Reisen und Abenteuer des Kapitän Hatteras – Band 1

Sechstes Capitel.


Sechstes Capitel.

Die große Polarströmung.

Bald ließen sich zahlreichere Schaaren von Vögeln, Sturmvögel und andere Bewohner dieser öden Gegenden sehen, woraus man die Nähe Grönlands erkannte. Der Forward fuhr rasch nordwärts.

Am Dienstag, den 17. April, gegen elf Uhr Vormittags, meldete der Eismeister das erste Erscheinen des Eis-Blink, welches sich mindestens zwanzig Meilen in Nord-Nord-West zeigte. Es war ein blendend weißer Streifen, welcher trotz dichten Gewölkes den ganzen benachbarten Theil der Atmosphäre lebhaft erhellte. Die Leute von Erfahrung an Bord konnten über die Erscheinung keinen Zweifel haben, und sie erkannten an dem weißen Schein, daß dieser Blink von einem ausgedehnten Eisfeld dreißig Meilen über dem Gesichtskreis hinauskommen mußte, und durch Brechung der Lichtstrahlen entstand.

Gegen Abend schlug der Wind südlich um, und ward günstig; Shandon konnte tüchtig Segel aufspannen und ließ aus Sparsamkeit die Heizung aufhören. Der Forward fuhr mit vollen Segeln dem Cap Farewell zu.

Am 18. um drei Uhr ließ sich an einem weißen, nicht eben dichten, aber glänzenden Streifen, der lebhaft zwischen den Linien des Meeres und Himmels abstach, ein Eisstrom erkennen. Er trieb offenbar vielmehr von der Ostküste Grönlands her, als von der Davis-Straße, denn die Eisblöcke ziehen sich vorzugsweise an den Westrand des Baffins-Meeres. Eine Stunde nachher fuhr der Forward mitten durch abgesonderte Blöcke des Eisstroms, und da wo sie am meisten zusammenhingen, folgten sie der Wellenbewegung.

Am folgenden Morgen, bei Tagesanbruch, meldete die Wache ein Schiff: es war eine dänische Corvette, Walküre, welche in entgegengesetzter Richtung des Forward der Bank von New-Foundland zufuhr. Die Strömung von der Straße her machte sich schon fühlbar, und Shandon mußte die Segel verstärken, um dagegen zu steuern.

Damals befanden sich der Commandant, der Doctor, James Wall und Johnson beisammen auf dem Hinterdeck, um die Richtung und Kraft dieser Strömung zu untersuchen. Der Doctor fragte, ob wirklich diese Strömung gleichmäßig im Baffins-Meer existire.

»Allerdings, erwiderte Shandon, und die Segelschiffe können nur mit Mühe dem Polarstrom entgegen steuern.

– Um so mehr, fügte James Wall bei, als man ihn ebensowohl auf der Ostküste Amerika’s als auf der Westküste Grönlands findet.

– Nun, sagte der Doctor, das giebt den Aufsuchern der nordwestlichen Durchfahrt einen besondern Grund! Dieser Strom fließt mit einer Schnelligkeit von etwa fünf Meilen die Stunde, und es ist schwerlich vorauszusetzen, daß er im Innern des Golfs entsteht.

– Dies ist um so richtiger, Doctor, fuhr Shandon fort, als man gleich dieser Strömung von Norden nach Süden eine entgegengesetzte von Süden nach Norden in der Behrings-Straße findet, welche den Ursprung dieser bildet.

– Demnach, meine Herren, sagte der Doctor, muß man zugeben, daß Amerika völlig von den Polarlanden losgetrennt ist, und daß die Gewässer des Stillen Meeres um diese Küsten herum bis in’s Atlantische fließen. Uebrigens ergiebt sich auch aus dem höhern Niveau der Gewässer des erstern noch ein Grund für deren Abfluß in die Meere Europas.

– Aber, fuhr Shandon fort, es muß doch Gründe für diese Theorie geben, und wenn das der Fall ist, muß unser Universal-Gelehrter sie kennen.

– Wahrhaftig, versetzte letzterer mit liebenswürdiger Befriedigung, wenn dies Sie interessiren kann, so will ich Ihnen sagen, daß Wallfische, die in der Davis-Straße verwundet wurden, einige Zeit nachher in der Nähe der Tartarei noch mit der europäischen Harpune im Leibe gefangen wurden.

– Wofern sie also nicht um’s Cap Horn, oder das der guten Hoffnung gefahren sind, erwiderte Shandon, so müssen sie nothwendig ihren Weg um die Nordküste Amerika’s herum genommen haben. Das ist unbestreitbar, Doctor.

– Wenn Sie jedoch nicht überzeugt wären, mein wackerer Shandon, sagte der Doctor lachend, so könnte ich noch andere Thatsachen vorbringen, z. B. das in der Davis-Straße flößende Holz, Lärchen, Zitterespen und andere Producte der tropischen Zone. Nun wissen wir, daß des Golfstromes wegen dieses Holz nicht in die Enge hineintreiben kann; wenn sie also aus demselben heraustreiben, so konnten sie nur durch die Behrings-Straße in denselben hineinkommen.

– Ich bin überzeugt, Doctor, und gestehe, daß man bei Ihren Beweisen schwerlich ungläubig bleiben kann.

– Meiner Treu! sagte Johnson, da kommt just etwas, was die Sache klar machen kann. Ich sehe da draußen ein hübsch großes Stück Holz. Mit Erlaubniß des Commandanten wollen wir den Baumstamm auffischen, an Bord ziehen und um sein Heimatland befragen.

– Ganz recht, sagte der Doctor, das Beispiel nach der Regel.«

Shandon gab den Befehl dazu; die Brigg fuhr auf das wahrgenommene Holz und bald darauf zog es die Mannschaft, mit einiger Mühe, an Bord.

Es war ein Acajoustamm, der vom Gewürm bis in den Kern zerfressen war, sonst hätte er nicht obenauf schwimmen können.

»Das ist ja überführend, rief der Doctor freudig, denn, da die Strömungen des Atlantischen Oceans denselben nicht haben in die Davis-Straße treiben können, weil er nicht durch nordamerikanische Flüsse in das Polar-Becken getrieben werden konnte, da der Baum in der Gegend des Aequators wächst, so ist es klar, daß er direct aus der Behrings-Straße kommt. Und sehen Sie, meine Herren, dies Meergewürm, von dem es durchfressen wurde; es gehört zu den Gattungen der heißen Zone.

Offenbar, versetzte Wall, haben die Widersacher der Durchfahrt Unrecht.

– Mit diesem da sind sie gänzlich geschlagen! erwiderte der Doctor. Geben Sie Acht, ich will Ihnen den Weg beschreiben, welchen dieses Acajouholz gemacht hat. Es ist durch einen Fluß des Isthmus von Panama oder aus Guatemala in den Stillen Ocean geflößt worden; von da aus hat die Strömung längs der amerikanischen Küsten es bis zur Behrings-Straße geführt, und, gutwillig oder nicht, es mußte in die Polarmeere hinein; es kann noch nicht lange her sein, daß es aus seiner Heimat abgefahren ist; sodann ist es glücklich über alle Hindernisse der langen Reihe von Engen bis zum Baffins-Meer hinausgekommen, und von der aus dem Norden kommenden Strömung lebhaft ergriffen ist es durch die Davis-Straße getrieben, um an Bord des Forward aufgefischt zu werden zu großer Freude des Doctor Clawbonny, welcher den Commandanten um die Erlaubniß ersucht, ein Musterpröbchen davon aufzuheben.

– Thun Sie es nur, versetzte Shandon; aber gestatten Sie auch mir, Ihnen mitzutheilen, daß Sie nicht der einzige Besitzer eines solchen Strandgutes sind. Der dänische Statthalter der Insel Disco …

– An der Küste Grönlands, fuhr der Doctor fort, besitzt einen Tisch, der aus einem Block desselben Holzes gefertigt ist, welcher unter gleichen Umständen aufgefischt wurde; es ist mir dies nicht unbekannt, lieber Shandon; nun, ich beneide ihn nicht um seinen Tisch, denn, wenn es nicht zu viel zu schaffen machte, so hätte ich hier genug, um mir ein ganzes Schlafgemach zu zimmern.« Während der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag wehte der Wind äußerst heftig; das Treibholz zeigte sich häufiger; die Annäherung an die Küste war gefährlich zu einer Zeit, wo die Eisberge sehr zahlreich sind; der Commandant ließ daher die Zahl der Segel vermindern, und der Forward fuhr dann mit nur zweien.

Das Thermometer fiel unter den Gefrierpunkt. Shandon ließ angemessene Kleidung an die Mannschaft vertheilen, wollene Jacke und Hosen, flanellnes Hemd, Strümpfe von Wadmel, wie die norwegische Bauern tragen. Desgleichen wurde jeder Mann mit einem Paar völlig wasserdichten Meerstiefeln versehen.

Kapitän Hund war mit seinem natürlichen Pelz zufrieden; er schien gegen die Veränderungen der Temperatur wenig empfindlich; er mußte schon mehr wie einmal die Probe bestanden haben. Er war fast immer in den dunkeln Schiffsräumen versteckt.

Gegen Abend ließ sich durch eine Lichtung im Nebel, unter 37° 2′ 7″ Länge die Küste Grönlands sehen; der Doctor konnte vermittelst seines Fernrohrs eine Reihe Pics mit breiten Gletschern erkennen.

Der Forward befand sich am 20. April früh im Angesicht eines hundertundfünfzig Fuß hohen Eisbergs, der seit undenklichen Zeiten an dieser Stelle festliegt; das Thauwetter hat ihn noch nie bewältigt und seine seltsamen Formen nicht angetastet. Snow hat ihn gesehen; James Roß im Jahre 1829 eine Zeichnung desselben aufgenommen, und der französische Lieutenant Bellot an Bord des Prinzen Albert hat ihn im Jahre 1851 bemerkt.

Auch der Doctor entwarf eine gelungene Skizze desselben.

Solche unüberwindlich festliegenden Massen finden sich mitunter; dann haben sie gegen jeden Fuß Höhe über dem Wasser zwei unter demselben, was also bei diesem dreihundert Fuß Tiefe, also zusammen vierhundert Fuß beträgt.

Endlich bei einer Temperatur, die Mittags zwölf Grad (-11° hunderttheilig) betrug, bekam man in nebeligem Schneewetter Cap Farewell zu sehen.

»Da ist denn, sagte bei sich der Doctor, das berühmte, richtig benannte Cap.1 Viele sind daran vorüber gefahren, und haben es nimmer wieder gesehen. So sind Frobisher, Knight, Barlow, Vaugham, Scroggs, Barentz, Hudson, Blosseville, Franklin, Crozier, Bellot, nie zum heimischen Heerd zurückgekehrt, ihnen rief es ein letztes Lebewohl zu.«

Grönland wurde von isländischen Seefahrern schon um’s Jahr 970 entdeckt. Sebastian Cabot drang im Jahre 1498 bis zum sechsundfünfzigsten Breitegrad, Gaspard und Michel Cotreal, 1500 bis 1502, gelangten bis zum sechzigsten Grade, und Martin Frobisher 1576 bis zu der nach ihm benannten Bai.

John Davis entdeckte 1585 die Straße, welche seinen Namen führt, und zwei Jahre später, bei einer dritten Reise, gelangte dieser kühne Seefahrer und Wallfischjäger bis zum 73°, noch siebenzehn Grad vom Pol. Barentz 1596, Weymuth 1602, James Hall 1605 und 1607, Hudson, nach welchem die große Bai benannt ist, die sich so tief in’s Festland hineinzieht, James Poole 1611, drangen weiter in der Straße vor, um die nordwestliche Durchfahrt zu suchen, durch welche der Verkehr zwischen den beiden Welten so sehr abgekürzt worden wäre.

Baffin, 1616, fand in dem Meere seines Namens die Lancaster-Straße; ihm folgte 1619 James Munk, und 1719 Knight, Barlow, Vaugham und Scroggs, von welchen man nie wieder Nachricht bekam.

Im Jahre 1776 erreichte der Lieutenant Pickersgill, welcher dem Kapitän Cook entgegen geschickt wurde, den 68°; im folgenden Jahr drang Young bis zur Fraueninsel vor.

Nun kam James Roß, der 1818 die Küsten des Baffins-Meeres aufnahm und die hydrographischen Irrthümer seiner Vorgänger verbesserte.

Endlich, 1819 und 1820, drang der berühmte Parry durch den Lancaster-Sund inmitten unzähliger Schwierigkeiten bis zur Insel Melville und gewann den Preis von fünftausend Pfund, welcher durch eine Parlamentsacte den englischen Seefahrern versprochen war, die bei einer höhern Breite als 77° über den hundertundsiebenzigsten Meridian gelangen würden.

Im Jahre 1826 kam Beechey bis zur Insel Chamisso; James Roß überwinterte 1829–1830 in der Prinz-Regenten-Straße, und entdeckte, neben andern wichtigen Leistungen, den magnetischen Pol.

Während dieser Zeit erforschte Franklin, auf dem Landweg, die Nordküsten Amerika’s vom Mackenziefluß bis zu der Umkehr-Spitze; der Kapitän Back verfolgte von 1823–1835 diese Bahn weiter, und seine Entdeckungen wurden 1839 durch Dease, Simpson und den Doctor Rae vervollständigt. Endlich fuhr Sir John Franklin, voll Eifer, die nordwestliche Durchfahrt aufzufinden, im Jahre 1845 auf dem Erebus und Terror aus England ab, drang in’s Baffins-Meer hinein, und seit er bei der Insel Disco vorbeigekommen, bekam man keine Nachricht mehr von seiner Expedition.

Diese zahlreichen Entdeckungsfahrten haben zur Auffindung der Durchfahrt und zur Aufnahme der so tief ausgezackten Polar-Continente geführt; die unverzagtesten Seemänner Englands, Frankreichs und der Vereinigten Staaten wagten sich in die schrecklichen Gegenden, und ihren Anstrengungen ist zu verdanken, daß die so schwierige Karte dieser Landschaften im Archiv der königlichen Geographischen Gesellschaft zu London nun prangen kann.

So überblickte der Doctor im Geiste die merkwürdige Entdeckungsgeschichte dieser Landschaften, während er auf die Seite gelehnt mit den Augen dem langen Kielwasser der Brigg folgte.

  1. »Lebewohl.«

Siebentes Capitel.


Siebentes Capitel.

Die Davis-Straße.

Diesen Tag über bahnte sich der Forward einen leichten Weg zwischen den halb zerbröckelten Eisblöcken; der Wind war günstig, aber die Temperatur sehr niedrig; die über die Eisfelder streichende Luft durchdrang mit frischer Kälte. Die Nacht erforderte die strengste Achtsamkeit; die schwimmenden Berge drängten sich in der engen Straße zusammen: man zählte ihrer oft bei hundert am Horizont; sie lösten sich durch Einwirkung der benagenden Wellen und der Aprilsonne von den vorragenden Küsten ab, um zu zerschmelzen oder in die Tiefen des Oceans zu versinken. Man begegnete auch langen Flößen Treibholz, mit welchen man nicht zusammenstoßen durfte. Darum wurde auch das »Krähennest« an der Spitze eines Mastes angebracht, bestehend aus einer Tonne mit beweglichem Boden, worin der Eismeister, zum Theil gegen den Wind geschützt, das Meer überschaute, die herannahenden Eisblöcke meldete, und selbst nöthigenfalls das Manoeuvriren des Schiffes angab. Die Nächte waren kurz; die Sonne war in Folge der Strahlenbrechung seit dem 31. Januar wieder zum Vorschein gekommen, und hielt sich allmälig länger über dem Horizont. Aber durch den Schnee war die Aussicht gehemmt, und wenn er auch nicht Dunkelheit veranlaßte, so machte er doch die Fahrt schwierig.

Am 21. April zeigte sich mitten im Nebel das Cap Desolation; die Mannschaft war durch das Manoeuvriren erschöpft; seitdem die Brigg zwischen den Eisblöcken fuhr, hatten die Matrosen nicht einen Augenblick Ruhe gehabt; man mußte bald den Dampf zu Hilfe nehmen, um sich mitten durch aufgeschichtete Blöcke einen Weg zu bahnen.

Der Doctor und Meister Johnson plauderten auf dem Hinterverdeck mit einander, während Shandon in seiner Cabine einige Stunden Schlaf genoß. Clawbonny suchte die Unterhaltung des alten Matrosen auf, welchem seine zahlreichen Reisen eine interessante und verständige Erziehung gegeben hatten. Der Doctor gewann ihn sehr lieb, und der Rüstmeister blieb ihm nichts schuldig.

»Sehen Sie, Herr Clawbonny, sagte Johnson, dieses Land ist nicht wie alle andern; sein Name bedeutet »Grünes Land«, aber nur wenig Wochen im Jahre ist diese Benennung gerechtfertigt!

– Wer weiß, wackerer Johnson, erwiderte der Doctor, ob nicht im zehnten Jahrhundert dieses Land Anspruch auf eine solche Benennung haben konnte. Auf unserm Erdball ist schon manche Umänderung dieser Art vorgekommen, und Sie werden vielleicht staunen, wenn ich Ihnen sage, daß isländischen Chroniken zufolge vor acht bis neunhundert Jahren zweihundert Dorfschaften auf diesem Continent blühten.

– Diese Aeußerung, Herr Clawbonny, versetzt mich dermaßen in Staunen, daß ich ihr nicht einmal Glauben beimessen kann, denn ’s ist ein ödes Land!

– Gut! So öde es auch sein mag, so bietet es doch Bewohnern, und selbst civilisirten Europäern, hinreichend eine Stätte ruhiger Abgeschiedenheit.

– Allerdings! Zu Disco, zu Uppernawik werden wir Leute finden, die mit einem Leben in solchem Klima zufrieden sind; aber ich habe immer gedacht, sie hätten diesen Aufenthalt nicht mit Vorliebe, sondern nothgedrungen, gewählt.

– Ich glaube es gern; doch gewöhnt sich der Mensch an alles, und es scheint mir, diese Grönländer sind nicht ebenso zu beklagen, als die Arbeiter in unsern großen Städten; sie können unglücklich sein, aber sicherlich im Elend leben sie nicht, ferner, ich sage wohl unglücklich, aber dieses Wort drückt nicht völlig meinen Gedanken aus; in der That, leben diese Leute auch nicht so im Wohlbehagen, wie wir in der gemäßigten Zone; in diesem Klima geboren, finden sie offenbar darin Genüsse, für welche uns der Begriff abgeht!

– Das muß man wohl annehmen, Herr Clawbonny, weil der Himmel gerecht ist; aber ich bin vielfach auf Reisen an diese Küsten gekommen, und der Anblick dieser traurigen Einöden hat mir stets das Herz zusammengeschnürt; man hätte z. B. den Caps, Vorgebirgen, Baien freundlichere Namen geben sollen, denn die Bezeichnungen Farewell und Desolation sind nicht geeignet, die Seefahrer anzuziehen!

– Diese Bemerkung habe ich ebenfalls gemacht, erwiderte der Doctor; aber diese Namen haben unverkennbar ein geographisches Interesse; sie bezeichnen die Erlebnisse derer, welche die Namen beigelegt haben; wenn ich neben den Namen Davis, Baffin, Hudson, Roß, Parry, Franklin das Cap Desolation (Trostlosigkeit) finde, so stoße ich bald auf die Bai der Gnade (Mercy): es ist da die ununterbrochene Reihe von Gefahren, Hindernissen, Erfolgen, Verzweifeln und Gelingen verbunden mit den großen Namen meines Vaterlandes, daß ich die ganze Geschichte dieser Meere darin lesen kann.

