so kann es dir nur zum Vorteile sein. Sei froh, daß mein Pferd schneller war als das deinige, und ich infolge dessen nur den Lasso angewendet habe! Hätte ich dich nicht so rasch einholen können, so wäre ich gezwungen gewesen, dich zu erschießen.“

„Schiba-bigk hat keine Angst vor dem Tode!“

„Das weiß ich; aber deine Flucht hatte doch nur den Zweck, die Comantschen zu benachrichtigen. Hättest du das thun können, wenn du erschossen worden wärest?“

„Uff, nein!“

„Du mußt also einsehen, daß du auch in dieser Beziehung unüberlegt gehandelt hast. Und wie konntest du vergessen, daß ich deine Medizin besitze!“

„Ich vergaß es nicht.“

„Und wolltest dennoch fort? Sonderbar! Mochte dir die Flucht gelingen oder nicht, so wäre deine Seele für immer verloren gewesen.“

„Nein!“

„Doch! Wer seine Medizin verliert, der kann sich eine andere suchen und dadurch seine Seele retten. Wer sich aber seine Medizin abnehmen läßt und sie wird vernichtet, dessen Seele ist auch vernichtet und wird nie in die ewigen Jagdgründe gelangen.“

„Old Shatterhand sagt da Etwas, was er selbst nicht glaubt!“

Ich sah trotz des schwachen Scheines der in der Stube brennenden, selbstgefertigten Talgkerze, daß sein Gesicht einen selbstbewußten, ja, ich möchte sagen, einen überlegenen Ausdruck annahm. Über das, was er jetzt dachte, hätte ein Deutscher sich wahrscheinlich ausgedrückt: jetzt habe ich Old Shatterhand im Sacke! Ich antwortete:

„Ob ich es glaube oder nicht, das ist Nebensache; aber Ihr glaubt es. Wenn ein roter Krieger einem Feind die Medizin abnimmt und sie aufbewahrt, so muß die Seele desselben ihn in den ewigen Jagdgründen bedienen, außer der große Geist offenbart ihm den Weg, sich eine neue Medizin zu erwerben. Wird aber die Medizin nicht aufbewahrt, sondern vernichtet, so ist mit ihr die Seele vernichtet für alle Ewigkeit. Das ist doch euer Glaube!“

„Aber nicht der meinige!“

„Nicht?“ fragte ich scheinbar überrascht.

„Nein. Auch ich habe es geglaubt, aber nur so lange, bis mein großer Bruder Old Shatterhand mir von dem großen Manitou erzählte, der alle Menschen erschaffen hat, der allen gleiche Liebe gibt und zu dem alle Seelen zurückkehren werden. Kein Mensch kann einem andern seine Seele nehmen. Es wird nach dem Tode keine Herrscher und keine Diener, weder Sieger noch Besiegte geben. Vor dem Stuhle des großen, guten Manitou werden alle Seelen gleich sein; es wird ewige Liebe und ewiger Friede herrschen und weder Kampf noch Jagd und Blutvergießen geben. Wo sollen da die Jagdgründe liegen, von denen unsere Medizinmänner sprechen?“

Er hatte das in einem Eifer, der sich von Wort zu Wort steigerte, gesagt. Ich freute mich auf’s herzlichste darüber. Das war es ja, was ich hatte erfahren wollen! Der Same, den ich damals in sein Herz gesäet hatte, war also doch aufgegangen und hatte unter der starren Rinde feste Wurzeln geschlagen.

„Ja, wenn du so denkst, dann hat ja keine Medizin mehr Wert für dich,“ sagte ich, scheinbar absichtslos.

„Sie ist das Zeichen, daß ich Krieger bin, weiter nichts.“

„Dann hat es auch keinen Zweck, daß ich sie behalte. Hier hast du sie zurück.“

Ich nahm sie von meinem Halse und gab sie ihm. Er hing sie sich um und antwortete: „Sie hat mit meiner Seele nichts zu thun, aber sie ist das Zeichen des Kriegerranges, und darum danke ich dir, daß du sie mir wiedergiebst!“

„Hast du schon mit andern roten Kriegern darüber gesprochen, daß die Seele und die Medizin zwei Dinge sind, die einander nichts angehen?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil sie es nicht glauben würden.“

„Aber du hast es doch mir geglaubt!“

„Mein Mund ist nicht der deinige, und wenn ich ganz dasselbe sage, was du gesagt hast, so ist es doch nicht dasselbe. Wird Old Shatterhand heut hier bleiben?“

Ich durfte ihm keine Auskunft erteilen und antwortete darum, über seine Frage weggehend:

„Mag ich hier sein oder nicht, es wird dir an nichts fehlen. Da du fliehen willst, muß ich dich noch als Feind betrachten; aber du sollst dich wenigstens zwischen diesen vier Wänden frei bewegen dürfen.“

„So willst du mich losbinden?“

„Bob, der Neger, wird dies später thun.“

„Der Nigger? Soll ein Nigger mich berühren? Weißt du nicht, daß kein roter Krieger mit einem Nigger etwas zu thun haben mag?“

„Und weißt du nicht, daß der große Manitou alle Menschen erschaffen hat und alle gleich sehr liebt, mögen sie nun eine schwarze, rote oder weiße Haut besitzen?“

Er blickte verlegen vor sich nieder.

„Und was hast du gegen unsern Bob?“ fuhr ich fort. „Er war dabei, als wir dich damals retteten. Du bist ihm nicht weniger Dank schuldig als uns. Er ist ein besserer Mensch, als du gewesen bist. Er hat niemals einem Menschen Freundschaft vorgelogen; du aber hast Bloody-Fox dein Leben zu verdanken und mit ihm die Pfeife des Friedens und der Freundschaft geraucht und bist trotzdem jetzt hierher gekommen, ihn aus seinem Home zu vertreiben und zu töten. Sag mir da einmal aufrichtig, wer steht höher, er oder du?“

Er antwortete nicht.

„Du schweigst; das ist genug. Denke über dich nach! Damit du das ungestört thun kannst, werde ich jetzt gehen.“

Meine Worte klangen vielleicht streng; aber sie waren gut gemeint, und ich hoffte, daß sie den beabsichtigten Eindruck machen würden. Ich ging hinaus und winkte den Neger zu mir. Ich kannte ihn und wußte, daß er seiner Aufgabe gewachsen sei; ich mußte ihm die Sache nur richtig plausibel machen. Der Gefangene war streng zu bewachen, sollte aber nicht gequält werden.

„Komm einmal her, Bob,“ sagte ich. „Ich habe dir etwas mitzuteilen.“

„Schön! Massa Shatterhand Masser Bob was mittheilen.“

„Es ist sehr wichtig!“

„Wichtig? Oh, oh! Masser Bob sein ein sehr tüchtig Gentleman, wenn wichtig Sache mitgeteilt bekommen!“

Er verdrehte vor Stolz die Augen so, daß nur das Weiße zu sehen war.

„Ich weiß, daß du ein sehr starker und tapferer Mann bist. Nicht, alter Bob?“

„Oh, ja, oh! Bob sein sehr stark und tapfer!“

„Aber auch listig?“

„Sehr listig, sehr! Listig wie – wie – – wie –“

Er sann nach; es schien ihm kein genug augenfälliges Beispiel von List einfallen zu wollen; dann schlug er froh die Hände zusammen, denn er hatte eins gefunden, und fuhr fort: „Listig wie Fliege, grad wie Fliege!“

„Fliege? Hältst du die Fliege für ein so außerordentlich listiges Geschöpf?“

Yes! Oh, oh, Fliege sehr listig, sehr! Setzen sich immer nur auf Nasenspitze.“

„Und das ist List?“

„Sehr viel List, denn Nasenspitze sein ganz vorn, und Fliege da kann gleich schnell wieder fortfliegen.“

„Schön, das imponiert mir allerdings. Also, ich brauche deine Stärke, deine Tapferkeit und deinen Muth. Hast Du gesehen, daß ich Schiba-bigk in die Stube geschafft habe?“

Yes, Masser Bob haben lauschen durch Thür und sehen, daß junger Häuptling liegen auf Diele und sein mit Riemen fest angebunden.“

„Richtig! Er will fliehen; darum muß er streng bewacht werden. Das sollst du thun.“

Well! Masser Bob sich setzen zu ihm ganze Nacht und ganzen Tag und ihn nicht lassen aus allen zwei Augen!“

„Das wird nicht gerade nötig sein. Du wirst ihn nachher, wenn ich fort bin, losbinden; er soll frei in der Stube umhergehen können; aber heraus darf er nicht.“

O no, darf nicht heraus! Aber wenn dennoch will heraus, was Masser Bob dann thun?“

„Du lässest ihn auf keinen Fall heraus.“

„Nein, gar nicht! Sobald er steckt Nase heraus, Masser Bob ihm geben einen Hieb darauf.“

„Das darfst du nicht thun. Schläge sind für einen roten Krieger die größte Beleidigung.“

Da kratzte er sich verlegen hinter dem Ohr und sagte:

„Oh, hm, oh! Das bös, sehr bös! Masser Bob ihn nicht lassen heraus und doch nicht dürfen schlagen! Masser Bob ihn müssen losbinden und doch ihn festhalten!“

„Ja,“ lächelte ich, „es ist eine sehr schwierige Angelegenheit; aber du bist der richtige Mann dazu. Du bist schlauer und listiger als der Fuchs; du bist so listig wie eine Fliege auf der Nasenspitze und wirst keinen Fehler machen. Dir vertraue ich diesen wichtigen Gefangenen an. Er wird losgebunden und bekommt zu essen und zu trinken, darf aber nicht zur Thür heraus, auch nicht etwa zu einem Fenster; aber schlagen darfst du ihn nicht.“

„Auch nicht erschießen?“

„Das nun gar nicht! Du mußt dich da ganz auf deine große, anerkannte Pfiffigkeit verlassen.“

Er sann nach und antwortete dann auf diese Schmeichelei mit einem unendlich glückseligen Lächeln:

„Oh, ah, oh, Masser Bob sein pfiffig. Bob weiß jetzt, wie machen. Soll Bob es sagen?“

„Nein, ich brauche es jetzt nicht zu wissen; aber ich bin Überzeugt, daß ich mit dir zufrieden sein kann, wenn ich zurückkehre.“

„Zufrieden, sehr zufrieden! Masser Bob haben einen Gedanken, der sehr pfiffig, sehr. Schiba-bigk drinstecken, losbinden und doch nicht heraus können; ihn auch nicht schlagen oder schießen. Das machen Masser Bob sehr schlau. Massa Shatterhand werden sehen!“

„Gut, lieber Bob. Es soll mich sehr freuen, wenn ich dich bei meiner Rückkehr loben kann.“

Ich wußte gar wohl, weshalb ich grad ihm die Beaufsichtigung dieses Gefangenen übergab; den Apatschen mochte ich diesen nicht anvertrauen. Und ebensogut wußte ich, warum ich den Gedanken nicht wissen wollte, der dem Neger gekommen war; ich wollte nichts mit einer Verantwortung zu thun haben, die es nach den Anschauungen der Bleichgesichter vielleicht nicht gab, welche aber nach indianischen Begriffen sehr groß sein konnte. That der Schwarze ohne mein Wissen mit dem Gefangenen etwas, was das Ehrgefühl Schiba-bigks verletzte, so durfte dieser nicht denselben Maßstab daran legen, als wenn es mit meiner Genehmigung oder gar in meinem Auftrage geschah.

Ich ging nun zunächst zu Bloody-Fox, um mit ihm über seine Aufgabe zu sprechen. Er stand mit Old Surehand zusammen und empfing mich mit den Worten:

„Ich habe gehört, daß ich zu Winnetou reiten soll, um ihn und seine Apatschen in die rechte Richtung zu bringen. Wann soll ich fort von hier?“

„Noch heute abend; so bald wie möglich.“

„Und wo werde ich ihn treffen?“

„Das ist nicht genau zu sagen, läßt sich aber ungefähr berechnen. Er ist auf der Spur Schiba-bigks zurück, welche ganz genau westlich bis zu den hundert Bäumen geht. Da er die Pfähle zu entfernen und mitzuschleppen hat, mit welchen der junge Häuptling den Weg nach hier bezeichnete, so wird er länger zubringen, als wenn er ohne Aufenthalt reiten könnte – –“

„Er kann diese Arbeit auch während des größten Teiles der Nacht thun, denn die Sichel des Mondes wird in kurzer Zeit erscheinen,“ unterbrach er mich.

„Allerdings, und darum denke ich, daß er wahrscheinlich gegen Mittag bei den hundert Bäumen ankommen wird.“

„Dort hat er die Pferde zu tränken und wenigstens eine Weile ausruhen zu lassen.“

„Ganz recht; aber sehr lange wird er sich nicht dort verweilen; ich kenne ihn. Die Hauptsache ist, daß die Tiere Wasser bekommen; was ihre Müdigkeit betrifft, so wird er darauf weniger Rücksicht nehmen, weil er weiß, daß er sie dann unterwegs nach Belieben schonen kann, denn es steht da ganz in seinem Belieben, anzuhalten und auszuruhen, wann und wo es ihm gefällt. Ich habe ihm gesagt, daß er von den hundert Bäumen an sich genau nach Südosten halten soll. Nehmen wir an, daß er von Kilometer zu Kilometer einen Pfahl anbringt und sich damit nicht allzusehr beeilt, so läßt sich nicht schwer berechnen, an welchem Punkte er von hier aus zu treffen sein wird.“

Well; da weiß ich nun, woran ich bin. Habt Ihr sonst noch eine Bemerkung, Mr. Shatterhand?“

„Ja. Vupa Umugi wird hinter ihm herkommen und darf nur auf indianische Spuren treffen.“

„So muß ich also meine Stiefel ausziehen und Mokassins anlegen. Ich habe stets mehrere Paare hier, weil ich in dieser Abgeschiedenheit gezwungen bin, auf Vorrat zu sehen.“

„Ah, wenn ich auch ein Paar haben könnte!“

„Und ich auch,“ fiel Old Surehand ein. „Wir müßten uns sonst von den gefangenen Comantschen welche nehmen und was diese an den Füßen gehabt haben, hm!“

„Da kann ich wahrscheinlich Rat schaffen, denn ich habe mehrere Größen, weil Bob oft auch welche trägt. Wartet einige Augenblicke; ich werde sie holen.“

Er ging in das Haus und brachte die indianischen Schuhe; eine Probe ergab, daß sowohl für Old Surehand wie auch für mich passende vorhanden waren. Wir zogen sie an und übergaben Bob unsere Stiefel, um sie bis zu unserer Rückkehr aufzubewahren.

Anders stand es mit Old Wabble, für dessen Meterfüße Fox nichts Geeignetes besaß. Wir schickten ihn mit Entschar-Ko hinaus zu den Comantschen; vielleicht gab es unter diesen einen, der ähnlich ausgebildete Gehwerkzeuge besaß.

„Um in Beziehung auf Winnetou die Hauptsache nicht zu vergessen: er muß Wasser haben,“ fuhr ich in dem unterbrochenen Gespräche fort. „Glücklicherweise sind Schläuche hier.“

„Ja,“ nickte Fox. „Ich werde sie sogleich füllen. Aber allein kann ich mich nicht mit ihnen schleppen; darf ich einige Apatschen mitnehmen?“

„Natürlich! Doch nicht zu viele, sonst sieht Vupa Umugi, daß er einer größeren Schar von Reitern folgt, als Schiba-bigk bei sich gehabt hat. Hierbei komme ich auf eine Idee, welche mich sehr wahrscheinlich vor einem Unterlassungsfehler bewahrt oder, wenn das nicht, uns den Fang der Comantschen erleichtert. Ich wollte erst nur mit Euch, Mr. Surehand, und mit Old Wabble reiten, denke aber jetzt, daß es besser ist, wenn wir so fünfzig oder sechzig Apatschen mitnehmen.“

„Auf einen Kundschaftsritt?“ verwunderte sich Old Surehand. „Da pflegt man doch so wenig zahlreich wie möglich zu sein!“

„Allerdings; aber vielleicht wird aus dem beabsichtigten Späherritte etwas ganz anderes. Soweit wir jetzt den Plan der Comantschen kennen, kommt zunächst Vupa Umugi mit seiner Schar bei den hundert Bäumen an. Das wird, wie ich erlauscht habe, morgen abend sein. Er wird dort während der Nacht bleiben und dann längs der Pfähle weiterreiten. Er lockt die weiße Kavallerie hinter sich her. Wann diese folgt, das weiß man nicht, läßt sich aber vermuten, da ich aus Schiba-bigk herausgelockt habe, daß Nale-Masiuv einen halben Tag später als Vupa Umugi kommen wird, und die Weißen sind doch vor Nale-Masiuv zu erwarten, welcher die Aufgabe hat, sie vor sich herzutreiben.“

„Das Militär wird also wahrscheinlich übermorgen vormittag bei den hundert Bäumen ankommen.“

„Das denke ich auch. Sind diese Weißen dann fort, hinter Vupa Umugi her, wird Nale-Masiuv erscheinen und ihnen folgen. Unsere bisherige Absicht war nun, diese einzelnen Trupps ziehen zu lassen und in der ihnen gelegten Falle einzuschließen – –“

„Und das ist das Beste, ja das Einzige, was wir thun können,“ fiel Bloody-Fox ein.

„Leider nicht. Ich wundere mich jetzt außerordentlich darüber, daß es keinem von uns eingefallen ist, welchen großen Fehler wir dadurch begehen würden.“

„Fehler? Wieso?“

„Bedenkt doch, daß es zwei verschiedene Indianertrupps sind, welche wir im Kaktus einschließen wollen!“

„Nun? Was ist da zu bedenken?“

„Daß sich die Weißen zwischen ihnen befinden.“

„Ah! Hm!“

„Ahnt Ihr jetzt, was ich meine?“

Well, es ist wahr!“ rief Old Surehand aus. „Das ist ein Fehler in unserm Plane, ein so großer, daß ich kaum begreifen kann, wie wir ihn machen konnten!“

„Wir müßten die Weißen mit den Roten einschließen!“

„Und hätten dadurch das Spiel verloren!“

„Wenn auch das nicht, Mr. Surehand, aber es würde für uns weit schwerer sein, es zu gewinnen. Die Comantschen würden sich der Kavallerie bemächtigen und dadurch zu einem Trumpfe gelangen, der nicht leicht zu überbieten ist. Darum werden wir drei nicht allein reiten, sondern eine Abteilung unserer Apatschen mitnehmen. Den Zweck werdet Ihr erraten.“

„Sehr leicht. Es gilt Nale-Masiuv?“

„Ja. Wir lassen ihn gar nicht in die Falle gehen, sondern nehmen ihn schon bei den hundert Bäumen gefangen.“

„Ein vortrefflicher Gedanke, Sir!“

„Ja, vortrefflich, ganz vortrefflich, wenn er nicht zu kühn ist,“ bemerkte Bloody-Fox.

„Zu kühn? Inwiefern?“ fragte ich.

„Spracht Ihr nicht davon, nur fünfzig oder sechzig Apatschen mitzunehmen?“

„Ja.“

„Wird diese Zahl genügen?“

„Ich denke es.“

„Und ich bezweifle es. Verzeiht, daß ich so aufrichtig bin, dies zu sagen!“

Pshaw! Es ist ja grad notwendig, daß ein jeder ehrlich seine Meinung sagt.“

„So erlaube ich mir, daran zu erinnern, daß Nale-Masiuv wahrscheinlich über hundertfünfzig Krieger bei sich haben wird.“

„Das ist allerdings anzunehmen.“

„Und die wollt Ihr mit fünfzig bis sechzig Apatschen fangen?“

„Nein. Das wäre freilich ein mehr als kühnes, es wäre ein lächerliches, ein höchst leichtsinniges Unternehmen. Ich werde viel, viel mehr Leute bei mir haben.“

„Woher sollen die kommen?“

„Aber Fox, Fox! Ist das so schwer zu begreifen?“

„Hm! Helft mir auf die Sprünge, Sir. Ich weiß wirklich nicht, woher Euch weitere Kräfte kommen sollen!“

„Und die Kavallerie?“

Er sah mir überrascht in das Gesicht, schlug sich mit der Hand an die Stirn und rief. „So ein Esel! Das ist ja die reine Blindheit, mit der ich geschlagen war! Natürlich werden die weißen Reiter Euch beistehen, ganz natürlich! So dumm, wie in diesem Augenblicke, bin ich noch nie gewesen!“

„Ihr habt dabei den Trost, daß auch ich erst vor einigen Minuten auf diesen Gedanken gekommen bin. Und er lag doch so nahe, daß jedes Kind ihn fassen konnte. Ich werde Entschar-Ko sagen, daß – – ah, da kommt er ja!“

Der Unteranführer der Apatschen kam mit Old Wabble zurück; ich schickte ihn wieder hinaus, diejenigen Krieger auszuwählen, welche uns begleiten sollten. Der alte König der Cowboys stand in einer so eigentümlichen Haltung vor uns, daß ich ihn unwillkürlich fragte:

„Was habt Ihr, Sir? Seid Ihr unwohl?“

Yes, sehr, außerordentlich unwohl!“ nickte er.

„Wo liegt das Leiden?“

„Tief, sehr tief!“

Er zeigte dabei mit dem Finger nach unten.

„Ach! In den Füßen wohl?“

Yes!“

„Die Mokassins – –?“

„Mag der Teufel holen!“ platzte er zornig heraus.

„Habt Ihr welche gefunden?“

„Und was für welche!“

„Groß genug?“

„Und wie groß! So groß, daß man sich ordentlich schämen muß, sie anzuziehen! Dieser Rote, dem wir sie abgenommen hatten, besitzt keine menschlichen Füße, sondern wahre Bärentatzen!“

„Nun, was weiter?“

„Was weiter? Das fragt Ihr noch?“

„Natürlich!“

„Da ist gar nichts Natürliches dabei! Es ist ganz selbstverständlich, daß ich wütend sein muß!“

„Aber warum wütend?“

Thunder-storm, seht Ihr das wirklich noch nicht ein? Ich bin wütend und ganz außer mir, weil diese kolossalen Schuhe mir noch immer nicht passen. Sie sind noch zu klein!“

„Das ist freilich sehr bedauerlich!“

„Aber nicht für Euch, sondern für mich, Sir!“ fuhr er mich zornig an.

„Das bezweifle ich gar nicht, Mr. Cutter,“ lachte ich.

„Ja, lacht nur zu! Ihr würdet aber nicht lachen, wenn Ihr das niederträchtige Gefühl hättet, welches ich empfinde!“

„Wirklich? Seid Ihr auch einmal gefühlvoll?“

„Und wie! Seht Ihr denn nicht, wie krumm und trostlos ich dastehe? Meine Zehen sind so rund gebogen, daß man sie für Nullen halten könnte.“

„So macht sie gerade!“

„Geht nicht! Die Mokassins sind zu kurz. Wißt Ihr vielleicht ein Mittel gegen meine Qualen?“

„Ja.“

„Welches? Ich kann doch die Schuhe nicht länger machen!“

„Nein; aber Löcher könnt Ihr hineinschneiden.“

„Ah – – Löcher – –?“

„Ja.“

„Vortrefflicher Gedanke, ganz vortrefflicher! Old Shatterhand ist doch der pfiffigste Kopf, der jemals zwischen zwei Schultern gesessen hat! Löcher hineinschneiden! Das werde ich gleich thun, sofort. Die Zehen werden zwar ein wenig herausgucken, aber das schadet nichts; ich gönne ihnen die Freude, auch einmal das liebe Tageslicht zu sehen.“

Er zog das Messer und setzte sich nieder, um die vorgeschlagene Operation augenblicklich auszuführen.

Als wir uns dann von Fox, Parker und Hawley verabschiedet hatten und mit unsern Pferden hinaus zu den Apatschen kamen, standen sechzig von ihnen bereit, uns zu begleiten.

„Hat mein weißer Bruder mir noch einen Befehl zu erteilen?“ fragte mich Entschar-Ko.

„Du wirst dafür sorgen, daß an dem Wege, der nach der Oase führt, sich stets einige Wachen befinden. Ich habe Schiba-bigk dem Neger Bob übergeben, der ihn nicht aus dem Hause lassen soll. Er sinnt auf Flucht. Der Schwarze wird ihn nicht aus den Augen lassen. Auf keinen Fall kann der junge Häuptling durch den dichten Kaktus entkommen; er muß den einzigen Weg wählen, der hindurchführt, und dabei auf diese Wächter treffen.“

„Was sollen wir thun, wenn er kommt?“

„Ihn festhalten.“

„Ich meine, wenn er sich wehrt?“

„Da muß natürlich Gewalt angewendet werden. Ich will ihn so viel wie möglich schonen, aber entkommen darf er auf keinen Fall. Wenn es nicht anders geht, muß er das Leben lassen. Ebenso streng hast du darauf zu sehen, daß keiner von seinen Comantschen entweicht.“

Nun war weiter nichts zu sagen, und wir ritten fort, als eben die dünne Sichel des Mondes am Horizonte erschien.

Ein nächtlicher Ritt durch die im Mondenscheine sich dehnende Wüste! Wie gern gönnte ich meinen lieben Lesern die hehren Empfindungen, welche die Menschenbrust dabei höher und höher schwellen lassen! Nur muß das Herz frei von Sorge und von allem sein, was es beklemmen und beengen kann.

Ich habe zuweilen geträumt, ich könne fliegen; der Körper ist vorhanden, hat aber weder Umfang noch Gewicht und scheint sich in eine durchaus rein geistige Potenz verwandelt zu haben, die frei in alle Richtungen streben kann, ohne durch den hindernislosen Raum gestört zu werden. So bin ich geschwebt hoch über der Erde hin, weit über sie hinaus, von Mond zu Mond, von Stern zu Stern, aus einer Unendlichkeit in die andre, von unaussprechlicher Wonne erfüllt. Das war aber nicht eine Wonne des Stolzes darüber, daß ich selbst es war, der den Raum besiegte, sondern die demütige und vertrauensvolle Seligkeit, daß allmächtige Liebe mich trug und immer weiter und weiter führte. Dann lag ich nach dem Erwachen noch lange geschlossenen Auges da, um mich langsam zu besinnen, daß es nur ein Traum gewesen und ich ein ohnmächtiger Knecht der Zeit und des Raumes sei.

Nicht so wie in einem solchen Traume, aber ähnlich ist es, wenn man auf leichtfüßigem Pferde oder Dromedar über die Wüste fliegt. Man kennt nichts Störendes, nichts Hemmendes, denn das einzige Hindernis, welches es giebt, ist der Boden, der hinter einem verschwindet und mehr einen Halt als eine Hemmung bietet. Das Auge haftet nicht auf ihm, sondern auf dem Horizonte, der sich wie eine sichtbare aber nicht zu greifende Ewigkeit immer von neuem gebiert; es richtet sich nach oben, wo zwischen den strahlenden Lichtern des Himmels immer andre und andre, immer mehr und mehr Lichter erscheinen, bis der Blick sie nicht mehr zu fassen vermag. Und wenn der Sehnerv an dieser Anfangs- und Endlosigkeit ermüdet, und die staunend erhobene Wimper sich niedersenkt, so währt die Unendlichkeit im eigenen Innern fort, und es entstehen Gedanken, die nicht auszudenken sind; es steigen Ahnungen auf, die man vergeblich in Worte fassen möchte, und es wallen und wallen Gefühle und Empfindungen empor, die man aber nicht einzeln zu fühlen und zu empfinden vermag, weil sie eine einzige, endlose Woge bilden, auf und mit welcher man weiter und weiter schwebt; immer tiefer und tiefer hinein in ein andächtiges Staunen und ein beglückendes Vertrauen auf die unfaßbare und doch allgegenwärtige Liebe, welche der Mensch trotz des Wörterreichtums aller seiner Sprachen und Zungen nur durch die eine Silbe anzustammeln vermag: – – Gott – – Gott – –Gott – –!

Könnte mir jemand eine Feder geben, aus welcher die richtigen Worte flössen, den Eindruck zu beschreiben, den ein solcher nächtlicher Wüstenritt auf ein gläubiges Menschenherz hervorbringt! Es senkt sich von den leuchtenden Sternen des Firmamentes eine große, himmlische Bestätigung nieder auf das Gemüt: Du hast das rechte Teil erwählet, und das soll nicht von dir genommen werden! Der aber, der seinen Gott verloren hat, der reitet durch Sand und Sand und wieder Sand; er sieht nichts als Sand; er hört ihn stunden- und stundenlang von den Hufen des Pferdes rieseln, und wie die traurige Öde sich vor ihm immer und immer erneut und ihm nichts bringt und bietet als Sand und wieder Sand, so giebt es in den verlorenen Tiefen seines Innern auch nur eine unsagbar elende Wüste, einen trostlosen, toten Sand, der keinem Hälmchen, keinem Würzelchen Leben bieten kann. Für solch einen Unglücklichen kann man nichts thun, als nur beten.

Wirklich? Kann man wirklich gar nichts, gar nichts für ihn thun, als nur beten?

Ich war, ohne daß ich darauf achtete, lange, lange Zeit vorangeritten, mich nur und ganz der stillen, wortlosen Anbetung hingebend, die mir die Hände gefaltet und die Zügel aus ihnen hatte sinken lassen. Da wurde ich aus ihr aufgestört; die Stimme des alten Wabble erklang neben mir:

„Sir, was treibt Ihr da? Ich glaube gar, Ihr betet?“

Die Worte klangen ironisch; ich antwortete nicht.

„Nehmt die Zügel auf!“ fuhr er fort. „Wenn Euer Pferd bei diesem Galoppe stolpert, könnt Ihr den Hals brechen!“

Ich hatte das Gefühl eines durstig Trinkenden, dem man den Becher von den Lippen reißt, um ihm Aloe hineinzuschütten.

„Was geht Euch mein Hals an!“ antwortete ich kurz und ärgerlich.

„Eigentlich nichts; das ist richtig; aber da wir hier zusammengehören, kann es mir nicht gleichgültig sein, ob Ihr im nächsten Augenblicke ein ganzes oder ein zerbrochenes Genick haben werdet.“

„Habt keine Sorge um mich; ich breche es nicht!“

„Sah aber ganz so aus. Wenn man so fesch und schlank dahinfliegt, legt man dem Pferde doch nicht die Zügel auf den Hals!“

„Wollt Ihr mich das Reiten lehren?“

„Fällt mir nicht ein; habe ja gesehen, daß ihr keinen Lehrer braucht. Was ich aber noch nicht gesehen habe, das ist ein Reiter, der mit gefalteten Händen reitet, als ob er in einem Bet- und Lamentierstuhle ritte. Das waret nämlich jetzt Ihr, Mr. Shatterhand.“

„Bet- und Lamentierstuhl? Wie kommt Ihr zu dieser Zusammenstellung?“

„Ist meine Ansicht, Sir.“

„So ist Beten und Lamentieren bei Euch dasselbe?“

Yes.“

„Hört, das ist ein dummer Scherz!“

„Scherz? Es ist mein Ernst!“

„Unmöglich! Welcher Mensch kann das Gebet als Lamentation bezeichnen!“

„Ich!“

Da zog es mein Gesicht mit einem Rucke nach ihm hin. Ich fragte:

„Ihr habt doch oft und viel gebetet?“

„Nein.“

„Dann aber doch zuweilen?“

„Auch nicht.“

„Wohl gar nie?“

„Nie!“ nickte er, und das klang fast wie ein Stolz in seinem Tone.

„Herrgott, das glaube ich nicht!“

„Glaubt’s, oder glaubt es nicht; mir gleich; aber ich betete noch nie.“

„Aber doch in Eurer Jugend, als Kind?“

„Auch nicht.“

„Hattet ihr denn keinen Vater, der von Gott zu Euch redete?“

„Nein.“

„Keine Mutter, die Euch die Hände faltete?“

„Nein.“

„Keine Schwester, die Euch ein kurzes Kindergebet lehrte?“

„Auch nicht.“

„Wie traurig, wie unendlich traurig! Es giebt auf dieser Gotteswelt einen Menschen, der über neunzig Jahre alt geworden ist und in dieser langen, langen Zeit noch nicht ein einziges Mal gebetet hat! Tausend Menschen könnten mir dies beteuern, ich würde es nicht glauben, ja, ich würde und könnte es nicht glauben, Sir.“

„Da ich selbst es sage, könnt Ihr es ruhig glauben.“

„Ruhig? Ich bin aber nicht ruhig dabei, ganz und gar nicht!“

„Wüßte keinen Grund für Euch, Euch durch eine so klare und einfache Sache, die mir sehr gleichgültig ist, in Eurer Ruhe stören zu lassen!“

„Gleichgültig? Ist Euch das wirklich so gleichgültig, Mr. Cutter?“

„Vollständig!“

„Entsetzlich!“

Pshaw! Habe nicht geahnt, daß Ihr ein solcher Betbruder seid!“

„Betbruder? Der bin ich nicht, wenn Ihr nämlich dieses Wort in dem Sinne meint, wie es von den Gottlosen genommen wird.“

„Ich meine es so, ganz genau so. Ob ich aber gottlos bin? Hm!“

„Das seid Ihr; los von Gott nämlich!“

„Hört, treibt’s nicht zu arg, Mr. Shatterhand! Ich bin ein Gentleman, kein Lump. Ich habe stets gethan, was ich für richtig hielt, und möchte den sehen, der mich im Ernst als gottlos bezeichnet!“

„So seht mich an!“

„Also ist’s wirklich Euer Ernst?“

„Mein völliger. Ihr habt stets gethan, was Ihr für richtig hieltet, seid also stets Euer eigener Gesetzgeber gewesen. Sollte es kein Gesetz geben, welches über Euerm Eigenwillen steht?“

„Hm! Die Gesetze der Vereinigten Staaten, nach denen ich mich richte.“

„Weiter keine?“

„Nein.“

„Giebt es nicht ethische, religiöse, göttliche Gesetze?“

„Für mich nicht. Ich bin geboren; das ist ein Fact. Ich bin geboren, wie ich bin; das ist ein zweites Fact. Ich kann nicht anders sein, als ich bin; das ist ein drittes Fact. Ich trage also nicht die geringste Schuld an dem, was ich bin und was ich thue; das ist das Hauptfact. Alles Andere ist Unsinn und Albernheit.“

„Hört, Mr. Cutter, Eure Logik hinkt auf allen Beinen!“

„Laßt sie hinken, Sir! Ich bin in das Leben hereingehinkt, ohne um Erlaubnis gefragt zu werden, und der Teufel soll mich holen, wenn ich nun meinerseits beim Hinaushinken irgend wen um Erlaubnis frage! Ich brauche dazu weder Religion noch Gott.“

Es war entsetzlich. Die Haare wollten sich mir bei diesen Worten sträuben, und ich hatte ein Gefühl, als ob mir jemand mit einem Eisstücke über den Rücken führe. Vor nur wenigen Minuten hatte ich mir den Ritt eines ungläubigen Menschen durch die Wüste gedacht, und jetzt war der Gedanke zur Wahrheit geworden! Dieser Greis, der nicht daran dachte, in welcher Nähe sich das Grab vor ihm befand, sprach Worte aus, welche für meine Ohren eine Lästerung enthielten, die mich schaudern machte!

„So glaubt Ihr nicht an Gott?“ fragte ich mit beinahe bebender Stimme.

„Nein.“

„An den Heiland?“

„Nein.“

„An ein Leben nach dem Tode?“

„Nein.“

„An eine Seligkeit, eine Verdammnis, welche ewig währt?“

„Fällt mir nicht ein! Was kann mir so ein Glaube nützen?“

Sollte ich über diese Worte traurig sein oder empört? Ich wußte es nicht; aber es kam etwas über mich, was mich zwang, ihm von meinem Pferde hinüber den Arm auf die Schulter zu legen und zu sagen:

„Hört, Mr. Cutter, ich habe Euch eine Teilnahme geschenkt, wie ich sie nicht jedem schenke; jetzt aber graut mir vor Euch! Dennoch will ich zu Euch halten und mich bemühen, Euch zu beweisen, daß Ihr Euch auf einem schrecklichen Irrwege befindet.“

„Was soll das heißen? ihr wollt mich belehren?“

„Ja.“

„In dem, was Ihr Religion nennt?“

„Ja.“

„Danke, danke sehr! Das müßte ich mir verbitten! Schon der Versuch würde mich beleidigen. Ihr habt vorhin gehört, was und wie ich denke. Mit Worten und Lehren darf mir keiner kommen; da bin ich zu alt und zu klug dazu. Ich habe Euch ein Fact nach dem andern genannt. Redensarten gelten bei mir nichts und wenn sie noch so schön klingen. Bei mir gilt das Fact als Beweis, sonst nichts.“

„Habt Ihr Religionsunterricht genossen?“

„Nein.“

„So könnt Ihr auch kein Urteil über den – –“

„Schweigt, oder bringt einen Fact!“ unterbrach er mich.

„Hört mich nur einige Minuten an, Mr. Cutter! Ich bin überzeugt, daß Ihr meine Worte – –“

„Keine Worte! Einen Fact will ich haben!“ fiel er mir wieder in die Rede.

„Ich werde ja gar nicht viele Worte machen, ich will nur eine Frage aussprechen, welche – –“

„Unsinn! Eine Frage ist kein Fact!“

Da lief mir denn doch die Galle über; ich hielt mein Pferd mit einem Rucke an, fiel ihm in die Zügel, daß er auch halten mußte, und ließ meinen Zorn, den ich nicht beherrschen konnte, reden:

„Fact, Fact und wieder Fact! Ihr habt vorhin allerdings ein Fact nach dem andern gebracht und scheint stolz auf die falsche Logik zu sein, mit welcher Ihr sie verbindet. Ihr sagt, daß Ihr weder Gott noch Glauben braucht; ich aber sage Euch und bitte Euch, meine Worte wohl zu merken: Es wird Euch, wie die heilige Schrift sagt, schwer werden, gegen den Stachel zu lecken, und ich sehe es kommen, daß der Herrgott Euch einen Fact entgegenschleudern wird, an welchem Ihr zerschellen müßt wie ein dünnes Kanoe am Felsenrande, wenn Ihr nicht zu der einzigen Rettung greift, die im Gebete liegt. Möge der, an den Ihr niemals glaubtet und zu dem Ihr niemals betetet, Euch dann gnädig und barmherzig sein!“

Ich erschrak jetzt fast selbst über den Ton, in welchem meine Worte weit hinaus in die Wüste klangen. Es konnte hier in dieser weiten Ebene kein Echo geben; dennoch war es mir, als ob sie schmetternd zu uns zurückgeworfen würden, wohl eine Folge meiner Erregung. Er aber ließ ein kurzes Lachen hören und antwortete:

„Ihr habt eine wunderbare Begabung zum Hirten, der seine Schäflein weidet, Sir, doch bitte ich Euch, mich nicht als Schaf zu betrachten! Old Wabble wird niemals ein frommes Lämmlein sein; th’is clear!“

Wie oft hatte mir dieses th’is clear heimlich Spaß gemacht; jetzt widerte und ekelte es mich an, und ich fühlte, daß auch er selbst sich um meine ganze Zuneigung gebracht hatte. Ich antwortete kalt:

„Lämmlein oder nicht; aber ich will nicht wünschen, daß einmal ein Augenblick kommt, an welchem Ihr Euch so rettungslos verloren seht, daß Ihr mich knieend bittet, Euer Hirt zu sein!“

„Würdet Ihr dann mein kniefälliges Flehen erhören und mich auf grüne Weide führen, mein frommer Sir?“

„Ja, das würde ich, und wenn ich mein Leben daran setzen müßte. Jetzt aber kommt weiter! Wir sind fertig!“

Old Surehand und infolgedessen die Apatschen waren nämlich auch halten geblieben. Wir trieben unsre Pferde wieder an. Old Wabble blieb hinter mir zurück, während Old Surehand sich an seiner Stelle an meiner Seite hielt, zunächst ohne ein Wort zu mir zu reden.

Ich war tief, tief – – was denn? Verstimmt? Nein, das war das richtige Wort nicht. Ich war traurig, traurig wie noch selten; ich fühlte ein unendliches, heiliges Mitleid mit dem Alten, trotz des Hohnes, den ich von ihm geerntet hatte. Keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester! Keinen Unterricht, niemals, aber auch nicht ein einziges, allereinziges Mal gebetet! Das war der berühmte king of the cowboys! Meine Drohung war mir ganz absichtslos über die Lippen geflossen; ich hatte grad so und nicht anders sprechen müssen. War ich das Werkzeug eines höheren Willens? Als später diese Drohung fast wörtlich in Erfüllung ging, war es mir, als ob ich es sei, der durch diese Prophezeiung den schrecklichen Tod des Alten heraufbeschworen habe, und es dauerte lange, ehe die Vorwürfe, die ich mir darüber machte, zum Schweigen kamen.

Old Surehand ritt schweigend neben mir. Er hatte alles gehört und schien darüber nachzudenken. Erst nach längerer Zeit unterbrach er das Schweigen, indem er mir die Frage vorlegte:

„Darf ich Euch stören, Sir? Ich sehe, daß Ihr in Euch versunken seid.“

„Es ist mir ganz lieb, aus diesen Gedanken geweckt zu werden.“

„Ihr wißt, daß ich viel von Euch habe sprechen hören; dabei wurde stets auch das erwähnt, daß Ihr fromm seid.“

„Hat man unter fromm dabei verstanden, daß ich das, was ich denke und glaube, stets im Munde führe?“

„Nein, es war vielmehr das Gegenteil der Fall.“

„Hat man sich lustig über diese sogenannte Frömmigkeit gemacht?“

„Nie. Ihr pflegt ja Eure religiösen Ansichten mehr in Thaten als in Worten auszusprechen, und das imponiert. Ich habe Euch dann auch genau so gefunden. Ihr habt von Religion kein Wort zu mir gesprochen.“

„Ist auch nicht nötig!“

„Vielleicht doch!“

„Wieso?“

„Weil – – – hm! Sagt einmal, Sir, Euer Leben ist wohl, ich meine nämlich Euer inneres, stets ein sehr ruhiges und gleichmäßig verlaufendes gewesen? Ihr habt als Kind gehört, daß es einen Gott gebe, und an ihn geglaubt; dieser Glaube ist nie angetastet worden und lebt nun als schöner Kinderglaube noch in Eurem Herzen? Das denke ich und werde mich nicht irren.“

„Ihr irrt.“

„Wirklich?“

„Ja, Ihr irrt. Es giebt keinen Sieg ohne vorhergehenden Kampf. Mein inneres Leben ist fast nicht weniger ereignisvoll gewesen wie mein äußeres. Der Strom auch des Seelenlebens fließt nicht immer gleichmäßig zwischen seinen Ufern; er hat seine Wellen und Wogen, seine Klippen und Versandungen, seine Wassermängel und Überschwemmungen.“

„Also Ihr habt auch gekämpft?“

„Oft bis zur Anstrengung der letzten Kraft! Aber es ist mir mit diesem Kampfe stets heiliger Ernst gewesen. Es giebt Millionen Menschen, welche durch das Leben gehen, ohne nach Klarheit zu ringen; ob Gott oder nicht, das ist ihnen gleich; es ist das ein Leichtsinn, über den man weinen könnte. Mir aber ist der höchste, ja der einzige Zweck meines Daseins der gewesen, zur Erkenntnis zu gelangen. Ja, ich habe das unendliche Glück gehabt, gläubige Eltern zu besitzen. Ich war der Liebling meiner Großmutter, welche im Alter von sechsundneunzig Jahren starb; sie lebte in Gott, leitete mich zu ihm und hielt mich bei ihm fest. Das war ein wunderbarer, seliger Kinderglaube, voll hingebender Liebe und Vertrauen. Ich habe als Knabe des Abends und des Morgens und auch noch viel außerdem dem lieben Gott alle meine kleinen Wünsche und Bitten vorgetragen. Ich erinnere mich, daß einst ein Schwesterchen schlimmes Zahnweh hatte; kein Mittel half; da tröstete ich sie: Paulinchen, ich gehe jetzt hinaus in die Schlafstube und sag’s dem lieben Gott; paß auf, da hört’s gleich auf! Werdet Ihr mich auslachen, Sir, wenn ich Euch versichere, daß es wirklich aufgehört hat?“

„Fällt mir nicht ein! Wehe dem Menschen, der über so etwas zu lachen vermag!“

„Ich könnte Euch viel erzählen, von höchst sonderbaren Wünschen, die ich da dem lieben Gott vorgetragen habe; er hat seine Engel, und wenn es Menschen sind, auch solche Bitten zu erfüllen. Später als Schüler begann ich nachzudenken. Ich bekam ungläubige Lehrer, welche ihre Verneinung in einen anziehenden Nimbus zu hüllen wußten. Ich studierte hebräisch, aramäisch, griechisch, um die heilige Schrift im Urtexte zu lesen. Der Kinderglaube verschwand; der Zweifel begann, sobald die gelehrte Wortklauberei anfing; der Unglaube wuchs von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht, denn ich opferte meine Nächte dem frevelnden Beginnen, die Wahrheit durch meine eigene Klugheit zu erfassen. Welche Thorheit! Aber Gott war barmherzig gegen den Thoren und führte ihn auch auf dem Wege des Studiums zu der Erkenntnis, daß jener fromme Kinderglaube der allein richtige sei. Meine nachherigen Reisen brachten mich mit den Bekennern aller möglichen Anbetungsformen in Berührung. Ich besaß nicht jenes Christentum, welches sich über allen Andersgläubigen erhaben dünkt, sondern ich prüfte auch hier; ich studierte den Kuran, die Veda, Zarathustra und Cong-fu-tse. Diese Lehren konnten mich nicht ins Wanken bringen wie früher die Werke unserer großen Philosophen, welche noch heut in meiner Bibliothek glänzen, weil ich sie außerordentlich schone, indem ich sie fast nie in die Hand nehme. Mein Kinderglaube ist also durch zahlreiche Prüfungen gegangen; er hat sich in ihnen voll bewährt und wohnt mir darum doppelt unerschütterlich im Herzen.“

„Glaubt Ihr, ihm auch ferner treu zu bleiben?“

„Bis in den Tod und darüber hinaus!“

Es lag ein tiefer, dringlicher Ernst in der Weise, wie er fragte. Ich begann zu ahnen, daß dieser gewaltige Jäger auch in seinem Innern jage – – nach der Wahrheit, die er vielleicht noch nicht kennen gelernt hatte oder die ihm wieder entrissen worden war. Da hielt er mir die Hand herüber und bat:

„Gebt mir einmal Eure Hand, Sir, und versprecht mir bei Eurer Seligkeit und bei dem Andenken jener alten Großmutter, die Euch heut noch teuer ist, mir genau nur so zu antworten, wie Ihr wirklich denkt!“

„Hier meine Hand; ich verspreche es. Es bedarf gar nicht des Hinweises auf meine Seligkeit und des Andenkens an jene alte, liebe Frau, die ich einst wiedersehen werde.“

„Giebt – – es – – einen – – Gott?“

Er zog diese vier Worte weit auseinander und betonte jedes einzelne von ihnen. Ja, es war ihm Ernst, wahrer Ernst.

Er hatte gerungen und gekämpft, mit heißer Anstrengung, war aber noch nicht zum Siege gelangt.

„Ja,“ antwortete ich mit derselben Betonung.

„Ihr glaubt, Eure Großmutter wiederzusehen; es giebt also ein Leben nach dem Tode?“

„Ja!“

„Beweise!“

„Ich beweise es Euch, indem ich zwei Koryphäen vorführe, deren Kompetenz über allen Zweifel erhaben ist.“

„Wer sind diese Personen?“

„Eine sehr, sehr hochstehende und eine ganz gewöhnliche.“

„Nun also, wer?“

„Gott selbst und ich.“

Er senkte den Kopf und schwieg lange, lange Zeit.

„Beleidigt Euch die Zusammenstellung des allerhöchsten Wesens mit einem Sterblichen, der an Eurer Seite reitet?“ fragte ich endlich, da er noch immer nichts sagte.

„Nein, denn ich weiß, wie Ihr es meint. Also Gott?“

„Ja. Er spricht in seinen Worten und in seinen Werken. Wer beiden die Ohren und die Augen willig öffnet, der wird und muß zu der Erkenntnis gelangen, die ich jetzt ausgesprochen habe.“

„Und Ihr?“

„Es ist die Stimme meines Herzens.“

„Ihr sagt das so ruhig und einfach, und doch ist es etwas so Großes um diese Stimme. Wollte doch Gott auch mein Herz reden lassen!“

„Bittet Gott darum; er wird sie erklingen lassen!“

„Sie war früher lebendig; dann ist sie gestorben!“

Das klang so sehnsüchtig, so traurig.

„Ihr waret einst auch gläubig, Mr. Surehand?“

„Ja.“

„Und habt den Glauben verloren?“

„Vollständig. Wer giebt ihn mir zurück!“

„Derjenige, welcher die Gefühle des Herzens wie Wasserbäche lenkt, und derjenige, welcher sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben! Ihr ringt und strebt nach dieser Wahrheit, Sir; kein Nachdenken und kein Studieren kann sie Euch bringen; aber seid getrost, Sir, sie wird Euch ganz unerwartet und plötzlich aufgehen, wie einst den Weisen im Morgenlande jener Stern, der sie nach Bethlehem führte. Euer Bethlehem liegt gar nicht weit von heut und hier; ich ahne es!“

Er hielt mir die Hand abermals herüber und bat:

„Helft mir dazu, Mr. Shatterhand!“

„Ich bin zu schwach dazu; die wahre Hilfe liegt bei Gott. Es müssen schlimme Mächte gewesen sein, die Euch das raubten, was jedem Menschen das Höchste und das Heiligste sein soll.“

„Ja; es waren Ereignisse, die mir alles nahmen, auch den Glauben. Ein Gott, der die Liebe, die Güte, die Gerechtigkeit ist, kann das nicht zugeben; wenn es trotzdem geschieht, so giebt es keinen Gott.“

„Dieser Schluß ist ein Trugschluß, Sir.“

„Nein!“

„Doch! Ihr spracht nur von Güte, Liebe und Gerechtigkeit; wollt Ihr nicht auch an die Allweisheit denken? Ich weiß nicht, was geschehen ist, und will auch nicht darnach fragen; aber sagt mir nur das Eine, Mr. Surehand: Seid Ihr etwa ein Gott?“

„Nein.“

„Ihr scheint Euch aber für einen zu halten!“

„Wie so?“

„Weil Ihr Euch unterfangen habt, mit Gott zu rechten und zu hadern; das kann nur unter Gleichstehenden geschehen.“

„Uff!“ ließ er sich leise hören. Die Richtigkeit meiner Logik schien ihm einzuleuchten.

„Ja,“ fuhr ich fort, „ich klage Euch an, Euch überhoben zu haben, indem Ihr den Herrgott und sein Walten vor Euern Richterstuhl gezogen habt, Ihr, die Handvoll Staub, den allmächtigen Schöpfer und Erhalter aller Himmel, Erden und Sterne! Bedenkt doch, was das ist: der Wahnsinn einer Insektenlarve, die den Adler aus dem Äther zur Rechenschaft herunter vor ihr winziges Löchlein fordert! Und dieser Vergleich bezeichnet den Abstand zwischen Gott und Euch noch immer nicht treffend genug! Sind Euch die Bücher des Allmächtigen aufgeschlagen, daß Ihr seine Ratschlüsse kritisieren dürft? Ist es seinem Willen nicht möglich, das, was Euch bedrückt, in Wohlthat zu verwandeln? Kann er nicht jene Ereignisse, welche Euern schwachen, kurzsichtigen Augen als Unglück erschienen, zu einem Ende führen, welches Euch vor seiner Allweisheit in den Staub sinken läßt? Darf das Kind, wenn es die Rute des Vaters fühlt, zu ihm sagen: Komm her und rechtfertige dich vor mir?“

„Ich – – hatte – – diese Rute – – nicht verdient,“ antwortete er zögernd wie einer, der nur etwas sagen will.

„Nicht verdient! Seid Ihr der Mann, darüber zu entscheiden? Glaubt Ihr, der einzige Mensch zu sein, welcher meint, es sei ihm unrecht geschehen? Haben nicht Tausende und Abertausende mehr, viel mehr gelitten als Ihr? Denkt Ihr etwa, daß zum Beispiel mein Himmel stets nur voller Geigen gehangen habe? Was heißt, nicht verdient? Ich wurde als ein krankes, schwaches Kind geboren, welches noch im Alter von sechs Jahren auf dem Boden rutschte, ohne stehen oder gar laufen zu können. Hatte ich das verdient? Seht Old Shatterhand jetzt an! Ist dieses Kind in ihm noch zu erkennen? Bin ich nicht vielmehr ein lebendes Beispiel jener Weisheit, mit welcher Ihr gehadert habt? Ich bin dreimal blind gewesen und mußte dreimal operiert werden. Hatte ich das verdient? Wer aber kann sich, von Winnetou abgesehen, heut rühmen, die scharfen Augen Old Shatterhands zu besitzen? Ich habe nie gemurrt und geknurrt wie Ihr, sondern getrost meinen Herrgott über mir walten lassen, und wie hat er alles, alles so herrlich hinausgeführt! Ich habe als armer Schüler und später als Student wochenlang nur trockenes Brot und Salz gehabt, weil ich keinen Menschen hatte, der mir half, und zu stolz zum Betteln war. Ich mußte mich durch Privatunterricht ernähren, und während andere Studenten das Geld ihrer Väter mit ihrer Gesundheit und dadurch oft auch ihre ganze Zukunft verjubelten, hielt ich im Winter mein Buch zum Dachfenster meines Bodenstübchens hinaus, um meine Lektion im Mondenschein zu absolvieren, weil ich kein Geld zu Licht und Feuerung hatte. Hatte ich das verdient? Und doch bin ich niemals irgend jemandem einen Pfennig schuldig gewesen und habe nur zwei Gläubiger gehabt; die waren Gott und ich: Gott, der mir ein Pfund verliehen hatte, um es auszubilden, und ich, der ich die strenge Forderung an mich stellte, keine Stunde meines Lebens vergehen zu lassen, ohne mir sagen zu können, daß sie pflichtgetreu ausgenützt worden sei und mir Früchte getragen habe. Gott war gütig mit mir; ich aber habe nie einen so strengen Gebieter gehabt, wie ich mir selbst einer gewesen bin. Und dann später in den langen Jahren meiner Reisen, Wanderungen und Jagdfahrten habe ich mich wie oft, wie oft in Lagen befunden, in denen ich auch fragen konnte: Habe ich das verdient? Aber der Ausgang ist stets so gut und glücklich gewesen, daß ich in Dankbarkeit die Hände falten und sagen mußte- Nein, das habe ich nicht verdient!“

Ich machte eine Pause. Old Surehand sah still vor sich nieder und sagte kein Wort; darum fuhr ich lebhaft fort:

„Ihr werdet Euch darüber wundern, daß ich in solchem Eifer gesprochen habe; aber wenn ich jemanden von verdient oder nicht verdient reden und über sein Schicksal murren höre, so treibt es mich, ihm gegenüber dem, was er von sich denkt, zu sagen, was ich von mir halte: Ich habe vor Gott weder Rechte noch Verdienste, sondern nur Pflichten gegen ihn; ich muß ihm täglich dafür danken, daß er mich erschaffen hat, um mich in diesem irdischen Leben für ein höheres vorzubereiten.“

„Könnte ich das auch!“ seufzte er jetzt. „Ihr habt Euch durchgerungen und seid innerlich gefestigt. Mich aber treibt das Schicksal von Ort zu Ort; so habe ich auch innerlich den haltenden Anker verloren und die Heimat und bin ruhelos geworden.“

„Ihr werdet die Ruhe da finden, wo sie allein zu suchen ist; der Kirchenvater Augustinus von Tagaste mag es Euch zeigen; er sagt: Des Menschen Herz ist ruhelos, bis es ruhet in Gott! Und von dem Weltheilande sagt eines unsrer schönsten Kirchenlieder:

„Wie wohl ist mir, o Freund der Seelen,
Wenn ich in deiner Liebe ruh!
Ich traure nicht; was kann mich quälen?
Mein Licht, mein Trost, mein Heil bist du.“

„Die Ruhe, welche Ihr sucht, bleibt Euch unauffindbar außer in Gott und in der heiligen Religion. Und wenn Old Wabble vorhin in seiner sündigen Vermessenheit sagte, daß er beide nicht einmal zum Sterben brauche, so hoffe ich, daß Ihr ihn Euch nicht als Muster, sondern als abschreckendes Beispiel gelten laßt!“

„Keine Sorge, Mr. Shatterhand! Ich bin nicht ein Leugner und Verächter Gottes, sondern ich habe ihn verloren, und ringe darnach, ihn wiederzufinden.“

„Er wird Euch entgegenkommen und sich finden lassen.“

„Das hoffe ich von ganzem Herzen. Und nun laßt uns von diesem Thema abbrechen, sonst wird es mir zu viel auf einmal! Ihr seid vorhin streng mit mir verfahren, als Ihr mich an meine Nichtigkeit erinnertet; aber ich bin Euch dankbar dafür. Es ist mir, als ob ich Euch die Hände dankbar küssen müßte, denn es regt sich seit einer Viertelstunde etwas in meinem Herzen, was mich gemahnt wie eine Verheißung, daß mein Hoffen sich erfüllen werde. Ihr habt ein Licht entzündet, welches ich jetzt zwar in weiter, weiter Ferne sehe; aber rührt jetzt nicht daran, damit es nicht wieder verlösche: ich hege die Zuversicht, daß es mir immer näher kommen wird!“

Diese Worte machten mich glücklich. Sollte ich wirklich die Freude erleben, eine Seele durch meinen Fingerzeig zurechtgewiesen zu haben? Und zwar die Seele eines Mannes wie Old Surehand war! Es mußten außerordentliche und sehr traurige Verhältnisse gewesen sein, die ihn um seinen Glauben gebracht hatten. Er hielt sie geheim und sprach nicht von ihnen. Diese Verschwiegenheit war nicht etwa die Folge eines Mißtrauens gegen mich; er wollte nicht an den Wunden rühren, die wahrscheinlich noch heut in ihm bluteten. Hätte er doch gesprochen! Ich war, freilich ohne daß ich es wußte oder auch nur ahnte, in der Lage, ihm das Herz zu erleichtern und ihn auf die Spur zu bringen, nach welcher er lange, lange Zeit gesucht hatte, ohne sie entdecken zu können.

Unser Ritt nahm einen so ruhigen, ungestörten Verlauf, daß nichts über denselben zu sagen ist. Gegen Morgen hielten wir an, um unsre Pferde ausruhen zu lassen, und am späten Vormittage sahen wir links von uns die erste Stange und kamen auf die Fährte Winnetous und seiner Apatschen, zu denen Bloody-Fox nun sicher schon gestoßen war. Einen Kilometer von dieser Stelle entfernt steckte die zweite Stange, und indem wir diesen Pfählen folgten, gelangten wir sehr bald an unser Ziel.

Dieses, von den Apatschen, wie schon erwähnt, Gutesnontin-khai und von den Comantschen Suks-ma-lestavi genannt, was beides hundert Bäume bedeutet, lag am Rande der Wüste und war folgendermaßen beschaffen:

Die Grenze zwischen dem Llano und der westlich von ihm liegenden grünen Ebene verlief nicht in gerader Linie; sie war stellenweise sehr deutlich ausgesprochen, sonst aber kaum zu erkennen und bildete Aus- und Einbuchtungen, die bald nur klein und bald von großer Ausdehnung waren. Mit einer solchen kleinen Bucht hatte man es in Beziehung auf die hundert Bäume zu thun. Sie besaß die Gestalt eines Hufeisens, dessen ziemlich hoher Rand sich wie eine Böschung allmählich abwärts senkte. Im Hintergrunde entsprang ein Wasser, welches sich zunächst in einem Becken von vielleicht zwanzig Fuß Durchmesser sammelte und dann ostwärts abfloß, um nach und nach im Sande zu versiechen. Infolge der Feuchtigkeit gab es hier ein saftiges Gras, welches unsern Pferden sehr zu gute kam. Die Hufeisengestalt hob sich besonders dadurch von der Umgegend ab, daß die erwähnte Böschung bis hinauf auf ihre Höhe mit ziemlich dichtem Gebüsch bewachsen war, über welches dünnes Stangenholz zahlreich emporragte. Dieses Letztere hatte das Material zu den Pfählen geliefert, mit denen Schiba-bigk, allerdings vergeblich, bemüht gewesen war, den ihm nachfolgenden Comantschen den Weg nach der Oase des Llano zu bezeichnen. Man sah deutlich, wo er die Stangen abgeschnitten hatte, und überall lagen die Äste und Zweige zerstreut, welche unter den Messern seiner Leute gefallen waren.

Wir stiegen an der Quelle ab, um zunächst selbst zu trinken und dann auch die Pferde trinken zu lassen; sie thaten das in vollen Zügen und durften sich dann zerstreuen, um zu weiden. Dann lagerten wir am Wasser, und ich schickte vorsichtshalber einen Apatschen hinauf auf die Höhe, um westwärts Ausguck zu halten, damit wir nicht etwa von Vupa-Umugi überrascht würden.

Wir wollten hier nur für einige Stunden ausruhen; länger durften wir nicht verweilen. Als diese Zeit vergangen war, durften die Pferde nochmals trinken, und dann stiegen wir wieder auf, um uns nach dem Orte zu begeben, an welchem wir beabsichtigten, die Nacht zu verbringen.

Dieser lag ungefähr zwei englische Meilen nordwärts von den hundert Bäumen und bildete mitten in der Ebene eine Vertiefung, welche dem Thale des Sandes ähnelte, in dem wir Schiba-bigk mit seinen Leuten gefangen genommen hatten.

An diesem Orte gab es Sand und nichts als Sand, keinen einzigen Grashalm, und schon darum konnten die Comantschen kaum auf den Gedanken kommen, daß es irgend jemandem einfallen werde, dort eine ganze Nacht und vielleicht auch noch länger zuzubringen. Und außerdem gewährte diese Vertiefung auch noch deshalb ein fast ganz sicheres Versteck, weil ein Feind, wenn er sich nicht bis ganz an ihren Rand näherte, unmöglich sehen konnte, daß wir uns da befanden. Es gab überhaupt keinen Grund, der einen Comantschen veranlassen mochte, hierher zu kommen. In dieser Bodensenkung angelangt, hobbelten wir unsre Pferde an und legten uns in den tiefen, weichen Sand.

Natürlich stellten wir einen Posten aus, welcher oben auf der Höhe lag, um nach Vupa Umugi und seiner Schar auszuschauen.

Nach dem, was ich von Schiba-bigk erfahren hatte, war die Ankunft dieser Roten für heut abend zu erwarten. Ich wünschte sehr, daß sie nicht später kommen möchten, denn der Aufenthalt in unserm wasserlosen, traurigen Lagerorte war keineswegs ein angenehmer zu nennen.

Glücklicherweise erfüllte sich dieser Wunsch noch eher, als ich dachte, denn die Sonne hatte den Horizont noch lange nicht erreicht, als der erwähnte Posten von oben herunterrief.-

„Uff! Naiini peniyil – – die Comantschen kommen!“

Ich nahm mein Fernrohr und stieg mit Old Surehand hinauf. Trotzdem die Entfernung so groß war, daß wir nicht gesehen werden konnten, machten wir unsere Beobachtung nicht stehend, sondern liegend. Ja, sie kamen, und zwar in einer Weise, welche uns sagte, daß sie sich sehr sicher fühlten. Sie ritten nämlich nicht nach ihrer sonstigen Weise, besonders wenn sie sich auf dem Kriegspfade befinden, im sogenannten Gänsemarsche, sondern einzeln und in Trupps ganz nach Belieben neben- und hintereinander.

„Die wissen ganz genau, daß der Weg frei ist, und sind vollständig überzeugt, kein feindliches Wesen vor sich zu haben. Sie haben nicht einmal Kundschafter vorausgesendet,“ sagte Old Surehand. „Eigentlich ist das sehr unvorsichtig von ihnen.“

„Das meine ich auch,“ antwortete ich. „Ich an Vupa Umugis Stelle hätte Späher vorausgeschickt, um die hundert Bäume und ihre Umgebung absuchen zu lassen.“

„Gut, daß er das nicht thut; denn diese Kundschaftet würden wahrscheinlich unsre Fährte entdecken, die hierher führt.“

„Freilich! Ich habe mich eben auf seine Sorglosigkeit verlassen, sonst wären wir nicht direkt von dort nach hier geritten.“

„Man kann es von hier aus nicht deutlich sehen, ob es so ist, aber hoffentlich haben sie die gerade Richtung nach den hundert Bäumen. Sie brauchten gar nicht sehr weit nördlich abzuweichen, um uns hier zu finden.“

„Das thun sie sicher nicht!“

„Aber möglich ist es doch.“

„Kaum!“

„Ihr meint, daß sie die Spur von Schiba-bigk noch sehen können, und derselben folgen?“

„Nein. Sie sehen jetzt wahrscheinlich schon das Gebüsch vor sich am Horizonte. Und selbst wenn das nicht der Fall wäre, so würden sie sich auf ihre Pferde verlassen, welche die Feuchtigkeit der hundert Bäume schon in den Nüstern haben und sich sicher von ihr führen lassen.“

Die roten Reiter hatten, von uns aus gesehen, die scheinbare Größe kleiner Hunde, die ganz genau nach Osten liefen und, immer kleiner und kleiner werdend, endlich in dieser Richtung unsern Augen entschwanden.

Nun war es allerdings eine für uns sehr wichtige Frage, ob sie unsre Spuren finden würden. Eigentlich mußten sie sie sehen; es kam nur darauf an, ob sie sie beachteten. In diesem Falle nahm ich an, daß sie sie für die Spuren Schiba-bigks halten würden, und grad darum hatten wir unsre Stiefel gegen indianische Mokassins vertauscht.

Faßten sie Verdacht, so kamen sie ganz sicher sofort her zu uns geritten. Wir schauten also in großer Erwartung nach Süden aus, woher sie in diesem Falle kommen mußten; aber es verging eine Stunde und noch mehr, ohne daß sich jemand sehen ließ, und als dann die Sonne sank und die kurze Dämmerung anbrach, durften wir uns sagen, daß wir keine Entdeckung zu befürchten hätten. Wir verließen also den hohen Rand der Vertiefung und stiegen wieder hinunter zu unsern Leuten. Dort empfing uns Old Wabble mit den Worten:

„Also sie sind da. Eigentlich sollte man sich den Spaß machen, sie während der Nacht zu überrumpeln und niederzuschießen.“

„Das nennt Ihr einen Spaß?“ fragte ich.

„Warum nicht? Haltet Ihr es für etwas Trauriges, seine Feinde zu besiegen?“

„Nein; aber ebensowenig halte ich es für einen Spaß, anderthalb hundert Menschen umzubringen. Ihr kennt ja meine Meinung in dieser Beziehung. Wir lassen sie, so wie es ausgemacht worden ist, ruhig weiterziehen und schließen sie später ein. Da werden sie ohne alles Blutvergießen unser.“

„Weiterziehen, ja! Wenn sie das aber morgen früh nicht thun, sondern den ganzen Tag hier bleiben? Wo bekommen wir da das notwendige Wasser für uns und die Pferde her?“

„Sie bleiben nicht; darauf könnt Ihr Euch verlassen. Es kann ihnen gar nicht einfallen, einen ganzen Tag zu verlieren. Und selbst wenn ihnen ein solcher Zeitverlust gleichgültig wäre, müßten sie schon morgen früh die hundert Bäume verlassen, um dem Militär Platz zu machen.“

„Ob dieses aber kommen wird?“

„Das werden wir sehr bald erfahren.“

„Von wem?“

„Von den Comantschen.“

„Wollt Ihr sie belauschen?“

„Ja.“

„Herrlich, herrlich! Da gehe ich mit!“

„Ist nicht nötig!“

„Wenn auch nicht nötig, aber ich gehe doch mit!“

„In einer Lage, wie die unsrige ist, hat man nur das Nötige zu thun und alles andre zu unterlassen. Man begiebt sich sonst in Gefahren, die man leicht vermeiden kann.“

„Ist es keine Gefahr, wenn Ihr lauschen geht?“

„Unter Umständen allerdings.“

„Und ist es da nicht geraten für Euch, jemand mitzunehmen, der Euch helfen kann?“

„Helfen? Hm! Wolltet etwa Ihr mir helfen?“

Yes.“

„Danke! Ich verlasse mich viel lieber auf mich als auf Euch, Mr. Cutter.“

„So wollt Ihr wirklich allein gehen?“

„Nein. Mr. Surehand wird mich begleiten.“

„Aber warum denn nicht ich?“

„Weil ich so will. Damit mag diese Angelegenheit abgethan sein.“

„Also habt Ihr zu ihm mehr Vertrauen als zu mir?“

„Ob dies der Fall ist oder nicht, das ist gleichgültig; ich nehme ihn mit, und Ihr bleibt hier!“

Ich sah es ihm an, daß er eine zornige Entgegnung auf den Lippen hatte; er beherrschte sich aber und schwieg. Er mit seiner Unvorsichtigkeit wäre der letzte gewesen, den ich mit zu den Comantschen hätte nehmen mögen!

Da ich annahm, daß diese morgen früh zeitig aufbrechen würden, war vorauszusehen, daß sie sich heut zeitig schlafen legten. Also durfte ich nicht lange warten, falls ich sie belauschen und wirklich etwas erfahren wollte. Darum ließ ich nach dem Einbruche der völligen Dunkelheit nicht mehr als eine Stunde vergehen, um mich mit Old Surehand auf den Weg zu machen. Später, wenn der Mond aufging, war es schwerer als jetzt, unentdeckt zu bleiben.

Wir benutzten unsere eigene Fährte als Weg und wendeten uns, bei den hundert Bäumen angekommen, zunächst nach der Höhe der Hufeisenbucht, um, wie die Vorsicht es erforderte, nachzuforschen, ob dort Wachen standen. Es dauerte sehr lange, ehe wir den ganzen Halbkreis abgesucht hatten, ohne einen Comantschen zu entdecken. Vupa Umugi hatte hier oben keine Posten ausgestellt; er mußte seiner Sache außerordentlich sicher sein.

Unten am Wasser brannten mehrere kleine Feuer, die durch die abgeschnittenen Äste und Zweige unterhalten wurden, die wir hatten herumliegen sehen. An der Quelle schien der Häuptling mit seinen hervorragendsten Kriegern zu sitzen; die andern hatten sich zu beiden Seiten des Wasserlaufes gelagert, wie weit hinaus, das konnten wir nicht sehen. Auch die Pferde sahen wir nicht; es war jetzt noch zu dunkel dazu. Ob da unten, nach dem Llano hin, Posten standen, das entging unsern Augen ebenso, konnte uns aber gleichgültig sein, weil wir nach dieser Seite hin nicht kamen.

Es war unsre Aufgabe, uns dem Häuptlinge möglichst weit zu nähern, um ihn günstigen Falles sprechen zu hören. Wir machten uns also in das Gesträuch und krochen, Old Surehand hinter mir her, zwischen den Büschen die Böschung hinab. Dies war nicht sehr leicht, weil sich unter unsern Füßen jeden Augenblick ein Teil des sehr lockeren Bodens lösen und durch das beim Hinabrollen verursachte Geräusch uns verraten konnte. Die Indianer verhielten sich so ruhig, daß ein solches Geräusch unbedingt gehört werden mußte. Ich setzte also bei jedem Schritte den Fuß erst tastend voran, um die betreffende Stelle durch das Gefühl zu untersuchen. Es ging also langsam, sehr langsam, und es war während dieses Hinabsteigens gewiß eine Stunde vergangen, als wir endlich hinter einem dichten Strauche lagen, welcher dem Quell so nahe stand, daß wir die daran lagernden Roten sprechen hören konnten – -wenn sie überhaupt sprachen.

Sie sprachen aber nicht. Sie saßen stumm und bewegungslos bei einander und sahen in die glimmende Helle des kleinen Feuers, an welchem, wie der noch bemerkbare Geruch uns zeigte, Fleisch gebraten worden war. Wir warteten eine Viertelstunde und noch eine; es blieb so still wie bisher, und man hätte meinen können, es mit leblosen Figuren zu thun zu haben, wenn nicht einer der Indsmen den Arm zuweilen bewegt hätte, um einen Zweig in das Feuer zu legen. Schon stieß Old Surehand mich an, ein fühlbares Fragezeichen, ob es nicht besser sei, wieder zu gehen, da ertönte draußen außerhalb des Lagers plötzlich ein lauter Ruf, dem mehrere andre Rufe folgten. Da draußen standen also doch Posten, und diese schienen etwas Auffälliges bemerkt zu haben, denn die Rufe mehrten sich und wurden so dringend, daß sie das ganze Lager alarmierten. Vupa Umugi sprang auf, und die bei ihm Sitzenden thaten ebenso. Der Lärm wurde größer, und das Rufen war bald hier und bald dort zu hören. Es klang genau so, als ob jemand gejagt werde, den man fangen wolle. Es bemächtigte sich meiner eine Besorgnis, die ich nicht von mir weisen konnte, obwohl ich es gern wollte.

„Was mag das sein?“ fragte mich Old Surehand leise.

„Es klingt, als ob ein Mensch hin und her getrieben würde,“ antwortete ich ebenso flüsternd.

„Ja, es ist jemand, der gefangen werden soll; ich irre mich nicht; man kann es deutlich hören. Wer aber mag es sein? Sollte – – – –?“

Er sprach die Frage nicht aus.

„Was wolltet Ihr sagen?“ fragte ich.

„Nichts, Sir. Es wäre wirklich zu toll von ihm!“

„Von wem?“

„Von – – doch nein, es ist nicht möglich!“

„Es ist möglich. Ich weiß, wen Ihr meint.“

„Nun, wen?“

„Old Wabble.“

„Teufel! Auch Ihr denkt es?“

„Es ist ihm zuzutrauen.“

„Ja, er ist auf das Anschleichen geradezu versessen, und da er vorhin gar so gern mit wollte, so – – horcht!“

Es war ein Ruf, der linker Hand draußen erscholl:

„Sus taka – – ein Mann!“

Und gleich darauf hörten wir von rechts, jenseits des Gebüsches her, rufen:

„Sus kava – – ein Pferd!“

Dann wurde es still; aber wir bemerkten, mehr mit den Ohren als mit den Augen, eine Bewegung, welche sich uns näherte. Es wurde von links und dann auch von rechts her jemand oder etwas gebracht. Wer oder was mochte es sein?

Um dies zu erfahren, brauchten wir gar nicht lange zu warten. Die Befürchtung, welche wir ausgesprochen hatten, erfüllte sich zu unserm Schrecken. Eine Anzahl von Comantschen brachten – – Old Wabble geführt; er war entwaffnet und mit Riemen streng gefesselt. Und einige Augenblicke später wurde auch sein Pferd gebracht. Er war uns also gefolgt, und zwar zu Pferde. Welch ein Unsinn! Daß ihm solche Eigenmächtigkeiten zuzutrauen waren, das wußte ich aus Erfahrung; daß er sich aber vornehmen werde, zu Pferde anzuschleichen, eine solche Dummheit hätte ich ihm denn doch nicht zugetraut.

Er brachte uns durch diese Albernheit nicht nur in große Verlegenheit, sondern in die augenscheinlichste Gefahr. Die Comantschen mußten sich doch sagen, daß er nicht allein hier sein könne, sondern Gefährten bei sich haben müsse. Die Sorge um uns selbst erforderte eigentlich, daß wir uns sofort entfernten; aber konnten oder durften wir das? Mußten wir nicht vielmehr bleiben, um zu erfahren, was geschah? Der Alte war trotz seiner großen Unvorsichtigkeit ein pfiffiger Kerl; vielleicht kam er auf eine Aussage, weiche den Verdacht der Roten ablenkte.

„Uff, Old Wabble!“ rief Vupa Umugi aus, als er den Alten erblickte. „Wo habt ihr ihn ergriffen?“

Der Rote, an den diese Frage gerichtet war, antwortete:

„Er lag mit dem Bauche im Grase und schlich durch dasselbe wie ein Coyote, der auf Raub ausgeht. Und unsre Pferde wurden unruhig, denn sie rochen das seinige, welches er da draußen jenseits unsrer Posten angepflockt hatte.“

„Hat er sich gewehrt?“

Pshaw! Er wollte fliehen, und wir jagten ihn wie einen räudigen Hund hin und her; als wir ihn dann ergriffen, wagte er nicht, sich zu verteidigen.“

„Habt ihr noch andre Weiße gesehen?“

„Nein.“

„So geht und sucht nach Spuren von ihnen. Dieses alte Bleichgesicht kann sich nicht ganz allein hier am Rande des Llano estacado befinden.“

Der Krieger ging, um in diesem Sinne nachzuforschen, und der Häuptling setzte sich mit seinen Leuten so ruhig nieder, als ob nicht das geringste vorgekommen wäre. Er sah Old Wabble, der, von zwei Roten gehalten, vor ihm stand, mit drohendem Blicke an, zog sein Messer, stieß es vor sich in die Erde und sagte dann zu ihm.

„Hier steckt das Messer des Verhöres, Es kann dich töten, dir aber auch das Leben lassen. Du hast das in deiner Hand. Wenn du die Wahrheit sagst, wirst du dich retten.“

Das Auge des king of the cowboys schweifte herüber in das Gebüsch; es suchte nach uns, aber glücklicherweise nur mit einem kurzen Blicke. Hätte er sich in dieser Beziehung nicht beherrscht, so hätte er uns sehr leicht verraten können.

„Wo hast du deine Begleiter?“ fragte der Häuptling.

„Ich habe keine,“ antwortete der Alte.

„Du bist allein?“

„Ja.“

„Das ist eine Lüge!“

„Es ist die Wahrheit!“

„Wir werden sie suchen und finden.“

„Ihr werdet niemand finden.“

„Wenn es sich herausstellt, daß du lügest, wirst du schuld sein an dem harten Tode, den ihr erleiden werdet.“

„So laß nur suchen; ich habe nichts dagegen!“

„So sage mir, was du hier am Rande des Llano estacado zu schaffen hast! Wirst du etwa die Ausrede machen, daß du hierhergekommen seist, um zu jagen?“

„Nein, so dumm ist Old Wabble nicht. Aber dennoch möchte ich es sagen, denn es ist wirklich wahr.“

„Was könntest du jagen wollen? Es giebt hier kein Wild.“

„Es giebt welches, und zwar viel.“

„Welcher Art?“ lachte Vupa Umugi verächtlich.

„Rotwild.“

„Uff!“

„Ja, Rotwild, nämlich Indianer. Ich kam hierher, um euch zu jagen.“

Er war sehr kühn. Wahrscheinlich verließ er sich auf uns. Er schien überzeugt zu sein, daß wir in der Nähe steckten und ihn hörten. Und sehr wahrscheinlich nahm er es als ganz selbstverständlich an, daß wir ihn nicht in seiner jetzigen unglücklichen Lage stecken lassen würden. Es war aber vorauszusehen, daß er sich in dieser Beziehung täuschte. Hatte er sich, was ganz wörtlich zu nehmen war, „hineingeritten“, so mochte er nun zunächst selbst sehen, wo er blieb; wir mußten vor allen Dingen für uns selbst sorgen und darauf bedacht sein, nicht auch ergriffen zu werden. Wir durften nicht, um ihn zu befreien, unser Leben wagen und dabei das Gelingen unsres ganzen schönen Planes so leichtsinnig, wie er es gethan hatte, in die Schanze schlagen.

Die mutige Antwort des Alten hatte den Häuptling frappiert; man sah es ihm an. Er zog die Brauen finster zusammen und sagte in drohendem Tone:

„Old Wabble mag sich ja hüten, meinen Zorn zu erwecken!“

„Wozu diese Drohung? Du hast ja gesagt, daß ich die Wahrheit sagen soll.“

„Ja; aber du sprichst sie nicht!“

„Beweise das!“

„Hund, wie kannst du, der du unser Gefangener bist, Beweise von mir verlangen! Deine eigene Rede ist der Beweis, der dich überführt. Du sagst, du seist gekommen, uns zu jagen. Kann ein einzelner Mann zehnmal fünfzehn rote Krieger jagen?“

„Nein.“

„Und doch behauptest du, allein hier zu sein!“

„Das ist auch wahr; ich bin nur als Kundschafter hier; die andern kommen nach. Und ich warne euch! Wenn ihr mir etwas thut, werden sie mich blutig an euch rächen.“

Pshaw! Wer sind die Leute, mit denen du es wagst, uns zu drohen?“

„Ich sollte es eigentlich nicht sagen, denn ihr habt keine Ahnung davon, daß sie euch auf den Fersen sind; aber es macht mir Spaß, euch schon jetzt die Augen zu öffnen, was kein Fehler von mir ist, weil es ganz unmöglich ist, daß ihr ihnen entgehen könnt.“

Er zog sein altes, faltenreiches Gesicht in eine triumphierende Miene und fuhr fort:

„Kennst du den Häuptling Nale-Masiuv?“

„Natürlich kenne ich ihn.“

„Er hat es gewagt, weiße Reiter anzugreifen und ist geschlagen worden.“

„Uff!“ antwortete Vupa Umugi, mehr nicht.

„Er ist dann so unvorsichtig gewesen, Boten zu euch zu senden. Das Militär hat die Fährte derselben entdeckt und ist ihr gefolgt.“

„Uff!“

„Die Soldaten sind durch die Fährte zum blauen Wasser geführt worden, wo euer Lager war. Ihr hattet dasselbe schon verlassen; da sind sie hinter euch her, und mich haben sie vorangesandt, um als Kundschafter zu entdecken, wo ihr heut Lager macht. Ihr habt mich zwar gefangen, werdet mich aber wieder freigeben müssen, denn sie kommen mir nach und werden euch bis auf den letzten Mann vernichten!“

„Gott sei Dank!“ rief ich in meinem Innern aus; denn dies war die beste, ja die einzige Ausrede, die er machen konnte. Nur auf diese Weise war es möglich, ihren Verdacht von uns abzulenken und sie glauben zu lassen, daß er wirklich allein gekommen war. Ja, er war ein alter, pfiffiger Kerl, was aber den Zorn, den ich gegen ihn hegte, nicht im mindesten abschwächen konnte.

Vupa Umugi machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte:

„Old Wabble mag ja nicht zu viel und zu früh triumphieren. Er wird der Indianertöter genannt, und wir alle wissen ganz genau, daß noch nie ein roter Krieger vor seiner Kugel oder seinem Messer Gnade gefunden hat. Wir sind sehr froh, ihn erwischt zu haben, und werden uns sehr hüten, ihn freizugeben; er wird vielmehr ganz sicher am Marterpfahle sterben und mit den größten, ausgesuchtesten Schmerzen alle die Morde büßen, die er begangen hat!“

„Das sagst du jetzt; es wird aber ganz anders kommen,“ entgegnete Cutter im Tone der Überlegenheit.

„Hund, sei nicht so keck!“ fuhr ihn der Häuptling an. „Glaubst du wirklich, uns etwas für uns Neues gesagt zu haben? Wir wissen längst, daß die weißen Soldaten mit Nale Masiuv gekämpft haben. Sie sind Sieger geblieben, aber für kurze Zeit, denn er hat heimgesandt und noch weitere hundert Krieger kommen lassen.“

„Ah!“ rief Old Wabble aus, indem er sich enttäuscht stellte.

„Ja,“ fuhr der Häuptling fort, nun seinerseits triumphierend. „Und ebenso genau wissen wir, daß diese weißen Hunde hinter uns her sind. Wir selbst haben das ja so gewollt, denn wir haben sie uns nachgelockt, um sie zu verderben.“

„Du machst da einen großen Mund und sagst das nur, um mir Angst zu machen, was dir aber nicht gelingen wird.“

„Schweig! Was ich sage, das ist wahr! Ihr wollt uns vernichten, werdet aber selbst bis auf den letzten Mann getötet werden!“

Pshaw!“

„Schweig! Ich sage dir, daß wir euch eine Falle gestellt haben, aus welcher kein Entkommen ist.“

„Ja, vielleicht, wenn wir so dumm sind, hineinzulaufen.“

„Du bist ja schon hineingelaufen; du befindest dich ja schon drin!“

„Um so aufmerksamer und vorsichtiger werden die weißen Soldaten sein.“

„Sie laufen auch hinein; sie können gar nicht anders.“

„Oh!“

Dieser wegwerfende Ausdruck des Unglaubens machte den Häuptling noch zorniger; er fuhr den Alten an:

„Wenn du noch ein einziges solches Wort sagst, werde ich dir den Mund stopfen lassen. Wir sind nur darum von dem blauen Wasser hierher geritten, damit die Soldaten uns folgen sollen. Wir werden auch dieses Lager verlassen, um sie in die Wüste zu führen, wo sie elend umkommen müssen.“

„Umkommen? Sie werden kämpfen und euch besiegen!“

„Es wird zu gar keinem Kampfe kommen. Wir locken sie tief in den Sand hinein, wo es kein Wasser giebt; dort werden sie verschmachten, ohne daß ihnen ihre Waffen etwas nützen.“

„Sie werden sich hüten, sich von euch irreleiten zu lassen.“

„Sie werden es thun; ich weiß das genau. Denkst du, daß wir keine Augen und keine Ohren haben? Sie lagern in dieser Nacht nur einige kurze Reitstunden hinter uns und werden einige Zeit nach Tagesanbruch hier ankommen. Da sind wir schon fort, und sie werden uns folgen. Hinter ihnen aber kommt dann Nale-Masiuv mit viel mehr als hundert Kriegern. Dadurch geraten sie zwischen ihn und uns, zwischen den Hunger, den Durst und unsre Gewehre und werden auf das elendeste umkommen müssen.“

Thunder-storm!“ rief Old Wabble in einem Tone aus, als ob er sehr erschrocken sei.

„Ja, da fährt dir das Entsetzen in die Glieder!“ lachte der Häuptling grimmig. „Du mußt einsehen, daß ihr verloren seid. Aber ich habe noch ein andres Wort mit dir zu sprechen. Wo sind die Bleichgesichter, die sich am blauen Wasser bei dir befanden?“

„Bleichgesichter? Wen meinst du da?“

„Old Shatterhand.“

„Ah, den!“

„Ja, den. Auch Old Surehand, den ihr uns entrissen habt, und die andern alle.“

„Wo die sind, weiß ich nicht.“

„Lüge nicht!“

„Ich lüge nicht. Wie kann ich wissen, wo sie sind?“

„Sie waren doch bei dir!“

„Ja, an diesem einen Tage; dann haben wir uns von einander getrennt.“

„Das machst du mich nicht glauben. Du willst mir verschweigen, daß sie sich bei den Soldaten befinden!“

„Bei den Soldaten? Fällt ihnen nicht ein. Old Shatterhand ist nicht der Mann, sich zu solchen Leuten zu gesellen und seine Selbständigkeit dadurch einzubüßen. Oder glaubst du vielleicht, daß er sich dazu erniedrigt, ihren Spion zu machen?“

„Old Shatterhand ist stolz,“ gab der Häuptling zu.

„Nicht bloß das. Er ist ein Freund sowohl der Weißen als auch der Roten. Wird er sich da wohl in den Streit mengen, der zwischen ihnen ausgebrochen ist?“

„Uff, das klingt wahr.“

„Und hat er nicht am blauen Wasser Frieden mit dir geschlossen?“

„Auch das ist richtig. Aber wo befindet er sich?“

„Er ritt den Rio Pecos hinab, um in den Wohnungen der Mescalero-Apatschen mit Winnetou zusammenzutreffen.“

„Ritt er allein?“

„Nein, die andern alle begleiteten ihn.“

„Warum du nicht auch?“

„Weil ich zu den Soldaten wollte, deren Scout ich jetzt bin.“

„Solltest du wirklich so allein geritten sein? Das glaube ich nicht. Deine letzteren Worte erregen meinen Verdacht aufs neue. Old Shatterhand ist bei euch!“

„Nein!“

„Ich bin überzeugt davon!“

„Ich habe Vupa Umugi für weit klüger gehalten, als er sich jetzt zeigt. Sieht er denn nicht ein, daß er sich mit seinem Mißtrauen eine große Blöße giebt?“

„Nein.“

„Das bedaure ich. Ist Old Shatterhand während eines Kriegszuges nicht mehr wert als hundert Krieger? Und ist Old Surehand ihm in dieser Beziehung nicht gleich? Wenn sich so berühmte Männer bei uns befänden, würde ich es dir da nicht sagen, um dir Angst zu machen, dich an mir zu vergreifen?“

„Uff!“ nickte der Häuptling zustimmend.

„Es würde für mich ein großer Vorteil sein, wenn ich dir mit diesen beiden Bleichgesichtern drohen könnte. Wenn ich das nicht thue, mußt du einsehen, daß sie wirklich nicht mit bei uns sind.“

„Uff!“ erklang es abermals bejahend.

„Also, wollte ich eine Lüge erfinden, so würde ich doch lieber sagen, daß diese beiden kommen werden, um mich zu retten, als daß ich dies verneine. Wenn Vupa Umugi das nicht einsieht, steht es schlimm um seinen Verstand.“

„Was geht dich mein Verstand an, Hund! Ich weiß nun, woran ich bin, und es wird darauf ankommen, ob meine Krieger, welche jetzt die ganze Gegend nach Gefährten von dir absuchen, jemand finden oder nicht. Auf alle Fälle aber bist du verloren. Denke nicht, daß wir dich sofort töten! So leicht kommt der Indianermörder nicht davon. Wir nehmen dich mit, denn unser ganzes Volk soll dich sterben sehen und über deine Qualen jubeln. Auch sollst du bei uns sein, um mit eigenen Augen dich zu überzeugen, daß ich die Wahrheit sagte, als ich behauptete, daß die bleichen Soldaten in der Wüste elend umkommen werden. Nun, was ist’s, was hast du zu melden?“

Er richtete diese Frage an einen Roten, der jetzt herbeigeritten kam und vom Pferde sprang. Dieser antwortete:

„Wir haben die ganze Gegend umkreist und abgesucht, doch niemand gefunden. Dieses Bleichgesicht hat sich also ganz allein in unsre Nähe gewagt.“

„Er wird das Wagnis mit dem Leben bezahlen. Bindet ihm nun auch die Füße, und fesselt ihn so eng, daß er sich nicht bewegen kann! Fünf Krieger mögen ihn bewachen und mit ihren Köpfen für ihn haften. Auch mögen Wachen den Rand da oben hinter uns besetzen, damit wir uns keiner Unvorsichtigkeit schuldig machen!“

Diese Unvorsichtigkeit hatte er freilich schon begangen und uns dadurch die heimliche Annäherung bedeutend erleichtert. Nun galt es, uns sehr schnell zu entfernen und ja nicht zu warten, bis die Posten sich da oben aufstellten, sonst liefen wir Gefahr, von ihnen entdeckt zu werden. Wir krochen also schleunigst, doch möglichst leise, die Böschung hinauf, wobei wir uns freilich nicht so viel Zeit nehmen konnten, wie vorhin beim Abwärtssteigen.

Oben angekommen, eilten wir zunächst mit schnellen Schritten so weit fort, daß wir fern genug waren, um nicht gesehen und gehört zu werden; dann konnten wir diese Eile mäßigen.

„Jetzt, Sir, was sagt Ihr dazu?“ fragte mich Old Surehand.

„Fatal, ja weit, weit mehr als fatal!“ antwortete ich.

„Das ist ein sehr böser Streich, den uns der Alte da wieder gespielt hat.“

„Glücklicherweise für ihn böser als für uns.“

„Ja. Nachdem das Unglück einmal fertig war, hat er sich gar nicht übel benommen.“

„Es ist schade, jammerschade um ihn! Er ist sonst ein ganz tüchtiger Kerl, und wenn er nicht die Angewohnheit hätte, so sinnlos selbständig zu handeln, wäre er sehr gut zu brauchen. So aber muß man mit ihm vorsichtiger als mit irgend einem Greenhorn sein. Er ist ein Mensch, der am besten für sich allein bleibt, denn jeder Gesellschaft, der er sich anschließt, muß er gefährlich werden.“

„Er verläßt sich natürlich auf unsre Hilfe.“ „Selbstverständlich. Wir sollen ihn herausholen.“

„Wird das gehen?“

„Ja. Wir dürfen ihn nicht verlassen.“

„So wollt Ihr ihn noch im Laufe dieser Nacht befreien?“

„Nein, das ist unmöglich.“

„Hm! Ich denke, Euch ist auch das nicht zu schwer.“

„Dank für dieses Vertrauen! Wenn ich von einer Unmöglichkeit sprach, so habe ich nicht die Befreiung an sich selbst gemeint. Warum sollten wir ihn nicht noch in dieser Nacht losmachen können, Ihr und ich? Ich glaube, wir haben noch ganz andre Dinge fertig gebracht. Das Leben wäre freilich dabei zu riskieren, doch bin ich überzeugt, daß es gelingen würde. Aber die Roten würden erfahren, daß wir hier sind, und das dürfen sie nicht. Sollen wir unser ganzes schönes, wohlüberlegtes Unternehmen eines Mannes wegen in Frage stellen, der es wiederholt gefährdet, indem er immer und immer neue Dummheiten begeht?“

„Nein.“

„Es handelt sich jetzt nicht um sein Leben; das haben wir gehört. Er ist freilich nicht grad auf Rosen gebettet; das hat er sich aber selbst zuzuschreiben und mag als wohlverdiente Strafe gelten. Die Roten mögen ihn mitnehmen; wir können das nicht ändern. Später, wenn sie in der Falle stecken, werden sie ihn freigeben müssen.“

„Wenn sie ihn nicht als Geisel betrachten.“

Pshaw! Darauf gehen wir natürlich nicht ein.“

„Es ist mir völlig unbegreiflich, daß ein Mann, noch dazu von seinem Alter, fortgesetzt derartige Streiche auszuführen vermag. Gute Lehren hat er genug bekommen.“

„Die haften nicht, weil es bei ihm geradezu an der Möglichkeit fehlt, sich unterzuordnen.“

„Uns nachzukommen, um sich auch anzuschleichen! Und gar zu Pferde! Das kann man nicht anders als verrückt nennen! Meint Ihr nicht auch, Sir?“

„Ja; aber wie bei jedem Unglücke ein Glück zu sein pflegt, so auch hier, denn wir können sehr froh sein, daß er das Pferd bei sich hatte.“

„Warum?“

„Weil die Comantschen sicherlich danach gesucht und nicht eher geruht hätten, als bis sie wußten, woran sie waren.“

„Ah! Da hätten sie uns entdeckt!“

„Gewiß. So unbegreiflich es mir ist, daß jemand auf den verrückten Gedanken kommen kann, sich im Sattel anzuschleichen, so zufrieden bin ich jetzt damit, daß es geschehen ist. Der Häuptling ist beruhigt und wird nicht suchen lassen.“

„Hm! Wollen es hoffen!“

„Ich bin überzeugt davon. Selbst wenn sein Mißtrauen zurückkehren sollte, hat er keine Zeit, lange Forschungen anzustellen. Wir haben ja gehört, daß die Kavallerie zeitig kommen wird. Da muß er fort sein.“

„Das ist glücklicherweise wahr, und wir können sagen, daß wenigstens wir beide unsre Zwecke erreicht haben. Erst hatte es gar nicht den Anschein, als ob wir etwas hören und erfahren würden, und erst das Erscheinen des alten Wabble öffnete dem Häuptlinge den Mund. Also haben wir Cutter es zu verdanken, daß wir etwas erlauschten. Wir könnten das für ihn als Milderungsgrund gelten lassen, wenn wir geneigt sein sollten, ihm zu verzeihen.“

„Danke! Ich habe ihm schon oft genug verziehen; das hört nun auf. Hier giebt es keinen Milderungsgrund. Wo es sich wieder und immer wieder um die Freiheit und das Leben handelt, wäre es der reine Selbstmord, wenn man sich nicht gegen derartige Gefahren schützte. Und der einzige Schutz, den es hier giebt, besteht darin, daß man die Wiederholung solcher Streiche unmöglich macht.“

„Aber wodurch?“

„Dadurch, daß man sich von dem alten Wabble trennt. Ich verzichte auf seine Gesellschaft. Wenn er die Freiheit wieder hat, mag er reiten, wohin er will. Ich habe mich freilich erst gefreut, ihn kennen zu lernen; er hat mir aber diese Freude ganz gehörig vergällt. Jetzt ist es wahrlich kein Vergnügen mehr, ihn bei sich zu haben und Dummheit über Dummheit begehen zu sehen. Da ist mir denn doch der unerfahrenste Neuling lieber. Ein Greenhorn fügt sich und folgt dem erfahrenen Westmann in der Überzeugung eben seiner Unerfahrenheit; hier aber giebt es einen alten Horseman, der stolz darauf ist, einst der König der Cowboys geheißen zu haben, und in diesem Stolze es unter seiner Würde hält, sich einem andern Willen als dem seinen unterzuordnen. Ein guter Cowboy mag ein braver Hirt und Reiter, vielleicht auch ein leidlicher Schütze sein; zu einem tüchtigen Westmann aber gehört mehr, weit mehr!“

Ich war in Eifer geraten und hätte wohl noch weiter räsonniert, wenn wir nicht jetzt unser Lager erreicht hätten.

Als die Apatschen erfuhren, daß Old Wabble von den Comantschen gefangen worden sei, sagte derjenige von ihnen, welcher der älteste war und also für die andern das Wort zu führen hatte:

„Das alte Bleichhaar ritt fort, ohne uns zu fragen. Konnten wir ihn halten?“

„Nein,“ antwortete ich. „Er hätte auf keinen Fall auf euch gehört. Aber warum stieg er zu Pferde, anstatt zu Fuße zu gehen? Wißt ihr das?“

„Wir wissen das, denn er sagte es uns. Es war das Einzige, was er sagte. Er bediente sich der Schnelligkeit wegen des Pferdes; er wollte eher bei den Comantschen sein und dann auch eher als ihr zurückkehren.“

„Um sich dann gegen uns zu brüsten! Nun hat er ja allen Grund gefunden, seinen Ruhm auszuposaunen. Sorge dafür, daß die Wachen aufmerksam sind! Wir wollen uns jetzt schlafen legen, denn wir müssen mit der Sonne wieder munter sein.“

Mit dem Schlaf hatte es so seine Wege, denn der Ärger über Cutter hielt mir noch lange Zeit die Augen wach, und als ich bei Sonnenaufgang geweckt wurde, hatte ich noch nicht ausgeschlafen.

Jetzt galt es, den Abzug der Comantschen zu beobachten. Wir sahen zwar den dunkeln Streifen, den die hundert Bäume am südlichen Horizonte bildeten, sie selbst aber konnten wir nicht erkennen. Darum nahm ich das Fernrohr und verließ mit Old Surehand den Lagerplatz, um die große Entfernung zu verringern. Auf halbem Wege setzten wir uns nieder und warteten. Es dauerte gar nicht lange, so tauchten ihre Gestalten hinter den Büschen auf. Sie ritten fort, und zwar in derselben Weise, wie sie gekommen waren, nämlich nicht im Gänsemarsche. Sie thaten das, um eine recht breite, sichtbare Fährte zu machen und dadurch den Truppen die Verfolgung zu erleichtern. Als Wegweiser ließen sie sich, wie wir es ja beabsichtigten, die Pfähle dienen, von denen sie glaubten, daß sie von Schiba-bigk angebracht worden seien; sie ahnten nicht, welche Veränderung inzwischen mit denselben vorgegangen war.

Als sie fern im Südosten verschwunden waren, warteten wir in großer Spannung wohl über eine Stunde lang. Da tauchten im Westen sechs Reiter auf, deren Weg sichtlich nach den hundert Bäumen führte.

„Das sind Dragoner,“ meinte Old Surehand.

„Ja,“ stimmte ich bei. „Es sind die Eclaireurs, welche der Kommandant vorausgesandt hat, die Comantschen auszumachen.“

„Da ist er vorsichtiger als Vupa Umugi gestern, der gleich mit seiner ganzen Truppe kam, ohne jemand vorauszuschicken.“

„Der war seiner Sache sicher, während der Kommandant nicht weiß, ob die Comantschen noch da sind oder nicht. Übrigens ist das Voraussenden von Eclaireurs eine so streng geforderte militärische Gepflogenheit, daß sich dieser Offizier der größten Unterlassungssünde schuldig machen würde, wenn er es unterließ, diese Vorsichtsmaßregel anzuwenden.“

„Was thun wir jetzt? Reiten wir hin?“

„Nein.“

„Warum nicht? Es würde doch das kürzeste sein, diesen Vorposten zu sagen, daß die Roten fort sind. Da brauchten sie nicht erst lange nach ihnen zu suchen.“

„Das ist richtig; aber ich möchte mir gern einen Spaß machen.“

„Welchen?“

„Der Kommandant hat mich, als ich ihn jenseits des Mistake-Cañon in seinem Lager traf, nicht für voll angesehen und wie einen Neuling behandelt.“

„Dummkopf!“

„Hm! Er konnte nicht gut anders, weil ich mich für einen Gräbersucher ausgab.“

„Gräbersucher? Was ist das, Sir?“

„Ich gab vor, nach der Abstammung der Indianer zu forschen, und für einen solchen Gelehrten sind Ausgrabungen, besonders alter Gräber, von großer Bedeutung, Mr. Surehand.“

„Ah, so! Und da hat er Euch geglaubt?“

„Ja.“

„Dann ist er eben das, was ich sagte, nämlich ein Dummkopf.“

„Mag sein; aber selbst Parker und die Männer, die bei ihm waren, haben es geglaubt und sich von mir täuschen lassen.“

„Das ist aber doch kaum möglich! Wer Euch sieht, Euer Äußeres betrachtet, Euer ganzes Wesen beurteilt, muß doch unbedingt darauf kommen, daß Ihr nichts andres seid – –“

„Als ein Westmann?“ unterbrach ich ihn.

Yes.“

„Ich verstellte mich damals, und mein Anzug sah auch ganz anders aus als jetzt. Es war wirklich nicht allzu schwer, mich für ein Greenhorn zu halten. Daß man dies that, hat mir großen Spaß gemacht, und ich möchte jetzt gern sehen, was der Kommandant für ein Gesicht macht, wenn er mich so unerwartet hier am öden, wüsten Llano estacado wiederfindet.“

„Also ein wenig Theater spielen?“

„Ja.“

„So wollt Ihr erst ohne unsre Apatschen zu ihm?“

„Ja.“

„Auch ohne mich?“

„Ihr könnt mit.“

„Recht so! Möchte auch wissen, was er sagt, wenn er erfährt, daß der vermeintliche Gräberforscher kein andrer als Old Shatterhand ist. Er wird ein ungeheuer kluges Gesicht dabei machen.“

Wir sahen durch das Fernrohr, daß die sechs Reiter sich zerstreuten, um in dieser Weise die hundert Bäume zu erreichen; das war sehr pfiffig von ihnen, aber, natürlich ohne daß sie es wußten, nicht nötig, weil die Comantschen sich entfernt hatten.

Als sie verschwunden waren, dauerte es nur zehn Minuten, da sahen wir wieder einen von ihnen, der im gestreckten Galoppe zurückritt, um dem Kommandanten zu melden, daß er nachkommen könne, weil die hundert Bäume von den Feinden verlassen worden seien. Eine kleine Stunde später sahen wir dann die Dragoner kommen, und wir kehrten in unser Lager zurück, um unsre Pferde zu holen und den Apatschen die Weisung zu erteilen, daß sie nach einer Stunde nachkommen sollten.

Wir ritten erst schnell und dann, als wir von den hundert Bäumen aus gesehen werden konnten, langsamer, so langsam wie Leute, die nichts zu versäumen haben, weil der Zweck ihres Rittes kein wichtiger ist. Als wir uns dem Gebüsch auf ungefähr tausend Schritte genähert hatten, sahen wir einige Wachen stehen. Die andern konnten wir nicht sehen, weil sie im Innern der Einbuchtung lagerten. Wir wurden von diesen Posten bemerkt; sie meldeten uns, und nun kamen viele der Soldaten hinter dem Gesträuch hervor, um uns zu betrachten. Da wir nur zwei Personen und noch dazu keine Indianer waren, wurde unserm Kommen mit Ruhe entgegengesehen.

„Halt!“ rief uns der äußerste Posten an. „Woher?“

„Daher,“ antwortete ich, indem ich nach rückwärts zeigte.

„Wohin?“

„Da hin!“

Dabei deutete ich nach dem Lager.

„Was wollt ihr dort?“

„Ausruhen.“

„Wer seid Ihr?“

„Das geht Euch zunächst nichts an; es ist das Sache Euers Offiziers!“

„Oho! Ich habe Euch auszufragen, und Ihr habt mir zu antworten!“

„Wenn es uns beliebt, ja; da es uns aber nicht beliebt, werden wir eben nicht antworten.“

„Da schieße ich!“

„Versucht es doch! Ehe Ihr Euern Schießprügel anlegt, seid Ihr eine Leiche.“

Bei diesen Worten richtete ich den Stutzen auf ihn und fuhr fort:

„Wir haben hier nämlich ganz dasselbe Recht wie Ihr. Wir können auch fragen: Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Was wollt Ihr hier? Und wer ist der Offizier, der Euch befehligt?“

„Was? Ihr bedroht einen militärischen Posten mit dem Gewehre?“

„Gewiß. Ihr seht es doch!“

„Da geht’s um Euer Leben! Wißt Ihr das?“

„Unsinn! Unsre Kugeln treffen ebenso sicher wie die eurigen. Und nun laßt uns in Ruhe! Wir wollen nach dem Wasser.“

Wir bogen um das Gebüsch und ritten nach dem Quell, an welchem das Offizierszelt bereits errichtet war. Der Posten hinderte uns nicht, aber die Soldaten, die meine Antworten gehört hatten, liefen uns voran, um dem Kommandanten zu sagen, wie wir uns verhalten hätten und was für renitente Kerls wir seien. Er stand vor dem Zelte, hörte ihren Bericht und sah uns mit drohend gefalteter Stirn entgegen. Da, als wir ihm nahe genug gekommen waren, erkannte er mich und rief aus:

Good lack! Das ist ja der Gräbersucher! Nun, dem sind solche Dummheiten wohl zuzutrauen. Der versteht das nicht. Was weiß der vom Kriegszustande und von den Pflichten, die ein Posten hat, wenn ihm nicht Gehorsam geleistet wird!“

Während er das sagte, hatten wir ihn erreicht und stiegen von den Pferden.

Good morning, Sir!“ grüßte ich unbefangen. „Erlaubt uns, hier Platz zu nehmen! Wir brauchen Wasser für uns und für die Pferde.“

Er lachte laut auf und wendete sich zu seinen Offizieren, welche in sein Gelächter einstimmten:

„Seht diesen Mann, Mesch’schurs! Wahrscheinlich kennt Ihr ihn noch. Der Kerl ist ein Original und hat Raupen im Kopfe, die ihresgleichen suchen. Natürlich hat er keine Ahnung davon, daß unsre Posten ihn eigentlich niederschießen mußten. Gegen solche Dummheit kämpfen selbst Götter vergebens. Wollen ihm also sein bißchen Leben schenken. Er hat einen Kameraden gefunden, der sehr wahrscheinlich ganz gleichwertig mit ihm ist. Solche Leute können wir ruhig hier aufnehmen, ohne befürchten zu müssen, daß sie uns schaden.“

Und uns das Gesicht wieder zukehrend, sagte er zu uns:

„Ja, ihr mögt hier bleiben und soviel Wasser trinken, wie ihr wollt; ich weiß, daß euch das sehr nötig ist, weil euer Gehirn doch sehr wahrscheinlich aus weiter nichts als Wasser besteht.“

Wir gaben unsre Pferde frei und setzten uns neben dem Quell nieder. Ich nahm den ledernen Trinkbecher vom Gürtel, schöpfte bedächtig, trank sehr langsam und antwortete erst dann:

„Wasser im Gehirn? Hm! Habt Ihr nicht auch getrunken, Sir?“

„Natürlich, ja. Was wollt Ihr damit sagen?“

„Daß Euch das Wasser auch nötig gewesen ist.“

„Und – –?“

„Und daß daraus auf Euer Gehirn wohl ebenso zu schließen ist wie auf das unsrige.“

All thunders! Ihr wollt mich beleidigen?“

„Nein.“

„Aber das war doch eine Beleidigung!“

„Wüßte nicht! Ich glaubte nur, gegen Euch genau so höflich sein zu müssen, wie Ihr gegen uns.“

„Da hat man es! Der Mann weiß nicht, was er spricht. Er zieht im Lande herum, um alte Gräber aufzumachen und nach verfaulten Knochen zu suchen. Da weiß man ja, daß man auf das, was er sagt, nicht viel oder auch gar nichts zu geben hat.“

Um diesen Worten eine Illustration zu geben, tippte er sich mit der Spitze des Zeigefingers an die Stirn und fragte mich dann:

„Habt Ihr viel solche Gräber gefunden, Sir?“

„Kein einziges,“ antwortete ich.

„Das läßt sich denken. Wer Indianergräber suchen will, der darf nicht nach dem wilden Llano estacado gehen!“

„Llano estacado?“ fragte ich, scheinbar verblüfft.

„Ja!“

„Wo liegt denn der?“

„Das wißt Ihr nicht?“

„Ich weiß nur, daß das eine sehr traurige Gegend sein soll.“

O sancta simplicitas! So wißt Ihr also nicht, wo Ihr seid?“

„In der Prairie, an diesem schönen Wasser hier.“

„Und wo wollt Ihr von hier aus hin?“

„Dahin.“

Ich deutete bei diesen Worten nach Osten.

„Dahin? Da kommt Ihr ja in den Estacado!“

„Wie – –? Was – –?“

„Ja, in den Estacado!“ lachte er.

