The Home Of The Ghost

The home of the ghost

„My dearling, my dearling,
My love child much dear,
My joy and my smile
My pain and my tear!“

so klang das alte, liebe Tennessee-Wiegenlied in die stille Morgenluft hinaus. Es schien, als ob die Zweige der nahen Mandel- und Lorbeerbäume sich dazu im Takte neigten, und Hunderte von Kolibris zuckten wie farbige Funken um die alte Negerin, welche ganz allein am Wasser saß.

Die Sonne hatte sich soeben über den niedrigen Horizont erhoben, und ihre Strahlen strichen wie glänzende Brillantsträhne über das klare Gewässer dahin. Ein Königsgeier zog hoch oben in der Luft seine Kreise; unten am Ufer naschten mehrere Pferde wie gesättigte Feinschmecker von besonders saftigen Halmen des Delicacy-Grases, und auf der Spitze einer Cypresse saß die Drossel Mocking-bird, lauschte mit schief gehaltenem Köpfchen dem Gesange der Negerin und ahmte, als derselbe zu Ende war, die letzten Worte der Strophe mit einem laut schallenden „Mittir-mittir-mittir“ nach.

Über dem Gefieder niedriger Palmen, welche sich im Wasser spiegelten, breiteten hohe Zedern und Sykomoren ihre schützenden Wipfel, unter denen riesige, bunt schillernde Libellen nach Fliegen und anderen kleinen Insekten jagten, und hinter dem nahe am Wasser stehenden Häuschen zankte sich eine Schar von Zwergpapageien um die goldigen Körner des Maises.

Von außen konnte man nicht sehen, aus welchem Materiale das Häuschen erbaut worden war, denn sowohl seine vier Seiten als auch das Dach wurden vollständig überdeckt von dem dichten Gerank der weißen, rotfädigen Passionsblume, deren gelbe, süße, dem Hühnerei gleichende Früchte lebhaft aus der Fülle der gelappten Blätter hervorleuchteten. Das alles machte den Eindruck der Tropen. Man hätte meinen können, sich in einem Thale von Südmexiko oder des mittleren Boliviens zu befinden, und doch lag dieser kleine See mit seiner Passiflorenhütte und seiner südlichüppigen Vegetation nirgends anderswo als – – – inmitten der gefürchteten Llano estakata. Er war das geheimnisvolle Wasser, von welchem so viele gesprochen hatten, ohne es jemals gesehen zu haben.

„My heart-leaf, my heart-leaf,
My life and my star,
My hope and my delight,
My sorrow, my care!“

sang die Schwarze weiter.

„Mikkehr-mikkehr-mikkehr,“ ahmte der Spottvogel die beiden letzten Worte nach.

Aber die Sängerin achtete nicht auf ihn. Sie hatte die Augen auf eine alte Photographie gerichtet, welche sie in den beiden Händen hielt und zwischen den einzelnen Versen küssend an ihren welken Mund führte.

Viele, viele Thränen waren auf das Bild gefallen, und ebenso viele Küsse hatten es so verwischt, daß nur ein sehr scharfes Auge noch zu erkennen vermochte, wen oder was das Bild vorgestellt hatte, nämlich eine Negerin mit einem schwarzen Knäbchen im Arme. Der Kopf des letzteren fehlte ganz; er war hinweggeküßt und von den Thränen hinweggewaschen worden.

„Du sein mein gut, lieb Bob!“ sagte sie in zärtlichem Tone. „Mein Little-Bob, mein Small-Bob. Ich deine Mutter. Missus gut und freundlich gewesen, haben machen lassen ihr Bild, und als Photograph kommen, haben auch machen lassen Bild von Sanna und ihr klein Bob, dann als Missus sterben‘ Massa haben verkaufen Bob, und Mutter Sanna nur noch haben Bild von Bob. Es haben behalten, als selbst verkauft werden; es haben auch behalten, als gut Massa Bloody-Fox sie haben bringen hierher, und es werden behalten ferner, bis alt Sanna sterben und nicht wiedersehen Bob, der wohl sein worden indessen ein groß, stark Nigger und auch nicht haben vergessen sein brav, lieb Mutter Sanna. O, my dearling, my dearling, my joy and my –-.“ Sie hielt inne und erhob lauschend den Kopf, dessen schneeweißes, wolliges Haar seltsam gegen die dunkle Farbe des Gesichtes abstach. Das Geräusch eines Kommenden ließ sich hören. Sie sprang auf, steckte die Photographie in die Tasche ihres Kalikorockes und rief –

„O Jessus, Jessus, wie Sanna sich freuen! Fox kommen endlich wieder. Gut Bloody-Fox wieder da. Ihm gleich geben Fleisch und backen Kuchen von Mais!“

Sie eilte nach dem Häuschen, hatte dasselbe aber noch nicht erreicht, als der Genannte unter den Bäumen erschien. Er sah sehr blaß und angegriffen aus; sein Pferd schwitzte am ganzen Körper und hatte einen müden, stolpernden Gang. Beide mußten ungewöhnlich angegriffen sein.

Welcome, Massa!“ empfing ihn die Alte. „Sanna gleich bringen Essen; Sanna schnell machen!“

„Nein, Sanna,“ antwortete er, indem er sich aus dem Sattel schwang. „Fülle die Schläuche, alle, alle! Das ist das Notwendigste, was jetzt geschehen muß.“

„Warum Schläuche? Für wen? Warum Massa Fox nicht essen? Er doch haben müssen ein sehr groß Hunger!“

„Allerdings habe ich den; aber ich werde mir selbst nehmen, was ich brauche. Du hast keine Zeit dazu. Du mußt die Schläuche füllen, mit denen ich augenblicklich aufbrechen werde.“

„Jessus, Jessus! Schon wieder fort? Warum alt Sanna stets ganz allein lassen mitten in groß, weit Estakata?“

„Weil sonst ein ganzer Zug fremder Einwanderer verschmachten muß. Diese Leute sind von den Geiern irre geführt worden.“

„Warum haben Massa Fox sie nicht besser führen?“

„Ich konnte nicht an sie, denn sie werden von so zahlreichen Geiern umschwärmt, daß ich dem sichern Tode verfallen wäre, wenn ich es gewagt hätte, die Kette zu durchbrechen, welche sie bilden.“

„So werden töten sie die arm, gut Emigrant!“

„Nein. Es kommen kühne und starke Jäger von Norden her, auf deren Hilfe ich mit Sicherheit rechne. Aber was nützt diese Hilfe, wenn kein Wasser vorhanden ist! Die Emigranten würden verschmachten, obgleich sie von den Geiern befreit worden wären. Also Wasser, Wasser, Sanna, und zwar schnell! Ich belade sämtliche Pferde mit den Schläuchen. Nur den Rappen hier muß ich zurücklassen. Er ist zu sehr ermüdet.“

Fox ging nach dem Häuschen und trat durch die von den Passifloren eng umrahmte Thür. Das Innere bestand aus einem einzigen Raume. Die vier Wände waren aus Schilf und aus dem feinem Schlamm des kleinen Sees errichtet und mit langem, trockenem Rohr gedeckt. Über einem aus Erde gebauten Herde öffnete sich der ebenso aus Schilf und Schlamm bestehende Rauchfang, unter welchem ein eiserner Kessel hing. In jeder der drei anderen Wände gab es ein kleines Fenster, weiches von dem Blumengerank frei gehalten wurde.

Unter dem Dache hingen Stücke geräucherten Fleisches und an den Wänden alle Arten von Waffen, welche in dem Westen zu sehen und zu haben sind. Der Fußboden war mit Fellen belegt. Die zwei Bettstellen bestanden aus an Pfählen befestigten Riemen, über welche Bärenfelle gebreitet waren. Den größten Schmuck der Stube bildete die dickzottige Haut eines weißen Büffels, an welcher der Schädel gelassen worden war. Sie hing der Thür gegenüber, und zu beiden Seiten von ihr steckten wohl über zwanzig Messer in der Wand, in deren Horn- oder Holzgriffen verschiedene Zeichen eingeschnitten waren.

Ein Tisch, zwei Stühle und eine Leiter, welche bis zur Decke reichte, bildete das ganze Ameublement des Passiflorenhäuschens.

Bloody-Fox trat zu dem Felle, strich mit der Hand an demselben herab und sagte zu sich:

„Die Uniform des „Geistes“, daneben die Messer der Mörder, die von seiner Kugel fielen –– sechsundzwanzig schon. Wann aber werde ich den entdecken, der mehr als sie alle den Tod verdient? Vielleicht nie! Pshaw, noch hoffe ich, denn der Bösewicht pflegt von seinem Gewissen immer und immer wieder zur Stätte des Verbrechens zurückgetrieben zu werden. Jetzt muß ich eine Viertelstunde lang ruhen.“

Er warf sich auf das eine Lager und schloß die Augen, doch nicht, um zu schlafen. Was für Bilder mochten an der Seele dieses noch so jungen Mannes vorüberziehen!

Nach Verlauf einer halben Stunde kam die Negerin Sanna herein und meldete ihm, daß die Schläuche gefüllt seien. Er sprang vom Lager und hob eins der am Boden liegenden Felle auf. Unter demselben gab es eine kleine, verdeckte Vertiefung, aus der er ein mit Blech ausgeschlagenes Kistchen nahm. Es enthielt Munition, von welcher er den an seinem Gürtel hängenden Beutel füllte. Dann stieg er auf der Leiter zur Decke empor, um sich mit Fleisch zu versehen. Als dies geschehen war, ging er hinaus an den See, an dessen Ufer acht große, mit Wasser gefüllte Lederschläuche lagen, von denen je zwei und zwei durch einen breiten Ledergurt und mehrere Riemen verbunden waren, Mit dem Inhalte dieser Schläuche hatte Bloody-Fox schon manchen verirrten Reisenden vom Tode des Verschmachtens errettet.

Fünf Pferde waren es, welche sich am kleinen See befunden hatten. Eins von ihnen bekam den Reitsattel aufgelegt, welchen Fox dem ermüdeten Rappen abnahm; die anderen bekamen die Schläuche zu tragen, und zwar in der Weise, daß ihnen der Gurt auf den Rücken und rechts und links je ein Schlauch zu liegen kam und die Vorrichtung dann mittels der, Riemen befestigt wurde. Die Pferde wurden aneinandergehängt, das eine mit dem Zügel an den Schwanzriemen des anderen, so daß das Reitpferd als vorderstes kam; dann stieg Bloody-Fox in den Sattel.

Die Negerin hatte bei diesem Arrangement mit kundiger Hand geholfen; es war heute nicht zum erstenmal. Jetzt sagte sie:

„Massa Fox kaum da, schon gleich gehen wieder in Gefahr! Was werden aus alt, arm Sanna, wenn Massa Fox mal werden schießen tot und nicht wiederkommen?“

„Ich komme wieder, hebe Sanna,“ antwortete er. „Mein Leben steht unter einem mächtigen Schutze. Wäre das nicht der Fall, so lebte ich längst nicht mehr; das glaube mir!“

„Aber Sanna stets so ganz allein! Gar niemand haben, mit dem sie reden, als nur Pferd und Papageien und Bild von Little-Bob!“

„Nun, vielleicht bringe ich bei meiner diesmaligen Wiederkehr Gesellschaft mit. Ich treffe mit Männern zusammen, denen ich mein Home gern zeigen werde, obgleich ich es bisher geheim gehalten habe. Es ist auch ein Neger dabei, welcher Bob heißt, gerade so wie dein Dearling-Boy.“

„Nigger Bob? O Jessus, Jessus! Haben er wohl eine Mutter, welche Susanna heißen, aber Sanna genannt werden?“

„Das weiß ich nicht.“

„Sein er verkaufen aus Tennessee nach Kentucky?“

„Ich habe ihn nicht gefragt.“

„Am End es sein mein Little-Boy!“

„Was fällt dir ein! Tausend Niggers heißen Bob. Wie kannst du denken, daß gerade dieser der deinige sei! Mache dir nicht solche Gedanken! Vielleicht bringe ich ihn mit, und dann kannst du mit ihm selbst sprechen. Lebe wohl, Sanna; pflege den Rappen gut!“

„Leben wohl, Massa! O Jessus, Jessus, nun Sanna wieder allein! Bringen mit Nigger Bob, bringen mit!“

Er nickte ihr freundlich zu und setzte dann seine Tropa in Bewegung, mit welcher er schnell unter den Bäumen verschwand.

Die Cypressen, Cedern und Sykomoren am Wasser waren alte Bäume; die Mandel- und Lorbeerbäume aber hatte Bloody-Fox gepflanzt, ebenso das Wäldchen von Kastanien, Mandeln und Orangen, durch welches er jetzt ritt. Dann folgte ein Streifen dichter, schnell wachsender Sträucher, welche bestimmt waren, Wind und Sand von der kleinen Oase abzuhalten. Der junge Mann hatte vom See her schmale Gräben gezogen, um dieses Buschwerk zu bewässern, welches, wo die Feuchtigkeit des Bodens aufhörte, schnell in an der Erde hinkriechende Kaktusarten überging, bis dann die kahle, vegetationslose Sandfläche der Llano folgte.

Hier angekommen, wo er die notwendige Schnelligkeit entfalten konnte, setzte er seine Tropa in Galopp, so daß sie bald als dunkler Punkt am fernen Horizonte verschwand – – – – – – Einen halben Tagesritt im Nordwesten der Passiflorenhütte bewegte sich um die Mittagszeit desselben Tages ein ansehnlicher Reitertrupp in nordöstlicher Richtung durch die Llano estakata. Voran ritt Winnetou mit dem Häuptling der Komantschen, hinter ihnen der Bärenjäger mit Martin, seinem Sohn; dann folgten nebeneinander Ben New-Moon, Porter, Blount und Falser, und den Zug beschlossen die Krieger der Komantschen.

Sie ritten so schweigsam, als ob sie jeden Laut mit dem Leben eines der Ihrigen bezahlen müßten. Die Auge der Hinteren schweiften suchend nach links und rechts oder forschend über den vor ihnen liegenden Horizont, meist aber waren sie auf die beiden Anführer, besonders auf Winnetou gerichtet, welcher so im Sattel saß, daß er zur Seite tief vom Pferde herniederhing, und die Fährte, weicher sie folgten, genau beobachten konnte.

Das war die Spur der Brüder Cortejo, welcher sie bisher gefolgt waren, und von welcher sie sich nach der Murding-Bowl leiten lassen wollten.

Da hielt Winnetou plötzlich sein Pferd an und sprang aus dem Sattel. Dem Boden, welcher aus leichtem Sande bestand, waren weit mehr Spuren aufgedrückt als bisher. Es sah ganz so aus, als ob mehrere Reiter hier ein Ringelrennen abgehalten hätten. Es waren nicht nur Huf-, sondern auch Fußspuren zu sehen. Die Reiter, welche hier gewesen waren, hatten den Sattel verlassen, um irgend eine sichtbare Fährte genau in Augenschein zu nehmen.

Während die anderen hielten, untersuchte Winnetou jeden Schritt breit der aufgewühlten Stelle. Dann ging er langsam und vornüber gebeugt eine ganze Strecke nach rechts hin. Als er zurückkehrte, sagte er zum Häuptling der Komantschen, so daß alle es hören konnten:

„Hier sind die beiden Bleichgesichter auf eine Fährte gestoßen und abgestiegen, um dieselbe zu lesen. Die Spur stammt von fünf Pferden, welche zusammengebunden gewesen sind, eins hinter dem anderen. Hätten mehrere Reiter auf diesen Pferden gesessen, so wären dieselben nicht aneinander gefesselt gewesen; also war es eine Tropa von fünf Tieren mit nur einem Reiter, welcher auf dem vordersten saß. Dieser Reiter ist mit seinem Zuge vor drei Stunden hier vorübergekommen. Die beiden Weißen, welche sich Mexikaner nannten, sind vor zwei Stunden auf seine Spur gestoßen und ihr gefolgt. Mein Bruder der Komantschen mag die Spuren ansehen, deren Kanten teils noch scharf, teils schon eingefallen sind. Er wird auch sagen, daß sie nicht mehr und nicht weniger als mindestens zwei und höchstens drei Stunden alt sind.“

Der Komantsche stieg vom Pferde, um nun seinerseits die Fährte zu untersuchen. Als er das gethan hatte, stimmte er Winnetou vollständig bei.

Nun stieg auch Baumann, der Bärenjäger, ab. Tief zur Erde niedergebückt, bewegte er sich langsam rund um den Platz und dann auch nach rechts hin, und zwar weiter, als Winnetou gekommen war. Dort kauerte er sich nieder, als ob er eine Stelle genauer betrachten wolle. Dann gab er Winnetou einen Wink und sagte, als dieser zu ihm kam, in den Sand deutend:

„Der Häuptling der Apachen wird sehen, daß der Reiter hier abgestiegen ist. Warum mag er das gethan haben?“

Winnetou blickte der Fährte nach rechts hin nach und antwortete:

„Der Mann ist ein Bleichgesicht, wie ich an seinen Füßen sehe. Sein Alter ist das eines jungen Mannes. Er hat Wasser verloren, wie man neben der Spur der Pferde sieht. Von hier an hat dieser Verlust nicht mehr stattgefunden. Also ist er hier abgestiegen, um das Faß oder den Schlauch, den er bei sich gehabt hat und welcher ausgelaufen ist, zu verschließen.“

„Meint mein roter Bruder, daß es nur ein Faß oder Schlauch gewesen sei?“

„Nur eins war es, welches auslief, aber er hat deren acht bei sich gehabt. Zwei werden auf jedes Tier geladen; auf einem Pferde hat er gesessen, fünf aber waren es, folglich haben hinter ihm vier Pferde acht Schläuche getragen.“

„Wozu aber so viel Wasser? Für sich und sein Pferd braucht er es nicht.“

„Nein. Er muß nach einem Orte geritten sein, wo viele es brauchen. Entweder ist er ein Geier, welcher die anderen Raubtiere tränken soll, oder er ist ein ehrlicher Mann, welcher andere ehrliche Leute laben will. Er muß wissen, daß solche Leute vorhanden sind. Wer können diese sein?“

„Vielleicht der Zug der Weißen, welcher überfallen werden soll?“

„Mein Bruder hat wohl das Richtige geraten. Wir wollen uns wieder aufsetzen und den beiden Fährten, welche hier in eine zusammenlaufen, schnell folgen.“

Sie stiegen wieder auf ihre Pferde und ritten in beschleunigtem Tempo den vereinigten Spuren nach, welche nun nicht mehr nach Nordost, sondern genau nach Norden führten.

Es gab nichts als Sand und immer wieder Sand, in welchem sich die Fährte scharf aussprach. Nur hier und da gelangten die Reiter an eine Stelle, an welcher der nackte Fels zu Tage trat; meist aber machte die Llano den Eindruck, als ob sie der Boden eines vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden ausgetrockneten großen Sees sei.

Zuweilen erblickten sie links oder rechts von sich in der Ferne graubräunliche Streifen am Horizonte, welche dort liegende Kaktusstrecken markierten, durch welche niemand reiten konnte.

So ging es weiter und immer weiter.

Die Spuren, denen man folgte, wurden jünger und immer jünger, ein sicheres Zeichen, daß man denen, welchen man folgte, immer näher kam.

Als der Nachmittag fast vergangen war, erreichte die Truppe eine Stelle, an welcher die Spuren sich abermals vervielfachten, doch nicht weil neue dazu gekommen waren, sondern weil hier angehalten worden war. Winnetou stieg vom Pferde, um den Platz zu untersuchen. Er ging eine Strecke weit nach Nord und dann, als er zurückgekehrt war, ebensoweit nach Ost und sagte dann, als er wieder bei den anderen eintraf:

„Der Mann mit dem Wasser ist gerade nach Nord geritten; die beiden Mexikaner haben hier überlegt, ob sie ihm folgen Sollen, sind aber nach Sonnenaufgang geritten. Wem folgen wir?“

„Mein Bruder wird das am besten bestimmen können,“ antwortete der Anführer der Komantschen.

„So will ich meine Meinung sagen. Diejenigen, zu denen der junge Mann will, befinden sich im Norden. Er ist ein guter Mensch, da seine Spur eine andere als diejenige der Mexikaner ist. Wir könnten ihm folgen,‘ um ihn zu warnen. Da aber die Weißen so scharf von seiner Fährte abgebogen sind, muß sich die Murding-Bowl hier in der Nähe befinden. Sie sind hingeritten, um die Geier zu treffen, um sie zu benachrichtigen, daß sie die Spur des Mannes mit dem Wasser gesehen haben. Man wird ihm nacheilen, um ihn zu verhindern, denjenigen, welche er retten will, Wasser zu geben. Seine Fährte ist so jung, daß wir ihn einholen können, bevor es Abend geworden ist. Nun mögen meine Brüder wählen, was wir thun sollen. Wollen wir dem Manne mit dem Wasser folgen, um ihm beizustehen, oder wollen wir nach der Murding-Bowl, um die Geier dort festzunehmen, daß sie ihm nichts anhaben können? Im ersteren Falle werden sie von ihm ablassen, wenn sie uns bei ihm sehen, und uns also vielleicht entgehen. Im letzteren Falle aber ergreifen wir sie wahrscheinlich, und dann steht es uns immer noch frei, ihm nachzureiten und mit ihm zu den weißen Männern zu kommen, welche er aufsuchen will.“

Er hatte ihnen mit diesen Worten die Angelegenheit so klar gemacht, daß eine lange Auseinandersetzung gar nicht notwendig war. Die Komantschen verhielten sich überhaupt schweigend und zuwartend, ihr Anführer ausgenommen. Dieser besprach sich ganz kurz mit den sechs Weißen und erklärte dann dem Apachen:

„Wir werden nach der Murding-Bowl reiten und also der Fährte der beiden Mexikaner folgen. Ist das meinem roten Bruder recht?“

Winnetou nickte zustimmend und lenkte in die nach Osten führende Fährte ein. Hätte er sein Pferd und mit demselben diejenigen seiner Gefährten angestrengt, so wäre es ihm wohl gelungen, die Mexikaner schnell einzuholen; doch lag dies keineswegs in seiner Absicht. Je eher er die beiden erreichte, desto weniger durfte er hoffen, zu erfahren, wo sich die Murding-Bowl befand. Es lag ihm sehr viel daran, diesen Ort zu sehen; darum behielt er einstweilen nur diejenige Schnelligkeit bei, welche, wie aus den Spuren zu ersehen war, die beiden Verfolgten eingehalten hatten. – – – –

Etwas mehr als einen vollen Tagesritt nordöstlich von dem Passiflorenhäuschen entfernt bewegte sich eine lange Schlange, nicht in Windungen, sondern als gerade Linie durch den dort sehr tiefen Sand der Estakata. Das Wort Schlange ist hier bildlich gemeint, denn die langgestreckte Linie bestand aus wohl an die zwanzig Ochsenwagen, welche in gewissen Abständen hintereinander fuhren und von bewaffneten Reitern begleitet wurden.

Die Wagen waren stark gebaut und jeder mit sechs oder acht Ochsen bespannt, welche die schweren Lasten nur langsam vorwärts schleppten. Die Tiere waren müde und außerordentlich erschöpft. Auch den Pferden, auf welchen die Reiter saßen, sah man es an, daß sie die letzteren kaum noch zu tragen vermochten. Die Zungen hingen ihnen aus den Mäulern; ihre Weichen schlugen, und ihre Beine zitterten im Vorwärtsschreiten.

Auch die Wagenführer gingen ermattet neben den stolpernden Stieren her. Sie senkten die Köpfe und schienen kaum die Kraft zu besitzen, ihre riesigen Peitschen schwingen zu können, um die Zugtiere zu einer letzten Anstrengung anzutreiben. Menschen und Tiere machten den Eindruck einer Karawane, welche dem Verschmachten nahe ist.

Nur das Pferd des voranreitenden Führers zeigte eine Frische der Bewegungen, welche auf keine Ermattung schließen ließ. Der Reiter aber saß gerade so schwer nach vorn gebeugt wie die anderen im Sattel, als ob er ebenso wie sie unter dem entsetzlichen Wassermangel zu leiden habe; aber wenn eine der Frauen oder eins der Kinder, welche in den Wagen saßen, einen Klageruf ertönen ließ, so richtete er sich unwillkürlich kräftig auf, und um seinen lippenlosen Mund spielte ein Lächeln teuflischer Befriedigung.

Dieser Mann war kein anderer als Tobias Preisegott Burton, der fromme Missionär der Mormonen, welcher die Aufgabe übernommen hatte, die ihm Anvertrauten dem sicheren Verderben entgegenzuführen.

jetzt gab der vorderste Reiter seinem Pferde die Sporen, daß es ihn durch eine außerordentliche Anstrengung an Burtons Seite brachte.

„Sir,“ sagte er, „es kann nicht länger so fortgehen! Wir Menschen haben seit vorgestern keinen einzigen Schluck bekommen, weil wir das letzte Wasser für unsere Tiere aufheben mußten. Und das ist seit gestern früh zu Ende, da die letzten beiden Fässer ganz unbegreiflicherweise ausgelaufen sind.“

„Das macht die Hitze,“ erklärte Burton. „Die Faßdauben schlossen nicht mehr, weil sie von der Hitze gezogen wurden.“

„Nein, Sir. Ich habe die Fässer untersucht. Solange noch Wasser im Fasse ist, schließen die Dauben fest. Sie sind angebohrt worden, so daß das Wasser während der Nacht leise und unbemerkt auströpfeln konnte. Wir haben einen Menschen unter uns, welcher uns verderben will.“

„Unmöglich! Wer heimlich das Wasser laufen läßt, muß doch selbst verschmachten!“

„Das habe ich mir selbst gesagt, aber dennoch ist es so. Ich habe es für mich behalten und keinem ein Wort gesagt um die allgemeine Sorge nicht zu vergrößern. Ich habe ferner jeden einzelnen heimlich beobachtet, aber nichts gefunden, woraus ich schließen könnte, wer es gewesen ist. Die Tiere verschmachten; sie können kaum mehr vorwärts; die Frauen klagen, und die Kinder schreien nach Wasser – vergeblich, denn es ist kein einziger Tropfen mehr vorhanden. Schaut in die Höhe! Dort oben schweben die Geier, als ob sie wüßten, daß wir ihnen bald zur Beute fallen werden. Seid Ihr auch gewiß, daß wir uns auf dem richtigen Wege befinden?“

Burton selbst war es gewesen, welcher während der Nacht die beiden Fässer angebohrt hatte. Dabei hatte er getrunken und auch seinem Pferde zu trinken gegeben. Ferner hatte er die große Blechkapsel gefüllt, welche, vorsichtig in ein Fell gebunden, hinter seinem Sattel angeschnallt war, damit er nach hereingebrochener Dunkelheit sich und das Pferd heimlich erquicken könne.

„Natürlich!“ antwortete er, indem er auf die Stangen deutete, welche in gewisser Entfernung voneinander im Sande steckten. „Da sehen Sie ja unsere Wegweiser, auf welche wir uns mit Sicherheit verlassen können.“

„Mit Sicherheit? Wir alle haben gehört, daß diese Stangen von den Geiern der Llano zuweilen ausgezogen und in einer Richtung eingesteckt werden, welche den Reisenden zum Tode des Verschmachtens führt.“

„Ja, das ist früher vorgekommen; jetzt aber geschieht es nicht mehr, da man diesen Halunken das Handwerk gelegt hat. Übrigens kenne ich die Gegend sehr genau und weiß, daß es die richtige ist.“

„Ihr sagtet heute früh, wir befänden uns mitten im größten Schrecken der Llano. Warum hat man die Stangen gerade durch diese Gegend gesteckt? Anderwärts kämen wir wohl an eines der großen Kaktusfelder, deren Früchte so viel Feuchtigkeit enthalten, daß wir uns und unsere Tiere laben könnten.“

„Es würde das ein zu bedeutender Umweg sein. Um Euch zu beruhigen, will ich Euch die Versicherung geben, daß wir, wenn wir uns etwas mehr beeilen, am Abend ein solches Feld erreichen werden. Morgen kommen wir dann an eine Quelle, welche all unserer Not ein Ende macht.“

„Wenn wir uns mehr beeilen! Ihr seht ja, daß die Tiere unmöglich schneller vorwärts können!“

„So wollen wir halten, damit sie sich ausruhen können.“

„Nein, nein; das dürfen wir nicht. Halten wir einmal an, so sind sie dann nicht weiter zu bringen. Wenn sie sich einmal gelegt haben, stehen sie sicherlich nicht wieder auf. Wir müssen sie immer und immer antreiben, daß sie weiter wanken, bis wir den Kaktus erreichen, den Ihr erwähntet.“

„Ganz wir Ihr wollt, Sir! Ich schmachte nicht weniger als ihr, doch sehe ich zu meinem Troste, daß kurz vor uns noch andere auf demselben Wege geritten sind. Seht Euch die Spuren an, auf welche wir heute früh gestoßen sind! Das ist ein starker Reitertrupp, der sich schwerlich in diese Richtung wagen würde, wenn die Leute nicht wüßten, daß es die richtige ist. Wir haben nichts, gar nichts zu befürchten. Morgen um diese Zeit ist alles vorüber.“

Er hatte mit diesen Worten sehr recht, denn seiner Meinung nach sollte noch vor der angegebenen Zeit der beabsichtigte Angriff geschehen. Daß der erwähnte Reitertrupp aus seinen Genossen bestand, welche die Stangen in eine falsche Richtung gesteckt hatten, das sagte er freilich nicht. Er lachte heimlich in sich hinein, als der andere sich durch diese zweideutigen Worte beruhigt zeigte. –

. Zwischen dem mehrerwähnten Passiflorenhäuschen und der Murding-Bowl erstreckte sich ein mehrere Stunden langes und fast ebenso breites und undurchdringliches Kaktusfeld. Kein Pferd, kein Reiter konnte da hindurch. Das war der Grund, daß Bloody-Fox diese Richtung niemals eingeschlagen hatte und an die Bowl gekommen war. Er jagte am westlichen Rande dieses Feldes nach Norden. Wäre er dann am nördlichen Rande nach Ost gebogen, so hätte er unbedingt die Bodenvertiefung entdecken müssen, welche bereits so vielen verderblich geworden war. Aber er wußte diejenigen, welche er retten wollte, im Nordost von sich, und darum schlug er, als der Kaktus hinter ihm lag, diese Richtung ein.

Die Sonne brannte glühend hernieder. Er fühlte ihre Wärme belästigend durch seinen Anzug dringen. Seine Pferde schwitzten; aber er gönnte ihnen keine Ruhe. Unausgesetzt den Horizont musternd, ritt er weiter und immer weiter.

Jetzt tauchten da, wo im Nordost der Himmel sich mit der Erde zu vereinigen schien, eine Anzahl zerstreuter, dunkler Punkte auf.

„Das sind die Emigranten!“ rief er erfreut aus. „Ich wußte, daß sie von dorther kommen mußten. Ich treffe wohl gerade zur rechten Zeit auf sie.“

Er trieb sein Pferd durch die Sporen und die ihm folgenden Packtiere durch laute Zurufe an, daß sie im Sturme mit ihm über die Ebene flogen.

Zwar bemerkte er bereits nach kurzer Zeit, daß er nur Reiter aber keine Wagen vor sich habe, aber er glaubte, daß diese Leute den Vortrab der Auswanderer bildeten, und hielt infolgedessen gerade auf sie zu.

Erst als er ihnen ziemlich nahe gekommen war, fiel ihm nicht nur die bedeutende Anzahl dieser Reiter, sondern auch deren Verhalten auf. Sie hatten nun auch ihn bemerkt. Anstatt aber sein Nahen ruhig zu erwarten, teilten sie sich in drei Trupps. Der eine Trupp blieb halten; die beiden anderen ritten nach rechts und nach links ab, Bloody-Fox entgegen, als ob sie ihn umfassen und ihm die Rückkehr abschneiden wollten.

Das mußte ihn natürlich in seiner bisherigen guten Meinung irre machen. Er richtete sich hoch im Sattel auf und überblickte die Situation.

Heavens!“ rief er aus. „Es sind über dreißig Personen. So stark kann doch keine Vorhut von Auswanderern sein 1 Sie haben einige Lastpferde bei sich, welche mit Stangen beladen sind. All devils! Das sind die Llanogeier, denen ich gerade in die Fänge geritten bin! Sie wollen mich fassen. Mit so vielen kann ich es unmöglich aufnehmen. Ich muß also die Flucht ergreifen.“

Er wendete um und jagte zurück. Aber er konnte mit seinen aneinanderhängenden Pferden nicht die gewünschte Schnelligkeit entwickeln, zumal die Tiere bereits ziemlich ermüdet waren. Die Verfolger kamen ihm zusehends näher. Er trieb zwar sein Pferd so viel wie möglich an; es wurde aber durch die an ihm hängenden Lastpferde gehindert. Diese begannen sich zu sträuben. Sie zerrten an den Zügeln und Riemen; sie schlugen hinten und vom aus. Das gab einen Aufenthalt, welcher verhängnisvoll werden konnte, denn die vordersten der Verfolger befanden sich fast schon in Schußweite. Da riß der Schwanzriemen des Reitpferdes, an welchem der Zügel des ersten Lasttieres befestigt war, und die vier Wasser tragenden Rosse brachen seitwärts aus.

„Sie sind verloren, und das Wasser dazu!“ knirschte Fox. „Aber die Bezahlung nehme ich mir sofort.“

Er beruhigte sein Pferd und brachte es zum Stehen. Die Doppelbüchse anlegend zielte er – – ein Schuß, noch einer, und die beiden vordersten seiner Verfolger stürzten von ihren Pferden.

„So, nun vorwärts! jetzt kommen sie mir wohl nicht wieder nahe. Ich kann nun für die Schmachtenden nichts anderes thun, als daß ich Old Shatterhand zu finden suche und ihn auf ihre Fährte bringe.“

Während er diese Worte zornig ausstieß, galoppierte er in nördlicher Richtung davon. Die „Geier“ folgten ihm noch eine Strecke unter wütendem Geschrei; als sie jedoch einsahen, daß sein Pferd jetzt den ihrigen überlegen sei, kehrten sie um, nach der Stelle, an welcher die beiden Erschossenen lagen.

Und abermals ungefähr einen Tagesritt von dem Passiflorenhäuschen entfernt, aber in nördlicher Richtung von demselben, gab es endlich noch einen Reitertrupp, welcher sich nach Süd bewegte. Stark war er nicht durch die Zahl, sondern durch die Intelligenz der Männer, welche ihn bildeten, nämlich Old Shatterhand und seine Begleiter.

Sie folgten einer tief in den weichen Sand getretenen Fährte. Es war diejenige der „Geier“, welche die Richtung nach der Karawane eingeschlagen hatten, um vor derselben die Pfähle auszureißen und in der Richtung nach der Murding-Bowl wieder in den Sand zu stecken.

Old Shatterhand ritt, wie gewöhnlich, voran; er hatte Eisenherz, den jungen Komantschen, neben sich. Jim und Tim Snuffle folgten ihnen. Hinter diesen ritt der Hobble-Frank mit dem dicken Jemmy. Den Schluß bildeten die übrigen.

Old Shatterhand verhielt sich schweigend. Er ließ die Fährte und den Punkt des Horizontes, nach welchem dieselbe zeigte, kaum einen Augenblick aus dem Auge. Nur diese Beobachtung schien ihn zu beschäftigen.

Um so weniger still verhielten sich die anderen, und Frank war der Lauteste von ihnen. Das Gespräch bewegte sich um einen Gegenstand, für den er ein lebhaftes Interesse empfand und über welchen sein Nebenmann eine andere Meinung geäußert zu haben schien, denn der kleine Sachse äußerte in zornigem Tone:

„In wissenschaftlichen Angelegenheeten biste schtets off dem Holzwege oder gar off dem idealen Knüppeldamme; das is doch eene alte Weste! Hättste nich grad mich getroffen, so schtäckste noch heut bis an die schteifen Vatermörder im bornierten Sumpfe und ernährtest deine dunkle Seele mit Sauerampfer und einmarinierten Krötenschenkeln. Waste bist, das habe nur ich aus dir gemacht. Nur meine intellektuelle Buttermilch is es gewesen, durch welche dein schwacher Kopf seine gegenwärtige Geistesschtärke erhalten hat. Darum habe ich das juristikalische Recht, von dir zu verlangen, daß du meine überlegene Rosinante anerkennst. So eene Meenung, wie die deinige, is doch geradezu unerhört! Die Leuchtkugel, welche wir gesehen haben, soll aus dem Firmament gekommen sein! Als ob das Firmament nichts weiter zu thun hätte, als deine dunklen Seelenzuschtände mit glühenden Kugeln und Raketen zu beschtrahlen!“

„So sage uns doch deine Erklärung!“ forderte Jemmy ihn lachend auf.

„Fällt mir gar nich ein!“

„Warum nicht?“

„Weil ich dich dadurch abermals um eenige Grade nach Celsius gescheiter machen würde, ohne daß du es dankbar anerkennst.“

„Oder weil du selbst keine Erklärung weißt!“

„Oho! Ich kann, wie König Salomo, alle Dinge erklären, von der Ceder an bis zum Sirup herunter. Und so eene Leuchtkugel is mir erst recht schnuppe. Sie verdankt ihre Entschtehung eener schwefelhaften Vermählung zwischen dem Phosphor und denjenigen Feuerschwämmen, welche zuweilen …“

Er wurde von einem Ausrufe Old Shatterhands unterbrochen. Dieser letztere deutete mit seiner ausgestreckten Hand nach Süden und sagte:

„Dort kommt ein Reiter, ein einzelner Mann. So ganz allein hier zu reiten, dazu gehört eine große Kühnheit und eine außerordentliche Kenntnis der Llano estakata.“

„Wer mag er sein?“ fragte Tim. „Er scheint sich so schnell wie möglich von außen herum an uns heranschlängeln zu wollen.“

Old Shatterhand hielt sein Pferd an, zog sein Fernrohr aus der Satteltasche, richtete es auf den Reiter, welcher im gestreckten Galopp näher kam, ließ es dann wieder sinken und sagte im Tone der Freude:

„Es ist der Bloody-Fox, der uns so lang entschwunden war. Erwarten wir ihn hier!“

Nach kurzer Zeit erkannte Fox die einzelnen Personen der Truppe. Er schwenkte den Arm zum Gruße und rief bereits von weitem:

„Welch ein Glück, daß ich euch treffe, Mesch’schurs! Ich muß um eure schnelle Hilfe bitten.“

„Für wen?“ fragte Old Shatterhand.

„Für einen Zug von meist deutschen Auswanderern, welche höchst wahrscheinlich noch heute nacht von den Geiern überfallen werden sollen.“

Bei diesen Worten war er herangekommen, hielt sein Pferd an und reichte den Männern die Hand zum Gruße.

„Jedenfalls dieselben, welche wir suchen,“ nickte Old Shatterhand. „Wo sind sie?“

„Im Südost von hier. Sie scheinen gerade auf das große Kaktusfeld zuzuhalten.“

„Das kenne ich nicht.“

„Es ist das größte der ganzen Llano. Ich habe über dreißig Geier gezählt und zwei von ihnen erschossen. Sie haben die Stangen ausgezogen und stecken sie in der Richtung nach dem Kaktus wieder ein. Dort ist kein Hindurchkommen möglich. Daraus kann man mit Sicherheit schließen, daß die Emigranten da ausgelöscht werden sollen.“

„Wie weit haben wir zu reiten, um die Leute einzuholen?“

„Im Galopp über drei Stunden lang.“

Well, dann vorwärts! Wir wollen keine Zeit verlieren. Sprechen können wir auch während des Reitens.“

Nun jagte die kleine Schar wie im Sturme über die Ebene dahin. Bloody-Fox hielt sich an Old Shatterhands Seite und erzählte ihm sein Zusammentreffen mit den „Geiern“ und den Verlust seiner vier Pferde. Der Jäger sah ihn von der Seite an und sagte mit einem bezeichnenden Lächeln:

„Fünf Pferde habt Ihr, Fox? Hm! Hier mitten in der Llano? Ist auch dasjenige dabei, auf welchem da kürzlich der Avenging-ghost an uns vorüberritt?“

„Ja, Sir,“ nickte Fox.

„Dachte es mir!“

„Das Geheimnis ist ja doch nicht mehr festzuhalten, da Ihr auf alle Fälle nun mein Geisternest zu sehen bekommt. Auch werde ich nicht mehr nötig haben, Komödie zu spielen, da es uns nun hoffentlich gelingen wird, die ganze Bande bis auf den letzten Mann auszurotten. Es fehlt mir nur noch einer, einer, einer!“

„Welcher?“

„Der Anführer von damals, als ich allein von allen übrig blieb.“

„Wer weiß, wo seine Gebeine schon längst bleichen. Fox, Ihr seid trotz Eurer Jugend doch ein wahrer Held. Ich habe Respekt vor Euch. Später mögt Ihr uns einmal alles ausführlich erzählen. Schon jetzt aber weiß ich, was für ein Mann Ihr seid und mit welchen Gefahren Ihr siegreich gerungen habt. Aber da Ihr so viele Pferde besitzet und so nach Belieben kommen und verschwinden konntet, so müßt Ihr unbedingt inmitten der Llano estakata einen Platz haben, an welchem es Wasser, Bäume, Gras und Früchte gibt.“

„Den habe ich allerdings. Ich wohne an einem kleinen See jenseits des großen Kaktuswaldes.“

„Ah, gar ein See? So hatte also die alte Überlieferung keine Unwahrheit gesagt! Bitte, beschreibt mir doch einmal den Platz!“

Bloody-Fox that das. Niemand hörte es als Old Shatterhand, und dieser beschloß, dieses Geheimnis jetzt noch nicht preiszugeben.

Nach längerer Zeit erhielten die Pferde die Erlaubnis, langsamer gehen zu dürfen, da man sie nicht allzusehr anstrengen durfte; dann aber mußten sie wieder galoppieren.

Eben als die Sonne unterging, erreichte man die Wagenfährte, der man nun gerade nach Süden zu folgte. Das war nicht schwer, da bald die dünne Sichel des Mondes sich erhob, welche einen genügenden Schein verbreitete. Dann, als man ungefähr noch eine Stunde geritten war, hielt Old Shatterhand plötzlich sein Pferd an, deutete nach vorn und sagte:

„Da sind die Auswanderer. Man sieht ihre Wagenburg. Bleibt hier halten. Ich werde mich einmal anschleichen und euch dann Nachricht bringen.“

Er stieg vom Pferde und huschte fort. Es währte wohl eine halbe Stunde, bevor er zurückkehrte. Dann meldete er:

„Es sind zwölf große Ochsenwagen zu einem Vierecke zusammengeschoben, inmitten dessen die Leute sitzen. Sie haben weder etwas zu essen und zu trinken, noch Material zu einem Feuer. Sie sind von ihrem Führer verraten, sonst müßten sie das alles haben. Die Ochsen liegen stöhnend am Boden; sie sind dem Verschmachten nahe und können morgen früh jedenfalls nicht auf. Das wenige Wasser, welches wir bei uns haben, reicht nicht einmal für die Menschen aus. Um die Tiere zu retten, müssen wir ihnen unbedingt Regen schaffen.“

„Regen?“ fragte Hobble-Frank. „Meenen Sie etwa, daß Sie es hier mitten in der Llano regnen lassen können?“

„Jawohl!“

„Wie? Was? Wirklich? Das geht mir doch fast über die Hutschnur. Sie sind zwar een höchst obligater Mann, aber daß Sie so nach Belieben Wolken hersäuseln können, das hab‘ ich Ihnen, weeß Knöppchen, doch noch nich zugetraut. Wer is denn Ihr Wolkenschieber?“

„Die Elektrizität. Ich habe keine Zeit, Ihnen das jetzt zu erklären. Um Wasser zu machen, brauche ich Feuer, eine möglichst große, brennende Fläche. Bloody-Fox spricht von einem sehr ausgedehnten Kaktusfelde, welches nahe von hier im Süden liegt. Da darf ich hoffen, Ihnen in ganz kurzer Zeit einen gehörigen Platzregen zu fabrizieren. Jetzt aber kommen Sie!“

Er stieg wieder auf und ritt nach der Wagenburg. Die anderen folgten ihm, kopfschüttelnd über den verheißenen Regen und neugierig bezüglich der armen Menschen, zu deren Rettung sie gekommen waren.

Man hatte die Wagen so zusammengeschoben, daß kein Reiter hindurch konnte; aber das Nahen der Retter wurde gehört. Diese stiegen vor der Wagenburg von ihren Pferden. Sie hörten, daß im Innern derselben jemand rief:

„Horcht! Es kommen Menschen. Herrgott, sollten sie Hilfe bringen? Oder sind es Räuber?“

„Wir sind keine Räuber. Wir bringen euch vor allen Dingen Wasser,“ antwortete Old Shatterhand laut. „Kommt her und laßt uns ein!“

Zounds!“ rief eine andere unwillige Stimme. „Sollte etwa gar… wartet ihr anderen, ich werde nachsehen!“

Der Mann kam herbei, lehnte sich über eine Deichsel herüber und fragte:

„Wer seid ihr, Fremde?“

„Man nennt mich Old Shatterhand, und hier sind meine Gefährten, lauter ehrliche Leute.“

„Old Shat…. hole Euch der Teufel!“

Der Mann, welcher die Retter mit dieser Verwünschung empfing, anstatt ihnen entgegenzujauchzen, war kein anderer als Master Tobias Preisegott Burton.

„Ah, Ihr seid es!“ sagte Old Shatterhand, der ihn trotz der Dunkelheit erkannt hatte. „Freut mich außerordentlich, Euch hier zu treffen!“

Aber Burton war schon fort. Er erkannte, daß er keinen Augenblick länger bleiben dürfe. Darum glitt er nach der entgegengesetzten Seite, wo sein Pferd stand, zog schnell eine Deichsel aus dem Wagen, um sich einen Ausgang aus dem Wagenvierecke zu schaffen, warf sich in den Sattel und jagte davon.

Hinter sich hörte er die frohlockenden Rufe der Leute, welche er dem Verderben geweiht hatte.

„Wartet nur!“ knirschte er. „Ich kehre bald zurück, und dann sollen mit euch auch die verloren sein, welche als eure Helfer kommen. Old Shatterhand! Welch einen Fang werden wir machen!“

Er brauchte gar nicht weit zu reiten. Nach einer kleinen Viertelstunde stieß er auf seine Genossen, welche hier auf ihn warteten, damit er sie zum Massenmorde abholen sollte.

Sie zeigten sich keineswegs darüber enttäuscht, daß ein so berühmter Jäger, wie Old Shatterhand zu den Auswanderern gestoßen war. Sie freuten sich vielmehr darüber, weil dadurch die zu erwartende Beute vermehrt wurde. Daß ihr Anschlag mißlingen könne, das hielten sie gar nicht für möglich. Freilich konnten sie ihre Opfer nun nicht ohne Kampf überwältigen, aber siegen mußten sie, wenn sie die Zeit des Morgengrauens erwarteten, wo man dann den Freund vom Feinde besser unterscheiden konnte, als jetzt, während der Nacht.

Die beiden angeblichen Mexikaner befanden sich auch schon bei dieser Schar. Sie hatten in der Murding-Bowl nur einen einzelnen Posten gefunden und waren von demselben hierher geführt worden. Sie erzählten ihr Erlebnis im „singenden Thale“ und richteten damit große Freude an. Es wurde beschlossen, erst die Emigranten zu überwältigen und dann Winnetou aufzusuchen, um ihn und seine Begleiter zu überfallen, was auch eine reiche Beute ergeben mußte.

Daß der Apache schon in der Nähe sein könne, kam ihnen gar nicht in den Sinn. Und doch war er da.

Er war mit seiner Truppe nach der Murding-Bowl gekommen, hatte sie aber leer gefunden. Dieses „Mordbecken“ bestand aus einer schroffen und ziemlich tiefen Bodensenkung, deren Grund stets eine trübe Wasserlache trug. Vielleicht stammte diese Feuchtigkeit von dem nicht allzuweit entfernten See im „Geisterneste“; wenn sie auch trübe war, so bildete sie doch hier inmitten der öden Llano eine große Kostbarkeit, so daß die „Geier“ diesen Ort als feste Station benutzten. So oft sie sich über die Plains zerstreuten, immer kehrten sie wieder nach hier zurück, wo stets einer von ihnen bleiben mußte, um den Nachrichtendienst zu versehen.

Heute war dieser Mann mit den Mexikanern fortgeritten, und darum hatte Winnetou den Platz leer gefunden. Sein scharfes Auge sagte ihm aber bald, wohin er sich zu wenden habe. Er folgte der Fährte dieser drei Männer und entdeckte nach Einbruch des Abends den Platz, an welchem die „Geier“ lagerten.

Seine Leute mußten halten bleiben. Er selbst legte sich auf die Erde und kroch wie eine Schlange auf die Gruppe der Räuber zu. Er sah Burton kommen und sich zu ihnen setzen. Leider durfte er sich nicht so weit an sie wagen, daß er ihre Worte hätte verstehen können; aber es gelang ihm wenigstens, sie zu zählen. Dann kehrte er zurück.

„Dreißig und fünf Geier,“ meldete er. „Morgen um diese Zeit wird ihr Fleisch von den wirklichen Geiern gefressen werden.“

„Was haben sie dort vor?“ fragte Ben New-Moon.

„Sie lauem auf Beute, und diese befindet sich im Norden von hier, denn die Mexikaner ritten nach dieser Richtung und eben jetzt kam von dorther der Bote, welcher meldete, daß der Mord beginnen kann. Meine Brüder werden jetzt mit mir nach Norden reiten, wo wir die Leute sicher treffen, welche getötet und beraubt werden sollen.“

Er stieg wieder auf und ritt zunächst einen ziemlich weiten Bogen, damit er und die Seinigen nicht bemerkt werden könnten; dann bog er wieder in die beabsichtigte Linie ein.

Nach der schon bei Burton angegebenen Zeit sahen sie die Wagenburg vor sich liegen. Jetzt standen Posten vor derselben; Old Shatterhand hatte Vorsichtsmaßregeln getroffen. Als sie von diesen Leuten angerufen wurden, antwortete Winnetou:

„Die weißen Männer dürfen keine Sorge haben. Hier ist Winnetou, der Häuptling der Apachen, welcher ihnen Hilfe, Fleisch und Wasser bringt.“

Seine sonore Stimme war deutlich zu hören. Kaum war das letzte Wort verklungen, so hörte man in dem Innern der Wagenburg den Hobble-Frank freudig ausrufen:

„Winnetou? Da sei Victoria getrommelt und gepfiffen; denn wo der Apache is, da muß ooch der Bärenjäger und sein kleiner Martin sein! Laßt mich ’naus; ich muß sie alle beede angtukah umärmeln! Nee, so eene Weihnachten! Hier mitten in der Sahara und bei fast schtockdunkler Nacht mit meinen besten Freunden zusammenzurennen, da is doch die Freede gar zu groß!“

Er kam über einen Wagen geklettert und von demselben herabgesprungen, blieb aber erstaunt stehen, als er die Schar der Komantschen erblickte.

„Alle Wetter, was is denn das?“ fragte er. „Da hält ja een ganzes Bataillon Kavallerie vor unserer Thüre! Das kommt mir merschtenteels verdächtig vor. Kommen Sie mal ‚raus, Herr Old Shatterhand, und sehen Sie sich mal die Geister an, die allhier zu Pferde nachtwandeln!“

Aber schon hing Martin Baumann an seinem Halse und zugleich schlang auch der Bärenjäger die Arme um ihn. Das gab ein herzliches Frohlocken. Auch Winnetou begrüßte den alten Bekannten erfreut und sagte dann:

„So muß mein Bruder Shatterhand hier sein. Hat er meine Stimme nicht gehört?“

„O doch! Hier bin ich!“ rief der Genannte, welcher mit Hilfe einiger anderer schnell zwei Wagen auseinander geschoben hatte und nun heraustrat, um den roten Freund an seine Brust zu drücken. Die anderen folgten nach, Jemmy, Davy, der Juggle-Fred, Jim und Tim; die ersteren, um die Freunde zu begrüßen, die letzteren, um so schnell wie möglich Winnetou zu sehen. Das gab ein reges Fragen und Antworten, ein Drücken und Schütteln der Hände, aber ohne allen Lärm, wie es die Lage mit sich brachte.

Aber ernst und traurig stand der junge Eisenherz bei seinen Komantschen, welche erstaunt waren, ihn hier zu finden, und erzählte ihnen von der Ermordung ihres Häuptlings, seines Vaters. Sie hörten ihn schweigend an und sagten kein Wort dazu; aber in ihrem Innern war den „Geiern“ der Tod geschworen.

Nachdem die Begrüßung vorüber war, entwickelte sich ein zwar stilles aber höchst geschäftiges Treiben in der Wagenburg und um dieselbe. Sie wurde erweitert, damit auch die Komantschen im Innern Platz finden könnten. Die Geier sollten nicht bereits von weitem sehen, daß sie es jetzt mit einer solchen Zahl von Gegnern zu thun hätten. Auch die Pferde wurden hineingeschafft. Die Komantschen verteilten ihr Fleisch und auch das Wasser, welches sie in ausgehöhlten Flaschenkürbissen mit sich führten, unter die Auswanderer, denn Old Shatterhand versprach, daß man bald größeren Vorrat haben werde. Dennoch reichte es nicht aus, den Durst dieser armen Leute völlig zu stillen.

Es gab noch einzelne interessante und ganz unerwartete Szenen, wie zum Beispiele diejenige, als Ben New-Moon den Juggle-Fred erkannte, welcher ihn damals von der Mörderhand des Stealing-Fox errettet hatte. Bald jedoch herrschte tiefe Stille um die Wagenburg. Zwar schlief keiner, aber diejenigen, welche einander so viel zu erzählen hatten, sprachen nur im Flüstertone, so daß außerhalb der Wagenburg kein Laut zu hören war.

Old Shatterhand hatte das Kommando übernommen. Er saß neben Bloody-Fox, um sich den Lebenslauf desselben und dann vor allen Dingen auch die Gegend, in welcher sie sich jetzt befanden, auf das genaueste beschreiben zu lassen. Es sollte womöglich keiner der „Geier“ entkommen, damit dem Treiben derselben ein für allemal ein Ende gemacht werde.

Ganz besonders interessierte es ihn, zu hören, daß neben der großen südlichen Kaktusstrecke ostwärts noch eine zweite liege, welche zwar weit schmäler aber noch viel länger als die erstere sei. Fox sagte, daß sich zwischen beiden ein ziemlich schmaler Sandstreifen südwärts ziehe, auf welchem man nach seinem „Geisterneste“ gelangen könne.

„Gut!“ sagte Old Shatterhand. „So kann kein einziger dieser Halunken entkommen. Sollten sie unsere Überzahl ja zu früh bemerken, oder sollten sie nach dem ersten Angriffe fliehen, so jagen wir sie zwischen diese beiden Kaktusstrecken hinein und brennen dieselben an. Dadurch erhalten wir zugleich auch Wasser für die Zugtiere, welche nicht verschmachten dürfen.“

„Aber da werden die Geier meinen See erreichen und von da aus entkommen!“

„Nein, Fox, denn Ihr werdet gleich jetzt mit zehn Komantschen dorthin aufbrechen, um die Kerls, welche wir getrieben bringen, dort in Empfang zu nehmen. Sie kommen zur rechten Zeit dort an, denn ich wette, daß der Angriff erst gegen Morgen erfolgt.“

Dieser Plan wurde sofort ausgeführt. Man öffnete die Wagenschanze noch einmal, um Fox mit den Komantschen hindurch zu lassen; dann herrschte wieder die tiefste Ruhe rund umher.

Die Posten standen weit außerhalb der Wagenburg und hatten den Befehl, sich beim Nahen der Feinde schnell und still, zwischen den Rädern hindurchkriechend, in das Innere zurückzuziehen. Dort standen die gesattelten Pferde zur augenblicklichen Verfolgung der Fliehenden bereit, und jeder Reiter hatte seine bestimmte Instruktion erhalten.

So verging die Nacht. Im Osten erwachte ein leiser Dämmerschein, und die Konturen der Wagen und sonstigen Gegenstände traten deutlicher hervor. Es gab keine Spur von Morgennebel. Die Dämmerung wurde heller, und nun sah man die „Geier“ zu Pferde südwärts halten, vielleicht wenig über tausend Schritte entfernt.

Sie hielten ihre Zeit für gekommen und setzten ihre Pferde in Bewegung. Im Galopp kamen sie heran. Sie waren überzeugt, daß hinter den Wagen höchstens ein einziger Wächter munter sei.

Die Posten hatten sich zurückgezogen, und alle Männer standen an der Seite der Wagenburg, von welcher der Angriff kam.

„Schießt nicht auf die Pferde, sondern auf die Reiter!“ gebot Old Shatterhand.

jetzt waren die „Geier“ nur noch hundert, noch achtzig, noch fünfzig Schritte entfernt.

„Feuer!“ rief Old Shatterhand.

Über dreißig Schüsse krachten. Die Schar der Angreifer bildete augenblicklich einen wirren Haufen. Tote und Verwundete stürzten von den Pferden; die ledig gewordenen Tiere rannten weiter. Die anderen wurden von ihren Herren, welche nicht oder nur leicht verwundet waren, zurückgerissen; ihrer waren kaum noch über zehn.

„Hurra, hurra! Old Shatterhand und Winnetou!“ schrie der Hobble-Frank.

Als die „Geier“ nun auch den letzteren Namen hörten und die Höhe ihrer so blitzschnellen Verluste sahen, kehrten sie schnell um und jagten von dannen, nach Süden zu, Master Tobias Preisegott Burton als der Erschrockenste an ihrer Spitze.

„Hinaus! Und jeder an seinen Platz!“ gebot Old Shatterhand.

Zwei Wagen wurden schnell entfernt, so daß alle hindurch konnten. Die Emigranten rannten laut der vorher erhaltenen Weisung auf die Toten und Verwundeten zu. Die anderen alle, welche sich mit den letzteren nicht aufhalten sollten, traten die Verfolgung der Flüchtigen an, mit welcher sie es aber nicht gleich allzu eilig nahmen.

Nur zwei entwickelten die ganze Schnelligkeit ihrer Pferde, indem sie gegen Südwesten sprengten, wo sie die Kaktusfläche in Brand stecken sollten. Diese beiden waren Jim und Tim Snuffie.

Zehn Komantschen ritten ostwärts, um dann nach Süden einzubiegen und den Fliehenden den Weg ostwärts zu verlegen, damit sie gezwungen seien, zwischen die beiden Kaktusfelder einzubiegen. Die anderen, Old Shatterhand und Winnetou an der Spitze, ritten im Trabe nach Süden, hinter den „Geiern“ her, welche galoppierten und ihnen also zu entkommen schienen.

Diese Menschen waren voller Wut, ihren Anschlag in dieser Weise mißglückt zu sehen. Sie jagten still dahin, ohne miteinander zu sprechen. Nur Flüche wurden ausgestoßen. Erst als sie die Murding-Bowl erreichten, hielten sie an.

„Was nun?“ fragte Burton, welcher keuchend auf dem Pferde saß. „Hier können wir nicht bleiben, denn die Hunde sind hinter uns her.“

„Natürlich!“ stimmte Carlos Cortejo bei, welcher ebenso wie sein Bruder unverwundet geblieben war. „Geradeaus durch den Kaktus können wir nicht; also rechts ab. Kommt!“

Sie schlugen die angegebene Richtung ein, sahen da aber bald von fern einen dicken Rauch aufsteigen.

All satans!“ rief Emilio. „Dort sind sie uns zuvorgekommen. Sie haben den Kaktus angebrannt. Zurück also!“

Sie jagten wieder zurück, an der Murding-Bowl vorüber und nach Osten zu. Nach kaum zehn Minuten sahen sie links von sich Old Shatterhand, welcher mit seiner Schar in der Diagonale auf sie ritt. Das erfüllte sie mit Schreck. Sie spornten ihre Pferde auf das äußerste an, um vorüber zu kommen, was ihnen auch gelingen zu wollen schien.

Dann wollten sie seitwärts ausbrechen. Bald aber erkannten sie, daß dies unmöglich sei, denn sie sahen nun auch die zehn Komantschen, welche weit draußen hielten und ihnen den Weg verlegten.

„Heut‘ ist der Teufel los!“ schrie Burton. „Ich glaube gar, dieser Winnetou ist mit dabei. Wenigstens hörte ich seinen Namen rufen. Wir müssen rechts ab, zwischen den Kaktus hinein!“

„Gibt es denn da einen Ausweg und nicht etwa eine Sackgasse?“ fragte Carlos.

„Weiß, es nicht. Bin all mein Lebtage nicht dort hinein gekommen. Es bleibt uns aber nichts anderes übrig.“

„Dann nur schnell, damit das Feuer nicht eher kommt als wir!“

Sie jagten nach rechts, südwärts, gerade dahin, wohin Old Shatterhand sie hatte haben wollen. Und nun gab auch dieser endlich seinem Pferde die Sporen. Links von ihm kamen die zehn Komantschen, rechts die beiden Snuffles, die ihre Aufgabe gelöst hatten, herbei, und nun galoppierten alle hinter den „Geiern“ drein, zwischen die Kaktusfelder hinein, dem fernen „Geisterneste“ zu.

Wohl hatte Carlos Cortejo recht gehabt, vor dem Feuer zu warnen. Es kam herbei, erst zwar langsam, dann aber immer schneller und schneller.

Jahrhundertelang hatten die papierdürren Kaktusreste da gelegen, von Zeit zu Zeit neue Pflanzen treibend. Das gab einen Stoff wie Zunder. Die Flammen leckten erst leise um sich her; dann begannen sie zu laufen, zu springen und schlugen haushoch empor. Bald stand die ganze breite, breite Fläche in hellem, lückenlosem Feuer, dessen Prasseln von weitem wie ein ferner Donner zu hören war. Die aufsteigende Hitze erzeugte einen Luftstrom, welcher immer stärker wurde und sich gar zum Winde erhob. Je mehr das Feuer um sich griff, je weiter es nach Süden schritt und da eine Fläche von verschiedenen englischen Quadratmeilen bedeckte, desto sichtlicher trat das ein, was Old Shatterhand erwartet hatte. Der Himmel verlor sein Blau, wurde erst fahlgelb, dann grau, dunkler und dunkler, und wirklich, da zogen sich schwere, dunkle Massen zusammen, welche nicht aus Rauch bestanden. Der jetzt sehr starke Wind ballte sie zu dichten Wolken, welche nach und nach den ganzen Himmel zu bedecken schienen.

Die Atmosphäre war glühend heiß; der Sand schien zu brennen. Droben begannen Blitze durch die Wolken zu zucken; einzelne Tropfen fielen, mehrere, immer mehr; jetzt, wahrhaftig, jetzt regnete es wirklich, stärker, immer stärker, bis es schließlich buchstäblich goß wie bei einem tropischen Gewitter.

Die Emigranten hatten ihre schwer verwundeten Feinde einfach erschossen, die Habseligkeiten der Toten zu sich genommen und dann die Pferde derselben zusammengetrieben. Nun sollten sie bis zur Rückkehr ihrer Freunde warten, aber – – ohne Wasser! Da sahen sie das Feuer. Sie bemerkten die Wolkenbildung. Sie fühlten die fallenden Tropfen. Sie standen endlich im erquickenden Regen, im Gewittergusse und holten alle vorhandenen Gefäße herbei, um dieselben sich füllen zu lassen. Die fast verschmachteten Stiere bekamen wieder Leben. Sie brüllten vor Freude; sie wälzten sich im Regen; sie erhielten zu saufen; sie waren gerettet, und mit ihnen ihre Herren, welche ohne diese Tiere nicht mit den Wagen weiter gekonnt hätten – – ein Werk Old Shatterhands. –

Kurz nach Anbruch des Tages war Bloody-Fox mit seinen zehn Komantschen bei der Passiflorenhütte angekommen. Sanna erschrak nicht über die Indianer. Sie freute sich, einmal Menschen zu sehen, fragte aber ihren jungen Herrn sogleich nach dem Neger Bob. Er vertröstete sie auf später und begab sich in die Hütte. Als er wieder heraustrat, hatte er das weiße Büffelfell überhängen.

„Timb-ua-ungva – der Geist der Llano!“ rief Eisenherz, welcher sich mit bei dieser Abteilung der Komantschen befand.

Auch die anderen starrten diese Lösung des oft besprochenen Rätsels an, sagten aber nichts. Bloody-Fox stieg wieder auf und ritt mit ihnen weiter, indem er die Oase wieder verließ und draußen an der südöstlichen Ecke des Kaktuswaldes Stellung nahm. Sein Auge blickte forschend nach Norden.

Jetzt erhob sich da oben eine finstere Wand, gegen welche von unten her helle Flammen zuckten.

„Jetzt bringt das Feuer die Geier getrieben,“ sagte er zu Eisenherz. „Vielleicht findet mein roter Bruder darunter einen der Mörder seines Vaters.“

Er nahm das Gewehr zur Hand. Eisenherz that dasselbe.

Die Wolkenwand näherte sich; noch vor ihr kam das Feuer. Die Luft wurde von Minute zu Minute drückender. Ganz heran konnte das Feuer nicht. Es mußte an der Kaktusgrenze stehen bleiben.

„Uff!“ rief einer der Indianer, nach Norden deutend. „Sie kommen!“

Ja, sie kamen, die Geier; aber es waren nur noch drei. Die anderen waren unterwegs von den Verfolgern ausgelöscht worden. Ihre Pferde trieften vor Schweiß; sie selbst konnten sich kaum noch im Sattel erhalten. Eine Strecke hinter ihnen sah man Old Shatterhand und Winnetou, denen die anderen alle folgten. So kam die wilde Jagd näher. Die beiden Letztgenannten strengten ihre Pferde nicht sehr an. Sie wollten die drei letzten „Geier“ für Bloody-Fox und seine Komantschen aufbewahren.

Der erste war Burton, den beiden anderen weit voran. Er sah die Bäume, ein Wunder auf der Llano, und hielt gerade auf sie zu. Fox lenkte auf ihn ein. Als der Mormone ihn erblickte, schrie er auf vor Entsetzen und schlug auf sein Tier ein, daß es seine letzte Kraft anstrengte, die Bäume zu erreichen.

Jetzt kamen die beiden übrigen. Sie mußten nahe an Eisenherz vorüber. Er erkannte sie, die bei der Ermordung seines Vaters beteiligt gewesen waren. Er zog das Gewehr an die Achsel – zwei Schüsse, und sie stürzten von den Pferden. Er ritt zu ihnen hin, um ihnen die Skalpe zu nehmen.

Indessen jagte Bloody-Fox den frommen Burton, den Schlimmsten von allen, vor sich her, auf die Bäume zu, zwischen denselben hin bis vor die Hütte. Vor derselben brach das Pferd zusammen, und Burton flog aus dem Sattel. Im Nu stand Fox neben ihm, riß das Messer aus dem Gürtel und bog sich nieder, um ihm den Todesstoß zu versetzen. Aber er fuhr wieder empor und stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Beim Sturze war Burton der Hut entfallen, und zugleich wurde sichtbar, daß er eine Perücke getragen hatte. Sie hatte sich vom Schädel gelöst und ließ die natürlichen, kurz geschorenen Haare sehen. Sein Gesicht war durch die Anstrengung des Rittes verzerrt und aufgedunsen und seine Augen blickten starr und gläsern zu dem jungen Manne auf – – er hatte den Hals gebrochen. Jetzt erkannte Bloody-Fox den Mörder seiner Eltern. Er hatte bei jenem Überfalle den Namen desselben rufen hören, und dieser Name Fox war das einzige gewesen, was von seinem Gedächtnisse festgehalten worden war. Er hatte ihn immer und immer genannt und ihn darum von Helmers als seinen eigenen bekommen.

Jetzt kamen auch die anderen herbeigestürmt. Sie alle. außer Old Shatterhand, waren ungemein erstaunt, als sie Bloody-Fox in dem weißen Büffelfell erblickten.

„Der Geist – der Geist der Llano – Bloody-Fox ist es – also er, er ist’s gewesen!“ so erschallten die Rufe durcheinander.

Fox achtete nicht darauf. Er deutete auf Burtons Leiche und sagte:

„Da ist er, der Mörder! Darum kam er mir so bekannt vor! Nun ist er tot, und ich werde nie erfahren, wer meine Eltern gewesen sind!“

Ben New-Moon sah den Toten und rief:

„Der Stealing-Fox! Endlich ist er unschädlich gemacht! Schade, daß er den Hals gebrochen hat. Nun muß ich ihm meine Kugel für immer schuldig bleiben!“

„Wohl ihm, daß er tot ist!“ sagte Old Shatterhand ernst. „Mit ihm sind alle Geier ausgelöscht, und nun wird es Ruhe in der Llano geben. Und sollten ja noch einer oder einige existieren, so wird es von hier aus leicht sein, gegen sie auf die Jagd zu gehen. Eine solche Oase konnte niemand hier vermuten.“

Bob war natürlich auch da. Er achtete aber weder auf den Toten noch auf den jetzt entdeckten Geist der Estakata. Sein Auge war auf die Negerin gefallen und das ihrige auf ihn. Sie eilte zu ihm hin und fragte hastig:

„Sein du etwa Neger Bob?“ Und als er nickte, fuhr sie fort: „Heißen deine Mutter Sanna? Haben du schon einmal sehen dieses Bild mit Sanna und ihr klein Smalling-Bob?“

Sie hielt ihm die alte Photographie entgegen. Er warf einen Blick auf dieselbe und flog mit einem Jubelrufe vom Pferde. Sie hielten sich umschlungen und vermochten längere Zeit ihrem Entzücken nur durch unartikulierte Laute Ausdruck zu verleihen.

Es ist nur weniges hinzuzufügen. Die „Geier“ waren besiegt, und eine Abteilung der Komantschen ritt fort, die Emigranten herbeizuholen; diese sollten sich hier am Passiflorensee erholen und dann durch die Llano begleitet werden. Das Feuer verlöschte, als es keine Nahrung mehr fand, und die weite Kaktusfläche lag in Asche tot.

Desto regeres Leben herrschte in und am Geisterneste. Bloody-Fox war der Held des Tages; er mußte seinen ganzen Lebenslauf ausführlich erzählen. Sein Bericht zeigte fast nur düstere Momente. Dennoch sprach er den festen Entschluß aus, für immer hier zu bleiben, um die Llano von „Geiern“ rein zu halten. Sanna und Bob erklärten, ihn nicht verlassen zu wollen.

Seine Erzählung war für die Westmänner so hochinteressant, daß selbst der sonst so sprechselige Hobble-Frank ihn nicht ein einziges Mal unterbrach. Als dann aber der kleine Sachse mit Jemmy und den beiden Snuffies einen Rundgang um den See machte, fragte ihn Tim:

„Nun, Frank, jetzt haben wir uns so schön von außen herum ins Geisterland hineingeschlängelt. Behauptest du noch immer, daß der Geist der Llano estakata ein wirkliches Gespenst sei?“

„Schweigste schtille!“ antwortete der Gefragte. „Habe ich mich hier mal geirrt, so gibt’s doch anderswo höhere Siriusregionen, und was keen Verschtand der Verschtändigen sieht, das sieht jeder Sachse, sobald’s nur geschieht.“

„Ja, Sachsen, und besonders Moritzburg, das ist das höchste der Gefühle!“ lachte Jim.

„Bleib mir mit deinen Gefühlen nur hinter der Fronte, alter Schnuffel! Du kennst mich noch lange nich; aber da wir noch eenige Monate beisammen bleiben wollen, so wirst du mich kennen und verehren lernen. Meine Persönlichkeet reißt jeden endlich doch zur Hochachtung hin. Nich wahr, Jemmy?“

„Allerdings!“ nickte dieser mit einem kleinen ironischen Lächeln.

„Da hört ihr’s beede! Und eegentlich habt ihr mir alles zu verdanken, denn wenn ich nich da droben bei Helmers Home mit Bloody-Fox zusammengetroffen wäre, so hättet ihr den Geist der Llano niemals entdeckt. Diese Anerkennung muß ich unbedingt schon jetzt verlangen. Schpäteren Geschlechtern bleibt’s dann vorbehalten, mich und den Geist in Eisen zu gießen oder in Marmor zu hauen, damit mein Name hier ebenso in goldenen Lettern schtrahlt wie droben im Nationalparke, wo hoffentlich bald die Welt mein Monument beschtaunt!“

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Tokvi Tey

Tokvi-tey

Es war am Nachmittage des darauffolgenden fünften Tages, als die sechs Reiter das Gebiet der Pulverflußquellen hinter sich hatten und nun den Bighornbergen zustrebten.

Die Strecken, die sich von Missouri nach dem Felsengebirge hinziehen, gehören noch heutigen Tages zu den wildesten Teilen der Vereinigten Staaten. Dieses Gebiet besteht fast ganz aus einsamer baumloser Prairie, in welcher der Jäger mehrere Tage lang zu reiten hat, ehe er einen Busch oder eine Wasserquelle findet. Das Land steigt nach Westen zu allmählich an; es bildet bald sanfte Erhöhungen, sodann Hügel, welche immer höher, schroffer und zerklüfteter werden, je weiter man nach Westen kommt; aber der Mangel an Holz und Wasser bleibt sich gleich. Darum wird diese Gegend von den Indianern „Mah-kosietscha“ und von den Weißen „Bad lands“ genannt. Beide Ausdrücke bedeuten das Gleiche, nämlich soviel wie schlechtes Land.

Selbst bedeutende Flüsse, deren Gebiet ein großes ist, wie z.B. der Platte, führen im Sommer nur wenig Wasser mit sich. Weiter im Norden, wo die Quellgebiete des Cheyenne-, Powder-, Tongue- und Big-Horn-Flusses liegen, wird das Land besser. Das Gras ist saftiger; die Büsche treten zu ausgedehnteren Strauchwäldern zusammen, und endlich schreitet der Fuß des Westmannes sogar im Schatten hundert- und noch mehrjähriger Baumriesen dahin.

Dort befinden sich die Jagdgründe der Schoschonen oder Schlangenindianer, der Sioux, Cheyennes und der Arapahoes. Jeder dieser Stämme zerfällt wieder in Unterabteilungen, und da eine jede dieser Abteilungen ihre besonderen Interessen verfolgt, so ist es kein Wunder, daß es einen immerwährenden Wechsel von Krieg und Frieden zwischen ihnen gibt. Und ist der rote Mann ja einmal zu längerer Ruhe geneigt, so kommt Master Bleichgesicht und sticht ihn so lange, erst mit Nadeln, dann mit Messern, bis der Indianer das vergrabene Kriegsbeil wieder hervorsucht und von neuem zu kämpfen beginnt.

Unter diesen Umständen versteht es sich ganz von selbst, daß da, wo die Weidegründe so vieler und verschiedener Stämme und Abteilungen zusammenstoßen, die Sicherheit des Einzelnen eine sehr fragliche, ja höchst gefährdete ist. Die Schoschonen oder Schlangenindianer sind stets erbitterte Feinde der Sioux gewesen, und darum haben die Strecken, welche sich von Dakota aus südlich vom Yellowstoneflusse nach den Big-Hornbergen ziehen, sehr oft das Blut des roten – wohl auch des weißen Mannes getrunken.

Der dicke Jemmy und der lange Davy wußten das sehr genau, und aus diesem Grunde waren sie mit aller Sorge darauf bedacht, möglichst einem Zusammentreffen mit Indianern, gleichviel welchen Stammes, auszuweichen.

Wohkadeh ritt voran, da er ganz dieselbe Strecke bereits auf dem Herwege durcheilt hatte. Er war jetzt mit einer Büchse bewaffnet und trug an seinem Gürtel mehrere Beutel mit all den Kleinigkeiten, welche dem Prairiemanne unentbehrlich sind. Jemmy und Davy hatten ihr Äußeres nicht verändert. Der erstere ritt selbstverständlich seinen hohen Klepper, und der zweite hing seine ewig langen Beine an den Seiten seines kleinen, störrigen Maultieres herab, welches alle fünf Minuten den bekannten Versuch, seinen Reiter abzuwerfen, vergeblich wiederholte. Davy brauchte nur den einen Schuh, rechts oder links, wo es gerade notwendig war, auf die Erde zu setzen, um festen Halt zu haben. Er glich auf seinem Tiere einem jener Bewohner der australischen Inseln, welche ihre an sich höchst gefährlichen Boote mit Auslegern versehen und aus diesem Grunde niemals umkippen können. Davys Ausleger aber waren seine beiden Beine.

Auch Frank trug ganz dieselbe Kleidung, in welcher er von den beiden Freunden zum erstenmal gesehen worden war: Mokassins, Leggins, blauen Frack und Amazonenhut mit langer, gelber Feder. Der kleine Sachse saß ganz ausgezeichnet zu Pferde und machte trotz seines sonderbaren Habits den Eindruck eines recht tüchtigen Westmannes.

Eine Lust war es, Martin Baumann im Sattel sitzen zu sehen. Er ritt wenigstens ebensogut wie Wohkadeh. Er war wie mit dem Pferde verwachsen und hatte jene weit vorgebeugte Haltung, welche dem Tiere die Last erleichtert und den Reiter befähigt, die Anstrengung eines monatelangen Rittes ohne Übermüdung auszuhalten. Er trug einen echten ledernen Trapperanzug, wie überhaupt seine ganze Ausrüstung und Bewaffnung nichts zu wünschen übrig ließ. Er war mit ganzer Seele bei der Aufgabe, welche er zu lösen hatte. Wer ihm in sein frisches Gesicht und sein helles Auge blickte, mußte zu der Ueberzeugung kommen, daß er sich hier in der Prairie ganz in seinem Elemente befinde. Er machte ganz den Eindruck, daß er, obgleich noch halb ein Knabe, nötigenfalls doch als Mann zu handeln verstehen werde. Hätte die schwere Sorge um den gefangenen Vater nicht einen Schatten über ihn geworfen, so wäre er wohl das heiterste Glied des kleinen Trupps zu nennen gewesen.

Lustig war es, den schwarzen Bob zu betrachten. Das Reiten hatte niemals zu seiner Passion gehört, und so saß er in einer geradezu unbeschreiblichen Haltung zu Pferde. Er hatte seine liebe Not mit dem Tiere, und dieses aber auch wieder mit ihm, denn er vermochte es nicht, auch nur zehn Minuten lang einen festen Sitz zu bewahren. Hatte er sich einmal ganz an den Hals des Pferdes vorgeschoben, so brachte ihn jeder Schritt des Tieres um irgend einen Teil eines Zolles nach hinten. So rutschte und rutschte er, bis er sich in der Gefahr befand, hinten herunter zu fallen. Dann schob er sich möglichst weit vor, und die Rutschpartie begann von neuem, wobei er ganz unfreiwilligerweise in Stellungen geriet, welche der Spaßmacher eines Cirkus sich nicht lächerlicher hätte aussinnen können. Er hatte nämlich anstatt des Sattels nur eine Decke aufgeschnallt, weil er infolge früherer Proben wußte, daß es ihm unmöglich sei, sich in dem Sattel zu erhalten; er war bei einem einigermaßen schnellen Tempo immer hinter denselben zu sitzen gekommen. Er hielt die Beine weitab vom Pferde. Wurde ihm gesagt, daß er festen Schluß nehmen solle, so antwortete er stets:

„Warum soll Bob drücken mit den Beinen armes Pferd? Pferd ihm ja nichts zuleid gethan! Bobs Beine sind doch keine Kneipzange!“

Die Reiter hatten den Rand einer nicht sehr tiefen, fast kreisförmigen Bodensenkung erreicht, deren Durchmesser vielleicht sechs englische Meilen betragen mochte. An drei Seiten von kaum merklichen Terrainanschwellungen umgeben, wurde diese Senkung im Westen von einer ansehnlichen Höhe begrenzt, welche von Strauch- und Baumwuchs bestanden zu sein schien. Vielleicht hatte es früher hier eine seeartige Wasseransammlung gegeben. Der Boden bestand aus einem tiefen, unfruchtbaren Sande und zeigte außer wenigen harten Grasbüscheln nur jene grau schimmernde, nutzlose Mugwortvegetation, welche die sterilen Gegenden des fernen Westens kennzeichnet.

Wohkadeh trieb sein Pferd, ohne sich lange zu besinnen, in den Sand hinein. Er nahm die gerade Richtung nach der erwähnten Höhe zu.

„Was für eine Gegend ist dies hier?“ fragte der dicke Jemmy. „Sie ist mir unbekannt.“

„Die Krieger der Schoschonen nennen diesen Ort Pa-are-pap,“ antwortete der Indianer.

„Den See des Blutes. O weh! Da wollen wir ja nicht wünschen, Schoschonen zu begegnen.“

„Warum?“ erkundigte sich Martin Baumann.

„Weil wir sonst verloren wären. Hier an dieser Stelle ist eine Jagdabteilung der Schoschonen von den Weißen bis auf den letzten Mann niedergemetzelt worden, ganz ohne alle Veranlassung. Obgleich seitdem wohl an die fünf Jahre vergangen sind, würden die Stammesangehörigen der Ermordeten doch einen jeden Weißen, welcher das Unglück hätte, in ihre Gewalt zu geraten, ohne Barmherzigkeit töten. Das Blut der Gefallenen schreit nach Rache.“

„Meint Ihr, daß sich Schoschonen in der Nähe befinden, Sir?“

„Ich will es nicht hoffen. Wie ich gehört habe, befinden sie sich jetzt weit nordwärts am Musselschell River in Montana. Ist dies wahr, so sind wir vor ihnen sicher. Wohkadeh wird uns sagen, ob sie indessen südwärts gezogen sind.“

Der Indianer hatte diese Worte gehört. Er antwortete:

„Als Wohkadeh vor sieben Tagen hier vorüber kam, gab es keinen einzigen Krieger der Schoschonen in der Nähe. Nur die Arapahoes hatten ein Lager da aufgeschlagen, wo der Fluß entspringt, welchen die Bleichgesichter den Tongue River nennen.“

„So sind wir sicher vor ihnen. Uebrigens ist die Gegend hier so eben und offen, daß wir auf über eine Meile weit jeden Reiter oder Fußgänger erkennen und also imstande sein würden, unsere Maßregeln zur rechten Zeit zu treffen. Vorwärts also!“

Sie mochten wohl eine halbe Stunde lang in gerader westlicher Richtung geritten sein, als Wohkadeh sein Pferd anhielt.

„Uff !“ rief er aus.

Dieses Wort wird von den Indianern meist als Ausruf der Verwunderung gebraucht.

„Was gibt’s?“ fragte Jemmy.

„Schi-schi!“

Dieses Wort ist aus der Mandanersprache und heißt eigentlich „Füße“, hat aber auch die Bedeutung von Spur oder Fährte.

„Eine Fährte?“ fragte der Dicke. „Von einem Menschen oder einem Tiere?“

„Wohkadeh weiß es nicht. Meine Brüder mögen sie selbst betrachten.“

Good lack! Ein Indsman weiß nicht, ob die Spur von einem Menschen oder von einem Viehzeuge ist! Das ist mir noch niemals vorgekommen! Das muß ja eine ganz und gar eigentümliche Fährte sein. Wollen sie uns doch einmal betrachten. Aber steigt hübsch ab und reitet mir nicht darauf herum, ihr Leute, sonst ist sie dann nicht mehr zu erkennen.“

„Sie wird dann noch immer zu erkennen sein,“ meinte der Indianer. „Sie ist groß und lang; sie kommt weit von Süden her und geht weit nach Norden.“

Die Reiter stiegen ab, um die sonderbare Fährte zu untersuchen. Die Fußstapfen eines Menschen von der Fährte eines Tieres zu unterscheiden, versteht jeder dreijährige Indianerknabe. Daß Wohkadeh sich außer stande sah, diese Unterscheidung zu treffen, war geradezu eine Unbegreiflichkeit. Doch auch Jemmy, als er die Stapfen betrachtet hatte, schüttelte den Kopf, blickte nach links, woher die Fährte kam, dann nach rechts, wohin sie führte, schüttelte abermals den Kopf und sagte dann zu dem langen David Kroners:

„Nun, mein alter Davy hast du in deinem Leben bereits einmal so etwas gesehen?“

Der Gefragte schüttelte bedenklich den Kopf, blickte nach links und rechts, betrachtete die Eindrücke im Sande noch einmal, schüttelte abermals und antwortete dann:

„Nein, noch niemals.“

„Und Ihr, Master Frank?“

Der Sachse beguckte und beguckte die Spur, schüttelte auch und meinte:

„Aus diesen Stapfen werde der Teufel klug!“

Auch Martin und der Neger sprachen sich dahin aus, daß ihnen die Sache sehr rätselhaft vorkomme. Der lange Davy kratzte sich erst hinter dem rechten und sodann hinter dem linken Ohre, spuckte zweimal nacheinander aus, was stets ein Zeichen war, daß er sich in Verlegenheit befinde, und that dann den weisen Ausspruch:

„Aber irgend ein Geschöpf ist hier vorüber gekommen. Wenn das nicht wahr ist, so will ich verurteilt werden, binnen zwei Stunden den alten Mississippi mit samt seinen Nebenflüssen auszutrinken!“

„Schau, wie klug du bist, Alter!“ lachte Jemmy. „Wenn du es nicht sagtest, so wüßten wir wirklich nicht, daß das eine Fährte ist. Also eine Kreatur ist auf alle Fälle hier vorübergelaufen. Aber was für eine? Wie viele Beine hat sie gehabt?“

„Vier,“ antworteten außer dem Indianer die anderen alle. „Ja, das sieht man genau. Also ist’s ein Tier gewesen. Nun aber soll mir irgend einer sagen, mit welcher Art oder Gattung von Vierbeiner wir es zu thun haben!“

„Ein Hirsch ist’s nicht,“ meinte Frank.

„Gott behüte! Ein Hirsch macht Zeit seines Lebens nicht so riesige Eindrücke.“

„Etwa ein Bär?“

„Freilich läßt ein Bär in solchem Sande so große und deutliche Silben zurück, daß sogar ein Blinder sie mit den Fingern lesen könnte; aber diese Fährte stammt auch von keinem Bären. Die Eindrücke sind nicht lang und nach hinten ausgewischt, wie bei einem Sohlengänger, sondern beinahe kreisrund, über eine Handspanne im Durchmesser und gerade eingetreten, wie mit einem Petschaft gestempelt. Sie sind nur wenig nach hinten ausgeworfen und unten am Grunde vollständig eben. Das Tier hat also nicht Zehen oder Krallen, sondern Hufe gehabt.“

„Also ein Pferd?“ meinte Frank.

„Hm!“ brummte Jemmy. „Ein Pferd kanns aber auch nicht gewesen sein. Man müßte da doch wenigstens eine kleine Andeutung der Hufeisen oder, falls das Tier barfüßig gewesen wäre, des Tragrandes und des Strahles finden. Die Fährte ist im höchsten Falle zwei Stunden alt, eine zu kurze Zeit, als daß sich während derselben diese Andeutung hätte verlieren können. Und, was die Hauptsache ist, kann es jemals ein Pferd mit so außerordentlich großen Hufen geben? Wenn wir in Asien oder Afrika wären und nicht in dieser alten, gemütlichen Savanne, so würde ich behaupten, daß ein Elefantengroßvater hier vorübergestampft sei.“

„Ja, gerade so sieht es aus!“ lachte der lange Davy.

„Was? Gerade so sähe es aus?“ fragte Jemmy.

„Ja freilich! Du hast’s ja selbst auch gesagt!“

„So laß dir nur dein Lehrgeld wieder geben! Hast du schon einmal einen Elefanten gesehen?“

„Zwei sogar.“ „Wo?“

„In Philadelphia bei Barnum und jetzt hier, nämlich dich, Dicker!“

„Wenn du einen Witz machen willst, so kaufe dir für zehn Dollars einen besseren, verstanden! Diese Fährte soll einer Elefantenspur ähnlich sehen! Groß genug wären die Stapfen; das gebe ich ja zu; aber ein Elefant würde eine ganz andere Schrittweite haben. Daran hast du nicht gedacht, Davy. Ein Kamel ist’s auch nicht gewesen, sonst würde ich behaupten, du seist vor zwei Stunden hier vorbeigestiegen. Und nun will ich gestehen, daß ich mit meiner Weisheit zu Ende bin.“

Die Männer gingen eine Strecke vorwärts und auch wieder zurück, um die wunderbare Fährte ja ganz genau zu betrachten; aber keiner von ihnen konnte eine nur halbwegs glaubhafte Ansicht äußern.

„Was sagt mein roter Bruder dazu?“ fragte Jemmy.

„Maho akono!“ antwortete der Indianer, indem er mit der Hand eine Bewegung der Ehrfurcht machte.

„Der Geist der Prairie, meinst du?“

„Ja, denn es ist weder ein Mensch noch ein Tier gewesen.“

„Heigh-ho! Eure Geister scheinen entsetzlich große Füße zu haben. Oder leidet der Geist der Prairie auch einmal am Fußrheumatismus und hat Filzschuhe angezogen?“

„Mein weißer Bruder sollte nicht spotten. Der Geist der Prairie kann in allen Gestalten erscheinen. Wir müssen seine Spur mit Ehrfurcht betrachten und wollen still weiter reiten.“

„Nein, das werde ich nicht thun. Ich muß unbedingt wissen, woran ich bin. Ich habe noch niemals eine solche Fährte gesehen und werde ihr also folgen, bis ich weiß, wer sie hinterlassen hat.“

„Mein Bruder wird ins Verderben laufen. Der Geist duldet es nicht, daß man nach ihm forscht.“

„Madneß! Wenn später der dicke Jemmy von dieser Fährte erzählt und nicht sagen kann, von wem sie stammt, so wird er ausgelacht oder gar für einen Lügner erklärt. Für einen guten Westmann ist es geradezu eine Ehrensache, dies Geheimnis aufzuklären.“

„Wir haben nicht Zeit, solche Umwege zu machen.“

„Das verlange ich auch nicht von euch. Wir haben noch vier Stunden bis zum Abend; dann müssen wir lagern. Kennt mein roter Bruder vielleicht die Stelle, an welcher wir Rast machen werden?“

„Ja. Wenn wir geradeaus reiten, so kommen wir an eine Stelle, an welcher die Höhe dort eine Oeffnung hat. Es schneidet ein Thal in dieselbe ein, in welches zur linken Hand, wenn man eine Stunde lang geritten ist, eine Seitenschlucht mündet. In dieser werden wir ruhen, denn dort gibt es Büsche und Bäume, die unser Feuer unsichtbar machen, und auch einen Quell, welcher uns Wasser liefern wird für uns und unsere Tiere.“

„Das ist sehr leicht zu finden. Reitet also weiter! Ich werde dieser Fährte folgen und sodann am Lagerplatze wieder zu euch stoßen.“

„Mein weißer Bruder mag sich warnen lassen!“

„Ach was!“ rief der lange Davy; „Hier ist eine Warnung ganz am unrechten Platze, Jemmy hat vollständig recht. Es wäre eine Schande für uns, diese gradezu unbegreifliche Fährte entdeckt zu haben, ohne zu erforschen, wem dieselbe zuzuschreiben ist. Man sagt, daß es vor der Erschaffung der Erde Tiere gegeben habe, gegen welche ein Büffel sich ausnehmen würde wie ein Regenwurm neben einem Mississippidampfer. Vielleicht ist so ein Untier von damals übrig geblieben und rennt nun hier im Sand herum, um an den Körnern auszuzählen, wie viele Jahrhunderte alt es ist. Ich glaube, Mamma heißt so ein Tier.“

„Mammut!“ verbesserte der Dicke.

„Kann auch sein! Also welche Schande für uns, wenn wir auf so eine vorweltliche Fährte träfen, und nicht wenigstens einer hätte versucht, das Tier zu Gesicht zu bekommen. Ich reite mit, Jemmy!“

„Das geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil wir beide, ohne alle Ueberhebung zu sagen, die meiste Erfahrung besitzen und also gewissermaßen die Anführer sind. Miteinander zugleich dürfen wir uns nicht entfernen. Einer muß zurückbleiben. Lieber mag ein anderer mit mir reiten.“

„Master Jemmy hat recht,“ meinte Martin. „Ich werde mit ihm gehen.“

„Nein, mein junger Freund,“ entgegnete Jemmy. „Ihr seid der allerletzte, den ich einladen möchte, mich zu begleiten.“

„Warum? Ich brenne ja vor Begierde, das unbekannte Tier mit zu entdecken!“

„Das glaube ich gar wohl. In Eurem Alter ist man zu solchen Abenteuern stets bereit. Aber der Ritt ist vielleicht nicht ungefährlich, und wir haben die stillschweigende Verpflichtung übernommen, über Euch zu wachen, um Euch unbeschädigt mit Eurem Vater zu vereinigen. Ich kann es also nicht mit meinem Gewissen vereinigen, Euch mit mir in eine unbekannte Gefahr zu ziehen. Nein, wenn ich nicht allein reiten soll, so mag ein anderer mich begleiten.“

„So gehe ich mit!“ rief der lahme Frank.

„Ja, dagegen will ich nichts haben. Master Frank hat bereits damals in Moritzburg mehrschtenteels mit dem Hausknecht und dem Nachtwächter gekämpft und wird sich also wohl nicht vor einem Mammut fürchten.“

„Ich? Mich fürchten? Kann mir gar nicht einfallen.“

„Also bleibt es dabei. Die anderen reiten weiter, und wir beide schwenken rechts ab. Euer Pferd wird sich aus dem Umwege nicht viel machen, und für meinen Gaul ist das Laufen die größte Passion. Er muß früher, ehe er seine jetzige Pferdegestalt annahm, Schnelläufer oder Briefträger gewesen sein.“

Martin versuchte zwar einige Einwendungen, doch vergeblich. Der lange Davy warnte zur Vorsicht. Wohkadeh beschrieb nochmals die Lagerstelle genau und tadelte Jemmys Vorhaben, durch welches der Zorn des Geistes der Savanne herausgefordert werde. Dann setzten die übrigen den unterbrochenen Ritt fort, während der Dicke mit dem Sachsen nach Norden hin der Fährte folgte.

Da diese beiden einen Umweg vor sich hatten, spornten sie ihre Tiere zu größerer Eile an, und so kam es, daß sie bereits nach kurzer Zeit ihre Gefährten aus den Augen verloren hatten.

Später brach die Fährte von ihrer bisherigen Richtung ab und wendete sich nach Westen, der fernen Höhe zu, so daß nun Jemmy und Frank parallel mit ihren Freunden ritten, allerdings wohl über eine Stunde von ihnen entfernt.

Sie hatten sich bisher schweigend verhalten. Jemmys starkknochiger Gaul hatte seine langen Beine so emsig vor sich geworfen, daß Franks Pferd Mühe gehabt hatte, ihm in dem tiefen Sande zu folgen. Jetzt änderte der Dicke den anstrengenden Trab in langsamen Schritt, und so konnte Frank sich leicht an seiner Seite halten.

Es verstand sich ganz von selbst, daß die Teilnehmer der Expedition sich untereinander vorzugsweise der englischen Sprache bedienten. Jetzt befanden die beiden Deutschen sich allein, und so zogen sie die Muttersprache vor.

„Nicht wahr,“ begann Frank, „das vorhin mit dem Mammut, das ist doch nur eegentlich Spaß gewesen?“

„Natürlich.“

„Ich hab‘ mir’s gleich gedacht, denn solche Mammutersch gibt’s ja heutzutage gar nich mehr.“

„Haben Sie denn schon einmal von diesen vorweltlichen Tieren gehört?“

„Ich? Na und ob! Und wenn Sie mir’s nich zutrauen, da können Sie mich nur riesig dauern. Wissen Sie, der Moritzburger Schulmeester damals, der eegentlich meine geistige Mutter gewesen ist, der hatte was los, besonders in der Pflanzenzoologie. Der kannte jeden Boom, von der Fichte an bis zum Sauerampfer ‚runter, und ooch jedes Tier, von der Seeschlange an bis zum kleensten Schwammb herab. Von dem hab‘ ich damals geradezu massenhaft profitiert.“

„Das freut mich ungemein,“ lachte der Dicke. „Vielleicht kann ich von Ihnen profitieren.“

„Das verschteht sich mehrschtenteels ja ganz von selber. Zum Beischpiel grad übers Mammut kann ich Ihnen die beste authentische Auskunft geben.“

„Haben Sie etwa eins gesehen?“

„Nein, denn damals vor der Erschaffung der Welt bin ich noch gar nich bei der jetzigen Polizei angemeldet gewest; aber der Schulmeester hat das Mammut in alten Handschriften gefunden. Wie groß denken Sie wohl, daß das Ungetüm gewest ist?“

„Bedeutend größer als der Elefant.“

„Elefant? Das zieht noch lange nich! Wenn das Mammut ‚mal über eenen Stein oder über einen Steen gestolpert ist, und es hat niedergeguckt, um den Steen zu betrachten, so ist dieser Stein oder dieser Steen mehrschtenteels eene ägyptische Pyramide gewest. Denken Sie sich nun die Höhe von so eenem Tier! Und wenn sich ihm ‚mal eene Fliege off die Schwanzspitze gesetzt hat, so ist es das erscht nach vierzehn Tagen vorn im Verschtand gewahr geworden. Nun denken Sie sich ‚mal die Länge von so eenem Geschöpf! Unsere jetzige Vemunft ist viel zu schwach für so eene damalige Menagerie. Jetzt, wenn wir was Großartiges sehen wollen, müssen wir ins Hinter-Ochsen-Klee-Gras-Fernrohr gucken. Da ist es wenigstens annähernd sowie damals um die Sündflut herum.“

Jemmy machte ein erstauntes Gesicht.

„Wie?“ fragte er. „Wie heißt dieses Fernrohr?“

„Passen Sie doch auf! Wenn ich eenmal drin bin in der Belehrung, so ist mir jede Schtörung impertinent. Hinter-Ochsen-Klee-Gras-Fernrohr heeßt’s. Können Sie sich das merken? Wenn Sie wirklich een Gymnasiast gewest sind, so müssen Sie doch ooch Unterricht über die Akustik der Fernrohre gehabt haben. Je dunkler der Brennpunkt ist, desto größer sind die Schterne, die man sieht, weil in der Wissenschaft mehrschtenteels das umgekehrte Verhältnis ausgerechnet werden muß. Verschtehen Sie das?“

„Ja,“ nickte der Dicke, der sich Mühe gab, ein ernstes Gesicht zu machen. „Aber jetzt beginne ich zu ahnen, was für ein Fernrohr Sie gemeint haben.“

„Nun, was denn für eens?“

„Gar keins. Sie haben die Bezeichnungen verwechselt. Sie meinten nicht ein Fernrohr, sondern ein Mikroskop.“

„Mikroskop! Ja, ja, richtig! Weil mir das richtige Wort oogenblicklich abwesend war, habe ich derweile das Fernrohr zum Behelf genommen, denn geistesgegenwärtig bin ich allezeit gewest.“

„Und zwar meinten Sie das Hydrooxygengasmikroskop!“

„Natürlich! Das verschteht sich ganz von selber. Aber warum soll ich dänisch reden, wenn ich der deutschen Schprache vollschtändig mächtig bin? Wenn ich sage Hinterochsenkleegrasmikroskop, so verschteht mich ooch een Ungelehrter. Der Schulmeester sagte immer: Man muß sich herablassen zum kindlichen Gemüt, dann erntet man Palmen off sandigem Boden. Sie sehn, ich werfe mit Metafferbeischpielen nur so um mich herum. Das haben Sie davon, daß ich schtets een fleißiger Autopetrefakt gewest bin. Wäre damals nich der Schreit wegen dem Vater Wrangel seinem Leibwort ausgebrochen, so hätt‘ ich’s Nolens Coblenz bis zur Tharandter Forschtakademie gebracht und hätte jetzt nich nötig, mich im wilden Westen herumzutreiben und von den Sioux lahm schießen zu lassen!“

„Ah, Sie sind nicht lahm geboren?“

Frank blickte den Dicken fast zornig an.

„Lahm geboren? Wie könnte das bei eener Persönlichkeit von meiner Ambutation möglich sein! Een lahmer Mensch kann doch nie nich als Forschtläufer een Beamter werden! Nee, ich habe meine gesunden Beene gehabt, so lange ich mich off mich selber besinnen kann. Aber als ich damals mit dem Baumann in die schwarzen Berge kam, um unter den Goldsuchern den Krämerladen zu eröffnen, da kamen zuweilen ooch die Indianer, um ihre Einkäufe zu effektuieren. Mehrschtentheels waren Sioux dabei. Das sind die schlimmsten anthropologischen Wilden, die es nur geben kann, zumal sie bei der geringsten Miene, die man zieht, gleich schtechen oder schießen. Am allerbesten ist, man gibt sich gar nich weiter mit ihnen ab. Guten Tag und guten Weg, adieu, leb wohl! Diesem Passus bin ich schtets getreu gewest, weil ich een Freund von Principern bin; aber eenmal hab‘ ich doch im Charakter eene schwache Schtunde gehabt, und daran hab‘ ich nun eben heute noch zu hinken.“

„Wie ist denn das gekommen?“

„Ganz unverhofft, wie alles kommt, was man vorher nich weeß. Es ist, als wärsch heute, so leibhaftig schteht der betreffende Tag vor meinem geistigen Angesicht. Die Schterne funkelten, und die Bullfrösche brüllten laut im nahen Sumpfe, denn es war leider nich bei Tage, sondern bei Nacht. Baumann war abwesend, um sich in Fort Fettermann mit neuen Vorräten zu versehen; Martin schlief, und der Neger Bob, welcher fortgeritten war, um Schulden einzukassieren, hatte sich noch nich wieder sehen lassen. Nur sein Pferd war ohne ihn ins traute Heim zurückgekehrt. Am anderen Morgen kam er nachgehinkt, mit verschtauchten Gliedern und ohne eenen Pfennig Geld. Er war von unseren sämtlichen Schuldnern hinaus- und nachher vom Pferde ooch noch abgeworfen worden. Das nennt man des Lebens Unverschtand aus erschter Hand genießen. Sie sehen, daß ich sogar in Jamben erzählen kann! Nicht?“

„Ja. Sie sind ein kleines Genie.“

„Das habe ich mir sehr oft selber gesagt, anderen Leuten aber niemals, weil’s niemand glooben wollt. Also die Schterne schtrahlten vom Himmel herab, da klopfte es an unsere Thür. Hier im Westen muß man vorsichtig sein; darum machte ich nich sogleich auf, sondern ich fragte von innen, wer von außen herein wolle. Um die Sache kurz zu machen, es waren fünf Siouxindianer, welche Felle gegen Pulver umtauschen wollten.“

„Sie haben sie doch nicht etwa hereingelassen?“

„Warum nich?“

„Sioux, und mitten in der Nacht!“

„O bitte! Wenn wir eene Uhr gehabt hätten, so wäre es ungefähr halbzwölf gewest. Das war noch nich zu schpät. Ich als Westmann weeß sehr gut, saß man nich allemal zur Visitenschtunde am Platze sein kann, und daß die Zeit unter Umschtänden ungeheuer kostbar sein kann. Die Roten sagten, daß sie noch die ganze Nacht hindurch marschieren müßten, und so appellierte mein gutes, sächsisches Herz an mich – ich ließ sie herein.“

„Welch eine Unvorsichtigkeit!“

„Warum? Furcht habe ich nie gekannt, und ehe ich die Thür öffnete, machte ich die Bedingung, daß sie alle Waffen draußen ablegen müßten. Ich muß zu ihrer Ehre geschtehen, daß sie diesem Verlangen redlich nachgekommen sind. Natürlich aber hatte ich, während ich sie bediente, den Revolver in der Hand, was sie als Wilde mir nich übelnehmen konnten. Ich machte wirklich ein brillantes Geschäft mit ihnen: schlechtes Pulver gegen gute Biberfelle. Wenn Rote und Weiße miteinander handeln, so sind die Roten allemal die Betrogenen. Das thut mir zwar leid, aber ich alleene kanns leider nich ändern. Neben der Thür hingen drei geladene Gewehre. Als die Indsmen gingen, blieb der letzte unter der Thür schtehen, drehte sich nochmals um und fragte mich, ob ich nich vielleicht eenen Schluck Feuerwasser zugeben wolle. Nun ist’s zwar verboten, den Indianern Branntwein zu verabreichen, aber ich hatte, wie gesagt, eenen guten Profit gemacht und war infolgedessen bereit, ihnen den Gefallen zu thun. Ich wandte mich also um und ging nach der hinteren Ecke, in welcher eine Flasche Brandy schtand. In dem Moment, als ich mich mit derselben umdrehte, sah ich den Menschen mit eenem der Gewehre, welches er vom Pflocke gerissen hatte, verschwinden. Natürlich setzte ich schnell die Flasche nieder, ergriff die nächste Büchse und sprang zur Thür hinaus. Selbstverschtändlich trat ich sofort zur Seite, denn im Scheine des Lichtes hätte ich unter der Thür das sicherste Ziel geboten. Da ich so schnell aus dem Lichten in das Dunkel gekommen war, konnte ich nich sofort scharf sehen. Ich hörte rasche Schritte, und dann blitzte es drüben an der Fenz hell auf. Ein Schuß krachte, und ich hatte das Gefühl, als ob jemand mich auf den Fuß geschlagen habe. jetzt sah ich den Roten, welcher sich über die Fenz schwingen wollte. Ich legte an und drückte ab, fühlte aber zu gleicher Zeit eenen so schtechenden Schmerz im Fuße, daß ich zusammenknickte. Die Kugel ging fehl, und das Gewehr war verloren. Nur mit Mühe kam ich in die Hütte zurück. Der Schuß des Indianers war mir in den linken Fuß gegangen. War es wegen der Dunkelheit oder weil der Sioux een fremdes Gewehr gehabt hatte, ich kann heut noch nicht begreifen, wie er diesen Blasrohrschuß hat thun können. Erscht nach Monaten habe ich den Fuß wieder gebrauchen können, aber der Hobble-Frank bin ich geworden. Den Roten aber habe ich mir genau gemerkt. Ich werde sein Gesicht niemals vergessen, und wehe ihm, wenn er mir irgendwo und irgendwann begegnen sollte! Wir Sachsen sind als die urgemütlichsten Germanen bekannt, aber unsere nationalen Vorzüge können uns doch nimmermehr verpflichten, uns nächtlicher Weile, wenn die Schterne vom Himmel schtrahlen, ungeschtraft bestehlen und lahm schießen zu lassen. Ich glaube, der Sioux gehörte zu den Ogallalla, und wenn –– Was haben Sie denn?“

Er unterbrach sich mit dieser Frage, denn der dicke Jemmy hatte sein Pferd angehalten und einen Ruf der Überraschung ausgestoßen. Sie hatten die größte Breite der sandigen Einsenkung hinter sich. Hier gab es eine Stelle mit felsigem Boden, und da, wo dieselbe wieder in den Sand verlief, war Jemmy halten geblieben.

„Was ich habe?“ antwortete er. „Das möchte ich selbst auch fragen. Habe ich denn eigentlich Augen?“

Er blickte ganz verwundert vom Pferde herab auf den Sand hernieder. jetzt sah auch Frank, was sein Gefährte meinte.

„Ist’s denn möglich!“ rief er aus, „die Fährte ist ja plötzlich ganz anders!“

„Freilich! Erst war es die reine Elefantenspur, und jetzt sind’s die deutlichsten Pferdestapfen. Das Tier ist beschlagen gewesen, und zwar mit neuen Eisen, denn die Eindrücke sind außerordentlich scharf, und sowohl der Griff wie auch die Stollen nicht im mindesten abgelaufen.“

„Aber diese Fährte ist ja verkehrt!“

„Das ist’s ja eben, was ich nicht begreifen kann! Bis jetzt lief die Spur vor uns her, und jetzt kommt sie uns direkt entgegen!“

„Ist’s denn auch wirklich dieselbe Fährte?“

„Natürlich! Da hinter uns tritt der Fels zu Tage; aber die Stelle ist kaum zwanzig Fuß breit. Auf dem Felsen ist die Spur unsichtbar. Jenseits desselben kommt sie als Elefantenstapfen von Osten und diesseits kommt sie als deutlicher Pferdehufabdruck von Westen. Blicken Sie um sich! Gibt es etwa noch eine andere Fährte?“

„Nein.“

„Also müssen diese Eindrücke trotz ihrer Verschiedenheit von einem und demselben Tiere stammen. Ich will auch überflüssigerweise absteigen, um mich zu überzeugen, daß kein Irrtum vorliegt.“

Beide stiegen ab. Die genaueste Untersuchung des Bodens ergab dasselbe Resultat: die Elefantenspur hatte sich auf der schmalen, felsigen Stelle in eine Pferdespur verwandelt. Mußte bereits das höchst befremdlich erscheinen, so war der Umstand, daß die beiden Spuren gegeneinander liefen und auf dem Fels zusammenstießen, geradezu verblüffend. Die beiden Männer blickten einander ratlos an und schüttelten die Köpfe.

„Wenn das keine Zauberei ist, so vexiert uns einer,“ sagte Jemmy.

„Vexieren? Wie denn?“

„Ja, das kann ich nicht begreifen!“

„Aber Zauberei gibt’s ja nicht!“

„Nein; abergläubisch bin ich nicht.“

„Das kommt mir vor wie beim Zauberer Philadelphia, der eenen Zwirnknäuel in die Luft geworfen haben und dann an dem Zwirn emporgestiegen sein soll!“

„Da der Elefant von Osten und das Pferd von Westen hierhergekommen ist und beider Spuren hier aufhören, so müßten beide Tiere hier an dieser Stelle an dem Faden emporgeklettert und oben in der Luft verschwunden sein! Das erkläre, wer’s vermag; ich aber bring‘ es nicht fertig!“

„Jetzt möcht‘ ich wohl wissen, was der Moritzburger Lehrer sagen würde, wenn er mit hier wäre!“

„Der würde kein klügeres Gesicht machen, als Sie und ich!“

„Hm! Mit Erlaubnis, geistreich sieht das Ihrige grad‘ nich aus, Herr Jemmy.“

„Und Ihnen sieht man es in diesem Augenblicke auch nicht an, daß Sie ein so talentvoller Autopetrefakt sind. Ich möchte überhaupt den Menschen sehen, welcher dieses Rätsel zu lösen vermag.“

„Aber zu lösen muß es sein, denn der berühmte Archidiakonus hat gesagt: Gebt mir einen festen Punkt in der Luft, so hebe ich jede Thür aus ihren Angeln!“

„Archimedes, meinen Sie!“

„Ja, aber Diakonus war er nebenbei, denn als am Sonnabend nachmittag die feindlichen Soldaten kamen, lernte er grad‘ die Predigt für morgen auswendig und rief ihnen entgegen: Schtört mich nich, und macht leise! Da schlugen sie ihn tot. Darum ist der Punkt in der Luft wieder verloren gegangen.“

„Vielleicht finden Sie ihn wieder. Ich aber fühle mich nicht befähigt dazu, da ich nicht einmal hier diesen Widerspruch zu lösen vermag.“

„Etwas aber müssen wir doch thun!“

„Natürlich! Umgekehrt wird nicht. Wenn es überhaupt eine Erklärung gibt, so liegt sie vor uns, nicht aber hinter uns. Steigen wir also auf, und dann wieder vorwärts!“

Sie ritten weiter, der Pferdespur entgegen. Diese war immerfort ganz deutlich zu erkennen und führte nach ungefähr einer halben Stunde aus dem sandigen Terrain heraus auf besseren Boden. Dort gab es Gras und vereinzeltes Strauchwerk. Der Höhenzug lag nahe. Ein dichter Wald zog sich an ihm empor, unten mit einzelnen Bäumen beginnend und je höher aufsteigend, desto geschlossener werdend. Auch hier war die Spur deutlich zu erkennen; nach einiger Zeit aber gab es einen mit klarem Steingries bedeckten Boden; da hörte sie plötzlich und vollständig auf.

„Das ist die Lösung!“ brummte Frank.

„Unbegreiflich!“ erklärte Jemmy. „Das Pferd muß aus der Luft gekommen und wieder in der Luft verschwunden sein. Oder ist es wirklich der Geist der Savanne gewesen? Dann wollte ich, er käme auf den guten Gedanken, sich einmal sehen zu lassen. Ich möchte doch gar zu gern wissen, wie ein Geist aussieht.“

„Der Wunsch kann erfüllt werden. Sehen Sie sich ihn gefälligst an, meine Herren!“

Diese Worte erklangen in deutscher Sprache hinter dem Busch hervor, an welchem sie halten geblieben waren. Einen Ruf des Schreckens ausstoßend, fuhren die beiden herum. Der, welcher gesprochen hatte, verließ das Gesträuch, welches ihm als Deckung gedient hatte.

Er war von nicht sehr hoher und nicht sehr breiter Gestalt. Ein dunkelblonder Vollbart umrahmte sein sonnverbranntes Gesicht. Er trug ausgefranste Leggins und ein ebenso an den Nähten ausgefranstes Jagdhemd, lange Stiefel, welche er bis über die Knie emporgezogen hatte, und einen breitkrämpigen Filzhut, in dessen Schnur rundum die Ohrenspitzen des grauen Bären steckten. In dem breiten, aus einzelnen Riemen geflochtenen Gürtel steckten zwei Revolver und ein Bowiemesser; er schien rundum mit Patronen gefüllt zu sein. An ihm hingen außer mehreren Lederbeuteln zwei Paar Schraubenhufeisen und vier fast kreisrunde, dicke Stroh- oder Schilfgeflechte, welche mit Riemen und Schnallen versehen waren. Von der linken Schulter nach der rechten Hüfte trug er einen aus mehrfachen Riemen geflochtenen Lasso und um den Hals an einer starken Seidenschnur eine mit Kolibribälgen verzierte Friedenspfeife, in deren Kopf indianische Charaktere eingegraben waren. In der Rechten hielt er ein kurzläufiges Gewehr, dessen Schloß von ganz eigenartiger Konstruktion zu sein schien, und in der Linken eine – – -brennende Cigarre, an welcher er soeben einen kräftigen Zug that, um den Rauch mit sichtlichem Behagen von sich zu blasen.

Der echte Prairiejäger gibt nichts auf Glanz und Sauberkeit. je mitgenommener er aussieht, desto mehr hat er mitgemacht. Er betrachtet einen jeden, der auf sein Äußeres etwas gibt, mit souveräner Geringschätzung. Der größte Greuel ist ihm ein blankgeputztes Gewehr. Nach seiner festen Überzeugung hat kein Westläufer Zeit, sich mit solchem Schnickschnack zu befassen.

Nun sah an diesem jungen fremden Manne alles so sauber aus, als sei er erst gestern von St. Louis aus nach dem Westen aufgebrochen. Sein Gewehr schien vor einer Stunde aus der Hand des Büchsenmachers hervorgegangen zu sein. Seine Stiefel waren makellos eingefettet und die Sporen ohne eine Spur von Rost. Seinem Anzuge war kaum eine Strapaze anzusehen, und wahrhaftig, er hatte sogar seine Hände rein gewaschen.

Die beiden starrten ihn an und vergaßen vor Überraschung, ihm zu antworten.

„Nun,“ fuhr er lächelnd fort, „ich denke, Sie wünschen den Flats-ghost zu sehen? Wenn Sie den meinen, dessen Spur Sie gefolgt sind, so steht er vor Ihnen.“

„Alle Wetter! Da bleibt mir mehrschtentheels gleich sofort der Verschtand schtille schtehn!“ rief Frank aus.

„Ah, ein Sachse! Nicht?“

„Sogar een geborener! Und off alle Fälle sind Sie een reener, unvermischter Deutscher?“

„Ja, ich habe die Ehre. Und der andere Herr?“

„Ooh, aus derselbigen schönen Gegend. Der freudige Schreck ist ihm off die Schprache gefallen. Lange dauern thut’s aber bei ihm nich, so kann er wieder reden.“

Er hatte recht, denn jetzt sprang Jemmy aus dem Sattel und streckte dem Fremden die Hand entgegen.

„Ist’s möglich!“ rief er aus. „Hier am Devils Head einen Deutschen zu treffen! Kaum sollte man es glauben!“

„Meine Überraschung muß doppelt groß sein, denn ich treffe ihrer ja zwei. Und irre ich mich nicht, so ist Ihr Name Jakob Pfefferkorn?“

„Was! Meinen Namen kennen Sie!“

„Ihnen ist’s ja leicht anzusehen, daß Sie der „dicke Jemmy“ sind. Und könnte ich es da nicht erraten, so brauchte ich nur Ihren Klepper anzusehen. Trifft man einen dicken Jäger auf einem solchen Kamelgaule, so ist’s der Jemmy. Und zufälligerweise habe ich erfahren, daß dieser bekannte Westmann eigentlich Jakob Pfefferkorn heißt. Aber wo Sie sind, da kann der lange Davy mit seinem Maultiere nicht fern sein. Oder irre ich mich da vielleicht?“

„Nein; er ist wirklich in der Nähe, gar nicht weit von hier nach Süden, wo das Thal in die Berge geht.“

„Ah! Lagern Sie heut da?“

„Gewiß. Mein Gefährte hier heißt Frank.“

Frank war auch abgestiegen. Er gab dem Fremden die Hand. Dieser betrachtete ihn scharf, nickte ihm dann zu und fragte:

„Wohl gar der Hobble-Frank?“

„Herr Jemineh! Ooch meinen Namen wissen Sie?“

„Ich sehe, daß Sie hinken, und Frank heißen Sie. Da lag die Frage nahe. Sie hausen mit Baumann, dem Bärentöter, zusammen?“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Er selbst. Ich kam mit ihm vor einigen Jahren ein weniges zusammen. Wo befindet er sich jetzt? Daheim? Ich glaube, das ist ungefähr drei Tagesritte von hier?“

„Ganz genau. Aber er ist nich daheim. Er ist den Ogallalla in die Hände gefallen, und wir sind unterwegs, um zu sehen, was wir für ihn thun können.“

„Sie erschrecken mich. Wo ist das geschehen?“

„Gar nich weit von hier, am Devils Head. Sie schleppen ihn mit noch fünf Gefährten hinauf nach dem Yellowstone, um ihn am Grabe des tapferen Büffel zu töten.“

Der Fremde horchte auf.

„Aus Rache jedenfalls?“ fragte er.

„Ja freilich. Haben Sie vielleicht ‚mal von Old Shatterhand gehört?“

„Ich glaube, mich zu besinnen, ja.“

Es spielte dabei ein eigenartiges Lächeln um die Lippen des Sprechers.

