Bloody Fox

Der Geist der Llano Estakata

Bloody-fox

Zwei Männer kamen am Wasser dahergeritten, ein Weißer und ein Neger. Der erstere war sehr eigentümlich gekleidet. Er trug indianische Schuhe und Lederhosen, dazu einen einst dunkelblau gewesenen, jetzt aber sehr verschossenen Frack, mit Patten, hohen Achselpuffen und blank geputzten Messingknöpfen. Die langen Schöße hingen flügelartig rechts und links an den Seiten des Pferdes hernieder. Auf dem Kopfe saß ein riesiger, schwarzer Amazonenhut, welchen eine gelb gefärbte, unechte Straußenfeder schmückte. Bewaffnet war der kleine schmächtige Mann mit einer Doppelbüchse, welche ihm über die Schulter hing, mit einer Messer und zwei Revolvern, die er im Gürtel trug. An dem letzteren hingen mehrere Beutel, wohl zur Aufnahme der Munition und allerhand notwendiger Kleinigkeiten bestimmt; jetzt aber schienen sie ziemlich leer zu sein.

Der Schwarze war eine riesige, breitschulterige Figur. Auch er trug Mokassins und dazu indianische Leggins von jener Art, welche aus zwei voneinander getrennten Hosenbeinen bestehen, so daß man eigentlich Haut gegen Haut auf dem Pferde sitzt. Das ist aber freilich nur dann von Vorteil, wenn man ohne Sattel reitet. Zu dieser Bekleidung des Unterkörpers wollte freilich diejenige des Oberkörpers nicht recht passen, denn sie bestand aus dem Waffenrocke eines französischen Dragoneroffiziers. Dieses Kleidungsstück war wohl bei der französischen Invasion nach Mexiko gekommen und hatte sich dann auf unbekannten Umwegen auf den Leib des Schwarzen verirrt. Der Rock war dem herkulischen Neger viel zu kurz und viel zu eng; er konnte nicht zugeknöpft werden, und darum konnte man die breite, nackte Brust des Reiters sehen, welcher wohl deshalb kein Hemd trug, weil es im Westen keine Wäscherinnen und Plätterinnen gibt. Dafür aber hatte er ein großes, rot und weiß kariertes Tuch um seinen Hals gebunden und vom zu einer riesigen Schleife zusammengezipfelt. Der Kopf war unbedeckt, damit man die unzähligen kleinen, fettglänzenden Löckchen, die er sich anfrisiert hatte, sehen und bewundern könne. Bewaffnet war der Mann auch mit einem Doppelgewehre, außerdem mit einem Messer, einem irgendwo entdeckten Bajonette und einer Reiterpistole, deren Geburtsjahr jedenfalls auf Anno Tobak zu setzen war.

Beritten waren beide gut. Es war den Pferden anzusehen, daß heute ein weiter Weg hinter ihnen liege, und doch schritten sie noch so munter und kräftig aus, als ob sie ihre Reiter kaum stundenlang getragen hätten.

Die Ufer des Baches waren saftig grün bewachsen, doch nur in einer gewissen Breite. Über dieselbe hinaus gab es dürre Yuccas, fleischige Ajaren und vertrocknetes Bärengras, dessen wohl 15 Fuß hohe Stengel verblüht waren.

„Schlechte Gegend!“ sagte der Weiße. „Im Norden hatten wir es besser. Nicht wahr, Bob?“

Yes,“ antwortete der Gefragte. „Massa Frank haben recht. Hier es Masser Bob nicht sehr gefallen. Wenn nur bald an Helmers Home kommen, denn Masser Bob haben Hunger wie ein Walfisch, welcher Haus verschlingt.“

„Der Walfisch kann kein Haus verschlingen,“ erklärte Frank dem Schwarzen, „denn seine Gurgel ist zu eng dazu.“

„Mag Gurgel aufmachen, wie Masser Bob sie aufmacht, wenn er ißt! Wie weit es noch sein bis Helmers Home?“

„Das weiß ich nicht genau. Nach der Beschreibung, welche uns heute früh gemacht wurde, müssen wir bald am Ziele sein. Schau, kommt dort nicht ein Reiter?“

Er deutete nach rechts über das Wasser hinüber. Bob hielt sein Pferd an, legte die Hand über die Augen, um sie gegen die im Westen tiefstehende Sonne zu beschatten, öffnete nach seiner Weise den Mund sehr weit, um noch besser sehen zu können, und antwortete nach einer Weile:

„Ja, es sein ein Reiter, ein kleiner Mann, auf großem Pferd. Er kommen hierher zu Masser Bob und Massa Frank.“

Der Reiter, von welchem die Rede war, kam in scharfem Trabe herbei, hielt aber nicht auf die beiden zu, sondern schien ihnen vom quer über ihre Richtung kommen zu wollen. Er that gar nicht so, als ob er sie sehe.

„Sonderbarer Kerl!“ brummte Frank. „Hier im wilden Westen ist man doch froh, einen Menschen zu sehen; diesem scheint aber gar nichts an unserer Begegnung zu liegen. Entweder ist er ein Menschenfeind, oder hat er kein gutes Gewissen.“

„Soll Masser Bob ihn einmal rufen?“

„Ja, rufe ihn. Deine Elefantentrompete wird er eher hören, als mein Zephyrsäuseln.“

Bob hielt beide Hände hohl an den Mund und schrie aus vollem Halse:

„Hallo, hallo! Halt, warten! Warum ausreißen vor Masser Bob!“

Der Neger hatte allerdings eine Stimme, welche ganz geeignet war, einen Scheintoten in das Leben zurückzubringen. Der Reiter parierte sein Pferd. Die beiden beeilten sich, ihn zu erreichen.

Als sie in seine Nähe gelangten, erkannten sie, daß sie keinen Mann von kleiner Statur, sondern einen kaum dem Knabenalter entwachsenen Jüngling vor sich hatten. Er war genau so wie die bekannten kalifornischen Cow-boys ganz in Büffelkuhleder gekleidet, und zwar in der Weise, daß alle Nähte mit Fransen versehen waren. Auf dem Kopfe trug er einen breitkrempigen Sombrero. Eine breite, rotwollene Schärpe umschlang statt des Gürtels seine Hüften und hing an seiner linken Seite herab. In dieser Schärpe steckten ein Bowiemesser und zwei mit Silber ausgelegte Pistolen. Quer vor sich auf den Knieen hielt er eine schwere, doppelläufige Kentuckybüchse, und vorn zu beiden Seiten des Sattels waren nach mexikanischer Weise Schutzleder angebracht, um die Beine zu bedecken und vor Pfeilschüssen oder Lanzenstößen zu bewahren.

Sein Gesicht war von der Sonne tief gebräunt und trotz seiner Jugend von Wind und Wetter gegerbt. Von der linken Seite der Stirn ging ihm eine blutrote, zwei Finger breite Wulst quer bis auf das rechte Auge herab. Das gab ihm ein äußerst kriegerisches Aussehen. Überhaupt machte er keineswegs den Eindruck eines jungen, unerwachsenen und unerfahrenen Menschen. Die schwere Büchse so leicht in der Hand, als ob sie ein Federkiel sei, das dunkle Auge groß und voll auf die beiden gerichtet, saß er stolz und fest wie ein Alter auf dem Pferde, welches sich unter ihm nicht bewegen zu können schien.

Good day, my boy!“ grüßte Frank. „Bist du in dieser Gegend bekannt?“

Very well,“ antwortete er, indem er ein leises, ironisches Lächeln sehen ließ, wohl darüber, daß der Frager ihn du genannt hatte.

„Kennst du Helmers Home?“

Ay!

„Wie lange reitet man noch bis hin?“

„Je langsamer, desto länger.“

Zounds! Du scheinst sehr kurz angebunden zu sein, mein Junge!“

„Weil ich kein Mormonenpfarrer bin.“

„Ach so! Dann entschuldige! Du zürnst mir wohl, daß ich dich du genannt habe?“

„Fällt mir nicht ein! Mit der Anrede mag es ein jeder halten, wie er will, nur muß er sich dann auch die meinige gefallen lassen.“

„Schön! So sind wir also einig. Du gefällst mir sehr. Hier ist meine Hand. Nenne mich auch du und antworte mir nun aber, wie es sich schickt und gehört. Ich bin hier fremd und muß nach Helmers Home. Hoffentlich zeigst du mir nicht einen falschen Weg.“

Er reichte dem Jünglinge die Hand hinüber. Dieser drückte sie ihm, überflog Frack und Amazonenhut mit einem lächelnden Blicke und antwortete:

„Ein Schuft, wer andere in die Irre führt! Ich habe es an mir erfahren! Ich reite soeben nach Helmers Home. Wenn ihr mir folgen wollt, so kommt!“

Er setzte sein Pferd wieder in Bewegung und die beiden folgten ihm, vom Bache abbiegend, so daß der Ritt nunmehr nach Süd gerichtet war.

„Wir wären dem Wasser gefolgt,“ bemerkte Frank.

„Es hätte euch auch zu dem alten Helmers geführt,“ antwortete der Knabe, „aber in einem sehr weiten Bogen. Anstatt in drei Viertelstunden wäret ihr in zwei Stunden bei ihm angekommen.“

„So ist es ja sehr gut, daß wir dich getroffen haben. Kennst du den Besitzer dieses Settlements?“

„Sogar sehr gut.“

„Was ist er für ein Mann?“

Die beiden Reiter hatten ihren jungen Wegweiser in die Mitte genommen. Er warf einen forschenden Blick auf sie und antwortete:

„Wenn ihr kein gutes Gewissen habt, so geht nicht zu ihm, sondern kehrt lieber um.“

„Warum?“

„Er hat ein sehr scharfes Auge für jede Schuftigkeit und hält sehr streng auf ein reines Haus.“

„Das gefällt mir von dem Manne. Wir haben also nichts von ihm zu befürchten.“

„Wenn ihr brave Kerls seid, nein. Dann ist er ganz im Gegenteile euch zu jedem Dienste erbötig.“

„Ich höre, daß er einen Store führt?“

„Ja, aber nicht um des Gewinnes halber, sondern nur um den Westmännern, welche bei ihm verkehren, gefällig zu sein. Er führt in seinem Laden alles, was ein Jäger braucht, und er verkauft es zum billigstmöglichen Preise. Aber einer, der ihm nicht gefällt, wird selbst für teures Geld nichts von ihm erhalten.“

„So ist er ein Original?“

„Nein, aber er bemüht sich auf alle Weise, jenes Gelichter von sich fern zu halten, welches den Westen unsicher macht. Ich brauche ihn euch gar nicht zu beschreiben. Ihr werdet ihn schon kennen lernen. Nur eins will ich euch noch von ihm sagen, was ihr freilich nicht verstehen und worüber ihr sogar wohl lachen werdet: Er ist ein Deutscher von echtem Schrot und Korn. Damit ist alles gesagt.“

Frank stand in den Bügeln auf und rief:

„Was? Das soll ich nicht verstehen? Darüber soll ich sogar lachen? Was fällt dir ein! Ich freue mich sogar königlich darüber, hier am Rande der Llano estakata einen Landsmann zu finden.“

Das Gesicht des Führers war ein sehr ernstes; selbst sein zweimaliges Lächeln war so gewesen, als ob er wirklich zu lachen gar nicht verstehe. Jetzt blickte er mit milden, freundlichen Augen zu Frank herüber und fragte:

„Wie? Ein Deutscher bist du? Ist’s wahr?“

„Jawohl! Natürlich! Siehst du mir das denn nicht sofort an?“

„Nein! Du sprichst das Englische nicht wie ein Deutscher und hast ganz genau das Aussehen eines Yankee-Onkels, welcher von seinen sämtlichen Neffen zum Fenster hinausgeworfen worden ist.“

Heavens! Was fällt dir ein! Ich bin ein Deutscher durch und durch, und wer das nicht glaubt, dem renne ich die Flinte durch den Leib!“

„Dazu genügt das Messer auch. Aber wenn es so ist, so wird der alte Helmers sich freuen, denn er stammt auch von drüben herüber.“

„Aus Deutschland?“

„Ja, und er hält gar große Stücke auf sein Vaterland und seine Muttersprache.“

„Das glaube ich! Ein Deutscher kann beide nie vergessen. Nun freue ich mich doppelt, nach Helmers Home zu kommen. Eigentlich konnte ich mir denken, daß er ein Deutscher ist. Ein Yankee hätte sein Settlement Helmers Range oder so ähnlich genannt; aber Helmers Home, dieses Namens wird sich nur ein Deutscher bedienen. Wohnst du in seiner Nähe?“

„Nein! Ich habe weder eine Range noch eine Home als mein Eigentum. Ich bin wie der Vogel in der Luft oder wie das Tier im Walde.“

„Also ein armer Teufel?“

„Ja!“

„Trotz deiner Jugend! Hast du keine Eltern?“

„Keinen einzigen Verwandten.“

„Aber einen Namen besitzest du!“

„Ja freilich. Man nennt mich Bloody-fox.“

„Bloody-fox? Das deutet auf ein blutiges Ereignis.“

„Ja, meine Eltern wurden mit der ganzen Familie und der sämtlichen Gesellschaft ermordet, drin in der Llano estakata; nur ich allein bin übrig geblieben. Man fand mich mit klaffendem Schädel. Ich war ungefähr acht Jahre alt.“

„Herrgott! Dann bist du wirklich das, was ich sagte, ein armer Teufel. Man überfiel euch, um euch auszurauben?“

„Ja, natürlich.“

„So rettetest du nichts als das Leben, deinen Namen und die schreckliche Erinnerung!“

„Nicht einmal das. Helmers fand mich im Kaktus liegen, nahm mich auf das Pferd und brachte mich heim zu sich. Ich habe monatelang im Fieber gelegen, und als ich erwachte wußte ich nichts mehr, gar nichts mehr. Ich hatte selbst meinen Namen vergessen, und ich kann mich selbst heute noch nicht auf denselben besinnen. Nur der Augenblick des Überfalls ist mir klar im Gedächtnisse geblieben. Ich wäre glücklicher, wenn auch das mir entschwunden wäre, denn dann würde nicht das heiße Verlangen nach Rache mich wieder und immer wieder durch die schreckliche Wüste peitschen.“

„Und warum hat man dir den Namen Bloody-fox gegeben?“

„Weil ich über und über mit Blut bedeckt gewesen bin und während meiner Fieberphantasien oft den Namen Fuchs genannt habe. Man hat daraus schließen zu müssen geglaubt, daß er der meinige sei.“

„So wären deine Eltern also Deutsche gewesen?“

„Jedenfalls. Denn ich verstand, als ich wieder zu mir kam, kein englisches und auch kein deutsches Wort. Ich konnte mich überhaupt gar keiner Sprache bedienen. Aber während ich das Englische eben langsam lernte, wie einer, der es noch nicht kann, wurde mir das Deutsche so schnell, ja so plötzlich geläufig, daß ich es unbedingt schon vorher gesprochen haben mußte. Helmers ist mir wie ein Vater gewesen. Er wohnte damals noch nicht in seinem jetzigen Settlement. Aber es hat mich nicht bei ihm gelitten. Ich habe hinaus gemußt in die Wildnis wie der Falke, dem die Geier die Alten zerrissen haben, und der nun um die blutige Stätte kreisen muß, bis es ihm gelingt, auf die Mörder zu stoßen. Sein scharfes Auge muß und wird sie entdecken. Mögen sie hundertmal stärker sein als er, und mag er sein Leben geben müssen, er wird es gern verlieren, denn sein Tod wird auch der ihrige sein!“

Er knirschte hörbar mit den Zähnen und nahm sein Pferd so scharf in die Zügel, daß es hoch empor stieg.

„So hast du die Schmarre auf der Stirn von damals her?“ fragte Frank.

„Ja,“ antwortete er finster. „Doch, sprechen wir nicht weiter davon! Es regt mich zu sehr auf, und dann müßt ihr gewärtig sein, ich stürme von euch fort und lasse euch allein nach Helmers Home reiten.“

„Ja, sprechen wir lieber von dem Besitzer desselben. Was ist er denn drüben im alten Lande gewesen?“

„Forstbeamter. Ich glaube, Oberförster.“

„Wie – wa – wa – was!“ rief Frank. „Ich auch!“

Bloody-fox machte eine Bewegung der Überraschung, betrachtete sich den Sprecher abermals genau und sagte dann:

„Du auch? Das ist ja ein höchst erfreuliches Zusammentreffen!“

„Ja, ich habe ganz dieselbe Karriere gehabt. Aber wenn er die schöne Anstellung eines Oberförsters gehabt hat, warum hat er sie denn aufgegeben?“

„Aus Ärger. Ich glaube, die betreffende Waldung befand sich im Privatbesitz, und sein Patron war ein stolzer, rücksichtsloser und jähzorniger Herr. Beide sind auf- und auseinander geraten, und Helmers hat ein schlechtes Zeugnis erhalten, so daß er keine Wiederanstellung fand. Da ist er denn so weit wie möglich fortgegangen. Siehst du da drüben das Rot- und Schwarzeichengehölz?“

„Ja!“ antwortete Frank, indem er in die angegebene Richtung blickte.

„Dort treffen wir wieder auf den Bach, und hinter dem Walde beginnen Helmers Felder. Bisher hast du mich ausgefragt; nun will einmal ich einige Erkundigungen aussprechen. Wird nicht dieser brave Neger Sliding-Bob genannt?“

Da that Bob im Sattel einen Sprung, als ob er sich vom Pferde schnellen wolle.

„Ah! oh!“ rief er. „Warum schimpfen Massa Bloody-fox gut, brav Masser Bob?“

„Nicht schimpfen und nicht beleidigen will ich dich,“ antwortete der Jüngling. „Ich glaube, ich bin ein Freund von dir.“

„Warum da nennen Masser Bob grad so, wie haben Indianer ihn genannt, weil Masser Bob damals immer rutschen von Pferd herab! jetzt aber Masser Bob reiten wie ein Teufel!“

Um zu zeigen, daß er die Wahrheit gesagt habe, gab er seinem Pferde die Sporen und galoppierte davon, gerade auf das erwähnte Gehölz zu. Auch Frank war über die Frage des jungen Mannes erstaunt.

„Du kennst Bob?“ sagte er. „Das ist doch beinahe unmöglich!“

„O nein! Ich kenne auch dich.“

„Das wäre! Wie heiße ich denn?“

„Hobble-Frank.“

Good lack! Das ist richtig! Aber, Boy, wer hat dir das gesagt? Ich bin doch all mein Lebtag noch nicht hier in dieser Gegend gewesen.“

„O,“ lächelte der Jüngling, „man wird doch einen so berühmten Westmann kennen, wie du bist.“

Frank blies sich auf, daß ihm der Frack zu eng werden wollte, und sagte:

„Ich? berühmt? Auch das weißt du schon?“

„Ja!“

„Wer hat es dir gesagt?“

„Ein früherer Bekannter von mir, Jakob Pfefferkorn, welcher gewöhnlich nur der dicke Jemmy genannt wird.“

„Alle Wetter! Mein Spezial! Wo hast du den getroffen?“

„Vor einigen Tagen eben am Washita Fork. Er erzählte mir, daß ihr euch verabredet habt, euch hier in Helmers Home zu treffen.“

„Das ist richtig. Kommt er denn?“

„Ja! Ich bin eher aufgebrochen und komme direkt von oben herunter. Er wird jedenfalls bald nachfolgen.“

„Das ist herrlich; das ist prächtig! Also er hat dir von uns erzählt?“

„Er hat mir eueren ganzen Zug nach dem Yellowstone berichtet. Als du mir vorhin sagtest, daß du auch Forstmann gewesen seist, wußte ich sogleich, wen ich vor mir habe.“

„So wirst du mir nun glauben, daß ich ein guter Deutscher bin?“

„Nicht nur das bist du, sondern ein guter, herzensbraver Kerl überhaupt,“ lächelte der junge Mann.

„So hat der Dicke mich also nicht schlecht gemacht?“

„Ist ihm gar nicht eingefallen! Wie könnte er seinen braven Frank verleumden!“

„Ja, weißt du, wir haben uns zuweilen ganz außerordentlich über Dinge gestritten, welche zu begreifen eine Gymnasialbildung nicht ganz hinreichend ist. Er hat aber glücklicherweise eingesehen, daß wir einander überlegen sind, und so kann es nun auf der ganzen Welt keine besseren Freunde, als uns, geben. – Aber da ist Bob, und da ist das Gehölz. Wie nun weiter?“

„Über den Bach hinüber und zwischen den Bäumen hindurch; das ist die genaue Richtung. Reiter, wie Bob einer ist, brauchen keinen gebahnten Weg.“

„Ja, richtig!“ stimmte der Neger stolz bei. „Massa Bloody-fox haben sehen, daß Masser Bob reiten wie ein Indianer. Masser Bob machen mit durch dick und dünn.“

Sie setzten über das Wasser, ritten durch das Wäldchen, woran kein Unterholz sie hinderte, und kamen dann zwischen eingezäunten Mais-, Hafer- und Kartoffelfeldern hindurch.

Hier gab es stellenweise den fruchtbaren, schwarzen Sandboden des texanischen Hügellandes, welcher reiche Ernten gibt. Das Wasser des Baches erhöhte den Wert des Settlementes und floß ganz nahe an dem Wohnhause vorüber, hinter welchem sich die Stallungen und Wirtschaftsgebäude befanden.

Das Haus war aus Stein gebaut, lang, tief und ohne Oberstock, doch enthielten die Giebelseiten je zwei kleine Dachstuben. Vor der Thüre standen vier riesige Postoaks mit bis zur Spitze kerzengeraden Stämmen, von welchen weitschattende Äste ausgingen, unter denen mehrere einfache Tische und Bänke angebracht waren. Man sah es auf den ersten Blick, daß rechts vom Eingange der Wohnraum, und links von demselben der von Bloody-fox erwähnte Laden lag.

An einem der Tische saß ein ältlicher Mann, welcher, die Tabakspfeife im Munde, den drei Ankömmlingen forschend entgegenblickte. Er war von hoher, derber Gestalt, wetterhart im Gesicht, welches ein dichter Vollbart umrahmte, ein echter Westmann, dessen Händen es anzusehen war, daß sie wenig geruht, aber viel geschafft und gearbeitet hatten.

Als er den Führer der beiden Fremden erkannte, stand er auf und rief ihm bereits von weitem entgegen:

Welcome, Bloody-fox! Lässest du dich endlich wieder einmal sehen? Es gibt Neuigkeiten.“

„Von woher?“ fragte der Jüngling.

„Von da drüben.“

Er deutete mit der Hand nach Westen.

„Was für welche? Gute?“

„Leider nicht. Es hat wahrscheinlich wieder einmal Hyänen in den Plains gegeben.“

Die Llano estakata wird nämlich von dem englisch sprechenden Amerikaner Staked Plain genannt. Beide Bezeichnungen haben aber ganz denselben wörtlichen Sinn.

Diese Nachricht schien den jungen Mann förmlich zu elektrisieren. Er schwang sich aus dem Sattel, trat schnell auf den Mann zu und sagte:

„Das mußt du mir sofort erzählen!“

„Es ist wenig genug und läßt sich sehr bald sagen. Vorher aber wirst du doch so höflich sein, diesen beiden Gentlemen mitzuteilen, wer ich bin.“

„Das ist ebenso bald gesagt. Du bist Master Helmers, der Besitzer dieser Farm, und diese Herren sind gute Freunde von mir, Master Hobble-Frank und Masser Sliding-Bob, die dich aufsuchen wollen, um vielleicht etwas von dir zu kaufen.“

Helmers betrachtete die beiden Genannten und bemerkte:

„Will sie erst kennen lernen, ehe ich mit ihnen handle. Habe sie noch nie gesehen.“

„Du kannst sie ruhig bei dir aufnehmen; ich habe sie ja meine Freunde genannt.“

„Im Ernste oder aus Höflichkeit?“

„In vollem Ernste.“

„Nun, dann sind sie mir willkommen.“

Er streckte Frank und auch dem Neger die Hand entgegen und lud sie ein, sich niederzusetzen.

„Erst die Pferde, Sir,“ sagte Frank. „Ihr wißt ja, was die erste Pflicht eines Westmanns ist.“

„Wohl! Aus eurer Sorge für die Tiere ersehe ich, daß ihr brave Bursche seid. Wann wollt ihr wieder fort?“

„Wir sind vielleicht gezwungen, einige Tage hier zu bleiben, da wir gute Kameraden erwarten.“

„So führt die Pferde hinter das Haus, und ruft nach Herkules, dem Neger. Der wird euch in allem gern zu Diensten sein.“

Die beiden folgten dieser Aufforderung. Helmers blickte ihnen kopfschüttelnd nach und sagte zu Bloody-fox:

„Sonderbare Kerle hast du mir da gebracht! Einen französischen Rittmeister mit schwarzer Haut und einen Gentleman von vor fünfzig Jahren mit ostrich-feather-hat. Das fällt selbst hier im fernen Westen auf“

„Laß dich nicht irre machen, Alter! Ich will dir nur einen einzigen Namen nennen; dann wirst du ihnen trauen. Sie sind gute Bekannte von Old Shatterhand, den sie hier erwarten.“

„Was? Wirklich?“ rief der Farmer. „Old Shatterhand will nach Helmers Home kommen?“

„Ja, gewiß!“

„Von wem hast du das? Von den beiden?“

„Nein, sondern von dem dicken Jemmy Pfefferkorn.“

„Auch den hast du getroffen? Ich bin ihm nur zweimal begegnet, möchte ihn aber gern einmal wiedersehen.“

„Das wirst du bald. Er kommt auch hierher. Er gehört zu der Gesellschaft, welche die beiden bei dir erwarten.“

Helmers sog schnell einigemal an seiner Pfeife, die ihm ausgehen wollte; dann rief er, indem sein Gesicht vor Freude glänzte:

„Welch eine Nachricht! Old Shatterhand und der dicke Jemmy! Das ist eine Freude und eine Ehre, die ich zu würdigen weiß. Ich muß nun gleich zu meinem alten Bärbchen laufen, um ihr mitzuteilen, daß ––“

„Halt!“ unterbrach Bloody-fox den Farmer, indem er ihn, der forteilen wollte, am Arme festhielt, „erst will ich hören, was sich dort auf den Plains begeben hat!“

„Ein Verbrechen natürlich,“ antwortete Helmers, indem er sich wieder zu ihm wandte. „Wie lange warst du nicht bei mir?“

„Fast zwei Wochen.“

„So hast du auch die vier Familien nicht bei mir gesehen, welche über die Llano wollten. Sie sind seit über einer Woche fort von hier, aber nicht drüben angekommen. Burton, der Trader, ist von drüben herüber. Sie müßten ihm begegnet sein.“

„Sind die Pfähle in Ordnung gewesen?“

„Eben nicht. Hätte er die Wüste nicht seit zwanzig Jahren so genau kennen gelernt, so wäre er verloren.“

„Wo ist er hin?“

„Er liegt eben in der kleinen Stube, um sich auszuruhen.

Er war bei seiner Ankunft halb verschmachtet, hat aber trotzdem nichts genossen, um nur gleich schlafen zu können.“

„Ich muß zu ihm. Ich muß ihn trotz seiner Müdigkeit wecken. Er muß mir erzählen!“

Der junge Mann eilte ganz erregt fort und verschwand im Eingange des Hauses. Der Farmer setzte sich wieder nieder und rauchte seine Pfeife weiter. Mit der Verwunderung über die Eilfertigkeit des Jünglings fand er sich durch ein leichtes Kopfschütteln ab; dann nahm seine Miene den Ausdruck behaglicher Genugthuung an. Der Grund derselben war sehr leicht aus den Worten zu erkennen, welche er vor sich hin murmelte:

„Der dicke Jemmy! Hm – – – ! Und gar Old Shatterhand! Hm – – – ! Und solche Männer bringen nur tüchtige Kerls mit! Hm – – – ! Es wird eine ganze Gesellschaft kommen! Hm – – – ! Aber ich wollte es doch meinem Bärbchen sagen, daß – – –“

Er sprang auf, um die erfreuliche Neuigkeit seiner Frau mitzuteilen, blieb aber doch stehen, denn soeben kam Frank um die Ecke des Hauses auf ihn zu.

„Nun, Master, habt Ihr den Neger gefunden?“ fragte ihn Helmers.

„Ja,“ antwortete Frank. „Bob ist bei ihm, und so kann ich ihnen die Pferde überlassen. Ich muß vor allen Dingen wieder zu Euch, um Euch zu sagen, wie sehr ich mich freue, daß ich einen Kollegen gefunden habe.“

Er sprach englisch. Es war überhaupt bisher alles in englischer Sprache gesprochen worden.

„Einen Kollegen?“ fragte der Farmer. „Wo denn?“

„Hier! Euch meine ich natürlich.“

„Mich? Wieso?“

„Nun, Bloody-fox hat mir gesagt, daß Ihr Oberförster gewesen seid.“

„Das ist richtig.“

„So sind wir also Kollegen, denn auch ich bin ein jünger der Forstwissenschaft gewesen.“

„Ah! Wo denn, mein Leber?“

„In Deutschland, in Sachsen sogar.“

„Was! In Sachsen? So sind Sie ein Deutscher? Warum sprechen Sie da englisch! Bedienen Sie sich doch Ihrer schönen Muttersprache!“

Dies sagte Helmers deutsch, und sofort fiel Hobble-Frank ein:

„Mit größtem Vergnügen, Herr Oberförschter! Wenn es sich um meine angeschtammte Mutterschprache handelt, dann mache ich keene Schperrenzien, sondern gehe off der Schtelle mit droff ein. Sie werden es sofort der Reenheit oder der Reinheet meines syntaxischen Ausdruckes anhören, daß ich in derjenigen Gegend Deutschlands existiert habe, in welcher bekanntlich das gelenkigste und hochgeläutertste Deutsch geschprochen wird, nämlich in Moritzburg, bei der Residenzschtadt Dresden, wissen Sie, wo das Schloß mit dem Bildnisse Augusts des Schtarken und den berühmten Karpfenteichen sich befindet. Ich begrüße Sie also im Namen der edlen Forschtkultur und hoffe, Sie sehen es sofort ein, daß Sie es in mir mit eenem hervorragenden ingenium magnam sine mixtura Clementius zu thun haben!“

Sonderbar! Wenn Frank sich des Englischen bediente, so war er ein ganz verständiges und bescheidenes Männchen; aber sobald er begann, sich deutsch auszudrücken, erwachte die Erkenntnis seiner Selbstherrlichkeit in ihm.

Helmers wußte zunächst nicht, was er denken solle. Er drückte ihm die so freundlich dargebotene Hand, gab keine direkte Antwort, lud den Herrn „Kollegen“ ein, sich niederzusetzen, und versuchte, dadurch Zeit zu gewinnen, daß er sich in das Haus begab, um eine Erfrischung herbeizuholen. Als er zurückkehrte, hatte er zwei Flaschen und zwei Biergläser in der Hand.

„Sapperment, das ist günstig!“ rief Frank. „Bier! Ja, das laß ich mir gefallen! Beim edlen Gerschtenschtoff öffnen sich am leichtesten die Schleusen männlicher Beredsamkeet. Wird denn hier in Texas ooch schon welches gebraut?“

„Sehr viel sogar. Sie müssen wissen, daß es in Texas vielleicht über vierzigtausend Deutsche gibt, und wo der Deutsche hinkommt, da wird sicherlich gebraut.“

„Ja, Hopfen und Malz, Gott erhalt’s! Brauen Sie die liebe Gottesgabe selber?“

„Nein! Ich lasse mir, so oft es paßt, einen Vorrat aus Coleman City kommen. Prosit, Herr Frank!“

Er hatte die Gläser gefüllt und stieß mit Frank an. Dieser aber meinte:

„Bitte, Herr Oberförschter, genieren und fürchten Sie sich nich! Ich bin een höchst leutseliger Mensch; darum brauchen Sie mich nich Herr Frank zu titulieren. Sagen Sie ganz eenfach immer nur Herr Kollege! Da kommen wir beede gleich am besten weg. Ich habe die fürschtlich epidemische Hofetikette niemals nich recht leiden gekonnt. Ihr Bier is nich übel. Warum wollen wir uns also den Appetit oder vielmehr den Trinketit mit überschpannten und off die Schpitze geschraubten Neujahrschgratulationen verderben. Meenen Sie nich ooch?“

„Ganz recht!“ nickte Helmers lachend. „Sie sind der Mann, der mir gefallen kann.“

„Natürlich! Etwas herablassend und liberal muß jeder sein, der den richtigen, intelligenten Verschtand sich angebildet hat. Was mich betrifft, so is mir das bei meiner fachmännischen Begabung gar nich schwer gefallen; aber wo haben denn Sie eegentlich schtudiert?“

„In Tharandt.“

„Hab‘ mir’s gleich gedacht, denn Tharandt is der Alba Vater für die Forschtpraktikanten der ganzen Welt.“

„Wollten Sie etwa sagen, Alma mater?“

„Nee, ganz und gar nich. Versuchen Sie es nich etwa, mir an meinem klassisch hebräischen Latein herumzumäkeln, wie früher der dicke Jemmy es zu seinem eegenen Schaden that? Wenn Sie das thun, da könnte unser schönes, penetrantes Verhältnis sehr leicht eene schlimme Wendung nehmen. Unsereener is ja Koryphäe und darf also so etwas nich dulden. Wo schteckt denn eegentlich unser guter Bloody-fox?“

„Er ist zu einem Gast von mir gegangen, um eine Erkundigung einzuziehen. Wo haben Sie ihn getroffen?“

„Draußen am Bache, ungefähr eene Schtunde von hier.“

„Ich dachte, Sie wären längere Zeit beisammen gewesen.“

„Das is nich im mindesten nötig. Ich habe so etwas anziehend Sympathetisches an mir, daß ich immer sehr schnell mit aller Welt befreundet werde. Der Psycholog nennt das die Sympolik der Geschmacks- und der Gefühlsorgane, was leider nich jedermann gegeben is. Der junge Mann hat mir bereits seinen ganzen Lebenslauf off das geheimnisvollste anvertraut. Ich widme ihm die ganze Teilnahme meines öffentlichen Herzens und hoffe, daß unsere junge Bekanntschaft für ihn eene wirkliche Kalospinthechromohelene des Glückes werde. Wissen Sie nichts Näheres über ihn?“

„Wenn er Ihnen seinen ganzen Lebenslauf erzählt hat, nein.“

„Wovon lebt er denn eigentlich?“

„Hm! Er bringt mir zuweilen einige Nuggets. Daraus schließe ich, daß er irgendwo einen kleinen Goldfund gemacht habe.“

„Das will ich ihm gönnen, zumal er een Deutscher zu sein scheint. Es muß schrecklich sein, nich zu wissen, unter dem wievielsten Äquator die erschte Lebenswiege der betreffenden Persönlichkeet geschtanden hat. Wir zwee beede, Sie und ich, kennen dieses hippokratische Leiden freilich nich. Wir wissen glücklicherweise, wohin sich unsere heimatsvolle Sehnsucht zu richten hat, nämlich nach Deutschland – – dahin, dahin, wie Galilei so schön in seinem Mingnonliede singt.“

„Sie meinen wohl Goethe?“

„Nee, ganz und gar nich! Ich weeß gar wohl zwischen Goethe und Galilei zu unterscheiden. Goethe gehört eener ganz anderen höhern Volksschule an. Er hätte solche gefühlvolle Reime gar nich fertig gebracht. Galilei aber mit seinem Fernrohre und seiner Sehnsucht nach elegischen Kometen hat das richtige Tirolerheimweh getroffen, indem er dichtete:

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, Ums Schindeldach die jungen Schtörche ziehn? Der Loobfrosch flötet abends im Geschträuch, Und Lunas Bild schtrahlt aus dem nahen Teich. Dort ist’s gemütlich, drum dorthin Schteht mir die Nase und schteht mir der Sinn!“

Er hatte sich von seinem Sitze erhoben, die Verse deklamiert und mit Gesten begleitet. Jetzt sah er den Farmer erwartungsvoll an. Dieser mußte sich die größte Mühe geben, ernsthaft zu bleiben. Da er kein anerkennendes Wort sagte, fragte Frank verdrießlich:

„Es scheint, daß die Poesie keenen Eindruck off Sie macht. Haben Sie denn gar so een nüchternes Temperament?“

„Nein, nein! Ich schwieg nur aus Verwunderung darüber, daß Sie die Worte des Dichters so genau und so lange Zeit behalten können.“

„Das is weiter nichts. Was ich lese, das merk‘ ich mir. Und habe ich’s ja vergessen, so verbessere ich’s. Off diese Weise kann der Applaus gar nich ausbleiben.“

„So sind Sie ja ein geborener Dichter!“

„Ja, viel wird nicht daran fehlen I“

„So beneide ich Sie. Ich habe einmal zwei volle Tage lang meinen Kopf gemartert, um zwei Reime zu einem Geburtstagsgedichte fertig zu bringen – vergebens; ich konnte nicht Heureka! rufen.“

„Hören Sie, gebrauchen Sie das Wort nich falsch! Es is eene arabische Beschwörungsformel und bedeutet off deutsch: Der Teufel is los! Mit solchen Zaubereien muß man sehr vorsichtig sein, denn man weeß ja gar nich, was daraus entschtehen kann. Denken Sie nur daran, wie es dem berühmten Dschengischan mit seinen dreihundert Schpartanern ergangen is!“

„Wie denn?“ fragte der Farmer, neugierig, was jetzt kommen werde.

„Er lag mit ihnen hinter dem Engpaß von Gibraltar, den die Tscherkessen erschtürmen wollten. Weil er so wenig Leute hatte, ließ er die berühmte Hexe von Endor kommen, um ihm zu helfen. Er setzte sich mit ihr und seinen Schpartanern um den Kessel herum, in welchen allerlee Kräuter und Elefantenfüße geworfen wurden. Jedenfalls is da een Versehen vorgekommen, denn plötzlich zerschprang der Kessel und Dschengischan flog mit sämtlichen Schpartanern in die Luft. Er war der Höchste von allen und sah bei dieser Gelegenheet, daß die Erde sich unter ihm um ihre Achse drehte. Da rief er off hebräisch aus: 0 sancta Complicius, zu deutsch: Und sie bewegt sich doch!“

Da konnte Helmers sich nicht mehr halten. Er sprang empor und stieß ein schallendes Gelächter aus. Daß der Hobble-Frank in seinem Fracke und dem Amazonenhute diesen Gallimathias mit solchem Ernste vorbrachte, war gar zu spaßhaft.

„Was lachen Sie denn?“ fragte Frank beleidigt. „Glooben Sie denn etwa, weil ich Ihr Kollege bin, können Sie mir ungeschtraft – – –“

Er wurde glücklicherweise unterbrochen, sonst hätte er eine donnernde Philippika losgelassen. Bloody-fox trat nämlich jetzt wieder aus dem Hause und kam auf die beiden zu. Er blickte dem Hobble-Frank in das vor Zorn hochrote Gesicht und fragte:

„Was gibt es denn? Worüber räsonnierest du?“

Er sprach deutsch, weil er hörte, daß Frank sich derselben Sprache bediente. Dieser antwortete:

„Worüber ich zürne? Darüber, daß dieser mein Kollege mich auslacht. Und warum lacht er mich aus? Weil er nichts von der sekundären Weltgeschichte verschteht. Ich gebe mir die schönste antike Mühe, ihm die antediluvianischen Konschtellationen der tscherkessischen Kriegsgeschichte zu erklären, aber er hat nich den mindesten Sinn für das Verhältnis zwischen der Taktik und Schtrategie des Mittelalters.“

„Taktik? Strategie?“ fragte der junge Mann ganz verblüfft.

„Jawohl! Natürlich! Kennst du es?“

„Nein!“

„So will ich es dir erklären. Die richtige Taktik schteht zur richtigen Schtrategie grad in demselben Verhältnisse wie die Geometrie zur Archimetik, nämlich Radius mal Radius minus ix is gleich dem Quadrate der Hippodromuse mit zwee Kathedern im Lehrzimmer der Obersekunda. Kannst du das begreifen?“

„Nein,“ antwortete Bloody-fox, sehr der Wahrheit gemäß.

„Das kann ich mir freilich denken, denn zu solchen genialen Schpekulationen gehört een angeborener Menschenverstand und sodann eene fleißige Ausbildung der internationalen Seelenkräfte. Wem’s weder angeboren noch anerzogen is, der kann es eben nich begreifen. Du geschtehst das wenigstens ein und bleibst ernst dabei. Der Kollege aber kapiert es nich und lacht mich aus. Was soll ich von ihm denken? Er kennt mich nich. Ich bin geboren nach dem alten griechischen Sprichworte inter sacrum et saxum stat = im heiligen Staate Sachsen, und bin nich gewöhnt, über mich lachen zu lassen. Überlege dir die Sache und ––“

„Schön! Ich werde es mir sehr gern überlegen,“ unterbrach ihn Bloody-fox. „Jetzt aber habe ich keine Zeit dazu. Ich kann jetzt nur an die armen Menschen denken, welche in der Llano estakata ermordet worden sind.“

Er hatte wohl von dem dicken Jemmy genug erfahren, um zu wissen, wie der Hobble-Frank zu behandeln sei. Darum hütete er sich, demselben zu widersprechen und brachte einen Gegenstand zur Sprache, welcher ihn interessieren und von der Strafpredigt abbringen mußte. Er erreichte seine Absicht, denn Frank vergaß sofort seinen Zorn und fragte:

„Menschen sind ermordet worden? In der Llano? Wann denn?“

„Das weiß man nicht. Sie sind vor über acht Tagen von hier fort, aber nicht jenseits der Wüste angekommen. Folglich sind sie zu Grunde gegangen.“

„Vielleicht doch nicht. Sie werden wohl in anderer Richtung geritten sein, als sie ursprünglich beabsichtigt haben.“

„Eben das ist es ja, was ich befürchte. Von hier aus ist es nur in einer einzigen Richtung möglich, über die gefährlichen Plains zu gelangen. Diese Strecke ist ebenso gefährlich wie zum Beispiele die Sahara oder die Wüste Gobi. Es gibt in der Llano estakata keine Brunnen, keine Oasen und auch keine Kamele, welche viele Tage lang zu dürsten vermögen. Das macht diese Strecke so fürchterlich, obgleich sie kleiner ist als die große afrikanische oder asiatische Wüste. Es gibt keinen gebahnten Weg. Darum hat man die Richtung, in welcher der Ritt allein möglich ist, mit Pfählen abgesteckt, wovon die Wüste ihren Namen erhalten hat. Wer über diese Pfähle hinausgerät, der ist verloren; er muß den Tod des Verschmachtens sterben. Hitze und Durst verzehren ihm das Hirn; er verliert die Fähigkeit des Denkens und reitet so lange im Kreise herum, bis sein Pferd unter ihm zusammenbricht und er dann nicht weiter kann.“

„So darf er nicht den abgesteckten Weg verlassen, meinst du wohl?“ fragte Helmers, welcher sah, daß Frank den Kopf schüttelte.

„Ja, das wollte ich sagen,“ antwortete dieser.

„Diese Vorsicht beobachtet auch jedermann. Es gibt nur sehr, sehr wenige, welche die Llano so genau kennen, daß sie sich auch ohne Pfähle zurecht zu finden vermögen. Aber wie nun, wenn von schlechten Menschen die Pfähle falsch gesteckt werden?“

„Das wäre ja teuflisch!“

„Gewiß, aber dennoch kommt es vor. Es gibt Verbrecherbanden, deren Mitglieder die Pfähle aus der Erde ziehen und in falscher Richtung wieder befestigen. Wer ihnen nun folgt, der ist verloren. Die Pfähle hören plötzlich auf; er befindet sich inmitten des Verderbens und kann keine Rettung finden.“

„So reitet er längs der Pfähle zurück!“

„Dazu ist’s zu spät, denn er befindet sich bereits so tief in der Estakata, daß er das Grasland nicht mehr zu erreichen vermag, bevor er verschmachtet. Die Räuber brauchen ihn gar nicht zu töten. Sie warten einfach, bis er verschmachtet ist, und rauben dann seinen Leichnam aus. So ist es bereits oft geschehen.“

„Aber kann man sie denn nicht unschädlich machen?“

Eben, als Helmers antworten wollte, wurde seine Aufmerksamkeit durch einen sich langsam nähernden Mann in Anspruch genommen, dessen Ankunft erst jetzt, als er um die Ecke des Hauses trat, bemerkt wurde. Er war durchaus in schwarzes Tuch gekleidet und trug ein kleines Päckchen in der Hand. Seine lange Gestalt war sehr schmal und engbrüstig, sein Gesicht hager und spitz. Der hohe Chapeau claque, welcher ihm tief im Nacken saß, gab ihm, zumal er eine Brille trug, im Verein mit dem dunklen Anzuge das Aussehen eines Geistlichen.

Er trat mit eigentümlich schleichenden Schritten näher, griff leicht an den Rand seines Hutes und grüßte:

Good day, Mesch’schurs! Komme ich vielleicht hier richtig zu John Helmers, Esquire?“

Helmers betrachtete sich den Mann mit einem Blicke, aus welchem zu ersehen war, daß er kein großes Wohlgefallen an ihm fand, und antwortete:

„Helmers heiße ich, ja, aber den Esquire könnt Ihr getrost weglassen. Ich bin weder Friedensrichter, noch liebe ich überhaupt dergleichen Titulaturen. Das sind doch nur faule Äpfel, mit denen sich ein Gentleman nicht gern bewerfen läßt. Da Ihr meinen Namen kennt, so darf ich vielleicht auch den Eurigen erfahren?“

„Warum nicht, Sir! Ich heiße Tobias Preisegott Burton und

bin Missionar der Heiligen des jüngsten Tages.“ –

Er sagte das in einem sehr selbstbewußten und salbungsvollen Tone, welcher aber keineswegs den beabsichtigten Eindruck auf den Farmer machte, denn dieser meinte achselzuckend:

„Ein Mormone seid Ihr also? Das ist keineswegs eine Empfehlung für Euch. Ihr nennt Euch die Heiligen der letzten Tage. Das ist anspruchsvoll und überhebend, und da ich ein sehr bescheidenes Menschenkind bin und für Eure Selbstgerechtigkeit nicht den mindesten Sinn habe, so wird es am besten sein, Ihr schleicht in Euren frommen Missionsstiefeln sogleich weiter. Ich dulde keinen Proselytenmacher hier im Settlement.“

Das war sehr deutlich, ja sogar beleidigend gesprochen. Burton aber behielt seine verbindliche Miene bei, griff abermals höflich an den Hut und antwortete:

„Ihr irrt, Master, wenn Ihr meint, daß ich beabsichtige, die Bewohner dieser gesegneten Farm zu bekehren. Ich spreche bei Euch nur vor, um mich auszuruhen und meinen Hunger und Durst zu stillen.“

„So! Na, wenn Ihr nur das wollt, so sollt Ihr haben, was Euch nötig ist, vorausgesetzt natürlich, daß Ihr bezahlen könnt. Hoffentlich habt Ihr Geld bei Euch!“

Er überflog die Gestalt des Fremden abermals mit einem scharfen, prüfenden Blicke und zog dann ein Gesicht, als ob er etwas nichts weniger als Angenehmes gesehen habe. Der Mormone erhob den Blick gen Himmel, räusperte sich einigemal und erklärte:

„Zwar bin ich keineswegs übermäßig mit Schätzen dieser sündigen Welt versehen, aber Essen, Trinken und ein Nachtlager kann ich doch bezahlen. Freilich hatte ich nicht auf eine solche Ausgabe gerechnet, da mir gesagt wurde, daß das Haus John Helmers ein außerordentlich gastliches sei.“

„Ah? Von wem habt Ihr das denn erfahren?“

„Ich hörte es in Taylorsville, von woher ich komme.“

„Da ist Euch die Wahrheit gesagt worden; aber man scheint vergessen zu haben, hinzuzufügen, daß ich unentgeltliche Gastfreundschaft nur an solchen Leuten übe, welche mir willkommen sind.“

„So ist das bei mir wohl nicht der Fall?“

„Nein, gar nicht.“

„Aber ich habe Euch doch nichts gethan!“

„Möglich! Doch wenn ich Euch genau betrachte, ist es mir, als ob mir von Euch nur Übles geschehen könne. Nehmt es mir nicht übel, Sir! Ich bin ein aufrichtiger Kerl und pflege einem jeden genau nur das zu sagen, was ich von ihm denke. Ihr habt ein Gesicht – – ein Gesicht – – hm, wenn man es erblickt, so juckt es einem in der Hand. Man pflegt das ein – ein – ein Ohrfeigengesicht zu nennen.“

Selbst jetzt that der Mormone nicht, als ob er sich beleidigt fühle. Er griff zum drittenmal an den Hut und sagte in mildem Tone:

„Es ist in diesem Leben das Schicksal der Gerechten, verkannt zu werden. Ich bin nicht schuld an meinem Gesichte. Wenn es Euch nicht gefällt, so ist das nicht meine, sondern Eure Sache.“

„So! Aber sagen braucht Ihr es Euch nicht zu lassen. Wenn jemand mir so aufrichtig mitteilte, daß mein Gesicht ihm nicht gefalle, so würde er im nächsten Augenblicke meine Faust in dem seinigen fühlen. Es gehört ein großer Mangel an Ehrgefühl oder – wie Ihr vielleicht meint – eine noch größere Verschlagenheit dazu, so etwas ruhig hinzunehmen. Übrigens will ich Euch sagen, daß ich gegen Euer Gesicht an und für sich eigentlich gar nichts habe, sondern nur die Art und Weise, wie Ihr es in der Welt herumtragt, die behagt mir nicht. Und sodann kommt es mir ganz so vor, als ob es gar nicht Euer wirkliches Gesicht sei. Ich vermute sehr, daß Ihr eine ganz andere Miene aufsteckt, wenn Ihr Euch mit Euch allein befindet. Übrigens will mir auch noch anderes an Euch nicht recht gefallen.“

„Darf ich bitten, mir zu sagen, was Ihr meint?“

„Ich sage es Euch, auch ohne daß Ihr mich darum bittet. ich habe nämlich sehr viel dagegen, daß Ihr aus Taylorsville kommt.“

„Warum? Habt Ihr Feinde dort?“

„Keinen einzigen. Aber sagt mir doch einmal, wohin Ihr wollt?“

„Hinauf nach Preston am Red River.“

„Hm! Da geht wohl der nächste Weg hier bei mir vorüber?“

„Nein, aber ich hörte so viel Liebes und Gutes von Euch, daß es mich im Herzen verlangt hat, Euch kennen zu lernen.“

„Das wünscht ja nicht, Master Burton, denn es könnte Euch nicht gut bekommen! Kommt Ihr denn zu Fuß hierher?“

„Ja.“

„Ihr seid nicht im Besitze Eures Pferdes?“

Meines Pferdes? Ich habe keines.“

Oho! Versucht doch ja nicht, mir das weiszumachen! Ihr habt das Tier hier irgendwo versteckt, und ich vermute sehr, daß es kein ganz ehrenhafter Grund ist, der Euch dazu veranlaßt hat. Hier reitet jeder Mann, jede Frau und jedes Kind. Ohne Pferd gibt es in dieser Gegend kein Fortkommen. Ein Fremder, welcher sein Pferd versteckt und dann leugnet, eins zu besitzen, führt sicherlich nichts Gutes im Schilde.“

Der Mormone schlug die Hände beteuernd zusammen und rief:

„Aber, Master Helmers, ich schwöre Euch zu, daß ich wirklich kein Roß besitze. Ich gehe auf den Füßen der Demut durch das Land und habe noch nie in einem Sattel gesessen.“

Da erhob sich Helmers von der Bank, trat zu dem Manne hin, legte ihm die Hand schwer auf die Achsel und sagte:

„Mann, das sagt Ihr mir, wirklich mir, der ich so lange Jahre hier an der Grenze lebe? Meint Ihr denn, ich sei blind?“

„Ich sehe ja, daß Ihr Euch die Wolle von den inneren Seiten Eurer Hose geritten habt. Ich sehe die Sporenlöcher in Euren Stiefeln, und – – –“

„Das ist kein Beweis, Sir!“ fiel der Mormone ihm in die Rede. „Ich habe die Stiefeln alt gekauft; die Löcher waren bereits darin.“

:So! Wie lange Zeit tragt Ihr sie denn nun bereits?“

Seit zwei Monaten.“

„Dann wären die Löcher längst mit Staub oder Schmutz gefüllt. Oder macht Ihr Euch etwa das Vergnügen, sie täglich neu auszubohren? Es hat in letzter Nacht geregnet; eine so weite Fußwanderung hätte Eure Stiefel über und über beschmutzt. Daß sie so sauber sind, wie ich sehe, ist ein sicherer Beweis, daß Ihr geritten seid. Übrigens duftet Ihr nach Pferd, und da, da schaut einmal her! Wenn Ihr wieder einmal die Sporen in die Hosentasche steckt, so sorgt dafür, daß nicht ein Rad davon außen am Saume hängen bleibt!“

Er deutete auf das messingene Sporenrad, welches aus der Tasche hervorsah.

„Diese Sporen habe ich gestern gefunden,“ verteidigte sich der Mormone.

„So hättet Ihr sie lieber liegen lassen sollen, da Ihr sie ja doch nicht braucht. Übrigens braucht es mich ja gar nichts anzugehen, ob Ihr reitet oder mit Schusters Fregatte segelt. Meinetwegen könnt Ihr auf Schlittschuhen durch die Welt laufen. Wenn Ihr bezahlen könnt, so sollt Ihr Essen und Trinken haben; dann aber macht Euch wieder fort. Über die Nacht kann ich Euch nicht behalten. Ich nehme nur Leute, welche keinen Verdacht erregen, bei mir auf.“

Er trat an das offene Fenster, sagte einige halblaute Worte hinein und kehrte dann wieder an seinen Platz zurück, wo er sich niederließ und sich scheinbar gar nicht weiter um den Fremden bekümmerte.

Dieser setzte sich an den nächsten Tisch, legte sein Bündel auf denselben, faltete kopfschüttelnd die Hände und senkte ergeben das Haupt, ruhig wartend, was man ihm bringen werde. Er hatte ganz das Aussehen eines Mannes, welchem ein unverdienter Schmerz bereitet worden war.

Hobble-Frank hatte der kurzen Unterhaltung mit Interesse zugehört; jetzt nun, da sie beendet war, beachtete er den Mormonen nicht weiter. Ganz anders aber verhielt sich Bloody-fox.

Dieser hatte gleich beim Erscheinen des Fremden die Augen weit geöffnet und dann den Blick nicht wieder von ihm gewendet. Er hatte sich nicht niedergesetzt gehabt und war willens gewesen, die Farm zu verlassen; sein Pferd stand ja noch neben ihm. Jetzt griff er sich nach der Stirn, als ob er sich vergeblich bemühe, sich auf etwas zu besinnen. Dann ließ er die Hand sinken und nahm langsam dem Farmer gegenüber Platz, so daß er den Mormonen genau beobachten konnte. Er gab sich Mühe, sich nichts merken zu lassen; aber ein scharfer Beobachter hätte dennoch bemerken können, daß er innerlich in ganz ungewöhnlicher Weise beschäftigt sei.

Da trat eine ältliche, wohlbeleibte Frau aus der Thür. Sie brachte Brot und ein gewaltiges Stück gebratene Rindslende herbei.

„Das ist meine Frau,“ erklärte Helmers dem Hobble-Frank in deutscher Sprache, während er mit dem Mormonen englisch gesprochen hatte. „Sie versteht ebensogut deutsch wie ich.“

„Das freut mich ungeheuer,“ meinte Frank, indem er ihr die Hand reichte. „Es is gar lange Zeit her, daß ich zum letzten Male mit eener Lady mich um die deutsche Muttersprache herumbewegte. Seien Sie mir also hoch willkommen und gebenedeiet, meine scharmante Frau Helmers. Hat Ihre Wiege sich vielleicht ooch im Vater Rheine oder in der Schwester Elbe geschaukelt?“

„Wenn auch das nicht,“ antwortete sie lächelnd. „Man pflegt selbst drüben in der Heimat die Wiegen nicht in das Wasser zu stellen. Aber eine geborene Deutsche bin ich doch.“

„Na, das mit dem Rheine und der Elbe war natürlich nich so wörtlich gemeent. Sie müssen das als een poetisch humanes Metafferbeischpiel nehmen. Ich hab meinen erschten wonnevollen Atemzug in der Nähe von Elbflorenz gethan, was der mathematische Geograph nämlich Dresden nennt. Da is es bei den dortigen Kunstschätzen keen Wunder nich, wenn unsereener sich gewöhnt hat, in der höheren lyrischen Ausdrucksweise zu schweben. Wenn Schiller im Gange nach der Hammerschmiede so schön singt, der Menschheit Würde ist euch in alle beeden Hände gegeben, so sind wir Sachsen ganz besonders gemeent, denn uns hat das Herz des Dichters gehört, weil seine Frau, eene gewisse geborene Barbara Uttmann, ooch eene née Sächsin war. Trotzdem achte ich jede andere Deutsche ebenso, und so bitte ich Sie herzlich, Ihre gastlichen Flügel um mein freundliches Individuum zu schlagen. Den Dank, Dame, vergesse ich nich – -was sich übrigens bei meinem exquisiten Kulturschtandpunkte ganz von selbst verschteht.“

Die gute Frau wußte wirklich nicht, was sie dem eigentümlichen Kerlchen antworten sollte. Sie sah ihren Mann fragend an, und dieser kam ihr in ihrer Verlegenheit zu Hilfe, indem er ihr erklärte:

„Dieser Herr ist ein sehr lieber Kollege von mir, ein brav geschulter Forstmann, welcher drüben sicher eine gute Karriere gemacht hätte.“

„Ganz gewiß!“ fiel Frank schnell ein. „Die höhere, intensive Forschtwissenschaft war die Leiter, off welcher ich mit Armen und Beenen emporgeklimmt wäre, wenn mich nich mein Fatum hinten angepackt und herüber nach Amerika gezogen hätte. Ich habe es glücklicherweise nich zu bereuen, daß ich der Schtimme des Schicksales mein musikalisches Gehör geschenkt habe. Ich bin von den zwölf Musen emporgehoben worden off diejenige Zinne der subtellurischen Gesittung, off welcher dem Eingeweihten alles Niedrige wurscht und schnuppe is. Von diesem Standpunkte aus konschtatiere ich, daß die Frauen es sind, die uns den himmlischen Ambrosius im Neckar kredenzen, mit welchem Bilde ich mich natürlich off Ihr Bier und Ihre gebratene Lende beziehe. Darum wollen wir sofort die Klinge ziehen und uns der freundlichen Gaben erbarmen, welche wir Ihrer liebenswürdigen Loyalität zu verdanken haben. Ich hoffe, wir werden uns schnell kennen lernen, meine ergebenste Frau Helmers!“

„Das bin ich überzeugt!“ nickte sie ihm zu.

„Jawohl, natürlich! Hochgebildete Leute werden von ihrem angeborenen Inschtinkte sofort zusammengeführt. Was unter den Wolken liegt, das kümmert uns nichts. Übrigens ist mein Bier jetzt alle; könnte ich noch eens bekommen?“

Sie nahm sein Glas, um ihm das Gewünschte zu holen. Bei dieser Gelegenheit brachte sie für den Mormonen Brot, Käse, Wasser und ein kleines Gläschen voll Brandy mit. Er begann sein frugales Mahl, ohne sich darüber zu beschweren, daß er kein Fleisch erhalten hatte.

Da kam Bob der Neger herbei.

„Masser Bob sein fertig mit Pferden,“ meldete er. „Masser Bob auch mit essen und trinken!“

Da fiel sein Blick auf den „Heiligen der letzten Tage“. Er blieb stehen, fixierte den Mann einige Augenblicke und rief dann:

„Was sehen Masser Bob! Wer hier sitzen! Das sein Massa Weller, der Dieb, welcher haben gestohlen Massa Baumann all sein viel Geld!“

Der Mormone fuhr von seinem Sitze auf und starrte den Schwarzen erschrocken an.

„Was sagst du?“ fragte Frank, indem er auch aufsprang. „Dieser Mann soll jener Weller sein?“

„Ja, er es sein. Masser Bob ihn ganz genau kennen. Masser Bob ihn haben damals sehr gut ansehen.“

Lack-a-day! Das würde ja eine allerliebste Begegnung sein! Was sagt denn Ihr dazu, Master Tobias Preisegott Burton?“

Der Mormone hatte seinen augenblicklichen Schreck überwunden. Er machte eine verächtliche Armbewegung gegen den Neger und antwortete:

„Dieser Schwarze ist wohl nicht recht bei Sinnen? Ich verstehe ihn nicht. Ich weiß nicht, was er will!“

„Seine Worte waren doch deutlich genug. Er nannte Euch Weller und sagte, daß Ihr seinen Herrn, einen gewissen Baumann, bestohlen hättet.“

„Ich heiße nicht Wellen“

„Vielleicht habt Ihr einmal so geheißen?“

„Ich heiße jetzt und hieß auch zu aller Zeit Burton. Der Nigger scheint mich mit irgend jemand zu verwechseln.“

Da trat Bob drohend auf ihn zu und rief:

„Was sein Masser Bob? Masser Bob sein ein Neger, aber kein damned Nigger. Masser Bob sein ein coloured Gentleman. Wenn Massa Weller noch einmal sagen Nigger, so Masser Bob ihn schlagen nieder mit Faust, wie Massa Old Shatterhand es ihm hat zeigen!“

Da stellte sich Helmers zwischen die beiden und sagte:

„Bob, keine Thätlichkeit! Du klagst diesen Mann eines Diebstahles an. Kannst du Beweise bringen?“

„Ja, Bob Beweise bringen. Massa Frank auch wissen, daß Massa Baumann sein bestohlen worden. Er können Zeuge sein.“

„Ist das wahr, Master Frank?“ „Ja,“ antwortete der Gefragte. „Ich kann es bezeugen.“ „Wie ist es denn bei dem Diebstahle zugegangen?“

„In folgender Weise: Mein Gefährte Baumann, welcher von denen, die ihn kennen, kurzweg der Bärenjäger genannt wird, hatte droben in der Nähe des Platte River einen Store angelegt, und ich war sein Gefährte und Kompagnon. Das Geschäft ging anfangs sehr gut, da es viel von den Goldgräbern besucht wurde, welche sich damals in den Black Hills zusammengezogen hatten. Wir nahmen viel Geld ein, und es lag oft eine bedeutende Menge von Münzen und Nuggets bei uns verborgen. Eines Tages mußte ich eine Rundtour zu den Diggers unternehmen, um Schulden einzutreiben. Als ich am dritten Tage zurückkehrte, hörte ich, daß Baumann indessen bestohlen worden sei. Er hatte sich mit Bob allein befunden und einen Fremden über Nacht behalten, dessen Name Weller gewesen war. Am anderen Morgen war mit diesem das ganze Geld verschwunden gewesen, und die Verfolgung hatte nichts genützt, weil durch ein inzwischen eingetretenes Gewitter die Fährte des Diebes verwischt worden war. Es hat sich bisher keine Spur des Mannes finden lassen, obgleich wir während der Zeit, welche indessen vergangen ist, uns oft nach diesem guten Master Weller erkundigt haben. Jetzt behauptet Bob, ihn in diesem Heiligen des jüngsten Tages zu erkennen, und ich möchte nicht annehmen, daß er sich irrt. Bob hat offene Augen und ein sehr gutes Personengedächtnis. Er versicherte damals, sich den Menschen so genau angesehen zu haben, daß er ihn selbst unter einer Verkleidung sofort erkennen werde. Das, Master Helmers, ist es, was ich in dieser Angelegenheit zu sagen habe.“

„Also Ihr selbst habt den Dieb damals nicht gesehen?“ „Nein.“

„So seid Ihr freilich nicht imstande, dem Neger zu bezeugen, daß wir den Dieb wirklich vor uns haben. Bob steht mit seiner Behauptung allein. Was da zu machen ist, werdet Ihr ebensogut wissen, wie ich.“

„Masser Bob es genau wissen, was zu machen sein!“ rief der Neger. „Masser Bob schlagen den Spitzbuben tot. Masser Bob sich nicht irren, sondern ihn sehr gut erkennen.“

Er wollte Helmers zur Seite schieben, um an den Mormonen zu kommen; der Farmer aber hielt ihn zurück und sagte:

„Halt! Das wäre eine Gewaltthätigkeit, welche ich auf meinem Grund und Boden nicht dulden kann.“

„Gut, dann Masser Bob warten, bis Spitzbube sein fort von Grund und Boden; dann aber ihn aufknüpfen am nächsten Baum. Masser Bob hier sitzen und gut aufpassen, wenn fortgehen der Dieb; er ihn sicherlich nicht aus den Augen lassen!“

Er setzte sich nieder, doch so, daß er den Mormonen im Auge hatte. Man sah ihm an, daß es ihm mit seiner Drohung völlig Ernst sei. Burton musterte mit ängstlichem Blicke die riesige Gestalt des Negers und wendete sich dann an Helmers:

„Sir, ich bin wirklich unschuldig. Dieser schwarze Master verkennt mich ganz und gar, und ich hoffe, daß ich mich auf Euren Schutz verlassen kann.“

„Verlaßt Euch nicht zu sehr auf mich,“ lautete die Antwort. „Es sind keine genügende Beweise erbracht, und mich geht der Diebstahl überhaupt nichts an, weil ich keinerlei amtliche Eigenschaft besitze. Infolgedessen könnt Ihr ruhig sein, solange Ihr Euch hier befindet. Ich habe Euch aber bereits gesagt, daß Ihr Euch baldigst von dannen machen sollt. Was dann geschieht, das ist mir gleichgültig. Ich kann Master Bob das Recht nicht bestreiten, diese Angelegenheit unter vier Augen mit Euch zu ordnen. Zu Eurer ganz besonderen Beruhigung will ich gern noch versichern, daß ich nicht vor Entsetzen in Ohnmacht fallen werde, falls ich Euch morgen unter irgend einem Baume begegnen sollte, dessen stärkster Ast Euch zwischen Hals und Binde geraten ist.“

Damit war die Sache für einstweilen abgethan. Der Mormone wendete sich seinem Mahle wieder zu, aber er aß möglichst langsam und mit bedeutenden Pausen, um die ihm gewährleistete Sicherheit möglichst lange zu genießen. Bobs rollende Augen ließen kaum einen Augenblick von ihm, und Bloody-fox, welcher sich äußerlich ganz passiv verhalten hatte, fixierte ihn noch ebenso wie vorher. Der junge Mann mußte ein ganz eigenartiges Interesse an dem angeblichen Mormonen finden.

jetzt war jeder mit dem Essen und mit seinen eigenen Gedanken so beschäftigt, daß die Unterhaltung vollständig stockte. Und als später Frank das vorher abgebrochene Gespräch über die Llano estakata wieder in Fluß bringen wollte, wurde er durch das abermalige Erscheinen eines Ankömmlings daran verhindert.

„Euer Haus scheint ein sehr besuchtes zu sein, Master Helmers,“ sagte er. „Dort kommt schon wieder ein Horsemann, der es auf Euch abgesehen hat.“

Der Wirt wendete sich rückwärts, um nach dem Reiter zu sehen. Als er denselben erkannte, sagte er in lebhaftem Tone:

„Das ist einer, den ich stets willkommen heiße, ein tüchtiger Kerl, auf den man sich in jeder Beziehung verlassen kann.“

„Wohl ein Trader, wie es scheint, der bei Euch seine verkauften Waren erneuern will?“

„Meint Ihr das, weil er zu beiden Seiten des Sattels so große Taschen hängen hat?“

„Ja.“

„So irrt Ihr Euch. Er ist kein Händler, sondern einer unserer vorzüglichsten Scouts, den Ihr kennen lernen müßt.“

„Vielleicht ist mir sein Name bekannt.“

„Wie er eigentlich heißt, weiß ich nicht. Man nennt ihn allgemein den Juggle-Fred, und er hat noch nie etwas gegen diesen Namen eingewendet.“

„Ein eigentümlicher Name 1 Warum hat er denselben erhalten?“

„Weil er Hunderte von Kunststücken zu machen versteht, über welche man in das größte Erstaunen geraten kann. Die dazu gehörigen Apparate führt er eben in den Euch auffälligen Taschen bei sich.“

„Also ein reisender Taschenspieler, welcher bei Gelegenheit den Führer und Pfadfinder macht?“

„Grad umgekehrt: Ein ausgezeichneter Fährtenläufer, welcher seine Gesellschaft gelegentlich mit Kunststücken unterhält. Wer ihm eine Bezahlung für die letzteren bieten wollte, würde ihn außerordentlich beleidigen. Er scheint mit berühmten Prestidigitateurs gereist zu sein und ist auch der deutschen Sprache vollständig mächtig. Warum er nach dem Westen gekommen ist und auch da verbleibt, während er anderswo durch seine Fingerfertigkeit ein steinreicher Mann werden könnte, das weiß ich nicht, geht mich auch nichts an, doch bin ich überzeugt, daß Ihr Euer Wohlgefallen an ihm haben werdet.“

„Das ist sehr wahrscheinlich, weil er des Deutschen mächtig ist. Sagt ihm nur gleich, daß er sich dieser Sprache hier bedienen kann!“

„Natürlich erfährt er das sofort. Seht ihn Euch nur genau an, besonders seine Augen, welche verschiedene Farben haben. Er ist two-eyed.“

Derjenige, über welchen diese Bemerkungen gemacht wurden, war jetzt nahe herangekommen. Er hielt, nur noch eine kurze Strecke von dem Hause entfernt, sein Pferd an und rief:

„Hallo, alter Lodging-uncle, hast du noch Raum für einen armen Needy-wretch, der seine Zeche nicht bezahlen kann?“

„Für dich ist zu jeder Zeit Platz vorhanden,“ antwortete Helmers. „Komm nur heran; steige vom Ziegenbock herab, und mache es dir bequem. Du wirst dich in angenehmer Gesellschaft befinden.“

Der einstige Taschenspieler überflog die Anwesenden mit prüfendem Blicke und meinte:

„Will es hoffen! Unseren Bloody-fox kenne ich bereits. Der Schwarze macht mir keine Sorge. Der andere kleine Gentleman im Frack und Ladieshut scheint auch kein übler Kerl zu sein. Und der dritte dort, der in den Käse beißt, als ob er eine Igelhaut verzehren müsse, nun, hm, den werde ich wohl noch kennen lernen.“

Es war doch eigentümlich, daß auch dieser Mann sofort ein Mißtrauen gegen den Mormonen äußerte. Er trieb sein Pferd vollends heran und sprang aus dem Sattel. Indem er den Wirt wie einen alten Freund mit beiden entgegengestreckten Händen auf das herzlichste begrüßte, konnte Frank ihn genau betrachten.

Dieser Juggle-Fred war eine selbst hier im fernen Westen auffallende Erscheinung. Das erste, was man an ihm bemerkte, war ein bedeutender Höcker, welcher seine sonst wohlgegliederte Gestalt verunzierte. Sein Körper war von mittlerer Größe und sehr kräftig gebaut, nicht kurzleibig, engbrüstig und langarmig, wie es bei den meisten Buckeligen der Fall zu sein pflegt. Sein rundes, volles, glatt rasiertes Gesicht war tief gebräunt, aber auf der linken Seite arg zerrissen, als ob da einmal eine fürchterliche Wunde kunstwidrig zusammengeflickt worden sei. Und sonderbarerweise waren seine Augen ganz auffallend verschieden gefärbt, denn das linke war vom schönsten Himmelblau, während das rechte die tiefste Schwärze zeigte.

Er trug hohe Büffelkalbstiefel von braunem Leder mit großräderigen mexikanischen Sporen, schwarze Lederhose mit eben solcher Weste und darüber ein blusenartiges Wams von starkem, blauem Tuchstoffe. Um seine Lenden war ein breiter Ledergürtel geschnallt, welcher einer sogen. Geldkatze glich und neben den Patronen, dem Messer und einem Revolver, von bedeutendem Kaliber, allerhand Kleinigkeiten enthielt, deren ein Westmann so notwendig bedarf. Weit über die Stirn herein, so daß man diese gar nicht sehen konnte, saß eine ziemlich neue Bibermütze, von welcher der präparierte Schwanz des betreffenden Tieres hinten bis über den Nacken hernieder hing. Hätte der Mann den Höcker nicht gehabt, so wäre seine Erscheinung eine kräftig angenehme, ja vielleicht eine imponierende gewesen.

Sein Pferd war von Helmers scherzhafterweise als Ziegenbock bezeichnet worden, und dieser Vergleich konnte nicht ein ganz grundloser genannt werden. Das Tier war eine außerordentlich hochbeinige und scheinbar sehr abgetriebene Kreatur. An dem nackten Schwanzstummel, welchen es jetzt tief gesenkt hielt, saßen nur noch einige wenige kurze Haare, die eine außerordentliche Anhänglichkeit für die Stelle haben mußten, welcher sie vor langen Jahren entsprossen waren. Ob das Roß einst ein Rappe, ein Brauner oder ein Fuchs gewesen sei, das vermochte man jetzt nicht mehr zu bestimmen, denn sein Körper war an vielen Stellen vollständig kahl, und da, wo Haare noch vorhanden waren, zeigten sie ein so unbestimmtes Grau, als ob der alte Hengst bereits zur Zeit der Völkerwanderung von irgend einem Sueven oder Gepiden geritten worden sei. Von einer Mähne war keine Spur vorhanden. Der unverhältnismäßig große Kopf hing so weit nieder, daß das Maul beinahe die Erde berührte, und schien die langen, dicken und kahlen Eselsohren kaum tragen zu können, welche wie riesige Lederfutterale sich liebevoll bis an die Unterkiefer schmiegten. Dazu hielt das Tier die Augen geschlossen, als ob es schlafe, und wie es so bewegungslos da stand, war es ein unübertreffliches Bild der Dummheit und bemitleidenswertesten physischen Vermögenslosigkeit.

Nachdem der Besitzer dieses Pferdes dem Wirte die Hände gedrückt hatte, fragte er:

„Also Platz hast du für mich? Ob aber auch ein Essen?“

„Natürlich! Setze dich nur her! Hier ist noch Fleisch genug für dich.“

„Danke! Habe mir gestern den Magen verdorben. Rind ist mir heute zu schwer. Ein junges Huhn wäre mir lieber. Kannst du eins schaffen?“

„Warum nicht. Schau her! Da laufen die Backhühnchen in Masse herum.“

Er deutete auf zwei Völkchen junger Hühner, welche unter dem Schutze ihrer mütterlichen Glucken in der Nähe der Tische umhertrippelten, um die herabfallenden Brocken aufzupicken.

„Schön!“ nickte Fred. „Ich bitte um eins. Deine Housewife mag es mir vorrichten.“

„Dazu hat sie keine Zeit. So ein Ding zu rupfen, ist nicht nach ihrem Geschmacke. Und die Mägde sind in die Maisfelder gegangen.“

„Wer spricht denn vom Rupfen! Das mute ich niemand zu.“

„Soll das Huhn etwa mit den Federn gebraten oder gebacken werden?“

„Mann, was denkst du von mir! Kennst du mich so Schlecht, daß ich dir wie ein Mann vorkomme, welcher nicht weiß, wie man einem Huhne die Federn nimmt? Wenn aber du es noch nicht wissen solltest, so will ich es dir zeigen.“

Er nahm sein Doppelgewehr vom Sattelknopfe, wo er es hängen hatte, legte auf eins der Hühnchen an und drückte ab. Als der Schuß krachte, bewegte sein Pferd nicht einmal eins der geschlossenen Augenlieder. Es schien so stocktaub zu sein, daß es selbst einen in solcher Nähe abgegebenen Schuß nicht hören konnte.

Das Huhn war tot zusammengebrochen. Der Mann hob es auf und zeigte es vor. Es hatte zu aller Erstaunen nicht eine einzige Feder mehr und konnte sofort ausgenommen und gebacken werden.

All devils!“ lachte Helmers. „Dieses Mal hast du mich doch überrumpelt. Konnte es mir doch denken, daß es wieder auf eines deiner Kunststücke abgesehen war. Aber wie hast du das denn angefangen?“

„Mit dem Fernrohre.“

„Unsinn! Hast ja mit der Büchse geschossen.“

„Allerdings. Aber vorher habe ich Euch aus der Ferne durch mein Taschenteleskop beobachtet und auch das junge Hühnervolk bemerkt. Natürlich traf ich sogleich Vorbereitung, mich als Tausendkünstler bei Deinen heutigen Gästen einzuführen.“

„Darf man diese Vorbereitung kennen lernen?“

„Warum nicht? Es ist ja nur Spielerei. Lade einen tüchtigen Schuß grobe Iron-filings anstatt der Kugel oder des Schrotes, und ziele so, daß die Ladung den Vogel von hinten nach vorn überfliegt, so werden die Federn, falls sie nicht bereits zu stark sind, vollständig abrasiert und abgesengt. Du siehst, man braucht nicht die schwarze und weiße Magie studiert zu haben, um ein sogenannter Zauberkünstler zu sein. Übrigens galt es nur, mich mit Effekt bei diesen Gentlemen hier einzuführen; das Hühnchen mag ich nicht. Ich halte mich lieber auch an Deinen Lendenbraten. Hoffentlich ist es erlaubt, mich mit herzusetzen?“

„Natürlich! Diese beiden Gentlemen sind Freunde von mir, gute Bekannte von Old Shatterhand, den sie hier erwarten!“

„Old Shatterhand?“ fuhr der Juggle-Fred auf. „Ist das wahr?“

„Ja. Auch der dicke Jemmy will kommen.“

Heigh-day! Das ist ja eine Nachricht, wie man sie gar nicht besser hören kann! Habe diesen Old Shatterhand längst einmal zu sehen gewünscht, wenn auch nur so von weitem, denn gegen den muß unsereiner in der Ferne bleiben. Daß dieser Wunsch mir jetzt erfüllt werden kann, ist mir lieber, als ob ich eine Goldbonanza entdeckt hätte. Es freut mich unendlich, daß ich grad zur richtigen Zeit hierher gekommen bin.“

„Ebenso wird es Dich freuen, wenn du erfährst, daß dieser Sir ein Deutscher ist. Er heißt Frank und ist ein Kollege von ––“

„Frank?“ unterbrach ihn der Zauberkünstler. „Etwa gar der Hobble-Frank?“

„Sapperment!“ rief da der kleine Sachse. „Sie kennen also meinen Namen? Wie is das eegentlich die Möglichkeit?“

Er hatte deutsch gesprochen; darum antwortete der Juggle-Fred in derselben Sprache:

„Darüber brauchen Sie sich gar nicht zu wundern. Früher waren andere Zeiten; da geschahen gute und schlimme Heldenthaten in Menge hier im fernen Westen, und bei den mangelhaften Verbindungen, welche es gab, kam die Kunde davon nur sehr langsam vorwärts. Aber jetzt, wenn einmal etwas Hervorragendes geleistet wird, fliegt die Nachricht davon im Nu von den Seen bis Mexiko und vom alten Frisco bis nach New York. Ihr kühner Zug nach dem Yellowstonepark ist bereits weit bekannt, und Ihre Namen sind es natürlich auch. In jedem Fort, in jedem Settlement, an jedem Lagerfeuer, an welchem wenigstens zwei bei einander saßen, wurde von Ihrem Ritte und den einzelnen Personen, welche an demselben teilnahmen, erzählt, und so dürfen Sie sich nicht wundern, daß ich Ihren Namen kenne. Ein Fallensteller, welcher hoch droben am Spotted-Tail-Wasser mit Moh-aw, dem Sohne Tokvi-teys, gesprochen hatte und jetzt tief herab nach Fort Arbukle gekommen war, hat allen, die er traf, und zuletzt auch mir die Geschichte so ausführlich erzählt, wie er sie selbst gehört hatte.“

„Hören Sie,“ meinte Hobble-Frank, „wer weeß, was da alles vom Spotted-Tail-Wasser bis zum Fort Arbukle an die Geschichte gehängt worden is. Da wird aus eener Maus een Eisbär, aus eenem Regenwurm eene Riesenschlange und aus eenem bescheidenen Biberjäger zuletzt gar een hoch berühmter Hobble-Frank. Ich will’s ja gern zugeben, daß mir die reenen Herkulesse und Minotaurusse gewesen sind, aberst mehr, als wahr is, das laß ich mir nich gern nachsagen. Den Helden ziert die Tugend der rückhaltlosesten Bescheidenheit. Darum muß ich alles hinzugefügte offs schtrengste von mir abweisen und mich mit dem Krönungsmantel meiner eegenen persönlichen Würde und Vorzüglichkeet begnügen. Wenn man das nich thäte, so getraute es sich zuguterletzt keen Mensch mehr mit unsereenem zu schprechen und zu reden. Darum habe ich den Beschluß gefaßt, so herablassend und populär wie möglich zu sein, und ich hoffe, daß Sie das bei meinen berühmten Kenntnissen und Begebenheeten doppelt anerkennen werden. Weiter will ich an dieser Schtelle und zu dieser Schtunde gar nichts sagen, denn schon Nebukadnezar, welcher der Gott des Donners bei den alten Deutschen war, hat gesagt: Reden is bloß Silber, Schweigen aber is een Fufzigmarkschein!“

Fred machte ein ziemlich verblüfftes Gesicht und blickte Helmers fragend an. Dieser raunte ihm die erklärenden Worte „ein liebenswürdiges Original“ zu, worauf der Jugglemann nun wußte, wie er sich zu verhalten habe. Darum sagte er, indem er die treuherzigste und unbefangenste Miene zeigte:

„Es bedarf gar keiner Erklärung von Ihrer Seite. Ich habe bereits von dem erwähnten Berichterstatter vernommen, welch ein Ausbund von Bescheidenheit Sie sind. Das stellt natürlich Ihre Vorzüge in ein dreifach helles Licht und verzehnfacht mein Vergnügen, Sie hier kennen zu lernen. Ich wünsche von ganzem Herzen, als Freund von Ihnen an- und aufgenommen zu werden. Bitte, geben Sie mir Ihre Hand!“

Der streckte Frank die Hand entgegen. Dieser aber zog die seinige schnell zurück und antwortete:

„Halt, mein Bester, nich gar zu eilig! Was die Freundschaft betrifft, so nehme ich sie sehr ernst, denn sie is dasjenige der tragischen Temperamente, off welchem das erhabene Wohlbefinden der chemisch sophistischen Geistesbeziehungen aller irdischen Harmonie beruht. Ich habe da sehre trübe Erfahrungen gemacht und werde mich in Zukunft nur erst nach langer und eingehender Prüfung mit eener Seele vereinigen, die sich mit der wahren und wirklichen Bildung zusammengeschmolzen hat. Die Halbbildung verursacht doch nur unreenes Blut. Wenn ich mir eenmal een Möbelmang koofe, so muß es ooch von echtem Nußboom sein. Und grad so is es in Beziehung off das seelisch animalische Gebiet der freundschaftlichen Depressionen. Ehe wir nun uns also Schmollis und Vizudit nennen, muß ich Sie erscht genauer kennen lernen.“

„Ganz wie Sie wollen, Master Frank! Ich gebe Ihnen im allgemeinen sehr recht, zweifle aber auch keinen Augenblick daran, daß wir uns recht bald innig zugethan sein werden.“

„Das möchte ich vielleicht ooch glooben, denn ich habe da von Herrn Helmers erfahren, daß Sie een weitgereister und kunstsinniger Mann sind. Sie sollen ja der reenste Bosco sein!“

„Bosco? Haben Sie von diesem Künstler gehört?“

„Nur gehört? Gesehen habe ich ihn sogar und mit ihm gesprochen!“

„Ah! Wo denn?“

„Nun, Sie wissen vielleicht, daß er in der Nähe von Dresden gewohnt hat, wo er dann bei seinem Tode ooch gestorben is. Dort kannte ihn jedermann. Er kam ooch zuweilen nach Moritzburg, um sich die dortigen Ledertapeten und Hirschgeweihe im Jagdschlosse anzusehen. Wissen Sie, es gibt dort Geweihe von 24 bis 50 Enden und sogar eenen gradezu menschtrösen Sechsundsechzigender. Nachher pflegte er schtets im Gasthofe á la Quarte zu schpeisen. Ich war ooch oft da, weil ich dort mit dem Schulmeester, dem Nachtwächter und dem Hausknechte unser akademisch-Iinguistisch-phänomentales Kränzchen abhielt. Wir waren vier durschtige Geister, die nach Höherem schtrebten und Verlangen trugen, aus den halluzinatorischen Rhomboiden des Alltaglebens in eene lichtere Vivisektion empor zu schweben. Dort nun traf ich ooch eenmal mit dem berühmten Bosco zusammen. Er saß vorn und ich hinten, aberst unsere Regenschirme schtanden höchst vertraulich nebeneinander. Ich ging eher fort als er und vergriff mich falsch, denn ich kriegte seinen seidenen Parapluie in die Hand und ließ dafür meinen scharlachwollenen mit blauer Kante liegen. Er bemerkte es noch zur richtigen Zeit und rief mir zu: „Dummkopf, machen Sie doch die Augen auf! Meinen Sie etwa, daß ich Ihr feuerrotes Vizinaldach nach Dresden schleppen soll!“ Ich wechselte natürlich die Verwechselung sofort wieder um, sagte eenige entschuldigende, geistreiche Worte, machte ihm eene tiefe, höfliche Referende und schwenkte mich befriedigt zur Thüre hinaus. Dem Laien mögen seine Worte vielleicht nich grad übermäßig höflich vorkommen; der Eingeweihte aberst weeß sehr genau, daß so een großer Geist nur in geflügelten Worten schpricht, an welche een intermeetierend sensitiverer Maßschtab gelegt werden muß. Sie als gebildeter Erdenbürger und geographisch politischer Schutzverwandter werden das begreifen und mir das Testimonikum pauperenzia geben, daß ich mit dem allergrößten Rechte schtolz off diese Abendunterhaltung mit dem großen Künstler sein kann.“

„Gewiß, das bestätige ich,“ nickte der Juggle-Fred.

„Schön! ich danke Ihnen! Aus dieser Ihrer einschtimmigen Bereitwilligkeet zur Befestigung meiner angeschtammten Ehre und Remuneration ersehe ich mit scharfem Bücke, daß die Natur Sie ooch mit eenigen Gaben bedacht hat, welche noch zur schönsten Entwickelung kommen können, wenn Sie sich entschließen wollen, die westgotisch-byzantinische Loofbahn zu betreten, welche ich mit siegreichen Schritten zurückgelegt habe. Wenn Ihr geistiges Ahnungsvermögen vielleicht eenmal in eener philosophischen Attitüde schtecken bleiben sollte, so wenden Sie sich nur getrost an mich; ich werde Ihnen mit Vergnügen beischpringen und Sie sofort von der niederträchtigen Philomele befreien.“

„Philomele? Wieso?“

„Wissen Sie nich was Philomele is?“

„O doch. Es ist der dichterische Name für die Nachtigall.“

„Nachtigall? Sind Sie denn bei Troste! Was hat denn die Nachtigall mit der Hölle zu thun? Philomele war der Höllenhund, welchen der Cerberus zwischen seinen Beenen totgedrückt hat.“

„Ach so!“ meinte Fred, welcher sich anstrengen mußte, sein Lachen zu verbeißen. „Und wer war denn der Cerberus?“

„Das wissen Sie ooch nich? Nun, da können Sie von mir freilich gewaltig profitieren. Der Cerberus war eener von den beeden Dioskuren, welche die Schutzpockenimpfung erfunden haben. Der andere Dioskur war derjenige, welcher nach der Schlacht an der Alma sagte: jedem ein Ei, aber dem braven Silbermann zwei, denn er hat die Ziehharmonika erfunden! Solche Oogenblicke aus der vergangenen Weltgeschichte ––“

„Sie meinen wohl nicht die Ziehharmonika,“ fiel Fred ein. „Silbermann war ein Orgelbauer, welcher in Frauenstein in Sachsen geboren wurde.“

„Ganz richtig, ganz richtig! Aber eben weil er Orgelbauer war, is es ihm so leicht geworden, die Ziehharmonika zu erfinden. Er hat die erschte zu Napoleon gebracht, um sie ihm zu schenken; der aber hat ihn mit derselbigen schtolz wie een dummer Schpanier abgewiesen. Schpäter aber mußte er es bitter bereuen. Er wurde in der Völkerschlacht bei Cannä gefangen und von den Engländern nach der Felseninsel St. Helena geschafft. Unterwegs sagte er zum alten Derfflinger, der ihm alleene treu geblieben war: Als ich Silbermann mit seiner Ziehharmonika aus Kalkutta wies, habe ich meine Kaiserkrone weggeworfen.

jetzt konnte Fred sich nicht länger halten. Er brach in ein schallendes Gelächter aus, und Helmers fiel herzlich in dasselbe ein.

„Was gibt es denn zu lachen?“ fragte Hobble-Frank, halb erstaunt und halb zornig.

„Sie sind ja der reine Konfusionsrat!“ antwortete Fred.

„O bitte sehr! Es heeßt Kommissionsrat. Aberst der bin ich nich. Ich mache überhaupt nie eenen Anspruch auf Titulaturen, die mir nich gehören.“

„Das meine ich nicht. Ich wollte nur sagen, daß Sie die entgegengesetztesten Daten und Personen der Weltgeschichte miteinander verwechseln.“

„Was? Ich? Wie? Verwechseln? Wieso denn? Wollen Sie die Gewogenheet haben, mir das zu beweisen?“

„Sehr gern. Fulton, der Schöpfer der heutigen Dampfschiffahrt, hatte Napoleon seine Erfindung angeboten, war aber von demselben nicht berücksichtigt worden. Darum sagte später der Kaiser, als er dieses Fehlers gedachte: Als ich Fulton aus den Tuilerien wies, habe ich meine Kaiserkrone weggeworfen. Silbermann aber hat gar nicht zur damaligen Zeit gelebt.“

„So! Ach so! Meenen Sie! Wie schön Sie sich das zurecht gelegt haben! Aber mir, dem Hobble-Frank, dürfen Sie mit solchem Krimskrams nich kommen. Ich habe meine Weitgeschichte fest im Sacke! Nich mal mit eenem halben Ooge darf sie mir herausgucken. Es is ganz unmöglich, daß ich mich irren kann. Das mögen Sie sich für alle Zukunft merken, wenn wir wirklich gute Freunde werden wollen. Eene Blamage dulde ich nich, denn das geht mir gegen den Schtrich. Ich weeß ganz genau, daß die Weltgeschichte das Allerhöchste is, was die Menschheit zu leisten vermag, und schtimme dem alten Solon bei, der die Chladnischen Klangfiguren entdeckt hat und noch schterbend ausrief: Die Weltgeschichte is das Oberappellationsgericht mit drei Advokaten! Darum habe ich mich mit dem eisernsten Fleiß grad off die Weltgeschichte gelegt. Ich habe den Leuniß gelesen und den Robinson, Pierer’s Konversationslexikon und den Kladderadatsch, Sohrs Atlas und den alten Schäfer Thomas. Off diese Weise bin ich erscht mit Verschtand so langsam um die Weltgeschichte herumgegangen und habe mich nachher so successive hineingeschlichen, bis ich endlich grad im Mittelpunkte schtecken blieb. Ihr aber wollt mit allen Beenen zugleich und off eenmal hineinschpringen und bleibt infolgedessen schon am Rande kleben. Die Weltgeschichte muß sehr pfiffig angepackt werden. Sie darf gar nichts merken, daß man sich groß mit ihr abgeben will, sonst wird sie scheu und wirft eenen aus dem Sattel. Ich hab’s richtig angefaßt und sitze fest. Ihr aber liegt unten und denkt trotzdem, wunder was Ihr leisten könnt. Und was den Silbermann betrifft, so bin ich als geborener und anhänglicher Sachse sein Landsmann und muß also am allerbesten wissen, wie es sich mit seiner Ziehharmonika verhalten hat. Und mit Fulton dürfen Sie mir erst recht nich kommen. Den kenne ich inwendig und ooch auswendig. Er is der Dichter des schönen Abendliedes von der goldenen Abendsonne, welches drüben in Deutschland jedes Schulkind singen lernt. Der erste Vers lautet:

Wer hat dich, du schöner Wald, Offgebaut so schön?
Nie kann, wenn die Büchse knallt, Deinen Glanz ich sehn!

Und jetzt nach diesem Alibibeweise werden Sie so rechtlich denkend sein, mir zuzugeben, daß ich Sie in den Wissenschaften überflügelt habe und Ihnen ganz besonders in der Weltgeschichte überlegen bin. Nich?“

„Ja, wir geben es zu,“ lachte Fred. „Sogar in der Dichtkunst sind Sie unser Meister. Sie haben es in derselben, wie ich eben hörte, so weit gebracht, die Anfänge dreier Volkslieder in einer einzigen Strophe zu bringen.“

„O, das is gar nich schwer. Bei mir kommen die Jamben eben nur so gesäuselt. Ich gloobe nich, daß ich mich in Beziehung off die Künste und Wissenschaften vor eenem anderen zu verstecken brauche. Ich habe sogar schon off dem Kamme geblasen. Doch will ich mich nich etwa überheben. Das sind angeborene Vorzüge, off welche sich een bescheidener Charakter nichts einbildet, und darum nehme ich es Ihnen ooch gar nich etwa übel, wenn Sie sich mal von Ihrem Irrtume hinreißen lassen, zu denken, daß Sie gescheiter sind, als ich es bin. Da habe ich gern Nachsicht, denn ich weeß doch, wer ich bin, und denke im Schtillen bei mir: Ubi bene, ibi patria, zu deutsch: Ohne Beene kann man nich aus dem Vaterlande. Und da ich so glücklich aus dem meinigen gekommen bin, so muß ich doch also een Kerl sein, der, sozusagen, Arme und Beene, Hände und Füße hat.“

„Ja, das sind Sie, und das haben Sie. Am allermeisten aber gefällt mir an Ihnen, daß Sie meinen Lehrmeister gekannt haben.“

„Bosco? Er is Ihr Meester gewesen?“

„Ja, obgleich dieser Ausdruck etwas nach Handwerk klingt. Ich habe mehreren seiner berühmten Kollegen assistiert und mit ihnen fast ganz Europa und Nordamerika bereist.“

„Und was sind Sie denn vorher gewesen?“

„Erst besuchte ich das Gymnasium, wo ich – – –“

„O weh!“ fiel Frank ihm in die Rede. „Das is keene Empfehlung für Sie.“

„Warum?“

„Weil ich eene schtarke Idiosympathie gegen alles habe, was Gymnasiast gewesen is. Diese Leute überheben sich. Sie glooben nich, daß een Forschtbeamter ooch een Koryphäus werden kann. Ich habe das schon wiederholt erfahren. Natürlich aberst is es mir schtets kinderleicht geworden, diese Leute zu überzeugen, daß ich der Mann bin, mit Gigantenschritten über sie hinwegzuschteigen. Also so eene kleene Art von Schtudium haben Sie ooch durchgemacht?“

„Ja. Vom Gymnasium weg widmete ich mich auf den Rat meiner Gönner hin der Malerei und besuchte die Akademie. Ich hatte recht gute Anlagen, aber leider keine Ausdauer. Ich ermüdete und stieg von der wirklichen Kunst zu einer sogenannten herab – ich wurde Kunstreiter.“

„O wehe! Da können Sie mir freilich leid thun!“

„Ja, ja,“ nickte der Juggle-Fred ernst. „Ich war ein flotter Kerl, aber ohne Kraft und inneren Halt. Mit einem Worte, ich war leichtsinnig. Tausend und tausend Male habe ich es bereut. Was könnte ich heute sein, wenn ich es fest gewollt hätte!“

„Nun, die Begabung haben Sie wohl noch heute. Fangen Sie wieder an!“

„Jetzt? Wo die jugendliche Elastizität verloren gegangen ist? Übrigens habe ich hier eine Aufgabe zu lösen, weiche mich im Westen festhält.“

„Darf man erfahren, welche Aufgabe das ist?“

„Ich spreche nie davon und will Ihnen nur sagen, daß ich eine Person finden will und finden muß, nach welcher ich bisher vergeblich gesucht habe.“

„So könnte es Ihnen nur Nutzen bringen, wenn Sie mir sagen wollten, von welcher Person Sie reden.“

„Das ist mein Geheimnis.“

„Schade, sehr schade! Ich werde in den nächsten Tagen mit Leuten zusammenkommen, welche fast jeden Winkel des Westens kennen. Von ihnen könnten Sie Rat und That erwarten. Ich denke dabei natürlich an Old Shatterhand, an den dicken Jemmy, den langen Davy, an Winnetou, welcher ––“

„Winnetou?“ fiel Fred ein. „Meinen Sie den berühmten Apachenhäuptling?“

„Ja!“

„Ach richtig! Den müssen Sie ja auch kennen, weil er sich an jenem gefährlichen Ritte beteiligt hat. Also auch mit ihm treffen Sie zusammen?“

„Gewiß!“

„Wo?“

„Das hat er nur mit Old Shatterhand besprochen. Vermutlich aber wird es jenseits der Llano estakata sein.“

„Hm! Dann hoffe auch ich, ihn zu sehen. Ich will nämlich über die Staked Plains.“

„Allein?“

„Nein! ich bin von einer Gesellschaft engagiert, welche ich hinüber und dann noch bis EI Paso führen soll.“

„So sind es keine Westmänner, da sie eines Führers bedürfen?“ fragte Helmers.

„Nein. Es sind Yankees, welche hinüber wollen, um drüben in Arizona ein gutes Geschäft zu machen.“

„Doch nicht etwa in Diamanten?“

„Ja, grad in dieser Ware. Sie scheinen bedeutende Summen bei sich zu führen, um die Steine an Ort und Stelle billig einzukaufen.“

Helmers schüttelte den Kopf und fragte dann:

„Glaubst du denn an diese Diamantenfunde?“

„Warum nicht?“

„Hm! Ich meinerseits halte die ganze Geschichte für einen riesigen Humbug.“

Er hatte ganz recht. Zu jener Zeit tauchten plötzlich Gerüchte auf, daß in Arizona Diamantfelder entdeckt worden seien. Es wurden Namen von Personen genannt, welche durch glückliche Funde in wenigen Tagen steinreich geworden seien. Man zeigte auch Diamanten, wirkliche und zum Teil sehr kostbare Diamanten vor, welche dort gefunden worden sein sollten. Dieses Gerücht ging durch die ganze Breite des Kontinentes im Laufe einiger Wochen, ja einiger Tage. Die Diggers von Kalifornien und der nördlichen Distrikte verließen ihre einträglichen Diggins und eilten nach Arizona. Aber schon hatte sich die Spekulation des Feldes bemächtigt. Es waren in aller Eile Gesellschaften gebildet worden, welchen Millionen zur Verfügung standen. Die Diamantfelder sollten angekauft werden, damit man die Ausbeute derselben im großen betreiben könne. Kein Klaim sollte abgegeben werden. Agenten flogen hin und her, mit Demantproben in der Hand, welche man an den betreffenden Stellen nur so aufgelesen haben wollte. Sie schürten aus allen Kräften, und in kürzester Zeit wurde das Diamantfieber hochgradiger, als das Goldfieber es jemals gewesen war.

Vorsichtige Leute aber hielten ihre Taschen zu, und der Rückschlag, welchen sie vorhersagten, trat auch sehr bald ein. Der ganze, große Schwindel war von einigen wenigen, aber höchst „smarten“ Yankees in Szene gesetzt worden. Sie waren aufgetaucht, ohne daß man sie kannte und sie verschwanden wieder, ohne daß man sie inzwischen kennen gelernt hatte. Mit ihnen waren natürlich auch die Millionen verschwunden. Die Aktionäre fluchten vergeblich. Die meisten leugneten, Aktien besessen zu haben; sie wollten sich nicht auch noch auslachen lassen. Die so schnell berühmt gewordenen Diamantfelder lagen wieder öde wie vorher, und die ge- und enttäuschten Goldgräber kehrten nach ihren Diggins zurück, um dort zu finden, daß sich indessen andere da eingenistet hatten, welche klüger gewesen waren als sie. Damit war die Sache zu Ende, und niemand sprach mehr von ihn

Es war kurz nach Beginn dieses Diamantfiebers, daß die bisher geschilderten Szenen sich vor der Thüre von Helmers Home abspielten. Der Farmer gehörte zu denen, welche dem Gerüchte keinen Glauben schenkten. Der Juggle-Fred hingegen meinte:

„Ich will jetzt noch nicht an der Wahrheit zweifeln. Hat man anderswo Diamanten gefunden, warum sollten nicht auch in Arizona welche liegen. Mich freilich gehen sie nichts an. Ich habe anderes zu thun. Was sagen denn Sie dazu, Master Frank? Das Urteil eines Mannes von Ihrem Scharfsinne, Ihren Erfahrungen und Kenntnissen kann uns nur maßgebend sein.“

Hobble-Frank antwortete geschmeichelt:

„Es freut mich, daß Sie sich vertrauensvoll an mich wenden, denn bei mir sind Sie an die eegentlich richtige Schmiede gekommen. Bei dieser Gelegenheet könnte ich prächtig mit meinen mineralogisch idealen Kenntnissen glänzen. Ich könnte Ihnen entwickeln, wie der Diamant aus Luft, Kreide, Kochsalz und Glas entschteht, wodurch er nämlich durchsichtig wird, aberst ich weeß, daß Sie zu wenig Vorschtudien gemacht haben, um meinen eleganten, provisorischen Konschtruktionen folgen zu können. Ihr Geist is nich genug an solche plastische Schpektralmethoden gewöhnt und könnte leicht Halluzinationen an den Oogen und Ohren bekommen. Ich könnte Ihnen ooch sagen, wie der Diamant geschliffen wird, indem man nämlich von alten Zündholzschachteln das Sandpapier abreißt und ihn damit nach und nach abreibt; aber ooch das erfordert eene unmangelhafte Behendigkeit des Begriffsvermögens. Darum will ich ohne alle Umschweife den Ochsen an den Hörnern aus dem Schtalle ziehen, aus welchem Gleichnisse Sie ersehen werden, daß Sie dasjenige, was Sie wissen wollen, gleich hören werden. Ich bin nämlich der Ansicht, daß es um den Diamant freilich eene ganz schöne Sache is; aber es gibt außer ihm noch andere Sachen, die ebenso hübsch sind. Im Oogenblicke des Heeßhungers is mir eene geräucherte thüringer Servelatwurscht lieber als der größte Diamant. Und habe ich Durscht, so kann ich ihn mit keenem Brillanten löschen. Und kann der Mensch etwa mehr, als sich satt essen und satt trinken? Ich bin mit mir und mit meinem Schicksale leidlich gut zufrieden. Ich brauche keene Edelschteene nich. Oder sollte ich sie etwan zum Schtaate an meinen Amazonenhut hängen? Da habe ich eene Feder droff, und die genügt vollschtändig. Also, wenn ich wüßte, daß ich drüben in Arizona eenen Edelschteen finden thäte, so groß wie ungefähr das Heedelberger Faß oder wenigstens wie een ausgewachsener Kürbis von drei Zentnern Schwere, da ginge ich hinüber und holte mir ihn. Kleener aberst möchte ich ihn schon gar nich haben; das wäre mir viel zu deschpektierlich. Nun aberst gar nich zu wissen, ob man überhaupt was findet, und wenn man eenen findet, so is es een Knirps, so groß wie een Mohnkörnchen, nee und nein, da bringt mich keen Mensch nach die Diamantfelder. Also eenen, welcher drei Zentner wiegt, oder gar nichts; das is so meine unmaßgebliche Meenung und jeder vernünftige Mensch wird mir da freudig beistimmen. Wir sind Deutsche und brauchen keene Diamanten, denn een jeder von uns hat eenen Edelschteen in seiner Brust, nämlich das treue, deutsche Herz, von welchem der Dichter sagt:

Kein Demant ist, der diesem gleicht, So weit der liebe Himmel reicht.

Und wer von Ihnen mir da widerschprechen will, der mag es doch mal versuchen; ich aber rate ihm nich dazu, weil er seine Gliedmaßen hier in der Gegend hübsch langsam zusammenlesen müßte.“

„Brav gesprochen!“ rief Helmers, indem er dem kleinen Sachsen die Hand reichte. „Es ist wohl ganz undenkbar, daß ich jemals wieder in das Vaterland zurückkehren werde. Ich bekomme es niemals wieder zu sehen, aber mein Herz fliegt stündlich hinüber. Ihr habt sehr recht mit dem Edelsteine, und darum soll es uns gar nicht einfallen, uns um die Diamanten zu bekümmern, welche in Arizona gefunden worden sein sollen. Deine Gesellschaft, Fred, welche du hinüberführen sollst, wird wohl nicht die besten Geschäfte machen. Es wäre jedenfalls besser gewesen, wenn diese Leute mit ihrem vielen Gelde zu Hause geblieben wären. Sie können es sehr leicht los werden, ohne einen einzigen Diamanten dafür zu erhalten. Kluge Kerls scheinen es überhaupt nicht zu sein.“

„Warum?“

„Weil sie es sich merken lassen, daß sie bedeutende Mittel bei sich führen. Das ist stets und überall nicht wohlgethan, hier aber noch dümmer als anderswo.“

„Also die Leute wollen nachkommen? Wann werden sie hier eintreffen?“

„Morgen nach Mittag, wie ich vermute. Sie hatten noch zwei Packpferde zu kaufen, wozu wenigstens ein halber Tag gehört. Darum bin ich vorausgeritten, um die Zeit bis morgen lieber bei dir zuzubringen.,“

„Daran hast du sehr wohlgethan, alter Freund. Wie viel Personen sind es denn?“

„Es sind ihrer sechs, von denen einige ein etwas grünes Aussehen und Benehmen haben, was mir aber natürlich sehr gleichgültig ist. Sie scheinen aus New Orleans zu kommen und sich einzubilden, daß sie mit Millionen wieder dorthin zurückkehren werden. Sie benehmen sich etwas übermütig, doch geht mich das nichts an. Sie bezahlen mich, und alles übrige kann mir sehr gleichgültig sein.“

„Werden sie denn den Weg zu mir finden?“

„Sicher, denn ich habe ihnen denselben so genau beschrieben, daß sie gar nicht irren können. Ah, Bob, was gibt es?“

Diese letztere Frage galt dem Neger.

Der Tag hatte sich nämlich indessen zur Rüste geneigt, und die Dämmerung, welche in jenen Gegenden eine außerordentlich kurze ist, war hereingebrochen. Es war bereits so düster, daß man nicht mehr sehr weit zu sehen vermochte. Bob und Bloody-Fox hatten trotz des sehr anregenden Gespräches den Mormonen stets im Auge behalten. Dieser war bemüht gewesen, sich so zu stellen, als ob er gar nicht auf das Gespräch achte, und da die anderen wohl der Meinung waren, daß ein Mormone, dessen ganzes Wesen ihn als Yankee erschienen ließ, die deutsche Sprache wenig oder gar nicht verstehe, so hatten sie so laut gesprochen, daß es ihm möglich war, jedes Wort zu verstehen.

Zu den Überschwenglichkeiten des Hobble-Frank hatte er keine Miene verzogen, und das war ganz geeignet, den Glauben zu verstärken, daß er überhaupt nichts verstehe. Aber sobald die Rede auf die Diamantfelder gekommen war, war er auf seiner Bank langsam und unmerklich näher gerückt. Und als dann der Juggle-Fred von den sechs Männern sprach, welche er durch die Llano estakata führen sollte, hatten seine Züge den Ausdruck großer Spannung angenommen. Bei der Bemerkung, daß diese sechs viel Geld bei sich zu führen schienen, hatte ein Lächeln der Befriedigung um seine dünnen Lippen gespielt, was aber wegen der eingetretenen Dämmerung nicht zu bemerken gewesen war.

Zuweilen hatte er den Kopf erhoben, als ob er horche, und seinen Blick ungeduldig nach der Gegend gerichtet, aus welcher er gekommen war. Er wußte, daß er sich so ziemlich als einen Gefangenen zu betrachten habe, denn die Augen des Negers blieben beständig auf ihn gerichtet. Auch daß der Bloody-Fox ihn scharf fixierte, bemerkte er. Es wurde ihm von Minute zu Minute unheimlicher. Er mußte an die Drohung des Negers denken, und er traute dem Schwarzen die Ausführung derselben zu.

jetzt nun, da es fast dunkel geworden war, schien es ihm möglich zu sein, sich schnell auf und davon machen zu können, was später sicher viel schwieriger auszuführen war, da Bob wohl bei völliger Dunkelheit irgend eine Maßregel ergreifen werde, welche geeignet war, ihn nicht entkommen zu lassen. Darum langte er jetzt nach dem Päckchen, welches er mitgebracht hatte, und zog es allmählich zu sich heran. Er wollte dann plötzlich aufspringen und mit schnellen Sprüngen um die Ecke des Hauses biegen. War er einmal hinter dem dort stehenden Gesträuch verschwunden, so hatte er irgend welche Verfolger wohl kaum mehr zu fürchten.

Aber er hatte sich in Bob verrechnet. Dieser war wie die meisten Neger, welche einen einmal gefaßten Entschluß mit größter Beharrlichkeit zu verfolgen pflegen. Der Schwarze hatte wohl bemerkt, daß der Mormone sich des Päckchens zu versichern strebte und erhob sich, eben als der letztere aufspringen wollte, so schnell von seinem Sitze, daß er Helmers fast umgerissen hätte. Daher die Frage des Wirtes an ihn, was es denn gebe. Bob antwortete:

„Masser Bob haben sehen, daß Dieb fort wollen. Greifen schon nach Paket. Wollen schnell entspringen. Masser Bob aber ihn auf anderem Grund und Boden niederschlagen, darum mit ihm gehen und ihn nicht aus den Augen lassen.“

Er setzte sich auf das äußerste Ende der Bank, so daß er sich, obgleich der Mormone am anderen Tische saß, ganz nahe bei demselben befand.

„Laß den Kerl lieber laufen!“ mahnte der Wirt. „Er ist es vielleicht gar nicht wert, daß du so auf ihn achtest.“

„Massa Helmers haben recht. Er es nicht wert sein, aber Geld es wert sein, welches er haben gestohlen. Er nicht fortkommen, ganz gewiß nicht ohne Begleitung von Masser Bob!“

„Wer ist denn eigentlich dieser Kerl?“ fragte der Juggle-Fred leise. „Er hat mir gleich im ersten Augenblick nicht gefallen. Er hat ganz das Aussehen eines Wolfes, welcher im Schafskleide umherläuft. Als ich ihn erblickte, war es mir ganz so, als ob ich diese scharfe, spitze Physiognomie schon einmal gesehen haben müsse, und zwar unter Umständen, ,welche nicht günstig für ihn sprechen.“

Helmers erklärte ihm, weshalb Bob es so nachhaltig auf den Verdächtigen abgesehen habe, und fügte hinzu:

„Auch Bloody-Fox scheint sich mehr, als er merken lassen will, mit dem Manne zu beschäftigen. Oder nicht?“

Well!“ antwortete der junge Mann. „Dieser Heilige der letzten Tage hat mir etwas gethan, und zwar etwas sehr Schlimmes.“

„Wirklich? Was denn? Warum stellst du ihn nicht zur Rede?“

„Weil ich nicht weiß, was es gewesen ist.“

„Das wäre doch sonderbar. Wenn du so überzeugt bist, daß er dir etwas so Böses zugefügt hat, so mußt du doch auch wissen, was es ist.“

„Eben das kann ich nicht sagen. Ich habe mir fast das Gehirn zermartert, um mich zu erinnern, aber vergebens. Es ist mir, als ob ich das Entsetzliche geträumt und die Einzelheiten des Traumes wieder vergessen habe. Und wegen einer solchen unbestimmten, nebelhaften Ahnung kann ich mich doch nicht an den Kerl machen.“

„Das begreife ich nicht. Was ich weiß, das pflege ich zu wissen. Von nebelhaften Ahnungen ist bei mir niemals die Rede. Übrigens ist es dunkel geworden. Gehen wir hinein in die Stube?“

„Nein, denn das Haus ist diesem Kerl verboten, und ich muß ihn beobachten. Darum bleibe ich hier. Vielleicht fällt es mir doch noch ein, was ich mit ihm auszugleichen habe.“

„So will ich wenigstens für genügende Beleuchtung sorgen, damit er sich nicht dennoch davonschleichen kann.“

Er ging in das Haus zurück und kehrte bald mit zwei Lampen wieder. Diese bestanden sehr einfach aus blechernen Petroleumkannen, aus deren Öffnungen ein starker Docht hervorsah. Glascylinder und Schirm gab es nicht dabei. Dennoch reichten die beiden dunkel lodernden und stark qualmenden Flammen vollständig aus, den Platz vor der Thür zu erleuchten.

Eben als der Wirt die Lampen an zwei Baumäste gehängt hatte, ließen sich Schritte hören, welche sich von daher näherten, wo die Maisfelder lagen.

„Meine Hands kommen heim,“ sagte Helmers.

Unter „Hand“ versteht der Amerikaner jede männliche oder weibliche Person, welche sich in seinem Dienst befindet. Er hatte sich geirrt. Als der Nahende in den Lichtkreis trat, sah man, daß er ein Fremder sei.

Er war ein langer, starker, vollbärtiger Kerl, vollständig mexikanisch gekleidet, doch ohne Sporen, was hier auffallen mußte. Aus seinem Gürtel blickten die Griffe eines Messers und zweier Pistolen hervor, und in der Hand trug er eine schwere, mit silbernen Ringen verzierte Büchse. Als seine dunklen Augen mit scharfem, stechendem Blicke über die einzelnen Personen der Gruppe flogen, machte er den Eindruck eines physisch starken, aber auch rohen Menschen, von welchem man zarte Regungen nicht erwarten dürfe.

Als sein Blick über das Gesicht des Mormonen streifte, zuckte er auf eine eigentümliche Weise mit der Wimper. Niemand als nur der Mormone bemerkte das. Es war jedenfalls ein Zeichen, welches diesem letzteren galt.

Buenas tardes, Sennores!“ grüßte er. „Ein Abend bei bengalischer Beleuchtung? Der Besitzer dieser Hacienda scheint ein poetisch angelegter Mann zu sein. Erlaubt, daß ich mich für eine Viertelstunde bei Euch ausruhe, und gebt mir einen Schluck zu trinken, wenn überhaupt hier etwas zu bekommen ist.“

Er hatte in jenem spanisch-englischen Mischmasch gesprochen, dessen man sich an der mexikanischen Grenze häufig zu bedienen pflegt.

„Setzt Euch nieder, Sennor!“ antwortete Helmers in demselben Jargon. „Was wollt Ihr trinken? Ein Bier oder einen Schnaps?“

„Bleibt mir mit Eurem Bier vom Leibe! Ich mag von solcher deutschen Brühe nichts wissen. Gebt mir einen kräftigen Schnaps, aber nicht zu wenig. Verstanden?“

Seine Haltung und sein Ton waren diejenigen eines Mannes, welcher nicht gewohnt war, mit sich scherzen zu lassen. Er trat ganz so auf, als ob er hier zu gebieten habe. Helmers stand auf, um das Verlangte zu holen und deutete auf die Bank, wo er dem Fremden Platz gemacht hatte. Dieser aber schüttelte den Kopf und sagte:

„Danke, Sennor! Hier sitzen schon viere. Will lieber dem Caballero Gesellschaft leisten, welcher da so einsam sitzt. Bin die weite Savanne gewohnt und habe es nicht gern, so eng bei einander zu kleben.“

Er lehnte sein Gewehr an den Stamm des Baumes und setzte sich zu dem Mormonen, den er mit einem leichten Griffe an den breiten Rand seines Sombrero grüßte. Der Heilige des jüngsten Tages erwiderte den Gruß in ganz derselben Weise. Beide thaten, als ob sie einander vollständig fremd seien.

Helmers war in das Haus getreten. Die anderen verschmähten aus natürlicher Höflichkeit, ihre Blicke in auffälliger Weise auf den Fremden zu richten. Das gab demselben die willkommene Gelegenheit, dem Mormonen zuzuraunen:

„Warum kommst du nicht? Du weißt doch, daß wir Nachricht haben wollen.“

Er sprach dabei das reinste Yankee-Englisch.

„Man läßt mich nicht fort,“ antwortete der Gefragte.

„Wer denn?“

„Dieser verdammte Nigger da.“

„Der kein Auge von dir verwendet? Was hat er denn?“

„Er behauptet, daß ich seinem Herrn Geld gestohlen habe, und will mich lynchen.“

„Mit dem ersteren kann er das Richtige getroffen haben; das letztere aber mag er sich aus dem Sinne schlagen, falls er es nicht riskieren will, daß wir ihm mit unseren Peitschen sein schwarzes Fell blutrot färben. Gibt es etwas Neues hier?“

„Ja. Sechs Diamond-boys wollen mit bedeutenden Summen über die Llano.“

„Alle Teufel! Sollen uns willkommen sein! Werden ihnen ‚mal in die Taschen gucken. Bei der letzten, armseligen Gesellschaft war ja gar nichts zu finden. Doch still! Helmers kommt.“

Der Genannte kehrte mit einem Bierglase voll Schnaps zurück. Er stellte es vor den Fremden und sagte:

„Da, wohl bekomme es, Sennor! Habt heut‘ wohl einen weiten Ritt hinter Euch?“

„Ritt?“ antwortete der Mann, indem er fast den halben Inhalt des Glases hinuntergoß. „Habt Ihr keine Augen? Oder vielmehr, habt Ihr zu viele Augen, so daß Ihr seht, was gar nicht vorhanden ist? Wer reitet, muß doch ein Pferd haben!“

„Gewiß.“

„Nun, wo ist denn das meinige?“

„Jedenfalls da, wo Ihr es gelassen habt.“

Válgame Dios! Ich werde doch wohl mein Pferd nicht 30 Meilen weit zurücklassen, um bei Euch einen Brandy zu trinken, der nicht für den Teufel taugt!“

„Laßt ihn im Glase, wenn er Euch nicht schmeckt! Übrigens besinne ich mich nicht, von 30 Meilen gesprochen zu haben. So wie Ihr hier vor mir sitzt, seid Ihr ein Mann, der jedenfalls ein Pferd hat. Wo es steht, das ist nicht meine Sache, sondern die Eurige.“

„Das denke ich auch. Ihr habt Euch überhaupt um mich nicht zu bekümmern. Verstanden!“

„Wollt Ihr mir das Recht bestreiten, mich um diejenigen zu bekümmern, welche hier auf meiner einsamen Farm einkehren?“

„Fürchtet Ihr Euch etwa vor mir?“

„Pah! Ich möchte denjenigen Menschen sehen, vor welchem John Helmers sich fürchtet!“

„Das ist mir lieb, denn ich möchte Euch nur fragen, ob ich in Eurem Hause für diese Nacht ein Lager bekommen kann.“

Er warf bei diesen Worten einen lauernden Blick auf Helmers. Dieser antwortete:

„Für Euch ist kein Platz vorhanden.“

„Caracho! Warum nicht?“

„Weil Ihr selbst gesagt habt, daß ich mich nicht um Euch zu bekümmern habe.“

„Aber ich kann doch nicht noch in der Nacht bis zu Eurem nächsten Nachbar laufen, bei welchem ich erst morgen mittag ankommen würde!“

„So schlaft im Freien! Der Abend ist mild, die Erde weich und der Himmel die vornehmste Bettdecke, welche es nur geben kann.“

„So weist Ihr mich wirklich fort?“

„Ja, Sennor. Wer mein Gast sein will, muß sich einer größeren Höflichkeit befleißigen, als Ihr uns gezeigt habt.“

„Soll ich Euch etwa, um in irgend einem Winkel schlafen zu dürfen, zur Begleitung der Guitarre oder Mandoline ansingen? Doch, ganz wie Ihr wollt! Ich brauche Eure Gastfreundschaft nicht und finde überall einen Platz, an welchem ich vor dem Einschlafen darüber nachdenken kann, wie ich mit Euch reden werde, wenn wir uns einmal anderswo begegnen sollten.“

„Da vergeßt aber ja nicht, bei dieser Gelegenheit auch mit an das zu denken, was ich Euch darauf antworten würde!“

„Soll das eine Drohung sein, Sennor?“

Der Fremde erhob sich bei diesen Worten und richtete seine hohe, breite Gestalt gebieterisch dem Wirte gegenüber auf.

