Achtundzwanzigstes Capitel

Achtundzwanzigstes Capitel

Ein köstlicher Abend. – Joe’s Küche. – Erörterung über rohes Fleisch. – Geschichte von James Bruce. – Das Bivouak. – Joe’s Träume. – Das Barometer fällt. – Das Barometer steigt wieder. – Vorbereitungen zum Aufbruch. – Der Orkan.

Der Abend war herrlich, und die drei Freunde brachten ihn, nachdem sie sich an einem Mahle gelabt hatten, unter dem frischen Laub der Mimosen zu. Thee und Grog wurden heute nicht gespart.

Kennedy hatte das kleine Paradies nach allen Seiten hin durchsucht und gefunden, daß sie die einzigen lebenden Wesen auf diesem Gebiete waren. Sie streckten sich auf ihre Decken aus und erfreuten sich einer friedlichen Nacht, die ihnen Vergessen der überstandenen Leiden brachte.

Am Morgen des 7. Mai leuchtete die Sonne in ihrem hellsten Glanz, aber ihre Strahlen vermochten nicht, das dichte Laubwerk zu durchbrechen. Da Lebensmittel in hinreichender Menge vorhanden waren, beschloß der Doctor, an diesem Orte einen günstigen Wind abzuwarten.

Joe hatte seine tragbare Küche hierher transportirt, und versuchte eine Masse culinarischer Combinationen, bei denen er das Wasser mit sorgloser Verschwendung benutzte.

»Welch‘ sonderbare Aufeinanderfolge von Leid und Freude, bemerkte Kennedy; dieser Ueberfluß nach so qualvoller Entbehrung! Dieser Luxus im Gefolge solches Elends! ach, ich war nahe daran, den Verstand zu verlieren.

– Mein lieber Dick, wäre Joe nicht gewesen, so würdest Du jetzt nicht mehr über die Unbeständigkeit der menschlichen Dinge philosophiren.

– Der wackere Junge, der treue Freund! rief der Schotte, indem er Joe die Hand reichte.

– Keine Ursache; es lohnt nicht davon zu reden,« antwortete dieser; »Sie können sich ja einmal revanchiren, Herr Dick; ich wünschte zwar nicht, daß sich Gelegenheit dazu böte.

– Armselige Creaturen sind wir doch, versetzte der Doctor, daß eine solche Kleinigkeit uns so niederzudrücken vermag!

– Sie meinen den Mangel von ein wenig Wasser, Herr Doctor? Dies Element muß doch wohl außerordentlich nothwendig zum Leben sein!

– Allerdings, Joe, man kann länger ohne zu essen, als ohne zu trinken leben.

– Das glaube ich; übrigens kann man im Falle der Noth so ziemlich Alles essen, was Einem aufstößt, sogar Seinesgleichen, obgleich das eine Speise sein muß, die schwer im Magen liegt.

– Die Wilden nehmen weiter keinen Anstoß daran, meinte Kennedy.

– Ja, die Wilden! sie sind aber auch daran gewöhnt, rohes Fleisch zu essen; ich für meine Person würde den Ekel davor nicht überwinden können.

– Es muß in der That ziemlich widerwärtig sein, stimmte der Doctor bei, und Niemand wollte den ersten Afrika-Reisenden Glauben schenken, als sie erzählten, daß verschiedene Völker sich von rohem Fleische nährten. James Bruce begegnete in dieser Hinsicht ein merkwürdiges Abenteuer.

– Bitte, erzählen Sie, Herr Doctor, wir haben Zeit, Ihnen zuzuhören …. Mit diesen Worten streckte sich Joe behaglich auf dem weichen Grase aus.

– Gern, mein Junge. James Bruce war ein Schotte, aus der Grafschaft Stirling gebürtig, der in den Jahren von 1768 bis 1772 behufs Aufsuchung der Nilquellen ganz Abessynien bis zum Tyana-See durchreiste; dann kehrte er nach England zurück, wo er erst im Jahre 1790 seine Reisebeschreibung veröffentlichte. Die darin enthaltenen Erzählungen wurden mit außerordentlichem Unglauben aufgenommen, einem Unglauben, der sicherlich auch den unserigen bevorsteht. Die Gewohnheiten der Abessynier waren von englischen Sitten und Gebräuchen so verschieden, daß Niemand sie für möglich hielt.

Unter Anderm hatte James Bruce behauptet, daß die Völker Ostafrika’s rohes Fleisch äßen. Diese Angabe brachte Jedermann in Harnisch gegen ihn; er könne ja Alles sagen, was ihm beliebe, meinte man, es würde Niemand hinreisen, um ihn zu widerlegen! Bruce war ein sehr muthiger, aber äußerst jähzorniger Mann, und diese Zweifel an seinen Worten reizten ihn im höchsten Grade. Eines Tages, als in einer Gesellschaft zu Edinburg ein Schotte das gewöhnliche Scherzthema wieder aufnahm und rund heraus erklärte, daß die Sache weder möglich noch wahr sei, entfernte sich Bruce stillschweigend und kehrte nach einigen Minuten mit einem rohen Beefsteak zurück, das nach afrikanischer Manier mit Pfeffer und Salz bestreut war. »Mein Herr,« sagte er zu dem Schotten, »durch Ihren Zweifel an einer meiner Behauptungen haben Sie mir eine schwere Beleidigung zugefügt; darin, daß Sie die Thatsache für unausführbar hielten, haben Sie sich sehr geirrt, und um das allen Anwesenden zu beweisen, werden Sie sofort entweder dies rohe Beefsteak essen, oder mir für Ihre Worte Genugthuung geben.« Der Schotte hatte Furcht und gehorchte nicht ohne allerlei Grimassen. Sodann sagte James Bruce mit der größten Kaltblütigkeit: »Wenn Sie vielleicht immer noch behaupten, mein Herr, daß meine Angabe nicht auf Wahrheit beruht, so werden Sie wenigstens nicht mehr sagen können, daß sie unmöglich sei.

– Gut gegeben! meinte Joe; wenn sich der Schotte an dem rohen Beefsteak ein Wenig den Magen verdorben hat, so ist ihm nur Recht geschehen. Wenn man bei unserer Rückkehr nach England unsere Reise gleichfalls in Zweifel ziehen sollte ….

– Nun, Joe, was gedenkst Du dann zu thun?

– Ich werde den Ungläubigen die Stücke des Victoria ohne Salz und Pfeffer zu essen geben!«

Und Jeder lachte über Joe’s Auskunftsmittel. Der Tag verging so unter angenehmen Gesprächen; mit der Kraft kehrte die Hoffnung, und mit der Hoffnung die Kühnheit wieder. Die Vergangenheit vermischte sich fast unmerklich mit der Zukunft.

Joe hätte am Liebsten dies entzückende Asyl nie wieder verlassen; es war das Ideal seiner Träume; er fühlte sich hier wie zu Hause, und sein Herr mußte ihm die genaue Aufnahme der Oertlichkeit angeben, die er mit großem Ernst in seine Reisenotizen eintrug: 15° 43′ L. und 8° 32′ Br.

Kennedy bedauerte nur eins, nämlich daß er in diesem Miniaturwalde nicht jagen konnte; seiner Ansicht nach fehlten zur Annehmlichkeit der Situation noch wilde Thiere.

»Du hast ein kurzes Gedächtniß, lieber Dick,« versetzte der Doctor. »Denkst Du gar nicht mehr an den Löwen und an die Löwin?«

»Ach das!« sprach er mit der Verachtung, die ein richtiger Jäger für das erlegte Wild an den Tag legt. »Aber freilich, ihre Anwesenheit in dieser Oase gestattet wohl der Vermuthung Raum, daß wir nicht mehr sehr entfernt von fruchtbaren Landstrichen sind.«

»Kein sicherer Beweis dafür, Dick. Diese Thiere überschreiten, von Hunger oder Durst getrieben, oft beträchtliche Entfernungen; in der nächsten Nacht werden wir sogar gut thun, größere Wachsamkeit zu beobachten und Feuer anzuzünden.«

»Bei dieser Temperatur noch Feuer anzünden!« rief Joe. »Nun wenn es sein muß, soll es geschehen. Aber es wird mir wirklich schwer werden, dies hübsche Gehölz, das uns so nützlich und erquickend gewesen ist, zu verbrennen.«

»Wir müssen besonders Acht darauf geben daß wir es nicht in Brand stecken,« fügte der Doctor hinzu, »damit auch andere Reisende hier eines Tages Zuflucht finden können.«

»Wir wollen schon dafür sorgen, Herr; aber meinen Sie denn, daß diese Oase bekannt ist?«

»Gewiß. Es ist ein Haltepunkt für die Karawanen, die Central-Afrika besuchen, und es wäre wohl möglich, daß solch‘ Besuch Dir wenig behagen würde, Joe.«

»Giebt es in dieser Gegend auch solche abscheuliche Nyam-Nyam?«

»Ohne Zweifel! das ist der Gesammtname für all diese Völkerschaften, und unter demselben Klima müssen dieselben Racen auch gleiche Gewohnheiten haben.«

Joe gab mit einem kräftigen »Puh« seinem Widerwillen Ausdruck.

»Trotzdem finde ich das eigentlich sehr natürlich! wenn Wilde denselben Geschmack wie gesittete Europäer hätten – wo bliebe der Unterschied? Es mag hier ganz honette Leute geben, die sich nicht bitten lassen würden, das rohe Beefsteak des Schotten und ihn selber noch obendrein zu verzehren.«

Nach dieser sehr verständigen Betrachtung errichtete Joe seine Scheiterhaufen für die Nacht, machte sie jedoch so klein wie möglich. Diese Vorsichtsmaßregeln erwiesen sich jedoch glücklicher Weise als unnöthig, und die drei Reisenden schliefen abwechselnd in tiefster Ruhe.