„Nun, der hat den tapfern Büffel, den böses Feuer und noch eenen dritten Sioux getötet. Nun sind die Ogallalla unterwegs, um das Grab dieser drei zu besuchen, und dabei ist Baumann ihnen in die Hände gefallen.“

„Wie haben Sie das erfahren?“

Frank erzählte von Wohkadeh und von allem, was seit dem Erscheinen dieses jungen Indianers geschehen war. Der Fremde hörte ihm sehr aufmerksam und sehr ernst zu. Nur manchmal, wenn der Hinkende allzusehr in seinen heimatlichen Dialekt verfiel, flog ein schnelles Lächeln über sein Gesicht. Als der Bericht beendet war, sagte er:

„So trägt also Old Shatterhand eigentlich die Schuld an dem Unglücke, welches dem Bärentöter widerfahren ist. Er hat es auf dem Gewissen.“

„Nein. Was kann der dafür, daß Baumann die Vorsicht außer acht gelassen hat?“

„Nun, streiten wir uns darüber nicht. Es ist sehr brav von Ihnen, daß Sie die Gefahren und Anstrengungen, denen Sie unbedingt entgegengehen, nicht scheuen, um die Gefangenen zu befreien. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen ein gutes Gelingen. Besonders interessiere ich mich für den jungen Martin Baumann. Vielleicht bekomme ich ihn einmal zu sehen.“

„Das kann sehr leicht geschehen,“ sagte Jemmy. „Sie brauchen ja nur mit uns zu gehen oder vielmehr mit uns zu reiten. Wo haben Sie Ihr Pferd?“

„Woher wissen Sie, daß ich kein Waldläufer, sondern beritten bin?“

„Na, Sie tragen ja Sporen!“

„Ach so, das verrät es Ihnen. Mein Pferd befindet sich hier in der Nähe. Ich habe es für die wenigen Augenblicke verlassen, um Sie vorüberreiten zu sehen.“

„Haben Sie denn unser Kommen bemerkt?“

„Freilich. Ich sah Sie bereits vor einer halben Stunde da draußen halten, um sich über die Verschiedenheit der Fährte zu beraten.“

„Wie? Was wissen sie davon?“

„Weiter nichts, als daß es meine eigene Spur ist.“

„Was, die Ihrige?“

„Ja.“

„Alle Teufel! So sind Sie es, der uns vexiert hat?“

„Haben Sie sich wirklich täuschen lassen? Nun das ist ja eine große Genugthuung für mich, einem Westmanne, wie dem dicken Jemmy, ein Schnippchen geschlagen zu haben. Freilich galt das nicht Ihnen, sondern ganz anderen Leuten.“

Der Dicke schien nicht zu wissen, was er von dem Sprecher denken solle. Er betrachtete ihn kopfschüttelnd vom Kopfe bis zu den Füßen herab und fragte sodann:

„Aber wer sind Sie denn eigentlich?“

Der andere lachte belustigt auf und antwortete:

„Nicht wahr, Sie bemerken sofort, daß ich hier im fernen Westen ein Neuling bin?“

„Ja. Den Greenfinch sieht man Ihnen sofort an. Mit Ihrem Sonntagsgewehr können Sie getrost auf Sperlinge gehen, und Ihre Ausrüstung tragen Sie erst seit Tagen auf dem Leibe. Sie müssen in zahlreicher Gesellschaft hier sein und gehören jedenfalls zu einem Trupp Touristenschützen. Wo haben Sie die Eisenbahn verlassen?“

„In St. Louis.“

„Was? So weit im Osten? Unmöglich! Wie lange Zeit befinden Sie sich hier im Westen?“

„Dieses Mal seit acht Monaten.“

„O bitte, nehmen Sie es mir nicht übel! Aber das wollen Sie mir doch nicht etwa im Ernste weismachen!“

„Es kann mir nicht einfallen, Ihnen eine Unwahrheit zu sagen.“

„Pshaw! Und getäuscht wollen Sie uns auch haben?“

„Ja; die Fährte war von mir.“

„Das glaubt kein Gendarm! Ich mache eine Wette, Sie sind Lehrer oder Professor und reiten mit etlichen Kollegen hier herum, um Pflanzen, Steine und Schmetterlinge zu sammeln. Da lassen Sie sich einen guten Rat geben. Machen Sie sich schleunigst aus dem Staube! Hier diese Gegend ist kein Feld für Sie. Das Leben hängt hier nicht stündlich, sondern in jeder Minute an einem Haar. Sie wissen gar nicht, in welcher Gefahr Sie da schweben.“

„O, das weiß ich ganz genau. Hier in der Nähe z. B. lagern über vierzig Schoschonen.“

Heavens! Ist’s wahr?“

„Ja; ich weiß es ganz genau.“

„Und das sagen Sie so in aller Ruhe!“

„Wie soll ich es anders sagen? Meinen Sie, daß die paar Schoschonen zu fürchten seien?“

„Mann, Sie haben keine Ahnung, auf welch einem gefährlichen Gebiete Sie sich befinden!“

„O doch! Da draußen liegt der See des Blutes, und die Schoschonen würden sich freuen, uns oder einen von uns ergreifen zu können.“

„Jetzt weiß ich wirklich nicht, was ich von Ihnen denken soll!“

„Denken Sie, daß ich diesen Roten ebensogut wie Ihnen eine Nase drehen kann. Ich habe schon manchen tüchtigen Westmann getroffen, welcher sich in mir geirrt hat, weil er den landläufigen Maßstab an mich legte. Bitte, kommen Sie!“

Er drehte sich um und schritt langsam zwischen die Büsche hinein. Die beiden folgten, ihre Pferde an den Zügeln führend. Nach ganz kurzer Zeit kamen sie an ein wahres Prachtexemplar von Schierlingstanne, welche wohl über dreißig Meter hoch war, bei diesem Baume eine große Seltenheit. Neben derselben stand ein Pferd, ein prächtiger Rapphengst mit roten Nüstern und jenem Haarwirbel in der langen Mähne, welcher bei den Indianern als sicheres Kennzeichen vorzüglicher Eigenschaften gilt. Sattel und Riemenzeug war von indianischer Arbeit. Hinter dem ersteren war ein Gummimantel aufgeschnallt. Aus einer der Seitentaschen ragte das Futteral eines Fernrohres hervor. An der Erde lag ein schwerer, doppelläufiger Bärentöter vom stärksten Kaliber. Als Jemmy dieses Gewehr erblickte, that er einige rasche Schritte, hob es auf, betrachtete es und rief:

„Dieses Gewehr ist – – es ist – – ah, ich habe es noch nie gesehen, aber ich erkenne es sofort. Die Silberbüchse des Apachenhäuptlings Winnetou und dieser Bärentöter sind die berühmtesten Gewehre des Westens. Der Bärentöter gehört – – –“

Er hielt inne und starrte den Besitzer ganz fassungslos an; dann fuhr er fort:

„Jetzt, jetzt, ah, jetzt geht mir ein Licht auf! Old Shatterhand ist von jedem, der ihn zum erstenmal sah, für ein Greenhorn gehalten worden. Ihm gehört dieses Gewehr, und der Stutzen in Ihrer Hand ist keine Feiertagsrifle, sondern einer von den elf Henrystutzen, die es gegeben hat. Frank, Frank, wissen Sie, wer dieser Mann hier ist?“

„Nein. Ich habe weder sein Taufzeugnis noch seinen Impfschein gelesen.“

„Mensch, lassen Sie den Spaß! Sie stehen jetzt vor Old Shatterhand!“

„Old Shat – – –“

Der Hinkende fuhr um einige Schritte zurück.

„Alle guten Geister!“ stieß er hervor. „Old Shatterhand! Den habe ich mir freilich ganz anders vorgestellt!“

„Ich mir ja auch!“

„Wie denn, Mesch’schurs?“ fragte der Jäger lächelnd.

„Lang und breit wie den Koloß zu Varus!“ antwortete der gelehrte Sachse.

„Ja, von riesenhafter Gestalt,“ stimmte der Dicke bei.

„So sehen Sie, daß mein Ruf größer ist als mein Verdienst. Was von einem an dem ersten Lagerfeuer erzählt wird, das vergrößert man am zweiten um das Drei- und an dem dritten um das Sechsfache. So kommt es, daß man für ein wahres Wunder gehalten wird, während man doch nur das ist, was jeder andere auch.“

„Nein; was man von Ihnen erzählt, das ist – – –“

„Pah!“ unterbrach er ihn kurz und befehlend. „Lassen wir das! Sehen Sie sich lieber mein Pferd an. Es ist eins jener N’gul-itkli, welche nur bei den Apachen zu finden sind. Es ist barfuß. Will ich etwaige Verfolger mystifizieren, so binde ich ihm diese Schilfschuhe an, die in China sehr gebräuchlich sind. Es hinterläßt dann, besonders in sandigem Boden, eine Fährte, welche man für diejenige eines Elefanten halten möchte. Hier am Gürtel habe ich zwei Paar Hufeisen, einfach zum Anschuhen und Festschrauben. Das eine Paar ist wie gewöhnlich gearbeitet, das andere aber verkehrt, mit dem Stollen nach vom. Natürlich wird die Spur dann auch verkehrt, und derjenige, welcher mich verfolgt, glaubt, daß ich in ganz entgegengesetzter Richtung geritten sei.“

„Alle Wetter!“ meinte Frank. „Jetzt endlich wird es tageshell in meiner Intelligenz! Also Vexiereisen sind’s! Was würde der Moritzburger Lehrer dazu sagen!“

„Ich habe nicht die Ehre, diesen Herrn zu kennen, aber ich habe das Vergnügen, Sie beide getäuscht zu haben. An der felsigen Stelle konnte keine Spur zurückbleiben; darum stieg ich dort ab, um die Schilfschuhe mit den Eisen zu vertauschen. Freilich hatte ich keine Ahnung, Landsleute hinter mir zu haben; ich erblickte Sie erst später. Ich traf diese Vorsichtsmaßregel, weil ich aus gewissen Anzeichen auf die Gegenwart feindlicher Indianer schließen mußte. Und diese Vermutung bestätigte sich, als ich an diese Tanne kam.“

„Gibt es da Spuren der Indianer?“

„Nein. Der Baum bezeichnet den Punkt, an welchem ich heute mit Winnetou zusammentreffen will, und – – –“

„Winnetou!“ unterbrach ihn Jemmy. „Ist der Häuptling der Apachen hier?“

„Ja; er ist bereits vor mir angekommen.“

„Wo, wo ist er? Den muß ich unbedingt sehen!“

„Er hat mir hier das Zeichen zurückgelassen, daß er schon da gewesen sei und heute auch wiederkommen werde. Wo er sich unterdessen befindet, weiß ich nicht. Jedenfalls beschleicht er die Schoschonen.“

„Weiß er von ihrer Anwesenheit?“

„Er ist’s, der mich auf sie aufmerksam gemacht hat. Er hat mit dem Messer seine Zeichen in die Rinde des Baumes gegraben. Sie sind mir ganz so verständlich wie jede andere Schrift. Ich weiß, daß er da war und wiederkommen wird, und daß sich vierzig Schoschonen in der Nähe befinden. Das weitere muß ich hier abwarten.“

„Aber wenn die Schoschonen Sie hier entdecken!“

„Pah! Ich weiß nicht, für wen die Gefahr größer ist, ob für mich, wenn sie mich hier finden, oder für sie, wenn ich sie entdecke. An Winnetous Seite habe ich dieses Häufchen Schoschonen nicht zu fürchten.“

Das klang so einfach, so selbstverständlich, daß der Hobble-Frank bewundernd ausrief –

„Vierzig Feinde nich fürchten! Ich bin doch ooch keen Hasenfuß, aber so weit hat’s mein Temperament in der Kühnheit des Charakters doch noch nich gebracht. Veni, vidi, tutti, sagte der alte Blücher, und da gewann er die Schlacht bei Belle-mesalliance; aber zu zween gegen vierzig ist er ooch nich gewesen. Ich begreif‘ das eenfach nich!“

„Die Erklärung ist sehr einfach, mein Lieber; viel Vorsicht, viel List und ein klein wenig Entschlossenheit, wenn sie gebraucht wird. Befindet man sich dazu noch im Besitze von Waffen, auf welche man sich verlassen kann, so ist man unter Umständen selbst vielen überlegen. Hier an diesem Orte sind wir keineswegs sehr sicher. Wollen Sie klug sein, so reiten Sie weiter, damit Sie baldigst zu den Ihrigen stoßen.“

„Und Sie bleiben hier?“

„Bis Winnetou kommt, ja. Dann werde ich mit ihm Ihren Lagerplatz aufsuchen. Wir haben zwar ein anderes Ziel; aber wenn er einverstanden ist, so bin ich bereit, mit nach dem Yellowstone zu reiten.“

„Wirklich, wirklich?“ fragte Jemmy, aufs höchste erfreut. „In diesem Falle möchte ich darauf schwören, daß wir die Gefangenen befreien!“

„Nicht zu zuversichtlich! Ich bin die mittelbare Ursache, daß Baumann sich in Gefahr befindet, und so fühle ich mich verpflichtet, an seiner Befreiung mitzuwirken. Darum – – –“

Er hielt inne, denn Frank hatte einen unterdrückten Ruf des Schreckens ausgestoßen. Er deutete mit der Hand zwischen den Büschen hindurch, hinaus auf die Sandebene, auf welcher ein Trupp berittener Indianer sichtbar geworden war.

„Schnell auf die Pferde und fort!“ riet Shatterhand. „Jetzt sind Sie noch nicht bemerkt worden. Ich komme nach.“

„Die Kerls werden unsere Spur finden!“ sagte Jemmy, indem er schleunigst in den Sattel stieg.

„Nur fort, fort! Das ist die einzige Rettung für Sie!“

„Aber Sie werden ja von ihnen entdeckt!“

„Sorgen Sie sich nicht um mich! Vorwärts, vorwärts!“

jetzt saßen die beiden im Sattel und jagten davon. Shatterhand warf einen forschenden Blick umher. Die beiden hatten ebensowenig wie er in dem Steingrus eine Spur zurückgelassen. Das Geröll zog sich erst breit und dann immer schmäler werdend an der steilen Berglehne empor, bis es sich unter dichten Tannen verlor. Er hing den Henrystutzen an den Sattel, nahm den Bärentöter auf die Schulter und sagte seinem Pferde nur das eine Wort der Apachensprache:

„Peniyil – kommen!“

Als er nun mit großen, möglichst eiligen Schritten die steile Böschung emporzuklettern begann, folgte ihm das Tier wie ein Hund. Man hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß ein Pferd hier hinauf kommen könne, und doch langten beide nach kurzer, aber höchst energischer Anstrengung droben unter den Bäumen an. Er legte dem Tiere die Hand auf den Hals.

„Ischkuhsch – schlafen!“

Sofort legte es sich nieder und blieb da vollständig bewegungslos liegen. Es war indianisch geschult.

Die Schoschonen hatten die Fährte bemerkt. Wäre es diejenige Old Shatterhands gewesen, so hätten sie infolge der verkehrten Hufstellung annehmen müssen, daß die Spur von hier fort nach Osten führe; aber Franks und Jemmys Fährte war zu deutlich; sie konnte gar nicht verkannt werden. Die Schoschonen folgten ihr und kamen sehr rasch näher.

Seit dem Verschwinden der beiden Deutschen waren kaum zwei Minuten vergangen, so befanden sich die Indianer schon an der Schierlingstanne. Einige stiegen ab, um die verschwundenen Spuren zu suchen.

„Ive, ive; mi, mi – hier, hier, vorwärts, vorwärts!“ rief einer.

Er hatte gefunden, was er suchte. Die Roten verschwanden. Shatterhand hörte droben in seinem Verstecke, daß sie den beiden Flüchtigen im Galoppe folgten.

„Jetzt kommt es darauf an, die nötige Klugheit und Schnelligkeit zu entwickeln,“ dachte er. „Jemmy ist gar wohl der Mann dazu.“

Da ließ sein Pferd ein leises Schnauben hören, ein sicheres Zeichen, daß es seinen Herrn auf etwas aufmerksam machen wolle. Das Tier blickte ihn mit großen, klugen Augen an und wendete dann den Kopf zur Seite, bergaufwärts. Der Jäger nahm den Stutzen zur Hand, kniete schußgerecht nieder und hielt den Blick scharf nach oben gerichtet. Die Bäume standen hier so dicht, daß man gar nicht weit sehen konnte. Bald jedoch legte er den Stutzen wieder ab. Er hatte, unter den niedrigsten Aesten nach oben blickend, ein Paar mit Stachelschweinsborsten verzierte Moccassins gesehen, und er wußte, daß der Mann, welcher diese Schuhe trug, sein bester Freund sei. Bald raschelte es in den Zweigen, und der Nahende stand vor ihm.

Er war ganz genau so gekleidet wie Old Shatterhand, nur daß er anstatt der hohen Stiefel Moccassins trug. Auch eine Kopfbedeckung hatte er nicht. Sein langes, dichtes, schwarzes Haar war in einen hohen, helmartigen Schopf geordnet und mit einer Klapperschlangenhaut durchflochten. Keine Adlerfeder schmückte diese indianische Frisur. Dieser Mann bedurfte keines solchen Zeichens, um als Häuptling erkannt und geehrt zu werden. Wer nur einen Blick auf ihn richtete, der hatte sofort die Ueberzeugung, einen bedeutenden Mann vor sich zu haben. Um den Hals trug er den Medizinbeutel, die Friedenspfeife und eine dreifache Kette von Bärenkrallen, Trophäen, welche er sich selbst mit Lebensgefahr erkämpft hatte. In der Hand hielt er ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren. Dies war die berühmte Silberbüchse, deren Kugel niemals ihr Ziel verfehlte. Der Ausdruck seines ernsten, männlich-schönen Gesichtes war fast römisch zu nennen; die Backenknochen standen kaum merklich vor, und die Hautfarbe war ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch.

Das war Winnetou, der Apachenhäuptling, der herrlichste der Indianer. Sein Name lebte in jeder Blockhütte und an jedem Lagerfeuer. Gerecht, klug, treu, tapfer bis zur Verwegenheit, ohne Falsch, ein Freund und Beschützer aller Hilfsbedürftigen, gleichviel ob sie rot oder weiß von Farbe waren, so war er bekannt über die ganze Länge und Breite der Vereinigten Staaten und deren Grenzen hinaus.

Old Shatterhand hatte sich vom Boden erhoben. Er wollte sprechen, wurde aber durch eine Handbewegung Winnetous zum Schweigen aufgefordert. Ein zweiter Wink des Apachen bedeutete ihn, zu horchen.

Von fernher ließen sich monotone Klänge vernehmen. Sie kamen schnell näher. Es waren Molltöne im Vierachteltakte, die zwei ersten Achtel auf der kleinen Terz und das Viertel dann auf der Prime, ungefähr wie cca- cca. Und dann ertönte auf der hohen Quinte e ein schriller Jubelton.

jetzt hörten die beiden Lauscher lautes Pferdegetrappel, und nun waren auch die Laute zu verstehen, welche gesungen wurden. Es war nur das eine Wort: „totsi-wuw, totsi-wuw!“ Es bedeutet so viel wie Skalphaut.

Nun wußte Old Shatterhand, daß die beiden Deutschen nicht entkommen, sondern gefangen genommen worden waren.

Die Schoschonen ritten unten vorüber, nach indianischer Weise einer hinter dem anderen. In der Mitte aber hatten zwei die beiden Gefangenen zwischen sich. Dieselben waren ihrer Waffen beraubt und mit Lassos auf ihre Pferde gebunden. Sie schienen unverwundet zu sein. Vielleicht hatte gar kein Kampf stattgefunden. Vielleicht hatten sie sich, nachdem sie eingeholt worden waren, in der Ueberzeugung, daß Widerstand unnütz sei, freiwillig ergeben.

Keiner der Schoschonen ahnte, daß es in der Nähe einen Lauscher gäbe. Die Gefangenen aber dachten an Old Shatterhand, den sie hier verlassen hatten. Sie blickten um sich, nach rechts, nach links, und auch empor zur Höhe. Shatterhand mußte ihnen ein Zeichen geben, daß er sie sehr wohl bemerke. Dabei wagte er freilich, daß dasselbe auch von einem zufällig emporblickenden Schoschonen gesehen werde. Er trat ein Stück vor, und schwenkte den Hut; als er sah, daß der dicke Jemmy ihn bemerkt habe, trat er schnell wieder zurück.

Die Roten verschwanden. Eine kurze Zeit noch hörte man das monotone „totsi-wuw, totsi-wuw“, dann wurde es still.

Jetzt drehte sich Winnetou um und verließ, ohne ein Wort zu sprechen, die Stelle wieder, an welcher er neben Old Shatterhand gestanden hatte. Dieser wartete ruhig. Nach vielleicht zehn Minuten kehrte der Apache zurück, sein Pferd am Zügel hinter sich führend. Es war wirklich unbegreiflich, wie es dem Tiere gelingen konnte, auf so sehr abschüssigem Boden sich sicher durch den dichten Wald zu winden. Es war ganz von der Art und Farbe wie dasjenige Old Shatterhands, doch verdiente das letztere wohl den Vorzug. Der Häuptling hatte infolge seiner noblen Gesinnung seinem Freunde das bessere von beiden geschenkt.

jetzt standen sie nebeneinander, zwei Männer, welche sich selbst vor einem ganzen Indianerstamm nicht zu fürchten pflegten. Ein forschender Blick in das Gesicht des Apachen belehrte Old Shatterhand, daß er diesem über das Vorkommnis keine ausführliche Belehrung zu geben brauche. Die beiden kannten einander eben so gut, daß sie ihre Gedanken gegenseitig leicht zu erraten vermochten. Darum fragte der Weiße:

„Der Häuptling der Apachen hat den Ort entdeckt, an welchem die Krieger der Schoschonen ihr Lager aufgeschlagen haben?“

„Winnetou ist ihrer Fährte gefolgt,“ antwortete der Gefragte. „Sie sind da, wo vor Zeiten das Wasser aus den Bergen in den See des Blutes geflossen ist, im trockenen Flußbette aufwärts geritten. Dann führt die Spur links über die Höhe in ein Nastla-atahehle (kesselförmiges Thal), wo sie ihre Zelte errichtet haben.“

„Sind es Wohnzelte?“

„Nein, sondern es sind die Zelte des Krieges, drei an der Zahl, in welchen sie alle wohnen. Winnetou hatte ihre Spuren richtig gezählt und dir an den Baum geschrieben, wie viele ihrer sind. In dem mit Adlerfedern geschmückten Zelt wohnt der Anführer. Es ist Tokvi-tey (der schwarze Hirsch), der tapferste Häuptling der Schoschonen. Winnetou hat sein Angesicht von weitem gesehen und ihn an den drei Narben, welche er auf den Wangen trägt, erkannt.“

„Und was hatte mein roter Bruder beschlossen?“

„Winnetou hatte nicht die Absicht, sich den Schoschonen zu zeigen. Er fürchtet sie nicht; aber weil sie sich auf dem Kriegspfade befinden, so würde ein Kampf dann unvermeidlich sein, und er möchte doch keinen von ihnen töten, weil sie ihm nichts gethan haben. Nun aber haben sie die beiden Bleichgesichter gefangen genommen; mein weißer Bruder will dieselben befreien, und so wird Winnetou doch mit ihnen kämpfen müssen.“

Mit solcher Sicherheit sprach der Apache von den Gedanken und Absichten Shatterhands. Dieser fand dies so selbstverständlich, daß er gar keine Bemerkung darüber machte, sondern sich nur erkundigte:

„Hat mein Bruder erraten, wer die Bleichgesichter sind?“

„Winnetou hat die Gestalt des Dicken gesehen und weiß also, daß dieser Jemmy-petahtscheh ist, der dicke Jemmy. Der andere hinkte, als er vom Pferde stieg. Sein Tier war so frisch und sein Anzug ebenso, daß der Mann sich noch nicht lange Zeit im Sattel befinden kann. Er wohnt also in keiner großen Entfernung von hier, und darum wird er wohl Indahisch-schohl-dentschu sein, welchen die Bleichgesichter Hobble-Frank nennen. Er ist der Gefährte des Bärentöters.“

Die Apachen haben kein besonderes Wort für „hinken“. Die vier Worte des Häuptlings bedeuten: „der Mann, welcher schlecht zu Fuße geht“. Er hatte ganz richtig vermutet und damit, wie oft, einen Beweis gegeben, daß der Scharfsinn der Indianer ein außerordentlicher ist.

„Mein roter Bruder hat die Namen der beiden Jäger erraten,“ sagte Old Shatterhand. „Er hat den Hobble-Frank hinken sehen und sich folglich in unserer Nähe befunden, als ich mit ihnen sprach?“

„Ja. Winnetou hatte die Schoschonen beobachtet und gesehen, daß eine Abteilung von ihnen davonritt, in der Richtung nach dem See des Blutes. Da er nun wußte, daß sein weißer Bruder dorthin kommen werde, ritt er über die Höhen und durch den Wald gerade auf den Baum der Zusammenkunft zu. Zuletzt hinderte ihn das Pferd, schnell vorwärts zu kommen und seinen Bruder zu warnen; darum ließ er es stehen und eilte zu Fuß weiter. Von hier oben erblickte er dann seinen Bruder mit den beiden Bleichgesichtern unten stehen. Er sah auch die Schoschonen, welche die Fährte der Weißen bemerkten. Diese letzteren eilten davon und wurden von den Roten, welche ihnen nacheilten, gefangen. Jetzt versteht es sich von selbst, daß Old Shatterhand sie befreien wird, und Winnetou wird ihm dabei zur Seite stehen. Er vermutet auch, daß die beiden Weißen sich nicht allein hier am See des Blutes und am Devils Head befinden. Sie werden auf Old Shatterhands Fährte getroffen sein und sich von ihren Gefährten getrennt haben, um ihr für einige Zeit zu folgen. Mein weißer Bruder wird wissen, wo diese Gefährten sich befinden, und wir werden sie jetzt aufsuchen, damit sie uns behilflich sind, die Gefangenen zu befreien.“

Das war abermals ein Beweis seines ungewöhnlichen Scharfsinns. Old Shatterhand erzählte ihm in kurzen Worten, was er von Jemmy und Frank erfahren hatte. Der Apache hörte aufmerksam zu und sagte dann:

„Ugh! So haben sich die Hunde der Sioux auf die Beine gemacht, um zu erfahren, daß Old Shatterhand und Winnetou nicht dulden werden, daß der Bärentöter den Tod am Marterpfahle sterbe. Wir werden heute den Dicken und den Hinkenden befreien und sodann mit ihnen und ihren Kameraden hinauf nach dem Yellowstone reiten, um den Sioux vom Stamme der Ogallalla zu zeigen, daß Old Shatterhand, welcher damals ihre drei tapfersten Krieger mit der bloßen Faust erschlug, sich jetzt wieder in den Bergen des Toli-tlitsu befindet.“

Dieses viersilbige Wort bedeutet: „gelber Fluß“, also fast genau dasselbe wie Yellowstone River.

Es war Old Shatterhand höchst willkommen, daß Winnetou sich aus freien Stücken bereit zeigte, Baumann zu Hilfe zu eilen. Er sagte:

„Mein roter Bruder hat meinen Wunsch erraten. Wir sind nicht in diese Gegend gekommen, um das Blut der roten Männer zu vergießen; aber wir werden es auch nicht geschehen lassen, daß Unschuldige meine damalige That mit dem Tode büßen. Winnetou mag mir zu denen folgen, welche zu ihrer Rettung ausgezogen sind!“

Sie führten ihre Pferde die steile Böschung vollends hinab, stiegen auf und ritten dann schnell in derselben Richtung fort, welche Jemmy und Frank vorher bei ihrer mißglückten Flucht eingeschlagen hatten.

Es war nicht mehr weit zum Anbruche der Dunkelheit; darum ließen sie ihre Pferde weit ausgreifen. Bald erreichten sie die Stelle, an welcher die Schoschonen die Flüchtigen erreicht hatten. Dort hielten sie für einige Augenblicke an, um die Spuren zu untersuchen.

„Es ist gar nicht gekämpft worden,“ meinte Winnetou.

„Nein. Die beiden Bleichgesichter waren ja nicht verwundet. Hätten sie es für geraten gehalten, sich zu verteidigen, so wären sie den Schoschonen ganz gewiß nicht unverletzt in die Hände gefallen. Sie haben klugerweise eingesehen, daß ein Kampf nur zu ihrem Nachteile ausschlagen könne, und sich also freiwillig ergeben.“

Winnetou machte eine seiner eigenartigen, scharf bezeichnenden Handbewegungen und fragte:

„Klugerweise, sagt mein Bruder? Ich möchte ihn fragen, ob er und Winnetou sich ergeben hätten, wenn sie es gewesen wären, die von den Schoschonen verfolgt wurden!“

„Ergeben? Wir uns? Ganz gewiß nicht!“

„Howgh!“

„Wir hätten gekämpft bis zum Tode, und viele der Schoschonen wären gefallen, ehe man uns ergriffen hätte.“

„Vielleicht hätten wir auch nicht gekämpft. Winnetou möchte den Schoschonen sehen, der ihn und Old Shatterhand ereilen könnte, wenn beide ihre Rappen unter sich haben. Und ist Old Shatterhand nicht ein Meister im Auffinden fremder und im Verbergen seiner eigenen Spuren? Die Schoschonen hätten sein müssen wie Männer, welche der große Geist mit Blindheit geschlagen hat. Keines ihrer Augen hätte unsere Fährte bemerkt. Tapferkeit ist die Zierde eines Mannes; durch Klugheit aber vermag er mehr Feinde zu besiegen als durch den Tomahawk.“

Sie ritten weiter, gerade südwärts, am Fuße des Höhenzuges hin, links von sich die Bodensenkung des einstigen Sees.

„Hat mein Bruder bereits einen Plan zur Befreiung der beiden Weißen erdacht?“ fragte Shatterhand.

„Winnetou braucht keinen Plan; er wird zu den Schoschonen zurückkehren und ihnen die Gefangenen entführen. So denkt er. Diese Schlangenindianer sind gar nicht wert, daß Winnetou ihretwegen über einen Plan nachdenkt. Old Shatterhand hat ja den Beweis erhalten, daß sie kein Hirn in ihren Köpfen haben.“

Shatterhand wußte sogleich, was er meine.

„Ja“, sagte er. „Keiner von ihnen hat daran gedacht, daß die meisten Jäger sich nicht allein hier befinden. Wäre ihnen dieser Gedanke gekommen, so hätten sie jedenfalls einige Kundschafter ausgesandt. Wir haben es also mit Leuten zu thun, deren Klugheit wir gar nicht sehr zu fürchten brauchen. Wäre Tokvi-tey, der Häuptling, in eigener Person bei dieser Abteilung gewesen, so hätten wir ganz sicher jetzt einige Kundschafter vor uns reiten.“

„Sie würden nichts finden, denn Winnetou und Old Shatterhand würden die Augen dieser Männer auf sich ziehen und sie irre leiten.“

jetzt hatten sie die Stelle erreicht, an welcher die Thalschlucht in fast gerader westlicher Richtung in die Höhe schnitt. Dort fanden sie die Spuren der Gesuchten, doch war es bereits so dunkel, daß die Eindrücke nicht mehr genau erkannt werden konnten. Sie bogen nach rechts ab, der Fährte nach.

Die Schlucht war ziemlich breit und auch leicht gangbar. Die beiden Reiter kamen trotz der Dunkelheit schnell vorwärts. Da ihre Pferde barfuß waren, machten die Huftritte derselben so wenig Geräusch, daß dies nur ganz in der Nähe gehört werden konnte.

Da schien es, als ob eine Seitenschlucht sich links abzweige. Die beiden hielten an. Die Schlucht war eng. Konnte es diejenige sein, in welcher die gesuchten vier Personen ihr Lager hatten errichten wollen?

Als sie so still da hielten, scharrte Winnetous Pferd leise den Boden und ließ jenes bezeichnende Schnauben vernehmen, welches stets ein Zeichen ist, daß das Tier etwas Fremdes, vielleicht gar Feindseliges wittert.

„Wir sind auf dem richtigen Wege,“ meinte der Weiße. „Reiten wir links ab. Das Pferd will uns sagen, daß da drin sich jemand befindet.“

Sie mochten ungefähr zehn Minuten langsam vorwärts geritten sein, da machte die Schlucht eine Wendung, und dann, als sie die Krümmung hinter sich hatten, erblickten sie ein Feuer, welches in einer Entfernung von vielleicht hundert Schritten von ihnen brannte. Die Schlucht hatte sich da erweitert und bildete eine von Bäumen bestandene Ausbuchtung, in deren Mitte ein Quell aus dem Boden drang, um sein weniges Wasser aber bald wieder im sandigen Grunde verlaufen zu lassen.

Am Quell traten die Bäume zurück, so daß ein kleiner freier Platz gebildet wurde, auf welchem das Feuer brannte. Die beiden sahen drei Personen an demselben sitzen, deren Gesichtszüge sie wegen der beträchtlichen Entfernung aber nicht zu erkennen vermochten.

„Was meint mein Bruder?“ fragte Winnetou. „Werden es die richtigen sein?“

„Es sind nur drei; wir aber suchen viere. Bevor wir unsere Gegenwart merken lassen, wollen wir einmal sehen, wen wir vor uns haben.“

Er stieg ab, und Winnetou that dasselbe.

„Es genügt, wenn ich allein hingehe,“ sagte Shatterhand.

„Gut! Winnetou wird warten.“

Er nahm die Pferde bei den Zügeln und trat mit ihnen möglichst weit zur Seite, da, wo die Felswand ein weiteres Zurückziehen unmöglich machte. Old Shatterhand huschte vorsichtig vorwärts bis unter die Bäume und schlich sich dann von Stamm zu Stamm weiter, bis er sich hinter dem letzten der Bäume niederlegte und nun die Drei in aller Gemütlichkeit beobachten konnte. Sogar die Worte konnte er verstehen, welche sie miteinander sprachen.

Es war der lange Davy mit Wohkadeh und Martin Baumann. Bob, der Neger, war nicht da. Der gute Schwarze war mit wahrer Begeisterung für den abenteuerlichen Ritt eingenommen. Er fühlte sich als Ritter der Prairie und war überaus beflissen, sich ganz genau als solcher zu verhalten. Darum war er, nachdem er gegessen hatte, vom Feuer aufgestanden und hatte erklärt, daß er für die Sicherheit seines jungen „Massas“ und der anderen beiden „Massers“ wachen werde. Davy hatte ihm vergebens erklärt, daß dies jetzt und hier gar nicht nötig sei.

Anstatt nun den Eingang der Schlucht, woher allem Ermessen nach jede etwaige Gefahr kommen mußte, zu bewachen, war er beflissen gewesen, in gerade entgegengesetzter Richtung zu patrouillieren. Dort hatte er nichts Verdachterregendes bemerkt, und so kehrte er gerade in dem Augenblicke, an welchem Old Shatterhand hinter dem Baume Posto faßte, zu dem Feuer zurück, setzte sich aber nicht nieder, sondern ging weiter.

„Bob,“ sagte Davy. „Bleib doch da! Was soll das Herumstreichen nützen! Es sind ganz gewiß keine Indsmen in der Nähe.“

„Wie Massa Davy das können wissen!“ antwortete Bob. „Indsman kann sein überall, rechts, links, hüben, drüben, oben, unten, hinten, vorn – – –“

„Und in deinem Kopfe!“ lachte der Lange.

„Massa mögen lachen. Bob kennen seine Pflicht. Massa Bob sein groß und berühmt Westmann; er machen kein Fehler. Wenn Indsman kommen, Massa Bob ihn sofort schlagen tot.“

Er hatte sich nämlich eine junge, dürre Fichte abgebrochen und hielt deren wohl zehn Zoll starken Stamm in den gewaltigen Fäusten. Mit dieser Waffe fühlte er sich sicherer als mit der Flinte in der Hand.

Er schritt jetzt in entgegengesetzter Richtung davon.

Old Shatterhand war jetzt überzeugt, die Gesuchten vor sich zu haben; er hätte seine Anwesenheit zu erkennen geben können; aber da Bob gerade nach dem Punkte zuhielt, an welchem Winnetou stand, so war mit Wahrscheinlichkeit ein kleines Intermezzo zu erwarten, und so blieb der Jäger noch ruhig hinter dem Baume liegen.

Er hatte sich nicht verrechnet. Der Neger näherte sich der betreffenden Stelle. Es ist eine alte Erfahrung, daß indianische Pferde sich nicht leicht mit Negern befreunden, was seinen Grund jedenfalls in den Transpirationsverhältnissen hat. Die beiden Rappen rochen Bob von weitem und wurden unruhig. Winnetou hatte die dunkle Hautfarbe des Nahenden bemerkt, und da er von Shatterhand gehört hatte, daß ein Neger sich bei den Gesuchten befinde, so war er jetzt überzeugt, Freunde vor sich zu haben; darum verhielt er sich nicht feindselig, sondern ließ den Schwarzen ruhig herankommen.

Eines der Pferde schnaubte. Bob hörte es. Er blieb stehen und horchte. Ein abermaliges Schnauben brachte ihn zu der Ueberzeugung, daß irgend wer oder irgend was sich in der Nähe befinde.

„Wer da sein?“ fragte er.

Keine Antwort.

„Bob fragen, wer da sein! Wenn nicht antworten, so schlagen Massa Bob tot, wer da sein!“

Abermals keine Antwort.

„Nun, dann sterben müssen all, wer da sein!“

Er erhob den Knüttel und trat näher. Winnetous Hengst sträubte die Mähne; seine Augen funkelten. Er stieg vom empor und schlug mit den Vorderhufen nach Bob. Dieser sah, da er sich jetzt in solcher Nähe befand, eine hohe, riesige Gestalt vor sich. Er bemerkte die funkelnden Augen und hörte das drohende Schnauben; einer der Hufe sauste an seinem Kopfe vorüber und im Niederfallenlassen schleuderte ihn das Pferd zur Seite.

Er war ein mutiger Kerl, aber mit einem solchen Gegner sich einzulassen, das war ihm doch zu gefährlich. Er ließ den Knüttel fallen, riß aus und schrie dabei aus Leibeskräften:

Woe to me! Help, help, help! Er wollen Massa Bob erschlagen! Er wollen Massa Bob verschlingen! Help, help, help!

Die drei am Feuer Sitzenden sprangen auf.

„Was gibt’s?“ fragte Davy

A giant, ein Riese, ein Gespenst, ein Geist wollen Massa Bob erwürgen!“

„Unsinn! Wo denn?“

„Dort, dort am Felsen es sein.“

„Laß dich nicht auslachen, Schwarzer! Gespenster gibt es gar nicht.“

„Massa Bob haben es sehen!“

„Es wird ein seltsam geformter Fels gewesen sein.“

„Nein, es nicht sein Fels!“

„Oder ein Baum!“

„Auch nicht sein Baum. Es sein lebendig!“

„Du hast dich getäuscht.“

„Massa Bob sich nicht täuschen. Gespenst so groß, so, so!“ Dabei streckte er beide Hände möglichst hoch über seinem Kopf empor. „Es haben Augen wie Feuer, sperren ein Maul auf wie Drache und blasen Massa Bob an, daß er hinfallen. Massa Bob haben sehen großen Bart, so groß, so lang!“

jedenfalls hatte er die Mähnenhaare, welche bei dem Rappen sehr lang waren, trotz der Dunkelheit gesehen und hielt sie nun für den Bart des Riesen.

„Du bist nicht bei Sinnen!“ behauptete Davy.

„O, Massa Bob sein bei Sinn, sehr bei Sinn! Er weiß, was er haben sehen. Massa Davy nur gehen hin und es auch ansehen!“

„Nun, so wollen wir doch einmal schauen, welchen Gegenstand der Nigger für einen Riesen oder ein Gespenst gehalten hat!“

Er wollte gehen. Da erklang es hinter ihm:

„Bleibt in Gottes Namen hier, Master Davy! Es handelt sich in Wirklichkeit nicht um ein Gespenst.“

Er fuhr herum und riß sein Gewehr an die Wange. Wohkadeh hielt in demselben Augenblicke sein Gewehr auch schußfertig, und Martin Baumann legte auch das seinige an. Alle drei Läufe waren auf Old Shatterhand gerichtet, welcher sich vom Boden erhoben hatte und hinter dem Baume hervorgetreten war.

Good evening!“ grüßte er. „Thut euer Schießzeug weg, Mesch’schurs! Ich komme als Freund und soll euch vom dicken Jemmy und vom Hobbel-Frank grüßen.“

Da ließ der lange Davy die Büchse sinken, und die anderen folgten seinem Beispiele.

„Uns von ihnen grüßen?“ fragte er. „So habt Ihr sie getroffen?“

„Ja freilich.“

„Wo?“

„Da unten am Rande des Blutsees, bis wohin sie der Elefantenfährte gefolgt waren.“

„Das stimmt. Haben sie denn entdeckt, wer dieser Elefant gewesen ist?“

„Ja, mein Pferd war es.“

„Alle Wetter! Hat es denn gar so riesenhafte Plattfüße, Sir?“

„Nein; es hat vielmehr gar zierliche Hüfchen. Freilich kann ich nicht dafür, daß Ihr die Schuhe hier für die Füße gehalten habt.“

Er deutete auf die vier Schilfsohlen, welche er am Gürtel hängen hatte. Der Lange begriff sogleich, um was es sich handelte:

„Ah, wie gescheit! Schnallt dieser fremde Master seinem Pferde solche Sohlen an, um die Leute, welche dann die Fährte sehen, irre zu machen! Mann, dieser Gedanke ist sehr gut; er ist so ausgezeichnet, als ob ich selbst ihn erfunden hätte!“

„Ja, der lange Davy hat von allen Jägern, welche zwischen den zwei Meeren reiten und laufen, stets die besten Gedanken!“

„Spottet nicht, Sir! So klug wie Ihr seid, bin ich wohl auch. Verstanden?“

Sein Auge flog dabei mit einem geringschätzenden Blicke über die saubere Erscheinung Old Shatterhands.

„Das bezweifle ich gar nicht,“ antwortete dieser. „Und weil Ihr so klug seid, werdet Ihr mir wohl auch sagen können, wer das Gespenst ist, welches Euer guter Bob gesehen hat?“

„Ich will einen Centner Flintenkugeln verzehren, und zwar ohne Butter und Petersilie, wenn es nicht Euer Pferd gewesen ist!“

„Ich meine, daß Ihr es erraten habt.“

„Dies zu erraten, braucht man nicht Gymnasiast gewesen zu sein wie der dicke Jemmy. Aber nun sagt mir doch, wo der Kerl mit dem Frank eigentlich steckt. Warum kommt Ihr allein?“

„Weil sie abgehalten sind, selbst zu kommen. Sie sind von einer Schar Schoschonen zum Abendessen eingeladen worden.“

Der Lange machte eine Bewegung des Schreckens.

Heavens! Wollt Ihr damit vielleicht sagen, daß sie gefangen genommen worden sind?“

„Leider meine ich das.“

„Wirklich? Gewiß? Wahrhaftig?“

„Ja. Sie wurden überfallen und fortgeführt.“

„Von den Schoschonen? Gefangen! Fortgeführt! Das werden wir uns verbitten! Wohkadeh, Martin, Bob, schnell zu Pferde! Wir müssen den Schoschonen augenblicklich nach. Sie müssen die beiden herausgeben, sonst hauen wir sie zu russischem Salat zusammen!“

Er eilte zu den Pferden, welche am Wasser grasten.

Stop, Sir!“ sagte Old Shatterhand. „So schnell bringt Ihr das nicht fertig. Wißt Ihr denn, wo die Schoschonen zu finden sind?“

„Nein; aber ich hoffe, daß Ihr es uns sagen könnt!“

„Und wie viele Personen sie zählen?“

„Personen? Meint Ihr, daß es mir einfallen kann, die Personen zu zählen, wenn es gilt, meinen dicken Jemmy herauszuhauen? Es mögen hundert sein oder nur zwei, das ist egal: heraus muß er!“

„So wartet wenigstens noch ein wenig, bevor Ihr zuschlagt! Ich denke, wir haben uns zunächst noch einiges zu sagen. Ich bin nicht allein. Da kommt ein Kamerad, welcher Euch auch einen guten Abend bieten möchte.“

Winnetou hatte bemerkt, daß Old Shatterhand mit den Männern sprach; darum kam er nun mit den Pferden herbei. Der lange Davy war zwar überrascht, einen Roten in Gesellschaft des Weißen zu sehen, schien aber den Häuptling nicht für besonders achtenswert zu halten, denn er sagte:

„Eine Rothaut! Und auch wie aus dem neuen Ei geschält, gerade wie Ihr. Ein Westmann seid Ihr wohl eigentlich nicht?“

„Nein, eigentlich nicht; das habt Ihr wieder sogleich erraten.“

„Dachte es mir! Und dieser Indsman ist wohl auch ein ansässiger, der sich vom großen Vater in Washington einige Hände voll Land hat schenken lassen?“

„Jetzt täuscht Ihr Euch, Sir!“

„Wohl schwerlich.“

„Ganz gewiß. Mein Gefährte ist nicht der Mann, welcher sich vom Präsidenten der Vereinigten Staaten Land schenken läßt. Er wird vielmehr – – –“

Er wurde von Wohkadeh unterbrochen, welcher einen Ruf freudigen Erstaunens ausstieß. Der junge Indianer war nämlich zu Winnetou getreten und hatte die Büchse in dessen Hand bemerkt.

„Uff, uff!“ rief er aus. „Maza-skamon-za-wakon – die Silberbüchse!“

Der Lange verstand so viel von der Sprache der Sioux, daß er wußte, was Wohkadeh meinte.

„Die Silberbüchse?“ fragte er. „Wo? Ah, hier, hier! Zeigt sie doch einmal her, mein roter Sir!“

Winnetou ließ sie sich aus der Hand nehmen.

„Es ist Maza-skamon-za-wakon,“ rief Wohkadeh. „Dieser rote Krieger ist also Winnetou, der große Häuptling der Apachen!“

„Was? Wie? Unmöglich!“ meinte der Lange. „Aber gerade so wie dieses Gewehr hat man mir die Silberbüchse beschrieben.“

Er blickte Winnetou und Old Shatterhand fragend an. Sein Gesicht hatte in diesem Augenblicke keineswegs den Ausdruck allzugroßer Klugheit.

„Es ist die Silberbüchse,“ antwortete Shatterhand. „Mein Gefährte ist Winnetou.“

„Hört, Mann, macht keinen dummen Spaß mit mir!“

„Pah! Wenn Ihr partout wollt, so nehmt’s meinetwegen für Scherz. Ich habe keine Lust, Euch den Stammbaum des Apachen auf den Rücken zu malen.“

„Das würde Euch auch sehr schlecht bekommen, Sir! Aber wenn dieser rote Gentleman wirklich Winnetou ist, wer seid denn Ihr? In diesem Falle müßtet Ihr ja wohl der – – ,

Er hielt mitten in der Rede inne. Bei dem Gedanken, welcher ihm gekommen war, vergaß er, den Mund zu schließen. Er starrte Old Shatterhand an, schlug dann die Hände zusammen, that einen Luftsprung und fuhr sodann fort:

„Na, da hab‘ ich freilich einen Pudel geschossen, welcher größer als der ausgewachsenste Elefant ist! Beleidige ich da den berühmtesten Westmann, den nur jemals die Sonne beschienen hat! Wenn dieser Indsman Winnetou ist, so seid Ihr kein anderer als Old Shatterhand, denn diese beiden gehören gerade so zusammen wie der dicke Jemmy und ich. Also sagt‘ ist’s richtig, Sir?“

„Ja, Ihr habt Euch nicht getäuscht.“

„So möchte ich vor Freuden gleich alle Sterne vom Himmel herunterlangen und da auf die Bäume setzen, um den Abend, an welchem ich euch kennen lernte, durch eine Illumination zu feiern! Willkommen, Mesch’schurs, willkommen an unserem Lagerfeuer! Verzeiht die Dummheit, welche wir gemacht haben!“

Er streckte beiden die Hände entgegen und drückte ihnen die ihrigen, daß sie hätten aufschreien mögen. Bob, der Neger, sagte gar nichts. Er schämte sich außerordentlich, ein Pferd für ein Gespenst gehalten zu haben. Wohkadeh war bis an die Bäume zurückgetreten. Er stand an einem derselben gelehnt und ließ die Augen mit bewunderndem Ausdrucke auf den beiden Ankömmlingen ruhen, – bei den Indianern ist die Jugend eben gewöhnt, bescheiden zu sein. Wohkadeh hätte geglaubt, den größten Fehler zu begehen, wenn er als gleichberechtigt in der Nähe der anderen stehen geblieben wäre. Martin Baumann betrachtete sich eben so die beiden Männer, von denen er bereits so viele Heldenthaten hatte erzählen hören, sehr genau, freilich nicht aus solcher Entfernung wie der junge Indianer. Er stand da zwei Vorbildern gegenüber, weichen nachzueifern sein heißes Bestreben war, obgleich er nicht hoffen konnte, sie jemals im Leben zu erreichen.

Winnetou hatte sich von Davy die Hand drücken lassen; den drei anderen nickte er grüßend zu. Das war so seine ernste Art und Weise. Old Shatterhand dagegen, heiterem Naturells und ungewöhnlich menschenfreundlich, gab ihnen, sogar dem Neger, die Hand. Das ergriff Wohkadeh in der Weise, daß er die Rechte aufs Herz legte und leise versicherte:

„Wokadeh wird sein Leben gern für Old Shatterhand geben! Howgh!“

Nachdem diese Begrüßung vorüber war, setzten Shatterhand und Winnetou sich mit an das Feuer. Der erstere erzählte. Der letztere sagte kein Wort dazu; aber er nahm seine Pfeife und stopfte sie. Das war für den langen Davy das Zeichen, daß er mit ihnen Kriegskameradschaft rauchen wolle. Natürlich fühlte er sich von Herzen darüber erfreut. Seine Vermutung bestätigte sich, denn Shatterhand erklärte am Schlusse seines Berichtes, daß sie beide, Winnetou und er, bereit seien, heute Jemmy und Frank zu befreien und sodann mit hinauf nach dem Yellowstoneriver zu reiten.

jetzt zündete Winnetou die Pfeife an und erhob sich. Nachdem er den Rauch in die vorgeschriebenen Richtungen geblasen hatte, erklärte er, der Nta-je (ältere Bruder) der neuen Bekannten sein zu wollen, und gab die Pfeife weiter an Shatterhand. Von diesem kam sie an Davy. Als dieser die ceremoniellen Züge gethan hatte, fühlte er sich in großer Verlegenheit. Die beiden berühmten Männer hatten aus ihr geraucht; durfte er sie nun auch den Knaben und sogar dem Neger geben?

Winnetou ahnte die Gedanken des Langen. Er neigte den Kopf nach den drei Genannten und sagte:

„Der Sohn des Bärentöters hat auch bereits den Grizzly erlegt, und Wohkadeh ist der Besieger des weißen Büffels; beide werden große Helden sein; sie sollen die Pfeife des Friedens mit uns rauchen ebenso wie der schwarze Mann, welcher sogar die Verwegenheit gehabt hat, ein Gespenst erschlagen zu wollen.“

Das war ein Scherz, über welchen wohl gelacht worden wäre; aber das Rauchen der Friedenspfeife ist eine Handlung, bei welcher jede solche Heiterkeit vermieden werden muß. Bob freilich fühlte das Verlangen, seine Ehre wiederherzustellen; darum that er, als er zuletzt die Pfeife bekam, einige mächtige Züge, erhob die Hand, spreizte die fünf Finger weit auseinander, als ob er gleich einen fünffachen Schwur ablegen wolle, und rief:

„Bob sein Massa Bob, ein Held und Gentleman! Er sein Freund und Schutz von Massa Winnetou und Massa Old Shatterhand. Er schlagen tot alle ihre Feinde; er thun alles für sie; er – er – – er – – er schlagen zuletzt ganz sich selber tot!“

Das war Freundschaft im Superlativ geschworen! Er rollte dabei die Augen und knirschte mit den Zähnen, um zu zeigen, daß es ihm mit dieser Versicherung ein heiliger Ernst sei. Sie wurde von den Genannten mit Ernst entgegengenommen.

jetzt hatte man gesagt, was zu sagen gewesen war. Einen Plan zu entwerfen, war nicht möglich, da man ja die Situation der Gefangenen noch nicht kannte. Man mußte aufbrechen, um das Lager der Schoschonen aufzusuchen. Hatte man dasselbe rekognosciert, so konnte man entscheiden, was zu thun sei, eher aber nicht.

Natürlich war der lange Davy außerordentlich ergrimmt, seinen Jemmy in der Gewalt der Roten zu wissen, und Martin fühlte große Sorge um seinen Hobble-Frank. Beide waren bereit, ihr Leben an die Befreiung der beiden zu wagen. Wohkadeh sagte nichts als:

„Wohkadeh wußte es, daß die beiden Bleichgesichter unglücklich sein würden. Er hat sie gewarnt; sie aber wollten nicht auf seine Stimme hören.“

„Und daran haben sie recht gethan,“ erklärte Davy. „Wären sie der Elefantenfährte nicht gefolgt, so hätten sie den Häuptling der Apachen und Old Shatterhand nicht gefunden. Sie sind zwar dabei in Gefangenschaft geraten, aber wir werden sie wohl herauseisen, und dann haben wir in diesen beiden neuen Freunden zwei Helfer, wie wir sie uns gar nicht besser wünschen können. Also vorwärts jetzt, zu den Schoschonen! Sie sollen heute den langen Davy kennen lernen!“

Es wurde aufgebrochen. So schnell wie möglich ritten die sechs denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, die beiden Schluchten abwärts. Am Ausgange der Hauptschlucht bogen sie links nach Norden ein. Sie waren da noch nicht weit gekommen, so hielt Winnetou sein Pferd an. Die anderen thaten natürlich sofort dasselbe.

„Winnetou wird voranreiten,“ sagte er. „Meine Brüder mögen mir nicht schneller als im raschen Schritte folgen und dabei alles Geräusch vermeiden. Sie werden alles thun, was Old Shatterhand von ihnen fordert.“

Er stieg ab und beschäftigte sich eine kurze Zeit lang mit den vier Hufen seines Pferdes. Dann setzte er sich wieder auf und galoppierte davon. Das Geräusch, welches sein Pferd dabei verursachte, war kaum zu hören. Es klang nur so leise, so dumpf, wie wenn ein Mensch mit der Faust auf die Erde schlägt. Die übrigen folgten ihm so rasch, wie es sein Wunsch gewesen war.

„Was hat er gemacht?“ fragte Davy.

„Habt Ihr nicht gesehen, daß er eben solche Eisen und Pferdeschuhe an seinem Gürtel hängen hat wie ich?“ antwortete Old Shatterhand. „Er hat seinem Rappen die Schuhe angeschnallt, um nicht gehört zu werden und vielmehr selber zu hören.“

„Warum das?“

„Die Schoschonen, welche Eure Gefährten gefangen genommen haben, sind nicht auf den Gedanken gekommen, daß die beiden Gefangenen wohl Kameraden in der Nähe haben können. Tokvi-tey aber, der Häuptling der Schoschonen, ist klüger und bedächtiger als seine Krieger. Er wird sich sagen, daß zwei Jäger sich nicht allein in diese gefährliche Gegend wagen werden, und so steht zu erwarten, daß er noch nachträglich Kundschafter aussendet.“

„Pah! Das wäre ja ein ganz und gar unnützes Beginnen. Wie wollen diese Kerls uns in dieser Dunkelheit finden? Sie wissen nicht, wo wir sind, und können auch die Spuren nicht sehen.“

„Euer Name ist als der eines guten Westmannes bekannt, und so muß ich mich über Eure Rede wundern, Master Davy; Die Schoschonen haben hier ihre Jagd- und Weidegründe; die Gegend ist ihnen also bekannt. Oder meint Ihr das nicht?“

„Natürlich!“

„Nun so schließt nur weiter! Werden vorsichtige Jäger, wenn sie sich hier befinden, etwa hier im Freien, im Sande des einstigen Sees kampieren?“

„Auf keinen Fall.“

„Sondern wo?“

„Hier zwischen den Bergen.“

„Also in irgend einem Thale oder einer Schlucht. Nun könnt Ihr aber diese ganze weite Strecke abreiten, so werdet Ihr außer dem alten Wasserlaufe, dem die Schoschonen gefolgt sind, keinen anderen Thaleinschnitt finden als denjenigen, in welchem Ihr Euch auch wirklich gelagert hattet. Dort und eben auch nur dort allein seid Ihr also zu suchen.“

„Verteufelt! Ihr habt recht, Sir. Man merkt doch gleich, daß man mit Old Shatterhand reitet!“

„Meinen Dank für dieses Kompliment, welches aber keines ist, denn das, was ich Euch sage, muß sich jeder sagen, der nur einige Monate lang im Westen gelebt hat. Aber noch weiter: Gefährten pflegen sich in Gegenden, wie die hiesige ist, nur auf ganz kurze Zeit zu trennen. Daraus folgt, daß Ihr nicht sehr entfernt von Jemmy und Frank sein konntet; Euer Lager konnte sich also nicht gar weit von hier in der Schlucht befinden, und da es dort eine Seitenschlucht gibt, welche ein jeder verständige Westmann für den Zweck des Lagerns der Hauptschlucht vorzieht, so wissen die Schoschonen ganz genau, wo sie Euch zu suchen haben. Das, was Ihr vorhin für unmöglich hieltet, ist also eigentlich ein Unternehmen, welches gar keine Schwierigkeiten bietet. Das wird der Häuptling der Schoschonen wissen, und das weiß auch Winnetou ganz genau. Darum ist er vorangeritten, um zu verhüten, daß wir von etwaigen Kundschaftern bemerkt werden.“

Davy brummte halblaut vor sich hin und sagte dann:

„Sehr wohl, Sir! Aber nun scheint mir wieder das Unternehmen des Apachen ein ganz aussichtsloses zu sein.“

„Warum?“

„Wie kann er in dieser Dunkelheit etwaige Kundschafter, welche ihm entgegenkommen, bemerken, ohne daß auch sie ihn sehen oder wenigstens hören?“

„So dürft Ihr freilich nicht fragen, wenn von Winnetou die Rede ist. Zunächst hat er ein ausgezeichnetes Pferd, dessen Dressur von einer Vortrefflichkeit ist, von welcher Ihr, wie es scheint, gar keine Ahnung habt. Es hat uns z. B. vorhin am Eingange der Nebenschlucht ganz deutlich gesagt, daß Ihr Euch in derselben befandet, und es wird auch jetzt, zumal wir gegen den Wind reiten, seinen Herrn auf eine sehr ansehnliche Entfernung hin von dem Nahen eines jeden anderen Wesens unterrichten. Sodann kennt Ihr eben den Apachen nicht. Er hat Sinne von der Schärfe eines wilden Tieres, und was Gesicht und Gehör oder Geruch ihm nicht sagen, das merkt er infolge jenes undefinierbaren sechsten Sinnes, welchen nur Leute, die von Jugend auf sich in der Wildnis befanden, besitzen. Es ist eine Art Ahnungsvermögen, eine Art Instinkt, auf welchen jeder, der ihn besitzt, sich so fest verlassen kann wie auf die Augen.“

„Hm, hab‘ auch ein wenig davon !“

„Ich auch; aber mit Winnetou kann ich mich in dieser Beziehung nicht vergleichen. Ferner müßt Ihr in Berechnung ziehen, daß sein Pferd die Schuhe trägt, während die Schoschonen, falls wirklich einige von ihnen unterwegs wären, sich keine Mühe geben werden, lauten Hufschlag zu vermeiden.“

„Oho! Sie werden doch auch vorsichtig sein!“

„Nein, denn sie werden meinen, daß eine solche Vorsicht in diesem Falle nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich sein werde.“

„Warum schädlich?“

„Weil sie dadurch von der notwendigen Schnelligkeit einbüßen würden. Sie nehmen als sicher an, daß Ihr Euch, auf Eure Gefährten wartend, am Lagerplatze befindet. Sie sind also sicher, hier auf niemand zu stoßen, und werden infolgedessen ihren Pferden nicht den mindesten Zwang anthun.“

„Hm, wenn Ihr einem das in dieser Weise klar macht, so muß man Euch unbedingt beistimmen. Ich will Euch in aller Offenheit sagen, daß ich gar manches durchgemacht und manchem gescheiten Kerl ein Schnippchen geschlagen habe; deshalb war ich immer der Meinung, ein recht kluger alter Knabe zu sein. Jetzt aber muß ich vor Euch klein zugeben. Winnetou sagte vorhin, daß wir uns in Euren Willen fügen sollen; er hat Euch also sozusagen als unseren Anführer proklamiert, und das hat mich im stillen so ein klein bißchen wurmen wollen; nun gebe ich zu, daß er recht gethan hat. Ihr seid uns gar gewaltig überlegen, und ich will mich in Zukunft gern unter Euer Kommando stellen.“

„So ist’s nicht gemeint gewesen. In der Prairie haben alle gleiches Recht. Ich maße mir keinen Vorzug an. Jeder dient dem anderen mit seinen Gaben und Erfahrungen, und keiner kann ohne Genehmigung der andern etwas beginnen. So muß es sein, und so werden auch wir es halten.“

Well! das wird sich finden. Was aber werden wir thun in dem Falle, daß wir Kundschaftern begegnen, Sir?“ „Nun, was meint Ihr?“

„Sie laufen lassen?“

„Meint Ihr?“

„Ja. Sie können uns doch nicht schaden. Wir werden gehandelt haben, bevor sie zurückkehren.“

„Das können wir nicht behaupten. Wenn wir sie vorüberlassen, werden sie die verlassene Lagerstätte und das ausgelöschte Feuer finden.“

„Was schadet das?“

„Sehr viel. Sie werden daraus ersehen, daß wir fort sind, um den Gefangenen Hilfe zu bringen.“

„Meint Ihr wirklich, daß sie das denken werden? Können sie nicht ebensogut meinen, daß wir unseren Ritt fortgesetzt haben?“

„Das auf keinen Fall. Leute, welche Gefährten erwarten, die nicht zurückkommen, reiten nicht weiter; das versteht sich ganz von selbst.“

„So würdet Ihr also die Kundschafter unschädlich machen?“

„Jedenfalls.“

„Töten?“

„Nein. Wißt Ihr, Menschenblut ist eine ungeheuer kostbare Flüssigkeit. Winnetou und Old Shatterhand wissen das ganz genau und haben keinen einzigen Tropfen vergossen, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Ich bin ein Freund der Indsmen; ich weiß, wer recht hat, sie oder diejenigen, welche sie immer und immer wieder zwingen, ihre guten Rechte bis aufs Messer zu verteidigen. Der rote Mann kämpft den Verzweiflungskampf; er muß unterliegen; aber ein jeder Schädel eines Indianers, welcher später aus der Erde geackert wird, wird denselben stummen Schrei zum Himmel stoßen, von welchem das vierte Kapitel der Genesis erzählt. Ich schone den Indianer, selbst wenn er mir als Feind entgegentritt, denn ich weiß, daß er von anderen dazu gezwungen wird. Darum kann es mir auch heute nicht einfallen, einen Mord zu begehen.“

„Aber wie wollt Ihr die Schoschonen unschädlich machen, ohne sie zu töten? Einen Kampf wird es, falls sie uns begegnen, auf alle Fälle geben; sie werden sich wehren, mit der Büchse, dem Tomahawk, dem Messer – – – !“

„Pah! Ich wünsche nicht, daß wir mit Feinden zusammentreffen; aber um Eurer Frage willen möchte ich doch, daß sie auf den Gedanken kämen, Kundschafter auszusenden. Ihr würdet dann Gelegenheit haben, zu sehen, wie man sich solcher Leute bemächtigt.“

„Aber wenn’s nun ihrer zu viele sind?“

„Das brauchen wir nicht zu besorgen. Viele würden einander nur selbst hinderlich sein. Mehr wie zwei werden nicht ausgesandt, und – – halt, ich glaube, da kommt Winnetou!“

Ohne daß sie ihn gehört hatten, hielt im nächsten Augenblicke Winnetou vor ihnen.

„Kundschafter!“ sagte er kurz.

„Wie viele?“ fragte Shatterhand.

„Zwei.“

„Gut! Winnetou, Davy und ich, wir bleiben hier. Die anderen reiten schnell hinaus in den Sand; sie nehmen unsere Pferde mit und warten, bis wir rufen.“

Er sprang ab, Davy auch. Winnetou hatte die Zügel seines Pferdes bereits Wohkadeh in die Hand gegeben. In einigen Sekunden waren die drei anderen verschwunden.

„Was thun wir?“ fragte Davy.

„Ihr habt nichts zu thun, als aufzupassen,“ antwortete Shatterhand. „Lehnt Euch hier an den Baum, daß Ihr nicht zu sehen seid. Horch, sie kommen.“

Er und der Apache hatten ihre Gewehre den Gefährten gleich mit den Pferden übergeben.

„Schi darteh, ni owjeh-ich diesen und du jenen!“ sagte der Apache, eine Handbewegung nach rechts und links machend; dann war er nicht mehr zu sehen.

Der lange Davy lehnte sich eng an den erwähnten Baum; kaum zwei Schritte von ihm hatte Shatterhand sich platt auf die Erde gelegt. Die zwei Schoschonen kamen in ziemlich schnellem Tempo heran. Sie sprachen miteinander. Ihr Dialekt bewies, daß sie wirklich Schoschonen seien. Das genügte. Jetzt waren sie da – jetzt vorüber.

Der lange Davy sah, daß Old Shatterhand sich vom Boden erhob und einen kräftigen Anlauf nahm.

„Saritsch – Hund!“ rief einer der beiden Kundschafter; ein weiteres Wort fiel nicht.

Davy sprang vor. Er sah zwei Männer auf einem Pferde oder vielmehr vier Männer auf zwei Pferden sitzen, die beiden Angreifer hinter den Angegriffenen. Die Pferde scheuten; sie schlugen aus, hinten, vorn, bockten zur Seite – vergebens; die beiden berühmten Männer hatten ihre Opfer und auch deren Pferde fest. Nach kurzem Kampfe zwischen Mensch und Tier waren die Angreifer Sieger; die Pferde standen still. Die Schoschonen hatten sich gleich vom ersten Augenblicke an nicht zu wehren vermocht.

Shatterhand sprang ab, den einen Kundschafter in den Armen; dieser war besinnungslos.

„Sarki – fertig?“ fragte er nach rechts hinüber.

„Sarki – fertig!“ antwortete Winnetou herüber.

„Hallo, Leute, kommt herbei.“

Auf diesen lauten Ruf kamen Wohkadeh, Martin und Bob wieder herangeritten.

„Wir haben sie. Sie werden mit den Lariats auf ihre Pferde festgebunden und werden uns begleiten. Auf diese Weise besitzen wir zwei Geiseln, welche uns von Nutzen sein werden.“

Die Schoschonen, denen die Gurgeln zusammengedrückt worden waren, kamen bald wieder zu sich. Sie waren natürlich entwaffnet und an den Händen gefesselt worden. Nun band man sie auf die Pferde, die Hände nach hinten und die Beine unter dem Bauche des Pferdes weg mit dem unzerreißbaren Lasso verbunden. Old Shatterhand sagte ihnen, daß sie beim geringsten Versuche eines Widerstandes getötet werden würden; dann wurde der Ritt fortgesetzt.

Obgleich man die Kundschafter ergriffen hatte, ritt Winnetou wieder voran. Es war das eine Vorsichtsmaßregel, weiche der Apache für unbedingt notwendig hielt.

Nach einiger Zeit wurde der einstige Wasserlauf, welchem man links in die Berge hinein zu folgen hatte, erreicht. Die Reiter folgten ihm. Es wurde kein Wort gesprochen, denn es war ja möglich, daß einer der Kundschafter der englischen Sprache soweit mächtig war, die Worte zu verstehen.

Nach Verlauf einer halben Stunde traf man auf Winnetou, welcher, bisher weit voranreitend, hier halten geblieben war.

„Meine Brüder mögen absteigen,“ sagte er. „Die Schoschonen sind hier durch den Wald nach der Höhe empor. Wir müssen ihnen folgen.“

Das war nun jetzt wegen der Gefangenen, die natürlich auf den Pferden sitzen bleiben mußten, nicht leicht. Unter den Bäumen war es vollständig dunkel. Die Männer mußten mit der einen Hand nach vorwärts tasten und mit der anderen das Pferd nach sich ziehen. Winnetou und Old Shatterhand hatten das Schwierigste übernommen. Sie schritten voran, die Pferde der Gefangenen führend. Jetzt nun zeigte es sich, welchen Wert die beiden Rappen hatten, denn diese liefen hinter ihren Herren wie die Hunde her und ließen trotz des beschwerlichen Weges nicht das leiseste Schnaufen hören, während die anderen Pferde ziemlich weit zu hören waren.

Endlich war diese große Anstrengung überwunden. Der Apache hielt an.

„Meine Brüder sind am Ziele,“ sagte er. „Sie mögen ihre Pferde anbinden und dann helfen, die Gefangenen an die Bäume zu fesseln.“

Diesem Gebote wurde Folge geleistet. Die beiden Schoschonen erhielten, als sie je an einen Baum gebunden waren, Tücher vor den Mund gebunden, daß sie zwar durch die Nase atmen, aber nicht sprechen oder gar rufen konnten. Dann forderte der Apache seine Gefährten auf, ihm zu folgen.

Er führte sie nur wenige Schritte weit. Von da senkte sich die Höhe, welche man von Osten her heraufgekommen war, nach Westen zu ziemlich steil wieder abwärts. Da unten lag der Thalkessel, von welchem Winnetou gesprochen hatte, und von da leuchtete ein ziemlich großes und helles Feuer herauf. Es war natürlich ganz unmöglich, jetzt einen orientierenden Blick hinab zu thun. Man sah den Schein des Feuers, sonst aber nichts; alles andere lag in tiefer Dunkelheit.

„Also da unten sitzt mein Dicker,“ meinte Davy „Was wird er machen!“

„Was ein Gefangener bei den Indianern machen kann -nichts,“ antwortete der junge Baumann.

„Oho! Da kennt Ihr den Jemmy schlecht, my boy! Der hat sich ganz gewiß ausgesonnen, auf welche Weise er ohne Erlaubnis der Roten bereits heute nacht ein wenig spazieren gehen könne!“

„Das dürfte er ohne uns nicht fertig bringen,“ sagte Shatterhand. „Uebrigens weiß er von mir, daß ich kommen werde, und so kann er sich sagen, daß ich Euch jedenfalls mitbringe.“

„Nun, so wollen wir auch keine Zeit verlieren und schnell hinab, Sir!“

„Das müssen wir freilich, leise und vorsichtig, einer immer hinter dem anderen. Einer muß aber bei den Pferden und Gefangenen zurückbleiben, einer, auf den wir uns verlassen können. Das ist Wohkadeh!“

„Uff !“ stieß der junge Indianer hervor, ganz entzückt über das große Vertrauen, welches Shatterhand ihm schenkte.

Weil dieser ihn heute zum erstenmal gesehen hatte, war es wohl eigentlich ein Wagnis, den jugendlichen Indsman allein bei den Gefangenen und Pferden, welche die ganze Habe ihrer Reiter trugen, zurückzulassen; aber die Aufrichtigkeit, mit welcher Wohkadeh Old Shatterhand gesagt hatte, daß sein Leben ihm gehöre, hatte dem ersteren das Herz des letzteren gewonnen. Uebrigens traute Shatterhand dem roten Jünglinge die Kaltblütigkeit zu, welche zu diesem verantwortlichen Posten gehörte.

„Mein junger roter Bruder wird bei den Gefangenen sitzen, das Messer in der Hand,“ sagte er ihm, „und wenn einer der Schoschonen einen Fluchtversuch machen oder nur ein Geräusch verursachen wollte, so wird er ihm das Messer sogleich in das Herz stoßen!“

„Wohkadeh wird es thun!“

„Er wird hier bleiben, bis wir zurückkehren, und den Ort auf keinen Fall verlassen!“

„Wohkadeh würde hier sitzen und verhungern, wenn seine Brüder nicht zurückkehrten!“

Das sagte er in einem Tone, welchem man anhörte, wie sehr ernst es ihm mit diesem Versprechen sei. Er zog sein Bowiemesser hervor und setzte sich zwischen den Gefangenen nieder. Old Shatterhand erklärte diesen, was ihrer warte, wenn sie sich nicht vollständig ruhig verhalten würden, und dann begannen die fünf den beschwerlichen Abstieg.

Die Senkung war, wie bereits erwähnt, eine ziemlich steile. Die Bäume standen eng beisammen, und zwischen ihnen gab es so viel Unterholz, daß die kühnen Leute bei der Vorsicht, welche so nötig war, nur sehr langsam vorwärts kamen. Es durfte kein Geräusch gemacht werden. Das Knicken eines Astes konnte ihre Annäherung verraten.

Winnetou stieg voran. Er war derjenige, dessen Augen bei Nacht am schärfsten waren. Hinter ihm befand sich Martin Baumann. Dann kam der lange Davy, nachher der Neger, Shatterhand machte den letzten.

Über drei Viertelstunden waren vergangen, ehe eine Strecke, zu welcher am Tage höchstens fünf Minuten gebraucht worden wären, zurückgelegt worden war. Jetzt befanden sie sich unten im Thalkessel, am Rande des Waldes, denn die Sohle des Thales bestand aus baumlosem Grasboden. Nur hier und da erhob sich ein einzelner Strauch.

Das Feuer brannte hell, gar nicht auf indianische Weise geschürt. Das war ein Zeichen, daß die Schoschonen sich sehr sicher fühlten.

Während nämlich die Weißen das Holz aufeinander legen, so daß es vom Feuer ganz angegriffen wird, und eine hoch emporlodernde, weithin sichtbare und viel Rauch verbreitende Flamme entsteht, legen die Indianer die Holzscheite so, daß sie wie Halbmesser eines Kreises im Mittelpunkte zusammenstoßen. In diesem Centrum brennt die kleine Flamme, welche dadurch genährt wird, daß die Scheite, je nachdem sie verbrennen, nachgeschoben werden. Das gibt ein Feuer, welches allen Zwecken der Roten genügt, eine kleine, leicht zu verbergende Flamme bildet und so wenig Rauch erzeugt, daß er in einiger Entfernung kaum bemerkt werden kann. Dazu verstehen sie die Art des Holzes so auszuwählen, daß dasselbe beim Verbrennen möglichst wenig Geruch verbreitet. Der Geruch des Rauches ist im Westen außerordentlich gefährlich. Die scharfe Nase des Indsman bemerkt ihn bereits aus sehr, sehr weiter Entfernung.

Das Feuer hier war nach Art der Weißen genährt, und der Geruch gebratenen Fleisches hatte sich über das ganze Thal verbreitet. Winnetou sog die Luft prüfend ein und flüsterte:

„Mokasschi-si-tscheh – Büffelrücken.“

Sem Geruchsinn war so fein, daß er sogar den Körperteil des Tieres, von welchem das Fleisch geschnitten war, bestimmen konnte.

Man sah drei große Zelte stehen. Sie bildeten die Ecken eines spitzwinkeligen Dreieckes, dessen Höhe gerade nach den fünf Lauschern lag. Das ihnen am nächsten stehende Zelt war mit Adlerfedern geschmückt, also dasjenige, welches der Häuptling mit bewohnte. Im Mittelpunkte des Dreieckes brannte das Feuer.

Die Pferde der Roten weideten frei und ungefesselt im Grase. Die Krieger saßen am Feuer und schnitten sich ihre Portionen von dem Braten, welcher an einem Aste über der Flamme briet. Sie waren, ganz der indianischen Sitte entgegen, sehr laut. Der Umstand, zwei Gefangene gemacht zu haben, hatte sie in diese vortreffliche Stimmung versetzt. Trotz der Sicherheit, in welcher sie sich fühlten, hatten sie einige Wachen ausgestellt, welche langsam auf und ab patrouillierten, es aber ihrer Haltung nach für sehr unrecht zu halten schienen, daß sie nicht mit den übrigen am Feuer sitzen durften.

„Eine verteufelte Geschichte!“ brummte Davy „Wie bekommen wir unsere Kameraden heraus? Was meint ihr, Mesch’schurs?“

„Zunächst möchten wir Eure eigene Meinung vernehmen, Master Davy,“ antwortete Shatterhand.

„Die meinige? Zounds! Ich habe gar keine.“

„So habt die Gewogenheit, ein wenig nachzudenken!“

„Wird auch nichts helfen. Ich habe mir die Sache so ziemlich anders gedacht. Diese roten Schlingels haben keinen Verstand. Da hocken sie alle inmitten der Zelte um das Feuer, so daß es gar nicht möglich ist, in eins derselben zu gelangen! Das konnten sie unterlassen!“

„Ihr scheint Bequemlichkeit zu lieben, Sir! Wünscht Ihr vielleicht, daß die Indsmen von den Zelten bis hierher eine Pferdebahn anlegen, um Euch Eueren dicken Jemmy per Achse herzuschicken? ja, dann dürft Ihr nicht nach dem Westen gehen!“

„Sehr richtig! Und ergreifen lassen darf man sich auch

nicht. Wenn man nur wenigstens wüßte, in welchem Zelte die beiden stecken!“

„Natürlich in demjenigen des Häuptlings.“

„So will ich einen Vorschlag machen.“

„Nun?“

„Wir schleichen uns so nahe wie möglich hinan und fallen, sobald sie uns bemerken, über sie her. Dabei erheben wir ein solches Geschrei und machen einen so entsetzlichen Spektakel, daß sie denken, wir seien hundert Personen. Sie werden vor Schrecken davonlaufen. Wir holen die Gefangenen aus dem Zelte und laufen auch davon, natürlich so schnell wie möglich.“

„Das ist Euer Vorschlag?“

„Ja.“

„Habt Ihr noch etwas hinzuzufügen?“

„Nein. Nicht wahr, er gefällt Euch?“

„Ganz und gar nicht.“

„Oho! Meint Ihr, daß Ihr Euch etwas Besseres ausdenken werdet?“

„Ob etwas Besseres, das will ich nicht behaupten, etwas Unverständigeres aber jedenfalls nicht.“

„Sir! Soll das eine Beleidigung sein? Ich bin nämlich der lange Davy!“

„Das weiß ich seit einiger Zeit. Von einer Beleidigung ist keine Rede. Ihr seht von hier aus, daß die Indsmen ihre Waffen handgerecht haben. Sie werden nicht so dumm sein, unsere Zahl so zu überschätzen, wie Ihr es wünscht. Fallen wir über sie her, so werden sie wohl für einen Augenblick verblüfft sein, aber eben nur für einen Augenblick; dann haben wir eine zehnfache Übermacht gegen uns.“

„Ich denke, Ihr fürchtet Euch nicht!“

„Gerade weil ich keinen Angriff riskiere, dessen Ausgang unser sicherer Untergang sein würde, brauche ich mich nicht zu fürchten. Und selbst wenn wir siegten, würde viel, sehr viel Blut fließen, und das kann man vermeiden. Was habt Ihr davon, wenn wir die Gefangenen befreien, und Ihr werdet dabei erschossen? Ist’s nicht besser, einen Weg zu finden, welcher uns ganz ohne Blutvergießen zum Ziele führt?“

„Ja, Sir, wenn Ihr einen solchen Weg fändet, so würde ich Euch freilich loben.“

„Vielleicht ist er bereits gefunden.“

„Dann erklärt Euch schnell. Ich werde mein möglichstes thun.“

„Es kann sein, daß wir Euch gar nicht mitbelästigen. Ich will hören, was der Apache zu meinem Plane sagt.“

Er sprach eine kurze Weile mit dem Häuptlinge, und zwar in der Mundart der Apachen, welche die anderen nicht verstanden; dann wendete er sich wieder an den langen Davy:

„Ja, ich werde mit Winnetou den Streich allein ausführen. Ihr bleibt ganz ruhig hier, sobald wir uns entfernt haben. Selbst wenn wir binnen zwei Stunden uns nicht sehen lassen, geht Ihr nicht von der Stelle und hütet Euch, etwas zu unternehmen. Nur in dem Falle, daß Ihr eine Grille dreimal laut zirpen hört, habt Ihr miteinzugreifen.“

„In welcher Weise?“

„Indem Ihr schnell, aber möglichst leise und unbemerkt nach dem Zelte kommt, welches uns am nächsten liegt. Ich werde mich mit Winnetou zu demselben anschleichen. Im Falle Ihr da von uns gebraucht werdet, werde ich das erwähnte Zeichen abgeben.“

„Könnt Ihr denn das Zirpen der Grille nachahmen?“

„Natürlich! Es ist von sehr großem Vorteile, wenn Jäger die Stimmen gewisser Tiere einstudiert haben. Nur müssen es eben Tiere sein, deren Stimmen gerade zu der Zeit zu hören sind, in welcher man sich der Nachahmung bedienen will. Die Grille zirpt bekanntlich auch des Nachts, also wird es den Schoschonen gar nicht auffallen, wenn sie mein Zirpen hören.“

„Wie aber bringt Ihr dasselbe fertig?“

„Auf sehr einfache Weise, nämlich mit einem Grashalme. Man faltet die Hände in der Weise zusammen, daß die Daumen nebeneinander zu liegen kommen, und klemmt zwischen die letzteren einen Grashalm so ein, daß er straff angespannt ist. Zwischen den beiden unteren Gliedern der Daumen befindet sich eine schmale Lücke, in welcher der Grashalm fibrieren kann. Dadurch wird eine Art Zungeninstrument gebildet. Bläst man nun mit einem kurzen „Frrfrr-frr“ auf den Halm, indem man den Mund fest an die Daumen legt, so entsteht ein Zirpen, welches dem der Grille außerordentlich ähnlich ist. Eine längere Übung gehört freilich dazu.“

Da sagte Winnetou:

„Mein weißer Bruder mag diese Dinge später erklären. jetzt haben wir keine Zeit dazu. Wir wollen beginnen.“

„Gut! Nehmen wir vielleicht unsere Zeichen mit?“

„Ja! Die Schoschonen sollen erfahren, wer bei ihnen gewesen ist.“

Viele Westmänner und auch hervorragende Indianer bedienen sich nämlich eines Zeichens, an welchem man erkennen kann, um wen es sich handelt. Mancher Indianer schneidet sein Zeichen in das Ohr, in die Wange, in die Stirn oder Hand des von ihm Getöteten. Wer dann später die Leiche findet und das Zeichen kennt, der weiß, wer den Toten besiegt und skalpiert hat.

Winnetou und Old Shatterhand schnitten sich einige kurze Zweige von dem nächsten Strauche und steckten sie in ihre Gürtel; sie konnten mit denselben die Zeichen herstellen, welche einem jeden Roten als die ihrigen bekannt waren.

Sodann brachen sie auf, indem sie sich lang auf die Erde legten und sich nun vorwärts bewegten, dem erwähnten Zelte entgegen, welches in einer Entfernung von ungefähr achtzig Schritten vor ihnen lag.

Dieses Anschleichen ist keineswegs eine leichte Sache. Wenn keine bedeutende Gefahr vorhanden ist, und man nicht Ursache hat, keine Spur zurückzulassen, so kann man ja auf Händen und Knieen vorwärts kriechen. Das gibt freilich eine sehr erkennbare Fährte, besonders im Grase. Ist man aber gezwungen, diese zu vermeiden, so geschieht die Fortbewegung nur mittels der Fingerspitzen und Zehen. Da man dabei die Arme und Beine lang ausstrecken muß, damit der Körper ganz nahe an den Erdboden, den er aber ja nicht berühren darf, gehalten werde, so ruht die ganze Last desselben eben nur auf den Finger- und Zehenspitzen. Dies auch nur für eine kurze Zeit auszuhalten, dazu gehört eine ungewöhnliche Körperkraft, Gewandtheit und langjährige Übung. Wie die Schwimmer von einem Schwimmkrampfe sprechen, so reden die Westmänner von einem Anschleichekrampfe, welcher gar nicht weniger gefährlich ist als der erstere.

Er kann ja die Entdeckung und den sicheren Tod zur Folge haben.

Während der Westmann sich auf diese Weise an den Feind schleicht, hat er das betreffende Terrain auf das genaueste zu berücksichtigen und darf keine Hand und keine Fußspitze eher auf den Boden setzen, als bis er die betreffende Stelle genau untersucht hat. Wenn z. B. Hand oder Fuß auf einen kleinen, unbemerkten Zweig trifft, welcher dürr ist und knickt, so kann dieses leise Knicken die schlimmsten Folgen nach sich ziehen. Es gibt geübte Jäger, welche es demselben sofort anhören, ob es von einem Tiere oder einem Menschen verursacht worden ist. Die Sinne des Westmannes werden gezwungenerweise mit der Zeit so außerordentlich scharf, daß er, an der Erde liegend, sogar das Geräusch vernimmt, welches ein laufender Käfer verursacht. Ob ein dürres Blatt freiwillig abgefallen oder von einem verborgenen Feinde unachtsam abgestreift worden ist, das hört er ganz gewiß.

Ein guter Anschleicher wird auch die Zehenspitze seiner Fußbekleidung ganz genau auf die Stelle setzen, welche er vorher mit den Fingerspitzen berührt hat, weil dadurch eine weniger sichtbare Spur entsteht, deren Verwischung sich leichter und bedeutend schneller bewerkstelligen läßt, als wenn sie aus zahlreicheren und auch größeren Eindrücken besteht.

Es ist nämlich sehr häufig notwendig, die Fährte zu verwischen. Der Westmann bedient sich des Ausdruckes „auslöschen“. Hat man sich an ein Lager geschlichen, so beginnt bei der Rückkehr erst der anstrengendste und schwierigste Teil des Unternehmens. Niemand soll erfahren, daß man hier gewesen ist. Darum muß man, indem man sich auf allen Vieren, und mit den Füßen voran, rückwärts bewegt, jeden Eindruck auslöschen, welchen man hervorgebracht hat. Dies geschieht mit der rechten Hand, indem man auf den beiden Fuß- und auf den Fingerspitzen der linken Hand das Gleichgewicht erhält. Wer es einmal versucht, in dieser schwierigen Stellung auch nur eine Minute lang zu verharren, der wird bald einsehen, welche fürchterliche Anstrengung es dem Jäger verursacht, vielleicht stundenlang in derselben zu verbleiben.

So war es auch hier.

Old Shatterhand voran und Winnetou hinter ihm, bewegten sich die beiden langsam in der beschriebenen Weise vorwärts. Der Weiße hatte den Boden Zoll für Zoll tastend zu untersuchen, und der Indianer hatte sich zu bemühen, sich ganz genau in den Eindrücken, weiche der erstere hervorgebracht hatte, zu halten. Darum kamen sie nur äußerst langsam vorwärts.

Das Gras war ziemlich hoch, fast ellenhoch. Dies war einesteils gut, weil es den Körper verbarg, anderenteils aber von Nachteil, weil im hohen Grase eine jede Fährte leichter sichtbar ist.

je weiter sie kamen, desto deutlicher erkannten sie die Einzelheiten des Lagers. Zwischen demselben und ihnen patrouillierte eine Wache langsam hin und her. Wie war es da möglich, unbemerkt an das Zelt zu gelangen?

Die beiden erfahrenen Männer waren in dieser Beziehung gar nicht verlegen.

„Soll Winnetou den Wächter nehmen?“ flüsterte der Häuptling der Apachen.

„Nein,“ antwortete Shatterhand. „Ich kenne meinen Hieb, auf den ich mich verlassen kann.“

Leise, leise wie Schlangen, wandten sie sich durch das Gras, und näher, immer näher kamen sie der Wache. Diese hatte keine Ahnung, daß zwei solche Feinde ihr so nahe seien. Diese letzteren konnten den Mann gegen den Schein des Feuers ziemlich deutlich sehen. Er schien noch jung zu sein und hatte keine andere Waffe bei sich als das Messer in seinem Gürtel und ein Gewehr, welches er bequem geschultert hielt. Er war in Büffelfell gekleidet. Seine Züge konnte man nicht erkennen, da sein Gesicht mit abwechselnd roten und schwarzen Querstrichen – den Kriegsfarben – bemalt war.

Er blickte gar nicht nach den beiden herüber, sondern schien seine Aufmerksamkeit vorzugsweise auf das Lager gerichtet zu haben. Vielleicht interessierte ihn der Duft des Fleisches, welches über dem Feuer briet, mehr, als es für einen Wachtposten geraten ist.

Doch selbst wenn er seinen Blick nach der Stelle, an welcher sich die beiden befanden, gerichtet hätte, so wäre es für ihn unmöglich gewesen, sie zu bemerken, da ihre dunklen Leiber von der ebenso dunklen Grasfläche nicht zu unterscheiden waren. Sie bewegten sich nämlich schlauerweise nur in dem Schatten, welchen das Zelt nach der dem Feuer entgegengesetzten Seite warf.

Und doch waren sie ihm bereits auf acht Schritte nahe!

Er hatte, genau auf derselben Linie hin und her schreitend, in einem geraden Striche das Gras niedergetreten. Ein Angriff auf ihn mußte auf dieser Linie erfolgen, wenn die Spuren davon nicht zu bemerken sein sollten.

jetzt hatte er sich am äußersten Punkte der Linie umgedreht und kam langsam wieder zurück, von rechts nach links gehend – von dem Punkte aus, an welchem sich die beiden befanden, gerechnet. Sie hatten natürlich ihre Gewehre zurückgelassen, um nicht in ihren Bewegungen gehindert zu sein. Er schritt an ihnen vorüber und befand sich nun im Schatten, gerade wie sie.

„Schnell!“ flüsterte Winnetou.

Old Shatterhand richtete sich empor; zwei riesige Sprünge brachten ihn hinter den Indianer, welcher das Geräusch hörte und sich rasch umdrehte. Aber bereits schwebte Shatterhands Faust über ihm. Ein Hieb an die Schläfe, und er brach zusammen.

Mit zwei gleichen Sprüngen stand Winnetou bei ihm.

„Ist er tot?“ fragte er.

„Nein, sondern bloß besinnungslos.“

„Mein Bruder mag ihn binden. Winnetou wird an seine Stelle treten.“

Die Flinte des Schoschonen vom Boden aufnehmend und schulternd, schritt er davon, ganz in der Haltung, welche vorher der Schoschone innegehabt hatte. Von weitem mußte er für denselben gehalten werden. So patrouillierte nun er auf und ab. Das war sehr verwegen, aber gewiß notwendig. Unterdessen war Shatterhand bis zum Zelte des Häuptlings vorgedrungen; der Jäger versuchte die Leinwand ein wenig emporzuschieben, um in das Innere zu schauen; da dies die scharf angespannte Leinwand verhinderte, mußte er erst die Schnur, welche jene mit einer Stange verband, lösen.

Aber das mußte mit äußerster Vorsicht geschehen. Es konnte ja von innen bemerkt werden, und in diesem Falle war alles verloren. Sich fest auf die Erde legend, brachte er die Augen so nahe wie möglich an den Boden. Leise, leise schob er den Rand der Leinwand empor. Jetzt konnte er hineinblicken.

Was er sah, mußte ihn überraschen. Die Gefangenen befanden sich nämlich nicht darin, auch keine der Schoschonen. Nur allein der Häuptling saß auf einem Büffelfelle, rauchte scharf duftenden Kinnikkinnik, welcher aus Tabak und Weidenschale oder Blättern des wilden Hanfes zusammengesetzt wird, und blickte zum halb offenen Zelte hinaus, die belebte Scene, welche um das Lagerfeuer spielte, still betrachtend. Er kehrte Old Shatterhand den Rücken zu.

Dieser wußte gar wohl, was hier zu thun sei, wollte aber doch nicht ohne Einwilligung des Apachen handeln. Darum ließ er die Leinwand wieder nieder, wendete sich vom Zelte ab, raufte einen Grashalm aus und nahm denselben in der vorhin beschriebenen Weise zwischen die beiden Daumen.

Ein leises, einmaliges Zirpen ließ sich hören.

„Tho-ing-kai – die Grille singt!“ erklang die Stimme eines Schoschonen vom Lager her.

Wenn er gewußt hätte, welch eine Grille es war! Das Zirpen war für Winnetou das Zeichen, herbei zu kommen. Der Apache behielt seine langsame, würdevolle Bewegung bei, bis er in den Schatten des Zeltes trat und nun von den Schoschonen nicht mehr gesehen werden konnte. Da legte er das Gewehr ins Gras, ließ sich nieder und schlich sich möglichst rasch zum Zelte hin. Dort angekommen, flüsterte er:

„Warum ruft mich mein Bruder?“

„Weil ich Deine Einwilligung erhalten möchte,“ antwortete Shatterhand ebenso leise. „Die Gefangenen befinden sich nicht in dem Zelte.“

„Das ist nicht gut, denn nun müssen wir zurück und von der anderen Seite nach den anderen Zelten schleichen. Das dauert so lange Zeit, daß es indessen Morgen werden kann.“

„Vielleicht ist das gar nicht nötig, denn Tokvi-tey, der schwarze Hirsch, sitzt drin.“

„Uff ! Der Häuptling selbst! Ist er allein?“

„Ja.“

„So brauchen wir die Gefangenen ja nicht zu holen!“

„Das dachte auch ich. Wenn wir ihren Häuptling gefangennehmen, können wir die Schoschonen zwingen, den dicken Jemmy und den Hobble-Frank frei zu geben.“

„Mein Bruder hat recht. Aber können die Schoschonen vom Feuer aus in das Zelt blicken?“

„Ja! Aber der Schein des Feuers geht nicht bis zu der Stelle des Zeltes, an welcher wir uns befinden.“

„Sie werden aber doch gleich bemerken, daß ihr Häuptling nicht mehr dort sitzt.“

„So werden sie denken, daß er sich in den Schatten zurückgezogen hat. Mein Bruder Winnetou mag bereit sein, mir zu helfen, falls mein erster Griff nicht glücken sollte.“

Das war so leise geflüstert, daß kein Hauch davon im Innern des Zeltes zu hören war.

Jetzt schob Winnetou die Leinwand leise und langsam empor, so weit, daß Old Shatterhand, welcher sich fest an den Boden schmiegte, hineinkriechen konnte. Dies that der kühne Jäger so geräuschlos, daß der „schwarze Hirsch“ unmöglich von der ihm nahenden Gefahr etwas bemerken konnte.

Nun befand Shatterhand sich in dem Zelte, vollständig, mit dem ganzen Körper. Der Apache kroch mit dem halben Körper nach, um nötigenfalls augenblickliche Hilfe bringen zu können. Shatterhand streckte die Rechte aus. Er konnte den Schoschonen gerade erreichen. Ein schneller, kraftvoller Griff nach dem Halse desselben – der schwarze Hirsch ließ die Pfeife fallen und schlug ein-, zweimal mit den Armen in der Luft herum; dann sanken sie ihm herab; der Atem war ihm ausgegangen.

Old Shatterhand zog ihn aus dem Lichtkreise zurück ins Zeltdunkel, legte ihn da nieder und kroch, ihn nach sich ziehend, wieder zum Zelt hinaus.

„Gelungen!“ flüsterte Winnetou. „Mein weißer Bruder hat die Kraft des Bären in seiner Hand. Wie aber bringen wir ihn fort? Wir müssen ihn tragen und doch dabei unsere Spur auslöschen.“

„Das ist freilich ungeheuer schwierig.“

„Und was thun wir mit dem Wächter, welchen wir gefesselt haben?“

„Den nehmen wir auch mit. Je mehr Schoschonen sich in unserer Hand befinden, desto eher geben die Roten ihre beiden Gefangenen frei.“

„So wird mein Bruder den Häuptling tragen, und Winnetou trägt den anderen. Dabei können wir aber die Spuren nicht auslöschen, und darum müssen wir noch einmal zurück.“

„Leider! Es wird dabei viel kostbare Zeit verstreichen, und wir –“

Er hielt inne. Es trat etwas ein, wodurch all ihren Bedenken ein schnelles Ende bereitet wurde. Es war ein lauter, schriller Schrei erklungen.

„Tiguw-ih, tiguw-ih!“ rief eine Stimme. „Feinde, Feinde!“

„Der Wachtposten ist erwacht. Schnell fort!“ sagte Shatterhand. „Wir nehmen ihn mit!“

Schon flog Winnetou in langen Sätzen nach der Stelle hin, an welcher der gefesselte Schoschone lag, riß ihn empor, und rannte mit ihm davon.

Old Shatterhand zeigte hier, welch ein Westmann er war. Die Gefahr lag in seiner größten Nähe, dennoch blieb er noch einige Augenblicke hinter dem Zelte. Er zog die kleinen Ästchen hervor, welche er abgeschnitten hatte, hob die Zeltleinwand nochmals empor und steckte die ersteren in der Weise in den Boden, daß sie sich wie spanische Reiter kreuzten. Erst dann nahm er den Häuptling auf und eilte mit ihm von dannen.

Die Schoschonen hatten nahe um das Feuer gesessen; ihre an die Helligkeit desselben gewöhnten Augen konnten, wie Shatterhand ganz wohl vermutet hatte, sich nicht augenblicklich an das nächtliche Dunkel gewöhnen. Sie waren aufgesprungen und starrten zwar in die Nacht hinaus, konnten aber nichts sehen. Zudem hatten sie nicht unterscheiden können, von welcher Seite der Hilferuf erklungen war. So kam es, daß Winnetou und Old Shatterhand der gefährliche Rückzug vollständig gelang.

Der Apache hatte sogar unterwegs einmal stehen bleiben müssen. Es war ihm unmöglich gewesen, dem Schoschonen mit der Hand den Mund vollständig zu verschließen. Es war dem Gefangenen zwar nicht gelungen, abermals um Hilfe zu rufen, aber er hatte doch ein so lautes Stöhnen hervorbringen können, daß der Apache einen Augenblick stillhalten mußte, um ihm mit der Hand die Gurgel zuzudrücken.

„Alle Wetter, wen bringt ihr da?“ fragte der lange Davy, als die beiden ihre Gefangenen zu Boden geworfen hatten.

„Geiseln,“ antwortete Shatterhand. „Gebt ihnen nur schnell Knebel in den Mund, und der Häuptling muß gefesselt werden.“

„Der Häuptling? Macht Ihr Spaß, Sir?“

„Nein, er ist’s.“

Heavens! Welch ein Streich! Davon wird man noch lange Zeit erzählen! Den schwarzen Hirsch mitten unter seinen Roten herauszuholen! Das können eben nur Old Shatterhand und Winnetou fertig bringen!“

„Jetzt keine unnötigen Reden! Wir müssen fort, hinauf zur Höhe, wo unsere Pferde sind.“

„Mein Bruder braucht sich nicht zu beeilen,“ sagte der Apache. „Wir können hier besser sehen als da oben, was die Schoschonen beginnen werden.“

„Ja, Winnetou hat recht,“ gestand Shatterhand ein. „Es kann den Schoschonen nicht einfallen, hierher zu kommen. Sie wissen nicht, mit wem und mit wie vielen sie es zu thun haben. Sie werden sich darauf beschränken müssen, ihr Lager zu sichern. Erst mit Anbruch des Tages ist es ihnen möglich, etwas zu unternehmen.“

„Winnetou wird ihnen eine Warnung sagen, die ihnen den Mut benimmt, ihr Lager zu verlassen.“

Der Apache nahm seinen Revolver und hielt die Mündung desselben ganz nahe an die Erde. Shatterhand verstand ihn sogleich.

„Halt!“ sagte er. „Sie dürfen den Blitz des Schusses nicht sehen, damit sie nicht wissen, wo wir uns befinden. Ich denke, es wird ein Echo geben, durch welches sie getäuscht werden. Gebt eure Jacken und Röcke her, Mesch’schurs!“

Der lange Davy nahm seinen famosen Gummimantel von der Schulter; auch die anderen befolgten Shatterhands Gebot. Die Kleidungsstücke wurden vorgehalten, und dann drückte Winnetou zweimal ab. Die Schüsse krachten. Sie hallten von den Thalwänden wider, und da der Blitz nicht zu sehen gewesen war, konnten die Schoschonen allerdings nicht wissen, an welcher Stelle geschossen worden war. Sie antworteten mit einem durchdringenden Geheul.

Als sie den Ruf „Tiguw-ih, tiguw-ih – Feinde, Feinde!“ gehört hatten, waren sie, wie bereits erwähnt, vom Feuer aufgesprungen und hatten sich bemüht, nach den Feinden auszuschauen. Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, und dann befanden Shatterhand und Winnetou sich bereits in Sicherheit. Die Roten konnten also niemand sehen.

Es fiel ihnen auf, daß sie nicht angegriffen wurden. Wenn wirklich Feinde vorhanden waren, so hätten diese doch wohl nicht gezögert, über das Lager herzufallen. Der Alarmruf beruhte also wohl auf einem Irrtum. Wer aber hatte ihn ausgestoßen? jedenfalls einer der Wächter. Er mußte gefragt werden. Ihn herbeizurufen, war Sache des Häuptlings. Wie aber kam es, daß dieser so ruhig in seinem Zelte sitzen blieb?

Mehrere der roten Krieger traten an den Eingang des Zeltes. Sie blickten hinein und fanden es leer.

„Der schwarze Hirsch ist bereits fort, die Wache zu befragen,“ sagte einer von ihnen.

„Mein Bruder irrt sich,“ entgegnete ein anderer. „Der Häuptling konnte das Zelt nicht verlassen, ohne von uns gesehen zu werden.“

„Er ist aber nicht hier!“

„Und er kann auch nicht fort sein!“

„So hat ihn Wakon-tonka, der böse Geist, verschwinden lassen!“

Da schob ein alter Krieger die anderen beiseite und sagte-

„Der böse Geist kann töten und Unglück bringen, aber verschwinden lassen kann er keinen Krieger. Wenn der Häuptling nicht aus dem Zelte getreten und dennoch verschwunden ist, so kann er dasselbe nur auf die Weise verlassen haben, daß – – –“

Er hielt inne. Vorher war nur ein Teil des Tuches, welches die Thür bildete, geöffnet gewesen; jetzt hatte man es ganz entfernt, und nun beleuchtete der Schein des Feuers das ganze Innere.

Der Alte trat hinein und bückte sich nieder.

„Uff !“ rief er aus. „Der Häuptling ist geraubt worden!“

Keiner antwortete. Das, was der Alte sagte, war zu unglaublich, und doch durften sie einem so erfahrenen Krieger nicht widersprechen.

„Meine Brüder glauben es nicht?“ sagte er. „Sie mögen herblicken. Hier ist die Leinwand des Zeltes gelockert, und hier stecken die Zweige in der Erde. Ich kenne dieses Zeichen. Es ist das Zeichen von Nonpay-klama, den die Bleichgesichter Old Shatterhand nennen. Er ist hier gewesen und hat uns den schwarzen Hirsch geraubt.“

Da ertönten die zwei Schüsse des Apachen. Das löste die Zungen der Schoschonen. Sie stießen das bereits erwähnte Geheul aus.

„Löscht schnell das Feuer aus!“ gebot der Alte. „Den Feinden darf kein sicheres Ziel geboten werden.“

Man gehorchte ihm, indem man die brennenden Äste schnell auseinanderriß und das Feuer austrat. Da der Häuptling verschwunden war, so ordneten sich die Schoschonen ganz freiwillig dem ältesten Krieger unter. Es wurde also dunkel im Lager. Ein jeder hatte nach seinen Waffen gegriffen, und auf Befehl des Alten bildeten die Krieger rund um die Zelte einen Kreis, um den Feind zu empfangen, von welcher Seite er nur kommen möge.

Es waren vier Posten ausgestellt worden, um das Lager nach den vier Himmelsgegenden zu bewachen. Drei von ihnen hatten sich, als die Schüsse fielen, schleunigst auf die Ihrigen zurückgezogen; der vierte hingegen fehlte. Und dieser war gerade der angesehenste von ihnen, Moh-aw, der Sohn des Häuptlings. Dieses Schoschonenwort bedeutet soviel wie Moskito. Der junge Indianer hatte also schon bewiesen, daß er tapfer sei, daß er stechen könne.

Einer der Waghalsigsten erbot sich, nach ihm zu forschen, und erhielt die Erlaubnis dazu. Er legte sich ins Gras und schlich sich in die Nacht hinaus, in der Richtung, in welcher der Vermißte gesucht werden mußte. Nach einiger Zeit kehrte er mit dem Gewehre des Moskito zurück. Das war ein sicherer Beweis, daß dem Sohne des Häuptlings ein Unglück widerfahren sei.

Der Alte hielt eine kurze Beratung mit den hervorragendsten Kriegern. Es wurde beschlossen, das Zelt, in welchem sich die Gefangenen befanden, ganz besonders zu bewachen, die Pferde in der unmittelbaren Nähe des Lagers anzupflokken und dann den Anbruch des Tages zu erwarten. Dann mußte es sich zeigen, mit wem man es zu thun hatte.

Indessen hatten die Jäger dafür gesorgt, daß die beiden Gefangenen, von denen auch der Häuptling wieder zum Bewußtsein gekommen war, nicht laut werden konnten, und sich dann selbst still und beobachtend verhalten. Es war nichts zu hören als nach einiger Zeit der vom Grase gedämpfte Schritt der Pferde.

„Meine Brüder mögen hören, daß die Schoschonen ihre Pferde zusammensuchen. Sie werden sie nahe bei den Zelten anbinden und dann nicht eher etwas unternehmen, als bis der Tag anbricht,“ sagte Winnetou. „Wir können gehen.“

„Ja, ziehen wir uns zurück,“ stimmte Old Shatterhand bei. „Wir freilich werden nicht bis zum Morgen warten. Der schwarze Hirsch soll baldigst erfahren, was wir von ihm verlangen.“

Er trat zu den Gefangenen, welche entfernt von den anderen gelegen hatten, damit sie nicht hören konnten, was gesprochen wurde. Noch wußte er nicht, daß der gemachte Fang noch wertvoller sei, als er bisher vermutet hatte. Er hob den schwarzen Hirsch vom Boden auf, nahm ihn auf die Schulter und begann, bergan zu steigen. Die anderen folgten ihm, Winnetou den Moskito tragend.

Es wäre für jeden anderen fast unmöglich gewesen, mit einer solchen Last in tiefer Dunkelheit den dicht bewaldeten Bergeshang zu ersteigen. Den beiden schien es ganz und gar nicht beschwerlich zu sein.

Oben angekommen, fanden sie alles in Ordnung. Wohkadeh hatte seine Pflicht gethan.

Der lange Davy wand seinen Lasso los und sagte:

„Gebt her die Kerls! Wir wollen sie bei den anderen anbinden.“

„Nein!“ entgegnete Old Shatterhand. „Wir verlassen diese Stelle.“

„Warum? Meint Ihr, daß wir hier nicht sicher sind?“

„Ja, das meine ich.“

„O, die Schoschonen werden uns gern in Ruhe lassen. Sie sind froh, wenn ihnen nichts geschieht.“

„Das weiß ich ebensogut wie Ihr, Master Davy. Aber wir müssen mit dem Häuptling sprechen, vielleicht auch mit den anderen. Es ist also nötig, ihnen die Knebel abzunehmen, und wenn wir das hier thun, so können sie leicht auf den Gedanken kommen, durch irgend einen Ruf den Ihrigen ein Signal zu geben, welches von hier aus ganz deutlich da unten gehört werden kann.“

„Mein Bruder hat recht,“ sagte der Apache. „Winnetou war heute hier, um die Schoschonen zu beobachten. Er kennt einen Ort, wo er mit seinen Brüdern und den Gefangenen lagern kann.“

„Wir müssen ein Feuer haben,“ bemerkte Old Shatterhand. „Ist das dort möglich?“

„Ja. Man binde die Gefangenen auf die Pferde!“

Dies geschah, und dann setzte sich der kleine Zug in Bewegung, bei Nacht, durch den dichten Wald, Winnetou als Führer voran.

Es versteht sich ganz von selbst, daß dieser Marsch nur höchst langsam vorwärts ging, Schritt um Schritt. Nach einer halben Stunde war eine Strecke zurückgelegt, zu welcher am Tage wohl nur fünf Minuten nötig gewesen wären. Da hielt der Apache an.

Die Gefangenen wußten natürlich nicht, in wessen Hände sie geraten seien, und waren auch über sich selbst im unklaren. Die beiden Kundschafter hatten wegen der Dunkelheit gar nicht sehen können, daß noch zwei Gefangene gemacht worden seien; hinwieder wußten die letzteren von den ersteren nichts, und der Häuptling hatte keine Ahnung, daß er mit seinem Sohne, und dieser vermutete nicht, daß er mit seinem Vater ergriffen worden sei. Aus diesem Grunde wurden sie, als jetzt gehalten wurde, voneinander getrennt, nachdem man sie wieder von den Pferden genommen hatte.

Old Shatterhand befolgte die Politik, dem schwarzen Hirsch nicht merken zu lassen, wie stark der Feind sei, dem er in die Hände gefallen war. Darum traf er die Maßregel, mit dem Häuptling zunächst allein zu verhandeln.

Die übrigen mußten sich zurückziehen. Dann raffte er das am Boden liegende dürre Geäst zusammen, um ein Feuer anzumachen.

Er befand sich mit dem Schoschonen auf einer nur wenige Schritte breiten freien Stelle. Der Apache hatte heute am Tage gesehen, wie gut sie sich zu einem verborgenen Lagerplatze eigne, und sein Ortssinn war ein so außerordentlicher, daß es ihm selbst in dieser Dunkelheit gelungen war, sie aufzufinden.

Sie war natürlich rings von Bäumen umgeben, unter denen Farnkräuter und Dorngesträuch eine ziemlich dichte Einfassung bildeten, welche den Schein des Feuers hinderte, weit zu dringen. Mit Hilfe seines Punks (Prairiefeuerzeug) steckte Old Shatterhand das dürre Zeug leicht in Brand und hieb sich dann mit dem Tomahawk von den rundum stehenden Bäumen die unteren, dürr gewordenen Äste ab, um mit ihnen das Feuer zu unterhalten. Dasselbe hatte nur den Zweck, die Stelle zu beleuchten und brauchte also nicht groß zu sein.

Der Schoschone lag am Boden und beobachtete das Thun des weißen Jägers mit finsteren Blicken. Als Old Shatterhand mit seinen Vorbereitungen zu Ende war, zog er den Gefangenen an das Feuer, richtete ihn in sitzende Stellung empor und nahm ihm den Knebel ab. Der Indianer verriet mit keiner Miene und keinem Atemzuge, daß er sich jetzt erleichtert fühle. Für einen indianischen Krieger wäre es eine Schande, äußerlich merken zu lassen, was er denkt und empfindet. Old Shatterhand setzte sich ihm an der anderen Seite des Feuers gegenüber und betrachtete sich zunächst seinen Feind.

Dieser war sehr kräftig gebaut und trug einen Büffelanzug von indianischem Schnitt, ohne alle Verzierung. Nur die Nähte waren mit Skalphaaren versehen, und am Gürtel trug er wohl gegen zwanzig Skalpe, nicht etwa vollständige Kopfhäute, welche zuviel Platz beansprucht hätten, sondern nur die wie ein Fünfmarkstück großen, wohlpräparierten Wirbelstellen. In dem Gürtel steckte noch das Messer, welches ihm nicht abgenommen worden war.

Sein Gesicht war nicht bemalt, so daß die drei roten Narben auf den Wangen deutlich gesehen werden konnten. Mit unbewegten Zügen saß er da und starrte in das Feuer, dem Weißen keinen Blick gönnend.

„Tokvi-tey trägt nicht die Farben des Krieges,“ begann Old Shatterhand. „Warum. tritt er da gegen friedliche Leute feindlich auf?“

Er erhielt keine Antwort und auch keinen Blick. Darum fuhr er fort:

„Der Häuptling der Schoschonen ist wohl vor Angst stumm geworden, da er mir kein Wort auf meine Frage entgegnen kann?“

Der Jäger wußte recht gut, wie ein Indianer behandelt werden muß. Der Erfolg zeigte sich sogleich, denn der Gefangene warf ihm einen zornblitzenden Blick zu und antwortete:

„Tokvi-tey weiß nicht, was Angst ist. Er fürchtet nicht den Feind und nicht den Tod!“

„Und dennoch verhält er sich gerade so, als ob er sich fürchte. Ein mutiger Krieger malt sich die Farben des Krieges in das Gesicht, bevor er zum Angriff schreitet. Das ist ehrlich, das ist mutig; denn da weiß der Gegner, daß er sich zu verteidigen hat. Die Krieger der Schoschonen aber sind ohne Farbe gewesen; sie haben die Gesichter des Friedens gehabt und dennoch die Weißen angegriffen. So handelt nur ein Feigling! Oder habe ich nicht recht? Findet der schwarze Hirsch ein Wort zu seiner Verteidigung?“

Der Indianer senkte den Blick und sagte:

„Der schwarze Hirsch war nicht bei ihnen, als sie den Bleichgesichtern nachjagten.“

„Das ist keine Entschuldigung. Wäre er ein ehrlicher und mutiger Mann, so hätte er die Bleichgesichter sofort, als sie zu ihm gebracht worden, wieder freigelassen. Ich habe überhaupt noch gar nicht vernommen, daß die Krieger der Schoschonen den Tomahawk des Krieges ausgegraben haben. Sie weiden ihre Herden wie im tiefen Frieden an den Tongue- und Bighorngewässern; sie verkehren in den Wohnungen der Weißen, und doch fällt der schwarze Hirsch Männer an, welche ihn niemals beleidigt haben. Kann er etwas dagegen sagen, wenn ein Tapferer meint, daß nur ein Feigling in dieser Weise handeln könne?“

Es war nur ein halber Blick, welchen der Rote auf den Weißen warf; aber dieser Blick bewies, daß er grimmig erzürnt sei. Dennoch klang seine Stimme ruhig, als er antwortete:

„Bist du vielleicht so ein Tapferer?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte gleichmütig, als ob dieses Selbstlob sich eben auch von selbst verstehe.

„So mußt du einen Namen haben!“

„Siehst du nicht, daß ich Waffen trage? So muß ich auch einen Namen haben.“

„Die Bleichgesichter dürfen Waffen und Namen tragen, auch wenn sie Memmen sind. Die größten Feiglinge unter ihnen haben die längsten Namen. Den meinigen kennst du; also wirst du wissen, daß ich kein Feigling bin.“

„So laß die beiden gefangenen Weißen frei, und kämpfe nachher offen und ehrlich mit ihnen!“

„Sie haben es gewagt, am See des Blutes zu erscheinen; sie werden sterben.“

„Dann stirbst auch du!“

„Der schwarze Hirsch hat dir bereits gesagt, daß er den Tod nicht fürchte; er wünscht ihn sich sogar!“

„Warum?“

„Er ist gefangen genommen worden; er ist ergriffen worden von einem Weißen, geholt worden aus seinem eigenen Wigwam von einem Bleichgesichte; er hat seine Ehre verloren; er kann nicht leben. Er muß sterben, ohne den Kriegsgesang anstimmen zu können. Er wird nicht in seinem Grabe stolz und aufrecht sitzen auf seinem Streitrosse, behängt mit den Skalpen seiner Feinde, sondern er wird im Sande liegen und zerhackt werden von den Schnäbeln stinkender Aasgeier.“

Er sagte das langsam und monoton, ohne daß ein Zug seines Gesichtes sich bewegte, und doch sprach aus jedem Worte ein Schmerz, weicher fast an Trostlosigkeit grenzte.

Und nach seinen Anschauungen hatte er vollkommen recht. Es war eine ungeheure Schande für ihn, aus seinem Zelte, aus der bewaffneten Umgebung seiner Krieger als Gefangener herausgeholt worden zu sein.

Old Shatterhand fühlte eine warme Regung für den Mann, aber er ließ von diesem Mitleid nicht das Geringste merken; das wäre eine Beleidigung gewesen und hätte den Todesgedanken desselben nur noch tiefer Wurzel schlagen lassen. Darum sagte er:

„Tokvi-tey hat sein Schicksal verdient; aber er kann leben bleiben, obgleich er mein Gefangener ist. Ich bin bereit, ihm seine Freiheit wiederzugeben, wenn er den Seinen gebietet, für ihn die beiden Bleichgesichter frei zu geben.“

Es klang wie stolzer Hohn, als der Rote antwortete:

„Tokvi-tey kann nicht mehr leben. Er wünscht zu sterben. Binde ihn getrost an den Marterpfahl. Er darf zwar nicht von den Thaten sprechen, welche seinen Ruhm verbreitet haben, aber er wird trotz aller Todesqualen nicht mit der Wimper zucken.“

„Ich werde dich nicht an den Todespfahl binden. Ich bin ein Christ. Selbst wenn ich ein Tier töten muß, töte ich es in der Weise, daß es keine Qualen zu erdulden hat. Aber du würdest nutzlos sterben. Ich würde trotz deines Todes die Gefangenen aus den Händen der Deinigen befreien.“

„Versuche es! Mich konntest du beschleichen, durch einen hinterlistigen Griff betäuben und im Dunkel der Nacht fortschleppen. Jetzt sind die Krieger der Schoschonen gewarnt. Es wird dir unmöglich sein, die Bleichgesichter zu befreien. Sie haben es gewagt, am See des Blutes zu erscheinen, und werden dies mit einem langsamen Tode büßen müssen. Hast du den schwarzen Hirsch besiegt, so wird er sterben; aber es lebt Moh-aw, sein einziger Sohn, der Stolz seiner Seele, welcher ihn rächen wird. Bereits schon jetzt hat Moh-aw sich das Gesicht mit den Farben des Krieges bestrichen, denn er war dazu bestimmt, den Streich des Todes gegen die gefangenen Bleichgesichter zu führen. Er wird seinen Leib mit ihrem warmen Blute bemalen und dann geschützt sein gegen alle Feindschaft der Bleichgesichter.“

Da raschelte es in dem Gestrüpp. Martin Baumann kam, beugte sich an Old Shatterhands Ohr und flüsterte ihm zu:

„Sir, ich soll Euch sagen, daß der gefangene Wachtposten der Sohn des Häuptlings ist. Winnetou hat es ihm entlockt.“

Diese Kunde kam dem Jäger außerordentlich gelegen. Er antwortete ebenso leise:

„Winnetou mag mir ihn augenblicklich schicken.“

„Auf welche Weise? Der Rote ist gefesselt und kann nicht laufen.“

„Der lange Davy mag ihn tragen und dann hier bei ihm sitzen bleiben.“

Martin entfernte sich. Old Shatterhand wendete sich wieder an den Indianer, indem er antwortete:

„Ich fürchte den Moskito nicht. Seit wann trägt er einen Namen, und wo hörte man von seinen Thaten? Ich brauche nur zu wollen, so nehme ich ihn ebenso gefangen wie dich selbst.“

Dieses Mal konnte er sich doch nicht ganz beherrschen. Es war verächtlich von seinem Sohne gesprochen worden. Seine Brauen zogen sich zusammen; seine Augen leuchteten, und er sagte in zornigem Tone:

„Wer bist du, daß du in dieser Weise von Moh-aw zu reden wagst? Versuche mit ihm zu kämpfen, so wirst du bereits vor seinem Blicke dich in die Erde verkriechen!“

„Pshaw! Ich kämpfe nicht mit Kindern!“

„Moh-aw ist kein Kind, kein Knabe! Er hat mit den Sioux-Oggalla gekämpft und ihrer mehrere bezwungen. Er hat die Augen des Adlers und das Gehör der Nachtvögel. Kein Feind vermag, ihn zu überraschen, und er wird den schwarzen Hirsch, seinen Vater, blutig rächen an den Vätern und Söhnen der Bleichgesichter!“

Da kam der lange Davy herbei geschritten, auf seiner Achsel den jungen Indianer. Er stieg mit seinen ewigen Beinen gleich über das dichteste Gestrüpp, legte den Indianer zur Erde nieder und sagte:

„Da bring‘ ich den Buben. Soll ich ihm den Rücken bläuen, damit er es sich merke, daß mit Männern nicht zu spaßen sei?“

„Vom Schlagen ist keine Rede, Master Davy. Setzt ihn aufrecht und nehmt Platz neben ihm. Auch den Knebel könnt Ihr wieder entfernen. Er ist nicht mehr nötig, denn hier wird gesprochen.“

„Ay, Sir! Ich möchte aber wissen, was der Knabe hier vorbringen könnte.“

Der Lange gehorchte. Als der „Moskito“ aufrecht saß, blickten die beiden Schoschonen sich erschrocken in die Augen. Der Häuptling sagte nichts und bewegte sich nicht; aber trotz seiner dunklen Hautfarbe war zu sehen, daß ihm das Blut aus dem Gesicht gewichen war. Der Sohn vermochte nicht, sich so zu beherrschen.

„Uff !“ rief er. „Auch Tokvi-tey ist gefangen! Das wird ein Heulen geben in den Wigwams der Schoschonen. Der große Geist hat sein Angesicht verhüllt vor seinen Kindern.“

„Schweig!“ donnerte ihn sein Vater an. „Keine Squaw der Schoschonen wird eine Thräne weinen, wenn Tokvi-tey und Moh-aw von den Nebeln des Todes verschlungen werden. Sie haben ihre Augen und Ohren verschlossen gehabt und sind ohne Hirn gewesen wie die Kröte, welche sich ohne Gegenwehr von der Schlange verschlingen läßt. Schande über den Vater und Schande über den Sohn! Kein Mund wird von ihnen sprechen, und keine Kunde wird über sie zu hören sein. Aber mit dem ihrigen wird das Blut der Bleichgesichter fließen. Bereits befinden sich zwei Weiße in den Händen unserer Krieger, und bereits sind die Kundschafter der Schoschonen unterwegs, um den Weg zum neuen Siege zu öffnen. Schande um Schande, und Blut um Blut!“

Da wendete Old Shatterhand sich zu Davy und gab ihm den leisen Befehl:

„Holt alle anderen herbei; nur Winnetou allein soll sich nicht sehen lassen!“

Der Lange stand auf und entfernte sich.

„Nun,“ fragte Old Shatterhand, „sieht der schwarze Hirsch vielleicht, daß ich mich vor dem Blicke seines Sohnes in die Erde verkrieche? Ich will euch nicht beleidigen. Der Häuptling der Schoschonen ist berühmt als tapferer Krieger und weise im Rate der Alten. Moh-aw, sein Sohn, wird in seine Fußstapfen treten und ebenso tapfer und weise sein. Ich gebe beiden die Freiheit gegen die Freiheit der beiden gefangenen weißen Jäger.“

Über das Gesicht des Sohnes zuckte es wie Freude. Er hatte ja das Leben lieb. Sein Vater aber warf ihm darob einen zornigen Blick zu und antwortete:

„Der schwarze Hirsch und der Moskito sind ohne Kampf in die Hände eines elenden Bleichgesichtes gefallen; sie verdienen nicht, länger zu leben; sie wollen sterben. Nur durch ihren Tod können sie die Schande sühnen, welche auf sie gefallen ist. Und so mögen auch die Bleichgesichter sterben, welche bereits gefangen sind, und auch die, welche noch in die Gefangenschaft der Schoschonen gera – – –“

Er hielt inne. Sein Blick ruhte erschrocken auf den zwei Kundschaftern, welche jetzt von Davy, Bob und Martin Baumann herbeigebracht wurden.

„Warum spricht der schwarze Hirsch nicht weiter?“ fragte Old Shatterhand. „Fühlt er, daß die Faust des Schreckes nach seinem Herzen greift?“

Der Häuptling senkte den Kopf und blickte lange wortlos vor sich nieder. Hinter ihm bewegten sich die Zweige, ohne daß er es bemerkte. Old Shatterhand sah den Kopf des Apachen erscheinen und warf ihm einen fragenden Blick zu. Ein leises Nicken war die Antwort. Die beiden verstanden sich auch ohne gesprochene Worte.

„Jetzt sieht Tokvi-tey, daß seine Hoffnung auf neuen Sieg vergeblich ist,“ fuhr Shatterhand fort. „Und dennoch wiederhole ich mein Anerbieten. Ich gebe euch alle augenblicklich frei, wenn ihr mir versprecht, daß die beiden weißen Jäger auch frei sein sollen.“

„Nein, wir sterben!“ rief der Häuptling.

„So sterbt ihr umsonst, denn wir werden trotz eures Todes die Gefangenen befreien.“

„Ja, vielleicht werdet ihr es, denn es scheint so, als ob Manitou uns verlassen habe. Hätte er uns nicht mit Blindheit und Taubheit geschlagen, so wäre es nicht Bleichgesichtern, welche keinen Namen haben, gelungen, den Häuptling der Schoschonen zu ergreifen.“

„Keinen Namen? Willst du unsere Namen hören?“

Er schüttelte verächtlich mit dem Kopfe.