„O nein,“ lächelte dieser furchtlos. „Solange ich nicht zum Gegenteile gezwungen werde, bin ich ein sehr friedlicher Mann.“

„Das will ich Euch auch geraten haben. Ihr wohnt hier beinahe am Rande der Llano des Todes. Da erfordert die Vorsicht, daß Ihr mit den Leuten möglichst Frieden haltet, sonst könnte der Geist der Llano estakata einmal ganz unerwartet den Weg zu Euch finden.“

„Kennt Ihr ihn etwa?“

„Habe ihn noch nicht gesehen. Aber man weiß ja, daß er am liebsten aufgeblasenen Leuten erscheint, um sie in das jenseits zu befördern.“

„Ich will Euch nicht widersprechen. Vielleicht sind alle diejenigen, welche man, vom Geiste durch einen Schuß in die Stirn getötet, in der Llano gefunden hat, einst aufgeblasene Wichte gewesen. Aber eigentümlich ist es doch, daß diese Kerls alle Räuber und Mörder gewesen sind.“

„Meint Ihr?“ fragte der Mann in höhnischem Tone. „Könnt Ihr das beweisen?“

„So leidlich. Man hat ohne eine einzige Ausnahme bei diesen Leuten stets Gegenstände gefunden, welche früher solchen gehörten, die in der Llano ermordet und ausgeraubt worden waren. Das ist doch Beweis genug.“

„Wenn das so ist, so will ich Euch freundschaftlich warnen: Macht ja nicht einmal hier auf Eurer abgelegenen Farm einen Menschen kalt, sonst könntet Ihr auch einmal mit einem Loche in der Stirn gefunden werden.“

„Sennor!“ fuhr Helmers auf. „Sagt noch ein solches Wort, so schlage ich Euch nieder. Ich bin kein Mörder, sondern ein ehrlicher Mann. Viel eher könnte man denjenigen einer solchen That für fähig halten, der sein Pferd versteckt, um die Meinung zu erwecken, daß man es nicht mit einem Bravo, sondern mit einem armen, ungefährlichen Manne zu thun habe.“

„Gilt das etwa mir?“ zischte der Fremde.

„Wenn Ihr es Euch annehmen wollt, so habe ich nichts dagegen. Ihr seid heut bereits der zweite, der mir vorlügt, kein Pferd zu besitzen. Der erste ist dieser Heilige der letzten Tage. Vielleicht stehen eure beiden Pferde bei einander. Vielleicht stehen auch noch andere Pferde und auch noch Reiter dabei, um auf eure Rückkehr zu warten. Ich sage Euch, daß ich in dieser Nacht mein Haus bewachen und morgen mit Tagesanbruch die Umgegend säubern werde. Da wird es sich höchst wahrscheinlich zeigen, daß Ihr sehr gut beritten seid!“

Der Fremde ballte beide Fäuste, erhob die rechte zum Schlage, trat um einen Schritt näher an Helmers heran und schrie-

„Mensch, willst du etwa sagen, daß ich ein Bravo sei? Sage es mir deutlich, wenn du Mut hast; dann erschlage ich –“

Er wurde unterbrochen.

Bloody-fox hatte diesem Manne weniger Aufmerksamkeit geschenkt als dessen Gewehre. Als der Fremde sich erhoben hatte und dem Baume nun den Rücken zukehrte, stand der Jüngling auf und trat an den Stamm, um das Gewehr genau zu betrachten. Sein bisher gleichgültiges Gesicht nahm einen ganz anderen Ausdruck an. Seine Augen leuchteten, und ein Zug eiserner, gnadenloser Entschlossenheit legten sich um seinen Mund. Er wendete sich zu dem Fremden und legte demselben, ihn in der Rede unterbrechend, die Hand auf die Achsel.

„Was willst du, Junge?“ fragte der Mann.

„Ich will dir an Helmers‘ Stelle Antwort geben,“ antwortete Bloody-fox in ruhigem Tone. „Ja, du bist ein Bravo, ein Räuber, ein Mörder. Nimm dich vor dem Geiste der Llano in acht, den wir den Avenging-ghost nennen, weil er jeden Mord mit einer Kugel durch die Stirn an dem Mörder zu rächen pflegt.“

Der Riese trat mehrere Schritte zurück, maß den Jüngling mit einem erstaunt verächtlichen Blicke und lachte dann höhnisch auf:

„Knabe, Bursche, Junge, bist du toll? Ich zerdrücke dich doch mit einem einzigen Griffe meiner Hände zu Brei!“

„Das wirst du bleiben lassen! Bloody-fox ist nicht so leicht zu zermalmen. Du hast geglaubt, Männern gegenüber unverschämt sein zu können. Nun kommt ein Knabe, um dir zu beweisen, daß du gerad‘ so wenig zu fürchten bist wie ein toter Mensch. Betrachte dich von diesem Augenblicke an als Leiche! Die Mörder der Llano werden vom Avenging-ghost mit dem Tode bestraft. Du bist ein Mörder, und da der Geist nicht anwesend ist, werde ich seine Stelle vertreten. Bete deine letzten drei Pasternoster und Ave Marias; du hast vor dem ewigen Richter zu erscheinen!“

Diese Worte des jungen Mannes, welcher noch ein halber Knabe war, machten einen außerordentlichen Eindruck auf die Anwesenden. Er kam ihnen ganz anders vor als vorher. Sein Auftreten war noch mehr als dasjenige eines erwachsenen Mannes. Er stand da, stolz aufgerichtet, mit drohend erhobenem Arme, blitzenden Augen und einem unerschütterlichen Entschluß in den festen Zügen – ein Bote der Gerechtigkeit, ein Vollstrecker des gerechten Strafgerichtes.

Der Fremde war, trotzdem er den Jüngling fast um Kopfeslänge überragte, bleich geworden. Doch faßte er sich schnell, stieß ein lautes Gelächter aus und rief:

„Wahrhaftig, er ist verrückt! Ein Floh will einen Löwen verschlingen! So etwas hat noch niemand gehört! Mensch, beweise es doch einmal, daß ich ein Mörder bin!“

„Spotte nicht! Was ich sage, das geschieht, darauf kannst du dich verlassen! Wem gehört das Gewehr, welches da am Stamme des Baumes lehnt?“

„Natürlich mir.“

„Seit wann ist es dein Eigentum?“

„Seit über zwanzig Jahren.“

Trotz seines vorigen Gelächters und seiner geringschätzigen Worte machte die jetzige Haltung des Knaben einen solchen Eindruck auf den starken Mann, daß ihm gar nicht der Gedanke kam, ihm die Antwort zu verweigern.

„Kannst du das beweisen?“ fragte Bloody-fox weiter.

„Kerl, wie soll ich das beweisen? Kannst du etwa den Beweis des Gegenteils erbringen?“

„Ja. Diese Büchse gehörte dem Sennor Rodriguez Pinto auf der Estanzia del Meriso drüben bei Cedar Grove. Er war vor zwei Jahren mit seinem Weibe, seiner Tochter und drei Vaqueros hüben in Caddo-Farm auf Besuch gewesen. Er verabschiedete sich dort, kehrte aber niemals heim. Kurze Zeit darauf fand man die sechs Leichen in der Llano estakata, und die Spuren im Boden verrieten, daß die Pfähle versteckt, also in falsche Richtung geordnet worden waren. Diese Büchse war die seinige; er trug sie damals bei sich. Hättest du behauptet, sie während der angegebenen Zeit von irgend wem gekauft zu haben, so wäre die Sache zu untersuchen. Da du aber behauptest, sie bereits zwanzig Jahre zu besitzen, so hast du sie nicht von dem Schuldigen gekauft, sondern bist selbst der Mörder und als solcher dem Gesetze der Llano estakata verfallen.“

„Hund!“ knirschte der Fremde. „Soll ich dich zermalmen! Dieses Gewehr ist mein Eigentum. Beweise es doch, daß es diesem Haziendero gehört hat!“

„Sogleich!“

Er nahm das Gewehr vom Stamme des Baumes weg und drückte an einer der kleinen Silberplatten, welche in den unteren Teil des Kolbens eingelegt waren. Sie sprang auf und unter ihr zeigte sich ein zweites Plättchen mit dem vollständigen Namen, den er vorher genannt hatte.

„Schaut her!“ sagte er, das Gewehr den anderen zeigend. „Hier ist der unumstößliche Beweis, daß dieses Gewehr Eigentum des Haziendero war. Er hat es mir einigemale geborgt; daher kenne ich es so genau. Es ist höchst gefährlich für einen Mörder, einen geraubten Gegenstand, dessen Eigentümlichkeiten ihm unbekannt sind, mit sich umherzutragen. Ich will euch nicht fragen, ob ihr diesen Mann für den Mörder haltet. Ich selbst, ich halte ihn für denselben, und das genügt. Seine Augenblicke sind gezählt.“

„Die deinigen auch!“ schrie der Fremde, indem er auf ihn einsprang, um ihm das Gewehr zu entreißen.

Aber Bloody-fox trat blitzschnell einige Schritte zurück, schlug die Büchse auf ihn an und gebot:

„Stehen bleiben, sonst trifft dich die Kugel. Ich weiß genau, wie man mit solchen Leuten umzuspringen hat. Hobble-Frank, Juggle-Fred, legt auf ihn an, und wenn er sich bewegt, so schießt ihr ihn sofort nieder!“

Die beiden Genannten hatten im Nu ihre Gewehre erhoben und auf den Fremden gerichtet. Es handelte sich hier um das Prairiegesetz, welches nur einen einzigen, aber vollständig genügenden Paragraphen hat; da gibt es für einen braven Westmann kein Zaudern.

Der Fremde sah, daß Ernst gemacht wurde. Es handelte sich um sein Leben; darum stand er bewegungslos.

Bloody-fox senkte jetzt das Gewehr, da die beiden anderen Büchsen den Mann auf seiner Stelle hielten, und sagte:

„Ich habe dir dein Urteil gesprochen, und es wird sofort vollstreckt werden.“

„Mit welchem Rechte?“ fragte der Fremde mit vor Grimm bebender Stimme. „Ich bin unschuldig. Und selbst wenn ich schuldig wäre, brauche ich es mir nicht gefallen zu lassen, von solchen hergelaufenen Leuten gelyncht zu werden, am allerwenigsten aber von einem Kinde, wie du bist.“

„Ich werde dir zeigen, daß ich kein Kind bin. Ich will dich nicht töten, wie ein Henker den Delinquenten tötet. Du sollst Auge in Auge mir gegenüberstehen, jeder mit seinem Gewehre in der Hand. Deine Kugel soll ebensogut mich treffen können, wie dich die meinige treffen wird. Es soll kein Mord, sondern ein ehrlicher Kugelwechsel sein. Wir setzen Leben gegen Leben, obgleich ich dich sofort niederschießen könnte, da du dich in meiner Hand befindest.“

Der junge Mann stand in aufrechter, selbstbewußter Haltung vor dem Fremden. Sein Ton war ernst und bestimmt, und doch klangen seine Worte so gelassen, als sei ein solcher Zweikampf auf Leben und Tod etwas ganz Einfaches und Alltägliches. Er imponierte allen Anwesenden, den einzigen ausgenommen, an den seine Worte gerichtet waren. Oder ließ dieser den Eindruck nicht merken, welchen das Verhalten seines Gegners auf ihn hervorbrachte? Er schlug ein lautes, höhnisches Gelächter auf und antwortete:

„Seit wann führen denn hier an der Grenze unreife Knaben das große Wort? Denke nicht etwa, daß ich mich wegen deines Mutes oder deiner Umsicht in deiner Hand befinde! Wenn diese Männer nicht da gewesen wären, um ihre Läufe auf mich zu richten, hätte ich dich bereits abgewürgt, wie man einem fürwitzigen Sparrow den Kopf abdreht. Bist du wirklich so verrückt, dich mit mir messen zu wollen, so habe ich nichts dagegen. Mache dich aber ja darauf gefaßt, heute dein letztes Wort gesprochen zu haben! Meine Kugel hat noch nie gefehlt. Du kannst auf Gift wetten, daß sie auch dir den Weg zur Hölle zeigen wird! Aber ich halte dich und die anderen bei dem, was dein großes Maul gesprochen hat. Ich verlange einen ehrlichen Kampf und dann ein freies und offenes Feld für den Sieger!“

„Du sollst beides haben,“ antwortete Bloody-fox.

„Hast du mich auch recht verstanden? Wenn du von meiner Kugel gefallen bist, darf ich gehen, wohin es mir beliebt, und keiner hat das Recht, mich zurückzuhalten!“

„Oho!“ rief da Helmers. „So haben wir nicht gewettet. Selbst wenn du Glück im Schusse haben solltest, sind wohl noch einige Gentlemen da, welche dann ein Wort mit dir zu sprechen haben. Ihnen wirst du Rede stehen müssen.“

„Nein, so nicht!“ fiel Bloody-fox ein. „Der Mann gehört mir. Ihr habt kein Recht an ihm. Ich allein bin es, der ihn herausgefordert hat, und ich habe ihm mein Wort gegeben, daß der Kampf ein ehrlicher sein werde. Dieses Versprechen müßt Ihr halten, wenn ich falle. Es soll nach meinem Tode nicht heißen, daß mein Versprechen keinen Wert gehabt habe.“

„Aber, Boy, bedenke doch – – – !“

„Es ist nichts, gar nichts zu bedenken!“

„Soll dich ein notorischer Schuft ungestraft niederschießen können?“

„Wenn es ihm gelingt, ja, denn es ist mein Wille gewesen, mich mit ihm zu schießen. Es ist wahr, er gehört unbedingt zu den Staked Plain Vultures und sollte eigentlich ohne langes Gerede mit Knütteln erschlagen werden. Aber so eine Henkerei widerstrebt mir, und wenn ich ihn eines anderen und besseren Todes würdige, so muß diese außerordentliche Vergünstigung auch nach meinem Tode Wirkung haben. Ihr versprecht mir also jetzt mit Wort und Handschlag, daß er sich ungehindert entfernen kann, falls er mich erschießt!“

„Wenn du nicht anders willst, so müssen wir es thun; aber du gehst mit dem Vorwurf von der Erde, durch deine ungerechtfertigte Milde dafür gesorgt zu haben, daß dieser Schurke sein Handwerk auch fernerhin betreiben kann!“

„Nun, was das betrifft, so bin ich sehr, sehr ruhig. Er hat gesagt, daß seine Kugel niemals fehle. Wollen sehen, ob die meinige wohl im Laufe steckt, um ein Loch nur in die Luft zu machen. Sage also, Kerl, auf welche Distanz wir uns schießen wollen!“

„Fünfzig Schritte,“ antwortete der Fremde, an welchen die letztere Aufforderung gerichtet war.

„Fünfzig!“ lachte Bloody-fox. „Das ist nicht allzu nahe. Du scheinst deine Haut ganz außerordentlich lieb zu haben. Aber es soll dir doch nichts nützen. Weißt du, ich will dir die freundschaftliche Mitteilung machen, daß ich ganz genau so wie der Avenging-ghost zu zielen pflege, nämlich nach der Stirn. Nimm also die deinige in acht! Ich befürchte, du wirst an dem heutigen gesegneten Tage einige Lot Blei durch den Verstand bekommen. Ob du das vertragen wirst, das ist nicht meine Sache, sondern die deinige.“

„Immer schneide auf, Knabe!“ knirschte sein Gegner. „Ich habe erhalten, was ich wünschte, das Versprechen des ungehinderten Weges. Machen wir die Sache kurz. Gib mir mein Gewehr!“

„Wenn die Vorbereitungen getroffen sind, sollst du es haben, eher nicht, denn es ist dir nicht zu trauen. Der Wirt mag die Distanz abmessen, fünfzig Schritte. Haben wir Posto gefaßt, so mag Bob sich mit der einen Lampe zu dir, Hobble-Frank sich mit der anderen zu mir stellen, damit wir beide einander genau sehen können und ein sicheres Ziel haben. Dann gibt Juggle-Fred dir dein Gewehr in die Hand, Helmers mir das meinige. Helmers kommandiert, und von diesem Augenblick an können wir beide ganz beliebig schießen, jeder zwei Kugeln, denn unsere Gewehre sind doppelläufig.“

„Avancieren wir dabei?“ fragte der Fremde.

„Nein! Du hast die Distanz bestimmt, und dabei hat es zu bleiben. Wer seinen Platz verläßt, bevor die Kugeln gewechselt worden sind, der wird von dem, welcher ihm das Licht hält, niedergeschossen. Zu diesem Zwecke werden Bob und Frank ihre gespannten Pistolen oder Revolver bereit halten.

Erschossen wird auch derjenige von uns beiden, dem es einfallen sollte, sich zu entfernen, bevor sein Gegner die beiden Schüsse abgefeuert hat.“

„Schön! So sein sehr schön!“ rief Bob. „Masser Bob sofort geben Schuft eine Kugel, wenn er wollen laufen!“

Er zog die Waffe aus dem Gürtel und zeigte sie unter drohendem Grinsen dem Fremden.

Die anderen erklärten sich mit den Bedingungen Bloody-fox‘ einverstanden, und die Vorbereitungen wurden sofort getroffen. Sie waren damit alle so beschäftigt, daß es keinem einfiel, auf den frommen Tobias Preisegott Burton besonders acht zu geben. Diesem schien die Szene jetzt ganz gut zu behagen. Er rückte langsam von seinem Platze nach der Ecke der Bank und zog die Füße unter dem Tische hervor, so daß er am passenden Augenblicke die Beine sofort zur Flucht benutzen konnte.

Jetzt hatten die beiden Gegner ihre Plätze eingenommen, fünfzig Schritte voneinander entfernt. Neben dem Fremden stand der Neger, in der Linken die Lampe und in der Rechten die Reiterpistole, welche er schußbereit hielt. Bei Bloody-fox stand Hobble-Frank mit seiner Lampe und in der anderen Hand den Revolver, nur der Form wegen, da es sich voraussehen ließ, daß er nicht in die Lage kommen werde, ihn gegen den jungen, ehrlichen Mann zu gebrauchen.

Helmers und Juggle-Fred hielten die beiden geladenen Gewehre bereit. Es war selbst für diese kampfgewohnten Leute ein Augenblick höchster Spannung. Die beiden im Luftzuge wehenden Flammen beleuchteten mit rußigrotem, flackerndem Scheine die beiden Gruppen. Die Männer standen still, und doch schien es bei dem unruhigen Lichte, als ob sie sich unausgesetzt bewegten. Es war unter diesen Umständen sehr schwer, ein ruhiges Ziel zu nehmen, besonders da die Beleuchtung nicht zureichend war, die Kimme des Visieres oder gar das noch weiter vom Auge entfernte Korn zu erkennen.

Bloody-fox stand in einer so unbefangenen, ja harmlosen Haltung da, als ob es sich um eine Partie Kricket handle. Sein Gegner aber befand sich in anderer Stimmung. Juggle-Fred, welcher ihm das Gewehr zu überreichen hatte und also nahe bei ihm stand, sah das gehässige Leuchten seiner Augen und das ungeduldige Zittern seiner Hände.

„Seid ihr fertig?“ fragte jetzt Helmers.

„Ja,“ antworteten beide, wobei der Fremde bereits die Hand nach seiner Büchse ausstreckte.

Er hatte jedenfalls die Absicht, Bloody-fox, wenn auch nur um eine halbe Sekunde, mit dem Schusse zuvorzukommen.

„Hat einer von euch für den Fall seines Todes noch eine Bestimmung zu treffen?“ erkundigte sich Helmers noch.

„Der Teufel hole deine Neugierde!“ rief der aufgeregte Fremde.

„Nein,“ antwortete der Jüngling desto ruhiger. „Ich sehe es diesem Kerl an, daß er mich nur infolge eines Zufalles treffen würde. Er zittert ja, In diesem Falle würdest du in meiner Satteltasche finden, was zu wissen dir nötig ist. Und nun mach, daß wir zu Ende kommen!“

„Na, denn also hin mit den Büchsen! Gebt Feuer!“

Er reichte Bloody-fox das Gewehr hin. Der junge Mann nahm es gleichmütig hin und wiegte es in der rechten Hand, als ob er die Schwere desselben taxieren wolle. Er that gar nicht so, als ob sein Leben an einem kurzen Augenblicke hänge.

Der andere hatte seine Büchse dem Juggle-Fred fast aus der Hand gerissen. Er gab seine linke Seite vor, um ein möglichst schmales Ziel zu bieten, und legte an. Sein Schuß krachte.

Halloo! Dash!“ brüllte der Neger. „Masser Bloody-fox sein nicht troffen! Oh fortune! Oh bleasure! Oh delight!“

Er sprang mit gleichen Beinen in die Luft, tanzte um seine eigene Achse und gebärdete sich vor Freude wie ein Besessener.

„Willst du Ruhe halten, Kerl!“ donnerte Helmers ihn an. „Wer soll denn da zielen, wenn du die Lampe in dieser Weise schwingst!“

Bob sah augenblicklich ein, daß sein Verhalten grad demjenigen, dem er den Sieg wünschte, zum Schaden gereiche. Er stand plötzlich kerzengerade und rief –.

„Masser Bob jetzt still halten! Masser Bob nicht zucken! Massa Bloody-fox schnell schießen!“

Aber der andere hatte sein Gewehr nicht von der Wange genommen. Er drückte ab – auch dieser Schuß ging fehl, obgleich Bloody-fox noch immer so da stand wie vorher, ihm die ganze Breite seines Körpers bietend und die Büchse in der Rechten wiegend.

Thousand devils!“ fluchte der Fremde.

Er stand einige Augenblicke ganz starr vor Betroffenheit. Dann stieß er noch ein Kraftwort aus, welches nicht wiedergegeben werden kann, und that einen Sprung zur Seite, um zu entfliehen.

Stop!“ rief der Neger. „Ich schießen!“

Man hörte die That zu gleicher Zeit mit dem Worte. Er drückte ab. Aber nicht sein Schuß allein war gefallen.

Der kurze Augenblick, während dessen sein Gegner vor Schreck unbeweglich gewesen war, hatte Bloody-fox genügt, sein Gewehr empor zu nehmen. Er drückte so schnell ab, als ob er gar nicht zu zielen brauchte, drehte sich dann auf dem Absatze um, griff in den Munitionsbeutel, um der Gewohnheit jener Gegend gemäß den abgeschossenen Lauf sofort wieder zu laden und sagte:

„Er hat es! Geh hin, Frank! Du wirst mitten in seiner Stirn das Loch sehen.“

Er kehrte dem Platze, an welchem sein Gegner gestanden hatte, den Rücken zu, und seine Stimme klang so ruhig, als ob er soeben etwas ganz Alltägliches verrichtet habe.

Frank und Helmers eilten nach der Stelle, an welcher der Fremde niedergestürzt war. Bloody-fox folgte ihnen langsam, nachdem er geladen hatte.

Dort ertönte die triumphierende Stimme des Negers:

Oh courage! Oh bravery! Oh valour! Masser Bob hat totschießen all ganz Spitzbuben! Hier liegen der Mann und sich nicht bewegen von der Stelle. Sehen Massa Helmers und Massa Frank, daß Old Bob ihn haben treffen in die Stirn? Es sein ein Loch vom hinein und hinten wieder heraus l Oh, Masser Bob sein ein tapfer Westmann. Er überwinden tausend Feinde mit Leichtigkeit.“

„Ja, du bist ein außerordentlich guter Schütze!“ nickte Helmers, welcher bei dem Toten niedergekniet war und denselben untersuchte. Wohin hast du denn eigentlich gezielt?“

„Masser Bob zielen genau nach Stirn und ihn auch dort treffen. Oh, masser Bob to be a giant, a hero: masser Bob to be invincibe, to be unconquerable and impregnable!

„Schweig, Schwarzer! Du bist weder ein Held noch ein Riese oder gar ein Unüberwindlicher. Du hast gar nichts gethan, was ein Beweis von Mut sein könnte. Du hast auf einen Fliehenden geschossen und dazu gehört gar nichts. Übrigens ist es dir gar nicht eingefallen, deine alte Haubitze auf die Stirn dieses Mannes zu halten. Da, schau seine Hose an! Was erblickst du da?“

Bob leuchtete nieder und betrachtete die Stelle, auf welche Helmers deutete.

„Das sein ein Loch, ein Riß,“ antwortete er.

„Ja, ein Riß, welchen deine Kugel gemacht hat. Du hast durch das Hosenbein geschossen und willst nach der Stirn gezielt haben! Schäme dich! Und dabei betrug die Entfernung keine sechs Schritte!“

„Oh, oh! Masser Bob sich nicht schämen müssen! Masser Bob haben treffen in Stirn. Aber Massa Bloody-fox auch schießen und treffen nur in Hose. Masser Bob haben schießen ausgezeichnet, viel besser als Massa Bloody-fox!“

„Ja, das kennen wir! Aber welch ein Schuß! Bloody-fox, das macht dir wirklich keiner nach! Ich habe dich gar nicht zielen sehen!“

„Ich kenne mein Gewehr,“ antwortete der junge Mann bescheiden, „und wußte, daß es genau so kommen werde, denn der Kerl war zu erregt. Er zitterte. Das ist allemal eine Dummheit, zumal wenn das Leben an nur zwei Schüssen hängt.“

Der Mann war tot. Das runde, scharfrandige Loch saß ihm mitten auf der Stirn. Die Kugel war hinten herausgegangen.

„Genau so, wie der Geist der Llano estakata schießen soll,“ meinte Juggle-Fred in bewunderndem Tone. „Wahrhaftig, das ist ein Meisterschuß! Der Kerl hat seinen Lohn empfangen. Was thun wir mit seiner Leiche?“

„Meine Leute mögen sie einscharren,“ antwortete Helmers. „Einen Getöteten vor sich zu haben, ist kein erfreulicher Anblick, denn selbst der ärgste Schurke bleibt doch immerhin ein Mensch; aber Gerechtigkeit muß sein, und wo das Gesetz keine Macht hat, da ist man eben gezwungen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Und hier ist zudem von einem Orte der Lynchjustiz gar keine Rede, denn Bloody-fox hat ihm die gleichen Chancen gelassen. Es ist bewiesen, daß er ein Mörder ist, Gott sei seiner Seele gnädig! Und nun wollen wir –– was ist’s? Was gibt es denn?“

Bob hatte nämlich einen lauten Ruf ausgestoßen. Er war der einzige, dessen Augen jetzt nicht auf den Toten gerichtet gewesen waren.

Heigh-ho!“ antwortete der Schwarze. „Massa Helmers einmal dorthin sehen!“

Er streckte den Arm nach der Gegend aus, in welcher die Tische und Bänke standen. Dort war es jetzt finster, da die beiden Lampenträger sich hier bei der Gruppe befanden.

„Warum? Was ist dort?“

„Nichts, gar nichts sein dort. Wenn Massa Helmers und alle anderen Massas hinsehen, dann sie gar nichts sehen, denn er sein fort.“

Egad! Der Mormone ist entflohen!“ antwortete Helmers, indem er von der Leiche emporsprang. „Schnell nach! Sehen wir, ob wir ihn erwischen!“

Die Gruppe löste sich augenblicklich auf. Jeder rannte nach der Richtung, in welche ihn der Zufall oder die momentane Vermutung trieb. Nur einer blieb zurück – – Bloody-fox. Er stand bewegungslos und horchte in das Dunkel des Abends hinaus. So blieb er, bis die Männer wiederkehrten, um, wie vorauszusehen gewesen war, zu melden, daß sie keine Spur des Gesuchten bemerkt oder gefunden hätten.

Well, dachte es mir!“ nickte er. „Wir sind dumm gewesen.

Vielleicht ist dieser fromme Mormone ein noch viel gefährlicherer Mensch, als der Tote hier jemals gewesen ist. Ich habe ihn gesehen, weiß aber nicht wo, werde aber dafür sorgen, daß ich ihn wiedersehe und zwar sehr bald! Good evening, Mesch’schurs!“

Er hob das Gewehr auf, welches dem Toten entfallen war, und schritt zu seinem Pferde.

„Willst du fort?“ fragte Helmers.

Yes. Ich wollte ja schon längst weiter und habe mit diesem Fremden hier wohl eine kostbare Zeit versäumt. Die Büchse nehme ich mit, um sie den Erben des rechtmäßigen Besitzers zuzustellen.“

„Wann sehe ich dich wieder?“

„Wann es nötig ist. Nicht eher und nicht später.“

Er stieg auf und trabte davon, ohne jemand die Hand gereicht zu haben.

„Ein sonderbarer junger Mensch,“ meinte der Juggle-Fred, indem er den Kopf schüttelte.

„Lassen wir ihn!“ antwortete Helmers. „Er weiß stets, was er thut. Ja, er ist jung, aber er nimmt es mit manchem Alten auf, und ich bin überzeugt, daß er über kurz oder lang diesen Master Tobias Preisegott Burton und vielleicht auch noch andere beim Kragen hat!“ –-

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Die Beiden Snuffles

Die beiden „Snuffles“

Ungefähr zwei Stunden vor der Zeit, in welcher Hobble-Frank und Bob mit Bloody-fox zusammentrafen, kamen zwei andere Männer aus der Richtung von Koleman City geritten. Doch konnten sie diesen Ort wohl kaum berührt haben, denn sie hatten ganz das Aussehen von Männern, welche längere Zeit bewohnten Gegenden fern geblieben sind.

Die beiden Maultiere, welche diese Leute ritten, zeigten zwar Spuren von Ermüdung, schienen sich aber in guten Händen zu befinden und waren ziemlich wohlgenährt. Einen ganz entgegengesetzten Eindruck machten die Reiter; lange, außerordentlich schmächtige Gestalten, von denen man hätte annehmen mögen, daß sie wochenlang Gäste des Hungers gewesen seien. Daß dem aber nicht so sei, zeigte ihre gesunde Hautfarbe und kräftige Haltung, welche sie im Sattel behaupteten. Der Westen hat eine starke, austrocknende Luft, welche kein überflüssiges Fleisch auf den Knochen duldet, dafür jedoch die Sehnen stählt und den Gliedern jene ausdauernde Kraft und Widerstandsfähigkeit verleiht, ohne welche der Mensch dort bald zu Grunde gehen müßte.

Überraschend war die außerordentliche Ähnlichkeit, welche zwischen ihnen herrschte. Wer sie erblickte, mußte sie sofort für Brüder, vielleicht gar für ein Zwillingspaar halten. Diese Ähnlichkeit war so bedeutend, daß man sie, zumal beide ganz gleich gekleidet und bewaffnet waren, nur mit Hilfe einer Schmarre unterscheiden konnte, welche dem einen von ihnen quer über die linke Wange lief.

Sie trugen bequeme, dunkelgraue, wollene Überhemden und ebensolche Hosen, starke Schnürschuhe, breitrandige Biberhüte und hatten ihre schweren, breiten Lagerdecken wie Mäntel hinten von den Schultern herabhängen. Ihre ledernen Gürtel waren mit Klapperschlangenhaut überzogen und trugen die gewöhnlichen Kleinwaffen und sonstigen Requisiten des Prärienmannes. Flinten hatten sie auch, aber direkt aus dem Laden des Gewehrhändlers kamen dieselben jedenfalls nicht; ihr Aussehen war vielmehr ein solches, daß sie den Namen „Schießprügel“ mit vollem Rechte verdienten. Wer jedoch weiß, was ein tüchtiger Westmann mit so einem alten Fire-lock zu leisten vermag, dem kann es niemals einfallen, über eine solche Waffe die Nase zu rümpfen. Der Westmann hebt seine Büchse, aber er kokettiert nicht mit derselben. Je unscheinbarer sie während des langen Gebrauches wurde, desto größer ist die Pietät, welche er ihr widmet.

Leider war diesen beiden Reitern keine allzu große männliche Schönheit zuzusprechen, was seinen Grund in dem Umstande hatte, daß der hervorragendste Teil ihrer Gesichter auf eine ganz ungewöhnliche Weise entwickelt war. Sie hatten Nasen und eben was für welche! Man konnte getrost darauf schwören, daß zwei solche Geruchsorgane im ganzen Lande nicht wieder zu finden seien. Nicht die Größe allein, sondern auch die Form war außerordentlich, ebenso die Farbe. Um sich diese Nasen vorstellen zu können, müßte man sie gesehen haben. Denkt man sich den in Gestalt einer Weintraube verholzten Saftausfluß einer Birke, in allen möglichen Farben schimmernd, welche sich jemals auf einer Malerpalette befanden, so kann man sich einen ungefähren Begriff von diesen Nasen machen. Und dabei waren auch sie einander geradezu zum Erstaunen ähnlich. Es gab kein gleicheres Brüderpaar als diese beiden Männer, welche wohl bereits manchen Sturm erlebt hatten, da sie wenigstens in der Mitte der Fünfziger standen.

Nun darf man aber nicht denken, daß der Eindruck ihrer Gesichter ein abstoßender gewesen sei, o nein! Sie waren sorgfältig glatt rasiert, so daß kein Bart den wohlwollenden Ausdruck derselben verbarg. In den Mundwinkeln schien ein heiteres, sorgloses Lächeln sich für immer eingenistet zu haben, und die hellen, scharfen Augen blickten so gut und freundlich in die Welt, daß nur ein schlechter Menschenkenner behaupten konnte, man habe sich vor ihnen in acht zu nehmen.

Die Gegend, in welcher sie sich befanden, war ziemlich steril zu nennen. Der Boden trug nur knorriges Knieholz, zuweilen mit Yuccas und Kakteen vermischt. Einen Wasserlauf schien es in der Nähe nicht zu geben. Die forschenden Blicke der Reiter deuteten an, daß diese letzteren hier nicht bekannt seien. Zuweilen richtete sich einer von ihnen in den Bügeln empor, um einen weiteren Ausblick zu gewinnen, und setzte sich dann mit einer Miene in den Sattel zurück, welche besagte, daß es vergeblich gewesen sei.

„Verteufelt triste Gegend!“ sagte derjenige, welcher die Schmarre auf der Wange hatte. „Wer weiß, ob wir heute noch einen Schluck frischen Wassers finden. Meinst du nicht auch, Tim?“

„Hm!“ brummte der andere. „Wir nähern uns eben dem Gebiete der Llano estakata. Da ist es nicht anders zu verlangen. Oder meinst du, Jim, daß es in der Wüste Quellen von Eierpunsch oder Buttermilch geben soll?“

„Schweig, Bruderherz! Mach mir den Mund nicht wässerig! Eierpunsch ist das höchste der Gefühle. Wer ihn nicht hat, ist schließlich auch mit Buttermilch zufrieden. Hier aber gibt es selbst diese nicht, und ich befürchte, daß wir wohl gar gezwungen sein werden, mit Kaktussaft fürlieb zu nehmen.“

„Das wohl nicht. Noch befinden wir uns nicht in den Plains. Helmers Home, welches wir erst morgen erreichen, soll an einem Wasser liegen. Also haben wir das fruchtbare Land noch nicht hinter uns. Ich hoffe, die Old Silver Mine, weiche für heute unser Ziel ist, liegt inmitten oder wenigstens in der Nähe einer Baum- oder Strauchinsel, wie man sie zuweilen selbst in wüsten Gegenden findet. Und du weißt, meine Hoffnungen täuschen mich nur selten, denn sie schlängeln sich gewöhnlich um die Wirklichkeit herum.“

„Magst du nicht lieber davon schweigen? Unsere Hoffnungen haben uns bisher zu nichts geführt.“

„Das darfst du nicht sagen, Jim. Wir haben kein Schlaraffenleben führen können, das ist wahr; aber wir tragen ein hübsches Sümmchen in der Tasche, und wenn wir jenseits der Llano und der Guadeloupe Glück haben, so sind wir gemachte Leute.“

„Ja, wenn! Ein Millionär zu sein, das ist das höchste der Gefühle. Zunächst aber haben wir nicht einmal was zu essen. Wir waren nur darauf bedacht, schnell vorwärts zu kommen, und haben uns also nicht Zeit genommen, uns nach irgend einem Braten umzusehen. Ich will gar nicht einen Turkey verlangen, aber wenigstens einer nicht gar zu alten Prairiehenne möchte ich doch zu gern begegnen. Vielleicht erlaubte sie mir, ihr mit meiner Büchse good day zu sagen.“

„Du hast zu leckerhafte Gedanken! Ich wäre schon sehr zufrieden, wenn ein gefälliger Mulehase auf den Einfall käme, sich von außen um uns herumzuschlängeln. Dann würden wir –- have care! Da ist einer! Molly, stehe nur dieses einzige Mal still!“

Diese Aufforderung, welche er mit einem Rucke der Zügel unterstützte, war an sein Maultier gerichtet. Es stand bewegungslos, als ob es seine Worte genau verstanden habe. Gerade vor den beiden war ein Mulehase zwischen einigen einsamen Grasbüscheln aufgesprungen. Tim hatte sein Gewehr schnell an der Wange und drückte ab. Der Hase überschlug sich und blieb liegen. Die Kugel war ihm durch den Kopf gedrungen – ein Meisterschuß aus so einem Gewehre.

Der texanische Hase hat die Größe seines deutschen Verwandten; er findet sich in ziemlicher Menge und besitzt ein wohlschmeckendes Fleisch. Er hat sehr lange Ohren, welche denen eines Maultieres (Mule) ähnlich sind, und wird deshalb Mulehase genannt.

Tim ritt zur Stelle, an welcher der Hase lag, holte sich denselben und sagte, indem er dann weiter ritt:

„Der Braten ist da, und ich denke, daß sich wohl auch ein Wässerlein finden lassen werde. Du siehst, daß meine Ahnungen doch nicht ganz vergeblich sind. Zwei Kerls von unserer Art finden immer, was sie brauchen.“

„Ob aber auch Diamanten? Das müssen wir abwarten.“

„Auch Diamanten, sage ich dir!“ antwortete Tim in sehr bestimmtem Tone. „Natürlich setze ich da voraus, daß es da drüben wirklich welche gebe. Ist die Sache Schwindel, so geht es uns eben wie allen anderen, die auch nichts finden können. Ich wenigstens werde mir den Kopf nicht abreißen, wenn ich erfahren sollte, daß wir uns vergeblich von außen um das Glück herumgeschlängelt haben. Horch! War das nicht ein Schuß?“

„Ja, es war einer. Polly hat ihn auch gehört.“

Er meinte sein Maultier, welches jetzt die Luft durch die Nüstern sog und höchst energisch mit den langen Ohren wedelte. Es kommt sehr häufig vor, daß der Prairiejäger seinem Tiere einen Namen gibt. Diese beiden Maultiere wurden, wie aus den Worten ihrer Herren hervorging, Molly und Polly genannt, zwei Namen, welche so ähnlich lauteten wie diejenigen ihrer Herren, Jim und Tim.

Die Brüder richteten sich auf und blickten nach der Richtung, aus welcher sie den Schuß vernommen hatten. Er war weiter zu hören gewesen, als ihr Auge reichen konnte, da sie sich in einer muldenartigen Bodensenkung befanden; aber Tim deutete aufwärts in die Luft, wo ein großer Raubvogel schwerfällig seine Spirale zog.

„Ein Hühnergeier,“ sagte er. „Oder nicht, Jim?“

„Nein! Es ist ein Königsgeier, wie an der bunten Färbung zu ersehen ist. Er hat ein fahlgelbes Gefieder und hat bei einem Aase gesessen, denn er ist so vollgefressen, daß er nur mit Mühe zu fliegen vermag. Man hat ihn durch den Schuß von seinem Fraße aufgestört, und wir müssen sehen, was für Menschenkinder das gewesen sind. Es verlohnt sich hier gar sehr, zu wissen, wen man vor sich hat. In der Nähe der Llano soll es nicht ganz geheuer sein. Wer das außer acht läßt, der kann leicht von so einem Geier gefressen werden, was ich keineswegs das höchste der Gefühle nennen möchte. Also vorwärts, Tim!“

Sie gaben ihren Tieren die Sporen. Nun ist es aber bekannt, daß Maultiere sehr störrische Geschöpfe sind. So eine Kreatur ist gewöhnlich gerade dann, wenn die größte Eile geboten ist, nicht von der Stelle zu bringen. Und um das wieder quitt zu machen, pflegt es gerade an dem Augenblicke in rasenden Galopp zu fallen, wenn der Reiter die zwingendste Veranlassung hat, halten zu bleiben. Molly machte leider keine rühmliche Ausnahme. Kaum hatte Tim ihr die Sporen fühlen lassen, so stemmte sie die vier Beine ein und stand fest wie ein Sägebock. Er drückte fester an, was aber nur die Wirkung hatte, daß sie den Kopf zwischen die Vorderbeine nahm und hinten in die Höhe ging, um den Reiter nach vorn abzuwerfen. Tim jedoch kannte seine langjährige Freundin so genau, daß er sich nicht aus dem Sattel bringen ließ.

„Was fällt dir ein, old Joker!“ lachte er. „Ich werde dir gleich die Mücken austreiben.“

Er langte nach hinten, ergriff den Schwanz des Tieres und zog denselben mit einem scharfen Rucke nach vorn. Sofort flog Molly mit allen vieren zugleich in die Luft und schoß dann vorwärts, daß Jim auf seiner Polly kaum zu folgen vermochte. Dieses empfindliche Ziehen am Schwanze war das Geheimmittel, durch dessen energische Anwendung der Eigensinn der sonst ganz liebenswürdigen Molly sofort gebrochen werden konnte. Wer dieses Mittel nicht kannte, der war trotz Sporen und Peitsche gezwungen, sich ihren Launen zu fügen. Es macht sich eben jedes Tierchen gern sein Plaisierchen; nur gut, daß es auch Mittel gibt, welche zuweilen nicht nur bei einem bestimmten Individuum, sondern bei der ganzen Gattung wirksam sind. So gibt es z.B. Angehörige der berühmten Familie Equus asinus (Esel), welche störenderweise ganz darauf erpicht sind, gerade bei nachtschlafender Zeit ihren zweivokaligen Singsang hören zu lassen. Man binde so einem Tiere etwas Schweres an den Schwanz, einen Stein oder sonst ein Gewicht, so wird es sofort Schwanz und Ohren hängen und keinen Laut mehr hören lassen.

Als die beiden Reiter die Bodensenkung hinter sich hatten, erblickten sie zu ihrem Erstaunen eine eigentümlich zerklüftete Höhe, welche in einer Entfernung von ungefähr sechs englischen Meilen vor ihnen aufstieg, und die sie hier in der Nähe der Plains nicht erwartet hatten. Zugleich sahen sie eine Gruppe von Reitern bei einem am Boden liegenden Gegenstande halten, und zwar so nahe, daß sie kaum einer Minute bedurften, um zu ihnen zu gelangen. Sie zügelten sofort ihre Tiere. Es galt zunächst, zu erfahren, ob diese Reiter, deren sie sechs zählten, sich vielleicht feindselig verhalten würden.

Sie wurden bemerkt. Der Kreis, den die Sechs bildeten, öffnete sich, doch war keine bedrohliche Bewegung zu sehen.

„Was meinst du?“ fragte Jim. „Wollen wir hin?“

„Ich denke es. Gesehen haben sie uns doch und wenn es ja Bushrunners sind, so kommt es auf alle Fälle zu einem Kampfe mit ihnen. Es ist also besser, wir schlängeln uns von außen her zu ihnen herum; aber vorsichtig, so daß es ihnen nicht gelingt, uns zu umzingeln. Wir wollen uns schußfertig halten.“

„Nun, Bushrunners sind sie wohl kaum. Sie haben vielmehr das Aussehen von Gentlemen, welche zu ihrem Vergnügen einen Ausflug unternehmen. Ihre Anzüge haben ganz gewiß vor kaum einer Woche noch im Tailorshop gehangen. Von Waffen tragen sie ein ganzes Arsenal bei sich; aber das glänzt und flimmert gar zu sehr, als daß es bereits sehr in Gebrauch gewesen sein könnte. Und die Pferde sehen mir so frisch und nach geschrotenem Maisfutter aus, daß ich annehmen möchte, wir haben ganz unschädliche Pleasing-troopers vor uns. Es ist zwar nicht das höchste der Gefühle, mit solchen Gelbschnäbeln zusammenzutreffen, aber ich ziehe es doch einem Begegnen mit Leuten vor, welche ihre Taschen nur zu dem Zwecke haben, anderer Menschen Eigentum hinein zu stecken. Machen wir uns also an sie hinan!“

Es wäre ihnen auch wohl kaum eine andere Wahl geblieben, denn die Sechs setzten jetzt ihre Pferde in Bewegung und kamen ihnen entgegen.

„Kommt näher, kommt nähert“ rief man ihnen zu. „Ihr werdet etwas zu sehen bekommen.“

„Was denn?“ fragte Jim.

„Kommt nur! Macht schnell!“

jetzt hatten sie einander erreicht. Waren bisher die Gesichter der Sechs höchst ernst und bedenklich gewesen, so nahmen sie jetzt plötzlich einen ganz anderen Ausdruck an. Die zwölf Augen richteten sich groß und erstaunt auf das Brüderpaar; dann begann es um die Lippen zu zucken, und endlich brach ein schallendes, sechsstimmiges Gelächter aus.

All devils!“ rief einer aus. „Wen haben wir da? Two snub-noses!

Two snub-noses!“ stimmten die übrigen Fünf sofort ein.

Two snouted baboons!

Actually, actually! Wonderful, wonderfully beautifull Two snouted baboons!“ lachten und schrieen sie alle durcheinander.

„Ich bitte, Mesch’schurs, laßt euch genau betrachten!“ sagte der Wortführer. „So etwas haben wir noch niemals gesehen. Erlaubt, daß ich diese Nasen einmal angreife! Ich muß mich überzeugen, ob sie natürlich sind oder vielleicht noch von letzter Fastnacht stammen.“

Die Brüder hatten bis jetzt noch keine Miene verzogen; als aber der Mann wirklich seine Hand ausstreckte, um Jims Nase zu berühren, drängte dieser sein Maultier um einige Schritte zurück und sagte:

„Wollt Ihr mir nicht vorher einmal Euern Namen nennen, Sir?“

„Warum nicht! Ich nenne mich Gibson.“

„Danke! Also, Master Gibson, ich thue einem jeden gern den Gefallen, den er von mir verlangt. Ich will auch Euch zu Willen sein, muß Euch aber vorher sagen, daß meine Büchse augenblicklich losgeht, sobald jemand meine Nase berührt. Wenn Ihr sie trotzdem angreifen wollt, so habe ich nichts dagegen. Ich bitte aber Eure ehrenwerten Kameraden, mir dann die Folgen nicht entgelten zu lassen.“

Das klang so ernst, daß trotz der beiden sonderbaren Nasen das Gelächter sofort verstummte. Gibson machte aber doch noch einen Versuch zu scherzen, indem er lachend sagte:

„Aber, Master, wollt und könnt Ihr es denn übel nehmen, wenn wir über solche Rhinozeroshörner lachen müssen?“

„Was das betrifft, so bin ich der festen Überzeugung, daß ein wirkliches Nashorn viel zu wenig kultiviert ist, um sich dadurch, daß Ihr sein Horn anlacht, beleidigt zu fühlen. Aber Ihr müßt Euch hüten, irgend eine Verwechselung zu begehen. Ihr scheint sowohl in der Anthropologie wie auch in der Zoologie so grün und unwissend zu sein, daß es Euch leicht vorkommen kann, einen Säugling für ein ausgewachsenes Flußpferd zu halten. Und wo ich eine solche Unerfahrenheit bemerke, welche ein anderer vielleicht viel richtiger mit dem Ausdrucke Dummheit oder Albernheit bezeichnen würde, da erachte ich es für meine Pflicht, eine Warnung auszusprechen. Es kann kein Geschöpf anders sein, als wie der Herrgott es erschaffen hat und wenn er mich mit einer großen Nase und Euch mit einem kleinen, unzureichenden Hirn begabte, so müssen wir diese Mängel demütig hinnehmen, da wir es leider nicht anders machen können.“

„Donnerwetter!“ fuhr Gibson beleidigt auf. „Ist es etwa Eure Absicht, Euch an uns zu reiben?“

„Ganz und gar nicht! Reibt Euch nur selbst ab, wenn Ihr schmutzig seid, und nehmt gehörig Seife und Wasser dazu! Ich bin nicht das Dienstmädchen, welches Euch zu säubern hat.“

Da griff Gibson nach seinem Revolver und drohte:

„Mäßigt Euch, Sir! Meine Kugeln stecken nicht so fest, wie Ihr anzunehmen scheint.“

„Pah!“ lachte Jim. „Macht Euch nicht lächerlich. Eure Drohung klingt nach Kinderei.“

„Schweigt! Wollt Ihr etwa, daß wir Euch Mores lehren? Ihr seht, daß wir unser Sechs gegen euch beide sind.“

„Eben darum! Sechs von eurer Sorte können uns doch nicht etwa aus der Fassung bringen! Hängt noch eine Null an die Sechs und dann wollen wir beide es uns überlegen, ob es sich verlohnt, einen Finger an dem Drücker krumm zu machen.“

„Ihr scheint Euer Maul sehr gut in Übung zu halten!“

„Die Gewehre ebenso. Das merkt Euch wohl!“

„So! Habt doch einmal die Güte, uns eure Namen zu nennen, damit wir wissen, mit welch berühmten Helden wir es zu thun haben!“

„Wir heißen Hofmann und sind Brüder.“

„Daß ihr Brüder seid, beweisen eure Nasen. Auf euern Namen könnt ihr euch nicht das mindeste einbilden, denn so wie ihr kann nur ein Deutscher heißen, und ihr habt vielleicht bereits erfahren, daß Leute eurer Abstammung hier zu Lande gar nichts gelten.“

„Das ist eine Ansicht, die ich Euch nicht rauben will. Wem es Spaß macht, den Drehwurm im Kopfe zu haben, der mag ihn behalten; ich bin kein Irrenarzt. Komm, Tim!“

Er setzte sein Maultier in Bewegung, und sein Bruder folgte ihm. Beide verschmähten es, noch einen weiteren Blick auf die Männer zu werfen und ritten nach der Stelle, an welcher die letzteren vorher gehalten hatten.

Dort erwartete sie ein entsetzlicher Anblick. Die Erde war mit Fuß- und Hufspuren bedeckt, als ob hier ein Kampf stattgefunden habe. Ein totes Pferd lag da, ohne Zaum- und Sattelzeug. Der Leib desselben war weit aufgerissen, und Fetzen des Eingeweides lagen zerstreut umher – eine häßliche Arbeit des Geiers, den Jim und Tim vorhin gesehen hatten.

Aber das war es nicht, wovor diese beiden erschraken, sondern in der Nähe des Kadavers lag ein menschlicher Leichnam, ein Weißer, welchem die Kopfhaut fehlte und dessen Gesicht durch kreuz und quer geführte Messerschnitte vollständig unkenntlich gemacht worden war. Sein wollener und sehr abgebrauchter Anzug ließ vermuten, daß er ein Westmann gewesen sei. Eine Kugel, welche ihm genau in das Herz gedrungen war, hatte ihm den Tod gebracht.

„Heiliger Gott! Was muß da geschehen sein?“ rief Jim, indem er vom Pferde sprang und zu der Leiche trat.

Auch Tim stieg ab und kniete bei dem Toten nieder.

„Er ist schon seit Stunden tot,“ sagte er, als er die Hand und die Brust des Getöteten befühlt hatte. „Er ist kalt und das Blut rinnt nicht mehr.“

„Durchsuche ihm die Taschen! Vielleicht findet sich etwas, irgend ein Gegenstand, welcher erraten läßt, wer er war.“

Tim folgte der Aufforderung, gerade als die sechs Reiter, welche ihnen langsam gefolgt waren, bei ihnen anlangten.

„Halt!“ rief Gibson. „Wir werden uns das Visitieren der Taschen streng verbitten. Ich kann die Beraubung der Leiche nicht dulden!“

Er sowohl wie seine Gefährten stiegen ab und traten herbei. Er ergriff Tim beim Arme und zog ihn empor, was dieser sich unerwarteterweise ganz ruhig gefallen ließ. Die Brüder wechselten einen Blick des Einverständnisses und dann fragte Jim:

„Wie kommt Ihr denn auf den höchst geistreichen Gedanken, daß wir eine Beraubung des Toten beabsichtigen?“

„Nun, Ihr greift ja in die Taschen!“

„Könnte das nicht auch einen anderen Zweck haben?“

„Bei euch jedenfalls nicht. Euch sieht man ja gleich auf den ersten Blick an, wessen Geistes Kinder ihr seid.“

„Da entwickelt Ihr freilich einen ungeheuren Scharfsinn, Master Gibson. Eine solche imponierende Menschenkenntnis zu besitzen, muß das höchste der Gefühle sein!“

„Vermault Euch nicht auch noch, sonst machen wir kurzen Prozeß mit euch! Wir haben euch in flagranti ertappt. Euer Bruder hatte die Hände in den Taschen des Ermordeten. Das genügt vollständig. Ihr treibt euch hier in der Nähe herum. Das ist verdächtig. Wer sind die Mörder? Nehmt euch in acht, sonst kann es euch vielleicht gar an den Kragen gehen!“

Jim griff zornig nach seinem Messer; dieses Mal war Tim der Bedächtigere. Er warf ihm einen besänftigenden Blick zu und sagte:

„Alle Wetter, seid Ihr ein gestrenger Master. Ihr thut doch ganz so, als ob wir in Euch den höchsten Beamten der Staaten zu verehren hätten!“

„Ich bin Lawyer,“ antwortete Gibson stolz und kurz.

„Ah, Jurist! Also gehört Ihr zu den hochgelehrten Leuten, weiche die Aufgabe haben, sich von außen her um die Paragraphen herum zu schlängeln? Here is my respect, Sir!

Er zog in ironischer Unterwürfigkeit den Hut.

„Master Hofmann, treibt keinen Unsinn!“ donnerte Gibson ihn an. „Ich bin in Wirklichkeit Advokat, oder wenn Euch das geläufiger sein sollte, obgleich Ihr ein Deutscher seid, attorney at law, und weiß sehr gut, mir Respekt zu verschaffen. Diese ehrenwerten Herren haben mich zum Anführer unserer Expedition gewählt, und also hat das zu gelten, was ich für gut befinde!“

„Schön, schön!“ nickte Tim eifrig. „Wir haben ja gar nichts dagegen. Da Ihr Lawyer seid, so wird es Euch außerordentlich leicht werden, diesen Kriminalfall in der richtigen Weise zu behandeln.“

„Das versteht sich ganz von selbst und ich muß darauf bestehen, daß ihr euch nicht entfernt, bevor ich alles genau untersucht und sodann meine Anordnungen getroffen habe. Der Fall ist himmelschreiend und kann euch in höchst unangenehme Verwickelungen bringen.“

„O, das macht uns keine Sorge, denn wir sind überzeugt, daß es Eurem Scharfsinne gelingen werde, diese Verwickelungen wieder auseinander zu wickeln.“

Gibson zog es vor, diese neue Malice unbeantwortet zu lassen, dafür aber seinen Begleitern den Befehl zu erteilen:

„Nehmt die beiden Maultiere fest, damit es diesen Verdächtigen nicht etwa einfällt, davonzureiten!“

Die Brüder ließen es auch ruhig geschehen, daß dieses Gebot ausgeführt wurde. Es gab ihnen offenbar Spaß, zu beobachten, was diese im fernen Westen unbekannten Menschen unternehmen würden.

Das Auffinden einer skalpierten Leiche war an sich natürlich keineswegs geeignet, die Brüder heiter zu stimmen. Der Prairiejäger ist in Beziehung auf dergleichen Vorkommnisse ziemlich abgehärtet; aber der Anblick, welchen der seiner Kopfhaut beraubte und im Gesicht geschändete Tote bot, wirkte grauenerregend. Dazu kam die Befürchtung, die sie in Betracht ihrer persönlichen Sicherheit hegen mußten. Es stand bei ihnen fest, daß der Mann von einem Indianer getötet und skalpiert worden sei, und da nicht anzunehmen war, daß eine einzelne Rothaut sich so weit nach Osten wagen werde, so stand zu vermuten, daß ein ganzer Trupp Indsmen sich in der Nähe befinde. Es galt also, vorsichtig zu sein, falls die späteren Beobachtungen nicht etwas anderes ergaben. Aus Gibson und seiner Gesellschaft aber machten die beiden sich so wenig wie möglich, also gar nichts.

Der Advokat untersuchte nun höchst eigenhändig die Taschen des Toten. Sie waren leer, ebenso der Gürtel.

„Er ist bereits ausgeraubt worden,“ sagte er. „Es liegt also ein Raubmord vor und es ist unsere Pflicht, den Mörder zu entdecken. Die Spuren beweisen, daß nicht ein einzelner Mann die That begangen hat. Es sind ihrer mehrere gewesen, und wenn ich bedenke, daß das böse Gewissen den Verbrecher nach dem Orte seiner Unthat zurückzutreiben pflegt, so vermute ich, daß wir gar nicht weit zu gehen haben, um die Mörder zu finden. Gebrüder Hofmann, ihr seid meine Gefangenen und werdet uns zur nächsten Ansiedelung begleiten; das ist Helmers Home. Dort werden wir den Fall mit aller Strenge untersuchen.“

Er war in einer Haltung, welche imponieren sollte, vor die beiden hingetreten.

„Gebt also eure Waffen ab!“ fügte er gebieterisch hinzu.

„Sehr gern,“ antwortete Jim. „Hier hast du mein Gewehr. Greif zu.“

Er legte auf ihn an. Die Hähne knackten. Gibson sprang erschrocken zur Seite und rief:

„Schuft! Willst du dich widersetzen?“

„O nein,“ lachte Jim. „Von einer Widersetzung kann gar keine Rede sein. Ich will dich nur bitten, mir das Gewehr möglichst behutsam aus der Hand zu nehmen; es könnte sonst losgehen und dann wäre es mit deiner berühmten Advokatur zu Ende. Also greif fein säuberlich zu!“

„Auch noch Hohn? Mensch, ich lasse dich fesseln, daß du dich krümmen sollst vor Schmerzen!“

„Soll mir sehr angenehm sein, denn so ein richtiges Zusammenschnüren ist das höchste der Gefühle. Und damit die anderen Herren die Hände für diese Arbeit frei bekommen, wollen wir sie von unseren Maultieren erlösen. Polly, her zu mir!“

„Molly, komm!“ rief auch Tim.

Die Tiere hatten sich bisher ruhig an den Zügeln halten lassen, sobald sie aber die befehlenden Stimmen ihrer Herren hörten, rissen sie sich los und kamen schnaubend herbei.

„Festhalten, festhalten!“ rief Gibson; aber es war bereits zu spät.

„Bemüht euch nicht weiter!“ lachte Jim. „Ihr könntet die Bestien nicht halten; sie würden euch vielmehr unter die Hufe treten. Es ist gar nicht so leicht, zwei richtige Westmänner festzunehmen.“

„Wenn ihr nicht gehorcht, lasse ich auf euch schießen I“

„Oho! Das werdet ihr bleiben lassen! Wie wenig wir euch fürchten, mögt ihr daraus ersehen, daß ich mein Gewehr aus dem Anschlage nehme. Doch sage ich euch, daß jeder, welcher sich uns auf mehr als drei Schritte nähert, sofort die Kugel in den Kopf bekommt. Leute eures Kalibers gelten hier gar nichts. Man lacht sie höchstens aus. Was sind hier am Rande der Llano zehn Advokaten gegen einen einzigen tüchtigen Prairieläufer! Hier wird nicht in Worten, sondern mit Pulver und Blei gesprochen und in dieser Beziehung seid ihr ja doch nur Kinder gegen uns. Gegen unsere Guns kommt ihr mit euren Kolibriflinten nicht auf; das mögt ihr glauben. Wir brauchen keinen Lawyer aus dem Osten. Wir haben die Paragraphen der Prairie studiert und verstehen es auch genügsam, ihnen Geltung zu verschaffen. Wir sind ehrliche Leute und ihr habt euch in uns getäuscht; aber wir werden es euch nicht entgelten lassen, denn euer polizeilicher Scharfsinn hat uns großen Spaß gemacht. Ihr habt hier vor dem Toten gestanden wie ein Häuflein Primer boys vor einer ägyptischen Pyramide, und Eure Weisheit anzuhören, das war für uns das höchste der Gefühle. Einen solchen Fall aufzuklären, das lernt man auf keinem Kollege und auch auf keiner Universität. Merkt euch das. Die dazu nötigen Kenntnisse eignet man sich nur auf der hohen Schule der Prairie an und da ist ein jeder von euch wohl nur ein Cockney zu nennen. Jetzt werden wir beide die Sache nach unserer Weise in die Hand nehmen und da sollt ihr erfahren, welch ein anderes Resultat wir erlangen. Leider wißt ihr nicht, was in einem solchen Falle eine unbeschädigte Fährte zu bedeuten hat. Ihr habt eure Pferde hier nach Belieben trampeln lassen. Nun ist es freilich beinahe unmöglich, die eigentliche Spur zu lesen. Wir wollen aber versuchen, es fertig zu bringen. Suchen wir einen Kreis ab, Tim, du nach rechts und ich nach links. Drüben treffen wir dann zusammen.“

Diese Art, zu sprechen, verfehlte den beabsichtigten Eindruck nicht. Niemand entgegnete ein Wort, und selbst Gibson schwieg. Freilich machten sie höchst finstere Gesichter; aber als die Brüder sich jetzt nach verschiedenen Seiten entfernten, wagte es keiner, sie zu hindern oder sich ihrer Tiere wieder zu bemächtigen.

jeder der beiden schritt, den Boden sorgfältig untersuchend, einen weiten Halbkreis ab, dessen Mittelpunkt die Leiche war. Als sie zusammentrafen, teilten sie sich ihre Ergebnisse mit und kehrten dann zurück. Nun untersuchten sie auch das Pferd, den Toten und den zerstampften Boden. Die Sorgsamkeit, mit welcher sie sogar einzelne Steinchen betrachteten, wollte den anderen fast lächerlich erscheinen. Zuletzt sprachen sie wieder eine Weile leise miteinander, bis sie zu einer festen Ansicht gekommen zu sein schienen. Dann wendete Tim sich an den Advokaten:

„Master Gibson, Ihr wolltet uns arretieren, weil wir uns hier befinden, und weil ich in die Taschen dieses Toten griff. Mit ganz denselben Rechten könnten wir Euch festnehmen, da Ihr Euch ja auch von außen um diesen Platz herumgeschlängelt und dann dieselben Taschen untersucht habt. Wir wissen aber, daß Ihr unschuldig seid, und Ihr habt also nichts zu befürchten.“

„O, das wissen wir auch überdies. Was sollte uns von euch geschehen!“

„Alles, was uns beliebte. Ihr habt ja gar keine Ahnung von der Art und Weise eines Westmannes. Wenn es uns beiden beliebt, so bringen wir euch alle sechs trotz eurer Waffen gebunden nach Helmers Home. Ihr hättet die Wahl nur zwischen Gehorsam oder Tod. Gut für euch, daß es anders steht! Als wir ankamen, sahen wir euch bei der Leiche. Wir hatten also Veranlassung, Verdacht gegen euch zu hegen, während euer gegen uns gezeigtes Mißtrauen ein ganz unsinniges war. Schon daß der Mann skalpiert worden ist, mußte euch auf die Vermutung bringen, daß er durch die Kugel eines Indianers fiel. Wir dachten das sofort und haben es bestätigt gefunden. Übrigens ist ihm wohl sein Recht geschehen. Erst bemitleideten wir ihn, doch ohne Grund, wie sich jetzt herausgestellt hat. Er ist ein schlimmer Kerl gewesen, das Mitglied einer Bande von Bushrunners, welche hier ihr Wesen zu treiben scheinen. Nehmt euch vor ihnen in acht!“

Seine Worte wurden mit dem größten Staunen entgegengenommen.

„Wie?“ fragte Gibson. „Das alles wollt Ihr aus den Spuren ersehen haben?“

„Das und noch viel mehr.“

„Das ist ganz unmöglich!“

„So sagt Ihr, weil Ihr ein Neuling seid. Man kann eine Fährte so gewiß lesen wie die Zeilen und Seiten eines Buches. Freilich gehört unbedingt dazu, daß man sich eine Reihe von Jahren von außen um den wilden Westen herumgeschlängelt hat. Das ist nicht bei Euch, aber bei uns der Fall. Der Mann ist nicht auf dem Platze, wo er sich jetzt befindet, erschossen worden. Habt Ihr bemerkt, daß die Kugel ihm den ganzen Körper durchbohrt hat und zum Rücken hinausgedrungen ist?“

„Ja.“

„So kommt einmal mit zur Seite!“

Die anderen folgten ihm, bis er nach einigen Schritten stehen blieb und auf den Boden deutete, welcher aus hartem, nacktem Gestein bestand. Da lag eine große Lache geronnenen Blutes.

„Was seht Ihr hier?“ fragte er.

„Das ist Blut,“ antwortete Gibson.

„Bemerkt Ihr weiter nichts?“

„Nein.“

„So habt Ihr freilich keine Kriminalistenaugen, obgleich Ihr es wagtet, uns arretieren zu wollen. Seht Euch einmal diesen kleinen Gegenstand an! Für was haltet Ihr ihn?“

Er nahm den betreffenden Gegenstand aus der Lache. Derselbe war klein, fast wie eine Münze breit gedrückt und zeigte trotz des an ihm klebenden Blutes einen matten, metallischen Glanz. Alle betrachteten ihn, und Gibson sagte:

„Das ist eine breitgedrückte Bleikugel.“

„Ja, und zwar diejenige, welche diesem Manne den Tod gebracht hat. Sie ist ihm genau durch das Herz gedrungen; also ist er augenblicklich tot und bewegungslos gewesen. Er kann sich unmöglich noch dorthin, wo er liegt, geschleppt haben, sondern ist von anderen oder wenigstens einem anderen dorthin geschafft worden. Gebt Ihr das zu?“

„Wie Ihr es erklärt, erscheint es freilich wenn als nicht gewiß so doch wahrscheinlich.“

„Nun seht Euch einmal das trockene Hartgrasplätzchen hier neben dieser felsigen und blutigen Stelle an! Was seht Ihr da?“

„Das Gras ist niedergedrückt worden.“

„Wovon oder von wem?“

„Ja, wer soll das wissen!“

„Wir wissen es. Hier hat ein Mensch gelegen, und da nicht die mindeste Spur von Blut zu entdecken ist, so muß man annehmen, daß er unverwundet war. Geschlafen hat er nicht da, denn ein jeder, auch der ärmste Westmann hat eine Decke bei sich, welche er unbedingt unterlegt, wenn er am Boden ausruhen will. Auch ist in Anbetracht der Zeit, welche seit dem Morde vergangen ist, diese Spur so undeutlich, daß mit Sicherheit anzunehmen ist, er habe nur kurze Zeit hier gelegen. Hart daneben seht Ihr einen Strich im weichen Sandboden. Er ist oben breit und verengert sich nach unten. Womit ist dieser Strich gemacht worden?“

„Vielleicht mit dem Stiefelabsatze.“

„O nein! Ich werde Euch gleich beweisen, daß der Mann, welcher hier lag, keine Stiefel, sondern Moccassins trug. Dieser Strich würde eine ganz andere Gestalt oder Form haben, wenn er von einem Stiefel herrührte. Er würde muldenförmig sein. Man kann getrost tausend Eide darauf schwören, daß er mit der Ecke des Gewehrkolbens gemacht worden ist, und da er nicht gleichmäßig ist, sondern tief beginnt und am anderen Ende in einem flachen, seitlich gebogenen Haken ausläuft, so ist es gewiß, daß er nicht langsam, in ruhiger Bewegung, sondern äußerst hastig gemacht wurde. Endlich seht Euch einmal den Eindruck hier am unteren Ende der Spur an! Welchem Umstande verdankt sie ihre Entstehung?“

Erst nachdem Gibson die betreffende sandige Stelle genau betrachtet hatte, antwortete er:

„Es scheint fast, als ob jemand hier sich auf dem Absatze umgedreht habe.“

„Dieses Mal habt Ihr Recht. Der Eindruck ist aber auch so deutlich, daß man gar nichts anderes raten kann. Wenn Ihr die Stelle genau prüft, werdet Ihr sagen müssen, daß hier von einem Stiefelabsatze nicht die Rede sein könne, sondern von einem Schuhwerke mit stumpfer Ferse, also einem Moccassin. Ihr seht den Eindruck nur eines Fußes, nicht aber den des anderen, obgleich der Boden sehr weich ist. Was folgt daraus?“

„Das weiß ich freilich nicht.“

„Die Hastigkeit, welche ich bereits vorhin erwähnte. Der Betreffende hat sich hier in größter Eile niedergeworfen, so daß der zweite Fuß in der Luft schwebte und also gar keinen Eindruck im Sande machen konnte. Hätte der Betreffende Zeit gehabt, sich in aller Behaglichkeit hier auszustrecken, so müßte man unbedingt die Spuren beider Füße sehen. Es ist also mit voller Gewißheit anzunehmen, daß für ihn ein Grund vorhanden war, sich plötzlich hinzuwerfen. Und welche Ursache könnte das wohl sein?“

Der Advokat kratzte sich nachdenklich hinter dem Ohre.

„Sir,“ sagte er, „ich muß zugeben, daß es uns unmöglich ist, Euch in Eueren Vermutungen oder Berechnungen so schnell zu folgen.“

„Das beweist eben, daß ihr Greenhorns seid. In solchen Lagen hängt das Leben oft an der Zeit einer einzigen Minute. Da darf man nicht ewig grübeln und sinnen, sondern es kommt darauf an, daß der Blick hell, schnell und sicher ist. Ich werde euch sagen, welcher Grund vorhanden war. Bückt einmal um euch, und sagt mir, ob ihr nicht etwas Auffälliges hier in der Nähe bemerkt!“

Die Sechs schauten sich um, schüttelten aber die Köpfe.

„Nun,“ fuhr Tim fort, „so seht euch diese Yuccapflanze an! An ihr müßt ihr doch jedenfalls etwas bemerken.“

Die erwähnte Pflanze war eine Yucca gloriosa, welche hier im trockenen, sandigen Boden in ihrer Entwickelung zurückgeblieben war. Sie blühte noch und trug eine Rispe weißer, purpurn angehauchter Blumen. Mehrere ihrer steifen, schmalen, lanzettlich geformten. und blaugrün gefärbten Blätter lagen an der Erde. Sie waren nicht von selbst abgefallen, sondern abgerissen worden.

„Es ist jemand hier gewesen und hat sich mit der Yucca zu schaffen gemacht,“ sagte Gibson in klugem Tone.

„So! Und wer ist dann dieser jemand gewesen?“

„Das kann man nicht wissen.“

„Man kann es wissen, ja, man muß es sogar wissen. Ein Mensch hat die Pflanze nicht berührt, aber er hat ihr aus der Ferne eine Kugel zugesandt, welche die Blätter abgefetzt und dann dieses Loch hier durch den Stengel geschlagen hat. Seht ihr es denn nicht?“

Sie bemerkten es erst jetzt. Tim fuhr fort:

„Kein Mensch schießt aus Langeweile eine Pflanze nieder. Die Kugel hat demjenigen gegolten, welcher sich da hinter uns zur Erde warf. Wenn wir uns nun von der Yucca aus eine Linie denken, welche die Stelle berührt, wo der letzterwähnte Mann gestanden hat, und sie in gerader Richtung verlängern, so wissen wir genau, aus welcher Gegend die Kugel gekommen ist. Da sie durch den unteren Teil des Stengels schlug, hat sich die Mündung des Gewehres, aus welcher sie kam, beträchtlich hoch über dem Erdboden befunden, und ihr könnt mir jedenfalls sagen, was daraus zu schließen ist?“

Sie blickten ihn verlegen an, antworteten aber nicht. Darum erklärte er weiter:

„Derjenige, welcher geschossen hat, stand nicht auf der Erde, sondern er saß im Sattel. Das ist für mich so gewiß wie nur irgend etwas. Aus allem, was wir hier gesehen haben, ist also folgendes zu schließen: Ein mit einem Gewehre bewaffneter Indianer hat dort, wo wir die Spur betrachteten, auf der Erde gestanden. Ein Reiter, welcher ungefähr aus Nordosten kam, schoß vom Pferde aus auf ihn, worauf der Rote, ohne von der Kugel getroffen zu sein, sich augenblicklich platt auf den Boden niederwarf, und zwar so, daß er das Gesicht nach oben kehrte. Warum aber that er das? Warum legt ein Unverwundeter sich nieder, wenn auf ihn geschossen wurde? Da gibt es nur eine einzige Erklärung, nämlich er will den Schützen heranlocken; er will ihn glauben machen, daß er tot sei. Der Reiter kam auch wirklich herbei ––“

„Woraus seht Ihr das?“ fragte Gibson erstaunt.

„Das will ich Euch zeigen. Kommt nur wieder zurück nach dem Platze, an welchem sich der Tote befindet! Ich kann mir den ganzen Verlauf des Ereignisses so klar und deutlich vorstellen, als ob ich Augenzeuge desselben gewesen sei. Wer ein scharfes und gut geübtes Denk- und Beobachtungsvermögen besitzt, der schlängelt sich von außen her mit größter Leichtigkeit um so ein geheimnisvolles Ereignis herum und weiß dann sehr bald, woran er ist. Mit Eurer Jurisprudenz aber würdet Ihr da nicht weit kommen.“

Er führte ihn an der Leiche vorüber, nach einer Stelle, an welcher sich dürftig belaubtes Knieholz befand, zwischen denen es kleine, freie Sandflecke gab. Hier gab es einen größeren Eindruck im Sande, und er fragte, auf welche Weise derselbe wohl entstanden sei.

„Es scheint auch hier jemand gelegen zu haben,“ antwortete Gibson.

„Mit dieser Vermutung habt Ihr recht; aber wer ist es gewesen?“

„Etwa der Tote, bevor er starb?“

„Nein, denn dieser wurde so gut in das Herz getroffen, daß er sich gar nicht mehr bewegen konnte. Es war ihm unmöglich, sich hierher zu schleppen. Übrigens müßte sich eine Blutlache hier befinden, wenn er es gewesen wäre.“

„So war es der Indianer, welcher sich bereits da drüben einmal niederwarf?“

„Auch dieser nicht. Es gab für ihn ja gar keinen Grund, sein schlaues Manöver zu wiederholen. Auch haben wir erfahren, daß er vollständig unverletzt war, während derjenige, welcher hier gelegen hat, schwer verwundet gewesen ist. Wir haben es also jedenfalls mit einer dritten Person zu thun.“

„Aber,“ sagte Gibson im höchsten Erstaunen, „dieser Sand ist für euch wirklich ein aufgeschlagenes Buch. Ich könnte nicht eine Zeile desselben lesen!“

Auch auf den Gesichtern seiner Gefährten stand die größte Verwunderung zu lesen. Jim hatte die Erklärung bisher seinem Bruder überlassen. Jetzt ergriff er das Wort:

„Darüber braucht man Mund und Augen gar nicht aufzureißen, Mesch’schurs. Was euch so unglaublich erscheint, das macht uns jeder gute Westmann nach. Wer es nicht sehr bald fertig bringt, eine Fährte oder Spur zu lesen, der mag sich in Gottes Namen schleunigst wieder von dannen machen, denn er könnte hier im Westen gar nicht existieren. Alle berühmten Jäger haben ihre Erfolge neben ihrer Kühnheit, List und Ausdauer auch dem Umstande zu verdanken, daß jeder Fußstapfe, den sie sehen, für sie ein deutlich geschriebener Brief ist, welchen der Betreffende ihnen mit oder ohne Absicht zurückgelassen hat. Wer aber kein Verständnis für solche Briefe hat, der wird sehr bald eine Kugel oder einen guten Messerstich erhalten und an irgend einer Stelle verfaulen, an welcher es nicht gut möglich ist, ihm ein Denkmal zu errichten. Mein Bruder hat gesagt, daß sich hier keine Blutlache befinde, und er hat recht gehabt. Eine ganze, große Lache gibt es freilich nicht, aber ein wenig Blut ist doch zu sehen. Diese kleinen, dunklen Stellen im Sande rühren von Blutstropfen her. Derjenige, welcher hier lag, war also verwundet und zwar schwer, denn man ersieht aus der Spur, daß er sich vor Schmerz am Boden krümmte. Schaut euch nur das nebenan stehende Knieholz genau an und den Sand, welcher sich unter den niedrig kriechenden Zweigen desselben befindet! Der arme Teufel hat vor Schmerz die Äste losgerissen und die Finger in die Erde gekrallt. Könnt ihr mir vielleicht sagen, an welcher Stelle seines Körpers er verwundet war?“

„Um dies sagen zu können, müßte man geradezu allwissend sein.“

„O nein! Eine Wunde im Kopfe oder im Oberkörper läßt mehr Blut laufen, als hier vorhanden ist. Die Verletzung wurde ihm am Unterleibe zugefügt, woraus sich auch die Qualen, welche er litt, erklären lassen. Und nun seht weiter, wie nebenan das Holz zerstampft ist, und wie die Zweige auseinander gerissen sind bis dort hinüber, wo der unverwundete Indianer lag! Und betrachtet einmal diesen unscheinbaren Gegenstand, welcher hier am Boden liegt und von euch noch gar nicht beachtet wurde! Könnt ihr mir vielleicht sagen, was es ist?“

Er nahm ein Stückchen Leder vom Boden auf. Es war früher hell gegerbt gewesen, von der Zeit aber dunkel gefärbt worden und wurde durch Einschnitte in lange, sehr schmale Streifen geteilt. Die sechs betrachteten es genau, schüttelten aber die Köpfe.

„Das ist,“ erklärte Jim, „das losgerissene Stückchen einer ausgefransten Hosennaht, indianische Arbeit. Derjenige, weicher hier lag, war also auch ein Indianer. Er trug Leggins, deren Leder mit dem Gehirn eines Hirsches gegerbt worden war. Er hat vor Schmerz die Finger in die Leggins gekrallt und dieses kleine Fransenstück losgerissen. Ein Schuß in den Unterleib ist keineswegs das höchste der Gefühle. Wenn euch eine Kugel im Eingeweide sitzt, so werdet ihr euch wie Würmer krümmen. Sollte mich wundern, wenn dieser Indsman sich nicht bereits in den ewigen Jagdgründen befände. Er kann die Fortsetzung des Rittes unmöglich lange ausgehalten haben, zumal er zu zweien auf einem Pferde sitzen mußte!“

„Er ist fortgeritten?“ fragte Gibson. „Und zwei auf nur einem Pferde?“

„Jawohl, Master, ganz gewiß ist es so. Kommt nun einmal ein Stück von hier fort, in der Richtung, aus welcher diese Leute gekommen sind!“

Er verließ den Platz und schritt nach Nordost zu. Die anderen folgten ihm, neugierig, auf was er sie noch aufmerksam machen werde. Er schritt bis zur Kreislinie fort, welche er vorhin beschrieben hatte. Dort blieb er stehen und sagte:

„Mesch’schurs, ihr erhaltet gegenwärtig so zu sagen Unterricht im Spurenlesen. Wenn ihr Gelegenheit findet, das bald auch anderwärts geboten zu erhalten, so wird man euch nicht mehr lange „grün“ nennen können, vorausgesetzt natürlich, daß ihr Anlagen habt, Westmänner zu werden. Wollte ich nur euern Vorteil berücksichtigen, so könnte ich euch eine sehr lange Rede halten, um euch die hiesigen Spuren ausführlich zu erklären. Aber dazu habe ich keine Zeit. Ich muß mich sputen, denn wir haben eine sehr gefährliche Räuber- oder Mörderbande vor uns, und zugleich gilt es, einen oder doch vielleicht zwei Indianer zu retten, welche von dieser Bande verfolgt werden. Ich will mich also so kurz wie möglich fassen. Hier, wo wir stehen, sind die beiden Indianer vorübergekommen, von denen wir sprachen, der verwundete und der unverwundete. Der erstere hat die Wunde nicht erst dort am Platze erhalten, wo er lag, sondern er hat sie bereits hier gehabt. Ich schließe das daraus, daß die beiden ihre Pferde Kopf an Kopf gehalten haben, wie ich aus der Fährte ersehe. Sie sind eng nebeneinander geritten, und der Unverwundete hat das Pferd des anderen am Zügel gehabt. Dieser letztere brauchte also seine Hände, um sie auf seine Wunde zu legen oder um sich im Sattel zu halten, da er abgemattet war.“

Einige Schritte zurückgehend und dann auf den Boden deutend, fuhr er fort:

„Daß wir es wirklich mit Indianern zu thun hatten, zeigen die Hufeindrücke, aus denen zu beweisen ist, daß die beiden Pferde barfuß waren. Hier könnt ihr sehen, daß das eine Pferd, welches den Verwundeten trug, einen weiten Satz machte. Hier an dieser Stelle erhielt es seitwärts von hinten her einen Schuß, der ihm durch die vordere Weiche in die Brust und zwar so in das Leben drang, daß es nur noch eine kleine Strecke weiter konnte und dort, wo es noch jetzt liegt, niederstürzte. Dabei wurde der verwundete Indianer aus dem Sattel geworfen und seitwärts in das Knieholz geschleudert, wo wir die Stelle, an welcher er lag, untersucht haben.“

jetzt ging er nach rechts hinüber und deutete abermals nieder, indem er weiter erklärte:

„Hier befindet sich die Spur eines einzelnen Reiters, desjenigen, welcher auf das Pferd und dann auch auf den unverwundeten Indsman geschossen hat. Sein Pferd trug Hufeisen. Er war ein Weißer. Auf das Pferd schoß er, bevor er hier ankam, wie ich euch beweisen könnte, wenn ich Zeit dazu hätte. Aber ganz genau von der Stelle aus, an welcher wir uns jetzt befinden, schoß er auf den unverletzten Indsman ––“

„Das könnt Ihr doch nicht mit solcher Bestimmtheit sagen!“ fiel Gibson ein.

„O, ich kann es sogar beschwören! Blickt doch einmal vorwärts, so werdet ihr sehen, daß unser jetziger Standpunkt mit dem Orte, an welchem der Indianer sich niederwarf und mit der Yuccapflanze, in welche die Kugel drang, sich in einer ganz geraden Linie befindet. Es ist da gar kein Zweifel möglich. Und weiter! Nur acht oder zehn Schritte von hier seht ihr eine weitere Fährte vorüberkommen. Da sind fünf Weiße geritten, um dann am Platze anzuhalten, dessen Boden so zerstampft ist. Jetzt bitte ich euch, mir zurück zu folgen. Wir werden dann gleich fertig sein.“

Er führte sie nicht nur nach dem Platze zurück, sondern noch ein Stück über denselben hinaus und machte sie dort auf drei Spuren aufmerksam, deren eine seitwärts führte. Von dieser letzteren sagte er:

„Sie stammt von einem einzelnen Pferde, welches einem Weißen gehörte. Die Hufe haben sich tief eingewühlt; das Tier hat sich im Galoppe befunden. Ein Pferd aber, welches zwanzig Schritte von dem Punkte entfernt, an welchem es stand, bereits galoppiert, ist sicherlich ausgebrochen. Es wurde scheu und lief davon. Wollten wir seiner Spur folgen, so würden wir es ganz gewiß finden mit leerem Sattel und an irgend einer Pflanze knuspernd. Hier, links davon seht ihr die zweite Fährte. Sie ist ruhig ausgetreten und zwar von einem unbeschlagenen Pferde. Da sie trotz des langsamen Schrittes tiefer ausgetreten ist als die zurückliegende Spur der Indianerpferde, so hat dieses Tier unbedingt eine schwerere Last getragen als vorher. Der unverletzte Indianer hat im Sattel gesessen und seinen verwundeten Gefährten vor sich hegen gehabt. Uni nun sehr ihr genau neben dieser letzteren Fährte die Spuren der fünf Weißen. Sie folgten derselben, ritten aber nicht auf ihr, um sie nicht zu verwischen. So, jetzt bin ich fertig. Ich hätte viel ausführlicher sein und euch noch auf anderes aufmerksam machen können, aber, wie gesagt, ich habe keine Zeit dazu. Nun faßt einmal alles zusammen, was ihr gehört habt, und sagt mir, in welcher Weise sich das Ereignis hier zugetragen hat!“

„O, das werden wir am besten Euch überlassen, Master,“ antwortete Gibson, jetzt freilich in einem sehr bescheidenen Tone.

„Nun,“ meinte Jim, „ich bin ja deutlich genug gewesen, so daß ihr nun wohl wissen könntet, woran ihr seid. Ich hoffe aber, ihr werdet mir zugeben, daß es das höchste der Gefühle ist, eine Fährte richtig lesen zu können. Unsere Nachforschung hat folgendes ergeben: Sechs Weiße sind im Nordosten von hier mit zwei Indsmen zusammengetroffen und haben Streit mit ihnen angefangen, wobei der eine der Indianer einen Schuß in den Leib erhielt. Die Roten flohen, und die Weißen nahmen die Verfolgung sofort auf. Die Pferde der Indsmen aber waren denen der Weißen überlegen und erhielten einen sehr bedeutenden Vorsprung. Seht das Pferd an, welches dort liegt. Es ist von feinstem mexikanischen Schlage und stammt wohl gar von echt andalusischen Ureltern. Das Totem, das heißt das Zeichen seines Besitzers, ist ihm auf der linken Seite des Halses in die Haut geschnitten. Der verwundete Indianer ist kein gewöhnlicher Krieger gewesen, denn nur Häuptlinge und angesehene Männer des Kriegsrates dürfen sich eines Totem bedienen. Auch seht ihr, daß dem Tiere die feindliche Kugel in die Vorderweiche gedrungen ist. Nur ein einziges Tier der Weißen ist schnell genug gewesen, den beiden Indianerpferden auf den Hechsen zu bleiben. Dieser Weiße hat die Verfolgung wütend fortgesetzt. Er durfte es wagen, seinen Kameraden so weit vorauszueilen, da die Roten nichts gegen ihn unternehmen konnten, weil der Gesunde von ihnen den Verwundeten zu stützen und zu halten hatte. Die beiden armen Teufel konnten ihr Heil fast nur in der Flucht finden. Freilich, hätte ich mich an der Stelle des Unverwundeten befunden, so wäre ich aus dem Sattel gesprungen und hätte stehenden Fußes den Weißen erwartet, um ihn vom Pferde zu schießen. Daß er das nicht gethan hat, muß einen Grund gehabt haben, den ich nicht kenne, oder es läßt vermuten, daß dieser Indsman noch ziemlich jung und unerfahren war. Die Sorge um den anderen hat ihn verwirrt. Aber listig und verwegen ist er gewesen, wie sich gleich herausstellen wird. Der Weiße hatte ein geladenes Doppelgewehr Er kam den beiden Verfolgten so nahe, daß er dem Pferde des einen dort an der Stelle, an welcher wir standen, eine Kugel in die Weiche schickte. Es that einen Sprung, schoß noch eine Strecke fort und überschlug sich dann, seinen Reiter in das Knieholz schleudernd, wo er liegen blieb. Sofort hielt der andere Rote sein Pferd auch an und sprang ab, um den Gefährten zu schützen. Der Weiße sandte ihm eine Kugel zu; aber da sein Pferd sich noch im vollen Laufe befand, hatte er unsicheres Zielen, und seine Kugel traf die Yuccapflanze anstatt des Indianers. Dieser letztere hätte nun sein Gewehr auf den Feind richten können; aber er war aufgeregt; er zitterte vor Grimm, Sorge und Anstrengung. Es galt sein Leben, welches an der Sicherheit des Schusses hing. Darum eben schoß er nicht, sondern er that, als ob er getroffen sei und warf sich nieder, das Gewehr aber fest in der Hand behaltend. Dabei strich er mit dem Kolben den Sand auf, wie wir gesehen haben. Nun wartete er auf den Weißen, um demselben aus allernächster Nähe die Kugel in das Herz zu jagen. Dieser Weiße sprang aus dem Sattel und eilte zunächst zu dem verwundet am Boden liegenden Indianer, welcher sich natürlich tot stellte. Von da trat er zu dem anderen Indsman. Dieser sprang blitzschnell auf, schleuderte ihn zu Boden und schoß ihm in das Herz. Er hat ihm dabei die Mündung des Gewehrs so nahe an die Brust gehalten, daß die Wolle des Kleidungsstückes versengt wurde und die Kugel hinten wieder aus dem Leibe drang und sich auf dem Steine platt drückte. Durch diesen Schuß wurde das Pferd des Weißen scheu gemacht; es ging durch und brach da nach rechts hinüber aus, wie wir an der zurückgelassenen Spur gesehen haben. Der Rote aber schleppte die Leiche seines erlegten Feindes hin zu seinem verwundeten Gefährten, um demselben den Anblick der Rache zu gewähren. Dort skalpierte er sie. Dabei bemerkte er das Nahen der übrigen fünf Gegner. Er durfte nicht länger hier verweilen; darum hob er schnell den Verwundeten auf das noch unverletzte Pferd, stieg auch mit auf und ritt von dannen. Als die fünf herbeikamen und ihren toten Gefährten liegen sahen, stiegen sie ab, um zu sehen, wie es mit ihm stehe. Sie besprachen sich. Sie sind Räuber, und er war ihr Genosse. Vielleicht gibt es hier in der Nähe, wahrscheinlich auf Helmers Home, Leute, die ihn kennen. Wurde er gefunden und erkannt, so war dadurch ihre Anwesenheit verraten, welche sie natürlich geheim halten müssen. Darum kamen sie auf den Gedanken, durch Messerschnitte sein Gesicht unkenntlich zu machen. Ihr habt gesehen, daß sie das in wahrhaft schändlicher Weise ausgeführt haben, Mesch’schurs. Sie hielten sich dann nicht länger auf; sie mußten die Verfolgung der beiden Indianer, welche bereits wieder einen guten Vorsprung hatten, fortsetzen. Vorher aber nahmen sie alles, was der Tote bei sich trug, an sich. Auch die Pferdeleiche sattelten und zäumten sie ab, da ein Lederzeug, welches einem bedeutenden roten Krieger gehörte, eine sehr wertvolle Beute ist. Sie verließen diesen Ort und folgten der Fährte der Roten, sich immer neben derselben haltend, wie wir gesehen haben. Es steht zu erwarten, daß sie trotz der Langsamkeit ihrer Pferde die Indsmen doch erreichen werden, da deren Tier eine doppelte Last zu tragen hat. –Als Ihr dann hier ankamt, Master Gibson, war bereits ein Geier bei dem Kadaver des Pferdes. Ihr habt ihn durch einen Schuß vertrieben, den wir hörten und der uns herbeilockte. So! Das ist das Ereignis, wie ich es mir zusammensetze. Ich glaube nicht, daß meine Vermutungen bedeutend von der Wirklichkeit abweichen, und es wird für mich das höchste der Gefühle sein, Euch sagen zu hören, daß ich das Richtige getroffen habe.“

„Nun, wenn Euch das so großes Vergnügen macht, so wollen wir Euch dasselbe nicht verderben,“ meinte Gibson. „Es scheint mir allerdings, daß die Sache sich so zugetragen hat, wie Ihr sie Euch vorstellt. Ich vermute, daß Ihr ein gutes Auge und einen ebenso guten Kopf habt.“

„Was meinen Kopf betrifft, so muß ich eben mit ihm zufrieden sein, weil ich ihn nicht mit einem besseren vertauschen kann. Hoffentlich habt Ihr nun eingesehen, daß es ein purer Unsinn von Euch war, uns arretieren zu wollen. Jetzt möchte ich Euch fragen, was Ihr in dieser Angelegenheit nun weiter zu thun gedenkt.“

„Gar nichts. Sie geht uns nichts mehr an. Es handelt sich ja nur um Indianer.“

„Nur um Indianer?“ fragte Jim. „Nur? Sind die Indsmen etwa keine Menschen?“

„Daß sie Menschen sind, bestreite ich ihnen nicht; aber sie stehen so tief unter uns, daß es eine Beleidigung wäre, uns mit ihnen verglichen zu sehen.“

Jim machte eine etwas geringschätzige Handbewegung. Tims große Nase wackelte auf und nieder; sie bewegte sich nach rechts und links; sie gebärdete sich wie ein ganz selbständiges Wesen, welches in Zorn geraten ist. Er rieb sie leise mit dem Zeigefinger, als ob er sie beruhigen wolle, und sagte dabei in einem zur Freundlichkeit gezwungenen Tone:

„Wenn das so ist, Master, dann kommen wir freilich nicht in die Lage, euch zu beleidigen, denn es kann uns gar nicht einfallen, einen Vergleich zwischen euch und ihnen zu ziehen. Diese beiden Roten haben sich geradezu wie Helden benommen, wenigstens der eine von ihnen, den wir für den jüngeren halten. Es ist gar nicht möglich, so unerfahrene Leute, wie ihr seid, mit ihnen zu vergleichen. Sie stehen hoch, sehr hoch über euch. Haltet euch um Gottes willen nicht für bessere Menschen als sie! Die Weißen sind in das Land gekommen, um die eigentlichen Besitzer desselben, die Indianer, aus demselben zu verdrängen. Es sind Ströme von Blut und Brandy vergossen worden, unter denen der Nationenmord bewerkstelligt wurde. Gewalt, List, Betrug, Wortbrüchigkeit haben unausgesetzt daran gearbeitet, die Scharen, welche die Prairien bevölkerten, zu dezimieren. Man jagt sie von Ort zu Ort, von Station zu Station, von Territorium zu Territorium. Kaum hat man ihnen ein neues Gebiet angewiesen, auf welchem sie in Ruhe und Frieden leben dürfen sollen, findet man irgend einen Grund, sie wieder auf- und fortzujagen. Man verkauft ihnen Schwerspat als Mehl, Kohlenstaub als Pulver, Kinderflinten als Bärenbüchsen. Wollen sie sich das nicht gefallen lassen, so nennt man sie Empörer und schießt sie in Masse nieder. Diese Armen haben nur die Wahl, entweder sich bis zur Stupidität bedrücken zu lassen oder bis zum letzten Lebenshauche gegen die vernichtende Habsucht der Eroberer zu kämpfen. Ergeben sie sich in ihr Schicksal, so nennt ihr sie stumpfsinnig und indolent. Wehren sie sich ihrer Haut, so heißt ihr sie Räuber und Mörder, welche man ohne Gnade und Barmherzigkeit ausrotten müsse. Es geht hier gerade wie unter den wilden Tieren zu: eins frißt das andere auf, und das stärkste sagt: Ich habe recht! Ich aber sage euch, Mesch’schurs, daß ich unter diesen Verachteten und Verfolgten Männer kennen gelernt habe, von denen einer zehnmal mehr wert war, als ihr alle sechs und noch hundert Dutzend eurer Art dazu. Ihr selbst habt die Roten zu dem gemacht, was sie jetzt sind; ihr habt alles das, was ihr an ihnen tadelt, auf dem Gewissen. Redet mir also ja nicht gegen sie, sonst kann mich der Grimm übermannen, und ihr habt es dann mit mir zu thun!“

Er hatte sich in einen heiligen Zorn hineingeredet und legte bei seinen letzten Worten die Büchse auf Gibson an, als ob er ihn erschießen wolle. Dieser sprang schnell zur Seite und rief erschrocken:

„Halt, Sir! Wollt Ihr mich etwa ermorden?“

„Nein, jetzt noch nicht. Aber wenn Ihr noch einmal sagt, daß die Indsmen verachtet werden müssen, so kann es leicht geschehen, daß meine alte Flinte losgeht, ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen. Wenn Ihr Euch mit solchen übermütigen Redensarten von außen um mich herumschlängelt, so könnt Ihr auf alles rechnen, nur auf meine Freundschaft nicht!“

„Was das betrifft, so haben wir Euch auch noch gar nicht um dieselbe gebeten,“ antwortete Gibson trotzig. „Wir brauchen Euch nicht, denn wir sind freie, selbständige Männer, welche sehr gut wissen, was zu ihrem Besten dient.“

„Das scheint mir aber gar nicht so! Ihr sagt z. B., daß Ihr nicht nötig habt, Euch um das, was hier geschehen ist, weiter zu bekümmern. Wenn Ihr so denkt, so könnt Ihr sehr bald gezwungen werden, in einen Grashalm zu beißen, an dem Ihr sterben müßt.“

„Oho! Meint Ihr, daß wir uns vor anderen Leuten fürchten sollen?“

„Ja, das meine ich. Ihr seid für den Westen noch viel zu grün.“

„Hört, solche Beleidigungen müssen wir uns auf das strengste verbitten! Wir sind von New Orleans bis hierher gekommen, und ich denke, daß wir auch noch weiter kommen werden.“

„Von New Orleans bis hierher?“ lachte Jim. „Soll das etwa eine bedeutende Leistung sein? Das thut jeder zwölfjährige Knabe. Ich sage Euch, daß die Gefahr erst hier beginnt. Wir befinden uns an der Grenze, wo allerlei Volk sein Wesen treibt, welches sich aus fremdem Eigentum zwar sehr viel, aus dem Leben anderer aber desto weniger macht. Und jenseits der Llano beginnt das Gebiet der Komantschen und Apatschen, welche um so mehr zu fürchten sind, als sie untereinander in Unfrieden leben und gerade jetzt die Kriegsbeile ausgegraben haben. Wer sich leichtsinnig zwischen solche Mühlsteine wagt, der wird leicht zermahlen. Hier an dieser Stelle sind weiße Räuber und rote Krieger zusammengetroffen. Das kann uns ganz und gar nicht gleichgültig sein. Sehen wir auch von den Weißen ab, so müssen wir uns doch fragen, was die Indianer hier gewollt haben. Wenn zwei Redmen sich so allein ins Land hereinwagen, so steht in zehn Fällen neunmal zu erwarten, daß sie Kundschafter seien, welche die Aufgabe haben, für einen Kriegszug das Terrain zu rekognoszieren. Mir kommt die Sache gar nicht so geheuer vor wie Euch. Ich kenne weder den Zweck noch das Ziel Eures Rittes; wir aber wollen über die Llano hinüber, und da gilt es nun, die Augen aufzumachen, sonst kann es einem passieren, daß man sich des Abends lebendig niederlegt und dann früh nach dem Erwachen als traurige Leiche nach Hause laufen muß.“

„Was unseren Weg betrifft, so wollen auch wir über die Llano.“

„So? Und wohin darin?“

„Nach Arizona.“

„Ihr waret jedenfalls noch nie drüben?“

„Nein.“

„Hört, nehmt es mir nicht übel, aber das ist eine Unvorsichtigkeit von euch, welche gradezu ihresgleichen sucht! Ihr haltet die Llano wohl für eine hübsche, allerliebste Gegend, über welche man sich nur so hinüberschlängeln kann?“

„O nein, so dumm sind wir freilich nicht. Wir kennen ihre Gefahren ganz genau.“

„Woher denn?“

„Wir haben davon gehört und auch darüber gelesen.“

„So, so! Hm, hm! Gehört und gelesen! Das ist grad‘ so, wie wenn einer gehört und gelesen hat, daß Arsenik giftig sei, und dann glaubt, ohne Schaden ein ganzes Pfund davon verschlingen zu können. Seid ihr denn nicht wenigstens auf den klugen Gedanken gekommen, euch einen Führer zu nehmen, weicher mit den Plains und ihren Gefahren vertraut ist?“

Jim meinte es sehr gut mit den Fremden; dennoch rief Gibson zornig:

„Ich bitte Euch sehr, uns nicht in dieser Weise schulmeistern zu wollen! Wir sind Männer, verstanden! Übrigens haben wir einen Führer.“

„Ach so! Wo denn?“

„Er ist uns vorausgeritten.“

„Das ist freilich eine ganz eigenartige Weise, jemanden zu führen. Wo wartet dieser Mann denn auf euch?“

„In Helmers Home.“

„So! Wenn das der Fall ist, so mag es ja sein. Helmers Home werdet ihr sehr leicht finden. Und wenn es euch recht ist, so könnt ihr euch uns anschließen, denn auch wir wollen dort hin. Dürfen wir vielleicht erfahren, wer dieser euer Führer ist?“

„Er ist ein sehr berühmter Westmann, wie uns versichert wurde, und hat die Llano bereits mehrere Male durchkreuzt. Seinen eigentlichen Namen hat er uns nicht gesagt; er wird gewöhnlich nur der Juggle-Fred genannt.“

Good lack, der Juggle-Fred!“ rief Jim. „Ist das wahr, Sir?“

„Gewiß! Kennt Ihr ihn?“

„Persönlich nicht, aber gehört haben wir sehr oft und sehr viel von ihm.“

„Was ist er für ein Mann?“

„Ein höchst tüchtiger Kerl, dessen Führung ihr euch ruhig anvertrauen könnt. Ich freue mich darauf, ihn endlich einmal von Angesicht zu Angesicht sehen zu können. jedenfalls reiten wir dann zusammen, denn auch wir beide wollen hinüber nach Arizona.“

„Auch ihr? Weshalb?“

„In einer Privatangelegenheit,“ antwortete Jim zurückhaltend.

„Bezieht sich diese Angelegenheit etwa auf die Diamanten, welche jetzt dort gefunden werden?“

„Vielleicht.“

„So passen wir nicht zusammen.“

„Wieso?“

„Weil wir in derselben Angelegenheit hinüber wollen. Ihr seid also unsere Konkurrenten.“

„Folglich wollt ihr nichts von uns wissen?“

„So ist es!“

Er sagte dies in einem sehr bestimmten Tone und betrachtete die Brüder dabei mit einem beinahe feindseligen Blicke. Jim lachte laut auf und rief:

„Das ist lustig! Ihr seid eifersüchtig auf uns? Das ist wieder ein sehr klarer Beweis, daß ihr grün im Westen seid. Meint ihr denn, die Diamanten liegen in Arizona nur so auf der Erde herum, daß man nichts zu thun hat als sich zu bücken, um sie aufzuheben? Schon die Goldsucher müssen sich zusammenthun, wenn sie gute Erfolge erzielen wollen, und die Diamond-Boys haben es noch viel nötiger, sich zusammenzuschließen. Ein einzelner geht zu Grunde.“

„Wir sind bereits sechs und haben genug Geld bei uns, um nicht zu Grunde zu gehen.“

„Hört, sagt das keinem anderen! Wir sind ehrliche Leute, von denen ihr nichts zu fürchten habt. Andere aber würden wohl dafür sorgen, daß ihr euer vieles Geld nicht weit zu schleppen braucht. Wenn ihr aber meint, es sei das höchste der Gefühle, mit leeren Taschen umkehren zu müssen, so erzählt es in Gottes Namen weiter; ich habe nichts dagegen. Daß ihr nichts von unserer Begleitung wissen wollt, ist uns sehr gleichgültig. Wir wollen es euch anheimstellen, uns wenigstens bis nach Helmers Home Gesellschaft zu leisten. Ihr könnt diesen Ort heute nicht erreichen und müßt also im Freien übernachten. Da ist es gut, Leute bei sich zu haben, welche im wilden Westen zu Hause sind.“

„Wann brecht ihr hier auf?“

„Sofort natürlich.“

„Ich will meine Kameraden fragen.“

„Das ist eigentlich eine Beleidigung für uns, gleichviel, ob ihr es aus Mißtrauen oder aus geschäftlicher Eifersucht thut. Doch mögt ihr immerhin eine heimliche Konferenz halten; wir werden euch nicht stören. Macht, was ihr wollt.“

Er ging langsam zu seinem Maultiere und stieg auf. Tim that dasselbe; dann ritten sie in ruhigem Schritte fort, den Spuren nach, welche nach Westen führten.

Die anderen blieben eine kurze Weile zurück, um zu beraten, dann folgten sie den beiden nach. Als sie diese erreicht hatten, drehte Jim sich nach ihnen um und fragte:

„Nun, was habt ihr beschlossen?“

„Wir reiten bis Helmers Home mit euch, aber auch nur bis dorthin.“

„Sehr gütig von euch. Mit so herablassenden Leuten zu reiten, ist das höchste der Gefühle.“

Er wendete sich wieder ab, und von jetzt an thaten die Brüder ganz so, als ob sie gar niemand hinter sich hätten.

Sie ließen ihre Pferde schneller ausgreifen und hingen dabei nach echter Westmannsart im Sattel, vornüber gebeugt, scheinbar schläfrig und laß, als ob sie gar nicht reiten könnten. Die sechs anderen Reiter hingegen befleißigten sich einer so regelrechten Haltung, als ob sie Schulpferde einzureiten hätten.

„Seht nur die beiden Kerls!“ sagte Gibson zu seinen Begleitern. „Sie können nicht reiten; das sieht man doch deutlich genug. Und da wollen sie Westmänner sein? Ich mag es nicht glauben.“

„Ich auch nicht,“ stimmte ein anderer bei. „Wer so im Sattel sitzt wie sie, der darf mir nicht weismachen, daß er den Westen kennt. Die Geschichte von dem Spurenlesen, welche sie uns vormachten, war jedenfalls nur Schwindel. Seht nur ihre Gesichter an! Diese Nasen! Ich habe noch nie so abstoßende Physiognomien gesehen. Und da soll man diesen Kerls Vertrauen schenken?“

„Davon ist keine Rede! Und nun gar sie mit uns nach Arizona nehmen! Daß wir dumm wären! Der Kerl fuhr förmlich auf, als ich von unserem Gelde sprach. Er stellte sich so unendlich ehrlich, jedenfalls nur, weil wir sechs sind und sie zwei. Wollen uns beim Schlafen in acht nehmen, damit sie nicht etwa früh mit unserem Gelde fortreiten, und wir als Leichen liegen bleiben. Ihr ganzes Auftreten läßt ja vermuten, daß sie vor nichts zurückschrecken.“

„Vielleicht ist’s doch besser, wir reiten auch nicht einmal bis Helmers Home mit ihnen. Warum wollen wir uns in eine Gefahr begeben, wenn wir das gar nicht nötig haben?“

„Ganz richtig! Wenn es zu dunkeln beginnt, bleiben wir zurück. Des Nachts wachen wir dann abwechselnd, um nicht überfallen zu werden. Das wird das allerbeste sein. Es war geradezu eine Frechheit von ihnen, uns grün zu nennen. Wir sind es unserer Ehre schuldig, ihnen zu zeigen, daß wir nichts mit ihnen zu thun haben wollen.“

Indessen traten die bereits erwähnten Höhen immer näher. Der Boden wurde steinigt, und Jim und Tim beugten sich immer tiefer, weil die Fährte nun nicht mehr leicht zu erkennen war. Da plötzlich hielt der erstere sein Pferd an, deutete mit der Hand vorwärts und sagte:

„Schau einmal dort, alter Tim! Was für Geschöpfe mögen die wohl sein, welche da beisammenstehen?“

Tim beschattete seine Augen mit der Hand, obgleich die Sonne ihn nicht blenden konnte, denn sie war hinter dem westlichen Horizonte verschwunden. Nachdem er den betreffenden Punkt eine Zeit lang scharf fixiert hatte, antwortete er:

„Das sind zwei sehr bekannte Arten von Kreaturen, nämlich fünf Pferde und ein Mensch, welche ersteren wohl mehr wert sind als der letztere.“

„Ja, ja, fünf Pferde. Dazu gehören natürlich auch fünf Reiter, und da nur einer zu sehen ist, möchte ich gerne wissen, wo die anderen vier stecken.“

„Ich rechne, daß sie wohl nicht weit entfernt sein werden. Wenn wir noch ein Stück weiter reiten, können wir sie vielleicht sehen. Jetzt ist die Entfernung noch zu groß, einen einzelnen Menschen genau und deutlich zu erkennen.“

„Ja, machen wir also noch ein Stückchen vorwärts!“ Und indem er sein Pferd wieder in Bewegung setzte, fügte er hinzu: „Daß es gerade fünf Pferde sind, gibt uns zu denken. Meinst du nicht auch?“

„Natürlich! haben mich meine Augen nicht getäuscht, so sind es jene Fünf, welche die Indianer verfolgen. Wir haben also wohl die Weißen vor uns, von denen einer erschossen wurde. Und jetzt ist es mir auch ganz so, als ob ich da draußen und da drüben so etwas Menschliches am Boden umherkrabbeln sähe. Betrachte einmal die sich bewegenden Punkte dort!“

Was er Punkte nannte, waren vier Männer, welche, in gleichmäßigen Distanzen voneinander entfernt, eine gerade Linie bildeten und sich langsam nach derselben Richtung fortbewegten.

„Das sind die anderen Vier, welche zu den Pferden gehören,“ meinte Jim. „Sie befinden sich auf felsigem Boden und suchen die Spur der Indianer, welche ihnen ausgegangen ist. Nach dem Vorsprunge zu urteilen, welchen sie vor uns hatten, müssen sie schon längere Zeit damit beschäftigt sein. Das ist ein sicheres Zeichen, daß sie keine allzu guten Fährtenleser sind. Jetzt haben sie uns gesehen. Siehst du, daß sie nach ihren Pferden rennen? Es sollte mich freuen, wenn die Indianer ihnen entkämen. Was ich dazu beitragen kann, wird gern geschehen.“

„Und wie verhalten wir uns gegen sie?“

„Hm! Schurken sind sie; das ist sicher und gewiß; wir müssen ihnen um unserer eigenen Sicherheit willen ein wenig auf die Finger sehen; doch scheint es mir nicht geraten zu sein, uns gar zu eifrig um ihre Angelegenheit zu kümmern. Es ist besser, wir lassen es ihnen gar nicht merken, was wir von ihnen denken. Solange sie sich uns nicht feindlich zeigen, können auch wir friedfertige Gesichter machen. Vorwärts also! Sie erwarten uns.“

Auch die sechs Diamond-Boays hatten jetzt die Pferdegruppe gesehen und hielten sich infolgedessen nun wieder nahe zu den beiden Brüdern. Sie fühlten sich also doch in Gesellschaft derselben sicherer als allein.

Die fünf fremden Männer standen bei ihren Pferden und hielten die Gewehre schußfertig in den Händen. Einer von ihnen rief den Nahenden, als dieselben auf vielleicht sechzig Schritte herbeigekommen waren, in gebieterischem Tone zu:

„Halt, sonst schießen wir!“

Jim und Tim ritten trotzdem weiter; die sechs anderen aber hielten gehorsam an.

„Halt, sage ich!“ wiederholte der Mann. „Noch einen Schritt, so bekommt ihr unsere Kugeln!“

„Unsinn!“ lachte Jim. „Ihr werdet euch doch nicht vor zwei friedfertigen Menschen fürchten. Behaltet eure Kugeln! Wir haben auch welche in unseren Läufen.“

Die Fünf schossen nicht, vielleicht weil sie wirklich keine Besorgnis hatten und mit ihrer Drohung nur bramarbasieren wollten, vielleicht aber auch weil die ruhige, sichere Haltung der beiden Brüder einen imponierenden Eindruck auf sie machte. Sie ließen die beiden herankommen, legten aber ihre Gewehre nicht ab.

Derjenige von ihnen, welcher den Befehl ausgesprochen hatte, war eine breitschulterige, untersetzte Gestalt. Ein dichter, schwarzer Vollbart bedeckte den unteren Teil seines Gesichtes, so daß die Lippen nicht gesehen werden konnten; doch war seiner Aussprache anzuhören, daß er eine Hasenscharte haben müsse.

Als die Snuffles nun vor ihm anhielten, sagte er in zornigem Tone:

„Wißt ihr nicht, was hier im Westen Regel und Sitte ist? Wer angerufen wird, hat stehen zu bleiben, verstanden! Ihr verdankt es nur unserer Nachsicht, daß ihr noch lebt.“

„Schneide nicht so auf, Mann!“ antwortete Jim. „Wem habt denn ihr es zu verdanken, daß ihr noch lebt? Auch wir haben Gewehre. Die Sitte des Westens kennen wir sehr genau; sie lautet: Schieße jeden, der das Gewehr auf dich anlegt, sofort nieder! Ihr habt eure Schießhölzer gegen uns erhoben, und wir haben euch nur deshalb nicht nach der Regel geantwortet, weil wir gleich gesehen haben, daß ihr nicht die Leute seid, denen man einen guten, sicheren Schuß zutrauen kann. Eure Kugeln wären ganz gewiß meilenweit an uns vorüber geflogen.“

Thunder-storm! Da irrt ihr euch gewaltig. Wir schießen auf hundert Schritte einer Fliege den Kopf vom Rumpfe; das laßt euch gesagt sein! In welcher Absicht treibt ihr euch denn eigentlich in dieser Gegend herum?“

„Das könnt ihr euch doch denken! Wir wollen die nächste Sonnenfinsternis sehen, welche hier am besten zu beobachten sein soll.“

Der Bärtige wußte nicht, wie er diese in sehr ernstem Tone vorgebrachte Antwort aufzunehmen habe. Er machte ein sehr zweifelhaftes Gesicht und fragte:

„Wann soll sie denn sein?“

„Heute abend zwölf Uhr fünf Minuten elf Sekunden. Ich sage euch, so eine Sonnenfinsternis um Mitternacht ist das höchste der Gefühle!“

„Mann, wollt ihr uns foppen?“ brauste der andere auf. „Wir werden euch die Lust dazu sehr schnell vertreiben. Wir stehen nicht hier, um uns von euch an den Nasen ziehen zu lassen. Die eurigen sind geeigneter dazu als die unserigen. Nehmt euch in acht, daß wir euch nicht daran fassen!“

„O,“ lachte Jim, „das mögt ihr immerhin thun. Wir haben nichts dagegen. Nur muß ich euch da warnen: Unsere Nasen sind nämlich geladen, wie ihr ihnen leicht ansehen werdet. Sie gehen bei der geringsten Berührung los und sind in dieser Beziehung weit und breit gefürchtet. Oder solltet Ihr noch nichts von den beiden Snuffles gehört haben, Sir?“

„Snuffles? Die beiden Snuffles seid ihr?“ rief er aus. „Alle Teufel! ja, wir haben viel von euch gehört. Jim und Tim, Tim und Jim, das sollen ein paar so verteufelt drollige Burschen sein, daß ich mich immer gesehnt habe, ihnen einmal zu begegnen. Es freut mich ungemein, diesen Wunsch jetzt in Erfüllung gehen zu sehen. Eure Nasen sollen die allerschönsten Affensprünge machen können. Hoffentlich macht ihr uns den Spaß, uns hier eine Komikervorstellung zu geben. Ihr werdet an uns ein aufmerksames und dankbares Publikum finden. Wir bezahlen gut, fünf Cents pro Mann und einen Cent pro Pferd.“

„Das läßt sich hören! So eine Einnahme konnten wir hier in diesem Zirkus kaum erwarten. Wir produzieren uns aber stets nur bei Sonnenfinsternis. Ihr werdet also wohl bis zwölf Uhr nachts zu warten haben. Wollt ihr euch aber nicht bis dahin gedulden, so schlagt euch selbst einige Purzelbäume. Das dazu gehörige Talent besitzt ihr sicher, denn euer Aussehen läßt vermuten, daß ihr erst ganz kürzlich aus einem Affenhause entsprungen seid.“

„Mann, wagt nicht zu viel! Einen Spaß machen wir uns zwar gern, uns selbst aber geben wir nicht dazu her!“

„So, dann gehört ihr also zu den feineren Pavians. Das sieht man euch aber leider nicht an, und ihr werdet mich also wohl entschuldigen. Darf man vielleicht erfahren, welche Namen ihr von euern geehrten Eltern erhalten habt?“

Diese Worte wurden mit so herzgewinnender Freundlichkeit gesprochen, daß der Bärtige darauf verzichtete, noch gröber als bisher zu werden. Er antwortete:

„Ich heiße Stewart. Die Namen meiner Genossen mögen ungenannt bleiben. Ihr würdet sie Euch doch nicht merken können, da Euer Kopf in einer sehr traurigen Verfassung zu sein scheint. Wo kommt ihr denn eigentlich her?“

„Aus der Gegend, welche hinter uns liegt.“

„Und wo wollt ihr hin?“

„Nach der Gegend, welche vor uns liegt.“

„So! Das ist sehr geistreich geantwortet. Ich habe mich also in Beziehung auf Euer armes Gehirn nicht geirrt. Wie es scheint, wollt ihr nach Helmers Home reiten?“

„Ja, da es nicht zu uns kommt, müssen wir zu ihm. Wollt ihr mit?“

„Danke sehr! Es wäre sehr unvorsichtig von uns, mit euch zu reiten, da Dummheit ansteckend sein soll.“

„Nur dann steckt sie an, wenn die Anlage dazu bereits vorhanden ist, was ich bei euch ganz und gar nicht bezweifle. Wir sahen von weitem, daß ihr euch den Erdboden so genau betrachtetet. Was habt ihr denn gesucht? Sind hier vielleicht Hundertdollarsnoten zu finden?“

„Das nicht. Wir suchten Esels und haben nun in euch zwei ganz riesige gefunden. Denn nur ein Esel kann in der Weise fragen wie ihr. Habt ihr denn die Fährte nicht gesehen, welche immer gerade vor euren Nasen hergelaufen ist?“

„Was geht uns diese Fährte an! Wir haben nichts mit ihr zu schaffen. Sie stammt jedenfalls von Leuten, welche nach Helmers Home geritten sind. Wir werden diesen Ort auch ohne die Spuren finden.“

„Seid ihr an der Leiche vorüber gekommen, welche dort hinten liegt?“

„Ja.“

„Was denkt ihr über diesen Fall?“

„Daß sie tot ist. Und was tot ist, das beißt uns nicht. Wenn andere sich die Hälse brechen, so mögen sie es immerhin thun; uns stört das nicht.“

Stewart warf einen langen, forschenden Blick auf Jim und Tim. Er schien der Gleichgültigkeit, welche der erstere in Beziehung auf die Leiche zeigte, doch nicht recht zu trauen. Die Snuffles waren als sehr tüchtige Westmänner bekannt; sollten sie wirklich an dem Toten vorüber geritten sein, ohne denselben genau untersucht zu haben und ohne dann Mißtrauen und Verdacht zu hegen? Als er in ihren offenen, ehrlichen Gesichtern auch nicht die leiseste Spur einer üblen Meinung bemerkte, sagte er:

„Auch wir haben den Mann und sein Pferd liegen sehen. Es wäre schade um den Sattel und das Zaumzeug des Pferdes gewesen, es hegen und verfaulen zu lassen. Darum haben wir beides mitgenommen. Ihr werdet das wohl nicht für einen Diebstahl erklären?“

„Fällt uns gar nicht ein! Wären wir vor euch gekommen, so hätten wir ganz dasselbe gethan.“

„Ganz recht. Wir folgten dann der Pferdespur, obgleich sie nicht nach unserer Richtung führte. Hier haben wir sie verloren und uns bisher vergeblich bemüht, sie wieder zu finden.“

„Das wundert mich. Ein Westmann muß doch eine verlorengegangene Fährte wieder finden können!“

„Das ist freilich wahr. Wäre der Felsboden von geringerem Umfange, so könnte man ihn umreiten und müßte die Spur da finden, wo sie wieder weiche Erde berührt; aber der Stein erstreckt sich von hier aus stundenweit nach Süd, West und Nord. Die Untersuchung würde mehrere Stunden erfordern, und dazu gibt es jetzt nicht mehr die Zeit, da die Nacht bald hereinbrechen wird. Wir haben uns also entschlossen, die Nachforschung aufzugeben und werden unseren früheren Weg einschlagen.“

„Wohin führt euch derselbe?“

„Wir wollen hinunter nach Fort Chadburne.“

„Das liegt am Rande der Llano. Wollt ihr dann vielleicht hinüber?“

„Ja. Wir möchten nach El Paso und dann weiter ins Arizona.“

„Um Diamanten zu holen?“

„O nein. Von diesem Fieber lassen wir uns nicht ergreifen. Wir sind ehrliche und bescheidene Farmer und haben Verwandte drüben, welche bemüht gewesen sind, uns gutes Land zu besorgen. Das werden wir bebauen; die Edelsteine mögen andere suchen. Eine Farm bringt langsamer aber desto sicherer Früchte.“

„Jedem nach seinem Belieben! Da ihr nur Farmer seid, so wundert es mich nicht, daß ihr die Fährte nicht wiederfindet. Ein tüchtiger Scout würde wohl nicht lange vergeblich nach ihr suchen.“

„Nun, ihr seid ja als Scouts bekannt. Sucht doch einmal! Ich bin neugierig, zu sehen, ob ihr sie finden werdet.“

& Er sagte das in höhnischem Tone; aber Jim antwortete ruhig:

„Das können wir leicht thun, obgleich wir uns für die Sache sonst gar nicht interessieren. Ihr sollt nur den Beweis bekommen, daß wir finden, was wir suchen.“

Er stieg ab, und Tim that dasselbe.

Beide begannen, den Platz in einem weiten Kreise zu umschreiten. Ein leiser Pfiff rief die Maultiere hinter ihnen her, welche ihren Herren wie Hunde folgten. Die Brüder trauten der Gesellschaft zu wenig, als daß sie ihre Tiere hatten zurücklassen mögen.