Am folgenden Morgen zeigte sich noch keine Aenderung des Wetters; es blieb hartnäckig klar und schön. Der Ballon verhielt sich vollständig ruhig, und nicht die geringste Schwankung seines beweglichen Körpers verrieth einen Windhauch.

Der Doctor wurde wieder besorgt; wenn die Reise sich sehr verlängern sollte, würden die Lebensmittel nicht ausreichen. Nachdem man beinahe dem Wassermangel erlegen war, sollte man schließlich vor Hunger sterben müssen?

Fergusson gewann indessen seine Zuversicht wieder, als er sah, wie das Quecksilber im Barometer sehr merklich fiel; das war ein augenscheinliches Zeichen einer nahen Veränderung in der Atmosphäre; demnach beschloß er seine Vorbereitungen zum Aufbruch zu treffen, um die erste günstige Gelegenheit sofort benutzen zu können. Der Speisungskasten wie auch die Wasserkiste wurden vollständig gefüllt.

Der Doctor mußte nun das Gleichgewicht des Luftschiffes wieder herstellen, und Joe wurde genöthigt, einen ansehnlichen Theil seines kostbaren Golderzes zu opfern. Mit der Gesundheit waren ihm jedoch wieder habsüchtige Gedanken aufgestiegen, und er schnitt ein böses Gesicht über das andere, ehe er sich entschloß, seinem Herrn zu gehorchen; dieser aber bewies ihm geduldig, daß er ein so bedeutendes Gewicht nicht mitnehmen könne, und ließ ihm die Wahl zwischen Wasser und Gold; Joe schwankte nun nicht länger, und schleuderte eine tüchtige Menge seiner werthvollen Kiesel auf den Sand, indem er rief:

»Mögen es die behalten, welche nach uns kommen; sie werden nicht wenig erstaunt sein, an solchem Orte ihr Glück zu finden.«

»Wenn nun irgend ein gelehrter Reisender diese Steinmuster hier auffindet?« hub Kennedy an.

»Ich zweifle durchaus nicht, mein lieber Dick, daß es ihn sehr überraschen und er seiner Verwunderung in zahlreichen Folianten Ausdruck verleihen würde! Vielleicht hören wir bald einmal von einer wunderbaren Schicht goldhaltigen Quarzes inmitten der Sandwüsten Afrika’s.«

»Und Joe ist dann die Ursache hiervon gewesen.« Der Gedanke, irgend einen Gelehrten zu mystificiren, schien den braven Joe zu trösten; er entlockte ihm wenigstens ein Lächeln.

Der Doctor wartete vergebens den Tag über auf Wetterveränderung. Die Temperatur stieg bedeutend, und wäre ohne den Schatten der Oase unerträglich gewesen. Das Thermometer zeigte in der Sonne hundertneunundvierzig Grad. Ein wahrer Feuerregen durchfuhr die Luft. Es war die höchste Wärme, die bis jetzt beobachtet worden war.

Joe ordnete wie am vergangenen Abende das Bivouak, und während der Doctor und später Kennedy wachten, ereignete sich kein weiterer Zwischenfall. Aber gegen drei Uhr Morgens, als Joe die Wache hatte, wurde die Temperatur plötzlich kühler, der Himmel bedeckte sich mit Wolken, und die Dunkelheit nahm zu.

»Auf! auf!« rief Joe, indem er seine beiden Gefährten weckte; »der Wind!«

»Endlich!« sagte der Doctor, indem er den Himmel betrachtete; »es erhebt sich ein Sturm; in den Victoria, in den Victoria

Es war die höchste Zeit zum Einsteigen. Der Victoria bog sich unter der Gewalt des Orkans und schleppte die Gondel fort, die auf dem Sande hinstreifte. Wenn durch irgend einen Zufall ein Theil des Ballasts zur Erde gestürzt wäre, würde der Ballon auf und davon gegangen sein, und jede Hoffnung, ihn wiederzufinden, wäre vergeblich gewesen.

Aber Joe lief, so schnell ihn seine Füße tragen wollten, zum Victoria und hielt die Gondel an, während der Ballon sich auf den Sand legte und der Gefahr des Zerreißens sehr nahe war. Der Doctor nahm seinen Platz ein, zündete das Knallgasgebläse an und warf den Gewichtüberschuß auf den Sand.

Die Reisenden betrachteten ein letztes Mal die Bäume der Oase, die sich unter dem Sturm beugten, und verschwanden bald zweihundert Fuß über der Erde, vom Ostwinde getrieben, im Dunkel der Nacht.

Neunundzwanzigstes Capitel

Neunundzwanzigstes Capitel

Symptome bei Vegetation. – Phantastischer Gedanke eines französischen Schriftstellers. – Ein herrliches Land. – Das Königreich Adamova. – Die Forschungsreisen Speke’s und Burton’s mit denen Barth’s verknüpft. – Die Atlantika-Berge. – Der Benue-Fluß. – Die Stadt Yola. – Der Bagele. – Der Berg Mendif.

Die Reisenden fuhren vom Augenblick ihres Aufbruchs an mit großer Geschwindigkeit; sie sehnten sich danach, diese Wüste, die ihnen beinahe so verhängnißvoll geworden wäre, zu verlassen.

Gegen ein Viertel zehn Uhr Morgens erblickte man einige Symptome der Vegetation, Gräser, die auf diesem Sandmeer zitterten und ihnen, wie dem Christoph Columbus, die Nähe des Landes verkündeten. Grüne Keime sproßten schüchtern unter Kieseln hervor, und am Horizonte zogen sich Hügel in wellenförmiger Linie hin. Ihre vom Nebel verwischte Seitenansicht zeichnete sich in vagen Umrissen ab; die Eintönigkeit schwand.

Fergusson begrüßte freudig diese neue Gegend, und wie ein Matrose im Mastkorbe hätte er ausrufen mögen: »Land! Land!«

Eine Stunde später entfaltete sich der Continent vor seinen Augen; er bot bis jetzt nur noch einen wilden Anblick dar, war aber doch weniger flach und nackt; einige Bäume hoben sich vom grauen Himmel ab.

»Wir sind jetzt also in civilisirten Landen? fragte der Jäger.

– Civilisirt? Herr Dick, was denken Sie sich? von Einwohnern ist noch nichts zu sehen.

– Bei der Schnelligkeit, mit der wir fortkommen, wird auch das nicht lange dauern, entgegnete Fergusson.

– Sind wir noch im Negerlande, Herr Samuel?

– Noch immer, Joe, und dann kommen wir zu den Arabern.

– Zu den Arabern, Herr Doctor? zu richtigen Arabern mit Kameelen?

– Nein, ohne Kameele; diese Thiere sind hier selten, wenn nicht gar unbekannt; man trifft sie erst einige Grade nördlicher an.

– Das gefällt mir nicht.

– Warum denn, Joe?

– Weil sie uns bei widrigem Winde nützlich werden könnten. Es kommt mir nämlich ein Gedanke, Herr Doctor. Man könnte sie an die Gondel spannen und sich von ihnen in’s Schlepptau nehmen lassen.

– Mein armer Joe, diesen Gedanken hat schon ein Anderer vor Dir gehabt, und er ist von einem sehr geistreichen, französischen Schriftsteller durchgeführt worden … allerdings nur in einem Roman. Reisende lassen sich im Ballon von Kameelen ziehen, es kommt ein Löwe, der die Kameele verschlingt, das Sattelzeug gleichfalls verspeist und nun an ihrer Stelle ziehen muß, und so dann weiter. Du siehst, daß dies Alles in’s Genre der höhern Phantasie gehört, und nichts mit unserer Beförderungsart gemein hat.«

Joe, der sich ein wenig durch den Gedanken gedemüthigt fühlte, daß seine Idee schon Verwendung gefunden hatte, sann darüber nach, welches Thier den Löwen hätte verschlingen können, kam jedoch zu keinem Resultat und begann wieder, das Land zu besichtigen.

Ein See von mittlerer Größe erstreckte sich unter ihnen und wurde von einem Amphitheater von Hügeln eingeschlossen, die noch keinen Anspruch darauf erheben konnten, Berge zu heißen; dort schlängelten sich zahlreiche, fruchtbare Thäler mit ihrem unentwirrbaren Durcheinander der mannigfaltigsten Bäume; die Oelpalme mit ihren fünfzehn Fuß langen Blättern auf scharfdornigen Stengeln, war hauptsächlich unter ihnen vertreten; der Bombyx (Seidenwollenbaum) füllte den Wind mit dem feinen Flaum seines Samens; der strenge Geruch des Pendanus, des »Kenda« der Araber, durchduftete die Lüfte bis zu der Zone, in welcher der Victoria dahinschwebte. Der Melonenbaum mit gefingerten Blättern, der Stinkbaum, auf dem die Sudanischen Nüsse wachsen, Baobabs und Bananen vervollständigten diese üppige Flora der Tropengegenden.

»Das Land ist herrlich, sagte der Doctor.

– Thiere finden sich schon ein, dann sind auch Menschen nicht weit, äußerte Joe.

– Ach, die prächtigen Elephanten! rief Kennedy; ließe sich hier nicht eine kleine Jagd veranstalten?

– Wie könnten wir bei einer so heftigen Strömung wohl anhalten, lieber Dick? Stehe nur ein wenig Tantalusqual aus! Du kannst Dich später dafür entschädigen.«

Es war allerdings Ursache vorhanden, einen Jäger in Aufregung zu bringen. Dick klopfte das Herz in der Brust, und seine Finger legten sich fester um den Kolben seines Purdey.