„Ich mag sie nicht hören. Sie taugen nichts. Das ist ja die Schande! Wäre Tokvi-tey von Nonpay-klama besiegt worden, welchen die Bleichgesichter Old Shatterhand nennen, oder von einem Jäger mit ebenso berühmtem Namen, so könnte er sich trösten. Von so einem Krieger überlistet zu werden, ist keine Schande. Ihr aber seid wie die Hunde, welche keinen Herrn haben. Ihr reitet in Gesellschaft eines schwarzen Niggers. Ich mag keine Gnade aus euren Händen!“

„Und wir wollen weder dein Blut noch dich selbst,“ antwortete Old Shatterhand. „Wir sind nicht ausgezogen, um die tapfern Söhne der Schoschonen zu töten, sondern um die Hunde der Ogallalla zu züchtigen. Wollt ihr unsere Freunde nicht freigeben, nun, so wollen wir nicht so feig sein wie ihr. Wir erlauben euch, nach euren Zelten zurückzukehren.“

Er stand auf, trat zu dem Häuptlinge und löste dessen Fesseln. Er wußte, daß er ein gewagtes Spiel beginne; aber er war ein Kenner des Westens und seiner Bewohner und hegte die Ueberzeugung, daß er dieses Spiel nicht verlieren werde.

Der Häuptling hatte seine ganze Selbstbeherrschung verloren. Was dieser Weiße that, war ja ganz unbegreiflich, ganz unsinnig! Er gab seine Feinde frei, ohne seine Freunde dafür herauszubekommen. Shatterhand war nämlich auch zu dem Moskito getreten und löste diesem die Fesseln.

Der schwarze Hirsch starrte ihn ganz fassungslos an. Seine Hand griff nach dem Gürtel und fühlte da das steckengebliebene Messer. Eine wilde Freude glühte in seinen Augen.

„Frei sollen wir sein!“ rief er aus. „Frei! Wir sollen sehen, daß die alten Squaws mit den Fingern auf uns zeigen und dabei erzählen, daß wir von namenlosen Hunden angegriffen und niedergerissen worden sind! Sollen wir in den ewigen Jagdgründen am Boden liegen und Mäuse fressen, während unsere roten Brüder sich an den Lenden niemals sterbender Bären und Büffel laben! Unsere Namen sind befleckt. Kein Feindesblut, nur unser eigenes Blut kann den Fleck wieder herunterwaschen. Es soll fließen in diesem Augenblick, Tokvi-tey wird sterben und die Seele seines Sohnes vor sich hersenden!“

Er riß das Messer aus dem Gürtel, sprang auf seinen Sohn ein und holte aus, diesem die Klinge in das Herz zu stoßen und dann sich selbst zu treffen. Der Moskito bewegte sich nicht. Er war bereit, den Stoß von der Hand des Vaters zu empfangen.

„Tokvi-tey!“ rief es da laut hinter dem Häuptlinge.

Dieser Stimme war nicht zu widerstehen. Den Arm mit dem Messer hoch erhoben, drehte er sich um. Vor ihm stand der Häuptling der Apachen. Der Schoschone ließ den Arm sinken.

„Winnetou!“ rief er aus.

„Hält der Häuptling der Schoschonen Winnetou für einen Coyoten?“ fragte der Apache.

Coyote heißt der wilde Prairiehund und auch der kleine Wolf des Westens. Beide Tiere sind so feig und oft mit der gräßlichsten Räude behaftet, so daß es eine große Schande ist, mit einem Coyoten verglichen zu werden.

„Wer wagt es, das zu sagen!“ antwortete der Gefragte.

„Tokvi-tey hat es selbst gesagt. “

„Nein!“

„Hat er nicht diejenigen, welche ihn besiegten, namenlose Hunde genannt?“

Da ließ der Schoschone das Messer achtlos aus seiner Hand fallen. Es ging ihm eine Ahnung auf.

„Ist Winnetou der Sieger?“

„Nein, aber sein weißer Bruder, welcher hier neben ihm steht.“

Er deutete auf Old Shatterhand.

„Uff! Uff! Uff!“ stieß der schwarze Hirsch hervor. „Winnetous Bruder ist nur Einer. Derjenige, welchen er seinen weißen Bruder nennt, ist Nonparklama, der berühmteste Jäger unter den Bleichgesichtern, die ihn Old Shatterhand nennen. Haben Tokvi-teys Augen die Freude, diesen Jäger hier zu sehen?“

Sein Blick ging fragend zwischen Shatterhand und Winnetou hin und her. Der letztere antwortete:

„Die Augen meines roten Bruders waren ermüdet, und ebenso müde war sein Geist, um nachzudenken. Wer dem Schwarzen Hirsch mit einem einzigen Griff der Faust den Atem nimmt, der kann kein namenloser Hund sein. Hat mein roter Bruder sich das nicht gesagt? Ist mein roter Bruder eine kranke Erdeule, welche man so leicht aus ihrem Neste nehmen kann? Er ist ein berühmter Krieger, und wer ihn aus dem Wigwam holt trotz der Krieger, die ihn bewachen, der muß ein Held sein, der einen großen Namen trägt!“

Der Schoschone fuhr sich mit der Faust nach dem Kopfe und antwortete:

„Tokvi-tey hat ein Hirn gehabt, aber keine Gedanken darin.“

„Ja, hier steht Old Shatterhand, sein Besieger. Braucht mein roter Bruder deshalb in den Tod zu gehen?“

„Nein,“ erklang es unter einem schweren, erlösenden Seufzer. „Er darf leben bleiben.“

„Ja, denn dadurch, daß er freiwillig in die ewigen Gefilde gehen wollte, hat er bewiesen, daß er ein starkes Herz besitzt. Und Old Shatterhand war es, welcher Moh-aw mit einem Schlage seiner Schmetterhand zu Boden schlug. Ist das eine Schande für den jungen, tapferen Krieger?“

„Nein; auch er kann leben.“

„Und Old Shatterhand und Winnetou waren es, welche die Kundschafter der Schoschonen gefangen nahmen, nicht als Feinde, sondern um gegen sie die gefangenen Bleichgesichter umzutauschen. Will mein roter Bruder die Kundschafter verdammen?“

„Nein, denn sonst müßte er sich selbst und auch seinen eigenen Sohn verdammen.“

„Und weiß mein roter Bruder nicht, daß Old Shatterhand und Winnetou die Freunde aller braven roten Krieger sind? Daß sie ihre roten Feinde niemals töten, sondern sie nur kampfunfähig machen, und daß sie nur dann das Leben ihrer Feinde fordern, wenn sie von diesen dazu gezwungen werden?“

„Ja, das weiß Tokvi-tey.“

„So mag er wählen, was er sein will, unser Bruder oder unser Feind! Will er unser Bruder sein, so werden seine Feinde auch die unserigen sein. Wählt er aber das andere, nun so werden wir ihn und seinen Sohn und seine Kundschafter freigeben; aber es wird viel Blut fließen um die Freiheit der beiden bleichen Gefangenen, und die Kinder der Schoschonen werden Ursache haben, ihre Häupter zu verhüllen und Klagelieder anzustimmen in jedem Wigwam und an jedem Lagerfeuer. Er mag also wählen. Winnetou hat gesprochen I“

Es trat eine tiefe Stille ein. Der Eindruck, welchen die Persönlichkeit und die Rede des Apachen gemacht hatte, war ein großer. Tokvi-tey bückte sich nieder, ergriff das Messer, welches ihm entfallen war, stieß die Klinge desselben bis an das Heft in die Erde und antwortete:

„So wie die Schärfe dieses Messers verschwunden ist, so sei verschwunden alle Feindschaft zwischen den Söhnen der Schoschonen und den tapferen Kriegern, welche hier bei ihnen stehen!“

Dann zog er das Messer wieder heraus, hielt die Klinge drohend empor und fuhr fort:

„Und so wie dieses Messer sei die Freundschaft zwischen den Schoschonen und ihren Brüdern. Sie treffe alle Feinde, welche gegen die Vereinten sind. Howgh!“

„Howgh, howgh!“ ertönte es rundum.

„Mein Bruder hat eine kluge Wahl getroffen,“ sagte Old Shatterhand. „Er sehe hier Davy-Honskeh, den berühmten Jäger. Kennt er die Namen der Bleichgesichter, welche als Gefangene in seinem Zelte liegen?“

„Nein.“

„Es ist Jemmy-petahtscheh mit dem hinkenden Frank, welcher der Gefährte Mato-pokas, des Bärentöters, ist.“

„Mato-poka!“ rief der Schoschone überrascht. „Warum hat der Hinkende dies nicht gesagt? Ist nicht Mato-poka der Bruder der Schoschonen? Hat er nicht Tokvi-tey das Leben gerettet, als die Sioux Ogallalla seiner Fährte folgten?“

„Das Leben hat er dir gerettet? Nun, hier erblickst du Martin, seinen Sohn, und Bob, seinen treuen, schwarzen Diener. Sie sind ausgezogen, ihn zu retten, und wir begleiten sie, denn Mato-poka, der Bärentöter, ist in die Hände der Ogallalla gefallen und soll von ihnen getötet werden mit seinen fünf Gefährten.“

Tokvi-tey hielt das Messer noch in der Hand. Er warf es zu Boden, trat mit dem Fuß darauf und rief:

„Die Hunde der Ogallalla wollen den Bärentöter martern? Der große Manitou wird sie vernichten. Ist ihre Zahl eine große?“

„Es sind ihrer nur fünfzig und sechs.“

„Und wenn es ihrer auch tausend wären, so müßten sie zu Grunde gehen. Hier wie dieses Messer werden sie von den Kriegern der Schoschonen zur Erde gestampft werden. Ihre Seelen sollen aus ihren Leibern fahren, und ihre Gebeine sollen bleichen im Sonnenstrahle! Wo sind sie? Wo kann man auf ihre Fährte treffen?“

„Sie sind hinauf in die Berge des Gelbsteinflusses, wo das Grabmal des tapferen Büffels steht.“

„Hat nicht mein Bruder Old Shatterhand den tapferen Büffel und seine zwei Gefährten mit der nackten Faust erschlagen? So sollen auch die fallen, welche es gewagt haben, sich an dem Bärentöter zu vergreifen. Meine Brüder mögen mir hinabfolgen zum Lager meiner Krieger. Dort soll die Pfeife des Friedens geraucht werden, und dort werden die Männer am Beratungsfeuer sitzen, um nachzudenken, auf welchem Wege die Hunde am schnellsten zu erreichen sind!“

Natürlich waren alle bereit dazu. Auch die beiden Kundschafter waren von ihren Fesseln befreit worden, und nun wurden die Pferde herbeigeholt.

„Sir, Ihr seid doch ein verteufelter Kerl!“ raunte der lange Davy Old Shatterhand zu. „Alles, was Ihr beginnt, hat Chic, ist außerordentlich kühn und gelingt doch so vorzüglich, als ob es sich nur um eine Lappalie gehandelt habe. Ich ziehe meinen Chapeau vor Euch!“

Er riß seinen krempelosen Cylinderhut herab und schwenkte ihn so nachdrücklich hin und her, als ob er einen Karpfenteich ausschöpfen wolle.

Es wurde aufgebrochen. Die Pferde hinter sich herziehend, tasteten sich die Jäger wieder nach dem Abhange zurück. Das Feuer war natürlich ausgelöscht worden. Oben an der Thalsenkung angekommen, hielt Tokvi-tey beide Hände an den Mund und schrie in die stille Tiefe hinab:

„Khun, khun, kun-wah-ka – das Feuer, das Feuer, brennt das Beratungsfeuer an!“

Das Echo gab den Ruf vervielfältigt zurück. Er war unten gehört und verstanden worden, denn man vernahm laute Stimmen.

„Hang pa – wer kommt?“ ertönte ein lauter Ruf aus dem Thale empor.

„Moh-aw, Moh-aw!“ antwortete der Sohn des Häuptlings hinab.

Darauf ließ sich ein lautes, jubelndes „ha-ha-hih“ hören, und wenige Augenblicke später war die Flamme des schnell wieder angezündeten Feuers zu sehen. Das war ein sicheres Zeichen, daß die Schoschonen die Stimme des jungen Indianers erkannt hatten, denn im anderen Falle hätten sie sich gehütet, einem etwa nahenden Feinde, der sie durch seine Zurufe zu täuschen beabsichtigte, den Überfall durch die Beleuchtung des Lagers zu erleichtern.

Trotzdem aber wendeten sie die Vorsicht an, den Nahenden einige Leute entgegen zu senden, welche sich überzeugen sollten, daß man wirklich nichts zu fürchten habe.

Als dann der Häuptling mit seiner Begleitung das Lager erreichte, fühlten die Seinen wohl Freude über seine Rückkehr und diejenige seines Sohnes, auch waren sie wohl begierig, zu erfahren, wie es mit dem rätselhaften Verschwinden der beiden zugegangen sei, doch keiner ließ sich davon etwas merken. Natürlich waren sie in höchstem Grade erstaunt, als sie die fremden Bleichgesichter mit ihm ankommen sahen, doch waren sie zu sehr gewöhnt, ihre Gefühle zu verbergen, als daß sie ein Zeichen der Überraschung hätten sehen lassen. Nur der alte Krieger, welcher vorher den Befehl geführt hatte, trat seinem Häuptlinge entgegen und sagte:

„Tokvi-tey ist ein großer Zauberer. Er verschwindet aus seinem Zelte, wie das Wort verschwindet, wenn es gesprochen worden ist.“

„Haben meine Brüder wirklich geglaubt, daß der schwarze Hirsch verschwunden sei, ohne Spur, wie der Rauch, welcher in die Lüfte steigt?“ fragte der Häuptling. „Haben sie nicht Augen gehabt, zu sehen, was geschehen ist?“

„Die Krieger der Schoschonen haben Augen. Sie haben das Zeichen des berühmten weißen Jägers gefunden, daß Schmetterhand mit ihrem Häuptling gesprochen habe.“

Das war eine sehr rücksichtsvolle Umschreibung der Thatsache, daß der „schwarze Hirsch“ durch Old Shatterhand entführt worden war. Der Alte bediente sich dieser Worte aus Achtung vor seinem Anführer.

„Meine Brüder haben richtig vermutet,“ erklärte dieser. „Hier steht Nou-pay-klama, der weiße Jäger, welcher seine Feinde mit der Faust niederschlägt. Und an seiner Seite befindet sich Winnetou, der große Häuptling der Apachen.“

„Uff, uff!“ ertönte es im Kreise.

Bewundernd und achtungsvoll ruhten die Blicke der Schoschonen auf den Gestalten der beiden berühmten Männer, und indem sie ehrerbietig von ihnen zurücktraten, erweiterte sich der Kreis, welcher sich um die Ankömmlinge gebildet hatte.

„Diese Krieger sind gekommen, die Pfeife des Friedens mit uns zu rauchen,“ fuhr der Häuptling fort. „Sie wollten ihre beiden Gefährten befreien, welche dort im Zelte liegen. Sie hatten das Leben des schwarzen Hirsches und seines Sohnes in ihrer Hand und haben es doch nicht genommen. Darum mögen die Krieger der Schoschonen die Fesseln der Gefangenen lösen. Meine Brüder werden dafür die Skalpe vieler Sioux Ogallalla bekommen, welche wie die Mäuse aus ihren Löchern gekrochen sind, um von dem Habicht erwürgt zu werden. Mit Anbruch des Tages werden wir ihrer Fährte folgen. jetzt aber mögen die Krieger sich um das Feuer der Beratung versammeln, um den großen Geist zu fragen, ob er den Kriegszug gelingen lassen werde!“

Keiner sprach ein Wort, obgleich die Kunde, welche sie vernahmen, wohl geeignet war, ihre höchste Teilnahme zu erwecken. Einige von ihnen begaben sich still in das betreffende Zelt, um den Befehl des Häuptlings auszuführen, und brachten bald die beiden Gefangenen an das Feuer geführt.

Diese kamen wankend und unsicheren Schrittes herbei. Die Fesseln hatten so tief eingeschnitten, daß die Cirkulation des Blutes gehindert gewesen war. Es währt dann gewöhnlich längere Zeit, ehe man die betreffenden Glieder vollständig wieder gebrauchen kann.

„Alter Waschbär, was hast du denn für Dummheiten gemacht?“ fragte der lange Davy seinen dicken Freund. „Nur so ein Frosch wie du kann dem Storche geradezu in den Schnabel springen!“

„Mach nur den deinigen zu, sonst springe ich auch dir hinein, und zwar augenblicklich!“ antwortete Jemmy ärgerlich, indem er sich die wunden Handgelenke rieb. „Master Shatterhand wird uns bezeugen können, daß von einer Dummheit keine Rede ist. Wir haben uns ohne Gegenwehr ergeben, weil dies uns die einzige Möglichkeit bot, unser Leben zu retten. Im Falle wir uns verteidigt hätten, wären wir unbedingt ausgelöscht worden. Du hättest es an meiner Stelle ganz ebenso gemacht, zumal die Gewißheit vorhanden war, daß Old Shatterhand uns nicht in dieser Tinte stecken lassen werde.“

„Na, Alter, beruhige dich nur! Es war nicht so bös gemeint, und du weißt ja genau, daß ich mich herzlich freue, dich wieder frei zu sehen.“

„Schön! Aber dir werde ich meine Freiheit wohl nicht zu verdanken haben.“ Und sich an Old Shatterhand wendend, fuhr er fort. „Ganz gewiß seid nur Ihr allein es, Master, dem ich nun so außerordentlich verpflichtet bin. Sagt mir, wie ich es Euch danken kann! Mein Leben hat zwar wenig Wert, denn es ist eben nur des dicken Jemmy Leben, aber ich bin an jedem Augenblicke bereit, es Euch zur Verfügung zu stellen.“

„Nicht mir schuldet Ihr Dank,“ wehrte Old Shatterhand ab. „Eure Gefährten haben brav mitgewirkt. Und vor allen Dingen habt Ihr Euch hier an meinen Bruder Winnetou zu wenden, ohne dessen Hilfe es gar nicht möglich gewesen wäre, so schnell und sicher hier zur Stelle zu sein.“

Der Dicke überflog mit bewunderndem Blicke die schlanke und doch so kraftvolle Gestalt des Apachen. Er bot ihm dann die Hand und sagte:

„Ich habe es gewußt, daß Winnetou nahe sein muß, wenn Old Shatterhand sich sehen läßt. Da ich ein Frosch sein soll, so mag hier dieser Storch, den man den langen Davy nennt, mich auf der Stelle verschlingen, wenn Ihr nicht der bravste Indsman seid, dem ich je meine Hand gegeben habe. Laßt Euch die Eure herzlich drücken; habt tausend Dank, und erlaubt mir, so lange in Eurer Fährte zu reiten, wie es Euch gefällig ist.“

Der Neger Bob war mit einem Ausrufe der Freude zu dem Hobbel-Frank getreten und hatte gesagt:

„Endlich, endlich Masser Bob wieder sehen seinen guten Massa Frank! Masser Bob haben wollen totschlagen all ganz Schoschonenindianer; aber Massa Shatterhand haben wollen mit Massa Winnetou ganz allein machen die Befreiung. Darum die Schoschonen noch einmal sind leben geblieben.“

Er ergriff Franks Hände und streichelte die wunden Stellen derselben mit rührender Zärtlichkeit.

Natürlich wollten Jemmy und Frank vor allen Dingen erfahren, wie ihre Befreiung so schnell und unblutig bewirkt worden sei, und es wurde ihnen in kurzen Worten mitgeteilt. Zu einer ausführlichen Erzählung war keine Zeit, da die Schoschonen sich zum Zwecke der Beratung bereits um das Feuer zu ordnen begannen. – – –

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Oiht-e-keh-fa-wakon

Wie eine lange, dünne Schlange wand sich der Zug der Schoschonen durch die Blue-Graß-Prairie, welche sich vom Devils Head aus zwischen den Bighorn- und Klapperschlangenbergen nach der Gegend zieht, in welcher der Greyball-Creek seine klaren Wasser in den Bighornfluß ergießt.

Dieses „Blaugras“ kommt im Westen nicht häufig vor. Es wächst hoch und kann auf einem Boden, welcher ihm die nötige Feuchtigkeit bietet, die Höhe eines Mannes erreichen. Es kommt sogar vor, daß es bis an den Kopf eines Reiters reicht, vielleicht noch über denselben hinaus. In diesem Falle bietet es dem Westmanne große Schwierigkeiten, und er handelt klug, wenn er den Pfaden folgt, welche die Büffel in dem dichten Grasmeere ausgetreten haben. Die über ihm zusammenwogenden Halme rauben ihm die so nötige Fernsicht, und es ist bei trübem Wetter oft geschehen, daß erfahrene Jäger, denen ein Kompaß fehlte und denen es unmöglich war, den Stand der Sonne zu bestimmen, nach einem höchst beschwerlichen Ritte am Abende an demselben Orte hielten, von welchem sie am Morgen aufgebrochen waren. Gar mancher ist, indem er so im Kreise ritt, auf seine eigene Fährte gestoßen und hat sie für diejenige eines anderen, wohl gar eines Feindes gehalten. Indem er ihr von neuem folgte, hat er den Kreis mehrere Male beschrieben, bis er zu seinem großen Ärger den unter Umständen gefahrvollen Irrtum erkannte.

Selbst den erwähnten Büffelpfaden zu folgen, ist nicht ganz gefahrlos. Man kann da ganz unerwartet einen Feind aus dem Menschengeschlechte oder Tierreiche vor sich sehen. Plötzlich auf einen alten Büffel, welcher als grimmiger Einsiedler sich von der Herde getrennt hat, zu stoßen, ist ganz ebenso bedenklich, wie wenn man, ohne es vorher geahnt zu haben, auf einen feindlichen Indianer trifft, welcher, sein Gewehr im Anschlage, drei Schritte entfernt vor einem steht. Dann heißt es, blitzschnell handeln. Derjenige, dessen Schuß zuerst fällt, ist der Überlebende. –

Die Schoschonen ritten im Gänsemarsche – einer hinter dem anderen, so daß jedes Pferd in die Spuren des vorhergehenden trat. Diese Ordnung halten die Indianer stets dann ein, wenn sie nicht ganz genau wissen, daß sie sicher sind. Außerdem wird dann die Vorsicht gebraucht, Späher vorauszusenden, die scharfsinnigsten und schlausten Männer des Zuges, deren Augen nicht das gegen den Wind gerichtete Neigen eines Halmes und deren Ohren nicht das leise Knicken eines abbrechenden Zweiges entgeht.

In sich zusammengesunken und weit nach vorne gebeugt, hängt so ein Kundschafter auf seinem Pferde, als ob die Kunst des Reitens ihm etwas ganz und gar Fremdes sei. Seine Augen scheinen geschlossen zu sein; er bewegt kein Glied seines Körpers. Auch sein Gaul bewegt nur wie mechanisch, gewohnheitsmäßig, die Beine. Wer beide aus dem Hinterhalte beobachtet, der glaubt, der Reiter sei im Sattel eingeschlafen. Aber ganz im Gegenteile ist die Aufmerksamkeit des Spähers desto angespannter, je weniger er es merken läßt. So tief seine Augenlider gesenkt sein mögen, sein scharfer Blick dringt doch unter denselben hervor, nach vorn, nach rechts und links.

Ein leiser, leiser Ton läßt sich hören, eben nur für das Ohr eines solchen Spähers wahrnehmbar. Hinter den nahen Büschen kauert ein Feind, welcher sein Gewehr erhoben hat, um es auf den Kundschafter zu richten. Dabei hat er mit dem Kolben den Hornknopf seines Rockes gestreift. Das dadurch entstandene, kaum wahrnehmbare Geräusch ist doch in das Ohr des Spähers gedrungen. Ein kurzer, scharfer Blick nach dem Busche – ein Griff in die Zügel – der Reiter wirft sich aus dem Sattel, bleibt aber mit einem Fuße in demselben und mit einem Arme im Halsriemen des Pferdes hängen, so daß sein Körper vollständig hinter demjenigen seines Tieres verschwindet und von der Kugel des Feindes nicht getroffen werden kann – der Gaul, plötzlich aus seiner scheinbaren Lethargie erwacht, macht zwei, drei Sprünge zur Seite und verschwindet mit seinem Reiter im Dickicht oder hinter schützenden Bäumen. Das ist in nicht zwei Sekunden geschehen, bevor der Feind den Späher genau auf das Korn hat nehmen können. Der erstere hat nun alle Veranlassung, schnell auf seine eigene Sicherheit bedacht zu sein.

Solche Kundschafter ritten auch den Schoschonen in ziemlich weiter Entfernung voran. An der Spitze der Haupttruppe befanden sich Old Shatterhand, Winnetou und der „schwarze Hirsch“. Ihnen folgten die Weißen mit Wohkadeh und Bob.

Der letztere war trotz der Übung, welche ihm der bisherige Ritt geboten hatte, kein besserer Reiter geworden. Die Haut seiner Beine war nicht abgehärtet. Er hatte sich wund geritten und saß nun noch jämmerlicher zu Pferde als vorher. Unter immerwährendem Ah und Oh, Alas und ‚Woe to me rutschte er von einer Seite auf die andere; er ächzte und stöhnte in allen Tönen der chromatischen Tonleiter und versicherte unter den fürchterlichsten Grimassen, daß er den Sioux seine Qualen entgelten lassen werde. Wenn seine Drohungen sich bewahrheiteten, so stand ihnen allen ein grauenvoller Tod am Marterpfahle bevor.

Um weicher zu sitzen, hatte er sich aus abgeschnittenem Blaugras eine Unterlage hergestellt. Da es ihm aber nicht gelang, derselben auf dem Rücken des Pferdes einen festen Halt zu geben, so rutschte sie von Zeit zu Zeit herab und er natürlich mit, so daß er in fast regelmäßigen Zeiträumen auf oder neben ihr zur Erde zu sitzen kam.

Das entlockte selbst den sonst so ernsten Schoschonen ein heiteres Lächeln, und als einer von ihnen, welcher ein wenig englisch verstand, ihn den Sliding-Bob, den Rutsch-Bob nannte, ging das Wort von Mund zu Mund und wurde für ihn zum Spitznamen, dessen sie sich später gelegentlich gern bedienten.

Der westliche Horizont hatte bisher eine ebene Linie gebildet. jetzt begann er, sich stellenweise zu erheben. Berge lagen dort, nicht bläulich und mit unsicheren Konturen, sondern scharf gezeichnet und deutlich gekörpert trotz der weiten Entfernung, welche man noch zu durchreiten hatte, um an ihren Fuß zu gelangen.

In jenen Gegenden ist die Luft oft so rein, daß Punkte, welche in viele Meilen weiter Ferne liegen, so nahe zu sein scheinen, daß man meint, sie in wenigen Minuten erreichen zu können. Und dabei ist die Atmosphäre in der Weise mit Elektricität geschwängert, daß wenn z. B. zwei Menschen sich mit den Händen oder Ellbogen berühren, leichte sicht- und auch fühlbare Funken überspringen. Die Indianer, welche zum sonorischen Sprachstamme gehören, nennen diese Erscheinung Mo-aw-k’un, das ist Moskitofeuer. Diese elektrische Spannung strebt nach Ausgleich, den sie in immerwährenden Entladungen findet. Es wetterleuchtet, ohne daß Wolken vorhanden sind, rundum am ganzen Horizonte, unausgesetzt; oft scheint der ganze Gesichtskreis in Flammen zu stehen, doch wird das Wohlbefinden von Mensch und Tier dadurch nicht im mindesten gestört. Ist die Dunkelheit des Abends hereingebrochen, so bietet dieses immerwährende Leuchten und Glühen einen Anblick, welcher geradezu unbeschreiblich ist, und selbst der an dieses Schauspiel gewöhnte Westmann kann seine Seele, sein Gemüt dem Eindrucke desselben nicht entziehen. Er, der gewöhnt ist, sich nur auf sich selbst zu verlassen, fühlt sich klein und ohnmächtig solchen geheimnisvollen Kräften gegenüber. Er denkt an Gott, dessen er vielleicht seit langer Zeit vergessen, und als fromme Jugenderinnerung steigen in seinem Gedächtnisse die in der Schule so oft gehörten Worte des Psalmisten auf: „Wo soll ich hingehen vor Deinem Geiste, und wo soll ich hinfliehen vor Deinem Angesichte! Führe ich gen Himmel, siehe, so bist Du da; bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist Du auch da; nähme ich Flügel der Morgenröte, so würde doch Deine Hand daselbst mich führen und Deine Rechte mich halten!“ Ganz dasselbe denkt und fühlt auch der Indianer. „Weh-ku-onpeh-ta-wakon-schetscha“, das „Wigwamfeuer des großen Geistes“ nennt der Sioux dieses Wetterleuchten. „Manitou ahnima ahwarrenton,“ zu deutsch „Ich habe Manitou im Blitz gesehen,“ sagt der Yutah-Schlangenflußindianer, wenn er den Seinen berichtet, daß er seinen Weg bei dieser „elektrischen Beleuchtung“ zurückgelegt habe.

Diese elektrischen Entladungen können im Kriegsfalle sehr gefährlich werden. Der Indianer glaubt nämlich, daß derjenige Krieger, welcher des Nachts getötet wird, in den ewigen Jagdgründen in immerwährender Finsternis leben müsse. Darum sucht er jeden nächtlichen Kampf möglichst zu vermeiden, und darum führt er den Angriff am liebsten im ersten Morgenlichte aus. Wer aber im „Feuer des großen Geistes“, im Wetterleuchten stirbt, der ist nicht auf dunklem Pfade in das jenseits gegangen und wird auch dort die Jagd- und Kriegspfade erleuchtet finden. Aus diesem Grunde scheut der Indsman sich nicht, beim Schein zuckender Wetter anzugreifen, und gar mancher, der das nicht wußte oder nicht beachtete, hat seine Unwissenheit oder Unvorsichtigkeit mit Skalp und Leben büßen müssen. –

Der kleine Hobble-Frank hatte dieses bei heiterem Himmel ihm unerklärliche Wetterleuchten noch nie beobachtet. Darum sagte er zu dem dicken Jemmy, hinter welchem er ritt:

„Herr Pfefferkorn, Sie sind drüben in Deutschland ‚mal Gymnasiast gewest und werden sich wohl noch een bißchen off Ihren psychikalischen Unterricht besinnen können. Warum blitzt und leuchtet es denn eegentlich hier so sehre?“

„Es heißt physikalisch und nicht psychikafisch,“ verbesserte der Dicke.

„Dadervon werden Sie wohl gar nich viel mehr verschtehen als ich. Wissen Sie, ich hab‘ ooch meine Meriten; das können Sie mir offs Wort drauf glooben, besonders in der Orthographie und Konterpunktion. Ich weeß ganz genau, wie so een Fremdwort geschrieben wird, und da werd‘ ich’s wohl ooch richtig ausschprechen können. Verschtanden? Ob ich sag‘ psychikalisch oder physikalisch, das ist dem deutschen Kaiser ganz egal. Die Hauptsache ist, daß man das Yxilump richtig ausschpricht.“

„Ypsylon heißt es.“

„Was? Wie? Ich soll nich mal wissen, wie der vorletzte Buchschtabe meines vaterländischen Alphabetes ausgesprochen wird? Wenn Sie mir das nochmal sagen, da kann was drauf erfolgen, was Sie sehre leicht in eene Gemütskrankheit versetzen kann. So was läßt sich een Verehrer der Wissenschaft nich so leicht gefallen. Sie wissen mir off meine Frage keene akademische Antwort zu versetzen, und dadrum versuchen Sie es nun, sich off Schleichwegen heimlich aus der Falle raus zu beißen. Aber wenn Sie denken, daß Ihnen das gelingt, da irren Sie sich mehrschtenteels in mir. Ich bin ganz der Mann, Ihnen zu beweisen, daß der Müllerbursche keen Essenkehrer ist. Ich hab‘ Sie nach dem Wetterleuchten gefragt, aber nich nach dem Yxilump und nach der psychikalischen Geometrie. Können Sie mir Antwort erteilen oder nich?“

„Allemal!“ lachte der Dicke.

„Nun, dann los damit! Also warum wetterleuchtet es hier gar so sehre?“

„Weil viel Elektrizität vorhanden ist.“

„So? Ach? Das nennen Sie eene Antwort? Nun, dazu braucht man wohl ooch keen Gymnasiast gewest zu sein! Ich hab‘ zwar keene Alma Vater besucht, ich bin keen Schtudent gewest und hab‘ ooch niemals kommerschiert und den Alexander gerieben, aber ich weeß doch ganz genau, daß Elektricität vorhanden sein muß, wenn es leuchtet. Jede Wirkung hat ihre Ursache. Wenn eener eene Ohrfeige gekriegt hat, da muß een anderer vorhanden sein, der ihm die Maulschelle gegeben hat. Und wenn es wetterleuchtet, so – so – – so – – –“

„So muß einer da sein, der es angebrannt hat,“ fiel Jemmy ein.

Der Hobbel-Frank war zunächst still, um sich die Worte des Dicken zu überlegen; dann aber brach er zornig los:

„Hören Sie, Herr Pfefferkorn, es ist sehre gut, daß wir noch keene Brüderschaft mitnander gemacht haben, denn jetzt würde ich sie off der Schtelle wieder aufheben, und das wäre doch eene Blamage und een ewiger Schandfleck für Ihr bürgerliches Wappenschild. Glooben Sie denn etwa, daß ich mir von Ihnen meine etymongolische Wortabstammung verderben lasse? Was fallen Sie mir denn eegentlich so in meine schönste Rede? Wenn Sie eenen Satz beenden wollen, so können Sie sich ihn ooch selber anfangen. Merken Sie sich das! Aber wenn ich der Anfänger bin, da schprech‘ ich ooch bis zu Ende, denn nachher ist der Satz mein geistiges und philosophisches Eigentum. Wenn ich in meiner scharfsinnigen, bescheidenen Weise die Elektrizität mit eener Ohrfeige vergleiche, so haben Sie nich das mindeste Recht, sich wie een Räuberhauptmann meines Vergleiches zu bemächtigen. Eenen Pferdeschpitzbuben hängt man off ; das ist so Savannengesetz, und wenn mir eener mit dem mir gehörigen Satz davonrennt, so schieß‘ ich ihn vom Pferde runter. Ich hab‘ eenen famosen Schluß konschtruieren wollen, aber sobald ich mit den richtigen Promissen fertig war, da haben Sie eene ganz falsche Konfusion hinten dran gehängt, und das verletzt mein logisches Zartgefühl off eene schauderhafte Weise. Ich bin ––“

„Prämissen wollten Sie wohl sagen,“ unterbrach Jemmy die geharnischte Rede. „Und Konfusion heißt es auch nicht, sondern Konklusion.“

„So! Sind Sie denn wirklich so Ehen ausgezeichneter Kenner des antiquarischen Schprachsystems? Wenn ‚mal eener in seiner Schuljugend gehört hat, daß Rom off sieben Ziegeln gebaut worden ist, nachher denkt er ooch gleich, daß er der reenste Virtuos in den sämtlichen lateinischen Dialekten ist. Sie schprechen das eegentliche Plattlateinisch; mein Schulmeester in. Moritzburg aber war een Hochlateinischer; bei dem endete sich alles ganz regelrecht off um, cum und dumm. Das ist die bekannte Schprache des Cicero und der schönen Melusine. Sie aber lernen in dem Gymnasium das Lateinische nur nach Knüppelverschen und sagen:

Was man nicht deklamieren kann,
Das sieht man ganz neutral sich an.

Und wenn Sie sich bis hinauf in die Oberprima so ganz neutral verhalten haben, so werden Sie Prairiejäger, thun mit Ihren philologischen Schprachkenntnissen dicke und wollen nich ‚mal meine Promissen und meine Konfusion gelten lassen. Ich habe in meinem ganzen Leben von keener Konklusion gehört, sogar in Moritzburg nich, was doch viel sagen will. Thun Sie also mir und sich selbst den Gefallen, und bleiben Sie bei der Schtange. Es ist die Rede gewest vom Wetterleuchten und von der Elektricität. Sie sagen, es wetterleuchtet wegen der vorhandenen Elektricität. Nun aber frag‘ ich weiter, warum gerade hier in dieser Gegend so viele Elektricität vorhanden ist. Ich hab‘ doch noch nirgends eene solche Masse beisammen gefunden. – Nun, können Sie antworten? jetzt haben Sie die beste Gelegenheit im ganzen Leben, das Examen zu bestehen oder offs schönste ökumenische Konsilium hereinzufallen.“

Der dicke Jemmy lachte laut auf. Darum fragte der gelehrte Sachse:

„Was feixen Sie denn so klarinettenmäßig? Lachen Sie etwa nur vor Verlegenheit, weil ich so eene ganz unerwartete Fertigkeet in der philharmonischen Schprachgewandtheet entwickele? Nun, ich bin sehre neugierig, off welche Weise Sie sich herausbeißen werden, mein bester Herr Pfefferkorn!“

„Ja,“ antwortete Jemmy, „Ihre Frage ist freilich höchst schwierig zu beantworten. An ihr könnte selbst ein Professor sich vergebens abmühen.“

„So! Eene andere Antwort haben Sie also nich?“

„Vielleicht doch.“

„So lassen Sie ‚mal hören! Ich bin ganz Ohrläppchen.“

„Vielleicht ist der Metallreichtum des Felsengebirges an dieser Ansammlung der Elektricität schuld.“

„Der Metallreichtum? Mit dem hat die Elektricität nichts zu thun.“

„O doch! Warum wird sie von dem Blitzableiter angezogen?“

„Sie läuft aber unten wieder ’naus, folglich mag sie gar nichts von ihm wissen, und es wird gar mancher Boom vom Blitz erschlagen, ohne daß er nur das kleenste Stückchen Eisen in der Westentasche stecken hatte. Nee, das kann ich nich gelten lassen. Da müßten zum Beispiel alle Eisengießereien vom Blitz getroffen werden.“

„Oder ist’s, weil wir uns hier dem magnetischen Pole nähern?“

„Wo liegt denn der?“

„Im nördlichen Amerika, allerdings noch eine tüchtige Strecke von hier.“

„So lassen Sie ihn nur immer liegen! Der ist ja ooch ganz unschuldig an diesem Wetterleuchten.“

„Oder staut sich die Elektricität bei der rapid schnellen Erdumdrehung an den riesigen Höhen des Felsengebirges?“

„An so eene archimedische Ansammlung ist nicht zu denken. Die Elektricität ist doch nich so dick wie Sirup; die geht ganz leicht über die Berge hinweg. Nee, Sie haben Ihr Examen nich beschtanden. Ihre Censur ist höchstens Viere Beh.“

. „Nun, wenn Sie der Mann sind, mir eine Censur zu erteilen, so müssen Sie wohl im stande sein, es besser zu machen.“

„Natürlich bin ich das im schtande, denn ich bin in Moritzburg Forschtbeamter gewest und habe dort durch eifriges Fragen und Nachdenken meine angeborene Intelligenz off die allersuperlativste Schpitze getrieben. Ich möcht eegentlich mal wissen, off welche gewichtige Frage ich nich die richtige pneumatische Auskunft erteilen könnte. Ich bin zwar nur Autoviadukt, denn ich habe eben alles merschtenteels ganz von alleene gelernt; aber wenn das Genie eenmal drin im Menschen schteckt, dann ist’s eben nich mal mit Keulen tot zu schlagen. Die Erklärung, welche Sie als verflossener Gymnasiast nich finden, ist ganz eenfach. Mir hat der Moritzburger Schulmeester mal in eener vertraulichen Schtunde, als niemand weiter in absento war, off Diskredit und Ehrenwort mitgeteilt, daß die Elektricität durch Reibung entschteht. Das geben Sie doch zu?“

„Sehr gern.“

„Folglich muß, wo Reibung vorhanden ist, Elektricität entschtehen.“

„Zum Beispiel beim Kartoffelreiben!“

„Lassen Sie Ihre Quartanerwitze beiseite, besonders wenn Sie mit eenem Manne schprechen, der in Beziehung off die künstlichen Wissenschaften zu den hydraulischen Autoritäten gehört l Wenn ich ungeschtört bin, so habe ich eenen sehr bescheidenen und anschpruchslosen Charakter, denn es gibt Oogenblicke, wo der Geist schwach sein muß, aber der Körper schtark und kräftig; doch wenn mal der richtige Moment des Nachdenkens mit dem geeigneten Oogenblicke der höheren Bildung zusammenfällt, nachher schträubt sich mein edles Naturell gegen das gewöhnliche ordinäre Temperament, und die Quellen meiner Kenntnisse fangen an zu schprudeln und zu schpritzen, daß es zum Erschtaunen ist. Ich wundre mich manchmal über mich selber, wenn ich so höre, was für Schätze in mir schtecken. Mit der Elektricität zum Exempel mach‘ ich gar nich viel Federlesens. Dieser ganzen Wissenschaft bin ich weit überlegen. Ich schpiele mehrschtenteels bloß noch mit ihr. Off een bißchen Reibung mehr oder weniger kommt mir’s gar nich mehr an, besonders hier in dieser Gegend. Da gibt es gewaltige Prairien, gewaltige Wälder und gewaltige Berge. Wenn nun der Wind oder gar der Schturrn darüber saust, so entschteht eene ungeheure Reibung. Oder nich?“

„Ja,“ gab Jemmy zu. Er war begierig, die Erklärung des Sachsen zu hören.

„Der Schturm reibt den Boden; die unendlichen Millionen von Grashalmen reiben sich aneinander; die ungezählten Äste, Zweige und Blätter der Bäume reiben sich ebenso. Die Büffel wälzen sich in den Wallows [Fußnote], was großartige Reibung gibt; kurz und gut, es findet in dieser Gegend eene Reibung statt wie sonst nirgendwo, und da ist es ja ganz selbstverständlich, daß sich een ungeheurer Vorrat von Elektrizität anhäufen muß. Da haben Sie also nun die eenfachste, unanfechtbarste Erklärung aus dem kompetentesten Munde. Wollen Sie etwa noch mehr?“

„Nein, nein,“ lachte Jemmy. „Ich habe genug!“

„So nehmen Sie die Aufklärung mit Ernst und ergebener Hochachtung hin. Das Lachen aber muß ich mir verbitten! Wer so viel ohne Ursache lacht, der verrät eene sanguinisch-cholerische Normalexistenz; eene hohle, phrenologische Schädelbildung und een unbedeutendes loyales Rückenmarksystem. Und daß Sie außerdem an eener chronisch-akuten Überlegungsgabe leiden, das haben Sie bewiesen, denn nur Sie ganz alleene waren schuld, daß wir von den Schoschonen gefangen genommen wurden. Wäre uns dieser famose Old Shatterhand nich zu Hilfe gekommen, so hätten wir unbedingt den gefährlichen Salto quartale hinüber in die ewigen Jagdgründe machen müssen.“

Mortale heißt es, nicht quartale!“

„Schweigen Sie! So etwas kommt mir in diesem Vierteljahre nicht wieder vor; darum sage ich quartale. Unser wissenschaftliches Gespräch ist überhaupt jetzt nun finis parterra, denn wir sind den Bergen nahe, und da vom halten unsere Kundschafter. Sie müssen also etwas Wichtiges entdeckt haben.“

Der kleine Pseudogelehrte hatte während seiner ultragelehrten Auseinandersetzungen wenig darauf geachtet, daß indessen eine ganz bedeutende Strecke zurückgelegt worden war. Das Blaugras war verschwunden; an seiner Stelle traten Festuccagräser, reichlich mit duftenden Cumarinhalmen durchmischt, und in nicht großer Entfernung entfaltete sich bereits ein reichlicher Strauchwuchs, über welchen die Wipfel einiger Rot-Ahorne emporragten. Diese Bäume lieben den feuchten Boden und bildeten also ein erfreuliches Zeichen, daß man nach dem heißen Ritte wohl bald auf einen erquickenden Trunk rechnen könne.

Dort bei den Büschen hielten die Kundschaftet. Als der Reiterzug ihnen nahte, winkten sie mit den Händen zur Vorsicht, und einer rief:

„Nambau nambau!“

Dieses Wort bedeutet eigentlich Fuß, hat aber auch die Bedeutung als Fährte. Die Kundschafter wünschten, man solle Vorsicht gebrauchen, damit die von ihnen gefundene Fährte nicht zerstört werde, bevor sie von den Anführern „gelesen“ worden sei.

Wohkadeh beachtete ihre Winke nicht; er ritt zu ihnen hin.

„Wehts toweke!“ rief ihm derjenige, welcher vorher gerufen hatte, unwillig zu.

Das heißt „Junger Mann“ und bedeutete also eine Zurechtweisung. Ein junger Mann handelt wohl nicht so überlegt wie ein bejahrter. Der Ausdruck enthielt einen Tadel, ohne Wohkadeh ernstlich beleidigen zu können. Dennoch antwortete er in ziemlich ernstem Tone:

„Haben meine Brüder die Winter gezählt, seit denen Wohkadeh nun lebt? Er weiß ganz genau, was er thut. Er kennt diese Fährte, denn es sind die Stapfen seiner Füße auch dabei. An diesem Orte lagerte er mit den Sioux Ogallala, bevor sie ihn aussandten, nach den Zelten der Schoschonen zu suchen. Sie sind jedenfalls von hier aus grad nach West geritten, um den Fluß des dicken Hornes zu erreichen, und werden Wohkadeh Zeichen zurückgelassen haben, mit deren Hilfe er ihnen schnell zu folgen vermag.“

Die Stelle, an welcher sie hielten, zeigte Spuren, daß vor einigen Tagen ein ansehnlicher Reitertrupp hier gelagert habe; doch waren diese Zeichen nur für ein außerordentlich geübtes Auge zu erkennen. Das niedergetretene Gras hatte sich vollständig wieder aufgerichtet, doch fehlten den nahen Büschen die Zweigspitzen, welche von den Pferden abgefressen worden waren.

Nach Wohkadehs Erklärung erschien es als zwecklos, sich hier länger aufzuhalten. Darum setzte sich der Zug sogleich wieder in Bewegung.

Zwar stand die Sonne im Zenith, und es war also die Zeit der größten Tageshitze; die Pferde bedurften einer kurzen Ruhe, doch wollte man ihnen diese nicht eher gewähren, als bis Wasser gefunden wurde.

Das bisher ebene Terrain begann nun zu steigen. Von vorn, rechts und links traten langgestreckte Bergesrücken näher heran. Die Reiter folgten einer breiten Senkung, welche sich zwischen den Höhen hindurchwand. Sie war von den bereits erwähnten Gräsern grün. Das Buschwerk zeigte zunächst nur harte Arten, doch traten sehr bald weichere auf, strauchartige Balsampappeln, welche sich hier nicht zu Bäumen zu entwickeln schienen, und wilde Birnen von der Art, welche der Amerikaner Spiked-Hawthorn nennt.

Nun wurden auch die vorher nur vereinzelt stehenden Bäume zahlreicher. Weiße Eschen, Kastanien, Zürgelbäume, Makrocarpa-Eichen, Linden und andere, an deren Stämme purpurrot blühender Osterluzey emporkletterte.

Als der Weg dann hinter einer Höhe scharf nach Norden bog, sahen die Reiter bereits dicht bewaldete Berge vor sich. Dort mußte Wasser zu finden sein. Zwei wild zerklüftete Höhen ragten einander gegenüber ziemlich steil empor. Zwischen sie drängte sich ein schmales Thal hinein, auf dessen Sohle ein schmales Wässerchen sein leises Liedchen murmelte. Sollte man in dasselbe einbiegen oder der bisherigen Richtung folgen?

Old Shatterhand musterte mit scharfem Blicke den Saum des Waldes. Bald nickte er befriedigt vor sich hin und sagte:

„Unser Weg führt hier links in das Thal hinein.“

„Warum?“ fragte der lange Davy

„Seht Ihr nicht den Fichtenast dort im Stamme der Linde stecken?“

„Ay, Sir. Es ist freilich auffällig, daß ein Nadelholz an einem Laubbaume wächst.“

„Es soll ein Zeichen für Wohkadeh sein. Die Sioux haben ihn an dem Lindenstamm in der Weise angebracht, daß er nach dem Thale zeigt. Diese Richtung haben sie also eingeschlagen, und ich denke, daß wir noch auf mehrere solcher Wegweiser treffen werden. Also vorwärts!“

Winnetou war bereits schweigend vorangeritten, nachdem er nur einen kurzen Blick auf die Linde geworfen hatte. Das war so seine Art und Weise; er pflegte zu handeln, ohne viel zu sagen.

Als der Zug eine kurze Strecke zurückgelegt hatte, fand sich eine Stelle, welche sich außerordentlich gut zum Lagern eignete. Hier wurde angehalten. Es gab Wasser, Schatten und vortreffliches Futtergras für die Pferde.

Die Reiter stiegen ab und erlaubten den Tieren zu grasen. Die Schoschonen waren sehr gut mit in der Sonne getrocknetem Fleisch versehen, und die Weißen hatten noch von dem Proviant, welchen sie aus der Wohnung des Bärentöters mitgenommen hatten. Es wurde gegessen, und dann streckten sich die Männer in das Gras oder Moos, sich einem kurzen Schlummer hinzugeben, oder sie saßen in Gruppen zusammen, um sich zu unterhalten.

Der Unruhigste von allen war Bob, der Neger. Da er sich wund geritten hatte, schmerzten ihn die verletzten Stellen.

„Masser Bob sein krank, sehr krank.“ sagte er. „Masser Bob nicht haben mehr seine Haut an den Beinen. Ganze Haut sein fort, sein futsch, und nun kleben Hose an Beinen und thun so weh Masser Bob. Wer sein schuld daran? Die Sioux. Wenn Masser Bob sie finden, dann werden er sie totschlagen, bis sie nicht mehr sein können lebendig! Masser Bob nicht können reiten, nicht sitzen, nicht stehen, nicht liegen. Es sein, als haben Masser Bob Feuer an seinen Beinen.“

„Es gibt ein Mittel,“ sagte Martin Baumann, welcher neben ihm saß. „Such‘ dir Colt’sfoot und leg die Blätter desselben auf die Wunden.“

„Wo aber wachsen Colt’sfoot?“

„Besonders an Waldrändern. Vielleicht ist grad hier welcher zu finden.“

„Aber Masser Bob nicht kennen diese Pflanze. Wie können er sie da finden?“

„Komm! Ich will mit suchen.“

Die beiden wollten sich entfernen. Old Shatterhand hatte ihre Worte gehört und warnte:

„Nehmt euere Gewehre mit. Wir befinden uns hier nicht auf einem Marktplatz des Ostens. Man kann nie wissen, was der nächste Augenblick bringt.“

Martin griff still zum Gewehre, und auch der Neger schulterte seine Muskete.

„Yes!“ sagte er. „Masser Bob mitnehmen auch seine Rifle. Wenn kommt Siou oder wildes Tier, er sogleich erschießen alles, um zu beschützen sein jung Massa Martin. Come on!“

Die beiden schritten langsam am Thalrande hin, um nach der erwähnten Pflanze zu suchen; aber es war kein Huflattich zu sehen. So entfernten sie sich weiter und weiter von dem Lagerplatze. Es war so still und sonnig im Thale. Schmetterlinge gaukelten um die Blumen; Käfer summten und brummten von Ort zu Ort; das Wasser plätscherte so friedlich, und die Wipfel der Bäume badeten sich im Sonnenscheine. Wer hätte da an eine Gefahr denken mögen!

Da blieb Martin, welcher voranschritt, halten und deutete auf eine Linie, welche sich in kurzer Entfernung schnurgerade von dem kleinen Bache durch das Gras nach der Thalwand zog, wo sie unter den Bäumen verschwand.

„Was das sein?“ fragte Bob. „Ein Weg?“

„Ja, ein Weg ist es. Es scheint da jemand regelmäßig aus dem Walde zu kommen, um Wasser zu schöpfen.“

„Es sein also ein Westmann?“

„Hm! Ein Westmann? Hier in dieser Einsamkeit? Das ist unwahrscheinlich.“

„Oder ein Tier?“

„Das will ich eher glauben. Betrachten wir uns einmal die Spur!“

Sie gingen hinzu und nahmen die Fährte in Augenschein. Das Gras war vom Wasser an bis hinüber zu den Bäumen mehrere Fuß breit nicht nur nieder-, sondern so ausgetreten, daß der nackte Boden zum Vorschein gekommen war. Martin und Bob standen also vor einem wirklichen Pfade.

„Das sein kein Tier,“ meinte der Neger. „Hier sein laufen ein Mann mit Stiefeln immer hin und her. Massa Martin werden recht geben Masser Bob.“

Der Jüngling aber schüttelte den Kopf. Er untersuchte den Pfad genau und antwortete:

„Die Sache ist jedenfalls befremdend. Man kann keine Huf- oder Krallenspur erkennen. Der Boden ist so festgetreten, daß man nicht einmal bestimmen kann, zu welcher Zeit diese Fährte zum letztenmal betreten worden ist. Ich möchte wetten, daß nur ein Huftier einen solchen Gang auszutreten vermag.“

„O schön, sehr schön!“ sagte der Neger erfreut. „Vielleicht es sein ein Opossum. Das sein Masser Bob sehr willkommen.“

Das Opossum ist die virginische Beutelratte, welche bis einen halben Meter lang werden kann. Sie besitzt zwar ein zartes, weißes und fettes Fleisch, hat aber einen so eigentümlichen, widrigen Geruch, daß sie von Weißen niemals gegessen wird. Der Neger aber verschmäht sie nicht, und es gibt sogar manchen Schwarzen, welcher leidenschaftlich auf diesen unangenehm duftenden Braten versessen ist. Zu dieser Art von Gastronomen gehörte auch der brave Bob.

„Was fällt dir ein!“ lachte Martin. „Ein Opossum hier! Gehört denn die Beutelratte zu den Huftieren?“

„Wohin Opossum gehören, das sein Masser Bob ganz egal. Opossum sein ein fein delikat Fleisch, und Masser Bob jetzt werden versuchen, ob Opossum sich werden lassen fangen.“

Er wollte fort, der Fährte nach, Martin aber hielt ihn zurück.

„Bleib, und mache dich nicht lächerlich! Von einem Opossum kann hier keine Rede sein; es ist ja viel zu klein, um eine solche Spur auszutreten. Hier handelt es sich um ein großes Tier, wohl gar um ein Elk.“

„Elk, o Elk!“ rief Bob, indem er mit der Zunge schnalzte. „Elk geben viel, viel Fleisch und Talg und Haut. Elk sein gut, sein sehr gut! Bob werden Elk sogleich schießen.“

„Bleib, bleib! Es kann doch kein Elk sein, denn dann wäre hier das Gras abgeäst.“

„So werden Masser Bob nachsehen, was es sein. Vielleicht sein es doch ein Opossum. 0! wenn Masser Bob ein Opossum finden, dann er machen einen großen Schmaus.“

Er lief fort, der Fährte nach, der mit Wald bedeckten Thalwand zu.

„Warte! So warte doch nur!“ mahnte Martin. „Es kann doch wohl ein großes Raubtier sein!“

„Opossum sein Raubtier, fressen Vögel und andere kleine Viehzeug, Masser Bob es fangen.“

Er ließ sich nicht warnen und ging weiter. Der Gedanke an seinen Lieblingsbraten ließ ihn die hier so nötige Vorsicht vergessen. Martin folgte ihm nach, um im Falle einer unangenehmen Überraschung schnell bei der Hand zu sein; aber der Neger war dem jungen Manne immer eine Strecke voran.

So erreichten sie den Waldesrand, wo das Terrain auf dieser Seite des Thales gerade so wie auf der anderen ziemlich steil emporzusteigen begann.

Der Pfad lief schnurgerade zwischen die Bäume hinein und dann zwischen großen Felsenbrocken empor. Er war auch hier so fest, daß eine ausgesprochene Einzelspur gar nicht zu erkennen war.

Immer weit voran, kletterte der Neger die Höhe hinauf. Die Bäume standen ziemlich dicht beisammen, und zwischen ihren Stämmen hatte sich allerlei Unterholz breit gemacht, so daß man wirklich von einem Dickicht reden konnte, durch welches der Wildpfad führte. Da hörte Martin die jubelnde Stimme des Negers:

„Massa kommen, schnell kommen! Masser Bob haben funden das Nest von Opossum.“

Der Jüngling folgte so schnell wie möglich diesem Rufe. Von einem Opossum konnte keine Rede sein und so war zu befürchten, daß der gute Bob sich in eine Gefahr begab, von deren Größe er gar keine Ahnung hatte.

„Bleib stehen, bleib stehen!“ warnte daher Martin mit lauter Stimme. „Unternimm nichts, bis ich komme.“

„O, hier sein schon Loch, die Hausthür zu Nest von Opossum. Masser Bob nun dem Opossum machen seine Visite.“

jetzt erreichte Martin die Stelle, an welcher sich der Neger befand. Es gab da eine Anzahl übereinander getürmter Felsenstücke. Zwei derselben waren gegeneinander gelehnt und bildeten eine Höhle, vor welcher ein aus Haselnuß-, wilden Maulbeersträuchern, Hirn- und Brombeerdornen bestehendes Gestrüpp wucherte. In dieses Gestrüpp war ein Durchgang gebahnt. Die bisher verfolgte Fährte führte hinein, doch zeigten zahlreiche, nach rechts und links führende Fährten, daß der Bewohner der Höhle nicht nur zwischen dieser und dem Wasser verkehre, sondern auch noch anderweite Exkursionen unternehme.

Der Neger hatte sich zur Erde niedergekauert und befand sich bereits mit seinem Vorderleibe im Gestrüpp, um nach der Höhle zu kriechen. Jetzt erkannte Martin zu seinem Schreck, daß seine Befürchtung nicht grundlos gewesen sei. Aus den nun deutlichen Spuren sah er, mit welch einem Tiere er es zu thun habe.

„Um Gottes willen, zurück, zurück!“ rief er. „Das ist die Höhle eines Bären!“

Zu gleicher Zeit faßte er Bob bei den Beinen, um ihn zurückzuziehen. Der Neger aber schien ihn nichtverstanden zu haben, denn er antwortete:

„Warum mich halten? Masser Bob sein tapfer. Er werden besiegen ganzes Nest voll Opossum.“

„Kein Opossum, sondern ein Bär, ein Bär!“

Er hielt den Schwarzen aus Leibeskräften fest. Da ließ sich ein tiefes, zorniges Brummen hören, und zu gleicher Zeit stieß Bob einen Schrei des Schreckens aus.

„Jessus! Ein Vieh, ein Ungetüm! 0 Masser Bob, o Masser Bob!“

Er schob sich blitzschnell aus dem Gestrüpp heraus und sprang empor. Martin sah trotz der dunklen Haut des Schwarzen, daß diesem vor Schreck das Blut aus dem Gesicht gewichen war.

„Ist er noch drin in der Höhle?“ fragte der Knabe.

Bob fuhr mit den Armen in der Luft herum und bewegte die Lippen, brachte aber keine Antwort hervor. Er hatte sein Gewehr fallen lassen. Seine Augen verdrehten sich, und seine Zähne knirschten aneinander.

Da raschelte es im Gestrüpp – der Kopf eines Grizzly, eines grauen Bären, blickte aus demselben hervor. Das gab dem Neger die Sprache wieder.

„Fort, fort!“ schrie er. „Masser Bob hinauf auf Baum!“

Er that einen gewaltigen Sprung vorwärts nach einer dünnen, schlanken Birke und fuhr mit der Schnelligkeit eines Eichhörnchens am Stamme derselben empor.

Martin war leichenblaß im Gesicht geworden, doch nicht aus Angst. Mit einem schnellen Griff raffte er das Gewehr des Negers auf und sprang dann hinter eine starke Blutbuche, welche in der Nähe stand. Er lehnte das Gewehr an den Stamm derselben und griff dann zu seiner eigenen Doppelbüchse, welche an seiner Schulter hing.

Der Bär war langsam zwischen dem Gedorn hervorgetreten. Seine kleinen Augen blickten erst nach dem Neger, welcher mit den Händen an den unteren Ästen der Birke hing, und sodann nach Martin, der ihm entfernter stand. Er senkte den Kopf, öffnete den geifernden Rachen und ließ die Zunge lang hervorhängen. Er schien zu überlegen, gegen welchen der beiden Feinde er sich zunächst wenden solle. Dann richtete er sich langsam und wackelnd auf die Hinterpranken empor. Er war sicherlich acht Fuß hoch und verbreitete jenen penetranten Geruch, welcher den Raubtieren der Wildnis allen mehr oder weniger eigen ist.

Von dem Augenblicke an, an welchem Bob von der Erde aufgesprungen war, bis jetzt, war noch keine Minute vergangen. Als der Neger das riesige Tier in einer Entfernung von kaum vier Schritten von sich so drohend aufgerichtet sah, zeterte er:

For gods sake! Der Bär wollen fressen Masser Bob! Hinauf, hinauf, schnell, schnell!“

Er turnte sich mit krampfhaften Bewegungen immer weiter hinauf. Leider aber war die Birke so schwach, daß sie sich unter der Last des riesigen Schwarzen bog. Er zog die Füße möglichst weit empor und klammerte sich mit Armen und Beinen möglichst fest an, konnte sich aber doch nicht in reitender Stellung erhalten. Der dünne Wipfel des Bäumchens neigte sich nieder, und Bob hing nun an allen Vieren von demselben hernieder wie eine riesige Fledermaus.

Der Bär schien zu begreifen, daß dieser Feind leichter zu besiegen sei als der andere; er wendete sich nach der Birke und bot dadurch Martin seine linke Seite dar. Der junge Mann, welcher halb noch Knabe war, hatte nach der Brust gegriffen. Dort hing unter dem Jagdhemde die kleine Puppy, das blutige Andenken an sein unglückliches Schwesterchen.

„Luddy, Luddy!“ flüsterte er. „Ich räche dich!“

Er legte mit sicherer, nicht zitternder Hand seine Büchse an. Der Schuß krachte, noch einer- – –

Bob ließ vor Schreck los.

„Jessus, Jessus!“ schrie er. „Masser Bob sein tot, quite dead!“

Er stürzte herab, und die Birke schnellte in ihre natürliche Lage zurück.

Der Bär hatte zusammengezuckt, als ob er einen Stoß oder Schlag erhalten hätte. Er sperrte den fürchterlichen, mit gelben Zähnen bewehrten Rachen auf und that noch zwei langsame Schritte weiter. Der Neger streckte ihm beide Arme entgegen und schrie, an der Erde liegen bleibend:

„Masser Bob haben dir nichts wollen thun, haben nur wollen Opossum fangen!“

In demselben Augenblicke stand der kühne Knabe zwischen ihm und der Bestie. Er hatte sein abgeschossenes Gewehr fortgeworfen und die Flinte des Schwarzen ergriffen, deren Lauf er nun auf den Bären richtete. Er und das Tier standen nicht zwei Ellen voneinander. Seine Augen blitzten kühn, und um seinen zusammengepreßten Mund lag jener unerbittliche Zug, welcher deutlich sagte: du oder ich!

Aber anstatt loszudrücken, ließ er das Gewehr sinken und sprang zurück. Er hatte mit scharfem Blicke erkannt, daß dieser dritte Schuß nicht nötig sei. Der Bär stand still. Ein röchelndes Brummen drang aus seiner Kehle, ein brüllendes Stöhnen folgte; ein Zittern durchlief den Körper, die Vorderpranken sanken nieder, ein dunkler Blutstrom quoll über die Zunge, dann brach das Tier zusammen – – ein konvulsivisches Zucken – der Körper wälzte sich halb zur Seite und blieb dann unbeweglich hart neben dem Neger liegen.

Help, Help – Hilfe, Hilfe!“ wimmerte der letztere, noch immer die Arme starr ausgestreckt haltend, als ob er ohne Bewegung und Gelenke sei.

„Mensch, Kerl, Bob!“ zürnte Martin. „Was jammerst du, alter Feigling!“

„Der Bär, der Bär!“

„Er ist ja tot!“

Da zog der Schwarze die Arme an sich, richtete sich in sitzende Stellung auf, ließ seinen Blick in fragender Angst zwischen dem Tiere und Martin hin und her gleiten und wiederholte:

„Tot, tot! Sein das wahr?“

„Natürlich.“

„Auch ganz gewiß wahr?“

„Du siehst es ja! Ich wette, daß beide Kugeln ihm mitten in das Herz gedrungen sind.“

Da schnellte Bob empor; er zeigte, daß alle seine Gelenke sich in bester Ordnung befanden, und rief in frohlockendem Tone:

„Tot, tot sein der Bär! Oh, oh, oh! Masser Bob und Massa Martin haben besiegt das Ungeheuer! Masser Bob hab‘ machen eine Bärenjagd. Oh! was sein Masser Bob für ein kühner und ein berühmter Westmann! All Leut werden sagen, was für ein Mut haben der tollkühn und furchtlos Masser Bob!“

„Ja,“ lachte Martin, „tollkühn bist du gewesen, wie eine reife Zwetschge da grad vor dem Rachen des Bären vom Baume zu fallen!“

Der Schwarze machte ein verwundertes Gesicht.

„Fallen?“ fragte er. „Nicht fallen! Masser Bob sein sprungen dem Bären entgegen. Masser Bob haben wollen ihn nehmen beim Fell und schlagen tot!“

„Bist aber liegen geblieben!“

„Masser Bob ruhig sitzen bleiben, weil er wollen zeigen, daß er sich nicht fürchten vor Bär. Oh! was sein Bär gegen Masser Bob! Bob sein ein Held; er nehmen Bär bei den Ohren und geben ihm Maulschellen so viel, wie Bär gar nicht kann zählen!“

Er bückte sich nieder und griff mit der Linken nach dem kleinen Ohre des erlegten Tieres, allerdings leise und vorsichtig zunächst, um sich zu überzeugen, daß es auch wirklich tot sei; dann aber, als er diese Gewißheit erlangt hatte, schlug er mit der Rechten kräftig auf dasselbe ein.

Da ließen sich laute Stimmen und eilige Schritte hören.

„Alle Teufel, ein Bärenpfad,“ erklang es vom Wasser herauf. „Das kann nur ein riesiger Grizzly sein. Die beiden haben das nicht verstanden und sind dem Tiere ahnungslos entgegengelaufen. Schnell nach!“

Das war die Stimme Old Shatterhands. Der erfahrene Westmann war gleich beim ersten Blicke auf die Spur nicht im Zweifel darüber gewesen, was für ein Tier sie ausgetreten habe.

„Ja, ein Grizzly ist’s,“ hörte man den beistimmenden Ruf des dicken Jemmy. „Vielleicht sind sie alle beide verloren. Vorwärts, hinein in den Wald!“

Das Gewirr auch anderer Stimmen und eilige Schritte waren zu vernehmen.

„Holla!“ rief Martin Baumann den Kommenden entgegen. „Habt keine Sorge um uns. Es ist alles wohlauf.“

Old Shatterhand und Winnetou waren die ersten, welche am Platz erschienen. Nach ihnen kamen Tokvi-tey und der lange Davy, hinter ihnen der dicke Jemmy und der kleine Sachse, gefolgt von der Mehrzahl der Indianer. Die übrigen waren am Lagerplatze zurückgeblieben, da die Pferde natürlich nicht allein gelassen werden durften.

„Wahrhaftig ein Grizzly!“ rief Old Shatterhand beim Anblicke des erlegten Tieres. „Und zwar einer von den größten Dimensionen. Und Ihr lebt, Master Martin! Welch ein großes Glück!“

Er trat zum Bären und untersuchte die Wunde.

„Grad ins Herz getroffen, und zwar aus ganz geringer Entfernung! Das ist ein famoses Jägerstück. Ich brauche natürlich gar nicht zu fragen, wer das Tier erlegt hat.“

Da trat Bob vor und sagte unter einem stolzen, selbstbewußten Grinsen:

„Masser Bob haben besiegt den Bären. Masser Bob sein der Mann, welcher schuld ist, daß Bär haben geben müssen sein Leben.“

„Ihr, Bob? Nun, das klingt gar nicht sehr wahrscheinlich.“

„Oh! es sein wahr, sehr wahr! Masser Bob haben sich hinsetzen vor Bären seiner Nase, damit Bär sehen nur ihn, nicht aber Massa Martin, welcher müssen schießen. Masser Bob haben riskieren sein Leben, damit Massa Martin kann thun einen sichern Schuß.“

Old Shatterhand lächelte. Seinem scharfen, geübten Auge konnte nichts entgehen. Sein Blick fiel auf die grünen Birkenblätter, welche am Boden lagen. Bob hatte sie beim Klettern von den Zweigen gestreift. Einige dieser Zweige waren von ihm geknickt worden und hingen noch an den Ästen.

„Ja, Masser Bob scheint sehr tapfer gewesen zu sein,“ sagte Shatterhand. „Als er den Bären erblickte, kletterte er vor Angst hier auf die Birke, ohne zu bedenken, daß sie zu schwach sei, ihn zu tragen. Sie bog sich nieder, und er fiel herab, da grad vor die Bestie hin. Er wäre sicherlich verloren gewesen, wenn sein junger Herr die Schüsse nicht rechtzeitig abgegeben hätte. Ist es nicht so, Master Baumann?“

Martin mußte bejahend antworten, obgleich es ihm eigentlich leid that, damit einen Tadel gegen den sonst so braven Neger aussprechen zu müssen. Dieser aber suchte sich zu rechtfertigen:

„Ja, Masser Bob sein klettern auf Birkenbaum, damit Bär ihm nachklettern und nichts thun dem guten Massa Martin. Masser Bob haben wollen sich opfern für seinen jungen Herrn.“

Er mußte aber leider sehen und hören, daß dieser Versicherung kein Glauben geschenkt wurde.

Natürlich wollten alle wissen, wie es bei diesem gefährlichen Jagdabenteuer zugegangen sei, und Martin erzählte den Hergang der Sache. Er that dies in einfachen, schlichten Worten, ohne alle Ausschmückung, aber dennoch erkannten die Zuhörer, welch eine Kaltblütigkeit und welchen Mut er dabei entwickelt habe. Es wurde ihm dafür die allgemeinste Anerkennung zu teil.

„Mein lieber, junger Freund“, sagte Old Shatterhand, „ich will Euch gern gestehen, daß selbst der erfahrenste Jäger sich nicht besser hätte benehmen können als Ihr. Wenn Ihr so fortmacht, so gibt das einmal einen Mann, welcher viel von sich reden machen wird.“

Und auch der sonst so schweigsame Winnetou sagte freundlich:

„Mein kleiner, weißer Bruder hat die Entschlossenheit eines alten Kriegers. Er ist ein würdiger Sohn des berühmten Bärentöters. Der Häuptling der Apachen gibt ihm seine Hand.“

Als nun Martin seine Hand in diejenige Winnetous legte, fühlte er eine Regung stolzen Selbstbewußtseins. Die Anerkennung dieser beiden berühmten Männer war ihm eben so viel und noch mehr wert, als wenn er von irgend einem Herrscher einen Orden bekommen hätte.

Der kleine Sachse gab dem dicken Jemmy einen gelinden Rippenstoß und fragte:

„Ist das nich eene famose Heldenthat, he?“

„Gewiß! Ich habe alle Achtung vor dem kleinen Kerl.“

„Und glooben Sie nun, daß er ooch schon andern Bären den Garaus gemacht hat?“

„Sehr gern.“

„Ja, er ist meerschtenteels een sehre braver Bursche. Wer weeß, wie Sie sich an seiner Schtelle benommen hätten. Ich möchte beinahe behaupten, Sie hätten sich vom Bären so ziemlich schtille offfressen lassen.“

„Na, ganz so still hätte ich mich dabei wohl nicht verhalten. Ich habe hier meine alte Büchse nicht zu dem Zwecke, Sperlinge zu schießen, mitgenommen.“

„So! Es fragt sich aber gerade, ob Sie mit dem Schießprügel eenen Schperling treffen thäten. Een Bär ist da schon leichter offs Korn zu nehmen. Haben Sie denn schon mal eenen erschossen?“

„Nicht nur einen.“

„Hören Sie, flunkern Sie mir nur nich etwas vor! Sagen kann mersch leichte.“

„Pah! Ich habe sogar einmal mit einem Bären geschlafen, eine ganze Nacht hindurch, und erst am Morgen gemerkt, was für einen Schlafgesellen ich in meiner Nähe hatte.“

„Das ist ja die allerreenste Unmöglichkeet! So was muß man doch gewahr werden! Hat das Viehzeug denn nich geschnarcht?“

„Nein, geschnauft und geröchelt, aber nicht regelrecht geschnarcht.“

„Hm! Das müssen Sie mir mal erzählen.“

„Heut abend, wenn wir Lager machen. Jetzt ist keine Zeit dazu.“

Den Schoschonen war der Bär eine sehr willkommene Beute. Sein Fleisch gilt als wohlschmeckend; die Schinken sind noch besser, und die Tatzen gelten sogar als Leckerbissen. Nur Herz und Leber werfen die Indianer, welche beides für giftig halten, weg. Ganz besonders willkommen ist ihnen das Bärenfett, aus welchem sie sich eine ölige Flüssigkeit bereiten. Dieses Bärenöl gebrauchen sie zum Anreiben der verschiedenen Farben, mit denen sie sich bemalen, zum Beispiel der Kriegsfarben oder des Ockers, welchen sich die Sioux zum Färben ihrer Haarscheitellinie bedienen. Auch reiben sie sich mit diesem Öle die Haut ein, um sich gegen den Stich und Biß der Moskitos und anderer Insekten zu schützen.

Auf eine fragende Handbewegung des Häuptlings der Schoschonen hatte Martin geantwortet:

„Meine Brüder mögen das Fleisch des Bären nehmen; das Fell aber behalte ich selbst.“

Zwei Minuten später war das Tier aus dem Fell geschält, und das Fleisch wurde geteilt. Während die Mehrzahl der Schoschonen das Wildbret mit ihren haarscharfen Skalpmessern in dünne, breite Streifen schnitten, machten sich die anderen an die vorläufige Zubereitung des Felles. Es wurden alle noch anhaftenden Fleischreste sorgfältig von demselben entfernt, und dann spaltete man mit einem Tomahawk den Schädel des Bären, um zu dem Gehirn zu gelangen, mit welchem die Innenseite der Haut eingerieben wurde.

Dies ging alles so schnell, daß die Arbeit nach kaum einer Viertelstunde beendet war, und die Krieger nach dem Lagerplatze zurückkehren konnten. Das Fell wurde auf eines der Reservepferde, welche die Schoschonen bei sich hatten, gelegt, und das Fleisch wurde in die Koch- und Bratöfen gesteckt.

Öfen? Konnten die Indianer Öfen bei sich haben? Freilich wohl, wenn die ihrigen auch nicht gerade aus Marmor, Porzellan oder Eisen konstruiert waren. Es legte sich nämlich ein jeder sein Fleischstück unter den Sattel; es wurde dann durch das Reiten so weich und gar, daß es dann am Abende mit dem größten Appetit verspeist werden konnte. Einem europäischen Feinschmecker würde freilich eine solche Zubereitungsart nicht sehr appetitlich erscheinen.

Die Mittagsruhe war durch das Jagdabenteuer unterbrochen worden und sollte nicht von neuem begonnen werden. Man brach auf.

Der Weg führte tiefer in das Thal hinein, schlängelte sich zwischen einigen Bergen hindurch und mündete dann in dieselbe breite Niederung, welcher die Truppe vorher gefolgt war. Es zeigte sich, daß man dadurch, daß man dem Wegweiser der Sioux gefolgt war, eine bedeutende Krümmung abgeschnitten hatte. Die Sioux mußten also den Weg, welchen sie eingeschlagen hatten, ganz genau kennen. Sie hatten von Zeit zu Zeit, besonders wenn die Richtung zu verändern gewesen war, ähnliche Wahrzeichen wie das erste zurückgelassen. Jedenfalls waren sie noch lange der Ansicht gewesen, daß Wohkadeh zu ihnen zurückkehren werde.

Im Laufe des Nachmittages gelangte der Reiterzug an ein elliptisch geformtes Thal, welches einen Durchmesser von mehreren Meilen hatte und ringsum von steilen Felswinden umgeben war. In der Mitte dieses Thales erhob sich ein einzelner, kegelförmiger Berg, dessen kahle Seiten weiß im Sonnenlichte glänzten. Auf seinem Gipfel war ein niedriges, breites Steingebilde zu erkennen, welches ziemlich genau die Gestalt einer Schildkröte besaß.

Für den Geologen unterlag es keinem Zweifel, daß es hier einmal einen See gegeben hatte, dessen Ufer von den ringsumliegenden Höhen gebildet worden waren. Die Spitze des Berges, welcher sich jetzt inmitten des Thales erhob, hatte als Insel aus den Fluten geragt.

Es ist durch systematische Beobachtungen als gewiß erwiesen worden, daß eine große Anzahl von Süßwasserseen die Landstrecken von Nordamerika bedeckt hat. Das ist in der Tertiärperiode gewesen. Diese großen Wasseransammlungen haben sich verlaufen, und die einstigen Seen sind zu Thälern geworden, welche den damals lebenden Geschöpfen als Grabstätten dienen. Der Naturforscher, besonders der Paläontolog, kann sich dort mit ungeahnten Schätzen an Fossilien bereichern.

Man findet da die Zähne und Kinnladen des Hippopotamus, welches dem Flußpferde ähnlich gestaltet war, Reste des ungehörnten Rhinozeros und Schildkröten zu Tausenden. Es gibt da die Knochengerüste des wiederkäuenden Schweines, des Hyanodon und sogar einer gewaltigen Tigerart, welche mit säbelförmigen Zähnen bewaffnet war. Heute sagt man allgemein, daß das Pferd in Amerika eingeführt worden sei; aber Nachgrabungen beweisen, daß in der Tertiärzeit mehrere Kamel- und verschiedene Pferdearten in Nordamerika gelebt haben. Eine dieser Pferdespecies hat nur die Größe eines Neufundländers gehabt. Gegenwärtig gibt es auf dem ganzen Erdballe nur etwa zehn Pferdearten, während allein in Nordamerika gegen dreißig fossile Pferdegattungen nachgewiesen worden sind. In jener Urzeit weideten Elefanten an den Ufern der nordamerikanischen Seen, und Schweine wälzten sich im Schlamme, einige Arten nur katzengroß, andere dagegen von der Größe eines Hippopotamus. Auf den jetzt baumlosen Ebenen von Wyoming spendeten Palmen, deren Blätter eine Länge von vier Metern hatten, ihren Schatten. Elefantengroße Geschöpfe wohnten unter diesen Palmen. Die eine Art hatte Hörner zu beiden Seiten der Nase, die andere seitwärts der Augen, eine dritte nur ein einziges Horn oberhalb der Nase.

Wenn der Indianer zufällig auf solche urweltliche Reste stößt, so wendet er sich still und ehrfurchtsvoll ab. Er kann sich das Dasein derselben nicht erklären, und da alles Geheimnisvolle ihm „große Medizin“ ist, so sind ihm diese Reste heilig, und nur zuweilen versuchte er es an der Hand einer Sage, sich das Vorhandensein derselben begreiflich zu machen.

Das Thal also, an dessen Rande jetzt die Reiter hielten, war in jener Zeit auch ein See gewesen. Die Sioux Ogallala hatten ein Zeichen zurückgelassen, durch welches Wohkadeh benachrichtigt werden sollte, daß sie quer durch dasselbe geritten seien; aber Old Shatterhand, welcher jetzt an der Spitze ritt, folgte dieser Weisung nicht, sondern er lenkte sein Pferd nach links, um längs des Fußes der Berge hinzureiten.

„Hier steckt der Zweig,“ sagte Tokvi-tey, indem er nach dem Baume deutete, in dessen Stamm ein fremder Zweig angebracht war. „Das ist das Zeichen der Ogallala. Warum will mein Bruder demselbigen nicht folgen?“

Old Shatterhand hielt sein Pferd an und antwortete:

„Weil ich einen viel besseren Weg weiß. Von jetzt an kenne ich die Gegend sehr genau. Hier dieser Berg ist Pejaw-epoleh, der Berg der Schildkröte. An ihm bin ich bereits dreimal vorüber gekommen, nur nicht von dieser Seite her.“

„Hat es mit diesem Berge vielleicht eine besondere Bewandtnis?“ fragte Jemmy, der Dicke.

„Eigentlich nicht; aber in der Sage der Krähenindianer spielt er eine Rolle; er ist der Berg Ararat dieser Indianer. Auch die Angehörigen der roten Rasse haben das Gedächtnis einer großen Wasserflut, einer Sintflut, aufbewahrt. Die Krähenindianer erzählen, daß, als alle Menschen ertranken, nur ein einziges Paar übrig blieb. Der große Geist rettete es, indem er ihm eine riesige Schildkröte sandte. Die beiden fanden mit all ihrer Habe auf dem Rücken des Tieres Platz und wohnten da, bis die Flut sich zu senken begann. Der Berg, welchen wir hier sehen, ist höher als die anderen rundum; darum ragte er zuerst als Insel aus der Flut. Die Schildkröte kroch auf dieses Eiland, und das Menschenpaar stieg da von ihrem Rücken herab. Die Seele des Tieres kehrte zum großen Geiste zurück; der Körper aber blieb da oben und versteinerte, um als Andenken an das Elternpaar der jetzigen roten Männer zu dienen. Das erzählte mir Schunka-schetscha, der große Hund, ein Krieger der Krähenindianer, mit welchem ich vor mehreren Jahren dort am Berge der Schildkröte lagerte.“

„So wollt Ihr also nicht den Weg einschlagen, welchen die Sioux Ogallala geritten sind?“

„Nein. Ich kenne einen näheren, welcher uns in beträchtlich kürzerer Zeit zum Ziele führt. Die Ogallala wollen nach dem Grabe ihrer toten Krieger. Da uns ihr Ziel bekannt ist, so brauchen wir doch nicht die kostbare Zeit zu verlieren, indem wir ihrer Fährte folgen. Es sind der Zugänge zur Yellowstoneregion nicht sehr viele. Die Ogallala scheinen den kürzesten gar nicht zu kennen. Nach der Richtung, welche sie eingeschlagen haben, ist zu vermuten, daß sie sich nach dem großen Cannon wenden, von da über den Yellowstone gehen, um über den Brückenfluß nach den Feuerlochbergen zu kommen.“

„Da müssen sie ja über die Rocky Mountains hinüber!“

„Allerdings. Nämlich das Grab, an welchem Master Baumann mit seinen Begleitern geopfert werden soll, liegt keineswegs am Yellowstoneriver, sondern am Feuerlochflusse. Um diesen zu erreichen, reiten die Sioux Ogallala einen sehr großen Bogen, einen Halbkreis von wenigstens sechzig Kilometern Halbmesser, und das Terrain, durch welches sie kommen, bietet ihnen so viele und große Schwierigkeiten, daß sie keine ansehnlichen täglichen Strecken zurücklegen können. Der Weg aber, welchen ich einschlage, läuft in fast schnurgerader Linie fort, führt uns nach dem Pelikanflusse und zwischen diesem, nachdem wir ihn überschritten haben, und den Schwefelhügeln nach der Stelle, an welcher der Yellowstonefluß aus dem gleichnamigen See tritt. Von da suchen wir den Brückenfluß auf, in dessen Nähe wir wohl die Spuren der Sioux finden, und reiten dann nach dem oberen Geiserbassin, welches am Feuerlochflusse liegt. Dieser Weg ist zwar auch beschwerlich, bietet uns aber bei weitem nicht die Schwierigkeiten, welche die Feinde zu überwinden haben, und so ist es vielleicht sogar möglich, daß wir noch eher als sie am Ziele ankommen. Dieses letztere wäre für uns außerordentlich vorteilhaft.“

„Wenn das so ist, so wäre es allerdings eine ganz unverantwortliche Dummheit, hinter den Ogallala zu reiten. Es sollte mir ein Gaudium sein, wenn wir eher ankämen als sie. Es ist mir bereits jetzt eine Wonne, an die Gesichter zu denken, welche sie machen würden. Also vorwärts, Sir! Macht Ihr von jetzt an unseren Führer!“

Die beiden hatten sich der englischen Sprache bedient. Als Old Shatterhand nun den Schoschonen in der ihrigen sein Vorhaben erklärte, zeigten auch sie sich mit seiner Absicht vollständig einverstanden und folgten ihm gern in der Richtung, über welche ihr Häuptling sich vorhin so befremdet gezeigt hatte.

Ein längst vertrocknetes kleines Flüßchen hatte vor Zeiten sich von Westen her in das alte Seebassin ergossen und dabei tief in das Ufer eingeschnitten. Sein Bette war sehr schmal und die Mündung so mit dichter Vegetation maskiert, daß ein sehr scharfer Blick dazu gehörte, sie zu entdecken. Old Shatterhand lenkte dahinein sein Pferd. Nachdem die Gestrüppwand durchbrochen war, bot der Pflanzenwuchs keine bedeutenden Schwierigkeiten mehr Man konnte, ohne große Hindernisse zu finden, dem einstigen Wasserlauf entgegenreiten, bis der enge Einschnitt in sogenanntes Undulating-Land mündete. Dieses bestand aus kleinen Prairien, welche durch waldige Hügel voneinander getrennt waren, und da diese Hügel meist eine westöstliche Richtung hatten, so lagen sie der Truppe ganz bequem.

Gegen Abend erreichte dieselbe einen Wasserlauf, welcher zum Gebiete des Bighornflusses zu gehören schien. Ihm entgegenreitend, gelangte man an eine Stelle, welche sich so vortrefflich zum Lagerplatze eignete, daß man hier zu halten beschloß, obgleich die Dunkelheit noch nicht hereingebrochen war.

Der Bach erweiterte sich hier zu einem kleinen, aber nicht tiefen Teiche, an dessen Ufern ein prächtiges Gras zu finden war. In dem klaren, bis auf den Grund durchsichtigen Wasser sah man zahlreiche Forellen stehen, welche Hoffnung auf ein delikates Nachtmahl gaben. Auf der einen Seite stieg das Ufer steil empor; auf der anderen war es eben und von einem sehr dichten Baumwuchse eingefaßt. Zahlreiche am Boden liegende Äste ließen vermuten, daß es im letzten Winter einen ziemlich bedeutenden Schneebruch hier gegeben habe. Dieses Astwerk bildete eine Art Verhau um den Platz, dessen Sicherheit dadurch vergrößert wurde, und da das Holz vollständig dürr war, so brauchte man um genügendes Material zu einem Lagerfeuer keine Sorge zu haben.

„Forellengreifen!“ rief der dicke Jemmy, indem er erfreut von seinem Gaule sprang. „Das soll heut ein wahrer Hochzeitsschmaus werden!“

Er wär‘ am liebsten sofort in das Wasser gesprungen, aber Old Shatterhand hielt Einspruch.

„Nicht so eilig!“ sagte er. „Ein jedes Ding will zur richtigen Zeit und auf die rechte Art und Weise vorgenommen werden. Vor allen Dingen müssen wir dafür sorgen, daß uns die Fische nicht entfliehen können. Holt Holz herbei! Wir müssen zwei Gitter einschlagen.“

Nachdem die Pferde versorgt waren, wurden dünne Äste zugespitzt und zunächst unten am Ausflusse des Teiches eng nebeneinander in den weichen Boden des Baches geschlagen, so daß kein Fisch hindurch zu schlüpfen vermochte. Sodann wurde ein ähnliches Gitter auch oberhalb des Teiches hergestellt, aber nicht am Einflusse des Wassers, sondern noch weiter hinauf, so daß das Gitter vielleicht zwanzig Schritte vom oberen Ende des Teiches entfernt war. Nun war auch hier ein Entkommen der Fische unmöglich.

Der dicke Jemmy begann, seine großen Aufschlagestiefeln auszuziehen. Den Gürtel hatte er bereits abgeschnallt und nebst der Büchse an das Ufer gelegt.

„Du, Kleiner,“ sagte der lange Davy zu ihm, „ich glaube gar, du willst in das Wasser!“

„Natürlich! Das gibt einen Hauptspaß.“

„Das überlaß doch lieber Leuten, welche länger sind als du. Einer, der kaum über einen Stuhl hinweg zu gucken vermag, kann leicht ein wenig unter das Wasser geraten.“

„Würde auch nichts schaden. Ich kann ja schwimmen. Überdies ist der Teich ja gar nicht tief.“

Er trat ganz nahe zum Wasser heran, um sich genau von der Tiefe desselben zu überzeugen.

„Höchstens anderthalbe Elle,“ sagte er.

„Das täuscht. Wenn man auf den Grund blicken kann, so scheint er höher zu liegen, als es in Wirklichkeit der Fall ist.“

„Pah! Komm her und guck hinein! Man sieht ein jedes Steinchen unten und da – – alle Wetter, brrr, puh, puh!“

Er hatte sich zu weit vornüber gebeugt und das Gleichgewicht verloren; mit dem Kopfe voran war er in den Teich gestürzt. Es war gerade hier die tiefste Stelle. Der kleine, dicke Jäger ging unter, kam aber sofort wieder zum Vorschein. Er war ein vorzüglicher Schwimmer und brauchte sich aus dem Bade nichts zu machen; leider aber hatte er den Pelz noch an, und der war natürlich mit ihm unter Wasser gegangen. Sein breitkrämpiger Hut schwamm wie das Blatt einer Victoria regia auf der kühlen Flut.

Heigh-day!“ lachte der lange Davy. „Gentlemen, schaut euch mal die Forelle an, welche da zu fangen ist! Dieser dicke Fisch gibt, wenn wir ihn fangen, viele Portionen.“

Der kleine Sachse hatte in der Nähe gestanden. Auf wissenschaftlichem Gebiete pflegte er sich gern an Jemmy zu reiben; aber er hatte ihn doch lieb, da der Dicke ja ein Deutscher war.

„Herrjerum!“ rief er erschreckt aus, indem er herbeigesprungen kam. „Was haben Sie denn nur gemacht, Herr Pfefferkorn? Warum sind Sie denn da in den Teich gesprungen? Sind Sie etwa sogar ooch naß geworden?“

„Durch und durch,“ antwortete Jemmy lachend.

Er befand sich in keiner Gefahr, denn das Wasser reichte ihm nur bis unter die Arme.

„Durch und durch! Das kann die allerschönste Erkältung geben. Und noch dazu im Pelze! Schteigen Sie nur gleich raus! Den Hut will ich versorgen. Ich fisch‘ ihn da mit dem Aste raus.“

Er ergriff einen langen Ast und angelte mit demselben nach der Kopfbedeckung. Der Ast war ein wenig zu kurz; darum beugte sich der gelehrte „Forstbeamte“ möglichst weit vor.

„Nehmen Sie sich in acht!“ warnte Jemmy, indem er aus dem Wasser stieg. „Ich kann ihn mir ja selber holen; ich bin nun einmal naß.“

„Reden Sie doch nich!“ antwortete Frank. „Wenn Sie meenen, daß ich so dumm bin grad wie Sie, da können Sie mir dauern. So een respektabler Mann wie unsereener weeß sich schon in acht zu nehmen. Ich fall‘ nich ins Wasser. Und wenn der verflixte Hut ooch weiter nüber schwimmt, da dehn‘ ich mich noch een bissel mehr aus und –– o Herr Jemerschneh, da sitz ich wirklich ooch schon in der Patsche! Nee, so was lebt doch nich!“

Er war ins Wasser gefallen. Das sah so possierlich aus, daß alle Weißen lachten; die Indianer aber blieben äußerlich ernst, obgleich sie sich innerlich ganz sicher über die heitere Szene amüsierten.

„Nun, wer ist nicht so dumm wie ich?“ fragt Jemmy, dem die Lachthränen in den Augen standen.

Frank stand im Wasser und machte ein sehr zorniges Gesicht.

„Was gibts denn da zu lachen!“ rief er. „Ich schtehe hier als das Opfer meiner Gefälligkeet, und samaritanischen Nächstenliebe und werde zum Dank für meine Barmherzigkeet ooch noch ausgelacht. Das werde ich mir fürs nächstemal gut merken. Verschtehen Sie mich?“

„Ich lache ja nicht, sondern ich weine! Sehen Sie das nicht? Wenn so ein respektabler Mann wie Sie die Balance verliert,

So ––“

„Schweigen Sie! Foppen laß ich mich nich! Es möchte alles noch sein; aber daß ich sogar den Frack derbei anhabe, das geht mir doch zu nahe. Und dort schwimmt nun mein Amazonenhut ganz brüderlich neben dem Ihrigen. Kastor und Phylax, wie’s in der Mythologie und ooch in der Schternenkunde heeßt. Es ist gradezu – – –“

„Kastor und Pollux heißt es!“ fiel Jemmy ein.

„Sein Sie doch ganz schtille! Pollux! Ich habe als Forschtbeamter so viel mit Jagdhunden zu thun gehabt, daß ich ganz genau weeß, ob es Pollux oder Phylax heeßt. Solche Verbesserungen verbitte ich mir. Die sind bei mir schlecht angebracht. Dennoch will ich das edle Brüderpaar herausfischen. Eegentlich sollt‘ ich den Ihrigen drin lassen. Verdient haben Sie es nich an mir, daß ich mich Ihres Hutes wegen nun noch viel nasser mach‘.“

Er stieg den beiden Hüten nach und brachte sie heraus.

„So,“ sagte er. „Da sind sie gerettet, ohne daß ich off eene Medallge Anspruch mache. Jetzt wollen wir Ihren Pelz ausringen und nachher meinen Frack. Die beeden werden bitterliche Thränen weinen; es tropft schon jetzt.“

Die zwei Verunglückten hatten jetzt so viel mit ihren durchnäßten Anzügen zu thun, daß sie sich zu ihrem Leidwesen nicht an dem nun beginnenden Fischfange beteiligen konnten.

Dieser ging sehr schnell von statten. Eine genügende Anzahl der Schoschonen stiegen am untern Ende des Teiches in das Wasser, bildeten quer über demselben eine eng geschlossene Reihe und trieben, indem sie langsam vorwärts rückten, die Fische aufwärts und aus dem Teiche in den Oberlauf des Baches hinein. An den beiden Ufern des letzteren hatten sich andere Rothäute platt auf den Boden gelegt, mit den Köpfen nach dem Wasser zu, in welches sie mit beiden Armen langen konnten. Den in die Enge getriebenen Forellen war es unmöglich, durch das obere Gitter zu gelangen, und der Rückweg war ihnen auch verlegt. Die Indianer schöpften nun die zusarnmengedrängten Tiere förmlich heraus und warfen sie über ihre Köpfe weg auf das trockene Land. In Zeit von wenigen Minuten war der Fischfang beendet und bot einen so reichlichen Ertrag, daß ein jeder sich vollauf zu sättigen vermochte.

Nun wurden flache Gruben hergestellt und mit Steinen ausgelegt. Die ausgenommenen Fische kamen auf diese Steine zu liegen und wurden mit einer anderen Steinschicht bedeckt, auf welcher man die Feuer anfachte. Als dann nach einiger Zeit die Asche entfernt wurde, waren die Forellen zwischen den heißen Steinen in ihrer eigenen Feuchtigkeit so weich gedämpft, daß das Fleisch beim Anrühren von den Gräten fiel.

So delikat freilich wie in unseren Restaurationen oder vom Tische eines unserer Feinschmecker weg waren die Fische freilich nicht. Es fehlte die Butter und – – – das Salz. Der Indianer genießt fast nie oder doch nur selten Salz. Der Westmann muß leider auf dasselbe auch verzichten. Er kann sich unmöglich mit einem für seine monatelangen Irrfahrten genügenden Vorrate versehen, und das wenige, welches er vielleicht mitnimmt, ist sehr bald in der angesogenen Feuchtigkeit zerflossen.

Nach dem Essen wurden die Pferde noch enger zusammengetrieben und dann die Wachen ausgestellt. Die Schoschonen hielten diese Maßregel für überflüssig, da die Gegend eine so abgelegene war, daß an das Vorhandensein eines feindlichen menschlichen Wesens kaum gedacht werden konnte. Aber Winnetou und Old Shatterhand waren der wohl begründeten Ansicht, daß man zu keiner Zeit und an keinem Orte die notwendige Vorsicht außer acht setzen dürfe, und so wurden zunächst vier Schoschonen, welche später abgelöst werden sollten, nach vier Seiten hinaus in das Finstere geschickt, um das Lager zu bewachen.

Die Posten durften sich natürlich nicht in der Nähe des Feuers aufhalten, damit sie von einem etwa anschleichenden Feinde nicht gesehen werden konnten.

Es brannten, wie bereits erwähnt, mehrere Feuer, und um dieselben gruppierten sich nun die Männer nach Belieben. Natürlich fanden sich die Weißen zusammen. Old Shatterhand, der dicke Jemmy und der kleine Frank waren Deutsche; der lange Davy hatte von seinem dicken Spezial so viel deutsch gelernt, daß er es verstehen, wenn auch nicht sprechen konnte, und da der Vater Martin Baumanns auch aus Deutschland stammte, so war der junge Mann der deutschen Sprache so mächtig, daß man sich derselben beim jetzigen Lagergespräche bedienen konnte.

Eine solche Unterhaltung am Feuer, im Urwalde oder in der Prairie hat ihre ganz eigentümlichen Reize. Da werden die Erlebnisse der Anwesenden erzählt und die Thaten berühmter Jäger berichtet. Wie groß auch die Mühseligkeiten und Beschwerden des Westens sind, man glaubt gar nicht, wie schnell die Kunde von einer mutigen That, einer berühmten Person, einem hervorragenden Ereignisse von Lagerfeuer zu Lagerfeuer fliegt. Haben die Schwarzfüße oben am Mariasflusse das Kriegsbeil ausgegraben, so sprechen die Comanchen am Rio Conchas bereits in vierzehn Tagen davon, und wenn unter den Wallawalahindianern im Washingtonterritorium ein großer Medizinmann auftritt, so wissen die Dakotas des Coteau du Missouri bereits in kurzer Zeit von ihm zu erzählen.

Wie zu erwarten stand, kam die Rede zunächst auf die heutige Heldenthat Martin Baumanns. Dadurch wurde der kleine Sachse an das Versprechen, welches der dicke Jemmy ihm gegeben hatte, erinnert.

„Wie war es denn eegentlich damals, als Sie mit dem Bären geschlafen haben?“ fragte er. „Wie ist das denn gewest und wo hat sich’s ereignet?“

„Meinen Sie etwa, daß ich in dem Bette eines Hotelzimmers mit ihm geschlafen habe?“ lachte der Dicke.

„Fangen Sie schon wieder an, zu beginnen! Ich hab‘ Ihnen schon erklärt, daß ich nich der Mann bin, der sich von Ihnen ungeschtraft foppen läßt. Wenn Sie mich dafür, daß ich unter Einwässerung meines eenzigen Frackes Ihren Hut gerettet habe, für einen Narren halten wollen, so werde ich Ihnen meinen Sekundaner schicken!“

„Sekundant, wollen Sie sagen?“

„Fällt mir nich ein! Ich schpreche meine feine Umgangsschprache nach dem richtigen schtrategischen System, und Sie können Ihr Kauderwelsch ooch reden, wie es Ihnen beliebt. Die Hauptsache ist, daß Sie es ooch an den Mann bringen, der sich’s mit übermenschlicher Geduld gefallen läßt. Übrigens wird an Ihrer sogenannten Bärengeschichte vielleicht gar nich sehre viel sein. Vielleicht hat sich’s gar nich in wahrhaftiger Wirklichkeet ereignet.“

„O doch! Ich kann es beeiden.“

„Nun, wo denn?“

„In einem Quellflusse des Platte-River.“

„Was? Etwa mitten im Flusse drin?“

„Ja.“

„Da haben Sie die ganze Nacht mit eenem Bären geschlafen?“

„Gewiß!“

„Na, das ist die allergrößte Lüge, die gemacht werden kann! Wenn sich das faktisch begeben hätte, so wären Sie beede, nämlich Sie und der Bär, den Sie uns jetzt offbinden wollen, am frühen Morgen als ertrunkene Leichen ans Ufer geschwommen.“

„Ach so, Sie meinen, ich habe im Wasser geschlafen?“

„Natürlich!“

„Nein. So unvorsichtig bin ich freilich nicht. Ich hatte vielmehr mein Nachtquartier auf einer kleinen Insel aufgeschlagen.“

„Ach so l Off eener Insel! Das will ich mir eher gefallen lassen. Das gibt der Sache freilich eene etwas größere Wahrscheinlichkeet. Übrigens ist im Plattefluß fast schtets nur wenig Wasser zu finden.“

„Außer im Frühjahre. Wenn nach einem warmen Regen der Schnee auf den Bergen taut, so kommt es vor, daß der Fluß, dessen Wasser einem kaum bis an die Kniee reichte, in Zeit einer Stunde die hohen Ufer füllt. Dann ist es höchst gefährlich, sich den tosenden, schmutziggelben Fluten anzuvertrauen. Der Strom gleicht dann einem wilden Tiere, welches plötzlich erwacht ist und nach Opfern brüllt.“

„Das läßt sich denken. Und dabei erinnert man sich sofort an die schönen Dichterworte:

„Gefährlich ist’s, den Leim zu wecken;
Verderblich ist des Tigers Zahn.
Und bleibt man in dem Schlamme schtecken,
Hilft keene Gondel und keen Kahn.“

Das war wohl damals ooch der Fall mit Ihnen und dem Bären?“

„Ja, nur daß es nicht Leim, sondern Leu heißen muß, mein bester Frank.“

„Kommen Sie mir nich schon wieder mit so eener grundlosen Ausschtellung. Sie befinden sich da im allergrößten Widerschpruch mit den Koriphäern der Dichtkunst und des musikalischen Generalbasses. Begeben Sie sich doch nicht off höhere Gebiete, in denen Sie unbekannt sind, und erzählen Sie lieber in schlichten und bescheidenen Worten die verschprochene Geschichte.“

Die anderen lachten; darum fuhr der kleine Gelehrte, zu Old Shatterhand gewendet, fort:

„So ist es recht! Lachen Sie den Kerl mal ordentlich aus! Wenn er sieht, daß er sich blamiert, wird er endlich mal offhören, den Dongki-Schottländer zu schpielen.“

„Don Quichote heißt es,“ warf Jemmy ein.

jetzt wurde Frank wirklich zornig. Er stand auf und sagte:

„Schon wieder! Das wird mir zu bunt. Eener, der sich in Moritzburg so wie ich mit der Leihbibliothek beschäftigt hat, den Band zu drei Pfennigen wöchentlich, der hat wohl ooch den Dongki-Schottländer gelesen, und wenn ich mir meine litterarische Bildung hier wieder und wieder verschimpfieren lassen soll, so schtehe ich eenfach off und setze mich zu die Indianersch. Die werden’s besser zu würdigen wissen, wenn een Mann von meinen Qualitäten sich bei ihnen niederläßt. Ist meine Mühe, den dicken Jemmy zu belehren, eene so vergebliche, so wasche ich meine Hände in Unschuld und trage das mir anvertraute Pfund wo andersch hin. Der edle Schwan hat’s gar nich nötig, daß er mit Gänsen und Enten schwimmt. Sein Schicklichkeetsgefühl schträubt sich gegen so eene socialdemokratische Gesellschaftsschtufe. Adjeh, meine Herren!“

Er wollte gehen, ließ sich aber durch das dringende Ersuchen Old Shatterhands bewegen, sich wieder niederzusetzen.

„Nun gut,“ sagte er. „Ihnen zuliebe will ich meinen berechtigten Grimm im schtillen anonym verzehren. Sie haben als Landsmann een gesellschaftliches Recht off meine Person, und das will ich Ihnen doch nich verkümmern. Sie würden sonst vielleicht gar denken, daß ich eene schlechte elterliche Kindererziehung genossen habe. Übrigens bin ich wirklich neugierig off die Bärengeschichte, und wenn der Dicke sie erzählt hat, so werde ooch ich in der Form von Friedrich Gerschtäcker berichten, in welcher Weise ich zum erschtenmal mit eenem Bären zusammengetroffen bin.“

„Was?“ fragte Jemmy erfreut. „Auch Sie haben ein Bärenabenteuer erlebt?“

„Ooch ich? Wundert Sie das etwa? Ich sage Ihnen, daß ich wohl mehr erlebt und durchgemacht habe, als Ihr Verschtand begreifen kann. Aber jetzt fangen Sie nun endlich an! Also im Platte-River war es?“

„Nein, sondern im Medizin-Bow-Flusse, der sich in den Platte ergießt. Es war im April, und ich kam vom Nordpark herab, wo ich eine schlechte Jagd gemacht hatte. Ich war im März von Fort Larania aus hinaufgestiegen und kam nun jenseits herunter, um an dem genannten Quellflusse des Platte nach Bibern zu suchen. Es war nicht sehr kalt, und das wenige Wasser des Flusses trug kein Eis. Trotz mehrtägigen Suchens fand ich keine Spur von Dickschwänzen, und mein Pferd hatte bei schmaler Kost mich und die schweren Fallen umsonst zu tragen. An dem betreffenden Tage hatte sich ein ziemlich lauer Wind erhoben, ein Umstand, welchen ich alter Dummkopf eigentlich hätte beachten sollen. Gegen Abend bemerkte ich mitten im Flußbette eine kleine Insel, welche freilich jetzt keine Insel, sondern eine trockene Erhöhung war, welche eine größere Höhe als die beiden Ufer besaß. Sie bestand aus einem Felsen, an dessen abwärtsgerichtete Seite sich eine lange, spitz zulaufende Sandbank angelegt hatte. Indem ich mir die Insel betrachtete, bemerkte ich auf derselben eine kleine, aus Steinen und Rasen errichtete Hütte, welche jedenfalls von Trappern, die sich hier längere Zeit aufgehalten hatten, errichtet worden war. Das gab einen guten Platz für die Nacht. Ich ritt also durch das hier kaum zwei Fuß hohe Wasser hinüber und machte dabei im Sande der Bank eine Bärenfährte aus, weicher ich am nächsten Morgen folgen wollte. Von dieser Seite war die Insel leicht zugänglich. Ich ritt hinauf, stieg ab, befreite das Pferd von den Fallen und dem Sattel und überließ es ihm, sich nun Futter zu suchen. Ich kannte das Tier genau und wußte, daß es sich nicht weit entfernen werde.“

„Und in der Hütte? War jemand drin?“ fragte Frank.

„Ja,“ nickte Jemmy, verdächtig lächelnd.

„Wer, wer?“

„Als ich hineintrat, saß – denkt Euch mein Erstaunen – der Kaiser von China drin und aß Kürbisbrei mit marinierten Heringen!“

Alle lachten; aber der Hobble-Frank rief zornig:

„Gilt das etwa schon wieder mir?“

„Nein,“ antwortete Jemmy ernsthaft.

„So lassen Sie Ihren Kaiser in Pöckling, wo er hingehört!“ „In Peking, wollen Sie sagen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich gestehen, daß die Hütte leer war, nämlich leer von Geräten und Menschen. Bei näherer Betrachtung aber stieß ich auf Zeichen, welche auf die Anwesenheit von Schlangen schließen ließen. Es gab da allerlei Löcher im Boden und in der Rasenwand. Zwar fürchte ich die Klapperschlange nicht besonders; sie ist bei weitem nicht so gefährlich, wie man meint und schreibt, denn sie flieht den Menschen, auch war es ja noch die Zeit des Winterschlafes; aber es war heute überhaupt nicht kalt, und die von meinem Feuer ausgehende Wärme konnte sehr leicht eins oder einige dieser Tiere aus den Löchern locken, und da eine solche Gesellschaft auf keinen Fall eine angenehme ist, so beschloß ich, außerhalb der Hütte zu bleiben. Es gab angetriebenes Holz genug für ein tüchtiges Feuer, und als ich gehörig nachgelegt hatte, wickelte ich mich in meine Decke und sagte zu mir: gute Nacht, Jemmy!

„Ah, jetzt kommt’s!“ meinte Frank, indem er sich erwartungsvoll die Hände rieb.

„Ja, es wird bald kommen, nämlich das Wasser. Ich schlief nicht gleich ein. Der Wind war stärker geworden und blies verdächtig hohl; er trieb mir das Feuer auseinander; ich konnte nichts dagegen thun und gab mir also keine Mühe, es zu erhalten. Es war bald erloschen, und ich schlief endlich ein. Wie lange ich geschlafen hatte, wußte ich nicht, als ich von einem eigenartigen Geräusch geweckt wurde. Der Wind war zum Sturme geworden; er pfiff und stöhnte in allen Tonarten, und wenn er einmal eine Sekunde lang aussetzte, hörte ich ein dumpfes Rauschen, Brausen und Gurgeln, welches nicht in den Lüften war, sondern um meine Insel erklang. Ich erschrak, sprang auf und ging nach dem Rande meines Eilandes. Es war vollständig vom Wasser umgeben, aus welchem es kaum noch eine Elle hoch emporragte. Der Fluß war plötzlich gestiegen. Der Himmel war unbewölkt, und beim Scheine der Sterne sah ich die Fluten mit reißender Schnelligkeit vorüberschießen. Ich war von ihnen eingeschlossen.“

„Also der reene Campe!“ sagte Frank.

„Campe?“ fragte Jemmy erstaunt. „Wer ist das?“

„Das wissen Sie nich? Schämen Sie sich! Campe war ja derjenige Berühmte, welcher off eener Insel strandete und sich nachher alles selber erfinden mußte. Sodann kamen een paar Eingeborene dazu, die er Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag nannte. Haben Sie das schöne Buch denn nich gelesen?“

„Ja, das habe ich freilich gelesen,“ antwortete Jemmy unter allgemeiner Heiterkeit. „Jetzt weiß ich, was Sie meinen, nämlich den Robinson.“

„Robinson? hm, ja, der war ooch dabei.“

„Natürlich war er auch dabei, er, die Hauptperson!“

„Hauptperson? Hören Sie mal, da irren Sie sich wieder. Die Hauptperson war Campe.“

„Nun, ich will nicht streiten. Strenggenommen ist Campe ja auch eine Hauptperson bei diesem Romane, denn er hat ihn geschrieben.“

„Ja, und wenn er nich mit off der Insel gewest wäre, so hätte er ihn eben nich schreiben können.“

„Gut, aber von einem Montag, Dienstag und Mittwoch habe ich nichts gelesen.“

„Das liegt eben nur wieder an der epidemischen Flüchtigkeet, mit der Sie alles machen. Wie es mir scheint, haben Sie grad die besten Schtellen des Buches überblättert. Campe wird doch nich grad die drei allererschten Wochentage ausgelassen haben. So eene chronologische Zeitverschwendung ist dem braven Manne gar nich zuzutrauen. Bei so eenem dreifachen Wochentagsfehler hätte er gar keenen Verleger für das Buch gefunden. Aber fahren Sie nun fort. Wie haben Sie denn damals den Campe weitergeschpielt?“

„Mit Ergebenheit. Ich konnte meine Lage doch zunächst nicht ändern. Fürs erste hatte ich nichts zu befürchten, denn meine Insel war höher als die Ufer; überschwemmt konnte sie also nicht werden. Erst beim Anbruche des Morgens war es möglich, die Situation zu überblicken. Bis dahin mußte ich mich gedulden. Natürlich aber versetzte mich der Gedanke an mein Pferd in nicht geringe Sorge. War es vom Wasser überrascht worden, so lebte es nicht mehr, und dann war ich vielleicht verloren. Ihr alle wißt ja, was in einer solchen Lage der Verlust des Pferdes für den Westmann zu bedeuten hat. Ich fand in dem Gedanken an den Instinkt des Tieres einigermaßen Beruhigung und kehrte langsam zu meinem Lager zurück. Dabei war es mir, als hätte ich etwas wie eine Gestalt bemerkt, welche bei meinem Nahen im Inneren der Hütte verschwand. Ich beachtete es nicht und legte mich wieder nieder.“

„Jetzt endlich ist der Bär glücklich angekommen! Er wird wohl mehrschtenteels ooch vom Wasser überrascht worden sein. Wenn er nur Ruhe hält! Am besten ist’s, er bleibt schtille in der Hütte liegen; denn wenn er off die Idee kommen sollte, eene Promenade zu machen, so kann’s sehre leicht eene ekliche Schlacht bei Leipzig für Sie werden.“

„Glücklicherweise hat er Ruhe gehalten. Schlafen konnte ich natürlich nun nicht mehr. Ich lag still und glaubte, in den Pausen, während welchen der Wind Atem holte, ein schnaufendes Röcheln zu hören. Kam es aus der Hütte? Hatte ich vorhin recht gesehen? Was für ein Tier war es? Ich hielt es für das beste, mich möglichst weit zu entfernen, nahm die Büchse in die eine und die Decke in die andere Hand und kroch leise nach dem entgegengesetzten Ende der Insel, wo ich mich so niederlegte, daß ich die Hütte im Auge hatte. Ihr könnt euch denken, daß die Zeit bis zum Tagesanbruch mir wie eine Ewigkeit erschien. Endlich aber wurde es im Osten ficht und lichter. Ich konnte erst die Insel, dann die Wasserfläche des Stromes und nachher die Ufer deutlich überblicken. Da bemerkte ich denn Zweierlei, etwas sehr Angenehmes, nämlich mein Pferd weidete drüben am Ufer, von welchem ich herübergekommen war, und etwas weniger Erfreuliches – in der Hütte lag ein Bär, mit dem Hinterkörper am Eingange, mit dem Kopfe nach innen, so daß er mich nicht sehen konnte. Wie gut, daß ich, als er aus dem Wasser auf die Insel gestiegen war, mich am entfernten Inselstrande befunden hatte! Hätte er mich an der Lagerstelle überrascht, so säß‘ ich jetzt wohl nicht hier, um unserem Hobble-Frank dieses Abenteuer zu erzählen.“

„Ja,“ antwortete der Genannte, „höchstens schpukte Ihr abgeschiedener Geist als Geschpenst in der Savanne herum, zur Schtrafe dafür, daß das Gymnasium bei Ihnen nichts gefruchtet hat. Wie haben Sie sich denn nun gegen den Bären benommen?“

„Sehr artig. Ich habe erst nach meiner Büchse gesehen, ob die Ladung in Ordnung war, und mich ihm dann höflich vorgestellt. Ich ging leise bis nahe an die Hütte und rief ihn mit einem „Huzza“ an. Der Kerl hatte wirklich geschlafen. Er war wohl sehr ermüdet gewesen. Wer weiß, wie lange er, vom Strome fortgerissen, mit demselben gekämpft hatte. Als er meine Stimme hörte, drehte er sich nach mir um. Mich erblickend, richtete er sich im Inneren der Hütte auf und erhielt zwei Kugeln von mir. Es war keine Heldenthat, das Tier zu erlegen. Bob hätte das auch gekonnt.“

Der Neger saß nämlich auch mit bei der Gruppe. Er hatte bei seinem Herrn so oft deutsch sprechen gehört, daß, wenn er auch nicht die einzelnen Worte verstand, er doch dem Sinne derselben folgen konnte.

„Oh, oh,“ sagte er, „Masser Bob sein ein sehr gut Westmann! Masser Bob sein tapfer. Er sich nicht fürchten vor Bär. Wenn Masser Bob wieder ein Vieh sehen, dann er es gleich fangen mit Händen!“

„Schön!“ nickte Jemmy. „Also das erste Tier, welches du siehst, fängst du mit den Händen.“

Yes, yes, Massa.“

„Auch wenn es ein Bär ist?“

„Grad dann erst recht, wenn es ein Bär sein. Masser Bob ihm drehen den Kopf auf den Rücken.“

Er streckte die langen Arme aus, spreizte die Finger auseinander, rollte die Augen und zeigte die Zähne, um es anschaulich zu machen, wie er sich auf das Tier stürzen werde. Es sah aus, als ob er es mit Haut und Haar verschlingen wolle.

„Vielleicht ist’s dann ein wirkliches Opossum, was ihm wohl am allerliebsten sein würde,“ bemerkte Old Shatterhand. „Nun aber sagen Sie, Master Jemmy, auf welche Weise Sie hinüber an das Ufer gelangt sind?“

-Auf die allereinfachste Weise: ich bin hinübergelaufen. Bekanntlich verlaufen sich dergleichen Schnellfluten fast ebenso rasch, wie sie gekommen sind. Das Wasser begann, da es kälter wurde, bereits am Nachmittage wieder zu sinken. Ich mußte zwar noch eine Nacht auf der Insel zubringen; aber am anderen Vormittage ging es mir nur noch bis an die Hüften. Ich watete durch und holte mein Pferd herüber, um es wieder mit den Fallen und nun auch mit den Tatzen und dem Felle des Bären zu beladen. Das war freilich eine Last, welche mich zwang, nebenher zu laufen. Das dauerte aber nicht lange, denn kurz vor dem Einflusse des Medizin-Bow-River in den Platte fand ich eine so zahlreiche Biberkolonie, daß ich zu längerem Aufenthalte genötigt war und eine ansehnliche Zahl Felle machte, welche ich bis auf weiteres cachierte.

Sodann konnte ich ledig weiterreiten. – Das war mein Abenteuer, und wenn es nun unserem Master Frank gefällig ist, kann er das seinige erzählen. Hoffentlich ist er ebenso glücklich davongekommen wie ich.“

„Das verschteht sich ganz von selber!“ antwortete der Sachse. „Und zwar habe ich ganz alleene gesiegt, ohne alle Hilfe. Keen Mensch war derbei, nich mal wenigstens een Hund wie damals derjenige, der den Bären angegriffen hat, welcher unserem guten Martin seine arme Luddy verschlang. Eegentlich sollte man, wenn man sich in der Nähe eenes Bären befindet, schtets eenen Hund bei sich haben, der den ersten Anschtoß auszuhalten hat. Aber leider werden in Amerika keene solchen Bärenbeißer offgezogen. Ich hab‘ in Moritzburg eenen solchen Kerl gesehen, den sich der Förschter aus Siebenbürgen, wo es viele Bären gibt, hatte kommen lassen. Der Hund war selber beinahe so groß wie een Bär; aber weil’s in Moritzburg leider keene Bären gibt, so war es natürlich unmöglich, ihn mal off eenen loszulassen. Ich hab‘ erfahren, daß diese Bärenbeißer off gar keen anderes Wild gehen; off Bären aber soll schon ihre Witterung eene gradezu erschtaunliche sein. Sogar off alten Fährten und nach Regenwetter sollen sie untrüglich sein.“

„Pah! das bezweifle ich!“ sagte der lange Davy.

„Was? wollen Sie mich etwa zum Lügner schtempeln? Da können Sie mit mir sehr leicht in eenen Konflikt geraten, bei dem Ihnen die Haare zu Berge schtehen werden. Ich dulde so was eemal nich!“

„Auf einer alten, noch dazu vom Regen ausgewaschenen Spur! Hm!“

Davy. schüttelte den Kopf. Sein dicker Freund warf ihm einen bezeichnenden Blick zu und sagte:

„Sei still, Davy; Du hast unrecht. Die siebenbürgischen Bärenbeißer haben allerdings eine Nase, deren Leistungen ins Unglaubliche gehen. Ich habe, als ich noch Schüler war, so einen Hund kennen gelernt und könnte ein Beispiel erzählen, welches deinen Unglauben sofort kurieren würde.“

„Wirklich?“ fragte Frank erfreut. „Es freut mich sehre, daß Sie mich in Ihren Schutz einschließen. Ich erkenne daran, daß Sie eegentlich und heemlich doch een guter Freund von mir sind. Darum soll Ihnen alles vergeben sein, wenn Sie mir den Gefallen thun, das Beischpiel sogleich zu erzählen.“

„Sehr gern, mein lieber Frank. Ich war bei einem Freunde, dessen Vater Rittergutsbesitzer war und ein bedeutendes Jagdrevier besaß, auf Besuch. Der Herr hatte einen siebenbürgischen Bärenbeißer geschenkt erhalten, konnte ihn aber nicht auf die Probe stellen, weil es keine Bären gab. Der Hund gewöhnte sich schnell an mich und begleitete mich auf allen meinen Spaziergängen. Eines schönen Tages schlenderte ich mit ihm durch das Dorf. Da blieb er vor der Thür eines Bauernhauses halten und gab Laut. Ich konnte mir die Sache nicht erklären; aber weil er nicht von der Thüre wegzubringen war, so öffnete ich dieselbe. Sofort sprang er mit einem weiten Satze nach der Stubenthür und gab wieder Laut. Ich machte auch diese auf – er hinein und ich hinterher. Wer glauben Sie wohl, lieber Frank, daß sich in der Stube befunden hat?“

„Natürlich een Bär.“

„Es gab ja keine dort!“

„So war’s vielleicht eener, der eenem rumziehenden Bärenführer entschprungen ist.“

„Auch nicht.“

„Nun, wer war denn dann anwesend?“

„Nur die alte Großmutter, welche auf dem Kanapee saß und Strümpfe stopfte. Sie erschrak natürlich außerordentlich über den hereinstürzenden Hund und – – –“

„Alle Wetter! Er hat sie doch nich etwa gebissen? Oder hat er ooch Schtrümpfe mit schtopfen wollen?“

„Keins von beiden. Er achtete gar nicht auf die Frau, sondern sprang sofort auf den Tisch, welcher in einer Ecke der Stube stand.“

„Off den Tisch? So een großer Hund! Was hat er denn da gewollt?“

„Das fragte ich mich auch. Nachdem ich mich bei der Frau höflich entschuldigt hatte, trat ich zum Tische, und nun raten Sie, was der Hund da oben gesucht hatte?“

„Irgend een Viehzeug natürlich.“

„Ja und doch auch nein.“

„Was denn für eens?“

„Einen Bären.“

„Was der Kuckuck! Sie sagten doch vorhin das direkte grade Gegenteel von Ihrer jetzigen Behauptung!“

„Ich habe beide Male recht. Nämlich auf dem Tische lag ein altes Buch, welches der Hund mit der einen Pfote festhielt, während er mit der Zunge ein Blatt nach dem anderen umwendete oder vielmehr umleckte, bis er die betreffende Seite gefunden hatte. Dann fing er an zu knurren und zu heulen und biß immer vor sich hin, als ob er ein Raubtier unter sich habe. Es war ein Heidenskandal.“

„Aber ich begreife die Sache gar nich. Een Bärenbeißer off dem Tische, mit eenem Buche! Das ist mir die vollständigste terra in Cognaco.“

Incognito heißt es!“

Cognac heeßt’s! Der gibt den besten Grog. Und wenn Sie dieses Getränk noch nich kennen, so haben Sie eben noch gar nich menschenwürdig gelebt. Also weiter! Was war’s denn für een Buch?“

„Ich sah natürlich nach. Es war ein altes ABC-Buch aus der Zeit vor fünfzig, sechzig Jahren her, mit kleinen Bildern, unter welchen darauf bezügliche Verse zu lesen waren. Und ganz erstaunlicherweise hatte der Hund die Seite aufgeschlagen, auf welcher ein Bienenstock und ein Bär abgebildet waren. Darunter stand der schöne Reim:

„Gar grimmig ist der wilde Bär, Wenn er vom Honigbaum kommt her.“

„Ich war natürlich ganz Verwunderung. Der Hund hatte draußen auf der Straße gerochen, daß hier auf dem Tische die Abbildung eines Raubwildes, auf welches er abgerichtet war, liege, und es für seine Pflicht gehalten, mich darauf aufmerksam zu machen. Natürlich erzählte ich das Vorkommnis, als ich auf das Gut zurückgekehrt war, und der Herr war nicht wenig stolz darauf, einen solchen Hund zu besitzen. Ihr erkennt also, Mesch’schurs, daß unser Hobble-Frank ganz recht gehabt hat, als er vorhin behauptete, daß die Bärenbeißer fast Unglaubliches leisten. Die Geschichte sprach sich natürlich schnell weiter. Sie wurde in verschiedenen Jagdzeitungen abgedruckt, und das betreffende ABC-Buch wurde von einem berühmten Kynologen für fünfzig Thaler gekauft und ging zu immer höherem Preise von Hand zu Hand, bis es schließlich für dreitausend Franken in den Besitz der Pariser Akademie der Künste und Wissenschaften überging. Und da unser Frank vermöge seiner hochgradigen Gelehrsamkeit ganz sicher baldigst ersucht werden wird, dieser Akademie als Mitglied beizutreten, so hat er denn die beste Gelegenheit, in dem berühmt gewordenen Büchlein nachzuschlagen, um sich den Bären zu betrachten, den ich mir damals von dem Hunde habe aufbinden lassen. Jetzt nun bin ich ihn glücklich wieder los geworden. Thank you, Master Frank! Ihr habt ihn mir abgenommen.“

Er machte dem kleinen Sachsen eine ironische Verbeugung. Die Anwesenden brachen in lautes Gelächter aus. Der einstige „Forschtbeamte“ machte zunächst ein ganz verblüfftes Gesicht; dann aber, als er erkannte, daß Jemmy die Geschichte nur erfunden habe, um ihn zu foppen, brach er los:

„Was, ich soll Ihren Bären nun haben? Erlooben Sie es diesem dummen Gedanken ja nich etwa, sich in Ihr obschkures Begriffsvermögen festzusetzen! Ehe Sie im Schtande sind, mir nur eenen eenzigen Bären offzuhängen, hab‘ ich mir selber schon mehr als fuffzig offgebunden. In Beziehung off das aktiv-passive Anlügenlassen bin ich Ihnen weit über. Sie sind ja der reene Münchmeier, und wenn ––“

„Münchhausen heißt es,“ fiel Jemmy ein.