„Wirklich?“

„Ja. Ihr könnt Gott danken, daß Ihr uns hier getroffen habt. Ihr habt ja gar keine Ahnung, daß Ihr Euch hier am Rande der Wüste befindet. Wenn Ihr weiter reitet, müßt Ihr elend umkommen!“

„Hm! Da werden wir umkehren.“

„Ja, das müßt Ihr, Sir, sonst fressen Euch die Geier.“

„Und wahrscheinlich würden wir im Llano auch auf keine Gräber treffen?“

„Wenigstens nicht auf solche, wie Ihr sucht. ihr wollt ein Gelehrter sein und wißt doch nicht, daß all Euer Forschen vergeblich ist!“

„Vergeblich? Warum?“

„Ihr habt doch gesagt, daß Ihr alte Reste ausgraben wollt, um zu erfahren, woher die Rothäute stammen?“ „Allerdings.“

„Es können Euch also nur alte, uralte Gräber von Nutzen sein?“

„Ja.“

„Und doch reitet Ihr in der Prairie und überhaupt im fernen Westen herum, wo es zwar Gräber giebt, die aber neu sind!“

„Hm!“ brummte ich nachdenklich.

„Ihr müßt doch da nachgraben, wo Indianerstämme gewohnt haben, die längst untergegangen sind. Ist das nicht richtig?“

„Eigentlich, ja.“

„So macht Euch also aus dem Westen fort! Die Gräber, die ihr sucht, liegen nicht westlich, sondern östlich von dem Missisippi. Den guten Rat gebe ich Euch. Ihr seht, wie es um Eure Gelehrsamkeit steht, wenn Euch erst Andere die richtigen Wege zeigen müssen!“

Well! So gehen wir also wieder über den Missisippi hinüber.“

„Das rate ich Euch. Dort giebt es auch nicht die vielen Gefahren, denen Ihr Euch hier so überflüssiger Weise auszusetzen habt.“

„Gefahren? Nicht daß ich wüßte!“

„Was? Ihr wißt nichts von Gefahren?“

„Woher soll das unsereiner wissen?“

„Die Indianer!“

„O, die thun mir nichts!“

„Nichts? Welch ein Leichtsinn! Oder welch eine Unwissenheit! Ihr scheint nicht zu ahnen, daß grad jetzt die Comantschen die Beile des Krieges ausgegraben haben. Sie morden alles, Rot und Weiß!“

„Mich nicht!“

„Warum grad Euch nicht?“

„Weil wir ihnen nichts gethan haben.“

„Hört, da ist die Einfalt denn doch zu groß! Diese Roten verschonen keinen Menschen, den sie treffen, keinen einzigen.“

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Da fuhr er mich zornig an:

„Es ist so, wie ich sage. Und Ihr habt es mir großen Dank zu wissen, daß ich Euch warne. Wohin seid Ihr denn eigentlich geritten, nachdem Ihr da oben unser Lager verlassen hattet?“

„Immer ostwärts.“

„Und dann?“

„Dann an den See, den die Indianer das blaue Wasser nennen.“

„An das blaue Wasser?“ rief er erstaunt, ja fast erschrocken aus. „Grad dort hat ja eine ganz bedeutende Comantschenschar gelagert!“

„So?“ fragte ich, mich ganz ahnungslos stellend.

„So – oo – oo?“ ahmte er meine Stimme nach. „Haben sie Euch denn nicht gesehen und ertappt?“

„Gesehen? Vielleicht! Ertappt? Nein! Wir haben uns sogar den Spaß gemacht, im See zu schwimmen.“

„Und seid nicht erwischt worden?“

„Nein. Wenn ich mir die Sache richtig überlege, so denke ich, daß wir jetzt nicht hier säßen, wenn wir von ihnen erwischt worden wären.“

Da lachte er wieder laut auf und rief:

„Das ist freilich richtig, außerordentlich richtig! Sie hätten Euch getötet und skalpiert!“

„Sir, das ist nicht so leicht, wie Ihr zu denken scheint!“

„Wie so?“

„Wir hätten uns gewehrt.“

„Gegen hundertfünfzig Rote?“

„Ja.“

„Mit den Sonntagsflinten, die Ihr hier habt?“

„Ja.“

Ich sagte das so ernst und überzeugungsvoll, daß sich abermals ein schallendes Gelächter erhob. Old Surehand gab sich alle Mühe, seine Gesichtszüge zu beherrschen; dennoch sah ich es ihm an, wie sehr er sich innerlich belustigte. Als sich das Gelächter gelegt hatte, fuhr der Kommandant fort:

„Das ist denn doch zu toll! Also Ihr hättet Euch gewehrt? Wirklich?“

„Natürlich!“

„Da sage ich Euch, daß dieser Gedanke der reine Wahnsinn ist. Ihr wäret sofort von anderthalbhundert Kugeln durchlöchert worden.“

„Oh! Hm!“

„Glaubt’s oder glaubt es nicht! Was ich Euch sage, ist richtig. Wie lange seid Ihr denn eigentlich an dem blauen Wasser geblieben?“

„Einen Tag!“

„Und wohin seid Ihr dann geritten?“

„Immer wieder nach Osten.“

„Also über die Ebene?“

„Ja.“

„Gerade hierher?“

„Ja.“

„Das ist wirklich ein Wunder, ein himmelblaues Wunder! Ich sehe doch, daß Ihr ohne allen Schaden und ganz heil hier angekommen seid!“

„Ja, heil und gesund sind wir. Was sollte uns fehlen?“

„Was Euch fehlen sollte? Es ist großartig, wirklich großartig! Die Comantschen sind nämlich auch vom blauen Wasser hierher geritten.“

„Wirklich?“

„Ja, wirklich!“ antwortete er, beinahe wütend über meine Unbefangenheit. „Haben Euch diese Halunken denn nicht gesehen?“

„Das weiß ich nicht; sie müssen es wissen.“

„Ja, sie müssen es wissen!“ lachte er grimmig. „Und ich weiß es auch. Sie haben Euch nicht gesehen, sonst lebtet ihr nicht mehr. So etwas ist wirklich kaum zu glauben. Da reiten diese beiden Männer immer dahin, wo die Comantschen sind; sie trollen ihnen immer im Wege und vor den Augen hin und her und werden doch nicht ertappt. Einem tüchtigen Westmann oder Soldaten könnte das nicht passieren. So ein Glück! Und dabei ahnen diese Leute nicht einmal, in welcher Gefahr sie sich befunden haben. Es ist doch wahr, was das alte Sprichwort sagt: Die Dummen haben Glück!“

„Hört, Sir, nennt uns nicht dumm! In meiner Heimat giebt es ein Sprichwort, welches das viel anständiger ausdrückt.“

„Welches?“

„Man pflegt zu sagen: Die dümmsten Bauern ernten die größten Kartoffeln.“

Als ich das so ruhig lächelnd sagte, schien er endlich doch aufmerksam zu werden. Er betrachtete mich mit einem langen, forschenden Blicke und sagte dann:

„Hört, Ihr wollt doch nicht etwa so thun, als ob Ihr etwas hinter den Ohren hättet? Bildet Euch ja nicht ein, klüger zu sein als wir!“

„Keine Sorge, Sir! Wir haben ganz und gar nicht die Absicht, zwischen uns und Euch einen Vergleich anzustellen. Das wäre Thorheit.“

„Denke es auch!“ nickte er befriedigt, ohne den eigentlichen Sinn meiner Worte zu verstehen. „Ich habe nicht nötig, aufrichtig mit Euch zu sein; aber Ihr thut mir in Eurer Dummheit so leid, daß ich Euch sagen will, wie die Verhältnisse stehen. Wir haben nämlich die Comantschen angegriffen und besiegt; sie sind vor uns nach dem blauen Wasser geflohen, und wir sind ihnen nach. Von dort sind sie wieder geflohen, hierher, und nun hetzen und jagen wir sie in den öden Llano estacado hinein, wo sie entweder vor Durst sterben oder von unsern Kugeln gefressen werden, wenn sie sich uns nicht ergeben. Das ist es, was ich Euch mitteilen will und wovon Ihr keine Ahnung gehabt habt.“

„Keine Ahnung? Glaubt Ihr denn wirklich, daß wir so ganz und gar nichts davon wissen?“ fragte ich, jetzt in ganz anderm Tone.

„Was könntet Ihr wissen!“ antwortete er verächtlich.

„Zunächst wissen wir, daß Ihr, wenn es genau nach Eurem Plane geht, die Comantschen auf keinen Fall bekommen werdet.“

„Ah?“ fragte er ironisch.

„Ja! Ich füge sogar hinzu, daß nicht sie es sind, sondern Ihr es seid, welchen das Los bevorsteht, im wüsten Llano zu verschmachten.“

„Wirklich? Wie klug Ihr plötzlich seid! Warum werden wir verschmachten?“

„Giebt’s im Llano Wasser?“

„Nein.“

„Habt Ihr Schläuche?“

„Nein.“

„Könnt Ihr also Wasser mitnehmen?“

„Zum Teufel, nein! Fragt doch nicht so dumm!“

„Meine Frage ist gar nicht dumm! In der Wüste braucht man Wasser, und das bißchen Wasser, was man im Gehirn hat, wie Ihr vorhin sagtet, reicht noch lange nicht aus, Pferd und Reiter vor dem Verschmachten zu retten. Wißt Ihr, wie weit Ihr hinein in die Wüste müßt, um die Comantschen zu treffen? Wißt Ihr, wie lange Eure Pferde in der Glut des Llano dursten können?“

„Wir wissen, daß wir gar nicht weit hinein müssen, denn die Roten haben auch kein Wasser.“

„Wißt Ihr das genau?“

„Sehr genau!“

„So thut Ihr mir jetzt ebenso sehr leid, wie Euch vorhin meine Dummheit erbarmt hat. Die Comantschen wissen nämlich einen Ort im Llano estacado, an welchem es genug Wasser für sie giebt.“

„Ah! Es giebt einen solchen Ort?“

„Ja.“

„Unmöglich!“

„Warum unmöglich? Habt Ihr noch nie gehört, daß es in Wüsten Oasen giebt?“

„Aber nicht im Llano estacado.“

„Gerad da giebt es ein Wasser, welches tausend Pferde nicht auszutrinken vermögen!“

„Unsinn! Ihr habt nicht einmal geahnt, daß Ihr Euch jetzt am Rande des Llano befindet; was wollt Ihr da von diesem Wasser wissen!“

„Redet doch Ihr nicht von Ahnen und Wissen! Ihr selbst ahnt ja gar nicht, was wir beide wissen, ich und mein Kamerad hier neben mir.“

„Zwei Gräbersucher! Was wißt Ihr denn, he?“

„Daß Ihr Euch mit allem, was Ihr denkt und beabsichtigt, in einem ungeheuren Irrtum befindet und Euerm sichern Untergange entgegenreiten würdet, wenn es nicht einige Männer gäbe, welche sich vorgenommen haben, Euch zu retten.“

„Unserm sichern Untergange? Das ist toll. Aber Euch sind solche Reden zuzutrauen. Wer sind denn diese braven Männer, Sir?“

„Es sind drei, nämlich Winnetou, Old Surehand und Old Shatterhand.“

Da zog er die Brauen hoch empor und fragte:

„Winnetou, der Apatschenhäuptling?“

„Ja,“

„Old Shatterhand, sein Freund, der weiße Jäger?“

„Ja.“

„Und Old Surehand, von welchem man so viel erzählen hört?“

„Ja, diese drei.“

„Die wollen sich unser annehmen?“

„Sie müssen es, wenn sie nicht ruhig zusehen wollen, daß Ihr in die Falle geht, welche die Comantschen Euch gestellt haben.“

„Eine Falle? Uns gestellt? Sprecht Ihr im Fieber?“

„Ich habe meine Gedanken sehr beisammen, Sir.“

„Das scheint nicht so; ich glaube vielmehr, Ihr leidet an Hallucinationen.“

„Wenn jemand in irgend welcher Sinnestäuschung befangen ist, so sind nicht wir es, sondern Ihr seid es. Kennt Ihr den Anführer der Comantschen, mit denen Ihr gekämpft habt?“

„Wir wissen nicht, wie er heißt. Wir haben keinen Scout, der das erfahren konnte.“

„Dieser Häuptling heißt Nale-Masiuv, was so viel wie Vier Finger bedeutet. Und wie heißt der Häuptling derjenigen Comantschen, welche am blauen Wasser lagerten?“

„Das war eben jener Nale-Masiuv, wenn Ihr seinen Namen richtig genannt habt.“

„Nein; das war Vupa Umugi, was großer Donner heißt.“

„Also ein andrer?“

„Ja.“

„Es kann kein andrer, sondern es muß derselbe gewesen sein, denn wir haben ihn bis an das blaue Wasser vor uns hergetrieben, Sir.“

„Ah! Sind das die Hallucinationen, von denen Ihr redetet! Ihr seid so freundlich gewesen, uns vorhin den Stand der Dinge klarzulegen, ohne daß Ihr es für nötig hieltet. Dafür wollen wir nun Euch, ohne daß es notwendig ist, sagen, wie die Verhältnisse liegen. Nale-Masiuv hat sich nämlich mit Vupa Umugi verbündet, Euch zu verderben. Er ist nicht nach dem blauen Wasser, sondern er hat heimgeschickt, um schnell noch hundert Krieger kommen zu lassen. Während Ihr glaubtet, ihn zu verfolgen, blieb er in Eurem Rücken und verfolgte Euch. Ihr wurdet nach dem blauen Wasser gelockt, wo Vupa Umugi auf Euch wartete und Euch, als Ihr kamt, sogleich Platz machte. Vupa Umugi, der Häuptling der Naiini, wendete sich hierher nach dem Orte, wo wir uns jetzt befinden und den die Comantschen Suks-ma-lestavi, hundert Bäume, nennen. Er kam gestern abend hier an. Ihr seid ihm nachgeritten und er ging, ehe Ihr hier erschient, in die Wüste, um Euch hinter sich herzuziehen. Während Ihr glaubt, ihn zu verfolgen und ihn vernichten zu können, lockt er Euch in eine Falle. Er reitet mit seinen Naiini voran und hinter Euch kommt Nale-Masiuv mit weit über hundert Kriegern. Ihr befindet Euch zwischen diesen beiden feindlichen Trupps. So stehen die Verhältnisse, Sir, so und nicht anders.“

Seine Offiziere blickten fragend von mir zu ihm hinüber und wieder von ihm zu mir herüber. Er selbst starrte mich staunend an, als ob ich etwas für ihn Unbegreifliches sei, und fragte mich.

„Aber, Sir, was sind das für Phantastereien?“

„Meine Phantasie ist hierbei gar nicht thätig; ich spreche von Dingen, welche wirklich sind.“

„Ihr kennt die Namen alle; woher wißt Ihr sie?“

„Ich spreche die Sprache der Comantschen.“

„Ihr, der Gräbersucher?“

„Gräbersucher, pshaw! Wollt Ihr denn noch immer nicht einsehen, daß Ihr Euch auch in Beziehung auf mich in einem großen Irrtum befunden habt?“

„Irrtum? Seid Ihr denn nicht der, für den ich Euch gehalten habe, Sir?“

„Nein.“

„Wer denn?“

„Jetzt zeigt es sich, wer Wasser im Gehirn hat, Ihr oder ich. Habt Ihr es denn wirklich für möglich gehalten, daß ein Gelehrter, also ein studierter Mann, sich als Dummkopf im wilden Westen nur zu dem Zwecke herumtreibt, um Gräber zu entdecken?“

All devils!“

„Und daß er den Indianern nur immer so im Wege herumkrabbelt, ohne von ihnen entdeckt zu werden?“

„Ich bin erstaunt, Sir!“

„Erstaunt über Euch, aber nicht über mich! Ich habe Euch vorhin die Namen dreier Männer genannt, von denen Ihr wohl oft gehört haben werdet. Ist Euch vielleicht zufälligerweise bekannt, was für ein Pferd Winnetou gewöhnlich reitet?“

„Einen Rapphengst, welcher Wind heißen soll.“

„Ja, Wind. Der Apatschenname dafür ist Iltschi. Habt Ihr auch von dem Pferde Old Shatterhands gehört?“

„Ja, auch ein Rapphengst, Blitz genannt.“

„Richtig! Das Apatschenwort dafür ist Hatatitla. Jetzt paßt einmal auf mein Pferd dort auf!“

Mein Rappe hatte sich grasend wohl über siebzig Schritte von mir entfernt. Ich drehte mich nach ihm um und rief den Namen Hatatitla; er kam sofort herbeigesprungen und rieb sein Maul liebkosend an meiner Schulter.

„Zounds!“ rief der Kommandant aus. „Sollte –?“

„Ja, sollte – – – –!“ lachte ich. „Ihr seid Kavallerist und habt diesen Hengst schon einmal gesehen. Ihr hieltet ihn für einen Kutschengaul. Betrachtet ihn jetzt genauer! Habt Ihr schon einmal ein so edles Pferd gesehen? Kann ein Gräbersucher ein so unvergleichliches Tier besitzen?“

Er drückte und drückte, um etwas zu sagen, brachte aber vor Verlegenheit lange nichts heraus, bis er endlich rief:

„Wo habe ich nur meine Augen gehabt!“

„Ja, wo habt Ihr sie gehabt, und zwar nicht nur in Beziehung auf das Pferd, sondern auch in Hinsicht auf den Reiter! Wißt Ihr, wie Winnetou bewaffnet ist?“

„Mit seiner berühmten Silberbüchse.“

„Und Old Shatterhand?“

„Mit dem Bärentöter und dem Henrystutzen.“

„Habt Ihr denn nicht schon in Euerm Lager jenseits des Mistake-Cañon gesehen, daß ich zwei Gewehre habe?“

„Ja, aber sie waren, wenigstens das eine, eingewickelt.“

„Nun, jetzt sind sie nicht verhüllt. Da, seht sie an!“

Ich hielt sie ihm hin. Seine Offiziere richteten ihre Blicke auch höchst neugierig auf die Gewehre.

„Alle Wetter, Sir,“ stieß er hervor, „sollte diese starke, schwere Rifle der Bärentöter sein?“

„Sie ist es.“

„Und dieses Gewehr mit dem sonderbaren Schlosse?“

„Der Henrystutzen! ja, der ist es.“

„So wäret – – wäret Ihr – – – –“

Er sprach die Frage nicht ganz aus und stotterte beinahe vor Verlegenheit.

„Old Shatterhand?“ fiel ich ein, „der bin ich allerdings.“

„Und Euer Gefährte hier?“

„Heißt Old Surehand.“

Die Offiziere wiederholten in größter Überraschung diese beiden Namen, welche augenblicklich von Mund zu Mund durchs ganze Lager gingen. Der Kommandant war aufgesprungen, ließ seinen Blick zwischen uns beiden hin und her gleiten und fragte in einem Tone, als ob er sich nur im halben Wachen befinde:

„Old Shatterhand und Old Surehand! Ist’s zu glauben!“

„Ihr glaubt es nicht?“ fragte ich.

„O doch; aber – – aber – –“

Er wurde unterbrochen, denn draußen, wo die Posten standen, erscholl jetzt der laute Ruf-

„Indsmen kommen, Indsmen!“

„Woher?“ fragte der Kommandant mit schallender Stimme.

„Von dort, aus Norden,“ lautete die Antwort, wobei die Posten nach der angegebenen Richtung deuteten. Der Offizier wollte den Alarmbefehl erteilen; ich hinderte ihn daran:

„Seid ruhig, Sir! Es hat nichts zu bedeuten. Wenn Ihr noch nicht glaubt, daß wir diejenigen sind, für die wir uns jetzt ausgegeben haben, so kommen jetzt Zeugen, welche bestätigen werden, daß wir die Wahrheit sagen.“

„Meint Ihr die Roten?“

„Ja.“

„Aber das sind ja Feinde! Ich muß sofort – –“

„Nichts müßt Ihr, nichts. Sie sind Freunde; sie sind sogar Eure Retter. Es sind Apatschen, welche ich hergebracht habe, um Euch gegen die Comantschen beizustehen.“

„Apatschen? Da bringt Ihr mich in eine Lage, Sir, welche für mich ungeheuer bedenklich ist; Rote sind Rote; es ist keinem zu trauen, und noch weiß ich nicht, ob Ihr wirklich Old Shatterhand seid.“

Well, so trefft die Maßregeln, welche Ihr für notwendig haltet; nur hütet Euch vor Feindseligkeiten. Ich werde Euch alles erklären, vorher aber den Apatschen einen Wink geben, sich dem Lager nicht auf Schußweite zu nähern, bis Ihr Vertrauen gewonnen habt.“

„Ich will gehen und es ihnen sagen,“ erbat sich Old Surehand.

„Ja, thut das, Sir! Sagt ihnen auch, daß sich einige von ihnen hinauf auf die Höhe an das Gebüsch postieren sollen!“

„Da hinauf? Warum?“ fragte der Kommandant, noch immer mißtrauisch. „Warum Posten in meinem Rücken?“

„Um nach Nale-Masiuv auszuschauen. Ich habe Euch ja gesagt, daß er hinter Euch her ist. Er kann jeden Augenblick kommen.“

„Ich könnte doch Posten von meinen Leuten aufstellen!“

„Meine Apatschen haben schärfere Augen.“

„Alle Wetter! Wenn Ihr – – – wenn Ihr – –!“

„Nur heraus damit, Sir! Ihr wollt sagen: Wenn Ihr Feinde und Betrüger wäret?“

„Ja,“ gestand er zu.

„Glaubt Ihr wirklich, daß zwei Weiße so kühn und zugleich so schlecht sein könnten, solche Absichten zu hegen?“

„Hm! Ich weiß nicht, ob die Roten, die da kommen, wirklich Apatschen sind.“

„So versteht Ihr es nicht, Apatschen von Comantschen zu unterscheiden?“

„Nein.“

„Und da führt Ihr Krieg mit Indianern? Da könnt Ihr ja die allergrößten Fehler begehen! Übrigens seht, da draußen kommen sie! Es sind fünfzig Mann. Ihr habt, wie ich schätze, gegen hundert gut geschulte Kavalleristen bei Euch. Könnt Ihr Euch da vor den Roten fürchten?“

„Nein. Ich will Euch trauen, Sir. Nur müssen die Indsmen dem Lager fern bleiben, bis ich ihnen erlaube, herbeizukommen. Das zu verlangen, gebietet mir meine Pflicht.“

„Das sehe ich ein. Und Ihr seht jetzt, daß Ihr ruhig sein könnt. Mr. Surehand hat sie erreicht; sie bleiben halten und sitzen ab. Nur drei von ihnen reiten fort, hinauf zur Höhe; das sind die Wachen, die für unsre Sicherheit sorgen sollen.“

„Schön! Ich bin zufrieden, Sir. Dennoch darf ich das nicht unterlassen, was zu thun mir die Sorge für unsre Sicherheit gebietet.“

Er erteilte einige Befehle, infolge deren seine Truppen mit schußbereiten Gewehren eine solche Aufstellung nahmen, daß sie einen Angriff der Apatschen, falls diese einen solchen beabsichtigen sollten, leicht abschlagen konnten.

„Das darf Euch nicht erzürnen,“ entschuldigte er sich.

„Fällt mir nicht ein, es Euch zu verdenken!“ antwortete ich. „Wenn Ihr mich bis zu Ende angehört habt, werdet Ihr Vertrauen haben. Da kommt Mr. Surehand zurück. Setzen wir uns wieder zusammen nieder! Ich will Euch erzählen und dadurch die Beweise beibringen, daß ich vorhin die Wahrheit gesagt habe und Ihr ohne uns verloren wäret.“

Wir nahmen am Wasser wieder so bei einander Platz, wie wir vorhin gesessen hatten, und ich teilte ihm soviel mit, wie er wissen mußte. Es lag ja doch in unsrem persönlichen Interesse, das zu übergehen, was nicht wichtig für ihn war. Meine Erzählung machte einen ganz bedeutenden Eindruck auf ihn und seine Offiziere. Sein Gesicht wurde immer ernster, seine Miene immer bedenklicher, und als ich geendet hatte, blieb er noch eine ganze Weile unbeweglich und sinnend sitzen, ohne ein Wort zu sagen. Auch seine Offiziere waren nun überzeugt, daß sie ohne unsre Dazwischenkunft in eine enge Falle gegangen wären. Endlich hob er den gesenkten Blick zu mir empor und sagte:

„Vor allen Dingen eine Frage, Mr. Shatterhand: Wollt Ihr mir verzeihen, daß ich so – – so – – gegen Euch gewesen bin?“

„Gern! Ihr glaubt also nun, daß ich Old Shatterhand bin?“

„Ich würde ein Idiot sein, wenn ich es nicht glaubte!“

„Ebenso überzeugt könnt Ihr davon sein, daß Eure Lage genau so ist, wie ich sie Euch beschrieben habe, Sir.“

„Einer solchen Versicherung bedarf es gar nicht mehr. Wie ein Westmann, wie Ihr seid, doch selbst dem tüchtigsten Offizier überlegen ist! Wir können beim besten Willen, bei aller List und Tapferkeit nichts thun, wenn wir nicht Führer bei uns haben, welche nicht nur die Gegenden, sondern auch die Roten und ihre Sprachen und Gewohnheiten genau kennen. Ihr habt die Comantschen belauscht und darum alle ihre Pläne erfahren. Konnten wir das?“

„Nein.“

„Nein, wir konnten es nicht und wären ganz ahnungslos in eine Mühle geraten, die uns wahrscheinlich alle zermalmt hätte. Dafür werden diese Hunde von Comantschen aber ganz gehörig bluten müssen. Unsrem Kreuzfeuer soll keiner von ihnen entkommen!“

„Halt, Sir! Das ist ein Punkt, über den wir uns zu einigen haben, ehe ich Euch die Hilfe fest zusage, die ich Euch versprochen habe.“

„Warum?“

„Ich bin kein Mörder!“

„Ich auch nicht!“

„Ihr wollt aber morden!“

„Morden? Nein. Ich bin ausgesandt worden, gegen die Indsmen zu kämpfen, bis ich sie besiege, bis sie sich ergeben.“

„Und wenn sie sich ohne Kampf ergeben?“

„Auch dann muß Strafe sein.“

„Wie meint Ihr das?“

„Ich werde den zehnten oder zwanzigsten Mann, meinetwegen auch den dreißigsten, erschießen lassen.“

„So versucht, ob Ihr das fertig bringt! Auf unsre Hilfe aber müßt Ihr dann verzichten.“

„Was fällt Euch ein? Euch kann ich ja ganz und gar nicht entbehren; Euch brauche ich erst recht!“

„Das denke ich auch, und darum meine ich, daß das Schicksal der Roten nicht in Euern, sondern in unsern Händen liegt.“

„Ganz in Euern?“

„Ja.“

„Das wohl nicht, Mr. Shatterhand.“

„Doch!“

„Nein. Ich bin so gerecht, alles, was Ihr gethan habt und noch thun wollt, anzuerkennen, und darf wohl verlangen, daß Ihr die Rechte, die ich habe, ebenso anerkennt.“

„Ganz gewiß, wenn Ihr nämlich welche habt. Aber wollt Ihr mir nicht sagen, welche Rechte Ihr da zu haben glaubt?“

„Ihr und ich, wir sind Verbündete, gegen die Comantschen; wenn wir siegen, müssen wir beide gleich berechtigt sein, zu bestimmen, was mit den Roten geschehen soll. Ihr werdet doch zugeben, daß es ohne Strafe unmöglich abgehen kann!“

„Nein, das gebe ich nicht zu.“

„Dann sind wir eben verschiedener Meinung; doch hoffe ich, daß wir uns einigen werden. Wenn Ihr etwas nachgebt und ich etwas nachgebe, treffen wir in der Mitte zusammen, und jeder kann sagen, daß es halbwegs nach seinem Willen gegangen sei.“

„Für mich giebt es hier keine Mitte. Wenn die Comantschen sich wehren, werden wir allerdings unsre Waffen brauchen; wenn sie sich aber ergeben, darf keinem von ihnen ein Leid geschehen. Das ist meine Ansicht, von der ich auf keinen Fall abweiche.“

„Aber, Sir, Strafe muß doch sein!“

„Wofür?“

„Dafür, daß sie sich empört haben.“

„Was nennt Ihr Empörung? Wenn jemand sein gutes Recht verteidigt? Wenn ein Indianer sich nicht gewaltsam von seinem Wohnsitze vertreiben lassen will? Wenn er von der Regierung verlangt, die Versprechungen zu halten, mit denen man ihn gewissenlos übervorteilt hat?“

„Hm! Ich überzeuge mich da, daß das, was man von Euch sagt, wahr ist, Mr. Shatterhand.“

„Was?“

„Daß Ihr es stets mehr mit den Roten als mit den Weißen haltet.“

„Ich halte es mit jedem guten Menschen und bin Gegner jedes schlechten.“

„Aber die Roten sind doch schlecht!“

Pshaw! Streiten wir uns nicht darüber! Ihr seid Yankee und außerdem Offizier; ich kann und werde Euch nicht zu meiner Ansicht bekehren. Es handelt sich hier auch nicht um diese, sondern um eine ganz andre Ansicht, die sehr falsch ist.“

„Also wahrscheinlich um eine Ansicht von mir?“

„Ja.“

„Welche?“

„Daß Ihr über das Schicksal der Comantschen, wenn sie sich ergeben, mit zu bestimmen habt.“

„Und diese Ansicht soll falsch sein?“

„Ja, sehr.“

„Wieso?“

„Weil Ihr nicht Sieger sein werdet.“

„Ah! Nicht? Wer denn?“

„Wir.“

„Donner! Ihr werdet mir da wieder einmal unbegreiflich.“

„Und doch ist die Sache sehr klar. Ihr habt doch zugegeben, daß Ihr im Begriff standet, in eine böse Falle zu geraten.“

„Das gebe ich auch jetzt noch zu.“

„Auch daß wir Euch gerettet haben?“

„Ja.“

„Gut! Damit ist unser ganzes Verhältnis vollständig klargestellt, und wir haben nichts hinzuzufügen. Wir haben Euch vom Tode errettet, und Ihr seid uns dafür Dank schuldig.“

„Dank schuldig; zum Teufel, ja! Aber was hat das denn mit der Bestrafung der Comantschen zu thun?“

„Das, daß Euch diese Bestrafung gar nichts angeht.“

„Wollt Ihr mir das erklären?“

„Einer Erklärung bedarf das eigentlich gar nicht. Wir sind eine Anzahl weißer Jäger, die es mit einer ganzen Schar von Comantschen aufnehmen, und haben dreihundert Apatschen bei uns, die viel besser diszipliniert und bewaffnet als die Comantschen sind. Außerdem haben wir die Örtlichkeit für uns, andre Vorteile gar nicht mitgerechnet. Glaubt Ihr, daß wir die Comantschen besiegen werden?“

„Ja.“

„Auch ohne Eure Hilfe?“

„Na, hm – – – hm – – –!“

Er wiegte den Kopf bedenklich hin und her.

„Sagt getrost ja! Wir brauchen Euch wirklich nicht dazu. Ich gebe Euch mein Wort, daß uns nicht ein einziger der Comantschen entgehen wird, auch wenn wir auf Eure Hilfe ganz und gar verzichten. Und darum meine ich, daß das Schicksal der Besiegten ganz allein von unserm Willen und nicht im mindesten von dem Eurigen abzuhängen hat.“

„Wollt ihr damit vielleicht sagen, daß Ihr uns nicht braucht?“

„Das habe ich ja schon gesagt.“

Thunder! Das ist aufrichtig, sehr aufrichtig, Sir!“

„Aufrichtigkeit ist eine Tugend, deren sich jeder Gentleman stets zu befleißigen hat.“

„Ihr gebt uns also den Abschied? Ihr schickt uns fort?“

„Nein. Ich sage zwar, daß wir Euch nicht brauchen; aber ich gebe zu, daß uns die Ausführung unsres Planes erleichtert würde, wenn wir dabei auf Eure Hilfe rechnen könnten.“

„Gut; aber wer mit hilft, der will auch mit richten!“

„Dann danken wir! Wenn Ihr uns helft, soll es aus Dankbarkeit geschehen, nicht aber in der Absicht, ein ganz unnützes Blutbad anzurichten. Wir haben keine Zeit, die Comantschen können jeden Augenblick kommen. Entscheidet Euch! Entweder ja oder nein!“

„Was geschieht im Falle des ja?“

„Da ziehen wir uns von hier zurück, lassen die Comantschen herkommen und schließen sie, sobald sie sich gelagert haben, ein.“

„Und da meint Ihr, daß sie sich ergeben werden?“

„Ja.“

„Ohne Widerstand?“

„Ja.“

„Unmöglich!“

„Laßt das meine Sorge sein! Wir nehmen sie gefangen und reiten dann hinter Vupa Umugi her, um die Falle in seinem Rücken zuzumachen.“

Well! Und was geschieht in dem Falle, daß ich nein sage?“

„Da werde ich Euch bitten, Euer Lager hier jetzt schnell aufzuheben und Euch zu entfernen, bis Nale-Masiuv hier gewesen und dem Häuptling Vupa Umugi nachgeritten ist.“

„Dann können wir wieder her?“

„Ja.“

„Und haben nichts als das Nachsehen?“

„Nichts weiter.“

„Hört, Mr. Shatterhand, Ihr seid ein eigentümlicher Mann. Ihr stellt Eure Bedingungen so kurz, so deutlich und bestimmt, daß man sich fast vorkommt wie ein Schulknabe, der gar keine Ansicht und gar keinen Willen hat!“

„Ich habe allerdings keinen Grund, viele Worte zu machen. Wir haben Euch vom Tode errettet und stehen im Begriffe, dreihundert Comantschen zu fangen. Wir bringen das ohne alle Unterstützung fertig; wolltet Ihr aber aus Dankbarkeit uns dabei behilflich sein, so würden wir das annehmen, doch unter der Bedingung, daß Ihr keine Forderungen stellt.“

„Aber unsre Pflicht! Wir sollen die aufrührerischen Comantschen bestrafen!“

„Thut das fernerhin, doch nicht in diesem Falle! Diese Comantschen gehören uns, nicht Euch. Und Ihr würdet ihnen gehören, ihnen verfallen sein, wenn wir nicht gewesen wären!“

„Aber wie soll ich es verantworten, wenn ich sie mit fangen helfe und dann ohne Strafe entkommen lasse?“

„Vor der Menschlichkeit, vor meinem und vor Eurem Herzen ist das sehr leicht zu verantworten; andre Autoritäten gehen mich nichts an. Übrigens ist Euch hier kein Haar gekrümmt worden, und so bin ich überzeugt, daß die Euch vorgesetzte Behörde wohl kein Blutbad verlangen wird. Also, entscheidet Euch!“

„Hm! Man kann gegen Euch wirklich nicht aufkommen. Gebt mir fünf Minuten Zeit, mit meinen Offizieren zu reden!“

„Die sollt Ihr haben, aber länger nicht. Durch Euer Zögern wird leicht alles auf das Spiel gesetzt.“

Ich stand auf und entfernte mich für die angegebene kurze Zeit. Als ich dann zurückkehrte, erhielt ich von ihm den Bescheid:

„Was wollen wir machen, Sir? Ihr sollt Euern Willen haben. Es würde ja geradezu erbärmlich sein, uns von Euch retten zu lassen und dann fortzureiten, ohne Euch unterstützt zu haben. Also wir bleiben da und helfen Euch.“

„Und das Schicksal der Comantschen ist unsre Sache?“

Yes.“

„Dann sind wir einig, und ich freue mich, in Euch einen so tüchtigen, humanen Bundesgenossen gefunden zu haben.“

Well! So sagt uns also nun, was geschehen soll?“

„Laßt Eure Pferde tüchtig trinken und brecht Euer Zelt ab! Dann reitet Ihr fort, Vupa Umugi nach. Die Stangen zeigen Euch den Weg.“

„Ihr bleibt hier?“

„Nur bis wir die Comantschen kommen sehen.“

„Und wie weit entfernen wir uns?“

„Etwas über Gesichtsweite, weiter nicht. Wenn Ihr diese Büsche hier nicht mehr erkennen könnt, haltet Ihr an. Wir kommen schnell nach.“

„Warum reitet Ihr nicht mit uns?“

„Weil ich Nale-Masiuv kommen sehen will, und weil unsre Apatschen auch hier an das Wasser müssen, ehe sie die trockene Wüste unter die Hufe ihrer Pferde nehmen können.“

Well, so mag es losgehen!“

Er gab die nötigen Befehle und ritt nach Verlauf einer halben Stunde mit seinen Dragonern fort. Nun konnten unsre Apatschen heran, um ihre Pferde zu tränken und ihre Schläuche zu füllen. Während das geschah, stieg ich auf die Höhe, um mit Hilfe meines Fernrohrs nach den Feinden auszuschauen. Da sie jedenfalls auf der Fährte der Dragoner kamen, kannte ich den Punkt des Horizontes ganz genau, an welchem sie erscheinen mußten. Dabei war ich überzeugt, daß ich nicht lange auf sie zu warten hatte, denn sie nahmen jedenfalls an, daß sich das Militär nur kurze Zeit bei den hundert Bäumen aufgehalten habe und den Comantschen Vupa Umugis schnell gefolgt sei, um ihnen stets auf den Fersen zu bleiben.

Diese Voraussetzung erwies sich als ganz richtig, denn ich befand mich noch gar nicht lange auf meinem Posten, Old Surehand neben mir, als ich ganz draußen am westlichen Horizont einen dunklen Punkt erscheinen sah, welcher sich scheinbar sehr langsam auf uns zu bewegte.

„Sie kommen,“ sagte ich zu Old Surehand.

„Schon?“

„Habt Ihr sie für später erwartet?“

„Das nicht. Leiht mir einmal Euer Rohr!“

Ich gab es ihm. Als er einige Sekunden lang hindurchgesehen hatte, fragte er:

„Ihr meint den dunkeln Punkt, gerade im Westen von uns?“

„Ja.“

„Er teilt sich jetzt.“

„So?“

„Ja. Es werden sechs, acht kleinere Punkte daraus, welche sich im Halbkreise immer mehr voneinander entfernen.“

„So sind es Kundschaften“

„Sicher! Sie können natürlich nicht in gerader Richtung nach hier reiten, weil sie von den Truppen gesehen würden, falls diese sich noch hier befänden. Meint Ihr nicht, daß es so ist?“

„Gewiß ist es so. Die Roten werden sich teilen. Nicht?“

„Ja; es scheint so; vier reiten nach rechts und vier nach links.“

„Sie umreiten die hundert Bäume, um nicht von hinten, sondern von beiden Seiten hierher zu kommen, bis sie die Ebene erreichen und hinter das Gebüsch sehen können. Das ist die einzige Art, ohne Gefahr, selbst entdeckt zu werden, zu erfahren, ob die Dragoner noch da sind. Gebt mir das Glas!“

Als ich noch einmal hindurchblickte, sah ich die beiden Abteilungen der Kundschafter; sie hegten jedenfalls die Absicht, die ich ausgesprochen hatte. Sie waren noch sofern, daß man sie nur durch das Fernrohr erkennen konnte. Bis in Augenweite durften wir sie nicht herankommen lassen, sonst wurden wir grad so von ihnen gesehen, wie sie von uns gesehen wurden. Wir stiegen also schnell nach dem Wasser hinab, und ich erteilte den Apatschen den Befehl, aufzubrechen. Nur eine Minute später jagten wir davon, der großen Fährte nach, welche längs der eingesteckten Pfähle nach Südosten führte. Nach kaum zehn Minuten kamen wir bei den Dragonern an, welche, bei ihren Pferden lagernd, auf uns gewartet hatten.

Von der Stelle aus, an welcher wir uns jetzt befanden, konnten wir die hundert Bäume mit bloßen Augen nicht erkennen; aber die Probe überzeugte mich, daß das Fernrohr bis hin trug, so daß ich die Comantschen sehen mußte, sobald sie angekommen waren.

Ich hatte nicht lange zu warten, so bemerkte ich wirklich die Kundschafter, welche sich dem Wasser langsam und äußerst vorsichtig von beiden Seiten näherten. Sobald sie sahen, daß niemand dort war, ritten sie schnell hin. Sie durchsuchten die Büsche, und als sie keinen Feind dort fanden, lagerten sich sieben von ihnen, während der achte zurückritt. Er hatte Nale-Masiuv zu melden, daß er kommen könne.

Von jetzt an verging ein volle Stunde, bis ich sah, daß sich die Lagerstelle wieder belebte. Die Comantschen waren angekommen. Als ich das Old Surehand mitteilte, sagte er:

„Nun beginnt der erste Akt des Schauspieles, welches wir beabsichtigen, die Gefangennahme von Nale-Masiuv. Ich denke, daß wir nicht lange warten dürfen. Meint Ihr nicht?“

„Ja. Sie bleiben jedenfalls nur so lange dort, wie nötig ist, den Menschen und Pferden Wasser zu geben. Also fort!“

„Wir alle auf einmal?“

„Nein. Wir müssen sie umzingeln, erst von weitem, ohne daß sie uns sehen. Dann ziehen wir plötzlich den Kreis schnell und eng zusammen. Diejenigen von uns, welche am weitesten zu reiten haben, müssen da natürlich eher fort als die andern.“

„Wer ist das?“

„Das seid Ihr mit den Apatschen, welche ich unter Euern Befehl stelle, Mr. Surehand.“

„Das freut mich ungemein. Danke, Sir!“

„Ihr reitet außerhalb der Sichtweite um die hundert Bäume herum und besetzt die Höhe derselben rund am Rande des Gebüsches, so daß Ihr mit den fünfzig Apatschen einen Halbkreis bildet. Eure Leute steigen von den Pferden und legen sich so zwischen die Büsche, daß sie das unten am Wasser befindliche Lager mit ihren Gewehren bestreichen können.“

„Wir sollen schießen?“

„Nur dann, wenn die Comantschen sich wehren oder mit Gewalt durch Eure Linie dringen wollen. Wie lange denkt Ihr, daß Ihr braucht, um hinter ihren Rücken zu kommen?“

„Ihr werdet da möglichst genaue Zeit wissen wollen, um Euch nach mir richten zu können?“

„Allerdings.“

„So will ich sagen, daß Ihr von jetzt an genau in einer halben Stunde kommen könnt. Habt Ihr noch eine Verhaltungsmaßregel?“

„Ich muß mich auf Euren Scharfsinn verlassen und kann mich nur im allgemeinen dahin aussprechen, daß wir nur dann zu den Waffen greifen, wenn es nötig ist. Ich werde mit den Dragonern so geritten kommen, daß wir einen Bogen bilden, dessen beide Enden sich eng an Euern Halbkreis schließen. Dann haben wir die Comantschen in unsrer Mitte. Sie werden zunächst nur uns sehen und nach rückwärts fliehen wollen, wo Ihr seid. Um ihnen zu zeigen, daß sie auch dort eingeschlossen sind, laßt Ihr Eure Apatschen ihr Kriegsgeheul anstimmen, sobald wir mit Euch Fühlung gewonnen haben.“

„Dann warten wir?“

„Ja.“

„Worauf?“

„Auf das Resultat, welches meine Unterredung mit Nale-Masiuv haben wird.“

„Ah! Ihr wollt mit ihm verhandeln?“

„Natürlich! Auf welche andre Weise könnte ich ihn bewegen, sich uns freiwillig zu ergeben?“

„Das ist ein Wagnis für Euch, Sir!“

„Habt keine Angst um mich!“

„Nale-Masiuv ist als ein pfiffiger, hinterlistiger Mensch bekannt. Schenkt ihm ja nicht zu viel Vertrauen, Mr. Shatterhand!“

„Mit Hinterlist bringt er es bei mir zu nichts, sondern er schadet sich nur selber; darauf könnt Ihr Euch verlassen.“

„Schön! Also, mag’s beginnen. Lebt einstweilen wohl!“

Er ging zu den Apatschen, gab ihnen einige kurze Anweisungen und ritt dann mit ihnen fort. Ich wendete mich an den Kommandanten, indem ich ihn fragte:

„Wer soll jetzt Eure Leute befehligen, Sir? Der Tanz beginnt.“

„Natürlich ich!“

„Gut; aber schießt mir keine Böcke!“

„Habe mich freilich von den Roten übertölpeln lassen; jetzt aber könnt Ihr überzeugt sein, daß es keine Böcke giebt.“

„So hört, was ich Euch sage! Wir reiten im Galopp direkt auf die hundert Bäume zu und bilden gleich von hier aus einen Halbkreis, dessen Enden die äußersten Büsche berühren.“

„Ich verstehe. Hinter diesen Büschen stecken die Apatschen?“

„Ja. Eure Leute haben sich mit diesen rechts und links eng zusammenzuschließen.“

„Und wenn das geschehen ist, was dann?“

„Unser nächster Zweck ist nur der, die Comantschen zu umzingeln. Auf ihr Verhalten kommt es an, was dann geschieht. Schießen sie, so schießen wir auch; verhalten sie sich aber abwartend, so lassen wir die Waffen ruhen. In diesem letzteren Falle werde ich ein Gespräch mit ihrem Häuptlinge herbeiführen, von dessen Resultate das weitere abhängig ist.“

„Werde ich bei diesem Gespräche mit anwesend sein?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Es giebt keinen Grund dazu.“

„Grund genug! Als Kommandant der anwesenden Truppen bin ich doch wohl die Persönlichkeit, auf welche Nale-Masiuv vor allen Dingen zu hören hat.“

„Er wird ganz und gar nicht auf Euch hören.“

„Auf wen sonst?“

„Auf mich.“

„Hm! Ich weiß, daß Ihr ein tüchtiger Mann seid, Mr. Shatterhand, aber täuscht Ihr Euch hier nicht?“

„Nein.“

„Aber bedenkt den Unterschied.“

„Welchen?“

„Ihr habt nur fünfzig Apatschen; ich habe hundert Dragoner!“

„In einem Kampfe mit Indianern sind fünfzig Apatschen wenigstens ebenso viel wert wie hundert Soldaten.“

„Wenn Ihr es sagt, so mag das richtig sein. Aber bei so einer Unterredung gilt es vor allen Dingen, Eindruck zu machen!“

„Freilich wohl!“

„Nun, da seid Ihr doch nur Westmann; ich aber bin Truppenkommandant, Mr. Shatterhand!“

„Ah, so!“ lachte ich ihm freundlich in das Gesicht.

„Ja. Schon die Uniform macht Eindruck!“

„Schon diese? Was noch?“

„Der Ton, in dem unsereiner gewohnt ist, zu sprechen.“

„Ihr wollt mit Nale-Masiuv reden?“

„Ja.“

„Sprecht Ihr die Sprache der Comantschen?“

„Nein.“

„Wie wollt Ihr Euch da ihm verständlich machen?“

„Durch Euch als Dolmetscher.“

„So! Also Ihr seid der Kommandant, der zu bestimmen hat, und ich bin nur Euer Werkzeug, Euer Dolmetscher! Hört, Verehrtester, da beurteilt Ihr Old Shatterhand sehr falsch. Als Dolmetscher muß ich mit Nale-Masiuv reden; wozu brauche ich da Euch? Was hilft Euch Euer Ton, wenn ich die Worte übersetzen muß? Und Eure Uniform? Ich sage Euch, daß Nale- Masiuv vor meinem ledernen Jagdrocke und meinem Stutzen hundertmal mehr Respekt hat als vor Eurer Uniform und vor Eurem Säbel. Streiten wir uns nicht um Rangunterschied! Ich sage Euch, was geschehen soll, und Ihr kommandiert in diesem Sinne Eure Untergebenen; ich aber bin Euch nicht subordiniert. Habt Ihr auch an die Gefahr gedacht, der Ihr Euch aussetzen würdet, wenn Ihr mit dem Comantschen verhandeln wolltet?“

„Gefahr?“

„Ja.“

„Welche Gefahr könnte es dabei geben? Die Person des Unterhändlers, des Parlamentärs gilt doch für heilig!“

„Diesem Indianer nicht. Er ist ein heimtückischer Mensch.“

„Gegen solche Leute kann man sich vorsehen!“

„In welcher Weise?“

„Hm!“

„Er erscheint, und Ihr erscheint, beide ohne Waffen. Ihr setzt Euch einander gegenüber und beginnt, zu verhandeln. Plötzlich zieht der Kerl ein verborgenes Messer und sticht Euch nieder.“

„Das darf er doch nicht.“

„Er fragt viel danach, ob er darf! Er will den Anführer töten, um dann über die dadurch verwirrten Gegner herzufallen.“

„Danke, danke sehr!“

„Wollt Ihr noch mit Nale-Masiuv sprechen, Sir?“

„Ich möchte wohl, will Euch aber nicht vorgreifen. Ihr habt recht. Da ich die Sprache nicht verstehe, würde ich die Verständigung zwischen uns und ihm nur erschweren. Es ist also besser, ich überlasse es Euch.“

„Recht so! Also, brechen wir auf.“

„Sogleich; will nur meine Offiziere erst verständigen.“

Dieser Herr Kommandant befand sich wirklich in dem Glauben, den Comantschen mit seiner Uniform zu imponieren. Und gar der Ton! Er hatte keine Ahnung von dem Tone, in dem man mit feindlichen Indianern zu reden hat. Wer während einer so wichtigen Verhandlung so einen Häuptling wie Nale-Masiuv wie einen Rekruten antönen will, der ist verloren. Glücklicherweise verfehlte mein Hinweis auf die Hinterlist des Roten ihre Wirkung nicht. Hinterrücks sich erstechen lassen, dazu hatte der Offizier denn doch keine Lust, und darum gab er zu, es sei besser, daß er mir die Unterredung überlasse.

Es war jetzt hohe Zeit, uns auf den Weg zu machen, denn Old Surehand war mit seinen Apatschen unsern Augen schon entschwunden. Die Dragoner formierten eine Linie, welche sich während des Rittes zu einem Halbkreise auszubilden hatte; ich plazierte mich voran, und dann ging es im Galopp vorwärts, auf der großen, ausgetretenen Fährte zurück und auf die hundert Bäume zu.

Es galt, so schnell zu sein, daß die Roten vollständig überrascht wurden und keine Zeit zur Überlegung fanden. Wir flogen wie ein Sturm über die Ebene, still und lautlos; nur der Hufschlag der Pferde war zu hören. Der Boden verschwand, sozusagen, hinter uns; unsre Linie rundete sich; die beiden Spitzen griffen schneller aus als die Mitte; wir näherten uns dem Lager mit rapider Schnelligkeit. Dort sah man uns, ohne zunächst zu erkennen, wer wir waren; als dann die Comantschen sahen, daß sie es mit Bleichgesichtern zu thun hatten, stießen sie ein markdurchdringendes Geheul aus, griffen zu den Waffen und rannten nach ihren Pferden – – zu spät, denn unser Halbring hatte sich bereits geschlossen. Nun wollten sie sich nach rückwärts wenden, da aber erscholl weithin und über das ganze Lager und in die Wüste hinaus der Kriegsruf der Apatschen. Er klingt wie ein mit der höchsten Kopfstimme ausgestoßenes, langgezogenes Hiiiiiiiiii, bei welchem man mit der Hand auf den Mund tremuliert. Als die Comantschen diesen Ruf hörten, wichen sie schnell von den Büschen zurück, denn sie erkannten, daß sie auch auf dieser Seite eingeschlossen seien.

Wir hielten außer Schußweite von ihnen und sahen, welch eine Verwirrung sich ihrer bemächtigt hatte. Sie liefen hin und her; laute Rufe ertönten; da sie aber sahen, daß ihnen von keiner Seite etwas geschah, wurden sie ruhiger und hielten in einem engen Trupp am Wasser beisammen. Da stieg ich vom Pferde und ging langsam auf das Lager zu. Sie sahen mich kommen und waren jedenfalls sehr neugierig auf das, was ich beabsichtigte. Ich näherte mich ihnen bis auf eine Entfernung von zweihundert Schritten und rief ihnen zu:

„Die Krieger der Comantschen mögen mich hören! Hier steht Old Shatterhand, der weiße Jäger, der mit Nale-Masiuv sprechen will. Wenn der Häuptling der Comantschen Mut besitzt, mag er sich mir zeigen!“

Es entstand eine augenblickliche Bewegung unter ihnen, und trotz der Entfernung und trotzdem sie leise sprachen, war es mir, als ob ich halb unterdrückte Ausrufe des Schreckens hörte. Nach einer Weile trat einer hervor, welcher mehrere Federn im Schopfe trug; er schwang den Tomahawk und rief mir zu:

„Hier steht Nale-Masiuv, der Häuptling der Comantschen. Wenn Old Shatterhand seinen Skalp geben will, mag er herkommen; ich werde mir ihn nehmen!“

„Sollen das die Worte eines tapfern Häuptlings sein?“ antwortete ich. „Ist Nale-Masiuv so feig, daß ihm ein Skalp, den er haben will, entgegengebracht werden muß? Wer Mut besitzt, der holt sich ihn!“

„So komme Old Shatterhand her, um zu erfahren, ob er den meinigen bekommen kann!“

„Old Shatterhand geht nicht auf Skalpe aus; er ist ein Freund der roten Männer und wünscht, sie vor dem Tode zu bewahren. Die Krieger der Comantschen sind ringsum eingeschlossen; ihr Leben gleicht der Wolle der wilden Rebe, die jeder Windhauch mit sich nimmt; aber Old Shatterhand möchte sie retten. Nale-Masiuv mag zu mir kommen, um sich mit mir zu beraten.“

„Nale-Masiuv hat keine Zeit!“ erscholl es zurück.

„Wenn er keine Zeit zur Beratung hat, so wird er Zeit haben, zu sterben. Ich gebe ihm eine Frist von fünf Minuten; hat er da noch nicht zugesagt, so werden unsre Gewehre sprechen. Howgh!“

Mit diesem indianischen Worte der Bekräftigung drückte ich aus, daß ich fest entschlossen sei, meine Drohung auszuführen und daß mich nichts daran hindern könne. Der Häuptling trat zu seinen Leuten zurück und verhandelte mit ihnen. Als die fünf Minuten verflossen waren, rief ich ihnen zu:

„Die Frist ist vorüber. Was hat Nale-Masiuv beschlossen?“

Er kam wieder einige Schritte vorwärts und fragte:

„Meint Old Shatterhand es ehrlich mit dieser Unterredung?“

„Old Shatterhand handelt stets ehrlich!“

„Wo soll sie stattfinden?“

„Grad in der Mitte zwischen uns und euch.“

„Wer soll daran teilnehmen?“

„Nur du und ich.“

„Und jeder kehrt frei zu den Seinen zurück?“

„Ja.“

„Bis wir zurückgekehrt sind, dürfen die Krieger keiner Partei eine Feindseligkeit begehen?“

„Das versteht sich von selbst.“

„Und wir haben keine Waffen bei uns.“

„Keine!“

„So mag Old Shatterhand gehen und alle seine Waffen ablegen; ich werde gleich kommen.“

Ich kehrte nach unsrer Linie zurück und legte alles, was ich an Waffen besaß, bei meinem Pferde nieder. Als ich mich dann umdrehte, sah ich Nale-Masiuv schon kommen, mit langen, eiligen Schritten, gar nicht so langsam und würdevoll, wie es ihm als Häuptling ziemte. Das fiel mir auf. Er wollte sichtlich eher am Platze sein als ich. Warum? Es mußte das unbedingt einen Grund haben. Während ich ihm gemessenen Schrittes entgegenging, beobachtete ich ihn scharfen Auges. An einer Stelle, welche die angegebene Mitte sein konnte, blieb er stehen und setzte sich nieder. Dabei hielt er die rechte Hand länger hinter sich, als notwendig war, um sich beim Niederlassen zu stützen. Hatte das einen Grund? Und wenn es einen hatte, welcher konnte es sein? Hatte er etwas hinter sich gelegt, was ich nicht sehen sollte? War er darum so rasch und eher als ich gekommen, um diesen Gegenstand verbergen zu können? Mußte diese Frage mit ja beantwortet werden, so konnte dieser Gegenstand nichts andres als eine Waffe sein.

Jetzt hatte ich ihn erreicht und stand nur noch drei Schritte von ihm entfernt. Sollte ich diese drei Schritte auch noch thun, um zu sehen, was er hinter seinem Rücken hatte? Nein; das wäre Old Shatterhands nicht würdig gewesen. Ich setzte mich langsam nieder. Dann bohrten sich unsre Augen förmlich ineinander; jeder wollte seinen Gegner taxieren, und zwar richtig taxieren.

Nale-Masiuv war ein lang und schmal gebauter, aber starkknochiger und sehnenkräftiger Mann im Alter von vielleicht fünfzig Jahren. Seine Backenknochen traten weit hervor; seine scharfe Adlernase und die dünnen, zusammengekniffenen Lippen ließen in Verbindung mit den kleinen, wimperlosen Augen auf festen Willen, Thatkraft, Falschheit und Verschlagenheit schließen. Er betrachtete mich langsam vom Kopfe bis zu den Füßen herab, öffnete dann den Gürtel und das Jagdhemde und sagte:

„Old Shatterhand mag hersehen!“

„Warum?“ fragte ich.

„Um sich zu überzeugen, daß ich keine Waffe habe.“

Nun war ich grad im Gegenteile vollständig überzeugt, daß er hinter sich ein Messer oder etwas Ähnliches liegen oder in die Erde gesteckt hatte.

„Warum sagt Nale-Masiuv diese Worte?“ antwortete ich. „Sie sind überflüssig.“

„Nein. Du sollst sehen, daß ich ehrlich bin.“

„Nale-Masiuv ist ein Häuptling der Comantschen, und Old Shatterhand ist nicht nur ein weißer Jäger, sondern er wurde zum Häuptlinge der Mescalero-Apatschen ernannt. Die Worte von Häuptlingen müssen wie Schwüre gelten. Ich habe versprochen, keine Waffe mitzubringen, und so habe ich keine mit; das brauche ich dir nicht erst zu zeigen und zu beweisen.“

Indem ich dies sagte, bog ich das rechte Bein ein und legte den Fuß unter das linke, um schnell aufspringen zu können. Er achtete darauf nicht. Er fühlte gar wohl den Stich, den ich ihm mit meinen Worten versetzt hatte, und antwortete:

„Old Shatterhand spricht sehr stolz. Es wird die Zeit kommen, in welcher er demütiger redet!“

„Wann wird das sein?“

„Wenn wir ihn gefangen genommen haben.“

„Da kann Nale-Masiuv warten, bis er gestorben ist. Du wirst mein Gefangener, aber ich werde nicht der deinige sein.“

„Uff! Wie könnte Nale-Masiuv gefangen werden?“

„Du bist es schon!“

„Jetzt?“

„Ja.“

„Old Shatterhand führt Behauptungen im Munde, ohne sie beweisen zu können!“

„Der Beweis liegt vor deinen Augen. Sieh dich um!“

Pshaw! Ich sehe Bleichgesichter!“ sagte er mit einer unendlich wegwerfenden Handbewegung.

„Diese Bleichgesichter sind geübte Soldaten, denen deine Krieger nicht widerstehen können!“

„Sie sind Hunde, denen wir die Felle lebendig über die Ohren ziehen werden. Kein solches Bleichgesicht ist im stande, es mit einem Roten aufnehmen zu können.“

„So sag einmal, ob die Apatschen rote Krieger sind!“

„Sie sind es.“

„So magst du erfahren, daß der hintere Teil Eures Lagers von Apatschen eingeschlossen ist.“

„Old Shatterhand lügt!“

„Ich lüge nie, und du weißt gar wohl, daß ich auch jetzt die Wahrheit sage. Oder willst du behaupten, das Kriegsgeschrei der Apatschen nicht gehört zu haben? Bist du taub?“

„Wie groß ist ihre Zahl?“

Ich war natürlich nicht so aufrichtig, ihm zu sagen, daß es nur fünfzig waren; ich antwortete:

„So groß, daß sie allein genügen, euch zu vernichten.“

„Sie mögen sich zeigen!“

„Du wirst sie sehen, sobald es mir beliebt.“

„Von welchem Stamme sind sie?“

„Vom Stamme der Mescaleros, zu welchem ich und Winnetou gehören.“

Bei diesem Namen hob er schnell den Kopf und fragte:

„Wo ist Winnetou?“

„Im Llano estacado.“

„Er mag sich sehen lassen, wenn ich es glauben soll!“

„Du wirst ihn zu sehen bekommen. Er reitet mit fünfzig Apatschen vor Vupa Umugi her.“

„Uff, uff!“

„Um die Pfähle in die Erde zu stecken, welche in das Verderben führen.“

„Uff, uff!“ rief er wieder aus.

„Winnetou verrichtet diese Arbeit an Stelle des jungen Häuptlings Schiba-bigk, der sie nicht thun kann, weil wir ihn gefangen genommen haben. Nun führt Winnetou mit seinen Pfählen die Comantschen so in die Irre, wie Schibabigk die weißen Reiter in den Tod des Verschmachtens führen sollte.“

Jedes Wort, welches ich sagte, war ein Schlag für Nale-Masiuv. Er versuchte, sich zu beherrschen, konnte aber die Aufregung, in welcher er sich befand, nicht ganz verbergen. Seine Stimme zitterte, als er in scheinbar leichtem Tone sagte:

„Ich verstehe nicht, was Old Shatterhand spricht; er mag doch deutlicher reden!“

„Du weißt gar wohl, was ich meine.“

„Nein.“

„Lüge nicht! Glaubst du, Old Shatterhand täuschen zu können? Das würde dir nicht gelingen, selbst wenn in deinem Kopfe die Klugheit sämtlicher Comantschenhäuptlinge wohnte, was allerdings ganz und gar wenig ist! Von dir kommt doch der Plan, den Ihr hier ausführen wollt.“

„Welcher Plan?“

„Die weißen Reiter durch falsch gesteckte Pfähle in die Irre zu führen.“

„Old Shatterhand scheint zu träumen!“

„Leugne nicht! Du lügst; ich aber rede in aller Aufrichtigkeit mit dir. Als du geschlagen worden warst, sandtest du nach hundert neuen Kriegern heim. Zugleich schicktest du zwei Boten nach dem blauen Wasser zu Vupa Umugi, die ihm deinen Plan mitteilen sollten. Ich habe sie belauscht, ehe sie über den Rio Pecos gingen.“

„Uff! Ich werde sie aus der Reihe der Krieger stoßen!“

„Thue das! So unvorsichtige und schwatzhafte Leute sind nicht wert, Krieger zu heißen. Ich habe auch Vupa Umugi selbst belauscht und alles erfahren, ohne daß er es ahnte.“

Er sagte nichts dazu; aber sein Auge war durchdringend und forschend auf mich gerichtet; dabei schien es hinter den Lidern zu zittern wie vor einer zurückgehaltenen Angst. Ich fuhr fort:

„Ich habe auch die sechs Kundschafter belauscht, welche Vupa Umugi nach Osten sandte. Sie haben im Altschesetschi sterben müssen.“

„Uff! Darum sind sie nicht zurückgekehrt und darum haben wir sie hier nicht getroffen!“

„Es wird dir noch manches andre Licht aufgehen. Winnetou ist sofort und schleunigst nach dem Llano estacado geritten, um den Bloody-Fox zu warnen, und hat vorher nach so viel Kriegern der Apatschen gesandt, wie nötig waren, euern Anschlag zu vereiteln. Mit diesen Apatschen bin ich euch vorausgeeilt und habe Schiba-bigk mit seinen fünfzig Kriegern gefangen, als sie die Pfähle einsteckten, mit deren Hilfe ihm Vupa Umugi folgen sollte.“

„Sagst du die Wahrheit?“ stieß er mühsam hervor.

„Ich sage sie. Dann haben wir, so wie ihr es den weißen Reitern machen wolltet, für euch die Pfähle falsch gesteckt. Das hat Winnetou mit fünfzig Apatschen besorgt, deren Spuren Vupa Umugi für die Fährte der Comantschen halten Sollte, die bei Schiba-bigk waren.“

„Uff! Das hat euch der böse Manitou eingegeben!“

„Der gute Manitou. Der böse ist euer Ratgeber, nicht der unsrige. Nun reitet Vupa Umugi hinter den Apatschen her und glaubt, Schiba-bigk vor sich zu haben. Er wird in eine wasserlose Wüste kommen und so vom Kaktus eingeschlossen sein, daß er sich ergeben muß, wenn er nicht verschmachten will.“

„Old Shatterhand ist das böseste, das allerschlimmste der Bleichgesichter!“ zischte er mich wütend an.

„Das glaubst du selbst ja nicht. Du weißt, daß ich es gut mit allen roten Männern meine. Ich will auch jetzt alles zum Guten führen und euch zum Frieden mit euern Feinden bringen.“

„Wir wollen keinen Frieden!“

„So erntet ihr Blut; ganz wie ihr wollt! Als heut die weißen Reiter kamen, habe ich sie gewarnt und ihnen gesagt, daß du mit deinen Kriegern ihnen folgest. Da haben sie sich mit meinen Apatschen vereinigt und euch hier aufgelauert. Nun seid ihr so umzingelt, daß keiner von euch entkommen kann!“

„Wir werden kämpfen!“

„Versucht es doch!“

„Es ist kein Versuch, sondern es wird gelingen!“

Pshaw! Hundert Schüsse von den Bleichgesichtern, die du hier siehst; dazu meine Zauberflinte und das Gewehr Old Surehands, der niemals fehlt!“

„Old Surehand ist da?“

„Ja.“

„Wo?“

„Er befindet sich da oben bei den Apatschen, deren Kugeln auch unter euch wüten werden. Es ist ganz unmöglich, daß ihr uns entkommen könnt!“

„Du täuschest mich, um mich zur Ergebung zu bewegen!“

„Ich sage die Wahrheit.“

„Schiba-bigk ist nicht gefangen!“

„Er ist gefangen; ich beweise dir das, indem ich sage, daß er dreißig Naiini und zwanzig Comantschen seines Stammes bei sich hatte.“

„Und Vupa Umugi geht nicht in die Irre!“

„Er ist auf dem Wege zur Falle, in der wir ihn gefangen nehmen wollen. Ich will dir sogar sagen, daß ich, während er am blauen Wasser lagerte, nach dem Kaam-kulano geritten bin, wo sein Stamm wohnt. Von da habe ich alle seine Medizinen mitgebracht.“

„Uff! Die hast du gestohlen?“

„Ich habe sie von den Lanzen genommen, welche vor seinem Zelte steckten.“

„So ist er verloren, verloren!“

„Das ist er allerdings, wenn er nicht Frieden macht. Und das wird er schon deshalb thun, um wieder zu seinen Medizinen zu gelangen, den qualvollen Tod des Verschmachtens gar nicht gerechnet.“

Nale-Masiuv senkte den Kopf und sagte nichts.

„Du wirst nun einsehen,“ fuhr ich fort, „daß du weder auf Schiba-bigk noch auf Vupa Umugi rechnen kannst. Es bleibt auch dir nichts übrig, als dich zu ergeben.“

Er schwieg eine ganze, lange Weile. Was dachte er? Was ging in ihm vor? Er machte ein sehr, sehr niedergeschlagenes Gesicht; aber grad weil er dies so zeigte, traute ich ihm nicht. Da blickte er wieder auf und fragte:

„Was geschieht mit Schiba-bigk und seinen Leuten?“

„Wir werden sie freigeben, weil noch kein Blut zwischen uns geflossen ist.“

„Was werdet ihr mit Vupa Umugi thun?“

„Auch er wird mit seinen Kriegern frei, wenn er so klug ist, sich nicht zu wehren.“

„Und was hätte ich mit meinen Kriegern zu erwarten, wenn wir uns euch jetzt überlieferten?“

„Auch die Freiheit.“

„Wann?“

„Sobald wir darüber beschlossen haben.“

„Und die Beute?“

„Wir Weißen trachten nicht nach Beute; aber die Apatschen werden eure Pferde verlangen.“

„Wirst du sie ihnen geben?“

„Ja.“

„Sie gehören aber doch uns!“

„Ihr habt den Kampf begonnen und müßt die Folgen tragen. Die Gerechtigkeit verlangt eine Entschädigung für die, welche ihr angegriffen habt und töten wolltet. Ihr müßt froh sein, wenn ihr mit dem Leben davonkommt!“

„Aber wir brauchen unsre Pferde!“

„Zu Raubzügen, ja. Wenn ihr keine habt, müßt ihr Ruhe halten.“

„Wir sind stets Freunde der Ruhe und des Friedens gewesen!“

„Sprich nicht so lächerlich! Stets sind es die Comantschen gewesen, welche den Unfrieden angestiftet und den Kampf begonnen haben; das weißt du ebenso gut, wie ich es weiß.“

„Die Waffen aber wird man uns wohl lassen?“ erkundigte er sich weiter.

„Das weiß ich nicht.“

„Du mußt es wissen!“

Bei diesen Worten blitzten seine Augen für eine Sekunde auf, und er griff mit der rechten Hand langsam hinter sich. Ich wußte, daß jetzt höchst wahrscheinlich ein Angriff auf mich erfolgen werde, antwortete aber trotzdem ganz ruhig und gelassen:

„Ich kann es jetzt nicht wissen, weil ich mit Winnetou und Old Surehand darüber beraten muß.“

„Wirst du vorschlagen, daß wir sie behalten dürfen, oder nicht?“

„Die Pfeile, Bogen und Messer, auch die Tomahawks mögt ihr behalten. Ihr braucht sie zur Jagd, um euch zu ernähren.“

„Aber die Gewehre?“

„Die werden wir euch wohl nehmen, denn die sind es, ohne welche ihr nicht Krieg führen könnt. Habt ihr keine Gewehre mehr, so müßt ihr endlich Frieden halten.“

Ich hätte anders antworten, ihm das erwartete Versprechen machen können, vielleicht hätte er da jetzt auf seinen heimtückischen Angriff verzichtet; aber einesteils widerstrebte es mir, diesem Manne auch nur die kleinste Konzession zu machen, und andernteils glaubte ich, ihn grad durch seine Hinterlist um so leichter und schneller in meine Gewalt zu bekommen.

„Frieden halten?“ fragte er. „Das wollen wir nicht; wir wollen den Kampf. Da hast du ihn!“

Er sagte die vier letzten Worte mit erhobener Stimme. Seine Augen glühten auf; sein Oberkörper bog sich blitzschnell zu mir herüber, und in der Rechten blitzte sein Messer. Sonderbar! Messer! Also ganz so, wie ich zu dem Kommandanten gesagt hatte! Ich war auf meiner Hut gewesen. Kam er mir schnell, so kam ich ihm noch schneller. Ein rascher Griff mit meiner linken Hand, und ich hatte seine rechte Faust mit dem Messer gefaßt. Dann versetzte ich ihm, indem ich mich aufrichtete, mit der Rechten zwei solche Schläge gegen die Schläfe, daß er wie eine leblose Puppe zusammensank.

Das Messer in der Hand, sprang ich vollends auf und rief den mit Spannung uns beobachtenden Comantschen zu:

„Das ist Verrat. Nale-Masiuv wollte mich erstechen. Hier habt ihr sein Messer!“

Ich schleuderte es weit fort, in der Richtung nach ihnen hin; dann faßte ich den betäubten Häuptling beim Gürtel, hob ihn auf, warf ihn mir über die Schulter und rannte mit ihm fort, unsrer Aufstellung zu.

Was gab es da für ein Brüllen und Heulen hinter mir! Die Comantschen kamen gerannt, mich zu verfolgen. Da krachten oben von der Höhe mehrere blinde Schüsse herab. Old Surehand hatte den Befehl dazu gegeben, um die Comantschen zu erschrecken. Er erreichte seinen Zweck; sie gaben es auf, mir nachzuspringen, aber ihr Brüllen und Wehklagen dauerte fort.

Der Häuptling wurde gebunden; dann nahm ich den Stutzen in die Hand und ging wieder auf das Wasser zu. In Sprechweite angekommen, machte ich den Comantschen ein Zeichen zum Schweigen; sie gehorchten, und ich rief ihnen zu:

„Die Krieger der Comantschen mögen aufmerksam hören, was Old Shatterhand sagt! Sie wissen, daß ihr Häuptling ein Messer mit zur Beratung genommen hat, obgleich bestimmt war, daß wir ohne Waffen zu kommen hatten. Nale-Masiuv wollte mich erstechen, worauf seine Leute auf uns eindringen sollten. Ich war vorsichtig und vereitelte es; die Faust Old Shatterhands hat ihn zu Boden geschmettert; aber er ist nicht tot, sondern nur besinnungslos. Sobald er wieder zu sich kommt, werde ich weiter mit ihm sprechen. Bis dahin wird euch nichts geschehen, wenn ihr euch ruhig verhaltet. Versucht ihr aber, zu entfliehen, oder hören wir von euch einen einzigen Schuß, so werdet ihr sofort Hunderte von Kugeln bekommen. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Diese Drohung machte den gewünschten Eindruck. Die Comantschen bildeten einen engen, vielbewegten Haufen, blieben aber sonst ruhig. Als ich zurückkam und bei Nale-Masiuv niederkniete, um ihn zu untersuchen, sagte der Kommandant zu mir:

„Wollte er Euch wirklich erstechen?“

„Ja.“

„Und Ihr trautet ihm?“

„Nein; ich ahnte sofort, daß er ein Messer hinter sich liegen hatte.“

„Wie gut, daß ich nicht an Eurer Stelle war!“

„Das denke ich auch.“

„Ich besitze Eure scharfen Augen nicht. Mich hätte er sehr wahrscheinlich erstochen.“

„Hm! Wer weiß, ob er das für der Mühe wert gehalten hätte, Sir.“

„Für der Mühe wert? Soll das heißen, daß ich keinen Messerstich oder keinen Schuß Pulver wert bin?“

„Ich wollte damit nur sagen, daß so ein Roter einen so kühnen und gewagten Streich nur dann ausführt, wenn es sich darum handelt, einen Mann aus dem Wege zu bringen, der ihm ungewöhnlich gefährlich ist.“

„Ah so! Was thun wir nun mit dem Verräter, dem Halunken? Ich schlage vor – – hm, hm!“

„Was?“

„Daß wir ihn schimpflich aufknüpfen. Ein Kerl, der bei einer solchen Beratung sein Versprechen bricht, muß baumeln, unbedingt baumeln!“

„Wenn auch das nicht, aber ich werde nun kurzen Prozeß mit ihm machen. Es ist gut, daß er seine Medizin nicht im Lager gelassen, sondern um den Hals hängen hat.“

„Warum?“

„Das wird ihn gefügiger machen. Warten wir, bis er aufwacht, was gar nicht lange dauern wird.“

„Hm! Da kann ich Euch inzwischen eine Frage vortragen.“

„Welche?“

„Während Ihr mit diesem Kerl verhandeltet, habe ich mir das, was wir miteinander besprochen haben, noch einmal reiflich überlegt.“

„Und Euch wohl anders besonnen?“

„Ja.“

„Inwiefern?“

„Es widerspricht aller militärischen Tradition und Gepflogenheit, solche rote Strolche zu besiegen, ohne sie zu bestrafen. Glaubt Ihr wirklich, mit den Comantschen ohne mich fertig zu werden?“

„Ja; ich brauche Euch nicht dazu.“

„So möchte ich lieber nicht mit in den Llano gehen. Wie tief müßt Ihr in denselben eindringen?“

„Zwei starke Tagemärsche.“

„Alle Wetter! Das ist weit. So viel Proviant haben wir nicht bei uns. Nehmt Ihr es mir übel, wenn – – – –“

Er schämte sich doch einigermaßen, die Frage vollends auszusprechen. Mir war es, offen gestanden, gar nicht unlieb, wenn ich ihn und seine Leute los wurde. Was brauchten sie von der Oase und andern Geheimnissen zu erfahren! Darum antwortete ich bereitwillig:

„Wenn Ihr zurückkehrt? O, ich habe gar nichts dagegen.“

„Wirklich nicht?“

„Nein, nicht das Geringste.“

„Das ist mir lieb, sehr lieb; hierher an den Llano habe ich mich verlocken lassen. Meine eigentliche Aufgabe liegt oben in der Ebene jenseits des Mistake-Cañon. Mit diesem Nale-Masiuv bin ich nur deshalb zusammengeraten, weil er mir in den Weg lief. Ich werde zurückkehren und hier nur So lange warten, bis Ihr mit diesen Comantschen fertig seid.“

„Da werdet Ihr nicht ohne Gewinn zurückkehren.“

„Wieso?“

„Ihr sollt Beute haben. Was thue ich mit diesen Roten? Soll ich sie mit im Llano herumschleppen, sie tränken und ernähren, sie als Gefangene bewachen? Das kann ich mir leichter machen. Ich überlasse sie Euch.“

„Mir? Oh!“

„Ja. Nur müßt Ihr mir versprechen, daß Ihr ihnen das Leben schenkt.“

„Ich gebe Euch mein Wort darauf.“

„Und Eure Hand.“

„Ja. Hier ist sie. Topp!“

Well! So nehmt die Kerls mit, bis über den Rio Pecos hinüber, damit sie nicht hierher zurückkommen und mir Dummheiten machen können. Dort nehmt Ihr ihnen die Pferde und die Waffen ab und laßt sie laufen.“

„Und was wir ihnen abnehmen, das sollen wir behalten, Sir?“

„Natürlich.“

„Da nehme ich sie noch weiter mit, noch viel weiter, damit sie Euch nicht hier genieren. Sie sind ja weiter von oben her. Nicht?“

„Ja. Also wir sind einig?“

„Vollständig einig. Hier gebe ich Euch nochmals meine Hand darauf, daß ich ihnen nichts thue, ihnen nicht an das Leben gehe. Seid Ihr nun zufrieden?“

„Vollständig.“

„Und ich bin es auch. Aber seht, der Kerl bewegt sich! Er macht die Augen auf. Das war auch so ein Hieb, wie ihn nur Old Shatterhand zu geben versteht. Möchte keinen haben!“

Der Häuptling kam zu sich zurück. Zunächst schien er nicht zu wissen, was mit ihm geschehen war; dann besann er sich.

„Siehst du wohl, daß ich Wort gehalten habe?“ sagte ich zu ihm. „Du bist jetzt mein Gefangener.“

Bei diesen Worten nahm ich ihm die Medizin vom Halse und zog ein Streichholz aus der Tasche. Er rief ängstlich aus:

„Was willst du mit meiner Medizin thun?“

„Ich verbrenne sie.“

„Uff, uff! Soll meine Seele verloren sein?“

„Ja; du hast es verdient. Du hattest dein Wort gebrochen und wolltest mich töten. Dafür wirst du dreifache Strafe leiden. Du wirst aufgehängt; ich nehme dir die Skalplocke vom Kopfe und verbrenne deine Medizin.“

Das Hängen ist für einen Indianer die allerschimpflichste Todesart. Lieber, viel lieber stirbt er eines langsamen, schmerzvollen, dabei aber rühmlichen Martertodes. Und meine beiden andern Drohungen waren die größten, die es geben kann. Die Skalplocke rauben, ohne die man nicht jenseits leben kann, und die Medizin verbrennen; damit vernichtete ich ihn und seine Seele für jetzt und für alle Ewigkeiten! Er versuchte, die starken Banden zu sprengen, und schrie voller Angst:

„Das thust du nicht; das wirst du nicht thun!“

„Ich werde es!“

Ich strich das Hölzchen an und hielt die kleine Flamme desselben an den Medizinbeutel, der sofort zu rauchen begann.

„Halt, halt!“ brüllte er. „Verschone mich! Nimm mir mein Leben, nur laß mir die Seele! Was muß ich thun? Was muß ich thun, um dich dahin zu bringen, daß du mir diese Bitte erfüllst?“

Ich nahm das Hölzchen weg und antwortete:

„Es giebt nur einen einzigen Weg, dich und deine Seele zu retten, einen einzigen.“

„Welchen? Sag es schnell!“

Die Augen traten ihm vor Angst und Entsetzen aus ihren Höhlen, denn ich hatte bereits ein zweites Hölzchen in der Hand.

„Gebiete deinen Leuten, daß sie sich gefangen geben und alle ihre Waffen ausliefern!“

„Das kann ich nicht!“

„So stirb und sei vernichtet!“

Das Hölzchen flammte auf, und der Beutel begann, wieder zu rauchen. Da zeterte der Häuptling, daß man es weithin hörte:

„Halt, halt ein! Ich thue es! Ich werde diesen Befehl erteilen!“

„Gut! Aber versuche ja nicht, Zeit zu gewinnen oder mich zu täuschen! Ich gebe dir mein festes, unverbrüchliches Wort, daß ich, wenn du dich nur einen Augenblick sträubst, den Befehl zu geben, dann auf keine weitere Bitte hören und die Medizin verbrennen werde. Ich habe gesprochen und halte mein Wort!“

„Ich werde es thun, sicher und gewiß. Mag der ganze Stamm gefangen sein; meine Medizin aber muß gerettet werden. Was habt Ihr beschlossen, das mit den Gefangenen geschehen soll?“

„Sie werden freigelassen, du auch.“

„Und wir behalten unsre Medizinen?“

„Ja.“

„So mag Senanda-khasi herkommen, welcher der zweite Häuptling ist! Ihm werde ich den Befehl geben, und er wird ihn ausführen.“

„Gewiß?“

„Ja, er muß gehorchen.“

Ich ging wieder bis auf Sprachweite auf das Lager zu und rief zu den Roten hinüber:

„Der Häuptling Nale-Masiuv will, daß der Unterhäuptling Senanda-khasi zu ihm komme, aber ohne lange zu zögern!“

Ich ging zurück. Als wir sahen, daß der Genannte dem Rufe folgte und wirklich kam, sagte der Kommandant zu mir:

„Welche Macht habt Ihr über diese Menschen, Sir! Ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen, die Medizin anzubrennen.“

„Das ist es eben, was ich Euch gesagt habe: Man muß die Gebräuche und Anschauungen der Roten kennen; dann ist man gegen vieles gewappnet, dem Nichtkenner wehrlos verfallen.“

Senanda-khasi ging, ohne uns anzusehen, zu dem Häuptling hin und setzte sich neben ihm nieder. Ihre Unterredung wurde leise geführt, doch war sie außerordentlich erregt; das sahen wir. Dann stand der Unterhäuptling auf, wendete sich an mich und sagte:

„Old Shatterhand hat uns alle für diesesmal mit einem einzigen Schlage seiner Faust und dann durch seine List besiegt; aber es wird ein besserer Tag kommen, an welchem der große Manitou uns günstiger ist. Wir sind bereit, uns gefangen zu geben und Euch die Waffen auszuliefern. Wohin sollen wir sie legen?“

„Es mögen je zehn und zehn kommen und sie nebst aller Munition hier neben dem Häuptling niederlegen. Aber merke dir: Wer eine einzige Waffe verheimlicht, der wird erschossen!“

Er ging, und bald darauf kamen die Comantschen in einzelnen Gruppen zu zehn Personen, um Gewehre, Messer, Tomahawks, Pfeile, Bogen, Lanzen, Pulver und Kugeln mit finstern Mienen abzuliefern. Als dies geschehen war, sagte ich zum Kommandanten:

„Ich übergebe Euch die Gefangenen. Es ist nun Eure Sache, dafür zu sorgen, daß Ihr sie sicher habt. Laßt keinen entkommen!“

„Sorgt Euch nicht, Sir! Bin froh, daß ich sie habe. Werde sie zunächst in unsre Mitte nehmen und mit ihren eigenen Riemen binden.“

Während er dies durch seine Soldaten ausführen ließ, ging ich wieder eine Strecke vor, legte beide Hände als Schallrohr an den Mund und rief zu Old Surehand empor:

„Sis inteh peniyil – – die Apatschen mögen kommen!“

Dieser Ruf wurde verstanden, und einige Minuten darauf kam er an ihrer Spitze im Galoppe heruntergeritten. Ich ging ihm entgegen. Er sprang vom Pferde und fragte:

„Wir sahen, daß Euch der Häuptling erstechen wollte; Ihr habt es ihm aber gut gegeben. Was ist nun die Folge? Da liegen ja alle Waffen, und die Indsmen sind von den Dragonern eingeschlossen! Sie haben sich ergeben müssen?“

„Ja.“

„Wie habt Ihr das angefangen, Sir?“

„Ich drohte, die Medizin Nale-Masiuvs zu verbrennen.“

„Recht so! Dumme Kerls, so abergläubisch zu sein! Was werden wir aber mit ihnen anfangen? Es ist so unbequem, sie mitzuschleppen. Auch werden sie die Oase kennen lernen.“

„Nein. Der Kommandant ist auf den guten Gedanken gekommen, nicht mit uns zu reiten, sondern umzukehren. Dem habe ich sie übergeben. Er bekommt dafür ihre Pferde und ihre Waffen und läßt sie erst jenseits des Rio Pecos frei.“

„Well! Das ist das Allerbeste, was geschehen kann. Wir reiten also ohne die Dragoner hinter Vupa Umugi her?“

„Ja.“

„Wann?“

„Wir haben hier nichts mehr zu thun. Unsre Pferde haben getrunken, und die Schläuche sind gefüllt. Wir können sogleich fort.“

„Da wollen wir uns auch nicht lange verweilen. Je eher wir den Naiini auf die Hacken kommen, desto besser ist’s.“

„Ja. Wollen nur erst zärtlichen Abschied von dem lieben Kommandanten nehmen!“

Ich stieg auf das Pferd und ritt mit Old Surehand zu ihm hin.

„Wollt Ihr schon fort, Mesch’schurs?“ fragte er. „Es thut mir wirklich leid, daß wir nicht länger bei einander bleiben können!“

„Uns ebenso,“ antwortete ich. „Wir hätten Euch gern noch länger Gelegenheit gegeben, so dumme Gräbersucher kennen zu lernen.“

„Oh – – ah – –!“ dehnte er verlegen.

„Vielleicht wißt Ihr nun, welches Kleidungsstück mehr zu bedeuten hat, der Jagdrock eines Westmannes oder die Uniform eines Dragoneroffiziers. Nehmt das zu Herzen, und lebt wohl!“

„Lebt – – wohl!“ echote er, noch verlegener als vorher.

Wir setzten uns an die Spitze unsrer Apatschen und ritten fort. Schon nach wenigen Minuten konnten wir, zurückblickend, die hundert Bäume nicht mehr sehen. Wir kamen von Stange zu Stange, indem wir der breit und tief ausgetretenen Fährte der Naiini-Comantschen folgten. Je weiter wir vorwärts kamen, desto sicherer und enger schlossen wir die Kaktusfalle, in welche wir sie trieben. – – –“

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In Der Oase

In der Oase

Zwischen Texas, Arizona, Neu-Mexiko und dem Indianer-Territorium, oder noch anders ausgedrückt, zwischen den Ausläufern des Ozarkgebirges, der untern und der obern Sierra Guadelupe und den Gualpabergen, rings eingefaßt von den Höhen, welche den obern Lauf des Rio Pecos und die Quellen des Red River, Sabine, Trinidad, Brazos und Colorado umgrenzen, liegt eine weite, furchtbare Strecke Landes, welche die Sahara der Vereinigten Staaten genannt werden könnte.

Wüste Strecken dürren, glühenden Sandes wechseln mit nackten, brennend heißen Felslagerungen, die nicht imstande sind, auch nur der allerdürftigsten Vegetation die kärgsten Bedingungen des kürzesten Daseins zu erfüllen. Schroff und unvermittelt folgt die kalte Nacht auf die Hitze des Tages; kein einsamer Dschebel, kein grünendes Wadi unterbricht wie in der Sahara die tote, einförmige Wüste; kein stiller Bir lockt mit der belebenden Feuchtigkeit eine kleine Oase hervor; sogar der durch den Steppencharakter vermittelte Übergang von den reich bewaldeten Berggebieten zum leblosen, sterilen Sandmeere fehlt gänzlich, und der Tod tritt dem Auge überall unverhüllt in seiner fürchterlichsten Gestalt entgegen. Nur hier und da steht – man weiß nicht, durch welche Kraft hervorgerufen und erhalten – ein einsamer, lederartiger Mezquitestrauch, gleichsam zum Hohne für den nach einem grünen Punkte sich sehnenden Blick, und ebenso erstaunt trifft man zuweilen auf eine wilde Kaktusart, die entweder nur in einzelnen Exemplaren steht oder Gruppen bildet oder auch weite, ausgedehnte Flächen eng bestandet, ohne daß man sich ihr Dasein enträtseln und erklären kann. Aber weder der Mezquite, noch der Kaktus gewährt einen erfreulichen, wohlthuenden Anblick; graubraun ist ihre Farbe und unschön ihre Gestalt; sie werden von dickem Sandstaube bedeckt, und wehe dem Pferde, dessen Reiter so unvorsichtig ist, es in eine solche Kaktuswildnis zu lenken! Es wird von den spitzen, haarscharfen und stahlharten Stacheln so an den Füßen verwundet, daß es nie wieder richtig laufen lernt; der Reiter muß das arme Tier sofort aufgeben, und wenn er es nicht tötet, so verfällt es dem elenden Schicksale, langsam umzukommen.

Trotz aller Schrecken, welche diese Wüste bietet, hat es doch der Mensch gewagt, sie zu betreten. Es führen Straßen durch sie, hinauf nach Santa Fé; und Fort Union, hinüber nach dem Paso del Norte und hinunter in die grünenden Prairien und wohlbewässerten Wälder von Texas. Aber bei diesem Worte Straße darf man nicht an die Art von Wegebau denken, welche in civilisierten Ländern diese Bezeichnung trägt. Wohl reitet ein einsamer Jäger oder Rastreador, eine Gesellschaft kühner Wagehälse oder ein zweideutiger Pulk Indianer durch die Wüste, wohl knarrt auch ein schneckengleich langsamer Ochsenkarrenzug durch die Einöde, aber das, was wir einen Weg nennen, das giebt es nicht, nicht einmal jene viertelstundenbreit auseinander gehenden Geleise, wie man sie in den Pampas Südamerikas oder in der Lüneburger Heide und dem Sande Brandenburgs findet. Jeder reitet oder fährt seine eigene Bahn, so lange ihm der Boden noch einige wenige Merkmale bietet, an denen er erkennen kann, daß er überhaupt noch in der richtigen Richtung ist. Aber diese Merkmale hören nach und nach selbst für das geübteste Auge auf, und von da an hat man die Maßregel getroffen, diese Richtung vermittelst Pfählen zu bezeichnen, welche in gewissen Entfernungen in den Boden gesteckt werden.

Dennoch aber fordert diese Wüste ihre Opfer, welche, die Größenverhältnisse in Betracht gezogen, viel zahlreicher und auch schrecklicher sind als diejenigen, welche die Sahara Afrikas und die Schamo oder Gobi Hochasiens als furchtbaren Tribut fordern. Menschengerippe, Tierkadaver, Sattelfragmente, Wagenreste und andere schauerliche Überbleibsel liegen am und im Wege und erzählen stumme Geschichten, die zwar das Ohr nicht hören, aber das Auge desto deutlicher sehen und die Phantasie vollends ergänzen kann. Und darüber schweben hoch in den Lüften die Aasgeier, die jeder lebenden Bewegung, welche sich unten zu erkennen giebt, mit beängstigender Ausdauer folgen, als ob sie ganz genau wüßten, daß ihnen ihre sichere Beute nicht entgehen kann.

Und wie heißt diese Wüste? Die Bewohner der umliegenden Territorien geben ihr verschiedene, bald englische, bald französische oder spanische Namen; weithin aber ist sie wegen der eingerammten Pfähle, welche den Weg bezeichnen sollen, entweder als Llano estacado oder als Staked-Plain bekannt. – – –

So ungefähr schrieb ich in einem früheren Bande [Fußnote] dieser Werke, in welchem die Grauenhaftigkeit des fürchterlichen Llano estacado geschildert wird. Wenn ich da sagte, daß kein Brunnen eine einsame Oase hervorrufe, so wußte ich bei meinem damaligen Ritte durch die Staked Plains von der Ausnahme nichts, die ich dann später kennen lernte. Es gab mitten in dieser Wüste doch eine Oase, und sie war der Aufenthalt derjenigen Person, von welcher mir Winnetou auf seinem Zettel mitgeteilt hatte, daß sie von den Comantschen überfallen werden solle, nämlich des Bloody-Fox.

Der blutige Fuchs. Schon dieser Name deutet auf einen ungewöhnlichen Lebenslauf. Sein jetziger Träger hatte als Kind zu einer Auswanderer-Karawane gehört, welche im Hano estacado von einer Bande von Stakemen überfallen und ermordet worden war. Ein Farmer, Namens Helmers, fand die ausgeraubten Leichen und entdeckte noch Leben in dem Knaben, in dessen Schädel eine große Hiebwunde klaffte; er verband ihn und nahm ihn mit sich nach Helmers Home, seiner Farm. Das sorgfältig gepflegte Kind überstand die gefährliche Verletzung und wurde wieder gesund, hatte aber alles, was vor dem Überfalle geschehen war, also auch seinen Namen, vollständig vergessen. Einen Namen mußte es aber haben, und da es, als es gefunden wurde, von Blut überströmt war und dann im Wundfieber sehr oft den Namen Fox genannt hatte, so nahm Helmers an, sein Vater habe so geheißen, und entschloß sich, ihn Bloody-Fox zu nennen.

Der Knabe gedieh vortrefflich, körperlich und auch geistig, konnte aber sein Gedächtnis nie zwingen, bis vor den Überfall zurückzugehen. Er wußte ganz genau, wie der Mann, von dem er den Hieb erhalten hatte, ausgesehen hatte; er konnte sich das Gesicht desselben deutlich vergegenwärtigen; weiter aber wußte er nichts, auch das nicht, warum er so sehr oft den Namen Fox genannt hatte. Helmers freute sich über die ungewöhnliche Entwickelung seines Pfleglings und war nur in einer Beziehung nicht mit ihm zufrieden; er konnte ihn nämlich nicht an das Haus gewöhnen. Seine Besitzung lag am nördlichen Rande des Llano estacado, und kaum war der Knabe so weit, ein Pferd regieren zu können, so schweifte er reitend in der Wüste umher, anstatt sich auf den Feldern seines Pflegevaters nützlich zu machen. Daran war trotz aller Mühe und aller Ermahnungen nichts zu ändern. Als Helmers einmal ungewöhnlich zornig darüber wurde, erklärte Bloody-Fox:

„Die Meinigen sind von den Geiern des Llano ermordet worden, und ich habe mir vorgenommen, diese Geier bis auf den letzten auszurotten. Dazu ist es notwendig, daß ich den Llano so kennen lerne, wie ich meine Taschen kenne. Soll ich das nicht dürfen, so will ich lieber nicht leben.“

Er sagte dies mit solcher Entschlossenheit, daß Helmers es für geraten hielt, nachzugeben; ja, er nahm sich ferner vor, den Knaben zu einem Manne auszubilden, der imstande sein werde, den Geiern Respekt einzuflößen. Infolgedessen wuchs Bloody-Fox in vollständiger Freiheit auf, konnte gehen und kommen, wann und wie er wollte, und wurde ein so kühner Reiter und waffengewandter Schütze, daß selbst Winnetou, als er ihn später kennen lernte, ihm seine Bewunderung nicht versagen konnte. Helmers war von Geburt ein Deutscher, und die Eltern von Bloody-Fox schienen auch Deutsche gewesen zu sein, denn obwohl ihm alles Frühere aus dem Gedächtnisse entschwunden war, das Englische lernte er nicht schneller als jedes andre Kind, das Deutsche aber wurde ihm so außerordentlich leicht, daß man unbedingt annehmen mußte, er habe es schon früher gesprochen.

Fragt man, was es mit den Stakemen oder den Geiern des Llano estacado für eine Bewandtnis habe, so ist die Antwort folgende: Es wurde bereits gesagt, daß die sogenannten Wege, welche durch die Wüste führen, von da an, wo die natürlichen Merkmale aufhören, mit Pfählen bezeichnet zu werden pflegen. Neben den ehrlichen Menschen, welche diese Wege benutzen, giebt es noch andre Leute, die moralisch Bankerott gemacht haben und die Arbeit hassen, heruntergekommene Subjekte, welche den bewohnten Osten fliehen mußten, weil sie sich fürchteten, mit dem Strafrichter in Berührung zu kommen, gewissenlose Schurken, die nichts mehr zu verlieren haben und, weil ihr eigenes Leben keinen Wert besitzt, auch das andrer Menschen für nichts achten. Sie leben von nichts als nur vom Raube, und dazu bietet ihnen der Llano, wenn nicht das ergiebigste, so doch das verschwiegenste Terrain. Sie haben ihre Schlupfwinkel am Rande der Wüste und lauern in der Nähe der Wege auf Reisende, welche durch den Llano wollen. Diesen schließen sie sich entweder als bloße Begleiter oder als Führer an und schicken ihre Verbündeten voraus, um die Pfähle entfernen und in falscher Richtung wieder einstecken zu lassen; daher der Ausdruck Stakemen. Wer dann diesen Pfählen folgt, wird vom richtigen Wege ab und in das sichere Verderben geführt; er stirbt den elenden Tod des Verschmachtens, wenn er nicht vorher schon ermordet wird, und sein Eigentum fällt den menschlichen oder vielmehr entmenschten Geiern des Llano anheim. So kommt es, daß die Gebeine von Hunderten und Aberhunderten in der tiefsten Einsamkeit im Sonnenbrande bleichen und niemand weiß, wohin diese Unglücklichen gekommen sind.

Einer Bande solcher Stakemen war auch die Karawane, zu welcher Bloody-Fox gehört hatte, zum Opfer gefallen. Die entsetzliche Scene des Ermordens war ihm im Gedächtnis geblieben; daher der heiße Wunsch in ihm, diese Geier bis auf den letzten auszurotten, und so kühn und schwer diese Aufgabe war, er besaß alle zu ihrer Ausführung nötigen Eigenschaften.

Er durchkreuzte den Llano nach und nach in allen Richtungen; er lernte jeden Schrittbreit der Wüste kennen; er wurde mit allen ihren Gefahren vertraut und hatte, was die Aufgabe seines Vorhabens unendlich erleichterte, das Glück, tief im Innern der Einöde eine grünende Oase mit Wasser zu entdecken. Das war so viel und noch mehr wert, als ob er hundert Verbündete gewonnen hätte.

Diesen Ort hielt er geheim. Kein Mensch, selbst Helmers nicht, obgleich er diesem das Leben verdankte, erfuhr etwas davon. Er baute sich im Laufe der Zeit ein Häuschen an das Wasser und bepflanzte die Wände desselben mit dicht wuchernden Passionsblumen. Er fing wilde Mustangs und brachte sie heimlich hin, um stets frische Pferde zu haben, wenn eins müde geritten war. Das gab seinen Bewegungen eine Schnelligkeit, die er sonst nicht hätte entwickeln können; es war ihm dadurch ermöglicht, jetzt an der einen und bald darauf an der entgegengesetzten Grenze des Llano zu sein. Er schaffte Proviant und Munition nach dem Häuschen. Aber um diese Oase und die dort befindlichen Pferde während seiner Abwesenheit zu pflegen, brauchte er eine Person, der er sein Vertrauen schenken, von der er annehmen konnte, daß sie sein Geheimnis nicht verraten werde. Es gab eine alte Negerin, Namens Sanna, die ihn sehr liebte und auf seinen Vorschlag einging. Sie wohnte eine ganze Reihe von Jahren in dieser tiefen Einsamkeit, ohne sich von dem Häuschen fortzusehnen, und wurde für diese Treue auf eine Weise belohnt, die über ihre alten Tage den hellsten Sonnenschein ergoß. Sie war nämlich in Tennessee Sklavin eines Pflanzers gewesen, der ihr einziges Kind, einen Knaben, von ihr gerissen und verkauft hatte. Auch sie war später verschachert und durch verschiedene Schicksale bis an die Staked-Plains verschlagen worden; nie hatte sie ihren Sohn, ihren Bob, vergessen können; er war ihr Gedanke bei Tag und bei Nacht, und sie schwor darauf, daß sie nicht sterben werde, ohne ihn wieder gesehen zu haben. Da kamen wir an den Llano und lernten Bloody-Fox kennen. Bei uns befand sich ein Westmann, dessen unzertrennlicher Begleiter ein Neger, sein früherer Diener war. Der Schwarze hieß Bob, und es stellte sich zu unsrer freudigen Verwunderung und zum Entzücken der alten Sanna heraus, daß er der verkaufte Negerknabe aus Tennessee war. Sie blieben von da an zusammen, um sich erst mit dem Tode zu trennen.

Von dem Augenblicke an, der Sanna in sein Häuschen gebracht hatte, konnte Bloody-Fox so, wie er es wünschte, an die Verwirklichung seiner Pläne gehen. Er erschien immer seltener bei seinem Pflegevater; aber wenn er einmal kam, hatte dieser ihm stets etwas Neues zu erzählen, und dieses Neue betraf fast immer den Tod eines Stakeman. Man fand bald hier und bald dort die Leiche eines Menschen, der genau durch die Mitte der Stirn geschossen war, und wenn man den Inhalt seiner Taschen untersuchte, so entdeckte man gewiß Gegenstände, welche von einem Raube stammten und also bewiesen, daß der Tote zu den Pfahlmännern gehört habe. Solche Fälle wiederholten sich je länger desto häufiger, und das Loch in der Stirn galt bald als untrüglicher Beweis, daß man den Getroffenen für einen bestraften Pfahlmänner Geier zu halten habe. Wer aber war der geheimnisvolle Rächer? Niemand wußte es, und selbst Helmers ahnte es nicht.

Es war kein Wunder, daß bald Sage auf Sage über diesen Rächer entstand. Es gab Leute, die ihn gesehen haben wollten, pfeilschnell in der Ferne vorüberreitend, nie so nahe, daß sie ihn deutlich erkennen konnten. Heute sah ihn ein Händler am südlichsten Punkte des Llano und fand eine Stunde später einen durch die Stirn geschossenen Toten; morgen hörte ein Trupp Reisender am östlichen Rande der Plains einen Büchsenknall; ein Reiter verschwand gedankenschnell am Horizonte, und als sie an die betreffende Stelle kamen, lag ein Mensch da, tot ausgestreckt und in die Stirn getroffen. Einen Tag später kehrten bei Helmers Leute ein, welche im Llano gelagert und beim hellen Mondenschein denselben Reiter gesehen haben wollten, wie er hüben auftauchte, an ihnen vorübergaloppierte und drüben wieder verschwand. Schließlich bemächtigte sich gar der Aberglaube dieser unbegreiflichen Persönlichkeit; dieser Reiter war kein Mensch, sondern ein überirdisches Wesen, welches mit der Schnelligkeit des Blitzes von einem Ende des Llano nach dem andern flog. Wie hätte ein Sterblicher solche Schnelligkeit entwickeln und mit solcher Sicherheit den Räuber von dem ehrlichen Manne unterscheiden können! „Der Geist des Llano estacado fuhr über die Plains,“ erzählte man; „der Avenging-Ghost hat wieder einen Stakeman geholt.“

Die ehrlichen Leute atmeten auf; die Stakemen hielten sich enger zusammen; sie wagten sich nicht mehr einzeln oder in kleinen Trupps in die Wüste, sondern sie führten ihre verbrecherischen Unternehmungen in größerer Gemeinschaft aus. Aber auch das bot ihnen keine Sicherheit. Sie lagerten zu zwanzig und noch mehr Personen bei einander; da fiel ein Schuß, noch einer, und zwei von ihnen waren durch die Stirn getroffen; unweit von ihnen aber erklang der Hufschlag eines davoneilenden Pferdes.

Um diese Zeit war es, daß ich, wie oben erwähnt, mit mehreren Westmännern zu Helmers kam, um durch den Estacado zu reiten und jenseits desselben mit Winnetou zusammenzutreffen. Wir erfuhren da, daß eine Auswandererkarawane vor uns sei, die auch durch die Plains wolle. Einige Personen, die wir bei Helmers sahen, erregten meinen Verdacht; ich folgte, als sie sich entfernt hatten, ihren Spuren und gewann die Überzeugung, daß die Auswanderer in die Irre geführt werden sollten. Der Scout, dem sie sich anvertrauten, war ein Pfahlmann, und seine Genossen warteten auf ihre Opfer. Wir machten uns natürlich schleunigst auf den Weg, um den Bedrohten Hilfe zu bringen.

Zu derselben Zeit traf Winnetou, der mich erwartete, auf einen Trupp Comantschen, die er damals nicht zu meiden brauchte, weil grad Friede zwischen ihnen und den Apatschen war. Von ihnen erfuhr er, daß sie ihrem Häuptlinge in den Llano entgegenritten, der durch die Plains kommen werde, aber sich in großer Gefahr befinde, weil sich eine bedeutende Anzahl von Stakemen zusammengefunden habe, die irgend einen Überfall im Sinne zu haben schienen. Das waren dieselben Geier, die ich entdeckt hatte. Da Winnetou wußte, daß ich mich unsrer Verabredung gemäß auch schon in der Nähe befinden müsse, wurde er besorgt um mich und beschloß, nicht auf mich zu warten, sondern mir auch entgegenzureiten. Er bot also den Comantschen seine Begleitung an, und sie gingen sehr gern auf seinen Vorschlag ein, weil es ihnen und ihrem gefährdeten Häuptlinge nur nützlich sein konnte, wenn sie einen Mann wie Winnetou bei sich hatten.

Infolgedessen war der sonst so öde Estacado jetzt von vier Trupps belebt, von denen drei sich in einer und derselben Richtung bewegten; die Auswanderer wurden von ihrem verräterischen Scout nach Süden in den beabsichtigten Tod geführt; ebenso südwärts folgten ihnen die Stakemen, und ich kam mit meinen Begleitern hinter diesen, um den geplanten Streich zu vereiteln. Von Westen her aber näherte sich Winnetou mit den Comantschen, welche leider zu spät kamen, denn es stellte sich heraus, daß ihr Häuptling schon von den Geiern ermordet worden war.

Da wir südlich und die Comantschen östlich ritten, und die Zeit zufälligerweise so genau stimmte, als ob wir uns verabredet hätten, mußten wir im rechten Winkel zusammentreffen, und zwar in der Nähe der Oase, von welcher wir freilich keine Ahnung hatten. Bloody-Fox wußte ebenso wie wir von der Absicht der Stakemen; er wollte die Fremden retten und ritt ihnen von seiner Wüsteninsel aus entgegen, um sie zunächst zu warnen. Unglücklicherweise traf er anstatt auf sie auf die Geier, welche sofort Jagd auf ihn machten. Infolge der Schnelligkeit seines Pferdes entkam er ihnen nordwärts und traf auf uns, denen er sich natürlich anschloß. Wir galoppierten drei Stunden lang, konnten die Auswanderer aber doch erst einholen, als es schon dunkel geworden war. Sie hatten mit ihren Wagen ein Viereck gebildet, innerhalb dessen sie lagerten; ihre Zugochsen hatten vor Durst nicht weiter gekonnt und auch sie selbst waren halb verschmachtet; ihr Scout hatte die Wasserfässer angebohrt, wie sich herausstellte; er entfloh, als wir kamen.

Inzwischen hatte Winnetou, ohne daß ich es ahnte, dieselbe Gegend erreicht und vermöge seines unvergleichlichen Spürsinnes die Stakemen entdeckt. Er schlich sich an sie, die natürlich keine Feuer brennen konnten und durften, heran, grad in dem Augenblicke, als der entflohene Scout bei ihnen eintraf, und ihnen sagte, daß wir bei den Einwanderern eingetroffen seien. Anstatt sich dies zur Warnung dienen zu lassen, freuten sie sich, durch uns noch größere Beute zu bekommen, und beschlossen, uns beim Grauen des Morgens anzugreifen. Winnetou hörte dies, schlich sich zu den Comantschen zurück und kam dann mit diesen zu uns geritten. Das war wieder so eines seiner Meisterstücke! Wie froh war ich, schon jetzt und hier mit ihm zusammenzutreffen! Seine Comantschenschar verdoppelte unsre Zahl, und er selbst wog allein mehr als sie.

Als der Morgen anbrach, lagen wir hinter den Wagen versteckt. Die Stakemen kamen; wir zählten fünfunddreißig. So zahlreich pflegten sie jetzt aus Furcht vor dem Avenging-Ghost aufzutreten. Sie ahnten nicht, daß wir von ihnen wußten, und glaubten, sehr leichtes Spiel zu haben. Unsre erste Salve traf sie auf fünfzig Schritte Entfernung und brachte geradezu Entsetzen über sie. Es gab einen wirren Knäuel vor Schreck brüllender Menschen; die Toten und Schwerverwundeten stürzten; die ledig gewordenen Pferde vermehrten die Verwirrung; dann löste sich das Chaos, und wer sich noch im Sattel halten konnte, floh in südlicher Richtung davon. Wir saßen im Nu auf unsern Pferden und jagten ihnen nach. Sie wurden alle ausgelöscht. Der letzte von ihnen erreichte die bisher so geheim gehaltene Oase des Bloody-Fox. Dort stürzte er mit seinem Pferde und brach das Genick. Er war der Anführer und nur deshalb so weit entkommen, weil er das schnellste Pferd hatte. Wir erkannten in ihm einen berüchtigten Verbrecher, welcher weit und breit unter dem Namen Stealing-Fox bekannt war, und, wunderbar! Bloody-Fox erklärte uns in größter Aufregung, dies sei ganz gewiß der Mann, der ihm damals die klaffende Kopfwunde geschlagen habe; es sei gar nicht daran zu zweifeln, denn er habe dieses Gesicht niemals vergessen können. Der Mensch hatte sich Fox genannt, allerdings nicht Stealing-Fox, und war ihr Führer gewesen. Nun ließ sich freilich sehr leicht erklären, warum der gerettete Knabe in seinen Fieberphantasien so oft den Namen Fox ausgesprochen hatte.

Kam es uns fast wie ein Wunder vor, daß Bloody-Fox so unerwartet den Mörder seiner Eltern entdeckte, so war es später wenigstens ebenso zum Verwundern, als sich herausstellte, daß unser Neger Bob der Sohn der alten Sanna sei. Und als wir dann Zeit fanden, der Örtlichkeit unsre Aufmerksamkeit zu schenken, wollte sie uns als ein drittes und viel größeres Wunder erscheinen. Es hatte zwar alte Jäger und Indianer gegeben, welche behaupteten, daß es mitten im ödesten Llano estacado ein Wasser gebe, an welchem die herrlichsten Bäume und Blumen ständen, aber es war ihnen kein Glaube geschenkt worden. Ich selbst hatte auch davon gehört, aber stets daran gezweifelt. Nun sah ich es vor Augen.