Die Fauna dieses Landes kam der Flora gleich. Der wilde Ochse walzte sich in einem so dichten Grase, daß er fast darunter verschwand; graue, schwarze und gelbliche Elephanten von riesenhaftem Wuchse schritten wie ein Windbruch durch die Wälder, verheerend, niederbrechend, umstürzend und ihren Weg durch Verwüstung bezeichnend. Auf dem mit Holz bestandenen Abhang der Hügel sickerten Cascaden und Wasserrinnen, die ihren Weg gen Norden nahmen; dort badeten sich Nilpferde mit lautem Plätschern, und Seekühe von zwölf Fuß Länge und fischartigem Körper streckten sich an den Ufern aus, indem sie ihre runden milchgeschwellten Euter nach oben kehrten.

Es war eine förmliche Menagerie seltener Thiere in einem wunderbaren Treibhause, das zahllose, buntfarbig schillernde Vögel durchschwirrten.

An dieser, mit verschwenderischer Ueppigkeit geschmückten Natur erkannte der Doctor das stolze Königreich Adamova.

»Wir treten nunmehr in die Fußtapfen der neuern Entdecker ein,« theilte der Doctor seinen Begleitern mit; ich habe die unterbrochene Spur der Reisenden wieder aufgenommen; eine glückliche Schickung, meine Freunde. Wir werden die Forschungsreisen der Kapitäne Burton und Speke mit denen des Doctor Barth verknüpfen können; wir haben Engländer verlassen, um einen Hamburger wiederzufinden, und bald werden wir an dem äußersten Punkte angelangt sein, den dieser kühne Gelehrte erreicht hat.

– Es kommt mir vor, hub Kennedy an, als ob sich zwischen diesen beiden Entdeckungsreisen eine große Länderstrecke befinden müßte, wenn ich nach dem von uns zurückgelegten Wege urtheilen darf.

– Das können wir leicht berechnen; nimm die Karte zur Hand und sieh, welches der Längengrad der von Speke erreichten Südspitze des Ukerewe-Sees ist.

– Sie zeigt sich etwa unter dem siebenunddreißigsten Grad.

– Und wo liegt die Stadt Yola, die wir heute Abend aufnehmen werden, nach der Barth gelangte?

– Ungefähr unter dem zwölften Längengrad.

– Beträgt also fünfundzwanzig Grad; jeden zu sechzig Meilen, macht fünfzehnhundert Meilen.

– Ein hübscher Spaziergang für Leute, die zu Fuß reisen.

– Trotzdem wird er gemacht werden. Livingstone und Moffat gehen immer weiter in’s Innere vor; der Nyassa, den sie entdeckt haben, liegt in nicht zu großer Entfernung von dem durch Burton recognoscirten Tanganiyka-See. Noch ehe das Jahrhundert zu Ende geht, werden diese unermeßlichen Gegenden gewiß durchforscht sein. Aber,… fügte Fergusson nach Besichtigung seines Compasses hinzu,… ich bedaure, daß der Wind uns so sehr nach Westen trägt; ich hätte mehr nach Norden kommen mögen.«

Nach einer zwölfstündigen Reise befand sich der Victoria auf den Grenzen Nigritiens; die ersten Bewohner dieses Landes, Chua-Araber, weideten ihre Nomadenherden. Die ungeheuren Gipfel der Atlantika-Berge erhoben sich über den Horizont, Berge, die noch der Fuß keines Europäers betreten hat, und deren Höhe auf ungefähr dreizehnhundert Toisen geschätzt wird. Ihr westlicher Abhang bestimmt den Abfluß aller Wasser aus diesem Theile Afrika’s nach dem Ocean; es sind die Mondberge dieser Gegend.

Endlich zeigte sich ein wirklicher Strom den Augen der Reisenden, und an den kolossalen Ameisenhaufen in seiner Nähe erkannte der Doctor den Benue, einen der großen Zuflüsse des Niger, ihn, den die Eingeborenen »die Quelle der Wasser« genannt haben.

»Dieser Strom, belehrte der Doctor seine Gefährten, wird dermaleinst der natürliche Communicationsweg mit dem Innern Nigritiens werden. Unter dem Oberbefehl eines unserer tapfern Kapitäne ist das Dampfboot, »die Plejade« bereits auf demselben bis zur Stadt Aola gefahren. Ihr seht, daß wir in bekanntem Lande sind.«

Zahlreiche Sclaven beschäftigten sich mit Feldarbeiten, indem sie den Sorgo (eine Art Hirse), ihr hauptsächliches Nahrungsmittel, anbauten. Starres Staunen prägte sich auf den Gesichtern der Leute aus, als der Victoria wie ein Meteor an ihnen vorüberflog. Am Abend machte er vierzig Meilen von Yola Halt, und vor ihm, in der Ferne, erhoben sich die beiden spitzigen Kegel des Mendif-Berges.

Der Doctor ließ den Anker auswerfen und hakte ihn in den Wipfel eines hohen Baumes ein; aber ein sehr rauher Wind schüttelte den Victoria dermaßen, daß er sich mitunter in ganz wagerechter Lage befand, und so wurde die Stellung der Gondel bisweilen äußerst gefährlich. Fergusson schloß in dieser Nacht kein Auge; oft war er nahe daran, das Befestigungstau zu durchhauen und vor dieser Pein zu fliehen. Endlich aber legte sich der Sturm, und die Schwankungen des Luftschiffes hatten nichts Beunruhigendes mehr.

Am andern Morgen war der Wind gemäßigter, aber er entfernte die Reisenden von der Stadt Jola, die kürzlich von den Fullannes neu aufgebaut, die Neugier Fergusson’s erregte; nichtsdestoweniger mußte man sich darein ergeben, nach Norden, ja sogar ein wenig nach Osten zu segeln.

Kennedy schlug vor, in diesem Jagdlande Station zu machen; Joe behauptete, für die Küche frisches Fleisch sehr nöthig zu haben; aber die wilden Sitten dieses Landes, die Haltung der Bevölkerung, das Abfeuern einiger Flintenschüsse auf den Victoria veranlaßten den Doctor, seine Reise ohne Aufenthalt fortzusetzen. Man schwebte über ein Land hinweg, das einen Schauplatz von Brand und Mord darstellte, in welchem kriegerische Kämpfe nimmer aufhören, und in denen die Sultane unter dem scheußlichsten Gemetzel um ihre Reiche spielen.

Zahlreiche, bevölkerte Dörfer mit langen Negerhütten erstreckten sich zwischen den großen Viehweiden, deren dichtes Gras mit violetten Blumen besäet war; Häuser, großen Bienenkörben ähnlich, standen im Schutze starrender Palissaden, und die wilden Abhänge der Hügel erinnerten, wie Kennedy mehrmals hervorhob, an die »Glen« des schottischen Hochlandes

Trotz aller Anstrengungen segelte der Doctor nach Nordosten, gerade auf den Mendif-Berg zu, der in den Wolken verschwand; die hohen Gipfel dieses Gebirges trennen das Nigerbassin von dem Becken des Tschad-Sees.

Bald erschien der Bagele mit seinen achtzehn Dörfern, die wie Kinder im Schooß ihrer Mutter, an den Seitenabhängen des Berges kleben. Für die Reisenden, die dies Ensemble überschauen konnten, bot das Bild einen wahrhaft reizenden Anblick; die Schluchten waren mit Reis- und Erdeichelfeldern bedeckt.

Um drei Uhr befand sich der Victoria dem Mendif-Berge gegenüber. Man hatte ihn nicht umsegeln können, und so mußte er überschritten werden. Mittelst einer Temperatur, die der Doctor um hundertundachtzig Grad steigerte, gab er dem Ballon eine neue emportreibende Kraft von beinahe sechzehnhundert Pfund. Er stieg um mehr als achttausend Fuß: die bedeutendste auf der Reise erreichte Höhe, in der die Temperatur dergestalt abnahm, daß der Doctor und seine Gefährten sich in Decken einhüllen mußten.

Fergusson stieg eilig wieder hinab, denn die Hülle des Luftschiffes dehnte sich zum Zerspringen aus; dennoch hatte man Zeit gehabt, den vulkanischen Ursprung des Berges zu constatiren; seine ausgebrannten Krater zeigen sich jetzt nur noch als tiefe Abgründe. Große Anhäufungen von Vogelmist geben den Seitenabhängen des Mendif das Aussehen von Kalkfelsen; man hätte damit die Ländereien des ganzen Königreichs düngen können.

Um fünf Uhr segelte der Victoria, vor den Südwinden geschützt, sanft an der Senkung des Gebirges hin, und hielt in einer großen, von jeder menschlichen Wohnung entfernt liegenden Lichtung; sobald die Gondel den Boden berührt hatte, wurden Vorsichtsmaßregeln getroffen, um sie an der Erde zu fesseln, und Kennedy stürzte, die Flinte in der Hand, über die sanftabfallende Ebene davon. Bald kam er, mit einem halben Dutzend wilder Enten und einer Art Becassinen beladen, zurück, die Joe kunstgerecht herrichtete. Das Mahl war köstlich, und ihm folgte eine Nacht ungestörter, tiefer Ruhe.

Drittes Capitel

Drittes Capitel

Der Freund des Doctors. – Geschichte ihrer Freundschaft. – Dick Kennedy in London. – Ein unerwarteter, aber keineswegs beruhigender Vorschlag. – Das wenig tröstlich klingende Sprichwort. – Einige Worte über die afrikanische Märtyrerliste. – Vortheile eines Luftschiffes. – Das Geheimnis des Doctor Fergusson.