„Wollen Sie gleich off der Schtelle schtille sein, Sie dicker Loobfrosch, Sie! Een Münch, der andere bemeiert, kann eben nur Münchmeier heeßen. Wenn dieser Lügenkönig seit eeniger Zeit zuweilen Münchhausen genannt worden ist, so ist das die mißverschtandene Folge eener idealen Begriffsverwechslung im materialen Zusammenhange mit seinem Geburts- und Heimatsorte. Nämlich nach dem Impfscheine, welcher von ihm noch vorhanden ist, wurde er zur Zeit des schtarken Augusts im Schtädtchen Mühlhausen, Kreisdirektion Sonderschhausen, Regierungsbezirk Schaffhausen geboren, drei Orte, die mit „hausen“ endigen, weil dort die mehrschte Hausenblase verschifft wird. Bei so vielmal „hausen“ ist es gar keen Wunder, daß man diese Endung aus Versehen an das „Münch“ gehängt hat. Unsereener ist aber nich so leicht zu täuschen. Meine historisch weltgeschichtlichen Studien befähigen mich, solche Schpreu vom guten Weizen auszuscheiden, und darum habe ich ooch, noch ehe Sie Ihre Geschichte angefangen hatten, sofort mit meinem angenehmen Scharfblicke erkannt, daß es off eene großartige Lüge und Münchmeierei abgesehen war. Ich hab‘ Sie aber reden lassen, weil ich von jeher een eifriger Bewunderer des parlamentarischen Taktes gewest bin. Ich hab‘ mich großmütig in meine Überlegenheet gehüllt und von oben herunter bemerkt, wie Sie mich von unten herauf angelogen haben. Jetzt aber geb‘ ich meiner Langmut den allerletzten Gnadenschtoß und fordere Sie allen Ernstes off : Geben Sie in Zukunft dem Kaiser, was des Kaisers ist, und dem Frank, was dem Frank gehört, nämlich Anerkennung seiner Schtandeswürde und ergebene Berücksichtigung seiner Persönlichkeet. Nur off diese Weise ist een ferneres Zusammenbleiben zwischen uns beeden möglich, und ich verlange jetzt off der Schtelle von Ihnen vor diesen erwachsenen Zeugen die öffentliche und aktenmäßige Erklärung, ob Sie von jetzt an mich mit Achtung behandeln wollen oder nich. Ich bin das meiner verflossenen Vergangenheet und meiner noch zu erwartenden Zukunft schuldig. Also, wie wird’s, und wie soll’s werden? Reschpekt oder nich?“

Zunächst war es tief still im Kreise. Die sonderbare Rede des kleinen Mannes wirkte um so mehr auf die Lachmuskeln seiner Zuhörer, als sie mit einem ungeheuren Ernste vorgebracht worden war. Die Augen leuchteten voller Lust; die Lungen atmeten voll auf, um loszubrechen, aber man biß die Zähne zusammen, um den fast unüberwindlichen Reiz zum Lachen zu besiegen. Old Shatterhand war der erste, welcher sich einigermaßen in der Gewalt hatte.

Tiefernsten Tones begann Old Shatterhand:

„Aber, lieber Frank, der Scherz war doch wohl ein ziemlich harmloser und auch gar nicht auf Sie allein abgesehen. Wir anderen sind ebenso Zuhörer gewesen wie Sie und haben uns nicht beleidigt gefühlt, sondern die Erzählung als das genommen, was sie war – eine Anekdote, welche uns erheitern sollte. Ihr bekanntes Gerechtigkeitsgefühl wird Ihnen sagen, daß wir von Ihnen ganz unschuldigerweise um diese Heiterkeit gebracht worden sind.“

Der eindringliche Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden, verfehlte seine Wirkung nicht. Frank hatte ein weiches Gemüt- es that ihm wehe, vielleicht zu weit gegangen zu sein. Er antwortete:

„Wenn Sie diese Angelegenheit in dieser Weise darschtellen, so bekommt die Sache freilich eene ganz andere Wendung. Ich habe Sie keineswegs in Ihrem Vergnügen schtören wollen. Aber Sie werden mir ooch zugeben, daß ich ooch Anschpruch off meine anthropologischen Menschenrechte erheben darf.“

„Ganz richtig; aber wir gestehen Ihnen diese Rechte ja ganz gern zu.“

„So? Warum reibt sich da der Dicke schtets an mir?“

„Denken Sie einmal nach, ob Sie ihm nicht vielleicht die Veranlassung dazu geben. Lassen Sie ihm nicht immer Ihre Überlegenheit fühlen?“

„Hm! Sie geben also zu, daß ich ihm wirklich mehrschtenteels überlegen bin?“

„Wenn ich Ihre eigene Ansicht für die richtige halten soll, so muß ich das zugeben.“

„Schön! Das genügt mir vollschtändig. Und da will ich denn voller Einsichtigkeet off die verlangte öffentliche Ehrenerklärung Verzicht leisten. Es soll mir niemand nachsagen, daß ich een Schtörer des allgemeinen Völkerfriedens sei. Hier, Dicker, ist meine Hand! Schlagen Sie ein! Wir wollen in trauter Eenigkeet die Pfade unseres Lebens wandeln. Ich rufe Ihnen mit Schillern zu: Soyongs, Anis, Emma!“

Leider brach bei diesen letzten Worten das lang verhaltene Gelächter kräftig los. Der Kleene sah sich erstaunt im Kreise um.

„Was gibt’s denn schon wieder?“ fragte er.

„Einen Fehler, den Sie gemacht haben, oder vielmehr mehrere Fehler,“ antwortete Jemmy.

„So? Welche denn?“

„Diese Worte sind nicht von Schiller, sondern von dem französischen Dichter Corneille und heißen Soyons amis, Cinna! Es ist also weder von Anis, noch von einer Emma die Rede.“

„Ah? Meenen Sie wirklich? Ich biete Ihnen meine Hand zum großen Versöhnungsfeste, und zum Dank dafür wollen Sie mich abermals korrigieren? Da kann ooch die beste Wasserleitung platzen. Wenn meine Friedfertigkeet in so solenner Weise abgewiesen wird, so mag es bei der Feindschaft bleiben, und ich werde ––“

„O bitte!“ fiel Old Shatterhand vermittelnd ein. „Diesesmal haben Sie sich wirklich geirrt, mein bester Frank. Ich muß Master Jemmy beistimmen, und ich hoffe, daß Sie mir ein gerechtes, unparteiisches Urteil zutrauen!“

„Ja, wenn Sie es sagen, so ergebe ich mich der Übermacht. Sie sind eene authentische Zehlabrität, vor der ich mich gerne beugen will. Selbst een Fürscht und König kann sich irren, und für ganz und gar unfehlbar will ich mich denn doch nich halten. Also hier abermals die Hand, Jemmy. Et in terra pax, Friede sei off der ganzen Erde! Ist es so richtig?“

„Ja, vollständig!“ antwortete der Dicke, indem er in die dargebotene Hand einschlug.

„Schön! Das genügt mir. Sie erkennen mich an, und da soll alles vergeben und vergessen sein.“

„Aber nur unter einer Bedingung!“

„Wie, Sie wollen eene Bedingung machen? Welche denn?“

„Die, daß Sie nun endlich Ihr Bärenabenteuer erzählen.“

„Ganz gern. Ich hab’s versprochen und bin es also schuldig, und wegen eener Schuldigkeet lasse ich mich nich gern mahnen. Es schadet das dem Kredite und ooch der Reputation. Wenn Sie also bereit sind, zuzuhören, so kann ich gleich jetzt gefälligst beginnen. Nämlich die Sache lief ooch nich ganz trocken ab, beinahe wie heute, wo wir beede, nämlich ich und Jemmy, unser Habit am Feuer trocknen müssen, er den Pelz und ich den Frack, vom Amazonenhut gar nicht zu reden. Und das kam folgendermaßen.“

Er kräuselte die Feder seines Hutes zwischen den Fingern, räusperte sich verheißungsvoll und begann:

„Ich befand mich damals noch keene ganze Ewigkeet hier in den Vereinigten Schtaaten, das heeßt, ich war noch ziemlich unerfahren in den hiesigen Angelegenheeten. Damit soll freilich nich gesagt sein, daß ich ungebildet gewest sei, im Gegenteele, ich brachte eene gute Portion körperlicher und geistiger Vorzüge mit; aber es will dennoch alles gelernt sein, und was man noch nich gesehen und betrieben hat, das kann man ooch nich kennen. Darin wird mir een jeder verschtändige Mensch Recht geben. Een Bankier zum Beispiel, und wäre er noch so gescheit, kann nich so mir und dir nichts gleich die Hoboe blasen, und een gelehrter Professor der Experimentalastronomie kann nich ohne Unterweisung in den nötigen Kunstgriffen sofort Weichenschteller werden. Das schicke ich zu meiner Entschuldigung und Verteidigung voraus. – Die Geschichte begab sich unten in der Nähe des Arkansas in Colorado. Ich hatte erscht in verschiedenen Schtädten Verschiedenes getrieben und mir een kleenes Sümmchen geschpart. Damit wollte ich eenen Handel nach dem Westen anfangen, so was man hier zu Lande eenen Pedlar nennt. Warum ooch nich? Bei diesem Geschäft ist viel verdient, und verschtändlich konnte ich mich bereits ganz gut machen, da ich das Englische sehre leicht gelernt hatte. Es war mir leicht begreiflicher Weise nur so hineingeflogen.“

„Ja,“ nickte Jemmy ernsthaft, „bei Ihrer ausgezeichneten Veranlagung ist es kein Wunder, wenn Ihnen eine fremde Sprache sehr bald geläufig wird.“

„Nicht wahr? Mit den Haupt- und Eigenschaftswörtern braucht man sich gar nich viel abzugeben, denn die bleiben ganz von selber im Gedächtnisse kleben; zählen lernt sich ooch sehre bald, was bleibt da noch übrig? Een paar Umschtandswörter, mit denen ooch keene Umschtände gemacht zu werden brauchen, und dann ist man fertig. Ich habe nie nich begreifen können, daß die Jungens in der Schule sich so lange Zeit mit fremden Schprachen abquälen müssen. Es wird, wie ich gloobe, ganz verkehrt angefangen. Ob ich deutsch sage Käse oder französisch Frommasche oder englisch Cheese, das kann doch ganz egal sein. Mir ist in fremden Schprachen eben alles ganz Käse, und so trat ich denn mit eenem hübschen Vorrat von Handelsartikeln meine Reise an und machte so gute Geschäfte, daß ich, als ich in der Gegend von Fort Lyon an den Arkansas kam, alles losgeworden war. Sogar das Wägelchen hatte ich mit Profit verkooft. Nun saß ich zu Pferde, die Büchse in der Hand und die Tasche voller Geld und beschloß mal zum Pläsier weiter ins Land hinein zu reiten. Ich hatte schon damals große Lust, een berühmter Westmann zu werden.“

„Der Sie ja nun auch geworden sind!“ bemerkte Jemmy.

„Na, noch nich ganz. Aber ich denke, wenn wir jetzt off die Sioux losschlagen, so werde ich wohl nich hinter der Front schtehen bleiben wie Hannibal bei Waterloo, und dann ist es ja möglich, daß ich eenen berühmten Namen bekomme. Aber weiter! Colorado war damals erscht vor kurzer Zeit bekannt geworden. Man hatte ergiebige Goldfelder entdeckt, und nun kamen die Proschpecters und Diggers in Menge aus dem Osten. Wirkliche Ansiedler aber gab es nur wenige. Darum war ich eenigermaßen ziemlich erschtaunt, als ich off meinem Ritte ganz plötzlich eene regelrechte Farm vor mir liegen sah. Sie beschtand aus eenem kleenen Blockhause, mehreren Feldern und ziemlich großen Weideplätzen. Das Settlement lag an den Ufern des Purgatorio, und diesem Umschtande war es zuzuschreiben, daß sich Waldung in der Nähe befand. Es gab besonders viele Ahornbäume da, und ich wunderte mich darüber, daß in jedem Boomschtamme unten eene Röhre schteckte, aus welcher der Saft in untergeschtellte Gefäße tropfte. Es war im frühen Jahre, die beste Zeit zur Bereitung des Ahornzuckers. In der Nähe des Blockhauses schtanden lange, breite aber sehr flache hölzerne Bottiche, gefüllt mit dem Safte, welcher da verdampfen sollte. Diesen Umschtand muß ich ganz besonders bemerken, weil er bei meinem Abenteuer eene sonderbare Rolle schpielt.“

„Einem Yankee aber gehörte das Settlement sicherlich nicht,“ sagte Old Shatterhand.

„Warum denken Sie das?“

„Weil ein solcher sicher nach den Goldfeldern gegangen wäre, anstatt als Squatter hier ruhig sitzen zu bleiben.“

„Ganz richtig! Der Mann war aus Norwegen und nahm mich sehre gastfreundlich off. Seine Familie beschtand aus ihm, seiner Frau, zwee Söhnen und eener Tochter, und ich wurde eingeladen, so lange wie möglich zu bleiben. Das that ich denn ooch ganz gern und half mit in der Wirtschaft, wobei den guten Leuten meine angeerbte Intelligenz außerordentlich zu schtatten kam.“

„Sie halfen wohl am Butterfaß?“ scherzte Jemmy.

„Natürlich! Ich konschtruierte ihnen sogar een neues, welches nich geschtampft, sondern gedreht wurde, wie ich es im Osten gesehen hatte. Das heeßt, ich zeichnete es ihnen mit Kreide off den Tisch; machen konnten sie sich’s nachher ja selber. Durch solche Gefälligkeeten und durch meine intelligente Überlegenheet gewann ich das Vertrauen dieser Leute so, daß sie mich sogar ganz alleene off der Farm ließen. Es sollte nämlich bei eenem Nachbar een sogen. house-raising-frolic schtattfinden, und die ganze Familie wollte daran teilnehmen, weshalb meine Anwesenheet ihnen sehr erfreulich war, da ich nun als house-holder zu Hause bleiben und über die schtatischtische Sicherheet der Farm wachen konnte. Sie ritten ab, und ich war Mann für mich alleene. Nachbar wurde dort jeder genannt, der zu Pferde in eenem halben Tage zu erreichen war. Grad so weit lag die betreffende Farm von uns, und so war die Rückkehr meiner Gastfreunde vor Ablauf von zwee Tagen nich zu erwarten.“

„Das war sehr viel Vertrauen, welches man Ihnen schenkte,“ sagte Jemmy.

„Warum? Meenen Sie etwa, daß mir der Gedanke hätte kommen können, mit der Farm auszureißen? Sehe ich etwa wie een unehrlicher Schpitzbube aus?“

„Davon ist keine Rede. Wollte man der Ehrlichkeit eine Statue widmen, so könnten Sie als Modell sitzen, so ganz vertrauenerweckend ist Ihr Aussehen.“

„Das will ich mir ooch ausgebeten haben!“

„Ich meinte es anders. Jene Gegend wurde doch damals, sogar noch heute, von allerlei Gesindel durchzogen. Was hätten Sie als einzelner Mann thun können, wenn zufälligerweise solche Leute zu Ihnen gekommen wären und die Abwesenheit des Besitzers zur Ausübung von Gewaltthätigkeiten benutzt hätten?“

„Was ich gethan hätte? Nehmen Sie mir es nich übel, aber das ist eene sehr sonderbare und närrische Frage. Ich hätte mein Hausrecht gebraucht und sie alle nausgeworfen.“

„Halten Sie das für so leicht? Solchen Menschen kommt es auf eine Kugel nicht an.“

„Mir ooch nich! Wenn Sie mich näher kennen gelernt haben, dann werden Sie sagen, daß man mir nich bloß eene, sondern gleich drei und vier Farmen anvertrauen kann. Ich würde sie schon zu verteidigen wissen. Ich verschtehe mich off alle Arten kriegerischer Schtrategie und off die verschiedenen Kunstgriffe der höheren Gefechtstaktik ganz vortrefflich. Ich hab‘ sogar mal den Froschmäuslerkrieg gelesen und weeß also, eene Schlacht einzuleiten und ooch zu gewinnen. In der Einleitung wie Moltke, im Angriff wie Zieten und in der Verfolgung een wahres Wiesel, so brauche ich mich vor keenem Feind zu fürchten, außer er überfällt mich im Schlafe, ohne daß ich davon gebührenderweise benachrichtigt werde.“

„Das ist’s ja eben, daß man gewöhnlich nicht benachrichtigt wird!“

„Leider ist das wahr, und daß ooch der Bär gekommen war, ohne sich vorher anzusagen, dadurch kam das Abenteuer zu schtande, welches ich erzählen will. Ich muß dabei erwähnen, daß seitwärts vor dem Hause een hoher Hickory schtand. Er war bis hoch hinauf zu den erschten Äschten seiner Rinde beraupt worden. Der Norweger hatte sie, wie er mir erzählte, zum Gelbfärben gebraucht. Nun war der Schtamm außerordentlich glatt, und es gehörte eene große Geschicklichkeet dazu, hinaufzuklettern.“

„Das wird wohl niemand verlangt haben,“ sagte Davy.

„Nee, verlangt hat’s niemand, aber es können sich ungeahnte Begebenheiten ereignen, durch welche sogar der edelste Mensch off so eenen Boom getrieben wird. Sie werden dieses Naturgesetz bereits in wenigen Minuten beschtätigen. Also, um off die Hauptsache zu schprechen zu kommen: ich befand mich ganz alleene off der Farm und dachte darüber nach, mit welcher Beschäftigung ich mir die langen Schtunden der Einsamkeet versüßen könne. Natürlich kam ich dabei off den Gegenstand, dessen Bearbeitung am notwendigsten war, und das war der Lehm. Nämlich drin im Blockhause war die Lehmdiele schadhaft geworden und zwischen den Holzschtämmen, aus denen die Wände beschtanden, die Füllung ausgebröckelt. Das mußte remuneriert werden, und darum hatte sich der Norweger gleich neben der Hausecke eene Lehmgrube angelegt. Sie war ungefähr vier Ellen lang und dreei breit. Welche Tiefe sie hatte, das konnte ich nich sehen, weil sie bis an den Rand gefüllt war. Es schteckten een paar Schtangen drin, mit denen das Zeug gerührt und durcheinander geknetet werden sollte. Welche Freude mußte mein Wirt haben, wenn er bei seiner Heimkehr wenn ooch nich die Diele, aber wenigstens die Wände ausgebessert vorfand! Daran dachte ich mit Vergnügen und beschloß, mich an die Arbeit zu machen.“

„Verstanden Sie denn etwas davon?“ fragte Jemmy.

„Ich bitte Sie, kommen Sie mir doch nich immer mit solchen überflüssigen Fragen in die Quere! Es ist doch wahrhaftig keene Kunscht, een Loch oder eene Fuge mit Lehm zu verschtopfen! Es gibt noch viel schwierigere Gebiete in der Wissenschaft. Ich begann also mit der Schtange zu rühren.

Die Masse schien mir zu dick zu sein, und ich goß also Wasser zu, aber zu viel, denn nun war sie wieder zu dünn. Ich dachte aber, daß sie durch eifriges Kneten eene plaschtischere Kompression annehmen werde, und arbeitete über eene ganze Schtunde lang aus Leibeskräften. Dadurch erlangte der Lehm diejenige Konsequenz, durch welche jeder obrigkeitliche und baupolizeiliche Wunsch befriedigt werden konnte, und ich hatte, um mit der Verschönerungsarbeit beginnen zu können, mir nur noch eene hölzerne Maurerkelle zu schnitzen. Darum wollte ich jetzt hinein ins Haus, denn off dem Herd lag dürres Holz. Ganz begeistert von meinem Vorhaben, bog ich um die Ecke und – – schtand vor wem oder was?“

„Doch vor einem Bären,“ antwortete Jemmy.

„Ja, vor eenem Bären, der sein wohl oben in den Ratonbergen liegendes Asyl verlassen hatte, um sich, ebenso wie ich, eenmal Land und Leute anzusehen. Dieses Ansehen aber war ganz gegen meinen geläuterten Geschmack. Der Kerl machte mir een so verdächtiges Gesicht, daß ich mit eenem Satze, wie ich ihn wohl nie wieder zu schtande bringen werde, zur Seite schprang; aber ebenso rasch fuhr er off mich los. Das gab meinen Gliedern eene ungeahnte Gelenkigkeet, und das Ausreißen erschien mir als eene wahre Wonne. Ich schnellte mich wie een hinterindischer Königstiger nach dem Hickory hin, faßte an und fuhr wie eene Rakete an dem Schtamme hinauf. Man gloobt gar nich, was der Mensch in so eener unsympathischen Situation zu leischten vermag.“

„Jedenfalls waren Sie ein guter Kletterer?“ fragte Old Shatterhand.

„Das weniger, viel weniger sogar. Man sollte wohl annehmen, daß ich als Forschtbeamter genötigt gewest sei, das Klettern zu erlernen, aber leider hat sich meine natürliche Kongeschtion schtets gegen diese Kunscht empört. Wenn ich hoch schteigen muß, zum Beischpiel off eener Leiter, wird mir’s ganz drehend und wirbelig zwischen den Ohren; ich kann’s und kann’s nich zwingen. Aber wenn een Bär dahinter ist, dann fragt man nicht lange, ob sich das Klettern mit der Gesundheet verträgt, sondern man klettert eben, und zwar mit wahrer Leidenschaft, grad so wie ich. Unglücklicherweise war, wie bereits erwähnt, der Schtamm zu glatt. Ich kam nich ganz hinauf bis zu den Äschten, und mit dem Feschthalten schien es ooch seine Schwierigkeeten zu haben.“

„O weh! Das kann gefährlich werden. Sie waren ohne Waffen. Was that denn der Bär?“

„Etwas, was er mit gutem Gewissen hätte unterlassen können –. er kam nämlich nachgeklettert.“

„Ah, so war es glücklicherweise kein Grizzly!“

„Das berührte mich nicht, denn damals war Bär Bär für mich. Ich klammerte mich krampfhaft fescht und schaute herab. Richtig, der Kerl hatte sich unten am Schtamme offgerichtet, umarmte denselben und kam langsam und gemütlich nachgeklettert. Die Sache schien ihm ungeheuern Schpaß zu machen, denn er brummte höchst vergnügt vor sich hin, ungefähr wie eene schnurrende Katze, nur schtärker, oder wie die E-Saite des Violonbasses, wenn sie pizzicato mit den Fingern gerissen wird. Mir aber brummte nich bloß der Kopf, sondern der ganze Körper von der Anschtrengung, mich fescht zu halten. Der Bär kam immer näher. Ich konnte unmöglich länger an meiner Schtelle bleiben; ich mußte weiter hinauf. Kaum aber hatte ich die eene Hand gelöst, um weiter zu greifen, da verlor ich den Halt. Zwar griff ich schnell wieder zu, doch die Anziehungskraft der mütterlichen Erde ließ ihr Opfer nich wieder los. Noch eenen kurzen angschtvollen Schtoßseufzer konnte ich mir geschtatten, dann aber fuhr ich am Schtamme hernieder, mit Vehemenz wie een zwanzigzentneriger Schtahlhammer, mit solcher Wucht off den Bären, daß er ooch mit nunter mußte. Er schoß zu Boden, und ich off ihn druff.“

Der kleine Mann erzählte so lebhaft und drastisch, daß seine Zuhörer ganz Ohr waren und bei der Art und Weise, in welcher er seinen Unfall schilderte, in ein laut schallendes Gelächter ausbrachen.

„Ja, lacht nur!“ brummte er. „Mir war es ganz und gar nich wie Lachen. Ich hatte das Gefühl, als ob alle Teile meines Körpers durcheinander geschtoßen worden seien. Es war mir ganz taub und dumm zu Mute, so daß ich für eenige Sekunden gar nich an das Offschtehen dachte.“

„Und der Bär?“ fragte Jemmy.

„Was der in diesem Oogenblicke für finanzielle Schpekulationen in seinen Gedanken erörtert hat, das kann ich nich wissen. Ich hatte weder die nötige Zeit noch die gehörige Andacht, mich wie Mentor mit Telemach in Zwieschprache mit ihm zu setzen. Vielleicht aber war es ihm grad so salonwidrig zu Mute wie mir, denn er lag ganz ebenso schtille unter mir, wie ich schprachlos off ihm saß. Dann aber raffte er sich plötzlich empor, und das brachte mich zur Erkenntnis meiner persönlichen Verpflichtungen. Ich schprang off und rannte fort – er hinter mir her, ob aus gleicher Angscht wie ich oder in dem heißen Wunsche, die eenmal angeknüpfte Bekanntschaft mit mir fortzusetzen, das weeß ich nich. Eegentlich wollte ich hin nach der Thür und ins Haus hinein. Dazu war aber die Zeit zu kurz und der Bär mir zu nahe. Die Angscht verlieh mir die Schnelligkeet eener Schwalbe; es war, als ob sie mir die Länge meiner Beene verdoppelt und vervierfacht hätte. Ich schoß vorwärts wie eene Flintenkugel, um die Hausecke hinum und – – in die Lehmgrube hinein, grad bis unter die Arme. Ich hatte alles vergessen, Himmel und Erde, Europa und Amerika, alle meine Kenntnisse und den ganzen Lehm; ich schtak drin wie die Schabe im Bäckerteige und – – da that es neben mir eenen gewaltigen slap, wie der Amerikaner sich ausdrückt; ich erhielt eenen Schtoß wie vom Puffer eenes Bahnwagens, und der Lehm flog mir über dem Kopfe zusammen. Das Gesicht war ganz von demselben überzogen; nur das rechte Ooge war frei geblieben. Ich drehte mich um und – – schielte den Bären an, der infolge seines leichtsinnigen Temperamentes vergessen hatte, das Terrain, wie es sich schickt und gehört, zu inschpizieren, und mir also nachgeschprungen war. Nur sein Kopf war zu sehen, aber der sah ooch schauderhaft aus. Wenn meine zwee Gesichtsprofile ebenso belehmt waren wie die seinigen, so konnte freilich keener von uns beeden off die Hochachtung des anderen Anschpruch erheben. Wir blickten uns drei Sekunden lang eenander lieblich an; dann wendete er sich nach links und ich mich nach rechts, jeder in der lobenswerten Absicht, in eene freundlichere Umgebung zu gelangen. Natürlich ging bei ihm das Herausklettern schneller als bei mir. Schon hatte ich Angscht, daß er, der Grube entschprungen, schtehen bleiben werde, um mich zu belagern; aber kaum hatte er festen Fuß gefaßt, so sauste er von dannen nach der Richtung, aus welcher wir gekommen waren, und schwenkte um die Ecke, ohne mich nur eenes eenzigen Blickes zu würdigen. Farewell, big muddy beast!

Hobble-Frank war im Eifer des Erzählens aufgestanden und hatte seinen Bericht mit so entsprechenden Gestikulationen begleitet, daß seine Zuhörer lachten, wie diese einsame Gegend noch nie ein Lachen vernommen hatte. Ob einer auch aufhörte, er mußte immer wieder von neuem anfangen; es war zu komisch.

„Das ist allerdings ein höchst lustiges Abenteuer,“ sagte endlich Old Shatterhand, „und das Beste bei demselben ist, daß es so ungefährlich für Sie ablief, freilich für den Bären leider auch!“

„Für ihn ebenso?“ antwortete Frank. „Oho! Ich bin noch gar nich fertig. Als der Bär um die Ecke verschwunden war, hörte ich een Geräusch, wie wenn irgend een Möbelschtück umgeworfen wird. Ich beachtete es aber nich, sondern war nur bemüht, mich aus der Grube herauszuarbeiten. Das koschtete mich bedeutende Anschtrengung, denn der Lehm war gewaltig zähe, und ich kam nur dadurch frei, daß ich ihn im Besitze meiner Schtiefel ließ. Jetzt mußte ich mir vor allen Dingen das Gesicht reinigen. Ich ging also hinter das Haus, wo een Wässerchen vorüberfloß, dem ich alles freundlich anvertraute, was sich als überflüssig von meiner äußeren Individualität entfernen ließ. Dann eilte ich natürlich nach vom, um an der Fährte zu sehen, nach welcher Richtung sich der Bär entfernt habe. Denn, daß er verschwunden sei, das nahm ich als ganz sicher an. Aber der Kerl war gar nich fort. Er saß dort unter dem Hickoryboome und – – leckte sich höchscht eifrig ab.“

„Den Lehm? Pah!“ meinte Jemmy kopfschüttelnd. „Soweit ich die Eigenheiten dieser Tiere kenne, ist er sofort ins Wasser gegangen.“

„Das fiel ihm gar nich ein, denn er war gescheiter als Sie, Master Jemmy. Der Bär liebt bekanntlich Süßigkeeten. Und ist der Ahornzucker nich ebenso süß wie jeder andere Zucker?“

„Ich verstehe Sie nicht. Erzählen Sie weiter!“

„Nun, ich habe doch die hölzernen Bottiche erwähnt, in denen der Zuckersaft verdunschten sollte. Der Bär war von dem Abenteuer so wenig erbaut gewest, daß er nur daran gedacht hatte, in höchschter Eile davonzukommen. Eener der Bottiche hatte ihm im Wege geschtanden, und er hatte sich gar nich die Zeit genommen, um denselben zu biegen; er hatte im Gegenteele über ihn hinwegschpringen wollen, war aber, da een Bär ja nich wie een Tiger schpringt, nich drüber hinweg, sondern vielmehr hineingeschprungen und hatte ihn von den Unterlagen, auf denen er schtand, herabgerissen. Da der Saft bereits sehre dickflüssig war, so verbreitete er eenen schtarken Zuckergeruch, über welchen das leichtsinnige Tier den Schturz vom Boome, den Schprung in die Grube und mich sofort vergessen hatte. Anschtatt mein „farewell“ zu beherzigen und die darin liegende Warnung zu reschpektieren, hatte sich der Bär unter dem Boome häuslich niedergelassen, um mit allem Behagen die Süßigkeet vom Lehme wegzulecken. Er war so sehr in diese angenehme Beschäftigung vertieft, daß er gar nicht bemerkte, daß ich mich längs der Wand nach der Thür hin schlich und dann in das Haus schlüpfte. Jetzt war ich in Sicherheet und nahm meine Flinte vom Nagel. Sie war natürlich geladen. Da der Bär off den Hinterpranken saß und ich so lange zielen konnte, wie es mir beliebte, konnte ich gar keenen Fehlschuß thun. Die Kugel traf das Tier genau an derjenigen Schtelle, an welcher nach Ansicht der Dichter die zarteren Gefühle schtecken sollen, nämlich grad ins Herz hinein. Der Bär zuckte zusammen, richtete sich weiter off, machte mit den Vorderpranken eenige Geschtikulationen und sank dann tot zu Boden. Er hatte infolge seines Leichtsinnes und seiner Genußsucht offgehört, als lebendes Wesen zu exischtieren. Das Schicksal schreitet schnell, und jeglicher Unverschtand findet seine gerechte Schtrafe, und wem nich schon das Morgenrot zum frühen Tode geleuchtet hat, der kann dann am Nachmittage bereits an der Ahornzuckerkrankheet verscheiden.“

„Das ist eine sehr ernste Nutzanwendung,“ sagte Old Shatterhand. „Sie macht Ihnen alle Ehre. Überhaupt habe ich die Bemerkung gemacht, daß Sie sehr interessant zu erzählen verstehen. Ich habe noch keinen gehört, dem es so wie Ihnen gelungen wäre, den Stoff in ein so geistreiches Gewand zu kleiden.“

„Ist das etwa een Wunder? Denken Sie an die Moritzburger Schulmeester, der sein ganzes, außerordentliches Wissen off mich übertragen hat, und denken Sie ooch an die Leihbibliothek und an die Lieferungswerke, deren treuer Abonnent ich gewest bin! Dazu war ich zweeter Tenor in unserem Gesangvereine und Schpritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr und Rettungsschar. Und ooch schpäter hab‘ ich schtets die Ohren geschpitzt, wo und wenn es was zu lernen gab. Unter solchen Umschtänden wird man klassisch, ohne daß man’s selber merkt, und nur die Devotion, mit welcher man von anderen behandelt wird, bringt eenen zur Erkenntnis, daß man sich weit über den Nullpunkt nach Fahrenheit und Reaumur erhoben hat. Der Geist des Menschen muß nach oben schtreben, denn nur dort zwischen den Schternen hören die zeitlichen und unterirdischen Kalamitäten off. Leider muß sich selbst eene ideale Natur, wie ich bin, mit ordinären Dingen befassen. Das ist der Kampf ums Dasein. Und da thue ich meine Pflicht und fürchte mich sogar vor dem größten Bären nich.“

„Nun, so gar sehr groß ist der Ihrige wohl nicht gewesen. Ein Grizzly kann nicht klettern. Was hatte er für eine Farbe?“

„Sein Fell war schwarz.“

„Und seine Schnauze?“

„War gelb.“

„Ah, so war es nur ein Baribal, vor welchem Sie gar keine Angst zu haben brauchen.“

„Oho! es war ihm anzusehen, daß er Appetit nach Menschenfleisch hatte!“

„Glauben Sie das nicht. Der Baribal frißt viel lieber Früchte als Fleisch. Ich mache mich anheischig, es ohne alle Waffen mit so einem dummguten Tiere aufzunehmen. Einige kräftige Faustschläge, und es würde davonlaufen.“

„Ja, das sind Sie! Sie schlagen ja, wie Ihr Name sagt, eenen Menschen mit der Fauscht nieder. Ich aber bin viel zarter besaitet und möchte es ohne Waffen nich versuchen. Übrigens habe ich damals den Braten aus dem Pelz geschält und den letzteren gewaschen, ganz ebenso wie meinen Anzug, welcher durch den Lehm ganz feuerfescht geworden war. Die Reparatur der Wände ließ ich sein; ich mochte mit dem Inhalte der Grube nichts zu thun haben. Aber als der Norweger mit seiner Familie zurückkehrte, lagen die Bärenschinken im Pökel, und ich wurde außerordentlich gelobt, denn ich hütete mich gar wohl, sämtliche Umschtände des fatalen Abenteuers an die Öffentlichkeet gelangen zu – – halt! Was läuft da?“

Er war, wie bereits erwähnt, während des Erzählens von seinem Platze aufgestanden. Einige Steintrümmer lagen nahe hinter ihm, auf welche er getreten war. Dadurch hatte er ein Tierchen aufgescheucht, dessen Aufenthalt unter den Steinen gewesen war. Es kam heraus, huschte blitzschnell über den Platz hinweg und fuhr in die Öffnung eines hohlen Baumstumpfes, welcher in der Nähe stand. Die Bewegungen des Tieres waren so schnell gewesen, daß man nicht hatte sehen können, zu welcher Gattung es gehörte.

Einer war wie elektrisiert von dem kleinen Vorkommnisse, nämlich der Neger Bob. Er sprang auf, rannte nach dem Baumstumpfe hin und rief:

„Ein Vieh, ein Vieh, haben hier laufen, haben sich verstecken in Loch! Masser Bob haben sagen, daß er fangen mit Händen das erste Tier, was er sehen. Masser Bob wird holen Vieh aus Baum heraus.“

„Vorsicht, Vorsicht!“ warnte Old Shatterhand. „Du weißt ja gar nicht, was für ein Tier es gewesen ist!“

„O, es sein nur so klein!“

Er zeigte mit den beiden Spitzfingern die Länge des Tieres an.

„Ein kleines Geschöpf kann unter Umständen gefährlicher werden als ein großes.“

„Ein Opossum sein nicht gefährlich.“

„Hast du denn gesehen, daß es ein solches war?“

„Ja, ja. Masser Bob haben sehen Opossum ganz deutlich. Es sein fett, sehr fett und geben einen Braten sehr delikat, o, sehr delikat!“

Er schnalzte mit der Zunge und leckte die Lippen, als ob er den Braten bereits vor sich habe.

„Und ich denke, du irrst dich. Ein Opossum ist nicht so behend, wie dieses Tierchen war.“

„Opossum auch schnell laufen, sehr schnell. Warum Massa Shatterhand nicht gönnen Neger Bob den guten Braten!“

„Nun, wenn du gar so überzeugt bist, dich nicht geirrt zu haben, so thue, was du willst. Uns aber bleibe mit dem Gerichte vom Leibe!“

„Sehr gern vom Leibe bleiben! Masser Bob geben keinem Menschen vom Opossum. Er essen den Braten allein, ganz allein. Jetzt aufpassen! Er ziehen Opossum aus Loch heraus!“

Er streifte den rechten Ärmel empor.

„Nicht so, nicht so!“ sagte Old Shatterhand. „Du mußt das Tier mit der Linken ergreifen und in die Rechte das Messer nehmen. Sobald du die Beute ergriffen hast, ziehst du sie heraus und kniest schnell darauf. Dann kann das Tier sich nicht bewegen und wehren, und du schneidest ihm schnell die Kehle durch.“

„Schön! Das sein sehr schön! Masser Bob werden es so machen, denn Masser Bob sein ein großer Westmann und ein berühmter Jäger.“

Er streifte nun den linken Ärmel auf, nahm das Messer in die rechte Hand und griff dann in das Loch hinein, erst vorsichtig und zögernd, bis er, als er nichts fühlte, den Arm weiter hinter schob. Dann aber ließ er plötzlich das Messer fallen, stieß einen lauten Schrei aus, zog heftige Grimassen und fuchtelte mit dem freien, rechten Arme in der Luft herum.

„Heigh-ho, heigh-ho!“ rief er jammernd. „Das thun weh, sehr weh!“

„Was denn? Hast du das Tier?“

„Ob Masser Bob es haben? Nein, sondern es haben den Massa Bob.“

„O weh! Hat es sich in deine Hand verbissen?“

„Sehr, ganz sehr verbissen!“

„So zieh; zieh nur!“

„Nein, denn das thun sehr weh!“

„Aber drin lassen kannst du die Hand doch auch nicht. Wenn so ein Tier sich einmal verbissen hat, so läßt es nicht wieder los. Also zieh! Und wenn du es heraus bringst, so greifst du schnell auch mit der anderen Hand zu, um es festzuhalten, während ich ihm den Gnadenstoß versetze.“

Er zog sein langes Messer aus dem Gürtel und trat zu Bob an den Baum. Der Schwarze zog jetzt den Arm zurück, freilich nur sehr langsam und unter Zähnefletschen und schmerzlichem Wimmern. Das Tier ließ wirklich nicht los und wurde also bis an die Öffnung des Loches gezogen. Jetzt that der Neger noch einen raschen Ruck. Das Tier kam heraus und hing mit dem Gebiß an seiner linken Hand. Er erfaßte es mit der Rechten schnell am hinteren Körperteile, in der Erwartung, daß Old Shatterhand nun schnell das Messer gebrauchen werde. Aber anstatt dieses zu thun, sprang der Genannte schleunigst zurück und rief:

„Ein Skunk, ein Skunk! Fort, fort, ihr Leute!“

Mit diesem Namen wird das amerikanische Stinktier bezeichnet. Es ist ein etwa 40 cm langes, zu den marderartigen Raubtieren gehörendes Säugetier, hat einen fast ebenso langen zweizeilig behaarten Schwanz und eine aufgeschwollene Nase an dem spitzen Kopfe. Das Fell ist schwarz und mit zwei schneeweißen, an den Seiten getrennt fortlaufenden und auf der Schulter zusammenfließenden Längsstreifen versehen. Es lebt von Eiern, kleinen Tieren, wird aber auch dem Hasen gefährlich, geht nur des Nachts auf Raub aus und bringt die übrige Zeit in Erdlöchern und hohlen Bäumen zu.

Dieses Tier verdient seinen lateinischen Namen Mephitis mit vollem Rechte. Es hat nämlich unter dem Schwanze eine Hohldrüse, aus welcher es, wenn es angegriffen wird, zu seiner Verteidigung eine außerordentlich schlecht riechende, scharfe, gelb ölige Flüssigkeit ausspritzt. Der Gestank derselben ist wahrhaft furchtbar und haftet mehrere Monate lang an den Kleidern, welche von dieser Flüssigkeit getroffen wurden. Da das Skunk den Feind aus ziemlicher Entfernung mit diesem mephitischen Safte zu treffen vermag, so hält sich jeder, welcher das Tier genau kennt, möglichst entfernt von ihm; denn wer von dem Safte getroffen wird, kann sehr leicht in die Lage kommen, wochenlang von aller menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.

Also anstatt eines Opossum hatte Bob ein solches Stinktier gefangen. Die anderen Männer waren alle von ihren Plätzen aufgesprungen und eilten davon.

„Wirf es weg! Schnell, schnell!“ rief der dicke Jemmy dem Neger zu.

„Masser Bob nicht kann wegwerfen,“ jammerte der Schwarze. „Es haben sich einbeißen in seine Hand und –-oh, au –- au, oh! Faugh, o shamefulness, pfui Teufel! Jetzt haben es Masser Bob anspritzen. 0 Tod, o Hölle, o Teufel! Wie stinken Masser Bob! Kein Mensch kann aushalten! Masser Bob müssen ersticken. Fort, fort mit Tier, mit Pestilenzviehzeug!“

Er wollte es von der Hand abschütteln, aber es hatte sich so in dieselbe verbissen, daß alle seine Mühe vergeblich war.

„Wart! Masser Bob dich schon herunter bekommen, du swine-fell, du stinking racker!“

Er holte mit der rechten Faust aus und versetzte dem Tier einen kräftigen Hieb auf den Kopf. Dieser Hieb betäubte den Skunk, trieb aber die Zähne desselben noch tiefer in die Hand des Negers. Vor Schmerz laut brüllend, riß dieser sein Messer vom Boden empor und schnitt dem Tiere die Gurgel durch.

„So!“ rief er. „Jetzt haben Masser Bob gesiegt. Oh, Masser Bob sich nicht fürchten vor keinem Bären und vor keinem smelling beast. Alle Massers herkommen und sehen, wie Masser Bob haben tot gemacht ein reißend Tier!“

Aber sie hüteten sich wohl, ihm zu nahe zu kommen, denn er verbreitete einen so entsetzlichen Geruch, daß sich alle, die doch sehr entfernt von ihm standen, die Nase zuhielten.

„Nun, warum nicht kommen?“ fragte er. „Warum nicht feiern Sieg mit Masser Bob?“

„Kerl, bist du toll!“ antwortete der dicke Jemmy. „Wer kann dir zu nahe kommen! Du duftest ja noch viel schlimmer als die Pest!“

„Ja, Masser Bob riechen sehr schlecht. Masser Bob es selber auch schon merken! Oh, oh, wer kann aushalten diesen Duft!“

Er machte ein schreckliches Gesicht.

„Wirf doch das Vieh weg!“ rief Old Shatterhand.

Bob versuchte, dieser Weisung nachzukommen; es gelang ihm nicht.

„Zähne sind zu tief in Masser Bobs Hand. Masser Bob können nicht aufmachen Maul von Vieh!“

Er zog und zerrte unter Ach und Oh an dem Kopfe des Skunks herum, aber vergeblich.

Thunder-storm!“ schrie er zornig. „Skunk können doch nicht ewig hängen bleiben an Hand von Masser Bob! Sein denn niemand da, kein gut, liebevoll Mensch, der wollen helfen armen Masser Bob?“

Das erbarmte den Sachsen. Sein mitleidiges Herz gab ihm das Wagnis ein, den Neger von seinem toten Feinde zu erlösen. Er näherte sich ihm, allerdings nur sehr langsam und sagte:

„Höre, liebster Bob, ich will’s mal versuchen. Du duftest mir zwar sehre nach Geruch, aber meine Menschlichkeet wird’s wohl überwinden. Aber ich mach‘ die Bedingung, daß du mich nich etwa berührst!“

„Masser Bob nicht kommen an Massa Frank!“ beteuerte der Neger.

„Nun gut! Doch ooch deine Kleeder dürfen nich an die meinigen kommen, sonst duften wir zu zweet, und ich will dir dieses ehrenvolle Recht doch lieber alleene überlassen.“

„Massa Frank nur kommen! Masser Bob sich ganz sehr in acht nehmen!“

Es war wirklich eine Art von Heldentum zu nennen, daß der kleine Sachse jetzt zu dem Schwarzen trat. Winnetou, Old Shatterhand, Jemmy und Davy, die sonst so kühnen Männer, wagten es nicht. Streifte Frank nur leise eine Stelle an Bobs Kleidung, welche von der Flüssigkeit getroffen war, so verfiel er dem Schicksal eines Ausgestoßenen, wenn er es nicht vorzog, sich für immer seiner Kleidung zu entäußern.

je näher er kam, desto stärker und widerlicher wurde der Gestank, welcher ihm fast den Atem nahm. Aber er hielt tapfer aus.

„Nun, schtreck mir mal den Arm entgegen, Schwarzer!“ gebot er. „Gar zu nahe an dich heran will ich mich doch nich wagen.“

Bob gehorchte diesem Befehle, und der Sachse faßte mit der einen Hand die obere und mit der anderen die untere Kinnlade des Tieres, um den Neger zu befreien. Es gelang ihm das nur durch Aufbietung aller seiner Kräfte. Er mußte das Maul des Skunks geradezu aufbrechen und sprang dann eiligst wieder zurück. Es war ihm ganz schwindelig, als ob er umfallen müsse, so infernalisch roch der Neger.

Dieser war sehr froh, nun befreit zu sein. Seine Hand blutete zwar, aber er achtete nicht sogleich darauf, sondern rief:

„So, jetzt Masser Bob zeigt haben, wie mutig er sein. Glauben nun alle weiß und rot Massers, daß schwarzer Neger sich nicht fürchten?“

Er kam während dieser Worte auf die anderen zu. Da aber hob Old Shatterhand sein Gewehr empor, richtete es auf Bobs Brust und befahl:

„Bleib‘ stehen, sonst schieße ich dich nieder!“

„O Himmel! Warum wollen totschießen arm gut Masser Bob?“

„Weil du uns ansteckst, wenn du uns berührst. Lauf schnell fort, am Wasser abwärts hin, möglichst weit, und wirf alle deine Kleider von dir ab.“

„Kleider abwerfen? Massa Bob soll hergeben sein schön Kalikorock und schön Hosen und Weste?“

„Alles, alles! Dann kommst du zurück und setzest dich da in den Teich, so daß dir das Wasser bis an den Hals geht. Also schnell! je länger du zögerst, desto länger behältst du den Gestank an dir.“

„Welch ein Unglück! Mein schön Anzug! Massa Bob ihn waschen, und dann nicht mehr riechen!“

„Nein, Massa Bob wird mir gehorchen, sonst schieße ich ihn augenblicklich nieder. Also – eins – zwei – und -drrrr – – – !“

Er schritt mit erhobenem Gewehr auf den Neger zu.

„Nein, nein!“ schrie dieser. „Nicht totschießen! Massa Bob laufen fort, schnell, sehr schnell!“

Er verschwand eiligst im Dunkel der Nacht. Natürlich war die Drohung Old Shatterhands nicht ernst gemeint gewesen; sie bildete aber das beste Mittel, den Neger zum schnellen Gehorsam zu bringen. Er kehrte bald zurück und mußte sich in das Wasser des Teiches setzen, um sich unaufhörlich abzuwaschen. Als Seife erhielt er dazu ein dickes Gemengsel von Bärenfett und Holzasche, welche letztere ja bei den Feuern überflüssig vorhanden war.

„Wie schade um schön Fett vom Bären!“ klagte er. „Massa Bob konnten einreiben sein Haar mit diesem Fett und sich machen viel schöne Löckchen. Massa Bob sein ein fein ringlet-man, aber doch kein geborener Nigger, denn er können Löckchen flechten, so lang, so sehr lang!“

„Wasch dich nur!“ lachte Jemmy. „Denke jetzt nicht an deine Schönheiten, sondern an unsere Nasen!“

Der Schwarze verbreitete nämlich, trotzdem er sich seines Anzuges entledigt hatte und obgleich er im Wasser saß, einen penetranten Geruch.

„Aber,“ fragte er, „wie lange müssen Massa Bob hier sitzen und waschen?“

„Solange wir hier bleiben, also bis morgen früh.“

„Das können Massa Bob nicht aushalten!“

„Du wirst gezwungen werden, es auszuhalten. Eine andere Frage ist, ob die übriggebliebenen Forellen es aushalten werden. Ich weiß nicht, ob die Fische Geruchsnerven besitzen, aber wenn es der Fall ist, so werden sie über den Besuch, den du ihnen jetzt machst, nicht sehr erfreut sein.“

„Und wann darf Massa Bob seinen Anzug holen, um auch ihn zu waschen?“

„Gar nicht. Der bleibt liegen, wo er liegt, denn er ist unbrauchbar geworden.“

„Aber was wird da arm Massa Bob nun anziehen?“

„Ja, das ist freilich eine schlimme Angelegenheit! Es gibt keinen Ersatz für dein Habit. Du wirst also wohl dich in das Grizzlyfell wickeln müssen, welches Martin heute erbeutet hat. Vielleicht finden wir droben zwischen den Felsengebirgen das übrig gebliebene Magazin eines urweltlichen marchand tailleur, woraus du dich mit Strümpfen und einem Havelock versehen kannst. Bis dahin aber wirst du in unserem Zuge aber die Nachhut bilden, denn wenigstens während der nächsten acht Tage darfst du uns nicht sehr nahe kommen. Also wasch nur fleißig, wasch! Denn je mehr du reibst, desto eher verliert sich der Geruch.“

Und Bob rieb aus Leibeskräften. Nur sein Kopf ragte aus dem Wasser hervor, und es war wirklich lustig zuzusehen, was für Grimassen er schnitt.

Die anderen waren indessen an das Lagerfeuer, an welchem sie vorher gesessen hatten, zurückgekehrt. Natürlich bildete zunächst das so tragikomisch abgelaufene Abenteuer den Gegenstand der Unterhaltung. Dann wurde der lange Davy gebeten, eines seiner Erlebnisse zu erzählen. Er gab diesem Wunsche Folge und berichtete von einer Zusammenkunft mit einem alten Trapper, welcher als Schießvirtuos bekannt gewesen war. Nachdem er einige Kunststücke dieses Mannes beschrieben hatte, fügte er die Bemerkung hinzu:

„Aber das ist alles nichts. Es gibt noch weit bessere Schützen. Ich kenne zwei, welche von niemand übertroffen werden, und diese beiden sitzen hier bei uns. Ich meine Winnetou und Old Shatterhand. Bitte, Sir, wollt Ihr uns nicht irgend einen von Euch ausgeführten Kapitalstreich erzählen? Ihr habt ja so viel erlebt, daß Ihr nur mit dem Ärmel zu schütteln braucht, so fallen die Abenteuer zu Hunderten heraus.“

Diese letzten Worte waren an Old Shatterhand gerichtet. Dieser antwortete nicht sofort. Er holte tief Atem, als ob er etwas in der Luft Liegendes durch den Geruchssinn prüfen wolle.

„Ja, der Kerl dort im Wasser duftet noch ganz gehörig,“ sagte Jemmy.

„O, ihm galt mein Atemzug nicht,“ antwortete Old Shatterhand, indem er einen prüfenden Blick seitwärts auf sein Pferd richtete, welches aufgehört hatte zu grasen und die Luft prüfend durch die Nüstern sog.

„So riecht Ihr etwas anderes?“ fragte Davy.

„Nein; aber ich denke, daß ich vielleicht verhindert sein werde, euch ein Abenteuer von mir bis zu Ende zu erzählen.“

„Warum?“

Anstatt direkt zu antworten, wandte Old Shatterhand sich zunächst halblaut zu Winnetou:

„Teschi-ini!“

Das heißt auf deutsch „paß auf !“ Da die anderen die Sprache der Apachen nicht verstanden, so wußten sie nicht, was er meinte. Winnetou nickte und griff nach seiner Büchse, welche er neben sich liegen hatte. Er zog sie ganz nahe an sich heran.

Old Shatterhands Pferd wendete den Kopf schnaubend nach dem Feuer. Seine Augen funkelten.

„Isch-hosch-ni!“ rief er dem Tiere zu, und es legte sich sofort in das Gras nieder, ohne ferner ein Zeichen von Unruhe merken zu lassen.

Da auch Old Shatterhand jetzt seinen Stutzen ganz an sich heranzog, so fragte Jemmy, welchem das Verhalten dieser beiden Männer aufgefallen war:

„Was habt Ihr, Sir? Euer Pferd scheint etwas zu wittern?“

„Es riecht den Duft des Negers, weiter nichts,“ versuchte der Gefragte ihn zu beruhigen.

„Aber ihr beide greift zu den Waffen!“

„Weil ich mit Euch von dem Hüftenschusse sprechen will. Ihr habt doch wohl bereits von demselben gehört?“

„Natürlich!“

Aber Frank meinte, obgleich jetzt englisch gesprochen worden war, in seinem sächsischen Deutsch:

„Hören Sie, Master Shatterhand, da werden Sie sich wohl mehrschtenteels eenes falschen Ausdruckes bedient haben!“

„Wieso?“

„Das heeßt nämlich nich Hüftenschuß, sondern Hexenschuß. Wer den bekommt, der geht sehre gebückt und lahm, denn es liegt ihm jämmerlich im Kreuze und in den Hüften, aber trotzdem ist der Ausdruck Hüftenschuß een orthographisch-medizinisch ganz falscher.“

Old Shatterhand ließ es sich, während Frank sprach, nicht merken, daß er ebenso wie Winnetou den jenseits des Baches und Teiches liegenden Waldesrand und die wirr unter- und übereinanderliegenden Trümmer des Windbruches mit scharfem Blicke absuchte. Er hatte seinen Hut so weit in die Stirn gezogen, daß die Augen tief im Schatten lagen und man nicht genau zu sehen vermochte, nach welcher Richtung und auf welchen Gegenstand sie gerichtet waren. Dennoch antwortete er im unbefangensten Tone:

„Bitte, mein bester Frank, ich weiß gar wohl, was Hexenschuß ist. Es war aber ein anderer Schuß von mir gemeint.“

„Ach so! Nun, welcher denn?“

„Der Hüftenschuß, wie ich sagte. Damit meine ich den Schuß, bei welchem man das Gewehr nicht wie gewöhnlich anlegt, sondern es nur bis an die Hüfte erhebt.“

„Da kann man doch gar nicht zielen!“

„Es ist allerdings schwierig, sich die dazu nötige Fertigkeit anzueignen, und es gibt gar manchen guten Westmann, welcher sein Ziel niemals fehlt, aber beim Hüftenschuß regelmäßig vorüberschießt.“

„Wozu hat man da den Hüftenschuß erfunden? Es ist doch besser, man zielt in der gewöhnlichen Weise, in der man des Treffens sicher ist.“

„Nein! Es gibt Lagen, in denen man ohne die erwähnte Fertigkeit des Todes sein würde.“

„Das ist mir aber unbegreiflich.“

„So will ich es Euch erklären.“

Sein Auge fuhr nochmals mit scharfem Bücke nach der bereits erwähnten Gegend hinüber; dann fuhr er fort:

„Der Hüftenschuß wird nämlich bloß vorgenommen, wenn man sitzt oder am Boden liegt, um den Gegner nicht wissen zu lassen, daß man überhaupt zu schießen beabsichtigt; denkt Euch einmal, es befänden sich feindliche Indianer in der Nähe, welche die Absicht hätten, uns zu überfallen. Sie senden ihre Kundschafter aus, welche sich anschleichen, um zu erfahren, wie stark wir sind, ob unser Lagerplatz ihren Absichten günstig sei, und ob wir die nötige Vorsicht nicht aus dem Auge lassen. Diese Kundschafter kommen auf Händen und Füßen herbeigekrochen –“

„Aber sie müssen doch von unseren ausgestellten Posten bemerkt und entdeckt werden!“ warf Frank ein.

„Das ist nicht so gewiß, wie Ihr denkt. Ich zum Beispiel habe mich bis in das Zelt Tokvi-teys geschlichen, obgleich er Posten ausgestellt hatte und trotzdem das Terrain aus einer flachen Grasebene bestand. Hier aber stehen rundum Bäume, welche das Anschleichen außerordentlich erleichtern, und unsere Posten sind, wie Ihr ja gehört habt, in dem Wahne, daß es hier gar keine Feinde geben könne. Sie werden also wohl nicht gar zu aufmerksam sein. Doch weiter! Die Kundschafter haben sich an unseren Posten vorübergeschlichen. Sie liegen am Rande des Waldes, hinter oder zwischen dem vom Windbruche aufgehäuften Holzgewirr, und beobachten uns. Gelingt es ihnen, zu den Ihrigen zurückzukehren, so sind wir vielleicht verloren; wir werden angegriffen, ohne es geahnt zu haben, und also vernichtet. Das beste Gegenmittel ist, die Kundschafter unschädlich zu machen –“

„Also sie erschießen?“

„Ja! Im Princip bin ich gegen alles Blutvergießen; aber in einem solchen Falle wäre es ja Selbstmord, wenn man den Feind schonen wollte. Man muß ihm die Kugel geben und zwar so, daß sie tötet.“

„Tkih akan – sie sind nahe,“ flüsterte der Häuptling der Apachen.

„Teschi-schi-tkih – ich sehe sie,“ antwortete Old Shatterhand.

„Naki – zwei!“

„Ha-oh – ja!“

„Schi-ntsage, ni-akaya – nimm du diesen, und ich nehme jenen!“

Dabei ließ der Apache seine Hand von links nach rechts gleiten.

„Tayassi – in die Stirn,“ nickte Old Shatterhand.

„Sagt uns doch, Sir, was für Heimlichkeiten ihr miteinander habt?“ fragte der lange Davy.

„Nichts Ungewöhnliches! Ich sagte dem Häuptling in der Sprache der Apachen, daß er mir beistehen solle, Euch zu erklären, was es mit dem Hüftenschuß für eine Bewandtnis hat.“

„Na, das weiß ich schon. Mir ist er freilich nie gelungen, so sehr ich mich geübt habe. Und um auf Eure vorigen Worte zurückzukommen, so müßte man doch die Kundschafter gesehen haben, bevor man sie erschießen kann.“

„Natürlich!“

„In der Dunkelheit des Dickichts da drüben?“

„Ja!“

„Sie werden sich aber hüten, so weit aus demselben herauszukommen, daß man sie sehen kann!“

„Hm! Ich wundere mich über Eure Worte, denn ich habe Euch für einen tüchtigen Westmann gehalten.“

„Na, hoffentlich bin ich auch kein Grünschnabel!“

„So müßt Ihr wissen, daß die Kundschafter nicht hinter dem Dickicht versteckt bleiben können. Wenn sie uns sehen und beobachten wollen, so müssen sie doch wenigstens die Augen, also einen Teil des Gesichtes, hervorstrecken.“

„Und das wollt Ihr sehen?“

„Gewiß.“

„Alle Wetter! Ich habe freilich gehört, daß es Westmänner gebe, welche die Augen eines anschleichenden Feindes in dunkler Nacht zu entdecken vermögen. Da unser dicker Jemmy zum Beispiel behauptet es auch zu können; aber er hat noch keine Gelegenheit gehabt, es mir zu beweisen.“

„Nun, was das betrifft, so kann ganz unerwartet die Gelegenheit kommen, diesen Beweis zu liefern.“

„Sollte mich freuen! Ich habe die Sache für unmöglich gehalten; aber wenn Ihr mir sagt, daß es wahr sei, so glaube ich es.“

Shatterhand musterte den Waldesrand abermals, nickte befriedigt vor sich hin und antwortete:

„Habt Ihr vielleicht einmal des Nachts im Meere die Augen einer Tintorera, eines Haifisches, glänzen sehen?“

„Nein!“

„Nun, diese Augen sieht man ganz deutlich. Sie haben einen phosphoreszierenden Glanz. Jedes andere, auch das Menschenauge, besitzt denselben Glanz, allerdings nicht in dieser Stärke. Und je mehr des Nachts die Sehkraft eines Auges angestrengt ist, desto deutlicher ist dasselbe trotz der Dunkelheit zu bemerken. Befände sich zum Beispiel jetzt da drüben in dem Gebüsch ein Kundschafter, welcher uns beobachtete, ich würde seine Augen sehen und Winnetou ebenso.“

„Das wäre stark!“ meinte Davy. „Was sagst du dazu, mein alter Jemmy?“

„Ich denke, daß ich auch nicht blind bin,“ antwortete der Gefragte. „Zum Glück sind wir hier vor einem solchen Besuche sicher. Es ist immerhin eine heikle Sache, in die Lage zu kommen, in welcher ein guter Hüftenschuß notwendig ist. Nicht wahr, Sir?“

„Ja,“ nickte Old Shatterhand. „Schaut her, Master Frank! Also gesetzt, da drüben befindet sich ein feindlicher Kundschafter, dessen Augen ich zwischen den Blättern glänzen sehe. Ich muß ihn natürlich töten, sonst riskiere ich mein eigenes Leben. Aber wenn ich, wie man es gewöhnlich macht, das Gewehr an die Wange lege, so sieht er doch, daß ich schießen will, und zieht sich augenblicklich zurück. Vielleicht hat er gar bereits seinen Lauf auf mich gerichtet und feuert seinen Schuß eher ab, als ich den meinigen. Das muß ich vermeiden, indem ich eben den Hüftenschuß in Anwendung bringe. Bei demselben sitzt man ruhig und scheinbar unbefangen da, wie ich jetzt. Man greift zur Büchse, welche eng an der rechten Seite liegt, und hebt sie langsam ein wenig empor, als ob man etwas nachsehen oder nur mit ihr spielen wolle. Man senkt, so wie ich jetzt, den Kopf, als ob man abwärts blicke, hat aber das Auge im Schatten der Hutkrämpe und hält den Blick scharf auf das Ziel gerichtet, wie gesagt, geradeso wie Winnetou und ich jetzt.“

So wie er in Worten erklärte, so that er auch, und der Apache ebenso.

„Man drückt den Kolben mit der rechten Hand fest an die Hüfte und den Lauf an das Knie, greift mit der linken nach rechts hinüber und legt sie oberhalb des Schlosses an das Gewehr, welches dadurch eine höchst sichere Lage erhält, legt den Zeigefinger der rechten Hand an den Drücker, richtet den Lauf so, daß die Kugel nahe über den Augen, also in die Stirn des Kundschafters einschlagen muß, ein Zielen, welches allerdings gelernt sein will, und drückt los – – da!“

Sein Schuß blitzte auf, und in demselben Augenblicke krachte auch derjenige des Apachen. Beide sprangen dann blitzschnell vom Boden auf. Winnetou schnellte, sein Gewehr von sich werfend und das Messer aus dem Gürtel reißend, wie ein Panther über den Bach hinüber und in das Dickicht hinein.

„Uhvai Vunun! Uhvai pa-ave! Uhvai umpare! – die Feuer aus! Nicht bewegen! Nicht sprechen!“ rief Old Shatterhand im Utahdialekte der Schoschonen.

Zugleich warf er, indem er mit dem bestiefelten Fuße in das Feuer, an welchem er gesessen hatte, fuhr, die Brände desselben in den Teich. Dann sprang er dem Apachen nach.

Die Schoschonen waren ebenso wie die Weißen bei dem Knall der beiden Schüsse emporgesprungen. Die geistesgegenwärtigen roten Krieger befolgten, als sie Old Shatterhands Ruf hörten, im Augenblicke seinen Befehl, indem sie die Brände ins Wasser schleuderten. Im Nu herrschte tiefe Dunkelheit, und doch waren seit den Schüssen kaum vier oder fünf Sekunden vergangen.

Auch das Gebot, still zu sein, wurde berücksichtigt, nur von einem nicht, nämlich von dem im Wasser sitzenden Neger, um dessen Kopf die Feuerbrände flogen und zischend in der Flut verlöschten.

„Jessus, Jessus!“ schrie er auf. „Wer haben da schießen? Warum werfen Feuer auf arm Masser Bob? Soll Masser Bob verbrennen und versaufen? Soll er werden gekocht wie Karpfen? Warum es dunkel werden? Oh, oh, Masser Bob sehen gar niemand mehr!“

„Schweig, Dummkopf!“ rief Jemmy ihm zu.

„Warum soll Masser Bob schweigen? Warum jetzt nicht–“

„Still! Sonst wirst du erschossen! Es sind Feinde hier!“

Von diesem Augenblicke an war „Masser Bobs“ Stimme nicht mehr zu hören. Er saß bewegungslos im Wasser, um seine teure Gegenwart dem Feinde ja nicht zu verraten.

Stille war es rundum. Nur ein zeitweiliges Hufstampfen oder das Schnauben eines Pferdes ließ sich hören. Die so unerwartet aus ihrer Sicherheit aufgeschreckten Männer hatten sich eng zusammengedrängt. Die Indianer sprachen kein Wort; die Weißen aber flüsterten einander leise Bemerkungen zu.

„Was ist denn los? Was ist denn geschehen, Herr Pfefferkorn?“ fragte der Hobble-Frank. „Die zwee Beeden brauchten doch gar nich zu schießen. Wir hätten die Erklärung ooch ohne die Schüsse verschtanden. Oder sollten in Wirklichkeet sich feindselige Wesen in unserer Nähe befinden?“

„Ganz gewiß. Was Old Shatterhand als bloßes Beispiel darstellte, das fand in Wirklichkeit statt. Er hat einen oder wohl gar mehrere Kundschafter gesehen.“

„Alle Teufel! Das kann zuweilen für uns äußerscht gefährlich werden! Es müssen mehrere Kerls gewest sein, sonst hätte der Apache nich ooch mit geschossen. Was ist da zu thun?“

„Wir müssen ruhig warten, bis die beiden zurückkehren.“

„Hm! Die sind übers Wasser nüber! So eene unvorsichtige Verwegenheet! Wenn sie nun da drüben von den Kundschaftern erwischt und um ihr bißchen irdisches Dasein gebracht werden!“

„Pah! Diese zwei Männer wissen ganz genau, was sie thun. Zunächst ließ Old Shatterhand die Feuer auslöschen, damit niemand auf uns zielen könne, falls außer den beiden Erschossenen noch mehr Feinde vorhanden sein sollten.“

„So denken Sie also, daß die Kerls wirklich erschossen worden sind?“

„Ich will sogar mitwetten, daß die genau in die Stirne getroffen wurden.“

„Das wäre mehr als schtark! Das wäre sogar schtärker und am schtärksten! Was da für Oogen dazu gehören! Und nun suchen sie drüben wohl, ob der Feind in größerer Menge angezogen kommt?“

Ehe Jemmy antworten konnte, ertönte Old Shatterhands laute Stimme:

„Ein Feuer wieder anbrennen! Haltet euch aber fern von demselben, damit ihr nicht gesehen werdet.“

Jemmy und Davy knieten nieder, um diesen Befehl zu erfüllen, und zogen sich dann schleunigst in die Dunkelheit zurück.

„Erscht wird das Feuer ausgelöscht und nun wieder angebrannt. Wozu denn aber? Ich kann das nich begreifen!“ flüsterte Frank dem Dicken zu.

„Das ist auch nicht notwendig,“ antwortete dieser. „Darauf, daß gerade Sie es begreifen sollen, ist es wohl auch gar nicht angefangen.“

„Aber eenen Zweck muß es doch haben!“

„Allerdings. Unsere beiden Anführer haben das Terrain erst im Dunkel abgesucht und jedenfalls weiter nichts Verdächtiges gefunden. Nun wollen sie wohl tiefer in den Wald hinein. Da werden sie einen weiten Kreis um das Lager beschreiben, und indem sie auf dem Boden hinkriechen und dabei immer gegen das Feuer blicken, kann ihren scharfen, geübten Augen nichts Verdächtiges entgehen.“

„So also ist’s gemeent! Hören Sie mal, mein lieber Herr Pfefferkorn, tüchtige Kerls sind diese zwee Beeden! Zu dem, was sie können und was sie wagen, gehört wirklich mehr als Zuckerwassertrinken! Ich gloobe nich, daß ich’s zu schtande brächte. Aber wenn’s zum Kampfe kommt, da schtelle ich meinen Mann; das können Sie mir gern und dreiste glooben!“

„Ich hoffe das, da Sie es jedenfalls gut verstehen, mit Ihrem Gewehre umzugehen.“

„Na, und ob und wie! Aber sehen Sie doch mal hin nach dem Teiche! Da sitzt der Bob noch immer. Er hat den Kopf so tief niedergezogen, daß ihm das Wasser bis an den Mund geht. Der will nich erschossen sein und doch ooch nich ertrinken.“

„Er mag allerdings keine geringe Besorgnis fühlen. Schau! Da kommen sie!“

Im Scheine des Feuers waren Winnetou und Old Shatterhand zu sehen, welche zurückkehrten, jeder mit einem Gewehre in der Hand und einem Indianer auf der Schulter. Die anderen wollten sich um sie drängen, aber Old Shatterhand sagte:

„Jetzt gibt es keine Zeit zu Auseinandersetzungen. Diese beiden Toten werden auf Reservepferde gebunden und dann brechen wir auf. Es sind zwar nur die beiden hier am Lager gewesen, aber man kann nicht wissen, wie viele hinter ihnen stehen. Also schnell.“

Beide Leichen hatten ein rundes Loch in der Stirn und auch ein solches im Hinterkopfe. Die Kugeln waren ihnen also durch den Kopf gegangen, ganz wie Old Shatterhand zu Winnetou gesagt hatte: „Tayassi – in die Stirn.“

Die anderen waren wohl auch vortreffliche Schützen, eine so unglaubliche Sicherheit des Schusses aber setzte sie in das größte Erstaunen, und die Schoschonen flüsterten heimlich miteinander und warfen abergläubische Blicke auf die beiden berühmten Männer.

Der Aufbruch wurde schnell und still vorbereitet. Natürlich mußte das Feuer wieder verlöscht werden; dann setzten Winnetou und Shatterhand sich an die Spitze des Zuges, und der nächtliche Ritt begann.

Wohin er gehen solle, das fragte niemand. Man verließ sich auf die beiden Führer. Das Thal wurde bald so eng, daß einer hinter dem anderen reiten mußte. Dieser Umstand und die gebotene Vorsicht ließen kein Gespräch aufkommen.

Natürlich hatte man den Neger nicht im Wasser sitzen lassen. Er saß ohne Kleidung auf seinem Gaule und mußte am Ende des Zuges reiten, weil er das duftende Vermächtnis des Stinktieres noch sehr merklich an sich trug. Er hatte vom langen Davy dessen alte, zerfetzte Santillodecke, welche demselben als Sattel diente, erhalten und sie sich wie einen Südseeinsulanerschurz um die Hüften gewickelt. Er war mit sich und seinem Schicksale zerfallen, und sein immerwährendes leises Vorsichhinbrummen ließ vermuten, daß er allerhand trüben und zornigen Gedanken Audienz gebe.

So ging es in möglichster Stille und möglichster Schnelligkeit stundenlang fort, erst durch das enge Thal, dann eine breite, kahle Berglehne empor, drüben wieder hinab, über eine vielfach gewundene, schmale Prairie, und als der Tag endlich zu grauen begann, stieg vor den Reitern ein steiler Paß zwischen hohe, dunkel bewaldete Berge hinein. Dort, am Fuße der letzteren, blieben die beiden Führer halten und stiegen von ihren Pferden. Die anderen folgten diesem Beispiele.

Die beiden Leichen wurden von den Pferden genommen und auf die Erde gelegt. Die Schoschonen bildeten einen weiten Kreis um die Stelle. Sie wußten, daß jetzt eine Untersuchung beginnen werde, deren Schwierigkeit sie sehr gut kannten. Hier durften zunächst nur die Häuptlinge sprechen; die gewöhnlichen Krieger mußten es abwarten, ob man sie mit zu Rate ziehen werde oder nicht.

Die Toten waren nach indianischer Weise teils in Zeug und teils in Leder gekleidet. Ihr Alter war kaum mehr als zwanzig Jahre.

„Das dachte ich mir,“ sagte Old Shatterhand. „Nur unerfahrene Krieger öffnen, wenn sie ein feindliches Lager beschleichen, die Augen so vollständig, daß deren Leuchten so gut bemerkt werden kann. Ein schlauer Kundschafter aber versteckt das Auge halb unter Lid und Wimper. Dann ist es selbst für unsereinen schwer, seinem Blicke mit dem unserigen zu begegnen. Aber zu welchem Stamme gehören sie?“

Diese Frage war an Jemmy gerichtet.

„Hm!“ brummte dieser. „Werdet Ihr glauben, Sir, daß Euere Frage mich verlegen macht?“

„Ich glaube es, denn ich kann sie in diesem Augenblicke selbst auch nicht beantworten. Auf einem Kriegszuge befinden sie sich; das ist sicher, denn die Kriegsfarben in ihren Gesichtern sind zwar ziemlich verwischt, aber doch vorhanden. Schwarz und rot! Die Farben der Ogallala. Aber die Kerls scheinen doch keine Sioux zu sein. Aus ihrer Kleidung ist nichts zu ersehen. Durchsuchen wir doch einmal ihre Taschen!“

Dieselben waren vollständig leer. Trotz sorgfältigsten Suchens war nicht die geringste Kleinigkeit zu finden. Bei jeder Leiche hatte gestern abend ein Gewehr gelegen. Auch diese wurden untersucht. Sie waren geladen, zeigten aber kein Merkmal, aus welchem man auf die Stammesangehörigen der Erschossenen hätte schließen können.

„Vielleicht sind sie ganz ungefährlich für uns gewesen,“ bemerkte der lange Davy. „Sie sind zufällig in die Gegend gekommen, in welcher wir lagerten, und haben uns zu ihrer eigenen Sicherheit beschleichen müssen. In diesem Falle wären sie fortgegangen, ohne uns ein Leid zu thun, und dann bedaure ich sehr, daß sie ihr Leben haben geben müssen.“

Old Shatterhand schüttelte den Kopf und antwortete:

„Ihr wollt ein Westmann sein, Master Davy? Wenn Ihr wirklich einer seid, so kann man von Euch verlangen, daß Ihr gelernt habt, folgerichtig zu denken.“

„Nun, Sir, ich meine, daß ich meine fünf Sinne beisammen habe.“

„Wirklich? Na, ich will nicht daran zweifeln. Aber der Ort, an welchem wir lagerten, war so beschaffen, daß man nicht zufällig an ihn gelangt. Diese Leute hier sind unserer Spur gefolgt.“

„Das beweist noch nichts gegen sie!“

„Nein. Aber sie haben ganz vorsichtigerweise alles von sich gethan, was auf ihren Stamm schließen lassen könnte. Das ist verdächtig. Sie waren mit Gewehren, aber nicht mit Munition versehen. Das ist noch verdächtiger, denn ohne Pulver und Blei entfernt kein Indianer sich von seiner Horde. Sie gehören unbedingt zu einer Truppe, deren Kundschafter sie sind.“

„Hm! vielleicht haben sie nicht einmal Pferde gehabt.“

„Nicht? Seht Euch doch einmal die Lederhose dieses einen an. Sind nicht die Beine an den inneren Seiten aufgerieben? Wovon soll das sein, wenn nicht vom Reiten!“

„Von früher her vielleicht.“

Old Shatterhand kniete nieder und hielt seine Nase an die Hose. Dann sagte er, wieder aufstehend:

„Riecht einmal dieses Beinkleid an! Der Pferdegeruch ist nicht zu verkennen; da er aber in der Wildnis schnell vergeht, so will ich um viel mitwetten, daß diese beiden Roten noch gestern zu Pferde gesessen haben.“

Da trat Wohkadeh, welcher bisher in respektvoller Entfernung gestanden hatte, herbei und sagte:

„Die berühmten Männer mögen Wohkadeh erlauben, ein Wort zu sprechen, obwohl er noch jung und unerfahren ist!“

„Sprich immerhin,“ nickte Old Shatterhand ihm wohlwollend zu.

„Wohkadeh kennt zwar nicht diese roten Krieger, aber er kennt das Jagdhemde des einen.“ .

Er bückte sich nieder, hob den Saum des Jagdhemdes empor, deutete auf einen Schnitt, welcher sich in demselben befand, und erklärte:

„Wohkadeh hat sein Totem (Zeichen) hineingeschnitten, denn es sollte ihm gehören.“

„Ah! Das ist ein ganz wunderbares Zusammentreffen. Vielleicht erfahren wir nun Genaueres.“

„Wohkadeh kann nichts Sicheres sagen, aber er vermutet, daß diese beiden jungen Krieger zum Stamme der Upsarocas gehören.“

So nennen sich die Krähenindianer.

„Welchen Grund hat mein junger Bruder zu dieser Vermutung?“ fragte Old Shatterhand.

„Wohkadeh war dabei, als die Upsarocas von den Sioux Ogallala bestohlen wurden. Wir kamen von dem langgestreckten Berge her, welchen die Bleichgesichter den Rücken des Fuchses nennen, und gingen über den nördlichen Arm des Cheyenneflusses, da, wo derselbe sich zwischen dem dreifachen und dem Inyancara-Berge hindurchwindet. Während wir zwischen dem Berge und dem Flusse hinritten, bogen wir um die Ecke eines Waldes und sahen viele rote Männer, welche im Wasser badeten. Es war ein heißer Tag. Die Ogallalas hielten eine kurze Beratung. Die Badenden waren Upsarocas, also Feinde von ihnen. Es wurde beschlossen, ihnen die größte Schande anzuthun, welche einem roten Krieger widerfahren kann ––“

„Alle Teufel!“ rief Old Shatterhand. „Sie haben ihnen doch nicht etwa die größten Heiligtümer, ihre Medizinbeutel, rauben wollen?“

„Mein weißer Bruder hat es erraten.“

„So weiß ich nun alles, was du erzählen willst. Aber sprich nur weiter!“

„Die Sioux-Ogallala ritten unter den Bäumen hin bis zur Stelle, an welcher die Pferde der Upsarocas weideten. Dort lagen deren Kleider und Waffen, dazu auch die Medizinen, die sonst kein Krieger vom Halse nimmt. Die Ogallala stiegen ab und schlichen sich hinzu. Da ein Gebüsch zwischen dem Orte und dem Flusse war, so gelang es ihnen leicht, den Diebstahl auszuführen, denn sie konnten von den Badenden nicht bemerkt werden.“

„Hatten diese denn keine Wache zurückgelassen?“

„Nein. Sie konnten nicht vermuten, daß ein Trupp feindlicher Ogallala dahin kommen könne, wo damals die Rosse der Upsarocas weideten. An den Waffen vergriffen die Sioux sich nicht, denn sie hatten ja selbst welche; aber die vorhandene Munition und einige Kleidungsstücke nahmen sie mit. –“ Wohkadeh schwieg einen Augenblick.

„Dann?“ – frug Old Shatterhand.

„Dann,“ fuhr Wohkadeh fort, „stiegen sie wieder auf ihre Pferde, ergriffen ihre Tiere und galoppierten mit denselben davon. Später gaben sie die schlechten frei und behielten die guten für sich. Als die Beute geteilt wurde, bekam Wohkadeh dieses Jagdhemd für sich. Er aber wollte kein Dieb sein, sondern er schnitt sein Totem hinein und warf es dann heimlich weg.“

„Wann war das?“

„Zwei Tage vorher, ehe ich von den Ogallala als Kundschafter gegen die Krieger der Schoschonen ausgesandt wurde.“

„Also ganz kürzlich erst. Sechs Tage später trafst du mit Jemmy und Davy zusammen. Jetzt ist mir alles klar, und es ist für uns ein großes Glück, daß wir diese beiden Upsaroca bemerkt und getötet haben. Hat Wohkadeh die Badenen gezählt?“

„Nein, aber es waren weit mehr als zehn.“

„Sie haben sich möglichst schnell mit neuen Pferden und neuer Munition versehen und sind den Dieben nach. Dabei wurde von ihnen dieses weggeworfene Jagdhemd gefunden, welches der rechtmäßige Eigentümer wieder an sich nahm.“

„Es kann aber auch anders sein,“ warf Jemmy ein. „Kann nicht irgend ein ganz unbeteiligter Mensch das Hemd gefunden und angezogen haben?“

„Nein, denn in diesem Falle hatte er sein eigenes Kleidungsstück darunter. Dieser Tote hier aber hat unter demselben eine alte, zerfetzte Jacke auf dem Leibe, der man es wohl ansieht, daß sie nur als Aushilfe dienen mußte. Es gibt keine größere Schande für einen Indsman, als wenn ihm sein Heiligtum gestohlen wird. Er darf sich nicht eher wieder bei den Seinen sehen lassen, als bis er es sich wiedergeholt oder an seiner Stelle ein anderes geraubt und also den Besitzer desselben getötet hat. Der Indianer, welcher auszieht, um einen verlorenen Medizinsack zu ersetzen, entwickelt eine beinahe wahnsinnige Verwegenheit. Es ist ihm ganz gleich, ob er einen Freund oder einen Feind tötet, und so bin ich vollständig überzeugt, daß wir gestern abend einer außerordentlichen Gefahr entgangen sind. Wie nun, bester Jemmy, wenn wir uns auf Eure Augen hätten verlassen müssen?“

„Hm!“ antwortete der Dicke, indem er mit der Hand unter den Hut fuhr, um sich verlegen zu kratzen. „In diesem Falle lägen wir irgendwo in aller Ruhe, aber ohne Skalp und Leben. Ich verstehe zwar auch, des Nachts ein Auge zu erkennen, aber gestern war ich so überzeugt, daß kein feindliches Wesen in der Nähe sei, und habe mich also um dergleichen gar nicht bekümmert. Ihr meint also wohl, daß die Upsarocas hinter uns her sind?“

„Jedenfalls folgen sie uns. Jetzt nun erst recht, da wir zwei der Ihrigen getötet haben.“

„Das wissen sie wohl nicht genau.“

„Sie werden jedenfalls das Blut finden. Es mag zwar wenig aus den Wunden geflossen sein, aber doch so viel, daß es heute am Tage bemerkt wird.“

„So müssen wir also für heute abend auf einen Überfall vorbereitet sein.“

„Sie mögen kommen,“ meinte der lange Davy. „Wohkadeh sagt, sie seien über zehn gewesen; sagen wir zwanzig, so sind wir ihnen mehr als doppelt überlegen.“

„So rechne ich nicht,“ entgegnete Old Shatterhand. „Wenn wir es zu einem nächtlichen Überfalle kommen lassen, so fließt Blut, mag das nun das unserige oder das ihrige sein. Siegen würden wir sicher, aber einige von uns müßten doch wohl diesen Sieg mit dem Leben bezahlen. Das können wir vermeiden. Was sagt mein roter Bruder dazu?“

Diese Worte waren an Tokvi-tey, den Häuptling der Schoschonen gerichtet. Er blickte eine Weile sinnend vor sich nieder und fragte dann:

„Wollen meine weißen Brüder nicht eine Beratung halten? Die roten Krieger beginnen nichts, bevor sie nicht die Meinung der Erfahrenen gehört haben.“

„Das werden wir ja auch; aber zu einer Beratung, wie die roten Krieger sie gewöhnt sind, haben wir keine Zeit. Sind die Upsarocas jetzt Feinde der Schoschonen?“

„Nein. Sie sind die Feinde der Sioux-Ogallala, welche auch unsere Feinde sind. Wir haben gegen sie nicht das Beil des Krieges ausgegraben; aber ein Krieger, welcher eine Medizin sucht, ist der Feind aller Menschen. Man muß sich gegen ihn verwahren wie gegen ein wildes Tier. Meine weißen Brüder mögen klug sein und Vorkehrungen zu unserer Sicherheit treffen!“

jetzt warf Old Shatterhand einen fragenden Blick auf Winnetou, welcher bis jetzt noch kein Wort gesprochen hatte. Es war wirklich zum Verwundern, wie gut sich diese beiden verstanden. Ohne daß Old Shatterhand irgend einem Plane Worte gegeben hatte, erriet Winnetou seine Gedanken, denn der Apache antwortete:

„Mein Bruder beabsichtigt das Richtige.“

„Einen Bogen rückwärts reiten?“

„Ja. Winnetou stimmt bei.“

„Das freut mich. In diesem Falle sind wir nicht die Angegriffenen, sondern die Angreifer, und da es am Tage geschieht, so werden die Upsarocas sehen, wie sehr wir ihnen überlegen sind. Vielleicht ergeben sie sich uns freiwillig.“

„Werden sich hüten!“ meinte Jemmy.

„Ich hoffe es dennoch. Es kommt ganz darauf an, wie wir es anfangen. Wenn ich mich nicht irre, so erreicht man von, hier aus in zwei Stunden einen Ort, welcher sich ganz ausgezeichnet zur Ausführung meines Planes eignet.“

„So wollen wir hier nicht unnötig die Zeit versäumen. je länger wir hier bleiben, desto weniger Muße haben wir dort, uns vorzubereiten. Was aber fangen wir mit diesen Toten an?“

„Die Skalpe dieser beiden Krieger gehören Old Shatterhand und dem Häuptling der Apachen, von denen sie getötet wurden,“ antwortete Tokvi-tey.

„Ich bin ein Christ. Ich skalpiere nicht,“ sagte der erstere.

Und Winnetou antwortete mit einer abweisenden Handbewegung:

„Der Häuptling bedarf nicht des Skalpes dieses Knaben, um seinen Namen berühmt zu machen. Diese Toten sind unglücklich genug, da sie ohne ihr Heiligtum nach den ewigen Jagdgründen gegangen sind. Man soll nicht auch noch ihre Seelen töten, indem man ihnen die Skalplocke nimmt. Sie mögen ruhen unter Steinen, mit ihren Gewehren, denn sie sind als Krieger gestorben, welche den Mut gehabt haben, sich an das Lager ihres Feindes zu wagen.“

Das hatte der Anführer der Schoschonen nicht erwartet. Er fragte mit allen Zeichen des Erstaunens:

„Meine Brüder wollen denen, welche nach ihrem Leben trachteten, ein Begräbnis geben?“

„Ja,“ antwortete Old Shatterhand. „Wir werden ihnen ihre Gewehre in die Hand geben, sie aufrecht setzen, mit den Gesichtern nach der Gegend der heiligen Steinbrüche, und dann Steine auf sie legen. So ehret man die Krieger. Wenn dann ihre Brüder kommen, um uns zu verfolgen, so werden sie erkennen, daß wir nicht ihre Feinde, sondern ihre Freunde sind.“

„Meine beiden berühmten Brüder thun, was ich nicht begreife!“

„Würdest du dich nicht freuen, wenn du die Deinen so begraben fändest?“

„Tokvi-tey würde sich sehr freuen und daraus erkennen, daß die Feinde edle Krieger seien.“

„So zeig‘, daß auch du ein edler Krieger bist, und gebiete deinen Männern, Steine zu holen, mit denen wir die Hügel errichten!“

Das Begriffsvermögen der Schoschonen reichte nicht aus, sich in die Ansichten der beiden Männer hineinzudenken, doch hegten sie vor ihnen eine solche achtungsvolle Scheu, daß sie sich nicht weigerten, dem ausgesprochenen Wunsche zu entsprechen.

Die beiden Gefallenen wurden in sitzende Stellung aufgerichtet, einer rechts und der andere links vom Eingange des Passes, mit den Gesichtern nach Nordost gerichtet. Sie erhielten ihre Gewehre in die Hände und wurden dann mit Steinen bedeckt. Als diese Arbeit beendet war, wurde wieder aufgebrochen. Vorher aber sagte Winnetou zu Old Shatterhand:

„Der Häuptling der Apachen wird hier zurückbleiben, um die Ankunft der Upsarocas zu beobachten. Der junge Sohn des Bärentöters mag an seiner Seite sein.“

Das war eine Auszeichnung für Martin Baumann, welche dieser sehr wohl zu würdigen verstand. Es erfüllte ihn mit freudigem Stolz, zu dieser Bevorzugung auserwählt worden zu sein. Diese beiden blieben also zurück, und die anderen ritten unter Old Shatterhands Führung weiter.

jetzt, da es Tag war, ging der Ritt bedeutend schneller vor sich als während der vergangenen Nacht. Zuweilen eben, meist aber bergan, führte der Paß tief zwischen langgezogene Höhen hinein. Nach Verlauf von zwei Stunden, also der angegebenen Zeit, traten die Höhen zu einem Cannon zusammen, eng, hoch, und fast lotrecht emporsteigend. Der Paß war nur so breit, daß drei Reiter nebeneinander Platz finden konnten. Es war ganz unmöglich, zu Fuße, viel weniger aber zu Pferde, an den Seiten emporzuklimmen. Da blieb Old Shatterhand halten. Er deutete in den schnurgerade fortlaufenden Cannon hinein und erklärte:

„Wenn die Upsarocas kommen, werden wir sie hier eindringen lassen. Die Hälfte von uns bleibt unter der Anführung Tokvi-teys und Winnetous hier versteckt zurück und bricht, sobald ich mein Gewehr abschieße, hinter dem Feinde in die Enge ein. Die andere Hälfte postiert sich mit mir an den Ausgang des Passes. Auf diese Weise wird der Feind vollständig eingeschlossen und hat nur die Wahl, entweder elend niedergeschossen zu werden oder sich freiwillig zu ergeben.“

Das leuchtete allen ein. Das Terrain war ganz zur Ausführung dieses Planes geeignet.

„Die Upsarocas müßten aber doch geradezu mit Ruten gepeitscht werden, wenn sie so dumm wären, in die Falle zu gehen,“ sagte der dicke Jemmy.

„Sie werden natürlich nicht sofort hineinschlüpfen,“ antwortete Old Shatterhand. „Sie werden hier halten und sich beraten. Da ist nun freilich die Hauptsache, daß sie durch nichts auf die Anwesenheit unserer Krieger aufmerksam gemacht werden. Diese müssen sich also hier so gut verstecken, daß es unmöglich ist, sie zu bemerken. Tokvi-tey ist ein tapferer und auch kluger Krieger. Er wird seine Befehle geben. Und wenn nachher Winnetou kommt, weicher ja auch mit hierbleiben soll, so führen zwei Männer, auf welche ich mich wohl verlassen kann, den Befehl.“

Das schmeichelte dem Häuptling der Schoschonen. Es stand zu erwarten, daß er sehr besorgt sein werde, das auf ihn gesetzte Vertrauen nicht zu täuschen. Er blieb mit dreißig seiner Leute zurück und begann sofort, das Terrain zu rekognoszieren, um die geeigneten Maßregeln zu ergreifen. Glücklicherweise war der Boden so felsig, daß an eine erkennbare Fährte gar nicht gedacht werden konnte, und rückwärts des Cannons stand der Wald so dicht, daß es nicht schwer erschien, ein gutes Versteck zu finden.

Old Shatterhand durchritt mit den anderen den Cannon. Dieser war so kurz, daß man, am Eingange desselben stehend, den Ausgang recht wohl sehen konnte. Dort, wo er plötzlich wieder zum breiten Passe wurde, bestand der Boden aus Humuserde, aus welcher riesige Bäume zum Himmel ragten. Zwischen den Stämmen derselben lagen zahlreiche zerstreute Felsstücke.

Hatten die Leute erwartet, daß Old Shatterhand hier sofort anhalten werde, so hatten sie sich getäuscht. Er ritt vielmehr weiter und ließ dabei sein Pferd kurbettieren, um eine recht deutliche, auffällige Fährte zurückzulassen.

„Aber, Sir,“ sagte der dicke Jemmy, „ich denke, wir sollen hier am Ausgange der Schlucht bleiben!“

„Ja, das werden wir freilich. Aber folgt nur vorher noch eine Strecke, und sorgt dafür, daß wir eine gute Spur machen 1 Eigentlich solltet Ihr gar nicht fragen, Master Jemmy. Was ich thue, das ist ja ganz selbstverständlich.“

Er ritt wohl noch eine ziemliche Viertelstunde weiter. Dann hielt er an, wendete sich zu den anderen um und fragte.

„Nun, Mesch’schurs, wißt ihr, warum ich so weit vorgeritten bin?“

„Etwa wegen wahrscheinlicher Kundschafter?“ antwortete Jemmy.

„Ja. Die Upsarocas werden sich nicht eher in den Paß wagen, als bis sie sich durch Kundschafter überzeugt haben, daß das vor ihnen liegende Terrain sicher ist. Ich vermute, daß diese Kundschafter an einen Hinterhalt denken und also äußerst vorsichtig sein werden. Wir lassen unsere Gegenwart nicht merken, stellen ihnen auch kein Hindernis, welches nicht ganz notwendig ist, in den Weg, und warten dann das übrige ruhig ab.“

„Und was thun wir jetzt?“

„Jetzt kehren wir zum Ausgange des Cannons zurück, natürlich aber nicht auf dieser Fährte, sondern wir biegen hier zur Seite in den Wald hinein. Folgt mir nur!“

Die Seitenwände des Passes bildeten hier eine nicht sehr steile Böschung, welche von den Pferden unschwer erklommen werden konnte. Old Shatterhand ritt den Seinigen voran, ein gutes Stück der Steilung hinan, und dann bog er nach dem Ausgange des Cannons zurück. Als er sein Pferd anhielt, befand sich seine Schar parallel mit dem Ende der Schlucht auf halber Höhe oben. Von hier aus konnte man selbst zu Pferde in wenigen Sekunden hinunter gelangen und den Ausgang besetzen.

Die Reiter stiegen von den Pferden und banden dieselben an die Bäume. Sie selbst nahmen in Gruppen, wie die Personen sich beliebig zusammenfanden, in dem weichen Moose Platz. Natürlich waren es die Weißen, welche zunächst beieinander saßen. Nur Wohkadeh hatte sich ihnen angeschlossen; von den Schoschonen wagte sich keiner in ihre unmittelbare Nähe.

„Ob wir lange werden warten müssen?“ meinte Jemmy.

„Das können wir uns so ziemlich sicher ausrechnen,“ antwortete der Anführer. „Die Upsarocas werden bei Anbruch des Tages nach ihren beiden Kundschaftern geforscht haben. Bis sie entdecken, was am Lager geschehen ist, können sie wohl zwei Stunden zubringen. Da angekommen, wo wir die beiden Grabhügeln errichtet haben, werden sie dieselben öffnen und untersuchen. Nehmen wir an, sie brauchen dazu und zur Beratung, die sie dann sicher halten werden, eine Stunde, so haben wir in Summa drei Stunden. Wir haben von dem Lagerplatze bis hierher fünf Stunden gebraucht. Wenn die Feinde ebenso schnell oder ebenso langsam reiten wie wir, werden sie also acht Stunden nach Tagesanbruch hier sein. Wir haben also von jetzt an noch ungefähr fünf Stunden Zeit.“

„O weh! Was fangen wir während dieser kleinen Ewigkeit nur an?“

„Da brauchen Sie gar nich erst zu fragen!“ antwortete der Hobble-Frank. „Wir schprechen een bißchen von der Kunscht und von den Wissenschaften. Das ist das beschte, was man thun kann. Das bildet den Kopf, veredelt das Herz, macht das Temperamente sanft und gibt dem natürlichen Charakter diejenige Festigkeet, welche notwendig ist, wenn man in den Schtürmen des Lebens nich mit allen Winden davonfliegen will. Off die Kunscht und off die Wissenschaft lasse ich eemal nichts kommen. Diese beeden sind mein tägliches Brot, mein Anfang und mein Ende, mein – – brrr! Was ist denn das hier eegentlich für een infamer Geruch? Das riecht doch noch viel schlimmer, als ob hier eene geschtorbene Leiche nich richtig eingescharrt worden wäre! Oder – – hm!“

Er blickte sich um und gewahrte den Schwarzen, welcher hinter dem Baume lehnte, unter welchem der Sachse saß.

„Willst du gleich fort, du Sakkerment!“ schrie er ihn an. „Wie kannst du dich da an meinen Boom randrücken! Denkst du etwa, ich habe meine Nase vom Maskenverleiher geborgt? Geh fort, Zuave, und konzentriere dich nach Afrika! Unsere Nerven aber sind zu sehre kultiviert für dich. Nelken, Reseda und Blümelein Vergißmeinnicht, das lass‘ ich mir gefallen. Aber Skunk mag ich selbst der feinsten Dame nich ins smelling-bottle raten!“

„Masser Bob riechen gut, sehr gut!“ verteidigte sich der Neger. „Masser Bob nicht stinken. Masser Bob haben sich waschen in Wasser, mit Asche und Fett vom Bären. Masser Bob sein ein fein, nobel Gentleman!“

„Was? Du willst e Mann von hoher, wohlriechender Geburt sein! Wart, Bursche, meine Atmosphäre sollst du mir nich verrealinjurieren!“

Er ergriff seine Büchse, legte auf Bob an und drohte:

„Wenn du nich gleich verschwindest, so schieße ich dir beede Kugeln fünfmal um den schwarzen Leib herum!“

„Jessus, Jessus! Nicht schießen, nicht schießen!“ schrie der Schwarze. „Masser Bob gehen bereits fort. Masser Bob setzen sich weit fort!“

Er zog sich schleunigst nach einem entfernten Ort zurück, wo er sich schmollend und leise räsonnierend niedersetzte.

Der kleine Sachse brachte seinen Vorschlag, über Kunst und Wissenschaft zu reden, nochmals zu Gehör; aber Old Shatterhand antwortete ihm:

„Ich glaube, wir können unsere Zeit auf eine heilsamere Weise benutzen. Wir haben in der vergangenen Nacht nicht geschlafen. Legt euch alle aufs Ohr und versucht, ein Nickerchen zu halten. Ich werde wachen.“

„Sie? Warum denn grad Sie? Sie haben doch ebensowenig wie wir sich in Mosjeh Orpheus‘ seinen Armen gewiegt.“

„Morpheus heißt es!“verbesserte Jemmy.

„Kommen Sie mir schon wieder so! Warum verdefendiert mich denn keen anderer nich, als nur immer Sie alleene! Was Sie nur mit Ihrem Morpheus wollen! Ich weeß es ganz genau, wie es heeßen muß. Ich war ja Mitglied vom Gesangverein, der Orpheus hieß. Wenn man sich da mal so richtig ausgesungen hatte, besonders wenn nich viele Pausen bei den Noten waren, da schlief sich’s hinterher ganz wunderbar. So een Gesangverein ist das beste Mittel gegen schlaflose Nachtgedanken, und darum muß es eben Orpheus heeßen.“

„Gut, lassen wir’s dabei!“ lachte der Dicke, indem er sich lang ins Moos streckte. „Ich will lieber schlafen, als mit ihnen solche gelehrte Nüsse aufknacken.“

„Dazu fehlen Ihnen eben die Haare off den Zähnen. Wer nichts gelernt hat, der kann ooch nichts. Schlafen Sie also immer fort; die Weltgeschichte erleidet keene Einbuße dabei.“

Und als er nun keinen anderen fand, den er von seiner geistigen Überlegenheit überzeugen konnte, machte er es sich auch bequem und versuchte ein Schlummerchen zu thun. Von Old Shatterhand aufgefordert, folgten die Schoschonen diesem Beispiele, und bald schliefen alle außer dem Anführer. Sogar die Pferde legten sich oder ließen müde die Köpfe hängen. Das hatte nicht das Aussehen, als ob nach wenigen Stunden sich hier eine blutige Scene abspielen könne.

Old Shatterhand stieg von der Höhe hinab, durchschritt langsam den Cannon und blickte sich jenseits desselben forschend um. Er lächelte befriedigt, denn es war hier keine Spur zu bemerken, welche angedeutet hätte, wo Tokvi-tey sich mit seinen Leuten befand. Der Schoschone hatte also seine Maßregeln sehr gut getroffen.

Nun kehrte er wieder zurück und setzte sich am Ausgange der Schlucht auf einen Stein. Mit auf die Brust gesenktem Kopf saß er stundenlang unbeweglich da. Woran dachte der berühmte Jäger? Vielleicht ließ er die Tage seines vielbewegten Lebens wie ein hochinteressantes Panorama an sich vorüberziehen.

Da ließ sich der Hufschlag eines Pferdes vernehmen. Old Shatterhand stand auf und lauschte um die Ecke des Felsens. Martin Baumann kam geritten; da konnte Shatterhand sich zeigen.

„Ist Winnetou auch da?“ fragte er.

„Ja. Er wurde von Tokvi-tey angerufen und ist bei ihm geblieben, da Sie es so gewünscht haben. Auch ich soll zu ihnen zurückkehren.“

„Das ist mir recht. Der Apache scheint Ihnen sein Wohlwollen zu widmen. Nehmen Sie das in acht, junger Freund! Es gibt keinen zweiten, der Ihnen hier im Westen so zu nützen vermag wie der Häuptling, dem auch ich so viel verdanke.“

„Keinen zweiten?“ fragte der Jüngling lächelnd. „Sind nicht Sie es, dem wir alle bereits so sehr viel zu danken haben?“

„Pah ! Kleinigkeit! Im Grunde genommen, trage doch ich die Schuld an der Gefangenschaft Ihres Vaters. Ich hoffe aber, daß Sie ihn frei und wohlbehalten wiedersehen werden. Doch jetzt haben wir anderes zu besprechen. Haben Sie die Upsarocas gesehen? Doch, was frage ich so überflüssig! Es versteht sich ja ganz von selbst, daß Sie sie gesehen haben.“

„Ganz von selbst? Wie nun, wenn sie gar nicht gekommen wären?“

„Pah! jetzt wollen Sie mich auf die Probe stellen,“ lachte der Jäger höchst belustigt. „Wenn sie sich noch nicht hätten sehen lassen, wären Sie noch nicht da, denn Winnetou verläßt seinen Posten sicherlich nicht eher, als bis er weiß, woran er ist. Und wenn er überzeugt wäre, daß sie überhaupt nicht kommen, so würde er nicht bei den Schoschonen bleiben, sondern mir dieselben bereits gebracht haben. Sie sehen, wenn auch der Examinand dem Examinator zuweilen eine Frage vorlegt, so ist sie doch meist überflüssig. Also, wie viele Upsarocas haben Sie gezählt?“

„Sechzehn und zwei ledige Pferde.“

„So habe ich also ganz richtig kalkuliert. Die beiden Pferde haben den Toten gehört.“

„Zwei ritten eine ziemlich weite Strecke als Kundschafter voran. Man sah, daß sie sich genau nach unserer Fährte richteten.“

„Gut, sie werden bald diejenigen kennen lernen, von denen diese Fährte zurückgelassen wurde.“

„Wir hielten uns unter Bäumen gut versteckt und ließen sie verhältnismäßig weit herankommen. Dann folgten wir ihnen im Galopp nach, um einen großen Vorsprung zu erlangen. Vorher aber konnten wir noch bemerken, daß sich ein besonders riesiger Kerl bei der Truppe befand. Er schien der Anführer zu sein, denn er ritt den anderen um einige Pferdelängen voran.“

„Konnten Sie die Art der Bewaffnung erkennen?“

„Sie hatten alle Gewehre.“

„So ist es gut. Jetzt werden Sie meine Botschaft an Winnetou genau ausrichten. Im Cannon hier haben nur drei Pferde nebeneinander Platz. Ich bitte also den Apachen, vom Gebrauche der Pferde abzusehen. Sobald die Feinde in den Cannon verschwunden sind, mag er ihnen schnell zu Fuße folgen.“

„Sind sie uns da nicht überlegen?“

„Nein, sondern wir im Gegenteile ihnen.“

„Aber sie reiten uns leicht nieder!“

„Haben Sie sich auch bereits mit taktischen Gedanken getragen? Während die Upsarocas nur drei Pferde breit reiten können, ist es uns, wenn wir zu Fuße sind, möglich, fünf Mann nebeneinander zu postieren. Das thun wir folgendermaßen: die ersten fünf setzen sich einfach platt zur Erde; die zweiten fünf knieen hinter ihnen. Hinter diesen stehen die dritten fünf in gebückter Haltung, und dann folgen die vierten fünf in aufrechter Stellung. So können zwanzig Mann genau und sicher zielen, ohne einander zu inkommodieren. Die übrigen stehen als Reserve hinter ihnen. Auf diese Weise erhalten die sechzehn Upsarocas, wenn sie sich nicht ergeben, von vorn und hinten zusammen vierzig Schüsse, natürlich nicht auf einmal. Es hat nämlich eine Reihe nach der anderen zu feuern, da immer nur drei Feinde getroffen werden können. Auch ist darauf zu rechnen, daß wir die reiterlosen Pferde niederzuschießen haben werden, wenn sie nicht Unheil in unseren Reihen anrichten sollen. Sagen Sie das dem Apachen, und fügen Sie auch dazu, daß ich ganz allein mit den Feinden verhandeln will. Es soll sich kein anderer darauf einlassen. Wann denkt Winnetou, daß sie hier sein werden?“

„Er rechnet eine Stunde für ihren Aufenthalt bei den Gräbern-“

„Also ganz wie ich.“

„Und zwei Stunden bis hierher. Da wir beide aber nur anderthalb Stunden geritten sind, so dürfen wir erwarten, daß weit über eine Stunde vergehen wird, bevor sie hier ankommen.“

„Ich vermute ebenso. Aber dennoch müssen wir uns fertig halten. Reiten Sie jetzt zurück!“

Martin wendete sein Pferd und trabte davon. Old Shatterhand stieg zu den Gefährten empor, welche noch schliefen, und weckte sie. Er teilte ihnen seinen Plan mit und bestimmte, daß Davy, Jemmy, Frank, Wohkadeh und einer der Schoschonen das erste, sitzende Glied bilden sollten. Auch den übrigen zeigte er ihre Plätze an und führte sie hinab, um die beabsichtigte Evolution mit ihnen einzuüben. Es kam ja sehr viel darauf an, daß dieselbe ebenso exakt wie blitzschnell ausgeführt werde. Er selbst wollte vor seinen Leuten stehen, zwischen ihnen und den Feinden, um mit denselben verhandeln zu können. Zu diesem Zwecke schnitt er sich einige lange, grüne Äste ab, welche ja in der ganzen Welt, selbst bei den wildesten Völkern, als Parlamentärflagge gebraucht werden.

Nach einigen Wiederholungen klappte alles ganz ausgezeichnet. Dann, als er überzeugt war, daß seine Leute ihre Pflicht erfüllen würden, zog er sich mit ihnen wieder in das Versteck zurück.

jetzt wurde ihnen die Zeit des Wartens länger als vorher. Aber sie verging doch endlich auch, und dann hörten die Harrenden den Schall der Huftritte eines Pferdes.

„Das scheint nur ein einziger Kundschafter zu sein, welcher vorausgesandt worden ist, um nachzusehen, ob die Passage ohne Gefahr ist,“ sagte Jemmy.

„Das wäre sehr günstig für uns,“ antwortete Old Shatterhand. „Wären es zwei, so würde einer die Meldung nach rückwärts bringen, während der andere wahrscheinlich hier unten wartete. Ihn hätten wir unschädlich zu machen, ohne daß es von den Seinigen bemerkt wird.“

Jemmy hatte recht. Es war nur ein Reiter, welcher langsam unten aus dem Cannon hervorkam und da halten blieb, um sich vorsichtig umzuschauen. Er bemerkte weder rechts noch links ein Anzeichen, daß ein Feind vorhanden sei, und sah dagegen die gerade fortlaufende Fährte, für deren Deutlichkeit Old Shatterhand so wohlweislich gesorgt hatte. Er beruhigte sich dabei aber doch nicht ganz, sondern ritt noch eine bedeutende Strecke weiter.

„Alle Wetter!“ sagte Jemmy. „Er wird doch nicht etwa bis zur Stelle reiten, an welcher wir vom Wege abgebogen sind! Dann wäre es verraten, daß wir uns hier befinden.“

„In diesem Falle kommt er nicht zu seinen Leuten zurück,“ sagte Old Shatterhand.

„Wie aber wollt Ihr das fertig bringen, ohne Lärm zu machen?“

„Mit dem da.“

Dabei deutete er auf seinen Lasso.

„Dann müßte ihn die Schlinge unbedingt gerade am Halse treffen und ihm denselben zuschnüren, daß er nicht schreien kann. Das ist aber ein verteufelt schweres Kunststück. Werdet Ihr es fertig bringen, Sir?“

„Habt keine Sorge. Streckt alle zehn Finger aus und sagt mir, welchen ich mit dem Lasso fassen soll! Aber von hier oben aus kann man nicht sehen, wie weit er reitet. Ich muß hinab. Verhaltet euch indessen ruhig, und wenn ihr mich leise pfeifen hört, so kommt ihr schnell nach!“

Er nahm den Lasso von der Schulter, über welche er gehangen hatte und legte ihn, indem er schnell die Steilung hinabglitt, in wurfgerechte Schlingen. Unten angekommen, sah er zu seiner Beruhigung den Upsaroca wieder rückwärts kommen und fand gerade noch Zeit, sich hinter einem der daliegenden großen Felsbrocken niederzuducken. Der Mann kam im Trab an ihm vorübergeritten und verschwand hinter der Ecke des engen Cannons.

Old Shatterhand gab das verabredete Zeichen, und seine Leute kamen herbei. Sie brachten ihm seine beiden Gewehre und auch die grünen Zweige mit, welche er, um gegebenen Falls beim Lassowerfen nicht von ihnen gehindert zu sein, bei ihnen hatte liegen lassen müssen.

Er trat an die Ecke und lugte hinter derselben hervor. Der Upsaroca hatte das Ende des Cannons erreicht und verschwand dort. Eine Minute später nun war seine ganze Schar zu sehen, welche im Trab in die Enge einbog. Old Shatterhand ließ sie bis über die Hälfte der Schlucht herbei. Dann zog er den Revolver und feuerte den verabredeten Schuß in dieselbe hinein. Der Schall brach sich vielfältig an den engen, steilen Wänden und gelangte mit zehnfacher Stärke an die Ohren des Apachen und seiner Schar. Sie stürmten in die Schlucht hinein, hinter den Upsarocas her, von denen sie gar nicht bemerkt wurden. Die letzteren hatten, als sie den Schuß hörten, ihre Pferde sofort pariert. Nun sahen sie Old Shatterhand und seine Leute vorn hereindringen und die bereits beschriebene, schußfertige Stellung einnehmen.

Der Anführer der feindlichen Indianer war, wie Martin Baumann bereits berichtet hatte, eine wirklich herkulische Gestalt. Er saß wie ein Kriegsgott zu Pferde. Die weiten Lederhosen hingen an den Nähten voller Flechten, gefertigt aus dem Haare der von ihm erlegten Feinde. Die starkledernen Beinschützer, welche vom Sattel bis herab zu den Steigbügeln reichten, waren mit langen Streifen von Menschenhaut verziert. Auf der breiten Brust trug er über dem hirschledernen Jagdrocke eine Art Panzer, welcher aus schuppenförmig übereinander befestigten Skalptellern bestand. Im Gürtel steckte neben allerlei notwendigen Gegenständen ein großes Jagdmesser und ein riesiger Tomahawk, welcher nur von der Faust eines so athletisch gebauten Menschen geschwungen werden konnte, und auf dem Kopfe saß der Schädel eines Kuguar, von welchem das in lange, dicke Seile gedrehte Fell desselben herniederhing. Das Gesicht dieses Mannes war mit schwarzer, roter und gelber Farbe bemalt, und in der Rechten hielt er eine schwere Büchse, aus welcher er gar manchen tödlichen Schuß abgefeuert hatte.

Dieser Mann erkannte sofort, daß die ihm entgegenstarrenden Gewehrläufe den Waffen seiner Schar in diesem Augenblicke überlegen seien.

„Zurück!“ rief er mit tiefer Stimme, deren Ton förmlich durch den Cannon donnerte.

Dabei riß er sein Pferd empor und warf es auf den Flechsen herum. Die Seinen thaten dasselbe. Da aber erblickten sie nun Winnetous Schar, deren Gewehre ihnen gerade so entgegenstarrten wie die am anderen Ende des Cannons.

„Wakon schitscha – schlechte Medizin!“ schrie er erschrocken. „Kehrt abermals um! Dort steht ein Mann, welcher das Zeichen des Redners in der Hand hat. Unsere Ohren werden hören, was er uns sagen will.“

Er drehte sein Roß wieder herum und ritt langsam auf Old Shatterhand zu. Die Seinigen folgten ihm. Diesen Vorteil ließ der kluge Apache sich nicht entgehen. Er folgte ebenso und nahm so nahe hinter den Upsarocas Stellung, daß diese nun eng eingeschlossen waren.

Old Shatterhand that keinen einzigen entgegenkommenden Schritt. Der Upsaroca musterte ihn mit furchtlosem Bücke und fragte:

„Was will das Bleichgesicht hier? Warum stellt er sich mir und meinen Kriegern in den Weg?“

Old Shatterhand hielt den Blick mit lächelnder Miene aus und antwortete:

„Was will der rote Mann hier? Warum verfolgt er mich und meine Krieger?“

„Weil ihr zwei unserer Brüder getötet habt.'“

„Sie kamen als Feinde zu uns, und Feinde macht man unschädlich.“

„Woher weißt du, daß wir deine Feinde sind?“

„Weil ihr eure Medizin verloren habt.“

Die Brauen des Riesen senkten sich tief herab.

„Wer hat es dir gesagt?“

„Ich weiß es, weil die beiden Krieger, welche an unseren Kugeln starben, ihre Medizinen nicht bei sich hatten.“

„Du hast recht geraten. Ich bin nicht mehr, der ich war. Ich habe mit der Medizin auch meinen Namen verloren. Jetzt heiße ich Oiht-e-keh-fa-wakon, der Tapfere, welcher Medizin sucht. Laß uns vorüber, sonst töten wir euch!“

„Ergebt euch, sonst seid ihr es, welche getötet werden!“

„Dein Mund spricht stolze Worte. Wie aber sind deine Thaten?“

„Du kannst sie sofort erfahren. Blicke vor und hinter dich! Ein Wink von mir, und mehr als fünfmal zehn Kugeln schlagen in deine kleine Schar.“

„Das ist nicht tapfer, sondern feig. Viele stinkige Coyoten töten den stärksten Büffel. Was wären deine Hunde gegen meine Krieger, wenn ihr uns nicht eingeschlossen hättet. Ich allein würde die Hälfte von euch niederschlagen.“

Er zog seinen schweren Tomahawk und schwang ihn drohend.

„Und ich allein würde deine ganze Schar in die ewigen Jagdgründe senden!“ sagte Shatterhand ruhig.

„Ist vielleicht Ithanka (Großmaul) dein Name?“

„Ich kämpfe nicht mit meinem Namen, sondern mit meiner Hand.“

Da leuchtete das Auge des Upsaroca auf.

„Willst du das an mir wahr machen?“ fragte er.

„Ich fürchte dich nicht, sondern lache über deine leeren Worte!“

„So warte, bis ich mit meinen Kriegern gesprochen habe! Dann sollst du erfahren, ob Oiht-e-keh-fa-wakon nur redet und nicht auch handelt.“

Er wendete sich zu seinen Leuten zurück und sprach leise mit denjenigen von ihnen, welche seine gedämpfte Stimme zu erreichen vermochte. Dann kehrte er sich wieder zu Old Shatterhand und fragte:

„Weißt du, was ein Muh-mohwa ist?“

„Ich weiß es.“

„Wohlan! Wir brauchen Skalpe zur Medizin. Vier Männer sollen den Muh-mohwa kämpfen, du mit mir und einer deiner roten Männer mit einem meiner Krieger. Siegen wir, so töten und skalpieren wir euch alle; siegt aber ihr, so nehmt ihr uns Skalp und Leben. Hast du Mut?“

Er sprach diese Frage in höhnischem Tone aus. Old Shatterhand antwortete augenblicklich und mit lächelndem Munde:

„Ich bin bereit. Leg‘ deine Hand in die meinige zum Zeichen, daß deine Worte gelten.“

Er streckte ihm die Hand entgegen. Das hatte der Riese nicht erwartet, darum zögerte er unwillkürlich, einzuschlagen.

Muh-mohwa nämlich ist ein der Utahsprache entnommener Ausdruck und heißt wörtlich „Hand am Baum“. Dieser Kampf wird bei manchen Stämmen als eine Art Gottesgericht in Scene gesetzt. Zwei Männer werden durch starke Riemen mit einer Hand an einen Baumstamm gebunden und erhalten in die andere Hand die verabredete Waffe, Tomahawk oder Messer. Die Riemen sind so befestigt, daß sie den Kämpfern erlauben, sich im Kreise um den Stamm zu bewegen. Da die beiden mit den Gesichtern gegeneinander stehen müssen, so ist der eine mit der rechten und der andere mit der linken Hand angebunden. Derjenige, welcher die Rechte zum Kampfe frei hat, ist also gewöhnlich im Vorteile. In der Regel endet dieser wirklich schreckliche Kampf, bei welchem die Gegner sich zerfleischen, nur mit dem Tode des einen. Doch gibt es auch mildere Formen desselben.

Der Upsaroca war vollständig überzeugt, durch seine Aufforderung sich in den größten Vorteil zu setzen. Er war ja hier in dem Cannon, im Fall er sich nicht ergab, mit all den Seinen verloren. Durch den Muh-wohwa aber befreite er sich nicht nur aus dieser augenblicklichen Bedrängnis, sondern er gelangte auch in den sichern Besitz der Skalpe aller seiner Feinde, in deren Hand er sich befand. Er war vollständig überzeugt, dem Weißen überlegen zu sein, und da er als zweiten den stärksten und gewandtesten seiner Leute auswählen wollte, so stand zu erwarten, daß auch dieser seinen Gegner besiegen werde. Um aber in dieser letzteren Beziehung ganz sicher zu gehen, sagte er:

„Du willst es wagen? Der große Geist hat dir den Verstand verwirrt. Kennst du die Bedingung, daß der Kampf zwischen den beiden Siegern zu Ende geführt werden muß, wenn vorher von jeder Partei einer siegt?“

Old Shatterhand durchschaute ihn, denn den sichtbaren Körperverhältnissen nach stand zu erwarten, daß der „Tapfere, welcher Medizin sucht“, nicht nur zuerst, sondern auch, falls der andere Upsaroca je besiegt werden sollte, auch dann beim Entscheidungskampfe als Sieger hervorgehen werde. Dennoch gab er schnell bereit die Antwort:

„Ich willige ein.“

Der Gigant blickte ihn halb erstaunt, halb triumphierend an, streckte ihm nun schnell die Hand entgegen und sagte:

„So gib deine Hand her! Du versprichst mir, und ich verspreche dir im Namen unserer Krieger, daß wir und sie in die Bedingungen willigen. Keiner der Partei, deren Kämpfer besiegt werden, darf sich weigern, sich töten zu lassen.“

„Ich verspreche es. Und damit du alle Sicherheit habest, werden wir die Pfeife des Schwures darüber rauchen.“

Er deutete dabei auf die mit Kolibribälgen geschmückte Friedenspfeife, welche an seinem Halse hing.