Die Diamond-Boys waren nach den ersten gewechselten Worten auch herangekommen und hatten der Unterredung schweigend zugehört. jetzt, nachdem die Snuffles sich entfernt hatten, fragte Stewart:

„Ihr seid mit diesen zwei Nasenmenschen gekommen, scheint aber nicht zu ihnen zu gehören. Wollt ihr uns darüber eine Aufklärung geben?“

„Gern,“ antwortete Gibson. „Wir trafen mit ihnen an der Leiche zusammen, doch hat ihr Betragen uns keineswegs veranlaßt, Freundschaft mit ihnen zu schließen.“

„Daran habt ihr recht gethan. Die Snuffles stehen keineswegs in gutem Rufe. Natürlich hüte ich mich, ihnen das ins Gesicht zu sagen. Man hat uns vor ihnen gewarnt. Sie sollen die Zubringer machen für die Raubgesellschaften, welche die Reisenden in der Llano überfallen. Erst kürzlich sind wieder vier Familien getötet und ausgeraubt worden, und zwar ganz hier in der Nähe. Daß die Snuffles sich hier herumtreiben, läßt sehr vermuten, daß sie an dieser Unthat beteiligt waren und nun nach neuen Opfern suchen. Uns aber sollen sie nicht bekommen!“

„Dachte es mir! Ich habe ihnen gleich vom ersten Augenblicke an nicht getraut. Sie wollten uns verlocken, mit ihnen zu reiten.“

„Wohin?“

„Nach Helmers Home und dann durch die Llano bis nach Arizona.“

„Das laßt ja bleiben, Sir! Ihr würdet nicht hinüber kommen. Geht ihr nach Arizona, um nach Diamanten zu suchen?“

„Kaufen wollen wir welche, suchen aber nicht.“

Stewart warf seinen Gefährten einen schnellen, bezeichnenden Blick zu und bemerkte dann in möglichst gleichgültigem Tone:

„Da werdet ihr keine großen Geschäfte machen, Sir. Ein Diamantenkäufer muß Geld haben, und zwar sehr viel Geld.“

„Das haben wir natürlich.“

„Aber die Verbindung zwischen Arizona und Frisco‘ ist sehr unzuverlässig. Ich nehme natürlich an, daß ihr euer Geld von Frisco aus geschickt bekommt. Da könnt ihr es sehr leicht gerade dann nicht haben, wenn ihr es am notwendigsten braucht. Auch wir haben bedeutende Summen für das angekaufte Land zu bezahlen; aber anstatt es uns von Frisco aus anweisen zu lassen, haben wir es lieber gleich bar mitgenommen. Das ist viel sicherer.“

„Nun, ihr seid nicht die einzigen, welche so klug gewesen sind. Auch wir tragen unser Geld bei uns.“

„Das ist sehr gescheit. Man muß es aber sehr gut verbergen, denn man weiß nicht, was geschehen kann. Wir haben es in unsere Kleider genäht; da soll es einmal ein Llano-Mann finden! Ich traue, wie bereits gesagt, diesen Snuffles nicht. Sie wissen, wohin wir wollen und werden sich beeilen, es ihren sauberen Kumpanen mitzuteilen, um uns auflauern zu lassen. Wir werden aber so klug sein, nun nicht nach Fort Chadburne zu reiten, sondern eine ganz andere Richtung einschlagen. Ich rate euch, dasselbe zu thun und euch einem tüchtigen und umsichtigen Führer anzuvertrauen.“

„Das haben wir bereits gethan. Er wartet in Helmers Home auf uns.“

„Wer ist er?“

„Er wird Juggle-Fred genannt.“

„Juggle-Fred?“ rief Stewart in gut gespieltem Schreck. „Seid Ihr des Teufels, Sir?“

„Wieso des Teufels?“

„Weil dieser Mensch ein anerkannter Gauner ist. Sein Name muß es Euch ja schon sagen! Er treibt allerlei betrügerische Künste und ist als falscher Spieler weit und breit bekannt. Ich schwöre sogar darauf, daß er ein Verbündeter der beiden Snuffles ist.“

„Diese behaupten aber, ihn noch gar nicht gesehen zu haben!“

„Und das glaubt Ihr ihnen? Sir, nehmt es mir nicht übel, aber das ist kein Zeichen großer Klugheit von Euch! Natürlich verleugnen sie ihn; aber er befindet sich in Helmers Home, und sie wollen auch dorthin. Es ist doch klar, daß sie sich dort treffen wollen! Dann reitet ihr mit ihnen fort, und in der Llano estakata werdet ihr dann kalt gemacht. Ihr geht uns gar nichts an, aber ich will meine Pflicht thun und euch warnen.“

Er sagte das in so treuherziger und besorgter Weise, daß Gibson sich täuschen ließ. Der letztere schüttelte verlegen den Kopf und sagte:

„Das ist uns freilich unangenehm. Wir sind Euch dankbar für die Warnung und wollen auch glauben, daß dieselbe berechtigt sei; aber nun stehen wir ohne Führer da. Wo nehmen wir jetzt einen anderen und zuverlässigen her!“

„Das ist freilich schlimm. Ich begreife überhaupt nicht, daß ihr euch habt nach Helmers Home weisen lassen. Welcher Mensch legt seine Farm so nahe an die gefährliche Llano! Daß er es gethan hat, muß euch doch auf den Gedanken bringen, daß dieser Helmers mit den Bravos in Verbindung steht, welche die Llano unsicher machen! Er hat einen Laden. Er nimmt ihnen ihren Raub ab, und sie tauschen dafür bei ihm alles ein, was sie brauchen. Das ist doch selbstverständlich. Mich brächte kein Mensch nach diesem Hause, welches so gemütvoll und verlockend Helmers Home genannt worden ist. Hinter dieser hübschen Maske verbergen sich die Gesichter einer ganzen Mörderbande.“

„Zounds, Sir, von dieser Seite haben wir uns die Sache freilich nicht betrachtet. Es bleibt uns nichts übrig, als umzukehren und einen anderen Führer zu suchen, denn von diesem Juggle-Fred wollen wir nun freilich nichts mehr wissen. Aber sagt, habt denn ihr einen Führer?“

„Wir brauchen keinen, weil zwei meiner Gefährten da sehr gut Bescheid in der Llano wissen. Auf sie können wir uns verlassen.“

Well! Könnten wir dann da nicht vielleicht mit euch reiten?“

„Das ginge wohl, aber ich mache euch darauf aufmerksam, daß das wieder eine Unvorsichtigkeit von euch ist. Ihr kennt uns nicht.“

„O, man sieht es euch doch sofort an, daß ihr es ehrlich meint, wenn auch die Snuffles uns weismachen wollten, daß ihr Räuber seiet.“

„Haben sie das?“

„Ja.“

„Aus welchem Grunde denn?“

„Sie haben den Ort, an welchem die Leiche lag, sehr genau untersucht. Sie sagten, ihr hättet die beiden Indsmen verfolgt; einer von ihnen sei ermordet worden; der andere habe dann euern Gefährten erschossen, und dieser letztere sei von euch im Gesicht unkenntlich gemacht worden.“

„Alle Teufel! Das sagten sie?“ fragte Stewart betroffen. „Und uns machten sie weiß, sich gar nicht um die Leiche bekümmert zu haben. Da habt ihr den Beweis, daß diesen Lügnern nicht zu trauen ist! So versteckt und hinterlistig handelt kein ehrlicher Mann. Wir sind ganz zufälligerweise an dem Orte vorüber gekommen. Daß wir Sattel und Zaum an uns genommen haben, kann uns niemand verdenken; das ist das Recht der Prairie. Dann habt ihr gesehen, daß wir hier die Fährte untersuchten. Das thut man doch nur der Vorsicht halber. Würden wir es also thun, wenn wir die Mörder wären?“

„Nein, gewiß nicht. Ihr braucht euch gar keine Mühe zu geben, euch zu verteidigen. Wir sehen, daß ihr ehrliche Leute seid, und schenken euch unser vollstes Vertrauen. Sagt also, ob ihr uns erlauben wollt, mit euch zu reiten!“

„Hm!“ brummte Stewart nachdenklich und die Achsel zuckend. „Ich will aufrichtig sein. Wir kennen euch ebensowenig wie ihr uns. Es ist nie geraten, hier im Westen so schnell und ohne vorherige Prüfung Bekanntschaft zu schließen. Es freut uns ja, daß ihr uns Vertrauen schenkt, aber besser ist es doch, wir bleiben für uns, und ihr bleibt für euch. Daraus mögt ihr abermals erkennen, daß wir keine Räuber sind, wie die Snuffies uns genannt haben. Wären wir wirklich solche Spitzbuben, so würden wir euch sehr willkommen heißen und euch mitnehmen, um zu euerm Gelde zu gelangen. Freilich ist mir eure Verlegenheit nicht gleichgültig. Ihr könnt sehr leicht abermals einem Schurken in die Hände fallen, und so will ich euch einen guten Rat erteilen. Wir trafen nämlich auf eine zahlreiche Gesellschaft Auswanderer, welche durch die Llano estakata wollen, um sich drüben anzukaufen. Es sind meist Deutsche aus Böhmen und Hessen. Sie sind bereits gestern von uns fort und wollten heut abend gar nicht weit von hier lagern, weil dann morgen früh an diesem Lagerplatze ihr Führer zu ihnen stoßen will. Es ist das der berühmteste und zuverlässigste Kenner der Llano, ein bescheidener und auch sehr frommer Mann, namens Tobias Preisegott Burton. Schließt euch dieser Karawane an, so seid ihr sicher aufgehoben. Dieselbe besteht aus so vielen wohl bewaffneten Leuten, daß niemand es wagen wird, sie zu überfallen.“

„Meint Ihr? Hm! Sehr gut! Aber wie finden wir diese Leute?“

„Sehr leicht. Wenn ihr von hier aus gerad nach Süden reitet und eure Pferde ein wenig anstrengt, so seht ihr nach ungefähr einer halben Stunde einen einzelnen Bergkegel vor euch liegen, von welchem ein Wässerchen niederläuft, um unten in der kleinen, ostwärts von ihm gelegenen Ebene im Sande zu versiechen. An diesem Wasser lagert die Karawane. Selbst wenn es unterdessen finster wird, könnt ihr sie nicht verfehlen, da ihr aus bedeutender Ferne ihre Lagerfeuer sehen müßt. Wenn ihr diesem Rate folgt so weiß ich euch in guten Händen.“

„Ich danke Euch, Sir! Ihr befreit uns aus einer bedeutenden Verlegenheit. Wir werden natürlich sofort aufbrechen, um uns diesen Deutschen anzuschließen. Der Deutsche pflegt zwar albern, aber auch ehrlich zu sein. Wir reiten auf der Stelle.“

„Was soll ich den Snuffies sagen, wenn sie mich fragen, wohin ihr seid?“

„Sagt, was Ihr wollt und was Euch grad‘ in den Sinn kommt!“

„Gut! Aber ich will euch darauf aufmerksam machen, daß ihr sie über die Richtung, welche ihr einschlagt, täuschen müßt. Thut ihr das nicht, so folgen sie euch nach, und ihr fallt ihnen doch noch in die Hände. Reitet also zum Scheine eine Strecke wieder zurück, bis sie euch nicht mehr sehen können; dann biegt ihr nach Süden um. Wenn sie mich fragen, warum ihr umgekehrt seid, so werde ich schon eine Antwort finden, welche sie zufriedenstellt.“

So war die Sache abgemacht. Die beiden Parteien nahmen so freundlich Abschied von einander, als ob sie alte, langjährige Bekannte seien. Die Diamond-Boys ritten auf ihrer eigenen Fährte zurück, ohne den beiden Snuffles noch ein Wort oder einen Blick zu gönnen. Als sie weit genug fort waren, um die Worte Stewarts nicht mehr hören zu können, wendete sich dieser höhnisch lachend zu seinen Gefährten:

„Die habe ich sehr gut instruiert; sie werden uns sicher in die Hände laufen. Diamanten kaufen! Dazu gehören wenigstens fünfzigtausend Dollars. Ein ganz hübsches Sümmchen, wenn wir es in unsere Taschen stecken! Und was sagt ihr zu diesen Snuffles?“

„Halunken!“ antwortete einer.

„Ja. Was sie für scheinheilige Gesichter machten! Sie thaten ganz so, als ob sie nicht bis drei zählen könnten, und haben doch alles, alles erraten. Das heißt, tüchtige Kerle sind sie! Sie haben die ganze Geschichte auf das Deutlichste aus den Spuren gelesen. Sie wissen sogar, daß es zwei Indianer waren und daß wir unsern Kamerad unkenntlich gemacht haben. Ihr Scharfsinn ist uns sehr gefährlich. Wir müssen sie auf die Seite schaffen.“

„Aber wie, wann und wo? Es bleibt uns ja gar keine Zeit dazu. Wir müssen fort, um die Stangen umzustecken und die Karawane irre zu führen.“

„Hm, ja, viel Zeit haben wir nicht. Wenn wir uns die Beiden jetzt entkommen lassen, ist die schönste Gelegenheit vorüber. In Helmers Home treffen sie den Juggle-Fred und vielleicht gar auch zufälligerweise diesen immer und ewig unerreichbaren Bloody-fox, welcher unser größter und ärgster Gegner ist. Diese vier zusammen sind ganz wohl imstande, uns den Braten, auf den wir rechnen, noch im letzten Augenblicke aus der Pfanne zu nehmen.“

„Schießen wir sie ganz einfach nieder!“

„Das Beste wäre es freilich; aber – –“

Er brummte nachdenklich und unbestimmt vor sich hin.

„Was, aber?“ fragte der Andere. „Meiner Ansicht nach können wir gar nichts Klügeres thun. Wir sind fünf Personen und sie nur zwei. Sie können sich ja überhaupt gar nicht wehren. Sie fallen von unseren Kugeln, ohne nur Zeit zu finden, ihre Gewehre auf uns anzulegen.“

„Meinst du? Da schau doch einmal hin zu ihnen, und sei so gut, auf sie zu schießen! Ich bin neugierig, wie du das anfangen willst.“

Er deutete auf die Brüder, welche noch immer sehr eifrig nach der Fährte zu suchen schienen, ohne sich um die ihnen so gefährliche Gruppe der Anderen zu kümmern. Auch dem Fortreiten der Diamond-Boys hatten sie scheinbar nicht die geringste Aufmerksamkeit zugewendet.

„Verteufelt!“ fluchte der Mann. „Du hast recht. Ich beobachte es erst jetzt, wie schlau die Halunken es anfangen, um nicht von uns getroffen zu werden.“

„Ja, sie halten ihre Tiere Schritt um Schritt so genau zwischen sich und uns, daß wir nur die Bestien treffen müßten, wenn wir schössen. Sie sind in genau dieser Weise im Kreise herumgegangen. Und siehst du nicht, daß sie die rechte Hand stets am Gewehrschlosse haben, während sie mit der Linken die Büchsen zum Anschlage bereit halten? Es darf nur einer von uns auf sie zielen, so fällt er augenblicklich von ihren Kugeln. Das sind teufelsschlaue Kerls, Und ihre Maultiere haben ebenso hundert Satans im Leibe. Es ist, als ob die Tiere es wüßten, daß sie die Aufgabe haben, ihre Herren zu decken. Sie halten ganz von selbst gleichen Schritt mit ihnen und lassen uns keinen Augenblick aus ihren boshaften Augen.“

Es war genau so, wie sie sagten; sie konnten nicht zum Schusse kommen. Und als die beiden Snuffles jetzt ihre Kreissuche beendet hatten, hielten sie im langsamen Näherschreiten ihre Gewehre noch immer so, daß sie augenblicklich schießen konnten. Die Maultiere kamen, als ob sie darauf dressiert seien, was wohl auch der Fall war, hinter ihnen dreingelaufen.

„Was sehe ich? Die Boys sind ja fort!“ rief Jim erstaunt, als ob er das Verschwinden derselben erst jetzt bemerke.

„Schon längst,“ antwortete Stewart. „Da hinten sieht man sie noch reiten.“

„Wohin denn?“

„Zurück, wie Ihr seht.“

„Das sehe ich freilich. Aber sie wollten doch mit uns nach Helmers Home! Warum kehren sie denn um?“

„Weil sie dumme Kerls sind. So eine Unvorsichtigkeit sollte man doch nicht für möglich halten. Denkt Euch nur, sie haben ihr Geld verloren.“

„Ah! Sie hatten Geld?“

„Ja freilich! Der Eine hatte die Brieftasche mit den Scheinen in der Satteltasche stecken. Indem wir auf Euch warteten, bemerkte er, daß die Naht der Satteltasche aufgegangen und das Portefeuille herausgefallen war. Das gab natürlich einen heillosen Schreck. Sie sind augenblicklich umgekehrt, ohne vorher noch mit Euch zu reden. Im Fortreiten riefen sie uns noch zu, Euch zu sagen, daß sie morgen Abend oder spätestens übermorgen Mittag in Helmers Home eintreffen würden, um dann sofort mit dem Juggle-Fred nach der Llano aufzubrechen.“

„Schön! Über den eigentlichen Grund ihres Verschwindens will ich mir den Kopf nicht zerbrechen.“

„Meint Ihr etwa, daß sie uns belogen haben?“

„Sie Euch nicht, aber Ihr uns. Ich habe keine Lust, an die verlorene Brieftasche zu glauben. Unsere Nasen sind groß genug, man braucht uns nicht noch welche dazu zu drehen. Ich bin sehr überzeugt, daß sie eine ganz andere Richtung einschlagen, sobald wir sie aus den Augen verloren haben.“

„Master, Ihr werdet wieder beleidigend!“

„O nein. Ich sage Euch nur meine Gedanken, und Gedanken können niemals beleidigen. Übrigens will ich Euch einen guten Rat erteilen, Master Stewart. Wenn Ihr wieder einmal jemandem eine Weisung gebt, von welcher andere nichts wissen sollen, so fechtet nicht so sehr dazu mit den Armen in der Luft herum, denn unter Umständen sind Gestikulationen ebenso leicht zu verstehen wie Worte!“

„Hätte ich wirklich gestikuliert? Ich weiß nichts davon.“

„Sogar sehr. Ihr habt Eure Arme in der Luft herumgeschleudert, daß ich einige Male befürchtete, sie möchten fortfliegen.“

„So schlimm wird es nicht sein. Übrigens konntet Ihr meine Bewegungen immerhin beobachten. Was wir sprachen, durfte jedermann hören. Es war kein Geheimnis dabei. Wir sprachen von der Fährte, welche wir verloren haben.“

„Ach so! Und da meintet Ihr wohl, daß man sie da unten im Süden wiederfinden werde?“

„Da unten im Süden? Wie kommt Ihr zu dieser Ansicht?“

„Eben infolge Eurer Windmühlenarme. Ihr zeigtet mit der Linken nach Süden und machtet dann mit der Rechten eine Bewegung, als ob Ihr die Umrisse eines Berges zeichnen wolltet. Dann schobt Ihr wieder die Linke so geradehin von Euch ab, was natürlich eine Ebene bedeutete. Später dann deutetet Ihr nach Osten zurück und von da nach Süden hinab. Das war alles so deutlich, daß ich Euch die ganze Geschichte erzählen will.“

„So thut es doch!“

„Sehr gern! Die Boys sind nach Osten zurück und wenden sich jetzt, da ich sie nicht mehr sehen kann, dem Mittag zu. Dort steht rechts ein Berg, an welchen zur linken Hand eine Ebene stößt, nach welcher die Boys reiten sollen. Da sie hier unbekannt sind und Ihr sie trotz der nahenden Dunkelheit hinweiset, kann diese Ebene nicht sehr weit von hier entfernt sein. Ich kenne so einen kleinen, sandigen Plan dort unten. Es fließt ein Wasser vom Berge herab und verschwindet dann im Sande. Man kann von hier aus binnen drei Viertelstunden hinkommen, und ich habe große Lust, für diese Nacht dort mein Lager aufzuschlagen.“

Er sah bei diesen Worten scharf in Stewarts Gesicht; dieser konnte sich nicht ganz beherrschen; es war ihm anzusehen, daß er erschrak.

„Thut, was Ihr wollt, Master, aber erzählt uns keine Romane!“ rief er in grobem Tone. „Wo Ihr schlafen werdet, das ist uns sehr gleichgültig. Ihr thut doch gerade, als ob Ihr die Allwissenheit gepachtet hättet! Sagt uns doch lieber zunächst, ob ihr die Spuren gefunden habt!“

„Natürlich haben wir sie.“

„Wo denn?“

„Kommt mit! Ich werde sie Euch zeigen. Es ist noch hell genug, sie zu erkennen.“

„So geht voran!“

„Das werde ich thun. Aber Tim, mein Bruder, geht hinterdrein.“

„Warum?“

„Um darauf zu achten, ob eure Gewehre nicht etwa auf den Gedanken kommen, eigenmächtige Dummheiten zu machen. Nehmt also eure Schießhölzer in acht! Sollte eins derselben Lust haben, loszugehen, so würde Jims Kugel unbedingt und sofort den Besitzer der Flinte treffen.“

„Master, Ihr werdet uns wirklich fast zu verwegen!“

„O nein. Ich meine es ja nur gut mit euch, indem ich euch warne. Also kommt!“

Er schritt voran, gerade in der Richtung des bisher zurückgelegten Rittes; die anderen folgten, und am Ende schritt Tim, das Gewehr schußbereit im Arme und die Augen scharf auf jede Bewegung der Fünf gerichtet.

Nach kurzer Zeit blieb Jim stehen, deutete zur Erde und fragte:

„Master Stewart, was seht Ihr hier?“

Der Genannte bückte sich, um die bezeichnete Stelle zu betrachten, und antwortete –

„Hier hat ein Steinchen auf dem Fels gelegen und ist unter einem Pferdetritte zermahlen worden.“

„Kann ein solches Steinchen unter einem beschlagenen Hufe so zu Mehl zerrieben werden?“

„Nein. Dieses Pferd ist barfuß gewesen.“

„Also ein Indianerpferd. Kommt weiter!“

Die Erscheinung eines zerriebenen Steinchens wiederholte sich in ganz derselben Weise.

„Das ist natürlich die Spur,“ sagte Jim. „Die gerade Linie zwischen den beiden Steinchen zeigt nach West. Dorthin also ist der Indianer geritten.“

„Indianer? Wie könnt Ihr wissen, daß es ein Indianer war?“ fragte Stewart in sehr anzüglichem Tone.

Pshaw!“ antwortete Jim. „Die albernen Diamond-Boys werden euch sicher gesagt haben, daß ich euch vollständig durchschaue. Wir brauchen also nicht länger Komödie zu spielen. Ihr seid Llano-Raben, und wir sind ehrliche Jäger, denen ihr weder etwas weiß machen noch etwas anhaben könnt. Wodurch ihr es so weit gebracht habt, daß die Boys euch ihr Vertrauen schenken, das will ich nicht fragen. Jedenfalls habt ihr sie riesig angelogen. Was ihr weiter mit ihnen vorhabt, das ist uns sehr gleichgültig. Wir werden auch nicht nach Süden reiten, um sie abermals zu warnen. Sich in die Llano locken und dort töten zu lassen, das scheint für sie das höchste der Gefühle zu sein, und es kann uns nicht einfallen, ihnen dieses Vergnügen zu rauben. Wir haben unsere Pflicht gethan und müssen nun für uns selbst sorgen. Hier an dieser Stelle gehen euer Weg und der unserige auseinander. Ihr werdet eher aufbrechen als wir, und zwar sofort! Reitet eurem Indianer nach; aber hütet euch, einen Gewehrlauf auf uns zu richten! Wir verstehen es sehr wohl, mit Männern eures Schlages umzugehen. Wir haben die Mündungen oben. Noch ein Wort von euch oder gar eine verdächtige Bewegung, so schießen wir! Dreht euch ab von uns; hängt die Gewehre an die Sattelknöpfe, und steigt auf! Lebt wohl, und hütet euch, uns wieder vor die Augen zu kommen!“

Er hatte sich neben Tim gestellt, und beide legten ihre Gewehre an.

„Master Jim!“ rief Stewart in höchstem Zorne. „So bringt ihr uns nicht fort! Wir sind – – –“

„Schurken seid ihr!“ unterbrach ihn Tim mit starker Stimme. „Wir haben vier Schüsse, und ihr seid fünf; den letzten schlagen wir mit dem Kolben nieder. Und nun sage auch ich euch: Demjenigen, der nur noch ein einziges, ein allereinziges Wort sagt, jage ich eine Kugel in den Kopf! Schlängelt euch von außen herum also nur schleunigst weiter! Sehen wir euch in einer Minute noch hier, so ist’s um euch geschehen!“

Das war in einem Tone gesprochen, welcher gar keinen Zweifel zuließ, daß es den beiden ernst sei und daß sie schießen würden. Die Fünf sahen ein, daß ein jeder von ihnen bei der kleinsten Bewegung, welche auf die Absicht des Widerstandes schließen lasse, eine Leiche sein werde. Sie gehorchten in ohnmächtigem Grimme dem an sie ergangenen Befehle, indem sie sich umdrehten, die Flinten an die Sattelknöpfe hingen, aufstiegen und dann, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben, davonritten. Einer von ihnen hatte hinter sich das mehrfach erwähnte Zaum- und Sattelzeug aufgeschnallt.

Erst als sie ihre Pferde eine ganze Strecke weit im scharfen Trabe fortgetrieben hatten, ließen sie die Tiere im Schritte gehen und drehten sich um. Sie sahen Jim und Tim noch an derselben Stelle stehen, jedoch mit jetzt abgenommenen Gewehren.

sdeath!“ knirschte Stewart. „So etwas ist mir noch nicht passiert! Müssen fünf Männer, welche sich vor dem Teufel nicht fürchten, vor diesen beiden langnasigen Affen ausreißen! Aber ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß diese Hunde wirklich beim nächsten Worte auf uns geschossen hätten! Meint ihr nicht?“

Sie stimmten ihm bei.

„Es war wirklich ganz genau so, als ob sie allwissend seien. Sogar aus meinen Handbewegungen errieten die Halunken das Richtige! Wenn man nur wüßte, was sie nun beginnen werden.“

„Das ist doch sehr leicht zu erraten,“ sagte einer.

„Nun, was?“

„Sie werden den Boys nachreiten, um sie abermals zu warnen.“

„Das bezweifle ich sehr. Ihre Warnung wurde bereits einmal in den Wind geschlagen, und die Snuffles sind nicht die Kerls, welche ihren Rat und ihre Hilfe zweimal anbieten. Dennoch aber müssen wir unsere Vorkehrungen treffen. Wir müssen uns nach Süden wenden. Sobald wir die Feuer der Karawane erblicken, halten wir an und ziehen eine Postenlinie, welche nur unser frommer Preisegott Burton passieren darf, wenn er von Helmers Home kommt. Die Auswanderer dürfen natürlich von unserer Anwesenheit nichts ahnen. Kommen die Snuffles ja ganz wider mein Erwarten, so werden sie einfach erschossen. Den Indianer müssen wir nun freilich entkommen lassen, obgleich ich ihm fürs Leben gern sein Pferd abgenommen hätte. Es war unter Brüdern dreihundert Dollars wert, vielleicht gar noch mehr.“

„Eigentlich war es Unsinn, der beiden Pferde wegen mit den Roten anzubinden. Das eine ist nun erschossen und das andere entkommen. Dafür aber haben wir die Snuffles auf unserer Fährte. Sie werden sich in der Nähe niederlegen und morgen früh, sobald es hell geworden ist, unseren Spuren folgen. Da treffen sie auf die Karawane und machen uns das ganze prächtige Geschäft zu nichte.“

„Nein, das werden sie nicht. Sie sind von den Boys beleidigt worden und werden sich nicht weiter um sie kümmern. Jedenfalls reiten sie nach Helmers Home, wo sie ihr Zusammentreffen mit uns erzählen werden. Was dann dort beschlossen wird, das können wir nicht wissen. Es bleibt uns nichts übrig, als Burton zu veranlassen, gleich schon in der Morgendämmerung aufzubrechen und einen tüchtigen Tagemarsch zurückzulegen, damit die Karawane möglichst schnell und weit von hier fortkommt. Wir aber verschwinden natürlich noch viel eher.“

Sie ritten noch eine Strecke geradeaus nach Westen und wendeten sich dann nach Mittag.

Jim und Tim hatten ihre Gewehre nicht eher abgelegt, als bis die Reiter sich außerhalb Schußweite befanden. Dann wendete sich der erstere an den letzteren, zog den Mund noch viel breiter, als er so schon war, und fragte, vergnügt lachend:

„Nun, mein alter Tim, wie gefiel dir das?“

„Grad so ausgezeichnet wie dir,“ antwortete der Gefragte mit einem eben solchen vergnügten Grinsen.

„Ist das nicht das höchste der Gefühle?“

„Das allerhöchste! Wenn solche Kerls vor zwei wackeren Jägern sich von außen herum davonschlängeln müssen wie die Pudels, die in den Milcheimer gefallen sind, so kann man seine Freude darüber haben. Es sollte uns wirklich an das Leben gehen.“

„Ganz sicher! Man sah es ihren Blicken und Bewegungen gar zu deutlich an. Du glaubst doch nicht, daß die Boys ihr Geld verloren haben?“

„Fällt mir nicht ein. Sie sind fort, da hinab nach Süden; warum und wozu, das geht uns nun nichts mehr an. Wir haben sie gewarnt; weiter gibt es keine Verpflichtung für uns. Sie hielten sich für außerordentlich klug und weise. Dieser Gibson hat sogar Jurisprudenz studiert; da sehe ich nicht ein, warum wir ihnen unseren Beistand förmlich nachschleppen sollen. Rennen sie in ihrem Übermute mit den Köpfen in eine Wand, so mögen sie zusehen, ohne unsere Hilfe vollends hindurch und drüben heraus zu kommen. Ich denke, der arme Indsman ist unseres Beistandes bedürftiger und auch würdiger.“

„Gewiß! Suchen wir ihn also auf?“

„Ja. Wir wissen, nach welcher Richtung er ist, da nach rechts hinüber nach der Gegend der alten Silbermine. Die Faxe mit den beiden Steinchen, welche wir selbst zertreten haben, diente ja nur dazu, diese Halunken irre zu leiten. Ich habe die Blutstropfen deutlich gesehen, und es sollte mich wundem, wenn wir den Indsman nicht in der Mine fänden.“

Sie verließen den Ort, jeder sein Maultier hinter sich. Sie stiegen nicht auf, um den Boden genau betrachten zu können, was jetzt seine Schwierigkeit hatte, da der Abend sich schnell niederzusenken begann.

Als sie eine Strecke gegangen waren, sahen sie einen kleinen Gegenstand an der Erde liegen; es war der rote, sorgfältig geschnittene Kopf einer Friedenspfeife. Jim hob denselben auf, steckte ihn zu sich und sagte in befriedigtem Tone:

„Wir befinden uns auf dem richtigen Wege. Dieser Pfeifenkopf ist vom Rohre losgegangen und unbemerkt herabgefallen. Ob er dem alten, verwundeten oder dem jungen Indianer gehört hat, das werden wir bald erfahren.“

„Jedenfalls dem alten. Ein junger Mensch ist schwerlich schon da oben in Minnesota gewesen, um sich in den heiligen Steinbrüchen den Thon zu seinen Pfeifen zu holen.“

„Er kann diese Pfeife auch erbeutet haben. Eine solche darf er in Gebrauch nehmen, nur eine ererbte nicht.“

„Hat jemals ein Indianer eine Pfeife geerbt? Sie wird doch stets mit dem Besitzer begraben.“

„Es gibt Stämme, bei denen das leider nicht mehr so genau genommen wird. Der beglückende Einfluß der lieben, gutherzigen Bleichgesichter macht sich auch in dieser Beziehung geltend. Übrigens dem Totem nach, welches dem Kopfe eingeschnitten ist, scheint der Besitzer ein Komantsche und zwar ein Häuptling zu sein. Gut, daß wir den Dialekt dieser Nation deutlich verstehen. Wir können die beiden anrufen, sonst müßten wir gewärtig sein, bei unserem Nahen von einigen Kugeln begrüßt zu werden, und das ist keineswegs das höchste der Gefühle.“

Der Felsen begann jetzt anzusteigen. Die Beiden hatten links die Bergeswand und rechts eine weithin reichende Menge von Felsentrümmern, zwischen denen kaum ein Mensch, viel weniger aber ein Pferd fortkommen konnte. Da, wo sie schritten, war die einzige passierbare Stelle, und so konnten sie mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß auch die Indianer hier geritten seien.

Dann standen sie vor einer hohen, finsteren Halde klaren Gesteines. Es war der Schutt, welchen man aus der Mine geschafft und vor derselben aufgeworfen hatte. Wie hoch diese Halde sei, konnte man nicht erkennen, da es indessen dunkel geworden war.

Sie schnallten die Zügel lang und befestigten dieselben um zwei schwere, am Boden liegende Steine. Dann begannen sie langsam an der Halde emporzuklettern. Sie gaben sich dabei keine Mühe, Geräusch zu vermeiden, sondern sie sorgten ganz im Gegenteile dafür, daß das Knirschen des Schuttes unter ihren Füßen gehört werde. Aber nach jedem Schritte blieben sie halten, um zu lauschen. Es galt ja, zu erfahren, ob jemand oben sei, der angerufen werden mußte, bevor er sich seines Gewehres bediente.

Während einer solchen Pause des Lauschens vernahmen sie das Geräusch eines Steinchens, welches von oben herabgerollt kam.

„Horch!“ flüsterte Jim. „Es war also ganz richtig, die Indianer da oben zu vermuten. Sie sind auf ihrer Hut. Der Verwundete wird, wenn er überhaupt noch lebt, im Inneren der Mine liegen; der junge Indsman aber hält auf der Halde Wache. Rede ihn an, Tim!“

Tim folgte dieser Weisung, indem er mit vernehmlicher, aber nicht allzu lauter Stimme nach oben rief:

„Tuquoil, omi gay nina; tau umi tsah!“ – junger Krieger, schieße nicht. Wir sind deine Freunde!)

jetzt warteten sie auf Antwort. Es verging eine Weile, dann hörten sie die Frage:

„Haki bit?“ – (wer kommt?)

Das waren nur drei kurze Silben, aber sie reichten vollständig aus, wissen zu lassen, wer da oben stand, denn die beiden Worte waren dem Idiom entnommen, dessen sich die mit ihren früheren Feinden und jetzigen Verbündeten, den Keiowehs, wild umherschweifenden Komantschen bedienen.

„Gia ati masslok akona“ – (zwei gute, weiße Männer), antwortete Tim.

„Bite uma yepe!“ (kommt herauf!) ertönte es nach einer Pause des Überlegens von oben herab.

Sie stiegen vollends empor. Als sie den oberen Rand der Halde erreichten, sahen sie trotz der Dunkelheit eine menschliche Gestalt, welche aufgerichtet vor ihnen stand und das Gewehr auf sie im Anschlag hielt.

„Naba, o nu neshuano!“ (steht, sonst schieße ich!) gebot der Komantsche.

Die beiden erkannten an der Gestalt, daß sie wirklich, wie sie erwartet hatten, einen jungen Indianer vor sich sahen. Tim beruhigte ihn:

„Mein junger, roter Bruder braucht nicht zu schießen. Wir sind gekommen, ihm zu helfen.“

„Sind meine weißen Brüder allein?“

„Ja.“

„Haben sie die Fährte meines Pferdes verfolgt?“

„Wir sind zufälligerweise an den Ort des Kampfes gekommen und haben aus den Spuren gelesen, was geschehen ist. Wir folgten dann deiner Fährte und derjenigen eurer Feinde, um euch gegen sie zu beschützen. Ihr seid tapfere rote Krieger, sie aber sind feige Räuber, welche beschämt vor uns fliehen mußten, obgleich sie mehr Personen waren als wir.“

„Mein Bruder sagt die Wahrheit?“

„Ich lüge nicht. Zum Zeichen, daß wir als deine Freunde kommen, werden wir jetzt alle unsere Waffen vor dir niederlegen, und du magst dann bestimmen, ob wir sie wieder zu uns nehmen sollen oder nicht.“

Sie legten die Messer und Büchsen ab. Er hielt das Gewehr noch immer auf sie gerichtet und sagte:

„Die Bleichgesichter haben Honig auf den Lippen, aber Galle im Herzen. Sie legen die Waffen fort, um Vertrauen zu erwecken; dann aber kommen ihre drei Gefährten nach, um den Tod heraufzubringen.“

„Du hältst uns für zwei von denen, welche euch verfolgt haben. Wir sind sie nicht; du täuschest dich.“

„So sagt mir, wo diese fünf Männer sich befinden! Da ihr der Fährte gefolgt seid, müßt ihr das wissen.“

„Wir haben sie getroffen, als sie unten auf dem Felsen deine Spur suchten, welche sie verloren hatten. Wir sprachen erst freundlich mit ihnen, um sie zu täuschen. Sie vermochten nicht, die Fährte wieder zu entdecken. Wir aber fanden sofort die Blutstropfen, welche der Wunde deines Begleiters entfallen waren; aber wir sagten es nicht, sondern wir machten eine falsche Spur, auf welcher sie dann nach Westen geritten sind. Wir sagten ihnen, daß wir sie für Räuber und Mörder halten, und richteten unsere Gewehre gerade so auf sie, wie du das deinige jetzt auf uns richtest. Da mußten sie schmachvoll von dannen weichen.“

„Warum habt ihr sie nicht getötet?“

„Weil sie uns nichts gethan hatten. Wir schießen nur dann einen Menschen nieder, wenn wir dazu gezwungen sind, um unser Leben zu verteidigen.“

„Ihr redet die Worte der guten Menschen. Mein Herz gebietet mir, euch Vertrauen zu schenken; aber eine andere Stimme fordert mich auf, vorsichtig zu sein.“

„Folge nicht dieser Stimme, sondern derjenigen deines Herzens! Wir meinen es gut mit dir. Frage dich selbst, warum wir zu dir gekommen sein können! Du hast uns nichts gethan; wir können also nicht die Absicht hegen, dir Böses zu erweisen. Wir wissen, daß du verfolgt wirst; wir haben aus den Spuren ersehen, daß dein Begleiter verwundet ist; darum kamen wir hierher, um dir unsere Hilfe anzubieten. Ist dir dieselbe nicht willkommen, so werden wir sofort wieder gehen, denn wir sind es nicht gewöhnt, unseren Beistand jemanden aufzuzwingen.“

Es verging eine kurze Zeit, ohne daß er antwortete. Er schien nachdenken. Dann sagte er:

„Ich brauche eure Hilfe nicht. Ihr könnt gehen.“

„Gut, so werden wir dich verlassen und wünschen dabei, daß du es nicht bereuen mögest.“

Sie nahmen ihre Waffen wieder auf und begannen, an der Halde abwärts zu steigen. Sie waren noch nicht weit gekommen, so hielt Tim den Schritt an und fragte leise:

„Hast du nichts gehört, alter Jim? Es war mir ganz so, als ob da drüben, rechts von uns, ein Stein hinabgekollert sei.“

„Ich habe nichts vernommen.“

„Aber ich sehr deutlich. Sollte sich dort irgend ein Mensch heimlicherweise von außen her um die Halde herumschlängeln? Wir wollen vorsichtig sein.“

Sie stiegen weiter. Als sie dann unten am Fuße der Aufschüttung ankamen, erhob sich plötzlich eine dunkle Gestalt hart vor ihnen vom Boden.

„Halt, Bursche!“ rief Jim, das Gewehr anlegend. „Keinen Schritt von der Stelle, sonst schieße ich!“

„Warum will das Bleichgesicht schießen, da ich doch in freundlicher Absicht gekommen bin?“ ertönte es ihm entgegen.

Er erkannte die Stimme des jungen Indianers, mit welchem sie soeben gesprochen hatten.

„Du bist es?“ fragte er. „Du bist zu gleicher Zeit mit uns herabgestiegen? Also darum hörte Tim den Stein! Dein Fuß hatte ihn aus seiner Lage gestoßen. Was willst du hier?“

„Ich wollte sehen, ob die Rede der weißen Männer Wahrheit sei. Wäret ihr Feinde gewesen, so hättet ihr mich nicht verlassen. Da ihr meiner Weisung gefolgt seid, ohne etwas gegen mich zu unternehmen, so habt ihr die Probe bestanden. Ihr gehört nicht zu meinen Verfolgern, und ich bitte euch, mit mir wieder empor zu steigen, um Tevua-schohe zu sehen, der mein Vater ist.“

„Tevua-schohe, der Feuerstern, der berühmte Häuptling der Komantschen, ist da?“ fragte Tim erstaunt.

„Ja, er ist da. Er ist tot. Ich bin Shiba-bigk (Eisenherz) , sein jüngster Sohn, und werde sein Blut über seine Mörder bringen. Die Bleichgesichter mögen mir folgen.“

Er klimmte voran, und sie stiegen hinter ihm her, wieder die Halde hinauf.

Oben angekommen schritt er auf die Felswand zu und trat in ein in derselben befindliches Loch, welches die beiden kannten, da sie sich nicht zum erstenmale hier befanden. Es war der Eingang zu der alten, verlassenen Silbermine.

Ein dünner Rauch kam ihnen entgegen. Als sie vielleicht dreißig Schritte weit in den Gang eingedrungen waren, sahen sie ein kleines Feuer brennen. Ein kleines Häuflein mühsam zusammengesuchten Holzes lag daneben. Die Flamme hatte den alleinigen Zweck, den Toten zu bescheinen, welcher in sitzender Stellung aufgerichtet war, so daß er mit dem Rücken an der Wand lehnte.

Eisenherz legte sein Gewehr weg und setzte sich dem Toten gegenüber nieder. Er schob ein Aststück in das Feuer, zog die Kniee hoch empor und legte sein Kinn darauf. In dieser Stellung starrte er die Leiche wortlos an.

Die beiden Westmänner standen ebenso schweigend dabei. Sie kannten die indianische Sitte genau und wußten, daß sie den Schmerz des Sohnes durch Worte beleidigen würden. Die Gesichter beider Indianer waren unbemalt, ein sicheres Zeichen, daß sie nicht in einer feindlichen Absicht unterwegs gewesen seien. Der Tote war ein schöner Mann gewesen, wie ja die Komantschen sich überhaupt durch körperliche Vorzüge vor vielen anderen Indianerstämmen auszeichnen. Selbst noch im Tode glänzte sein Angesicht wie helle Bronze. Seine Augen waren geschlossen und seine Lippen fest zusammengekniffen, denn er hatte einen sehr qualvollen Tod gehabt. Der untere Teil seines indianischen Jagdhemdes war geöffnet, so daß man die Stelle des entblößten Leibes sah, an welcher die feindliche Kugel eingedrungen war. Die Hände lagen zusammengekrampft auf den Oberschenkeln, ein weiterer Beweis der Schmerzen, welchen er in seinen letzten Augenblicken ausgesetzt gewesen war.

Erst nach längerer Zeit ließen auch Jim. und Tim sich auf den Boden nieder, leise, ganz leise, als ob sie befürchteten, den Ermordeten durch ein Geräusch in seiner Ruhe zu stören. Die Nähe eines aus dem Leben Geschiedenen wirkt ja fast stets wie der Anblick eines Heiligtums: Ein Andachtsschauer erfaßt den Sterblichen, sobald er den Hauch der Ewigkeit empfindet.

Da hob Shiba-bigk seinen Kopf, blickte die beiden an und sagte:

„Ihr habt von Feuerstern, dem Häuptling der Komantschen, gehört? So wißt ihr, daß er ein tapferer Krieger war?“

„Ja,“ antwortete Jim. „Wir haben den Häuptling sofort erkannt, als wir ihn hier erblickten. Wir haben ihn droben am Rio Roxo kennen gelernt, wo er uns beistand, als wir von einer Schar Paunihs überfallen wurden.“

„So werdet ihr überzeugt sein, daß er in den ewigen Jagdgründen über viele Krieger gebieten wird. Aber Manitou hat ihn nicht im Kampfe abgerufen. Der Häuptling der Komantschen ist ermordet worden.“

„Von denen natürlich, die euch verfolgten?“

„Ja.“

„Wie ist das geschehen und wie seid ihr denn eigentlich hierher gekommen?“

„Wir waren tief im Lande der Bleichgesichter. Die Krieger der Komantschen haben ihre Kriegsbeile vergraben und lebten in letzter Zeit in Frieden mit den Weißen. Sie brauchten sich nicht zu scheuen, in die Städte des bleichen Mannes zu gehen. Feuerstern jagte mit seinen Leuten am Flusse, welcher Rio Pecos genannt wird. Dort trafen sie auf weiße Männer, welche nach der fernen Stadt wollten, deren Name Austin ist. Da der Weg von dort nach da von anderen roten Männern unsicher gemacht wird, so baten sie den Feuerstern, ihnen einen kundigen Führer mitzugeben. Er beschloß, sie selbst zu begleiten und mich mitzunehmen, damit ich die Städte und Häuser der Weißen sehen möge. Wir kamen glücklich in Austin an und ritten dann allein zurück. Heute, als das letzte Drittel des Tages begann, begegneten uns die Mörder. Sie verlangten unsere Pferde; als wir ihnen dieselben nicht gaben, schoß einer von ihnen den Feuerstern in den Leib. Das Pferd des Häuptlings wurde scheu und rannte davon. Ich mußte ihm folgen, weil er verwundet war, und konnte also nicht mit den Bleichgesichtern kämpfen. Wenn ihr die Fährte gesehen habt, so werdet ihr wissen, was dann noch geschehen ist.“

„Ja. Du hast einen von ihnen getötet und ihm den Skalp genommen.“

„So ist es. Die Kopfhaut hängt hier an meinem Gürtel. Aber ich werde mir auch die Häute der anderen holen. Während der Nacht werde ich den Vater beklagen und den Todesgesang der Häuptlinge anstimmen; am Morgen begrabe ich ihn einstweilen zwischen diesem Gestein, um dann die Krieger der Komantschen zu holen, welche dem Helden ein Grabmal errichten werden, seiner Tapferkeit und Würde angemessen; aber sobald ich den Toten vor den Augen der Sonne verborgen habe, werde ich die Spur der Mörder aufsuchen, und ich sage euch, Shiba-bigk ist noch kein berühmter Krieger; es sind seit seiner Geburt nicht viele Winter vergangen; aber er ist der Sohn eines berühmten Häuptlings, und wehe den Bleichgesichtern, auf deren Fußstapfen er seine Augen richtet! Sie sind verloren!“

Er stand auf, trat zu seinem Vater, legte demselben die Hand auf den Kopf und fuhr fort:

„Die Bleichgesichter schwören; ein Komantsche aber spricht ohne Schwur. Und so merkt euch meine Rede: Wenn der Grabeshügel des Feuersternes errichtet wird, so sollen von der Spitze desselben alle sechs Skalpe seiner Mörder hängen. Eisenherz hat es gesagt, und also wird es geschehen! ––“

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Ghostly Hour

Ghostly hour

Um die Mittagszeit des darauffolgenden Tages saß Helmers mit dem Juggle-Fred und dem Hobble-Frank wieder an einem Tische vordem Hause. Bob, der Neger, war nicht bei ihnen. Er steckte mit dem schwarzen Diener des Farmers im Stalle.

Die drei Masters unterhielten sich über das gestrige Erlebnis, über das Duell zwischen Bloody-fox und dem Fremden, über den Tod des letzteren, und so war es gar kein Wunder, daß sie auch auf Verschiedenes, was mit dem Tode zusammenhängt, endlich sogar auf Gespenster zu sprechen kamen.

Helmers und Fred erklärten ganz entschieden, es sei unmöglich, daß die Seele eines Verstorbenen wiederkehren und gesehen werden, sogar ohne im Besitze der physischen Sprachwerkzeuge zu sein, reden könne. Frank aber verteidigte auf das energischeste den Gespensterglauben, und als die beiden anderen dennoch bei ihrem Zweifel blieben, rief er ganz zornig aus:

„Ihr seid eben alle beede dumm, und sogar hochdumm! Euch kann nich geholfen werden, denn was nutzt der Kuh die Muschkate. Für die höhere Muschkatennuß des widersinnigen Lebens, also für alles, was über- und zugleich ooch unterirdisch ist, hat nur derjenige die richtigen Zähne, der sich schon in seiner frühsten Jugend mit den diesseitigen und jenseitigen Geistesinsolvenzen befaßt hat. Das aber ist bei euch eben nich der Fall gewesen und darum brauche ich mich eegentlich ooch gar nich dadrüber zu wundern und zu ärgern, daß eurem vernachlässigten Denkvermögen sogar die Geister und Geschpenster abhanden gekommen sind. Wäre ich een Geschtorbener, was aber glücklicherweise nich der Fall ist, so huckte ich euch zwee beeden heut um die Mitternachtsschtunde off. Das würde euch schon eene andere und bessere Meenung beibringen!“

„Gib uns nur einen Beweis, einen einzigen!“ lachte Fred. „Dann wollen wir dir glauben.“

„Eenen Beweis! Unsinn! Beweise beweisen gar nischt! Wenn für irgend was een Beweis vorhanden ist, so brauche ich es doch eben nich mit eenem Beweise zu beweisen! Gesehen muß mersch haben, gesehen mit seinen eegenen zwee beeden Oogen; das ist der sogen. italienische Oculierbeweis, gegen den etwas anderes gar nich offkommen kann. Dadrüber sind wir Gelehrten sehr eenig, daß – – –“

„Nicht Oculier- sondern Ocularbeweis willst du wohl sagen?“ fiel Fred ihm in die Rede.

„Schweigste gleich schtille, du Hebräischverderber!“ brauste Frank auf. „Mir wirschte doch nich etwa die submarinen Schprachkenntnisse beibringen wollen, die ich schon vor dreißig Jahren an den Schtiefelsohlen abgeloofen habe! Mir sind freilich die Sonnenprotuberanzen der anonymen Schprachwissenschaften gleich angeboren gewesen. Ich habe als Wickelkind chinesisch geschrieen, aramäisch geschlafen und aus eener sanskritischen Saugflasche polynesische Milch getrunken. Sagt da dieser Mensch, ich hätte mich verschprochen! Weeß der Kerl nich mal, was für een Unterschied zwischen Ocular und Oculier ist! Oculieren heeßt pfropfen. Das weeß ich als Lumen des Forschtwesens sehr genau. Und wenn ich dir nun eenen Beweis offpropfe, so ist es eben een Oculierbeweis. Verstande vous, mong Ami? Und mit solchen Oculierbeweisen kann ich die karthagische Beschtätigung bringen, daß es Geschpenster gibt.“

„Hast du denn eins gesehen?“

„O, nich nur eens, sondern mehr als een halbes Schock. Um mich sind die Geister nur immer so rumgeloofen, eben weil ich een geistreicher Myrmidone bin. Übrigens beweise ich die Sache, wie sich ganz von selbst verschteht, absolut philologisch. Wenn een Wort da ist, so muß doch ooch dasjenige da sein, als dessen Bezeechnung das Wort dienen soll. Wenn also der Harlekin im Cirkus singt:

„David, öffne mir das Fenster!
Heute ist keen Mondenschein.
Zu der Schtunde der Geschpenster
Schteigt der schöne August ein,“

so muß es eben absolut Geschpenster geben. Das Wort Geschpenst ist da, folglich geht es off dem Heuboden um. Das ist so klaar wie Seefenwasser. Der Moritzburger Schulmeester, dem ich meine geniale Ausbildung zu verdanken habe, gloobte ooch an Geister.“

„So! Wie hieß denn dieser illustre Mann?“ „Sein Name war Elias Funkelmeier.“ „Ach so! Nomen et omen!

„Bitte, rede nur du nich portugiesisch! Es paßt gar nich zu deinem Gesichte! Wie kannst du diesen Helden des euphemistischen Wissens eenen illustren Mann nennen! Illustrierter Mann muß es heeßen; das weeß heutzutage jeder Buchdruckerlehrjunge. Du aber scheinst den großen Fortschritt des letzten Jahrhunderts gar nich mitgemacht zu haben. Du bist am Kleister des vorchristlichen Mittelalters hängen geblieben und an deiner Wiege hat keen freundlicher Troubadour gesungen:

„Gaudeamus, Igelkur,
Juvenal kaut Humus!“

Da begann Fred zu lachen, daß ihm die Thränen über die Wangen rannen, und Helmers stimmte ein.

„Was gibt’s denn dazu lachen?“ fragte Frank, „die Troubadours waren doch nich etwa lächerliche Erscheinungen der lappländischen Kreuzzüge. Sie haben unter Gottfried von Oleum Jerusalem erschtürmt und zwee Jahre schpäter, als Parmenio sagte: Schtralsund muß ich kriegen, und wenn es mit Ketten am Himmel hing, da antworteten sie: Mach dich nich lächerlich, alter Schwede! Die Garde schtirbt, aber sie gibt nischt her! Und über solche Helden lacht ihr? Habt ihr denn gar keenen Sinn für die grimmigen Geschtalten der insultierten Welt- und Kriegsgeschichte?“

„O, über die Troubadours lachen wir nicht,“ antwortete Fred, „sondern über dein Gaudeamus.“

„Das muß ich mir verbitten! Dieses Lied habe ich schtudiert wie meine Mütze. Der zweete Versch lautet:

Gaugamela, Inventur,
Pflaumenboom ist Prunus.

Übrigens bringst du mich mit deinen überflüssigen morphologischen Bemerkungen ganz von unserem urschprünglichen Thema ab. Wir schprachen von den Geschpenstern und ––“

Er hielt inne, denn er sah einen Reiter kommen, der die Uniform der Vereinigten-Staaten-Dragoner trug. Die Abzeichen derselben ließen ihn als Offizier erkennen.

Dieser Mann kam von Süden her, in scharfem Galopp, und hielt sein Pferd vor den drei Männern an.

Good day!“ grüßte er. „Ich bin doch so richtig bei der Farm, welche Helmers Home genannt wird?“

Yes Sir!“ antwortete Helmers. „Ich bin der Mann, welchem dieses Haus gehört.“

„Helmers selbst? Ich freue mich, Euch zu treffen, denn ich komme, um eine Erkundigung einzuziehen.“

„Worüber?“

„Das läßt sich nicht so schnell sagen. Erlaubt mir, ein wenig bei euch niedersitzen zu dürfen!“

Er stieg ab und nahm bei ihnen Platz. Sie betrachteten ihn genau, und er that gar nicht, als ob er das bemerke. Er war von starker, untersetzter Statur und trug einen dichten, schwarzen Vollbart. Sein Blick war scharf und stechend; seine Lippen konnte man nicht sehen, da er den Schnurrbart gerade herabgekämmt hatte.

„Ich bin, so zu sagen, als Eklaireur hier,“ sagte er in leichtem Tone. „Wir halten oben bei Fort Sill und wollen in die Llano hinein.“

„Weshalb?“ fragte Helmers.

„Es ist der Bundesregierung berichtet worden, welche Menge von Unthaten in letzter Zeit da drin in den Plains verübt worden sind. Das erfordert natürlich schnelle und strenge Ahndung. Es steht mit aller Sicherheit zu erwarten, daß die einzelnen Thäter sich miteinander in Verbindung befinden. Die einzelnen Verbrecher stehen miteinander in einem so offenbaren Zusammenhange, daß man annehmen muß, man habe es mit einer sehr wohlorganisierten Bande zu thun. Gegen diese soll ein kräftiger, vernichtender Schlag geführt werden. Zwei Schwadronen Dragoner sind beordert, denselben auszuführen und die Plains und deren Umgegend von allem verdächtigen Gesindel zu säubern. Diese Leute halten jetzt, wie bereits gesagt, bei Fort Sill, und ich wurde vorausgesandt, Erkundigungen einzuziehen und mit den braven Anwohnern Beziehungen anzuknüpfen. Wir gehen natürlich von der Überzeugung aus, daß jeder ehrliche Mann uns unterstützen werde.“

„Das versteht sich ganz von selbst, Sir! Es freut mich sehr, daß Ihr bei mir vorgesprochen habt, und Ihr dürft überzeugt sein, daß ich Euch aus allen Kräften Vorschub leisten werde. John Helmers ist als ein Mann bekannt, auf den sich jeder brave Kerl verlassen kann.“

„Das habe ich gehört, und darum komme ich zu Euch.“

„Schön! Aber Fort Sill liegt im Norden von hier, und Ihr kommt von Süden her. Wie stimmt das zusammen?“

„Ich komme nicht direkt von Fort Sill, sondern ich bin bis fast hinab an den Fluß geritten und dann am Rande der Llano heraufgekommen, um diese Gegend zu inspizieren.“

„So allein! Warum hat der Kommandierende Euch nicht mehrere Leute mitgegeben?“

„Weil er, grad so wie ich, das nicht für vorteilhaft hielt. Ein größerer Trupp erregt Aufsehen, was wir natürlich vermeiden müssen.“

„Aber zwei, drei Reiter kommen ebenso unbemerkt hindurch wie ein einzelner. Wie leicht kann Euch etwas Menschliches passieren! Dann kehrt Ihr nicht zurück, und Eure Leute wissen nicht, woran sie sind.“

„O, was das betrifft, so weiß der Major sehr genau, was er von mir zu halten hat und daß er sich auf mich verlassen kann. Ihr wißt doch, daß man zum Aufklärungsdienste nur Leute nimmt, die zu demselben befähigt sind, weil sie den Westen genau kennen.“

„So habt Ihr Euch schon früher in demselben befunden?“

„Eine ganze Reihe von Jahren lang.“

„Hm! Daher kommt es vielleicht, daß es mir ganz so ist, als ob wir uns bereits einmal gesehen hätten. Kommt es Euch nicht vielleicht auch so vor?“

Der Offizier betrachtete Helmers mit einem langen, nachdenklich prüfenden Blicke und antwortete:

„Nein, Sir.“

„So war’t Ihr wohl noch nicht so weit unten?“

„O, eigentlich war ich noch viel weiter unten, nur nicht auf dieser Seite der Llano. Drüben bin ich bis nach Chihuahua und noch weiter gekommen.“

„Als Soldat?“

„Nein. Ihr wißt ja, daß es verboten ist, in Uniform über die Grenze zu gehen.“

„Das ist richtig. Also seid Ihr als Privatmann bis hinein ins Mexico gegangen. Nun, ich war auch mehrere Male drüben, und da mag es ja wohl sein, daß ich Euch flüchtig sah, ohne daß Ihr mich bemerkt habt. Wann müßt Ihr zu Eurer Truppe zurück?“

„Das kommt ganz auf die Verhältnisse an. Sobald ich die nötigen Daten beisammen habe, solle ich kommen; so lautete der Befehl. Vermöge ich aber nichts Wichtiges zu erfahren, so werde man aus freier Hand nach der Llano gehen. In diesem Falle solle ich nach Verlauf einer Woche mich in Helmers Home einfinden, wo die beiden Schwadronen kurze Rast machen wollen.“

„Also bei mir? Das ist mir sehr, sehr interessant. Und wann ist denn diese Woche zu Ende?“

„Übermorgen. An diesem oder dem nächsten Tage werden die Kameraden hier eintreffen.“

„Also steht, da Ihr nicht zurückgekehrt seid, zu vermuten, daß Ihr nichts Wichtiges erfahren habt?“

„Ja. Ich muß zu meinem großen Leidwesen gestehen, daß mein beschwerlicher Ritt fast ganz unnütz gewesen ist. Ich habe keinen Erfolg zu verzeichnen, denn ich bin in der einsamen Gegend keinem Menschen begegnet, von dem ich hätte etwas erfahren können.“

„Das ist freilich großes Pech. Die Anwohner der Llano hätten Euch mehr als genug erzählen können, und ich begreife nicht, daß Ihr sie nicht aufgesucht habt.“

„Ich hielt das nicht für klug, Sir. Man sagt, daß gerade diese Anwohner mit dem Treiben der Bande einverstanden seien. Eine Erkundigung bei einem solchen Farmer hätte also nur die Folge gehabt, daß die Verbrecher von der Nähe des Militärs unterrichtet worden wären, was den Erfolg unseres Handstreiches natürlich ganz in Frage gestellt hätte.“

„So habt Ihr eben, nehmt es mir nicht übel, Sir, einen sehr großen Fehler begangen!“

„Welchen?“

„Den, daß Ihr nicht Eure Uniform ablegtet. Wenn es Euch darum zu thun war, daß niemand die Anwesenheit Eurer Truppe ahnen solle, so mußtet Ihr in Zivilkleidern reiten.“

„Da habt Ihr recht. Aber ich bin Soldat und muß thun, was mir befohlen wird. Übrigens hoffe ich, wenigstens zu guter Letzt bei Euch einiges über das Treiben der Llano-Geier zu erfahren.“

„Das könnt Ihr. Erst vor zwei Wochen sind vier Familien von hier fort, um über die Plains zu gehen. Man hat sie in der Llano überfallen und ermordet.“

„Alle Teufel! Wißt Ihr das gewiß?“

„Ja. Ein Trader, Namens Burton, kam gestern und erzählte es. Er hatte die Leichen gesehen und war darüber vor Entsetzen so angegriffen, daß er sich bei mir erholen mußte.“

„Wo ist der Mann? Ich muß natürlich sofort mit ihm sprechen!“

„Das ist unmöglich, denn er ist heute früh wieder fort, Sir. Übrigens ist es nicht notwendig, daß Ihr gerade nur mit ihm redet. Er hat uns alles erzählt, und wir können es Euch also ebenso genau sagen wie er. Übrigens scheint eben jetzt etwas im Werke zu sein. Es wäre recht gut, wenn Eure Dragoner baldigst kämen.“

„Warum vermutet Ihr einen neuen Streich?“

„Weil gestern abend zwei Kerls da waren, welche jedenfalls nur die Absicht hatten, irgend etwas auszukundschaften.“

„Wie? Was? Es sind doch nicht etwa Kundschafter der Llano-Geier gewesen?“

„Höchst wahrscheinlich waren sie nichts anderes, Sir. Dem einen gelang es, uns zu entweichen; dem anderen aber ist es desto schlechter bekommen. Er hat ins Gras beißen müssen.“

„Das ist wichtig, sehr wichtig. Erzählt doch, Sir, erzählt!“

Helmers hatte zu dem Offizier volles Vertrauen gefaßt. Er erzählte zunächst, was er von dem Trader gehört hatte, und berichtete dann weiter über das gestrige Duell und den Tod des Fremden.

Der Offizier hörte ihm sehr aufmerksam zu. Seine Züge bewegten sich nicht, aber seine Augen funkelten. Helmers glaubte dies dem Interesse zuschreiben zu müssen, welches der Soldat an dem Zweikampfe nahm. Ein aufmerksamerer Beobachter aber hätte vielleicht bemerkt, daß dieses intensive Aufglimmen der Augen nichts anderes sei als das Funkeln des Zornes, des Hasses. Seine Faust ballte sich um den Griff des Säbels, und einmal war es sogar, als ob seine Zähne ein leises Knirschen hören ließen. Sonst aber blieb er sehr ruhig und gab sich alle Mühe, nichts zu zeigen als nur die gespannte Aufmerksamkeit, welche die Erzählung bei jedem Zuhörer erwecken mußte.

Als Helmers mit derselben geendet hatte, verbreitete er sich noch über die allgemeinen Zustände dieser Gegend, über die Gefährlichkeit der Llano estakata, und schloß hieran die Erklärung, daß er es für höchst schwierig, wenn nicht gar für unmöglich halte, daß zwei Schwadronen Kavallerie sie durchreiten könnten; es fehle an Futter und, was die Hauptsache sei, an Wasser. Wolle man das mitnehmen, so brauche man sehr viele Lasttiere, welche den Zug erschweren und die mitgenommenen Vorräte für sich selbst in Anspruch nehmen würden.

„Ihr mögt recht haben,“ meinte der Offizier. „Mich geht es nichts an, denn das ist Sache des Kommandierenden. Aber sagt mir doch einmal, Herr, was es eigentlich für eine Bewandtnis mit dem Geiste der Llano estakata hat! Ich habe so viel über dieses unbegreifliche Wesen gehört, etwas Sicheres noch nie erfahren können.“

„Da ergeht es Euch gerade so wie mir und allen anderen. Jedermann hört von dem Geiste sprechen, aber niemand weiß etwas Genaues über denselben. Meine Kenntnisse über ihn kann ich Euch in wenigen Worten mitteilen. Der Geist der Llano estakata ist ein geheimnisvoller Reiter, den noch keiner, der lebend geblieben ist, in der Nähe gesehen hat. Jeder der sein Angesicht zu sehen bekam, hat es sofort mit dein Tode bezahlen müssen und ist an einer Kugel gestorben, welche ihn mitten in die Stirne traf. Auffälligerweise sind diese Toten stets Verbrecher gewesen, welche die Llano unsicher gemacht haben. Der Geist scheint also eine Person zu sein, welche sich die Aufgabe gestellt hat, die in der Llano begangenen Verbrechen zu bestrafen.“

„Also ein Mensch?“

„Natürlich!“

„Aber wie fängt er es an, überall und überall zu sein, ohne doch gesehen zu werden? Er muß doch Speise und Trank für sich und Futter und Wasser für sein Tier haben! Woher nimmt er das?“

„Das eben ist es, was kein Mensch begreifen kann.“

„Und wie fängt er es an, niemanden zu begegnen?“

„Hm! Ihr fragt mich da wirklich zu viel, Sir. Er ist ja gesehen worden, aber nur von weitem. Da sieht man ihn, wie vom Sturmwinde getragen, vorübersausen. Oft sprühen Funken vor und hinter ihm her. Ich habe einen Bekannten, der ihn des Nachts gesehen hat. Dieser Mann behauptet, mit tausend Eiden beschwören zu können, daß der Kopf, die Schultern, die Ellbogen, der Gewehrlauf des Reiters und ebenso das Maul, die Ohren und der Schwanz des Pferdes mit kleinen Feuerflammen besetzt gewesen sind.“

„Das ist Unsinn!“

„Man sollte es denken. Aber mein Bekannter ist ein wahrheitshebender Mann, aus dessen Munde ich noch keine Lüge oder Aufschneiderei vermuten konnte.“

jetzt da dieses Thema berührt wurde, ergriff der Hobble-Frank das Wort. Es wurde englisch gesprochen; darum war seine Rede nüchtern und glatt wie die jedes andern. Nur wenn er deutsch sprach, begannen die bunten Raupen, welche in seinem Kopfe lebten, sich zu bewegen.

„Da haben wir es!“ rief er aus. „Niemand will an die Natürlichkeit des Übernatürlichen glauben. Ich behaupte, der Geist der Llano estakata ist kein Mensch, sondern ein gespensterhaftes Wesen, welches von den Furien Griechenlands übrig geblieben ist und sich in die einsame Llano zurückgezogen hat wie ein alter Auszügler in seine Dachkammer. Daß er Flammen und Funken sprüht, glaube ich sehr gern. Wir sterbliche Menschen blasen den Tabaksrauch in Massen aus dem Munde; warum soll da ein Geist nicht Feuer speien können?“

„Aber kann ein Geist mit einem Gewehre schießen?“ fragte der Offizier, indem er dem Hobble-Frank einen verächtlichen Blick zuwarf.

„Warum denn nicht? Ich habe in einer Jahrmarktsbude eine Henne gesehen, welche eine kleine Kanone abschoß; ein Hase that ganz dasselbe. Was eine Henne oder ein Hase vermag, das muß einem Geist doch erst recht möglich sein!“

„Ihr bedient Euch einer ganz sonderbaren Art von Beweisen, Sir! Viel Klugheit und Scharfsinn verratet Ihr dabei freilich nicht!“

Diese Worte mußten Frank beleidigen. Er antwortete in scharfem Tone:

„Das ist freilich wahr. Aber ich habe meinen Grund dazu, nicht so gelehrt zu reden, wie ich eigentlich könnte. Ihr habt nämlich so ein dummes Gesicht, daß ich befürchte, Ihr würdet mich gar nicht verstehen, wenn ich Redewendungen brächte, welche nur ein ganz klein wenig über den Horizont eines Schulknaben hinausgehen.“

„Master!“ brauste der Offizier auf. „Was fällt Euch ein, einen Kapitän der Vereinigten Staaten-Truppen in dieser Weise zu insultieren!“

Pshaw! Regt Euch nicht auf! Ob Ihr Kapt’n seid oder Lampenputzer, das ist mir gleichgültig. Ihr selbst habt mit der Beleidigung begonnen und müßt nun meine Antwort ruhig einstecken. Wollt Ihr das nicht, nun, so bin ich bereit, die Sache mit einer guten Büchsenkugel auszugleichen. Euer Rang imponiert einem Westmanne nicht.“

Es war dem Offiziere anzusehen, daß es ihm Mühe kostete, seinen Zorn zu beherrschen; doch gelang es ihm, in ruhigem Tone zu antworten:

„Sollte mir leid thun, Euch niederschießen zu müssen. Ich verstehe gar wohl mit einem Gewehre umzugehen, bin aber kein Rowdy und schlage mich nur mit Offizieren. Übrigens wäre es eine Rücksichtslosigkeit gegen Master Helmers, bei ihm Blut zu vergießen. Ich habe die Absicht, hier zu bleiben, bis meine Truppe eintrifft, und darum liegt mir daran, in seinem Home Frieden zu halten.“

„Dafür bin ich Euch dankbar, Sir,“ sagte Helmers. „Wollt Ihr bei mir bleiben, so werde ich Euch eine Extrakammer anweisen lassen, und Euer Pferd soll einen guten Platz im Stalle finden.“

„Ist mir lieb. Ich werde das Tier also sofort in den Stall schaffen. Wo befindet sich derselbe?“

„Werde Euch führen und Euch dann zu meiner Frau bringen, die Euch die Kammer anweisen kann.“

Er stand auf, der Offizier auch, und beide begaben sich mit dem Pferde zu dem Stalle. Später kehrte der Wirt allein zurück und meldete den beiden anderen, daß der Kapt’n in seiner Kammer geblieben sei, um sich dort auszuruhen. Helmers freue sich der Anwesenheit dieses Gastes und des Eintreffens der Dragoner. Frank aber sagte kopfschüttelnd und zwar jetzt deutsch:

„Mir gefällt dieser Mann gar nich. Er hat was im Gesicht, was mein zartes Sympathetengefühl verletzt. Seine Oogen kommen mir vor wie zwee Fettoogen off eener magern Bulljong; sie gucken Eenen so tückisch an, und es ist nischt Gescheites dahinter. Ich möchte ihn nich off die Probe schtellen, ob er een ehrlicher Kerl ist. Ich gloobe nich, daß er das Erkennungswort Schiebebock ausschprechen könnte.“

„Schiebebock? Warum dieses Wort?“ fragte der Juggle-Fred.

„Das weeste nich? Nun ja, zu verwundern ist das grade nich, denn ich habe noch keenen einstmaligen Gymnasiasten getroffen, der sich viel gemerkt hätte. Es ist nur gut, daß der Hobble-Frank so een koloßzurhodusales Gedächtnis besitzt und euch Miniaturschtudenten mit seinen Kenntnissen aushelfen kann! Was das Wort Schiebebock betrifft, was eegentlich eenen Schubkarren bedeutet, so hat dasselbe damals, als die Hunnen zur Zeit des Kaisers Themistokles die Elbe erobern wollten, eene gewaltige Rolle geschpielt. Die Hunnen waren bekanntlich keene Reiter, sondern nur eene Rotte von fußgängerischen Infanteristen. Sie führten ihre Ausrüstung off Schiebeböcken bei sich. Als sie nun über die Elbe wollten, gedachten sie, inkognito hinüber zu kommen, und gaben sich für brasilianische Araber aus. Da aber schtand der alte Feldmarschall Derfflinger am Wasser und ließ eenen jeden das Wort Schiebebock ausschprechen. Wer das nich fertig brachte, dem wurde eenfach der Kopf abgesäbelt. Weil nun aber die Hunnen nich die nötigen Gutturalwerkzeuge besaßen, um das Sch behaglich ausschprechen zu können, so sagten sie alle Siebebock und verloren so viel Köpfe, daß der Maharadscha von Delhi bei Torgau an der Elbe mit diesen Köpfen die berühmte Schädelpyramide errichtet hat, dieselbige Pyramide, welche schpäter Timurlenk wieder umgerissen hat.“

Die beiden Zuhörer guckten den Sprecher groß an. Sie wußten dieses Mal nicht, ob sie lachen oder heulen sollten.

„Aber Frank!“ rief Fred endlich. „Wohin gerätst du denn eigentlich! Schiebebock! Du meinst wohl das Wort Schiboleth, welches die Gileaditer den Kindern Ephraim abforderten, wie im Buche der Richter [Fußnote] zu lesen ist?“

Tacet! Oder weil du nich lateinisch verschtehst, so will ich es deutsch sagen: Klappe deine Schpeiseöffnung zu! Du wirscht mir doch nicht etwa mit dem Buch der Richter kommen wollen! Ich sage dir, ich kenne die Namen und Lebensumschtände sämtlicher Schtadtrichter und Dorfgeistlichen der Kinder Israel sehr genau. Der erschte Richter kam gleich nach Moses und hieß Josua. Er war derjenigte, welcher der Sonne und dem Monde eenen so großen Schreck einjagte, daß sie absolut nich weiter konnten. Das war in der Schlacht bei Tours und Poitiers gegen Karl Martell, dem Fürschten der Edomiter. Die Sonne wollte hinter dem Himalaja verschwinden, und der Mond war schon über dem Chimporasso herauf. Damit es noch länger Tag bleiben solle, streckte Josua seine Hand aus, machte den beeden Himmelsgeschtirnen eene drohende Faust und rief:

„Oribus pictus, Coa constrictus,
spiritus rectus, genua flectus!“

Sofort schtanden Phöbus und Lunette schtille und warteten gehorsam, bis die Schlacht gewonnen war. Siehste, Fred, ich kenne die Geschichte so genau, als ob ich damals selber der Mond gewesen wäre. Solche weltgeschichtliche Oogenblicke bleiben mir sehre fest im Rückenmarke sitzen, was bekanntlich der anatomische Sitz des Gedächtnisses ist. In dieser Wissenschaft bin ich dem Rotteck, dem Becker, dem Schlosser und sogar dem Töchter-Nösselt überlegen. Ihre Bücher sind leidlich gut, ja; aber den richtigen, begeisterten Schmiß haben sie nich, und die vielen Lücken, die sie offgelassen haben, hätte nur alleene ich ausfüllen können, wenn sie so gescheidt gewesen wären, sich an mich zu wenden.“

„Ja,“ lachte Fred, „das glaube ich gern. Aber diese Geschichtsschreiber haben dich vielleicht gar nicht gekannt!“

„So brauchten sie nur nach Moritzburg zu kommen, wo ich zu finden war. Nachloofen thue ich keenem Geschichtsschreiber, der doch ooch weiter nichts als nur das schreibt, was er in Büchern und Urkunden gefunden hat. Das kann jeder! Ich aber setze mir die rhetorisch lexikale Weltgeschichte durch eegenes Ingenium zusammen; ich prüfe, wer sich ewig bindet, und der Feldherr oder Schtaatsmann, der Moltke oder Bismarck, welcher diese Prüfung beschteht, wird in die Annalen meiner kritischen Inschpiration offgenommen. Aber ja keen anderer nich, denn mit der Weltgeschichte muß man ungeheuer vorsichtig sein. Man darf keenen hineinbringen, der es nich verdient, in die Zahl der schterblichen Götter und unschterblichen Helden offgenommen zu werden, sonst ist man blamiert für alle Zeit. Denk da nur mal an den Geschichtsschreiber Rafael Sanzio! Dieser unbegreifliche Kerl ist so unvorsichtig gewesen, den Brandstifter Herodias durch seine Weltgeschichte unschterblich zu machen. Das war doch een Schwabenschtreich allererschter Sorte!“

„Herodias? Ein Brandstifter?“ fragte Helmers.

„Ja. Da reichen eure chronikalischen Gedächtnisoffschlüsse wohl wieder mal nich aus? Herodias war derjenige mexikanische Hallunke, welcher in der berühmten Hafenschtadt Ephorus die Sommervilla der Göttin Diana in Brand geschteckt hat, und zwar nur aus dem triftigen Grunde, daß sein Name von dem Posaunenschall der Nachwelt geflüstert werden solle.“

„Da ist wohl Herostratos gemeint, welcher den Tempel der Diana zu Ephesus niederbrannte? Herodias war kein Mann, sondern eine Frau, nämlich das Weib des Herodes Antipas.“

„Ach? So! Was ihr nich alles wißt!“ antwortete der Hobble-Frank in ziemlich höhnischem Tone. „Herostratos! Ephesus! Antipas! Nee, was da alles unternander gequirlt wird! Das sollte man gar nich für möglich halten! Herodes Antipas hat gar nich geheiratet; er ist unvermählt zu seinen Urvätern entschlafen und hat noch in seiner Todesschtunde das schöne Opernlibretto gedichtet:

„Ich hinterlasse keene Leibeserben
Und kann also frisch hinüberschterben,“

was nachher von dem belgischen Tonkünstler Schlagintweit Sakuntalawynsky im Sechsachteltakt komponiert worden ist. Dieser elegisch-pharmaceutisch ausgerüstete Reim beweist doch bis zur Konsistenz, daß Herodes als unvermählter Erbonkel ins geschteigerte jenseits hinübergeschlummert ist. Und den Herodias kenne ich beinahe noch genauer. Als er die Villa weggebrannt hatte, floh er nach Ägypten. Dort wurde er Vizekönig und ließ die Molukken ermorden.“

„Mameluken willst du wohl sagen?“ verbesserte Fred.

„Unsinn! Die Mameluken sind Inseln, welche sich von Japan nach Schottland hinüberziehen. Die Molukken aber waren die Leibwächter des ägyptischen Selbstbeherrschers aller Reußen und Preußen. Herodias ließ sie abschlachten, weil sie ihm unbequem wurden, und ihre unteren Extremitäten ins Wasser werfen, woher das bekannte Schpruchwort kommt: „De mortuis nil nisi bene,“ zu deutsch: von den Ermordeten warf man die Beene in den Nil. So, da habt ihr die unterminierte Ausbesserung eurer fehlerhaften Ansichten! In Zukunft aber bringt mir ja nichts Ähnliches wieder, sonst lasse ich euch abfahren wie den bekannten Astrologen Juvenis Mendax.“

„Wieso denn?“

„Das fragst du ooch noch? Juvenis Mendax war der Astrologe Wallenschteins; aber er hielt es mit der alten Schule und hatte so verkehrte Ansichten über das Schternenfirmament, daß er schließlich abgefahren wurde. Als am nächsten Tage Wallenschtein nach ihm gefragt hatte, antwortete er mit der geflügelten Charade: Juvenis Mendax homo fur, Juvenis Mendax fuhr heeme. Und grad so werde ich euch nach Hause leuchten, wenn ihr so fortfahrt, mit eurer Unwissenheit meine wissenschaftliche Inferiorität zu beleidigen.“

„Nun, die wird sich wohl nicht beleidigt fühlen können,“ meinte Fred, indem er lustig mit den Augen blinzelte. „Wir erkennen sie vielmehr sehr gern an.“

„Das will ich mir ooch ausgebeten haben!“

„Ich denke nur, du hast nicht Inferiorität sondern Superiorität sagen wollen.“

„Fällt mir nich mal im Troome ein! Ich weeß schtets sehr genau, welchen assyrischen Gefühlsausdruck ich meinen Worten zu geben habe. Meine etymologische Rapidität schteht mir zu jeder Schtunde und Minute mit solcher oogenblicklicher Momentanheet zu Verfügung, daß es zu eener Verwechslung der Begriffsverbildungen gar keene Zeit nich gibt. Deine Behauptung von wegen der Superiorität war eben wieder eene Beleidigung, die ganz geeignet ist, meine moralische Anwesenheet offzuregen. Wenn du mich in dieser Weise weiter verbalinjurierst, so ist es ewig schade, daß ich gestern mit dir Bruderschaft gemacht habe, und wir können dieselbige wieder offheben. Ich werfe meine Perlen nich gern vor diejenigen Tierchen, von denen Johannes Parricida, der schtotternde Minstrel, so ergreifend gesungen hat:

Ich kenne een li-Ii-Ii-liebliches Tier,
Dem schenk‘ ich a-alle A-Achtung.
Es lebt off jedem Ba-Bauernhof hier
Und ooch off jeder Pa-Pachtung.

Ich will dich warnen, Fred. Verdirb es ja nich mit mir! Lasse ich mal meinem Zorne die Zügel schießen, so kann es sehr leicht kommen, daß dir die Haare zum Gebirge schtehen. Wenn meine Worte nich mehr helfen, so schreite ich zur That. Bei der nächsten beleidigenden Sophonisbe schieße ich mich mit dir. Meine Kugel wird dich niederschtrecken, und dann wird es dir ergehen wie dem oberbayrischen Holzknecht, der abends tot nach Hause kam.“

„Den kenne ich nicht.“

„Das gloobe ich, denn du kennst ja überhaupt nischt. Dieser Holzknecht war von eener Eiche, die er hatte fällen wollen, erschlagen worden. Der Dorftischler machte ihm die Gedenktafel, schtrich sie hübsch mit grüner Farbe an, malte ihn und die Eiche droff und schrieb darunter:

Beglückt und ohne Sorgen
Ging ich am frühen Morgen
Off meine Arbeit aus.
Da traf mich eene Eiche,
Und ach, als eene Leiche
Kam abends ich betrübt nach Haus.

Dieser majestätische Versch muß off die Melodie: Nun ruhen alle Wälder, gesungen werden. Nimm dich in acht, daß wir dieselbe nich ooch bei deinem abgeschiedenen Leichnam anschtimmen! Dein Maß ist voll; kommt noch een eenziger Tropfen dazu, so läuft’s über, und dann ist es sofort zu Ende mit deiner individuellen Lebensmöglichkeet. Ich versammle deine subtellurischen Überreste zu ihren Großvätern, und deine arme, vom Tagesfichte abgeschnittene Seele kann nachher ooch als Avenging-ghost in tragödischen Jamben über die Llano estakata hinschwirren.“

Frank hatte sich in Zorn gesprochen und hätte seine Strafrede wohl noch nicht beendet, wenn er nicht unterbrochen worden wäre. Helmers deutete nämlich nach Norden, und als die beiden anderen ihre Blicke dieser Richtung folgen ließen, sahen sie drei Reiter, welche sich langsam näherten. Der Hobble-Frank stieß einen Ausruf der Freude aus und erhob sich schnell von seinem Sitze.

„Kennst du die Männer?“ fragte Fred.

„Na, und ob!“ antwortete der Gefragte. „Das sind – – hm, ich will ihre Namen lieber noch nich nennen und es abwarten, wie sie euch gefallen.“

Von den drei sich Nähernden war der eine sehr dick und kurz, der zweite sehr dünn und lang. Der dritte hatte mittlere Gestalt und ritt einen herrlichen Rappen. Der Juggle-Fred beschattete seine Augen mit der Hand, blickte scharf nach ihnen hin und rief dann aus:

„Frank, du verschweigst die Namen, um uns zu überraschen. Aber ich müßte kein Westmann sein, wenn ich nicht sofort erraten könnte, wer diese drei Männer sind.“

„Nun, wer denn?“

„Zwei, von denen der eine so dick und der andere so dünn ist, der kleine auf einem hohen Klepper und der lange auf einem winzigen Maultiere, das kann nur der lange Davy mit dem dicken Jemmy sein. Und der dritte ist sicher Old Shatterhand.“

„Ach, wie kommst du zu dieser Vermutung?“

„Hast du nicht selbst gesagt, daß er mit Jemmy kommen werde? Reitet nicht Old Shatterhand stets einen Rapphengst, wie jeder hören kann, der sich nach ihm erkundigt?“

„Hm! ja, du bist alleweile een gescheiter Kerl, obgleich du in schprachlicher und wissenschaftlicher Beziehung es noch nich bis zu den Anfangsgründen des Contrabasses gebracht hast!“

„So sage, ob ich recht habe!“

„Ja, du hast dieses Mal recht. Sie sind es. Sie kommen viel eher, als ich dachte. Ich hoffe, daß ihr sie mit gebührender Achtung und Untergebenheit bewillkommnen werdet.“

Die drei Reiter waren jetzt herangekommen, hielten ihre Tiere an und stiegen ab. Sie trugen ganz dieselben Waffen und Anzüge, wie damals auf ihrem Ritte nach dem Nationalparke. Die Augen von Helmers und Fred waren besonders auf Old Shatterhand, diesen berühmtesten unter den Jägern, gerichtet. Er trat, ohne Frank nach den beiden Personen gefragt zu haben, zu Helmers, streckte ihm die Hand entgegen und sagte, und zwar gleich in deutscher Sprache:

„Ich darf annehmen, daß wir bei Ihnen angemeldet sind, Master Helmers. Hoffentlich sind wir Ihnen nicht unwillkommen.“

Helmers schüttelte ihm die Hand und antwortete:

„Der Hobble-Frank hat mir freilich gesagt, daß Sie kommen werden, Sir, und diese Nachricht hat mir unendliche Freude bereitet. Ich stelle Ihnen mein ganzes Haus zur Verfügung. Machen Sie es sich bequem, und bleiben Sie so lange wie möglich bei mir!“

„Nun, lange Zeit können wir uns nicht verweilen. Wir müssen über die alte Llano hinüber, um da drüben einen zu treffen, welcher uns erwartet.“

„Wohl Winnetou?“

„Ja! Hat Frank es Ihnen gesagt?“

„Er sagte es, und ich wollte, ich könnte mit Ihnen hinüber, um den Häuptling der Apachen zu sehen. Aber, sagt einmal, Sir, woher Sie mich kennen! Sie haben mich sofort bei meinem Namen genannt.“

„Meinen Sie etwa, daß ein so außerordentlicher Scharfsinn dazu gehört, Sie für den Besitzer von Helmers Home zu halten? Sie tragen den Hausanzug und gleichen ganz genau dem Bilde, welches man mir von Ihnen gemacht hat.“

„So, haben Sie sich nach mir erkundigt?“

„Natürlich! Im fernen Westen ist es ratsam, die Leute, welche man aufsucht, möglichst vorher kennen zu lernen. Ich erfuhr, daß Sie ein Deutscher sind, und habe Sie infolgedessen gleich in Ihrer Muttersprache angeredet. Darf ich vielleicht erfahren, wer der andere Master ist?“

„Man nennt mich gewöhnlich den Juggle-Fred,“ antwortete der einstige Taschenspieler. „Ich bin ein einfacher Prairieläufer, Sir, und darf nicht annehmen, daß mein Name Ihnen bekannt ist.“

„Warum nicht? Wer sich so lange Zeit wie ich im Westen herumgetrieben hat, der wird doch wohl von dem Juggle-Fred gehört haben. Sie sind ein tüchtiger Fährtensucher und, was noch besser ist, ein braver Mann. Hier ist meine Hand. Wollen gute Kameradschaft halten, solange es uns erlaubt ist, beisammen zu bleiben. Oder nicht, Sir?“

Obgleich im fernen Westen keine Rangesunterschiede gelten, ist man doch gewöhnt, hervorragenden Siegern mit besonderer Achtung zu begegnen. Auf dem glücklich lächelnden Gesichte Freds sprach sich der Stolz aus, welchen er empfand, von Old Shatterhand in dieser Weise ausgezeichnet zu werden. Er ergriff die dargebotene Hand, drückte sie herzlich und antwortete:

„Wenn Sie von Kameradschaft sprechen, so ist das eine Ehre für mich, welche ich erst verdienen muß. Ich wollte, ich könnte recht lange bei Ihnen sein, um von Ihnen lernen zu dürfen. Auch ich will über die Estakata. Wenn Sie mir erlauben wollten, mich Ihnen anzuschließen, so würde ich Ihnen außerordentlich dankbar sein.“

„Warum nicht? Durch die Llano reitet man am liebsten so zahlreich wie möglich; darum ist es mir sehr lieb, daß Sie sich uns anschließen wollen. Natürlich setze ich voraus, daß nicht der eine auf den Aufbruch des anderen zu warten hat. Wann wollen Sie reiten?“

„Ich bin von einer Gesellschaft von Diamondboys als Führer engagiert. Diese Leute wollen heute hier eintreffen.“

„So paßt es gut, denn ich will morgen von hier aufbrechen. Da Sie von Diamondboys reden, so darf ich wohl annehmen, daß Sie hinüber ins Arizona wollen?“

„Allerdings, Sir!“

„Nun, so werden Sie wohl auch Winnetou sehen. Der Ort, an welchem ich mit ihm zusammentreffen werde, liegt in Ihrer Richtung. jetzt aber will ich Ihnen meine beiden Begleiter vorstellen, damit Sie auch diese kennen lernen.“

„Kenne sie bereits, denn ihre Gestalten sind die deutlichsten Visitenkarten, welche man sich denken kann. Übrigens hat Frank uns bereits ihre Namen genannt.“

Indessen hatte Helmers auch Jemmy und Davy begrüßt. Der Neger Bob kam herbei, um die Pferde in seine Obhut zu nehmen; dann setzte man sich nieder, und Helmers ging in das Haus, um einen guten Imbiß für seine Gäste zu bestellen. Einen Trunk brachte er gleich selber mit, und dann saßen die Männer beisammen, um die Ereignisse des gestrigen Tages zu besprechen, welche natürlich und vor allen Dingen erzählt werden mußten.

Der Dragoneroffizier hatte gesagt, daß er ausruhen wolle. Er that dies aber, als ihm die eine Giebelstube angewiesen worden war, keineswegs. Er hatte den Riegel vorgeschoben und schritt nachdenklich in dem Raume auf und ab. Dieser letztere lag nach Norden zu, und so kam es, daß er die Ankunft der drei Reiter bemerkt hatte. Er war an das Fenster getreten und betrachtete sie sehr genau.

„Wer mögen diese Kerls sein, und wohin mögen sie wollen?“ fragte er sich. „Höchst wahrscheinlich haben sie auch die Absicht, durch die Llano zu gehen. Das ist bedenklich. Der eine ist außerordentlich gut beritten. Er macht den Eindruck eines erfahrenen Westmannes. Wenn diese Leute auf die Fährte der deutschen Einwanderer geraten, so können sie uns sehr leicht den famosen Streich verderben. Schon vor dem Juggle-Fred hat man sich in acht zu nehmen. Ein Glück, daß die Diamondboys nicht nach Helmers Home kommen werden! Da wird er auf ihre Ankunft so lange hier warten, bis er uns nicht mehr schaden kann. Ich muß versuchen, auch diese drei zu veranlassen, hier zu bleiben, bis wir unseren Coup ausgeführt haben. Meine Uniform ist echt, und wenn Helmers keinen Verdacht geschöpft hat, so werden auch diese Neuangekommenen nicht auf den Gedanken kommen, daß ich der verkleidete Anführer der „Llano-Geier“ bin.“

Er wartete noch eine Weile und ging dann hinab, um sich zu den Männern zu gesellen, welche jetzt essend vor dem Hause saßen.

Dieser verkleidete Dragoner war kein anderer als jener Stewart, welcher gestern mit seinen Leuten die beiden Komantschen angegriffen und verfolgt hatte und dann mit den beiden Snuffles zusammengetroffen war. Die kleine Hasenscharte konnte man heute nicht sehen, weil er sie durch den niederhängenden Schnurrbart verdeckt hatte.

Als er unten ankam, war Old Shatterhand von den gestrigen Vorkommnissen bereits unterrichtet, und Helmers hatte eben erwähnt, daß ein Offizier angekommen sei. Als der Wirt den letzteren erblickte, fuhr er fort:

„Da kommt der Kapt’n. Er kann also selbst erzählen, in welcher Absicht er sich hier befindet. Holla, Frau, noch einen Teller für den Offizier!“

Dieser Ruf galt der Hausfrau, welche am Fenster erschienen war, um nach den Gästen zu sehen. Der Teller wurde gebracht, und der Offizier setzte sich mit zum Essen nieder. Er erschrak nicht wenig, als er die Namen der drei zuletzt Gekommenen hörte, gab sich aber alle Mühe, seinen Schreck nicht bemerken zu lassen. Nichts konnte ihm so unwillkommen wie die Anwesenheit Old Shatterhands sein. Er musterte denselben mit scharfem Blicke; der berühmte Jäger sah das sehr wohl, that aber ganz so, als ob er es nicht bemerke, und gab sich den Anschein, als ob er der Person des Offiziers nur eine ganz gewöhnliche Aufmerksamkeit widme.

Dieser letztere wiederholte seinen Bericht, den er bei seiner Ankunft gegeben hatte. Es entging ihm dabei, daß Old Shatterhand seinen Hut tiefer in das Gesicht zog und unter der Krempe desselben hervor den Sprecher heimlich betrachtete. Als dieser geendet hatte, fragte der Jäger in sehr harmlosem Tone:

„Und wo sagt Ihr, daß Eure Truppe liege, Sir?“

„Bei Fort Sill da oben.“

„Von dort aus habt Ihr Eure Rekognoszierung begonnen?“

„Ja!“

„Also seid Ihr in Fort Sill gewesen und kennt die Gegend und die dortigen Verhältnisse genau?“

„Natürlich!“

„Ich war bereits vor längeren Jahren einmal dort, als Colonel Olmers dort kommandierte. Wie heißt der jetzige Kommandant?“

„Es ist Colonel Blaine.“

„Kenne den Mann nicht. Habt Ihr ihn gesehen und mit ihm gesprochen?“

„Das versteht sich ja ganz von selbst.“

„Und Eure Dragoner werden dieser Tage hier ankommen? Wie schade, daß sie nicht bereits heute oder morgen kommen! Wir könnten mit ihnen durch die Llano reiten, was wegen unserer Sicherheit von sehr großem Vorteile für uns wäre.“

„So wartet doch ihre Ankunft ab!“

„Dazu habe ich leider weder Zeit noch Lust.“

„Nun, einen Tag könnt Ihr doch wohl versäumen. Dieser Zeitverlust wird jedenfalls reichlich aufgewogen durch den Vorteil, den Euch eine solche Bedeckung bietet.“

„Einen Tag? Hm! Meint Ihr wirklich, daß es sich um nur einen Tag handeln würde?“

„Ja, allerhöchstens um zwei Tage.“

„Da sind wir freilich sehr verschiedener Meinung!“

„Wieso?“

„Weil ich überzeugt bin, daß Eure Dragoner niemals hier ankommen werden.“

„Wie kommt Ihr auf diesen eigentümlichen Gedanken, Sir?“

„Ich weiß sehr genau, daß in oder bei Fort Sill sich keine Truppe befindet, welche die Aufgabe hat, sich in die Llano zu begeben.“

„Oho! Soll ich etwa annehmen, daß Ihr mich Lügen strafen wollt?“ fragte der Offizier in aufbrausendem Tone.

„Ja, das sollt Ihr! Ich erkläre allerdings, daß Ihr ein Lügner seid,“ antwortete Old Shatterhand ebenso ruhig wie bisher.

„Alle Teufel! Wißt Ihr, daß dies eine Beleidigung ist, welche nur mit rotem Blute abgewaschen werden kann?“

„Ja, eigentlich müßten wir uns schlagen; das ist wahr, nämlich wenn Ihr wirklich ein Offizier der Vereinigten Staaten Truppen wäret, was aber keineswegs der Fall ist.“

„Auch das noch!“ rief Stewart, indem er sich drohend erhob. „Ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß ich es bin, und übrigens muß Euch meine Uniform beweisen, daß Ihr einen militärischen Gentleman vor Euch habt. Glaubt Ihr es aber selbst nun noch nicht, so muß ich Euch ersuchen, zur Waffe zu greifen!“

Old Shatterhand blickte ihm lächelnd in das Gesicht und antwortete.

„Regt Euch nicht auf, Sir! Wenn Ihr jemals meinen Namen gehört habt, so werdet Ihr wissen, daß ich ein Mann bin, der nur sehr schwer zu täuschen ist. Ich schlage mich mit keinem Schurken, und wenn Ihr es dennoch auf einen Kampf ankommen lassen wollt, so bin ich bereit, Euch mit einem einzigen Griffe den Hals umzudrehen.“

„Mensch!“ schrie Stewart, indem er eine seiner beiden Pistolen aus dem Gürtel riß. „Sagt noch ein solches Wort, so schieße ich Euch über den Haufen!“

Er hatte diese Drohung noch nicht ganz ausgesprochen, so stand Old Shatterhand schon vor ihm, riß ihm die Pistole aus der Hand und zugleich die andere aus dem Gürtel und sagte, dieses Mal aber in einem ganz anderen Tone:

„Nicht so vorwitzig, Mann! Gewöhnlich pflegt derjenige, welcher eine Waffe auf mich anlegt, verloren zu sein; für dieses Mal aber will ich Euch noch schonen, da ich keinen direkten, sondern nur einen indirekten Beweis gegen Euch habe. Zunächst will ich Eure Schießdinger unschädlich machen.“

Er schoß beide Pistolen ab und fuhr fort:

„Und sodann will ich Euch sagen, daß ich von Fort Sill komme und den Kommandanten sehr genau kenne. Der vorige hieß allerdings Blaine, ist aber vor drei Wochen abberufen und durch Major Owens ersetzt worden, was Ihr noch nicht zu wissen scheint. Ihr wollt vor noch nicht ganz einer Woche von Fort Sill weggeritten sein und müßtet, wenn dies wahr wäre, Major Owens kennen. Da dies nicht der Fall ist, so seid Ihr also nicht dort gewesen, und die Geschichte von Euren Dragonern und ihrem Zuge in die Llano estakata ist Schwindel!“

Stewart befand sich in größter Verlegenheit; er versuchte, dieselbe zu verbergen, und sagte:

„Nun gut, so will ich zugeben, daß meine Truppe nicht bei Fort Sill steht. Aber ist das hinreichend, die Sache für Schwindel zu halten? Ich bin zur Vorsicht genötigt und darf den eigentlichen Aufenthaltsort meiner Leute nicht verraten.“

„Schwatzt mir nicht solches Zeug vor! Gegen mich braucht Ihr nicht so verschwiegen zu sein. Ich denke, daß jeder Offizier froh sein würde, Old Shatterhand zum Vertrauten zu haben. Übrigens sehe ich Euch jetzt nicht zum erstenmal. Seid Ihr nicht einmal in Los Animas wegen Überfall eines Bahnzuges in Untersuchung gewesen? Es gelang Euch, mit Hilfe einiger Schurken ein Alibi beizubringen; schuldig waret Ihr aber doch. Ihr wurdet zwar freigesprochen, entginget aber nur durch schleunige Flucht dem Richter Lynch.“

„Das war ich nicht!“

„Leugnet es nicht! Euer Name war damals Stuart oder Stewart oder so ähnlich. Wie Ihr Euch jetzt nennt, und welchen Zweck Eure gegenwärtige Maskerade hat, das weiß ich nicht und will es auch nicht untersuchen. Hebt einmal Euren Schnurrbart empor! Ich bin überzeugt, daß da ein kleines Hasenschärtchen zu sehen sein wird.“

„Wer berechtigt Euch, ein solches Verhör mit mir anzustellen?“ fragte Stewart in ohnmächtigem Zorne.

„Ich selbst. Übrigens brauche ich Euren Mund nicht zu sehen. Ich weiß ohnedies, woran ich mit Euch bin. Hier habt Ihr Eure Waffen. Trollt Euch aber schleunigst von dannen und seid froh, für dieses Mal noch so leicht weggekommen zu sein! Hütet Euch aber, mir wieder in den Weg zu kommen! Die nächste Begegnung könnte unangenehmer für Euch ablaufen.“

Er warf ihm die abgeschossenen Pistolen vor die Füße. Stewart hob sie auf, steckte sie zu sich und sagte:

„Das, was Ihr gegen mich vorbringt, ist einfach lächerlich. jedenfalls verwechselt Ihr mich mit einem anderen. Darum will ich es Euch verzeihen. Ich habe meine Papiere oben in der Stube und werde sie Euch herabbringen. Ich bin überzeugt, daß Ihr mich um Verzeihung bitten werdet.“

„Das bildet Euch nicht ein! Ein Westmann lacht Eurer Papiere, welche höchst wahrscheinlich gestohlen sind. Macht es Euch aber Spaß, so holt sie herab und zeigt sie diesen anderen. Ich brauche sie nicht zu sehen.“

Stewart ging.

„Welch ein Auftritt!“ sagte Helmers. „Seid Ihr Eurer Sache wirklich gewiß, Sir?“

„Ganz und gar,“ antwortete Old Shatterhand.

„Habe ich es mir nich gleich gedacht!“ fiel der Hobble-Frank ein. „Der Kerl hat een vollschtändig ehrenbürgerrechtswidriges Angesicht. Ich hab‘ ihm ooch schon meine Meenung successive beigebracht; aber er zog sich mit eleganter Präterpropter aus der Schlinge. Unsereener ist doch ooch in Arkadien gewesen und hat den Hippokrates beschtiegen, um in den dichterischen Menschenkenntnissen seinen wichtigen – –“

„Hippogryph, Hippogryph, und nicht Hippokrates!“ rief ihm Jemmy zu.

„Schweig, altes, dickes Hippedrom! Siehste, kaum biste da, so geht der Schtreit wieder los! Du kannst’s eben nich lassen, dich dadrüber zu ärgern, daß ich gescheiter bin als du. Alle Wörter, die mit Hippo anfangen, schtammen aus dem Sanskrit, und in diesem bin ich dir weit und breit über.“

„Nein! Hippo ist griechisch!“

„Griechisch? Haben Sie die Güte, Herr Jemmy Pfefferkorn! Was verschtehst denn du vom Griechischen! Du weeßt vielleicht nich mal, wie Alexander dem Großen sein Schimmel geheeßen hat.“

„Nun, wie denn?“

„Minotaurus natürlich!“

„Ach so! Ich denke Bukephalos!“

„Da biste freilich schief gewickelt. Das mit dem Bukephalos ist eene euphemistische Konjugation der olympischen Gebirge mit der karthageniensischen Justiz. Bukephalos war derjenige Besitzer eener Nähmaschinenfabrik in Karthago, welcher seinem Kassierer, als dieser ihm mit dem feuerfesten Geldschrank durchgegangen war, die telegraphische Depesche nach Cincinnati nachschickte: „Carus, Carus, gib mir meine Millionen wieder! Nee, der Schimmel hieß Minotaurus. Es ist das ganz derselbige Schimmel, off welchem kurze Zeit schpäter in der Schlacht bei Cannä der Stallmeester Froben erschossen wurde.“

„Aber, Frank, das geschah doch in der Schlacht bei Fehrbellin!“

„Unsinn! In der Schlacht bei Fehrbellin besiegte Andreas Hofer die Westgoten, weshalb es in dem schönen Hoferliede heeßt-

Den Tod, den er so manches Mal
Von Fehrbellin gesandt ins Thal;
Kanonen sind schtets hohl,
Leb‘ wohl, mein Land Tirol!

Und wenn du meiner inklusiven Intelligenz keen Vertrauen schenken willst, so frage unseren Herrn Old Shatterhand. Der ist in allen Künsten und Wissenschaften auplaid und mag entscheiden, wer recht hat, du oder ich.“

„Beschäftigen wir uns nicht mit solchen wissenschaftlichen Dingen,“ lächelte der Genannte. „Es gibt jetzt andere Sachen, welche unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.“

„Ganz richtig! Die Schlacht von Fehrbellin ist zwar von ziemlicher Wichtigkeet, aber hier an der Llano estakata hat sie doch nich die Bedeutung allererschter Hofrangsordnung höchsten Grades. Wir schtehen hier off derjenigen teleskopischen Peripherie, von welcher die Geistesfunken unterirdischer Gedankenblitze ganz genau nach dem bekannten Gesetze abprallen müssen, daß der Einfaltspinsel genau gleich dem Ausfaltspinsel ist, was jeder Billardschpieler an seinen Bällen ersehen kann. Wir als Westmänner dürfen nich in eener höheren epileptischen Sphäre schwärmen. Wir müssen uns den Grausamkeeten des schwefel- und salpetersauren Erdenlebens anbequemen und dürfen ja nich denken, daß uns jede Schtunde een Sonett vom alten Dessauer oder gar eenen Monolog der Gebrüder Toussaint-Langenscheidt bringen muß. Wir müssen vielmehr die Gelegenheet bei den Hörnern ergreifen. Wir sind fürs praktische Leben beschtimmt, wie Schiller in seinem Nokturne vom Moskauer Glockenturme sagt:

Der Mann schtürzt sich blind ins feindliche Leben,
Muß schtoßen und schtreben,
Erraffen und gaffen,
Um Geld anzuschaffen,
Muß wetten und wagen
Mit hungrigem Magen
Und schticht mit der häuslich schnurrenden Schpindel
Zu Tod alles Mord- und Galgengesindel!

Grad so, wie wir es mit den Geiern der Llano estakata machen werden.“

Vielleicht hätte er noch mehrere dieser schauderhaften Reime verbrochen, wenn ihm nicht der dicke Jemmy zugerufen hätte:

„Halt ein, halt ein! Willst du uns alle dem Verderben weihen! Gönne dem armen Dichter die ewige Ruhe; wir haben von ganz anderen Dingen zu reden, wie du gehört hast.“

Frank rüstete sich zu einer zornigen Erwiderung, doch Old Shatterhand schnitt ihm das Wort ab:

„Ganz richtig! Unser guter Hobble-Frank hat sich zwar wieder einmal als ausgezeichneter Kenner der deutschen Nationallitteratur bewährt; aber so bedeutend die in seinem Gedächtnisse aufgespeicherten Schätze sind, in unserer gegenwärtigen Lage können wir nicht aus ihnen schöpfen. Wir haben keine Zeit dazu, sondern wir sind gezwungen, alle schönwissenschaftlichen Betrachtungen aufzugeben, um uns mit den Notwendigkeiten der gegenwärtigen Lage zu beschäftigen.“

So wurde nun die Unterhaltung auf ernstere Gegenstände geleitet. Old Shatterhand erkundigte sich eingehender nach dem Geschehenen, besonders nach Bloody-Fox, für den er sich sehr zu interessieren schien. Er fragte auch nach den Diamond-Boys, welche der Juggle-Fred erwartete, um sie durch die Llano zu führen. Sodann wurde von dieser letzteren ausführlich gesprochen. Jeder hatte Schreckliches von ihr erfahren, und so hätte sich die Unterhaltung wohl noch lange hingezogen, wenn nicht der Neger Bob mit Helmers‘ Schwarzen erschienen wäre und mit demselben eine Unterbrechung gebracht hätte. Dieser letztere erkundigte sich nämlich bei seinem Herrn:

„Massa Helmers fragen, wohin thun viel Pferde, wenn nachher kommen?“

„Welche Pferde?“ fragte der Wirt.

„Pferde von Soldaten, welche Offizier fortreiten und holen.“

„Ah! Er ist fortgeritten?“

„Ja, sein fort. Haben vorher sagen, daß will holen viele Reiter nach Helmers Home.“

„Er hat sich also heimlich entfernt! Das beweist, daß er kein gutes Gewissen hat. Wo hinaus ist er denn?“

„Haben legen Sattel auf Pferd, Pferd aus Stall ziehen, sich aufsetzen, um Stall hinum reiten und dann fort, dahin.“

Beim letzten Worte deutete der Neger nach Norden.

„Das ist verdächtig. Man sollte ihm nachreiten. Er sagt, daß sie gewiß kommen werden, daß er sie hier erwarten soll, und reitet ihnen doch entgegen. Ich habe große Lust, ihn einzuholen, um ihn zu fragen, warum er es uns nicht vorher gesagt hat, daß er fort will.“

„Thut es immerhin,“ sprach lächelnd Old Shatterhand. „Ihr würdet nicht weit nach Norden kommen!“

„Warum?“

„Weil diese Richtung jedenfalls nur eine Finte von ihm ist. Der Mann ist kein Offizier und trägt doch die Uniform eines solchen. Er führt also nichts Gutes im Schilde. Da er sich durchschaut sah, so hielt er es für geraten, zu verschwinden, und schlägt natürlich eine ganz andere Richtung ein, als diejenige ist, nach welcher er eigentlich will.“

„Aber wohin sollte er wollen? Im Westen und Südwesten liegt die Llano; im Süden ist er gewesen, denn dort kam er her; im Osten hat er nichts zu suchen, also bleibt nur der Norden übrig, wohin er auch geritten ist.“

„Master Helmers, nehmt es mir nicht übel, wenn ich behaupte, daß Ihr Euch irrt. Ich nehme das gerade Gegenteil von dem an, was dieser Mensch gesagt hat. Er ist aus dem Süden gekommen und reitet nach Norden; gut, so bin ich überzeugt, daß er nach dem Süden will. Ich wette, wenn wir seiner Fährte folgen, so werden wir sehr bald bemerken, daß sie die Richtung in die entgegengesetzte ändert. Das, was er vom Militär erzählte, war Schwindel.“

„Das glaube ich nun selbst auch. Aber warum habt Ihr ihn denn fortgelassen?“

„Weil ich ihm ganz und gar nichts zu befehlen habe, und weil ich ihm nichts Unrechtes beweisen kann.“

„So sagt mir wenigstens, in welcher Absicht er zu mir gekommen ist!“

„Ihr scheint mich für allwissend zu halten. Ich kann eben auch nichts anderes als nur Vermutungen hegen. Für mich steht so viel fest, daß er hierher gekommen ist, um sich über irgend etwas zu unterrichten, um irgend etwas zu erfahren. Was kann das sein? Euer Home ist für viele der Ausgangspunkt der Reise durch die Llano. Ich vermute, daß er hat nachschauen wollen, ob es gegenwärtig hier bei Euch Leute gibt, welche diese Reise unternehmen wollen. Er muß ein Interesse für solche Leute haben, einen Nutzen von ihnen erwarten. Nun sagt einmal, welcher Art dieses Interesse, dieser Nutzen sein könnte.“

„Hm!“ brummte Helmers. „Ich weiß, Ihr haltet den Mann für einen Savannengeier.“

„Allerdings thue ich das.“

„So hätten wir ihn nicht fort lassen, sondern unschädlich machen sollen. Aber freilich war das ohne Beweise gegen ihn unmöglich. Er hat erfahren, daß Juggle-Fred die Diamond-Boys erwartet. Vielleicht ist er jetzt fort, um die Vorbereitungen zum Überfalle derselben zu treffen.“

„Das erscheint mir nicht nur als wahrscheinlich, sondern als gewiß. Dieser Mann befindet sich nicht allein in dieser Gegend. Er hat jedenfalls noch andere bei sich, welche irgendwo auf seine Rückkehr warten. Wir haben ihm nichts thun dürfen; ich durfte ihn nicht halten, obgleich ich wußte, daß er sich fortschleichen werde. Nun er aber fort ist, werde ich mich wenigstens überzeugen, ob ich richtig oder falsch vermute. Ich werde jetzt einmal seiner Spur folgen. Seit wann ist er fort?“

„Es sein eine Stunde und eine halbe vielleicht,“ antwortete der Neger, an welchen diese Frage gerichtet war.

„So muß man sich sputen. Hat jemand Lust, mitzureiten?“

Sie meldeten sich alle. Old Shatterhand wählte sich den Juggle-Fred aus, jedenfalls um ihn besser kennen zu lernen. Während eines solchen Rittes mußte es Gelegenheit geben, ihn einer kleinen Prüfung zu unterwerfen. Mit dieser Entscheidung war Frank sehr unzufrieden. Er sagte zu dem berühmten Westmanne:

„Aber, Verehrtester, eenen andern mitzunehmen, das is keene große Offmerksamkeet für eenen Mann von meinen Meriten! Oder haben Sie etwa die Ansicht, daß ich mich bei der Beurteelung eener Schpur nich ooch nützlich machen könnte? Wenn ich mitreiten dürfte, so würde ich das als eene ganz besondere geographische Gratifikation betrachten.“

„So?“ fragte Old Shatterhand lächelnd. „Womit haben Sie sich denn diese Gratifikation wohl verdient?“

„Zunächst im allgemeinen durch meine irdische Existenz überhaupt. Zweetens durch den Umschtand, daß ich nich weniger neugierig bin als andere. Und drittens dadurch, daß ich vielleicht doch noch etwas lernen könnte, wenn Sie die Gewogenheet haben wollten, mich mitzunehmen.“

„Meinen Sie wirklich, noch etwas lernen zu können? Das ist eine Bescheidenheit, welche belohnt werden muß. Sie sollen also mit.“

„Schön!“ nickte Frank. „Ich widme Ihnen hiermit meinen geneigtesten Merçi Monsieur! Mit meiner anerkennenswerten Bescheidenheet habe ich den anderen een leuchtendes Beischpiel zur geduldigen Nachahmung geben wollen, quod Eduard demonschtrandus!

Er stieg mit stolzen Schritten davon, um sich nach dem Stalle zu seinem Pferde zu begeben. Helmers machte Old Shatterhand darauf aufmerksam, daß er ihm zu diesem Ritte einige gute und ausgeruhte Pferde zur Verfügung stellen könne, und der letztere nahm dies Anerbieten gern an. Die beiden Schwarzen mußten drei Tiere von der Weide holen, um sie zu satteln, und dann ritten Old Shatterhand, Fred und Frank davon, gleich vom Stalle aus der Spur des Offiziers folgend.

Diese führte allerdings nach Norden, aber nur eine kurze Strecke; dann bog sie über Osten nach Süden um und nahm endlich gar eine südwestliche Richtung an. Auf diese Weise war Stewart fast drei Vierteile eines Kreises geritten, und zwar hatte dieser Kreis einen auffällig kleinen Durchmesser.

Old Shatterhand ritt voran, weit nach vorn gebeugt, um die Spuren fest im Auge zu haben. Als er sich überzeugt hatte, daß dieselben nicht mehr aus der Richtung wichen, sondern von nun an eine schnurgerade Linie bildeten, hielt er sein Pferd an und fragte:

„Master Fred, was sagt Ihr zu dieser Fährte? Werden wir ihr trauen dürfen?“

„Jedenfalls, Sir,“ antwortete der Gefragte, welcher wohl merkte, daß Old Shatterhand ihn ein wenig ins Examen nehmen wolle. „Von hier an bekennt der Kerl Farbe. Er reitet schnurstracks nach der Llano, und ––“

Er hielt bedenklich inne.

„Nun, und –– ?“

„Es scheint, daß er es sehr eilig hat. Der Kreisbogen, den er um Helmers Home geschlagen hat, ist sehr eng; er hat sich nicht Zeit genommen, einen größeren Umweg zu machen. Auch ist er in gestrecktem Galopp geritten. Es muß ihn irgend etwas sehr schnell vorwärts treiben.“

„Und was mag das sein?“

„Ja, wenn ich das sagen könnte, Sir. Da bin ich aber leider mit meinen Kenntnissen zu Ende. Vielleicht erratet Ihr es leichter als ich.“

„Aufs Erraten will ich mich nicht einlassen. Es ist besser, wir gehen sicher. Wir haben ja Zeit und können einige Stunden riskieren. Folgen wir der Fährte möglichst schnell.“

Sie setzten ihre Pferde nun auch in Galopp. Das konnten sie sehr wohl, da die Spur so deutlich war, daß das Lesen derselben nicht den geringsten Aufenthalt machte.

Es war sehr bald zu sehen, daß Helmers Home sich auf der Grenze des kulturfähigen Landes befand. Die Gegend veränderte sehr schnell ihren Charakter,

Nördlich von der Niederlassung hatte es noch Wald gegeben. Südlich von ihr sah man nur noch einzelne Bäume, welche auch verschwanden. Das Gesträuch wurde dünner und seltener; das Büffelgras hörte auf, und an seine Stelle trat Bärengras, ein untrügliches Zeichen, daß der Boden an Sterilität zunahm. Dann zeigte sich immer häufiger der nackte, trockene Sand, und die bisher wellenförmige Oberfläche der Steppe ging in die Form der ununterbrochenen Ebene über.

Nun gab es Sand und überall Sand, nur zuweilen unterbrochen von einer Bärengrasinsel, überragt von den dunkelbraunen Kolben der Blütenstengel.

Später gab es selbst dieses Gras nicht mehr, und an die Stelle desselben traten dichter Stachelrasenkaktus und lang gestreckte, schlangenartig kriechende Cereusarten. Stewart hatte diese mit Kaktus bewachsene Stellen vermieden, da die Stacheln dieser Pflanzen den Pferden leicht gefährlich werden können. Er hatte nur zuweilen seinem Tiere eine kurze Zeit zum Verschnaufen gegeben; dann war es, wie die tief eingegrabenen Tapfen zeigten, wieder gezwungen worden, in Galopp zu fallen.

So ging es weiter und weiter. Über zwei Stunden waren vergangen, seit die drei Reiter Helmers Home verlassen hatten. Es waren von ihnen wenigstens fünfzehn englische Meilen zurückgelegt worden, und doch wollte es ihnen nicht gelingen, den Reiter zu sehen, welchem sie folgten. Helmers Pferde waren nicht im stande, den Vorsprung, welchen er hatte, einzuholen.

Da bemerkten sie einen dunklen Streifen, welcher sich von links her spitz in die sandige Ebene schob. Es war eine Erderhöhung, welche aus fruchtbarerem Boden bestand, aber doch nur anspruchslose Mezquitesträucher trug. Die Spur zog sich nach dieser zungenartigen Einschiebung hin, welche die drei Reiter in weniger als zwei Minuten erreichen mußten. Da aber hielt Old Shatterhand sein Pferd an, deutete vorwärts und sagte:

„Vorsicht! Dort hinter den Sträuchern scheinen Menschen zu sein. Habt ihr nichts gesehen?“

„Nein,“ antwortete Fred.

„Mir aber war es ganz so, als ob sich Wer oder Was bewegte. Wollen uns nach links halten, um das Mezquitegebüsch dazwischen zu bringen.“

Sie schlugen einen Bogen und trieben ihre Pferde an, um die offene Strecke, auf welcher sie so deutlich gesehen werden konnten, möglichst schnell hinter sich zu legen. Als sie dann das Gebüsch erreichten, stieg Old Shatterhand ab.

„Bleibt hier zurück und haltet mein Pferd!“ sagte er. „Ich will rekognoszieren. Nehmt aber die Waffen zur Hand und seid vorsichtig. Sollte ich schießen müssen, so kommet schnell nach!“

Er bückte sich nieder und schob sich zwischen die Büsche, hinter denen er verschwand. Noch waren kaum drei Minuten vergangen, so kehrte er zurück. Ein vergnügtes Lächeln spielte um seine Lippen.

„Der Offizier ist es nicht,“ sagte er. „Auch sind es nicht Kumpane desselben, welche sich da jenseits der Sträucher befinden. Ich glaube, wir machen eine sehr interessante Bekanntschaft. Master Fred, habt Ihr vielleicht einmal von den beiden Snuffles gehört?“

„Von denen? Nicht bloß gehört habe ich von ihnen, sondern ich kenne sie sogar.“

„Wirklich? Nun, so steigt einmal ab und kommt mit! Ich habe sie noch nie gesehen, aber den Nasen nach müssen sie es sein.“

„Wie sind sie denn gekleidet?“

„Wollene Hosen und Oberhemden, Schnürschuhe und Biberhüte, Gürtel aus Klapperschlangenhaut, und die Decken haben sie wie Mäntels von den Schultern hängen.“

„Das sind sie! Habt Ihr ihre Pferde gesehen?“

„Es sind nicht Pferde, sondern Maultiere.“

„So ist es gar kein Zweifel; sie sind es, Jim und Tim mit Polly und Molly. Hei, wird das eine Überraschung geben! Ich habe – – –“

„Leise, leise!“ warnte Old Shatterhand. „Sie sind nicht allein. Es ist ein junger Indsman bei ihnen.“

„Thut nichts, Sir! Wer bei den beiden Snuffles ist, der ist mir nicht gefährlich. Ich war mit ihnen monatelang droben in den schwarzen Bergen, um Biber zu fangen. Wir hatten ein Zeichen verabredet, um uns schon aus größerer Ferne zu erkennen. Ich werde es ihnen jetzt hören lassen und will sehen, wie sie sich dabei benehmen. Was machen sie denn?“

„Sie sitzen im Schatten des Gebüsches und ruhen sich aus.“

„Und ihre Maultiere?“

„Knappem sich die wenigen Blätter von den Zweigen.“

„Sind nicht angehängt?“

„Nein.“

„So werdet Ihr gleich erfahren, daß Polly und Molly ebenso klug sind wie Jim und Tim. Ich wette, daß die beiden Maultiere ebenso schnell hier bei mir sind wie ihre Herren. Paßt einmal auf, Sir!“

Er steckte zwei Finger in den Mund und ließ einen lang gezogenen, trillernden Pfiff hören. Es ertönte keine Antwort.

„Sie sind zu überrascht,“ meinte Fred. „Also noch einmal!“

Er wiederholte den Pfiff, und kaum war das geschehen, so ließen zwei Tierstimmen ein schmetterndes, trompetenartiges Eselsgeschrei hören; es prasselte in den Büschen, und alles, was ihnen im Wege stand, niederreißend, kamen die beiden Maultiere quer durch die Sträucher herbeigesprungen. Hinter ihnen ertönte eine laute Stimme:

„Hallo! Was ist denn da los! Dieser Pfiff in der einsamen Llano! Sollte es möglich sein? Fred, der Juggle-Fred!“

„Ja, der Juggler! Kein anderer ist’s!“ rief eine andere Stimme. „Mach voran! Ich komme auch. Er ist’s, denn das Viehzeug hat ihn schon erkannt und sich zu ihm hinübergeschlängelt.“

Es prasselte abermals in den Büschen und dann brachen die beiden Brüder aus denselben hervor, Jim voran und Tim hinter ihm her. Als sie Fred sahen, eilten sie, ohne auf die anderen zu achten, auf ihn zu und umarmten ihn, einer von vom, der andere von hinten.