Doctor Fergusson besaß einen Freund. Derselbe war nicht etwa sein zweites Ich, kein alter ego, – zwischen zwei vollkommen gleichartigen Wesen hätte wirkliche Freundschaft nicht existiren können, – aber wenn Dick Kennedy und Samuel Fergusson auch verschiedene Eigenschaften und Fähigkeiten, ja sogar ein verschiedenes Temperament besaßen, so waren sie doch ein Herz und eine Seele und wurden dadurch nicht weiter gestört – im Gegentheil. –

Besagter Dick Kennedy war ein Schotte im vollen Sinne des Worts; offen, entschlossen und beharrlich. Er wohnte in der kleinen Stadt Leith bei Edinburg, eine richtige Bannmeile von dem »alten Rauchnest« entfernt. Bisweilen trieb er die Fischerei, aber immer und überall war er dem Jägerhandwerk mit Leib und Seele ergeben; und das war bei einem Kinde Caledoniens, das gewohnt ist, in den Bergen des Hochlands umherzustreifen, nicht eben zu verwundern. Man rühmte ihn als einen vorzüglichen Schützen mit dem Carabiner und sagte ihm nach, daß er die Kugel beim Schuß auf eine Messerklinge nicht nur durchschnitt, sondern sie auch auf diese Weise in so gleiche Hälften theilte, daß beim Wiegen kein Unterschied zwischen ihnen gefunden werden konnte.

Die Physiognomie Kennedy’s erinnerte lebhaft an diejenige Halbert Glendinning’s, wie sie Walter Scott im »Kloster« gezeichnet hat; seine Größe überstieg sechs englische Fuß; obgleich graciös und behende, war er mit einer herkulischen Körperkraft ausgerüstet; ein wettergebräuntes Antlitz, lebhafte schwarze Augen, eine natürliche, ausgeprägte Kühnheit, kurz eine gewisse Güte und Solidität in der ganzen Person des Schotten nahm von vornherein zu seinen Gunsten ein.

Die beiden Freunde hatten sich in Indien, als beide bei demselben Regiment dienten, kennen gelernt; während Dick sich auf der Tiger- und Elephantenjagd vergnügte, erbeutete Samuel Pflanzen und Insecten. Dieser wie Jener konnte sich in seiner Sphäre eines guten Erfolges rühmen, und dem Doctor fiel gar manche Pflanze in die Hände, deren Werth einem Paar Elfenbeinhauern gleich zu schätzen war.

Die beiden jungen Leute hatten niemals Gelegenheit gehabt, einander das Leben zu retten, oder sich sonstige Dienste zu erweisen; daher erhielt sich unter ihnen eine ungetrübte, gleichmäßige Freundschaft. Das Geschick trennte sie zuweilen von einander, aber immer führte sie ihre Sympathie wieder zusammen.

Seitdem sie nach England zurückgekehrt waren, wurden sie oft durch die Expeditionen des Doctors geschieden; wenn er indessen heimkam, verfehlte er niemals, ungebeten bei seinem Freunde vorzusprechen und ihm einige Wochen zu widmen.

Dick plauderte dann von der Vergangenheit, und Samuel machte Zukunftspläne; der eine sah vorwärts, der andere schaute zurück, und so kam es, daß der Geist des einen die personificirte Aufregung, der des andern die vollkommenste Ruhe war.

Nachdem der Doctor von Tibet zurückgekommen war, sprach er fast zwei Jahre lang nicht von neuen Forschungsreisen, und Dick gab sich der Hoffnung hin, daß sein Reisetrieb und seine Sucht nach Abenteuern nun endlich befriedigt wären. Er war von diesem Gedanken entzückt. »Wenn man auch noch so gut mit den Menschen umzugehen versteht, sagte er zu sich, muß es doch früher oder später ein schlechtes Ende nehmen; man begiebt sich nicht ungestraft unter Menschenfresser und wilde Thiere.« So forderte denn Kennedy seinen Freund auf, ein Ende mit seinen Reisen zu machen, und stellte ihm vor, daß er für die Wissenschaft genug und für die Dankbarkeit der Menschen bereits viel zu viel geleistet habe.

Hierauf erhielt er von dem Doctor keine Antwort; derselbe war in der nächsten Zeit nachdenklich, beschäftigte sich insgeheim mit Berechnungen, verbrachte die Nächte mit minutiösen Arbeiten, über Zahlen brütend; ja, er stellte sogar Experimente mit allerlei sonderbaren Maschinerieen an, von denen man nicht wußte, was sie zu bedeuten hatten. So viel aber war klar ersichtlich: Es gährte ein neuer, großer Gedanke in dem Hirn Samuel Fergusson’s.

»Worüber mag er so gegrübelt haben?« fragte sich Kennedy, als sein Freund ihn im Monat Januar verlassen hatte, um nach London zurückzukehren.

Da wurde ihm die Beantwortung dieser Frage eines Morgens aus dem bereits mitgetheilten Artikel des »Daily Telegraph«.

»Barmherziger Himmel! rief er aus, ist der Mensch wahnsinnig geworden! Afrika in einem Ballon durchreisen! Weiter fehlte nichts! Also darüber hat er in diesen beiden Jahren nachgesonnen!«

Denkt euch anstatt aller dieser Ausrufungszeichen kräftige, auf das eigene Hirn geführte Faustschläge, und ihr werdet euch einen ungefähren Begriff von der körperlichen Motion machen können, in welcher unser wackerer Dick seine Erregung austobte.

Als seine alte Vertraute, Frau Elspeth, ihm zu bedenken gab, daß dies Alles nur eine Mystifikation sein könne, antwortete er:

»Unsinn! ich werde doch meinen Mann kennen? Das sieht ihm ähnlich, ganz ähnlich! Durch die Lüfte reisen! Jetzt wird er gar eifersüchtig auf die Vögel! Nein, daraus soll nichts werden! ich werde es zu verhindern wissen! Ja, wenn man ihn gewähren ließe; wer könnte Einem dafür gut sagen, daß er sich nicht eines schönen Tages nach dem Monde aufmachte!«

Noch am Abend desselben Tages setzte sich Kennedy voll großer Unruhe und Erbitterung in ein Coupé der Eisenbahn nach der General Railway Station und langte am folgenden Morgen in London an.

Drei Viertelstunden später setzte ihn eine Droschke vor dem kleinen Hause des Doctors, Soho Square, Greek Street ab.

Er schritt über den Vorplatz und kündigte sich durch fünf nachdrückliche Schlage gegen die Thür an, worauf Fergusson öffnete.

»Dick?« fragte er, ohne irgend welches Erstaunen zu verrathen.

»Dick selber«, erwiderte Kennedy kurz.

»Du hältst Dich zur Zeit der Winterjagden in London auf? was führt Dich hierher?«

»Eine grenzenlose Thorheit, die ich verhindern will.«

»Eine Thorheit?«

»Ist das, was in dieser Zeitung steht, wahr?« rief jetzt Kennedy, indem er die betreffende Nummer des Daily Telegraph hervorholte und sie seinem Freunde entgegenhielt.

»Ach davon sprichst Du! diese Zeitungen schwatzen doch wirklich Alles aus! aber setze Dich doch, lieber Dick.«

»Nein, ich werde mich nicht setzen. Sage mir, ob Du wirklich und wahrhaftig die Absicht hast, diese Reise zu unternehmen?«

»Ganz entschieden; meine Vorbereitungen sind schon im Gange, und ich …«

»Wo hast Du Deine Vorbereitungen? In tausend Stücke will ich sie zerschlagen! Her damit!«

Der würdige Schotte gerieth jetzt ernstlich in Zorn.

»Beruhige Dich, mein lieber Dick«, versetzte der Doctor; »ich begreife Deine Gereiztheit sehr wohl. Du zürnst mir, daß ich Dir meine neuen Pläne noch nicht mitgetheilt habe.«

»Das nennt er neue Pläne!«

»Ich bin nämlich sehr beschäftigt gewesen«, fuhr Samuel fort; »es gab in der letzten Zeit viel für mich zu thun. Aber trotzdem wäre ich nicht abgereist, ohne Dir zu schreiben . . .«

»Ach, was liegt mir daran …«

»Weil ich die Absicht habe, Dich mitzunehmen.«

Der Schotte machte einen Satz, der einem Gemsbock zur Ehre gereicht haben würde.

»Ah so!« sagte er; »Du gehst also darauf aus, uns Beide nach Bedlam zu bringen!«

»Ich habe mit voller Bestimmtheit auf Dich gerechnet, lieber Dick, und mit Ausschluß von vielen Anderen Dich zu meinem Reisegefährten erwählt.«

Kennedy war ganz starr vor Staunen.

»Wenn Du mich zehn Minuten lang angehört hast, wirst Du mir dafür dankbar sein«, fuhr der Doctor fort.

»Sprichst Du wirklich im Ernst?«

»Vollständig im Ernst.«

»Und wenn ich mich nun weigere, Dich zu begleiten?«

»Das wirst Du nicht thun.«

»Wenn ich mich nun aber doch weigere?«

»Dann reise ich allein.«

»Setzen wir uns, sagte der Jäger, und sprechen wir ohne alle Leidenschaft. Von dem Augenblick an, wo ich weiß, daß Du nicht scherzest, ist die Sache wenigstens einer Unterredung werth.«

»Wenn Du nichts dagegen hast, können wir dabei frühstücken, lieber Dick.«

Die beiden Freunde setzten sich einander gegenüber an einen kleinen Tisch, auf dem rechts ein stattlicher Berg von Butterbroden, und links eine ungeheure Theekanne stand.