„Ja, wir werden sie rauchen,“ stimme der Riese bei, indem ein grimmig höhnisches Lächeln über seine scharf ausgewirkten Züge glitt. „Aber diese Pfeife des Schwures wird nicht eine Pfeife des Friedens sein, denn wir werden kämpfen, und nach dem Kampfe werden euere Skalpe unsere Medizinstangen schmücken, und euer Fleisch soll von den Geiern zerrissen und verschlungen werden.“

„Vorher werden wir sehen, ob deine Fäuste ebenso stark und tapfer wie deine Worte sind,“ bemerkte Old Shatterhand.

„Oiht-e-keh-fa-wakon ist noch nie besiegt worden!“ antwortete der Upsaroca stolz.

„Aber er hat sich doch seine Medizin rauben lassen. Wenn sein Augen heute nicht schärfer sind als dort am Wasser, wo sie ihm gestohlen wurde, so wird mein Skalp auf meinem Haupte bleiben.“

Das war eine scharfe Zurechtweisung, denn der Verlust der Medizin ist das Schlimmste mit, was einem Indianer geschehen kann. Der Rote fuhr auch sofort mit der Hand abermals nach der Waffe, doch Old Shatterhand zuckte die Achsel und warnte ihn:

„Laß jetzt die Hand davon! Du wirst ja sehr bald zeigen können, wie tapfer du bist. Jetzt aber wollen wir diesen Ort verlassen, um uns einen anderen zu suchen, welcher zum Muh-mohwa geeigneter ist. Meine Brüder werden sich ihre Pferde holen, und die Upsarocas reiten als unsere Gefangenen in unserer Mitte.“

Er gab Winnetou einen Wink, und der Apache kehrte mit seiner Abteilung nach dem Orte zurück, an welchem die Pferde derselben zurückgelassen worden waren. Als sie dann sehr bald angeritten kamen, holte auch die andere Abteilung die ihr gehörigen Tiere herbei. Auf diese Weise befanden sich die Krähenindianer bis zum Aufbruche keinen Augenblick lang ohne Aufsicht, so daß es also für sie unmöglich war, die Flucht zu ergreifen. Jetzt wurden sie in die Mitte genommen, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Old Shatterhand hatte den Seinigen den leisen Befehl gegeben, ja nicht etwa seinen Namen und denjenigen des Apachen zu verraten. Die Upsarocas sollten einstweilen nicht wissen, mit welchen Gegnern sie zu kämpfen haben würden. Solange sie die Überzeugung besaßen, aus dem beabsichtigten Kampfe als Sieger hervorzugehen, dachten sie wohl nicht daran, gegen die Verabredung zu handeln.

Der dicke Jemmy hielt sich an Old Shatterhands Seite. Er war mit dem Verhalten desselben nicht ganz einverstanden.

„Nehmt’s nicht übel, Sir, daß ich ein Bedenken ausspreche,“ sagte er. „Ihr habt gegen diese Roten als nobler Kerl gehandelt; aber eine solche Noblesse ist da wohl am unrechten Platze.“

„Warum? Glaubt Ihr etwa, daß der Indianer kein Verständnis für eine edelmütige Gesinnung habe? Ich habe gar viele Rote kennen gelernt, an denen die Weißen in dieser Beziehung sich ein Beispiel nehmen könnten.“

„Das mag wohl sein. Ausnahmen gibt es ja stets und überall. Aber diesen Krähenindianern ist nicht zu trauen. Sie wollen neue Medizinen haben, und in einem solchen Falle sind Rücksichten von ihrer Seite nicht zu erwarten. Wir hatten sie so schön in unseren Händen. Sie konnten weder vor- noch rückwärts. Es war uns ein Leichtes, sie auszulöschen, wie man einige arme Zündhölzer ausbläst. Nun aber seid Ihr zu dem verteufelten Muh-mohwa gezwungen, und wer sagt Euch, daß dieser Riese Euch nicht niederschlagen oder niederstechen werde!“

„Pah! Ihr seid doch sonst kein so blutdürstiger Mann. Welchen Grund habt Ihr, zu bereuen, daß wir diese Leute nicht getötet haben? Es wäre für uns, die wir ihnen so sehr überlegen waren und sie in eine Falle gelockt hatten, in der sie sich nicht bewegen und nicht verteidigen konnten, keine Ehre, sondern eine Schande gewesen, sie niederzuschießen. Dabei will ich auch gar nicht davon sprechen, daß wir Christen, aber keine Heiden sind.“

„Hm! Recht habt Ihr freilich, als Christ sowohl wie auch als Mensch überhaupt. Aber mußten wir sie denn überhaupt töten? Sie waren gezwungen, sich zu ergeben, und da stand es uns doch frei, ein humanes Abkommen mit ihnen zu treffen.“

„Sie hätten sich nicht ergeben, eben weil sie neue Medizinen suchen. Der Kampf wäre unvermeidlich gewesen. Und da es mir nicht einfallen kann, Menschen abzuschlachten, denen Gott ganz dieselben Rechte wie mir verliehen hat, so habe ich es vorgezogen, auf den Vorschlag des Riesen, den ich überhaupt kenne, einzugehen.“

„Wie? Der Kerl ist Euch bekannt?“

„Ja. Erinnert Ihr Euch vielleicht der Bemerkung, welche ich machte, als wir am Berge der Schildkröte vorüberritten? Ich erzählte, daß ich an diesem Berge einmal mit dem Upsaroca-Krieger Schunka-schatscha gelagert habe. Er erzählte mir viel von seinem Stamme. Dabei erwähnte er mit großem Stolze seines berühmten Bruders Kanteh-pehta, zu deutsch: Feuerherz.“

„Meinte er etwa den großen, berühmten Medizinmann der Krähenindianer?“

„Denselben. Er erzählte mir die Thaten dieses seines Bruders und beschrieb mir auch die Person desselben. Er schilderte ihn mir als einen wahren Riesen von Gestalt, dem das linke Ohr fehle. Kanteh-pehta hat einst im Kampfe mit den Sioux Ogallala einen Tomahawkhieb bekommen, welcher ihm das Ohr vom Kopfe trennte und ihn dann noch tief in die Achsel verwundete. Nun seht Euch doch einmal diesen gigantischen Upsaroca an! Ihm fehlt das linke Ohr, und aus der Haltung seines linken Armes ersehe ich, daß er da einmal verletzt worden sein muß.“

„Alle Wetter! Das wäre freilich ein ganz besonderes Zusammentreffen! Aber dann bangt mir doch um Euch, Sir. Ihr seid zwar der tüchtigste Kerl, den es nur geben kann; aber dieser Kanteh-pehta ist noch nie besiegt worden. An Körperstärke ist er Euch unbedingt überlegen, während ich freilich überzeugt bin, daß er es in Beziehung auf die Gewandtheit mit Euch nicht aufzunehmen vermag. Wenn man mit dem einen Arme an den Baum gebunden ist, gibt die Stärke, aber wohl nicht die Gewandtheit den Ausschlag, und darum meine ich, daß man eher auf ihn als auf Euch wetten kann.“

„Nun,“ lächelte Old Shatterhand, „wenn Ihr so besorgt um mich seid, so gibt es ein sehr einfaches Mittel, mich vom sicheren Untergange zu retten.“

„Welches ist das?“

„Ihr kämpft an meiner Stelle mit der Krähe.“

„Heigh-ho! Das fällt mir freilich nicht ein! Ich habe sonst gar keine zarten Nerven, aber dem Tode geradezu in die Arme zu laufen, das ist doch nicht nach meinem Geschmack. Übrigens habt Ihr die Suppe eingebrockt, Sir, und nun mögt Ihr sie auch mit Appetit genießen. Ich wünsche Euch von ganzem Herzen eine gesegnete Mahlzeit!“

Er hielt sein Pferd um einige Längen zurück, um die unangenehme Offerte nicht noch einmal zu bekommen. An seiner Stelle dirigierte Winnetou seinen Rappen an Old Shatterhands Seite.

„Mein weißer Bruder hat Kanteh-pehta, den Medizinmann der Upsarocas erkannt?“ fragte er.

„Ja,“ nickte der Gefragte. „Und die Augen meines roten Bruders waren ebenso scharf wie die meinen?“

„Die Krähe hat nur ein Ohr. Winnetou hat ihr Gesicht noch nie gesehen; aber der Tapfere, welcher Medizin sucht, kann den Häuptling der Apachen nicht täuschen. Ich habe vernommen, was mein Bruder mit ihm gesprochen hat, und bin bereit zum Kampfe.“

„Ich habe allerdings auf den Häuptling der Apachen gerechnet, denn ich möchte keinem anderen diese Ehrensache anvertrauen.“

„Wird mein Bruder die große Krähe töten?“

Also bei Winnetou gab es nicht den mindesten Zweifel darüber, daß Old Shatterhand Sieger sein werde.

„Nein,“ antwortete der Gefragte. „Die Upsaroca sind Feinde der Sioux Ogallala. Wenn wir sie schonen, werden sie unsere Verbündeten sein.“

„So mag auch der andere leben bleiben. Man soll von Winnetou nicht sagen, daß sein weißer Bruder gnädiger gesinnt sei als er.“

Der Trupp hatte von dem Cannon aus vielleicht eine englische Meile zurückgelegt, als das Thal plötzlich sich erweiterte. Die Reiter gelangten an eine kleine, rings von Bergen eingeschlossene Prairie, wie es dort so viele gibt. Es gab da hageres Gras und einzelne Büsche. Nur ein einziger Baum war auf der Ebene zu sehen. Es war eine ziemlich hohe Linde von der Gattung, welche wegen ihrer großen, weißhaarigen Blätter von den Indianern sonorischer Zunge Muh-mangatusahga, d. i. Weißblattbaum, genannt wird.

„Mawa – dort!“ sagte der Anführer der Krähenindianer, indem er nach dem Baume deutete.

„Howgh!“ nickte Winnetou, indem er sein Pferd im Galopp der Linde zulenkte.

Die anderen folgten nach dem Orte, an welchem der Zweikampf vor sich gehen sollte.

Die Spannung, in welcher sich alle befanden, war natürlich keine geringe, wenn auch keiner sich das merken ließ. Die größte innerliche Ruhe fühlten gerade diejenigen Drei, welche wußten, daß sie zu den Kämpfenden gehören würden, Winnetou, Old Shatterhand und Oiht-e-keh-fa-wakon, denn ein jeder von ihnen war überzeugt, daß er siegen werde.

Alle sprangen ab. Die Pferde wurden frei gelassen, und die Reiter lagerten sich, indem sie einen Kreis bildeten. Ein Fremder, welcher jetzt herbeigekommen wäre, hätte wohl nicht gedacht, daß hier Feinde einander gegenübersaßen, da den Upsarocas ihre Waffen gelassen worden waren. Old Shatterhand hatte darauf verzichtet, sie ihnen abzufordern. Auch in dieser Beziehung hatte er wirklich ritterlich oder, wie der Amerikaner sich ausdrückt, gentlemanlike gehandelt.

Er holte so viel, wie er von seinem kleinen, in der Satteltasche aufbewahrten Tabaksvorrate brauchte, herbei, nahm die Pfeife vom Halse und stopfte sie. Dann stellte er sich in die Mitte des Kreises und sprach.-

„Der Krieger macht nicht viele Worte, sondern er spricht in Thaten. Meine Brüder wissen, was hier geschehen soll; ich brauche es ihnen nicht zu sagen. Wir töteten die Krieger der Upsarocas nicht, obgleich ihr Leben sich in unseren Händen befand. Wir haben sie geschont, um ihnen zu zeigen, daß wir sie auch dann nicht fürchten, wenn wir ohne alle Vorteile Mann gegen Mann mit ihnen kämpfen. Sie haben uns zum Muh-mohwa aufgefordert, und wir nahmen ihre Forderung an. Sie sitzen als freie Männer bei uns, mit den Waffen in ihren Händen, obgleich sie eigentlich unsere Gefangenen sind. Wir erwarten, daß auch sie ohne Tücke und Hinterlist an uns handeln wie wir gegen sie. Sie werden uns das versprechen, indem sie die Pfeife des Schwures mit uns rauchen. Ich habe gesprochen, und nun mögen auch sie reden.“

Er setzte sich. Der „Tapfere, welcher Medizin sucht“, erhob sich und antwortete:

„Der weiße Mann hat uns aus der Seele gesprochen. Wir brauchen nicht hinterlistig zu sein, denn wir werden siegen. Aber er hat vergessen, die Bedingungen des Kampfes festzusetzen. –“

„Die Kämpfer,“ fuhr er nach einer kleinen Pause weiter, „werden mit der einen Hand an den Baum gebunden, so daß sie sich ihre Gesichter zeigen. Sie erhalten ihre Messer in die andere Hand und kämpfen mit denselben gegeneinander. Nur diese eine Hand darf gebraucht werden; jede andere Kampfweise ist verboten. Doch wer das Messer nicht mehr halten kann, dem ist es erlaubt, sich mit der Faust weiter zu verteidigen. Wer am Baume niederstürzt und auf seinen Leib fällt, der ist besiegt, mag er tot sein oder noch leben. Wer nur in die Kniee stürzt, darf sich wieder erheben. Vier Männer kämpfen, je zwei gegeneinander, erst ich gegen dieses Bleichgesicht, und sodann einer meiner Leute gegen einen der roten Krieger. Doch können die beiden letzteren auch vor uns kämpfen. Gehören die beiden Sieger verschiedenen Parteien an, so haben sie dann miteinander zu ringen und den Kampf z)i entscheiden. Den Gefährten des Siegers gehört das Leben und alles Eigentum der besiegten Partei, und keiner, dessen Leben verfallen ist, darf sich weigern, sich töten zu lassen. Die Krieger der Upsarocas sind bereit, auf diese Bedingungen die Pfeife des Schwures zu rauchen. Und damit der Kampf ein ehrlicher sei, und keiner mehr als der andere durch ein besseres Kleid geschützt werde, sollen die vier Männer mit entblößtem Oberleibe miteinander kämpfen. Ich habe gesprochen.“

Er setzte sich. Old Shatterhand trat abermals in den Kreis und erklärte:

„Wir sind mit allen Bedingungen der Upsarocas einverstanden. Und damit die Besiegten keine Waffen haben, mit denen sie sich der Tötung widersetzen können, so werden alle anwesenden Krieger alle ihre Waffen ablegen und an einem Orte zusammenthun, der von einem Schoschonen und einem Upsaroca bewacht wird. Jetzt werde ich die Pfeife des Friedens in Brand stecken. Sie wird heute eine Pfeife des Schwures sein, und auf ihrem Rauche mögen die Seelen der Besiegten nach den ewigen Jagdgründen schweben, um später die Seelen der Sieger dort als Sklaven zu bedienen.“

„Hau, hau!“ ertönte es zustimmend im Kreise.

Old Shatterhand zog sein „Punks“ hervor und brannte den Tabak an. Den Rauch an sich ziehend, blies er denselben gegen den Himmel, gegen die Erde und nach den vier Himmelsgegenden aus und gab dann dem Anführer der Upsarocas die Pfeife. Dieser that dieselben sechs Züge und erklärte, daß das Abkommen hiermit beschworen und besiegelt sei. Die anderen beteiligten sich an dem Schwure, indem reihum ein jeder einen Zug that. Dann wurde die Pfeife an einem ziemlich entfernten Orte mit der Mundspitze in die Erde gesteckt, und alle legten die Waffen dabei nieder.

Nun trat der Upsaroca, seines Sieges gewiß, zum Baume, warf die Oberkleider ab und sagte:

„Jetzt kann es beginnen. Ehe die Sonne um eines Messerrückens Breite weiter nach Westen gerückt ist, wird der Skalp eines weißen Hundes an meinem Gürtel hangen!“

jetzt erst war zu erkennen, wie riesenstark der Mann sein müsse. Er besaß eine wahre Bärenmuskulatur. Gerade darum war das, was jetzt geschah, der Bewunderung wert. Nämlich Martin Baumann, der junge Sohn des Bärenjägers, sprang vor und rief in zornigem Tone:

„Die Weißen sind es, denen Ihr Euer Leben zu verdanken habt, und dennoch nennst du sie Hunde! Du bist nicht wert, daß ein erfahrener Krieger mit dir kämpft. Wohlan, hier steht ein junger weißer Hund, der sich nicht fürchtet, dir seine Zähne zu zeigen, obgleich du der stärkste Krieger deines Stammes bist. Ehe die Sonne so weit vorgerückt ist, wie du sagtest, wird die Haut der großschnabeligen krächzenden Krähe vom Hunde zerrissen sein!“

Seine Wangen waren gerötet, und seine Augen leuchteten. Er warf den Jagdrock ab.

„Uff, uff!“ ertönte es bewundernd im Kreise.

Er war der jüngste unter den Anwesenden‘. Darum war der Eindruck, den sein mutiges Auftreten machte, ein außerordentlicher.

„Deh mehtsih – er ist ein Tapferer!“ entfuhr es selbst dem riesigen Upsaroca.

„Sehr bray,“ sagte Old Shatterhand. „Das wird Euch nicht vergessen sein, mein lieber, junger Master. Aber Ihr wißt, daß ich es bin, der aufgefordert wurde, und darum muß ich bitten, es mir zu überlassen, zu beweisen, daß ein „weißer Hund“ sich nicht vor einer Krähe zu fürchten braucht.“

„Aber er ist’s ja gar nicht wert, daß ein Mann wie Ihr mit ihm kämpft,“ warf Martin ein. „Und wenn Ihr etwa meint, daß ich diesen Koloß zu scheuen habe, so denkt daran, daß ich schon gar manchen Grizzly erlegt habe!“

„Jawohl ist es Euch anzusehen, daß Ihr zu dem gefährlichen Gang gar gern bereit seid; aber begnügt Euch immerhin einstweilen mit dem Erfolge, welcher in unserer Bewunderung Eueres Mutes besteht! Ich würde ja als Feigling gelten, wenn ich in diese Stellvertretung willigte.“

„Das kann ich freilich nicht bestreiten, und darum will ich mich Euerem Willen fügen; aber ich bin es nicht gewohnt, mich einen Hund nennen zu lassen!“

Er zog den Jagdrock wieder an und trat zurück. Der Riese gab einem der Seinigen einen Wink. Dieser trat vor, entkleidete seinen Oberkörper und sagte:

„Hier steht Makin-oh-punkreh, der hundertfache Donner. Er machte seinen Schild aus der Haut seiner Feinde, und über vierzig Skalps wurden von ihm genommen. Wer wagt es, vor sein Messer zu treten?“

„Ich, Wohkadeh, werde den hundertfachen Donner zum Schweigen bringen. Ich kann mich keiner Skalpe rühmen; aber ich habe den weißen Büffel getötet und werde heute meinen Gürtel mit der ersten Kopfhaut schmücken. Wer fürchtet den Donner? Er ist der feige Gesell des Blitzes und erhebt seine Stimme erst dann, wenn die Gefahr vorüber ist!“

„Uff, uff l“ rief es abermals rundum, als der junge Indianer, der diese Worte sprach, hervortrat.

„Geh zurück!“ höhnte der hundertfache Donner. „Ich kämpfe mit keinem Kinde. Der Hauch meines Mundes würde dich töten. Lege dich ins Gras und träume von deiner Mutter, die dich noch mit Kammas zu füttern hat!“

Die Grabindianer, welche die verachtetsten Roten sind, suchen in den öden Gegenden, in denen sie ein bedauernswertes Dasein führen, nach einer zwiebelartigen Wurzel, welche in halb verfaultem Zustande von ihnen zu einem ekelhaften Kuchen, dem sogen. Kammaskuchen geformt wird. Selbst Hunde verschmähen, davon zu fressen. Also enthielten die Worte des „Donners“ eine große Beleidigung für den wackeren Wohkadeh.

Bevor dieser letztere antworten konnte, trat Winnetou vor. Er gab dem jungen Indianer einen Wink, zurückzutreten, welchen dieser aus Achtung vor dem berühmten Manne sofort befolgte, und sprach:

„Den beiden Kriegern der Upsarocas ist bereits ihr Urteil gesprochen. Wer hat auf ihre stolzen Reden sich zum Kampfe gemeldet? Zwei Knaben, von denen wir alle überzeugt sind, daß sie Sieger sein würden, denn sie haben bereits den weißen Büffel und den grauen Bären besiegt und würden die beiden Krähen mit einem Drucke der Hand erwürgen. Aber wir wollen thun, als ob wir die Krähen für wirkliche Krieger halten. Sie sollen mit Männern kämpfen. Der hundertfache Donner hat jetzt zum letztenmal gerollt.“

Da fragte der Genannte zornig:

„Wer bist du, der du solche Worte sprichst? Hast du einen Namen? An deinem Gewande ist kein einziges Haar eines Feindes zu sehen. Hast du nur gelernt, die Dschotunka zu blasen, so gehe hin und thue es; aber ein Messer gehört nicht in deine Hand. Du würdest dich nur selbst verletzen.“

„Meinen Namen werde ich deiner Seele nennen, wenn sie dir aus dem Leib entweicht. Dann wird sie jammern vor Entsetzen und sich nicht in die jenseitigen Jagdgefilde wagen. Sie wird wohnen in den Klüften der Berge, um vor Angst mit den Winden zu heulen und mit den Lüften zu klagen!“

„Hund!“ schrie der Donner. „Du wagst es, die Seele eines tapferen Kriegers zu schmähen! Du sollst die Strafe augenblicklich empfangen. Wir beide werden zuerst kämpfen, noch vor dem anderen Paare, und dein Skalp soll keinen Platz bei meinen Trophäen erhalten. Ich werde ihn den Ratten vorwerfen und deinen Namen, den du mir zu sagen verweigert hast, soll kein Ohr eines Kriegers hören!“

„Ja, kämpfen wir zuerst. Es mag beginnen!“ beantwortete Winnetou diese Rede.

Er entkleidete sich, während der „hundertfache Donner“ nach seinem Messer winkte. Es wurde ihm gebracht.

jetzt wurde ein weiter Kreis um die Linde gebildet. Aller Augen hingen mit prüfendem Blicke an den Gestalten der beiden Gegner. Der Upsaroca war nicht höher, aber viel breiter und kräftiger gebaut, als der schlanke Winnetou. Die Krähenindianer bemerkten das mit Genugthuung. Sie waren überzeugt, daß Winnetou unterliegen werde. Sie hatten freilich keine Ahnung, daß sie den berühmten Häuptling der Apachen vor sich hatten. Die anderen, welche das wußten, waren zwar einigermaßen um ihn besorgt, als sie den kräftigen Körper des Upsaroca erblickten, glaubten aber, sich bei dem Rufe, in welchem er stand, beruhigen zu dürfen.

jetzt trat der dicke Jemmy herbei. Er hatte einige Riemen, wie sie ein jeder Westmann bei sich führt, in der Hand und sagte zu Winnetou:

„Also Ihr habt den ersten Gang, mein bester Sir. Es mag als gutes Omen dienen, wenn Ihr von der Hand eines Freundes an den Baum gefesselt werdet. Vorher aber mögen alle sich überzeugen, daß diese beiden Riemen von ganz gleicher Qualität sind.“

Die Riemen gingen von Hand zu Hand und wurden genau untersucht. jetzt mußte bestimmt werden, welcher von beiden mit der rechten und welcher mit der linken Hand angebunden werden solle. Zwei verschieden lange Grashalme bildeten die Lose. Winnetou zog den kürzeren und befand sich infolgedessen im Nachteil, da er mit der Rechten gefesselt wurde und ihm also die gewöhnlich weniger geübte Linke frei blieb. Die Upsarocas begrüßten diesen für sich günstigen Umstand mit einem frohen „Uh-ah – sehr gut, sehr gut!“

Nun wurden die Riemen den beiden Kämpfern in Schlingenform um die Handgelenke gezogen und dann so locker um den Stamm des Baumes befestigt, daß sie leicht zu drehen waren. Es kommt beim Muh-mohwa vor, daß die Gegner sich viertelstundenlang und noch länger um den Baum treiben, ehe der erste Stich erfolgt. Fließt dann aber Blut, so geraten sie gewöhnlich so hitzig aneinander, daß der Kampf sehr bald entschieden ist.

Jetzt standen sie bereit, der eine auf dieser, der andere auf jener Seite des Baumes.

Der hinkende Frank befand sich als Zuschauer neben dem dicken Jemmy.

„Hören Sie, Herr Pfefferkorn,“ sagte er, „das ist eene Situation, bei welcher es eenem eiskalt über die Haut läuft. Denn nich alleene diese beeden riskieren ihr Leben, sondern wir das unserige ooch. In diesem Momente hab‘ ich unter meiner Schkalplocke een Gefühl, als ob sie mir so ganz successiverweise schon bereits in die Höhe gezogen würde. Ich danke eegentlich sehre schöne für das Verschprechen, uns geduldig abschlachten zu lassen, wenn unsere beeden Champions besiegt werden!“

„Pah!“ antwortete Jemmy. „Mir ist zwar auch nicht ganz wohl zu Mute, aber ich denke, daß wir uns auf Winnetou und Old Shatterhand verlassen können.“

„Freilich schient es so, denn der Apache macht een so ruhiges Gesicht, als ob er eenen Grünsolo mit zehn Matadoren in der Hand hätte. Aber schtille! Der hundertfache Donner beginnt zu schprechen.“

Der Genannte hatte jetzt sein Messer in die Hand bekommen.

„Schihscheh – komm her!“ rief er dem Apachen auffordernd zu. „Oder soll ich dich um den Baum jagen, bis du vor Angst tot zusammenbrichst, ohne daß mein Messer dich getroffen hat?“

Winnetou antwortete ihm nicht. Er wendete sich an Old Shatterhand und sagte in der Sprache der Apachen, die sein Gegner nicht verstand:

„Schi din Ida sesteh – ich werde ihm die Hand lähmen.“

Da erklärte Old Shatterhand laut, indem er auf Winnetou zeigte:

„Dieser unser Bruder hat sein Herz vor den Gedanken des Mordes verschlossen. Er wird seinen Feind besiegen, ohne ihm einen Tropfen Blutes zu nehmen.“

„Uff, uff, uff !“ riefen die Upsarocas.

Der „hundertfache Donner“ antwortete auf Old Shatterhands Erklärung in höhnischem Tone:

„Dieser Euer Bruder ist vor Angst wahnsinnig geworden. Die Qual soll ihm abgekürzt werden.“

Er bewegte sich einen Schritt vorwärts, so daß der Stamm des Baumes sich nun nicht mehr zwischen beiden befand. Das Messer fest in der Faust, hielt er das Auge mit einem wahren Raubtierblick auf Winnetou gerichtet. Dieser aber schien ihn gar nicht zu beachten. Er blickte scheinbar ganz gleichgültig in die Ferne, und sein Gesicht war so ruhig und unbewegt, als ob es sich jetzt um etwas ihm sehr Gleichgültiges handle. Aber Old Shatterhand bemerkte gar wohl, daß jeder Muskel und jede Sehne seines roten Kampfgenossen bereit war, dem erwarteten Angriffe zu begegnen.

Der Upsaroca ließ sich täuschen. Er sprang ganz plötzlich auf Winnetou ein und erhob den Arm zum tödlichen Stoße. Aber anstatt zurückzuweichen, kam der Apache ihm ebenso blitzschnell entgegen. Mit gewaltigem Stoße rannte er dem Feinde die Faust mit dem Messerhefte in die Achselhöhle. Diese ebenso kühne wie kraftvolle und wohlgelungene Parade hatte den Erfolg, daß der Upsaroca zurückgeworfen wurde und sein Messer fallen ließ. Ein Griff des Apachen, der das seinige auch wegwarf, und ein Schrei des Roten – Winnetou hatte ihm die Hand verrenkt und stieß ihm im nächsten Augenblicke die geballte Faust so in die Magengrube, daß er hintenüber stürzte und, mit der Hand am Baumstamme hängend, auf den Rücken zu liegen kam.

Der Upsaroca lag einen Augenblick bewegungslos, und das war genügend für den Apachen. Sein Messer vom Boden aufraffen, sich mit einem schnellen Schnitt durch den Riemen vom Baume befreien und auf den Feind niederknieen, das war für ihn das Werk nur einer Sekunde.

„Bist du besiegt?“ fragte er.

Der andere antwortete nicht. Er atmete keuchend, teils von dem Stoße, den er erhalten hatte, teils auch aus Grimm und Todesangst.

Das war alles so gedankenschnell gegangen, daß die einzelnen Bewegungen des Apachen mit den Augen fast gar nicht voneinander zu unterscheiden gewesen waren. Kein Laut ließ sich rund im Kreise hören, und als der kleine Sachse ein jubelndes Hurra rufen wollte, gebot Old Shatterhand ihm durch eine so gebieterische Armbewegung Schweigen, daß er nur die erste Silbe dieses Wortes hören ließ, die zweite aber nicht aussprach.

„Stich zu!“ knirschte der Upsaroca, indem er einen Blick glühenden Hasses in das Gesicht des über ihn gebeugten Apachen warf und dann die Augen schloß.

Aber Winnetou erhob sich, schnitt den Riemen des Besiegten durch und sagte:

„Stehe auf! Ich habe versprochen, dich nicht zu töten, und ich halte mein Wort.“

„Ich mag nicht leben; ich bin besiegt!“

Da trat Oiht-e-keh-fa-wakon zu ihm heran und gebot ihm in zornigem Tone:

„Erhebe dich! Dir wird das Leben geschenkt, weil dein Skalp für den Sieger keinen Wert hat. Du hast dich gehalten wie ein Knabe. Aber noch stehe ich hier, um für uns zu kämpfen. Ich werde zweimal siegen, und während wir uns in die Skalpe der Feinde teilen, kannst du zu den Wölfen der Prairie gehen, um bei ihnen zu wohnen. Die Heimkehr zu dem Wigwam ist dir verboten!“

Der „hundertfache Donner“ stand auf und griff nach dem ihm entfallenen Messer.

„Der große Geist hat nicht gewollt, daß ich siege,“ sagte er. „Zu den Wölfen gehe ich nicht. Hier habe ich ein Messer, um das Leben zu enden, welches ich nicht geschenkt haben mag. Vorher aber will ich sehen, ob du besser als ich zu siegen verstehst.“

Er entfernte sich langsam eine kurze Strecke und setzte sich dort in das Gras. Es war ihm anzusehen, daß es ihm Ernst damit war, die Schande, besiegt worden zu sein, nicht zu überleben.

Kein Blick aus den Augen der Seinen fiel auf ihn. Desto hoffnungsvoller sahen sie auf ihren Anführer, der seine mächtige Gestalt an den Stamm lehnte und Old Shatterhand aufforderte:

„Komm herbei, und laß uns losen!“

„Ich lose nicht,“ antwortete dieser. „Man mag mich mit der Rechten anbinden.“

„Wohl, weil du schneller sterben willst?“

„Nein, sondern weil ich glaube, daß deine Linke schwächer ist als die Rechte. Ich will keinen Vorteil über dich haben. Du bist verwundet worden.“

Er deutete auf die linke Achsel des Roten, über welche sich eine breite Narbe zog. Sein Gegner konnte diesen Edelmut nicht begreifen; er maß ihn mit einem Blicke größten Erstaunens und antwortete:

„Willst du mich beleidigen! Sollen die Deinen, wenn ich dich getötet habe, sagen, daß dies nicht geschehen wäre, wenn du mir nicht diese Gnade erwiesen hättest? Ich verlange, daß du mit mir losest.“

„Nun wohl; ich bin bereit.“

Das Los entschied nach Old Shatterhands Willen, nämlich zu Gunsten seines Gegners, dessen linke Hand gefesselt wurde. Nach wenigen Augenblicken standen sich die beiden gegenüber, und wer die Muskeln des Riesen sah, welche sich wie langgezogene Knäuel um seine Glieder ballten, dem mußte um Old Shatterhand bange werden.

Dieser aber zeigte denselben äußerlichen Gleichmut wie vorhin Winnetou.

„Du kannst beginnen,“ forderte ihn der Upsaroca auf. „Ich werde dir den ersten Stoß erlauben. Drei Stöße werde ich nur abwehren, dann aber wirst du von meinem ersten Stoße fallen.“

Da lachte Old Shatterhand kurz auf. Er stieß sein Messer in den Stamm der Linde und antwortete:

„Und ich verzichte ganz auf diese Waffe. Dennoch wirst du gleich beim ersten Angriffe fallen. Wir haben keine Zeit zu einem langen Spiel. Sei also aufmerksam, denn ich beginne!“

Er erhob den Arm wie zum Schlage und sprang auf seinen Gegner ein. Dieser ließ sich durch die Finte täuschen und stieß nach ihm. Aber der Weiße war gedankenschnell wieder zurückgewichen, so daß der Stoß fehl ging. Eine abermalige blitzschnelle Bewegung Old Shatterhands – seine Faust traf den Gegner an die Schläfe; der Riesenleib desselben wankte einen Augenblick und krachte dann mit lautem Schlag auf die Erde nieder.

„Da liegt er, mit dem ganzen Körper am Boden! Wer hat gesiegt?“ rief Old Shatterhand.

Hatten vorhin, als der „hundertfache Donner“ besiegt worden war, die Upsarocas sich ruhig verhalten, so brachen sie jetzt in ein Geheul aus, welches klang, als ob es aus tierischen Kehlen käme. Die anderen erhoben ein lautes Freudengeschrei.

Hatte irgend einer vielleicht erwartet, daß die Krähenindianer im Falle ihres Unterliegens eine schleunige Flucht versuchen würden, so bewahrheitete sich dies jetzt nicht. Hielten sie sich wirklich durch ihren Schwur gebunden, oder waren sie viel zu bestürzt, um einen so schnellen Entschluß fassen zu können, keiner von ihnen machte eine Bewegung, welche auf die Absicht schließen ließ, sich dem Tode zu entziehen, der nach der vorausgegangenen Vereinbarung ihnen allen nun gewiß zu sein schien.

Old Shatterhand zog sein Messer aus dem Stamme und schnitt sich los. Die weißen Jäger traten zu ihm, um ihn und sich zu beglückwünschen. Auch die befreundeten Indianer priesen das Lob der beiden Sieger, waren aber auf das schleunigste bemüht, zu ihren Waffen zu kommen, um den Upsarocas jeden etwa beabsichtigten Widerstand und auch die Flucht zur Unmöglichkeit zu machen.

Diese aber hatten ihr Geheul eingestellt, gingen nach der Stelle, an welcher der „Donner“ saß, und ließen sich still bei ihm nieder. Selbst derjenige von ihnen, welcher mit bei den Waffen gestanden hatte, schloß sich ihnen an, obgleich es ihm nicht schwer gewesen wäre, auf eines der Pferde zu springen und davonzureiten.

Old Shatterhand trat wieder zu dem „Tapferen, welcher Medizin sucht“. Derselbe kam eben aus seiner Betäubung wieder zu sich. Er öffnete die Augen und sah, daß der Sieger ihm den Riemen durchschnitt. Es bedurfte einiger Zeit, ehe er zum Verständnisse der Situation gelangte. Dann aber sprang er von der Erde auf. Er starrte Old Shatterhand mit einem ganz unbeschreiblichen Blicke an. Die Augen schienen ihm aus ihren Höhlen treten zu wollen, und seine Stimme klang heiser, als er stockend fragte:

„Ich – – lag – – am Boden! Hast du mich denn besiegt?“

„Ja! Oder hast du nicht selbst die Bedingung ausgesprochen, daß derjenige, welcher mit dem Körper zur Erde zu liegen kommt, für besiegt gelten solle?“

Der Rote betrachtete sich. Trotz seiner Größe bot er jetzt ein Bild des tiefsten Erschreckens.

„Ich bin doch nicht verwundet!“ rief er aus.

„Weil ich dich nicht töten wollte. Ich steckte ja mein Messer in den Baum.“

„So hast du mich mit der bloßen Hand niedergeschlagen?“

„Ja,“ lächelte Old Shatterhand. „Ich hoffe, daß du mir das nicht übel nehmen wirst. Es ist das für dich besser, als wenn ich dich niedergestochen hätte.“

Aber der Upsaroca war ganz und gar nicht im stande, jetzt mit zu scherzen. Es war ein Blick größter Ratlosigkeit, welchen er auf die Seinen warf. Dann nahmen seine scharfen Züge den Ausdruck starrer Resignation an.

„Besser wäre es, du hättest mich getötet!“ klagte er. „Der große Geist hat uns verlassen, weil uns unsere Medizinen gestohlen worden sind. Der Krieger, welcher skalpiert wird, kann nie in die ewigen Jagdgründe gelangen. Warum sind die Squaws unserer Väter nicht gestorben, ehe wir geboren wurden!“

Der vorher so stolze und siegesgewisse Mann war jetzt kleinmütig und verzagt wie ein Kind. Er wankte dahin, wo die Seinen saßen, um sich zu ihnen zu setzen, drehte sich aber noch einmal um und fragte:

„Erlaubt ihr uns, das Sterbelied zu singen, bevor ihr uns tötet?“

„Bevor ich dir antworte, will ich dir eine Frage geben. Komm!“

Old Shatterhand führte ihn zu den Upsarocas, deutete auf den „hundertfachen Donner“ und fragte:

„Willst du jetzt noch diesem Krieger zürnen?“

„Nein. Er konnte nicht anders. Der große Geist hat es so gewollt. Wir haben unsere Medizinen verloren.“

„Ihr werdet sie oder noch viel bessere wiedererhalten.“

Sie alle blickten erstaunt zu ihm empor.

„Wo sollen wir sie finden?“ fragte ihr Anführer. „Hier, da wir sterben müssen? Oder in den ewigen Jagdgründen, in die wir nicht gelangen können, weil wir unsere Skalpe verlieren?“

„Ihr sollt euch Skalpe und euer Leben behalten. Ihr hättet uns getötet, wenn wir unterlegen wären; wir aber sind nur scheinbar auf euere Bedingungen eingegangen. Wir sind Christen und morden keinen unserer Brüder. Steht auf! Geht hin, nehmt eure Waffen und eure Pferde! Ihr seid frei und könnt reiten, wohin es euch beliebt!“

Aber keiner machte eine Miene, dieser Aufforderung Folge zu leisten.

„Du sagst das als Beginn der Qualen, mit denen ihr uns foltern werdet,“ sagte der „Tapfere, welcher Medizin sucht“. „Wir werden dieselben ertragen, ohne daß du einen Laut der Klage aus unserem Munde vernimmst.“

„Du irrst dich. Ich spreche im Ernste. Zwischen den Upsarocas und den Kriegern der Schoschonen ist das Beil des Krieges vergraben.“

„Aber ihr wißt, daß wir euch töten wollten!“

„Es ist euch nicht gelungen, und darum dürsten wir nicht nach eurem Blute. Wir haben keinen von uns an euch zu rächen. Kanteh-pehta, der berühmte Medizinmann der Upsarocas ist unser Freund. Er kann mit den Seinen unangefochten in seine Wigwams zurückkehren.“

„Uff ! Du kennst mich?“ fragte der Genannte erstaunt.

„Dir fehlt das Ohr, und ich erblickte hier diese Narbe; daran habe ich dich erkannt.“

„Woher weißt du, daß ich diese Zeichen an mir trage?“

„Von deinem Bruder Schunka-schetscha, dem großen Hunde(, der mir von dir erzählte.“

„Auch diesen kennst du also?“

„Ja. Ich bin einst mit ihm zusammen gewesen.“

„Wann? Wo?“

„Vor mehreren Sommern. Am Berge der Schildkröte haben wir uns getrennt.“

Da sprang der Medizinmann, der sich bereits niedergesetzt hatte, schnell wieder auf. Seine Züge nahmen einen ganz anderen Ausdruck an. Seine Augen verloren den starren, resignierten Blick und begannen zu leuchten.

„Täuscht mich dein Wort oder mein Ohr?“ rief er aus. „Wenn du die Wahrheit sagst, so bis du Non-parklama, den die Weißen Old Shatterhand nennen!“

„Der bin ich allerdings.“

Beim Klange dieses Namens erhoben auch die anderen Upsarocas sich vom Boden. Sie schienen auf einmal ganz andere Menschen zu sein.

„Wenn du dieser berühmte Jäger bist,“ rief ihr Anführer, „so hat der große Geist uns noch nicht verlassen. Ja, du mußt es sein, denn du hast mich mit der Faust niedergeschlagen. Von dir besiegt worden zu sein, ist keine Schande. Ich darf leben, ohne daß die Squaws auf mich deuten.“

„Und auch der hundertfache Donner, der ein tapferer Krieger ist, braucht sich nicht zu schämen, besiegt worden zu sein, denn derjenige, gegen den er kämpfte, ist Winnetou, der Häuptling der Apachen.“

Die Augen der Upsarocas suchten mit wirklich ehrfurchtsvollem Blicke die Gestalt Winnetous. Dieser trat herbei, reichte dem „hundertfachen Donner“ die Hand entgegen und sagte:

„Mein roter Bruder hat die Pfeife des Schwures mit mir geraucht; er wird nun auch das Calummet des Friedens mit uns rauchen, denn die Krieger der Upsarocas sind unsere Freunde. Howgh!“

Der „Donner“ ergriff die Hand und antwortete:

„Der Fluch des bösen Geistes ist von uns gewichen. Old Shatterhand und Winnetou sind die Freunde der roten Männer. Sie werden unsere Skalpe nicht von uns fordern.“

„Nein, ihr seid frei,“ wiederholte Old Shatterhand die bereits einmal gegebene Versicherung. „Wir werden euch geben anstatt euch etwas zu rauben. Wir kennen die Männer, welche euch eure Medizinen raubten. Wenn ihr uns folgen wollt, so werden wir euch zu ihnen führen.“

„Uff ! Wer sind die Diebe?“

„Eine Schar der Sioux-Ogallala, deren Ziel die Berge des Gelbsteinflusses sind.“

Diese Nachricht regte die Beraubten gewaltig auf. Ihr Anführer rief in grimmigem Tone:

„Die Hunde der Ogallala sind es gewesen! Hong-peh-tekeh, der schwere Moccassin, ihr Häuptling, hat mich verwundet und mir das Ohr genommen, ohne daß ich mich rächen konnte. Ich habe den großen Geist gebeten, mich auf seine Fährte zu bringen, aber mein Wunsch ist nie in Erfüllung gegangen.“

Da trat Wohkadeh, welcher in der Nähe gestanden und alles gehört hatte, herbei und sagte:

„Du befindest dich auf seiner Fährte, denn Hong-peh-tekeh ist der Anführer der Ogallala, welche wir verfolgen.“

„So hat der große Geist ihn endlich in meine Hand gegeben. Wer aber ist dieser junge, rote Krieger, welcher mit dem hundertfachen Donner kämpfen wollte und jetzt so genaue Nachricht über die Sioux-0gallala weiß?“

„Es ist Wohkadeh, ein wackerer Sohn der Numangkake,“ antwortete Old Shatterhand. „Er wurde von den Ogallala gezwungen, mit ihnen zu reiten, und war auch dabei, als sie euch eure Medizinen raubten. Er wich dann von ihnen und hat uns bereits sehr große Dienste geleistet.“

„Und was wollen die Sioux in den Bergen des Gelbsteinflusses?“

„Wir werden es euch erzählen, wenn wir das Lagerfeuer angebrannt haben. Dann mögt ihr euch beraten, ob ihr mit uns reiten wollt.“

„Wenn ihr euch auf der Fährte der Ogallala befindet, um gegen sie zu kämpfen, so werden wir mit euch reiten. Sie haben uns unsere Medizinen gestohlen. Wohkadeh wird uns erzählen, wie das geschehen ist. Kanteh-pehta ist der berühmteste Medizinmann der Upsarocas. Daß er sich seine große Medizin hat rauben lassen, hat ihn in Schimpf und Schande gebracht, und er wird nicht eher ruhen, als bis es ihm gelungen ist, sich zu rächen. Meine Brüder mögen das Feuer der Beratung anbrennen. Wir dürfen keine Zeit verlieren, und meine Krieger wissen, welche große Ehre es für sie ist, mit so berühmten Männern reiten zu dürfen!“

So waren abermals Feinde in Freunde umgewandelt worden, und mit der Zahl der Teilnehmer wuchs die Hoffnung, daß das erst so schwierig scheinende Unternehmen gelingen werde. – –

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Am P’a Wakon Tonka

Am P’a-wakon-tonka

„Der Senat und das Haus der Repräsentanten der Vereinigten Staaten beschließen, daß der Landstrich in den Territorien Montana und Wyoming, nahe dem Ursprunge des Yellowstone-River liegend, hierdurch von jeder Besiedelung, Besitznahme oder Verkauf unter den Gesetzen der Vereinigten Staaten ausgenommen und als ein öffentlicher Park oder Lustplatz zum Wohle und Vergnügen des Volkes betrachtet werden soll. Jedermann, der sich diesen Bestimmungen zuwider dort niederläßt oder von irgend einem Teile Besitz ergreift, soll als Übertreter des Gesetzes angesehen und ausgewiesen werden. Der Park soll unter die ausschließliche Kontrolle des Sekretärs des Inneren gestellt werden, dessen Aufgabe es sein wird, sobald als thunlich solche Vorschriften und Anordnungen zu erlassen, als er zur Pflege und Erhaltung desselben notwendig erachtet.“

So lautet ein vom Vereinigten Staatenkongreß am 1. März 1872 angenommenes Gesetz, durch welches den Bürgern der Vereinigten Staaten und den Bewohnern aller übrigen Länder ein Geschenk gemacht wurde, von dessen Größe man damals noch gar keine Ahnung hatte.

Über den erwähnten Landstrich, welcher heute der Nationalpark der Vereinigten Staaten genannt wird, durchzogen vor der angegebenen Zeit die allerseltsamsten Gerüchte die östlichen Staaten. Nur den wildesten Indianern bekannt und kaum in einzelnen Teilen von einem kühnen, einsamen Trapper gesehen, war diese Gegend in das tiefste Geheimnis gehüllt. Was einer dieser Fallensteller erzählte, das wurde, auf das phantastischste ausgeschmückt, weiter getragen. Brennende Prairien und Berge, kochende Quellen, Vulkane, welche flüssiges Metall auswürfen, Seen und Flüsse, mit Öl anstatt mit Wasser gefüllt, versteinerte Wälder mit versteinerten Indianern und Tieren sollten dort zu finden sein.

Erst Professor Hayden, welcher eine Expedition nach jener wunderbaren Region unternahm, brachte genaue Auskunft über dieselbe, und er wußte allerdings ganz Außerordentliches zu berichten. Ihm ist es zu danken, daß das oben angeführte Gesetz erlassen wurde.

Der Nationalpark umfaßt ein Gebiet von 9500 Quadratkilometern. Dort entspringen der Yellowstone-, Madison-, Gallatin- und der Schlangenfluß. Mächtige Gebirgsketten durchziehen das Gebiet. Eine reine und stärkende Luft umzieht die Höhen, und Hunderte von kalten und heißen, chemisch verschieden zusammengesetzten Quellen bieten durch ihre wunderbare Heilkraft den Kranken Genesung und Erneuerung der gesunkenen Lebenskraft. Geiser, mit denen diejenigen Islands kaum zu vergleichen sind, werfen ihre Wasserstrahlen mehrere hundert Fuß hoch empor; Berge, ganz aus natürlichem Glase bestehend und in allen Farben schillernd, glänzen in den Strahlen der Sonne. Schluchten, wie so schauerlich keine andere Gegend sie aufzuweisen hat, scheinen eingeschnitten zu sein, um einen Einblick in die Eingeweide der Erde zu gestatten. Der Erdboden bildet Blasen, welche sich heben und senken; oft scheint er nur zolldick zu sein, so daß der Reiter sein entsetztes Pferd nur mühsam vorwärts bringt. Riesige Löcher öffnen sich, gefüllt mit kochendem Schlamm, welcher langsam auf und nieder steigt. Es ist ganz unmöglich, nur eine Viertelstunde weit zu gehen, ohne auf irgend ein staunenswertes Naturwunder zu stoßen. Gibt es doch nur der Geiser und heißen Quellen über zweitausend. Während an einer Stelle siedendes Wasser dem Boden entströmt, perlt in nächster Nähe ein heller, kalter Quell hervor. Gute und böse Geister, Engel und Teufel scheinen unter der Oberfläche gegeneinander zu kämpfen. Staunt man jetzt das Erhabene an, so weicht man wenige Schritte weiter vor dem Schrecklichen zurück. Hat man an der einen Stelle eine Riesenfontäne bewundert, welche tausend Fuß hoch über dem Flußniveau an den Wänden des Cannons emporsteigt, so schreitet man dann über Felder von Karneolen, Moosachaten, Chalcedon, Opalen und anderen Halbedelsteinen, deren Wert ein geradezu ungeheuerer ist.

Und dort zwischen den Bergen des Felsengebirges schlummern herrliche Seen. Der größte und schönste derselben ist der Yellowstonesee, welcher mit Ausnahme des Titikakasees der höchstgelegene große See der Erde ist, denn er liegt fast achttausend Fuß hoch über dem Meeresspiegel.

Sein Wasser ist sehr schwefelhaltig, seine tiefen Einschnitte wimmeln von riesigen Forellen, deren Fleisch einen ganz eigenartigen, aber sehr guten Geschmack besitzt. Die ihn umgebenden Wälder sind reich an Hochwild, Elentieren, Bären. An den Ufern entspringen unzählige heiße Quellen, aus denen die Dämpfe der Unterwelt hervorpfeifen, laut und schrill, wie aus den Ventilen einer Lokomotive.

Ein ängstliches Gemüt kommt da sehr leicht auf den Gedanken, diesem Gebiete zu entweichen. Die im Inneren der Erde ruhelos arbeitenden Gewalten machen sich hier gar zu sehr bemerklich. Man fühlt sich nicht mehr sicher auf der Erde. Es ist, als müsse die ganze meilenweite Gegend im nächsten Augenblicke entweder versinken oder als gigantischer, feuerspeiender Krater weit über die Spitzen der Rocky Mountains emporgehoben werden – beide Fälle gleich unangenehm für denjenigen, der mit versinken oder mit emporgeschleudert werden soll.

Da, wo der Yellowstonefluß aus dem See tritt und das Ufer des letzteren sich südwestlich nach der Stelle hinzieht, an welcher der Bridge-Creek einmündet, brannten einige Feuer. Man hatte sie angebrannt, weil es dunkel geworden war, nicht aber weil sie zur Bereitung des Abendessens gebraucht worden wären. In letzterer Beziehung hatte die Natur sehr freundlich Sorge getragen.

Ellenlange Forellen, im kalten Seewasser gefangen, wurden im heißen Wasser gesotten, welches nur wenige Fuß entfernt aus dem Boden hervorkochte. Der kleine Sachse bildete sich nicht wenig darauf ein, am Nachmittag ein wildes Schaf geschossen zu haben. Es gab infolgedessen gekochtes Schöpsenfleisch voran und Forellen als Dessert. Die heiße Quelle war von so geringem Umfang, daß sie geradezu als Kochtopf diente, und das abfließende Wasser hatte dadurch einen solchen Bouillongeschmack, daß es mit den wenigen vorhandenen Lederbechern geschöpft und mit großem Appetit getrunken wurde.

Die Gesellschaft war, ganz wie Old Shatterhand es vorhergesagt hatte, über den Pelikan- und den Yellowstonefluß herüber gekommen, wollte morgen vormittag über den Bridge-Creek und dann gerade westlich nach dem Feuerlochflusse reiten. Dort arbeitete der Geiser, welcher von den Indianern K’un-tui-temba, d. i. Höllenmaul genannt wird und in dessen Nähe das Häuptlingsgrab als Ziel des weiten Rittes lag.

Dieser war weit schneller von statten gegangen, als man vorher hatte denken können. Obgleich das Ziel sich bereits in ziemlicher Nähe befand, waren noch volle drei Tage bis zum Vollmonde, und Old Shatterhand war der Überzeugung, daß die Sioux-Ogallala unmöglich bereits hier sein könnten. Er bemerkte im Laufe des Gespräches:

„Sie können kaum Bottelers Range erreicht haben, und wir sind also vor ihnen sicher. Laßt immerhin die Feuer brennen, bis nachher der Mond hinter den Bergen aufsteigt. Andere menschliche Wesen als die Sioux haben wir nicht zu erwarten. Wir haben gar nichts zu befürchten.“

„Und wie ist von Bottelers Range sodann der Weg herauf, Sir?“ fragte Martin Baumann.

„Wollt Ihr ihn vielleicht reiten, junger Freund?“

Martin bemerkte den forschenden Blick nicht, welchen Old Shatterhand bei dieser Frage auf ihn warf, antwortete aber dennoch mit einer kleinen, nicht ganz zu beherrschenden Verlegenheit:

„Ich interessiere mich natürlich für denselben, weil mein Vater ihn zu reiten hat. Ich habe gehört, daß er sehr gefährlich sein soll.“

„Das will ich nicht behaupten. Man hat natürlich die Nähe der Geiser und sodann diejenigen Stellen zu vermeiden, an welchen die Erdrinde so dünn ist, daß man beim Betreten derselben durchbrechen würde. Man reitet von Bottelers Range im Thale des Flusses aufwärts, an erloschenen Vulkanen vorüber. Nach vier bis fünf Stunden gelangt man in den unteren Cannon, welcher eine halbe Meile lang und wohl tausend Fuß tief in den Granit geschnitten ist. Nach abermals fünf Stunden erreicht man einen Berg, von dessen Spitze zwei parallele Felsenmauern fast dreitausend Fuß tief herniederlaufen. Das wird die Rutschbahn des Teufels genannt. Drei Stunden später gelangt man an die Mündung des Gardinerflusses, dem man nun aufwärts zu folgen hat, weil man am Yellowstone-River nicht mehr vorwärts kann. Dann reitet man an den Washburnebergen und dem Cascade-Creek entlang, welch letzterer wieder nach dem Yellowstone führt. Er mündet zwischen den oberen und unteren Fällen desselben, und man befindet sich somit an dem Rande des großen Cannon, welcher wohl das größte Wunder des Yellowstonebassins bildet.“

„Kennt Ihr dieses Wunder, Sir?“ fragte der dicke Jemmy.

Auch diesem Frager warf Old Shatterhand einen heimlich forschenden Blick zu, bevor er antwortete:

„Ja. Er ist wohl über sieben deutsche Meilen lang und mehrere tausend Fuß tief. Die Wände fallen geradezu lotrecht in die Tiefe, und nur ein völlig schwindelfreier Mensch darf es wagen, nach dem Rande hinzukriechen, um in die schauerliche Tiefe zu blicken, in welcher der vorher zweihundert Fuß breite Fluß wie ein dünner Faden erscheint. Und doch ist es dieser Faden gewesen, welcher sich im Verlaufe von Jahrtausenden so tief in die Felsen eingeschnitten hat. Die Wogen brausen unten an den massiven Steinmauern mit fürchterlicher Schnelligkeit dahin, droben aber ist von ihrem Wüten nichts zu hören. Kein Sterblicher kann da hinab, und wenn er es könnte, er vermöchte doch nicht, nur eine Viertelstunde es auszuhalten. Es würde ihm an der Luft fehlen. Das Wasser des Flusses ist warm, sieht wie Öl aus, besitzt einen ekelhaften Schwefel- und Alaungeschmack und verbreitet einen Gestank, der nicht zu ertragen ist. Geht man am Cannon aufwärts, so erreicht man die unteren Fälle des Flusses, wo dieser sich aus einer Höhe von vierhundert Fuß in die grauenvolle Tiefe stürzt. Eine Viertelstunde weiter aufwärts fällt der Strom abermals weit über hundert Fuß herab. Von diesen oberen Fällen bis hierher würde ein Reiter ungefähr neun Stunden brauchen. Das macht also von Bottelers Range aus zwei tüchtige Tagesritte, welche wir den Sioux Ogallala voraus sind. Genau kann diese Rechnung allerdings nicht sein; aber einige Stunden mehr oder weniger sind ja nicht von Belang. Es genügt uns, zu wissen, daß unsere Feinde noch nicht hier sein können.“

„Und wo werden sie sich morgen um diese Zeit befinden, Sir?“ fragte Martin Baumann.

„Am oberen Ausgange des Cannons. Habt Ihr einen Grund, das so genau wissen zu wollen?“

„Einen direkten nicht; aber Ihr könnt Euch denken, daß ich den Vater in Gedanken begleite. Wer weiß, ob er noch lebt.“

„Ich bin ganz überzeugt davon.“

„Die Sioux können ihn getötet haben!“

„Mit diesem Gedanken braucht Ihr Euch nicht zu sorgen. Die Ogallala wollen ihre Gefangenen nach dem Häuptlingsgrabe bringen, und das werden sie auch thun; darauf könnt Ihr Euch verlassen. Je später die Unglücklichen getötet werden, desto länger dauern die Qualen, welche sie zu erdulden haben, und darum fällt es den Sioux gar nicht ein, sie ihnen durch einen früheren Tod abzukürzen. Ich kenne diese roten Kerls sehr genau, und wenn ich Euch sage, daß Euer Vater jedenfalls noch lebt, so könnt Ihr es glauben.“

Er wickelte sich in seine Decke, legte sich nieder und that, als ob er schlafen wolle. Unter den nicht ganz geschlossenen Lidern hervor aber beobachtete er Martin Baumann, den dicken Jemmy und den Hobble-Frank, welche leise und angelegentlich flüsterten, genau.

Nach einiger Zeit erhob der Dicke sich von seinem Platze und schlenderte langsam und scheinbar unbefangen nach der Seite hin, in welcher die Pferde graseten. Sofort stand auch Old Shatterhand auf und folgte ihm heimlich. Er sah, daß Jemmy sein Pferd, welches nur angehobbelt war, anpflockte, und trat nun schnell auf ihn zu.

„Master Jemmy, was hat Euer Gaul verbrochen, daß er nicht frei fressen soll?“ fragte er ihn.

Der einstige Gymnasiast wendete sich erschrocken zu ihm um.

„Ah, Ihr seid es, Sir? Ich hielt Euch doch für eingeschlafen.“

„Und ich hielt Euch bis jetzt für einen ehrlichen Kerl!“

„Alle Teufel! Meint Ihr etwa, daß ich es jetzt nicht mehr bin?“

„Fast scheint es so!“

„Warum?“

„Aus welchem Grunde erschrakt Ihr so, als ich jetzt hierher kam?“

„Aus dem einfachen Grunde, aus welchem ein jeder erschrickt, der bei Nacht ganz unerwartet angeredet wird.“

„Der müßte ein ziemlich schlechter Westmann sein. Ein braver Jäger bewegt sich unter Umständen selbst dann nicht, wenn ganz unerwartet vor seinem Ohr ein Schuß abgefeuert wird.“

„Ja, wenn dabei die Kugel ihm durch den Kopf geht, so bewegt er sich allerdings nicht mehr!“

„Pah! Ihr wißt genau, daß es hier kein feindliches Wesen gibt! Es sollte niemand merken, daß Ihr Euer Pferd angepflockt habt.“

Der Dicke verbarg seine Verlegenheit hinter einem zornigen Tone:

„Jetzt, Sir, begreife ich Euch nicht. Kann ich denn mit meinem Pferde nicht mehr machen was mir beliebt?“

„Ja, aber heimlich braucht Ihr es nicht zu thun!“

„Von Heimlichkeit ist keine Rede. Unter den Pferden der Upsarocas befinden sich einige Schläger. Mein Gaul ist bereits einmal verletzt worden. Damit das nicht wieder geschehen möge, habe ich ihn angepflockt; er soll diese störrige Gesellschaft gar nicht aufsuchen können. Ist das eine Sünde, so hoffe ich, daß ich Vergebung finde.“

Er wendete sich ab, um zum Lager zurückzukehren. Old Shatterhand aber legte ihm die Hand auf die Schulter und bat:

„Bleibt noch einen kurzen Augenblick, Master Jemmy. Es kann nicht meine Absicht sein, Euch zu beleidigen; aber ich glaube Veranlassung zu haben, Euch zu warnen. Daß ich das unter vier Augen thue, mag Euch zeigen, wie hoch ich Euch schätze.“

Jemmy schob seinen Hut nach vom, kratzte sich hinter dem Ohre, wie es sonst sein Freund Davy zu thun pflegte, wenn er sich in Verlegenheit befand, und antwortete:

„Sir, wenn ein anderer mir das sagte, so würde ich ihm ein wenig mit der Faust im Gesicht herumlaufen; von Euch aber will ich die Warnung annehmen. Also, wenn Ihr einmal geladen habt, so drückt in Kuckucks Namen los!“

„Schön! Welche Heimlichkeiten habt Ihr mit dem Sohne des Bärenjägers?“

Es dauerte eine kleine Weile, bevor Jemmy antwortete:

„Heimlichkeiten? Ich mit dem? Dann sind diese Heimlichkeiten so sehr heimlich, daß ich selbst von ihnen nicht das Geringste weiß.“

„Ihr flüstert immer miteinander!“

„Er will sich in der deutschen Sprache üben.“

„Das kann er auch laut thun. Ich habe bemerkt, daß er in letzter Zeit viel besorgter um seinen Vater ist als vorher. Er befürchtet, daß er von den Ogallala getötet worden sei, und ich gebe mir vergebliche Mühe, ihm das auszureden. Ihr habt vorhin gehört, daß er wieder davon anfing. Ich befürchte, daß er sich mit Gedanken trägt, welche zwar seiner Kindesliebe, nicht aber seiner Einsicht Ehre machen. Wißt Ihr vielleicht etwas davon?“

„Hm! Hat er Euch etwas davon gesagt, Sir?“

„Nein.“

„Nun, zu Euch hat er doch jedenfalls mehr Vertrauen, als zu mir. Wenn er gegen Euch schweigt, so wird er gegen mich nicht mitteilsamer sein.“

„Mir scheint, Ihr sucht eine direkte Antwort zu umgehen?“

„Fällt mir nicht ein!“

„Er hält sich seit gestern von mir und Winnetou zurück, und Ihr reitet stets mit ihm. Ich habe geglaubt, daraus folgern zu müssen, daß er Euch zu seinem Vertrauten gemacht hat.“

„Ich sage Euch, daß Ihr Euch da sehr irrt, obwohl Ihr sonst ein außerordentlich scharfsinniger Mann seid.“

„Also er hat Euch wirklich nichts mitgeteilt, woraus zu folgern wäre, daß er etwas beabsichtigt, was ich nicht billigen könnte?“

„Alle Teufel! Ihr stellt da ja ein wirkliches Examen mit mir an. Bedenkt, Sir, daß ich kein Schulknabe bin! Wenn mir jemand über seine Familienverhältnisse und Herzensangelegenheiten eine Mitteilung macht, so bin ich nicht berechtigt, einem anderen darüber Rede zu stehen.“

„Gut, Master Jemmy! Das, was Ihr jetzt sagtet, war zwar eine Grobheit, hat aber seine Richtigkeit. Ich will also nicht weiter in Euch dringen und genau so thun, als ob ich nichts bemerkt hätte. Geschieht aber etwas, was einen von uns in Schaden bringt, so weise ich alle Verantwortlichkeit von mir ab. Wir sind fertig.“

Er wendete sich ab und ging, nicht nach dem Lager hin, sondern nach der entgegengesetzten Seite. Er hatte sich über Jemmy geärgert und wollte seinen Unmut durch einen kurzen Gang zur Ruhe bringen.

Der Dicke schlenderte langsam nach seinem Feuer hin und brummte dabei leise vor sich hin:

„Ein verteufelt scharfes Auge hat dieser Mann! Wer konnte meinen, daß er etwas gemerkt habe. Recht hat er, vollständig recht, und ich wollte, ich hätte ihm alles sagen können; aber ich habe mein Wort gegeben, zu schweigen, und darf es nicht brechen. Besser wäre es, ich hätte mich mit dieser Sache gar nicht abgegeben. Aber der kleine Bärenjäger wußte so schön zu bitten, und da ist mir altem, dickem Waschbären das Herz mit dem Verstande davongelaufen. Na, hoffentlich nimmt die Angelegenheit ein gutes Ende!“

Als Old Shatterhand sich vorhin vom Feuer entfernt hatte, war von den Zurückbleibenden ein leises Gespräch über denselben Gegenstand geführt worden.

„O weh!“ hatte der lange Davy dem Sohne des Bärenjägers zugeflüstert. „Da geht Shatterhand fort! Wohin?“

„Wer weiß es!“

„Ich bin es vielleicht, der es weiß. Mir scheint, er hat gar nicht geschlafen. Wenn einer in dieser Weise aufsteht, so ist er nicht aus dem Schlafe erwacht. Er hat uns wohl gar beobachtet.“

„Warum sollte er das? Wir haben ihm ja keine Veranlassung zum Mißtrauen gegeben.“

„Hm! Ich freilich nicht, aber Ihr. Ich habe mich sehr wohl gehütet, viel mit Euch zu reden, wenn ich wußte, daß er es bemerken könne. So auch vorhin. Jemmy aber hält sich so unausgesetzt zu Euch, daß ein jeder annehmen muß, daß Ihr irgend eine Heimlichkeit mit ihm habt. Auch Old Shatterhand ist es wohl aufgefallen. Nun ist er dem Jemmy nach und wird sehen, daß dieser unsere Pferde anpflockt, damit wir sie nachher, wenn wir uns fortschleichen wollen, nicht lange Zeit zu suchen brauchen. Wenn er das wirklich sieht, so ist unsere Absicht mehr als halb verraten.“

„Ich werde sie dennoch ausführen!“

„Ich habe Euch gewarnt und warne Euch auch noch jetzt!“

„Aber bedenkt doch, mein lieber Davy, daß es mir ganz unmöglich ist, noch volle drei Tage zu warten! Ich sterbe vor Sorge um den Vater.“

„Old Shatterhand hat Euch aber doch erklärt, daß die Gefangenen noch leben müssen!“

„Er kann sich sehr leicht irren.“

„So können wir es auch nicht ändern.“

„Aber ich habe Gewißheit und kann mich danach richten. Wünscht Ihr etwa, daß ich Euch Euer Wort zurückgebe?“

„Besser für mich wäre es vielleicht.“

„Das sagt Ihr, dem ich ein so großes Vertrauen geschenkt habe,“ bemerkte Martin in vorwurfsvollem Tone. „Habt Ihr denn vergessen, daß Ihr und Jemmy die ersten waret, welche mir ihre Hilfe anboten? Nun aber kann ich mich nicht mehr auf euch verlassen.“

„Zounds! Das ist ein Vorwurf, den ich nicht auf mir sitzen lassen darf. Ich habe mich von meiner Zuneigung zu Euch hinreißen lassen, Euch das Versprechen zu geben, und Ihr sollt mir nicht nachsagen, daß ich es nicht halte. Ich reite also mit; aber ich mache eine Bedingung!“

„Laßt hören! Ich erfülle sie, wenn es mir möglich ist.“

„Wir belauschen die Sioux-Ogallala nur, um zu erfahren, ob Euer Vater noch lebt.“

„Ja, einverstanden.“

„Wir machen nicht etwa auf unsere eigene Faust einen Versuch, ihn zu befreien.“

„Auch da bin ich Eurer Meinung.“

„Schön! Ich kann es mir lebhaft vorstellen, wie es in Eurem Herzen aussehen mag. Ihr steht eine reelle Angst um Euren Vater aus. Das rührt mein altes, gutes Gemüt, und ich begleite Euch. Aber sobald wir gesehen haben, daß er noch lebt, kehren wir um und reiten den anderen nach. Wenn Ihr nur nicht auf den Gedanken gekommen wäret, den Hobble-Frank mitzunehmen!“

„Er hat es verdient, daß ich diese Rücksicht auf ihn nehme.“

„Aber ich denke, daß er uns mehr schaden als nutzen werde.“

„O, Ihr irrt Euch in ihm. Er ist trotz aller seiner Eigenheiten ein mutiger und auch gewandter Kerl.“

„Das mag sein; aber er hat ein ganz entschiedenes Pech. Was er am besten anzufangen meint, das gelingt ihm am allerwenigsten. Solche Unglücksvögel sind die besten Geschöpfe, aber man muß sie meiden.“

„Ich habe es ihm nun einmal versprochen und will ihm nicht das Herzeleid anthun, mein Wort zurückzunehmen. Er hat in Freud‘ und Leid treu bei uns ausgehalten, und es ist eine Art Belohnung für ihn, wenn ich ihn mitnehme.“

„Und Wohkadeh? Geht er noch mit?“

„Ja. Wir haben so innige Freundschaft geschlossen, daß es ihm unmöglich ist, zurückzubleiben, während ich diesen Ritt unternehme.“

„So ist also alles in Ordnung, und es handelt sich nur darum, unbemerkt fortzukommen. Freilich wird es morgen früh eine große Sorge um uns geben, wenn wir verschwunden sind, aber ich denke, der Neger wird den Auftrag ausrichten. Da kommt Jemmy.“

Der Dicke kam herbei und setzte sich zu ihnen.

„Nicht wahr, Old Shatterhand hegt Mißtrauen?“ fragte Davy.

„Ja. Er hat mich inquiriert wie einen Spitzbuben,“ brummte der Dicke mißmutig.

„Du hast aber doch nichts gestanden?“

„Versteht sich ganz von selbst. Aber sauer ist es mir freilich geworden. Ich habe meine Zuflucht sogar zur Grobheit nehmen müssen. Das nahm er mir übel und ging fort.“

„Und er hat gesehen, daß du unsere Pferde anpflocktest?“

„Ich hatte es nur erst mit dem meinigen gethan. Er war mir glücklicherweise zu schnell nachgekommen. Laßt uns aber jetzt schweigen, damit wir sein Mißtrauen einschläfern. Da kommt nun auch der Mond. Wir wollen das Feuer auslöschen und uns dann unter die Bäume legen. Da gibt es Schatten, und man bemerkt unsere Entfernung nicht sogleich.“

„Gut, daß wir Mondschein haben; da finden wir wenigstens den Weg.“

„Er ist uns deutlich vorgezeichnet, immer am Flusse hinab. Einerseits ist es mir gar nicht lieb, daß wir gezwungen sind, die Gefährten zu täuschen, andererseits aber kann es ihnen auch nichts schaden. Früher hatten auch wir ein Wort zu sagen; jetzt aber sind Old Shatterhand und Winnetou die Kommandanten. Jemmy und Davy werden nur so nebenbei einmal um ihre Ansicht gefragt. Da ist es eigentlich ganz an der Zeit, ihnen zu zeigen, daß wir auch noch zu den Westmännern gehören, die einen Plan entwerfen und ihn auch ausführen können. jetzt nun zur Ruhe. Sie darf für uns nicht lange währen.“

Das Feuer wurde ausgelöscht. Auch die Flammen, an denen die Indianer gesessen hatten, brannten nicht mehr. Die Gespräche waren verstummt. Old Shatterhand legte sich, als er zurückgekehrt war, neben Winnetou in das Gras. Nun war es still ringsum. Nur das schrille Pfeifen der dem Erdinnern entströmenden Dämpfe ließ sich in regelmäßigen Zwischenräumen hören.

Es verging weit über eine Stunde, da regte es sich leise unter den Bäumen, wo Frank, Jemmy, Davy, Martin und Wohkadeh sich zusammen gelagert hatten.

„Meine Brüder mögen mir folgen,“ flüsterte der junge Indianer. „Es ist Zeit. Wer eher geht, der kommt eher an.“

Sie griffen nach ihren Waffen und sonstigen Sachen und schlichen sich leise unter den Bäumen dahin, den Pferden zu. Jemmy fand das seinige leicht; die anderen mußten erst gesucht werden; aber den scharfen Augen Wohkadehs gelang es schnell, die vier Tiere von den anderen zu unterscheiden.

Ohne ein leichtes Geräusch ging das freilich nicht ab. Darum blieben die fünf Flüchtlinge, als sie die Pferde beisammen hatten, eine kleine Weile lauschend stehen, um zu beobachten, ob ihr Verschwinden bemerkt worden sei.

Als es aber dort bei den Schlafenden ruhig blieb, führten sie die Pferde, deren Hufschlag durch das Gras gedämpft wurde, langsam fort.

Freilich, ganz unbemerkt entkamen sie nicht. Obgleich an die Nähe eines Feindes nicht gedacht werden konnte, waren doch einige Wachen, die sich von Zeit zu Zeit abzulösen hatten, ausgestellt worden. Für die Nacht war dies schon wegen den wilden Tieren im Walde notwendig. An einem dieser Wachtposten kamen sie vorüber.

Es war ein Schoschone. Er hörte sie kommen, wußte natürlich, daß die vom Lager her Nahenden Freunde sein mußten, und machte daher keinen Lärm. Der Schein des Mondes, welcher sich zwischen einzelnen Zweigen hindurch herniederstahl, erlaubte ihm, die Pferde zu sehen. Daß sich Männer mit ihren Tieren entfernen wollten, das erregte seine Verwunderung.

„Was haben meine Brüder vor?“ fragte er.

„Schau mich an! Erkennst du mich?“ antwortete Jemmy, nahe an ihn herantretend, so daß seine Gestalt deutlich zu bemerken war.

„Ja. Du bist Jemmy-petahtscheh.“

„Sprich leise, damit keiner der Schläfer geweckt werde. Old Shatterhand sendet uns aus. Er weiß, wohin wir gehen. Ist dir das genug?“

„Meine weißen Brüder sind unsere Freunde. Ich darf sie nicht hindern, die Befehle des großen Jägers auszuführen.“

Sie gingen weiter. Als sie so entfernt vom Lager waren, daß kein Huftritt dort mehr gehört werden konnte, stiegen sie auf, suchten die lichtere Nähe des Seeufers auf und trabten längs desselben hin, um den Ausfluß des Yellowstoneriver zu erreichen und demselben in nördlicher Richtung zu folgen.

Der Schoschone hielt den Vorfall für so einfach und selbstverständlich, daß er sich gar nicht die Mühe gab, später dem ihn ablösenden Posten eine Mitteilung darüber zu machen. So blieb die Entfernung der fünf kühnen oder vielmehr leichtsinnigen Deserteure unbemerkt, bis der Tag graute.

Um diese frühe Zeit sollte aufgebrochen werden. Daher erhoben sich, als die ersten Vogelstimmen in den Zweigen ertönten, alle von ihren Lagerorten. Da bemerkte Old Shatterhand zunächst, daß Martin Baumann fehlte. Da ihm sofort die gestrige Befürchtung zurückkehrte, forschte er nach Jemmy, und bald stellte es sich heraus, daß nicht nur dieser auch fehlte, sondern ebenso Davy, Frank und Wohkadeh nicht mehr vorhanden waren. Wie man sich dann sogleich überzeugte, hatten sie zu Pferde das Lager verlassen.

Nun erst jetzt meldete sich der Schoschone, welcher gestern abend die Wache gehabt hatte, und erzählte Old Shatterhand, welche Erklärung ihm von Jemmy gemacht worden war.

Winnetou stand dabei und konnte sich trotz seines sonstigen Scharfsinnes die Absicht, in welcher die Fünf sich so heimlich entfernt hatten, nicht denken.

„Sie sind den Sioux-Ogallala entgegen,“ erklärte ihm Old Shatterhand.

„So haben sie ihr Hirn verloren,“ zürnte der Apache. „Sie werden nicht nur der Gefahr, welcher sie entgegenreiten, nicht entgehen, sondern auch unsere Anwesenheit verraten. Warum aber wollen sie den Sioux begegnen?“

„Um zu erfahren, ob der Bärentöter noch lebe.“

„Ist er tot, so vermögen sie doch nicht, ihm das Leben zurückzugeben, und lebt er noch, so werden sie ihm Unglück bringen. Winnetou kann diesen großen Fehler den zwei kühnen Knaben verzeihen; die beiden alten, weißen Jäger aber sollten am Pfahle aufgestellt werden, den Squaws und Kindern zum Spotte!“

Da kam Bob, der Neger, herbei. Der Skunkgeruch war noch nicht ganz von ihm gewichen, so daß keiner der Leute ihn gern in seiner Nähe duldete. Er trug immer noch nur die alte Pferdedecke, welche der lange Davy ihm geschenkt hatte. Des Nachts, wenn es kühl wurde, hatte er sich bisher in das Fell des von Martin Baumann erlegten Bären gewickelt.

„Massa Shatterhand suchen Massa Martin?“ fragte er.

„Ja. Kannst du mir Auskunft erteilen?“

„O, Masser Bob sein ein sehr kluger Masser Bob. Er wissen, wo Massa Martin sein.“

„Nun wo?“

„Sein fort, zu Sioux-Ogallala, zu sehen gefangen Massa Baumann. Massa Martin haben Masser Bob alles sagen, damit Masser Bob dann Massa Shatterhand wiedersagen.“

„Also doch ganz so, wie ich dachte!“ sagte Old Shatterhand. „Wann wollen sie zurückkommen?“

„Wann sie haben sehen Massa Baumann, dann kommen uns nach an Fireholefluß.“

„Hast du sonst noch einen Auftrag?“

„Nein. Masser Bob weiter nichts wissen.“

„Dein guter Massa Martin hat da eine Dummheit gemacht; ich glaube, es kann ihm dabei an den Kragen gehen.“

„Was! Massa Martin an den Kragen? Da Masser Bob sich setzen sofort auf Pferd, um ihm nachreiten und erretten!“

Er wollte eiligst fort, hin zu den Pferden.

„Halt!“ befahl ihm Old Shatterhand. „Du bleibst! Du darfst zu der ersten Dummheit nicht noch eine zweite fügen, welche noch größer sein würde.“

„Aber Masser Bob doch müssen retten sein lieb gut Massa Martin!“ rief der treue Schwarze. „Masser Bob schlagen tot all ganz Sioux-Ogallala!“

„Ja, so wie du zum Beispiel auch den Bären totschlugst, als du vor Angst auf die Birke klettertest.“

„Ogallala sein kein Bär. Masser Bob sich nicht fürchten vor Ogallala!“

Er streckte seine großen Fäuste drohend aus und machte eine Miene, als ob er gleich zehn Ogallala verschlingen wolle.

„Nun gut, ich will es einmal mit dir versuchen, weil du deinen jungen Herrn so hebst. Mache dich bereit, in wenigen Minuten mit uns zu reiten!“

Und zu Winnetou, bei welchem jetzt der Häuptling der Upsarocas und der Häuptling der Schoschonen mit Moh-aw, seinem Sohne, standen, fuhr er fort:

„Mein Bruder wird den Ritt fortsetzen und mich am K’untui-temba, dem Maule der Hölle, erwarten. Mit mir aber werden reiten die fünfzehn Krieger der Upsarocas mit ihrem Häuptlinge und Moh-aw mit fünfzehn Kriegern der Schoschonen. Wir müssen diesen fünf vorwitzigen Menschen augenblicklich folgen, um sie zu retten, wenn sie sich in Gefahr befinden. Wann wir dem Häuptlinge der Apachen folgen werden, das weiß ich nicht. Auch kann ich nicht vorher bestimmen, von welcher Seite ich nach dem Maule der Hölle kommen werde. Mein Bruder mag nach beiden Seiten Männer senden, welche aufzupassen haben, denn es ist nun möglich, daß die Sioux eher am Grabe der Häuptlinge sind als ich mit meinen Kriegern.“

Nur wenige Minuten später galoppierte Old Shatterhand mit seinen Begleitern in derselben Richtung fort, in welcher die fünf Unvorsichtigen gestern abend das Lager verlassen hatten. Ob, wo, wann und unter welchen Umständen er sie einholen werde, das konnte er freilich nicht wissen.

Sie hatten natürlich einen weiten Vorsprung vor ihm. Der Ritt war zwar wegen der Nacht und ihrer Unbekanntschaft mit dem Terrain nur langsam vorwärts gegangen, aber dennoch lag beim Anbruch des Tages der Yellowstonesee bereits in bedeutender Entfernung hinter ihnen, und nun konnten sie die Pferde besser ausgreifen lassen.

Jemmy und Davy fühlten sich heute ganz in ihrem Elemente. Sie waren diejenigen, auf welche sich die drei anderen verlassen mußten, während in letzter Zeit nur wenig nach ihren Meinungen gefragt worden war. Und wenn sie die Gegend, in welcher sie sich befanden, auch gar nicht kannten, so verließen sie sich auf ihre Erfahrung und Gewandtheit und waren vollständig überzeugt, daß ihr Rekognitionsritt einen guten Ausgang finden werde.

Zu sehen gab es, als es hell geworden war, genug, ja mehr, als für den Zweck ihres Rittes eigentlich nützlich war. Die Scenerie des Flusses und seiner Ufer war eine so außerordentlich interessante, daß es keinem von ihnen gelang, die Ausrufe der Bewunderung, welche ihnen über die Lippen wollten, zurückzuhalten.

Das Thal des Flusses war zunächst ziemlich breit und bot zu beiden Seiten reiche Abwechselung. Bald stiegen die Höhen allmählich herab zu den Ufern, und bald strebten sie steilan zum Himmel empor; aber mochte die Formation sein, welche sie wollte, allüberall machten sich die Wirkungen unterirdischer Gewalten geltend.

Vor wer weiß wie vielen Menschheitsaltern ist diese Gebirgsregion ein See gewesen, welcher einen Flächenraum von vielen Tausend Quadratmeilen gehabt hat. Dann begannen unter seinen Wassern vulkanische Mächte ihre Thätigkeit. Es hob sich der Boden; er spaltete sich, und aus diesen Spalten schoß glühende Lava hervor, welche im kühlen Wasser des Sees zu Basalt erstarrte. Es öffneten sich ungeheure Krater, heißes Gestein wurde aus ihnen emporgetrieben und verband sich mit anderen Mineralien zu verschiedenartigen Konglomeraten, um den Boden zu bilden, auf welchem die zahlreichen heißen Mineralquellen ihre Niederschläge ablagern konnten. Dann hob eine gewaltige Ansammlung unterirdischer Gase mit unmeßbarer Gewalt den ganzen Boden dieses Sees empor, so daß seine Wasser abfließen mußten. Sie rissen sich tiefe Rinnen in die Erde. Loses Erdreich und weiches Gestein wurde fortgespült. Kälte und Wärme, Sturm und Regen halfen mit, alles, was nicht Widerstand zu leisten vermochte, zu zerstören, zu entfernen, und nur die harten, erstarrten Lavasäulen hielten aus.

So grub sich das Wasser zu einer Tiefe von tausend Fuß in die Erde ein; es fraß alles Weiche weg; es wusch die Felsen tiefer und tiefer aus, und so wurden die großartigen Cannons und die Wasserfälle gebildet, welche zu den Wundem des Nationalparkes gehören.

Da ragen dann die vulkanischen Ufer hoch empor, vielfach zerrissen und zerklüftet, vom Regen ausgewaschen, und bilden Formen, welche sich keine Phantasie zu erdenken vermag. Da glaubt man die Ruine einer alten Ritterburg zu sehen. Man kann die leeren Fensterhöhlen sehen, den Wartturm und die Stelle, an welcher die Zugbrücke über den Graben ging. Nicht weit davon ragen schlanke Minarets empor. Man meint, der Muezzin müsse auf den Söller treten und die Gläubigen zum Gebete rufen. Gegenüber öffnet sich ein römisches Amphitheater, in welchem Christensklaven mit wilden Tieren gerungen haben. Daneben steigt eine chinesische Pagode frei und kühn zur Höhe, und weiterhin am Flusseslaufe steht eine hundert Fuß hohe Tiergestalt, so massiv, so unzerstörbar scheinend, als sei sie dem Götzen eines vorsündflutlichen Volkes errichtet gewesen.

Und das alles ist Täuschung. Die vulkanischen Eruptionen haben die Massen geliefert, welche vom Wasser zu Gestalten gemeißelt wurden. Und wer diese Produkte elementarer Kräfte betrachtet, fühlt sich als einen mikroskopischen Wurm im Staube und hat allen Stolz vergessen, der ihn vorher beherrschte.

So ging es auch Jemmy, Davy und Martin Baumann, als sie am Morgen dem Laufe des Flusses folgten. Sie wurden nicht müde, ihrer Bewunderung Ausdruck zu geben. Was Wohkadeh fühlte und dachte, das war nicht zu erfahren; er sprach es nicht aus.

Natürlich benutzte der gute Hobble-Frank diese Gelegenheit, sein wissenschaftliches Licht leuchten zu lassen; aber heute fand er in dem dicken Jemmy keinen bereitwilligen Hörer, denn dieser hatte alle seine Aufmerksamkeit in den Augen konzentriert und forderte endlich den kleinen Sachsen gar in zornigem Tone zum Schweigen auf.

„Na, dann gut!“ antwortete der einstige „Forschtbeamte“. „Was hilft’s der Menschheet, daß sie diese Wunder erblickt, wenn sie sich weigert, sie sich erklären zu lassen! Da hat der große Dichter Gellert sehre recht, indem er sagt: Was hilft der Kuh Muschkate! Ich will also meine Muschkate und meinen Sempf ooch für mich behalten. Man kann im Gymnasium gewest sein und doch vom Yellohschtohne nichts verschtehn. Ich aber wasche von heute an meine Hände in lauter Unschuld. Da weeß ich wenigstens, woran ich bin!“

Da, wo der Fluß sich in einem ziemlich weiten Bogen nach Westen wendet, traten zahlreiche heiße Quellen zu Tage, welche ihre Wasser sammelten, um ein ansehnliches Flüßchen zu bilden, welches sich zwischen hohen Felsen hindurch in den Yellowstone ergoß. Es schien, als ob man das Ufer des letzteren von hier an nicht mehr direkt verfolgen könne, und darum bogen die Fünf links ein, um dem Laufe des heißen Flüßchens zu folgen.

Hier gab es weder Baum noch Strauch. Es war alle Vegetation erstorben. Die heiße Flüssigkeit hatte ein schmutziges Aussehen und roch wie faule Eier. Es war kaum zum Aushalten. Und doch wurde es nicht eher anders und besser, als bis sie nach einem stundenlangen, beschwerlichen Ritte die Höhe erreichten. Hier gab es auch klares, frisches Wasser, und bald zeigten sich Büsche, später sogar Bäume.

Von einem wirklichen Wege war natürlich keine Rede. Die Pferde hatten sich oft auf weite Strecken hin über Felsbrocken weg zu arbeiten, welche das Aussehen hatten, als sei ein Berg vom Himmel gestürzt und hier unten in lauter Stücke zerbrochen.

Diese Trümmer hatten oft eine wunderbare Gestalt, und oft blieben die fünf Reiter halten, um ihre Meinung über dieselbe auszutauschen. Dabei verging die Zeit, und es war bereits mittag, als sie erst die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten.

Da erblickten sie von weitem ein ziemlich großes Haus. Es schien eine in italienischem Stile gebaute Villa zu sein, an welche sich ein mit einer hohen Mauer umgebener Garten lehnte. Ganz erstaunt blieben sie halten.

„Ein Wohnhaus hier am Yellowstone! Das ist doch gar nicht möglich!“ sagte Jemmy.

„Warum soll das nicht möglich sein?“ antwortete Frank. „Wenn off dem Sankt Bernhardt een Hostiz ist, so kann hier doch vielleicht ooch eens errichtet worden sein. Die Menschenmöglichkeet ist überall vorhanden.“

„Hospiz heißt es, aber nicht Hostiz,“ bemerkte Jemmy.

„Fangen Sie nich etwa mit mir an! Haben Sie vorhin von meinen mineralischen Kenntnissen nischt profitieren wollen, so brauchen Sie mir jetzt Ihre zweifelhafte Weisheet ooch nich auszukramen! Sind Sie denn vielleicht schon mal off dem Sankt Bernhardt gewest?“

„Nein.“

„So schweigen Sie also ganz schtille! Nur wer da droben wohnt, kann drüber reden. Aber sehen Sie doch mal genauer nach dem Hause hin! Schteht da nich een Mensch grad vor dem Thore?“

„Allerdings. Wenigstens scheint es so. Aber jetzt ist er weg. Es wird wohl nur ein Schatten gewesen sein.“

„So? Da blamieren Sie sich wieder mal mit Ihren optischen Erfahrungen. Wo es eenen menschlichen Schatten gibt, da muß es unbedingt ooch eenen Menschen geben, der diesen Schatten geworfen hat. Das ist die bekannte Lehre von Pythagorassen seiner Hypotenuse off den zwee Kathedern. Und wenn der Schatten weg ist, so muß entweder die Sonne verschwunden sein oder derjenige, der den Schatten geworfen hat. Die Sonne ist aber noch da, folglich ist der Kerl fort. Wohin, das werden wir bald merken.“

Sie näherten sich dem Bauwerke schnell, und da erkannten sie freilich, daß es nicht von Menschenhänden errichtet, sondern ein Werk der Natur war. Die scheinbaren Mauern bestanden aus blendend weißem Feldspat. Mehrere Öffnungen konnten von weitem leicht für Fenster gehalten werden. Eine weite, hohe Thüröffnung war auch vorhanden. Wenn man durch dieselbe blickte, so sah man eine Art weiten Hofes, welcher durch natürliche Felsencoulissen in mehrere verschieden große Abteilungen geschieden wurde. In der Mitte dieses Hofes sprudelte ein Quell aus der Erde hervor und schickte sein klares, kaltes Wasser gerade zum Thore heraus.

„Wunderbar!“ gestand Jemmy. „Dieser Ort eignet sich prächtig zu einer Mittagsrast. Wollen wir hinein?“

„Meinswegen,“ antwortete Frank. „Aber wir wissen noch gar nich, ob der Kerl, der da drin wohnt, vielleicht een schlechter Mensch ist.“

„Pshaw! Wir haben uns getäuscht; von einem Menschen ist hier gar keine Rede. Zum Überflusse will ich auch vorher einmal rekognoszieren.“

Er ritt, die Büchse schußfertig haltend, langsam durch das Thor und blickte sich im Hofe um. Dann drehte er sich um und winkte.

„Kommt herein! Es ist keine Seele hier.“

„Das will ich ooch hoffen,“ meinte Frank. „Mit abgeschiedenen Seelen, die ooch een geisterhaftes Dasein off der Erde fristen, habe ich keeneswegs gern was zu thun.“

Davy, Martin und Frank folgten Jemmys Aufforderung. Wohkadeh aber blieb noch vorsichtig halten.

„Warum kommt mein roter Bruder nicht?“ fragte der Sohn des Bärentöters.

Der Indianer zog die Luft bedächtig durch die Nase und antwortete:

„Bemerken meine Brüder nicht, daß es hier sehr nach Pferden riecht?“

„Natürlich muß es nach ihnen riechen. Wir haben ja die unserigen mit.“

„Dieser Geruch kam bereits aus der Thür, als wir noch vor ihr hielten.“

„Es ist hier weder ein Mensch noch ein Tier zu sehen, auch keine Spur von beiden.“

„Weil der Boden aus hartem Stein besteht. Meine Brüder mögen vorsichtig sein.“

„Es gibt hier keinen Grund zu irgend einer Befürchtung,“ erklärte Jemmy. „Kommt, wir wollen uns erst auch noch weiter hinten umsehen.“

Anstatt ihn das allein thun zu lassen und sich dadurch den Rückzug offen zu halten, folgten sie ihm, eng nebeneinander reitend, nach den hintersten Felsenabteilungen.

Da erscholl plötzlich ein Geheul, daß es schien, als ob die Erde bebe. Eine ganz bedeutende Anzahl von Indianern brach aus dem Hintergrunde hervor, und im Nu waren die vier unvorsichtigen Männer umzingelt.

Die Roten waren nicht zu Pferde, aber außerordentlich gut bewaffnet. Ein langer, hagerer, aber sehniger Kerl, durch den Kopfputz als Häuptling gekennzeichnet, rief den Weißen in gebrochenem Englisch zu:

„Ergebt euch, sonst nehmen wir euch die Skalpe!“

Es waren ganz gewiß wenigstens fünfzig Indianer. Die vier Überraschten sahen ein, daß jede Gegenwehr nur verderblich sein könne.

„Alle Teufel!“ stieß Jemmy in deutscher Sprache hervor. „Da sind wir ihnen gerade in die Hände geritten. Es sind Sioux, jedenfalls diejenigen, welche wir belauschen wollten. Aber noch gebe ich nichts verloren. Vielleicht ist durch List etwas zu erreichen.“

Und zu dem Häuptlinge gewendet, fuhr er in englischer Sprache fort:

„Ergeben sollen wir uns? Wir haben euch ja nichts gethan. Wir sind Freunde der roten Männer.“

„Das Kriegsbeil der Sioux-Ogallala ist gegen die Bleichgesichter gerichtet,“ antwortete der Lange. „Steigt ab und legt eure Waffen von euch! Wir warten nicht.“

Fünfzig Paar Augen waren finster auf die Weißen gerichtet, und fünfzig rotbraune Hände lagen an den Messern. Old Shatterhand und Winnetou hätten sich wohl nicht ergeben; aber der lange Davy war der Erste, der von seinem Maultiere stieg.

„Thut ihm den Willen,“ sagte er zu seinen Gefährten. „Wir müssen Zeit gewinnen. Die Unsrigen kommen ganz gewiß, um uns zu befreien.“

. Da stiegen die anderen auch ab und übergaben ihre Waffen. Dabei nahm der Hobble-Frank Gelegenheit, dem dicken Jemmy einen Rippenstoß zu versetzen und ihm zornig zuzurufen:

„Das kommt davon, wenn man off dem Gymnasium nich mal gelernt hat, wie das Wort Hostiz geschrieben wird! Warum reiten Sie denn da herein! Wären Sie doch draußen geblieben. Nun haben uns die Kanallgen bei der Parabel!“

Da bekam er selbst von einem Indianer einen noch viel derberen Rippenstoß. Der Rote hielt ihm das Messer vor das Gesicht und gebot:

„Schweig! Sonst –– !“

Er machte die Bewegung des Stechens. Frank hielt sich sofort die Hand vor den Mund, zum Zeichen, daß er keine Lust habe, mit dem Messer Bekanntschaft zu machen.

Wohkadeh war nicht mit hereingekommen, wie bereits erwähnt wurde. Er sah von draußen, daß seine Gefährten umzingelt wurden, und trieb sofort sein Pferd zur Seite, um nicht durch die Eingangsöffnung gesehen zu werden. Dann sprang er ab, legte sich auf den Boden und schob den Kopf nur so weit vor, daß die Augen Freiheit bekamen, in den Hof zu blicken.

Was er sah, erfüllte ihn mit Bestürzung. Er erkannte den Häuptling. Es war Hong-peh-te-keh, der schwere Mokassin, der Anführer der Sioux-Ogallala. Er erkannte auch die anderen. Es waren die sechsundfünfzig Ogallala, zu denen er gehört hatte und denen er entflohen war. Der Weiße, der ihnen hier in die Hände fiel, in der Nähe des Häuptlingsgrabes, war sicherlich verloren, wenn ihm nicht von außen her Rettung wurde.

Was sollte er thun? So fragte sich der wackere Wohkadeh. Schnell nach dem See zurückreiten, um Old Shatterhand mit den Seinen zu holen? Nein. Es kam ihm ein besserer Gedanke. Derselbe war zwar außerordentlich kühn, gab aber doch wenigstens eine kleine Hoffnung auf Erfolg. Er wollte hinein zu den Ogallala; er wollte riskieren, von ihnen in Stücke zerrissen zu werden. Er mußte sie belügen. Begriffen die Weißen seine Absicht, ohne daß er sie ihnen zu erklären brauchte, und richteten sie ihre Aussagen danach ein, so war es möglich, einen Erfolg zu erzielen.

Er bedachte sich nicht länger. Es war ein wahres Heldenstück, welches auszuführen er sich vorgenommen hatte; aber was würden Winnetou und Old Shatterhand, seine beiden Ideale, sagen, wenn sie davon hörten l

Dieser Gedanke verdoppelte seine Kühnheit. Er stieg auf sein Pferd und ritt in den Hof, die unbefangenste Miene zeigend, die es nur geben kann.

Soeben sollten die vier Gefangenen gefesselt werden. Zwei, drei Lançaden seines Pferdes, und er hielt vor ihnen.

„Uff !“ rief er mit lauter Stimme. „Seit wann schlingen die Krieger der Sioux-Ogallala Fesseln um die Hände ihrer besten Freunde? Diese Bleichgesichter sind die Brüder Wohkadehs!“

Sein plötzliches Erscheinen erregte allgemeines Staunen. Doch machte sich das letztere nur durch einige halblaute, kurze Ausrufe Luft. Der „schwere Mokassin“ zog die Brauen finster zusammen, musterte mit stechendem Blicke die ganze Erscheinung des jungen Kriegers und antwortete:

„Seit wann sind die weißen Hunde die Brüder der Ogallala?“

„Seit sie Wohkadeh das Leben gerettet haben.“

Der Häuptling bohrte seinen Blick förmlich in denjenigen Wohkadehs. Dann fragte er:

„Wo ist Wohkadeh bisher gewesen? Warum ist er nicht zurückgekehrt zur richtigen Zeit, als er ausgesendet wurde, nach den Kriegern der Schoschonen zu spähen?“

„Weil er gefangen wurde von den Hunden der Schoschonen. Diese vier Bleichgesichter aber haben für ihn gekämpft und ihn gerettet. Sie haben ihm einen Weg gezeigt, welcher schnell und leicht nach dem Yellowstone führt, und sind mit ihm gekommen, die Pfeife des Friedens mit dem schweren Mokassin zu rauchen.“

Die Lippen des Häuptlings umzuckte ein höhnisches Lächeln.

„Steig vom Pferde und tritt zu deinen weißen Brüdern!“ gebot er. „Du bist unser Gefangener, gerade wie sie.“

Der kühne rote Knabe machte ein sehr erstauntes Gesicht. Er antwortete:

„Wohkadeh der Gefangene seines eigenen Stammes? Wer gibt dem schweren Mokassin das Recht, einen Krieger seiner Nation gefangen zu nehmen?“

„Er nimmt sich dieses Recht selbst. Er ist der Anführer dieses Kriegszuges und kann thun, was ihm beliebt.“

Da nahm Wohkadeh sein Pferd hoch in die Zügel, gab ihm die Fersen in die Weichen und zwang es, eine volle, schnelle Kreiswendung auf den Hinterbeinen zu machen. Da es dabei mit den Vorderhufen ausschlug, mußten diejenigen Sioux-Ogallala, welche sich zu nahe an ihn herangedrängt hatten, von ihm zurückweichen. Er bekam Platz. Jetzt legte er die Zügel auf den Hals des Pferdes, so daß er auch die linke Hand frei bekam, ergriff seine Büchse, so daß er sie schußfertig in den Händen hielt, und sagte:

„Seit welcher Zeit dürfen die Häuptlinge der Sioux-OgalIala thun, was ihnen beliebt? Wozu sind die Versammlungen der alten Väter da? Wer gibt den Häuptlingen ihre Macht? Wer will einen tapferen Krieger der Ogallala zwingen, einem Häuptling zu gehorchen, welcher die Söhne seines eigenen Stammes wie Nigger behandelt? Wohkadeh ist ein junger Mann. Es gibt tapferere, weisere und berühmtere Krieger in seinem Stamm; aber er hat den weißen Büffel getötet und trägt die Adlerfedern in seinem Schopfe. Er ist kein Sklave. Er läßt sich nicht gefangen nehmen, und wer ihn beleidigt, der wird mit ihm kämpfen müssen!“

Das waren stolze Worte, und sie gingen nicht verloren. Die Häuptlinge der Indianer besitzen keineswegs eine erbliche Macht. Ihnen ist nicht die Gewalt eines europäischen Fürsten gegeben. Sie können keine Gesetze machen und keine Verordnungen erlassen. Sie sind aus der Reihe der Krieger gewählt, weil sie sich entweder durch Tapferkeit oder Klugheit oder irgend eine andere Eigenschaft vor den übrigen ausgezeichnet haben. Niemand ist wirklich gezwungen, ihnen zu gehorchen. Selbst wenn ein Häuptling einen Kriegszug veranstalten will, ist die Heeresfolge eine ganz freiwillige. Jeder, dem es beliebt, kann daheim bleiben, wodurch er freilich das Mißfallen der anderen erregt. Auch während des Kriegszuges kann ein jeder zu jeder Zeit zurücktreten. Der Einfluß und die Macht des Häuptlings beruht nur allein auf dem Eindrucke, welchen seine Persönlichkeit macht. Er kann beliebig abgesetzt werden.

Der „schwere Mokassin“, welcher seinen Namen dem Umstande verdankte, daß er sehr große Füße hatte und also eine große Spur trat, war als ein strenger, eigenwilliger Mann bekannt. Zwar hatte er sich bedeutende Verdienste um den Stamm erworben, aber seine Hartnäckigkeit, sein Stolz hatten demselben auch sehr oft geschadet. Er war hart, grausam und blutdürstig. In Beziehung auf den Anhang, welchen er besaß, zerfiel der Stamm in zwei Abteilungen, in solche, welche seine Anhänger waren, und solche, welche entweder offen oder heimlich gegen ihn agitierten.

Dieser Zwiespalt wurde auch jetzt offenbar, als Wohkadeh gesprochen hatte. Mehrere der Sioux ließen anerkennende, zustimmende Ausrufe hören. Der Häuptling warf ihnen einen grimmigen Blick zu, gab einigen seiner treuen Anhänger ein Zeichen, auf welches sie sofort nach dem Eingang eilten, um denselben zu besetzen, damit Wohkadeh nicht entfliehen könne, und antwortete sodann:

„Jeder Sioux-Ogallala ist ein freier Mann. Er kann thun, was ihm beliebt. Da hat Wohkadeh ganz recht. Aber sobald ein Krieger zum Verräter an seinen Brüdern wird, hat er das Recht verloren, ein freier Mann zu sein.“

„Meinst du, daß ich ein Verräter bin?“

„Ich meine es!“

„Beweise es!“

„Ich werde es beweisen vor der Versammlung dieser Krieger.“

„Und ich werde vor dieselbe treten als freier Mann, mit den Waffen in der Hand, und mich verteidigen. Und wenn ich bewiesen habe, daß der schwere Mokassin mich ohne Ursache beleidigt hat, wird er mit mir kämpfen müssen.“

„Ein Verräter tritt nicht vor die Versammlung mit den Waffen in der Hand. Wohkadeh wird die seinigen abgeben. Ist er unschuldig, so erhält er sie wieder.“

„Uff ! Wer will sie mir nehmen?“

Der junge Mann warf einen kühnen, herausfordernden Blick rund umher. Er sah, daß mehrere Gesichter Teilnahme für ihn zeigten. Die meisten aber blieben kalt.

„Niemand wird sie dir nehmen,“ antwortete der Häuptling. „Du selbst wirst sie ablegen. Und wenn du das nicht thust, so wirst du eine Kugel erhalten.“

„Ich habe zwei Kugeln in meinem Gewehre.“

Er schlug bei diesen Worten mit der Hand an den Kolben seiner Büchse.

„Wohkadeh hat, als er von uns ging, kein Gewehr besessen. Wo hat er diese Flinte her? Sie wurde ihm von den Bleichgesichtern geschenkt, und diese verschenken nur dann etwas, wenn sie Nutzen davon haben. Wohkadeh hat ihnen also Dienste geleistet und nicht sie ihm. Wohkadeh ist ein Mandane. Es hat ihn keine Squaw der Sioux geboren. Wer unter diesen tapferen Kriegern will für ihn sprechen, bevor er auf meine Anklage geantwortet hat?“

Keiner regte sich. Der „schwere Mokassin“ warf dem Jüngling einen triumphierenden Blick zu und gebot ihm:

„Steig also vom Pferde und gib die Waffen ab! Du sollst dich verteidigen und dann werden wir das Urteil fällen. Durch deinen Widerstand beweisest du nur, daß du nicht unschuldig bist.“

Wohkadeh sah recht wohl ein, daß er sich fügen müsse. Er hatte sich bis jetzt geweigert, um Eindruck auf diejenigen zu machen, welche dem Häuptlinge nicht wohlgesinnt waren.

„Wenn du das meinst, so will ich mich fügen,“ sagte er. „Meine Sache ist gerecht. Ich kann Eurem Spruch in Ruhe entgegensehen und ergebe mich also bis dahin in Eure Hände.“

Er stieg ab und legte seine Waffen zu den Füßen des Häuptlings nieder. Dieser sagte einigen der ihm Nahestehenden ein leises Wort, und sogleich zogen sie Riemen hervor, um Wohkadeh zu binden.

„Uff!“ rief er zornig. „Habe ich gesagt, daß ich Euch die Erlaubnis auch dazu gebe?“

„Diese Erlaubnis nehme ich mir,“ antwortete der Häuptling. „Bindet ihn und legt ihn in eine Ecke ganz allein, damit er nicht mit diesen Bleichgesichtern sprechen oder ihnen winken kann!“

Was hätte Widerstand geholfen? Er hätte die Sache nur verschlimmert; darum ergab sich Wohkadeh in sein Schicksal. Er wurde an Händen und Füßen gefesselt, so daß er sich nicht bewegen konnte, und in eine Ecke niedergelegt. Damit ihm ja nicht etwa der Gedanke an Flucht beikomme, mußten zwei Sioux sich bei ihm niedersetzen.

Ein alter Krieger trat zu dem Häuptling und sagte zu ihm:

„Es gingen der Winter viel mehr über mein Haupt als über das deinige; darum darfst du mir nicht zürnen, wenn ich dich frage, ob du wirklich Gründe hast, Wohkadeh für einen Verräter zu halten.“

„Ich will dir antworten, weil du der älteste der Krieger bist, die bei mir sind. Ich habe keinen eigentlichen Grund als nur den einen, daß eines dieser gefangenen Bleichgesichter, nämlich das jüngste, dem Bärentöter, welcher da hinten bei den Pferden liegt, sehr ähnlich sieht.“

„Kann das ein Grund sein?“

„Ja. Ich werde es dir beweisen.“

Er trat zu den Gefangenen, welche, ohne ihm helfen zu können, gesehen und gehört hatten, was Wohkadeh so nutzlos für sie wagte. Leider verstand weder Jemmy noch Davy die Sprache der Sioux in der Weise, daß sie alles, was Wohkadeh vorgebracht hatte, wußten.

Der schlaue Häuptling nahm eine weniger harte Miene an und sagte:

„Wohkadeh hat, bevor er von uns ging, eine That begangen, über welche wir beraten müssen. Daher ist er einstweilen gefangen genommen worden. Zeigt es sich, daß die Bleichgesichter ihn damals noch nicht gekannt haben, so werden sie ihre Freiheit wieder erhalten. Welche Namen tragen die weißen Männer?“

„Wollen wir sie ihm sagen?“ fragte Davy seinen dicken Freund.

„Ja,“ antwortete Jemmy. „Vielleicht bekommen sie da ein wenig Respekt vor uns.“

Und sich an den Häuptling wendend, fuhr er fort:

„Ich heiße Jemmy-petahtscheh, und dieser lange Krieger ist Davy-honskeh. Du wirst diese Namen bereits gehört haben.“

„Uff!“ erklang es im Kreise der dabeistehenden Sioux.

Der Häuptling warf ihnen einen strafenden Blick zu. Auch er war überrascht, diese so viel genannten Jäger in seiner Gewalt zu haben, ließ sich aber nicht das Geringste davon merken.

„Der schwere Mokassin kennt eure Namen nicht,“ antwortete er. „Und wer sind diese beiden Männer?“

Er hatte sich mit seiner Frage, welche Frank und Martin betraf, wieder an Jemmy gewendet. Davy flüsterte diesem zu:

„Um Gottes willen, nenne die Namen nicht!“

„Was hat das Bleichgesicht dem anderen zu sagen?“ fragte der Häuptling in strengem Tone. „Es mag derjenige antworten, den ich gefragt habe!“

Jemmy mußte sich zu einer Unwahrheit entschließen. Er nannte den ersten besten Namen, der ihm einfiel und gab Frank und Martin für Vater und Sohn aus.

Der Blick des Häuptlings glitt forschend von dem einen der Genannten zu dem anderen, und ein höhnisches Lächeln ging über sein Gesicht. Doch sagte er in ziemlich freundlichem Tone:

„Die Bleichgesichter mögen mir folgen.“

Er schritt nach dem hinteren Teile des Hofes zu.

Das scheinbare Haus war jedenfalls früher ein ungeheueres Felsenstück gewesen, aus Feldspat bestehend und von weicheren Teilen durchsetzt. Diese letzteren waren vom Regen ausgewaschen worden, und während der Spat diesem und dem Wetter widerstanden hatte, war ein Gebilde entstanden, welches einem langen, von hohen Mauern umschlossenen Hofe glich, der durch Querwände in mehrere Abteilungen zerlegt wurde.

Die hinterste derselben war die größte. Sie bot so viel Raum, daß sämtliche Pferde der Ogallala darin Platz gefunden hatten. In einem Winkel lagen sechs Weiße, auch an Händen und Füßen gebunden. Sie befanden sich in einem höchst bedauerlichen Zustande. Die Kleider hingen ihnen in Fetzen von dem Leibe. Die Handgelenke waren von den Fesseln wund gescheuert. Die Gesichter starrten von Schmutz, und Haar und Bart hing in einem ganz unbeschreiblichen Zustande um den Kopf. Die Wangen waren eingefallen, und die Augen lagen tief in den Höhlen, eine Folge von Hunger und Durst und von erlittenen anderen Qualen.

Dorthin brachte der Häuptling die neuen Gefangenen. Während sie herbeigeschritten waren, hatte Martin zu Jemmy leise gesagt:

„Wohin wird er uns führen? Vielleicht zu meinem Vater?“

„Möglich. Aber um Gottes willen nicht merken lassen, daß Ihr ihn kennt, sonst ist alles verloren.“

„Hier liegen gefangene Bleichgesichter,“ sagte der Häuptling. „Der schwere Moccassin kennt ihre Sprache nicht genau. Er weiß also nicht, wer sie sind. Die weißen Männer mögen zu ihnen treten, um sie zu fragen, und es mir sodann sagen.“

Er führte die Vier nach dem Winkel. Jemmy, welcher wußte, daß Baumann ein geborner Deutscher war und daß der Sioux unmöglich ein Wort dieser Sprache verstehen konnte, trat rasch vor und sagte:

„Hoffentlich finden wir hier den Bärentöter Baumann. Lassen Sie sich um Gottes willen nicht merken, daß Sie Ihren Sohn kennen. Hier hinter mir steht er. Wir kamen zu Ihrer Rettung, gerieten aber selbst in die Hände der Roten, doch haben wir die Gewißheit, daß wir samt Ihnen bald wieder frei sein werden. Haben Sie den roten Schuften Ihren Namen genannt?“

Baumann antwortete nicht. Der Anblick seines Sohnes raubte ihm die Sprache. Erst nach einer Weile stieß er mühsam hervor:

„O mein Gott! Welche Wonne, und zugleich auch welches Herzeleid! Die Sioux kennen mich und auch die Namen meiner Gefährten.“

„Schön! Hoffentlich werden wir hier bei Ihnen interniert. Da werden Sie alles Weitere erfahren.“

Obgleich der Häuptling keine Silbe verstand, war er doch ganz Ohr. Er schien aus dem Tonfall den Inhalt der Worte erraten zu wollen. Mit scharfem Auge blickte er zwischen Baumann und dessen Sohne hin und her. Seine Beobachtung blieb erfolglos. Martin hatte sich so in der Gewalt, daß er ein ganz gleichgültiges Gesicht zeigte, obgleich der Jammer, weichen er beim Anblicke seines Vaters empfand, ihm die Thränen in die Augen treiben wollte.

Der Hobble-Frank hätte fast eine Unvorsichtigkeit begangen. Es war ihm, als ob das Herz ihm brechen müsse. Er machte eine Bewegung, als ob er sich auf Baumann werfen wolle; doch der lange Davy ergriff ihn am Arme, hielt ihn zurück und warf ihm einen zornigen Blick zu.

Leider hatte der Häuptling das bemerkt. Er fragte Jemmy:

„Nun, haben sie dir ihre Namen genannt?“

„Ja. Aber du weißt sie ja auch bereits.“

„Ich dachte, sie hätten mich belogen. Du wirst mit deinen Gefährten auch hier bleiben.“

Die bis jetzt von ihm gezeigte halbe Freundlichkeit wich aus seinem Gesichte. Er winkte die Ogallala herbei, welche mitgekommen waren. Diese leerten die Taschen der Gefangenen und legten ihnen sodann Fesseln an.

„Prächtig!“ brummte Jemmy, indem er den letzten Inhalt seiner Taschen verschwinden sah. „Es ist nur zu verwundern, daß sie uns nicht auch die Kleider abnehmen. Das ist doch sonst so Rothautart.“

Die neuen Gefangenen wurden zu den alten auf die Erde gelegt. Der Häuptling entfernte sich und ließ einige Wächter zurück.

Die Beklagenswerten getrauten es sich nicht, laut zu sprechen. Sie flüsterten sich, was sie sich zu sagen hatten, einander zu. Baumann, der Sohn, war gerade neben seinem Vater zu liegen gekommen, ein Umstand, welcher von beiden natürlich zum Austausche aller hier möglichen Zärtlichkeiten ausgenutzt wurde.

Nach einiger Zeit trat ein Sioux herbei, entfernte einem der früheren Gefangenen die Fesseln von den Beinen und gebot ihm, ihm zu folgen. Der Mann konnte nicht gehen. Er wankte mühsam neben dem Roten her.

„Was wird man mit ihm wollen?“ fragte Baumann, so daß Jemmy es hörte.

„Den Verräter wird er machen sollen,“ antwortete dieser. „Ein wahres Glück, daß ich und auch meine Gefährten noch nichts von der Hilfe, die wir erwarten, gesagt haben.“

„Erwähnt haben Sie es aber doch.“

„Das ist nicht gefährlich. Hüten wir uns, dem Manne, sofern er zurückkehrt, irgend eine wichtige Mitteilung zu machen. Wir müssen uns erst überzeugen, daß wir ihm trauen können.“

Jemmy hatte ganz richtig vermutet. Der Mann war zu dem Häuptlinge geführt worden, der ihn mit finsterem Blicke empfing. Der Ärmste konnte sich nicht auf den Füßen erhalten. Er mußte sich auf die Erde setzen.

„Weißt du, welches Schicksal dich erwartet?“ wurde er von dem Häuptlinge gefragt.

„Ja,“ antwortete der Gefragte mit matter Stimme. „Ihr habt es uns doch oft genug gesagt.“

„Nun, sage es auch mir!“

„Wir sollen getötet werden.“

„Ja, der Tod ist euch sicher, der qualvollste Tod. Ihr sollt Martern ausstehen, wie noch niemals ein Bleichgesicht ausgestanden hat, dem Grabe zu Ehren, auf welchem ihr sterben werdet. Was würdest du geben, wenn diese Qualen dir erspart blieben?“

Der Weiße antwortete nicht.

„Wenn du dein Leben retten könntest?“

„Ist es denn zu retten?“ fragte der Mann hastig.

„Ja.“ „Was muß ich da thun? Was verlangst du von mir?“

Der Gedanke, sich retten zu können, brachte seine geschwächten Lebensgeister in Aufregung. Seine Augen bekamen Glanz, und seine matt zusammengesunkene Gestalt richtete sich auf.

„Es ist ganz wenig, was ich von dir verlange,“ antwortete der Häuptling. „Du sollst mir einige Fragen beantworten.“

„Gern, gern!“ stieß der Mann freudig hervor.

„Aber du mußt die Wahrheit sagen, sonst wirst du unter verzehnfachten Qualen sterben müssen. Hast du die Hütte des Bärentöters gekannt, welche er bewohnte?“

„Ja.“ „Bist du drin gewesen?“

„Ja. Wir alle fünf waren mehrere Tage bei ihm, bevor wir den Ritt in die Berge unternahmen.“

„So weißt du auch, wer bei ihm wohnte?“ „Natürlich.“ „So sage es.“ „Er hatte seinen Sohn und – –“

Der Mann stockte. Es kam ihm doch der Gedanke, daß die Auskunft, welche man von ihm forderte, vielleicht von größter Wichtigkeit für die Betreffenden sei.

„Warum sprichst du nicht weiter?“ fragte der „schwere Moccassin“ in strengem Tone.

„Warum fragst du mich?“

„Hund!“ fuhr der Häuptling auf. „Weißt du, was du bist? Der Wurm, den ich zertrete! Sprich noch eine einzige so freche Frage aus, so gebe ich dich meinen Kriegern als Zielscheibe ihrer Messer! Ich will das, wonach ich frage, wissen. Sagst du es mir nicht, so erfahre ich es von einem anderen!“

Der Weiße war bei diesen zornigen Worten zusammengezuckt wie ein Hund, welchem sein Herr die Peitsche zeigt. Körperlich halb tot und geistig gefoltert, hatte er nicht mehr die Kraft des Widerstandes. Er wagte nur noch die Frage:

„Und du wirst mir das Leben und die Freiheit schenken, wenn ich dir alles sage?“

„Ja. Ich habe es gesagt, und ich halte mein Wort. Also, bist du bereit, mir die volle Wahrheit einzugestehen?“

„Ja,“ erklärte der beklagenswerte, von dem Versprechen verblendete Mann.

„So antworte! Hat der Bärentöter einen Sohn?“

„Ja. Er heißt Martin.“

„Ist es das junge Bleichgesicht, welches jetzt mit bei euch liegt?“

„Ja, er ist es.“

„Uff! Die Augen des schweren Moccassin sind scharf. Kennst du auch die anderen weißen Männer?“

„Nur den einen, welcher hinkt. Er wohnte mit bei dem Bärentöter und heißt Hobble-Frank.“

Der Häuptling sah eine Weile sinnend vor sich hin. Dann fragte er:

„Was du sagst, ist die Wahrheit?“

„Ja; ich kann es beschwören.“

„So ist es gut. Wir sind fertig.“

Der Ogallala, welcher den Weißen herbeigeholt hatte, erhielt einen Wink. Er ergriff ihn beim Arme, um ihn empor zu ziehen und fort zu führen. Da aber fragte der Weiße:

„Du hast mir das Leben und die Freiheit versprochen. Wann erhalte ich die letztere?“

Da grinste ihm das Gesicht des Häuptlings mit grimmigem Lachen entgegen.

„Du bist ein weißer Hund, dem man nicht Wort zu halten braucht,“ antwortete er. „Du wirst ebenso sterben wie die anderen, denn du bist – –“

Er hielt inne. Es schien ihm plötzlich ein Gedanke gekommen zu sein, denn sein Gesicht nahm einen ganz anderen, viel freundlicheren Ausdruck an, und nun fuhr er fort:

„Du hast mir zu wenig gesagt.“

„Ich weiß nicht mehr.“

„Das ist eine Lüge!“

„Ich kann nicht mehr sagen, als ich weiß.“

„Haben die Bleichgesichter, welche vorhin gebracht wurden, mit dem Bärentöter gesprochen?“

„Ja.“

„Was?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wenn du weißt, daß sie gesprochen haben, mußt du auch wissen, was geredet worden ist.“

„Nein, denn sie redeten in einer Sprache, welche ich nicht verstehe, und sprachen überhaupt sehr leise.“

„Weißt du nicht, wie sie mit Wohkadeh zusammengetroffen sind?“

„Ich weiß gar nicht, wer Wohkadeh ist.“

„Und weißt du, ob sie sich allein in dieser Gegend befinden, oder ob noch andere Bleichgesichter vorhanden sind?“

„Auch davon weiß ich nichts.“

„Nun, das ist es, was ich wissen will und was du erfahren sollst. Frage sie aus. Wenn du es erfahren kannst, so will ich dich frei geben. Du sollst uns auf dem Rückwege begleiten, und wenn wir in Gegenden kommen, wo sich Bleichgesichter befinden, werden wir dich zu ihnen bringen. Jetzt kannst du gehen; heute abend, wenn wir den Lagerplatz erreicht haben und die Bleichgesichter alle schlafen, sollst du mir erzählen, was du erfahren hast.“

Der Mann wurde wieder zu seinen Mitgefangenen gebracht, an seinen Platz gelegt und an den Füßen gefesselt.

Die anderen schwiegen, und auch er verhielt sich still. Es war ihm gar nicht wohl zu Mute. Er war ein ganz braver Kerl. Wenn er über das Verhalten des Häuptlings nachdachte, erschien es ihm als gar nicht sehr wahrscheinlich, daß derselbe sein Wort halten werde. Er begann einzusehen, daß er sich hatte überlisten lassen. Er hätte gar nichts sagen sollen. je länger er nachdachte, desto mehr sah er ein, daß er dem „schweren Moccassin“ nicht trauen dürfe, und daß es seine Pflicht sei, Baumann zu sagen, was er mit dem Häuptling gesprochen habe.