Freilich, wenn ich an die Sahara dachte, unter deren Sand- und Felsenboden in größerer oder geringerer Tiefe Wasser in Fülle vorhanden ist, wollte mir diese Oase hier im Llano gar nicht so hydropathisch unerklärlich erscheinen. Die Wüste der Plains wird von dem Rio Pecos durch eine Bergkette getrennt, welche oft einfach verstreicht, oft aber auch mehrere Höhenzüge bildet, zwischen denen lange Thäler liegen, die von engen, schluchtartigen Querthälern durchschnitten werden, deren Mund sich nach dem Llano öffnet. Von diesen Höhen kommen und in diesen Querthälern fließen verschiedene kleine Gewässer herab, an deren Ufer Sträucher und sogar Bäume ganz wohl zu existieren vermögen. Diese grünen Stellen ragen wie Halbinseln oder Vegetationszungen in das Sandmeer des Estacado hinein und bilden zwischen sich Busen, in denen Gras und Kräuter Nahrung finden. Diese Wasserläufe versiechen, sobald sie den Sand berühren; sie verdunsten nicht. Das Wasser dringt in den lockern Boden ein und muß sich da, wo es eine feste, undurchlässige Unterlage findet, sammeln. Man darf sich nur den Llano keineswegs als eine streng horizontale Ebene, sondern als eine Depression denken, an deren tiefster Stelle dieses Wasser zu Tage treten muß, und zwar hell, klar und rein, weil durch den Sand gefiltert.

Leider war das so lang bewahrte Geheimnis des Bloody-Fox nun unserm Wissen preisgegeben; es schien ihm das auch gar nicht lieb zu sein, doch ergab er sich in das Unvermeidliche und nahm uns nur später das Versprechen ab, bis auf weiteres darüber zu schweigen. Es stand zu erwarten, daß er nun für lange Zeit keine Veranlassung mehr haben werde, den Avenging-Ghost zu spielen; wir hatten unter den Stakemen aufgeräumt, und wenn es ja noch vereinzelte gab, so hörten sie gewiß von dem Tode dieser fünfunddreißig Geier und ließen ihn sich zur Warnung dienen. Die Einwanderer wurden nach der Oase geholt, wo sie einige Tage blieben und dann gekräftigt ihre Wanderung fortsetzten. Wir begleiteten sie bis an den Pecos. Sie gingen nach Arizona hinüber, wo sie immerhin von der Oase erzählen konnten; entweder hielt man für unwahr, was sie sagten, oder wenn man es ihnen glaubte, so hatte man keine Gelegenheit, es auszunutzen. Wir andern Weißen hatten viel eher Gelegenheit, nach dem Llano zu kommen, nahmen uns aber vor, gegen jedermann über Foxens grüne Wüsteninsel zu schweigen.

Anders freilich stand es mit den Comantschen, welche das Geheimnis leider nun auch kannten. Sie mußten zwar auch versprechen, nicht davon zu reden, doch waren wir überzeugt, daß sie nicht Wort halten würden. Der Ort war für ihr Volk nicht ohne Wert.

Wenn man sich von da aus, wo wir uns befanden, eine gerade Linie nach Westen gezogen denkt, stößt dieselbe jenseits des Flusses auf eine Gegend, welche einer der gefährlichsten Winkel des fernen Westens genannt werden mußte, weil sich dort die Streifgebiete der Comantschen und Apatschen berührten. Wer die Verhältnisse kennt, der weiß, daß es, so lange diese beiden Nationen überhaupt noch existieren, niemals zwischen ihnen zu einem dauernden Frieden kommen kann; die gegenseitige Erbitterung wird schon dem Kinde anerzogen und eingeprägt, und wenn ja einmal der Tomahawk des Krieges zwischen ihnen vergraben wird, so genügt doch die geringste Veranlassung, ihn wieder auszugraben. Solche Veranlassungen konnte es täglich geben, weil die Gebiete nicht nur aneinanderstießen, sondern vielfach ineinander liefen und oft noch gar nicht bestimmt waren. Der Vorwurf einer Grenzverletzung war also leicht zu haben, ganz abgesehen von den hundert andern Gründen, die es gab, wenn man den Kampf nur wünschte. Darum wurden jene Gegenden von den Westleuten gern the shears genannt, ein Ausdruck, der sehr bezeichnend war. Die beweglichen Grenzlinien öffneten und schlossen sich wie Scheren, und wer zwischen sie geriet, der konnte, besonders wenn er ein Weißer war, von großem Glücke reden, wenn er unbeschädigt davonkam.

Die häufigen Kämpfe zwischen den beiden Nationen pflegten drüben in den shears zu entbrennen und sich dann über den Pecos herüberzuspielen; die Unterliegenden wurden gewöhnlich in den Llano getrieben. Wie vorteilhaft, wenn man da in der Sandwüste einen Punkt hatte, wo man sich sammeln und erholen konnte, während der Feind glaubte, man sei dem Tode des Verschmachtens anheimgefallen! Solch einen Punkt bot die Oase, und ihn hatten die Comantschen jetzt kennen gelernt. Würden sie, daheim angekommen, darüber schweigen? Ich konnte es mir nicht denken und machte Bloody-Fox auf die Gefahr aufmerksam, welche für ihn aus der Mitwissenschaft der Roten entsprang. Er nahm die Sache genau so ernst wie ich und sagte:

„Ihr habt recht, Sir. Ich habe mein Geheimnis so lange Zeit behütet, und nun ist es plötzlich preisgegeben. Ich bin aber selbst schuld daran.“

„Wieso?“

„Ich hätte Euch gestern diese Gegend beschreiben sollen; es wäre Euch dann wohl nicht schwer gewesen, es so einzurichten, daß die Stakemen nicht hierher fliehen konnten.“

„Das ist freilich richtig.“

„Dann hättet nur Ihr es gewußt und es gewiß keinem Menschen verraten. Nun aber, wie es jetzt steht, habe ich von drei Seiten Besuche zu erwarten.“

„Ich denke, nur von den Comantschen.“

„Auch von den Apatschen!“

„Nein. Es giebt nur einen Apatschen, der es weiß; das ist Winnetou.“

„Meint Ihr, daß er daheim nichts sagt?“

„Gewiß nicht, wenn Ihr ihn darum bittet.“

„Ich werde ihn bitten. Aber die Weißen!“

„Die verraten auch nichts; sie sind alle ohne Ausnahme schweigsame Männer.“

„Zugegeben. Sie werden nicht gegen andre reden, aber sich mein abgelegenes Home hier merken und es bald wieder aufsuchen.“

„Und daran liegt Euch nichts?“

„Nein.“

„Hm, das ist nicht sehr freundlich gesinnt!“

„Ich meine es anders. Sie könnten gern wiederkommen; aber wenn sie es thun, wird die Oase verraten. Sie oder ihre Spuren werden von andern gesehen, die ihnen dann folgen. Ist es nicht so, Sir?“

„Allerdings. Wir werden sie also bitten, nicht nur zu schweigen, sondern auch nie mehr hierher zu kommen.“

„Das wäre zu hart. Es kann ja geschehen, daß sich einer von ihnen später im Llano befindet, in Not gerät und verschmachten müßte, wenn er nicht an dieses Wasser dürfte. In einem solchen Falle muß eine Ausnahme gemacht werden. Wollt Ihr das mit ihnen besprechen, Mr. Shatterhand?“

„Gern.“

„Aber Ihr und Winnetou sollt ausgenommen sein. Ihr sollt so oft wie möglich zu mir kommen, und ihr werdet es in einer Weise thun, daß kein andrer Mensch euch folgen kann und meine Hütte entdeckt; davon bin ich bei euch beiden überzeugt.“

„Gut, wir werden Euch diesen Wunsch erfüllen. Was aber wollt Ihr thun, um Euch gegen einen Besuch der Comantschen zu bewahren oder zu beschützen?“

„Nichts. Oder soll ich aus meiner Hütte eine Festung machen?“

„Das geht nicht.“

„Oder so viel Leute hernehmen, um einen Überfall zurückschlagen zu können?“

„Auch das ist unmöglich.“

„So bleibt mir nichts übrig, als die Verhältnisse so zu lassen, wie sie sind. Die einzige Veränderung, welche eintreten wird, ist die, daß Bob hier bei seiner Mutter bleibt; ich habe also, wenn ich hier bin, einen Gehilfen, und sie wird während meiner Abwesenheit nicht mehr allein sein. Denkt Ihr, daß ich ihn behalten kann?“

„Ich rate Euch sogar dazu. Er ist ein treuer, nicht unkluger und auch tapferer Mensch. Er war mit uns bei den Sioux, und wenn sein erstes Debut auch nicht ein glänzendes zu nennen ist, so hat er uns doch sehr gute Dienste geleistet. Ich bin auch ganz dafür, daß Ihr hier keine Änderung trefft. Ein wenig Wachsamkeit der Comantschen wegen; das ist es, was ich Euch rate, weiter nichts. Vielleicht denken diese Roten nicht wie wir, daß die Stakemen eine tüchtige Lehre bekommen haben und also nicht gleich wieder etwas unternehmen werden, und scheuen sich also auch fernerhin, ihre Züge ohne Kriegszwang nach hier auszudehnen.“

„Das habe ich mir auch gesagt und beruhige mich dabei. Hoffentlich täuschen wir uns nicht.“ –

Die Richtigkeit dieses Gedankens schien sich bewähren zu wollen. Ich war im Laufe der Zeit später einigemale in der Oase und erfuhr, daß Bloody-Fox von keinem Comantschen belästigt worden war. Auch kein Weißer hatte ihn seit damals wieder besucht, und so hatte es den Anschein, als ob die Entdeckung seines Geheimnisses nicht gleichbedeutend mit der Enthüllung desselben sei. Was die Geier des Llano estacado betrifft, so war ganz so, wie wir erwartet hatten, lange Zeit von ihnen nichts mehr zu hören gewesen; dann hatte es einzelne Raubanfälle gegeben, deren Urheber ein einziger Mann gewesen und von Fox entdeckt und in der angegebenen Weise bestraft worden war. Daß er der Avenging-Ghost sei, schien außer den damaligen Zeugen niemand zu wissen; sie hatten sein Geheimnis treu bewahrt; ich war an vielen Orten Zuhörer von den phantastischsten Erzählungen über dieses Thema und hörte niemals eine Andeutung darüber machen, an welche Person sich dieses Geisterspiel eigentlich knüpfe.

Als ich Bloody-Fox kennen lernte, stand er noch in den Jünglingsjahren; man kann sich also denken, welch reiche Begabung er besaß, da er schon in einem solchen Alter Eigenschaften und Fähigkeiten zeigte, die selbst einen Mann wie Winnetou in Staunen versetzten. Was konnte und mußte aus ihm werden, wenn er sich in dieser Weise weiter entwickelte!

Es folgten einige Jahre, in denen ich nicht nach Amerika kam. Dann traf ich mich mit Winnetou in den Black-Hills und erfuhr von ihm, daß Bloody-Fox sich wohl befinde und noch keinen Besuch der Comantschen erhalten habe. Wir trennten uns droben am Couteau, um uns nach vier Monaten unten auf der Sierra Madre wieder zusammenzufinden, und man kann sich denken, was es für einen Eindruck auf mich machte, als ich dort den Zettel des Apatschen las, daß er Bloody-Fox warnen müsse, weil die Comantschen ihn überfallen wollten.

Es war ihnen während so langer Zeit nicht eingefallen, die Oase aufzusuchen; welchen Grund hatten sie, dies jetzt, und zwar in feindlicher Absicht, zu thun? Ging der Plan von ihnen aus, oder hatte Bloody-Fox durch irgend etwas ihre Rache auf sich gezogen? Es war nutzlos, diese Fragen jetzt auszusprechen; die Antwort mußte mir später ganz von selber kommen.

Wichtiger war die Frage, ob Winnetou direkt nach dem Llano estacado geritten sei oder nicht. Er hatte mir geschrieben, daß er warnen wolle, und wenn es sich nur um eine Warnung handelte, so war anzunehmen, daß er den Weg direkt genommen habe. Aber wie ich den Apatschen kannte, begnügte er sich nicht mit einer Warnung, sondern fügte derselben möglichst gleich die Rettung bei, und diese konnte nur darin bestehen, daß er mit einer hinreichenden Apatschenschar dem Bloody-Fox zu Hilfe kam. Was nun von beiden hatte er gethan? So schwer diese Frage zu sein scheint, so leicht ist sie zu beantworten. Es handelte sich einfach um die Zeit. War sie zu kurz, so ritt Winnetou direkt zu Fox; war sie aber hinreichend, um Hilfe zu holen, so ritt er nach dem Lager seines Stammes, um die nötige Anzahl Krieger zur Stelle zu bringen.

Wie aber konnte Winnetou erfahren, ob er Zeit hatte oder nicht? Ganz einfach so, wie ich. Wenn tausend andre es nicht bemerkt hätten, ihm, dem unerreichbaren Meister im Spüren, hatten die Comantschen, die wir am blauen Wasser aufsuchten, gewiß nicht entgehen können, und wenn es ihm auch nicht möglich gewesen war, sie zu belauschen und dabei zu erfahren, daß sie auf einen Zuzug von weiteren hundert Mann unter dem Häuptling Nale-Masiuv warteten, so hatte er doch sicher aus den ihm geläufigen Anzeichen erkannt, daß sie nicht allzu eilig waren. Er hatte also sehr wahrscheinlich zunächst seinen Stamm aufgesucht.

Vielleicht war dies auch nicht nötig gewesen, sondern er hatte einen Boten gefunden, den er dorthin schicken konnte. Die Apatschen hatten auf alle Fälle erfahren, daß von den Comantschen das Beil des Krieges ausgegraben worden war, und also zu ihrer Sicherheit Späher ausgesandt. War Winnetou einem solchen begegnet, was keineswegs in das Reich der Unmöglichkeit gehörte, so hatte er ihn heimgesandt und war selbst weiter geritten, weil nur er selbst die Lage der Oase kannte.

Meine Vermutungen gingen sogar noch weiter; ich kannte eben meinen Winnetou und wußte, wie umsichtig er zu handeln pflegte. Der Tag meiner Ankunft in der Sierra Madre war ihm bekannt; ich würde seinen Zettel finden und ihm sofort folgen, das sagte er sich. Ich kannte den Weg ebenso genau wie er; es war ihm also nicht schwer, zu bestimmen, in welcher Gegend ich mich zu irgend einer angegebenen Zeit ungefähr befinden müsse. Wenn er selbst direkt nach dem Llano estacado war, so mußte er dafür sorgen, daß seine Krieger einen zuverlässigen Führer nach der Oase fanden, und dieser Führer konnte nur ich sein, In diesem Falle traf ich ganz bestimmt unterwegs einen Apatschen, welcher den Auftrag hatte, auf mich zu warten und mich zu unterrichten. Man wird bald sehen, wie richtig ich Winnetou beurteilt hatte.

Zunächst aber war es noch nicht so weit. Wir lagerten noch am Saskuan-kui und warteten auf den Anbruch des Morgens, um mit den Comantschen zu verhandeln. Old Surehand mußte ja alles, was ihm abgenommen worden war, besonders seine Waffen, wiederbekommen; dafür wollten wir Vupa Umugi, ihren gefangenen Häuptling, freigeben.

Wir waren so vorsichtig gewesen, nicht am Ufer zu bleiben, wo die Feinde uns wußten und, von den Büschen gedeckt, leicht überfallen konnten, sondern wir hatten uns ein Stück hinaus auf die Prairie gezogen, weil wir dort nicht beschlichen werden konnten. Dort wurden die Wachtablösungen bestimmt, und wer dann schlafen wollte, der konnte schlafen. Es fiel mir nicht ein, bis zum Morgen wach zu bleiben; man wußte nicht, was der nächste Tag für Anstrengungen brachte. Ich freute mich ungemein darauf, Old Surehand bei Tageslicht zu sehen; jetzt war es zu dunkel, ihn so, wie ich gern wollte, zu betrachten. Später gestand er mir, daß er ebenso neugierig auf mich gewesen war. Wir hätten viel, sehr viel miteinander reden können, waren aber beide keine übermäßig redseligen Menschenkinder und wollten schlafen. Eines jedoch mußte ich jetzt schon wissen; darum sagte ich, als er sich neben mir zur Ruhe ausstreckte:

„Erlaubt mir eine Frage, Sir, ehe Ihr die Augen schließt! Ihr habt mit Euerm Ritte in diese Gegend einen bestimmten Plan verfolgt?“

„Ja. Ich wollte zu den Mescalero-Apatschen hinunter, um vielleicht Winnetou zu treffen und mit seiner Hilfe dann vielleicht auch Euch kennen zu lernen. Es ist ja wahrhaftig eine Schande, so lange schon Westmann zu sein, ohne Winnetou und Old Shatterhand gesehen zu haben!“

„Auch wir kennen Euch noch nicht; das ist ganz dasselbe. Haben aber genug über Euch gehört, Sir. Der zweite Teil Euers Wunsches, mich zu sehen, ist eher erfüllt worden, als Ihr dachtet, und der erste Teil kann befriedigt werden, ohne daß Ihr zu den Mescaleros reitet. Ich bin nämlich auf dem Wege, Winnetou anderswo aufzusuchen.“

„Wo, Sir? Wo ist er jetzt?“

„Am Llano estacado.“

„Alle Wetter, das ist ja herrlich! Mit ihm und Euch im gefährlichen Estacado! Nehmt Ihr mich mit, Sir?“

„Sehr gern, natürlich. Wir werden Euch und Eure Hilfe sehr gut brauchen können. Werde Euch früh erzählen, warum; jetzt müssen wir notwendig schlafen, um Kräfte zu sammeln; will Euch einstweilen nur das sagen, daß es sich um einen Tanz mit den Comantschen handelt.“

„Mit diesen hier oder mit andern?“

„Mit diesen und andern, die noch zu ihnen stoßen. Ihr habt doch gehört, was von ihnen geredet wurde. Haben sie nicht von dem Ziele ihres jetzigen Zuges gesprochen?“

„Ja, aber so leise und vorsichtig, daß ich nichts verstehen konnte, Nehmt mich mit, Sir; nehmt mich mit! Ich freue mich wie ein Kind darauf, mit ihnen quitt darüber zu werden, daß ich mich wie ein Greenhorn von ihnen habe überrumpeln lassen. Was müßt Ihr von mir denken! Ich habe jahrelang gewünscht, Euch kennen zu lernen und mich Euch auf irgend eine Weise anschließen zu dürfen, und nun mir dieser Wunsch in Erfüllung geht, ist es derart geschehen, daß ich mich geradezu schämen muß; th’is clear, wie der alte Wabble sagt!“

„Vom Schämen kann keine Rede sein. Ich bin nicht nur einmal gefangen gewesen, und Winnetou ebenso. Es freut mich außerordentlich, daß es mir erlaubt gewesen ist, Euch einen kleinen Dienst zu erweisen.“

I beg, Sir! Ein kleiner war es gar nicht; da möchte ich erst hören, was Ihr einen großen nennt! Ich würde viel, sehr viel darum geben, wenn es umgekehrt wäre, nämlich so, daß ich ihn Euch geleistet hätte. Will aber hoffen, daß ich Euch einmal so etwas Ähnliches erweisen kann.“

„Ich nehme es für genossen an und will lieber auf die Passion verzichten, Gefangener der Comantschen sein zu dürfen. Jetzt wollen wir schlafen. Good night, Sir!“

Good night, Mr. Shatterhand! Werde wahrscheinlich besser schlafen als da drüben auf der Insel, die ich nur verlassen sollte, um zum Martertod geführt zu werden.“

Die Nacht war kühl und meine Kleidung naß, dennoch schlief ich fest bis vier Uhr, wo ich zur letzten Wache geweckt wurde. Als diese fast zu Ende war, begann der Tag zu grauen, und ich hatte bald Licht genug, meinen neuen und berühmten Bekannten zu betrachten.

Da lag er jetzt vor mir, ruhig schlafend, ein wahrer Riese von Gestalt. Seine mächtigen Glieder waren ganz in Leder gekleidet, doch so, daß die von der Sonne gebräunte Brust unbedeckt blieb. Sein langes, braunes, seidenweiches Haar lag wie ein Schleier bis auf den Gürtel herab, und selbst im Schlafe, während dessen doch sonst das geistige Leben aus den Zügen zurückgetreten zu sein pflegt, lag auf seinem Gesichte der Ausdruck jener Energie, ohne welche ein guter Westmann undenkbar ist. Grad so, wie ich ihn hier liegen sah, hatte ich ihn mir vorgestellt, allerdings, weil er mir so beschrieben worden war; denn es ist keineswegs richtig, sich jeden namhaften Westläufer als eine solche Figur vorzustellen. Wer das thut – und das geschieht allerdings sehr häufig –, der fühlt sich dann später, wenn er den Betreffenden zu sehen bekommt, meist sehr enttäuscht. Berühmte Jäger von so riesiger Gestalt habe ich nur zwei gesehen, Old Firehand und Old Surehand. Man macht ja oft die Erfahrung, daß körperliche Hünen ein wahrhaft kindliches Gemüt besitzen und aller Kampfeslust und Kampfesfertigkeit ermangeln, während dürftiger gebaute Menschen sich lieber zerreißen als in die Flucht schlagen lassen. Doch soll dies natürlich keineswegs als Regel gelten. Das Leben im wilden Westen ist der Bildung voller Körperformen nicht günstig, doch schafft es eiserne Muskeln und Sehnen wie der Stahl.

Es war Zeit, die Schläfer zu wecken; ich that es, und als Old Surehand sich aufrichtete, konnte ich erst richtig sehen, in welcher Harmonie die einzelnen Teile und Glieder seines Körpers zu einander standen.

Good morning, Sir!“ grüßte er mich, indem er seinen Blick forschend an mir niedergleiten ließ und dann wieder zu meinem Gesichte erhob. „Endlich, endlich wird mir der Wunsch erfüllt, Euch zu sehen, denn das gestern abend in der Dunkelheit war kein Sehen zu nennen. Hier meine Hand zum Morgengruß und nochmaligen Dank für das, was Ihr an mir gethan und wegen mir gewagt habt. Wollt Ihr einschlagen, Mr. Shatterhand?“

„Gern. Auch ich freue mich aufrichtig, Euch endlich kennen zu lernen. Wenn es Euch recht ist, wollen wir treu zusammenhalten; das ist der Wunsch, den ich habe.“

Well, soll geschehen. Wenigstens was an mir liegt, werde ich mir Mühe geben, daß nichts geschieht, was uns auseinanderbringen kann.“ Er dehnte und reckte sich, untersuchte die Hand- und Fußgelenke und fuhr dann fort: „Ich habe gut geschlafen, und die Folgen der Fesseln sind vollständig verschwunden. Was werden wir nun zunächst beginnen?“

„Wir nehmen den Häuptling vor, um ihm zu sagen, was wir von ihm verlangen, und schicken dann den gefangenen Indianer hinüber in das Lager.“

„Und bis er wiederkommt, wird tüchtig gefrühstückt,“ fiel Old Wabble ein. „Wozu hätte ich denn das viele Fleisch mitgebracht? Wer etwas zu essen hat, der soll essen; th’is clear. Oder hat jemand etwas dagegen?“

Es fiel Keinem ein, gegen dieses Argument Widerspruch zu erheben. Old Surehand bat mich, die Verhandlung mit Vupa Umugi zu leiten; aber da es ihn selbst betraf, so war ich der Meinung, daß er dem Häuptlinge seine Bedingungen selbst vorschreiben müsse, und er that dies denn auch. Vupa-Umugi zögerte auch gar nicht, auf sie einzugehen; er sah ein, daß er gar nicht glimpflicher wegkommen könne. Dann banden wir den Comantschen, den Old Wabble gestern gefangen hatte, los; er erhielt von dem Häuptlinge die nötigen Befehle und ging dann fort, dieselben auszurichten. Hierauf hatten wir Zeit, unser Frühstück einzunehmen.

Nach ungefähr zwei Stunden sahen wir den Boten mit einigen Roten zurückkehren. Sie brachten Old Surehands Pferd, seine Waffen und alle andern Gegenstände, die ihm fehlten, auch seinen breitkrempigen Hut, der auf der Insel liegen geblieben war. Als er erklärte, daß nichts fehle, gaben wir den Häuptling frei. Eigentlich hatten wir ihm das Versprechen abverlangen wollen, fernerhin Frieden zu halten; wir sagten uns aber, daß er sein Wort doch nicht halten werde, und weil durch eine solche Forderung unsre Verhandlung mit ihm sehr in die Länge gezogen worden wäre, verzichteten wir lieber darauf, sie zu stellen. Als wir ihm die Fesseln abgenommen hatten, that er einige Schritte, um sich zu entfernen, drehte sich aber wieder um und richtete die Worte an mich. „Die Bleichgesichter haben Frieden mit uns geschlossen; ich frage sie, wie lange er währen soll.“

„So lange du willst,“ antwortete ich ihm; „es steht das ganz in euerm eigenen Belieben.“

„Warum spricht Old Shatterhand nicht deutlicher? Warum sagt er nicht eine bestimmte Zeit?“

„Weil ich das nicht kann. Wir sind den roten Männern nicht feindlich gesinnt und möchten gern stets und immer Freundschaft mit ihnen halten; wir wissen aber, daß sie nicht ebenso denken wie wir und müssen es also auf sie ankommen lassen. So lange sie uns den Frieden halten, wird bei uns das Beil des Krieges auch vergraben bleiben.“

„Uff! Wie lange werden die weißen Männer in dieser Gegend verweilen?“

„Wir werden sofort aufbrechen.“

„Wohin?“

„Frag den Wind, wohin er geht! Er weht bald hierhin, bald dorthin. So ist’s auch mit dem Jäger des Westens, der nie heut sagen kann, wo er sich morgen befinden wird.“

„Old Shatterhand weicht meiner Frage aus!“

„Meine Antwort ist so wie die deinige, wenn ich dich fragen würde.“

„Nein, denn ich würde dir die Wahrheit sagen.“

„Das wollen wir doch einmal versuchen. Wie lange bleiben die roten Krieger hier am blauen Wasser?“

„Noch einige Tage. Wir sind hierher gekommen, um zu fischen, und werden gehen, wenn wir dies gethan haben.“

„Wohin werdet ihr dann reiten?“

„Nach Hause zu unsern Frauen und Kindern.“

„Behauptest du, daß dies die Wahrheit sei?“

„Ja.“

„So sei klug, und thue nach deinen Worten! Jede Lüge gleicht einer Nußschale, deren Kern in der Bestrafung besteht. Du hast gesagt, daß du Old Shatterhand nicht fürchtest; du brauchst ihn auch nicht zu fürchten, außer dann, wenn du ihn zwingst, Abrechnung mit dir zu halten. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Er machte eine stolz abwehrende Handbewegung und ging; seine Leute folgten ihm. Meine Begleiter wollten sich über sein Verhalten und seine Worte aussprechen; ich aber schnitt ihnen die Rede kurz ab:

„Mesch’schurs, schweigen wir jetzt darüber; wir können uns später besprechen; jetzt müssen wir fort.“

„Ist das so eilig, Sir?“ fragte Parker.

„Ja.“

„Das denke ich nicht. Wir haben den Roten eine tüchtige Lehre gegeben, und sie werden sich hüten, uns Gelegenheit zu einer zweiten zu geben.“

„Das klingt sehr zuversichtlich, Mr. Parker. Bedenkt aber wohl, daß wir nur zwölf Personen sind und über hundertfünfzig Rote gegen uns haben!“

„Das ist richtig, aber – – Old Shatterhand, Old Surehand, Old Wabble; ich will Euch nur diese Namen nennen und von uns andern gar nicht reden. Die Comantschen werden sich hüten, uns zu belästigen.“

„Ich bin im Gegenteile überzeugt, daß sie nach Rache dürsten. Sie mögen unsre Namen fürchten; aber sie wissen ebensogut wie wir, daß im Falle eines Angriffes zwölf von ihnen auf einen von uns kommen. Sie hatten in Old Surehand einen vorzüglichen Fang gemacht, den wir ihnen wieder abgenommen haben; sie werden wütend darüber sein und danach trachten, nicht nur ihn, sondern auch uns in ihren Besitz zu bekommen. Wenn sie uns hier in der offenen Savanne überfallen, so haben wir keine Deckung; wir würden uns zwar wehren und eine große Zahl von ihnen niederstrecken, endlich aber doch unterliegen. Nein, wir müssen fort.“

„Das kann uns auch nichts nützen, denn wenn sie wirklich die Absicht haben, uns zu erwischen, so werden sie uns folgen, wenn wir fortreiten.“

„Da können wir uns zu ihrem Empfange eine geeignetere Örtlichkeit wählen, als diese hier ist. Sie werden uns allerdings folgen, schon um zu erfahren, wohin wir reiten, aber allzuweit können sie sich nicht entfernen, weil sie nach dem Llano wollen.“

Old Surehand und Old Wabble gaben mir recht; Jos Hawley hatte mich zu sehr in sein Herz geschlossen, als daß er es geäußert hätte, wenn er andrer Meinung gewesen wäre, und die andern, nun diese andern waren ganz und gar nicht zornig darüber, daß wir aus der gefährlichen Nähe der Comantschen fortwollten; sie erklärten sich vielmehr so rasch damit einverstanden, daß sich meine über sie gehegte Ansicht nur befestigte. Sie waren ganz gewöhnliche Leute, die mir nur in ihrer Gesamtheit von Nutzen sein konnten.

Wenn sie bei mir blieben, standen mir einige Gewehre mehr zur Verfügung; ich hatte aber ebenso viele Menschen mehr zu versorgen und war in meinen Bewegungen und Handlungen nicht frei. Einzeln konnte ich sie nicht verwenden; dazu waren sie zu unselbstständig und unerfahren. Wie die Angelegenheit jetzt stand, wäre es mir lieber gewesen, sie nicht bei mir zu haben. Dazu kam der Umstand, daß die Oase in dem Llano ein Geheimnis sein sollte; die Weißen, die es bis jetzt kannten, hatten es nicht verraten; war es klug, meine jetzigen Begleiter in dasselbe einzuweihen? Ich traute ihnen keine Verschwiegenheit zu. Durfte ich sie aber von mir weisen? Nein; das hätte sie gekränkt. Ich mußte versuchen, sie selbst auf den Gedanken zu bringen, sich von mir zu trennen, und dies schien, da sie keinen hervorragenden Mut und Unternehmungsgeist besaßen, gar nicht schwer zu sein.

Wir ritten also fort, mit Fleischvorrat reichlich versehen. Ich hielt mich mit Old Surehand an der Spitze, und niemand fragte mich, wohin ich mich wenden wollte. Natürlich nahm ich die Richtung nach der Furt und trieb, als wir dort angekommen waren, mein Pferd in das Wasser; die andern folgten mir. Am jenseitigen Ufer stieg ich ab, band mein Pferd an einen Baum und setzte mich nieder. Old Surehand und Old Wabble thaten sofort nach meinem Beispiele. Parker aber blieb ebenso wie die andern im Sattel sitzen und fragte:

„Ihr steigt ab, Sir? Das sieht genau so aus, als ob Ihr längere Zeit hier bleiben wolltet?“

Ich brauchte nicht zu antworten, denn Old Wabble übernahm an meiner Stelle die Erklärung:

„Allerdings bleiben wir hier, Mr. Parker. Wundert Ihr Euch etwa darüber?“

„Natürlich!“

„So könnt Ihr wohl nicht begreifen, warum wir wieder nach Westen geritten sind anstatt nach Osten, wohin wir eigentlich wollen?“

„Welch eine Frage! Ihr scheint mich für sehr dumm zu halten. Die Roten dürfen nicht wissen, daß wir ostwärts wollen, weil wir ihren Kriegsplan kennen; darum müssen wir zunächst nach der entgegengesetzten Richtung, um sie zu täuschen. Aber warum wir schon hier halten bleiben und uns sogar ganz gemächlich niedersetzen sollen, das ist mir ein Rätsel.“

„Es ist Euch jedenfalls schon manches ein Rätsel gewesen und wird es Euch auch später sein! Erst wolltet Ihr nicht vom blauen Wasser fort, obgleich wir dort der größten Gefahr ausgesetzt waren, und nun wir uns hier hinter dem Flusse und den Büschen in der schönsten Sicherheit befinden, bleibt Ihr im Sattel kleben wie eine Fliege im Leime!“

„So wollt Ihr auf die Roten warten?“

Yes,“

„Aber das ist doch gar nicht nötig! Wenn sie kommen, müssen wir uns wehren, und wenn wir weiter reiten, entgehen wir aller Feindseligkeit; da ist es doch entschieden besser, das letztere zu thun!“

„Damit sie unsern Spuren folgen und uns dann abends oder in der Nacht, wenn wir sie nicht sehen können, überfallen! Was Ihr doch für ein ungeheurer Pfiffikus seid! Steigt nur ab!“

Parker folgte dieser Aufforderung, ließ aber dabei ein unwilliges Brummen hören. Old Wabble ärgerte sich darüber und fuhr ihn zornig an:

„Was habt Ihr da zu brummen, Sir! Reitet getrost fort, wenn es Euch hier nicht gefällt; es wird sich niemand Mühe geben, Euch zurückzuhalten; darauf könnt Ihr Euch verlassen!“

„Habe ich etwa verlangt, daß sich jemand diese Mühe geben soll, Mr. Cutter?“

„So brummt auch nicht! Wißt Ihr, was dieses Brummen ist? Eine Beleidigung für Mr. Shatterhand, nach dessen Beispiel wir uns hier gerichtet haben! Durch dieses Brummen zeigt Ihr an, daß Ihr nicht einverstanden mit ihm seid, und Ihr wißt ja, was ich Euch gesagt habe: Wer ihn für dumm hält, den lassen wir einfach sitzen!“

„Oho! So war es ja gar nicht gemeint!“

„Jawohl war es so gemeint! Weil ihr damals Euren ersten Elk aufs Blatt getroffen habt, bildet Ihr Euch ein, daß Eure Ansichten auch stets aufs Blatt treffen. Da befindet Ihr Euch aber gewaltig im Irrtum. Da nehmt mich dagegen an! Ich bin über neunzig Jahre alt und habe Dinge erlebt und mitgemacht, die andre nie im Traume zu sehen bekommen; aber ich werde doch nicht wagen, gegen Old Shatterhand zu murren, obgleich er der reine Jüngling gegen mich ist. Wenn er so etwas thut, was ich nicht begreife, so brumme ich nicht, sondern ich frage ihn. Brummen thun überhaupt nur die Bären und die Ochsen; th’is clear.“

„Soll das etwa mir gelten, Mr. Cutter?“

„Seid Ihr ein Bär oder ein Ochse?“

„Wahrscheinlich nicht. Will es Euch auch nicht raten, mich für so eine Kreatur zu halten! Und was Eure Methode betrifft, Mr. Shatterhand zu fragen, anstatt zu brummen, so wird ihm an unnützen Fragen wohl auch nicht viel gelegen sein.“

„Old Wabble fragt nicht unnütz, das mögt Ihr Euch merken. Wenn ich eine Frage ausspreche, so betrifft sie stets einen Gegenstand, an welchem auch jeder andre Interesse haben und sich belehren kann. Das kann ich Euch gleich jetzt beweisen. Paßt einmal auf!“

Und sich an mich wendend fuhr er fort:

„Ja war mir z.B. gestern abend etwas unklar, Sir. Darf ich Euch um Auskunft bitten?“

„Gewiß.“

„Als Ihr das Feuer, an welchem der Häuptling saß, beschlichen hattet und aus dem Wasser zurückkamt, brachtet Ihr etwas mit. Ihr nahmt es mit nach unserm Lagerplatze und habt es da in die Büsche versteckt. Was war das?“

„Das Schilf, welches ich mir über den Kopf gesteckt hatte.“

„O, habe es mir gedacht! Warum warft Ihr es nicht schon vorher weg?“

„Damit die Roten es nicht finden sollten.“

„So, hm! Gab es einen Grund dazu?“

„Natürlich. Man pflegt doch nichts ohne Grund zu thun.“

„Ja, Ihr. Aber ich habe Leute gekannt, die zu allem, was sie thaten, keine Gründe sagen konnten. Solche Menschen soll es auch jetzt noch geben. Was hätte es denn geschadet, wenn das Schilf von den Roten gefunden worden wäre?“

„Sie hätten gemerkt, daß sie belauscht worden sind.“

„O? Wegen dieses kleinen Schilfbusches?“

„Ja. Wer hatte ihn abgeschnitten? Keiner von ihnen. Wo war er abgeschnitten worden? Sie hätten gesucht und die Stelle gewiß gefunden. Von da führte meine Doppelspur nach dem Gebüsche, in welchem ich mit Euch steckte; auch diesen Ort hätten sie entdeckt.“

„Aber zu spät, denn wir waren fort!“

„Hätten aber wahrscheinlich Mr. Surehand noch nicht frei. Wenn das Schilf gefunden wurde, ehe ich auf die Insel kam, so wäre es unmöglich gewesen, ihn von dort wegzuholen, denn man hätte das ganze Lager alarmiert.“

„Richtig! Das kann ich mir denken. Also das war der Grund!“

„Nicht das allein; ich habe dabei nicht nur an Mr. Surehand, sondern an die Zukunft gedacht.“

„Wieso?“

„Ihr wißt, daß ich den Häuptling belauscht und was ich da erfahren habe. Was ich hörte, ist von großer Wichtigkeit für uns. Der ganze große Vorteil, den ich daraus zu ziehen beabsichtige, würde aber total verloren gehen, wenn die Roten wüßten, daß ich gehorcht habe.“

„Ihr meint, daß sie dieses aus dem Schilfbusche zu schließen vermögen?“

„Mit Leichtigkeit.“

„Oho! Ich bin ein alter, weißhaariger und erfahrener Kerl, aber wenn ich einer dieser Comantschen wäre und den Busch gefunden hätte, so hätte ich höchstens gedacht, daß ein Fremder dagewesen sei und das Lager beobachtet habe. Ob ein Gespräch von ihm belauscht worden sei, das wüßte ich sehr wahrscheinlich nicht.“

„Gebt Euch doch nicht weniger scharfsinnig, als Ihr seid, Mr. Cutter! Ihr hättet doch gewiß darüber nachgedacht.“

„Natürlich hätte ich das; aber auf welchen Gedanken wäre ich wohl gekommen?“

„Auf den richtigen; ich bin überzeugt davon. Und hättet Ihr gestern abend das Rechte nicht getroffen, so doch heut am hellen Tage, wo man alles deutlich sehen kann, wenn der Verdacht einmal rege geworden ist. Denkt Euch an die Stelle des Indianers. Was mußte er sich fragen?“

„Zunächst, wer der Fremde gewesen ist.“

„Das wissen sie jetzt. Sie wissen genau, daß wir ihr Lager entdeckt und beobachtet haben. Aber haben wir auch gelauscht und etwas erfahren, was gesprochen worden ist? Diese Frage ist die wichtigste für sie. Da finden sie den Busch und den Ort, wo ich ihn abgeschnitten habe; sie sehen, daß ich da in das Wasser gegangen bin. Warum bin ich in das Wasser gestiegen, und wozu habe ich den Busch gebraucht? Um mich zu maskieren. Das sagen sie sich sofort, denn die Anwendung dieser Art von Maskerade ist ihnen nicht nur bekannt, sondern sie sind sogar Meister darin. Mit Schilf maskiere ich mich aber nur dann, wenn ich beabsichtige, mich im Schilfe zu verstecken. Ich habe mich also im Schilfe des Ufers befunden. Wo? Natürlich in der Nähe des Feuers, welches dem Ufer am nächsten gewesen ist – – also dasjenige, an welchem der Häuptling gesessen hat. Sie suchen; das Wasser ist durchsichtig, und so sehen sie die Stelle, wo ich mich gestern tief in den Schlamm eingegraben hatte. Von dieser Stelle war alles, was an dem Feuer gesprochen wurde, leicht zu hören; daraus folgt, daß ich es gehört haben muß. Nun weiter: Zu welcher Zeit bin ich dagewesen; was wurde da gesprochen, und was habe ich also gehört?“

„Das können sie doch unmöglich erfahren!“

„Schwer ist es, aber unmöglich nicht. Ich bin von dieser Stelle aus um den See gegangen, über denselben nach der Insel und von dieser mit Old Surehand wieder zurückgeschwommen. Wieviel Zeit habe ich ungefähr dazu gebraucht? Ihr seht, es ist gar nicht so unmöglich, zu berechnen, wann ich dagewesen bin. Was da gesprochen worden ist, darauf kann sich der Häuptling sehr wahrscheinlich besinnen. Der betreffende Zeitpunkt kann auch noch anders berechnet oder vielmehr erraten werden. Der Schein des Feuers erleuchtete die Stelle, an der ich lag; ich kann also nur an Augenblicken, an denen die Aufmerksamkeit von dort abgelenkt war, hingekommen und mich wieder entfernt haben. Welche Augenblicke waren das? Bei ein wenig Nachdenken läßt sich auch diese Frage unschwer beantworten. Es hat drei solche Augenblicke oder Gelegenheiten gegeben, nämlich als die beiden Comantschen, die wir freiließen, in dem Lager ankamen, als das Verhör mit ihnen beendet war, und als zum Essen gerufen wurde. Und grad zu und zwischen diesen Zeitpunkten hatte man sehr wichtige Gegenstände im Gespräch. Falls ich das letztere belauscht habe, muß ich über die Absichten der Comantschen gut unterrichtet sein. So und noch vieles andere hätten sie sich sagen müssen, wenn der Schilfbusch von ihnen gefunden worden wäre. Wißt Ihr nun, warum ich ihn mitgenommen und weit davon versteckt habe?“

Well, ich weiß es jetzt, Sir. Ihr seid das, was Mr. Parker vorhin nicht gewesen ist, nämlich ein großer Pfiffikus. Ich möchte nicht zu Leuten gehören, mit denen Ihr in Feindschaft steht und die sich also vor Euch in acht zu nehmen haben. Ihr macht ja alles möglich und legt Euch alles, was Ihr thut, so sorgfältig und umsichtig zurecht, daß gar kein Mißlingen möglich ist und der Feind gar nicht begreifen kann, wie er so in die Tinte geraten konnte!“

„Dieses Lob muß ich zurückweisen, Mr. Cutter. Ich habe auch manchen großen Fehler begangen und oft selbst so tief in dem gesteckt, was Ihr Tinte zu nennen beliebt, daß es ein wahres Wunder war, herauszukommen.“

„Aber heraus seid Ihr doch, sonst säßet Ihr nicht hier; th’is clear. Wollen hoffen, daß wir jetzt nicht auch einem solchen verteufelten Tintenfasse entgegenreiten!“

„Welches Faß meint Ihr wohl mit diesem tiefschwarzen Vergleiche, Mr. Cutter?“

„Hm, der Vergleich war dumm, denn dieses Tintenfaß ist eigentlich kein Tintenfaß, sondern eine Streusandbüchse, nämlich der Llano estacado.“

„Fürchtet Ihr Euch vor ihm?“

„Fürchten? Hoffentlich ist es Euch mit diesem Worte nicht ernst, Mr. Shatterhand. Möchte wissen, wovor Old Wabble sich fürchten könnte! Höchstens vor sich selber! Aber Ihr werdet zugeben, daß zwischen einem Kanapee und einem Backofen ein großer Unterschied vorhanden ist.“

„Ich bin so geistreich, dies einzusehen.“

„Wer Gelegenheit hat, es sich in einem hübschen, kühlen Zimmer auf dem Kanapee bequem zu machen, dem fällt es doch nicht ein, in einen Backofen zu kriechen, um sich wie eine Pflaume ausdörren und abbacken zu lassen. Grad so ist das Verhältnis zwischen dem grünen Walde oder der grasigen Savanne und dem öden, glühenden Estacado. Wer im Walde oder auf der Prairie bleiben kann, der soll es sich ja nicht in den Sinn kommen lassen, die Staked Plains aufzusuchen; er wäre ein Thor, wie man sich größer keinen denken kann.“

„Schön! Aber so ein Thor wollt Ihr doch jetzt wohl sein?“

„Würde mir nicht einfallen, wenn Ihr nicht dabei wäret, Mr. Shatterhand. Wer von euch ist schon in dem Llano estacado gewesen?“

Er richtete diese Frage an seine Gefährten, und als sich herausstellte, daß keiner von ihnen die Plains durchquert hatte, lieferte er eine solche Schilderung der Wüste und erzählte so viele Unglücksfälle, daß es ihnen zu grauen begann. Ich ließ ihn gewähren, weil er mir dadurch, allerdings unbewußt, in die Hände arbeitete.

Wir hatten uns nicht direkt am Wasser gelagert, sondern hinter den Büschen, welche am Ufer standen, und ich saß so, daß ich zwischen zwei Sträuchern hindurchsehen und die Breite des Flusses, also die ganze Furt, überblicken konnte. Old Surehand saß neben mir und hatte dieselbe

Aussicht. Eben erzählte Old Wabble von einem Raubanfalle, der im Llano ausgeführt worden war, und weil eine Person dabei vorkam, die ich gekannt hatte, schenkte ich dem Alten mehr Aufmerksamkeit als dem Flusse, da stieß Old Surehand mich an, deutete durch die Büsche und sagte:

„Schaut dorthin, Sir; sie kommen!“

Old Wabble hielt in seiner Erzählung inne, und wir lugten durch das Gesträuch. Am jenseitigen Ufer erschien eine berittene Comantschenschar, die wohl aus dreißig Kriegern bestand, deren Gesichter mit den Kriegsfarben bemalt waren. Einer, wohl der Anführer, stieg ab und betrachtete den Boden, jedenfalls um zu sehen, ob wir in die Furt gegangen oder seitwärts abgeritten seien. Er sah, daß das erstere der Fall war, stieg wieder auf und ritt in das Wasser; seine Leute folgten ihm nach Indianerart, einer hinter dem andern.

„Wie unvorsichtig diese Kerls sind!“ meinte Old Wabble.

„Warum unvorsichtig?“ fragte Parker.

„Weil sie gleich alle in den Fluß gehen und nicht erst einen herüberschicken, um sich zu vergewissern, daß wir fort sind. Nun kommen sie uns alle vor die Gewehre. Meine Kugeln stehen ihnen zu Diensten.“

Er nahm sein Gewehr schußbereit; ich aber sagte:

„Es wird nicht geschossen, Sir. Ich habe sie hier erwartet, nicht um sie zu töten, sondern um sie von unsrer Verfolgung abzubringen. Wenn sie umkehren und von uns lassen, ist es für uns ebensogut und noch besser, als wenn wir sie erschießen. Sobald der erste von ihnen nahe genug ist, zeigen wir uns ihnen; ihr legt die Gewehre auf sie an, während ich mit ihnen rede, schießt aber erst in dem Falle, daß ich meinen Stutzen sprechen lasse.“

„Wie Ihr wollt,“ brummte Old Wabble; „aber besser wäre es, wenn diese roten Hunde ausgelöscht würden, wie man ein Dutzend Kerzen ausbläst.“

Er war kein Indianerfreund, und also mit meinem humanen Verhalten nicht einverstanden. ich wartete, bis der Anführer uns auf zehn Pferdelängen nahe gekommen war; dann standen wir auf und traten hinter dem Gebüsch hervor. Alle unsre Gewehre richteten sich auf ihn und seine Leute. Sie sahen uns sofort.

„Uff, uff, uff, uff!“ ertönten die Ausrufungen der Verwunderung, des Schreckens.

„Halt!“ rief ich ihnen zu. „Wer einen Schritt weiter reitet oder seine Waffe erhebt, der wird erschossen!“

Sie hielten an; sie konnten das thun, weil ihre Pferde nicht schwammen, sondern festen Grund hatten.

„Uff!“ rief der Anführer. „Old Shatterhand ist noch hier! Warum hat er sich versteckt und ist nicht weitergeritten, wie wir dachten?“

„Ah, habt ihr das gedacht?“ fragte ich. „So habt ihr geglaubt, daß ich kein Hirn besitze und mir nicht denken könne, daß ihr uns folgen werdet!“

„Wir wollen Old Shatterhand nicht folgen.“

„Wem denn?“

„Niemandem.“

„Wohin reitet ihr?“

„Auf die Jagd.“

„Ich denke, ihr seid hier, nur um zu fischen!“

„Die meisten fischen; die übrigen jagen; wir wollen Fleisch machen, um es in unsre Wigwams zu bringen.“

„Warum wollt ihr auf dieser Seite des Flusses und nicht drüben jagen?“

„Weil wir glauben, hier mehr Wild zu finden.“

„Ja, dieses Wild sind wir.“

„Nein, dieses Wild sind die Büffel und Antilopen der Prairie und der Wasserthäler.“

„Seit wann ist es bei den roten Kriegern Sitte, sich die Gesichter mit Farben zu bemalen, wenn sie nur beabsichtigen, auf die Jagd zu gehen?“

„Seit – – seit – – seit – – –“ er fand keine passende Antwort und rief mir darum zornig zu:

„Seit wann ist es bei den Kriegern der Comantschen Sitte, jedem Bleichgesichte Rechenschaft darüber zu geben, was sie thun oder nicht thun wollen?“

„Seit Old Shatterhand diese Rechenschaft verlangt! Ich habe Vupa Umugi, euerm Häuptlinge, gesagt, daß ich ein Freund der roten Männer bin, aber keine Gnade walten lasse, wenn ich angegriffen werde.“

„Wir wollen Euch nicht angreifen!“

„So kehrt sofort um!“

„Das thun wir nicht, sondern wir reiten an Euch vorüber auf die Jagd!“

„Versucht es! Es wird keiner von euch vorüber kommen, sondern der Fluß wird alle eure Leichen abwärts treiben und an das Ufer werfen.“

„Uff! Wer hat hier zu gebieten, Old Shatterhand oder die Krieger der Comantschen?“

„Old Shatterhand. Ihr seht alle unsre Gewehre auf euch gerichtet; ich darf nur wollen, so gehen sie alle los, und auch meine Zauberbüchse wird zu euch reden. Ich gebe euch die Zeit, welche wir Weißen fünf Minuten nennen; wenn ihr dann eure Pferde nicht zur Rückkehr gewendet habt, wird keiner von euch überhaupt zurückkehren können. Ich habe gesprochen!“

Ich nahm den Stutzen zur Hand, und wenn ich ihn auch nicht anlegte, was auf die Dauer von fünf Minuten ermüdet hätte, so hielt ich ihn doch so, daß seine Mündung gerade auf den Anführer gerichtet war. Er drehte sich im Sattel um und sprach einige leise Worte mit den hinter ihm im Wasser Haltenden; dann wendete er sich mir wieder zu und fragte:

„Wie lange wird Old Shatterhand hier am Flusse bleiben?“

„So lange, bis ich weiß, daß die Söhne der Comantschen nichts Böses gegen uns vorhaben.“

„Das kann er jetzt schon wissen!“

„Nein. Wir werden uns voneinander trennen und dieses Ufer weit hinauf und weit hinab besetzen; so sehen wir jeden Comantschen, der etwa herüber will. Ein Schuß genügt, um uns in kürzester Zeit zu vereinigen und euch zurückzutreiben. Wenn wir dann morgen abend überzeugt sind, daß eure Krieger nicht versucht haben, an dieses Ufer zu gelangen, werden wir überzeugt sein, daß ihr den Frieden wollt, und dann diese Gegend verlassen, in die wir nur gekommen sind, Old Surehand zu befreien.“

„Uff! Bis morgen abend; das ist lange!“

„Für uns nicht; wir haben Zeit.“

„Ihr werdet dann wirklich gehen?“

„Ihr werdet uns dann nicht mehr sehen; ich habe es gesagt, und ich halte mein Wort.“

„Und Ihr seid nur nach dem Saskuan-kui gekommen, um Old Surehand zu befreien?“

„Ja.“

„Aus keinem andern Grunde?“

„Nein; ich sage es.“

Diese Versicherung konnte ich geben, ohne mich einer Lüge schuldig zu machen. Ich hatte geradewegs nach dem Llano estacado gewollt, und dieser Weg hätte mich nicht nach dem blauen Wasser geführt.

Er wechselte wieder einige Worte mit seinen Hintermännern und machte dann noch einen Versuch mit mir:

„Old Shatterhand droht, weil er uns nicht glaubt; wenn wir dennoch vorwärts reiten, wird er doch nicht schießen!“

„Ich werde schießen, und ich gebe dir mein Wort, du wirst der erste sein, der meine Kugel in den Kopf bekommt. Wenn du trotz dieser Versicherung es versuchen willst, so habe ich nichts dagegen. Übrigens haben wir nicht länger zu warten, denn die fünf Minuten sind bereits abgelaufen.“

„Uff! So reiten wir zurück; aber wehe Old Shatterhand und seinen Bleichgesichtern, wenn sie in der Zeit bis morgen abend es wagen sollten, nach dem blauen Wasser zu schleichen. Auch wir werden unser Ufer besetzen und jeden von euch töten, der sich an demselben sehen läßt. Auch ich habe gesprochen. Howgh!“

Sie kehrten um und verschwanden einer nach dem andern jenseits der Furt hinter dem Gesträuch. Ich wendete mich zu Old Wabble:

„Nun, Mr. Cutter, was sagt Ihr jetzt? Ist das nicht ein prächtiger Erfolg?“

„Erfolg? Sogar prächtig? Ich glaube überhaupt an keinen Erfolg.“

„Sie sind doch fort!“

„Werden aber wiederkommen!“

„Fällt ihnen nicht ein!“

„Sie kommen wieder, sage ich Euch. Sie werden an einer andern Stelle herüberschwimmen.“

„Um sich von uns erschießen zu lassen?“

„Wollt Ihr das wirklich thun, was Ihr gesagt habt, nämlich das Ufer auf- und abwärts besetzen?“

„Nein; das war nur eine Drohung.“

„So werden sie also herüberkommen und uns folgen!“

„Ich sage Euch, daß sie drüben bleiben werden, weil sie meine Drohung für wahr halten.“

„Da wären sie dumm!“

„Dumm oder nicht; sie werden bleiben; das könnt Ihr ja ihrer Drohung entnehmen.“

„Welcher Drohung?“

„Daß auch sie ihr Ufer besetzen werden. Übrigens nehmen sie jetzt als gewiß an, daß wir nur wegen Mr. Surehand gekommen sind und also nichts weiteres gegen sie im Schilde führen. Wir sind sicher vor ihnen.“

„Aber wenn sie ihr Ufer besetzen, werden sie merken, daß das unsrige unbesetzt ist, und dann kommen sie unbedingt herüber; th’is clear!“

„Ja, sie werden es bemerken, aber nicht so schnell, wie Ihr denkt. Sie sind zur größten Vorsicht gezwungen. Herüberschwimmen können sie nicht, um sich zu überzeugen; das wäre höchst gefährlich für sie. Herübersehen? Das ist zu weit und würde auch nichts nützen, weil unsre Posten, wenn wir hier blieben, doch nicht offen zur Schau ständen, sondern so klug wären, sich zu verstecken. Dann kommt noch ein dritter Fall in Betracht. Könnt Ihr Euch den denken?“

„Ich? Hm, nein. Aber ich möchte gern wissen, ob Mr. Surehand sich diesen unbekannten Fall denken kann.“

Die Absicht des Alten bei diesen Worten war natürlich, den Scharfsinn Old Surehands auf die Probe zu Stellen, und ich nahm an, daß dieser sich nicht darauf einlassen werde; aber der riesige Jäger klopfte ihm auf die Achsel und sagte mit einem vergnügten Lächeln:

„Wollt Ihr ein Examen mit mir anstellen, alter Wabble? Das macht mir Spaß!“

„Freut mich sehr, daß es Euch nicht beleidigt, sondern im Gegenteile ergötzt. Wenn man Mr. Shatterhand so reden hört, sollte man meinen, daß er allwissend sei; ist es da ein Wunder, wenn man gern erfahren möchte, ob Old Surehand auch etwas weiß?“

„Den Gefallen kann ich Euch wohl thun, Mr. Cutter. Ich weiß auch etwas.“

„Was?“

„Der dritte Fall, den Mr. Shatterhand meint, ist folgender: Die Roten wollen sich überzeugen, ob wir dieses Ufer wirklich besetzt halten. Sehen können sie es nicht; grad herüber dürfen sie auf der Strecke nicht, auf welcher wir uns wahrscheinlich ausbreiten; also gehen sie über diese Strecke hinaus, schwimmen dort über den Fluß und schleichen sich hüben am Ufer hin, um unsre Posten zu entdecken.“

„Und wenn sie keine finden, Sir?“

„So wissen sie allerdings, daß wir fort sind und sie nur geäfft haben.“

„Dann tritt aber doch das ein, was ich meine: Sie werden uns nachreiten und des Nachts überfallen!“

„Das müssen wir allerdings gewärtig sein,“ gab Old Surehand dem Alten zu.

Er hatte bewiesen, daß er Scharfsinn besaß und mich verstand und erriet; seinen letzten Worten aber konnte ich meinen Beifall nicht geben; ich widersprach also:

„Nein, das müssen wir nicht gewärtig sein, Mr. Surehand. Es ist vollständig unmöglich, daß die Roten uns bis zum Abende einholen.“

„So? Wenn Ihr es denkt und sagt, wird es wohl richtig sein.“

„Es ist richtig. Wir müssen die Zeit berechnen. Wir haben nach dem Stande der Sonne jetzt genau neun Uhr vormittags. Es vergeht eine Stunde, bis die Comantschen, welche hier waren, das Saskuan-kui erreichen. Sie haben zu berichten, zu erzählen, Vorwürfe anzuhören; dann wird Beratung gehalten, und eine solche Beratung wird nicht in kurzer Zeit beendet.“

„Ja, Sir; jetzt verstehe ich Euch. Sagen wir: Zur Berichterstattung und Beratung sind zwei Stunden nötig.“

„Gut; dann ist es zwölf Uhr. Sie kommen her – ist ein Uhr. Sie besetzen den Fluß aufwärts und abwärts – wieder eine Stunde, also zwei Uhr. Dann gehen Späher ab, um hoch oben oder tief unten den Fluß zu überschwimmen. Wie lange brauchen sie, um hüben zu sein? Doch wenigstens wieder eine Stunde – – drei Uhr. Sie schleichen sich diesseits am Ufer entlang, was sie außerordentlich vorsichtig, also sehr langsam, thun müssen. Wie lange wird es wohl währen, bis das ganze Ufer vergeblich nach uns abgesucht worden ist?“

„Gewiß drei Stunden.“

„Sagen wir nur zwei; dann ist es schon fünf Uhr. Nun wieder Beratung; es werden Leute ausgesucht, die unsrer Fährte zu folgen haben. Auch dieses kann nur sehr vorsichtig und unter großem Zeitverluste geschehen, denn die Roten haben mit der Möglichkeit zu rechnen, daß wir diese Gegend gar nicht verlassen, sondern einen Bogen geschlagen haben, um sie zu täuschen und von einer andern Seite heimlich zurückzukehren. Ich schätze, daß wenigstens wieder eine Stunde vergeht, ehe die Comantschen sich überzeugt haben, daß wir wirklich fort sind. Es ist also, wenn die eigentliche Verfolgung beginnt, schon sechs Uhr geworden; das ergiebt, wenn wir jetzt gleich fortreiten, einen Vorsprung von wenigstens neun Stunden. Ist es da möglich, daß wir eingeholt werden?“

Pshaw! Auf keinen Fall!“

„Sie bekommen höchstens die Spuren zu sehen, die wir binnen jetzt und zwei Stunden machen; morgen erkennen sie dann gar nichts mehr und können nicht wissen, wohin wir sind. Wenn wir jetzt also zwei Stunden weit westlich reiten und sie folgen uns, werden sie annehmen, wir seien dahin zurückgekehrt, woher wir gekommen sind. Diese ihre Meinung bekommt einen weitern Anhalt dadurch, daß sie glauben, wir seien nur zu Eurer Befreiung hierher gekommen; wir haben diesen Zweck erreicht und sind wieder fort; damit werden und müssen sie sich beruhigen. Meint Ihr nicht, Mr. Surehand?“

„Eure Berechnung ist allerdings sehr richtig,“ nickte er zustimmend, fügte aber doch nachdenklich hinzu: „wenn sie nicht dadurch auf den richtigen Gedanken geführt werden, daß sie das Ufer unbesetzt gefunden haben.“

„Auf welchen Gedanken?“

„Daß wir ihnen doch ein Schnippchen geschlagen haben.“

„Auf diesen Gedanken werden sie allerdings kommen; aber sie werden nicht das richtige, sondern ein falsches Schnippchen erraten. Sie werden nämlich nicht denken, daß wir wieder zurück sind, sondern überzeugt sein, daß wir den Fluß nur deshalb so schnell verlassen haben, um, während sie hier unnütz nach uns suchten, einen tüchtigen Vorsprung zu bekommen und ihrer Verfolgung zu entgehen. Ja, wenn sie ahnten, daß wir wissen, wohin sie wollen!“

„Das ahnen sie nicht. Ihr habt recht. Wenn wir jetzt aufbrechen, können wir schon nach zwei Stunden wieder umbiegen; sie werden das nicht bemerken.“

„Ich bin übrigens der Überzeugung, daß sie sich jetzt noch drüben an der Furt befinden. Wir dürfen also unsre Pferde leider nicht trinken lassen. Sie würden das sehen und daraus schließen, daß wir fort wollen. Die Tiere werden aber trotzdem bald Wasser haben, denn ich schlage nicht den Weg ein, den wir gekommen sind, sondern wir suchen das Flüßchen auf, an welchem die zwei Comantschen abwärts ritten. Warten wir nicht länger; es ist Zeit.“

Wir brachen auf und ritten den Fluß abwärts, wobei wir so viel Gebüsch wie möglich zwischen ihm und uns liegen ließen, um von etwaigen jenseitigen Spähern nicht gesehen zu werden. Als wir nach ungefähr einer Stunde die Mündung des erwähnten Flüßchens erreichten, bogen wir in das Thal desselben ein, um, nachdem wir unsre Pferde hatten trinken lassen, am Wasser aufwärts zu reiten. Unsre Richtung war also westlich, während wir nach Osten wollten.

Während dieses Rittes fand ich keine Zeit, mich mit Old Surehand allein zu unterhalten; ich wurde von andern Personen in Anspruch genommen. Die Erzählungen Old Wabbles über die Schrecken des Llano estacado hatten nämlich auf seine Zuhörer tiefen Eindruck gemacht. Kaum hatten wir die Furt verlassen, so mußte er weiter schildern. Ich machte meine Bemerkungen dazu und wurde infolgedessen gebeten, auch zu erzählen, was ich mit großem Vergnügen that. Zu meiner heimlichen Genugthuung bemerkte ich bald, daß der beabsichtigte Erfolg nicht ausblieb; die Leute wurden nachdenklich und immer nachdenklicher. So, wie ich ihn schilderte und der alte Wabble ihn vorher beschrieben hatte, hatten sie sich den Estacado doch nicht vorgestellt, und es kam ihnen höchst gefährlich vor, eine solche Gegend aufzusuchen. Das sagten sie freilich nicht, aber ich sah es ihnen an; sie warfen einander Blicke zu, die mir ihre Gedanken verrieten.

Wenn ich diese Leute los sein wollte, mußte es bald geschehen. Der beste Zeitpunkt, uns von ihnen zu trennen, war der, wenn wir nach den abgelaufenen zwei Stunden aus unsrer jetzigen Richtung abbogen. Ich fuhr also in meinen Erzählungen, die nicht etwa Übertreibungen waren, so lange fort, bis diese Zeit fast verflossen war; dann zog ich mich zurück, um ihnen Gelegenheit zu geben, ihre Meinungen ohne Zeugen auszutauschen. Diese Diplomatie führte zum gewünschten Ziele. Sie hielten sich zusammen und sprachen heimlich miteinander. Ich sah, daß einer dem andern zusprach und aufmunterte, wozu, das konnte ich mir denken.

Ich wußte, daß wir nun bald einen kleinen, schmalen Bach erreichen würden, der von links her in das Flüßchen lief. Das war die geeignete Stelle, abzubiegen, weil der Bach uns Gelegenheit bot, unsre Spuren zu verbergen. Darum hielt ich eine kurze Strecke vorher an und sagte:

„Mesch’schurs, die zwei Stunden sind vorüber, und wir haben es nun nicht mehr nötig, westwärts zu reiten. Seid Ihr auch derselben Ansicht?“

Old Surehand, Old Wabble, Parker und Hawley waren einverstanden; die übrigen wurden verlegen; sie sahen einander an; der eine stieß den andern an; dieser gab den Stoß weiter, bis der Mutigste von ihnen dieser fühlbaren Aufforderung folgte und auf die Gefahr hin, unsre Mißbilligung zu erhalten, die Unterhandlung mit der an mich gerichteten Frage begann:

„Seid Ihr schon einmal in El Paso del Norte gewesen, Sir?“

„Einige Male,“ antwortete ich.

„Wie lange bringt man wohl zu, um von hier aus nach dort zu kommen?“

„Wer die Gegend genau kennt und gut beritten ist, kann in fünf bis sechs Tagen dort sein. Warum fragt Ihr mich nach diesem Orte, Mr. Wren?“

Dies war nämlich der Name des Mannes. Er antwortete:

„Das möchte ich Euch gern sagen, wenn ich wüßte, daß Ihr nicht schlecht von uns denkt.“

„Schlecht von Euch denken? Wie sollte ich das! Habt Ihr etwas Schlechtes begangen oder etwas Schlechtes vor?“

„Keine Rede davon! Wir haben allerdings etwas vor; es ist nichts Schlechtes, kann aber von Euch doch mißverstanden werden.“

„So sagt es mir! Dann wird es sich zeigen, ob ich es richtig oder falsch verstehe.“

„Ja, ich will es Euch sagen. Es ist nämlich – – hm! es ist eine – – hm, hm!“

Er fuhr sich mit der Hand an den Hals; er kratzte sich hinter dem Ohre; es wollte gar nicht so grad heraus, wie es sollte. Dann fuhr er auf einem Umwege fort:

„Ihr wißt, daß wir eigentlich nach Texas hinunter wollten; aber wir haben es uns anders überlegt.“

„So?“

„Ja, so! Als Ihr gestern abend mit Mr. Cutter vom Lagerplatze fort waret, haben wir davon gesprochen. In El Paso und jenseits des Norte ist doch mehr für uns zu finden als in Texas. Meint Ihr nicht?“

„Was ich meine, das ist Nebensache; es kommt nur darauf an, was Ihr davon denkt.“

„Richtig, sehr richtig! Wir denken eben, daß es besser ist, wenn wir nach El Paso oder überhaupt über den Rio del Norte gehen.“

„Das sagt Ihr in einem Tone, als ob es einer Entschuldigung bedürfe, Mr. Wren?“

„Allerdings. Wir sollten doch mit Euch nach dem Llano estacado.“

„Ihr solltet? Ich habe gedacht, Ihr wolltet!“

„Ja, wir wollten, haben es uns aber anders überlegt. Hoffentlich denkt ihr nicht etwa von uns, daß wir uns vor dem Llano fürchten?“

„Warum sollte ich das denken? Weil Ihr Euern Entschluß geändert habt? Ihr seid doch freie Männer und könnt also thun, was Euch beliebt.“

„Freut mich sehr, daß Ihr diese Meinung hegt. Es hätte uns sehr leid gethan, wenn Ihr uns für mutlos gehalten hättet. Also Ihr habt nichts dagegen, daß wir uns von Euch trennen?“

„Nichts, gar nichts. Aber sagt, wann diese Trennung stattfinden soll!“

„Jetzt.“

„Was? Gleich jetzt?“

„Ja.“

„Warum so plötzlich?“

„Weil wir sonst Zeit versäumen und einen großen, ganz unnötigen Umweg machen. Ihr wollt ja umkehren.“

„Ja, das ist wahr. Wenn Ihr nach dem Rio Grande del Norte wollt, müßt Ihr in dieser Richtung weiterreiten.“

„Und weil Ihr umkehren wollt, müssen wir uns hier von Euch trennen. Das muß geschehen, so leid uns diese Trennung thut. Sie wird uns nur dadurch erleichtert, daß Ihr sie uns nicht übel nehmt.“

„Übel nehmen? Kann mir gar nicht in den Sinn kommen.

„Ihr seid auf Euer Wohl bedacht, und das zu thun, ist jedes Menschen Recht und Pflicht.“

Old Wabble hatte mit der gleichgültigsten Miene zugehört, nicht so aber Parker und Hawley; ihre Gesichter drückten zorniges Erstaunen aus. Als ich meine letzten Worte gesagt hatte, fiel Parker eifrig ein:

„Recht und Pflicht? Das sagt Ihr so gelassen, Sir? Diese Leute haben versprochen, mit uns nach dem Llano estacado zu reiten, und ihre Pflicht ist es, ihr Wort zu halten, ebenso wie es unser Recht ist, die Ausführung ihres Versprechens zu verlangen. Sie denken gar nicht daran, nach EI Paso zu gehen. Wißt Ihr, warum sie nicht mit umkehren wollen, Mr. Shatterhand?“

„Nun?“

„Weil sie sich vor dem Llano fürchten; das ist es!“

„Fällt uns nicht ein!“ rief Wren. „Von Furcht ist keine Rede.“

„Oho! Ihr sagt, Ihr hättet gestern abend davon gesprochen, nach EI Paso anstatt nach Texas zu gehen. Davon müßte ich doch etwas wissen, weil ich während der ganzen Zeit den Lagerplatz nicht verlassen habe; ich habe aber kein einziges Wort gehört.“

Jos Hawley stimmte ihm bei. Der Wortstreit ging eine Weile hin und her, bis ich den beiden Genannten einen heimlichen, nicht mißzuverstehenden Wink gab und den Abtrünnigen beipflichtete:

„Jedermann kann thun und lassen, was er will und was ihm beliebt. Wenn diese Gentlemen sich von uns trennen wollen, so haben wir kein Recht, sie daran zu hindern. Ja, wir sind sogar verpflichtet, sie darin zu unterstützen.“

„Auch noch unterstützen!“ zürnte Parker. „Worin soll diese Unterstützung denn bestehen?“

„Darin, daß wir sie mit Proviant versorgen.“

„Daß wir dumm wären! Fällt uns gar nicht ein!“

Old Wabble mochte ahnen, warum ich mich in dieser Weise verhielt, denn er sagte jetzt zu Parker:

„Dumm? Wer ist dumm, Sir? Doch wohl derjenige, der nicht weiß, wer über den Proviant zu verfügen hat! Und wer hat darüber zu verfügen? Doch wohl der, der ihn gebracht hat! Und wer hat ihn gebracht? Ich! Und ich sage Euch, daß ich diesen Leuten so viel Fleisch mitgebe, wie wir entbehren können. Ob sie aus Angst oder aus einem andern Grunde von uns gehen, das ist mir gleich. Sie bekommen Fleisch, weil sie unterwegs essen müssen; th’is clear. Also wer fort will, der mag es sagen, damit man weiß, woran man ist!“

Sie wollten alle fort, Parker und Hawley ausgenommen, welche erklärten, sich zu schämen, daß sie mit solchen Memmen bisher geritten seien. Das Ende vom Liede war, daß die acht Männer einen Vorrat Fleisch bekamen und dann nach einem kurzen, nicht eben zärtlichen Abschied weiterritten. Hawley war still; Parker aber räsonnierte hinter ihnen her. Ich fragte ihn: „Ich denke, Ihr habt vorhin meinen Wink gesehen. Habt Ihr ihn auch verstanden?“

„Ja.“

„Was hatte er zu bedeuten?“

„Daß ich die Kerls ruhig laufen lassen soll.“

„Warum thut Ihr das nicht?“

„Weil ich mich über sie ärgere.“

„Euer Ärger ist überflüssig und gar nicht maßgebend. Wir andern freuen uns darüber, daß wir sie los sind. Wir werden in Lagen kommen, wo wir ganze Männer, aber keine Memmen brauchen können. Und wenn der Ausdruck Memme zu stark sein sollte, so waren sie doch auch nicht Personen, auf welche man sich verlassen kann.“

Da ging ein freundlicher Zug über sein Gesicht, und er fragte im Tone der Befriedigung:

„Und mich schickt Ihr nicht fort?“

„Nein.“

„So seid Ihr also der Ansicht, daß Ihr Euch auf mich verlassen könnt?“

„Hm! Ich bin der Ansicht, daß ich Euch wahrscheinlich als einen zuverlässigen Mann kennen lernen werde. So ist die Sache.“

„Also erst kennen lernen!“ betonte Old Wabble, indem er seine Glieder lachend durcheinander schüttelte. „Gebt Euch also Mühe, Mr. Parker, daß Ihr bei dem nächsten Elk nicht daneben schießt!“

„Diese Ermahnung ist vollständig überflüssig, Mr. Cutter. Ich habe bisher noch jeden Elk getroffen.“

„Auch den ersten damals?“

„Ja.“

„Das möchte ich bezweifeln.“

„Ihr wißt es ja; ich habe es bewiesen.“

„Ja, es ist bewiesen, was Ihr damals getroffen habt, vollständig bewiesen. Wißt Ihr, was?“

„Nun, was?“ fragte Parker, jetzt über das Gebaren des Alten aufmerksam werdend.

Dieser kniff sein Gesicht in noch mehr Falten, als es so schon hatte, machte das eine Auge zu, riß das andre weit auf, schlotterte mit den Armen durch die Luft und antwortete dann:

„Einen Esel habt Ihr geschossen, einen Esel! Hahahaha!“

„Wie – – wa – wa – was? Einen Esel?“

„Ja, einen Esel, oder vielmehr ein Tier, welches Ihr für einen Esel hieltet, welches aber eigentlich ein Elkkalb oder das junge Kind des Elkes war!“

Er betonte die fünf durch Gänsefüßchen eingeschlossenen Worte besonders stark, indem er sie zugleich sehr langsam aussprach.

„Das junge Kind – – des – – des – – – alle Wetter, was wollt Ihr damit sagen?“

„Daß Ihr damals geflunkert habt. Es ist Euch gar nicht eingefallen, den Elk zu schießen; Ihr seid vielmehr vor ihm gewaltig ausgerissen!“

„Aus – – ge – – ris – – – sen – – –?!“

„Ja, ausgerissen!“

„Das ist eine Verleumdung, die – die – die –!“

„Was denn, die – die – die – – –? Seid Ihr etwa nicht in das Loch gekrochen, in welches dann das Untier den Kopf steckte und Euch so gewaltig anschnaufte, daß Euch fast der Verstand verloren ging?“

„Loch? Was – – für – – ein – – Loch?“

„Das Loch in der Steinwand, in welchem Ihr so schnell verschwandet, wie Ihr in Euerm ganzen Leben noch nie in ein Loch gekrochen waret!“

Parker holte tief, tief Atem und sagte, vor Verlegenheit fast stammelnd:

„Mr. Cutter, ich weiß nicht, was Ihr wollt. Ich verstehe Euch nicht. Ihr habt doch den Elk, den ich geschossen hatte, mit Euern eignen Augen gesehen!“

„Ja, mit meinen eignen Augen, aber den Elk, den der Häuptling der Panashts geschossen hatte!“

„Der Pa – – nashts? Der Teufel soll mich holen, wenn ich im stande bin – –“

„- einen Elk zu schießen?“ fiel ihm der Alte in die Rede. „Ja, das glaube ich nicht nur, sondern ich bin sogar sehr überzeugt davon. Der Häuptling schenkte Euch den Elk dafür, daß Ihr ihn vor mir gewarnt hattet, und erlaubte Euch, zu sagen, Ihr hättet ihn geschossen. Ist es so oder nicht, Mr. Parker?“

„Wenn – – wenn – – und – – und – – und – –“ stotterte der Gefragte in größter Bedrängnis.

„Antwortet mir nicht mit wenn und und, sondern richtig, wie es sich gehört!“

„Ich antworte ja richtig, ganz richtig! Man muß Euch ein Märchen aufgebunden haben!“

„Ein Märchen? ja, es schien mir allerdings damals ein Märchen zu sein, als Ihr den Elk brachtet und behauptetet, er sei von Euch geschossen worden. So ein ausgemachtes, in Marmor gehauenes Greenhorn, wie Ihr damals waret, und ein Elk, ein so riesiger, gewaltiger Elk! Ich glaubte es aber doch, weil Ihr dann später zufällig, ganz zufällig Glück im Schießen hattet. Jetzt aber ist’s mit dem Glauben vorbei, ganz und gar vorbei.“

„Ich habe ihn geschossen! Wer ist denn der Halunke, der Euch so angelogen hat?“

„Der Halunke? Angelogen? Richtig, ganz richtig! Der Halunke seid ihr, Ihr selbst, Mr. Parker.“

„Ich? Was? Ich?!“

„Ja, Ihr selbst! Oder wollt Ihr leugnen, daß Ihr es selbst erzählt und eingestanden habt?“

„Ich selbst? Wem und wo?“

„Euern Gefährten, die vorhin fortgeritten sind; droben jenseits des Mistake-Cañon im Soldatenlager.“

„Ah, die, die haben es gesagt! Schade, daß sie fort sind! Sie müßten diese Lüge eingestehen und mich um Verzeihung bitten. Wer hat es Euch denn wieder erzählt?“

„Wren, der brave Wren, der vorhin das große Wort der Feigheit so beredt führte.“

„Wann?“

„Heut nacht, als wir die Wache miteinander hatten und uns die Zeit mit Geschichten verkürzten.“

„Mit Lügen, müßt Ihr sagen!“

„Oho! Ihr glaubt, leugnen zu können, weil diese Leute fort sind. Es sind noch andre da.“

„Wer denn, wer?“

„Mr. Shatterhand und Jos Hawley hier; die haben auch dabei gesessen, als Ihr es erzähltet. Ist das wahr, oder ist es nicht wahr, Jos?“

Diese Frage an mich zu richten, das wagte der Alte nicht. Ich hätte mit einem Scherze geantwortet. Der ehrliche Hawley aber erklärte sehr ernst:

„Ja, er hat es erzählt; er hat den Elk damals nicht geschossen. Was wahr ist, das muß wahr sein.“

Da fuhr ihn Parker zornig an:

„Halte den Schnabel, alter sheeps-head! Wie kannst du behaupten, daß es wahr ist!“

„Weil du es selbst erzählt hast.“

„So ein Unsinn! Selbst erzählt! Muß es darum wahr sein, he?“

„Ich denke!“

„Da giebt es nichts zu denken, ganz und gar nichts. Man erzählt so manches, was sich ganz anders zugetragen hat.“

„Warum sollte man es anders erzählen?“

„Weil man es nicht richtig weiß, oder weil man sich einen Spaß machen will, und das war bei mir der Fall.“

„Keine Ausrede!“ fiel da Old Wabble ein. „Kein Westmann wird erzählen, daß er ein Wild, noch dazu einen Riesenelk, nicht getroffen habe, wenn er ihn getroffen hat. Und Ihr seid gar über diese Selbstverleugnung noch weit hinausgegangen, indem Ihr gesagt habt, ein Roter habe ihn geschossen. Ich weiß, woran ich bin. Die Sache ist zu Ende, und wir haben jetzt an wichtigere Dinge zu denken. Wir kehren hier also um, Mr. Shatterhand?“

„Hier nicht, sondern eine Strecke weiter oben.“

„Warum noch weiter hinauf?“

„Dort giebt es ein fließendes Wasser, welches seitwärts führt. Wenn wir in demselben reiten, bleiben den Roten, falls sie ja noch vor Abend kommen sollten, unsre Spuren vollständig verborgen.“

„Wie klug! Sie werden den Spuren unsrer acht ungetreuen Kameraden folgen und denken, wir sind noch bei ihnen, während wir doch seitwärts abgewichen sind. Das ist ein so guter Gedanke, daß man ihn in einem Buche drucken lassen sollte; th’is clear!“

Es dauerte nur noch zehn Minuten, bis wir den Bach erreichten und ihm in der Weise aufwärts folgten, daß wir die Pferde in seinem Wasser waten ließen. Dabei sagte Old Wabble zu mir:

„Sir, glaubt Ihr es mir, daß ich jetzt eine Eurer Pfiffigkeiten erraten habe?“

„Welche denn?“

„Daß wir mit den acht Kerls nicht bis herauf an dieses Wasser geritten sind. Ihr hieltet wohlbedachter Weise schon weiter unten an.“

„Warum das?“

„Der Verfolger wegen. Wenn sie kommen, werden sie da, wo wir halten geblieben sind, absteigen und die Stelle untersuchen, um zu erfahren, warum wir angehalten haben. Oder nicht, Mr. Shatterhand?“

„Ja.“

Well! Hätten wir am Bache Halt gemacht, so wäre diese Stelle von ihnen genau geprüft worden, und dabei hätten sie sehr wahrscheinlich bemerkt, daß da fünf Reiter von den dreizehn ihre Pferde in das Wasser gelenkt haben; unsre jetzige, neue Fährte wäre also entdeckt worden. Um das zu vermeiden, habt Ihr dafür gesorgt, daß die Trennung schon vorher geschah. Habe ich recht, Sir?“

„Ja, Ihr habt mich erraten, Mr. Cutter. Es kann uns nur von Nutzen sein, wenn wir uns auch fernerhin so gut verstehen.“

Das Laufen im Wasser wurde den Pferden schwer, weil die Breite und Tiefe desselben oft schnell wechselte; dennoch ließen wir wohl gegen eine Stunde vergehen, ehe wir sie heraus auf den trockenen Boden lenkten. Das thaten wir an einer felsigen Stelle, wo kein Hufstapfen zurückgelassen werden und uns verraten konnte. Damit war aber der Vorsicht volle Genüge geschehen, und wir konnten überzeugt sein, alles gethan zu haben, um eine Entdeckung zu verhüten. Das Wasser hatte uns in der verflossenen Stunde südwärts geführt; wir verließen es nun und lenkten nach Osten ein, um den Rio Pecos wieder zu erreichen. Das mußte nach meiner Berechnung an einer Stelle geschehen, welche volle zwei Stunden von der Furt entfernt lag, und es stand also, wenn nicht ein unglücklicher Zufall eingetreten war, zu erwarten, daß wir auf keinen Comantschen treffen würden.

Die beiden Wasserthäler, in denen wir uns bis jetzt aufwärts bewegt hatten, waren vielen Krümmungen gefolgt. Jetzt ritten wir abwärts, und weil wir da eine schnurgerade Linie einhalten konnten, brauchten wir natürlich viel weniger Zeit als aufwärts. Es war ungefähr halb zwei Uhr, als wir den Rio Pecos wieder erreichten. Wir suchten und fanden bald eine Stelle, deren ruhig fließendes Wasser das Hinüberschwimmen erleichterte, und dann ging es im Galoppe auf der ebenen Prairie dahin, welche zwischen dem Pecos und der früher erwähnten Hügelreihe liegt. Da dieser Höhenzug nicht parallel mit dem Flusse geht, sondern sich bald dem Flusse nähert und bald wieder von ihm entfernt, so ist die Savanne nicht von sich gleichbleibender Breite. Bald wird sie so zusammengedrängt, daß sie nur einen schmalen Streifen bildet, und bald dehnt sie sich in endlos scheinender Weite vor dem Blicke aus. Wir fegten wie im Sturme über die grasige Ebene dahin, und es war eine wahre Lust, das lange, schneeweiße Haar Old Wabbles und die fast noch längere braune Mähne Old Surehands im Winde fliegen zu sehen. Der letztere ritt einen mexikanischen Fuchs spanischen Blutes, welcher es zwar mit meinem Rappen nicht aufnehmen konnte und, der Schwere seines Reiters angemessen, stark gebaut war, aber den langen Galopp doch spielend überwand.

Old Surehand und Old Wabble, zwei solche Reiter an meiner Seite! Ich warf, einen Jauchzer ausstoßend, den Hut hoch in die Luft und fing ihn im jagen wieder auf.

„Ihr scheint recht guter Laune zu sein,“ meinte Old Surehand lächelnd.

„Ja,“ antwortete ich. „Und sie wird noch besser werden, wenn erst Winnetou bei uns ist. Sein schwarzer Schopf ist köstlich. Dann fliegen drei Mähnen um mich her.“

„Wann werden wir ihn treffen?“

„Das ist noch ungewiß. Er ist, wie ich Euch schon sagte, nach dem Llano estacado voran. Ich vermute, daß wir noch heut auf einen Boten von ihm stoßen werden.“

„Wo? Ist der Ort bestimmt?“

„Nein, aber die Linie. Ich sprach ja nur von einer Vermutung. Ihr werdet das Nähere erfahren, wenn wir lagern. Winnetou weiß, daß ich in gerader Linie vom Mistake-Cañon nach der Llano-Oase reite. Wenn er einen Boten zurückgelassen hat, wird dieser auf irgend einem Punkte dieser Linie auf mich warten.“

„Befinden wir uns jetzt auf ihr?“

„Noch nicht. Ich mußte, um Euch herauszuholen, von ihr nach dem Saskuan-kui abweichen. Jetzt nähern wir uns ihr wieder, und in einer Stunde erreichen wir sie. Leider müssen wir wieder langsam reiten, denn Parker und Jos Hawley kommen uns nicht nach. Gegen Abend kommen wir an einen Ort, den die Apatschen Altschese-tschi nennen; das wäre für den Boten die richtige Stelle, mich zu erwarten. Er kann sich da verbergen.“

„Es giebt dort Büsche und Bäume?“

„Ja.“

„Dachte es mir!“

„Warum?“

„Weil die beiden Apatschenworte Altschese-tschi soviel wie kleiner Wald bedeuten.“

„Das wißt Ihr? Ihr seid also dieser Sprache mächtig?“

„Leidlich.“

„Das ist sehr vorteilhaft für uns. Aber ich denke, Ihr seid noch nie in einem Apatschengebiete gewesen!“

„Allerdings nicht. Meine bisherigen Jagdreviere lagen mehr im Norden. Aber ich bin mit Kennern der Apatschendialekte lange zusammen gewesen und habe von ihnen gelernt, was ich brauche. Ich freue mich außerordentlich darauf, mit Winnetou in seiner Muttersprache reden zu können. Kennt er mich dem Namen nach?“

„Sehr gut. Ich will Euch verraten, daß er eine hohe Meinung von Euch hat.“

„Danke, Sir!“

„Wir sind miteinander weit herumgekommen, bis an die Nordgrenze der Vereinigten Staaten hinauf, und es ist eigentlich zu verwundern, daß wir mit Euch kein einziges Mal zusammengetroffen sind.“

„Mir ist das sehr erklärlich, und auch Ihr werdet Euch nicht mehr darüber wundern, wenn Ihr später erfahret, wie und wo ich lebe und mich bewege.“

„Ist das ein Geheimnis?“

„Ja und nein, wie man es nimmt. Ich pflege nicht darüber zu sprechen, weil ich nicht zu denjenigen Leuten gehöre, die gern und viel überflüssige Worte machen.“

Er wendete sich halb ab, und es flog wie ein dunkler Schatten über sein bisher so heiteres Gesicht. War es dennoch ein Geheimnis, welches jetzt berührt worden war? Es wollte mir vorkommen, als ob diese Berührung ihm wehe thue. Wir schwiegen beide. Vielleicht hatte dieser körperlich und geistig seltene Mann auch ein seltsames Schicksal hinter sich. Giebt es doch nie einen Westmann, dessen Lebenslauf ein gewöhnlicher gewesen ist!

Nach der angegebenen Zeit von einer Stunde war der grüne Vegetationsstreifen des Rio Pecos längst nicht mehr hinter uns zu sehen; vor uns lag die Prairie meilen- und aber meilenweit; es gab rings keinen Punkt, an welchem das Auge den Halt zu einer Berechnung finden konnte, und dennoch wußte ich, daß ich mich nun auf der vorhin erwähnten Linie befand. Das war der Örtlichkeitssinn oder vielmehr der Ortsinstinkt, der dem Wandertiere eigen ist und ohne den auch der Westläufer in hundert und wieder hundert Gefahren gerät. Wer ihn nicht besitzt, der wird entweder zu Grunde gehen oder ein Jäger niedrigster Klasse bleiben. Wir hatten nur eine kleine Wendung zu machen, um von unsrer bisherigen Tour auf diese Linie einzubiegen.

Es war jetzt drei Uhr nachmittags, und wenn jemand behauptet hätte, daß es den Comantschen möglich sei, unsre Fährte aufzufinden und uns gar nachzukommen, den hätte ich für irrsinnig gehalten. Sie konnten jetzt erst auf dem jenseitigen, rechten Ufer des Rio Pecos angekommen sein, um nach unsern Wachen oder Posten zu suchen, die aber gar nicht dastanden und nicht dagestanden hatten.

Old Surehand schien durch den letzten Teil unsres kurzen Gespräches nach innen gekehrt worden zu sein, denn er hatte sein Pferd angetrieben und ritt, den Kopf nachdenklich niedergesenkt, allein voran. Da parierte er plötzlich sein Pferd, stieg ab und untersuchte den Boden. Als wir ihn erreichten und ich seinen Augen folgte, sah ich, daß er eine Fährte entdeckt hatte, und stieg auch ab. Old Wabble folgte unsrem Beispiele, untersuchte das niedergetretene kurze Gras und sagte:

„Das sind Pferde gewesen, Mesch’schurs, sechs an der Zahl und Indianern angehörig. Die Kerls sind hintereinander geritten, aber diese meine alten Augen zählen die sechs doch ganz genau heraus. Sie sind ostwärts geritten und vor zwei Stunden hier vorübergekommen.“

Old Surehand warf mir einen Blick zu, in welchem deutlich die Bewunderung für den Alten lag, und ich gab diesen Blick zurück, denn ich hätte die Fährte wohl kaum so gut oder wenigstens nicht deutlicher zu lesen vermocht. Hier auf der offenen Savanne zeigte sich der Alte als einstiger König der Cowboys, als der Fachmann, der nicht zu täuschen war. Er hatte unsre Blicke nicht gesehen, und weil niemand sogleich antwortete, fragte er:

„Seid Ihr etwa andrer Meinung, Gents?“

„Nein,“ antwortete ich. „Ihr habt ganz richtig gesehen.“

„So viel die Spur besagt, ja, Sir. Das Weitere aber muß ich Euch überlassen, weil ich die Gegend und die Roten, die sich hier herumtreiben, nicht kenne.“

„Es kann sich nur um Apatschen oder Comantschen handeln.“

„Welcher der beiden Nationen werden diese Leute hier wohl angehören?“

„Ihr fragt so bestimmt, Mr. Cutter, als ob es kinderleicht sei, darauf Antwort zu geben!“

„Weil ich annehme, daß Old Shatterhand sich den Kopf nicht zu zerbrechen braucht, um die richtige Auskunft zu finden.“

„Danke Euch für das Kompliment! Man muß nachdenken, wenn man sich auch nicht gerade den Kopf zu zerbrechen hat. Die Comantschen sind ausgezogen und befinden sich in der Nähe, da seitwärts hinter uns. Die Apatschen wissen, daß die Comantschen das Kriegsbeil ausgegraben haben; sie sehen sich zur Vorsicht gezwungen und senden also Späher aus.“

„Das ist sehr richtig, Sir; aber damit sind wir nicht weiter als vorher; th’is clear.“

„Wartet nur! Die Spur geht ostwärts; sie weist also nach dem Llano estacado. Wer aber von beiden ist es, der den Llano jetzt im Auge hat?“

„Die Comantschen.“

„Richtig! Ich bin überzeugt, daß nur ein einziger Apatsche von der Absicht der Comantschen auf den Llano weiß; das ist Winnetou. Seine Mescaleros werden durch ihn selbst oder durch einen Boten von ihm erst davon benachrichtigt. Sie können noch nicht hier sein und also auch keine Späher nach dem Llano vorausgesandt haben. Dazu kommt, daß ihre Wohnsitze von hier im Süden liegen. Wenn sie Kundschafter oder Boten direkt nach dem Llano schickten, so würde der Weg derselben nicht so weit nach Norden führen.“

„Ihr meint also, daß wir es mit Comantschen zu thun haben, Mr. Shatterhand?“

„Ja.“

„So wissen wir, woran wir sind und – –“

„Halt!“ unterbrach ich ihn. „Was ich sage, ist mehr Vermutung als Überzeugung. Wir müssen Gewißheit haben. Die Sache ist so wichtig für mich, daß es uns auf eine kleine Zeitversäumnis nicht ankommen darf. Getraut Ihr Euch, diese Spur schnellreitend gut im Auge behalten zu können?“

„Welche Frage! Haltet Ihr mich für blind?“

„So steigt auf, und galoppiert fünf Minuten lang auf ihr zurück! Ich möchte gern die Richtung wissen, ob sie gerade verläuft oder auf dieser immerhin langen Strecke irgend eine Biegung macht.“

Well, soll gleich geschehen!“

Er schwang sich auf das Pferd und jagte auf der Fährte zurück, der Richtung zu, aus welcher die sechs Reiter gekommen waren. Seine Figur wurde schnell kleiner und immer kleiner, bis sie, obgleich das Terrain vollständig eben war, unsern Augen ganz entschwand. Dann tauchte er als ein sich bewegender Punkt wieder auf, der sich immer mehr vergrößerte, bis er endlich in Lebensgröße wieder bei uns hielt.

„Nun?“ fragte ich ihn.

„Sie geht wie eine Schnur immer geradeaus.“

„Das sagt mir genug. Wißt Ihr, wohin man kommt, wenn man dieser geraden Linie folgt?“

„Nach dem blauen Wasser, vermute ich.“

„Ja, nach dem Saskuan-kui. Der Häuptling Vupa Umugi hat diese sechs Leute als Späher ausgesandt. Wir müssen ihnen schleunigst nach.“

„Warum so schnell? Sie einholen?“

„Ja.“

„Das ist ein Fehler, Sir! Nehmt es mir nicht übel, aber es ist gewiß ein Fehler!“

„Warum?“

„Ihr seid doch kein Indianermörder!“

„Allerdings nicht.“

„Und wollt ihnen dennoch nach? Das widerspricht sich ja. Seht Ihr das nicht ein?“

„Worin liegt der Widerspruch?“

„Ihr wollt kein Mörder sein und wäret doch gezwungen, diese sechs Roten auszulöschen, wenn wir sie einholten. Sie dürfen nicht wissen, daß wir in dieser Gegend sind, was doch verraten würde, wenn auch nur einer von ihnen entkäme. Unsre Force liegt doch darin, daß Vupa Umugi die Überzeugung hegt, wir seien nach Westen geritten!“

„Ihr habt recht und doch nicht recht, Mr. Cutter. Es kommt auf die Umstände an, ob wir uns diesen Kundschaftern zeigen werden oder nicht. Ihr Weg führt genau nach dem Altschese-tschi, dem Kleinen Walde, wo ich, wie ich schon vorhin sagte, einen Boten Winnetous vermute. Kommen sie dort vorüber, ohne ihn zu entdecken, so ist es gut; wenn sie ihn aber bemerken, ihn selbst oder eine Spur von ihm, so greifen sie ihn an. Ein Mann gegen sechs Männer; Ihr könnt Euch den Ausgang denken. In diesem Falle ist er entweder tot oder gefangen. Findet das letztere statt, so müssen wir ihn losmachen, schon aus reiner Freundschaft für die Apatschen, und sodann auch wegen Winnetous Botschaft, die ich unbedingt hören muß, wenn es nur möglich ist. Da darf es mir auf das Leben von sechs feindlichen Comantschen nicht ankommen. Also vorwärts jetzt, Mesch’schurs!“

Wir stiegen wieder auf und jagten so schnell weiter, wie die Pferde Parkers und Jos Hawleys zu laufen vermochten.

Die Kundschafter befanden sich zwei Stunden vor uns; aber sie waren langsam geritten. Wenn sie diese Gangart beibehalten hatten und noch beibehielten, so war es möglich, daß wir sie noch vor dem Altschese-tschi einholten.

Leider aber zeigte es sich, daß die Pferde der beiden Genannten nicht mit den unsern fortkommen konnten; ich bestimmte also, daß Parker und Hawley unsrer Spur möglichst schnell folgen sollten, und ritt mit Old Surehand und dem alten Wabble voran. Von Zeit zu Zeit hielt einer von uns an, um aus den Spuren das Tempo der Reiter zu ersehen, und holte dann die andern beiden wieder ein. Da stellte sich denn bald heraus, daß die Comantschen später viel schneller geritten waren, und so schwand meine Hoffnung mehr und mehr, sie noch zur rechten Zeit ein- oder gar zu überholen, was durch einen Halbkreisritt ganz wohl möglich gewesen wäre.

Es verging eine Stunde und dann die zweite. Wir mußten die Pferde zuweilen verschnaufen lassen, indem wir langsamer ritten. Nach wieder einer halben Stunde tauchte vor uns ein dunkler Punkt am Horizonte auf. Ich deutete mit der Hand auf ihn und sagte:

„Das ist der Kleine Wald, das Ziel unsers Parforcerittes. Wollten wir geradeaus reiten, würden wir in einer Viertelstunde dort sein.“

„Das dürfen wir aber nicht,“ warnte Old Wabble.

„Nein, denn die Comantschen sind wahrscheinlich nicht weiter geritten, sondern drin geblieben.“

„Wir müssen aber hin! Wie fangen wir das an?“

„Es ist ein Glück, daß ich die Örtlichkeit genau kenne. Kommt rechts nach Süd! Wir müssen einen Bogen reiten.“

Indem wir dies thaten, fragte Old Wabble weiter:

„Meint Ihr, daß wir auf diese Weise hinankommen, ohne gesehen zu werden?“

„Ja. Ihr müßt wissen, daß von den ostwärts liegenden Höhen ein Wasser kommt, welches auf der Ebene versiecht, aber später da, wo sich der Boden tiefer senkt, als ein kleiner Weiher wieder zu Tage tritt. Dieser Weiher hat einen Durchmesser von nur vielleicht fünfzig Schritten, hat aber doch einem Wäldchen das Leben gegeben, dessen Durchmesser wenigstens zehnmal größer ist. Das ist Altschese-tschi, der kleine Wald, dessen westliche und östliche Seite ziemlich licht ist, während er an den beiden andern Seiten so dicht steht, daß man, besonders auf der südlichen, kaum durchzudringen vermag. So war es, als ich mich vor drei Jahren zum letztenmale hier befand, und so wird es wohl auch heute noch sein.“

„Hm!“ brummte der Alte. „In drei Jahren kann sich viel verändern, was hier, wo es sich um unser Leben handeln kann, außerordentlich wichtig ist!“

„Wenn eine Veränderung eintrat, so besteht sie wohl nur darin, daß der Wald dichter geworden ist, was uns nicht anders als lieb sein kann. Weil die südliche Seite die bewachsenste ist, so reiten wir in einem Bogen nach ihr. In dem dortigen Gestrüpp nimmt kein Mensch seinen Aufenthalt, und darum glaube ich, daß wir uns da am besten annähern können, ohne gesehen zu werden. Wenn wir nicht die Nacht abwarten wollen, so weiß ich keine andre Weise, das Wäldchen zu erreichen.“

Well, so müssen wir es eben versuchen und uns darauf gefaßt machen, bei unsrer holdseligen Ankunft einige weniger holdselige Kugeln zwischen die Rippen oder gar in die Köpfe zu bekommen. Ein Wagehals, der etwas wagen will, der wagt etwas; th’is clear!“

Old Surehand verhielt sich noch immer schweigend, doch las ich auf seinem Gesichte jene unbedenkliche Entschlossenheit, die vor keiner Gefahr zurückschreckt, wenn nur einigermaßen Aussicht vorhanden ist, sie glücklich zu bestehen. Er kam mir immer mehr wie ein Mann vor, der lieber handelt als spricht, und später zeigte es sich, wie vortrefflich er in dieser Beziehung zu Winnetou paßte.

Wir waren also nach rechts abgewichen und hielten uns, indem wir einen Halbkreis ritten, immer so weit von dem Walde entfernt, daß er in gleicher scheinbarer Größe vor uns liegen blieb. Als wir uns dann genau südlich von ihm befanden, hielt ich an und nahm mein Fernrohr, welches mir im fernen Westen schon oftmals große Dienste geleistet und sogar das Leben gerettet hatte, aus der Satteltasche, um den Rand des Gehölzes sorgfältig abzusuchen. Ich konnte nichts Verdächtiges bemerken.

„Seht Ihr etwas, Sir?“ fragte Old Wabble.

„Nein. Ich kann kein lebendes Wesen, weder Mensch noch Tier, entdecken.“

„Sieht man uns von dort?“

„Sonderbare Frage, Sir! Würdet Ihr von hier aus einen dort befindlichen Menschen sehen?“

„Nein.“

„Also werden auch wir mit unbewaffnetem Auge nicht zu erkennen sein, und ich glaube nicht, daß die Roten mit Fernrohren versehen sind.“

„Wird keinem Indsman einfallen, ein solches Ding bei sich zu führen!“

„O doch! Winnetou hat stets ein Rohr, und zwar ein ganz ausgezeichnetes, mit. Ich bin der Ansicht, daß wir nun stracks vorwärts reiten. Nicht?“

„Wenn Ihr nicht anders wollt, dann los! Unvorsichtig aber ist’s und bleibt’s!“

Da ließ sich Old Surehand zum erstenmale wieder hören, indem er in ungeduldigem und verweisendem Tone ausrief:

„Was unvorsichtig! Wenn es keine andre Wahl giebt als das Wasser, so stürzt man sich eben hinein und lernt sofort das Schwimmen. Wenn Ihr Euch fürchtet, alter Wabble, so bleibt hier halten, bis Ihr angewachsen seid; wir aber nehmen das Wäldchen jetzt im Sturme. Go on, Mr. Shatterhand, go on!“

Er schoß auf seinem Pferde davon, und ich folgte ihm mit gleicher Schnelligkeit. Old Wabble blieb natürlich nicht zurück; er kam hinter mir hergeflogen und wetterte dabei ganz aufgebracht:

„Ich mich fürchten! Was bilden sich diese beiden jungen Menschen ein! Old Wabble kannte schon keine Furcht, als er noch nicht geboren war, viel weniger dann später. Die jetzige Jugend ist doch zuweilen mit ganz abnormen und unbegreiflichen Ideen behaftet; th’is clear!“

Es war von ihm ein kühnes Beginnen, uns beide als die jetzige Jugend zu bezeichnen; ich mußte trotz des Ernstes unsrer Lage laut darüber lachen. Er hörte das und rief, noch mehr erzürnt:

„Was lacht Ihr, Sir! Lacht dann, wenn Ihr mit heiler Haut da vorn im Walde sitzt, nicht eher!“

„Schweigt, Sir!“ antwortete ich zurück. „Wenn Euch die Roten nicht sehen, so müssen sie Euch doch hören, wenn Ihr in dieser Weise brüllt!“

„Gut, ich werde schweigen; aber ich lege Euch meine Leiche auf’s Gewissen. Seht, wie Ihr sie wieder herunter bringt!“

Wir trieben unsre Pferde so an, daß es schien, als ob der Kleine Wald auf uns zugeflogen käme. Der Grasboden war weich, der Hufschlag also kaum zu hören. Dabei hielten wir die Augen scharf auf unser Ziel gerichtet, um eine etwaige Gefahr rechtzeitig zu bemerken. Es war aber keine vorhanden, und wir erreichten ganz glücklich den Waldesrand. Dort sprangen wir ab, nahmen die Gewehre schußbereit in die Hände und lauschten. Es regte sich nichts. Wir versuchten, das Gebüsch mit unsern Blicken zu durchdringen; es war auch nichts zu sehen. Da flüsterte uns Old Surehand zu:

„Haltet mein Pferd! Ich komme bald wieder.“

„Wo wollt Ihr hin?“

„Spüren. Habt keine Sorge! Ich verstehe mich darauf.“

Es wäre eine Beleidigung gewesen, wenn ich ihm meine Begleitung angeboten oder gar ihn zurückgehalten hätte; ich ließ ihn also gehen. Es dauerte ziemlich lange, ehe er wieder kam, um uns zu melden:

„Wir haben ungeheuer Glück gehabt, daß wir nicht bemerkt worden sind. Die Comantschen befinden sich im Walde.“

„Habt Ihr sie gesehen?“ fragte ich leise.

„Nein; aber wir wissen doch, daß ihre Fährte nach dem Walde geht, und ich habe mich jetzt überzeugt, daß sie nicht wieder herausführt; sie sind also noch drin. Das bloß war es, was ich einstweilen wissen wollte. Wir müssen sie beschleichen.“

Well,“ nickte Old Wabble. „Das können nur zwei thun, denn der dritte muß hier bei den Pferden bleiben. Wer wird das sein, Mr. Shatterhand?“

„Ihr selbst,“ antwortete Old Surehand, obgleich der Alte mich gefragt hatte.

„Fällt mir nicht ein! Unthätig hier bleiben! Ich krieche mit im Walde herum, denn ich habe Euch zu beweisen, daß ich keine Furcht besitze.“

„Das wissen wir schon, also ist dieser Beweis ganz überflüssig. Ich brauche Euch wohl nicht zu sagen, wie ich Euch kenne und schätze, und darum werdet Ihr es nicht übelnehmen, wenn ich Euch daran erinnere, daß das Herumkriechen im Walde nicht gerade Eure starke Seite ist. Ihr seid auf der offenen Savanne besser daheim. Bleibt also bei den Pferden!“

„Ganz wie Ihr wollt,“ antwortete der Alte mit einer Bewegung der Ungeduld. „Es ist hier nicht der Ort und die Zeit, uns zu streiten; ich will mich also als der Verständige fügen. Macht euch also auf die Suche; aber wenn ihr dann als Leichen wiederkommt, so will ich keine Vorwürfe hören!“

Er nahm die Pferde an den Zügeln fest und winkte uns fort. Old Surehand sah mich fragend an; ich antwortete:

„Uns zu trennen, ist hier zu gefährlich; es ist noch heller Tag; wir können leicht bemerkt werden, und da muß einer dem andern schnell zu Hilfe kommen können.“

„Richtig, Sir! Aber wohin wenden wir uns?“

„Habt Ihr vorhin, als Ihr fort waret, nicht eine Stelle bemerkt, wo das Eindringen nicht zu beschwerlich und geräuschvoll ist?“

„Ich glaube, eine zu kennen. Kommt!“

Er führte mich um einige Buschecken und deutete dann nach dem Strauchwerke, welches hier weniger dicht als anderwärts stand. Ich nickte, legte mich nieder und kroch hinein; er folgte mir. Wir hatten unsre Gewehre natürlich bei Old Wabble gelassen-, meine beiden Revolver und das Messer reichten für alle Fälle hin.

Wir hatten, wie gesagt, noch hellen Tag; die Roten konnten also jede größere Bewegung des Gesträuches sehen; das erschwerte unsre Aufgabe in einer Weise, daß wir nur höchst langsam vorwärts rückten. In einer halben Stunde hatten wir ein Drittel unsres Weges zurückgelegt; dann aber wurde es besser. Wir mußten nach der Mitte des Wäldchens, wo das Wasser lag, an welchem sich die Comantschen jedenfalls befanden. Nach abermals einer Viertelstunde hörte ich vor uns ein Pferd schnauben; auch Old Surehand hatte es gehört, denn er stieß mich an, um mich darauf aufmerksam zu machen. Hatte das Tier nur zufällig geschnaubt oder wollte es dadurch nach Art der indianischen Pferde seinen Besitzer vor uns warnen? In diesem Falle war die Gefahr für uns doppelt groß.

Ich muß sagen, daß ich mich nicht nur über Old Surehand freute, sondern daß ich ihn sogar bewunderte. Erst war er hinter mir geblieben, nun drang er neben mir vorwärts, und zwar mit einer Ausdauer, Umsichtigkeit und Geschicklichkeit, wie ich sie kaum jemals bei einem Weißen gesehen hatte. Jede Lücke wurde benutzt und jedes Hindernis entweder vermieden oder vollständig geräuschlos beseitigt; wenn die Gewandtheit der Hände nicht ausreichend war, mußte das Messer nachhelfen, und wenn ein Zweig oder gar ein stärkerer Ast bewegt werden mußte, geschah es mit einer so gleichmäßigen Langsamkeit, daß ein andrer als ich es gar nicht bemerken konnte. Es war für einen Westmann wirklich eine Freude, ihm zuzusehen.

So kamen wir langsam, aber sicher weiter und weiter, bis wir Stimmen hörten, welche miteinander sprachen; die Worte konnten wir nicht verstehen, weil wir noch zu weit entfernt waren. Je weiter wir uns aber näherten, desto deutlicher hörten wir sie, bis wir endlich diejenigen sahen, welche sich miteinander unterhielten. Es war freilich nicht das, was man eigentlich eine Unterhaltung nennt, sondern man konnte es viel richtiger als die Sitzung eines Prairiegerichtes bezeichnen.