– Richtig geurtheilt, Herr Clawbonny, und möchten wir nur bei unserer Reise auf mehr Baien des Erfolges (Succès), als Caps der Desolation treffen!

– Das wünsch‘ ich, Johnson; aber, sagen Sie mir, hat sich die Mannschaft ein wenig von ihren Strapazen erholt?

– Ein wenig, mein Herr; und doch, um alles herauszusagen, seit unserer Einfahrt in die Straße hat man wieder angefangen, sich über den eingebildeten Kapitän Gedanken zu machen; mancher war darauf gespannt, daß er an der Spitze von Grönland erschiene, und bis jetzt, nichts! Sehen Sie, Herr Clawbonny, unter uns, ist das nicht etwas zum Verwundern?

– Ja wohl, Johnson.

– Glauben Sie, daß der Kapitän existirt?

– Ganz gewiß.

– Aber was konnte er für Gründe haben, so zu handeln?

– Soll ich völlig heraussagen, was ich denke, so glaube ich, dieser Mann wollte die Mannschaft erst weit genug fortziehen, daß sie nicht mehr umkehren konnte. Wäre er nun im Moment der Abfahrt an seinem Bord erschienen, so hätte jeder die Bestimmung des Schiffes haben hören wollen, wodurch er in Verlegenheit gerathen wäre.

– Und weshalb?

– Wahrhaftig, wenn er eine übermenschliche Unternehmung wagen, wenn er vordringen will, wohin so viele Andere vor ihm nicht konnten, glauben Sie, daß er seine Mannschaft beisammen behalten hätte? Dagegen, wenn man einmal unterwegs ist, kann man so weit gehen, daß das Vorwärtsdringen zu einer Nothwendigkeit wird.

– Das ist möglich, Herr Clawbonny; ich habe mehr als einen unerschrockenen Abenteurer kennen gelernt, dessen bloßer Name in Schrecken setzte, und der keinen Mann gefunden hätte, um ihn bei seinen gefährlichen Unternehmungen zu begleiten …

– Mich ausgenommen, sagte der Doctor.

– Und mich nach Ihnen, erwiderte Johnson, und um mich Ihnen anzuschließen! Ich nehme also an, daß unser Kapitän ohne Zweifel zu solchen Abenteurern gehört. Wir werden es am Ende sehen; ich vermuthe, daß in der Gegend von Uppernawik oder der Bai Melville dieser tapfere Unbekannte sich im Stillen an Bord einfinden und uns zu erkennen geben wird, bis wohin seine Phantasie das Schiff fortzuziehen im Sinne hat.

– Der Meinung bin ich auch, Johnson; aber die Schwierigkeit wird darin bestehen, bis zu dieser Bai Melville zu gelangen; sehen Sie, wie auf allen Seiten diese Eisblöcke uns umgeben! Sie lassen ja dem Forward kaum einen Durchweg. Betrachten Sie nur diese unermeßliche Ebene.

– Wir Wallfischfänger, Herr Clawbonny, nennen dies ein Eisfeld, d. h. eine Fläche zusammenhängender Eisblöcke, deren Ende man nicht absieht.

– Und hier, dieses unterbrochene Feld, diese langen Stücke, welche mehr oder minder an einander anstoßen?

– Das heißen wir pack, und palch, wenn die Form rund ist, sowie stream, wenn sie lang.

– Und diese schwimmenden Blöcke?

– Das ist Treibeis; sind sie etwas höher, so nennt man sie Eisberge; ein Zusammenstoßen mit ihnen ist den Schiffen gefährlich, und man muß sie sorgfältig meiden. Sehen Sie, dort unten auf jenem Eisfeld, eine vom Druck der Eisblöcke verursachte höher emporragende Stelle, die nennen wir hummock, und wenn sie an ihrer Basis unter Wasser ist, calf; diese Benennungen gab man, um sich darüber verständlich zu machen.

– Ah! Das ist wahrhaftig ein merkwürdiger Anblick, rief der Doctor beim Betrachten dieser Wunder des Eismeeres aus, und was machen diese verschiedenen Anschauungen für einen lebhaften Eindruck auf die Phantasie!

– Allerdings, erwiderte Johnson; die Eisschollen nehmen manchmal phantastische Formen an, und unsere Leute sind nicht in Verlegenheit, sie in ihrer Weise zu deuten.

– Schauen Sie, Johnson, und staunen über dies Gesammtbild von Eisblöcken! Sieht es nicht wie eine sonderbare Stadt, eine orientalische mit Minarets und Moscheen in bleichem Mondschein? Weiter dort eine lange Reihe gothischer Bogen gleich der Capelle Heinrich’s VII., oder wie am Parlamentshaus.

– Wirklich, Herr Clawbonny; aber es wäre doch gefährlich, darinnen zu wohnen, und man darf ihnen nicht allzu nahe kommen. Es giebt da Minarets, die wanken auf ihrer Basis, und könnten ein Schiff wie den Forward zertrümmern.

– Und man hat sich in die Gefahr dieser Meere hineingewagt, fuhr der Doctor fort, ohne den Dampf bereit zu haben! Wie ist es möglich, daß ein Segelschiff mitten zwischen diesen schwimmenden Klippen eine Richtung verfolgen kann?

– Man hat’s jedoch ausgeführt, Herr Clawbonny; wenn der Wind widrig wurde, was mir mehr wie einmal begegnete, hing man sich geduldig mit dem Anker an einen solchen Block fest, trieb mehr oder minder mit ihm, und wartete so die günstige Stunde zum Weiterfahren ab; zwar brauchte man bei dieser Art zu reisen einige Monate Zeit da, wo bei einigem Glück wir nur einige Tage darauf wenden.

– Es kommt mir vor, sagte der Doctor, als sinke die Temperatur noch mehr.

– Das wäre schlimm, erwiderte Johnson, denn es ist Thauwetter nöthig, daß diese Massen sich zertheilen und sich im Atlantischen Meere verlieren; sie sind übrigens in der Davis-Straße zahlreicher, weil zwischen dem Cap Walsingham und Holsteinborg das Land merklich näher beisammen ist; doch über den siebenundsechzigsten Grad hinaus werden wir finden, daß im Mai und Juni die Meere leichter zu befahren sind.

– Ja; aber man muß erst hinkommen.

– Ja wohl, Herr Clawbonny; im Juni und Juli hätten wir die Fahrt frei gefunden, wie die Wallfischfänger auch; aber es war uns genau anbefohlen, daß wir im April uns hier einfänden. Darum irre ich sehr, oder unser Kapitän ist ein tüchtiger Schelm, der weiß, was er will; er ist nur deshalb so frühzeitig abgefahren, um recht weit zu fahren. Schließlich werden wir es sehen.«

Der Doctor hatte sich in seiner Aeußerung über das Sinken der Temperatur nicht geirrt; das Thermometer zeigte um Mittag nur sechs Grad (-14° hunderttheilig) und es herrschte ein Nord-West, der, obwohl er die Witterung heiter machte, doch zugleich mit der Strömung die schwimmenden Eisblöcke heftiger dem Forward entgegen beförderte. Es trieben jedoch nicht alle in derselben Richtung; nicht selten traf man solche, und zwar die höchsten, welche, an ihrer Basis von einer unterseeischen Strömung gefaßt, in entgegengesetzter Richtung trieben.

Natürlich entstanden dadurch Schwierigkeiten für die Schifffahrt; die Maschinisten hatten nicht einen Augenblick Ruhe; die Leitung der Dampfkraft wurde unmittelbar auf dem Verdeck vorgenommen vermittelst Hebel, welche sie verstärkten, hemmten, plötzlich, nach Befehl des Officiers der Wache, in umgekehrte Richtung brachten. Bald mußte man eilen, um durch eine Oeffnung im Eisfeld zu dringen, bald an Schnelligkeit einem Eisberg, der den einzigen Weg zu versperren drohte, zuvorkommen; oder auch es nöthigte ein unversehens rückwärts fallender Block zu raschem Umkehren, um nicht zerschmettert zu werden. Diese Anhäufung von Eisblöcken, welche von der Strömung aus Norden fortgetrieben und aufgeschichtet wurden, drängte sich in der Enge, und wenn der Frost sie festhielt, konnten sie dem Forward eine unüberwindliche Schranke setzen.

Es zeigte sich in diesen Gegenden eine unzählige Menge Gevögel; Sturmvögel flatterten überall mit betäubendem Geschrei, und Möven mit dickem Kopf und langen Flügeln trotzten scherzend dem vom Sturm gepeitschten Schnee. Diese Munterkeit des Geflügels belebte die Gegend.

Zahlreiche Stücke Treibholz stießen wider einander; einige Pottfische mit enormen Köpfen kamen in die Nähe des Schiffes, aber zum Harpunieren war keine Zeit. Gegen Abend sah man auch einige Robben zwischen den Blöcken schwimmen.

Am 22. sank die Temperatur noch mehr; der Forward verstärkte seinen Dampf, um günstige Fahrwege zu gewinnen; der Wind war entschieden Nord-West geworden; die Segel wurden eingezogen.

Während dieses Tages, der ein Sonntag war, hatten die Matrosen wenig zu manoeuvriren. Nach dem von Shandon verrichteten Gottesdienst beschäftigte sich die Mannschaft mit der Jagd auf Weißmäntel, und fing deren viele. Diese Vögel lieferten, gehörig zubereitet, ein angenehmes Gericht für die Tafel.

Um drei Uhr Nachmittags hatte der Forward nordöstlich Kin de Sael erreicht, und das Gebirge Sukkertop lag südöstlich; die See ging sehr hohl; von Zeit zu Zeit senkte sich ein ungeheurer Nebel unvermuthet vom grauen Himmel herab. Doch konnte zu Mittag eine genaue Beobachtung gemacht werden, und es zeigte sich, daß das Schiff sich unter 65° 20′ Breite, und 54° 22′ Länge befand. Man mußte noch um zwei Grad weiter vorwärts dringen, um bessere Fahrt auf freiem Meer zu bekommen.

Während der drei folgenden Tage, am 24., 25. und 26. April, hatte man beständig mit den Eisblöcken zu kämpfen; die Behandlung der Maschine wurde sehr ermüdend.

Im dichten Nebel konnte man die Annäherung der Eisberge nur am dumpfen Getöse erkennen, welches von den Lavinen herrührte; dann wendete das Schiff sogleich; man kam in Gefahr, wider Eismassen aus süßem Gewässer zu stoßen, welche an der Durchsichtigkeit und einer Felsen gleichen Härte zu erkennen waren. Richard Shandon versah sich zur Ergänzung seines Trinkwassers täglich mit einigen Tonnen solchen Eises.

Der Doctor konnte sich nicht an die optischen Täuschungen gewöhnen, welche die Strahlenbrechung in diesen Gegenden erzeugte; in der That, mancher Eisberg, der zehn bis zwölf Meilen von der Brigg entfernt war, kam ihm wie eine kleine weiße Masse in nächster Nähe vor.

Endlich war die Mannschaft, theils durch das Fortziehen des Schiffes längs der Eisfelder, theils durch das Fernhalten drohender Blöcke vermittelst langer Stangen, vor Ermüdung fast erschöpft, und doch war Freitags, den 27. April, der Forward noch auf der Linie des Polarkreises zurückgehalten.

Achtes Capitel.


Achtes Capitel.

Gespräche der Mannschaft.

Inzwischen gelang es dem Forward, indem er geschickt in den Fahrwassern durchglitt, einige Minuten weiter nördlich zu dringen; aber anstatt dem Feind auszuweichen, mußte man bald ihn angreifen; Eisfelder von mehreren Meilen Umfang waren im Anzuge, und da diese Massen in Bewegung oft einen Druck von mehr als zehn Millionen Tonnen darstellen, so mußte man sich sorgfältig hüten, nicht erdrückt zu werden. Es wurden daher im Innern des Schiffes Eissägen hergerichtet, dergestalt, daß sie unverzüglich in Anwendung gebracht werden konnten.

Ein Theil der Mannschaft ließ sich diese harten Arbeiten philosophisch gefallen, aber andere beklagten sich, oder wollten gar den Gehorsam verweigern. Als man zur Herrichtung der Instrumente schritt, tauschten Garry, Bolton, Pen und Gripper ihre verschiedenen Ansichten.

»Beim Teufel! sagte munter Bolton, es kommt mir, ich weiß nicht wie, der Gedanke, daß es in Waterstreet eine hübsche Schenke giebt, wo man zwischen einem Glas Gin und einer Flasche Porter nicht übel beisammen sitzt. Du siehst das von hier aus, Gripper?

– Die Wahrheit zu sagen, entgegnete der Matrose, der im Allgemeinen meist übler Laune war, ich versichere Dich, dass ich das von hier aus nicht sehe.

– Es ist nur eine Redensart, Gripper; es ist wohl klar, daß es in den Schneestädten, welche Herr Clawbonny bewundert, nicht das kleinste Wirthshaus giebt, worin ein braver Matrose sich mit einigen Gläschen Branntwein erquicken könnte.

– Darüber kannst Du wohl sicher sein, Bolton; und Du könntest wohl noch beifügen, daß man nicht einmal hier sich gehörig erquicken kann. Eine sonderbare Idee, den in den Nordmeeren Reisenden jeden geistigen Trunk zu versagen!

– Schön! erwiderte Garry, hast Du denn vergessen, Gripper, was Dir der Doctor gesagt hat? Man muß sich jedes aufregenden Getränkes enthalten, wenn man dem Scorbut widerstehen, sich gesund halten und weit fahren will.

– Aber ich begehre nicht weit zu fahren, Garry, und ich finde, daß es schon etwas Schönes ist, bis hierher gekommen zu sein, dann kann man sich weigern dahin vorzudringen, wohin der Teufel nicht leiden mag, daß man dringe.

– Ei nun, man wird es auch nicht thun, versetzte Pen. Wenn ich denke, daß ich schon vergessen habe, wie der Gin schmeckt!

– Aber, sagte Bolton, erinnere Dich doch, was der Doctor gesagt hat.

– O! entgegnete Pen mit seiner groben, brutalen Stimme, wer weiß, ob man nicht unter’m Vorwand der Gesundheit sich einfallen laßt, den Trank zu sparen?

– Dieser Teufel von Pen hat vielleicht Recht, erwiderte Gripper.

– Geht doch! versetzte Bolton, dafür ist seine Nase zu roth; und wenn Pen bei einer Fahrt unter solcher Zucht ein wenig von seiner Farbe verliert, so wird er es nicht zu beklagen haben.

– Was geht meine Nase Dich an? erwiderte barsch der Matrose, der sich an wunder Stelle getroffen fühlte. Meine Nase bedarf Deinen Rath nicht, begehrt ihn nicht; kümmere Dich doch um das, was Dich angeht!

– Nun! werde doch nicht böse, Pen, ich glaubte nicht, daß Du eine so empfindliche Nase hast. O! ich bin auch kein Verächter eines Gläschens Whisky, zumal bei solcher Kälte; aber, wenn es schließlich mehr schadet als nützt, so laß ich es auch gerne.

– Du magst es lassen, sagte der Heizer Waren, der sich in das Gespräch mischte; ei, das thut wohl nicht jeder Andere!

– Was meinst Du damit, Waren? versetzte Garry, und sah ihm fest in’s Gesicht.

– Ich meine damit, daß es aus diesem oder jenem Grunde Liqueur an Bord giebt, und denke mir, daß man dahinten ihn sich nicht ganz entzieht.

– Und was weißt Du davon?« fragte Garry.

Waren wußte nichts zu antworten.

»Du siehst wohl, Garry, fuhr Bolton fort, daß Waren nichts davon weiß.

– Nun, sagte Pen, wir wollen vom Commandant eine Ration Gin verlangen; wir haben es wohl verdient, und da werden wir sehen, was er antworten wird.

– Ich rathe Euch, so etwas nicht zu thun, erwiderte Garry.

– Und weshalb? schrieen Pen und Gripper.

– Weil der Commandant es Euch abschlagen wird. Ihr wußtet ja, als Ihr mit in See ginget, die Schiffsordnung; damals mußtet Ihr Euch darüber besinnen.

– Uebrigens, erwiderte Bolton, der sich gern auf Garry’s Seite stellte, dessen Charakter ihm gefiel, – Richard Shandon ist ja nicht Herr an Bord; er hat zu gehorchen, wie wir.

– Und wem denn? fragte Pen.

– Dem Kapitän.

– Ah! Immer der leidige Kapitän! schrie Pen. Und seht Ihr nicht, daß es ebensowenig einen Kapitän an Bord giebt, als ein Wirthshaus auf diesen Eisbänken? Auf diese Art will man uns nur höflich verweigern, was wir zu fordern berechtigt sind.

– Ja doch, es giebt einen Kapitän, versetzte Bolton; und ich wollte um zwei Monate Sold wetten, daß wir ihn bald zu sehen bekommen werden.

– Gut, sagte Pen; dem wollte ich schon ein paar Worte in’s Angesicht sagen!

– Wer redet vom Kapitän? fragte ein Anderer der Anwesenden, der Matrose, der etwas abergläubisch war.

– Weiß man etwas Neues über den Kapitän? fragte er.

– Nein, war die einstimmige Antwort.

– Nun, ich versehe mich, daß wir ihn eines schönen Morgens in seiner Cabine zu Hause finden, ohne daß Jemand wüßte, wie oder woher er angekommen sei.

– Geh doch! erwiderte Bolton; Du meinst, Clifton, der Schelm sei so ein Kobold, wie sie in Hochschottland umgehen!

– Lache, so viel Du willst, Bolton; das ändert meine Meinung nicht. Tagtäglich, wenn ich vor der Cabine vorüber gehe, schaue ich durch das Schlüsselloch, und eines schönen Morgens werd‘ ich Euch erzählen, wem dieser Kapitän gleicht, und wie er aussieht.

– Ei! Beim Teufel, sagte Pen, Dein Kapitän wird aussehen, wie alle andern Leute! Und wenn es ein Schelm ist, der uns anführen will, wohin wir nicht mögen, wird man ihm sagen, was sich gehört.

– Schön! sagte Bolton, der Pen will schon mit ihm zanken, und kennt ihn noch nicht!

– Wer kennt ihn nicht? entgegnete Clifton wie Einer, der davon zu erzählen weiß.

– Was Teufel meinst Du damit? fragte Gripper.

– Ich verstehe mich darauf.

– Aber wir verstehen Dich nicht!

– Ah! Hat nicht Pen schon Unannehmlichkeiten mit ihm gehabt?

– Mit dem Kapitän?

– Ja, dem Kapitän Hund, denn es ist ganz das nämliche.«

Die Matrosen sahen sich einander an, ohne daß sie zu antworten wagten.

»Mensch oder Hund, brummte Pen zwischen den Zähnen, ich versichere Euch, dem Thier wird einmal widerfahren, was ihm gebührt.

– Seht doch, Clifton, fragte Bolton ernstlich, meinst Du, wie Johnson scherzend gesagt hat, dieser Hund sei der wahre Kapitän?