Der Bärentöter kam ihm zuvor. Als eine lange Weile vergangen war, fragte er:

„Nun, Master, Ihr verhaltet Euch so schweigsam! Es versteht sich ganz von selbst, daß wir gespannt sind, zu erfahren, was man von Euch gewollt hat; bei wem waret Ihr?“

„Beim Häuptling.“

„Konnte es mir denken. Was wünschte er denn von Euch?“

„Ich will es Euch aufrichtig sagen. Er wollte wissen, wer Martin und Frank seien, und ich sagte es ihm, weil er mir die Freiheit versprach.“

„O weht Das war eine Dummheit, wie Ihr sie größer gar nicht machen konntet. Also Ihr habt es ihm gesagt. Wie steht es aber nun mit der Freiheit?“

„Die soll ich erst erhalten, wenn ich noch erfahren habe, wie die anderen Masters mit einem gewissen Wohkadeh zusammengetroffen sind, und ob sich noch mehrere Weiße hier in der Gegend befinden.“

„So! Und Ihr glaubt, daß der Kerl sein Versprechen halten wird?“

„Nein. Nachdem ich über die Sache nachgedacht habe, bin ich der Überzeugung, daß er mich betrügen will.“

„Daran thut Ihr klug. Und weil Ihr so aufrichtig seid, wollen wir Euch die Dummheit verzeihen. Übrigens dürft Ihr nicht meinen, daß Ihr uns hättet aushorchen können. Wir ahnten, was Ihr bei dem Häuptlinge solltet und hätten uns gegen Euch gewiß sehr schweigsam verhalten.“

„Was aber soll ich antworten, wenn er mich wieder fragt?“

„Das will ich Euch sagen,“ antwortete Jemmy. „Ihr sagt, daß wir Wohkadeh gerettet haben, als er bei den Schoschonen gefangen war, und mit ihm hierher geritten sind, um ihn sicher zu den Seinigen zu bringen. Andere Weiße als wir sind nicht da. Überhaupt haben wir außer uns selbst weder einen weißen noch einen roten Menschen gesehen. Das ist die ganze Antwort, die Ihr gebt. Und wenn er Euch doch übertölpeln will, so geht nicht auf den Leim. Von uns habt Ihr viel eher Rettung zu erwarten als von ihm.“

„Wie so?“

„Da fragt Ihr mich für jetzt zu viel. Vielleicht gewinne ich so viel Vertrauen zu Euch, daß ich Euch recht bald eine angenehme Mitteilung mache.“

Damit war die Angelegenheit einstweilen zur Ruhe gesprochen.

Die Gefangenen hatten nicht den freien Gebrauch ihrer Glieder. Ihre einzige Bewegung bestand darin, daß sie sich von der einen Seite auf die andere wälzen konnten. Das benutzte Jemmy, um neben Baumann zu liegen zu kommen. Es gelang ihm, und als er nun rechts und Martin links von dem Bärentöter lagen, konnten sie diesem alles erzählen und ihm auch ihre Hoffnung mitteilen, daß die jetzige Gefangenschaft nur eine kurze sein werde.

Indessen hatte der Häuptling die hervorragendsten seiner Krieger zu sich rufen und sodann Wohkadeh holen lassen. Als der letztere in die Hofabteilung trat, in welcher sich die Sioux befanden, saßen sie in einem Halbkreise, dessen Mitte der Häuptling einnahm. Der Gefangene mußte sich ihnen gegenüberstellen. Zu seinen beiden Seiten nahmen zwei Wächter Platz, welche ihre Messer in den Händen hatten.

Dieser letztere Umstand war für Wohkadeh höchst bedenklich. Es war aus demselben zu ersehen, daß sich seine Angelegenheit für ihn verschlimmert habe. Dennoch aber sah er dem Verhöre in aller Ruhe entgegen.

Nachdem die Augen der Anwesenden ihn mit finsteren Blicken eine Weile beobachtet hatten, begann der Häuptling:

„Wohkadeh mag nun erzählen, was er seit dem Augenblicke, an welchem er uns verließ, erlebt hat.“

Wohkadeh folgte der Aufforderung. Er brachte das Märchen vor, daß er von den Schoschonen bemerkt und gefangen genommen worden, von den gefangenen Weißen aber befreit worden sei. Er erzählte das möglichst im Tone der Wahrheit, mußte aber doch bemerken, daß man ihm keinen Glauben schenkte.

Als er geendet hatte, verlor niemand ein Wort darüber, ob man ihm glaube oder nicht. Der Häuptling fragte:

„Und wer sind diese vier Bleichgesichter?“

Wohkadeh nannte zunächst Jemmys und Davys Namen und stellte es als eine Ehre für die Sioux hin, daß so berühmte Jäger zu ihnen gekommen seien.

„Und die beiden anderen?“

Diese Frage brachte Wohkadeh freilich nicht in Verlegenheit. Er hatte sich bereits überlegt, was er sagen solle. Er nannte Franks Namen und gab Martin für den Sohn desselben aus. Der Häuptling zuckte mit keiner Miene, fragte aber:

„Hat Wohkadeh vielleicht erfahren, daß der Bärentöter einen Sohn hat, welcher Martin heißt?“

„Nein.“

„Und daß bei ihm ein Mann wohnt, welcher Hobble-Frank genannt wird?“

„Nein!“

Er behielt seine äußere Ruhe bei, obgleich er jetzt innerlich überzeugt war, daß sein Spiel nun ein verlorenes sei. Jetzt aber donnerte der Häuptling los:

„Wohkadeh ist ein Hund, ein Verräter, ein stinkender Wolf! Warum lügt er noch? Denkt er vielleicht, wir wissen nicht, daß Frank und der Sohn des Bärenjägers sich als Gefangene bei uns befinden? Wohkadeh hat diese beiden und auch die anderen herbeigeholt, um die Gefangenen zu retten. Er soll nun auch ihr Schicksal teilen. Die Versammlung wird heute am Lagerfeuer beraten, welch eines Todes er sterben soll. Jetzt aber mag er so fest gebunden werden, daß die Riemen sein Fleisch durchschneiden!“

Er wurde fortgeführt und wirklich so fest geschnürt, daß er hätte laut aufschreien mögen. Nach kurzer Zeit band man ihn aufs Pferd, denn es sollte aufgebrochen werden.

Dasselbe geschah auch mit den anderen Gefangenen, doch kam er nicht in die Nähe derselben, sondern er wurde fern von ihnen gehalten und bekam zwei Krieger als besondere Bedeckung.

Es war traurig anzusehen, wie armselig und matt Baumann und seine fünf Schicksalsgenossen in ihren Fesseln zu Pferde saßen. Wären sie nicht mit den Füßen angebunden gewesen, so wären sie vor Erschöpfung von den Tieren gestürzt.

Davy flüsterte darüber seinem Jemmy einige mitleidige Worte zu. Der Dicke antwortete:

„Nur kurze Zeit Geduld, Alter! Ich müßte mich sehr irren, wenn Old Shatterhand nicht bereits in unserer Nähe wäre. Was wir erst jetzt eingesehen haben, nämlich daß wir die schrecklichsten Dummköpfe sind, das hat er jedenfalls bereits heute früh gewußt. Jedenfalls kommt er uns mit einer Anzahl Roter nach, und da habe ich denn gesorgt, daß er auf unsere Fährte kommt.“

„Wieso?“

„Schau her! Ich habe mir da einen Fetzen vom Pelz gerissen und mit Hilfe der Zähne in kleine Stückchen zerzaust. Da drin, wo wir gelegen haben, habe ich ein solches Stückchen zurückgelassen, und während des Rittes werde ich von Zeit zu Zeit eins fallen lassen. Sie bleiben liegen, denn es geht kein Wind. Kommt Old Shatterhand nach diesem verteufelten Gebäude, so findet er ganz gewiß das Pelzstückchen, und wie ich ihn kenne, wird er sofort wissen, daß in dieser Sommerhitze nur der dicke Jemmy mit einem Pelze dort gewesen sein kann. Er wird weiter suchen, die anderen Stücke finden und also erfahren, welche Richtung wir eingeschlagen haben. Das ist für ihn mehr als genug.“

Der Zug der Sioux folgte nicht der Richtung des Flusses. Für sie wäre das ein Umweg gewesen. Sie ritten nach den Höhen zu, welche den Namen „Elefantenrücken“ tragen, und wendeten sich dann in gerader Richtung nach der langgezogenen Höhenfolge, welche die Wasserscheide zwischen dem Atlantischen Oceane und dem Stillen Meere bildet.

Der dicke Jemmy hatte nicht ganz unrecht vermutet, als er meinte, daß Old Shatterhand sich vielleicht bereits in der Nähe befinde. Die Sioux waren kaum drei Viertelstunden hinter den Höhen verschwunden, so kam er mit seinen Schoschonen und Upsarocas von Norden her geritten, ganz genau auf der Linie, welche die Pferde der fünf Deserteure gegangen waren.

Er ritt mit dem Häuptlingssohne der Schoschonen und dem Medizinmanne der Upsarocas voran. Sein Auge hing fest an der Erde. Ihm entging nicht das Mindeste, was darauf deuten konnte, daß hier Menschen geritten seien. Und in Wahrheit hatte er sich seit heute früh nicht für einen einzigen kurzen Augenblick über die Spur der Fünf in Zweifel befunden.

Beim Anblicke des scheinbaren Bauwerkes stutzte er zunächst, doch antwortete er auf eine Frage des Medizinmannes sogleich:

„Ich besinne mich. Das ist kein Haus, sondern ein Felsen. Ich bin bereits drin gewesen, und es sollte mich wundem, wenn diejenigen, welche wir suchen, nicht auch hineingegangen wären, um sich den Ort zu betrachten. Es ist –- alle Teufel!“

Er sprang, indem er diesen Ruf ausstieß, vom Pferde und begann, den harten Basaltfelsen zu untersuchen. Es war genau die Stelle, wo seine Richtung auf die Richtung, welche die Sioux eingeschlagen hatten, traf.

„Hier sind viele Leute geritten, und zwar vor kaum einer Stunde,“ sagte er. „Ich will nicht befürchten, daß es die Sioux gewesen sind! Und doch, wer soll sonst als sie in solcher Zahl hier gewesen sein! Das Haus kommt mir verdächtig vor. Teilen wir uns, um es zu umringen.“

Er voran, jagten sie im Galopp vorwärts. Das Felsengebäude wurde eingeschlossen, und Old Shatterhand begab sich zunächst ganz allein hinein. Er hinterließ, nur wenn er einen Schuß abgäbe, sollten die anderen nachkommen.

Es dauerte eine ziemlich lange Zeit, bevor er herauskam. Seine Miene war sehr ernst und bedenklich. Er sagte:

„Ich würde meinen roten Brüdern gerne gestatten, sich diese interessante Felsenbildung anzuschauen, welche das Aussehen hat, als ob sie von Menschenhänden errichtet worden sei; aber wir haben keine Zeit zu verlieren, denn die weißen Männer sind mit Wohkadeh von den Sioux gefangen genommen und vor einer Stunde fortgeführt worden.“

„Weiß das mein weißer Bruder genau?“ fragte Feuerherz, der Medizinmann der Upsarocas.

„Ja. Ich habe alle ihre Spuren gesehen und sehr genau gelesen. Der dicke Jemmy hat mir ein Zeichen zurückgelassen, und ich hoffe, wir werden deren noch mehrere finden. Er wird uns auf die Richtung aufmerksam machen wollen, welche die Sioux eingeschlagen haben.“

Er zeigte den kleinen Pelzfetzen hin, den er gefunden hatte. Es waren nur fünf oder sechs Haare daran, ein fast sicheres Zeichen, daß das Stückchen von dem kahlen Pelze des Dicken stamme.

„Was gedenkt Shatterhand zu thun?“ fragte der Rote. „Will er den Ogallala auf dem Fuße folgen?“

„Ja, und zwar sofort.“

„Werden wir, wenn wir zu Winnetou zurückkehren, sie nicht ebenso sicher am Flusse des Feuerloches treffen?“

„Ja, wir würden sie treffen; aber es steht zu befürchten, daß sie bis dahin die Gefangenen getötet haben.“

„Sie werden dieselben aufheben bis zum Tage des Vollmondes.“

„Den Bärentöter und seine fünf Gefährten, ja; aber unsere Freunde sind ihres Lebens nicht so lange sicher. Ganz besonders der brave Wohkadeh schwebt in großer Lebensgefahr. Sie werden ihn als Verräter behandeln. Ich ahne, daß sie sehr Schlimmes mit ihm vorhaben. Wir müssen ihnen also auf dem Fuße nach. Oder denken meine roten Brüder anders?“

„Nein,“ antwortete der Riese. „Wir freuen uns, auf die Fährte der Ogallala so bald gestoßen zu sein. Der schwere Moccassin ist ihr Anführer, und es gelüstet mich, ihn in meine Hand zu bekommen. Reiten wir!“

Sein Gesicht hatte einen Ausdruck, an welchem man deutlich merkte, daß der Anführer der Sioux-Ogallala eines sehr schlimmen Todes sterben werde, falls er in seine Hände geraten sollte.

Old Shatterhand setzte sich wieder an die Spitze des Zuges, und der Ritt wurde fortgesetzt, aber nun in westlicher anstatt in östlicher Richtung.

Da es schwer gewesen war, der Fährte der fünf Deserteure zu folgen, hatte Old Shatterhand mit seinen Begleitern bereits seit früh sehr langsam reiten müssen. Dasselbe war auch jetzt der Fall. Der Boden bestand ganz aus vulkanischem Gestein. Von einer wirklichen Hufspur war keine Rede. Kleine Steinchen, welche unter den Tritten der Pferde zermalmt worden waren, bildeten die einzigen und dazu sehr unsicheren Anhaltspunkte für den Scharfsinn Old Shatterhands. Da galt es, höchst genau aufzupassen, und so war er gezwungen, sehr langsam zu reiten.

Daß er trotz aller Schwierigkeit genau auf der Fährte der Ogallala blieb, wurde durch mehrere Pelzstückchen bewiesen, welche man fand. Selbst die Upsarocas und die Schoschonen, im Verfolgen einer Fährte außerordentlich geübt, warfen sich Blicke zu, in welchen die deutlichste Bewunderung des berühmten Jägers lag.

Nach einiger Zeit lenkte die Richtung mehr rechts, also südwestlich ab. Man erreichte den Fuß der Höhen, welche die Wasserscheide bilden. Wer da oben hält, der kann rechts unten die Rinnen sehen, welche ihre Wasser durch den Yellowstone und Missouri dem Mississippi, also dem mexikanischen Golf zuführen, während links im Thale die Wasser in den Snakefluß gehen, um das Stille Weltmeer aufzusuchen.

Hier war die Gegend nicht mehr kahl wie bisher. Es gab Humusboden, und die einzelnen Bäche, welche da flossen, waren nicht mit Schwefel geschwängert; sie hatten ein frisches, gesundes Wasser, welches der Vegetation Nahrung bot. Darum gab es hier Gras, Büsche und Bäume, und nun wurde auch die Fährte deutlicher, als sie bisher gewesen war.

Leider aber konnte man ihr nicht lange mehr folgen, denn der Nachmittag neigte sich seinem Ende entgegen. Darum mußten die Pferde möglichst ausgreifen, um den Umstand, daß die Spur hier gut zu lesen war, vor Einbruch der Dunkelheit noch möglichst ausnutzen zu können.

Die Höhe der Wasserscheide wurde erreicht. Dann ging es drüben wieder hinab, zwischen Felsenbrocken und Sträuchern hindurch, ein ziemlich beschwerlicher, stellenweise sogar gefährlicher Ritt, woraus sich aber die Indianer gar nichts machten.

Dann brach der Abend herein. Man mußte auf der Fährte bleiben, und da diese jetzt nicht mehr zu erkennen war, so wurde gehalten.

Waren die Männer bisher schweigsam gewesen, so wurden sie am Lagerplatze nicht beredter. Sie hatten das Gefühl, vor entscheidenden Ereignissen zu stehen. In einer solchen Lage wird der Mensch schweigsam.

Ein Feuer wurde nicht angebrannt. Old Shatterhand hatte aus der Frischheit der Fährte ersehen, daß die Ogallala kaum zwei englische Meilen vor ihnen waren. Hatten sie sich gelagert, so konnte man ihnen, ohne es zu wissen, so nahe gekommen sein, daß sie das Feuer bemerken und also erfahren mußten, daß sie verfolgt wurden.

jeder wickelte sich schweigend in seine Decke und legte sich zur Ruhe, nachdem die Wachen ausgestellt waren. Aber kaum graute der Morgen, kaum waren die einzelnen Gegenstände voneinander zu unterscheiden, so wurde aufgebrochen.

Die Spuren der Ogallala waren heute noch zu lesen. Nach vielleicht einer Stunde erklärte Old Shatterhand, daß die Sioux gestern gar nicht gelagert hätten. Sie hatten jedenfalls nicht ruhen wollen, als sie den Feuerlochfluß erreicht hatten.

Das war kein gutes Zeichen, denn es bewies, daß sie dort etwas vorhatten, was schnell geschehen sollte. Leider aber konnten die Verfolger die Schnelligkeit ihrer Pferde nicht ausnutzen, denn der Pflanzenwuchs hörte bald wieder auf, und an Stelle des weichen Bodens trat der harte, vulkanische Fels zu Tage.

Da war es nun ganz unmöglich, eine Spur zu entdecken. Old Shatterhand meinte ganz richtigerweise, daß die Sioux-Ogallala bis hierher wohl dieselbe Richtung eingehalten hatten, der sie dann später gefolgt sein würden, und so hielt er sich immer in gerader Linie.

Er erkannte bald, daß er sich in dieser Vermutung nicht geirrt habe. Es stiegen vor ihm die Feuerlochberge empor, hinter denen sich die berühmten Geiserbassins in immerwährender, grandioser Thätigkeit befinden. Da gab es wieder Pflanzenwuchs, sogar Wald, welcher an dieser Stelle meist aus dunklen Fichten bestand.

Sie erreichten einen schmalen Wasserlauf, welcher sich durch weichen Grasboden schlängelte, und gerade da, wo sie auf denselben traten, war der Boden von vielen Pferdehufen zerstampft. Die Hufeindrücke zogen sich längs des Wassers hin, und es war deutlich zu erkennen, daß die Sioux da ihre Pferde getränkt hatten. Also war die Fährte glücklich wieder gefunden, und von jetzt an bis hinauf zur Höhe behielt sie eine solche Deutlichkeit, daß ein Irrtum gar nicht möglich war.

Ein offener Weg führte nicht hinauf. Man mußte unter Bäumen reiten. Diese standen so weit auseinander, daß sie keine Hindernisse boten. Aber gerade der Ritt im Walde ist für den Westmann am gefährlichsten. Es kann hinter dem nächsten Baum ein Feind verborgen sein, von dessen Gegenwart er keine Ahnung hat.

Wie leicht war es möglich, daß die Ogallala auf den Gedanken gekommen waren, daß sie verfolgt würden. Man konnte doch nicht wissen, welch ein Geständnis sie den Gefangenen durch Gewalt oder List abgelockt hatten. Hatten sie die Ahnung, verfolgt zu sein, so waren sie jedenfalls so klug gewesen, die geeigneten Maßregeln zu treffen, und die allerbeste derselben bestand im Legen eines Hinterhaltes.

Darum schickte Old Shatterhand einige Schoschonen voran, welche das Terrain abzusuchen hatten und sich, sobald sie etwas Verdächtiges bemerken würden, auf den Haupttrupp zurückziehen sollten.

Glücklicherweise erwies diese Vorsicht sich als unnötig. Daran war das Abkommen schuld, welches der dicke Jemmy mit dem Gefangenen, welcher von dem Häuptlinge der Ogallala den Auftrag erhalten hatte, seine Mitgefangenen zu verraten, getroffen hatte.

Da die Gefangenen, abgesehen von Wohkadeh, auch während des Rittes in schlauer Absicht nicht voneinander getrennt worden waren, so hatten sie miteinander sprechen können. Die stillschweigende Erlaubnis dazu hatte der Häuptling erteilt, damit sein vermeintlicher Verbündeter Gelegenheit erhalten könnte, alles, was er ihm berichten sollte, von ihnen zu erfahren.

Dann am Abende hatte der „schwere Moccassin“ ihn so unauffällig wie möglich von den anderen trennen lassen und sich zu ihm gesellt, um ihn auszufragen. Der Mann hatte die Antworten gegeben, welche ihm von Jemmy anbefohlen worden waren, und dabei auch die Versicherung gegeben, daß außer Wohkadeh und den vier Weißen kein einziger Mensch nach dem Yellowstone gekommen sei.

Das hatte der Häuptling geglaubt und infolgedessen alle Vorsichtsmaßregeln für überflüssig gehalten.

So kam es, daß Old Shatterhand mit seinen Indianern die Höhe erreichte, ohne auf irgend ein Hindernis zu treffen.

Auch diese Höhe trug dichten, hochstämmigen Wald; darum konnte man nicht in das jenseitige Thal hinabblicken, obgleich die diesseitige Wand desselben ziemlich steil abzufallen schien.

Unter den Bäumen hinreitend, hörten sie ein ganz eigentümliches, dumpf brausendes Geräusch, welches bald von einem schrillen Pfeifen unterbrochen wurde, und darauf ertönte ein Zischen, gerade so, wie wenn bei einer Lokomotive die überflüssigen Dämpfe abgelassen werden.

„Was ist das?“ fragte Moh-aw, der Sohn des Schoschonenhäuptlings, erstaunt.

„Jedenfalls ein Geiser,“ antwortete Old Shatterhand.

Da den Indianern das Wort Geiser ein vollständig unbekanntes ist, so bediente er sich des Ausdruckes War-p‘ eh-pejah, Warmwasserberg, und der junge Schoschone verstand ihn sofort.

jetzt senkte sich das Terrain abwärts, erst langsam, dann aber schnell, so daß es nicht leicht war, sich auf den Pferden zu erhalten.

Darum stiegen die Reiter ab und gingen zu Fuß, die Tiere hinter sich her führend.

Die Spuren der Ogallala waren auch jetzt noch zu erkennen, doch sah Old Shatterhand es ihnen an, daß sie bereits von gestern stammten.

Bereits einige hundert Fuß tief war man gekommen; da hatte der Wald so plötzlich ein Ende, daß sein Rand eine scharfe Linie bildete. Doch ein Stück weiter abwärts reichte er bis ganz hinab auf die Sohle des Thales.

jetzt war der Blick über das letztere frei, und was das Auge hier sah, das war allerdings erstaunlich, in Beziehung sowohl auf die Naturscene als auch auf die lebendige Staffage derselben.

Das obere Thal des Madison, welcher hier den sehr bezeichnenden Namen Feuerlochfluß führt, ist wohl die bewunderungswerteste Region des Nationalparkes. Viele Meilen lang und stellenweise zwei und sogar drei Meilen breit, enthält es Hunderte von Geisern und heiße Quellen. Es gibt da Fontänen, welche ihre Strahlen mehrere hundert Fuß emporschleudern. Schwefelige Gerüche entströmen den zahlreichen Spalten des Erdbodens, und die Luft ist stets mit heißem Wasserdampfe geschwängert.

Schneeweißer Sinter, welcher den Überzug oder vielmehr die Stürze, den Deckel unterirdischer Kochtöpfe bildet, glänzt grell im Sonnenscheine. An anderen Stellen wieder besteht die Erdoberfläche nicht aus einem festen Boden, sondern aus dickflüssigem, übelriechendem Schlamm, dessen Temperatur eine sehr verschiedene ist. Hie und da erhebt sich der Erdboden plötzlich in Haubenform, steigt langsam, blasenartig empor und zerplatzt sodann, ein weites, unergründlich tiefes Loch zurücklassend, aus welchem die Strahlen des Dampfes so hoch emporschießen, daß es dem Auge schwindelt, welches ihnen in diese Höhe folgt. Diese Blasen und Löcher entstehen und vergehen, bald hier, bald dort. Sie sind also wandernd. Wehe dem, der auf eine solche Stelle gerät!

Soeben hatte er noch festen Boden unter sich; da beginnt dieser plötzlich heiß zu werden und sich zu erheben. Nur ein todesmutiger Sprung, die schleunigste, augenblicklichste Flucht vermag Rettung zu bringen.

Aber während man der einen Blase entflieht, steigt sofort eine zweite, dritte, vor und neben einem auf. Man steht eben auf einer ganz dünnen Kruste, welche die fürchterlichen Tiefen des Erdinnern wie die leicht zerreißbare, papierartige Masse eines Wespennestes bedeckt.

Und wehe ebenso dem, welcher den erwähnten Schlamm von weitem für eine Masse hält, welche ihn tragen kann! Er sieht zwar aus, wie ein sumpfiger Moorboden, durch welchen man noch zu gehen vermag; aber er ist nur gehalten von vulkanischen Dämpfen, welche ihn tragen, wie beim Fleischkochen der graubraune Schaum von dem Wasser gehalten und bewegt wird.

Überall gibt der Boden unter dem Fuß nach, und die Stapfen füllen sich sofort mit einer dicken, grüngelben, stinkenden, höllischen Flüssigkeit.

Überall rauscht, kocht, brodelt, pfeift, zischt, braust und stöhnt es. Riesige Flocken von Wasser und Schlamm fliegen umher. Wirft man einen schweren Stein in so eine entstehende und wieder vergehende Öffnung, so ist es, als ob die Geister der Unterwelt sich beleidigt fühlten. Die Wasser und der Schlamm kommen in eine furchtbare, wahrhaft diabolische Aufregung; sie steigen empor; sie wallen über, als ob sie den Verbrecher ins grauenhafte Verderben ziehen wollten.

Das Wasser dieser Hexenkessel ist ganz verschieden gefärbt, milchweiß, knallrot, azurblau, schwefelgelb, oft auch hell wie Glas. Obenauf sieht man große weiße, seidenartige Fäden oder einen dicken bleifarbenen Schleim, welcher jeden hineingehaltenen Gegenstand in wenigen Minuten zolldick überzieht, um eine feste, dauernde, fast unzerstörbare Masse zu bilden.

Es kommt vor, daß das Wasser eines solchen Loches im schönsten Grasgrün schimmert. Plötzlich öffnen sich an den Seiten kleine Ventile, und nun schießen aus denselben in allen Nuancen des Regenbogens gefärbte Strahlen durch das grüne Wasser.

Man möchte alle Sekunden ein „Herrlich! Unvergleichlich! Himmlisch!“ rufen, wenn das alles nicht gar so angsterregend, so höllisch wäre.

Also an diesem Feuerlochflusse war Old Shatterhand mit seinen Kriegern angekommen. Die Letzteren wollten unter den Bäumen hervortreten; er aber hielt sie durch einen lauten Ausruf zurück. Er deutete nach dem jenseitigen Ufer des Flusses, und da sahen sie allerdings ein, daß es geratener sei, jetzt noch in der Verborgenheit des Waldes zu verweilen.

Das Thal war hier vielleicht nur eine halbe englische Meile breit. Oberhalb der Stelle, an welcher Old Shatterhand hielt, traten die Ufer so eng zusammen, daß der Fluß kaum Raum genug zu haben schien, seine schmutzig gefärbten, heimtückisch glitzernden Wellen hindurchzuzwingen. Unterhalb war ganz dasselbe der Fall. Von der einen Enge bis zu der anderen war die Entfernung nicht größer als kaum eine englische Meile.

Der Fluß, dessen Wasser von den sich in ihn ergießenden heißen Quellen natürlich eine alles tierische Leben tötende Wärme besitzt, rauschte ganz nahe der Thalwand hin, an welcher Old Shatterhand hielt. Diese war, wie bereits erwähnt, mit Wald bedeckt und zwar steil, aber doch gangbar. Die gegenüberliegende Wand aber stieg, wie nach dem Maurerlot emporgetrieben, senkrecht in die Höhe. Sie bestand aus schwarzem, oben türmchenähnlich zerklüftetem Gesteine und bog sich ziemlich weit zurück, so daß sie von der einen Flußenge bis zur anderen die Linie eines Kreisausschnittes bildete. Aber das Thal wurde durch dieses Zurücktreten der Felsenwand keineswegs erweitert, denn an dem dunklen Felsen stieg, gerade Old Shatterhand gegenüber, ein Gebild herab oder auch hinauf, dessen breiter Fuß beinahe bis an das jenseitige Ufer des Flusses reichte.

Dieses Gebild – denn es gibt wohl kaum ein anderes, besseres Wort zur Bezeichnung des Gegenstandes – also dieses Gebild war so wunderbar, auf den ersten Anblick so unbegreiflich, daß man hätte meinen mögen, sich in einer Zauberwelt zu befinden, in welcher Feen und Elfen und andere unirdische Wesen ein geheimnisvolles Dasein leben.

Es war ein. terrassenförmiger Aufbau, so zart gegliedert und phantastisch verziert, als bestehe er aus frischgefallenem Schnee und den feinsten Eiskrystallen.

Die unterste, umfangreichste Terrasse schien aus dem feinsten Elfenbein geschnitten zu sein. Ihr Rand war mit Zieraten bekleidet, welche von weitem wie die Kunstwerke eines phantasiereichen Bildhauers erschienen. Sie bildete ein mit Wasser gefälltes, halbkreisförmiges Bassin, aus welchem die zweite Terrasse aufstieg, glitzernd, wie mit Goldkörnern durchsetzter Alabaster. Diese zweite Terrasse hatte einen geringeren Durchmesser als die erste. Und ebenso trat die dritte hinter der zweiten zurück. Wie aus zart gezupfter, weißer Watte bestehend, hob sie sich schlank und jungfräulich aus der zweiten empor.

Der Stoff, aus welchem sie bestand, war so luftig und duftig, daß man meinen konnte, sie vermöge nicht die mindeste Last zu tragen. Und doch erhoben sich auf und über ihr noch sechs solcher Terrassen, jede aus einem Bassin bestehend, welches sein Wasser aus der nächst höheren empfing, um es der nächst unteren entweder in schlanken, dünnen Strahlen, in einem fein zerteilten Staubregen, in welchem die Sonne ihre Strahlen brach, oder in breiteren Abflüssen, welche ein schleierartiges Gewebe zu bilden schienen, mitzuteilen.

So lehnte dieses Naturwunder sich schlank, strahlend und schneeglänzend an die dunkle Felsenwand, wie das aus Schneeflocken gewobene Kleid eines aus anderen Welten stammenden Wesens. Und doch war dieses Kleid von denselben Händen gefertigt, welche den schwarzen Basalt emporgetürmt und die Schlammvulkane durch die Erdrinde getrieben hatten.

Man brauchte nur empor zur Spitze dieser wunderbaren Pyramide zu blicken, da sah man sofort, wodurch sie gebildet worden war. Dort stieg nämlich gerade jetzt ein hoher Wasserstrahl auf, der sich oben schirmartig ausbreitete und dann als Regen rundum niedersank. Dabei war jenes Brausen zu hören, welches vorhin Moh-aw nicht hatte begreifen können. Diesem Wasserstrahle folgten pfeifende, zischende, stöhnende Dämpfe, und es war als ob die Erde unter der Gewalt dieser Eruption zerbersten werde.

Die Wasser des Geisers hatten sich diese Pyramide gebaut. Die feinen, leichten Bestandteile, welche der Strahl mit nach oben nahm, setzten sich beim Niederfallen fest und arbeiteten auch jetzt noch immerfort an dem wundersamen Gebilde. Das heiße Wasser floß von einer Terrasse auf die andere herab und wurde allmählich abgekühlt, so daß die einzelnen Bassins, von oben herab gerechnet, eine immer niedrigere Temperatur zeigten. Unten endlich überströmte die krystallene Flüssigkeit das niederste Bassin und floß nach kurzem Laufe in den Feuerlochfluß.

Wie ein Teufel neben einem Engel, so lag neben der herrlichen Gestalt dieser Pyramide ein weites, fast kreisrundes, dunkles, wallartiges Gebilde von schmutzigem Aussehen. Dieser Wall bestand aus einer festen Masse, auf welcher sich Reste vulkanischer Gebilde erhoben, welche die verschiedensten Gestalten besaßen. Es war, als habe ein Riesenkind mit Basaltstücken gespielt, dieselben in die abenteuerlichsten Formen gedrückt und gebogen und sie dann auf den runden Wall befestigt.

Dieser letztere hatte einen Durchmesser von vielleicht fünfzig Fuß und bildete die natürliche Ummauerung eines Loches, dessen dunkel gähnender Rachen nichts Gutes verhieß.

Das war die Krateröffnung eines Schlammvulkanes. Sie verengerte sich einwärts, um sich dann wieder zu erweitern. Sie hatte also, wenn man von oben hineinblickte, genau die Gestalt, als wenn man in zwei Trichter blickt, welche mit den dünnen Enden vereinigt werden.

Sobald es in dem herrlichen Feengeiser zu rauschen und zu brausen begann, stieg auch nebenan in dem finsteren Krater der Schlamm empor. Und wenn droben der Strahl des Wassers und des Dampfes sich zerteilt hatte, sank auch die brodelnde Oberfläche des Schlammes in die Tiefe zurück. Es war klar, Geiser und Schlammvulkan standen in innigster Verbindung zu einander. Die Geister der Unterwelt schieden die auszuschleudernden Massen, führten das krystallene Wasser dem Geiser zu und ließen die zurückbleibenden Excremente des Erdinnern in das Schlammloch rinnen.

„Das ist P’a-wakon-tonka (das Teufelswasser),“ sagte Old Shatterhand, indem er auf das Schlammloch deutete.

„Kennst du es?“ fragte Feuerherz.

„Ja. Ich bin bereits hier gewesen!“

„Und vorhin wußtest du nicht, wohin wir kommen würden?“

„Weil ich den Weg, welchen wir geritten sind, noch nie zurückgelegt habe. Ich bin damals da oben herabgekommen und längs des Flusses abwärts geritten. Da habe ich das Wasser des Teufels kennen gelernt. Jetzt lagern die Sioux-Ogallala dort. Warum reiten sie nicht weiter? Sie wollen doch nach dem Grabe der Häuptlinge, welches weiter oben liegt. Sie müssen irgend eine Absicht haben!“

Nämlich nahe am Rande des Schlammkraters lagen die Ogallala. Man konnte sie ganz deutlich sehen. Sogar die einzelnen Gesichter waren voneinander zu unterscheiden.

Die Pferde liefen oberhalb dieser Stelle herum oder lagen ruhend am Boden. Zu grasen gab es nichts, denn der Boden brachte keinen einzigen Halm hervor.

Ganz in der Nähe lagen mehrere zentner- und noch mehr schwere Steine. Auf diesen saßen die Gefangenen, jeder auf einem derselben. Man hatte ihnen die Hände auf den Rücken gebunden und mit Lassos ihre Füße an die Steine befestigt. So saßen sie bereits seit gestern abend, eine Stellung, welche ihnen außerordentliche Qualen bereiten mußte.

Eben jetzt, als Old Shatterhand seine Aufmerksamkeit auf die Ogallala richtete, kam Bewegung in sie. Sie erhoben sich aus ihrer liegenden Stellung und setzten sich in einen Kreis zusammen, in dessen Mitte der Häuptling Platz nahm.

Der Medizinmann der Upsarocas, welcher neben Old Shatterhand stand, hielt die Hand an die Augen, um besser sehen zu können, hielt den Blick nur kurze Zeit auf die Ogallala gerichtet und sagte dann im Tone des Grimmes:

„Dort sitzt er, inmitten seiner Hunde, der schwere Moccassin. Er wird eine Beratung mit ihnen halten.“

„Du kennst ihn, deinen Feind, und wirst also wohl genau wissen, ob er es auch wirklich ist,“ antwortete Old Shatterhand.

„Wie könnte ich ihn verkennen! Sieh‘ seine lange, hagere Gestalt und sein Gesicht! Er hat mir das Ohr geraubt, ich werde ihm alle beide nehmen. Sein Tomahawk ist mir in die Schulter gedrungen; mein Messer aber wird ihm in das Herz reichen!“

Natürlich waren auch die Gefangenen deutlich zu erkennen. Old Shatterhand sah Jemmy, Davy, Martin und den Hobble-Frank. Baumann und die anderen kannte er nicht. Wohkadeh war abseits an einen Stein gefesselt und zwar in einer Stellung, als ob ihm alle Glieder verrenkt werden sollten.

Zu ihm trat einer der Sioux, band ihn vom Steine los und führte ihn in den Kreis.

„Sie wollen ihn verhören,“ sagte Old Shatterhand. „Vielleicht halten sie Gericht über ihn und haben die Absicht, ihm die Strafe an diesem Orte zu geben. Ah, ich möchte hören, was jetzt gesprochen wird!“

„Warum sollen die Ogallala überhaupt mit ihm sprechen dürfen?“ stieß der Medizinmann hervor. „Wir wollen hinab und hinüber. Der Tomahawk soll sie alle fressen!“

„So schnell geht das nicht,“ warf Old Shatterhand ein. „Mein roter Bruder mag bedenken, daß wir noch tüchtig zu klettern haben, bevor wir diese Steilung hinab und an den Fluß kommen. Sie sehen uns ja, sobald wir unter den Bäumen hervortreten. Ehe wir den Fluß erreichen und ihn durchschwimmen, haben sie ihre Maßregeln getroffen.“

„Hat mein weißer Bruder einen besseren Plan?“

„Ja! Wir müssen ganz plötzlich über sie kommen, ganz ungeahnt. Denn ich befürchte, daß sie die Gefangenen lieber töten als in unsere Hände kommen lassen werden. Hier hinab können wir nicht; da bemerken sie uns. Dort unten aber tritt der Wald bis an den Fluß. Wir können also unbemerkt bis an das Ufer. Wenn wir vorsichtig sind, werden sie uns gar nicht sehen, denn die Bassinwand des Geisers ist dann zwischen ihnen und uns.“

„Mein Bruder hat recht. So soll es geschehen. Aber ich mache eine Bedingung.“

„Welche?“

„Keiner darf den Häuptling der Ogallala töten. Ich habe eine Rache mit ihm, und er gehört mir!“

Old Shatterhand blickte sinnend vor sich nieder. Dann hob er den Kopf und sagte, indem seine Brauen sich zusammenzogen:

„Dort sind über fünfzig Feinde. Es wird sehr viel Blut fließen, und doch möchte ich das vermeiden. Aber es ist ganz unmöglich, sie in die Hand zu bekommen, ohne mit ihnen zu kämpfen.“

Der Neger Bob, welcher während des Rittes sich immer am Ende des Zuges gehalten hatte, war nach vorn gekommen, um sich die Ogallala anzusehen. Da Old Shatterhand mit dem Indianer in dessen Sprache redete, verstand der Schwarze nicht, was gesagt wurde. Er trat jetzt herbei, deutete hinab und sagte –

„Dort Massa Baumann und auch jung Massa Martin t Will Massa Shatterhand sie frei machen?“

„Ja!“

„Oh, oh! Sehr gut sein das, sehr gut! Neger Bob wird mithelfen frei machen. Neger Bob wird gleich hinunter und über Wasser hinüber. Masser Bob sich nicht fürchten vor Ogallala. Masser Bob sein stark und kühn. Er sie schlagen alle tot!“

Er wollte wirklich fort. Old Shatterhand hielt ihn zurück. Er nahm das Fernrohr aus der Satteltasche und richtete es auf die Sioux. Eben jetzt wurde Martin Baumann losgebunden und auch in den Kreis geführt und neben Wohkadeh gestellt. Old Shatterhand hatte durch das Glas die Gesichter so nahe vor sich, daß er die Lippenbewegungen der Sprecher sah. Es war, als ob die Sioux kaum zwanzig Schritte von ihm entfernt seien.

Der Häuptling sprach zu Martin Baumann, mit der Hand nach dem Schlammkrater deutend. Old Shatterhand sah ganz deutlich, daß Martin totenbleich wurde. Zu gleicher Zeit ertönte ein schriller Schrei, wie ihn die menschliche Kehle nur im Augenblicke des größten Entsetzens ausstoßen kann.

Einer der Gefangenen hatte ihn ausgestoßen, der alte Baumann. Old Shatterhand sah, daß der arme Mann aus allen Kräften an seinen Fesseln zerrte. Das, was der Häuptling gesagt hatte, mußte etwas geradezu Fürchterliches sein.

Und das war es auch, etwas so Teuflisches, daß ein Vater wohl aus Angst um seinen Sohn einen solchen Schrei ausstoßen konnte.

Die Sioux-Ogallala waren gestern erst nach Einbruch des Abends auf der Höhe des Geiserflusses angekommen. Sie hatten erwartet, daß der „schwere Moccassin“ da unter den Bäumen des Waldes Lager machen werde, aber sie hatten sich verrechnet. Trotz der Dunkelheit und trotz der Beschwerlichkeit des Abstieges bestimmte er, daß noch über den Fluß gesetzt werden solle.

Er kannte die Gegend; er war bereits mehreremal hier gewesen, und in seinem Hirn brütete ein Gedanke, noch finsterer und unheimlicher als der Schlammkrater, welcher da unten im Dunkel der Nacht seine scheußlichen Massen hob und senkte.

Voransteigend und sein Pferd am Zügel führend, zeigte er den Seinen den Weg. Auch die Gefangenen mußten mit hinab, was natürlich außerordentliche Schwierigkeiten bereitete, da sie nicht von den Tieren losgebunden werden durften. Schließlich gelangten doch alle glücklich unten am Ufer an.

An dieser Stelle war das Wasser des Feuerlochflusses nicht heiß, sondern nur warm. Man konnte hindurch, ohne sich Schaden zu thun. je zwei Sioux nahmen das Pferd eines Gefangenen zwischen sich, und dann ging es hinüber. Am Schlammkrater wurde Halt gemacht.

Die Gefangenen wurden an die dort liegenden großen Steine gefesselt und Wächter bei ihnen aufgestellt; dann legten sich die anderen nieder, ohne von dem Häuptlinge Auskunft erhalten zu haben, warum er hier Lager machte, im Gestank des Kraters, und wo es weder Gras noch Wasser für die Pferde gab.

Bei Anbruch des Morgens wurden die letzteren eine Strecke abwärts geführt, wo, wie der Häuptling wußte, eine reine Quelle aus dem Felsen strömte. Nach Rückkehr der Leute, die das besorgten, zog jeder ein Stück getrocknetes Büffelfleisch hervor, um zu frühstücken. Jetzt nun erklärte der „schwere Moccassin“ seinen Leuten mit leiser Stimme, was er in Beziehung auf Wohkadeh und den jungen Baumann beschlossen habe.

Alle hielten den ersteren für einen Verräter. Er hatte zwar nichts gestanden, aber in ihren Augen war er überführt. Daß Martin an demselben Schicksale teilnehmen solle, machte ihnen nicht die geringsten Bedenken. Die Gefangenen waren alle dem Tode gewidmet, und je mehr Abwechselung bei ihrer Hinrichtung angebracht wurde, desto interessanter war es ja.

Zunächst galt es, sich an den Qualen, welche die bloße Verkündigung des Urteiles den Gefangenen bereiten mußte, zu weiden. Darum wurde ein Kreis gebildet und zunächst Wohkadeh vorgeführt.

Er wußte natürlich, daß ihm der sichere Tod beschieden war, aber er glaubte keineswegs, daß das Urteil bereits jetzt an ihm vollzogen werden solle. Er war überzeugt, daß Old Shatterhand und Winnetou sehr bald erscheinen würden, und stellte sich getrosten Mutes vor seine Richter hin.

Die Verhandlung wurde mit lauter Stimme geführt, damit auch die anderen Gefangenen, soweit sie die Sprache der Sioux verstanden, alles hören sollten.

„Hat Wohkadeh sich besonnen, ob er weiter leugnen oder den Kriegern der Ogallala alles gestehen will?“ fragte der Häuptling.

„Wohkadeh hat nichts Böses gethan und also auch nichts zu gestehen,“ antwortete der Gefragte.

„Wohkadeh lügt. Wollte er die Wahrheit erzählen, so würde sein Urteil ein sehr mildes sein!“

„Mein Urteil wird dasselbe sein, gleichviel ob ich schuldig oder unschuldig bin. Ich muß sterben!“

„Wohkadeh ist jung. Die Jugend hat einen kurzen Gedanken. Sie weiß oft nicht genau, was das, was sie thut, zu bedeuten hat. Darum sind wir bereit, Milde walten zu lassen; aber derjenige, welcher falsch gehandelt hat, muß aufrichtig sein!“

„Ich habe nichts zu sagen!“

Da ging ein höhnisches Lächeln über das Gesicht des Häuptlings. Er fuhr fort:

„Ich kenne Wohkadeh. Er wird uns dennoch alles, alles sagen!“

„Ihr werdet vergebens darauf warten.“

„So ist Wohkadeh ein Feigling. Er fürchtet sich. Er hat den Mut, Böses zu thun, aber es fehlt ihm der Mut, es einzugestehen. Wohkadeh ist trotz seiner Jugend ein altes Weib, welches vor Angst heult, wenn es von einer Fliege gestochen wird!“

Wohl kannte der Häuptling den jungen Mann. Seine Worte erreichten ihren Zweck.

Kein Indianer läßt sich einen Feigling nennen, ohne sofort zu zeigen, daß er mutig sei. Von früher Jugend an an Entbehrungen, Anstrengungen und allerhand Schmerzen gewöhnt, achtet er den Tod nicht. Er ist ja überzeugt, nach dem Tode sofort in die ewigen Jagdgründe zu gelangen. Er ist also, falls er ein Feigling genannt wird, bereit, das Gegenteil zu beweisen und dabei selbst sein Leben auf das Spiel zu setzen. So auch Wohkadeh. Kaum hatte der Häuptling die Beleidigung ausgesprochen, so antwortete er rasch:

„Ich habe den weißen Büffel getötet. Alle Sioux-Ogallala wissen das!“

„Aber keiner von ihnen war dabei. Keiner hat gesehen, daß du ihn wirklich tötetest. Du hast das Fell gebracht, das wissen wir; weiter nichts!“

„Gibt der Büffel sein Fell freiwillig her?“

„Nein! Aber wenn er gestorben ist, so liegt er auf der Prairie. Wohkadeh kommt dazu, nimmt ihm die Haut, trägt sie heim und sagt dann, daß er ihn getötet habe. Der Büffel aber war von selbst verendet.“

„Das ist eine Lüge!“ rief Wohkadeh, in höchstem Grade erzürnt über diese neue Beleidigung. „Kein verendeter Büffel liegt in der Prairie. Die Geier und Koyoten fressen ihn auf.“

„Und der Koyot bist du!“

„Uff !“ rief Wohkadeh, an seinen Riemen zerrend. „Wäre ich nicht gefesselt, so wollte ich dir zeigen, ob ich ein feiger Prairiewolf bin oder nicht!“

„Du hast es bereits gezeigt. Du bist ein Feigling, denn du fürchtest dich, die Wahrheit zu sagen!“

„Ich habe nicht aus Angst geleugnet!“

„Warum denn?“

„Aus Rücksicht für die anderen, welche sich in Eurer Hand befinden.“

„Uff ! Also jetzt gestehst du ein, daß du schuldig bist?“

„Ja!“

„So erzähle, was du gethan hast!“

„Was soll ich erzählen? Das ist mit wenigen Worten gesagt. Ich bin nach dem Wigwam des Bärentöters gegangen, um zu erzählen, daß er von Euch gefangen genommen worden ist. Dann sind wir aufgebrochen, ihn zu befreien.“

„Wer?“

„Wir fünf. Der Sohn des Bärentöters, Jemmy, Davy, Frank und Wohkadeh.“

„Weiter niemand?“

„Nein!“

„So hat wohl Wohkadeh die Bleichgesichter sehr lieb gewonnen?“

„Ja! Einer unter ihnen ist mehr wert, als hundert Sioux-Ogallala.“

Der Häuptling ließ seinen Blick im Kreise herumgleiten und freute sich heimlich über den Eindruck, welchen die letzten Worte des roten Jünglings bei den Ogallala hervorgebracht hatten. Dann fragte er:

„Weißt du, was du gewagt hast, uns das zu sagen?“

„Ja! Ihr werdet mich töten!“

„Aber unter tausend Martern!“

„Ich fürchte sie nicht.“

„Sie mögen sofort beginnen. Bringt den Sohn des Bärentöters herbei!“

jetzt wurde, wie auch Old Shatterhand gesehen hatte, Martin herbeigeführt und neben Wohkadeh gestellt.

„Hast du gehört und verstanden, was Wohkadeh gesagt hat?“ fragte ihn der Häuptling.

„Ja,“ antwortete Martin ruhig.

„Er hat euch geholt, damit ihr die Gefangenen befreien solltet. Fünf Mäuse ziehen aus, um fünfzig Bären zu fressen! Die Dummheit hat euer Hirn verzehrt; sie mag euch nun auch ganz verzehren. Ihr werdet sterben!“

„Das wissen wir!“ lächelte Martin Baumann. „Kein Mensch kann ewig leben bleiben!“

Der Häuptling verstand ihn nicht sogleich. Dann aber begriff er den Sinn dieser Worte, denn er antwortete:

„Ich meine, daß ihr sterben werdet von unserer Hand!“

„Ich glaube, daß das Eure Absicht ist!“

„Was du jetzt nur glaubst, sollst du sehr bald als Wahrheit erkennen. Hofft ihr etwa noch auf eine Gelegenheit, uns zu entkommen? Die soll euch genommen werden. Ihr werdet heute schon sterben, jetzt, sogleich!“

Er blickte die beiden scharf an, um zu sehen, welche Wirkung seine Worte hervorbringen würden. Wohkadeh verhielt sich so, als ob er sie gar nicht gehört habe; Martin aber veränderte die Farbe seines Gesichtes, obgleich er sich die größte Mühe gab, seinen Schreck zu verbergen.

„Der schwere Moccassin sieht, daß ihr große Freunde seid,“ fuhr der Häuptling fort. „Er will euch die Freude machen, miteinander zu sterben.“

Er hatte geglaubt, die Bestürzung der beiden zu vermehren. Aber Wohkadeh sagte unter einem heiteren Lächeln:

„Du bist besser, als ich dachte! Ich fürchte den Tod nicht. Kann ich mit meinem weißen Freunde sterben, so wird er mir sogar süß sein.“

„Süß?“ hohnlachte der Häuptling. „Ja, süß soll er sein. Ihr sollt seine Süßigkeiten auskosten, langsam, ganz und gar. Und weil eure Liebe eine so seltene ist, so sollt ihr auch auf eine ganze seltene Weise in die ewigen Jagdgründe gehen!“

Er stand auf, trat aus dem Kreise und ging zu der Umwallung des Schlammkraters.

„Das ist euer Grab!“ sagte er. „In wenigen Augenblicken soll es euch empfangen!“

Er deutete in die Tiefe, aus welcher der stinkende Brodem emporstieg.

Das hatte niemand erwartet. Das war mehr als unmenschlich. Martin wurde totenbleich. Sein Vater stieß jenen Angstschrei aus, welchen Old Shatterhand und seine Begleiter drüben, jenseits des Flusses, gehört hatten. Er zerrte mit aller Gewalt an seinen Fesseln.

Baumann hatte vom ersten Augenblicke seiner Gefangenschaft an bis jetzt mit keinem Worte und mit keiner Miene gezeigt, wie unglücklich er sich fühle. Er war zu stolz, sich das merken zu lassen. jetzt aber, als er hörte, was seinem Sohne drohte, war es mit all seiner Selbstbeherrschung vorüber.

„Das nicht, das nicht!“ rief er. „Werft mich in den Krater, mich, mich, nur ihn nicht, ihn nicht!“

„Schweig!“ herrschte der Häuptling ihm zu. „Du würdest heulen vor Entsetzen, wenn du den Tod deines Sohnes sterben solltest!“

„Nein, nein, keinen Laut sollt Ihr hören, keinen einzigen f“

„Du wirst bereits heulen, wenn ich dir diesen Tod beschreibe. Meinst du, daß wir deinen Knaben und den Verräter Wohkadeh einfach in diesen Schlund werfen werden? Da irrst du dich sehr. Der Schlamm steigt und sinkt so regelmäßig, wie die Flut des Meeres, welche dem Laufe des Mondes folgt, wie man mir gesagt hat. Man weiß den Augenblick genau, an welchem der Schlamm kommt, und auch den, an welchem er wieder geht. Man weiß auch sehr genau, wie hoch er steigt. Wir werden den Verräter und deinen Knaben an Lassos binden und sie in das Loch werfen. Aber sie werden nicht hinabfallen, denn die Lassos halten sie. Sie werden so tief hinabhängen, daß ihnen der Schlamm nur bis an die Füße steigt. Beim nächsten Male lassen wir sie weiter hinab, daß ihnen der Schlamm bis an die Kniee reicht. So werden sie tiefer und tiefer sinken, und ihre Körper werden langsam von unten nach oben in dem heißen Schlamme braten. Hast du nun noch Lust, für deinen Sohn dieses Todes zu sterben?“

„Ja, ja!“ antwortete Baumann. „Nehmt mich an seiner Stelle; nehmt mich!“

„Nein! Du sollst mit den anderen am Grabe der Häuptlinge am Marterpfahle enden. Und jetzt sollst du zusehen müssen, wie dein Sohn im Pfuhle versinkt!“

„Martin, Martin, mein Sohn!“ schrie der Vater in verzweiflungsvollem Tone.

„Vater, mein Vater!“ antwortete dieser weinend.

„Schweig!“ raunte Wohkadeh ihm zu. „Wir wollen sterben, ohne ihnen die Freude zu machen, den Schmerz auf unserem Angesicht zu sehen.“

Baumann riß an seinen Fesseln, hatte aber nur den Erfolg, daß sie ihm fast bis auf die Knochen in das Fleisch schnitten.

„Hörst du, wie er heult und jammert!“ rief ihm der Häuptling zu. „Schweig, und freue dich vielmehr, denn du sollst alles deutlicher sehen können als wir. Man löse die Gefangenen von den Steinen und binde sie auf ihre Pferde, damit sie hoch sitzen und alles besser betrachten können. Die beiden Knaben aber bindet steif und tragt sie nach dem Loche!“

Dieser Befehl wurde sofort ausgeführt. Mehrere Sioux ergriffen Wohkadeh und Martin, um ihnen noch mehr Riemen anzulegen, und auch der übrige Teil der Weisung wurde schnell befolgt.

Baumann preßte die Zähne fest zusammen, um sich keinen Jammerlaut entschlüpfen zu lassen. Er saß jetzt mit den anderen hoch zu Roß.

„Schrecklich!“ knirschte Davy, indem er sich an Jemmy wandte. „Die Hilfe kommt gewiß, für die beiden braven Burschen aber jedenfalls zu spät. Wir beide sind schuld an ihrem Tode. Wir hätten nicht einwilligen sollen.“

„Hast recht, und – – horch!“

Der heisere Schrei eines Geiers war erschollen. Die Ogallala beachteten es nicht.

„Das ist Old Shatterhands Zeichen,“ flüsterte Jemmy. „Er hat oft davon gesprochen und uns den Schrei auch vorgemacht.“

„Herrgott! Wenn er es wirklich wäre!“

„Der Himmel gebe, daß ich mich nicht täusche! Vermute ich richtig, so wäre Old Shatterhand unserer Fährte gefolgt und käme von da drüben herab. Schau hinüber nach dem Walde! Siehst du nichts?“

„Ja, ja!“ antwortete Davy. „Ein einzelner Baum wird bewegt. Ich sehe die Spitze schütteln. Das geschieht nicht von selbst; dort sind also Menschen!“

„Jetzt sehe ich es auch! Aber weg davon mit dem Blicke, daß die Ogallala nicht aufmerksam werden!“

Und mit lauter Stimme rief er in deutscher Sprache nach dem Krater hin:

„Master Martin, seid getrost! Die Hilfe ist schon da. Soeben haben die Freunde uns ein Zeichen gegeben!“

Er vermied es kluger Weise, einen Namen zu nennen, weil derselbe von den Ogallala verstanden worden wäre.

„Was hat dieser Hund zu bellen!“ zürnte der Häuptling. „Hat er auch Lust, in dem Schlamm zu sterben?“

Glücklicherweise begnügte er sich mit dieser Zurechtweisung.

„Ist’s wahr, ist’s wahr?“ flüsterte Baumann in deutscher Sprache dem Dicken zu.

„Ja! Da drüben im Walde stecken sie.“

„Da kommen sie dennoch zu spät. Ehe sie den Fluß erreichen und herüberkommen, ist’s vorbei. Sie werden ja auf alle Fälle von den Feinden bemerkt!“

„Pah! Shatterhand wird es schon so einrichten, daß er seinen Zweck erreicht.“

Die Gefangenen hielten auf ihren Pferden so eng nebeneinander, daß sie sich selbst im Flüstertone verstehen konnten. Die Hände waren ihnen auf den Rücken gebunden und die Füße durch einen Riemen vereinigt worden, welcher unter dem Bauche der Pferde hinwegging.

„Du, Davy,“ flüsterte Jemmy, „unsere Tiere werden nicht am Zügel gehalten; darum sind wir eigentlich schon halb frei. Getraust du dir, dein altes Maultier trotz der Fesseln zum Gehorchen zu bringen?“

„Hab‘ keine Sorge! Ich nehme es zwischen die Beine, daß es eine Lust sein wird!“

„Mein alter Klepper wird auch gehorchen. Halt! Hilf Himmel! Da geht es los! Die Hilfe kommt zu spät – zu spät!“

Nämlich in diesem Augenblicke begann die Erde unter den Hufen der Pferde erst leise und dann stärker zu beben, und ein rollendes Brausen kam wie aus unterirdischer Ferne herbei. Der Geiser wollte seine Thätigkeit beginnen.

Zwar hatten sich die Pferde seit gestern abend ganz leidlich an dieses Beben des Erdbodens gewöhnt; da sie aber jetzt ihre Reiter trugen, zeigten sie sich unruhiger, als wenn sie ledig gewesen wären.

Der Häuptling hatte sich vorhin über die Umfassung des Schlammkraters gebeugt und seinen Lasso hinabgelassen, um auszumessen, wie tief die beiden dem Tode Geweihten zu hängen kommen müßten. Dann waren zwei Lassos je an einen festen Vorsprung des hohen Kraterrandes befestigt worden und die anderen Enden hatte man Martin und Wohkadeh so unter den Armen hindurch befestigt, daß gerade und genau die beabsichtigte Tiefe erreicht wurde.

Als jetzt das Brausen begann, traten alle zurück. Nur zwei blieben am Krater stehen, um, sobald der Schlamm sich hob, die beiden Verurteilten hinabgleiten zu lassen.

Es waren Augenblicke der fürchterlichsten Spannung; für die beiden Baumanns aber wurden sie zu schrecklichen Ewigkeiten.

Und Old Shatterhand? Warum kam er nicht?

Sein Blick hatte in größter Spannung jede Bewegung der Ogallala beobachtet. Als er sah, daß Wohkadeh und Martin nach dem Kraterrande geschleppt wurden, war ihm alles klar.

„Man will sie langsam im Schlamme sterben lassen,“ sagte er zu den Indianern. „Wir müssen augenblicklich helfen. Schnell, eilt unter den Bäumen dort hinab, wo der Wald bis an den Fluß geht; setzt hinüber und jagt jenseits im Galopp hinauf! Heult dabei, so laut ihr könnt, und stürzt mit aller Macht auf die Ogallala ein!“

„Willst du nicht mit?“ fragte der riesige Medizinmann.

„Nein; ich darf nicht. Ich muß hier bleiben, um dafür zu sorgen, daß vor eurem Erscheinen keinem unserer Brüder ein Leid geschieht. Fort, fort! Es ist kein Augenblick zu verlieren!“

„Uff! Vorwärts!“

Im nächsten Augenblicke waren die Schoschonen und Upsarocas verschwunden. Der schwarze Bob blieb bei Old Shatterhand zurück. Dieser gebot ihm:

„Komm, faß diese Fichte mit an! Wir wollen sie schütteln!“

Die Hand an den Mund legend, stieß er den Schrei aus, welchen Jemmy und Davy gehört hatten. Er bemerkte, daß sie heraufblickten, und wußte nun, daß sie sein Zeichen verstanden hatten.

„Warum Baum schütteln?“ fragte Bob.

„Um ihnen ein Zeichen zu geben. Man will Wohkadeh und deinen jungen Herrn in den Krater werfen, um sie zu töten. Dort liegen sie gefesselt am Rande desselben.“

„Was! Oh, oh! Massa Martin töten? Wann? Wohl gleich?“

„In einer Minute wohl schon!“

Da ließ der Schwarze das Gewehr fallen, welches er in den Händen hielt.

„Massa ermorden! Das nicht sollen; das nicht dürfen! Masser Bob das nicht erlauben. Masser Bob sie totschlagen alle, alle! Bob gleich hinüber!“

Er rannte fort.

„Bob, Bob!“ rief Old Shatterhand ihm nach. „Zurück, zurück! Du verdirbst sonst alles!“

Aber der Schwarze hörte nicht auf ihn. Es hatte eine wahre Wut sich seiner bemächtigt. Sein junger Herr sollte ermordet werden! Das konnte er nicht zugeben! Lieber wollte er selber sterben. Vor einem Bären hatte er sich nicht als Held gezeigt; aber wenn es seinen „Massa“ galt, dann konnte er ein rasender Roland sein.

Er dachte nicht daran, daß ihm das Gewehr entfallen war; er dachte nur daran, so schnell wie möglich hinüberzukommen. Als guter Schwimmer wußte er, daß man, um an einer gewissen Stelle drüben zu landen, oberhalb derselben hüben in das Wasser gehen muß. Er sprang also nicht den lichten Uferhang hinab, gerade auf das Wasser zu, sondern er eilte in weiten Sprüngen unter den Bäumen flußaufwärts hin und schnellte erst dann, als er seiner Meinung nach weit genug nach oben gekommen war, unter den Bäumen hervor.

Ein schwarzer, glatter Felsen führte da scharf zum Wasser hinab. In seiner Eile setzte Bob sich nieder und rutschte, als ob er Schlitten fahren wolle, diesen Felsen hinab und in das ölige, mit schmutzig flockigem Schaum bedeckte Wasser hinein.

Dabei fühlte er etwas Hartes, was an seinen Körper stieß. Es war ein starker Ast, der sich hier im Ufergrunde festgestochen hatte.

„Oh, oh!“ jubelte er. „Masser Bob kein Gewehr. Ast sein Gewehr, sein Keule!“

Er riß ihn aus dem Schlamme und begann nun gewaltig auszustreichen.

Der brave Bursche wurde von den Ogallala gar nicht bemerkt. Während der Rutschpartie war sein schwarzer Körper von dem dunklen Gestein nicht zu unterscheiden gewesen, und nun im Wasser stachen sein Kopf und seine Schultern so wenig von der schmutzigen Fläche ab, daß selbst andere Augen als diejenigen der Ogallala nicht auf ihn aufmerksam geworden wären. Die letzteren hielten übrigens jetzt ihre Blicke nach dem Schlammkrater gerichtet; auf etwas anderes achteten sie nicht.

jetzt, eben als das unterirdische Rollen und Brausen begann, sah Old Shatterhand seine roten Verbündeten dort nach der abwärts liegenden Enge zu in das Wasser reiten. Die Katastrophe war da.

Er lehnte seinen Henrystutzen an den Stamm des Baumes, hinter welchem er stand, und nahm den zweiläufigen, schweren Bärentöter empor. Auf diese beiden Gewehre konnte er sich verlassen.

Hundert andere hätten jetzt vor Aufregung gezittert; dieser Mann aber blieb so ruhig, als ob er beabsichtige, im Freundeskreise nach einer Scheibe zu schießen.

Drüben traten die Sioux vom Krater zurück. Nur zwei von ihnen blieben stehen.

Da hob der Häuptling den Arm. Ob er vielleicht ein lautes Kommandowort sprach, konnte Old Shatterhand nicht hören, da das Brausen stärker geworden war; aber was diese Armbewegung zu bedeuten hatte, das wußte Shatterhand genau – den Martertod Martins und Wohkadehs.

Er nahm den Kolben an die Wange. Zweimal blitzte der Bärentöter schnell hintereinander auf; dann warf der Schütze ihn weg und griff zum Stutzen, um bereit zu sein, wenn er auch ihn brauchen sollte. Er selbst hatte wohl das Krachen seiner beiden Schüsse gehört, den Sioux-Ogallala aber war dasselbe entgangen, denn es dröhnte unter ihnen wie rapid aufeinanderfolgende Donnerschläge.

„Hinein mit ihnen!“ hatte der Häuptling der Ogallala mit lauter Stimme befohlen und dabei den Arm erhoben.

Die zwei seiner Leute, welche diesen Befehl auszuführen hatten, thaten schnell die paar Schritte, welche sie von den an der Erde liegenden Gefangenen entfernt standen. Martins Vater stieß einen Angstschrei aus, welcher herzzerreißend gewirkt hätte, wenn er gehört worden wäre. Im nächsten Augenblicke mußte ja sein Sohn im Schlunde des Kraters verschwinden.

Aber, was war das! Die zwei Vollstrecker der schrecklichen Exekution bückten sich nicht nur, um die Gefangenen zu ergreifen, sondern sie fielen sogar neben sie nieder und blieben bei ihnen liegen.

Der Häuptling brüllte etwas, was nicht zu verstehen war, denn droben stiegen Wasser und Dampf schrill pfeifend aus der Öffnung des Geisers empor, und hier unten ertönte es wie dumpfe Kanonenschläge aus dem Krater des Schlammvulkanes.

Der „schwere Moccassin“ sprang hinzu, bückte sich über die beiden Leute und schlug mit der Faust auf sie ein – sie bewegten sich nicht. Er faßte den einen an der Schulter und riß ihn halb empor. Ein Paar unbewegliche, seelenlose Augen starrten ihm entgegen, und er sah zwei Löcher im Kopfe des Mannes, eins hüben und das andere drüben. Er ließ den Mann erschrocken fallen und ergriff den anderen, um auch an diesem ganz dieselbe Bemerkung zu machen.

Er fuhr empor, als hätte er einen Geist erblickt, und wendete sich nach den Seinen zurück. Sein Gesicht war verzerrt. Er hatte das Gefühl, als ob ihm unter dem mit Adlerfedern geschmückten Schopfe die Haut vom Schädel gezogen werde.

Die Sioux konnten sein Verhalten und dasjenige ihrer beiden Krieger nicht begreifen. Sie traten herbei. Mehrere von ihnen bückten sich zu den letzteren nieder und waren dann ganz ebenso ein Bild des Entsetzens wie ihr Anführer.

Und nun kam noch ein anderes hinzu, was ihnen nicht minder schrecklich erschien. Das Pfeifen und Zischen des Geisers war jetzt fast erstorben, so daß das Ohr nun wieder andere Töne zu vernehmen vermochte. Und da ließ sich denn vom Flusse her ein Gebrüll vernehmen, welches aus der Kehle eines Löwen oder Tigers zu kommen schien.

Aller Augen wendeten sich dorthin. Sie sahen eine schwarze, riesengroße Gestalt herbeigesprungen kommen, welche einen langen, starken Astknorren in den Fäusten schwang. Diese Gestalt triefte von dem schmutzigen, gelbgrünen Schaume des Flusses und war von einer ganzen Masse verworrener Binsen und halb verfaulten Schilfes behangen.

Der brave Bob, welcher sich durch eine ganze Halbinsel dieser am Ufer hangenden Pflanzenrudera hatte arbeiten müssen, hatte sich nicht die Zeit genommen, diesen Schmuck von sich abzustreifen. Er bot also einen Anblick, der ihn kaum als ein irdisches Wesen erscheinen ließ. Dazu sein Gebrüll, seine rollenden Augen, das starke, leuchtende Gebiß, welches er zeigte – es war wirklich kein Wunder, daß die Ogallala für den Augenblick ganz starr standen.

Und da warf er sich auch schon auf sie, brüllend und mit der Keule um sich schlagend wie ein Herkules. Sie wichen vor ihm zurück. Er drang durch ihren Haufen und stürzte auf den Häuptling zu.

„Massa Martin! Wo sein lieb gut Massa Martin?“ schrie er keuchend. „Hier Masser Bob, hier, hier! Er vernichten ganz Sioux! Er zerschmettern all ganz viel Ogallala!“

„Hurra! Das ist Bob!“ rief Jemmy. „Der Sieg ist da! Hurra, hurra!“

Und zugleich ließ sich von abwärts her ein vielstimmiges Geheul vernehmen, ein indianisches Kriegsgeheul. Dasselbe wird bekanntlich in der Weise hervorgebracht, daß die Wilden ein markerschütterndes langgedehntes, in der Fistelstimme liegendes Jiiiiiiiiiiih schreien und sich dabei, mit der einen Hand trillernd, auf die Lippen schlagen.

Dieser wohlbekannte, Gefahr verkündende Kriegsruf weckte die Sioux aus ihrem starren Schrecken. Einige sprangen vor und bückten nach abwärts des Flusses, woher das Geheul erscholl. Sie sahen die Upsarocas und Schoschonen, welche im Galopp herangesprengt kamen. Im höchsten Grade bestürzt, nahmen sie sich gar nicht die Zeit, diese Feinde zu zählen und folglich zu bemerken, daß sie sich vor so einer kleinen Anzahl derselben gar nicht zu fürchten brauchten. Der unerklärliche Tod ihrer beiden Kameraden, das Erscheinen des wie ein wahrer Satan aussehenden und dreinschlagenden Bob und nun das Nahen feindlicher Indianer, das alles brachte bei ihnen einen geradezu panischen Schrecken hervor.

„Fort, fort! Rettet euch!“ brüllten sie und stürzten zu ihren Pferden.

jetzt nahm Jemmy seinen alten Gaul fest zwischen die Schenkel.

„Macht euch frei! Schnell, schnell, den Rettern entgegen!“ schrie er laut.

Und schon schoß seine langbeinige Kreatur von dannen, das Maultier mit dem langen Davy hinterher. Franks Pferd folgte augenblicklich, ganz ohne daß der Reiter es durch irgend eine Bewegung dazu aufgefordert hätte; die Pferde waren durch das Zittern der Erde, durch Bobs Gestalt und das Kriegsgeheul so aufgeregt worden, daß kein Sioux sie hätte zu halten vermocht.

Wirklich keiner? 0 doch, es gab einen, nämlich den Häuptling Hong-peh-te-keh. Er hatte von Bob einen so kräftigen Keulenhieb erhalten, daß er zusammengebrochen war. Zu seinem Glücke hatte das der Schwarze nicht zu einem zweiten Hiebe, der wohl tödlich geworden wäre, benutzt, sondern er war, seinen jungen Herrn am Boden liegen sehend, zu demselben niedergekniet, um sich, alles andere vergessend, seiner anzunehmen.

„Mein gut, gut Massa Martin!“ rief der treue, aber wenig umsichtige Schwarze. „Hier sein tapfer Masser Bob! Er schnell schneiden die Riemen von Massa Martin.“

Der Häuptling hatte sich aufgerichtet und zog schon das Messer, um den Neger niederzustechen; da hörte er das Geheul der Feinde und sah, daß die Seinigen sich auch bereits zur Flucht wendeten, während seine bisherigen Gefangenen davonjagten, um zunächst aus der Nähe der Ogallala zu kommen.

Er erkannte, daß er unter diesen Umständen gezwungen sei, auch zu fliehen; aber allen und jeden Vorteil aufzugeben, dazu war er der Mann doch nicht. Sich nach seinem Pferde stürzen und im Sattel sitzen, das war für ihn die Sache eines Augenblickes. Ein Glück, daß seine Leute alle die Gewehre an den Sattelknöpfen befestigt hatten! Er drängte sein Pferd an Baumann heran, dessen Tier in diesem Augenblicke scheute und mit allen Vieren in die Luft ging. Ein rascher Griff in die Zügel desselben, ein schriller, durchdringender Schrei, durch welchen er sein eigenes Roß anspornte, und er jagte davon, flußaufwärts, Baumanns Pferd und dessen Reiter mit sich fortreißend – – – – – – – – – – – – – – – –

Die Sioux-Ogallala waren vollständig überzeugt, daß der Oberlauf des Flusses für sie frei sein werde. Ihrer Ansicht nach hatten sie keineswegs zu befürchten, daß sie dort Feinde treffen würden. Wenn sie das Grab der Häuptlinge erreichten, so waren sie geborgen, denn das Terrain, in welchem dasselbe lag, bot ihnen vortreffliche Deckung selbst gegen einen noch viel stärkeren Feind als sie gegen sich zu haben glaubten. Sie sollten aber bald einsehen, daß sie sich da in einem großen Irrtum befanden, welcher für sie verhängnisvoll werden mußte.

Wie bereits erwähnt, hatte Winnetou gestern früh, bevor Old Shatterhand von dem Gelbsteinsee aufgebrochen war, von diesem die Weisung erhalten, mit den bei ihm zurückbleibenden Kriegern nach dem „Maule der Hölle“ zu reiten und ihn dort zu erwarten. Der Häuptling der Apachen war diesem Gebote getreulich nachgekommen.

Tokvi-tey, der Anführer der Schoschonen, welcher sich bei ihm befand, hatte gleich nach Old Shatterhands Entfernung aufbrechen wollen, aber der Apache war dagegen gewesen.

„Meine Brüder mögen hier noch halten bleiben,“ sagte er. „Unsere Pferde mögen noch grasen, denn auf dem Pfade, welchen wir einschlagen, wird es kein Futter für sie geben.“

„Kennst du diesen Weg genau?“ fragte der Schoschone.

„Winnetou kennt alle Prairien und Wasser, alle Berge und Thäler vom Meere des Südens bis hinauf zum Saskatschewan.“

„Aber je eher wir aufbrechen, desto eher sind wir am Ziele!“

„Da hat mein Bruder ganz richtig gesprochen; aber zuweilen ist es nicht gut, wenn man vor der Zeit am Ziele anlangt. Wir werden am Maule der Hölle anlangen noch bevor die Sonne hinter den Wasser speienden Bergen in ihr Wigwam niedersteigt. Winnetou weiß, was er thut. Die tapferen Krieger der Schoschonen können sich auf ihn verlassen. Sie mögen jetzt ihr Fleisch gemächlich verzehren. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er das Zeichen zum Aufbruche geben.“

Er warf seine Silberbüchse über und entfernte sich, zwischen den Bäumen des Urwaldes verschwindend. Er liebte es nicht, Entschlüsse, welche er einmal gefaßt hatte, ohne triftige Gründe aufzugeben. Tokvi-tey mußte sich fügen.

Die Indianer bereiteten ihr Frühstück und unterhielten sich dabei über den nichts weniger als klugen Streich, welchen der Sohn des Bärenjägers mit seinen vier Begleitern begangen hatte.

Ihr Frühmahl war längst vorüber, als der Apache wiederkehrte. Er suchte sein Pferd auf und stieg in den Sattel. Ein Wink seiner Hand genügte, den Schoschonen wissen zu lassen, daß der Ritt jetzt begonnen werden solle. Sie folgten ihm, einer hinter dem andern reitend und sich dabei Mühe gebend, eine so wenig wie möglich sichtbare Fährte zu hinterlassen.

War Winnetou selbst nach indianischen Begriffen ein sehr schweigsamer Mann, so schien er heute noch weniger als gewöhnlich geneigt zu sein, sich für einen redseligen Mann halten zu lassen. Er hielt sein Pferd so im Gang, daß er den Schoschonen stets eine gewisse Strecke voraus war, und sie respektierten den berühmten Krieger so hoch, daß keiner es wagte, sich ihm zu nähern. Selbst Tokvi-tey, obgleich selbst Häuptling, hielt sich in achtungsvoller Entfernung hinter ihm.

So schlängelte sich der Reiterzug still und lautlos zunächst durch den Wald, dessen dichtes Blätterdach von keinem direkten Sonnenstrahle durchdrungen wurde. Es herrschte hier jenes Halbdunkel, welches in hohen, Gott geweihten Domen die Seele zur Andacht stimmt.

Die gewaltigen Stämme ragten wie riesige Säulen empor. Kein niederes Buschwerk stand hindernd im Wege. Die Vogelstimmen, welche den Anbruch des Tages begrüßt hatten, waren verstummt, und nur zuweilen ging durch die Einsamkeit ein knackendes oder prasselndes Geräusch, durch welches aber die Stille des Waldes nur hervorgehoben wurde.

Dann plötzlich öffnete sich eine kurze, grasige Prairie. Der Wald brach in einer scharfen Linie ab und bereits nach kurzer Zeit wurde der Boden steinicht, so daß nur hier oder da ein armer Halm aus einer Ritze blickte.

Winnetou ließ sein Pferd langsamer gehen, wartete, bis Tokvi-tey ihn eingeholt hatte, deutete nach Westen, wo blaugraue Wolken sich zu erheben schienen, und sagte:

„Das sind die Berge des Feuerlochflusses, hinter ihnen öffnet sich das Maul der Hölle.“

Dem Schoschonen war es sehr lieb, daß der Apache das Schweigen gebrochen hatte. Auch er wußte natürlich, daß Schweigsamkeit eine der größten Zierden des Kriegers ist; aber selbst den mürrischesten Indsman kann einmal die Lust zu einem kleinen Speech anwandeln, und in dieser Lage befand sich Tokvi-tey.

Er hatte bereits früher viel über Old Shatterhand gehört; nun war er mit demselben auf eine so wundersame Weise bekannt geworden und hatte sich durch den Augenschein überzeugen können, daß das Gerücht die Eigenschaften und Thaten des berühmten Mannes keineswegs in übertreibender Weise geschildert habe. Er, der viel ältere Mann, widmete dem Deutschen eine Verehrung, wie er sie noch für keinen Menschen empfunden hatte. Zu dieser Verehrung gesellte sich eine Scheu, wie man sie nur für höhere Wesen hat, und doch, trotz der Schranke, welche diese Scheu zwischen ihm und Old Shatterhand errichtete, fühlte er sich mächtig zu dem gewaltigen Jäger hingezogen – er liebte ihn. Die milde, ruhige Freundlichkeit, die immer gleiche, rücksichtsvolle Güte des Mannes, welcher seine Feinde mit der Faust niederzuschlagen pflegte, hatte demselben wie alle Herzen so auch dasjenige des Häuptlings der Schoschonen gewonnen.

Schon längst hatte Tokvi-tey von Winnetou etwas Näheres über Old Shatterhand erfahren wollen. Der Apache war ja derjenige, welcher die beste Auskunft über ihn zu erteilen vermochte, aber grad die Unzertrennlichkeit dieser beiden Freunde machte es schwierig, einmal unter vier Augen mit dem einen über den andern zu sprechen.

Heute nun war Old Shatterhand abwesend, und diese Gelegenheit wollte Tokvi-tey benutzen, den Mund des Apachen zu öffnen. Darum freute er sich darüber, daß der letztere ihn jetzt an seine Seite kommen ließ. Er folgte mit seinem Blicke dem ausgestreckten Arme Winnetous und sagte:

„Tokvi-tey hat jene Gegend noch nie betreten, aber sein Ohr hat oft vernommen, was die alten, grauhaarigen Krieger der Schoschonen von ihr erzählen. Hat mein Bruder auch davon gehört?“

„Nein.“

„Tief unter diesen Bergen und Schluchten liegt ein Häuptling begraben, dessen Seele nicht in die ewigen Jagdgründe gelangen kann, obgleich er der tapferste Krieger war und viele Zelte mit den Skalps der von ihm erlegten Feinde geschmückt hatte. Sein Name ist K’un-p’a. Mein Bruder wird ihn gehört haben?“

„Nein. Ein berühmter Häuptling dieses Namens ist dem Apachen nicht bekannt. K’un-p’a heißt in der Sprache der Schoschonen das Feuerwasser, welches die Yankees Brandy oder Whisky nennen.“

„Ja, Feuerwasser bedeutet auch der Name jenes Häuptlings, denn er hat seine Seele und seinen ganzen Stamm an die Bleichgesichter verkauft, welche ihm Feuerwasser dafür gegeben haben. Er hatte das Beil des Krieges gegen sie ausgegraben, um sie von der Erde zu vertilgen. Seine Krieger waren zahlreicher als die ihrigen; sie aber hatten Feuerwaffen und – Feuerwasser. Ihr Häuptling bat um eine Unterredung mit ihm. Die beiden trafen sich an einer Stelle, welche sich zwischen den Kriegslagern befand. Während sie verhandelten, gab der Häuptling der Bleichgesichter dem roten Krieger Feuerwasser zu trinken. Es war noch nie ein Tropfen davon über seine Lippen gekommen. Er trank und trank, bis der böse Geist des Feuerwassers über ihn kam. Da verriet er, um mehr davon zu bekommen, seine Krieger. Sie wurden alle getötet, so daß nicht ein einziger entkam.“

„Und ihr Häuptling?“ fragte Winnetou.

„Er blieb allein übrig. Er war der Verräter, darum töteten ihn die weißen Männer nicht. Sie versprachen ihm noch mehr Feuerwasser, wenn er sie nach den Weidegründen seines Stammes führen wolle. Er that es. Die Wigwams seines Stammes standen da, wo jetzt die wasserspeienden Berge stehen. Das Thal des Feuerlochflusses war damals der glücklichste Weidegrund des Landes. Das Gras neigte seine Spitzen über dem Reiter zusammen, und auf den Büffelpfaden wandelten die Bisons in unzählbaren Scharen. Dorthin führte K’un-p’a die Bleichgesichter. Sie fielen über die roten Männer her und töteten sie nebst allen ihren Frauen und Kindern. Der Häuptling saß dabei und trank Feuerwasser, bis es ihm aus dem Munde brannte. Da brüllte er vor Schmerz laut auf und wandte sich in schrecklichen Qualen hin und her. Sein Geheul klang über die Prairien und Wälder hinweg bis hinauf zu den Spitzen des Gebirges jenseits des Gelbsteinsees. Dort wohnte der große Geist der roten Männer. Er kam herbei und sah, was geschehen war. Er ergrimmte in schrecklichem Zorne. Er schlug mit seinem Tomahawk eine Spalte in die Erde, viele Tagereisen tief, und stürzte K’un-p’a hinab. Dort unten liegt nun der Verräter seit vielen hundert Sonnen. Wenn er sich in seinen nie endenden Schmerzen von einer Seite auf die andere wirft und dabei seine brüllende Stimme erhebt, so zittert die ganze Gegend des Gelbsteinsees bis hinüber zum Schlangenflusse, und aus Spalten und Löchern dringt sein Jammergeheul. zur Erde empor. Das Feuerwasser strömt kochend aus seinem Munde; es füllt alle Klüfte und Ritzen der Tiefe; es dampft und braust zur Höhe; es wirbelt und sprudelt aus allen Schlünden; es qualmt und stinkt aus allen Höhlen, und wenn dann ein einsamer Krieger vorüber reitet, die Erde unter den Hufen seines Pferdes zittern und bersten sieht, die kochende Flut erblickt, welche auf zu den Wolken steigt, und das Gebrüll vernimmt, welches aus tausend Mäulern der Tiefe erschallt, so gibt er seinem Tiere die Fersen und entflieht, denn er weiß, unter ihm wütet K’un-p’a, der vom großen Geiste Verfluchte.“

Wenn der Schoschone erwartet hatte, daß Winnetou zu dieser Schilderung irgend eine Bemerkung machen werde, so hatte er sich geirrt. Der Apache blickte still vor sich hin. Um seinen Mund spielte ein kaum bemerkbares Lächeln. Darum fragte Tokvi-tey:

„Was sagt mein Bruder zu dieser Erzählung?“

„Daß noch niemals eine so bedeutende Schar der bleichen Krieger an den Fluß des Feuerloches gekommen ist.“

„Kann mein Bruder das behaupten?“

„Ja.“

„Aber das ist vor vielen hundert Sonnen geschehen; damals hat mein roter Bruder noch gar nicht gelebt.“

„Und Tokvi-tey, der Häuptling der Schoschonen, war auch noch nicht vorhanden. Wie also kann er wissen, was damals geschehen ist?“

„Er hat es gehört. Die Alten haben es ihm erzählt, und diese wissen es von den Urvätern ihrer Urväter.“

„Aber als diese Urväter lebten, gab es noch keine Bleichgesichter bei den roten Männern. Ich habe das von einem gehört, der es ganz genau weiß, von meinem weißen Bruder Old Shatterhand. Als ich mit ihm zum erstenmal am Flusse des Feuerloches war, hat er mir erklärt, wie die Löcher entstanden sind, aus denen die kalten und heißen Wasserstrahlen steigen. Er hat mir gesagt, wie die Berge und Thäler, die Cannons und Abgründe entstanden sind.“

„Weiß er es denn?“

„Sehr genau.“

„Aber er ist nicht dabei gewesen!“

„Dessen bedarf es nicht. Wenn ein Krieger die Spur eines Fußes sieht, so weiß er, daß hier ein Mann gegangen ist, und doch ist er nicht dabei gewesen. Solche Spuren hat der große Geist zurückgelassen und Old Shatterhand versteht es, diese Spuren zu lesen.“

„Ugh!“ rief der Schoschone verwundert.

„Höre ihn selbst sprechen! Dann wirst du dich noch viel mehr wundern. Ich habe in stillen Nächten an seiner Seite gesessen und seinen Worten gelauscht; es sind Worte des großen, guten, allmächtigen Geistes gewesen, Worte der Liebe und Milde, der Versöhnung und Erbarmung. Seit ich sie gehört habe, thue ich so wie Old Shatterhand – ich töte keinen Menschen, denn alle sind Kinder des großen Geistes, welcher seine Söhne und Töchter glücklich machen will.“

„So sind die weißen Männer auch seine Kinder?“

„Ja.“

„Uff! Warum verfolgen sie ihre roten Brüder? Warum rauben sie ihnen ihr Land? Warum jagen sie sie von Ort zu Ort? Warum sind sie voller List, Heimtücke und Betrug gegen sie?“

„Um dem Häuptlinge der Schoschonen diese Frage zu beantworten, müßte ich viele Stunden sprechen. Dazu gibt es keine Zeit. Ich will ihn nur fragen: Sind alle roten Männer gut?“

„Nein. Es gibt gute und böse unter ihnen.“

„Nun, so ist es auch mit den Bleichgesichtern; auch unter ihnen gibt es gute und böse. Old Shatterhand gehört zu demjenigen Stamme der Bleichgesichter, welcher noch niemals das Kriegsbeil gegen die roten Krieger geschwungen hat.“

„Wie heißt dieser Stamm?“

„Es ist der Stamm der Deu-scheh, welcher weit im Osten jenseits des großen Wassers wohnt.“

„Er ist dessen Häuptling?“

„Nein. Die Krieger der Deu-scheh haben mehrere Häuptlinge, welche Kön-ig genannt werden; der oberste Häuptling aber wird Kai-sa genannt. Er ist ein alter, kluger, tapferer Krieger, der in allen Kämpfen gesiegt und doch niemals einen Skalp genommen hat. Sein Haar ist weiß wie der Schnee der Berge; seine Jahre sind fast nicht zu zählen, aber seine Gestalt ist noch hoch und stolz, und sein Roß zittert vor Freude, wenn er in den Sattel steigt. Sein Arm ist stark und sein Befehl ohne Widerspruch; aber in seinem Herzen wohnt die Liebe, und in seiner Hand glänzt der Stab des Friedens. In seinem Wigwam verkehren die Häuptlinge aller Völker, und sein Rat wird geachtet vom Aufgang bis zum Niedergange der Sonne.“

„Und wie heißt dieser große Häuptling?“

„Wi-he-lem. Du wirst dieses Wort nicht verstehen, denn es gehört der Sprache der Deu-scheh und bedeutet so viel wie mächtiger Beschützer.“

„Warum aber ist Old Shatterhand nicht bei seinem Stamme geblieben?“

„Weil er gewünscht hat, die roten Männer kennen zu lernen. Dann wird er wieder nach dem Wigwam der Seinen zurückkehren.“

„Wird mein roter Bruder mir sagen, wo er ihn zum erstenmale gesehen hat?“

„Das war am Rio Gila, weit von hier gegen Mittag, wo die Pferde der Apachen weiden. Die Hunde der Komanchen waren aus ihren Löchern gekrochen, um die tapferen Krieger der Apachen anzubellen. Da hielten die Häuptlinge einen großen Rat, und am andern Morgen zogen zehnmal zehn mal sechs Apachen aus, um sich die Skalpe der Komanchen zu holen. Winnetou war noch jung. Er wurde ausersehen, die Fährte der Komanchen zu suchen, denn sein Auge war scharf und sein Ohr hörte den Lauf des Käfers im Grase. Er erhielt zehn Krieger, welche mit ihm ritten, und es gelang ihm, die Spur des Feindes zu finden. Auf dem Rückwege sah er einen Rauch aufsteigen und schlich hinzu, um zu sehen, welche Männer an dem Feuer zu finden seien. Es waren fünf Bleichgesichter. Die Apachen standen mit den Weißen in Feindschaft; darum beschloß Winnetou, sie zu überfallen und sich mit ihren Skalpen zu schmücken. Der Überfall gelang den roten Männern, aber zu ihrem eigenen Schaden. Die Bleichgesichter wurden überrumpelt, aber sie waren tapfer, sie wehrten sich. Einer von ihnen war hinter einen Baum gesprungen und schoß einen Roten nach dem andern nieder. So starben vier Bleichgesichter, aber auch die zehn Apachen, welche mit Winnetou waren. Endlich waren nur noch das tapfere Bleichgesicht und Winnetou übrig. Der Weiße warf sein Gewehr weg und stürzte sich auf den Roten. Er riß ihn zu Boden und entwand ihm die Waffen. Winnetou war verloren; er lag unter dem Weißen und konnte sich nicht bewegen, denn dieser letztere war stark wie ein grauer Bär. Der Apache riß sein Jagdhemd auf und bot dem Feinde die nackte Brust.

Dieser aber warf das Messer weg, stand auf und reichte Winnetou die Hand. Sein Blut war geflossen, denn Winnetou hatte ihn in den Hals gestochen, und dennoch schonte er das Leben des Apachen. Dieses Bleichgesicht war Old Shatterhand. Seit jener Zeit sind beide Männer Brüder gewesen, und sie werden Brüder bleiben, bis der Tod sie voneinander trennt.“

„Und seid ihr seit jener Zeit stets beisammen gewesen?“

„Nein. Old Shatterhand ist in sein Land gereist; aber so oft er wieder in die Prairie kam, hat er sofort seinen roten Bruder aufgesucht. Beide haben einander das Leben viele, viele Male gerettet, beide haben gegenseitig voneinander und miteinander gelernt, und jeder von ihnen würde sofort und gern sein Leben lassen, wenn der andere es von ihm forderte. Mehr denn zehnmal zehnmal haben beide viele, viele Feinde gegen sich gehabt; sie sind oft von einem ganzen Stamme verfolgt worden; sie sind eingeschlossen worden von überlegenen Scharen, aber wenn sie beisammen sind, fürchten sie keinen Feind und fürchten nicht eine große Zahl der Feinde. Noch keiner hat sie überwinden können. Und seit Winnetou seinen Bruder Old Shatterhand gefunden hat, ist ihm die Erkenntnis gekommen, daß der große Geist die Liebe ist, daß unser guter Manitou traurig sein Haupt verhüllt, wenn seine Söhne sich untereinander zerfleischen. Der Schöpfer der Erde hat seinen Sohn Je-su gesandt, um seinen roten und weißen Kindern wissen zu lassen, daß Friede sein soll in allen Ländern. Das Kriegsbeil soll vergraben sein und das Calumet der Versöhnung geraucht werden von Ort zu Ort, von Stamm zu Stamm. Der Häuptling der Schoschonen wird das nicht begreifen; er mag, wenn er es erfahren will, selbst mit Old Shatterhand sprechen. Winnetou hat keinen Mund zu dieser Rede; aber er reitet von Nord nach Süd, von Ost nach West, von Stamm zu Stamm, um durch sein Beispiel zu lehren und zu zeigen, daß die roten und weißen Kinder des großen Geistes in Liebe und Frieden bei einander wohnen können, wenn sie nur wollen. Wenn die roten Männer erst gelernt haben, untereinander einträchtig zu sein, dann wird ihnen die Achtung der Bleichgesichter zu teil, und sie werden stark genug sein, den Brudermord aus ihren Weidegründen zu verbannen. Tokvi-tey, der Häuptling der Schoschonen, mag über meine Worte nachdenken. Ich lasse ihn allein.“

Er spornte sein Pferd an, um den Vorsprung, welchen er bisher eingehalten hatte, wieder zu erlangen, und gab denselben auch während des ganzen weiteren Rittes nicht wieder auf.

Seine Voraussagung, daß die Pferde unterwegs keine Weide finden würden, erfüllte sich. Das Terrain blieb von jetzt an felsig und unfruchtbar. Es bildete, im ganzen genommen, eine Ebene; aber zahlreiche Senkungen und scharfe Einschnitte veranlaßten die Reiter zu zeitraubenden Umwegen. Die Sonne brannte heiß hernieder, und die Pferde mußten geschont werden, da es im Bereiche der Möglichkeit lag, daß man morgen gezwungen sein werde, alle ihre Kräfte in Anspruch zu nehmen. Darum wurde nur im Schritt geritten, und man kam den bereits erwähnten westwärts liegenden Höhen nur langsam näher.

So verging der Vor- und auch der größte Teil des Nachmittags, und die Sonne hatte bereits das letzte Viertel ihres Tagebogens erreicht, als man den östlichen Fuß der Feuerlochberge erreichte.

Der Felsen ging nach und nach in Grasland über, und als der Boden mehr zu steigen begann, gab es hier und da einen kleinen Wasserlauf, an dessen Ufern sich Büsche in einem kühlenden Luftzuge wiegten.

Winnetou hielt auf ein Thal zu, welches rechtwinkelig durch die Berge schnitt. Die Seiten desselben waren, je weiter man kam, desto dichter mit Bäumen bestanden, und nach kurzer Zeit wurde ein kleines Frischwasserbecken erreicht, an dessen Ufer Winnetou vom Pferde sprang. Er nahm dem Tiere Sattel und Zäumung ab und trieb es dann in die Flut, damit es sich nach dem anstrengenden Ritte erquicken möge. Die andern Reiter folgten seinem Beispiele.

Es wurde dabei kein Wort gesprochen. Niemand fragte ihn, ob er hier zu lagern denke. Er hatte sich nicht gesetzt, sondern er stand, auf seine Büchse gelehnt, am Wasser. Das war für die anderen genug, zu wissen, daß er bald wieder aufbrechen werde.

Nach kurzer Zeit kam sein Pferd freiwillig aus dem Wasser und auf ihn zu. Er sattelte es, stieg auf und ritt davon. Er hielt es gar nicht für notwendig, sich nur einmal umzuschauen, ob die Krieger ihm auch folgten; es verstand sich das ja ganz von selbst.

Das Thal wurde desto enger, je steiler es zur Höhe stieg. Es war durch einen Wasserlauf gebildet worden, dessen Ursprung oben auf der Höhe lag. Dort oben angekommen, befanden die Reiter sich im wilden Walde, welchen noch kein menschlicher Fuß betreten zu haben schien.

Der Apache aber kannte seinen Weg genau. Er ritt in größter Sicherheit, als ob er einen gebahnten Pfad vor sich sehe, unter den hohen Bäumen weiter, erst scharf bergan, dann eben fort und endlich jenseits des Kammes zwischen zerstreut umher liegenden, riesigen Felsenbrocken zu Thale nieder.

Da ertönte so plötzlich, daß die Pferde scheuten, vor ihnen ein fürchterlicher Krach, als ob eine gewaltige Dynamitexplosion stattgefunden habe; es folgten eine Reihe Schüsse, wie von starken Festungsgeschützen; dann rollte es wie ein fortlaufendes Pelotonfeuer, welches sich in ein Knattern, Prasseln, Sausen und Zischen auflöste, als ob davor den überraschten Reitern ein Riesenfeuerwerk abgebrannt werde.

„Uff!“ rief Tokvi-tey. „Was ist das?“

„Das ist K’un-tui-temba, das Maul der Hölle,“ antwortete Winnetou. „Mein Bruder hat die Stimme des Maules vernommen. Er wird es sogleich auch speien sehen.“

Nur wenige Schritte ritt er weiter; dann blieb er halten und wendete sich rückwärts zu den roten Kriegern:

„Meine Brüder mögen herbeikommen. Da unten hat sich das Höllenmaul geöffnet.“

Er zeigte hinunter in den Abgrund, welcher sich vor ihnen öffnete, und die Indianer eilten zu ihm.

Sie hielten, wie sie nun sahen, vor einer senkrecht mehrere hundert Fuß abfallenden Felsenwand, und unten lag das Thal des Feuerlochflusses. Gerade vor ihnen, am jenseitigen Ufer, stieg aus dem Erdboden eine wohl zwanzig Fuß im Durchmesser haltende Wassersäule ungefähr fünfzig Fuß senkrecht empor, und in dieser Höhe bildete sie einen beinahe kugelförmigen Knauf, aus welchem zahlreiche armstarke und noch stärkere Wasserstrahlen einzeln weit über hundert Fuß gen Himmel schossen. Das Wasser war heiß, denn eine Hülle von halb durchsichtigem Brodem umgab die gigantische Fontäne, welche oben regenschirmartig auseinander ging.

Gerade hinter diesem Wanderwerke der Natur trat die Uferwand zurück und bildete einen tief ausgeschnittenen Felsenkessel, auf dessen hinterem Rande scheinbar die untergehende Sonne lag. Ihre Strahlen fielen auf die Wassersäule, welche dadurch als eine geradezu unbeschreibliche Kalospinthechromokrene in den herrlichsten Farben leuchtete und brillierte. Wäre der Standpunkt der Beschauer ein anderer gewesen, so hätten sie tausend in den Fluten und um dieselben umher zuckende Regenbogen sehen können.

„Uff, uff!“ ertönte es aus fast einem jeden Munde, und der Häuptling der Schoschonen wendete sich fragend an Winnetou:

„Warum nennt mein Bruder diesen Ort K’un-tui-tempa, das Maul der Hölle? Sollte derselbe nicht lieber T’ab-tuitempa genannt werden, der Mund des Himmels?“

„Nein, das wäre sehr falsch.“

„Warum? Tokvi-tey hat noch niemals etwas so Herrliches gesehen.“

„Mein Bruder darf sich nicht täuschen lassen. Alles Böse scheint zuerst schön zu sein; ein kluger Mann aber urteilt erst, nachdem er das Ende abgewartet hat.“

Die Augen der entzückten Indianer hingen noch staunend an dem prächtigen Bilde, da that es plötzlich einen ähnlichen Donnerschlag wie vorhin, und augenblicklich änderte sich die Scene. Die Wassersäule fiel in sich selbst zusammen; einige Augenblicke wurde das Erdloch frei, aus welchem sie sich erhoben hatte; man hörte einen dumpfen, rollenden Ton, und dann stieß das Loch in einzelnen Rucken braungelbe Dampfringe aus. Diese Rucke folgten sich schneller und schneller, bis sie sich zu einem schrillen Zischen vereinigten; die einzelnen Ringe verbanden sich zu einer häßlichen Rauchsäule, und dann wurde eine dunkle, schlammartige Masse ausgeschleudert, welche beinahe gerade so hoch stieg wie vorher die Fontäne und einen entsetzlichen Gestank verbreitete. Einzelne feste Körper flogen weit über die flüssigen Massen hinaus, und wenn das geschah, so ertönte ein dumpf brüllendes Knurren, wie man es in Menagerien von hungrigen Raubtieren hört, kurz ehe sie gefüttert werden. Diese Ausbrüche erfolgten stoßweise, einer nach dem anderen, und in den Zwischenpausen erklang aus dem Loche ein Wimmern und Stöhnen, als ob da unten in der Tiefe die Seelen der Verdammten ihren Aufenthalt hätten.

„Kats-angwa, schrecklich!“ rief Tokvi-tey, indem er sich die Nase zuhielt. „An diesem Geruche könnte der tapferste Krieger sterben.“

„Nun,“ fragte Winnetou lächelnd, „will mein Bruder auch jetzt noch dieses Loch den Mund des Himmels nennen?“

„Nein, Möchten alle Feinde der Schoschonen dort unten begraben sein! Wollen wir nicht lieber weiter reiten?“

„Ja, aber wir werden gerade da unten am Maule der Hölle unser Lager aufschlagen.“

„Uff! Ist das nötig?“

„Ja. Old Shatterhand hat es uns geboten, und so müssen wir es thun. Die Hölle hat für heute zum letztenmale gespieen; sie wird die Nasen der Schoschonen nicht wieder belästigen.“

„So wollen wir dir folgen; sonst aber wären wir ihr lieber fern geblieben.“

jetzt führte der Apache seine Begleiter ein Stück längs der Felsenkante hin bis dahin, wo das Ufer aus weicherem Gestein und erdigem Boden bestanden hatte. Hier waren die verborgenen Kräfte bis herauf zur Höhe thätig gewesen. Ein vor Jahrhunderten hier vorhandener Krater hatte die ganze Uferwand verschlungen; das weiche Erdreich war nachgerutscht und bildete eine Halde, welche ziemlich dicht mit halbverfaulten Baumstämmen und einzelnen Felsbrocken besäet war.

Dieser Bergrutsch war steil und sah keineswegs so ungefährlich aus. Es gab da zahlreiche schwefelgelb geränderte Löcher, aus denen Wasserdämpfe emporstiegen, ein sicheres Zeichen, daß das Terrain ein unterhöhltes sei.

„Hier will mein Bruder hinab?“ fragte Tokvi-tey den Apachen.

„Ja. Es gibt keinen anderen Weg als diesen.“

„Werden wir nicht einbrechen?“

„Wenn wir unvorsichtig wären, könnte das sehr leicht geschehen. Winnetou hat, als er mit Old Shatterhand hier war, diesen Ort genau untersucht. Es gibt Stellen, an denen die Rinde der Erde nicht dicker ist, als die Breite deiner Hand. Aber Winnetou wird voranreiten. Sein Pferd ist klug und wird nicht dahin treten, wo es eine Gefahr gibt. Meine Brüder können mir getrost folgen.“

„Aber hat nicht Old Shatterhand geboten, daß wir an diesem Ufer Kundschafter aussenden sollen, die ihm Nachricht von uns zu geben haben? Wollen wir das nicht thun, bevor wir über den Fluß setzen?“

„Wir werden es gar nicht thun. Die Ogallala werden eher hier ankommen als Old Shatterhand. Schauen wir nach ihnen aus, so haben wir genug gethan.“

Er trieb sein Pferd über den Rand des Bergsturzes und ließ es da, ohne daß er abstieg, langsam zur Tiefe klettern. Die Indianer folgten ihm zaudernd; aber als sie sahen, wie vorsichtig sein Pferd, bevor es einen Schritt that, vorher mit dem Hufe den Boden untersuchte, vertrauten sie sich seiner Führung an.

„Meine Brüder mögen weit auseinander reiten,“ gebot er, „damit die Erde immer nur die Last eines einzigen Reiters zu tragen habe. Wenn das Pferd einzubrechen droht, muß der Mann es augenblicklich mit dem Zügel emporreißen und nach rückwärts werfen.“

Glücklicherweise kam kein einziger in diese Gefahr. Zwar wurden mehrere sehr hohl klingende Stellen passiert, aber der Zug gelangte glücklich unten am Flusse an.

Das Wasser hatte hier eine mehr als gewöhnliche Wärme; die Oberfläche war blaugrün schillernd und ölig, während eine Strecke weiter aufwärts die Wellen rein und durchsichtig an das Ufer schlugen. Dort wurden die Pferde in den Fluß getrieben, welchen sie mühelos überschwammen. Dann lenkte Winnetou wieder abwärts gerade auf das „Maul der Hölle“ zu.

Die Eruption dieses letzteren war vorüber. Als die Reiter dort ankamen und sich vorsichtig dem Rande des Loches näherten, konnten sie in eine gegen hundert Fuß betragende, dunkle Tiefe blicken, in welcher es vollständig still und ruhig war. Nichts als die umhergeschleuderten Schlammassen verriet, daß vor wenigen Minuten die Hölle hier thätig gewesen sei.

Jetzt zeigte Winnetou nach dem bereits erwähnten, hinter dem „Maule der Hölle“ liegenden Felsenkessel und sagte:

„Dort liegt das Grab der Häuptlinge, an welchem Old Shatterhand die drei berühmtesten Krieger der Sioux Ogallalla besiegte. Meine Brüder mögen mir dorthin folgen!“

Die Sohle dieses Kessels bildete beinahe eine Kreisfläche von dem ungefähren Durchmesser einer halben englischen Meile. Die Wände besaßen eine solche Steilheit, daß an ihnen unmöglich emporzukommen war. Viele Löcher, mit heißem Schlamm oder dampfendem Wasser gefüllt, machten das Passieren höchst unsicher, und kein Hälmchen Gras, kein noch so kleines, dürftiges Pflänzchen war zu sehen.

Gerade auf dem Mittelpunkt dieses Thales war ein künstlicher Hügel errichtet. Er bestand, wie man leicht sehen konnte, aus Steinen, losgebrochenen Schwefelstücken und Schlamm, welch letzterer jetzt eine harte, spröde Masse bildete. Seine Höhe betrug vielleicht fünfzehn Fuß, seine Breite zehn und seine Länge zwanzig Fuß. In der Spitze steckten mehrere Bogen und Lanzen. Sie waren mit allerlei Kriegs- und Todeszeichen geschmückt gewesen, die aber nun in Fetzen hingen.

„Hier,“ sagte Winnetou, „sind begraben der tapfere Büffel und böses Feuer, welcher der stärkste Krieger der OgalIalla war. Dennoch hat Old Shatterhand beide mit einem Schlage seiner Faust getötet. Sie sitzen auf ihren Pferden, die Gewehre auf dem Knie, den Schild in der Linken und den Tomahawk in der Rechten. Der Name des dritten Kriegers wurde nicht genannt, weil er seine Medizin nicht mehr besaß. Und da oben hielt Shatterhand auf seinem Pferde, bevor er zum Todeskampfe herunterkam, und schoß einen Ogallalla nach dem anderen wund. Er wollte sie nicht töten, und sie konnten ihn mit ihren Kugeln nicht erreichen, denn der große Geist der Bleichgesichter schützte ihn.“

Bei diesen Worten zeigte er rechts nach der Felsenwand, aus welcher in der Höhe von vielleicht vierzig Fuß ein Vorsprung ragte, auf welchem mehrere mannshohe Felsenstücke lagen. Von ihm zog sich eine Reihe ähnlicher aber viel kleinerer Vorsprünge abwärts bis auf den Boden herab, mit deren Benutzung man mühsam hinaufsteigen konnte. Aber wie Old Shatterhand zu Pferde hatte hinaufkommen können, das konnte nur einem so kühnen Reiter, wie er war, erklärlich sein.

Die Schoschonen stießen Rufe des Erstaunens aus. Hätte ein anderer als Winnetou es gesagt, und wäre es nicht gerade von Old Shatterhand erzählt worden, so hätten sie den Sprecher als einen Lügner verachtet.

Ihr Häuptling schritt langsam um das Grab, maß die Dimensionen desselben und fragte sodann Winnetou:

„Wann denkt mein Bruder, daß die Sioux Ogallalla am Feuerlochflusse ankommen werden?“

„Vielleicht heut abend schon.“

„So sollen sie das Grabmal ihrer Häuptlinge zerstört finden. Der Staub derselben soll in alle Winde zerstreut und ihre Knochen sollen in das Maul der Hölle geworfen werden, damit ihre Seelen unten in der Tiefe jammern müssen mit K’un-p’a, dem vom großen Geiste Verfluchten! Nehmt eure Tomahawks und reißt den Hügel ein! Tokvi-tey, der Häuptling der Schoschonen, wird der erste dabei sein.“

Er stieg vom Pferde und ergriff seinen Tomahawk, um das Werk der Zerstörung zu beginnen.

„Halt!“ gebot da Winnetou. „Hast du die drei Toten, welche du schänden willst, erlegt?“

„Nein,“ antwortete der Gefragte verwundert.

„So laß die Hand von ihrem Grabe! Sie gehören Old Shatterhand. Er hat ihnen ihre Skalpe gelassen und sie sogar mit begraben helfen. Ein tapferer Krieger kämpft nicht mit den Knochen der Toten. Die roten Männer finden ein Wohlgefallen daran, die Gräber ihrer Feinde zu schänden; der große Geist aber will, daß die Toten ruhen sollen, und Winnetou wird ihre Gräber beschützen!“

„Du willst mir verbieten, die Hunde der Ogallalla in das Maul der Hölle zu werfen?“

„Ich verbiete dir nichts, denn du bist mein Freund und Bruder. Willst du aber Hand an dieses Grab legen, so mußt du vorher mit mir kämpfen. Tötest du mich, dann magst du thun, was dir beliebt; dann aber wird auch Old Shatterhand kommen und Rechenschaft von dir fordern. So weit aber kommt es nicht, denn Winnetou, der Häuptling der Apachen, kennt keinen, der ihn besiegen könnte. Meine Brüder haben das Grab der Häuptlinge gesehen, und werden mir nun zurück zum Lagerplatze folgen!“

Er -wendete sein Pferd und ritt davon, wieder nach dem „Maule der Hölle“ zurück. Auch dieses Mal sah er sich nicht um, ob sie ihm folgen würden oder nicht.

So hatte noch kein „Freund“ mit Tokvi-tey gesprochen. Der Schoschone war erzürnt; aber er wagte es doch nicht, dem Apachen zu widerstehen. Er brummte ein mürrisches „Ugh!“ vor sich hin und folgte ihm. Die Seinen ritten schweigend hinter ihm her. Das entschiedene Auftreten Winnetous hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht.

Der Abend begann hereinzubrechen, als der Apache nicht weit vom „Maule der Hölle“ hielt und vom Pferde stieg. Dort lief trotz der Nähe dieses Ortes ein kalter Quell aus dem Felsen, quer über das Thal und dann in den Fluß. Die Stelle hatte gar nichts, was sie besonders zur Lagerstätte geeignet hätte; aber Winnetou mußte wissen, warum er gerade hier und nirgends anders die Nacht zubringen wollte. Er pflockte sein Pferd an, rollte seine Santillodecke als Kopfkissen zusammen und streckte sich nahe am Felsen zur Ruhe aus. Die Schoschonen folgten seinem Beispiele.

Sie saßen leise plaudernd bei einander. Ihr Häuptling hatte sich, seinen Groll gegen Winnetou vergessend, neben diesem niedergelegt. Es wurde vollständig finster; mehrere Stunden vergingen, und es schien, daß der Apache schlafe. Da aber stand er plötzlich auf, ergriff sein Gewehr und sagte zu Tokvi-tey:

„Meine Brüder mögen ruhig liegen bleiben. Winnetou wird auf Kundschaft gehen.“

Er verschwand im Dunkel der Nacht. Die Zurückbleibenden wollten nicht schlafen, bevor sie das Ergebnis seines waghalsigen Ganges vernommen hatten; aber sie mußten lange warten, denn Mitternacht war nahe, als er zurückkehrte. Er meldete allen vernehmlich und in seiner einfachen Weise:

„Hong-peh-te-keh, der schwere Mokassin, lagert mit seinen Leuten am Teufelswasser. Er hat den Bärentöter mit dessen fünf Gefährten bei sich und auch unsere Brüder gefangen, welche uns heut in der Nacht verlassen haben. Old Shatterhand wird in der Nähe sein. Meine Brüder mögen schlafen. Winnetou wird mit Tokvi-tey sich, wenn der Morgen anbricht, noch einmal nach dem Wasser des Teufels schleichen. Howgh!“

Er legte sich nieder. Seine Nachricht war eine aufregende, doch ließ keiner sich das merken. Die Schoschonen nahmen an, daß der nächste Morgen die blutige Entscheidung bringen werde. Wer von ihnen würde am Abend noch leben? Sie fragten sich das nicht. Sie waren tapfere Krieger und – schliefen ruhig ein. Natürlich aber waren Wachen ausgestellt worden.

Noch graute der Morgen kaum, so weckte Winnetou den Häuptling der Schoschonen und schritt mit ihm am Flusse hinab. Sie waren gewohnheitsmäßig so vorsichtig, jede mögliche Deckung zu benutzen, doch wußte Winnetou, daß dies nicht eigentlich nötig sei. Die Sioux verließen jedenfalls ihren Lagerort nicht eher, als bis der Tag vollständig angebrochen war.

Vom „Maule der Hölle“ bis zum „Wasser des Teufels“ war es vielleicht eine englische Meile. Als die beiden so nahe an den letzteren Ort gelangt waren, daß nun die größte Vorsicht geboten war, hatte der Morgen sich bereits so gelichtet, daß man alles genau und deutlich erblicken konnte.

Der Fluß machte unweit des Lagers der Feinde eine Krümmung. Dort hinter der Felsenecke stehend, konnten die beiden Häuptlinge die Sioux beobachten. Diese letzteren holten eben ihre Pferde herbei, welche, wie früher erwähnt, unterhalb des Lagers getränkt worden waren, und nahmen dann ihr Mahl ein.

Winnetou richtete seinen Blick nach der Höhe des rechten Flußufers, von woher Old Shatterhand kommen mußte, wenn er sich nicht vielleicht schon diesseits befand.

„Uff !“ sagte er leise. „Old Shatterhand ist da.“

„Wo?“ fragte Tokvi-tey.

„Da droben auf dem Berge.“

„Da kann man ihn ja doch nicht sehen. Dort steht ja dichter Wald.“

„Ja, aber sieht mein Bruder denn nicht die Krähen, welche über den Bäumen schweben? Sie sind aufgestört worden. Und von wem? Nur allein von Old Shatterhand. Er wird im Walde abwärts reiten und unterhalb der Sioux, wo sie ihn nicht sehen können, über den Fluß gehen. Dann greift er sie an und treibt sie am Wasser aufwärts. Zu derselben Zeit müssen wir am „Maule der Hölle“ stehen, damit sie nicht weiter können und in das Thal des Häuptlingsgrabes getrieben werden. Mein Bruder mag schnell kommen, denn wir haben nicht viel Zeit übrig.“

Die beiden kehrten eilig zurück. Winnetou hatte im allgemeinen ganz richtig vermutet, wenn er auch das Einzelne nicht wissen konnte.

Als sie bei den Ihrigen angekommen waren, erhielten diese von dem Apachen die nötigen Weisungen und machten sich kampfbereit. Der Feind sollte zwischen zwei Feuer genommen werden.

jetzt ertönte von unten herauf ein fürchterliches Krachen.

„Das Teufelswasser erhebt seine Stimme,“ erklärte Winnetou. „Nun wird auch bald der Mund der Hölle speien. Reitet ein Stück zurück, daß es euch nicht trifft!“

Er wußte von früher, daß die beiden Krater in Verbindung miteinander standen, und wich eine genügende Strecke zurück. Er hörte bald, daß die Eruption des Teufelswassers aufgehört hatte, und infolgedessen vernahm er das Kriegsgeschrei der dreißig Schoschonen und Upsarocas, welche sich in diesem Augenblicke auf die Sioux warfen.

Was er vorausgesagt hatte, trat jetzt ein, das „Höllenmaul“ begann zu speien, gerade wie gestern gegen Abend, als er angekommen war. Unter Donnern und Zischen stieg die Wassersäule empor, und ihre oben auseinander gehenden Strahlen flossen in weitem Umkreise nieder. Dadurch entstand für Winnetou und die Seinen eine prächtige Deckung, denn die herbeistürmenden Sioux konnten nun die hinter der Riesenfontäne haltenden Schoschonen nicht sehen. Winnetou trieb sein Pferd möglichst weit zur Seite, um stromabwärts blicken zu können. Er sah die Feinde kommen, flüchtig, einer ohne Ordnung hinter oder neben dem andern, von einem geradezu panischen Entsetzen gejagt.

„Sie kommen!“ rief er. „Wenn ich das Zeichen gebe, brechen wir hinter dem speienden Maule hervor und lassen sie nicht zwischen demselben und dem Flusse aufwärts. Sie müssen links hinein in das Thal des Grabes. Aber schießt nicht. Der Schreck allein treibt sie hinein!“

jetzt waren die vordersten Sioux ganz in der Nähe. Sie wollten wirklich flußaufwärts weiter. Da aber brach Winnetou hinter der Fontäne hervor. Sein, „Jiiiiiüi!“ gellte schrill durch die Morgenluft, und die Schoschonen stimmten ein. Die Sioux sahen sich den Weg verlegt und warfen ihre Pferde eine Viertelwendung herum. Sie suchten ihre Rettung in dem Felsenkessel.

Hinter diesen ersten, vordersten Feinden zeigte sich eine dicht zusammengedrängte Gruppe von mehreren Reitern, über welche der Apache nicht sofort klug werden konnte. Es war ein aus Sioux und Weißen bestehender, in fliegendem Galopp daherfegender Knäuel. Den Kein desselben bildete der Häuptling der Ogallalla, Baumann, der Bärentöter und Hobble-Frank, der gelehrte Sachse.

Die auf die Pferde gefesselten Gefangenen hatten sich, wie bereits erwähnt, ihren Befreiern entgegengewendet. Da ertönte ein mehrstimmiger Schrei. Martin Baumann, Wohkadeh und der Neger Bob, welcher die beiden ersteren losgeschnitten hatte, hatten ihn ausgestoßen, als sie sahen, daß der Häuptling der Sioux Baumann mit sich fortriß. Frank hörte den Schrei und sah sich um. Sein Blick fiel auf den Sioux, und er erkannte, in welcher Gefahr sich sein lieber Herr befand. Er warf, trotz seiner Fesseln, nur mit Hilfe des Schenkeldruckes augenblicklich sein Pferd herum und hielt es vor dem Neger an.

„Schneide mich los, Bob! Schnell, schnell!“ rief er.

Bob gehorchte diesem Befehle. Frank warf sich vom Pferde, riß einem der beiden von Old Shatterhand erschossenen Sioux den Tomahawk aus dem Gürtel, schwang sich blitzschnell wieder in den Sattel und jagte davon, dem feindlichen Häuptlinge nach.

Bob hatte kein Pferd. Martin und Wohkadeh hätten keine Hilfe bringen können, da ihre Glieder zu sehr von den Fesseln verletzt waren. Sie konnten nur schreien. Dadurch machten sie Jemmy aufmerksam. Er blickte hinter sich und rief entsetzt seinem langen Freunde zu:

„Davy, zurück! Der Sioux entführt uns Baumann!“

Da stand Bob auch schon vor ihnen und zerschnitt ihre Fesseln. Jemmy entriß ihm das Messer und galoppierte dem Sachsen nach, Davy ohne Waffen hinter ihm her.

Jetzt brausten die Schoschonen und Upsaroca heran und vorüber, den Freunden und Feinden nach, und zu gleicher Zeit gelangte Old Shatterhand, Bobs zurückgelassenes Pferd neben sich am Zügel führend, an das diesseitige Ufer. Niemand hatte in der Verwirrung auf ihn geachtet, ihm aber war nichts entgangen.

„Hier dein Pferd und Gewehr, braver Bob,“ rief er, ihm Zügel und Büchse zuwerfend. „Befreie die noch Gefesselten; dann kommt ihr uns gemächlich nach.“

Sein vorhin abgeschossenes Gewehr während des Reitens ladend, stürmte er weiter. Er hatte bisher dazu keine Zeit gehabt, denn sofort nach den beiden Schüssen, als er überzeugt war, daß seine Kugeln getroffen hatten, war es sein Bestreben gewesen, schleunigst an das linke Ufer des Flusses zu kommen.

Nun bot die zwischen dem „Maule der Hölle“ und dem „Wasser des Teufels“ liegende Strecke dieses Ufers ein mehr als kriegerisches Bild. Sioux Ogallalla, Upsarocas, Schoschonen und Weiße schrieen aus Leibeskräften. Von den Fliehenden nahm keiner auf den andern Bedacht; jeder wollte nur sich selbst retten. Die Freunde jagten an den Feinden vorüber, ohne diese zu belästigen, denn der einzige Gedanke der ersteren war, Baumann zu befreien.

Old Shatterhand stand hoch in den Bügeln, den Stutzen übergeworfen und die Doppelbüchse in der Hand. Er war der hinterste; aber sein Pferd berührte mit dem Leibe fast die Erde, und so erreichte er die Upsarocas und fünfzehn Schoschonen.

„Langsamer!“ rief er ihnen zu, indem er an ihnen vorüberflog. „Habt nur acht, die Sioux zu treiben. Da oben hält Winnetou und läßt sie nicht vorüber. Es darf keiner entkommen. Aber tötet sie nicht!“

So ging es weiter, an Freunden und Feinden vorüber. Die Hufe seines Pferdes „verschlangen“ den Weg. Es galt, den bereits erwähnten Knäuel zu erreichen, bevor da ein Unglück geschah.

Das Pferd des kleinen Sachsen war kein edler Renner; aber Frank brüllte so entsetzlich und bearbeitete es mit dem Stiele seines Tomahawk in der Weise, daß es dahinraste, als ob es Flügel habe. Lange konnte es das freilich nicht aushalten; das war vorauszusehen.

Es gelang ihm, den Häuptling der Sioux-0gallalla einzuholen. Er trieb sein Pferd an die Seite desselben, holte mit dem Tomahawk zum Schlage aus und rief:

„Schonka, ta ha na, deh peh – Hund, komm her! Mit dir ist’s aus!“

„Tschi-ga schi tscha lehg-tscha!“ antwortete der Häuptling hohnlachend – „armseliger Zwerg! Schlag einmal zu!“

Er wendete sich zu Frank herüber und parierte dessen Hieb mit der bloßen Faust in der Weise, daß er mit derselben von unten herauf gegen die Faust des Sachsen schlug, Wodurch die Waffe aus Franks Hand geprellt wurde. Dann riß er das Messer aus dem Gürtel, um den einstigen „Forschtbeamten“ vom Pferde zu stechen.

„Frank, nehmen Sie sich in acht!“ rief Jemmy, welcher hinter ihnen sein Pferd antrieb, um heranzukommen.

„Haben Sie nur keene Angst!“ schrie der Kleine zurück. „Mich murkst so leicht kee Roter ab.“

Er hielt sein Pferd um einen Schritt zurück, so daß er nicht getroffen wurde, und schnellte sich dann mit einem kühnen Schwunge aus dem Sattel und hinüber auf das Pferd des Ogallalla, den er sofort umschlang, um ihm die Arme an den Leib zu drücken.

Der Häuptling brüllte laut auf vor Wut. Er suchte seine Arme zu befreien, aber es gelang ihm nicht, denn Frank hielt aus Leibeskräften fest.