Wir waren hinter einem nicht allzu dichten Gestrüpp angekommen, durch welches wir leidlich sehen konnten. Vor uns lag das Wasser; rechts waren sechs Pferde angebunden, während links ein einzelnes angehobbelt stand; dieses letztere war ein Apatschenpferd, während die ersteren den Comantschen gehörten, denen wir gefolgt waren. Von diesen sechs Roten lebten nur noch drei, welche zwischen uns und dem Wasser saßen; die blutigen Leichen ihrer drei Kameraden lagen nicht weit von ihnen. Vor ihnen stand ein einzelner Baum, an dessen Stamm ein Apatsche aufrecht angebunden war. Da er uns den Rücken zukehrte, konnten wir sein Gesicht nicht sehen; er mußte verwundet sein, denn seine Füße standen in einer Blutlache, doch schien der Blutverlust ihn nicht sehr geschwächt zu haben, denn eben, als wir die Gruppe zu Gesicht bekamen, hörten wir ihn mit kräftiger Stimme sagen: „Die Hunde der Comantschen werden mich töten, aber ihren Zweck doch nicht erreichen. Pesch endatseh lacht über sie. Sie waren ihrer sechs; er hat drei von ihnen getötet, ehe sie ihn überwältigen konnten; er wird sterben mit dem Gesang des Todes auf den Lippen und ohne mit der Wimper zu zucken, und die Seelen dieser drei werden ihn in den ewigen Jagdgründen bedienen müssen.“

Langes Messer! Den kannte ich sehr gut. Er war ein sehr verwegener und listiger Krieger, der bei dem Stamme der Mescaleros in Ansehen stand und schon oft als Unteranführer thätig gewesen war. Wenn es sich um einen gefährlichen Kundschafterdienst gehandelt hatte, zu dessen Ausführung Mut und Verschlagenheit gehörte, war die Wahl gewöhnlich auf ihn gefallen.

Jedenfalls hatte er hier im Altschese-tschi gesteckt, um auf mich zu warten, und ich hatte mich also nicht geirrt, als ich annahm, Winnetou werde auf Kundschafter seines Stammes getroffen und direkt nach dem Llano estacado geritten sein und für mich einen Boten zurückgelassen haben.

Einer der Comantschen machte eine sehr verächtliche Handbewegung und antwortete:

„Langes Messer stinkt wie ein Stück verfaulten Fleisches. Seine Seele wird weggeworfen werden und in den ewigen Jagdgründen keinen Diener haben, denn wir werden ihm den Skalp nehmen, ehe wir ihn unter großen Qualen in den Tod senden, Er hat drei von uns töten können, weil er sich feig versteckte, als wir kamen. Hätte er sich offen gezeigt, so wäre nur sein Blut, aber kein einziger Tropfen von dem unsrigen geflossen.“

„Ja, die Hunde der Comantschen hätten es gewagt, mit mir zu kämpfen, weil sie zwölf Arme gegen mich hatten, während ich allein war. Hätten sie nicht so viel gezählt, so wären sie vor mir ausgerissen wie Coyoten, welche zwar heulen, aber nicht beißen. Wenn Ihr mich nach den ewigen Jagdgründen sendet, so werde ich dort nur Apatschen, aber keinen einzigen Comantschen finden, weil nur die Seelen tapferer Männer, aber keine Feiglinge hinkommen. Was ihr seid, das werde ich euch zeigen; seht her zu mir!“

Er spuckte dreimal kräftig aus. Der Comantsche sagte in demselben verächtlichen Tone wie vorher:

„Das gilt nicht uns, sondern dir selbst. Du machst große Worte, um die Kleinheit deines Mutes zu verbergen. Die Angst vor dem Tode steht dir im Gesicht geschrieben. Du weißt, daß wir dir die Haut und das Fleisch in Stücken von dem Leibe schneiden werden, und deine stolze Rede soll nur das Angstgewimmer verdecken, welches du in deinem Innern hörst. Wir sind aber bereit, gnädig zu verfahren und dich schnell und ohne Qualen sterben zu lassen, wenn du uns die Wahrheit sagest und die Fragen beantwortest, welche ich dir jetzt vorlegen werde.“

Langes Messer warf den Kopf stolz empor, sagte aber, scheinbar einverstanden:

„Der Comantsche mag sprechen.“

„Sind eure Krieger gegen die Comantschen ausgezogen?“

„Nein.“

„Ist das die Wahrheit?“

„Ja.“

„Ich glaube es nicht.“

„Du kannst es glauben. Oder meinst du, daß es dem starken Löwen einfallen werde, gegen eine kranke Ratte in den Kampf zu ziehen?“

„Uff! Wenn du so fortfährst, uns zu beleidigen, hast du keine Gnade von uns zu erwarten! Wo befinden sich die Mescalero-Apatschen jetzt?“

„Daheim in ihren Wohnungen.“

„Wo ist Winnetou, ihr Häuptling?“

„Er ist weit oben im Norden bei den Indianern, die sich Schlangen nennen.“

Er sagte das, um sie glauben zu lassen, daß ihr berühmter Gegner jetzt nicht zu fürchten sei.

„Auch das ist eine Lüge. Winnetou ist da.“

„Nein.“

„Wir haben Old Shatterhand gesehen, und wo dieser ist, da weilt auch Winnetou nicht fern.“

Ich sah, daß Langes Messer einen Ausruf der Freude unterdrückte; er zwang sich sichtlich zur Ruhe und Gelassenheit und sagte im Tone der Überzeugung:

„Der Comantsche lügt; er will mich betrügen. Old Shatterhand ist weder auf der Ebene, noch in den Bergen; er ist über das Große Wasser in seine Heimat zurückgekehrt und wird erst nach zwei oder drei Wintern wiederkommen. Er hat das selbst gesagt.“

„Ich lüge nicht!“

„Du lügst! Ich glaube dir nicht!“

„Und ich lüge nicht!“ brüllte ihn der Comantsche zornig an. „Wir haben ihn gesehen.“

„Wo?“

„In unserm Lager. Er kam, uns zu beschleichen; wir haben ihn aber ergriffen und gefangen genommen und er wird den Tod am Marterpfahle sterben.“

„Old Shatterhand? Den Tod am Marterpfahle?“ lachte der Apatsche höhnisch. „Alle, alle Krieger der Comantschen zusammengenommen sind nicht imstande, diesen einen weißen Jäger an den Marterpfahl zu bringen. Selbst wenn sie ihn ergriffen hätten, würde er trotz aller Fesseln plötzlich verschwinden wie der Adler, den zehnmal tausend Sperlinge nicht halten können. Aber er ist gar nicht gefangen; er befindet sich jetzt gar nicht in diesem Lande, sondern da, wo er geboren ist.“

Es war jedenfalls seine Absicht, den Comantschen vor Ärger zum Sprechen zu bringen; er erreichte seine Absicht auch wirklich, denn der Gegner rief wütend:

„Wir haben ihn! Die Krieger der Comantschen sind keine Sperlinge, sondern Adler, die diesen Sperling zerreißen oder auffressen werden! Ich sage die Wahrheit; du aber lügst. Wie kannst du behaupten, daß eure Leute daheim seien! Sie befinden sich unterwegs, sonst hätten sie nicht einen Kundschafter ausgesandt!“

„Haben sie das gethan?“

„Ja.“

„Wann?“

„Jetzt.“

„Was wißt ihr von einem Kundschafter! Pshaw!“

„Wir wissen es. Du bist’s ja selbst!“

„Ich? Wer macht euch weis, daß Langes Messer als Späher ausgeritten sei?“

„Niemand macht es uns weis; es ist so.“

„Dann sind die Söhne der Comantschen blind. Trage ich etwa die Farben des Krieges im Gesicht?“

„Du hast es aus Klugheit unterlassen, dich anzumalen!“

„Wo wohnen die Comantschen und wo die Mescalero-Apatschen? Im Norden und im Süden. Wo befinde ich mich jetzt? Weit im Osten. Würde ich so weit östlich reiten, wenn ich als Kundschafter gen Norden zu euch soll?“

„Ihr werdet erfahren haben, wohin wir ziehen wollen!“

„Uff, uff, uff! Merkst du nicht, daß du dich jetzt verraten hast? Also die Hunde der Comantschen sind aus ihren Höhlen gebrochen, nicht um gegen die Apatschen zu ziehen, sondern um nach Osten zu reiten! jetzt weiß ich, was und wohin ihr wollt!“

Der Comantsche sah ein, daß er sich hatte überlisten lassen, und fuhr, zornig über sich selbst, den Gefangenen an:

„Schweig, Kröte! Ich kann das sagen, was ich gesagt habe, denn ich weiß, daß du es nicht weiter plaudern wirst. Wir nehmen dich mit, und du wirst zu gleicher Zeit mit Old Shatterhand am Marterpfahle sterben.“

„Dann werde ich noch sehr lange leben, denn daß ihr dieses berühmte Bleichgesicht gefangen habt, ist eine Lüge.“

„Es ist wahr. Wir haben ihn!“

Pshaw!“

„Und wir haben ihn nicht allein, sondern noch mehrere Bleichgesichter, die auch sterben müssen.“

„Nenne sie!“

„Old Wabble, den greisen Indianertöter.“

„Uff!“

„Ferner Old Surehand, das riesige Bleichgesicht.“

„Uff, uff! Weiter!“

„Weiter? Genügt das nicht?“

„Ja, das genügt. Wenn ihr diese drei großen Jäger wirklich ergriffen habt und mich in euer Lager schafft, werde ich nicht sterben, sondern wir werden uns frei machen und unter den Söhnen der Comantschen sein wie Büffelstiere, die in ein Rudel feiger Wölfe brechen. Old Shatterhand wurde noch nie besiegt; er ist ein“

„Er war schon oft gefangen!“ fiel ihm der Comantsche höchst zornig in die Rede.

„Aber er hat sich stets wieder befreit! Old Surehand ist ein Jäger, welcher mit einem Griffe seiner Fäuste sechs Comantschen erwürgt, mit jeder drei. Es giebt für – – –“

„Schweig von diesem Hunde!“ unterbrach ihn der andre abermals. „Er hat noch nie einen Comantschen besiegt!“

„Weil noch kein Comantsche ihm begegnet ist! Und Old Wabble, der wie ein Sturm über die Savanne fegt, so daß niemand ihn einholen kann, wird Euch – – –“

„Wird sterben, wird sterben!“ schrie der Comantsche, ihm zum drittenmal in die Rede fallend. „Vielleicht wird er auch nicht sterben, denn dieses alte Bleichgesicht ist ein furchtbarer Köter, den man eigentlich nicht töten, sondern mit Prügeln fortjagen sollte. Dieser Feigling – – –“

Er hielt mitten in der Rede inne; jetzt war er es, welcher unterbrochen wurde, aber nicht etwa von dem Apatschen, mit dem er sprach, sondern von einer ganz andern Seite. Wir hatten unsre Augen natürlich auf ihn gerichtet gehabt; als er sich jetzt plötzlich unterbrach und sichtlich erschrocken zur Seite sah, wendeten wir unsre Blicke auch dorthin und hörten zugleich die Worte erklingen:

„Was bin ich? Ein Feigling, ein Köter? Hund, roter! Ich werde dir zeigen, ob ich feig bin oder nicht. Wer von euch nur ein Glied bewegt und nach seiner Waffe greift, der bekommt meine Kugel in den Kopf! Hände in die Höhe!“

Es war der alte Wabble. Er hatte sich nicht durch das dichte Gebüsch gedrängt, sondern er kam ganz gemütlich durch die westliche, schmale Lücke des Waldes, durch welche auch die Comantschen an das Wasser gekommen waren. Sein Gewehr an der Wange und den Zeigefinger an dem Drücker, war er hinter dem nächsten Busche hervorgetreten und kam langsamen Schrittes näher.

„Hände in die Höhe!“ wiederholte er, da die Roten seinem Befehle nicht gleich Folge leisteten.

Dieser Ruf ist ein alter Brauch im wilden Westen. Wer die beiden Hände in die Höhe hält, kann nicht nach den Waffen greifen und sich verteidigen. „Hände in die Höhe!“ Wer mit diesen Worten überfallen und angerufen wird und nicht sofort gehorcht, dessen Leben ist keinen halben Penny wert. Das wissen auch die Indianer. Darum hoben die drei Comantschen jetzt bei der Wiederholung des Befehles ihre Arme empor.

„So, jetzt habe ich euch, ihr roten Schufte!“ lachte er. „Wer auch nur eine Hand sinken läßt, der bekommt die Kugel; ich scherze nicht. Also ich bin ein Feigling! So, so! Und mich habt ihr gefangen! Und Old Shatterhand und Old Surehand auch! Ist das wahr, du Schurke?“

Der Rote antwortete nicht.

„Aha! Der Atem ist dir ausgegangen! Aber wartet nur, wir werden euch gleich wieder zu Atem bringen! Muß euch doch einige gute Freunde zeigen, sehr bekannte Männer, über welche ihr euch außerordentlich freuen werdet, wenn ihr sie zu sehen bekommt. Wo stecken sie nur?“

Er meinte natürlich uns, Old Surehand und mich. Sein Gewehr immer noch auf die Comantschen gerichtet, suchte er mit den Augen in dem östlichen Gebüsch, in welchem er uns vermutete und wo wir auch wirklich steckten. Es war kein Wunder, daß die Roten ihre Arme gehorsam emporhielten, denn er bot einen Anblick, welcher ganz geeignet war, Respekt einzuflößen. Seine Erscheinung war ja überhaupt eine außerordentliche, und es kam dazu, daß er mit vier Gewehren bewaffnet war, denn er hatte das seinige in den Händen, und auf dem Rücken trug er Old Surehands Büchse, meinen Bärentöter und den Henrystutzen. Sie wagten gewiß nicht, ihm Widerstand zu leisten.

Dennoch war ich keineswegs mit seinem plötzlichen und unerwarteten Erscheinen einverstanden. Er hatte draußen bei den Pferden zu bleiben und nicht herein an das Wasser zu kommen. Ich nahm mir vor, ihn zur Rede zu stellen, obgleich er seine Sache gar nicht übel gemacht hatte. Jetzt wollte er uns zu sich haben; ich gab Old Surehand also einen Wink; wir standen auf und drangen durch das Gezweig hinaus in das Freie, Als er uns sah, rief er den Comantschen zu:

„Das sind die Männer, die ich euch zeigen will, ihr Schurken. Kennt ihr sie?“

„Old Shatterhand!“ rief Langes Messer jubelnd aus.

„Old Surehand!“ schrie der Comantsche erschrocken.

Ich wendete mich an den letzteren:

„Ja, wir sind es, von denen du sagst, sie wären eure Gefangenen. Mr. Cutter, nehmt ihnen die Waffen!“

Ich zog den Revolver und hielt ihnen denselben entgegen; sie wagten nicht, sich zu bewegen.

„Bindet den Apatschen los, Mr. Cutter!“

Er that es. Kaum fühlte Langes Messer sich wieder im Besitze seiner Glieder, so bückte er sich, raffte einen Tomahawk auf und – – zwei schnelle Hiebe, und zwei Comantschen sanken mit zerschmetterten Schädeln aus ihrer sitzenden Stellung hintenüber. Ich faßte ihn beim Arme und rief:

„Was thut mein roter Bruder! Ich wollte mit diesen Kriegern der Comantschen sprechen und – –“

Er hörte mich nicht weiter an, sondern riß sich los und schlug so schnell, daß ich es nicht zu verhindern vermochte, den dritten auch noch nieder. Dann antwortete er mir:

„Mein berühmter, weißer Bruder mag mir verzeihen, daß ich anders handle, als er wünscht. Ich weiß, daß er nicht gern Blut vergießt; darum habe ich es vergossen.“

„Es sollte aber nicht vergossen werden!“

Er deutete nach seiner rechten Brust und fragte:

„Fließt das meinige nicht auch? Ist das Kriegsbeil ausgegraben, so gilt Leben für Leben, Blut für Blut!“

„So töte meinetwegen die, welche du besiegtest; diese drei aber gehörten nicht dir, sondern uns. Seit wann haben die tapfern Krieger der Apatschen ihren Stolz verloren, daß sie Feinde umbringen, die von andern Leuten überwunden worden sind? Schmückt ihr euch jetzt, seit ich nicht bei euch gewesen bin, mit Heldenthaten, die ihr gar nicht vollbracht habt?“

Er blickte beschämt vor sich nieder und entschuldigte sich:

„Einer von diesen drei hat mich verwundet. Durfte er leben bleiben? Was wollte Old Shatterhand mit diesen Hunden machen, wenn sie am Leben blieben? Wollte er sie mit sich nehmen? Das wäre eine Last gewesen, die ihm sicherlich geschadet hätte. Oder hatte er die Absicht, sie frei zu lassen? Dann wären sie zu den Ihrigen geritten und hätten verraten, was sie gesehen haben.“

„Ja hast du recht; aber du weißt, daß Old Shatterhand schon seit langer Zeit ein Häuptling der Apatschen ist. Darf ein Krieger dieses Stammes in seiner Gegenwart thun, was ihm augenblicklich einfällt? Wozu sind die Häuptlinge da, wenn jeder Krieger in ihrem Beisein thun kann, was ihm beliebt? Was wird Winnetou, der größte und berühmteste Häuptling der Apatschen, sagen, wenn ich es ihm erzähle?“

Da beugte sich der stolze Mann vor mir und bat:

„Ich habe unrecht gehandelt. Wird Old Shatterhand mir die Schnelligkeit der That verzeihen?“

„Es ist geschehen und nicht zu ändern; ich verzeihe dir, obgleich du uns wahrscheinlich großen Schaden bereitet hast.“

„Schaden? Wie kann mein weißer Häuptling von Schaden reden?“

„Ich wollte mit diesen Leuten sprechen und hätte von ihnen gewiß erfahren, was ich wissen will.“

„Sie hätten nichts gesagt.

„Sie hätten gesprochen. Hält mein roter Bruder mich für so unklug, daß ich ihnen gesagt hätte, was ich wissen will? Weiß er nicht, daß die Rede und die Frage eines listigen Mannes wie eine Schlinge ist, in welcher selbst ein Kluger gefangen werden kann?“

„Ich weiß es; aber Old Shatterhand braucht diese Hunde der Comantschen nicht zu fragen.“

„Nun allerdings nicht, denn sie sind tot!“

„Auch wenn sie noch am Leben wären. Ich weiß alles; ich habe es erfahren.“

„Von wem?“

„Von ihnen.“

„Hast du mit ihnen gesprochen?“

„Nein.“

„Sie also belauscht?“

„Ja.“

„Gut, wollen sehen, ob du mich wirklich befriedigen kannst. Jetzt zeig deine Wunde her. Ist sie tief?“

„Ich weiß es nicht. Tödlich kann sie nicht sein.“

Er hatte recht; sie war nicht einmal schwer. Das Messer war ihm von der Seite her nur in den rechten Brustmuskel gedrungen und an einer Rippe abgeglitten. Für einen Indianer war dies nur eine leichte Verwundung, obgleich er dem Wundfieber wohl nicht entgehen konnte. Während ich ihn verband, kamen Parker und Jos Hawley uns nach und wunderten sich nicht wenig über das, was sie sahen.

„Da seht ihr, Mesch’schurs, wie schnell wir mit den Halunken fertig geworden sind,“ sagte Old Wabble zu ihnen. „Als ich kam, waren leider drei schon tot. Ich hätte alle sechs auf mich genommen. Wie schön diese Kerls die Hände in die Höhe heben konnten!“

„Und wie schön Ihr dabei in die Käse fliegen konntet, Mr. Cutter!“ fügte ich hinzu,

„In die Käse?“ fragte er erstaunt.

„Ja.“

„Wieso?“

„Wenn sie nun die Hände nicht in die Höhe gehoben hätten?“

„So hätte ich sie erschossen.“

„Wie viele?“

„Alle drei natürlich; th’is clear!“

„Einen, ja; dann aber hätten Euch die andern beim Leder gehabt.“

„Hätten es versuchen sollen!“

„Warum nicht? Wie hättet Ihr Euch wehren wollen mit einem abgeschossenen Gewehre in der Hand und drei andern auf dem Rücken? Bei dieser Balgerei hättet Ihr gewiß den kürzern gezogen.“

„Abwarten, abwarten, Sir!“

„Und wie nun, wenn Ihr alle sechs anstatt nur drei gefunden hättet, als Ihr kamt?“

„Ich stand ja vorher hinter dem Busch und sah die Sache an. Und wenn sie es alle sechs gewesen wären, ich hätte es ganz ebenso gemacht.“

„Und wäret ausgelöscht worden!“

Pshaw! Man ist doch kein Kind. Denkt doch an Euch, Sir! Ihr seid ja schon oft in der Lage gewesen, es mit noch mehr als sechs Roten aufnehmen zu müssen.“

„Dann war die Lage anders als hier; ich bin noch mehr gefürchtet als Ihr und habe den Henrystutzen, den die Roten für eine Zauberflinte halten.“

„Hm, ja! Aber es ist dennoch kein Fehler, den ich begangen habe, denn es konnte mir nichts geschehen.“

„Ah, wohl weil ich mit Mr. Surehand in der Nähe war?“

„Ja,“

„Da irrt Ihr Euch. Wenn die Roten nicht so erschrocken, sondern geistesgegenwärtig gewesen wären, hättet Ihr eine Kugel oder einen Messerstich gehabt, ohne daß es uns möglich gewesen wäre, es schnell zu verhindern. Und selbst wenn Ihr in Allem recht hättet, so doch darin nicht, daß ihr gegen meine Weisung gehandelt habt. Es war bestimmt, daß Ihr draußen bei den Pferden bleiben solltet.“

„Sir, die Zeit wurde mir zu lang.“

„Das ist noch lange kein Grund, Dummheiten zu machen!“

„Dummheiten? Ich muß bitten, Mr. Shatterhand! Old Wabble pflegt keine Dummheiten zu machen!“

Pshaw! Ihr habt unbedingt auf dem Posten zu bleiben, der Euch einmal anvertraut worden ist. Was soll daraus werden, wenn jeder von der Stelle, die er einzunehmen hat, fortlaufen kann! Wie ist es da möglich, sich mit Euch an irgend einem gefährlichen Unternehmen zu beteiligen? Ihr wißt, daß das, was wir vorhaben, mit großen Gefahren verbunden ist. Da muß man gegenseitig felsenfestes Vertrauen zu einander haben können. Ist das nicht der Fall, so reite ich weiter und lasse Euch sitzen!“

„Bravo, bravo!“ rief Parker.

Da fuhr Old Wabble ihn zornig an:

„Was habt Ihr da zu johlen? Ich verbitte mir solches Geschrei ein für allemal!“

„Das glaube ich!“ antwortete Parker. „Ich soll es mir gefallen lassen, wenn zu mir vom Sitzenlassen gesprochen wird, Ihr aber wollt es nicht hören, alter Wabble! Wir sind nicht dabei gewesen. Was habt Ihr denn für einen Pudel geschossen?“

„Keinen! Aber wenn Ihr nicht sofort den Schnabel haltet, so schieße ich nachträglich einen, und zwar einen ganz gehörigen, und der seid Ihr; th’is clear!“

Er wendete sich wütend ab.

Ich sorgte zunächst für unsre Sicherheit, indem ich die Pferde holen ließ und dann Posten ausstellte. Hawley war der erste; er hatte um das Wäldchen zu patrouillieren und alles Auffällige zu melden. Dann wurden die Comantschen untersucht. Sie waren tot und wurden einstweilen auf die Seite geschafft. Dann setzten wir uns zusammen, um unsre Lage zu besprechen. Der Abend dunkelte herein; aber es war nicht geraten, ein Feuer anzubrennen. Der Schein desselben hätte zwar draußen nicht gesehen werden können, denn der kleine Wald war dicht genug; aber die Comantschen, welche später dieses Weges kamen, sollten keine Spur unsres Lagers finden.

Hauptsache war natürlich das, was Pesch-endatseh, das Lange Messer, mir zu sagen hatte. Als ich ihn fragte, ob er Winnetou getroffen habe, antwortete er:

„Ja. Die Krieger der Apatschen hörten, daß die Comantschen die Kriegsbeile ausgegraben hätten, und sandten sogleich Späher aus, um zu erkunden, gegen wen der Angriff gerichtet sei. Ich gehörte zu diesen Spähern und hatte noch einen Krieger bei mir. Wir ritten am Wasser des Pecos empor, wo die Comantschen zu vermuten waren, und trafen sie am Saskuan-kui, welches wir Apatschen Doklis-to, das blaue Wasser, nennen. Wir konnten sie nicht beobachten und noch viel weniger belauschen, denn sie streiften jagend in der Gegend umher, um Fleisch zu machen.“

„Aber des Abends pflegt man doch nicht zu jagen!“

„Old Shatterhand hat recht, und wir wußten das auch. Wir ließen unsre Pferde zurück und schlichen uns zu Fuße nach dem blauen Wasser, wo wir ankamen, als es dunkel war.“

„Habt ihr etwas gehört?“

„Nein. Wir gaben uns große Mühe, aber wir hatten kein Glück. Mein weißer Bruder wird mir das glauben und mir keine Vorwürfe machen. Es kann dem besten, dem kühnsten und vorsichtigsten Kundschafter geschehen, daß er trotz aller List heimkehren muß, ohne etwas erfahren zu haben.“

„Gewiß! Ich kenne dich, und es fällt mir gar nicht ein, gering von dir zu denken. Wo trafst du Winnetou?“

„Wir schlichen uns an zwei Abenden nach dem blauen Wasser. Am ersten hatten wir keinen Erfolg; am zweiten trafen wir mit Winnetou zusammen, welcher noch vor uns gekommen war und uns gebot, uns nicht länger in Gefahr zu begeben, sondern mit ihm zu kommen.“

„Ah, da hatte er ganz gewiß etwas erfahren!“

„Ja, er erfuhr etwas, worüber sich mein großer, weißer Bruder Old Shatterhand außerordentlich wundern wird.“

„Was?“

„In der großen Wüste, welche von den Bleichgesichtern der Llano estacado genannt wird, giebt es eine schöne Klaparya-Siyardestar mit vielem, hellem Wasser, an welchem die herrlichsten Bäume, Sträucher und Blumen stehen. Dabei steht ein Haus, in welchem drei Personen wohnen, nämlich ein Deklil-Inda, eine Deklil-Isoma, welche seine Mutter ist, und ein weißer Jäger; dieser ist der Herr der Gegend und wird Dil-Mejeh genannt. Winnetou hat ihn gesehen und mit ihm das Kalumet der Freundschaft geraucht.“

„Ich kenne ihn auch.“

„Uff!“ rief der Rote verwundert. „Old Shatterhand hat ihn auch schon gesehen?“

„Ja.“

„Also wohl auch das Wasser und das Haus in der Wüste?“

„Ja.“

„So weiß mein berühmter, weißer Bruder also den Weg dorthin zu finden?“

„Natürlich! Ich war einigemal dort. Hat Winnetou dir das nicht gesagt?“

„Nein. Winnetou, der große Häuptling der Apatschen, liebt nicht lange Erzählungen; er sagt kein Wort mehr, als was nötig ist. Also du kennst die Gegend auch und weißt den Weg! Darum soll ich auf dich warten und dir die Botschaft des Häuptlings bringen!“

Er wunderte sich, ich ersah aus seinen Worten, wie verschwiegen Winnetou, wie stets, so auch in dieser Angelegenheit gewesen war. Er hatte nie ein Wort über die Oase im Estacado gesprochen. Der Apatsche fuhr fort:

„Es müssen einst Comantschen bei dem blutigen Fuchs gewesen sein, wie ich aus Winnetous Worten entnahm.“

„Allerdings. Sie waren mit ihm und mit mir dort. Der junge Häuptling Schiba-bigk führte sie an.“

„Schiba-bigk? Ich höre, daß Old Shatterhand alles richtig weiß, denn dieser junge Häuptling soll die Comantschen jetzt nach der Insel in der Wüste führen.“

„Hast du vielleicht erfahren, weshalb die Comantschen ihren Kriegszug dorthin richten?“

„Winnetou hat es erlauscht. Der blutige Fuchs ist aus der Wüste gekommen, um zu jagen, und mit einer Schar Comantschen zusammengetroffen; sie haben ihn angegriffen, um ihn zu töten; er hat sich verteidigt und mehrere von ihnen erschossen. Seine Kugeln sind ihnen gerade mitten in die Stirn gedrungen.“

„Haben sie ihn denn gekannt?“

„Einer von ihnen ist damals mit bei ihm in der Wüste gewesen und hat ihn erkannt.“

„Er ist ihnen entkommen?“

„Keine ihrer Kugeln hat ihn getroffen und keines ihrer Messer seine Haut geritzt.“

„Gott sei Dank! Nun unternehmen sie einen Rachezug, um ihn zu töten?“

„Ja, sie wollen ihn töten und sein Haus und die Bäume vernichten, daß die Insel wie eine Wüste wird. Das hat Winnetou erlauscht.“

„Aber er kann das nicht erst hier am blauen Wasser erfahren haben, sondern er muß es schon vorher gewußt haben, denn ich habe die Nachricht davon schon oben in der Sierra Madre von ihm erhalten.“

„Es sind zwei Comantschen dort jagen gewesen und haben davon gesprochen, ohne ihn zu kennen. Er ist mit ihnen zusammengetroffen und hat sich für einen Sohn der Kiowas ausgegeben. Sie haben das geglaubt.“

„Dann sind ihre Seelen abwesend gewesen. Wer Winnetou, auch ohne ihn zu kennen, für einen Kiowa hält, der hat kein Hirn im Kopfe. Weiter!“

„Winnetou ist von der Sierra Madre sofort aufgebrochen, um den blutigen Fuchs zu warnen. Er sah auf seinem Wege die Spuren der Comantschen und folgte ihnen bis zum blauen Wasser, wo er sie belauschte; dabei traf er uns. Der Häuptling war sehr froh darüber und gab uns seine Befehle. Er sandte den Krieger, der bei mir war, heim, um schnell dreihundert Apatschen, welche gut bewaffnet und mit genug Fleisch versehen sein sollen, nach dem Nargoleteh-tsil zu führen, wo sie auf Old Shatterhand warten sollen. Mich nahm er mit hierher nach dem kleinen Walde, wo er mich zurückließ, um Old Shatterhand zu erwarten und ihm zu sagen, daß er nach dem Nargoleteh-tsil reiten solle, um sich an die Spitze unsrer Krieger zu stellen und ihm in den Llano estacado nachzukommen.“

„Gut, gut! Habe es mir gedacht! Das ist alles, was er dir für mich aufgetragen hat?“

„Ja, alles.“

„Also nach dem Regenberge! Den kenne ich genau. Wenn man gut reitet, ist man von hier aus in einem halben Tage dort. Der Ort ist außerordentlich gut gewählt, denn dort können sich sogar mehr als dreihundert Mann so verbergen, daß kein Feind sie zu finden vermag. Wie schade, daß du die drei Comantschen hier getötet hast! Wenn sie noch lebten, würde ich gewiß einiges aus ihnen herausfragen, was uns zu wissen nützlich sein würde.“

„Was möchte Old Shatterhand wissen?“

„Wer der Anführer der Comantschen ist.“

„Schiba-bigk. Ich habe es schon gesagt.“

„Das bezweifle ich, denn er ist zu jung dazu. Am blauen Wasser befiehlt Vupa Umugi, welcher gewiß keinem jüngern Krieger gehorchen wird, und dann kommt noch Nale-Masiuv, der gewiß auch zu stolz ist, sich Eisenherz unterzuordnen.“

„Uff! Nale-Masiuv, der an jeder Hand nur vier Finger hat? Der will auch kommen?“

„Ja, mit hundert Mann.“

„Woher weiß das Old Shatterhand?“

„Ich habe es am blauen Wasser erlauscht.“

„Uff, uff! Old Shatterhand ist auch am blauen Wasser gewesen, und es ist ihm gelungen, die Hunde der Comantschen zu beschleichen? Was keinem andern Krieger gelingt, das bringen zwei gewiß fertig, Winnetou und Old Shatterhand!“

„Dieses Lob verdiene ich nicht, denn die weißen Krieger, welche du hier bei mir siehst, sind auch mit dort gewesen.“

„Ja, aber wie!“ fiel Old Surehand ein. „Ihr waret als freie Männer dort, und – –“

„Still!“ fiel ich ihm in die Rede. „Was dort geschehen ist, kann recht gut unter uns bleiben; es braucht nicht weiter erzählt zu werden! Wie gesagt, es wäre sehr vorteilhaft für uns, zu wissen, wer der eigentliche Anführer der Comantschen ist. Von Vupa Umugi und Nale-Masiuv haben wir nichts Gutes zu erwarten. Schiba-bigk aber ist mir zu Dank verpflichtet, denn wir haben ihm damals das Leben gerettet und ihn sicher durch den Llano gebracht. Er ist zwar jünger als die beiden andern, und sie werden sich ihm wohl kaum unterordnen, aber er ist der Sohn des berühmten Tevua-schohe, welcher der oberste Kriegshäuptling sämtlicher Comantschenstämme war, und ich halte es gar nicht für so unmöglich, daß infolge des Ruhmes, den er sich erworben hatte, und der Erfolge, die man ihm verdankte, seine Stellung auf seinen Sohn übergegangen ist. Wären die drei Comantschen hier noch am Leben, so würde ich es ganz gewiß von ihnen erfahren.“

Obgleich diese Worte nicht direkt an Langes Messer gerichtet waren, antwortete er:

„Old Shatterhand hat mir verziehen, was ich that. Soll ich nicht von diesen sechs toten Comantschen erzählen?“

„Thue es. Wer gewahrte den oder die andern zuerst, du sie oder sie dich?“

„Ich sah sie eher, als sie mich. Indem ich hier auf Old Shatterhand wartete, konnten leicht Comantschen hierher kommen. Ich war also sehr vorsichtig und verbarg mein Pferd tief im Gesträuch; zugleich hütete ich mich, Spuren zu machen. Aber ich mußte doch bald hierhin und bald dorthin gehen; ich mußte auch das Pferd tränken, und das führte zu meiner Entdeckung. Ich hatte das Pferd zum Wasser gebracht, und während es trank, ging ich hinaus an den Rand des kleinen Waldes“ um zu sehen, ob ich sicher sei. Da sah ich die sechs Hunde der Comantschen kommen und fand kaum Zeit, mein Pferd wieder in sein Versteck zu bringen; die Stapfen konnte ich nicht verwischen. Sie kamen und sahen die Spur und folgten ihr in das Gebüsch. Fliehen konnte ich nicht; sie waren mir nahe. Ich schoß den ersten nieder und erstach den zweiten und den dritten; die andern packten mich. Ich wurde verwundet, niedergerissen und gefesselt. Dann banden sie mich an den Baum. Als ihr kamt, habe ich sie erschlagen. Old Shatterhand kann sie nach nichts fragen; aber etwas habe ich von ihnen gehört, was ich ihm sagen möchte.“

„Was?“

„Sie wollen nach der Insel in der Wüste, um den blutigen Fuchs und die alte Negerin zu fangen und nach dem großen Dorfe der Comantschen zu schaffen. Ich habe, als sie miteinander sprachen, erfahren, wo ihr Dorf jetzt liegt.“

„Das ist freilich wichtig. Wo liegt es?“

„Ich kenne den Ort nicht und habe seinen Namen nie gehört. Er wurde von ihnen Kaam-kulano genannt.“

„Du hast dich geirrt und kennst den Ort gewiß. Die Comantschen nennen den Ort allerdings so, von euch wird er Katscho-Nastla, also auch Hasenthal, geheißen.“

„Katscho-Nastla? Dieses Thal kenne ich freilich. Es liegt einen starken Tagesritt nordwärts von hier. Dorthin soll der blutige Fuchs mit der Negerin geschafft werden, um an demselben Marterpfahle zu sterben. Der Neger ist schon dort.“

„Was?“ fragte ich erschrocken. „Welcher Neger?“

„Der Sohn der alten schwarzen Frau, der mit bei dem blutigen Fuchs in der Wüste wohnt.“

„Ah! Das ist freilich eine sehr wichtige, aber auch eine sehr unerfreuliche Nachricht. Hast du richtig gehört?“

„Mein Ohr hat sich nicht getäuscht.“

„Es kann von einem andern Neger die Rede gewesen sein!“

„Nur von dem Neger in der Wüste. Die Hunde der Comantschen nannten seinen Namen.“

„Wie hieß er? Schnell!“

„Ich habe ihn gehört, aber nicht behalten.“

„Bob?“

„Ja, Bob, Bob haben sie gesagt.“

„Wie ist er denn in ihre Hände geraten? Haben sie nicht davon gesprochen?“

„Sie sprachen davon. Er war mit dem blutigen Fuchs auf der Jagd, als dieser von den Comantschen überfallen wurde. Der Fuchs tötete mehrere von ihnen und entkam, der Neger aber fiel ihnen in die Hände und wurde nach dem Thale der Hasen geschafft. Dort hält man ihn gefangen, bis der Fuchs und die Negerin gebracht werden; dann sollen die drei den Martertod sterben.“

„So weit soll es wohl nicht kommen! Dafür werde ich sorgen. Bob muß frei werden. Ich reite sogleich hin!“

Ich sprang auf, denn ich war erregt, obgleich es sonst nicht leicht ist, mich in Aufregung zu versetzen. Die andern waren verwundert, der Apatsche jedenfalls am meisten, denn der Rote verachtet den Neger noch weit mehr, als der Weiße; er wagte es aber nicht, etwas zu sagen. Als früherem Cowboy stand dem alten Wabble ein Schwarzer fast ebenso tief wie ein Hund; es war ihm unmöglich, zu schweigen.

„Was ist’s mit Euch, Sir?“ fragte er. „Ich glaube gar, dieser Bob bringt Euch aus dem Häuschen!“

„Nicht er, sondern der Umstand, daß er Gefangener der Comantschen ist und umgebracht werden soll.“

Pshaw! Ein Schwarzer, ein Nigger!“

„Nigger? Neger wollt Ihr wohl sagen, Mr. Cutter!“

„Nigger sage ich. Habe das Wort all mein Lebtage nicht anders ausgesprochen.“

„Das thut mir leid! Es scheint, Ihr rechnet die Neger nicht mit zu den Menschen.“

„In der Naturgeschichte werden sie freilich mit unter den Menschensorten aufgezählt; wissenschaftlich sind sie also welche, aber, My god, was für welche!“

„Jedenfalls ebenso gute wie alle anders gefärbten!“

Pshaw! Ein Nigger ist ein so niedriges Geschöpf, daß es sich eigentlich gar nicht lohnt, von ihm zu sprechen!“

„Das ist Eure Ansicht, wirklich Eure Ansicht?“

Yes!“

„Dann thut Ihr mir leid, herzlich leid, denn mit dieser Behauptung beweist Ihr, daß Ihr noch weit unter dem Nigger steht!“

All devils! Ist das Euer Ernst, Sir?“

„Mein vollständiger Ernst!“

„Dann thut Ihr mir ebenso leid wie ich Euch! Ein farbiger Mensch ist nie ein richtiger Mensch, sonst hätte ihn Gott nicht farbig gezeichnet!“

„Mit ebenso großem Rechte könnte ein Neger sagen: Ein Weißer ist kein richtiger Mensch, sonst hätte ihn Gott nicht ohne Farbe geschaffen. Ich bin etwas weiter in der Welt herumgekommen als Ihr und habe unter den schwarzen, braunen, roten und gelben Völkern wenigstens ebenso viel gute Menschen gefunden wie bei den weißen, wenigstens, sage ich, wenigstens! Versteht Ihr mich, Mr. Cutter?“

„Was ihr gefunden habt, ist mir egal. Ich habe noch nicht einen einzigen Nigger kennen gelernt, neben dem ich mich hätte niedersetzen mögen.“

„Weil Ihr jeden Schwarzen gleich im ersten Augenblicke so behandelt habt, daß er Euch unmöglich freundlich gesinnt sein konnte. Eure Erfahrung ist also gar kein Beweis für das, was Ihr behauptet. Und was diesen Bob betrifft, so ist er ein so braver Kerl, daß ich, wenn Ihr Euch miteinander in Not befändet, sehr wahrscheinlich ihm eher beispringen würde als Euch!“

Thunder-storm, ist das ein Kompliment! Ihr könnt außerordentlich höflich sein, Mr. Shatterhand, außerordentlich höflich; th’is clear!“

„Ich beabsichtige, aufrichtig, aber nicht höflich zu sein. Ich bin nicht höflich gegen Leute, welche ihre Nebenmenschen verachten. Wenn man Euch einmal in die Erde scharrt, wird aus Eurem weißhäutigen Leibe grad und genau so ein stinkiger Kadaver wie aus einer Negerleiche. Das werdet Ihr wohl zugeben, und nun habt die Güte und zählt mir einmal Eure sonstigen Vorzüge auf! Es sind alle, alle Menschen Gottes Geschöpfe und Gottes Kinder, und wenn Ihr Euch einbildet, daß er Euch aus einem ganz besonders kostbaren Stoffe geschaffen habe und daß Ihr sein ganz besonderer Liebling seiet, so befindet Ihr Euch in einem Irrtum, den man eigentlich gar nicht begreifen kann. Ich habe mich gefreut, Euch kennen zu lernen; soll es mit dieser Freude nun zu Ende sein?“

Es war dunkel geworden und ich konnte sein Gesicht nicht erkennen; aber meine Worte schienen ihn zu treffen; er senkte den Kopf und brummte:

Zounds! Schade, jammerschade, daß Ihr ein Westmann geworden seid!“

„Warum?“

„Ihr wäret ein noch viel besserer Pfarrer und Kanzelredner geworden; th’is clear!“

„Westmann bin ich nur aus Gelegenheit. Vor allen Dingen bin ich Mensch, und wenn ein andrer Mensch sich in Not befindet und ich ihm helfen kann, so frage ich nicht, ob seine Haut eine grüne oder blaue Farbe hat. Diesen Bob lasse ich nicht bei den Comantschen!“

„Meinetwegen! Ich will Euch ja gar nicht hindern. Ich will Euch sogar dabei helfen; aber jetzt haben wir ganz und gar keine Zeit dazu.“

„Es muß und soll aber grad jetzt geschehen!“

„Wie? Was? Grad jetzt?“

„Ja.“

„Wir müssen doch nach dem Nargoleteh-tsil, um die Apatschen dort zu treffen!“

„Das hat noch Zeit!“

„Noch Zeit? Sir, ich begreife Euch nicht!“

„Könnt Ihr denn nicht rechnen, Mr. Cutter? Glaubt Ihr, daß die Apatschen schon dort sein können?“

„Das müßt Ihr freilich besser wissen als ich; ich denke auch weniger an sie als an die Comantschen, denen wir doch zuvorkommen müssen.“

„Auch das hat keine Eile. Von gestern abend an in drei Tagen, also bis übermorgen abend, wird Nale-Masiuv mit seinen hundert Mann nach den blauen Wasser kommen. Denkt Ihr, daß dann gleich aufgebrochen wird?“

„Nein, denn diese Leute und ihre Pferde müssen doch erst ausruhen.“

„Wenigstens einen Tag ausruhen; wir haben also von jetzt an drei Tage Zeit; davon brauche ich nur zwei, um Bob zu befreien.“

Der Alte wollte weiter antworten; da aber kam ihm Old Surehand zuvor, indem er das Wort ergriff.

„Sagt einmal, Mr. Shatterhand, ich hörte über Euch ein Erlebnis erzählen, welches mich außerordentlich interessierte. Ihr hattet hoch droben im Nationalparke ein Zusammentreffen mit den Sioux. Ihr hattet eine Gesellschaft tapferer Kerls bei Euch und auch einen Neger, welcher Bob hieß, wenn ich mich nicht irre?“

„Allerdings.“

„War das derselbe Bob?“

„Ja.“

„Ah, da habt Ihr recht, vollständig recht! Den dürfen wir nicht stecken lassen; der muß heraus, heraus!“

„So wollt Ihr mit?“

„Natürlich! Versteht sich ganz von selbst. Wann werden wir von hier aufbrechen?“

„Bei Anbruch des Tages.“

„Ist das nicht zu spät?“

„Nein. Von hier aus bis zum Kaam-kulano ist es freilich ein sehr reichlicher Tagesritt; aber ich kenne die Gegend, und wir haben ausgezeichnete Pferde. Wir brauchen sie gar nicht sehr anzustrengen, so sind wir noch vor Abend dort, grad zur richtigen Zeit.“

„Ja, kurz vor Abend ist’s stets am besten. Da hat man noch Zeit, die Örtlichkeit kennen zu lernen und die Gelegenheit zu erspähen. Dann, wenn es dunkel geworden ist, wird der Streich ausgeführt. Ich freue mich darauf; habt Ihr eine Ahnung, wie viel Menschen dort wohnen?“

„Nein. Es wird nur das Zeltdorf Vupa Umugis sein, und ich vermute, daß sich nicht sehr viele junge, rüstige Krieger dort befinden werden.“

„Also ein Kampf mit alten Weibern! Fi!“

„Hm! So leicht wird es uns doch nicht werden. Es bleibt bei jedem Zuge eine Anzahl von Kriegern zum Schutze des Lagers zurück, hier auch zur Bewachung des Gefangenen. Mit ihnen werden wir es zu thun bekommen.“

„Aber ich bezweifle, daß unsre Pferde alle den Ritt aushalten werden!“

„Alle? Wieviel Pferde meint Ihr da?“

„Nun, so viel wir haben!“

„Also zwei!“

„Zwei – –?“ fragte er verwundert.

„Ja, zwei, nämlich mein Rappe und Euer Fuchs.“

„Holla! Ihr meint, wie es den Anschein hat, daß nur wir zwei den Ritt unternehmen?“

„Allerdings. Wer denn noch?“

„Ich denke, es wird sich niemand ausschließen.“

„Und ich denke, daß wir einen Ritt hin und zurück vor uns haben, den nur unsre beiden Pferde aushalten können. Von Mr. Parker und Mr. Hawley kann also überhaupt keine Rede sein; ihre Pferde sind jetzt schon müde und würden unterwegs zusammenbrechen.“

Parker sagte nichts; er sah wohl ein, daß ich recht hatte.

Jos aber fühlte eine große Zuneigung zu mir; es schien ihm schwer, sich von mir zu trennen.

„Ist es denn nicht möglich, daß ich mit kann?“ fragte er. „Ihr wißt doch, wie gern ich bei Euch bin, Sir!“

„Ich weiß es, aber es ist nicht möglich, Mr. Hawley. Das Pferd kann nicht so, wie Ihr wollt.“

„So wird mir Old Wabble das seinige borgen.“

„Was fällt Euch ein?“ rief der Alte aus. „Ich reite ja selber mit!“

„Ihr?“ fragte ich.

„Ja, ich!“

„Ich denke, Ihr bleibt bei den andern!“

„Warum? Mein Pferd ist gut. Oder meint Ihr, daß es den Ritt nicht aushalten kann?“

„Es würde ihn wahrscheinlich aushalten; aber es wird sich sträuben und nicht fortzubringen sein.“

„Sträuben? Sonderbar! Möchte das Pferd kennen lernen, das sich sträubt, Old Wabble dahin zu tragen, wohin er will!“

„Diesesmal doch!“

„Warum grad diesesmal?“

„Weil es sich um einen Nigger handelt.“

„Ah! Meint Ihr es so! Nun, da wird es wohl nicht auf das Pferd, sondern auf mich ankommen!“

„Oder auf mich, Mr. Cutter! Ich habe nicht die Absicht, Euch wegen eines Schwarzen zu belästigen.“

Pshaw, es ist keine Belästigung; ich thue es gern!“

„Vorhin klang es anders!“

„Ja, vorhin! Soll ich aufrichtig sein, Mr. Shatterhand?“

„Nun?“

„Es war von Euch gar nicht fein und geschmackvoll gesagt, nämlich das von dem stinkigen Kadaver vorhin, aber es hat bei mir Eingang gefunden, und ich denke, daß Ihr nicht so unrecht habt. Ich will meine Dummheit gut machen, indem ich Euerm Bob mit heraushelfe, und bitte Euch daher, mich mitzunehmen! Wollt ihr, Sir?“

„Hm! Wenn Ihr in dieser Weise sprecht, so möchte ich wohl, aber es geht dennoch nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil auf Euch kein Verlaß ist.“

„Oho! Das hat mir noch niemand gesagt!“

„So sage ich es Euch zum erstenmal. Ihr habt es heut bewiesen, daß ich recht habe. Wißt Ihr, was wir vorhaben? Wir wollen einen Gefangenen mitten aus einem Indianerdorfe herausholen. Schon das ist genug! Aber wir haben keine Zeit, eine passende und leichte Gelegenheit abzuwarten, denn der Streich muß in kürzester Zeit ausgeführt werden. Da handelt es sich doppelt um Leben und Tod!“

„Das weiß ich.“

„Schön! Da werdet Ihr also einsehen, daß ich Euch nicht mitnehmen kann.“

„Ich fürchte den Tod nicht!“

„Das weiß ich; aber ich befürchte, daß wir, wenn wir Euch mitnehmen, in den Tod reiten. Den Tod nicht fürchten und dem Tode aus Unvorsichtigkeit in die Arme laufen, das ist zweierlei. Man kann sich nicht auf Euch verlassen.“

„Weil ich nicht draußen bei den Pferden geblieben bin? Sir, das war das letztemal, daß so etwas vorgekommen ist. Glaubt es mir. Gebt mir die Hand und nehmt mich mit!“

Was wollte ich machen! Er bat so dringend. Sollte ich ihn, den alten, erfahrenen, neunzigjährigen Westmann wie ein Greenhorn zurückweisen? Ich brachte es nicht fertig, sondern ich gab ihm die Hand und sagte:

„Nun gut, so kommt mit! Aber ich hoffe, daß Euch der jugendliche Übermut nicht wieder mit dem Verstande durchgeht!“

Well! Das soll ein Wort sein! Ihr werdet mir Eure Zufriedenheit nicht versagen. Was wird aber mit den andern? Bleiben die hier?“

„Nein, sie reiten fort.“

„Wohin?“

„Nach dem Nargoletch-tsil, wo wir mit den Apatschen zusammentreffen werden. Langes Messer kennt doch wohl den Weg dorthin?“

Der Rote, an den ich diese Frage richtete, antwortete:

„Ich kenne ihn genau. Wann sollen wir reiten?“

„Morgen früh, sobald wir auch aufbrechen.“

„Sollen wir die toten Hunde der Comantschen hier so liegen lassen?“

„Nein, sie müssen spurlos verschwinden. Auch begraben darf man sie nicht hier. Die Comantschen kommen, wenn sie nach der Wüste reiten, durch dieses Wäldchen und würden die Gräber entdecken.“

„Darf ein gewöhnlicher Krieger der Apatschen Old Shatterhand einen Vorschlag machen?“

„Warum nicht?“

„Wir binden die Leichen auf ihre Pferde und nehmen sie mit nach dem Nargoleteh-tsil, wo wir sie begraben.“

„Ja, das ist das Beste, was geschehen kann. Nehmt sie mit.“

„Wem gehören ihre Pferde, Waffen und Sachen?“

„Dir. Wir mögen nichts, außer wenn Mr. Parker und Mr. Hawley ihre Pferde umtauschen wollen, mögen sie die zwei nehmen, die ihnen gefallen.“

„So mag es sein. Die Skalpe aber nehme ich mir auch; sie hätten mir den meinigen ebenso genommen. Howgh!“

So war die Sache abgemacht; wir aßen und legten uns dann schlafen. Vorher erboten sich Parker, Hawley und der Indianer, die Wachen für die ganze Nacht zu übernehmen, weil wir andern für morgen einen so anstrengenden Ritt vorhatten. Natürlich gingen wir darauf ein. –

Der Hase des Westens, und besonders der texanische, ist etwas größer als unser deutscher Lampe und hat auch viel größere Ohren. Damals war er in Menge vorhanden, denn es gab noch Büffel und andres Wild genug, so daß der Westmann nur dann eine Kugel an ein Häslein verschwendete, wenn es gar nichts andres gab. Nirgends aber war Lampe so zahlreich anzutreffen, als an einem Quellflüßchen des Buffalo-Spring, der eigentlich selbst auch nur eine Quelle war. Dieses Flüßchen entsprang an dem Hinterteile einer Felsenmulde, welche, weil sie die Gestalt einer Pfanne hatte und von den erwähnten Nagern stark bevölkert war, von den weißen Jägern Hare-pan, Hasenpfanne, genannt wurde. Auf der Sohle dieses Thales stand fast während des ganzen Jahres ein üppig grünes, fettes Gras, und die schräg ansteigenden Wände waren mit Gebüsch bestanden, aus welchem hier und da die Krone eines Baumes ragte. Das war das Kaam-kulano, das Hasenthal, in welchem gegenwärtig die Comantschen Vupa Umugis ihre Zelte aufgeschlagen hatten.

Es war am nächsten Tage, ungefähr zwei Stunden vor der Dämmerung, als wir in die Nähe dieses Thales gelangten. Die Gegend war zwar keine Einöde, aber auch nicht übermäßig grün, und da wir nun auf Begegnungen gefaßt sein mußten und doch keine Deckung hatten, so mußten wir suchen, uns welche zu verschaffen. Wir konnten sie nur da finden, wo es Büsche gab, und das war am Flüßchen der Fall. Wir erreichten dasselbe an einer Stelle, welche höchstens den vierten Teil einer Wegstunde vom Ausgange der Thalmulde entfernt war. Es war gewiß eine Kühnheit von uns, uns am hellen Tage so nahe heran zu wagen; aber wir hatten keine andre Wahl, da uns die Zeit so karg zugemessen war. Wir mußten noch vor Nacht erfahren, wie es im Thale stand.

Wir waren so glücklich, am Wasser eine Stelle zu finden, wo uns das Gesträuch ein Versteck bot, wie wir es uns gar nicht besser wünschen konnten. Da stiegen wir ab und erlaubten den ziemlich ermüdeten Pferden, zu trinken und dann zu grasen. Für uns hatten wir einen Vorrat von Dürrfleisch mitgebracht, der mehrere Tage reichte. Da nur ich einmal hier gewesen war, so bat ich Old Surehand und den alten Wabble, das Versteck ja nicht zu verlassen, sondern auf mich zu warten, und ging rekognoszieren.

Ich vergegenwärtigte mir die Gegend, wie ich sie bei meinem Hiersein kennen gelernt hatte, und machte mir dann meinen Plan. Da, wo das Wasser aus dem Thale trat, stiegen die Seiten desselben allmählich und weit ausgebaucht rechts und links empor, und das Gebüsch folgte ihnen bis zur Höhe, ein Umstand, der für mich sehr günstig war. Das Gesträuch ging dann wie eine Kranzeinfassung oben rund um den Rand der Thalmulde herum und bot mir reichlich Gelegenheit, mich zu verbergen, sobald dies nötig war. Dabei gab es freilich eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit: ich durfte keine Spuren machen oder nur so undeutliche, daß nicht zu ersehen war, ob sie von meinem Stiefel oder einem indianischen Mokassin stammten. Sonst war die ganze Gegend vollständig baum- und strauchlos, so daß man jeden größeren Gegenstand weithin bemerken konnte.

Indem ich vorsichtig vorwärts ging, warf ich fleißig Blicke hinaus ins Freie. Es war zu meiner Freude kein Mensch, weder Mann noch Weib oder Kind, zu sehen. Die Zeit war also vorüber, in welcher alle zurückgebliebenen Bewohner des Lagers sich für den Abend und die Nachtruhe in dem Thale zu versammeln hatten. Darauf wird bei Abwesenheit der Krieger streng gehalten.

Als ich die Öffnung des Thales erreicht hatte, wendete ich mich rechts und stieg die Lehne empor. War der Eingang bewacht? Ich blickte hinab und sah keinen Menschen. Das Lager befand sich wahrscheinlich in der Mitte des eine halbe Stunde langen Thales, denn der hintere Teil war jedenfalls für die Pferde reserviert. Ich ging weiter. Die Zeit schien ungemein glücklich gewählt zu sein, denn es gab keinen Menschen hier oben und auch keine neue Spur, welche gesagt hätte, daß in den letzten Stunden jemand dagewesen sei.

Bald sah ich die ersten Zelte, und als ich noch eine Strecke weiter gegangen war, sah ich das ganze Lager unten liegen. Es bestand aus lauter leinenen Sommer- und nicht aus ledernen Winterzelten. Ich nahm mir nicht die Zeit, sie zu zählen, aber es waren weit über hundert Stück. Belebt waren die Plätze vor und zwischen den Zelten von lauter Knaben, Frauen und Mädchen. Männer sah ich nur wenige, und die schienen alt zu sein. Sollten die hundertvierundfünfzig Mann, welche Vupa Umugi bei sich hatte, alle seine Krieger sein, so daß keiner hier zurückgeblieben war? Das konnte ich mir nicht denken, denn es wäre eine große Unvorsichtigkeit gewesen. Ohne allen Schutz konnte er das Lager unmöglich gelassen haben. Hinter demselben sah ich, wie ich gedacht hatte, eine Anzahl Pferde weiden.

Ich ging noch weiter, um eine Stelle zu finden, die mir eine bessere Aussicht bot. Es galt ja, an irgend einem Anzeichen das Zelt zu erkennen, in welchem Bob steckte. Jedenfalls lagen Wächter vor demselben. Und richtig! am Eingange des hintersten Zeltes lagen zwei Krieger. Das war sehr wahrscheinlich das gesuchte. Nicht weit davon stand ein andres Zelt, welches größer als die übrigen war. Vor demselben waren zwei Stangen eingerammt, an welchen verschiedene, sonderbar gestaltete Gegenstände hingen. Waren das Medizinen? War es das Häuptlingszelt? Wahrscheinlich! jeder Krieger hat nur eine Medizin; verliert er sie, so hat er die Ehre verloren, bis er diejenige eines Feindes erobert, indem er ihn tötet. Stirbt er, so bekommt er seine Medizin mit in das Grab. Aber es giebt auch einzelne Stämme, bei denen die Medizinen von den Nachkommen aufbewahrt werden. Sie bilden ein heiliges, kostbares Andenken an die Vorfahren, und wer sie verliert, ist in den Augen der andern vollständig zu Grunde gerichtet. Es kam mir ein Gedanke. Sollten das die Medizinen von den Ahnen des Häuptlings Vupa Umugi sein? Dann mußte ich sie haben, unbedingt haben. Sie konnten mir bei dem Kampfe zwischen den Apatschen und Comantschen die unschätzbarsten Dienste leisten.

Als ich noch ein wenig weiter ging, sah ich plötzlich eine Fußspur, höchst wahrscheinlich die Spur eines Weibes, welches hier am Abhange heraufgeklettert war. Sie durfte mich nicht sehen; ich mußte zurück. Eben wollte ich mich umdrehen, da raschelte es im Gebüsch, und sie stand vor mir. Schon hob ich den Arm, um sie zu fassen, da ließ ich ihn wieder sinken, nicht weil sie nur ein Weib war, denn in solchen Lagen ist jedes Auge, welches einen sieht, unschädlich zu machen, sondern des Ausdruckes wegen, welcher bei meinem Anblicke in ihr Gesicht trat.

Sie war alt. Ihre ungewöhnlich hohe und breitschulterige Gestalt war nur mit einem blauen, hemdähnlichen Gewande bekleidet. Von dem unbedeckten Kopfe hing das graue Haar in ungekämmten, wirren Strähnen nieder. Ihr Gesicht war tief gebräunt, doch hätte ich es an einem andern Orte wohl nicht für das einer Indianerin gehalten. Sie hatte kaukasische Züge, und es war mir sogar, als ob ich ähnliche schon einmal, und zwar vor kurzer Zeit, gesehen hätte. Das Gesicht war tief durchfurcht und schrecklich eingefallen, und die Augen, diese Augen! Was hatten sie nur für einen Blick! So starre und dabei flackernde, wilde und dabei trostlose Augen hatte ich in Irrenhäusern gesehen. Ja, das war es, dieses Weib war wahnsinnig, unbedingt wahnsinnig. Erst stierte sie mich zornig forschend an; dann bekamen die Augen einen milden Glanz; die farblosen Lippen lächelten; die skelettartigen Finger krümmten sich, um mir zu winken, und dann hörte ich die leisen, hastigen Worte:

„Komm her, komm her! Ich muß dich fragen!“

Ich trat die drei Schritte, welche uns trennten, zu ihr hin. Sie ergriff meinen Arm, grub ihre Finger in den Ärmel ein und fragte:

„Du bist ein Bleichgesicht?“

„Ja,“ antwortete ich ebenso leise. „Wer bist denn du?“

„Ich bin Tibo-wete-elen,“ raunte sie mir zu.

Wete heißt Frau; aber was Tibo und elen bedeuten sollten, das wußte ich nicht; in allen Dialekten, die ich kannte, kamen diese beiden Worte nicht vor.

„Hast du einen Mann?“ fragte ich.

„Ja. Er heißt Tibo-taka.“

Wieder dieses unbekannte Tibo! Taka heißt Mann.

„Wo ist er?“ erkundigte ich mich.

Da hielt sie den Mund ganz nahe an mein Ohr und flüsterte mir zu:

„Er holt den blutigen Fuchs. Er muß mit in die Wüste, denn er ist der Medizinmann des Stammes.“

Ja, sie war wahnsinnig, sonst hätte sie das einem Fremden, einem Weißen nicht gesagt. Dann faßte sie mich an den beiden Armen und fragte mit dem Ausdrucke der größten Spannung:

„Hast du meinen Wawa Derrick gekannt?“

Wawa heißt Bruder. Und Derrick? Sollte sie den englischen Namen Dietrich meinen? Aber der Bruder dieser Indianerin kann doch unmöglich Derrick, Dietrich heißen? Wahrscheinlich war mir das Wort, welches sie meinte, auch unbekannt.

„Nein,“ antwortete ich.

„Du bist ein Bleichgesicht und hast ihn nicht gekannt? Besinne dich! Du mußt ihn gekannt haben. Ich will es dir zeigen. Besinne dich!“

Sie brach einen dünnen Zweig vom Busche, bog ihn rund zusammen; verwand die beiden Enden, setzte sich ihn auf den Kopf und flüsterte mit seligem Lächeln:

„Das ist mein Myrtle-wreath, mein Myrtle-wreath! Gefällt er dir? Gefällt er dir?“

Höchst sonderbar! Dieses Comantschenweib bediente sich des englischen Wortes Myrtle-wreath! Myrtenkranz! Welche Indianerin kennt dieses Wort? Keine! Ich faßte nun sie am Arme und fragte:

„Bist du vielleicht eine Weiße? Sage es mir!“

Da ließ sie ein eigentümliches, unbeschreibliches Kichern hören und antwortete mir:

„Du hältst mich für eine Weiße, weil ich schön bin, sehr schön, und einen Myrtle-wreath trage? Blicke mir nicht in die Augen, sonst wird die Sehnsucht dich verbrennen, wie sie mich verbrennt! Hast du meinen Wawa Derrick gekannt? Soll ich dir das Zelt zeigen, in dem ich wohne?“

„Zeige es mir!“

„Komm, tritt weiter vor an den Rand! Aber laß dich ja nicht sehen, sonst mußt du dein Leben geben! Unsre Krieger töten jedes Bleichgesicht. Ich aber freue mich, daß ich dich gesehen habe, und werde kein Wort davon sagen, denn du wirst thun, um was ich dich bitte.“

„Ich thue es. Was wünschest du?“

Sie nahm den Zweig vom Kopfe, gab ihn mir und sagte:

„Wenn du meinen Bruder Wawa Derrick siehst, so gieb ihm diesen Myrtle-wreath! Willst du?“

„Ja. Aber wo ist dein Wawa Derrick?“

„Ja – – in – – in – – – ich weiß es nicht mehr; ich habe es vergessen; du wirst ihn aber finden. Nicht?“

„Ja,“ antwortete ich, um sie zu erfreuen. „Was soll ich ihm dazu sagen?“

„Du sagst, daß – – daß – – daß – – du brauchst nichts zu sagen. Wenn er den Myrtle-wreath erblickt, weiß er ganz genau, was ich meine. Und nun schau hier hinab! Siehst du in der zweiten Reihe das Zelt mit dem Zeichen des Medizinmannes?“

„Ich sehe es.“

„Da wohne ich mit Tibo-taka und heiße Tibo-wete-elen. Wirst du das merken können? Vergiß es nicht!“

„Ich vergesse es nicht. Wer wohnt in dem großen Zelte mit den beiden Stangen?“

„Da wohnt Vupa-Umugi, der unser Häuptling ist.“

„Er ist fort. Wer ist jetzt drin?“

„Nur sein Weib und seine Tochter.“

„Weiter niemand? Auch des Nachts?“

„Auch des Nachts weiter niemand.“

„Und wer wohnt da in dem letzten Zelte, vor welchem die beiden Krieger liegen?“

„Da wohnt der Neger, der getötet wird, wenn der blutige Fuchs gekommen ist.“

„Wird er sehr streng bewacht?“

„Sehr! Von zwei Kriegern, stets!“ sagte sie wichtig.

„Habt Ihr jetzt viele solche Krieger hier?“

„Nur die beiden, die du siehst. Viele sind mit dem Häuptling in die Wüste, und die andern gingen auf die Jagd, um Fleisch zu holen; sie kommen morgen oder in zwei Tagen wieder. Du wirst den Myrtle-wreath nicht verlieren, sondern gut bewahren?“

„Sorge dich nicht; ich halte ihn fest.“

„Und ihn meinem Wawa Derrick geben?“

„Sobald ich ihn finde, ja,“

„Du wirst ihn finden und – – –“ sie sah vor sich nieder, als ob sie in ihrem Innern nach etwas suche, ergriff dann meine Hand und fuhr fort: „Und wirst ihm noch etwas bringen, was ich dir jetzt gebe?“

„Ich gebe es ihm.“

Da legte sie schnell die Arme um meinen Hals, küßte mich so rasch, daß ich es gar nicht hätte abwehren können, wenn mein Herz es zugegeben hätte, es ihr zu verwehren, trat dann zurück und bat:

„Nun muß ich gehen; gehe du auch! Aber sage keinem Menschen etwas davon, daß du mich getroffen hast! Von mir wird es auch niemand erfahren.“

„Wirst du wirklich schweigen?“

„Ich schwöre es! Und du?“

„Darf ich wirklich nicht davon sprechen?“

„Zu keinem, keinem Menschen, außer zu meinem Wawa Derrick; der muß es wissen. Gieb mir deine Hand darauf!“

„Hier ist sie.“

Ich gab sie ihr; sie drückte sie mir; dann stieg sie den Berg hinab, doch nicht weit, dann drehte sie sich noch einmal um, legte den Finger zum Zeichen des Schweigens an den Mund und wiederholte:

„Zu keinem einzigen Menschen! Und verlier ja nicht meinen Myrtle-wreath!“

Dann verschwand sie im Gebüsch. Ich stand noch eine ganze Weile auf derselben Stelle; dann ging ich langsam fort. Welch eine Begegnung! Mir war ganz sonderbar zu Mute. Wer war dieses Weib? War sie wirklich eine Indianerin? Aber konnte es denn möglich sein, daß sie eine Weiße war? Um diese Fragen beantworten zu können, hätte ich sie mehr als dieses eine Mal sehen und sprechen müssen. Sie war eine Wahnsinnige; aber sie hatte dennoch einen tiefen, seelischen Eindruck auf mich gemacht. Sie war ein Rätsel, ein unergründliches, tief tragisches Rätsel, unergründlich, weil ich keine Zeit hatte, es zu lösen. Der Wawa Derrick existierte jedenfalls nicht nur in ihrer Phantasie, sondern in Wirklichkeit, aber wo? Und wer war er? Ein Indianer? Wahrscheinlich, denn der Ausdruck Wawa deutete darauf. Und der Myrtle-wreath, was war es mit dem? War er vielleicht die Ursache ihres Wahnsinnes? Oder hatte sie in dem Augenblicke, als sie wahnsinnig wurde, den Myrtenkranz getragen? Entsetzlicher Gedanke! War das der Fall, so war sie eine Weiße und keine Indianerin. Vielleicht gab es eine Lösung. Wahrscheinlich traf ich während des Kampfes mit dem Medizinmanne zusammen; da sollte er mir Rede und Antwort stehen!

Unter diesen Gedanken ging ich zurück, versäumte dabei aber nicht die Vorsicht, die auf diesem Wege nötig war. Was sollte ich meinen Gefährten sagen? Durfte ich von dieser geheimnisvollen Tibo-wete-elen sprechen? Ich hatte ihr mein Wort gegeben, zu schweigen; mußte ich es halten, ihr, einer Wahnsinnigen? Es war wohl keine Sünde, wenn ich es brach; aber erstens ist es überhaupt häßlich und unmoralisch, ein Versprechen nicht zu erfüllen, und zweitens war ich genug unter wilden Völkern gewesen, denen der Wahnsinn heilig ist, um mich derselben Meinung zuzuneigen. Dieses Weib hatte auf mich den Eindruck einer Ausgesonderten gemacht, und es war, als ob sich in meinem Innern um ihre Erscheinung etwas Aureolenartiges zusammenziehen wolle. Nein, sie war kein gewöhnliches Weib; der Wahnsinn erhöhte meine Pflicht, anstatt sie aufzuheben; ich mußte mein Versprechen halten!

Mit diesem Vorsatze kehrte ich zu unsrem Verstecke zurück, welches ich glücklich und unbemerkt erreichte, grad als es zu dunkeln begann; so lange war ich fort gewesen.

„Endlich, endlich!“ wurde ich von Old Wabble empfangen, während Old Surehand still blieb. „Fast hätte ich Angst um Euch bekommen.“

„Es ist nicht die geringste Ursache zur Sorge vorhanden,“ antwortete ich.

„Nicht? So steht wohl alles gut?“

„Alles.“

„Ist der Nigger da?“

„Der Neger, wollt Ihr wohl sagen! Ja.“

„Aber streng bewacht?“

„Es giebt heut im ganzen Lager nur zwei Krieger, die ihn am Tage und des Nachts bewachen; die andern sind fort, um Fleisch zu machen. Da ermüdet die Aufmerksamkeit, und wir werden es verhältnismäßig leicht haben, wie ich vermute.“

„Wie werden wir es anfangen?“

„Laßt mich nachdenken!“

Das sagte ich nicht, weil ich des Ueberlegens bedurft hätte, denn mein Plan war schon fertig, sondern weil ich keine Lust zum Sprechen hatte. Die Indianerin lag mir noch zu sehr im Sinn. Und grad jetzt fiel mein Auge auf Old Surehand, dessen männlich Schönes, ernstes Gesicht beim letzten Tagesschimmer eine ganz eigenartige Beleuchtung zeigte, einen wehmütig rührenden Ausdruck annahm. War es wirklich so, oder täuschte ich mich? Das war ja die Ähnlichkeit, die ich vorhin, als ich das Weib erblickte, herausgefühlt hatte, ohne sie näher bestimmen zu können! Das war dasselbe Gesicht, dieselbe Stirn, derselbe Mund, nur jünger, voller, männlich anstatt weiblich, nicht von jener erschütternden Tragik, aber elegisch ernst und wehmutsvoll. Ich war überrascht, wirklich überrascht; aber im nächsten Augenblicke sagte ich mir, daß ich mich täuschen müsse. Ich stand noch unter dem Eindrucke der Begegnung auf der Höhe des Kaam-kulano und sah Dinge, die gar nicht vorhanden waren. Weg mit der Täuschung!

Es dunkelte schnell; bald konnte ich das Gesicht Old Surehands nicht mehr sehen. Hätte ich es doch nicht für Täuschung gehalten und ihm von der Indianerin erzählt! Sie wäre viel, viel eher aus der Nacht des Wahnsinnes errettet worden! Doch habe ich mir keine Vorwürfe zu machen, denn ich wollte gerecht und wahr gegen sie sein und meinem Versprechen treu bleiben. Ihm aber wäre die Last, an der er so schwer trug, auch viel eher vorn Herzen genommen worden!

Wir saßen lange still und ohne Worte, bis Old Wabble die Geduld verlor und mich fragte:

„Nun, Sir, wie lange habt Ihr denn eigentlich noch nachzudenken? Wollt Ihr mir nicht erlauben, Euch dabei zu helfen?“

Da hielt Old Surehand es für nötig, sein Schweigen zu brechen, um ihn zu vermahnen:

„Bei Old Shatterhand bedarf es Eurer Hilfe nicht, alter Wabble; er wird ohne Euch fertig.“

„Aber wann! Der Abend vergeht, und wir haben doch keine Zeit zu verlieren.“

„Habt nur Geduld!“ bat ich ihn. „Wir können nicht eher etwas thun, als bis die Roten schlafen.“

„Aber dann? Wie fangen wir es an?“

„Ich weiß, wo das Zelt steht, in dem Bob steckt. Wir schleichen uns hin, schlagen die Wächter nieder –

„Tot?“ unterbrach er mich.

„Nein. Es genügt, sie zu betäuben.“

„So übernehmt das selbst! Ich bringe es nicht fertig. Aber Ihr thut, als ob man es nur so zu sagen brauche: Wir schleichen uns hin, schlagen die Wächter nieder – – –“

„Und holen ihn heraus – – – fertig!“

„Fertig! Weiter nichts?“

„O doch!“

„Was?“

„Dann gehen wir zum Häuptlingszelt und nehmen die Medizinen, die dort an den Stangen hängen.“

„Medizinen?“

„Ja, die Medizinen seiner Vorfahren.“

Thunder-storm! Wenn er das erfährt, wird erverrückt. Da geht ihm ja die Ehre verloren und mit ihr alles, was er hat und was er ist!“

„Nein.“

„Nicht? Ich denke doch auch, die Gebräuche und Gewohnheiten der Roten zu kennen. Wer solche Medizinen verliert, der ist moralisch tot.“

„Allerdings; aber er soll sie nicht verlieren.“

„Was? Nicht?“

„Wenigstens nicht für lange Zeit.“

„Ihr wollt sie ihm wiedergeben?“

„Ja.“

„Sir, das ist widersinnig!“

„Nein!“

„Doch! Wenn Ihr sie ihm wiedergeben wollt, so laßt sie doch lieber gleich hängen!“

„Ich habe meine Absicht dabei.“

„Welche? Bin wirklich neugierig, sie zu hören!“

„Ich will Blutvergießen vermeiden.“

„Mit den Medizinen?“

„Ja.“

„Sonderbarer Kauz, der Ihr seid! Wenn Ihr mir die Sache nicht erklärt, so begreife ich sie nicht.“

„Was wird wohl geschehen, wenn der Häuptling erfährt, daß ich seine Medizinen habe?“

„Er wird einen heillosen Schreck bekommen; th’is clear!“

„Und alles in Bewegung setzen, um wieder in ihren Besitz zu gelangen. Nicht?“

„Das versteht sich ganz von selbst. Es wird kein Opfer geben, welches ihm zu schwer und zu groß ist, wenn es nur gebracht werden kann.“

„Das Opfer, welches ich von ihm verlange, ist gar nicht zu groß. Er soll mit den Apatschen Frieden schließen, ohne gekämpft zu haben, und Bloody-Fox in Ruhe lassen.“

„Mr. Shatterhand, Ihr seid kein sonderbarer Kauz, sondern ein tüchtiger Kerl, ein sehr tüchtiger Kerl; das muß ich sagen! Er wird darauf eingehen.“

„Das denke ich auch.“

„Ja, er wird es thun, leider, leider wird er es thun!“

„Warum leider?“

„Weil ich dadurch um mein Vergnügen komme, um mein ganzes, großes, schönes Vergnügen. Ich hatte mich so darauf gefreut!“

„Worauf?“

„Auf die Lehre, welche die Roten erhalten sollten. Ihr seid zwar andrer Meinung, aber ich sage Euch wieder und immer wieder, daß man gar nicht genug Indsmen auslöschen kann. Dieses Ungeziefer muß weg von dieser Welt.“

„Da spricht wieder einmal der Cowboy aus Euch, und zwar in einer Weise, die mich zornig machen kann!“

„Den Zorn, den schenke ich Euch. Wenn Ihr Cowboy gewesen wäret wie ich, so wüßtet Ihr, daß jeder Rote ein geborener Pferdedieb ist. Haben mir die Halunken zu schaffen gemacht!“

„Wie es scheint, hat Euch das nichts geschadet. Ihr seid trotzdem gesund geblieben und alt geworden.“

„Ja, der Ärger ist mir außerordentlich gut bekommen; das gebe ich zu. Aber trotzdem hasse ich sie, und ich freute mich darauf, möglichst viele von ihnen wegputzen zu können. Doch bin ich gerecht genug, zuzugeben, daß Euer Gedanke großartig ist. Wenn er gelingt, komme ich, wie gesagt, um alle meine Freude. Eine kleine Hoffnung giebt es aber doch für mich dabei.“

„Welche?“

„Daß die andern Häuptlinge nicht mit darauf eingehen.“

„Es ist freilich möglich, daß sie sich weigern, besonders Nale-Masiuv.“

„Der vielleicht, möglich. Ich habe da mehr an Schiba-bigk, den jungen Häuptling, gedacht.“

„Warum?“

„Eben weil er jung ist. Da giebt es größere Rivalität. Sein Vater war der erste Häuptling der Comantschen; der möchte auch er gern sein; Vupa Umugi muß also fortgeräumt werden, und dazu kann es keinen bessern Grund geben als den Umstand, daß er seine Medizinen alle verloren hat.“

„Ihr legt Euch das recht hübsch zurecht, werdet Euch aber wohl irren. Ich habe Euch schon gesagt, daß Schiba-bigk mir zu Dank verpflichtet ist. Wenn ich ernstlich mit ihm spreche, wird er ganz gewiß auf meinen Wunsch eingehen.“

„Ernstlich sprechen? Wollt Ihr drohen?“

„Unter Umständen, ja.“

„Womit?“

„Erstens mit unsern Apatschen.“

„Das wiegt nicht schwer genug; er wird mit seinen Comantschen antworten.“

„So schicke ich andre Truppen ins Feld, moralische.“

„Moralische? Mr. Shatterhand, denkt Ihr denn im Ernste, daß ein Roter auf Moral etwas giebt?“

„Ja.“

„Da irrt Ihr Euch gewaltig!“

Pshaw! Ich habe ihm das Leben gerettet und mit ihm nicht nur die Pfeife des Friedens, sondern sogar das Calumet der Freundschaft geraucht. Ist das etwa nichts, Mr. Cutter?“

„Das Calumet der Freundschaft? Das ist viel, sogar sehr viel. Auf die Friedensraucherei ist nichts zu geben, denn das ist eben alles Rauch; aber wenn zwei Freundschaft miteinander geraucht haben, so dürfen sie nie einander mit den Waffen in der Hand gegenübertreten; th’is clear!“

„Also! Wenn Schiba-bigk nicht auf meinen Vorschlag eingehen will, bin ich Mann genug, dies in der Weise in die Öffentlichkeit zu bringen, daß in jedem Indianerzelte und an jedem Lagerfeuer davon gesprochen wird. Was dann die Folge ist, könnt Ihr Euch denken!“

„Hm, ja. Er hat Old Shatterhand die Freundschaft und die Treue gebrochen, er, der junge Indsman, dem erfahrenen und berühmten Westläufer, der ihm das Leben rettete und sein Vertrauen schenkte!“

„Weiter!“

„Es wird kein Weißer und auch kein Roter mit ihm das Calumet mehr rauchen.“

„Das ist ganz gewiß. Darum wird er, wenn nicht aus Freundschaft und Treue, so doch aus Klugheit auf den Kampf mit uns verzichten. Davon bin ich vollständig überzeugt. Ihr nicht auch, Mr. Cutter?“

Well, will es zugeben. Meine Hoffnung scheint also ganz zu Schanden zu werden. Doch nein, Sir; eine bleibt mir doch!“

„Welche?“

„Die, daß es uns nicht gelingt, die Medizinen in unsern Besitz zu bekommen.“

„Auch da muß ich Euch enttäuschen; ich bekomme sie.“

„Sir, seid nicht so zuversichtlich! Man kann nie wissen, was geschieht und welche Hindernisse eintreten.“

„Hier giebt es keine Hindernisse. Ich kenne die Lage. Es ist nur ein Fall möglich, in welchem ich auf die Medizinen allerdings verzichten müßte, mein sehr, sehr werter Mr. Cutter.“

„Warum betont Ihr da meinen Namen so?“

„Weil Ihr es seid, um den es sich handelt.“

„Wieso?“

„Ihr müßtet wieder so eine Eigenmächtigkeit begehen wie gestern. Da könnte es fehlschlagen, sonst aber nicht.“

„Da kann ich Euch beruhigen. Ich werde mich ganz genau so verhalten, wie Ihr es mir vorschreibt.“

„Wirklich? Ich frage noch einmal: wirklich?“

„Ja. Es kann mir nicht einfallen, mich noch einmal vor allen Kameraden so bekanzelrednern zu lassen wie gestern; th’is clear.“

„So bin ich zufrieden gestellt und meiner Sache sicher.“

Well. Aber wißt Ihr, Ihr seid ein so äußerst umsichtiger und pfiffiger Westmann, und habt doch an einen Punkt nicht gedacht, der von größter Wichtigkeit ist.“

„Ihr jedenfalls auch nicht, sonst hättet Ihr gewiß davon gesprochen.“

„Er ist mir allerdings erst in diesem Augenblicke eingefallen.“

„Was ist es?“

„Das Pferd.“

„Welches Pferd?“

„Welches Euer Nigger, wollte sagen Neger, reiten soll. Er kann doch nicht laufen, während wir reiten!“

„Und Ihr denkt, daß ich das vergessen habe?“

Yes.“

„Hm! Dann wäre ich allerdings nicht wert, ein Westmann genannt zu werden.“

„Also doch?“

„Ja.“

„Wir hätten doch eins mitnehmen sollen.“

„Nein. Wir hatten keins, welches den schnellen Ritt hierher und wieder zurück ausgehalten hätte. Wir nehmen eins von hier.“

„Von den Roten?“

„Selbstverständlich. Oder giebt es hier einen Tattersall, wo man sich Pferde leihen kann?“

„Ihr werdet spitz, Mr. Shatterhand. Also ein Pferd stehlen, hm! Es ist dunkel. Wenn wir nun eins erwischen, welches nichts taugt und nicht mit unsern Pferden fortkommt!“

„Keine Sorge! Ich habe schon eins ausgewählt.“

„Ah, wirklich?“

„Ja. Es war eins abseits angepflockt, in der Nähe des Häuptlingszeltes, also wahrscheinlich Vupa Umugi gehörig, ein sehr schönes, wertvolles Tier, welches er nicht mitgenommen hat, um es beim Kampfe keiner Verwundung oder gar dem Tode auszusetzen. Das nehmen wir.“

„Wird es der Neger reiten können?“

„Ich reite es. Er setzt sich auf das meinige.“

Well! So habe ich nur noch ein Bedenken.“

„Immer noch etwas?“

„Ja, das letzte. Man kann bei solchen Gelegenheiten nicht vorsichtig genug sein; es ist da alles zu bedenken. Gesetzt auch, Ihr schlagt die Wächter nieder, wir holen Bob heraus und bekommen die Medizinen, das alles, ohne daß es jemand merkt. Das Pferd aber wird Lärm machen. Ich kenne das.“

„Ich auch.“

„Es hat noch keinen Weißen getragen und wird Euch nicht aufsteigen lassen.“

„Es muß.“

„Und wenn Ihr oben sitzt, wird es Euch nicht gehorchen.“

„Es muß!“

„Oho! Seid Ihr Eurer Sache wirklich so sicher?“

„Ja.“

All devils! Dann seid Ihr ein Reiter, mit dem sich nur noch ein einziger vergleichen kann!“

„Wer?“

„Das ist – – das ist – – – hm, nehmt es mir nicht übel, aber das ist der alte Wabble!“

„Ah, Ihr selbst also!“ lachte ich.

„Ja, ich selbst! Das klingt stark, nicht wahr? Ist aber so! Wißt Ihr, wie man mich zu nennen pflegt?“

„Den König der Cowboys.“

„Wißt Ihr auch, was das zu bedeuten hat? Daß es kein Pferd giebt, welches nicht genau so muß, wie ich will! Könnt Ihr das auch von Euch sagen?“

„Was helfen Worte und Prahlereien!“

Well, Ihr habt recht! Die That ist der Mann. Ich habe davon gehört und es auch gesehen, daß Ihr ein guter Reiter seid, aber es gehört doch – – –“

„Gesehen? Gesehen habt Ihr noch nichts,“ fiel ich ihm in die Rede.

„Nichts? Ich dächte doch, ich hätte in den letzten Tagen genug Gelegenheit dazu gehabt!“

„Da ritt ich mein eigenes Pferd. Heut wird es anders.“

„So, so! Da will ich nur hoffen, daß Ihr uns nicht in Grund und Boden reitet!“

„Habt keine Sorge! Wenn ich aufsteige, seid Ihr gar nicht mehr da.“

„Nicht? Wo denn?“

„Es giebt nur zwei erwachsene Krieger im Lager, und die werde ich betäuben; aber sie können inzwischen wieder aufwachen, und weil es mit dem Pferde nicht ohne Lärm abgeht, wird das ganze Lager in Alarm versetzt werden. Man wird zu Pferde steigen, uns zu verfolgen, auch die jüngeren Burschen, und wenn wir uns vor solchen Verfolgern auch nicht fürchten, so kann doch die dümmste Kugel den klügsten Menschen treffen. Daher halte ich es für geraten, uns nicht hier aufzuhalten, sondern nach vollbrachter That augenblicklich fortzureiten.“

„Dieser Meinung bin ich auch.“

„Wir machen es also folgendermaßen: Wenn wir den Neger und die Medizinen haben, so macht Ihr Euch schnell aus dem Thale heraus; Ihr, Mr, Cutter, führt Bob und Mr. Surehand trägt die Medizinen. Hier angekommen, steigt Ihr auf und reitet weiter.“

„Bob auf Eurem Pferde?“

„Ja.“

„Wird es ihn in den Sattel lassen? Ich weiß, daß der Rappe keinen Fremden trägt, wenn Ihr nicht wollt.“

„Bob und der Rappe kennen sich von früher her.“

„Schön! Aber Ihr?“

„Ich warte so lange, bis ich denke, daß Ihr in Sicherheit seid; dann steige ich auf und komme nach.“

Heavens! Ich warne Euch noch einmal! Denkt Euch doch nur in die Situation! Ihr seid mitten in einem feindlichen Indianerlager. Ihr wollt ein Pferd besteigen, welches Euch nicht hinauf läßt, und seid Ihr mit Lebensgefahr hinaufgekommen, so bockt und wabbelt es, um Euch wieder abzuwerfen. Diese Zeit, die das kostet, und dieser Skandal, der dabei entsteht! Die Roten wachen auf und kommen in Scharen herbei, junge Kerls zwar nur, aber bewaffnet! Ihr werdet vom Pferde geschossen, weil es nicht von der Stelle zu bringen ist!“

„Ich wiederhole: es muß!“

Well, es muß also, und es wird also, aber wie! Es springt kreuz und quer; es gerät unter die andern Pferde, die einen Heidenlärm vollführen und um sich schlagen und beißen; es rennt gegen die Zelte; es läuft nicht vorwärts, sondern seitwärts den Berg hinan; es kollert wieder herunter und bricht sich und Euch den Hals; es – – –“

„Macht ein Ende, macht ein Ende, Sir!“ fiel ich ihm in die Lamentation. „Ich gebe Euch mein Wort, daß von allem, was Ihr jetzt so reizend geschildert habt, nichts, gar nichts geschehen wird.“

„Schön, Ihr wollt es nicht anders; aber ich sehe das Unheil kommen. Glücklicherweise habe ich meinen Hals nicht unter Eurem Kopfe, und wenn es Euch glückt, nur mit einigen Rippen- und Beinbrüchen und etlichen Verrenkungen davon zu kommen, so will ich es loben. Wem nicht zu raten ist, dem soll man nicht helfen, weil ihm nicht geholfen werden kann; th’is clear!“

„Ich brauche keine Hilfe und bitte, sobald Ihr fort seid, nur um das Eine, daß Ihr ganz genau denselben Weg reitet, auf dem wir gekommen sind, damit ich Euch nicht verfehle.“

Da meinte Old Surehand in seinem so ruhigen und bestimmten Tone:

„Ist Old Wabble so besorgt um Euch, so bin ich es um so weniger, Mr. Shatterhand. Die Sache ist gefährlich, höchst gefährlich; aber ich weiß, daß ihr nichts unternehmt, wovon Ihr nicht überzeugt seid, daß Ihr es ausführen könnt. Es wird also klappen. Doch möchte ich, wenn Ihr nichts dagegen habt, Euch einen Vorschlag machen.“

„Ich werde Euch dankbar dafür sein, statt etwas dagegen zu haben.“

„Wie lang ist das Thal von einem Ende bis zum andern?“

„Eine halbe Wegsstunde.“

„Und von hier bis zum Anfang?“

„Eine kleine Viertelstunde.“

„Die Pferde befinden sich wahrscheinlich ganz hinten?“

„Ja.“

„Das giebt beinahe drei Viertelstunden zu laufen, wenn wir fertig sind. Ist das nicht zu weit?“

„Hm! Wir könnten den Weg abkürzen, wenn wir die Pferde bis zum Eingange des Thales mitnähmen.“

„Das ist es, was ich Euch vorschlagen wollte.“

„Danke, Sir! Bin einverstanden. Es wird schon über zehn Uhr sein. Die Roten gehen zeitig schlafen, zumal wenn die erwachsenen Männer nicht da sind. Denkt Ihr, daß wir aufbrechen können?“

„Es wird die rechte Zeit sein, da wir nun einmal nicht bis nach Mitternacht warten können.“

„So wollen wir!“

Wir warfen die Gewehre über, nahmen die Pferde an den Zügeln und gingen. Als wir das Thal erreichten, schlich ich eine Strecke hinein, um zu sehen, ob wir es wagen könnten, die Pferde allein zu lassen. Es befand sich kein Mensch hier, und hinten war kein Feuer zu sehen. Die Roten schliefen. Wir banden also die Pferde an und begannen dann das Unternehmen, dessen für mich wahrscheinlichen Ausgang Old Wabble mir in so tragischer Weise geschildert hatte.

Die Sterne lieferten uns grad so viel Licht, wie wir brauchten, nicht weniger und nicht mehr. Wir hielten uns an den linken Rand der Thalsohle, den ich auf meiner Rekognoszierung von der rechten Höhe überblickt hatte; ich kannte ihn also besser als den gegenüberliegenden. Das führte uns so weit an den Zelten vorüber, daß wir von dort, wenn ja jemand noch wach und im Freien sein sollte, nicht gesehen werden konnten. Als wir sie passiert hatten, legten wir uns nieder, um nun rechts hinüber nach dem letzten zu kriechen, in welchem Bob steckte. Dieses Kriechen wurde uns dadurch erschwert, daß wir die Gewehre mit hatten. Es wäre doch zu gewagt gewesen, sie bei den Pferden zu lassen, und hier konnten wir leicht in die Lage kommen, sie zu unsrer Verteidigung zu gebrauchen.

Old Surehand kroch voran; ich hatte ihm das Zelt gezeigt und ließ ihn gewähren; er schien es als Ehrensache aufzufassen, der erste zu sein, und von ihm war kein Fehler zu besorgen. In der Nähe des Zeltes angekommen, wartete er, bis ich ihn erreicht hatte, und flüsterte mir zu:

„Seht Ihr die beiden Wächter, Sir? Da liegen sie vor dem Eingange und schlafen. Soll ich helfen? Ich denke aber, daß Eure Faust geübter ist als die meinige.“

„Überlaßt sie mir! Ihr werdet zwei dumpfe Schläge hören; dann kommt Ihr nach.“

Ich schob mich leise, leise hin. Sie regten sich nicht; sie schliefen wirklich. Es war so viel Zwischenraum zwischen ihnen, daß ich mir das zu nutze machte. Als ich mich dann aufrichtete, lag der eine griffbequem rechts und der andere links von mir. Ich nahm den ersten beim Halse und gab ihm den Hieb an die Schläfe. Es ging ein kurzes Zittern durch seinen Körper; dann streckte er sich und blieb lautlos liegen; er war abgefertigt. Grad so erging es auch dem zweiten. Dann kam Old Surehand und nach ihm Cutter.

„Setzt Euch her, jeder zu einem von ihnen!“ flüsterte ich. „Sorgt dafür, daß sie uns nicht schaden können, bis ich wiederkomme!“

„Sie sind ja betäubt,“ meinte Old Wabble.

„Aber wie lange? Ich kenne ihre Schädel nicht und könnte zu leicht geschlagen haben. Wenn einer erwacht, bedroht Ihr ihn mit dem Messer.“

Ich hob den Thürvorhang auf und kroch in das Zelt. Es war das laute, ruhige Atmen eines Schläfers zu hören.

„Bob!“ versuchte ich, ihn zu wecken.

Er hörte es nicht. Ich nahm eines seiner Beine und schüttelte es.

„Bob!“

Da bewegte er sich.

„Bob, bist du es?“

„Was – wer – wo – –“ antwortete er schlaftrunken.

„Sei munter und vernünftig und höre, was ich dir sage! Bist du allein, Bob?“

„Ja, Bob sein da, ganz allein. Wer kommen jetzt zu Masser Bob? Wer sprechen mit ihm?“

Der gute Neger hatte nämlich die Eigentümlichkeit, sich selbst Masser zu nennen, während er zu jedem, den er über sich stehend schätzte, Massa sagte.

„Ich will es dir sagen, wenn du leise, ganz leise redest. Ich komme, um dich zu befreien.“

„Oh – oh – – oh! Bob befreien! Masser Bob sollen frei sein, ganz wieder frei?“

„Ja, ganz frei.“

„Wer sein das, der Masser Bob freimachen?“

„Du wirst dich freuen, sehr freuen, wenn du hörst, wer ich bin. Aber du darfst nicht vor Freude laut werden!“

„Bob werden leise sprechen, ganz leise, so leise, daß gar niemand kann hören.“

„Gut, rate einmal!“

„Bob nicht hören Stimme. Sein Massa Bloody-Fox?“

„Nein.“

„Dann nur können sein Massa Shatterhand!“

„Ja, der bin ich.“

„Oh – oh – oh – – – ooooooooh!“ stöhnte er entzückt, wobei ich seine Zähne knirschen hörte. Er biß sie zusammen, um nicht vor Entzücken laut zu schreien; dafür aber strampelte er so mit den zusammengebundenen Füßen, daß ich zur Seite weichen mußte, um nicht einen Stoß zu bekommen, der einem Ochsen Ehre gemacht hätte, denn Bob war ein außerordentlich kräftiger Kerl, vor dessen Stößen und Hieben man sich in acht zu nehmen hatte.

„Also still! Deine Freude kannst du äußern, wenn wir glücklich von hier fort sind. Deine Füße sind gebunden. Wo bist du sonst noch gefesselt?“

„Hände hüben und drüben an Zeltpfahl gebunden und um Leib einen Riemen, der tief in Erde gepflockt.“

„Wie hat man dich behandelt?“

„Mit sehr große Kraft. Viel Hiebe bekommen.“

„Wie stand es mit dem Essen?“

„Bob haben stets Hunger.“

„Das wird anders werden. Halte still! Ich werde dich losmachen. Die Riemen können wir draußen brauchen.“

„Sein noch viel mehr Riemen da; hängen oben an Pfahl.“

„Gut, die sollen deine Wächter fühlen. Ich habe den Rappen mit; den wirst du reiten. Du wirst doch noch mit ihm auskommen?“

„Rappen Hatatitla? Oh, Bob und Rappen sein sehr gut Freund. Reiten gut aufeinander, kommen nicht auseinander!“

„Schön! jetzt wollen wir schnell machen und nicht mehr reden. Später wirst du mir erzählen, wie du in die Gefangenschaft geraten bist.“

Als ich ihn losgebunden hatte, stand er auf, reckte und streckte die Glieder und stöhnte vor Freude.

„Wo sind die Riemen, von denen du sprachst? Gieb sie mir!“

Er langte sie mir herab, und dann verließen wir das Zelt. Er erkannte meine beiden Gefährten gleich als Weiße, die zu mir gehören mußten. Als er die beiden Wächter liegen sah, sagte er:

„Das sein rote Indsmenhunde, die immerfort schlagen und treten mit Füßen Masser Bob. Massa Shatterhand sie wohl schlagen mit Faust an Schädel?“

„Ja. Jetzt werden wir sie binden.“

„Oh – – oh – –! Massa erlauben, daß Bob sie binden. Riemen müssen gehen durch Fleisch bis auf Knochen!“

Er fesselte sie, und zwar so, daß sie vor Schmerzen erwachten. Wir rissen ihnen einige Fetzen von den Indianerhemden und stopften sie ihnen als Knebel in den Mund, daß sie nicht laut werden konnten. Dann schleiften wir sie in das innere des Zeltes und banden sie so fest an, daß sie von selbst gewiß nicht loskommen konnten.

Dieser Teil unsrer Aufgabe war glücklich gelöst. Nun galt es den Medizinen. Bob und Old Wabble mußten warten, und ich schlich mich mit Old Surehand nach dem Zelte des Häuptlings. Dort regte sich kein Hauch und kein Mensch, und es wurde uns leicht, die Stangen geräuschlos aus der Erde zu drehen. Als wir zu den zwei Genannten zurückgekehrt waren, knüpften wir die Medizinen von den Stangen los und banden sie mit einem Riemen zusammen.

„Fertig, wenigstens wir!“ sagte nun Old Wabble. „Nun aber kommt das Schwierigste für Euch, Mr. Shatterhand. Es ist mir wirklich bange. Habt Ihr weit von hier zum Pferde?“

„Nein. Es liegt jenseits des Häuptlingszeltes im Grase, wie ich sah, als wir die Stangen holten.“

„Wollen wir einmal hin?“

„Ihr möchtet versuchen, wie es sich verhält?“

Yes.“

„So kommt! Ihr sollt den Willen haben, denn es kann uns nun kaum etwas geschehen. Aber nicht zu nahe hinan, sonst wird es zu laut!“

Wir schlichen uns lautlos hin. Wir hatten wohl noch zwanzig Schritte zu thun, so hob es den Kopf und schnaubte; wieder drei Schritte, da sprang es auf, zerrte am Lasso und arbeitete mit den Beinen.

„Kommt wieder fort!“ sagte ich. „Es fängt sonst gar an, zu wiehern. Dieses Tier hat gute Schule.“

„Der Teufel hole die Schule, wenn man dabei, falls man ein Weißer ist, den Hals und die Knochen bricht! Wollt Ihr es wirklich noch mit dieser Bestie versuchen?“

„Ja.“

„In dieser Dunkelheit!“

„Soll ich etwa hier warten, bis es Tag geworden ist?“

„Macht keinen Witz; die Sache ist sehr ernst! Es wird mir wirklich himmelangst um Euch. Ich gebe Euch den guten Rat, Euch doch lieber – –“

Er hätte mir wirklich den jedenfalls ganz unnützen guten Rat gegeben, wenn er nicht von Old Surehand unterbrochen worden wäre:

„Keine Redensarten, Sir! Wir müssen fort. Nehmt Bob da bei der Hand, um ihn zu führen; ich habe die Medizinen zu tragen. Vorwärts jetzt!“

„Meinetwegen; ich gehe ja schon und will den Neger führen; aber neugierig bin ich, wie das enden wird! Ich wasche meine Hände in Unschuld, weil man sie hier in nichts weiter waschen kann; th’is clear!“

Sie verschwanden im Dunkel der Nacht, und ich konnte nun an den Hauptteil meiner Aufgabe gehen, denn die Entführung des Pferdes war allerdings weit schwieriger als die Befreiung des Negers und die uns so leicht gewordene Entwendung der Medizinen des Häuptlings. Es fiel mir natürlich gar nicht ein, mich in der Weise, wie Old Wabble es sich dachte, in den Besitz des Pferdes zu setzen; das wäre unter den gegenwärtigen Verhältnissen und zumal bei Nacht mit großer Lebensgefahr für mich verbunden gewesen. Das edle Pferd war indianisch geschult, vielleicht sogar dressiert; es scheute vor jedem Weißen, und wenn ich auch gar nicht daran zweifelte, daß es mir gelingen werde, durch einen kühnen Sprung auf seinen Rücken zu kommen, so doch erst nach langer und energischer Gegenwehr des Tieres, welche jedenfalls mit Stampfen, Schnauben, Wiehern, Ausschlagen, also mit großem Lärm verbunden war. Und hatte ich das fertig gebracht, so gab es weder Sattel noch Zaum, sogar nicht einmal einen einfachen Kopfriemen, denn das Pferd war an einem Lasso an die Erde gepflockt, dessen andres Ende man ihm einfach um den Hals gebunden hatte. Ich war also einzig und allein nur auf den Schenkeldruck angewiesen; das Tier ging unbedingt erst mit mir durch, und ich konnte es erst nach und nach in meine Gewalt bekommen. Dabei aber mußte allerdings das in Erfüllung gehen, was Old Wabble befürchtete: es rannte mit mir unter die andern Pferde und gegen die Zelte; es schoß mit mir regellos hin und her, den Berg hinauf und wieder herunter; es kam zum Stürzen, und ich konnte dabei Hals und Beine brechen, wie man sich auszudrücken pflegt.

Nein, die Sache mußte anders angefangen werden. Glücklicherweise wußte ich ganz genau, wie man so ein indianisches Pferd zu behandeln hat; ich hatte das bei Winnetou gelernt. Es durfte mich nicht für einen Weißen, sondern es mußte mich für einen Indianer halten, worauf ich ihm die Augen zu verbinden hatte.

Als ich bei der Wahnsinnigen oben auf der Höhe gewesen war, hatte ich gesehen, daß am diesseitigen Thalrande eine Menge wilde Mugwartpflanzen standen, und sogleich daran gedacht, den Duft dieser Gewächse zu benutzen, um das Pferd zu täuschen. Dem scharfsinnigen Westmanne muß eben alles dienlich sein; sein Leben kann unter Umständen am Dasein eines kleinen Pflänzchens hängen. Sodann hatte ich vorhin einige Decken vor dem Häuptlingszelte bemerkt, welche die Frau, wahrscheinlich eines Reinigungszweckes wegen, dort im Grase ausgebreitet hatte, lange, breite Decken, in die man den ganzen Körper hüllt, wenn es sehr kalt ist oder regnet. Das kam mir auch gut zu statten. Mehr brauchte ich nicht.

Ich ging also zunächst zu den Mugwartpflanzen, legte mich hinein und wälzte mich tüchtig in denselben hin und her, worauf ich mir mit den sehr kräftig riechenden Spitzen die Hände und das Gesicht einrieb. Nun konnte das Pferd nicht durch den Geruch unterscheiden, daß ich ein Weißer war. Hierauf schlich ich mich dorthin, wo die Decken lagen, und schnitt mir von der einen einen Streifen ab, mit welchem ich dem Tiere die Augen verbinden konnte. In die andre wickelte ich mich genau so ein, wie es die Indianer thun; vorher nahm ich den Hut ab und knöpfte ihn unter dem Jagdrocke fest, weil er das Pferd mißtrauisch machen konnte. Dann ging ich langsam, sehr langsam auf das Tier zu. Es hatte sich wieder niedergelegt, wendete mir den Kopf neugierig zu, sog die Luft prüfend in die Nüstern und – -blieb liegen. Es hielt mich für einen Roten. Damit hatte ich schon halb gewonnen.

„Omi enokh, omi enokh – sei gut, sei gut!“ sagte ich in der Mundart der Comantschen leise und liebkosend, indem ich mich niederbückte und es streichelte. Es ließ sich diese Zärtlichkeit gefallen, und ich fuhr mit derselben fort, bis ich annehmen durfte, daß meine Gefährten bei unsern Pferden angekommen seien. Da pflockte ich den Lasso los und schnitt ihn in mehrere Stücke, aus denen ich eine Art Kopfgestell zusammenknotete, welches sich das Pferd ruhig anlegen ließ. Zwei längere Stücke band ich als Zügel rechts und links an den Nasenriemen und war dann mit den Vorbereitungen fertig. Hierauf stellte ich mich mit ausgespreizten Beinen über den Leib des Pferdes und forderte es auf:

„Naba, naba – – steh auf, steh auf!“

Es gehorchte augenblicklich; ich saß oben und lenkte es einigemale versuchsweise hin und her; es ließ sich willig lenken, ohne daß ich der Schenkel dazu bedurfte. Ich hatte gewonnen, wenigstens einstweilen, denn später war, wenn es mich als Weißen erkannte, jedenfalls ein Kampf zu erwarten. Um aus der Nähe der Zelte zu kommen, ritt ich hinüber nach dem Rande des Thales und an demselben hin, bis ich das Lager hinter mir hatte; da ließ ich das Tier traben, bis ich zu der Stelle kam, wo wir unsre Pferde gelassen hatten; sie waren fort. Nun stieß ich einen schrillen Schrei aus, mit welchem die Roten ihre Pferde in Galopp setzen; es gehorchte auch diesesmal, und wir flogen zunächst ein Stück am Bache hin und dann rechts von demselben ab in die offene Prairie hinaus.

Das Pferd war ausgezeichnet. Ich bemerkte nach einem halbstündigen Galoppe noch nicht das geringste Zeichen der Anstrengung an ihm; der Atem ging unhörbar. Da hörte ich vor mir einen langgezogenen Schrei. Das war einer von meinen Gefährten, welche wissen wollten, ob ich käme; sie waren in Sorge um mich. Ich antwortete durch einen gleichen Schrei, und da sie hierauf halten blieben, um auf mich zu warten, hatte ich sie schnell eingeholt.

All devils, ein Roter!“ rief Old Wabble aus, als er mich erblickte. „Der verfolgt Old Shatterhand und hat ihn verloren. Machen wir ihn kalt!“

Ich sah, daß er das Gewehr vom Rücken riß, und warnte ihn:

„Nicht schießen, Sir! Ich möchte gern noch einige Zeit leben bleiben.“

Zounds! Das ist ja Old Shatterhands Stimme!“

„Natürlich, meine eigne; eine andre habe ich nicht.“

„Er ist’s; er ist’s; wahrhaftig, er ist’s! Aber, Sir, seht Ihr, daß ich ganz starr bin?“

„Friert Euch so?“

„Unsinn! Starr vor Verwunderung bin ich!“

„Worüber?“

„Daß Ihr so hübsch dahergeritten kommt, so einig mit dem Gaule, als ob Ihr schon tausend Säcke Hafer miteinander gefressen hättet. Das ist doch nicht das Pferd, welches ihr stehlen wolltet, Sir!“

„Es ist’s; seht her!“

„Hm, ja! Bei meiner Seele, es ist’s! Da ist ein Wunder geschehen, sonst hättet Ihr es nicht so schnell bezwingen können.“

„Es hat gar keines Zwanges bedurft.“

„Was? Nicht? Gar nicht?“

„Nein. Es hat mich ohne allen Widerstand hierher getragen.“

„Unmöglich! Ich bin ein zu guter Kenner, als daß Ihr mir so etwas weismachen könnt.“

„Ich mache Euch gar nichts weis, gar nichts. Wenn ich es hätte zwingen müssen, würde es sich jetzt ganz anders verhalten, und einen andern Gang, ein andres Aussehen haben.“

„Es ist zu dunkel, es sehen zu können. Schwitzt, schäumt und geifert es nicht?“

„Nichts von alledem.“

„Unglaublich! Könnt Ihr vielleicht hexen? Ich muß mich doch einmal selbst überzeugen.“

Er lenkte sein Pferd zu mir heran und streckte die Hand aus, das meinige anzufühlen. Es schnaubte scheu und stieg vorn hoch empor.

„Laßt das sein, Sir!“ bat ich. „Es kann die Weißen nicht leiden.“

„Ihr seid doch auch einer!“

„Ja; aber es hält mich für einen Roten.“

„Ah! Also darum die Maskerade mit der Decke?“

„Ja.“

„Wie pfiffig! Man kann wirklich noch viel, sehr viel von Euch lernen. Aber der Geruch, der Geruch! Ein Indianer riecht doch wie – – wie – – hm, wie sage ich doch nur gleich? Er riecht nach Schmutz, nach Herberge, nach – -nach – – na, mit einem Worte, er riecht eben wild! Ein Weißer hat diese sonderbare Ausdünstung nicht.“

„Der riecht wohl civilisiert anstatt wild?“ fragte ich lachend.

„Ja, civilisiert; so ist es. Wenn Ihr Euch auch maskiert habt, so mußte das Pferd doch am Geruche merken, daß Ihr kein Indsman seid.“

„Ich habe eben den Geruch verändert.“

„Unsinn!“

„Ja! Es giebt ein sehr probates Mittel, mit welchem man selbst so ein Pferd irre machen kann.“

„Was ist das?“

„Mein Geheimnis.“

„Ihr wollt es nicht sagen?“

„Nein, wenigstens jetzt nicht; vielleicht teile ich es Euch später einmal mit. Wer ein wenig nachdenkt, der findet es auch, ohne daß man es ihm sagt.“

„So! Habt Ihr es auch nur durch Euer Nachdenken?“

„Niemand hat es mir gesagt, ich bin selbst darauf gekommen; es ist meine eigene Erfindung.“

„So habt Ihr es vorhin erst erfunden?“

„Nein, schon längst. Es ist heute nicht das erste Mal, daß ich ein Indianerpferd damit täusche. In einigen Stunden ist dieser Geruch verschwunden, und wenn ich dann die Decke ablege und den Hut aufsetze, wird der Gaul die Täuschung erkennen und sich wehren. Dann wird es bei Tage und in der offenen Prairie den Kampf geben, den ich jetzt umgangen habe, weil ich allerdings das Leben riskiert hätte.“

Well, ich muß Euch glauben, bin aber wirklich begierig, zu sehen, wie Ihr das Pferd bewältigen werdet.“

„Sehr leicht. Nur Raum brauche ich dazu, nur Raum, und den habe ich dann im höchsten Maße. Jetzt aber wollen wir nicht reden, sondern reiten, daß wir die Gegend des Kaamkulano bald möglichst weit hinter uns legen. Laßt mich voran, daß mein Pferd nicht durch Euch scheu gemacht wird!“

Um an ihre Spitze zu kommen, ritt ich an ihnen vorüber, dabei sagte Bob:

„Warum Massa Shatterhand nicht mit seinem Masser Bob reden? Masser Bob will sagen Dank!“

„Ist nicht nötig, lieber Bob.“

„Und will erzählen, wie rote Indsmen nehmen Masser Bob gefangen.“

„Später. Jetzt haben wir keine Zeit dazu. Die Hauptsache ist, daß du mit meinem Rappen gut auskommst.“

„Oh – – oh – – oh – –, Rappe sein sehr gutes Pferd, und Bob sein sehr vortrefflicher Reiter. Beide einander gut kennen und fahren wie Blitz über Prairie dahin!“

Ja, der gute Bob ritt jetzt bedeutend besser als damals, wo er zum erstenmal im Sattel saß. Obgleich er sich mit den Händen krampfhaft an dem Halse und der Mähne des Pferdes festgehalten hatte, war er doch stets immer weiter nach hinten gerutscht und endlich am Schwanze heruntergeglitten. Das hatte ihm den Spitznamen Sliding-Bob eingetragen, also der rutschende Bob. Später hatte er sich eingerichtet und war schließlich bei Bloody-Fox in eine gute Schule gekommen. Jetzt ritt er so, daß er nicht hinter uns zurückblieb, was aber freilich mehr dem Pferde als dem Reiter zuzuschreiben war.