– Gewiß, erwiderte Clifton mit Ueberzeugung; und verständet Ihr zu beobachten wie ich, so würdet Ihr schon das seltsame Benehmen des Thieres wahrgenommen haben.

– Welches? Laß hören, rede!

– Habt Ihr nicht gesehen, wie er auf dem Hinterverdeck einher spaziert mit einer Amtsmiene, und besieht das Segelwerk des Schiffes, als gehöre er zur Wache?

– Ja, so ist’s, sagte Gripper; und sogar habe ich ihn eines Abends überrascht, wie er die Pfoten am Steuerruder hatte.

– Nicht möglich! sagte Bolton.

– Und jetzt, fuhr Clifton fort, verläßt er sogar Nachts das Schiff, um auf den Eisfeldern zu wandeln, ohne sich weder um Bären noch um die Kälte zu kümmern.

– Ganz richtig, so ist’s, sagte Bolton.

– Seht Ihr, wie das Thier als ein braver Hund die Gesellschaft der Menschen sucht, um die Küche herumschleicht, und blickt mit zärtlichen Augen nach Meister Strong, wenn er dem Commandanten einen guten Bissen überbringt? Hört Ihr ihn nicht, wenn er Nachts zwei bis drei Meilen vom Schiff sich entfernt und heult, daß es Einem kalt über den Rücken läuft? Endlich, habt Ihr jemals gesehen, wie das Thier seine Nahrung zu sich nimmt? Er nimmt nichts persönlich; sein Fressen ist stets unberührt; und sofern nicht eine geheime Hand ihn nährt, darf ich sagen, das Thier lebe, ohne zu essen. Nun, wenn das nicht phantastisch ist, bin ich nur ein Stück Vieh.

– Meiner Treu, erwiderte der Zimmermann Bell, welcher zugehört hatte, das könnte wahrlich der Fall sein!

– Kurz, fragte Bolton, wohin fahren wir mit dem Forward?

– Ich weiß nicht, erwiderte Bell; zu einer bestimmten Zeit wird Richard Shandon die Ergänzung seiner Instructionen erhalten.

– Aber durch wen?

– Durch wen?

– Ja, wie? sagte Bolton dringend.

– Nun, Bell, eine Antwort! fielen die andern Matrosen ein.

– Durch wen? Wie? Ja das weiß ich nicht, entgegnete der Zimmermann.

– Ei! Durch den Kapitän Hund, rief Clifton. Er hat ja schon einmal durch diesen einen Brief geschickt, so kann er es auch wieder machen. Wüßte ich nur die Hälfte von dem, was dies Thier weiß, so würde ich zum Lord-Admiral taugen.

– Also, versetzte schließlich Bolton, Du hältst fest daran, daß dieser Hund der Kapitän ist?

– Ja, wie gesagt.

– Nun, sagte Pen halblaut, wenn das Thier nicht sein Hundsfell sprengen und Mensch werden will, werde ich ihm zu schaffen machen.

– Und weshalb? fragte Garry.

– Weil mir’s beliebt, erwiderte Pen brutal, ich habe keinem Menschen darüber Rechenschaft zu geben.

– Nun genug geplaudert, Kinder, rief Meister Johnson, und machte damit zu rechter Zeit einem Gespräch ein Ende, das eben eine üble Wendung nahm. An die Arbeit, und rasch die Sägen bereit gemacht, wir müssen durch die Eisdecke hindurch!

– Gut! erwiderte Clifton mit Achselzucken. Sie werden sehen, daß man so leicht nicht den Polarkreis überschreitet!«

Wie dem auch sein mag, die Anstrengungen der Mannschaft waren im Laufe dieses Tages, Freitags, ohne hinreichenden Erfolg. Obgleich der Forward mit voller Dampfkraft wider die Eisberge anfuhr, gelang es ihm nicht, sie zu trennen; man mußte während der Nacht sich festankern.

Am Samstag wurde in Folge eines Ostwindes die Temperatur noch niedriger; das Wetter hellte sich auf, und der Blick konnte weithin über die weißen Ebenen schweifen, welche durch den Reflex der Sonnenstrahlen blendend wurden. Um sieben Uhr Vormittags zeigte das Thermometer acht Grad unter Null (-21° hunderttheilig).

Der Doctor war versucht, ruhig in seiner Cabine zu bleiben und Reisebeschreibungen nach dem Polar-Meer zu lesen, aber er fragte sich, seiner Gewohnheit nach, was ihm in diesem Augenblick am unangenehmsten zu thun sein würde. Die Antwort war, bei diesem Kältegrad sich auf das Verdeck zu begeben, und der Mannschaft zu helfen, wäre nicht sehr erquicklich. Daher verließ er, treu an seiner Regel festhaltend, seine wohl geheizte Cabine, und half mit beim Fortbringen des Schiffes. Er sah hübsch aus mit seiner grünen Brille, vermittelst welcher er seine Augen gegen den Reflex der Sonnenstrahlen schützte; und bei seinen künftigen Untersuchungen war er stets sorgfältig mit Schneebrillen versehen, um Augenkrankheiten zu vermeiden, welche unter diesen hohen Breiten sehr häufig vorkommen.

Gegen Abend war der Forward einige Meilen nördlich vorwärts gekommen, Dank der Thätigkeit der Leute und der Geschicklichkeit Shandon’s, der gewandt alle günstigen Umstände zu benutzen wußte; um Mitternacht kam er über den sechsundsechzigsten Breitegrad, und da die Sonde dreiundzwanzig Ellen Tiefe ergab, erkannte Shandon, daß er sich über dem niedrigen Grunde befand, worauf die Victoria sitzen geblieben war. Dreißig Meilen östlich war man dem Lande nahe.

Nun aber spaltete sich die bisher unbewegliche Eismasse und setzte sich in Bewegung; die Eisberge schienen auf allen Seiten am Horizont aufzuwachsen; die Brigg befand sich also zwischen einer Reihe schwimmender Klippen, welche mit unwiderstehlicher Gewalt zertrümmern; die Lenkung ward sehr schwierig für Garry, den besten Steuerer, am Ruderstock; die Berge drohten sich hinter der Brigg wieder aneinander zu schließen. Durch diese Eisflotte mußte man nothwendig hindurch, und Klugheit, wie Pflicht befahl, vorwärts zu dringen. Die Schwierigkeiten wuchsen noch dadurch, daß es Shandon unmöglich ward, inmitten dieser wechselnden Punkte, welche die Stelle änderten und keine feste Perspective gewährten, die Richtung des Schiffes zu bestimmen.

Die Mannschaft war in zwei Reihen auf der rechten und linken Seite des Schiffes vertheilt; jeder derselben hatte eine lange Stange mit eiserner Spitze, um die allzu bedrohlichen Eisblöcke zurückzustoßen. Bald gerieth der Forward in eine so enge Gasse zwischen zwei hohen Blöcken, daß die Enden seiner Stengen an den Wänden rieben, die so hart wie Felsen waren; allmälig befand er sich mitten in einem gewundenen Thal voll wirbelndem Schneegestöber, während die schwimmenden Eisblöcke wider einander stießen und mit unheimlichem Krachen zerbröckelten.

Aber bald stellte sich’s heraus, daß diese Gasse ohne Ausgang war; ein enormer Block, der in diese Enge gerathen war, trieb rasch auf den Forward zu; ihm auszuweichen schien unmöglich, und ebenso unmöglich auf einem bereits versperrten Weg rückwärts zu fahren.

Shandon und Johnson erwogen, vorn auf der Brigg stehend, ihre Lage. Der Erstere gab mit der rechten Hand dem Steuerer die Richtung an, welche zu nehmen war, und mit der Linken ließ er dem neben dem Ingenieur stehenden James Wall seine Befehle für Leitung der Maschine zugehen.

»Wie wird das enden? fragte der Doctor Johnson.

– Wie es Gott fügt«, erwiderte der Rüstmeister.

Der hundert Fuß hohe Eisblock war nur noch eine Kabellänge vom Forward entfernt, und drohte ihn zu zerbröckeln.

»Donner und Teufel! fluchte Pen.

– Stille!« rief eine Stimme, die man im Sturm nicht zu erkennen vermochte.

Der Block schien auf die Brigg stürzen zu wollen, und es entstand einen Augenblick unbeschreibliche Angst; die Männer ließen ihre Stangen und flüchteten trotz den Befehlen Shandon’s auf’s Hintertheil.

Plötzlich vernahm man ein erschreckliches Getöse; eine wirkliche Trombe fiel auf das Verdeck des Schiffes, das von einer ungeheuern Woge emporgehoben wurde. Die Mannschaft stieß einen Schrei des Entsetzens aus, während Garry am Steuer den Forward trotz seinem erschrecklichen Gieren in guter Richtung hielt.

Und als nun die erschrockenen Blicke sich auf den Eisberg richteten, war dieser verschwunden; die Fahrt war frei, und es war der Brigg über einem langen, von schiefen Sonnenstrahlen erhellten Canal hinaus weiter zu fahren gestattet.

»Nun, Herr Clawbonny, sagte Johnson, können Sie diese Erscheinung erklären?

– Es ist eine sehr einfache Sache, Freund, erwiderte der Doctor, und die oft vorkommt. Wenn zur Zeit des Thauwetters diese schwimmenden Massen sich von einander lösen, treiben sie isolirt und in völligem Gleichgewicht; aber allmälig, wenn sie südlicher in ein verhältnißmäßig wärmeres Wasser kommen, fängt ihre durch das Anstoßen an andere Blöcke bereits erschütterte Basis an zu schmelzen, schwächer zu werden; es kommt daher ein Moment, wo der Schwerpunkt dieser Massen sich ändert, dann purzeln sie zusammen. Wenn nun dieser Eisberg zwei Minuten später gestürzt wäre, so wäre er über die Brigg gefallen, und hätte sie im Fallen zerschmettert.«

Neuntes Capitel.


Neuntes Capitel.

Eine Neuigkeit.

Endlich war man über den Polarkreis hinaus; der Forward fuhr am 30. April zu Mittag vor Holsteinborg vorüber; malerische Gebirge erhoben sich am östlichen Horizont. Das Meer schien, so zu sagen, frei von Eis, oder vielmehr man konnte den Eisblöcken leicht ausweichen. Der Wind schlug um in Süd-Ost und die Brigg fuhr mit vollen Segeln das Baffins-Meer hinein.

Dieser Tag war ganz besonders ruhig und die Mannschaft konnte sich ein wenig erholen; zahlreiche Vögel schwammen und flatterten um das Schiff herum.

An diesem Tag begab sich an Bord ein ganz außerordentliches Ereigniß.

Als Richard Shandon um sechs Uhr früh von seiner Wache zurück in seine Cabine kam, fand er auf seinem Tisch einen Brief mit der Aufschrift:

»An den Kommandanten Richard Shandon an Bord des Forward, Baffins-Meer.«

Shandon konnte seinen Augen nicht trauen; aber bevor er von dieser auffallenden Korrespondenz Kenntniß nahm, ließ er den Doctor, James Wall und den Rüstmeister rufen, und zeigte ihnen denselben.

»Das wird etwas ganz Besonderes, sagte Johnson.

– Das ist reizend! dachte der Doctor.

– Schließlich, rief Shandon, werden wir doch das Geheimniß erfahren …«

Er zerriß rasch den Umschlag und las, wie folgt:

»Commandant!

»Der Kapitän des Forward ist zufrieden mit der Kaltblütigkeit, Geschicklichkeit und dem Muth, welchen Sie mit Ihren Officieren und Ihrer Mannschaft unter den letzten Umständen gezeigt haben; er bittet Sie, der Mannschaft seinen Dank dafür auszusprechen.

Wenden Sie sich nun gerade nördlich zur Bai Melville, und von da aus bemühen Sie sich in die Straße Smith zu dringen.

Der Kapitän des Forward. K. Z.

Montag, den 30. April, dem Cap Walsingham gegenüber.«

»Und nichts weiter? rief der Doctor.

– Nichts weiter«, erwiderte Shandon.

Der Brief fiel ihm aus der Hand.

»Ei! sagte Wall, dieser eingebildete Kapitän spricht kein Wort mehr davon, an Bord zu kommen; ich schließe daraus, daß er nie kommen wird.

– Aber, sagte Johnson, wie ist denn dieser Brief angekommen?«

Shandon schwieg.

»Herr Wall hat Recht, erwiderte der Doctor, der den Brief aufhob und um und herum drehte; der Kapitän wird nicht mehr an Bord kommen aus trefflichem Grund …

– Und aus welchem? fragte Shandon lebhaft.

– Weil er bereits da ist, erwiderte einfach der Doctor.

– Bereits! rief Shandon, was meinen Sie damit?

– Wie ist sonst zu erklären, daß dieser Brief kam?«

Johnson schüttelte den Kopf zum Zeichen der Beistimmung.

»Nicht möglich! versetzte Shandon nachdrücklich. Ich kenne jeden einzelnen Mann an Bord; man müßte denn annehmen, der Kapitän befinde sich seit der Abfahrt des Schiffes unter denselben? Das ist nicht möglich, sag‘ ich Ihnen! Es ist kein Einziger darunter, den ich nicht seit länger als zwei Jahren hundertmal zu Liverpool gesehen hätte; Ihre Vermuthung, Doctor, darf man nicht gelten lassen!

– Was lassen Sie also gelten, Shandon?

– Alles, dies ausgenommen. Ich nehme an, daß der Kapitän oder ein Mann, der ihn vertritt – was weiß ich? – die Dunkelheit, den Nebel benutzen konnte, um im Stillen an Bord zu kommen; wir sind nicht weit vom Land entfernt; die Eskimos haben Kaiaks, die unbemerkt zwischen den Eisblöcken durchfahren; es war demnach möglich, daß Jemand bis zum Schiff kam, und diesen Brief einhändigte … der Nebel war ziemlich stark, um den Plan auszuführen …

– Und auch um zu hindern, daß man die Brigg sah, erwiderte der Doctor; haben wir nicht gesehen, wie ein Fremder sich an Bord schlich, wie hätte dieser im dichten Nebel den Forward erkennen können?

– Das ist sonnenklar, sagte Johnson.

– Ich komme also auf meine Hypothese zurück, sagte der Doctor. Was meinen Sie, Shandon?

– Alles was Sie wollen, erwiderte Shandon hitzig, nur nicht, daß dieser Mann sich an meinem Bord befinde.

– Vielleicht, fügte Wall bei, befindet sich unter der Bemannung Einer, der von ihm seine Instructionen erhalten hat?

– Vielleicht, sagte der Doctor.

– Aber wer sollte das sein? fragte Shandon. Ich kenne alle meine Leute, sag‘ ich Ihnen, und von lange her.

– Jedenfalls, fuhr Johnson fort, wenn dieser Kapitän erscheint, Mensch oder Teufel, wird man ihn empfangen; aber man kann aus diesem Brief noch eine weitere Auskunft schöpfen.

– Und welche? fragte Shandon.

– Daß wir nämlich nicht blos in die Melville-Bai, sondern auch in den Smith-Sund fahren sollen.

– Sie haben Recht, erwiderte der Doctor.

– Den Smith-Sund, versetzte Richard Shandon mechanisch.

– Es ist also klar, fuhr Johnson fort, daß der Forward nicht die Bestimmung haben kann, die nordwestliche Durchfahrt zu suchen, denn wir sollen den einzigen Weg dahin, den Lancaster-Sund, links lassen. Daraus haben wir eine schwierige Fahrt in die unbekannten Nord-Meere abzunehmen.

– Ja, der Smith-Sund, erwiderte Shandon, ist der Weg, welchen im Jahre 1853 der Amerikaner Kane einschlug, und mit welchen Gefahren. Lange hielt man ihn für verloren in dieser erschrecklichen Zone! Schließlich, weil es vorgeschrieben ist, wird man in den Sund fahren! Aber bis wohin? Etwa bis zum Pol?

– Und warum nicht?« rief der Doctor.

Der Rüstmeister zuckte die Achseln.

»Endlich, fuhr James Wall fort, um auf den Kapitän zurück zu kommen, wenn er existirt, so sehe ich an der Grönländischen Küste nur Disko oder Uppernawik, wo er uns erwarten könnte; in einigen Tagen werden wir also wissen, woran wir uns zu halten haben.

– Aber, fragte der Doctor, werden Sie nicht der Mannschaft Kenntniß von diesem Brief geben?

– Mit Erlaubniß des Commandanten, erwiderte Johnson, ich würde es nicht thun.

– Und weshalb? fragte Shandon.

– Weil all dieses Außerordentliche, Phantastische, geeignet ist, die Leute einzuschüchtern. Sie sind bereits sehr in Unruhe über das Schicksal einer so auftretenden Expedition. Wenn man sie nun zum Uebernatürlichen hindrängt, so kann dies schlimme Folgen haben, und wir möchten im Moment der Gefahr nicht auf sie zählen können. Was sagen Sie dazu, Commandant?

– Und Sie, Doctor, was halten Sie davon? fragte Shandon.

– Meister Johnson, erwiderte der Doctor, scheint mir verständig zu urtheilen.

– Und Sie, James?

– Besseres vorbehalten, versetzte Wall, trete ich der Meinung dieser Herren bei.«

Shandon sann einige Augenblicke nach, las noch einmal achtsam den Brief.

»Meine Herren, sagte er, Ihre Ansicht ist gewiß gut, aber ich kann sie nicht theilen.

– Und weshalb, Shandon? fragte der Doctor.

– Weil in dem Brief förmlich vorgeschrieben ist, die Mannschaft von Seiten des Kapitäns zu beglückwünschen; nun hab‘ ich bisher stets blind seinen Befehlen gehorcht, in welcher Weise auch sie mir zugestellt wurden, und ich kann nicht …

– Doch … versetzte Johnson, der mit Recht um die Wirkung besorgt war, welche dergleichen Mittheilungen auf den Geist der Matrosen haben würden.

– Wackerer Johnson, entgegnete Shandon, ich begreife, daß Sie darauf dringen, Ihre Gründe sind vortrefflich, aber lesen Sie:

»Er bittet Sie, der Mannschaft seinen Dank dafür auszusprechen.«

– Nun so verfahren Sie demnach, fuhr Johnson fort, der übrigens sonst strenge den Gehorsam zu wahren verstand. Soll man die Mannschaft auf dem Verdeck versammeln?

– Thun Sie das«, erwiderte Shandon.

Die Neuigkeit von einer Mittheilung des Kapitäns verbreitete sich augenblicklich an Bord. Die Matrosen kamen unverzüglich an den Platz für ihre Revue, und der Commandant las laut den geheiminßvollen Brief.

Man hörte mit dumpfem Schweigen dem Verlesen zu; die Leute gaben sich tausend Vermuthungen hin; Clifton konnte sich nun allen Abschweifungen seiner abergläubischen Phantasie überlassen; er schrieb dem Kapitän Hund seinen redlichen Antheil dabei zu, und verfehlte nicht ihn zu grüßen, als er zufällig ihm in den Weg kam. Ein Jeder war überzeugt, daß des Kapitäns Schatten oder Geist am Bord wache; die Gescheitesten hüteten sich von nun an, ihre Vermuthungen gegen einander zu äußern.

Am 1. Mai ergab die Aufnahme zu Mittag 68° Breite und 56° 32′ Länge. Die Temperatur war gestiegen, und das Thermometer zeigte fünfundzwanzig Grad über Null (-4° hunderttheilig).