„Halt, Kerls, drückt mich nicht tot!“ wehrte der einstige Kunstreiter sie von sich ab. „Ich will mich wohl gern umärmeln lassen, aber einzeln, einzeln, nicht von zwei solchen Bären, wie ihr seid, zu gleicher Zeit!“

„Keine Sorge! Wir erdrücken dich nicht!“ meinte Jim. „Nein, der Juggle-Fred so unerwartet hier! Das ist wahrhaftig das höchste der Gefühle! Aber wie kommst du denn auf den Gedanken, zu pfeifen? Wußtest du, daß wir da hinter dem Gebüsche steckten?“

„Jawohl. Ihr seid mir die richtigen Westmänner! Laßt euch beschleichen und betrachten und beobachten, ohne das Geringste zu bemerken! Hoffentlich seid ihr ganz erstaunt, mich hier an der Llano zu sehen?“

„Gar so sehr nicht, alter Freund. Zwar überrascht es uns, dich hier zu treffen; aber daß du dich in der Nähe befindest, haben wir gewußt.“

„Gewußt? Wie denn, von wem denn?“

„Ah, nicht wahr, da wunderst du dich? Sind dir nicht sechs Männer bekannt, deren Anführer Gibson heißt und ein Lawyer ist?“

„Ja. Ich erwarte sie in Helmers Home, denn ich soll sie durch die Llano führen. Seid ihr etwa mit ihnen zusammengetroffen?“

„Freilich. Sie nannten uns deinen Namen. Wir hielten es nicht für nötig, ihnen zu sagen, daß wir dich so genau kennen, sondern wir teilten ihnen nur mit, daß wir von dir gehört hätten.“

„So verleugnet ihr mich, ihr Schlingels! Wo stecken die Kerls denn? Und was treibt ihr hier hinter diesen Büschen?“

„Davon später. Jetzt möchten wir vor allen Dingen wissen, wer die beiden Masters sind, welche du bei dir hast.“

„Das könnt ihr sofort erfahren. Dieser berühmte Sir mit dem Amazonenhute auf dem Kopfe heißt Hobble-Frank und ist ––“

„Doch nicht etwa der große deutsche Gelehrte, welcher sich mit Winnetou und Old Shatterhand damals um den Yellowstonepark herumgeschlängelt hat?“ fiel Tim ihm in die Rede. „Der hat doch wohl Hobble-Frank geheißen.“

Der „große deutsche Gelehrte“, das hatte Tim scherzhaft gemeint; aber Frank nahm es sehr ernst und antwortete infolge dessen selbst:

„Ja, der Hobble-Frank bin ich, Sir. Woher kennt Ihr mich denn?“

„Wir haben droben im Blackbird-River von Euren Erlebnissen gehört, Sir, und Eure Thaten sehr bewundert. Und der andere Herr, Fred, wer ist er?“

Der Blick des Fragers war auf Old Shatterhand gerichtet.

„Dieser Sir?“ antwortete Fred. „Seht ihn euch einmal an! Wer mag der wohl sein?“

Sie brauchten nicht zu raten; es wurde ihnen gesagt. Eisenherz, der junge Komantsche, war auch herbeigekommen.

Eben trat er zwischen den Sträuchern hervor. Er sah Old Shatterhand stehen, hörte die Worte Freds und sagte:

„Nina-nonton, die zerschmetternde Hand! Shiba-bigk, der Sohn der Komantschen, ist zu jung, einem so berühmten Krieger in das Antlitz schauen zu dürfen.“

Er wendete sich nach indianischer Sitte zur Seite. Old Shatterhand aber trat rasch auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

„Ich erkenne dich, obgleich mehrere Winter vergangen sind und du größer geworden bist, seit ich dich sah. Du bist der Sohn meines Freundes Tevua-shohe, des Häuptlings der Komantschen, mit welchem ich die Pfeife des Friedens rauchte. Er war ein tapferer Krieger und ein Freund der Weißen. Wo hat er sein Zelt jetzt aufgeschlagen?“

„Sein Geist ist unterwegs nach den ewigen Jagdgründen, welche er erst dann betreten darf, wenn ich seinen Mördern die Skalpe genommen habe.“

„Tot? Feuerstern ist tot? Ermordet?“ rief Old Shatterhand. „Sag, von wem?“

„Shiba-bigk spricht nicht davon. Frage meine beiden weißen Freunde, welche seine Leiche gesehen und heute früh mit begraben haben!“

Er zog sich wieder zwischen die Büsche zurück. Als Old Shatterhand sich zu den anderen wandte, sah er die Augen der beiden Snuffies mit achtungsvollen Blicken auf sich gerichtet. Er gab beiden die Hand und sagte:

„Es scheint, daß ihr uns Interessantes zu erzählen habt. Feuerstern war einer meiner roten Freunde; ich muß wissen, wer ihn ermordet hat. Hier brennt die Sonne. Suchen wir den Schatten auf, in welchem ich euch vorhin sitzen sah. Dort könnt ihr mir berichten, was geschehen ist.“

Jim und Tim schritten direkt quer durch die Büsche. Die drei anderen führten ihre Pferde um das Gesträuch herum. Dort hatte der junge Komantsche sich bereits wieder niedergesetzt. Die Weißen thaten dasselbe und Jim begann das gestrige Erlebnis zu erzählen.

Es wurde englisch gesprochen. Aus diesem Grunde kam der Erzähler ohne Störung an das Ende seines Berichtes. Hätte er sich der deutschen Sprache bedient, so wäre der Hobble-Frank jedenfalls bemüht gewesen, hier und da eine seiner berühmten Bemerkungen anzubringen. Als Jim sein Zusammentreffen mit dem jungen Komantschen erzählt hatte, fuhr er fort:

„Als der Morgen anbrach, haben wir dem toten Häuptling ein interimistisches Grab bereitet, wo er liegen soll, bis seine Krieger kommen, ihm ein würdiges Mal zu errichten. Dann aber machten wir uns an die Verfolgung der Mörder.“

„Ich dachte, ihr wolltet nach Helmers Home!“ bemerkte Old Shatterhand.

„Ja, das war unsere ursprüngliche Absicht. Aber es gab keinen Grund, welcher uns zwang, dieses Vorhaben auszuführen. Wir hatten mit Eisenherz, dem jungen, wackeren Krieger, Freundschaft geschlossen, und natürlich seine Sache zu der unsrigen gemacht; er brannte darauf, sich sofort auf die Fährte der Mörder zu legen, und so sahen wir von Helmers Home ab und ritten mit ihm.“

„Das kann ich nur loben. Ist es euch gelungen, der Fährte zu folgen?“

„Ja. Es hatte freilich seine Schwierigkeiten. Die Kerls waren südwärts geritten, bis zu einer Stelle, an welcher sie sich geteilt hatten, um eine Art Postenkette zu bilden, welche den Zweck hatte, ein dort befindliches Lager zu bewachen.“

„Wer lagerte dort?“

„Das können wir nicht genau sagen. Vermutlich waren es Auswanderer. Wir sahen die Geleise von Ochsenwagen und vielen Pferden und schätzen die Zahl der Menschen, welche die Nacht dort zugebracht haben, auf ungefähr fünfzig.“

„Sie waren nicht mehr da? Nach welcher Richtung sind sie?“

„Nach Südwest.“

„Also nach der Llano? Mit Ochsenwagen? Alle Teufel! Sie sind entweder von außerordentlich tüchtigen Führern begleitet, oder man hat die Absicht, sie in eine entsetzliche Falle zu locken. Was denkt Ihr, Jim?“

„Das Letztere.“

„Warum?“

„Weil diese fünf Mörder Feuersterns die Hände dabei im Spiele haben. Auch die Diamondboys sind zu dieser Karawane gestoßen, welche, nach den Spuren zu beurteilen, bereits kurz nach Mitternacht aufgebrochen sein muß. Das ist auffällig. Man hat die Leute aus der Nähe von Helmers Home schnell entfernen wollen.“

„Hoffentlich seid ihr dieser Karawane gefolgt?“

„Nein, Sir. Wir hatten es nur mit den Mördern des Häuptlings zu thun. Diese aber hatten sich, wie aus den Spuren zu ersehen war, nicht der Karawane angeschlossen, sondern waren grad nach West geritten. Ihrer Fährte folgten wir natürlich. Übrigens fanden wir die Spur eines einzelnen Reiters, welcher noch am Abend aus der Gegend von Helmers Home zu der Karawane gestoßen sein muß.“

„So! Noch am Abend? Das ist jedenfalls jener sehr ehrenwerte Mormonenmissionar Tobias Preisegott Burton gewesen. Die ganze Angelegenheit beginnt durchsichtiger zu werden. Weiter, Master Jim! wie wurde es mit eurer Fährte?“

„Die Kerls waren sehr schnell geritten, und darum war die Spur sehr lesbar. Dann aber machte uns der Umstand zu schaffen, daß einer der Fünf sich von den anderen vier getrennt hatte. Seine Spur führte grad nach Nord. Wir mußten ihr eine Strecke folgen, um unserer Sache gewiß zu sein.“

„Hm! Das gibt zu denken. Ich möchte vermuten, daß wir es hier mit dem Offizier zu thun haben.“

„Offizier?“ fragte Jim. „Es war kein Offizier dabei.“

„Weiß schon! Aber vielleicht haben die Kerls eine Uniform bei sich gehabt. Wir werden schon noch Klarheit bekommen. Ihr habt mit diesen Leuten gesprochen. War nicht einer dabei von untersetzter Gestalt, das Gesicht von einem dunklen Vollbarte eingerahmt?“

„Diese Beschreibung paßt auf den Anführer.“

„Er hatte den Schnurrbart abwärts gestrichen, als ob er die Lippen verdecken wolle. Habt Ihr nicht vielleicht in Beziehung auf seinen Mund irgend eine Bemerkung gemacht?“

„Natürlich! Er hatte eine kleine Hasenscharte. Ich sah es sehr deutlich.“

„Schön! Da haben wir den Kerl! Er ist es! Er ist nach Helmers Home geritten, um zu erfahren, ob ihm und seinem Unternehmen von dort vielleicht Gefahr droht. Weiter!“

„Eigentlich möchte ich nicht weiter erzählen. Seine eigene Dummheit eingestehen zu müssen, ist keineswegs das höchste der Gefühle. Spinne lieber du die Geschichte weiter, alter Tim.“

„Danke!“ meinte dieser. „Wer das gute Fleisch gegessen hat, der mag auch dann den harten Knochen beißen. Warum soll grad ich von da anfangen, wo die Dummheit beginnt?“

„Weil du so eine hübsche Art und Weise hast, auch das Mangelhafte als vortrefflich erscheinen zu lassen.“

„Weiß schon! Ich bin stets derjenige, welcher die Sünden der anderen zu büßen hat. Aber da du mein Bruder bist, will ich gutmütig sein und es einmal versuchen, ob es mir möglich ist, mich so ein wenig von außen her um die dumme Geschichte herum zu schlängeln. Wißt ihr, Mesch’schurs, die Sache ist nämlich die, daß uns später die Fährte verloren ging, und wir haben sie trotz alles Suchens auch nicht wieder gefunden.“

„Unmöglich!“ rief Old Shatterhand.

„Ich sage Euch aber, daß es wahr ist, Sir!“

„Die beiden Snuffles hätten eine Fährte verloren? Wenn mir das ein anderer sagte, würde ich ihn unbedingt Lügen strafen.“

„Ich danke Euch, Sir! Aber da es Euch der Tim Snuffle selber sagt, so müßt Ihr es glauben!“

„Allerdings. Aber wie ist das denn eigentlich zugegangen?“

„Auf die einfachste Weise von der Welt. Da vorn, wo das Mezquitegesträuch aufhört, beginnt felsiger Boden, der sich meilenweit nach Ost und Süd erstreckt. Diesen Boden solltet Ihr sehen, Sir, um zu begreifen, daß einem eine Fährte verloren gehen kann.“

„Ich kenne ihn. Die Mexikaner, welche bekanntlich spanisch sprechen und zu deren Gebiet diese Gegend gehörte, nannten und nennen heute noch diese Gesteinsstrecke el plano del diablo, die Teufelsplatte.“

„Richtig! Ihr kennt sie? Ihr waret schon dort?“

„Zweimal sogar.“

„Nun, das beruhigt mich, denn da werdet Ihr uns nicht für Greenhorns halten, wenn ich Euch aufrichtig gestehe, daß die Spur für uns wie weggeblasen war.“

„Hm! Aber vier Reiter bläst doch niemand weg!“

„Nein. Doch wenn die Pferde auf diesem eisenharten, glatten Gestein keine Spuren machen, so ist eben keine Fährte zu sehen, Sir. Unser Komantsche ist trotz seiner Jugend ein famoser Fährtenleser; aber ich sage Euch, daß auch er am Ziele seiner Weisheit stand.“

„So möchte ich wissen, ob es mir auch so ergangen wäre wie Euch!“

„Ja, Ihr! Ihr seid denn doch ein ganz anderer Kerl als so ein Snuffle! Ihr und Winnetou würdet selbst dann die Fährte entdecken, wenn die Kerls durch die Luft geritten wären! Und fast möchte man glauben, daß dies geschehen sei. Ich sage Euch, es war nicht das kleinste ausgetretene Steinbröckchen und nicht das armseligste Ritzchen zu sehen, welches ein Hufeisen in den Fels geschnitten hätte. Natürlich haben wir genau dasselbe gethan, was jeder andere gute Westmann in diesem Falle unternommen hätte: wir sind längs der Gesteinsgrenze hingeritten, um die Stelle zu finden, an welcher die Kerls vom festen Fels wieder auf sandigen Boden gekommen sind. Das ging so langsam, daß wir bis jetzt noch nicht ganz fertig sind, obgleich wir uns jedenfalls bereits nördlich von dem Punkte befinden, an welchem der eine die vier anderen verlassen hatte, um nach Helmers Home zu reiten, wie Ihr sagt. Übrigens sahen wir, als wir da drüben herüberkamen, einen einzelnen Reiter, welcher an unserem Horizonte südwärts galoppierte, und als wir dann dieses Gebüsch erreichten, bemerkten wir, daß er hier angehalten hatte.“

Old Shatterhand horchte auf. Er schien eine kleine Weile lang nachzudenken, dann erhob er sich von seinem Platze, untersuchte die verschiedenen Hufeindrücke, welche sich am Rande des Mezquitegebüsches befanden, und entfernte sich dabei eine ziemliche Strecke von den anderen. Dann hörten sie ihn rufen:

„Master Tim, seid Ihr oder Jim. auch hier gewesen, wo ich jetzt stehe?“

„Nein, Sir,“ antwortete der Gefragte.

„So kommt einmal alle her!“

Sie folgten seiner Aufforderung. Als sie zu ihm kamen, deutete er auf das Gebüsch und sagte:

„Hier seht ihr ganz deutlich, daß jemand in die Sträucher eingedrungen ist. Da ist ein Ästchen abgebrochen, und die Bruchfläche ist noch nicht vertrocknet. Es ist also vor noch nicht langer Zeit geschehen. Folgt mir nach, Mesch’schurs!“

Er schob sich, jedes Zweiglein und jeden Zollbreit des Bodens genau betrachtend, immer weiter in das dichte Gebüsch hinein, bis er vor einer sandigen Stelle stehen blieb. Sie war mehrere Schritte lang und breit und zeigte keine Spur von Vegetation. Nicht der kleinste, ärmste Halm war da zu sehen. Da kniete er nieder, und es schien, als ob er jedes Sandkörnchen einzeln untersuchen wolle. Endlich erhob er sich mit einem Lächeln der Befriedigung im Gesichte und betrachtete auch die übrigen Seiten des Gebüsches, welches das Plätzchen umgrenzte. Dann deutete er auf eine Stelle und sagte:

„Auch hier ist jemand herein in dieses Versteck gekommen; ich wette, daß der Betreffende da draußen vor den Büschen auf dem felsigen Boden vom Pferde gestiegen ist. Und nun sagt mir zweierlei, Master Tim: Südlich von hier ist es gewesen, wo sich der eine von den vier anderen trennte?“

„Südost, Sir.“

„Schön! Hatte der Mann, den Ihr dann von hier fortreiten sahet, Uniform an?“

„Nein.“

„So ist für mich folgendes gewiß: Der Anführer der Fünf ist, nachdem er die anderen verlassen hatte, hierher geritten, um sich die Uniform zu holen und als Offizier nach Helmers Home zu gehen. Dann, als er sich dort heimlich entfernt hatte, ritt er wieder hierher, um die Uniform ab- und seinen vorigen Anzug wieder anzulegen.“

„Was Ihr sagt, Sir! Haltet Ihr diesen Ort hier für einen Kleiderschrank?“

„Ja, wenigstens für ein Versteck, für eine Cache, wie bekanntlich der Biberjäger die Grube nennt, in welcher er seine Felle verbirgt. Nehmt eure Messer heraus und grabt gefälligst nach! Man sieht es dem Sande ganz deutlich an, daß er vor kurzem sehr sorgfältig geebnet worden ist.“

Die beiden Snuffles sahen ihm erstaunt in das Gesicht; der Hobble-Frank aber warf sich zu Boden und begann den Sand so eifrig gleich mit den bloßen Händen aufzuwühlen, als ob er alle Schätze von Golkonda da zu finden erwarte. Das eiferte die anderen an, seinem Beispiele zu folgen.

Der Sand flog nach allen Seiten davon. Noch war Frank kaum zehn Zoll tief gekommen, so rief er, und zwar deutsch:

„Ich hab’s, Herr Shatterhand! Meine Finger sind off was Hartes geschtoßen.“

„Nur weiter, weiter!“ mahnte Jim, auch in deutscher Sprache. „Das Harte kann auch Fels sein.“

„Was!“ rief Frank. „Sie bedienen sich ooch des deutschen Mutterdialektes? Sind Sie etwa ooch zwischen dem Montblanc und Vegesack geboren?“

„Ich heiße Hofmann. Das genügt einstweilen. Grabt nur weiter!“

„Ich grabe ja wie een Maul- und Werwolf. Es is keen Fels, sondern Holz. Da habt Ihr’s! Lauter dünne Schtangen.“

„Das sind jedenfalls Kaktusstangen,“ erklärte Old Shatterhand, „welche so miteinander verbunden sind, daß sie eine breite Fläche und als solche die Decke des Versteckes bilden.“

Diese Ansicht erwies sich als richtig. Die linealgeraden Stengel waren mit Flechtwerk so verbunden, daß sie einen viereckigen Deckel bildeten, welcher ein tiefes, quadratisch gegrabenes Loch von oben vollständig verschloß. Dieses Loch war wohl über zwei Ellen lang und breit und bis an den Rand mit allerlei Gegenständen angefüllt.

Das erste, was man sah, war ein Säbel und eine – – Uniform, auf welcher ein altes, zusammengebrochenes Zeitungsblatt lag.

„Die Montur des Offiziers, und ooch sein Raubritterschildknappensäbel!“ sagte Frank, indem er die Klinge aus der Scheide zog und mit derselben durch die Luft schlug. „Wenn der Halunke da wäre, würde ich ihm eene tüchtige Pfrieme off den Kopp versetzen.“

„Du meinst wohl eine Prime!“ verbesserte der Juggle-Fred.

„Ich meene gar nichts, wenigstens für dich nichts, alter Offschneider und Besserwisser! Ich werde doch wohl wissen, was die fechtbaren Kunstausdrücke zu bedeuten haben. Ich habe mir schon als knabenähnlicher junge hölzerne Säbels geschnitzt und schpäter alle daroff bezüglichen Kunst- und Fachwörter, was der Lateiner thermopylus polytechnicus nennt, im Koppe auswendig gelernt. Een Hieb von oben heeßt Pfrieme, und eener von unten heeßt polnische Schwarte, weshalb man eben oft sagt: er kriegt Schwarte anstatt er kriegt Prügel. Ich als forschtamtlicher tempus passatus werde wohl besser wissen als du, was ––“

„Bitte, lieber Frank, das Papier!“ unterbrach ihn Old Shatterhand.

„Schön! Gleich! Ich kann dem Fred die Leviten ooch später lesen, wenn wir diese Mördergrube ausgeräumt haben.“

Er gab Old Shatterhand das Zeitungsblatt. Dieser öffnete dasselbe. Es enthielt einen mit Bleistift beschriebenen Zettel. Der Jäger las die Zeilen vor:

„Venid pronto en nuestro escondite! Precaution! OldShatterhand esta en casa de Helmers.“

„Das heißt?“ fragte Fred. „Nun, Frank, du bist ja Sprachkenner!“

„Jawohl,“ antwortete der Angeredete. „Es is von Old Shatterhand und Helmers die Rede. Aber dieses Hebräisch is so mit indianischen Präflixen und Sufflixen verschimpfiert und von solchen indogermanischen Trichinen durchfressen, daß sich mir gleich beim erschten Wort das Herz im Leibe umdreht. Ich wasche meine Hände in Unschuld und beschäftige mich lieber da mit der Uniform.“

Er begann die Taschen der Uniform sehr angelegentlich zu untersuchen. Old Shatterhand übersetzte die spanischen Zeilen:

„Kommt rasch in unser Versteck! Vorsicht! Old Shatterhand befindet sich bei Helmers.“

Von einer Erklärung dieser Worte wurde zunächst abgesehen. Man wollte wissen, was alles sich in dem Loche befand. Dasselbe enthielt getragene, aber noch brauchbare Kleidungsstücke in verschiedenen Formen, Farben und Größen, Flinten, Pistolen, Messer, Blei, blecherne Schachteln mit Zündhütchen und endlich gar ein Fäßchen, welches noch halb voll Pulver war. Sämtliche Taschen der Anzüge waren leer.

„Die Kleider verbrennen wir,“ sagte Old Shatterhand. „Das andere ist gute Beute, und jeder mag sich davon nehmen, was ihm beliebt. Das Übrigbleibende wird mit zu Helmers genommen. Ich bin überzeugt, daß die Llanorunners noch mehrere solcher Verstecke haben, in denen sie ihre Vorräte aufbewahren. Die Uniform gehörte wahrscheinlich einem Offizier, welcher von ihnen ermordet worden ist. Von allen diesen Fundgegenständen hat für mich nur der Zettel Wert. Was würdet Ihr aus dem Inhalte desselben schließen, Master Jim?“

„Zweierlei,“ antwortete der Gefragte. „Erstens, daß der Kerl einen Heidenrespekt vor Euch hat. Er wäre jedenfalls noch länger in Helmers Home geblieben, wenn er nicht Euch dort getroffen hätte. Zwar weiß ich nicht, was dort geschehen ist, aber ich denke so.“

„Und zweitens?“

„Zweitens sind noch Genossen hinter ihm, welche er durch diesen Zettel warnen will. Auch sie wollen in die Estakata; auch sie kommen hierher, um die Grube zu öffnen. Er bestellt sie an einen Ort, den er auch mit dem Namen Versteck bezeichnet. Wie mir scheint, ist damit ein Versammlungsort gemeint.“

„Eure Vermutung ist auch die meinige. Ihr erseht aus dem Stande der Dinge, daß Ihr die verlorene Fährte nun nicht aufzusuchen braucht. Dieser Mann stößt ganz gewiß wieder zu seinen vier Gefährten. Um zu ihnen zu kommen, braucht Ihr nur ihm zu folgen. Seine Spur wird von hier an sehr deutlich sein. Sie führt jedenfalls nach dem Verstecke, von welchem er in diesen Zeilen schreibt. Ihr könnt Euch doch wohl denken, weshalb er die Leute dorthin beordert?“

„Natürlich, Sir! Er will mit ihnen über die Auswanderer her.“

„Das vermute auch ich. Und zwar beabsichtigt er, dies sehr bald zu thun, wie seine Eile beweist. Er hat Angst vor mir. Er weiß, mit welchem Argwohn wir ihn behandelt haben. Er muß befürchten, daß wir hinter seine Schliche kommen und ihm dieselben vereiteln. Darum wird er die Ausführung seines Vorhabens so viel wie möglich beschleunigen.“

„So müssen auch wir uns beeilen, Sir! Ich darf doch annehmen, daß wir auf Euere Hilfe rechnen können?“

„Gewiß. Zunächst habe ich mit diesen Leuten wegen der Ermordung des Häuptlings ein Wort zu reden, und sodann gilt es, neues Unglück zu verhüten. Wie ist das anzufangen? Welchen Vorschlag macht Ihr uns?“

„Ich Euch? Hm! Jim Snuffle soll Old Shatterhand einen Vorschlag machen! Das ist wirklich das höchste der Gefühle! Wir haben uns nur nach Euch zu richten, Sir, nicht wahr, alter Tim?“

Yes!“ antwortete der Gefragte. „Old Shatterhand sitzt jedenfalls längst im richtigen Zentrum, während wir uns noch lange Zeit nur so von außen um dasselbe herumschlängeln. Oder möchtest du Vorschläge machen, Fred?“

„Nein,“ antwortete dieser. „Dazu bin auch ich der Richtige nicht. Aber eine Meinung darf man haben. Wäre es nicht das Allerklügste, wir ritten dem Kerl gleich jetzt nach? Er ist der Anführer, die Seele des Unternehmens. Wenn wir ihn erwischen, unterbleibt die That.“

„Schwerlich!“ meinte Old Shatterhand. „Er war der Wortführer unter fünf Genossen. Ob er aber wirklich das Oberhaupt aller Llanogeiers ist, das wissen wir nicht. Mit ihm sind auch die anderen unschädlich gemacht. Übrigens glaube ich nicht, daß wir ihn einholen könnten. Unsere Pferde sind nicht die besten, und die Sonne neigt sich dem Untergange zu. Bevor wir ihn erreichen könnten, wird es Nacht. Nein, lassen wir ihn für heute reiten; seine Fährte ist morgen auch noch zu sehen. Ihr kampiert hier an dieser Stelle, ihr alle, um diejenigen, an welche dieser Zettel gerichtet war, festzunehmen, falls sie kommen. Ich reite mit den drei Pferden allein nach Helmers Home zurück und hole Jemmy, Davy und Bob. Mit Tagesgrauen brechen wir von hier auf, und ich denke, daß unser Ritt nicht vergeblich sein wird. Wir sind dann neun Mann, und ich hege die Überzeugung, daß wir es mit einer Bande von zwanzig bis dreißig Geiern recht wohl aufnehmen.“

Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Jeder suchte sich von den vorgefundenen Waffen und der Munition aus, was ihm beliebte. Die Kleider wurden heraus auf das freie Terrain geschafft und mit Hilfe dürrer Mezquitezweige verbrannt. Dieser Scheiterhaufen qualmte noch, als Old Shatterhand das Pferd bestieg. Er versprach, für Proviant und auch einen kleinen Wasservorrat zu sorgen, und bemerkte im Davonreiten, nach Westen deutend:

„Mir scheint, von dorther kommt etwas, Sturm oder ähnliches. Das ist ein Wetterloch, welches aber der Llano leider niemals Regen bringt.“

Er trabte mit seinen drei Pferden davon, nach Norden zu. Die anderen betrachteten, von ihm aufmerksam gemacht, den westlichen Himmel, an welchem sich über der Sonne ein leichtes Gewölk zeigte, rötlichgrau gefärbt und eine Art Ring bildend, in dessen Mitte sich goldene Reflexe sammelten. Das sah gar nicht gefährlich aus, und Old Shatterhands Worte wurden als eine Bemerkung hingenommen, welche wohl keine weitere Bedeutung hatte. Nur der Komantsche hielt den Blick bedenklich auf das Wölkchen gerichtet und murmelte für sich hin:

„Temb metan, der Mund des Blitzes!“

Die Männer setzten sich wieder nieder und erzählten den beiden Snuffles, was in Helmers Home geschehen war. Das wurde natürlich auf das ausführlichste behandelt. Die Zeit verging wie im Fluge, und die Männer achteten nicht auf den Himmel, welcher jetzt eine ganz andere Färbung angenommen hatte. Nur der Komantsche, welcher schweigend seitwärts saß, achtete genau auf diese Veränderung.

Der kleine Wolkenring hatte sich unten geöffnet und also die Form eines Hufeisens angenommen, dessen Schenkel sich zusehends verlängerten, so daß sie zwei langgestreckte, schmale Schichten bildeten, welche fast den mitternächtigen Horizont erreichten. Zwischen ihnen sah man den reinen, klaren Himmel. Die eine, näherliegende Schichte senkte sich, und da färbte sich der südliche Horizont mit einem staubigen Orangerot. Es sah ganz so aus, als ob dort ein Sturm wüte, welcher den feinen Sand bis empor zum Himmel wirbele.

Im Osten wurde es dunkel wie von schweren Wolken, und doch waren keine Wolken zu sehen. Da plötzlich sprang der Komantsche auf und schrie, die höchste Tugend des Indianers, die Selbstbeherrschung ganz vergessend, indem er nach der im Osten liegenden schwarzen Wand deutete:

„Maho-timb-yuavah – der Geist der Llano!“

Die anderen sprangen erschrocken auf. Sie bemerkten erst jetzt die Veränderung des Himmels; aber der Schreck erstarrte ihre Blicke, als sie dieselben dahin richteten, wohin Eisenherz zeigte.

Wohl drei scheinbare Manneshöhen über der Linie des Horizontes jagte ein Reiter am Himmel dahin. Die schwarze Wand zeigte da, wo die Gestalt sich befand, einen runden, hell erleuchteten Fleck, welcher sich mit dem Reiter in ganz gleicher Geschwindigkeit fortbewegte, so daß der letztere wie eine dunkle aber sich bewegende Silhouette in lichtem Rahmen erschien. Seine Gestalt und ebenso diejenige des Pferdes war übermenschlich groß. Alle seine Glieder waren deutlich zu erkennen. Er hielt mit der Rechten die Zügel und mit der Linken den Hut an der Krempe fest. Das auf seinem Rücken hängende Gewehr schlug auf und nieder. Mähnenhaar und Schweif des Pferdes wehten wie im Sturme hinterwärts. Das gespenstische Tier flog dahin, als ob es von der Hölle gehetzt werde.

Und das geschah am hellen Tage, eine volle Stunde vor Untergang der Sonne! Es machte einen unbeschreiblich grauenhaften Eindruck auf die Beschauer. Keiner von ihnen ließ ein Wort, einen Laut hören.

Die schwarze Wand brach im Süden fast schroff und senkrecht ab. Dieser Stelle jagte der Reiter zu. Er näherte sich ihr mehr und mehr. Noch zehn Sprünge des Pferdes, noch fünf, noch drei, noch einer – das Tier schoß hinaus in die Leere und war mit samt dem Reiter verschwunden. Auch der lichte Rahmen war nicht mehr zu sehen.

Die Männer standen noch immer wortlos bei einander. Bald blickten sie dorthin, wo das Phänomen erschienen und verschwunden war, bald sahen sie einander an. Da schüttelte sich Jim, als ob er friere, und sagte:

„Alle guten Geister! Wenn das nicht der Geist der Llano estakata war, so will ich mich niemals wieder Snuffle heißen lassen! Habe wirklich immer geglaubt, daß es ein Unsinn sei; jetzt aber wäre man ja geradezu verrückt, wenn man noch zweifeln wollte. Mir ist innerlich ganz unreell zu Mute. Wie befindest du dich, alter Tim?“

„Grad so, als ob ich ein alter Geldbeutel wär, in welchem auch nicht ein einziger armer Cent zu finden ist. Ich bin leer, ganz leer, vollständig nur Haut und Luft! Und seht nur, wie schnell sich der Himmel verändert! Das ist ja noch nie dagewesen!“

Die obere Kante der erwähnten schwarzen Wand färbte sich blutrot; Flammenbüschel zuckten auf und nieder. Der eine Schenkel des noch hoch am Himmel sichtbaren Hufeisens senkte sich nieder. Und je tiefer er herabstieg, desto breiter und dunkler wurde er. Im Süden wirbelte es wie ein vom Sturme gepeitschtes Meer von Staub und Rauch. Es kam näher und näher. Über die Sonne legte sich ein düsterer Vorhang, welcher von Sekunde zu Sekunde immer höher und breiter wurde. Der dunkle Wolkenstreifen schien jetzt förmlich vom Himmel zu fallen. Mit einem Male wurden die entsetzten Männer von einer ganz ungewöhnlichen Kälte ergriffen. Ein schrilles Heulen ließ sich in der Ferne hören.

„Um Gotteswillen, zu den Pferden!“ schrie Juggle-Fred. „Schnell! Sonst gehen sie durch! Reißt sie nieder! Sie müssen sich legen. Haltet sie fest, aber legt auch euch selbst ganz platt auf die Erde!“

Alle fünf sprangen zu den drei Pferden, welche angstvoll schnauften, und sich gar nicht weigerten, als sie niedergezerrt wurden. Sie lagen hart am Gebüsch und steckten die Köpfe unter die Zweige. Und kaum lagen auch die Männer da, so brach es los. Das war ein Pfeifen, Stöhnen, Heulen, Sausen, Brausen, Krachen und Brüllen, welches jeder Beschreibung spottet. Die Männer hatten das Gefühl, als ob eine zentnerschwere Decke plötzlich auf sie geworfen werde. Sie wurden mit solcher Gewalt zu Boden gedrückt, daß es ihnen unmöglich gewesen wäre, sich jetzt zu erheben, selbst wenn sie den Versuch dazu hätten wagen wollen. Eiseskälte strich ihnen durch die Gebeine. Alle Öffnungen, Augen, Nase, Mund und Ohren wurden ihnen wie mit erstarrendem Wasser geschlossen. Sie vermochten nicht zu atmen, sie waren dem Ersticken nahe. Und da plötzlich strich es wieder glühend heiß über sie hin, und die heulenden Stimmen der Llano estakata verklangen in der Ferne. Die Pferde sprangen auf und wieherten laut. Der plötzlich hereingebrochenen, tief dunklen und erstarrend kalten Nacht folgte heller Sonnenschein und belebende Wärme. Man konnte den Mund öffnen; man vermochte wieder zu atmen. Die fünf Gestalten begannen sich zu bewegen. Sie befreiten ihre Augen von dem hindernden Sande und sahen um sich.

Sie waren von einer fußhohen Schicht kalten Sandes bedeckt. Das war die Decke, welche der Tornado über sie geworfen hatte.

ja, ein Tornado war es gewesen, einer jener mittelamerikanischen Cyklone, welche von einer Kraftentwicklung sind, die kaum anderswo ein Seitenstück findet. Die Zerstörungen, welche so ein Tornado anrichtet, sind ganz furchtbarer, fast unglaublicher Art. Er erreicht eine Geschwindigkeit von bis hundert Kilometer in der Stunde und ist meist von elektrischen Erscheinungen begleitet, welche oft noch lange nachhalten. Selbst der Samum der afrikanischen Wüste ist nicht von solcher Wucht, und nur der entsetzliche Sand- oder Schneesturm der wilden Gobi entwickelt eine elementare Macht, welche sich mit derjenigen eines Tornado vergleichen läßt.

Die fünf Männer erhoben sich und schüttelten den Sand von ihren Gewändern. Das Gesträuch hatte dem Flugsande ein Hindernis geboten, so daß er wie eine zwei Ellen hohe Sandwehe vor demselben aufgeschichtet lag.

„Gott sei Dank, daß es so gnädig vorübergegangen ist!“ sagte Jim. „Wehe denen, welche sich während dieses Tornado in der offenen Llano befunden haben! Sie sind verloren.“

„Nicht so unbedingt, wie Ihr meint,“ entgegnete Fred. „Diese schrecklichen Winde haben zum Glücke oft nur eine Breite von einer halben englischen Meile; um so größer aber ist ihre Gewalt. Dieser wütende Luftstrom hat uns nur mit seinen Seitenwellen überflutet. Hätten wir uns in seiner Mitte befunden, so wären wir mit samt den Pferden wer weiß wie weit mit fortgerissen und irgendwo zerschellt worden.“

„Ganz richtig!“ nickte Tim. „Ich kenne das. Habe drüben am Rio Contschos mal die Verwüstungen angesehen, welche so ein Tornado dort anrichtete. Er hatte sich so von außen herum in einen Urwald hineingeschlängelt und durch denselben sozusagen eine schnurgerade Straße gerissen. Baumriesen von einem Durchmesser, welcher bei einigen wohl an die zwei Meter betrug, waren entwurzelt worden und lagen wirr über und durch einander. Diese Straße, welche aber natürlich vollständig unpassierbar war und auf welcher kein einziger Baum sich stehend erhalten hatte, besaß eine so scharfe Seitenabgrenzung, daß rechts und links die Bäume nur ganz leicht verletzt waren. Der Yankee nennt diese Art Stürme Hurricane und gibt auch den von ihnen niedergeschmetterten Waldesstrecken ganz denselben Namen.“

„Schrecklich genug war’s!“ meinte der Hobble-Frank. „Der Atem war mir so vollschtändig ausgegangen, daß meine Klarinette beinahe nur noch off dem letzten Loche pfiff. Wir haben in Sachsen doch ooch zuweilen unsere Schtürme gehabt, aber so wilde und unkultiviert wie hier, sind sie nich. So een sächsischer Hauptorkan is gegen eenen amerikanischen Tormenado das reene Kinderschpiel, das reene Mailüftchen, grad zureichend, den heeßen Kaffee kalt zu blasen. Und dazu haben mich eure Maulesel halb tot geschtrampelt. Sie wollten zuletzt nich mehr liegen bleiben und hielten meine edle Geschtalt sonderbarerweise für ––“

„Maultiere, wollen Sie wohl sagen,“ unterbrach ihn Jim.

„Nee, Maulesel sage ich! Wenn sie so in dieser Weise off mir herumstampfen, sind sie eben die größten Esel, die es nur geben kann. Sie haben mir die ganze künstlerische Konschtruktion meines ostgotischen Körperbaues auseenander getreten. Ich sollte euch eegentlich off Schadenersatz verklagen; aber wer so eenzig in der Welt daschteht wie ich, der is doch gar nich zu ersetzen. Deshalb will ich dieses Mal Gnade für Recht ergehen lassen, muß mir aberst für das zukünftige Futurum solche Mauleselei off das allerschtrengste verbitten. Fixi et salvavi animal!

Dixi heißt es, und animam!“ rief Fred.

„Schweigste schtille! Wenn ich arabisch schpreche, so is mir deine Meenung vollschtändig schnuppe,“ schrie Frank ihn zornig an. „Das fehlte grade noch, daß so een verflossener Taschenschpieler, wie du bist, sich solche Randbemerkungen erlooben dürfte! Lerne was, so kannste was! Ich will ja gerne alle Freundschaft mit dir halten; aber wennste mich in dieser Weise offbläsest, so zerplatze ich und werfe dich ins Weltall hinaus, daß du in alle Ewigkeet als Lichtputze unter den Schternschnuppen herumfliegst! Fixi und noch dreimal fixi, das heeßt: Ich hab’s gesagt, ich, der Hobble-Frank. Merke dir’s!“

Er warf sein Gewehr über und schritt würdevoll von dannen – ein zürnender Achilleus. Die anderen nickten sich lächelnd zu und sagten kein Wort, ihn zu versöhnen. Fred wußte, daß der kleine Sachse sehr bald wiederkommen werde.

Die Sonne, welche vorhin vollständig verdunkelt worden war, warf jetzt wieder ihre Strahlen hernieder. Dieselben waren ganz eigentümlich gefärbt, fast safrangelb, hätte man sagen können. Der Horizont verschwamm in dieser Färbung, und die Erde schien gegen ihn hin sich rundum zu erheben. Das hatte ganz das Aussehen, als ob die fünf Männer sich am tiefsten Punkte des Innern einer großen Hohlkugel befänden.

Die drei Reittiere waren noch keineswegs beruhigt. Sie schnauften ängstlich und stampften den Boden. Sie wollten fort und mußten fest angebunden werden. Es lag etwas in der Luft, was einzuatmen die Lunge sich sträubte. Das waren nicht mikroskopisch feine Sandteilchen, welche die Atmosphäre noch schwängerten, sondern es war etwas nicht zu Bestimmendes, nicht zu Bezeichnendes.

Der Komantsche hatte seine Decke über den Sand gebreitet und sich darauf niedergestreckt. Selbst jetzt, nach einem solchen Naturereignisse, bewahrte er die schweigsame Zurückhaltung, welche ein Charakterzug des Indianers ist. Die drei Weißen setzten sich in seine Nähe, und Jim fragte ihn:

„Hat mein junger, roter Bruder bereits einmal so einen Sturm mit erlebt?“

„Mehrere,“ antwortete der Gefragte. „Eisenherz ist von dem Nina-yandan weit fortgerissen und dann im Sande begraben worden; aber die Krieger der Komantschen haben ihn doch gefunden. Er hat ausgerissene Bäume gesehen, deren Stamm von sechs Männern kaum umspannt werden konnte.“

„Aber den Geist der Llano estakata sahst du wohl noch nicht?“

„Eisenherz hat auch diesen gesehen, vor drei Wintern, als er mit seinem Vater durch die Llano ritt. Sie hörten einen Schuß. Als sie sich der Stelle näherten, an welcher er gefallen war, sahen sie den Geist auf einem schwarzen Pferde davonjagen. An dem Orte aber lag ein Bleichgesicht, in dessen Stirn sich das Loch der Kugel befand. Der Häuptling der Komantschen kannte diesen Toten, der ein gefürchteter Mörder gewesen war.“

„Welches Aussehen hatte der Geist?“

„Er hatte den Kopf und den Leib des weißen Büffels, um dessen Hals sich die zottige Mähne sträubte. Es war schrecklich anzusehen. Aber dennoch ist er ein guter Geist, sonst würde er nicht die Gestalt dieses heiligen Tieres annehmen. Auch wissen die Komantschen sehr gut, daß er nur böse Männer tötet, während alle guten unter seinem Schutze stehen. Eisenherz kennt zwei Komantschen, welche sich in der Llano verirrt hatten und dem Verschmachten nahe waren. Der Geist ist des Nachts zu ihnen gekommen, hat ihnen Fleisch und Wasser gegeben und sie dann auf den rechten Weg gewiesen.“

„Sprach er auch mit ihnen?“

„Er redete mit ihnen in ihrer Sprache. Ein guter Geist spricht alle Sprachen, denn der große Geist hat sie ihm gelehrt, Howgh!“

Er wendete sich ab. Mit dem letzteren Worte deutete er an, daß er nun genug gesprochen habe und jetzt schweigen wolle.

Frank hatte abseits gestanden und, als er bemerkte, daß die beiden miteinander sprachen, sehnsüchtig zu ihnen herüber geschielt. Es war ihm ganz unmöglich, in der Ferne zu schmollen, während andere so glücklich waren, miteinander reden zu können. Darum kam er jetzt langsam herbeigeschritten und sagte zu Fred:

„Ich habe dir Zeit gegeben, an deinen Busen zu schlagen und dich zu bessern. Hoffentlich hast du eingesehen, daß du dich sehr schwer an dem Schpektrum meiner pomologischen Methode versündigt hast. Willst du das offrichtig eingeschtehen?“

„Ja,“ antwortete Fred in künstlichem Ernste. „Wir gestehen ja gern zu, daß du uns allen weit überlegen bist.“

„So halte in Zukunft ergebenst an dich, und laß dich nich so oft von deinem hemisphärischen Temperamente hinreißen. Dieses Mal will ich dir noch verzeihen, denn nach solchen Erlebnissen wie das soeben überschtandene is der Mensch doppelt zur Versöhnung subdominiert. Am hellen Tage een leibhaftiges Geschpenst zu erblicken, das geht beinahe an Kopf und Kragen. Meine Gänsehaut is mir angeschwollen wie een Luftballon!“

Er setzte sich zu Fred. Dieser meinte lächelnd:

„So groß braucht dein Entsetzen nicht zu sein. Die Erscheinung, welche wir hatten, läßt sich vielleicht auf ganz natürlichem Wege erklären. Denke doch nur an das Brockengespenst, dessen Entstehung der Brockenwirt Nehse so überzeugend nachgewiesen hat!“

„Nehse? Den kenne ich ooch. Sein Sohn is een berühmter Civilingenieur und wohnt in Blasewitz. Er hatte die Ehre, mich off eener Landpartie nach Moritzburg zu treffen und mir grad über das Brockengeschpenst seinen achtungsvollsten Vortrag zu halten. Das is eene harzreiche Lufterscheinung, halb Ozon und halb Sauerschtoff, die sich in der Atmosphäre niederschlägt und dann vom Nebel in glühende Hagelkörner offgelöst wird. Hier aber in der Llano haben wir es mit eenem wirklichen Geiste zu thun. Wir sahen ihn am Himmel hinreiten; es war keene Luft, es war ooch keen Nebel, sondern es war die greifbare Geschtalt eenes wirklichen übernatürlichen Wesens. Wie kann da eene optische Täuschung vorliegen?“

„Hm! Ich selbst habe früher als Taschenspieler künstliche Gespenster produziert.“

„Davon magste nur lieber schweigen, denn künstliche Geschpenster herzuschtellen, das is die reene Schwindelhaftigkeeterei! Off welche Weise hast du das denn fertig gebracht?“

„Entweder durch eine schief liegende Glasscheibe oder durch die Camera.“

„Das kann ich ooch. Ich habe mir ja selbst mal so eene Camera obscuriosa gebaut; sie war mir so weit ooch ganz gut gelungen, aber leider hatte ich vergessen, das Loch anzubringen, wo die Okularlinsen hineingeschüttet werden. Übrigens konnte ich von keenem Gemüsehändler diese Sorte von Linsen bekommen, und so habe ich die Sache bis off weiteres einstweilen liegen lassen.“

Da brachen Fred und die beiden Snuffles in ein so schallendes Gelächter aus, daß der ernste Komantsche sich schnell herumwendete und sie erstaunt ansah. Frank aber machte sein zornigstes Gesicht und rief:

„Silicium! Schweigt schtille! Hört euer Hohngelächter nich sofort off, so richte ich unter euch Semmelbrüdern een Blutbad an, wie Muhammed der Zweete unter den Karthagern! Ihr haltet euch wohl für klug und weise? Ich sage euch, an eurer fadenscheinigen Philosophie sind ooch schon die Knopplöcher offgerissen, und eure ganze Klugheet schmeckt nach Rizinusölpomade! Ihr habt über meine Camera procura gar nichts zu lachen! Sie war ganz richtig konsterniert, und ich als Forschtbeamter hatte keene Zeit, mir die Linsen selber zu erbauen. Ich habe euch zwar längst durchschaut, aber eure mangelhafte Frequenz mit Großmut ertragen, weil ich hoffte, aus euch doch noch was Ordentliches machen zu können; aber jetzt kommt mir die Überzeugung, daß an euch Hopfen und Malz verloren ist. Ich verlasse euch abermals und schüttle den Schtoob von meinen Füßen. Euer Hohn erfordert Rache. Ich gehe, aber – manus manum lavendat, zu deutsch: Meine Hand wäscht euch schon noch die Köpfe mit Lavendel. Wartet es nur ab! Ho-ho-hohowgh!“

Er hatte sich in den größten Grimm hineingesprochen, stampfte sich den Sand von den Füßen, warf ihnen das letzte, indianische Wort mit wütender Gebärde zu und eilte dann fort, um hinter dem Gebüsch zu verschwinden und sie auf diese Weise durch die Entziehung seines Anblickes exemplarisch zu bestrafen.

in einen solchen Zorn war er noch nie geraten. Das Gelächter schwieg, und Fred meinte in bedauerndem Tone –

„Ich dachte nicht, daß er es gar so übelnehmen würde. Das müssen wir durch ganz besondere Höflichkeit ausgleichen.

Er ist eine Seele von einem Menschen, und sein famoses Sophistisieren macht ja nur Spaß und keinen Schaden.“

Er erzählte den beiden Snuffles alles, was er über den Hobble-Frank wußte, und stimmte dieselben günstig für den kleinen Sonderling. Dann kam die Rede natürlich wieder auf den Tornado und die demselben vorhergehende Erscheinung des Geistes der Llano. Die Drei waren keineswegs ungebildete Männer; besonders besaß Fred mehr als gewöhnliche naturwissenschaftliche Kenntnisse; sie waren überzeugt, es nur mit einer optischen Erscheinung zu thun zu haben, aber sie verstanden es nicht, dieselbe wissenschaftlich genau zu erklären.

Darüber verging die Zeit, und die Nacht brach an. Es wurde so dunkel, daß man nicht fünf Schritte weit zu sehen vermochte. Nun kam Frank wieder herbei. Er wollte in solcher Finsternis und an solchem Orte nicht allein sein; aber sein Zorn war noch nicht vollständig verraucht. Er sprach kein Wort und streckte sich auch nicht neben den anderen, sondern in gewisser Entfernung von ihnen nieder, lauschte aber sehr aufmerksam auf ihre Reden. Sie hörten es seinen Bewegungen an, daß er zuweilen auffuhr, um einen Einwand loszulassen, wenn einer etwas geäußert hatte, was er besser zu wissen und zu verstehen vermeinte; aber er legte sich doch immer wieder nieder. Die Lust, zu schmollen, war bei ihm doch noch größer als der Hang, mit seinen eingebildeten Kenntnissen zu prahlen.

Die Luft war mittlerweile rein geworden und ließ sich leichter atmen als vorher. Eine leichte Prise hatte sich aus Südwest erhoben und war nach der Hitze des Tages von sehr angenehmer Wirkung. Einige Sterne standen am Himmel, welche den an der Erde Liegenden die Zeit andeuteten.

Sie sprachen nicht mehr miteinander. Sie gaben sich Mühe, einzuschlafen. Eine Störung durch irgend ein feindliches Wesen war nicht wahrscheinlich, und Old Shatterhand konnte jetzt noch nicht erwartet werden. Die Weißen schliefen auch wirklich ein; aber der Komantsche starrte mit offenen Augen gegen den Himmel, obgleich er während der letzten Nacht keine Minute lang geschlafen hatte. Der Tod oder vielmehr die Ermordung seines Vaters beschäftigte seine junge, nach Rache lechzende Seele.

So verging Viertelstunde um Viertelstunde. Da plötzlich wurden die Schlafenden durch einen lauten Ausruf des Indianers geweckt. Sie fuhren in sitzende Stellung empor.

„Mava tuhschta – seht dorthin!“ sagte er, nach Süden deutend.

Sie sahen trotz der Dunkelheit seinen ausgestreckten Arm und blickten in die angegebene Richtung. Dort, wo der Himmel am Horizonte auflag, zeigte sich in Gestalt eines schmalen, langen Kreisabschnittes eine dämmernd helle Stelle. Sie machte gar nicht den Eindruck von etwas Außergewöhnlichem, erregte aber doch die volle Aufmerksamkeit der Männer.

„Hm!“ brummte Jim. „Wenn das im Osten wäre, so würde ich glauben, wir hätten so lange geschlafen, daß dort der Tag zu grauen beginne.“

„Nein,“ meinte sein Bruder Tim. „Das Tagesgrauen ist ganz anders. Die Grenzlinien dieser hellen Stelle sind zu scharf.“

„Eben weil es dunkle Nacht ist.“

„Aber eben weil es dunkle Nacht ist, kann der Morgen noch nicht grauen. Tag und Nacht fließen ineinander; dort aber giebt es feste Konturen.“

„Es müßte ein Feuer sein?“

„Ein Feuer in der Llano, in welcher es kein Holz gibt? Hm! Was sollte da brennen? Der Sand etwa? Das wäre etwas mir ganz Neues.“

„Das ist freilich wahr. Wenn nun gar noch der Sand zu brennen anfangen wollte, das wäre für uns freilich das höchste der Gefühle. Da könnten wir uns nur schleunigst aufsetzen und davonreiten. Aber wie willst du dir die Sache sonst erklären?“

„Weiß es auch nicht. Übrigens wird die helle Stelle immer größer. Und dabei dreht sich der Wind. Er kam aus Südwest.

Jetzt kommt er gerade aus West und wird stärker und kälter. Was hat das zu bedeuten?“

„Ein Nordlicht ist’s auf keinen Fall,“ sagte Fred. „Und von Südlichtern hat man hier ja wohl noch nichts wahrgenommen.“

Frank hatte bisher geschwiegen; nun aber mußte er reden, sonst hätte es ihm das Herz abgedrückt.

„Diese lichte Schtelle des Horizontes hat was zu bedeuten,“ sagte er. „Sie hängt jedenfalls mit dem Avenging-ghost zusammen. Vorhin is er nach Süden geritten. Vielleicht hat er dort sein Wigwam und sitzt bei seinem Lagerfeuer.“

Die anderen hätten am liebsten wieder gelacht; sie bezwangen aber den Reiz dazu. Fred antwortete:

„Meinst du, daß ein Geist sich ein Lagerfeuer anbrennt?“

„Warum nich? Bei so eenem kalten Winde, wie er jetzt weht?“

Die Luft wurde allerdings schärfer. Sie folgte der Windrose immer weiter nach Norden. Und da unten im Süden stieg die Helligkeit höher und immer höher. Es war, als ob dort die Scheibe eines mächtig großen Gestirnes aufgehe. Sie bildete jetzt beinahe einen Halbkreis, welcher im Innern einen blutig roten Kern hatte, der sich nach außen hell und heller färbte und dann von einer Bogenlinie eingeschlossen wurde, an welcher sich dunkle Wolkenmassen und sprühende Feuerballen durcheinander zu wälzen schienen.

Das Ganze gewährte einen schaurig-prachtvollen Anblick. Die fünf Männer standen staunend. Sie wagten kaum zu sprechen.

Der Wind kam jetzt genau aus Norden. Er hatte sich in Zeit von einer Viertelstunde um den halben Horizont gedreht. Doch gab es dabei kein Sausen und Brausen; er strich vielmehr mit heimtückischer Stille nach der so großartig erleuchteten Himmelsgegend zu. Und dabei war er so kalt, daß man sich hätte in einen Pelz hüllen mögen.

„Das sollte Old Shatterhand sehen!“ sagte der Juggle-Fred. „Leider kann er noch nicht zurück sein, denn es ist jetzt gerade Mitternacht.“

„Mitternacht!“ stieß der Hobble-Frank hervor. „Das is die Geisterschtunde. Da wird gewiß dort, wo es brennt, was Grausiges passieren!“

„Was soll da, außer dem Feuer, Schreckliches geschehen?“

„Frag doch nich so verkehrt! Um Mitternacht öffnet sich der Orkus, und die Geschpenster schteigen heraus. Da treiben sie eene ganze Schtunde lang allerhand Unfug. Ich kenne das, denn ich habe sogar des Nachts die Oogen offen. Wie jedes Land und Volk seinen Charakter hat, so haben ooch die Geschpenster jeder Gegend ihr besonderes Temperament und ihre besonderen Liebhabereien. In der eenen Gegend drehen sie den Menschen den Hals um, und in der anderen würgen sie die Leute an den Kreuzwegen ab. Die Sachsen sind die gemütlichsten Leute, und darum gibt es dort die urgemütlichsten Geschpenster. Über das, was sie treiben, singt der Dichter des Elbgaues zu seiner Apolloharmonika:

Am dunkeln Rabenschteen da drüben
Bei Königschteen und Pärne,
Da thun die Geister Kegel schieben;
Das sieht mer gar nich gerne.

Wer aber weeß denn, was die hiesigen Geister für eene besondere Passion haben. Es können gerade die allergefährlichsten und allerschlimmsten sein, die es gibt. Darum wollen wir uns in acht nehmen und – – Herr Jemerschnee, habe ich nich recht gehabt? Guckt mal hin! Dort kommt er geritten!“

Er rief die letzteren Worte im Tone des Entsetzens aus. Und das, was jetzt geschah, konnte allerdings selbst dem furchtlosesten Menschen ein Grauen einjagen. Der Geist der Llano estakata erschien abermals.

Wie bereits gesagt, bildete die fremdartige Lichterscheinung jetzt einen gewaltigen Halbkreis am südlichen Himmel. Da, wo der Bogen dieses Halbkreises links auf dem Horizonte lag, erschien jetzt plötzlich die Gestalt eines riesigen Reiters. Das Pferd war schwarz, aber der Reiter war weiß. Er hatte die Gestalt eines Büffels. Man sah ganz deutlich den Kopf mit den beiden Hörnern, den Nacken mit der struppigen, halblangen Mähne, welche hinterher flatterte, und den Leib, welcher sich nach rückwärts mit dem Hinterteile des Pferdes vereinigte. Die Konturen dieses Bildes waren von lichtfunkelnden Linien eingefaßt.

Das Pferd befand sich in geradezu rasendem Galopp. Es bewegte sich nicht etwa auf einer ebenen Linie, also auf dem Durchmesser dieses lodernden Halbkreises, sondern es stieg innerhalb des Kreisbogens empor und galoppierte längs desselben weiter. Es hatte ein Stück Boden unter sich, der ihm auch stets unter den Füßen blieb.

So jagte es in runder Linie aufwärts bis zum höchsten Punkte und dann an der rechten Seite der glühenden Halbscheibe wieder herab bis da, wo der Kreisbogen den Horizont berührte. Dort verschwand es so plötzlich, wie es erschienen war.

Den Zuschauern war es trotz der kalten Luft, welche sie umwehte, glühend heiß geworden. War da an Täuschung zu denken? Nein, das war die reine, unbestrittene Wahrheit. Sie fanden keine Worte, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Selbst der bedächtige Komantsche ging aus sich heraus und rief ein „Uff“ nach dem andern. Was sie sprachlos machte, das öffnete ihm den Mund zu diesen Ausrufungen.

Sie standen da und warteten, ob die Erscheinung sich vielleicht wiederholen werde – vergebens. Eine Zeitlang loderte der Halbkreis noch in gleicher Stärke fort; dann verlor sein Bogen die bisherige Schärfe und seine Lichter begannen zu verdunkeln.

Da ertönte hinter ihnen weicher Hufschlag im Sande. Reiter kamen, hielten bei ihnen an und sprangen von den Pferden. Der vorderste von ihnen war Old Shatterhand.

„Gott sei Dank, daß ihr noch lebt!“ rief er aus. „Ich glaubte euch verloren und war vollständig überzeugt, eure Leichen aus dem Sande graben zu müssen.“

„So schlimm hat der Tornado uns denn doch nicht mitgespielt,“ antwortete Fred. „Wir sind von ihm nur gestreift worden, Sir. Ihr müßt euch außerordentlich beeilt haben; wir konnten euch jetzt noch nicht erwarten.“

„Ja, wir haben einen wahren Parforceritt gehabt. Es galt, euch zu retten. Darum ist auch Master Helmers mit seinen Knechten mitgekommen, wie ihr seht. Wir hatten große Sorge um euch. Der Tornado ist hart an Helmers Home vorübergegangen. Wir sahen die Verwüstungen, welche er angerichtet hat, und mußten aus der Richtung, welche er zurückgelegt hatte, mit Bestimmtheit vermuten, daß er auch euch getroffen habe. Glücklicherweise ist er ziemlich gnädig mit euch umgesprungen.“

Auch die anderen gaben ihrer Freude Ausdruck. Es waren Jenuny, Davy, Bob und Helmers mit einigen Knechten. Die zwei Erstgenannten hatten von Old Shatterhand die Anwesenheit der beiden Snuffles erfahren. Sie freuten sich des Zusammentreffens mit ihnen, machten aber wenig Worte darüber, denn es gab Wichtigeres zu besprechen.

Fred berichtete in Kürze über das zweimalige Erscheinen des Geistes. Jemmy und Davy schüttelten still die Köpfe. Sie wollten den Erzähler nicht durch die Äußerung eines Zweifels beleidigen. Helmers meinte:

„Was Ihr da berichtet, Sir, muß wahr sein, denn zehn Augen haben es gesehen; aber begreifen und erklären kann ich es nicht. Es wird wohl keinen Menschen geben, welcher unumstößlich nachzuweisen vermag, ob wir es mit einem Trugbilde oder einem wirklich existierenden Wesen zu thun haben.“

„O ja, diesen Menschen gibt es freilich, und der bin ich selber!“ antwortete der Hobble-Frank. „Von eener trügerischen Kompression kann keene Rede sein, denn die Geschtalten sind von uns in perplexer Vollendung gesehen worden. Der Geist is een überirdisches Wesen, welches durch die Luft zu reiten vermag. Wir schtehen in diesem Oogenblicke mitten in der mitternächtigen Geschpensterschtunde, was der Yankee Ghostly-hour nennt; dieser Umschtand erklärt die ganze Erscheinung und is der sicherste Beweis, daß wir es mit eener abgeschiedenen Seele aus der jenseitigen Himmelsgegend zu thun haben. Ich gloobe nich, daß jemand es wagen wird, mir zu widerschprechen!“

Er hatte sich geirrt, denn Old Shatterhand klopfte ihm auf die Achsel und sagte, allerdings in freundlichem Tone:

„Was hätte man denn zu erwarten, wenn man einen Widerspruch wagte, lieber Frank?“

„Hm, das wäre verschieden, je nach der Persönlichkeet. Jeden anderen würde ich mit meinen Beweisen förmlich niederschmettern, so daß seine wissenschaftliche Existenz für immer und ewig vernichtet wäre. Aber wenn Sie selbst mal eene kleene, bescheidene Frage riskieren, so bin ich ausnahmsweise bereit, Ihnen den gewünschten Aufschluß in möglichster Freundlichkeet zu erteilen.“

„Einen Aufschluß fordere ich nicht von Ihnen. Daß die Erscheinung das zweite Mal in der Mitternachtsstunde stattgefunden hat, ist kein Beweis ihres überirdischen Ursprunges, denn vorher war sie ja am hellen Tage zu sehen. Wollen Sie mir eine ausführliche Beschreibung des ganzen Vorganges geben, so bin ich überzeugt, ihn zur Genüge erklären zu können.“

„Das möchte ich beschtreiten; aber da Sie es sind, so will ich Ihnen die Schilderung liefern, denn Sie sind von allen Anwesenden der eenzige, der mir komponieren kann.“

Der kleine Sachse gab eine ganz vorzügliche und sehr ausführliche Beschreibung der zweimaligen Geistererscheinung. Old Shatterhand warf zuweilen eine Frage dazwischen.

Indessen sank im Süden der Lichtschein immer tiefer und erbleichte mehr und mehr Er schien ganz verschwinden zu wollen. Einige Minuten lang lag er nur noch wie ein blasser Schimmer auf dem Horizonte; dann aber wurde er plötzlich wieder heller, stieg aber keineswegs zunächst wieder zur früheren Höhe empor, sondern lief wie an einer funkensprühenden Lunte immer weiter nach Wesen hinüber. Dort blieb er halten und bildete sich mit ungeheurer Schnelligkeit zu einem Flammenmeere aus, welches den halben Himmel erleuchtete.

„Alle Teufel!“ rief Frank aus. „Da geht die Geschichte schon wieder los! So eene Geisterschtunde habe ich noch nich erlebt. Diese Feuer sind übernatürlichen Urschprunges, denn – – –“

„Unsinn!“ unterbrach ihn Old Shatterhand. „Die Sache ist sehr leicht zu erklären. Das Feuer dort ist ein ganz natürliches.“

„Was sollte denn da brennen?“

„Verdorrtes Kaktus. Es gibt bekanntlich in der Llano meilenweite Strecken, welche so dicht mit Kaktus bedeckt sind, daß kein Reiter hindurchkommen kann. Sind die Pflanzen vertrocknet, so genügt ein einziger unvorsichtiger Funke, um in wenigen Augenblicken ein wahres Feuermeer zu erzeugen.“

„Das ist wahr,“ stimmte Helmers bei, „und ich weiß ganz gewiß, daß im Süden und Westen von hier sehr bedeutende Kaktusstrecken liegen.“

„Nun, so haben wir also zunächst eine Erklärung für das Feuer, und die beiden vermeintlichen Gespenster werden wir auch bald beim Kragen nehmen.“

„Oho!“ fiel der Hobble-Frank ein. „Vermeintliche Geschpenster? Es waren wirkliche. Und wie kommen Sie off die Idee, daß es zwee Geister waren?“

„Das ist aus den Gestalten zu ersehen. Das erste Gespenst, welches am Tage erschien, war der sogenannte Dragoneroffizier. Wer das zweite gewesen ist, kann ich freilich noch nicht sagen. Ich kenne niemand, der ein weißes Büffelfell trägt.“

„Jetzt lassen Sie mich mal in Ruhe, Herr Old Shatterhand! Ich habe zwar gesagt, daß Sie der eenzige sind, von dem ich mir komponieren lasse, aber doch nur eenigermaßen. Keen Mensch kann da oben am Himmel hinreiten, und das is doch geschehen, wie wir fünf mit deutlichen Oogen gesehen haben.“

„Ja, die Bilder haben sich in der Luft bewegt; die Originale aber sind unten auf der Erde geritten.“

„Die Bilder? Na, jetzt hört alles und verschiedenes off ! Ich hab all mein Lebtage noch nich gehört, daß Bilder reiten können, noch dazu durch den sauern Stoff der Atmosphäre! Wie sollen denn diese Bilder eegentlich entschtanden sein?“

„Durch mehrere verschieden erwärmte Luftströmungen, wie sie z. B. dort bei dem Feuer entstehen.“

„So! Also Bilder entschtehen durch Schtrömungen der Luft! Das is mir was ganz Neues. Bisher gloobte ich, sie könnten nur mit Hilfe des Bleischtiftes, des Kontramarineblau oder der Photographie entschtehen.“

„Nicht auch durch einen Spiegel?“

„Ja, das hatte ich vergessen.“

„Nun, die Luft wirkt unter Umständen gerade so wie ein Spiegel.“

„So! Ja, das leuchtet mir eher ein, denn in der Lehre von den Luftspiegelungen bin ich der bedeutendste unter den Meestern.“

„Schön! dann werden Sie auch zugeben, daß Ihre Geister nur Luftspiegelungen waren, gerade so, wie –—“

Er hielt inne. Seine Aufmerksamkeit wurde jetzt auf das Feuer gelenkt, welches in dunkelroter Glut am Horizonte stand, und eine Decke durcheinanderwogender Wolken über sich trug. Und höher noch als diese Wolken, aber diesseits des Feuers und frei schwebend im Luftraume entwickelte sich jetzt das verkehrte Bild einer ebenen, glühend rot erleuchteten Landschaft. Da, wo sie links begann, kam ein Reiter aus dem Dunkel hervor, ganz genau derselbe, welchen die Männer vorhin gesehen hatten, mit einem Büffelfelle, aber eben in verkehrter Stellung, mit dem Kopfe nach unten.

„Gerade so, wie diese dort!“ fuhr Old Shatterhand fort, indem er auf die Spiegelung deutete.

Er hatte noch nicht ausgesprochen, so ließ sich ein zweiter Reiter sehen, welcher dem ersten nachjagte.

„Herrjemineh!“ schrie der Hobble-Frank. „Das is doch der von heute Nachmittag, der beim Tormenado offtauchte!“

„So! Ist er es?“ antwortete Old Shatterhand. „Sie werden mir nun recht geben, daß es sich um zwei ganz verschiedene Erscheinungen handelte. Und da kommen auch noch mehrere!“

Hinter der letzterwähnten Gestalt folgten jetzt noch fünf oder sechs Reiter, alle im Galopp, aber verkehrt, mit den Köpfen nach unten.

„Jetzt wird mir’s bald zu bunt!“ meinte der Hobble-Frank. „Befände ich mich alleene, so gloobe ich, ich ferchtete mich riesig. Ich danke och schäne für solche Ghostly-hours! Ich habe zwar von Geschpenstern gehört, welche durch die Nacht reiten und dabei ihren Kopp unterm Arm tragen; aber daß sie nun gleich gar alle off den Köppen reiten, das is mir denn doch zu bunt.“

„Das ist gar nichts so Schreckhaftes. Die vorigen Bilder wurden mehrere Male, das jetzige aber nur einmal gebrochen. Übrigens werden wir sofort die Bekanntschaft dieser Geister machen. Schnell auf die Pferde, Mesch’schurs! Ganz gewiß ist der vorderste Reiter der sogenannte Geist der Llano estakata. Er wird von den anderen verfolgt, und da er ein braver Kerl ist, wollen wir uns seiner ein wenig annehmen.“

„Sind Sie toll!“ rief Frank. „Das wäre die reene Versündigung an der Geisterwelt. Bedenken Sie doch nur, was der unschterbliche Goethe spricht:

Der Mensch versuche die Götter nicht Und begehre nimmer und nimmer zu schauen Die Geister mit ihren Kindern und Frauen!“

Aber die anderen hörten nicht auf ihn; sie gehorchten der Aufforderung Old Shatterhands. Ihr Vertrauen zu diesem Manne sagte ihnen, daß er weder etwas Gefährliches, noch etwas Lächerliches von ihnen verlangen werde.

„Nehmen wir auch die Packpferde mit?“ fragte Helmers.

„Ja, wir werden wohl schwerlich alle nach hier zurückkehren. Ihr solltet uns allerdings nur bis hierher begleiten; unter den jetzigen Umständen aber werdet Ihr uns wohl gern noch eine Strecke begleiten.“

„Natürlich! Möchte doch gar zu gern ein Wort mit dem Avenging-ghost sprechen.“

Die zwei Packpferde, welche Helmers mitgebracht hatte, wurden von den Knechten an den Leitzügeln genommen. Auch Frank stieg auf. Es war nicht die Furcht, sondern nur sein alter Widerspruchsgeist, welcher ihn zu seinem Sträuben veranlaßt hatte. Die Truppe setzte sich in Bewegung und jagte in Karriere über die Ebene dahin.

Sobald die Reiter ihren bisherigen Standort verlassen hatten, verschwand die Lufterscheinung. Nur noch das hochlodernde Feuer war zu sehen.

Voran ritt Old Shatterhand, hart hinter sich die beiden Snuffles, deren Maultiere wie besessen dem Rappen des berühmten Jägers folgten. Dieser letztere nahm seine Richtung nicht direkt nach dem Feuerscheine, sondern mehr nördlich desselben hin. Er konnte sein Ziel nicht sehen; er mußte dasselbe berechnen. Und das war sehr schwierig, da die Spiegelung, welche zudem nun verschwunden war, ihm keinen sicheren Anhalt bot, und die Reiter, welche er suchte, sich mit großer Schnelligkeit fortbewegten.

Die kleine Schar flog wie die wilde Jagd dahin. Old Shatterhand mußte seinem Rappen Einhalt thun, sonst hätten die anderen ihm nicht folgen können. In zehn Minuten wurden wohl drei englische Meilen zurückgelegt. Dennoch war nicht zu bemerken, daß man sich dem Feuer nähere, dessen Helligkeit sich eher zu verstärken als zu vermindern schien.

Noch zehn Minuten vergingen. Da stieß Old Shatterhand einen lauten Ruf aus und erhob den Arm, um von der jetzigen Richtung ab ein wenig nach rechts zu deuten.

Von dorther näherten sich zwei Punkte, voran ein hellerer, welchem ein dunklerer folgte. Weiter zurück gab es eine Mehrheit solcher dunkler Punkte, welche das Bestreben hatten, sich in gleicher Schnelligkeit mit den beiden anderen fortzubewegen. Das waren lauter Reiter.

Der Schein des Feuers fiel von seitwärts hinten auf sie und ließ die zottige Gestalt des vordersten schon von weitem ziemlich deutlich erkennen. Old Shatterhand hielt sein Pferd an und sprang aus dem Sattel.

„Steigt ab!“ rief er den anderen zu. „Da wir aus dem Dunkel kommen, hat man uns noch nicht gesehen, während wir sie gegen das Licht hin deutlich vor Augen haben. Unsere Pferde mögen sich legen. Aber sobald ich wieder aufsteige, thut ihr dasselbe.“

Sie gehorchten seiner Aufforderung.

Old Shatterhand hatte wohlweislich eine etwas vertiefte Stelle gewählt, welche im Schatten lag. Als die Pferde lagen und die Reiter sich neben denselben niedergekauert hatten, war es für einen, welcher, aus dem Feuerscheine kommend, in die Dunkelheit hineinritt, gar nicht möglich, sie eher zu sehen, als bis er bei ihnen anlangte.

Sie hingegen konnten das vor ihnen liegende Terrain bequem überblicken. Der vorderste Reiter war vielleicht noch sechshundert Schritte von ihnen entfernt; halb so weit hinter ihm folgte der zweite, und in gleicher Entfernung kamen dann die anderen sechs.

„Was thun wir mit ihnen, Sir? Schießen wir sie nieder?“ fragte Helmers.

„Nein. Sie haben uns nichts gethan, und ich vergieße Menschenblut nur dann, wenn ich gerechte Ursache dazu habe. Nur mit dem ersten Verfolger möchte ich ein Wörtchen reden. Laßt mich vorerst meine Sache allein machen. Ihr habt dann nichts anderes zu thun, als die sechs davonzujagen.“

Er wand den Lasso los, welchen er sich um die Hüften geschlungen hatte. Das eine Ende desselben, an welchem sich ein Knoten befand, befestigte er an dem Sattelknopfe seines ruhig im Sande liegenden Pferdes. Das andere Ende mit einem Ringe formte er zu einer Schleife, groß genug, sich um den Körper eines Menschen zu legen. Den übrigen Teil des fünffach geflochtenen und wohl zwanzig Ellen langen Riemens wand er sich zwischen dem Daumen und Zeigefinger hindurch und über den Ellbogen weg in Schlingen, die er in die linke Hand nahm, während er die vorderste Schleife in der rechten behielt, so daß er den Ring mit Daumen und Zeigefinger gefaßt hatte.

Das war so schnell gegangen, daß er mit dieser Vorbereitung noch vor dem Erscheinen des ersten Reiters fertig war. Die Nahenden ritten nämlich gerade auf die Vertiefung zu.

jetzt hörte man den Hufschlag des ersten Pferdes. Es war ein hochgebauter Rappe. Der Reiter trug den Schädel eines weißen Büffels auf dem Kopfe, von welchem das zottige Fell weit über die Kruppe des Pferdes herunterhing. Sein Gesicht steckte so tief im Schädel, daß es nicht zu erkennen war.

Als er sich ungefähr noch zehn Schritte von der Vertiefung befand, erhob sich Old Shatterhand. Der Reiter sah ihn augenblicklich, konnte aber sein Pferd nicht schnell genug halten, so daß es erst stand, als er sich kurz vor Old Shatterhand befand.

„Halt! Wer bist du?“ fragte der letztere.

„Der Geist der Llano,“ erklang es dumpf unter dem Büffelschädel hervor. „Und du?“

„Ich bin Old Shatterhand. Steige getrost ab. Wir beschützen dich!“

„Der Avenging-ghost bedarf keines Schutzes. Ich danke euch!“

Nach diesen Worten trieb er sein Pferd weiter. Das Wechseln der wenigen Worte hatte nur einige Augenblicke in Anspruch genommen. Dennoch war infolgedessen der zweite Reiter schon nahe herangekommen. Old Shatterhand stellte sich über den Leib seines am Boden liegenden Pferdes, den einen Fuß rechts und den anderen links vom Sattel, den Lasso in beiden Händen. Ein leichtes Schnalzen seiner Zunge und das vortrefflich dressierte Pferd sprang mit einem Rucke empor. So hielt er jetzt da, gerade wie aus der Erde gewachsen.

Der zweite Reiter erschrak vor der sich ihm so plötzlich in den Weg stellenden Gestalt. Auch er konnte sein Pferd nicht so schnell parieren, wie er wollte; er hatte es bedeutend weniger in der Gewalt, wie der „Geist“ das seinige. Es schoß bis nahe zu Old Shatterhand heran.

„Haltet an!“ gebot dieser. „Wer seid Ihr?“

„Thunderstorm! Old Shatterhand!“ entfuhr es dem Manne. „Hol‘ Euch der Teufel!“

Er gab seinem Pferde die Sporen, um fort zu eilen.

„Ihr bleibt, sage ich!“ gebot ihm der Jäger. „Ich möchte mir Euer Gesicht einmal ansehen.“

„Später, wenn es mir besser paßt!“

Damit schoß er fort. Aber Old Shatterhand war sofort hinter ihm her.

Als der Reiter seine letzten Worte im Tone des Hohnes ausgesprochen hatte, war der junge Komantsche von der Erde aufgesprungen.

„Uff!“ rief er aus. „Diese Stimme kenne ich. Auch Eisenherz hat mit diesem Manne zu sprechen.“

Er erhob sein Gewehr, legte an und zielte, doch ließ er es sofort wieder sinken, indem er sagte:

„Old Shatterhand hat ihn schon!“

Der Flüchtige war kaum zehn Pferdesprünge weit gekommen, so wirbelte Old Shatterhand, der ihm auf der Ferse war, die Schleife des Lasso vier-, fünfmal, um den Kopf und schleuderte sie dann nach dem Reiter. Der Riemen lief leicht von den Schlingen ab, welche Old Shatterhand locker in der linken Hand hielt, und die Schleife fiel dem Fliehenden genau um beide Schultern. Sofort hielt Old Shatterhand sein Pferd an. Da der Lasso am Sattel befestigt war, so lief der Riemen schnell ab, die Schlinge zog sich um den Reiter zusammen, und der letztere wurde vom Pferde gerissen.

Sofort sprang Old Shatterhand von dem seinigen und eilte hin zu ihm. Der am Boden Liegende konnte sich nicht befreien, da ihm die beiden Arme fest an den Leib gezogen worden waren.

Inzwischen gab es hinter diesen beiden eine weitere Szene. Die übrigen sechs Reiter waren nahe herbeigekommen, und darum hatten die Gefährten Old Shatterhands ihre Pferde aufspringen lassen und sich schnell aufgesetzt. Die sechs Männer staunten oder vielmehr erschraken nicht wenig, als sie so plötzlich eine so überlegene Anzahl von Reitern vor sich halten sahen. Sie bogen zur Seite ab, um an ihnen vorüber zu kommen. Da aber sahen sie, daß ihr Anführer durch den Lasso vom Pferde gerissen wurde. Sie fühlten sich zu schwach, ihm zu helfen, und stoben sofort auseinander und in verschiedenen Richtungen davon.

Dieses letztere Manöver führten sie aus, um die Verfolgung zu erschweren; aber es fiel keinem ein, dieselbe aufzunehmen. Old Shatterhand hatte es ja nicht gewollt. Übrigens daß sie flohen anstatt halten zu bleiben, das war ein sicheres Zeichen, daß sie kein gutes Gewissen besaßen. Man ließ sie ungehindert fort und begab sich zu ihrem noch am Boden liegenden Anführer.

Dieser war inzwischen von Old Shatterhand entwaffnet worden. Nun sagte derselbe zu ihm:

„Ihr hättet klüger gethan, meinem Befehle Folge zu leisten, Sir. Derjenige, dem ich zu halten gebiete, der hält unbedingt bei mir an, ob freiwillig oder gezwungen, eins von beiden. Wollt Ihr mir sagen, wer Ihr seid?“

Der Gefragte antwortete nicht.

„Auch diesen Gefallen wollt Ihr mir nicht thun? Ihr scheint Euch nicht recht sicher zu fühlen. Werden Euch also einmal in das Gesicht sehen.“

Er faßte ihn mit kräftigen Armen, hob ihn empor und stellte ihn so auf die Füße, das sein Gesicht gegen den Feuerschein gerichtet war.

„Alle Wetter!“ rief Helmers. „Das ist ja der famose Dragoneroffizier! Freut mich, Euch so bald wieder zu sehen! Euer Kleiderschrank da hinten zwischen den Büschen ist entdeckt und ausgeräumt worden, Sir! Ihr hattet ihn schlecht verwahrt; auch Eure Uniform ist gefunden worden. Was meint Ihr wohl, was man mit Euch machen wird?“

„Nichts könnt ihr mir thun!“ antwortete der Mann wütend. „Wer von euch will mir nachweisen, daß ihm das Geringste von mir geschehen ist?“

„Ja, darauf verlaßt Ihr Euch. Ausgeführt habt Ihr gegen uns direkt noch nichts. Die Pläne, welche Ihr hegtet, waren schlimm, und infolgedessen könnten mir Euch nach dem Gesetze der Prairie schon ein wenig scharf vornehmen. Aber wir sind keine Henker und lassen Euch also laufen.“

„Das müßt ihr, denn ihr könnt mir nichts beweisen.“

„O, beweisen könnten wir Euch doch einiges; doch ist das gar nicht nötig. Ich sage also, daß wir Euch laufen lassen, nämlich wir Weißen. Da aber steht ein Roter, welcher wahrscheinlich eine Rechnung mit Euch auszugleichen haben wird. Seht ihn Euch einmal an!“

Der Komantsche trat vor. Der Mann sah ihn an und sagte:

„Diesen Kerl kenne ich nicht.“

„Lüge nicht, Halunke!“ rief Tim ihn an. „Kennst du etwa auch mich und meinen Bruder nicht? Habt ihr nicht die beiden unschuldigen Komantschen überfallen, den einen getötet und den anderen dann verfolgt, bis es uns gelang, euch von der Fährte abzubringen? Wir haben euch dann verfolgt, und es war sehr klug von dir, uns jetzt geradezu in die Hände zu laufen. Du ersparst uns dadurch viele Mühe, und hoffentlich bildest du dir nun nicht mehr ein, dich von außen herum durch Lügen fortzuschlängeln. Mache es kurz und gestehe deine Schuld ein!“

„Ich weiß von keiner Schuld!“ knirschte der Gefangene.

Da legte Old Shatterhand ihm die Hand schwer auf die Schulter und sagte:

„Ihr seht, wie es steht, und ich nehme an, daß man mich Euch als einen Mann geschildert hat, mit welchem nicht zu scherzen ist. Was habt Ihr mit den Auswanderern vor, welche Euer frommer Master Tobias Preisegott Burton durch die Llano führen soll? Wo befinden sich jetzt diese Leute, und warum habt Ihr den Kaktus angebrannt? Wenn Ihr mir diese Fragen der Wahrheit gemäß beantwortet, habt Ihr ein mildes Urteil zu erwarten.“

Der Mensch war so verstockt, trotz dieses Versprechens beim Leugnen zu verharren.

„Ich weiß nicht, was Ihr wollt. Ich kenne diesen Indianer nicht, auch nicht diese beiden Kerls mit den fürchterlichen Nasen, am allerwenigsten aber einen Mann, welcher Tobias Preisegott Burton heißt. Von Auswanderern ist mir auch nichts bekannt.“

„Warum verfolgtet Ihr den Geist der Llano estakata?“

„Geist? Lächerlich! Der Kerl ist ein Halunke, welcher vorhin einen unserer Männer erschossen hat, mitten unter uns heraus und grad vorn in die Stirn.“

„Weiter habt Ihr uns nichts zu sagen?“

„Kein Wort.“

„So bin ich also mit Euch fertig. Eure Pläne werden zu schanden gemacht werden, denn wir nehmen die Auswanderer unter unseren Schutz. Ihr leugnet also nur zu Eurem eigenen Schaden. jetzt mag mein junger, roter Bruder sagen, wessen er diesen Mann anzuklagen hat.“

„Dieses Bleichgesicht hat den Häuptling Feuerstern, meinen Vater, in den Leib geschossen, woran er gestorben ist. Howgh!“

„Ich glaube dir. Darum gehört der Mörder von diesem Augenblicke an dir. Thue mit ihm, was dir gefällt!“

„Donnerwetter!“ rief der Gefangene. „Das ist kein großes Heldenstück von Euch. Ich bin vom Lasso zusammengeschnürt; da wird es dem Halunken freilich ein Leichtes sein, mich auszulöschen!“

Der Komantsche erhob den Arm zu einer verächtlichen Bewegung und sagte:

„Eisenherz nimmt keinen Skalp geschenkt. Er wird den Mörder richten; aber er wird dabei so handeln, wie es sich für einen tapferen Krieger geziemt. Meine Brüder mögen eine kleine Zeit verweilen l“

Er eilte fort, in das Dunkel der Nacht hinein, und kehrte bald darauf mit dem Pferde Stewarts zurück. Es war nach kurzem Laufe stehen geblieben, und die scharfen Sinne des Indianers hatten ihm gesagt, wo es zu finden sei.

Dieser letztere legte alle seine Waffen ab und behielt nur das Messer bei. Dann bestieg er sein Pferd und sagte:

„Meine Brüder mögen diesen Mann losbinden und ihm auch sein Messer geben. Dann mag er sich auf sein Pferd setzen und davon reiten, wohin es ihm beliebt. Eisenherz wird ihm folgen und mit ihm kämpfen. Die Waffen sind gleich: Messer gegen Messer, Leben gegen Leben. Ist Eisenherz nach einer Stunde noch nicht zurückgekehrt, so liegt er tot im Sande der Llano estakata.“

Der tapfere Jüngling wollte es so, und also mußte man ihm den Willen thun. Stewart erhielt sein Messer, wurde vom Lasso befreit und sprang in den Sattel. Er jagte mit den Worten davon:

„Hallo! Die Dummen werden nicht alle. Meinen Plänen könnt ihr nun nichts anhaben. Wir sehen uns wieder, und dann gnade euch allen Gott!“

Eisenherz stieß den schrillen Kampfesruf der Komantschen aus und schoß auf seinem Pferde wie ein Pfeil hinter ihm drein.

Die anderen blieben schweigend halten. Zwar wurden, als sie sich niedergesetzt hatten, einige Bemerkungen ausgesprochen, aber die Situation bedrückte jeden so, daß man lieber schwieg.

Eine Viertelstunde verging und noch eine. Das Feuer nahm an Stärke ab. Da hörten die Wartenden den galoppierenden Hufschlag mehrerer Pferde. Der Komantsche kehrte zurück, das Pferd seines Feindes am Zügel führend. Am seinem Gürtel hing ein frischer Skalp. Er selbst war unverwundet.

„Einen der Mörder hat Eisenherz seinem Vater nachgesandt,“ sagte er, indem er zu den Männern trat. „Die anderen werden diesem bald folgen. Howgh!“

Das war der blutige Schluß der heutigen Ghostly-hour

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Im Yuavh Kai

Im „Yuavh-Kai“

Da, wo die südöstliche Ecke von Neu-Mexiko in das Gebiet von Texas hereinstößt, befindet sich einer der gefährlichsten Winkel des fernen Westens. Dort berühren sich die Streifgebiete der Komantschen und Apatschen, ein Umstand, welcher die immerwährende Unsicherheit der Gegend zur natürlichen Folge hat.

Es kann zwischen diesen beiden Völkerschaften, so lange sie überhaupt noch bestehen, niemals zu einem aufrichtigen, dauernden Frieden kommen. Der gegenseitige Haß ist zu tief eingewurzelt, und selbst in Zeiten, in denen der Tomahawk des Krieges tief vergraben liegt, glimmt das verderbliche Feuer unter der Asche fort und kann bei der geringsten Veranlassung von neuem zu blutigem Rot aufflammen.

Diese stets nur auf kurze Zeit ruhende Feindschaft fordert die meisten Opfer natürlich da, wo die beiden Gebiete aneinander stoßen oder vielmehr ineinander laufen. Die Grenze bildet weder eine gerade Linie noch ist sie überhaupt fest bestimmt; darum kommen gegenseitige Anschuldigungen wegen Grenzverletzung außerordentlich häufig vor, und dann gehen gewöhnlich, um einen Ausdruck des Fürsten von Bismarck anzuwenden, „die Flinten ganz von selber los“.

The shears“ nennt der Westmann diese gefährlichen Gegenden, eine Bezeichnung, welche sehr zutreffend ist. Die Grenzlinien sind beweglich; sie öffnen und schließen sich wie Scherenklingen, und derjenige, welcher zwischen sie gerät, kann sich seines Glückes rühmen, wenn er heiler Haut entkommt. Der Weiße, welcher sich dort sehen läßt“ ist entweder ein kühner oder ein sehr unvorsichtiger Mann; in beiden Fällen kreist, der „Geier des Todes“ beständig über seinem Haupte. –

Da, wo der von den Teufelsbergen kommende Togahfluß in den Rio Pekos mündet, bildete zur betreffenden Zeit der letztere die Grenze zwischen dem Gebiete der Komantschen und Apatschen. Westlich von ihm steigt das Terrain zur Sierra Guadelupe, Sierra Pilaros und Sierra del Diablo empor, während im Osten von ihm die Staked Plains liegen – die berüchtigte Llano estakata.

Aber die Llano beginnt nicht sofort an seinem Ufer; sie ist vielmehr durch eine Bergkette von ihm getrennt, welche entweder als einfacher Höhenzug, oft aber auch in mehrfachen Zügen mit ihm nach Südosten streicht. Diese Züge schließen Längsthäler ein, welche meist ein sehr tristes Aussehen haben und von engen, schluchtartigen Querthälern durchschnitten werden, die sich nach der Llano öffnen.

Die Nähe des Flusses hat da, wo die Bodenverhältnisse es gestatten, eine zuweilen sogar üppige Vegetation zur Folge. Das Wort Wüste ist, gerade wie bei der Gobi und Sahara, so auch hier nicht im strengsten Sinne des Wortes zu nehmen. Da, wo der westliche Rand der Llano estakata sich zu den erwähnten Bergen erhebt, kommen verschiedene kleine Wasserläufe von den letzteren herab, welche zwar meist im Sande versiegen, aber auf ihrem Wege doch so viel Feuchtigkeit verbreiten und den angrenzenden Boden so durchtränken, daß an ihren Ufern Sträucher und sogar Bäume recht gut zu existieren vermögen. Diese grünen Stellen ragen gleich Halbinseln oder Landzungen in das Sandmeer der Llano hinein und bilden zwischen sich breitere oder schmälere, tiefere oder seichtere Busen, in denen Gras und Kräuter Nahrung finden.

Es geht sogar die Sage, daß es in der Mitte der Llano eine starke Quelle köstlichen Trinkwassers gebe, welches tief aus dem Erdinnern emporsteige und eine kleine, seeartige Fläche bilde, deren Ufer mit schattengebendem Baum- und Buschwerke eingefaßt sei. Alte Jäger hatten davon gesprochen, die Quelle und den See aber niemals selbst gesehen! Gelehrte Leute, welche davon gehört hatten, waren der Ansicht gewesen, daß das Vorhandensein von Wasser mitten in der Llano keineswegs als eine hydrographische Unmöglichkeit zu bezeichnen sei.

Am Ufer des Togahflüßchens saßen vier Männer, deren Aussehen nicht eben sehr vertrauenerweckend war. Ihre wirren, struppigen Kopf- und Barthaare hatten lange Zeit der Pflege entbehrt; ihre Anzüge befanden sich in einem Zustande, welchen jeder Flickschneider für unverbesserlich erklärt hätte, und ihre braunen Hände und vom Wetter gegerbten Gesichter schienen monatelang mit keinem Tropfen Wasser in Berührung gekommen zu sein. Desto besser aber waren sie bewaffnet, denn jeder von ihnen hatte einen Hinterlader neben sich liegen und neben dem Messer zwei Revolver im Gürtel stecken.

Drei von ihnen waren ganz gewiß Yankees. Ihre langen, hageren Gestalten, ihre nach vorn gebeugten, schmalbrüstigen Oberkörper und ihre scharfgeschnittenen Gesichtszüge bewiesen das. Aber welcher Nationalität der vierte angehöre, das war schwerer zu bestimmen.

Dieser Mann hatte eine untersetzte, breitschulterige Figur, außerordentlich große, breite Hände und ein ebenso in die Breite gehendes Gesicht mit sehr großen, weit abstehenden Ohren. Wer nur einen kurzen, oberflächlichen Blick in sein Gesicht warf, der konnte ihn leicht für einen Neger halten, denn sein Gesicht war schwarz oder vielmehr körnig blauschwarz, aber nur bis in die Gegend der Augen. Er pflegte den Hut so tief hereinzuziehen; sobald er ihn aber in den Nacken schob, konnte man sehen, daß die Gesichtshaut bis über die Nasenwurzel herab weiß war. Der Mann war jedenfalls durch explodierendes Pulver verbrannt worden.

Trotz der dadurch hervorgebrachten Entstellung seiner Züge hatte das Gesicht nichts geradezu Abstoßendes. Wer ihn genauer betrachtete, kam gewiß zu der Überzeugung, einen „guten Kerl“ vor sich zu haben.

Ganz ebenso war es mit den drei anderen. Wer sie in ihrem jetzigen Aufzuge in einer zivilisierten Gegend hätte sitzen sehen, der wäre ihnen gewiß weit ausgewichen, bei näherer Bekanntschaft aber mußte diese Scheu verschwinden.

Die vier Pferde weideten im Grase, welches reichlich zwischen den grünen Büschen stand. Man sah es ihnen an, daß sie sehr strapaziert worden waren. Das Sattel- und Zaumzeug war alt und an vielen Stellen nur notdürftig ausgebessert.

Ihre Herren hatten gegessen. Den in der Nähe zerstreuten Knochen nach war anzunehmen, daß sie sich ein Racoon an dem kleinen Feuer gebraten hatten, dessen Reste nur noch leise glimmten. Während sie sich nun unterhielten, unterließen sie es nicht, die Gegend öfters mit scharfen Blicken abzusuchen. Sie befanden sich eben in den „Shears“, wo die größte Aufmerksamkeit geboten ist.

„Nun wird es Zeit, uns zu entscheiden“, sagte derjenige Yankee, welcher der älteste von ihnen zu sein schien. „Reiten wir durch die Llano, so kommen wir eher ans Ziel, laufen aber mancherlei Gefahr und haben an diesem alten ‚Coon hier für Tage hinaus unser letztes Fleisch gegessen. Reiten wir aber am Rio Pekos hinab, so brauchen wir weder Hunger noch Durst zu leiden, machen aber einen Umweg von beinahe einer Woche. Was ist deine Meinung, Blount?“

Blount, welcher neben ihm saß, strich sich nachdenklich den Bart und antwortete dann:

„Wenn ich alles genau abwäge, so möchte ich vorschlagen, daß wir durch die Llano reiten, und ich denke, du wirst mir recht geben, Porter.“

„So laß uns deine Gründe hören!“

„Eine Woche ist eine lange Zeit, welche ich nicht gern versäumen möchte. Am Rio Pekos hinab haben wir die Apatschen und Komantschen zu fürchten, in den Plains aber die Llanogeier; das hebt sich gegenseitig. Wir haben nicht nötig, die ganze Breite der Plains zu durchmessen. Halten wir uns nach Südost, etwa gegen den Rio Contscho hin, so kommen wir auf die Karawanenstraße, welche von Fort Mason nach Fort Leaton führt, und haben weder eine schlimme Begegnung noch Hunger oder Durst zu fürchten. Das ist meine Meinung. Was sagst du dazu, Falser?“

„Ich stimme dir bei,“ antwortete Falser, der dritte Yankee.

„Ich bin überhaupt der Ansicht, daß die Estakata nicht halb so gefährlich ist, wie sie zu sein scheint. Wer sie einmal durchquert hat, der schildert, um sich nur recht rühmen zu können, die Gefahren in einer Weise, als ob sie die reine Hölle sei. Ich bin mit Vergnügen bereit, sie kennen zu lernen.“

„Eben weil du sie noch nicht kennst!“ meinte Porter, der erste Yankee.

„Hast etwa du schon ihre Bekanntschaft gemacht?“

„Nein; aber ich hörte Leute, an deren Wahrheitsliebe nicht zu zweifeln ist, in einer Weise von ihr reden, daß mich ein Schauer überlief. Jetzt, da wir uns an ihrer Grenze befinden, sehe ich erst ein, welches Wagnis wir unternehmen wollen. Keiner von uns kennt die Llano. Wenn wir uns verirren, wenn uns das Wasser ausgeht, wenn – – –“

„Wenn, wenn und abermals wenn!“ unterbrach ihn Blount. „Wer so viele Wenns zu sagen hat, der mag überhaupt nichts unternehmen. Du bist doch sonst ein mutiger Kerl; fürchtest du dich etwa jetzt?“

„Fürchten? Fällt mir nicht ein! Zwischen Vorsicht und Furcht ist ein ungeheurer Unterschied, und ich glaube nicht, daß ihr mich jemals ängstlich gesehen habt. Wir sind vier Personen. Dem, was die Mehrheit beschließt, muß Folge geleistet werden. Bevor man einen Beschluß faßt, muß man überlegen. Das habe ich gewollt, und das ist doch kein Grund, mich zu fragen, ob ich mich fürchte. Zwei haben ihre Meinung abgegeben; sie sind entschlossen, durch die Llano zu gehen. Jetzt sage du, Ben New-Moon, ob du dich ihnen anschließen willst oder nicht!“

Diese Aufforderung war an den Mann mit dem Pulvergesicht gerichtet. Er legte die Hand salutierend an die Hutkrämpe, gerade wie ein Soldat, welcher vor seinem Offiziere steht und antwortete:

„Zu Befehl, Master Porter! Ich reite überall mit hin, selbst wenn’s ins Teufels Küche wäre.“

„Das ist nichts gesagt. Ich will eine bestimmte Antwort. Den Rio Pekos hinab oder durch die Llano?“

„Dann bitte, durch die Llano, wenn’s Euch beliebt. Ich möchte diese alte Sandgrube doch gar zu gern kennen lernen.“

„Sandgrube? Täusche dich nicht, alter Mondonkel! Bildest du dir etwa ein, hüben hineinspringen und dann gleich drüben wieder heraussteigen zu können? Das Ding ist etwas größer, als du es dir vorzustellen scheinst. Du kannst vier oder auch fünf Tage lang reiten, bevor du dieses Sandfaß hinter dir hast. Und gerade wenn wir den südlichen Teil desselben durchschneiden, ist es sehr wahrscheinlich, daß wir auf Indianer treffen.“

„Mögen sie kommen! Ich habe noch nie einem Roten etwas zuleide gethan und brauche diese Leute also nicht zu fürchten. Und würden sie sich feindselig gegen uns verhalten, nun, so haben wir unsere guten Waffen. Vier kräftige Kerls, welche so viel Pulver gerochen haben wie wir, nehmen es gut und gern mit zwanzig und auch noch mehr Indianern auf.“

„Das ist sehr richtig. Was aber das Pulverriechen betrifft, so bist du uns um eine ganze Pferdelänge voraus. Es muß ja ein ganzes Pulverfaß vor deinem Gesichte explodiert sein!“

„Beinahe ist es so.“

„Wie ging das zu? Du hast es uns noch nicht erzählt. Ist eine Heimlichkeit dabei?“

„Gar nicht; aber ich habe keine Veranlassung, mich über die Sache zu freuen; darum spreche ich nicht von ihr. Es ging mir damals hart an das Leben. Wenigstens war es auf das Licht meiner Augen abgesehen, und wenn mein alter Freund, der Juggle-Fred, nicht gewesen wäre, so wäre ich jetzt geblendet oder gar tot.“

„Wie? Du kennst den Fred? Habe viel und oft über diesen Mann gehört.“

„Wir waren gute Kameraden und haben manchen Koup miteinander ausgeführt, bei welchem es anderen Leuten angst und bange geworden wäre. Möchte ihn gern einmal wiedersehen! Er scheint aber verschollen zu sein. Wer weiß, in welcher Prärie seine Gebeine bleichen. Habe ihm sehr viel zu verdanken von damals, als er den Plan des Stealing-Fox zu nichte machte.“

„Stealing-Fox?“ fragte Porter überrascht. „Also bist du auch mit diesem berüchtigten Spitzbuben zusammengetroffen?“

„Leider! Lernte ihn sogar genauer kennen, als mir lieb sein konnte. Der Kerl hieß Henry Fox, wenigstens nannte er sich so. Ob dies sein wirklicher Name war, weiß ich nicht, denn es ist zu vermuten, daß er sich verschiedener Namen bedient hat. Wo er auftauchte, war kein Mensch seines Pferdes, seiner Biberfallen, überhaupt seines Eigentums sicher, und niemals gelang es, ihm das Handwerk zu legen, denn er entwickelte eine Schlauheit, welche geradezu ihresgleichen suchte. Er verschwand stets so schnell, wie er gekommen war. Sollte ich ihm einmal begegnen, so würde ich augenblicklich mit ihm abrechnen. Eine Kugel wäre ihm sicher, denn ich habe- – -horcht!“

Er unterbrach seine Rede, richtete sich halb auf und horchte nach der Seite, nach flußaufwärts hin. Die in der Nähe befindlichen Pferde spitzten die Ohren. Man hörte Huftritte nahen.

Die vier Männer sprangen auf und nahmen ihre Gewehre schußbereit in die Hände.

„Sollten es Rote sein?“ flüsterte Blount.

„Nein, es sind Weiße, und zwar nur zwei,“ antwortete Ben New-Moon, welcher hinter dem Busche, welcher ihn deckte, nach den Nahenden hervorlugte. „Mexikanisch gekleidet. Sie halten an und betrachten unsere Fährte, welcher sie bis hierher gefolgt zu sein scheinen.“

Porter trat zu ihm, um die beiden auch zu sehen. Sie hielten auf ihren Pferden, weit herabgebeugt, um die Spuren im Grase zu betrachten. Ihre Kleidung und Ausrüstung war diejenige der Mexikaner: weite Schlitzhosen, bunte Westen, kurze, weite, mit Silberschnüren verzierte Jacken, flatternde, rote Halstücher, ebensolche Schärpen, aus denen die Griffe der Messer und Pistolen hervorblickten, breitkrämpige Sombreros und, last not least, ungeheure Sporen an den Fersen.

Ihre Pferde befanden sich, wie es schien, in einem vortrefflichen Zustande, was an diesem Orte wohl befremden konnte.

„Die sind nicht zu fürchten,“ sagte Porter leise. „Mexikanische Caballeros, welche wir gern willkommen heißen können.“

Er trat hinter dem Busche hervor und rief den beiden zu:

„Hier sind diejenigen, welche ihr sucht, Mesch’schurs. Hoffentlich hängt ihr nicht in schlimmer Absicht an unserer Fährte!“

Die Mexikaner erschraken sichtlich, als sie sich so plötzlich angeredet hörten und die lange Gestalt des Yankee erblickten. Sie rissen schnell die Gewehre von den Sattelknöpfen, an denen sie gehangen hatten.

„Laßt das sein!“ riet Porter. „Wir sind ehrliche Leute, von denen ihr nichts zu fürchten habt.“

„Wie viele Personen?“ fragte der eine.

„Vier. Eure Gewehre würden euch also nichts nützen, falls wir Lust hätten, euch feindlich zu empfangen. Kommt also getrost herbei!“

Sie wechselten einige leise Worte miteinander und trieben dann ihre Pferde langsam herzu. Erst als sie die anderen drei Yankees betrachtet und den Ort mißtrauisch gemustert hatten, stiegen sie ab.

„Ihr seid verteufelt vorsichtig, Mesch’schurs,“ meinte Porter. „Sehen wir aus wie Räuber?“

„Nun,“ antwortete der eine lachend, „viel Staat macht ihr mit euren Anzügen nicht. Und was eure Pferde betrifft, so sind dieselben wohl schwerlich für eine Zirkusvorstellung geeignet. Caramba, seht ihr herabgekommen aus, Sennores!“

„Könnt Ihr es in dieser Gegend anders verlangen? Man hat bis zur nächsten Ansiedelung fast eine Woche zu reiten. Wenn man sich so lange unterwegs befindet wie wir, so ist man freilich nicht in der geeigneten Verfassung, der Frau Präsidentin in Washington eine Staatsvisite zu machen. Wenn ihr uns trotzdem die Hände reichen wollt, so sollt ihr uns willkommen sein.“

„Eine Begegnung mit ehrlichen Leuten ist immer angenehm, zumal in dieser gefährlichen Gegend. Wir schlagen also gern ein. Erlaubt aber, euch unsere Namen zu nennen. Wir sind Brüder und heißen Kortejo. Nennt mich Karlos und meinen Bruder Emilio!“

Die Yankees nannten ihre Namen auch und gaben den Angekommenen ihre Hände. Porter erkundigte sich weiter:

„Wir kommen aus dem alten Kalifornien herüber und wollen nach Austin, Sennores. Vielleicht dürfen wir erfahren, welche Angelegenheit euch so nahe an die Llano treibt?“

„Wir wollen uns ihr nicht nur nähern, sondern wir müssen sie durchreiten. Wir sind in einer Estanzia nahe bei San Diego als Oberhirten angestellt und wurden vom Estanziero beauftragt, drüben in Neu-Braunfels Gelder einzukassieren. Eine gefährliche Sache, nicht wahr? Darum reiten wir zu zweien.“

„Gefährlich wird es erst auf dem Rückwege, wo ihr das Geld bei euch habt. Es ist immer eine heikle Aufgabe, anderer Leute Geld durch die Llano zu schleppen. Das, was wir uns in Kalifornien gespart haben und jetzt bei uns tragen, ist unser Eigentum. Wir haben also keine Verantwortlichkeit zu tragen und sind besser daran als ihr. Trotzdem muß man euren Mut bewundern. Wir sind vier Personen und haben es uns doch überlegt, ob es nicht geratener sei, einen Umweg zu machen. Ihr wollt euch zu zweien über die Plains wagen. Das ist kühn!“

„Nicht allzusehr, Sennor,“ antwortete Karlos. „Kennt Ihr die Llano genau?“

„Keiner von uns hat sie gesehen.“

„Das ist freilich etwas anderes. Wer sie nicht kennt, der mag von ihr lassen. Wir beide aber haben sie bereits wohl über zwanzigmal durchritten und sind also so vertraut mit ihr, daß von einer Gefahr eigentlich nicht die Rede sein kann.“

Ah, steht es so! Hm! Nach Neu-Braunfels wollt ihr? Das liegt ja fast genau in unserer Richtung! Also könnten wir uns euch anschließen, wenn ihr nichts dagegen hättet.“

Als er vorhin unvorsichtigerweise das Geld erwähnte, welches er und seine Gefährten mit sich führten, hatten die beiden Mexikaner einen schnellen Blick miteinander gewechselt. jetzt antwortete Karlos fast allzuschnell:

„Wir haben nicht das mindeste dagegen. Ihr seid uns im Gegenteile sehr willkommen, denn je zahlreicher wir sind, desto besser sind wir Gefahren gegenüber gewappnet.“

„Dann gut, Sennor! Wir reiten mit, und ihr werdet es nicht bereuen, uns hier getroffen zu haben. Wie aber steht es da nun mit eurem heutigen Tagesritte?“

„Wir wollten noch bis zum Rio Pekos hinab, vielleicht gar bis zum Anfange des Yuavh-Kai.“

„Was ist das?“

„Das Wort ist aus der Sprache der Yutahs und Komantschen und bedeutet so viel wie „singendes Thal“. Man erzählt, daß sich in diesem Thale nächtlicherweile oft überirdische, ganz unbegreifliche und unerklärliche Stimmen hören lassen. Wir beide aber haben, obgleich wir oft durch dasselbe geritten sind, noch nie etwas davon vernommen. Ihr hattet euch hier wohl schon zur Abendrast gelagert?“

„Nein. Das würde ja die unverzeihlichste Zeitverschwendung sein. Auch wir wollten den Pecos erreichen und vielleicht dem Laufe desselben folgen, um die Llano zu umgehen. Da wir aber euch getroffen haben und ihr uns mitnehmen wollt, so werden wir also quer durch die Wüste gehen. Meint ihr, daß wir da auf Indianer treffen werden?“

„Schwerlich. Ein solches Zusammentreffen haben wir hier mehr zu fürchten als in den Plains. Da wir bisher keinen Roten sahen, so haben wir auch für später keine dergleichen Begegnung zu erwarten. Die Kerls schwärmen jetzt nicht, da zwischen den beiden Völkerschaften erst kürzlich die Kriegsbeile vergraben wurden.“

„Das hört man gern. Aber wie steht es mit den sogenannten Llanogeiern? Diese sollen weit gefährlicher als sogar die Indianer sein.“

„Pah! Das laßt euch ja nicht weiß machen! Ihr wißt nun, wie oft wir in der Llano waren, aber es ist uns noch nie geglückt, einen dieser Geier zu sehen, welche nur in der Phantasie dummer und furchtsamer Menschen leben.“

„Aber der sogenannte Geist der Llano estakata?“

„Ist auch ein Hirngespinst, welches seinesgleichen sucht. Kindermärchen! Die Llano ist eine Sandstrecke wie jede andere auch. Es gibt da viel Sand und kein Wasser. Der Boden ist so unfruchtbar, daß nicht einmal Gespenster auf demselben wachsen. Und was den Wassermangel betrifft, so ist demselben sehr leicht abzuhelfen, denn es gibt Kaktuspflanzen genug, welche einen ganz trinkbaren Saft absondern. Es ist also gar keine Veranlassung vorhanden, sich vor den Plains zu fürchten.“

„Habe mir das Gegenteil sagen lassen; aber da ihr die Gegend kennt, so glaube ich natürlich euren Worten. Wenn ihr euch nicht etwa ein Weilchen hier niederlassen wollt, so sind wir bereit, gleich aufzubrechen.“

„Am besten ist’s, wir reiten weiter. Hoffentlich halten eure Pferde es aus?“

„Sie sind weit besser, als sie aussehen; ihretwegen brauchen wir gar nicht zu säumen.“

Das Aussehen der beiden Mexikaner war allerdings nicht geeignet, Mißtrauen zu erwecken, dennoch aber mußte es als eine Unvorsichtigkeit bezeichnet werden, daß die Yankees sich so schnell und ohne alle Prüfung entschlossen, mit ihnen zu reiten. Nur einer von den Vieren schien nicht ganz vertrauensselig zu sein, nämlich Ben New-Moon.

Er hatte diesen Beinamen erhalten, weil sein schwarzes, rundes Gesicht an dasjenige des treuen Trabanten unserer Erde erinnerte. Vielleicht war er erfahrener und auch scharfsinniger als seine drei Gefährten. Er ritt, als die Reiter sich nun flußabwärts in Bewegung gesetzt hatten, hinter den anderen her und hielt seinen Blick beobachtend auf die Mexikaner gerichtet. Einen offenbaren Grund, ihnen zu mißtrauen, fand er nicht; aber ein instinktives Gefühl sagte ihm, daß ihnen gegenüber Vorsicht doch am Platze sei.

So ging es am rechten Ufer des Toyah hinab. Von der Nähe der Llano estakata war nichts zu spüren. Gras, Sträucher und Bäume gab es genug; ja, gegen Abend traten die Bäume sogar so eng zusammen, daß sie einen Wald badeten, durch welchen der Fluß seine Wasser in den Rio Pekos sandte.

Der Toyah führte viel erdige und sandige Bestandteile mit sich, welche er in der Weise in den Rio Pecos, der jetzt nicht viel Wasser besaß, abgelagert hatte, daß sich eine Barre quer und schief abwärts über den letzteren zog. Diese Barre wurde nur an wenigen schmalen Stellen, welche dem Wasser den Abfluß gestatteten, unterbrochen. Sie bildete eine Furt, auf welcher man den Übergang unschwer bewerkstelligen konnte, da nur die erwähnten schmalen Stellen zu überschwimmen waren.

Es war noch nicht spät am Nachmittage, und so wurde beschlossen, den Übergang noch heute zu bewerkstelligen und dann das Nachtlager drüben im Yuavh-Kai aufzuschlagen. Die Pferde schwammen ausgezeichnet, und so kamen die Männer wohlbehalten, wenn auch mit durchnäßten Beinkleidern hinüber. Von da aus wurde nach Norden geritten und die Stelle berührt, an welcher die Texaspacificbahn jetzt über den Rio Pecos geht. Dann hielt die kleine Gesellschaft auf einen Höhenstrich zu, dessen Fuß mit grünem Gebüsch bestanden war, während die Kuppen nackt und kahl erschienen.

Dort öffnete sich eine enge Schlucht, in welcher ein schmales, seichtes Wasser floß. Die beiden Mexikaner lenkten hinein und sagten den anderen, daß dies das „singende Thal“ sei, welches weiter aufwärts bedeutend breiter werde.

Dieses Thal war sehr tief eingeschnitten. Es stieg nicht steil an und das Wasser hatte wenig Fall. Der Boden war grasig, doch zu beiden Seiten hatten sich Beifußarten am Felsen angesiedelt, ein sicheres Zeichen, daß man sich einer pflanzenfeindlichen Region nähere. Später traten die Seitenwände des Thales weiter zurück; die Sohle war mit lockerem Geröll bedeckt, und nur in unmittelbarer Nähe des Wassers gab es einen spärlichen, dünnen Rasen.

„Wäre es nicht besser gewesen, unten im Thale des Pecos zu übernachten?“ fragte Ben. „Dort hatten wir Futter für die Pferde und auch dürres Holz und Gezweig zu einem Feuer. Hier in der Schlucht aber scheint es davon desto weniger zu geben, je weiter wir hineinkommen.“

„Wartet es nur ab, Sennor!“ antwortete Carlos Cortejo. „Weiter oben gibt es eine Stelle, welche sich so vortrefflich zum Lagern eignet, daß Ihr es uns dank wissen werdet, Euch dorthin geführt zu haben. In einer Viertelstunde sind wir dort.“

Nach der angegebenen Zeit wurde das Thal plötzlich breiter und bildete einen beinahe kreisrunden Kessel, welcher einen Durchmesser von vielleicht tausend Fuß hatte. Er war von steilen Felswänden umschlossen, welche keinen Ausgang offen zu lassen schienen. Bald aber sahen die Yankees, daß es gerade ihnen gegenüber eine schmale, tiefe Ritze gab, durch welche man wohl weiter gelangen konnte.

Hier in diesem Kessel entsprang der Bach. Die Stelle, an welcher der Quell aus der Erde trat, lag tiefer als die Umgebung, und darum bildete das Wasser einen kleinen Weiher, welcher von einer dichten Hecke von Gesträuch eingefaßt wurde. Jenseits dieses Teiches, ganz in der Nähe des Felsenhintergrundes erblickte man eine fremdartige Pflanzengruppe. Dort standen zwei bis drei Meter hohe Gebilde, welche riesigen Kandelabern glichen; einige derselben waren sogar noch einmal so hoch. Sie schienen weder Zweige noch Blätter zu haben, und ihre gerade emporgerichteten Arme trugen zahlreiche feigenartige Knollen. Das war eine Ansiedelung des Säulenkaktus, dessen feigenähnliche Früchte gegessen werden können. Emilio Cortejo deutete dorthin und sagte:

„Dort pflücken wir unser Abendmahl, und am Weiher gibt es genug Gras und grüne Blätter für unsere Pferde. Ich denke, ihr werdet zufrieden sein. Kommt, Sennores!“

Er setzte sein Pferd in Trab und ritt auf das Wasser zu; die anderen folgten ihm. Sie befanden sich ungefähr noch sechs Pferdelängen von den Büschen, da tönte ihnen ein lautes „Halt“ entgegen. Natürlich hielten sie ihre Pferde an.

„Wer da?“ fragte Porter, indem er ebenso wie die anderen, doch ohne jemand zu sehen, nach der Stelle des Gebüsches blickte, von welcher aus der Ruf erklungen war.

„Weiße Jäger,“ lautete die Antwort.

„Wer seid ihr?“

„Reisende.“

„Woher kommt ihr?“

„Aus Kalifornien.“

„Wohin wollt ihr?“

„Hinüber ins Texas, nach Austin.“

„Über die Llano?“

„Ja.“

„Einige von euch haben ehrliche Gesichter, die anderen nicht. Doch wollen wir es mit euch versuchen, Meschschurs.“

Die Büsche teilten sich. Zwei Gewehrläufe waren zu sehen, und dann traten die beiden hervor, welchen die Gewehre gehörten. Der eine war ein vollbärtiger, breitschulteriger Mann und der andere ein blonder, bartloser Jüngling, welcher wohl noch nicht zwanzig Jahre zählte. Sie waren ganz in Leder gekleidet und trugen breitkrämpige Biberhüte auf den Köpfen.

All devils!“ sagte Porter. „Wie viel Truppen habt Ihr denn da am Wasser liegen?“

„Keine, Sir.“

„So seid Ihr allein?“

„Ja.“

„Und wagt es, sechs gut bewaffneten Männern mit angeschlagenen Gewehren entgegenzutreten?“

„Pah!“ antwortete der ältere. „Wir haben Doppelläufe. Vier von euch hätten wir mit den Gewehren aus dem Sattel genommen, und für die beiden letzten hätten die Revolver ausgereicht. Wir sahen euch kommen. Einige eurer Gesichter sind ganz leidlich. Darum lassen wir euch herein. Käme es auf uns an, so müßten die anderen umkehren.“

„Bedenkt Ihr nicht, daß dies eine Beleidigung ist?“

„Aufrichtig ist’s, beleidigen will ich nicht. Übrigens habe ich diejenigen, welche mir nicht gefallen, nicht bezeichnet. Haltet also Frieden und kommt an das Wasser.“

Die sechs Reiter thaten das und stiegen am Ufer des Weihers ab. Dort weideten die Pferde der zwei Fremden, denn es gab da einen saftigen Rasen. Eine Stelle, an welcher Asche lag, deutete an, daß hier ein Feuer gebrannt habe. Dort ließen sich die beiden nieder, welche einander so ähnlich sahen, daß man in ihnen Vater und Sohn vermuten mußte.

Sie sahen nicht aus, als ob sie Neulinge im fernen Westen seien. Der Vater machte den Eindruck eines erfahrenen, mutigen Jägers, und auf dem jugendlichen Gesichte seines Sohnes lag ein so ruhiger, bedachtsamer Ernst, daß man gleich vermutete, er sei trotz der geringen Zahl seiner Jahre bereits in einer guten Schule gewesen.

Sie wurden von den anderen halb neugierig, halb mißtrauisch gemustert. Dann setzten sich diese zu ihnen hin und zogen ihren Proviant hervor, welcher aus gedörrtem Fleische bestand. Dieses muß man dort, wo von einer ergiebigen Jagd keine Rede ist, stets bei sich führen.

„Wollt Ihr uns wohl sagen, Sir, wie lange Ihr Euch schon hier befindet?“ fragte Porter, welcher die Führung des Wortes übernahm.

„Seit gestern Abend“, antwortete der ältere Jäger.

„Schon! Das hat ja den Anschein, als ob ihr lange hier verweilen wolltet.“

„Ist auch der Fall.“

„Aber, Sir, diese Gegend ist gefährlich. Sie ist zum Aufschlagen eines Wigwams nicht geeignet.“

„Aber sie gefällt uns und liegt uns recht, Master. Wir haben droben in den Bergen ein Stelldichein. Diejenigen, welche wir erwarten, kommen über die Llano und durch dieses Thal. Da wir zu früh eingetroffen waren, so wurde uns die Zeit zu lang, und wir ritten unseren Freunden bis hierher entgegen.“

„Wann werden diese kommen?“

„In zwei oder drei Tagen.“

„Wenn ihr so lange warten wollt, so könnt ihr sehr leicht die Bekanntschaft der Apachen und Komantschen machen!“

„Thut nichts. Wir leben mit ihnen in Frieden.“

„Wir auch. Aber den Roten ist ja niemals zu trauen. Sie kommen stets in hellen Haufen, und wenn man nur zu zweien ist wie ihr, so ist eine solche Begegnung sehr gefährlich.“

„Mag sein, macht uns aber keine Sorge. Wir haben einen bei uns, welcher eine ganze Schar Indianer aufwiegt.“

„So seid ihr also nicht allein, sondern zu dreien! Wo ist der Mann?“

„Er ritt fort, um zu rekognoszieren, wird aber bald wiederkommen.“

„Er soll so viel wert sein wie eine ganze Schar Indsmen, sagt Ihr? Da müßte er ein ganz außerordentlicher Jäger sein, etwa wie Old Shatterhand. Kennt ihr den?“

„Ja, doch ist er es nicht.“

„Wer denn?“

„Werdet es sehen, wenn er kommt. Er mag sich euch selbst vorstellen. Mein Name ist Baumann, und dieser junge Westläufer ist Martin, mein Sohn.“

„Danke, Sir! da ihr uns eure Namen nennt, sollt ihr auch die unserigen erfahren. Ich heiße Porter; Blount und Falser sind diese beiden, und das dunkle Mondgesicht hier wird natürlich Ben New-Moon genannt. Die übrigen zwei Masters trafen heute Mittag auf uns. Sie kommen von einer Estancia aus der Gegend von San Diego und Cobledo und wollen über die Llano, um Gelder einzukassieren für ihren Herrn, dessen Ober-Vaqueros sie sind. Sie heißen Carlos und Emilio Cortejo.“

So oft er einen Namen nannte, deutete er auf den Träger desselben, welchen Baumann dann genau betrachtete. Am längsten blieb der Blick des Jägers auf den beiden Mexikanern haften. Seine Brauen zogen sich zusammen und sein Bart zuckte leise um den Mund. Carlos mochte das bemerken und sich darüber ärgern, denn er sagte:

„Nun ihr unsere Namen wißt, möchte ich Euch fragen, Sennor Baumann, wer diejenigen sind, deren Gesichter Euch so wenig gefallen?“

„Das brauche ich wohl nicht zu sagen, da die Betreffenden es ohnedies sehr bald bemerken werden. Also in der Gegend von San Diego und Cobledo liegt eure Estancia? Darf man erfahren, wie sie heißt?“

„Es ist die Estancia del Cuchillo.“

„Und der Besitzer?“

„Heißt Sennor – – Sennor Montano.“

Er hielt, bevor er den Namen nannte, inne, als ob er sich auf denselben besinnen müsse. Das mußte auffallen. Ein Angestellter muß doch wissen, wie sein Prinzipal heißt. Baumann fragte, ohne sein Mißtrauen jetzt schon in Worten auszudrücken, weiter:

„Und ihr seid die obersten Vaqueros oder Peons von Sennor Montano?“

„Ja.“

„Hat er noch weitere solche Oberbeamte?“

„Nein. Wir sind die einzigen.“

„Nun“, meinte der Jäger jetzt, „so will ich euch eure vorige Frage beantworten, indem ich euch aufrichtig sage, daß ihr beide es seid, deren Gesichter mir nicht gefallen.“

Die beiden Mexikaner legten ihre Hände sofort an ihre Messer.