»Mein lieber Samuel, Dein Plan ist geradezu verrückt; an seine Durchführung ist nicht zu denken, er ist mit einem Wort unmöglich!«

»Das werden wir erst genau wissen, wenn wir den Versuch gemacht haben.«

»Aber eben dieser Versuch soll ja nicht gemacht werden!«

»Und warum nicht, wenn’s beliebt?«

»Denke doch an die Gefahren, die Hindernisse aller Art!«

»Hindernisse«, versetzte Fergusson sehr ernst, »sind erfunden, um besiegt zu werden; und was die Gefahren betrifft – wer kann sich schmeicheln, ihnen zu entgehen? Alles im Leben ist Gefahr! Es kann das größte Unglück herbeiführen, wenn man sich an einem Tische niederläßt oder auch nur seinen Hut aufsetzt. Ueberdies muß man sich sagen, daß Alles, was bereits geschehen ist, auch wiederum geschehen wird, daß die Zukunft nur eine etwas entferntere Gegenwart ist.«

»Ich kenne Deine Ansichten«, schob Kennedy ein, indem er mit den Achseln zuckte. »Du bist Fatalist!«

»Immer, aber im besten Sinne des Wortes. Beschäftigen wir uns also nicht mit dem, was das Geschick uns möglicher Weise vorbehalten hat, sondern halten wir uns an das gute englische Sprichwort: Wer zum Hängen geboren ist, wird nie den Tod des Ertrinkens sterben.«

Hierauf war nichts zu erwidern, doch hinderte dies Kennedy nicht, eine Menge naheliegender Gründe gegen die beabsichtigte Unternehmung aufzuzählen, deren nähere Erörterung uns hier zu weit führen würde.

»Warum willst Du denn aber, sagte er nach einer Stunde lebhaftester Debatte, wenn diese Bereisung Afrikas absolut zu Deinem Lebensglück gehört, nicht dieselben Bahnen einschlagen, wie andere gewöhnliche Sterbliche vor Dir?«

»Warum?« rief der Doctor, in Eifer gerathend; »weil bis jetzt alle Versuche scheiterten! weil von Mungo Park’s Ermordung am Niger bis zum Verschwinden Vogels in Wadai, von Oudney’s und Clapperton’s Tod in Murmur und Sackatu bis auf den Franzosen Maizan, der in Stücke gehauen wurde, von dem Major Laing, der durch die Hand der Tuaregs sein Ende fand, bis zur Ermordung Roschers aus Hamburg im Anfange des Jahres 1860, zahlreiche Opfer in die afrikanische Märtyrerliste eingetragen worden sind! Weil es ganz unmöglich ist, gegen die Elemente, gegen den Hunger, den Durst, das Fieber, gegen die wilden Thiere und die noch viel wilderen Völkerstämme anzukämpfen! Weil man das, was nicht auf eine Weise zu erreichen ist, auf eine andere Art versuchen muß, und endlich, weil man da, wo nicht gerade durch zu kommen ist, nebenher oder darüber hinweg gehen muß.«

»Wenn es sich nur darum handelte, darüber hinweg zu gehen!« äußerte Kennedy; »aber Du willst ja hoch darüber fort fliegen.«

»Nun«, argumentirte der Doctor mit der größten Kaltblütigkeit weiter, »was habe ich denn zu fürchten? Wie Du Dir wohl denken kannst, habe ich meine Vorsichtsmaßregeln dergestalt getroffen, daß ein Fall meines Ballons nicht besorgt werden darf. Sollte das Luftschiff mich trotz alledem im Stich lassen, so würde ich mich auf der Erde noch immer in gleichen Verhältnissen mit andern Entdeckungsreisenden befinden; aber mein Ballon wird sich bewähren; wir können fest darauf rechnen.«

»Wir dürfen im Gegentheil nicht darauf rechnen.«

»Doch wohl, mein lieber Dick; ich beabsichtige, mich nicht eher von meinem Luftschiff zu trennen, als bis ich auf der Westküste Afrikas angekommen bin. Mit diesem Ballon ist Alles möglich; ohne ihn aber fiele ich wieder den Gefahren und natürlichen Hindernissen solcher Expeditionen zum Opfer. Mit ihm gedenke ich ebenso der Hitze, den Strömen und Stürmen, wie dem Samum und dem ungesunden Klima zu trotzen; weder wilde Thiere noch Menschen können mir etwas anhaben. Ist mir zu heiß, so steige ich; wird es zu kalt, so lasse ich mich herab. Über einen Berg fliege ich hinweg, über jeden Abgrund schwebe ich hin; ich schieße über Flüsse und Ströme wie ein Vogel, und entladet sich ein Gewitter, so erhebe ich mich über dasselbe und beherrsche es von oben herab. Ich komme vorwärts, ohne zu ermüden, und halte an, ohne der Ruhe zu bedürfen! Ich schwebe über den Städten, und fliege mit der Schnelligkeit des Orkanes bald hoch oben in den Lüften, bald nur hundert Fuß vom Erdboden entfernt; und unter meinen Augen entrollt sich die Karte von Afrika im großen Atlas der Welt!«

Der wackere Kennedy begann eine gewisse Bewegung und Rührung zu verspüren, und doch schwindelte ihm bei dem vor seinen Augen entrollten Schauspiel. Er betrachtete Samuel mit einem Gemisch von Bewunderung und Sorge; fast fühlte er sich schon schwebend im Weltenraum.

»Nach alledem, mein lieber Samuel«, sagte er endlich, »hast Du das Mittel ausfindig gemacht, den Ballon zu lenken?«

»Nein! Das ist eine Unmöglichkeit.«

»Aber dann wirst Du reisen. ….«

»Wohin es der Vorsehung beliebt, aber jedenfalls von Osten nach Westen, denn ich gedenke mich der Passatwinde, die eine durchaus beständige Richtung haben, zu bedienen.«

»O, freilich!« sagte Kennedy überlegend; »die Passatwinde…. gewiß….. Man kann im Nothfall….. Es wäre immerhin möglich….«

»Es wäre möglich? nein, mein wackerer Freund, es ist sogar gewiß. Die englische Regierung hat mir ein Transportschiff zur Verfügung gestellt, und es ist abgemacht, daß zu der voraussichtlichen Zeit meiner Ankunft drei oder vier Schiffe an der Westküste kreuzen sollen. In drei Monaten spätestens werde ich in Zanzibar sein, um die Füllung des Ballons zu bewerkstelligen, und von dort aus wollen wir uns in die Lüfte schwingen …«

»Wir!« rief Dick.

»Hast Du mir noch den leisesten Einwand zu machen, so sprich, Freund Kennedy.«

»Nicht einen Einwand, sondern tausend! aber sage mir unter Anderm: wenn Du das Land zu besichtigen und Dich nach Belieben zu erheben oder herabzulassen gedenkst, so kannst Du das nicht, ohne von Deinem Gas einzubüßen. Schon dieser Umstand hat bis jetzt alle langen Reisen in Luftballons verhindert.«

»Mein lieber Dick, ich will Dir nur dies eine Wort sagen: ich werde auch nicht das kleinste Atom, kein Molecül Gas einbüßen.«

»Und doch willst Du nach Belieben steigen und fallen können? Wie willst Du das machen?«

»Das ist mein Geheimniß, Freund Dick. Habe nur Vertrauen zu mir, und laß mein Losungswort auch das Deinige sein: ›Excelsior!‹«

»Gut, also ›Excelsior,‹« antwortete der Jäger, der kein Wort lateinisch verstand.

Er war fest entschlossen, sich mit allen erdenklichen Mitteln der Abreise des Doctors zu widersetzen; vorläufig aber gab er sich den Anschein, als sei er der Meinung desselben beigetreten. Er begnügte sich damit, den Freund zu beobachten. Dieser machte sich jetzt daran, die Zurüstungen für seine Reise zu beaufsichtigen.

Dreißigstes Capitel

Dreißigstes Capitel

Mosfeia. – Der Scheik. – Denham, Clapperton, Oudney, Vogel. – Die Hauptstadt von Loggum. – Toole. – Windstille über Kernak. – Der Gouverneur und sein Hof. – Der Angriff. – Die Tauben als Brandstifter.

Am Morgen des 11. Mai nahm der Victoria seinen abenteuerlichen Flug wieder auf; die Reisenden schauten auf ihn mit demselben Vertrauen wie der Seemann auf sein Schiff.

Aus wüthenden Orkanen, tropischer Hitze, mit Gefahren verknüpften Auffahrten und noch gefährlicheren Landungen war er überall und glücklich hervorgegangen. Fergusson konnte ihn mit einem Druck der Hand führen und hegte, auf die Vortrefflichkeit seines Fahrzeugs bauend, keine Befürchtungen mehr für den Ausgang seiner Reise. Die Klugheit nöthigte ihn, in diesem Lande der Barbarei und des Fanatismus die strengsten Vorsichtsmaßregeln zu beobachten; er empfahl also seinen Begleitern dringend, auf Alles, was sich ereignen sollte, zu jeder Stunde ein offnes Auge zu haben.

Der Wind führte sie wieder etwas mehr nördlich, und gegen neun Uhr erblickten sie die große, zwischen zwei hohen Bergen auf einer Anhöhe gebaute Stadt Mosfeia; sie lag in einer unangreifbaren Stellung; eine enge, zwischen Morast und Gehölz hinlaufende Straße bildete den einzigen Zugang.

In diesem Augenblick hielt ein Scheik, von einer berittenen Escorte geleitet, in Gewänder von lebhaften Farben gekleidet, seinen Einzug in die Stadt. Trompetenbläser und Läufer, welche die auf seinen Weg gestreuten Zweige entfernten, gingen ihm voran.

Der Doctor ließ den Ballon fallen, um die Eingebornen aus größerer Nähe zu betrachten, aber in dem Maße, wie sich der Ballon in ihren Augen vergrößerte, offenbarten sich Zeichen tiefen Schreckens unter ihnen, und sie entwichen alsbald, so schnell sie ihre Pferde und ihre Beine tragen wollten.

Nur der Scheik rührte sich nicht von der Stelle; er nahm seine lange Muskete, lud sie und wartete stolz. Da näherte sich der Doctor auf etwa hundertundfünfzig Fuß und richtete in wohlgesetzten Worten einen arabischen Gruß an ihn.

Als diese Worte, wie vom Himmel kommend, an sein Ohr schlugen, setzte der Scheik den Fuß zur Erde, streckte sich auf den Staub des Weges nieder, und der Doctor konnte ihn nicht von seiner Anbetung zurückbringen.