Der Doctor hatte das Vergnügen zuzuschauen, wie eine weiße Bärin am Rande eines, längs der Küste schwimmenden Eisblocks mit zwei Jungen spielte. Er machte mit Wall und Simpson einen Versuch, in dem Boot Jagd auf sie zu machen; aber das eben nicht kampflustige Thier schleppte rasch seine Jungen mit sich fort, und man mußte auf ihre Verfolgung verzichten.

Vom Wind begünstigt fuhr man während der Nacht um’s Cap Chidley herum, und bald sah man am Horizont die hohen Berge von Disko sich erheben; rechts ließ man die Bai Godauhn, wo der Generalgouverneur der dänischen Niederlassungen residirte. Shandon hielt nicht für angemessen, sich hier aufzuhalten, und fuhr an den Piroguen der Eskimos, welche zu ihm zu gelangen bemüht waren, rasch vorüber.

Die Insel Disko heißt auch Wallfischinsel. Von hier aus schrieb am 12. Juli 1815 Sir John Franklin zum letztenmal an die Admiralität, und hier legte auch, am 29. August 1859, der Kapitän Mac Clintock bei seiner Rückkehr an, indem er die nur zu sichern Beweise vom Untergang dieser Expedition mitbrachte.

Bald verschwanden die Höhen von Disko vor den Blicken.

Es befanden sich damals zahllose Eisberge an den Küsten, welche auch das stärkste Thauwetter nicht loslösen kann; diese ununterbrochene Reihe von Bergspitzen zeigte die seltsamsten Formen.

Am folgenden Morgen gegen drei Uhr gewahrte man nordöstlich Sanderson Hope; das Land blieb etwa fünfzehn Meilen links liegen; die Berge schienen röthlich nußbraun gefärbt. Am Abend sah man einige Wallfische von der Sorte, welche Flossen auf dem Rücken haben, mitten zwischen den Eisblöcken sich erlustigen.

Während der Nacht vom 3. auf 4. Mai konnte der Doctor zum erstenmal die Sonne am Rande des Horizonts streifen sehen, ohne daß ihre leuchtende Scheibe untertauchte; seit 31. Januar hatten ihre Bahnkreise täglich zugenommen, und es herrschte jetzt ununterbrochene Tageshelle.

Für Zuschauer, die es nicht gewohnt sind, ist diese ununterbrochene Dauer des Tages etwas erstaunlich Merkwürdiges, das selbst beschwerlich wird; man kann kaum glauben, wie sehr die Dunkelheit der Nacht für die Gesundheit der Augen nöthig ist; es verursachte dem Doctor wirklichen Schmerz, um sich an dies fortwährende Licht zu gewöhnen, welches durch den Reflex der Strahler auf den Eisebenen noch schmerzhafter blendete.

Am 5. Mai fuhr der Forward über den zweiundsiebenzigsten Breitegrad. Zwei Monate später hätte er hier zahllose Wallfischfahrer getroffen, welche in diesen hohen Strichen dem Fischfang obliegen; aber die Straße war noch nicht frei genug, daß diese Fahrzeuge es wagen konnten, in’s Baffins-Meer zu dringen.

Am folgenden Morgen kam die Brigg, nachdem sie vor der Fraueninsel vorübergefahren, vor Uppernawik an, der nördlichsten Niederlassung Dänemarks an diesen Küsten.

Drittes Capitel.


Drittes Capitel.

Der Doctor Clawbonny.

Richard Shandon war ein guter Seemann; er hatte lange Zeit Wallfischfänger in den Nord-Polarmeeren commandirt, und dabei in ganz Lancaster einen fest begründeten Ruf gewonnen. Ein solcher Brief konnte mit Recht tiefen Eindruck machen; dies geschah denn auch bei ihm, doch blieb er kaltblütig.

Er befand sich zudem in den gewünschten Verhältnissen; weder Frau, noch Kinder, noch Verwandte; ein freier Mann, wie irgend einer. Da er also mit Niemand zu berathen hatte, begab er sich stracks zu den Banquiers Marcuart & Cie.

»Wenn das Geld da ist, sagte er sich, kommt das Uebrige von selbst.«

Er wurde in dem Bankhause mit den Rücksichten empfangen, welche man einem Manne zollt, an den sechzehntausend Pfund ruhig in einer Kasse warten. Als dieser Punkt im reinen war, liess sich Shandon ein Blatt weißes Papier geben, und meldete mit derber Seemanns-Handschrift seine Annahme unter der angegebenen Adresse.

Noch denselben Tag setzte er sich mit den Schiffbaumeistern zu Birkenhead in Verbindung, und vierundzwanzig Stunden nachher lag bereits der Kiel des Forward der Länge nach auf den Stapelblöcken des Zimmerplatzes.

Richard Shandon war ein Junggeselle von vierzig Jahren, kräftig, energisch und tapfer, drei Vorzüge eines Seemanns, denn sie verleihen Zuversicht, Nachdruck und Kaltblütigkeit. Er war als ein eifersüchtiger und schwer zu befriedigender Charakter bekannt, daher auch nie von seinen Matrosen geliebt, vielmehr gefürchtet. Dieser Ruf ging übrigens nicht so weit, daß er ihm Mühe verursacht hätte, seine Mannschaft zusammenzubringen, denn man wußte, daß er gewandt sich aus der Noth herauszuziehen vermochte.

Shandon besorgte, die geheimnißvolle Seite möge geeignet sein, ihn in seinem Vorgehen zu hemmen.

»So ist’s denn auch am besten, sagte er sich, nichts laut werden zu lassen; es giebt Seehunde, die möchten auch das Weil und Warum der Sache wissen, und da ich nichts weiß, so wäre ich sehr in Verlegenheit, ihnen zu antworten. Dieser K. Z. ist sicher ein sonderlicher Geselle; aber schließlich kennt er mich und rechnet auf mich: das genügt. Sein Schiff soll hübsch hergerichtet werden, und ich will nicht Richard Shandon heißen, wenn es nicht die Bestimmung hat, das Eismeer zu befahren. Aber das wollen wir unter uns behalten.«

Darauf ließ sich Shandon angelegen sein, seine Mannschaft aufzubringen, und zwar genau unter den vom Kapitän vorgeschriebenen Bedingungen.

Er kannte einen wackeren, sehr ergebenen Burschen, der ein guter Seemann war, James Wall mit Namen. Derselbe mochte dreißig Jahr alt sein, und hatte schon mehrmals die nördlichen Meere besucht. Shandon bot ihm die Stelle eines dritten Officiers an, und James Wall nahm ohne Weiteres an; es war ihm nur um die Fahrt zu thun. Shandon setzte ihm die Sache im Detail auseinander, und ebenso einem gewissen Johnson, den er zu seinem Rüstmeister machte.

»Ein groß Glück ist’s nicht, erwiderte James; soviel werth als sonst etwas. Handelt sich’s darum, die nordwestliche Durchfahrt zu suchen, so kann man wieder heimkehren.

– Nicht immer, erwiderte Meister Johnson; aber es ist das doch kein Grund, um die Fahrt nicht zu machen.

– Uebrigens, irren wir nicht in unsern Vermuthungen, fuhr Shandon fort, so muß man zugeben, daß die Fahrt unter günstigen Umständen vor sich geht. Der Forward wird ein vorzügliches Schiff sein, und mit einer guten Maschine versehen kann er weit fahren. Wir brauchen nur achtzehn Mann im Ganzen. – Achtzehn Mann, versetzte Meister Johnson; soviel hatte der Amerikaner Kane an Bord, als er seine berühmte Fahrt nach dem Pol unternahm.

–Es ist immer höchst auffallend, fuhr Wall fort, daß ein Privatmann noch einmal den Versuch macht, durch das Meer von der Davis- zur Behrings-Straße zu dringen. Die zum Auffinden des Admirals Franklin ausgeschickten Expeditionen haben England schon über siebenhundertundsechzigtausend Pfund gekostet, ohne zu irgend einem praktischen Resultat zu führen! Wer zum Teufel kann nochmals sein Vermögen an eine solche Unternehmung setzen?

– Vor allem, James, erwiderte Shandon, raisonniren wir über eine bloße Vermuthung. Ob wir wirklich in die nördlichen oder südlichen Polar-Meere fahren werden, weiß ich nicht. Vielleicht handelt sich’s darum, eine neue Entdeckung zu versuchen. Uebrigens soll über kurz oder lang ein gewisser Doctor Clawbonny sich einfinden, der wird ohne Zweifel mehr davon wissen und Auftrag haben uns darüber zu unterweisen. Werden schon sehen.

– So warten wir also ab, sagte Meister Johnson; ich meinestheils will nun tüchtige Untergebene aufsuchen, Commandant; und was ihr Princip der Lebenswärme, wie der Kapitän sagt, betrifft, so will ich zum Voraus dafür einstehen. Sie können sich auf mich verlassen.«

Dieser Johnson war ein sehr schätzbarer Mann; er war mit der Schifffahrt in den hohen Breitegraden vertraut. Er hatte sich als Quartiermeister an Bord des Phönix befunden, welcher zu den im Jahre 1853 zum Aufsuchen Franklins entsendeten Expeditionen gehörte; dieser wackere Seemann war sogar beim Tod des französischen Lieutenants Bellot zugegen, welchen er bei seiner Fahrt durch die Eisberge begleitete. Johnson kannte das Matrosenpersonal zu Liverpool, und machte sich sogleich an’s Werk, seine Leute zusammenzubringen.

Shandon, Wall und er hatten solchen Erfolg, daß schon in den ersten Decembertagen ihre Mannschaft vollständig beisammen war; doch ging es nicht ohne Schwierigkeiten ab; viele, die wohl durch die hohe Löhnung sich anlocken ließen, wurden doch durch die unbestimmte Zukunft der Expedition abgeschreckt, und mancher ließ sich zwar entschlossen anwerben, kam aber nach einiger Zeit wieder, um sein Wort und Draufgeld zurückzugeben. Alle versuchten übrigens durch das Geheimniß zu dringen, und drängten den Commandanten Richard mit Fragen; derselbe verwies sie an Meister Johnson.

»Was willst Du, daß ich Dir sagen soll, mein Freund! erwiderte der Letztere unabänderlich; ich weiß nicht mehr als Du. Jedenfalls wirst Du Dich in guter Kameradschaft befinden mit unerschrockenen Gesellen, die nicht wanken; das ist schon etwas! Also nicht so viel Bedenken! es gilt annehmen oder lassen!«

Und die meisten nahmen an.

»Du begreifst wohl, fügte manchmal der Rüstmeister bei, daß mir die Wahl wehe thut. Eine so hohe Löhnung, wie man sie noch niemals erlebt hat, mit der Gewißheit, bei seiner Rückkehr ein hübsches Kapital beisammen zu haben, so etwas kann doch wohl anziehen.

– Allerdings, erwiderten die Matrosen, das ist sehr verführerisch! Ein gutes Auskommen bis an’s Ende seiner Tage!

– Ich will indeß nicht verhehlen, fuhr dann Johnson fort, daß die Unternehmung langwierig, mühevoll und gefährlich ist; das steht ausdrücklich in unsern Instructionen; also muß man sich wohl merken, wozu man sich verbindlich macht; sehr wahrscheinlich, alles Menschenmögliche zu versuchen und vielleicht noch mehr! Also hast Du nicht Muth im Herzen, einen erprobten Charakter, hast Du nicht den Teufel im Leibe, magst Du Dir nicht sagen, daß zwanzig gegen eins Du dabei bleiben kannst, kurz, ist es Dir darum zu thun, daß Du Deine Haut lieber an dem Ort lässest, wie an einem andern – so kehre mir den Rücken und überlaß Deinen Platz einem kühneren Gesellen!

– Aber doch, Meister Johnson, fuhr der Matrose, wenn ihm so zugesetzt wurde, fort, Sie kennen doch wenigstens den Kapitän?

– Kapitän ist Freund Richard Shandon, bis daß ein anderer an seine Stelle tritt.«

Das war auch wohl die Meinung des Commandanten; er gab sich gern der Idee hin, daß er im letzten Moment seine genauen Instructionen über das Reiseziel erhalten und dann Chef an Bord des Forward bleiben werde. Er verbreitete auch gern diese Meinung, sei’s im Gespräch mit seinen Officieren, sei’s im Verlauf der Schiffbauarbeiten.

Shandon und Johnson hielten sich strenge an die hinsichtlich der Gesundheit der Mannschaft gegebenen Vorschriften; dieselbe hatte ein befriedigendes Aussehen; ihre elastischen Glieder, ihre klare und blühende Hautfarbe zeigte, daß sie die strengste Kälte auszuhalten fähig waren. Es waren zuversichtliche und entschlossene Männer, energisch und von dauerhafter Leibesbeschaffenheit.

Die gesammte Mannschaft gehörte dem protestantischen Religionsbekenntniß an; das gemeinsame Gebet, das Bibellesen, trägt oft dazu bei, widerwärtige Gemüther in Eintracht zu halten und zur Zeit der Entmuthigung aufzurichten. Shandon wußte aus Erfahrung, wie ersprießlich diese Gewohnheiten in ihrem Einfluß auf die Sittlichkeit einer Mannschaft sind. Hierauf besorgten Shandon und seine beiden Officiere die Verproviantirung, wobei sie sich strenge an die Instructionen des Kapitäns hielten, welche klar, präcis und in’s Einzelne gehend waren und die Quantität wie Qualität der geringsten Artikel vorschrieben. Die empfangenen Anweisungen setzten den Commandanten in Stand, jeden Artikel baar zu bezahlen, mit einem Discont von acht Procent, welchen Richard Shandon pünktlich zu Gunsten des K. Z. eintrug.

Mannschaft, Proviant, Ladung, alles war im Januar 1860 bereit und fertig. Shandon fand sich tagtäglich zu Birkenhead ein.

Am 23. Januar Vormittags befand er sich seiner Gewohnheit nach auf einer der breiten Dampfbarken, welche an beiden Enden mit einem Steuer versehen unablässig die Ueberfahrt von einem Ufer der Mersey an’s andere besorgen; es herrschte damals einer der gewöhnlichen Nebel, welcher die Bootsleute des Flusses nöthigte, sich des Compasses zu bedienen, obwohl die Ueberfahrt kaum zehn Minuten währt.

Indessen, so dick dieser Nebel war, sah Shandon durch denselben hindurch einen Mann von untersetzter Statur, etwas dick, mit feinen, muntern Gesichtszügen und freundlichem Blick, der auf ihn zuging, seine beiden Hände ergriff, und mit einer Wärme und Vertraulichkeit schüttelte, die, wie die Franzosen sich ausdrücken, »ganz südlich« war.

Aber war dieser Mann auch nicht aus dem Süden, so kam er doch eben von dort; er sprach und gesticulirte flink; sein Gedanke machte sich Luft um jeden Preis; seine Augen, klein wie die eines Mannes von Geist, sein großer, beweglicher Mund, gaben der Ueberfülle des Inneren einen Ausweg; er sprach so viel und so lebhaft, daß Shandon, offen gestanden, nichts davon verstand.

Doch erkannte der Schiffslieutenant sogleich den kleinen Mann, obschon er ihn nie gesehen hatte; und als dieser einmal Athem holte, äußerte Shandon rasch:

»Der Doctor Clawbonny?

– Er selbst, in eigner Person, Commandant! Seit einer vollen Viertelstunde suche ich Sie, frage allerwärts nach Ihnen! Sie sind es also, Commandant Richard Shandon? Sie sind’s leibhaftig? Keine Mythe also? Ihre Hand, Ihre Hand! daß ich sie nochmals drücke. Wenn es nun einen Commandanten Richard Shandon giebt, so giebt es auch eine Brigg Forward unter seinem Befehl; und wenn er abfährt, wird er den Doctor Clawbonny mitnehmen.

– Ja wohl, Doctor, ich bin Richard Shandon, es existirt eine Brigg Forward, die wird abfahren!

– Das ist logisch, erwiderte der Doctor. Darum bin ich auch so froh, auf der Höhe meiner Wünsche! Seit langer Zeit wartete ich auf eine solche Gelegenheit, voll Sehnsucht, eine solche Reise zu machen. Nun, mit Ihnen, Commandant…

– Gestatten Sie… sagte Shandon.

– Mit Ihnen, fuhr Clawbonny fort, ohne ihn zu hören, werden wir gewiß weit fahren, und keinen Fußbreit weichen.

– Aber… versetzte Shandon.

– Denn Sie haben schon Proben abgelegt, Commandant, und ich weiß, was Sie geleistet haben. Ah! Sie sind ein stolzer Seemann!

– Wollen Sie die Güte haben…

– Nein, ich will Ihre Kühnheit, Ihre Tapferkeit und Geschicklichkeit nicht einen Augenblick in Zweifel gezogen haben, nicht einmal von Ihnen! Der Kapitän, der Sie zu seinem Stellvertreter gewählt hat, versteht sich darauf, dafür bürg‘ ich!

– Aber darum handelt sich’s nicht, sagte Shandon ungeduldig.

– Und worum handelt sich’s denn? Sie lassen mich lange schmachten.

– Sie lassen mich ja nicht reden, zum Henker! Sagen Sie mir nur gefälligst, Doctor, wie sind Sie dazu gebracht worden, an der Expedition des Forward Theil zu nehmen?

– Nur durch einen Brief, den ich hier Ihnen vorweise; er ist sehr lakonisch, aber hinreichend!«

Mit diesen Worten überreichte er Shandon das Schreiben, welches also lautete:

Inverneß, den 22. Januar 1860.

»An den Doctor Clawbonny, Liverpool.

»Wenn der Doctor Clawbonny sich für eine lange dauernde Expedition auf dem Forward einschiffen will, kann er sich dem Commandanten Richard Shandon vorstellen, welcher dafür instruirt ist.

Der Kapitän des Forward. K. Z.«

»Der Brief ist diesen Vormittag angekommen, und ich bin schon bereit, an Bord des Forward zu gehen.

– Aber doch, fuhr Shandon fort, wissen Sie, Doctor, worin der Zweck dieser Reise besteht?

– Durchaus nicht; aber was liegt daran? Gehe ich nur irgendwo hin. Man nennt mich einen Gelehrten; der bin ich nicht, Commandant, ich weiß nichts, und wenn ich einige Bücher schrieb, die Absatz finden, so that ich nicht wohl daran; das Publicum ist wohl so gütig, sie zu kaufen. Ich weiß nichts, sag‘ ich Ihnen; nur das weiß ich, daß ich nichts weiß. Nun bietet man mir an, meine Kenntnisse zu vervollständigen, oder, besser gesagt, mir erst Kenntnisse zu erwerben in Medicin, Chirurgie, Geschichte, Geographie, Botanik, Mineralogie, Conchyliologie, Geodäsie, Chemie, Physik, Mechanik, Hydrographie. Nun, ich nahm’s an, und versichere Sie, daß ich mich nicht bitten lasse!

– So wissen Sie also nicht, fuhr Shandon verdrießlich fort, wohin der Forward gehen soll?

– O ja, Commandant; er fährt dahin, wo es etwas zu lernen, zu entdecken, sich zu belehren, zu vergleichen giebt, wo man andere Sitten, andere Länder, andere Völker trifft, um sie bei ihren Verrichtungen zu studieren; er fährt, mit einem Wort, dahin, wo ich noch niemals gewesen bin.