„So ist’s recht!“ rief Jemmy. „Laß nicht los! Ich komme schon.“

„Da schputen Sie sich een bißchen! So eenen Kerl zu zerquetschen, das is keene Kleenigkeet!“

Das war natürlich alles blitzschnell geschehen, viel schneller, als man es zu erzählen vermag. Der Ogallalla hielt in der Rechten sein Messer und in der Linken den Zügel von Baumanns Pferd. Er bäumte sich im Sattel empor; er wand sich nach rechts und links – vergeblich! Er vermochte nicht, sich aus Franks Umschlingung zu befreien.

Baumann war gefesselt; er konnte nichts zu seiner Befreiung thun; aber er ermunterte Frank, fest zu halten. Dieser antwortete, obgleich er vor Anstrengung keuchte:

„Schon gut! Ich umschlängle ihn wie eene Boabab conschtrictor und laß nich eher locker, als bis die Lunge platzt.“

Der Ogallalla hatte jetzt sein Pferd nicht mehr in der Gewalt; es lief langsamer. Dadurch gelang es Jemmy, es einzuholen. Auch Davy gelangte nahe heran. Der Dicke trieb sein Pferd neben dasjenige Baumanns und durchschnitt mit Bobs Messer die Fesseln des letzteren.

„Hallo, gewonnen!“ rief er ihm zu. „Reißen Sie dem Roten die Zügel aus der Hand!“

Baumann versuchte es, hatte aber nicht die Kraft dazu. Jemmy wollte ihm das Messer geben, konnte aber nicht, denn einige vor ihnen herfliehende Sioux hatten bemerkt, in welcher Lage sich ihr Häuptling befand. Zwei von ihnen fielen den Dicken wütend an, und der dritte machte Miene, sich auf Frank zu werfen, welcher seine Arme nicht zur Verteidigung frei hatte. Da gab Davy seinem Pferde einen Fausthieb zwischen die Ohren, daß es in einigen Lançaden vorwärts schoß und er sich nun neben diesem Indianer befand. Er packte denselben am Kragen des Jagdwamses, riß ihn aus dem Sattel und schleuderte ihn auf die Erde.

„Hurra! Halleluja!“ rief der Hobble-Frank. „Das war Rettung im letzten Teele des Oogenblickes! Aberscht nun nehmen Sie rasch ooch da den Häuptling bei der Parabel, denn ich kann es nich alleene mehr dermachen!“

„Gleich!“ antwortete der Lange.

Er streckte beide Arme nach dem Roten aus, um auch ihn aus dem Sattel zu ziehen; da aber that es vor ihnen einen so fürchterlichen Knall, daß die Pferde erschrocken zurück- und aneinanderprallten. Davy hatte Mühe, sich im Sattel zu erhalten. Jemmy, welcher alle Kräfte aufbieten mußte, die beiden Roten von sich abzuwehren, wurde vom Pferde geschleudert, und Baumann, dem Bärentöter, erging es ebenso.

Die wirre Reitergruppe war jetzt vor dem Maule der Hölle angelangt; die Wasserfontaine hatte sich gesenkt und die Schlammsäule war unter der Detonation, vor welcher die Pferde scheuten, emporgestiegen. Teile der heißen, schmutzigen Masse wurden weit umhergeschleudert.

Das Pferd des Häuptlings war vor Schreck in die Häksen gesunken, raffte sich aber wieder auf und jagte, sich nach links wendend, auf den Fluß zu, gerade als Old Shatterhand die sich am Boden wälzende Gruppe erreichte.

Dieser letztere hatte zwar die Absicht, dem braven Frank zu helfen, mußte aber davon abstehen, da er sah, daß die beiden Wilden sich von ihren Pferden herab- und auf Jemmy geworfen hatten, um ihn zu töten. Der lange Davy hatte zu viel mit seinem scheu gewordenen Pferde zu thun, als daß er seinem dicken Freunde hätte beistehen können, und so sah Old Shatterhand sich gezwungen, denselben aus der Todesgefahr zu befreien. Er hielt sein Tier an, sprang ab und betäubte die beiden Ogallalla mit zwei Schlägen seines Gewehrkolbens.

Winnetou hielt mit seinen Schoschonen noch immer die zwischen dem „Maule der Hölle“ und dem Flusse liegende Strecke besetzt. Er hatte die Aufgabe, die Sioux Ogallalla hier nicht vorüber zu lassen, sondern sie in den Thalkessel des Häuptlingsgrabes zu treiben. Das war ihm gelungen. Die flüchtigen Roten hatten, als sie seine Schar erblickten, sich nach dem Thale gewendet. Der Verlauf des Erzählten war ein so ungemein schneller gewesen, daß der Apache gar nicht Zeit gefunden hatte, selbsthandelnd mit einzugreifen. Und jetzt nun wurde er durch die umhergeschleuderten Schlammmassen absolut verhindert, vorzudringen. Es gab nur einen einzigen, dessen er sich anzunehmen vermochte, den Hobble-Frank. Er sah, daß derselbe, noch immer fest hinter dem Häuptlinge sitzend und diesen mit beiden Armen umklammernd, von dem erschreckten Pferde dem Flusse entgegengetragen wurde, und zwar so rasenden Laufes, daß es für einen rettenden Helfer wohl kaum möglich war, vor der Katastrophe am Ufer anzukommen. Dennoch trieb der Apache sein Tier in dieser Richtung vorwärts, und mehrere Schoschonen folgten ihm.

Der Häuptling der Sioux erkannte, daß die Gefahr, in welche er durch die Umschlingung des kleinen Sachsen gebracht worden war, jetzt ihren höchsten Grad erreicht hatte. Wut und Angst verdoppelten seine Kräfte. Er zog seine Arme unter denen Franks hoch empor, ein gewaltiger Ellenbogenstoß nach beiden Seiten, und der Sachse mußte ihn freigeben.

„Stirb!“ brüllte der Rote und holte mit dem Messer aus, um, von vom nach hinten stoßend, dem wackern Kleinen die Klinge in den Leib zu bohren.

Dieser aber bog sich schnell so weit zur Seite, daß der Stoß fehlging. Frank hatte keine Waffe mehr. Er dachte an den Fausthieb Old Shatterhands. Mit der linken Hand den Feind an der Kehle packend, holte er mit der geballten Rechten aus und traf mit ihr die Schläfe des Ogallalla mit solcher Gewalt, daß er selbst das Gefühl hatte, als ob seine eigene Faust zerschmettert sei. Der Getroffene sank mit dem Körper nach vorn.

Aber da war auch schon der Fluß erreicht. Das Pferd schoß in einem hohen, weiten Bogen vom Ufer ab in die Flut hinein, und beide Reiter wurden über den Kopf des Tieres hinausgeschleudert.

Das Pferd fühlte sich frei. Es that einige Ruderschläge, wendete sich dann langsam um und kehrte an das Ufer zurück.

jetzt kam Winnetou dort an. Er sprang ab und legte seine Büchse an, um schußfertig zu sein, falls zwischen den beiden Abgeschleuderten ein Kampf im Wasser beginnen sollte. In diesem Falle wollte er den Ogallalla durch eine Kugel unschädlich machen.

Zunächst war von beiden nichts zu sehen. Nur Franks Amazonenhut trieb in der Nähe des Ufers. Ein Schoschone holte ihn mit Hilfe der Lanze heraus. Dann kam ein Stück weiter unten, aber ziemlich entfernt vom Ufer, der mit Federn geschmückte Schopf des Indianers zum Vorscheine. Dann tauchte in einiger Entfernung davon Frank auf. Er sah sich um, erblickte den Kopf des Wilden und schwamm in schnellen Stößen auf denselben zu. Der Rote war nicht leblos, sondern wohl nur halb betäubt. Er wollte fliehen; aber der kleine Sachse stieß wie ein raubgieriger Hecht schnell auf ihn zu, schnellte sich ihm auf den Rücken, ergriff ihn mit der Linken bei den Haaren und begann, ihm mit der rechten Faust die Seite der Stirn zu hämmern. Der Ogallalla verschwand und Frank mit ihm. Ein Strudel bildete sich über ihnen; Blasen stiegen auf, ein Arm des Sioux ließ sich sehen, um sofort wieder zu verschwinden; dann wurden die beiden Beine des „Forschtbeamten“ und die Schöße seines Frackes für einen Augenblick sichtbar – es fand ein jedenfalls entsetzliches Ringen unter dem Wasser statt. Es war für Winnetou unmöglich, in dasselbe einzugreifen. Old Shatterhand, Jemmy, Davy und Baumann erschienen am Ufer. Der erstere warf schnell Waffen und Oberkleider ab, um in das Wasser zu springen. Da aber tauchte der Hobble-Frank empor, sah sich hustend und pustend nach allen Seiten um und rief:

„Ist er noch unten?“

Er meinte natürlich den Ogallalla; er fuhr, ohne eine Antwort vom Ufer her abzuwarten, wieder in die Tiefe nieder. Als er nach wenigen Augenblicken wieder an der Oberfläche erschien, hielt er mit der Linken den besiegten Feind bei den Haaren gefaßt und kam langsam nach dem Ufer geschwommen.

Er wurde mit lautem Jubel empfangen, schrie aber noch lauter als die andern:

„Seien Sie nur schtille! Mir ist der Hut schpurlos in die Wicken gegangen. Gibt’s vielleicht unter den geehrten Anwesenden eenen, der ihn hat schwimmen sehen?“

„Nein,“ wurde ihm geantwortet.

„Das ist schtark! Soll ich etwa wegen dem Ogallalla hier meinen Schtraußfederschapoh einbüßen? Das ist doch die Geschichte gar nich wert! Och, dort sehe ich ihn merschtenteels! Der Schoschone hat ihn off dem Koppe. Dem werde ich gleich als Gerichtsvollzieher off die Treppe schteigen!“

Er eilte zu dem Indianer, um sich den Schmuck seines Hauptes geben zu lassen. Nachher erst war er bereit, von den Kameraden die Ausdrücke ihrer Anerkennung entgegen zu nehmen.

Er hatte den feindlichen Anführer besiegt und glaubte, sich als Hauptheld des heutigen Tages fühlen zu dürfen.

„Anschtrengung hat’s gekostet,“ sagte er. „Aber das ist unsereenem ganz egal. Fendi, findi, fundi, so hat Cäsar zu Suleiman Pascha gesagt, und bei mir geschieht so was mit ganz derselbigen Leichtigkeet.“

Veni vidi, vici heißt es,“ fiel Jemmy ein. „Zu Deutsch: ich kam, ich sah, ich siegte.“

„Schweigen Sie ergebenst, Herr Jakob Pfefferkorn! Schteigen Sie mal dem Roten hinten off; schpringen Sie mit ihm vom Pferd ins Wasser, und schprengen Sie ihm mal da unten den Faden des Daseins entzwee, nachhero habe ich nichts dagegen, wenn Sie ihre apothekerlateinischen Sprachmücken schpielen lassen. Eher aber nich! Was geht mich denn Ihr kam und sah und siegte an! Bei mir hat’s ja geheeßen ich schprang, ich schwamm, ich tauchte ihn unter, und das ist eben, in das echte Latein des Puma Nompilius übersetzt, mein ganz richtiges Fendi, findi, fundi!“

Jemmy lachte laut. Er hatte Lust, eine Entgegnung hören zu lassen; aber Old Shatterhand kam ihm im ernsten Tone zuvor:

„Bitte, keine solchen Streitigkeiten! Unser braver Frank hat heut bewiesen, daß er ein tüchtiger, ja ein verwegener Westmann ist. Er hat den Häuptling besiegt. Was das bedeutet, werden Sie erst später einsehen. Ihm allein werden wir es zu verdanken haben, wenn es uns nun gelingt, Blutvergießen zu vermeiden, hier, lieber Frank, haben Sie meine Hand. Sie sind ein prächtiger Kerl!“

Der Sachse ergriff die Hand des berühmten Jägers und antwortete, indem eine Freudenthräne in sein Auge trat:

„Dies Wort aus Ihrem Munde freut mich königlich. Alexander Hauboldt sagt so schön in seinem Kosmos: „Dem Helden flicht die Nachwelt Malvenkränze, und die Aurikeln blühn oft nur im Lenze.“ Wenn die schpätere Generation mal hier eenen cararischen Marmorsteen errichtet, da wird bei den Namen der anderen Schtreiter ooch der meinige mit eingemeißelt sein, und mein Geist steigt dann in schtillen Nächten nieder und freut sich, daß er nich ganz umsonst gelebt hat und in das Wasser des Feuerlochflusses geschprungen ist. Friede meiner Asche!“

Es wäre kein Wunder gewesen, wenn diejenigen der Anwesenden, welche deutsch verstanden, ihm mit einem heiteren Lachen geantwortet hätten; aber dies geschah nicht. Er war einmal ein eigenartiges Kerlchen und wirklich seelensgut. Die Rührung, welche er fühlte, teilte sich den andern mit; sie blieben ernst, und Winnetou gab ihm auch die Hand und sagte:

„Ni’nte ken ni scho – du bist ein tüchtiger Mann!“

Dann gab der Apache Old Shatterhand durch eine seiner sprechenden Handbewegungen das Zeichen, daß er ihm hier das weitere überlasse, stieg auf sein Pferd und ritt mit seinen Schoschonen am jetzt wieder ruhigen „Maul der Hölle“ vorüber nach dem Eingange des Thalkessels, in dessen Hintergrunde sich die entkommenen Sioux gesammelt hatten.

Er traf da, den Eingang bewachend, den Medizinmann der Upsarocas und Moh-aw, den Sohn des Häuptlinges der Schoschonen mit ihren Kriegern. Als der riesige Medizinmann hörte, daß sein Todfeind, der „schwere Mocassin“, besiegt am Flusse liege, jagte er schleunigst nach der betreffenden Stelle hin. Er kam gerade recht, zu sehen, daß derselbe unter Old Shatterhands Bemühung wieder zur Besinnung gelangte und sorgfältig gefesselt wurde. Er sprang vom Pferde, riß sein Messer aus dem Gürtel und rief:

„Das ist der Hund der Sioux Ogallalla, welcher mir das Ohr genommen hat. Er soll mir dafür bei lebendigem Leibe seinen Skalp geben!“

Er wollte auf ihn niederknieen, um ihm die Kopfhaut zu nehmen, wurde aber von Old Shatterhand daran verhindert. Dieser sagte:

„Der Gefangene ist das Eigentum unseres weißen Bruders Hobble-Frank. Kein anderer darf sich an ihm vergreifen.“

Es entstand ein Wortwechsel, welchen Old Shatterhand in seiner bekannten Energie siegreich beendete. Der Upsaroca zog sich, wenn auch murrend, zurück.

jetzt nun folgte eine Szene, welche jeder Beschreibung spottet. Baumann, der Bärentöter, zu dessen Befreiung der Zug unternommen worden war, hatte den Hobble-Frank an sein Herz gezogen. Beide weinten heiße Freudenthränen.

„Dir, du treuer Mensch, habe ich gewiß zum größten Teile meine Rettung zu verdanken,“ sagte der Bärentöter. „Wie aber ist es dir möglich gewesen, eine so große Schar meiner Befreier zusammenzubringen?“

Frank wies alles Verdienst von sich ab, machte ihn darauf aufmerksam, daß man jetzt keine Zeit zu langen Erzählungen und Erklärungen habe, und schloß daran, indem er flußabwärts deutete, den Fingerzeig:

„Dort kommen andere, welche viel mehr Dank verdienen als ich. Ich habe weiter nichts als meine Pflicht gethan.“

Baumann sah seine fünf Gefährten, welche mit ihm von den Sioux gefangen genommen worden waren, kommen. Vor ihnen ritten Martin, sein Sohn, Wohkadeh und Bob. Er eilte ihnen entgegen. Als der Neger seinen Herrn erblickte, sprang er vom Pferde, lief auf ihn zu, sank vor ihm auf die Knie; ergriff seine Hände und rief weinend:

„O Massa, mein lieb, gut Massa Baumann! Endlich, endlich haben Masser Bob wieder sein von Herzen geliebten Massa! Nun Masser Bob gleich gern sterben vor Wonne. Nun Masser Bob singen und springen vor Freude und platzen und zerspringen vor Entzücken! 0, Masser Bob sein froh, sein glücklich, sein selig!“

Baumann hob ihn auf und wollte ihn in die Arme ziehen. Bob aber wehrte sich dagegen und erklärte:

„Nein, Massa, nicht umarmen Masser Bob, denn Bob haben getötet schlimm Stinktier und sein noch immer nicht ganz gut von Geruch.“

„Ach was, Stinktier! Du bist zu meiner Rettung ausgezogen, und ich muß Dich umarmen!“

Nun erst ließ der entzückte Neger sich diesen Dank seines Herrn gefallen. Dann aber sanken Vater und Sohn sich in die Arme.

Die Anwesenden wendeten sich diskret ab. Die Wonne, welche diese beiden in diesem Augenblicke empfanden, war ihnen heilig.

„Mein Kind, mein Sohn!“ rief Baumann immer wieder. „Wir besitzen uns von neuem, und nichts soll uns wieder trennen. Was habe ich ausgestanden! Und was hast auch du seit gestern erduldet! Schau, wie deine Arme von den Fesseln zerschnitten sind t“

„Die deinigen noch mehr, noch viel mehr! Doch das wird wieder heilen, und du soffst bald wieder gesund und kräftig sein. jetzt mußt du vor allem denen Dank sagen, welche ihr Leben wagten, dich zu retten. Mit Wohkadeh, meinem Freunde, hast du bereits seit gestern sprechen können, mit Jemmy und Davy ebenso. Hier aber ist Old Shatterhand, der Meister unter ihnen allen. Er und Winnetou sind es, denen das Gelingen unseres Unternehmens zu verdanken ist. Unser ganzes Leben würde nicht reichen, das quitt zu machen, was wir ihnen schuldig sind.“

„Ich weiß es, mein Sohn, und es betrübt mich, daß ich jetzt nichts anderes vermag, als nur einfach Dank zu sagen.“

Er streckte Old Shatterhand beide Hände entgegen, wobei ihm noch immer die Thränen über die gebräunten, eingefallenen Wangen perlten. Old Shatterhand drückte ihm leise die von den Fesseln verwundeten Hände, zeigte dann zum Himmel empor und sagte im herzlichsten Tone:

„Danken Sie nicht den Menschen, lieber Freund, sondern danken Sie unserem Herrgott da oben, welcher Ihnen die Kraft gegeben hat, den unbeschreiblichen Jammer zu überstehen. Er ist es ja, der uns geleitet und beschützt hat, so daß wir gerade noch zur rechten Zeit hier eingetroffen sind. Uns haben Sie nicht Dank zu sagen. Wir sind nur seine Werkzeuge gewesen; zu ihm aber wollen wir alle unser Gebet emporsenden, wie es in unserem schönen, deutschen Kirchenliede heißt:

Ich rief den Herrn in meiner Not:

Ach Gott, vernimm mein Schreien! Da half mein Helfer mir vom Tod Und ließ mir Trost gedeihen. Drum dank‘, ach Gott, drum dankich dir! Ach, danket, danket Gott mit mir; Gebt unserm Gott die Ehre!“

Er hatte seinen Hut abgenommen und die Worte langsam, laut und innig wie ein Gebet gesprochen. Auch die andern hatten ihre Häupter entblößt, und als er geendet hatte, erklang aus jedem Munde ein frommes, kräftiges „Amen!“

Der am Boden liegende, gefesselte Häuptling der Sioux hatte diesen Vorgang mit staunendem Blick beobachtet. Er wußte nicht, wie er sich denselben deuten sollte. Zu seinem Vorteile jedenfalls nicht – so dachte er – denn nach seiner Ansicht war er nun unwiderruflich einem qualvollen Martertode verfallen.

Er wurde vom Boden aufgehoben, um dahin getragen zu werden, wohin sich nun alle begaben, nach dem Eingange zum Thale des Häuptlingsgrabes, wo Winnetou mit den Schoschonen und Upsarocas ihrer wartete. Dort wurde er niedergelegt.

Old Shatterhand ritt mit dem Apachen eine kleine Strecke in den Thalkessel hinein, um die Feinde und die Anordnungen, welche diese getroffen hatten, zu überblicken. Man sah, daß sie einige wenige Worte miteinander wechselten. Beide verstanden sich ja so gut, daß es langer Auseinandersetzungen zwischen ihnen gar nicht bedurfte. Dann kehrten sie zurück.

Tokvi-tey trat auf sie zu und fragte: „Was gedenken meine Brüder nun zu thun?“

„Wir wissen,“ antwortete Old Shatterhand, „daß unsere roten Brüder ebensogut eine Stimme haben wie wir. Darum werden wir die Pfeife der Beratung rauchen. Vorher aber will ich mit Hong-peh-te-keh, dem Häuptling der Sioux OgalIalla sprechen.“

Er stieg wieder vom Pferde, ebenso Winnetou. Es wurde ein Kreis um den Gefangenen gebildet. Old Shatterhand trat zu dem letzteren und sagte:

„Der schwere Moccassin ist in die Hände seiner Feinde geraten, und auch die Seinigen sind verloren, denn sie sind von den Felsen und von uns eingeschlossen. Sie vermögen nicht zu fliehen und werden von unseren Kugeln sterben, wenn der Häuptling der Ogallalla nicht etwas thut, um sie zu retten.“

Er hielt inne, um zu sehen, ob der „schwere Moccassin“ ein Wort sagen werde, da dieser aber sich geschlossenen Auges und still verhielt, so fuhr er fort:

„Mein roter Bruder mag mir sagen, ob er meine Worte verstanden hat!“

Der Rote öffnete die Augen, warf ihm einen haßerfüllten Blick zu und spuckte aus. Das war seine Antwort.

„Glaubt der Häuptling der Ogallalla ein räudiges Tier vor sich zu haben, daß er auszuspucken wagt?“

„Wakon kana – alte Frau!“ knirschte der Gefragte.

Das war eine große Beleidigung für Old Shatterhand und sämtliche Anwesende. Vielleicht hatte der Ogallalla die Absicht, den Zorn seiner Feinde so zu reizen, daß er von ihnen in vorschnellem Grimme getötet wurde und so dem langsamen Martertode entging. Aber Old Shatterhand antwortete ruhig lächelnd:

„Der schwere Moccassin ist blind geworden. Er kann einen starken Krieger nicht von einem altersschwachen Weibe unterscheiden. Darum habe ich Mitleid mit ihm.“

„Kot-o pun-krai schonka – tausend Hunde!“ zischte der Gefangene.

Es gibt fast keine größere Beleidigung für einen tapfern roten Krieger, als wenn ihm jemand versichert, daß er Mitleid mit ihm habe. Darum war der Indianer so ergrimmt über Old Shatterhands letzte Worte, daß er ihm als gleichwertige Beleidigung eine tausendfache Hündischkeit in das Angesicht schleuderte.

Einige der umstehenden Roten ließen ein zorniges Murren hören. Old Shatterhand warf ihnen einen strengen Blick zu und bückte sich dann nieder, um zu aller Erstaunen und ganz besonders zur höchsten Verwunderung des Gefangenen dessen Fesseln zu lösen.

„Der Häuptling der Ogallalla soll erkennen,“ sagte er, „daß weder ein altes Weib noch ein Hund, sondern ein Mann zu ihm redet. Er mag sich vom Boden erheben!“

Der Indianer stand auf. So sehr er gewöhnt war, seine Züge zu beherrschen, er konnte doch die Verlegenheit nicht verbergen, in welcher er sich befand. Anstatt auf seine beleidigenden Worte mit Fußtritten und Faustschlägen zu antworten, machte man ihn von den Fesseln frei! Das konnte er nicht begreifen. Er war sehr geneigt, Old Shatterhand für wahnsinnig zu halten.

„Öffnet den Kreis!“ befahl dieser den umstehenden Kriegern.

Diese traten näher zusammen, so daß der Sioux in das Innere des Thalkessels blicken konnte. Er sah die Seinen hinter dem Häuptlingsgrabe halten. An ihren Bewegungen war zu erkennen, daß sie sich lebhaft berieten. Sein Auge leuchtete auf. Er war nicht mehr gefesselt und besaß einen hohen Ruhm als unübertrefflicher Läufer. Konnte er nicht davonspringen? Im günstigen Falle erreichte er seine Sioux; im ungünstigsten wurde er erschossen, und das war doch immer besser als der Martertod.

Old Shatterhand hatte dieses Aufleuchten des Blickes gar wohl bemerkt. Er sagte:

„Der schwere Moccassin gedenkt, uns zu entfliehen. Er mag das unterlassen. Sein Name sagt uns, daß er eine große Fährte mache, unsere Füße aber sind leicht wie die Schwingen der Schwalbe, und unsere Kugeln verfehlen niemals ihr Ziel. Er mag mich anschauen und mir sagen, ob er mich kennt!“

„Hong-peh-te-keh blickt keinen lahmen Wolf an!“ knurrte der Wilde.

„Ist Old Shatterhand ein lahmes Tier? Steht dort nicht Winnetou, der Häuptling der Apachen, dessen Name berühmter ist als irgend einer der Sioux Ogallalla und aller anderen Siouxvölker?“

„Uff !“ entfuhr es dem Gefangenen.

Diese beiden Männer vor sich zu haben, hatte er nicht erwartet. Während sein Blick von dem einen zum anderen flog, zeigte sich ein nicht zu unterdrückender Ausdruck der Ehrfurcht in seinem Gesichte. Old Shatterhand fuhr fort, die, welche er nannte, mit der ausgestreckten Hand bezeichnend:

„Und noch mehrere ebenso tapfere Krieger stehen da. Der Häuptling der Ogallalla erblickt da Tokvi-tey, den Anführer der Schoschonen, und Moh-aw, seinen starken Sohn. Neben ihnen steht Kanteh-pehta, der unüberwindliche Medizinmann der Upsaroca. Da drüben erblickst du Davy-honskeh und Jemmy-petahtscheh. Soll ich dir den berühmten Namen jedes einzelnen nennen? Nein. Ich habe keine Lust dazu. Du wirst – – –“

Er hielt in seiner Rede inne, denn in diesem Augenblicke that es ganz in der Nähe einen so plötzlichen Knall, daß die Pferde sich aufbäumten und auch die sonst so furchtlosen Krieger erschraken. Ein lang gezogener, brüllender Ton, wie der meilenweit vernehmbare Schall eines Nebelhornes, erklang durch das Thal, und die Erde begann sich unter den Füßen der erschrockenen Männer zu bewegen. Aus den auf der Thalsohle zerstreuten Schlammlöchern stiegen Dämpfe auf, hier graublau, dort schwefelgelb, blutrot oder rußig dunkel. Diesen Dämpfen folgten festere Massen. Die Stellen, an denen dieselben emporgeschleudert wurden, waren gar nicht zu zählen. Die Luft war förmlich verdunkelt von höllischem Brodem und den umher- und durcheinander fliegenden Schlammgeschossen, welche einen fast erstickenden Geruch verbreiteten.

Es war unmöglich, zwanzig oder dreißig Schritte weit zu sehen. Ein jeder hatte mit sich selbst zu thun, von den heißen, ausgeworfenen Massen nicht getroffen zu werden. Es trat eine unbeschreibliche Verwirrung ein. Die Pferde rissen sich los und galoppierten davon; die Menschen schrieen und fuhren wirr durcheinander. Im Hintergrunde des Thalkessels erscholl das Angstgeheul der Sioux-Ogallalla. Auch ihre Pferde hatten sich frei gemacht und stürmten, von ihrem Instinkte geführt, dem Ausgange des Thales zu. Dabei stürzten viele von ihnen in die Löcher, deren Schlamm sich augenblicklich über ihnen schloß. An den am Ausgange des Thales haltenden Weißen und Roten vorüberjagend oder gar sich zwischen ihnen hindurch Bahn brechend, verdoppelten sie den Wirrwarr, der geradezu unbeschreiblich war.

Old Shatterhand hatte anfänglich seine Kaltblütigkeit bewahrt. Gleich bei dem ersten Knall hatte er den Häuptling der Sioux mit kräftiger Faust ergriffen, um ihn festzuhalten und an der Flucht zu hindern. Aber er hatte dann die Hand wieder von ihm lassen müssen, um vor einem der gefährlichen Fluggeschosse zur Seite zu springen. Dabei war er mit dein dicken Jemmy zusammengerannt. Dieser stürzte, wollte sich an Old Shatterhand festhalten und riß diesen mit nieder.

Und gerade jetzt kamen die Pferde der Sioux herbeigestürmt; da war es geraten, zunächst nur an sich selbst zu denken.

Der schwere Moccassin, der Häuptling der Sioux, hatte sich vor Schreck gar nicht gegen den Griff Old Shatterhands zu wehren versucht; dann aber, als er sich wieder frei fühlte, dachte er an seine Flucht. Einen schrillen, triumphierenden Schrei ausstoßend, schoß er davon, thaleinwärts zu. Aber er kam nicht weit. Er mußte an Bob vorüber. Dieser holte blitzschnell mit dem umgekehrten Gewehre aus und traf ihn mit dem Kolben an den Kopf, wurde aber durch die Gewalt des Hiebes selbst zu Boden gerissen. Er wollte sich schnell aufraffen, wurde aber von einem der scheuen Pferde getreten, so daß er wieder niedersank.

„Häuptling reißen aus! Ihm nach, ihm nach!“ brüllte er laut.

Der „schwere Moccassin“ taumelte, von Bobs Hieb halb betäubt, einige Augenblicke hin und her, dann eilte er davon, aber nicht ohne verfolgt zu werden.

Martin, der Sohn des Bärenjägers, hatte den Ruf des Negers gehört. Er sah den Häuptling fliehen und sprang demselben nach. Sollte der Peiniger seines Vaters entkommen? Nein! Die Glieder des wackeren Jünglings waren von den Fesseln verletzt; er hatte auch keinerlei Waffe bei sich; dennoch aber flog er, alle seine Kräfte einsetzend, hart hinter dem Flüchtigen her.

Dieser nahm sich gar nicht Zeit, zurückzublicken. Er glaubte sich unverfolgt und verwendete seine ganze Aufmerksamkeit auf den Weg, welchen er einzuschlagen hatte. Er wollte nach dem Kraale zu. Aber gerade in dieser Richtung lagen die meisten Schlammlöcher; er bog daher rechts ein, der Thalwand zu, um sich derselben entlang leichter und gefahrloser in Sicherheit zu bringen.

Aber er hatte sich geirrt. Auch dort gab es so viele offene dampfende und qualmende Stellen, daß er wiederholt gezwungen war, auszuweichen. Oft hatte er bereits den Fuß zum Sprunge erhoben, da bemerkte er, daß der scheinbar feste Boden eine zähflüssige, unergründlich tiefe Masse sei, deren Umarmung er nur dadurch entgehen konnte, daß er sich augenblicklich zur Seite warf. Bodenrisse öffneten sich so schnell vor ihm, daß er, da es zu spät war, anzuhalten, sich nur in weiten Sätzen, wie man sie nur in der Todesangst zu machen wagt, über sie hinweg retten konnte.

Der Häuptling war im Laufen und Springen noch von keinem überwunden worden, jetzt aber verspürte er die Folgen des Kolbenhiebes. Sein Kopf wurde schwer; vor den Augen brannte es glühend rot; die Lunge versagte ihm den Dienst, und die Beine begannen zu ermatten. Er wollte einen Augenblick ausruhen und bückte sich jetzt zum erstenmal um. Wie durch einen blutigen Nebel erkannte er, daß ein Verfolger sich ganz nahe hinter ihm befand; aber er sah nicht die Gesichtszüge desselben, sah nicht einmal, daß der Betreffende nur fast noch eine Knabe war.

Entsetzt floh der „schwere Moccassin“ weiter. Er hatte keine Waffe bei sich und hielt den Verfolger für bewaffnet. Wohin sollte er vor demselben fliehen? Vor sich, hinter sich und zur linken Hand neben sich wußte er geöffnete Schlünde, die ihn zu verschlingen drohten. Zur Rechten hatte er die senkrecht aufsteigende Felsenwand. Seine Kräfte waren fast zu Ende. Er sah sich verloren.

Da erblickte er eine stufenartige Hervorragung des Felsens, schräg über derselben eine zweite, dritte, vierte und noch mehrere. Das waren die Felsen, auf denen Old Shatterhand sich damals zu Pferde emporgerettet hatte. Hier und nur hier allein konnte auch er jetzt Rettung finden. Er strengte seine letzten Kräfte an und schnellte sich von Stufe zu Stufe höher.

Ebenso plötzlich, wie die Schlammlöcher vorhin ihre Thätigkeit begonnen hatten, hörten sie jetzt auf. Die Luft wurde klar; man konnte wieder so deutlich sehen wie vorher.

Da erklang ein lauter Angstschrei durch das Thal. Der Neger Bob war es, der ihn ausstieß.

„Massa Martin! Mein gut Massa Martin! Häuptling ihn töten wollen, Masser Bob aber ihn retten.“

Er deutete nach der bereits beschriebenen Felsenkanzel und stürzte dann eiligen Laufes auf dieselbe zu. Man sah die beiden Genannten auf Tod und Leben miteinander ringen. Der Sioux hatte Martin mit gewaltigen Armen gepackt und versuchte, ihn in die Tiefe zu schleudern. Aber er war ja ermattet und beinahe betäubt; es gelang dem gewandten, mutigen Knaben, sich ihm immer wieder zu entwinden. Bei einer solchen Gelegenheit wich Martin so weit wie möglich zurück, holte aus und rannte mit aller Macht auf den Häuptling ein. Dieser verlor das Gleichgewicht, griff konvulsivisch mit beiden Händen in die Luft, verlor den Boden unter den Füßen und stürzte, ein Angstgebrüll ausstoßend, von dem Felsen herab und in das unten gähnende Schlammloch hinein, dessen grauenvoller Rachen ihn sofort verschlang.

Das hatten alle gesehen, die sich in dem Thalkessel befanden. Im vorderen Teile desselben erscholl lautes Jubelgeschrei, im Hintergrunde dagegen das Geheul der Sioux-Ogallalla, welche hatten zusehen müssen, daß ein Knabe ihren berühmten Häuptling überwand. Das war eine nie auszulöschende Schande für sie.

All dieses Geschrei und Geheul aber wurde von Bobs Stimme durchdrungen. Der Neger schnellte von Stein zu Stein empor, unartikulierte Töne des Jubels und Entzückens ausstoßend, und riß dann, oben angekommen, den Sieger in seine Arme.

„Braver Junge!“ meinte Jemmy. „Mir hat das Herz gebebt um ihn. Ihnen nicht auch, Frank?“

„Na, mir erscht recht!“ antwortete der Sachse, sich eine Freudenthräne aus dem Auge wischend. „Ich hätte aus purer Herzensangst gleich Sirup schwitzen können. Nun aber ist alles gut. Das verwegene Kerlchen hat gesiegt, und mit den Ogallalla werden wir jetzt keenen Summs mehr machen. Wir zwingen sie, ihre Nacken unter das kulinarische Joch zu beugen.“

„Kulinarisch? Was fällt Ihnen ein? Das ist – – –“

„Schweigen Sie ergebenst!“ unterbrach der Kleine ihn in strengem Tone. „In eenem solchen Oogenblicke schtreite ich mich nicht mit Ihnen, sonst könnte es Ihnen sehr leicht ergehen wie dem Tischler mit dem Winkelmaß, den der Wolf mit samt dem ganzen Großherzogtum Polen fraß. Ich sehe es kommen, daß die Sioux sich ergeben müssen. Dann wird hier een allgemeiner Völkerfrieden geschlossen, an dem ooch wir beede teilnehmen müssen. Geben Sie mir Ihre Hand! Seid verschlungen, Millionen! Et in terra Knax!“

Er schüttelte dem über diese neue sprachliche Konfusion lachenden Dicken die Hand und eilte dann davon, um Martin Baumann, welcher mit Bob von dem Felsen herabgestiegen kam, zu beglückwünschen.

Auch die anderen thaten dies mit Ausdrücken freudigster Anerkennung. Dann wendete Old Shatterhand sich laut an die Versammelten:

„Mesch’schurs, versucht jetzt nicht, die Pferde zurückzuholen; sie sind uns sicher genug. Auch den Sioux sind die ihrigen davongegangen. Diese Leute müssen einsehen, daß sie, selbst wenn wir sie nicht hier eingeschlossen hätten, ohne ihre Tiere verloren wären. Sie können sich nur retten, indem sie sich uns ergeben. Dazu kommt der Eindruck der hier thätigen unterirdischen Gewalten, der Tod ihres Anführers und – was ich in aller Bescheidenheit sage – die Anwesenheit von Winnetou und Old Shatterhand nebst so vielen anderen berühmten Jägern und Kriegern. Bleibt hier zurück! Ich werde mich mit Winnetou zu ihnen begeben. In einer halben Stunde wird es entschieden sein, ob Menschenblut vergossen werden soll oder nicht.“

Er schritt mit dem Häuptling der Apachen dem Grabmale zu, hinter welchem sich die Sioux befanden. Das war ein außerordentlich kühner Gang, den nur zwei Männer wagen konnten, welche wußten, daß schon ihr bloßer Name den Feind in Schreck versetzen werde.

Jemmy und Davy sprachen leise miteinander. Sie beschlossen, das Beste zu thun, was sie jetzt überhaupt vornehmen konnten, nämlich die Friedensbestrebungen Old Shatterhands zu unterstützen.

Die verbündeten Indianer waren natürlich wenig geneigt, den Feind zu schonen. Der „Bärenjäger“ Baumann hatte mit seinen fünf Gefährten so Schreckliches erduldet, daß diese sechs Männer wohl auch nach Rache verlangten. Old Shatterhand aber war es zuzumuten, daß er sich jeder Grausamkeit nötigenfalls mit den Waffen widersetzen werde. Das konnte zu betrübenden Scenen führen, und dem mußte vorgebeugt werden.

Darum versammelten die beiden Freunde die Anwesenden alle um sich, und Jemmy hielt eine Rede, in welcher er seine Ansicht erklärte, daß Milde und Versöhnung das Vorteilhafteste für beide Lager sei. Es war freilich vorauszusehen, daß im Falle eines Kampfes die Sioux vernichtet würden; aber wie viele Menschenleben mußten dabei geopfert werden! Und dann war es sicher, daß sämtliche Stämme der Sioux die Kriegsbeile ausgraben würden, um sich an den Urhebern dieses ebenso unmenschlichen wie nutzlosen Blutbades zu rächen. Er schloß seine Rede mit den Worten:

„Die Schoschonen und Upsaroca sind tapfere Krieger, und kein anderer Stamm kommt ihnen gleich. Aber die Sioux sind gegen sie wie Sand in der Wüste. Wenn es zum Vergeltungskriege kommt, so werden viele Väter, Mütter, Frauen und Kinder der Schlangen- und Krähenindianer ihre Söhne, Männer und Väter beweinen. Bedenkt, daß ihr selbst euch in unseren Händen befunden habt! Old Shatterhand und Winnetou haben Tokvi-tey und seinen Sohn Moh-aw mitten aus ihrem Lager geholt und auch Oiht-e-keh-fa-wakon und den hundertfachen Donner am Baume besiegt. Wir hätten alle ihre Krieger vernichten können, haben es aber nicht gethan, denn der große Geist liebt seine Kinder und will, daß sie als Brüder einträchtig bei einander wohnen sollen. Meine roten Brüder mögen einmal versuchen, wie wohl es thut, verziehen zu haben. Ich habe gesprochen!“

Diese Rede machte einen tiefen Eindruck. Baumann war bereit, von aller Rache abzusehen; seine geretteten Gefährten stimmten ihm bei. Die Indianer gaben auch, wenn auch nur im stillen, dem Sprecher recht. Sie lebten sicher nicht mehr, wenn Old Shatterhand sie hätte vernichten wollen. Nur einer war mißvergnügt über Jemmys Worte, der Anführer der Upsaroca.

„Der schwere Moccassin hat mich verwundet,“ sagte er. „Sollen die Sioux das nicht büßen?“

„Der Moccassin ist tot. Der Schlamm hat ihn und seinen Skalp verschlungen. Du bist gerächt.“

„Aber die Ogallalla haben uns unsere Medizinen gestohlen!“

„Sie werden sie euch zurückgeben müssen. Du bist ein starker Mann und würdest viele von ihnen töten; aber der gewaltige Bär ist stolz; er verschmäht es, die kleine, feige Ratte zu zermalmen.“

Diese Vergleichung brachte die beabsichtigte Wirkung hervor. Der riesige Medizinmann fühlte sich geschmeichelt. Er war ja Sieger, mochte er seine Feinde töten oder ihnen verzeihen. Er schwieg.

Bald kehrten Old Shatterhand und Winnetou zurück, zum freudigen Erstaunen aller an der Spitze der Ogallalla, welche ihnen in einer langen Einzelreihe folgten, ihre Waffen auf einen Haufen zusammenlegten und dann still zurücktraten. Damit erklärten sie ohne alle Worte, daß sie es für unmöglich hielten, sich selbst durch den tapfersten Widerstand zu retten.

Die Beredsamkeit Old Shatterhands und Winnetous hatte diesen Sieg errungen. Die Sioux standen mit gebeugten Häuptern und betrübten Mienen da. Der Schlag war plötzlich und so gewaltig über sie gekommen, daß sie sich von ihm betäubt fühlten.

jetzt nun trat Jemmy hervor und erzählte Old Shatterhand von seiner Rede und ihrer Wirkung. Der Deutsche drückte ihm dankbar die Hand. Er war hoch erfreut darüber und rief den Ogallalla zu:

„Die Krieger der Sioux haben uns ihre Waffen übergeben, weil ich ihnen versprach, daß ihr Leben geschont werden solle. Die Bleichgesichter, Schoschonen und Upsaroca wollen ihnen noch mehr schenken als nur das Leben. Der schwere Moccassin ist tot und mit ihm die beiden Krieger, welche sich an Wohkadeh und dem Sohne des Bärenjägers vergriffen. Das mag genug sein. Die Krieger der Ogallalla mögen ihre Waffen zurücknehmen; ihre Pferde werden wir ihnen suchen helfen. Es soll Friede sein zwischen ihnen und uns. Wir wollen dort am Grabe der Häuptlinge mit ihnen der Toten gedenken, welche vor Sonnen von meiner Hand gefallen sind. Das Beil des Krieges mag zwischen ihnen und uns vergraben werden. Dann verlassen wir den Fluß des Feuerloches, um zurückzureiten nach ihren Jagdgründen, wo sie erzählen können von guten Menschen, welche es verschmähen, ihre Feinde zu töten, und von dem großen Manitou der Weißen, dessen Gebot es ist, daß seine Kinder sogar ihre Feinde lieben sollen!“

Die Sioux waren ganz starr vor Erstaunen über die glückliche Wendung ihres Schicksales. Sie getrauten sich kaum, daran zu glauben; als sie aber ihre Waffen zurückerhielten, stürmten sie voller Dankbarkeit auf den berühmten Jäger ein.

Auch der Medizinmann gab sich bald zufrieden, als er erfuhr, daß alle geraubten Medizinen noch vorhanden seien. Sie wurden den Upsaroca, zurückgegeben.

Die Pferde hatten sich nicht weit entfernt. Es war leicht, sie einzufangen. Dann wurden die beiden von Old Shatterhand erschossenen Sioux herbeigeholt und in der Nähe der Häuptlinge begraben.

Der Tag wurde mit ernsten Leichenfeierlichkeiten verbracht und dann verließen die Leute alle das ungesunde Thal, um den gesünderen Wald aufzusuchen, in welchem man sich von den gehabten Anstrengungen erholen wollte.

Als dann am Abend die Lagerfeuer brannten und Freunde und Feinde versöhnt bei einander saßen, um sich befriedigt über die erlebten Abenteuer zu unterhalten, sagte Frank zu Jemmy:

„Das Beste von unserem Drama ist der Schluß. Vergeben und vergessen. Ich bin mein Lebtage keen großer Freund von Mord und Totschlag gewesen, denn was du nich willst, daß man dir thu, das trau auch keenem Andern zu und laß den armen Warrn in Ruh, denn er fühlt’s grade so wie du ! Wir haben gesiegt; wir haben den Göttern gezeigt, daß wir Helden sind, und nun bleibt nur noch eens zu thun. Wollen Sie?“

„Ja, was denn?“

„Was sich liebt, das neckt sich. Wir haben uns schtets nur deshalb gekampelt, weil wir uns eegentlich von Herzen gut sind. Wollen uns also unsere Liebe geschtehen und Brüderschaft miteinander machen. Da, schlag ein, alter Schwede! Topp?“

„Ja, topp, topp und zum drittenmale topp!“

„Schön! jetzt bin ich befriedigt und weeß, daß der Heemritt ohne Schtörung unserer sympathetischen Disharmonie schtattfinden wird. Endlich, endlich ist er in Erfüllung gegangen, der schöne Versch aus der Freude, schöner Götterfunken:

Deine Zauber binden wieder,
Was der Unverschtand geteelt;
Frank und Jemmy sind nun Brüder;
Unsre Feindschaft ist geheelt!“

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Bloody Fox

Der Geist der Llano Estakata

Bloody-fox

Zwei Männer kamen am Wasser dahergeritten, ein Weißer und ein Neger. Der erstere war sehr eigentümlich gekleidet. Er trug indianische Schuhe und Lederhosen, dazu einen einst dunkelblau gewesenen, jetzt aber sehr verschossenen Frack, mit Patten, hohen Achselpuffen und blank geputzten Messingknöpfen. Die langen Schöße hingen flügelartig rechts und links an den Seiten des Pferdes hernieder. Auf dem Kopfe saß ein riesiger, schwarzer Amazonenhut, welchen eine gelb gefärbte, unechte Straußenfeder schmückte. Bewaffnet war der kleine schmächtige Mann mit einer Doppelbüchse, welche ihm über die Schulter hing, mit einer Messer und zwei Revolvern, die er im Gürtel trug. An dem letzteren hingen mehrere Beutel, wohl zur Aufnahme der Munition und allerhand notwendiger Kleinigkeiten bestimmt; jetzt aber schienen sie ziemlich leer zu sein.

Der Schwarze war eine riesige, breitschulterige Figur. Auch er trug Mokassins und dazu indianische Leggins von jener Art, welche aus zwei voneinander getrennten Hosenbeinen bestehen, so daß man eigentlich Haut gegen Haut auf dem Pferde sitzt. Das ist aber freilich nur dann von Vorteil, wenn man ohne Sattel reitet. Zu dieser Bekleidung des Unterkörpers wollte freilich diejenige des Oberkörpers nicht recht passen, denn sie bestand aus dem Waffenrocke eines französischen Dragoneroffiziers. Dieses Kleidungsstück war wohl bei der französischen Invasion nach Mexiko gekommen und hatte sich dann auf unbekannten Umwegen auf den Leib des Schwarzen verirrt. Der Rock war dem herkulischen Neger viel zu kurz und viel zu eng; er konnte nicht zugeknöpft werden, und darum konnte man die breite, nackte Brust des Reiters sehen, welcher wohl deshalb kein Hemd trug, weil es im Westen keine Wäscherinnen und Plätterinnen gibt. Dafür aber hatte er ein großes, rot und weiß kariertes Tuch um seinen Hals gebunden und vom zu einer riesigen Schleife zusammengezipfelt. Der Kopf war unbedeckt, damit man die unzähligen kleinen, fettglänzenden Löckchen, die er sich anfrisiert hatte, sehen und bewundern könne. Bewaffnet war der Mann auch mit einem Doppelgewehre, außerdem mit einem Messer, einem irgendwo entdeckten Bajonette und einer Reiterpistole, deren Geburtsjahr jedenfalls auf Anno Tobak zu setzen war.

Beritten waren beide gut. Es war den Pferden anzusehen, daß heute ein weiter Weg hinter ihnen liege, und doch schritten sie noch so munter und kräftig aus, als ob sie ihre Reiter kaum stundenlang getragen hätten.

Die Ufer des Baches waren saftig grün bewachsen, doch nur in einer gewissen Breite. Über dieselbe hinaus gab es dürre Yuccas, fleischige Ajaren und vertrocknetes Bärengras, dessen wohl 15 Fuß hohe Stengel verblüht waren.

„Schlechte Gegend!“ sagte der Weiße. „Im Norden hatten wir es besser. Nicht wahr, Bob?“

Yes,“ antwortete der Gefragte. „Massa Frank haben recht. Hier es Masser Bob nicht sehr gefallen. Wenn nur bald an Helmers Home kommen, denn Masser Bob haben Hunger wie ein Walfisch, welcher Haus verschlingt.“

„Der Walfisch kann kein Haus verschlingen,“ erklärte Frank dem Schwarzen, „denn seine Gurgel ist zu eng dazu.“

„Mag Gurgel aufmachen, wie Masser Bob sie aufmacht, wenn er ißt! Wie weit es noch sein bis Helmers Home?“

„Das weiß ich nicht genau. Nach der Beschreibung, welche uns heute früh gemacht wurde, müssen wir bald am Ziele sein. Schau, kommt dort nicht ein Reiter?“

Er deutete nach rechts über das Wasser hinüber. Bob hielt sein Pferd an, legte die Hand über die Augen, um sie gegen die im Westen tiefstehende Sonne zu beschatten, öffnete nach seiner Weise den Mund sehr weit, um noch besser sehen zu können, und antwortete nach einer Weile:

„Ja, es sein ein Reiter, ein kleiner Mann, auf großem Pferd. Er kommen hierher zu Masser Bob und Massa Frank.“

Der Reiter, von welchem die Rede war, kam in scharfem Trabe herbei, hielt aber nicht auf die beiden zu, sondern schien ihnen vom quer über ihre Richtung kommen zu wollen. Er that gar nicht so, als ob er sie sehe.

„Sonderbarer Kerl!“ brummte Frank. „Hier im wilden Westen ist man doch froh, einen Menschen zu sehen; diesem scheint aber gar nichts an unserer Begegnung zu liegen. Entweder ist er ein Menschenfeind, oder hat er kein gutes Gewissen.“

„Soll Masser Bob ihn einmal rufen?“

„Ja, rufe ihn. Deine Elefantentrompete wird er eher hören, als mein Zephyrsäuseln.“

Bob hielt beide Hände hohl an den Mund und schrie aus vollem Halse:

„Hallo, hallo! Halt, warten! Warum ausreißen vor Masser Bob!“

Der Neger hatte allerdings eine Stimme, welche ganz geeignet war, einen Scheintoten in das Leben zurückzubringen. Der Reiter parierte sein Pferd. Die beiden beeilten sich, ihn zu erreichen.

Als sie in seine Nähe gelangten, erkannten sie, daß sie keinen Mann von kleiner Statur, sondern einen kaum dem Knabenalter entwachsenen Jüngling vor sich hatten. Er war genau so wie die bekannten kalifornischen Cow-boys ganz in Büffelkuhleder gekleidet, und zwar in der Weise, daß alle Nähte mit Fransen versehen waren. Auf dem Kopfe trug er einen breitkrempigen Sombrero. Eine breite, rotwollene Schärpe umschlang statt des Gürtels seine Hüften und hing an seiner linken Seite herab. In dieser Schärpe steckten ein Bowiemesser und zwei mit Silber ausgelegte Pistolen. Quer vor sich auf den Knieen hielt er eine schwere, doppelläufige Kentuckybüchse, und vorn zu beiden Seiten des Sattels waren nach mexikanischer Weise Schutzleder angebracht, um die Beine zu bedecken und vor Pfeilschüssen oder Lanzenstößen zu bewahren.

Sein Gesicht war von der Sonne tief gebräunt und trotz seiner Jugend von Wind und Wetter gegerbt. Von der linken Seite der Stirn ging ihm eine blutrote, zwei Finger breite Wulst quer bis auf das rechte Auge herab. Das gab ihm ein äußerst kriegerisches Aussehen. Überhaupt machte er keineswegs den Eindruck eines jungen, unerwachsenen und unerfahrenen Menschen. Die schwere Büchse so leicht in der Hand, als ob sie ein Federkiel sei, das dunkle Auge groß und voll auf die beiden gerichtet, saß er stolz und fest wie ein Alter auf dem Pferde, welches sich unter ihm nicht bewegen zu können schien.

Good day, my boy!“ grüßte Frank. „Bist du in dieser Gegend bekannt?“

Very well,“ antwortete er, indem er ein leises, ironisches Lächeln sehen ließ, wohl darüber, daß der Frager ihn du genannt hatte.

„Kennst du Helmers Home?“

Ay!

„Wie lange reitet man noch bis hin?“

„Je langsamer, desto länger.“

Zounds! Du scheinst sehr kurz angebunden zu sein, mein Junge!“

„Weil ich kein Mormonenpfarrer bin.“

„Ach so! Dann entschuldige! Du zürnst mir wohl, daß ich dich du genannt habe?“

„Fällt mir nicht ein! Mit der Anrede mag es ein jeder halten, wie er will, nur muß er sich dann auch die meinige gefallen lassen.“

„Schön! So sind wir also einig. Du gefällst mir sehr. Hier ist meine Hand. Nenne mich auch du und antworte mir nun aber, wie es sich schickt und gehört. Ich bin hier fremd und muß nach Helmers Home. Hoffentlich zeigst du mir nicht einen falschen Weg.“

Er reichte dem Jünglinge die Hand hinüber. Dieser drückte sie ihm, überflog Frack und Amazonenhut mit einem lächelnden Blicke und antwortete:

„Ein Schuft, wer andere in die Irre führt! Ich habe es an mir erfahren! Ich reite soeben nach Helmers Home. Wenn ihr mir folgen wollt, so kommt!“

Er setzte sein Pferd wieder in Bewegung und die beiden folgten ihm, vom Bache abbiegend, so daß der Ritt nunmehr nach Süd gerichtet war.

„Wir wären dem Wasser gefolgt,“ bemerkte Frank.

„Es hätte euch auch zu dem alten Helmers geführt,“ antwortete der Knabe, „aber in einem sehr weiten Bogen. Anstatt in drei Viertelstunden wäret ihr in zwei Stunden bei ihm angekommen.“

„So ist es ja sehr gut, daß wir dich getroffen haben. Kennst du den Besitzer dieses Settlements?“

„Sogar sehr gut.“

„Was ist er für ein Mann?“

Die beiden Reiter hatten ihren jungen Wegweiser in die Mitte genommen. Er warf einen forschenden Blick auf sie und antwortete:

„Wenn ihr kein gutes Gewissen habt, so geht nicht zu ihm, sondern kehrt lieber um.“

„Warum?“

„Er hat ein sehr scharfes Auge für jede Schuftigkeit und hält sehr streng auf ein reines Haus.“

„Das gefällt mir von dem Manne. Wir haben also nichts von ihm zu befürchten.“

„Wenn ihr brave Kerls seid, nein. Dann ist er ganz im Gegenteile euch zu jedem Dienste erbötig.“

„Ich höre, daß er einen Store führt?“

„Ja, aber nicht um des Gewinnes halber, sondern nur um den Westmännern, welche bei ihm verkehren, gefällig zu sein. Er führt in seinem Laden alles, was ein Jäger braucht, und er verkauft es zum billigstmöglichen Preise. Aber einer, der ihm nicht gefällt, wird selbst für teures Geld nichts von ihm erhalten.“

„So ist er ein Original?“

„Nein, aber er bemüht sich auf alle Weise, jenes Gelichter von sich fern zu halten, welches den Westen unsicher macht. Ich brauche ihn euch gar nicht zu beschreiben. Ihr werdet ihn schon kennen lernen. Nur eins will ich euch noch von ihm sagen, was ihr freilich nicht verstehen und worüber ihr sogar wohl lachen werdet: Er ist ein Deutscher von echtem Schrot und Korn. Damit ist alles gesagt.“

Frank stand in den Bügeln auf und rief:

„Was? Das soll ich nicht verstehen? Darüber soll ich sogar lachen? Was fällt dir ein! Ich freue mich sogar königlich darüber, hier am Rande der Llano estakata einen Landsmann zu finden.“

Das Gesicht des Führers war ein sehr ernstes; selbst sein zweimaliges Lächeln war so gewesen, als ob er wirklich zu lachen gar nicht verstehe. Jetzt blickte er mit milden, freundlichen Augen zu Frank herüber und fragte:

„Wie? Ein Deutscher bist du? Ist’s wahr?“

„Jawohl! Natürlich! Siehst du mir das denn nicht sofort an?“

„Nein! Du sprichst das Englische nicht wie ein Deutscher und hast ganz genau das Aussehen eines Yankee-Onkels, welcher von seinen sämtlichen Neffen zum Fenster hinausgeworfen worden ist.“

Heavens! Was fällt dir ein! Ich bin ein Deutscher durch und durch, und wer das nicht glaubt, dem renne ich die Flinte durch den Leib!“

„Dazu genügt das Messer auch. Aber wenn es so ist, so wird der alte Helmers sich freuen, denn er stammt auch von drüben herüber.“

„Aus Deutschland?“

„Ja, und er hält gar große Stücke auf sein Vaterland und seine Muttersprache.“

„Das glaube ich! Ein Deutscher kann beide nie vergessen. Nun freue ich mich doppelt, nach Helmers Home zu kommen. Eigentlich konnte ich mir denken, daß er ein Deutscher ist. Ein Yankee hätte sein Settlement Helmers Range oder so ähnlich genannt; aber Helmers Home, dieses Namens wird sich nur ein Deutscher bedienen. Wohnst du in seiner Nähe?“

„Nein! Ich habe weder eine Range noch eine Home als mein Eigentum. Ich bin wie der Vogel in der Luft oder wie das Tier im Walde.“

„Also ein armer Teufel?“

„Ja!“

„Trotz deiner Jugend! Hast du keine Eltern?“

„Keinen einzigen Verwandten.“

„Aber einen Namen besitzest du!“

„Ja freilich. Man nennt mich Bloody-fox.“

„Bloody-fox? Das deutet auf ein blutiges Ereignis.“

„Ja, meine Eltern wurden mit der ganzen Familie und der sämtlichen Gesellschaft ermordet, drin in der Llano estakata; nur ich allein bin übrig geblieben. Man fand mich mit klaffendem Schädel. Ich war ungefähr acht Jahre alt.“

„Herrgott! Dann bist du wirklich das, was ich sagte, ein armer Teufel. Man überfiel euch, um euch auszurauben?“

„Ja, natürlich.“

„So rettetest du nichts als das Leben, deinen Namen und die schreckliche Erinnerung!“

„Nicht einmal das. Helmers fand mich im Kaktus liegen, nahm mich auf das Pferd und brachte mich heim zu sich. Ich habe monatelang im Fieber gelegen, und als ich erwachte wußte ich nichts mehr, gar nichts mehr. Ich hatte selbst meinen Namen vergessen, und ich kann mich selbst heute noch nicht auf denselben besinnen. Nur der Augenblick des Überfalls ist mir klar im Gedächtnisse geblieben. Ich wäre glücklicher, wenn auch das mir entschwunden wäre, denn dann würde nicht das heiße Verlangen nach Rache mich wieder und immer wieder durch die schreckliche Wüste peitschen.“

„Und warum hat man dir den Namen Bloody-fox gegeben?“

„Weil ich über und über mit Blut bedeckt gewesen bin und während meiner Fieberphantasien oft den Namen Fuchs genannt habe. Man hat daraus schließen zu müssen geglaubt, daß er der meinige sei.“

„So wären deine Eltern also Deutsche gewesen?“

„Jedenfalls. Denn ich verstand, als ich wieder zu mir kam, kein englisches und auch kein deutsches Wort. Ich konnte mich überhaupt gar keiner Sprache bedienen. Aber während ich das Englische eben langsam lernte, wie einer, der es noch nicht kann, wurde mir das Deutsche so schnell, ja so plötzlich geläufig, daß ich es unbedingt schon vorher gesprochen haben mußte. Helmers ist mir wie ein Vater gewesen. Er wohnte damals noch nicht in seinem jetzigen Settlement. Aber es hat mich nicht bei ihm gelitten. Ich habe hinaus gemußt in die Wildnis wie der Falke, dem die Geier die Alten zerrissen haben, und der nun um die blutige Stätte kreisen muß, bis es ihm gelingt, auf die Mörder zu stoßen. Sein scharfes Auge muß und wird sie entdecken. Mögen sie hundertmal stärker sein als er, und mag er sein Leben geben müssen, er wird es gern verlieren, denn sein Tod wird auch der ihrige sein!“

Er knirschte hörbar mit den Zähnen und nahm sein Pferd so scharf in die Zügel, daß es hoch empor stieg.

„So hast du die Schmarre auf der Stirn von damals her?“ fragte Frank.

„Ja,“ antwortete er finster. „Doch, sprechen wir nicht weiter davon! Es regt mich zu sehr auf, und dann müßt ihr gewärtig sein, ich stürme von euch fort und lasse euch allein nach Helmers Home reiten.“

„Ja, sprechen wir lieber von dem Besitzer desselben. Was ist er denn drüben im alten Lande gewesen?“

„Forstbeamter. Ich glaube, Oberförster.“

„Wie – wa – wa – was!“ rief Frank. „Ich auch!“

Bloody-fox machte eine Bewegung der Überraschung, betrachtete sich den Sprecher abermals genau und sagte dann:

„Du auch? Das ist ja ein höchst erfreuliches Zusammentreffen!“

„Ja, ich habe ganz dieselbe Karriere gehabt. Aber wenn er die schöne Anstellung eines Oberförsters gehabt hat, warum hat er sie denn aufgegeben?“

„Aus Ärger. Ich glaube, die betreffende Waldung befand sich im Privatbesitz, und sein Patron war ein stolzer, rücksichtsloser und jähzorniger Herr. Beide sind auf- und auseinander geraten, und Helmers hat ein schlechtes Zeugnis erhalten, so daß er keine Wiederanstellung fand. Da ist er denn so weit wie möglich fortgegangen. Siehst du da drüben das Rot- und Schwarzeichengehölz?“

„Ja!“ antwortete Frank, indem er in die angegebene Richtung blickte.

„Dort treffen wir wieder auf den Bach, und hinter dem Walde beginnen Helmers Felder. Bisher hast du mich ausgefragt; nun will einmal ich einige Erkundigungen aussprechen. Wird nicht dieser brave Neger Sliding-Bob genannt?“

Da that Bob im Sattel einen Sprung, als ob er sich vom Pferde schnellen wolle.

„Ah! oh!“ rief er. „Warum schimpfen Massa Bloody-fox gut, brav Masser Bob?“

„Nicht schimpfen und nicht beleidigen will ich dich,“ antwortete der Jüngling. „Ich glaube, ich bin ein Freund von dir.“

„Warum da nennen Masser Bob grad so, wie haben Indianer ihn genannt, weil Masser Bob damals immer rutschen von Pferd herab! jetzt aber Masser Bob reiten wie ein Teufel!“

Um zu zeigen, daß er die Wahrheit gesagt habe, gab er seinem Pferde die Sporen und galoppierte davon, gerade auf das erwähnte Gehölz zu. Auch Frank war über die Frage des jungen Mannes erstaunt.

„Du kennst Bob?“ sagte er. „Das ist doch beinahe unmöglich!“

„O nein! Ich kenne auch dich.“

„Das wäre! Wie heiße ich denn?“

„Hobble-Frank.“

Good lack! Das ist richtig! Aber, Boy, wer hat dir das gesagt? Ich bin doch all mein Lebtag noch nicht hier in dieser Gegend gewesen.“

„O,“ lächelte der Jüngling, „man wird doch einen so berühmten Westmann kennen, wie du bist.“

Frank blies sich auf, daß ihm der Frack zu eng werden wollte, und sagte:

„Ich? berühmt? Auch das weißt du schon?“

„Ja!“

„Wer hat es dir gesagt?“

„Ein früherer Bekannter von mir, Jakob Pfefferkorn, welcher gewöhnlich nur der dicke Jemmy genannt wird.“

„Alle Wetter! Mein Spezial! Wo hast du den getroffen?“

„Vor einigen Tagen eben am Washita Fork. Er erzählte mir, daß ihr euch verabredet habt, euch hier in Helmers Home zu treffen.“

„Das ist richtig. Kommt er denn?“

„Ja! Ich bin eher aufgebrochen und komme direkt von oben herunter. Er wird jedenfalls bald nachfolgen.“

„Das ist herrlich; das ist prächtig! Also er hat dir von uns erzählt?“

„Er hat mir eueren ganzen Zug nach dem Yellowstone berichtet. Als du mir vorhin sagtest, daß du auch Forstmann gewesen seist, wußte ich sogleich, wen ich vor mir habe.“

„So wirst du mir nun glauben, daß ich ein guter Deutscher bin?“

„Nicht nur das bist du, sondern ein guter, herzensbraver Kerl überhaupt,“ lächelte der junge Mann.

„So hat der Dicke mich also nicht schlecht gemacht?“

„Ist ihm gar nicht eingefallen! Wie könnte er seinen braven Frank verleumden!“

„Ja, weißt du, wir haben uns zuweilen ganz außerordentlich über Dinge gestritten, welche zu begreifen eine Gymnasialbildung nicht ganz hinreichend ist. Er hat aber glücklicherweise eingesehen, daß wir einander überlegen sind, und so kann es nun auf der ganzen Welt keine besseren Freunde, als uns, geben. – Aber da ist Bob, und da ist das Gehölz. Wie nun weiter?“

„Über den Bach hinüber und zwischen den Bäumen hindurch; das ist die genaue Richtung. Reiter, wie Bob einer ist, brauchen keinen gebahnten Weg.“

„Ja, richtig!“ stimmte der Neger stolz bei. „Massa Bloody-fox haben sehen, daß Masser Bob reiten wie ein Indianer. Masser Bob machen mit durch dick und dünn.“

Sie setzten über das Wasser, ritten durch das Wäldchen, woran kein Unterholz sie hinderte, und kamen dann zwischen eingezäunten Mais-, Hafer- und Kartoffelfeldern hindurch.

Hier gab es stellenweise den fruchtbaren, schwarzen Sandboden des texanischen Hügellandes, welcher reiche Ernten gibt. Das Wasser des Baches erhöhte den Wert des Settlementes und floß ganz nahe an dem Wohnhause vorüber, hinter welchem sich die Stallungen und Wirtschaftsgebäude befanden.

Das Haus war aus Stein gebaut, lang, tief und ohne Oberstock, doch enthielten die Giebelseiten je zwei kleine Dachstuben. Vor der Thüre standen vier riesige Postoaks mit bis zur Spitze kerzengeraden Stämmen, von welchen weitschattende Äste ausgingen, unter denen mehrere einfache Tische und Bänke angebracht waren. Man sah es auf den ersten Blick, daß rechts vom Eingange der Wohnraum, und links von demselben der von Bloody-fox erwähnte Laden lag.

An einem der Tische saß ein ältlicher Mann, welcher, die Tabakspfeife im Munde, den drei Ankömmlingen forschend entgegenblickte. Er war von hoher, derber Gestalt, wetterhart im Gesicht, welches ein dichter Vollbart umrahmte, ein echter Westmann, dessen Händen es anzusehen war, daß sie wenig geruht, aber viel geschafft und gearbeitet hatten.

Als er den Führer der beiden Fremden erkannte, stand er auf und rief ihm bereits von weitem entgegen:

Welcome, Bloody-fox! Lässest du dich endlich wieder einmal sehen? Es gibt Neuigkeiten.“

„Von woher?“ fragte der Jüngling.

„Von da drüben.“

Er deutete mit der Hand nach Westen.

„Was für welche? Gute?“

„Leider nicht. Es hat wahrscheinlich wieder einmal Hyänen in den Plains gegeben.“

Die Llano estakata wird nämlich von dem englisch sprechenden Amerikaner Staked Plain genannt. Beide Bezeichnungen haben aber ganz denselben wörtlichen Sinn.

Diese Nachricht schien den jungen Mann förmlich zu elektrisieren. Er schwang sich aus dem Sattel, trat schnell auf den Mann zu und sagte:

„Das mußt du mir sofort erzählen!“

„Es ist wenig genug und läßt sich sehr bald sagen. Vorher aber wirst du doch so höflich sein, diesen beiden Gentlemen mitzuteilen, wer ich bin.“

„Das ist ebenso bald gesagt. Du bist Master Helmers, der Besitzer dieser Farm, und diese Herren sind gute Freunde von mir, Master Hobble-Frank und Masser Sliding-Bob, die dich aufsuchen wollen, um vielleicht etwas von dir zu kaufen.“

Helmers betrachtete die beiden Genannten und bemerkte:

„Will sie erst kennen lernen, ehe ich mit ihnen handle. Habe sie noch nie gesehen.“

„Du kannst sie ruhig bei dir aufnehmen; ich habe sie ja meine Freunde genannt.“

„Im Ernste oder aus Höflichkeit?“

„In vollem Ernste.“

„Nun, dann sind sie mir willkommen.“

Er streckte Frank und auch dem Neger die Hand entgegen und lud sie ein, sich niederzusetzen.

„Erst die Pferde, Sir,“ sagte Frank. „Ihr wißt ja, was die erste Pflicht eines Westmanns ist.“

„Wohl! Aus eurer Sorge für die Tiere ersehe ich, daß ihr brave Bursche seid. Wann wollt ihr wieder fort?“

„Wir sind vielleicht gezwungen, einige Tage hier zu bleiben, da wir gute Kameraden erwarten.“

„So führt die Pferde hinter das Haus, und ruft nach Herkules, dem Neger. Der wird euch in allem gern zu Diensten sein.“

Die beiden folgten dieser Aufforderung. Helmers blickte ihnen kopfschüttelnd nach und sagte zu Bloody-fox:

„Sonderbare Kerle hast du mir da gebracht! Einen französischen Rittmeister mit schwarzer Haut und einen Gentleman von vor fünfzig Jahren mit ostrich-feather-hat. Das fällt selbst hier im fernen Westen auf“

„Laß dich nicht irre machen, Alter! Ich will dir nur einen einzigen Namen nennen; dann wirst du ihnen trauen. Sie sind gute Bekannte von Old Shatterhand, den sie hier erwarten.“

„Was? Wirklich?“ rief der Farmer. „Old Shatterhand will nach Helmers Home kommen?“

„Ja, gewiß!“

„Von wem hast du das? Von den beiden?“

„Nein, sondern von dem dicken Jemmy Pfefferkorn.“

„Auch den hast du getroffen? Ich bin ihm nur zweimal begegnet, möchte ihn aber gern einmal wiedersehen.“

„Das wirst du bald. Er kommt auch hierher. Er gehört zu der Gesellschaft, welche die beiden bei dir erwarten.“

Helmers sog schnell einigemal an seiner Pfeife, die ihm ausgehen wollte; dann rief er, indem sein Gesicht vor Freude glänzte:

„Welch eine Nachricht! Old Shatterhand und der dicke Jemmy! Das ist eine Freude und eine Ehre, die ich zu würdigen weiß. Ich muß nun gleich zu meinem alten Bärbchen laufen, um ihr mitzuteilen, daß ––“

„Halt!“ unterbrach Bloody-fox den Farmer, indem er ihn, der forteilen wollte, am Arme festhielt, „erst will ich hören, was sich dort auf den Plains begeben hat!“

„Ein Verbrechen natürlich,“ antwortete Helmers, indem er sich wieder zu ihm wandte. „Wie lange warst du nicht bei mir?“

„Fast zwei Wochen.“

„So hast du auch die vier Familien nicht bei mir gesehen, welche über die Llano wollten. Sie sind seit über einer Woche fort von hier, aber nicht drüben angekommen. Burton, der Trader, ist von drüben herüber. Sie müßten ihm begegnet sein.“

„Sind die Pfähle in Ordnung gewesen?“

„Eben nicht. Hätte er die Wüste nicht seit zwanzig Jahren so genau kennen gelernt, so wäre er verloren.“

„Wo ist er hin?“

„Er liegt eben in der kleinen Stube, um sich auszuruhen.

Er war bei seiner Ankunft halb verschmachtet, hat aber trotzdem nichts genossen, um nur gleich schlafen zu können.“

„Ich muß zu ihm. Ich muß ihn trotz seiner Müdigkeit wecken. Er muß mir erzählen!“

Der junge Mann eilte ganz erregt fort und verschwand im Eingange des Hauses. Der Farmer setzte sich wieder nieder und rauchte seine Pfeife weiter. Mit der Verwunderung über die Eilfertigkeit des Jünglings fand er sich durch ein leichtes Kopfschütteln ab; dann nahm seine Miene den Ausdruck behaglicher Genugthuung an. Der Grund derselben war sehr leicht aus den Worten zu erkennen, welche er vor sich hin murmelte:

„Der dicke Jemmy! Hm – – – ! Und gar Old Shatterhand! Hm – – – ! Und solche Männer bringen nur tüchtige Kerls mit! Hm – – – ! Es wird eine ganze Gesellschaft kommen! Hm – – – ! Aber ich wollte es doch meinem Bärbchen sagen, daß – – –“

Er sprang auf, um die erfreuliche Neuigkeit seiner Frau mitzuteilen, blieb aber doch stehen, denn soeben kam Frank um die Ecke des Hauses auf ihn zu.

„Nun, Master, habt Ihr den Neger gefunden?“ fragte ihn Helmers.

„Ja,“ antwortete Frank. „Bob ist bei ihm, und so kann ich ihnen die Pferde überlassen. Ich muß vor allen Dingen wieder zu Euch, um Euch zu sagen, wie sehr ich mich freue, daß ich einen Kollegen gefunden habe.“

Er sprach englisch. Es war überhaupt bisher alles in englischer Sprache gesprochen worden.

„Einen Kollegen?“ fragte der Farmer. „Wo denn?“

„Hier! Euch meine ich natürlich.“

„Mich? Wieso?“

„Nun, Bloody-fox hat mir gesagt, daß Ihr Oberförster gewesen seid.“

„Das ist richtig.“

„So sind wir also Kollegen, denn auch ich bin ein jünger der Forstwissenschaft gewesen.“

„Ah! Wo denn, mein Leber?“

„In Deutschland, in Sachsen sogar.“

„Was! In Sachsen? So sind Sie ein Deutscher? Warum sprechen Sie da englisch! Bedienen Sie sich doch Ihrer schönen Muttersprache!“

Dies sagte Helmers deutsch, und sofort fiel Hobble-Frank ein:

„Mit größtem Vergnügen, Herr Oberförschter! Wenn es sich um meine angeschtammte Mutterschprache handelt, dann mache ich keene Schperrenzien, sondern gehe off der Schtelle mit droff ein. Sie werden es sofort der Reenheit oder der Reinheet meines syntaxischen Ausdruckes anhören, daß ich in derjenigen Gegend Deutschlands existiert habe, in welcher bekanntlich das gelenkigste und hochgeläutertste Deutsch geschprochen wird, nämlich in Moritzburg, bei der Residenzschtadt Dresden, wissen Sie, wo das Schloß mit dem Bildnisse Augusts des Schtarken und den berühmten Karpfenteichen sich befindet. Ich begrüße Sie also im Namen der edlen Forschtkultur und hoffe, Sie sehen es sofort ein, daß Sie es in mir mit eenem hervorragenden ingenium magnam sine mixtura Clementius zu thun haben!“

Sonderbar! Wenn Frank sich des Englischen bediente, so war er ein ganz verständiges und bescheidenes Männchen; aber sobald er begann, sich deutsch auszudrücken, erwachte die Erkenntnis seiner Selbstherrlichkeit in ihm.

Helmers wußte zunächst nicht, was er denken solle. Er drückte ihm die so freundlich dargebotene Hand, gab keine direkte Antwort, lud den Herrn „Kollegen“ ein, sich niederzusetzen, und versuchte, dadurch Zeit zu gewinnen, daß er sich in das Haus begab, um eine Erfrischung herbeizuholen. Als er zurückkehrte, hatte er zwei Flaschen und zwei Biergläser in der Hand.

„Sapperment, das ist günstig!“ rief Frank. „Bier! Ja, das laß ich mir gefallen! Beim edlen Gerschtenschtoff öffnen sich am leichtesten die Schleusen männlicher Beredsamkeet. Wird denn hier in Texas ooch schon welches gebraut?“

„Sehr viel sogar. Sie müssen wissen, daß es in Texas vielleicht über vierzigtausend Deutsche gibt, und wo der Deutsche hinkommt, da wird sicherlich gebraut.“

„Ja, Hopfen und Malz, Gott erhalt’s! Brauen Sie die liebe Gottesgabe selber?“

„Nein! Ich lasse mir, so oft es paßt, einen Vorrat aus Coleman City kommen. Prosit, Herr Frank!“

Er hatte die Gläser gefüllt und stieß mit Frank an. Dieser aber meinte:

„Bitte, Herr Oberförschter, genieren und fürchten Sie sich nich! Ich bin een höchst leutseliger Mensch; darum brauchen Sie mich nich Herr Frank zu titulieren. Sagen Sie ganz eenfach immer nur Herr Kollege! Da kommen wir beede gleich am besten weg. Ich habe die fürschtlich epidemische Hofetikette niemals nich recht leiden gekonnt. Ihr Bier is nich übel. Warum wollen wir uns also den Appetit oder vielmehr den Trinketit mit überschpannten und off die Schpitze geschraubten Neujahrschgratulationen verderben. Meenen Sie nich ooch?“

„Ganz recht!“ nickte Helmers lachend. „Sie sind der Mann, der mir gefallen kann.“

„Natürlich! Etwas herablassend und liberal muß jeder sein, der den richtigen, intelligenten Verschtand sich angebildet hat. Was mich betrifft, so is mir das bei meiner fachmännischen Begabung gar nich schwer gefallen; aber wo haben denn Sie eegentlich schtudiert?“

„In Tharandt.“

„Hab‘ mir’s gleich gedacht, denn Tharandt is der Alba Vater für die Forschtpraktikanten der ganzen Welt.“

„Wollten Sie etwa sagen, Alma mater?“

„Nee, ganz und gar nich. Versuchen Sie es nich etwa, mir an meinem klassisch hebräischen Latein herumzumäkeln, wie früher der dicke Jemmy es zu seinem eegenen Schaden that? Wenn Sie das thun, da könnte unser schönes, penetrantes Verhältnis sehr leicht eene schlimme Wendung nehmen. Unsereener is ja Koryphäe und darf also so etwas nich dulden. Wo schteckt denn eegentlich unser guter Bloody-fox?“

„Er ist zu einem Gast von mir gegangen, um eine Erkundigung einzuziehen. Wo haben Sie ihn getroffen?“

„Draußen am Bache, ungefähr eene Schtunde von hier.“

„Ich dachte, Sie wären längere Zeit beisammen gewesen.“

„Das is nich im mindesten nötig. Ich habe so etwas anziehend Sympathetisches an mir, daß ich immer sehr schnell mit aller Welt befreundet werde. Der Psycholog nennt das die Sympolik der Geschmacks- und der Gefühlsorgane, was leider nich jedermann gegeben is. Der junge Mann hat mir bereits seinen ganzen Lebenslauf off das geheimnisvollste anvertraut. Ich widme ihm die ganze Teilnahme meines öffentlichen Herzens und hoffe, daß unsere junge Bekanntschaft für ihn eene wirkliche Kalospinthechromohelene des Glückes werde. Wissen Sie nichts Näheres über ihn?“

„Wenn er Ihnen seinen ganzen Lebenslauf erzählt hat, nein.“

„Wovon lebt er denn eigentlich?“

„Hm! Er bringt mir zuweilen einige Nuggets. Daraus schließe ich, daß er irgendwo einen kleinen Goldfund gemacht habe.“

„Das will ich ihm gönnen, zumal er een Deutscher zu sein scheint. Es muß schrecklich sein, nich zu wissen, unter dem wievielsten Äquator die erschte Lebenswiege der betreffenden Persönlichkeet geschtanden hat. Wir zwee beede, Sie und ich, kennen dieses hippokratische Leiden freilich nich. Wir wissen glücklicherweise, wohin sich unsere heimatsvolle Sehnsucht zu richten hat, nämlich nach Deutschland – – dahin, dahin, wie Galilei so schön in seinem Mingnonliede singt.“

„Sie meinen wohl Goethe?“

„Nee, ganz und gar nich! Ich weeß gar wohl zwischen Goethe und Galilei zu unterscheiden. Goethe gehört eener ganz anderen höhern Volksschule an. Er hätte solche gefühlvolle Reime gar nich fertig gebracht. Galilei aber mit seinem Fernrohre und seiner Sehnsucht nach elegischen Kometen hat das richtige Tirolerheimweh getroffen, indem er dichtete:

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, Ums Schindeldach die jungen Schtörche ziehn? Der Loobfrosch flötet abends im Geschträuch, Und Lunas Bild schtrahlt aus dem nahen Teich. Dort ist’s gemütlich, drum dorthin Schteht mir die Nase und schteht mir der Sinn!“

Er hatte sich von seinem Sitze erhoben, die Verse deklamiert und mit Gesten begleitet. Jetzt sah er den Farmer erwartungsvoll an. Dieser mußte sich die größte Mühe geben, ernsthaft zu bleiben. Da er kein anerkennendes Wort sagte, fragte Frank verdrießlich:

„Es scheint, daß die Poesie keenen Eindruck off Sie macht. Haben Sie denn gar so een nüchternes Temperament?“

„Nein, nein! Ich schwieg nur aus Verwunderung darüber, daß Sie die Worte des Dichters so genau und so lange Zeit behalten können.“

„Das is weiter nichts. Was ich lese, das merk‘ ich mir. Und habe ich’s ja vergessen, so verbessere ich’s. Off diese Weise kann der Applaus gar nich ausbleiben.“

„So sind Sie ja ein geborener Dichter!“

„Ja, viel wird nicht daran fehlen I“

„So beneide ich Sie. Ich habe einmal zwei volle Tage lang meinen Kopf gemartert, um zwei Reime zu einem Geburtstagsgedichte fertig zu bringen – vergebens; ich konnte nicht Heureka! rufen.“

„Hören Sie, gebrauchen Sie das Wort nich falsch! Es is eene arabische Beschwörungsformel und bedeutet off deutsch: Der Teufel is los! Mit solchen Zaubereien muß man sehr vorsichtig sein, denn man weeß ja gar nich, was daraus entschtehen kann. Denken Sie nur daran, wie es dem berühmten Dschengischan mit seinen dreihundert Schpartanern ergangen is!“

„Wie denn?“ fragte der Farmer, neugierig, was jetzt kommen werde.

„Er lag mit ihnen hinter dem Engpaß von Gibraltar, den die Tscherkessen erschtürmen wollten. Weil er so wenig Leute hatte, ließ er die berühmte Hexe von Endor kommen, um ihm zu helfen. Er setzte sich mit ihr und seinen Schpartanern um den Kessel herum, in welchen allerlee Kräuter und Elefantenfüße geworfen wurden. Jedenfalls is da een Versehen vorgekommen, denn plötzlich zerschprang der Kessel und Dschengischan flog mit sämtlichen Schpartanern in die Luft. Er war der Höchste von allen und sah bei dieser Gelegenheet, daß die Erde sich unter ihm um ihre Achse drehte. Da rief er off hebräisch aus: 0 sancta Complicius, zu deutsch: Und sie bewegt sich doch!“

Da konnte Helmers sich nicht mehr halten. Er sprang empor und stieß ein schallendes Gelächter aus. Daß der Hobble-Frank in seinem Fracke und dem Amazonenhute diesen Gallimathias mit solchem Ernste vorbrachte, war gar zu spaßhaft.

„Was lachen Sie denn?“ fragte Frank beleidigt. „Glooben Sie denn etwa, weil ich Ihr Kollege bin, können Sie mir ungeschtraft – – –“

Er wurde glücklicherweise unterbrochen, sonst hätte er eine donnernde Philippika losgelassen. Bloody-fox trat nämlich jetzt wieder aus dem Hause und kam auf die beiden zu. Er blickte dem Hobble-Frank in das vor Zorn hochrote Gesicht und fragte:

„Was gibt es denn? Worüber räsonnierest du?“

Er sprach deutsch, weil er hörte, daß Frank sich derselben Sprache bediente. Dieser antwortete:

„Worüber ich zürne? Darüber, daß dieser mein Kollege mich auslacht. Und warum lacht er mich aus? Weil er nichts von der sekundären Weltgeschichte verschteht. Ich gebe mir die schönste antike Mühe, ihm die antediluvianischen Konschtellationen der tscherkessischen Kriegsgeschichte zu erklären, aber er hat nich den mindesten Sinn für das Verhältnis zwischen der Taktik und Schtrategie des Mittelalters.“

„Taktik? Strategie?“ fragte der junge Mann ganz verblüfft.

„Jawohl! Natürlich! Kennst du es?“

„Nein!“

„So will ich es dir erklären. Die richtige Taktik schteht zur richtigen Schtrategie grad in demselben Verhältnisse wie die Geometrie zur Archimetik, nämlich Radius mal Radius minus ix is gleich dem Quadrate der Hippodromuse mit zwee Kathedern im Lehrzimmer der Obersekunda. Kannst du das begreifen?“

„Nein,“ antwortete Bloody-fox, sehr der Wahrheit gemäß.

„Das kann ich mir freilich denken, denn zu solchen genialen Schpekulationen gehört een angeborener Menschenverstand und sodann eene fleißige Ausbildung der internationalen Seelenkräfte. Wem’s weder angeboren noch anerzogen is, der kann es eben nich begreifen. Du geschtehst das wenigstens ein und bleibst ernst dabei. Der Kollege aber kapiert es nich und lacht mich aus. Was soll ich von ihm denken? Er kennt mich nich. Ich bin geboren nach dem alten griechischen Sprichworte inter sacrum et saxum stat = im heiligen Staate Sachsen, und bin nich gewöhnt, über mich lachen zu lassen. Überlege dir die Sache und ––“

„Schön! Ich werde es mir sehr gern überlegen,“ unterbrach ihn Bloody-fox. „Jetzt aber habe ich keine Zeit dazu. Ich kann jetzt nur an die armen Menschen denken, welche in der Llano estakata ermordet worden sind.“

Er hatte wohl von dem dicken Jemmy genug erfahren, um zu wissen, wie der Hobble-Frank zu behandeln sei. Darum hütete er sich, demselben zu widersprechen und brachte einen Gegenstand zur Sprache, welcher ihn interessieren und von der Strafpredigt abbringen mußte. Er erreichte seine Absicht, denn Frank vergaß sofort seinen Zorn und fragte:

„Menschen sind ermordet worden? In der Llano? Wann denn?“

„Das weiß man nicht. Sie sind vor über acht Tagen von hier fort, aber nicht jenseits der Wüste angekommen. Folglich sind sie zu Grunde gegangen.“

„Vielleicht doch nicht. Sie werden wohl in anderer Richtung geritten sein, als sie ursprünglich beabsichtigt haben.“

„Eben das ist es ja, was ich befürchte. Von hier aus ist es nur in einer einzigen Richtung möglich, über die gefährlichen Plains zu gelangen. Diese Strecke ist ebenso gefährlich wie zum Beispiele die Sahara oder die Wüste Gobi. Es gibt in der Llano estakata keine Brunnen, keine Oasen und auch keine Kamele, welche viele Tage lang zu dürsten vermögen. Das macht diese Strecke so fürchterlich, obgleich sie kleiner ist als die große afrikanische oder asiatische Wüste. Es gibt keinen gebahnten Weg. Darum hat man die Richtung, in welcher der Ritt allein möglich ist, mit Pfählen abgesteckt, wovon die Wüste ihren Namen erhalten hat. Wer über diese Pfähle hinausgerät, der ist verloren; er muß den Tod des Verschmachtens sterben. Hitze und Durst verzehren ihm das Hirn; er verliert die Fähigkeit des Denkens und reitet so lange im Kreise herum, bis sein Pferd unter ihm zusammenbricht und er dann nicht weiter kann.“

„So darf er nicht den abgesteckten Weg verlassen, meinst du wohl?“ fragte Helmers, welcher sah, daß Frank den Kopf schüttelte.

„Ja, das wollte ich sagen,“ antwortete dieser.

„Diese Vorsicht beobachtet auch jedermann. Es gibt nur sehr, sehr wenige, welche die Llano so genau kennen, daß sie sich auch ohne Pfähle zurecht zu finden vermögen. Aber wie nun, wenn von schlechten Menschen die Pfähle falsch gesteckt werden?“

„Das wäre ja teuflisch!“

„Gewiß, aber dennoch kommt es vor. Es gibt Verbrecherbanden, deren Mitglieder die Pfähle aus der Erde ziehen und in falscher Richtung wieder befestigen. Wer ihnen nun folgt, der ist verloren. Die Pfähle hören plötzlich auf; er befindet sich inmitten des Verderbens und kann keine Rettung finden.“

„So reitet er längs der Pfähle zurück!“

„Dazu ist’s zu spät, denn er befindet sich bereits so tief in der Estakata, daß er das Grasland nicht mehr zu erreichen vermag, bevor er verschmachtet. Die Räuber brauchen ihn gar nicht zu töten. Sie warten einfach, bis er verschmachtet ist, und rauben dann seinen Leichnam aus. So ist es bereits oft geschehen.“

„Aber kann man sie denn nicht unschädlich machen?“

Eben, als Helmers antworten wollte, wurde seine Aufmerksamkeit durch einen sich langsam nähernden Mann in Anspruch genommen, dessen Ankunft erst jetzt, als er um die Ecke des Hauses trat, bemerkt wurde. Er war durchaus in schwarzes Tuch gekleidet und trug ein kleines Päckchen in der Hand. Seine lange Gestalt war sehr schmal und engbrüstig, sein Gesicht hager und spitz. Der hohe Chapeau claque, welcher ihm tief im Nacken saß, gab ihm, zumal er eine Brille trug, im Verein mit dem dunklen Anzuge das Aussehen eines Geistlichen.

Er trat mit eigentümlich schleichenden Schritten näher, griff leicht an den Rand seines Hutes und grüßte:

Good day, Mesch’schurs! Komme ich vielleicht hier richtig zu John Helmers, Esquire?“

Helmers betrachtete sich den Mann mit einem Blicke, aus welchem zu ersehen war, daß er kein großes Wohlgefallen an ihm fand, und antwortete:

„Helmers heiße ich, ja, aber den Esquire könnt Ihr getrost weglassen. Ich bin weder Friedensrichter, noch liebe ich überhaupt dergleichen Titulaturen. Das sind doch nur faule Äpfel, mit denen sich ein Gentleman nicht gern bewerfen läßt. Da Ihr meinen Namen kennt, so darf ich vielleicht auch den Eurigen erfahren?“

„Warum nicht, Sir! Ich heiße Tobias Preisegott Burton und

bin Missionar der Heiligen des jüngsten Tages.“ –

Er sagte das in einem sehr selbstbewußten und salbungsvollen Tone, welcher aber keineswegs den beabsichtigten Eindruck auf den Farmer machte, denn dieser meinte achselzuckend:

„Ein Mormone seid Ihr also? Das ist keineswegs eine Empfehlung für Euch. Ihr nennt Euch die Heiligen der letzten Tage. Das ist anspruchsvoll und überhebend, und da ich ein sehr bescheidenes Menschenkind bin und für Eure Selbstgerechtigkeit nicht den mindesten Sinn habe, so wird es am besten sein, Ihr schleicht in Euren frommen Missionsstiefeln sogleich weiter. Ich dulde keinen Proselytenmacher hier im Settlement.“

Das war sehr deutlich, ja sogar beleidigend gesprochen. Burton aber behielt seine verbindliche Miene bei, griff abermals höflich an den Hut und antwortete:

„Ihr irrt, Master, wenn Ihr meint, daß ich beabsichtige, die Bewohner dieser gesegneten Farm zu bekehren. Ich spreche bei Euch nur vor, um mich auszuruhen und meinen Hunger und Durst zu stillen.“

„So! Na, wenn Ihr nur das wollt, so sollt Ihr haben, was Euch nötig ist, vorausgesetzt natürlich, daß Ihr bezahlen könnt. Hoffentlich habt Ihr Geld bei Euch!“

Er überflog die Gestalt des Fremden abermals mit einem scharfen, prüfenden Blicke und zog dann ein Gesicht, als ob er etwas nichts weniger als Angenehmes gesehen habe. Der Mormone erhob den Blick gen Himmel, räusperte sich einigemal und erklärte:

„Zwar bin ich keineswegs übermäßig mit Schätzen dieser sündigen Welt versehen, aber Essen, Trinken und ein Nachtlager kann ich doch bezahlen. Freilich hatte ich nicht auf eine solche Ausgabe gerechnet, da mir gesagt wurde, daß das Haus John Helmers ein außerordentlich gastliches sei.“

„Ah? Von wem habt Ihr das denn erfahren?“

„Ich hörte es in Taylorsville, von woher ich komme.“

„Da ist Euch die Wahrheit gesagt worden; aber man scheint vergessen zu haben, hinzuzufügen, daß ich unentgeltliche Gastfreundschaft nur an solchen Leuten übe, welche mir willkommen sind.“

„So ist das bei mir wohl nicht der Fall?“

„Nein, gar nicht.“

„Aber ich habe Euch doch nichts gethan!“

„Möglich! Doch wenn ich Euch genau betrachte, ist es mir, als ob mir von Euch nur Übles geschehen könne. Nehmt es mir nicht übel, Sir! Ich bin ein aufrichtiger Kerl und pflege einem jeden genau nur das zu sagen, was ich von ihm denke. Ihr habt ein Gesicht – – ein Gesicht – – hm, wenn man es erblickt, so juckt es einem in der Hand. Man pflegt das ein – ein – ein Ohrfeigengesicht zu nennen.“

Selbst jetzt that der Mormone nicht, als ob er sich beleidigt fühle. Er griff zum drittenmal an den Hut und sagte in mildem Tone:

„Es ist in diesem Leben das Schicksal der Gerechten, verkannt zu werden. Ich bin nicht schuld an meinem Gesichte. Wenn es Euch nicht gefällt, so ist das nicht meine, sondern Eure Sache.“

„So! Aber sagen braucht Ihr es Euch nicht zu lassen. Wenn jemand mir so aufrichtig mitteilte, daß mein Gesicht ihm nicht gefalle, so würde er im nächsten Augenblicke meine Faust in dem seinigen fühlen. Es gehört ein großer Mangel an Ehrgefühl oder – wie Ihr vielleicht meint – eine noch größere Verschlagenheit dazu, so etwas ruhig hinzunehmen. Übrigens will ich Euch sagen, daß ich gegen Euer Gesicht an und für sich eigentlich gar nichts habe, sondern nur die Art und Weise, wie Ihr es in der Welt herumtragt, die behagt mir nicht. Und sodann kommt es mir ganz so vor, als ob es gar nicht Euer wirkliches Gesicht sei. Ich vermute sehr, daß Ihr eine ganz andere Miene aufsteckt, wenn Ihr Euch mit Euch allein befindet. Übrigens will mir auch noch anderes an Euch nicht recht gefallen.“

„Darf ich bitten, mir zu sagen, was Ihr meint?“

„Ich sage es Euch, auch ohne daß Ihr mich darum bittet. ich habe nämlich sehr viel dagegen, daß Ihr aus Taylorsville kommt.“

„Warum? Habt Ihr Feinde dort?“

„Keinen einzigen. Aber sagt mir doch einmal, wohin Ihr wollt?“

„Hinauf nach Preston am Red River.“

„Hm! Da geht wohl der nächste Weg hier bei mir vorüber?“

„Nein, aber ich hörte so viel Liebes und Gutes von Euch, daß es mich im Herzen verlangt hat, Euch kennen zu lernen.“

„Das wünscht ja nicht, Master Burton, denn es könnte Euch nicht gut bekommen! Kommt Ihr denn zu Fuß hierher?“

„Ja.“

„Ihr seid nicht im Besitze Eures Pferdes?“

Meines Pferdes? Ich habe keines.“

Oho! Versucht doch ja nicht, mir das weiszumachen! Ihr habt das Tier hier irgendwo versteckt, und ich vermute sehr, daß es kein ganz ehrenhafter Grund ist, der Euch dazu veranlaßt hat. Hier reitet jeder Mann, jede Frau und jedes Kind. Ohne Pferd gibt es in dieser Gegend kein Fortkommen. Ein Fremder, welcher sein Pferd versteckt und dann leugnet, eins zu besitzen, führt sicherlich nichts Gutes im Schilde.“

Der Mormone schlug die Hände beteuernd zusammen und rief:

„Aber, Master Helmers, ich schwöre Euch zu, daß ich wirklich kein Roß besitze. Ich gehe auf den Füßen der Demut durch das Land und habe noch nie in einem Sattel gesessen.“

Da erhob sich Helmers von der Bank, trat zu dem Manne hin, legte ihm die Hand schwer auf die Achsel und sagte:

„Mann, das sagt Ihr mir, wirklich mir, der ich so lange Jahre hier an der Grenze lebe? Meint Ihr denn, ich sei blind?“

„Ich sehe ja, daß Ihr Euch die Wolle von den inneren Seiten Eurer Hose geritten habt. Ich sehe die Sporenlöcher in Euren Stiefeln, und – – –“

„Das ist kein Beweis, Sir!“ fiel der Mormone ihm in die Rede. „Ich habe die Stiefeln alt gekauft; die Löcher waren bereits darin.“

:So! Wie lange Zeit tragt Ihr sie denn nun bereits?“

Seit zwei Monaten.“

„Dann wären die Löcher längst mit Staub oder Schmutz gefüllt. Oder macht Ihr Euch etwa das Vergnügen, sie täglich neu auszubohren? Es hat in letzter Nacht geregnet; eine so weite Fußwanderung hätte Eure Stiefel über und über beschmutzt. Daß sie so sauber sind, wie ich sehe, ist ein sicherer Beweis, daß Ihr geritten seid. Übrigens duftet Ihr nach Pferd, und da, da schaut einmal her! Wenn Ihr wieder einmal die Sporen in die Hosentasche steckt, so sorgt dafür, daß nicht ein Rad davon außen am Saume hängen bleibt!“

Er deutete auf das messingene Sporenrad, welches aus der Tasche hervorsah.

„Diese Sporen habe ich gestern gefunden,“ verteidigte sich der Mormone.

„So hättet Ihr sie lieber liegen lassen sollen, da Ihr sie ja doch nicht braucht. Übrigens braucht es mich ja gar nichts anzugehen, ob Ihr reitet oder mit Schusters Fregatte segelt. Meinetwegen könnt Ihr auf Schlittschuhen durch die Welt laufen. Wenn Ihr bezahlen könnt, so sollt Ihr Essen und Trinken haben; dann aber macht Euch wieder fort. Über die Nacht kann ich Euch nicht behalten. Ich nehme nur Leute, welche keinen Verdacht erregen, bei mir auf.“

Er trat an das offene Fenster, sagte einige halblaute Worte hinein und kehrte dann wieder an seinen Platz zurück, wo er sich niederließ und sich scheinbar gar nicht weiter um den Fremden bekümmerte.

Dieser setzte sich an den nächsten Tisch, legte sein Bündel auf denselben, faltete kopfschüttelnd die Hände und senkte ergeben das Haupt, ruhig wartend, was man ihm bringen werde. Er hatte ganz das Aussehen eines Mannes, welchem ein unverdienter Schmerz bereitet worden war.

Hobble-Frank hatte der kurzen Unterhaltung mit Interesse zugehört; jetzt nun, da sie beendet war, beachtete er den Mormonen nicht weiter. Ganz anders aber verhielt sich Bloody-fox.

Dieser hatte gleich beim Erscheinen des Fremden die Augen weit geöffnet und dann den Blick nicht wieder von ihm gewendet. Er hatte sich nicht niedergesetzt gehabt und war willens gewesen, die Farm zu verlassen; sein Pferd stand ja noch neben ihm. Jetzt griff er sich nach der Stirn, als ob er sich vergeblich bemühe, sich auf etwas zu besinnen. Dann ließ er die Hand sinken und nahm langsam dem Farmer gegenüber Platz, so daß er den Mormonen genau beobachten konnte. Er gab sich Mühe, sich nichts merken zu lassen; aber ein scharfer Beobachter hätte dennoch bemerken können, daß er innerlich in ganz ungewöhnlicher Weise beschäftigt sei.

Da trat eine ältliche, wohlbeleibte Frau aus der Thür. Sie brachte Brot und ein gewaltiges Stück gebratene Rindslende herbei.

„Das ist meine Frau,“ erklärte Helmers dem Hobble-Frank in deutscher Sprache, während er mit dem Mormonen englisch gesprochen hatte. „Sie versteht ebensogut deutsch wie ich.“

„Das freut mich ungeheuer,“ meinte Frank, indem er ihr die Hand reichte. „Es is gar lange Zeit her, daß ich zum letzten Male mit eener Lady mich um die deutsche Muttersprache herumbewegte. Seien Sie mir also hoch willkommen und gebenedeiet, meine scharmante Frau Helmers. Hat Ihre Wiege sich vielleicht ooch im Vater Rheine oder in der Schwester Elbe geschaukelt?“

„Wenn auch das nicht,“ antwortete sie lächelnd. „Man pflegt selbst drüben in der Heimat die Wiegen nicht in das Wasser zu stellen. Aber eine geborene Deutsche bin ich doch.“

„Na, das mit dem Rheine und der Elbe war natürlich nich so wörtlich gemeent. Sie müssen das als een poetisch humanes Metafferbeischpiel nehmen. Ich hab meinen erschten wonnevollen Atemzug in der Nähe von Elbflorenz gethan, was der mathematische Geograph nämlich Dresden nennt. Da is es bei den dortigen Kunstschätzen keen Wunder nich, wenn unsereener sich gewöhnt hat, in der höheren lyrischen Ausdrucksweise zu schweben. Wenn Schiller im Gange nach der Hammerschmiede so schön singt, der Menschheit Würde ist euch in alle beeden Hände gegeben, so sind wir Sachsen ganz besonders gemeent, denn uns hat das Herz des Dichters gehört, weil seine Frau, eene gewisse geborene Barbara Uttmann, ooch eene née Sächsin war. Trotzdem achte ich jede andere Deutsche ebenso, und so bitte ich Sie herzlich, Ihre gastlichen Flügel um mein freundliches Individuum zu schlagen. Den Dank, Dame, vergesse ich nich – -was sich übrigens bei meinem exquisiten Kulturschtandpunkte ganz von selbst verschteht.“

Die gute Frau wußte wirklich nicht, was sie dem eigentümlichen Kerlchen antworten sollte. Sie sah ihren Mann fragend an, und dieser kam ihr in ihrer Verlegenheit zu Hilfe, indem er ihr erklärte:

„Dieser Herr ist ein sehr lieber Kollege von mir, ein brav geschulter Forstmann, welcher drüben sicher eine gute Karriere gemacht hätte.“

„Ganz gewiß!“ fiel Frank schnell ein. „Die höhere, intensive Forschtwissenschaft war die Leiter, off welcher ich mit Armen und Beenen emporgeklimmt wäre, wenn mich nich mein Fatum hinten angepackt und herüber nach Amerika gezogen hätte. Ich habe es glücklicherweise nich zu bereuen, daß ich der Schtimme des Schicksales mein musikalisches Gehör geschenkt habe. Ich bin von den zwölf Musen emporgehoben worden off diejenige Zinne der subtellurischen Gesittung, off welcher dem Eingeweihten alles Niedrige wurscht und schnuppe is. Von diesem Standpunkte aus konschtatiere ich, daß die Frauen es sind, die uns den himmlischen Ambrosius im Neckar kredenzen, mit welchem Bilde ich mich natürlich off Ihr Bier und Ihre gebratene Lende beziehe. Darum wollen wir sofort die Klinge ziehen und uns der freundlichen Gaben erbarmen, welche wir Ihrer liebenswürdigen Loyalität zu verdanken haben. Ich hoffe, wir werden uns schnell kennen lernen, meine ergebenste Frau Helmers!“

„Das bin ich überzeugt!“ nickte sie ihm zu.

„Jawohl, natürlich! Hochgebildete Leute werden von ihrem angeborenen Inschtinkte sofort zusammengeführt. Was unter den Wolken liegt, das kümmert uns nichts. Übrigens ist mein Bier jetzt alle; könnte ich noch eens bekommen?“

Sie nahm sein Glas, um ihm das Gewünschte zu holen. Bei dieser Gelegenheit brachte sie für den Mormonen Brot, Käse, Wasser und ein kleines Gläschen voll Brandy mit. Er begann sein frugales Mahl, ohne sich darüber zu beschweren, daß er kein Fleisch erhalten hatte.

Da kam Bob der Neger herbei.

„Masser Bob sein fertig mit Pferden,“ meldete er. „Masser Bob auch mit essen und trinken!“

Da fiel sein Blick auf den „Heiligen der letzten Tage“. Er blieb stehen, fixierte den Mann einige Augenblicke und rief dann:

„Was sehen Masser Bob! Wer hier sitzen! Das sein Massa Weller, der Dieb, welcher haben gestohlen Massa Baumann all sein viel Geld!“

Der Mormone fuhr von seinem Sitze auf und starrte den Schwarzen erschrocken an.

„Was sagst du?“ fragte Frank, indem er auch aufsprang. „Dieser Mann soll jener Weller sein?“

„Ja, er es sein. Masser Bob ihn ganz genau kennen. Masser Bob ihn haben damals sehr gut ansehen.“

Lack-a-day! Das würde ja eine allerliebste Begegnung sein! Was sagt denn Ihr dazu, Master Tobias Preisegott Burton?“

Der Mormone hatte seinen augenblicklichen Schreck überwunden. Er machte eine verächtliche Armbewegung gegen den Neger und antwortete:

„Dieser Schwarze ist wohl nicht recht bei Sinnen? Ich verstehe ihn nicht. Ich weiß nicht, was er will!“

„Seine Worte waren doch deutlich genug. Er nannte Euch Weller und sagte, daß Ihr seinen Herrn, einen gewissen Baumann, bestohlen hättet.“

„Ich heiße nicht Wellen“

„Vielleicht habt Ihr einmal so geheißen?“

„Ich heiße jetzt und hieß auch zu aller Zeit Burton. Der Nigger scheint mich mit irgend jemand zu verwechseln.“

Da trat Bob drohend auf ihn zu und rief:

„Was sein Masser Bob? Masser Bob sein ein Neger, aber kein damned Nigger. Masser Bob sein ein coloured Gentleman. Wenn Massa Weller noch einmal sagen Nigger, so Masser Bob ihn schlagen nieder mit Faust, wie Massa Old Shatterhand es ihm hat zeigen!“

Da stellte sich Helmers zwischen die beiden und sagte:

„Bob, keine Thätlichkeit! Du klagst diesen Mann eines Diebstahles an. Kannst du Beweise bringen?“

„Ja, Bob Beweise bringen. Massa Frank auch wissen, daß Massa Baumann sein bestohlen worden. Er können Zeuge sein.“

„Ist das wahr, Master Frank?“ „Ja,“ antwortete der Gefragte. „Ich kann es bezeugen.“ „Wie ist es denn bei dem Diebstahle zugegangen?“

„In folgender Weise: Mein Gefährte Baumann, welcher von denen, die ihn kennen, kurzweg der Bärenjäger genannt wird, hatte droben in der Nähe des Platte River einen Store angelegt, und ich war sein Gefährte und Kompagnon. Das Geschäft ging anfangs sehr gut, da es viel von den Goldgräbern besucht wurde, welche sich damals in den Black Hills zusammengezogen hatten. Wir nahmen viel Geld ein, und es lag oft eine bedeutende Menge von Münzen und Nuggets bei uns verborgen. Eines Tages mußte ich eine Rundtour zu den Diggers unternehmen, um Schulden einzutreiben. Als ich am dritten Tage zurückkehrte, hörte ich, daß Baumann indessen bestohlen worden sei. Er hatte sich mit Bob allein befunden und einen Fremden über Nacht behalten, dessen Name Weller gewesen war. Am anderen Morgen war mit diesem das ganze Geld verschwunden gewesen, und die Verfolgung hatte nichts genützt, weil durch ein inzwischen eingetretenes Gewitter die Fährte des Diebes verwischt worden war. Es hat sich bisher keine Spur des Mannes finden lassen, obgleich wir während der Zeit, welche indessen vergangen ist, uns oft nach diesem guten Master Weller erkundigt haben. Jetzt behauptet Bob, ihn in diesem Heiligen des jüngsten Tages zu erkennen, und ich möchte nicht annehmen, daß er sich irrt. Bob hat offene Augen und ein sehr gutes Personengedächtnis. Er versicherte damals, sich den Menschen so genau angesehen zu haben, daß er ihn selbst unter einer Verkleidung sofort erkennen werde. Das, Master Helmers, ist es, was ich in dieser Angelegenheit zu sagen habe.“

„Also Ihr selbst habt den Dieb damals nicht gesehen?“ „Nein.“

„So seid Ihr freilich nicht imstande, dem Neger zu bezeugen, daß wir den Dieb wirklich vor uns haben. Bob steht mit seiner Behauptung allein. Was da zu machen ist, werdet Ihr ebensogut wissen, wie ich.“

„Masser Bob es genau wissen, was zu machen sein!“ rief der Neger. „Masser Bob schlagen den Spitzbuben tot. Masser Bob sich nicht irren, sondern ihn sehr gut erkennen.“

Er wollte Helmers zur Seite schieben, um an den Mormonen zu kommen; der Farmer aber hielt ihn zurück und sagte:

„Halt! Das wäre eine Gewaltthätigkeit, welche ich auf meinem Grund und Boden nicht dulden kann.“

„Gut, dann Masser Bob warten, bis Spitzbube sein fort von Grund und Boden; dann aber ihn aufknüpfen am nächsten Baum. Masser Bob hier sitzen und gut aufpassen, wenn fortgehen der Dieb; er ihn sicherlich nicht aus den Augen lassen!“

Er setzte sich nieder, doch so, daß er den Mormonen im Auge hatte. Man sah ihm an, daß es ihm mit seiner Drohung völlig Ernst sei. Burton musterte mit ängstlichem Blicke die riesige Gestalt des Negers und wendete sich dann an Helmers:

„Sir, ich bin wirklich unschuldig. Dieser schwarze Master verkennt mich ganz und gar, und ich hoffe, daß ich mich auf Euren Schutz verlassen kann.“

„Verlaßt Euch nicht zu sehr auf mich,“ lautete die Antwort. „Es sind keine genügende Beweise erbracht, und mich geht der Diebstahl überhaupt nichts an, weil ich keinerlei amtliche Eigenschaft besitze. Infolgedessen könnt Ihr ruhig sein, solange Ihr Euch hier befindet. Ich habe Euch aber bereits gesagt, daß Ihr Euch baldigst von dannen machen sollt. Was dann geschieht, das ist mir gleichgültig. Ich kann Master Bob das Recht nicht bestreiten, diese Angelegenheit unter vier Augen mit Euch zu ordnen. Zu Eurer ganz besonderen Beruhigung will ich gern noch versichern, daß ich nicht vor Entsetzen in Ohnmacht fallen werde, falls ich Euch morgen unter irgend einem Baume begegnen sollte, dessen stärkster Ast Euch zwischen Hals und Binde geraten ist.“

Damit war die Sache für einstweilen abgethan. Der Mormone wendete sich seinem Mahle wieder zu, aber er aß möglichst langsam und mit bedeutenden Pausen, um die ihm gewährleistete Sicherheit möglichst lange zu genießen. Bobs rollende Augen ließen kaum einen Augenblick von ihm, und Bloody-fox, welcher sich äußerlich ganz passiv verhalten hatte, fixierte ihn noch ebenso wie vorher. Der junge Mann mußte ein ganz eigenartiges Interesse an dem angeblichen Mormonen finden.

jetzt war jeder mit dem Essen und mit seinen eigenen Gedanken so beschäftigt, daß die Unterhaltung vollständig stockte. Und als später Frank das vorher abgebrochene Gespräch über die Llano estakata wieder in Fluß bringen wollte, wurde er durch das abermalige Erscheinen eines Ankömmlings daran verhindert.

„Euer Haus scheint ein sehr besuchtes zu sein, Master Helmers,“ sagte er. „Dort kommt schon wieder ein Horsemann, der es auf Euch abgesehen hat.“

Der Wirt wendete sich rückwärts, um nach dem Reiter zu sehen. Als er denselben erkannte, sagte er in lebhaftem Tone:

„Das ist einer, den ich stets willkommen heiße, ein tüchtiger Kerl, auf den man sich in jeder Beziehung verlassen kann.“

„Wohl ein Trader, wie es scheint, der bei Euch seine verkauften Waren erneuern will?“

„Meint Ihr das, weil er zu beiden Seiten des Sattels so große Taschen hängen hat?“

„Ja.“

„So irrt Ihr Euch. Er ist kein Händler, sondern einer unserer vorzüglichsten Scouts, den Ihr kennen lernen müßt.“

„Vielleicht ist mir sein Name bekannt.“

„Wie er eigentlich heißt, weiß ich nicht. Man nennt ihn allgemein den Juggle-Fred, und er hat noch nie etwas gegen diesen Namen eingewendet.“

„Ein eigentümlicher Name 1 Warum hat er denselben erhalten?“

„Weil er Hunderte von Kunststücken zu machen versteht, über welche man in das größte Erstaunen geraten kann. Die dazu gehörigen Apparate führt er eben in den Euch auffälligen Taschen bei sich.“

„Also ein reisender Taschenspieler, welcher bei Gelegenheit den Führer und Pfadfinder macht?“

„Grad umgekehrt: Ein ausgezeichneter Fährtenläufer, welcher seine Gesellschaft gelegentlich mit Kunststücken unterhält. Wer ihm eine Bezahlung für die letzteren bieten wollte, würde ihn außerordentlich beleidigen. Er scheint mit berühmten Prestidigitateurs gereist zu sein und ist auch der deutschen Sprache vollständig mächtig. Warum er nach dem Westen gekommen ist und auch da verbleibt, während er anderswo durch seine Fingerfertigkeit ein steinreicher Mann werden könnte, das weiß ich nicht, geht mich auch nichts an, doch bin ich überzeugt, daß Ihr Euer Wohlgefallen an ihm haben werdet.“

„Das ist sehr wahrscheinlich, weil er des Deutschen mächtig ist. Sagt ihm nur gleich, daß er sich dieser Sprache hier bedienen kann!“

„Natürlich erfährt er das sofort. Seht ihn Euch nur genau an, besonders seine Augen, welche verschiedene Farben haben. Er ist two-eyed.“

Derjenige, über welchen diese Bemerkungen gemacht wurden, war jetzt nahe herangekommen. Er hielt, nur noch eine kurze Strecke von dem Hause entfernt, sein Pferd an und rief:

„Hallo, alter Lodging-uncle, hast du noch Raum für einen armen Needy-wretch, der seine Zeche nicht bezahlen kann?“

„Für dich ist zu jeder Zeit Platz vorhanden,“ antwortete Helmers. „Komm nur heran; steige vom Ziegenbock herab, und mache es dir bequem. Du wirst dich in angenehmer Gesellschaft befinden.“

Der einstige Taschenspieler überflog die Anwesenden mit prüfendem Blicke und meinte:

„Will es hoffen! Unseren Bloody-fox kenne ich bereits. Der Schwarze macht mir keine Sorge. Der andere kleine Gentleman im Frack und Ladieshut scheint auch kein übler Kerl zu sein. Und der dritte dort, der in den Käse beißt, als ob er eine Igelhaut verzehren müsse, nun, hm, den werde ich wohl noch kennen lernen.“

Es war doch eigentümlich, daß auch dieser Mann sofort ein Mißtrauen gegen den Mormonen äußerte. Er trieb sein Pferd vollends heran und sprang aus dem Sattel. Indem er den Wirt wie einen alten Freund mit beiden entgegengestreckten Händen auf das herzlichste begrüßte, konnte Frank ihn genau betrachten.

Dieser Juggle-Fred war eine selbst hier im fernen Westen auffallende Erscheinung. Das erste, was man an ihm bemerkte, war ein bedeutender Höcker, welcher seine sonst wohlgegliederte Gestalt verunzierte. Sein Körper war von mittlerer Größe und sehr kräftig gebaut, nicht kurzleibig, engbrüstig und langarmig, wie es bei den meisten Buckeligen der Fall zu sein pflegt. Sein rundes, volles, glatt rasiertes Gesicht war tief gebräunt, aber auf der linken Seite arg zerrissen, als ob da einmal eine fürchterliche Wunde kunstwidrig zusammengeflickt worden sei. Und sonderbarerweise waren seine Augen ganz auffallend verschieden gefärbt, denn das linke war vom schönsten Himmelblau, während das rechte die tiefste Schwärze zeigte.

Er trug hohe Büffelkalbstiefel von braunem Leder mit großräderigen mexikanischen Sporen, schwarze Lederhose mit eben solcher Weste und darüber ein blusenartiges Wams von starkem, blauem Tuchstoffe. Um seine Lenden war ein breiter Ledergürtel geschnallt, welcher einer sogen. Geldkatze glich und neben den Patronen, dem Messer und einem Revolver, von bedeutendem Kaliber, allerhand Kleinigkeiten enthielt, deren ein Westmann so notwendig bedarf. Weit über die Stirn herein, so daß man diese gar nicht sehen konnte, saß eine ziemlich neue Bibermütze, von welcher der präparierte Schwanz des betreffenden Tieres hinten bis über den Nacken hernieder hing. Hätte der Mann den Höcker nicht gehabt, so wäre seine Erscheinung eine kräftig angenehme, ja vielleicht eine imponierende gewesen.

Sein Pferd war von Helmers scherzhafterweise als Ziegenbock bezeichnet worden, und dieser Vergleich konnte nicht ein ganz grundloser genannt werden. Das Tier war eine außerordentlich hochbeinige und scheinbar sehr abgetriebene Kreatur. An dem nackten Schwanzstummel, welchen es jetzt tief gesenkt hielt, saßen nur noch einige wenige kurze Haare, die eine außerordentliche Anhänglichkeit für die Stelle haben mußten, welcher sie vor langen Jahren entsprossen waren. Ob das Roß einst ein Rappe, ein Brauner oder ein Fuchs gewesen sei, das vermochte man jetzt nicht mehr zu bestimmen, denn sein Körper war an vielen Stellen vollständig kahl, und da, wo Haare noch vorhanden waren, zeigten sie ein so unbestimmtes Grau, als ob der alte Hengst bereits zur Zeit der Völkerwanderung von irgend einem Sueven oder Gepiden geritten worden sei. Von einer Mähne war keine Spur vorhanden. Der unverhältnismäßig große Kopf hing so weit nieder, daß das Maul beinahe die Erde berührte, und schien die langen, dicken und kahlen Eselsohren kaum tragen zu können, welche wie riesige Lederfutterale sich liebevoll bis an die Unterkiefer schmiegten. Dazu hielt das Tier die Augen geschlossen, als ob es schlafe, und wie es so bewegungslos da stand, war es ein unübertreffliches Bild der Dummheit und bemitleidenswertesten physischen Vermögenslosigkeit.

Nachdem der Besitzer dieses Pferdes dem Wirte die Hände gedrückt hatte, fragte er:

„Also Platz hast du für mich? Ob aber auch ein Essen?“

„Natürlich! Setze dich nur her! Hier ist noch Fleisch genug für dich.“

„Danke! Habe mir gestern den Magen verdorben. Rind ist mir heute zu schwer. Ein junges Huhn wäre mir lieber. Kannst du eins schaffen?“

„Warum nicht. Schau her! Da laufen die Backhühnchen in Masse herum.“

Er deutete auf zwei Völkchen junger Hühner, welche unter dem Schutze ihrer mütterlichen Glucken in der Nähe der Tische umhertrippelten, um die herabfallenden Brocken aufzupicken.

„Schön!“ nickte Fred. „Ich bitte um eins. Deine Housewife mag es mir vorrichten.“

„Dazu hat sie keine Zeit. So ein Ding zu rupfen, ist nicht nach ihrem Geschmacke. Und die Mägde sind in die Maisfelder gegangen.“

„Wer spricht denn vom Rupfen! Das mute ich niemand zu.“

„Soll das Huhn etwa mit den Federn gebraten oder gebacken werden?“

„Mann, was denkst du von mir! Kennst du mich so Schlecht, daß ich dir wie ein Mann vorkomme, welcher nicht weiß, wie man einem Huhne die Federn nimmt? Wenn aber du es noch nicht wissen solltest, so will ich es dir zeigen.“

Er nahm sein Doppelgewehr vom Sattelknopfe, wo er es hängen hatte, legte auf eins der Hühnchen an und drückte ab. Als der Schuß krachte, bewegte sein Pferd nicht einmal eins der geschlossenen Augenlieder. Es schien so stocktaub zu sein, daß es selbst einen in solcher Nähe abgegebenen Schuß nicht hören konnte.

Das Huhn war tot zusammengebrochen. Der Mann hob es auf und zeigte es vor. Es hatte zu aller Erstaunen nicht eine einzige Feder mehr und konnte sofort ausgenommen und gebacken werden.