»Es liegt in der Natur der Sache,« sagte Fergusson, »daß diese Leute uns für übermenschliche Wesen halten. Haben sie doch schon bei der Ankunft der ersten Europäer unter ihnen gemeint, diese seien aus übernatürlichem Stamme entsprossen. Wenn später der Scheik von dieser Begegnung sprechen wird, so verfehlt er gewiß nicht, die Thatsache mit allen Hilfsquellen einer arabischen Einbildungskraft auszustatten. Du kannst Dir wohl denken, was die Sage dermaleinst für einen Glorienschein um uns weben wird.«

»Vom Standpunkt der Civilisation betrachtet, wäre es doch besser, daß wir ihnen für einfache Menschen gelten; das würde diesen Negern noch einen weit höhern Begriff von der europäischen Macht beibringen.«

»Einverstanden, lieber Dick; aber was können wir dagegen thun? So weitläufig Du auch den Gelehrten des Landes den Mechanismus eines Luftschiffes erklären magst, sie würden Deine Worte doch nicht begreifen und in der Begegnung mit uns immer das Eingreifen höherer Wesen suchen.«

»Herr Doctor, Sie sprachen soeben von den ersten Europäern, die dies Land erforschten; bitte, erzählen Sie uns doch, wer sie waren.«

»Mein lieber Joe, wir verfolgen jetzt genau die Straße, wie vor uns einst der Major Denham; hier in Mosfeia wurde er von dem Sultan von Mandara aufgenommen; er hatte Bornu verlassen, begleitete den Scheik auf einem Zuge gegen die Fellatahs, und wohnte dem Angriff auf die Stadt bei, die mit ihren Pfeilgeschossen tapfer gegen die Kugeln der Araber Widerstand leistete und die Truppen des Scheik zur Flucht nöthigte; doch alles das gab nur den Vorwand zum Morden, Plündern und Verwüsten her. Der Major wurde vollständig beraubt, gänzlich entkleidet, und wäre niemals nach Kuka, der Hauptstadt von Bornu, zurückgekehrt, hätte er nicht einem Pferde unter den Bauch gleiten und so in rasendem Galop den Siegern entrinnen können.

»Aber wer war denn dieser Major Denham?«

»Ein unerschrockener Engländer, der von 1822 bis 1824 in Gesellschaft von Kapitän Clappperton und Doctor Dudney eine Expedition nach Bornu befehligte. Im März brachen sie von Tripoli auf, gelangten nach Mursuk, der Hauptstadt von Fezzan, und indem sie den Weg einschlugen, den später der Doctor Barth verfolgen sollte, um nach Europa zurückzukehren, kamen sie am 16. Februar 1823 in Kuka am Tschad-See an. Denham machte verschiedene Forschungsreisen nach Bornu, Mandara und den östlichen Ufern des Sees; unterdessen drangen am 19. December 1823 Kapitän Clapperton und Doctor Oudney in Sudan bis Sackatu vor, und der Letztere starb vor Mattigkeit und Erschöpfung in der Stadt Murmur.«

»Dieser Theil Afrika’s hat also der Wissenschaft manches Opfer gekostet?« fragte Kennedy.

»Ja, diese Landstriche hier sind verhängnißvoll: wir reisen geraden Wegs auf das Königreich Baghirmi zu, welches Vogel im Jahre 1856 durchreiste, um nach Wadai vorzudringen, und dort ist er verschwunden. Dieser junge Mann wurde im Alter von dreiundzwanzig Jahren abgesandt, um an den Arbeiten des Doctor Barth mitzuwirken; sie trafen sich am ersten December 1854; dann begann Vogel die Erforschung des Landes; gegen 1856 that er in seinen letzten Briefen die Absicht kund, das Königreich Wadai zu recognosciren, in das noch kein Europäer bis dahin gedrungen war; es scheint, als sei er bis nach der Hauptstadt Wara gekommen, wo er nach einigen Berichten getödtet wurde, nach andern noch gefangen gehalten wird, weil er den Versuch gemacht hatte, einen der geheiligten Berge in der Umgegend zu besteigen. Man darf jedoch nicht den Tod der Reisenden als gewiß annehmen, denn das würde etwaige Forschungen nach ihnen überflüssig machen. Wie oft ist die Nachricht vom Tode des Doctor Barth officiell verbreitet worden, und wie oft hat er eine gerechte Entrüstung darüber empfunden! So ist es auch leicht möglich, daß Vogel von dem Sultan des Wadai-Landes gefangen gehalten wird, der vielleicht ein Lösegeld für ihn zu erpressen hofft. Der Baron von Neimans wollte sich nach Wadai begeben, aber er starb im Jahre 1855 in Kairo. Bekanntlich hat sich jetzt Herr von Heuglin mit der von Leipzig abgesandten Expedition auf die Reise gemacht, um die Spuren Vogel’s zu entdecken. So werden wir demnächst über das Schicksal dieses interessanten jungen Reisenden Gewißheit erhalten.« [Fußnote]

Mosfeia war schon lange am Horizont verschwunden, und jetzt entrollte Mandara unter den Reisenden seine wunderbare Fruchtbarkeit; hier zeigten sich üppige Wälder von Akazien, dort rothblühende Grasähren und die krautartigen Pflanzen der Baumwollenstauden und Indigofelder; der Shari, welcher sich achtzig Meilen weiter in den Tschad ergießt, rollte ungestümen Laufes dahin.

Der Doctor zeigte auf den Karten Barth’s seinen Gefährten den Lauf dieses Flusses.

»Ihr seht, sagte er, daß die Arbeiten dieses Gelehrten von außerordentlicher Wichtigkeit sind; wir steuern gegenwärtig gerade auf den District von Loggum zu, und vielleicht auch sehen wir die Hauptstadt Kernak. Dort starb der arme Toole im Alter von kaum zweiundzwanzig Jahren. Es war dies ein junger Engländer, ein Fähndrich vom 80sten Regiment, der sich einige Wochen zuvor dem Major Denham in Afrika angeschlossen hatte, und hier so bald schon seinen Tod fand. Man kann mit Recht diese unermeßliche Gegend den Kirchhof der Europäer nennen!«

Einige, fünfzig Fuß lange Canots schifften den Shari abwärts; der Victoria, tausend Fuß von der Erde entfernt, zog nur in geringem Maße die Aufmerksamkeit der Eingeborenen auf sich. Der Wind, welcher bis jetzt ziemlich kräftig geweht hatte, begann mehr und mehr abzunehmen.

»Sollten wir noch einmal unter Windstille zu leiden haben?« begann der Doctor.

»Thut nichts, Herr Fergusson, wir haben weder Wassermangel noch die Wüste zu fürchten.«

»Freilich, aber dafür wilde Völkerschaften.«

»Dort taucht etwas auf, das einer Stadt ähnlich sieht,« meldete Joe.

»Das ist Kernak; das letzte Wehen des Windes führt uns dahin, und mir werden einen genauen Plan der Stadt aufnehmen können.«

»Sollen mir uns nicht noch mehr nähern?« fragte Kennedy.

»Nichts leichter als das, Dick. Wir schweben gerade über der Stadt; ich werde mir erlauben, den Hahn des Knallgasgebläses ein wenig zu drehen, und wir senken uns sofort.«

Der Victoria hielt eine halbe Stunde später unbeweglich in einer Höhe von zweihundert Fuß über dem Boden.

»Wir sind hier nicht so weit von Kernak entfernt, als ein Mann im Knopf der St. Paulskirche es von London sein würde. Wir können uns jetzt bequem umsehen.«

»Was ist das für ein Gehämmer? man hört es überall.«

Joe schaute aufmerksam hinunter und entdeckte bald, daß das Geräusch von Webern herrührte, die unter freiem Himmel an ungeheuren Baumstämmen ihre Gewebe aufgespannt hatten.

Die Hauptstadt von Loggum ließ sich jetzt in ihrem ganzen Umfang wie auf einem aufgerollten Plan überschauen; es war eine wirkliche Stadt mit Häuserreihen und ziemlich breiten Straßen; mitten auf einem großen Platz wurde gerade Sclavenmarkt abgehalten; es war großer Zudrang von Käufern, denn die Mandaraninnen, die durch äußerst kleine Hände und Füße bekannt sind, werden sehr gesucht und vortheilhaft verkauft.

Beim Anblick des Victoria spielte von Neuem die so oft beobachtete Scene: zuerst erhob sich Geschrei, und dann das höchste Staunen; Jeder ließ sein Geschäft im Stich und unterbrach seine Arbeit, um hinaufzuschauen. Endlich hörte der Lärm auf, die Reisenden hielten sich unbeweglich und schauten mit Interesse auf all‘ die Merkwürdigkeiten dieser seltsamen Stadt; der Ballon senkte sich sogar bis auf sechzig Fuß vom Erdboden herab.

Nun trat der Gouverneur von Loggum aus seinem Hause; eine grüne Fahne wurde entfaltet, und die Musikanten bliesen auf den Büffelhörnern, als wenn die Gewalt ihrer Töne Alles sprengen könne – nur ihre Lungen nicht. Die Menge versammelte sich um den Gouverneur. Samuel Fergusson suchte sich Gehör zu verschaffen, aber es war unmöglich.

Das Volk hatte ein stolzes und kluges Aussehen; überall begegnete der Blick hohen Stirnen, gelocktem Haar und fast adlerartig gebogenen Nasen; gegenwärtig hatte die Anwesenheit des Victoria alle Einwohner in große Verwirrung gesetzt; man sah Reiter nach allen Richtungen sprengen, und bald bemerkten die Reisenden, daß die Truppen des Gouverneurs sich versammelten, um einen vermeintlichen Feind zu bekämpfen. Es half Joe nichts, daß er mit buntfarbigen Taschentüchern winkte; alle derartigen Verständigungsversuche blieben erfolglos.