– Aber specieller? rief Shandon.

– Specieller, erwiderte der Doctor, ich hörte sagen, er fahre in die Nordmeere. Gut, ich bin es zufrieden nach Norden!

– Sie, kennen doch, fragte Shandon, den Kapitän des Schiffes?

– Im mindesten nicht! Aber, Sie dürfen mir’s glauben, ’s ist ein wackerer Mann!«

Als der Commandant und der Doctor zu Birkenhead ausgestiegen waren, machte jener diesen mit der Sachlage bekannt, und dieses Geheimniß entzündete die Phantasie des Doctors. Beim Anblick der Brigg war er über die Maßen erfreut. Seit diesem Tag wich er Shandon nicht von der Seite, und besuchte jeden Morgen den Rumpf des Forward.

Auch wurde er besonders beauftragt, die Einrichtung der Pharmacie an Bord zu überwachen.

Denn dieser Clawbonny war Arzt, und sogar ein guter Arzt, aber mit wenig Praxis. Im fünfundzwanzigsten Jahre ein Doctor wie alle andern, war er im vierzigsten ein echter Gelehrter; sehr gekannt in der ganzen Stadt, wurde er ein einflußreiches Mitglied der literarischen und philosophischen Gesellschaft zu Liverpool. Sein kleines Vermögen gestattete ihm, unentgeltlichen Rath zu ertheilen, der darum nicht minder Werth hatte; geliebt, wie es einem ausnehmend liebenswürdigen Mann gebührte, fügte er nie Jemand ein Leid zu, nicht einmal sich selber; lebhaft und redselig, wenn man will, aber das Herz in der Hand, reichte er diese Jedermann.

Als sich in der Stadt das Gerücht von seiner Aufnahme an Bord des Forward verbreitete, boten seine Freunde alles auf, ihn zurückzuhalten; aber das bestärkte ihn nur um so mehr in seinem Vorhaben. Wenn aber der Doctor irgendwo Wurzel gefaßt hatte, gehörte viel dazu, um ihn wieder von diesem Boden auszureißen!

Von diesem Tage an nahmen die Vermuthungen und Befürchtungen in steigendem Maße zu; aber das hinderte nicht, daß der Forward am 5. Februar 1860 vom Stapel lief. Zwei Monat später war er zum Auslaufen bereit.

Am 15. Februar, wie das Schreiben des Kapitäns angekündigt hatte, wurde auf der Eisenbahn von Edinburgh nach Liverpool ein Hund dänischer Race an Richard Shandon überschickt. Das Thier schien tückisch, scheu, selbst ein wenig schlimm, mit einem eigenthümlichen Blick. Auf seinem kupfernen Halsband war die Inschrift Forward. Der Commandant wies ihm sogleich an Bord seine Stätte an, und meldete den Empfang unter den angegebenen Buchstaben nach Livorno.

So war also bis auf den Kapitän, die Bemannung vollständig. Sie bestand aus:

  1. 1. K.Z., Kapitän;
  2. 2. Richard Shandon, Commandant;
  3. James Wall, dritter Officier;
  4. Doctor Clawbonny;
  5. Johnson, Rüstmeister;
  6. Simpson, Harpunier;
  7. Bell, Zimmermann;
  8. Prunton, erster Maschinist;
  9. Plover, zweiter Maschinist;
  10. Strong (Neger), Koch;
  11. Joker, Eismeister;
  12. Wolsten, Waffenschmied;
  13. Bolton, Matrose;
  14. Garry, Matrose;
  15. Clifton, Matrose;
  16. Gripper, Matrose;
  17. Pen, Matrose;
  18. Waren, Heizer.

Dreißigstes Capitel.


Dreißigstes Capitel.

Ein Cairn.

Fast dreiviertel Stunde hatte jenes dem Polarklima eigene Phänomen gedauert; die Bären und die Füchse hatten Zeit gehabt, sich damit etwas zu Gute zu thun; gewiß kamen diese Vorräthe den im rauhen Winter ausgehungerten Bestien sehr gelegen. Zerrissen waren die Schlittendecken, offen und eingeschlagen die Pemmicanbehälter, die Säcke mit Zwieback geplündert, die Theevorräthe auf dem Schnee umhergestreut, an einem Fäßchen mit Weingeist die Dauben herausgerissen und der Inhalt natürlich ausgeflossen; die Lagergeräthschaften lagen umher – Alles trug die Spuren der Raubgier dieser wilden Thiere, ihres wüthenden Hungers und ihrer unersättlichen Gefräßigkeit.

»Das ist ein schönes Unheil! sagte Bell, als er die Scene der Verwüstung betrachtete.

– Und wahrscheinlich ein nicht wieder gut zu machendes, meinte Simpson.

– Erst wollen wir den Schaden aufnehmen, sagte der Doctor, von dem Andern sprechen wir später.«

Schweigend sammelte Hatteras schon die umherliegenden Kisten und Säcke; man suchte den Pemmican und den noch eßbaren Zwieback zusammen; der Verlust eines Theiles des Spiritusvorraths war besonders empfindlich; mangelte dieser, so gab’s ja auch kein warmes Getränk, keinen Thee, keinen Kaffee mehr. Als sie nun ihren Gesammtverlust überschauten, schätzte der Doctor, daß gegen zweihundert Pfund Pemmican und einhundertundfünfzig Pfund Zwieback verloren gegangen waren; sollte die Reise fortgesetzt werden, so mußten sich die Reisenden mit halben Rationen begnügen.

Eine Weile lang überlegte man, was zu thun sei. Sollte man zum Schiffe zurückkehren und die ganze Expedition wiederholen? Aber sollte man die schon zurückgelegten einhundertundfünfzig Meilen umsonst gemacht haben? Und dann, wenn sie ohne Brennmaterial zurückkehrten, welch‘ verderblichen Einfluß würde das auf den Geist der ganzen Mannschaft äußern? Würde man nochmals Leute gewinnen, welche sich zu diesem Zuge über die Eisfelder entschlössen?

Es lag auf der Hand, daß nur in der Fortsetzung des Weges, selbst auf die Gefahr der herbsten Entbehrungen hin, ihr Heil zu suchen sei.

Der Doctor, Hatteras und Bell waren bald dafür entschieden; nur Simpson war für die Umkehr; die Strapazen der Reise hatten seine Gesundheit angegriffen; er war sichtlich schwächer geworden; doch da er mit seiner Ansicht allein blieb, unterzog er sich wieder der Leitung des Schlittens und die kleine Caravane setzte ihren Weg nach Süden weiter fort.

Vom 15. bis 17. Januar ging die Reise in gewohnter Eintönigkeit weiter, doch kam man nur langsamer vorwärts. Die Reisenden ermatteten; sie waren wie zerschlagen in den Füßen; auch die Hunde zogen nur noch mit Mühe. Die jetzt ungenügende Nahrung vermochte weder Menschen noch Thiere wieder zu stärken. Dabei wechselte das Wetter wie gewöhnlich zwischen strenger Kälte und feuchten, durchdringenden Nebeln.

Am 18. Januar zeigten die Eisfelder plötzlich ein wesentlich anderes Aussehen; eine große Menge Pics, geformt wie scharf zugespitzte Pyramiden, von bedeutender Höhe zeichneten sich am Horizonte ab. An manchen Stellen durchbrach der Boden die Schneelage; er schien aus Gneis, Schiefer und Quarz, untermischt mit Kalkgebirge zu bestehen. Endlich hatten also die Wanderer festes Land unter sich, und aller Wahrscheinlichkeit nach konnte dasselbe nur zu Neu-Cornwallis gehören.

Der Doctor konnte sich nicht enthalten, einmal mit gewisser Befriedigung auf die solide Unterlage fest aufzutreten; nur einhundert Meilen trennten die Reisenden noch vom Cap Belcher; aber auf diesem unebenen Boden, der so reich an spitzen Steinen, gefährlichen Vorsprüngen, Spalten und Schluchten war, nahmen ihre Kräfte reißend ab. Bald mußte man in tiefe Bodenhöhlungen hinein, bald wieder die steile Küste emporklimmen oder schmale Schluchten übersteigen, in denen der Schnee wohl dreißig bis vierzig Fuß hoch lag.

Die Reisenden dachten bald mit Sehnsucht an den zurückgelegten, gleichmäßigeren Weg zurück, an die Eisfelder, über die der Schlitten so köstlich hinglitt; jetzt bedürfte es anderer Kraftanstrengung, ihn fortzubewegen. Die kreuzlahmen Hunde reichten nicht mehr aus, die Menschen mußten sich noch mit vorspannen und ermüdeten sich so desto mehr. Dann und wann war man genöthigt, Alles vom Schlitten abzuladen, wenn es gar zu steile Anhöhen zu ersteigen galt, deren Oberfläche keine festen Anhaltepunkte bot. So verlangte die Entfernung von zehn Schritt oft die Arbeit ganzer Stunden. Den ersten Tag legte man auf diese Weise über diesen Cornwalliser Boden ganze fünf Meilen zurück, in einem Lande, das seinen Namen mit Recht trägt, denn es zeigt ganz ebenso die rauhen Berge, die scharfen Spitzen und Kanten und die wild zerklüfteten Felsen wie die Südwestspitze von Alt-England. Am andern Morgen erreichte der Schlitten die Höhe der Küste; ganz von Kräften, waren die Reisenden außer Stande, sich ein Schneehaus zu bauen, und mußten die Nacht, in ihre Büffeldecken gewickelt, unter dem Zelte zubringen, wobei sie die naß gewordenen Strümpfe auf der Brust zu trocknen suchten. Die Folgen eines solchen Verhaltens liegen auf der Hand; das Thermometer fiel dazu diese Nacht auf vierundvierzig Grad (-42° hunderttheilig) und das Quecksilber gefror.

Der Zustand Simpson’s ward allmälig beunruhigend; ein hartnäckiger Lungenkatarrh, heftiges Reißen mit unerträglichen Schmerzen nöthigten ihn, sich auf dem Schlitten niederzulegen, statt diesen zu leiten. Bell trat an seine Stelle; auch dieser war leidend; aber doch nicht bettlägerig. Auch der Doctor entging dem Einflüsse dieses mörderischen Klima’s nicht gänzlich, doch keine Klage ging über seine Lippen, und standhaft marschirte er, auf den Stock gestützt, voraus; er sondirte den Weg, er half überall. Hatteras, kaltblütig, unerschütterlich, fast gefühllos, wie er war, blieb bei seiner Eisennatur gesund, wie am ersten Tage, und folgte schweigend dem Schlitten.

Am 20. Januar war die Kälte so schneidend, daß schon die geringste Anstrengung eine vollkommene Erschlaffung zur Folge hatte. Inzwischen wurden die Schwierigkeiten des Bodens der Art, daß Hatteras, Bell und der Doctor den Schlitten mit ziehen helfen mußten; scharfe Stöße hatten dessen Vordertheil zerbrochen, so daß man ihn repariren mußte, und solcherlei Hemmnisse wiederholten sich mehrmals täglich.

Mit halbem Leibe im Schnee und trotz der Kälte schwitzend, verfolgte die Gesellschaft einen tiefen Hohlweg. Niemand sprach ein Wort. Auf einmal sah Bell den neben ihm gehenden Doctor erstaunt und erschrocken an, und gleich, ohne eine Sylbe zu sprechen, rafft er eine Hand voll Schnee auf und verreibt ihn mit aller Kraft auf dem Gesichte des Gefährten.

»Zum Teufel! Bell! rief der Doctor abwehrend, Bell aber frottirte ihn nach besten Kräften weiter.

– Aber, Bell, begann der Doctor wieder, Mund, Augen und Nase voller Schnee, – sind Sie toll geworden? Was soll das heißen?

– Das heißt, erwiderte Bell, daß, wenn Sie noch eine Nase besitzen, Sie dieselbe mir verdanken.

– Eine Nase! erwiderte bestürzt der Doctor, indem er mit der Hand darnach fühlte.

– Ja wohl, Herr Clawbonny; Sie waren im Begriff, das Gesicht zu erfrieren, und Ihre Nase sah vorhin vollkommen weiß aus. Ohne meine energische Behandlung dürften Sie jetzt wohl dieses Schmuckes, der, wenn auch für die Reise lästig, doch im Allgemeinen nöthig erscheint, beraubt sein.«

Wirklich hätte der Doctor nur wenig später die Nase total erfroren gehabt; jetzt war in Folge der kräftigen Abreibungen Bell’s der Blutkreislauf in ihr wieder hergestellt und jede Gefahr vorüber.

»Ich danke, Bell, sagte der Doctor, und hoffe, mich revanchiren zu können.

– Dessen bin ich sicher, Herr Clawbonny, und gebe der Himmel, daß wir nie ein größeres Unglück zu beklagen haben!

– Sie spielen auf Simpson an, antwortete der Doctor; der arme Bursche muß viel ausstehen!

– Fürchten Sie für ihn? fragte lebhaft Hatteras.

– Ja, Kapitän, sagte der Doctor.

– Und was fürchten Sie?

– Einen heftigen Ausbruch von Scorbut; seine Beine sind schon angeschwollen und das Zahnfleisch wird dick; der Bedauernswerthe liegt halb erfroren auf dem Schlitten, und jeden Augenblick erneuern die Stöße seine Schmerzen. Ich bedaure ihn herzlich, Hatteras, aber ich vermag Nichts zu seiner Erleichterung zu thun!

– Armer Simpson! murmelte Bell.

– Vielleicht könnten wir ein bis zwei Tage Halt machen, meinte der Doctor.

– Halt machen! versetzte Hatteras, wo das Leben von achtzehn Menschen von unserer rechtzeitigen Rückkehr abhängt!

– Indessen … fiel der Doctor ein.

– Clawbonny, Bell, erwiderte Hatteras, hören Sie mich an. Nicht mehr für zwanzig Tage haben wir Lebensmittel. Können wir unter diesen Umständen einen Augenblick verlieren?«

Weder der Doctor, noch Bell vermochten ein Wort zu erwidern, und so setzte der Schlitten nach nur kurzer Unterbrechung seinen Weg fort.

Am Abend hielt man am Fuße eines kleinen Eishügels Rast, aus welchem Bell schnell eine Höhlung herausarbeitete, in welcher die Reisenden sich bargen. Der Doctor wachte die Nacht über bei Simpson. Der Scorbut ergriff den Unglücklichen mit voller Heftigkeit, und seine Leiden preßten ihm fortwährende Klagelaute durch die geschwollenen Lippen.

»Ach, Herr Clawbonny!

– Muth, Muth, mein Junge! sagte der Doctor.

– Ich komme nicht wieder mit zurück; ich fühle es, denn ich ertrage das nicht länger. Ich möchte lieber sterben!«

Seinen verzweifelten Klagen begegnete der Doctor mit verdoppelter Sorge; obgleich selbst angegriffen von den Mühsalen des Tages, bereitete er dem Kranken doch in der Nacht mehrere beruhigende Getränke; aber auch der Citronensaft war ohne alle Wirkung und trotz aller Einreibung breiteten sich die scorbutischen Erscheinungen mehr und mehr aus.

Den folgenden Morgen mußte der Arme wieder auf den Schlitten gebracht werden, trotz seiner Bitten, ihn allein zurück, und in Frieden sterben zu lassen. – Dann nahm man den abscheulichen Weg mitten durch immer wachsende Hemmnisse wieder auf.

Die eisigen Nebel durchkälteten die drei Männer bis auf die Knochen; Schnee und Graupeln schlugen ihnen in’s Gesicht; sie dienten mit als Saumthiere und hatten nicht einmal ausreichende Nahrung.

Duk, der seinem Herrn ähnlich, kam und ging, aller Ermüdung spottend, immer munter, und suchte schon von selbst den besten Weg auszuspüren, so daß man sich auf seinen wunderbaren Instinct völlig verließ.

Am Morgen des 23. Januar, bei fast völliger Finsterniß, denn es war Neumond, war Duk wie gewöhnlich voraus. Aber Stunden vergingen, bevor er wieder sichtbar wurde. Hatteras wurde darüber desto unruhiger, da der Boden zahlreiche Spuren von Bären zeigte; schon war er unschlüssig, welchen Weg er nehmen sollte, als sich ein lautes Bellen vernehmen ließ. Hatteras beschleunigte den Gang des Schlittens und bald fand man auch das treue Thier in der Tiefe eines Hohlwegs.

Duk stand wie versteinert und bellte vor einer Art Cairn, der aus einigen jetzt mit Eis überzogenen kalkigen Steinen errichtet war.

»Dieses Mal ist es aber ein Cairn, sagte der Doctor, wahrend er schon seinen Zugriemen löste, das ist keine Täuschung.

– Und was nützt er uns? fragte Hatteras.

– Wenn es ein Cairn ist, Kapitän, so kann er für uns sehr kostbare Documente bergen; vielleicht enthält er Nahrungsmittel, und das lohnte schon allein die Mühe der Untersuchung.

– Und welcher Europäer könnte bis hier hinauf gekommen sein? fragte Hatteras mit Achselzucken.

– Wenn es keine Europäer waren, können es nicht Eskimos gewesen sein, die diese Zuflucht errichteten und darin von der Beute ihres Jagd- oder Fischzugs niederlegten? Sie pflegen es ja, so viel ich weiß, gewöhnlich zu thun.

– Nun gut, überzeugen Sie sich, Clawbonny, sprach Hatteras, aber ich fürchte sehr, Sie werden sich eine vergebliche Mühe machen.«

Clawbonny und Bell begaben sich mit Aexten bewaffnet nach dem Cairn. Duk bellte wüthend weiter. Die Kalksteine waren zwar fest durch Eis verbunden, aber einige Schläge genügten doch, sie loszulösen.

»Da ist sicher Etwas drinnen, sagte der Doctor.

– Ich glaube es nun auch«, war Bell’s Antwort.

Schnell zerstörten sie das kunstlose Bauwerk. Bald fanden sie eine Höhlung; in dieser lag ein ganz feuchtes Papier. Klopfenden Herzens ergriff es der Doctor. Hatteras kam nun auch hinzu, nahm es und las:

»Altam …, Porpoise, 13. December 1860. 12° Länge, 8..° 35′ Breite …«

– Der »Porpoise!« sagte der Doctor.

– Der »Porpoise!« wiederholte Hatteras. Ich kenne kein Schiff dieses Namens, das diese Meere beführe.

– Es ist klar, erwiderte der Doctor, daß Seefahrer, vielleicht Schiffbrüchige, vor weniger als zwei Monaten hier gewesen sind.

– Ganz ohne Zweifel, meinte Bell.

– Was sollen wir thun? fragte der Doctor.

– Unsern Weg fortsetzen, erwiderte kaltblütig Hatteras; ich kenne kein Schiff Namens Porpoise, aber ich weiß, daß die Brigg Forward unsere Rückkehr schmerzlich erwartet.«

Einunddreißigstes Capitel.


Einunddreißigstes Capitel.

Simpson’s Tod.

Die Reise wurde wieder aufgenommen; neue, ungewohnte Gedanken ergriffen Alle, denn ein Zusammentreffen mit Andern ist in jenen Polargegenden ein hochwichtiges Ereigniß. Hatteras voll Unruhe runzelte die Stirn.