Von dem Augenblicke, an welchem ich das Hasenthal verlassen hatte, war für uns nichts mehr zu fürchten gewesen, denn bei der Güte unsrer Pferde konnten wir nicht eingeholt werden, und die etwaigen Verfolger wären junge Menschen gewesen, aus denen wir uns nicht viel gemacht hätten. Dennoch ritten wir mehrere Stunden lang ununterbrochen fort und hielten dann an, weil unser Ritt ein noch sehr weiter war. Wir hatten von da an, wo wir hielten, noch einen vollen Tagesritt bis zum Nargoleteh-tsil, wo wir mit den Apatschen zusammentreffen wollten.

Wir pflockten unsre Pferde an, aber so lang an die Lassos, daß sie Platz zum Grasen hatten. Das meinige mußte ich abseits befestigen, weil es nicht in der Nähe der andern sein wollte; es schlug und biß nach ihnen.

Als wir uns dann zu einander gesetzt hatten, fragte Bob:

„Nun haben Zeit, und nun dürfen Masser Bob wohl erzählen, wie Indsmen ihn gefangen nahmen?“

„Ja, erzähle es“, antwortete ich, denn er hätte uns doch keine Ruhe gelassen. „Ich habe mich sehr darüber gewundert, daß Bloody-Fox dich im Stiche gelassen hat.“

„Haben Fox mich im Stiche lassen?“

„Natürlich!“

„Und Massa Shatterhand sich darüber wundern?“

„Sogar sehr!“

„Masser Bob sich nicht wundern.“

„Das verstehst du nicht. Ihr seid auf die Jagd geritten?“

„Ja, auf Jagd.“

„Also beisammen gewesen?“

„Beisammen,“ nickte er.

„Du wurdest gefangen, und er entkam?“

„Ja.“

„So mußte er den Roten nachfolgen und alles thun, um dich zu retten. Hat er das versucht?“

„Nein.“

„Das ist ein Beweis, daß er euch nicht gefolgt ist. Wieviel Rote waren es, die euch überfielen?“

„Zehn und noch zehn und wieder noch einmal zehn. Vielleicht auch mehr. Bob nicht haben gut zählen.“

„Also ungefähr dreißig. Wie ich Bloody-Fox kenne, ist er nicht der Mann, der sich scheut, hinter dreißig Roten herzureiten. Er mußte unbedingt zu erfahren suchen, was sie mit dir angefangen hatten oder noch thun wollten.“

„Vielleicht haben Massa Fox es doch thun!“ „Nein. Er hat das Anschleichen gelernt, und wenn es ihm unmöglich war, dich zu befreien, so war er der Mann, der es fertig brachte, dir ein Zeichen zu geben. Hast du so etwas gesehen oder gehört?“

„Masser Bob nichts hören und nichts sehen.“

„So hat er dich also im Stich gelassen, und das ist es, worüber ich mich wundere, falls er überhaupt gewußt hat, daß du in ihre Gefangenschaft geraten warest.“

„Massa Fox das vielleicht nicht wissen.“

„Nicht? Hat er es nicht gesehen?“

„Nein.“

„Aber ihr waret ja beieinander!“

„Er nicht bei Masser Bob und ich nicht bei Massa Fox, als rote Indsmen kamen.“

„Oh, das ist etwas Andres! Ihr hattet euch also getrennt?“

„Ja. Wir waren daheim fort, weil nur noch wenig Fleisch haben. Mutter Sanna allein zu Hause bleiben und wir aus Llano estacado heraus, um jagen und Fleisch holen. Wir lange kein Wild finden, bis weit, weit fort an Regenberg kommen.“

„Ah, am Nargoleteh-tsil seid ihr gewesen? Dahin wollen wir ja heut!“

„Nargoleteh-tsil; das sein richtig.“

„Dort habt ihr gejagt?“

„Ja; haben schießen zwei Bisons; geben Fleisch, große Menge Fleisch. Schneiden Fleisch in Stücke und hängen auf Riemen, die mitgebracht. Haben auch mitgebracht Packpferde, um Fleisch tragen heim. Als fertig waren mit Aufhängen, gehen fort, um suchen wieder Büffelspuren, Massa Fox links und Masser Bob rechts.“

„Das war nicht klug. Entweder durftet ihr euch nicht trennen oder einer von euch, also jedenfalls du, mußte bei den Pferden und bei dem Fleische bleiben.“

„Vielleicht das richtig sein; Massa Shatterhand es ja gut verstehen, besser noch als Bloody-Fox und viel, viel besser als Masser Bob. Bob reiten weit, sehr weit und nicht finden Spur von Büffel, kehren endlich um, weil anfangen zu regnen. Da kommen Comantschen und ihn umringen. Er sich wehren, sie aber doch nehmen fangen Masser Bob. Sie ihn fragen, was hier wollen und was hier thun; er nichts sagen. Sie nun schlagen Masser Bob, er aber doch nichts verraten. Da sie reiten auf seiner Spur nach Regenberg, schicken Späher voraus. Späher kommen wieder und reden leise, was haben gesehen am Regenberg. Dann reiten fort, schnell; drei reiten langsam nach mit Masser Bob. Alsbald sind an Regenberg, Masser Bob hören schießen. Dann hinkommen. Comantschen sind im Lager und beim Fleisch von Bloody-Fox, er aber nicht da; an Erde aber liegen tote Indsmen, erschossen von Fox und er fort.“

„So also ist es gewesen, so! Er war eher zurückgekehrt als du, und sie haben ihn überfallen. Er hat einige von ihnen erschossen und ist entflohen.“

„Ja, war fort, ganz fort. Mehrere ihm nach; aber später wiederkommen und ihn nicht haben funden.“

„Was thaten die Roten dann?“

„Sie binden Masser Bob auf Pferd, laden Fleisch auf Pferde und reiten fort.“

„Wohin?“

„Reiten fast zwei Tage bis Bob war fangen in Zelt. Sie ihm sagen, daß wollen holen auch Bloody-Fox, und wenn ihn bringen, dann Massa Fox und Masser Bob sollen sterben an Marterpfahl.“

„Hm! Hatte es sehr geregnet?“

„Sehr! Regen gehen Masser Bob bis auf Haut.“

„Da ist mir alles erklärlich. Zu welcher Tageszeit ist es gewesen, Bob?“

„Als Masser Bob umkehren, es bald Abend sein. Und als kommen an Regenberg mit Indsmen, es schon anfangen, sehr dunkel werden.“

„Fox ist jedenfalls zurückgekehrt, hat sich aber nicht ganz bis zu dem betreffenden Platze wagen wollen. Und wenn er es gewagt und also gemerkt hat, daß sie fort waren, hat er ihnen doch nicht folgen können, weil er im Dunkel ihre Spuren nicht sehen konnte. Früh aber war die Fährte verschwunden, denn das niedergetretene Gras hatte sich infolge des Regens bis dahin aufgerichtet. Er wußte nichts davon, daß die Roten dich getroffen und festgenommen hatten. Er glaubte, du habest dich verirrt und suchte dich. Er wartete vielleicht, als er dich nicht fand, den ganzen Tag auf deine Rückkehr. Als du nicht kamst, nahm er an, daß du möglicherweise die Roten gesehen habest.“

„Ja, das er wohl denken.“

„Du konntest ja zurückgekommen sein, als sie ihn schon überfallen hatten; sie bemerkten dich nicht; du sahst, daß er fort war, und rittest auch fort.“

„Ja, heim zu Mutter Sanna!“

„Das konnte er dir schon zutrauen, und da er den Roten nicht folgen konnte, weil er nicht wußte, wohin sie waren, blieb ihm nichts andres möglich, als auch heimzukehren, um zu sehen, ob du dort angekommen seist.“

„Aber als Massa Bloody-Fox sehen, daß Masser Bob nicht da bei Mutter Sanna?“

„So ist er wahrscheinlich wieder fort, um abermals nach dir zu suchen. Wer weiß, wo und wie lange er sich herumgetrieben hat, ohne dich zu finden!“

„Nun aber er mich wiedersehen, oh – oh oh! Denn Massa Shatterhand bringen doch Masser Bob jetzt wieder zu Mutter Sanna und Massa Fox?“

„Ja, wir bringen dich hin. Die Roten sind aufgebrochen, um euer Haus zu überfallen und Bloody-Fox zu fangen und zu töten.“

„Das sie sollen nicht wagen! Masser Bob sie erschlagen und erschießen alle, alle, alle! Niemand von ihnen leben bleiben, kein einziger!“

Er knirschte mit seinen Zähnen, und das hatte etwas zu sagen, denn er hatte ein Gebiß, welches einem Panther Ehre gemacht hätte; dann fuhr er fort:

„Ja, sie alle, alle sterben, denn sie haben schlagen Masser Bob und ihm nichts geben zu essen. Er haben viel Hunger, und sie nichts thun, als nur darüber lachen.“

„Nun, wir haben jetzt Zeit, dies nachzuholen. In meinen Satteltaschen ist Fleisch genug für dich. Geh hin und hole dir, was du essen kannst!“

„Ja, Masser Bob sich holen. Er grad großen Hunger haben, als Massa Shatterhand kommen in Zelt und ihn machen frei.“

„Nun, davon habe ich nichts gemerkt, denn ich mußte dich wecken; du schliefst sehr fest.“

„Oh – – oh – – oh – –! Masser Bob haben großen Hunger auch wenn schlafen; ihn träumen sogar von Hunger!“

Er holte sich Fleisch und aß; er holte sich wieder welches und aß; er holte sich abermals welches und aß – – aß – – aß, bis nichts mehr zu holen war. Was er im Essen leisten konnte, das wußte ich, so eine Portion wie heute aber hatte er noch nie verschlungen! Er erzählte uns dabei die Einzelnheiten seiner Gefangenschaft im Thale der Hasen; es war nichts für uns Wichtiges dabei. Wir fragten ihn nach den Beobachtungen, die er dabei gemacht hatte, bekamen aber nichts zu hören, was uns hätte von Nutzen sein können. Er war ein guter, treuer Kerl, mutig und klug in seiner Weise, aber Beobachtungen wie ein Westmann zu machen, das war ihm bei seiner geistigen Bescheidenheit nicht möglich.

Als der Morgen zu grauen begann, standen wir auf, um die Pferde zu besteigen.

„Jetzt bin ich neugierig, was Euer Pferd sagen wird,“ meinte Old Wabble. „Denn mit der Maskerade hört es jetzt wohl auf?“

„Ja. Wollt Ihr meine Indianerdecke mit auf Euer Pferd nehmen, Mr. Cutter?“

„Ja, gebt sie her!“

„Jetzt noch nicht, sondern erst dann, wenn ich aufgestiegen bin.“

Well! Sonst würde es Euch gar nicht hinauf lassen!“

„Es müßte wohl; aber ich würde dabei Zeit verlieren, und das ist nicht notwendig; ich werfe sie Euch zu.“

Ich ging zum Pferde hin, um es zu liebkosen. Es zeigte sich mißtrauisch und unruhig; es sträubte die Mähne, schnaubte und zerrte am Lasso. Der Pflanzengeruch hatte sich verloren, und das Tier wurde nur noch durch die Indianerdecke getäuscht. Ich zog den Pflock aus der Erde und steckte ihn in die Satteltasche, sprang auf, band den Lasso vom Halse des Pferdes los und wickelte ihn in Schlingen; die andern standen neugierig da, hielten sich aber fern, um nicht von dem Tiere umgerissen zu werden, wenn es plötzlich ausbrechen sollte. Es ging ein eigentümliches Zittern durch seine ganze Gestalt; ich kannte dieses Zittern; es war das Vorzeichen des nahen Kampfes. Im Nu flog die Decke herab und zu Old Wabble hinüber; ebenso schnell warf ich mir den Lasso über die Schulter; mit der einen Hand die improvisierten Zügel ergreifend, zog ich mit der andern den Hut unter dem Rocke hervor, um ihn aufzusetzen und fest anzudrücken. Da warf das Pferd den Kopf herum, einen einzigen kurzen Augenblick nur sah es mich, dann wieherte es laut und zornig auf und stieg vorn empor. Die Zügel mit beiden Händen fest anziehend, legte ich die Schenkel noch viel fester an. Es war dem Überschlagen nahe; ich drückte es nach vorn und riß es dabei mit solchem Nachdrucke seitwärts, daß es sich einmal um seine eigene Achse drehte. Dann kam es vorn nieder und schlug hinten aus – vergeblich. Es bockte, indem es den Rücken krumm bog und mit allen vieren in die Luft ging; es stand still, um mich zu betrügen, und sprang dann plötzlich mit vollständig steifen Beinen auf die Seite, damit ich auf der andern Seite herabstürzen möge – ebenso vergeblich! Es erging sich in allen den Mucken, die einem sogenannten Bucking-horse andressiert werden – ich blieb fest sitzen.

„Bravo, bravo, Sir!“ rief der alte Wabble. „Ihr habt einen famosen Sitz, das muß ich sagen. Der Racker macht es Euch schwer, er hat den Teufel im Leibe!“

„O, bis jetzt ist das noch nichts,“ antwortete ich. „Es kommt noch besser, wartet nur!“

Da warf sich das Pferd, als ob es meine Worte verstanden habe, nieder und wälzte sich, indem es mit den Beinen arbeitete und um sich schlug. Ich kam – und das ist dabei die Hauptsache, sonst ist man verloren – mit den Füßen auf die Erde zu stehen und sprang, so wie es sich Wälzte, bald nach rechts, bald nach links, so daß das Tier stets zwischen meinen ausgespreizten Beinen blieb. Das ist außerordentlich anstrengend; es gehört ein scharfes Auge dazu, man muß wissen, nach welcher Seite sich das Pferd im nächsten Augenblicke zu drehen beabsichtigt, und sich dabei in acht nehmen, daß man von den schlagenden Hufen nicht getroffen wird. Noch schärfer muß man erraten, wann es wieder aufspringen will, sonst wird man zur Seite geschleudert und es geht auf und davon.

Jetzt sprang es auf und nahm mich ganz regelrecht mit in die Höhe, indem ich die Zügel wieder ergriff, die ich während des Wälzens natürlich hatte fahren lassen.

„Bravo, bravo!“ rief der Alte. „Thunder-storm, ist das ein Vieh! In dieser eleganten Weise macht es Euch keiner als nur Old Wabble nach!“

„Es kommt noch schlimmer, Sir!“ antwortete ich, „Erst ermüde ich es hier und dann lasse ich es durchgehen. Steigt auf, um mir schnell nachzukommen!“

Während ich dies sagte, wiederholte das Pferd die schon beschriebenen Versuche, bis es sich zum zweitenmal wälzte und dann wieder aufsprang. Bis jetzt hatte die menschliche Intelligenz mit dem tierischen Willen gekämpft, nun aber sollte es rohe Kraft gegen rohe Kraft gelten, was mir stets gelungen war und mir noch von niemandem hatte nachgemacht werden können. Ich nahm das Pferd also fester in die Zügel, rückte weiter nach vorn und legte die Schenkel mit aller mir zu Gebote stehenden Kraft an. Es stand starr. Ich horchte. Kam der Ton, den ich erwartete, oder kam er nicht? Ja, er kam. Es war ein langes, tiefes, schmerzliches Stöhnen aus eingeengter Brust, das sichere Zeichen, daß der Sieg mein sein werde, wenn meine Kraft nicht ermüdete. Das Tier wollte wieder in die Höhe, vorn, hinten, mit allen vieren; es konnte nicht; ich drückte und preßte womöglich noch stärker als vorher. Nach jeder vergeblichen Anstrengung stöhnte es laut, der Atem ging keuchend. So dauerte es fünf Minuten und noch länger; der Schweiß drang ihm aus allen Poren; es schäumte und warf die weißen Flocken nach allen Seiten.

„Prächtig, prächtig!“ schrie Old Wabble entzückt. „So etwas habe ich noch nie gesehen!“

Ja, prächtig! Das konnte er gut sagen. Hätte er nur an meiner Stelle gesessen! Diese Anstrengung! Die Lunge wollte mir platzen; der Schweiß drang auch mir aus allen Poren, aber ich ließ nicht nach. Da wollte das Pferd sich niederwerfen, um sich wieder zu wälzen; es konnte nicht; nun noch ein letzter, langer Schenkeldruck aus allen Leibeskräften – – die menschlichen Muskeln und Sehnen siegten; das Pferd brach zusammen.

„Grandios, grandios!“ brüllte der Alte. „Das hätte ich nicht fertig gebracht. Es ist wahr, Sir, Ihr seid ein viel, viel besserer Reiter als ich.“

Old Surehand stand still und sagte nichts; aber seine Augen leuchteten.

„Schön, schön, oh schön!“ schrie Bob. „Massa Shatterhand das schon oft machen mit fremden und mit wildem Pferd. Masser Bob dabei sein und es sehen!“

„Ich bin noch lange nicht fertig,“ antwortete ich. „Paßt auf, jetzt geht es fort!“

Ich stand mit breiten Beinen über dem Pferde, mit gebücktem Oberkörper und die Zügel in der Hand. Es erholte sich, stand auf und nahm mich mit in die Höhe. Da stand es einige Augenblicke regungslos; dann schnellte es fort, wie plötzlich von einer gewaltigen Feder getrieben. Ich saß fest und ließ es laufen, nur dafür sorgend, daß es die Richtung nahm, in welche wir wollten. Die andern drei kamen hinter mir hergejagt. Nach einer Weile blieb es plötzlich halten und begann das Bocken und Wälzen von neuem. Es sprang auf und jagte wieder fort, hielt abermals an und that alles, um mich los zu worden. Ich ließ es gewähren, bis ich die Zeit gekommen meinte; da nahm ich es zwischen die Schenkel wie vorher; es stand unbeweglich; ich schwitzte; es stöhnte, schwitzte und schäumte, bis es zum zweitenmal zusammenbrach. Jetzt wußte ich, daß es keinen Versuch mehr machen, keinen Widerstand mehr leisten werde, und stellte mich zur Seite, als mich die drei eben einholten. Sie parierten ihre Pferde, und Old Wabble fragte:

„Ihr gebt die Zügel aus der Hand und laßt es frei liegen? Wenn es Euch nun davongeht, Sir!“

„Es bleibt, es ist besiegt, es ist mein!“ antwortete ich.

„Traut der Bestie nicht! Es wäre schade, jammerschade, wenn es Euch nach dieser großen, riesenhaften Anstrengung entkäme!“

„Es läuft nicht fort.“

„Oho!“

„Paßt auf! Ich kenne die Dressur.“

Ich legte dem Pferde die Hand auf den Kopf und sagte:

„Naba, naba – steh auf, steh auf!“

Es sprang auf. Ich ging langsam fort und befahl:

„Eta, eta – komm, komm!“

Es kam hinter mir her, nach rechts und links, hin und zurück, bis ich stehen blieb, da blieb es auch stehen.

„Großartig, wirklich großartig!“ rief Old Wabble. „Wenn man es nicht sähe, würde man es gar nicht glauben!“

„Ihr gebt also zu, daß ich es gebändigt habe?“

Yes, yes und yes!“

„Ohne daß ich Arme und Beine oder sogar den Hals dabei gebrochen habe!“

„Sprecht nicht davon, Sir! Ich konnte ja nicht wissen, daß Ihr im Reiten sogar den alten Wabble übertrefft!“

„Sogar? Ihr scheint Euch für den besten Reiter des ganzen Erdballs zu halten! Ich übertreffe Euch ja, das behaupte ich auch, aber nicht aus Stolz oder Überhebung, denn ich füge sogleich hinzu: ich habe Reiter getroffen, die mich weit, weit übertroffen haben.“

All devils! So einen Kerl möchte ich sehen!“

„Ich habe auf Pferden gesessen, die fünfzigtausend Dollars und noch mehr gekostet hätten, wenn sie überhaupt zu verkaufen gewesen wären. Nun schließt von einem solchen Tiere einmal auf seinen Reiter! Versucht doch einmal, ein zugerittenes Kirgisenpferd, einen kurdischen Streithengst oder eine nach der altparthischen Reitkunst geschulte Perserstute zu besteigen! Ihr seid nach hiesigen Begriffen ein vorzüglicher Reiter; dort aber würdet Ihr ausgelacht!“

„Kirgisisch -kurdisch-altparthisch – – –? Ich lasse mich aufhängen, wenn ich weiß, was das ist! Habt denn Ihr auf solchen Pferden gesessen?“

„Ja, und unser Bob würde an meiner Stelle sagen: Wir sind gut aufeinander geritten.“

Oh – oh – – oh!“ wendete der Neger mit verlegener Miene ein. „Masser Bob nicht so sagen, denn Bob nicht mit dabei gewesen sein!“

„Hm, hm, hm!“ brummte der Alte. „Da hat man sich für einen tüchtigen Kerl gehalten und ist gar keiner!“

„Bitte, so war es nicht gemeint, Mr. Cutter. Ihr seid gar wohl ein tüchtiger Reiter, nämlich in der Art der Cowboys. Ein Roter reitet anders; das gebt Ihr zu, nicht?“

Yes.“

„Weil ich diese indianische Schule genau kenne, konnte ich das Pferd hier überwältigen, sonst nicht. Ich glaube auch nicht, daß es Euch gelungen wäre.“

„Nein, ich hätte es nicht fertig gebracht; das habe ich aber auch eingestanden!“

„Richtig! Nun denkt, daß es noch viele andre Reitervölker giebt, die Araber, Beduinen, Tuaregs, Imoscharh, Perser, Turkmanen, Kirgisen, Mongolen und so weiter, und jedes dieser Völker hat eine andere Art zu reiten. Kann sich da jemand, der eine Schule vortrefflich reitet, für überhaupt den besten Reiter halten und dann erstaunt von einem andern sagen: der kommt sogar über mich?“

„Nein, Sir! Ich höre, daß Ihr wieder einmal den Kanzelredner macht, denn was Ihr da sagt, ist ja, wie ich gern zugebe, alles sehr richtig, aber allein gegen mich gerichtet; es soll ganz einfach heißen: Brüste dich nicht, alter Wabble!“

„Freut mich, daß Ihr diesen Stich empfindet!“

„Also wirklich ein Stich! Warum aber stecht Ihr mich?“

„Nicht, weil ich denke, mehr zu sein oder mehr zu können als ihr, sondern um Euch ein wenig anschmiegender zu machen. Ihr wißt, von wegen dem Sitzenlassen. Ihr habt mir dahinten im Kaani-kulano wieder gute Lehren geben wollen, und zwar zu einer Zeit und in einer Situation, wo solche Lehren nicht nur überflüssig sind, sondern alles verderben können. Ich habe sie hingenommen, weil ich Euch augenblicklich nicht beweisen konnte, daß sie unnütz waren. Diesen Beweis habe ich jetzt erbracht. Wir sind nun einmal bei einander, und da würde es mich freuen, wenn es Euch beliebte, mir künftig etwas mehr Vertrauen zu schenken. Der Mangel an Vertrauen kann bei dem, was wir vorhaben, verhängnisvolle Folgen bringen!“

Egad, Ihr habt recht, Mr. Shatterhand!“ gab er zu. „Ich bin ein alter Querkopf geworden, weil ich noch niemals meinen Meister gefunden habe. Ihr habt mir eine Zurechtweisung erteilt, in Worten und noch vielmehr durch die That, und ich will sie mir ad notam nehmen. Macht, was Ihr wollt; ich werde nicht wieder daran mäkeln. Und wenn Ihr Euch vornehmt, dem Monde auf die eine Backe eine Ohrfeige zu geben, so bekommt er von mir auf die andre Backe auch eine; denn was Ihr für möglich haltet, das ist auch möglich; th’is clear!“

„Das habt Ihr gut gesagt!“ stimmte ihm Old Surehand bei. „Ich pflege nicht viele Worte zu machen, aber was Mr. Shatterhand von mir verlangt, das thue ich, und wenn es mir noch so widersinnig vorkommen sollte. Die Kunst, mit welcher er das Pferd besiegte, war bewundernswert, doch giebt es wenigstens Einen, der das grad so fertig bringt; ich meine Winnetou; aber die Kraft, die Körperkraft, der Schenkeldruck! daß das Pferd stöhnt und schäumend und geifernd zusammenbricht! Das macht ihm niemand nach, gewiß niemand! Ich bin höher und breiter gebaut als er, aber wenn ich behauptete, ein Pferd in dieser Weise niederbringen und niederringen zu können, so würde das eine Lüge sein, eine großartige Lüge! Und wie das Pferd ihm nun nachläuft! Grad als ob er schon jahrelang sein Herr gewesen wäre!“

„Ja, Ihr werdet sehen, daß es sich nun wie ein treuer und gehorsamer Hund zu mir verhält,“ sagte ich. „Es ist nicht nötig, in dieser Weise von mir zu reden, Mr. Surehand. Ein jeder thut, was er kann; der eine versteht dieses besser und der andre jenes, und wenn ein jeder das Seinige leistet, wird’s ein gutes Ende geben. Jetzt wollen wir weiter!“

„Doch zunächst nach dem Altschese-tschi, wo wir gestern früh fortgeritten sind?“ fragte Old Wabble.

„Nein; nach dem kleinen Walde reiten wir nicht wieder.“

„Warum? Wenn wir nach dem Regenberge wollen, liegt das Wäldchen doch in unserm Wege!“

„Denkt an die Kundschafter, die dort getötet worden sind! Sie kehren nicht zurück. Das erregt das Mißtrauen der Comantschen. Ich bin überzeugt, daß Vupa Umugi ihnen einige Krieger nachsenden wird. Dürfen die auf unsre Fährte treffen?“

„Nein, denn sie würden uns nach dem Regenberge folgen, und alles wäre verraten. Aber Parker, Hawley und Langes Messer haben doch auch eine Fährte gemacht, die dorthin führt!“

„Das war gestern; sie ist also nicht mehr zu sehen.“

So müssen wir einen Umweg machen; aber wohin?“

„Das ist doch zu erraten!“

„Hm! Etwa zwischen dem kleinen Walde und dem blauen Wasser hindurch? Das geht nicht, denn da würde unsre Spur noch viel eher und viel leichter bemerkt.“

„Wir müssen noch weiter nach rechts abweichen.“

„Also wieder über den Rio Pecos hinüber?“

„Ja.“

„Das ist allerdings ein Umweg, und was für einer! Sollte er nicht zu groß sein, Sir?“

Da meinte Old Surehand kopfschüttelnd:

„Ihr seid doch unverbesserlich, alter Wabble! Soeben erst habt Ihr davon gesprochen, dem Monde eine Ohrfeige geben zu wollen, wenn es Mr. Shatterhand für möglich hält, und jetzt ist das, was er will, Euch schon wieder nicht recht!“

Well, ich sage kein Wort mehr, kein einziges!“

„Ich stimme Mr. Shatterhand vollständig bei. Ob dieser Umweg groß ist oder nicht, wir müssen ihn machen. Merkt Ihr denn nicht, daß Mr. Shatterhand auf diese Weise zwei Fliegen mit einem Schlage treffen will?“

„Zwei Fliegen? Die erste?“

„Daß unsre Spur nicht gesehen wird.“

Well! Und die zweite?“

„Nale-Masiuv.“

„Nale-Masiuv? Der soll eine Fliege sein? Wieso?“

„Heut ist doch der dritte Tag!“

„Ach richtig! Von dem Abende am blauen Wasser an ist es der dritte Tag, an welchem Nale-Masiuv mit seinen hundert Roten kommen soll! Wollen wir nach ihm spüren?“

„Ja,“ antwortete ich. „Es ist uns von Vorteil, zu erfahren, ob er schon da ist oder nicht.“

„Wieso, Sir?“

„Weil ich annehmen mußte, daß die Roten bald nach seiner Ankunft nach dem Llano estacado aufbrechen werden; wir können uns dann darnach richten. Wir haben uns von jetzt an also mehr nach rechts hinüber zu halten. Kommt, wir wollen fort, Mesch’schurs!“

„Mesch’schurs!“ wiederholte der Neger. „Haben Massa Shatterhand auch Masser Bob mit meinen?“

„Natürlich, ja.“

„So sein Masser Bob auch mit Mesch’schurs?“

„Versteht sich, lieber Bob!“

„Oh – oh – oh – – Bob auch mit Mesch’schurs! Schwarzer Bob sein also grad so Gentleman wie weißer Gentleman! Er sich sehr darüber freuen und nun zeigen, daß er grad so tapfer und mutig, wie weiße Jäger. Leider aber er nun haben kein Gewehr, um totschießen rote Indianer!“

„Du wirst eins bekommen. Wir haben am kleinen Walde mehrere erbeutet; davon suche ich dir eines heraus. Was dir sonst noch fehlt, ein Messer und dergleichen, das bekommst du auch.“

Als ich jetzt mein Pferd streichelte, litt es das ruhig, ohne ein Zeichen der Abneigung sehen zu lassen. ich untersuchte die Hufe; es gab sie so ruhig her wie ein Bauernpferd, welches stets im Stalle gestanden hat und mit seinem Herrn auf vertrautem Fuße steht. Als ich aufgestiegen war, blieb es stehen; kurz, es verhielt sich genau so wie ein Pferd, welches man mit dem bekannten Ausdrucke als militärfromm bezeichnet. Es hatte mich als seinen Meister anerkannt. Old Wabble schüttelte vor Verwunderung darüber den Kopf, sagte aber nichts.

Da es auch vor den andern und ihren Pferden nicht mehr scheute, brauchte ich mich nicht mehr von ihnen abzusondern; wir konnten also zusammenhalten und thaten dies, indem bald dieser und bald jener eines seiner Erlebnisse zum besten gab. Auch Old Surehand erzählte einige seiner Abenteuer. Er hatte dabei eine eigene, kurze, prägnante Weise, welche den Gedanken, daß er nach unserm Lobe strebe, gar nicht aufkommen ließ. Das, was wir aus seinem Munde hörten, waren mehr Berichte als Erzählungen. Old Wabble fand dabei einigemal Gelegenheit, Fragen auszusprechen, bei deren Beantwortung der Erzähler eigentlich gar nicht umgehen konnte, über seine Herkunft und seine Verhältnisse Auskunft zu erteilen, und das war jedenfalls auch der Zweck des Alten; aber Old Surehand wußte sehr klug auszuweichen, und ich hörte und merkte es ihm an, daß es nicht in seiner Absicht lag, sich auch nur zu einer Andeutung bewegen zu lassen. Über sein Leben und seine Erfahrungen im wilden Westen sprach er; weiteres aber konnte der Alte nicht erfahren. Ich meinerseits hütete mich, eine Frage auszusprechen, die mich ihm hätte als neugierig erscheinen lassen können.

In dieser Weise verging der Vormittag, und ein großer Teil des Nachmittags, und es war gegen Abend, als wir den Rio Pecos an einer Stelle erreichten, welche vielleicht eine englische Meile oberhalb der Mündung des blauen Wassers lag. Wir schwammen hinüber, denn die Umgehung des blauen Wassers konnte nur auf der jenseitigen, der rechten Seite des Flusses geschehen.

Drüben angekommen, stießen wir auf eine Fährte, welche in der Nähe des Wassers abwärts führte.

„Hallo!“ meinte Old Wabble. „Da sehen wir ja gleich, daß Nale-Masiuv mit seinen Roten schon angekommen ist!“

Old Surehand warf nur einen kurzen Blick auf die Spuren und entgegnete dann:

„Das ist er nicht gewesen.“

„Nicht? Wieso?“

„Wieviel Rote sollte er bringen?“

„Hundert.“

„Ist das die Fährte von hundert Reitern?“

„Nein; das gebe ich zu. Wenn er es nicht gewesen ist, so möchte ich wissen, wer – – – hm! Sollte es nur ein Vortrab von seiner Schar gewesen sein?“

„Möglich.“

„Da kommen die andern nach und entdecken unsre Spuren. Was ist da zu thun? Wir dürfen uns nicht verraten.“

„Was zu thun ist, mag Mr. Shatterhand bestimmen.“

Ich bog mich vom Pferde herab, um die Eindrücke der Hufe genau zu betrachten, und sagte dann:

„Das sind ungefähr zwanzig Reiter gewesen, welche sich sehr sicher gefühlt haben müssen, denn sie sind nicht im Gänsemarsche geritten. Die Spur ist wenigstens vier Stunden alt; wer hinter uns her kommt und ein gutes Auge hat, kann die unsrige also sehr leicht von ihr unterscheiden; aber der Abend ist nahe, der diese Unterscheidung unmöglich macht. Wollen ihr getrost folgen; ich muß sie besser kennen lernen.“

Wir lenkten in die Fährte ein und kamen bald an eine Stelle, wo die Reiter angehalten hatten; sie wurde an der vom Flusse abgewendeten Seite von Büschen begrenzt, in denen es eine schmale Lücke gab.

„Ja, es sind ungefähr zwanzig Reiter gewesen,“ wiederholte ich; „weiter ist nichts herauszufinden.“

„Also ein Vortrab?“ fragte Old Wabble.

„Das möchte ich bezweifeln.“

„Warum?“

„Weshalb sollte Nale-Masiuv seine Schar geteilt und eine Vorhut vorausgesandt haben? Das thut man nur vor dem Kampfe oder wenn man sich in einer sehr unsichern Gegend befindet. An einen Kampf war nicht zu denken, und unsicher haben sich diese Leute nicht gefühlt, sonst wären sie in ganz andrer Weise geritten. Wir haben es also nicht mit einem Vortrab zu thun, sondern mit einem ganz selbständigen Trupp. Nale-Masiuvs Leute sind es nicht gewesen.“

„Hm! Ich denke da an den jungen Häuptling Schiba-bigk, meinen Bekannten, der ja auch nach dem blauen Wasser kommen muß, wenn er mit Vupa Umugi nach dem Llano-estacado will; er soll den Führer machen. Vielleicht ist er es gewesen.“

„Das ist sehr leicht möglich, Sir. Was thun wir nun? Folgen wir dieser Fährte?“

„Das hat keinen Zweck und würde uns nur in Gefahr bringen können.“

„Aber wir müssen doch stromabwärts gehen, um wieder an das andre Ufer zu kommen.“

„Ja, aber nicht so nahe am Wasser hin, wo wir jeden Augenblick auf Rote treffen können. Wir reiten einen Bogen, und zwar so, daß wir die Furt erst dann erreichen, wenn es dunkel ist und wir nicht gesehen werden können.“

„Das ist klug und zugleich gefährlich.“

„Wieso gefährlich?“

„Wenn noch vor der Dunkelheit Indsmen hinter uns herkommen, sehen sie die Stelle, wo wir diese Fährte verlassen haben; unsre Spur muß ihnen auffallen; sie folgen uns, und wir sind verraten.“

„Wenn wir es dumm anfangen, ja. Wir müssen eben da abweichen, wo es nicht bemerkt werden kann.“

„Wo wäre das?“

„Hier.“

„Hier? Ah!“

„Ja, hier. Meint Ihr nicht, daß diese Lücke im Gebüsch die beste Gelegenheit dazu bietet?“

„Ob Lücke oder nicht, sie werden doch bemerken, daß eine Fährte abseits führt.“

„Nein, wenn wir es richtig machen. Wir reiten nicht langsam hinein, sondern im Sprunge. Daß unsre Pferde hier zum Sprunge angesetzt haben, können sie nicht sehen, weil diese Stelle von Spuren ganz bedeckt und niedergetreten ist. Unsre Pferde fassen jenseits der Lücke wieder Fuß, wodurch allerdings Hufeindrücke erzeugt werden, die aber von hier aus nicht gesehen werden können, weil die Lücke schmal ist und die Zweige unten ineinander gehen. Wir müssen hoch springen und uns dabei hüten, Blätter abzustreifen oder gar Äste abzubrechen.“

Well, das geht, Mr. Shatterhand! Wer springt zuerst?“

„Ich. Kommt ihr mir einzeln nach, und macht es genau wie ich!“

Ich nahm mein Pferd hoch, gab ihm die Hilfe und flog in einem weiten Bogen zwischen den Büschen hindurch, wo ich natürlich nicht halten blieb, sondern für die andern Platz machte. Sie kamen ebenso gut hinüber wie ich, und dann durchquerten wir den hier schmalen Waldessaum des Flusses, bis wir hinaus auf das offene Terrain kamen. Da ritten wir in gerader, rechtwinkelig vom Flusse wegführender Linie weiter, bis wir so weit von ihm entfernt waren, daß wir von dort aus nicht gesehen werden konnten. Von hier aus schlugen wir die parallele Richtung ein und lenkten, als wir weit genug abwärts gekommen waren, wieder nach dem Pecos zurück. An sein Ufer zurückgekehrt, mochten wir uns ungefähr eine halbe englische Meile unterhalb der Furt befinden und waren also gezwungen, uns rückwärts zu wenden. Dabei war große Vorsicht erforderlich, denn es war inzwischen dunkel geworden und die Situation überhaupt nicht ganz geheuer. Infolge des Zuzuges, den Vupa Umugi erwartete, mußte man grad an der Furt stets auf Begegnungen gefaßt sein. Wir stiegen also ab und gingen zu Fuße, indem wir die Pferde führten und uns bemühten, so wenig Geräusch wie möglich zu verursachen.

Es zeigte sich gar bald, daß diese Behutsamheit gar nicht überflüssig war, denn wir bemerkten, noch ehe wir die Furt erreicht hatten, einen brenzlichen Geruch. Es gab ein Feuer in der Nähe; wir blieben also stehen. Es galt natürlich, zu erfahren, wer das Feuer angebrannt hatte; das wollte ich mit Old Surehand thun. Wir übergaben also Old Wabble und Bob unsre Pferde und Gewehre und schlichen uns weiter. Der Geruch wurde mit jedem Schritte stärker, und als wir nur noch eine kurze Strecke bis zur Furt hatten, sahen wir das Feuer. Es brannte in der Nähe des Wassers. Wer sich dort befand, das konnten wir nicht sehen, weil Büsche dazwischen lagen.

Wir huschten mit Anwendung aller Vorsicht weiter und weiter, bis wir dieses Gebüsch erreicht hatten. Es lag ungefähr zwölf Schritte von dem Feuer entfernt, an welchem zwei Indianer einander gegenüber saßen, die Gesichter einander zugekehrt, so daß wir beide im Profile sehen konnten. Es waren Comantschen. Was wollten sie hier an der Furt? Wozu hatten sie dieses Feuer? Das waren die zwei Fragen, die wir uns natürlich vorlegen mußten. Die Beantwortung konnte uns nicht schwer fallen.

Old Surehand hatte dieselben Gedanken wie ich. Er gab ihnen Ausdruck, indem er mir zuflüsterte:

„Nale-Masiuv ist noch nicht da. Ihr habt also mit Euern ‚Vermutungen recht gehabt, Sir.“

„Ja; sie warten auf ihn und haben diese Wachen hier ausgestellt, die ihn empfangen sollen.“

„Warum sie das für nötig gehalten haben?“

„Das ist sehr einfach. Nale-Masiuv ist von einem andern Stamme als Vupa Umugi und hat seine Weideplätze entfernter von hier. Darum kennt er die Furt nicht, und diese beiden sollen sie ihm zeigen, wenn er kommt.“

„Das trifft jedenfalls zu. Wie gut, daß wir erst am Abende hierherkamen!“

„Ja; am Tage hätten sie uns wahrscheinlich bemerkt, denn da waren sie jedenfalls auch schon da. Nun hat uns der Geruch ihres Feuers vor Entdeckung bewahrt.“

„Das wäre schlimm gewesen, denn wenn es auch ganz unmöglich gewesen wäre, daß sie uns hätten fassen können, so wüßten sie doch nun, daß wir noch immer hier sind, während sie das Gegenteil dachten.“

„Dieses Feuer ist allerdings ein Beweis, daß sie überzeugt sind, wir seien über alle Berge. Wenn sie uns noch hier in der Gegend glaubten, würden sie sich hüten, eins anzuzünden. Dumme Kerls, sie werden doch nie klug!“

„Sie dürfen sich nicht darüber beschweren, daß sie keine Gelegenheit gehabt hätten, gescheit zu werden. Ihr habt ihnen genug gute Lehren erteilt. Bleiben wir hier?“

„Ich möchte.“

„Ich auch. Jetzt sitzen sie zwar stumm wie Ölgötzen da, aber es ist doch möglich, daß sie miteinander reden.“

„Wenn sie das thun, werden wir etwas erfahren.“

„Wichtiges?“

„Wenn nicht grad das, so doch wenigstens etwas, was uns interessiert. Der eine rechts ist nämlich ein hervorragender Krieger.“

„Kennt Ihr ihn?“

„Ja. Als ich sie da drüben am blauen Wasser belauschte, saß er mit bei dem Häuptlinge und nahm neben dem Alten mit am Gespräch teil. Wenn sie reden, dann doch wahrscheinlich von ihrem kriegerischen Vorhaben. Horcht!“

Der Rote, von dem wir sprachen, hatte ein Wort gesagt, aber so kurz und unterdrückt, daß es nicht zu verstehen gewesen war. Der andere antwortete, aber auch für uns unverständlich. So fielen eine Zeitlang einzelne Worte hin und her, ohne daß wir wußten, wen oder was sie betrafen. Da legten wir die Ohren auf die Erde, um besser verstehen zu können.

Kaum hatten wir das gethan, so stieß Old Surehand mich mit dem Ellbogen bedeutungsvoll an. Ich wußte sogleich, was er meinte, denn ich hatte das Geräusch, auf welches er mich aufmerksam machen wollte, auch gehört. Wir kannten es beide genau; es war das dumpfe Hufstampfen von Pferden auf weichem Grunde, wobei an eine Wurzel oder sonst etwas Festes gestoßen wird.

„Waren das etwa unsre Pferde?“ fragte Old Surehand.

„Nein. Der Schall kam abwärts.“

„Da handelt es sich um Rote, die da kommen.“

„Jedenfalls.“

„Auch Comantschen, sonst würden sie sich sehr in acht nehmen und ihre Pferde besser führen.“

„Comantschen sind es; aber sie wissen nicht, daß hier auch Rote sitzen.“

„Sollten sie das Feuer nicht sehen?“

„Nein. Der Schall läßt auf eine Entfernung von wenigstens achtzig Schritten schließen, und nach oben hin stehen dichte Sträucher, welche das Feuer verdecken.“

„Aber riechen müssen sie es doch!“

„Nein, denn der Wind kommt von oben und weht den Rauch und also auch den Geruch abwärts.“

„Bin neugierig, wer es ist!“

„Ich auch. Sobald sie das Feuer entdecken, werden sie die Pferde anhalten, um abzusteigen und herbei zu schleichen. Dann erfahren wir jedenfalls etwas.“

Wir warteten. Das dumpfe Geräusch wiederholte sich noch zweimal. Die beiden Comantschen am Feuer hörten es nicht, weil sie nicht, so wie wir, mit den Ohren auf der Erde lagen. Dann war es still. Es verging eine Weile. Die Kommenden waren aufmerksam geworden und hatten sich jedenfalls leise herbei gemacht. Da raschelte es plötzlich im gegenüberliegenden Gebüsch, und ein lautes Hiiiiiiih! erschallte. Die beiden Wächter sprangen erschrocken auf. Schon machten sie Miene, sich in die Sträucher zu verbergen, hinter denen wir steckten; wir sprangen auch schon auf, um schleunigst zu retirieren; da ertönte von jenseits der laute, fragende Ruf.

„Vupa, Vupa?“

Infolgedessen blieben die Wächter stehen, und der eine von ihnen antwortete:

„Umugi, Umugi!“

Sie setzten sich wieder nieder; sie waren beruhigt, denn dieser Zuruf hatte sie überzeugt, daß die, die kamen, keine Feinde waren. Vupa – – – Umugi, das war ein Erkennungszeichen, welches verabredet worden war. Man sieht, daß die Roten von den Weißen den Gebrauch des Feldgeschreis gelernt und sich angeeignet haben.

Es verging einige Zeit, dann kamen zwei Reiter von oben herab. Sie hatten ihre zurückgelassenen Pferde geholt und stiegen am Feuer ab. Wir beide hatten uns natürlich wieder niedergelegt. Die Ankömmlinge setzten sich zu den Wächtern, ohne zunächst ein Wort zu sagen; das ist so Indianersitte. Erst als ungefähr fünf Minuten vergangen waren, begann der, den ich als hervorragenden Krieger bezeichnet hatte und der die Unterhaltung führte, während sein Gefährte schwieg:

„Meine roten Brüder sind erwartet worden. Vupa Umugi harret voller Ungeduld.“

„Darf ein Krieger ungeduldig werden?“ fragte einer der Gekommenen.

„Er darf es nicht zeigen; aber er darf es sein. Habe ich gesagt, daß er es gezeigt habe?“

„Das hat mein Bruder nicht gesagt.“

„Wir haben schon am Nachmittage gewartet. Nun kommt ihr als Vorhut. Wann wird Nale-Masiuv nachfolgen?“

„Er folgt heute nicht nach.“

„Uff!“

„Wir kommen nicht als Vorhut, sondern als seine Boten. Wo ist Vupa Umugi, mit dem wir sprechen sollen?“

„Er lagert am blauen Wasser.“

„Führe uns zu ihm!“

„Wir können noch warten. Meine Brüder wissen, daß ich das Ohr und das Vertrauen des Häuptlings besitze. Wenn sie nicht zornig empfangen werden wollen, mögen sie mir ihre Botschaft sagen, damit ich den Häuptling vorbereite.“

Die beiden Boten sahen einander fragend an, und dann antwortete der Sprecher:

„Ja, wir wissen, daß du der Mund und das Ohr des Häuptlings Vupa Umugi bist; darum sollst du erfahren, was du hören Willst, obgleich wir den Befehl erhielten, nur mit dem Häuptling zu sprechen. Nale-Masiuv kann mit seinen hundert Kriegern heut nicht kommen.“

„Uff! Warum?“

„Weil er von Bleichgesichtern aufgehalten wurde, mit denen er kämpfen mußte.“

„Giebt es Bleichgesichter in der Nähe?“

„In der Nähe nicht; aber jenseits des Mistake-Cañons stießen wir plötzlich auf Soldaten der Bleichgesichter, welche über uns herfielen. Es waren ihrer so viele, daß wir fliehen mußten, wobei viele unsrer Krieger verwundet oder gar getötet wurden. Die Bleichgesichter verfolgten und zerstreuten uns, und als es Abend wurde, hatten sich nur fünfzig Krieger bei dem Häuptlinge eingefunden.“

„Uff, uff, uff! Was wird Vupa Umugi sagen! Vielleicht verschiebt er den Zug nach dem Llano estacado und zieht nach dem Mistake-Cañon, um euch zu rächen!“

„Das soll er nicht! Nale-Masiuv, unser Häuptling, hat uns befohlen, ihm dies zu sagen. Die Bleichgesichter, mit denen wir kämpften, sind keine Westmänner, sondern Soldaten. Wenn wir sie besiegen, und es kommt auch nur einer nach seinem Fort zurück, so werden hundert und wieder hundert neue Soldaten gesandt, um die Gefallenen zu rächen. Ja, unsre Toten sollen gerächt werden, aber so, daß kein Soldat heimkehrt, sondern alle, alle sterben müssen.“

„Hat Nale-Masiuv einen Plan ersonnen, wie das geschehen soll?“

„Ja.“

„Kennst du ihn?“

„Ja; ich soll ihn Vupa Umugi mitteilen.“

„Darf ich ihn hören?“

„Ihr alle müßt ihn erfahren; warum sollte ich ihn dir da nicht sagen dürfen?“

„So steht mein Ohr mit Spannung offen, dich zu hören.“

„Die Soldaten der Bleichgesichter müssen nach dem öden Llano estacado gelockt werden, um dort zu verschmachten.“

„Uff, uff, uff! Das ist ein Gedanke, der den Beifall unsres Häuptlings sofort haben wird. Diese weißen Hunde müssen alle untergehen, und keiner darf zurückkehren, um erzählen zu können, was geschehen ist.“

„Mein roter Bruder hat recht. Darum darf der Zug nach dem Llano nicht verschoben werden, sondern muß schnell unternommen werden, denn wenn wir die Bleichgesichter in den Tod locken, und nicht selbst verschmachten wollen, brauchen wir das Wasser, an welchem der Bloody-Fox wohnt. Dieses müssen wir haben, ehe wir die Soldaten nach dem Llano estacado führen können.“

„Wie sollen sie dorthin gelockt werden?“

„Ist der junge Häuptling Schiba-bigk schon hier bei meinen roten Brüdern eingetroffen?“

„Er kam am Nachmittage mit zwanzig Mann.“

„Er kennt den Weg nach dem Wasser der Wüste und wird von Vupa Umugi so viele Krieger erhalten, wie nötig sind, sich in den Besitz des Wassers zu setzen und den blutigen Fuchs zu fangen. Während er das thut, wartet Vupa Umugi hier so lange, bis Nale-Masiuv kommt, um zu ihm zu stoßen.“

„Wann wird das geschehen?“

„Er hat, als wir uns nach dem Kampfe sammelten, sofort zwei Boten heimgesandt, die noch hundert Krieger holen müssen, welche im Rücken der weißen Soldaten bleiben sollen, ohne sich von ihnen sehen zu lassen, bis die Bleichgesichter sich in der Wüste befinden. Jetzt wartet er einen Tag, um die versprengten Krieger zu sammeln, und greift die Soldaten dann an; er wird aber nicht kämpfen, sondern sich zurückziehen bis hierher an das blaue Wasser, wo er seine wenigen Leute mit euern hundertfünfzig Kriegern vereinigt. Die Bleichgesichter werden folgen. Kommen sie hier an, so sind wir schon fort. Wir lassen uns stets sehen, aber sobald wir angegriffen werden sollen, weichen wir zurück, bis wir die weißen Hunde in der Wüste haben. Da sind wir ihnen voraus, und die hundert Krieger, nach denen Nale-Masiuv gesandt hat, kommen hinter ihnen her; sie werden also eingeschlossen sein. Auch wenn sie uns dann angreifen wollen, werden wir nicht kämpfen, sondern immer weiter in die Wüste zurückweichen, denn wir haben Wasser, sie aber keines; sie werden also verschmachten und sterben müssen bis auf den letzten Mann, während wir keinen der Unsrigen verlieren.“

„Uff, uff! Dieser Plan ist gut, sehr gut!“

„Denkt mein roter Bruder, daß Vupa Umugi auf denselben eingehen wird?“

„Er wird ja sagen; ich weiß es genau. Und wenn er dagegen wäre, würde ich ihn überreden. Die Versammlung der Ältesten ist ganz gewiß auf meiner Seite.“

„So wollen wir sofort nach dem Blauen Wasser, damit ich mit dem Häuptlinge sprechen kann, denn ich muß mich beeilen, Nale-Masiuv die Antwort zu bringen.“

„Mein Bruder warte noch eine kleine Weile! Der Plan ist sehr gut; er wird zum vollständigen Verderben der Bleichgesichter führen; aber er hat eine Lücke.“

„Welche?“

„Schiba-bigk, der die Wüste kennt, soll mit einer Schar vorausreiten und sich in den Besitz des Wassers setzen. Wenn wir dann kommen, wie finden wir den Ort, wo das Wasser ist?“

„Er wird zurückkehren und uns den Weg zeigen.“

„Wird er das können? Wird er Zeit dazu haben? Wird er durch nichts verhindert werden?“

„Auch daran hat Nale-Masiuv gedacht. Als die drei Häuptlinge den Zug nach dem Llano besprachen, hat Schiba-bigk gesagt, daß es an der letzten Höhe vor dem Beginne der Wüste ein Wasser gebe, welches Suks-ma-lestavi heißt. Mehrere von den Kriegern der Comantschen sind an diesem Orte gewesen; sie kennen ihn und werden ihn sehr leicht finden – –“

„Suks-ma-lestavi? Diese Stelle weiß ich auch, denn ich bin einigemale dort gewesen.“

„Das ist gut. Weil dieser Ort an dem Wege liegt, den Schiba-bigk zu nehmen hat, wird er dort die Vorbereitungen treffen, welche nötig sind, wenn wir von dort aus auf alle Fälle den Weg nach dem Wasser finden sollen. Es giebt viele Büsche und junge Bäume dort; er wird viele Stangen schneiden und sie von da aus in den Sand der Wüste bis nach dem Wasser stecken.“

„Uff! So wie es die Bleichgesichter thun, wenn sie durch die Wüste reiten und den Weg nicht verlieren wollen!“

„Ja, so! Wenn wir dann nach dem Suks-ma-lestavi kommen und Schiba-bigk uns nicht dort erwarten kann, so finden wir die Stangen, welche uns den Weg weisen.“

„Und die Bleichgesichter kommen hinter euch her und finden das Wasser dann auch!“

„Nein! Hat mein Bruder einmal von den weißen Räubern gehört, welche Stakemen genannt werden?“

„Ja.“

„Weiß mein Bruder auch, was diese Leute thun, um die Reisenden in den Tod zu führen?“

„Sie ziehen die Stangen heraus und setzen sie anders.“

„Können die roten Krieger nicht auch thun, was die Bleichgesichter machen?“

„Uff! Das ist wahr!“

„Wir ziehen hinter uns die Stangen heraus und stecken sie nach einer Richtung ein, wo es kein Wasser giebt und wo die Soldaten verschmachten müssen. Hat mein roter Bruder noch eine Frage oder ein Bedenken?“

„Nein.“

„Das ist es, was ich Vupa Umugi, dem Häuptlinge zu sagen habe. Wenn er auf diesen Plan eingeht, wird nicht nur das Wasser in der Wüste den Comantschen für immer gehören, sondern wir werden den blutigen Fuchs fangen und die weißen Soldaten verderben.“

„Er wird ganz gewiß thun, was ihm Nale-Masiuv durch dich vorschlagen läßt. Ich habe es gesagt. Howgh!“

„So wollen wir nun nach dem blauen Wasser reiten, denn wir haben keine Zeit. Wir müssen sofort wieder zurückkehren, weil Nale-Masiuv auf uns wartet.“

„Und wir können hier das Feuer auslöschen, denn weil eure Krieger nicht kommen, brauchen wir nicht auf sie zu warten. Wir werden euch durch die Furt führen.“

Sie traten das Feuer aus und entfernten sich dann, um in den Fluß zu gehen, die beiden Boten zu Pferde, und die beiden Wächter zu Fuß.

Als sie fort waren, standen wir auf und sahen einander an, obgleich wir in der Dunkelheit unsre Gesichter nicht erkennen konnten. Das, was wir gehört hatten, war von größter Wichtigkeit.

„Da möchte man wie ein Indianer Uff, uff, uff! ausrufen, meinte Old Surehand.

„Nun, habe ich nicht gesagt, daß wir hier etwas hören würden, Sir?“

„Und was! So ein Plan!“

„Ich bin da oben im Lager der Truppen gewesen. Also von ihnen ist Nale-Masiuv angefallen worden! Der Anführer hat mir zwar nicht gefallen; er war ein arroganter Kerl, der eigentlich eine Demütigung verdiente; aber das, was diese Roten mit ihm vorhaben, können wir unmöglich geschehen lassen.“

„Habt Ihr mit ihm gesprochen?“

„Ja.“

„Kannte er Euch?“

„Nein.“

„Und Ihr habt ihm auch nicht gesagt, wer Ihr seid?“

„Ist mir nicht eingefallen.“

„Dann will ich seine Arroganz begreifen, sonst aber möchte ich den Menschen, und wenn es ein hoher Offizier wäre, sehen, der sich gegen Old Shatterhand anmaßend benehmen dürfte, ohne in die Käse zu fliegen, wie Ihr Euch da kürzlich ausdrücktet! Was aber sagt Ihr zu dem Plane, den dieser Nale-Masiuv ausgeheckt hat?“

„Meisterhaft ist er nicht.“

„Ganz meine Meinung; aber so ein Kavallerieoffizier ist kein Westmann; ich halte es für möglich, daß er sich nach dem Llano locken läßt.“

„Und ich bin sogar überzeugt davon. Wenn ich den Plan nicht für meisterhaft halte, so will ich damit nicht etwa sagen, daß er nichts tauge; o nein, ich meine nur, daß zum Beispiele wir beide ihn ganz anders gestaltet hätten. Dennoch werden die Weißen in die Falle gehen.“

„Wenn Vupa Umugi mit Nale-Masiuv einverstanden ist!“

„Das ist er, das ist er ganz bestimmt.“

„Eigentlich sollten wir uns nach dem blauen Wasser, schleichen, um zu beobachten oder gar zu hören, was beschlossen wird. Meint Ihr nicht?“

„Dieser Gedanke liegt sehr nahe; aber wir werden ihn aus zweierlei Gründen nicht ausführen, von der Gefahr, die wir dabei laufen würden, ganz abgesehen.“

„Und diese Gründe?“

„Erstens nehme ich als für ganz sicher an, daß Vupa Umugi zustimmt, also brauchen wir nicht zu lauschen, und zweitens haben wir keine Zeit dazu. Ich bin überzeugt, daß Schiba-bigk morgen früh oder gar noch während dieser Nacht nach dem Suks-ma-lestavi aufbricht, und da wir ihm zuvorkommen müssen, haben wir keine Zeit zu verlieren. Wir müssen schnell nach dem Nargoleteh-tsil, um zu sehen, ob unsre Apatschen schon dort angekommen sind. Wenn sie da sind, lassen wir unsre Pferde nur kurze Zeit ausruhen und reiten noch vor Anbruch des Morgens nach dem Llano.“

„Ist Euch die Stelle bekannt, welche von den Comantschen Suks-ma-lestavi genannt wurde?“

„Sehr genau sogar. Ich habe da stets Lager gemacht, wenn ich den Bloody-Fox besuchte oder von ihm kam. In der Sprache der Apatschen lautet der Name Gutesnontinkhai, was ganz dasselbe, nämlich hundert Bäume, bedeutet.“

„Diesem Namen nach scheint es dort Wald zu geben?“

„Wald im eigentlichen Sinne nicht. Nur in Anbetracht der Lage am Wüstenrande ist dieser Name gerechtfertigt. Eigentliche Bäume giebt es wenig. Man findet lichtes Buschwerk und dürres, hoch aufgeschossenes Langholz, welches sich allerdings sehr gut zu den Pfählen eignet, die Schiba-bigk dort schneiden soll. Jetzt wollen wir zu den Gefährten zurück. Wir müssen über den Fluß, so lange die Furt frei und unbeobachtet ist. Kommt!“

„Das hat eine halbe Ewigkeit gedauert,“ empfing uns Old Wabble, als wir bei ihm ankamen. „Hätte sich Eure Abwesenheit verlängert, so wäre ich nachgekommen.“

„Um uns in Gefahr zu bringen!“ antwortete ich. „Das ist es ja, was ich Euch abgewöhnen möchte. Ich bin überzeugt, daß Euch dieser Fehler, den Ihr nicht lassen zu können scheint, noch einmal ins Verderben führt!“

„Old Wabble insVerderben? Der denkt gar nicht daran!“

Ja, er glaubte es nicht, er war trotz seines hohen Alters noch der leichtblütige, unbesorgte Cowboy von früher. Hätte er mir doch geglaubt! Die Worte, welche ich ihm gesagt hatte, waren eine Weissagung, welche leider später wörtlich in Erfüllung ging.

Wir setzten über die Furt, ritten langsam durch den schmalen Waldstreifen des Flußufers und konnten dann unsre Pferde ausgreifen lassen, weil die Sterne uns das dazu nötige Licht spendeten. Dieser günstige Umstand erlaubte mir auch, eine so schnurgerade Linie einzuhalten, daß wir, als wir den Regenberg erreichten, gewiß nicht zwei Minuten umgeritten waren. Es war um Mitternacht, als wir die nicht bedeutenden zwei Höhen des Berges vor uns auftauchen sahen.

Der Fuß des Berges war mit Gebüsch umsäumt. Als wir an demselben hinritten, hörten wir den Apatschenruf erschallen:

„Ti arku – Wer da?“

„Old Shatterhand,“ antwortete ich.

„Owan ustah arhonda – kommt hierher!“

Wir lenkten hin. Es trat ein Roter auf uns zu, der ganz nahe zu mir herankam, um mich zu betrachten.

„Ja, das ist Old Shatterhand, der große Häuptling der Apatschen,“ sagte er. „Wir haben an verschiedenen Seiten dieses Berges Posten ausgestellt, um auf Euch zu warten.“

„Sind die Krieger der Apatschen angekommen?“

„Ja, dreimal hundert an der Zahl.“

„Mit Proviant?“

„Fleisch und Mehl für mehrere Wochen.“

„Wer ist der Anführer?“

Entschar-Ko, welcher der Liebling Winnetous ist, wie mein großer Bruder Old Shatterhand weiß.“

„Ist Langes Messer mit zwei Bleichgesichtern bei euch hier eingetroffen?“

„Sie sind hier angekommen und haben von den Thaten Old Shatterhands erzählt. Meine Brüder mögen mir folgen.“

Er führte uns ein Stück in das flache Thal hinein, welches sich zwischen den beiden Bergeshälften aufwärts zog, und bald langten wir im Lager der Apatschen an.

Entschar-Ko war nicht nur der Liebling Winnetous, sondern auch der meinige. Wir begrüßten uns mit großer und aufrichtiger Herzlichkeit, und er erklärte mir, daß er sich und seine Schar unter meinen Befehl stelle. Parker und Hawley kamen natürlich auch herbei, um uns die Hände zu drücken. Wir erzählten ihnen in kurzen Worten, wie uns die Befreiung Bobs gelungen war. Sie hatten Sorge um uns gehabt; um so größer war nun ihre Freude.

Eine Beratung brauchte nicht gehalten zu werden. Ich wollte nach dem Llano, das genügte. Ich teilte Entschar-Ko mit, wie die Verhältnisse lagen, und da wir schlafen mußten, übernahm er es, die notwendigen Vorbereitungen so zu treffen, daß wir nach unserm Erwachen sofort aufbrechen konnten.

Am nächsten Morgen, als die Sonne aufging, waren wir schon fern von dem Regenberge, und unser Zug bewegte sich mit hinreichender Schnelligkeit über die Ebene, die nach dem schon mehrerwähnten Höhenzuge führt, von dem hinab man nach dem Llano steigt. Zwischen seinen östlichen Ausläufern giebt es jene fließenden Wasser, welche später im Sande versickern und wahrscheinlich dann sich in dem See sammelten, an dem Bloody-Fox seine geheimnisvolle Heimstätte aufgeschlagen hatte.

Old Surehand freute sich über unsre Apatschen. Er bemerkte, daß sie fast militärisch geschult waren. Eines so vortrefflich eingerichteten Proviantwesens wie sie konnte sich wohl kein andrer Indianerstamm rühmen, und als ich ihm während des Rittes erzählte und erklärte, welche Mühe sich Winnetou gegeben und welche Umsicht er aufgewendet hatte, um aus seinen Mescaleros eine Elitetruppe zu machen, wuchs die Hochachtung, welche er bisher vor diesem Häuptlinge empfunden hatte, noch weit mehr. Es waren sogar aus Gazellenhäuten angefertigte Wasserschläuche vorhanden, damit die Krieger nicht zu dürsten brauchten.

Am Nachmittage überstiegen wir die erwähnten Höhen. Ich führte den Trupp nach einem mir bekannten Thale, in dem wir ausruhten. Es gab da ein kleines, freilich sehr dünn fließendes Wässerchen, welches aber trotzdem hinreichte, unsre Schläuche zu füllen. Dann ging es in den Llano estacado hinab, in dessen leichtem, weiß-gelbem Sand wir nordostwärts ritten. Dieses Thal lag ungefähr einen Viertelstagesritt südlich von den hundert Bäumen, wohin die Comantschen kommen wollten.

Als die Sonne sank, machten wir mitten in der Wüste Halt. Sie lag rund um uns als eine durch nichts unterbrochene Sandebene, deren Horizont, eine wie mit dem Zirkel gezogene Kreislinie – bildete ein riesengroßes, mit Gries und Zucker bestreutes, rundes Kuchenblech; eigentlich ein sehr kühner Vergleich, wenn es sich um den öden, dürren, unfruchtbaren Estacado handelt!

Wir stellten, obgleich wir gar nichts zu fürchten brauchten, Wachen aus und legten uns dann schlafen, nachdem die Pferde Wasser und Maiskolben bekommen hatten, von denen eine ansehnliche Menge mitgebracht worden war. Der Schlaf in der kühlen Wüstennacht that uns außerordentlich wohl, und wir waren zum Weitermarsche gestärkt, als wir am Morgen erwachten.

Der heutige Weg führte uns zuweilen an dürren Kaktusstrecken vorüber, vor denen wir unsre Pferde hüten mußten, damit sie sich nicht an den Füßen verwundeten. Diese Kaktusflächen treten einander oft nahe und schieben sich da oft so ineinander, daß man zu bedeutenden Wendungen und Umwegen gezwungen ist und sich nur schwer zwischen ihnen hindurchwinden kann. Wer ihre Lage, Ausdehnung und Beschaffenheit nicht kennt, der kann so in die Irre geraten, daß er sich nicht wieder herausfinden kann und, wenn er keinen Proviant und kein Wasser bei sich führt, verloren ist.

Am Nachmittage war es glühend heiß. Die Sonne brannte förmlich hernieder, und es wehte ein Backofenwind, welcher die Luft mit dichtem Sandstaub erfüllte. Ich hatte einen sehr schweren Posten, denn ich war der einzige, der den Weg kannte, und also für unser Wohlergehen verantwortlich. Der Blick konnte die dicke Atmosphäre kaum durchdringen, und obgleich ich überzeugt war, die grade Richtung eingehalten zu haben, gab es doch verschiedenes, was geeignet war, mich irre zu machen. Zwar war der Neger bei mir, aber, die geistigen Schwächen seiner Rasse überhaupt nicht gerechnet, war er stets nur mit Bloody-Fox durch die Wüste geritten, hatte sich auf diesen verlassen und konnte mir also nicht die geringste Auskunft geben. Es hatte Kaktusfelder gegeben, die jetzt verschwunden waren, und wo es keine gegeben hatte, da waren welche entstanden. Den Kompaß zu fragen, hütete ich mich. Der Ortsinstinkt des Westmanns ist sicherer als die trügerische Magnetnadel.

Ich mußte unbedingt an Ort und Stelle sein, da, wo zwischen zwei ausgedehnten Kaktusstrecken ein offener Weg nach dem Wüstenwasser führte. Diesen Weg aber fand ich nicht. Wahrscheinlich hätte mir das Fernrohr von da aus, wo wir waren, die Bauminsel gezeigt, die sich rund um den kleinen See gebildet hatte; aber die Luft war zu sehr mit Sand geschwängert. Ich wendete mich nochmals an Bob und erfuhr nach vielem Hin- und Herfragen endlich, was er mir schon längst hätte sagen können.

Bloody-Fox hatte sich nämlich noch mehr als bisher abschließen wollen und den Weg, den ich suchte, zugepflanzt. Er hatte mit großer Mühe und mit Hilfe des Wassers, das ihm zu Gebote stand, einen so breiten Kaktuskreis um sich gezogen, daß sein Home vom Rande desselben und mit bloßem Auge nicht gesehen werden konnte. Das wäre freilich ganz unmöglich gewesen, wenn es nicht schon vorher rundum meilenweite Kaktusstrecken gegeben hätte. Er hatte nur Lücken auszufüllen gehabt und mit Bob und Sanna monatelang daran gearbeitet. Während wir früher von Westen oder von Norden her zu ihm kommen konnten, hatte er da die Lücken ausgefüllt und dafür im Osten eine neue hergestellt. Sie war sehr schmal und ging so zickzackförmig, daß sich jeder Fremde sicher gehütet hätte, ihr zu folgen. Daß sein Home von einem so ausgedehnten Kaktuswalde umgeben sein konnte, das war freilich nur durch das Vorhandensein von Wasser möglich. Uebrigens habe ich schon einmal diese wilden Kaktusfelder des Llano estacado beschrieben [Fußnote]. Wir verdankten damals einem solchen Felde die Rettung vom Tode des Verschmachtens, und zufälligerweise befand sich auch ein Neger bei uns, der ebenso Bob hieß, aber mit dem jetzigen Neger Bob nicht zu verwechseln ist.

Nun wußte ich endlich, woran ich war, und wie ich zu Bloody-Fox kommen konnte. Die Apatschen durfte ich nicht mitnehmen, weil sein Home ein Geheimnis war und auch für sie wahrscheinlich bleiben sollte. Sie mußten sich also lagern; ich ließ auch alle Weißen bei ihnen und nahm nur den Neger mit, um ihm so rasch wie möglich die Gelegenheit zu geben, seine Mutter und Bloody-Fox wiederzusehen.

Wir jagten im Galopp um die gewaltige Kaktusstrecke herum, bis wir an der Ostseite derselben angekommen waren, was, da wir uns im Westen befunden hatten, beinahe eine Stunde dauerte. Wir fanden die Lücke und mußten, um ihr zu folgen, langsamer reiten, bald nach rechts, bald nach links, wie es das Zickzack mit sich brachte. Endlich erblickte ich die grünen, aber vom Sande grau belegten Wipfel der Bäume, und bald darauf das Haus, welches in ihrem Schatten lag. Vor demselben bewegte sich arbeitend eine weibliche Gestalt. Als Bob dieselbe erblickte, trieb er sein Pferd an und schrie:

„Das sein Mutter Sanna, Mutter Sanna von Masser Bob! Oh – oh – – oh! Mutter, Mutter! Sanna, Sanna! Dein Boy kommen! Bob sein da, sein wieder da!“

Sie drehte sich um, sah ihn und öffnete die Arme. So stand sie da, starr vor Freude, ohne ein Wort sagen zu können. Er hielt sein Pferd bei ihr an, sprang herab und warf die langen Arme jauchzend um sie.

Sein Schreien war gehört worden; die Thür wurde geöffnet, und heraus trat einer, dem die Wiederkehr des Negers ganz gewiß ein Rätsel war, der aber trotzdem keine Miene verzog und dessen Gesicht nicht das geringste Anzeichen von Überraschung zeigte.

Er stand still und unbeweglich vor der Thür, das dunkle Auge leuchtend auf Mutter und Sohn gerichtet. Sein langes, dichtes, blauschwarzes Haar war in einen helmartigen Schopf geordnet und hing dann noch weit auf den Rücken herab. Keine Adlerfeder, kein Abzeichen schmückte diese indianische Frisur. Man sah es ihm auch ohne dieses an, daß er kein gemeiner Indianer, kein gewöhnlicher Krieger war. Wer einen Blick auf ihn richtete, der war gewiß sofort überzeugt, einen bedeutenden Mann vor sich zu haben. Er war ganz so in Leder gekleidet wie ich. Um den Hals trug er den köstlich gestickten Medizinbeutel, die außerordentlich künstlich geschnittene Friedenspfeife und eine dreifache Kette von den Krallen und Zähnen der Grizzlybären, die er erlegt hatte. Die Züge seines ernsten, männlich schönen Gesichtes waren fast römisch zu nennen, nur daß die Backenknochen kaum merklich hervorstanden. Die Farbe seiner Haut war ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauche.

Das war Winnetou, der Häuptling der Apatschen, der herrlichste der Indianer. Sein Name lebte in jedem Zelte, in jeder Blockhütte, an jedem Lagerfeuer. Gerecht, treu und klug, tapfer bis zur Verwegenheit, aufrichtig und ohne Falsch, ein Freund und Beschützer aller Hilfsbedürftigen, mochten sie weiß oder rot von Farbe sein, aber ebenso ein Feind und strenger, unerbittlicher Gegner aller Ungerechten, so war er bekannt bei allen, die von ihm gehört oder ihn vielleicht gar gesehen hatten. Welch ein Glück, der Freund dieses Mannes zu sein!

Bob schrie immer noch auf seine Mutter ein. Sein Entzücken schien sich zu steigern anstatt sich zu vermindern. Inzwischen war ich langsam näher gekommen, und Winnetou hörte die Schritte meines Pferdes. Er drehte sich um und erblickte mich. Auch jetzt blieb sein ehernes Gesicht unbeweglich; keine Wimper zuckte. Aber sein Auge vergrößerte sich und ein leuchtender Glanz inniger Liebe strahlte mir aus demselben entgegen. Ich stieg ab, Wir schlangen die Arme fest, fest umeinander und küßten uns wie Brüder, die einander lange nicht gesehen haben. Darm hielt er meine Hände fest, trat einen halben Schritt zurück, ließ seinen Blick an mir herniederschweifen und sagte:

„Mein Bruder Shatterhand kommt wie der Tau in den Kelch der dürstenden Blume und wie der Adler, der mit mächtigen Fängen das Nest seiner jungen beschützt. Du hast droben in den Bergen der Sierra Madre meinen Zettel gefunden?“

Ich antwortete: „Mein Bruder Winnetou ist meinem Herzen ersehnt wie der Sonnenstrahl dem Kranken, und meiner Seele teuer wie das Kind der Mutter, die es geboren hat. Es sind viele Sonnen und Monde vergangen, seit mein Auge dich zum letztenmale erblickte, Ich war oben in der Sierra an der Lebenseiche und habe deine Zeilen gefunden und gelesen. Nun komme ich mit dreihundert Apatschen unter Anführung des tapfern Entschar-Ko, um sie deinem Befehle zu übergeben. Ist Bloody-Fox nicht daheim?“

„Er reitet täglich mehreremale hinaus, um die Kaktus zu umkreisen und zu sehen, ob du kommst. Auch jetzt ist er fort und – – – – sich!“

Er unterbrach seinen Satz und deutete bei dem letzten Worte dahin, woher ich gekommen war. Da kamen mehrere Reiter, Old Surehand, Old Wabble, Parker, Hawley und Entschar-Ko, der Apatsche. Ihnen voran ritt Bloody-Fox, genau so wie die mexikanischen Vaqueros ganz in Büffelkuhleder gekleidet, und zwar so, daß alle Nähte mit Fransen versehen waren. Eine rote, breite Schärpe umschlang anstatt des Gürtels seine Taille und hing mit ihren Enden an der linken Seite herab. In dieser Schärpe steckten ein Bowiemesser und zwei mit Silber ausgelegte Pistolen. Auf dem Kopfe trug er einen breitkrämpigen Sombrero; quer über die Knie hielt er eine schwere, doppelläufige Kentuckybüchse, und vorn zu beiden Seiten des Sattels waren nach mexikanischer Art Schutzleder angebracht, um die Beine bis herunter auf die Füße zu bedecken und gegen Lanzenstöße und Pfeilschüsse zu beschützen.

Er war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt; ein voller, langer Schnurrbart beschattete seine Lippen. Der untere Teil seines Gesichtes mit den stark entwickelten Kauwerkzeugen deutete auf einen festen, unerschütterlichen Willen; seine Augen aber schauten, vielleicht nur jetzt, da er sich freute, froh und mild in die Welt wie diejenigen eines Kindes, welches kein Würmchen, keinen Schmetterling anrührt, um ihm keinen Schmerz zu bereiten. Und doch war dieser jugendliche Mann der fürchterliche Avenging-Ghost, dessen sichere Kugel jeden Geier des Estacado grad in die Mitte der Stirn getroffen hatte!

Er sprang mitten im Trabe von seinem Pferde und reichte mir die Hand. Nachdem er mich mit aufrichtig gemeinten, herzlichen Worten begrüßt hatte, wendete er sich an Winnetou:

„Diesesmal habe ich sie gefunden, die ich suchte. Aber es sind nicht die Krieger der Apatschen allein. Ahnt Winnetou, was für berühmte Männer ihm sein Freund und Bruder Shatterhand mitgebracht hat?“

Der Häuptling antwortete mit einem leisen Schütteln seines Kopfes. Hierauf stellte Fox sie vor:

„Hier steht Old Surehand, einer der berühmtesten unter den weißen Jägern. Er ging nach dem Süden, um den Häuptling der Apatschen kennen zu lernen, und traf dabei auf Old Shatterhand.“

Jetzt endlich standen diese beiden Männer einander gegenüber! Ihre Augen waren prüfend auf einander gerichtet; dann reichte Winnetou dem Jäger die Hand und sagte:

„Wen Old Shatterhand bringt, der ist dem Häuptling der Apatschen willkommen. Ich habe viel von dir gehört; nun mag die That an die Stelle des Wortes treten wie heut die Person an die Stelle der Erzählung.“

Old Surehand erwiderte einige Worte; ich sah, daß Winnetou auf ihn einen großen, sehr großen Eindruck machte.

„Und hier,“ fuhr Bloody-Fox fort, „ist Old Wabble, welcher der König der Cowboys genannt wird. Er hat Old Shatterhand und Old Surehand geholfen, Bob zu befreien.“

Es ging ein eigentümliches, ich möchte sagen, heiteres Zucken über das Gesicht Winnetous, als er dem Alten seine Hand mit den Worten bot:

„Old Wabble ist dem Häuptling der Apatschen wohlbekannt; er ist pfiffig wie ein Fuchs, reitet wie ein Teufel und raucht gern Cigaretten.“

Das Gesicht des Alten strahlte bei dem Anfange dieser Begrüßungsrede; kaum aber hörte er die letzten Worte, so verfinsterten sich seine Züge sofort und er rief aus:

Thunder-storm, das ist freilich wahr! Aber ich habe nun seit Monaten keine einzige zwischen die Lippen gebracht. Wo soll man sie hernehmen in dieser verteufelten Gegend? Wenn das nicht bald anders wird, fahre ich vor Sehnsucht aus der Haut und wickle mir Cigarren daraus; th’is clear!“

Er war ein so leidenschaftlicher Raucher, daß er sich ohne Cigarette nicht wohl fühlte. Daher dieser Gefühlsausbruch.

Bloody-Fox stellte auch noch Parker und Hawley vor, die auch einige freundliche Worte zu hören bekamen. Er hatte einen Rundritt gemacht, um nach mir und den Apatschen auszuschauen, und war, von Norden kommend, während ich mit Bob östlich geritten war, auf sie gestoßen. Die Weißen hatten ihm sofort gesagt, wer sie waren, und er hatte sie eingeladen, schnell mit zu ihm zu kommen.

Was hätten Winnetou, Fox und ich jetzt einander zu fragen und zu erzählen gehabt! Dazu gab es aber keine Muße, denn die Comantschen nahmen zunächst unsre ganze Zeit in Anspruch. Bob und Sanna mußten unsre Pferde zur Tränke führen, und wir nahmen alle vor dem Hause Platz, um uns zu beraten. Da stand eine aus rohen Brettern zusammengefügte Tafel mit zwei Bänken, wo wir uns niedersetzen konnten.

Fox trat in das Innere seiner Wohnung, um uns zu bewirten. Aber obgleich das, was er uns vorsetzte und vorlegte, unsere Beachtung sehr verdiente, die Aufmerksamkeit derer, die noch nicht hier gewesen waren, wurde nach ganz anderen Richtungen gezogen.

Sie blickten staunend rund umher. Was war das für ein Paradies hier mitten in der glühenden Wüste! Da stand ein von der Natur gebildetes, fast kreisrundes Becken, dessen Durchmesser vielleicht achtzig Schritte betragen mochte, bis an den Rand voll von hellem, köstlichem Wasser, über dessen Oberfläche die Sonne leuchtende Brillantblitze warf. Darüber zuckten schillernde Libellen hin und her, die nach Fliegen, Mücken und anderen kleinen Insekten jagten. An dem Ufer naschten unsere Pferde wie Feinschmecker von den außerordentlich saftigen Halmen des üppigen Delicacygrases. Niedrige Palmen spiegelten sich im Wasser, welches der Wind bewegte. Über ihren Federkronen bildeten hohe Cedern und Sykomoren ein schützendes Wipfeldach. Hinter dem Häuschen lag ein großes Maisfeld, in welchem sich eine Schar von Zwergpapageien um die goldigen Körner zankte.

Das Häuschen selbst war nicht groß, aber für die Bedürfnisse des Bloody-Fox hatte es Raum genug. Aus welchem Materiale es erbaut worden war, das konnte man nicht sehen, denn alle vier Seiten wurden ebenso wie das ganze Dach vollständig eingehüllt von den dichten Ranken, Blättern und Blüten der weißen, rotfädigen Passionsblume. An mehreren in der Entwickelung vorgerückten Stellen sah man schon die gelben, süßen, dem Hühnerei gleichenden Früchte aus der Fülle der gelappten Blätter hervorleuchten. An anderen Stellen, wo die Blüten noch nicht verwelkt waren, schwirrten winzige Kolibris von Blume zu Blume. Diese Liliputer der Vogelwelt, welche fliegenden Edelsteinen glichen, hatten den Weg über den Llano herüber nach dieser herrlichen Insel gefunden.

Die Sykomoren, Cedern und Cypressen am Wasser waren alte Bäume, deren Samen, als noch kein Mensch eine Ahnung von dem Dasein dieser Wüstenoase hatte, von Vögeln hierhergetragen worden war. Weiterhin gab es Anpflanzungen von Kastanien, Mandeln, Orangen und Lorbeerbäumen; diese hatte Bloody-Fox vor Jahren gepflanzt, ebenso einen breiten, sich weit um das Wasser ziehenden Streifen schnellwachsender Sträucher und perennierender Kräuter, welche die Bestimmung hatten, den vom Winde herbeigewehten Sand von der Oase abzuhalten. Fox hatte von dem kleinen See aus Gräben nach allen Richtungen gezogen, um dieses Grün bewässern zu können. Wo die Bewässerung aufhörte, ging dieser üppige Pflanzenwuchs in an der Erde hinkriechende Kaktusarten über, welche jenen großen, schützenden Ring um die Besitzung bildeten, von dem ich bereits gesprochen habe.

Dieser schöne, von der Welt abgelegene Ort machte ganz den Eindruck der Tropen. Man hätte sich nach Südmexiko, nach dem mittleren Bolivien oder an die Urwaldränder Brasiliens versetzt fühlen können. Darum war das Staunen, mit welchem dieses kleine, mitten in der Wüste liegende Paradies betrachtet wurde, gar kein Wunder. Ich hatte zu Old Surehand und Old Wabble, zu Parker und Hawley davon gesprochen, aber daß es so sehr reizend hier sei, das hatten sie doch nicht gedacht.

Als sie ihrem Entzücken durch Worte Ausdruck gaben, fühlte Bloody-Fox sich geschmeichelt und bat sie, mit in das Haus zu kommen, er wolle es ihnen zeigen.

Wenn man durch die von den Passifloren umrahmte Thür eintrat, sah man, daß das Innere aus einem einzigen Raume bestand. Die vier Wände waren aus Schilf errichtet; als Füll- und Bindemittel hatte der feine Schlamm des Sees gedient. Die Decke bestand aus langem, geflochtenem Rohre. An drei Wänden gab es je ein kleines Fenster, dessen Öffnung von den Blumenranken freigehalten war. An der vierten Wand, von der daselbst befindlichen Thür weit fortgerückt, stand der aus Erde gebaute Herd, über dem sich der auch aus Schilf und Schlamm bestehende Rauchfang öffnete. Unter diesem hing ein eiserner Kessel.

Der Fußboden war mit enthaarten Fellen belegt. Es gab drei Bettstellen, welche aus an Pfählen befestigten Riemen bestanden, über die Bärenfelle gebreitet waren. Unter der Decke hingen Stücke geräucherten Fleisches und an den Wänden alle möglichen Waffen, die im fernen Westen zu sehen und zu haben sind. Einige Kisten dienten als Schränke oder Kommoden. Einen Tisch und mehrere Stühle, von Bloody-Fox selbst zusammengezimmert, gab es auch.

Den größten Schmuck der Stube aber bildete das zottige Fell eines weißen Büffels, an welchem der Schädel gelassen worden war, Das war die „Uniform“ des Avenging-Ghost; Fox hatte es stets übergeworfen, wenn er ausgeritten war, um einen Stakeman zu bestrafen. Daher die Schilderungen von dem entsetzlichen Aussehen des „Geistes des Llano estacado“! Zu beiden Seiten dieses Büffelfelles steckten viele, viele Messer in der Wand, grausige Erinnerungszeichen, denn der Rächer hatte sie den Stakemen abgenommen, die von ihm durch einen Schuß mitten in die Stirn getötet worden waren. Unter dem Lager des Bloody-Fox gab es eine mit Fellen verdeckte Vertiefung, die in Blechkisten seine Munition enthielt.

An der nördlichen Wand des Hauses, wohin die Sonne nicht kam, hing eine Anzahl von Lederschläuchen, zur Aufnahme von Wasser bestimmt. Mit ihrem Inhalte hatte Fox schon manchen im Llano verirrten Reisenden vom Tode des Verschmachtens errettet.

So war die „Insel in der Wüste“ und so war das Haus auf dieser Insel beschaffen.

Dann saßen wir draußen und aßen, mit Appetit zwar, aber schnell, um zur Beratung zu kommen. Ehe diese begann, ging Bloody-Fox in das Haus und kam mit einem kleinen Pappkarton zurück, reichte diesen dem alten Wabble hin und sagte:

„Hier, Mr. Cutter, das ist für Euch, weil ich wünsche, daß meine Gäste sich wohl bei mir fühlen mögen.“

Old Wabble nahm den leichten Karton, wog ihn in der Hand und sagte zweifelnden Tones:

„Wohl fühlen? Meint Ihr, daß dieses Dings da mein Wohlbefinden stärken werde?“

„Ich bin überzeugt davon.“

„Was ist denn drin?“

„Öffnet und seht selbst.“

„Hm! Wenn Ihr es nicht sagt, muß ich freilich aufmachen, sonst erfahre ich nicht, was es ist; th’is clear!“

Er entfernte das Papierband, nahm den Deckel ab und – -stieß einen lauten Freudenschrei aus:

„Himmel! Cigaretten, Cigaretten, es sind Cigaretten! Und zwar fünfzig Stück, volle fünfzig Stück! Und wem sollen die gehören, Mr. Fox? Etwa mir?“

„Natürlich.“

„Alle? Alle fünfzig?“

„Alle!“

Thunder-storm! Ihr seid ein edler Jüngling, ein sehr vorzüglicher Mann! Kommt her; kommt an mein Herz; ich muß Euch einen smack, einen tüchtigen smack geben!“

Er zog den Bloody-Fox an sich und gab ihm einen „Schmatz“, daß es nur so schallte und knallte. Dann brannte er sich „eine“ an und blies den Rauch mit einem Behagen von sich, welches aus jeder Falte und jedem Fältchen seines Gesichtes hervorlugte. Eigentlich hätte die Kameradschaftlichkeit ihn bewegen sollen, jedem der Anwesenden eines der kleinen Dingerchen anzubieten; er that dies aber nicht, denn er war ein zu leidenschaftlicher Raucher, als daß er ein so großes Opfer hätte bringen mögen.

Über Winnetous Gesicht glitt ein leises, nur mir verständliches Lächeln. Er hatte keine Leidenschaft und keine Angewohnheit, und es war ihm beinahe unbegreiflich, daß ein alter Westmann, welchen man gar den „König der Cowboys“ nannte, sich durch eine Cigarette in solche Begeisterung versetzen ließ. – – –

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Old Wabble

Old Wabble

Auf meinen vielen Reisen und weiten Wanderungen habe ich, besonders unter den sogenannten Wilden und Halbcivilisierten, sehr oft Menschen gefunden, die mir liebe Freunde wurden und denen ich noch heute ein treues Andenken bewahre und bis zu meinem Tode weiter bewahren werde. Keiner aber hat meine Liebe in dem Grade besessen wie Winnetou, der berühmte Häuptling der Apatschen. Alle meine Leser kennen ihn, den edelsten der Indianer; sie wissen, wie ich mit ihm bekannt geworden bin, und daß meine Anhänglichkeit für ihn mich immer und immer wieder, selbst aus dem fernen Afrika und Asien, zu ihm hinübergetrieben hat in die Prairien, Wälder und Felsengebirge Nordamerikas. Selbst wenn meine Ankunft drüben eine nicht vorher bestimmte war und wir also kein Stelldichein hatten verabreden können, wußte ich ihn doch bald zu treffen. Entweder ritt ich in solchen Fällen nach dem Rio Pecos zu dem Sonderstamme der Apatschen, dem er entstammte, und hörte dort, wo er sich befand, oder ich erfuhr dies von den Westmännern oder Indianern, die mir begegneten. Winnetous Thaten sprachen sich sehr schnell herum, und so oft er sich wo sehen ließ, wurde es bald in weitem Umkreise bekannt.

Oft aber konnte ich ihm beim Scheiden sagen, wann ich wiederkommen würde, und dann wurde Ort und Zeit unsers Zusammentreffens genau vorher bestimmt. ich richtete mich dabei nach dem Datum, während er sich der indianischen Zeitbestimmung bediente, und so unzuverlässig dieselbe zu sein scheint, er war stets auf die Minute an Ort und Stelle, und es ist niemals vorgekommen, daß ich auf ihn zu warten hatte.

Nur ein einzigesmal hatte es den Anschein, aber auch nur den Anschein, als ob er nicht pünktlich sei. Wir mußten uns hoch oben im Norden an dem sogenannten Couteau trennen und wollten uns vier Monate später unten in der Sierra Madre treffen. Da fragte er mich:

„Mein Bruder kennt das Wasser, welches Clearbrook genannt wird?“

„Ja.“

„Wir haben dort mit einander gejagt. Besinnst du dich auf die Lebenseiche, unter welcher wir damals des Nachts lagerten?“

„Ganz genau.“

„So können wir uns nicht verfehlen. Der Wipfel dieses Baumes ist verdorrt, und wächst also nicht mehr. Wenn grad um die Mittagszeit der Schatten der Eiche fünfmal die Länge meines Bruders hat, wird Winnetou dort ankommen. Howgh!“

Ich hatte dies natürlich in unsere Zeitrechnung zu übersetzen, und war zur bestimmten Zeit dort. Es war weder Winnetou noch eine Spur von ihm zu sehen, obgleich die Schattenlänge der Eiche genau fünfmal die meinige betrug. Ich wartete mehrere Stunden lang; er stellte sich nicht ein. Ich wußte, daß ihn nur ein Unfall hindern konnte, ein einmal gegebenes Wort zu halten, und wollte darum schon besorgt um ihn werden; da kam mir der Gedanke, daß er schon hier gewesen sein und einen triftigen Grund gehabt haben könne, nicht auf mich zu warten. In diesem Falle hatte er mir ganz gewiß ein Zeichen hinterlassen. Ich untersuchte also den Stamm der Eiche, und richtig! es steckte in demselben in Manneshöhe ein kleiner, verdorrter Fichtenzweig. Da eine Eiche keine Fichtenzweige hat, so mußte er mit Absicht angebracht worden sein, und zwar schon vor längerer Zeit, weil er vollständig vertrocknet war. Ich zog ihn heraus und mit ihm ein Papier, welches um sein zugespitztes, unteres Ende festgewickelt war. Als ich es aufgerollt hatte, las ich die Worte:

„Mein Bruder komme schnell zu Bloody-Fox, den die Comantschen überfallen wollen. Winnetou eilt, ihn noch rechtzeitig zu warnen.“

Diejenigen meiner Leser, welche Winnetou kennen, wissen, daß er sehr wohl lesen und auch schreiben konnte. Er führte fast stets Papier bei sich. Die Nachricht, welche ich hiermit von ihm erhielt, war keine gute; sie machte mich um ihn besorgt, obgleich ich wußte, daß er jeder, auch der größten Gefahr gewachsen sei. Auch um Bloody-Fox wurde mir bange, denn er war sehr wahrscheinlich verloren, wenn es Winnetou nicht gelang, ihn noch vor der Ankunft der Comantschen zu erreichen. Und was mich selbst betrifft, so war auch meine Lage nichts weniger als unbedenklich. Bloody-Fox hauste auf einer, ja wohl der einzigen Oase des öden Llano estakado, und der Weg dorthin führte durch das Gebiet der Comantschen, mit denen wir oft feindlich zusammengeraten waren. Wenn ich in ihre Hände fiel, war ich sicher für den Marterpfahl bestimmt, zumal dieses Indianervolk vor längerer Zeit „die Kriegsbeile ausgegraben“ und mehrere viel Beute einbringende Raubzüge unternommen hatte.

Unter diesen Umständen wäre ein anderer wohl zunächst auf seine eigene Sicherheit bedacht gewesen und hätte es wahrscheinlich für geraten gehalten, der Aufforderung Winnetous nicht zu folgen; mir aber kam dieser Gedanke gar nicht in den Sinn. Winnetou hatte sich mir voran ganz unbedenklich in dieselben Gefahren begeben, die mir bevorstanden, wenn ich ihm jetzt folgte. Sollte ich weniger Mut zeigen als er? Als er seine Aufforderung in den Stamm des Baumes steckte, war er überzeugt, daß ich derselben sofort nachkommen werde. Sollte ich dieses Vertrauen täuschen? Konnte ich ihm jemals wieder ruhig und offen in die Augen sehen, wenn ich mich jetzt feig aus dem Staube machte? Niemals!

Ich war zwar ganz allein und auf mich selbst angewiesen; aber ich hatte gute Waffen und ein ausgezeichnetes Pferd, auf welches ich mich verlassen konnte. Auch kannte ich die Gegend oder die Gegenden genau, die ich zu durchreiten hatte, und sagte mir, daß es für einen erfahrenen Westmann leichter sei, allein durchzukommen, als in Begleitung von Leuten, auf die er sich nicht vollständig verlassen kann. Und hätte es außerdem noch irgend ein Bedenken gegeben, so wäre es hinfällig geworden unter dem Bewußtsein: Bloody-Fox befindet sich in Gefahr; er muß errettet werden. Ich stieg also auf das Pferd und folgte dem Wunsche meines roten Freundes und Bruders.

So lange ich mich in der eigentlichen Sierra befand, hatte ich weniger zu befürchten; es gab da Deckung genug, und ich war gewohnt, gut aufzupassen. Dann aber gab es kahle Plateaus, auf denen man schon aus sehr weiter Entfernung bemerkt werden konnte; sie waren von steilen Schluchten und tiefen Cañons durchschnitten, deren Vegetation nur aus spärlichen Aloen und Kakteen bestand, hinter denen sich ein Reiter nicht verbergen kann. Ich konnte in einem solchen Cañon auf Comantschen treffen; dann war ich nur dadurch zu retten, daß ich schnell umkehrte und mich auf die Flüchtigkeit und Ausdauer meines Pferdes verließ.

Die gefährlichste dieser Schluchten war der sogenannte Mistake-Cañon, weil er den betretensten Indianerweg zwischen der Ebene und den Bergen bildete. Er hatte seinen Namen einer unheilvollen Verwechslung zu verdanken; man erzählte sich, daß ein weißer Jäger da seinen besten Freund, einen Apatschen, ‚an Stelle eines feindlichen Comantschen erschossen habe. Wer dieser Weiße und wer die beiden Roten gewesen waren, das wußte ich nicht; ich hatte die Namen nicht erfahren können. Auch abgesehen von seiner sonstigen Gefährlichkeit wurde der Cañon seitdem von abergläubischen Westmännern gemieden; man sagte sich, daß es selten einem Weißen gelinge, ihn ohne Schaden zu passieren; der Geist des erschossenen Apatschen führe jeden ins Verderben.

Dieser Geist machte mir natürlich wenig Sorge; wenn ich nur auf keine menschlichen Feinde traf, so mochte er mir immer begegnen. Aber lange, bevor ich ihn erreichte, bemerkte ich die Spuren mehrerer Reiter, welche von der Seite her kamen und in meiner Richtung weiterführten. Ledige Pferde, Mustangs, konnten es nicht gewesen sein, weil es hier keine gab. Als ich abstieg und die Fährte untersuchte, bemerkte ich zu meiner Beruhigung und zugleich Verwunderung, daß die Pferde beschlagen gewesen waren; die Reiter hatten also nicht der roten Rasse angehört. Wer waren sie, und was wollten sie hier?

Weiter hin war einer von ihnen abgestiegen, vielleicht um den Sattelgurt fester zu schnallen, und die andern waren inzwischen weitergeritten. Ich betrachtete die Stelle genau und erkannte zur linken Seite seiner Fußspuren mehrere kurze, messerrückenschmale Einritzungen. Wovon? Hatte dieser Reiter einen Säbel getragen? Dann hatte ich Soldaten, Kavalleristen, vor mir. War etwa Militär gegen die Comantschen ausgerückt, um sie für die erwähnten Raubzüge zu züchtigen? Auf die Beantwortung dieser Frage höchst gespannt, folgte ich der Fährte im Galopp und entdeckte dabei, je weiter ich kam, desto mehr weitere Spuren, welche aus allen Richtungen kamen und in alle führten. Nun gab es keinen Zweifel mehr darüber, daß sich Truppen vor mir befanden, und als ich nach einiger Zeit um den Ausläufer eines dichten Kaktuswaldes bog, sah ich das Lager derselben vor mir, welches, wie ich mit dem ersten Blicke bemerkte, nicht für kurze Zeit bestimmt war. Die Kaktusstrecke sicherte vor jedem Überfalle von hinten und der Seite, und nach vorwärts konnte das Auge eine so weite, offene Fläche beherrschen, daß eine feindliche Überraschung unmöglich war. Freilich hatte man meine Annäherung von Westen her nicht bemerkt; es wäre hier selbst am hellen Tage ein Posten auszustellen gewesen, und daß man dies unterlassen hatte, war jedenfalls eine Nachlässigkeit. Wie nun, wenn an meiner Stelle eine Indianerschar gekommen wäre! jenseits senkte sich das Terrain in einen Cañon hinab, der sehr wahrscheinlich das nötige Wasser lieferte. Die Pferde lagen oder liefen frei umher. Die Truppen hatten zum Schutze gegen die Sonnenhitze über Kaktusstangen Leinwandtücher angebracht; ein großes Zelt war für die Offiziere bestimmt, und im Schatten desselben schienen die Proviantvorräte untergebracht zu sein. In der Nähe lagerten acht oder zehn Männer, welche nicht zu den Truppen gehörten, sondern wahrscheinlich bei denselben übernachten wollten, weil der Tag nun bald zu Ende ging. Ich war entschlossen, dasselbe auch zu thun. Ich hätte zwar noch weiterreiten können, dann aber allein lagern müssen, und dabei wegen meiner Sicherheit nicht schlafen dürfen. Hier fand ich die Ruhe, welche mir für meinen morgigen weiten Ritt so notwendig war.

Als ich bemerkt wurde, kam mir ein Unteroffizier entgegen und brachte mich zum Kommandanten, der, durch Rufe aufmerksam gemacht, mit seinen Offizieren aus dem Zelte trat. Indem ich abstieg, musterte er mich und mein Pferd, und fragte dann:

„Woher, Sir?“

„Von der Sierra herab.“

„Und wohin?“

„Zum Pecos hinunter.“

„Das sollte Euch schwer werden, wenn wir die Schufte von Komantschen nicht vertrieben hätten. Habt Ihr Spuren von solchen Kerls gefunden?“

„Nein!“

„Hm! Scheinen sich südlich gewendet zu haben. Wir sitzen nun fast zwei Wochen hier, ohne eine Nase von ihnen vor die Augen zu bekommen.“

„Esel!“ hätte ich ihm in das Gesicht rufen mögen, denn wenn er die Roten haben wollte, so mußte er sie suchen; es konnte ihnen nicht einfallen, ihm hierher in die Hände zu laufen. Hatte er nicht erfahren können, wo sie waren, so wußten sie jedenfalls ganz genau, daß er sich hier befand. Es war anzunehmen, daß das Lager des Nachts von ihren Spähern umschlichen wurde. Als ob er einen Teil meiner Gedanken erraten hätte, fuhr er fort:

„Es fehlt mir ein tüchtiger Scout, auf den ich mich verlassen und der sie mir aufspüren kann. Old Wabble hat hier übernachtet; der wäre der richtige Mann für mich gewesen, habe aber erst, als er fort war, erfahren, wer er war; der Schurke mochte so etwas ahnen und nannte sich Cutter. Und über eine Woche ists schon her, da traf eine Streifpatrouille auf Winnetou, den Apatschen; der wäre noch besser gewesen, hat sich aber schleunigst fortgemacht. Wo der sich sehen läßt, da ist Old Shatterhand nicht weit, wie man mir sagt; ich wollte, der lief mir ins Garn. Wie heißt Ihr, Sir?“

„Charley,“ antwortete ich, ihm meinen Vornamen nennend, der ja auch mein Familiennamen sein konnte. Ihm zu sagen, daß ich dieser Old Shatterhand sei, konnte mir nicht einfallen. Ich hatte weder Zeit noch Lust, hierzubleiben und mich als Spion verwenden zu lassen. Dabei musterte ich die an der Erde lagernden Civilisten; zu meiner Beruhigung befand sich kein mir bekanntes Gesicht dabei. Freilich konnte ich durch mein Pferd und die Gewehre verraten werden. Es war bekannt, daß Old Shatterhand einen Bärentöter und einen Henrystutzen besaß und einen schwarzen Hengst ritt, den Winnetou ihm geschenkt hatte. Glücklicherweise war der Kommandant so bescheidenen Geistes, daß er nicht auf diese Dinge kam; er kehrte in das Zelt zurück, ohne seine Fragen fortzusetzen.

Worauf er nicht gekommen war, das konnte einer der Civilisten erraten, die sehr wahrscheinlich alle Westmänner waren; darum schob ich den Henrystutzen unauffällig in das Lederfutteral, so daß sein eigenartiges Schloß nicht zu sehen war; der Bärentöter war weniger auffällig. Hierauf sattelte ich ab und ließ den Hengst frei. Gras gab es hier freilich nicht; dafür aber standen zwischen den Riesenkakteen genug Melokakteen, welche Futter und Saft in Fülle lieferten. Mein Rappe verstand es, diese Pflanzen zu entstacheln, ohne sich zu verletzen. Als ich dann die Civilisten um die Erlaubnis bat, mich zu ihnen zu setzen, antwortete einer von ihnen:

„Kommt immer her, Sir, und eßt mit mir, wenn’s Euch gefällig ist. Ich heiße Sam Parker, und wenn der ein Stück Fleisch übrig hat, kann jeder brave Kerl davon essen, bis es alle ist. Habt Ihr Appetit?“

„Will es meinen.“

„So schneidet davon herunter, so viel, wie Ihr wollt. Wir sind lauter Westleute, Sir. Und Ihr?“

Er schob mir ein wohl acht Pfund schweres kaltes, aber gebratenes Fleisch hin; ich schnitt mir ein Stück davon ab und antwortete:

„Ich treibe mich zuweilen auch diesseits des alten Missisippi herum, weiß aber nicht, ob ich mich einen Westmann nennen darf. Es gehört gar so viel dazu, einer zu sein.“

Er schmunzelte befriedigt und sagte:

„Habt recht, Sir, sehr recht! Freut mich, einmal einen bescheidenen Menschen zu sehen, der sich nicht gleich, wenn er Nachtwächter geworden ist, für den Präsidenten der Vereinigten Staaten hält. Solche Leute sind heutzutage selten. Euern Namen haben wir vorhin gehört, Mr. Charley. Welche Arbeit thut Ihr denn im Westen hier? Jäger? Fallensteller? Honigsammler?“

„Gräbersucher, Mr. Parker.“

„Gräbersucher?“ rief er erstaunt. „Das heißt – – Ihr – -sucht – – Gräber – –?“

Yes.“

„Wollt Ihr uns foppen, Sir?“

„Fällt mir nicht ein.“

„So habt die Güte, Euch zu erklären, wenn ich Euch nicht mein Messer zwischen die Rippen geben soll. Nasführen lasse ich mich nicht.“

Well! Ich will erforschen, woher die jetzigen Indianer stammen. Vielleicht habt Ihr einmal gehört, daß Gräberfunde zu diesem Zwecke gute Dienste leisten.“

„Hm! Habe freilich einmal gelesen, daß es Menschen giebt, die alte Gräber aufwühlen, um da drinnen Weltgeschichte oder so was zu studieren. Dummes Zeug! So ein Mannskind seid Ihr also auch?“

Yes.“

„Also ein Gelehrter?“

Yes.“

„Gott stehe Euch bei, Sir! Ihr könnt leicht selbst mit der Nase ins Grab stolpern und tot drin stecken bleiben. Wenn Ihr nach verstorbenen Leichen suchen wollt, so thut das doch in einer Gegend, wo Ihr Eures Lebens sicher seid. Hier aber pfeifen die Kugeln und Tomahawks nur so in der Luft herum. Die Comantschen sind los. Könnt Ihr schießen?“

„Ein wenig.“

„Hm, kann es mir denken! Habe auch einmal gedacht, ich könne schießen. Werde es Euch vielleicht einmal erzählen. Wie ich sehe, habt Ihr da eine alte Pulverbüchse, mit der man Mauern einrennen kann; das läßt tief blicken, Sir. Und dort das andere Gewehr in dem Etui, das ist wohl so eine richtige, ächte Sonntagsrifle?“

„Weiß es nicht.“

„Wird schon so sein! Ich sage Euch, Sir, es ist gefährlich, hier nach toten Leichnamen zu suchen. Macht Euch fort! Ihr könnt Euch uns anschließen; da seid Ihr sicherer, als wenn Ihr allein reitet.“

„Welche Richtung nehmt Ihr denn von hier?“

„Auch hinunter nach dem Pecos, wohin Ihr wollt, wie wir vorhin gehört haben.“

Er ließ einen halb wohlgefälligen und halb ironischen Blick über mich gleiten und fuhr dann fort:

„Ihr seht gar nicht übel aus, ganz wie aus dem Ei geschält; aber das taugt nichts für diese Gegend, Sir. Ein richtiger Westmann sieht ganz anders aus. Dennoch gefallt Ihr mir, und ich lade Euch noch einmal ein, mit uns zu gehen. Wir werden Euch beschützen, denn so ganz allein wie bisher kommt Ihr doch nicht durch. Ihr scheint auch beritten zu sein, wenigstens was man in den Oststaaten so zu nennen pflegt. Habt wohl Euer Kutschpferd mitgebracht, he?“

„Es mag so ähnlich sein, Mr. Parker,“ antwortete ich, innerlich belustigt darüber, daß er meinen indianischen Rassenhengst, mit dem nur noch Winnetous Rappe zu vergleichen war, für einen Kutschengaul hielt. Er gefiel mir wenigstens ebenso wie ich ihm. Wenn ich mich ihm anschloß und er dann erfuhr, wer ich war, so waren komische Scenen zu erwarten. Dazu kam, daß mir diese Begleitung, wenn auch nicht später, aber doch durch den Mistake-Cañon nützlich werden konnte, und darum entschloß ich mich, auf seinen Vorschlag einzugehen.

„Habe es mir gedacht,“ fuhr er fort. „Das Pferd sieht ganz so proper aus wie Ihr. Man sieht es ihm an, daß es auch mit nach längst begrabenen Leibern gesucht und sonst weiter nichts zu thun gehabt hat. Also sagt, ob Ihr mit wollt! Wir brechen morgen mit dem Frühesten von hier auf.“

„Ich nehme Euer Anerbieten dankbar an, Sir, und bitte ganz ausdrücklich um Euern Schutz.“

„Den sollt Ihr haben, und ich denke, daß Ihr ihn brauchen werdet. Will froh sein, wenn wir von hier fort sind; muß ja gewärtig sein, daß der Kommandant mich oder einen andern von uns als Scout zurückbehält. Meinst du nicht auch, alter Jos?“

Diese Frage war an einen älteren Mann gerichtet, dessen sympathisches Gesicht einen tief melancholischen Ausdruck zeigte, als ob er an einem innerlich zurückgedrängten Grame leide. Jos ist die Abkürzung von Josua; der Mann hieß, wie ich später erfuhr, Josua Hawley.

„Bin ganz derselben Meinung,“ antwortete er. „Es fehlte grad noch, gezwungen zu sein, für diese Uniformen die Kastanien aus dem Feuer zu holen und sich die Vorderpranken dabei zu verbrennen. Hätten sie doch Old Wabble festgehalten; der war der richtige Mann dazu. Mich bekommen sie nicht. Will froh sein, wenn ich hier fort bin und den Mistake-Cañon im Rücken habe.“

„Warum? Fürchtest du dich vor dem Geiste des erschossenen Indianers?“

„Fürchten? Nein; aber aus dem Sinn kommt er mir nicht. Dieser Cañon ist eine ganz infame Gegend für mich. Habe dort etwas erlebt, was nicht jeder erlebt, und dabei Gold gefunden.“

„Gold? Im Mistake-Cañon?“

Yes.“

„Unmöglich! Dort gibt es keins.“

„Es muß doch welches dort gegeben haben, weil wir es gefunden haben.“

„Also wirklich? Ihr habt es wohl durch einen Zufall entdeckt, alter Jos?“

„Nein. Ein Indianer hat es uns gezeigt.“

„Das ist ja gar nicht zu glauben. Ein Roter entdeckt so etwas niemals einem Weißen, selbst wenn es sein bester Freund wäre.“

„So ist mein Fall eine Ausnahme gewesen. Es war sogar ganz und genau derselbe Rote, der dort aus Versehen erschossen worden ist. Vielleicht erzähle ich Euch die Geschichte, wenn wir den Cañon morgen zu sehen bekommen. Jetzt habe ich keine Lust dazu; wollen darüber schweigen. Gieb das Fleisch her; ich will essen. Es ist zwar nur Antilope, aber es muß dennoch schmecken. Ein Stück Büffelhöcker oder Lende vom Elk, wäre mir lieber.“

„Elk? Ah, Elk, das ist richtig!“ rief Parker aus, indem er mit der Zunge schnalzte. „Das ist der feinste und saftigste Braten, den es geben kann. Wenn ich an Elk denke, fällt mir immer der Westmann ein, der mich eigentlich zum Jäger gemacht hat.“

„Wer ist das gewesen?“

„Sein Name wurde vorhin genannt. Old Wabble meine ich.“

„Was? Wie? Old Wabble? Den ebenso sonderbaren wie berühmten Alten? So hast du ihn gekannt?“

„Ob ich ihn gekannt habe? Welch eine Frage! Unter seiner Leitung habe ich mein erstes Abenteuer im fernen Westen erlebt, ein Abenteuer, welches – – na, ich will es euch erzählen, obgleich ihr mich dann tüchtig auslachen werdet. Es handelte sich nämlich dabei um meinen ersten Elk.“

Er räusperte sich bedächtig, machte ein sehr verheißungsvolles Gesicht, und begann dann folgendermaßen:

„Er hieß eigentlich Fred Cutter, wurde aber wegen seines wackelnden Ganges und weil ihm der Anzug so schlotterig am dürren Leibe hing, stets nur Old Wabble genannt. Er war früher da unten in Texas Cowboy gewesen und hatte sich so in die dortige Kleidung gewöhnt, daß ihn selbst hier oben im Norden niemand dazu bringen konnte, sie abzulegen und mit einer andern zu vertauschen.