„Sennor, das ist eine direkte Beleidigung. Vorhin war sie nur indirekt; da konnten wir sie mit Schweigen übersehen!“

„Ihr werdet sie auch jetzt ertragen müssen. Ich bin gewöhnt, einem jeden zu sagen, was ich von ihm denke, und es fällt mir nicht ein, mit euch eine Ausnahme zu machen.“

„Nun, was denkt ihr denn von uns?“

Baumann zog seinen Revolver aus dem Gürtel, als ob er mit demselben nur spielen wolle, und antwortete, indem sein Sohn auch zu dem seinen griff:

„Ich denke, daß ihr Lügner seid, wenigstens Lügner, wenn nicht noch mehr.“

Da sprangen die beiden Mexikaner auf und rissen ihre Messer aus dem Gürtel.

„Das widerruft auf der Stelle, Sennor, sonst zwingen wir Euch dazu!“ gebot Carlos.

Baumann blieb ruhig liegen, richtete aber den Lauf der kleinen und doch so gefährlichen Schießwaffe auf den Sprecher und sagte:

„Tretet mir nicht etwa einen Schritt näher, Master Cortejo! Meine Kugel würde Euch treffen und diejenige meines Sohnes Euern Bruder. Sobald ihr etwa nach euren Pistolen greift oder sonst eine verdächtige Bewegung macht, werdet ihr ohne Sang und Klang aus dieser Welt befördert. Ich heiße Baumann, der Name wird Euch unbekannt sein. Die Sioux nennen mich Mato-poka, die Komantschen Vila-yalo, die Apachen Schosch-insisk, die spanisch sprechenden Jäger El cazador del oso, und die englisch Redenden Bear-hunter, was alles ganz dasselbe bedeutet, nämlich „der Bärenjäger“. Vielleicht erinnert Ihr Euch jetzt, einmal etwas von mir gehört zu haben?“

„Wie! Was? Der „Bärenjäger“ seid Ihr, Sir?“ rief Ben New-Moon. „Ich meine nämlich den Deutschen, welcher droben in der Nähe der schwarzen Berge einen Store hatte und nebenbei den Grizzlys das Leben so sauer machte?“

„Ja, der bin ich, Sir.“

„Dann habe ich freilich viel von Euch gehört. Wart Ihr nicht von den Sioux gefangen genommen und hinauf in den Nationalpark geschleppt worden?“

„Das passierte mir allerdings; aber Old Shatterhand und Winnetou haben mich wieder geholt. Mein Sohn hier war bei ihnen.“

„Das hat man mir erzählt. Es soll das eine der bedeutendsten Thaten Old Shatterhands gewesen sein. Wenn Ihr dieser Mann seid, so freut es mich außerordentlich, Euch getroffen zu haben, und ich hoffe, daß die kleine Differenz zwischen Euch und diesen Sennores sich ausgleichen lassen wird. Vielleicht nehmt Ihr Euer Wort zurück?“

„Das Wort Lügner? Nein.“

„Aber könnt ihr es beweisen?“

„Ja. Ich pflege nie etwas zu behaupten, was ich nicht beweisen kann. Ein Estanciero schickt nicht gerade seine beiden Oberknechte in die Llano; darauf könnt Ihr Euch verlassen. Einen von ihnen braucht er stets auf der Estancia. Soll der andere wirklich Geld kassieren, so gibt er ihm einen oder wahrscheinlich mehrere Vaqueros mit. Überdies haben wir uns gerade jetzt zwei Monate lang in der Gegend zwischen EI Paso und Albuquerque aufgehalten. Wir sind in jeder Estancia und Hacienda eingekehrt, haben aber gerade bei San Diego und Cobledo weder eine Estancia del Cuchillo noch einen Estanciero Namens Montano gefunden.“

„So seid Ihr an unserer Besitzung vorüber geritten“, erklärte Emilio.

„Das glaube ich nicht. Und selbst wenn es so wäre, würde ich von derselben und ihrem Herrn gehört haben. Steckt eure Messer ein und setzt euch ruhig nieder! Ich lasse mir nicht drohen. Ich will euch nicht von meinem Lager treiben, da ihr mit Männern gekommen seid, welche ich für ehrliche Leute halte. Wie ihr euch betragt, so werdet ihr behandelt. Am Rande der Llano kann man nicht vorsichtig genug sein, und jedermann weiß, daß man die Weißen viel mehr zu fürchten hat als die Roten.“

„Haltet Ihr uns vielleicht für Llanogeier?“

„Diese Frage werde ich euch beantworten, wenn wir uns trennen; dann habe ich euch kennen gelernt, während sich mein Urteil jetzt nur auf Vermutungen stützen kann. Seid ihr wirklich brave Leute, was ich allerdings gern wünschen möchte, so werden wir gewiß als Freunde scheiden.“

Die beiden Mexikaner blickten einander fragend an. Zur Förderung ihrer geheimen Absichten war es geraten, sich versöhnlich zu zeigen. Darum sagte Carlos:

„Diese Eure letzten Worte machen das Vorhergehende wieder gut. Da wir ehrliche Leute sind, so können wir uns mit der Überzeugung beruhigen, daß Ihr sehr bald einsehen werdet, wie unrecht Ihr uns beurteilt habt.“

Er setzte sich wieder nieder und sein Bruder that dasselbe. Baumann schickte seinen Sohn, den vielbesprochenen „Sohn des Bärenjägers“, nach der Kaktusgruppe, um Früchte dieser Pflanzen zu holen, welche zum Nachtisch gegessen werden sollten.

Während man dieselben genoß, wurde es Nacht, und die Männer brannten ein Feuer an. Material dazu war genug vorhanden.

Außer dem Übergange des Tages in die Nacht war noch eine andere Veränderung vorgegangen. Der Thalkessel war durch die hohen Felsenwände von der Ebene abgeschlossen. Die Luftströmungen, welche draußen ihre volle Macht entfalten konnten, fanden auf drei Seiten den Zugang verschlossen. Nur von der vierten Seite, von welcher die Yankees und Mexikaner gekommen waren, konnte eine atmosphärische Strömung in den Kessel treten, was aber nur dann möglich war, wenn der Wind ganz genau aus dieser Richtung blies und stark genug war, sich nicht im unteren Teile des Thales zu verfangen.

Nun gab sich jetzt seit Eintritt der abendlichen Dunkelheit eine Luftbewegung kund, welche aus der erwähnten Richtung kam. Sie stieg natürlich an den Felswänden empor und nur ein verschwindend kleiner Teil konnte durch die enge Spalte Abzug finden, welche die Neuangekommenen heute bemerkt hatten und die in der That gegen die Llano hin den Ausgang aus dem Thale bildete. Diese Luftströmung kam nicht stoßweise, sondern sie war gleichmäßig; sie wurde deutlich empfunden und wirkte doch nicht bewegend auf die Flamme des Feuers ein. Sie veranlaßte keinen hörbaren Ton, am allerwenigsten das Pfeifen und Heulen des Sturmes, und dennoch wurde sie vom Ohre vernommen. Dabei atmeten die Lungen ganz anders als vorher, ob schwerer oder leichter, das war eigentümlicherweise nicht zu sagen.

Die Kaktusfeigen waren alle geworden und Martin Baumann ging, um neue zu holen. Kaum hatte er die Sträucher hinter sich, so hörten die anderen seine Stimme:

„Was ist das? Kommt einmal her, Mesch-schurs! So etwas habe ich noch nie gesehen!“

Sie folgten seiner Aufforderung. Als sie zwischen dem Wasser und dem Gebüsch hindurch waren, bot sich ihnen ein höchst überraschender Anblick dar. Der ganze Thalkessel lag in tiefem Dunkel, denn der Schein des Feuers, weiches nur klein war, drang nicht durch die Büsche; aber dort, wo die Kaktus standen, sah man zahlreiche Flammenbüschel, welche in eigentümlich bleichem, farblosem Lichte erglänzten. Jeder dieser Pflanzenkandelaber trug mehrere solcher Büschel; jeder Leuchterarm schien ein solches Flämmchen auf seiner Spitze zu haben. Es war eine wunderbare, fast geisterhafte Erscheinung.

„Was mag das sein?“ fragte Porter.

„Ich habe es nie gesehen!“ antwortete Falser. „Man möchte sich beinahe fürchten.“

Da ließ sich hinter ihnen eine tiefe, klare Stimme hören, hinter ihnen, innerhalb der Sträucher, also am Feuer, wo sie soeben gewesen waren und wo außer ihnen sich doch kein Mensch befinden konnte:

„Das ist Ko-härstesele-yato, die Flämmchen des großen Geistes, welche er anbrennt, wenn er seine Kinder warnen will.“

Cáspita! Wer ist da hinter uns?“ rief Emilio Cortejo erschrocken. „Befinden wir uns etwa in einem Hinterhalte?“

„Nein,“ antwortete der Bärenjäger. „Es ist mein Gefährte, den wir erwarteten. Er ist, wie das so in seiner Weise liegt, angekommen, ohne daß er es uns merken ließ.“

Sie wendeten sich zurück. Und richtig, da hielt gerade neben dem Feuer ein Reiter. Wie hatte er, noch dazu zu Pferde, in das Innere des Gebüschkreises kommen können, ohne gehört zu werden? Er saß auf einem prachtvollen Rappen, welcher auf indianische Weise aufgeschirrt und gesattelt war. Indianisch war auch der Anzug des Mannes, indianisch sein Gesicht, welches keine Spur von Bart zeigte. Dafür aber hing ihm eine Fülle langen, schwarzen Haares weit über den Rücken herab; in der Hand hielt er eine zweiläufige Büchse, deren Holzteile mit silbernen Nägeln beschlagen waren.

Die Yankees und Mexikaner ließen Ausrufe des Erstaunens, der Bewunderung hören.

„Wer ist das?“ fragte Porter. „Ein Indianer! Sind noch andere hier?“

„Nein, er ist allein,“ antwortete Baumann. „Es ist Winnetou, der Häuptling der Apachen.“

„Winnetou, Winnetou!“ ertönte es aus aller Munde.

Er stieg vom Pferde ohne auf die bewundernd auf ihn gerichteten Blicke zu achten, trat aus dem Gebüsche hinaus, deutete auf die Flämmchen und sagte:

„Weil die Bleichgesichter sich in diesem abgeschlossenen Thale befanden, haben sie nicht bemerkt, was außerhalb desselben vorgegangen ist. Damit sie es erfahren, sendet der große Manitou ihnen dieses feurige Totem. Winnetou weiß nicht, ob sie es lesen können.“

„Was ist denn geschehen?“ fragte Blount.

„Der ’ntch-kha-n’gul ist über die Llano gegangen. Winnetou sah den schwarzen Leib desselben im Norden. Wehe denen, welche ihm begegnet sind; der Tod hat sie gefressen!“

„Ein Tornado, ein Hurricane?“ fragte der Bärenjäger. „Hat mein roter Bruder den Lauf desselben genau beachtet?“

„Winnetou berechnet den Lauf des kleinen Käfers, den er erblickt. Wie sollte er vergessen, sich um die Richtung des großen Sturmes zu bekümmern!“

„Welche Richtung war es?“

„Gerade im Osten von hier erhob sich die Llano in die Luft, so daß es dort finster wurde wie mitten in der Nacht. Die Sonne umarmte die Finsternis mit Strahlen roten Blutes. Die Nacht rückte schnell nach Nordosten vor, wo Winnetou sie dann verschwinden sah.“

„So ging der Tornado gerade von Süd nach Nord?“

„Mein Bruder sagt es.“

God bless my soul! Er wird doch nicht unsere Freunde getroffen haben!“

„Winnetous Ahnungen sind schwarz wie das Angesicht des Sturmes. Unsere Freunde sind klug und erfahren, und Old Shatterhand kennt die Bedeutung jedes Lufthauches; aber der ’ntch-kha-n’gul kommt plötzlich und sendet keinen Boten voraus, welcher ihn verkündet. Kein Pferd ist schnell genug, ihm zu entgehen. Old Shatterhand muß ungefähr heute die Llano erreicht haben, und die Hufe seines Rosses haben den Sand derselben gerade in der Gegend berührt, nach welcher der Geier des Windes flog. Vielleicht liegt er mit seinen Genossen unter den Wogen des Sandes begraben.“

„Das wäre schrecklich! Wir müssen fort. Wir müssen hin, und zwar augenblicklich! Steigen wir schnell zu Pferde!“

Winnetou machte eine abwehrende Handbewegung.

„Mein Bruder mag sich nicht übereilen,“ sagte er. „Hat Old Shatterhand sich mitten im Pfade des Sturmes befunden, so ist er tot, und unsere Hilfe kommt zu spät. Befand er sich aber zur Seite dieses Pfades, so blieb er unverletzt, und es droht ihm nur die Gefahr des Verirrens, da der Sturm das Angesicht der Llano so verändert, daß ihr Antlitz; ein ganz anderes wird. Wir müssen ihm entgegen, aber nicht jetzt bei Nacht, denn auch uns blickt die Llano mit anderen Augen an, und nur das Tageslicht darf unser Führer sein. Wer einen Verirrten finden will, muß darauf achten, sich nicht selbst zu verirren. Darum mögen meine Brüder sich wieder an das Feuer setzen. Das erste Licht des Morgens wird unseren Aufbruch sehen.“

Er streckte sich am Feuer nieder, und die anderen thaten ebenso. Sie ließen dabei unwillkürlich einen Abstand zwischen sich und ihm, eine Folge der Ehrerbietung für den berühmten Häuptling. Diese letztere war auch der Grund, daß sie sich eine Zeitlang schweigend verhielten. Endlich aber siegte bei Ben New-Moon das Verlangen, etwas über die erwarteten Gefährten des Apachen zu vernehmen. Er wendete sich an Baumann:

„Wie ich höre, ist es gar Old Shatterhand, mit dem Ihr zusammentreffen wollt, Sir?“

„Ja, er ist es, aber nicht allein. Es wollten noch andere mit ihm kommen.“

„Wer sind diese Leute?“

„Der dicke Jemmy und der lange Davy, deren Namen Ihr

vielleicht bereits gehört habt.“

„Natürlich kenne ich die beiden famosen Westmänner, wenn auch nur aus den Erzählungen und Berichten anderer. Sind sie es allein, welche Old Shatterhand begleiten?“

„Nein. Es befinden sich noch zwei bei ihnen, welche Ihr vielleicht auch kennt, da Ihr von Old Shatterhands Zug nach dem Nationalpark gehört habt, nämlich Hobble-Frank und der Neger Bob. Frank wollte nicht mit uns, sondern mit Old Shatterhand reiten, um von ihm zu lernen, und Bob schloß sich ihm an. Das ist der Grund, weshalb sich beide nicht bei mir befinden. Es steht zu erwarten, daß auch noch andere die Gelegenheit benutzt haben, unter Führung des berühmten Jägers durch die Llano zu reiten. Vielleicht hat er eine ansehnliche Gesellschaft beisammen, und das beruhigt mich. Je größer der Trupp ist, desto eher und leichter kann einer dem anderen in der Gefahr, welche so ein Tornado mit sich bringt, Hilfe leisten.“

„Schade, jammerschade, daß wir sechs schon morgen früh unseren Weg fortsetzen! Ich hätte diese Eure Freunde so gern gesehen und kennen gelernt!“

„Das ist nicht gut möglich, da Ihr hinüber nach Austin wollt. Übrigens brechen ja auch wir mit dem frühesten Morgen auf. Aber sagt mir doch einmal, Sir, wie Ihr zu Eurem schwarzen Gesicht und infolgedessen zu Eurem Namen gekommen seid!“

„Beides habe ich einem der größten Schurken zu verdanken, den es im fernen Westen gegeben hat und vielleicht noch gibt, nämlich dem Stealing-Fox.“

„Diesem? Ah! Habe lange Zeit nichts von dem Kerl gehört. Möchte ihm einmal begegnen!“

„Habt auch Ihr schon mit ihm zu schaffen gehabt?“

„Er mit mir. Er stahl meine Kasse und hat mich um alle meine damaligen Ersparnisse gebracht. Damals nannte er sich Weller; aber ich konnte aus Verschiedenem, was ich später hörte, schließen, daß es der berüchtigte Stealing-Fox gewesen sei. Ich konnte nie auf seine Fährte kommen, habe aber erst kürzlich drüben im Neu-Mexikanischen gehört, daß er noch leben soll. Er hat sich Tobias Preisegott Burton genannt und unter der Maske eines frommen Missionars der Mormonen eine Reisegesellschaft in die Llano locken wollen. Einer dieser Leute hat ihn aber erkannt und zur Rede gestellt, worauf er schleunigst verschwunden ist.“

’s death! Wäre ich dabei gewesen! Er wäre mir nicht verschwunden; ich hätte ihm ein regelrechtes Eisenbahntunnel durch den Kopf geschossen! Fast hätte ich Lust, mich länger hier zu verweilen, da er sich in dieser Gegend befinden soll. Möchte gar zu gern Abrechnung mit ihm halten!“

„War es denn auf Euer Leben abgesehen?“

„Auf mein Leben und mein Eigentum. Das war nämlich droben am Timpa-Fork in Colorado. Ich kam aus Arizona herüber, wo ich als Goldgräber an den Limestone-Springs ein ziemlich gutes Geschäft gemacht hatte, und trug ein hübsches Päckchen Banknoten bei mir, in welche ich den Goldstaub und die Nuggets umgewechselt hatte. Unterwegs stieß ein Fallensteller zu mir, welcher gerade so wie ich nach Fort Abrey wollte, welches am Arkansas liegt. Das Aussehen und Auftreten dieses Mannes war sehr vertrauenerweckend, und da man niemals gern so ganz allein durch den wilden Westen reitet, so war mir seine Gesellschaft sehr willkommen.“

„Ihr sagtet es ihm wohl, daß Ihr Geld bei Euch hättet?“

„Fiel mir gar nicht ein; aber er mochte es erraten haben, denn ich ertappte ihn einmal des Nachts dabei, daß er leise meine Taschen untersuchte, wobei ich glücklicherweise erwachte. Er machte die Ausrede, ich hätte im Schlafe so gestöhnt, daß er auf den Gedanken gekommen sei, mir den Rock aufzuknöpfen, damit ich leichter atmen könne. Natürlich glaubte ich ihm nicht und war von nun an außerordentlich auf meiner Hut. Was das heißt, könnt Ihr Euch denken!“

„Gewiß! Man befindet sich mit einem Spitzbuben ganz allein in der Wildnis. Man will und muß doch schlafen, und soll doch alle Aufmerksamkeit darauf richten, nicht zu Schaden zu kommen. Das ist eine schwierige Aufgabe. Ein Messerstich, eine Kugel –- und Leben und Eigentum sind weg!“

„Was das betrifft, so konnte ich ruhig sein. Ich hatte den Kerl bald durchschaut. Er war im Grunde genommen ein Feigling. Stehlen und betrügen, ja; aber Blut zu vergießen, da fehlte ihm der Mut. Am Timpa-Fork machten wir Kamp. Es war ein heißer Tag, aber der Wind wehte stark und machte die Hitze erträglich. Ich rauche leidenschaftlich und hatte mir die Pfeife neu gestopft, wißt Ihr, eine kurze Pfeife mit einem sehr großen Veinedkopf, welcher einen Viertelbeutel Tabak faßte. Ich hatte einen so großen Kopf gewählt, um nicht immer stopfen zu müssen. Als ich anbrennen wollte, sagte der Mann, er habe die Stimme eines Turkey im Gebüsche gehört. Ich legte sofort die Pfeife weg, griff zum Gewehr und machte mich davon, um den Vogel vielleicht vor den Schuß zu bringen. Aber ich fand keine Spur von ihm, traf aber dafür ein Opossum, welches ich schoß. Als ich mit demselben zurückkam, war wohl eine halbe Stunde vergangen. Der Kerl machte sich gleich daran, das Tier aufzubrechen und abzuhäuten; ich aber griff nach meiner Pfeife, um den Tabak in Brand zu stecken. Das wollte mir wegen des Windes nicht gelingen. Ich legte mich also lang nieder, mit dem Gesichte gegen die Erde, zog den Hut gegen die Windseite vor und schlug Feuer auf den Schwamm. Diesmal gelang es. Ich drückte den Schwamm auf den Tabak, that einige Züge und – – ein Zischen, ein Knall, Feuer schlug mir ins Gesicht und um den Kopf. Zu gleicher Zeit packte mich der Kerl von hinten im Genick, drückte mir den Kopf nieder und fuhr mir mit der anderen Hand unter die Brust und in die Tasche. Ich war so erschrocken, daß es ihm gelang, mir das Pocketbook zu entreißen. Aber ich erwischte seinen Arm und hielt denselben fest. Ich war stärker als er, aber für den Augenblick geblendet. Er hielt das Buch fest; ich erfaßte es auch; er zog hin und ich her; es zerriß, denn es war aufgegangen; wir kamen auseinander; er hatte die eine Hälfte und ich die andere. Da sprang ich auf und zog das Messer. Glücklicherweise hatte ich die Augen, als der Feuerstrahl mir ins Gesicht zuckte, für einen Moment geschlossen gehabt, sonst wäre ich sofort erblindet. Die Lider waren aber doch verletzt. Ich konnte sie nur ganz wenig öffnen; das genügte aber, den Kerl zu sehen. Ich drang mit dem Messer auf ihn ein. Das gab ihm den Mut, sein Gewehr vom Boden aufzuraffen und auf mich anzulegen.

Ein stechender Schmerz zog mir die Augen zu; ich war verloren; der Schuß fiel, oder vielmehr ein Schuß fiel, aber zu meinem Erstaunen wurde ich nicht getroffen. Ich wischte mir die Augen, riß sie mit Anstrengung auf –- ich sah den Kerl nicht; aber von jenseits des Wassers drüben ertönte eine Stimme, welche ein gebieterisches „Halt, Mörder!“ rief. Darauf hörte ich den Hufschlag eines sich schnell entfernenden Pferdes. Der Halunke war zu seinem Pferde gesprungen, um mit der halben Brieftasche, in welcher sich auch ziemlich die Hälfte meines Geldes befand, zu entfliehen.“

„Sonderbar!“ sagte Baumann. „Er ist also gestört worden?“

„Ja. Ein sehr bekannter Westläufer, der Juggle-Fred, hatte sich in der Nähe befunden und, als ich das Opossum erlegte, meinen Schuß gehört. Er war jenseits des Flüßchens dem Schalle nachgegangen und hatte uns gerade in dem Augenblicke gesehen, als der Halunke auf mich anlegte. Er schoß auf denselben und traf ihn in den Arm, infolgedessen der Spitzbube die Büchse fallen ließ und nach seinem Pferde rannte, um schleunigst fortzujagen. Der Juggle-Fred hohe sein Pferd und kam zu mir herüber. Sein rechtzeitiges Erscheinen hat mir das Leben gerettet. Von einer Verfolgung des Diebes konnte keine Rede sein, denn ich konnte nicht fort und Fred durfte mich nicht verlassen, denn mein Gesicht mußte Tag und Nacht mit Wasser gekühlt werden. Über eine Woche kampierten wir dort am Timpa-Fork. Ich hatte große Schmerzen auszustehen und eine bedeutende Summe verloren, war aber froh, das Augenlicht gerettet zu sehen.“

„Wie nannte sich denn der Mensch gegen Euch?“

„Weller. Aber als wir dann nach Fort Abrey kamen und ihn genau beschrieben, erfuhr ich, daß dies ein falscher Name sei. Es war der Stealing-Fox gewesen.“

„So hat er während Eurer Abwesenheit den Pfeifenkopf mit Pulver gefüllt?“

„Ja, und nur oben darauf, um mich zu täuschen, ein wenig Tabak gethan. Um Zeit dazu zu bekommen, machte er mir weiß, einen Turkey gehört zu haben. Er wußte, daß ich sofort nach demselben suchen werde, da ich ein besserer Jäger war als er. Er war ein langer, hagerer Mensch und hatte Gesichtszüge, die ich nie vergessen werde. Ich weiß, daß ich ihn sofort erkennen werde, falls ich ihm begegnen sollte.“

Die beiden Mexikaner waren dieser Unterhaltung mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Sie hatten sich oft bedeutungsvoll angesehen, unbemerkt, wie sie meinten; aber es gab einen, der sie genau beobachtet hatte – Winnetou.

Scheinbar den Blick nach einer ganz anderen Richtung gewendet, hatte er sie doch keine Minute lang aus den Augen gelassen. Er sah ihre Blicke und erkannte infolge seines ausgebildeten Scharfsinnes aus denselben, daß sie zu demjenigen, von welchem die Rede war, in irgend einer Beziehung stehen müßten.

Und Winnetou wurde seinerseits wieder von Baumann, dem Bärenjäger, beobachtet. Dieser kannte seinen roten Freund, welcher ganz plötzlich und unerwartet zu Pferde am Feuer hinter ihnen gehalten hatte. Wie das zugegangen sei, das konnte Baumann sich leicht erklären. Der Apache war von seinem Rekognoszierungsritte zurückgekehrt und hatte seiner Gewohnheit gemäß das Pferd in einiger Entfernung stehen lassen, um sich heranzuschleichen. Wahrscheinlich hatte er sogar aus irgend einem Umstande geschlossen, daß sich jetzt Fremde hier befanden, und war infolgedessen heimlich herangekommen, um dieselben zu betrachten, bevor er sich von ihnen sehen ließ. Als er sie genügend beobachtet hatte, um sich ein Bild von ihrem Charakter machen zu können, hatte er sich leise entfernt, um nun zu Pferde zurückzukehren und zu thun, als ob er noch nichts von ihnen wisse. Während sie alle nach der einen Seite gegangen waren, um die Flämmchen zu sehen, wobei sie natürlich ein solches Geräusch gemacht hatten, daß die Tritte seines Pferdes von ihnen nicht gehört wurden, war er von der entgegengesetzten Seite her zum Lagerplatz gekommen.

Nun saß er da, die Augen scheinbar gleichgültig auf die schimmernde Wasserfläche des Weihers gerichtet; aber Baumann sah deutlich, daß von Zeit zu Zeit unter seinen langen, dichten Wimpern ein scharfer Blick auf die Mexikaner schoß. Der Apache mißtraute ihnen. Das war gewiß.

Der Sohn des Bärenjägers hatte vorhin Kaktusfeigen holen wollen, war aber aus Erstaunen über die wunderbaren Lichtbüschel nicht auf diesem Vorsatze stehen geblieben. Das war den Mexikanern lieb. Sie strebten danach, heimlich einige Worte miteinander sprechen zu können. Das war nur dann möglich, wenn sie sich vom Feuer entfernten. Darum stand Emilio Cortejo jetzt auf und sagte:

„Wir wollten noch Kaktusfrüchte haben; sie sind aber nicht geholt worden. Gehst du mit, Carlos? Wollen sehen, ob wir welche finden.“

„Natürlich gehe ich mit,“ antwortete der Gefragte, indem er sich schnell erhob. „Komm!“

Baumann wollte Einspruch erheben. Er erriet, daß die beiden nur die Absicht verfolgten, sich heimlich zu verständigen. Das wollte er vereiteln. Schon schwebte das Wort auf seinen Lippen; da sah er eine gebieterische Handbewegung des Apachen, welche ihm zu schweigen befahl.

Die Brüder entfernten sich. Kaum hatten die Büsche sich hinter ihnen geschlossen, so sagte Winnetou leise:

„Diese weißen Männer haben keine ehrlichen Augen, und ihre Gedanken trachten nach Bösem; aber Winnetou wird erfahren, was sie wollen.“

Er huschte nach der entgegengesetzten Seite durch die Büsche.

„Traut auch dieser ihnen nicht?“ fragte Porter. „Ich wette, daß es ehrliche Leute sind!“

„Du würdest die Wette wahrscheinlich verlieren,“ antwortete Ben New-Moon. „Sie haben mir gleich vom ersten Augenblicke an nicht gefallen.“

„Darauf gebe ich nichts. Mißtrauen darf man einem Menschen nur erst dann, wenn man Beweise hat, daß er es verdient.“

„Diese zwei Männer verdienen es,“ erklärte der Bärenjäger. „Kein Estanciero schickt seine zwei Oberknechte zugleich fort. Und betrachtet ihre Pferde, Sir! Sehen sie so aus, als ob sie einen Marsch von San Diego aus bis hierher hinter sich hätten. Das sind, wenn ich richtig schätze, wenigstens dreihundert englische Meilen. Pferde, welche eine solche Strecke durch eine fast ganz wilde Gegend zurückgelegt haben, sehen ganz anders aus. Ich vermute sehr, daß diese Tiere gar nicht weit von hier ihr eigentliches, ständiges Unterkommen haben, und möchte tausend Dollar setzen, daß diese beiden Kerls nichts sind als Zubringer für die Geier der Llano estakata.“

Storm of thunder and Lightning!“ rief Porter. „Meint Ihr das wirklich, Sir?“

„Ja, das meine ich.“

„Da wären wir freilich in eine ganz vortreffliche Gesellschaft geraten! Diese Leute sollen uns durch die Llano führen.“

„Davon seht um Gotteswillen ab! Es würde ganz gewiß zu eurem Verderben sein. Glaubt es mir! Ich bin ein alter Bärenfex und habe gelernt, in den Gesichtern der Leute zu lesen.“

„Nun, ein Greenhorn bin ich auch nicht! Ich werde in demselben Alter stehen als Ihr und habe mich seit meiner Bubenzeit stets nur in der Prairie umhergetrieben. Doch ist es ja möglich, daß diese Männer unser Vertrauen nicht verdienen.“

Da ließ sich auch einmal die Stimme Martin Baumanns hören, welcher in Anbetracht seiner Jugend sich schweigsam verhalten hatte:

„Sie verdienen es wirklich nicht, Master Porter. Ich bin bereit, es ihnen ins Gesicht zu sagen.“

„So? Welchen Grund habt denn Ihr, so schlimm von ihnen zu denken, junger Mann?“

„Habt Ihr denn nicht die Blicke bemerkt, welche sie sich zuwarfen, als von dem Stealing-Fox erzählt wurde?“

„Nein. Ich habe auf die Erzählung gehört, aber nicht auf diese Leute gesehen.“

„Man soll im Westen nicht nur hören, sondern auch sehen, denn es ist – – –“

Good lack!“ unterbrach ihn Porter. „Wollt Ihr mir altem Burschen etwa gute Lehren erteilen?“

„Nein, Sir! Ich wollte nur von mir, nicht aber von Euch sagen, daß ich während der Erzählung nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen offen gehabt habe. Da mein Vater mißtrauisch gegen sie war, habe ich sie scharf beobachtet. Das konnte ich leicht und unbemerkt thun, weil sie so einem jungen, unerfahrenen Kerl, wie ich doch bin, nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkten. Ich sah da Bücke, welche sie sich gegenseitig zuwarfen, aus denen zu schließen ist, daß sie den Stealing-Fox wohl kennen.“

„Meint Ihr? Hm! Dieser Fuchs soll sich jetzt hier aufhalten, um Leute in die Llano zu locken; diese Kerls sollen ihn kennen; daraus könnte man sich freilich einen Reim machen, wenn er auch nicht allzu schön klingen würde. Mir scheint, es sind Dinge im Anzuge, welche uns höchst fatal werden können. Die gespenstigen Flammen dort auf den Kaktussen sind mir auch nicht recht geheuer. Ich bin nicht abergläubisch; aber solche Erscheinungen kommen nicht von ungefähr; sie haben stets etwas zu bedeuten.“

„Natürlich haben sie etwas zu bedeuten“, meinte der Bärenjäger lächelnd.

„Was denn aber?“

„Daß die Atmosphäre sich in elektrischer Spannung befindet.“

„Elektrisch? Spannung? Das verstehe ich nicht. Das ist mir zu gelehrt. Ich weiß zwar, daß man sich elektrisieren lassen kann; aber Feuer, Flammen, noch dazu auf Kaktuspflanzen? Wollt Ihr das wirklich der Elektricität in die Schuhe schieben?“

„Allerdings, Master Porter.“

„O, die ist jedenfalls höchst unschuldig daran !“

„Ist der Blitz etwa nicht auch eine feurige Erscheinung!“

„Jedenfalls, und was für eine!“

„Nun, die Ursache des Blitzes ist die Elektricität, wie man wohl nicht zu erklären braucht. Was die Flämmchen betrifft, welche wir vorhin sahen, so werden dieselben sehr oft von den Seeleuten an den Masten, Raaen und Stengen der Schiffe bemerkt; man sieht sie an Kirchturmsspitzen, an den Wipfeln der Bäume, an den Spitzen der Blitzableiter. Man nennt diese Lichtbüschel Sankt Elmsfeuer oder auch Kastor und Pollux. Sie entstehen durch ausströmende Elektricität. Ihr habt doch wohl vom Geiste der Llano estakata gehört?“

„Mehr, als mir lieb ist.“

„Hat man Euch auch erzählt, daß des Nachts die Gestalt dieses geheimnisvollen Wesens zuweilen mit feurigen Flammen erscheint?“

„Ja, aber ich glaube es nicht.“

„Das könnt Ihr getrost glauben. Es ist mir einmal droben in Montana passiert, daß ich mich auf einer weiten Ebene befand, und zwar des Nachts. Es wetterleuchtete rundum, kam aber nicht zum wirklichen Gewitter. Da erschienen plötzlich an den Ohrenspitzen meines Pferdes kleine Flämmchen. Ich hielt die Hände empor, und siehe da, an meinen Fingerspitzen zeigten sich ähnliche Flämmchen, wobei ich ein ganz merkwürdiges Gefühl in denselben hatte. Ganz dasselbe ist es mit dem Avenging-Ghost. Wenn er durch die Llano reitet, so bildet sein Körper den höchsten Punkt derselben. Ist es Nacht und ist dabei eine bedeutende elektrische Spannung vorhanden, so zeigt sich das Sankt Elmsfeuer an seinem Körper.“

„Ihr glaubt also wirklich an die Existenz dieses Geistes der Estakata?“

„Ja.“

„Und haltet ihn für einen Menschen?“

„Für was anderes sonst?“

„Hm! Ich habe viel über ihn gehört, aber mir keine Mühe gegeben, darüber nachzudenken. Nun ich aber gegenwärtig die Llano vor mir habe, möchte ich freilich sehr gern wissen, was ich von ihm zu halten habe. Es ist ja sogar möglich, daß er einem während des Rittes erscheint. Was, hat man da zu thun?“

„Wenn er mir begegnete, würde ich ihm die Hand geben und ihn als einen ganz vortrefflichen Kerl behandeln. Es ist nämlich – – –“

Er wurde unterbrochen. Winnetou kehrte zurück. Er kam eilig, aber ganz geräuschlos, wie eine Schlange, herbeigehuscht, setzte sich auf seinen Platz und nahm da eine so unbefangene Miene an, als ob er denselben gar nicht verlassen habe.

Vorhin, während die Mexikaner langsam durch die Dunkelheit nach den Kaktussen schritten, hatte er, sich auf Händen und Füßen am Boden fortbewegend, sich erst eine kleine Strecke von ihnen entfernt und war dann, sich wieder aufrichtend, in eiligem Laufe nach der Pflanzengruppe gerannt. Infolge der Weichheit seiner Mokkassins und der großen Übung, welche er besaß, waren seine Schritte nicht zu hören gewesen. Er kam noch vor den Mexikanern am Ziele an und versteckte sich so zwischen den hohen Pflanzenkandelabern, daß er nicht gesehen werden konnte. Es war überhaupt so dunkel, daß die beiden gezwungen waren, die Kaktusfeigen mit Hilfe des Tastsinnes zu sammeln. Die Flammenbüschel an den Leuchterarmen waren jetzt verschwunden.

Eben als er sich versteckt hatte, kamen die Brüder herbei. Sie sprachen miteinander, und zwar das reinste Amerikaenglisch. Daraus war zu ersehen, daß sie sich zwar für Mexikaner ausgaben, aber keine waren. Winnetou konnte jedes Wort hören. Jedenfalls hatten sie schon unterwegs miteinander verhandelt, denn was sie sich jetzt noch sagten, war die Fortsetzung eines bereits begonnenen Gespräches.

„Diesem sogenannten Bärenjäger werde ich seine Beleidigungen ehrlich bezahlen“, sagte Carlos. „Freilich werden wir schwerere Arbeit haben, als wir erst dachten. Das Erscheinen des Apachen gibt der Sache eine ganz andere Wendung.“

„Leider! Denn der läßt sich durch falsch gesteckte Stangen nicht in die Irre führen.“

„Hast du sein Pferd genau betrachtet?“

„Natürlich. Es ist das schönste, was ich bisher sah. Nur Old Shatterhand soll ein ebensolches haben. Wir müssen es unbedingt bekommen!“

„Das versteht sich ganz von selbst. Aber wie?“

„Das klügste ist, wir lassen die Kerls fest einschlafen und machen sie nachher kalt.“

„Denkst du, daß das möglich ist? Wir werden mit Mißtrauen betrachtet, und sie passen also auf. Ich glaube nicht, daß einer von uns beiden die Wache bekommen wird.“

„Da gebe ich dir freilich recht; sie werden sich hüten. Wollen aber dennoch sehen, ob es zu ermöglichen ist. Vorher läßt sich nichts bestimmen. Gelingt es uns, sie sicher zu machen, so dürfen wir nur mit den Messern arbeiten, still und geräuschlos, gerade nach dem Herzen stoßen.“

„Und wenn dieser Plan nicht auszuführen ist?“

„Das wäre dumm! Denke dir, sieben Pferde, dabei dasjenige des Apachen, dazu sämtliche Waffen und alles Geld! Nur wir beide hätten zu teilen. Das wäre ein Koup! Gelingt er aber nicht, so müssen wir die Kameraden zu Hilfe rufen. Im offenen Kampfe zögen wir beide die böseste Niete. Wir suchen irgend einen Vorwand, uns von ihnen zu trennen. Winnetou reitet mit den beiden Bärenjägern Old Shatterhand entgegen und die Yankees werden sich ihnen anschließen, weil sie in uns ihre Führer verloren haben.“

„Wir reiten voran bis zu unserer Murding-Bowl, wo wir sicher einen unserer Posten finden, der die Kameraden herbeiholt. Dann bekommen wir die Kerls ganz sicher, auch Old Shatterhand und alle, welche bei ihm sind. Jetzt aber dürfen wir uns nicht länger verweilen, sonst wird ihr Mißtrauen größer. Mein Hut ist voller Früchte.“

„Der meinige auch.“

„So komm!“

Sie gingen; aber noch vor ihnen huschte Winnetou fort. Jedes Geräusch vermeidend, schlug er einen Bogen, erreichte glücklich das Feuer, setzte sich, wie bereits erwähnt an demselben nieder, und so war der Gedanke, belauscht worden zu sein, geradezu eine Unmöglichkeit für sie. Sie begannen die Kaktusfeigen zu verteilen. Alle nahmen davon, nur Winnetou nicht. Er wies die Früchte mit den Worten zurück:

„Der Häuptling der Apachen genießt nichts, was von der Pflanze des Sumach kommt.“

„Sumach?“ fragte Emilio Cortejo verwundert. „Kennt Winnetou denn die Kaktusfeigen nicht?“

„Er kennt alle Pflanzen und deren Früchte.“

„Und doch verwechselt er den Kaktus mit dem Giftsumach, was doch eigentlich ganz unmöglich ist!“

„Winnetou kennt keine Verwechselung. Er gibt diesen Früchten den Namen des Sumach, weil sie giftig sind.“

„Giftig? Warum sollen sie jetzt plötzlich schädlich sein, was sie vorher doch nicht waren?“

„Weil sie sich in Händen befunden haben, welche Unglück und Tod zu spenden pflegen.“

Er sagte diese Worte, welche eine schwere Beleidigung enthielten, so ruhig, als ob es sich um einen ganz gewöhnlichen Ausspruch handle.

Ascuas!“ rief Carlos Cortejo. „Sollen wir uns das gefallen lassen? Ich verlange, daß diese Worte zurückgenommen werden.“

„Winnetou spricht stets nur solche Worte, welche er vorher genau überlegt hat. Er hat noch nie ein Wort bereut und wird auch jetzt keins zurücknehmen.“

„Aber wir sind beleidigt!“

Pshaw!

Der Apache machte bei diesen Worten eine wegwerfende Armbewegung. Es lag in dem Worte ebenso wie in der Bewegung eine so ausgesprochene Sorglosigkeit, ein solcher Ausdruck des Selbstbewußtseins, daß die beiden es für geraten hielten, zu schweigen. Selbst wenn der Häuptling sich ganz allein ihnen gegenüber befunden hätte, wären sie nicht geneigt gewesen, sich in einen offenen Kampf mit ihm einzulassen. Hier nun waren noch andere zugegen, die sich jedenfalls auf die Seite des Apachen stellen würden. Aus diesem Grunde meinte Emilio in beruhigendem Tone zu seinem Bruder:

„Sei still! Wozu Uneinigkeit! Die Worte eines Indianers darf man nicht auf die Goldwage legen.“

„Hast recht. Wollen um des Friedens willen annehmen, als ob sie nicht gesprochen worden seien!“

Winnetou sagte nichts dazu. Er legte sich lang in das Gras, schloß die Augen und gab sich den Anschein, als ob er zu schlafen beabsichtige.

Diese kurze Szene hatte, obgleich sie nun beigelegt zu sein schien, einen beunruhigenden Eindruck auf die anderen gemacht. Wenn Winnetou solche Worte sprach, so hatte er sicherlich Böses von den beiden erlauscht. Was hatten sie vor? Er sagte nichts davon. Das war ein Beweis, daß wenigstens für jetzt nichts Feindseliges von ihnen zu erwarten sei. Das bereits vorhandene Mißtrauen hatte sich aber doch vergrößert, und die ganz natürliche Folge davon war, daß niemand die Neigung zeigte, wieder ein Gespräch anzuknüpfen. Es trat ein Schweigen ein, welches ebenso beredt war, als wenn man sich über den Argwohn ausgesprochen hätte.

Der Bärenjäger und sein Sohn folgten dem Beispiele Winnetous, indem sie sich auch niederlegten, und die anderen thaten dann dasselbe.

Nach kurzer Zeit hatte es infolgedessen den Anschein, als ob alle schliefen. Das war aber keineswegs der Fall. Die beiden Mexikaner wurden durch das, was sie planten, abgehalten zu schlafen, und die anderen Weißen blieben infolge ihres Mißtrauens wach.

So verging wohl über eine halbe Stunde.

Die Männer hätten, selbst wenn unter ihnen die Entfremdung nicht eingetreten wäre, doch nicht zu schlafen vermocht. Die Spannung, in welcher sich die Atmosphäre befand, war fühlbar gewachsen. Es ging ein leises, kaum hörbares Knistern durch die Büsche. Es hatte sich ein sanfter Wind erhoben, welcher nach und nach stärker wurde und die Zweige bewegte, so daß sie sich gegenseitig berührten. Es war, als ob dabei kleine, kaum sichtbare Fünkchen an den höchsten Spitzen der Äste übersprängen.

Und jetzt richteten sich plötzlich alle auf, es war ein Ton erklungen, ein ganz eigenartiger Ton, wie von einer Glocke, welche hoch, hoch über ihnen angeschlagen worden sei. Er hielt wohl eine halbe Minute nach, senkte sich, immer mehr anschwellend, auf die Büsche nieder und war dann über dem Wasser verklungen.

„Was war das?“ fragte Ben. „Es gibt doch hier keine Kirchen mit Glocken! Wenn ich nicht wüßte, daß – – –“

Er hielt inne. Ein zweiter Ton erklang höher als der erstere. Es war, als ob er aus einer mächtigen Posaune geblasen werde. Er schwoll langsam an, wieder ab und verhauchte in einem Diminuendo, welches selbst ein Posaunenvirtuos nicht fertig gebracht hätte.

„Das ist Yalteh yuavh-kai, die Stimme des singenden Thales,“ erklärte der Häuptling der Apachen.

„Das ist’s, also das!“ sagte der Bärenjäger. „Horch!“

Es ging wie ein leiser Seufzer durch die Luft. Dieser Seufzer wurde zum bestimmten Tone von außerordentlicher Reinheit. Er hatte die Klangfarbe der achtfüßigen Prinzipalpfeife einer Orgel, hielt eine Weile aus, und dann erklang über ihm ein zweiter, sanfterer Ton, welcher noch aushielt, als der erstere nicht mehr zu hören war.

Diese Schallerscheinung war ganz sonderbarer Art. Es konnte einem dabei grauen, und doch war sie von einer Erhabenheit, welche das Gemüt ergriff. Es war, als ob ein unsichtbarer, riesenhafter Bläser sein Instrument probiere, aber freilich ein Instrument, welches in keiner Orchestrologie verzeichnet ist.

Still lauschten die Männer, ob das Phänomen sich wiederholen werde. Und wirklich, es strich ein fühlbarer Luftzug über und durch das Buschwerk und brachte eine ganze Reihe von Tönen getragen, welche sich schnell folgten und in außerordentlicher Reinheit miteinander harmonierten. Sie waren von verschiedener Zeitdauer. Die tieferen hatten eine größere Länge und bildeten mit den höheren, schneller verklingenden eine Harmoniefolge, welche stets aus denselben Tönen der natürlichen Tonleiter bestand, aber in den verschiedensten Umkehrungen des Dreiklanges, Sept- und Nonakkordes.

Es gab nichts, was man mit diesen Klängen in einen Vergleich stellen konnte. Kein bekanntes Instrument konnte Töne von dieser erhabenen Majestät erzeugen, zu denen sich andere gesellten, welche der zartesten Kehle, den sanftesten Lippen zu entstammen schienen.

Bald klang es im tiefsten Majestoso, wie aus einer sechzehn- oder gar zweiunddreißigfüßigen Orgelpfeife; darüber hinweg schwebte es hoch, mild und klar wie eine Vox humana oder Äoline, und zwischen diesen beiden wechselten in verschiedener Höhe und ergreifendem Ausdrucke die Stimmen des Kornett, der Posaune, der Gambe, des Akkordion ab. Bald klang es offen und hell, bald in leisem Gedeckt, und doch sind alle diese Kunstbezeichnungen nicht im stande, einen Begriff von der Natur, Farbe und Wirkung dieser Töne zu geben, welche das ganze Thal erfüllten und bald, wie zu einem tiefen, schmalen Strome vereint, hoch über demselben hinfluteten.

Die Lauschenden wagten nicht zu sprechen. Selbst die beiden gewissenlosen Mexikaner fühlten sich gepackt. Sie befanden sich unter der mächtigen Domeskuppel des Himmels, welchen die umstehenden, gerade aufragenden Felsen zu tragen schienen. Von einem unsichtbaren Orgelchore erklangen Töne, jetzt wie Donner-, dann wieder wie Engelsstimmen, hier wie der tiefe, grollende Ruf der Brandung, dort wie Sphärentöne in einer besseren und reineren Welt entstanden. Selbst das roheste Gemüt hätte sich eines heiligen Schauderns nicht zu erwehren vermocht.

Und dazu trat jetzt eine andere Erscheinung, welche nicht mit dem Ohre, sondern mit dem Auge wahrgenommen wurde.

Es war, als ob der Himmel höher, entfernter geworden sei. Die wenigen Sterne, welche an demselben standen, schienen kleiner als sonst zu sein.‘ An diesem Himmel, da wo er südwärts scheinbar auf dem Felsen ruhte, erschien jetzt plötzlich eine hellgelb strahlende Scheibe von der Größe des Vollmondes. Ihr Umfang war zunächst scharf abgegrenzt. Sie bewegte sich, scheinbar langsam und nicht bogenförmig über den Himmel hin, sondern sie schien aus der Sternenwelt hervorzubrechen und in schnurgerader Richtung und immer größer werdender Geschwindigkeit gerade auf das Thal loszukommen.

je weiter sie sich näherte, desto mehr vergrößerte sie sich und desto deutlicher war zu sehen, daß es nicht eine flache Scheibe, sondern eine volle Kugel war.

Die Umrisse derselben verloren ihre Schärfe; es brachen blitzförmige, zuckende Strahlen hervor, und es bildete sich ein Schweif, welcher bei weitem heller und lebhafter als derjenige eines Kometen leuchtete.

Die Kugel selbst war nicht mehr gelb allein. Sie schien aus flüssigem Feuer zu bestehen, dessen bewegte Glut in allen möglichen Farben funkelte und sprühte. Man sah, daß sie sich um ihre eigene Achse bewegte, oder wenigstens gaben die wirbelnden Farben ihr diesen Anschein. Ihre Schnelligkeit nahm wirklich furchterweckend zu. Dann war es, als ob sie einige Augenblicke lang im Fluge innehalte, gerade hoch über der Mitte des Thales. Dann that es einen Krach, als würden mehrere Kanonen zu gleicher Zeit losgeschossen; die Kugel zerplatzte in unzähliche Stücke, welche im Niederfall ihr Licht verloren; der Schweif war noch einige Sekunden lang zu sehen; in dem kleinen Weiher that es einen Schlag, und das Wasser desselben spritzte hoch auf, als ob etwas Schweres aus mehr als Turmeshöhe hineingeworfen worden sei. Die Männer wurden mit Wasser überspritzt.

Nun war das Firmament wieder dunkel wie vorher; man sah die Sterne wieder wie verschwindend kleine Punkte, doch ein voller, gewaltiger Ton, welcher aus mehreren übereinanderliegenden Oktaven bestand, brauste unisono über die Köpfe der erschrockenen Männer hin.

Nur Winnetou hatte auch jetzt seine gewohnte Ruhe beibehalten; es gab eben kein Ereignis, welches ihm dieselbe rauben konnte.

„Ku-begay, die Feuerkugel,“ sagte er. „Der große Manitou hat sie vom Himmel geworfen und auf die Erde geschmettert.“

„Eine Feuerkugel?“ fragte Blount. „Ja, es sah wie eine Kugel aus. Aber habt Ihr den Schwanz gesehen? Es war ein Drache; es war der Teufel, der böse Geist, welcher um Mitternacht sein Wesen treibt.“

Pshaw!“ antwortete der Apache, indem er sich von dem abergläubischen Manne abwandte.

„Ja, das war der Drache!“ stimmte Porter seinem Gefährten bei. „Ich habe ihn noch nie gesehen, aber ich hörte andere von ihm erzählen. Meine Großmutter hat ihn in die Feueresse des Nachbars fahren sehen, welcher den Teufel hatte und ihm für Geld seine Seele verschrieb.“

„Laßt Euch nicht auslachen, Sir!“ sagte der Bärenjäger. „Wir leben doch nicht mehr im dunklen Mittelalter, in welchem man noch an Drachen und Gespenster glaubte, oder in welchem vielmehr den Dummen dieser Glaube beigebracht wurde, damit die Klugen ihre Ernte dabei fänden.“

„Was es damals gegeben hat, gibt es auch jetzt noch! Oder wollt Ihr klüger sein als ich?“ fragte Porter scharf.

„Pah! Ich bilde mir auf meine Klugheit gar nichts ein. Früher hielt man alle die Erscheinungen, welche man sich nicht zu erklären vermochte, für Teufelswerk. Jetzt aber ist, gottlob, die Wissenschaft so weit vorgeschritten, daß sie des Beelzebubs und seiner berühmten Großmutter sehr wohl entbehren kann.“

„Ach so! Ihr gehört wohl auch zu diesen Aufgeklärten und sogenannten Gelehrten?“

„Ich bin nicht gelehrt; aber daß eine Feuerkugel kein Teufel ist, das weiß ich doch.“

„Nun, was ist sie denn sonst?“

„Nichts als ein kleiner, brennender, entweder im Entstehen oder im Vergehen begriffener Himmelskörper, welcher auf seiner Bahn der Erde so nahe gekommen ist, daß er von derselben angezogen und auf sie herabgerissen wird.“

„Ein Himmelskörper? Also ein Stern?“

„Ja.“

„Welcher Dummkopf hat Euch das denn weiß gemacht?“

„Einer, dem das Wort Dummkopf in das Gesicht zu werfen Ihr wohl nicht wagen würdet, nämlich Old Shatterhand.“

„Der? Ist das wahr?“

„Jawohl! Wenn wir des Abends am Lagerfeuer saßen, haben wir uns sehr oft über solche scheinbar unerklärliche Dinge und Erscheinungen unterhalten, und er hat für alles eine ganz natürliche Erläuterung gehabt. Wenn Ihr klüger sein wollt, als dieser Mann, so habe ich nichts dagegen. Habt Ihr denn nicht gehört, daß hier etwas in das Wasser gefallen ist?“

„Gehört, gesehen und auch gefühlt. Wir sind ja alle naß geworden.“

„So ist also, wenn Eure Ansicht richtig wäre, der Teufel hier in den Teich gestürzt, und da wir vergessen haben, ihn herauszuziehen, so ist er jedenfalls ertrunken.“

„Der ersäuft natürlich nicht. Er ist gleich hinunter in die Hölle gefahren.“

„So kann er sich dort am Feuer trocknen, nachdem er hier naß geworden ist, damit er sich nicht gar erkältet und einen Schnupfen bekommt. Könnten wir das Wasser entfernen, so würden wir ein Loch im Boden sehen, in welchem der Ärolith steckt, ein Stück des Meteorsteines, aus welchem die Feuerkugel bestanden hat.“

„Ein Stein? Hm! Der hätte uns ja erschlagen können!“

„Allerdings. Es ist ein Glück für uns, daß er ins Wasser fiel.“

„Ich will nicht mit Euch streiten; aber hat Euch Old Shatterhand vielleicht auch die Töne erklärt, welche wir vorhin hörten?“

„Vom Yuavh-kai haben wir nicht gesprochen; aber ich entsinne mich jetzt, daß er von dem bekannten Sackbut-Paß gesprochen hat, welcher droben in den Rattlesnake-Bergen liegt. Wenn der Wind in gerader Richtung durch die so enge, tief eingeschnittene Schlucht bläst, so sind Töne zu hören, welche wie von einer Posaune klingen. Der Hohlweg ist das Instrument und der Wind der Musikant.“

„Windig genug klingt diese Erklärung freilich; aber ich will auch da nicht mit Euch streiten. Glaubt ihr, was Ihr wollt, und ich denke auch, was mir beliebt.“

„Der Bärenjäger hat recht,“ sagte Winnetou. „Es gibt viele Thäler, in denen solche Töne klingen, und der Häuptling der Apachen hat auch schon Steine gesehen, welche der Große Geist vom Himmel geworfen hat. Der gute Manitou hat jedem Sterne seine Bahn gegeben, und wenn die Feuerkugel die ihrige verläßt, so muß sie zerschellen. Ich werde versuchen, die Spur des Steines im Wasser zu entdecken.“

Er hatte das mit eigentümlich erhobener Stimme gesprochen. Dann entfernte er sich, indem er am Wasser hinschritt und dann im Dunkel der Nacht verschwand.

Die anderen setzten sich wieder nieder und warteten auf seine Rückkehr. Keiner sprach ein Wort. Nur Martin Baumann flüsterte seinem Vater leise zu:

„Was hat Winnetou? Er sprach so eigentümlich laut, als ob noch jemand außer uns seine Worte hören solle. Daß er nach dem Steine suchen will, war jedenfalls nur eine Finte.“

„Natürlich!“ antwortete der Bärenjäger. „Ich wette, es befindet sich irgendwer, der uns belauscht, hier in der Nähe. Wie ich den Apatschen kenne, hat er ihn bemerkt und ist gegangen, sich an ihn zu schleichen und ihn festzunehmen. Warten wir es ab!“

Sie hatten nicht lange zu warten. Schon nach wenigen Minuten entstand ganz nahe hinter ihnen in den Büschen ein Geräusch, als ob ein Tier durch die Sträucher breche; ein kurzer, ängstlicher Ruf folgte, und dann ertönte die Stimme Winnetous:

„Der Bärenjäger mag hierher kommen. Ein Kundschafter hat uns belauscht.“

Baumann verschwand, dem Rufe schnell folgend, in den Büschen, und wenige Augenblicke später brachten die beiden einen dritten herausgezogen, welcher an seiner Kleidung sogleich als Indianer erkannt wurde.

Welch ein Blick gehörte dazu, in dunkler Nacht einen im Buschwerke verborgenen Lauscher zu entdecken! Und nur einem Manne wie Winnetou konnte es gelingen, ihn zu beschleichen und auch so zu fassen, daß ein Widerstand unmöglich war.

Die drei Personen wurden von den anderen umringt. Der Gefangene war nur mit einem Messer bewaffnet gewesen, welches Winnetou ihm entrissen hatte. Seine Gestalt war klein und schmächtig, sein Gesicht konnte wegen der Dunkelheit nicht deutlich erkannt werden.

Winnetous Augen aber waren an die Nacht gewöhnt; er sah, wen er vor sich hatte.

„Warum. ist mein junger roter Bruder nicht offen zu uns gekommen?“ fragte er. „Wir hätten ihn freundlich empfangen.“

Der Gefangene antwortete nicht. Darum fuhr der Apache fort:

„Mein Bruder ist also selbst schuld daran, daß er gefangen genommen worden ist. Aber es soll ihm nichts geschehen. Hier gebe ich ihm sein Messer wieder; er mag zu den Seinigen zurückkehren und ihnen sagen, daß sie uns willkommen sind und bei uns ruhen können.“

„Uff!“ rief der Gefangene erstaunt, indem er sein Messer zurücknahm. „Woher weißt du, daß unsere Krieger sich in der Nähe befinden?“

„Winnetou müßte ein kleiner Knabe sein, wenn er sich das nicht sagte.“

„Winnetou, der Häuptling der Apachen!“ klang es im Tone höchster Verwunderung. „Und du gibst mir mein Messer zurück? Hältst du mich für einen Apachen?“

„Nein. Mein junger Bruder trägt nicht die Farben des Krieges; aber dennoch vermute ich, daß er ein Sohn der Komantschen ist. Haben deine Krieger den Tomahawk gegen die Apachen ausgegraben?“

„Nein. Die Spitzen der Kriegspfeile sind in die Erde gesteckt; aber es herrscht keine Liebe zwischen euch und uns.“

„Winnetou liebt alle Menschen, ohne nach ihren Namen und ihrer Farbe zu fragen. Er ist bereit, hier ein Feuer anzuzünden und die Pfeife des Friedens mit euch zu rauchen. Er fragt nicht, weshalb deine Brüder in das Singende Thal gekommen sind. Sie wissen, daß jeder, welcher dasselbe betritt, hier an diesem Wasser lagert. Darum sind sie abwärts von hier halten geblieben und haben dich ausgesandt, um nachzuforschen, ob sich jemand hier befindet. Ist es so?“

„Ja,“ bestätigte der Komantsche.

„Wenn du wieder einmal unter den Büschen liegst, um fremde Krieger zu erkunden, so laß die Lider auf den Augen liegen, denn deine Augen waren es, welche dich mir verraten haben! Wie groß ist die Zahl deiner Brüder?“

„Zweimal zehn.“

„So gehe zu ihnen und sage ihnen, daß Winnetou und acht Bleichgesichter sie erwarten und als Freunde behandeln werden, auch ohne daß sie wissen, in welcher Absicht ihr gekommen seid. Daß ich dich ergriffen habe, kannst du ihnen verschweigen; ich werde es nicht erwähnen.“

„Die Güte des großen Häuptlings erfreut mein Herz. Ich werde nichts verschweigen, sondern die Wahrheit sagen, damit meine Brüder überzeugt seien, daß sie freundlich von euch empfangen werden. Von dem Auge Winnetous entdeckt zu werden, ist keine Schande, aber ich werde des Rates gedenken, den er mir gegeben hat.“

Der ihn umgebende Kreis öffnete sich, und er eilte davon.

Die Weißen, und zwar besonders die beiden Mexikaner waren der Ansicht, daß es doch gewagt sei, einer Schar von zwanzig Komantschen so ohne weiteres die Annäherung zu gestatten. Der Apache aber erklärte in sehr entschiedenem Tone:

„Winnetou weiß stets, was er thut. Wenn die Krieger der Komantschen nach dem Singenden Thale reiten, so kann ihr Ritt nicht einem Kampfe gegen die Apachen gelten. Jenseits dieses Thales liegt das hohe Grab eines ihrer größten Häuptlinge. Sie werden dasselbe besuchen wollen, um den jährlichen Totengesang dort anzustimmen. Wir aber werden ein Feuer anzünden, damit wir ihre Gesichter deutlich sehen. Um ganz sicher zu sein, empfangen wir sie nicht hier, sondern draußen vor dem Gebüsch.“

Das Feuer wurde von neuem angebrannt. Während dies geschah, zog Winnetou den Bärenjäger und dessen Sohn hinaus vor die Sträucher und sagte ihnen leise:

„Die beiden Bleichgesichter sind nicht das, für was sie sich ausgeben. Sie sprechen die Sprache der Yankees und wollen uns hier ermorden. Sie gehören zu den Geiern der Llano estakata. Winnetou vermutet, daß die Komantschen nach der Llano wollen. Die beiden dürfen das nicht wissen. Darum hat er ihnen gesagt, daß jenseits dieses Thales ein Grab sei, was aber nicht wahr ist.“

Er konnte nicht weiter sprechen, weil jetzt auch die anderen kamen, welche ein so großes Feuer angefacht hatten, daß der Schein desselben selbst durch und über die Büsche drang und das vor demselben liegende Terrain zur Genüge erleuchtete. Natürlich hatten sie ihre Waffen bei sich, um sich ihrer zu bedienen, wenn die Komantschen je, den Erwartungen Winnetous entgegen, sich nicht friedlich verhalten sollten.

Bald vernahm man den Hufschlag von Pferden. Die Erwarteten nahten sich. Sie blieben in kurzer Entfernung halten. Ihr Anführer stieg vom Pferde und kam langsam herbeigeschritten. Winnetou ging ihm entgegen und bot ihm die Hand.

„Die Krieger der Komantschen sind uns willkommen,“ sagte er. „Winnetou fragt nicht, was sie hier wollen; er weiß, daß sie das Grab ihres Häuptlings besuchen werden, um dann friedlich nach ihren Wigwams zurückzukehren.“

Das hatte er laut gesagt, leise aber fügte er schnell hinzu:

„Mein Bruder mag das bestätigen. Ich spreche dann mit ihm heimlich!“

Infolgedessen antwortete der Komantsche laut:

„Meine Hand drückt mit Freuden diejenige Winnetous, weicher der größte Krieger der Apachen und doch stets ein Häuptling des Friedens ist. Wir sind bereit, das Kalummet mit ihm zu rauchen, denn wir befinden uns nicht auf dem Pfade des Krieges und wollen nur die Medizin des toten Häuptlings verehren.“

„Winnetou glaubt dieser Versicherung seines Bruders und ladet ihn und seine Krieger ein, mit zum Feuer der Friedenspfeife zu kommen.“

Die beiden Häuptlinge hatten sich die Hände gedrückt. Das genügte einstweilen als Beweis, daß die Komantschen nichts Böses beabsichtigten. Ihr Anführer ließ sich von Winnetou zum Feuer führen, und seine Leute folgten nach.

Sie verteilten sich zunächst rings auf dem Grasrande des kleinen Weihers, um ihre Pferde da anzupflocken, daß sie weiden und trinken konnten; dann traten auch sie einzeln zum Feuer.

An demselben ging es nun ziemlich eng zu, da der zwischen den Büschen und dem Wasser liegende freie Saum nicht breit war. Man mußte sich Schulter an Schulter niedersetzen, um einen Kreis zu bilden, innerhalb dessen Winnetou und der Anführer der Komantschen Platz nahmen.

Einer der letzteren hatte sich länger als die anderen mit seinem Pferde beschäftigen müssen; er kam nun auch herbei. Bevor er sich niedersetzte, blickte er im Kreise umher. Als sein Blick die Brüder Cortejo traf, was aber von ihnen nicht bemerkt wurde, zuckte es blitzartig über sein dunkles Gesicht, und er rief:

„Uff ! Aletehlkua ekkvan mava – welche Hunde sitzen da!“

Da der Kreis noch nicht geordnet und jeder noch mit seinem Sitze beschäftigt war, so wurde dieser Ausruf nicht von allen gehört. Der Anführer der Komantschen aber hatte ihn vernommen. Er richtete sich rasch auf und fragte den Mann:

„Hang tuhschtaha-nai – wen siehst du?“

„He-ehlbak, enko-ola uah-tuhvua – sie, die Geier der Llano estakata.“

„He-ehlbak hetetscha enuka – wo sind sie?“

„Mava he-ehlbak kenklah – dort sitzen sie!“

Bei diesen Worten deutete er auf die beiden angeblichen Mexikaner.

Da diese Fragen und Antworten laut und im Tone zorniger Betroffenheit ausgesprochen worden waren, so hatten sie die Aufmerksamkeit aller Anwesenden erregt. Bei den Worten, „enko-ola uah-tuhvua – die Geier der Llano estakata“ waren die Komanschen alle wieder aufgesprungen. Sie griffen drohend nach ihren Messern. Die Scene sah gar nicht mehr so friedlich aus wie vorher.

Die Weißen hatten die Worte nicht verstanden, da sie weder des Komantsche- noch des Tonkawah- oder Moquidialektes mächtig waren; da sie aber die drohenden Mienen der Roten sahen, erhoben auch sie sich und griffen zu ihren Waffen.

Nur Winnetou blieb ruhig sitzen. Er sagte in gebietendem Tone:

„Meine Brüder mögen sich nicht erregen. Sehen die roten Männer zwei ihrer Feinde unter uns, so versichere ich, daß wir mit diesen Männern nichts zu schaffen haben. Es soll wegen derselben kein einziger Tropfen Blutes unter uns vergossen werden. Was hat der Krieger der Komantschen gegen sie vorzubringen?“

Er sprach in dem in jener Gegend gebräuchlichen Jargon, welcher aus Spanisch, Englisch und Indianisch zusammengesetzt ist. Der gefragte Komantsche antwortete in derselben Mundart, welche alle verstanden:

„Ich jagte droben am Wasser Tovi-tschuna, welches die Weißen den Fliegenfluß nennen, und sah die Fährte zweier Reiter, welcher ich folgte. Ich sah sie dann unter den Bäumen sitzen und kroch zu ihnen heran, um ihre Worte zu hören. Sie sprachen von der Llano estakata, durch welche in einigen Tagen ein großer Zug weißer Männer kommen werde. Die Geier der Llano wollen sich versammeln, um diesen Zug zu überfallen. Ich hörte aus den Worten der beiden Männer, daß sie zu den Geiern gehören, und fragte meine Seele, ob ich sie töten solle. Die Klugheit gebot mir, sie leben zu lassen, denn nur dadurch war es möglich, zu – –“

Er wollte etwas sagen, wovon Winnetou nicht wünschte, daß die Mexikaner es hören möchten. Darum fiel er dem Sprechenden schnell in die Rede:

„Ich weiß, was mein Bruder weiter sagen will, und habe genug gehört. Hast du die Männer jetzt so genau erkannt, daß kein Irrtum möglich ist?“

„Sie sind es!“

„Was sagen die beiden Bleichgesichter zu dieser Anschuldigung?“

„Daß sie eine ganz dumme Lüge ist,“ antwortete Carlos Cortejo. „Wir sind gar nicht am Fliegenflusse gewesen.“

„Sie sind es!“ rief der Anführer der Komantschen, „denn wir haben – – –“

„Mein Bruder mag mich sprechen lassen,“ unterbrach ihn Winnetou eifrig, um ihn nichts sagen zu lassen, was die beiden nicht erfahren sollten.

Der Komantsche aber ärgerte sich über die Unterbrechung, welche ganz gegen die indianische Rücksicht und Höflichkeit verstieß. Er war nicht klug genug, den Grund derselben zu erkennen, und rief zornig:

„Warum soll ich nicht sprechen? Wer Mörder bei sich hat, ist selbst ein Mörder! Hat der Häuptling der Apachen uns herbeigelockt, um Verrat an uns zu üben?“

. Da legte Winnetou alle seine Waffen von sich, stand auf und sagte:

„Hat mein Bruder jemals gehört, daß Winnetou ein Verräter sei? Das Wort des Apachen ist wie der Fels, auf dem man sicher wohnt. Mein Bruder mag mich begleiten und seine Waffen behalten. Howgh!“

Er verließ den Kreis und schritt langsam durch die Büsche hinaus ins Freie. Der Komantsche besann sich einen Augenblick und folgte ihm sodann, gab aber vorher seinen Leuten einen Wink, welcher sie bedeutete, scharf acht auf die Mexikaner zu haben. Draußen nahm Winnetou ihn beim Arm, führte ihn eine kurze Strecke fort, blieb dann stehen und sagte:

„Mein Bruder hat mich nicht verstanden. Winnetou lagerte bereits hier, als die Weißen kamen. Er beobachtete sie und erfuhr, daß die beiden Männer Geier der Llano sind. Er stimmt also den Kriegern der Komantschen bei. Aber warum sollen diese giftigen Schlangen erfahren, daß sie durchschaut worden sind? Dann müßten wir sie töten, und es ist doch klüger, wenn wir sie einstweilen noch leben lassen! Sie mögen glauben, daß die Komantschen zum Grabe ihres Häuptlings wollen. Mir aber mag mein Bruder sagen, warum er ihnen gefolgt ist.“

Der Komantsche fühlte sich beschämt. Er antwortete:

„Feuerstern, der Häuptling der Komantschen, ritt mit Eisenherz, seinem Sohne, nach Osten zu den Wohnungen der Weißen. Sie kehren durch die Llano zurück und werden sich jetzt in derselben befinden. Sie müssen wohl auf den Zug der Weißen stoßen und also von den Geiern angefallen werden. Darum machten wir uns schnell auf, ihnen entgegenzureiten und sie zu beschützen. Wir konnten nicht wissen, wo die Geier sich versammeln. Damm ließen wir die beiden Bleichgesichter, welche zu ihnen gehören, leben, um durch ihre Fährte zu den Geiern geführt zu werden. Am Toyahflusse vereinigte sich ihre Spur mit derjenigen von vier anderen Weißen, welche wir auch für Geier halten mußten. Jetzt treffen wir auf dich. Was gedenkst du zu thun?“

„Ich werde mit euch reiten, denn auch ich erwarte Freunde, welche durch die Llano kommen und von dem Streiche nichts wissen, welchen die Geier beabsichtigen. Diese letzteren haben ihr Lager in der Murdingbowl. Da ich aber nicht weiß, wo dieser Ort sich befindet, so werde ich die beiden Mexikaner entkommen lassen, damit sie, ohne es zu wissen, meine Führer seien.“

„Wer sind die Männer, welche du erwartest?“

„Old Shatterhand und noch einige Bleichgesichter, welche mit mir zusammentreffen wollen.“

„Old Shatterhand, der berühmte Krieger der Weißen? Wenn du erlaubst, werden wir mit dir reiten.“

„Winnetou erlaubt es nicht nur, sondern er bittet dich sogar darum. Es scheint, daß die stets zerstreute Schar der Geier sich dieses Mal zu einem großen Unternehmen versammelt. Dies muß man benutzen, um sie mit einem einzigen Schlage zu vernichten. Ich denke – – –“

Er hielt inne, denn innerhalb der Büsche erhob sich ein lautes Schreien und Rufen; einige Schüsse krachten, und eiliger Hufschlag war jenseits des Lagerplatzes zu hören.

Die beiden sprangen nach dem letzteren hin. Durch die Büsche dringend, erblickten sie eine überaus belebte Szene. Die Komantschen waren zu ihren Pferden geeilt und standen im Begriff, in höchster Eile fortzureiten. Die Mexikaner waren nicht zu sehen. Ben, Porter, Blount und Falser standen da, als ob sie nicht wüßten, was sie unternehmen sollten. Der Bärenjäger aber war mit seinem Sohne ruhig am Feuer sitzen geblieben und rief Winnetou zu:

„Die Kerls sind fort!“

„Wie war das möglich?“ fragte der Apache.

„Sie sprangen so plötzlich fort und auf ihre Pferde, daß sie durch die Büsche waren, ehe man nur nach dem Gewehr langen konnte, um sie niederzuschießen.“

„Das ist recht! Laßt sie fort! Sie reiten in ihr eigenes Verderben und in dasjenige ihrer Genossen. Die Söhne der Komantschen mögen von den Pferden steigen und hier bleiben. Aber beim Tagesgrauen werden sie das Singende Thal verlassen, um Jagd zu machen auf die menschlichen Raubtiere der Llano estakata!“

Diese Worte waren so laut gesprochen, daß sie von allen gehört wurden. Doch stiegen die Komantschen erst dann wieder von ihren Pferden, als der Befehl des Apachen von ihrem Anführer wiederholt worden war, welcher ihnen erklärte, weshalb es geraten sei, die Flüchtigen einstweilen entkommen zu lassen. – – –

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

The Home Of The Ghost

The home of the ghost

„My dearling, my dearling,
My love child much dear,
My joy and my smile
My pain and my tear!“

so klang das alte, liebe Tennessee-Wiegenlied in die stille Morgenluft hinaus. Es schien, als ob die Zweige der nahen Mandel- und Lorbeerbäume sich dazu im Takte neigten, und Hunderte von Kolibris zuckten wie farbige Funken um die alte Negerin, welche ganz allein am Wasser saß.

Die Sonne hatte sich soeben über den niedrigen Horizont erhoben, und ihre Strahlen strichen wie glänzende Brillantsträhne über das klare Gewässer dahin. Ein Königsgeier zog hoch oben in der Luft seine Kreise; unten am Ufer naschten mehrere Pferde wie gesättigte Feinschmecker von besonders saftigen Halmen des Delicacy-Grases, und auf der Spitze einer Cypresse saß die Drossel Mocking-bird, lauschte mit schief gehaltenem Köpfchen dem Gesange der Negerin und ahmte, als derselbe zu Ende war, die letzten Worte der Strophe mit einem laut schallenden „Mittir-mittir-mittir“ nach.

Über dem Gefieder niedriger Palmen, welche sich im Wasser spiegelten, breiteten hohe Zedern und Sykomoren ihre schützenden Wipfel, unter denen riesige, bunt schillernde Libellen nach Fliegen und anderen kleinen Insekten jagten, und hinter dem nahe am Wasser stehenden Häuschen zankte sich eine Schar von Zwergpapageien um die goldigen Körner des Maises.

Von außen konnte man nicht sehen, aus welchem Materiale das Häuschen erbaut worden war, denn sowohl seine vier Seiten als auch das Dach wurden vollständig überdeckt von dem dichten Gerank der weißen, rotfädigen Passionsblume, deren gelbe, süße, dem Hühnerei gleichende Früchte lebhaft aus der Fülle der gelappten Blätter hervorleuchteten. Das alles machte den Eindruck der Tropen. Man hätte meinen können, sich in einem Thale von Südmexiko oder des mittleren Boliviens zu befinden, und doch lag dieser kleine See mit seiner Passiflorenhütte und seiner südlichüppigen Vegetation nirgends anderswo als – – – inmitten der gefürchteten Llano estakata. Er war das geheimnisvolle Wasser, von welchem so viele gesprochen hatten, ohne es jemals gesehen zu haben.

„My heart-leaf, my heart-leaf,
My life and my star,
My hope and my delight,
My sorrow, my care!“

sang die Schwarze weiter.

„Mikkehr-mikkehr-mikkehr,“ ahmte der Spottvogel die beiden letzten Worte nach.

Aber die Sängerin achtete nicht auf ihn. Sie hatte die Augen auf eine alte Photographie gerichtet, welche sie in den beiden Händen hielt und zwischen den einzelnen Versen küssend an ihren welken Mund führte.

Viele, viele Thränen waren auf das Bild gefallen, und ebenso viele Küsse hatten es so verwischt, daß nur ein sehr scharfes Auge noch zu erkennen vermochte, wen oder was das Bild vorgestellt hatte, nämlich eine Negerin mit einem schwarzen Knäbchen im Arme. Der Kopf des letzteren fehlte ganz; er war hinweggeküßt und von den Thränen hinweggewaschen worden.

„Du sein mein gut, lieb Bob!“ sagte sie in zärtlichem Tone. „Mein Little-Bob, mein Small-Bob. Ich deine Mutter. Missus gut und freundlich gewesen, haben machen lassen ihr Bild, und als Photograph kommen, haben auch machen lassen Bild von Sanna und ihr klein Bob, dann als Missus sterben‘ Massa haben verkaufen Bob, und Mutter Sanna nur noch haben Bild von Bob. Es haben behalten, als selbst verkauft werden; es haben auch behalten, als gut Massa Bloody-Fox sie haben bringen hierher, und es werden behalten ferner, bis alt Sanna sterben und nicht wiedersehen Bob, der wohl sein worden indessen ein groß, stark Nigger und auch nicht haben vergessen sein brav, lieb Mutter Sanna. O, my dearling, my dearling, my joy and my –-.“ Sie hielt inne und erhob lauschend den Kopf, dessen schneeweißes, wolliges Haar seltsam gegen die dunkle Farbe des Gesichtes abstach. Das Geräusch eines Kommenden ließ sich hören. Sie sprang auf, steckte die Photographie in die Tasche ihres Kalikorockes und rief –

„O Jessus, Jessus, wie Sanna sich freuen! Fox kommen endlich wieder. Gut Bloody-Fox wieder da. Ihm gleich geben Fleisch und backen Kuchen von Mais!“

Sie eilte nach dem Häuschen, hatte dasselbe aber noch nicht erreicht, als der Genannte unter den Bäumen erschien. Er sah sehr blaß und angegriffen aus; sein Pferd schwitzte am ganzen Körper und hatte einen müden, stolpernden Gang. Beide mußten ungewöhnlich angegriffen sein.

Welcome, Massa!“ empfing ihn die Alte. „Sanna gleich bringen Essen; Sanna schnell machen!“

„Nein, Sanna,“ antwortete er, indem er sich aus dem Sattel schwang. „Fülle die Schläuche, alle, alle! Das ist das Notwendigste, was jetzt geschehen muß.“

„Warum Schläuche? Für wen? Warum Massa Fox nicht essen? Er doch haben müssen ein sehr groß Hunger!“

„Allerdings habe ich den; aber ich werde mir selbst nehmen, was ich brauche. Du hast keine Zeit dazu. Du mußt die Schläuche füllen, mit denen ich augenblicklich aufbrechen werde.“

„Jessus, Jessus! Schon wieder fort? Warum alt Sanna stets ganz allein lassen mitten in groß, weit Estakata?“

„Weil sonst ein ganzer Zug fremder Einwanderer verschmachten muß. Diese Leute sind von den Geiern irre geführt worden.“

„Warum haben Massa Fox sie nicht besser führen?“

„Ich konnte nicht an sie, denn sie werden von so zahlreichen Geiern umschwärmt, daß ich dem sichern Tode verfallen wäre, wenn ich es gewagt hätte, die Kette zu durchbrechen, welche sie bilden.“

„So werden töten sie die arm, gut Emigrant!“

„Nein. Es kommen kühne und starke Jäger von Norden her, auf deren Hilfe ich mit Sicherheit rechne. Aber was nützt diese Hilfe, wenn kein Wasser vorhanden ist! Die Emigranten würden verschmachten, obgleich sie von den Geiern befreit worden wären. Also Wasser, Wasser, Sanna, und zwar schnell! Ich belade sämtliche Pferde mit den Schläuchen. Nur den Rappen hier muß ich zurücklassen. Er ist zu sehr ermüdet.“

Fox ging nach dem Häuschen und trat durch die von den Passifloren eng umrahmte Thür. Das Innere bestand aus einem einzigen Raume. Die vier Wände waren aus Schilf und aus dem feinem Schlamm des kleinen Sees errichtet und mit langem, trockenem Rohr gedeckt. Über einem aus Erde gebauten Herde öffnete sich der ebenso aus Schilf und Schlamm bestehende Rauchfang, unter welchem ein eiserner Kessel hing. In jeder der drei anderen Wände gab es ein kleines Fenster, weiches von dem Blumengerank frei gehalten wurde.

Unter dem Dache hingen Stücke geräucherten Fleisches und an den Wänden alle Arten von Waffen, welche in dem Westen zu sehen und zu haben sind. Der Fußboden war mit Fellen belegt. Die zwei Bettstellen bestanden aus an Pfählen befestigten Riemen, über welche Bärenfelle gebreitet waren. Den größten Schmuck der Stube bildete die dickzottige Haut eines weißen Büffels, an welcher der Schädel gelassen worden war. Sie hing der Thür gegenüber, und zu beiden Seiten von ihr steckten wohl über zwanzig Messer in der Wand, in deren Horn- oder Holzgriffen verschiedene Zeichen eingeschnitten waren.

Ein Tisch, zwei Stühle und eine Leiter, welche bis zur Decke reichte, bildete das ganze Ameublement des Passiflorenhäuschens.

Bloody-Fox trat zu dem Felle, strich mit der Hand an demselben herab und sagte zu sich:

„Die Uniform des „Geistes“, daneben die Messer der Mörder, die von seiner Kugel fielen –– sechsundzwanzig schon. Wann aber werde ich den entdecken, der mehr als sie alle den Tod verdient? Vielleicht nie! Pshaw, noch hoffe ich, denn der Bösewicht pflegt von seinem Gewissen immer und immer wieder zur Stätte des Verbrechens zurückgetrieben zu werden. Jetzt muß ich eine Viertelstunde lang ruhen.“

Er warf sich auf das eine Lager und schloß die Augen, doch nicht, um zu schlafen. Was für Bilder mochten an der Seele dieses noch so jungen Mannes vorüberziehen!

Nach Verlauf einer halben Stunde kam die Negerin Sanna herein und meldete ihm, daß die Schläuche gefüllt seien. Er sprang vom Lager und hob eins der am Boden liegenden Felle auf. Unter demselben gab es eine kleine, verdeckte Vertiefung, aus der er ein mit Blech ausgeschlagenes Kistchen nahm. Es enthielt Munition, von welcher er den an seinem Gürtel hängenden Beutel füllte. Dann stieg er auf der Leiter zur Decke empor, um sich mit Fleisch zu versehen. Als dies geschehen war, ging er hinaus an den See, an dessen Ufer acht große, mit Wasser gefüllte Lederschläuche lagen, von denen je zwei und zwei durch einen breiten Ledergurt und mehrere Riemen verbunden waren, Mit dem Inhalte dieser Schläuche hatte Bloody-Fox schon manchen verirrten Reisenden vom Tode des Verschmachtens errettet.

Fünf Pferde waren es, welche sich am kleinen See befunden hatten. Eins von ihnen bekam den Reitsattel aufgelegt, welchen Fox dem ermüdeten Rappen abnahm; die anderen bekamen die Schläuche zu tragen, und zwar in der Weise, daß ihnen der Gurt auf den Rücken und rechts und links je ein Schlauch zu liegen kam und die Vorrichtung dann mittels der, Riemen befestigt wurde. Die Pferde wurden aneinandergehängt, das eine mit dem Zügel an den Schwanzriemen des anderen, so daß das Reitpferd als vorderstes kam; dann stieg Bloody-Fox in den Sattel.

Die Negerin hatte bei diesem Arrangement mit kundiger Hand geholfen; es war heute nicht zum erstenmal. Jetzt sagte sie:

„Massa Fox kaum da, schon gleich gehen wieder in Gefahr! Was werden aus alt, arm Sanna, wenn Massa Fox mal werden schießen tot und nicht wiederkommen?“

„Ich komme wieder, hebe Sanna,“ antwortete er. „Mein Leben steht unter einem mächtigen Schutze. Wäre das nicht der Fall, so lebte ich längst nicht mehr; das glaube mir!“

„Aber Sanna stets so ganz allein! Gar niemand haben, mit dem sie reden, als nur Pferd und Papageien und Bild von Little-Bob!“

„Nun, vielleicht bringe ich bei meiner diesmaligen Wiederkehr Gesellschaft mit. Ich treffe mit Männern zusammen, denen ich mein Home gern zeigen werde, obgleich ich es bisher geheim gehalten habe. Es ist auch ein Neger dabei, welcher Bob heißt, gerade so wie dein Dearling-Boy.“

„Nigger Bob? O Jessus, Jessus! Haben er wohl eine Mutter, welche Susanna heißen, aber Sanna genannt werden?“

„Das weiß ich nicht.“

„Sein er verkaufen aus Tennessee nach Kentucky?“

„Ich habe ihn nicht gefragt.“

„Am End es sein mein Little-Boy!“

„Was fällt dir ein! Tausend Niggers heißen Bob. Wie kannst du denken, daß gerade dieser der deinige sei! Mache dir nicht solche Gedanken! Vielleicht bringe ich ihn mit, und dann kannst du mit ihm selbst sprechen. Lebe wohl, Sanna; pflege den Rappen gut!“

„Leben wohl, Massa! O Jessus, Jessus, nun Sanna wieder allein! Bringen mit Nigger Bob, bringen mit!“

Er nickte ihr freundlich zu und setzte dann seine Tropa in Bewegung, mit welcher er schnell unter den Bäumen verschwand.

Die Cypressen, Cedern und Sykomoren am Wasser waren alte Bäume; die Mandel- und Lorbeerbäume aber hatte Bloody-Fox gepflanzt, ebenso das Wäldchen von Kastanien, Mandeln und Orangen, durch welches er jetzt ritt. Dann folgte ein Streifen dichter, schnell wachsender Sträucher, welche bestimmt waren, Wind und Sand von der kleinen Oase abzuhalten. Der junge Mann hatte vom See her schmale Gräben gezogen, um dieses Buschwerk zu bewässern, welches, wo die Feuchtigkeit des Bodens aufhörte, schnell in an der Erde hinkriechende Kaktusarten überging, bis dann die kahle, vegetationslose Sandfläche der Llano folgte.

Hier angekommen, wo er die notwendige Schnelligkeit entfalten konnte, setzte er seine Tropa in Galopp, so daß sie bald als dunkler Punkt am fernen Horizonte verschwand – – – – – – Einen halben Tagesritt im Nordwesten der Passiflorenhütte bewegte sich um die Mittagszeit desselben Tages ein ansehnlicher Reitertrupp in nordöstlicher Richtung durch die Llano estakata. Voran ritt Winnetou mit dem Häuptling der Komantschen, hinter ihnen der Bärenjäger mit Martin, seinem Sohn; dann folgten nebeneinander Ben New-Moon, Porter, Blount und Falser, und den Zug beschlossen die Krieger der Komantschen.

Sie ritten so schweigsam, als ob sie jeden Laut mit dem Leben eines der Ihrigen bezahlen müßten. Die Auge der Hinteren schweiften suchend nach links und rechts oder forschend über den vor ihnen liegenden Horizont, meist aber waren sie auf die beiden Anführer, besonders auf Winnetou gerichtet, welcher so im Sattel saß, daß er zur Seite tief vom Pferde herniederhing, und die Fährte, weicher sie folgten, genau beobachten konnte.

Das war die Spur der Brüder Cortejo, welcher sie bisher gefolgt waren, und von welcher sie sich nach der Murding-Bowl leiten lassen wollten.

Da hielt Winnetou plötzlich sein Pferd an und sprang aus dem Sattel. Dem Boden, welcher aus leichtem Sande bestand, waren weit mehr Spuren aufgedrückt als bisher. Es sah ganz so aus, als ob mehrere Reiter hier ein Ringelrennen abgehalten hätten. Es waren nicht nur Huf-, sondern auch Fußspuren zu sehen. Die Reiter, welche hier gewesen waren, hatten den Sattel verlassen, um irgend eine sichtbare Fährte genau in Augenschein zu nehmen.

Während die anderen hielten, untersuchte Winnetou jeden Schritt breit der aufgewühlten Stelle. Dann ging er langsam und vornüber gebeugt eine ganze Strecke nach rechts hin. Als er zurückkehrte, sagte er zum Häuptling der Komantschen, so daß alle es hören konnten:

„Hier sind die beiden Bleichgesichter auf eine Fährte gestoßen und abgestiegen, um dieselbe zu lesen. Die Spur stammt von fünf Pferden, welche zusammengebunden gewesen sind, eins hinter dem anderen. Hätten mehrere Reiter auf diesen Pferden gesessen, so wären dieselben nicht aneinander gefesselt gewesen; also war es eine Tropa von fünf Tieren mit nur einem Reiter, welcher auf dem vordersten saß. Dieser Reiter ist mit seinem Zuge vor drei Stunden hier vorübergekommen. Die beiden Weißen, welche sich Mexikaner nannten, sind vor zwei Stunden auf seine Spur gestoßen und ihr gefolgt. Mein Bruder der Komantschen mag die Spuren ansehen, deren Kanten teils noch scharf, teils schon eingefallen sind. Er wird auch sagen, daß sie nicht mehr und nicht weniger als mindestens zwei und höchstens drei Stunden alt sind.“

Der Komantsche stieg vom Pferde, um nun seinerseits die Fährte zu untersuchen. Als er das gethan hatte, stimmte er Winnetou vollständig bei.

Nun stieg auch Baumann, der Bärenjäger, ab. Tief zur Erde niedergebückt, bewegte er sich langsam rund um den Platz und dann auch nach rechts hin, und zwar weiter, als Winnetou gekommen war. Dort kauerte er sich nieder, als ob er eine Stelle genauer betrachten wolle. Dann gab er Winnetou einen Wink und sagte, als dieser zu ihm kam, in den Sand deutend:

„Der Häuptling der Apachen wird sehen, daß der Reiter hier abgestiegen ist. Warum mag er das gethan haben?“

Winnetou blickte der Fährte nach rechts hin nach und antwortete:

„Der Mann ist ein Bleichgesicht, wie ich an seinen Füßen sehe. Sein Alter ist das eines jungen Mannes. Er hat Wasser verloren, wie man neben der Spur der Pferde sieht. Von hier an hat dieser Verlust nicht mehr stattgefunden. Also ist er hier abgestiegen, um das Faß oder den Schlauch, den er bei sich gehabt hat und welcher ausgelaufen ist, zu verschließen.“

„Meint mein roter Bruder, daß es nur ein Faß oder Schlauch gewesen sei?“

„Nur eins war es, welches auslief, aber er hat deren acht bei sich gehabt. Zwei werden auf jedes Tier geladen; auf einem Pferde hat er gesessen, fünf aber waren es, folglich haben hinter ihm vier Pferde acht Schläuche getragen.“

„Wozu aber so viel Wasser? Für sich und sein Pferd braucht er es nicht.“

„Nein. Er muß nach einem Orte geritten sein, wo viele es brauchen. Entweder ist er ein Geier, welcher die anderen Raubtiere tränken soll, oder er ist ein ehrlicher Mann, welcher andere ehrliche Leute laben will. Er muß wissen, daß solche Leute vorhanden sind. Wer können diese sein?“

„Vielleicht der Zug der Weißen, welcher überfallen werden soll?“

„Mein Bruder hat wohl das Richtige geraten. Wir wollen uns wieder aufsetzen und den beiden Fährten, welche hier in eine zusammenlaufen, schnell folgen.“

Sie stiegen wieder auf ihre Pferde und ritten in beschleunigtem Tempo den vereinigten Spuren nach, welche nun nicht mehr nach Nordost, sondern genau nach Norden führten.

Es gab nichts als Sand und immer wieder Sand, in welchem sich die Fährte scharf aussprach. Nur hier und da gelangten die Reiter an eine Stelle, an welcher der nackte Fels zu Tage trat; meist aber machte die Llano den Eindruck, als ob sie der Boden eines vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden ausgetrockneten großen Sees sei.

Zuweilen erblickten sie links oder rechts von sich in der Ferne graubräunliche Streifen am Horizonte, welche dort liegende Kaktusstrecken markierten, durch welche niemand reiten konnte.

So ging es weiter und immer weiter.

Die Spuren, denen man folgte, wurden jünger und immer jünger, ein sicheres Zeichen, daß man denen, welchen man folgte, immer näher kam.

Als der Nachmittag fast vergangen war, erreichte die Truppe eine Stelle, an welcher die Spuren sich abermals vervielfachten, doch nicht weil neue dazu gekommen waren, sondern weil hier angehalten worden war. Winnetou stieg vom Pferde, um den Platz zu untersuchen. Er ging eine Strecke weit nach Nord und dann, als er zurückgekehrt war, ebensoweit nach Ost und sagte dann, als er wieder bei den anderen eintraf:

„Der Mann mit dem Wasser ist gerade nach Nord geritten; die beiden Mexikaner haben hier überlegt, ob sie ihm folgen Sollen, sind aber nach Sonnenaufgang geritten. Wem folgen wir?“

„Mein Bruder wird das am besten bestimmen können,“ antwortete der Anführer der Komantschen.

„So will ich meine Meinung sagen. Diejenigen, zu denen der junge Mann will, befinden sich im Norden. Er ist ein guter Mensch, da seine Spur eine andere als diejenige der Mexikaner ist. Wir könnten ihm folgen,‘ um ihn zu warnen. Da aber die Weißen so scharf von seiner Fährte abgebogen sind, muß sich die Murding-Bowl hier in der Nähe befinden. Sie sind hingeritten, um die Geier zu treffen, um sie zu benachrichtigen, daß sie die Spur des Mannes mit dem Wasser gesehen haben. Man wird ihm nacheilen, um ihn zu verhindern, denjenigen, welche er retten will, Wasser zu geben. Seine Fährte ist so jung, daß wir ihn einholen können, bevor es Abend geworden ist. Nun mögen meine Brüder wählen, was wir thun sollen. Wollen wir dem Manne mit dem Wasser folgen, um ihm beizustehen, oder wollen wir nach der Murding-Bowl, um die Geier dort festzunehmen, daß sie ihm nichts anhaben können? Im ersteren Falle werden sie von ihm ablassen, wenn sie uns bei ihm sehen, und uns also vielleicht entgehen. Im letzteren Falle aber ergreifen wir sie wahrscheinlich, und dann steht es uns immer noch frei, ihm nachzureiten und mit ihm zu den weißen Männern zu kommen, welche er aufsuchen will.“

Er hatte ihnen mit diesen Worten die Angelegenheit so klar gemacht, daß eine lange Auseinandersetzung gar nicht notwendig war. Die Komantschen verhielten sich überhaupt schweigend und zuwartend, ihr Anführer ausgenommen. Dieser besprach sich ganz kurz mit den sechs Weißen und erklärte dann dem Apachen:

„Wir werden nach der Murding-Bowl reiten und also der Fährte der beiden Mexikaner folgen. Ist das meinem roten Bruder recht?“

Winnetou nickte zustimmend und lenkte in die nach Osten führende Fährte ein. Hätte er sein Pferd und mit demselben diejenigen seiner Gefährten angestrengt, so wäre es ihm wohl gelungen, die Mexikaner schnell einzuholen; doch lag dies keineswegs in seiner Absicht. Je eher er die beiden erreichte, desto weniger durfte er hoffen, zu erfahren, wo sich die Murding-Bowl befand. Es lag ihm sehr viel daran, diesen Ort zu sehen; darum behielt er einstweilen nur diejenige Schnelligkeit bei, welche, wie aus den Spuren zu ersehen war, die beiden Verfolgten eingehalten hatten. – – – –

Etwas mehr als einen vollen Tagesritt nordöstlich von dem Passiflorenhäuschen entfernt bewegte sich eine lange Schlange, nicht in Windungen, sondern als gerade Linie durch den dort sehr tiefen Sand der Estakata. Das Wort Schlange ist hier bildlich gemeint, denn die langgestreckte Linie bestand aus wohl an die zwanzig Ochsenwagen, welche in gewissen Abständen hintereinander fuhren und von bewaffneten Reitern begleitet wurden.

Die Wagen waren stark gebaut und jeder mit sechs oder acht Ochsen bespannt, welche die schweren Lasten nur langsam vorwärts schleppten. Die Tiere waren müde und außerordentlich erschöpft. Auch den Pferden, auf welchen die Reiter saßen, sah man es an, daß sie die letzteren kaum noch zu tragen vermochten. Die Zungen hingen ihnen aus den Mäulern; ihre Weichen schlugen, und ihre Beine zitterten im Vorwärtsschreiten.

Auch die Wagenführer gingen ermattet neben den stolpernden Stieren her. Sie senkten die Köpfe und schienen kaum die Kraft zu besitzen, ihre riesigen Peitschen schwingen zu können, um die Zugtiere zu einer letzten Anstrengung anzutreiben. Menschen und Tiere machten den Eindruck einer Karawane, welche dem Verschmachten nahe ist.

Nur das Pferd des voranreitenden Führers zeigte eine Frische der Bewegungen, welche auf keine Ermattung schließen ließ. Der Reiter aber saß gerade so schwer nach vorn gebeugt wie die anderen im Sattel, als ob er ebenso wie sie unter dem entsetzlichen Wassermangel zu leiden habe; aber wenn eine der Frauen oder eins der Kinder, welche in den Wagen saßen, einen Klageruf ertönen ließ, so richtete er sich unwillkürlich kräftig auf, und um seinen lippenlosen Mund spielte ein Lächeln teuflischer Befriedigung.

Dieser Mann war kein anderer als Tobias Preisegott Burton, der fromme Missionär der Mormonen, welcher die Aufgabe übernommen hatte, die ihm Anvertrauten dem sicheren Verderben entgegenzuführen.

jetzt gab der vorderste Reiter seinem Pferde die Sporen, daß es ihn durch eine außerordentliche Anstrengung an Burtons Seite brachte.

„Sir,“ sagte er, „es kann nicht länger so fortgehen! Wir Menschen haben seit vorgestern keinen einzigen Schluck bekommen, weil wir das letzte Wasser für unsere Tiere aufheben mußten. Und das ist seit gestern früh zu Ende, da die letzten beiden Fässer ganz unbegreiflicherweise ausgelaufen sind.“

„Das macht die Hitze,“ erklärte Burton. „Die Faßdauben schlossen nicht mehr, weil sie von der Hitze gezogen wurden.“

„Nein, Sir. Ich habe die Fässer untersucht. Solange noch Wasser im Fasse ist, schließen die Dauben fest. Sie sind angebohrt worden, so daß das Wasser während der Nacht leise und unbemerkt auströpfeln konnte. Wir haben einen Menschen unter uns, welcher uns verderben will.“

„Unmöglich! Wer heimlich das Wasser laufen läßt, muß doch selbst verschmachten!“

„Das habe ich mir selbst gesagt, aber dennoch ist es so. Ich habe es für mich behalten und keinem ein Wort gesagt um die allgemeine Sorge nicht zu vergrößern. Ich habe ferner jeden einzelnen heimlich beobachtet, aber nichts gefunden, woraus ich schließen könnte, wer es gewesen ist. Die Tiere verschmachten; sie können kaum mehr vorwärts; die Frauen klagen, und die Kinder schreien nach Wasser – vergeblich, denn es ist kein einziger Tropfen mehr vorhanden. Schaut in die Höhe! Dort oben schweben die Geier, als ob sie wüßten, daß wir ihnen bald zur Beute fallen werden. Seid Ihr auch gewiß, daß wir uns auf dem richtigen Wege befinden?“

Burton selbst war es gewesen, welcher während der Nacht die beiden Fässer angebohrt hatte. Dabei hatte er getrunken und auch seinem Pferde zu trinken gegeben. Ferner hatte er die große Blechkapsel gefüllt, welche, vorsichtig in ein Fell gebunden, hinter seinem Sattel angeschnallt war, damit er nach hereingebrochener Dunkelheit sich und das Pferd heimlich erquicken könne.

„Natürlich!“ antwortete er, indem er auf die Stangen deutete, welche in gewisser Entfernung voneinander im Sande steckten. „Da sehen Sie ja unsere Wegweiser, auf welche wir uns mit Sicherheit verlassen können.“

„Mit Sicherheit? Wir alle haben gehört, daß diese Stangen von den Geiern der Llano zuweilen ausgezogen und in einer Richtung eingesteckt werden, welche den Reisenden zum Tode des Verschmachtens führt.“

„Ja, das ist früher vorgekommen; jetzt aber geschieht es nicht mehr, da man diesen Halunken das Handwerk gelegt hat. Übrigens kenne ich die Gegend sehr genau und weiß, daß es die richtige ist.“

„Ihr sagtet heute früh, wir befänden uns mitten im größten Schrecken der Llano. Warum hat man die Stangen gerade durch diese Gegend gesteckt? Anderwärts kämen wir wohl an eines der großen Kaktusfelder, deren Früchte so viel Feuchtigkeit enthalten, daß wir uns und unsere Tiere laben könnten.“

„Es würde das ein zu bedeutender Umweg sein. Um Euch zu beruhigen, will ich Euch die Versicherung geben, daß wir, wenn wir uns etwas mehr beeilen, am Abend ein solches Feld erreichen werden. Morgen kommen wir dann an eine Quelle, welche all unserer Not ein Ende macht.“

„Wenn wir uns mehr beeilen! Ihr seht ja, daß die Tiere unmöglich schneller vorwärts können!“

„So wollen wir halten, damit sie sich ausruhen können.“

„Nein, nein; das dürfen wir nicht. Halten wir einmal an, so sind sie dann nicht weiter zu bringen. Wenn sie sich einmal gelegt haben, stehen sie sicherlich nicht wieder auf. Wir müssen sie immer und immer antreiben, daß sie weiter wanken, bis wir den Kaktus erreichen, den Ihr erwähntet.“

„Ganz wir Ihr wollt, Sir! Ich schmachte nicht weniger als ihr, doch sehe ich zu meinem Troste, daß kurz vor uns noch andere auf demselben Wege geritten sind. Seht Euch die Spuren an, auf welche wir heute früh gestoßen sind! Das ist ein starker Reitertrupp, der sich schwerlich in diese Richtung wagen würde, wenn die Leute nicht wüßten, daß es die richtige ist. Wir haben nichts, gar nichts zu befürchten. Morgen um diese Zeit ist alles vorüber.“

Er hatte mit diesen Worten sehr recht, denn seiner Meinung nach sollte noch vor der angegebenen Zeit der beabsichtigte Angriff geschehen. Daß der erwähnte Reitertrupp aus seinen Genossen bestand, welche die Stangen in eine falsche Richtung gesteckt hatten, das sagte er freilich nicht. Er lachte heimlich in sich hinein, als der andere sich durch diese zweideutigen Worte beruhigt zeigte. –

. Zwischen dem mehrerwähnten Passiflorenhäuschen und der Murding-Bowl erstreckte sich ein mehrere Stunden langes und fast ebenso breites und undurchdringliches Kaktusfeld. Kein Pferd, kein Reiter konnte da hindurch. Das war der Grund, daß Bloody-Fox diese Richtung niemals eingeschlagen hatte und an die Bowl gekommen war. Er jagte am westlichen Rande dieses Feldes nach Norden. Wäre er dann am nördlichen Rande nach Ost gebogen, so hätte er unbedingt die Bodenvertiefung entdecken müssen, welche bereits so vielen verderblich geworden war. Aber er wußte diejenigen, welche er retten wollte, im Nordost von sich, und darum schlug er, als der Kaktus hinter ihm lag, diese Richtung ein.

Die Sonne brannte glühend hernieder. Er fühlte ihre Wärme belästigend durch seinen Anzug dringen. Seine Pferde schwitzten; aber er gönnte ihnen keine Ruhe. Unausgesetzt den Horizont musternd, ritt er weiter und immer weiter.

Jetzt tauchten da, wo im Nordost der Himmel sich mit der Erde zu vereinigen schien, eine Anzahl zerstreuter, dunkler Punkte auf.

„Das sind die Emigranten!“ rief er erfreut aus. „Ich wußte, daß sie von dorther kommen mußten. Ich treffe wohl gerade zur rechten Zeit auf sie.“

Er trieb sein Pferd durch die Sporen und die ihm folgenden Packtiere durch laute Zurufe an, daß sie im Sturme mit ihm über die Ebene flogen.

Zwar bemerkte er bereits nach kurzer Zeit, daß er nur Reiter aber keine Wagen vor sich habe, aber er glaubte, daß diese Leute den Vortrab der Auswanderer bildeten, und hielt infolgedessen gerade auf sie zu.

Erst als er ihnen ziemlich nahe gekommen war, fiel ihm nicht nur die bedeutende Anzahl dieser Reiter, sondern auch deren Verhalten auf. Sie hatten nun auch ihn bemerkt. Anstatt aber sein Nahen ruhig zu erwarten, teilten sie sich in drei Trupps. Der eine Trupp blieb halten; die beiden anderen ritten nach rechts und nach links ab, Bloody-Fox entgegen, als ob sie ihn umfassen und ihm die Rückkehr abschneiden wollten.

Das mußte ihn natürlich in seiner bisherigen guten Meinung irre machen. Er richtete sich hoch im Sattel auf und überblickte die Situation.

Heavens!“ rief er aus. „Es sind über dreißig Personen. So stark kann doch keine Vorhut von Auswanderern sein 1 Sie haben einige Lastpferde bei sich, welche mit Stangen beladen sind. All devils! Das sind die Llanogeier, denen ich gerade in die Fänge geritten bin! Sie wollen mich fassen. Mit so vielen kann ich es unmöglich aufnehmen. Ich muß also die Flucht ergreifen.“

Er wendete um und jagte zurück. Aber er konnte mit seinen aneinanderhängenden Pferden nicht die gewünschte Schnelligkeit entwickeln, zumal die Tiere bereits ziemlich ermüdet waren. Die Verfolger kamen ihm zusehends näher. Er trieb zwar sein Pferd so viel wie möglich an; es wurde aber durch die an ihm hängenden Lastpferde gehindert. Diese begannen sich zu sträuben. Sie zerrten an den Zügeln und Riemen; sie schlugen hinten und vom aus. Das gab einen Aufenthalt, welcher verhängnisvoll werden konnte, denn die vordersten der Verfolger befanden sich fast schon in Schußweite. Da riß der Schwanzriemen des Reitpferdes, an welchem der Zügel des ersten Lasttieres befestigt war, und die vier Wasser tragenden Rosse brachen seitwärts aus.

„Sie sind verloren, und das Wasser dazu!“ knirschte Fox. „Aber die Bezahlung nehme ich mir sofort.“

Er beruhigte sein Pferd und brachte es zum Stehen. Die Doppelbüchse anlegend zielte er – – ein Schuß, noch einer, und die beiden vordersten seiner Verfolger stürzten von ihren Pferden.

„So, nun vorwärts! jetzt kommen sie mir wohl nicht wieder nahe. Ich kann nun für die Schmachtenden nichts anderes thun, als daß ich Old Shatterhand zu finden suche und ihn auf ihre Fährte bringe.“

Während er diese Worte zornig ausstieß, galoppierte er in nördlicher Richtung davon. Die „Geier“ folgten ihm noch eine Strecke unter wütendem Geschrei; als sie jedoch einsahen, daß sein Pferd jetzt den ihrigen überlegen sei, kehrten sie um, nach der Stelle, an welcher die beiden Erschossenen lagen.

Und abermals ungefähr einen Tagesritt von dem Passiflorenhäuschen entfernt, aber in nördlicher Richtung von demselben, gab es endlich noch einen Reitertrupp, welcher sich nach Süd bewegte. Stark war er nicht durch die Zahl, sondern durch die Intelligenz der Männer, welche ihn bildeten, nämlich Old Shatterhand und seine Begleiter.

Sie folgten einer tief in den weichen Sand getretenen Fährte. Es war diejenige der „Geier“, welche die Richtung nach der Karawane eingeschlagen hatten, um vor derselben die Pfähle auszureißen und in der Richtung nach der Murding-Bowl wieder in den Sand zu stecken.

Old Shatterhand ritt, wie gewöhnlich, voran; er hatte Eisenherz, den jungen Komantschen, neben sich. Jim und Tim Snuffle folgten ihnen. Hinter diesen ritt der Hobble-Frank mit dem dicken Jemmy. Den Schluß bildeten die übrigen.

Old Shatterhand verhielt sich schweigend. Er ließ die Fährte und den Punkt des Horizontes, nach welchem dieselbe zeigte, kaum einen Augenblick aus dem Auge. Nur diese Beobachtung schien ihn zu beschäftigen.

Um so weniger still verhielten sich die anderen, und Frank war der Lauteste von ihnen. Das Gespräch bewegte sich um einen Gegenstand, für den er ein lebhaftes Interesse empfand und über welchen sein Nebenmann eine andere Meinung geäußert zu haben schien, denn der kleine Sachse äußerte in zornigem Tone:

„In wissenschaftlichen Angelegenheeten biste schtets off dem Holzwege oder gar off dem idealen Knüppeldamme; das is doch eene alte Weste! Hättste nich grad mich getroffen, so schtäckste noch heut bis an die schteifen Vatermörder im bornierten Sumpfe und ernährtest deine dunkle Seele mit Sauerampfer und einmarinierten Krötenschenkeln. Waste bist, das habe nur ich aus dir gemacht. Nur meine intellektuelle Buttermilch is es gewesen, durch welche dein schwacher Kopf seine gegenwärtige Geistesschtärke erhalten hat. Darum habe ich das juristikalische Recht, von dir zu verlangen, daß du meine überlegene Rosinante anerkennst. So eene Meenung, wie die deinige, is doch geradezu unerhört! Die Leuchtkugel, welche wir gesehen haben, soll aus dem Firmament gekommen sein! Als ob das Firmament nichts weiter zu thun hätte, als deine dunklen Seelenzuschtände mit glühenden Kugeln und Raketen zu beschtrahlen!“

„So sage uns doch deine Erklärung!“ forderte Jemmy ihn lachend auf.

„Fällt mir gar nich ein!“

„Warum nicht?“

„Weil ich dich dadurch abermals um eenige Grade nach Celsius gescheiter machen würde, ohne daß du es dankbar anerkennst.“

„Oder weil du selbst keine Erklärung weißt!“

„Oho! Ich kann, wie König Salomo, alle Dinge erklären, von der Ceder an bis zum Sirup herunter. Und so eene Leuchtkugel is mir erst recht schnuppe. Sie verdankt ihre Entschtehung eener schwefelhaften Vermählung zwischen dem Phosphor und denjenigen Feuerschwämmen, welche zuweilen …“

Er wurde von einem Ausrufe Old Shatterhands unterbrochen. Dieser letztere deutete mit seiner ausgestreckten Hand nach Süden und sagte:

„Dort kommt ein Reiter, ein einzelner Mann. So ganz allein hier zu reiten, dazu gehört eine große Kühnheit und eine außerordentliche Kenntnis der Llano estakata.“

„Wer mag er sein?“ fragte Tim. „Er scheint sich so schnell wie möglich von außen herum an uns heranschlängeln zu wollen.“

Old Shatterhand hielt sein Pferd an, zog sein Fernrohr aus der Satteltasche, richtete es auf den Reiter, welcher im gestreckten Galopp näher kam, ließ es dann wieder sinken und sagte im Tone der Freude:

„Es ist der Bloody-Fox, der uns so lang entschwunden war. Erwarten wir ihn hier!“

Nach kurzer Zeit erkannte Fox die einzelnen Personen der Truppe. Er schwenkte den Arm zum Gruße und rief bereits von weitem:

„Welch ein Glück, daß ich euch treffe, Mesch’schurs! Ich muß um eure schnelle Hilfe bitten.“

„Für wen?“ fragte Old Shatterhand.

„Für einen Zug von meist deutschen Auswanderern, welche höchst wahrscheinlich noch heute nacht von den Geiern überfallen werden sollen.“

Bei diesen Worten war er herangekommen, hielt sein Pferd an und reichte den Männern die Hand zum Gruße.

„Jedenfalls dieselben, welche wir suchen,“ nickte Old Shatterhand. „Wo sind sie?“

„Im Südost von hier. Sie scheinen gerade auf das große Kaktusfeld zuzuhalten.“

„Das kenne ich nicht.“

„Es ist das größte der ganzen Llano. Ich habe über dreißig Geier gezählt und zwei von ihnen erschossen. Sie haben die Stangen ausgezogen und stecken sie in der Richtung nach dem Kaktus wieder ein. Dort ist kein Hindurchkommen möglich. Daraus kann man mit Sicherheit schließen, daß die Emigranten da ausgelöscht werden sollen.“

„Wie weit haben wir zu reiten, um die Leute einzuholen?“

„Im Galopp über drei Stunden lang.“

Well, dann vorwärts! Wir wollen keine Zeit verlieren. Sprechen können wir auch während des Reitens.“

Nun jagte die kleine Schar wie im Sturme über die Ebene dahin. Bloody-Fox hielt sich an Old Shatterhands Seite und erzählte ihm sein Zusammentreffen mit den „Geiern“ und den Verlust seiner vier Pferde. Der Jäger sah ihn von der Seite an und sagte mit einem bezeichnenden Lächeln:

„Fünf Pferde habt Ihr, Fox? Hm! Hier mitten in der Llano? Ist auch dasjenige dabei, auf welchem da kürzlich der Avenging-ghost an uns vorüberritt?“

„Ja, Sir,“ nickte Fox.

„Dachte es mir!“

„Das Geheimnis ist ja doch nicht mehr festzuhalten, da Ihr auf alle Fälle nun mein Geisternest zu sehen bekommt. Auch werde ich nicht mehr nötig haben, Komödie zu spielen, da es uns nun hoffentlich gelingen wird, die ganze Bande bis auf den letzten Mann auszurotten. Es fehlt mir nur noch einer, einer, einer!“

„Welcher?“

„Der Anführer von damals, als ich allein von allen übrig blieb.“

„Wer weiß, wo seine Gebeine schon längst bleichen. Fox, Ihr seid trotz Eurer Jugend doch ein wahrer Held. Ich habe Respekt vor Euch. Später mögt Ihr uns einmal alles ausführlich erzählen. Schon jetzt aber weiß ich, was für ein Mann Ihr seid und mit welchen Gefahren Ihr siegreich gerungen habt. Aber da Ihr so viele Pferde besitzet und so nach Belieben kommen und verschwinden konntet, so müßt Ihr unbedingt inmitten der Llano estakata einen Platz haben, an welchem es Wasser, Bäume, Gras und Früchte gibt.“

„Den habe ich allerdings. Ich wohne an einem kleinen See jenseits des großen Kaktuswaldes.“

„Ah, gar ein See? So hatte also die alte Überlieferung keine Unwahrheit gesagt! Bitte, beschreibt mir doch einmal den Platz!“

Bloody-Fox that das. Niemand hörte es als Old Shatterhand, und dieser beschloß, dieses Geheimnis jetzt noch nicht preiszugeben.

Nach längerer Zeit erhielten die Pferde die Erlaubnis, langsamer gehen zu dürfen, da man sie nicht allzusehr anstrengen durfte; dann aber mußten sie wieder galoppieren.

Eben als die Sonne unterging, erreichte man die Wagenfährte, der man nun gerade nach Süden zu folgte. Das war nicht schwer, da bald die dünne Sichel des Mondes sich erhob, welche einen genügenden Schein verbreitete. Dann, als man ungefähr noch eine Stunde geritten war, hielt Old Shatterhand plötzlich sein Pferd an, deutete nach vorn und sagte:

„Da sind die Auswanderer. Man sieht ihre Wagenburg. Bleibt hier halten. Ich werde mich einmal anschleichen und euch dann Nachricht bringen.“

Er stieg vom Pferde und huschte fort. Es währte wohl eine halbe Stunde, bevor er zurückkehrte. Dann meldete er:

„Es sind zwölf große Ochsenwagen zu einem Vierecke zusammengeschoben, inmitten dessen die Leute sitzen. Sie haben weder etwas zu essen und zu trinken, noch Material zu einem Feuer. Sie sind von ihrem Führer verraten, sonst müßten sie das alles haben. Die Ochsen liegen stöhnend am Boden; sie sind dem Verschmachten nahe und können morgen früh jedenfalls nicht auf. Das wenige Wasser, welches wir bei uns haben, reicht nicht einmal für die Menschen aus. Um die Tiere zu retten, müssen wir ihnen unbedingt Regen schaffen.“

„Regen?“ fragte Hobble-Frank. „Meenen Sie etwa, daß Sie es hier mitten in der Llano regnen lassen können?“

„Jawohl!“

„Wie? Was? Wirklich? Das geht mir doch fast über die Hutschnur. Sie sind zwar een höchst obligater Mann, aber daß Sie so nach Belieben Wolken hersäuseln können, das hab‘ ich Ihnen, weeß Knöppchen, doch noch nich zugetraut. Wer is denn Ihr Wolkenschieber?“

„Die Elektrizität. Ich habe keine Zeit, Ihnen das jetzt zu erklären. Um Wasser zu machen, brauche ich Feuer, eine möglichst große, brennende Fläche. Bloody-Fox spricht von einem sehr ausgedehnten Kaktusfelde, welches nahe von hier im Süden liegt. Da darf ich hoffen, Ihnen in ganz kurzer Zeit einen gehörigen Platzregen zu fabrizieren. Jetzt aber kommen Sie!“

Er stieg wieder auf und ritt nach der Wagenburg. Die anderen folgten ihm, kopfschüttelnd über den verheißenen Regen und neugierig bezüglich der armen Menschen, zu deren Rettung sie gekommen waren.

Man hatte die Wagen so zusammengeschoben, daß kein Reiter hindurch konnte; aber das Nahen der Retter wurde gehört. Diese stiegen vor der Wagenburg von ihren Pferden. Sie hörten, daß im Innern derselben jemand rief:

„Horcht! Es kommen Menschen. Herrgott, sollten sie Hilfe bringen? Oder sind es Räuber?“

„Wir sind keine Räuber. Wir bringen euch vor allen Dingen Wasser,“ antwortete Old Shatterhand laut. „Kommt her und laßt uns ein!“

Zounds!“ rief eine andere unwillige Stimme. „Sollte etwa gar… wartet ihr anderen, ich werde nachsehen!“

Der Mann kam herbei, lehnte sich über eine Deichsel herüber und fragte:

„Wer seid ihr, Fremde?“

„Man nennt mich Old Shatterhand, und hier sind meine Gefährten, lauter ehrliche Leute.“

„Old Shat…. hole Euch der Teufel!“

Der Mann, welcher die Retter mit dieser Verwünschung empfing, anstatt ihnen entgegenzujauchzen, war kein anderer als Master Tobias Preisegott Burton.

„Ah, Ihr seid es!“ sagte Old Shatterhand, der ihn trotz der Dunkelheit erkannt hatte. „Freut mich außerordentlich, Euch hier zu treffen!“

Aber Burton war schon fort. Er erkannte, daß er keinen Augenblick länger bleiben dürfe. Darum glitt er nach der entgegengesetzten Seite, wo sein Pferd stand, zog schnell eine Deichsel aus dem Wagen, um sich einen Ausgang aus dem Wagenvierecke zu schaffen, warf sich in den Sattel und jagte davon.

Hinter sich hörte er die frohlockenden Rufe der Leute, welche er dem Verderben geweiht hatte.

„Wartet nur!“ knirschte er. „Ich kehre bald zurück, und dann sollen mit euch auch die verloren sein, welche als eure Helfer kommen. Old Shatterhand! Welch einen Fang werden wir machen!“

Er brauchte gar nicht weit zu reiten. Nach einer kleinen Viertelstunde stieß er auf seine Genossen, welche hier auf ihn warteten, damit er sie zum Massenmorde abholen sollte.

Sie zeigten sich keineswegs darüber enttäuscht, daß ein so berühmter Jäger, wie Old Shatterhand zu den Auswanderern gestoßen war. Sie freuten sich vielmehr darüber, weil dadurch die zu erwartende Beute vermehrt wurde. Daß ihr Anschlag mißlingen könne, das hielten sie gar nicht für möglich. Freilich konnten sie ihre Opfer nun nicht ohne Kampf überwältigen, aber siegen mußten sie, wenn sie die Zeit des Morgengrauens erwarteten, wo man dann den Freund vom Feinde besser unterscheiden konnte, als jetzt, während der Nacht.

Die beiden angeblichen Mexikaner befanden sich auch schon bei dieser Schar. Sie hatten in der Murding-Bowl nur einen einzelnen Posten gefunden und waren von demselben hierher geführt worden. Sie erzählten ihr Erlebnis im „singenden Thale“ und richteten damit große Freude an. Es wurde beschlossen, erst die Emigranten zu überwältigen und dann Winnetou aufzusuchen, um ihn und seine Begleiter zu überfallen, was auch eine reiche Beute ergeben mußte.

Daß der Apache schon in der Nähe sein könne, kam ihnen gar nicht in den Sinn. Und doch war er da.

Er war mit seiner Truppe nach der Murding-Bowl gekommen, hatte sie aber leer gefunden. Dieses „Mordbecken“ bestand aus einer schroffen und ziemlich tiefen Bodensenkung, deren Grund stets eine trübe Wasserlache trug. Vielleicht stammte diese Feuchtigkeit von dem nicht allzuweit entfernten See im „Geisterneste“; wenn sie auch trübe war, so bildete sie doch hier inmitten der öden Llano eine große Kostbarkeit, so daß die „Geier“ diesen Ort als feste Station benutzten. So oft sie sich über die Plains zerstreuten, immer kehrten sie wieder nach hier zurück, wo stets einer von ihnen bleiben mußte, um den Nachrichtendienst zu versehen.