Indessen hatte der Scheik, von seinem Hofe umgeben, Schweigen geboten, und richtete an die Reisenden eine Rede, die nur den einen Fehler hatte, daß diejenigen, für welche sie bestimmt war, kein Wort davon verstanden. Es war eine Art Arabisch mit Baghirmi-Sprache gemischt. Der Doctor errieth jedoch aus der allgemein verständlichen Sprache der Geberden, daß man die ausdrückliche Aufforderung des Abzugs an ihn richtete. Gern wäre er diesem Begehren auch nachgekommen, aber in Folge der Windstille konnte man nicht daran denken. Die unbewegliche Haltung des Ballons erbitterte den Gouverneur, und seine Hofbeamten begannen ein ohrzerreißendes Geheul, um das Ungeheuer zur Flucht zu nöthigen.

Diese Höflinge bildeten übrigens sonderbare Figuren; sie trugen fünf bis sechs buntscheckige Hemden, die über einander gezogen waren, und zeichneten sich durch enorme Schmerbäuche aus, von denen einige angesetzt zu sein schienen. Der Doctor unterrichtete seine Gefährten, daß dies hier zu Lande die Art sei, wie man sich beim Sultan beliebt zu machen suche; die Rundung des Leibes lege hier ein Zeugniß für den Ehrgeiz der Leute ab. All diese dicken Hofschranzen gesticulirten jetzt lebhaft, sie schrieen aus allen Kräften, und ganz besonders zeichnete sich einer von ihnen aus, der jedenfalls Premierminister hätte werden müssen, wenn sein Umfang hierfür maßgebend gewesen wäre. Die Neger vereinigten ihr Geheul mit dem Geschrei des Hofes, indem sie sich die größte Mühe gaben, die Gestikulationen desselben nachzumachen, wodurch eine gleichmäßige Bewegung von etwa zehntausend Armen hervorgebracht wurde.

Zu diesen Versuchen, den Ballon einzuschüchtern, die sich bald als wirkungslos erwiesen, gesellten sich noch andere, die unsern Reisenden gefährlicher zu werden drohten. Soldaten, die mit Bogen und Pfeilen bewaffnet waren, stellten sich in Schlachtordnung auf; aber schon blähte sich der Victoria und stieg ruhig über ihr Bereich hinaus. Nun ergriff der Gouverneur seine Muskete und richtete sie auf den Ballon, aber Kennedy hatte seine Bewegungen überwacht und zerschmetterte jetzt mit einer Kugel seines Carabiners die Waffe in der Hand des Scheik.

Bei diesem unerwarteten Schusse entstand eine allgemeine Flucht; Jeder zog sich so schnell wie möglich in seine Hütte zurück, und die Stadt blieb während des übrigen Tages öde und verlassen.

Die Nacht kam heran, aber mit dem schwindenden Tageslicht hatte sich auch die letzte Spur eines Luftzugs verloren, und man mußte sich damit begnügen, ruhig in einer Höhe von ungefähr dreihundert Fuß zu schweben. Nicht ein Feuer leuchtete durch das Dunkel der Nacht; es herrschte eine Todtenstille. Der Doctor verdoppelte seine Vorsicht; diese Ruhe war vielleicht nur scheinbar, um eine Falle zu verbergen.

Und Fergusson hatte guten Grund, wachsam zu sein. Gegen zwölf Uhr schien die ganze Stadt in Flammen zu stehen; hunderte von Feuerstreifen kreuzten sich wie Brander eines Feuerwerks, indem sie eine förmliche Verwickelung von Flammenlinien bildeten.

»Eine höchst sonderbare Erscheinung!« meinte der Doctor.

»Gott bewahre uns,« rief ietzt Kennedy, »der Brand scheint emporzusteigen und sich uns zu nähern.«

Wirklich erhob sich unter dem Lärm eines wüthenden Geheuls und dem Knall der Musketenschüsse diese Feuermasse zum Victoria, und Joe schickte sich an, Ballast auszuwerfen. Bald indessen hatte der Doctor eine Erklärung für das Phänomen gefunden.

Man hatte Tausende von Tauben, deren Schwanzfedern mit leichtentzündlichen Stoffen versehen waren, gegen den Ballon losgelassen, und erschreckt stiegen sie empor, indem sie in der Luft feurige Zickzacklinien beschrieben. Kennedy setzte all seine Schießwaffen gegen die Thiere in Thätigkeit, aber was vermochte er gegen diese zahllose Masse? Schon umflatterten die Tauben die Gondel und den Ballon, dessen Wände das Licht zurückstrahlten, und der in ein Feuernetz eingehüllt zu sein schien.

Der Doctor warf ohne Zögern ein Stück Quarz aus der Gondel und wich so schnell wie möglich vor den Angriffen dieser gefährlichen Vögel. Noch zwei Stunden lang sah man sie im Dunkel der Nacht hin und herfliegen; dann verminderte sich ihre Zahl allmälig, und endlich war jede Spur von ihnen verschwunden.

»Jetzt können wir ruhig schlafen,« sprach der Doctor.

Joe dachte noch über das Abenteuer nach.

»Für Wilde kein übler Gedanke«, meinte er.

»Man wendet diese Tauben hier ziemlich allgemein an, um die Strohdächer von feindlichen Dörfern in Brand zu stecken, aber dies Mal flog das Dorf noch höher, als das brandstiftende Geflügel!«

»Der Ballon hat eigentlich keine Feinde zu fürchten,« bemerkte Kennedy.

»Das möchte ich nicht so absolut behaupten.«

»Welche denn, zum Beispiel?«

»Vor allem die Unvorsichtigkeit Derjenigen, die er in seiner Gondel trägt; darum, meine Freunde, überall und stets die strengste Wachsamkeit!«

Einunddreißigstes Capitel

Einunddreißigstes Capitel

Nächtliche Abreise. – Alle drei. – Kennedy’s Instinct. – Vorsichtsmaßregeln. – Der Lauf des Shari. – Der Tschad-See. – Das Wasser des Sees. – Das Nilpferd. – Eine nutzlos verschossene Kugel.

Gegen drei Uhr Morgens sah Joe, der die Wache hatte, endlich, wie die Stadt unter ihnen zurückblieb, und bemerkte so, daß der Victoria seine Fahrt wieder aufnahm. Kennedy und der Doctor erwachten.

Der Letztere sah nach dem Compaß, und nahm mit Befriedigung wahr, daß der Wind das Luftschiff nach Nord-Nord-Osten trug.

»Wir haben heute Glück, Alles gelingt uns; noch heute werden wir wahrscheinlich den Tschad-See entdecken,« theilte Fergusson seinen Gefährten mit.

»Hat er eine bedeutende Ausdehnung?« fragte Kennedy.

»Freilich, mein lieber Dick; in seiner größten Länge und Breite mag dieses Wasser immerhin hundertundzwanzig Meilen messen.«

»Es muß ganz amüsant sein, über einem Wasserteppich spazieren zu fahren; das wird ein wenig Abwechslung in unsere Reise bringen.«

»Nun, ich dächte, wir hätten uns nicht zu beklagen; haben wir doch an Abwechslung keinen Mangel, und schreiten unter den bestmöglichen Bedingungen vor.«

»Gewiß, Samuel; von den Entbehrungen in der Wüste abgesehen, hat uns noch keine ernstliche Gefahr bedroht.«

»Unser wackerer Victoria hat sich ganz vorzüglich bewährt. Heute haben wir den 12. Mai; am 18. April sind wir aufgebrochen, folglich sind wir jetzt fünfundzwanzig Tage unterwegs. Noch etwa zehn Tage, und wir können am Ziele angelangt sein.«

»Wo glaubst Du, daß wir eintreffen werden?«

»Ich weiß es nicht, auch kommt nicht viel darauf an.«

»Du hast Recht, Samuel; überlassen wir der Vorsehung die Sorge, den Ballon zu lenken und uns gesund zu erhalten, wie bisher! Wir sehen nicht gerade aus, als hätten wir pestilentialische Länder durchreist.«

»Wir konnten uns über sie erheben, und das haben wir gethan.«

»Es leben die Luftreisen!« jubelte Joe; »hier sind wir nun nach fünfundzwanzig Reise-Tagen, wohlbehalten, gut restaurirt, und trefflich, vielleicht etwas zu sehr, ausgeruht, denn meine Beine fangen an einzuschlafen, und ich würde gern wieder einmal einige dreißig Meilen laufen.«

»Dies Vergnügen kannst Du Dir später in den Straßen von London machen, Joe, aber für jetzt wollen wir uns so viel wie möglich bei einander halten. Wir sind zu dreien gereist, wie Denham, Clapperton und Overweg, und wie später Barth, Richardson und Vogel, aber glücklicher als unsere Vorgänger, befinden wir uns noch alle drei zusammen. Es ist sehr wichtig, daß wir uns nicht trennen; wenn in der Zeit, die einer von uns auf festem Boden verbringt, der Victoria sich, um einer plötzlichen, unvorhergesehenen Gefahr zu entrinnen, in die Lüfte erheben müßte, wer weiß, ob wir uns je wieder zusammenfinden würden? Deshalb hege ich auch immer eine gewisse Sorge, wenn Du, Kennedy, Dich von uns entfernst, um zu jagen. Ich muß gestehen, daß ich das nicht gern habe.«

»Trotzdem wirst Du mir wohl gestatten müssen, dieser Passion auch fernerhin zu fröhnen, Freund Samuel; auch bedürfen unsere Vorräthe einer Erneuerung, und – hast Du mir vor unserer Abreise nicht eine Reihe herrlicher Jagden in Aussicht gestellt? Bis jetzt habe ich noch wenig auf der Bahn eines Anderson und eines Cumming geleistet.«

»Nun, lieber Dick, Dein Gedächtniß scheint in dieser Beziehung äußerst kurz zu sein, oder veranlaßt Dich Bescheidenheit, Deine Heldenthaten so schnell zu vergessen? Meines Wissens hast Du, des niedern Wildes nicht zu gedenken, bereits einer Antilope, einem Elephanten und zwei Löwen den Garaus gemacht.«

»Ach, was will das für einen Jäger in Afrika sagen, an dem alle Thiere der Schöpfung schußgerecht vorüberziehen? Sieh doch, sieh doch dieses Rudel Giraffen!«

»Wie, das sollen Giraffen sein? Sie sind ja kaum faustdick!« rief Joe erstaunt.