„Noch sehe ich ihn vor mir stehen, lang und überschmall die Füße in ganz unbeschreiblichen Schuffles und die Beine in uralten Leggins steckend. Über dem Hemde, dessen Farbe ich lieber gar nicht erwähne, hing eine Jacke, deren einziger Vorzug eine allgemeine Offenherzigkeit war. Brust und Hals blieben unbedeckt; dafür aber trug er unter dem zerknüllten Hute stets ein um die Stirn gewundenes Tuch, dessen Zipfel auf die Schulter niederhingen, im Gürtel das lange Bowiemesser, an den Ohrläppchen schwere Silberringe und in der großen, braunen, knochigen Hand die stets glimmende, unvermeidliche Cigarette – anders hat ihn wohl selten ein Mensch gesehen.

„Das Kostbarste war sein altes, wetterhartes, faltenreiches und stets glattrasiertes Gesicht mit starken Niggerlippen, langer, spitzer Nase und scharfen grauen Augen, denen, obgleich die Lider stets halb geschlossen waren, nicht so leicht etwas entgehen konnte. Mochte dieses Gesicht ruhen oder in Bewegung sein, es hatte immer und immer den Ausdruck einer Überlegenheit, welche absolut durch nichts aus dem Gleichgewicht zu bringen war. Und diese Superiorität bestand zu vollem Recht, denn Old Wabble war trotz seiner Schlotterigkeit nicht nur ein Meister im Reiten, im Gebrauche der Rifle und des Lariat, sondern es entging ihm auch nicht eine der andern Eigenschaften, welche ein richtiger Westmann besitzen muß. Th’is clear, das war seine ständige Redensart, welche bewies, daß ihm oft das Schwierigste als leicht und ganz selbstverständlich erschien.

„Was mich betrifft, so war ich unten in Princeton so etwas wie Bauschreiber gewesen und hatte da so viel verdient, daß ich mich ausrüsten und meinen ursprünglichen Plan, als Goldgräber nach Idaho zu gehen, ausführen konnte. Ich war ein Greenhorn, ein vollständiger Neuling, und nahm, um die erhofften Reichtümer nicht mit vielen teilen zu müssen, nur einen Begleiter mit, Ben Needler, welcher den wilden Westen ebensowenig kannte wie ich. Als wir in Eagle-Rock den Wagen verließen, waren wir ausstaffirt wie Stutzer und bepackt wie Lastesel, mit lauter schönen, guten und glänzenden Dingen, welche nur leider die Eigenschaft hatten, daß sie nicht zu gebrauchen waren. Und als wir nach einer Woche am Payette-Fork ankamen, sahen wir aus wie echte Vagabunden, waren fast verhungert und hatten unterwegs die überflüssigen Gegenstände unsrer Ausrüstung, das will heißen, alles außer den Waffen und der Munition, von uns geworfen. Ich will euch aber aufrichtig gestehen, daß ich für ein gutes Butterbrot auch noch meine ganze Armierung hingegeben hätte, und Ben Needler dachte gewiß ebenso.

„Wir saßen an einem Buschrande, hielten unsre wund gelaufenen Füße in das Wasser und sprachen von allerlei Delikatessen, von denen keine Rede gewesen wäre, wenn wir sie gehabt hätten, von Rehkeulen, Büffellenden, Bärentatzen und Elkbraten. Ja, Elks sollte es hier in dieser Gegend geben, fast so schwer wie Bisonstiere. Eben meinte Ben, indem er mit der Zunge schnalzte:

Good lack! Käme jetzt so ein Kerl in die Nähe, ich knallte ihm mit einer wahren Wollust meine beiden Kugeln zwischen die Hörner, und dann – –“

Und dann wäre es aus mit Euch!“ ertönte eine lachende Stimme hinter uns aus dem Gebüsch. Der Elk würde Euch mit dem Gestänge zu Brei verarbeiten. Man schießt so ein Tier nicht zwischen die Hörner; denn Hörner hat es überhaupt nicht. Ihr seid wohl drüben in New-York als Schoolboys aufgeflogen und nun hier aus der Luft gefallen, Mesch’schurs?“

„Wir sprangen auf und sahen uns den Sprecher an, welcher sich jetzt aus den Büschen, in denen er uns belauscht hatte, hervorarbeitete. Da stand er vor uns, wie ich ihn euch vorhin beschrieben habe, Old Wabble, mit einem für uns gar nicht ehrenvollen Ausdrucke im Gesichte und einem nachsichtig überlegenen Blicke aus den halbgeschlossenen Augen. Das nun folgende Gespräch will ich übergehen. Er examinierte uns wie ein Lehrer seine Buben und forderte uns dann auf, mit ihm zu gehen.

„Ungefähr eine Meile vom Flusse entfernt, lag auf einer kleinen, rings von Wald umgebenen Prairie eine Blockhütte, welche er seinen Rancho nannte. Hinter derselben gab es einige offene Stables, bei schlechter Witterung für die Pferde, Maultiere und Rinder bestimmt, welche jetzt im Freien weideten. Old Wabble war nämlich aus einem Cowboy ein selbständiger Viehzüchter geworden. Seine Leute bestanden aus Will Litton, dem weißen Aufseher, und einigen Schlangenindianern, welche von ihm als Vaqueros bezeichnet wurden und ihm sehr treu und anhänglich waren. Wir sahen diese Leute beschäftigt, einen leichten Wagen mit einem Zelttuche und andern Gegenständen zu beladen.

Das ist etwas für euch meinte der Alte. Ihr wollt Elks schießen, und dort trifft man eben die Vorbereitung zu einem Jagdausfluge. Will mal sehen, was ihr leistet; ihr sollt mit. Seid ihr brauchbare Jungens, so könnt ihr bei mir bleiben. Vorher aber kommt ins Haus, denn th’is clear, ein hungriger Schütz schießt in die Luft.“

Well, uns mußte das recht sein. Wir aßen und tranken, und dann wurde aufgebrochen, da es Old Wabble nicht einfiel, unsertwegen den Ausflug aufzuschieben. Wir bekamen Pferde und ritten also mit, zunächst nach dem Flusse zu. Dort gab es eine Furt, welche wir passieren mußten. An der Spitze des Zuges befand sich der Alte, welcher gewollt hatte, daß ich mich an seiner Seite hielt. Er führte ein lediges Maultier neben sich am Halfter. Als wir hinüber waren, sahen wir die andern uns folgen, nämlich Ben Needler auf einem Braunen und Will Litton auf einem Schimmel; hinter ihnen folgte der mit vier Pferden bespannte Wagen, welchen einer der Indianer lenkte. Dieser hieß Paq-muh, die blutige Hand, sah aber in seinem civilisierten Anzug gar nicht so blutdürstig aus, wie sein Name klang. Seine Stammesgenossen waren, da der Alte sich auf sie verlassen konnte, auf dem Rancho zurückgeblieben.

„Jenseits der Furt ging es eine kurze Strecke durch den lichten Wald und dann in ein grünes, baumloses Thal hinein, welches sich auf eine grasreiche Savanne öffnete. Als wir nach einigen Stunden das jenseitige Ende derselben erreichten, wo das Terrain aufzusteigen begann, hielten wir an, um zu kampieren. Der Wagen wurde abgeladen und das Zelt aufgeschlagen. Während man an der hintern Seite desselben die Tiere anband, wurde vorn ein Feuer angebrannt. Hier wollten wir einen Tag bleiben, um auf Gabelantilopen zu pirschen, oder vielleicht gar auf Büffel zu kommen; denn daß hier zuweilen Bisons vorüberkamen, sahen wir an einzelnen umherliegenden Gerippen. Ein in der Sonne gebleichter Schädel lag ganz in der Nähe unsres Zeltes, welches dann unter der Aufsicht der blutigen Hand hier stehen bleiben sollte, während wir Weißen hinauf nach einem Hochmoore wollten, wo es Elks die Menge gab, wie Old Wabble behauptete.

„Leider ließ sich weder an diesem noch am nächsten Tage ein jagdbares Tier sehen, was den Alten in großen Grimm versetzte, mir aber nicht unlieb war, da ich in Beziehung auf meine Schießgeschicklichkeit sein scharfes Urteil zu fürchten hatte. Auf dreißig Schritte einen Kirchturm treffen, das getraute ich mir damals ganz gut, aber daß ich ein großes Loch in die Natur schießen würde, falls man von mir verlangte, auf sechzig Schritte eine schnellfüßige Antilope zu erlegen, das war sicher.

„Da kam Old Wabble auf die unglückselige Idee, unsre Schießgeschicklichkeit zu prüfen, indem er uns aufforderte, auf einige Aasgeier zu zielen. Diese Vögel hatten sich ungefähr siebenzig Schritte von uns auf einem Büffelgerippe niedergelassen, und ich sollte als der erste meine Kunst zeigen. Nun, ich sage euch, die Geier konnten mit mir zufrieden sein, denn es kam genau so, wie ich gedacht hatte: ich schoß Viermal, ohne zu treffen, und es fiel nicht einmal einem der Aasfresser ein, auszureißen. Diese Tiere wissen nämlich ganz genau, daß es keinem vernünftigen Menschen einfällt, auf sie zu schießen; ein Schuß lockt sie vielmehr an, anstatt sie abzuschrecken, davon jedem erlegten Wilde ihnen wenigstens das Gescheide überlassen wird. Ben schoß zweimal fehl; erst seine dritte Kugel tötete einen der Geier und trieb die andern fort.

Eximious incomparable! lachte Old Wabble, indem er seine schlotterigen Glieder wirr durcheinander schüttelte. Mesch’schurs, th’is clear, ihr seid grad und genau für den wilden Westen geschaffen; habt keine Angst um euch! ihr seid gemachte Männer, denn alles, was einmal aus euch werden kann, das seid ihr schon jetzt, und höher könnt ihr’s gar nie bringen!“

„Ben nahm dieses Urteil ruhig hin; ich aber fuhr zornig auf, was freilich keine andre Wirkung hatte, als daß der Alte mir antwortete:

Schweigt, Sir! Euer Kamerad hat wenigstens beim drittenmal getroffen; für ihn ist also Hoffnung vorhanden. Ihr aber seid für den Westen ein verlorner Mann; ich kann Euch nicht brauchen, und gebe Euch den einzig guten Rat, Euch baldigst aus dem Staube zu machen.“

„Das wurmte mich gewaltig, denn es fällt kein Meister vom Himmel, und das Pulver, welches ich bis damals verschossen hatte, wog gewiß kein ganzes Pfund. Ich nahm mir vor, mir auf jeden Fall die Achtung des Alten zu erzwingen.

„Am darauffolgenden Morgen wurde nach dem Hochmoore in den Salmon River-Bergen aufgebrochen. Proviant, Kochgeschirr, Decken und andres wurde dem Maultiere aufgeladen; der Wagen, welcher im unwegsamen Gebirge nicht gebraucht werden konnte, blieb beim Zelt zurück. Na, ihr kennt das Land, und ich will euch also den Ritt nicht beschreiben; er war oft geradezu lebensgefährlich, besonders an der Stelle, wo der Snakes-Cañon einen scharfen Winkel macht und man steil zur Tiefe muß, um dann jenseits nach dem offenen Wihinashtpfad zu gelangen. Rechts himmelhoher Felsen, links der schwarze Abgrund, und dazwischen der kaum zwei Ellen breite Reitweg; ein wahres Glück, daß unsre Pferde solche Strecken gewöhnt waren, und ich nie zum Schwindel geneigt gewesen bin! Wir kamen glücklich hindurch. Bald aber zeigte sich eine neue, andre Gefahr, welche nur ich allein für keine solche hielt.

„Als wir nämlich bald darauf den Wihinashtpfad emporritten, begegnete uns ein Trupp von acht berittenen Indianern, von denen vier mit Häuptlingsfedern geschmückt waren. Sie schienen über unser plötzliches Erscheinen nicht im mindesten zu erschrecken und betrachteten uns im lautlosen Vorüberreiten mit jenem melancholisch-indolenten Ausdrucke, welcher der roten Rasse eigentümlich ist. Einer der Vordersten, welcher einen Fahlschimmel ritt, trug einen sonderbaren, lang geformten, mit Federfransen geschmückten Gegenstand im linken Arme. Ich fühlte mich von der schweigsamen, schwermütigen Begegnung mit diesen einstigen Herren dieser Gegend ganz eigenartig berührt. Sie kamen mir gar nicht gefährlich vor, zumal sie keine Kriegsfarben trugen und ganz unbewaffnet zu sein schienen; aber kaum waren wir um die nächste Höhe gebogen und ihnen aus den Augen, so hielt Old Wabble an und sagte, indem er einen grimmigen Blick zurückwarf.

Damn them! Was wollen diese Schufte hier? Es sind Panashts, welche mit den eigentlichen Schlangenindianern, zu denen meine Vaqueros gehören, in Unfrieden leben. Wohin können sie wollen? Ihr Weg muß sie an meinem Rancho vorüberführen. Welch eine Gefahr, da ich nicht daheim bin!“

Sie waren ja unbewaffnet!“ warf ich ein.

„Old Wabble blitzte mich aus seinen halbgeschlossenen Augen verächtlich an, beehrte mich mit keiner Antwort und fuhr fort:

Mit unserer Elkjagd ist es aus, wenigstens für heut und morgen. Wir müssen zurück, hinunter zum Zelt und vielleicht gar zum Rancho. Wir müssen ihnen zuvorkommen. Glücklicherweise kenne ich einen Pfad, welcher nicht weit von hier hinabführt, freilich nicht für Reiter, sondern nur für gute Bergsteiger. Vorwärts, Boys! Mein Entschluß ist gefaßt. Wir müssen sie vor unsere Gewehrläufe nehmen; th’is clear!“

„Es ging im Galopp weiter, fünf Minuten lang, links in die Felsen hinein; dann gelangten wir in ein kleines Hochthal, dessen Boden aus Moor und Wiese bestand; an den steinigten Rändern wuchsen hohe Schierlingstannen, und ein Wasser rieselte mitten hindurch. Old Wabble sprang vom Pferde und sagte:

Dort am Ende dieses Thales führt der Weg hinab. Wenn wir uns beeilen, sind wir noch vor den Roten unten beim Zelte. Einer muß hier bei den Tieren bleiben, nämlich derjenige, den wir am leichtesten vermissen können, und das ist natürlich dieser famose Sam, der viermal fehlgeschossen hat; er würde eher uns selbst als einen Roten treffen.“

„Na, der famose Sam war natürlich ich, Samuel Parker, vormals Bauschreiber unten in Princeton! Ich widersprach ärgerlich, mußte mich aber fügen. Die drei andern nahmen ihre Waffen und rannten fort, nachdem der Alte mir befohlen hatte, die Tiere gut zu versorgen und das Thal ja nicht zu verlassen, bis er zurückgekehrt sei.

„Ich war wütend vor Zorn. Mußte ich mir das gefallen lassen? Diese armen Indianer sollten erschossen werden und hatten doch so ungefährlich ausgesehen! Durfte ich das zugeben? Nein! Sie waren Menschen grad wie wir, und Rache für die Beleidigung! Ich kannte den wilden Westen nicht und gehorchte meinem Unverstande. Ich band das Maultier und die drei ledigen Pferde an die nächsten Bäume und ritt im Galopp den Weg zurück, den wir gekommen waren. Die mir aufgetragene Pflicht wollte ich erfüllen, vorher aber die Indianer warnen. So schnell wie möglich ging es den Wihinashtpfad hinab und in den Snakes-Cañon hinein. Da sah ich die Roten vor mir; sie hörten mich kommen, blickten zurück und hielten an. Die Schlucht war hier noch breit genug dazu. Ich parierte mein Pferd und fragte, ob einer von ihnen englisch verstehe. Der auf dem Fahlschimmel, welcher den länglichen Gegenstand trug, antwortete:

Ich bin To-ok-uh, der schnelle Pfeil, ein Häuptling der Panasht-Shoshonen. Mein weißer Bruder ist zurückgekehrt, um mir eine Botschaft des alten Mannes zu bringen, dessen Herden da unten die Schlangenindianer bewachen?

Du kennst ihn also? fragte ich. Er hält euch für Feinde und ist euch zu Fuße voraus, um euch zu töten. Ich bin ein Christ und habe es für meine Pflicht gehalten, euch zu warnen.

„Der Blick seines dunklen Auges bohrte sich förmlich in mein Gesicht, als er sich erkundigte:

Wo sind eure Tiere?

Sie stehen jenseits des Wihinashtpfades in einem grünen Thale.

„Er sprach eine kurze Weile leise mit den andern und fragte mich dann, indem sein Gesicht einen freundlichen Ausdruck zeigte:

Mein weißer Bruder ist erst kurze Zeit in diesem Lande?

Seit gestern erst.

Was wollen die Bleichgesichter dort oben in den Bergen?

Wir wollen den Elk jagen.

Ist mein Bruder ein berühmter Jäger?

Nein; ich schieße jetzt noch stets daneben.

„Er fragte lächelnd weiter und weiter, bis er alles wußte. Ich mußte ihm sogar meinen Namen nennen, worauf er meinte:

Samuel Parker ist für einen roten Mann schwer zu merken. Wir werden dich At-pui, das gute Herz, nennen. Wenn du länger hier bleibst, wirst du vorsichtiger werden. Deine Güte konnte euer Verderben sein. Freue dich, daß wir nicht auf dem Pfade des Krieges wandeln! Siehe, dieses Wampum“ -dabei zeigte er mir den fransengeschmückten langen Gegenstand auf seiner Linken – enthält eine friedliche Botschaft an die Häuptlinge der Shoshonen. Wir kommen ohne Waffen, um es nach dem Rancho des alten Mannes zu tragen, dessen Indianer es dann weiter bringen sollen. Wir haben also nichts zu fürchten; aber unsre Dankbarkeit ist eben so groß, als ob du uns vom Tode errettet hättest. Wenn du Freunde brauchst, so komm zu uns. At-pui, das gute Herz, wird uns stets willkommen sein. Howgh; ich habe gesprochen.

„Er gab mir die Rechte und ritt dann mit seinen Leuten weiter. Ich rief ihm noch nach, mich dem Alten ja nicht zu verraten, und kehrte dann um, sehr zufrieden mit meinem Erfolge, aber nicht mit der Klugheit, an welcher es mir gänzlich gemangelt hatte. Ich war im Gegenteile höchst unvorsichtig gewesen.

„Im Hochthale angekommen, entledigte ich das Maultier seiner Last und band die Pferde los, um sie grasen zu lassen. Die mir dann zu Gebote stehende lange Muße benützte ich zu Schießübungen. Ich hatte ein gefülltes Pulverhorn, und beim Gepäck gab es auch eine ganze Büchse voll. Als mein Horn leer war, konnte ich zu meiner Genugthuung sagen, daß ich einen Kirchturm nun schon auf zweihundert Schritte treffen würde.

„Gegen Abend kam Old Wabble mit Ben und Will zurück. Sie waren unten beim Zelte mit den Roten zusammengetroffen und erzählten mir als etwas ganz Neues, daß diese die friedlichsten Absichten gehegt, das Wampum der blutigen Hand zur Weiterbesorgung übergeben und dann sofort den Rückweg wieder angetreten hätten. Ich schwieg natürlich über das, was ich gethan hatte.

„Wir blieben die Nacht im kleinen Thale und ritten dann am Morgen nach dem nicht mehr weit entfernten Hochmoore.

„Dieses lag in einem weit größern Thale, als das gestrige gewesen war. In der Mitte desselben gab es einen kleinen See mit sumpfigen Ufern; weiterhin Busch und Wald mit trügerischem Boden, und dann folgten die hohen, kahlen, vielfach zerklüfteten und zerbröckelten Felsmassen, welche das Thal einschlossen. Dieses war gewiß zwei Stunden lang und besaß eine ebensolche Breite.

„Nachdem das Maultier entlastet war, wurde ein Feuer- und Lagerplatz hergerichtet, wo ich zurückbleiben sollte, um auf die Pferde zu achten. Dann gingen die andern auf die Suche. Bis Mittag, wo ich einige Schüsse hörte, blieb alles still; später kehrte Ben Needler allein zurück. Er hatte zu früh auf eine Elkkuh geschossen und war von dem darüber erzürnten Wabble fortgejagt worden. Dieser stellte sich mit Litton erst in der Dämmerung ein, ganz erbost über den Mißerfolg, den es gegeben hatte.

„Fährten gab es genug,“ räsonnierte er, „aber nicht nur von Elks, sondern auch von Roten, welche vor uns hier gewesen sein müssen und das Wild vertrieben haben; th’is clear! Auf eine einzige Kuh stießen wir; da krachte dieser Needler seine beiden Läufe zu zeitig los, und sie ging auf und davon; das hat man davon, wenn man sich mit Greenhorns einläßt. Ich will aber den Weg nicht umsonst gemacht haben und bleibe also noch einen Tag oder zwei Tage oder überhaupt so lange hier, bis ich einen schweren Alten niedergestreckt habe.“

„Er sprach mit uns beiden kein Wort weiter und behielt diese Stimmung auch am nächsten Morgen bei, wo er erklärte, daß er mit Litton allein jagen werde; die beiden Greenhorns sollten im Lager bleiben, damit sie nichts verderben könnten. Nun, er hatte das Recht, zu thun, was ihm beliebte; wir aber nahmen im stillen dasselbe Recht auch für uns in Anspruch. Als die beiden fort waren, führten wir aus, was wir während der Nacht verabredet hatten. Wenn die Elks vertrieben worden waren, so befanden sie sich nicht mehr im Thale, sondern außerhalb desselben. Dort mußte man suchen. Da unsre Pirsche bis zum Abend währen konnte, so nahmen wir zum Tragen der uns nötig erscheinenden Gegenstände, vielleicht auch kleinerer Beutestücke, das Maultier mit.

„Wir wanderten aus dem Thale hinaus und in ein anderes hinein. Da gab es weder See noch Moor, aber gewiß auch keine Elks, denn es waren auch schon Menschen da, Menschen, die einen Maulesel bei sich hatten. Die Menschen sahen wir zwar nicht, desto deutlicher aber den Maulesel, welcher ohne Zaum und Sattel sich in ziemlicher Entfernung rechts von uns im Grase gütlich that. Wo waren die Menschen? Ich mußte sie finden. Während Ben sich gemächlich hinüber zu dem fremden Maulesel trollte, schritt ich mit unserm Maultiere geradeaus weiter. Der vermeintliche Esel fraß weiter, bis Ben sich ihm auf hundert Schritte genähert hatte; da bekam er ihn in die Nase, hob den Kopf, warf sich blitzschnell herum und floh in weiten Sätzen auf mich zu, wohl aus Sympathie für seinen Verwandten, an dessen Seite ich mich befand. Aber, was war denn das? Das war ja beileibe kein Maulesel; das war ein Wild. So viel sah ich, obgleich ich ein Greenhorn war. Ich kniete schnell hinter meinem Maultiere nieder, legte an, zielte und drückte ab. Die fremde Kreatur that noch zwei, drei Sätze und brach dann zusammen. Ich rannte hin; Ben kam auch; der Schuß war ins Blatt gedrungen, und wir beide wurden darüber einig, daß ich eine Hirschkuh erlegt hatte. Sie wurde auf den Packsattel des Maultiers gebunden, und dann ging es weiter, doch nicht lange, so war das Thal zu Ende. Rechts und links unersteigbare Wände, vor uns eine ziemlich steile Höhe, welche eine Art Sattel zu sein schien, hinter dem ein zweites Thal zu suchen war. Unser Maultier war ein guter Kletterer, also beschlossen wir, geradeaus zu steigen.

„Wir gelangten nach einiger Anstrengung hinauf und sahen, daß wir uns nicht geirrt hatten, denn vor uns senkte sich das Terrain wieder tief hinab. Aber dort gab es in der Ferne einen eigentümlichen Lärm, welcher von menschlichen Stimmen hervorgebracht zu werden schien. Wir mußten wissen, woran wir waren, und also nach einem Lugaus suchen. Zu beiden Seiten des schmalen Bergsattels gab es zwar hohe, aber so schräge Steilungen, daß man sie leicht ersteigen konnte. Wir arbeiteten uns also links hinauf, um von dort in das jenseitige Thal hinabzublicken. Unser Maultier ließen wir einstweilen stehen. Oben angekommen, wollte Needler sich weit vorbiegen, um besser sehen zu können; da er aber wegen seines helleren Anzuges leicht bemerkt werden konnte, so schob ich, der ich dunkler gekleidet war, ihn zurück und blickte hinab.

„Was im Vordergrunde des zweiten Thales vorging, konnte ich nicht sehen, da mein Standort dazu nicht hoch genug war; aber im Hintergrunde sah ich sieben indianische Reiter, welche, eine breite Linie bildend und aus vollen Hälsen schreiend, langsam vorwärts rückten. Dieses Geschrei kam also näher und wurde so stark, daß unser unten stehendes Maultier höchst bedenklich mit den Ohren zu spielen und mit dem Schwanze zu wirbeln begann. Ich schickte darum Ben hinab, um es zu beruhigen.

„Da fiel mein Auge auf die andre, jenseits des Sattels ungefähr vierzig Schritte von mir sich erhebende Steilung. Dort saß zu meinem Erstaunen ein Indianer mir gegenüber. Es war To-ok-uh, der schnelle Pfeil, welcher mir bedeutsam zunickte und dann die rechte Hand auf den Mund legte, bei den Indianern das Zeichen des Schweigens. Wie kam er hierher? Warum und worüber sollte ich schweigen? Vorgestern war er unbewaffnet gewesen, und jetzt hatte er ein Gewehr quer über seinen Knieen liegen. Während ich darüber nachdachte, war der Lärm noch näher gekommen; ich hörte unter mir Steine rollen und blickte hinab. Himmel, was für ein Ungeheuer ließ sich da sehen! Unter lautem, zornigem Schnaufen kam es aus dem jenseitigen Thale nach der Höhe des Sattels geklettert. Am Widerrist über zwei Meter hoch, mit kurzem, plumpem Leibe und langen Beinen, breit überhängender Oberlippe und struppigem Kinnbarte tauchte es funkelnden Auges auf der Höhe des Bergsattels auf. Als es dort Ben Needler und das Maultier hart vor sich erblickte, warf es den häßlichen Kopf mit den breiten, gewaltigen Schaufeln nach hinten und brach nach meiner Seite aus. Needler, als er seinerseits diesen Behemoth nur sechs Schritte von sich entfernt wie aus dem Erdboden erscheinen sah, stieß einen Schrei des Entsetzens aus, warf sein Gewehr weg, drehte sich um und rannte, nein, kollerte Hals über Kopf von der Höhe in das diesseitige Thal herab. Das Maultier zeigte nicht mehr Mut als sein Herr; es that einen ebenso schnellen Satz zurück und schoß, glücklicherweise auf allen Vieren, wie ein Schlitten den Bergsattel hinab.

„Ich hatte keine Zeit, aufzupassen, ob beide glücklich unten anlangten, denn der Behemoth hatte sich ja nach meiner Seite gewendet und bemerkte nicht, daß der Weg vor ihm frei geworden war. Er kam in weiten, gewaltigen Sätzen herauf, gerade auf mich zu. Ich war nicht weniger entsetzt als Ben Needler; das Gewehr entsank meiner Hand; Flucht, nur Flucht! Ich sprang von Stein zu Stein an der Felsenlehne hin, das Ungetüm mir nach. Da gähnte vor mir in der Steinwand ein großes Loch, und ich kroch hinein, so schnell, wie ich noch nie im Leben in einem Loche verschwunden bin. Die Öffnung verdunkelte sich, denn das Untier steckte den Kopf herein, so weit ihm dies bei der Breite des Geweihes möglich war. Es schnaufte wie ein Teufel, und ich fühlte seinen heißen Atem im Gesicht. Aber die Angst des gehetzten Geschöpfes war größer noch als sein Zorn; es zog den Kopf zurück und wendete sich zur weitern Flucht. Dabei bot es dem gegenübersitzenden und kaltblütig darauf wartenden Häuptlinge seine vordere Seite. Er zielte kurz, drückte ab und – der Elk brach im Feuer zusammen.

„Im Nu stieg To-ok-uh drüben herab und kam diesseits heraufgesprungen. Während ich sehr vorsichtig den Kopf aus dem Loche steckte, betrachtete er das gewaltige Tier und forderte mich dann lächelnd auf:

Mein Bruder komme heraus! Dieses Peere, ist von deiner Kugel gefallen und also dein Eigentum.

Von meiner Kugel? fragte ich erstaunt, indem ich herauskroch.

Ja, nickte er mir listig zu. Du bist At-pui, das gute Herz, und hast uns retten wollen; dafür sollst du Ruhm bei den Deinen ernten. Die Krieger der Panashts haben ihr Wampum abgegeben und sind vor euch in das Thal der Elks gekommen, wo sie ihre Waffen verborgen hatten. Ihr werdet dort kein Wild gefunden haben, als nur das junge Kind des Elks, welches ich auf dem Rücken eures Maultieres sah. Du warst so aufrichtig, mir zu sagen, daß du noch daneben schießest, doch mußt du das verschweigen, denn ich wünsche, daß deine Gefährten dich achten, wie ich dich liebe. Ich setzte mich auf den Felsen, um mir dieses selten starke Tier zutreiben zu lassen; da sah ich dich und beschloß Sofort, es dir zu schenken. Es sei von deiner Kugel getroffen, damit du Ruhm habest, bis sie wirklich trifft. Dein Bruder hat mich nicht gesehen, und ich gehe, damit er mich nicht noch erblickt. Mein Auge wünscht, dich wiederzusehen. Ich habe gesprochen. Howgh!

„Er drückte mir die Hand und eilte fort, um im jenseitigen Thale zu verschwinden.

„Das war die Dankbarkeit eines sogenannten wilden Mannes. Er überließ mir den Ruhm, der ihm gebührte. Sollte ich diese Gabe von mir weisen? Nein, ich war zu schwach, weil zu – jung dazu. Old Wabble hatte mich verhöhnt; gewiß, es war ein Fehler von mir, eine Lüge, mich mit fremden Federn zu schmücken, aber der alte Westmann sollte mich, das Greenhorn, beneiden!

„Ich stieg in das diesseitige Thal hinab. Weit, weit entfernt von dem Felsensattel stand Ben Needler mit dem unbeschädigten Maultiere. Ich winkte ihn herbei und führte ihn hinauf, wo der Elk lag. Mein Gewehr hatte ich natürlich wieder aufgenommen; der Indianer war von ihm nicht gesehen worden; es wußte überhaupt niemand, daß ich diesen kannte. Ben mußte also überzeugt sein, daß ich es sei, der das Tier erlegt hatte. Man kann sich sein Erstaunen, seine Verwunderung und – seinen Neid denken!

„Er that mir leid. Darum und, wie ich aufrichtig gestehe, zur Erleichterung meines Gewissens, machte ich ihm den Vorschlag, Old Wabble zu sagen, er habe das Schmaltier, das junge Kind des Elks, erlegt. Darüber war er so glücklich, daß er mich umarmte. Ich mußte als Wache gegen die Raubtiere bei meiner Beute bleiben; Needler brach mit dem Maultiere nach dem Moore auf, um Old Wabble und Litton zu holen; er brachte sie erst am späten Nachmittage. Die beiden hatten heute nicht das Haar eines Elks gesehen. Der Alte stand verstummt vor meiner Beute. Endlich gestand er, noch selten ein so mächtiges Exemplar gesehen zu haben. Der Neid zuckte durch seine schlotterige Gestalt, daß die Glieder nur so durcheinander wabbelten; dann maß er mich mit einem fast drohenden Blicke aus den halbgeschlossenen Augen und sagte:

Well, ich weiß, woran ich bin, Sir. Als Ihr am Tage vor ehegestern viermal die Natur durchlöchertet, habt Ihr Euch mit mir einen Scherz gemacht; th’is clear; aber ich hoffe, daß so etwas nicht wieder geschieht, wenn wir Freunde bleiben wollen!“

„Nun, wir sind Freunde geworden und geblieben, und haben selbander manchen guten Schuß gethan. Es war, als habe das Geschenk des Häuptlings mir mit einemmale einen scharfen Blick und eine sichere Hand gebracht. Gleich von jenem Tage an sind meine Kugeln so glücklich geflogen, daß es dem Alten niemals in den Sinn gekommen ist, daß ich mit jenem Elk geflunkert haben könne. Mit dem schnellen Pfeil bin ich noch oft zusammengetroffen und werde von den Seinen noch heut At-pui, das gute Herz, genannt. Er hat das Geheimnis treu bewahrt, und heut ist es das erstemal, daß es verraten wird. Ja, Mesch’schurs, ich gestehe es in aller Jägerreue, daß mein erster Elk gar nicht mein erster, aber auch noch lange nicht mein letzter Elk gewesen ist. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Er schwieg, und die andern machten ihre lustigen Bemerkungen über das, was sie gehört hatten. Ich war still. Jeder Westmann hat seine Lehrzeit durchmachen müssen; es fällt ja kein Meister vom Himmel; auch ich hatte meine Lehrer gehabt, erst Sam Hawkens, den possierlichen kleinen Kerl, und dann Winnetou, den unvergleichlichen Meister in allem, was der wilde Westen verlangt.

Was Old Wabble betrifft, so hatte ich viel, sehr viel von ihm gehört, ihn aber noch nicht gesehen. Man wußte, daß er wirklich existiere, und doch lebte er in den Erzählungen wie eine mythische Gestalt, mit der die Gegenwart nichts mehr zu schaffen hat. Man berichtete hundert und aberhundert Schrullen und Thaten von ihm, welche bewiesen, daß er ein Original war, wie es kaum ein zweites geben konnte; man wußte nicht, wo er sich jetzt befand und was er trieb, und wenn er plötzlich einmal hier oder dort auftauchte, so war es nur für eine kurze Zeit, und man hatte wieder eine schnelle, kühne That oder eine ganz abnorme Sonderlichkeit von ihm zu erzählen.

In seiner Jugend war er der König der Cowboys genannt worden; jetzt hatte er ein Alter erreicht, welches man auf über neunzig Jahre schätzte, doch sollte er noch ebenso rüstig wie ein junger sein, und nur sein langes, schneeweißes Haar, welches beim Schnellreiten wie eine Mähne hinter ihm wehte, verriet die Länge seines außerordentlich bewegten Lebens. Ich hatte längst den Wunsch gehabt, ihn einmal zu sehen. Nun war er vor mir hier gewesen und wahrscheinlich für lange Zeit wieder verschwunden.

Es war während Parkers Erzählung Abend geworden; wegen der Comantschen durfte kein Feuer angebrannt werden; darum gab es keine Unterhaltung, und wir legten uns schlafen. Als wir am nächsten Morgen aufbrechen wollten, zeigte es sich, daß Parkers Mißtrauen nicht unberechtigt gewesen war: der Kommandant wollte absolut einen von den Jägern als Scout zurückbehalten, stieß aber bei ihnen auf so hartnäckige Weigerungen, daß er endlich einsah, es sei besser, zu verzichten; ein mit Zwang gepreßter Späher hätte ihm voraussichtlich mehr Schaden als Nutzen gebracht. Da machte ich mir den Spaß, mich ihm anzubieten. Er wies mich mit einer verächtlichen Handbewegung zurück und sagte:

„Reitet nur immer fort, Mr. Charley! Ein Mann, dessen Beruf es ist, nach verfaulten Knochen und Überresten zu suchen, kann unmöglich das thun, was ich von einem Scout verlange. Stochert also getrost in alten Gräbern weiter; ich will mir mit Euch keine Last auf den Hals laden.“

Er hatte also erfahren, was mich vermeintlich nach dem Westen getrieben hatte. Well, mir war dieser Abschied recht. Um nicht etwa noch im Fortreiten durchschaut zu werden, hing ich so unbeholfen wie möglich auf dem Pferde und behielt dies dann auch während des ganzen heutigen Rittes bei, damit meine Begleiter ihre Ansicht über mich nicht ändern möchten.

Diese zehn Männer hatten sich auf der Route vom Rio Gila herüber zusammengefunden und wollten jetzt nach Texas hinab, der eine von dieser und der andre von jener Absicht getrieben; eine durch einen bestimmten Zweck zusammengehaltene Gesellschaft bildeten sie nicht.

Vom Lagerplatze der Truppen bis zum Mistake-Cañon hatten wir vier Stunden zu reiten, welche vergingen, ohne daß sich irgend etwas ereignete. Josua Hawley wurde unterwegs an sein gestriges Versprechen erinnert, und er versprach, es zu halten. Die wenigen Worte, die ich gestern aus seinem Munde gehört hatte, waren mir genug; ich wußte, daß er der Weiße war, der den roten Freund infolge eines Mißverständnisses erschossen hatte. Das lag ihm noch heut auf der Seele, und daher die Schwermut, die mir gleich beim ersten Blicke aufgefallen war.

Wir hatten uns bis jetzt auf einer felsigen Hochebene befunden, die sich nun allmählich abwärts senkte. Dann hielten wir vor einem tiefen Schlunde, zu dem ein steiler Weg hinabführte. Wie ein von Gigantenfäusten in den Felsen gehauener Graben zog er sich von uns aus scheinbar endlos nach Osten, mit steilen Wänden, die mehrere hundert Fuß hoch waren. Unten rauschte ein Wasser, welches von oben aus wie schwarze Tinte erschien. Da, wo wir hielten, standen vereinzelte Riesenkaktus am Felsenrande. Das war der Mistake-Cañon, dessen Anfang sich vor uns öffnete und in den wir hinabmußten. Wer das Auge hinab in den drohend emporgähnenden Schlund richtete, dem konnte allerdings ein Grausen, ein Gefühl überkommen, als ob da unten die Stätte eines unabwendbaren Unheiles sei. Ich hatte viele Cañons gesehen und auch viele durchritten, war aber von keinem, um mich des Ausdruckes zu bedienen, so zurückgeworfen worden wie von diesem hier.

Wir ritten den steilen Weg hinab, bis wir den Grund erreichten; dort ging es am Wasser hin, welches nun allerdings ein andres Aussehen hatte. Wir gelangten an einen großen Uferstein, an dem es sich brach; da hielt Jos sein Pferd an, stieg ab, setzte sich auf den Stein und sagte:

„Hier ist der Ort, an welchem ich mein Versprechen halten will. Steigt ab, Mesch’schurs! Ihr sollt erfahren, wie die Sage von dem Geiste des Mistake-Cañon entstanden ist.“

„Geist? Pshaw!“ lachte Sam Parker. „Ein Dummkopf ist, wer an solche Geister und Gespenster glaubt. Ein weißer Jäger hat irrtümlicherweise einen befreundeten Apatschen an Stelle eines feindlichen Comantschen erschossen. Niemand aber kann sagen, wer es gewesen ist und wie so etwas hat möglich sein können.“

„Ich, ich kann es sagen, ich allein,“ meinte Jos, indem er sich mit der Hand über die Augen strich.

„Ah, du? Du weißt es, wie diese unglückselige Geschichte sich zugetragen hat?“

„Ob ich es weiß! Hier von dem Stein aus, auf welchem ich sitze, habe ich selbst damals den verhängnisvollen Schuß abgefeuert. Meine Augen waren um dreißig Jahre jünger als jetzt, aber doch nicht scharf genug, den Richtigen vom Falschen zu unterscheiden. Ich hatte einen Freund, wißt Ihr, einen echten, wahren; er war ein Apatsche und hieß Tkhlisch-lipa, Klapperschlange. Er verdankte mir das Leben und hatte dafür versprochen, mir einen Ort zu zeigen, an welchem Nuggets in Menge zu finden seien, wie ich bereits gesagt habe. Ich suchte mir also vier wackere Boys zusammen, welche zu dem Unternehmen paßten. Wir mußten sehr vorsichtig sein, weil der Ort im Gebiete der Komantschen lag; darum nahmen wir Weißen keine Pferde mit, und nur der Apatsche hatte auf seinen Mustang nicht verzichten wollen. Um keine lange Einleitung zu machen, wir kamen hier oben am Cañon an. ihr seht am Rande desselben einzelne Riesenkakteen stehen. Weiter zurück gab es damals einen ganzen Wald davon, an dessen Saum wir uns eine Hütte bauten, in welcher wir wirtschaften wollten, während der Arbeitsplatz hier unten am Wasser lag.

„Tkhlisch-lipa hatte nicht gelogen; unsere Ausbeute war über Erwarten reich, obgleich nur vier Personen schaffen konnten, da einer die Hütte zu bewachen hatte, während ein andrer jagen mußte, um für Fleisch zu sorgen. Das letztere hatte mit der größten Umsicht zu geschehen, da Avat-kuts, der große Büffel, der Häuptling der hier hausenden Comantschen, nicht nur ein blutgieriger Mensch, sondern auch ein Virtuos im Spüren war. Es verstand sich ganz von selbst, daß jeder neben Hacke und Spaten auch seine Waffen stets bei der Hand hatte.

„Wir mochten wohl an die drei Wochen hier gewesen sein, als eines Tages der Apatsche den Dienst bei der Hütte zu versehen hatte, während ein Kamerad, der lange Winters, nach Fleisch umherstreifte. Während wir andern unten herzhaft arbeiteten, saß der Rote oben, sich langweilend, in der heißen Sonnenglut. Er hatte sein Oberkleid, eine neue, wertvolle Santillodecke, abgelegt und rieb sich den Körper zum Schutze gegen Insekten, nach Indianerart mit Bärenfett ein. Da hört er hinter sich ein Geräusch. Er blickt sich um und sieht den gefürchteten Comantschenhäuptling, den er sofort erkennt, vor sich stehen, mit dem Gewehrkolben zum Schlage ausholend. Ehe er auszuweichen vermag, saust der Hieb nieder und trifft ihn so auf den Kopf, daß er die Besinnung verliert. Daß ihm nicht der Schädel zerschmettert worden ist, hat er nur seiner eigenartigen Kopfbedeckung zu verdanken, einer Art Mütze, welche mit Fuchsschwänzen und Klapperschlangenhäuten verziert war.

„Avat-kuts läßt ihn einstweilen liegen und tritt in die Hütte, um dieselbe zu untersuchen. Er findet unsre mit Nuggets gefüllten Lederbeutel und hängt sie sich an den Gürtel. Wieder zurückgekehrt, wirft er seine alte Kallikojacke ab und vertauscht sie mit der Santillodecke. Auch die Mütze des Betäubten gefällt ihm, und er stülpt sie sich auf den eigenen Schopf. Dann pfeift er seinem starkknochigen Gaul, den er beim Anschleichen hinter den Kakteen zurückgelassen hat, herbei und findet, daß der in der Nähe grasende Mustang des Apatschen bedeutend mehr wert ist. Nun soll der Feind skalpiert werden und zwar bei lebendigem Leibe. Der Comantsche stellt sich also mit ausgespreizten Beinen über denselben, ergreift ihn mit der Linken beim Haare, um den Kopf emporzuziehen, nimmt das Messer in die Rechte, macht über die Ohren weg um Stirn und Hinterkopf einen Schnitt, und versucht nun, den Skalp mit einem kräftigen Rucke loszureißen, was ihm aber nur halb gelingt. Klapperschlange erwacht von dem entsetzlichen Schmerze und faßt den Comantschen bei den Händen. Es beginnt ein Ringen, aus welchem der große Büffel unbedingt als Sieger hervorgehen muß, da der andre von dem herablaufenden Blut geblendet wird.

„Indessen hat der lange Winters eine gute Jagd und sich mit der Ausbeute nach Hause gemacht. Er findet die Fährte des Comantschen, erschrickt und schleicht ihr nach. Um die Ecke des Kaktuswaldes tretend, sieht er die beiden kämpfenden Indianer und hält wegen der Santillodecke und der Mütze den Comantschen für den Apatschen. Er legt schnell sein Gewehr an und schießt auf den blutenden Freund, trifft aber glücklicherweise wegen der weiten Entfernung nicht. Der Comantsche fährt, als er den Schuß hört, herum, erblickt den neuen Feind, reißt sich los, springt, sein Gewehr liegen lassend, nach dem Mustang des Apatschen, schwingt sich auf und jagt davon. Klapperschlange, vor Wut und Schmerz fast wahnsinnig, wischt sich das Blut aus den Augen, gewahrt den fliehenden Gegner und dessen stehengebliebenes Pferd. Im Nu sitzt er auf und jagt ihm nach, den Lasso von den Hüften reißend, während der lange Winters ganz verblüfft hinterdreinschaut, weil er sich den Vorgang nicht erklären kann. Da Winters den Weg nach rechts versperrt und links die dichten Kakteen kein Entkommen bieten, so sprengt der Comantsche dem Cañon zu, von welchem er weiß, daß ein, wenn auch gefährlicher Pfad an der fast senkrechten Wand desselben zur Tiefe führt. Er ahnt nicht, daß sich vier Bleichgesichter da unten befinden.

„Drüben, jenseits des Wassers, seht ihr einen Vorsprung, eine schmale, fortlaufende Kante aus dem Felsen treten und sich nach der Höhe ziehen; das ist der erwähnte Pfad. Schon für den Fußgänger schwierig, ist er für einen Reiter geradezu gefährlich, und wir wunderten uns daher nicht wenig, als wir von oben herab den Hufschlag galoppierender Pferde vernahmen. Der Höhe wegen, in welcher sie sich befanden, konnten wir erst nur die Köpfe der Reiter sehen, doch je weiter sie herabkamen, desto vollständiger erblickten wir die Gestalten. Voran lief der Mustang des Apatschen, dessen Reiter wir infolge der Mütze und Santillodecke für Klapperschlange halten mußten. Er wurde von einem, auf einem uns fremden Pferde sitzenden Reiter verfolgt, welchem der blutige Schopf vom Kopfe hing und der sich wegen der hindernden Felswand vergeblich bemühte, dem Voranreitenden den Lasso über den Kopf zu werfen. Wir hörten die Stimme des Apatschen unausgesetzt rufen: Hatatitla aguan, hatatitla aguan – erschießt ihn, erschießt ihn! Das galt natürlich uns, und ich griff zu der Büchse. Jetzt erreichte der Vorderste die Sohle der Schlucht, dort, jenseits des Wassers, und sprengte weiter. Nun kam der andre. Er konnte jetzt den Lasso freier handhaben und schwang ihn zum Wurfe. Ich drückte ab – ein Schrei und er flog nach hinten vom Pferde, welches reiterlos weiterjagte. Nach wenigen Sekunden standen wir drüben bei ihm. Denkt euch unsern Schreck, als wir in ihm unsern roten Freund erkannten! Meine Kugel hatte nur zu gut getroffen. Er deutete vorwärts und sagte mit brechender Stimme: Darteh litschane Avat-kuts – dieser Hund war der große Büffel. Dann war er tot.“

Der Erzähler schwieg, und starrte trüben Blickes nach der angedeuteten Stelle hinüber. Wir ehrten dieses Schweigen, indem auch wir nichts sagten. Erst nach einer längeren Weile fuhr er fort:

„So wurde ihm das Gold, welches er uns schenkte, durch eine Kugel vergolten. Wir haben die Schlucht den Mistake-Cañon genannt, und dieser Name ist ihr bis auf den heutigen Tag geblieben. Man hat die Geschichte oft in meiner Gegenwart erzählt; nie aber ist es mir eingefallen, zu sagen, daß ich selbst der unglückliche Held derselben bin. Ich habe das im stillen mit mir abzumachen versucht. Heute jedoch, da wir uns an derselben Stelle befinden, soll es einmal vom Herzen herunter, und ihr mögt mir nun sagen, ob man mich einen Mörder nennen kann.“

„Nein, nein!“ rief es rundum. „Du bist vollständig unschuldig. Aber wie ist’s mit dem Comantschen? Er entkam?“

„Nein. Wir fanden ihn gar nicht weit von hier im Steingeröll, wo das Pferd gestrauchelt war und ihn abgeworfen hatte. Ihr könnt Euch denken, daß es da anstatt einer Leiche zwei gegeben hat. Das ist das Gesetz des wilden Westens; sprechen wir nicht darüber!“

„Und das Gold, die Nuggets! Wir wollen natürlich wissen, welche Schätze Ihr damals aus dem Cañon mitgenommen habt!“

„Weit weniger als der vortreffliche Anfang vermuten ließ. Es war, als habe ein Racheengel das Gold tief ins Erdinnere verschwinden lassen. Seit meine Kugel den Apatschen traf, wurde die Ausbeute von Tag zu Tag geringer, bis sie endlich ganz aufhörte. Wir gruben und arbeiteten noch wochenlang, doch vergeblich. Und was wir mitnahmen, das hat nicht lange vorgehalten; es ist bald alle geworden – beim Wein und beim Spiel. Nur eins ist mir geblieben und wird mich bis an mein Ende nicht verlassen, nämlich die Erinnerung an den Augenblick, da mein Blei den Roten vom Pferde riß. Dieses Bild schwebt mir immer und immer vor, und dazu gellt mir im Ohr der Todesschrei. Es schüttelt mich. Kommt, wir wollen fort! Ich mag den Ort nicht länger sehen!“

Er stand langsam und schwer auf und schüttelte sich, als ob er der bisher auf ihm gelegenen seelischen Last ledig werden wolle. Als er dann mit der Hand nach dem Zügel griff, um aufzusteigen, hielt ich ihn zurück und sagte:

„Eure Kameraden haben schon ihre Meinung ausgesprochen, daß Ihr unschuldig seid; nun hört auch, was ich sage, Mr. Hawley.“

„Nun?“ fragte er in einem Tone, als ob er auch von mir nicht die geringste Erleichterung erwarte.

„Ich will Euch eine Geschichte, eine wahre Geschichte erzählen, die sich drüben in Deutschland, meiner Heimat, zugetragen hat.“

„Was kann mir Eure deutsche Geschichte nützen?“

„Vielleicht doch etwas; hört sie nur an! Zwei Schieferdecker hatten auf der Spitze eines sehr hohen Kirchturmes eine neue Wetterfahne anzubringen; die dazu nötigen Leitern waren Tags vorher angelegt worden, ehe man die alte Fahne abgenommen hatte. Der eine Schieferdecker war ein alter, erfahrener Meister, der andre sein Sohn, der eine Frau und vier Kinder hatte. Sie stiegen höher und höher, von Sprosse zu Sprosse, der Alte voran, der Sohn hinterdrein, beide mit einer Hand sich festhaltend und mit der andern die schwere Wetterfahne tragend. Unten stand eine Menschenmenge, um lautlos, mit stockenden Pulsen und selbst fast schwindelig, der waghalsigen Arbeit zuzuschauen. Da hört man oben einen Schreckensruf erschallen; der Sohn hat ihn ausgestoßen; der Vater antwortet ruhig und ermahnend; der Sohn ruft wieder, und gleich darauf stößt die Menge einen einzigen, vielstimmigen Schrei des Entsetzens aus, denn der Alte hat den Sohn, der ihn am Fuße faßte, mit einem kräftigen Tritte von der Leiter geschleudert, so daß er in die grausige Tiefe stürzt und dort zu einem wirren Haufen von Fleisch und Knochen zerschellt.“

„Ist so etwas möglich! Der Mörder seines eignen Sohnes!“ rief Hawley aus.

„Nicht vorschnell, Sir; hört weiter! Unten am Turme giebt es natürlich Scenen einer Aufregung, welche nicht beschrieben werden können; oben aber steigt der Alte weiter in die Höhe, die Fahne nun allein tragend. Bei der Spitze angekommen, stellt er sich auf den Knopf und steckt die Fahne mit einer unglaublichen, wahrhaft riesigen Anstrengung aller seiner Kräfte auf die Spindel. Dann kommt er so ruhig und kaltblütig, als ob nichts geschehen sei, langsam und sicher wieder herabgestiegen, Leiter um Leiter über sich von den Haken lösend und in die Dachfenster des Turmes schiebend, bis er im Schallloche der Glockenstube verschwindet. Vor der Turmthür wartet die wütende Menge, bereit, ihn zu lynchen; er kommt aber nicht. Man dringt in den Turm und findet ihn oben in der Glockenstube, wo er in dem Augenblicke, in dem er den festen Boden unter sich gefühlt hat, besinnungslos zusammengebrochen ist. Er wird nach Hause gebracht und erwacht nur, um im hitzigen Fieber monatelang von dem entsetzlichen Momente zu phantasieren, wo er gezwungen gewesen ist, seinen Sohn in den entsetzlichen Tod zu stürzen. Die Kunst der Ärzte und seine trotz des Alters kräftige Natur retten ihn; aber sobald die Beine noch kaum imstande sind, ihn zu tragen, geht er auf das Gericht, um sich dem Staatsanwalte zu überliefern. Was glaubt Ihr wohl, wie das Urteil gelautet hat, Mr. Hawley?“

„Wie soll es gelautet haben! Es giebt hier nur eine Strafe: für Sohnesmord den Tod,“ antwortete der Gefragte.

„Ist das wirklich Eure Meinung, Sir?“

„Natürlich. Man kann ja gar keine andre haben.“

„O doch!“

„Nein. Er hat seinen Sohn mit voller Absicht in den Tod gestoßen.“

„Nicht etwa in der Aufregung?“

„Schließt das die Absicht aus?“

„In diesem Falle wohl nicht. Aber der Fall läßt sich noch ganz anders beurteilen.“

„Möchte doch wissen, wie!“

„Er erregte natürlich ungeheures Aufsehen und wurde überall besprochen, mündlich und auch in den Zeitungen. In juristischen Kreisen war man der Ansicht, daß die Anklage wegen Mordes unbedingt aufrecht zu erhalten und der Alte unbedingt zu verurteilen, dann aber der Gnade des Monarchen zu empfehlen sei. Das Publikum verweigerte dem Thäter zunächst jede Entschuldigung, lernte aber gar bald, als es die Gründe seines Handelns erfuhr, anders denken. Ja, er hatte die That mit Überlegung begangen, aber was hatte ihn dazu veranlaßt? Der Sohn hatte ihm plötzlich zugerufen, er sei vom Schwindel ergriffen worden, so daß sich alles um ihn zu drehen scheine. „Mach die Augen zu, und halte dich fest, bis es vorüber ist; ich warte!“ mahnte ihn der Alte, der an einen kurz vorübergehenden Anfall dachte. „Ich kann nichts festhalten; ich fühle nichts,“ schrie der Sohn, indem er die Fahne fahren ließ und den Fuß des Alten ergriff. Dieser erkannte mit Schaudern, daß es kein Warten und kein Vorübergehen gab; es war einer jener Anfälle, die den Betreffenden vollständig entmannen, in denen Hilfe unmöglich ist; der Helfer wird nur selbst mit ins Verderben gezogen. In einem einzigen kurzen Augenblicke vergegenwärtigte er sich seine fürchterliche Lage. Die schwere Wetterfahne in der Linken, mußte er sich mit der Rechten festhalten; am Fuße hatte er den Sohn hängen; er fühlte die zentnerschwere Last, die ihn von der Leiter weg und in die Tiefe ziehen wollte; er wußte, daß er dies nur wenige Augenblicke aushalten könne und dann mit hinab müsse. Ja, hätte er unter dem Sohne gestanden, so hätte er ihn stützen und vielleicht, vielleicht doch retten können, so aber war dieser unbedingt verloren. Sollte der verhängnisvolle Schwindel zwei Menschenleben kosten anstatt nur eines? Sollte die arme Familie außer dem einen Ernährer auch noch den zweiten verlieren? War es nicht Selbstmord, sich mit hinabreißen zu lassen, wo er sich doch, freilich nur sich allein, halten konnte? Da rief der Sohn: „Herrgott, ich fühle die Leiter nicht mehr; ich stürze, ich falle!“ Er hing nur noch am Fuße des Vaters. Da erkannte dieser, daß das Gräßliche nicht zu umgehen sei, daß es geschehen müsse; er stieß den Sohn mit einem kräftigen Tritte von sich ab und von der Leiter. Er hörte den vielstimmigen Schrei der Zuhörer; er sah nicht hinab; es flimmerte ihm vor den Augen; sein Herz wollte stillstehen; aber er mußte stark bleiben und raffte sich mit Aufbietung aller seiner Kräfte zusammen. Wie im Traume, in einem Zustande seelischer Stumpfheit stieg er empor und vollendete seine Aufgabe. So stieg er dann auch wieder herab und barg die Leitern, eine nach der andern; aber sobald er sich dann in der Glockenstube befand, verließen ihn die Kräfte, und er brach besinnungslos zusammen. Habt Ihr nun über seine That noch dieselbe Ansicht wie vorhin, Mr. Hawley?“

„Hm! Wie Ihr es erzählt, klingt es nun freilich anders.“

„Das fühlten bald auch alle, die ihn vorher verurteilt hatten. Er bekam einen ausgezeichneten Verteidiger, und dieser that seine Pflicht. Gelehrte, Sachverständige, Universitätslehrer, mußten ihre Ansichten über den Schwindel und seine Wirkungen einreichen; eine ganze Anzahl von Dachdeckern, Zimmerleuten und andern Bauhandwerkern wurde vernommen. Essenkehrer, sogar ein Seilkünstler, meldeten sich freiwillig, um ihr Urteil zu Gunsten des Angeschuldigten abzugeben. Sie alle, ohne eine einzige Ausnahme, behaupteten, daß er nicht anders habe handeln können, daß sein Sohn unbedingt verloren gewesen sei. Kurz, er wurde freigesprochen und aus der Untersuchungshaft entlassen. Diejenigen, welche ihn im Augenblicke der Aufregung hatten lynchen wollen, empfingen ihn jubelnd am Thore des Gerichtsgebäudes. Er lebte noch eine Reihe von Jahren, geachtet von allen, die ihn kannten; man sagt, er habe nie wieder lachen oder auch nur lächeln können; es war ihm unmöglich, die That, zu der er sich gezwungen gesehen hatte, zu verwinden, aber es hat keinen einzigen Menschen gegeben, dem es in den Sinn gekommen wäre, sie ihm vorzuwerfen. Was sagt Ihr nun, Sir?“

„Daß es ganz richtig gewesen ist, ihn freizusprechen,“ antwortete Jos. „Aber was hat mein damaliger Unglücksschuß mit diesem Dachdecker zu thun?“

„Das merkt Ihr nicht?“

„Nein.“

„Und doch liegt es so nahe. Dieser Mann hat seinen Sohn, wie Ihr selbst vorhin sagtet, mit Bedacht getötet, während Ihr den Apatschen aus Versehen erschossen habt. Der Dachdecker wurde freigesprochen; wie würde eine Jury wohl über Euern Fall urteilen?“

Er blickte nachdenklich zu Boden. Es war, als ob ein heller, froher Zug über sein melancholisches Gesicht gleiten wolle; dann reichte er mir die Hand und sagte:

„Jetzt weiß ich, wie Ihr es meint, Mr. Charley. Es hat mir so lange, lange Zeit auf der Seele gelegen, daß es nicht so schnell, wie Ihr wohl denkt, abzuwerfen ist; aber ich danke Euch! Werde über Eure Erzählung nachdenken; vielleicht thut sie das, was Ihr beabsichtigt habt. Von hier aber treibt es mich dennoch fort, ich mag den Ort nicht länger sehen. Wollen machen, daß wir aus dem Unglückscañon kommen!“

Ja, ich hatte es gut mit ihr gemeint und sollte später erfahren, welchen Nutzen sie ihm und infolgedessen auch -mir brachte. Ich hatte einen dankbaren Freund gewonnen.

Wir stiegen zu Pferde und ritten weiter. Der Cañon war so lang, daß wir erst nach einer Stunde den Ausgang erreichten. Dort standen wieder mehrere Exemplare des säulenartigen Riesenkaktus, welche Früchte trugen. Als Sam Parker dies sah, hielt er sein Pferd an und sagte den andern, indem er auf mich deutete:

„Ihr werdet zugeben, Mesch’schurs, daß es immer gut ist, zu wissen, wie weit man auf einen Mann, mit dem man reitet, rechnen kann. Dieser Mr. Charley hat sich zu uns gesellt und wird uns wahrscheinlich nicht so bald verlassen. Wir können in jedem Augenblicke eine Begegnung mit den Comantschen haben und gezwungen sein, nach unsern Gewehren zu greifen. Meint Ihr nicht, daß es da richtig ist, von ihm einige Probeschüsse zu verlangen?“

„Ja, ja, er mag schießen; er mag zeigen, was er kann!“ wurde ihm beigestimmt. Nur Jos Hawley schwieg.

„Ihr habt es gehört, Sir,“ fuhr Parker fort, sich nun zu mir wendend. „Hoffentlich weigert Ihr Euch nicht, uns eine Probe von Eurer Kunstfertigkeit zu geben?“

„Nein,“ antwortete ich. „Doch setze ich voraus, daß ich nicht allein es bin, der sein Examen abzulegen hat.“

„Wer denn noch?“

„Natürlich Ihr.“

„Ich – – –?“ fragte er gedehnt.

„Ihr und die andern Gentlemen auch, wie sich doch ganz von selbst versteht.“

„Von selbst versteht? Ich wüßte nicht, warum dies so selbstverständlich sein könnte. Wahrscheinlich könnt Ihr nicht besser schießen wie ich damals, als ich zu Old Wabble kam. Ich hätte schon gestern im Lager gern einige Probeschüsse von Euch gesehen, wollte Euch aber nicht vor den Truppen blamieren. Jetzt sind wir allein und haben keine Zeugen, die gern lachen.“

Well! Nach welchem Ziele soll geschossen werden?“

„Dort stehen Kaktuspflanzen, vielleicht hundertfünfzig Schritte weit. Sie tragen Früchte. Möchte doch wissen, ob Ihr von hier aus einen solchen Kaktusapfel treffen könnt.“

„Könnt Ihr das denn, Mr. Parker?“

„Wetter! Welch eine Frage! Zweifelt Ihr etwa daran?“

„Ob ich zweifle oder nicht, das ist sehr gleichgültig.“

„Oho! Ihr seid kein Westmann, sonst müßtet Ihr wissen, daß ein solcher Zweifel eine Beleidigung ist.“

Die Sache machte mir natürlich Spaß. Old Shatterhand sollte zeigen, daß er schießen könne. Ich antwortete lächelnd und in ruhigem Tone:

„So scheint Ihr also auch kein Westmann zu sein.“

„Ich? Kein Westmann! All devils! Sam Parker soll kein Westmann sein! Wie kommt Ihr auf diese so ganz außerordentliche Idee?“

„Weil Ihr auch nicht zu wissen scheint, daß ein solcher Zweifel beleidigend ist. Würdet Ihr sonst eine Probe von mir fordern?“

Pshaw! Das ist etwas ganz andres. Ihr reitet hier auf Euerm Kutschpferde herum, um nach Altertümern zu suchen; wir aber sind Westmänner.“

„Ob Ihr das wirklich seid, weiß ich noch nicht. Ihr verlangt eine Schießprobe von mir, weil Ihr mich nicht kennt; ich kenne Euch ebenso wenig wie Ihr mich und habe also genau dasselbe Recht, zu erfahren, wie Ihr mit Euern Gewehren umzugehen versteht. Ich werde schießen, ja, aber nur dann, wenn auch Ihr mir zeigt, was Ihr gelernt habt.“

Er sah mir eine Weile ganz erstaunt in das Gesicht, brach dann in ein Gelächter aus, in welches die andern sehr laut einstimmten, und rief dann aus:

„Was wir gelernt haben! Das ist köstlich! Nicht wahr, Mesch’schurs? Sam Parker soll zeigen, was er gelernt hat! Das ist ihm noch nie widerfahren, niemals in seinem ganzen Leben!“

„Oho!“ widersprach ich ihm. „Ihr habt ja gestern erzählt, daß Ihr vor Old Wabble eine Probe ablegen mußtet, damals, als Ihr auf dreißig Schritte wohl einen Kirchthurm, aber keinen Geier treffen konntet.“

„Ja, dazumal! Aber jetzt ist es anders. Jetzt hat Sam Parker es nicht nötig, sich wie einen Schulbuben examinieren zu lassen. Doch, vielleicht habt Ihr einmal gehört, daß kein Westmann sich die Gelegenheit entgehen läßt, einen guten Probeschuß zu thun, und so wollen wir auf Euer Verlangen eingehen, so sonderbar es immer ist. Seid Ihr einverstanden, Mesch’schurs?“

Die andern neun Männer gaben ihre Zustimmung, und so stiegen wir von den Pferden. Ich nahm mir vor, recht schlecht zu schießen und mich tüchtig auslachen zu lassen. Später konnte dann ich über sie lachen. Wenn sie mich infolge meines Vorgebens wirklich für einen sonderbaren Kauz hielten, der nach alten Gräbern suchte, so mußten sie als Westmänner doch Augen dafür haben, daß mein Rapphengst kein Kutschengaul war.

Die Pulververschwendung begann. Parker und Hawley schossen zwar nicht meisterhaft, aber doch gut, die andern leidlich. Meine drei Kugeln gingen fehl; sie trafen so weit vom Ziele auf den Felsen, daß ich allerdings ein überlautes Gelächter erntete und Parker in verweisendem Tone zu mir sagte:

„Habe es mir gedacht! Wer seine Kugeln über zwanzig Schritte zu weit seitwärts fliegen läßt, der sollte nicht ein solches Bigmouth, sein, Sam Parker Probe schießen zu lassen! Nehmt mir dieses Wort nicht übel, Sir, aber blamiert seid Ihr im höchsten Grade! Ihr werdet weder ein Wild noch einen Indianer treffen und könnt froh sein, daß Ihr uns getroffen habt, Ihr gefallt mir trotz alledem, und wir haben nichts dagegen, daß Ihr bei uns bleibt, bis wir in eine Gegend kommen, wo Ihr Euern Weg ohne Gefahr allein fortsetzen könnt.“

Wir stiegen auf und ritten weiter. Es fiel mir nicht ein, ihm das Bigmouth und die Ermahnung übel zu nehmen; seine Ausdrucksweise war eben keine übermäßig feine, und ich hatte es ja nicht anders gewollt.

Es waren zunächst einige durch Schluchten getrennte Hochplateaus zu durchqueren, und dann ging unser Weg nach dem Gebiete des Rio Pecos hinab, den wir, falls wir die gleiche Schnelligkeit beibehielten, morgen gegen Abend erreichen konnten. Bald gab es hier und da eine grasige Stelle, dann Laubgrün, welches aus Beerenranken und dergleichen bestand, und am Nachmittage trafen wir auf ein Wasser, an welchem erst vereinzelte Büsche und dann dichter stehende Sträucher Nahrung fanden. Grad als die Sonne untergehen wollte, führte dieses Wasser durch ein Thal, welches unsern Pferden fette Weide bot und mehrere zum Nachtlager gut geeignete Stellen zeigte. Es standen sogar Bäume hier.

Parker, der unter stillem Einvernehmen als unser Anführer galt, wählte einen Platz, der fast rundum von Büschen umgeben war und da, wo das Strauchwerk die einzige Öffnung hatte, von dem Bache abgeschlossen wurde. Diese Wahl war gar nicht übel getroffen, besonders da die Größe dieser Lagerstelle auch unsern Pferden Raum bot, die wir also während der ganzen Nacht bei uns haben konnten und nicht besonders zu bewachen brauchten. Als wir abgestiegen waren und wir andern es uns bequem gemacht hatten, ging Parker mit Hawley fort, um zu versuchen, frisches Fleisch zu schießen. Als sie kurz nach Sonnenuntergang zurückkamen, sahen wir, daß sie Glück gehabt und mehrere Hühner geschossen hatten, die nun gebraten wurden. Dürres Gezweig zum Feuer gab es zur Genüge. Ich bekam meinen Anteil und zog mich dann, als ich ihn verzehrt hatte, vom Feuer weg an den Buschrand zurück, wo ich mein Pferd anpflockte und mich in der Nähe desselben niederlegte.

Die andern unterhielten sich in der gewöhnlichen Weise der Westmänner, und da ihr Gespräch mir nichts Neues bot, so zog ich es vor, allein zu sein. Ich hatte mich seit der Schießprobe meist allein gehalten, und nur Jos hatte einigemale sein Pferd neben das meinige gelenkt, um einige Worte an mich zu richten, welche freundlicher waren, als es sonst seine Art und Weise zu sein schien. Er saß jetzt still bei seinen Kameraden und warf nur zuweilen eine kurze Bemerkung in ihr Gespräch. Man sah ihm an, daß er sich mit einem Gedanken beschäftigte, den ich leicht erraten konnte. Dann stand er dort auf, kam langsam zu mir herbei, setzte sich neben mich und sagte:

„Darf ich zu Euch kommen, Sir, oder ist es Euch lieber, allein zu sein?“

„Bleibt hier, Mr. Hawley! Ihr seid mir recht.“

„Das freut mich. Ihr scheint ein schweigsamer Mann zu sein, und ich werde Euch nicht mit Worten belästigen; bin auch lieber still als laut; aber Dank sagen muß ich Euch doch.“

„Wofür?“

„Für Eure heutige Geschichte. Habe während des ganzen Rittes an sie denken müssen. Bin auch jetzt noch nicht ganz über sie hinweg, aber ich fühle doch schon, daß sie mir Erleichterung verschaffen wird. Es ist ein verdammt miserables Gefühl, der Mörder eines Freundes zu sein!“

„Daß Ihr das nicht seid, habe ich Euch schon vorher gesagt, und das hat Euch dann auch noch meine Geschichte sagen und beweisen sollen.“

Well! Ich bin Euch Dank schuldig, und es ist mir, als ob ich Euch lieb gewinnen sollte. Ihr seid zwar kein großes Licht im Westen, aber Ihr habt so etwas an Euch, was mich zu Euch zieht, so – – so – – – na, grad so als wie wenn man rechten Durst hat und ein helles Wasser blinken sieht; so klar und hell ist Euer Gesicht. Man schaut gern hinein. Darum habe ich mich über Eure Schießprobe geärgert, um Euertwillen natürlich nur. Es wäre mir lieb gewesen, wenn sie besser ausgefallen wäre und Ihr Euch nicht gar so lächerlich gemacht hättet. Wurmt Euch das nicht auch?“

„Nein.“

„Nicht? Hm, sonderbar! Es ist doch keine Ehre, so gar weit seitwärts zu schießen.“

„Aber auch keine Schande.“

„Doch, und zwar keine kleine.“

„Die Gaben sind nicht gleich verteilt. Wer kein guter Schütze ist, der leistet wahrscheinlich in etwas anderem mehr.“

„Mag sein; nur fragt es sich, ob dieses andre hier im wilden Westen von Nutzen ist. Doch ich will Euch nicht wehe thun, indem ich von etwas spreche, was Ihr nicht könnt; ich wünsche Euch vielmehr alles Gute und wollte, ich dürfte Euch von Nutzen sein. Doch schweigen wir; ich bin kein Freund von schönen Redensarten.“

Er legte sich nieder und streckte sich aus.

Die am Feuer unterhielten sich so laut, wie ich es sonst nicht geduldet hätte; aber da sie nicht wußten, wer ich war, hätten sie keine Weisungen oder gar Befehle von mir angenommen. Die Nähe von Comantschen war gar nicht ausgeschlossen; das wußten sie recht gut. Und ich, der ich den Zettel Winnetous gelesen hatte, wußte das noch besser. Ihr lautes Gespräch war eine noch größere Unvorsichtigkeit als die, daß sie ein Feuer angezündet hatten. Der Schein desselben konnte durch das Gebüsch dringen und uns verraten. Und wenn dies nicht der Fall war, so mußte eine geübte Indianernase den Geruch des Rauches mehrere hundert Schritte weit bemerken. Ich nahm mir daher vor, Augen und Ohren offen zu halten, bis das Feuer niedergebrannt sein würde.

So lag ich lange da, mit dem einen Ohre, um in die Ferne hören zu können, dicht an der Erde und den Blick unausgesetzt an den Büschen hin spazieren führend. Da sah ich, daß mein Pferd im Grasen innehielt und den Kopf in bezeichnender, mir wohlbekannter Weise nach der Seite hielt. Es sog die Luft ein, schnaufte leise und drehte sich dann nach mir um. Es näherte sich jemand von der angegebenen Seite, und dieser jemand war ein Weißer. Wäre er ein Indianer gewesen, so hätte der Rappe nicht geschnaubt. Das gehörte zu der indianischen Dressur, die er erhalten hatte.

„Isch hosch!“ sagte ich halblaut.

Das Pferd verstand den Befehl und legte sich nieder; es hatte mich gewarnt und gab nun sicher kein Zeichen der Unruhe mehr. Der, welcher sich uns näherte, sollte dem Hengste nicht ansehen, daß sein Kommen verraten war.

Höchst wahrscheinlich war es ein einzelner Mann. Er mußte unser Feuer gerochen haben und hatte jedenfalls sein Pferd zurückgelassen, um uns zu beschleichen. Zu befürchten war nichts von ihm, sondern es mußte im Gegenteile unter den jetzigen Verhältnissen einem jeden Bleichgesichte lieb sein, auf Weiße zu treffen. Es war also anzunehmen, daß er uns belauschen und dann sein Pferd holen werde, um sich uns anzuschließen.

Die Richtung, in welcher er sich befand, wußte ich also. Ich wendete mich derselben zu und schloß die Augen halb, um zwischen den fast geschlossenen Lidern hindurch die betreffende Stelle des Gesträuches zu beobachten. Er sollte nicht sehen, daß mein Blick auf ihn gerichtet war.

Der Schein des Feuers drang zwischen den Blättern hindurch, deren Schatten er hell umsäumte. Ich sah eine leise, leise Bewegung der Zweige. Der Mann kam langsam und höchst vorsichtig durch das Gebüsch gekrochen. Zu hören war nichts, gar nichts, zumal meine Begleiter noch immer laut sprachen. Jetzt hatte er den Rand des Gesträuches erreicht; es war schwer für ihn, hindurchzusehen, weil grad diese Stelle dicht belaubt war. Er mußte etwas davon entfernen, wenigstens einen Ast oder Zweig. Abbrechen durfte er ihn nicht, weil wir das dadurch entstehende Geräusch hätten hören können; ich nahm also an, daß er ihn abschneiden würde. Und richtig, schon nach kaum einer halben Minute sah ich einen, freilich sehr geringen Teil des Blattwerkes verschwinden.

Als ich nun den Blick mit doppelter Schärfe nach der Stelle richtete, sah ich zwei wie phosphorescierende Punkte; das waren seine Augen, die allerdings nur ein Westmann erkennen konnte, dessen Gesicht durch lange Übung geschärft worden war. Es giebt im Westen hunderte von Jägern, die es niemals fertig bringen, des Nachts die Augen eines Spähers zu entdecken. Die Übung thut es nicht allein; sie ist zwar sehr notwendig dazu, aber es muß das auch eine Gabe, also angeboren sein. Über seinen Augen lag es wie ein hellerer Streifen, wie ein Schein von einem weißen Schleier. Der Mann mußte alt sein und schneeweißes Haar haben. Da plötzlich stieß er einen lauten Ruf aus, sprang im Gebüsch auf und that einen Sprung aus demselben hervor.

„Parker, Sam Parker ist da!“ rief er aus. „Das ist ein alter Bekannter, und da brauche ich mich ja nicht zu verstecken.“

Die Männer am Feuer schnellten erschrocken empor; auch Jos sprang neben mir auf; ich blieb liegen.

„Old Wabble, Old Wabble!“ schrie Parker. Aber gleich einsehend, daß er den Spitznamen dieses Mannes genannt hatte, fügte er, sich verbessernd, hinzu: „Fred Cutter! Verzeihung, daß mir dieses Wort entfuhr, Mr. Cutter! Die Überraschung ist daran schuld.“

Also Old Wabble, den ich so gern einmal hatte sehen wollen und von dem wir gestern noch gesprochen hatten! ja, da stand er im Scheine des Feuers, grad so, wie er mir beschrieben worden war. Seine Gestalt war lang und außerordentlich schmal. An den Füßen trug er Sporen, deren Räder von außerordentlicher Größe waren; die dürren Beine steckten in Leggins, die wenigstens ein Jahrhundert alt zu sein schienen; das überaus schmutzige Hemde ließ Hals und Brust unbedeckt, und darüber hing in weiten Falten eine Jacke, deren Farbe kaum mehr zu erkennen war. Sein alter Hut hatte eine unendlich breite Krempe und saß ihm tief im Genick; darunter trug er ein Tuch, dessen Zipfel hinten bis auf die Schultern niederhingen. An den Ohrläppchen sah ich große, schwere Silberringe. In dem Gürtel steckte ein alter, langer Bowiekneif, und mit der knochigen, rechten Hand hielt er ein Gewehr umfaßt, dessen Konstruktion ich jetzt nicht erkennen konnte. Das Gesicht war genau so, wie es Parker uns gestern in Worten gezeichnet hatte. Am meisten fiel an diesem frühern Könige der Cowboys das weiße Haar ins Auge, welches wie eine silberne Mähne unter dem Hute und dem Tuche hervorquoll und ihm fast bis zum Gürtel herabreichte.

Er warf einen schnellen, scharf musternden Blick umher, wabbelte mit einer überlegenen Bewegung seine Glieder durcheinander und antwortete auf die entschuldigenden Worte Parkers:

Pshaw! Ich weiß, daß man mich so nennt, und habe nichts dagegen, daß Ihr dies auch thut. Ihr seid verdammt unvorsichtige Kerls, ihr. Brennt ein Feuer, welches man zwanzig Meilen weit riecht, und schreit, daß man es noch zehn Meilen weiter hört! Wenn ein halbes Dutzend Rote an meiner Stelle gewesen wären, so hätten sie euch in weniger als einer Minute auslöschen können; th’is clear. Es giebt Menschen, die im Leben nie klug werden. Wo kommt ihr denn eigentlich her, Boys?“

„Vom Gila herüber,“ antwortete Parker.

„Und wo wollt ihr hin?“

„Nach dem Pecos hinab.“

„Das trifft sich gut. Kann euch dort brauchen. Habt ihr vielleicht das Truppenlager berührt, welches da oben einige Reitstunden hinter dem Mistake-Cañon liegt?“

„Wir haben dort eine Nacht gelagert.“

„Sind die Uniformleute noch dort?“

„Ja.“

„Gut, sehr gut! Ich muß nämlich wieder hinauf zu ihnen. War schon einmal dort.“

„Das hörten wir.“

Well, habe eine dringende Bitte an sie; brauche ihre Hilfe. Ich werde euch das erzählen, will aber erst mein Pferd holen, welches ich weiter unten, als ich euer Feuer roch, angepflockt habe, um euch zu beschleichen. Bin in kurzem wieder da.“

Er sprang über den Bach hinüber und verschwand. Die zehn Männer standen noch da, fast starr vor Überraschung. Nun, da er fort war, ergingen sie sich in Ausdrücken der Verwunderung; ich schwieg wie bisher. Mein Pferd lag noch an der Erde. Da es so nicht fressen konnte, rief ich ihm zu Schischi! Es sprang sofort auf und begann wieder zu weiden.

Nach einiger Zeit kam Old Wabble wieder, sein Pferd am Zügel führend. Als er mit ihm den Bach übersprungen hatte, ließ er es laufen, setzte sich an das Feuer und sagte:

„Diese Flamme ist eigentlich viel zu groß; th’is clear; da ich aber erst jetzt gekommen bin und also weiß, daß die Gegend sicher ist, so können wir es brennen lassen. Wie lange wollt ihr hier liegen bleiben?“

„Nur diese Nacht.“

„Werdet auch morgen und die nächste Nacht hier liegen.“

„Schwerlich!“

„Sicher! Sollt gleich erfahren, warum. Möchte nur vorher wissen, wer ihr alle seid. Sam Parker kenne ich, der damals seinen ersten Elk bei mir geschossen hat. Wer sind die andern?“

Parker nannte ihre Namen, deutete dann auf mich und fuhr in leichtem Tone fort:

„Und der dort ist Mr. Charley, ein deutscher Gelehrter, der nach alten Indianergräbern sucht.“

Old Wabble richtete sein Auge auf mich, da ich ruhig liegen blieb, und meinte:

„Nach Indianergräbern? Sonderbare Beschäftigung! Aber doch auch Westmann?“

„Nein,“ fuhr Parker fort. „Er mußte heut drei Probeschüsse thun und hat über zwanzig Schritte weit gefehlt.“

„Hm, kenne das, habe solche Forscher gesehen, die in die Savanne kamen, um Bücher zu machen, Bücher über die Sprache und Abstammung der einzelnen roten Stämme. Bin ihr Führer gewesen und habe mich krank geärgert. Keiner von ihnen konnte das Messer oder das Gewehr richtig in die Hand nehmen. Die Gelehrsamkeit verdirbt den Menschen; th’is clear. Aber jetzt eine wichtige Frage an Euch. Möchtet Ihr einige Dutzend Indianerskalps haben?“

„Warum nicht! Von welchem Stamme?“

„Comantschen.“

„Soll mir recht sein, Mr. Cutter. Ist es leicht?“

„Nicht allzu sehr. Man kann dabei leicht seine eigene Haut riskieren. Fürchtet Ihr Euch?“

„Das nicht; aber ich pflege erst dann zu spielen, wenn ich die Karten kenne. Ich halte es also für richtig, daß Ihr uns vorher sagt, um was es sich handelt.“

„Habt Ihr den Namen Old Surehand gehört?“

Bei diesem Namen ergriff alle eine Bewegung der Überraschung, und Parker fragte schnell:

„Old Surehand? Handelt es sich um den?“

Yes. Ihr kennt ihn also?“

„Natürlich, alle, wenn wir ihn auch nicht gesehen haben. Er ist der beste Schütze im ganzen wilden Westen.“

„Da ist vielleicht zuviel behauptet. Seine Kugel geht zwar niemals fehl, daher sein Name; aber Winnetou und Old Shatterhand schießen wenigstens ebenso sicher. Ich habe Old Surehand vor einiger Zeit kennen gelernt und allen Respekt für ihn gewonnen. Wir trennten uns vor kurzer Zeit, denn ich mußte in die Gegend von Fort Stanton hinauf und er wollte nach dem Rio Pecos zu den Mescalerosapatschen, um dort nach Winnetou zu fragen und ihn und Old Shatterhand kennen zu lernen. Kurz nach unsrer Trennung erfuhr ich, daß die Comantschen die Kriegsbeile ausgegraben haben; er wußte das nicht, und da sein Weg ihn über ihre Route führte, befand er sich in großer Gefahr; ich lenkte also schnell zurück, um ihn zu warnen, was nicht schwer war, denn ich kannte seinen Weg. Ich holte ihn auch richtig ein; aber der Satan hatte sein Spiel: Wir waren noch keine Viertelstunde bei einander, so wurden wir von einem Comantschenhaufen überrumpelt und überfallen.“

„Alle Wetter! Waren es viele?“

„Über hundert.“

„Und ihr nur zwei?“

Yes.“

„Und seid trotzdem entkommen!“

„Ich wohl, aber nicht er,“ antwortete Old, indem sein Gesicht sich in pfiffige Falten legte.

„Ihr habt ihn allein gelassen?“

Yes.“

„Teufel! War das recht von Euch?“

Da richtete der Alte seinen Oberkörper auf, machte ein unendlich überlegenes Gesicht und fragte:

„Wollt Ihr etwa mir, Fred Cutter, den man Old Wabble nennt, Vorwürfe machen? Da seid Ihr nicht der Mann dazu. Merkt Euch das! Ein Gramm List ist oft besser als zehn Kilogramm Pulver; das weiß ich ganz genau. Ja, ich habe mich aus dem Staube gemacht, denn warum nicht? Gegenwehr war nutzlos; darum ergab sich Old Surehand freiwillig. Ich habe gesehen, daß er nicht verletzt worden ist. Sollte ich mich auch ergeben? Dann wären wir beide gefangen gewesen, konnten einander wahrscheinlich gar nichts nützen und niemand hätte von unsrem Schicksale gewußt. Die Comantschen hätten uns am Marterpfahle abgeschlachtet, und es wäre erst nach unsrem sanftseligen Tode ruchbar geworden, daß wir in ihre Hände gefallen und von ihnen mit einem Ticket, nach den ewigen Jagdgründen beschenkt worden sind. Nein, solche Pudel schießt Old Wabble nicht! Ich machte mich lieber davon. Ihre Kugeln flogen mir zwar nach, haben mich aber nicht getroffen; th’is clear, denn sonst würde man die Löcher sehen. Nun bin ich frei und kann Old Surehand heraushelfen. Ist das nicht besser, als wenn ich mich mit ihm hätte gefangen nehmen lassen?“

„Das mag richtig sein, Mr. Cutter. Aber man wird erzählen, daß Old Wabble vor den Comantschen geflohen ist. Kann Euch das lieb sein, Sir?“

„Einen Vorwurf kann mir nur ein dummer Kerl draus machen. Ein gescheiter und erfahrener Westmann aber weiß, was und wie er zu denken hat. Was ist wohl leichter, sich ohne Widerstand ergeben oder sich den Fluchtweg durch hundert Rote bahnen?“

„Das letztere gewiß nicht.“

„Also! Warum spracht Ihr da vorhin so albernes Zeug! Ich werde Old Surehand herausholen.“

„Das traue ich Euch zu. Aber wie wollt Ihr das anfangen? Es ist eine schwere und gefährliche Sache.“

„Das weiß ich gar wohl; aber soll ich diesen braven und berühmten Jäger stecken lassen? Ich dachte sofort an die Dragoner, die da oben hinter dem Mistake-Cañon lagern, und ritt direkt herauf, sie zu Hilfe zu holen.“

„Werden sie mitgehen?“

„Ich vermute freilich, daß sie sich weigern, weil sie es auf einen andern Comantschenstamm abgesehen haben, aber ich werde so lange bitten oder drohen, bis sie mir den Willen thun.“

„Wenn es dann noch Zeit ist!“

Well, es eilt freilich sehr. Der Überfall geschah heut beim Grauen des Morgens. Hier muß ich mein abgetriebenes Pferd bis früh rasten lassen und erreiche die Truppen also erst morgen abend. Selbst falls sie gleich mit aufbrechen, dauert es zwei Tage, bis wir an Ort und Stelle kommen, wo wir die Comantschen gewiß nicht mehr finden. Wir müssen ihnen also folgen, und es kann wieder zwei Tage oder länger dauern, ehe wir sie einholen. Inzwischen können sie Old Surehand den Garaus gemacht haben. Leider aber weiß ich keinen andern Weg, ihn zu retten. Ich rechne dabei auch auf Euch, Mr. Parker.“

„Wieso?“

„Der Kommandant der Truppen giebt mir wahrscheinlich nur einen Teil derselben mit. Ich bitte Euch deshalb, hier zu bleiben, bis ich übermorgen mit ihnen komme, und Euch uns dann anzuschließen. Zehn Westmänner mit zehn guten Gewehren sind eine große Mithilfe.“

„Ich sage nicht nein, und wie ich meine Gefährten hier kenne, sind sie auch bereit dazu. Ich fürchte eben nur, daß wir zu spät kommen werden. Können wir den Coup denn nicht allein und ohne die Truppen versuchen? Es würden dadurch wenigstens zwei volle Tage gewonnen. Überlegt Euch das einmal, Sir!“

Old Wabble ließ eine prüfenden Blick im Kreise herumgehen; das Resultat desselben schien kein sonderliches zu sein, denn er zog sein Gesicht in bedenkliche Falten und sagte:

„Euer Anerbieten in allen Ehren, Sir; aber es handelt sich um ein höchst gefährliches Unternehmen. Sind diese Männer hier bereit, ihr Leben für einen Fremden zu wagen, und wenn es auch ein Old Surehand ist?“

„Hm! Fragt sie selber, Mr. Cutter!“

Als Old Wabble hierauf die Leute einzeln fragte, antworteten nur Parker und Hawley in bestimmtem, freudigem Tone; den übrigen war es, obgleich sie auch ja sagten, anzuhören, daß sie wünschten, das Abenteuer möchte weniger gefährlich sein.

Well,“ nickte der Alte sehr ernst; „ich weiß, woran ich bin.“ Und nach mir deutend, fügte er hinzu: „Und der Altertümler dort, der zwanzig Schritte vorbeischießt, kann uns erst recht nichts nützen. Hätte ich nur eine Handvoll entschlossener und erfahrener Kerls, so wäre es gar kein so großes Wagnis; man muß sich nur auf die Leute fest verlassen können. Denkt nur, wie oft Old Shatterhand und Winnetou ganz ohne alle andre Hilfe noch viel, viel schwerere und gefährlichere Dinge ausgeführt haben! Ich hatte erst den Gedanken, Winnetou aufzusuchen; aber ich weiß nicht, an welcher Stelle des Rio Pecos sein Mescalerostamm zu finden ist und – –“

Er hielt inne. Mein Hengst pflegte sich gern allein zu halten und kein fremdes, ihm unbekanntes Pferd in seiner unmittelbaren Nähe zu dulden; jetzt war ihm das Pferd Old Wabbles zu nahe gekommen; er biß nach ihm, es biß wieder, und sie gerieten zusammen.

„Was ist denn das für ein impertinenter Gaul, der da mein Pferd maltraitiert,“ rief der Alte, indem er aufsprang.

Er eilte herbei und ergriff den Rappen beim Zügel, um ihn von seinem Klepper wegzureißen; der Hengst aber stieg vorn kerzengerade empor, riß ihn mit in die Höhe und schleuderte ihn zur Seite, daß er neben mir niederflog. Er sprang schnell mit einem Fluche auf und wollte wieder zugreifen; da warnte ich ihn:

„Faßt Euer Pferd, aber ja nicht das meinige; es gehorcht nur mir und würde Euch mit den Hufen zerschmettern!“

Der Hengst hatte sich wirklich schon in Positur gesetzt und stand bereit, ihm im Falle eines zweiten Angriffes die Hinterhufe an den Kopf oder die Brust zu geben; er wendete dabei den ausgezeichnet schönen Kopf zurück nach ihm und bildete so, vom Feuer beleuchtet, einen Anblick, der jeden wirklichen Pferdekenner in Entzücken versetzen mußte. Old Wabble hatte vorhin das prächtige Geschöpf gar nicht betrachtet; jetzt fuhr er einige Schritte zurück und rief erstaunt:

Thunder-storm, was für ein Tier ist das! Das muß man genauer betrachten!“

Er ging, sich respektvoll fern haltend, um den Hengst herum. Als einstiger „König der Cowboys“ war er gewiß ein guter Pferdekenner. Sein altes Gesicht nahm mehr und mehr den Ausdruck des Entzückens an.

„So ein Pferd sah ich noch nie!“ gestand er ein. „Es giebt nur einen solchen Stamm, und der wird bei den Mescaleros gezüchtet. Von ihm stammen zwei Rapphengste wie dieser hier, deren Herren – –“

Er unterbrach sich, trat zu mir, der ich noch immer im Grase lag, betrachtete mich genau, bückte sich, nahm meinen Bärentöter und den Henrystutzen, der noch in dem Futterale steckte, in die Hand, besah sich diese Gewehre, legte sie wieder hin und fragte mich:

„Dieser Hengst ist Euer, Sir?“

„Ja,“ nickte ich.

„Ihr habt ihn gekauft?“

„Nein.“

„Geschenkt erhalten?“

„Ja.“

Da ging ein unaussprechlich pfiffiges Lächeln über die Falten des alten Gesichtes; er nickte mit dem Kopfe, indem seine Augen froh zu leuchten begannen, und fragte weiter:

„Habt Ihr den Jagdrock auch geschenkt bekommen und die Leggins, die Ihr tragt, Sir?“

„Ja.“

„Und Ihr forscht wirklich nach alten Gräbern?“

„Zuweilen, ja.“

„Und heißet Charley?“

„Gewiß.“

Well! Ich kenne einen Weißen, oder vielmehr ich habe von ihm gehört, den sein Blutsbruder Charley nennt, und wünsche Euch, in Euern Altertumsforschungen recht glücklich zu sein. Verzeiht, daß ich Euer Pferd beinahe maltraitiert hätte; ich werde es nicht wieder thun; th’is clear!“

Er kehrte zum Feuer zurück und setzte sich dort nieder; er hatte mich durchschaut und wollte mein Incognito nicht verraten. Die andern begriffen sein Verhalten und seine Worte nicht und sahen ihn verwundert und fragend an. Als er ihnen aber ein gleichgültiges Gesicht zeigte und keine Antwort gab, nahmen sie, ohne sich über mich irgendwelche Gedanken zu machen, das unterbrochene Gespräch wieder auf. Ich aber erhob mich aus dem Grase und ging an ihnen vorüber, um den Lagerplatz zu verlassen, und zwar mit einer Miene, als ob ich gar keinen besondern Grund dazu hätte. Ich wollte ihre Aufmerksamkeit nicht erregen.

Es gab gar wohl einen Grund, einen sehr triftigen, für mich, einmal fortzugehen. Old Surehand und Old Wabble waren überfallen worden; der letztere hatte die Flucht ergriffen, und sie war ihm geglückt. Er war einer der tüchtigsten, der erfahrensten und der schlausten Westmänner; darum wunderte ich mich darüber, daß er sich so sicher fühlte. Es stand bei mir fest, daß er von den Comantschen verfolgt worden war. Sie mußten sich doch sagen, daß er Hilfe für Old Surehand holen werde, und mußten ihn einholen, um ihn unschädlich zu machen. Er war zwar sehr schnell geritten, aber ich nahm an, daß man zu seiner Verfolgung die bestberittenen Krieger ausgewählt habe, und so konnte der Abstand zwischen ihnen, also der Vorsprung, den er vor ihnen hatte, kein allzu großer sein. Vielleicht hatten sie beim Einbruche des Abends Lager gemacht; da sie aber vermuten mußten, daß er in dem leicht gangbaren Thale noch weiter geritten sei, so war es sehr leicht möglich, daß sie dasselbe gethan hatten. In diesem Falle konnten sie jetzt nicht sehr fern von uns sein. Mochte meine Vermutung das Richtige treffen oder nicht, ich wollte einmal suchen gehen.

Als ich über den Bach gesprungen war, wendete ich mich abwärts. Meine an die Dunkelheit gewöhnten Augen machten es mir leicht, mich zu orientieren. Ich wählte zum Gehen solche Stellen, die ein Reiter vermeiden mußte, und fühlte mich also ziemlich sicher. Dennoch hatte ich das Bowiemesser in der Hand und hielt mich zur schnellsten Verteidigung bereit, denn die Roten konnten das Feuer gerochen haben und zu Fuße herangeschlichen kommen.

So ging ich unhörbar weiter und weiter, keinen Schritt eher wagend, als bis ich mich überzeugt hatte, keinen Feind unmittelbar vor mir zu haben. Als dann das Feuer kaum mehr zu riechen war, blieb ich stehen. Das war der kritische Punkt, die entscheidende Stelle, und ich setzte mich nieder, um zu warten. Hatten die Verfolger sich gelagert, so kamen sie nicht, und wir mußten morgen früh auf sie treffen; waren sie trotz der Dunkelheit weitergeritten, so mußte hier der Rauch ihre Nasen berühren, und sie blieben wahrscheinlich halten, um sich zu besprechen. In diesem Falle wollte ich versuchen, ihre Worte zu belauschen.

Als ich wohl über eine Stunde gewartet hatte, sagte ich mir, daß mein Weg ein vergeblicher gewesen sei und die Begegnung erst morgen erfolgen werde. Ich stand auf, um zurückzukehren. Da war es mir, als ob ich von unten her ein Geräusch gehört hätte; ich blieb stehen und horchte. Ja, es kam jemand. Sofort kauerte ich mich hinter einen Busch nieder.

Das Geräusch näherte sich; ich vernahm den dumpfen Huftritt von Pferden im weichen Grasboden; es konnten nur drei sein. Jetzt sah ich die Reiter; es waren nur zwei; und zwar Indianer. Da sie hoch im Sattel saßen, konnte ich gegen den Himmel ihre Gestalten deutlich erkennen. Sie ritten, ohne anzuhalten, an mir vorüber; ich huschte seitwärts hinter Sträuchern neben ihnen her. Wenn ich dabei ja ein leises Geräusch verursachte, so wurde es von den Schritten der Pferde übertönt. Übrigens hatte ich ihnen nicht weit zu folgen, denn der eine hielt plötzlich an, sog die Luft laut hörbar ein und sagte in der mir geläufigen Sprache der Comantschen, welche derjenigen der Schoschonen ähnlich ist:

„Uff! Riecht das nicht wie Rauch?“

Der andere schnuffelte auch und antwortete dann:

„Ja, das ist Rauch.“

„Der weiße Hund ist so unvorsichtig gewesen, ein Feuer anzubrennen.“

„Da er das gethan hat, kann er kein berühmter Krieger sein, denn ein solcher würde diese große Unvorsichtigkeit nicht begangen haben.“

„Ja, er ist ein ganz gewöhnlicher und unerfahrener Krieger, und es wird mir und meinem Bruder nicht schwer fallen, ihm den Skalp zu nehmen.“

„So hat es also genügt, daß nur wir beide ihm folgten. Mein Bruder wollte lagern, als es dunkel wurde. Wie gut, daß er mir folgte, als ich weiterritt! Wir holen den Skalp und kehren dann sogleich nach dem Saskuan-kui zurück, wohin unsre Krieger vorangezogen sind. Wir müssen aber hier absteigen.“

„Das braucht mein Bruder mir nicht zu sagen; ich weiß, daß man sich nicht zu Pferde anschleicht, um einen Feind zu überraschen.“

Sie schwangen sich von ihren Tieren und pflockten diese an; dann schlichen sie weiter, ich hinter ihnen her. Sie richteten ihre Aufmerksamkeit nur nach vorn; ich war nur acht Schritte von dem Hintersten entfernt. Sollte ich warten, bis sie sich bei unserm Feuer in die Büsche verkrochen? Nein; das wäre ein großer Fehler gewesen. Ich mußte sie jetzt angreifen und zauderte nicht, dies zu thun. ich steckte das Messer ein und zog den Revolver. Drei, vier schnelle, weite Sprünge, ich erreichte den Hintermann und schlug ihm den Griff der Waffe so an den Kopf, daß er zusammenstürzte.

Der Vorangehende hörte das, blieb stehen, sah sich um und fragte:

„Was war das? Was hat mein Bruder – – –“

Er konnte nicht weitersprechen; ich war auf ihn zugesprungen, faßte ihn mit der linken Hand beim Halse und gab ihm mit der rechten einen Hieb, daß er auch zusammenbrach. Sie hatten Lassos bei sich; ich legte die Bewußtlosen mit den Rücken gegeneinander und schlang die unzerreißbaren Riemen so fest von oben bis unten um sie, daß sie sich nach ihrem Erwachen gewiß nicht bewegen konnten. Da es ihnen aber möglich war, fortzurollen, so schleifte ich sie bis zu dem nächsten Baume und band sie an denselben fest. Nun konnten sie sich auf keinen Fall losmachen, und ich kehrte nach unserm Lager zurück.

Dort angekommen sagte ich nichts, sprang über den Bach und legte mich da nieder, wo ich vorhin gelegen hatte. Old Wabble sah mich forschend an; den andern war meine lange Abwesenheit gar nicht aufgefallen.

„Ihr waret nicht da, Sir, und wißt also nicht, was indessen besprochen worden ist. Ich werde nämlich nicht hinauf nach dem Militärlager reiten,“ sagte er.

„Ist Euch ein anderer Gedanke gekommen?“ fragte ich. „Vielleicht ein neuer Plan?“

„Ja. Ich hatte etwas vergessen, woran ich sogleich hätte denken sollen. Ihr habt doch von Old Shatterhand gehört?“

„Gewiß.“

„Nun, dieser Jäger ist in der Nähe des Rio Pecos, und ich bin entschlossen, ihn aufzusuchen und um Hilfe zu bitten. Meint Ihr, daß er uns diese gewähren wird?“

„Ich bin überzeugt davon.“

Pshaw!“ fiel da Parker in wegwerfendem Tone ein. „Wie kann Mr. Charley wissen, was so ein Mann wie Old Shatterhand thun oder lassen wird! Er hat ja gar keine Ahnung davon, daß Old Shatterhand, wenn er will, ganz allein im stande ist, den Gefangenen zu befreien.“

„Nun, so unwissend, wie Ihr meint, bin ich doch nicht ganz,“ verteidigte ich mich. „Wenn ich auch nicht ganz zu den namhaften Westmännern gehöre, so würde ich doch vielleicht nicht solche Fehler begehen, wie Ihr begangen habt.“

„Wir? Fehler?“

„Ja.“

„Welche denn?“

„Ihr habt Euch von Mr. Cutter überrumpeln lassen, ohne seine Annäherung zu bemerken.“

„Habt etwa Ihr sie bemerkt?“

„Ja.“

„Macht uns nichts weiß, Mr. Charley!“

Pshaw! Ich kann es beweisen.“

„So thut dies doch!“

„Sehr gern. Mr. Cutter, sagt einmal: Habt Ihr nicht, um besser sehen zu können, einen Zweig abgeschnitten, als Ihr dort im Busche laget?“

„Ja, das ist richtig. Ihr habt es also gesehen, Sir; das ist erwiesen, sonst könntet Ihr es nicht wissen.“

„Wenn Ihr es gesehen habt, warum habt Ihr es uns da nicht gesagt?“ fragte Parker.

„Weil ich das für überflüssig hielt.“

„Oho! Wenn es nun ein Roter gewesen wäre!“

„Ich wußte, daß es ein Weißer war.“

„Unmöglich!“

„Ihr wollt ein Westmann sein und wißt nicht, wie man in dunkler Nacht und ohne ihn zu sehen, einen Weißen von einem Roten unterscheidet!“

„Wollt Ihr mich vielleicht belehren?“

„Nötig wäre es, daß ich es thäte, denn Ihr habt einen noch viel größern Fehler begangen, als dieser war. Ein solcher Fehler kann das Leben kosten.“

„Alle Wetter! Macht mich doch, wenn Ihr die Güte haben wollt, mit diesem lebensgefährlichen Fehler bekannt!“

„Auch diesen Wunsch will ich Euch erfüllen. Könnt Ihr mir vielleicht sagen, was die Roten zu thun pflegen, wenn ihnen ein Weißer echappiert?“

„Natürlich kann ich das. Sie reiten ihm nach, um ihn festzunehmen. Das weiß doch jedermann!“

„Ihr scheint es nicht zu wissen.“

„Wieso? Ihr werdet beleidigend, Sir.“

„Ich will nicht beleidigen, sondern nur warnen. Mr. Cutter ist den Comantschen entwichen. Glaubt Ihr, daß sie ihn nicht verfolgt haben?“

Zounds! Daran habe ich nicht gedacht!“

„An so etwas soll man aber denken. Die Indsmen werden schon um Old Surehands willen Mr. Cutter verfolgt haben, um ihn unschädlich zu machen.“

Thunder-storm!“ rief da Old Wabble aus, indem er sich mit der Hand an die Stirn schlug. „Das ist richtig, sehr richtig, Sir. Wie konnte ich diese Gefahr so ganz und gar außer acht lassen! Sie sind gewiß, ganz gewiß hinter mir her und werden alles versuchen, meiner habhaft zu werden.“

„Und Ihr habt nicht einmal hier Wachen ausgestellt!“

„Das soll geschehen, sofort geschehen.“

„Genügt aber nicht.“

„Was noch, Sir? Sagt es rasch! Ich werde sogleich thun, was Ihr für nötig haltet.“

Jetzt war es für mich ein wirklicher Genuß, die Gesichter der andern zu sehen. Sie blickten erstaunt von ihm zu mir herüber und von mir zu ihm hinüber, und Parker fragte ihn, indem er große Augen machte:

„Was dieser Master für nötig hält? Glaubt Ihr denn, daß Mr. Charley weiß, was in einer Lage, wie die unsrige ist, zu geschehen hat?“

„Ja, das glaube ich,“ antwortete der Gefragte. „Ihr habt ja gehört, daß er auf unsre Sicherheit besser bedacht ist, als wir selbst. Also, Mr. Charley, was ratet Ihr uns?“

Ich erklärte:

„Wenn die Verfolger kommen, müssen sie unser Feuer riechen. Vielleicht sind sie schon da, uns zu beschleichen. Ich an Eurer Stelle würde einige Späher aussenden, die den Weg so weit zu erforschen haben, wie der Geruch unsers Rauches reicht.“

Well, Sir, very well! Wir werden keinen Augenblick zögern, dies zu thun. Mr. Parker, laßt drei oder vier von Euern Leuten gehen, um nachzusehen! Ihr werdet einsehen, daß dies wirklich nötig ist, zu thun.“

Yes,“ erklärte der Genannte. „Es ist wirklich wunderbar, daß wir nicht selbst und schon längst auf diesen Gedanken gekommen sind. Es ist eigentümlich, daß wir es uns erst von so einem Altertümler sagen lassen müssen, der gar kein Westmann ist. Werde selbst mitgehen und vier Männer mitnehmen.“

„Die mögen aber auch die Augen aufmachen und die Ohren dazu, sonst sehen und hören sie nichts; th’is clear.“

Parker suchte vier seiner Leute aus und ging mit ihnen fort. Ich nahm an, daß sie die beiden gefesselten Comantschen und deren Pferde finden würden, und freute mich schon im voraus auf ihre Gesichter, die ich mir vorstellen konnte. Die am Feuer Zurückgebliebenen unterhielten sich einsilbig; ich lag still im Schatten der Büsche und wartete auf die Rückkehr der Späher.

Es dauerte weit über eine Stunde, ehe sie kamen. Voran ging Parker, ihm folgten zwei mit den Indianerpferden und zwei mit je einem der Comantschen, die man auseinander gebunden hatte. Parker rief, noch ehe er das Feuer erreicht hatte:

„Mr. Cutter, seht doch her, wen und was wir bringen!“

Old Wabble sprang auf, starrte die beiden Roten an, die sich jetzt natürlich wieder bei Besinnung befanden, und rief:

„Zwei Indsmen, zwei Comantschen, wie man an den Kriegsfarben sieht! Wo habt Ihr die denn her?“

„Gefunden.“

„Was? Gefunden?“

„Ja.“

„Aber feindliche Indianer findet man doch nicht, sondern man muß sie fangen!“

„Das habe ich bisher auch gedacht, ist aber nicht wahr. Wir haben sie wirklich und wahrhaftig gefunden, wörtlich gefunden, aneinandergefesselt und an einen Baum gebunden, kurze Zeit darauf auch ihre Pferde.“

„Wer sollte das für möglich halten!“

„Ja, man sollte es kaum glauben. Aber was man mit seinen eigenen, guten Augen sieht, daran kann man doch nicht zweifeln. Wer mag sie überwältigt und gefesselt haben? Es müssen Weiße in der Nähe sein, die es gethan haben, ohne zu wissen, daß wir uns hier befinden.“

Da warf der Alte mir einen kurzen Blick zu, nickte mit dem Kopfe und sagte:

„Ja, Weiße; aber nicht mehrere sind es gewesen, sondern es ist nur einer.“

„Einer?“

Yes.“

„Einer? Wie kommt Ihr auf diesen Gedanken?“

„Sind sie verwundet?“

„Nein. Von einer Verletzung ist nichts zu sehen.“

„Also ist kein Kampf vorhergegangen; sie sind überwältigt worden, ohne sich wehren zu können. Es giebt nur einen einzigen Menschen, der das fertig bringt. Ihr werdet ihn erraten.“

„Alle Wetter! Ihr meint Old Shatterhand?“

Yes.“

„Er hat sie niedergeschmettert und gefesselt?“

„Anders ist es nicht.“

„So muß er hier in der Nähe sein!“

„Ich bin überzeugt davon.“

„Warum läßt er sich da nicht sehen?“

„Er wird seine Gründe haben; man sagt ja, daß er niemals etwas ohne Grund thue.“

„So habt Ihr Recht gehabt, als Ihr meintet, er befinde sich hier in der Gegend. Wir müssen nach ihm suchen.“

„Suchen? Warum?“

„Weil wir ihn morgen früh schon brauchen, denn länger dürfen wir mit dem Aufbruche nicht zögern.“

„Es wird wohl nicht nötig sein, nach ihm zu suchen. Er weiß gewiß, daß wir hier sind und auf seine Hilfe warten. Verlaßt Euch darauf, daß er sich zur rechten Zeit sehen lassen wird!“

„Ihr thut ja grad, als ob er allwissend wäre, Mr. Cutter!