All devils!“ lachte Helmers. „Dieses Mal hast du mich doch überrumpelt. Konnte es mir doch denken, daß es wieder auf eines deiner Kunststücke abgesehen war. Aber wie hast du das denn angefangen?“

„Mit dem Fernrohre.“

„Unsinn! Hast ja mit der Büchse geschossen.“

„Allerdings. Aber vorher habe ich Euch aus der Ferne durch mein Taschenteleskop beobachtet und auch das junge Hühnervolk bemerkt. Natürlich traf ich sogleich Vorbereitung, mich als Tausendkünstler bei Deinen heutigen Gästen einzuführen.“

„Darf man diese Vorbereitung kennen lernen?“

„Warum nicht? Es ist ja nur Spielerei. Lade einen tüchtigen Schuß grobe Iron-filings anstatt der Kugel oder des Schrotes, und ziele so, daß die Ladung den Vogel von hinten nach vorn überfliegt, so werden die Federn, falls sie nicht bereits zu stark sind, vollständig abrasiert und abgesengt. Du siehst, man braucht nicht die schwarze und weiße Magie studiert zu haben, um ein sogenannter Zauberkünstler zu sein. Übrigens galt es nur, mich mit Effekt bei diesen Gentlemen hier einzuführen; das Hühnchen mag ich nicht. Ich halte mich lieber auch an Deinen Lendenbraten. Hoffentlich ist es erlaubt, mich mit herzusetzen?“

„Natürlich! Diese beiden Gentlemen sind Freunde von mir, gute Bekannte von Old Shatterhand, den sie hier erwarten!“

„Old Shatterhand?“ fuhr der Juggle-Fred auf. „Ist das wahr?“

„Ja. Auch der dicke Jemmy will kommen.“

Heigh-day! Das ist ja eine Nachricht, wie man sie gar nicht besser hören kann! Habe diesen Old Shatterhand längst einmal zu sehen gewünscht, wenn auch nur so von weitem, denn gegen den muß unsereiner in der Ferne bleiben. Daß dieser Wunsch mir jetzt erfüllt werden kann, ist mir lieber, als ob ich eine Goldbonanza entdeckt hätte. Es freut mich unendlich, daß ich grad zur richtigen Zeit hierher gekommen bin.“

„Ebenso wird es Dich freuen, wenn du erfährst, daß dieser Sir ein Deutscher ist. Er heißt Frank und ist ein Kollege von ––“

„Frank?“ unterbrach ihn der Zauberkünstler. „Etwa gar der Hobble-Frank?“

„Sapperment!“ rief da der kleine Sachse. „Sie kennen also meinen Namen? Wie is das eegentlich die Möglichkeit?“

Er hatte deutsch gesprochen; darum antwortete der Juggle-Fred in derselben Sprache:

„Darüber brauchen Sie sich gar nicht zu wundern. Früher waren andere Zeiten; da geschahen gute und schlimme Heldenthaten in Menge hier im fernen Westen, und bei den mangelhaften Verbindungen, welche es gab, kam die Kunde davon nur sehr langsam vorwärts. Aber jetzt, wenn einmal etwas Hervorragendes geleistet wird, fliegt die Nachricht davon im Nu von den Seen bis Mexiko und vom alten Frisco bis nach New York. Ihr kühner Zug nach dem Yellowstonepark ist bereits weit bekannt, und Ihre Namen sind es natürlich auch. In jedem Fort, in jedem Settlement, an jedem Lagerfeuer, an welchem wenigstens zwei bei einander saßen, wurde von Ihrem Ritte und den einzelnen Personen, welche an demselben teilnahmen, erzählt, und so dürfen Sie sich nicht wundern, daß ich Ihren Namen kenne. Ein Fallensteller, welcher hoch droben am Spotted-Tail-Wasser mit Moh-aw, dem Sohne Tokvi-teys, gesprochen hatte und jetzt tief herab nach Fort Arbukle gekommen war, hat allen, die er traf, und zuletzt auch mir die Geschichte so ausführlich erzählt, wie er sie selbst gehört hatte.“

„Hören Sie,“ meinte Hobble-Frank, „wer weeß, was da alles vom Spotted-Tail-Wasser bis zum Fort Arbukle an die Geschichte gehängt worden is. Da wird aus eener Maus een Eisbär, aus eenem Regenwurm eene Riesenschlange und aus eenem bescheidenen Biberjäger zuletzt gar een hoch berühmter Hobble-Frank. Ich will’s ja gern zugeben, daß mir die reenen Herkulesse und Minotaurusse gewesen sind, aberst mehr, als wahr is, das laß ich mir nich gern nachsagen. Den Helden ziert die Tugend der rückhaltlosesten Bescheidenheit. Darum muß ich alles hinzugefügte offs schtrengste von mir abweisen und mich mit dem Krönungsmantel meiner eegenen persönlichen Würde und Vorzüglichkeet begnügen. Wenn man das nich thäte, so getraute es sich zuguterletzt keen Mensch mehr mit unsereenem zu schprechen und zu reden. Darum habe ich den Beschluß gefaßt, so herablassend und populär wie möglich zu sein, und ich hoffe, daß Sie das bei meinen berühmten Kenntnissen und Begebenheeten doppelt anerkennen werden. Weiter will ich an dieser Schtelle und zu dieser Schtunde gar nichts sagen, denn schon Nebukadnezar, welcher der Gott des Donners bei den alten Deutschen war, hat gesagt: Reden is bloß Silber, Schweigen aber is een Fufzigmarkschein!“

Fred machte ein ziemlich verblüfftes Gesicht und blickte Helmers fragend an. Dieser raunte ihm die erklärenden Worte „ein liebenswürdiges Original“ zu, worauf der Jugglemann nun wußte, wie er sich zu verhalten habe. Darum sagte er, indem er die treuherzigste und unbefangenste Miene zeigte:

„Es bedarf gar keiner Erklärung von Ihrer Seite. Ich habe bereits von dem erwähnten Berichterstatter vernommen, welch ein Ausbund von Bescheidenheit Sie sind. Das stellt natürlich Ihre Vorzüge in ein dreifach helles Licht und verzehnfacht mein Vergnügen, Sie hier kennen zu lernen. Ich wünsche von ganzem Herzen, als Freund von Ihnen an- und aufgenommen zu werden. Bitte, geben Sie mir Ihre Hand!“

Der streckte Frank die Hand entgegen. Dieser aber zog die seinige schnell zurück und antwortete:

„Halt, mein Bester, nich gar zu eilig! Was die Freundschaft betrifft, so nehme ich sie sehr ernst, denn sie is dasjenige der tragischen Temperamente, off welchem das erhabene Wohlbefinden der chemisch sophistischen Geistesbeziehungen aller irdischen Harmonie beruht. Ich habe da sehre trübe Erfahrungen gemacht und werde mich in Zukunft nur erst nach langer und eingehender Prüfung mit eener Seele vereinigen, die sich mit der wahren und wirklichen Bildung zusammengeschmolzen hat. Die Halbbildung verursacht doch nur unreenes Blut. Wenn ich mir eenmal een Möbelmang koofe, so muß es ooch von echtem Nußboom sein. Und grad so is es in Beziehung off das seelisch animalische Gebiet der freundschaftlichen Depressionen. Ehe wir nun uns also Schmollis und Vizudit nennen, muß ich Sie erscht genauer kennen lernen.“

„Ganz wie Sie wollen, Master Frank! Ich gebe Ihnen im allgemeinen sehr recht, zweifle aber auch keinen Augenblick daran, daß wir uns recht bald innig zugethan sein werden.“

„Das möchte ich vielleicht ooch glooben, denn ich habe da von Herrn Helmers erfahren, daß Sie een weitgereister und kunstsinniger Mann sind. Sie sollen ja der reenste Bosco sein!“

„Bosco? Haben Sie von diesem Künstler gehört?“

„Nur gehört? Gesehen habe ich ihn sogar und mit ihm gesprochen!“

„Ah! Wo denn?“

„Nun, Sie wissen vielleicht, daß er in der Nähe von Dresden gewohnt hat, wo er dann bei seinem Tode ooch gestorben is. Dort kannte ihn jedermann. Er kam ooch zuweilen nach Moritzburg, um sich die dortigen Ledertapeten und Hirschgeweihe im Jagdschlosse anzusehen. Wissen Sie, es gibt dort Geweihe von 24 bis 50 Enden und sogar eenen gradezu menschtrösen Sechsundsechzigender. Nachher pflegte er schtets im Gasthofe á la Quarte zu schpeisen. Ich war ooch oft da, weil ich dort mit dem Schulmeester, dem Nachtwächter und dem Hausknechte unser akademisch-Iinguistisch-phänomentales Kränzchen abhielt. Wir waren vier durschtige Geister, die nach Höherem schtrebten und Verlangen trugen, aus den halluzinatorischen Rhomboiden des Alltaglebens in eene lichtere Vivisektion empor zu schweben. Dort nun traf ich ooch eenmal mit dem berühmten Bosco zusammen. Er saß vorn und ich hinten, aberst unsere Regenschirme schtanden höchst vertraulich nebeneinander. Ich ging eher fort als er und vergriff mich falsch, denn ich kriegte seinen seidenen Parapluie in die Hand und ließ dafür meinen scharlachwollenen mit blauer Kante liegen. Er bemerkte es noch zur richtigen Zeit und rief mir zu: „Dummkopf, machen Sie doch die Augen auf! Meinen Sie etwa, daß ich Ihr feuerrotes Vizinaldach nach Dresden schleppen soll!“ Ich wechselte natürlich die Verwechselung sofort wieder um, sagte eenige entschuldigende, geistreiche Worte, machte ihm eene tiefe, höfliche Referende und schwenkte mich befriedigt zur Thüre hinaus. Dem Laien mögen seine Worte vielleicht nich grad übermäßig höflich vorkommen; der Eingeweihte aberst weeß sehr genau, daß so een großer Geist nur in geflügelten Worten schpricht, an welche een intermeetierend sensitiverer Maßschtab gelegt werden muß. Sie als gebildeter Erdenbürger und geographisch politischer Schutzverwandter werden das begreifen und mir das Testimonikum pauperenzia geben, daß ich mit dem allergrößten Rechte schtolz off diese Abendunterhaltung mit dem großen Künstler sein kann.“

„Gewiß, das bestätige ich,“ nickte der Juggle-Fred.

„Schön! ich danke Ihnen! Aus dieser Ihrer einschtimmigen Bereitwilligkeet zur Befestigung meiner angeschtammten Ehre und Remuneration ersehe ich mit scharfem Bücke, daß die Natur Sie ooch mit eenigen Gaben bedacht hat, welche noch zur schönsten Entwickelung kommen können, wenn Sie sich entschließen wollen, die westgotisch-byzantinische Loofbahn zu betreten, welche ich mit siegreichen Schritten zurückgelegt habe. Wenn Ihr geistiges Ahnungsvermögen vielleicht eenmal in eener philosophischen Attitüde schtecken bleiben sollte, so wenden Sie sich nur getrost an mich; ich werde Ihnen mit Vergnügen beischpringen und Sie sofort von der niederträchtigen Philomele befreien.“

„Philomele? Wieso?“

„Wissen Sie nich was Philomele is?“

„O doch. Es ist der dichterische Name für die Nachtigall.“

„Nachtigall? Sind Sie denn bei Troste! Was hat denn die Nachtigall mit der Hölle zu thun? Philomele war der Höllenhund, welchen der Cerberus zwischen seinen Beenen totgedrückt hat.“

„Ach so!“ meinte Fred, welcher sich anstrengen mußte, sein Lachen zu verbeißen. „Und wer war denn der Cerberus?“

„Das wissen Sie ooch nich? Nun, da können Sie von mir freilich gewaltig profitieren. Der Cerberus war eener von den beeden Dioskuren, welche die Schutzpockenimpfung erfunden haben. Der andere Dioskur war derjenige, welcher nach der Schlacht an der Alma sagte: jedem ein Ei, aber dem braven Silbermann zwei, denn er hat die Ziehharmonika erfunden! Solche Oogenblicke aus der vergangenen Weltgeschichte ––“

„Sie meinen wohl nicht die Ziehharmonika,“ fiel Fred ein. „Silbermann war ein Orgelbauer, welcher in Frauenstein in Sachsen geboren wurde.“

„Ganz richtig, ganz richtig! Aber eben weil er Orgelbauer war, is es ihm so leicht geworden, die Ziehharmonika zu erfinden. Er hat die erschte zu Napoleon gebracht, um sie ihm zu schenken; der aber hat ihn mit derselbigen schtolz wie een dummer Schpanier abgewiesen. Schpäter aber mußte er es bitter bereuen. Er wurde in der Völkerschlacht bei Cannä gefangen und von den Engländern nach der Felseninsel St. Helena geschafft. Unterwegs sagte er zum alten Derfflinger, der ihm alleene treu geblieben war: Als ich Silbermann mit seiner Ziehharmonika aus Kalkutta wies, habe ich meine Kaiserkrone weggeworfen.

jetzt konnte Fred sich nicht länger halten. Er brach in ein schallendes Gelächter aus, und Helmers fiel herzlich in dasselbe ein.

„Was gibt es denn zu lachen?“ fragte Hobble-Frank, halb erstaunt und halb zornig.

„Sie sind ja der reine Konfusionsrat!“ antwortete Fred.

„O bitte sehr! Es heeßt Kommissionsrat. Aberst der bin ich nich. Ich mache überhaupt nie eenen Anspruch auf Titulaturen, die mir nich gehören.“

„Das meine ich nicht. Ich wollte nur sagen, daß Sie die entgegengesetztesten Daten und Personen der Weltgeschichte miteinander verwechseln.“

„Was? Ich? Wie? Verwechseln? Wieso denn? Wollen Sie die Gewogenheet haben, mir das zu beweisen?“

„Sehr gern. Fulton, der Schöpfer der heutigen Dampfschiffahrt, hatte Napoleon seine Erfindung angeboten, war aber von demselben nicht berücksichtigt worden. Darum sagte später der Kaiser, als er dieses Fehlers gedachte: Als ich Fulton aus den Tuilerien wies, habe ich meine Kaiserkrone weggeworfen. Silbermann aber hat gar nicht zur damaligen Zeit gelebt.“

„So! Ach so! Meenen Sie! Wie schön Sie sich das zurecht gelegt haben! Aber mir, dem Hobble-Frank, dürfen Sie mit solchem Krimskrams nich kommen. Ich habe meine Weitgeschichte fest im Sacke! Nich mal mit eenem halben Ooge darf sie mir herausgucken. Es is ganz unmöglich, daß ich mich irren kann. Das mögen Sie sich für alle Zukunft merken, wenn wir wirklich gute Freunde werden wollen. Eene Blamage dulde ich nich, denn das geht mir gegen den Schtrich. Ich weeß ganz genau, daß die Weltgeschichte das Allerhöchste is, was die Menschheit zu leisten vermag, und schtimme dem alten Solon bei, der die Chladnischen Klangfiguren entdeckt hat und noch schterbend ausrief: Die Weltgeschichte is das Oberappellationsgericht mit drei Advokaten! Darum habe ich mich mit dem eisernsten Fleiß grad off die Weltgeschichte gelegt. Ich habe den Leuniß gelesen und den Robinson, Pierer’s Konversationslexikon und den Kladderadatsch, Sohrs Atlas und den alten Schäfer Thomas. Off diese Weise bin ich erscht mit Verschtand so langsam um die Weltgeschichte herumgegangen und habe mich nachher so successive hineingeschlichen, bis ich endlich grad im Mittelpunkte schtecken blieb. Ihr aber wollt mit allen Beenen zugleich und off eenmal hineinschpringen und bleibt infolgedessen schon am Rande kleben. Die Weltgeschichte muß sehr pfiffig angepackt werden. Sie darf gar nichts merken, daß man sich groß mit ihr abgeben will, sonst wird sie scheu und wirft eenen aus dem Sattel. Ich hab’s richtig angefaßt und sitze fest. Ihr aber liegt unten und denkt trotzdem, wunder was Ihr leisten könnt. Und was den Silbermann betrifft, so bin ich als geborener und anhänglicher Sachse sein Landsmann und muß also am allerbesten wissen, wie es sich mit seiner Ziehharmonika verhalten hat. Und mit Fulton dürfen Sie mir erst recht nich kommen. Den kenne ich inwendig und ooch auswendig. Er is der Dichter des schönen Abendliedes von der goldenen Abendsonne, welches drüben in Deutschland jedes Schulkind singen lernt. Der erste Vers lautet:

Wer hat dich, du schöner Wald, Offgebaut so schön?
Nie kann, wenn die Büchse knallt, Deinen Glanz ich sehn!

Und jetzt nach diesem Alibibeweise werden Sie so rechtlich denkend sein, mir zuzugeben, daß ich Sie in den Wissenschaften überflügelt habe und Ihnen ganz besonders in der Weltgeschichte überlegen bin. Nich?“

„Ja, wir geben es zu,“ lachte Fred. „Sogar in der Dichtkunst sind Sie unser Meister. Sie haben es in derselben, wie ich eben hörte, so weit gebracht, die Anfänge dreier Volkslieder in einer einzigen Strophe zu bringen.“

„O, das is gar nich schwer. Bei mir kommen die Jamben eben nur so gesäuselt. Ich gloobe nich, daß ich mich in Beziehung off die Künste und Wissenschaften vor eenem anderen zu verstecken brauche. Ich habe sogar schon off dem Kamme geblasen. Doch will ich mich nich etwa überheben. Das sind angeborene Vorzüge, off welche sich een bescheidener Charakter nichts einbildet, und darum nehme ich es Ihnen ooch gar nich etwa übel, wenn Sie sich mal von Ihrem Irrtume hinreißen lassen, zu denken, daß Sie gescheiter sind, als ich es bin. Da habe ich gern Nachsicht, denn ich weeß doch, wer ich bin, und denke im Schtillen bei mir: Ubi bene, ibi patria, zu deutsch: Ohne Beene kann man nich aus dem Vaterlande. Und da ich so glücklich aus dem meinigen gekommen bin, so muß ich doch also een Kerl sein, der, sozusagen, Arme und Beene, Hände und Füße hat.“

„Ja, das sind Sie, und das haben Sie. Am allermeisten aber gefällt mir an Ihnen, daß Sie meinen Lehrmeister gekannt haben.“

„Bosco? Er is Ihr Meester gewesen?“

„Ja, obgleich dieser Ausdruck etwas nach Handwerk klingt. Ich habe mehreren seiner berühmten Kollegen assistiert und mit ihnen fast ganz Europa und Nordamerika bereist.“

„Und was sind Sie denn vorher gewesen?“

„Erst besuchte ich das Gymnasium, wo ich – – –“

„O weh!“ fiel Frank ihm in die Rede. „Das is keene Empfehlung für Sie.“

„Warum?“

„Weil ich eene schtarke Idiosympathie gegen alles habe, was Gymnasiast gewesen is. Diese Leute überheben sich. Sie glooben nich, daß een Forschtbeamter ooch een Koryphäus werden kann. Ich habe das schon wiederholt erfahren. Natürlich aberst is es mir schtets kinderleicht geworden, diese Leute zu überzeugen, daß ich der Mann bin, mit Gigantenschritten über sie hinwegzuschteigen. Also so eene kleene Art von Schtudium haben Sie ooch durchgemacht?“

„Ja. Vom Gymnasium weg widmete ich mich auf den Rat meiner Gönner hin der Malerei und besuchte die Akademie. Ich hatte recht gute Anlagen, aber leider keine Ausdauer. Ich ermüdete und stieg von der wirklichen Kunst zu einer sogenannten herab – ich wurde Kunstreiter.“

„O wehe! Da können Sie mir freilich leid thun!“

„Ja, ja,“ nickte der Juggle-Fred ernst. „Ich war ein flotter Kerl, aber ohne Kraft und inneren Halt. Mit einem Worte, ich war leichtsinnig. Tausend und tausend Male habe ich es bereut. Was könnte ich heute sein, wenn ich es fest gewollt hätte!“

„Nun, die Begabung haben Sie wohl noch heute. Fangen Sie wieder an!“

„Jetzt? Wo die jugendliche Elastizität verloren gegangen ist? Übrigens habe ich hier eine Aufgabe zu lösen, weiche mich im Westen festhält.“

„Darf man erfahren, welche Aufgabe das ist?“

„Ich spreche nie davon und will Ihnen nur sagen, daß ich eine Person finden will und finden muß, nach welcher ich bisher vergeblich gesucht habe.“

„So könnte es Ihnen nur Nutzen bringen, wenn Sie mir sagen wollten, von welcher Person Sie reden.“

„Das ist mein Geheimnis.“

„Schade, sehr schade! Ich werde in den nächsten Tagen mit Leuten zusammenkommen, welche fast jeden Winkel des Westens kennen. Von ihnen könnten Sie Rat und That erwarten. Ich denke dabei natürlich an Old Shatterhand, an den dicken Jemmy, den langen Davy, an Winnetou, welcher ––“

„Winnetou?“ fiel Fred ein. „Meinen Sie den berühmten Apachenhäuptling?“

„Ja!“

„Ach richtig! Den müssen Sie ja auch kennen, weil er sich an jenem gefährlichen Ritte beteiligt hat. Also auch mit ihm treffen Sie zusammen?“

„Gewiß!“

„Wo?“

„Das hat er nur mit Old Shatterhand besprochen. Vermutlich aber wird es jenseits der Llano estakata sein.“

„Hm! Dann hoffe auch ich, ihn zu sehen. Ich will nämlich über die Staked Plains.“

„Allein?“

„Nein! ich bin von einer Gesellschaft engagiert, welche ich hinüber und dann noch bis EI Paso führen soll.“

„So sind es keine Westmänner, da sie eines Führers bedürfen?“ fragte Helmers.

„Nein. Es sind Yankees, welche hinüber wollen, um drüben in Arizona ein gutes Geschäft zu machen.“

„Doch nicht etwa in Diamanten?“

„Ja, grad in dieser Ware. Sie scheinen bedeutende Summen bei sich zu führen, um die Steine an Ort und Stelle billig einzukaufen.“

Helmers schüttelte den Kopf und fragte dann:

„Glaubst du denn an diese Diamantenfunde?“

„Warum nicht?“

„Hm! Ich meinerseits halte die ganze Geschichte für einen riesigen Humbug.“

Er hatte ganz recht. Zu jener Zeit tauchten plötzlich Gerüchte auf, daß in Arizona Diamantfelder entdeckt worden seien. Es wurden Namen von Personen genannt, welche durch glückliche Funde in wenigen Tagen steinreich geworden seien. Man zeigte auch Diamanten, wirkliche und zum Teil sehr kostbare Diamanten vor, welche dort gefunden worden sein sollten. Dieses Gerücht ging durch die ganze Breite des Kontinentes im Laufe einiger Wochen, ja einiger Tage. Die Diggers von Kalifornien und der nördlichen Distrikte verließen ihre einträglichen Diggins und eilten nach Arizona. Aber schon hatte sich die Spekulation des Feldes bemächtigt. Es waren in aller Eile Gesellschaften gebildet worden, welchen Millionen zur Verfügung standen. Die Diamantfelder sollten angekauft werden, damit man die Ausbeute derselben im großen betreiben könne. Kein Klaim sollte abgegeben werden. Agenten flogen hin und her, mit Demantproben in der Hand, welche man an den betreffenden Stellen nur so aufgelesen haben wollte. Sie schürten aus allen Kräften, und in kürzester Zeit wurde das Diamantfieber hochgradiger, als das Goldfieber es jemals gewesen war.

Vorsichtige Leute aber hielten ihre Taschen zu, und der Rückschlag, welchen sie vorhersagten, trat auch sehr bald ein. Der ganze, große Schwindel war von einigen wenigen, aber höchst „smarten“ Yankees in Szene gesetzt worden. Sie waren aufgetaucht, ohne daß man sie kannte und sie verschwanden wieder, ohne daß man sie inzwischen kennen gelernt hatte. Mit ihnen waren natürlich auch die Millionen verschwunden. Die Aktionäre fluchten vergeblich. Die meisten leugneten, Aktien besessen zu haben; sie wollten sich nicht auch noch auslachen lassen. Die so schnell berühmt gewordenen Diamantfelder lagen wieder öde wie vorher, und die ge- und enttäuschten Goldgräber kehrten nach ihren Diggins zurück, um dort zu finden, daß sich indessen andere da eingenistet hatten, welche klüger gewesen waren als sie. Damit war die Sache zu Ende, und niemand sprach mehr von ihn

Es war kurz nach Beginn dieses Diamantfiebers, daß die bisher geschilderten Szenen sich vor der Thüre von Helmers Home abspielten. Der Farmer gehörte zu denen, welche dem Gerüchte keinen Glauben schenkten. Der Juggle-Fred hingegen meinte:

„Ich will jetzt noch nicht an der Wahrheit zweifeln. Hat man anderswo Diamanten gefunden, warum sollten nicht auch in Arizona welche liegen. Mich freilich gehen sie nichts an. Ich habe anderes zu thun. Was sagen denn Sie dazu, Master Frank? Das Urteil eines Mannes von Ihrem Scharfsinne, Ihren Erfahrungen und Kenntnissen kann uns nur maßgebend sein.“

Hobble-Frank antwortete geschmeichelt:

„Es freut mich, daß Sie sich vertrauensvoll an mich wenden, denn bei mir sind Sie an die eegentlich richtige Schmiede gekommen. Bei dieser Gelegenheet könnte ich prächtig mit meinen mineralogisch idealen Kenntnissen glänzen. Ich könnte Ihnen entwickeln, wie der Diamant aus Luft, Kreide, Kochsalz und Glas entschteht, wodurch er nämlich durchsichtig wird, aberst ich weeß, daß Sie zu wenig Vorschtudien gemacht haben, um meinen eleganten, provisorischen Konschtruktionen folgen zu können. Ihr Geist is nich genug an solche plastische Schpektralmethoden gewöhnt und könnte leicht Halluzinationen an den Oogen und Ohren bekommen. Ich könnte Ihnen ooch sagen, wie der Diamant geschliffen wird, indem man nämlich von alten Zündholzschachteln das Sandpapier abreißt und ihn damit nach und nach abreibt; aber ooch das erfordert eene unmangelhafte Behendigkeit des Begriffsvermögens. Darum will ich ohne alle Umschweife den Ochsen an den Hörnern aus dem Schtalle ziehen, aus welchem Gleichnisse Sie ersehen werden, daß Sie dasjenige, was Sie wissen wollen, gleich hören werden. Ich bin nämlich der Ansicht, daß es um den Diamant freilich eene ganz schöne Sache is; aber es gibt außer ihm noch andere Sachen, die ebenso hübsch sind. Im Oogenblicke des Heeßhungers is mir eene geräucherte thüringer Servelatwurscht lieber als der größte Diamant. Und habe ich Durscht, so kann ich ihn mit keenem Brillanten löschen. Und kann der Mensch etwa mehr, als sich satt essen und satt trinken? Ich bin mit mir und mit meinem Schicksale leidlich gut zufrieden. Ich brauche keene Edelschteene nich. Oder sollte ich sie etwan zum Schtaate an meinen Amazonenhut hängen? Da habe ich eene Feder droff, und die genügt vollschtändig. Also, wenn ich wüßte, daß ich drüben in Arizona eenen Edelschteen finden thäte, so groß wie ungefähr das Heedelberger Faß oder wenigstens wie een ausgewachsener Kürbis von drei Zentnern Schwere, da ginge ich hinüber und holte mir ihn. Kleener aberst möchte ich ihn schon gar nich haben; das wäre mir viel zu deschpektierlich. Nun aberst gar nich zu wissen, ob man überhaupt was findet, und wenn man eenen findet, so is es een Knirps, so groß wie een Mohnkörnchen, nee und nein, da bringt mich keen Mensch nach die Diamantfelder. Also eenen, welcher drei Zentner wiegt, oder gar nichts; das is so meine unmaßgebliche Meenung und jeder vernünftige Mensch wird mir da freudig beistimmen. Wir sind Deutsche und brauchen keene Diamanten, denn een jeder von uns hat eenen Edelschteen in seiner Brust, nämlich das treue, deutsche Herz, von welchem der Dichter sagt:

Kein Demant ist, der diesem gleicht, So weit der liebe Himmel reicht.

Und wer von Ihnen mir da widerschprechen will, der mag es doch mal versuchen; ich aber rate ihm nich dazu, weil er seine Gliedmaßen hier in der Gegend hübsch langsam zusammenlesen müßte.“

„Brav gesprochen!“ rief Helmers, indem er dem kleinen Sachsen die Hand reichte. „Es ist wohl ganz undenkbar, daß ich jemals wieder in das Vaterland zurückkehren werde. Ich bekomme es niemals wieder zu sehen, aber mein Herz fliegt stündlich hinüber. Ihr habt sehr recht mit dem Edelsteine, und darum soll es uns gar nicht einfallen, uns um die Diamanten zu bekümmern, welche in Arizona gefunden worden sein sollen. Deine Gesellschaft, Fred, welche du hinüberführen sollst, wird wohl nicht die besten Geschäfte machen. Es wäre jedenfalls besser gewesen, wenn diese Leute mit ihrem vielen Gelde zu Hause geblieben wären. Sie können es sehr leicht los werden, ohne einen einzigen Diamanten dafür zu erhalten. Kluge Kerls scheinen es überhaupt nicht zu sein.“

„Warum?“

„Weil sie es sich merken lassen, daß sie bedeutende Mittel bei sich führen. Das ist stets und überall nicht wohlgethan, hier aber noch dümmer als anderswo.“

„Also die Leute wollen nachkommen? Wann werden sie hier eintreffen?“

„Morgen nach Mittag, wie ich vermute. Sie hatten noch zwei Packpferde zu kaufen, wozu wenigstens ein halber Tag gehört. Darum bin ich vorausgeritten, um die Zeit bis morgen lieber bei dir zuzubringen.,“

„Daran hast du sehr wohlgethan, alter Freund. Wie viel Personen sind es denn?“

„Es sind ihrer sechs, von denen einige ein etwas grünes Aussehen und Benehmen haben, was mir aber natürlich sehr gleichgültig ist. Sie scheinen aus New Orleans zu kommen und sich einzubilden, daß sie mit Millionen wieder dorthin zurückkehren werden. Sie benehmen sich etwas übermütig, doch geht mich das nichts an. Sie bezahlen mich, und alles übrige kann mir sehr gleichgültig sein.“

„Werden sie denn den Weg zu mir finden?“

„Sicher, denn ich habe ihnen denselben so genau beschrieben, daß sie gar nicht irren können. Ah, Bob, was gibt es?“

Diese letztere Frage galt dem Neger.

Der Tag hatte sich nämlich indessen zur Rüste geneigt, und die Dämmerung, welche in jenen Gegenden eine außerordentlich kurze ist, war hereingebrochen. Es war bereits so düster, daß man nicht mehr sehr weit zu sehen vermochte. Bob und Bloody-Fox hatten trotz des sehr anregenden Gespräches den Mormonen stets im Auge behalten. Dieser war bemüht gewesen, sich so zu stellen, als ob er gar nicht auf das Gespräch achte, und da die anderen wohl der Meinung waren, daß ein Mormone, dessen ganzes Wesen ihn als Yankee erschienen ließ, die deutsche Sprache wenig oder gar nicht verstehe, so hatten sie so laut gesprochen, daß es ihm möglich war, jedes Wort zu verstehen.

Zu den Überschwenglichkeiten des Hobble-Frank hatte er keine Miene verzogen, und das war ganz geeignet, den Glauben zu verstärken, daß er überhaupt nichts verstehe. Aber sobald die Rede auf die Diamantfelder gekommen war, war er auf seiner Bank langsam und unmerklich näher gerückt. Und als dann der Juggle-Fred von den sechs Männern sprach, welche er durch die Llano estakata führen sollte, hatten seine Züge den Ausdruck großer Spannung angenommen. Bei der Bemerkung, daß diese sechs viel Geld bei sich zu führen schienen, hatte ein Lächeln der Befriedigung um seine dünnen Lippen gespielt, was aber wegen der eingetretenen Dämmerung nicht zu bemerken gewesen war.

Zuweilen hatte er den Kopf erhoben, als ob er horche, und seinen Blick ungeduldig nach der Gegend gerichtet, aus welcher er gekommen war. Er wußte, daß er sich so ziemlich als einen Gefangenen zu betrachten habe, denn die Augen des Negers blieben beständig auf ihn gerichtet. Auch daß der Bloody-Fox ihn scharf fixierte, bemerkte er. Es wurde ihm von Minute zu Minute unheimlicher. Er mußte an die Drohung des Negers denken, und er traute dem Schwarzen die Ausführung derselben zu.

jetzt nun, da es fast dunkel geworden war, schien es ihm möglich zu sein, sich schnell auf und davon machen zu können, was später sicher viel schwieriger auszuführen war, da Bob wohl bei völliger Dunkelheit irgend eine Maßregel ergreifen werde, welche geeignet war, ihn nicht entkommen zu lassen. Darum langte er jetzt nach dem Päckchen, welches er mitgebracht hatte, und zog es allmählich zu sich heran. Er wollte dann plötzlich aufspringen und mit schnellen Sprüngen um die Ecke des Hauses biegen. War er einmal hinter dem dort stehenden Gesträuch verschwunden, so hatte er irgend welche Verfolger wohl kaum mehr zu fürchten.

Aber er hatte sich in Bob verrechnet. Dieser war wie die meisten Neger, welche einen einmal gefaßten Entschluß mit größter Beharrlichkeit zu verfolgen pflegen. Der Schwarze hatte wohl bemerkt, daß der Mormone sich des Päckchens zu versichern strebte und erhob sich, eben als der letztere aufspringen wollte, so schnell von seinem Sitze, daß er Helmers fast umgerissen hätte. Daher die Frage des Wirtes an ihn, was es denn gebe. Bob antwortete:

„Masser Bob haben sehen, daß Dieb fort wollen. Greifen schon nach Paket. Wollen schnell entspringen. Masser Bob aber ihn auf anderem Grund und Boden niederschlagen, darum mit ihm gehen und ihn nicht aus den Augen lassen.“

Er setzte sich auf das äußerste Ende der Bank, so daß er sich, obgleich der Mormone am anderen Tische saß, ganz nahe bei demselben befand.

„Laß den Kerl lieber laufen!“ mahnte der Wirt. „Er ist es vielleicht gar nicht wert, daß du so auf ihn achtest.“

„Massa Helmers haben recht. Er es nicht wert sein, aber Geld es wert sein, welches er haben gestohlen. Er nicht fortkommen, ganz gewiß nicht ohne Begleitung von Masser Bob!“

„Wer ist denn eigentlich dieser Kerl?“ fragte der Juggle-Fred leise. „Er hat mir gleich im ersten Augenblick nicht gefallen. Er hat ganz das Aussehen eines Wolfes, welcher im Schafskleide umherläuft. Als ich ihn erblickte, war es mir ganz so, als ob ich diese scharfe, spitze Physiognomie schon einmal gesehen haben müsse, und zwar unter Umständen, ,welche nicht günstig für ihn sprechen.“

Helmers erklärte ihm, weshalb Bob es so nachhaltig auf den Verdächtigen abgesehen habe, und fügte hinzu:

„Auch Bloody-Fox scheint sich mehr, als er merken lassen will, mit dem Manne zu beschäftigen. Oder nicht?“

Well!“ antwortete der junge Mann. „Dieser Heilige der letzten Tage hat mir etwas gethan, und zwar etwas sehr Schlimmes.“

„Wirklich? Was denn? Warum stellst du ihn nicht zur Rede?“

„Weil ich nicht weiß, was es gewesen ist.“

„Das wäre doch sonderbar. Wenn du so überzeugt bist, daß er dir etwas so Böses zugefügt hat, so mußt du doch auch wissen, was es ist.“

„Eben das kann ich nicht sagen. Ich habe mir fast das Gehirn zermartert, um mich zu erinnern, aber vergebens. Es ist mir, als ob ich das Entsetzliche geträumt und die Einzelheiten des Traumes wieder vergessen habe. Und wegen einer solchen unbestimmten, nebelhaften Ahnung kann ich mich doch nicht an den Kerl machen.“

„Das begreife ich nicht. Was ich weiß, das pflege ich zu wissen. Von nebelhaften Ahnungen ist bei mir niemals die Rede. Übrigens ist es dunkel geworden. Gehen wir hinein in die Stube?“

„Nein, denn das Haus ist diesem Kerl verboten, und ich muß ihn beobachten. Darum bleibe ich hier. Vielleicht fällt es mir doch noch ein, was ich mit ihm auszugleichen habe.“

„So will ich wenigstens für genügende Beleuchtung sorgen, damit er sich nicht dennoch davonschleichen kann.“

Er ging in das Haus zurück und kehrte bald mit zwei Lampen wieder. Diese bestanden sehr einfach aus blechernen Petroleumkannen, aus deren Öffnungen ein starker Docht hervorsah. Glascylinder und Schirm gab es nicht dabei. Dennoch reichten die beiden dunkel lodernden und stark qualmenden Flammen vollständig aus, den Platz vor der Thür zu erleuchten.

Eben als der Wirt die Lampen an zwei Baumäste gehängt hatte, ließen sich Schritte hören, welche sich von daher näherten, wo die Maisfelder lagen.

„Meine Hands kommen heim,“ sagte Helmers.

Unter „Hand“ versteht der Amerikaner jede männliche oder weibliche Person, welche sich in seinem Dienst befindet. Er hatte sich geirrt. Als der Nahende in den Lichtkreis trat, sah man, daß er ein Fremder sei.

Er war ein langer, starker, vollbärtiger Kerl, vollständig mexikanisch gekleidet, doch ohne Sporen, was hier auffallen mußte. Aus seinem Gürtel blickten die Griffe eines Messers und zweier Pistolen hervor, und in der Hand trug er eine schwere, mit silbernen Ringen verzierte Büchse. Als seine dunklen Augen mit scharfem, stechendem Blicke über die einzelnen Personen der Gruppe flogen, machte er den Eindruck eines physisch starken, aber auch rohen Menschen, von welchem man zarte Regungen nicht erwarten dürfe.

Als sein Blick über das Gesicht des Mormonen streifte, zuckte er auf eine eigentümliche Weise mit der Wimper. Niemand als nur der Mormone bemerkte das. Es war jedenfalls ein Zeichen, welches diesem letzteren galt.

Buenas tardes, Sennores!“ grüßte er. „Ein Abend bei bengalischer Beleuchtung? Der Besitzer dieser Hacienda scheint ein poetisch angelegter Mann zu sein. Erlaubt, daß ich mich für eine Viertelstunde bei Euch ausruhe, und gebt mir einen Schluck zu trinken, wenn überhaupt hier etwas zu bekommen ist.“

Er hatte in jenem spanisch-englischen Mischmasch gesprochen, dessen man sich an der mexikanischen Grenze häufig zu bedienen pflegt.

„Setzt Euch nieder, Sennor!“ antwortete Helmers in demselben Jargon. „Was wollt Ihr trinken? Ein Bier oder einen Schnaps?“

„Bleibt mir mit Eurem Bier vom Leibe! Ich mag von solcher deutschen Brühe nichts wissen. Gebt mir einen kräftigen Schnaps, aber nicht zu wenig. Verstanden?“

Seine Haltung und sein Ton waren diejenigen eines Mannes, welcher nicht gewohnt war, mit sich scherzen zu lassen. Er trat ganz so auf, als ob er hier zu gebieten habe. Helmers stand auf, um das Verlangte zu holen und deutete auf die Bank, wo er dem Fremden Platz gemacht hatte. Dieser aber schüttelte den Kopf und sagte:

„Danke, Sennor! Hier sitzen schon viere. Will lieber dem Caballero Gesellschaft leisten, welcher da so einsam sitzt. Bin die weite Savanne gewohnt und habe es nicht gern, so eng bei einander zu kleben.“

Er lehnte sein Gewehr an den Stamm des Baumes und setzte sich zu dem Mormonen, den er mit einem leichten Griffe an den breiten Rand seines Sombrero grüßte. Der Heilige des jüngsten Tages erwiderte den Gruß in ganz derselben Weise. Beide thaten, als ob sie einander vollständig fremd seien.

Helmers war in das Haus getreten. Die anderen verschmähten aus natürlicher Höflichkeit, ihre Blicke in auffälliger Weise auf den Fremden zu richten. Das gab demselben die willkommene Gelegenheit, dem Mormonen zuzuraunen:

„Warum kommst du nicht? Du weißt doch, daß wir Nachricht haben wollen.“

Er sprach dabei das reinste Yankee-Englisch.

„Man läßt mich nicht fort,“ antwortete der Gefragte.

„Wer denn?“

„Dieser verdammte Nigger da.“

„Der kein Auge von dir verwendet? Was hat er denn?“

„Er behauptet, daß ich seinem Herrn Geld gestohlen habe, und will mich lynchen.“

„Mit dem ersteren kann er das Richtige getroffen haben; das letztere aber mag er sich aus dem Sinne schlagen, falls er es nicht riskieren will, daß wir ihm mit unseren Peitschen sein schwarzes Fell blutrot färben. Gibt es etwas Neues hier?“

„Ja. Sechs Diamond-boys wollen mit bedeutenden Summen über die Llano.“

„Alle Teufel! Sollen uns willkommen sein! Werden ihnen ‚mal in die Taschen gucken. Bei der letzten, armseligen Gesellschaft war ja gar nichts zu finden. Doch still! Helmers kommt.“

Der Genannte kehrte mit einem Bierglase voll Schnaps zurück. Er stellte es vor den Fremden und sagte:

„Da, wohl bekomme es, Sennor! Habt heut‘ wohl einen weiten Ritt hinter Euch?“

„Ritt?“ antwortete der Mann, indem er fast den halben Inhalt des Glases hinuntergoß. „Habt Ihr keine Augen? Oder vielmehr, habt Ihr zu viele Augen, so daß Ihr seht, was gar nicht vorhanden ist? Wer reitet, muß doch ein Pferd haben!“

„Gewiß.“

„Nun, wo ist denn das meinige?“

„Jedenfalls da, wo Ihr es gelassen habt.“

Válgame Dios! Ich werde doch wohl mein Pferd nicht 30 Meilen weit zurücklassen, um bei Euch einen Brandy zu trinken, der nicht für den Teufel taugt!“

„Laßt ihn im Glase, wenn er Euch nicht schmeckt! Übrigens besinne ich mich nicht, von 30 Meilen gesprochen zu haben. So wie Ihr hier vor mir sitzt, seid Ihr ein Mann, der jedenfalls ein Pferd hat. Wo es steht, das ist nicht meine Sache, sondern die Eurige.“

„Das denke ich auch. Ihr habt Euch überhaupt um mich nicht zu bekümmern. Verstanden!“

„Wollt Ihr mir das Recht bestreiten, mich um diejenigen zu bekümmern, welche hier auf meiner einsamen Farm einkehren?“

„Fürchtet Ihr Euch etwa vor mir?“

„Pah! Ich möchte denjenigen Menschen sehen, vor welchem John Helmers sich fürchtet!“

„Das ist mir lieb, denn ich möchte Euch nur fragen, ob ich in Eurem Hause für diese Nacht ein Lager bekommen kann.“

Er warf bei diesen Worten einen lauernden Blick auf Helmers. Dieser antwortete:

„Für Euch ist kein Platz vorhanden.“

„Caracho! Warum nicht?“

„Weil Ihr selbst gesagt habt, daß ich mich nicht um Euch zu bekümmern habe.“

„Aber ich kann doch nicht noch in der Nacht bis zu Eurem nächsten Nachbar laufen, bei welchem ich erst morgen mittag ankommen würde!“

„So schlaft im Freien! Der Abend ist mild, die Erde weich und der Himmel die vornehmste Bettdecke, welche es nur geben kann.“

„So weist Ihr mich wirklich fort?“

„Ja, Sennor. Wer mein Gast sein will, muß sich einer größeren Höflichkeit befleißigen, als Ihr uns gezeigt habt.“

„Soll ich Euch etwa, um in irgend einem Winkel schlafen zu dürfen, zur Begleitung der Guitarre oder Mandoline ansingen? Doch, ganz wie Ihr wollt! Ich brauche Eure Gastfreundschaft nicht und finde überall einen Platz, an welchem ich vor dem Einschlafen darüber nachdenken kann, wie ich mit Euch reden werde, wenn wir uns einmal anderswo begegnen sollten.“

„Da vergeßt aber ja nicht, bei dieser Gelegenheit auch mit an das zu denken, was ich Euch darauf antworten würde!“

„Soll das eine Drohung sein, Sennor?“

Der Fremde erhob sich bei diesen Worten und richtete seine hohe, breite Gestalt gebieterisch dem Wirte gegenüber auf.

„O nein,“ lächelte dieser furchtlos. „Solange ich nicht zum Gegenteile gezwungen werde, bin ich ein sehr friedlicher Mann.“

„Das will ich Euch auch geraten haben. Ihr wohnt hier beinahe am Rande der Llano des Todes. Da erfordert die Vorsicht, daß Ihr mit den Leuten möglichst Frieden haltet, sonst könnte der Geist der Llano estakata einmal ganz unerwartet den Weg zu Euch finden.“

„Kennt Ihr ihn etwa?“

„Habe ihn noch nicht gesehen. Aber man weiß ja, daß er am liebsten aufgeblasenen Leuten erscheint, um sie in das jenseits zu befördern.“

„Ich will Euch nicht widersprechen. Vielleicht sind alle diejenigen, welche man, vom Geiste durch einen Schuß in die Stirn getötet, in der Llano gefunden hat, einst aufgeblasene Wichte gewesen. Aber eigentümlich ist es doch, daß diese Kerls alle Räuber und Mörder gewesen sind.“

„Meint Ihr?“ fragte der Mann in höhnischem Tone. „Könnt Ihr das beweisen?“

„So leidlich. Man hat ohne eine einzige Ausnahme bei diesen Leuten stets Gegenstände gefunden, welche früher solchen gehörten, die in der Llano ermordet und ausgeraubt worden waren. Das ist doch Beweis genug.“

„Wenn das so ist, so will ich Euch freundschaftlich warnen: Macht ja nicht einmal hier auf Eurer abgelegenen Farm einen Menschen kalt, sonst könntet Ihr auch einmal mit einem Loche in der Stirn gefunden werden.“

„Sennor!“ fuhr Helmers auf. „Sagt noch ein solches Wort, so schlage ich Euch nieder. Ich bin kein Mörder, sondern ein ehrlicher Mann. Viel eher könnte man denjenigen einer solchen That für fähig halten, der sein Pferd versteckt, um die Meinung zu erwecken, daß man es nicht mit einem Bravo, sondern mit einem armen, ungefährlichen Manne zu thun habe.“

„Gilt das etwa mir?“ zischte der Fremde.

„Wenn Ihr es Euch annehmen wollt, so habe ich nichts dagegen. Ihr seid heut bereits der zweite, der mir vorlügt, kein Pferd zu besitzen. Der erste ist dieser Heilige der letzten Tage. Vielleicht stehen eure beiden Pferde bei einander. Vielleicht stehen auch noch andere Pferde und auch noch Reiter dabei, um auf eure Rückkehr zu warten. Ich sage Euch, daß ich in dieser Nacht mein Haus bewachen und morgen mit Tagesanbruch die Umgegend säubern werde. Da wird es sich höchst wahrscheinlich zeigen, daß Ihr sehr gut beritten seid!“

Der Fremde ballte beide Fäuste, erhob die rechte zum Schlage, trat um einen Schritt näher an Helmers heran und schrie-

„Mensch, willst du etwa sagen, daß ich ein Bravo sei? Sage es mir deutlich, wenn du Mut hast; dann erschlage ich –“

Er wurde unterbrochen.

Bloody-fox hatte diesem Manne weniger Aufmerksamkeit geschenkt als dessen Gewehre. Als der Fremde sich erhoben hatte und dem Baume nun den Rücken zukehrte, stand der Jüngling auf und trat an den Stamm, um das Gewehr genau zu betrachten. Sein bisher gleichgültiges Gesicht nahm einen ganz anderen Ausdruck an. Seine Augen leuchteten, und ein Zug eiserner, gnadenloser Entschlossenheit legten sich um seinen Mund. Er wendete sich zu dem Fremden und legte demselben, ihn in der Rede unterbrechend, die Hand auf die Achsel.

„Was willst du, Junge?“ fragte der Mann.

„Ich will dir an Helmers‘ Stelle Antwort geben,“ antwortete Bloody-fox in ruhigem Tone. „Ja, du bist ein Bravo, ein Räuber, ein Mörder. Nimm dich vor dem Geiste der Llano in acht, den wir den Avenging-ghost nennen, weil er jeden Mord mit einer Kugel durch die Stirn an dem Mörder zu rächen pflegt.“

Der Riese trat mehrere Schritte zurück, maß den Jüngling mit einem erstaunt verächtlichen Blicke und lachte dann höhnisch auf:

„Knabe, Bursche, Junge, bist du toll? Ich zerdrücke dich doch mit einem einzigen Griffe meiner Hände zu Brei!“

„Das wirst du bleiben lassen! Bloody-fox ist nicht so leicht zu zermalmen. Du hast geglaubt, Männern gegenüber unverschämt sein zu können. Nun kommt ein Knabe, um dir zu beweisen, daß du gerad‘ so wenig zu fürchten bist wie ein toter Mensch. Betrachte dich von diesem Augenblicke an als Leiche! Die Mörder der Llano werden vom Avenging-ghost mit dem Tode bestraft. Du bist ein Mörder, und da der Geist nicht anwesend ist, werde ich seine Stelle vertreten. Bete deine letzten drei Pasternoster und Ave Marias; du hast vor dem ewigen Richter zu erscheinen!“

Diese Worte des jungen Mannes, welcher noch ein halber Knabe war, machten einen außerordentlichen Eindruck auf die Anwesenden. Er kam ihnen ganz anders vor als vorher. Sein Auftreten war noch mehr als dasjenige eines erwachsenen Mannes. Er stand da, stolz aufgerichtet, mit drohend erhobenem Arme, blitzenden Augen und einem unerschütterlichen Entschluß in den festen Zügen – ein Bote der Gerechtigkeit, ein Vollstrecker des gerechten Strafgerichtes.

Der Fremde war, trotzdem er den Jüngling fast um Kopfeslänge überragte, bleich geworden. Doch faßte er sich schnell, stieß ein lautes Gelächter aus und rief:

„Wahrhaftig, er ist verrückt! Ein Floh will einen Löwen verschlingen! So etwas hat noch niemand gehört! Mensch, beweise es doch einmal, daß ich ein Mörder bin!“

„Spotte nicht! Was ich sage, das geschieht, darauf kannst du dich verlassen! Wem gehört das Gewehr, welches da am Stamme des Baumes lehnt?“

„Natürlich mir.“

„Seit wann ist es dein Eigentum?“

„Seit über zwanzig Jahren.“

Trotz seines vorigen Gelächters und seiner geringschätzigen Worte machte die jetzige Haltung des Knaben einen solchen Eindruck auf den starken Mann, daß ihm gar nicht der Gedanke kam, ihm die Antwort zu verweigern.

„Kannst du das beweisen?“ fragte Bloody-fox weiter.

„Kerl, wie soll ich das beweisen? Kannst du etwa den Beweis des Gegenteils erbringen?“

„Ja. Diese Büchse gehörte dem Sennor Rodriguez Pinto auf der Estanzia del Meriso drüben bei Cedar Grove. Er war vor zwei Jahren mit seinem Weibe, seiner Tochter und drei Vaqueros hüben in Caddo-Farm auf Besuch gewesen. Er verabschiedete sich dort, kehrte aber niemals heim. Kurze Zeit darauf fand man die sechs Leichen in der Llano estakata, und die Spuren im Boden verrieten, daß die Pfähle versteckt, also in falsche Richtung geordnet worden waren. Diese Büchse war die seinige; er trug sie damals bei sich. Hättest du behauptet, sie während der angegebenen Zeit von irgend wem gekauft zu haben, so wäre die Sache zu untersuchen. Da du aber behauptest, sie bereits zwanzig Jahre zu besitzen, so hast du sie nicht von dem Schuldigen gekauft, sondern bist selbst der Mörder und als solcher dem Gesetze der Llano estakata verfallen.“

„Hund!“ knirschte der Fremde. „Soll ich dich zermalmen! Dieses Gewehr ist mein Eigentum. Beweise es doch, daß es diesem Haziendero gehört hat!“

„Sogleich!“

Er nahm das Gewehr vom Stamme des Baumes weg und drückte an einer der kleinen Silberplatten, welche in den unteren Teil des Kolbens eingelegt waren. Sie sprang auf und unter ihr zeigte sich ein zweites Plättchen mit dem vollständigen Namen, den er vorher genannt hatte.

„Schaut her!“ sagte er, das Gewehr den anderen zeigend. „Hier ist der unumstößliche Beweis, daß dieses Gewehr Eigentum des Haziendero war. Er hat es mir einigemale geborgt; daher kenne ich es so genau. Es ist höchst gefährlich für einen Mörder, einen geraubten Gegenstand, dessen Eigentümlichkeiten ihm unbekannt sind, mit sich umherzutragen. Ich will euch nicht fragen, ob ihr diesen Mann für den Mörder haltet. Ich selbst, ich halte ihn für denselben, und das genügt. Seine Augenblicke sind gezählt.“

„Die deinigen auch!“ schrie der Fremde, indem er auf ihn einsprang, um ihm das Gewehr zu entreißen.

Aber Bloody-fox trat blitzschnell einige Schritte zurück, schlug die Büchse auf ihn an und gebot:

„Stehen bleiben, sonst trifft dich die Kugel. Ich weiß genau, wie man mit solchen Leuten umzuspringen hat. Hobble-Frank, Juggle-Fred, legt auf ihn an, und wenn er sich bewegt, so schießt ihr ihn sofort nieder!“

Die beiden Genannten hatten im Nu ihre Gewehre erhoben und auf den Fremden gerichtet. Es handelte sich hier um das Prairiegesetz, welches nur einen einzigen, aber vollständig genügenden Paragraphen hat; da gibt es für einen braven Westmann kein Zaudern.

Der Fremde sah, daß Ernst gemacht wurde. Es handelte sich um sein Leben; darum stand er bewegungslos.

Bloody-fox senkte jetzt das Gewehr, da die beiden anderen Büchsen den Mann auf seiner Stelle hielten, und sagte:

„Ich habe dir dein Urteil gesprochen, und es wird sofort vollstreckt werden.“

„Mit welchem Rechte?“ fragte der Fremde mit vor Grimm bebender Stimme. „Ich bin unschuldig. Und selbst wenn ich schuldig wäre, brauche ich es mir nicht gefallen zu lassen, von solchen hergelaufenen Leuten gelyncht zu werden, am allerwenigsten aber von einem Kinde, wie du bist.“

„Ich werde dir zeigen, daß ich kein Kind bin. Ich will dich nicht töten, wie ein Henker den Delinquenten tötet. Du sollst Auge in Auge mir gegenüberstehen, jeder mit seinem Gewehre in der Hand. Deine Kugel soll ebensogut mich treffen können, wie dich die meinige treffen wird. Es soll kein Mord, sondern ein ehrlicher Kugelwechsel sein. Wir setzen Leben gegen Leben, obgleich ich dich sofort niederschießen könnte, da du dich in meiner Hand befindest.“

Der junge Mann stand in aufrechter, selbstbewußter Haltung vor dem Fremden. Sein Ton war ernst und bestimmt, und doch klangen seine Worte so gelassen, als sei ein solcher Zweikampf auf Leben und Tod etwas ganz Einfaches und Alltägliches. Er imponierte allen Anwesenden, den einzigen ausgenommen, an den seine Worte gerichtet waren. Oder ließ dieser den Eindruck nicht merken, welchen das Verhalten seines Gegners auf ihn hervorbrachte? Er schlug ein lautes, höhnisches Gelächter auf und antwortete:

„Seit wann führen denn hier an der Grenze unreife Knaben das große Wort? Denke nicht etwa, daß ich mich wegen deines Mutes oder deiner Umsicht in deiner Hand befinde! Wenn diese Männer nicht da gewesen wären, um ihre Läufe auf mich zu richten, hätte ich dich bereits abgewürgt, wie man einem fürwitzigen Sparrow den Kopf abdreht. Bist du wirklich so verrückt, dich mit mir messen zu wollen, so habe ich nichts dagegen. Mache dich aber ja darauf gefaßt, heute dein letztes Wort gesprochen zu haben! Meine Kugel hat noch nie gefehlt. Du kannst auf Gift wetten, daß sie auch dir den Weg zur Hölle zeigen wird! Aber ich halte dich und die anderen bei dem, was dein großes Maul gesprochen hat. Ich verlange einen ehrlichen Kampf und dann ein freies und offenes Feld für den Sieger!“

„Du sollst beides haben,“ antwortete Bloody-fox.

„Hast du mich auch recht verstanden? Wenn du von meiner Kugel gefallen bist, darf ich gehen, wohin es mir beliebt, und keiner hat das Recht, mich zurückzuhalten!“

„Oho!“ rief da Helmers. „So haben wir nicht gewettet. Selbst wenn du Glück im Schusse haben solltest, sind wohl noch einige Gentlemen da, welche dann ein Wort mit dir zu sprechen haben. Ihnen wirst du Rede stehen müssen.“

„Nein, so nicht!“ fiel Bloody-fox ein. „Der Mann gehört mir. Ihr habt kein Recht an ihm. Ich allein bin es, der ihn herausgefordert hat, und ich habe ihm mein Wort gegeben, daß der Kampf ein ehrlicher sein werde. Dieses Versprechen müßt Ihr halten, wenn ich falle. Es soll nach meinem Tode nicht heißen, daß mein Versprechen keinen Wert gehabt habe.“

„Aber, Boy, bedenke doch – – – !“

„Es ist nichts, gar nichts zu bedenken!“

„Soll dich ein notorischer Schuft ungestraft niederschießen können?“

„Wenn es ihm gelingt, ja, denn es ist mein Wille gewesen, mich mit ihm zu schießen. Es ist wahr, er gehört unbedingt zu den Staked Plain Vultures und sollte eigentlich ohne langes Gerede mit Knütteln erschlagen werden. Aber so eine Henkerei widerstrebt mir, und wenn ich ihn eines anderen und besseren Todes würdige, so muß diese außerordentliche Vergünstigung auch nach meinem Tode Wirkung haben. Ihr versprecht mir also jetzt mit Wort und Handschlag, daß er sich ungehindert entfernen kann, falls er mich erschießt!“

„Wenn du nicht anders willst, so müssen wir es thun; aber du gehst mit dem Vorwurf von der Erde, durch deine ungerechtfertigte Milde dafür gesorgt zu haben, daß dieser Schurke sein Handwerk auch fernerhin betreiben kann!“

„Nun, was das betrifft, so bin ich sehr, sehr ruhig. Er hat gesagt, daß seine Kugel niemals fehle. Wollen sehen, ob die meinige wohl im Laufe steckt, um ein Loch nur in die Luft zu machen. Sage also, Kerl, auf welche Distanz wir uns schießen wollen!“

„Fünfzig Schritte,“ antwortete der Fremde, an welchen die letztere Aufforderung gerichtet war.

„Fünfzig!“ lachte Bloody-fox. „Das ist nicht allzu nahe. Du scheinst deine Haut ganz außerordentlich lieb zu haben. Aber es soll dir doch nichts nützen. Weißt du, ich will dir die freundschaftliche Mitteilung machen, daß ich ganz genau so wie der Avenging-ghost zu zielen pflege, nämlich nach der Stirn. Nimm also die deinige in acht! Ich befürchte, du wirst an dem heutigen gesegneten Tage einige Lot Blei durch den Verstand bekommen. Ob du das vertragen wirst, das ist nicht meine Sache, sondern die deinige.“

„Immer schneide auf, Knabe!“ knirschte sein Gegner. „Ich habe erhalten, was ich wünschte, das Versprechen des ungehinderten Weges. Machen wir die Sache kurz. Gib mir mein Gewehr!“

„Wenn die Vorbereitungen getroffen sind, sollst du es haben, eher nicht, denn es ist dir nicht zu trauen. Der Wirt mag die Distanz abmessen, fünfzig Schritte. Haben wir Posto gefaßt, so mag Bob sich mit der einen Lampe zu dir, Hobble-Frank sich mit der anderen zu mir stellen, damit wir beide einander genau sehen können und ein sicheres Ziel haben. Dann gibt Juggle-Fred dir dein Gewehr in die Hand, Helmers mir das meinige. Helmers kommandiert, und von diesem Augenblick an können wir beide ganz beliebig schießen, jeder zwei Kugeln, denn unsere Gewehre sind doppelläufig.“

„Avancieren wir dabei?“ fragte der Fremde.

„Nein! Du hast die Distanz bestimmt, und dabei hat es zu bleiben. Wer seinen Platz verläßt, bevor die Kugeln gewechselt worden sind, der wird von dem, welcher ihm das Licht hält, niedergeschossen. Zu diesem Zwecke werden Bob und Frank ihre gespannten Pistolen oder Revolver bereit halten.

Erschossen wird auch derjenige von uns beiden, dem es einfallen sollte, sich zu entfernen, bevor sein Gegner die beiden Schüsse abgefeuert hat.“

„Schön! So sein sehr schön!“ rief Bob. „Masser Bob sofort geben Schuft eine Kugel, wenn er wollen laufen!“

Er zog die Waffe aus dem Gürtel und zeigte sie unter drohendem Grinsen dem Fremden.

Die anderen erklärten sich mit den Bedingungen Bloody-fox‘ einverstanden, und die Vorbereitungen wurden sofort getroffen. Sie waren damit alle so beschäftigt, daß es keinem einfiel, auf den frommen Tobias Preisegott Burton besonders acht zu geben. Diesem schien die Szene jetzt ganz gut zu behagen. Er rückte langsam von seinem Platze nach der Ecke der Bank und zog die Füße unter dem Tische hervor, so daß er am passenden Augenblicke die Beine sofort zur Flucht benutzen konnte.

Jetzt hatten die beiden Gegner ihre Plätze eingenommen, fünfzig Schritte voneinander entfernt. Neben dem Fremden stand der Neger, in der Linken die Lampe und in der Rechten die Reiterpistole, welche er schußbereit hielt. Bei Bloody-fox stand Hobble-Frank mit seiner Lampe und in der anderen Hand den Revolver, nur der Form wegen, da es sich voraussehen ließ, daß er nicht in die Lage kommen werde, ihn gegen den jungen, ehrlichen Mann zu gebrauchen.

Helmers und Juggle-Fred hielten die beiden geladenen Gewehre bereit. Es war selbst für diese kampfgewohnten Leute ein Augenblick höchster Spannung. Die beiden im Luftzuge wehenden Flammen beleuchteten mit rußigrotem, flackerndem Scheine die beiden Gruppen. Die Männer standen still, und doch schien es bei dem unruhigen Lichte, als ob sie sich unausgesetzt bewegten. Es war unter diesen Umständen sehr schwer, ein ruhiges Ziel zu nehmen, besonders da die Beleuchtung nicht zureichend war, die Kimme des Visieres oder gar das noch weiter vom Auge entfernte Korn zu erkennen.

Bloody-fox stand in einer so unbefangenen, ja harmlosen Haltung da, als ob es sich um eine Partie Kricket handle. Sein Gegner aber befand sich in anderer Stimmung. Juggle-Fred, welcher ihm das Gewehr zu überreichen hatte und also nahe bei ihm stand, sah das gehässige Leuchten seiner Augen und das ungeduldige Zittern seiner Hände.

„Seid ihr fertig?“ fragte jetzt Helmers.

„Ja,“ antworteten beide, wobei der Fremde bereits die Hand nach seiner Büchse ausstreckte.

Er hatte jedenfalls die Absicht, Bloody-fox, wenn auch nur um eine halbe Sekunde, mit dem Schusse zuvorzukommen.

„Hat einer von euch für den Fall seines Todes noch eine Bestimmung zu treffen?“ erkundigte sich Helmers noch.

„Der Teufel hole deine Neugierde!“ rief der aufgeregte Fremde.

„Nein,“ antwortete der Jüngling desto ruhiger. „Ich sehe es diesem Kerl an, daß er mich nur infolge eines Zufalles treffen würde. Er zittert ja, In diesem Falle würdest du in meiner Satteltasche finden, was zu wissen dir nötig ist. Und nun mach, daß wir zu Ende kommen!“

„Na, denn also hin mit den Büchsen! Gebt Feuer!“

Er reichte Bloody-fox das Gewehr hin. Der junge Mann nahm es gleichmütig hin und wiegte es in der rechten Hand, als ob er die Schwere desselben taxieren wolle. Er that gar nicht so, als ob sein Leben an einem kurzen Augenblicke hänge.

Der andere hatte seine Büchse dem Juggle-Fred fast aus der Hand gerissen. Er gab seine linke Seite vor, um ein möglichst schmales Ziel zu bieten, und legte an. Sein Schuß krachte.

Halloo! Dash!“ brüllte der Neger. „Masser Bloody-fox sein nicht troffen! Oh fortune! Oh bleasure! Oh delight!“

Er sprang mit gleichen Beinen in die Luft, tanzte um seine eigene Achse und gebärdete sich vor Freude wie ein Besessener.

„Willst du Ruhe halten, Kerl!“ donnerte Helmers ihn an. „Wer soll denn da zielen, wenn du die Lampe in dieser Weise schwingst!“

Bob sah augenblicklich ein, daß sein Verhalten grad demjenigen, dem er den Sieg wünschte, zum Schaden gereiche. Er stand plötzlich kerzengerade und rief –.

„Masser Bob jetzt still halten! Masser Bob nicht zucken! Massa Bloody-fox schnell schießen!“

Aber der andere hatte sein Gewehr nicht von der Wange genommen. Er drückte ab – auch dieser Schuß ging fehl, obgleich Bloody-fox noch immer so da stand wie vorher, ihm die ganze Breite seines Körpers bietend und die Büchse in der Rechten wiegend.

Thousand devils!“ fluchte der Fremde.

Er stand einige Augenblicke ganz starr vor Betroffenheit. Dann stieß er noch ein Kraftwort aus, welches nicht wiedergegeben werden kann, und that einen Sprung zur Seite, um zu entfliehen.

Stop!“ rief der Neger. „Ich schießen!“

Man hörte die That zu gleicher Zeit mit dem Worte. Er drückte ab. Aber nicht sein Schuß allein war gefallen.

Der kurze Augenblick, während dessen sein Gegner vor Schreck unbeweglich gewesen war, hatte Bloody-fox genügt, sein Gewehr empor zu nehmen. Er drückte so schnell ab, als ob er gar nicht zu zielen brauchte, drehte sich dann auf dem Absatze um, griff in den Munitionsbeutel, um der Gewohnheit jener Gegend gemäß den abgeschossenen Lauf sofort wieder zu laden und sagte:

„Er hat es! Geh hin, Frank! Du wirst mitten in seiner Stirn das Loch sehen.“

Er kehrte dem Platze, an welchem sein Gegner gestanden hatte, den Rücken zu, und seine Stimme klang so ruhig, als ob er soeben etwas ganz Alltägliches verrichtet habe.

Frank und Helmers eilten nach der Stelle, an welcher der Fremde niedergestürzt war. Bloody-fox folgte ihnen langsam, nachdem er geladen hatte.

Dort ertönte die triumphierende Stimme des Negers:

Oh courage! Oh bravery! Oh valour! Masser Bob hat totschießen all ganz Spitzbuben! Hier liegen der Mann und sich nicht bewegen von der Stelle. Sehen Massa Helmers und Massa Frank, daß Old Bob ihn haben treffen in die Stirn? Es sein ein Loch vom hinein und hinten wieder heraus l Oh, Masser Bob sein ein tapfer Westmann. Er überwinden tausend Feinde mit Leichtigkeit.“

„Ja, du bist ein außerordentlich guter Schütze!“ nickte Helmers, welcher bei dem Toten niedergekniet war und denselben untersuchte. Wohin hast du denn eigentlich gezielt?“

„Masser Bob zielen genau nach Stirn und ihn auch dort treffen. Oh, masser Bob to be a giant, a hero: masser Bob to be invincibe, to be unconquerable and impregnable!

„Schweig, Schwarzer! Du bist weder ein Held noch ein Riese oder gar ein Unüberwindlicher. Du hast gar nichts gethan, was ein Beweis von Mut sein könnte. Du hast auf einen Fliehenden geschossen und dazu gehört gar nichts. Übrigens ist es dir gar nicht eingefallen, deine alte Haubitze auf die Stirn dieses Mannes zu halten. Da, schau seine Hose an! Was erblickst du da?“

Bob leuchtete nieder und betrachtete die Stelle, auf welche Helmers deutete.

„Das sein ein Loch, ein Riß,“ antwortete er.

„Ja, ein Riß, welchen deine Kugel gemacht hat. Du hast durch das Hosenbein geschossen und willst nach der Stirn gezielt haben! Schäme dich! Und dabei betrug die Entfernung keine sechs Schritte!“

„Oh, oh! Masser Bob sich nicht schämen müssen! Masser Bob haben treffen in Stirn. Aber Massa Bloody-fox auch schießen und treffen nur in Hose. Masser Bob haben schießen ausgezeichnet, viel besser als Massa Bloody-fox!“

„Ja, das kennen wir! Aber welch ein Schuß! Bloody-fox, das macht dir wirklich keiner nach! Ich habe dich gar nicht zielen sehen!“

„Ich kenne mein Gewehr,“ antwortete der junge Mann bescheiden, „und wußte, daß es genau so kommen werde, denn der Kerl war zu erregt. Er zitterte. Das ist allemal eine Dummheit, zumal wenn das Leben an nur zwei Schüssen hängt.“

Der Mann war tot. Das runde, scharfrandige Loch saß ihm mitten auf der Stirn. Die Kugel war hinten herausgegangen.

„Genau so, wie der Geist der Llano estakata schießen soll,“ meinte Juggle-Fred in bewunderndem Tone. „Wahrhaftig, das ist ein Meisterschuß! Der Kerl hat seinen Lohn empfangen. Was thun wir mit seiner Leiche?“

„Meine Leute mögen sie einscharren,“ antwortete Helmers. „Einen Getöteten vor sich zu haben, ist kein erfreulicher Anblick, denn selbst der ärgste Schurke bleibt doch immerhin ein Mensch; aber Gerechtigkeit muß sein, und wo das Gesetz keine Macht hat, da ist man eben gezwungen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Und hier ist zudem von einem Orte der Lynchjustiz gar keine Rede, denn Bloody-fox hat ihm die gleichen Chancen gelassen. Es ist bewiesen, daß er ein Mörder ist, Gott sei seiner Seele gnädig! Und nun wollen wir –– was ist’s? Was gibt es denn?“

Bob hatte nämlich einen lauten Ruf ausgestoßen. Er war der einzige, dessen Augen jetzt nicht auf den Toten gerichtet gewesen waren.

Heigh-ho!“ antwortete der Schwarze. „Massa Helmers einmal dorthin sehen!“

Er streckte den Arm nach der Gegend aus, in welcher die Tische und Bänke standen. Dort war es jetzt finster, da die beiden Lampenträger sich hier bei der Gruppe befanden.

„Warum? Was ist dort?“

„Nichts, gar nichts sein dort. Wenn Massa Helmers und alle anderen Massas hinsehen, dann sie gar nichts sehen, denn er sein fort.“

Egad! Der Mormone ist entflohen!“ antwortete Helmers, indem er von der Leiche emporsprang. „Schnell nach! Sehen wir, ob wir ihn erwischen!“

Die Gruppe löste sich augenblicklich auf. Jeder rannte nach der Richtung, in welche ihn der Zufall oder die momentane Vermutung trieb. Nur einer blieb zurück – – Bloody-fox. Er stand bewegungslos und horchte in das Dunkel des Abends hinaus. So blieb er, bis die Männer wiederkehrten, um, wie vorauszusehen gewesen war, zu melden, daß sie keine Spur des Gesuchten bemerkt oder gefunden hätten.

Well, dachte es mir!“ nickte er. „Wir sind dumm gewesen.

Vielleicht ist dieser fromme Mormone ein noch viel gefährlicherer Mensch, als der Tote hier jemals gewesen ist. Ich habe ihn gesehen, weiß aber nicht wo, werde aber dafür sorgen, daß ich ihn wiedersehe und zwar sehr bald! Good evening, Mesch’schurs!“

Er hob das Gewehr auf, welches dem Toten entfallen war, und schritt zu seinem Pferde.

„Willst du fort?“ fragte Helmers.

Yes. Ich wollte ja schon längst weiter und habe mit diesem Fremden hier wohl eine kostbare Zeit versäumt. Die Büchse nehme ich mit, um sie den Erben des rechtmäßigen Besitzers zuzustellen.“

„Wann sehe ich dich wieder?“

„Wann es nötig ist. Nicht eher und nicht später.“

Er stieg auf und trabte davon, ohne jemand die Hand gereicht zu haben.

„Ein sonderbarer junger Mensch,“ meinte der Juggle-Fred, indem er den Kopf schüttelte.

„Lassen wir ihn!“ antwortete Helmers. „Er weiß stets, was er thut. Ja, er ist jung, aber er nimmt es mit manchem Alten auf, und ich bin überzeugt, daß er über kurz oder lang diesen Master Tobias Preisegott Burton und vielleicht auch noch andere beim Kragen hat!“ –-

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Die Beiden Snuffles

Die beiden „Snuffles“

Ungefähr zwei Stunden vor der Zeit, in welcher Hobble-Frank und Bob mit Bloody-fox zusammentrafen, kamen zwei andere Männer aus der Richtung von Koleman City geritten. Doch konnten sie diesen Ort wohl kaum berührt haben, denn sie hatten ganz das Aussehen von Männern, welche längere Zeit bewohnten Gegenden fern geblieben sind.

Die beiden Maultiere, welche diese Leute ritten, zeigten zwar Spuren von Ermüdung, schienen sich aber in guten Händen zu befinden und waren ziemlich wohlgenährt. Einen ganz entgegengesetzten Eindruck machten die Reiter; lange, außerordentlich schmächtige Gestalten, von denen man hätte annehmen mögen, daß sie wochenlang Gäste des Hungers gewesen seien. Daß dem aber nicht so sei, zeigte ihre gesunde Hautfarbe und kräftige Haltung, welche sie im Sattel behaupteten. Der Westen hat eine starke, austrocknende Luft, welche kein überflüssiges Fleisch auf den Knochen duldet, dafür jedoch die Sehnen stählt und den Gliedern jene ausdauernde Kraft und Widerstandsfähigkeit verleiht, ohne welche der Mensch dort bald zu Grunde gehen müßte.

Überraschend war die außerordentliche Ähnlichkeit, welche zwischen ihnen herrschte. Wer sie erblickte, mußte sie sofort für Brüder, vielleicht gar für ein Zwillingspaar halten. Diese Ähnlichkeit war so bedeutend, daß man sie, zumal beide ganz gleich gekleidet und bewaffnet waren, nur mit Hilfe einer Schmarre unterscheiden konnte, welche dem einen von ihnen quer über die linke Wange lief.

Sie trugen bequeme, dunkelgraue, wollene Überhemden und ebensolche Hosen, starke Schnürschuhe, breitrandige Biberhüte und hatten ihre schweren, breiten Lagerdecken wie Mäntel hinten von den Schultern herabhängen. Ihre ledernen Gürtel waren mit Klapperschlangenhaut überzogen und trugen die gewöhnlichen Kleinwaffen und sonstigen Requisiten des Prärienmannes. Flinten hatten sie auch, aber direkt aus dem Laden des Gewehrhändlers kamen dieselben jedenfalls nicht; ihr Aussehen war vielmehr ein solches, daß sie den Namen „Schießprügel“ mit vollem Rechte verdienten. Wer jedoch weiß, was ein tüchtiger Westmann mit so einem alten Fire-lock zu leisten vermag, dem kann es niemals einfallen, über eine solche Waffe die Nase zu rümpfen. Der Westmann hebt seine Büchse, aber er kokettiert nicht mit derselben. Je unscheinbarer sie während des langen Gebrauches wurde, desto größer ist die Pietät, welche er ihr widmet.

Leider war diesen beiden Reitern keine allzu große männliche Schönheit zuzusprechen, was seinen Grund in dem Umstande hatte, daß der hervorragendste Teil ihrer Gesichter auf eine ganz ungewöhnliche Weise entwickelt war. Sie hatten Nasen und eben was für welche! Man konnte getrost darauf schwören, daß zwei solche Geruchsorgane im ganzen Lande nicht wieder zu finden seien. Nicht die Größe allein, sondern auch die Form war außerordentlich, ebenso die Farbe. Um sich diese Nasen vorstellen zu können, müßte man sie gesehen haben. Denkt man sich den in Gestalt einer Weintraube verholzten Saftausfluß einer Birke, in allen möglichen Farben schimmernd, welche sich jemals auf einer Malerpalette befanden, so kann man sich einen ungefähren Begriff von diesen Nasen machen. Und dabei waren auch sie einander geradezu zum Erstaunen ähnlich. Es gab kein gleicheres Brüderpaar als diese beiden Männer, welche wohl bereits manchen Sturm erlebt hatten, da sie wenigstens in der Mitte der Fünfziger standen.

Nun darf man aber nicht denken, daß der Eindruck ihrer Gesichter ein abstoßender gewesen sei, o nein! Sie waren sorgfältig glatt rasiert, so daß kein Bart den wohlwollenden Ausdruck derselben verbarg. In den Mundwinkeln schien ein heiteres, sorgloses Lächeln sich für immer eingenistet zu haben, und die hellen, scharfen Augen blickten so gut und freundlich in die Welt, daß nur ein schlechter Menschenkenner behaupten konnte, man habe sich vor ihnen in acht zu nehmen.

Die Gegend, in welcher sie sich befanden, war ziemlich steril zu nennen. Der Boden trug nur knorriges Knieholz, zuweilen mit Yuccas und Kakteen vermischt. Einen Wasserlauf schien es in der Nähe nicht zu geben. Die forschenden Blicke der Reiter deuteten an, daß diese letzteren hier nicht bekannt seien. Zuweilen richtete sich einer von ihnen in den Bügeln empor, um einen weiteren Ausblick zu gewinnen, und setzte sich dann mit einer Miene in den Sattel zurück, welche besagte, daß es vergeblich gewesen sei.

„Verteufelt triste Gegend!“ sagte derjenige, welcher die Schmarre auf der Wange hatte. „Wer weiß, ob wir heute noch einen Schluck frischen Wassers finden. Meinst du nicht auch, Tim?“

„Hm!“ brummte der andere. „Wir nähern uns eben dem Gebiete der Llano estakata. Da ist es nicht anders zu verlangen. Oder meinst du, Jim, daß es in der Wüste Quellen von Eierpunsch oder Buttermilch geben soll?“

„Schweig, Bruderherz! Mach mir den Mund nicht wässerig! Eierpunsch ist das höchste der Gefühle. Wer ihn nicht hat, ist schließlich auch mit Buttermilch zufrieden. Hier aber gibt es selbst diese nicht, und ich befürchte, daß wir wohl gar gezwungen sein werden, mit Kaktussaft fürlieb zu nehmen.“

„Das wohl nicht. Noch befinden wir uns nicht in den Plains. Helmers Home, welches wir erst morgen erreichen, soll an einem Wasser liegen. Also haben wir das fruchtbare Land noch nicht hinter uns. Ich hoffe, die Old Silver Mine, weiche für heute unser Ziel ist, liegt inmitten oder wenigstens in der Nähe einer Baum- oder Strauchinsel, wie man sie zuweilen selbst in wüsten Gegenden findet. Und du weißt, meine Hoffnungen täuschen mich nur selten, denn sie schlängeln sich gewöhnlich um die Wirklichkeit herum.“

„Magst du nicht lieber davon schweigen? Unsere Hoffnungen haben uns bisher zu nichts geführt.“

„Das darfst du nicht sagen, Jim. Wir haben kein Schlaraffenleben führen können, das ist wahr; aber wir tragen ein hübsches Sümmchen in der Tasche, und wenn wir jenseits der Llano und der Guadeloupe Glück haben, so sind wir gemachte Leute.“

„Ja, wenn! Ein Millionär zu sein, das ist das höchste der Gefühle. Zunächst aber haben wir nicht einmal was zu essen. Wir waren nur darauf bedacht, schnell vorwärts zu kommen, und haben uns also nicht Zeit genommen, uns nach irgend einem Braten umzusehen. Ich will gar nicht einen Turkey verlangen, aber wenigstens einer nicht gar zu alten Prairiehenne möchte ich doch zu gern begegnen. Vielleicht erlaubte sie mir, ihr mit meiner Büchse good day zu sagen.“

„Du hast zu leckerhafte Gedanken! Ich wäre schon sehr zufrieden, wenn ein gefälliger Mulehase auf den Einfall käme, sich von außen um uns herumzuschlängeln. Dann würden wir –- have care! Da ist einer! Molly, stehe nur dieses einzige Mal still!“

Diese Aufforderung, welche er mit einem Rucke der Zügel unterstützte, war an sein Maultier gerichtet. Es stand bewegungslos, als ob es seine Worte genau verstanden habe. Gerade vor den beiden war ein Mulehase zwischen einigen einsamen Grasbüscheln aufgesprungen. Tim hatte sein Gewehr schnell an der Wange und drückte ab. Der Hase überschlug sich und blieb liegen. Die Kugel war ihm durch den Kopf gedrungen – ein Meisterschuß aus so einem Gewehre.

Der texanische Hase hat die Größe seines deutschen Verwandten; er findet sich in ziemlicher Menge und besitzt ein wohlschmeckendes Fleisch. Er hat sehr lange Ohren, welche denen eines Maultieres (Mule) ähnlich sind, und wird deshalb Mulehase genannt.

Tim ritt zur Stelle, an welcher der Hase lag, holte sich denselben und sagte, indem er dann weiter ritt:

„Der Braten ist da, und ich denke, daß sich wohl auch ein Wässerlein finden lassen werde. Du siehst, daß meine Ahnungen doch nicht ganz vergeblich sind. Zwei Kerls von unserer Art finden immer, was sie brauchen.“

„Ob aber auch Diamanten? Das müssen wir abwarten.“

„Auch Diamanten, sage ich dir!“ antwortete Tim in sehr bestimmtem Tone. „Natürlich setze ich da voraus, daß es da drüben wirklich welche gebe. Ist die Sache Schwindel, so geht es uns eben wie allen anderen, die auch nichts finden können. Ich wenigstens werde mir den Kopf nicht abreißen, wenn ich erfahren sollte, daß wir uns vergeblich von außen um das Glück herumgeschlängelt haben. Horch! War das nicht ein Schuß?“

„Ja, es war einer. Polly hat ihn auch gehört.“

Er meinte sein Maultier, welches jetzt die Luft durch die Nüstern sog und höchst energisch mit den langen Ohren wedelte. Es kommt sehr häufig vor, daß der Prairiejäger seinem Tiere einen Namen gibt. Diese beiden Maultiere wurden, wie aus den Worten ihrer Herren hervorging, Molly und Polly genannt, zwei Namen, welche so ähnlich lauteten wie diejenigen ihrer Herren, Jim und Tim.

Die Brüder richteten sich auf und blickten nach der Richtung, aus welcher sie den Schuß vernommen hatten. Er war weiter zu hören gewesen, als ihr Auge reichen konnte, da sie sich in einer muldenartigen Bodensenkung befanden; aber Tim deutete aufwärts in die Luft, wo ein großer Raubvogel schwerfällig seine Spirale zog.

„Ein Hühnergeier,“ sagte er. „Oder nicht, Jim?“

„Nein! Es ist ein Königsgeier, wie an der bunten Färbung zu ersehen ist. Er hat ein fahlgelbes Gefieder und hat bei einem Aase gesessen, denn er ist so vollgefressen, daß er nur mit Mühe zu fliegen vermag. Man hat ihn durch den Schuß von seinem Fraße aufgestört, und wir müssen sehen, was für Menschenkinder das gewesen sind. Es verlohnt sich hier gar sehr, zu wissen, wen man vor sich hat. In der Nähe der Llano soll es nicht ganz geheuer sein. Wer das außer acht läßt, der kann leicht von so einem Geier gefressen werden, was ich keineswegs das höchste der Gefühle nennen möchte. Also vorwärts, Tim!“

Sie gaben ihren Tieren die Sporen. Nun ist es aber bekannt, daß Maultiere sehr störrische Geschöpfe sind. So eine Kreatur ist gewöhnlich gerade dann, wenn die größte Eile geboten ist, nicht von der Stelle zu bringen. Und um das wieder quitt zu machen, pflegt es gerade an dem Augenblicke in rasenden Galopp zu fallen, wenn der Reiter die zwingendste Veranlassung hat, halten zu bleiben. Molly machte leider keine rühmliche Ausnahme. Kaum hatte Tim ihr die Sporen fühlen lassen, so stemmte sie die vier Beine ein und stand fest wie ein Sägebock. Er drückte fester an, was aber nur die Wirkung hatte, daß sie den Kopf zwischen die Vorderbeine nahm und hinten in die Höhe ging, um den Reiter nach vorn abzuwerfen. Tim jedoch kannte seine langjährige Freundin so genau, daß er sich nicht aus dem Sattel bringen ließ.

„Was fällt dir ein, old Joker!“ lachte er. „Ich werde dir gleich die Mücken austreiben.“

Er langte nach hinten, ergriff den Schwanz des Tieres und zog denselben mit einem scharfen Rucke nach vorn. Sofort flog Molly mit allen vieren zugleich in die Luft und schoß dann vorwärts, daß Jim auf seiner Polly kaum zu folgen vermochte. Dieses empfindliche Ziehen am Schwanze war das Geheimmittel, durch dessen energische Anwendung der Eigensinn der sonst ganz liebenswürdigen Molly sofort gebrochen werden konnte. Wer dieses Mittel nicht kannte, der war trotz Sporen und Peitsche gezwungen, sich ihren Launen zu fügen. Es macht sich eben jedes Tierchen gern sein Plaisierchen; nur gut, daß es auch Mittel gibt, welche zuweilen nicht nur bei einem bestimmten Individuum, sondern bei der ganzen Gattung wirksam sind. So gibt es z.B. Angehörige der berühmten Familie Equus asinus (Esel), welche störenderweise ganz darauf erpicht sind, gerade bei nachtschlafender Zeit ihren zweivokaligen Singsang hören zu lassen. Man binde so einem Tiere etwas Schweres an den Schwanz, einen Stein oder sonst ein Gewicht, so wird es sofort Schwanz und Ohren hängen und keinen Laut mehr hören lassen.

Als die beiden Reiter die Bodensenkung hinter sich hatten, erblickten sie zu ihrem Erstaunen eine eigentümlich zerklüftete Höhe, welche in einer Entfernung von ungefähr sechs englischen Meilen vor ihnen aufstieg, und die sie hier in der Nähe der Plains nicht erwartet hatten. Zugleich sahen sie eine Gruppe von Reitern bei einem am Boden liegenden Gegenstande halten, und zwar so nahe, daß sie kaum einer Minute bedurften, um zu ihnen zu gelangen. Sie zügelten sofort ihre Tiere. Es galt zunächst, zu erfahren, ob diese Reiter, deren sie sechs zählten, sich vielleicht feindselig verhalten würden.

Sie wurden bemerkt. Der Kreis, den die Sechs bildeten, öffnete sich, doch war keine bedrohliche Bewegung zu sehen.

„Was meinst du?“ fragte Jim. „Wollen wir hin?“

„Ich denke es. Gesehen haben sie uns doch und wenn es ja Bushrunners sind, so kommt es auf alle Fälle zu einem Kampfe mit ihnen. Es ist also besser, wir schlängeln uns von außen her zu ihnen herum; aber vorsichtig, so daß es ihnen nicht gelingt, uns zu umzingeln. Wir wollen uns schußfertig halten.“

„Nun, Bushrunners sind sie wohl kaum. Sie haben vielmehr das Aussehen von Gentlemen, welche zu ihrem Vergnügen einen Ausflug unternehmen. Ihre Anzüge haben ganz gewiß vor kaum einer Woche noch im Tailorshop gehangen. Von Waffen tragen sie ein ganzes Arsenal bei sich; aber das glänzt und flimmert gar zu sehr, als daß es bereits sehr in Gebrauch gewesen sein könnte. Und die Pferde sehen mir so frisch und nach geschrotenem Maisfutter aus, daß ich annehmen möchte, wir haben ganz unschädliche Pleasing-troopers vor uns. Es ist zwar nicht das höchste der Gefühle, mit solchen Gelbschnäbeln zusammenzutreffen, aber ich ziehe es doch einem Begegnen mit Leuten vor, welche ihre Taschen nur zu dem Zwecke haben, anderer Menschen Eigentum hinein zu stecken. Machen wir uns also an sie hinan!“

Es wäre ihnen auch wohl kaum eine andere Wahl geblieben, denn die Sechs setzten jetzt ihre Pferde in Bewegung und kamen ihnen entgegen.

„Kommt näher, kommt nähert“ rief man ihnen zu. „Ihr werdet etwas zu sehen bekommen.“

„Was denn?“ fragte Jim.

„Kommt nur! Macht schnell!“

jetzt hatten sie einander erreicht. Waren bisher die Gesichter der Sechs höchst ernst und bedenklich gewesen, so nahmen sie jetzt plötzlich einen ganz anderen Ausdruck an. Die zwölf Augen richteten sich groß und erstaunt auf das Brüderpaar; dann begann es um die Lippen zu zucken, und endlich brach ein schallendes, sechsstimmiges Gelächter aus.

All devils!“ rief einer aus. „Wen haben wir da? Two snub-noses!

Two snub-noses!“ stimmten die übrigen Fünf sofort ein.

Two snouted baboons!

Actually, actually! Wonderful, wonderfully beautifull Two snouted baboons!“ lachten und schrieen sie alle durcheinander.

„Ich bitte, Mesch’schurs, laßt euch genau betrachten!“ sagte der Wortführer. „So etwas haben wir noch niemals gesehen. Erlaubt, daß ich diese Nasen einmal angreife! Ich muß mich überzeugen, ob sie natürlich sind oder vielleicht noch von letzter Fastnacht stammen.“

Die Brüder hatten bis jetzt noch keine Miene verzogen; als aber der Mann wirklich seine Hand ausstreckte, um Jims Nase zu berühren, drängte dieser sein Maultier um einige Schritte zurück und sagte:

„Wollt Ihr mir nicht vorher einmal Euern Namen nennen, Sir?“

„Warum nicht! Ich nenne mich Gibson.“

„Danke! Also, Master Gibson, ich thue einem jeden gern den Gefallen, den er von mir verlangt. Ich will auch Euch zu Willen sein, muß Euch aber vorher sagen, daß meine Büchse augenblicklich losgeht, sobald jemand meine Nase berührt. Wenn Ihr sie trotzdem angreifen wollt, so habe ich nichts dagegen. Ich bitte aber Eure ehrenwerten Kameraden, mir dann die Folgen nicht entgelten zu lassen.“

Das klang so ernst, daß trotz der beiden sonderbaren Nasen das Gelächter sofort verstummte. Gibson machte aber doch noch einen Versuch zu scherzen, indem er lachend sagte:

„Aber, Master, wollt und könnt Ihr es denn übel nehmen, wenn wir über solche Rhinozeroshörner lachen müssen?“

„Was das betrifft, so bin ich der festen Überzeugung, daß ein wirkliches Nashorn viel zu wenig kultiviert ist, um sich dadurch, daß Ihr sein Horn anlacht, beleidigt zu fühlen. Aber Ihr müßt Euch hüten, irgend eine Verwechselung zu begehen. Ihr scheint sowohl in der Anthropologie wie auch in der Zoologie so grün und unwissend zu sein, daß es Euch leicht vorkommen kann, einen Säugling für ein ausgewachsenes Flußpferd zu halten. Und wo ich eine solche Unerfahrenheit bemerke, welche ein anderer vielleicht viel richtiger mit dem Ausdrucke Dummheit oder Albernheit bezeichnen würde, da erachte ich es für meine Pflicht, eine Warnung auszusprechen. Es kann kein Geschöpf anders sein, als wie der Herrgott es erschaffen hat und wenn er mich mit einer großen Nase und Euch mit einem kleinen, unzureichenden Hirn begabte, so müssen wir diese Mängel demütig hinnehmen, da wir es leider nicht anders machen können.“

„Donnerwetter!“ fuhr Gibson beleidigt auf. „Ist es etwa Eure Absicht, Euch an uns zu reiben?“

„Ganz und gar nicht! Reibt Euch nur selbst ab, wenn Ihr schmutzig seid, und nehmt gehörig Seife und Wasser dazu! Ich bin nicht das Dienstmädchen, welches Euch zu säubern hat.“

Da griff Gibson nach seinem Revolver und drohte:

„Mäßigt Euch, Sir! Meine Kugeln stecken nicht so fest, wie Ihr anzunehmen scheint.“

„Pah!“ lachte Jim. „Macht Euch nicht lächerlich. Eure Drohung klingt nach Kinderei.“

„Schweigt! Wollt Ihr etwa, daß wir Euch Mores lehren? Ihr seht, daß wir unser Sechs gegen euch beide sind.“

„Eben darum! Sechs von eurer Sorte können uns doch nicht etwa aus der Fassung bringen! Hängt noch eine Null an die Sechs und dann wollen wir beide es uns überlegen, ob es sich verlohnt, einen Finger an dem Drücker krumm zu machen.“

„Ihr scheint Euer Maul sehr gut in Übung zu halten!“

„Die Gewehre ebenso. Das merkt Euch wohl!“

„So! Habt doch einmal die Güte, uns eure Namen zu nennen, damit wir wissen, mit welch berühmten Helden wir es zu thun haben!“

„Wir heißen Hofmann und sind Brüder.“

„Daß ihr Brüder seid, beweisen eure Nasen. Auf euern Namen könnt ihr euch nicht das mindeste einbilden, denn so wie ihr kann nur ein Deutscher heißen, und ihr habt vielleicht bereits erfahren, daß Leute eurer Abstammung hier zu Lande gar nichts gelten.“

„Das ist eine Ansicht, die ich Euch nicht rauben will. Wem es Spaß macht, den Drehwurm im Kopfe zu haben, der mag ihn behalten; ich bin kein Irrenarzt. Komm, Tim!“

Er setzte sein Maultier in Bewegung, und sein Bruder folgte ihm. Beide verschmähten es, noch einen weiteren Blick auf die Männer zu werfen und ritten nach der Stelle, an welcher die letzteren vorher gehalten hatten.

Dort erwartete sie ein entsetzlicher Anblick. Die Erde war mit Fuß- und Hufspuren bedeckt, als ob hier ein Kampf stattgefunden habe. Ein totes Pferd lag da, ohne Zaum- und Sattelzeug. Der Leib desselben war weit aufgerissen, und Fetzen des Eingeweides lagen zerstreut umher – eine häßliche Arbeit des Geiers, den Jim und Tim vorhin gesehen hatten.

Aber das war es nicht, wovor diese beiden erschraken, sondern in der Nähe des Kadavers lag ein menschlicher Leichnam, ein Weißer, welchem die Kopfhaut fehlte und dessen Gesicht durch kreuz und quer geführte Messerschnitte vollständig unkenntlich gemacht worden war. Sein wollener und sehr abgebrauchter Anzug ließ vermuten, daß er ein Westmann gewesen sei. Eine Kugel, welche ihm genau in das Herz gedrungen war, hatte ihm den Tod gebracht.

„Heiliger Gott! Was muß da geschehen sein?“ rief Jim, indem er vom Pferde sprang und zu der Leiche trat.

Auch Tim stieg ab und kniete bei dem Toten nieder.

„Er ist schon seit Stunden tot,“ sagte er, als er die Hand und die Brust des Getöteten befühlt hatte. „Er ist kalt und das Blut rinnt nicht mehr.“

„Durchsuche ihm die Taschen! Vielleicht findet sich etwas, irgend ein Gegenstand, welcher erraten läßt, wer er war.“

Tim folgte der Aufforderung, gerade als die sechs Reiter, welche ihnen langsam gefolgt waren, bei ihnen anlangten.

„Halt!“ rief Gibson. „Wir werden uns das Visitieren der Taschen streng verbitten. Ich kann die Beraubung der Leiche nicht dulden!“

Er sowohl wie seine Gefährten stiegen ab und traten herbei. Er ergriff Tim beim Arme und zog ihn empor, was dieser sich unerwarteterweise ganz ruhig gefallen ließ. Die Brüder wechselten einen Blick des Einverständnisses und dann fragte Jim:

„Wie kommt Ihr denn auf den höchst geistreichen Gedanken, daß wir eine Beraubung des Toten beabsichtigen?“

„Nun, Ihr greift ja in die Taschen!“

„Könnte das nicht auch einen anderen Zweck haben?“

„Bei euch jedenfalls nicht. Euch sieht man ja gleich auf den ersten Blick an, wessen Geistes Kinder ihr seid.“

„Da entwickelt Ihr freilich einen ungeheuren Scharfsinn, Master Gibson. Eine solche imponierende Menschenkenntnis zu besitzen, muß das höchste der Gefühle sein!“

„Vermault Euch nicht auch noch, sonst machen wir kurzen Prozeß mit euch! Wir haben euch in flagranti ertappt. Euer Bruder hatte die Hände in den Taschen des Ermordeten. Das genügt vollständig. Ihr treibt euch hier in der Nähe herum. Das ist verdächtig. Wer sind die Mörder? Nehmt euch in acht, sonst kann es euch vielleicht gar an den Kragen gehen!“

Jim griff zornig nach seinem Messer; dieses Mal war Tim der Bedächtigere. Er warf ihm einen besänftigenden Blick zu und sagte:

„Alle Wetter, seid Ihr ein gestrenger Master. Ihr thut doch ganz so, als ob wir in Euch den höchsten Beamten der Staaten zu verehren hätten!“

„Ich bin Lawyer,“ antwortete Gibson stolz und kurz.

„Ah, Jurist! Also gehört Ihr zu den hochgelehrten Leuten, weiche die Aufgabe haben, sich von außen her um die Paragraphen herum zu schlängeln? Here is my respect, Sir!

Er zog in ironischer Unterwürfigkeit den Hut.

„Master Hofmann, treibt keinen Unsinn!“ donnerte Gibson ihn an. „Ich bin in Wirklichkeit Advokat, oder wenn Euch das geläufiger sein sollte, obgleich Ihr ein Deutscher seid, attorney at law, und weiß sehr gut, mir Respekt zu verschaffen. Diese ehrenwerten Herren haben mich zum Anführer unserer Expedition gewählt, und also hat das zu gelten, was ich für gut befinde!“

„Schön, schön!“ nickte Tim eifrig. „Wir haben ja gar nichts dagegen. Da Ihr Lawyer seid, so wird es Euch außerordentlich leicht werden, diesen Kriminalfall in der richtigen Weise zu behandeln.“

„Das versteht sich ganz von selbst und ich muß darauf bestehen, daß ihr euch nicht entfernt, bevor ich alles genau untersucht und sodann meine Anordnungen getroffen habe. Der Fall ist himmelschreiend und kann euch in höchst unangenehme Verwickelungen bringen.“

„O, das macht uns keine Sorge, denn wir sind überzeugt, daß es Eurem Scharfsinne gelingen werde, diese Verwickelungen wieder auseinander zu wickeln.“

Gibson zog es vor, diese neue Malice unbeantwortet zu lassen, dafür aber seinen Begleitern den Befehl zu erteilen:

„Nehmt die beiden Maultiere fest, damit es diesen Verdächtigen nicht etwa einfällt, davonzureiten!“

Die Brüder ließen es auch ruhig geschehen, daß dieses Gebot ausgeführt wurde. Es gab ihnen offenbar Spaß, zu beobachten, was diese im fernen Westen unbekannten Menschen unternehmen würden.

Das Auffinden einer skalpierten Leiche war an sich natürlich keineswegs geeignet, die Brüder heiter zu stimmen. Der Prairiejäger ist in Beziehung auf dergleichen Vorkommnisse ziemlich abgehärtet; aber der Anblick, welchen der seiner Kopfhaut beraubte und im Gesicht geschändete Tote bot, wirkte grauenerregend. Dazu kam die Befürchtung, die sie in Betracht ihrer persönlichen Sicherheit hegen mußten. Es stand bei ihnen fest, daß der Mann von einem Indianer getötet und skalpiert worden sei, und da nicht anzunehmen war, daß eine einzelne Rothaut sich so weit nach Osten wagen werde, so stand zu vermuten, daß ein ganzer Trupp Indsmen sich in der Nähe befinde. Es galt also, vorsichtig zu sein, falls die späteren Beobachtungen nicht etwas anderes ergaben. Aus Gibson und seiner Gesellschaft aber machten die beiden sich so wenig wie möglich, also gar nichts.

Der Advokat untersuchte nun höchst eigenhändig die Taschen des Toten. Sie waren leer, ebenso der Gürtel.

„Er ist bereits ausgeraubt worden,“ sagte er. „Es liegt also ein Raubmord vor und es ist unsere Pflicht, den Mörder zu entdecken. Die Spuren beweisen, daß nicht ein einzelner Mann die That begangen hat. Es sind ihrer mehrere gewesen, und wenn ich bedenke, daß das böse Gewissen den Verbrecher nach dem Orte seiner Unthat zurückzutreiben pflegt, so vermute ich, daß wir gar nicht weit zu gehen haben, um die Mörder zu finden. Gebrüder Hofmann, ihr seid meine Gefangenen und werdet uns zur nächsten Ansiedelung begleiten; das ist Helmers Home. Dort werden wir den Fall mit aller Strenge untersuchen.“

Er war in einer Haltung, welche imponieren sollte, vor die beiden hingetreten.

„Gebt also eure Waffen ab!“ fügte er gebieterisch hinzu.

„Sehr gern,“ antwortete Jim. „Hier hast du mein Gewehr. Greif zu.“

Er legte auf ihn an. Die Hähne knackten. Gibson sprang erschrocken zur Seite und rief:

„Schuft! Willst du dich widersetzen?“

„O nein,“ lachte Jim. „Von einer Widersetzung kann gar keine Rede sein. Ich will dich nur bitten, mir das Gewehr möglichst behutsam aus der Hand zu nehmen; es könnte sonst losgehen und dann wäre es mit deiner berühmten Advokatur zu Ende. Also greif fein säuberlich zu!“

„Auch noch Hohn? Mensch, ich lasse dich fesseln, daß du dich krümmen sollst vor Schmerzen!“

„Soll mir sehr angenehm sein, denn so ein richtiges Zusammenschnüren ist das höchste der Gefühle. Und damit die anderen Herren die Hände für diese Arbeit frei bekommen, wollen wir sie von unseren Maultieren erlösen. Polly, her zu mir!“

„Molly, komm!“ rief auch Tim.

Die Tiere hatten sich bisher ruhig an den Zügeln halten lassen, sobald sie aber die befehlenden Stimmen ihrer Herren hörten, rissen sie sich los und kamen schnaubend herbei.

„Festhalten, festhalten!“ rief Gibson; aber es war bereits zu spät.

„Bemüht euch nicht weiter!“ lachte Jim. „Ihr könntet die Bestien nicht halten; sie würden euch vielmehr unter die Hufe treten. Es ist gar nicht so leicht, zwei richtige Westmänner festzunehmen.“

„Wenn ihr nicht gehorcht, lasse ich auf euch schießen I“

„Oho! Das werdet ihr bleiben lassen! Wie wenig wir euch fürchten, mögt ihr daraus ersehen, daß ich mein Gewehr aus dem Anschlage nehme. Doch sage ich euch, daß jeder, welcher sich uns auf mehr als drei Schritte nähert, sofort die Kugel in den Kopf bekommt. Leute eures Kalibers gelten hier gar nichts. Man lacht sie höchstens aus. Was sind hier am Rande der Llano zehn Advokaten gegen einen einzigen tüchtigen Prairieläufer! Hier wird nicht in Worten, sondern mit Pulver und Blei gesprochen und in dieser Beziehung seid ihr ja doch nur Kinder gegen uns. Gegen unsere Guns kommt ihr mit euren Kolibriflinten nicht auf; das mögt ihr glauben. Wir brauchen keinen Lawyer aus dem Osten. Wir haben die Paragraphen der Prairie studiert und verstehen es auch genügsam, ihnen Geltung zu verschaffen. Wir sind ehrliche Leute und ihr habt euch in uns getäuscht; aber wir werden es euch nicht entgelten lassen, denn euer polizeilicher Scharfsinn hat uns großen Spaß gemacht. Ihr habt hier vor dem Toten gestanden wie ein Häuflein Primer boys vor einer ägyptischen Pyramide, und Eure Weisheit anzuhören, das war für uns das höchste der Gefühle. Einen solchen Fall aufzuklären, das lernt man auf keinem Kollege und auch auf keiner Universität. Merkt euch das. Die dazu nötigen Kenntnisse eignet man sich nur auf der hohen Schule der Prairie an und da ist ein jeder von euch wohl nur ein Cockney zu nennen. Jetzt werden wir beide die Sache nach unserer Weise in die Hand nehmen und da sollt ihr erfahren, welch ein anderes Resultat wir erlangen. Leider wißt ihr nicht, was in einem solchen Falle eine unbeschädigte Fährte zu bedeuten hat. Ihr habt eure Pferde hier nach Belieben trampeln lassen. Nun ist es freilich beinahe unmöglich, die eigentliche Spur zu lesen. Wir wollen aber versuchen, es fertig zu bringen. Suchen wir einen Kreis ab, Tim, du nach rechts und ich nach links. Drüben treffen wir dann zusammen.“

Diese Art, zu sprechen, verfehlte den beabsichtigten Eindruck nicht. Niemand entgegnete ein Wort, und selbst Gibson schwieg. Freilich machten sie höchst finstere Gesichter; aber als die Brüder sich jetzt nach verschiedenen Seiten entfernten, wagte es keiner, sie zu hindern oder sich ihrer Tiere wieder zu bemächtigen.

jeder der beiden schritt, den Boden sorgfältig untersuchend, einen weiten Halbkreis ab, dessen Mittelpunkt die Leiche war. Als sie zusammentrafen, teilten sie sich ihre Ergebnisse mit und kehrten dann zurück. Nun untersuchten sie auch das Pferd, den Toten und den zerstampften Boden. Die Sorgsamkeit, mit welcher sie sogar einzelne Steinchen betrachteten, wollte den anderen fast lächerlich erscheinen. Zuletzt sprachen sie wieder eine Weile leise miteinander, bis sie zu einer festen Ansicht gekommen zu sein schienen. Dann wendete Tim sich an den Advokaten:

„Master Gibson, Ihr wolltet uns arretieren, weil wir uns hier befinden, und weil ich in die Taschen dieses Toten griff. Mit ganz denselben Rechten könnten wir Euch festnehmen, da Ihr Euch ja auch von außen um diesen Platz herumgeschlängelt und dann dieselben Taschen untersucht habt. Wir wissen aber, daß Ihr unschuldig seid, und Ihr habt also nichts zu befürchten.“

„O, das wissen wir auch überdies. Was sollte uns von euch geschehen!“

„Alles, was uns beliebte. Ihr habt ja gar keine Ahnung von der Art und Weise eines Westmannes. Wenn es uns beiden beliebt, so bringen wir euch alle sechs trotz eurer Waffen gebunden nach Helmers Home. Ihr hättet die Wahl nur zwischen Gehorsam oder Tod. Gut für euch, daß es anders steht! Als wir ankamen, sahen wir euch bei der Leiche. Wir hatten also Veranlassung, Verdacht gegen euch zu hegen, während euer gegen uns gezeigtes Mißtrauen ein ganz unsinniges war. Schon daß der Mann skalpiert worden ist, mußte euch auf die Vermutung bringen, daß er durch die Kugel eines Indianers fiel. Wir dachten das sofort und haben es bestätigt gefunden. Übrigens ist ihm wohl sein Recht geschehen. Erst bemitleideten wir ihn, doch ohne Grund, wie sich jetzt herausgestellt hat. Er ist ein schlimmer Kerl gewesen, das Mitglied einer Bande von Bushrunners, welche hier ihr Wesen zu treiben scheinen. Nehmt euch vor ihnen in acht!“

Seine Worte wurden mit dem größten Staunen entgegengenommen.

„Wie?“ fragte Gibson. „Das alles wollt Ihr aus den Spuren ersehen haben?“

„Das und noch viel mehr.“

„Das ist ganz unmöglich!“

„So sagt Ihr, weil Ihr ein Neuling seid. Man kann eine Fährte so gewiß lesen wie die Zeilen und Seiten eines Buches. Freilich gehört unbedingt dazu, daß man sich eine Reihe von Jahren von außen um den wilden Westen herumgeschlängelt hat. Das ist nicht bei Euch, aber bei uns der Fall. Der Mann ist nicht auf dem Platze, wo er sich jetzt befindet, erschossen worden. Habt Ihr bemerkt, daß die Kugel ihm den ganzen Körper durchbohrt hat und zum Rücken hinausgedrungen ist?“

„Ja.“

„So kommt einmal mit zur Seite!“

Die anderen folgten ihm, bis er nach einigen Schritten stehen blieb und auf den Boden deutete, welcher aus hartem, nacktem Gestein bestand. Da lag eine große Lache geronnenen Blutes.

„Was seht Ihr hier?“ fragte er.

„Das ist Blut,“ antwortete Gibson.

„Bemerkt Ihr weiter nichts?“

„Nein.“

„So habt Ihr freilich keine Kriminalistenaugen, obgleich Ihr es wagtet, uns arretieren zu wollen. Seht Euch einmal diesen kleinen Gegenstand an! Für was haltet Ihr ihn?“

Er nahm den betreffenden Gegenstand aus der Lache. Derselbe war klein, fast wie eine Münze breit gedrückt und zeigte trotz des an ihm klebenden Blutes einen matten, metallischen Glanz. Alle betrachteten ihn, und Gibson sagte:

„Das ist eine breitgedrückte Bleikugel.“

„Ja, und zwar diejenige, welche diesem Manne den Tod gebracht hat. Sie ist ihm genau durch das Herz gedrungen; also ist er augenblicklich tot und bewegungslos gewesen. Er kann sich unmöglich noch dorthin, wo er liegt, geschleppt haben, sondern ist von anderen oder wenigstens einem anderen dorthin geschafft worden. Gebt Ihr das zu?“

„Wie Ihr es erklärt, erscheint es freilich wenn als nicht gewiß so doch wahrscheinlich.“

„Nun seht Euch einmal das trockene Hartgrasplätzchen hier neben dieser felsigen und blutigen Stelle an! Was seht Ihr da?“

„Das Gras ist niedergedrückt worden.“

„Wovon oder von wem?“

„Ja, wer soll das wissen!“

„Wir wissen es. Hier hat ein Mensch gelegen, und da nicht die mindeste Spur von Blut zu entdecken ist, so muß man annehmen, daß er unverwundet war. Geschlafen hat er nicht da, denn ein jeder, auch der ärmste Westmann hat eine Decke bei sich, welche er unbedingt unterlegt, wenn er am Boden ausruhen will. Auch ist in Anbetracht der Zeit, welche seit dem Morde vergangen ist, diese Spur so undeutlich, daß mit Sicherheit anzunehmen ist, er habe nur kurze Zeit hier gelegen. Hart daneben seht Ihr einen Strich im weichen Sandboden. Er ist oben breit und verengert sich nach unten. Womit ist dieser Strich gemacht worden?“

„Vielleicht mit dem Stiefelabsatze.“

„O nein! Ich werde Euch gleich beweisen, daß der Mann, welcher hier lag, keine Stiefel, sondern Moccassins trug. Dieser Strich würde eine ganz andere Gestalt oder Form haben, wenn er von einem Stiefel herrührte. Er würde muldenförmig sein. Man kann getrost tausend Eide darauf schwören, daß er mit der Ecke des Gewehrkolbens gemacht worden ist, und da er nicht gleichmäßig ist, sondern tief beginnt und am anderen Ende in einem flachen, seitlich gebogenen Haken ausläuft, so ist es gewiß, daß er nicht langsam, in ruhiger Bewegung, sondern äußerst hastig gemacht wurde. Endlich seht Euch einmal den Eindruck hier am unteren Ende der Spur an! Welchem Umstande verdankt sie ihre Entstehung?“

Erst nachdem Gibson die betreffende sandige Stelle genau betrachtet hatte, antwortete er:

„Es scheint fast, als ob jemand hier sich auf dem Absatze umgedreht habe.“

„Dieses Mal habt Ihr Recht. Der Eindruck ist aber auch so deutlich, daß man gar nichts anderes raten kann. Wenn Ihr die Stelle genau prüft, werdet Ihr sagen müssen, daß hier von einem Stiefelabsatze nicht die Rede sein könne, sondern von einem Schuhwerke mit stumpfer Ferse, also einem Moccassin. Ihr seht den Eindruck nur eines Fußes, nicht aber den des anderen, obgleich der Boden sehr weich ist. Was folgt daraus?“

„Das weiß ich freilich nicht.“

„Die Hastigkeit, welche ich bereits vorhin erwähnte. Der Betreffende hat sich hier in größter Eile niedergeworfen, so daß der zweite Fuß in der Luft schwebte und also gar keinen Eindruck im Sande machen konnte. Hätte der Betreffende Zeit gehabt, sich in aller Behaglichkeit hier auszustrecken, so müßte man unbedingt die Spuren beider Füße sehen. Es ist also mit voller Gewißheit anzunehmen, daß für ihn ein Grund vorhanden war, sich plötzlich hinzuwerfen. Und welche Ursache könnte das wohl sein?“

Der Advokat kratzte sich nachdenklich hinter dem Ohre.

„Sir,“ sagte er, „ich muß zugeben, daß es uns unmöglich ist, Euch in Eueren Vermutungen oder Berechnungen so schnell zu folgen.“

„Das beweist eben, daß ihr Greenhorns seid. In solchen Lagen hängt das Leben oft an der Zeit einer einzigen Minute. Da darf man nicht ewig grübeln und sinnen, sondern es kommt darauf an, daß der Blick hell, schnell und sicher ist. Ich werde euch sagen, welcher Grund vorhanden war. Bückt einmal um euch, und sagt mir, ob ihr nicht etwas Auffälliges hier in der Nähe bemerkt!“

Die Sechs schauten sich um, schüttelten aber die Köpfe.

„Nun,“ fuhr Tim fort, „so seht euch diese Yuccapflanze an! An ihr müßt ihr doch jedenfalls etwas bemerken.“

Die erwähnte Pflanze war eine Yucca gloriosa, welche hier im trockenen, sandigen Boden in ihrer Entwickelung zurückgeblieben war. Sie blühte noch und trug eine Rispe weißer, purpurn angehauchter Blumen. Mehrere ihrer steifen, schmalen, lanzettlich geformten. und blaugrün gefärbten Blätter lagen an der Erde. Sie waren nicht von selbst abgefallen, sondern abgerissen worden.

„Es ist jemand hier gewesen und hat sich mit der Yucca zu schaffen gemacht,“ sagte Gibson in klugem Tone.

„So! Und wer ist dann dieser jemand gewesen?“

„Das kann man nicht wissen.“

„Man kann es wissen, ja, man muß es sogar wissen. Ein Mensch hat die Pflanze nicht berührt, aber er hat ihr aus der Ferne eine Kugel zugesandt, welche die Blätter abgefetzt und dann dieses Loch hier durch den Stengel geschlagen hat. Seht ihr es denn nicht?“

Sie bemerkten es erst jetzt. Tim fuhr fort:

„Kein Mensch schießt aus Langeweile eine Pflanze nieder. Die Kugel hat demjenigen gegolten, welcher sich da hinter uns zur Erde warf. Wenn wir uns nun von der Yucca aus eine Linie denken, welche die Stelle berührt, wo der letzterwähnte Mann gestanden hat, und sie in gerader Richtung verlängern, so wissen wir genau, aus welcher Gegend die Kugel gekommen ist. Da sie durch den unteren Teil des Stengels schlug, hat sich die Mündung des Gewehres, aus welcher sie kam, beträchtlich hoch über dem Erdboden befunden, und ihr könnt mir jedenfalls sagen, was daraus zu schließen ist?“

Sie blickten ihn verlegen an, antworteten aber nicht. Darum erklärte er weiter:

„Derjenige, welcher geschossen hat, stand nicht auf der Erde, sondern er saß im Sattel. Das ist für mich so gewiß wie nur irgend etwas. Aus allem, was wir hier gesehen haben, ist also folgendes zu schließen: Ein mit einem Gewehre bewaffneter Indianer hat dort, wo wir die Spur betrachteten, auf der Erde gestanden. Ein Reiter, welcher ungefähr aus Nordosten kam, schoß vom Pferde aus auf ihn, worauf der Rote, ohne von der Kugel getroffen zu sein, sich augenblicklich platt auf den Boden niederwarf, und zwar so, daß er das Gesicht nach oben kehrte. Warum aber that er das? Warum legt ein Unverwundeter sich nieder, wenn auf ihn geschossen wurde? Da gibt es nur eine einzige Erklärung, nämlich er will den Schützen heranlocken; er will ihn glauben machen, daß er tot sei. Der Reiter kam auch wirklich herbei ––“

„Woraus seht Ihr das?“ fragte Gibson erstaunt.

„Das will ich Euch zeigen. Kommt nur wieder zurück nach dem Platze, an welchem sich der Tote befindet! Ich kann mir den ganzen Verlauf des Ereignisses so klar und deutlich vorstellen, als ob ich Augenzeuge desselben gewesen sei. Wer ein scharfes und gut geübtes Denk- und Beobachtungsvermögen besitzt, der schlängelt sich von außen her mit größter Leichtigkeit um so ein geheimnisvolles Ereignis herum und weiß dann sehr bald, woran er ist. Mit Eurer Jurisprudenz aber würdet Ihr da nicht weit kommen.“

Er führte ihn an der Leiche vorüber, nach einer Stelle, an welcher sich dürftig belaubtes Knieholz befand, zwischen denen es kleine, freie Sandflecke gab. Hier gab es einen größeren Eindruck im Sande, und er fragte, auf welche Weise derselbe wohl entstanden sei.

„Es scheint auch hier jemand gelegen zu haben,“ antwortete Gibson.

„Mit dieser Vermutung habt Ihr recht; aber wer ist es gewesen?“

„Etwa der Tote, bevor er starb?“

„Nein, denn dieser wurde so gut in das Herz getroffen, daß er sich gar nicht mehr bewegen konnte. Es war ihm unmöglich, sich hierher zu schleppen. Übrigens müßte sich eine Blutlache hier befinden, wenn er es gewesen wäre.“

„So war es der Indianer, welcher sich bereits da drüben einmal niederwarf?“

„Auch dieser nicht. Es gab für ihn ja gar keinen Grund, sein schlaues Manöver zu wiederholen. Auch haben wir erfahren, daß er vollständig unverletzt war, während derjenige, welcher hier gelegen hat, schwer verwundet gewesen ist. Wir haben es also jedenfalls mit einer dritten Person zu thun.“

„Aber,“ sagte Gibson im höchsten Erstaunen, „dieser Sand ist für euch wirklich ein aufgeschlagenes Buch. Ich könnte nicht eine Zeile desselben lesen!“

Auch auf den Gesichtern seiner Gefährten stand die größte Verwunderung zu lesen. Jim hatte die Erklärung bisher seinem Bruder überlassen. Jetzt ergriff er das Wort:

„Darüber braucht man Mund und Augen gar nicht aufzureißen, Mesch’schurs. Was euch so unglaublich erscheint, das macht uns jeder gute Westmann nach. Wer es nicht sehr bald fertig bringt, eine Fährte oder Spur zu lesen, der mag sich in Gottes Namen schleunigst wieder von dannen machen, denn er könnte hier im Westen gar nicht existieren. Alle berühmten Jäger haben ihre Erfolge neben ihrer Kühnheit, List und Ausdauer auch dem Umstande zu verdanken, daß jeder Fußstapfe, den sie sehen, für sie ein deutlich geschriebener Brief ist, welchen der Betreffende ihnen mit oder ohne Absicht zurückgelassen hat. Wer aber kein Verständnis für solche Briefe hat, der wird sehr bald eine Kugel oder einen guten Messerstich erhalten und an irgend einer Stelle verfaulen, an welcher es nicht gut möglich ist, ihm ein Denkmal zu errichten. Mein Bruder hat gesagt, daß sich hier keine Blutlache befinde, und er hat recht gehabt. Eine ganze, große Lache gibt es freilich nicht, aber ein wenig Blut ist doch zu sehen. Diese kleinen, dunklen Stellen im Sande rühren von Blutstropfen her. Derjenige, welcher hier lag, war also verwundet und zwar schwer, denn man ersieht aus der Spur, daß er sich vor Schmerz am Boden krümmte. Schaut euch nur das nebenan stehende Knieholz genau an und den Sand, welcher sich unter den niedrig kriechenden Zweigen desselben befindet! Der arme Teufel hat vor Schmerz die Äste losgerissen und die Finger in die Erde gekrallt. Könnt ihr mir vielleicht sagen, an welcher Stelle seines Körpers er verwundet war?“

„Um dies sagen zu können, müßte man geradezu allwissend sein.“

„O nein! Eine Wunde im Kopfe oder im Oberkörper läßt mehr Blut laufen, als hier vorhanden ist. Die Verletzung wurde ihm am Unterleibe zugefügt, woraus sich auch die Qualen, welche er litt, erklären lassen. Und nun seht weiter, wie nebenan das Holz zerstampft ist, und wie die Zweige auseinander gerissen sind bis dort hinüber, wo der unverwundete Indianer lag! Und betrachtet einmal diesen unscheinbaren Gegenstand, welcher hier am Boden liegt und von euch noch gar nicht beachtet wurde! Könnt ihr mir vielleicht sagen, was es ist?“

Er nahm ein Stückchen Leder vom Boden auf. Es war früher hell gegerbt gewesen, von der Zeit aber dunkel gefärbt worden und wurde durch Einschnitte in lange, sehr schmale Streifen geteilt. Die sechs betrachteten es genau, schüttelten aber die Köpfe.

„Das ist,“ erklärte Jim, „das losgerissene Stückchen einer ausgefransten Hosennaht, indianische Arbeit. Derjenige, weicher hier lag, war also auch ein Indianer. Er trug Leggins, deren Leder mit dem Gehirn eines Hirsches gegerbt worden war. Er hat vor Schmerz die Finger in die Leggins gekrallt und dieses kleine Fransenstück losgerissen. Ein Schuß in den Unterleib ist keineswegs das höchste der Gefühle. Wenn euch eine Kugel im Eingeweide sitzt, so werdet ihr euch wie Würmer krümmen. Sollte mich wundern, wenn dieser Indsman sich nicht bereits in den ewigen Jagdgründen befände. Er kann die Fortsetzung des Rittes unmöglic