»Der Porpoise! sprach er zu sich selbst, was ist das für ein Schiff, und was führt es hierher, so nahe zum Pole?«

Bei diesen Gedanken überlief ihn ein Schaudern. Der Doctor und Bell ihrerseits überdachten nur die möglichen Folgen der Entdeckung jenes Fragmentes: ob sie Mitleidende retten oder von jenen gerettet werden sollten.

Bald aber waren sie wieder eine Beute der Hindernisse, Schwierigkeiten und der Ermattung, und hatten nur noch ihre eigene, doch so gefahrvolle Lage vor Augen.

Simpson’s Zustand ward immer schlechter; dem Doctor konnten die Vorzeichen des nahenden Todes nicht entgehen; er vermochte nichts mehr zu thun, zumal da er selbst an einer schmerzhaften Augenentzündung litt, die ihn, wenn er sie vernachlässigte, mit Blindheit bedrohte. Die Dämmerung verbreitete doch eine ziemliche Lichtmenge, die, von dem Schnee zurückgeworfen, die Augen reizte. Nur mit Mühe vermochte man sich gegen jene Rückstrahlung zu schützen; denn farbige Brillengläser, welche man sonst verwendet, überzogen sich bald mit einer Eisschicht und wurden undurchsichtig. Dabei mußte man immer sorgfältig auf den Weg achten und auf möglichste Entfernungen hin die Richtung des Weges zu bestimmen suchen, und so wurde es wirklich schwierig, der Gefahr einer Augenentzündung zu entgehen. Der Doctor und Bell halfen sich in der Art, daß sie abwechselnd die Augen bedeckt hielten und abwechselnd die Leitung des Schlittens übernahmen.

Nur mühsam glitt dieser noch auf seinen abgenutzten Kufen und war ebenso schwer fort zu bewegen; dagegen die Schwierigkeiten des Weges nahmen täglich nur zu, da man über einen vulkanischen, tief gerissenen, gefurchten und mit scharfen Kanten reich versehenen Boden reiste. Bis auf eine Höhe von fünfzehnhundert Fuß war die Gesellschaft nach und nach gekommen; die Temperatur war dabei so rauh als möglich; Windstöße und Wirbelstürme traten mit ungewohnter Heftigkeit auf und ein trauriges Bild boten die Unglücklichen, die sich über diese verlassenen Höhen hinschleppten.

Daneben waren sie noch von Schneeblindheit befallen; dieser gleichmäßige Glanz griff sie an; sie waren schwindlich, wie betrunken; der Boden schwand unter ihren Füßen und schien keinen festen Stützpunkt mehr zu bieten auf der ganzen ungeheuren weißen Decke; es war ihnen ein Gefühl, wie beim Schwanken des Schiffes, wobei das Verdeck dem Fuße zu entschwinden scheint; die Reisenden vermochten sich nicht daran zu gewöhnen, und die Fortdauer dieser Empfindung nahm ihnen den Kopf ein. Ihre Glieder wurden schwer beweglich, ihr Geist war gleichsam schlaftrunken, und so zogen sie auch wirklich, wie im Halbschlaf weiter. Nur eine entstehende Verwirrung, ein unerwarteter Stoß oder Fall brachte sie einigermaßen zum Bewußtsein, welches sie aber doch schon nach kurzer Zeit wieder verließ.

Vom 25. Januar ab stiegen sie dann über steile Abhänge niederwärts, doch nahm ihre Abspannung auf diesen übereisten schiefen Flächen nur zu, ein Fehltritt, der ja nur schwer zu vermeiden war, reichte wohl hin, sie in tiefe Abgründe zu stürzen, in welchen sie rettungslos verloren gewesen wären.

Gegen Abend peitschte ein wüthender Sturm die schneeigen Gipfel; kaum vermochte man der Gewalt des Orkans Widerstand zu leisten, so daß die Reisenden gezwungen waren, sich platt auf die Erde niederzulegen, was sie aber wieder der Gefahr aussetzte, auf der Stelle anzufrieren.

Bell errichtete mit Hatteras Hilfe wieder ein Schneehaus, in welchem die Elenden Schutz suchten; dort stärkte man sich durch etwas Pemmican und warmen Thee. Nur vier Gallonen Weingeist waren noch übrig, und von diesen brauchte man immer, nur um den Durst zu löschen, denn man darf nicht glauben, daß der Schnee als solcher hierzu brauchbar gewesen wäre; im Gegentheil mußte dieser immer erst geschmolzen werden. In gemäßigten Klimaten, wo die Temperatur nicht viel unter den Gefrierpunkt sinkt, würde der Genuß des Schnees keine besonders üble Wirkung haben, aber in den Polargegenden ist das ganz anders; er nimmt dort eine derartige Kälte an, daß man ihn oft ebenso wenig wie glühendes Eisen mit bloßer Hand anzufassen vermag, obwohl er ein so schlechter Wärmeleiter ist. Zwischen ihm und dem Magen ist also eine so bedeutende Temperaturdifferenz, daß sein Genuß vollkommene Erstickungsanfälle erzeugen würde. Die Eskimos ertragen lieber die härtesten Entbehrungen, als daß sie sich solchen Schnees bedienen, der das Wasser keineswegs ersetzt und den Durst nur steigert. Die Reisenden konnten also nur unter der Bedingung von jenem Gebrauch machen, daß sie ihn mittels Spiritus zerschmelzen ließen.

Um drei Uhr Morgens, als der Sturm am heftigsten wüthete, begann der Doctor seinen Theil der Nachtwache; in einer Ecke des kleinen Raumes stützte er sich auf den Ellenbogen, als schwere Klagen Simpson’s ihn aufmerksam machten. Er erhob sich, diesem beizustehen, stieß sich dabei aber unsanft an die Eisdecke des Gemachs; ohne darauf besonders zu achten, beugte er sich über den Leidenden, um dessen angeschwollene und blau angelaufene Glieder zu frottiren. Als er sich davon nach einer Viertelstunde erheben wollte, stieß er sich nochmals so heftig, obwohl er damals auf den Knieen lag.

»Das ist doch sonderbar«, sprach er zu sich.

Forschend hob er die Hand über den Kopf die Decke senkte sich merklich.

»Großer Gott! rief er, schnell auf, ihr Freunde!«

Hatteras und Bell sprangen rasch empor und stießen sich ebenfalls gegen den Kopf; es herrschte die tiefste Finsterniß.

»Wir werden hier erdrückt! sagte der Doctor, hinaus! Schnell hinaus!«

Alle verließen, Simpson durch den Eingang fortschleppend, den gefährlichen Ort. Es war höchste Zeit; krachend stürzten bald die Eisblöcke, welche nicht gut aufeinander lagen, zusammen.

So waren die Bedauernswerthen, ohne Schutz vor der heftigen Kälte, auf’s Neue der Wuth des Sturmes preisgegeben. Hatteras versuchte das Zelt aufzuschlagen, doch vermochte es der Gewalt des Windes nicht zu widerstehen, und so blieb Nichts übrig, als sich noch selbst unter die Leinenstücken zu flüchten, welche bald von einer dicken Schneelage überweht waren. Doch verhinderte dieser Schnee, durch den ihre Eigenwärme nicht ausstrahlen konnte, mindestens, daß sie selbst zu Eis erstarrten.

Erst am Morgen ließen die Windstöße nach; als sie die jetzt nur knapp gefütterten Hunde wieder einspannten, sah Bell, daß drei von ihnen schon ihr Riemenzeug angenagt hatten; zwei schienen ernstlich krank und konnten nicht weiter fort.

Trotz alledem mußte die Karawane wohl oder übel ihren Weg wieder aufnehmen; noch sechzig Meilen waren bis zu dem in’s Auge gefaßten Punkte zurückzulegen.

Am 26. rief Bell, der voranschritt, plötzlich die Andern herbei; zu nicht geringem Erstaunen sahen sie ein Gewehr an eine Eiszacke gelehnt.

»Eine Flinte!« rief der Doctor aus.

Hatteras prüfte sie; sie war in gutem Zustande und noch geladen.

»Die Mannschaft des Porpoise muß hier in der Nähe sein«, meinte der Doctor.

Hatteras erkannte, daß die Waffe amerikanischen Ursprungs sei; seine Hand erfaßte krampfhaft den beeisten Lauf.

»Vorwärts! Vorwärts! sprach er mit dumpfer Stimme.

Weiter ging es die Bergabhänge hinunter. Simpson schien alles Gefühles beraubt; kein Klagelaut ertönte von ihm; er war schon zu schwach dazu.

Der Sturm dauerte fort; aber immer langsamer kam der Schlitten voran; nur wenige Meilen legte man in vierundzwanzig Stunden zurück, und trotz der strengsten Einteilung gingen die Nahrungsmittel erschreckend zu Ende; aber so lange noch etwas über die für die Rückreise berechnete Menge übrig war, trieb Hatteras vorwärts.

Am 27. fand man, fast verweht vom Schnee, einen Sextanten und später eine Kürbisflasche; diese enthielt Branntwein, oder vielmehr ein Eisstück, in dessen Mitte der Alkohol des Getränkes sich in einem Schneeballe concentrirt hatte; der Fund erschien werthlos.

Offenbar folgte Hatteras unwillkürlich den Spuren einer traurigen Katastrophe; er schlug eben den einzigen überhaupt gangbaren Weg ein und traf so auf Trümmer eines schrecklichen Schiffbruchs.

Der Doctor spähte nach Kräften, ob er nicht wieder einen Cairn gewahren könne; aber vergeblich.

Trübe Gedanken peinigten den Kapitän; wenn er die Hilflosen, welche hier gewesen waren, entdeckte, welche Hilfe konnte er ihnen leisten? Ihm selbst und seinen Begleitern begann es schon an Allem zu fehlen; ihre Kleidung ging in Stücken, ihre Nahrung zu Ende. Waren jene Schiffbrüchigen zahlreich, so kamen sie Alle durch Hunger um. Hatteras wünschte sie offenbar lieber zu vermeiden. Hatte er nicht ein Recht dazu, er, von dem das Wohl aller seiner Begleiter abhing? Durfte er, wenn er noch Fremde mit an Bord brachte, die Sicherheit Aller auf’s Spiel setzen?

Aber diese Fremden waren ja auch Menschen, waren Ihresgleichen, vielleicht gar Landsleute! So schwach auch die Hoffnung auf ihre Rettung war, durfte man sich ganz darüber wegsetzen? Der Doctor suchte Bell’s Meinung darüber zu erfahren; aber dieser schwieg; seine eigenen Leiden schnürten ihm das Herz zu. Clawbonny wagte gar nicht, Hatteras zu fragen, und so ergab er sich ruhig dem Beschlusse der Vorsehung.

Am Abend des 27. Januar schien es mit Simpson zu Ende zu gehen. Seine Gliedmaßen waren eisig kalt; sein keuchender Athem bildete einen Nebel um seinen Kopf, und krampfhaftes Zucken verkündete seine letzte Stunde. Sein Gesichtsausdruck, seine Blicke ohnmächtigen Zorns, die er noch auf den Kapitän schoß, war schrecklich, verzweifelt. Er verrieth eine schwere Anklage, er schleuderte auf Jenen zwar stumme, aber doch deutliche und wohl nicht ganz unverdiente Vorwürfe.

Hatteras näherte sich dem Sterbenden nicht. Er mied ihn, er floh ihn; er wurde schweigsamer, und in sich gekehrt, mehr als je. Die folgende Nacht war furchtbar; mit doppelter Macht brach der Sturm los; dreimal wurde das Zelt weggerissen und der Schneeschauer peitschte den Bedauernswerthen in’s Gesicht, machte sie blind und übereiste sie. Simpson war dem fürchterlichen Wetter preisgegeben. Es gelang zwar Bell, das armselige Obdach des Zeltes wieder herzustellen; aber ein noch heftigerer Windstoß riß es zum vierten Male weg und entführte es wirbelnd unter grausigem Pfeifen.

»Ah! Das ist zu arg! rief Bell.

– Muth! Nur Muth!« sprach ihm der Doctor zu, der in seine Nähe kroch, um nicht in eine Schlucht mit fortgerissen zu werden.

Simpson stöhnte. Plötzlich richtete er sich noch einmal mit den letzten Kräften halb auf, streckte die geballte Faust gegen Hatteras, der ihn unbeugsamen Blicks ansah, aus, stieß noch einen herzzerreißenden Schrei aus und fiel todt zurück, ohne seine Drohung vollenden zu können.

»Er ist todt! rief der Doctor.

– Todt!« wiederholte Bell.

Hatteras, der auf die Leiche zuging, ward vom Sturme zurückgestoßen.

Das war das erste Opfer, welches das mörderische Klima aus der Gesellschaft riß, der Erste, der nie einen Hafen wiedersehen sollte, der Erste, der nach unendlichen Leiden den Starrsinn des Kapitäns noch mit seinem Leben zu büßen hatte. Dieser Todte hatte ihn als Mörder angeklagt, und Hatteras nicht den Kopf dabei verwandt. Doch glitt heimlich eine Thräne aus seinem Auge, die auf der blassen Wange gefror.

Der Doctor und Bell betrachteten ihn fast mit Grauen. Auf seinen langen Stock gestützt stand er da wie der Geist dieser erstarrten Regionen, grad‘ aufgerichtet trotz der wüthenden Windstöße, wie unheilverkündend bei seiner erschreckenden Ruhe.

Ohne von der Stelle zu weichen blieb er stehen bis zum Grauen der Dämmerung, zähe, kühn, unbezwingbar und schien dem Sturm, der rings um ihn tobte, zu trotzen.

Zweiunddreißigstes Capitel.


Zweiunddreißigstes Capitel.

Rückkehr zum Forward.

Gegen sechs Uhr Morgens legte sich der Wind und fegte, nach Norden umspringend, die Wolken vom Himmel. Das Thermometer zeigte dreiunddreißig Grad unter Null (-36° hunderttheilig). Die ersten Strahlen der Dämmerung versilberten nur erst den Horizont, den sie bald vergolden sollten.

Hatteras näherte sich seinen beiden niedergeschlagenen Gefährten und sagte mit schwacher, trauriger Stimme:

»Meine Freunde; mehr als sechzig Meilen trennen uns noch von dem durch Sir Edward Belcher bestimmten Punkte. An Nahrungsmitteln haben wir nur noch das unbedingt Nothwendige, um bis zu unserm Schiffe zurückzugelangen. Jetzt noch weiter gehen hieße uns dem gewissen Tode ausliefern, ohne irgend Jemand Anderm zu nützen. Wir kehren unseren Weg zurück.

– Das ist der rechte Entschluß, Hatteras, sagte darauf der Doctor; wahrlich, ich wäre Ihnen gefolgt, wohin es nur wäre, aber unsere Gesundheit schwindet von Tage zu Tage. Kaum können wir noch einen Fuß vor den andern setzen; ich billige also den Entschluß zur Rückkehr vollkommen.

– Und ist das auch Ihre Ansicht, Bell?

– Ja, Kapitän! erwiderte der Zimmermann.

– Wohlan denn, entschied nun Hatteras, so wollen wir zwei Tage rasten. Das wird nicht zu lange sein. Der Schlitten bedarf umfänglicher Reparaturen; ich bin auch dafür, gleich noch ein Schneehaus zu errichten, um darin unsere Kräfte erst wieder zu sammeln.«

Als man darüber im Reinen war, gingen die drei hurtig an’s Werk; Bell verwandte alle Sorge auf die Festigkeit des Baues, und bald erhob sich eine entsprechende Zuflucht in dem Hohlwege, wo sie den letzten Halt gemacht hatten.

Wie sehr hatte sich Hatteras Zwang anthun müssen, um diese Reise abzubrechen! So viele Mühe, so viele Anstrengung verloren! Ein unnützer Zug, auch noch mit einem Menschenleben erkauft! Und nun die Rückkehr zum Schiffe ohne ein Stückchen Kohle! Was würde aus der Mannschaft werden? Was würde sie ausführen unter Richard Shandon’s Einflüsterungen?

Eifrig betrieb nun Hatteras das Nöthige für die Rückkehr; der Schlitten wurde wieder in Stand gebracht; seine Ladung hatte sich wesentlich vermindert und betrug keine zweihundert Pfund mehr. Man restaurirte nach Kräften die abgenutzte und zerfetzte Kleidung, die vom Schnee durchzogen und von Eis gestärkt war. Neue Moccassins und Schneeschuhe ersetzten die abgelaufenen. Diese Arbeiten nahmen den ganzen 29., bis zum Morgen des 30. Januar in Anspruch; nachher ruhten die Reisenden, so gut es eben ging, und stärkten sich für das Kommende.

Während dieser theils in dem Schneehause, theils auf dem Eise der Schlucht verbrachten sechsunddreißig Stunden, beobachtete der Doctor aufmerksam Duk, der ihm ganz ungewöhnlich erschien; immer lief der Hund herum und schweifte unzählige Male in einem Raum umher, der einen bestimmten Mittelpunkt zu haben schien; diesen bildete eine kleine Erhöhung des Erdbodens, so als wenn dort mehrere Eisschollen übereinander lägen. Duk, der immer diesen Punkt umkreiste, bellte verhalten, wedelte unruhig mit dem Schweife und schien seinen Herrn fragend anzusehen.

Erst wollte der Doctor diese Unruhe von der Anwesenheit der Leiche Simpson’s herleiten, die sie zu begraben noch nicht Zeit gefunden hatten.

Diese traurige Pflicht sollte noch desselben Tages erfüllt werden, da man mit der nächsten Dämmerung aufzubrechen Willens war.

Bell und der Doctor versahen sich mit Hacken und gingen im Grunde des Hohlwegs nach jener durch Duk’s Benehmen auffallend gewordenen Erhöhung, welche so passend schien, die Leiche darin zu bestatten.

Beide entfernten erst die lose Ueberlage von Schnee und bearbeiteten dann die härteren, eisigen Schichten. Beim dritten Schlage schon stieß der Doctor auf einen spröden Körper, der in Stücke sprang. Er suchte etwas davon auf und brachte Scherben von einer Glasflasche an’s Licht.

Bell seinerseits zog einen hart gewordenen Sack hervor, der noch ganz gut erhaltenen Zwieback enthielt.

»Nun? sagte der Doctor erstaunt.

– Was soll das bedeuten?« fragte Bell, der seine Arbeit unterbrach.

Der Doctor rief Hatteras, welcher sogleich hinzukam.

Duk bellte lebhaft und wühlte mit den Pfoten den weichen Schnee weg.

»Sollten wir auf eine Niederlage von Nahrungsmitteln gestoßen sein? sagte der Doctor.

– Das scheint fast so, meinte Bell.

– Fortfahren!« rief Hatteras.

Noch einige Reste von Speisen wurden aufgefunden, und dann ein Gefäß, das noch zu einem Viertel mit Pemmican gefüllt war.

»Das ist hier ein Versteck, sagte Hatteras, dem aber vor uns schon Bären ihren Besuch gemacht haben. Die Vorräthe sind nicht mehr unangetastet.

– Das fürchte ich auch, erwiderte der Doctor, denn …«

Er brachte den Satz nicht zu Ende. Ein Aufschrei Bell’s unterbrach ihn; als dieser einen stärkeren Eisblock wegwälzte, kam ein steifgefrorenes, menschliches Bein zum Vorschein.

»Ein Leichnam! brach der Doctor aus.