Man erzählt sich zwar Dinge von ihm, die ganz unglaublich klingen und doch geschehen sind; aber er ist auch nur ein Mensch und kann nur das wissen, was er sieht und was er hört.“

„O, was das betrifft, so möchte ich wetten, daß er alles weiß, was Ihr gestern und heut gethan habt und was hier geschehen ist.“

Pshaw!“

„Seid nicht ungläubig, sondern wartet es ab!“

„Wollen uns nicht streiten, Sir. Sagt uns lieber, was mit diesen beiden Gefangenen geschehen soll.“

„Jetzt einstweilen nichts.“

„Wann denn?“

„Sobald Old Shatterhand kommt.“

„Das ist zu unbestimmt, das ist überhaupt gar nichts gesagt. Ich bin nicht so überzeugt wie Ihr, daß er kommen wird, und wir müssen unbedingt wissen, was wir mit diesen Kerls zu machen haben. Ihr meint doch nicht etwa, daß wir sie mitnehmen sollen? Das wäre eine Last für uns und überdies nicht ungefährlich.“

„Hm! Kann das nicht bestreiten.“

„Freilassen können wir sie auch nicht.“

„Das würde eine Dummheit sein; th’is clear.“

„Also eine Kugel vor den Kopf; das ist das Allerbeste; da sind wir sie los, und sie haben es verdient.“

„Nur nicht vorschnell handeln, Sir! Ihr werdet gehört haben, daß Old Shatterhand nur dann einen Roten tötet, wenn er unbedingt dazu gezwungen ist.“

„Das geht mich nichts an. Erstens ist es noch gar nicht sicher, daß er sich hier befindet; sodann sind die Halunken nicht seine Gefangenen, sondern die unsrigen, und drittens – – na, drittens werden wir jetzt über sie beraten und das Gesetz der Prairie sprechen lassen.“

„Macht, was Ihr wollt!“

„Ihr thut doch mit?“

„Nein. Diese Indsmen gehen mich nichts an.“

„Aber Ihr seid es doch, den sie verfolgten!“

„Meinetwegen! Bis jetzt haben sie mir nichts gethan.“

„Hört, Sir, wer so lange warten will, bis ihm diese Schurken etwas thun, der ist verloren. Also, wollt Ihr der Jury, welche wir bilden werden, beitreten?“

„Nein; aber zuhören, das werde ich, wenn ich darf.“

„Habe nichts dagegen. Mag’s also beginnen!“

Die beiden Comantschen lagen gefesselt an der Erde neben dem Feuer, an welches sich die Weißen setzten, um die Beratung zu halten. Ob die Roten englisch verstanden und also wußten, was gesprochen wurde, war ihnen nicht anzumerken. Um es kurz zu machen, die Beratung dauerte nur einige Minuten, und ihr Ergebnis war, daß die Gefangenen erschossen werden sollten, und zwar sogleich. Nur Jos Hawley hatte gegen dieses Urteil gestimmt. Parker machte auch wirklich kurzen Prozeß; er trug dreien seiner Leute auf, die Exekution in der Nähe auszuführen, und befahl ihnen, die Gefangenen fortzuschaffen. Da hielt ich es für angezeigt, endlich auch ein Wort zu sprechen.

„Halt, Mr. Parker! Wartet noch ein Weilchen!“

„Was wollt Ihr, Sir?“ fragte er.

„Bei Euerm Savannengerichte ist ein Fehler vorgekommen, der das Urteil ungültig macht.“

„Was versteht denn Ihr von Savannengericht!“

„Mehr als Ihr, wie es scheint, sonst hättet Ihr diesen Fehler nicht begangen.“

„Welchen Fehler meint Ihr denn?“

„Es sind eigentlich mehrere. Erstens hat einer nicht mitberaten, der mitzusprechen hatte.“

„Mr. Cutter wollte ja nicht.“

„Den meine ich nicht.“

„Nicht? Wen denn sonst?“

„Mich.“

„Ah, Euch? Das ist wohl Spaß. Ihr seid doch gar kein Savannenmann.“

„Was ich bin oder nicht bin, das ist hier sehr gleichgültig; ich gehöre mit zur Gesellschaft und darf nicht von einer so wichtigen Verhandlung ausgeschlossen werden.“

„Was Ihr sagt!“ lachte er. „Ihr gehört keineswegs zu unsrer Gesellschaft, sondern Ihr steht unter dem Schutze derselben; das ist die Sache, Sir. Wenn wir die Hand von Euch ziehen, seid Ihr ferner keinen Augenblick mehr Eures Lebens sicher.“

„Das sind Ansichten, Mr. Parker, über die ich nicht mit Euch streiten will. Lassen wir also meine Person aus dem Spiele! Der zweite Fehler ist der, daß Ihr mit den Roten kein einziges Wort gesprochen habt. Man verurteilt doch nicht jemand zum Tode, ohne ihn vorher zu verhören!“

„Verhören? Diese Kerls? Das fehlte noch!“

„Was haben sie denn verbrochen?“

„Unnütze Frage! Sie wollten Old Wabble töten.“

„Könnt Ihr dies behaupten, haben sie es eingestanden? Seid Ihr überzeugt, daß sie wirklich die Comantschen sind, die ihn verfolgen?“

„Seht Ihr denn die Kriegsfarben nicht, mit denen sie sich bemalt haben!“

„Die ist kein Beweis; so viel verstehe ich vom wilden Westen wohl auch.“

„Nichts versteht Ihr, gar nichts, Sir!“

„Doch! So weiß ich zum Beispiel, daß ein Gefangener und sein Leben nur dem Sieger gehört, keinem andern. Wer von Euch kann behaupten, diese Comantschen besiegt und gefangen genommen zu haben?“

„Redet nicht so dummes Zeug! Diese Kerls gehören uns, außer Ihr könnt uns sagen, wer der geheimnisvolle Mann gewesen ist, der sie besiegt hat und sich nun nicht sehen läßt.“

„Ich kann es sagen, und er versteckt sich nicht, sondern er läßt sich sehen, Mr. Parker.“

„Wo denn?“

„Hier.“

„So zeigt mir ihn doch!“ forderte er mich auf, indem er lachend rundum blickte.

„Er liegt vor Euch; ich selbst bin es.“

„Ihr? Alle Wetter! Ihr, Ihr wollt diese Roten überwältigt und gefesselt haben?!“

„Ja.“

„Diese Finte ist geradezu lächerlich! Mit ihr errettet Ihr die Halunken nicht von dem Tode. Wenn Ihr es fertig bringt, auch nur einen einzigen Indianer im Kampfe zu besiegen und bei lebendigem Leibe zu fesseln, wie diese hier, so will ich niemals ein Westmann gewesen sein!“

Well, so seid Ihr keiner gewesen.“

„Oho! So etwas fertig zu bringen, dazu gehört die Kraft eines Old Shatterhand. Wollt Ihr behaupten, sie zu besitzen?“

„Behaupten nicht, aber beweisen. Paßt auf!“

Ich war während dieses Streites ruhig am Boden liegen geblieben; jetzt stand ich auf, ergriff ihn mit der rechten Hand beim Gürtel, schwang ihn mir einigemale um den Kopf, daß er laut aufschrie, stellte ihn dann wieder auf die Beine und fragte:

„Ist das genug, oder soll ich Euch zeigen, wie es thut, wenn Ihr meine Faust auf den Schädel bekommt?“

Ehe er noch antworten konnte, rief einer der Gefangenen mit lauter Stimme aus:

„Old Shatterhand! Das ist Old Shatterhand! Ich habe es mir gedacht!“

Er hatte mich, weil ich im Schatten lag, vorher nicht bemerken können, nun aber beim Scheine des Feuers meine aufgerichtete Gestalt gesehen. Ich trat zu ihm und fragte:

„Kennt mich der gefangene Krieger der Comantschen?“

„Ja,“ antwortete er.

„Wo hast du mich gesehen?“

„Im Lager der Racurroh-Comantschen, als du die Seelen ihrer Häuptlinge aus dem Laufe deines Bärentöters gegen den Himmel schossest. Der oberste ihrer Häuptlinge war To-kei-chun; das Leben seines Sohnes lag in deiner Hand; du aber schenktest es ihm.“

„Das stimmt. Du spricht die Sprache der Bleichgesichter ziemlich gut und hast also verstanden, was bisher gesprochen wurde?“

„Ja.“

„Ihr habt also gehört, daß ihr euch nahe dem Tode befandet?“

„Wir hörten es. Wir hörten auch, daß Old Shatterhand für unser Leben sprach.“

„Das thut er stets. Ich bin ein Freund der roten Krieger und bedaure es, wenn sie ihre Tomahawks des Krieges gegen die Bleichgesichter erheben, denn ich weiß es, daß sie zwar einmal siegen können, aber um so sicherer untergehen werden. Auch ihr sollt erfahren, daß ich nicht den Tod der roten Männer will.“

„Wir sind tapfre Krieger und fürchten den Tod nicht.“

„Das weiß ich; aber das Leben ist doch besser als der Tod, und es ist kein Ruhm für euch, wenn euer Stamm erfährt, daß ihr ohne alle Gegenwehr besiegt und dann erschossen worden seiet. Es soll auf deine Antworten ankommen, ob ich euch das Leben schenke. Wie heißt der Häuptling, dem dein Stamm gehorcht?“

„Es ist Vupa Umugi, der noch nie besiegt wurde.“ „Wo stehen die Zelte eurer Dörfer?“ „Das sage ich nicht.“ „Eure Krieger sind zum Kampfe ausgezogen?“ „Ja.“ „Wie viele Köpfe stark sind sie?“ „Ich schweige.“ „Wo befinden sie sich jetzt?“ „Ich weiß es nicht.“ „Gegen wen ziehen sie?“ „Ich weiß es, verrate es aber nicht.“

„Du bist verschwiegen und also ein tüchtiger Krieger, der lieber sein Leben auf das Spiel setzt, als daß er die Seinigen verrät. Das muß jedem tapfern Manne und also auch mir wohlgefallen. Geht heim, und sagt euern Häuptlingen und allen euern Männern, daß Old Shatterhand die Tapferkeit und die Verschwiegenheit zu schätzen weiß!“

Ich bückte mich nieder, um sie von ihren Fesseln zu befreien. Als dies geschehen war, sprangen sie auf, und der, welcher bisher gesprochen hatte, fragte: „Old Shatterhand bindet uns los und sagt, wir sollen gehen. Wir sind also frei?“

„Ja.“

„Wir können gehen, wohin wir wollen?“

„Ja.“

„Was geschieht mit unsren Waffen und Pferden?“

„Die erhaltet ihr jetzt zurück. Old Shatterhand ist kein Dieb oder Räuber, der sich an fremdem Gut vergreift.“

„Uff, uff! Werdet ihr uns nachspüren, um zu erfahren, wohin wir reiten?“

„Nein; ich gebe euch mein Wort darauf.“

„Uff, uff! Old Shatterhand hat noch nie sein Wort gebrochen; er ist das edelste der Bleichgesichter; wir werden es erzählen, sobald wir zu unsern Zelten kommen.“

„Es giebt noch viele, viele Bleichgesichter, die ebenso gesinnt sind und denken wie ich. Hier liegen eure Waffen, und dort stehen eure Pferde. Reitet fort! Aber wir werden diesen Platz scharf bewachen; falls ihr hierbleiben oder zurückkommen und uns beschleichen solltet, würden euch unsre Kugeln sicher treffen!“

„Wir werden fortreiten, ohne uns nur einmal umzublicken. Howgh!“

Von den Weißen hatte mir bis jetzt keiner auch nur mit einem Worte widersprochen; nun aber trat Parker zu mir und fragte:

„Ist das Euer Ernst, Sir?“

„Natürlich!“

„Ihr wollt ihnen wirklich die Freiheit geben?“

„Ja.“

„Nehmt mir’s nicht übel, Sir, aber ich muß Euch sagen, daß dies ein Fehler ist, der – –“

Da unterbrach ich ihn mit der kurzen, strengen Frage:

„Ihr wißt jetzt, wer ich bin?“

Yes.“

„Also nicht der Mr. Charley, den Ihr für einen halben Idioten und ganzen Dummkopf hieltet?“

„Nein, sondern Old Shatterhand, Sir.“

„So schweigt, und unternehmt es nicht, mir Vorschriften zu machen oder das, was ich thue, zu kritisieren! Ihr mögt ein guter Mensch und ein ganz brauchbarer Westmann sein, aber Eurer Kritik war ich schon entwachsen, ehe ich meinen Fuß zum erstenmale auf den Boden des wilden Westen setzte. Wer Hatatitla, den berühmten Hengst Old Shatterhands, für einen Kutschengaul halten kann, der darf sich nicht unterfangen, mir gute Lehren zu erteilen. Basta!“

Nach diesem Verweise wendete ich mich von ihm ab und ließ ihn stehen. Ich hatte meinen Grund, in diesem Tone mit ihm zu sprechen. Er war zwar gestern freundlich mit mir gewesen, hatte aber dann gezeigt, daß er sehr hoch von sich dachte, obgleich er sich mit Westmännern ersten Ranges nicht im entferntesten vergleichen konnte. Wenn wir zusammenblieben und er bei diesem Selbstgefühle verharrte, so konnte er uns leicht in große Verlegenheiten bringen; daher diese Art und Weise meines Tadels, der wie ein großes Selbstlob klang und die mir sonst gar nicht eigen war.

Die Comantschen bestiegen ihre Pferde, nickten mir dankend zu und ritten davon, ohne die andern mit einem verabschiedenden Blicke zu beachten. Das war selbst für Old Wabble zu viel, der nichts gesagt hatte, obwohl er nicht ganz mit mir einverstanden war.

„Bockbeinige Kerle!“ brummte er. „Als ob wir so ganz und gar nicht vorhanden wären! Meint Ihr nicht, daß ihr zu gütig gegen sie gewesen seid, Mr. Shatterhand?“

„Nein.“

„Es kann mir nicht einfallen, Euer Thun zu beurteilen. Ihr wißt stets, was Ihr thut, wenn andre es auch nicht begreifen; aber versprechen hättet Ihr doch vielleicht nicht sollen, daß wir ihnen nicht nachspüren werden. Wenn wir Old Surehand befreien wollen, müssen wir doch wissen, wohin er geschleppt worden ist.“

„Ich weiß es; ich habe sie belauscht, ehe ich sie niederschlug. Sie haben ihn nach Saskuan-kui, dem Blauen Wasser gebracht.“

„Das ist gut, mir aber unbekannt. Wißt Ihr vielleicht, wo es liegt, Sir?“

„Ja. Ich bin zweimal dort gewesen.“

„Aber ich befürchte, sie melden dort, was geschehen ist, und daß wir kommen werden.“

„Im Gegenteile! Hätte ich da die Gefangenen freigelassen? Grad das war ein Schachzug, der uns sicher Vorteil bringen wird. Ich habe übrigens Old Surehand mit keiner Silbe erwähnt. Sie werden annehmen, daß ich entweder von ihm nichts weiß oder keinen Grund habe, mich um ihn zu bekümmern. Glaubt mir, Mr. Cutter, ich habe keinen Fehler begangen. Wir haben dabei noch den Vorteil, diese beiden Comantschen los zu sein; sie wären uns höchst unbequem geworden, und ihrem Tode hätte ich nicht zugestimmt.“

„Ihr habt recht, Sir; th’is clear. Und meint Ihr wirklich, daß wir hier sicher sind und daß die Kerls nicht heimtückisch zurückkehren werden?“

„Sie kommen nicht wieder. Damit wir aber keine Vorsicht außer acht lassen, wollen wir diesen Platz aufgeben, das Feuer auslöschen und uns einen andern suchen. Das mag sogleich geschehen.“

Als das Feuer ausgetreten war, ritten wir eine Strecke zurück, wo es eine geeignete Stelle gab. Dort legten wir uns zum Schlafen nieder, nachdem zwei Wachen ausgestellt worden waren. Ich blieb noch lange wach und hörte ebenso lange die Gefährten miteinander flüstern.

Den Gegenstand ihrer leisen Unterhaltung konnte ich mir denken; sie sprachen über den sonderbaren und von ihnen ungeahnten Fall, daß dieser Mr. Charley sich einen Scherz mit ihnen gemacht hatte und eigentlich Old Shatterhand gewesen war. Jedenfalls empfand Old Wabble eine nicht geringe Befriedigung darüber, daß er es gewesen war, der mich zuerst erkannt hatte.

Am andern Morgen galt es vor allen Dingen, zu erfahren, wer von ihnen gern mit nach dem Saskuan-kui ritt und wer nicht. Als ich mich erkundigte, baten alle dringend, sie mitzunehmen. Jetzt, da sie wußten, wer ich war, hatten alle etwa vorher gehegten Bedenken aufgehört, und ein jeder war überzeugt, daß der Ritt höchst interessant sein und ein gutes Ende nehmen werde. Selbst Sam Parker zeigte trotz des gestrigen Verweises eine Begeisterung, die gewiß aus dem Herzen kam, und Jos Hawley benutzte eine Gelegenheit, mir unter vier Augen zu sagen:

„Wer hätte das gedacht, Sir, daß Ihr Old Shatterhand seid! Nun es aber so ist, freut es mich doppelt, daß Ihr mein Herz mit Eurer Erzählung beruhigt habt; das kann ich Euch versichern. Ich bin ein alter, ganz gewöhnlicher Westläufer; aber stellt mich dahin, wo ich zu brauchen bin, so werdet Ihr sehen, daß ich Euch keine Schande mache!“

Als wir aufgebrochen waren, folgte ich zunächst dem Wasser, an welchem wir gelagert hatten, vielleicht eine Stunde lang; dann wich das Thal, in welchem es floß, von der bisherigen östlichen Richtung ab, indem es sich nach Süden wendete. An dieser Stelle war das Gras niedergedrückt und zertreten, und Old Wabble stieg vom Pferde, um diese Spuren zu untersuchen.

„Wollt Ihr das nicht lieber lassen, Mr. Cutter?“ bat ich ihn. „Ich halte es für unnötig, und zweitens ist es uns verboten.“

„Verboten?“ fragte er. „Wer kann uns verbieten, hier nachzuforschen, was diese Fährte zu bedeuten hat?“

„Ich habe den Comantschen mein Wort gegeben, ihnen nicht nachzuforschen.“

„So meint Ihr, daß es ihre Spuren sind?“

„Ja.“

„Hm! Möchte es bezweifeln.“

„Warum?“

„Wenn sie hierher geritten wären, hätten wir ihre Hufeindrücke unterwegs sehen müssen.“

„Nein. Zwischen ihrem Aufbruche und dem unsrigen ist so viel Zeit vergangen, daß sich das Gras inzwischen wieder aufgerichtet hat; hier aber, wo sie Lager machten und höchst wahrscheinlich erst vor ganz kurzem wieder fortgeritten sind, ist es liegen geblieben.“

„Dieses Argument scheint richtig zu sein, Sir, doch muß ich mir sagen, daß es nicht sehr vorsichtig von diesen Indsmen gewesen wäre, wenn sie die Nacht nur eine Stunde weit von unserm Lagerplatze zugebracht hätten. Ich möchte lieber annehmen, daß sie ohne Unterbrechung weitergeritten sind.“

Sam Parker stimmte ihm bei, und auch die andern gaben ihm recht; darum erklärte ich ihnen:

„Man muß sich in die Lage dieser beiden Indianer versetzen. Sie sind während des ganzen gestrigen Tages geritten und brauchen wieder einen Tag, um nach dem Saskuan-kui zu kommen. Um das zu leisten, müssen Menschen und Pferde wenigstens einmal längere Zeit ausruhen; das versteht sich ganz von selbst.“

„Ja, aber doch nicht so nahe dem Orte, an welchem wir uns befanden,“ warf Old Wabble ein.

„Warum nicht? Ich habe ihnen die Freiheit gegeben und ihnen versprochen, sie nicht zu verfolgen; sie wissen, daß Old Shatterhand kein Lügner ist, und haben sich hier also vollständig sicher gefühlt. Dazu kommt noch ein Umstand, den Ihr nicht unbeachtet lassen dürft, nämlich der, daß man bei Tage besser und schneller reitet, als bei Nacht. Ein kluger Mann wird also nicht am Tage, sondern während der Nacht ruhen, und ich habe keinen Grund, anzunehmen, daß die Comantschen diese Klugheit nicht besitzen. Nachdem sie sich über zwei Meilen, von uns entfernt hatten, konnten sie ohne Bedenken anhalten, um den Tag zu erwarten; dann sind sie weiter geritten, wie Ihr an der Fährte seht, die da rechts am Wasser abwärts führt und so deutlich ist, daß sie nicht von heute nacht oder gar schon gestern abend stammen kann.“

„Wollen sie ‚mal untersuchen,“ meinte Parker.

„Nein, denn ich will mein Versprechen halten und sehe auch schon von weitem, daß ich mich nicht irre. Diese Spur wurde von zwei Pferden, nicht mehr und nicht weniger, gemacht; also sind es die Comantschen gewesen.“

Da machte Old Wabble eines seiner überlegenen Gesichter und sagte lächelnd:

„Ihr redet davon, daß Ihr Euer Wort halten wollt, ich aber denke, daß dies nicht möglich ist.“

„Warum nicht?“

„Weil wir ja denselben Weg reiten und also gezwungen sind, die Fährte zu betrachten. Oder meint Ihr, daß wir die Augen zuhalten sollen?“

„Nein, denn wir werden der Fährte nicht folgen.“

„Etwa nur Euers Versprechens wegen?“

„Das wäre Unsinn; es giebt einen andern und viel triftigern Grund. Die Roten folgen, wahrscheinlich des Pferdetränkens wegen, diesem Wasser, welches zwar auch, aber in einem weiten Bogen, nach dem Rio Pecos führt; sie machen also einen Umweg. Wir dagegen werden das Wasser hier verlassen und in gerader, östlicher Richtung nach dem Pecos reiten; wir sagen also ihrer Fährte lebewohl und werden den von mir beabsichtigten Zweck erreichen, daß wir eher als sie bei dem Saskuan-kui ankommen. Wie vorteilhaft das für uns ist, brauche ich Euch wohl nicht zu erklären.“

Da verschwand das überlegene Lächeln aus Old Wabbles Gesicht, und er sagte:

„Ja, wenn es so ist, Mr. Shatterhand, da bin ich freilich still. Habe wunder gedacht, wie klug ich bin, sehe aber ein, daß ich von Euch noch lernen kann, th’is clear. Aber sagt, ist der Weg, den Ihr im Sinne habt, sehr beschwerlich?“

„Gar nicht. Es geht immer abwärts; die Gegend ist meist eben, zuweilen Fels, zuweilen Sand; Wasser freilich giebt es nicht; in dieser Beziehung müssen wir uns bis zum Rio Pecos gedulden.“

„An welchem aber die Comantschen liegen. Wird uns das nicht verhindern, an das Wasser zu kommen, welches wir nach einem solchen Ritte so notwendig brauchen?“

„Nein. Ich kenne die Lage des Saskuan-kui ganz genau, an dem wir sie zu suchen haben. Wir werden den Fluß an einer ganz andern Stelle erreichen und unsre Pferde ganz gefahrlos tränken können.“

Well, so bin ich beruhigt. Es war überhaupt überflüssig, diese Bedenken zu äußern, denn wenn Ihr unser Führer seid, können wir die Überzeugung haben, daß alles geschieht, was zu unsrer Sicherheit geschehen kann. Auf Old Shatterhand kann man sich verlassen, und darum will ich Euch etwas sagen, was Euch große Freude, ja, große Freude machen wird.“

„Was mag das sein, Mr. Cutter?“

„Ich bin viel älter, viel, viel älter als Ihr, und darum würde es sich eigentlich ganz von selbst verstehen, daß Ihr mich als Anführer wähltet; dennoch will ich – – will ich – – will ich – -hm, ja, ich will – –“

Es schien ihm nicht leicht zu werden, den Entschluß, den er gefaßt hatte, auszusprechen; er schlang und schlang; er drückte und drückte, um die Worte herauszubringen; er bewegte die Arme und Beine; er drehte und wendete den dürren Körper, als ob alle seine Knochen locker geworden seien; es wackelte und wabbelte jedes Glied an ihm, bis er endlich hervorstieß:

„Ja, ich will darauf verzichten, und mich unter Euch stellen; Ihr sollt unser Kommandant sein, dem wir zu gehorchen haben. So etwas hat Old Wabble noch nie gethan. Was sagt Ihr dazu, he? Ihr werdet es mit Anerkennung und Dankbarkeit hinnehmen, Mr. Shatterhand; th’is clear.“

Ja, er war der Mann, der sich niemals einem andern unterordnete; das wußte ich. Man sah es ihm auch deutlich an, welche Überwindung es ihm gekostet hatte, es jetzt einmal zu thun, und daß er dafür Lob von mir erwartete. Er sah mich mit großen Augen und weit geöffnetem Munde erwartungsvoll an; aber diese Erwartung ging nicht in Erfüllung, denn ich antwortete:

„Nein, das ist nicht so klar, wie Ihr denkt. Wir sind freie Westmänner und nicht Soldaten, bei denen immer eine Charge über der andern steht; von einem Kommandanten im militärischen Sinne des Wortes kann also bei uns nicht die Rede sein, sondern einer hat ganz und genau dieselben Rechte und Pflichten wie der andre.“

„Aber, Sir, Ihr könnt doch nicht verlangen, daß wir alle stets und immer eines und desselben Sinnes sind.“

„Allerdings nicht.“

„Nun, was soll denn dann geschehen, wenn wir uns streiten?“

„Streiten? Das kann bei verständigen Männern gar nicht vorkommen. Wenn Meinungsverschiedenheiten eintreten, so besprechen wir uns, Mr. Cutter.“

Well, wir besprechen uns. Und dann?“

„Dann handeln wir nach derjenigen Ansicht, welche die richtige ist.“

„Und wenn nun die andern gerade diese Ansicht nicht für die richtige halten?“

„Dann sind sie dumm, und mit dummen Menschen pflege ich nicht zu verkehren.“

„Wie – – wa – – – waaaaas?“ fragte er.

Es war ein geradezu köstliches Gesicht, welches er jetzt sehen ließ, halb das Gesicht eines listigen Fuchses und halb dasjenige eines Schafes, wenn es blöken will. Er blieb eine Zeitlang ohne Bewegung, dann wabbelte er seine Glieder schnell untereinander und fuhr fort:

„Dumm, also dumm, und mit dummen Menschen verkehrt Ihr nicht! Ihr meint also, daß nur wir es sind, welche dumm sein können?“

„Ich meine nur, daß ich mich stets hüten werde, einer guten und richtigen Ansicht entgegenzutreten.“

„Ach so! Und wenn Ihr nun die richtige habt und wir sehen das nicht ein und thun nicht, was Ihr wollt?“

„So lasse ich euch stehen oder sitzen und gehe meiner Wege.“

„Allein?“

„Jawohl, allein!“

„Aber dann kann doch das, was gethan werden Soll, nicht ausgeführt werden!“

„Doch, denn ich würde es allein ausführen. Ein vernünftiger Mann bringt ohne Hilfe und ganz allein mehr fertig, als wenn er zehn andre bei sich hat, die ihm sein gutes Werk verderben.“

„Das heißt also folgendermaßen: Old Shatterhand denkt niemals dumm; es muß also stets nach seinem Willen gehen, und wenn das nicht geschieht, so läuft er davon?“

„So ungefähr, wenn auch nicht gar so schroff.“

„Das ist aber doch ganz dasselbe, als wenn wir Euch zu unserm Kommandanten erwählten!“

„Nein, denn ihr sollt mir nicht stets und absolut zum Gehorsam verpflichtet sein, sondern ein jeder soll seine Meinung äußern dürfen. Und was Euch persönlich betrifft, Mr. Cutter, so bin ich vollständig überzeugt, daß Ihr stets auch das Richtige thun und niemals etwas Verkehrtes unternehmen werdet.“

Da ging ein heller Sonnenstrahl der Befriedigung über sein faltiges Gesicht, und er rief im Tone der Freude und der Zustimmung aus:

„Das soll ein Wort sein, Sir, ein Wort, das immer Geltung hat, th’is clear! Wir haben keinen Kommandanten, aber wenn die andern nicht einsehen, daß Ihr recht habt, so lassen wir sie sitzen. Kommt mit mir voran; wir wollen weiter!“

Wir ritten an der Lehne des Thales empor und dann, als wir oben angekommen waren, im rechten Winkel von demselben fort. Da oben war das Terrain eben, und wir konnten unsre Pferde, die wir unten erst hatten tüchtig trinken lassen, in Galopp setzen. Old Wabble hielt sich voran den andern neben mir und wendete zuweilen seinen Blick bewundernd auf meinen Rappen, dem die jetzige schnelle Gangart sichtlich Freude machte.

Der Alte war ein ausgezeichneter Reiter und saß trotz seines hohen Alters wie ein Jüngling in dem Sattel. Sein langes, weißes Haar flog, ähnlich dem prächtigen, dunklen Schopfe Winnetous, wie eine silberne Mähne hinter ihm her. Eigentlich hatte er da unten am Bache meine Erwartungen nicht erfüllt, denn die von ihm gemachten Einwendungen waren keineswegs Beweise jenes scharfen und untrüglichen Blickes gewesen, der einem Jäger ersten Ranges eigen ist; aber ich sagte mir, daß seine Spezialität, um mich so auszudrücken, wohl eine andre sei. Der einstige König der Cow-boys war nur im freien Felde, auf der offenen Savanne thätig gewesen und hatte also nicht zu denjenigen Eigenschaften kommen können, für welche nur die dichten Wälder und schluchtenreichen Gebirge die richtigen Schulstätten sind. In allem aber, was ich als zu seinem Fache gehörig bezeichnen möchte, konnte ich mich ganz gewiß auf ihn verlassen.

Wir ritten stundenlang neben einander her, ohne daß er ein Wort sagte. Als ich über dieses Schweigen eine Bemerkung machte, antwortete er:

„Ich rede und erzähle gern, Sir; aber ich weiß, daß ich Euch damit nicht kommen darf.“

„Warum nicht?“

„Weil Ihr es mehr mit der That als mit dem Worte haltet. Jedermann hat gehört, daß Ihr tagelang mit Winnetou beisammen Seid, ohne daß ein Wort, welches nicht notwendig ist, gesprochen wird. Selbst wenn Ihr beide euch vor einer Gefahr befindet, über welche andre Westmänner lange Beratungen halten würden, verständigt ihr euch durch einen kurzen Wink oder einen einzigen Blick. Also schweige ich, damit Ihr mich nicht für einen Schwätzer haltet; th’is clear.“

„Winnetou hat allerdings die Eigenheit, mehr in Thaten als in Worten zu reden, und ich bin grad wie er. Es wird mich freuen, wenn ich die Erfahrung mache, daß ich mich mit Euch so gut verstehe wie mit ihm, Mr. Cutter.“

„Habt da ja keine Sorge, Sir! Ich bin kein ganz unerfahrner Kerl und werde mich bemühen, Euch zu beweisen, daß Ihr mich brauchen könnt.“ –

Die Gegend, durch welche wir kamen, war so, wie ich sie beschrieben hatte, teils felsige Ebene, teils sandige Öde, bis wir am Nachmittage fruchtbareren, mit Gras bewachsenen Boden trafen. Wir näherten uns einem Zuflusse des Pecos, dessen Ufer mit Strauchgrün eingefaßt waren. Ich kannte diesen Wasserlauf von früher her und folgte ihm bis zu seiner Mündung. Als wir diese erreichten, war es nicht ganz mehr zwei Stunden vor Abend; eine Stunde hatten wir von hier aus bis zum Saskuan-kui zu reiten.

Dieses blaue Wasser war ein kleines, seeartiges Becken, welches von Quellen, die sich auf seinem Grunde befanden, genährt wurde und sein überflüssiges Wasser in den Rio Pecos schickte. An seinen Ufern gab es dichtes Elm- und Cottonwood-Gebüsch, aus welchem hohe, schattenreiche Pecans und Pfosteneichen ragten. Das Wasser hatte eine selten intensiv blaue Farbe und war daher von den Indianern Saskuan-kui genannt worden. Der Abfluß dieses Sees ging unterhalb der Stelle, an welcher wir uns befanden, in den Rio Pecos, über den wir hinüber mußten. Noch weiter unten gab es eine Furt, die wir aber nicht benutzen durften, weil die beiden Comantschen von unten her kamen und unsre Spuren gefunden hätten. Der Übergang über den hier ziemlich breiten Fluß mußte also schwimmend geschehen, was bei der Wärme des heutigen Tages uns eher erwünscht als unlieb war.

Am jenseitigen Ufer angekommen, suchten wir dieses zunächst nach Spuren ab, und es beruhigte uns sehr, keine zu finden. Wir ritten vorsichtig unter den weiten Wipfeln der hier stehenden Trembling-poplars, abwärts bis zur Mündung des Seeabflusses. Wir befanden uns an der nördlichen Seite desselben und fanden auch hier keine Spuren. Ich stieg vom Pferde, band es an ein Gesträuch, von dessen Laub es fressen konnte, und legte mich in das Gras. Old Wabble folgte meinem Beispiele, ohne ein Wort zu sagen; er wollte meinen schweigsamen Winnetou nachahmen und, wie er sich ausgedrückt hatte, von mir nicht für einen Schwätzer gehalten werden. Den andern aber kam der Umstand, daß ich mich hier niederlegte, nicht so selbstverständlich vor; sie blieben auf den Pferden sitzen, und Parker fragte:

„Absteigen, Sir? Es ist ja noch Tag!“

„Eben weil es noch Tag ist, bin ich abgestiegen,“ antwortete ich.

„Wollen wir nicht vollends bis zum blauen Wasser reiten?“

„Nein.“

„So wollt Ihr wohl in der Dunkelheit hin?“

„Ja.“

„Warum nicht am Tage, wo wir etwaige Spuren sehen können, Mr. Shatterhand?“

„Weil wir da allerdings solche Spuren sehen, aber auch selbst gesehen würden.“

„Ich denke, wenn wir vorsichtig – – –“

Er wurde von Old Wabble unterbrochen, welcher ihm in strengem Tone in das Wort fiel:

„Seid still, und schreit nicht hier drein wie ein Kamel, das fünfzehn Höcker hat. Habe denn etwa ich ein Wort gesagt? Mr. Shatterhand wird wohl wissen, was er thut. Wenn ihr euern Skalp zu Markte tragen wollt, so reitet weiter; ich aber bleibe hier.“

Da stiegen sie auch von ihren Pferden. Parker brummte dabei:

„Oho, oho, nur nicht so grob, Old Wabble! Ein Gentleman wie ich, ist nicht gewöhnt, sich dergleichen Kamele an den Kopf werfen zu lassen.“

„Ein veritabler Gentleman hält vor allen Dingen das Maul, verstanden! Ihr habt zwar damals Euern ersten Elk sehr gut getroffen, inzwischen aber jedenfalls so viele Pudel geschossen, daß es Euch gar nicht zukommt, gegen Mr. Shatterhand zu sprechen, wenn etwas, was er thun will, Euch nicht paßt. Seid also still, sonst gehen wir fort und lassen Euch sitzen.“

Ah, also darauf lief es hinaus! Sitzen lassen; das hatte er sich gemerkt. Er wollte durch seine Strenge gegen den braven Parker zeigen, daß er sich mit mir eins fühle. Dabei war ich überzeugt, daß seine Schweigsamkeit keine lang anhaltende sein und er mich bei nächster Gelegenheit grad ebenso interviewen werde, wie es jetzt Parker gethan hatte.

Als es zu dunkeln begann und die Zeit für mich gekommen war, stand ich auf und sagte:

„Ich gehe jetzt fort, um nach den Comantschen zu suchen. Ich lasse euch meine Gewehre hier und bitte, daß sich keiner von euch entfernt; es könnten Rote in der Nähe sein und ihn bemerken.“

„Ganz richtig!“ stimmte mir Old Wabble bei. „Ich nehme an, daß nun bald die beiden Comantschen kommen, die wir freigelassen haben. Die kommen wahrscheinlich hier nahe vorüber.“

„Hier nicht, Mr. Cutter,“ widersprach ich ihm. „Die benutzen jedenfalls die da unten liegende Furt und kommen also da drüben am jenseitigen Ufer dieses Wassers herauf.“

„Meint Ihr?“

„Ja. Darum habe ich vorhin das diesseitige Ufer zum Ausruhen gewählt; da können sie uns nicht bemerken.“

„Well. Also, Ihr wollt gehen. Darf ich mit?“ –

„Ich will Euch aufrichtig sagen, daß ich lieber allein bin.“

„Haltet Ihr mich für so unerfahren oder für so ungeschickt, daß ich Euch den Handel verderben kann?“

„Nein, wenigstens nicht so wörtlich, wie Ihr es ausgesprochen habt.“

„Also einigermaßen aber doch. Ich sage Euch, Sir, daß ich das Anschleichen ebenso wie jeder andre gelernt habe; das habe ich gestern abend bewiesen.“

„Hm! Ich habe Euch doch gesehen.“

„Mich nicht, sondern nur den Zweig, weil er sich bewegte.“

Pshaw! Schon lange, ehe Ihr diesen Zweig abschnittet, habe ich Eure Augen gesehen.“

„Meine Augen? Good lack! Ist das möglich?“

„Nicht nur möglich, sondern wirklich.“

„Aber ich steckte doch ganz im Dunkeln! Kann man da Augen sehen, Mr. Shatterhand?“

„Es ist das allerdings nur einem sehr scharfen und geübten Blicke möglich. Ihr werdet wohl zugeben, daß Augen glänzen. Und Ihr hattet die Eurigen noch dazu ganz offen.“

„Das mußte ich doch! Wer etwas sehen will, der muß die Augen offen haben.“

„Meint Ihr? Ein vorsichtiger Späher macht sie so weit wie möglich zu, damit sie nicht gesehen werden; ja, ich zum Beispiele mache sie, wenn ich genug gesehen habe und nun nur noch hören will, ganz zu, denn erstens sind sie dann ganz unsichtbar, und zweitens hört man bei geschlossenen Augen besser als bei offenen, wie Ihr wohl wissen werdet.“

„Sir, es ist wahr; man kann von Euch noch viel lernen!“

„Wenn Ihr das einseht, so will ich Euch auf noch etwas andres aufmerksam machen. Ich habe nämlich nicht nur Eure Augen, sondern auch Euer Haar gesehen.“

„Auch dieses?“

„Wundert Ihr Euch etwa darüber? Euer Haar ist schneeweiß, es fällt also noch weit eher auf als die dunkeln Augen.“

„Alle Wetter, bei Euch hat man sich in acht zu nehmen.“

„Nicht bloß bei mir, Mr. Cutter. Ich rate Euch, das Haar zu verhüllen, wenn Ihr wieder einmal in die Lage kommt, Euch anzuschleichen; Ihr könntet sonst leicht dieses schöne Haar mitsamt dem Kopfe verlieren.“

„Werde es thun, werde es thun! Ich hoffe, daß ich gleich jetzt in diese Lage komme. Nicht?“

„Weil ich Euch mitnehmen soll?“

Yes.“

„Ich wiederhole, daß ich lieber allein gehe.“

„Mag sein; aber Ihr seid doch auch nur ein Mensch, und es kann Euch ein Unfall erreichen. Dann sitzen wir hier und wissen nicht, wo Ihr steckt und wie Euch zu helfen ist.“

„Das ist nicht unrichtig, und ich würde Euch wohl mitnehmen, wenn die Sache nicht so wichtig und dabei so gefährlich wäre. Der geringste Fehler kann uns verraten und das Leben kosten.“

„Ich gebe Euch mein Wort, daß ich keinen Fehler mache!“

„Euer Wort? Hm! Na, ich will es einmal gelten lassen und hoffen, daß Ihr es halten werdet.“

„Danke Euch! Will nur erst Euern Wink befolgen; dann können wir gehen.“

Er rollte sein Haar zusammen, um es auf den Kopf zu legen und das Tuch darüber zu binden. Während er dies that, fuhr er fort:

„Kennt Ihr das blaue Wasser und seine Umgebung so genau, daß Ihr Euch getraut, die Roten dort trotz der Dunkelheit der Nacht zu finden?“

„Ja. Ihr könnt Euch dies doch denken, denn wenn es nicht der Fall wäre, hätte ich die letzte Tagesstunde zum Anschleichen benutzt und mich nicht müßig hierher gelegt.“

„Bravo, bravo!“ rief da Parker aus.

Da drehte sich Old Wabble nach ihm um und fragte zornig:

„Was habt Ihr denn da zu schreien, he?“

„Bravo habe ich geschrieen,“ antwortete der Gefragte.

„Das habe ich wohl gehört; oder haltet Ihr mich für taub? Aber warum Ihr es gerufen habt, das will ich wissen.“

„Aus Vergnügen darüber, daß Euch Mr. Shatterhand einen so vorzüglichen fillip, gegeben hat.“

„Fillip? Wieso?“

„Erst werdet Ihr grob gegen mich, gebietet mir Schweigen und nennt mich ein wer-weiß-wieviel-höckeriges Kamel, weil ich mir erlaubte, eine ganz bescheidene Frage auszusprechen, und jetzt schlabbert Ihr selbst so unvergorenes Zeug, daß Euch Old Shatterhand darüber zur Rede setzen muß! Das könnt Ihr Euch doch denken, hat er gesagt, und ich rufe noch einmal bravo dazu!“

„Haltet den Schnabel, verehrtester Sir! Meine Frage ist eine ganz und gar sachgemäße gewesen.“

„Die meinige auch.“

„Das denkt Ihr nur. Übrigens schreit man hier im wilden Westen und in der Nähe von feindlichen Indianern nicht so laut bravo, daß die Lunge platzen möchte. Kommt, Mr. Shatterhand; lassen wir den Kerl sitzen!“

„Für immer?“ fragte ich lächelnd.

„Nein, nur bis wir wiederkommen.“

Ich übergab Parker meine Gewehre besonders; dann gingen wir.

Das Gebüsch, welches den Ausfluß des Sees umsäumte, war nicht breit; es bildete einen schmalen Streifen, an welchen die vollständig offene Grasfläche stieß. Wir hielten uns an seinen Rand und fanden durch zahlreiche vorgeschobene Sträucher so viel Deckung, daß wir für den Fall einer Begegnung keine Sorge zu haben brauchten; wir konnten uns sehr schnell verbergen. Und als die Dämmerung vorüber und es vollständig dunkel geworden war, wäre auch eine vorher begründete Befürchtung überflüssig geworden.

Die Lehre, welche Old Wabble von Parker erhalten hatte, war nicht von langer Wirkung, denn wir waren noch nicht sehr weit gegangen, so erkundigte er sich schon, natürlich leise:

„Was hat das blaue Wasser für eine Gestalt, Sir?“

„Es ist ein ziemlich kreisrunder See, den ich lieber einen Teich oder Weiher nennen möchte, denn unter einem See versteht man eigentlich eine größere Wasserfläche.“

„Wie groß ist er?“

„Ich habe zwanzig Minuten gebraucht, um ihn in gerader Richtung zu überschwimmen.“

„Dann ist er nicht so gar klein, denn ich habe gehört, daß Ihr ein vortrefflicher Schwimmer seid. Man erzählt sich, daß Ihr bei den Sioux habt ums Leben schwimmen müssen.“

„Mehreremale sogar.“

„Und die besten Schwimmer dieser roten Bande sollen hinter Euch zurückgeblieben sein.“

„Allerdings, sonst lebte ich nicht mehr. Wie schwimmt denn Ihr, Mr. Cutter?“

„Wie ein Fisch.“

„Wirklich?“

„Ja. Oder glaubt Ihr es etwa nicht?“

„Da Ihr es sagt, muß es wohl wahr sein. Da seid Ihr mir aber über, denn ich wage nicht zu sagen, daß ich wie ein Fisch schwimmen kann. Ihr seid übrigens nicht allzu fleischig gebaut.“

„Ja, sehr viel Knochen mit lauter Haut und Runzeln, weiter nichts. Aber glaubt Ihr, daß dies ein Hindernis ist, ein guter Schwimmer zu werden?“

„Wenigstens pflegt man dies zu behaupten.“

„Oho! Wer diese Behauptung ausspricht, der versteht nichts von der Sache. Wer fett ist, der ist doch dick und breit, und es muß ihm eine schauderhafte Arbeit kosten, sich durchs Wasser zu puddeln; ich aber bin lang und schmal und schieße also förmlich durch die Flut. Es ist das genau so wie mit einer Pfeilspitze; ist sie lang und dünn, so dringt sie schneller und tiefer in das Fleisch, als wenn sie kurz und dick wäre; th’is clear.“

Mir war die Sache nicht so clear wie ihm, doch durfte ich wohl annehmen, daß er nicht übel schwamm, wenn auch nicht grad wie ein Fisch. Übrigens sollte ich bald Gelegenheit haben, seine Geschicklichkeit genau kennen zu lernen; zunächst glaubte ich ihm, obgleich ein Cow-boy sich mehr auf dem Lande und zu Pferde als im Wasser zu bewegen pflegt.

„Giebt es im blauen Wasser Inseln?“ fuhr er nach einer kleinen Weile fort.

„Nur eine, die nicht weit vom nördlichen Ufer liegt.“

„Wenn es so finster bleibt, wie es jetzt ist, und die Roten keine Feuer brennen, wird es schwer sein, sie zu finden.“

„Die Sterne werden in kurzer Zeit heller leuchten, und ich bin auch überzeugt, daß die Comantschen Feuer angebrannt haben. Es giebt keinen Grund für sie, anzunehmen, daß Feinde in der Nähe sind; sie wissen sich sicher und werden also nicht im Dunkeln sitzen.“

„Auf welche Weise wollen wir uns anschleichen?“

„Es giebt an dem See, und zwar der erwähnten Insel grad gegenüber, eine Stelle, die sich wie keine andre zum Lagern eignet; ich selbst habe zweimal mehrere Nächte dort zugebracht und möchte annehmen, daß die Indsmen sich auch dort befinden. Das Gebüsch ist dicht und von hohen Bäumen überragt.“

„Das ist nicht gut, denn da wird schwer durchzukommen sein. Meint Ihr nicht, Mr. Shatterhand?“

„Es ist leider so; aber wir müssen dennoch durch. Dazu wird wohl ein Umstand kommen, welcher die Ausführung unsres Vorhabens wahrscheinlich doppelt erschwert.“

„Was ist das?“

„Es giebt zwischen dem Wasser und dem Gebüsch nicht Weide genug für die Pferde, ich muß also annehmen, daß diese sich nicht am Wasser, sondern diesseits des Waldstreifens befinden, wo Gras in Menge wächst.“

Heigh-ho! Da werden Wächter dabei sein!“

„Natürlich! Wir haben also das Lager vor und die Pferde mit den Wächtern hinter uns und befinden uns in einer Lage, welche die größte Vorsicht erfordert, zumal die Indianergäule fast ebenso wachsam wie ihre Herren sind. Doch wollen wir jetzt nicht mehr sprechen; wir haben unsre Aufmerksamkeit zusammenzunehmen.“

Wir hatten jetzt ungefähr die Hälfte unsres Weges zurückgelegt und mußten aufpassen, denn je näher wir dem See kamen, desto leichter war es möglich, daß wir auf etwa noch umherstreifende Indsmen stießen. Glücklicherweise war dies nicht der Fall, und wir kamen ohne eine solche unerwünschte Begegnung an die Stelle, wo das Wasser aus dem See abfloß.

Der Waldesstreifen machte von hier aus einen weiten Bogen in die Grasebene hinaus, dem wir folgten, bis wir plötzlich unsre Schritte anhielten, weil wir vor uns laute Stimmen hörten.

„Pa-gu!“ rief jemand. „Hetet-sha enuka?“

Das heißt: „Pa-gu, wo bist du?“

„Eiwe, hier,“ antwortete ein zweiter.

„Beite omi!“

Das heißt: „Komm her!“

„Schai ka-tu lel, ich habe keine Zeit.“

Hierauf trat wieder Stille ein. Ich sagte leise zu Old Wabble:

„Das ist der dem Tonkawa ähnliche Dialekt der Racurroh-Comantschen; wir haben also die Gesuchten vor uns. Kennt Ihr vielleicht diesen Dialekt?“

„Ja.“

„So habt Ihr die Worte verstanden?“

„Ja. Es rief einer den andern, der keine Zeit hat.“

„Gut! Es ist mir sehr lieb, daß Ihr diese Sprache versteht, denn da könnt Ihr die Roten mit belauschen. Meine Voraussetzung ist eingetroffen: Wir haben die Pferde vor uns; es ist einer von den Wächtern gerufen worden. Geht jetzt hinter mir, aber so leise und vorsichtig wie möglich!“

Wir huschten hart am Rande des Gebüsches weiter, bis wir um eine hervortretende Zunge des Waldes bogen; da sahen wir ein Feuer, welches in der Entfernung von vielleicht sechshundert Schritten vor uns auf der Grasebene brannte; mehrere Indianer saßen an demselben, um die Pferde zu bewachen, welche rundum weideten.

„Ganz so, wie Ihr gedacht habt, Sir,“ sagte Old Wabble. „Da haben wir die Tiere, und hinter den Büschen und Bäumen werden ihre Besitzer am blauen Wasser lagern.“

„Und das ist auch grad die Stelle, von der ich gesprochen habe; sie liegen da, wo ich schon zweimal lagerte. Jetzt müssen wir uns niederlegen, sonst sehen sie uns.“

Wir krochen nun am Saume des Gebüsches weiter, bis dies nicht mehr möglich war, ohne entdeckt zu werden. Vor uns gab es eine schmale Lücke in dem Gesträuch, welche wie ein offener Pfad den Lager- mit dem Weideplatz verband; sie wäre für uns sehr bequem gewesen, wenn wir sie hätten benutzen können, was wir aber nicht durften. Die Roten verkehrten auf diesem Wege hin und her, und es fiel uns nicht ein, uns der Entdeckung auszusetzen. Wir wendeten uns also nach rechts, um parallel mit diesem Pfade durch das Buschwerk zu dringen. Da dieses, wie bereits erwähnt, sehr dicht stand und wir jedes Geräusch vermeiden mußten, so machte es uns große Mühe und dauerte sehr lange, ehe wir den jenseitigen Rand des doch so schmalen Waldes erreichten und den Lagerplatz vor uns liegen sahen.

Es war ein Kriegslager. Zwar trugen die Indianer nicht die Kriegsfarben im Gesicht und hatten also hier einen längeren Aufenthalt beabsichtigt, doch war kein einziges Zelt vorhanden, was sicher der Fall gewesen wäre, wenn es sich nur um einen Jagdzug gehandelt hätte. Sie mußten sich hier vollständig sicher fühlen, denn es gab nicht weniger als acht Feuer, bei deren Schein wir über hundertfünfzig Rote zählten. Sie hatten Fleisch gemacht; es hing in langen, dünnen Stücken an ausgespannten Riemen, um zu trocknen. Sie hatten also einen weiten Kriegszug vor, bei dem es keine Zeit zum jagen gab oder der nach einer Gegend gerichtet war, in der sich weder Büffel noch andre Wildarten befanden. Diese Gegend kannte ich; es war der öde, der heißen, sandigen Sahara vollständig gleichende Llano estacado.

Es lagen noch mehrere erlegte Büffel da, und die meisten der Indsmen waren beschäftigt, sie in Stücke zu zerlegen und das Fleisch von den Knochen zu trennen, um es dann in Streifen zu zerschneiden. Andere hockten an den Feuern und brieten Fleisch. Die gebratenen Stücke lagen in Haufen neben ihnen, jedenfalls für das allgemeine Abendessen bestimmt. An zwei kleineren Feuern, die leider weit auseinander lagen, saßen müßige Gestalten, welche nicht arbeiteten, sondern sich unterhielten und dabei die Tabakspfeife, von der jeder nur einige Züge nahm, herumgehen ließen. Das waren wohl die Chargierten, wenn es erlaubt ist, mich dieses Ausdruckes zu bedienen. Ich habe gesagt, die leider weit auseinander lagen, denn wären diese zwei Gruppen enger beisammen gewesen oder hätten sie nur eine gebildet, so hätte ich sie zusammen belauschen können; so aber mußten wir uns teilen, denn es stand fest, daß wir nicht fortgingen, ohne gehört zu haben, was gesprochen wurde.

Die Insel, welche ich gegen Old Wabble erwähnt hatte, lag als dunkle Stelle, über der ein hellerer Schein schwebte, drüben auf dem Wasser. Wir hätten sie ohne diesen Schein gewiß nicht sehen können; er rührte wahrscheinlich von einem Feuer her, welches zwischen den Büschen, die es dort auch gab, brannte. Das mußte mir auffallen, und ich fragte mich: Warum dieses Feuer auf der Insel? Ich ließ den Blick scharf von Gruppe zu Gruppe über das Lager gehen und konnte mir dann diese Frage beantworten; es waren nur Indianer hier; kein Weißer war zu sehen.

Wir lagen eng neben einander unter einem wilden Baumwollenstrauche, der uns ganz bedeckte; kein Auge richtete sich nach dieser Stelle.

Damn!“ flüsterte mir der Alte zu. „Ich habe die Kerls gezählt; es sind ihrer hundertvierundfünfzig; aber kein Weißer ist dabei. Sie werden Old Surehand doch nicht etwa schon ausgelöscht haben!“

„Nein.“

„Nicht? Wie wollt Ihr das wissen?“

„Er ist noch da.“

„Wo?“

„Da drüben auf der Insel.“

„Auf der Insel? Ah! Ist es der dunkle Punkt dort im Wasser, über dem es hell wie von einem Feuer liegt?“

„Ja.“

„Und Ihr meint, Old Surehand ist dort?“

„Er ist sicher dort.“

„Das beruhigt mich, obgleich es mir sonderbar vorkommt, daß sie ihn nicht hier im Lager haben.“

„Mir nicht. Da drüben ist er ihnen sicherer als hier.“

„Wieso? Hier können ihn über dreihundert Augen bewachen, dort aber nicht.“

„Aber, Mr. Cutter, seht Ihr denn nicht ein, daß ein Gefangener von einem rings vom Wasser umgebenen Orte viel schwerer entkommen kann als von hier, obgleich es dort weniger Augen zu seiner Bewachung giebt?“

„Hm, mir scheint, sie hätten ihn hier wenigstens ebenso sicher, denn jedenfalls ist er gefesselt.“

„Gefesselt ist er jedenfalls; aber sie haben mit allen Möglichkeiten zu rechnen, also auch mit der, daß der Zufall Leute herbeiführt, welche das Lager und folglich auch den Gefangenen entdecken. Das wollen sie vermeiden.“

„Wenn das richtig ist, so brauchen wir uns nicht darüber zu freuen, Mr. Shatterhand.“

„Warum nicht?“

„Wir wollen ihn doch loshaben?“

„Allerdings.“

„Nun, hier könnten wir uns vielleicht an ihn schleichen; das ist aber unter den jetzigen Verhältnissen unmöglich.“

Pshaw! Mir ist es viel lieber, daß sie ihn nicht hier im Lager haben. Ihr werdet mir bald recht geben. Zunächst möchte ich die Indsmen belauschen.“

„Um zu hören, was sie sprechen?“

„Ja.“

„Erlaubt mir, Euch zu sagen, daß wir uns da in eine Gefahr begeben, ohne vielleicht etwas davon zu haben! Ich bin nicht furchtsam und wage alles mit, was Ihr wagen wollt; aber selbst wenn es uns gelingt, sie zu belauschen, was sollen wir Wichtiges hören?“

„Wichtig oder nicht, ich versuche es. Ich habe mich viele, viele Male an Feinde geschlichen und dabei fast stets etwas erfahren, was mir nützlich war. Ich möchte sogar behaupten, daß dieses Behorchen und Belauschen nicht wenig zu meinen und Winnetous Erfolgen beigetragen hat; ich habe es von ihm gelernt. Ihr fragt, was wir hören werden? Das natürlich, was sie sprechen. Und wovon werden sie reden? Von dem, was hier geschehen ist, was noch geschieht, und was sie vorhaben, also wahrscheinlich von dem Gefangenen und von dem Kriegs- und Raubzuge, den sie beabsichtigen. Wir wagen allerdings viel, und wenn ich auch gern glaube, daß Ihr Euch nicht fürchtet, so ist es mir, offen gestanden, wenn Ihr damit einverstanden seid, lieber, daß ich die Gefahr, von der Ihr redet, auf mich allein nehme.“

„Warum lieber?“

„Weil ich nicht weiß, ob Ihr der Sache gewachsen seid.“

„Oho! Habe ich bisher einen Fehler gemacht? Habe ich nicht bewiesen, daß ich das Anschleichen verstehe?“

„Bisher, ja; aber das war verhältnismäßig leicht; nun aber kommt es weit, weit schwieriger.“

Pshaw! Das kann ich auch!“

„Wirklich? So will ich Euch vertrauen. ihr seht die beiden kleineren Feuer, an denen die Krieger in müßiger Unterhaltung sitzen; an diese müssen wir. Für Euch ist das, welches uns näher liegt; der Busch reicht fast ganz hinan, und die Deckung, die Ihr dadurch findet, erleichtert Euch die Annäherung, während ich es bei dem andern, welches hart am Wasser liegt, viel schwieriger habe. Seid Ihr einverstanden?“

„Ja, obgleich es keine große Ehre für mich ist, daß Ihr für Euch die größere Gefahr wählt.“

„Das ist keine Schande für Euch. Merkt wohl auf, was ich Euch sage! Wir kehren nach hier zurück. Wer zuerst ankommt, der giebt dem andern ein Zeichen, daß er fertig ist. Dieses Zeichen darf den Roten nicht auffallen. Ihr hört die Unken rufen; ein solcher Ruf kann keinen Verdacht erregen. Werdet Ihr ihn nachahmen können?“

„Ich denke es.“

„Dann ruft Ihr, sobald Ihr hier wieder angekommen seid, viermal, den zweiten und dritten Ruf schneller hinter einander als die andern. Versteht Ihr mich?“

Yes. Das ist zur Unterscheidung von den wirklichen Unken.“

„Richtig! Ich werde es, falls ich eher hier bin als Ihr, ebenso machen. Werdet Ihr entdeckt, so – –“

„Entdeckt?“ fiel er mir in die Rede. „Werde mich sehr hüten, mich sehen zu lassen!“

„Sagt das nicht. Der schlauste und vorsichtigste Westmann kann bei einer solchen Gelegenheit Unglück haben. Also, wenn Ihr entdeckt werdet, so brecht Ihr schleunigst, ohne auf mich Rücksicht zu nehmen, durch das Gebüsch und kehrt an unsern Lagerplatz zurück; ich komme nach.“

„Und wenn man Euch sieht?“

„So fliehe ich auch, und Ihr folgt mir so bald und so gut, wie es möglich ist. Habt Ihr vielleicht noch eine Frage?“

„Nein. Meine Aufgabe habe ich erhalten, und ich werde sie lösen; th’is clear.“

„Mag Euch das gelingen! Also vorwärts jetzt!“

„Ja, vorwärts, Sir! Ihr sollt mit mir zufrieden sein. Über ein Kleines, so werdet Ihr mich nicht mehr sehen!“

Er machte diese Worte wahr, indem er links in die Büsche kroch und darin verschwand. Ob er keinen Fehler machen würde? Ich war nicht ganz ohne Sorge darüber.

Meine Aufgabe war, wie bereits gesagt, weit schwerer als die seinige. Das Feuer, zu dem ich wollte, lag in der Nähe des Wassers, und es gab zwischen mir und ihm nichts, was mir zur Deckung dienen konnte. Wie also hinkommen, und wie längere Zeit dort liegen, ohne gesehen zu werden? Das war die Frage. Und ich wollte nicht nur, sondern ich mußte hin, denn einer der dort sitzenden Indianer hatte eine Feder des weißen Kriegsadlers im Haar, und ich hielt ihn also, obgleich ich sein Gesicht nicht sehen konnte, für Vupa-Umugi, den Häuptling der Comantschen.

Es gab nur einen Weg dorthin, nämlich zu Wasser, und der war, wenn nicht kaum möglich, aber doch so schwer, daß ich mir sagen mußte, ich hätte beim Beschleichen noch nie so viel gewagt, wie ich jetzt zu wagen im Begriffe stand. Das Ufer war mit Schilf besetzt; diesen Umstand mußte ich benutzen. Ich war gezwungen, mich zu entkleiden, und mußte dazu wegen meiner hellen Hautfarbe eine dunkle und abgelegene Stelle aufsuchen. Rechts, nicht weit vom entferntesten Feuer, trat das Gebüsch ganz an das Wasser; dorthin kroch ich, zog mich aus, nahm einige Riemen, die ich bei mir trug, aus der Tasche, dazu das Bowiemesser und versteckte dann die Kleider in dichtes Gesträuch. Hierauf schnitt ich soviel Schilf ab, wie ich brauchte, band es zu einem möglichst natürlich aussehenden Busch zusammen und steckte ihn mir so über den Kopf, daß er mir auf den Schultern stand. Nachdem ich eine Lücke, durch die ich sehen konnte, hervorgebracht hatte, stieg ich in das Wasser, um den bösen Weg anzutreten.

Ich hatte, gehend oder schwimmend, dafür zu sorgen, daß dieser Busch stets in gleicher Höhe mit dem Uferschilfe blieb. Wenn ich so, langsam, sehr langsam, damit ich keine Aufmerksamkeit auf mich zog, mich hart am Lande nach dem Feuer hinbewegte, mußte man meinen seltsamen Schopf für feststehendes Schilf halten, und ich durfte hoffen, glücklich an das Ziel und wieder zurück zu gelangen. Im Falle einer Entdeckung, die keineswegs ausgeschlossen, sondern sogar sehr leicht möglich war, nahm ich mir vor, quer über den See zu fliehen und dann heimlich wiederzukommen, um meine Kleider zu holen.

Zunächst war das Wasser seicht; ich mußte mich legen und im Schlamme vorwärtskriechen; es ging durch scharfes, schneidendes Schilf, und ich hatte mich sehr in acht zu nehmen, mich nicht zu verletzen. Als ich in tieferes Wasser kam, konnte ich gehen. Später verlor ich gar einmal den Grund unter den Füßen, was mich zum Schwimmen nötigte. Der ganze Weg, den ich zurückzulegen hatte, war nicht über sechzig Meter lang; aber es lag noch nicht die Hälfte desselben hinter mir, als schon über eine halbe Stunde vergangen war. Die Roten durften eben nicht bemerken, daß meine Schilfmaske sich bewegte. Auf diese Weise konnten Stunden vergehen, ehe ich wieder mit Old Wabble zusammentraf.

Glücklicherweise trat jetzt ein Umstand ein, der mir sehr zu Hilfe kam. Ich hörte laute Rufe erschallen, und als ich nach der Ursache suchte, sah ich zwei Indianer, die aus dem Gebüsch getreten waren, auf dem Lagerplatze erscheinen. Es waren die beiden Comantschen, die ich gestern abend niedergeschlagen hatte. Der Häuptling hatte sie dem fliehenden Old Wabble nachgeschickt; jetzt kamen sie wieder, und natürlich wollte jedermann wissen, welchen Erfolg sie gehabt hatten. Sie lenkten die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, auch diejenige des Häuptlings. Wenn er ihnen auch nicht entgegenlief, wie die meisten andern thaten, so stand er doch auf und drehte sich nach ihnen um. Sein Gesicht und aller Augen waren jetzt vom Wasser abgewendet. Das benutzte ich so schnell, daß ich mich nach kaum einer Minute an der Stelle befand, die ich hatte erreichen wollen. Ich wühlte meinen hellen Körper in dem schlammigen Grunde des seichten Ufers ein, legte mich auf die eingebogenen Vorderarme und konnte nun, das Gesicht über Wasser, alles, was vorging, bequem beobachten. Da der Schilfbusch mir auf den Schultern saß, schien er im Wasser zu stehen, und weil es zu beiden Seiten von mir auch Schilf gab, durfte ich mich für jetzt ganz sicher fühlen.

Es war aber auch die höchste Zeit, denn grad als ich die beschriebene Lage eingenommen hatte, waren die beiden Comantschen bis an das Feuer des Häuptlings gekommen, der sie mit den Worten empfing:

„Ich sehe an keinem von euern Gürteln den Skalp dessen, den ihr töten solltet. Seid ihr blind geworden, daß ihr seine Spur verloret? Oder haben eure Pferde die Beine gebrochen, daß ihr ihn nicht einholen konntet?“

Der eine sagte nichts und blickte verlegen zu Boden; der andre war dreister; er sah dem Häuptling frei in das Gesicht und antwortete:

„Wir haben unsre Augen behalten, und die Beine unsrer Pferde sind gesund geblieben.“

„Wo aber ist der Skalp?“

„Er befindet sich noch auf dem Kopfe dessen, dem wir ihn nehmen sollten.“

„So ist dieses Bleichgesicht nicht tot?“

„Es lebt noch.“

„Ihr habt es euch also entkommen lassen?“

Seine Augen blitzten drohend, als er das in überlautem, zornigem Tone fragte.

„Es ist uns entgangen,“ antwortete der andre, den Blick des Häuptlings ruhig aushaltend.

„So seid ihr lahme Hunde, die man keiner Kröte nachsenden darf, die zu schnell für sie ist! Ich werde euch zurückschicken in die Zelte der alten Weiber, zu denen ihr gehört.“

„Du bist Vupa-Umugi, unser Häuptling des Krieges, dessen Befehle wir zu befolgen haben; aber wenn du Befehle erteilst, die nicht auszuführen sind, so darfst du diejenigen nicht beschimpfen, die sich vergeblich Mühe geben. Wir sind keine lahmen Hunde, sondern tapfre, erfahrene Krieger, sonst hättest du uns nicht ausgewählt, dem Bleichgesicht zu folgen. Wir gehen nicht zu den alten Weibern. Steht der Mund über den Ohren? Warum sprichst und urteilst du, ehe du gehört hast, aus welchen Gründen wir den Skalp nicht bringen?“

Das war kühn gesprochen; dieser Mann war sicherlich kein Hasenfuß. Man erzählte sich von der Grausamkeit Vupa-Umugis viele Geschichten; er bethätigte diese Eigenschaft wohl nicht bloß gegen Weiße, sondern hatte sich wohl auch oft gegen Stammesgenossen rücksichtslos bewiesen; man achtete ihn als Krieger, aber man liebte ihn nicht; es hatte sich eine Erbitterung gegen ihn angehäuft, welche bei Gelegenheiten, wie die jetzige eine war, zum Ausbruche kam. Das Verhalten des wackern Untergebenen war mutig, aber keineswegs verwegen. Ein Indianerhäuptling ist nichts weniger als ein absoluter Herrscher; er wird von dem Stamme gewählt; er behält seine Würde, so lange er sich durch Erfahrung, Klugheit und Kühnheit zu halten weiß, aber er kann in jedem Augenblick durch die Versammlung der Alten abgesetzt werden und ist dann weniger, als er vorher war. Vupa-Umugi wußte das; ich sah es ihm an, daß ihn der Vorwurf des Kriegers in Wut versetzte; seine Hand zuckte nach dem Gürtel, in dem er das Messer stecken hatte; aber er bezwang sich und sagte in nicht ganz vollständig beherrschtem Tone:

„Du sollst erzählen, und ich werde hören, um dann zu sagen, ob Ihr noch zu den Kriegern der Comantschen zu rechnen seid.“

Er setzte sich nieder; die vorhin bei ihm gesessen hatten, nahmen auch wieder Platz, und als dies geschehen war, begann der Comantsche, den Verlauf seines Verfolgungsrittes zu erzählen. Man hörte ihm zu, bis er zu den Worten kam:

„Da traf uns plötzlich ein Schlag an den Kopf, und wir fielen tot nieder. Als wir wieder lebendig wurden, waren wir gefesselt und an einem Baum festgebunden.“

„Gefesselt und festgebunden?“ brauste da der Häuptling auf. „Ohne euch gewehrt zu haben?“

„Kann der Häuptling der Racurroh sich gegen einen Feind wehren, den er nicht sieht?“

„Nein; aber ich würde jeden Feind sehen, der es wagen wollte, mich anzugreifen!“

„Diesen auch nicht!“ „Diesen? So weißt du, wer er war?“ „Ja.“ „Nenne seinen Namen!“ „Old Shatterhand.“

„Uff!“ rief der Häuptling, indem er halb emporfuhr und dann wieder niedersank.

„Uff, uff, uff, uff!“ riefen die andern ihm nach.

„Old Shatterhand!“ stieß er hervor. „Dieser bleiche Hund, den die Krieger der Comantschen schon so oft in ihren Händen hatten und der ihnen doch stets wieder entgangen ist! O, wäre ich doch an eurer Stelle gewesen!“

„Dir wäre es grad so ergangen wie uns!“

„Schweig! Ich bin Vupa-Umugi und hätte mich nicht von ihm beschleichen lassen!“

„Wir sind nicht beschlichen und überfallen worden, wir waren es, die das entflohene Bleichgesicht beschleichen wollten. Konnten wir wissen, daß es auf andre Weiße getroffen war? Und konnten wir ahnen, daß Old Shatterhand, der stets Unbesiegte, sich bei diesen Weißen befand?“

„Nein; aber ihr mußtet vorsichtiger sein!“

„Wir sind es gewesen. Als wir das Feuer rochen, ließen wir sogleich unsre Pferde zurück und schlichen uns unhörbar vorwärts, um zu sehen, wer an demselben saß. Niemand hätte uns entdeckt und ergriffen, sondern wir hätten uns alle ihre Skalpe geholt, wenn nicht Old Shatterhand, der alles weiß und der auch ahnte, daß wir kommen würden, uns entgegengegangen wäre. Er saß im Dickicht und lauschte. Es war dunkle Nacht, und wir konnten ihn nicht sehen, wie ebenso deine Augen ihn nicht erblickt hätten. Als wir ihn erreichten, sprang er auf und schlug uns nieder. Meine roten Brüder haben alle von seiner starken Hand gehört?“

Er richtete diese Frage an alle, die um ihn standen.

„Héhé, héhé = jaja, jaja,“ wurde ihm geantwortet.

„Und daß jeder, den sie trifft, tot niederstürzt?“

„Héhé, héhé = jaja, jaja.“

„Glaubt ihr, daß es euch anders ergangen wäre als uns, daß ihr ihn gesehen hättet und ihm entkommen wäret?“

„Aga, aga = nein, nein!“

Er war ein kluger Verteidiger seiner Sache, indem er die ihm Gleichstehenden nach ihrem Urteile fragte; ihre Zustimmung bildete für ihn eine Schutzmauer gegen den cholerischen Zorn des Häuptlings. Er erzählte weiter, und wurde von Vupa-Umugi nicht wieder unterbrochen, bis er zu Ende war. Als er seinen Bericht geschlossen hatte, fragte er:

„So handelte Old Shatterhand, den die Krieger der Comantschen ihren Feind nennen. Ahnt einer von ihnen, wer das andre Bleichgesicht war, welches wir verfolgt haben?“

Sie verneinten es.

„Und doch haben wir alle oft von diesem Weißen gehört.“

„Ich sah ihn, als er durch unsre Schar hindurchritt, als ob ihn keine Kugel treffen und keine Waffe verwunden könne, kannte ihn aber nicht,“ bemerkte der Häuptling.

„Sein Haar war lang und weiß, wie der Schnee der Berge; sahst du das nicht?“

„Ich sah es.“

„In sein Gesicht haben über neunzig Winter ihre Falten eingegraben. Es giebt nur ein einziges Bleichgesicht, welches so viele Jahre zählt, so weißes Haar besitzt und ein so kühner Reiter ist, sein Pferd und sich ganz unverletzt durch zehnmal fünfzig feindliche Reiter zu drängen.“

„Uff, uff!“ rief da der Häuptling. „Mein roter Bruder scheint Old Wabble zu meinen?“

„Ja, den meine ich.“

„Er war es?“

„Ja.“

„Dieser ist’s gewesen, dieser! Als er uns entkam, hatte uns der gute Geist verlassen. Kein anderes, jetzt noch lebendes Bleichgesicht hat so oft das Blut der roten Männer vergossen, wie dieser lang- und weißhaarige Hund. Wäre er in unsre Hände gefallen, so hätte sich ein Freudengeheul erhoben, soweit die Zelte der Comantschen stehen. Doch ist er uns nur für dieses Mal entkommen; wir werden ihn wiedersehen und sicher ergreifen, vielleicht morgen oder am nächsten Tage schon!“

„Willst du ihm andre und mehr Krieger nachsenden, als wir gewesen sind?“

„Nein.“

„Was denn?“

Auf diese allerdings etwas ungebührliche Frage antwortete der Häuptling in leichtem Tone und indem er eine beinahe wegwerfende Handbewegung machte:

„Mein roter Bruder ist ein gewöhnlicher Krieger und wagt es dennoch, den obersten Kriegsanführer der Racurrohs zu fragen, was er thun will. So eine Frage steht dir nicht zu; aber ich will es dir dennoch sagen, damit du siehst, daß ich gesonnen bin, euch das Mißlingen eures Rittes zu verzeihen. Wir brauchen Old Wabble nicht zu folgen, denn er wird kommen.“

„Er kommt nicht,“ behauptete der Krieger trotz des Verweises, den er erhalten hatte.

„Er kommt!“ rief der Häuptling im Tone der Überzeugung aus.

„Wir aber wissen, daß er nicht kommt.“

„Er hat Hilfe holen wollen, um das Bleichgesicht, welches drüben auf der Insel gefesselt liegt, zu befreien; er hat zehn Bleichgesichter gefunden, deren Anführer Old Shatterhand ist; sie werden kommen.“

„Sie wären im Gehirn erkrankt, wenn sie glaubten, daß elf Weiße uns besiegen können!“

„Old Shatterhand ist bei ihnen. Bleichgesichter, welche er anführt, wagen alles.“

„Sie wissen nicht, wo wir uns befinden!“

„Sie werden es erfahren.“

„Wer soll es ihnen verraten?“

„Eure Fährte, der sie folgen werden.“

„Old Shatterhand hat uns versprochen, nicht nach unsrer Fährte zu forschen!“

„Er wird es dennoch thun.“

„Nein, er ist kein Lügner. Niemand hat jemals gehört, daß er sein Wort gebrochen habe.“

„Es würde meinem jungen, roten Bruder besser anstehen, zu schweigen, anstatt in Gegenwart älterer Krieger seinem Häuptlinge zu widersprechen!“

Das war ein neuer scharfer Verweis, aber Vupa-Umugi war bei den Seinen nicht beliebt; sie gönnten ihm den Ärger; der Comantsche sah die Blicke seiner gleichalterigen Kameraden ermunternd auf sich gerichtet und fuhr fort:

„Ich weiß, daß meine Jahre nicht an diejenigen der alten und weisen Männer reichen, aber da es keiner von ihnen war, sondern ich es gewesen bin, der jetzt bei Old Shatterhand gewesen ist, der mit ihm gesprochen und sein Wort bekommen hat, so wird es mir erlaubt sein, zu sagen, was ich dort und von ihm gehört habe.“

Da antwortete ein grauhaariger Indianer, der neben dem Häuptlinge saß und gewiß der älteste von allen war:

„Mein junger Bruder mag getrost sprechen. Wenn das Beil des Krieges ausgegraben wurde, kann alles, was sonst überflüssig ist, von großer Wichtigkeit sein, und das Wichtigste, was es geben kann, ist ein Zusammentreffen mit Old Shatterhand. Wo man ihn sieht, da ist Winnetou, der Häuptling der Apatschen, niemals fern.“

„War er mit dabei?“

„Er war nicht da,“ antwortete der Krieger, sichtlich stolz darauf, daß dieser Alte ihn in Schutz genommen hatte.

„Auch nicht in der Nähe?“

„Wir haben kein einziges Zeichen davon bemerkt.“

„Welche Worte gebrauchte Old Shatterhand, als er Euch sein Versprechen gab?“

Der Gefragte dachte eine kleine Weile nach und antwortete dann:

„Ich sprach zu ihm folgendermaßen: Werdet Ihr uns nachspüren, um zu erfahren, wohin wir reiten? Er antwortete: Nein; ich gebe Euch mein Wort darauf. Das ist ganz genau die Rede, die mein alter Bruder erfahren will.“

„Wenn Old Shatterhand so redet, dann ist es genau so viel wert, als wenn er die Pfeife des Schwures dabei und darauf geraucht hätte. Er hält sein Versprechen und hat euch nicht nachgespürt. Howgh! Meine jungen Brüder können sich entfernen; wir wissen nun, was wir erfahren wollten.“

Die beiden Comantschen entfernten sich und mit ihnen alle andern, die sich dem Feuer neugierig, wenn auch ehrerbietig genähert hatten. Auch diejenigen, welche an dem Feuer gesessen hatten, das Old Wabble beschleichen sollte, waren vorhin von demselben fortgegangen, und da es daher dort nichts zu belauschen gab, so nahm ich an, daß Wabble wieder zurückgeschlichen sei. Es zeigte sich auch gleich, daß ich richtig vermutet hatte, denn jetzt ertönte der viermalige Unkenruf in der Weise, wie es zwischen uns verabredet worden war.

Sollte auch ich meinen Platz verlassen? Der gegenwärtige Augenblick war günstig dazu, denn indem die Roten an ihre Feuer zurückkehrten, entstand ein Hin- und Herlaufen, bei welchem nicht zu erwarten war, daß man auf meinen sich fortbewegenden Schilfbusch achten werde. Aber ich sagte mir, daß man an meinem Feuer jetzt noch weiter über den Gegenstand sprechen werde; das wollte ich auch gern hören. Und was meinen Rückzug betraf, so hoffte ich, bald einen ebenso passenden Augenblick zu finden. Es war noch nicht gegessen worden. Man wollte damit wahrscheinlich warten, bis genügend Fleisch für alle fertig gebraten war. Nachher durfte ich auf ein gleiches Durcheinander hoffen, das mir noch bessere Gelegenheit zum unbemerkten Verschwinden geben würde. Ich blieb also noch länger im Wasser oder vielmehr im Schlamme liegen.

Der Häuptling schien erzürnt darüber zu sein, daß der Alte sich eingemischt hatte, denn er sagte jetzt, als die jungen Krieger fort waren, zu ihm:

„Hat mein Bruder nicht bedacht, daß es die Würde des Anführers kränken muß, wenn ein junger Mann gegen ihn in Schutz genommen wird?“

Der Alte antwortete:

„Die Würde eines Häuptlings wird am meisten dann gekränkt, wenn er gegen dieselbe handelt. Wir alle glauben, daß Old Shatterhand sein Wort hält; nur du allein bist von dem Gegenteile überzeugt!“

„Weil ich diesen weißen Hund kenne.“

„Wir kennen ihn auch. Auf seiner Zunge hat noch niemals eine Lüge gewohnt.“

„Ja; aber diese Zunge weiß so klug zu sprechen wie keine andre. Er ist das ehrlichste der Bleichgesichter; doch wenn er überlistet werden soll, so ist er auch der listigste aller Füchse, und seine Zunge gleicht dem Morgengrauen, auf welches Sonnenschein, aber auch böses Wetter folgen kann. Er lügt nicht, das ist wahr; was er verspricht, das hält er; aber genau so, wie er es meint, nicht, wie man es wünscht. Die Worte, die er zum Feinde redet, sind wie die Pulverkörner, welche scharf abgewogen werden müssen, bevor man sie in den Lauf des Gewehres schüttet.“

„So meint Vupa-Umugi, daß sein Versprechen, unsern beiden Kriegern nicht nachzuspüren, wohin sie reiten, auch anders ausgelegt werden könne?“

„Nein. Er hat nicht nachspüren wollen und wird also nicht spüren; aber er hätte dieses Versprechen ganz gewiß nicht gegeben, wenn er nicht einen andern Weg wüßte, es zu erfahren.“

„Es giebt keinen andern!“

„Das denkt mein alter Bruder; ich aber denke es nicht, obgleich ich selbst auch keinen weiß. Wie oft hat man von Old Shatterhand erzählt, daß er alles weiß, was er wissen will. Ob er mit dem guten oder mit dem bösen Manitou im Bunde steht, der ihm alles sagt? Ich behaupte, er weiß ganz genau, daß wir hier am Saskuan-kui lagern.“

„Das ist nicht möglich, denn niemand hat es ihm mitgeteilt. Aber selbst wenn er es wüßte, ist das noch kein Grund, anzunehmen, daß er hierher kommen werde.“

„Er will den Gefangenen befreien.“

„Kennt er ihn?“

„Ich weiß es nicht.“

„Und wenn er ihn kennt, liebt er ihn so, daß er sich in die Gefahr begiebt, für ihn von uns getötet zu werden?“

„Er nimmt sich jedes Bleichgesichtes an!“

„Auch dann, wenn er nur elf Mann gegen hundertfünfzig Krieger zu setzen hat?“

„Er zählt die Feinde nicht, und braucht sie nicht zu zählen, denn er hat eine Zauberflinte, mit welcher er ohne Aufhören schießen kann. Und weiß mein alter Bruder nicht, daß er trotzdem gern den Kampf vermeidet, nicht aus Furcht, sondern weil er nicht gern das Blut eines Menschen vergießt? Dann greift er zur List, und seine Verschlagenheit ist fast noch mehr zu fürchten, als sein Zaubergewehr. Er wird kommen, nicht um mit uns zu kämpfen, sondern um uns den Gefangenen mit List zu entreißen.“

Der Alte wurde nachdenklich. Er wiegte den grauen Kopf ernst und bedächtig hin und her und sagte nach einer Weile:

„Die Worte Vupa-Umugis können meine Gedanken nicht anders machen; aber wenn das Beil des Krieges ausgegraben ist, soll man alles, was sonst nur einmal überlegt wird, zehnmal überlegen und darf nicht das Gute, sondern nur das Böse erwarten. Ich sage, Old Shatterhand kommt nicht; du sagst, er komme. Nehmen wir also an, daß wir ihn zu erwarten haben; um so besser ist es dann, wenn er wegbleibt.“

„Besser? Fürchtet sich mein alter Bruder vor ihm? Ich wünsche sehr, daß er kommt. Wir würden ihn ergreifen und ihm den Marterpfahl errichten, an welchem er mit Old Wabble sterben müßte.“

„Willst du den Wind ergreifen, der dir zwischen den Fingern hindurchweht?“

„Ist Old Shatterhand Luft? Ist er nicht schon mehrmals Gefangener der Comantschen gewesen?“

„Das weiß ich wohl; aber wurde er uns nicht immer wieder aus der Hand geweht?“

„Wenn ich ihn einmal habe, so werde ich ihn festhalten!“

„So mach die Hände auf, wenn er kommt, und sieh zu, wie er dir hineinläuft!“

„Er läuft hinein! Ich weiß sogar die Zeit.“

„Wann?“

„Morgen. Unsre beiden Krieger sind des Nachts von ihm fortgeritten, und er ist gewiß erst am Morgen dort aufgebrochen. Sie haben also einen Vorsprung vor ihm. Da sie heut abend eingetroffen sind, wird er morgen kommen.“

„Hierher?“

„Nein, denn ich werde ihn gar nicht so weit kommen lassen, sondern ihn am Rio Pecos fangen.“

„Kennst du die Stelle, an welcher er dort über das Wasser gehen wird?“

„Ja; es ist die Furt, die er wahrscheinlich kennt. Kennt er sie nicht, so wird er nach einer suchen und sie finden.“

„Old Shatterhand braucht keine Furt; er ist ein unübertrefflicher Schwimmer.“

„Daran denke ich auch. Ich lasse eine lange Strecke des Ufers besetzen; dann kann er mir nicht entgehen. Wäre Nale-Masiuv, schon da mit seinen hundert Kriegern, so könnten wir sie auf eine noch längere Strecke verteilen, er kommt aber erst in drei Tagen.“

In diesem Augenblick erschallte der Ruf „Yakha!“ und alles eilte zu den Feuern, an denen gebraten worden war. Auch der Häuptling stand, seiner Würde angemessen, langsam auf und ging fort, um sich das, was er essen wollte, selbst auszusuchen. Das war für mich die beste Gelegenheit, mich zu entfernen. Ich warf noch einen forschenden Blick über den Lagerplatz; kein Mensch sah nach dem Ufer und nach der Stelle, an der ich lag; die Aufmerksamkeit war nur auf das Fleisch gerichtet. Ich schob mich in das tiefere Wasser zurück und schwamm dann schnell fort, mir gar keine Mühe gebend, unentdeckt zu bleiben. An dem Orte, wo ich mich entkleidet hatte, glücklich angekommen, stieg ich an das Land, legte meinen Anzug wieder an und kroch dorthin, wo Old Wabble mich erwartete; den Schilfbusch nahm ich mit.

Meine Annäherung geschah so leise, daß der Alte mich gar nicht hörte und sehr erschrocken zusammenfuhr, als ich ihn berührte. „Alle Donner! Seid Ihr es, Sir, oder ist’s ein Roter?“ fragte er.

„Ich bin es,“ antwortete ich.

Well! Wäret Ihr es nicht, so würde ich dem Kerl mein Messer in den Leib geben!“

„Das würdet Ihr nicht, Mr. Cutter.“

„Nicht? Warum sollte ich nicht?“

„Weil Ihr nicht könntet, denn Ihr hättet das seinige schon längst in Euerm Leibe.“

„Oho!“

„Jawohl! Was habt Ihr denn für Ohren?“

„Patentohren; th’is clear.“

„Dann schade um das schöne Patent, denn die Ohren taugen nichts! Ihr lagt so still; es war keine Bewegung rings umher, und doch habt Ihr nichts gehört, als ich kam. Wenn es nun ein Comantsche statt meiner gewesen wäre?“

„So hätte ich ihn gehört, denn es ist ganz unmöglich, daß ein anderer so geräuschlos sein kann wie Ihr. Habt Ihr gute Geschäfte gemacht, Sir?“

„Ich bin zufrieden.“

„Ich auch.“

„Was habt Ihr erlauscht?“

„Scheinbar wenig, eigentlich aber ist es sehr viel. Old Surehand wird nämlich nur von zwei Roten bewacht.“

„Wo?“

„Ah, das möchtet Ihr wohl sehr gern wissen?“

„Natürlich!“

„Ja, das glaube ich wohl. Aber wenn ich nicht wäre, so würdet Ihr es nicht erfahren.“

„Bildet Euch das nicht ein, Mr. Cutter! Ich brauche Euch nicht dazu; ich weiß es ebenso gut wie Ihr.“

„Nun, wo ist er?“

„Drüben auf der Insel.“

„Das habt Ihr schon vorher vermutet; aber es ist eben nur Vermutung.“

„Es ist Gewißheit; ich habe es von dem Häuptling Vupa-Umugi erlauscht.“

„Der sprach davon?“

„Ja.“

„Dieser Esel! Ich gedachte, Euch eine große Freude zu machen, indem ich Euch sagen wollte, daß Eure Vermutung richtig gewesen ist.“

„Grämt Euch nicht darüber, Sir! Was habt Ihr außerdem noch erfahren?“

„Nichts. Ich glaubte, Euch wunder was Wichtiges sagen zu können; da Ihr es aber selbst auch erlauscht habt, ist es grad so gut, als ob ich gar nichts erfahren hätte. Das ist ärgerlich! Wahrscheinlich hätte ich noch mehr gehört, da kamen aber die beiden Comantschen von gestern, und alles lief vom Feuer fort, an welchem ich lag. Ihr habt mehr erlauscht als ich?“

„Ja.“

„Was?“

„Davon später. Hier ist nicht der geeignete Ort zu einer Unterhaltung. Wollen machen, daß wir fortkommen.“

„Wohin?“

„Zunächst hinaus ins Freie, und zwar genau auf demselben Wege, auf dem wir hereingeschlichen sind.“

„Also durch dick und dünn. Und das nennt dieser Old Shatterhand einen Weg!“

Wir mußten bei unserm Rückzuge ebenso vorsichtig sein wie bei unserm Kommen, gelangten aber auch ebenso glücklich aus dem Bereiche der Indianer. Die Sterne schienen jetzt leidlich hell, und als wir die früher erwähnte, vorgeschobene Buschzunge hinter uns hatten, konnten wir uns aufrichten und so sorglos weitergehen, als ob kein einziger Comantsche in der Nähe sei.

„Es scheint, Ihr wollt nach unserm Lagerplatz?“ erkundigte sich Old Wabble.

„Wohin sonst?“

„Hm! Ihr werdet mich wahrscheinlich auslachen, aber ich hatte mir im stillen eingebildet, daß wir Old Surehand gleich mitbringen würden.“

„Das ist allerdings eine kühne Einbildung gewesen.“

„Weil die Verhältnisse anders liegen, als ich dachte. Läge der Gefangene nicht auf der Insel, sondern am Ufer, so wäre seine Befreiung ganz wie eins – – zwei – – drei vor sich gegangen.“

„Das verstehe ich nicht.“

„So will ich mich anders ausdrücken: Hinschleichen – –Fesseln zerschneiden – – aufspringen – – fortlaufen – – Indianer hinterher – – wir nach unserm Lagerplatz rennen – – auf die Pferde springen – – weggaloppieren – – fertig!“

„Das klingt ja, als ob so etwas unendlich leicht auszuführen sei. Habt Ihr vielleicht schon irgend einen Gefangenen auf diese Weise befreit?“

„Nein, aber doch Ihr! Ihr habt sogar schon mehrere solche Streiche ausgeführt.“

„Das ist kein Grund, daß es immer so gehen und stets so gelingen muß. Man hat sich nach den Umständen zu richten, welche selten ganz dieselben sind.“

„Thut mir leid! Ich will Euch offen und ehrlich gestehen, daß ich gern vor unsre Kameraden, die alle keine richtigen Westmänner sind, mit einer vollendeten Thatsache treten wollte.“

„Das heißt, Ihr wolltet gern ein wenig dicke thun?“

„Nennt es, wie Ihr wollt. Es ist doch wohl keine Schande, mit Euch einen Gefangenen, welcher dem Martertode geweiht ist, mitten aus anderthalbhundert Indianern herauszuholen.“

„Eine Schande nicht!“

„Also! Diese Freude fällt mir nun in den Brunnen.“

„Wieso?“

„Weil nun wahrscheinlich dieser Sam Parker, Jos Hawley und die andern mithelfen sollen.“

„Nicht, was man eigentlich helfen nennt. Sie werden unsre Rückzugslinie bilden; das ist alles.“

„Wirklich?“

„Ja. Befreit wird Old Surehand nur von uns beiden, von Euch und mir.“

„Das ist mir lieb, ungeheuer lieb!“

„Ich setze dabei aber voraus, daß Ihr wirklich ein so guter Schwimmer seid, wie Ihr gesagt habt!“

„Wie ein Fisch, sage ich Euch, wie ein Fisch; th’is clear. Es soll also bei diesem Streiche geschwommen werden?“

„Ja, da wir auf die Insel müssen.“

„Richtig; Kähne giebt es nicht!“

„Ein Kahn oder Boot wäre gar nicht zu brauchen; man würde uns sehen. Also, Ihr getraut Euch, vom jenseitigen Ufer aus quer über den See nach der Insel zu schwimmen, und auch wieder zurück?“

„Welche Frage! Ich sage Euch, ich schwimme von hier nach dem Monde, wenn genug Wasser dazwischen ist!“

Well! Dann ist die Sache sehr einfach! Wir schwimmen nach der Insel, machen die zwei Wächter unschädlich, befreien Old Surehand von seinen Fesseln und schwimmen mit ihm zurück.“

„Wie – – – was – – – wie – – –?“

Er blieb stehen, faßte mich am Arme und fuhr fort:

„Das geht ja bei Euch so schnell wie das Semmelbacken, Mr. Shatterhand!“

„Bei Euch ging es vorhin ja auch nur so eins – – – zwei – – drei – – – fertig!“

„Ja, das war etwas ganz andres! Ich wollte ihn zu Lande befreien, nicht aber zu Wasser. Hier müssen wir vor allen Dingen wissen: Kann Old Surehand auch schwimmen?“

„Das wißt Ihr doch wohl am besten; Ihr kennt ihn ja!“

„Habe ihn aber noch nicht im Wasser gesehen.“

„So? Ist auch nicht nötig, denn ein Westmann wie Old Surehand ist ganz gewiß ein guter Schwimmer.“

„Aber er ist gefesselt; das giebt Blutstockungen. Wird er seiner Arme und Beine so mächtig sein, daß er sogleich mit uns über den See schwimmen kann?“

„Ich denke es, denn man sagt ja, daß er ein überaus kräftiger Mann sei.“

„Das ist er; ja, das ist er. Also, abgemacht: er kann sofort mit uns schwimmen. Aber die Sterne, die Sterne!“

„Was ist’s mit denen?“

„Bemerkt Ihr denn nicht, daß sie immer heller werden?“

„Freilich.“

„Nun, die spiegeln sich mit dem ganzen Himmel im Wasser wieder; das ist schlimm!“

„Ihr wolltet ja soeben noch nach dem Monde schwimmen. Der irritiert Euch wohl nicht so sehr wie die Sterne?“

„Ich glaube gar, Ihr wollt Witze machen! jedenfalls aber wißt Ihr recht gut, was ich meine. Die Sternbilder im Wasser werden uns verraten.“

„Wem?“

„Den Wächtern auf der Insel.“

„Das glaube ich nicht.“

„Doch! Überlegt Euch nur: Das Wasser des Sees mit den Sternen liegt ruhig vor ihnen; bei jeder Bewegung entstehen Wellen, und die Sterne wabbeln hin und her, auf und nieder. Wenn wir angeschwommen kommen, giebt das eine solche Erschütterung und Revolution des ganzen im Wasser strahlenden Firmamentes, daß die Wächter unbedingt aufmerksam auf uns werden müssen.“

„Was schadet das?“

Wir waren weiter gegangen; jetzt blieb er wieder stehen, hielt mich an und fragte:

„Wa – – – wie – – – was? Was das schadet? Und das fragt ein Old Shatterhand? Eine solche Frage könnte mich nur von einem Greenhorn‘ nicht wundern. Was das schadet! Die Kerls werden natürlich sofort um Hilfe brüllen; dann werfen sich sämtliche Comantschen in das Wasser, und es giebt eine Jagd, bei der wir verloren sind. Wenn wir noch so fein schwimmen, viele Hunde sind doch des Hasen Tod.“

„Sie werden wohl nicht um Hilfe rufen,“ antwortete ich, indem ich ihn zum Weitergehen nötigte.

„Natürlich werden sie es! Sie sehen doch, daß zwei Menschen, zwei Weiße, kommen! Und wenn sie wirklich nicht schreien sollten, so schicken sie uns doch gewiß einige Kugeln in die Köpfe!“

„Auch das thun sie nicht!“

„Aber, Sir, ich begreife Euch nicht!“

„Sie werden uns gar nicht sehen.“

„Nicht – – – wie – – – was? Nicht sehen, wenn das ganze Firmament im Wasser krabbelt und wabbelt?“

„Nein, denn wir werden uns maskieren.“

„Maskieren? Das wird ja immer toller! Wie wollen wir uns maskieren? Etwa Ihr als Domino und ich als Harlekin? Ich danke für solchen Karneval!“

„Versteht mich doch richtig, Mr. Cutter! Unter maskieren verstehe ich so viel wie verstecken.“

„Auch gut! Wohin wollt Ihr Euch denn im Wasser stecken?“

„Hinter Schilf.“

„Das giebts auf dem See nicht, sondern nur am Ufer.“

„Wir nehmen welches mit.“

„Unsinn! Kein Roter wird sich dadurch irre machen lassen.“

„Ich kann Euch das Gegenteil beweisen.“

„Wieso?“

„Ich habe vorhin so eine Maskerade getrieben, weil ich meinen Zweck auf keine andre Weise erreichen konnte.“

„Wirklich?“

„Ja.“

Ich erzählte es ihm; als ich fertig war, meinte er:

„Hm, es ist doch nicht ganz so dumm, wie ich dachte! Aber ein einzelner Schilfbusch, das mag gehen, aber zwei? Wir bringen es doch wohl kaum fertig, ganz gleich zu schwimmen; die beiden Büsche würden also bald zusammen, und bald auseinander geraten. Das muß auffallen und Verdacht erwecken.“

„Allerdings; aber wir werden eben nicht zwei Büsche oder Bündel nehmen, sondern uns eine Schilfinsel herstellen, unter der wir stecken.“

„Nicht übel!“

„Erst schwimmen wir schnell, sobald wir aber in Sicht gelangen, kommt unsre Schilfinsel langsam, sehr langsam angetrieben.“

„Aber unsre hellen Körper! Um neben einander schwimmen zu können, brauchen wir wenigstens sieben Ellen Platz; dürfen wir das Schilffloß so groß machen? Die Wächter werden uns sehen, weil unsre Haut hell ist.“

„Wir behalten die Kleider an.“

„Hm!“ brummte er.

„Meint Ihr, daß Euch dies das Schwimmen erschweren wird, Mr. Cutter?“

„Gar nicht, ganz und gar nicht! Es fragt sich nur, wenn sonst auch alles glückt, ob die Wächter unser Schilf an ihrer Insel landen lassen werden.“

„Es soll nicht landen.“

„Es soll nicht? Wir also auch nicht? Und doch müssen wir auf die Insel! Gradezu unbegreiflich!“

„Ganz leicht erklärlich! Könnt Ihr tauchen?“

„Wie ein Frosch, sage ich, wie ein Frosch; th’is clear; so tief hinab und hinunter, wie Ihr wollt!“

„Das ist gut, denn das Tauchen gehört dazu. Wenn wir uns der Insel nähern und die Wächter das Schilffloß bemerken, werden sie auf die Seite der Insel gehen, an der es vorüberschwimmen will.“

„Das läßt sich denken; landen werden sie es aber wohl nicht lassen.“

„Nein. Nun kommt die Hauptsache: In dem Augenblicke, an welchem es der Insel am nächsten ist, verlassen wir unsren Schutz, tauchen nieder und schwimmen unter dem Wasser um sie herum, um an der andern Seite wieder aufzutauchen. Während die Wächter dem Schilfe nachblicken, besteigen wir hinter ihrem Rücken die Insel, und ich springe auf sie zu, um sie mit zwei guten Fausthieben unschädlich zu machen.“

„Brillant, Mr. Shatterhand! Und ich?“

„Für Euch ist es das erste, die Fesseln des Gefangenen zu durchschneiden, damit er schnell frei wird, denn es kann, wenn ich es auch nicht für wahrscheinlich halte, doch der Fall eintreten, daß wir gleich wieder fort müssen. Es ist ja möglich, daß ich einen der Kerls nicht richtig treffe und er Zeit gewinnt, um Hilfe zu rufen.“

„Das wäre faul, sehr faul!“

„Ja. Ihr seht wohl ein, daß wir viel zu leisten haben und daß alles gut klappen muß, wenn der Streich gelingen soll. Ich denke also, daß Ihr es mir nicht übel nehmen werdet, wenn ich Euch bitte, Euch noch einmal zu prüfen, ob Ihr das, was ich von Euch verlangen muß, auch wirklich ausführen könnt.“

„Mit Leichtigkeit, Sir, mit größter Leichtigkeit!“

„Bitte, nicht so schnell antworten! Wir dürfen nicht leichtsinnig sein. Ich sage Euch aufrichtig, daß ich es mir nicht leicht vorstelle. Ich kenne mich genau und weiß, daß ich es ausführen kann, wenn nichts dazwischen kommt und -alles so glatt verläuft, wie ich vermute; aber dennoch halte ich die Sache für schwer, hier sogar für sehr schwer.“

„Redet nicht von Leichtsinn, Sir! Habt Ihr diesen Old Wabble hier einmal schwimmen sehen?“

„Nein.“

„Oder gar tauchen?“

„Noch viel weniger.“

„So seid still, und wartet es ruhig ab! Und wenn es vorüber ist, dann werdet Ihr sagen, daß Ihr keinen bessern und geschicktern Helfer als mich finden konntet; th’is clear!“

„Das soll mich freuen, denn es handelt sich hier mehr um unser Leben als bei jeder andern Gelegenheit.“

Ich war mir wirklich darüber unklar, ob ich ihm trauen könne oder nicht. Seine Knochengestalt ließ keinen guten Schwimmer vermuten, und seine Versicherungen hatten etwas Prahlerisches; aber er war bekanntermaßen ein mutiger und erfahrener Mann und sprach in einem solchen Brusttone der Überzeugung, daß es schwer war, ihm keinen Glauben zu schenken. Übrigens gab es keine Zeit mehr für weitere Auseinandersetzungen, weil wir jetzt unsern Lagerplatz erreichten.

Die Gefährten waren wegen unsrer langen Abwesenheit in Sorge um uns gewesen. Wir erzählten ihnen, was wir gesehen und erfahren hatten und erklärten ihnen den Rettungsplan, den wir ausführen wollten.

Parker und Hawley bedauerten, daß sie keine direkte Rolle dabei spielen sollten; die andern sagten nichts; sie waren wohl ganz zufrieden damit, daß ich ihnen nicht zumutete, ihr Leben auf das Spiel zu setzen. Wir bestiegen unsre Pferde und brachen von hier auf, um nach der andern Seite des Sees zu reiten.

Dort angekommen, mußten wir im Dunkel durch das Gebüsch, um von der offenen Grasprairie an das Wasser zu gelangen, wo wir wieder abstiegen und die Pferde anbanden. Drüben brannten die Lagerfeuer.

Es gab hier auch Schilf. Wir schnitten davon so viel, wie wir brauchten; einige starke Äste bildeten die Unterlage, den Rahmen des Floßes. Als wir mit der Herstellung desselben fertig waren, war es für unsern Zweck ein kleines Meisterwerk. Es hatte unten Öffnungen für unsre Köpfe und vier lederne Schlingen, in die wir die Arme zu stecken hatten; natürlich war dafür gesorgt, daß wir, wenn wir darunter steckten, oben einen freien Ausblick hatten.

Jetzt sollte das Wagnis beginnen. Wir leerten unsre Taschen und legten überhaupt alles von uns, was durch das Wasser leiden mußte oder nicht ganz nötig mitzunehmen war. Von Waffen konnten wir nur die Messer behalten. Als wir so weit fertig waren, fragte Parker:

„Also, wir haben wirklich ganz und gar nichts dabei zu thun, Mr. Shatterhand?“

„Nein; aber für überflüssig braucht ihr euch trotzdem nicht zu halten; es giebt einen Fall, in welchem wir euch sehr notwendig brauchen.“

„Welcher ist das?“

„Wenn wir entdeckt und verfolgt werden, was nur zu Wasser geschehen kann. Wir kommen in gerader Linie zurückgeschwommen. Haben wir Verfolger hinter uns, so ist es eure Aufgabe, sie von uns abzuhalten.“

„Durch Schüsse?“

„Ja.“

„In dieser Dunkelheit! Vom Schwimmer kann man nicht viel mehr als den Kopf sehen; wer kann da einen Weißen von einem Indianer unterscheiden. Wie leicht könnten wir auf euch schießen!“

„Ihr dürft eben nicht eher schießen, als bis ihr genau wißt, auf wen ihr zielt. Übrigens werden wir uns euch durch laute Zurufe kenntlich machen. Kommt einer von uns im Wasser mit einem Roten in Kampf, so schießt ihr auf keinen Fall, selbst wenn es so nahe von hier wäre, daß ihr die Gesichter unterscheiden könnt. Wir sind Manns genug, es mit einem Roten aufzunehmen.“

„Jawohl, das sind wir; th’is clear!“ stimmte mir Old Wabble lebhaft bei.

„Von mir weiß ich es, und von Euch glaube ich es,“ antwortete ich ihm. „Dennoch frage ich Euch noch einmal: Ist das, was Ihr leisten sollt, wirklich nicht zu viel für Euch? Sonst führe ich es lieber allein aus.“

„Sir, was denkt Ihr von mir! Ich soll doch nicht annehmen, daß Ihr mich für einen Faselhans haltet!“

„Nein. Also vorwärts! Und gut Glück dabei!“

Yes, go on! In einer halben Stunde sind wir glücklich und siegreich wieder da!“

Mit dieser kühnen Versicherung wabbelte der Alte in das Wasser, und ich folgte ihm etwas weniger zuversichtlich.

Unter das Floß brauchten wir erst dann zu kriechen, wenn wir so nahe an der Insel waren, daß es von den Wachen gesehen werden konnte; jetzt schwammen wir frei und schoben es vor uns her.

Ich beobachtete zunächst Old Wabble, um zu sehen, ob er wirklich so gut schwamm, wie er versichert hatte; es mochte gehen. Aber nach einiger Zeit bemerkte ich, daß das Floß sich auf seiner Seite tiefer in das Wasser senkte als auf der meinigen.

„Ihr legt Euch zu sehr auf,“ sagte ich. „Ihr seid doch nicht etwa schon müde, Mr. Cutter?“

„Müde? Was fällt Euch ein!“ antwortete er. „Da sind nur die verteufelten Braces schuld, die mich drücken.“

„Wer wird auch außer dem Gurt noch Träger haben!“

„Das versteht Ihr nicht. Den Gürtel kann man im Westen nicht entbehren, und die Braces brauche ich, weil ich keine Hüften habe; sie müssen auch den Gürtel halten. Bei meiner Gestalt! Wo sollen da Hüften sitzen!“

Ich konnte mir nicht recht erklären, warum seine Hosenträger die impertinente Absicht verfolgten, ihn im Schwimmen zu hindern, und war still, doch nicht lange, denn er stützte sich immer mehr auf das Floß, so daß es auf meiner Seite aus dem Wasser ragte. Da bat ich ihn:

„Kehrt lieber um, Mr. Cutter; jetzt ist’s noch Zeit! Es scheint Euch schwer zu werden.“

„Unsinn! Seht Ihr denn nicht, daß ich wie ein Fisch vorwärts schieße?“

„Weil ich das Floß schiebe, an dem Ihr hängt!“

„Das sieht bloß so aus! Diese Braces! Ich werde sie herunternehmen; dann geht es besser.“

Indem er sich mit der einen Hand am Floße festhielt, knüpfte er mit der andern die Hosenträger ab und schob sie in die Tasche. Sie schienen ihn doch gedrückt und gehindert zu haben, denn es ging jetzt besser. Freilich hörte ich, daß er schnaufte; er schien sich anzustrengen. Als ich eine Bemerkung darüber machte, versicherte er:

„Das ist nur die eine Lungenseite; die wird manchmal so laut; die andre ist gut.“

Nun schwammen wir wohl fünf Minuten lang, ohne ein Wort zu sagen; dann bemerkte ich, daß er tiefer im Wasser lag als vorher.

„Ihr scheint schwerer zu werden, Sir?“ fragte ich.

„Ist das denn ein Wunder? Die Kleidung zieht ja Wasser, und da hinten – – – all devils, was ist das!“

Er hielt das Floß an und langte mit einer Hand hinter sich.

„Was sucht Ihr dort, Sir?“

„Ich suche – – – na! – – – Hört, Mr. Shatterhand, ich muß meine Braces unbedingt wieder anknöpfen.“

„Warum?“

„Weil ich die Leggins verliere; sie schwimmen schon halb hinter mir her. Wollt Ihr mir helfen?“

Ich war ihm behilflich, die schon halb entwichenen Beinkleider zu Raison zu bringen; dann ging es weiter. Aber ich mußte zu meiner großen Besorgnis von Minute zu Minute immer mehr einsehen, daß er doch der Schwimmer nicht war, für den er sich hielt. Ich hatte nicht nur das Floß, sondern auch ihn vorwärts zu treiben.

„Ich denke, wir kehren um, Mr. Cutter,“ sagte ich. „Ihr seid wirklich müde, und unser Vorhaben erfordert volle Kraft. Denkt der Gefahr, der wir entgegengehen!“

„Ich denke daran, und ebendeshalb strenge ich mich jetzt nicht an, um später bei guter Force zu sein. Umkehren! Welcher Gedanke! Werde mich blamiren!“

Ja, blamiren wollte ich ihn freilich nicht gern; aber durfte ich es weiter mit ihm riskieren? Es war ja möglich, daß er sich jetzt schonte, um später ganz au fait zu sein; auf weitere, dringende Fragen versicherte er, daß dies wirklich der Fall sei. Übrigens hatten wir jetzt schon die Hälfte des Weges zurückgelegt; also vorwärts, mochte es nun gehen, wie es wolle! Meine Sorge wurde trotz dieses Entschlusses keineswegs geringer, und schon nach weiteren fünf Minuten erkundigte ich mich:

„Wollt Ihr Euch nicht mit dem Oberkörper auf das Floß legen? Da ruht Ihr aus und habt dann frische Kraft.“

„Das ist richtig. Aber wird es Euch nicht zu schwer?“

„Nein; thut es nur.“

Er folgte meinem Rat und sagte, als ich unser Wasser-Vehikel weiter trieb:

„Mir ist ein Gedanke gekommen, Sir. Die Wächter werden Verdacht schöpfen, auch wenn sie uns nicht sehen.“

„Warum?“

„Weil sie sich fragen werden, woher unser Schilf die Bewegung bekommt. Der See steht ja still.“

„Da irrt Ihr Euch. Er schickt sein Wasser da unten dem Rio Pecos zu, und infolgedessen hat es eine, wenn auch nicht sehr wahrnehmbare Bewegung nach dem Abflusse hin. Ein losgerissenes Schilf wird also langsam da hinunter schwimmen. Das werden sich die Roten wohl auch sagen. In dieser Beziehung habe ich keine Sorge.“

„Aber wohl in andrer?“

„Ja.“

„Weshalb?“

„Wegen Euch.“

Pshaw! Ich will mich jetzt nicht anstrengen. Wenn es losgeht, werdet Ihr mich ganz bei der Sache finden.“

„Hm! Vom Schwimmen will ich jetzt nichts mehr sagen; dazu komme ich noch, ehe ich den Rückweg antrete. Es handelt sich jetzt vielmehr um das Tauchen. Wenn Euch das nicht gelingt, können wir verloren sein.“

„Redet nicht, Sir! Ich habe ja weiter nichts zu thun, als im richtigen Augenblicke das Floß loszulassen, unterzutauchen und an der andern Inselseite wieder heraufzukommen. Das ist kinderleicht, zumal bei meinem Körperbau. Wer so wenig Fleisch und so viel Knochen hat, dem wird es leicht, im Tauchen Meister zu sein.“

Da hatte er freilich recht, und das Selbstvertrauen, welches er zeigte, beruhigte mich einigermaßen, obgleich ich einsah, daß es besser gewesen wäre, ihn zurückzulassen und das Vorhaben allein auszuführen.