Heute war dieser Mann mit den Mexikanern fortgeritten, und darum hatte Winnetou den Platz leer gefunden. Sein scharfes Auge sagte ihm aber bald, wohin er sich zu wenden habe. Er folgte der Fährte dieser drei Männer und entdeckte nach Einbruch des Abends den Platz, an welchem die „Geier“ lagerten.

Seine Leute mußten halten bleiben. Er selbst legte sich auf die Erde und kroch wie eine Schlange auf die Gruppe der Räuber zu. Er sah Burton kommen und sich zu ihnen setzen. Leider durfte er sich nicht so weit an sie wagen, daß er ihre Worte hätte verstehen können; aber es gelang ihm wenigstens, sie zu zählen. Dann kehrte er zurück.

„Dreißig und fünf Geier,“ meldete er. „Morgen um diese Zeit wird ihr Fleisch von den wirklichen Geiern gefressen werden.“

„Was haben sie dort vor?“ fragte Ben New-Moon.

„Sie lauem auf Beute, und diese befindet sich im Norden von hier, denn die Mexikaner ritten nach dieser Richtung und eben jetzt kam von dorther der Bote, welcher meldete, daß der Mord beginnen kann. Meine Brüder werden jetzt mit mir nach Norden reiten, wo wir die Leute sicher treffen, welche getötet und beraubt werden sollen.“

Er stieg wieder auf und ritt zunächst einen ziemlich weiten Bogen, damit er und die Seinigen nicht bemerkt werden könnten; dann bog er wieder in die beabsichtigte Linie ein.

Nach der schon bei Burton angegebenen Zeit sahen sie die Wagenburg vor sich liegen. Jetzt standen Posten vor derselben; Old Shatterhand hatte Vorsichtsmaßregeln getroffen. Als sie von diesen Leuten angerufen wurden, antwortete Winnetou:

„Die weißen Männer dürfen keine Sorge haben. Hier ist Winnetou, der Häuptling der Apachen, welcher ihnen Hilfe, Fleisch und Wasser bringt.“

Seine sonore Stimme war deutlich zu hören. Kaum war das letzte Wort verklungen, so hörte man in dem Innern der Wagenburg den Hobble-Frank freudig ausrufen:

„Winnetou? Da sei Victoria getrommelt und gepfiffen; denn wo der Apache is, da muß ooch der Bärenjäger und sein kleiner Martin sein! Laßt mich ’naus; ich muß sie alle beede angtukah umärmeln! Nee, so eene Weihnachten! Hier mitten in der Sahara und bei fast schtockdunkler Nacht mit meinen besten Freunden zusammenzurennen, da is doch die Freede gar zu groß!“

Er kam über einen Wagen geklettert und von demselben herabgesprungen, blieb aber erstaunt stehen, als er die Schar der Komantschen erblickte.

„Alle Wetter, was is denn das?“ fragte er. „Da hält ja een ganzes Bataillon Kavallerie vor unserer Thüre! Das kommt mir merschtenteels verdächtig vor. Kommen Sie mal ‚raus, Herr Old Shatterhand, und sehen Sie sich mal die Geister an, die allhier zu Pferde nachtwandeln!“

Aber schon hing Martin Baumann an seinem Halse und zugleich schlang auch der Bärenjäger die Arme um ihn. Das gab ein herzliches Frohlocken. Auch Winnetou begrüßte den alten Bekannten erfreut und sagte dann:

„So muß mein Bruder Shatterhand hier sein. Hat er meine Stimme nicht gehört?“

„O doch! Hier bin ich!“ rief der Genannte, welcher mit Hilfe einiger anderer schnell zwei Wagen auseinander geschoben hatte und nun heraustrat, um den roten Freund an seine Brust zu drücken. Die anderen folgten nach, Jemmy, Davy, der Juggle-Fred, Jim und Tim; die ersteren, um die Freunde zu begrüßen, die letzteren, um so schnell wie möglich Winnetou zu sehen. Das gab ein reges Fragen und Antworten, ein Drücken und Schütteln der Hände, aber ohne allen Lärm, wie es die Lage mit sich brachte.

Aber ernst und traurig stand der junge Eisenherz bei seinen Komantschen, welche erstaunt waren, ihn hier zu finden, und erzählte ihnen von der Ermordung ihres Häuptlings, seines Vaters. Sie hörten ihn schweigend an und sagten kein Wort dazu; aber in ihrem Innern war den „Geiern“ der Tod geschworen.

Nachdem die Begrüßung vorüber war, entwickelte sich ein zwar stilles aber höchst geschäftiges Treiben in der Wagenburg und um dieselbe. Sie wurde erweitert, damit auch die Komantschen im Innern Platz finden könnten. Die Geier sollten nicht bereits von weitem sehen, daß sie es jetzt mit einer solchen Zahl von Gegnern zu thun hätten. Auch die Pferde wurden hineingeschafft. Die Komantschen verteilten ihr Fleisch und auch das Wasser, welches sie in ausgehöhlten Flaschenkürbissen mit sich führten, unter die Auswanderer, denn Old Shatterhand versprach, daß man bald größeren Vorrat haben werde. Dennoch reichte es nicht aus, den Durst dieser armen Leute völlig zu stillen.

Es gab noch einzelne interessante und ganz unerwartete Szenen, wie zum Beispiele diejenige, als Ben New-Moon den Juggle-Fred erkannte, welcher ihn damals von der Mörderhand des Stealing-Fox errettet hatte. Bald jedoch herrschte tiefe Stille um die Wagenburg. Zwar schlief keiner, aber diejenigen, welche einander so viel zu erzählen hatten, sprachen nur im Flüstertone, so daß außerhalb der Wagenburg kein Laut zu hören war.

Old Shatterhand hatte das Kommando übernommen. Er saß neben Bloody-Fox, um sich den Lebenslauf desselben und dann vor allen Dingen auch die Gegend, in welcher sie sich jetzt befanden, auf das genaueste beschreiben zu lassen. Es sollte womöglich keiner der „Geier“ entkommen, damit dem Treiben derselben ein für allemal ein Ende gemacht werde.

Ganz besonders interessierte es ihn, zu hören, daß neben der großen südlichen Kaktusstrecke ostwärts noch eine zweite liege, welche zwar weit schmäler aber noch viel länger als die erstere sei. Fox sagte, daß sich zwischen beiden ein ziemlich schmaler Sandstreifen südwärts ziehe, auf welchem man nach seinem „Geisterneste“ gelangen könne.

„Gut!“ sagte Old Shatterhand. „So kann kein einziger dieser Halunken entkommen. Sollten sie unsere Überzahl ja zu früh bemerken, oder sollten sie nach dem ersten Angriffe fliehen, so jagen wir sie zwischen diese beiden Kaktusstrecken hinein und brennen dieselben an. Dadurch erhalten wir zugleich auch Wasser für die Zugtiere, welche nicht verschmachten dürfen.“

„Aber da werden die Geier meinen See erreichen und von da aus entkommen!“

„Nein, Fox, denn Ihr werdet gleich jetzt mit zehn Komantschen dorthin aufbrechen, um die Kerls, welche wir getrieben bringen, dort in Empfang zu nehmen. Sie kommen zur rechten Zeit dort an, denn ich wette, daß der Angriff erst gegen Morgen erfolgt.“

Dieser Plan wurde sofort ausgeführt. Man öffnete die Wagenschanze noch einmal, um Fox mit den Komantschen hindurch zu lassen; dann herrschte wieder die tiefste Ruhe rund umher.

Die Posten standen weit außerhalb der Wagenburg und hatten den Befehl, sich beim Nahen der Feinde schnell und still, zwischen den Rädern hindurchkriechend, in das Innere zurückzuziehen. Dort standen die gesattelten Pferde zur augenblicklichen Verfolgung der Fliehenden bereit, und jeder Reiter hatte seine bestimmte Instruktion erhalten.

So verging die Nacht. Im Osten erwachte ein leiser Dämmerschein, und die Konturen der Wagen und sonstigen Gegenstände traten deutlicher hervor. Es gab keine Spur von Morgennebel. Die Dämmerung wurde heller, und nun sah man die „Geier“ zu Pferde südwärts halten, vielleicht wenig über tausend Schritte entfernt.

Sie hielten ihre Zeit für gekommen und setzten ihre Pferde in Bewegung. Im Galopp kamen sie heran. Sie waren überzeugt, daß hinter den Wagen höchstens ein einziger Wächter munter sei.

Die Posten hatten sich zurückgezogen, und alle Männer standen an der Seite der Wagenburg, von welcher der Angriff kam.

„Schießt nicht auf die Pferde, sondern auf die Reiter!“ gebot Old Shatterhand.

jetzt waren die „Geier“ nur noch hundert, noch achtzig, noch fünfzig Schritte entfernt.

„Feuer!“ rief Old Shatterhand.

Über dreißig Schüsse krachten. Die Schar der Angreifer bildete augenblicklich einen wirren Haufen. Tote und Verwundete stürzten von den Pferden; die ledig gewordenen Tiere rannten weiter. Die anderen wurden von ihren Herren, welche nicht oder nur leicht verwundet waren, zurückgerissen; ihrer waren kaum noch über zehn.

„Hurra, hurra! Old Shatterhand und Winnetou!“ schrie der Hobble-Frank.

Als die „Geier“ nun auch den letzteren Namen hörten und die Höhe ihrer so blitzschnellen Verluste sahen, kehrten sie schnell um und jagten von dannen, nach Süden zu, Master Tobias Preisegott Burton als der Erschrockenste an ihrer Spitze.

„Hinaus! Und jeder an seinen Platz!“ gebot Old Shatterhand.

Zwei Wagen wurden schnell entfernt, so daß alle hindurch konnten. Die Emigranten rannten laut der vorher erhaltenen Weisung auf die Toten und Verwundeten zu. Die anderen alle, welche sich mit den letzteren nicht aufhalten sollten, traten die Verfolgung der Flüchtigen an, mit welcher sie es aber nicht gleich allzu eilig nahmen.

Nur zwei entwickelten die ganze Schnelligkeit ihrer Pferde, indem sie gegen Südwesten sprengten, wo sie die Kaktusfläche in Brand stecken sollten. Diese beiden waren Jim und Tim Snuffie.

Zehn Komantschen ritten ostwärts, um dann nach Süden einzubiegen und den Fliehenden den Weg ostwärts zu verlegen, damit sie gezwungen seien, zwischen die beiden Kaktusfelder einzubiegen. Die anderen, Old Shatterhand und Winnetou an der Spitze, ritten im Trabe nach Süden, hinter den „Geiern“ her, welche galoppierten und ihnen also zu entkommen schienen.

Diese Menschen waren voller Wut, ihren Anschlag in dieser Weise mißglückt zu sehen. Sie jagten still dahin, ohne miteinander zu sprechen. Nur Flüche wurden ausgestoßen. Erst als sie die Murding-Bowl erreichten, hielten sie an.

„Was nun?“ fragte Burton, welcher keuchend auf dem Pferde saß. „Hier können wir nicht bleiben, denn die Hunde sind hinter uns her.“

„Natürlich!“ stimmte Carlos Cortejo bei, welcher ebenso wie sein Bruder unverwundet geblieben war. „Geradeaus durch den Kaktus können wir nicht; also rechts ab. Kommt!“

Sie schlugen die angegebene Richtung ein, sahen da aber bald von fern einen dicken Rauch aufsteigen.

All satans!“ rief Emilio. „Dort sind sie uns zuvorgekommen. Sie haben den Kaktus angebrannt. Zurück also!“

Sie jagten wieder zurück, an der Murding-Bowl vorüber und nach Osten zu. Nach kaum zehn Minuten sahen sie links von sich Old Shatterhand, welcher mit seiner Schar in der Diagonale auf sie ritt. Das erfüllte sie mit Schreck. Sie spornten ihre Pferde auf das äußerste an, um vorüber zu kommen, was ihnen auch gelingen zu wollen schien.

Dann wollten sie seitwärts ausbrechen. Bald aber erkannten sie, daß dies unmöglich sei, denn sie sahen nun auch die zehn Komantschen, welche weit draußen hielten und ihnen den Weg verlegten.

„Heut‘ ist der Teufel los!“ schrie Burton. „Ich glaube gar, dieser Winnetou ist mit dabei. Wenigstens hörte ich seinen Namen rufen. Wir müssen rechts ab, zwischen den Kaktus hinein!“

„Gibt es denn da einen Ausweg und nicht etwa eine Sackgasse?“ fragte Carlos.

„Weiß, es nicht. Bin all mein Lebtage nicht dort hinein gekommen. Es bleibt uns aber nichts anderes übrig.“

„Dann nur schnell, damit das Feuer nicht eher kommt als wir!“

Sie jagten nach rechts, südwärts, gerade dahin, wohin Old Shatterhand sie hatte haben wollen. Und nun gab auch dieser endlich seinem Pferde die Sporen. Links von ihm kamen die zehn Komantschen, rechts die beiden Snuffles, die ihre Aufgabe gelöst hatten, herbei, und nun galoppierten alle hinter den „Geiern“ drein, zwischen die Kaktusfelder hinein, dem fernen „Geisterneste“ zu.

Wohl hatte Carlos Cortejo recht gehabt, vor dem Feuer zu warnen. Es kam herbei, erst zwar langsam, dann aber immer schneller und schneller.

Jahrhundertelang hatten die papierdürren Kaktusreste da gelegen, von Zeit zu Zeit neue Pflanzen treibend. Das gab einen Stoff wie Zunder. Die Flammen leckten erst leise um sich her; dann begannen sie zu laufen, zu springen und schlugen haushoch empor. Bald stand die ganze breite, breite Fläche in hellem, lückenlosem Feuer, dessen Prasseln von weitem wie ein ferner Donner zu hören war. Die aufsteigende Hitze erzeugte einen Luftstrom, welcher immer stärker wurde und sich gar zum Winde erhob. Je mehr das Feuer um sich griff, je weiter es nach Süden schritt und da eine Fläche von verschiedenen englischen Quadratmeilen bedeckte, desto sichtlicher trat das ein, was Old Shatterhand erwartet hatte. Der Himmel verlor sein Blau, wurde erst fahlgelb, dann grau, dunkler und dunkler, und wirklich, da zogen sich schwere, dunkle Massen zusammen, welche nicht aus Rauch bestanden. Der jetzt sehr starke Wind ballte sie zu dichten Wolken, welche nach und nach den ganzen Himmel zu bedecken schienen.

Die Atmosphäre war glühend heiß; der Sand schien zu brennen. Droben begannen Blitze durch die Wolken zu zucken; einzelne Tropfen fielen, mehrere, immer mehr; jetzt, wahrhaftig, jetzt regnete es wirklich, stärker, immer stärker, bis es schließlich buchstäblich goß wie bei einem tropischen Gewitter.

Die Emigranten hatten ihre schwer verwundeten Feinde einfach erschossen, die Habseligkeiten der Toten zu sich genommen und dann die Pferde derselben zusammengetrieben. Nun sollten sie bis zur Rückkehr ihrer Freunde warten, aber – – ohne Wasser! Da sahen sie das Feuer. Sie bemerkten die Wolkenbildung. Sie fühlten die fallenden Tropfen. Sie standen endlich im erquickenden Regen, im Gewittergusse und holten alle vorhandenen Gefäße herbei, um dieselben sich füllen zu lassen. Die fast verschmachteten Stiere bekamen wieder Leben. Sie brüllten vor Freude; sie wälzten sich im Regen; sie erhielten zu saufen; sie waren gerettet, und mit ihnen ihre Herren, welche ohne diese Tiere nicht mit den Wagen weiter gekonnt hätten – – ein Werk Old Shatterhands. –

Kurz nach Anbruch des Tages war Bloody-Fox mit seinen zehn Komantschen bei der Passiflorenhütte angekommen. Sanna erschrak nicht über die Indianer. Sie freute sich, einmal Menschen zu sehen, fragte aber ihren jungen Herrn sogleich nach dem Neger Bob. Er vertröstete sie auf später und begab sich in die Hütte. Als er wieder heraustrat, hatte er das weiße Büffelfell überhängen.

„Timb-ua-ungva – der Geist der Llano!“ rief Eisenherz, welcher sich mit bei dieser Abteilung der Komantschen befand.

Auch die anderen starrten diese Lösung des oft besprochenen Rätsels an, sagten aber nichts. Bloody-Fox stieg wieder auf und ritt mit ihnen weiter, indem er die Oase wieder verließ und draußen an der südöstlichen Ecke des Kaktuswaldes Stellung nahm. Sein Auge blickte forschend nach Norden.

Jetzt erhob sich da oben eine finstere Wand, gegen welche von unten her helle Flammen zuckten.

„Jetzt bringt das Feuer die Geier getrieben,“ sagte er zu Eisenherz. „Vielleicht findet mein roter Bruder darunter einen der Mörder seines Vaters.“

Er nahm das Gewehr zur Hand. Eisenherz that dasselbe.

Die Wolkenwand näherte sich; noch vor ihr kam das Feuer. Die Luft wurde von Minute zu Minute drückender. Ganz heran konnte das Feuer nicht. Es mußte an der Kaktusgrenze stehen bleiben.

„Uff!“ rief einer der Indianer, nach Norden deutend. „Sie kommen!“

Ja, sie kamen, die Geier; aber es waren nur noch drei. Die anderen waren unterwegs von den Verfolgern ausgelöscht worden. Ihre Pferde trieften vor Schweiß; sie selbst konnten sich kaum noch im Sattel erhalten. Eine Strecke hinter ihnen sah man Old Shatterhand und Winnetou, denen die anderen alle folgten. So kam die wilde Jagd näher. Die beiden Letztgenannten strengten ihre Pferde nicht sehr an. Sie wollten die drei letzten „Geier“ für Bloody-Fox und seine Komantschen aufbewahren.

Der erste war Burton, den beiden anderen weit voran. Er sah die Bäume, ein Wunder auf der Llano, und hielt gerade auf sie zu. Fox lenkte auf ihn ein. Als der Mormone ihn erblickte, schrie er auf vor Entsetzen und schlug auf sein Tier ein, daß es seine letzte Kraft anstrengte, die Bäume zu erreichen.

Jetzt kamen die beiden übrigen. Sie mußten nahe an Eisenherz vorüber. Er erkannte sie, die bei der Ermordung seines Vaters beteiligt gewesen waren. Er zog das Gewehr an die Achsel – zwei Schüsse, und sie stürzten von den Pferden. Er ritt zu ihnen hin, um ihnen die Skalpe zu nehmen.

Indessen jagte Bloody-Fox den frommen Burton, den Schlimmsten von allen, vor sich her, auf die Bäume zu, zwischen denselben hin bis vor die Hütte. Vor derselben brach das Pferd zusammen, und Burton flog aus dem Sattel. Im Nu stand Fox neben ihm, riß das Messer aus dem Gürtel und bog sich nieder, um ihm den Todesstoß zu versetzen. Aber er fuhr wieder empor und stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Beim Sturze war Burton der Hut entfallen, und zugleich wurde sichtbar, daß er eine Perücke getragen hatte. Sie hatte sich vom Schädel gelöst und ließ die natürlichen, kurz geschorenen Haare sehen. Sein Gesicht war durch die Anstrengung des Rittes verzerrt und aufgedunsen und seine Augen blickten starr und gläsern zu dem jungen Manne auf – – er hatte den Hals gebrochen. Jetzt erkannte Bloody-Fox den Mörder seiner Eltern. Er hatte bei jenem Überfalle den Namen desselben rufen hören, und dieser Name Fox war das einzige gewesen, was von seinem Gedächtnisse festgehalten worden war. Er hatte ihn immer und immer genannt und ihn darum von Helmers als seinen eigenen bekommen.

Jetzt kamen auch die anderen herbeigestürmt. Sie alle. außer Old Shatterhand, waren ungemein erstaunt, als sie Bloody-Fox in dem weißen Büffelfell erblickten.

„Der Geist – der Geist der Llano – Bloody-Fox ist es – also er, er ist’s gewesen!“ so erschallten die Rufe durcheinander.

Fox achtete nicht darauf. Er deutete auf Burtons Leiche und sagte:

„Da ist er, der Mörder! Darum kam er mir so bekannt vor! Nun ist er tot, und ich werde nie erfahren, wer meine Eltern gewesen sind!“

Ben New-Moon sah den Toten und rief:

„Der Stealing-Fox! Endlich ist er unschädlich gemacht! Schade, daß er den Hals gebrochen hat. Nun muß ich ihm meine Kugel für immer schuldig bleiben!“

„Wohl ihm, daß er tot ist!“ sagte Old Shatterhand ernst. „Mit ihm sind alle Geier ausgelöscht, und nun wird es Ruhe in der Llano geben. Und sollten ja noch einer oder einige existieren, so wird es von hier aus leicht sein, gegen sie auf die Jagd zu gehen. Eine solche Oase konnte niemand hier vermuten.“

Bob war natürlich auch da. Er achtete aber weder auf den Toten noch auf den jetzt entdeckten Geist der Estakata. Sein Auge war auf die Negerin gefallen und das ihrige auf ihn. Sie eilte zu ihm hin und fragte hastig:

„Sein du etwa Neger Bob?“ Und als er nickte, fuhr sie fort: „Heißen deine Mutter Sanna? Haben du schon einmal sehen dieses Bild mit Sanna und ihr klein Smalling-Bob?“

Sie hielt ihm die alte Photographie entgegen. Er warf einen Blick auf dieselbe und flog mit einem Jubelrufe vom Pferde. Sie hielten sich umschlungen und vermochten längere Zeit ihrem Entzücken nur durch unartikulierte Laute Ausdruck zu verleihen.

Es ist nur weniges hinzuzufügen. Die „Geier“ waren besiegt, und eine Abteilung der Komantschen ritt fort, die Emigranten herbeizuholen; diese sollten sich hier am Passiflorensee erholen und dann durch die Llano begleitet werden. Das Feuer verlöschte, als es keine Nahrung mehr fand, und die weite Kaktusfläche lag in Asche tot.

Desto regeres Leben herrschte in und am Geisterneste. Bloody-Fox war der Held des Tages; er mußte seinen ganzen Lebenslauf ausführlich erzählen. Sein Bericht zeigte fast nur düstere Momente. Dennoch sprach er den festen Entschluß aus, für immer hier zu bleiben, um die Llano von „Geiern“ rein zu halten. Sanna und Bob erklärten, ihn nicht verlassen zu wollen.

Seine Erzählung war für die Westmänner so hochinteressant, daß selbst der sonst so sprechselige Hobble-Frank ihn nicht ein einziges Mal unterbrach. Als dann aber der kleine Sachse mit Jemmy und den beiden Snuffies einen Rundgang um den See machte, fragte ihn Tim:

„Nun, Frank, jetzt haben wir uns so schön von außen herum ins Geisterland hineingeschlängelt. Behauptest du noch immer, daß der Geist der Llano estakata ein wirkliches Gespenst sei?“

„Schweigste schtille!“ antwortete der Gefragte. „Habe ich mich hier mal geirrt, so gibt’s doch anderswo höhere Siriusregionen, und was keen Verschtand der Verschtändigen sieht, das sieht jeder Sachse, sobald’s nur geschieht.“

„Ja, Sachsen, und besonders Moritzburg, das ist das höchste der Gefühle!“ lachte Jim.

„Bleib mir mit deinen Gefühlen nur hinter der Fronte, alter Schnuffel! Du kennst mich noch lange nich; aber da wir noch eenige Monate beisammen bleiben wollen, so wirst du mich kennen und verehren lernen. Meine Persönlichkeet reißt jeden endlich doch zur Hochachtung hin. Nich wahr, Jemmy?“

„Allerdings!“ nickte dieser mit einem kleinen ironischen Lächeln.

„Da hört ihr’s beede! Und eegentlich habt ihr mir alles zu verdanken, denn wenn ich nich da droben bei Helmers Home mit Bloody-Fox zusammengetroffen wäre, so hättet ihr den Geist der Llano niemals entdeckt. Diese Anerkennung muß ich unbedingt schon jetzt verlangen. Schpäteren Geschlechtern bleibt’s dann vorbehalten, mich und den Geist in Eisen zu gießen oder in Marmor zu hauen, damit mein Name hier ebenso in goldenen Lettern schtrahlt wie droben im Nationalparke, wo hoffentlich bald die Welt mein Monument beschtaunt!“

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Tokvi Tey

Tokvi-tey

Es war am Nachmittage des darauffolgenden fünften Tages, als die sechs Reiter das Gebiet der Pulverflußquellen hinter sich hatten und nun den Bighornbergen zustrebten.

Die Strecken, die sich von Missouri nach dem Felsengebirge hinziehen, gehören noch heutigen Tages zu den wildesten Teilen der Vereinigten Staaten. Dieses Gebiet besteht fast ganz aus einsamer baumloser Prairie, in welcher der Jäger mehrere Tage lang zu reiten hat, ehe er einen Busch oder eine Wasserquelle findet. Das Land steigt nach Westen zu allmählich an; es bildet bald sanfte Erhöhungen, sodann Hügel, welche immer höher, schroffer und zerklüfteter werden, je weiter man nach Westen kommt; aber der Mangel an Holz und Wasser bleibt sich gleich. Darum wird diese Gegend von den Indianern „Mah-kosietscha“ und von den Weißen „Bad lands“ genannt. Beide Ausdrücke bedeuten das Gleiche, nämlich soviel wie schlechtes Land.

Selbst bedeutende Flüsse, deren Gebiet ein großes ist, wie z.B. der Platte, führen im Sommer nur wenig Wasser mit sich. Weiter im Norden, wo die Quellgebiete des Cheyenne-, Powder-, Tongue- und Big-Horn-Flusses liegen, wird das Land besser. Das Gras ist saftiger; die Büsche treten zu ausgedehnteren Strauchwäldern zusammen, und endlich schreitet der Fuß des Westmannes sogar im Schatten hundert- und noch mehrjähriger Baumriesen dahin.

Dort befinden sich die Jagdgründe der Schoschonen oder Schlangenindianer, der Sioux, Cheyennes und der Arapahoes. Jeder dieser Stämme zerfällt wieder in Unterabteilungen, und da eine jede dieser Abteilungen ihre besonderen Interessen verfolgt, so ist es kein Wunder, daß es einen immerwährenden Wechsel von Krieg und Frieden zwischen ihnen gibt. Und ist der rote Mann ja einmal zu längerer Ruhe geneigt, so kommt Master Bleichgesicht und sticht ihn so lange, erst mit Nadeln, dann mit Messern, bis der Indianer das vergrabene Kriegsbeil wieder hervorsucht und von neuem zu kämpfen beginnt.

Unter diesen Umständen versteht es sich ganz von selbst, daß da, wo die Weidegründe so vieler und verschiedener Stämme und Abteilungen zusammenstoßen, die Sicherheit des Einzelnen eine sehr fragliche, ja höchst gefährdete ist. Die Schoschonen oder Schlangenindianer sind stets erbitterte Feinde der Sioux gewesen, und darum haben die Strecken, welche sich von Dakota aus südlich vom Yellowstoneflusse nach den Big-Hornbergen ziehen, sehr oft das Blut des roten – wohl auch des weißen Mannes getrunken.

Der dicke Jemmy und der lange Davy wußten das sehr genau, und aus diesem Grunde waren sie mit aller Sorge darauf bedacht, möglichst einem Zusammentreffen mit Indianern, gleichviel welchen Stammes, auszuweichen.

Wohkadeh ritt voran, da er ganz dieselbe Strecke bereits auf dem Herwege durcheilt hatte. Er war jetzt mit einer Büchse bewaffnet und trug an seinem Gürtel mehrere Beutel mit all den Kleinigkeiten, welche dem Prairiemanne unentbehrlich sind. Jemmy und Davy hatten ihr Äußeres nicht verändert. Der erstere ritt selbstverständlich seinen hohen Klepper, und der zweite hing seine ewig langen Beine an den Seiten seines kleinen, störrigen Maultieres herab, welches alle fünf Minuten den bekannten Versuch, seinen Reiter abzuwerfen, vergeblich wiederholte. Davy brauchte nur den einen Schuh, rechts oder links, wo es gerade notwendig war, auf die Erde zu setzen, um festen Halt zu haben. Er glich auf seinem Tiere einem jener Bewohner der australischen Inseln, welche ihre an sich höchst gefährlichen Boote mit Auslegern versehen und aus diesem Grunde niemals umkippen können. Davys Ausleger aber waren seine beiden Beine.

Auch Frank trug ganz dieselbe Kleidung, in welcher er von den beiden Freunden zum erstenmal gesehen worden war: Mokassins, Leggins, blauen Frack und Amazonenhut mit langer, gelber Feder. Der kleine Sachse saß ganz ausgezeichnet zu Pferde und machte trotz seines sonderbaren Habits den Eindruck eines recht tüchtigen Westmannes.

Eine Lust war es, Martin Baumann im Sattel sitzen zu sehen. Er ritt wenigstens ebensogut wie Wohkadeh. Er war wie mit dem Pferde verwachsen und hatte jene weit vorgebeugte Haltung, welche dem Tiere die Last erleichtert und den Reiter befähigt, die Anstrengung eines monatelangen Rittes ohne Übermüdung auszuhalten. Er trug einen echten ledernen Trapperanzug, wie überhaupt seine ganze Ausrüstung und Bewaffnung nichts zu wünschen übrig ließ. Er war mit ganzer Seele bei der Aufgabe, welche er zu lösen hatte. Wer ihm in sein frisches Gesicht und sein helles Auge blickte, mußte zu der Ueberzeugung kommen, daß er sich hier in der Prairie ganz in seinem Elemente befinde. Er machte ganz den Eindruck, daß er, obgleich noch halb ein Knabe, nötigenfalls doch als Mann zu handeln verstehen werde. Hätte die schwere Sorge um den gefangenen Vater nicht einen Schatten über ihn geworfen, so wäre er wohl das heiterste Glied des kleinen Trupps zu nennen gewesen.

Lustig war es, den schwarzen Bob zu betrachten. Das Reiten hatte niemals zu seiner Passion gehört, und so saß er in einer geradezu unbeschreiblichen Haltung zu Pferde. Er hatte seine liebe Not mit dem Tiere, und dieses aber auch wieder mit ihm, denn er vermochte es nicht, auch nur zehn Minuten lang einen festen Sitz zu bewahren. Hatte er sich einmal ganz an den Hals des Pferdes vorgeschoben, so brachte ihn jeder Schritt des Tieres um irgend einen Teil eines Zolles nach hinten. So rutschte und rutschte er, bis er sich in der Gefahr befand, hinten herunter zu fallen. Dann schob er sich möglichst weit vor, und die Rutschpartie begann von neuem, wobei er ganz unfreiwilligerweise in Stellungen geriet, welche der Spaßmacher eines Cirkus sich nicht lächerlicher hätte aussinnen können. Er hatte nämlich anstatt des Sattels nur eine Decke aufgeschnallt, weil er infolge früherer Proben wußte, daß es ihm unmöglich sei, sich in dem Sattel zu erhalten; er war bei einem einigermaßen schnellen Tempo immer hinter denselben zu sitzen gekommen. Er hielt die Beine weitab vom Pferde. Wurde ihm gesagt, daß er festen Schluß nehmen solle, so antwortete er stets:

„Warum soll Bob drücken mit den Beinen armes Pferd? Pferd ihm ja nichts zuleid gethan! Bobs Beine sind doch keine Kneipzange!“

Die Reiter hatten den Rand einer nicht sehr tiefen, fast kreisförmigen Bodensenkung erreicht, deren Durchmesser vielleicht sechs englische Meilen betragen mochte. An drei Seiten von kaum merklichen Terrainanschwellungen umgeben, wurde diese Senkung im Westen von einer ansehnlichen Höhe begrenzt, welche von Strauch- und Baumwuchs bestanden zu sein schien. Vielleicht hatte es früher hier eine seeartige Wasseransammlung gegeben. Der Boden bestand aus einem tiefen, unfruchtbaren Sande und zeigte außer wenigen harten Grasbüscheln nur jene grau schimmernde, nutzlose Mugwortvegetation, welche die sterilen Gegenden des fernen Westens kennzeichnet.

Wohkadeh trieb sein Pferd, ohne sich lange zu besinnen, in den Sand hinein. Er nahm die gerade Richtung nach der erwähnten Höhe zu.

„Was für eine Gegend ist dies hier?“ fragte der dicke Jemmy. „Sie ist mir unbekannt.“

„Die Krieger der Schoschonen nennen diesen Ort Pa-are-pap,“ antwortete der Indianer.

„Den See des Blutes. O weh! Da wollen wir ja nicht wünschen, Schoschonen zu begegnen.“

„Warum?“ erkundigte sich Martin Baumann.

„Weil wir sonst verloren wären. Hier an dieser Stelle ist eine Jagdabteilung der Schoschonen von den Weißen bis auf den letzten Mann niedergemetzelt worden, ganz ohne alle Veranlassung. Obgleich seitdem wohl an die fünf Jahre vergangen sind, würden die Stammesangehörigen der Ermordeten doch einen jeden Weißen, welcher das Unglück hätte, in ihre Gewalt zu geraten, ohne Barmherzigkeit töten. Das Blut der Gefallenen schreit nach Rache.“

„Meint Ihr, daß sich Schoschonen in der Nähe befinden, Sir?“

„Ich will es nicht hoffen. Wie ich gehört habe, befinden sie sich jetzt weit nordwärts am Musselschell River in Montana. Ist dies wahr, so sind wir vor ihnen sicher. Wohkadeh wird uns sagen, ob sie indessen südwärts gezogen sind.“

Der Indianer hatte diese Worte gehört. Er antwortete:

„Als Wohkadeh vor sieben Tagen hier vorüber kam, gab es keinen einzigen Krieger der Schoschonen in der Nähe. Nur die Arapahoes hatten ein Lager da aufgeschlagen, wo der Fluß entspringt, welchen die Bleichgesichter den Tongue River nennen.“

„So sind wir sicher vor ihnen. Uebrigens ist die Gegend hier so eben und offen, daß wir auf über eine Meile weit jeden Reiter oder Fußgänger erkennen und also imstande sein würden, unsere Maßregeln zur rechten Zeit zu treffen. Vorwärts also!“

Sie mochten wohl eine halbe Stunde lang in gerader westlicher Richtung geritten sein, als Wohkadeh sein Pferd anhielt.

„Uff !“ rief er aus.

Dieses Wort wird von den Indianern meist als Ausruf der Verwunderung gebraucht.

„Was gibt’s?“ fragte Jemmy.

„Schi-schi!“

Dieses Wort ist aus der Mandanersprache und heißt eigentlich „Füße“, hat aber auch die Bedeutung von Spur oder Fährte.

„Eine Fährte?“ fragte der Dicke. „Von einem Menschen oder einem Tiere?“

„Wohkadeh weiß es nicht. Meine Brüder mögen sie selbst betrachten.“

Good lack! Ein Indsman weiß nicht, ob die Spur von einem Menschen oder von einem Viehzeuge ist! Das ist mir noch niemals vorgekommen! Das muß ja eine ganz und gar eigentümliche Fährte sein. Wollen sie uns doch einmal betrachten. Aber steigt hübsch ab und reitet mir nicht darauf herum, ihr Leute, sonst ist sie dann nicht mehr zu erkennen.“

„Sie wird dann noch immer zu erkennen sein,“ meinte der Indianer. „Sie ist groß und lang; sie kommt weit von Süden her und geht weit nach Norden.“

Die Reiter stiegen ab, um die sonderbare Fährte zu untersuchen. Die Fußstapfen eines Menschen von der Fährte eines Tieres zu unterscheiden, versteht jeder dreijährige Indianerknabe. Daß Wohkadeh sich außer stande sah, diese Unterscheidung zu treffen, war geradezu eine Unbegreiflichkeit. Doch auch Jemmy, als er die Stapfen betrachtet hatte, schüttelte den Kopf, blickte nach links, woher die Fährte kam, dann nach rechts, wohin sie führte, schüttelte abermals den Kopf und sagte dann zu dem langen David Kroners:

„Nun, mein alter Davy hast du in deinem Leben bereits einmal so etwas gesehen?“

Der Gefragte schüttelte bedenklich den Kopf, blickte nach links und rechts, betrachtete die Eindrücke im Sande noch einmal, schüttelte abermals und antwortete dann:

„Nein, noch niemals.“

„Und Ihr, Master Frank?“

Der Sachse beguckte und beguckte die Spur, schüttelte auch und meinte:

„Aus diesen Stapfen werde der Teufel klug!“

Auch Martin und der Neger sprachen sich dahin aus, daß ihnen die Sache sehr rätselhaft vorkomme. Der lange Davy kratzte sich erst hinter dem rechten und sodann hinter dem linken Ohre, spuckte zweimal nacheinander aus, was stets ein Zeichen war, daß er sich in Verlegenheit befinde, und that dann den weisen Ausspruch:

„Aber irgend ein Geschöpf ist hier vorüber gekommen. Wenn das nicht wahr ist, so will ich verurteilt werden, binnen zwei Stunden den alten Mississippi mit samt seinen Nebenflüssen auszutrinken!“

„Schau, wie klug du bist, Alter!“ lachte Jemmy. „Wenn du es nicht sagtest, so wüßten wir wirklich nicht, daß das eine Fährte ist. Also eine Kreatur ist auf alle Fälle hier vorübergelaufen. Aber was für eine? Wie viele Beine hat sie gehabt?“

„Vier,“ antworteten außer dem Indianer die anderen alle. „Ja, das sieht man genau. Also ist’s ein Tier gewesen. Nun aber soll mir irgend einer sagen, mit welcher Art oder Gattung von Vierbeiner wir es zu thun haben!“

„Ein Hirsch ist’s nicht,“ meinte Frank.

„Gott behüte! Ein Hirsch macht Zeit seines Lebens nicht so riesige Eindrücke.“

„Etwa ein Bär?“

„Freilich läßt ein Bär in solchem Sande so große und deutliche Silben zurück, daß sogar ein Blinder sie mit den Fingern lesen könnte; aber diese Fährte stammt auch von keinem Bären. Die Eindrücke sind nicht lang und nach hinten ausgewischt, wie bei einem Sohlengänger, sondern beinahe kreisrund, über eine Handspanne im Durchmesser und gerade eingetreten, wie mit einem Petschaft gestempelt. Sie sind nur wenig nach hinten ausgeworfen und unten am Grunde vollständig eben. Das Tier hat also nicht Zehen oder Krallen, sondern Hufe gehabt.“

„Also ein Pferd?“ meinte Frank.

„Hm!“ brummte Jemmy. „Ein Pferd kanns aber auch nicht gewesen sein. Man müßte da doch wenigstens eine kleine Andeutung der Hufeisen oder, falls das Tier barfüßig gewesen wäre, des Tragrandes und des Strahles finden. Die Fährte ist im höchsten Falle zwei Stunden alt, eine zu kurze Zeit, als daß sich während derselben diese Andeutung hätte verlieren können. Und, was die Hauptsache ist, kann es jemals ein Pferd mit so außerordentlich großen Hufen geben? Wenn wir in Asien oder Afrika wären und nicht in dieser alten, gemütlichen Savanne, so würde ich behaupten, daß ein Elefantengroßvater hier vorübergestampft sei.“

„Ja, gerade so sieht es aus!“ lachte der lange Davy.

„Was? Gerade so sähe es aus?“ fragte Jemmy.

„Ja freilich! Du hast’s ja selbst auch gesagt!“

„So laß dir nur dein Lehrgeld wieder geben! Hast du schon einmal einen Elefanten gesehen?“

„Zwei sogar.“ „Wo?“

„In Philadelphia bei Barnum und jetzt hier, nämlich dich, Dicker!“

„Wenn du einen Witz machen willst, so kaufe dir für zehn Dollars einen besseren, verstanden! Diese Fährte soll einer Elefantenspur ähnlich sehen! Groß genug wären die Stapfen; das gebe ich ja zu; aber ein Elefant würde eine ganz andere Schrittweite haben. Daran hast du nicht gedacht, Davy. Ein Kamel ist’s auch nicht gewesen, sonst würde ich behaupten, du seist vor zwei Stunden hier vorbeigestiegen. Und nun will ich gestehen, daß ich mit meiner Weisheit zu Ende bin.“

Die Männer gingen eine Strecke vorwärts und auch wieder zurück, um die wunderbare Fährte ja ganz genau zu betrachten; aber keiner von ihnen konnte eine nur halbwegs glaubhafte Ansicht äußern.

„Was sagt mein roter Bruder dazu?“ fragte Jemmy.

„Maho akono!“ antwortete der Indianer, indem er mit der Hand eine Bewegung der Ehrfurcht machte.

„Der Geist der Prairie, meinst du?“

„Ja, denn es ist weder ein Mensch noch ein Tier gewesen.“

„Heigh-ho! Eure Geister scheinen entsetzlich große Füße zu haben. Oder leidet der Geist der Prairie auch einmal am Fußrheumatismus und hat Filzschuhe angezogen?“

„Mein weißer Bruder sollte nicht spotten. Der Geist der Prairie kann in allen Gestalten erscheinen. Wir müssen seine Spur mit Ehrfurcht betrachten und wollen still weiter reiten.“

„Nein, das werde ich nicht thun. Ich muß unbedingt wissen, woran ich bin. Ich habe noch niemals eine solche Fährte gesehen und werde ihr also folgen, bis ich weiß, wer sie hinterlassen hat.“

„Mein Bruder wird ins Verderben laufen. Der Geist duldet es nicht, daß man nach ihm forscht.“

„Madneß! Wenn später der dicke Jemmy von dieser Fährte erzählt und nicht sagen kann, von wem sie stammt, so wird er ausgelacht oder gar für einen Lügner erklärt. Für einen guten Westmann ist es geradezu eine Ehrensache, dies Geheimnis aufzuklären.“

„Wir haben nicht Zeit, solche Umwege zu machen.“

„Das verlange ich auch nicht von euch. Wir haben noch vier Stunden bis zum Abend; dann müssen wir lagern. Kennt mein roter Bruder vielleicht die Stelle, an welcher wir Rast machen werden?“

„Ja. Wenn wir geradeaus reiten, so kommen wir an eine Stelle, an welcher die Höhe dort eine Oeffnung hat. Es schneidet ein Thal in dieselbe ein, in welches zur linken Hand, wenn man eine Stunde lang geritten ist, eine Seitenschlucht mündet. In dieser werden wir ruhen, denn dort gibt es Büsche und Bäume, die unser Feuer unsichtbar machen, und auch einen Quell, welcher uns Wasser liefern wird für uns und unsere Tiere.“

„Das ist sehr leicht zu finden. Reitet also weiter! Ich werde dieser Fährte folgen und sodann am Lagerplatze wieder zu euch stoßen.“

„Mein weißer Bruder mag sich warnen lassen!“

„Ach was!“ rief der lange Davy; „Hier ist eine Warnung ganz am unrechten Platze, Jemmy hat vollständig recht. Es wäre eine Schande für uns, diese gradezu unbegreifliche Fährte entdeckt zu haben, ohne zu erforschen, wem dieselbe zuzuschreiben ist. Man sagt, daß es vor der Erschaffung der Erde Tiere gegeben habe, gegen welche ein Büffel sich ausnehmen würde wie ein Regenwurm neben einem Mississippidampfer. Vielleicht ist so ein Untier von damals übrig geblieben und rennt nun hier im Sand herum, um an den Körnern auszuzählen, wie viele Jahrhunderte alt es ist. Ich glaube, Mamma heißt so ein Tier.“

„Mammut!“ verbesserte der Dicke.

„Kann auch sein! Also welche Schande für uns, wenn wir auf so eine vorweltliche Fährte träfen, und nicht wenigstens einer hätte versucht, das Tier zu Gesicht zu bekommen. Ich reite mit, Jemmy!“

„Das geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil wir beide, ohne alle Ueberhebung zu sagen, die meiste Erfahrung besitzen und also gewissermaßen die Anführer sind. Miteinander zugleich dürfen wir uns nicht entfernen. Einer muß zurückbleiben. Lieber mag ein anderer mit mir reiten.“

„Master Jemmy hat recht,“ meinte Martin. „Ich werde mit ihm gehen.“

„Nein, mein junger Freund,“ entgegnete Jemmy. „Ihr seid der allerletzte, den ich einladen möchte, mich zu begleiten.“

„Warum? Ich brenne ja vor Begierde, das unbekannte Tier mit zu entdecken!“

„Das glaube ich gar wohl. In Eurem Alter ist man zu solchen Abenteuern stets bereit. Aber der Ritt ist vielleicht nicht ungefährlich, und wir haben die stillschweigende Verpflichtung übernommen, über Euch zu wachen, um Euch unbeschädigt mit Eurem Vater zu vereinigen. Ich kann es also nicht mit meinem Gewissen vereinigen, Euch mit mir in eine unbekannte Gefahr zu ziehen. Nein, wenn ich nicht allein reiten soll, so mag ein anderer mich begleiten.“

„So gehe ich mit!“ rief der lahme Frank.

„Ja, dagegen will ich nichts haben. Master Frank hat bereits damals in Moritzburg mehrschtenteels mit dem Hausknecht und dem Nachtwächter gekämpft und wird sich also wohl nicht vor einem Mammut fürchten.“

„Ich? Mich fürchten? Kann mir gar nicht einfallen.“

„Also bleibt es dabei. Die anderen reiten weiter, und wir beide schwenken rechts ab. Euer Pferd wird sich aus dem Umwege nicht viel machen, und für meinen Gaul ist das Laufen die größte Passion. Er muß früher, ehe er seine jetzige Pferdegestalt annahm, Schnelläufer oder Briefträger gewesen sein.“

Martin versuchte zwar einige Einwendungen, doch vergeblich. Der lange Davy warnte zur Vorsicht. Wohkadeh beschrieb nochmals die Lagerstelle genau und tadelte Jemmys Vorhaben, durch welches der Zorn des Geistes der Savanne herausgefordert werde. Dann setzten die übrigen den unterbrochenen Ritt fort, während der Dicke mit dem Sachsen nach Norden hin der Fährte folgte.

Da diese beiden einen Umweg vor sich hatten, spornten sie ihre Tiere zu größerer Eile an, und so kam es, daß sie bereits nach kurzer Zeit ihre Gefährten aus den Augen verloren hatten.

Später brach die Fährte von ihrer bisherigen Richtung ab und wendete sich nach Westen, der fernen Höhe zu, so daß nun Jemmy und Frank parallel mit ihren Freunden ritten, allerdings wohl über eine Stunde von ihnen entfernt.

Sie hatten sich bisher schweigend verhalten. Jemmys starkknochiger Gaul hatte seine langen Beine so emsig vor sich geworfen, daß Franks Pferd Mühe gehabt hatte, ihm in dem tiefen Sande zu folgen. Jetzt änderte der Dicke den anstrengenden Trab in langsamen Schritt, und so konnte Frank sich leicht an seiner Seite halten.

Es verstand sich ganz von selbst, daß die Teilnehmer der Expedition sich untereinander vorzugsweise der englischen Sprache bedienten. Jetzt befanden die beiden Deutschen sich allein, und so zogen sie die Muttersprache vor.

„Nicht wahr,“ begann Frank, „das vorhin mit dem Mammut, das ist doch nur eegentlich Spaß gewesen?“

„Natürlich.“

„Ich hab‘ mir’s gleich gedacht, denn solche Mammutersch gibt’s ja heutzutage gar nich mehr.“

„Haben Sie denn schon einmal von diesen vorweltlichen Tieren gehört?“

„Ich? Na und ob! Und wenn Sie mir’s nich zutrauen, da können Sie mich nur riesig dauern. Wissen Sie, der Moritzburger Schulmeester damals, der eegentlich meine geistige Mutter gewesen ist, der hatte was los, besonders in der Pflanzenzoologie. Der kannte jeden Boom, von der Fichte an bis zum Sauerampfer ‚runter, und ooch jedes Tier, von der Seeschlange an bis zum kleensten Schwammb herab. Von dem hab‘ ich damals geradezu massenhaft profitiert.“

„Das freut mich ungemein,“ lachte der Dicke. „Vielleicht kann ich von Ihnen profitieren.“

„Das verschteht sich mehrschtenteels ja ganz von selber. Zum Beischpiel grad übers Mammut kann ich Ihnen die beste authentische Auskunft geben.“

„Haben Sie etwa eins gesehen?“

„Nein, denn damals vor der Erschaffung der Welt bin ich noch gar nich bei der jetzigen Polizei angemeldet gewest; aber der Schulmeester hat das Mammut in alten Handschriften gefunden. Wie groß denken Sie wohl, daß das Ungetüm gewest ist?“

„Bedeutend größer als der Elefant.“

„Elefant? Das zieht noch lange nich! Wenn das Mammut ‚mal über eenen Stein oder über einen Steen gestolpert ist, und es hat niedergeguckt, um den Steen zu betrachten, so ist dieser Stein oder dieser Steen mehrschtenteels eene ägyptische Pyramide gewest. Denken Sie sich nun die Höhe von so eenem Tier! Und wenn sich ihm ‚mal eene Fliege off die Schwanzspitze gesetzt hat, so ist es das erscht nach vierzehn Tagen vorn im Verschtand gewahr geworden. Nun denken Sie sich ‚mal die Länge von so eenem Geschöpf! Unsere jetzige Vemunft ist viel zu schwach für so eene damalige Menagerie. Jetzt, wenn wir was Großartiges sehen wollen, müssen wir ins Hinter-Ochsen-Klee-Gras-Fernrohr gucken. Da ist es wenigstens annähernd sowie damals um die Sündflut herum.“

Jemmy machte ein erstauntes Gesicht.

„Wie?“ fragte er. „Wie heißt dieses Fernrohr?“

„Passen Sie doch auf! Wenn ich eenmal drin bin in der Belehrung, so ist mir jede Schtörung impertinent. Hinter-Ochsen-Klee-Gras-Fernrohr heeßt’s. Können Sie sich das merken? Wenn Sie wirklich een Gymnasiast gewest sind, so müssen Sie doch ooch Unterricht über die Akustik der Fernrohre gehabt haben. Je dunkler der Brennpunkt ist, desto größer sind die Schterne, die man sieht, weil in der Wissenschaft mehrschtenteels das umgekehrte Verhältnis ausgerechnet werden muß. Verschtehen Sie das?“

„Ja,“ nickte der Dicke, der sich Mühe gab, ein ernstes Gesicht zu machen. „Aber jetzt beginne ich zu ahnen, was für ein Fernrohr Sie gemeint haben.“

„Nun, was denn für eens?“

„Gar keins. Sie haben die Bezeichnungen verwechselt. Sie meinten nicht ein Fernrohr, sondern ein Mikroskop.“

„Mikroskop! Ja, ja, richtig! Weil mir das richtige Wort oogenblicklich abwesend war, habe ich derweile das Fernrohr zum Behelf genommen, denn geistesgegenwärtig bin ich allezeit gewest.“

„Und zwar meinten Sie das Hydrooxygengasmikroskop!“

„Natürlich! Das verschteht sich ganz von selber. Aber warum soll ich dänisch reden, wenn ich der deutschen Schprache vollschtändig mächtig bin? Wenn ich sage Hinterochsenkleegrasmikroskop, so verschteht mich ooch een Ungelehrter. Der Schulmeester sagte immer: Man muß sich herablassen zum kindlichen Gemüt, dann erntet man Palmen off sandigem Boden. Sie sehn, ich werfe mit Metafferbeischpielen nur so um mich herum. Das haben Sie davon, daß ich schtets een fleißiger Autopetrefakt gewest bin. Wäre damals nich der Schreit wegen dem Vater Wrangel seinem Leibwort ausgebrochen, so hätt‘ ich’s Nolens Coblenz bis zur Tharandter Forschtakademie gebracht und hätte jetzt nich nötig, mich im wilden Westen herumzutreiben und von den Sioux lahm schießen zu lassen!“

„Ah, Sie sind nicht lahm geboren?“

Frank blickte den Dicken fast zornig an.

„Lahm geboren? Wie könnte das bei eener Persönlichkeit von meiner Ambutation möglich sein! Een lahmer Mensch kann doch nie nich als Forschtläufer een Beamter werden! Nee, ich habe meine gesunden Beene gehabt, so lange ich mich off mich selber besinnen kann. Aber als ich damals mit dem Baumann in die schwarzen Berge kam, um unter den Goldsuchern den Krämerladen zu eröffnen, da kamen zuweilen ooch die Indianer, um ihre Einkäufe zu effektuieren. Mehrschtentheels waren Sioux dabei. Das sind die schlimmsten anthropologischen Wilden, die es nur geben kann, zumal sie bei der geringsten Miene, die man zieht, gleich schtechen oder schießen. Am allerbesten ist, man gibt sich gar nich weiter mit ihnen ab. Guten Tag und guten Weg, adieu, leb wohl! Diesem Passus bin ich schtets getreu gewest, weil ich een Freund von Principern bin; aber eenmal hab‘ ich doch im Charakter eene schwache Schtunde gehabt, und daran hab‘ ich nun eben heute noch zu hinken.“

„Wie ist denn das gekommen?“

„Ganz unverhofft, wie alles kommt, was man vorher nich weeß. Es ist, als wärsch heute, so leibhaftig schteht der betreffende Tag vor meinem geistigen Angesicht. Die Schterne funkelten, und die Bullfrösche brüllten laut im nahen Sumpfe, denn es war leider nich bei Tage, sondern bei Nacht. Baumann war abwesend, um sich in Fort Fettermann mit neuen Vorräten zu versehen; Martin schlief, und der Neger Bob, welcher fortgeritten war, um Schulden einzukassieren, hatte sich noch nich wieder sehen lassen. Nur sein Pferd war ohne ihn ins traute Heim zurückgekehrt. Am anderen Morgen kam er nachgehinkt, mit verschtauchten Gliedern und ohne eenen Pfennig Geld. Er war von unseren sämtlichen Schuldnern hinaus- und nachher vom Pferde ooch noch abgeworfen worden. Das nennt man des Lebens Unverschtand aus erschter Hand genießen. Sie sehen, daß ich sogar in Jamben erzählen kann! Nicht?“

„Ja. Sie sind ein kleines Genie.“

„Das habe ich mir sehr oft selber gesagt, anderen Leuten aber niemals, weil’s niemand glooben wollt. Also die Schterne schtrahlten vom Himmel herab, da klopfte es an unsere Thür. Hier im Westen muß man vorsichtig sein; darum machte ich nich sogleich auf, sondern ich fragte von innen, wer von außen herein wolle. Um die Sache kurz zu machen, es waren fünf Siouxindianer, welche Felle gegen Pulver umtauschen wollten.“

„Sie haben sie doch nicht etwa hereingelassen?“

„Warum nich?“

„Sioux, und mitten in der Nacht!“

„O bitte! Wenn wir eene Uhr gehabt hätten, so wäre es ungefähr halbzwölf gewest. Das war noch nich zu schpät. Ich als Westmann weeß sehr gut, saß man nich allemal zur Visitenschtunde am Platze sein kann, und daß die Zeit unter Umschtänden ungeheuer kostbar sein kann. Die Roten sagten, daß sie noch die ganze Nacht hindurch marschieren müßten, und so appellierte mein gutes, sächsisches Herz an mich – ich ließ sie herein.“

„Welch eine Unvorsichtigkeit!“

„Warum? Furcht habe ich nie gekannt, und ehe ich die Thür öffnete, machte ich die Bedingung, daß sie alle Waffen draußen ablegen müßten. Ich muß zu ihrer Ehre geschtehen, daß sie diesem Verlangen redlich nachgekommen sind. Natürlich aber hatte ich, während ich sie bediente, den Revolver in der Hand, was sie als Wilde mir nich übelnehmen konnten. Ich machte wirklich ein brillantes Geschäft mit ihnen: schlechtes Pulver gegen gute Biberfelle. Wenn Rote und Weiße miteinander handeln, so sind die Roten allemal die Betrogenen. Das thut mir zwar leid, aber ich alleene kanns leider nich ändern. Neben der Thür hingen drei geladene Gewehre. Als die Indsmen gingen, blieb der letzte unter der Thür schtehen, drehte sich nochmals um und fragte mich, ob ich nich vielleicht eenen Schluck Feuerwasser zugeben wolle. Nun ist’s zwar verboten, den Indianern Branntwein zu verabreichen, aber ich hatte, wie gesagt, eenen guten Profit gemacht und war infolgedessen bereit, ihnen den Gefallen zu thun. Ich wandte mich also um und ging nach der hinteren Ecke, in welcher eine Flasche Brandy schtand. In dem Moment, als ich mich mit derselben umdrehte, sah ich den Menschen mit eenem der Gewehre, welches er vom Pflocke gerissen hatte, verschwinden. Natürlich setzte ich schnell die Flasche nieder, ergriff die nächste Büchse und sprang zur Thür hinaus. Selbstverschtändlich trat ich sofort zur Seite, denn im Scheine des Lichtes hätte ich unter der Thür das sicherste Ziel geboten. Da ich so schnell aus dem Lichten in das Dunkel gekommen war, konnte ich nich sofort scharf sehen. Ich hörte rasche Schritte, und dann blitzte es drüben an der Fenz hell auf. Ein Schuß krachte, und ich hatte das Gefühl, als ob jemand mich auf den Fuß geschlagen habe. jetzt sah ich den Roten, welcher sich über die Fenz schwingen wollte. Ich legte an und drückte ab, fühlte aber zu gleicher Zeit eenen so schtechenden Schmerz im Fuße, daß ich zusammenknickte. Die Kugel ging fehl, und das Gewehr war verloren. Nur mit Mühe kam ich in die Hütte zurück. Der Schuß des Indianers war mir in den linken Fuß gegangen. War es wegen der Dunkelheit oder weil der Sioux een fremdes Gewehr gehabt hatte, ich kann heut noch nicht begreifen, wie er diesen Blasrohrschuß hat thun können. Erscht nach Monaten habe ich den Fuß wieder gebrauchen können, aber der Hobble-Frank bin ich geworden. Den Roten aber habe ich mir genau gemerkt. Ich werde sein Gesicht niemals vergessen, und wehe ihm, wenn er mir irgendwo und irgendwann begegnen sollte! Wir Sachsen sind als die urgemütlichsten Germanen bekannt, aber unsere nationalen Vorzüge können uns doch nimmermehr verpflichten, uns nächtlicher Weile, wenn die Schterne vom Himmel schtrahlen, ungeschtraft bestehlen und lahm schießen zu lassen. Ich glaube, der Sioux gehörte zu den Ogallalla, und wenn –– Was haben Sie denn?“

Er unterbrach sich mit dieser Frage, denn der dicke Jemmy hatte sein Pferd angehalten und einen Ruf der Überraschung ausgestoßen. Sie hatten die größte Breite der sandigen Einsenkung hinter sich. Hier gab es eine Stelle mit felsigem Boden, und da, wo dieselbe wieder in den Sand verlief, war Jemmy halten geblieben.

„Was ich habe?“ antwortete er. „Das möchte ich selbst auch fragen. Habe ich denn eigentlich Augen?“

Er blickte ganz verwundert vom Pferde herab auf den Sand hernieder. jetzt sah auch Frank, was sein Gefährte meinte.

„Ist’s denn möglich!“ rief er aus, „die Fährte ist ja plötzlich ganz anders!“

„Freilich! Erst war es die reine Elefantenspur, und jetzt sind’s die deutlichsten Pferdestapfen. Das Tier ist beschlagen gewesen, und zwar mit neuen Eisen, denn die Eindrücke sind außerordentlich scharf, und sowohl der Griff wie auch die Stollen nicht im mindesten abgelaufen.“

„Aber diese Fährte ist ja verkehrt!“

„Das ist’s ja eben, was ich nicht begreifen kann! Bis jetzt lief die Spur vor uns her, und jetzt kommt sie uns direkt entgegen!“

„Ist’s denn auch wirklich dieselbe Fährte?“

„Natürlich! Da hinter uns tritt der Fels zu Tage; aber die Stelle ist kaum zwanzig Fuß breit. Auf dem Felsen ist die Spur unsichtbar. Jenseits desselben kommt sie als Elefantenstapfen von Osten und diesseits kommt sie als deutlicher Pferdehufabdruck von Westen. Blicken Sie um sich! Gibt es etwa noch eine andere Fährte?“

„Nein.“

„Also müssen diese Eindrücke trotz ihrer Verschiedenheit von einem und demselben Tiere stammen. Ich will auch überflüssigerweise absteigen, um mich zu überzeugen, daß kein Irrtum vorliegt.“

Beide stiegen ab. Die genaueste Untersuchung des Bodens ergab dasselbe Resultat: die Elefantenspur hatte sich auf der schmalen, felsigen Stelle in eine Pferdespur verwandelt. Mußte bereits das höchst befremdlich erscheinen, so war der Umstand, daß die beiden Spuren gegeneinander liefen und auf dem Fels zusammenstießen, geradezu verblüffend. Die beiden Männer blickten einander ratlos an und schüttelten die Köpfe.

„Wenn das keine Zauberei ist, so vexiert uns einer,“ sagte Jemmy.

„Vexieren? Wie denn?“

„Ja, das kann ich nicht begreifen!“

„Aber Zauberei gibt’s ja nicht!“

„Nein; abergläubisch bin ich nicht.“

„Das kommt mir vor wie beim Zauberer Philadelphia, der eenen Zwirnknäuel in die Luft geworfen haben und dann an dem Zwirn emporgestiegen sein soll!“

„Da der Elefant von Osten und das Pferd von Westen hierhergekommen ist und beider Spuren hier aufhören, so müßten beide Tiere hier an dieser Stelle an dem Faden emporgeklettert und oben in der Luft verschwunden sein! Das erkläre, wer’s vermag; ich aber bring‘ es nicht fertig!“

„Jetzt möcht‘ ich wohl wissen, was der Moritzburger Lehrer sagen würde, wenn er mit hier wäre!“

„Der würde kein klügeres Gesicht machen, als Sie und ich!“

„Hm! Mit Erlaubnis, geistreich sieht das Ihrige grad‘ nich aus, Herr Jemmy.“

„Und Ihnen sieht man es in diesem Augenblicke auch nicht an, daß Sie ein so talentvoller Autopetrefakt sind. Ich möchte überhaupt den Menschen sehen, welcher dieses Rätsel zu lösen vermag.“

„Aber zu lösen muß es sein, denn der berühmte Archidiakonus hat gesagt: Gebt mir einen festen Punkt in der Luft, so hebe ich jede Thür aus ihren Angeln!“

„Archimedes, meinen Sie!“

„Ja, aber Diakonus war er nebenbei, denn als am Sonnabend nachmittag die feindlichen Soldaten kamen, lernte er grad‘ die Predigt für morgen auswendig und rief ihnen entgegen: Schtört mich nich, und macht leise! Da schlugen sie ihn tot. Darum ist der Punkt in der Luft wieder verloren gegangen.“

„Vielleicht finden Sie ihn wieder. Ich aber fühle mich nicht befähigt dazu, da ich nicht einmal hier diesen Widerspruch zu lösen vermag.“

„Etwas aber müssen wir doch thun!“

„Natürlich! Umgekehrt wird nicht. Wenn es überhaupt eine Erklärung gibt, so liegt sie vor uns, nicht aber hinter uns. Steigen wir also auf, und dann wieder vorwärts!“

Sie ritten weiter, der Pferdespur entgegen. Diese war immerfort ganz deutlich zu erkennen und führte nach ungefähr einer halben Stunde aus dem sandigen Terrain heraus auf besseren Boden. Dort gab es Gras und vereinzeltes Strauchwerk. Der Höhenzug lag nahe. Ein dichter Wald zog sich an ihm empor, unten mit einzelnen Bäumen beginnend und je höher aufsteigend, desto geschlossener werdend. Auch hier war die Spur deutlich zu erkennen; nach einiger Zeit aber gab es einen mit klarem Steingries bedeckten Boden; da hörte sie plötzlich und vollständig auf.

„Das ist die Lösung!“ brummte Frank.

„Unbegreiflich!“ erklärte Jemmy. „Das Pferd muß aus der Luft gekommen und wieder in der Luft verschwunden sein. Oder ist es wirklich der Geist der Savanne gewesen? Dann wollte ich, er käme auf den guten Gedanken, sich einmal sehen zu lassen. Ich möchte doch gar zu gern wissen, wie ein Geist aussieht.“

„Der Wunsch kann erfüllt werden. Sehen Sie sich ihn gefälligst an, meine Herren!“

Diese Worte erklangen in deutscher Sprache hinter dem Busch hervor, an welchem sie halten geblieben waren. Einen Ruf des Schreckens ausstoßend, fuhren die beiden herum. Der, welcher gesprochen hatte, verließ das Gesträuch, welches ihm als Deckung gedient hatte.

Er war von nicht sehr hoher und nicht sehr breiter Gestalt. Ein dunkelblonder Vollbart umrahmte sein sonnverbranntes Gesicht. Er trug ausgefranste Leggins und ein ebenso an den Nähten ausgefranstes Jagdhemd, lange Stiefel, welche er bis über die Knie emporgezogen hatte, und einen breitkrämpigen Filzhut, in dessen Schnur rundum die Ohrenspitzen des grauen Bären steckten. In dem breiten, aus einzelnen Riemen geflochtenen Gürtel steckten zwei Revolver und ein Bowiemesser; er schien rundum mit Patronen gefüllt zu sein. An ihm hingen außer mehreren Lederbeuteln zwei Paar Schraubenhufeisen und vier fast kreisrunde, dicke Stroh- oder Schilfgeflechte, welche mit Riemen und Schnallen versehen waren. Von der linken Schulter nach der rechten Hüfte trug er einen aus mehrfachen Riemen geflochtenen Lasso und um den Hals an einer starken Seidenschnur eine mit Kolibribälgen verzierte Friedenspfeife, in deren Kopf indianische Charaktere eingegraben waren. In der Rechten hielt er ein kurzläufiges Gewehr, dessen Schloß von ganz eigenartiger Konstruktion zu sein schien, und in der Linken eine – – -brennende Cigarre, an welcher er soeben einen kräftigen Zug that, um den Rauch mit sichtlichem Behagen von sich zu blasen.

Der echte Prairiejäger gibt nichts auf Glanz und Sauberkeit. je mitgenommener er aussieht, desto mehr hat er mitgemacht. Er betrachtet einen jeden, der auf sein Äußeres etwas gibt, mit souveräner Geringschätzung. Der größte Greuel ist ihm ein blankgeputztes Gewehr. Nach seiner festen Überzeugung hat kein Westläufer Zeit, sich mit solchem Schnickschnack zu befassen.

Nun sah an diesem jungen fremden Manne alles so sauber aus, als sei er erst gestern von St. Louis aus nach dem Westen aufgebrochen. Sein Gewehr schien vor einer Stunde aus der Hand des Büchsenmachers hervorgegangen zu sein. Seine Stiefel waren makellos eingefettet und die Sporen ohne eine Spur von Rost. Seinem Anzuge war kaum eine Strapaze anzusehen, und wahrhaftig, er hatte sogar seine Hände rein gewaschen.

Die beiden starrten ihn an und vergaßen vor Überraschung, ihm zu antworten.

„Nun,“ fuhr er lächelnd fort, „ich denke, Sie wünschen den Flats-ghost zu sehen? Wenn Sie den meinen, dessen Spur Sie gefolgt sind, so steht er vor Ihnen.“

„Alle Wetter! Da bleibt mir mehrschtentheels gleich sofort der Verschtand schtille schtehn!“ rief Frank aus.

„Ah, ein Sachse! Nicht?“

„Sogar een geborener! Und off alle Fälle sind Sie een reener, unvermischter Deutscher?“

„Ja, ich habe die Ehre. Und der andere Herr?“

„Ooh, aus derselbigen schönen Gegend. Der freudige Schreck ist ihm off die Schprache gefallen. Lange dauern thut’s aber bei ihm nich, so kann er wieder reden.“

Er hatte recht, denn jetzt sprang Jemmy aus dem Sattel und streckte dem Fremden die Hand entgegen.

„Ist’s möglich!“ rief er aus. „Hier am Devils Head einen Deutschen zu treffen! Kaum sollte man es glauben!“

„Meine Überraschung muß doppelt groß sein, denn ich treffe ihrer ja zwei. Und irre ich mich nicht, so ist Ihr Name Jakob Pfefferkorn?“

„Was! Meinen Namen kennen Sie!“

„Ihnen ist’s ja leicht anzusehen, daß Sie der „dicke Jemmy“ sind. Und könnte ich es da nicht erraten, so brauchte ich nur Ihren Klepper anzusehen. Trifft man einen dicken Jäger auf einem solchen Kamelgaule, so ist’s der Jemmy. Und zufälligerweise habe ich erfahren, daß dieser bekannte Westmann eigentlich Jakob Pfefferkorn heißt. Aber wo Sie sind, da kann der lange Davy mit seinem Maultiere nicht fern sein. Oder irre ich mich da vielleicht?“

„Nein; er ist wirklich in der Nähe, gar nicht weit von hier nach Süden, wo das Thal in die Berge geht.“

„Ah! Lagern Sie heut da?“

„Gewiß. Mein Gefährte hier heißt Frank.“

Frank war auch abgestiegen. Er gab dem Fremden die Hand. Dieser betrachtete ihn scharf, nickte ihm dann zu und fragte:

„Wohl gar der Hobble-Frank?“

„Herr Jemineh! Ooch meinen Namen wissen Sie?“

„Ich sehe, daß Sie hinken, und Frank heißen Sie. Da lag die Frage nahe. Sie hausen mit Baumann, dem Bärentöter, zusammen?“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Er selbst. Ich kam mit ihm vor einigen Jahren ein weniges zusammen. Wo befindet er sich jetzt? Daheim? Ich glaube, das ist ungefähr drei Tagesritte von hier?“

„Ganz genau. Aber er ist nich daheim. Er ist den Ogallalla in die Hände gefallen, und wir sind unterwegs, um zu sehen, was wir für ihn thun können.“

„Sie erschrecken mich. Wo ist das geschehen?“

„Gar nich weit von hier, am Devils Head. Sie schleppen ihn mit noch fünf Gefährten hinauf nach dem Yellowstone, um ihn am Grabe des tapferen Büffel zu töten.“

Der Fremde horchte auf.

„Aus Rache jedenfalls?“ fragte er.

„Ja freilich. Haben Sie vielleicht ‚mal von Old Shatterhand gehört?“

„Ich glaube, mich zu besinnen, ja.“

Es spielte dabei ein eigenartiges Lächeln um die Lippen des Sprechers.

„Nun, der hat den tapfern Büffel, den böses Feuer und noch eenen dritten Sioux getötet. Nun sind die Ogallalla unterwegs, um das Grab dieser drei zu besuchen, und dabei ist Baumann ihnen in die Hände gefallen.“

„Wie haben Sie das erfahren?“

Frank erzählte von Wohkadeh und von allem, was seit dem Erscheinen dieses jungen Indianers geschehen war. Der Fremde hörte ihm sehr aufmerksam und sehr ernst zu. Nur manchmal, wenn der Hinkende allzusehr in seinen heimatlichen Dialekt verfiel, flog ein schnelles Lächeln über sein Gesicht. Als der Bericht beendet war, sagte er:

„So trägt also Old Shatterhand eigentlich die Schuld an dem Unglücke, welches dem Bärentöter widerfahren ist. Er hat es auf dem Gewissen.“

„Nein. Was kann der dafür, daß Baumann die Vorsicht außer acht gelassen hat?“

„Nun, streiten wir uns darüber nicht. Es ist sehr brav von Ihnen, daß Sie die Gefahren und Anstrengungen, denen Sie unbedingt entgegengehen, nicht scheuen, um die Gefangenen zu befreien. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen ein gutes Gelingen. Besonders interessiere ich mich für den jungen Martin Baumann. Vielleicht bekomme ich ihn einmal zu sehen.“

„Das kann sehr leicht geschehen,“ sagte Jemmy. „Sie brauchen ja nur mit uns zu gehen oder vielmehr mit uns zu reiten. Wo haben Sie Ihr Pferd?“

„Woher wissen Sie, daß ich kein Waldläufer, sondern beritten bin?“

„Na, Sie tragen ja Sporen!“

„Ach so, das verrät es Ihnen. Mein Pferd befindet sich hier in der Nähe. Ich habe es für die wenigen Augenblicke verlassen, um Sie vorüberreiten zu sehen.“

„Haben Sie denn unser Kommen bemerkt?“

„Freilich. Ich sah Sie bereits vor einer halben Stunde da draußen halten, um sich über die Verschiedenheit der Fährte zu beraten.“

„Wie? Was wissen sie davon?“

„Weiter nichts, als daß es meine eigene Spur ist.“

„Was, die Ihrige?“

„Ja.“

„Alle Teufel! So sind Sie es, der uns vexiert hat?“

„Haben Sie sich wirklich täuschen lassen? Nun das ist ja eine große Genugthuung für mich, einem Westmanne, wie dem dicken Jemmy, ein Schnippchen geschlagen zu haben. Freilich galt das nicht Ihnen, sondern ganz anderen Leuten.“

Der Dicke schien nicht zu wissen, was er von dem Sprecher denken solle. Er betrachtete ihn kopfschüttelnd vom Kopfe bis zu den Füßen herab und fragte sodann:

„Aber wer sind Sie denn eigentlich?“

Der andere lachte belustigt auf und antwortete:

„Nicht wahr, Sie bemerken sofort, daß ich hier im fernen Westen ein Neuling bin?“

„Ja. Den Greenfinch sieht man Ihnen sofort an. Mit Ihrem Sonntagsgewehr können Sie getrost auf Sperlinge gehen, und Ihre Ausrüstung tragen Sie erst seit Tagen auf dem Leibe. Sie müssen in zahlreicher Gesellschaft hier sein und gehören jedenfalls zu einem Trupp Touristenschützen. Wo haben Sie die Eisenbahn verlassen?“

„In St. Louis.“

„Was? So weit im Osten? Unmöglich! Wie lange Zeit befinden Sie sich hier im Westen?“

„Dieses Mal seit acht Monaten.“

„O bitte, nehmen Sie es mir nicht übel! Aber das wollen Sie mir doch nicht etwa im Ernste weismachen!“

„Es kann mir nicht einfallen, Ihnen eine Unwahrheit zu sagen.“

„Pshaw! Und getäuscht wollen Sie uns auch haben?“

„Ja; die Fährte war von mir.“

„Das glaubt kein Gendarm! Ich mache eine Wette, Sie sind Lehrer oder Professor und reiten mit etlichen Kollegen hier herum, um Pflanzen, Steine und Schmetterlinge zu sammeln. Da lassen Sie sich einen guten Rat geben. Machen Sie sich schleunigst aus dem Staube! Hier diese Gegend ist kein Feld für Sie. Das Leben hängt hier nicht stündlich, sondern in jeder Minute an einem Haar. Sie wissen gar nicht, in welcher Gefahr Sie da schweben.“

„O, das weiß ich ganz genau. Hier in der Nähe z. B. lagern über vierzig Schoschonen.“

Heavens! Ist’s wahr?“

„Ja; ich weiß es ganz genau.“

„Und das sagen Sie so in aller Ruhe!“

„Wie soll ich es anders sagen? Meinen Sie, daß die paar Schoschonen zu fürchten seien?“

„Mann, Sie haben keine Ahnung, auf welch einem gefährlichen Gebiete Sie sich befinden!“

„O doch! Da draußen liegt der See des Blutes, und die Schoschonen würden sich freuen, uns oder einen von uns ergreifen zu können.“

„Jetzt weiß ich wirklich nicht, was ich von Ihnen denken soll!“

„Denken Sie, daß ich diesen Roten ebensogut wie Ihnen eine Nase drehen kann. Ich habe schon manchen tüchtigen Westmann getroffen, welcher sich in mir geirrt hat, weil er den landläufigen Maßstab an mich legte. Bitte, kommen Sie!“

Er drehte sich um und schritt langsam zwischen die Büsche hinein. Die beiden folgten, ihre Pferde an den Zügeln führend. Nach ganz kurzer Zeit kamen sie an ein wahres Prachtexemplar von Schierlingstanne, welche wohl über dreißig Meter hoch war, bei diesem Baume eine große Seltenheit. Neben derselben stand ein Pferd, ein prächtiger Rapphengst mit roten Nüstern und jenem Haarwirbel in der langen Mähne, welcher bei den Indianern als sicheres Kennzeichen vorzüglicher Eigenschaften gilt. Sattel und Riemenzeug war von indianischer Arbeit. Hinter dem ersteren war ein Gummimantel aufgeschnallt. Aus einer der Seitentaschen ragte das Futteral eines Fernrohres hervor. An der Erde lag ein schwerer, doppelläufiger Bärentöter vom stärksten Kaliber. Als Jemmy dieses Gewehr erblickte, that er einige rasche Schritte, hob es auf, betrachtete es und rief:

„Dieses Gewehr ist – – es ist – – ah, ich habe es noch nie gesehen, aber ich erkenne es sofort. Die Silberbüchse des Apachenhäuptlings Winnetou und dieser Bärentöter sind die berühmtesten Gewehre des Westens. Der Bärentöter gehört – – –“

Er hielt inne und starrte den Besitzer ganz fassungslos an; dann fuhr er fort:

„Jetzt, jetzt, ah, jetzt geht mir ein Licht auf! Old Shatterhand ist von jedem, der ihn zum erstenmal sah, für ein Greenhorn gehalten worden. Ihm gehört dieses Gewehr, und der Stutzen in Ihrer Hand ist keine Feiertagsrifle, sondern einer von den elf Henrystutzen, die es gegeben hat. Frank, Frank, wissen Sie, wer dieser Mann hier ist?“

„Nein. Ich habe weder sein Taufzeugnis noch seinen Impfschein gelesen.“

„Mensch, lassen Sie den Spaß! Sie stehen jetzt vor Old Shatterhand!“

„Old Shat – – –“

Der Hinkende fuhr um einige Schritte zurück.

„Alle guten Geister!“ stieß er hervor. „Old Shatterhand! Den habe ich mir freilich ganz anders vorgestellt!“

„Ich mir ja auch!“

„Wie denn, Mesch’schurs?“ fragte der Jäger lächelnd.

„Lang und breit wie den Koloß zu Varus!“ antwortete der gelehrte Sachse.

„Ja, von riesenhafter Gestalt,“ stimmte der Dicke bei.

„So sehen Sie, daß mein Ruf größer ist als mein Verdienst. Was von einem an dem ersten Lagerfeuer erzählt wird, das vergrößert man am zweiten um das Drei- und an dem dritten um das Sechsfache. So kommt es, daß man für ein wahres Wunder gehalten wird, während man doch nur das ist, was jeder andere auch.“

„Nein; was man von Ihnen erzählt, das ist – – –“

„Pah!“ unterbrach er ihn kurz und befehlend. „Lassen wir das! Sehen Sie sich lieber mein Pferd an. Es ist eins jener N’gul-itkli, welche nur bei den Apachen zu finden sind. Es ist barfuß. Will ich etwaige Verfolger mystifizieren, so binde ich ihm diese Schilfschuhe an, die in China sehr gebräuchlich sind. Es hinterläßt dann, besonders in sandigem Boden, eine Fährte, welche man für diejenige eines Elefanten halten möchte. Hier am Gürtel habe ich zwei Paar Hufeisen, einfach zum Anschuhen und Festschrauben. Das eine Paar ist wie gewöhnlich gearbeitet, das andere aber verkehrt, mit dem Stollen nach vom. Natürlich wird die Spur dann auch verkehrt, und derjenige, welcher mich verfolgt, glaubt, daß ich in ganz entgegengesetzter Richtung geritten sei.“

„Alle Wetter!“ meinte Frank. „Jetzt endlich wird es tageshell in meiner Intelligenz! Also Vexiereisen sind’s! Was würde der Moritzburger Lehrer dazu sagen!“

„Ich habe nicht die Ehre, diesen Herrn zu kennen, aber ich habe das Vergnügen, Sie beide getäuscht zu haben. An der felsigen Stelle konnte keine Spur zurückbleiben; darum stieg ich dort ab, um die Schilfschuhe mit den Eisen zu vertauschen. Freilich hatte ich keine Ahnung, Landsleute hinter mir zu haben; ich erblickte Sie erst später. Ich traf diese Vorsichtsmaßregel, weil ich aus gewissen Anzeichen auf die Gegenwart feindlicher Indianer schließen mußte. Und diese Vermutung bestätigte sich, als ich an diese Tanne kam.“

„Gibt es da Spuren der Indianer?“

„Nein. Der Baum bezeichnet den Punkt, an welchem ich heute mit Winnetou zusammentreffen will, und – – –“

„Winnetou!“ unterbrach ihn Jemmy. „Ist der Häuptling der Apachen hier?“

„Ja; er ist bereits vor mir angekommen.“

„Wo, wo ist er? Den muß ich unbedingt sehen!“

„Er hat mir hier das Zeichen zurückgelassen, daß er schon da gewesen sei und heute auch wiederkommen werde. Wo er sich unterdessen befindet, weiß ich nicht. Jedenfalls beschleicht er die Schoschonen.“

„Weiß er von ihrer Anwesenheit?“

„Er ist’s, der mich auf sie aufmerksam gemacht hat. Er hat mit dem Messer seine Zeichen in die Rinde des Baumes gegraben. Sie sind mir ganz so verständlich wie jede andere Schrift. Ich weiß, daß er da war und wiederkommen wird, und daß sich vierzig Schoschonen in der Nähe befinden. Das weitere muß ich hier abwarten.“

„Aber wenn die Schoschonen Sie hier entdecken!“

„Pah! Ich weiß nicht, für wen die Gefahr größer ist, ob für mich, wenn sie mich hier finden, oder für sie, wenn ich sie entdecke. An Winnetous Seite habe ich dieses Häufchen Schoschonen nicht zu fürchten.“

Das klang so einfach, so selbstverständlich, daß der Hobble-Frank bewundernd ausrief –

„Vierzig Feinde nich fürchten! Ich bin doch ooch keen Hasenfuß, aber so weit hat’s mein Temperament in der Kühnheit des Charakters doch noch nich gebracht. Veni, vidi, tutti, sagte der alte Blücher, und da gewann er die Schlacht bei Belle-mesalliance; aber zu zween gegen vierzig ist er ooch nich gewesen. Ich begreif‘ das eenfach nich!“

„Die Erklärung ist sehr einfach, mein Lieber; viel Vorsicht, viel List und ein klein wenig Entschlossenheit, wenn sie gebraucht wird. Befindet man sich dazu noch im Besitze von Waffen, auf welche man sich verlassen kann, so ist man unter Umständen selbst vielen überlegen. Hier an diesem Orte sind wir keineswegs sehr sicher. Wollen Sie klug sein, so reiten Sie weiter, damit Sie baldigst zu den Ihrigen stoßen.“

„Und Sie bleiben hier?“

„Bis Winnetou kommt, ja. Dann werde ich mit ihm Ihren Lagerplatz aufsuchen. Wir haben zwar ein anderes Ziel; aber wenn er einverstanden ist, so bin ich bereit, mit nach dem Yellowstone zu reiten.“

„Wirklich, wirklich?“ fragte Jemmy, aufs höchste erfreut. „In diesem Falle möchte ich darauf schwören, daß wir die Gefangenen befreien!“

„Nicht zu zuversichtlich! Ich bin die mittelbare Ursache, daß Baumann sich in Gefahr befindet, und so fühle ich mich verpflichtet, an seiner Befreiung mitzuwirken. Darum – – –“

Er hielt inne, denn Frank hatte einen unterdrückten Ruf des Schreckens ausgestoßen. Er deutete mit der Hand zwischen den Büschen hindurch, hinaus auf die Sandebene, auf welcher ein Trupp berittener Indianer sichtbar geworden war.

„Schnell auf die Pferde und fort!“ riet Shatterhand. „Jetzt sind Sie noch nicht bemerkt worden. Ich komme nach.“

„Die Kerls werden unsere Spur finden!“ sagte Jemmy, indem er schleunigst in den Sattel stieg.

„Nur fort, fort! Das ist die einzige Rettung für Sie!“

„Aber Sie werden ja von ihnen entdeckt!“

„Sorgen Sie sich nicht um mich! Vorwärts, vorwärts!“

jetzt saßen die beiden im Sattel und jagten davon. Shatterhand warf einen forschenden Blick umher. Die beiden hatten ebensowenig wie er in dem Steingrus eine Spur zurückgelassen. Das Geröll zog sich erst breit und dann immer schmäler werdend an der steilen Berglehne empor, bis es sich unter dichten Tannen verlor. Er hing den Henrystutzen an den Sattel, nahm den Bärentöter auf die Schulter und sagte seinem Pferde nur das eine Wort der Apachensprache:

„Peniyil – kommen!“

Als er nun mit großen, möglichst eiligen Schritten die steile Böschung emporzuklettern begann, folgte ihm das Tier wie ein Hund. Man hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß ein Pferd hier hinauf kommen könne, und doch langten beide nach kurzer, aber höchst energischer Anstrengung droben unter den Bäumen an. Er legte dem Tiere die Hand auf den Hals.

„Ischkuhsch – schlafen!“

Sofort legte es sich nieder und blieb da vollständig bewegungslos liegen. Es war indianisch geschult.

Die Schoschonen hatten die Fährte bemerkt. Wäre es diejenige Old Shatterhands gewesen, so hätten sie infolge der verkehrten Hufstellung annehmen müssen, daß die Spur von hier fort nach Osten führe; aber Franks und Jemmys Fährte war zu deutlich; sie konnte gar nicht verkannt werden. Die Schoschonen folgten ihr und kamen sehr rasch näher.

Seit dem Verschwinden der beiden Deutschen waren kaum zwei Minuten vergangen, so befanden sich die Indianer schon an der Schierlingstanne. Einige stiegen ab, um die verschwundenen Spuren zu suchen.

„Ive, ive; mi, mi – hier, hier, vorwärts, vorwärts!“ rief einer.

Er hatte gefunden, was er suchte. Die Roten verschwanden. Shatterhand hörte droben in seinem Verstecke, daß sie den beiden Flüchtigen im Galoppe folgten.

„Jetzt kommt es darauf an, die nötige Klugheit und Schnelligkeit zu entwickeln,“ dachte er. „Jemmy ist gar wohl der Mann dazu.“

Da ließ sein Pferd ein leises Schnauben hören, ein sicheres Zeichen, daß es seinen Herrn auf etwas aufmerksam machen wolle. Das Tier blickte ihn mit großen, klugen Augen an und wendete dann den Kopf zur Seite, bergaufwärts. Der Jäger nahm den Stutzen zur Hand, kniete schußgerecht nieder und hielt den Blick scharf nach oben gerichtet. Die Bäume standen hier so dicht, daß man gar nicht weit sehen konnte. Bald jedoch legte er den Stutzen wieder ab. Er hatte, unter den niedrigsten Aesten nach oben blickend, ein Paar mit Stachelschweinsborsten verzierte Moccassins gesehen, und er wußte, daß der Mann, welcher diese Schuhe trug, sein bester Freund sei. Bald raschelte es in den Zweigen, und der Nahende stand vor ihm.

Er war ganz genau so gekleidet wie Old Shatterhand, nur daß er anstatt der hohen Stiefel Moccassins trug. Auch eine Kopfbedeckung hatte er nicht. Sein langes, dichtes, schwarzes Haar war in einen hohen, helmartigen Schopf geordnet und mit einer Klapperschlangenhaut durchflochten. Keine Adlerfeder schmückte diese indianische Frisur. Dieser Mann bedurfte keines solchen Zeichens, um als Häuptling erkannt und geehrt zu werden. Wer nur einen Blick auf ihn richtete, der hatte sofort die Ueberzeugung, einen bedeutenden Mann vor sich zu haben. Um den Hals trug er den Medizinbeutel, die Friedenspfeife und eine dreifache Kette von Bärenkrallen, Trophäen, welche er sich selbst mit Lebensgefahr erkämpft hatte. In der Hand hielt er ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren. Dies war die berühmte Silberbüchse, deren Kugel niemals ihr Ziel verfehlte. Der Ausdruck seines ernsten, männlich-schönen Gesichtes war fast römisch zu nennen; die Backenknochen standen kaum merklich vor, und die Hautfarbe war ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch.

Das war Winnetou, der Apachenhäuptling, der herrlichste der Indianer. Sein Name lebte in jeder Blockhütte und an jedem Lagerfeuer. Gerecht, klug, treu, tapfer bis zur Verwegenheit, ohne Falsch, ein Freund und Beschützer aller Hilfsbedürftigen, gleichviel ob sie rot oder weiß von Farbe waren, so war er bekannt über die ganze Länge und Breite der Vereinigten Staaten und deren Grenzen hinaus.

Old Shatterhand hatte sich vom Boden erhoben. Er wollte sprechen, wurde aber durch eine Handbewegung Winnetous zum Schweigen aufgefordert. Ein zweiter Wink des Apachen bedeutete ihn, zu horchen.

Von fernher ließen sich monotone Klänge vernehmen. Sie kamen schnell näher. Es waren Molltöne im Vierachteltakte, die zwei ersten Achtel auf der kleinen Terz und das Viertel dann auf der Prime, ungefähr wie cca- cca. Und dann ertönte auf der hohen Quinte e ein schriller Jubelton.

jetzt hörten die beiden Lauscher lautes Pferdegetrappel, und nun waren auch die Laute zu verstehen, welche gesungen wurden. Es war nur das eine Wort: „totsi-wuw, totsi-wuw!“ Es bedeutet so viel wie Skalphaut.

Nun wußte Old Shatterhand, daß die beiden Deutschen nicht entkommen, sondern gefangen genommen worden waren.

Die Schoschonen ritten unten vorüber, nach indianischer Weise einer hinter dem anderen. In der Mitte aber hatten zwei die beiden Gefangenen zwischen sich. Dieselben waren ihrer Waffen beraubt und mit Lassos auf ihre Pferde gebunden. Sie schienen unverwundet zu sein. Vielleicht hatte gar kein Kampf stattgefunden. Vielleicht hatten sie sich, nachdem sie eingeholt worden waren, in der Ueberzeugung, daß Widerstand unnütz sei, freiwillig ergeben.

Keiner der Schoschonen ahnte, daß es in der Nähe einen Lauscher gäbe. Die Gefangenen aber dachten an Old Shatterhand, den sie hier verlassen hatten. Sie blickten um sich, nach rechts, nach links, und auch empor zur Höhe. Shatterhand mußte ihnen ein Zeichen geben, daß er sie sehr wohl bemerke. Dabei wagte er freilich, daß dasselbe auch von einem zufällig emporblickenden Schoschonen gesehen werde. Er trat ein Stück vor, und schwenkte den Hut; als er sah, daß der dicke Jemmy ihn bemerkt habe, trat er schnell wieder zurück.

Die Roten verschwanden. Eine kurze Zeit noch hörte man das monotone „totsi-wuw, totsi-wuw“, dann wurde es still.

Jetzt drehte sich Winnetou um und verließ, ohne ein Wort zu sprechen, die Stelle wieder, an welcher er neben Old Shatterhand gestanden hatte. Dieser wartete ruhig. Nach vielleicht zehn Minuten kehrte der Apache zurück, sein Pferd am Zügel hinter sich führend. Es war wirklich unbegreiflich, wie es dem Tiere gelingen konnte, auf so sehr abschüssigem Boden sich sicher durch den dichten Wald zu winden. Es war ganz von der Art und Farbe wie dasjenige Old Shatterhands, doch verdiente das letztere wohl den Vorzug. Der Häuptling hatte infolge seiner noblen Gesinnung seinem Freunde das bessere von beiden geschenkt.

jetzt standen sie nebeneinander, zwei Männer, welche sich selbst vor einem ganzen Indianerstamm nicht zu fürchten pflegten. Ein forschender Blick in das Gesicht des Apachen belehrte Old Shatterhand, daß er diesem über das Vorkommnis keine ausführliche Belehrung zu geben brauche. Die beiden kannten einander eben so gut, daß sie ihre Gedanken gegenseitig leicht zu erraten vermochten. Darum fragte der Weiße:

„Der Häuptling der Apachen hat den Ort entdeckt, an welchem die Krieger der Schoschonen ihr Lager aufgeschlagen haben?“

„Winnetou ist ihrer Fährte gefolgt,“ antwortete der Gefragte. „Sie sind da, wo vor Zeiten das Wasser aus den Bergen in den See des Blutes geflossen ist, im trockenen Flußbette aufwärts geritten. Dann führt die Spur links über die Höhe in ein Nastla-atahehle (kesselförmiges Thal), wo sie ihre Zelte errichtet haben.“

„Sind es Wohnzelte?“

„Nein, sondern es sind die Zelte des Krieges, drei an der Zahl, in welchen sie alle wohnen. Winnetou hatte ihre Spuren richtig gezählt und dir an den Baum geschrieben, wie viele ihrer sind. In dem mit Adlerfedern geschmückten Zelt wohnt der Anführer. Es ist Tokvi-tey (der schwarze Hirsch), der tapferste Häuptling der Schoschonen. Winnetou hat sein Angesicht von weitem gesehen und ihn an den drei Narben, welche er auf den Wangen trägt, erkannt.“

„Und was hatte mein roter Bruder beschlossen?“

„Winnetou hatte nicht die Absicht, sich den Schoschonen zu zeigen. Er fürchtet sie nicht; aber weil sie sich auf dem Kriegspfade befinden, so würde ein Kampf dann unvermeidlich sein, und er möchte doch keinen von ihnen töten, weil sie ihm nichts gethan haben. Nun aber haben sie die beiden Bleichgesichter gefangen genommen; mein weißer Bruder will dieselben befreien, und so wird Winnetou doch mit ihnen kämpfen müssen.“

Mit solcher Sicherheit sprach der Apache von den Gedanken und Absichten Shatterhands. Dieser fand dies so selbstverständlich, daß er gar keine Bemerkung darüber machte, sondern sich nur erkundigte:

„Hat mein Bruder erraten, wer die Bleichgesichter sind?“

„Winnetou hat die Gestalt des Dicken gesehen und weiß also, daß dieser Jemmy-petahtscheh ist, der dicke Jemmy. Der andere hinkte, als er vom Pferde stieg. Sein Tier war so frisch und sein Anzug ebenso, daß der Mann sich noch nicht lange Zeit im Sattel befinden kann. Er wohnt also in keiner großen Entfernung von hier, und darum wird er wohl Indahisch-schohl-dentschu sein, welchen die Bleichgesichter Hobble-Frank nennen. Er ist der Gefährte des Bärentöters.“

Die Apachen haben kein besonderes Wort für „hinken“. Die vier Worte des Häuptlings bedeuten: „der Mann, welcher schlecht zu Fuße geht“. Er hatte ganz richtig vermutet und damit, wie oft, einen Beweis gegeben, daß der Scharfsinn der Indianer ein außerordentlicher ist.

„Mein roter Bruder hat die Namen der beiden Jäger erraten,“ sagte Old Shatterhand. „Er hat den Hobble-Frank hinken sehen und sich folglich in unserer Nähe befunden, als ich mit ihnen sprach?“

„Ja. Winnetou hatte die Schoschonen beobachtet und gesehen, daß eine Abteilung von ihnen davonritt, in der Richtung nach dem See des Blutes. Da er nun wußte, daß sein weißer Bruder dorthin kommen werde, ritt er über die Höhen und durch den Wald gerade auf den Baum der Zusammenkunft zu. Zuletzt hinderte ihn das Pferd, schnell vorwärts zu kommen und seinen Bruder zu warnen; darum ließ er es stehen und eilte zu Fuß weiter. Von hier oben erblickte er dann seinen Bruder mit den beiden Bleichgesichtern unten stehen. Er sah auch die Schoschonen, welche die Fährte der Weißen bemerkten. Diese letzteren eilten davon und wurden von den Roten, welche ihnen nacheilten, gefangen. Jetzt versteht es sich von selbst, daß Old Shatterhand sie befreien wird, und Winnetou wird ihm dabei zur Seite stehen. Er vermutet auch, daß die beiden Weißen sich nicht allein hier am See des Blutes und am Devils Head befinden. Sie werden auf Old Shatterhands Fährte getroffen sein und sich von ihren Gefährten getrennt haben, um ihr für einige Zeit zu folgen. Mein weißer Bruder wird wissen, wo diese Gefährten sich befinden, und wir werden sie jetzt aufsuchen, damit sie uns behilflich sind, die Gefangenen zu befreien.“

Das war abermals ein Beweis seines ungewöhnlichen Scharfsinns. Old Shatterhand erzählte ihm in kurzen Worten, was er von Jemmy und Frank erfahren hatte. Der Apache hörte aufmerksam zu und sagte dann:

„Ugh! So haben sich die Hunde der Sioux auf die Beine gemacht, um zu erfahren, daß Old Shatterhand und Winnetou nicht dulden werden, daß der Bärentöter den Tod am Marterpfahle sterbe. Wir werden heute den Dicken und den Hinkenden befreien und sodann mit ihnen und ihren Kameraden hinauf nach dem Yellowstone reiten, um den Sioux vom Stamme der Ogallalla zu zeigen, daß Old Shatterhand, welcher damals ihre drei tapfersten Krieger mit der bloßen Faust erschlug, sich jetzt wieder in den Bergen des Toli-tlitsu befindet.“

Dieses viersilbige Wort bedeutet: „gelber Fluß“, also fast genau dasselbe wie Yellowstone River.

Es war Old Shatterhand höchst willkommen, daß Winnetou sich aus freien Stücken bereit zeigte, Baumann zu Hilfe zu eilen. Er sagte:

„Mein roter Bruder hat meinen Wunsch erraten. Wir sind nicht in diese Gegend gekommen, um das Blut der roten Männer zu vergießen; aber wir werden es auch nicht geschehen lassen, daß Unschuldige meine damalige That mit dem Tode büßen. Winnetou mag mir zu denen folgen, welche zu ihrer Rettung ausgezogen sind!“

Sie führten ihre Pferde die steile Böschung vollends hinab, stiegen auf und ritten dann schnell in derselben Richtung fort, welche Jemmy und Frank vorher bei ihrer mißglückten Flucht eingeschlagen hatten.

Es war nicht mehr weit zum Anbruche der Dunkelheit; darum ließen sie ihre Pferde weit ausgreifen. Bald erreichten sie die Stelle, an welcher die Schoschonen die Flüchtigen erreicht hatten. Dort hielten sie für einige Augenblicke an, um die Spuren zu untersuchen.

„Es ist gar nicht gekämpft worden,“ meinte Winnetou.

„Nein. Die beiden Bleichgesichter waren ja nicht verwundet. Hätten sie es für geraten gehalten, sich zu verteidigen, so wären sie den Schoschonen ganz gewiß nicht unverletzt in die Hände gefallen. Sie haben klugerweise eingesehen, daß ein Kampf nur zu ihrem Nachteile ausschlagen könne, und sich also freiwillig ergeben.“

Winnetou machte eine seiner eigenartigen, scharf bezeichnenden Handbewegungen und fragte:

„Klugerweise, sagt mein Bruder? Ich möchte ihn fragen, ob er und Winnetou sich ergeben hätten, wenn sie es gewesen wären, die von den Schoschonen verfolgt wurden!“

„Ergeben? Wir uns? Ganz gewiß nicht!“

„Howgh!“

„Wir hätten gekämpft bis zum Tode, und viele der Schoschonen wären gefallen, ehe man uns ergriffen hätte.“

„Vielleicht hätten wir auch nicht gekämpft. Winnetou möchte den Schoschonen sehen, der ihn und Old Shatterhand ereilen könnte, wenn beide ihre Rappen unter sich haben. Und ist Old Shatterhand nicht ein Meister im Auffinden fremder und im Verbergen seiner eigenen Spuren? Die Schoschonen hätten sein müssen wie Männer, welche der große Geist mit Blindheit geschlagen hat. Keines ihrer Augen hätte unsere Fährte bemerkt. Tapferkeit ist die Zierde eines Mannes; durch Klugheit aber vermag er mehr Feinde zu besiegen als durch den Tomahawk.“

Sie ritten weiter, gerade südwärts, am Fuße des Höhenzuges hin, links von sich die Bodensenkung des einstigen Sees.

„Hat mein Bruder bereits einen Plan zur Befreiung der beiden Weißen erdacht?“ fragte Shatterhand.

„Winnetou braucht keinen Plan; er wird zu den Schoschonen zurückkehren und ihnen die Gefangenen entführen. So denkt er. Diese Schlangenindianer sind gar nicht wert, daß Winnetou ihretwegen über einen Plan nachdenkt. Old Shatterhand hat ja den Beweis erhalten, daß sie kein Hirn in ihren Köpfen haben.“

Shatterhand wußte sogleich, was er meine.

„Ja“, sagte er. „Keiner von ihnen hat daran gedacht, daß die meisten Jäger sich nicht allein hier befinden. Wäre ihnen dieser Gedanke gekommen, so hätten sie jedenfalls einige Kundschafter ausgesandt. Wir haben es also mit Leuten zu thun, deren Klugheit wir gar nicht sehr zu fürchten brauchen. Wäre Tokvi-tey, der Häuptling, in eigener Person bei dieser Abteilung gewesen, so hätten wir ganz sicher jetzt einige Kundschafter vor uns reiten.“

„Sie würden nichts finden, denn Winnetou und Old Shatterhand würden die Augen dieser Männer auf sich ziehen und sie irre leiten.“

jetzt hatten sie die Stelle erreicht, an welcher die Thalschlucht in fast gerader westlicher Richtung in die Höhe schnitt. Dort fanden sie die Spuren der Gesuchten, doch war es bereits so dunkel, daß die Eindrücke nicht mehr genau erkannt werden konnten. Sie bogen nach rechts ab, der Fährte nach.

Die Schlucht war ziemlich breit und auch leicht gangbar. Die beiden Reiter kamen trotz der Dunkelheit schnell vorwärts. Da ihre Pferde barfuß waren, machten die Huftritte derselben so wenig Geräusch, daß dies nur ganz in der Nähe gehört werden konnte.

Da schien es, als ob eine Seitenschlucht sich links abzweige. Die beiden hielten an. Die Schlucht war eng. Konnte es diejenige sein, in welcher die gesuchten vier Personen ihr Lager hatten errichten wollen?

Als sie so still da hielten, scharrte Winnetous Pferd leise den Boden und ließ jenes bezeichnende Schnauben vernehmen, welches stets ein Zeichen ist, daß das Tier etwas Fremdes, vielleicht gar Feindseliges wittert.

„Wir sind auf dem richtigen Wege,“ meinte der Weiße. „Reiten wir links ab. Das Pferd will uns sagen, daß da drin sich jemand befindet.“

Sie mochten ungefähr zehn Minuten langsam vorwärts geritten sein, da machte die Schlucht eine Wendung, und dann, als sie die Krümmung hinter sich hatten, erblickten sie ein Feuer, welches in einer Entfernung von vielleicht hundert Schritten von ihnen brannte. Die Schlucht hatte sich da erweitert und bildete eine von Bäumen bestandene Ausbuchtung, in deren Mitte ein Quell aus dem Boden drang, um sein weniges Wasser aber bald wieder im sandigen Grunde verlaufen zu lassen.

Am Quell traten die Bäume zurück, so daß ein kleiner freier Platz gebildet wurde, auf welchem das Feuer brannte. Die beiden sahen drei Personen an demselben sitzen, deren Gesichtszüge sie wegen der beträchtlichen Entfernung aber nicht zu erkennen vermochten.

„Was meint mein Bruder?“ fragte Winnetou. „Werden es die richtigen sein?“

„Es sind nur drei; wir aber suchen viere. Bevor wir unsere Gegenwart merken lassen, wollen wir einmal sehen, wen wir vor uns haben.“

Er stieg ab, und Winnetou that dasselbe.

„Es genügt, wenn ich allein hingehe,“ sagte Shatterhand.

„Gut! Winnetou wird warten.“

Er nahm die Pferde bei den Zügeln und trat mit ihnen möglichst weit zur Seite, da, wo die Felswand ein weiteres Zurückziehen unmöglich machte. Old Shatterhand huschte vorsichtig vorwärts bis unter die Bäume und schlich sich dann von Stamm zu Stamm weiter, bis er sich hinter dem letzten der Bäume niederlegte und nun die Drei in aller Gemütlichkeit beobachten konnte. Sogar die Worte konnte er verstehen, welche sie miteinander sprachen.

Es war der lange Davy mit Wohkadeh und Martin Baumann. Bob, der Neger, war nicht da. Der gute Schwarze war mit wahrer Begeisterung für den abenteuerlichen Ritt eingenommen. Er fühlte sich als Ritter der Prairie und war überaus beflissen, sich ganz genau als solcher zu verhalten. Darum war er, nachdem er gegessen hatte, vom Feuer aufgestanden und hatte erklärt, daß er für die Sicherheit seines jungen „Massas“ und der anderen beiden „Massers“ wachen werde. Davy hatte ihm vergebens erklärt, daß dies jetzt und hier gar nicht nötig sei.

Anstatt nun den Eingang der Schlucht, woher allem Ermessen nach jede etwaige Gefahr kommen mußte, zu bewachen, war er beflissen gewesen, in gerade entgegengesetzter Richtung zu patrouillieren. Dort hatte er nichts Verdachterregendes bemerkt, und so kehrte er gerade in dem Augenblicke, an welchem Old Shatterhand hinter dem Baume Posto faßte, zu dem Feuer zurück, setzte sich aber nicht nieder, sondern ging weiter.

„Bob,“ sagte Davy. „Bleib doch da! Was soll das Herumstreichen nützen! Es sind ganz gewiß keine Indsmen in der Nähe.“

„Wie Massa Davy das können wissen!“ antwortete Bob. „Indsman kann sein überall, rechts, links, hüben, drüben, oben, unten, hinten, vorn – – –“

„Und in deinem Kopfe!“ lachte der Lange.

„Massa mögen lachen. Bob kennen seine Pflicht. Massa Bob sein groß und berühmt Westmann; er machen kein Fehler. Wenn Indsman kommen, Massa Bob ihn sofort schlagen tot.“

Er hatte sich nämlich eine junge, dürre Fichte abgebrochen und hielt deren wohl zehn Zoll starken Stamm in den gewaltigen Fäusten. Mit dieser Waffe fühlte er sich sicherer als mit der Flinte in der Hand.

Er schritt jetzt in entgegengesetzter Richtung davon.

Old Shatterhand war jetzt überzeugt, die Gesuchten vor sich zu haben; er hätte seine Anwesenheit zu erkennen geben können; aber da Bob gerade nach dem Punkte zuhielt, an welchem Winnetou stand, so war mit Wahrscheinlichkeit ein kleines Intermezzo zu erwarten, und so blieb der Jäger noch ruhig hinter dem Baume liegen.

Er hatte sich nicht verrechnet. Der Neger näherte sich der betreffenden Stelle. Es ist eine alte Erfahrung, daß indianische Pferde sich nicht leicht mit Negern befreunden, was seinen Grund jedenfalls in den Transpirationsverhältnissen hat. Die beiden Rappen rochen Bob von weitem und wurden unruhig. Winnetou hatte die dunkle Hautfarbe des Nahenden bemerkt, und da er von Shatterhand gehört hatte, daß ein Neger sich bei den Gesuchten befinde, so war er jetzt überzeugt, Freunde vor sich zu haben; darum verhielt er sich nicht feindselig, sondern ließ den Schwarzen ruhig herankommen.

Eines der Pferde schnaubte. Bob hörte es. Er blieb stehen und horchte. Ein abermaliges Schnauben brachte ihn zu der Ueberzeugung, daß irgend wer oder irgend was sich in der Nähe befinde.

„Wer da sein?“ fragte er.

Keine Antwort.

„Bob fragen, wer da sein! Wenn nicht antworten, so schlagen Massa Bob tot, wer da sein!“

Abermals keine Antwort.

„Nun, dann sterben müssen all, wer da sein!“

Er erhob den Knüttel und trat näher. Winnetous Hengst sträubte die Mähne; seine Augen funkelten. Er stieg vom empor und schlug mit den Vorderhufen nach Bob. Dieser sah, da er sich jetzt in solcher Nähe befand, eine hohe, riesige Gestalt vor sich. Er bemerkte die funkelnden Augen und hörte das drohende Schnauben; einer der Hufe sauste an seinem Kopfe vorüber und im Niederfallenlassen schleuderte ihn das Pferd zur Seite.

Er war ein mutiger Kerl, aber mit einem solchen Gegner sich einzulassen, das war ihm doch zu gefährlich. Er ließ den Knüttel fallen, riß aus und schrie dabei aus Leibeskräften:

Woe to me! Help, help, help! Er wollen Massa Bob erschlagen! Er wollen Massa Bob verschlingen! Help, help, help!

Die drei am Feuer Sitzenden sprangen auf.

„Was gibt’s?“ fragte Davy

A giant, ein Riese, ein Gespenst, ein Geist wollen Massa Bob erwürgen!“

„Unsinn! Wo denn?“

„Dort, dort am Felsen es sein.“

„Laß dich nicht auslachen, Schwarzer! Gespenster gibt es gar nicht.“

„Massa Bob haben es sehen!“

„Es wird ein seltsam geformter Fels gewesen sein.“

„Nein, es nicht sein Fels!“

„Oder ein Baum!“

„Auch nicht sein Baum. Es sein lebendig!“

„Du hast dich getäuscht.“

„Massa Bob sich nicht täuschen. Gespenst so groß, so, so!“ Dabei streckte er beide Hände möglichst hoch über seinem Kopf empor. „Es haben Augen wie Feuer, sperren ein Maul auf wie Drache und blasen Massa Bob an, daß er hinfallen. Massa Bob haben sehen großen Bart, so groß, so lang!“

jedenfalls hatte er die Mähnenhaare, welche bei dem Rappen sehr lang waren, trotz der Dunkelheit gesehen und hielt sie nun für den Bart des Riesen.

„Du bist nicht bei Sinnen!“ behauptete Davy.

„O, Massa Bob sein bei Sinn, sehr bei Sinn! Er weiß, was er haben sehen. Massa Davy nur gehen hin und es auch ansehen!“

„Nun, so wollen wir doch einmal schauen, welchen Gegenstand der Nigger für einen Riesen oder ein Gespenst gehalten hat!“

Er wollte gehen. Da erklang es hinter ihm:

„Bleibt in Gottes Namen hier, Master Davy! Es handelt sich in Wirklichkeit nicht um ein Gespenst.“

Er fuhr herum und riß sein Gewehr an die Wange. Wohkadeh hielt in demselben Augenblicke sein Gewehr auch schußfertig, und Martin Baumann legte auch das seinige an. Alle drei Läufe waren auf Old Shatterhand gerichtet, welcher sich vom Boden erhoben hatte und hinter dem Baume hervorgetreten war.

Good evening!“ grüßte er. „Thut euer Schießzeug weg, Mesch’schurs! Ich komme als Freund und soll euch vom dicken Jemmy und vom Hobbel-Frank grüßen.“

Da ließ der lange Davy die Büchse sinken, und die anderen folgten seinem Beispiele.

„Uns von ihnen grüßen?“ fragte er. „So habt Ihr sie getroffen?“

„Ja freilich.“

„Wo?“

„Da unten am Rande des Blutsees, bis wohin sie der Elefantenfährte gefolgt waren.“

„Das stimmt. Haben sie denn entdeckt, wer dieser Elefant gewesen ist?“

„Ja, mein Pferd war es.“

„Alle Wetter! Hat es denn gar so riesenhafte Plattfüße, Sir?“

„Nein; es hat vielmehr gar zierliche Hüfchen. Freilich kann ich nicht dafür, daß Ihr die Schuhe hier für die Füße gehalten habt.“

Er deutete auf die vier Schilfsohlen, welche er am Gürtel hängen hatte. Der Lange begriff sogleich, um was es sich handelte:

„Ah, wie gescheit! Schnallt dieser fremde Master seinem Pferde solche Sohlen an, um die Leute, welche dann die Fährte sehen, irre zu machen! Mann, dieser Gedanke ist sehr gut; er ist so ausgezeichnet, als ob ich selbst ihn erfunden hätte!“

„Ja, der lange Davy hat von allen Jägern, welche zwischen den zwei Meeren reiten und laufen, stets die besten Gedanken!“

„Spottet nicht, Sir! So klug wie Ihr seid, bin ich wohl auch. Verstanden?“

Sein Auge flog dabei mit einem geringschätzenden Blicke über die saubere Erscheinung Old Shatterhands.

„Das bezweifle ich gar nicht,“ antwortete dieser. „Und weil Ihr so klug seid, werdet Ihr mir wohl auch sagen können, wer das Gespenst ist, welches Euer guter Bob gesehen hat?“

„Ich will einen Centner Flintenkugeln verzehren, und zwar ohne Butter und Petersilie, wenn es nicht Euer Pferd gewesen ist!“

„Ich meine, daß Ihr es erraten habt.“

„Dies zu erraten, braucht man nicht Gymnasiast gewesen zu sein wie der dicke Jemmy. Aber nun sagt mir doch, wo der Kerl mit dem Frank eigentlich steckt. Warum kommt Ihr allein?“

„Weil sie abgehalten sind, selbst zu kommen. Sie sind von einer Schar Schoschonen zum Abendessen eingeladen worden.“

Der Lange machte eine Bewegung des Schreckens.

Heavens! Wollt Ihr damit vielleicht sagen, daß sie gefangen genommen worden sind?“

„Leider meine ich das.“

„Wirklich? Gewiß? Wahrhaftig?“

„Ja. Sie wurden überfallen und fortgeführt.“

„Von den Schoschonen? Gefangen! Fortgeführt! Das werden wir uns verbitten! Wohkadeh, Martin, Bob, schnell zu Pferde! Wir müssen den Schoschonen augenblicklich nach. Sie müssen die beiden herausgeben, sonst hauen wir sie zu russischem Salat zusammen!“

Er eilte zu den Pferden, welche am Wasser grasten.

Stop, Sir!“ sagte Old Shatterhand. „So schnell bringt Ihr das nicht fertig. Wißt Ihr denn, wo die Schoschonen zu finden sind?“

„Nein; aber ich hoffe, daß Ihr es uns sagen könnt!“

„Und wie viele Personen sie zählen?“

„Personen? Meint Ihr, daß es mir einfallen kann, die Personen zu zählen, wenn es gilt, meinen dicken Jemmy herauszuhauen? Es mögen hundert sein oder nur zwei, das ist egal: heraus muß er!“

„So wartet wenigstens noch ein wenig, bevor Ihr zuschlagt! Ich denke, wir haben uns zunächst noch einiges zu sagen. Ich bin nicht allein. Da kommt ein Kamerad, welcher Euch auch einen guten Abend bieten möchte.“

Winnetou hatte bemerkt, daß Old Shatterhand mit den Männern sprach; darum kam er nun mit den Pferden herbei. Der lange Davy war zwar überrascht, einen Roten in Gesellschaft des Weißen zu sehen, schien aber den Häuptling nicht für besonders achtenswert zu halten, denn er sagte:

„Eine Rothaut! Und auch wie aus dem neuen Ei geschält, gerade wie Ihr. Ein Westmann seid Ihr wohl eigentlich nicht?“

„Nein, eigentlich nicht; das habt Ihr wieder sogleich erraten.“

„Dachte es mir! Und dieser Indsman ist wohl auch ein ansässiger, der sich vom großen Vater in Washington einige Hände voll Land hat schenken lassen?“

„Jetzt täuscht Ihr Euch, Sir!“

„Wohl schwerlich.“

„Ganz gewiß. Mein Gefährte ist nicht der Mann, welcher sich vom Präsidenten der Vereinigten Staaten Land schenken läßt. Er wird vielmehr – – –“

Er wurde von Wohkadeh unterbrochen, welcher einen Ruf freudigen Erstaunens ausstieß. Der junge Indianer war nämlich zu Winnetou getreten und hatte die Büchse in dessen Hand bemerkt.

„Uff, uff!“ rief er aus. „Maza-skamon-za-wakon – die Silberbüchse!“

Der Lange verstand so viel von der Sprache der Sioux, daß er wußte, was Wohkadeh meinte.

„Die Silberbüchse?“ fragte er. „Wo? Ah, hier, hier! Zeigt sie doch einmal her, mein roter Sir!“

Winnetou ließ sie sich aus der Hand nehmen.

„Es ist Maza-skamon-za-wakon,“ rief Wohkadeh. „Dieser rote Krieger ist also Winnetou, der große Häuptling der Apachen!“

„Was? Wie? Unmöglich!“ meinte der Lange. „Aber gerade so wie dieses Gewehr hat man mir die Silberbüchse beschrieben.“

Er blickte Winnetou und Old Shatterhand fragend an. Sein Gesicht hatte in diesem Augenblicke keineswegs den Ausdruck allzugroßer Klugheit.

„Es ist die Silberbüchse,“ antwortete Shatterhand. „Mein Gefährte ist Winnetou.“

„Hört, Mann, macht keinen dummen Spaß mit mir!“

„Pah! Wenn Ihr partout wollt, so nehmt’s meinetwegen für Scherz. Ich habe keine Lust, Euch den Stammbaum des Apachen auf den Rücken zu malen.“

„Das würde Euch auch sehr schlecht bekommen, Sir! Aber wenn dieser rote Gentleman wirklich Winnetou ist, wer seid denn Ihr? In diesem Falle müßtet Ihr ja wohl der – – ,

Er hielt mitten in der Rede inne. Bei dem Gedanken, welcher ihm gekommen war, vergaß er, den Mund zu schließen. Er starrte Old Shatterhand an, schlug dann die Hände zusammen, that einen Luftsprung und fuhr sodann fort:

„Na, da hab‘ ich freilich einen Pudel geschossen, welcher größer als der ausgewachsenste Elefant ist! Beleidige ich da den berühmtesten Westmann, den nur jemals die Sonne beschienen hat! Wenn dieser Indsman Winnetou ist, so seid Ihr kein anderer als Old Shatterhand, denn diese beiden gehören gerade so zusammen wie der dicke Jemmy und ich. Also sagt‘ ist’s richtig, Sir?“

„Ja, Ihr habt Euch nicht getäuscht.“

„So möchte ich vor Freuden gleich alle Sterne vom Himmel herunterlangen und da auf die Bäume setzen, um den Abend, an welchem ich euch kennen lernte, durch eine Illumination zu feiern! Willkommen, Mesch’schurs, willkommen an unserem Lagerfeuer! Verzeiht die Dummheit, welche wir gemacht haben!“

Er streckte beiden die Hände entgegen und drückte ihnen die ihrigen, daß sie hätten aufschreien mögen. Bob, der Neger, sagte gar nichts. Er schämte sich außerordentlich, ein Pferd für ein Gespenst gehalten zu haben. Wohkadeh war bis an die Bäume zurückgetreten. Er stand an einem derselben gelehnt und ließ die Augen mit bewunderndem Ausdrucke auf den beiden Ankömmlingen ruhen, – bei den Indianern ist die Jugend eben gewöhnt, bescheiden zu sein. Wohkadeh hätte geglaubt, den größten Fehler zu begehen, wenn er als gleichberechtigt in der Nähe der anderen stehen geblieben wäre. Martin Baumann betrachtete sich eben so die beiden Männer, von denen er bereits so viele Heldenthaten hatte erzählen hören, sehr genau, freilich nicht aus solcher Entfernung wie der junge Indianer. Er stand da zwei Vorbildern gegenüber, weichen nachzueifern sein heißes Bestreben war, obgleich er nicht hoffen konnte, sie jemals im Leben zu erreichen.

Winnetou hatte sich von Davy die Hand drücken lassen; den drei anderen nickte er grüßend zu. Das war so seine ernste Art und Weise. Old Shatterhand dagegen, heiterem Naturells und ungewöhnlich menschenfreundlich, gab ihnen, sogar dem Neger, die Hand. Das ergriff Wohkadeh in der Weise, daß er die Rechte aufs Herz legte und leise versicherte:

„Wokadeh wird sein Leben gern für Old Shatterhand geben! Howgh!“

Nachdem diese Begrüßung vorüber war, setzten Shatterhand und Winnetou sich mit an das Feuer. Der erstere erzählte. Der letztere sagte kein Wort dazu; aber er nahm seine Pfeife und stopfte sie. Das war für den langen Davy das Zeichen, daß er mit ihnen Kriegskameradschaft rauchen wolle. Natürlich fühlte er sich von Herzen darüber erfreut. Seine Vermutung bestätigte sich, denn Shatterhand erklärte am Schlusse seines Berichtes, daß sie beide, Winnetou und er, bereit seien, heute Jemmy und Frank zu befreien und sodann mit hinauf nach dem Yellowstoneriver zu reiten.

jetzt zündete Winnetou die Pfeife an und erhob sich. Nachdem er den Rauch in die vorgeschriebenen Richtungen geblasen hatte, erklärte er, der Nta-je (ältere Bruder) der neuen Bekannten sein zu wollen, und gab die Pfeife weiter an Shatterhand. Von diesem kam sie an Davy. Als dieser die ceremoniellen Züge gethan hatte, fühlte er sich in großer Verlegenheit. Die beiden berühmten Männer hatten aus ihr geraucht; durfte er sie nun auch den Knaben und sogar dem Neger geben?