– Das ist kein Versteck, sagte Hatteras, sondern ein Grab.«

Der bloßgelegte Cadaver gehörte einem Matrosen von ungefähr dreißig Jahren an; vollkommen gut erhalten trug er noch die gewöhnliche Kleidung der Polarmeerfahrer, und auch der Doctor wagte nicht zu entscheiden, wie lange er wohl schon läge.

Bald darauf grub Bell aber noch einen zweiten Leichnam, den eines Mannes von etwa fünfzig Jahren auf, der noch auf seinem Antlitz die Spuren der Leiden trug, die ihn dahingerafft hatten.

»Das sind keine von anderer Hand begrabenen Körper! rief der Doctor aus, diese Unglücklichen hat der Tod überrascht, so wie wir sie hier finden.

– Sie haben ganz Recht, Herr Clawbonny, bestätigte Bell.

– Grabt weiter! Weiter!« trieb Hatteras. Bell wagte es kaum. Wer konnte wissen, wieviel Leichen wohl noch dieser Hügel barg!?

»Diese Leute sind demselben Unfall zum Opfer gefallen, der uns bedrohte, sagte der Doctor, ihr Schneehaus ist zusammengestürzt. Aber wir wollen nachsehen, ob Einer von ihnen noch athmet.«

Schnell wurde weiter abgeräumt, und Bell förderte auch noch einen dritten Körper heraus, einen Mann von etwa dreißig Jahren, der gar nicht so leichenähnlich aussah, wie die Andern; der Doctor beugte sich über ihn und glaubte noch einige Lebenszeichen wahrzunehmen.

»Er lebt! Er lebt!« rief er erfreut.

Mit Bell’s Hilfe schaffte er den Verunglückten in das Schneehaus, während Hatteras, unbeweglich wie immer, die zusammengestürzte Wohnstätte betrachtete.

Der Doctor entkleidete den Ausgegrabenen vollständig; er fand keine Wunde an ihm; er und Bell rieben ihn dann mit in Weingeist getauchten Bäuschen ab, und bald wurden Anzeichen des wiederkehrenden Lebens sichtbar. Der Unglückliche war aber in einem Zustande vollständiger Erschöpfung, und der Sprache vollkommen beraubt. Am Gaumen klebte seine Zunge wie angefroren. Der Doctor durchsuchte die Taschen in der Kleidung. Sie waren leer; kein Schriftstück fand sich. Er ließ Bell die Frictionen fortsetzen und wandte sich zu Hatteras. Dieser war indeß in das zerstörte Haus hineingestiegen, hatte den Erdboden sorgsam durchsucht und kam eben mit einem halb verbrannten Briefcouvert in der Hand wieder heraus. Auf diesem Papier waren nur noch lesbar die Worte:

        . . . . . tamont  
. . . . . . orpoise  
  w-York

»Altamont! rief der Doctor aus, von dem Schiffe Porpoise! aus New-Jork!

– Ein Amerikaner! sagte Hatteras zusammenfahrend.

– Ich rette ihn! sagte der Doctor, ich gebe mein Wort darauf, und wir werden die Lösung dieses schrecklichen Räthsels finden.«

Er kehrte zu Altamont zurück, während Hatteras nachdenklich zurückblieb. Dank seiner Sorgfalt gelang es dem Doctor, den Erstarrten in’s Leben zurückzurufen, aber noch nicht zur Empfindung; dieser sah nicht, er hörte nicht, er sprach nicht, doch er lebte!

Am andern Morgen ging Hatteras den Doctor an:

»Es ist Zeit, daß wir aufbrechen, sagte er.

– Gewiß, erwiderte dieser, der Schlitten ist jetzt leicht; wir laden diesen Unglücklichen mit auf und führen ihn zum Schiffe.

– Meinetwegen, sagte Hatteras, aber erst noch die Todten begraben.«

Die beiden unbekannten Matrosen wurden wieder unter die Eistrümmer zurückgebracht, und Simpson’s Leiche nahm Altamont’s Stelle ein.

Mit einem stillen Gebete nahmen die drei Gefährten von ihrem hingeschiedenen Genossen Abschied, und um sieben Uhr Morgens traten sie den Rückweg nach dem Schiffe an.

Zwei der Zughunde waren verendet. Duk bot sich fast selbst an, mit zu ziehen, und that es mit dem Bewußtsein und der Entschlossenheit eines echten Grönländers.

Während der zwanzig Tage, vom 31. Januar bis 19. Februar, nahm die Rückreise so ziemlich denselben Verlauf, wie die Herreise. Nur bot das Eis im Februar, dem kältesten Monate, überall eine sichere Oberfläche; die Reisenden litten zwar schwer unter der ausnehmenden Kälte, blieben aber doch von Stürmen verschont.

Am 31. Januar war auch die Sonne zum ersten Male wieder sichtbar geworden; jeden Tag stieg sie weiter über den Horizont herauf. Bell und der Doctor, fast blind und halb hinkend, waren mit ihren Kräften zur Neige, ja der Zimmermann konnte nur noch auf Krücken gestützt wandern.

Altamont blieb bei Leben, aber in völliger Bewußtlosigkeit. Manchmal fürchtete man für ihn, aber umsichtige Pflege sicherte sein Wiederaufkommen. Und dabei hatte der brave Doctor mit sich selbst genug zu thun, denn seine eigene Gesundheit nahm zusehends ab.

Hatteras dachte an den Forward, an seine Brigg! Wie würde er sie wiederfinden? Was würde an Bord Alles geschehen sein? Wird Johnson dem Shandon und seinem Anhange haben widerstehen können? Ist die Kälte sehr arg gewesen? Sollte man das unglückliche Fahrzeug im Ofen geopfert haben? Waren die Masten und der Schiffsraum noch unversehrt?

Solche Gedanken im Kopfe ging Hatteras jetzt voraus, als hätte er seinen Forward schon aus der Ferne sehen wollen.

Am 24. Februar des Morgens blieb er plötzlich stehen, dreihundert Schritte vor ihm stieg ein röthlicher Schein auf, über den sich eine ungeheure Rauchsäule hinwälzte, die sich in den grauen Nebelmassen des Himmels verlor.

»Was bedeutet dieser Rauch? rief er entsetzt.

Das Herz schlug ihm so heftig, als wollt‘ es brechen.

»Da seht doch! Da unten, den Rauch! sagte er zu seinen zwei Genossen, die ihn nun eingeholt hatten, mein Schiff steht in Flammen!

– Aber wir sind noch mehr als drei Meilen davon, meinte Bell, das kann der Forward nicht sein.

– Und doch, er ist es, erwiderte der Doctor, das ist nur Wirkung der Luftspiegelung, der ihn uns so nahe erscheinen läßt.

– Eilen wir schnell!« rief Hatteras, der den beiden Andern vorauslief.

Diese ließen den Schlitten unter Duk’s Leitung und folgten so schnell sie konnten, dem Kapitän nach.

Eine Stunde später bekamen sie das Fahrzeug in Sicht. O schrecklicher Anblick! Mitten im Eise flammte die Brigg hoch auf; die Lohe ergriff schon die Schiffswände und der Südwind trug das Geprassel bis in Hatteras‘ Ohr.

Fünfhundert Schritte weit von ihnen stand ein einzelner Mensch, der verzweiflungsvoll die Hände rang; er stand still da, ohnmächtig gegenüber der Gluth, die den Forward verzehrte.

Er war allein, und dieser Einzige war der alte treue Johnson.

Hatteras rannte auf ihn zu.

»Mein Schiff! Mein Schiff! fragte er mit erregter Stimme.

– Sie sind es! Kapitän! erwiderte Johnson, halt, halt! Keinen Schritt weiter!

– Nun?! fragte Hatteras mit drohender Stimme.

– Die Schurken alle! sagte Johnson, haben vor achtundvierzig Stunden das Schiff verlassen und es vorher in Brand gesteckt!

– Verflucht!« rief Hatteras.

Dann donnerte eine furchtbare Explosion; die Erde zitterte, die Eisberge sanken nieder auf die Fläche und eine Rauchsäule schoß in die Wolken. Der Forward, dessen Pulverkammer in Brand gerathen war, verschwand in einem Flammenmeere.

In diesem Augenblicke erreichten der Doctor und Bell den Kapitän. Dieser, erst in Verzweiflung gesunken, richtete sich plötzlich auf.

»Meine Freunde, sagte er, die Feiglinge haben die Flucht ergriffen! Die Starken werden siegen! Sie, Bell und Johnson haben den Muth! Doctor, Ihnen gehört das Wissen, und ich, ich habe den Glauben und das Vertrauen! Da unten ist der Nordpol! An’s Werk also! An’s Werk!«

Die Genossen Hatteras‘ erstarkten wieder bei diesen männlichen Worten.

Und doch, die Lage dieser vier Menschen und des Halbtodten war furchtbar – verlassen ohne Hilfsmittel, verloren, allein unter dem 84. Grade nördlicher Breite, tief, tief drinnen in dem Reiche des ewigen Eises!

Ende des ersten Bandes.

Viertes Capitel.


Viertes Capitel.

Kapitän Hund.

Mit dem 5. April war der zur Abfahrt bestimmte Tag erschienen. Die Aufnahme des Doctors an Bord beruhigte ein wenig die Gemüther. Wohin der würdige Gelehrte zu gehen sich entschloß, konnte man getrost auch gehen. Doch waren die meisten Matrosen etwas unruhig, und Shandon, in Besorgniß, es möchten einige ausreißen, wünschte lebhaft auf hoher See zu sein. War einmal die Küste außer Sicht, so würde die Mannschaft sich darein ergeben.

Die Cabine des Doctor Clawbonny lag im Hintergrund des Hüttendecks und nahm die ganze Rückseite des Schiffes ein. Die Cabinen des Kapitäns und des Schiffslieutenants, welche mehr zurückstanden, hatten eine Aussicht auf’s Verdeck. Die des Kapitäns blieb, nachdem sie mit verschiedenen Instrumenten, Möbeln, Reisekleidern, Büchern, Kleidern zum Wechseln und Geräthschaften nach detaillirter Angabe ausgestattet worden, hermetisch verschlossen. Nach Weisung des Unbekannten wurde der Schlüssel zu dieser Cabine ihm nach Lübeck adressirt zugeschickt; er hatte also allein Zutritt zu seinem Gemach.

Diese Bestimmungen waren Shandon nicht nach dem Sinn, und nahmen ihm viel Aussicht auf sein Obercommando. Seine eigene Cabine hatte er vollständig nach den Bedürfnissen der projectirten Reise eingerichtet, da ihm die Erfordernisse für eine Polar-Expedition gründlich bekannt waren.

Das Zimmer des dritten Officiers lag innerhalb des falschen Verdecks, welches ein geräumiges Schlafgemach für die Matrosen bildete; die Leute hatten es hier sehr gemächlich, und sie hätten schwerlich an Bord eines andern Schiffes eine so bequeme Einrichtung getroffen. Man bewies ihnen eine Sorgfalt, wie einer Ladung von Werth; ein geräumiger Ofen nahm die Mitte des gemeinsamen Saales ein.

Der Doctor Clawbonny fand alles nach Wunsch; er hatte seit dem 6. Februar, dem Tage nach dem Stapellassen des Forward, seine Cabine in Besitz genommen, und wie ein Kind Vergnügen daran gefunden, sein wissenschaftliches Gepäck in Ordnung zu bringen. Seine Bücher, Herbarien, Meßinstrumente, physikalischen Apparate, seine Sammlung von Thermometer, Barometer, Hygrometer, seine Brillen, Compasse, Sextanten, Karten, Pläne, die Fiolen, Pulver, Fläschchen seiner sehr vollständigen Reise-Apotheke, alles dies war dermaßen geordnet, daß es hätte das British Museum beschämen können. Dieser Raum von sechs Quadratfuß enthielt schätzbare Reichthümer.

Er war stolz auf diese Ausstattung und glücklich in seinem schwimmenden Heiligthume, das leider so enge war, daß es seine zum Besuch hinströmenden Freunde nicht aufnehmen konnte.

Zur vollständigen Beschreibung der Einrichtung des Forward habe ich noch beizufügen, daß die Lagerstätte des Hundes dicht unter dem Fenster der geheimnißvollen Cabine angebracht war; aber ihr wilder Bewohner zog vor, in den Gängen oder dem untersten Schiffsraum umherzustreifen, und bei Nacht hörte man ihn jämmerlich heulen, daß es in den leeren Räumen des Fahrzeugs in unheimlicher Weise widerhallte.

That er dies aus Sehnsucht nach seinem abwesenden Herrn? oder aus innerm Vorgefühl drohender Gefahren? Die Matrosen waren geneigt das letztere zu glauben.

Der Doctor Clawbonny, dessen Sanftmuth und Liebkosungen einen Tiger zähmen konnten, bemühte sich vergebens um die Gunst dieses Hundes; er verlor Zeit und Mühe.

Da dieses Thier übrigens auf keinen der Namen hörte, welche sich im Hundekalender verzeichnet finden, so kamen die Leute an Bord zuletzt darauf, ihn Kapitän zu benennen, denn er schien die Gebräuche an Bord völlig zu kennen. Offenbar hatte er schon Seereisen gemacht.

Unter den gegebenen Umständen war Richard Shandon nicht ohne Unruhe, und sprach diese am Abend vor der Abreise, dem 5. April, in einer Unterhaltung mit dem Doctor, Wall und Johnson aus.

Diese vier befanden sich im Versammlungszimmer des Hüttendecks beim zehnten Gläschen Grog, ihrem letzten ohne Zweifel, da nach den Vorschriften des Schreibens aus Aberdeen die ganze Mannschaft, vom Kapitän bis zum Heizer an Bord, weder Wein, noch Bier oder geistige Getränke bekommen sollten, außer im Krankheitsfall auf Anordnung des Arztes.

Seit einer Stunde sprach man von nichts als der bevorstehenden Abreise. Den Instructionen des Kapitäns nach mußte Shandon morgen ein Schreiben mit den letzten Anordnungen erhalten.

»Wenn dies Schreiben, sagte der Commandant, mir nicht den Namen des Kapitäns angiebt, muß es uns wenigstens den Bestimmungsort des Schiffes melden. Wohinaus soll man sonst steuern?

– Wahrhaftig, erwiderte der ungeduldige Doctor, an Ihrer Stelle würde ich selbst ohne den Brief abreisen; er würde uns wohl einzuholen verstehen, denk‘ ich.

– Sie haben keine Vermuthung darüber, Doctor! Aber in welcher Richtung würden Sie steuern, wenn es beliebt?

– Nach dem Nordpol zu, offenbar! Das versteht sich ja ohne allen Zweifel.

– Ohne allen Zweifel! entgegnete Wall; und warum nicht nach dem Südpol?

– Nach dem Südpol, schrie der Doctor, gewiß nicht!

– Sollte der Kapitän den Gedanken haben, mit einer Brigg durch den ganzen Atlantischen Ocean zu fahren! Denken Sie doch einmal daran, lieber Wall.

– Der Doctor hat auf alles eine Antwort, erwiderte letzterer.

– Gut, also nach Norden, fuhr Shandon fort. Aber, sagen Sie mir, Doctor, meinen Sie nach Spitzbergen? Grönland? Labrador? Oder die Hudsonsbai? Führen diese verschiedenen Wege auch alle zu demselben Ziel, der undurchdringlichen Eisdecke, so wäre ich doch sehr in Verlegenheit, mich für einen oder den andern derselben zu entscheiden. Können Sie mir darüber eine entschiedene Antwort geben, Doctor?

– Nein, erwiderte dieser in Verlegenheit; aber schließlich, was wollen Sie thun, wenn Sie kein Schreiben erhalten? – Nichts; abwarten.

– Abfahren nicht? rief Clawbouny, und schwang sein Glas in Verzweiflung.

– Allerdings nicht.

– Das ist das Gescheiteste, erwiderte Meister Johnson gelassen, während der Doctor, der an seinem Platz keine Ruhe hatte, um den Tisch herum spazierte. Ja, das Gescheiteste; doch kann ein zu langes Abwarten mißliche Folgen haben: erstlich, die Witterung ist gut, und wenn es nach Norden zu geht, müssen wir den Eisbruch benutzen, um durch die Davis-Straße zu fahren; überdies wird die Mannschaft immer unruhiger; unsere Leute werden durch ihre Freunde und Kameraden veranlaßt, den Forward zu verlassen, und ihr Einfluß könnte uns einen schlimmen Streich spielen.

– Man muß weiter annehmen, fuhr James Wall fort, daß, wenn eine Panik einträte, die Matrosen bis zum letzten Mann ausreißen würden; und ich weiß nicht, Commandant, ob es Ihnen gelingen würde, Ihre Mannschaft von neuem aufzubringen.

– Aber was anfangen? schrie Shandon.

– Was Sie gesagt haben, versetzte der Doctor: Abwarten, aber nur bis morgen, ehe man den Muth sinken läßt. Die Versprechungen des Kapitäns sind bisher mit einer Regelmäßigkeit erfüllt worden, die eine gute Bürgschaft ist; man hat also keinen Grund zu glauben, daß wir nicht zu richtiger Zeit über unsere Bestimmung werden in Kenntniß gesetzt werden; ich zweifle keinen Augenblick, daß wir morgen auf dem Irländischen Meere fahren; dazu, meine Freunde, schlage ich ein letztes Glas vor auf unsere glückliche Reise; sie beginnt zwar auf eine etwas unklare Weise, aber mit Seeleuten wie Sie giebt es tausend Wege zum guten Ende.«

Und alle vier stießen zum letzten Mal an.

»Jetzt, Commandant, fuhr Meister Johnson fort, darf ich Ihnen einen Rath geben, so besteht er darin: Sie treffen alle Vorbereitungen zur Abfahrt; die Mannschaft muß Sie ganz sicher wissen. Morgen, mag ein Brief kommen, oder nicht, machen Sie segelfertig, zu heizen ist noch nicht nöthig; es sieht aus, als wolle der Wind gut halten, und es ist leicht die hohe See zu gewinnen; der Lootse komme an Bord; zur Zeit der Fluth verlassen Sie die Docks und ankern draußen vor der Spitze von Birkenhead; dann haben unsere Leute mit dem Lande keine Verbindung mehr, und wenn der verteufelte Brief endlich kommt, wird er uns dort finden, wie anderwärts.

– Brav gesprochen, wackerer Johnson! sagte der Doctor, und reichte dem alten Seemann die Hand.

– So wollen wir es denn machen!« erwiderte Shandon.

Jeder begab sich dann in seine Cabine und erwartete in unruhigem Schlaf den Sonnenaufgang.

Am folgenden Morgen fand sich bei den ersten Briefabgaben in der Stadt nicht ein einziger an den Commandanten Richard Shandon.

Demungeachtet machte dieser seine Vorbereitungen zur Abfahrt; das Gerücht davon verbreitete sich sogleich in Liverpool, und es strömte eine außerordentliche Menge von Zuschauern auf die Quais von New-Prince’s Docks.

Es kamen viele derselben an Bord der Brigg, dieser um von einem Kameraden Abschied zu nehmen, jener um einem Freund abzurathen, ein anderer um sich das seltsame Schiff zu besehen, wieder ein anderer, um den Zweck der Reise zu erfahren, und man murrte, als man den Commandanten schweigsamer und rückhaltender sah wie jemals.

Dafür hatte er wohl seine Gründe.