Wir näherten uns der Insel mehr und mehr, und ich lenkte jetzt das Floß von der bisherigen geraden Richtung nach aufwärts, weil wir uns später abwärts treiben lassen mußten. Die Lagerfeuer der Comantschen leuchteten hell, doch nicht zu uns herüber; das auf der Insel war klein; es brannte hinter dem Gebüsch; darum konnten wir die Flamme nicht sehen. Die wenigen sichtbaren Sterne des heutigen Himmels blickten von dem Firmamente herab in die Flut und aus derselben wieder herauf. Ich schwamm so stät und ruhig wie möglich, um keine Wellen zu verursachen, in denen der Rückstrahl der Sterne schwankte, weil dies ziemlich weit zu sehen ist. So kam ich ohne Hast bis in solche Nähe der Insel, daß wir nun das Floß treiben lassen konnten. Ich machte Old Wabble darauf aufmerksam:

„Jetzt ist die Zeit gekommen, Mr. Cutter. Wir müssen nun unter das Schilf kriechen.“

Well, soll gleich geschehen,“ antwortete er.

„Noch einen Augenblick! Wenn wir mit den Köpfen in den Löchern stecken und uns eine Mitteilung zu machen haben, so darf das nur flüsternd geschehen.“

„Versteht sich ganz von selbst!“

„Obgleich wir das Floß treiben lassen, muß es doch leise gelenkt werden; das überlaßt Ihr mir allein!“

„Ist mir lieb. Sagt mir nur, wann das Tauchen losgehen soll! Bin dann gleich dabei.“

„Werdet Ihr es wirklich fertig bringen?“

„Ich sage Euch allen Ernstes, habt keine Angst um mich. Ich gebe Euch mein Wort, daß ich Euch gar nicht, aber auch gar nicht beschwerlich fallen werde!“

Das war ein ganz andrer Ton als vorher. Hatte er sich nur verstellt? War er wirklich ein guter Taucher?

Wir schlüpften unter das Floß und steckten die Köpfe in die dazu bestimmten Löcher; dann schoben wir die Arme in die Lederschlingen und hingen nun in aufrechter Haltung ungefähr so unten an dem Floße, wie ein Turner an den Schwingen hängt. Das Schilf trug uns; wir brauchten nicht zu schwimmen, und eine kleine Hand- oder Fußbewegung genügte zum Lenken. Es ging sehr, sehr langsam, und in der Erwartung, die uns ergriffen hatte, wurde uns die Zeit doppelt lang.

„Verwünschte Eilschiffahrt!“ raunte mir der Alte zu. „Könnt Ihr gut sehen, Sir?“

„Ja.“

„Ich auch. Jetzt müßte ein Haifisch kommen und uns in die Beine beißen! Thunder, würde da unser Steamer in Bewegung kommen! Wie gut, daß es hier keine solchen Bestien oder gar Krokodile giebt! Da, schaut!“

„Ich sehe ihn.“

„Und er sieht uns. Was wird er thun?“

Wir waren jetzt vielleicht sechzig Schritte von der Insel entfernt. Im Gebüsch derselben gab es eine breite Lücke, durch welche das Feuer zu sehen war. Im Scheine desselben erblickten wir einen Indianer, welcher am Ufer Wasser schöpfte und dabei unser Dampfschiff bemerkte. Er sah kurze Zeit zu uns herauf und kehrte dann zum Feuer zurück.

„Prächtiger Kerl!“ flüsterte Old Wabble. „Will gar nichts von uns wissen.“

„Das kann uns ungeheuer lieb sein; aber warten wir es ab, ob ihm unser Schilf nicht doch noch auffällt.“

Es verging Minute um Minute; wir kamen der Insel immer näher, und der Wächter erschien nicht wieder. Noch vierzig, noch dreißig, noch zwanzig, endlich nur noch zehn Schritte! Wir glitten vorüber.

„Mr. Cutter, jetzt!“ raunte ich dem Alten zu. „Ich tauche links und Ihr taucht rechts um die Insel herum, damit wir nicht zusammengeraten und uns hindern. Drüben steigen wir auf und sind im Rücken der Wächter. Aber bitte, gebt Euch alle Mühe! Habt Ihr die Arme noch in den Schlingen?“

„No.“

„Seid Ihr fertig?“

„Yes, es kann losgehen; th’is clear.“

„Dann fort vom Floße!“

Ich machte mich los, tauchte tief hinab, schwamm um die Hälfte der Insel und kam drüben vorsichtig wieder empor; zwei Stöße brachten mich an das Ufer. Old Wabble war an dieser Stelle nicht zu sehen; er erstieg die Insel jedenfalls nicht weit von hier an einer andern; ich konnte mich nicht um ihn bekümmern, sondern mußte vor allen Dingen zu den beiden Wächtern. Mich auf die Erde legend, kroch ich durch die Büsche. Sie saßen an dem kleinen Feuer, welches nur durch fünf oder sechs dünne Holzstücke genährt wurde; der eine kehrte mir den Rücken, der andre die linke Seite zu. Etwas abseits von ihnen lag der Gefangene im Schatten eines überhängenden Strauches. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen; aber die Füße lagen im Lichte des Feuers; sie waren gefesselt. Nun schnell ans Werk!

Ich richtete mich auf und war mit zwei schnellen Sprüngen am Feuer; ein Hieb hüben und ein Hieb drüben an die Schläfen der Roten – sie sanken um. Ich bückte mich zu ihnen nieder; sie waren betäubt.

Heavens, ein Weißer!“ erklang da die Stimme des Gefangenen. „Kommt Ihr, um mich – –“

„Ja,“ unterbrach ich ihn. „Reden wir später; jetzt müssen wir handeln. Weg mit den Fesseln!“

Ich kniete zu ihm nieder, zog das Messer; hinter mir gab es ein Geräusch.

„Seid Ihr da, Mr. Cutter?“ fragte ich, ohne mich umzusehen, denn wer konnte es anders sein als Old Wabble.

„Uff, uff, uff, uff!“ antworteten statt seiner zwei mir fremde Stimmen.

Ich richtete mich blitzschnell auf und drehte mich um. Da standen zwei Indianer, wassertriefend und mich wie ein Gespenst anstarrend. Später sagte mir Old Surehand, daß die Wachen alle drei Stunden gewechselt worden waren. Diese Ablösung geschah schwimmend; daher jetzt die beiden triefenden Gestalten, welche grad in diesem für mich so außerordentlich ungünstigen Augenblicke kamen, um an die Stelle der zwei Betäubten zu treten. Meine Überraschung währte nur einen Augenblick; im zweiten hatte ich den mir am nächsten stehenden Roten mit der linken Hand bei der Kehle und schmetterte ihn mit der rechten Faust zu Boden. Dann wollte ich den andern packen, kam aber nicht dazu, denn er sprang mit einem schrillen Hilferufe von der Insel in das Wasser und schwamm, immer brüllend, dem Lager zu.

Da war keine Zeit zu verlieren. Ich sprang zu Old Surehand und schnitt die Arm- und Fußfesseln durch. Er war außerdem noch mit zwei Riemen an zwei in die Erde gerammte Pfähle gebunden; auch die durchschnitt ich.

„Könnt Ihr Euch bewegen, Sir?“ fragte ich, indem er aufstand. „Sagt es, schnell, schnell!“

Ich sah diesen Mann jetzt zum ersten Male, hatte aber keine Zeit, ihn zu betrachten. Er streckte seine mächtigen Glieder, bückte sich, um einem der Betäubten das Messer zu nehmen, und antwortete so ruhig, als ob nun für ihn gar nichts zu fürchten sei:

„Ich kann alles, was Ihr wollt, Sir.“

„Auch schwimmen?“

„Ja. Wohin?“

„Da, grad hinüber werden wir von Weißen erwartet.“

„So kommt! Es ist hohe Zeit. In weniger als einer Minute haben wir die Roten hier.“

Er hatte recht. Die alarmirten Comantschen vollführten einen wahren Teufelslärm. Das war ein geradezu ohrenzerreißendes Schreien, Heulen, Rufen und Brüllen! Wir konnten sie nicht sehen; aber wir hörten am klatschenden Aufspritzen des Wassers, daß sie sich in den See stürzten, um nach der Insel zu schwimmen. Wir mußten fort. Wo aber war Old Wabble?

„Mr. Cutter, Mr. Cutter!“ überbrüllte ich beinahe den Höllenlärm. „Mr. Cutter, seid Ihr hier?“

Old Surehand war an das Ufer gesprungen, um nach dem Lager hinüberzublicken. Er drehte sich zu mir um und fragte, nicht mehr ruhig, sondern hastig:

„Mr. Cutter? Solltet Ihr Old Wabble meinen?“

„Ja. Er schwamm mit nach der Insel, um Euch zu retten, ist aber nicht zu sehen.“

„Sind noch mehr Weiße da?“

„Nein.“

„So denkt nicht an ihn! Ich kenne den Alten; der hat seine eigene Art und Weise.“

„Aber er ist verloren!“

„Denkt das nicht, Sir! Den bringt kein Satan um; er befindet sich in größerer Sicherheit als wir. Laßt ihn, und kommt fort! Die Roten sind alle, alle im Wasser; die ersten sind beinahe da. Vorwärts, schnell, schnell!“

Er ergriff meinen Arm und zog mich fort. Vom Rande der Insel aus konnte ich mir seine Eile erklären. Das Wasser zwischen ihr und dem Lagerplatze wimmelte förmlich von roten Köpfen, deren Mäuler brüllend offen standen. Einer der Schwimmer, der allen voran war, hatte nur noch zehn oder zwölf Stöße zu thun, um die Insel zu erreichen. Ich durfte nicht an Old Wabble, sondern ich mußte an mich selbst und Old Surehand denken.

„Ja, fort ins Wasser,“ antwortete ich darum. „Folgt mir, so schnell Ihr könnt!“

Wir sprangen hinein und griffen langsam aber kräftig aus, wie ein guter Schwimmer thut, der nicht ermüden will. Das Geheul der Indianer verdoppelte sich, es war ganz entsetzlich. Sie hatten uns gesehen und strengten sich an, uns einzuholen.

Um mich hatte ich keine Sorge; mich erwischte gewiß keiner; aber Old Surehand! So ein Westmann wie er, schwamm gewiß vortrefflich; aber die Gefangenschaft hatte ihn angegriffen, und wie indianische Fesseln die Hände und Füße für größere Anstrengungen untauglich machen, das wußte ich am besten. Indem ich neben ihm herschwamm, beobachtete ich ihn. Er schwamm kaltblütig und mit jenem Doppelstoße, der die Arbeit gleichmäßig auf Arme und Beine verteilt. Das beruhigte mich anfänglich. Bald aber bemerkte ich, daß seine Bewegungen an Stetigkeit verloren.

„Greift es Euch an, Sir?“ fragte ich.

„Nein,“ antwortete er; „aber ich habe kein Gefühl in den Händen und Füßen; sie sind wie taub.“

„Daran sind die Fesseln schuld. Werdet Ihr es aushalten bis an das jenseitige Ufer?“

„Ich hoffe es. Unter gewöhnlichen Verhältnissen würde mich kein Indsman einholen; aber wenn man so lange Zeit mit zusammengeschnürten Gliedern, daß das Blut stehen bleibt, gelegen hat, dann läßt sich nichts mehr behaupten.“

Nach einiger Zeit fühlte er ein Zerren in den Armmuskeln. Ich kannte dieses für einen Menschen, der um sein Leben zu schwimmen hat, höchst gefährliche Symptom und forderte ihn auf-

„Legt Euch auf den Rücken und schwimmt nur mit den Füßen; da ruhen die Arme aus!“

Er folgte diesem Rate, und unsre bisherige Schnelligkeit verminderte sich bedeutend. Ich schwamm nun auch auf dem Rücken, um unsre Verfolger zu sehen. Sie waren noch alle, doch in den verschiedensten Abständen, hinter uns. Der ganze rückwärts liegende Teil des Sees war so von schwimmenden Indianern belebt, daß höchst wahrscheinlich alle Comantschen in das Wasser gegangen waren; viele waren auf keinen Fall zurückgeblieben. Einer war uns auf ungefähr hundert Schritte nahe. Old Surehand sah ihn auch und sagte:

„Wir müssen schneller machen; so geht es zu langsam; ich werde es wieder von vorn versuchen.“

Er that es, machte mir aber bald das Geständnis:

„Mir schlafen die Arme ein, Sir. Macht weiter fort, und laßt mich zurück!“

„Old Surehand verlassen? Fällt mir nicht ein! Legt Euch quer über mich; ich trage Euch!“

„Ich bin zu schwer!“

„Für mich nicht.“

„Aber dann geht es zu langsam, und die Roten holen Euch ein!“

„Wollen es abwarten. Also bitte!“

Er folgte meinem Wunsche nur nach mehrmaliger Wiederholung desselben. Er war freilich nicht leicht; aber es ging. Dennoch kam uns der eine Indianer immer näher. Er schien bisher nur gespielt zu haben und stieß sich jetzt mit einer Kraft, Geschmeidigkeit und Ausdauer vorwärts, daß ich einsah, er werde uns einholen. Er war aber der einzige; die andern blieben immer weiter zurück. Bei dem Dunkel des Abends wäre er nur schwer zu sehen gewesen, wenn die Lagerfeuer drüben nicht gebrannt hätten, Zwar konnte ihr Schein weder ihn noch uns erreichen, aber sie bildeten in dieser Entfernung Lichter, welche er von Zeit zu Zeit verdeckte. Er mußte ausgezeichnete Augen haben, daß er uns auf der weiten Fläche nicht verlor.

Als wir ungefähr drei Viertel des Weges hinter uns hatten, war er höchstens noch dreißig Schritte von uns entfernt und stieß einen schrillen Schlachtruf aus.

„Er holt uns ein!“ sprach Old Surehand. „Daran bin ich schuld. Ihr seid ein Schwimmer, wie ich noch keinen gesehen habe, aber im Wasser ein Gewicht von zwei Zentnern zu tragen, das hält den stärksten Riesen auf.“

Pshaw! Das Wasser trägt Euch doch mit, und den einen Roten da fürchte ich nicht.“

„Ich auch nicht. Wenn er herankommt, ist er verloren; ich habe ein Messer, und in meinen Armen ist wieder Gefühl.“

„Überlaßt ihn mir! Ich bin nicht gefesselt gewesen.“

„Wollt Ihr ihn erstechen? Ich liebe es nämlich nicht, Blut zu vergießen, wenn es nicht absolut nötig ist.“

„Ganz meine Meinung. Ich gebe ihm einen Hieb vor den Kopf und nehme ihn mit an das Ufer.“

„Sir, das bringt nur ein Jäger fertig, welcher Old Shatterhand heißt. Ich habe doch gewiß auch Muskeln und Sehnen, aber ich muß mehrmals schlagen, wenn ich jemand betäuben will.“

„Die Kraft thut es nicht allein; es ist ein Vorteil dabei. Werdet Ihr wieder schwimmen können?“

„Ja; laßt mich herab; es geht wahrscheinlich wieder.“

„Wahrscheinlich! Und da wollt Ihr mit diesem Indsman kämpfen? Das kann sich nur ein Old Surehand zutrauen.“

„Mein Name scheint Euch sehr geläufig zu sein. Darf ich den Eurigen erfahren?“

„Ich werde Euch gleich zeigen, wie ich heiße. Versucht nur erst, ob Ihr allein weiter könnt!“

Der Versuch gelang; seine Arme weigerten sich nicht mehr, ihre Dienste zu leisten. Es war gewiß eine ganz eigene Lage. Zwei Weiße, auf einem See schwimmend und von einer Indianerschar verfolgt, sprachen mit einander, als ob sie sich in einem New-Yorker Parlour auf Schaukelstühlen wiegten! Das konnten auch nur Westmänner thun!

Wir waren, während Old Surehand seine Kräfte neu versuchte, nicht vorwärts gekommen; der Rote schwamm schnell heran und stieß einen zweiten Siegesruf aus.

„Überlaßt ihn also mir, und seht zu, wenn Ihr wollt,“ bat ich meinen Gefährten; dann wendete ich mich zurück.

Der Feind sah, daß ich ihm standhalten wollte, und hielt an. Die Hand mit dem Messer hoch emporhebend, rief er aus:

„Hier ist Vupa-Umugi, der Häuptling der Comantschen. Sein Messer wird die weißen Hunde beide fressen!“

Ah, also der! Das war mir lieb. Es war bisher unmöglich gewesen, seine Züge zu erkennen.

„Und hier ist Old Shatterhand, von dem du meinst, daß er dir nicht entkommen kann,“ antwortete ich. „Versuche, ob du recht hast!“

„Old Shatterhand! Old Shatterhand!“ riefen Old Surehand und der Rote zu gleicher Zeit, und der letztere fügte hinzu: „Bist du dieser räudige Coyote, so sollst du augenblicklich sterben!“

Nach diesen Worten tauchte er schnell unter. Also ein Kampf auf Leben und Tod, des Nachts auf dem Wasser! Der Häuptling wollte bei mir auftauchen und nach mir stechen; dies abzuwarten, fiel mir gar nicht ein. Ich tauchte ebenso unter, doch tiefer als voraussichtlich er. Das Wasser hält, grad wie der Diamant, das tagesüber eingesogene Licht noch lange fest; darum kann ein guter Taucher an dunklen Abenden unter Wasser wenigstens ebenso gut oder gar noch besser sehen als über demselben. In einer Tiefe von vielleicht fünf Metern schwebend, sah ich empor. Ja, da war der Häuptling, seitwärts über mir! Er streckte die Hände aus zum Schlage, der ihn an die Oberfläche treiben sollte. Ich that diesen Schlag zugleich mit ihm und kam hinter ihm über Wasser. Er bekam meinen Jagdhieb an den Kopf, und dann faßte ich ihn beim Schopfe, um zu verhüten, daß er unterging.

„Old Shatterhand, wahrhaftig Old Shatterhand! Da ist’s ja gleich bewiesen!“ rief Old Surehand.

„Ja, Sir, ich habe mich Euch in nicht ganz salonartiger Weise vorgestellt. Ihr müßt mir das verzeihen!“

„Dieser Fehler ist auf beiden Seiten geschehen,“ lachte er. „Aber, Sir, Ihr glaubt es nicht, wie ich mich freue – – –“

„Und so weiter, und so weiter!“ fiel ich ihm in die Rede. „Davon später, vielleicht erst morgen früh! jetzt dürfen wir nicht an Komplimente denken. Es würde mir lieb sein, wenn die Parästhesie Eurer Arme vorüber wäre.“

„Sie ist’s, wie es scheint.“

„Versucht es wenigstens! Ich habe den Roten zu tragen. Schwimmen wir weiter!“

Und siehe da, es ging! Die Bewegung und Anstrengung des Schwimmens war zu schnell auf die vorherige, gezwungene Lage der Glieder gefolgt. Das schien nun vorüber zu sein. Wir schwammen langsam, damit er sich schonte, und erreichten das Ufer, ohne daß die Schwäche sich wiederholte. Dort wurde der Häuptling, dem eben das Bewußtsein wiederkehrte, gefesselt.

Unser Unternehmen war glücklich, aber auch unglücklich verlaufen. Ich hatte Old Surehand befreit und dazu den Anführer der Comantschen gefangen genommen, dafür aber Old Wabble verloren. Was war aus diesem geworden? Old Surehand glaubte nicht an seinen Tod. Er behauptete:

„Lernt diesen alten Boy erst richtig kennen, Mesch’schurs! Er ist ein Original ersten Ranges und durch nichts umzubringen. Ich wette, er sitzt irgendwo an einem sichern Orte und lacht sich in das Fäustchen. So einen Pfiffikus muß man studiert haben, um ihn richtig zu beurteilen. Er weiß aus dem größten Unglücke ein noch viel größeres Glück zu machen, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er jetzt plötzlich käme und auch einen oder gar mehrere Gefangene brächte.“

„Wenn er nicht selbst gefangen ist,“ warf ich ein.

„In diesem Falle kann ihm geholfen werden. Wir wechseln ihn gegen den Häuptling aus.“

„So wollt Ihr diesem nicht ans Leben?“

„Behüte! Es ist nicht meine Mode, mich als Mörder aufzuspielen. An mir hat er’s freilich nicht verdient, aber wenn es auf mich ankommt und dem alten Wabble nichts geschehen ist, lassen wir den Roten laufen.“

„Bin ganz einverstanden, Sir. Aber schaut, da sehe ich Köpfe auf dem Wasser!“

Es war so, wie ich sagte. Die meisten Comantschen hatten von der Verfolgung abgelassen; andre hatten sie fortgesetzt und kamen nun angeschwommen. Sie wurden durch drohende Zurufe und einige Schüsse zurückgetrieben, Dann mußte ich den Gefährten erzählen, wie wir auf die Insel gelangt und dann zu zweien herübergeschwommen waren.

Ich hatte diesen Bericht noch nicht vollendet, als wir ein Geräusch drin in den Büschen hörten. Wir lauschten. Die Zweige raschelten und knackten wie von großen Tieren, vielleicht Pferden; dann erklang eine befehlende Stimme:

„Bücke dich hübsch aufs Pferd nieder, Rothaut, sonst rennst du dir die Nase ein; th’is clear!“

„Old Wabble!“ sagte Old Surehand. „Ihr werdet sehen, Mesch‘ schurs, daß er meine Prophezeiung ganz wörtlich erfüllt.“

Und wirklich, da kam er aus dem Gebüsch heraus, hinter sich her ein Pferd ziehend, auf welchem ein Indianer festgebunden war. An diesem Pferde hingen hintereinander noch zwei, welche beladene Packsättel trugen.

„Da bin ich auch wieder,“ sagte er lachend. „Habe Euch was mitgebracht, was sehr gut zu gebrauchen ist. Ah, good evening, Mr. Surehand! Auch schon da? Habe es mir doch gedacht, daß ich nicht dabei zu sein brauchte. Euch frei zu machen, dazu war Mr. Shatterhand Mann genug.“

„Wo habt Ihr denn gesteckt, Mr. Cutter?“ fragte ich. „Wir haben Sorge um Euch gehabt.“

„Sorge? Möchte wissen, weshalb und was mir geschehen sollte! Ich sorge schon für mich selbst, auch noch für andre mit, wie Ihr gleich sehen werdet.“

„Ihr kamt doch nicht auf die Insel!“

„Fällt mir gar nicht ein!“

„Warum denn nicht?“

„Weil ich ein großer Esel gewesen bin; th’is clear. Ich habe wunder gedacht, wie gut ich schwimmen und tauchen kann, mit Euch aber kam ich nicht fort. Das Schwimmen hatte ich glücklich überstanden, freilich nur hinüber; wieder herüber, und dabei die Leggins abermals verlieren, das war nicht mein Fall. Und nun gar tauchen! Wenn man nun nicht wieder heraufkommt! Man kann da ganz gut bei lebendigem Leibe ersaufen. Ich blieb also unter dem Floße hängen und ließ die Sache laufen, wie sie wollte. Da plötzlich erhob sich ein Gebrüll, daß mein Dampfer nur so wackelte, und die Roten sprangen in das Wasser; kein einziger blieb am Lande. Sogar die Pferdewächter kamen gerannt und machten sich hinter Euch her. Einer von ihnen mußte bleiben, und den wollte ich mir holen. Ich segelte also ans Land, kroch unter meinem Baldachin heraus, sprang auf ihn zu und gab ihm einen Klapps, daß er sich niedersetzte, ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen. Ich band ihn mit einem der Riemen, an denen das Fleisch aufgehängt worden war. Dabei kam mir der Gedanke, daß wir auch Proviant brauchen, wenn wir – – ah, will nicht sagen, wohin, wollen. Ich lief also nach dem Weideplatze und holte drei Pferde, eins für den roten Boy und zwei für das Fleisch; Sättel lagen da. Ich habe mich etwas beeilen müssen, um rechtzeitig fertig zu werden; aber es ging alles genau so, wie ich wünschte, und eben als die ersten Indsmen unverrichteter Sache zurückgeschwommen kamen, trollte ich mich mit Boy und Fleisch von dannen. Da habt Ihr mich! Was mit dem Fleische geschehen wird, das kann ich mir denken; aber was wir mit dem Boy machen sollen, darüber mögen andre sich den Kopf zerbrechen.“

„Wir lassen ihn morgen laufen,“ meinte Old Surehand.

„Habe nichts dagegen. Ist er herzu geritten, mag er hinzu laufen! Aber sein Häuptling, wie ist denn der in Eure Hände geraten?“

„Mr. Shatterhand hat ihn gefangen genommen.“

„Etwa auf der Insel?“

„Nein, sondern bei der Verfolgung auf dem See.“

„Also eine Seeschlacht. Müßt mir nachher erzählen, wie das zugegangen ist. Laßt Ihr den auch laufen?“

„Ja.“

„Schade! Er paßt besser zum Hängen als zum Laufen. Aber gebt ihn ja nicht eher frei, als bis Eure Waffen und alles, was die Indsmen Euch abgenommen haben, Euch wieder ausgeliefert worden ist. Ich bin nie ein Indianerfreund gewesen; sie taugen alle nichts und halten es für Schwäche, wenn man nachsichtig mit ihnen ist. Wenn er vorhin samt seinen hundertfünfzig Comantschen da im See ertrunken wäre, so hätte die übrige Menschheit nichts verloren; th’is clear!“

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Der General

Der „General“

Wenn wir die Zeit, an welcher Vupa Umugi die hundert Bäume verlassen hatte, mit der vergleichen, an der wir dort fortgeritten waren, und dazu annehmen, daß er seine Pferde wegen der jetzt herrschenden Tageswärme nicht allzusehr angriff, so konnten wir uns leicht den Vorsprung berechnen, den er vor uns hatte. Da wir schnell ritten, glaubten wir, ihm höchstens zwei Stunden nach Mittag so nahe zu sein, daß wir seine Comantschen sehen konnten.

Dies war aber nicht der Fall. Als uns der Stand der Sonne sagte, daß es schon über drei Uhr sei, hatten wir die Roten noch nicht zu Gesicht bekommen; aber ihre Fährte war so neu, daß sie nicht mehr als drei englische Meilen vor uns sein konnten. Wir trieben unsre Pferde zum Galoppe an, und bald zeigte mir mein Fernrohr am südöstlichen Horizonte einen kleinen Trupp von Reitern, welche sich augenscheinlich nach den eingesteckten Stangen richteten, indem sie genau unsre Richtung hatten.

„Sollten das die Naiini sein?“ fragte Old Surehand zweifelnd.

„Sicher,“ antwortete ich.

„Hm! Ich möchte nicht darauf schwören!“

„Warum? Glaubt Ihr, daß es außer uns und ihnen noch andre Leute giebt, die hier im Llano reiten?“

„Wäre das so unmöglich?“

„Nein; aber sie halten sich an die Stangen.“

„Das beweist nichts.“

„O doch! Sie reiten nach Südosten, müssen also von Nordwest gekommen sein, also daher, woher auch wir kommen; wir müßten sie also gesehen haben.“

„Vielleicht kommen sie von Norden und bogen nach den Pfählen ein.“

„Nein; es sind die Comantschen.“

„Aber die zählen doch anderthalb Hundert!“

„Thut nichts! Es ist die Nachhut.“

„Glaubt Ihr, daß Vupa Umugi eine Nachhut zwischen sich und uns gesetzt hat?“

„Ja.“

„Warum?“

„Sie sollen aufpassen und ihm unsre Ankunft melden. Wenn ich unsre sage, so sind natürlich nicht wir, sondern die Dragoner gemeint, die er hinter sich glaubt; denn von uns und unsern Apatschen hat er keine Ahnung.“

„Diese Ansicht hat allerdings etwas für sich.“

„Sie hat nicht nur etwas, sondern alles für sich; sie ist unzweifelhaft richtig. Ihr werdet das sofort sehen, wenn wir ihnen so nahe gekommen sind, daß sie uns mit bloßen Augen zu erkennen vermögen.“

Well; wollen es versuchen.“

Wir ritten jetzt noch schneller als vorher, und es zeigte sich bald, daß ich recht gehabt hatte; denn als wir sie mit den Augen erreichen konnten, hielten sie für einige Augenblicke an; sie hatten uns jetzt auch gesehen und setzten dann ihre Pferde in Galopp, so daß sie unsern Blicken sehr schnell verschwanden. Sie wollten augenscheinlich Vupa Umugi melden, daß die Dragoner kämen. Für diese hielten sie uns, weil sie aus solcher Entfernung uns weder einzeln erkennen noch zählen konnten. Uns konnte diese Eile nur lieb sein, weil wir dadurch mit der Nacht den Punkt auf unsrer Reitlinie erreichten, welcher der Oase am nächsten lag. Als wir später auf demselben ankamen, war es mittlerweile Nacht geworden. Wir durften nicht weiter, denn es war anzunehmen, daß die Comantschen nun ihr Lager beziehen würden, und es konnte nicht unsre Absicht sein, jetzt schon mit ihnen zusammenzutreffen. Wir hatten von hier aus bis zu dem Kaktusfelde, in welchem wir sie fangen wollten, noch einen tüchtigen Tagesritt zu machen. Ich ließ also fünf Apatschen als Posten hier und ritt mit den andern nach der Oase, welche wir nach einer Stunde erreichten.

Winnetou war mit seinen Apatschen natürlich noch nicht dorthin zurückgekehrt, und Bloody-Fox, der ihren Führer machte, fehlte auch. Parker und Hawley waren nicht damit einverstanden, daß sie so lange müßig zu liegen gehabt hatten, und ich vertröstete sie auf morgen früh, wo sie sich uns anschließen sollten. Als sie sahen, daß Old Wabble fehlte, fragte Parker:

„Wo ist denn der alte Cow-boy, Sir? Warum läßt er sich nicht sehen?“

„Den haben wir leider nicht mit,“ antwortete ich.

„Habt Ihr ihn bei den Posten zurückgelassen?“

„Nein. Er befindet sich bei Vupa Umugi und seinen Naiini-Comantschen.“

„Bei denen? Ist er ihnen als Kundschafter nachgeritten?“

„Auch das nicht. Er befindet sich nicht hinter, sondern bei ihnen.“

„Bei ihnen? Wer soll das begreifen?“

„Ihr werdet es gleich begreifen, wenn ich sage, daß er ihr Gefangener ist.“

„Ihr Gefangener? Alle Teufel! Ist’s wahr?“

„Ja, leider!“

„Hat er wieder eine seiner Dummheiten gemacht?“

„Und was für eine! Er konnte uns den ganzen Streich verderben; an ihm liegt es nicht, daß es uns gelungen ist, unsern Plan auszuführen.“

„Recht so, recht so! Das ist Euch ganz recht, Mr. Shatterhand!“

„Wieso? Ihr scheint Euch gar zu freuen!“

„Allerdings. Ich ärgere mich und freue mich. Warum habt Ihr ihn mitgenommen! Ihr seid aber so verliebt in den alten, unvorsichtigen Kerl, daß er Dummheit über Dummheit machen kann, ohne daß es Euch einfällt, das zu thun, was das allein Richtige sein würde.“

„Was?“

„Ihn zum Teufel zu jagen.“

„Das werde ich jetzt nun thun.“

„Das habt ihr gar nicht mehr nötig, denn dazu ist’s nun zu spät.“

„Warum?“

„Er ist ja doch schon fort.“

„Aber er kommt wieder.“

„Ihr wollt ihn befreien?“

„Selbstverständlich!“

„Hm, ja! Stecken lassen können wir ihn freilich nicht; aber ich gebe Euch wirklich und allen Ernstes den guten Rat, ihn fortzujagen, sobald wir ihn herausgeholt haben; er bringt uns sonst noch in ein Unglück, aus dem wir uns nicht herausarbeiten können. Ihr habt es aber auch nur immer auf ihn abgesehen. Immer muß er bei Euch sein, während Ihr doch genau wißt, daß man sich nicht auf ihn verlassen kann. Dagegen ich und Jos Hawley, wir beide werden zurückgesetzt und müssen hier warten und Grillen fangen, während Ihr alles auf Euch nehmt und bald hierhin, bald dorthin reitet, um die schönsten Abenteuer zu erleben. Ihr könnt Euch doch denken, daß uns das ärgert. So zuverlässig wie Old Wabble sind wir jedenfalls auch!“

„Na, na, das klingt ja grad wie ein Vorwurf, Mr. Parker!“

„Das ist es auch; das soll es auch sein! Wir leben doch auch und befinden uns nicht im wilden Westen, um Fliegen zu fangen und Regenwürmer zu jagen. Ihr müßt zugeben, daß wir bisher stets zurückgesetzt worden sind.“

„Seid doch froh, wenn ich Euch nicht zumute, Euch an etwas zu beteiligen, wobei Ihr Euer Leben auf das Spiel setzen müßt!“

„Unser Leben! Ist das etwa mehr wert als das Eurige? Oder haltet Ihr uns für furchtsame Menschen? Das müssen wir uns verbitten!“

Er hätte wohl noch länger räsonniert, wenn nicht jetzt der Neger Bob gekommen wäre. Als dieser uns sah, rief er voller Freude aus:

„Oh, ah, Massa Shatterhand und Massa Surehand wieder da! Masser Bob wissen gleich, was thun: Stiefel bringen. Soll Bob Stiefel holen?“

„Ja, wir wollen machen, daß wir die Mokassins wieder los werden.“

Er rannte fort und holte die Stiefel, welche wir gegen die Indianerschuhe umtauschten. Als dies geschehen war, fragte ich Bob:

„Wie steht es mit Schiba-bigk? Er ist doch noch da?“

Er zog eines seiner unbeschreiblichen Gesichter und antwortete:

„Nicht mehr da.“

„Was? Nicht?“

„Nein. Schiba-bigk sein fort.“

Dabei lachte er am ganzen Gesichte und riß den Mund so weit auf, daß man zwischen den prächtigen Zahnreihen hindurch bis hinter an den Gaumen sehen konnte. Er wollte sich einen kleinen Spaß mit mir machen. Ich ging auf denselben ein, indem ich scheinbar erschrocken fragte:

„Fort? Er ist doch nicht etwa entflohen?“

„Ja, sein entflohen.“

„Höre, Bob, das kostet dir das Leben! Ich erschieße dich, wenn er wirklich entflohen ist. Du hast mit deinem Kopfe für ihn zu haften!“

„Also Massa Shatterhand Masser Bob erschießen. Schiba-bigk fort, ganz fort. Massa Shatterhand kommen und sich überzeugen!“

„Ja, ich werde mich überzeugen. Hier steckt die Kugel, die ich dir in den Kopf schieße, wenn er nicht in der Stube ist.“

Ich zog den Revolver und streckte ihm denselben entgegen. Dann gingen wir nach dem Hause. Er öffnete die Thür, zeigte in das Innere und sagte:

„Hier hineinsehen! Niemand drin!“

Was ich sah, war ein Anblick, der mich fast hätte zum Lachen bringen können. Der junge Häuptling lehnte an der Wand und starrte mit vor Wut blitzenden Augen zu uns her. Eigentlich lehnte er nicht direkt an der Wand, sondern es befand sich noch etwas zwischen ihm und ihr. Dieses Etwas waren acht lange Stangen, welche der Neger wie einen Stern zusammengelegt und mit Riemen vereinigt und dem Roten auf den Rücken gebunden hatte. Dieser Stern war so groß, daß er seinem Träger vom Boden aus weit über den Kopf und auch weit zu beiden Seiten hinausragte. Ja, mit ihn, auf dem Rücken, war es Schiba-bigk unmöglich, zur Thür hinauszukommen; er hätte es stehend oder kriechend oder in sonst einer Stellung versuchen können, er wäre stets und unbedingt hängen geblieben. Bequem konnte das Ding freilich nicht für ihn sein, und das war wohl der Grund des Ärgers, mit welchem er uns ansah.

„Er ist ja da; dort steht er ja!“ sagte ich zu Bob, indem ich mich überrascht stellte.

„Ja, er da!“ lachte er mich fröhlich grinsend an.

„Also nicht entflohen!“

„Nein.“

„Du sagtest es aber doch!“

„Oh, oh! Bob nur machen Spaß, schönen Spaß! Bob doch nicht werden fliehen lassen Indianer, wenn er soll aufpassen auf ihn!“

„Aber was hast du ihm da auf den Rücken gebunden?“

„Massa Shatterhand es doch sehen! Indianer soll nicht werden hauen und schlagen, auch soll nicht werden erstechen oder erschießen, und Masser Bob ihn doch nicht fortlassen. Da Masser Bob sein klug und pfiffig und ihm binden acht lange Stangen auf Buckel.“

„Hm! Hat er es denn geduldet?“

„Er nicht wollen; da aber Masser Bob sagen, daß ihm geben viel Maulschellen, und er dann haben ganz sehr ruhig machen lassen. Sein Masser Bob da nicht klug und pfiffig wie Fliege auf Nase?“

Ich konnte ihm auf diese höchst selbstbewußte Frage nicht antworten, denn Schiba-bigk rief mir jetzt zornig zu:

„Uff! Mein weißer Bruder mag mich sogleich von diesen Stangen befreien!“

„Warum?“ fragte ich ruhig.

„Ist es eines Häuptlings würdig, ihn in dieser Weise zu quälen?“

„Du bist hier nicht Häuptling, sondern Gefangener.“

„Ich kann weder sitzen noch liegen.“

„So mußt du eben stehen.“

„Ich denke, Old Shatterhand behandelt selbst seine Feinde so, als ob sie seine Freunde seien!“

„Ich bin dein Freund. An dieser Thatsache ändern die Stangen, welche du auf dem Rücken trägst, nichts.“

„Aber es ist eine Qual!“

„Ich denke, du achtest Schmerzen nicht!“

Pshaw! Schmerzen sind es nicht, die ich leide. Warum hast du dem Nigger den Befehl gegeben, dies mit mir zu thun?“

„Ich habe es ihm nicht befohlen.“

„So hat er es aus eigenem Antriebe gethan?“

„Ja.“

„So werde ich ihn töten, sobald ich wieder frei geworden bin!“

„Das wirst du nicht!“

„Ich werde es!“

„Dann wirst du nie wieder frei sein! Ich habe ihm geboten, dich loszubinden und gut zu behandeln. Hast du gehungert?“

„Nein.“

„Oder gedürstet?“

„Nein.“

„So hast du also alles gehabt, was du brauchtest. Worüber kannst du dich da beschweren?“

„Darüber, daß er mir diese Stangen auf den Rücken gebunden hat. Das thut man mit keinem Häuptlinge der Comantschen!“

„Wo steht das geschrieben, oder wer hat das gesagt? Sprechen etwa die alten Wampums oder Überlieferungen der Comantschen davon? Nein! Daß man es thut, das hast du jetzt an dir selbst erfahren. Und wer ist schuld daran, daß es geschehen ist? Du selbst!“

„Nein.“

„Doch! Du hast gesagt, daß du fliehen werdest, sobald sich dir eine Gelegenheit dazu biete. Der Neger mußte dich bewachen und hat dir durch die Stangen diese Gelegenheit genommen. Du mußt einsehen, daß er nichts als seine Pflicht gethan hat.“

„Aber er hat mich dadurch lächerlich gemacht! Ich will lieber große Schmerzen erleiden als diese Stangen tragen!“

„Das hat er sich freilich nicht sagen können; er hat es gut gemeint. Hättest du mir dein Wort gegeben, nicht zu entfliehen, so könntest du draußen im Freien sitzen und alle die Ehren genießen, welche einem Häuptling gebühren.“

„Ich darf dies Wort nicht geben!“

„Du darfst!“

„Nein!“

„Du darfst es thun, weil deine Weigerung dir gar nichts nützen und fruchten könnte.“

„Ich würde unsre Krieger aufsuchen und sie warnen!“

„Du würdest sie nicht finden!“

„Ich finde sie!“

„Nein. Du weißt nicht, wo sie sich befinden.“

„Ich weiß es!“

„Nein, du hast ja gar keine Ahnung von dem, was heut wieder geschehen ist.“

„Darf ich es nicht erfahren?“

„Eigentlich nicht; aber ich will es dir dennoch sagen. Aus dieser Aufrichtigkeit magst du ersehen, daß wir unsrer Sache sicher sind und daß die Flucht gar keinen Vorteil für dich brächte.“

„So sprich!“

„Glaubst du zunächst, daß wir euern Plan durchschauen?“

„Ich weiß, daß ihr ihn kennt.“

„Ihr wolltet die weißen Reiter in die Irre führen und bei dieser Gelegenheit die Oase hier in Besitz nehmen. Du rittest voran, um Vupa Umugi den Weg hierher zu zeigen. Dann wolltet Ihr die Stangen anders stecken und die Bleichgesichter hinter euch herlocken. Nach ihnen sollte Nale Masiuv kommen, um sie einzuschließen und ihnen den Rückweg zu verlegen. Ist es so?“

„Mein weißer Bruder hat es erraten.“

„Ja, ich muß es sehr genau wissen, sonst würdest du es nicht in dieser weise eingestehen. Nun aber weißt du am allerbesten, daß wir dich gefangen genommen haben, noch ehe du damit fertig warst, Vupa Umugi den Weg hierher zu zeigen.“

„Ich weiß es.“

„Du hast auch gesehen, daß Winnetou mit fünfzig Apatschen fortgeritten ist, um die Stangen zu entfernen und in falscher Richtung anzubringen?“

„Ich sah es.“

Well. Wir sind dann von hier fortgeritten, um die Krieger der Comantschen zu beobachten. Als wir bei den hundert Bäumen ankamen, sahen wir, daß Winnetou seine Sache sehr gut gemacht hatte. Die Stangen steckten in einer Richtung, durch welche Vupa Umugi mit seinen Leuten in die Einöde geführt wird, wo es kein Wasser giebt.“

„Uff!“

„Ja, ich will dir sogar mit noch größerer Aufrichtigkeit sagen, daß wir ihm eine noch weit gefährlichere Falle gestellt haben, als du dir vielleicht denken wirst. Die Stangen werden ihn morgen mitten in ein großes, undurchdringliches Kaktusfeld führen, aus welchem kein Entrinnen ist. Der Weg führt ihn hinein, aber nicht wieder heraus.“

„Uff!“

„Er wird länger als eine Stunde reiten, bis er in die Mitte dieses großen Kaktusfeldes kommt. Da ihn die Stangen in diese Falle leiten, wird er denken, du habest sie gesteckt, und ihnen folgen. Er wird annehmen, daß dieser Weg ihn wieder in das Freie bringe; aber dieser Weg hört plötzlich auf, und eure Krieger können weder nach vorn noch nach einer Seite weiter. Es bleibt ihnen nichts übrig, als umzukehren. Aber sobald sie sich wenden, sehen sie uns mit dreihundert Apatschen hinter sich. Wir halten den Weg besetzt und lassen sie nicht wieder heraus.“

„Uff!“

Er stieß dieses eine Wort nun zum drittenmal aus. Er war so eingeschüchtert, daß er nichts andres zu sagen wußte.

„Sag mir nun, was eure Krieger machen werden?“ fuhr ich fort.

„Sie werden sich verteidigen.“

„Wie wollen sie das anfangen?“

„Sie werden auf euch schießen.“

„Glaubst du?“

„Ja. Sie sind tapfere Krieger, denen es nicht einfallen wird, sich ohne Widerstand zu ergeben.“

„Das sagst du, weil du dich hier in diesem Hause befindest und nicht in der betreffenden Falle steckst. Der Weg, welcher in den Kaktus führt, ist sehr schmal; es finden nur wenige Reiter nebeneinander Platz. Wenn sich eure Krieger umgedreht haben und auf uns schießen wollen, können sie nicht Front gegen uns machen, sondern werden in einer langen, schmalen Linie hintereinander halten, so daß nur die Vordersten auf uns schießen könnten. Und wenn sie das dennoch thäten, es würde uns keine von ihren Kugeln erreichen.“

„Meinst du, daß sie so schlechte Schützen sind?“

„Nein. Aber wir haben, wie du weißt, Gewehre, die viel weiter reichen als die ihrigen. Dadurch können wir sie so fern von uns halten, daß es ihnen unmöglich ist, uns zu treffen.“

„Uff!“

„Sie werden also mitten im Kaktus stecken, ohne uns den geringsten Schaden thun zu können.“

„Und ihr? Was werdet ihr thun?“

„Wir werden einfach warten, bis sie sich ergeben. Wir haben Wasser; sie aber haben keins.“

„Und wenn sie sich nicht ergeben?“

„So müssen sie verschmachten.“

Da ging ein leises Lächeln über sein Gesicht, und er sagte:

„Old Shatterhand ist ein kluger Mann, aber an alles kann er doch nicht denken!“

„Meinst du? Kennst du für die Comantschen einen Weg, uns zu entkommen?“

„Ja.“

„Einen Weg, den ich nicht kenne?“

„Wenn du an ihn gedacht hättest, würdest du ganz anders sprechen. Howgh!“

Seine Züge hatten den Ausdruck der Zuversichtlichkeit angenommen. Es war kein Zweifel, er hatte einen Einfall, auf welche Weise die Comantschen uns entgehen könnten. Und diesen Einfall hielt er für vortrefflich, wie das Wort Howgh bezeugte, welches hier einen Ausruf der Versicherung bedeutete.

„Howgh?“ fragte ich. „Bist du deiner Sache so gewiß?“

„Ja.“

„Welchen Weg meinst du denn?“

„Hält Old Shatterhand mich für so unklug, es ihm zu sagen?“

„Nein. Du brauchst es mir nicht zu sagen, denn ich weiß es bereits. Wenn du glaubst, Old Shatterhand habe nicht an alles gedacht, so irrst du dich. Ich dächte, du müßtest mich da kennen.“

„So sage doch, was ich meine!“

„Warte noch! Selbst wenn du einen Rettungsweg für eure Krieger wüßtest, an den ich nicht denke, müßtest du dich doch fragen, ob sie auch auf den Gedanken kommen werden, den du für so vortrefflich hältst.“

„Sie kommen sicher darauf!“

„Schön! Da nehmen wir sie natürlich nicht bloß von vorn, sondern auch von hinten.“

„Uff!“

Dieser Ausruf klang wie Schreck.

„Nun?“ fragte ich lächelnd. „Hat Old Shatterhand wirklich nicht an alles gedacht?“

„Ich – – weiß – – es nicht,“ antwortete er zögernd.

„Aber ich weiß es; ich kenne den Rettungsweg, der leider nur in deiner Einbildung lebt. Du hast dir im stillen gesagt: Wenn die Comantschen mitten im Kaktus stecken, so brauchen sie doch nicht die Hoffnung zu verlieren; sie haben ja ihre Messer mit, mit deren Hilfe sie sich einen Weg aus der Falle bahnen können. Habe ich recht oder nicht?“

„Uff, uff!“ antwortete er niedergeschlagen.

„Ja, du hast dich jetzt für sehr klug gehalten. Aber bedenke, wie lange es dauern würde, ehe ein solcher Weg fertig würde! Er würde schmal sein, und es könnten also nur wenige daran arbeiten. Es vergingen Tage darüber! Und denkst du, daß wir dabei ruhig zusehen würden?“

Er schwieg.

„Ich würde unsre Leute teilen und die Hälfte nach der andern Seite des Kaktus schicken, um auf diese Weise eure Krieger zwischen uns zu bekommen. Wir könnten auch noch viel kürzern Prozeß machen und alle Comantschen in wenig Minuten vernichten, ohne daß es uns einen Schuß kostet.“

„Wie?“

„Wir brennen den Kaktus an.“

„Uff! Da müßten doch alle unsre Krieger verbrennen!“

„Allerdings!“

„So etwas thut Old Shatterhand nicht!“

„Poche nicht so sicher auf meine Güte!“

„Nein, nein, das thut er nicht!“

„Mag sein! Ich wollte dir damit nur sagen, daß es keine Rettung für eure Krieger giebt; sie können uns nicht entgehen.“

„Ja, wenn ihr sie in dieser Weise einschließt, so müssen sie sich ergeben; aber ihr werdet sie nicht so umzingelt halten können.“

„Wirklich?“

„Ihr werdet von der Falle fort müssen.“

„Warum?“

„Hast du denn ganz vergessen, daß Nale-Masiuv kommen wird? Denkst du denn nicht an ihn?“

„Oh, ich habe ihn nicht vergessen.“

„So weißt du, daß er euch nachfolgt. Er ist dann hinter euch, und vor euch habt ihr Vupa Umugi; ihr steckt zwischen ihnen und befindet euch dann in einer ebenso schlimmen Falle, wie diejenige ist, in welche ihr Vupa Umugi locken wollt. Old Shatterhand wird mir recht geben.“

Sein Gesicht hatte wieder einen zuversichtlicheren Ausdruck angenommen. Ich antwortete:

„Leider kann ich dir nicht das Vergnügen machen, dir recht zu geben. Es ist inzwischen etwas geschehen, was du noch nicht erfahren hast. Und selbst wenn die Lage genau so wäre, wie du sie dir denkst, würdest du dich verrechnet haben, denn Nale-Masiuv würde nicht hinter uns kommen.“

„Doch!“

„Nein. Vor ihm kommen die weißen Kavalleristen; das hast du vergessen.“

„Uff!“ klang es enttäuscht.

„Siehst du ein, daß alle deine Gedanken falsch sind, während Old Shatterhand ganz richtig denkt? Auch wenn heut gar nichts dazwischen gekommen wäre, könnten wir Vupa Umugi ganz ruhig eingeschlossen halten, ohne uns an Nale-Masiuv zu kehren; diesem wäre es unmöglich, uns zu stören, denn ihn würden die Dragoner auf sich nehmen.“

„Uff, uff!“

„Aber so weit wird es gar nicht kommen. Mein junger Bruder hat mich vorhin unterbrochen, als ich von den hundert Bäumen sprach. Wir lagerten versteckt in der Nähe derselben und sahen Vupa Umugi kommen. Er hatte keine Ahnung von unsrer Anwesenheit und hielt es also nicht für nötig, Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Darum gelang es mir und Old Surehand, uns in sein Lager zu schleichen und ihn wieder einmal zu belauschen. Als wir genug gehört hatten, entfernten wir uns, ohne entdeckt worden zu sein. Früh zog er mit seinen Comantschen fort, den Stangen nach, die Winnetou für ihn errichtet hatte.“

„Nach welcher Richtung?“

„Mein junger Bruder fragt sehr schlau; Old Shatterhand wird nicht weniger klug sein und ihm nicht antworten.“

„Wenn du es auch sagtest, könnte es uns doch nichts nützen!“

„Oh doch! Wenn es dir gelänge, heut noch zu entfliehen, wüßtest du dann, in welcher Gegend du eure Krieger zu suchen hättest. Du wirst es also nicht erfahren. Ich freue mich übrigens außerordentlich darüber, daß du deinen ganzen Scharfsinn aufbietest, mich trotz aller Hoffnungslosigkeit zu überlisten. Ich spreche weiter: Als Vupa Umugi fort war, kamen die weißen Soldaten nach den hundert Bäumen. Was denkst du, was ich da gethan habe?“

„Du hast mit ihnen gesprochen?“

„Ja!“

„Sie gewarnt?“

„Natürlich!“

„Uff!“

„Ich habe sie nicht nur gewarnt, sondern meine Apatschen mit ihnen vereinigt, um Nale-Masiuv in Empfang zu nehmen.“

„Uff! Ihr habt mit ihm gekämpft?“

„Nein.“

„Er kam gar nicht? Er sandte Kundschafter voraus, die euch sahen und Verdacht schöpften?“

„Nein; so klug seid ihr Comantschen nicht! Er sandte allerdings Kundschafter, die uns aber nicht sahen, weil wir uns versteckt hielten. Dann kam er selbst mit seiner ganzen Schar und lagerte sich ans Wasser. Er sah die Spuren der weißen Reiter und glaubte, sie seien fort, hinter Vupa Umugi her. Darum hielt er es nicht für nötig, vorsichtig zu sein, und es gelang uns leicht, ihn zu umzingeln.“

„Uff, uff! Er ist umzingelt worden? Und doch sagst du, er habe nicht mit euch gekämpft!“

„Er war zu feig dazu und ging auf eine Beratung mit mir ein. Ich saß mit ihm allein beisammen; keiner hatte eine Waffe mitbringen sollen; aber wie er vorher feig gewesen war, so war er jetzt nun hinterlistig. Während ich mit ihm sprach, zog er plötzlich ein Messer, um mich zu erstechen.“

„Uff! Hat er das wirklich gethan?“

„Ja.“

„Das ist eines Kriegers unwürdig!“

„Zumal wenn dieser Krieger ein Häuptling ist!“

„Hat dich sein Messer getroffen?“

„Nein. Auch er täuschte sich in mir, denn ich hatte ihn scharf betrachtet und war auf meiner Hut. Als er den Arm mit dem Messer erhob, schlug ich ihn nieder.“

„Mit der Faust?“

„Womit sonst? Ich hatte ja keine Waffe bei mir.“

„Uff, uff! Wieder mit der Faust! War er tot?“

„Nein, denn ich wollte ihn nicht töten. Ich nahm ihn schnell auf meine Schulter und trug ihn zu meinen Apatschen und den weißen Kriegern.“

„Ohne daß die Comantschen dich hinderten?“

„Das konnten sie nicht, denn es geschah so rasch, daß sie keine Zeit dazu fanden. Und dann durften sie sich uns nicht nähern, weil wir sonst ihren Häuptling getötet hätten. Als er aus seiner Bewußtlosigkeit erwachte, drohte ich, ihm die Skalplocke zu nehmen, seine Medizin zu verbrennen und dann aufzuhängen.“

„Du wolltest seine Seele töten?“

„Ja.“

„Das hat er nicht zugegeben; das hat er ganz gewiß nicht zugegeben; ich weiß es. Ich glaube zwar nicht daran; er aber ist der Ansicht aller roten Männer, daß dadurch der Geist eines Kriegers vernichtet wird.“

„Du meinst, er habe es nicht zugegeben? Was hätte er dagegen machen können, wenn es meine Absicht gewesen wäre, es zu thun?“

„Lieber hat er sich gefangen gegeben!“

„Er allein?“

„Er al – – uff, uff! Doch nicht etwa auch alle seine Krieger mit?“

„Ja, alle!“

„War es nicht genug mit ihm allein?!“

„Nein. Ich mußte sie alle haben; das wirst du einsehen.“

„Und du hast sie alle bekommen?“

„Ja.“

Da senkte er den Kopf und sagte in gedrücktem Tone:

„So ist alle meine Hoffnung dahin! Selbst wenn es mir gelänge, noch heut von hier zu fliehen, könnte ich weder Vupa Umugi noch seine Krieger retten.“

„Nein. Erstens wüßtest du nicht, wo er zu suchen ist, und zweitens könnte dich Nale-Masiuv nicht unterstützen.“

„Wo habt ihr ihn und seine Krieger?“

„Ich könnte dich täuschen, denn es ist nicht nötig, daß ich es dir sage; dennoch will ich es dir nicht verheimlichen. Er ist mit seinen Leuten zurück nach seinem Dorfe.“

„Uff! So bist du so gütig gewesen, ihnen die Freiheit gleich wiederzugeben?“

„Nein, so gütig war ich nicht. Du wirst einsehen, daß eine solche Güte die größte Dummheit gewesen wäre, die ich hätte begehen können.“

„Warum?“

„Ich hätte diesen Leuten das Versprechen abnehmen müssen, sofort umzukehren und heimzureiten.“

„Sie hätten es gegeben.“

„Aber nicht gehalten!“

„Du traust ihnen nicht?“

„Ich traue keinem Comantschen.“

„Auch mir nicht?“

„Dir allein würde ich wahrscheinlich Glauben schenken, denn du kennst den großen, guten Manitou und weißt, daß er alle Unwahrheit und Verräterei bestraft.“

„Aber du hast sie also nicht freigegeben und sagst doch, daß sie zurückgekehrt seien?“

„Als Gefangene.“

„Wessen?“

„Der weißen Dragoner. Diese haben den Rückweg angetreten und sie mitgenommen.“

„Gefesselt?“

„Ja.“

„So werden sie sie töten!“

„Nein. Der Anführer dieser Bleichgesichter hat mir sein Wort gegeben, ihnen das Leben zu schenken.“

„Wird er es halten?“

„Ja; ich bin überzeugt davon.“

„So wird er sie wenigstens ausrauben!“

„Ausrauben? Was nennst du ausrauben? Gehört nicht der Besiegte mit allem, was er hat, dem Sieger?“

„Auch bei den Christen?“

„Auch bei uns, denn ihr zwingt uns, euch genau so zu behandeln, wie ihr uns behandelt. Ihr als Sieger würdet uns nicht nur unser ganzes Eigentum, sondern auch das Leben nehmen. Wenn wir euch das Leben schenken, ist das eine so große Güte, daß ihr unmöglich mehr verlangen könnt.“

„Also werden die weißen Soldaten den Comantschen alles nehmen, was sie bei sich haben?“

„Die Pferde und die Waffen, ja.“

„Aber wie sollen die roten Krieger ohne Pferde und ohne Waffen leben?“

„Das ist ihre Sache. Ihr seid es, die das Kriegsbeil ausgegraben haben; dies wäre nicht geschehen, wenn ihr weder Pferde noch Gewehre hättet. Wenn wir euch beides abnehmen, begehen wir keinen Raub, denn es ist unsre rechtmäßige Beute, und wir sorgen zu gleicher Zeit dafür, daß ihr nicht so bald wieder imstande seid, den Frieden zu brechen.“

„So werdet ihr wohl auch Vupa Umugi und seinen Kriegern die Gewehre und die Pferde nehmen?“

„Wahrscheinlich.“

„Uff! Das ist schlimm!“

„Schlimm für euch, ja; aber ihr habt es nicht anders verdient. Denke nur an dich! Wer mit jemand die Pfeife der Freundschaft und des Friedens raucht und ihm verspricht, sein Wigwam keinem Menschen zu verraten, und dann doch mit einer großen Kriegerschar gezogen kommt, um ihm das Wigwam und das Leben zu nehmen, der hat mehr, weit mehr verdient, als daß er nur sein Pferd und sein Gewehr einbüßt. Das wirst du einsehen!“

Er sah es allerdings ein und seufzte betrübt:

„Also auch mein Gewehr und mein Pferd!“

„Nein, das nicht. Ich habe dich lieb und betrachte mich trotz deiner Feindseligkeit noch immer als deinen Freund. Du wirst behalten, was du hast. Und auch in Beziehung auf Vupa Umugi und seine Indsmen will ich sehen, ob es möglich ist, Güte walten zu lassen. Es kommt ganz darauf an, wie sie sich gegen uns verhalten.“

„Wie sollen sie sich verhalten? Sie sind Krieger und werden sich wehren.“

„Das wollen wir nicht wünschen. Wenn unsrerseits Blut fließt, die wir keines vergießen wollen, könnt ihr auf keine Nachsicht rechnen. Ich hoffe aber, es wird mir gelingen, den Häuptling zu überzeugen, daß Widerstand geradezu Tollheit sein würde. Ich denke, daß er meine Gründe verständiger beurteilen wird als du.“

„Als ich?“ fragte er verwundert.

„Ja. Ich wollte dir deine Gefangenschaft so leicht wie möglich machen und forderte nur das Versprechen, nicht zu fliehen, von dir. Du hast es mir verweigert, weil du nicht einsahest, daß deine Flucht euch nur schaden aber nichts nützen kann. Dadurch zwingst du mich, streng zu sein.“

„Ich gab das Versprechen nicht, weil ich noch nicht wußte, was ich jetzt weiß.“

„So siehst du also ein, daß du euern Kriegern nicht zu helfen vermagst?“

„Ja.“

„So ist es noch Zeit zu dem Versprechen.“

„Ich gebe es.“

„Gut! Aber denke dabei auch daran, daß du durch dein Verhalten nicht nur dir allein, sondern allen den Deinen entweder nützen oder schaden wirst. Was du thust, sei es gut oder böse, wird ihnen mit vergolten. Würdest du dein Wort brechen, so käme die Strafe dafür nicht nur über dich, sondern auch über sie!“

„Ich breche es nicht!“

„Wohl! Aber welche Bürgschaft kannst du mir dafür bieten?“ Er sah mich fragend an; darum erklärte ich ihm: „Auf das Wort eines Christen kann ich mich verlassen, auf das Versprechen eines Roten aber nie.“

„Würdest du Winnetou glauben?“

„Alles, alles; aber er ist eine Ausnahme, und er ist innerlich ein Christ.“

„Wenn du einem roten Krieger die Medizin als Pfand abnimmst, muß er jedes Versprechen halten.“

„Das kann ich bei dir nicht thun, denn du glaubst nicht an die Macht der Medizin.“

„So werde ich die Pfeife des Schwures mit dir rauchen!“

„Auch das kann mir nicht als Pfand gelten. Du hast sie mit mir und Bloody-Fox geraucht und dein Wort doch gebrochen.“

Da senkte er die Augen und sagte leise und betrübt:

„Die Strafe, die ich von Old Shatterhand empfange, ist schwer; sie richtet sich nicht gegen meinen Körper, aber sie erfüllt meine Seele mit tiefem Schmerz!“

Ich sah es ihm an, daß dieser Schmerz wirklich vorhanden und seine Betrübnis eine aufrichtige war; darum antwortete ich:

„Du hast gehört, daß ich mich noch immer als deinen Freund und Bruder betrachte, und so will ich jetzt einmal ausnahmsweise auf meine gewöhnliche Vorsicht verzichten und dir Glauben und Vertrauen schenken. Aber mein Herz würde sehr, sehr traurig sein, wenn ich mich abermals in dir täuschte. Wirst du fliehen, wenn ich dich jetzt freigebe?“

„Nein.“

„Wirst du nicht ohne meine Erlaubnis diese Oase verlassen?“

„Nein.“

„Ich wünsche auch nicht, daß du versuchst, auf dem Wege durch den Kaktus hinaus zu deinen Comantschen zu gehen, um mit ihnen zu sprechen!“

„Ich thue das nicht. Selbst wenn sie hereinkämen, würde ich schweigen, bis ich deine Erlaubnis hätte.“

„So gieb mir deine Hand darauf, wie es Männer und Krieger thun, welche zu stolz sind, als daß sie nach einem Vorteile trachten, welcher nur durch die Lüge zu erlangen ist!“

„Hier hast du die Hand! Du kannst mir glauben; sie gilt so viel, als ob ich mich selbst dir übergäbe!“

Er sah mir dabei mit einem so aufrichtigen Blicke in die Augen, daß ich vollständig überzeugt war, er werde mich nicht täuschen. Der Sicherheit wegen und um des Negers willen fügte ich aber hinzu:

„Du warst zornig auf Bob?“

„Sehr.“

„Wirst du dich rächen?“

„Nein. Ein roter Krieger ist zu stolz, sich an einem schwarzen Manne zu rächen. Dieser Nigger wußte nicht, was er that. Er ahnte nicht, daß es gegen die Würde eines Häuptlings ist, ihm solche Stangen auf den Rücken zu binden.“

„Ich werde dich von ihnen befreien.“

Ich nahm sie ihm ab. Er streckte die steif gewordenen Glieder und ging dann mit mir hinaus ins Freie, wo die Pferde wieder zum Abende getränkt wurden. Mutter Sanna brachte uns das Essen, und als das beendet und am Wasser Ruhe eingetreten war, legten wir uns nieder, denn wir mußten morgen wieder mit der Sonne aufstehen. Schiba-bigk legte sich zwischen mich und Old Surehand, ohne daß wir dies verlangten. Er wollte sich freiwillig unter unsre Aufsicht stellen und dadurch beweisen, daß er es mit seinem Versprechen ehrlich meine.

Als wir am frühen Morgen aufgestanden waren, füllten wir alle vorhandenen Schläuche mit Wasser, versahen uns mit Proviant und ritten fort, nachdem ich von Schiba-bigk Abschied genommen hatte. Bob stand am Wege und fragte mich:

„Massa Shatterhand sagen, ob Bob jungen Indianerhäuptling wieder bewachen!“

„Nein; es ist nicht nötig.“

„Auch nicht wieder Stangen auf Buckel binden?“

„Das gar nicht. Er hat versprochen, nicht zu fliehen und wird sein Versprechen halten.“

Obgleich ich das mit vollster Überzeugung sagte, fiel es mir doch nicht ein, die nötige Vorsicht zu versäumen. Es blieben so viel Apatschen draußen am Kaktusfelde, wie nötig waren, die fünfzig gefangenen Comantschen zu bewachen, und ich gab dem Anführer dieser Wächter den Befehl, auch auf Schiba-bigk mit Acht zu haben und ihn auf keinen Fall herauszulassen. Dann ritten wir fort, zweihundert Mann stark, mehr als genug, um mit den Comantschen fertig zu werden. Diesesmal nahmen wir natürlich auch Parker und Hawley mit.

Zunächst suchten wir die Stelle auf, an welcher wir gestern die fünf Apatschen als Posten zurückgelassen hatten. Sie waren gleich nach Tagesgrauen so klug gewesen, nach den Comantschen auszuschauen, und hatten nach einem nur kurzen Ritte die Stelle gefunden, wo diese gelagert hatten; die Naiini waren schon aufgebrochen gewesen; sie hatten es also auch heut wieder sehr eilig. Wir folgten ihnen auch schnell, und zwar in der Weise, daß ich sie zuweilen vor das Fernrohr bekam, ohne uns ihnen aber so weit zu nähern, daß sie erkennen konnten, ob Rote oder Weiße hinter ihnen seien, denn sie sollten uns, wie es sich ganz von selbst versteht, für die Dragoner halten.

Es verging der ganze Tag, ohne daß etwas Erwähnenswertes passierte, als daß sich gegen Abend ein starker Wind erhob, wie er im Llano estacado nicht selten ist. Er kam von Norden, hatte über einen großen Teil der Wüste gestrichen und war also sehr heiß. Wir hatten ihn zwar halb im Rücken, doch belästigte er uns immerhin, und zwar nicht nur durch seine Hitze, sondern noch mehr dadurch, daß er den Sand aufwirbelte und ihn uns in die Augen, Ohren, Mund und Nase trieb.

„Dummer Wind!“ brummte Parker mißmutig. „Brauchte jetzt nicht zu kommen, sondern konnte warten, bis wir wieder am Wasser sind. Man kann ja kaum sehen und Atem holen!“

„Räsonniert nicht, Mr. Parker!“ antwortete ich. „Ich freue mich über ihn und sage Euch, daß er mir außerordentlich gelegen kommt.“

„Gelegen, sagt Ihr? Wüßte wirklich keinen Grund dazu.“

„Ich meine wegen Winnetou.“

„Wegen dem? Warum?“

„Seht Ihr denn nicht, daß dieser Wind, indem er den Sand in die Höhe treibt, die Spuren der Comantschen verwischt? Wir würden ihnen gar nicht folgen können, wenn die Pfähle nicht wären.“

„Ja, das sehe ich allerdings; aber was hat das mit Winnetou zu thun?“

„Sehr viel, denn seine Spuren werden auch verwischt.“

„Hm! Kann uns das nicht gleichgültig sein?“

„Ganz und gar nicht. Winnetou muß doch die Pfähle bis in die Falle leiten, nicht?“

Yes,“

„Er muß also ein Stück in das Kaktusfeld hineinreiten, in welchem wir die Comantschen fangen wollen. Aber er darf nicht drin bleiben, sondern muß wieder heraus, muß umkehren.“

„Das ist doch ganz selbstverständlich, denn wenn er das nicht thäte, wäre er selbst gefangen. So viel sehe ich auch ein, Sir.“

„Aber die Folgen scheint Ihr nicht einzusehen.“

„Welche Folgen?“

„Daß die Roten seine Spuren sehen und also erfahren würden, daß er umgekehrt ist. Würde das nicht ihr Mißtrauen erregen?“

„Möglich!“

„Das ist nicht nur möglich, sondern es würde unbedingt geschehen. Diese Roten sind erfahrene und schlaue Kerls, und Ihr als Westmann müßtet eigentlich die Gedanken, welche sie dabei haben würden und haben müßten, leicht erraten können.“

„Na, da will ich einmal raten! Sie halten die Spuren Winnetous und seiner Apatschen für die Fährte von Schibabigks Comantschen. Diese führt in den Kaktus hinein und kommt aber wieder heraus, um seitwärts weiter zu führen. Was werden sie also anderes denken, als daß Schiba-bigk sich verritten oder verirrt hatte und daß der richtige Weg also nicht in den Kaktus führt, sondern in die neue Richtung, die er eingeschlagen hat. Ist das so richtig, Mr. Shatterhand?“

„Ja.“

„Sie werden also nicht in den Kaktus, also nicht in die Falle gehen, sondern der neuen Fährte folgen. Ihr seht, Sir, daß ich nicht so dumm bin, wie Ihr dachtet, und auch etwas erraten kann.“

„Darauf brauchst du dir aber ganz und gar nichts einzubilden, alter Sam,“ rief ihm Jos Hawley zu.

„Meinst du? Warum denn nicht?“

„Weil du nicht von selbst auf diesen Gedanken gekommen bist. Du bist doch erst durch Mr. Shatterhand auf denselben gebracht worden.“

„So? Mag sein. Aber darum ist es doch wohl nicht nötig, daß du es unternimmst, meinen Schulmeister und Ermahner zu machen.“

„Wollte dich nur vor Überhebung bewahren!“

„Das konntest du dir ersparen, denn du bist ja selbst nicht – –“

„Keinen Streit, Mesch’schurs!“ fiel ich ein. „Der Gedanke ist da; ob er von mir oder von Mr. Parker gekommen ist, das bleibt sich gleich. Wir müssen aber nicht bei ihm stehen bleiben, sondern weiter denken. Die Comantschen würden also der neuen Fährte Winnetous folgen. Wohin aber wird diese führen, Mr. Parker?“

„Natürlich her zu uns,“ antwortete er.

„Gewiß. Winnetou bleibt nicht dort, sondern sucht uns auf. Er wird sich erst seitwärts entfernen und dann sich nach den Pfählen zurückwenden; das würden sie entdecken, wenn sie ihm folgten, und Ihr könnt Euch denken, wie geeignet das wäre, ihr Mißtrauen zu erwecken. Das Gelingen unsres Planes stände auf dem Spiele. Da kommt nun der Wind und zerstört alle vorhandenen Spuren. Muß uns das nicht lieb sein? Ich sage Euch, daß ich mich außerordentlich darüber freue. Er kommt grad so zur rechten Zeit, als ob er ein vernünftiges Wesen wäre und die Absicht hätte, uns beizustehen. Winnetou wird ebenso froh darüber sein wie ich.“

„Hm, ja!“ brummte Parker wieder. Er suchte nach einer Gelegenheit, zu zeigen, daß er meine Hilfe nicht brauche, sondern selbst auch Gedanken haben könne. „Was Ihr sagt, ist ganz gut, Mr. Shatterhand, aber nur für den Fall, daß Winnetou das Kaktusfeld schon erreicht hat, ehe dieser schöne Wind sich erhob.“

„Das ist gewiß der Fall.“

„So?“

„Ja. Ich möchte behaupten, daß er mit dem Einstecken der Pfähle längst fertig ist und sehr bald zu uns stoßen wird.“

„Wenn er uns nur auch trifft!“

„Keine Sorge! Der Häuptling der Apatschen weiß, was er zu thun hat. Es wäre geradezu ein Wunder, wenn er uns verfehlte. Übrigens möchte ich es wenigstens ein halbes Wunder nennen, daß die Comantschen so fortdauernd und vertrauensvoll hinter ihm herreiten. Mir an Stelle Vupa Umugis wäre die Sache schon lange in hohem Grade bedenklich geworden. Euch wohl nicht, Mr. Parker?“

„Warum bedenklich, Sir?“

„Schiba-bigk kannte den Weg von den hundert Bäumen nach der Oase des Bloody-Fox und hat es jedenfalls Vupa Umugi gesagt, wie weit es dorthin ist. Nun reiten sie fort und immer fort, und die Oase will noch immer nicht kommen. Sie hätten sie gestern abend erreichen müssen und sind nun heut noch den ganzen Tag geritten, ohne an ihr Ziel zu gelangen. Wenn das nicht bedenklich ist, so giebt es überhaupt nichts Bedenkliches in der Welt.“

„Das ist freilich richtig. Sie hätten längst halten bleiben sollen, um sich die Sache zu überlegen. Wahrscheinlich nehmen sie an, daß Schiba-bigk sich irrte, als er von dem Wege und von der Entfernung sprach, oder daß sie ihn nicht richtig verstanden haben.“

„Wahrscheinlich ist es so; aber dazu kommt etwas andres, was sie unaufhaltsam weiter treibt, nämlich der Durst. Sie haben seit gestern früh kein Wasser für sich und die Pferde gehabt. Wenn sie umkehren, brauchen sie volle zwei Tage, um bei den hundert Bäumen welches zu finden. Lieber reiten sie weiter, da die Pfähle jedenfalls doch nach der Oase führen, die in jedem Augenblicke vor ihnen auftauchen kann. Daß diese meine Vermutung richtig ist, zeigt auch die Eile, die sie haben.“

„Ja, sie reiten schnell und – –“

Er stockte mitten in der Rede, hielt sein Pferd an, deutete mit der Hand vorwärts und fuhr dann hastig fort:

„Sie sind umgekehrt! Wahrhaftig, sie haben Mißtrauen gefaßt und sind umgekehrt. Dort kommen sie; dort kommen sie!“

Dieser Schreckensruf lenkte unsre Aufmerksamkeit nach dem Horizonte vor uns, den ich in den letzten Minuten infolge unsres Gespräches nicht beobachtet hatte. Dort waren allerdings Menschen zu sehen. Ob sie sich bewegten, konnten wir mit bloßen Augen nicht erkennen. Ich nahm also mein Rohr zur Hand und richtete es auf sie. Schon nach wenigen Augenblicken konnte ich die Beruhigung aussprechen:

„Wir haben keinen Grund zu erschrecken, denn die Comantschen sind es nicht, sondern es ist Winnetou. Da seht ihr, daß ich recht hatte, als ich sagte, daß er bald zu uns stoßen werde.“

„Könnt Ihr ihn erkennen, Sir?“ fragte mich Old Surehand.

„Jetzt noch nicht.“

„So müssen wir dennoch vorsichtig sein!“

„Ist nicht nötig. Reiten wir weiter!“

„Aber wenn es nun ein Nachtrab der Comantschen wäre!“

„Der würde sich in Bewegung befinden; die Leute dort aber haben sich gelagert.“

„Können das die Feinde nicht auch thun?“

„Ja; aber Winnetou zeigt mir, daß er es ist.“

„Wie so?“

„Ihr habt hier wieder einmal Gelegenheit, den Scharfsinn und die Umsicht des Häuptlings der Apatschen zu bewundern. Er hat die Comantschen in einem Bogen umritten und dann in ihrem Rücken angehalten, um auf uns zu warten. Natürlich sagt er sich, daß wir seine Leute leicht für Naiini halten können, und so hat er seinen Trupp in einer Weise plaziert, aus welcher wir bestimmt ersehen können, daß er es ist. Hier habt Ihr mein Fernrohr; seht einmal durch, Mr. Surehand!“

Er that es und sagte dann in beifälligem Tone:

„Das ist allerdings schlau, sehr schlau von ihm!“

„Nun?“

„Die Leute da draußen lagern nicht eng bei einander, sondern so, daß sie die Figur eines Pfeiles bilden.“

„Und wohin ist die Spitze dieses Pfeiles gerichtet?“

„Nicht auf uns zu, sondern nach Südost, von uns also ab.“

„Dieser Pfeil soll die Richtung angeben, in welcher wir zu reiten haben. Winnetou sagt uns also, daß wir ruhig und unbesorgt weiterreiten können. Sagt mir einmal aufrichtig, Mr. Surehand, ob Ihr an seiner Stelle auf diesen Gedanken gekommen wäret?“

„Ich glaube kaum. Und Ihr, Mr. Shatterhand?“

„Wenn nicht grad auf diesen, so doch auf einen ähnlichen. Es war ja selbstverständlich ein Zeichen nötig, durch welches uns Aufklärung gegeben werden mußte. Diese eigenartige Aufstellung der Apatschen sagt uns aber nicht bloß, daß wir Winnetou vor uns haben, sondern sie giebt uns außerdem auch die Überzeugung, daß alles so steht, wie wir es wünschen.“

„Das denke ich auch, denn Winnetou würde nicht so ruhig lagern und auf uns warten, wenn irgend etwas gegen unsre Absicht gegangen wäre; es steht also alles gut. Dennoch habe ich ein Bedenken, welches ich Euch gern mitteilte, wenn ich wüßte, daß Ihr es mir nicht übelnehmen werdet.“

„Übelnehmen? Kann mir gar nicht einfallen! Unter Kameraden, die wir doch sind, hat jeder das Recht, ja sogar die Pflicht, seine Meinung auszusprechen. Und wenn Ihr mich auf einen Fehler oder eine Unterlassung aufmerksam macht, so ist gar nichts andres möglich, als daß ich Euch dafür nur dankbar bin.“

„Mein Bedenken heißt: Wasser.“

„So, also Wasser!“

„Ja; darf ich es Euch erklären?“

„Das ist nicht nötig, denn ich weiß, was Ihr meint. Wenn wir die Comantschen durch den Durst bezwingen wollen, müssen wir dafür sorgen, daß wir nicht selbst auch zu dürsten haben.“

„So ist es. Nun sind wir zwar für heut mit Wasser versehen, aber es kann der ganze morgende Tag vergehen, ehe wir mit Vupa Umugi fertig werden, und dann brauchen wir wieder einen vollen Tag, ehe wir die Oase erreichen. Für diese zwei Tage haben wir leider kein Wasser mit. Dazu kommt, daß die Comantschen es dann noch nötiger brauchen als wir.“

„Ja, so viel Wasser haben wir allerdings nicht mit; ich kann Euch aber beruhigen; wir werden trotzdem keinen Durst leiden.“

„Wirklich nicht?“

„Nein. Euer Bedenken war längst im stillen bei mir gehoben.“

„Ah, Ihr habt an diesen Punkt gedacht?“

„Oh gewiß, gewiß! Ich wäre ja der allerleichtsinnigste Mensch, wenn ich einen Plan erdächte, bei dessen Ausführung über dreihundert Menschen und Pferde im öden Llano estacado zusammenkommen, und dabei vergäße, für das nötige Wasser zu sorgen. Habt Ihr mich wirklich für so unbedachtsam gehalten?“

„Nein. Aber dieses Wasser ist nur in der Oase zu finden. Oder giebt es vielleicht noch eine andre Quelle, die Ihr wißt?“

„Nein. Wir holen es aus der Oase.“

„In welcher Weise? Sie ist einen Tagesritt von hier entfernt, also müssen wenigstens zwei Tage vergehen, ehe die Leute, welche es holen, zurückkehren können. Das ist schlimm!“

„Ihr irrt. Diese Boten würden nur die Nacht brauchen, um nach der Oase zu kommen, und morgen abend wieder hier sein!“

„Aber das halten ihre Pferde nicht aus!“

„Ist auch nicht nötig, denn sie brauchen gar nicht zurückzukehren.“

„Hm! Habe keine Ahnung, wie Ihr das anfangen wollt.“

„Es ist sehr einfach, Sir: Wir legen Relais.“

„Oh! Das ist freilich das allerbeste und allereinfachste. Daß ich nicht darauf gekommen bin!“

„Unsre Apatschen haben eine Menge Schläuche mit; dazu kommen die, welche dem Bloody-Fox gehören. Die schicken wir nach der Oase, wozu gar nicht viel Leute, aber desto mehr Pferde gehören. Diese Leute nehmen in gewissen Abständen auf einer Linie Posto, welche von hier nach der Oase führt. Es hat also kein Mann und kein Pferd die ganze Strecke zu machen, sondern nur von einem Posten zum andern zu gehen. So meine ich es.“

„Da habe ich Euch freilich um Verzeihung zu bitten, Sir! Ihr denkt an alles. Habt Ihr das mit Winnetou besprochen?“

„Nein; es ist darüber zwischen ihm und mir kein Wort gefallen; aber wir kennen uns und wissen, daß keiner von uns eine notwendige Maßregel versäumt. Aber was ist das? Die Apatschen haben keine Pferde! Nur Winnetou hat das seinige. Ah! Könnt Ihr Euch denken, warum, Mr. Surehand?“

„Nein,“ antwortete er.

Wir waren während dieser Reden natürlich nicht halten geblieben, sondern weiter geritten und den Apatschen jetzt so nahe gekommen, daß wir sie deutlich sehen konnten. Sie hatten die Pfeilfigur aufgelöst und standen nun beisammen, uns entgegensehend. Ihre Pferde waren nicht bei ihnen; nur der Rappe des Häuptlings war da.

„Ihr werdet jetzt zum zweitenmal erkennen, daß Eure Befürchtung keinen Grund hatte,“ erklärte ich Old Surehand. „Winnetou hat ebenso gesorgt, und zwar noch eher als ich. Wir beide pflegen uns in unsern Entschlüssen stets zu begegnen.“

„Ihr denkt, daß er seine Pferde und Schläuche schon nach der Oase geschickt hat?“

„Ja. Ihr seht, daß er nur höchstens dreißig Mann bei sich hat, und Bloody-Fox ist auch nicht da. Dieser ist ganz sicher mit den übrigen nach der Oase geritten, um Wasser zu holen.“

„Es wäre allerdings wunderbar, wenn Winnetou ganz denselben Gedanken wie Ihr gehabt hätte!“

„Er hat ihn gehabt; das versichere ich Euch.“

Als wir nach wenigen Minuten Winnetou und seine Leute erreichten, trat er auf mich zu und sagte:

„Mein Bruder Charley hat mich verstanden, als er unsre Aufstellung erblickte. Ich wollte ihm sagen, daß wir nicht Comantschen seien.“

„Wie weit sind sie vor uns?“ fragte ich.

„Sie ritten sehr schnell, denn sie haben Durst, werden aber bald Halt machen müssen, denn die Sonne steht am Horizonte.“

„Ja, in einer Viertelstunde wird es dunkel sein. Wie lange hat man von hier aus bis zum Kaktusfeld zu reiten?“

„Zwei Stunden.“

„So werden sie es heut nicht mehr erreichen; das ist sehr gut für uns, denn dadurch bekommen wir sie morgen bei Tage und nicht heut abend in die Falle. Die Krieger meines roten Bruders haben ihre Pferde nicht bei sich. Winnetou hat sie mit den Schläuchen nach der Oase geschickt?“

„Ja. Bloody-Fox, der den schnurgeraden Weg kennt, ist mit ihnen, um sie in Zwischenräumen aufzustellen und den Weg mit Stangen zu bezeichnen, die wir übrig hatten. Aber die Schläuche, welche sie bei sich haben, reichen nicht aus.“

„So schicken wir die unsrigen nach, sobald wir Lager machen. Das ist es doch, was du mit berechnet hast?“

„Ja. Der Wind hat sich erhoben und meine Spur verweht; unser Plan wird also trefflich gelingen. Jetzt wollen wir weiter, um den Comantschen möglichst nahe zu bleiben, denn wenn sie morgen die Falle erreichen und in den Kaktus reiten, müssen wir so rasch hinter ihnen sein, daß sie, wenn ihr Mißtrauen erwacht, keinen Raum haben, umzukehren und zur Seite auszuweichen.“

Er stieg auf sein Pferd, und wir ritten fort. Seine Leute mußten allerdings laufen; sie hielten aber so gut mit uns Schritt, daß wir die nötige Schnelligkeit innehalten konnten. Selbst als es dann dunkel wurde, ritten wir weiter, von Pfahl zu Pfahl, bis wir uns sagten, daß wir nun anhalten müßten, wenn wir nicht auf die Feinde stoßen wollten.

Der Wind war inzwischen schwächer geworden und legte sich bald ganz. Es blieb nur so lange dunkel, bis die Sichel des Mondes sich zeigte. Vorher schon wurden die leeren Schläuche auf Pferde geladen, mit denen, als es hell geworden war, eine Anzahl der Apatschen aufbrachen. Winnetou ritt mit ihnen, um sie bis zum nächsten Relais-Posten zu begleiten, dessen Standort sie nicht kannten. So war denn alles Nötige besorgt, und wir konnten uns dem Schlafe überlassen, der uns sehr nötig war. Als Winnetou später zurückkehrte, legte er sich zu mir, ohne mich, der ich fest schlief, aufzuwecken. Ein andrer an seiner Stelle hätte mich gewiß geweckt, um mir die ihm nötig scheinenden Mitteilungen zu machen; er aber wußte, daß es zwischen uns dergleichen nicht bedurfte.

Er war, obgleich er sich später als wir niedergelegt hatte, am Morgen noch eher munter als wir. Wir hielten uns nicht mit dem Frühstücke auf. Essen konnten wir unterwegs; wir tranken nur und gaben das übrige Wasser den Pferden, die freilich nicht satt daran hatten. Dadurch wurden die Schläuche, die wir noch hatten, auch leer, und Winnetou schickte sie durch einige seiner Leute sogleich nach dem Relais. Er brauchte nicht mit zu reiten, weil es nicht mehr dunkel war, sondern es genügte, daß er diesen Männern die genaue Richtung angab.

Nun ging es wieder fort, und zwar in einem so schnellen Tempo, daß die Fußgänger zurückbleiben mußten; sie konnten nachkommen. Ich schaute fleißig durch das Rohr und überzeugte mich bald, daß wir gestern abend den Comantschen sehr nahe gekommen waren, denn wir kamen schon nach einer Viertelstunde an die Stelle, wo sie gelagert hatten, und sahen da, daß sie erst kurz vorher diesen Ort verlassen hatten.

Schon sehr bald darauf erblickte ich sie selbst. Auch Winnetou hatte sein Fernrohr zur Hand genommen. Er beobachtete sie kurze Zeit und sagte dann befriedigt:

„Sie reiten sehr langsam. Sieht mein Bruder das?“

„Ja. Ihre Pferde sind von dem zweitägigen Ritte ohne Wasser sehr ermattet.“

„Und sie selbst leiden auch Durst. Trotzdem werden sie sich lange weigern, sich uns zu ergeben.“

„Für Vupa Umugi giebt es einen noch viel größern Zwang als den Durst.“

„Mein Bruder meint die Medizinen des Häuptlings der Comantschen. Es war sehr gut, daß er sie mitgenommen hat, als er sich im Thale der Hasen befand. Der Sieg wird uns leicht werden und die Rückkehr dann bequem, weil Old Shatterhand die Comantschen Nale-Masiuvs gefangen genommen und den Dragonern übergeben hat.“

Das war das erste Wort, welches zwischen uns darüber fiel. Daß weder Nale-Masiuv noch die Kavalleristen gekommen waren, mußte ja ganz gegen seine Erwartungen gewesen sein, dennoch hatte er mich gestern nicht gefragt. Ein andrer hätte nicht eher geruht, als bis er von mir darüber aufgeklärt worden wäre; er aber hatte nicht eine einzige Frage ausgesprochen und mit seinem unvergleichlichen Scharfsinn alles erraten, wie seine jetzigen Worte bewiesen. Diese gaben mir Gelegenheit, ihm jetzt zu erzählen, in welcher Weise uns Nale-Masiuv in die Hände geraten war und wie wir uns seiner dann entledigt hatten. Am Schlusse meines Berichtes ließ er ein befriedigtes „Uff!“ hören und fügte dann hinzu:

„Mein Bruder hat ganz richtig gehandelt. Alle diese Roten wären uns eine Last gewesen, schon des Wassers wegen, und die weißen Reiter auch, die wir gar nicht brauchen, um Vupa Umugi zu fangen. Nale-Masiuv ist durch den Verlust seiner Pferde genug bestraft und hat auch die Gewehre seiner Krieger verloren. Winnetou wird erfahren, ob der Kommandant sein Wort hält, ihnen das Leben zu lassen; hat er es gebrochen oder sich auch nur an einen oder einigen von ihnen vergriffen, so wird er es mir mit dem Leben bezahlen. Howgh!“

Damit war diese Angelegenheit vollständig erledigt, und auch über seine letztere Drohung brauchte ich kein Wort zu verlieren; es war ihm Ernst damit, und er führte sie sicher aus, wenn es sich später zeigte, daß der Kommandant sein Versprechen nicht gehalten hatte.

Die Entfernung bis zum Kaktusfelde, welches die Comantschenfalle werden sollte, war von Winnetou auf zwei Stunden abgeschätzt worden; wir brauchten aber drei, weil die Naiini wegen der Mattigkeit der Pferde so langsam ritten. Wir blieben immer in der Weise hinter ihnen, daß sie uns nicht bemerken, wir sie aber durch unsre Rohre sehen konnten. Sie bildeten nicht eine Einzelreihe, sondern ritten breit neben und hinter einander her. Nach der erwähnten Dauer von drei Stunden verringerte sich plötzlich diese Breite; sie rückten zusammen und begannen, eine schmale Linie zu bilden.

„Ah, der entscheidende Augenblick ist da!“ sagte ich zu Winnetou. „Sie halten nicht an; sie scheinen also keinen Verdacht zu fassen.“

„Ja,“ nickte er; „sie sind an der schmalen Öffnung angekommen, die in den Kaktus führt. Sie können dieses Feld nicht überblicken und denken, daß es keine große Breite haben werde, weil Schiba-bigk scheinbar hindurchgeritten ist. Außer diesem Vertrauen treibt sie auch der Durst hinein. Wo Kaktus wächst, giebt es Feuchtigkeit, sie werden glauben, hinter demselben die Oase zu finden, denn sie wissen nicht, daß die Feuchtigkeit, welche diese Pflanzen hervorgebracht hat, nur unterirdisch und eine sehr geringe ist.“

Nach kurzer Zeit sahen auch wir den Kaktus, der in tausend und abertausend Exemplaren eine Strecke bedeckte, deren Ende weder nach vorn noch nach rechts oder links abzusehen war. Ein schmaler, lichter Streifen führte hinein und bildete eine Art Weg, dessen Boden so absolut unfruchtbar sein mußte, daß nicht ein einziges Würzelchen die nötige Nahrung fand. Und grad da, wo dieser Weg begann, hatte Winnetou eine Stange in den Boden stecken lassen, um den Comantschen die Überzeugung zu geben, daß sie hier in den Kaktus einzudringen hätten.

Das hatten sie auch wirklich ohne alles Bedenken gethan, und sie waren schon so weit drin, daß wir sie in der Ferne verschwinden sahen, als wir an dem Rande des stacheligen Dickichts ankamen. Da blieben wir natürlich halten und stiegen ab. Die Pferde wurden außer Schußweite hinter uns angepflockt, um im Falle eines allerdings kaum zu erwartenden Widerstandes nicht verletzt zu werden, und wir nahmen eine Aufstellung, die den Weg von seiner Mündung an bis weit hinein vollständig beherrschte und von den Comantschen bei ihrer Rückkehr nicht zu durchdringen war.

Dieser Weg hatte anfangs eine Breite von vielleicht zwanzig Schritten, wurde aber schon im Bereiche unsrer Kugeln so schmal, daß höchstens vier oder fünf Reiter eng nebeneinander Platz hatten. Das gab, wenn die Comantschen auf den wahnsinnigen Gedanken kommen sollten, uns anzugreifen, eine Tiefe von wenigstens dreißig und eine Breite von höchstens fünf Mann, und es genügte der sechste oder fünfte Teil von uns vollständig, diesen Angriff abzuschlagen. Unsre Kugeln brauchten ja nur die Vordersten niederzustrecken, die dann einen Wall bildeten, über den die andern nicht kommen konnten, zumal es ihnen wegen des Kaktus auch unmöglich war, nach rechts oder links auszuweichen.

So war es uns denn endlich gelungen, den Feind in die vortreffliche Falle zu locken, und wir konnten ruhig abwarten, was er nun beginnen werde. Beginnen? Es gab nur eins für ihn, nämlich umzukehren, sobald er die Stelle erreichte, wo der Weg aufhörte und er nicht weiter konnte.

Wir warteten eine Stunde, zwei Stunden und noch länger; die Comantschen kamen noch nicht. Sie waren jedenfalls am Ende des Weges nicht sogleich umgekehrt, sondern halten geblieben, um zu beraten; aber kommen mußten sie, darüber gab es gar keinen Zweifel. Wir hielten also unsre Blicke gespannt auf den Punkt gerichtet, wo sie erscheinen mußten.

„Uff!“ rief endlich Winnetou, indem er vorwärts deutete.

Sein scharfes Auge hatte die Nahenden eher entdeckt als wir; sie kamen, langsam, müde und enttäuscht. Noch sahen sie uns nicht, weil wir an der Erde saßen und unsre Pferde weit draußen in der Wüste hatten. Bald aber stockte der lange, schmale Zug; sie hatten uns entdeckt, und wir standen auf, um uns ihnen zu zeigen.

Waren sie der Meinung gewesen, daß sie die Dragoner hinter sich hätten, so erkannten sie jetzt, daß sie sich da geirrt hatten. Sie waren so nahe, daß sie bemerken mußten, daß sie keine Weißen, sondern Indianer vor sich hatten.

„Welch ein Schreck für sie!“ sagte Old Surehand, der neben mir stand.

„Schreck? Noch nicht,“ antwortete ich.

„Aber gewiß!“

„Nein. Es ist noch kein Schreck, sondern erst nur Staunen.“

„Warum?“

„Sie können uns doch auch für die Comantschen Nale-Masiuvs halten.“

„Das ist freilich wahr.“

„Aber selbst wenn sie das thun, muß sie unsre Anwesenheit befremden, weil sie der festen Überzeugung gewesen sind, daß Nale-Masiuv die Dragoner hinter ihnen her getrieben bringe.“

„Richtig! Bin neugierig, was sie thun werden.“

„Was sie thun, das weiß ich. Sie werden einen oder einige Krieger vorwärts schicken, um zu erfahren, wer wir sind. Seht Ihr, da kommen sie schon!“

Wir sahen, daß sich zwei von ihnen trennten und sich uns langsam näherten, nicht zu Pferde, sondern zu Fuß.

„Will mein Bruder mit mir ihnen entgegengehen?“ fragte ich Winnetou.

„Ja, thun wir das,“ antwortete er.

Wir schritten ebenso langsam, wie die Comantschen kamen, in den Kaktus hinein, ihnen entgegen. Sie sahen, daß wir ein Roter und ein Weißer waren; das machte sie stutzig; sie blieben stehen. Wir winkten ihnen, zu kommen, und gingen weiter; da kamen sie zögernd näher, blieben aber bald wieder stehen.

„Mein Bruder Shatterhand mag sprechen!“ sagte Winnetou.

Er überließ es mir bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich, das Wort zu führen. Ich rief den beiden Naiini zu:

„Die Krieger der Comantschen mögen getrost näher kommen! Wir wollen mit ihnen sprechen, und es wird ihnen nichts geschehen, wenn sie nicht versuchen, ihre Waffen gegen uns zu brauchen.“

Da kamen sie. Ich hatte sie gerufen, weil ich nicht bis hin zu ihnen gehen wollte, denn da wären wir in die Schußweite der Comantschen geraten, und das mußten wir vermeiden. Wir trafen ungefähr auf halbem Wege mit ihnen zusammen, doch kamen sie nicht ganz zu uns heran.

„Vupa Umugi, der Häuptling der Naiini-Comantschen, hat euch abgeschickt, zu erfahren, wer wir sind,“ sagte ich.

„Kennt ihr mich?“

„Nein,“ antwortete der ältere von ihnen, während beide ihre Augen mit scheuer Ehrfurcht auf Winnetou gerichtet hielten.

„Auch den roten Krieger nicht, der da neben mir steht?“

„Uff! Das ist Winnetou, der Häuptling der Apatschen!“

„Und ich bin Old Shatterhand, sein weißer Freund und Bruder.“

„Uff, uff!“ riefen beide aus und betrachteten nun auch mich genau. Hatte sie schon der Anblick des Apatschen bestürzt gemacht, so wuchs diese Bestürzung, als sie meinen Namen hörten; doch bemühten sie sich, dies zu verbergen.

„Ihr glaubtet, die weißen Reiter hinter euch zu haben?“ fuhr ich fort.

Ich erhielt keine Antwort.

„Und hinter diesen sollte Nale-Masiuv kommen?“

„Woher weiß das Old Shatterhand?“ fragte der ältere.

„Ich weiß noch mehr; ja, ich weiß alles. Ihr wolltet die weißen Reiter in das Verderben locken, und befindet euch nun selbst darin. Blickt vorwärts! Dort stehen dreihundert Krieger der Mescalero-Apatschen, die ihre Gewehre bereit haben, euch bis auf den letzten Mann niederzuschießen, wenn ihr euch wehrt.“

„Uff, uff!“

„Ihr könnt auf keinen Fall zurück und hier durch. Ihr müßt euch uns ergeben. Wenn ihr das nicht thut, werdet ihr entweder erschossen oder müßt in dieser Kaktuswildnis, die euch keinen Ausweg bietet, elend verschmachten!“

Sie sahen einander an. Obgleich sie sich alle Mühe gaben, den Eindruck zu verheimlichen, den meine Worte auf sie machten, war es doch nicht zu verkennen, daß sie sich im höchsten Grade betroffen fühlten. Dann fragte derjenige von ihnen, welcher bisher geantwortet hatte:

„Wo sind die weißen Reiter?“

„Glaubst du, daß wir dir das sagen werden?“

„Und wo ist Nale-Masiuv?“

„Auch das sagen wir nicht. Dafür aber will ich dich fragen, wo Schiba-bigk mit seinen fünfzig Comantschen ist?“

„Uff! Schiba-bigk! Das wissen wir nicht!“

„Aber wir wissen es.“

„Wo?“

„Jedenfalls nicht da vor euch. Ihr habt geglaubt, ihm zu folgen; er ist aber gar nicht vor euch hergeritten.“

„Warum nicht?“

„Ihr seid gewöhnliche Krieger; wir aber sind Häuptlinge, welche nur mit Häuptlingen sprechen. Es fällt uns also nicht ein, eure Fragen zu beantworten; dennoch will ich euch einiges mitteilen, was ihr Vupa Umugi erzählen sollt.“

„Wir werden es ihm sagen.“

„Ihr seid zwei Tage lang den Pfählen gefolgt, weil ihr glaubtet, Schiba-bigk zeige euch durch sie den Weg; aber nicht er, sondern Winnetou hat sie in den Sand gesteckt, um euch in die Irre zu leiten.“

„Uff! Ist das wahr?“

„Old Shatterhand spricht stets die Wahrheit. Schiba-bigk konnte euch den Weg nicht zeigen, weil wir ihn gefangen genommen haben. Ebenso ist Nale-Masiuv mit allen seinen Kriegern gefangen; er ist in unsre Hände und in die Gewalt der weißen Reiter geraten, die wir vor ihm und vor euch warnten. Das ist es, was ihr Vupa Umugi sagen sollt.“

Er starrte mich erschrocken an und rief aus:

„Das wird Vupa Umugi nicht glauben!“

„Ob er es glaubt oder nicht, das ist uns gleichgültig; es ist aber wahr.“

„Wir wissen, daß Old Shatterhand die Wahrheit liebt; aber das, was er jetzt gesagt hat, will nicht in unsre Ohren. Würde er vielleicht bereit sein, es dem Häuptling selbst zu sagen?“

„Ja.“

„So werden wir zu Vupa Umugi zurückkehren, um ihm das mitzuteilen.“

„Thut es! Wir werden hier bleiben, um zu warten, bis er kommt.“

Sie gingen, und wir setzten uns nieder. Als sie ihre Kameraden erreicht hatten, sahen wir an den Bewegungen derselben, welche Wirkung ihre Botschaft hervorbrachte. Die Reiter stiegen alle von ihren Pferden, auf denen sie bis jetzt sitzen geblieben waren. Nach einer Weile kam ein einzelner auf uns zu; es war nicht Vupa Umugi, sondern der Mann, mit dem wir gesprochen hatten. Bei uns angekommen, teilte er uns mit:

„Der Häuptling der Comantschen hat unsre Worte vernommen und will sie nicht glauben; er möchte sie aus eurem Munde hören.“

„Er soll sie hören. Warum kommt er nicht?“

„Hier ist Old Shatterhand, und hier ist Winnetou, der Häuptling der Apatschen; da will Vupa Umugi nicht allein sein.“

„Gut, zwei zu zwei. Er mag noch jemand mitbringen.“

„Apanatschka, der zweite Häuptling der Naiini, wird bei ihm sein.“

„Wir haben nichts dagegen.“

„Old Shatterhand und Winnetou haben ihre Waffen bei sich; also dürfen Vupa Umugi und Apanatschka die ihrigen auch mitbringen?“

„Auch da sind wir einverstanden.“

„Sie haben keine Hinterlist zu befürchten?“

„Nein.“

„Und können frei zurückkehren, wenn sie mit euch gesprochen haben?“

„Ja.“

„Wir werden das glauben, wenn Winnetou und Old Shatterhand es mit ihrem Worte versprechen.“

„Ich verspreche es. Howgh!“ antwortete Winnetou.

„Ich habe es schon gesagt und brauche es also nicht noch einmal zu versprechen,“ erklärte ich. „Was Old Shatterhand sagt, ist wie ein Schwur. Übrigens müssen Vupa Umugi und Apanatschka sehr feige Krieger sein!“

„Sie sind die mutigsten und tapfersten des ganzen Stammes! Warum spricht Old Shatterhand die Beleidigung, daß er sie für feig hält?“

„Weil du fragst, ob sie frei zurückkehren dürfen.“

„Diese Frage wird stets gethan, wenn feindliche Krieger zwischen ihren Scharen zu einer Besprechung zusammentreffen.“

„Haben wir diese Frage ausgesprochen?“

„Nein,“ gab er verlegen zu.

„Schau hinter dich, und schau vor dich hin. Dort stehen die Apatschen und dort die Comantschen; wir aber befinden uns grad in der Mitte zwischen ihnen. Also hat keine der zwei Parteien, die hier zusammenkommen, einen Vorteil vor der andern. Wenn Vupa Umugi und Apanatschka eine Hinterlist gegen Winnetou und mich hegen, so ist die Gefahr für uns genau dieselbe wie diejenige, in welcher sie sich befänden, wenn wir sie betrügen wollten. Demnach haben wir nicht nach unserer Sicherheit gefragt; du aber hast unser Versprechen verlangt, daß sie frei zurückkehren dürfen. Wer ist da mutig, und wer ist feig? Hat Vupa Umugi dir befohlen, so zu fragen?“

„Ja.“

„So sag ihm, daß er sich ein Herz nehmen und zu uns kommen solle! Wir halten unser Wort und sind zu stolz, als daß wir uns an einem Comantschen vergreifen möchten, der durch solche Fragen beweist, daß er keinen Mut besitzt.“

Er ging.

„Das hat mein Bruder sehr gut gesagt,“ lobte mich Winnetou, der an meiner Stelle gewiß genau ebenso gesprochen hätte.

Ich war neugierig auf Apanatschka, den zweiten Häuptling, der seinem Namen nach ein vorzüglicher Krieger sein mußte, denn das Comantschenwort Apanatschka bezeichnet einen Mann, der in allem gut und tüchtig ist.

Es dauerte nicht lange, so kamen beide, hoch aufgerichtet und stolz, wie Leute, welche den Vorteil auf ihrer Seite wissen. Sie wollten uns mit dieser Haltung imponieren, was ihnen aber freilich nicht gelingen konnte. Ohne ein Wort zu sagen, setzten sie sich uns gegenüber und hielten, die Gewehre quer über die Kniee gelegt, ihre Augen kalt auf uns gerichtet. Wir ließen uns dadurch nicht täuschen; in ihrem Innern sah es jedenfalls ganz anders aus als in ihren unbewegten Gesichtszügen, die eine Maske waren.

Aufrichtig gestanden, hatte ich in Apanatschka einen älteren Mann vermutet; aber er war noch jung, und ich mußte mir sagen, außer Winnetou noch keinen so interessanten Indianer gesehen zu haben.

Er war nicht überlang, aber sehr stark und kräftig gebaut. Ich suchte vergeblich nach dem Indianertypus in seinem Gesichte; es gab da weder die etwas schief stehenden Augen noch die hervorragenden Backenknochen. Sein dunkles Haar war lang gewachsen und auf dem Scheitel zusammengebunden. Beinahe hätte ich behaupten mögen, daß es eigentlich ein Kraushaar und nur durch die Pflege schlicht und straff geworden sei. Trotz der dunkeln Farbe seines Gesichtes schien es mir, als ob auf seiner Oberlippe, seinem Kinn und seinen Wangen jener eigentümliche blauschwarze Schimmer liege, den man bei stark- und dunkelbärtigen Männern bemerkt, wenn sie rasiert worden sind. Sollte dieser Apanatschka, aller Indianerart entgegen, einen so dichten Bart besitzen, daß er sich rasieren mußte? Wo nahm er die Seife her? Bekanntlich rasieren sich die Indianer nicht, sondern sie reißen sich die wenigen Barthaare, die sie haben, so lange aus, bis sie nicht wiederwachsen. Dieser Indsman war mir sehr sympathisch. Sein Gesicht machte einen Eindruck auf mich, den ich am liebsten mit dem Ausdrucke anheimeln bezeichnen möchte. Hatte ich ihn denn schon einmal gesehen? Gewiß nicht! Aber dann gab es unter meinen jetzigen oder früheren Bekannten ein Gesicht, welches dem seinigen ähnlich war. Mit der Schnelligkeit des Blitzes tauchten in meinem Innern hundert und hundert dieser Gesichter auf, aber das betreffende war nicht dabei. Es ist eigentümlich, daß einem das am nächsten Liegende so oft am fernsten ist!

Wenn feindliche Häuptlinge zu einer Besprechung zusammentreffen, so ist es nicht der vornehmste, der zuerst das Wort ergreift. Je höher sich einer dünkt, desto länger hüllt er sich in Schweigen. Es gilt da die Annahme, daß derjenige zuerst zum Reden getrieben wird, welcher den meisten Grund hat, gute Worte zu geben. Vupa Umugi schien die Absicht zu haben, so zu thun, als ob ihm an einer Verständigung gar nichts gelegen sei; er schwieg und sein Gesicht zeigte, daß er nicht eher reden wolle, als bis er von uns angesprochen worden sei. Das konnte mir auch recht sein, denn wir hatten Zeit, viel mehr Zeit als er.

Ich richtete mein Auge auf Winnetou, und ein kurzer Blick von ihm sagte mir, daß er nicht gewillt war, die Unterredung zu beginnen. Darum wartete ich ein Weile, und als dann noch nichts erfolgte, streckte ich mich lang aus und schob meinen Arm unter den Kopf wie einer, welcher ruhen oder gar einschlafen will. Dieses Verhalten erreichte seinen Zweck, wenn auch einstweilen erst nur halb, denn Vupa Umugi warf Apanatschka einen auffordernden Blick zu, worauf dieser sagte:

„Old Shatterhand und Winnetou, der Häuptling der Apatschen, haben mit uns sprechen wollen.“

Ich blieb liegen und antwortete nicht; auch Winnetou schwieg. Da wiederholte Apanatschka seine Worte:

„Old Shatterhand und Winnetou, der Häuptling der Apatschen, haben mit uns sprechen wollen.“

Er bekam auch jetzt keine Antwort; da wiederholte er dieselben Worte noch einmal. Nun richtete ich mich langsam auf und sagte:

„Was ich da höre, setzt mich in Verwunderung. Nicht wir haben mit euch sprechen wollen, sondern wir sind gefragt worden, ob wir nicht Vupa Umugi das sagen wollten, was seinen Boten unglaublich erschien. Wir haben ihm erlaubt, hierher zu kommen, und nun sitzt er da, als ob er gar nichts hören wolle. Warum schweigt er und läßt Apanatschka für sich sprechen? Ist er nicht klug genug zum Reden? Er, aber nicht Apanatschka, hat mit uns sprechen wollen, und wenn er den Mund nicht aufthut, so ist es uns auch recht. Wir haben Wasser genug und Fleisch, so viel wir brauchen. Wenn er eben so viel Zeit hat wie wir, so mag er noch weiter schweigen!“

Ich machte Miene, mich wieder niederzulegen, und das half; denn Vupa Umugi forderte mich auf:

„Old Shatterhand mag sitzen bleiben und meine Worte hören!“

„Ich höre!“ erwiderte ich kurz.

„Old Shatterhand hat behauptet, daß Nale-Masiuv mit seinen Kriegern gefangen sei?“

„Ich sagte es, und es ist wahr.“

„Wo wurde er gefangen?“

„Bei den hundert Bäumen.“

„Von wem?“

„Von mir, den Kriegern der Apatschen und den weißen Reitern, die sich mit uns vereinigt hatten.“

„Schiba-bigk soll auch gefangen sein?“

„Er ist’s.“

„Von wem?“

„Von Winnetou und mir mit unsern Apatschen.“

„Wo?“

„Als er von den hundert Bäumen unterwegs war, um dir durch die Pfähle den Weg zum Bloody-Fox zu zeigen.“

„Das kann ich nicht glauben!“

„So glaube es nicht!“

„Beweise es!“

Pshaw! Vupa Umugi ist nicht der Mann dazu, von Old Shatterhand Beweise zu verlangen!“

„Wie kannst du so hintereinander auf Schiba-bigk, auf die weißen Reiter und auf Nale-Masiuv treffen? Einen solchen Zufall giebt es nicht.“

„Es war kein Zufall, sondern Berechnung.“

„Berechnung? Da hättest du alles wissen müssen, was die Krieger der Comantschen zu thun beschlossen hatten!“

„Das wußte ich allerdings.“

„Von wem?“

„Von dir.“

„Uff! Habe ich es dir etwa gesagt?“

„Ja.“

„Wann und wo?“

„Am blauen Wasse