Winnetou ahnte die Gedanken des Langen. Er neigte den Kopf nach den drei Genannten und sagte:

„Der Sohn des Bärentöters hat auch bereits den Grizzly erlegt, und Wohkadeh ist der Besieger des weißen Büffels; beide werden große Helden sein; sie sollen die Pfeife des Friedens mit uns rauchen ebenso wie der schwarze Mann, welcher sogar die Verwegenheit gehabt hat, ein Gespenst erschlagen zu wollen.“

Das war ein Scherz, über welchen wohl gelacht worden wäre; aber das Rauchen der Friedenspfeife ist eine Handlung, bei welcher jede solche Heiterkeit vermieden werden muß. Bob freilich fühlte das Verlangen, seine Ehre wiederherzustellen; darum that er, als er zuletzt die Pfeife bekam, einige mächtige Züge, erhob die Hand, spreizte die fünf Finger weit auseinander, als ob er gleich einen fünffachen Schwur ablegen wolle, und rief:

„Bob sein Massa Bob, ein Held und Gentleman! Er sein Freund und Schutz von Massa Winnetou und Massa Old Shatterhand. Er schlagen tot alle ihre Feinde; er thun alles für sie; er – er – – er – – er schlagen zuletzt ganz sich selber tot!“

Das war Freundschaft im Superlativ geschworen! Er rollte dabei die Augen und knirschte mit den Zähnen, um zu zeigen, daß es ihm mit dieser Versicherung ein heiliger Ernst sei. Sie wurde von den Genannten mit Ernst entgegengenommen.

jetzt hatte man gesagt, was zu sagen gewesen war. Einen Plan zu entwerfen, war nicht möglich, da man ja die Situation der Gefangenen noch nicht kannte. Man mußte aufbrechen, um das Lager der Schoschonen aufzusuchen. Hatte man dasselbe rekognosciert, so konnte man entscheiden, was zu thun sei, eher aber nicht.

Natürlich war der lange Davy außerordentlich ergrimmt, seinen Jemmy in der Gewalt der Roten zu wissen, und Martin fühlte große Sorge um seinen Hobble-Frank. Beide waren bereit, ihr Leben an die Befreiung der beiden zu wagen. Wohkadeh sagte nichts als:

„Wohkadeh wußte es, daß die beiden Bleichgesichter unglücklich sein würden. Er hat sie gewarnt; sie aber wollten nicht auf seine Stimme hören.“

„Und daran haben sie recht gethan,“ erklärte Davy. „Wären sie der Elefantenfährte nicht gefolgt, so hätten sie den Häuptling der Apachen und Old Shatterhand nicht gefunden. Sie sind zwar dabei in Gefangenschaft geraten, aber wir werden sie wohl herauseisen, und dann haben wir in diesen beiden neuen Freunden zwei Helfer, wie wir sie uns gar nicht besser wünschen können. Also vorwärts jetzt, zu den Schoschonen! Sie sollen heute den langen Davy kennen lernen!“

Es wurde aufgebrochen. So schnell wie möglich ritten die sechs denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, die beiden Schluchten abwärts. Am Ausgange der Hauptschlucht bogen sie links nach Norden ein. Sie waren da noch nicht weit gekommen, so hielt Winnetou sein Pferd an. Die anderen thaten natürlich sofort dasselbe.

„Winnetou wird voranreiten,“ sagte er. „Meine Brüder mögen mir nicht schneller als im raschen Schritte folgen und dabei alles Geräusch vermeiden. Sie werden alles thun, was Old Shatterhand von ihnen fordert.“

Er stieg ab und beschäftigte sich eine kurze Zeit lang mit den vier Hufen seines Pferdes. Dann setzte er sich wieder auf und galoppierte davon. Das Geräusch, welches sein Pferd dabei verursachte, war kaum zu hören. Es klang nur so leise, so dumpf, wie wenn ein Mensch mit der Faust auf die Erde schlägt. Die übrigen folgten ihm so rasch, wie es sein Wunsch gewesen war.

„Was hat er gemacht?“ fragte Davy.

„Habt Ihr nicht gesehen, daß er eben solche Eisen und Pferdeschuhe an seinem Gürtel hängen hat wie ich?“ antwortete Old Shatterhand. „Er hat seinem Rappen die Schuhe angeschnallt, um nicht gehört zu werden und vielmehr selber zu hören.“

„Warum das?“

„Die Schoschonen, welche Eure Gefährten gefangen genommen haben, sind nicht auf den Gedanken gekommen, daß die beiden Gefangenen wohl Kameraden in der Nähe haben können. Tokvi-tey aber, der Häuptling der Schoschonen, ist klüger und bedächtiger als seine Krieger. Er wird sich sagen, daß zwei Jäger sich nicht allein in diese gefährliche Gegend wagen werden, und so steht zu erwarten, daß er noch nachträglich Kundschafter aussendet.“

„Pah! Das wäre ja ein ganz und gar unnützes Beginnen. Wie wollen diese Kerls uns in dieser Dunkelheit finden? Sie wissen nicht, wo wir sind, und können auch die Spuren nicht sehen.“

„Euer Name ist als der eines guten Westmannes bekannt, und so muß ich mich über Eure Rede wundern, Master Davy; Die Schoschonen haben hier ihre Jagd- und Weidegründe; die Gegend ist ihnen also bekannt. Oder meint Ihr das nicht?“

„Natürlich!“

„Nun so schließt nur weiter! Werden vorsichtige Jäger, wenn sie sich hier befinden, etwa hier im Freien, im Sande des einstigen Sees kampieren?“

„Auf keinen Fall.“

„Sondern wo?“

„Hier zwischen den Bergen.“

„Also in irgend einem Thale oder einer Schlucht. Nun könnt Ihr aber diese ganze weite Strecke abreiten, so werdet Ihr außer dem alten Wasserlaufe, dem die Schoschonen gefolgt sind, keinen anderen Thaleinschnitt finden als denjenigen, in welchem Ihr Euch auch wirklich gelagert hattet. Dort und eben auch nur dort allein seid Ihr also zu suchen.“

„Verteufelt! Ihr habt recht, Sir. Man merkt doch gleich, daß man mit Old Shatterhand reitet!“

„Meinen Dank für dieses Kompliment, welches aber keines ist, denn das, was ich Euch sage, muß sich jeder sagen, der nur einige Monate lang im Westen gelebt hat. Aber noch weiter: Gefährten pflegen sich in Gegenden, wie die hiesige ist, nur auf ganz kurze Zeit zu trennen. Daraus folgt, daß Ihr nicht sehr entfernt von Jemmy und Frank sein konntet; Euer Lager konnte sich also nicht gar weit von hier in der Schlucht befinden, und da es dort eine Seitenschlucht gibt, welche ein jeder verständige Westmann für den Zweck des Lagerns der Hauptschlucht vorzieht, so wissen die Schoschonen ganz genau, wo sie Euch zu suchen haben. Das, was Ihr vorhin für unmöglich hieltet, ist also eigentlich ein Unternehmen, welches gar keine Schwierigkeiten bietet. Das wird der Häuptling der Schoschonen wissen, und das weiß auch Winnetou ganz genau. Darum ist er vorangeritten, um zu verhüten, daß wir von etwaigen Kundschaftern bemerkt werden.“

Davy brummte halblaut vor sich hin und sagte dann:

„Sehr wohl, Sir! Aber nun scheint mir wieder das Unternehmen des Apachen ein ganz aussichtsloses zu sein.“

„Warum?“

„Wie kann er in dieser Dunkelheit etwaige Kundschafter, welche ihm entgegenkommen, bemerken, ohne daß auch sie ihn sehen oder wenigstens hören?“

„So dürft Ihr freilich nicht fragen, wenn von Winnetou die Rede ist. Zunächst hat er ein ausgezeichnetes Pferd, dessen Dressur von einer Vortrefflichkeit ist, von welcher Ihr, wie es scheint, gar keine Ahnung habt. Es hat uns z. B. vorhin am Eingange der Nebenschlucht ganz deutlich gesagt, daß Ihr Euch in derselben befandet, und es wird auch jetzt, zumal wir gegen den Wind reiten, seinen Herrn auf eine sehr ansehnliche Entfernung hin von dem Nahen eines jeden anderen Wesens unterrichten. Sodann kennt Ihr eben den Apachen nicht. Er hat Sinne von der Schärfe eines wilden Tieres, und was Gesicht und Gehör oder Geruch ihm nicht sagen, das merkt er infolge jenes undefinierbaren sechsten Sinnes, welchen nur Leute, die von Jugend auf sich in der Wildnis befanden, besitzen. Es ist eine Art Ahnungsvermögen, eine Art Instinkt, auf welchen jeder, der ihn besitzt, sich so fest verlassen kann wie auf die Augen.“

„Hm, hab‘ auch ein wenig davon !“

„Ich auch; aber mit Winnetou kann ich mich in dieser Beziehung nicht vergleichen. Ferner müßt Ihr in Berechnung ziehen, daß sein Pferd die Schuhe trägt, während die Schoschonen, falls wirklich einige von ihnen unterwegs wären, sich keine Mühe geben werden, lauten Hufschlag zu vermeiden.“

„Oho! Sie werden doch auch vorsichtig sein!“

„Nein, denn sie werden meinen, daß eine solche Vorsicht in diesem Falle nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich sein werde.“

„Warum schädlich?“

„Weil sie dadurch von der notwendigen Schnelligkeit einbüßen würden. Sie nehmen als sicher an, daß Ihr Euch, auf Eure Gefährten wartend, am Lagerplatze befindet. Sie sind also sicher, hier auf niemand zu stoßen, und werden infolgedessen ihren Pferden nicht den mindesten Zwang anthun.“

„Hm, wenn Ihr einem das in dieser Weise klar macht, so muß man Euch unbedingt beistimmen. Ich will Euch in aller Offenheit sagen, daß ich gar manches durchgemacht und manchem gescheiten Kerl ein Schnippchen geschlagen habe; deshalb war ich immer der Meinung, ein recht kluger alter Knabe zu sein. Jetzt aber muß ich vor Euch klein zugeben. Winnetou sagte vorhin, daß wir uns in Euren Willen fügen sollen; er hat Euch also sozusagen als unseren Anführer proklamiert, und das hat mich im stillen so ein klein bißchen wurmen wollen; nun gebe ich zu, daß er recht gethan hat. Ihr seid uns gar gewaltig überlegen, und ich will mich in Zukunft gern unter Euer Kommando stellen.“

„So ist’s nicht gemeint gewesen. In der Prairie haben alle gleiches Recht. Ich maße mir keinen Vorzug an. Jeder dient dem anderen mit seinen Gaben und Erfahrungen, und keiner kann ohne Genehmigung der andern etwas beginnen. So muß es sein, und so werden auch wir es halten.“

Well! das wird sich finden. Was aber werden wir thun in dem Falle, daß wir Kundschaftern begegnen, Sir?“ „Nun, was meint Ihr?“

„Sie laufen lassen?“

„Meint Ihr?“

„Ja. Sie können uns doch nicht schaden. Wir werden gehandelt haben, bevor sie zurückkehren.“

„Das können wir nicht behaupten. Wenn wir sie vorüberlassen, werden sie die verlassene Lagerstätte und das ausgelöschte Feuer finden.“

„Was schadet das?“

„Sehr viel. Sie werden daraus ersehen, daß wir fort sind, um den Gefangenen Hilfe zu bringen.“

„Meint Ihr wirklich, daß sie das denken werden? Können sie nicht ebensogut meinen, daß wir unseren Ritt fortgesetzt haben?“

„Das auf keinen Fall. Leute, welche Gefährten erwarten, die nicht zurückkommen, reiten nicht weiter; das versteht sich ganz von selbst.“

„So würdet Ihr also die Kundschafter unschädlich machen?“

„Jedenfalls.“

„Töten?“

„Nein. Wißt Ihr, Menschenblut ist eine ungeheuer kostbare Flüssigkeit. Winnetou und Old Shatterhand wissen das ganz genau und haben keinen einzigen Tropfen vergossen, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Ich bin ein Freund der Indsmen; ich weiß, wer recht hat, sie oder diejenigen, welche sie immer und immer wieder zwingen, ihre guten Rechte bis aufs Messer zu verteidigen. Der rote Mann kämpft den Verzweiflungskampf; er muß unterliegen; aber ein jeder Schädel eines Indianers, welcher später aus der Erde geackert wird, wird denselben stummen Schrei zum Himmel stoßen, von welchem das vierte Kapitel der Genesis erzählt. Ich schone den Indianer, selbst wenn er mir als Feind entgegentritt, denn ich weiß, daß er von anderen dazu gezwungen wird. Darum kann es mir auch heute nicht einfallen, einen Mord zu begehen.“

„Aber wie wollt Ihr die Schoschonen unschädlich machen, ohne sie zu töten? Einen Kampf wird es, falls sie uns begegnen, auf alle Fälle geben; sie werden sich wehren, mit der Büchse, dem Tomahawk, dem Messer – – – !“

„Pah! Ich wünsche nicht, daß wir mit Feinden zusammentreffen; aber um Eurer Frage willen möchte ich doch, daß sie auf den Gedanken kämen, Kundschafter auszusenden. Ihr würdet dann Gelegenheit haben, zu sehen, wie man sich solcher Leute bemächtigt.“

„Aber wenn’s nun ihrer zu viele sind?“

„Das brauchen wir nicht zu besorgen. Viele würden einander nur selbst hinderlich sein. Mehr wie zwei werden nicht ausgesandt, und – – halt, ich glaube, da kommt Winnetou!“

Ohne daß sie ihn gehört hatten, hielt im nächsten Augenblicke Winnetou vor ihnen.

„Kundschafter!“ sagte er kurz.

„Wie viele?“ fragte Shatterhand.

„Zwei.“

„Gut! Winnetou, Davy und ich, wir bleiben hier. Die anderen reiten schnell hinaus in den Sand; sie nehmen unsere Pferde mit und warten, bis wir rufen.“

Er sprang ab, Davy auch. Winnetou hatte die Zügel seines Pferdes bereits Wohkadeh in die Hand gegeben. In einigen Sekunden waren die drei anderen verschwunden.

„Was thun wir?“ fragte Davy.

„Ihr habt nichts zu thun, als aufzupassen,“ antwortete Shatterhand. „Lehnt Euch hier an den Baum, daß Ihr nicht zu sehen seid. Horch, sie kommen.“

Er und der Apache hatten ihre Gewehre den Gefährten gleich mit den Pferden übergeben.

„Schi darteh, ni owjeh-ich diesen und du jenen!“ sagte der Apache, eine Handbewegung nach rechts und links machend; dann war er nicht mehr zu sehen.

Der lange Davy lehnte sich eng an den erwähnten Baum; kaum zwei Schritte von ihm hatte Shatterhand sich platt auf die Erde gelegt. Die zwei Schoschonen kamen in ziemlich schnellem Tempo heran. Sie sprachen miteinander. Ihr Dialekt bewies, daß sie wirklich Schoschonen seien. Das genügte. Jetzt waren sie da – jetzt vorüber.

Der lange Davy sah, daß Old Shatterhand sich vom Boden erhob und einen kräftigen Anlauf nahm.

„Saritsch – Hund!“ rief einer der beiden Kundschafter; ein weiteres Wort fiel nicht.

Davy sprang vor. Er sah zwei Männer auf einem Pferde oder vielmehr vier Männer auf zwei Pferden sitzen, die beiden Angreifer hinter den Angegriffenen. Die Pferde scheuten; sie schlugen aus, hinten, vorn, bockten zur Seite – vergebens; die beiden berühmten Männer hatten ihre Opfer und auch deren Pferde fest. Nach kurzem Kampfe zwischen Mensch und Tier waren die Angreifer Sieger; die Pferde standen still. Die Schoschonen hatten sich gleich vom ersten Augenblicke an nicht zu wehren vermocht.

Shatterhand sprang ab, den einen Kundschafter in den Armen; dieser war besinnungslos.

„Sarki – fertig?“ fragte er nach rechts hinüber.

„Sarki – fertig!“ antwortete Winnetou herüber.

„Hallo, Leute, kommt herbei.“

Auf diesen lauten Ruf kamen Wohkadeh, Martin und Bob wieder herangeritten.

„Wir haben sie. Sie werden mit den Lariats auf ihre Pferde festgebunden und werden uns begleiten. Auf diese Weise besitzen wir zwei Geiseln, welche uns von Nutzen sein werden.“

Die Schoschonen, denen die Gurgeln zusammengedrückt worden waren, kamen bald wieder zu sich. Sie waren natürlich entwaffnet und an den Händen gefesselt worden. Nun band man sie auf die Pferde, die Hände nach hinten und die Beine unter dem Bauche des Pferdes weg mit dem unzerreißbaren Lasso verbunden. Old Shatterhand sagte ihnen, daß sie beim geringsten Versuche eines Widerstandes getötet werden würden; dann wurde der Ritt fortgesetzt.

Obgleich man die Kundschafter ergriffen hatte, ritt Winnetou wieder voran. Es war das eine Vorsichtsmaßregel, weiche der Apache für unbedingt notwendig hielt.

Nach einiger Zeit wurde der einstige Wasserlauf, welchem man links in die Berge hinein zu folgen hatte, erreicht. Die Reiter folgten ihm. Es wurde kein Wort gesprochen, denn es war ja möglich, daß einer der Kundschafter der englischen Sprache soweit mächtig war, die Worte zu verstehen.

Nach Verlauf einer halben Stunde traf man auf Winnetou, welcher, bisher weit voranreitend, hier halten geblieben war.

„Meine Brüder mögen absteigen,“ sagte er. „Die Schoschonen sind hier durch den Wald nach der Höhe empor. Wir müssen ihnen folgen.“

Das war nun jetzt wegen der Gefangenen, die natürlich auf den Pferden sitzen bleiben mußten, nicht leicht. Unter den Bäumen war es vollständig dunkel. Die Männer mußten mit der einen Hand nach vorwärts tasten und mit der anderen das Pferd nach sich ziehen. Winnetou und Old Shatterhand hatten das Schwierigste übernommen. Sie schritten voran, die Pferde der Gefangenen führend. Jetzt nun zeigte es sich, welchen Wert die beiden Rappen hatten, denn diese liefen hinter ihren Herren wie die Hunde her und ließen trotz des beschwerlichen Weges nicht das leiseste Schnaufen hören, während die anderen Pferde ziemlich weit zu hören waren.

Endlich war diese große Anstrengung überwunden. Der Apache hielt an.

„Meine Brüder sind am Ziele,“ sagte er. „Sie mögen ihre Pferde anbinden und dann helfen, die Gefangenen an die Bäume zu fesseln.“

Diesem Gebote wurde Folge geleistet. Die beiden Schoschonen erhielten, als sie je an einen Baum gebunden waren, Tücher vor den Mund gebunden, daß sie zwar durch die Nase atmen, aber nicht sprechen oder gar rufen konnten. Dann forderte der Apache seine Gefährten auf, ihm zu folgen.

Er führte sie nur wenige Schritte weit. Von da senkte sich die Höhe, welche man von Osten her heraufgekommen war, nach Westen zu ziemlich steil wieder abwärts. Da unten lag der Thalkessel, von welchem Winnetou gesprochen hatte, und von da leuchtete ein ziemlich großes und helles Feuer herauf. Es war natürlich ganz unmöglich, jetzt einen orientierenden Blick hinab zu thun. Man sah den Schein des Feuers, sonst aber nichts; alles andere lag in tiefer Dunkelheit.

„Also da unten sitzt mein Dicker,“ meinte Davy „Was wird er machen!“

„Was ein Gefangener bei den Indianern machen kann -nichts,“ antwortete der junge Baumann.

„Oho! Da kennt Ihr den Jemmy schlecht, my boy! Der hat sich ganz gewiß ausgesonnen, auf welche Weise er ohne Erlaubnis der Roten bereits heute nacht ein wenig spazieren gehen könne!“

„Das dürfte er ohne uns nicht fertig bringen,“ sagte Shatterhand. „Uebrigens weiß er von mir, daß ich kommen werde, und so kann er sich sagen, daß ich Euch jedenfalls mitbringe.“

„Nun, so wollen wir auch keine Zeit verlieren und schnell hinab, Sir!“

„Das müssen wir freilich, leise und vorsichtig, einer immer hinter dem anderen. Einer muß aber bei den Pferden und Gefangenen zurückbleiben, einer, auf den wir uns verlassen können. Das ist Wohkadeh!“

„Uff !“ stieß der junge Indianer hervor, ganz entzückt über das große Vertrauen, welches Shatterhand ihm schenkte.

Weil dieser ihn heute zum erstenmal gesehen hatte, war es wohl eigentlich ein Wagnis, den jugendlichen Indsman allein bei den Gefangenen und Pferden, welche die ganze Habe ihrer Reiter trugen, zurückzulassen; aber die Aufrichtigkeit, mit welcher Wohkadeh Old Shatterhand gesagt hatte, daß sein Leben ihm gehöre, hatte dem ersteren das Herz des letzteren gewonnen. Uebrigens traute Shatterhand dem roten Jünglinge die Kaltblütigkeit zu, welche zu diesem verantwortlichen Posten gehörte.

„Mein junger roter Bruder wird bei den Gefangenen sitzen, das Messer in der Hand,“ sagte er ihm, „und wenn einer der Schoschonen einen Fluchtversuch machen oder nur ein Geräusch verursachen wollte, so wird er ihm das Messer sogleich in das Herz stoßen!“

„Wohkadeh wird es thun!“

„Er wird hier bleiben, bis wir zurückkehren, und den Ort auf keinen Fall verlassen!“

„Wohkadeh würde hier sitzen und verhungern, wenn seine Brüder nicht zurückkehrten!“

Das sagte er in einem Tone, welchem man anhörte, wie sehr ernst es ihm mit diesem Versprechen sei. Er zog sein Bowiemesser hervor und setzte sich zwischen den Gefangenen nieder. Old Shatterhand erklärte diesen, was ihrer warte, wenn sie sich nicht vollständig ruhig verhalten würden, und dann begannen die fünf den beschwerlichen Abstieg.

Die Senkung war, wie bereits erwähnt, eine ziemlich steile. Die Bäume standen eng beisammen, und zwischen ihnen gab es so viel Unterholz, daß die kühnen Leute bei der Vorsicht, welche so nötig war, nur sehr langsam vorwärts kamen. Es durfte kein Geräusch gemacht werden. Das Knicken eines Astes konnte ihre Annäherung verraten.

Winnetou stieg voran. Er war derjenige, dessen Augen bei Nacht am schärfsten waren. Hinter ihm befand sich Martin Baumann. Dann kam der lange Davy, nachher der Neger, Shatterhand machte den letzten.

Über drei Viertelstunden waren vergangen, ehe eine Strecke, zu welcher am Tage höchstens fünf Minuten gebraucht worden wären, zurückgelegt worden war. Jetzt befanden sie sich unten im Thalkessel, am Rande des Waldes, denn die Sohle des Thales bestand aus baumlosem Grasboden. Nur hier und da erhob sich ein einzelner Strauch.

Das Feuer brannte hell, gar nicht auf indianische Weise geschürt. Das war ein Zeichen, daß die Schoschonen sich sehr sicher fühlten.

Während nämlich die Weißen das Holz aufeinander legen, so daß es vom Feuer ganz angegriffen wird, und eine hoch emporlodernde, weithin sichtbare und viel Rauch verbreitende Flamme entsteht, legen die Indianer die Holzscheite so, daß sie wie Halbmesser eines Kreises im Mittelpunkte zusammenstoßen. In diesem Centrum brennt die kleine Flamme, welche dadurch genährt wird, daß die Scheite, je nachdem sie verbrennen, nachgeschoben werden. Das gibt ein Feuer, welches allen Zwecken der Roten genügt, eine kleine, leicht zu verbergende Flamme bildet und so wenig Rauch erzeugt, daß er in einiger Entfernung kaum bemerkt werden kann. Dazu verstehen sie die Art des Holzes so auszuwählen, daß dasselbe beim Verbrennen möglichst wenig Geruch verbreitet. Der Geruch des Rauches ist im Westen außerordentlich gefährlich. Die scharfe Nase des Indsman bemerkt ihn bereits aus sehr, sehr weiter Entfernung.

Das Feuer hier war nach Art der Weißen genährt, und der Geruch gebratenen Fleisches hatte sich über das ganze Thal verbreitet. Winnetou sog die Luft prüfend ein und flüsterte:

„Mokasschi-si-tscheh – Büffelrücken.“

Sem Geruchsinn war so fein, daß er sogar den Körperteil des Tieres, von welchem das Fleisch geschnitten war, bestimmen konnte.

Man sah drei große Zelte stehen. Sie bildeten die Ecken eines spitzwinkeligen Dreieckes, dessen Höhe gerade nach den fünf Lauschern lag. Das ihnen am nächsten stehende Zelt war mit Adlerfedern geschmückt, also dasjenige, welches der Häuptling mit bewohnte. Im Mittelpunkte des Dreieckes brannte das Feuer.

Die Pferde der Roten weideten frei und ungefesselt im Grase. Die Krieger saßen am Feuer und schnitten sich ihre Portionen von dem Braten, welcher an einem Aste über der Flamme briet. Sie waren, ganz der indianischen Sitte entgegen, sehr laut. Der Umstand, zwei Gefangene gemacht zu haben, hatte sie in diese vortreffliche Stimmung versetzt. Trotz der Sicherheit, in welcher sie sich fühlten, hatten sie einige Wachen ausgestellt, welche langsam auf und ab patrouillierten, es aber ihrer Haltung nach für sehr unrecht zu halten schienen, daß sie nicht mit den übrigen am Feuer sitzen durften.

„Eine verteufelte Geschichte!“ brummte Davy „Wie bekommen wir unsere Kameraden heraus? Was meint ihr, Mesch’schurs?“

„Zunächst möchten wir Eure eigene Meinung vernehmen, Master Davy,“ antwortete Shatterhand.

„Die meinige? Zounds! Ich habe gar keine.“

„So habt die Gewogenheit, ein wenig nachzudenken!“

„Wird auch nichts helfen. Ich habe mir die Sache so ziemlich anders gedacht. Diese roten Schlingels haben keinen Verstand. Da hocken sie alle inmitten der Zelte um das Feuer, so daß es gar nicht möglich ist, in eins derselben zu gelangen! Das konnten sie unterlassen!“

„Ihr scheint Bequemlichkeit zu lieben, Sir! Wünscht Ihr vielleicht, daß die Indsmen von den Zelten bis hierher eine Pferdebahn anlegen, um Euch Eueren dicken Jemmy per Achse herzuschicken? ja, dann dürft Ihr nicht nach dem Westen gehen!“

„Sehr richtig! Und ergreifen lassen darf man sich auch

nicht. Wenn man nur wenigstens wüßte, in welchem Zelte die beiden stecken!“

„Natürlich in demjenigen des Häuptlings.“

„So will ich einen Vorschlag machen.“

„Nun?“

„Wir schleichen uns so nahe wie möglich hinan und fallen, sobald sie uns bemerken, über sie her. Dabei erheben wir ein solches Geschrei und machen einen so entsetzlichen Spektakel, daß sie denken, wir seien hundert Personen. Sie werden vor Schrecken davonlaufen. Wir holen die Gefangenen aus dem Zelte und laufen auch davon, natürlich so schnell wie möglich.“

„Das ist Euer Vorschlag?“

„Ja.“

„Habt Ihr noch etwas hinzuzufügen?“

„Nein. Nicht wahr, er gefällt Euch?“

„Ganz und gar nicht.“

„Oho! Meint Ihr, daß Ihr Euch etwas Besseres ausdenken werdet?“

„Ob etwas Besseres, das will ich nicht behaupten, etwas Unverständigeres aber jedenfalls nicht.“

„Sir! Soll das eine Beleidigung sein? Ich bin nämlich der lange Davy!“

„Das weiß ich seit einiger Zeit. Von einer Beleidigung ist keine Rede. Ihr seht von hier aus, daß die Indsmen ihre Waffen handgerecht haben. Sie werden nicht so dumm sein, unsere Zahl so zu überschätzen, wie Ihr es wünscht. Fallen wir über sie her, so werden sie wohl für einen Augenblick verblüfft sein, aber eben nur für einen Augenblick; dann haben wir eine zehnfache Übermacht gegen uns.“

„Ich denke, Ihr fürchtet Euch nicht!“

„Gerade weil ich keinen Angriff riskiere, dessen Ausgang unser sicherer Untergang sein würde, brauche ich mich nicht zu fürchten. Und selbst wenn wir siegten, würde viel, sehr viel Blut fließen, und das kann man vermeiden. Was habt Ihr davon, wenn wir die Gefangenen befreien, und Ihr werdet dabei erschossen? Ist’s nicht besser, einen Weg zu finden, welcher uns ganz ohne Blutvergießen zum Ziele führt?“

„Ja, Sir, wenn Ihr einen solchen Weg fändet, so würde ich Euch freilich loben.“

„Vielleicht ist er bereits gefunden.“

„Dann erklärt Euch schnell. Ich werde mein möglichstes thun.“

„Es kann sein, daß wir Euch gar nicht mitbelästigen. Ich will hören, was der Apache zu meinem Plane sagt.“

Er sprach eine kurze Weile mit dem Häuptlinge, und zwar in der Mundart der Apachen, welche die anderen nicht verstanden; dann wendete er sich wieder an den langen Davy:

„Ja, ich werde mit Winnetou den Streich allein ausführen. Ihr bleibt ganz ruhig hier, sobald wir uns entfernt haben. Selbst wenn wir binnen zwei Stunden uns nicht sehen lassen, geht Ihr nicht von der Stelle und hütet Euch, etwas zu unternehmen. Nur in dem Falle, daß Ihr eine Grille dreimal laut zirpen hört, habt Ihr miteinzugreifen.“

„In welcher Weise?“

„Indem Ihr schnell, aber möglichst leise und unbemerkt nach dem Zelte kommt, welches uns am nächsten liegt. Ich werde mich mit Winnetou zu demselben anschleichen. Im Falle Ihr da von uns gebraucht werdet, werde ich das erwähnte Zeichen abgeben.“

„Könnt Ihr denn das Zirpen der Grille nachahmen?“

„Natürlich! Es ist von sehr großem Vorteile, wenn Jäger die Stimmen gewisser Tiere einstudiert haben. Nur müssen es eben Tiere sein, deren Stimmen gerade zu der Zeit zu hören sind, in welcher man sich der Nachahmung bedienen will. Die Grille zirpt bekanntlich auch des Nachts, also wird es den Schoschonen gar nicht auffallen, wenn sie mein Zirpen hören.“

„Wie aber bringt Ihr dasselbe fertig?“

„Auf sehr einfache Weise, nämlich mit einem Grashalme. Man faltet die Hände in der Weise zusammen, daß die Daumen nebeneinander zu liegen kommen, und klemmt zwischen die letzteren einen Grashalm so ein, daß er straff angespannt ist. Zwischen den beiden unteren Gliedern der Daumen befindet sich eine schmale Lücke, in welcher der Grashalm fibrieren kann. Dadurch wird eine Art Zungeninstrument gebildet. Bläst man nun mit einem kurzen „Frrfrr-frr“ auf den Halm, indem man den Mund fest an die Daumen legt, so entsteht ein Zirpen, welches dem der Grille außerordentlich ähnlich ist. Eine längere Übung gehört freilich dazu.“

Da sagte Winnetou:

„Mein weißer Bruder mag diese Dinge später erklären. jetzt haben wir keine Zeit dazu. Wir wollen beginnen.“

„Gut! Nehmen wir vielleicht unsere Zeichen mit?“

„Ja! Die Schoschonen sollen erfahren, wer bei ihnen gewesen ist.“

Viele Westmänner und auch hervorragende Indianer bedienen sich nämlich eines Zeichens, an welchem man erkennen kann, um wen es sich handelt. Mancher Indianer schneidet sein Zeichen in das Ohr, in die Wange, in die Stirn oder Hand des von ihm Getöteten. Wer dann später die Leiche findet und das Zeichen kennt, der weiß, wer den Toten besiegt und skalpiert hat.

Winnetou und Old Shatterhand schnitten sich einige kurze Zweige von dem nächsten Strauche und steckten sie in ihre Gürtel; sie konnten mit denselben die Zeichen herstellen, welche einem jeden Roten als die ihrigen bekannt waren.

Sodann brachen sie auf, indem sie sich lang auf die Erde legten und sich nun vorwärts bewegten, dem erwähnten Zelte entgegen, welches in einer Entfernung von ungefähr achtzig Schritten vor ihnen lag.

Dieses Anschleichen ist keineswegs eine leichte Sache. Wenn keine bedeutende Gefahr vorhanden ist, und man nicht Ursache hat, keine Spur zurückzulassen, so kann man ja auf Händen und Knieen vorwärts kriechen. Das gibt freilich eine sehr erkennbare Fährte, besonders im Grase. Ist man aber gezwungen, diese zu vermeiden, so geschieht die Fortbewegung nur mittels der Fingerspitzen und Zehen. Da man dabei die Arme und Beine lang ausstrecken muß, damit der Körper ganz nahe an den Erdboden, den er aber ja nicht berühren darf, gehalten werde, so ruht die ganze Last desselben eben nur auf den Finger- und Zehenspitzen. Dies auch nur für eine kurze Zeit auszuhalten, dazu gehört eine ungewöhnliche Körperkraft, Gewandtheit und langjährige Übung. Wie die Schwimmer von einem Schwimmkrampfe sprechen, so reden die Westmänner von einem Anschleichekrampfe, welcher gar nicht weniger gefährlich ist als der erstere.

Er kann ja die Entdeckung und den sicheren Tod zur Folge haben.

Während der Westmann sich auf diese Weise an den Feind schleicht, hat er das betreffende Terrain auf das genaueste zu berücksichtigen und darf keine Hand und keine Fußspitze eher auf den Boden setzen, als bis er die betreffende Stelle genau untersucht hat. Wenn z. B. Hand oder Fuß auf einen kleinen, unbemerkten Zweig trifft, welcher dürr ist und knickt, so kann dieses leise Knicken die schlimmsten Folgen nach sich ziehen. Es gibt geübte Jäger, welche es demselben sofort anhören, ob es von einem Tiere oder einem Menschen verursacht worden ist. Die Sinne des Westmannes werden gezwungenerweise mit der Zeit so außerordentlich scharf, daß er, an der Erde liegend, sogar das Geräusch vernimmt, welches ein laufender Käfer verursacht. Ob ein dürres Blatt freiwillig abgefallen oder von einem verborgenen Feinde unachtsam abgestreift worden ist, das hört er ganz gewiß.

Ein guter Anschleicher wird auch die Zehenspitze seiner Fußbekleidung ganz genau auf die Stelle setzen, welche er vorher mit den Fingerspitzen berührt hat, weil dadurch eine weniger sichtbare Spur entsteht, deren Verwischung sich leichter und bedeutend schneller bewerkstelligen läßt, als wenn sie aus zahlreicheren und auch größeren Eindrücken besteht.

Es ist nämlich sehr häufig notwendig, die Fährte zu verwischen. Der Westmann bedient sich des Ausdruckes „auslöschen“. Hat man sich an ein Lager geschlichen, so beginnt bei der Rückkehr erst der anstrengendste und schwierigste Teil des Unternehmens. Niemand soll erfahren, daß man hier gewesen ist. Darum muß man, indem man sich auf allen Vieren, und mit den Füßen voran, rückwärts bewegt, jeden Eindruck auslöschen, welchen man hervorgebracht hat. Dies geschieht mit der rechten Hand, indem man auf den beiden Fuß- und auf den Fingerspitzen der linken Hand das Gleichgewicht erhält. Wer es einmal versucht, in dieser schwierigen Stellung auch nur eine Minute lang zu verharren, der wird bald einsehen, welche fürchterliche Anstrengung es dem Jäger verursacht, vielleicht stundenlang in derselben zu verbleiben.

So war es auch hier.

Old Shatterhand voran und Winnetou hinter ihm, bewegten sich die beiden langsam in der beschriebenen Weise vorwärts. Der Weiße hatte den Boden Zoll für Zoll tastend zu untersuchen, und der Indianer hatte sich zu bemühen, sich ganz genau in den Eindrücken, weiche der erstere hervorgebracht hatte, zu halten. Darum kamen sie nur äußerst langsam vorwärts.

Das Gras war ziemlich hoch, fast ellenhoch. Dies war einesteils gut, weil es den Körper verbarg, anderenteils aber von Nachteil, weil im hohen Grase eine jede Fährte leichter sichtbar ist.

je weiter sie kamen, desto deutlicher erkannten sie die Einzelheiten des Lagers. Zwischen demselben und ihnen patrouillierte eine Wache langsam hin und her. Wie war es da möglich, unbemerkt an das Zelt zu gelangen?

Die beiden erfahrenen Männer waren in dieser Beziehung gar nicht verlegen.

„Soll Winnetou den Wächter nehmen?“ flüsterte der Häuptling der Apachen.

„Nein,“ antwortete Shatterhand. „Ich kenne meinen Hieb, auf den ich mich verlassen kann.“

Leise, leise wie Schlangen, wandten sie sich durch das Gras, und näher, immer näher kamen sie der Wache. Diese hatte keine Ahnung, daß zwei solche Feinde ihr so nahe seien. Diese letzteren konnten den Mann gegen den Schein des Feuers ziemlich deutlich sehen. Er schien noch jung zu sein und hatte keine andere Waffe bei sich als das Messer in seinem Gürtel und ein Gewehr, welches er bequem geschultert hielt. Er war in Büffelfell gekleidet. Seine Züge konnte man nicht erkennen, da sein Gesicht mit abwechselnd roten und schwarzen Querstrichen – den Kriegsfarben – bemalt war.

Er blickte gar nicht nach den beiden herüber, sondern schien seine Aufmerksamkeit vorzugsweise auf das Lager gerichtet zu haben. Vielleicht interessierte ihn der Duft des Fleisches, welches über dem Feuer briet, mehr, als es für einen Wachtposten geraten ist.

Doch selbst wenn er seinen Blick nach der Stelle, an welcher sich die beiden befanden, gerichtet hätte, so wäre es für ihn unmöglich gewesen, sie zu bemerken, da ihre dunklen Leiber von der ebenso dunklen Grasfläche nicht zu unterscheiden waren. Sie bewegten sich nämlich schlauerweise nur in dem Schatten, welchen das Zelt nach der dem Feuer entgegengesetzten Seite warf.

Und doch waren sie ihm bereits auf acht Schritte nahe!

Er hatte, genau auf derselben Linie hin und her schreitend, in einem geraden Striche das Gras niedergetreten. Ein Angriff auf ihn mußte auf dieser Linie erfolgen, wenn die Spuren davon nicht zu bemerken sein sollten.

jetzt hatte er sich am äußersten Punkte der Linie umgedreht und kam langsam wieder zurück, von rechts nach links gehend – von dem Punkte aus, an welchem sich die beiden befanden, gerechnet. Sie hatten natürlich ihre Gewehre zurückgelassen, um nicht in ihren Bewegungen gehindert zu sein. Er schritt an ihnen vorüber und befand sich nun im Schatten, gerade wie sie.

„Schnell!“ flüsterte Winnetou.

Old Shatterhand richtete sich empor; zwei riesige Sprünge brachten ihn hinter den Indianer, welcher das Geräusch hörte und sich rasch umdrehte. Aber bereits schwebte Shatterhands Faust über ihm. Ein Hieb an die Schläfe, und er brach zusammen.

Mit zwei gleichen Sprüngen stand Winnetou bei ihm.

„Ist er tot?“ fragte er.

„Nein, sondern bloß besinnungslos.“

„Mein Bruder mag ihn binden. Winnetou wird an seine Stelle treten.“

Die Flinte des Schoschonen vom Boden aufnehmend und schulternd, schritt er davon, ganz in der Haltung, welche vorher der Schoschone innegehabt hatte. Von weitem mußte er für denselben gehalten werden. So patrouillierte nun er auf und ab. Das war sehr verwegen, aber gewiß notwendig. Unterdessen war Shatterhand bis zum Zelte des Häuptlings vorgedrungen; der Jäger versuchte die Leinwand ein wenig emporzuschieben, um in das Innere zu schauen; da dies die scharf angespannte Leinwand verhinderte, mußte er erst die Schnur, welche jene mit einer Stange verband, lösen.

Aber das mußte mit äußerster Vorsicht geschehen. Es konnte ja von innen bemerkt werden, und in diesem Falle war alles verloren. Sich fest auf die Erde legend, brachte er die Augen so nahe wie möglich an den Boden. Leise, leise schob er den Rand der Leinwand empor. Jetzt konnte er hineinblicken.

Was er sah, mußte ihn überraschen. Die Gefangenen befanden sich nämlich nicht darin, auch keine der Schoschonen. Nur allein der Häuptling saß auf einem Büffelfelle, rauchte scharf duftenden Kinnikkinnik, welcher aus Tabak und Weidenschale oder Blättern des wilden Hanfes zusammengesetzt wird, und blickte zum halb offenen Zelte hinaus, die belebte Scene, welche um das Lagerfeuer spielte, still betrachtend. Er kehrte Old Shatterhand den Rücken zu.

Dieser wußte gar wohl, was hier zu thun sei, wollte aber doch nicht ohne Einwilligung des Apachen handeln. Darum ließ er die Leinwand wieder nieder, wendete sich vom Zelte ab, raufte einen Grashalm aus und nahm denselben in der vorhin beschriebenen Weise zwischen die beiden Daumen.

Ein leises, einmaliges Zirpen ließ sich hören.

„Tho-ing-kai – die Grille singt!“ erklang die Stimme eines Schoschonen vom Lager her.

Wenn er gewußt hätte, welch eine Grille es war! Das Zirpen war für Winnetou das Zeichen, herbei zu kommen. Der Apache behielt seine langsame, würdevolle Bewegung bei, bis er in den Schatten des Zeltes trat und nun von den Schoschonen nicht mehr gesehen werden konnte. Da legte er das Gewehr ins Gras, ließ sich nieder und schlich sich möglichst rasch zum Zelte hin. Dort angekommen, flüsterte er:

„Warum ruft mich mein Bruder?“

„Weil ich Deine Einwilligung erhalten möchte,“ antwortete Shatterhand ebenso leise. „Die Gefangenen befinden sich nicht in dem Zelte.“

„Das ist nicht gut, denn nun müssen wir zurück und von der anderen Seite nach den anderen Zelten schleichen. Das dauert so lange Zeit, daß es indessen Morgen werden kann.“

„Vielleicht ist das gar nicht nötig, denn Tokvi-tey, der schwarze Hirsch, sitzt drin.“

„Uff ! Der Häuptling selbst! Ist er allein?“

„Ja.“

„So brauchen wir die Gefangenen ja nicht zu holen!“

„Das dachte auch ich. Wenn wir ihren Häuptling gefangennehmen, können wir die Schoschonen zwingen, den dicken Jemmy und den Hobble-Frank frei zu geben.“

„Mein Bruder hat recht. Aber können die Schoschonen vom Feuer aus in das Zelt blicken?“

„Ja! Aber der Schein des Feuers geht nicht bis zu der Stelle des Zeltes, an welcher wir uns befinden.“

„Sie werden aber doch gleich bemerken, daß ihr Häuptling nicht mehr dort sitzt.“

„So werden sie denken, daß er sich in den Schatten zurückgezogen hat. Mein Bruder Winnetou mag bereit sein, mir zu helfen, falls mein erster Griff nicht glücken sollte.“

Das war so leise geflüstert, daß kein Hauch davon im Innern des Zeltes zu hören war.

Jetzt schob Winnetou die Leinwand leise und langsam empor, so weit, daß Old Shatterhand, welcher sich fest an den Boden schmiegte, hineinkriechen konnte. Dies that der kühne Jäger so geräuschlos, daß der „schwarze Hirsch“ unmöglich von der ihm nahenden Gefahr etwas bemerken konnte.

Nun befand Shatterhand sich in dem Zelte, vollständig, mit dem ganzen Körper. Der Apache kroch mit dem halben Körper nach, um nötigenfalls augenblickliche Hilfe bringen zu können. Shatterhand streckte die Rechte aus. Er konnte den Schoschonen gerade erreichen. Ein schneller, kraftvoller Griff nach dem Halse desselben – der schwarze Hirsch ließ die Pfeife fallen und schlug ein-, zweimal mit den Armen in der Luft herum; dann sanken sie ihm herab; der Atem war ihm ausgegangen.

Old Shatterhand zog ihn aus dem Lichtkreise zurück ins Zeltdunkel, legte ihn da nieder und kroch, ihn nach sich ziehend, wieder zum Zelt hinaus.

„Gelungen!“ flüsterte Winnetou. „Mein weißer Bruder hat die Kraft des Bären in seiner Hand. Wie aber bringen wir ihn fort? Wir müssen ihn tragen und doch dabei unsere Spur auslöschen.“

„Das ist freilich ungeheuer schwierig.“

„Und was thun wir mit dem Wächter, welchen wir gefesselt haben?“

„Den nehmen wir auch mit. Je mehr Schoschonen sich in unserer Hand befinden, desto eher geben die Roten ihre beiden Gefangenen frei.“

„So wird mein Bruder den Häuptling tragen, und Winnetou trägt den anderen. Dabei können wir aber die Spuren nicht auslöschen, und darum müssen wir noch einmal zurück.“

„Leider! Es wird dabei viel kostbare Zeit verstreichen, und wir –“

Er hielt inne. Es trat etwas ein, wodurch all ihren Bedenken ein schnelles Ende bereitet wurde. Es war ein lauter, schriller Schrei erklungen.

„Tiguw-ih, tiguw-ih!“ rief eine Stimme. „Feinde, Feinde!“

„Der Wachtposten ist erwacht. Schnell fort!“ sagte Shatterhand. „Wir nehmen ihn mit!“

Schon flog Winnetou in langen Sätzen nach der Stelle hin, an welcher der gefesselte Schoschone lag, riß ihn empor, und rannte mit ihm davon.

Old Shatterhand zeigte hier, welch ein Westmann er war. Die Gefahr lag in seiner größten Nähe, dennoch blieb er noch einige Augenblicke hinter dem Zelte. Er zog die kleinen Ästchen hervor, welche er abgeschnitten hatte, hob die Zeltleinwand nochmals empor und steckte die ersteren in der Weise in den Boden, daß sie sich wie spanische Reiter kreuzten. Erst dann nahm er den Häuptling auf und eilte mit ihm von dannen.

Die Schoschonen hatten nahe um das Feuer gesessen; ihre an die Helligkeit desselben gewöhnten Augen konnten, wie Shatterhand ganz wohl vermutet hatte, sich nicht augenblicklich an das nächtliche Dunkel gewöhnen. Sie waren aufgesprungen und starrten zwar in die Nacht hinaus, konnten aber nichts sehen. Zudem hatten sie nicht unterscheiden können, von welcher Seite der Hilferuf erklungen war. So kam es, daß Winnetou und Old Shatterhand der gefährliche Rückzug vollständig gelang.

Der Apache hatte sogar unterwegs einmal stehen bleiben müssen. Es war ihm unmöglich gewesen, dem Schoschonen mit der Hand den Mund vollständig zu verschließen. Es war dem Gefangenen zwar nicht gelungen, abermals um Hilfe zu rufen, aber er hatte doch ein so lautes Stöhnen hervorbringen können, daß der Apache einen Augenblick stillhalten mußte, um ihm mit der Hand die Gurgel zuzudrücken.

„Alle Wetter, wen bringt ihr da?“ fragte der lange Davy, als die beiden ihre Gefangenen zu Boden geworfen hatten.

„Geiseln,“ antwortete Shatterhand. „Gebt ihnen nur schnell Knebel in den Mund, und der Häuptling muß gefesselt werden.“

„Der Häuptling? Macht Ihr Spaß, Sir?“

„Nein, er ist’s.“

Heavens! Welch ein Streich! Davon wird man noch lange Zeit erzählen! Den schwarzen Hirsch mitten unter seinen Roten herauszuholen! Das können eben nur Old Shatterhand und Winnetou fertig bringen!“

„Jetzt keine unnötigen Reden! Wir müssen fort, hinauf zur Höhe, wo unsere Pferde sind.“

„Mein Bruder braucht sich nicht zu beeilen,“ sagte der Apache. „Wir können hier besser sehen als da oben, was die Schoschonen beginnen werden.“

„Ja, Winnetou hat recht,“ gestand Shatterhand ein. „Es kann den Schoschonen nicht einfallen, hierher zu kommen. Sie wissen nicht, mit wem und mit wie vielen sie es zu thun haben. Sie werden sich darauf beschränken müssen, ihr Lager zu sichern. Erst mit Anbruch des Tages ist es ihnen möglich, etwas zu unternehmen.“

„Winnetou wird ihnen eine Warnung sagen, die ihnen den Mut benimmt, ihr Lager zu verlassen.“

Der Apache nahm seinen Revolver und hielt die Mündung desselben ganz nahe an die Erde. Shatterhand verstand ihn sogleich.

„Halt!“ sagte er. „Sie dürfen den Blitz des Schusses nicht sehen, damit sie nicht wissen, wo wir uns befinden. Ich denke, es wird ein Echo geben, durch welches sie getäuscht werden. Gebt eure Jacken und Röcke her, Mesch’schurs!“

Der lange Davy nahm seinen famosen Gummimantel von der Schulter; auch die anderen befolgten Shatterhands Gebot. Die Kleidungsstücke wurden vorgehalten, und dann drückte Winnetou zweimal ab. Die Schüsse krachten. Sie hallten von den Thalwänden wider, und da der Blitz nicht zu sehen gewesen war, konnten die Schoschonen allerdings nicht wissen, an welcher Stelle geschossen worden war. Sie antworteten mit einem durchdringenden Geheul.

Als sie den Ruf „Tiguw-ih, tiguw-ih – Feinde, Feinde!“ gehört hatten, waren sie, wie bereits erwähnt, vom Feuer aufgesprungen und hatten sich bemüht, nach den Feinden auszuschauen. Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, und dann befanden Shatterhand und Winnetou sich bereits in Sicherheit. Die Roten konnten also niemand sehen.

Es fiel ihnen auf, daß sie nicht angegriffen wurden. Wenn wirklich Feinde vorhanden waren, so hätten diese doch wohl nicht gezögert, über das Lager herzufallen. Der Alarmruf beruhte also wohl auf einem Irrtum. Wer aber hatte ihn ausgestoßen? jedenfalls einer der Wächter. Er mußte gefragt werden. Ihn herbeizurufen, war Sache des Häuptlings. Wie aber kam es, daß dieser so ruhig in seinem Zelte sitzen blieb?

Mehrere der roten Krieger traten an den Eingang des Zeltes. Sie blickten hinein und fanden es leer.

„Der schwarze Hirsch ist bereits fort, die Wache zu befragen,“ sagte einer von ihnen.

„Mein Bruder irrt sich,“ entgegnete ein anderer. „Der Häuptling konnte das Zelt nicht verlassen, ohne von uns gesehen zu werden.“

„Er ist aber nicht hier!“

„Und er kann auch nicht fort sein!“

„So hat ihn Wakon-tonka, der böse Geist, verschwinden lassen!“

Da schob ein alter Krieger die anderen beiseite und sagte-

„Der böse Geist kann töten und Unglück bringen, aber verschwinden lassen kann er keinen Krieger. Wenn der Häuptling nicht aus dem Zelte getreten und dennoch verschwunden ist, so kann er dasselbe nur auf die Weise verlassen haben, daß – – –“

Er hielt inne. Vorher war nur ein Teil des Tuches, welches die Thür bildete, geöffnet gewesen; jetzt hatte man es ganz entfernt, und nun beleuchtete der Schein des Feuers das ganze Innere.

Der Alte trat hinein und bückte sich nieder.

„Uff !“ rief er aus. „Der Häuptling ist geraubt worden!“

Keiner antwortete. Das, was der Alte sagte, war zu unglaublich, und doch durften sie einem so erfahrenen Krieger nicht widersprechen.

„Meine Brüder glauben es nicht?“ sagte er. „Sie mögen herblicken. Hier ist die Leinwand des Zeltes gelockert, und hier stecken die Zweige in der Erde. Ich kenne dieses Zeichen. Es ist das Zeichen von Nonpay-klama, den die Bleichgesichter Old Shatterhand nennen. Er ist hier gewesen und hat uns den schwarzen Hirsch geraubt.“

Da ertönten die zwei Schüsse des Apachen. Das löste die Zungen der Schoschonen. Sie stießen das bereits erwähnte Geheul aus.

„Löscht schnell das Feuer aus!“ gebot der Alte. „Den Feinden darf kein sicheres Ziel geboten werden.“

Man gehorchte ihm, indem man die brennenden Äste schnell auseinanderriß und das Feuer austrat. Da der Häuptling verschwunden war, so ordneten sich die Schoschonen ganz freiwillig dem ältesten Krieger unter. Es wurde also dunkel im Lager. Ein jeder hatte nach seinen Waffen gegriffen, und auf Befehl des Alten bildeten die Krieger rund um die Zelte einen Kreis, um den Feind zu empfangen, von welcher Seite er nur kommen möge.

Es waren vier Posten ausgestellt worden, um das Lager nach den vier Himmelsgegenden zu bewachen. Drei von ihnen hatten sich, als die Schüsse fielen, schleunigst auf die Ihrigen zurückgezogen; der vierte hingegen fehlte. Und dieser war gerade der angesehenste von ihnen, Moh-aw, der Sohn des Häuptlings. Dieses Schoschonenwort bedeutet soviel wie Moskito. Der junge Indianer hatte also schon bewiesen, daß er tapfer sei, daß er stechen könne.

Einer der Waghalsigsten erbot sich, nach ihm zu forschen, und erhielt die Erlaubnis dazu. Er legte sich ins Gras und schlich sich in die Nacht hinaus, in der Richtung, in welcher der Vermißte gesucht werden mußte. Nach einiger Zeit kehrte er mit dem Gewehre des Moskito zurück. Das war ein sicherer Beweis, daß dem Sohne des Häuptlings ein Unglück widerfahren sei.

Der Alte hielt eine kurze Beratung mit den hervorragendsten Kriegern. Es wurde beschlossen, das Zelt, in welchem sich die Gefangenen befanden, ganz besonders zu bewachen, die Pferde in der unmittelbaren Nähe des Lagers anzupflokken und dann den Anbruch des Tages zu erwarten. Dann mußte es sich zeigen, mit wem man es zu thun hatte.

Indessen hatten die Jäger dafür gesorgt, daß die beiden Gefangenen, von denen auch der Häuptling wieder zum Bewußtsein gekommen war, nicht laut werden konnten, und sich dann selbst still und beobachtend verhalten. Es war nichts zu hören als nach einiger Zeit der vom Grase gedämpfte Schritt der Pferde.

„Meine Brüder mögen hören, daß die Schoschonen ihre Pferde zusammensuchen. Sie werden sie nahe bei den Zelten anbinden und dann nicht eher etwas unternehmen, als bis der Tag anbricht,“ sagte Winnetou. „Wir können gehen.“

„Ja, ziehen wir uns zurück,“ stimmte Old Shatterhand bei. „Wir freilich werden nicht bis zum Morgen warten. Der schwarze Hirsch soll baldigst erfahren, was wir von ihm verlangen.“

Er trat zu den Gefangenen, welche entfernt von den anderen gelegen hatten, damit sie nicht hören konnten, was gesprochen wurde. Noch wußte er nicht, daß der gemachte Fang noch wertvoller sei, als er bisher vermutet hatte. Er hob den schwarzen Hirsch vom Boden auf, nahm ihn auf die Schulter und begann, bergan zu steigen. Die anderen folgten ihm, Winnetou den Moskito tragend.

Es wäre für jeden anderen fast unmöglich gewesen, mit einer solchen Last in tiefer Dunkelheit den dicht bewaldeten Bergeshang zu ersteigen. Den beiden schien es ganz und gar nicht beschwerlich zu sein.

Oben angekommen, fanden sie alles in Ordnung. Wohkadeh hatte seine Pflicht gethan.

Der lange Davy wand seinen Lasso los und sagte:

„Gebt her die Kerls! Wir wollen sie bei den anderen anbinden.“

„Nein!“ entgegnete Old Shatterhand. „Wir verlassen diese Stelle.“

„Warum? Meint Ihr, daß wir hier nicht sicher sind?“

„Ja, das meine ich.“

„O, die Schoschonen werden uns gern in Ruhe lassen. Sie sind froh, wenn ihnen nichts geschieht.“

„Das weiß ich ebensogut wie Ihr, Master Davy. Aber wir müssen mit dem Häuptling sprechen, vielleicht auch mit den anderen. Es ist also nötig, ihnen die Knebel abzunehmen, und wenn wir das hier thun, so können sie leicht auf den Gedanken kommen, durch irgend einen Ruf den Ihrigen ein Signal zu geben, welches von hier aus ganz deutlich da unten gehört werden kann.“

„Mein Bruder hat recht,“ sagte der Apache. „Winnetou war heute hier, um die Schoschonen zu beobachten. Er kennt einen Ort, wo er mit seinen Brüdern und den Gefangenen lagern kann.“

„Wir müssen ein Feuer haben,“ bemerkte Old Shatterhand. „Ist das dort möglich?“

„Ja. Man binde die Gefangenen auf die Pferde!“

Dies geschah, und dann setzte sich der kleine Zug in Bewegung, bei Nacht, durch den dichten Wald, Winnetou als Führer voran.

Es versteht sich ganz von selbst, daß dieser Marsch nur höchst langsam vorwärts ging, Schritt um Schritt. Nach einer halben Stunde war eine Strecke zurückgelegt, zu welcher am Tage wohl nur fünf Minuten nötig gewesen wären. Da hielt der Apache an.

Die Gefangenen wußten natürlich nicht, in wessen Hände sie geraten seien, und waren auch über sich selbst im unklaren. Die beiden Kundschafter hatten wegen der Dunkelheit gar nicht sehen können, daß noch zwei Gefangene gemacht worden seien; hinwieder wußten die letzteren von den ersteren nichts, und der Häuptling hatte keine Ahnung, daß er mit seinem Sohne, und dieser vermutete nicht, daß er mit seinem Vater ergriffen worden sei. Aus diesem Grunde wurden sie, als jetzt gehalten wurde, voneinander getrennt, nachdem man sie wieder von den Pferden genommen hatte.

Old Shatterhand befolgte die Politik, dem schwarzen Hirsch nicht merken zu lassen, wie stark der Feind sei, dem er in die Hände gefallen war. Darum traf er die Maßregel, mit dem Häuptling zunächst allein zu verhandeln.

Die übrigen mußten sich zurückziehen. Dann raffte er das am Boden liegende dürre Geäst zusammen, um ein Feuer anzumachen.

Er befand sich mit dem Schoschonen auf einer nur wenige Schritte breiten freien Stelle. Der Apache hatte heute am Tage gesehen, wie gut sie sich zu einem verborgenen Lagerplatze eigne, und sein Ortssinn war ein so außerordentlicher, daß es ihm selbst in dieser Dunkelheit gelungen war, sie aufzufinden.

Sie war natürlich rings von Bäumen umgeben, unter denen Farnkräuter und Dorngesträuch eine ziemlich dichte Einfassung bildeten, welche den Schein des Feuers hinderte, weit zu dringen. Mit Hilfe seines Punks (Prairiefeuerzeug) steckte Old Shatterhand das dürre Zeug leicht in Brand und hieb sich dann mit dem Tomahawk von den rundum stehenden Bäumen die unteren, dürr gewordenen Äste ab, um mit ihnen das Feuer zu unterhalten. Dasselbe hatte nur den Zweck, die Stelle zu beleuchten und brauchte also nicht groß zu sein.

Der Schoschone lag am Boden und beobachtete das Thun des weißen Jägers mit finsteren Blicken. Als Old Shatterhand mit seinen Vorbereitungen zu Ende war, zog er den Gefangenen an das Feuer, richtete ihn in sitzende Stellung empor und nahm ihm den Knebel ab. Der Indianer verriet mit keiner Miene und keinem Atemzuge, daß er sich jetzt erleichtert fühle. Für einen indianischen Krieger wäre es eine Schande, äußerlich merken zu lassen, was er denkt und empfindet. Old Shatterhand setzte sich ihm an der anderen Seite des Feuers gegenüber und betrachtete sich zunächst seinen Feind.

Dieser war sehr kräftig gebaut und trug einen Büffelanzug von indianischem Schnitt, ohne alle Verzierung. Nur die Nähte waren mit Skalphaaren versehen, und am Gürtel trug er wohl gegen zwanzig Skalpe, nicht etwa vollständige Kopfhäute, welche zuviel Platz beansprucht hätten, sondern nur die wie ein Fünfmarkstück großen, wohlpräparierten Wirbelstellen. In dem Gürtel steckte noch das Messer, welches ihm nicht abgenommen worden war.

Sein Gesicht war nicht bemalt, so daß die drei roten Narben auf den Wangen deutlich gesehen werden konnten. Mit unbewegten Zügen saß er da und starrte in das Feuer, dem Weißen keinen Blick gönnend.

„Tokvi-tey trägt nicht die Farben des Krieges,“ begann Old Shatterhand. „Warum. tritt er da gegen friedliche Leute feindlich auf?“

Er erhielt keine Antwort und auch keinen Blick. Darum fuhr er fort:

„Der Häuptling der Schoschonen ist wohl vor Angst stumm geworden, da er mir kein Wort auf meine Frage entgegnen kann?“

Der Jäger wußte recht gut, wie ein Indianer behandelt werden muß. Der Erfolg zeigte sich sogleich, denn der Gefangene warf ihm einen zornblitzenden Blick zu und antwortete:

„Tokvi-tey weiß nicht, was Angst ist. Er fürchtet nicht den Feind und nicht den Tod!“

„Und dennoch verhält er sich gerade so, als ob er sich fürchte. Ein mutiger Krieger malt sich die Farben des Krieges in das Gesicht, bevor er zum Angriff schreitet. Das ist ehrlich, das ist mutig; denn da weiß der Gegner, daß er sich zu verteidigen hat. Die Krieger der Schoschonen aber sind ohne Farbe gewesen; sie haben die Gesichter des Friedens gehabt und dennoch die Weißen angegriffen. So handelt nur ein Feigling! Oder habe ich nicht recht? Findet der schwarze Hirsch ein Wort zu seiner Verteidigung?“

Der Indianer senkte den Blick und sagte:

„Der schwarze Hirsch war nicht bei ihnen, als sie den Bleichgesichtern nachjagten.“

„Das ist keine Entschuldigung. Wäre er ein ehrlicher und mutiger Mann, so hätte er die Bleichgesichter sofort, als sie zu ihm gebracht worden, wieder freigelassen. Ich habe überhaupt noch gar nicht vernommen, daß die Krieger der Schoschonen den Tomahawk des Krieges ausgegraben haben. Sie weiden ihre Herden wie im tiefen Frieden an den Tongue- und Bighorngewässern; sie verkehren in den Wohnungen der Weißen, und doch fällt der schwarze Hirsch Männer an, welche ihn niemals beleidigt haben. Kann er etwas dagegen sagen, wenn ein Tapferer meint, daß nur ein Feigling in dieser Weise handeln könne?“

Es war nur ein halber Blick, welchen der Rote auf den Weißen warf; aber dieser Blick bewies, daß er grimmig erzürnt sei. Dennoch klang seine Stimme ruhig, als er antwortete:

„Bist du vielleicht so ein Tapferer?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte gleichmütig, als ob dieses Selbstlob sich eben auch von selbst verstehe.

„So mußt du einen Namen haben!“

„Siehst du nicht, daß ich Waffen trage? So muß ich auch einen Namen haben.“

„Die Bleichgesichter dürfen Waffen und Namen tragen, auch wenn sie Memmen sind. Die größten Feiglinge unter ihnen haben die längsten Namen. Den meinigen kennst du; also wirst du wissen, daß ich kein Feigling bin.“

„So laß die beiden gefangenen Weißen frei, und kämpfe nachher offen und ehrlich mit ihnen!“

„Sie haben es gewagt, am See des Blutes zu erscheinen; sie werden sterben.“

„Dann stirbst auch du!“

„Der schwarze Hirsch hat dir bereits gesagt, daß er den Tod nicht fürchte; er wünscht ihn sich sogar!“

„Warum?“

„Er ist gefangen genommen worden; er ist ergriffen worden von einem Weißen, geholt worden aus seinem eigenen Wigwam von einem Bleichgesichte; er hat seine Ehre verloren; er kann nicht leben. Er muß sterben, ohne den Kriegsgesang anstimmen zu können. Er wird nicht in seinem Grabe stolz und aufrecht sitzen auf seinem Streitrosse, behängt mit den Skalpen seiner Feinde, sondern er wird im Sande liegen und zerhackt werden von den Schnäbeln stinkender Aasgeier.“

Er sagte das langsam und monoton, ohne daß ein Zug seines Gesichtes sich bewegte, und doch sprach aus jedem Worte ein Schmerz, weicher fast an Trostlosigkeit grenzte.

Und nach seinen Anschauungen hatte er vollkommen recht. Es war eine ungeheure Schande für ihn, aus seinem Zelte, aus der bewaffneten Umgebung seiner Krieger als Gefangener herausgeholt worden zu sein.

Old Shatterhand fühlte eine warme Regung für den Mann, aber er ließ von diesem Mitleid nicht das Geringste merken; das wäre eine Beleidigung gewesen und hätte den Todesgedanken desselben nur noch tiefer Wurzel schlagen lassen. Darum sagte er:

„Tokvi-tey hat sein Schicksal verdient; aber er kann leben bleiben, obgleich er mein Gefangener ist. Ich bin bereit, ihm seine Freiheit wiederzugeben, wenn er den Seinen gebietet, für ihn die beiden Bleichgesichter frei zu geben.“

Es klang wie stolzer Hohn, als der Rote antwortete:

„Tokvi-tey kann nicht mehr leben. Er wünscht zu sterben. Binde ihn getrost an den Marterpfahl. Er darf zwar nicht von den Thaten sprechen, welche seinen Ruhm verbreitet haben, aber er wird trotz aller Todesqualen nicht mit der Wimper zucken.“

„Ich werde dich nicht an den Todespfahl binden. Ich bin ein Christ. Selbst wenn ich ein Tier töten muß, töte ich es in der Weise, daß es keine Qualen zu erdulden hat. Aber du würdest nutzlos sterben. Ich würde trotz deines Todes die Gefangenen aus den Händen der Deinigen befreien.“

„Versuche es! Mich konntest du beschleichen, durch einen hinterlistigen Griff betäuben und im Dunkel der Nacht fortschleppen. Jetzt sind die Krieger der Schoschonen gewarnt. Es wird dir unmöglich sein, die Bleichgesichter zu befreien. Sie haben es gewagt, am See des Blutes zu erscheinen, und werden dies mit einem langsamen Tode büßen müssen. Hast du den schwarzen Hirsch besiegt, so wird er sterben; aber es lebt Moh-aw, sein einziger Sohn, der Stolz seiner Seele, welcher ihn rächen wird. Bereits schon jetzt hat Moh-aw sich das Gesicht mit den Farben des Krieges bestrichen, denn er war dazu bestimmt, den Streich des Todes gegen die gefangenen Bleichgesichter zu führen. Er wird seinen Leib mit ihrem warmen Blute bemalen und dann geschützt sein gegen alle Feindschaft der Bleichgesichter.“

Da raschelte es in dem Gestrüpp. Martin Baumann kam, beugte sich an Old Shatterhands Ohr und flüsterte ihm zu:

„Sir, ich soll Euch sagen, daß der gefangene Wachtposten der Sohn des Häuptlings ist. Winnetou hat es ihm entlockt.“

Diese Kunde kam dem Jäger außerordentlich gelegen. Er antwortete ebenso leise:

„Winnetou mag mir ihn augenblicklich schicken.“

„Auf welche Weise? Der Rote ist gefesselt und kann nicht laufen.“

„Der lange Davy mag ihn tragen und dann hier bei ihm sitzen bleiben.“

Martin entfernte sich. Old Shatterhand wendete sich wieder an den Indianer, indem er antwortete:

„Ich fürchte den Moskito nicht. Seit wann trägt er einen Namen, und wo hörte man von seinen Thaten? Ich brauche nur zu wollen, so nehme ich ihn ebenso gefangen wie dich selbst.“

Dieses Mal konnte er sich doch nicht ganz beherrschen. Es war verächtlich von seinem Sohne gesprochen worden. Seine Brauen zogen sich zusammen; seine Augen leuchteten, und er sagte in zornigem Tone:

„Wer bist du, daß du in dieser Weise von Moh-aw zu reden wagst? Versuche mit ihm zu kämpfen, so wirst du bereits vor seinem Blicke dich in die Erde verkriechen!“

„Pshaw! Ich kämpfe nicht mit Kindern!“

„Moh-aw ist kein Kind, kein Knabe! Er hat mit den Sioux-Oggalla gekämpft und ihrer mehrere bezwungen. Er hat die Augen des Adlers und das Gehör der Nachtvögel. Kein Feind vermag, ihn zu überraschen, und er wird den schwarzen Hirsch, seinen Vater, blutig rächen an den Vätern und Söhnen der Bleichgesichter!“

Da kam der lange Davy herbei geschritten, auf seiner Achsel den jungen Indianer. Er stieg mit seinen ewigen Beinen gleich über das dichteste Gestrüpp, legte den Indianer zur Erde nieder und sagte:

„Da bring‘ ich den Buben. Soll ich ihm den Rücken bläuen, damit er es sich merke, daß mit Männern nicht zu spaßen sei?“

„Vom Schlagen ist keine Rede, Master Davy. Setzt ihn aufrecht und nehmt Platz neben ihm. Auch den Knebel könnt Ihr wieder entfernen. Er ist nicht mehr nötig, denn hier wird gesprochen.“

„Ay, Sir! Ich möchte aber wissen, was der Knabe hier vorbringen könnte.“

Der Lange gehorchte. Als der „Moskito“ aufrecht saß, blickten die beiden Schoschonen sich erschrocken in die Augen. Der Häuptling sagte nichts und bewegte sich nicht; aber trotz seiner dunklen Hautfarbe war zu sehen, daß ihm das Blut aus dem Gesicht gewichen war. Der Sohn vermochte nicht, sich so zu beherrschen.

„Uff !“ rief er. „Auch Tokvi-tey ist gefangen! Das wird ein Heulen geben in den Wigwams der Schoschonen. Der große Geist hat sein Angesicht verhüllt vor seinen Kindern.“

„Schweig!“ donnerte ihn sein Vater an. „Keine Squaw der Schoschonen wird eine Thräne weinen, wenn Tokvi-tey und Moh-aw von den Nebeln des Todes verschlungen werden. Sie haben ihre Augen und Ohren verschlossen gehabt und sind ohne Hirn gewesen wie die Kröte, welche sich ohne Gegenwehr von der Schlange verschlingen läßt. Schande über den Vater und Schande über den Sohn! Kein Mund wird von ihnen sprechen, und keine Kunde wird über sie zu hören sein. Aber mit dem ihrigen wird das Blut der Bleichgesichter fließen. Bereits befinden sich zwei Weiße in den Händen unserer Krieger, und bereits sind die Kundschafter der Schoschonen unterwegs, um den Weg zum neuen Siege zu öffnen. Schande um Schande, und Blut um Blut!“

Da wendete Old Shatterhand sich zu Davy und gab ihm den leisen Befehl:

„Holt alle anderen herbei; nur Winnetou allein soll sich nicht sehen lassen!“

Der Lange stand auf und entfernte sich.

„Nun,“ fragte Old Shatterhand, „sieht der schwarze Hirsch vielleicht, daß ich mich vor dem Blicke seines Sohnes in die Erde verkrieche? Ich will euch nicht beleidigen. Der Häuptling der Schoschonen ist berühmt als tapferer Krieger und weise im Rate der Alten. Moh-aw, sein Sohn, wird in seine Fußstapfen treten und ebenso tapfer und weise sein. Ich gebe beiden die Freiheit gegen die Freiheit der beiden gefangenen weißen Jäger.“

Über das Gesicht des Sohnes zuckte es wie Freude. Er hatte ja das Leben lieb. Sein Vater aber warf ihm darob einen zornigen Blick zu und antwortete:

„Der schwarze Hirsch und der Moskito sind ohne Kampf in die Hände eines elenden Bleichgesichtes gefallen; sie verdienen nicht, länger zu leben; sie wollen sterben. Nur durch ihren Tod können sie die Schande sühnen, welche auf sie gefallen ist. Und so mögen auch die Bleichgesichter sterben, welche bereits gefangen sind, und auch die, welche noch in die Gefangenschaft der Schoschonen gera – – –“

Er hielt inne. Sein Blick ruhte erschrocken auf den zwei Kundschaftern, welche jetzt von Davy, Bob und Martin Baumann herbeigebracht wurden.

„Warum spricht der schwarze Hirsch nicht weiter?“ fragte Old Shatterhand. „Fühlt er, daß die Faust des Schreckes nach seinem Herzen greift?“

Der Häuptling senkte den Kopf und blickte lange wortlos vor sich nieder. Hinter ihm bewegten sich die Zweige, ohne daß er es bemerkte. Old Shatterhand sah den Kopf des Apachen erscheinen und warf ihm einen fragenden Blick zu. Ein leises Nicken war die Antwort. Die beiden verstanden sich auch ohne gesprochene Worte.

„Jetzt sieht Tokvi-tey, daß seine Hoffnung auf neuen Sieg vergeblich ist,“ fuhr Shatterhand fort. „Und dennoch wiederhole ich mein Anerbieten. Ich gebe euch alle augenblicklich frei, wenn ihr mir versprecht, daß die beiden weißen Jäger auch frei sein sollen.“

„Nein, wir sterben!“ rief der Häuptling.

„So sterbt ihr umsonst, denn wir werden trotz eures Todes die Gefangenen befreien.“

„Ja, vielleicht werdet ihr es, denn es scheint so, als ob Manitou uns verlassen habe. Hätte er uns nicht mit Blindheit und Taubheit geschlagen, so wäre es nicht Bleichgesichtern, welche keinen Namen haben, gelungen, den Häuptling der Schoschonen zu ergreifen.“

„Keinen Namen? Willst du unsere Namen hören?“

Er schüttelte verächtlich mit dem Kopfe.

„Ich mag sie nicht hören. Sie taugen nichts. Das ist ja die Schande! Wäre Tokvi-tey von Nonpay-klama besiegt worden, welchen die Bleichgesichter Old Shatterhand nennen, oder von einem Jäger mit ebenso berühmtem Namen, so könnte er sich trösten. Von so einem Krieger überlistet zu werden, ist keine Schande. Ihr aber seid wie die Hunde, welche keinen Herrn haben. Ihr reitet in Gesellschaft eines schwarzen Niggers. Ich mag keine Gnade aus euren Händen!“

„Und wir wollen weder dein Blut noch dich selbst,“ antwortete Old Shatterhand. „Wir sind nicht ausgezogen, um die tapfern Söhne der Schoschonen zu töten, sondern um die Hunde der Ogallalla zu züchtigen. Wollt ihr unsere Freunde nicht freigeben, nun, so wollen wir nicht so feig sein wie ihr. Wir erlauben euch, nach euren Zelten zurückzukehren.“

Er stand auf, trat zu dem Häuptlinge und löste dessen Fesseln. Er wußte, daß er ein gewagtes Spiel beginne; aber er war ein Kenner des Westens und seiner Bewohner und hegte die Ueberzeugung, daß er dieses Spiel nicht verlieren werde.

Der Häuptling hatte seine ganze Selbstbeherrschung verloren. Was dieser Weiße that, war ja ganz unbegreiflich, ganz unsinnig! Er gab seine Feinde frei, ohne seine Freunde dafür herauszubekommen. Shatterhand war nämlich auch zu dem Moskito getreten und löste diesem die Fesseln.

Der schwarze Hirsch starrte ihn ganz fassungslos an. Seine Hand griff nach dem Gürtel und fühlte da das steckengebliebene Messer. Eine wilde Freude glühte in seinen Augen.

„Frei sollen wir sein!“ rief er aus. „Frei! Wir sollen sehen, daß die alten Squaws mit den Fingern auf uns zeigen und dabei erzählen, daß wir von namenlosen Hunden angegriffen und niedergerissen worden sind! Sollen wir in den ewigen Jagdgründen am Boden liegen und Mäuse fressen, während unsere roten Brüder sich an den Lenden niemals sterbender Bären und Büffel laben! Unsere Namen sind befleckt. Kein Feindesblut, nur unser eigenes Blut kann den Fleck wieder herunterwaschen. Es soll fließen in diesem Augenblick, Tokvi-tey wird sterben und die Seele seines Sohnes vor sich hersenden!“

Er riß das Messer aus dem Gürtel, sprang auf seinen Sohn ein und holte aus, diesem die Klinge in das Herz zu stoßen und dann sich selbst zu treffen. Der Moskito bewegte sich nicht. Er war bereit, den Stoß von der Hand des Vaters zu empfangen.

„Tokvi-tey!“ rief es da laut hinter dem Häuptlinge.

Dieser Stimme war nicht zu widerstehen. Den Arm mit dem Messer hoch erhoben, drehte er sich um. Vor ihm stand der Häuptling der Apachen. Der Schoschone ließ den Arm sinken.

„Winnetou!“ rief er aus.

„Hält der Häuptling der Schoschonen Winnetou für einen Coyoten?“ fragte der Apache.

Coyote heißt der wilde Prairiehund und auch der kleine Wolf des Westens. Beide Tiere sind so feig und oft mit der gräßlichsten Räude behaftet, so daß es eine große Schande ist, mit einem Coyoten verglichen zu werden.

„Wer wagt es, das zu sagen!“ antwortete der Gefragte.

„Tokvi-tey hat es selbst gesagt. “

„Nein!“

„Hat er nicht diejenigen, welche ihn besiegten, namenlose Hunde genannt?“

Da ließ der Schoschone das Messer achtlos aus seiner Hand fallen. Es ging ihm eine Ahnung auf.

„Ist Winnetou der Sieger?“

„Nein, aber sein weißer Bruder, welcher hier neben ihm steht.“

Er deutete auf Old Shatterhand.

„Uff! Uff! Uff!“ stieß der schwarze Hirsch hervor. „Winnetous Bruder ist nur Einer. Derjenige, welchen er seinen weißen Bruder nennt, ist Nonparklama, der berühmteste Jäger unter den Bleichgesichtern, die ihn Old Shatterhand nennen. Haben Tokvi-teys Augen die Freude, diesen Jäger hier zu sehen?“

Sein Blick ging fragend zwischen Shatterhand und Winnetou hin und her. Der letztere antwortete:

„Die Augen meines roten Bruders waren ermüdet, und ebenso müde war sein Geist, um nachzudenken. Wer dem Schwarzen Hirsch mit einem einzigen Griff der Faust den Atem nimmt, der kann kein namenloser Hund sein. Hat mein roter Bruder sich das nicht gesagt? Ist mein roter Bruder eine kranke Erdeule, welche man so leicht aus ihrem Neste nehmen kann? Er ist ein berühmter Krieger, und wer ihn aus dem Wigwam holt trotz der Krieger, die ihn bewachen, der muß ein Held sein, der einen großen Namen trägt!“

Der Schoschone fuhr sich mit der Faust nach dem Kopfe und antwortete:

„Tokvi-tey hat ein Hirn gehabt, aber keine Gedanken darin.“

„Ja, hier steht Old Shatterhand, sein Besieger. Braucht mein roter Bruder deshalb in den Tod zu gehen?“

„Nein,“ erklang es unter einem schweren, erlösenden Seufzer. „Er darf leben bleiben.“

„Ja, denn dadurch, daß er freiwillig in die ewigen Gefilde gehen wollte, hat er bewiesen, daß er ein starkes Herz besitzt. Und Old Shatterhand war es, welcher Moh-aw mit einem Schlage seiner Schmetterhand zu Boden schlug. Ist das eine Schande für den jungen, tapferen Krieger?“

„Nein; auch er kann leben.“

„Und Old Shatterhand und Winnetou waren es, welche die Kundschafter der Schoschonen gefangen nahmen, nicht als Feinde, sondern um gegen sie die gefangenen Bleichgesichter umzutauschen. Will mein roter Bruder die Kundschafter verdammen?“

„Nein, denn sonst müßte er sich selbst und auch seinen eigenen Sohn verdammen.“

„Und weiß mein roter Bruder nicht, daß Old Shatterhand und Winnetou die Freunde aller braven roten Krieger sind? Daß sie ihre roten Feinde niemals töten, sondern sie nur kampfunfähig machen, und daß sie nur dann das Leben ihrer Feinde fordern, wenn sie von diesen dazu gezwungen werden?“

„Ja, das weiß Tokvi-tey.“

„So mag er wählen, was er sein will, unser Bruder oder unser Feind! Will er unser Bruder sein, so werden seine Feinde auch die unserigen sein. Wählt er aber das andere, nun so werden wir ihn und seinen Sohn und seine Kundschafter freigeben; aber es wird viel Blut fließen um die Freiheit der beiden bleichen Gefangenen, und die Kinder der Schoschonen werden Ursache haben, ihre Häupter zu verhüllen und Klagelieder anzustimmen in jedem Wigwam und an jedem Lagerfeuer. Er mag also wählen. Winnetou hat gesprochen I“

Es trat eine tiefe Stille ein. Der Eindruck, welchen die Persönlichkeit und die Rede des Apachen gemacht hatte, war ein großer. Tokvi-tey bückte sich nieder, ergriff das Messer, welches ihm entfallen war, stieß die Klinge desselben bis an das Heft in die Erde und antwortete:

„So wie die Schärfe dieses Messers verschwunden ist, so sei verschwunden alle Feindschaft zwischen den Söhnen der Schoschonen und den tapferen Kriegern, welche hier bei ihnen stehen!“

Dann zog er das Messer wieder heraus, hielt die Klinge drohend empor und fuhr fort:

„Und so wie dieses Messer sei die Freundschaft zwischen den Schoschonen und ihren Brüdern. Sie treffe alle Feinde, welche gegen die Vereinten sind. Howgh!“

„Howgh, howgh!“ ertönte es rundum.

„Mein Bruder hat eine kluge Wahl getroffen,“ sagte Old Shatterhand. „Er sehe hier Davy-Honskeh, den berühmten Jäger. Kennt er die Namen der Bleichgesichter, welche als Gefangene in seinem Zelte liegen?“

„Nein.“

„Es ist Jemmy-petahtscheh mit dem hinkenden Frank, welcher der Gefährte Mato-pokas, des Bärentöters, ist.“

„Mato-poka!“ rief der Schoschone überrascht. „Warum hat der Hinkende dies nicht gesagt? Ist nicht Mato-poka der Bruder der Schoschonen? Hat er nicht Tokvi-tey das Leben gerettet, als die Sioux Ogallalla seiner Fährte folgten?“

„Das Leben hat er dir gerettet? Nun, hier erblickst du Martin, seinen Sohn, und Bob, seinen treuen, schwarzen Diener. Sie sind ausgezogen, ihn zu retten, und wir begleiten sie, denn Mato-poka, der Bärentöter, ist in die Hände der Ogallalla gefallen und soll von ihnen getötet werden mit seinen fünf Gefährten.“

Tokvi-tey hielt das Messer noch in der Hand. Er warf es zu Boden, trat mit dem Fuß darauf und rief:

„Die Hunde der Ogallalla wollen den Bärentöter martern? Der große Manitou wird sie vernichten. Ist ihre Zahl eine große?“

„Es sind ihrer nur fünfzig und sechs.“

„Und wenn es ihrer auch tausend wären, so müßten sie zu Grunde gehen. Hier wie dieses Messer werden sie von den Kriegern der Schoschonen zur Erde gestampft werden. Ihre Seelen sollen aus ihren Leibern fahren, und ihre Gebeine sollen bleichen im Sonnenstrahle! Wo sind sie? Wo kann man auf ihre Fährte treffen?“

„Sie sind hinauf in die Berge des Gelbsteinflusses, wo das Grabmal des tapferen Büffels steht.“

„Hat nicht mein Bruder Old Shatterhand den tapferen Büffel und seine zwei Gefährten mit der nackten Faust erschlagen? So sollen auch die fallen, welche es gewagt haben, sich an dem Bärentöter zu vergreifen. Meine Brüder mögen mir hinabfolgen zum Lager meiner Krieger. Dort soll die Pfeife des Friedens geraucht werden, und dort werden die Männer am Beratungsfeuer sitzen, um nachzudenken, auf welchem Wege die Hunde am schnellsten zu erreichen sind!“

Natürlich waren alle bereit dazu. Auch die beiden Kundschafter waren von ihren Fesseln befreit worden, und nun wurden die Pferde herbeigeholt.

„Sir, Ihr seid doch ein verteufelter Kerl!“ raunte der lange Davy Old Shatterhand zu. „Alles, was Ihr beginnt, hat Chic, ist außerordentlich kühn und gelingt doch so vorzüglich, als ob es sich nur um eine Lappalie gehandelt habe. Ich ziehe meinen Chapeau vor Euch!“

Er riß seinen krempelosen Cylinderhut herab und schwenkte ihn so nachdrücklich hin und her, als ob er einen Karpfenteich ausschöpfen wolle.

Es wurde aufgebrochen. Die Pferde hinter sich herziehend, tasteten sich die Jäger wieder nach dem Abhange zurück. Das Feuer war natürlich ausgelöscht worden. Oben an der Thalsenkung angekommen, hielt Tokvi-tey beide Hände an den Mund und schrie in die stille Tiefe hinab:

„Khun, khun, kun-wah-ka – das Feuer, das Feuer, brennt das Beratungsfeuer an!“

Das Echo gab den Ruf vervielfältigt zurück. Er war unten gehört und verstanden worden, denn man vernahm laute Stimmen.

„Hang pa – wer kommt?“ ertönte ein lauter Ruf aus dem Thale empor.

„Moh-aw, Moh-aw!“ antwortete der Sohn des Häuptlings hinab.

Darauf ließ sich ein lautes, jubelndes „ha-ha-hih“ hören, und wenige Augenblicke später war die Flamme des schnell wieder angezündeten Feuers zu sehen. Das war ein sicheres Zeichen, daß die Schoschonen die Stimme des jungen Indianers erkannt hatten, denn im anderen Falle hätten sie sich gehütet, einem etwa nahenden Feinde, der sie durch seine Zurufe zu täuschen beabsichtigte, den Überfall durch die Beleuchtung des Lagers zu erleichtern.

Trotzdem aber wendeten sie die Vorsicht an, den Nahenden einige Leute entgegen zu senden, welche sich überzeugen sollten, daß man wirklich nichts zu fürchten habe.

Als dann der Häuptling mit seiner Begleitung das Lager erreichte, fühlten die Seinen wohl Freude über seine Rückkehr und diejenige seines Sohnes, auch waren sie wohl begierig, zu erfahren, wie es mit dem rätselhaften Verschwinden der beiden zugegangen sei, doch keiner ließ sich davon etwas merken. Natürlich waren sie in höchstem Grade erstaunt, als sie die fremden Bleichgesichter mit ihm ankommen sahen, doch waren sie zu sehr gewöhnt, ihre Gefühle zu verbergen, als daß sie ein Zeichen der Überraschung hätten sehen lassen. Nur der alte Krieger, welcher vorher den Befehl geführt hatte, trat seinem Häuptlinge entgegen und sagte:

„Tokvi-tey ist ein großer Zauberer. Er verschwindet aus seinem Zelte, wie das Wort verschwindet, wenn es gesprochen worden ist.“

„Haben meine Brüder wirklich geglaubt, daß der schwarze Hirsch verschwunden sei, ohne Spur, wie der Rauch, welcher in die Lüfte steigt?“ fragte der Häuptling. „Haben sie nicht Augen gehabt, zu sehen, was geschehen ist?“

„Die Krieger der Schoschonen haben Augen. Sie haben das Zeichen des berühmten weißen Jägers gefunden, daß Schmetterhand mit ihrem Häuptling gesprochen habe.“

Das war eine sehr rücksichtsvolle Umschreibung der Thatsache, daß der „schwarze Hirsch“ durch Old Shatterhand entführt worden war. Der Alte bediente sich dieser Worte aus Achtung vor seinem Anführer.

„Meine Brüder haben richtig vermutet,“ erklärte dieser. „Hier steht Nou-pay-klama, der weiße Jäger, welcher seine Feinde mit der Faust niederschlägt. Und an seiner Seite befindet sich Winnetou, der große Häuptling der Apachen.“

„Uff, uff!“ ertönte es im Kreise.

Bewundernd und achtungsvoll ruhten die Blicke der Schoschonen auf den Gestalten der beiden berühmten Männer, und indem sie ehrerbietig von ihnen zurücktraten, erweiterte sich der Kreis, welcher sich um die Ankömmlinge gebildet hatte.

„Diese Krieger sind gekommen, die Pfeife des Friedens mit uns zu rauchen,“ fuhr der Häuptling fort. „Sie wollten ihre beiden Gefährten befreien, welche dort im Zelte liegen. Sie hatten das Leben des schwarzen Hirsches und seines Sohnes in ihrer Hand und haben es doch nicht genommen. Darum mögen die Krieger der Schoschonen die Fesseln der Gefangenen lösen. Meine Brüder werden dafür die Skalpe vieler Sioux Ogallalla bekommen, welche wie die Mäuse aus ihren Löchern gekrochen sind, um von dem Habicht erwürgt zu werden. Mit Anbruch des Tages werden wir ihrer Fährte folgen. jetzt aber mögen die Krieger sich um das Feuer der Beratung versammeln, um den großen Geist zu fragen, ob er den Kriegszug gelingen lassen werde!“

Keiner sprach ein Wort, obgleich die Kunde, welche sie vernahmen, wohl geeignet war, ihre höchste Teilnahme zu erwecken. Einige von ihnen begaben sich still in das betreffende Zelt, um den Befehl des Häuptlings auszuführen, und brachten bald die beiden Gefangenen an das Feuer geführt.

Diese kamen wankend und unsicheren Schrittes herbei. Die Fesseln hatten so tief eingeschnitten, daß die Cirkulation des Blutes gehindert gewesen war. Es währt dann gewöhnlich längere Zeit, ehe man die betreffenden Glieder vollständig wieder gebrauchen kann.

„Alter Waschbär, was hast du denn für Dummheiten gemacht?“ fragte der lange Davy seinen dicken Freund. „Nur so ein Frosch wie du kann dem Storche geradezu in den Schnabel springen!“

„Mach nur den deinigen zu, sonst springe ich auch dir hinein, und zwar augenblicklich!“ antwortete Jemmy ärgerlich, indem er sich die wunden Handgelenke rieb. „Master Shatterhand wird uns bezeugen können, daß von einer Dummheit keine Rede ist. Wir haben uns ohne Gegenwehr ergeben, weil dies uns die einzige Möglichkeit bot, unser Leben zu retten. Im Falle wir uns verteidigt hätten, wären wir unbedingt ausgelöscht worden. Du hättest es an meiner Stelle ganz ebenso gemacht, zumal die Gewißheit vorhanden war, daß Old Shatterhand uns nicht in dieser Tinte stecken lassen werde.“

„Na, Alter, beruhige dich nur! Es war nicht so bös gemeint, und du weißt ja genau, daß ich mich herzlich freue, dich wieder frei zu sehen.“

„Schön! Aber dir werde ich meine Freiheit wohl nicht zu verdanken haben.“ Und sich an Old Shatterhand wendend, fuhr er fort. „Ganz gewiß seid nur Ihr allein es, Master, dem ich nun so außerordentlich verpflichtet bin. Sagt mir, wie ich es Euch danken kann! Mein Leben hat zwar wenig Wert, denn es ist eben nur des dicken Jemmy Leben, aber ich bin an jedem Augenblicke bereit, es Euch zur Verfügung zu stellen.“

„Nicht mir schuldet Ihr Dank,“ wehrte Old Shatterhand ab. „Eure Gefährten haben brav mitgewirkt. Und vor allen Dingen habt Ihr Euch hier an meinen Bruder Winnetou zu wenden, ohne dessen Hilfe es gar nicht möglich gewesen wäre, so schnell und sicher hier zur Stelle zu sein.“

Der Dicke überflog mit bewunderndem Blicke die schlanke und doch so kraftvolle Gestalt des Apachen. Er bot ihm dann die Hand und sagte:

„Ich habe es gewußt, daß Winnetou nahe sein muß, wenn Old Shatterhand sich sehen läßt. Da ich ein Frosch sein soll, so mag hier dieser Storch, den man den langen Davy nennt, mich auf der Stelle verschlingen, wenn Ihr nicht der bravste Indsman seid, dem ich je meine Hand gegeben habe. Laßt Euch die Eure herzlich drücken; habt tausend Dank, und erlaubt mir, so lange in Eurer Fährte zu reiten, wie es Euch gefällig ist.“

Der Neger Bob war mit einem Ausrufe der Freude zu dem Hobbel-Frank getreten und hatte gesagt:

„Endlich, endlich Masser Bob wieder sehen seinen guten Massa Frank! Masser Bob haben wollen totschlagen all ganz Schoschonenindianer; aber Massa Shatterhand haben wollen mit Massa Winnetou ganz allein machen die Befreiung. Darum die Schoschonen noch einmal sind leben geblieben.“

Er ergriff Franks Hände und streichelte die wunden Stellen derselben mit rührender Zärtlichkeit.

Natürlich wollten Jemmy und Frank vor allen Dingen erfahren, wie ihre Befreiung so schnell und unblutig bewirkt worden sei, und es wurde ihnen in kurzen Worten mitgeteilt. Zu einer ausführlichen Erzählung war keine Zeit, da die Schoschonen sich zum Zwecke der Beratung bereits um das Feuer zu ordnen begannen. – – –

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Oiht E Keh Fa Wakon

Oiht-e-keh-fa-wakon

Wie eine lange, dünne Schlange wand sich der Zug der Schoschonen durch die Blue-Graß-Prairie, welche sich vom Devils Head aus zwischen den Bighorn- und Klapperschlangenbergen nach der Gegend zieht, in welcher der Greyball-Creek seine klaren Wasser in den Bighornfluß ergießt.

Dieses „Blaugras“ kommt im Westen nicht häufig vor. Es wächst hoch und kann auf einem Boden, welcher ihm die nötige Feuchtigkeit bietet, die Höhe eines Mannes erreichen. Es kommt sogar vor, daß es bis an den Kopf eines Reiters reicht, vielleicht noch über denselben hinaus. In diesem Falle bietet es dem Westmanne große Schwierigkeiten, und er handelt klug, wenn er den Pfaden folgt, welche die Büffel in dem dichten Grasmeere ausgetreten haben. Die über ihm zusammenwogenden Halme rauben ihm die so nötige Fernsicht, und es ist bei trübem Wetter oft geschehen, daß erfahrene Jäger, denen ein Kompaß fehlte und denen es unmöglich war, den Stand der Sonne zu bestimmen, nach einem höchst beschwerlichen Ritte am Abende an demselben Orte hielten, von welchem sie am Morgen aufgebrochen waren. Gar mancher ist, indem er so im Kreise ritt, auf seine eigene Fährte gestoßen und hat sie für diejenige eines anderen, wohl gar eines Feindes gehalten. Indem er ihr von neuem folgte, hat er den Kreis mehrere Male beschrieben, bis er zu seinem großen Ärger den unter Umständen gefahrvollen Irrtum erkannte.

Selbst den erwähnten Büffelpfaden zu folgen, ist nicht ganz gefahrlos. Man kann da ganz unerwartet einen Feind aus dem Menschengeschlechte oder Tierreiche vor sich sehen. Plötzlich auf einen alten Büffel, welcher als grimmiger Einsiedler sich von der Herde getrennt hat, zu stoßen, ist ganz ebenso bedenklich, wie wenn man, ohne es vorher geahnt zu haben, auf einen feindlichen Indianer trifft, welcher, sein Gewehr im Anschlage, drei Schritte entfernt vor einem steht. Dann heißt es, blitzschnell handeln. Derjenige, dessen Schuß zuerst fällt, ist der Überlebende. –

Die Schoschonen ritten im Gänsemarsche – einer hinter dem anderen, so daß jedes Pferd in die Spuren des vorhergehenden trat. Diese Ordnung halten die Indianer stets dann ein, wenn sie nicht ganz genau wissen, daß sie sicher sind. Außerdem wird dann die Vorsicht gebraucht, Späher vorauszusenden, die scharfsinnigsten und schlausten Männer des Zuges, deren Augen nicht das gegen den Wind gerichtete Neigen eines Halmes und deren Ohren nicht das leise Knicken eines abbrechenden Zweiges entgeht.

In sich zusammengesunken und weit nach vorne gebeugt, hängt so ein Kundschafter auf seinem Pferde, als ob die Kunst des Reitens ihm etwas ganz und gar Fremdes sei. Seine Augen scheinen geschlossen zu sein; er bewegt kein Glied seines Körpers. Auch sein Gaul bewegt nur wie mechanisch, gewohnheitsmäßig, die Beine. Wer beide aus dem Hinterhalte beobachtet, der glaubt, der Reiter sei im Sattel eingeschlafen. Aber ganz im Gegenteile ist die Aufmerksamkeit des Spähers desto angespannter, je weniger er es merken läßt. So tief seine Augenlider gesenkt sein mögen, sein scharfer Blick dringt doch unter denselben hervor, nach vorn, nach rechts und links.

Ein leiser, leiser Ton läßt sich hören, eben nur für das Ohr eines solchen Spähers wahrnehmbar. Hinter den nahen Büschen kauert ein Feind, welcher sein Gewehr erhoben hat, um es auf den Kundschafter zu richten. Dabei hat er mit dem Kolben den Hornknopf seines Rockes gestreift. Das dadurch entstandene, kaum wahrnehmbare Geräusch ist doch in das Ohr des Spähers gedrungen. Ein kurzer, scharfer Blick nach dem Busche – ein Griff in die Zügel – der Reiter wirft sich aus dem Sattel, bleibt aber mit einem Fuße in demselben und mit einem Arme im Halsriemen des Pferdes hängen, so daß sein Körper vollständig hinter demjenigen seines Tieres verschwindet und von der Kugel des Feindes nicht getroffen werden kann – der Gaul, plötzlich aus seiner scheinbaren Lethargie erwacht, macht zwei, drei Sprünge zur Seite und verschwindet mit seinem Reiter im Dickicht oder hinter schützenden Bäumen. Das ist in nicht zwei Sekunden geschehen, bevor der Feind den Späher genau auf das Korn hat nehmen können. Der erstere hat nun alle Veranlassung, schnell auf seine eigene Sicherheit bedacht zu sein.

Solche Kundschafter ritten auch den Schoschonen in ziemlich weiter Entfernung voran. An der Spitze der Haupttruppe befanden sich Old Shatterhand, Winnetou und der „schwarze Hirsch“. Ihnen folgten die Weißen mit Wohkadeh und Bob.

Der letztere war trotz der Übung, welche ihm der bisherige Ritt geboten hatte, kein besserer Reiter geworden. Die Haut seiner Beine war nicht abgehärtet. Er hatte sich wund geritten und saß nun noch jämmerlicher zu Pferde als vorher. Unter immerwährendem Ah und Oh, Alas und ‚Woe to me rutschte er von einer Seite auf die andere; er ächzte und stöhnte in allen Tönen der chromatischen Tonleiter und versicherte unter den fürchterlichsten Grimassen, daß er den Sioux seine Qualen entgelten lassen werde. Wenn seine Drohungen sich bewahrheiteten, so stand ihnen allen ein grauenvoller Tod am Marterpfahle bevor.

Um weicher zu sitzen, hatte er sich aus abgeschnittenem Blaugras eine Unterlage hergestellt. Da es ihm aber nicht gelang, derselben auf dem Rücken des Pferdes einen festen Halt zu geben, so rutschte sie von Zeit zu Zeit herab und er natürlich mit, so daß er in fast regelmäßigen Zeiträumen auf oder neben ihr zur Erde zu sitzen kam.

Das entlockte selbst den sonst so ernsten Schoschonen ein heiteres Lächeln, und als einer von ihnen, welcher ein wenig englisch verstand, ihn den Sliding-Bob, den Rutsch-Bob nannte, ging das Wort von Mund zu Mund und wurde für ihn zum Spitznamen, dessen sie sich später gelegentlich gern bedienten.

Der westliche Horizont hatte bisher eine ebene Linie gebildet. jetzt begann er, sich stellenweise zu erheben. Berge lagen dort, nicht bläulich und mit unsicheren Konturen, sondern scharf gezeichnet und deutlich gekörpert trotz der weiten Entfernung, welche man noch zu durchreiten hatte, um an ihren Fuß zu gelangen.

In jenen Gegenden ist die Luft oft so rein, daß Punkte, welche in viele Meilen weiter Ferne liegen, so nahe zu sein scheinen, daß man meint, sie in wenigen Minuten erreichen zu können. Und dabei ist die Atmosphäre in der Weise mit Elektricität geschwängert, daß wenn z. B. zwei Menschen sich mit den Händen oder Ellbogen berühren, leichte sicht- und auch fühlbare Funken überspringen. Die Indianer, welche zum sonorischen Sprachstamme gehören, nennen diese Erscheinung Mo-aw-k’un, das ist Moskitofeuer. Diese elektrische Spannung strebt nach Ausgleich, den sie in immerwährenden Entladungen findet. Es wetterleuchtet, ohne daß Wolken vorhanden sind, rundum am ganzen Horizonte, unausgesetzt; oft scheint der ganze Gesichtskreis in Flammen zu stehen, doch wird das Wohlbefinden von Mensch und Tier dadurch nicht im mindesten gestört. Ist die Dunkelheit des Abends hereingebrochen, so bietet dieses immerwährende Leuchten und Glühen einen Anblick, welcher geradezu unbeschreiblich ist, und selbst der an dieses Schauspiel gewöhnte Westmann kann seine Seele, sein Gemüt dem Eindrucke desselben nicht entziehen. Er, der gewöhnt ist, sich nur auf sich selbst zu verlassen, fühlt sich klein und ohnmächtig solchen geheimnisvollen Kräften gegenüber. Er denkt an Gott, dessen er vielleicht seit langer Zeit vergessen, und als fromme Jugenderinnerung steigen in seinem Gedächtnisse die in der Schule so oft gehörten Worte des Psalmisten auf: „Wo soll ich hingehen vor Deinem Geiste, und wo soll ich hinfliehen vor Deinem Angesichte! Führe ich gen Himmel, siehe, so bist Du da; bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist Du auch da; nähme ich Flügel der Morgenröte, so würde doch Deine Hand daselbst mich führen und Deine Rechte mich halten!“ Ganz dasselbe denkt und fühlt auch der Indianer. „Weh-ku-onpeh-ta-wakon-schetscha“, das „Wigwamfeuer des großen Geistes“ nennt der Sioux dieses Wetterleuchten. „Manitou ahnima ahwarrenton,“ zu deutsch „Ich habe Manitou im Blitz gesehen,“ sagt der Yutah-Schlangenflußindianer, wenn er den Seinen berichtet, daß er seinen Weg bei dieser „elektrischen Beleuchtung“ zurückgelegt habe.

Diese elektrischen Entladungen können im Kriegsfalle sehr gefährlich werden. Der Indianer glaubt nämlich, daß derjenige Krieger, welcher des Nachts getötet wird, in den ewigen Jagdgründen in immerwährender Finsternis leben müsse. Darum sucht er jeden nächtlichen Kampf möglichst zu vermeiden, und darum führt er den Angriff am liebsten im ersten Morgenlichte aus. Wer aber im „Feuer des großen Geistes“, im Wetterleuchten stirbt, der ist nicht auf dunklem Pfade in das jenseits gegangen und wird auch dort die Jagd- und Kriegspfade erleuchtet finden. Aus diesem Grunde scheut der Indsman sich nicht, beim Schein zuckender Wetter anzugreifen, und gar mancher, der das nicht wußte oder nicht beachtete, hat seine Unwissenheit oder Unvorsichtigkeit mit Skalp und Leben büßen müssen. –

Der kleine Hobble-Frank hatte dieses bei heiterem Himmel ihm unerklärliche Wetterleuchten noch nie beobachtet. Darum sagte er zu dem dicken Jemmy, hinter welchem er ritt:

„Herr Pfefferkorn, Sie sind drüben in Deutschland ‚mal Gymnasiast gewest und werden sich wohl noch een bißchen off Ihren psychikalischen Unterricht besinnen können. Warum blitzt und leuchtet es denn eegentlich hier so sehre?“

„Es heißt physikalisch und nicht psychikafisch,“ verbesserte der Dicke.

„Dadervon werden Sie wohl gar nich viel mehr verschtehen als ich. Wissen Sie, ich hab‘ ooch meine Meriten; das können Sie mir offs Wort drauf glooben, besonders in der Orthographie und Konterpunktion. Ich weeß ganz genau, wie so een Fremdwort geschrieben wird, und da werd‘ ich’s wohl ooch richtig ausschprechen können. Verschtanden? Ob ich sag‘ psychikalisch oder physikalisch, das ist dem deutschen Kaiser ganz egal. Die Hauptsache ist, daß man das Yxilump richtig ausschpricht.“

„Ypsylon heißt es.“

„Was? Wie? Ich soll nich mal wissen, wie der vorletzte Buchschtabe meines vaterländischen Alphabetes ausgesprochen wird? Wenn Sie mir das nochmal sagen, da kann was drauf erfolgen, was Sie sehre leicht in eene Gemütskrankheit versetzen kann. So was läßt sich een Verehrer der Wissenschaft nich so leicht gefallen. Sie wissen mir off meine Frage keene akademische Antwort zu versetzen, und dadrum versuchen Sie es nun, sich off Schleichwegen heimlich aus der Falle raus zu beißen. Aber wenn Sie denken, daß Ihnen das gelingt, da irren Sie sich mehrschtenteels in mir. Ich bin ganz der Mann, Ihnen zu beweisen, daß der Müllerbursche keen Essenkehrer ist. Ich hab‘ Sie nach dem Wetterleuchten gefragt, aber nich nach dem Yxilump und nach der psychikalischen Geometrie. Können Sie mir Antwort erteilen oder nich?“

„Allemal!“ lachte der Dicke.

„Nun, dann los damit! Also warum wetterleuchtet es hier gar so sehre?“

„Weil viel Elektrizität vorhanden ist.“

„So? Ach? Das nennen Sie eene Antwort? Nun, dazu braucht man wohl ooch keen Gymnasiast gewest zu sein! Ich hab‘ zwar keene Alma Vater besucht, ich bin keen Schtudent gewest und hab‘ ooch niemals kommerschiert und den Alexander gerieben, aber ich weeß doch ganz genau, daß Elektricität vorhanden sein muß, wenn es leuchtet. Jede Wirkung hat ihre Ursache. Wenn eener eene Ohrfeige gekriegt hat, da muß een anderer vorhanden sein, der ihm die Maulschelle gegeben hat. Und wenn es wetterleuchtet, so – so – – so – – –“

„So muß einer da sein, der es angebrannt hat,“ fiel Jemmy ein.

Der Hobbel-Frank war zunächst still, um sich die Worte des Dicken zu überlegen; dann aber brach er zornig los:

„Hören Sie, Herr Pfefferkorn, es ist sehre gut, daß wir noch keene Brüderschaft mitnander gemacht haben, denn jetzt würde ich sie off der Schtelle wieder aufheben, und das wäre doch eene Blamage und een ewiger Schandfleck für Ihr bürgerliches Wappenschild. Glooben Sie denn etwa, daß ich mir von Ihnen meine etymongolische Wortabstammung verderben lasse? Was fallen Sie mir denn eegentlich so in meine schönste Rede? Wenn Sie eenen Satz beenden wollen, so können Sie sich ihn ooch selber anfangen. Merken Sie sich das! Aber wenn ich der Anfänger bin, da schprech‘ ich ooch bis zu Ende, denn nachher ist der Satz mein geistiges und philosophisches Eigentum. Wenn ich in meiner scharfsinnigen, bescheidenen Weise die Elektrizität mit eener Ohrfeige vergleiche, so haben Sie nich das mindeste Recht, sich wie een Räuberhauptmann meines Vergleiches zu bemächtigen. Eenen Pferdeschpitzbuben hängt man off ; das ist so Savannengesetz, und wenn mir eener mit dem mir gehörigen Satz davonrennt, so schieß‘ ich ihn vom Pferde runter. Ich hab‘ eenen famosen Schluß konschtruieren wollen, aber sobald ich mit den richtigen Promissen fertig war, da haben Sie eene ganz falsche Konfusion hinten dran gehängt, und das verletzt mein logisches Zartgefühl off eene schauderhafte Weise. Ich bin ––“

„Prämissen wollten Sie wohl sagen,“ unterbrach Jemmy die geharnischte Rede. „Und Konfusion heißt es auch nicht, sondern Konklusion.“

„So! Sind Sie denn wirklich so Ehen ausgezeichneter Kenner des antiquarischen Schprachsystems? Wenn ‚mal eener in seiner Schuljugend gehört hat, daß Rom off sieben Ziegeln gebaut worden ist, nachher denkt er ooch gleich, daß er der reenste Virtuos in den sämtlichen lateinischen Dialekten ist. Sie schprechen das eegentliche Plattlateinisch; mein Schulmeester in. Moritzburg aber war een Hochlateinischer; bei dem endete sich alles ganz regelrecht off um, cum und dumm. Das ist die bekannte Schprache des Cicero und der schönen Melusine. Sie aber lernen in dem Gymnasium das Lateinische nur nach Knüppelverschen und sagen:

Was man nicht deklamieren kann,
Das sieht man ganz neutral sich an.

Und wenn Sie sich bis hinauf in die Oberprima so ganz neutral verhalten haben, so werden Sie Prairiejäger, thun mit Ihren philologischen Schprachkenntnissen dicke und wollen nich ‚mal meine Promissen und meine Konfusion gelten lassen. Ich habe in meinem ganzen Leben von keener Konklusion gehört, sogar in Moritzburg nich, was doch viel sagen will. Thun Sie also mir und sich selbst den Gefallen, und bleiben Sie bei der Schtange. Es ist die Rede gewest vom Wetterleuchten und von der Elektricität. Sie sagen, es wetterleuchtet wegen der vorhandenen Elektricität. Nun aber frag‘ ich weiter, warum gerade hier in dieser Gegend so viele Elektricität vorhanden ist. Ich hab‘ doch noch nirgends eene solche Masse beisammen gefunden. – Nun, können Sie antworten? jetzt haben Sie die beste Gelegenheit im ganzen Leben, das Examen zu bestehen oder offs schönste ökumenische Konsilium hereinzufallen.“

Der dicke Jemmy lachte laut auf. Darum fragte der gelehrte Sachse:

„Was feixen Sie denn so klarinettenmäßig? Lachen Sie etwa nur vor Verlegenheit, weil ich so eene ganz unerwartete Fertigkeet in der philharmonischen Schprachgewandtheet entwickele? Nun, ich bin sehre neugierig, off welche Weise Sie sich herausbeißen werden, mein bester Herr Pfefferkorn!“

„Ja,“ antwortete Jemmy, „Ihre Frage ist freilich höchst schwierig zu beantworten. An ihr könnte selbst ein Professor sich vergebens abmühen.“

„So! Eene andere Antwort haben Sie also nich?“

„Vielleicht doch.“

„So lassen Sie ‚mal hören! Ich bin ganz Ohrläppchen.“

„Vielleicht ist der Metallreichtum des Felsengebirges an dieser Ansammlung der Elektricität schuld.“

„Der Metallreichtum? Mit dem hat die Elektricität nichts zu thun.“

„O doch! Warum wird sie von dem Blitzableiter angezogen?“

„Sie läuft aber unten wieder ’naus, folglich mag sie gar nichts von ihm wissen, und es wird gar mancher Boom vom Blitz erschlagen, ohne daß er nur das kleenste Stückchen Eisen in der Westentasche stecken hatte. Nee, das kann ich nich gelten lassen. Da müßten zum Beispiel alle Eisengießereien vom Blitz getroffen werden.“

„Oder ist’s, weil wir uns hier dem magnetischen Pole nähern?“

„Wo liegt denn der?“

„Im nördlichen Amerika, allerdings noch eine tüchtige Strecke von hier.“

„So lassen Sie ihn nur immer liegen! Der ist ja ooch ganz unschuldig an diesem Wetterleuchten.“

„Oder staut sich die Elektricität bei der rapid schnellen Erdumdrehung an den riesigen Höhen des Felsengebirges?“

„An so eene archimedische Ansammlung ist nicht zu denken. Die Elektricität ist doch nich so dick wie Sirup; die geht ganz leicht über die Berge hinweg. Nee, Sie haben Ihr Examen nich beschtanden. Ihre Censur ist höchstens Viere Beh.“

. „Nun, wenn Sie der Mann sind, mir eine Censur zu erteilen, so müssen Sie wohl im stande sein, es besser zu machen.“

„Natürlich bin ich das im schtande, denn ich bin in Moritzburg Forschtbeamter gewest und habe dort durch eifriges Fragen und Nachdenken meine angeborene Intelligenz off die allersuperlativste Schpitze getrieben. Ich möcht eegentlich mal wissen, off welche gewichtige Frage ich nich die richtige pneumatische Auskunft erteilen könnte. Ich bin zwar nur Autoviadukt, denn ich habe eben alles merschtenteels ganz von alleene gelernt; aber wenn das Genie eenmal drin im Menschen schteckt, dann ist’s eben nich mal mit Keulen tot zu schlagen. Die Erklärung, welche Sie als verflossener Gymnasiast nich finden, ist ganz eenfach. Mir hat der Moritzburger Schulmeester mal in eener vertraulichen Schtunde, als niemand weiter in absento war, off Diskredit und Ehrenwort mitgeteilt, daß die Elektricität durch Reibung entschteht. Das geben Sie doch zu?“

„Sehr gern.“

„Folglich muß, wo Reibung vorhanden ist, Elektricität entschtehen.“

„Zum Beispiel beim Kartoffelreiben!“

„Lassen Sie Ihre Quartanerwitze beiseite, besonders wenn Sie mit eenem Manne schprechen, der in Beziehung off die künstlichen Wissenschaften zu den hydraulischen Autoritäten gehört l Wenn ich ungeschtört bin, so habe ich eenen sehr bescheidenen und anschpruchslosen Charakter, denn es gibt Oogenblicke, wo der Geist schwach sein muß, aber der Körper schtark und kräftig; doch wenn mal der richtige Moment des Nachdenkens mit dem geeigneten Oogenblicke der höheren Bildung zusammenfällt, nachher schträubt sich mein edles Naturell gegen das gewöhnliche ordinäre Temperament, und die Quellen meiner Kenntnisse fangen an zu schprudeln und zu schpritzen, daß es zum Erschtaunen ist. Ich wundre mich manchmal über mich selber, wenn ich so höre, was für Schätze in mir schtecken. Mit der Elektricität zum Exempel mach‘ ich gar nich viel Federlesens. Dieser ganzen Wissenschaft bin ich weit überlegen. Ich schpiele mehrschtenteels bloß noch mit ihr. Off een bißchen Reibung mehr oder weniger kommt mir’s gar nich mehr an, besonders hier in dieser Gegend. Da gibt es gewaltige Prairien, gewaltige Wälder und gewaltige Berge. Wenn nun der Wind oder gar der Schturrn darüber saust, so entschteht eene ungeheure Reibung. Oder nich?“

„Ja,“ gab Jemmy zu. Er war begierig, die Erklärung des Sachsen zu hören.

„Der Schturm reibt den Boden; die unendlichen Millionen von Grashalmen reiben sich aneinander; die ungezählten Äste, Zweige und Blätter der Bäume reiben sich ebenso. Die Büffel wälzen sich in den Wallows [Fußnote], was großartige Reibung gibt; kurz und gut, es findet in dieser Gegend eene Reibung statt wie sonst nirgendwo, und da ist es ja ganz selbstverständlich, daß sich een ungeheurer Vorrat von Elektrizität anhäufen muß. Da haben Sie also nun die eenfachste, unanfechtbarste Erklärung aus dem kompetentesten Munde. Wollen Sie etwa noch mehr?“

„Nein, nein,“ lachte Jemmy. „Ich habe genug!“

„So nehmen Sie die Aufklärung mit Ernst und ergebener Hochachtung hin. Das Lachen aber muß ich mir verbitten! Wer so viel ohne Ursache lacht, der verrät eene sanguinisch-cholerische Normalexistenz; eene hohle, phrenologische Schädelbildung und een unbedeutendes loyales Rückenmarksystem. Und daß Sie außerdem an eener chronisch-akuten Überlegungsgabe leiden, das haben Sie bewiesen, denn nur Sie ganz alleene waren schuld, daß wir von den Schoschonen gefangen genommen wurden. Wäre uns dieser famose Old Shatterhand nich zu Hilfe gekommen, so hätten wir unbedingt den gefährlichen Salto quartale hinüber in die ewigen Jagdgründe machen müssen.“

Mortale heißt es, nicht quartale!“

„Schweigen Sie! So etwas kommt mir in diesem Vierteljahre nicht wieder vor; darum sage ich quartale. Unser wissenschaftliches Gespräch ist überhaupt jetzt nun finis parterra, denn wir sind den Bergen nahe, und da vom halten unsere Kundschafter. Sie müssen also etwas Wichtiges entdeckt haben.“

Der kleine Pseudogelehrte hatte während seiner ultragelehrten Auseinandersetzungen wenig darauf geachtet, daß indessen eine ganz bedeutende Strecke zurückgelegt worden war. Das Blaugras war verschwunden; an seiner Stelle traten Festuccagräser, reichlich mit duftenden Cumarinhalmen durchmischt, und in nicht großer Entfernung entfaltete sich bereits ein reichlicher Strauchwuchs, über welchen die Wipfel einiger Rot-Ahorne emporragten. Diese Bäume lieben den feuchten Boden und bildeten also ein erfreuliches Zeichen, daß man nach dem heißen Ritte wohl bald auf einen erquickenden Trunk rechnen könne.

Dort bei den Büschen hielten die Kundschaftet. Als der Reiterzug ihnen nahte, winkten sie mit den Händen zur Vorsicht, und einer rief:

„Nambau nambau!“

Dieses Wort bedeutet eigentlich Fuß, hat aber auch die Bedeutung als Fährte. Die Kundschafter wünschten, man solle Vorsicht gebrauchen, damit die von ihnen gefundene Fährte nicht zerstört werde, bevor sie von den Anführern „gelesen“ worden sei.

Wohkadeh beachtete ihre Winke nicht; er ritt zu ihnen hin.

„Wehts toweke!“ rief ihm derjenige, welcher vorher gerufen hatte, unwillig zu.

Das heißt „Junger Mann“ und bedeutete also eine Zurechtweisung. Ein junger Mann handelt wohl nicht so überlegt wie ein bejahrter. Der Ausdruck enthielt einen Tadel, ohne Wohkadeh ernstlich beleidigen zu können. Dennoch antwortete er in ziemlich ernstem Tone:

„Haben meine Brüder die Winter gezählt, seit denen Wohkadeh nun lebt? Er weiß ganz genau, was er thut. Er kennt diese Fährte, denn es sind die Stapfen seiner Füße auch dabei. An diesem Orte lagerte er mit den Sioux Ogallala, bevor sie ihn aussandten, nach den Zelten der Schoschonen zu suchen. Sie sind jedenfalls von hier aus grad nach West geritten, um den Fluß des dicken Hornes zu erreichen, und werden Wohkadeh Zeichen zurückgelassen haben, mit deren Hilfe er ihnen schnell zu folgen vermag.“

Die Stelle, an welcher sie hielten, zeigte Spuren, daß vor einigen Tagen ein ansehnlicher Reitertrupp hier gelagert habe; doch waren diese Zeichen nur für ein außerordentlich geübtes Auge zu erkennen. Das niedergetretene Gras hatte sich vollständig wieder aufgerichtet, doch fehlten den nahen Büschen die Zweigspitzen, welche von den Pferden abgefressen worden waren.

Nach Wohkadehs Erklärung erschien es als zwecklos, sich hier länger aufzuhalten. Darum setzte sich der Zug sogleich wieder in Bewegung.

Zwar stand die Sonne im Zenith, und es war also die Zeit der größten Tageshitze; die Pferde bedurften einer kurzen Ruhe, doch wollte man ihnen diese nicht eher gewähren, als bis Wasser gefunden wurde.

Das bisher ebene Terrain begann nun zu steigen. Von vorn, rechts und links traten langgestreckte Bergesrücken näher heran. Die Reiter folgten einer breiten Senkung, welche sich zwischen den Höhen hindurchwand. Sie war von den bereits erwähnten Gräsern grün. Das Buschwerk zeigte zunächst nur harte Arten, doch traten sehr bald weichere auf, strauchartige Balsampappeln, welche sich hier nicht zu Bäumen zu entwickeln schienen, und wilde Birnen von der Art, welche der Amerikaner Spiked-Hawthorn nennt.

Nun wurden auch die vorher nur vereinzelt stehenden Bäume zahlreicher. Weiße Eschen, Kastanien, Zürgelbäume, Makrocarpa-Eichen, Linden und andere, an deren Stämme purpurrot blühender Osterluzey emporkletterte.

Als der Weg dann hinter einer Höhe scharf nach Norden bog, sahen die Reiter bereits dicht bewaldete Berge vor sich. Dort mußte Wasser zu finden sein. Zwei wild zerklüftete Höhen ragten einander gegenüber ziemlich steil empor. Zwischen sie drängte sich ein schmales Thal hinein, auf dessen Sohle ein schmales Wässerchen sein leises Liedchen murmelte. Sollte man in dasselbe einbiegen oder der bisherigen Richtung folgen?