Es schlug zehn Uhr; elf sogar. Gegen ein Uhr Nachmittags sollte die Fluth fallen. Shandon warf vom Hüttendeck aus einen unruhigen Blick auf die Menge; die Matrosen vollzogen schweigend seine Befehle, stets die Augen auf ihn gerichtet, in Erwartung einer Mittheilung, welche ausblieb.

Meister Johnson machte segelfertig; es war bedeckter Himmel, und vor den Baffins draußen ging die See sehr hohl; es wehte ein ziemlich starker Südost, doch konnte man leicht aus der Mersey herauskommen.

Um zwölf Uhr noch nichts. Der Doctor Clawbonny ging unruhig auf und ab, lorgnettirte, gesticulirte. Er fühlte sich aufgeregt, was er auch thun mochte. Shandon biß sich die Lippen blutig.

Jetzt trat Johnson heran und sagte zu ihm:

»Commandant, wollen wir die Fluth benutzen, so dürfen wir keine Zeit verlieren; vor Ablauf einer guten Stunde kommen wir nicht aus den Docks heraus.«

Shandon blickte noch einmal umher und sah auf seine Uhr. Die Zeit der Briefausgabe zu Mittag war vorüber.

»Wohlan denn!« sagte er zu seinem Rüstmeister.

Dieser rief den Zuschauern zu, das Verdeck zu räumen.

Es entstand eine rege Bewegung, indem die Einen auf das Quai eilten, die Andern die Taue lösten.

In der Verwirrung, da die Matrosen ohne viel Rücksicht die Neugierigen wegtrieben, hörte man den Hund heulen.

Dies Thier sprang auf einmal vom Vordercastell mitten durch die dichte Menge. Man wich ihm aus; er sprang auf das Hüttendeck, und – tausend Zeugen sahen es – der Kapitän Hund hielt zwischen den Zähnen einen Brief.

»Ein Brief! rief Shandon, aber da ist er ja an Bord?

– Dagewesen ist er ohne Zweifel, aber nun ist er nicht mehr da, erwiderte Johnson, und zeigte auf das nun völlig geräumte Verdeck.

Kapitän! Kapitän! ici!« rief der Doctor, und versuchte den Brief zu nehmen, aber der Hund wich ihm aus mit lebhaften Sprüngen. Es schien, er wolle seine Botschaft nur Shandon selbst einhändigen.

»Kapitän, ici!« rief dieser.

Der Hund kam herbei; Shandon nahm ihm den Brief ab, und Kapitän bellte dreimal laut beim tiefen Schweigen der Menge.

Shandon zögerte den Brief zu öffnen.

»Ei so lesen Sie doch! Lesen Sie!« rief der Doctor. Shandon sah ihn an. Die Adresse, ohne Ort und Datum lautete:

»An den Commandanten Richard Shandon, an Bord der Brigg Forward.«

Shandon öffnete und las: »Sie fahren nach dem Cap Farewell zu. Am 20. April werden Sie dort eintreffen. Wenn der Kapitän sich da nicht an Bord einfindet, fahren Sie durch die Davis-Straße und das Baffins-Meer hinauf bis zur Melville-Bai.

Der Kapitän des Forward. K. Z.«

Shandon legte den lakonischen Brief sorgfältig zusammen, steckte ihn in seine Tasche, und gab Befehl zur Abfahrt. Seine im Pfeifen des Ostwindes hallende Stimme hatte etwas Feierliches.

Bald war der Forward aus den Baffins heraus, und fuhr, von einem Lootsen aus Liverpool geleitet, die Strömung des Mersey. Die Menge stürzte auf das äußere Quai längs den Docks Victoria, um das seltsame Schiff noch einmal zu sehen. Die Mastbäume waren rasch aufgerichtet, die Segel aufgehißt, und mit deren Beistand fuhr der Forward, nachdem er um die Spitze Birkenhead gebogen, äußerst schnell in’s Irländische Meer.

Fünftes Capitel.


Fünftes Capitel.

Auf hoher See.

Der Wind war ungleich, doch günstig, mit starken Aprilstößen. Der Forward durchschnitt rasch das Meer, und seine Schraube beseitigte jedes Hinderniß. Gegen drei Uhr kreuzte er mit dem Post-Dampfer zwischen Liverpool und der Insel Man. Der Kapitän rief ihn von seinem Bord aus an, das letzte Lebewohl, welches die Mannschaft des Forward zu hören bekam.

Um fünf Uhr gab der Pilot die Leitung des Schiffes an Richard Shandon zurück, und sein Kutter verschwand bald im Südwest.

Gegen Abend fuhr die Brigg um das Südende der Insel Man. Während der Nacht ging das Meer sehr hohl; der Forward hielt sich gut, ließ die Spitze von Ayr nordwestlich und steuerte dem Nord-Canal zu.

Johnson hatte Recht; auf dem Meer gewann bei den Matrosen die Liebe zur See die Oberhand. Beim Anblick der Trefflichkeit des Fahrzeugs vergaßen sie das Besorgliche ihrer Lage. Das Leben an Bord gestaltete sich regelmäßig.

Der Doctor schlürfte mit größtem Behagen die Seeluft; er ging kräftigen Schrittes allen Windstößen entgegen, für einen Gelehrten auf ziemlich seemännischem Fuß.

»Das Meer ist doch etwas Herrliches, sagte er zu Meister Johnson, als er nach dem Frühstück wieder auf das Verdeck sich begab. Ich mache mich etwas spät mit demselben vertraut, aber ich werde mich bald darein finden.

– Sie haben Recht, Herr Clawbonny; ich gäbe alle Continente der Welt für ein Stückchen Ocean. Man behauptet, die Seeleute würden bald ihr Geschäft müde; nun bin ich schon vierzig Jahre Seefahrer, und dies Leben gefällt mir noch so gut, wie am ersten Tag.

– Es ist doch eine wahre Lust, ein gutes Schiff unter den Füßen zu haben, und irre ich nicht, so hält sich der Forward trefflich.

– Sie urtheilen richtig, Doctor, erwiderte Shandon, der zu den beiden hinzutrat; ’s ist ein trefflich Fahrzeug, und ich sage offen, noch nie ist ein für die Fahrt in’s Eismeer bestimmtes Schiff besser versehen und bemannt gewesen. Das erinnert mich, wie vor dreißig Jahren der Kapitän James Roß, als er die nordwestliche Durchfahrt suchte …

– Er fuhr auf der Victoria, sagte lebhaft der Doctor, einer Brigg von etwa gleichem Tonnengehalt, wie die unsrige, und ebenfalls mit einer Dampfmaschine.

– Wie? Das wissen Sie?

– Urtheilen Sie selbst, fuhr der Doctor fort; damals waren die Maschinen noch in ihrer Kindheit, und die der Victoria verursachte derselben mehr wie eine nachtheilige Verzögerung: nachdem der Kapitän Roß sie Stück für Stück vergeblich reparirt hatte, ließ er sie zuletzt auseinander nehmen, und gab sie bei seinem ersten Winteraufenthalt auf.

– Teufel! rief Shandon; Sie wissen es genau, sehe ich!

– Was meinen Sie? fuhr der Doctor fort; das hat man vom Lesen. Ich habe die Werke von Parry, Roß, Franklin, die Berichte von Mac Clure, Kennedy, Kane, Mac Clintock gelesen, und es ist dabei etwas an mir hängen geblieben. Ich sage weiter, daß dieser nämliche Mac Clintock an Bord des Fox, einer Schraubenbrigg, wie die unsrige, leichter und directer zum Ziel gelangte, als alle seine Vorgänger.

– Sie haben vollkommen Recht, erwiderte Shandon; dieser Mac Clintock ist ein kühner Seemann; ich hab‘ ihn bei der Arbeit gesehen; Sie können beifügen, daß wir uns gleich ihm schon im April in der Davis-Straße befinden werden, und wenn es uns gelingt, zwischen den Eisblöcken durchzudringen, so wird das unserer Reise einen bedeutenden Vorschub geben.

– Sofern nicht, entgegnete der Doctor, es uns geht, wie dem Fox im Jahre 1857, daß wir gleich im ersten Jahre zwischen den Eisblöcken des nördlichen Baffins-Meeres stecken bleiben und mitten in der Eisdecke überwintern müssen.

– Wir müssen hoffen, daß wir glücklicher sein werden, Herr Shandon, erwiderte Johnson; und wenn man mit einem Fahrzeug, wie der Forward nicht dringen kann, wohin man will, muß man es ganz aufgeben.

– Uebrigens, fuhr der Doctor fort, wenn der Kapitän an Bord ist, wird er besser als wir wissen, was zu thun ist, und um so mehr, als es uns vollständig unbekannt ist; denn aus seinem gar zu lakonischen Briefe können wir den Reisezweck nicht errathen.

– Es ist schon viel werth, erwiderte Shandon lebhaft, daß wir wissen, welchen Weg wir zu nehmen haben; und jetzt, seit einem Monat, denk‘ ich mir, wir können die übernatürliche Einwirkung dieses Unbekannten und seiner Instructionen schon entbehren. Uebrigens wissen Sie meine Meinung über ihn.

– Ho! Ho! rief der Doctor aus, ich glaubte wie Sie, dieser Mann werde das Commando des Schiffes Ihnen lassen, und niemals an Bord kommen, aber …

– Aber? versetzte Shandon etwas ärgerlich.

– Aber seit Ankunft des zweiten Briefes hab‘ ich in dieser Hinsicht meine Ideen ändern müssen.

– Und weshalb, Doctor?

– Weil dieser Brief Ihnen zwar die Richtung angiebt, welche genommen werden soll, allein über die Bestimmung des Forward keine Auskunft giebt; man muß aber doch wissen, wohin man fährt. Wie kann, frage ich, ein dritter Brief an Sie gelangen, weil wir uns auf hoher See befinden! Auf Grönland muß der Postdienst etwas zu wünschen übrig lassen. Sehen Sie, Shandon, ich denke mir, dieser Schalk wartet auf uns an einem dänischen Platze, zu Holsteinborg oder Uppernawick; dort wird er zu seiner Ladung noch Robbenfelle, Schlitten und Hunde kaufen, kurz alle Geräthschaften, welche für eine Reise in das nördliche Eismeer nöthig sind. Es wird mich daher wenig überraschen, wenn wir ihn eines schönen Morgens aus seiner Cabine herauskommen und das Commando auf eine durchaus nicht übernatürliche Weise führen sehen.

– Möglich, erwiderte Shandon trocken; aber inzwischen weht frischer Wind, und es ist nicht klug, zu solcher Zeit seine Masten einer Gefahr auszusetzen.«

Shandon verließ den Doctor und gab Befehl, die hohen Segel aufzugeien.

»Es hält, sagte der Doctor zum Rüstmeister.

– Ja, erwiderte letzterer, und das ist zu bedauern, denn Sie könnten wohl Recht haben, Herr Clawbonny.«

Am Samstag gegen Abend fuhr der Forward am Vorgebirge Galloway vorüber, dessen Leuchtthurm nordöstlich bemerklich ward; während der Nacht ließ man das Vorgebirge Cantyre im Norden und Cap Fair im Osten der Küste Irlands. Gegen drei Uhr früh lief die Brigg neben der Insel Rathlin vorbei aus dem Nord-Canal in den Ocean.

Es war Sonntag, der 8. April; die Engländer, besonders die Matrosen, feiern diesen Tag streng; daher widmete man einen Theil des Vormittags dem Vorlesen der Bibel, welches der Doctor gern vornahm.

Der Wind wurde darauf zum Orkan, welcher die Brigg an die irländische Küste zurückzuwerfen drohte; die Wellen wurden stark, und das Schwanken des Schiffes arg. Der Doctor spürte nichts von der Seekrankheit, weil er nicht wollte. Um Mittag verschwand im Süden Cap Malinhead, das letzte Stück von Europa, welches die kühnen Seeleute erblicken sollten.

Man befand sich damals unter 55° 57′ Breite, und 7° 40′ Länge.

Gegen neun Uhr Abends legte sich der Sturm, und der Forward blieb als guter Segler in nordwestlicher Richtung: er war nach dem Urtheil der Kenner zu Liverpool vorzugsweise Segelschiff.

Während der folgenden Tage kam der Forward rasch nordwärts voran; der Wind schlug um in Süd, und das Meer ging gewaltig hohl; die Brigg fuhr damals mit vollen Segeln. Einige Sturmvögel flatterten über dem Hinterverdeck; der Doctor war so glücklich einen der letzteren zu schießen, und derselbe fiel an Bord. Er verstand es auch denselben schmackhaft zuzubereiten, indem er zuerst alles unter der Haut liegende Fett ablöste, so daß der ranzige Geschmack, welcher den Seevögeln mitunter eigen ist, völlig beseitigt wurde.

Während des letzten Sturmes hatte Richard Shandon Gelegenheit, sich von den Vorzügen seiner Leute besonders zu überzeugen.

James Wall, der Richard höchst ergeben war, faßte gut auf, verstand gut auszuführen, aber es mochte ihm am selbständigen Auftreten fehlen; in einer Stellung dritten Ranges war sein Platz.

Johnson, ein erfahrener Seemann, ergraut in Fahrten nach dem Eismeer, war an Kaltblütigkeit und Kühnheit unübertrefflich.

Der Harpunier Simpson und der Zimmermann Bell waren zuverlässige Leute, an strenge Disciplin und Pflichterfüllung gewöhnt. Der Eismeister Foker, im Seedienst erfahren, in Johnson’s Schule gebildet, versprach die trefflichsten Dienste zu leisten.

Von den übrigen Matrosen schienen Garry und Bolton die besten zu sein: Bolton, ein lustiger Geselle, munter und redselig; Garry, ein Junggeselle von fünfunddreißig Jahren, energischen Gesichtszügen, doch etwas blaß und traurig.

Die drei Matrosen Clifton, Gripper und Pen schienen weniger eifrig und weniger entschlossen; sie murrten gern. Gripper wäre bei der Abfahrt selbst den Dienst wieder aufzugeben geneigt gewesen, hätte ihn nicht einiges Schamgefühl gehalten. Ging es gut, waren nicht allzuviel Gefahren zu bestehen oder Manoeuvres auszuführen, so konnte man auf diese drei Männer bauen; aber man mußte sie tüchtig nähren. Trotz der Vorschrift fiel ihnen die Enthaltsamkeit schwer, und bei der Mahlzeit vermißten sie den Branntwein oder Gin; sie entschädigten sich jedoch am Kaffee oder Thee, welche reichlich an Bord gespendet wurden.

Die beiden Maschinisten, Brunton und Plover, und der Heizer waren zufrieden, daß sie bis jetzt die Arme kreuzten. Shandon wußte also, wie er mit jedem daran war.

Am 14. April durchschnitt der Forward den großen Golfstrom, welcher, nachdem er entlang der Ostküste Amerikas bis zur Bank New-Foundlands nordwärts geflossen, sich nordöstlich dem Gestade Norwegens zuwendet. Man befand sich damals unter 51° 37′ Breite und 22° 58′ Länge, zweihundert Meilen von der Spitze Grönlands ab. Das Wetter wurde kälter; das Thermometer fiel auf 0° des hunderttheiligen, d. h. den Gefrierpunkt.

Der Doctor hatte noch nicht seine Polarwinterkleidung angezogen, sondern sein Seemannscostüm, gleich den Matrosen und Offizieren. Es war eine Lust, ihn zu sehen, wie er ganz in den hohen Stiefeln steckte, mit seinem großen Hut von Wachsleinwand, Hosen und Jacke von gleichem Stoff; durch die starken Regen und großen Wellen, welche die Brigg überschütteten, bekam der Doctor das Aussehen eines Seethieres, worauf er sich etwas einbildete.

Zwei Tage lang war das Meer äußerst unruhig; der Wind schlug um nordwestlich, und hemmte die Fahrt des Forward. Vom 14. bis 16. April ging die See sehr hoch; aber am Montag erfolgte ein heftiger Platzregen, der das Meer fast augenblicklich beruhigte. Shandon machte den Doctor auf diese eigenthümliche Erscheinung aufmerksam.

»Ei, erwiderte letzterer, dies bestätigt die merkwürdigen Beobachtungen des Wallfischfahrers Scoresby, welcher Mitglied der königlichen Gesellschaft zu Edinburgh ist. Sie sehen, daß während des Regens die Wellen wenig merkbar sind, selbst bei heftigem Wind; dagegen bei trockenem Wetter würde die See auch bei minder starkem Wind mehr aufgeregt sein.

– Aber, wie erklärt man diese Erscheinung, Doctor?

– Sehr einfach, man erklärt sie nicht.«

In diesem Augenblick machte der Eismeister auf eine rechts vom Bord, etwa fünfzehn Meilen unter’m Wind, schwimmende Masse aufmerksam.

»Ein Eisberg in diesen Strichen!« sagte der Doctor.

Shandon richtete sein Fernrohr nach der bezeichneten Stelle, und bestätigte die Angabe des Piloten.

»Das ist merkwürdig! sagte der Doctor.

– Darüber staunen Sie? sagte der Commandant lachend. Sollten wir so glücklich sein, auf etwas zu stoßen, das Sie in Erstaunen versetzt?

– Es ist mir auffallend, ohne daß es mich in Staunen versetzte, erwiderte lächelnd der Doctor; denn die Brigg Ann de Poole aus Greenspond blieb im Jahre 1813 unter’m vierundvierzigsten Grade nördlicher Breite in wahren Eisfeldern stecken, und ihr Kapitän Dayement zählte die Blöcke nach Hunderten!

– Gut! sagte Shandon, Sie können uns noch dazu belehren!

– O! Das will noch wenig heißen, erwiderte bescheiden der liebenswürdige Clawbonny, ist man ja unter noch weit niedern Breitegraden auf Eisberge gestoßen.

– Damit sagen Sie mir nichts neues, lieber Doctor. Als ich Schiffsjunge an Bord der Kriegscorvette Fly war …

– Im Jahre 1818, fuhr der Doctor fort, zu Ende März, oder auch April sind Sie unter’m zweiundvierzigsten Breitegrad zwischen zwei große schwimmende Eisinseln gerathen.

– Ah! Das ist zu arg! rief Shandon aus.

– Aber ’s ist wahr; ich brauche also nicht in Staunen zu gerathen, wenn uns zwei Grad weiter nördlich ein schwimmender Eisberg aufstößt.

– Sie sind wie ein Brunnen, Doctor, erwiderte der Commandant, aus dem man nur zu schöpfen braucht.

– Gut! Ich werde rascher seicht werden, als sie sich denken, und jetzt, können wir die Erscheinung näher ansehen, Shandon, so würde mir es eine große Freude sein.

– Sogleich. Johnson, sagte Shandon zu seinem Rüstmeister, der Wind wird, scheint es, stärker.

– Ja, Commandant, erwiderte Johnson; wir gewinnen jedoch wenig, und die Strömung der Davis-Straße wird sich bald fühlbar machen.

– Sie haben Recht, Johnson, und wenn wir am 20. April das Cap Farewell in Sicht haben wollen, müssen wir mit Dampf fahren, oder wir werden an die Küste von Labrador getrieben. Herr Wall, wollen Sie also Befehl zum Heizen ertheilen.«

Dieser Befehl wurde ausgeführt; nach einer Stunde hatte der Dampf schon hinreichende Treibkraft; die Segel wurden beschlagen, und die Schraube trieb den Forward kräftig dem Nordwest entgegen.