Old Shatterhand musterte mit scharfem Blicke den Saum des Waldes. Bald nickte er befriedigt vor sich hin und sagte:

„Unser Weg führt hier links in das Thal hinein.“

„Warum?“ fragte der lange Davy

„Seht Ihr nicht den Fichtenast dort im Stamme der Linde stecken?“

„Ay, Sir. Es ist freilich auffällig, daß ein Nadelholz an einem Laubbaume wächst.“

„Es soll ein Zeichen für Wohkadeh sein. Die Sioux haben ihn an dem Lindenstamm in der Weise angebracht, daß er nach dem Thale zeigt. Diese Richtung haben sie also eingeschlagen, und ich denke, daß wir noch auf mehrere solcher Wegweiser treffen werden. Also vorwärts!“

Winnetou war bereits schweigend vorangeritten, nachdem er nur einen kurzen Blick auf die Linde geworfen hatte. Das war so seine Art und Weise; er pflegte zu handeln, ohne viel zu sagen.

Als der Zug eine kurze Strecke zurückgelegt hatte, fand sich eine Stelle, welche sich außerordentlich gut zum Lagern eignete. Hier wurde angehalten. Es gab Wasser, Schatten und vortreffliches Futtergras für die Pferde.

Die Reiter stiegen ab und erlaubten den Tieren zu grasen. Die Schoschonen waren sehr gut mit in der Sonne getrocknetem Fleisch versehen, und die Weißen hatten noch von dem Proviant, welchen sie aus der Wohnung des Bärentöters mitgenommen hatten. Es wurde gegessen, und dann streckten sich die Männer in das Gras oder Moos, sich einem kurzen Schlummer hinzugeben, oder sie saßen in Gruppen zusammen, um sich zu unterhalten.

Der Unruhigste von allen war Bob, der Neger. Da er sich wund geritten hatte, schmerzten ihn die verletzten Stellen.

„Masser Bob sein krank, sehr krank.“ sagte er. „Masser Bob nicht haben mehr seine Haut an den Beinen. Ganze Haut sein fort, sein futsch, und nun kleben Hose an Beinen und thun so weh Masser Bob. Wer sein schuld daran? Die Sioux. Wenn Masser Bob sie finden, dann werden er sie totschlagen, bis sie nicht mehr sein können lebendig! Masser Bob nicht können reiten, nicht sitzen, nicht stehen, nicht liegen. Es sein, als haben Masser Bob Feuer an seinen Beinen.“

„Es gibt ein Mittel,“ sagte Martin Baumann, welcher neben ihm saß. „Such‘ dir Colt’sfoot und leg die Blätter desselben auf die Wunden.“

„Wo aber wachsen Colt’sfoot?“

„Besonders an Waldrändern. Vielleicht ist grad hier welcher zu finden.“

„Aber Masser Bob nicht kennen diese Pflanze. Wie können er sie da finden?“

„Komm! Ich will mit suchen.“

Die beiden wollten sich entfernen. Old Shatterhand hatte ihre Worte gehört und warnte:

„Nehmt euere Gewehre mit. Wir befinden uns hier nicht auf einem Marktplatz des Ostens. Man kann nie wissen, was der nächste Augenblick bringt.“

Martin griff still zum Gewehre, und auch der Neger schulterte seine Muskete.

„Yes!“ sagte er. „Masser Bob mitnehmen auch seine Rifle. Wenn kommt Siou oder wildes Tier, er sogleich erschießen alles, um zu beschützen sein jung Massa Martin. Come on!“

Die beiden schritten langsam am Thalrande hin, um nach der erwähnten Pflanze zu suchen; aber es war kein Huflattich zu sehen. So entfernten sie sich weiter und weiter von dem Lagerplatze. Es war so still und sonnig im Thale. Schmetterlinge gaukelten um die Blumen; Käfer summten und brummten von Ort zu Ort; das Wasser plätscherte so friedlich, und die Wipfel der Bäume badeten sich im Sonnenscheine. Wer hätte da an eine Gefahr denken mögen!

Da blieb Martin, welcher voranschritt, halten und deutete auf eine Linie, welche sich in kurzer Entfernung schnurgerade von dem kleinen Bache durch das Gras nach der Thalwand zog, wo sie unter den Bäumen verschwand.

„Was das sein?“ fragte Bob. „Ein Weg?“

„Ja, ein Weg ist es. Es scheint da jemand regelmäßig aus dem Walde zu kommen, um Wasser zu schöpfen.“

„Es sein also ein Westmann?“

„Hm! Ein Westmann? Hier in dieser Einsamkeit? Das ist unwahrscheinlich.“

„Oder ein Tier?“

„Das will ich eher glauben. Betrachten wir uns einmal die Spur!“

Sie gingen hinzu und nahmen die Fährte in Augenschein. Das Gras war vom Wasser an bis hinüber zu den Bäumen mehrere Fuß breit nicht nur nieder-, sondern so ausgetreten, daß der nackte Boden zum Vorschein gekommen war. Martin und Bob standen also vor einem wirklichen Pfade.

„Das sein kein Tier,“ meinte der Neger. „Hier sein laufen ein Mann mit Stiefeln immer hin und her. Massa Martin werden recht geben Masser Bob.“

Der Jüngling aber schüttelte den Kopf. Er untersuchte den Pfad genau und antwortete:

„Die Sache ist jedenfalls befremdend. Man kann keine Huf- oder Krallenspur erkennen. Der Boden ist so festgetreten, daß man nicht einmal bestimmen kann, zu welcher Zeit diese Fährte zum letztenmal betreten worden ist. Ich möchte wetten, daß nur ein Huftier einen solchen Gang auszutreten vermag.“

„O schön, sehr schön!“ sagte der Neger erfreut. „Vielleicht es sein ein Opossum. Das sein Masser Bob sehr willkommen.“

Das Opossum ist die virginische Beutelratte, welche bis einen halben Meter lang werden kann. Sie besitzt zwar ein zartes, weißes und fettes Fleisch, hat aber einen so eigentümlichen, widrigen Geruch, daß sie von Weißen niemals gegessen wird. Der Neger aber verschmäht sie nicht, und es gibt sogar manchen Schwarzen, welcher leidenschaftlich auf diesen unangenehm duftenden Braten versessen ist. Zu dieser Art von Gastronomen gehörte auch der brave Bob.

„Was fällt dir ein!“ lachte Martin. „Ein Opossum hier! Gehört denn die Beutelratte zu den Huftieren?“

„Wohin Opossum gehören, das sein Masser Bob ganz egal. Opossum sein ein fein delikat Fleisch, und Masser Bob jetzt werden versuchen, ob Opossum sich werden lassen fangen.“

Er wollte fort, der Fährte nach, Martin aber hielt ihn zurück.

„Bleib, und mache dich nicht lächerlich! Von einem Opossum kann hier keine Rede sein; es ist ja viel zu klein, um eine solche Spur auszutreten. Hier handelt es sich um ein großes Tier, wohl gar um ein Elk.“

„Elk, o Elk!“ rief Bob, indem er mit der Zunge schnalzte. „Elk geben viel, viel Fleisch und Talg und Haut. Elk sein gut, sein sehr gut! Bob werden Elk sogleich schießen.“

„Bleib, bleib! Es kann doch kein Elk sein, denn dann wäre hier das Gras abgeäst.“

„So werden Masser Bob nachsehen, was es sein. Vielleicht sein es doch ein Opossum. 0! wenn Masser Bob ein Opossum finden, dann er machen einen großen Schmaus.“

Er lief fort, der Fährte nach, der mit Wald bedeckten Thalwand zu.

„Warte! So warte doch nur!“ mahnte Martin. „Es kann doch wohl ein großes Raubtier sein!“

„Opossum sein Raubtier, fressen Vögel und andere kleine Viehzeug, Masser Bob es fangen.“

Er ließ sich nicht warnen und ging weiter. Der Gedanke an seinen Lieblingsbraten ließ ihn die hier so nötige Vorsicht vergessen. Martin folgte ihm nach, um im Falle einer unangenehmen Überraschung schnell bei der Hand zu sein; aber der Neger war dem jungen Manne immer eine Strecke voran.

So erreichten sie den Waldesrand, wo das Terrain auf dieser Seite des Thales gerade so wie auf der anderen ziemlich steil emporzusteigen begann.

Der Pfad lief schnurgerade zwischen die Bäume hinein und dann zwischen großen Felsenbrocken empor. Er war auch hier so fest, daß eine ausgesprochene Einzelspur gar nicht zu erkennen war.

Immer weit voran, kletterte der Neger die Höhe hinauf. Die Bäume standen ziemlich dicht beisammen, und zwischen ihren Stämmen hatte sich allerlei Unterholz breit gemacht, so daß man wirklich von einem Dickicht reden konnte, durch welches der Wildpfad führte. Da hörte Martin die jubelnde Stimme des Negers:

„Massa kommen, schnell kommen! Masser Bob haben funden das Nest von Opossum.“

Der Jüngling folgte so schnell wie möglich diesem Rufe. Von einem Opossum konnte keine Rede sein und so war zu befürchten, daß der gute Bob sich in eine Gefahr begab, von deren Größe er gar keine Ahnung hatte.

„Bleib stehen, bleib stehen!“ warnte daher Martin mit lauter Stimme. „Unternimm nichts, bis ich komme.“

„O, hier sein schon Loch, die Hausthür zu Nest von Opossum. Masser Bob nun dem Opossum machen seine Visite.“

jetzt erreichte Martin die Stelle, an welcher sich der Neger befand. Es gab da eine Anzahl übereinander getürmter Felsenstücke. Zwei derselben waren gegeneinander gelehnt und bildeten eine Höhle, vor welcher ein aus Haselnuß-, wilden Maulbeersträuchern, Hirn- und Brombeerdornen bestehendes Gestrüpp wucherte. In dieses Gestrüpp war ein Durchgang gebahnt. Die bisher verfolgte Fährte führte hinein, doch zeigten zahlreiche, nach rechts und links führende Fährten, daß der Bewohner der Höhle nicht nur zwischen dieser und dem Wasser verkehre, sondern auch noch anderweite Exkursionen unternehme.

Der Neger hatte sich zur Erde niedergekauert und befand sich bereits mit seinem Vorderleibe im Gestrüpp, um nach der Höhle zu kriechen. Jetzt erkannte Martin zu seinem Schreck, daß seine Befürchtung nicht grundlos gewesen sei. Aus den nun deutlichen Spuren sah er, mit welch einem Tiere er es zu thun habe.

„Um Gottes willen, zurück, zurück!“ rief er. „Das ist die Höhle eines Bären!“

Zu gleicher Zeit faßte er Bob bei den Beinen, um ihn zurückzuziehen. Der Neger aber schien ihn nichtverstanden zu haben, denn er antwortete:

„Warum mich halten? Masser Bob sein tapfer. Er werden besiegen ganzes Nest voll Opossum.“

„Kein Opossum, sondern ein Bär, ein Bär!“

Er hielt den Schwarzen aus Leibeskräften fest. Da ließ sich ein tiefes, zorniges Brummen hören, und zu gleicher Zeit stieß Bob einen Schrei des Schreckens aus.

„Jessus! Ein Vieh, ein Ungetüm! 0 Masser Bob, o Masser Bob!“

Er schob sich blitzschnell aus dem Gestrüpp heraus und sprang empor. Martin sah trotz der dunklen Haut des Schwarzen, daß diesem vor Schreck das Blut aus dem Gesicht gewichen war.

„Ist er noch drin in der Höhle?“ fragte der Knabe.

Bob fuhr mit den Armen in der Luft herum und bewegte die Lippen, brachte aber keine Antwort hervor. Er hatte sein Gewehr fallen lassen. Seine Augen verdrehten sich, und seine Zähne knirschten aneinander.

Da raschelte es im Gestrüpp – der Kopf eines Grizzly, eines grauen Bären, blickte aus demselben hervor. Das gab dem Neger die Sprache wieder.

„Fort, fort!“ schrie er. „Masser Bob hinauf auf Baum!“

Er that einen gewaltigen Sprung vorwärts nach einer dünnen, schlanken Birke und fuhr mit der Schnelligkeit eines Eichhörnchens am Stamme derselben empor.

Martin war leichenblaß im Gesicht geworden, doch nicht aus Angst. Mit einem schnellen Griff raffte er das Gewehr des Negers auf und sprang dann hinter eine starke Blutbuche, welche in der Nähe stand. Er lehnte das Gewehr an den Stamm derselben und griff dann zu seiner eigenen Doppelbüchse, welche an seiner Schulter hing.

Der Bär war langsam zwischen dem Gedorn hervorgetreten. Seine kleinen Augen blickten erst nach dem Neger, welcher mit den Händen an den unteren Ästen der Birke hing, und sodann nach Martin, der ihm entfernter stand. Er senkte den Kopf, öffnete den geifernden Rachen und ließ die Zunge lang hervorhängen. Er schien zu überlegen, gegen welchen der beiden Feinde er sich zunächst wenden solle. Dann richtete er sich langsam und wackelnd auf die Hinterpranken empor. Er war sicherlich acht Fuß hoch und verbreitete jenen penetranten Geruch, welcher den Raubtieren der Wildnis allen mehr oder weniger eigen ist.

Von dem Augenblicke an, an welchem Bob von der Erde aufgesprungen war, bis jetzt, war noch keine Minute vergangen. Als der Neger das riesige Tier in einer Entfernung von kaum vier Schritten von sich so drohend aufgerichtet sah, zeterte er:

For gods sake! Der Bär wollen fressen Masser Bob! Hinauf, hinauf, schnell, schnell!“

Er turnte sich mit krampfhaften Bewegungen immer weiter hinauf. Leider aber war die Birke so schwach, daß sie sich unter der Last des riesigen Schwarzen bog. Er zog die Füße möglichst weit empor und klammerte sich mit Armen und Beinen möglichst fest an, konnte sich aber doch nicht in reitender Stellung erhalten. Der dünne Wipfel des Bäumchens neigte sich nieder, und Bob hing nun an allen Vieren von demselben hernieder wie eine riesige Fledermaus.

Der Bär schien zu begreifen, daß dieser Feind leichter zu besiegen sei als der andere; er wendete sich nach der Birke und bot dadurch Martin seine linke Seite dar. Der junge Mann, welcher halb noch Knabe war, hatte nach der Brust gegriffen. Dort hing unter dem Jagdhemde die kleine Puppy, das blutige Andenken an sein unglückliches Schwesterchen.

„Luddy, Luddy!“ flüsterte er. „Ich räche dich!“

Er legte mit sicherer, nicht zitternder Hand seine Büchse an. Der Schuß krachte, noch einer- – –

Bob ließ vor Schreck los.

„Jessus, Jessus!“ schrie er. „Masser Bob sein tot, quite dead!“

Er stürzte herab, und die Birke schnellte in ihre natürliche Lage zurück.

Der Bär hatte zusammengezuckt, als ob er einen Stoß oder Schlag erhalten hätte. Er sperrte den fürchterlichen, mit gelben Zähnen bewehrten Rachen auf und that noch zwei langsame Schritte weiter. Der Neger streckte ihm beide Arme entgegen und schrie, an der Erde liegen bleibend:

„Masser Bob haben dir nichts wollen thun, haben nur wollen Opossum fangen!“

In demselben Augenblicke stand der kühne Knabe zwischen ihm und der Bestie. Er hatte sein abgeschossenes Gewehr fortgeworfen und die Flinte des Schwarzen ergriffen, deren Lauf er nun auf den Bären richtete. Er und das Tier standen nicht zwei Ellen voneinander. Seine Augen blitzten kühn, und um seinen zusammengepreßten Mund lag jener unerbittliche Zug, welcher deutlich sagte: du oder ich!

Aber anstatt loszudrücken, ließ er das Gewehr sinken und sprang zurück. Er hatte mit scharfem Blicke erkannt, daß dieser dritte Schuß nicht nötig sei. Der Bär stand still. Ein röchelndes Brummen drang aus seiner Kehle, ein brüllendes Stöhnen folgte; ein Zittern durchlief den Körper, die Vorderpranken sanken nieder, ein dunkler Blutstrom quoll über die Zunge, dann brach das Tier zusammen – – ein konvulsivisches Zucken – der Körper wälzte sich halb zur Seite und blieb dann unbeweglich hart neben dem Neger liegen.

Help, Help – Hilfe, Hilfe!“ wimmerte der letztere, noch immer die Arme starr ausgestreckt haltend, als ob er ohne Bewegung und Gelenke sei.

„Mensch, Kerl, Bob!“ zürnte Martin. „Was jammerst du, alter Feigling!“

„Der Bär, der Bär!“

„Er ist ja tot!“

Da zog der Schwarze die Arme an sich, richtete sich in sitzende Stellung auf, ließ seinen Blick in fragender Angst zwischen dem Tiere und Martin hin und her gleiten und wiederholte:

„Tot, tot! Sein das wahr?“

„Natürlich.“

„Auch ganz gewiß wahr?“

„Du siehst es ja! Ich wette, daß beide Kugeln ihm mitten in das Herz gedrungen sind.“

Da schnellte Bob empor; er zeigte, daß alle seine Gelenke sich in bester Ordnung befanden, und rief in frohlockendem Tone:

„Tot, tot sein der Bär! Oh, oh, oh! Masser Bob und Massa Martin haben besiegt das Ungeheuer! Masser Bob hab‘ machen eine Bärenjagd. Oh! was sein Masser Bob für ein kühner und ein berühmter Westmann! All Leut werden sagen, was für ein Mut haben der tollkühn und furchtlos Masser Bob!“

„Ja,“ lachte Martin, „tollkühn bist du gewesen, wie eine reife Zwetschge da grad vor dem Rachen des Bären vom Baume zu fallen!“

Der Schwarze machte ein verwundertes Gesicht.

„Fallen?“ fragte er. „Nicht fallen! Masser Bob sein sprungen dem Bären entgegen. Masser Bob haben wollen ihn nehmen beim Fell und schlagen tot!“

„Bist aber liegen geblieben!“

„Masser Bob ruhig sitzen bleiben, weil er wollen zeigen, daß er sich nicht fürchten vor Bär. Oh! was sein Bär gegen Masser Bob! Bob sein ein Held; er nehmen Bär bei den Ohren und geben ihm Maulschellen so viel, wie Bär gar nicht kann zählen!“

Er bückte sich nieder und griff mit der Linken nach dem kleinen Ohre des erlegten Tieres, allerdings leise und vorsichtig zunächst, um sich zu überzeugen, daß es auch wirklich tot sei; dann aber, als er diese Gewißheit erlangt hatte, schlug er mit der Rechten kräftig auf dasselbe ein.

Da ließen sich laute Stimmen und eilige Schritte hören.

„Alle Teufel, ein Bärenpfad,“ erklang es vom Wasser herauf. „Das kann nur ein riesiger Grizzly sein. Die beiden haben das nicht verstanden und sind dem Tiere ahnungslos entgegengelaufen. Schnell nach!“

Das war die Stimme Old Shatterhands. Der erfahrene Westmann war gleich beim ersten Blicke auf die Spur nicht im Zweifel darüber gewesen, was für ein Tier sie ausgetreten habe.

„Ja, ein Grizzly ist’s,“ hörte man den beistimmenden Ruf des dicken Jemmy. „Vielleicht sind sie alle beide verloren. Vorwärts, hinein in den Wald!“

Das Gewirr auch anderer Stimmen und eilige Schritte waren zu vernehmen.

„Holla!“ rief Martin Baumann den Kommenden entgegen. „Habt keine Sorge um uns. Es ist alles wohlauf.“

Old Shatterhand und Winnetou waren die ersten, welche am Platz erschienen. Nach ihnen kamen Tokvi-tey und der lange Davy, hinter ihnen der dicke Jemmy und der kleine Sachse, gefolgt von der Mehrzahl der Indianer. Die übrigen waren am Lagerplatze zurückgeblieben, da die Pferde natürlich nicht allein gelassen werden durften.

„Wahrhaftig ein Grizzly!“ rief Old Shatterhand beim Anblicke des erlegten Tieres. „Und zwar einer von den größten Dimensionen. Und Ihr lebt, Master Martin! Welch ein großes Glück!“

Er trat zum Bären und untersuchte die Wunde.

„Grad ins Herz getroffen, und zwar aus ganz geringer Entfernung! Das ist ein famoses Jägerstück. Ich brauche natürlich gar nicht zu fragen, wer das Tier erlegt hat.“

Da trat Bob vor und sagte unter einem stolzen, selbstbewußten Grinsen:

„Masser Bob haben besiegt den Bären. Masser Bob sein der Mann, welcher schuld ist, daß Bär haben geben müssen sein Leben.“

„Ihr, Bob? Nun, das klingt gar nicht sehr wahrscheinlich.“

„Oh! es sein wahr, sehr wahr! Masser Bob haben sich hinsetzen vor Bären seiner Nase, damit Bär sehen nur ihn, nicht aber Massa Martin, welcher müssen schießen. Masser Bob haben riskieren sein Leben, damit Massa Martin kann thun einen sichern Schuß.“

Old Shatterhand lächelte. Seinem scharfen, geübten Auge konnte nichts entgehen. Sein Blick fiel auf die grünen Birkenblätter, welche am Boden lagen. Bob hatte sie beim Klettern von den Zweigen gestreift. Einige dieser Zweige waren von ihm geknickt worden und hingen noch an den Ästen.

„Ja, Masser Bob scheint sehr tapfer gewesen zu sein,“ sagte Shatterhand. „Als er den Bären erblickte, kletterte er vor Angst hier auf die Birke, ohne zu bedenken, daß sie zu schwach sei, ihn zu tragen. Sie bog sich nieder, und er fiel herab, da grad vor die Bestie hin. Er wäre sicherlich verloren gewesen, wenn sein junger Herr die Schüsse nicht rechtzeitig abgegeben hätte. Ist es nicht so, Master Baumann?“

Martin mußte bejahend antworten, obgleich es ihm eigentlich leid that, damit einen Tadel gegen den sonst so braven Neger aussprechen zu müssen. Dieser aber suchte sich zu rechtfertigen:

„Ja, Masser Bob sein klettern auf Birkenbaum, damit Bär ihm nachklettern und nichts thun dem guten Massa Martin. Masser Bob haben wollen sich opfern für seinen jungen Herrn.“

Er mußte aber leider sehen und hören, daß dieser Versicherung kein Glauben geschenkt wurde.

Natürlich wollten alle wissen, wie es bei diesem gefährlichen Jagdabenteuer zugegangen sei, und Martin erzählte den Hergang der Sache. Er that dies in einfachen, schlichten Worten, ohne alle Ausschmückung, aber dennoch erkannten die Zuhörer, welch eine Kaltblütigkeit und welchen Mut er dabei entwickelt habe. Es wurde ihm dafür die allgemeinste Anerkennung zu teil.

„Mein lieber, junger Freund“, sagte Old Shatterhand, „ich will Euch gern gestehen, daß selbst der erfahrenste Jäger sich nicht besser hätte benehmen können als Ihr. Wenn Ihr so fortmacht, so gibt das einmal einen Mann, welcher viel von sich reden machen wird.“

Und auch der sonst so schweigsame Winnetou sagte freundlich:

„Mein kleiner, weißer Bruder hat die Entschlossenheit eines alten Kriegers. Er ist ein würdiger Sohn des berühmten Bärentöters. Der Häuptling der Apachen gibt ihm seine Hand.“

Als nun Martin seine Hand in diejenige Winnetous legte, fühlte er eine Regung stolzen Selbstbewußtseins. Die Anerkennung dieser beiden berühmten Männer war ihm eben so viel und noch mehr wert, als wenn er von irgend einem Herrscher einen Orden bekommen hätte.

Der kleine Sachse gab dem dicken Jemmy einen gelinden Rippenstoß und fragte:

„Ist das nich eene famose Heldenthat, he?“

„Gewiß! Ich habe alle Achtung vor dem kleinen Kerl.“

„Und glooben Sie nun, daß er ooch schon andern Bären den Garaus gemacht hat?“

„Sehr gern.“

„Ja, er ist meerschtenteels een sehre braver Bursche. Wer weeß, wie Sie sich an seiner Schtelle benommen hätten. Ich möchte beinahe behaupten, Sie hätten sich vom Bären so ziemlich schtille offfressen lassen.“

„Na, ganz so still hätte ich mich dabei wohl nicht verhalten. Ich habe hier meine alte Büchse nicht zu dem Zwecke, Sperlinge zu schießen, mitgenommen.“

„So! Es fragt sich aber gerade, ob Sie mit dem Schießprügel eenen Schperling treffen thäten. Een Bär ist da schon leichter offs Korn zu nehmen. Haben Sie denn schon mal eenen erschossen?“

„Nicht nur einen.“

„Hören Sie, flunkern Sie mir nur nich etwas vor! Sagen kann mersch leichte.“

„Pah! Ich habe sogar einmal mit einem Bären geschlafen, eine ganze Nacht hindurch, und erst am Morgen gemerkt, was für einen Schlafgesellen ich in meiner Nähe hatte.“

„Das ist ja die allerreenste Unmöglichkeet! So was muß man doch gewahr werden! Hat das Viehzeug denn nich geschnarcht?“

„Nein, geschnauft und geröchelt, aber nicht regelrecht geschnarcht.“

„Hm! Das müssen Sie mir mal erzählen.“

„Heut abend, wenn wir Lager machen. Jetzt ist keine Zeit dazu.“

Den Schoschonen war der Bär eine sehr willkommene Beute. Sein Fleisch gilt als wohlschmeckend; die Schinken sind noch besser, und die Tatzen gelten sogar als Leckerbissen. Nur Herz und Leber werfen die Indianer, welche beides für giftig halten, weg. Ganz besonders willkommen ist ihnen das Bärenfett, aus welchem sie sich eine ölige Flüssigkeit bereiten. Dieses Bärenöl gebrauchen sie zum Anreiben der verschiedenen Farben, mit denen sie sich bemalen, zum Beispiel der Kriegsfarben oder des Ockers, welchen sich die Sioux zum Färben ihrer Haarscheitellinie bedienen. Auch reiben sie sich mit diesem Öle die Haut ein, um sich gegen den Stich und Biß der Moskitos und anderer Insekten zu schützen.

Auf eine fragende Handbewegung des Häuptlings der Schoschonen hatte Martin geantwortet:

„Meine Brüder mögen das Fleisch des Bären nehmen; das Fell aber behalte ich selbst.“

Zwei Minuten später war das Tier aus dem Fell geschält, und das Fleisch wurde geteilt. Während die Mehrzahl der Schoschonen das Wildbret mit ihren haarscharfen Skalpmessern in dünne, breite Streifen schnitten, machten sich die anderen an die vorläufige Zubereitung des Felles. Es wurden alle noch anhaftenden Fleischreste sorgfältig von demselben entfernt, und dann spaltete man mit einem Tomahawk den Schädel des Bären, um zu dem Gehirn zu gelangen, mit welchem die Innenseite der Haut eingerieben wurde.

Dies ging alles so schnell, daß die Arbeit nach kaum einer Viertelstunde beendet war, und die Krieger nach dem Lagerplatze zurückkehren konnten. Das Fell wurde auf eines der Reservepferde, welche die Schoschonen bei sich hatten, gelegt, und das Fleisch wurde in die Koch- und Bratöfen gesteckt.

Öfen? Konnten die Indianer Öfen bei sich haben? Freilich wohl, wenn die ihrigen auch nicht gerade aus Marmor, Porzellan oder Eisen konstruiert waren. Es legte sich nämlich ein jeder sein Fleischstück unter den Sattel; es wurde dann durch das Reiten so weich und gar, daß es dann am Abende mit dem größten Appetit verspeist werden konnte. Einem europäischen Feinschmecker würde freilich eine solche Zubereitungsart nicht sehr appetitlich erscheinen.

Die Mittagsruhe war durch das Jagdabenteuer unterbrochen worden und sollte nicht von neuem begonnen werden. Man brach auf.

Der Weg führte tiefer in das Thal hinein, schlängelte sich zwischen einigen Bergen hindurch und mündete dann in dieselbe breite Niederung, welcher die Truppe vorher gefolgt war. Es zeigte sich, daß man dadurch, daß man dem Wegweiser der Sioux gefolgt war, eine bedeutende Krümmung abgeschnitten hatte. Die Sioux mußten also den Weg, welchen sie eingeschlagen hatten, ganz genau kennen. Sie hatten von Zeit zu Zeit, besonders wenn die Richtung zu verändern gewesen war, ähnliche Wahrzeichen wie das erste zurückgelassen. Jedenfalls waren sie noch lange der Ansicht gewesen, daß Wohkadeh zu ihnen zurückkehren werde.

Im Laufe des Nachmittages gelangte der Reiterzug an ein elliptisch geformtes Thal, welches einen Durchmesser von mehreren Meilen hatte und ringsum von steilen Felswinden umgeben war. In der Mitte dieses Thales erhob sich ein einzelner, kegelförmiger Berg, dessen kahle Seiten weiß im Sonnenlichte glänzten. Auf seinem Gipfel war ein niedriges, breites Steingebilde zu erkennen, welches ziemlich genau die Gestalt einer Schildkröte besaß.

Für den Geologen unterlag es keinem Zweifel, daß es hier einmal einen See gegeben hatte, dessen Ufer von den ringsumliegenden Höhen gebildet worden waren. Die Spitze des Berges, welcher sich jetzt inmitten des Thales erhob, hatte als Insel aus den Fluten geragt.

Es ist durch systematische Beobachtungen als gewiß erwiesen worden, daß eine große Anzahl von Süßwasserseen die Landstrecken von Nordamerika bedeckt hat. Das ist in der Tertiärperiode gewesen. Diese großen Wasseransammlungen haben sich verlaufen, und die einstigen Seen sind zu Thälern geworden, welche den damals lebenden Geschöpfen als Grabstätten dienen. Der Naturforscher, besonders der Paläontolog, kann sich dort mit ungeahnten Schätzen an Fossilien bereichern.

Man findet da die Zähne und Kinnladen des Hippopotamus, welches dem Flußpferde ähnlich gestaltet war, Reste des ungehörnten Rhinozeros und Schildkröten zu Tausenden. Es gibt da die Knochengerüste des wiederkäuenden Schweines, des Hyanodon und sogar einer gewaltigen Tigerart, welche mit säbelförmigen Zähnen bewaffnet war. Heute sagt man allgemein, daß das Pferd in Amerika eingeführt worden sei; aber Nachgrabungen beweisen, daß in der Tertiärzeit mehrere Kamel- und verschiedene Pferdearten in Nordamerika gelebt haben. Eine dieser Pferdespecies hat nur die Größe eines Neufundländers gehabt. Gegenwärtig gibt es auf dem ganzen Erdballe nur etwa zehn Pferdearten, während allein in Nordamerika gegen dreißig fossile Pferdegattungen nachgewiesen worden sind. In jener Urzeit weideten Elefanten an den Ufern der nordamerikanischen Seen, und Schweine wälzten sich im Schlamme, einige Arten nur katzengroß, andere dagegen von der Größe eines Hippopotamus. Auf den jetzt baumlosen Ebenen von Wyoming spendeten Palmen, deren Blätter eine Länge von vier Metern hatten, ihren Schatten. Elefantengroße Geschöpfe wohnten unter diesen Palmen. Die eine Art hatte Hörner zu beiden Seiten der Nase, die andere seitwärts der Augen, eine dritte nur ein einziges Horn oberhalb der Nase.

Wenn der Indianer zufällig auf solche urweltliche Reste stößt, so wendet er sich still und ehrfurchtsvoll ab. Er kann sich das Dasein derselben nicht erklären, und da alles Geheimnisvolle ihm „große Medizin“ ist, so sind ihm diese Reste heilig, und nur zuweilen versuchte er es an der Hand einer Sage, sich das Vorhandensein derselben begreiflich zu machen.

Das Thal also, an dessen Rande jetzt die Reiter hielten, war in jener Zeit auch ein See gewesen. Die Sioux Ogallala hatten ein Zeichen zurückgelassen, durch welches Wohkadeh benachrichtigt werden sollte, daß sie quer durch dasselbe geritten seien; aber Old Shatterhand, welcher jetzt an der Spitze ritt, folgte dieser Weisung nicht, sondern er lenkte sein Pferd nach links, um längs des Fußes der Berge hinzureiten.

„Hier steckt der Zweig,“ sagte Tokvi-tey, indem er nach dem Baume deutete, in dessen Stamm ein fremder Zweig angebracht war. „Das ist das Zeichen der Ogallala. Warum will mein Bruder demselbigen nicht folgen?“

Old Shatterhand hielt sein Pferd an und antwortete:

„Weil ich einen viel besseren Weg weiß. Von jetzt an kenne ich die Gegend sehr genau. Hier dieser Berg ist Pejaw-epoleh, der Berg der Schildkröte. An ihm bin ich bereits dreimal vorüber gekommen, nur nicht von dieser Seite her.“

„Hat es mit diesem Berge vielleicht eine besondere Bewandtnis?“ fragte Jemmy, der Dicke.

„Eigentlich nicht; aber in der Sage der Krähenindianer spielt er eine Rolle; er ist der Berg Ararat dieser Indianer. Auch die Angehörigen der roten Rasse haben das Gedächtnis einer großen Wasserflut, einer Sintflut, aufbewahrt. Die Krähenindianer erzählen, daß, als alle Menschen ertranken, nur ein einziges Paar übrig blieb. Der große Geist rettete es, indem er ihm eine riesige Schildkröte sandte. Die beiden fanden mit all ihrer Habe auf dem Rücken des Tieres Platz und wohnten da, bis die Flut sich zu senken begann. Der Berg, welchen wir hier sehen, ist höher als die anderen rundum; darum ragte er zuerst als Insel aus der Flut. Die Schildkröte kroch auf dieses Eiland, und das Menschenpaar stieg da von ihrem Rücken herab. Die Seele des Tieres kehrte zum großen Geiste zurück; der Körper aber blieb da oben und versteinerte, um als Andenken an das Elternpaar der jetzigen roten Männer zu dienen. Das erzählte mir Schunka-schetscha, der große Hund, ein Krieger der Krähenindianer, mit welchem ich vor mehreren Jahren dort am Berge der Schildkröte lagerte.“

„So wollt Ihr also nicht den Weg einschlagen, welchen die Sioux Ogallala geritten sind?“

„Nein. Ich kenne einen näheren, welcher uns in beträchtlich kürzerer Zeit zum Ziele führt. Die Ogallala wollen nach dem Grabe ihrer toten Krieger. Da uns ihr Ziel bekannt ist, so brauchen wir doch nicht die kostbare Zeit zu verlieren, indem wir ihrer Fährte folgen. Es sind der Zugänge zur Yellowstoneregion nicht sehr viele. Die Ogallala scheinen den kürzesten gar nicht zu kennen. Nach der Richtung, welche sie eingeschlagen haben, ist zu vermuten, daß sie sich nach dem großen Cannon wenden, von da über den Yellowstone gehen, um über den Brückenfluß nach den Feuerlochbergen zu kommen.“

„Da müssen sie ja über die Rocky Mountains hinüber!“

„Allerdings. Nämlich das Grab, an welchem Master Baumann mit seinen Begleitern geopfert werden soll, liegt keineswegs am Yellowstoneriver, sondern am Feuerlochflusse. Um diesen zu erreichen, reiten die Sioux Ogallala einen sehr großen Bogen, einen Halbkreis von wenigstens sechzig Kilometern Halbmesser, und das Terrain, durch welches sie kommen, bietet ihnen so viele und große Schwierigkeiten, daß sie keine ansehnlichen täglichen Strecken zurücklegen können. Der Weg aber, welchen ich einschlage, läuft in fast schnurgerader Linie fort, führt uns nach dem Pelikanflusse und zwischen diesem, nachdem wir ihn überschritten haben, und den Schwefelhügeln nach der Stelle, an welcher der Yellowstonefluß aus dem gleichnamigen See tritt. Von da suchen wir den Brückenfluß auf, in dessen Nähe wir wohl die Spuren der Sioux finden, und reiten dann nach dem oberen Geiserbassin, welches am Feuerlochflusse liegt. Dieser Weg ist zwar auch beschwerlich, bietet uns aber bei weitem nicht die Schwierigkeiten, welche die Feinde zu überwinden haben, und so ist es vielleicht sogar möglich, daß wir noch eher als sie am Ziele ankommen. Dieses letztere wäre für uns außerordentlich vorteilhaft.“

„Wenn das so ist, so wäre es allerdings eine ganz unverantwortliche Dummheit, hinter den Ogallala zu reiten. Es sollte mir ein Gaudium sein, wenn wir eher ankämen als sie. Es ist mir bereits jetzt eine Wonne, an die Gesichter zu denken, welche sie machen würden. Also vorwärts, Sir! Macht Ihr von jetzt an unseren Führer!“

Die beiden hatten sich der englischen Sprache bedient. Als Old Shatterhand nun den Schoschonen in der ihrigen sein Vorhaben erklärte, zeigten auch sie sich mit seiner Absicht vollständig einverstanden und folgten ihm gern in der Richtung, über welche ihr Häuptling sich vorhin so befremdet gezeigt hatte.

Ein längst vertrocknetes kleines Flüßchen hatte vor Zeiten sich von Westen her in das alte Seebassin ergossen und dabei tief in das Ufer eingeschnitten. Sein Bette war sehr schmal und die Mündung so mit dichter Vegetation maskiert, daß ein sehr scharfer Blick dazu gehörte, sie zu entdecken. Old Shatterhand lenkte dahinein sein Pferd. Nachdem die Gestrüppwand durchbrochen war, bot der Pflanzenwuchs keine bedeutenden Schwierigkeiten mehr Man konnte, ohne große Hindernisse zu finden, dem einstigen Wasserlauf entgegenreiten, bis der enge Einschnitt in sogenanntes Undulating-Land mündete. Dieses bestand aus kleinen Prairien, welche durch waldige Hügel voneinander getrennt waren, und da diese Hügel meist eine westöstliche Richtung hatten, so lagen sie der Truppe ganz bequem.

Gegen Abend erreichte dieselbe einen Wasserlauf, welcher zum Gebiete des Bighornflusses zu gehören schien. Ihm entgegenreitend, gelangte man an eine Stelle, welche sich so vortrefflich zum Lagerplatze eignete, daß man hier zu halten beschloß, obgleich die Dunkelheit noch nicht hereingebrochen war.

Der Bach erweiterte sich hier zu einem kleinen, aber nicht tiefen Teiche, an dessen Ufern ein prächtiges Gras zu finden war. In dem klaren, bis auf den Grund durchsichtigen Wasser sah man zahlreiche Forellen stehen, welche Hoffnung auf ein delikates Nachtmahl gaben. Auf der einen Seite stieg das Ufer steil empor; auf der anderen war es eben und von einem sehr dichten Baumwuchse eingefaßt. Zahlreiche am Boden liegende Äste ließen vermuten, daß es im letzten Winter einen ziemlich bedeutenden Schneebruch hier gegeben habe. Dieses Astwerk bildete eine Art Verhau um den Platz, dessen Sicherheit dadurch vergrößert wurde, und da das Holz vollständig dürr war, so brauchte man um genügendes Material zu einem Lagerfeuer keine Sorge zu haben.

„Forellengreifen!“ rief der dicke Jemmy, indem er erfreut von seinem Gaule sprang. „Das soll heut ein wahrer Hochzeitsschmaus werden!“

Er wär‘ am liebsten sofort in das Wasser gesprungen, aber Old Shatterhand hielt Einspruch.

„Nicht so eilig!“ sagte er. „Ein jedes Ding will zur richtigen Zeit und auf die rechte Art und Weise vorgenommen werden. Vor allen Dingen müssen wir dafür sorgen, daß uns die Fische nicht entfliehen können. Holt Holz herbei! Wir müssen zwei Gitter einschlagen.“

Nachdem die Pferde versorgt waren, wurden dünne Äste zugespitzt und zunächst unten am Ausflusse des Teiches eng nebeneinander in den weichen Boden des Baches geschlagen, so daß kein Fisch hindurch zu schlüpfen vermochte. Sodann wurde ein ähnliches Gitter auch oberhalb des Teiches hergestellt, aber nicht am Einflusse des Wassers, sondern noch weiter hinauf, so daß das Gitter vielleicht zwanzig Schritte vom oberen Ende des Teiches entfernt war. Nun war auch hier ein Entkommen der Fische unmöglich.

Der dicke Jemmy begann, seine großen Aufschlagestiefeln auszuziehen. Den Gürtel hatte er bereits abgeschnallt und nebst der Büchse an das Ufer gelegt.

„Du, Kleiner,“ sagte der lange Davy zu ihm, „ich glaube gar, du willst in das Wasser!“

„Natürlich! Das gibt einen Hauptspaß.“

„Das überlaß doch lieber Leuten, welche länger sind als du. Einer, der kaum über einen Stuhl hinweg zu gucken vermag, kann leicht ein wenig unter das Wasser geraten.“

„Würde auch nichts schaden. Ich kann ja schwimmen. Überdies ist der Teich ja gar nicht tief.“

Er trat ganz nahe zum Wasser heran, um sich genau von der Tiefe desselben zu überzeugen.

„Höchstens anderthalbe Elle,“ sagte er.

„Das täuscht. Wenn man auf den Grund blicken kann, so scheint er höher zu liegen, als es in Wirklichkeit der Fall ist.“

„Pah! Komm her und guck hinein! Man sieht ein jedes Steinchen unten und da – – alle Wetter, brrr, puh, puh!“

Er hatte sich zu weit vornüber gebeugt und das Gleichgewicht verloren; mit dem Kopfe voran war er in den Teich gestürzt. Es war gerade hier die tiefste Stelle. Der kleine, dicke Jäger ging unter, kam aber sofort wieder zum Vorschein. Er war ein vorzüglicher Schwimmer und brauchte sich aus dem Bade nichts zu machen; leider aber hatte er den Pelz noch an, und der war natürlich mit ihm unter Wasser gegangen. Sein breitkrämpiger Hut schwamm wie das Blatt einer Victoria regia auf der kühlen Flut.

Heigh-day!“ lachte der lange Davy. „Gentlemen, schaut euch mal die Forelle an, welche da zu fangen ist! Dieser dicke Fisch gibt, wenn wir ihn fangen, viele Portionen.“

Der kleine Sachse hatte in der Nähe gestanden. Auf wissenschaftlichem Gebiete pflegte er sich gern an Jemmy zu reiben; aber er hatte ihn doch lieb, da der Dicke ja ein Deutscher war.

„Herrjerum!“ rief er erschreckt aus, indem er herbeigesprungen kam. „Was haben Sie denn nur gemacht, Herr Pfefferkorn? Warum sind Sie denn da in den Teich gesprungen? Sind Sie etwa sogar ooch naß geworden?“

„Durch und durch,“ antwortete Jemmy lachend.

Er befand sich in keiner Gefahr, denn das Wasser reichte ihm nur bis unter die Arme.

„Durch und durch! Das kann die allerschönste Erkältung geben. Und noch dazu im Pelze! Schteigen Sie nur gleich raus! Den Hut will ich versorgen. Ich fisch‘ ihn da mit dem Aste raus.“

Er ergriff einen langen Ast und angelte mit demselben nach der Kopfbedeckung. Der Ast war ein wenig zu kurz; darum beugte sich der gelehrte „Forstbeamte“ möglichst weit vor.

„Nehmen Sie sich in acht!“ warnte Jemmy, indem er aus dem Wasser stieg. „Ich kann ihn mir ja selber holen; ich bin nun einmal naß.“

„Reden Sie doch nich!“ antwortete Frank. „Wenn Sie meenen, daß ich so dumm bin grad wie Sie, da können Sie mir dauern. So een respektabler Mann wie unsereener weeß sich schon in acht zu nehmen. Ich fall‘ nich ins Wasser. Und wenn der verflixte Hut ooch weiter nüber schwimmt, da dehn‘ ich mich noch een bissel mehr aus und –– o Herr Jemerschneh, da sitz ich wirklich ooch schon in der Patsche! Nee, so was lebt doch nich!“

Er war ins Wasser gefallen. Das sah so possierlich aus, daß alle Weißen lachten; die Indianer aber blieben äußerlich ernst, obgleich sie sich innerlich ganz sicher über die heitere Szene amüsierten.

„Nun, wer ist nicht so dumm wie ich?“ fragt Jemmy, dem die Lachthränen in den Augen standen.

Frank stand im Wasser und machte ein sehr zorniges Gesicht.

„Was gibts denn da zu lachen!“ rief er. „Ich schtehe hier als das Opfer meiner Gefälligkeet, und samaritanischen Nächstenliebe und werde zum Dank für meine Barmherzigkeet ooch noch ausgelacht. Das werde ich mir fürs nächstemal gut merken. Verschtehen Sie mich?“

„Ich lache ja nicht, sondern ich weine! Sehen Sie das nicht? Wenn so ein respektabler Mann wie Sie die Balance verliert,

So ––“

„Schweigen Sie! Foppen laß ich mich nich! Es möchte alles noch sein; aber daß ich sogar den Frack derbei anhabe, das geht mir doch zu nahe. Und dort schwimmt nun mein Amazonenhut ganz brüderlich neben dem Ihrigen. Kastor und Phylax, wie’s in der Mythologie und ooch in der Schternenkunde heeßt. Es ist gradezu – – –“

„Kastor und Pollux heißt es!“ fiel Jemmy ein.

„Sein Sie doch ganz schtille! Pollux! Ich habe als Forschtbeamter so viel mit Jagdhunden zu thun gehabt, daß ich ganz genau weeß, ob es Pollux oder Phylax heeßt. Solche Verbesserungen verbitte ich mir. Die sind bei mir schlecht angebracht. Dennoch will ich das edle Brüderpaar herausfischen. Eegentlich sollt‘ ich den Ihrigen drin lassen. Verdient haben Sie es nich an mir, daß ich mich Ihres Hutes wegen nun noch viel nasser mach‘.“

Er stieg den beiden Hüten nach und brachte sie heraus.

„So,“ sagte er. „Da sind sie gerettet, ohne daß ich off eene Medallge Anspruch mache. Jetzt wollen wir Ihren Pelz ausringen und nachher meinen Frack. Die beeden werden bitterliche Thränen weinen; es tropft schon jetzt.“

Die zwei Verunglückten hatten jetzt so viel mit ihren durchnäßten Anzügen zu thun, daß sie sich zu ihrem Leidwesen nicht an dem nun beginnenden Fischfange beteiligen konnten.

Dieser ging sehr schnell von statten. Eine genügende Anzahl der Schoschonen stiegen am untern Ende des Teiches in das Wasser, bildeten quer über demselben eine eng geschlossene Reihe und trieben, indem sie langsam vorwärts rückten, die Fische aufwärts und aus dem Teiche in den Oberlauf des Baches hinein. An den beiden Ufern des letzteren hatten sich andere Rothäute platt auf den Boden gelegt, mit den Köpfen nach dem Wasser zu, in welches sie mit beiden Armen langen konnten. Den in die Enge getriebenen Forellen war es unmöglich, durch das obere Gitter zu gelangen, und der Rückweg war ihnen auch verlegt. Die Indianer schöpften nun die zusarnmengedrängten Tiere förmlich heraus und warfen sie über ihre Köpfe weg auf das trockene Land. In Zeit von wenigen Minuten war der Fischfang beendet und bot einen so reichlichen Ertrag, daß ein jeder sich vollauf zu sättigen vermochte.

Nun wurden flache Gruben hergestellt und mit Steinen ausgelegt. Die ausgenommenen Fische kamen auf diese Steine zu liegen und wurden mit einer anderen Steinschicht bedeckt, auf welcher man die Feuer anfachte. Als dann nach einiger Zeit die Asche entfernt wurde, waren die Forellen zwischen den heißen Steinen in ihrer eigenen Feuchtigkeit so weich gedämpft, daß das Fleisch beim Anrühren von den Gräten fiel.

So delikat freilich wie in unseren Restaurationen oder vom Tische eines unserer Feinschmecker weg waren die Fische freilich nicht. Es fehlte die Butter und – – – das Salz. Der Indianer genießt fast nie oder doch nur selten Salz. Der Westmann muß leider auf dasselbe auch verzichten. Er kann sich unmöglich mit einem für seine monatelangen Irrfahrten genügenden Vorrate versehen, und das wenige, welches er vielleicht mitnimmt, ist sehr bald in der angesogenen Feuchtigkeit zerflossen.

Nach dem Essen wurden die Pferde noch enger zusammengetrieben und dann die Wachen ausgestellt. Die Schoschonen hielten diese Maßregel für überflüssig, da die Gegend eine so abgelegene war, daß an das Vorhandensein eines feindlichen menschlichen Wesens kaum gedacht werden konnte. Aber Winnetou und Old Shatterhand waren der wohl begründeten Ansicht, daß man zu keiner Zeit und an keinem Orte die notwendige Vorsicht außer acht setzen dürfe, und so wurden zunächst vier Schoschonen, welche später abgelöst werden sollten, nach vier Seiten hinaus in das Finstere geschickt, um das Lager zu bewachen.

Die Posten durften sich natürlich nicht in der Nähe des Feuers aufhalten, damit sie von einem etwa anschleichenden Feinde nicht gesehen werden konnten.

Es brannten, wie bereits erwähnt, mehrere Feuer, und um dieselben gruppierten sich nun die Männer nach Belieben. Natürlich fanden sich die Weißen zusammen. Old Shatterhand, der dicke Jemmy und der kleine Frank waren Deutsche; der lange Davy hatte von seinem dicken Spezial so viel deutsch gelernt, daß er es verstehen, wenn auch nicht sprechen konnte, und da der Vater Martin Baumanns auch aus Deutschland stammte, so war der junge Mann der deutschen Sprache so mächtig, daß man sich derselben beim jetzigen Lagergespräche bedienen konnte.

Eine solche Unterhaltung am Feuer, im Urwalde oder in der Prairie hat ihre ganz eigentümlichen Reize. Da werden die Erlebnisse der Anwesenden erzählt und die Thaten berühmter Jäger berichtet. Wie groß auch die Mühseligkeiten und Beschwerden des Westens sind, man glaubt gar nicht, wie schnell die Kunde von einer mutigen That, einer berühmten Person, einem hervorragenden Ereignisse von Lagerfeuer zu Lagerfeuer fliegt. Haben die Schwarzfüße oben am Mariasflusse das Kriegsbeil ausgegraben, so sprechen die Comanchen am Rio Conchas bereits in vierzehn Tagen davon, und wenn unter den Wallawalahindianern im Washingtonterritorium ein großer Medizinmann auftritt, so wissen die Dakotas des Coteau du Missouri bereits in kurzer Zeit von ihm zu erzählen.

Wie zu erwarten stand, kam die Rede zunächst auf die heutige Heldenthat Martin Baumanns. Dadurch wurde der kleine Sachse an das Versprechen, welches der dicke Jemmy ihm gegeben hatte, erinnert.

„Wie war es denn eegentlich damals, als Sie mit dem Bären geschlafen haben?“ fragte er. „Wie ist das denn gewest und wo hat sich’s ereignet?“

„Meinen Sie etwa, daß ich in dem Bette eines Hotelzimmers mit ihm geschlafen habe?“ lachte der Dicke.

„Fangen Sie schon wieder an, zu beginnen! Ich hab‘ Ihnen schon erklärt, daß ich nich der Mann bin, der sich von Ihnen ungeschtraft foppen läßt. Wenn Sie mich dafür, daß ich unter Einwässerung meines eenzigen Frackes Ihren Hut gerettet habe, für einen Narren halten wollen, so werde ich Ihnen meinen Sekundaner schicken!“

„Sekundant, wollen Sie sagen?“

„Fällt mir nich ein! Ich schpreche meine feine Umgangsschprache nach dem richtigen schtrategischen System, und Sie können Ihr Kauderwelsch ooch reden, wie es Ihnen beliebt. Die Hauptsache ist, daß Sie es ooch an den Mann bringen, der sich’s mit übermenschlicher Geduld gefallen läßt. Übrigens wird an Ihrer sogenannten Bärengeschichte vielleicht gar nich sehre viel sein. Vielleicht hat sich’s gar nich in wahrhaftiger Wirklichkeet ereignet.“

„O doch! Ich kann es beeiden.“

„Nun, wo denn?“

„In einem Quellflusse des Platte-River.“

„Was? Etwa mitten im Flusse drin?“

„Ja.“

„Da haben Sie die ganze Nacht mit eenem Bären geschlafen?“

„Gewiß!“

„Na, das ist die allergrößte Lüge, die gemacht werden kann! Wenn sich das faktisch begeben hätte, so wären Sie beede, nämlich Sie und der Bär, den Sie uns jetzt offbinden wollen, am frühen Morgen als ertrunkene Leichen ans Ufer geschwommen.“

„Ach so, Sie meinen, ich habe im Wasser geschlafen?“

„Natürlich!“

„Nein. So unvorsichtig bin ich freilich nicht. Ich hatte vielmehr mein Nachtquartier auf einer kleinen Insel aufgeschlagen.“

„Ach so l Off eener Insel! Das will ich mir eher gefallen lassen. Das gibt der Sache freilich eene etwas größere Wahrscheinlichkeet. Übrigens ist im Plattefluß fast schtets nur wenig Wasser zu finden.“

„Außer im Frühjahre. Wenn nach einem warmen Regen der Schnee auf den Bergen taut, so kommt es vor, daß der Fluß, dessen Wasser einem kaum bis an die Kniee reichte, in Zeit einer Stunde die hohen Ufer füllt. Dann ist es höchst gefährlich, sich den tosenden, schmutziggelben Fluten anzuvertrauen. Der Strom gleicht dann einem wilden Tiere, welches plötzlich erwacht ist und nach Opfern brüllt.“

„Das läßt sich denken. Und dabei erinnert man sich sofort an die schönen Dichterworte:

„Gefährlich ist’s, den Leim zu wecken;
Verderblich ist des Tigers Zahn.
Und bleibt man in dem Schlamme schtecken,
Hilft keene Gondel und keen Kahn.“

Das war wohl damals ooch der Fall mit Ihnen und dem Bären?“

„Ja, nur daß es nicht Leim, sondern Leu heißen muß, mein bester Frank.“

„Kommen Sie mir nich schon wieder mit so eener grundlosen Ausschtellung. Sie befinden sich da im allergrößten Widerschpruch mit den Koriphäern der Dichtkunst und des musikalischen Generalbasses. Begeben Sie sich doch nicht off höhere Gebiete, in denen Sie unbekannt sind, und erzählen Sie lieber in schlichten und bescheidenen Worten die verschprochene Geschichte.“

Die anderen lachten; darum fuhr der kleine Gelehrte, zu Old Shatterhand gewendet, fort:

„So ist es recht! Lachen Sie den Kerl mal ordentlich aus! Wenn er sieht, daß er sich blamiert, wird er endlich mal offhören, den Dongki-Schottländer zu schpielen.“

„Don Quichote heißt es,“ warf Jemmy ein.

jetzt wurde Frank wirklich zornig. Er stand auf und sagte:

„Schon wieder! Das wird mir zu bunt. Eener, der sich in Moritzburg so wie ich mit der Leihbibliothek beschäftigt hat, den Band zu drei Pfennigen wöchentlich, der hat wohl ooch den Dongki-Schottländer gelesen, und wenn ich mir meine litterarische Bildung hier wieder und wieder verschimpfieren lassen soll, so schtehe ich eenfach off und setze mich zu die Indianersch. Die werden’s besser zu würdigen wissen, wenn een Mann von meinen Qualitäten sich bei ihnen niederläßt. Ist meine Mühe, den dicken Jemmy zu belehren, eene so vergebliche, so wasche ich meine Hände in Unschuld und trage das mir anvertraute Pfund wo andersch hin. Der edle Schwan hat’s gar nich nötig, daß er mit Gänsen und Enten schwimmt. Sein Schicklichkeetsgefühl schträubt sich gegen so eene socialdemokratische Gesellschaftsschtufe. Adjeh, meine Herren!“

Er wollte gehen, ließ sich aber durch das dringende Ersuchen Old Shatterhands bewegen, sich wieder niederzusetzen.

„Nun gut,“ sagte er. „Ihnen zuliebe will ich meinen berechtigten Grimm im schtillen anonym verzehren. Sie haben als Landsmann een gesellschaftliches Recht off meine Person, und das will ich Ihnen doch nich verkümmern. Sie würden sonst vielleicht gar denken, daß ich eene schlechte elterliche Kindererziehung genossen habe. Übrigens bin ich wirklich neugierig off die Bärengeschichte, und wenn der Dicke sie erzählt hat, so werde ooch ich in der Form von Friedrich Gerschtäcker berichten, in welcher Weise ich zum erschtenmal mit eenem Bären zusammengetroffen bin.“

„Was?“ fragte Jemmy erfreut. „Auch Sie haben ein Bärenabenteuer erlebt?“

„Ooch ich? Wundert Sie das etwa? Ich sage Ihnen, daß ich wohl mehr erlebt und durchgemacht habe, als Ihr Verschtand begreifen kann. Aber jetzt fangen Sie nun endlich an! Also im Platte-River war es?“

„Nein, sondern im Medizin-Bow-Flusse, der sich in den Platte ergießt. Es war im April, und ich kam vom Nordpark herab, wo ich eine schlechte Jagd gemacht hatte. Ich war im März von Fort Larania aus hinaufgestiegen und kam nun jenseits herunter, um an dem genannten Quellflusse des Platte nach Bibern zu suchen. Es war nicht sehr kalt, und das wenige Wasser des Flusses trug kein Eis. Trotz mehrtägigen Suchens fand ich keine Spur von Dickschwänzen, und mein Pferd hatte bei schmaler Kost mich und die schweren Fallen umsonst zu tragen. An dem betreffenden Tage hatte sich ein ziemlich lauer Wind erhoben, ein Umstand, welchen ich alter Dummkopf eigentlich hätte beachten sollen. Gegen Abend bemerkte ich mitten im Flußbette eine kleine Insel, welche freilich jetzt keine Insel, sondern eine trockene Erhöhung war, welche eine größere Höhe als die beiden Ufer besaß. Sie bestand aus einem Felsen, an dessen abwärtsgerichtete Seite sich eine lange, spitz zulaufende Sandbank angelegt hatte. Indem ich mir die Insel betrachtete, bemerkte ich auf derselben eine kleine, aus Steinen und Rasen errichtete Hütte, welche jedenfalls von Trappern, die sich hier längere Zeit aufgehalten hatten, errichtet worden war. Das gab einen guten Platz für die Nacht. Ich ritt also durch das hier kaum zwei Fuß hohe Wasser hinüber und machte dabei im Sande der Bank eine Bärenfährte aus, weicher ich am nächsten Morgen folgen wollte. Von dieser Seite war die Insel leicht zugänglich. Ich ritt hinauf, stieg ab, befreite das Pferd von den Fallen und dem Sattel und überließ es ihm, sich nun Futter zu suchen. Ich kannte das Tier genau und wußte, daß es sich nicht weit entfernen werde.“

„Und in der Hütte? War jemand drin?“ fragte Frank.

„Ja,“ nickte Jemmy, verdächtig lächelnd.

„Wer, wer?“

„Als ich hineintrat, saß – denkt Euch mein Erstaunen – der Kaiser von China drin und aß Kürbisbrei mit marinierten Heringen!“

Alle lachten; aber der Hobble-Frank rief zornig:

„Gilt das etwa schon wieder mir?“

„Nein,“ antwortete Jemmy ernsthaft.

„So lassen Sie Ihren Kaiser in Pöckling, wo er hingehört!“ „In Peking, wollen Sie sagen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich gestehen, daß die Hütte leer war, nämlich leer von Geräten und Menschen. Bei näherer Betrachtung aber stieß ich auf Zeichen, welche auf die Anwesenheit von Schlangen schließen ließen. Es gab da allerlei Löcher im Boden und in der Rasenwand. Zwar fürchte ich die Klapperschlange nicht besonders; sie ist bei weitem nicht so gefährlich, wie man meint und schreibt, denn sie flieht den Menschen, auch war es ja noch die Zeit des Winterschlafes; aber es war heute überhaupt nicht kalt, und die von meinem Feuer ausgehende Wärme konnte sehr leicht eins oder einige dieser Tiere aus den Löchern locken, und da eine solche Gesellschaft auf keinen Fall eine angenehme ist, so beschloß ich, außerhalb der Hütte zu bleiben. Es gab angetriebenes Holz genug für ein tüchtiges Feuer, und als ich gehörig nachgelegt hatte, wickelte ich mich in meine Decke und sagte zu mir: gute Nacht, Jemmy!

„Ah, jetzt kommt’s!“ meinte Frank, indem er sich erwartungsvoll die Hände rieb.

„Ja, es wird bald kommen, nämlich das Wasser. Ich schlief nicht gleich ein. Der Wind war stärker geworden und blies verdächtig hohl; er trieb mir das Feuer auseinander; ich konnte nichts dagegen thun und gab mir also keine Mühe, es zu erhalten. Es war bald erloschen, und ich schlief endlich ein. Wie lange ich geschlafen hatte, wußte ich nicht, als ich von einem eigenartigen Geräusch geweckt wurde. Der Wind war zum Sturme geworden; er pfiff und stöhnte in allen Tonarten, und wenn er einmal eine Sekunde lang aussetzte, hörte ich ein dumpfes Rauschen, Brausen und Gurgeln, welches nicht in den Lüften war, sondern um meine Insel erklang. Ich erschrak, sprang auf und ging nach dem Rande meines Eilandes. Es war vollständig vom Wasser umgeben, aus welchem es kaum noch eine Elle hoch emporragte. Der Fluß war plötzlich gestiegen. Der Himmel war unbewölkt, und beim Scheine der Sterne sah ich die Fluten mit reißender Schnelligkeit vorüberschießen. Ich war von ihnen eingeschlossen.“

„Also der reene Campe!“ sagte Frank.

„Campe?“ fragte Jemmy erstaunt. „Wer ist das?“

„Das wissen Sie nich? Schämen Sie sich! Campe war ja derjenige Berühmte, welcher off eener Insel strandete und sich nachher alles selber erfinden mußte. Sodann kamen een paar Eingeborene dazu, die er Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag nannte. Haben Sie das schöne Buch denn nich gelesen?“

„Ja, das habe ich freilich gelesen,“ antwortete Jemmy unter allgemeiner Heiterkeit. „Jetzt weiß ich, was Sie meinen, nämlich den Robinson.“

„Robinson? hm, ja, der war ooch dabei.“

„Natürlich war er auch dabei, er, die Hauptperson!“

„Hauptperson? Hören Sie mal, da irren Sie sich wieder. Die Hauptperson war Campe.“

„Nun, ich will nicht streiten. Strenggenommen ist Campe ja auch eine Hauptperson bei diesem Romane, denn er hat ihn geschrieben.“

„Ja, und wenn er nich mit off der Insel gewest wäre, so hätte er ihn eben nich schreiben können.“

„Gut, aber von einem Montag, Dienstag und Mittwoch habe ich nichts gelesen.“

„Das liegt eben nur wieder an der epidemischen Flüchtigkeet, mit der Sie alles machen. Wie es mir scheint, haben Sie grad die besten Schtellen des Buches überblättert. Campe wird doch nich grad die drei allererschten Wochentage ausgelassen haben. So eene chronologische Zeitverschwendung ist dem braven Manne gar nich zuzutrauen. Bei so eenem dreifachen Wochentagsfehler hätte er gar keenen Verleger für das Buch gefunden. Aber fahren Sie nun fort. Wie haben Sie denn damals den Campe weitergeschpielt?“

„Mit Ergebenheit. Ich konnte meine Lage doch zunächst nicht ändern. Fürs erste hatte ich nichts zu befürchten, denn meine Insel war höher als die Ufer; überschwemmt konnte sie also nicht werden. Erst beim Anbruche des Morgens war es möglich, die Situation zu überblicken. Bis dahin mußte ich mich gedulden. Natürlich aber versetzte mich der Gedanke an mein Pferd in nicht geringe Sorge. War es vom Wasser überrascht worden, so lebte es nicht mehr, und dann war ich vielleicht verloren. Ihr alle wißt ja, was in einer solchen Lage der Verlust des Pferdes für den Westmann zu bedeuten hat. Ich fand in dem Gedanken an den Instinkt des Tieres einigermaßen Beruhigung und kehrte langsam zu meinem Lager zurück. Dabei war es mir, als hätte ich etwas wie eine Gestalt bemerkt, welche bei meinem Nahen im Inneren der Hütte verschwand. Ich beachtete es nicht und legte mich wieder nieder.“

„Jetzt endlich ist der Bär glücklich angekommen! Er wird wohl mehrschtenteels ooch vom Wasser überrascht worden sein. Wenn er nur Ruhe hält! Am besten ist’s, er bleibt schtille in der Hütte liegen; denn wenn er off die Idee kommen sollte, eene Promenade zu machen, so kann’s sehre leicht eene ekliche Schlacht bei Leipzig für Sie werden.“

„Glücklicherweise hat er Ruhe gehalten. Schlafen konnte ich natürlich nun nicht mehr. Ich lag still und glaubte, in den Pausen, während welchen der Wind Atem holte, ein schnaufendes Röcheln zu hören. Kam es aus der Hütte? Hatte ich vorhin recht gesehen? Was für ein Tier war es? Ich hielt es für das beste, mich möglichst weit zu entfernen, nahm die Büchse in die eine und die Decke in die andere Hand und kroch leise nach dem entgegengesetzten Ende der Insel, wo ich mich so niederlegte, daß ich die Hütte im Auge hatte. Ihr könnt euch denken, daß die Zeit bis zum Tagesanbruch mir wie eine Ewigkeit erschien. Endlich aber wurde es im Osten ficht und lichter. Ich konnte erst die Insel, dann die Wasserfläche des Stromes und nachher die Ufer deutlich überblicken. Da bemerkte ich denn Zweierlei, etwas sehr Angenehmes, nämlich mein Pferd weidete drüben am Ufer, von welchem ich herübergekommen war, und etwas weniger Erfreuliches – in der Hütte lag ein Bär, mit dem Hinterkörper am Eingange, mit dem Kopfe nach innen, so daß er mich nicht sehen konnte. Wie gut, daß ich, als er aus dem Wasser auf die Insel gestiegen war, mich am entfernten Inselstrande befunden hatte! Hätte er mich an der Lagerstelle überrascht, so säß‘ ich jetzt wohl nicht hier, um unserem Hobble-Frank dieses Abenteuer zu erzählen.“

„Ja,“ antwortete der Genannte, „höchstens schpukte Ihr abgeschiedener Geist als Geschpenst in der Savanne herum, zur Schtrafe dafür, daß das Gymnasium bei Ihnen nichts gefruchtet hat. Wie haben Sie sich denn nun gegen den Bären benommen?“

„Sehr artig. Ich habe erst nach meiner Büchse gesehen, ob die Ladung in Ordnung war, und mich ihm dann höflich vorgestellt. Ich ging leise bis nahe an die Hütte und rief ihn mit einem „Huzza“ an. Der Kerl hatte wirklich geschlafen. Er war wohl sehr ermüdet gewesen. Wer weiß, wie lange er, vom Strome fortgerissen, mit demselben gekämpft hatte. Als er meine Stimme hörte, drehte er sich nach mir um. Mich erblickend, richtete er sich im Inneren der Hütte auf und erhielt zwei Kugeln von mir. Es war keine Heldenthat, das Tier zu erlegen. Bob hätte das auch gekonnt.“

Der Neger saß nämlich auch mit bei der Gruppe. Er hatte bei seinem Herrn so oft deutsch sprechen gehört, daß, wenn er auch nicht die einzelnen Worte verstand, er doch dem Sinne derselben folgen konnte.

„Oh, oh,“ sagte er, „Masser Bob sein ein sehr gut Westmann! Masser Bob sein tapfer. Er sich nicht fürchten vor Bär. Wenn Masser Bob wieder ein Vieh sehen, dann er es gleich fangen mit Händen!“

„Schön!“ nickte Jemmy. „Also das erste Tier, welches du siehst, fängst du mit den Händen.“

Yes, yes, Massa.“

„Auch wenn es ein Bär ist?“

„Grad dann erst recht, wenn es ein Bär sein. Masser Bob ihm drehen den Kopf auf den Rücken.“

Er streckte die langen Arme aus, spreizte die Finger auseinander, rollte die Augen und zeigte die Zähne, um es anschaulich zu machen, wie er sich auf das Tier stürzen werde. Es sah aus, als ob er es mit Haut und Haar verschlingen wolle.

„Vielleicht ist’s dann ein wirkliches Opossum, was ihm wohl am allerliebsten sein würde,“ bemerkte Old Shatterhand. „Nun aber sagen Sie, Master Jemmy, auf welche Weise Sie hinüber an das Ufer gelangt sind?“

-Auf die allereinfachste Weise: ich bin hinübergelaufen. Bekanntlich verlaufen sich dergleichen Schnellfluten fast ebenso rasch, wie sie gekommen sind. Das Wasser begann, da es kälter wurde, bereits am Nachmittage wieder zu sinken. Ich mußte zwar noch eine Nacht auf der Insel zubringen; aber am anderen Vormittage ging es mir nur noch bis an die Hüften. Ich watete durch und holte mein Pferd herüber, um es wieder mit den Fallen und nun auch mit den Tatzen und dem Felle des Bären zu beladen. Das war freilich eine Last, welche mich zwang, nebenher zu laufen. Das dauerte aber nicht lange, denn kurz vor dem Einflusse des Medizin-Bow-River in den Platte fand ich eine so zahlreiche Biberkolonie, daß ich zu längerem Aufenthalte genötigt war und eine ansehnliche Zahl Felle machte, welche ich bis auf weiteres cachierte.

Sodann konnte ich ledig weiterreiten. – Das war mein Abenteuer, und wenn es nun unserem Master Frank gefällig ist, kann er das seinige erzählen. Hoffentlich ist er ebenso glücklich davongekommen wie ich.“

„Das verschteht sich ganz von selber!“ antwortete der Sachse. „Und zwar habe ich ganz alleene gesiegt, ohne alle Hilfe. Keen Mensch war derbei, nich mal wenigstens een Hund wie damals derjenige, der den Bären angegriffen hat, welcher unserem guten Martin seine arme Luddy verschlang. Eegentlich sollte man, wenn man sich in der Nähe eenes Bären befindet, schtets eenen Hund bei sich haben, der den ersten Anschtoß auszuhalten hat. Aber leider werden in Amerika keene solchen Bärenbeißer offgezogen. Ich hab‘ in Moritzburg eenen solchen Kerl gesehen, den sich der Förschter aus Siebenbürgen, wo es viele Bären gibt, hatte kommen lassen. Der Hund war selber beinahe so groß wie een Bär; aber weil’s in Moritzburg leider keene Bären gibt, so war es natürlich unmöglich, ihn mal off eenen loszulassen. Ich hab‘ erfahren, daß diese Bärenbeißer off gar keen anderes Wild gehen; off Bären aber soll schon ihre Witterung eene gradezu erschtaunliche sein. Sogar off alten Fährten und nach Regenwetter sollen sie untrüglich sein.“

„Pah! das bezweifle ich!“ sagte der lange Davy.

„Was? wollen Sie mich etwa zum Lügner schtempeln? Da können Sie mit mir sehr leicht in eenen Konflikt geraten, bei dem Ihnen die Haare zu Berge schtehen werden. Ich dulde so was eemal nich!“

„Auf einer alten, noch dazu vom Regen ausgewaschenen Spur! Hm!“

Davy. schüttelte den Kopf. Sein dicker Freund warf ihm einen bezeichnenden Blick zu und sagte:

„Sei still, Davy; Du hast unrecht. Die siebenbürgischen Bärenbeißer haben allerdings eine Nase, deren Leistungen ins Unglaubliche gehen. Ich habe, als ich noch Schüler war, so einen Hund kennen gelernt und könnte ein Beispiel erzählen, welches deinen Unglauben sofort kurieren würde.“

„Wirklich?“ fragte Frank erfreut. „Es freut mich sehre, daß Sie mich in Ihren Schutz einschließen. Ich erkenne daran, daß Sie eegentlich und heemlich doch een guter Freund von mir sind. Darum soll Ihnen alles vergeben sein, wenn Sie mir den Gefallen thun, das Beischpiel sogleich zu erzählen.“

„Sehr gern, mein lieber Frank. Ich war bei einem Freunde, dessen Vater Rittergutsbesitzer war und ein bedeutendes Jagdrevier besaß, auf Besuch. Der Herr hatte einen siebenbürgischen Bärenbeißer geschenkt erhalten, konnte ihn aber nicht auf die Probe stellen, weil es keine Bären gab. Der Hund gewöhnte sich schnell an mich und begleitete mich auf allen meinen Spaziergängen. Eines schönen Tages schlenderte ich mit ihm durch das Dorf. Da blieb er vor der Thür eines Bauernhauses halten und gab Laut. Ich konnte mir die Sache nicht erklären; aber weil er nicht von der Thüre wegzubringen war, so öffnete ich dieselbe. Sofort sprang er mit einem weiten Satze nach der Stubenthür und gab wieder Laut. Ich machte auch diese auf – er hinein und ich hinterher. Wer glauben Sie wohl, lieber Frank, daß sich in der Stube befunden hat?“

„Natürlich een Bär.“

„Es gab ja keine dort!“

„So war’s vielleicht eener, der eenem rumziehenden Bärenführer entschprungen ist.“

„Auch nicht.“

„Nun, wer war denn dann anwesend?“

„Nur die alte Großmutter, welche auf dem Kanapee saß und Strümpfe stopfte. Sie erschrak natürlich außerordentlich über den hereinstürzenden Hund und – – –“

„Alle Wetter! Er hat sie doch nich etwa gebissen? Oder hat er ooch Schtrümpfe mit schtopfen wollen?“

„Keins von beiden. Er achtete gar nicht auf die Frau, sondern sprang sofort auf den Tisch, welcher in einer Ecke der Stube stand.“

„Off den Tisch? So een großer Hund! Was hat er denn da gewollt?“

„Das fragte ich mich auch. Nachdem ich mich bei der Frau höflich entschuldigt hatte, trat ich zum Tische, und nun raten Sie, was der Hund da oben gesucht hatte?“

„Irgend een Viehzeug natürlich.“

„Ja und doch auch nein.“

„Was denn für eens?“

„Einen Bären.“

„Was der Kuckuck! Sie sagten doch vorhin das direkte grade Gegenteel von Ihrer jetzigen Behauptung!“

„Ich habe beide Male recht. Nämlich auf dem Tische lag ein altes Buch, welches der Hund mit der einen Pfote festhielt, während er mit der Zunge ein Blatt nach dem anderen umwendete oder vielmehr umleckte, bis er die betreffende Seite gefunden hatte. Dann fing er an zu knurren und zu heulen und biß immer vor sich hin, als ob er ein Raubtier unter sich habe. Es war ein Heidenskandal.“

„Aber ich begreife die Sache gar nich. Een Bärenbeißer off dem Tische, mit eenem Buche! Das ist mir die vollständigste terra in Cognaco.“

Incognito heißt es!“

Cognac heeßt’s! Der gibt den besten Grog. Und wenn Sie dieses Getränk noch nich kennen, so haben Sie eben noch gar nich menschenwürdig gelebt. Also weiter! Was war’s denn für een Buch?“

„Ich sah natürlich nach. Es war ein altes ABC-Buch aus der Zeit vor fünfzig, sechzig Jahren her, mit kleinen Bildern, unter welchen darauf bezügliche Verse zu lesen waren. Und ganz erstaunlicherweise hatte der Hund die Seite aufgeschlagen, auf welcher ein Bienenstock und ein Bär abgebildet waren. Darunter stand der schöne Reim:

„Gar grimmig ist der wilde Bär, Wenn er vom Honigbaum kommt her.“

„Ich war natürlich ganz Verwunderung. Der Hund hatte draußen auf der Straße gerochen, daß hier auf dem Tische die Abbildung eines Raubwildes, auf welches er abgerichtet war, liege, und es für seine Pflicht gehalten, mich darauf aufmerksam zu machen. Natürlich erzählte ich das Vorkommnis, als ich auf das Gut zurückgekehrt war, und der Herr war nicht wenig stolz darauf, einen solchen Hund zu besitzen. Ihr erkennt also, Mesch’schurs, daß unser Hobble-Frank ganz recht gehabt hat, als er vorhin behauptete, daß die Bärenbeißer fast Unglaubliches leisten. Die Geschichte sprach sich natürlich schnell weiter. Sie wurde in verschiedenen Jagdzeitungen abgedruckt, und das betreffende ABC-Buch wurde von einem berühmten Kynologen für fünfzig Thaler gekauft und ging zu immer höherem Preise von Hand zu Hand, bis es schließlich für dreitausend Franken in den Besitz der Pariser Akademie der Künste und Wissenschaften überging. Und da unser Frank vermöge seiner hochgradigen Gelehrsamkeit ganz sicher baldigst ersucht werden wird, dieser Akademie als Mitglied beizutreten, so hat er denn die beste Gelegenheit, in dem berühmt gewordenen Büchlein nachzuschlagen, um sich den Bären zu betrachten, den ich mir damals von dem Hunde habe aufbinden lassen. Jetzt nun bin ich ihn glücklich wieder los geworden. Thank you, Master Frank! Ihr habt ihn mir abgenommen.“

Er machte dem kleinen Sachsen eine ironische Verbeugung. Die Anwesenden brachen in lautes Gelächter aus. Der einstige „Forschtbeamte“ machte zunächst ein ganz verblüfftes Gesicht; dann aber, als er erkannte, daß Jemmy die Geschichte nur erfunden habe, um ihn zu foppen, brach er los:

„Was, ich soll Ihren Bären nun haben? Erlooben Sie es diesem dummen Gedanken ja nich etwa, sich in Ihr obschkures Begriffsvermögen festzusetzen! Ehe Sie im Schtande sind, mir nur eenen eenzigen Bären offzuhängen, hab‘ ich mir selber schon mehr als fuffzig offgebunden. In Beziehung off das aktiv-passive Anlügenlassen bin ich Ihnen weit über. Sie sind ja der reene Münchmeier, und wenn ––“

„Münchhausen heißt es,“ fiel Jemmy ein.

„Wollen Sie gleich off der Schtelle schtille sein, Sie dicker Loobfrosch, Sie! Een Münch, der andere bemeiert, kann eben nur Münchmeier heeßen. Wenn dieser Lügenkönig seit eeniger Zeit zuweilen Münchhausen genannt worden ist, so ist das die mißverschtandene Folge eener idealen Begriffsverwechslung im materialen Zusammenhange mit seinem Geburts- und Heimatsorte. Nämlich nach dem Impfscheine, welcher von ihm noch vorhanden ist, wurde er zur Zeit des schtarken Augusts im Schtädtchen Mühlhausen, Kreisdirektion Sonderschhausen, Regierungsbezirk Schaffhausen geboren, drei Orte, die mit „hausen“ endigen, weil dort die mehrschte Hausenblase verschifft wird. Bei so vielmal „hausen“ ist es gar keen Wunder, daß man diese Endung aus Versehen an das „Münch“ gehängt hat. Unsereener ist aber nich so leicht zu täuschen. Meine historisch weltgeschichtlichen Studien befähigen mich, solche Schpreu vom guten Weizen auszuscheiden, und darum habe ich ooch, noch ehe Sie Ihre Geschichte angefangen hatten, sofort mit meinem angenehmen Scharfblicke erkannt, daß es off eene großartige Lüge und Münchmeierei abgesehen war. Ich hab‘ Sie aber reden lassen, weil ich von jeher een eifriger Bewunderer des parlamentarischen Taktes gewest bin. Ich hab‘ mich großmütig in meine Überlegenheet gehüllt und von oben herunter bemerkt, wie Sie mich von unten herauf angelogen haben. Jetzt aber geb‘ ich meiner Langmut den allerletzten Gnadenschtoß und fordere Sie allen Ernstes off : Geben Sie in Zukunft dem Kaiser, was des Kaisers ist, und dem Frank, was dem Frank gehört, nämlich Anerkennung seiner Schtandeswürde und ergebene Berücksichtigung seiner Persönlichkeet. Nur off diese Weise ist een ferneres Zusammenbleiben zwischen uns beeden möglich, und ich verlange jetzt off der Schtelle von Ihnen vor diesen erwachsenen Zeugen die öffentliche und aktenmäßige Erklärung, ob Sie von jetzt an mich mit Achtung behandeln wollen oder nich. Ich bin das meiner verflossenen Vergangenheet und meiner noch zu erwartenden Zukunft schuldig. Also, wie wird’s, und wie soll’s werden? Reschpekt oder nich?“

Zunächst war es tief still im Kreise. Die sonderbare Rede des kleinen Mannes wirkte um so mehr auf die Lachmuskeln seiner Zuhörer, als sie mit einem ungeheuren Ernste vorgebracht worden war. Die Augen leuchteten voller Lust; die Lungen atmeten voll auf, um loszubrechen, aber man biß die Zähne zusammen, um den fast unüberwindlichen Reiz zum Lachen zu besiegen. Old Shatterhand war der erste, welcher sich einigermaßen in der Gewalt hatte.

Tiefernsten Tones begann Old Shatterhand:

„Aber, lieber Frank, der Scherz war doch wohl ein ziemlich harmloser und auch gar nicht auf Sie allein abgesehen. Wir anderen sind ebenso Zuhörer gewesen wie Sie und haben uns nicht beleidigt gefühlt, sondern die Erzählung als das genommen, was sie war – eine Anekdote, welche uns erheitern sollte. Ihr bekanntes Gerechtigkeitsgefühl wird Ihnen sagen, daß wir von Ihnen ganz unschuldigerweise um diese Heiterkeit gebracht worden sind.“

Der eindringliche Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden, verfehlte seine Wirkung nicht. Frank hatte ein weiches Gemüt- es that ihm wehe, vielleicht zu weit gegangen zu sein. Er antwortete:

„Wenn Sie diese Angelegenheit in dieser Weise darschtellen, so bekommt die Sache freilich eene ganz andere Wendung. Ich habe Sie keineswegs in Ihrem Vergnügen schtören wollen. Aber Sie werden mir ooch zugeben, daß ich ooch Anschpruch off meine anthropologischen Menschenrechte erheben darf.“

„Ganz richtig; aber wir gestehen Ihnen diese Rechte ja ganz gern zu.“

„So? Warum reibt sich da der Dicke schtets an mir?“

„Denken Sie einmal nach, ob Sie ihm nicht vielleicht die Veranlassung dazu geben. Lassen Sie ihm nicht immer Ihre Überlegenheit fühlen?“

„Hm! Sie geben also zu, daß ich ihm wirklich mehrschtenteels überlegen bin?“

„Wenn ich Ihre eigene Ansicht für die richtige halten soll, so muß ich das zugeben.“

„Schön! Das genügt mir vollschtändig. Und da will ich denn voller Einsichtigkeet off die verlangte öffentliche Ehrenerklärung Verzicht leisten. Es soll mir niemand nachsagen, daß ich een Schtörer des allgemeinen Völkerfriedens sei. Hier, Dicker, ist meine Hand! Schlagen Sie ein! Wir wollen in trauter Eenigkeet die Pfade unseres Lebens wandeln. Ich rufe Ihnen mit Schillern zu: Soyongs, Anis, Emma!“

Leider brach bei diesen letzten Worten das lang verhaltene Gelächter kräftig los. Der Kleene sah sich erstaunt im Kreise um.

„Was gibt’s denn schon wieder?“ fragte er.

„Einen Fehler, den Sie gemacht haben, oder vielmehr mehrere Fehler,“ antwortete Jemmy.

„So? Welche denn?“

„Diese Worte sind nicht von Schiller, sondern von dem französischen Dichter Corneille und heißen Soyons amis, Cinna! Es ist also weder von Anis, noch von einer Emma die Rede.“

„Ah? Meenen Sie wirklich? Ich biete Ihnen meine Hand zum großen Versöhnungsfeste, und zum Dank dafür wollen Sie mich abermals korrigieren? Da kann ooch die beste Wasserleitung platzen. Wenn meine Friedfertigkeet in so solenner Weise abgewiesen wird, so mag es bei der Feindschaft bleiben, und ich werde ––“

„O bitte!“ fiel Old Shatterhand vermittelnd ein. „Diesesmal haben Sie sich wirklich geirrt, mein bester Frank. Ich muß Master Jemmy beistimmen, und ich hoffe, daß Sie mir ein gerechtes, unparteiisches Urteil zutrauen!“

„Ja, wenn Sie es sagen, so ergebe ich mich der Übermacht. Sie sind eene authentische Zehlabrität, vor der ich mich gerne beugen will. Selbst een Fürscht und König kann sich irren, und für ganz und gar unfehlbar will ich mich denn doch nich halten. Also hier abermals die Hand, Jemmy. Et in terra pax, Friede sei off der ganzen Erde! Ist es so richtig?“

„Ja, vollständig!“ antwortete der Dicke, indem er in die dargebotene Hand einschlug.

„Schön! Das genügt mir. Sie erkennen mich an, und da soll alles vergeben und vergessen sein.“

„Aber nur unter einer Bedingung!“

„Wie, Sie wollen eene Bedingung machen? Welche denn?“

„Die, daß Sie nun endlich Ihr Bärenabenteuer erzählen.“

„Ganz gern. Ich hab’s versprochen und bin es also schuldig, und wegen eener Schuldigkeet lasse ich mich nich gern mahnen. Es schadet das dem Kredite und ooch der Reputation. Wenn Sie also bereit sind, zuzuhören, so kann ich gleich jetzt gefälligst beginnen. Nämlich die Sache lief ooch nich ganz trocken ab, beinahe wie heute, wo wir beede, nämlich ich und Jemmy, unser Habit am Feuer trocknen müssen, er den Pelz und ich den Frack, vom Amazonenhut gar nicht zu reden. Und das kam folgendermaßen.“

Er kräuselte die Feder seines Hutes zwischen den Fingern, räusperte sich verheißungsvoll und begann:

„Ich befand mich damals noch keene ganze Ewigkeet hier in den Vereinigten Schtaaten, das heeßt, ich war noch ziemlich unerfahren in den hiesigen Angelegenheeten. Damit soll freilich nich gesagt sein, daß ich ungebildet gewest sei, im Gegenteele, ich brachte eene gute Portion körperlicher und geistiger Vorzüge mit; aber es will dennoch alles gelernt sein, und was man noch nich gesehen und betrieben hat, das kann man ooch nich kennen. Darin wird mir een jeder verschtändige Mensch Recht geben. Een Bankier zum Beispiel, und wäre er noch so gescheit, kann nich so mir und dir nichts gleich die Hoboe blasen, und een gelehrter Professor der Experimentalastronomie kann nich ohne Unterweisung in den nötigen Kunstgriffen sofort Weichenschteller werden. Das schicke ich zu meiner Entschuldigung und Verteidigung voraus. – Die Geschichte begab sich unten in der Nähe des Arkansas in Colorado. Ich hatte erscht in verschiedenen Schtädten Verschiedenes getrieben und mir een kleenes Sümmchen geschpart. Damit wollte ich eenen Handel nach dem Westen anfangen, so was man hier zu Lande eenen Pedlar nennt. Warum ooch nich? Bei diesem Geschäft ist viel verdient, und verschtändlich konnte ich mich bereits ganz gut machen, da ich das Englische sehre leicht gelernt hatte. Es war mir leicht begreiflicher Weise nur so hineingeflogen.“

„Ja,“ nickte Jemmy ernsthaft, „bei Ihrer ausgezeichneten Veranlagung ist es kein Wunder, wenn Ihnen eine fremde Sprache sehr bald geläufig wird.“

„Nicht wahr? Mit den Haupt- und Eigenschaftswörtern braucht man sich gar nich viel abzugeben, denn die bleiben ganz von selber im Gedächtnisse kleben; zählen lernt sich ooch sehre bald, was bleibt da noch übrig? Een paar Umschtandswörter, mit denen ooch keene Umschtände gemacht zu werden brauchen, und dann ist man fertig. Ich habe nie nich begreifen können, daß die Jungens in der Schule sich so lange Zeit mit fremden Schprachen abquälen müssen. Es wird, wie ich gloobe, ganz verkehrt angefangen. Ob ich deutsch sage Käse oder französisch Frommasche oder englisch Cheese, das kann doch ganz egal sein. Mir ist in fremden Schprachen eben alles ganz Käse, und so trat ich denn mit eenem hübschen Vorrat von Handelsartikeln meine Reise an und machte so gute Geschäfte, daß ich, als ich in der Gegend von Fort Lyon an den Arkansas kam, alles losgeworden war. Sogar das Wägelchen hatte ich mit Profit verkooft. Nun saß ich zu Pferde, die Büchse in der Hand und die Tasche voller Geld und beschloß mal zum Pläsier weiter ins Land hinein zu reiten. Ich hatte schon damals große Lust, een berühmter Westmann zu werden.“

„Der Sie ja nun auch geworden sind!“ bemerkte Jemmy.

„Na, noch nich ganz. Aber ich denke, wenn wir jetzt off die Sioux losschlagen, so werde ich wohl nich hinter der Front schtehen bleiben wie Hannibal bei Waterloo, und dann ist es ja möglich, daß ich eenen berühmten Namen bekomme. Aber weiter! Colorado war damals erscht vor kurzer Zeit bekannt geworden. Man hatte ergiebige Goldfelder entdeckt, und nun kamen die Proschpecters und Diggers in Menge aus dem Osten. Wirkliche Ansiedler aber gab es nur wenige. Darum war ich eenigermaßen ziemlich erschtaunt, als ich off meinem Ritte ganz plötzlich eene regelrechte Farm vor mir liegen sah. Sie beschtand aus eenem kleenen Blockhause, mehreren Feldern und ziemlich großen Weideplätzen. Das Settlement lag an den Ufern des Purgatorio, und diesem Umschtande war es zuzuschreiben, daß sich Waldung in der Nähe befand. Es gab besonders viele Ahornbäume da, und ich wunderte mich darüber, daß in jedem Boomschtamme unten eene Röhre schteckte, aus welcher der Saft in untergeschtellte Gefäße tropfte. Es war im frühen Jahre, die beste Zeit zur Bereitung des Ahornzuckers. In der Nähe des Blockhauses schtanden lange, breite aber sehr flache hölzerne Bottiche, gefüllt mit dem Safte, welcher da verdampfen sollte. Diesen Umschtand muß ich ganz besonders bemerken, weil er bei meinem Abenteuer eene sonderbare Rolle schpielt.“

„Einem Yankee aber gehörte das Settlement sicherlich nicht,“ sagte Old Shatterhand.

„Warum denken Sie das?“

„Weil ein solcher sicher nach den Goldfeldern gegangen wäre, anstatt als Squatter hier ruhig sitzen zu bleiben.“

„Ganz richtig! Der Mann war aus Norwegen und nahm mich sehre gastfreundlich off. Seine Familie beschtand aus ihm, seiner Frau, zwee Söhnen und eener Tochter, und ich wurde eingeladen, so lange wie möglich zu bleiben. Das that ich denn ooch ganz gern und half mit in der Wirtschaft, wobei den guten Leuten meine angeerbte Intelligenz außerordentlich zu schtatten kam.“

„Sie halfen wohl am Butterfaß?“ scherzte Jemmy.

„Natürlich! Ich konschtruierte ihnen sogar een neues, welches nich geschtampft, sondern gedreht wurde, wie ich es im Osten gesehen hatte. Das heeßt, ich zeichnete es ihnen mit Kreide off den Tisch; machen konnten sie sich’s nachher ja selber. Durch solche Gefälligkeeten und durch meine intelligente Überlegenheet gewann ich das Vertrauen dieser Leute so, daß sie mich sogar ganz alleene off der Farm ließen. Es sollte nämlich bei eenem Nachbar een sogen. house-raising-frolic schtattfinden, und die ganze Familie wollte daran teilnehmen, weshalb meine Anwesenheet ihnen sehr erfreulich war, da ich nun als house-holder zu Hause bleiben und über die schtatischtische Sicherheet der Farm wachen konnte. Sie ritten ab, und ich war Mann für mich alleene. Nachbar wurde dort jeder genannt, der zu Pferde in eenem halben Tage zu erreichen war. Grad so weit lag die betreffende Farm von uns, und so war die Rückkehr meiner Gastfreunde vor Ablauf von zwee Tagen nich zu erwarten.“

„Das war sehr viel Vertrauen, welches man Ihnen schenkte,“ sagte Jemmy.

„Warum? Meenen Sie etwa, daß mir der Gedanke hätte kommen können, mit der Farm auszureißen? Sehe ich etwa wie een unehrlicher Schpitzbube aus?“

„Davon ist keine Rede. Wollte man der Ehrlichkeit eine Statue widmen, so könnten Sie als Modell sitzen, so ganz vertrauenerweckend ist Ihr Aussehen.“

„Das will ich mir ooch ausgebeten haben!“

„Ich meinte es anders. Jene Gegend wurde doch damals, sogar noch heute, von allerlei Gesindel durchzogen. Was hätten Sie als einzelner Mann thun können, wenn zufälligerweise solche Leute zu Ihnen gekommen wären und die Abwesenheit des Besitzers zur Ausübung von Gewaltthätigkeiten benutzt hätten?“

„Was ich gethan hätte? Nehmen Sie mir es nich übel, aber das ist eene sehr sonderbare und närrische Frage. Ich hätte mein Hausrecht gebraucht und sie alle nausgeworfen.“

„Halten Sie das für so leicht? Solchen Menschen kommt es auf eine Kugel nicht an.“

„Mir ooch nich! Wenn Sie mich näher kennen gelernt haben, dann werden Sie sagen, daß man mir nich bloß eene, sondern gleich drei und vier Farmen anvertrauen kann. Ich würde sie schon zu verteidigen wissen. Ich verschtehe mich off alle Arten kriegerischer Schtrategie und off die verschiedenen Kunstgriffe der höheren Gefechtstaktik ganz vortrefflich. Ich hab‘ sogar mal den Froschmäuslerkrieg gelesen und weeß also, eene Schlacht einzuleiten und ooch zu gewinnen. In der Einleitung wie Moltke, im Angriff wie Zieten und in der Verfolgung een wahres Wiesel, so brauche ich mich vor keenem Feind zu fürchten, außer er überfällt mich im Schlafe, ohne daß ich davon gebührenderweise benachrichtigt werde.“

„Das ist’s ja eben, daß man gewöhnlich nicht benachrichtigt wird!“

„Leider ist das wahr, und daß ooch der Bär gekommen war, ohne sich vorher anzusagen, dadurch kam das Abenteuer zu schtande, welches ich erzählen will. Ich muß dabei erwähnen, daß seitwärts vor dem Hause een hoher Hickory schtand. Er war bis hoch hinauf zu den erschten Äschten seiner Rinde beraupt worden. Der Norweger hatte sie, wie er mir erzählte, zum Gelbfärben gebraucht. Nun war der Schtamm außerordentlich glatt, und es gehörte eene große Geschicklichkeet dazu, hinaufzuklettern.“

„Das wird wohl niemand verlangt haben,“ sagte Davy.

„Nee, verlangt hat’s niemand, aber es können sich ungeahnte Begebenheiten ereignen, durch welche sogar der edelste Mensch off so eenen Boom getrieben wird. Sie werden dieses Naturgesetz bereits in wenigen Minuten beschtätigen. Also, um off die Hauptsache zu schprechen zu kommen: ich befand mich ganz alleene off der Farm und dachte darüber nach, mit welcher Beschäftigung ich mir die langen Schtunden der Einsamkeet versüßen könne. Natürlich kam ich dabei off den Gegenstand, dessen Bearbeitung am notwendigsten war, und das war der Lehm. Nämlich drin im Blockhause war die Lehmdiele schadhaft geworden und zwischen den Holzschtämmen, aus denen die Wände beschtanden, die Füllung ausgebröckelt. Das mußte remuneriert werden, und darum hatte sich der Norweger gleich neben der Hausecke eene Lehmgrube angelegt. Sie war ungefähr vier Ellen lang und dreei breit. Welche Tiefe sie hatte, das konnte ich nich sehen, weil sie bis an den Rand gefüllt war. Es schteckten een paar Schtangen drin, mit denen das Zeug gerührt und durcheinander geknetet werden sollte. Welche Freude mußte mein Wirt haben, wenn er bei seiner Heimkehr wenn ooch nich die Diele, aber wenigstens die Wände ausgebessert vorfand! Daran dachte ich mit Vergnügen und beschloß, mich an die Arbeit zu machen.“

„Verstanden Sie denn etwas davon?“ fragte Jemmy.

„Ich bitte Sie, kommen Sie mir doch nich immer mit solchen überflüssigen Fragen in die Quere! Es ist doch wahrhaftig keene Kunscht, een Loch oder eene Fuge mit Lehm zu verschtopfen! Es gibt noch viel schwierigere Gebiete in der Wissenschaft. Ich begann also mit der Schtange zu rühren.

Die Masse schien mir zu dick zu sein, und ich goß also Wasser zu, aber zu viel, denn nun war sie wieder zu dünn. Ich dachte aber, daß sie durch eifriges Kneten eene plaschtischere Kompression annehmen werde, und arbeitete über eene ganze Schtunde lang aus Leibeskräften. Dadurch erlangte der Lehm diejenige Konsequenz, durch welche jeder obrigkeitliche und baupolizeiliche Wunsch befriedigt werden konnte, und ich hatte, um mit der Verschönerungsarbeit beginnen zu können, mir nur noch eene hölzerne Maurerkelle zu schnitzen. Darum wollte ich jetzt hinein ins Haus, denn off dem Herd lag dürres Holz. Ganz begeistert von meinem Vorhaben, bog ich um die Ecke und – – schtand vor wem oder was?“

„Doch vor einem Bären,“ antwortete Jemmy.

„Ja, vor eenem Bären, der sein wohl oben in den Ratonbergen liegendes Asyl verlassen hatte, um sich, ebenso wie ich, eenmal Land und Leute anzusehen. Dieses Ansehen aber war ganz gegen meinen geläuterten Geschmack. Der Kerl machte mir een so verdächtiges Gesicht, daß ich mit eenem Satze, wie ich ihn wohl nie wieder zu schtande bringen werde, zur Seite schprang; aber ebenso rasch fuhr er off mich los. Das gab meinen Gliedern eene ungeahnte Gelenkigkeet, und das Ausreißen erschien mir als eene wahre Wonne. Ich schnellte mich wie een hinterindischer Königstiger nach dem Hickory hin, faßte an und fuhr wie eene Rakete an dem Schtamme hinauf. Man gloobt gar nich, was der Mensch in so eener unsympathischen Situation zu leischten vermag.“

„Jedenfalls waren Sie ein guter Kletterer?“ fragte Old Shatterhand.

„Das weniger, viel weniger sogar. Man sollte wohl annehmen, daß ich als Forschtbeamter genötigt gewest sei, das Klettern zu erlernen, aber leider hat sich meine natürliche Kongeschtion schtets gegen diese Kunscht empört. Wenn ich hoch schteigen muß, zum Beischpiel off eener Leiter, wird mir’s ganz drehend und wirbelig zwischen den Ohren; ich kann’s und kann’s nich zwingen. Aber wenn een Bär dahinter ist, dann fragt man nicht lange, ob sich das Klettern mit der Gesundheet verträgt, sondern man klettert eben, und zwar mit wahrer Leidenschaft, grad so wie ich. Unglücklicherweise war, wie bereits erwähnt, der Schtamm zu glatt. Ich kam nich ganz hinauf bis zu den Äschten, und mit dem Feschthalten schien es ooch seine Schwierigkeeten zu haben.“

„O weh! Das kann gefährlich werden. Sie waren ohne Waffen. Was that denn der Bär?“

„Etwas, was er mit gutem Gewissen hätte unterlassen können –. er kam nämlich nachgeklettert.“

„Ah, so war es glücklicherweise kein Grizzly!“

„Das berührte mich nicht, denn damals war Bär Bär für mich. Ich klammerte mich krampfhaft fescht und schaute herab. Richtig, der Kerl hatte sich unten am Schtamme offgerichtet, umarmte denselben und kam langsam und gemütlich nachgeklettert. Die Sache schien ihm ungeheuern Schpaß zu machen, denn er brummte höchst vergnügt vor sich hin, ungefähr wie eene schnurrende Katze, nur schtärker, oder wie die E-Saite des Violonbasses, wenn sie pizzicato mit den Fingern gerissen wird. Mir aber brummte nich bloß der Kopf, sondern der ganze Körper von der Anschtrengung, mich fescht zu halten. Der Bär kam immer näher. Ich konnte unmöglich länger an meiner Schtelle bleiben; ich mußte weiter hinauf. Kaum aber hatte ich die eene Hand gelöst, um weiter zu greifen, da verlor ich den Halt. Zwar griff ich schnell wieder zu, doch die Anziehungskraft der mütterlichen Erde ließ ihr Opfer nich wieder los. Noch eenen kurzen angschtvollen Schtoßseufzer konnte ich mir geschtatten, dann aber fuhr ich am Schtamme hernieder, mit Vehemenz wie een zwanzigzentneriger Schtahlhammer, mit solcher Wucht off den Bären, daß er ooch mit nunter mußte. Er schoß zu Boden, und ich off ihn druff.“

Der kleine Mann erzählte so lebhaft und drastisch, daß seine Zuhörer ganz Ohr waren und bei der Art und Weise, in welcher er seinen Unfall schilderte, in ein laut schallendes Gelächter ausbrachen.

„Ja, lacht nur!“ brummte er. „Mir war es ganz und gar nich wie Lachen. Ich hatte das Gefühl, als ob alle Teile meines Körpers durcheinander geschtoßen worden seien. Es war mir ganz taub und dumm zu Mute, so daß ich für eenige Sekunden gar nich an das Offschtehen dachte.“

„Und der Bär?“ fragte Jemmy.

„Was der in diesem Oogenblicke für finanzielle Schpekulationen in seinen Gedanken erörtert hat, das kann ich nich wissen. Ich hatte weder die nötige Zeit noch die gehörige Andacht, mich wie Mentor mit Telemach in Zwieschprache mit ihm zu setzen. Vielleicht aber war es ihm grad so salonwidrig zu Mute wie mir, denn er lag ganz ebenso schtille unter mir, wie ich schprachlos off ihm saß. Dann aber raffte er sich plötzlich empor, und das brachte mich zur Erkenntnis meiner persönlichen Verpflichtungen. Ich schprang off und rannte fort – er hinter mir her, ob aus gleicher Angscht wie ich oder in dem heißen Wunsche, die eenmal angeknüpfte Bekanntschaft mit mir fortzusetzen, das weeß ich nich. Eegentlich wollte ich hin nach der Thür und ins Haus hinein. Dazu war aber die Zeit zu kurz und der Bär mir zu nahe. Die Angscht verlieh mir die Schnelligkeet eener Schwalbe; es war, als ob sie mir die Länge meiner Beene verdoppelt und vervierfacht hätte. Ich schoß vorwärts wie eene Flintenkugel, um die Hausecke hinum und – – in die Lehmgrube hinein, grad bis unter die Arme. Ich hatte alles vergessen, Himmel und Erde, Europa und Amerika, alle meine Kenntnisse und den ganzen Lehm; ich schtak drin wie die Schabe im Bäckerteige und – – da that es neben mir eenen gewaltigen slap, wie der Amerikaner sich ausdrückt; ich erhielt eenen Schtoß wie vom Puffer eenes Bahnwagens, und der Lehm flog mir über dem Kopfe zusammen. Das Gesicht war ganz von demselben überzogen; nur das rechte Ooge war frei geblieben. Ich drehte mich um und – – schielte den Bären an, der infolge seines leichtsinnigen Temperamentes vergessen hatte, das Terrain, wie es sich schickt und gehört, zu inschpizieren, und mir also nachgeschprungen war. Nur sein Kopf war zu sehen, aber der sah ooch schauderhaft aus. Wenn meine zwee Gesichtsprofile ebenso belehmt waren wie die seinigen, so konnte freilich keener von uns beeden off die Hochachtung des anderen Anschpruch erheben. Wir blickten uns drei Sekunden lang eenander lieblich an; dann wendete er sich nach links und ich mich nach rechts, jeder in der lobenswerten Absicht, in eene freundlichere Umgebung zu gelangen. Natürlich ging bei ihm das Herausklettern schneller als bei mir. Schon hatte ich Angscht, daß er, der Grube entschprungen, schtehen bleiben werde, um mich zu belagern; aber kaum hatte er festen Fuß gefaßt, so sauste er von dannen nach der Richtung, aus welcher wir gekommen waren, und schwenkte um die Ecke, ohne mich nur eenes eenzigen Blickes zu würdigen. Farewell, big muddy beast!

Hobble-Frank war im Eifer des Erzählens aufgestanden und hatte seinen Bericht mit so entsprechenden Gestikulationen begleitet, daß seine Zuhörer lachten, wie diese einsame Gegend noch nie ein Lachen vernommen hatte. Ob einer auch aufhörte, er mußte immer wieder von neuem anfangen; es war zu komisch.

„Das ist allerdings ein höchst lustiges Abenteuer,“ sagte endlich Old Shatterhand, „und das Beste bei demselben ist, daß es so ungefährlich für Sie ablief, freilich für den Bären leider auch!“

„Für ihn ebenso?“ antwortete Frank. „Oho! Ich bin noch gar nich fertig. Als der Bär um die Ecke verschwunden war, hörte ich een Geräusch, wie wenn irgend een Möbelschtück umgeworfen wird. Ich beachtete es aber nich, sondern war nur bemüht, mich aus der Grube herauszuarbeiten. Das koschtete mich bedeutende Anschtrengung, denn der Lehm war gewaltig zähe, und ich kam nur dadurch frei, daß ich ihn im Besitze meiner Schtiefel ließ. Jetzt mußte ich mir vor allen Dingen das Gesicht reinigen. Ich ging also hinter das Haus, wo een Wässerchen vorüberfloß, dem ich alles freundlich anvertraute, was sich als überflüssig von meiner äußeren Individualität entfernen ließ. Dann eilte ich natürlich nach vom, um an der Fährte zu sehen, nach welcher Richtung sich der Bär entfernt habe. Denn, daß er verschwunden sei, das nahm ich als ganz sicher an. Aber der Kerl war gar nich fort. Er saß dort unter dem Hickoryboome und – – leckte sich höchscht eifrig ab.“

„Den Lehm? Pah!“ meinte Jemmy kopfschüttelnd. „Soweit ich die Eigenheiten dieser Tiere kenne, ist er sofort ins Wasser gegangen.“

„Das fiel ihm gar nich ein, denn er war gescheiter als Sie, Master Jemmy. Der Bär liebt bekanntlich Süßigkeeten. Und ist der Ahornzucker nich ebenso süß wie jeder andere Zucker?“

„Ich verstehe Sie nicht. Erzählen Sie weiter!“

„Nun, ich habe doch die hölzernen Bottiche erwähnt, in denen der Zuckersaft verdunschten sollte. Der Bär war von dem Abenteuer so wenig erbaut gewest, daß er nur daran gedacht hatte, in höchschter Eile davonzukommen. Eener der Bottiche hatte ihm im Wege geschtanden, und er hatte sich gar nich die Zeit genommen, um denselben zu biegen; er hatte im Gegenteele über ihn hinwegschpringen wollen, war aber, da een Bär ja nich wie een Tiger schpringt, nich drüber hinweg, sondern vielmehr hineingeschprungen und hatte ihn von den Unterlagen, auf denen er schtand, herabgerissen. Da der Saft bereits sehre dickflüssig war, so verbreitete er eenen schtarken Zuckergeruch, über welchen das leichtsinnige Tier den Schturz vom Boome, den Schprung in die Grube und mich sofort vergessen hatte. Anschtatt mein „farewell“ zu beherzigen und die darin liegende Warnung zu reschpektieren, hatte sich der Bär unter dem Boome häuslich niedergelassen, um mit allem Behagen die Süßigkeet vom Lehme wegzulecken. Er war so sehr in diese angenehme Beschäftigung vertieft, daß er gar nicht bemerkte, daß ich mich längs der Wand nach der Thür hin schlich und dann in das Haus schlüpfte. Jetzt war ich in Sicherheet und nahm meine Flinte vom Nagel. Sie war natürlich geladen. Da der Bär off den Hinterpranken saß und ich so lange zielen konnte, wie es mir beliebte, konnte ich gar keenen Fehlschuß thun. Die Kugel traf das Tier genau an derjenigen Schtelle, an welcher nach Ansicht der Dichter die zarteren Gefühle schtecken sollen, nämlich grad ins Herz hinein. Der Bär zuckte zusammen, richtete sich weiter off, machte mit den Vorderpranken eenige Geschtikulationen und sank dann tot zu Boden. Er hatte infolge seines Leichtsinnes und seiner Genußsucht offgehört, als lebendes Wesen zu exischtieren. Das Schicksal schreitet schnell, und jeglicher Unverschtand findet seine gerechte Schtrafe, und wem nich schon das Morgenrot zum frühen Tode geleuchtet hat, der kann dann am Nachmittage bereits an der Ahornzuckerkrankheet verscheiden.“

„Das ist eine sehr ernste Nutzanwendung,“ sagte Old Shatterhand. „Sie macht Ihnen alle Ehre. Überhaupt habe ich die Bemerkung gemacht, daß Sie sehr interessant zu erzählen verstehen. Ich habe noch keinen gehört, dem es so wie Ihnen gelungen wäre, den Stoff in ein so geistreiches Gewand zu kleiden.“

„Ist das etwa een Wunder? Denken Sie an die Moritzburger Schulmeester, der sein ganzes, außerordentliches Wissen off mich übertragen hat, und denken Sie ooch an die Leihbibliothek und an die Lieferungswerke, deren treuer Abonnent ich gewest bin! Dazu war ich zweeter Tenor in unserem Gesangvereine und Schpritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr und Rettungsschar. Und ooch schpäter hab‘ ich schtets die Ohren geschpitzt, wo und wenn es was zu lernen gab. Unter solchen Umschtänden wird man klassisch, ohne daß man’s selber merkt, und nur die Devotion, mit welcher man von anderen behandelt wird, bringt eenen zur Erkenntnis, daß man sich weit über den Nullpunkt nach Fahrenheit und Reaumur erhoben hat. Der Geist des Menschen muß nach oben schtreben, denn nur dort zwischen den Schternen hören die zeitlichen und unterirdischen Kalamitäten off. Leider muß sich selbst eene ideale Natur, wie ich bin, mit ordinären Dingen befassen. Das ist der Kampf ums Dasein. Und da thue ich meine Pflicht und fürchte mich sogar vor dem größten Bären nich.“

„Nun, so gar sehr groß ist der Ihrige wohl nicht gewesen. Ein Grizzly kann nicht klettern. Was hatte er für eine Farbe?“

„Sein Fell war schwarz.“

„Und seine Schnauze?“

„War gelb.“

„Ah, so war es nur ein Baribal, vor welchem Sie gar keine Angst zu haben brauchen.“

„Oho! es war ihm anzusehen, daß er Appetit nach Menschenfleisch hatte!“

„Glauben Sie das nicht. Der Baribal frißt viel lieber Früchte als Fleisch. Ich mache mich anheischig, es ohne alle Waffen mit so einem dummguten Tiere aufzunehmen. Einige kräftige Faustschläge, und es würde davonlaufen.“

„Ja, das sind Sie! Sie schlagen ja, wie Ihr Name sagt, eenen Menschen mit der Fauscht nieder. Ich aber bin viel zarter besaitet und möchte es ohne Waffen nich versuchen. Übrigens habe ich damals den Braten aus dem Pelz geschält und den letzteren gewaschen, ganz ebenso wie meinen Anzug, welcher durch den Lehm ganz feuerfescht geworden war. Die Reparatur der Wände ließ ich sein; ich mochte mit dem Inhalte der Grube nichts zu thun haben. Aber als der Norweger mit seiner Familie zurückkehrte, lagen die Bärenschinken im Pökel, und ich wurde außerordentlich gelobt, denn ich hütete mich gar wohl, sämtliche Umschtände des fatalen Abenteuers an die Öffentlichkeet gelangen zu – – halt! Was läuft da?“

Er war, wie bereits erwähnt, während des Erzählens von seinem Platze aufgestanden. Einige Steintrümmer lagen nahe hinter ihm, auf welche er getreten war. Dadurch hatte er ein Tierchen aufgescheucht, dessen Aufenthalt unter den Steinen gewesen war. Es kam heraus, huschte blitzschnell über den Platz hinweg und fuhr in die Öffnung eines hohlen Baumstumpfes, welcher in der Nähe stand. Die Bewegungen des Tieres waren so schnell gewesen, daß man nicht hatte sehen können, zu welcher Gattung es gehörte.

Einer war wie elektrisiert von dem kleinen Vorkommnisse, nämlich der Neger Bob. Er sprang auf, rannte nach dem Baumstumpfe hin und rief:

„Ein Vieh, ein Vieh, haben hier laufen, haben sich verstecken in Loch! Masser Bob haben sagen, daß er fangen mit Händen das erste Tier, was er sehen. Masser Bob wird holen Vieh aus Baum heraus.“

„Vorsicht, Vorsicht!“ warnte Old Shatterhand. „Du weißt ja gar nicht, was für ein Tier es gewesen ist!“

„O, es sein nur so klein!“

Er zeigte mit den beiden Spitzfingern die Länge des Tieres an.

„Ein kleines Geschöpf kann unter Umständen gefährlicher werden als ein großes.“

„Ein Opossum sein nicht gefährlich.“

„Hast du denn gesehen, daß es ein solches war?“

„Ja, ja. Masser Bob haben sehen Opossum ganz deutlich. Es sein fett, sehr fett und geben einen Braten sehr delikat, o, sehr delikat!“

Er schnalzte mit der Zunge und leckte die Lippen, als ob er den Braten bereits vor sich habe.

„Und ich denke, du irrst dich. Ein Opossum ist nicht so behend, wie dieses Tierchen war.“

„Opossum auch schnell laufen, sehr schnell. Warum Massa Shatterhand nicht gönnen Neger Bob den guten Braten!“

„Nun, wenn du gar so überzeugt bist, dich nicht geirrt zu haben, so thue, was du willst. Uns aber bleibe mit dem Gerichte vom Leibe!“

„Sehr gern vom Leibe bleiben! Masser Bob geben keinem Menschen vom Opossum. Er essen den Braten allein, ganz allein. Jetzt aufpassen! Er ziehen Opossum aus Loch heraus!“

Er streifte den rechten Ärmel empor.

„Nicht so, nicht so!“ sagte Old Shatterhand. „Du mußt das Tier mit der Linken ergreifen und in die Rechte das Messer nehmen. Sobald du die Beute ergriffen hast, ziehst du sie heraus und kniest schnell darauf. Dann kann das Tier sich nicht bewegen und wehren, und du schneidest ihm schnell die Kehle durch.“

„Schön! Das sein sehr schön! Masser Bob werden es so machen, denn Masser Bob sein ein großer Westmann und ein berühmter Jäger.“

Er streifte nun den linken Ärmel auf, nahm das Messer in die rechte Hand und griff dann in das Loch hinein, erst vorsichtig und zögernd, bis er, als er nichts fühlte, den Arm weiter hinter schob. Dann aber ließ er plötzlich das Messer fallen, stieß einen lauten Schrei aus, zog heftige Grimassen und fuchtelte mit dem freien, rechten Arme in der Luft herum.

„Heigh-ho, heigh-ho!“ rief er jammernd. „Das thun weh, sehr weh!“

„Was denn? Hast du das Tier?“

„Ob Masser Bob es haben? Nein, sondern es haben den Massa Bob.“

„O weh! Hat es sich in deine Hand verbissen?“

„Sehr, ganz sehr verbissen!“

„So zieh; zieh nur!“

„Nein, denn das thun sehr weh!“

„Aber drin lassen kannst du die Hand doch auch nicht. Wenn so ein Tier sich einmal verbissen hat, so läßt es nicht wieder los. Also zieh! Und wenn du es heraus bringst, so greifst du schnell auch mit der anderen Hand zu, um es festzuhalten, während ich ihm den Gnadenstoß versetze.“

Er zog sein langes Messer aus dem Gürtel und trat zu Bob an den Baum. Der Schwarze zog jetzt den Arm zurück, freilich nur sehr langsam und unter Zähnefletschen und schmerzlichem Wimmern. Das Tier ließ wirklich nicht los und wurde also bis an die Öffnung des Loches gezogen. Jetzt that der Neger noch einen raschen Ruck. Das Tier kam heraus und hing mit dem Gebiß an seiner linken Hand. Er erfaßte es mit der Rechten schnell am hinteren Körperteile, in der Erwartung, daß Old Shatterhand nun schnell das Messer gebrauchen werde. Aber anstatt dieses zu thun, sprang der Genannte schleunigst zurück und rief:

„Ein Skunk, ein Skunk! Fort, fort, ihr Leute!“

Mit diesem Namen wird das amerikanische Stinktier bezeichnet. Es ist ein etwa 40 cm langes, zu den marderartigen Raubtieren gehörendes Säugetier, hat einen fast ebenso langen zweizeilig behaarten Schwanz und eine aufgeschwollene Nase an dem spitzen Kopfe. Das Fell ist schwarz und mit zwei schneeweißen, an den Seiten getrennt fortlaufenden und auf der Schulter zusammenfließenden Längsstreifen versehen. Es lebt von Eiern, kleinen Tieren, wird aber auch dem Hasen gefährlich, geht nur des Nachts auf Raub aus und bringt die übrige Zeit in Erdlöchern und hohlen Bäumen zu.

Dieses Tier verdient seinen lateinischen Namen Mephitis mit vollem Rechte. Es hat nämlich unter dem Schwanze eine Hohldrüse, aus welcher es, wenn es angegriffen wird, zu seiner Verteidigung eine außerordentlich schlecht riechende, scharfe, gelb ölige Flüssigkeit ausspritzt. Der Gestank derselben ist wahrhaft furchtbar und haftet mehrere Monate lang an den Kleidern, welche von dieser Flüssigkeit getroffen wurden. Da das Skunk den Feind aus ziemlicher Entfernung mit diesem mephitischen Safte zu treffen vermag, so hält sich jeder, welcher das Tier genau kennt, möglichst entfernt von ihm; denn wer von dem Safte getroffen wird, kann sehr leicht in die Lage kommen, wochenlang von aller menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.

Also anstatt eines Opossum hatte Bob ein solches Stinktier gefangen. Die anderen Männer waren alle von ihren Plätzen aufgesprungen und eilten davon.

„Wirf es weg! Schnell, schnell!“ rief der dicke Jemmy dem Neger zu.

„Masser Bob nicht kann wegwerfen,“ jammerte der Schwarze. „Es haben sich einbeißen in seine Hand und –-oh, au –- au, oh! Faugh, o shamefulness, pfui Teufel! Jetzt haben es Masser Bob anspritzen. 0 Tod, o Hölle, o Teufel! Wie stinken Masser Bob! Kein Mensch kann aushalten! Masser Bob müssen ersticken. Fort, fort mit Tier, mit Pestilenzviehzeug!“

Er wollte es von der Hand abschütteln, aber es hatte sich so in dieselbe verbissen, daß alle seine Mühe vergeblich war.

„Wart! Masser Bob dich schon herunter bekommen, du swine-fell, du stinking racker!“

Er holte mit der rechten Faust aus und versetzte dem Tier einen kräftigen Hieb auf den Kopf. Dieser Hieb betäubte den Skunk, trieb aber die Zähne desselben noch tiefer in die Hand des Negers. Vor Schmerz laut brüllend, riß dieser sein Messer vom Boden empor und schnitt dem Tiere die Gurgel durch.

„So!“ rief er. „Jetzt haben Masser Bob gesiegt. Oh, Masser Bob sich nicht fürchten vor keinem Bären und vor keinem smelling beast. Alle Massers herkommen und sehen, wie Masser Bob haben tot gemacht ein reißend Tier!“

Aber sie hüteten sich wohl, ihm zu nahe zu kommen, denn er verbreitete einen so entsetzlichen Geruch, daß sich alle, die doch sehr entfernt von ihm standen, die Nase zuhielten.

„Nun, warum nicht kommen?“ fragte er. „Warum nicht feiern Sieg mit Masser Bob?“

„Kerl, bist du toll!“ antwortete der dicke Jemmy. „Wer kann dir zu nahe kommen! Du duftest ja noch viel schlimmer als die Pest!“

„Ja, Masser Bob riechen sehr schlecht. Masser Bob es selber auch schon merken! Oh, oh, wer kann aushalten diesen Duft!“

Er machte ein schreckliches Gesicht.

„Wirf doch das Vieh weg!“ rief Old Shatterhand.

Bob versuchte, dieser Weisung nachzukommen; es gelang ihm nicht.

„Zähne sind zu tief in Masser Bobs Hand. Masser Bob können nicht aufmachen Maul von Vieh!“

Er zog und zerrte unter Ach und Oh an dem Kopfe des Skunks herum, aber vergeblich.

Thunder-storm!“ schrie er zornig. „Skunk können doch nicht ewig hängen bleiben an Hand von Masser Bob! Sein denn niemand da, kein gut, liebevoll Mensch, der wollen helfen armen Masser Bob?“

Das erbarmte den Sachsen. Sein mitleidiges Herz gab ihm das Wagni