»Das scheint Dir so, weil Du tausend Fuß über ihnen bist; in der Nähe würdest Du sehen, daß sie drei Mal höher sind, als Du.«

»Und was sagst Du zu dieser Gazellenherde und zu jenen Straußen, die eben so schnell wie der Wind davonlaufen?« hub Kennedy wieder an.

»Strauße!« höhnte Joe; »Hennen sind’s, nichts weiter als Hennen!«

»Können wir ihnen nicht etwas näherkommen, Samuel?«

»Das wohl, aber nicht aussteigen; wozu nützt es auch, diese Thiere, die Dir keinen Nutzen bringen können, zu erlegen? Wenn es sich darum handelte, einen Löwen, eine Tigerkatze oder eine Hyäne zu vertilgen, würde ich Deinen Eifer begreiflich finden; damit wäre ein reißendes Raubthier vernichtet. Aber eine Antilope oder Gazelle ohne andern Zweck als die eitle Befriedigung Deines Jägergelüstes zu tödten, lohnt doch wirklich nicht der Mühe. Wir wollen uns jedoch hundert Fuß vom Erdboden halten, und wenn Du ein wildes Thier siehst, kannst Du ihm zu unserer Unterhaltung eine Kugel in’s Herz senden.«

Der Victoria fiel allmälig, hielt sich jedoch noch immer in beruhigender Höhe. In dieser wilden, sehr bevölkerten Gegend mußte man gegen unerwartete Gefahren auf der Hut sein.

Die Reisenden folgten nun geraden Wegs dem Laufe des Shari; die reizenden Ufer dieses Flusses verschwanden unter dem Schatten der mannigfaltigsten Bäume; Lianen und Schlingpflanzen wanden sich überall um die stärkern Stämme und Zweige, und brachten ein wunderbares Gemisch von Laub und Farben hervor. Die Krokodile tummelten sich im Sonnenschein, tauchten mit der Behendigkeit flinker Eidechsen unter das Wasser und landeten spielend an den zahlreichen, grünen Inseln, die den Lauf des Flusses unterbrachen.

So zog in reicher, von üppigem Grün überwucherter Natur der District Maffatay an den Reisenden vorüber, und gegen neun Uhr Morgens erreichten sie endlich das südliche Ufer des Tschad-Sees.

Dies war also das Caspische Meer Afrika’s, dessen Existenz so lange Zeit in das Bereich der Fabel verwiesen wurde; dies das Binnenmeer, bis zu welchem nur die Expeditionen Denham’s und Barth’s vorgedrungen waren.

Der Doctor versuchte die gegenwärtige Gestaltung des Sees, die sich sehr von der im Jahre 1847 beobachteten Configuration unterschied, zu fixiren, aber eine Karte von dem Tschad-See zu zeichnen ist eine Unmöglichkeit, da er von schlammigen und fast unübersteiglichen Morästen umgeben ist, in denen Barth einst umzukommen fürchtete. Von einem Jahr zum andern verwandeln sich diese, mit Rohr und Papierstaude bedeckten Sümpfe in Wasser, und vergrößern auf diese Weise den See, oder die, an den Ufern liegenden Städte werden halb versenkt, wie es im Jahre 1856 Ngornu erging; jetzt trieben die Nilpferde und Alligatoren an der nämlichen Stelle ihr plätscherndes Spiel, wo einst die Wohnungen der Bornu gestanden hatten.

Die Sonne goß ihre blendenden Strahlen über die ruhige Fluth, und im Norden schienen Wasser und Feuer an demselben Horizont mit einander zu verschmelzen.

Der Doctor wollte die Beschaffenheit des Wassers, das man lange für salzig gehalten hatte, feststellen, und da man sich ohne Gefahr für die Gondel fast bis auf die Wasserfläche herablassen konnte, näherten sich die Reisenden derselben bis auf etwa fünf Fuß.

Joe ließ nun eine Flasche hinab und zog sie halb gefüllt wieder herauf. Das Wasser aber erwies sich wenig trinkbar, da es einen starken natronartigen Beigeschmack hatte.

Während Fergusson dies Ergebniß seines Versuchs notirte, wurde neben ihm ein Flintenschuß abgefeuert; Kennedy hatte der Versuchung nicht widerstehen können und einem ungeheuren Nilpferd eine Kugel zugesandt; dies jedoch athmete ruhig weiter, und verschwand, nur von dem Geräusche des Schusses verscheucht. Die Spitzkugel des Jägers schien es nicht weiter zu geniren.

»Mit einer Harpune würde man ihm besser beikommen können!« bemerkte der weise Joe.

»Wie meinst Du?«

»Nun, mit einem unserer Anker; das wäre so ein entsprechender Angelhaken für solch‘ Thierchen.«

»Es ist wirklich wahr!« rief Kennedy; »Joe hat wieder einmal einen Gedanken ….«

»Den ich euch bitte, nicht in Ausführung zu bringen!« fiel der Doctor ein; »das Thier würde uns bald dorthin nachschleppen, wohin zu kommen keiner von uns Neigung haben dürfte.«

»Besonders jetzt, wo wir über die Wasserbeschaffenheit des Tschad-Sees im Klaren sind. Kann man denn diesen Fisch essen, Herr Fergusson?«

»Was Du einen Fisch nennst, Joe, ist ganz einfach ein Säugethier von der Gattung der Dickhäuter; sein Fleisch ist übrigens vorzüglich, und bildet einen Haupthandelsgegenstand unter den Völkerschaften, welche die Ufer des Sees bewohnen.«

»Dann bedaure ich sehr, daß Herrn Dick’s Flintenschuß keinen bessern Erfolg gehabt hat.«

»Das Thier ist nur am Bauche und zwischen den Schenkeln verwundbar; Dick’s Kugel hat es‘ nicht einmal geschrammt. Wenn das Terrain mir günstig erscheint, können wir uns jedoch am nördlichen Ufer des Sees aufhalten, dort wird Kennedy eine wahre Menagerie von Thieren vorfinden und sich nach Belieben schadlos halten können.«

»Nun,« schlug Joe vor, »dann mag Herr Dick nur ein Nilpferd auf’s Korn nehmen; ich möchte gar zu gern das Fleisch von diesem Amphibium kosten. Es ist eigentlich nicht natürlich, bis zum Mittelpunkt von Afrika vorgedrungen zu sein, und dabei noch immer von Becassinen und Rebhühnern zu leben wie in England.«

Zweiunddreißigstes Capitel

Zweiunddreißigstes Capitel

Die Hauptstadt von Bornu. – Die Inseln der Biddiomahs. – Die Lämmergeier. – Die Besorgnisse des Doctors. – Seine Vorsichtsmaßregeln. – Ein Angriff hoch in der Luft. – Riß in der Hülle des Ballons. – Der Fall. – Erhabene Aufopferung. – Die Nordküste des Sees.

Der Victoria war seit seiner Ankunft am Tschad- See in eine Strömung gerathen, die mehr nach Westen wehte; einige Wolken mäßigten jetzt die Hitze, man verspürte fast einen kleinen Luftzug über der Wasserstrecke. Aber gegen ein Uhr, als der Ballon über diesen Theil des Sees schräg dahingefahren war, drang er etwa sieben bis acht Meilen in’s Land vor.

Der Doctor, dem zuerst diese Richtung nicht besonders genehm war, dachte nicht mehr daran, sich hierüber zu beklagen, als er Kuka, die berühmte Hauptstadt von Bornu, bemerkte; sie war mit Mauern von Pfeifenthon umgeben, und einige ziemlich kunstlose Moscheen erhoben sich schwerfällig über die arabischen Häuser, die einer Menge Spielwürfel nicht unähnlich sahen. Auf den Höfen der Häuser und den öffentlichen Plätzen wuchsen Palm- und Kautschukbäume, von einem über hundert Fuß breiten Blätterdom gekrönt. Joe machte darauf aufmerksam, daß diese ungeheuren Sonnenschirme im Verhältniß zu der Gluth der Sonnenstrahlen ständen, und zog hieraus für die Vorsehung sehr schmeichelhafte Schlüsse.

Kuka besteht aus zwei verschiedenen Städten, die durch den »Dendal«, einen großen Boulevard von dreihundert Toisen, auf dem sich gerade jetzt Reiter und Fußgänger drängten, von einander getrennt sind. Auf der einen Seite brüstet sich der reiche Stadttheil mit seinen hohen und luftigen Wohnhäusern; auf der andern zieht sich die arme Stadt hin, eine traurige Versammlung niederer, kegelförmiger Hütten, in denen eine dürftige Bevölkerung vegetirt, denn Kuka treibt weder Handel noch Industrie.

Kennedy fand zwischen dieser Stadt mit ihren beiden vollkommen abgegrenzten Theilen, und einem Edinburg, das sich in der Ebene erstreckt, eine gewisse Aehnlichkeit.

Aber kaum konnten die Reisenden dies Alles wahrnehmen, denn sie wurden bei der Beweglichkeit, welche die Luftströmungen dieser Gegend charakterisirt, rasch von einem widrigen Winde erfaßt und etwa vierzig Meilen auf den Tschad-See zurückgeworfen.

Nun bot sich ein neues Schauspiel; sie konnten die zahlreichen, von den Biddiomahs, blutdürstigen, sehr gefürchteten Seeräubern, bewohnten Inseln des Sees übersehen. Diese Wilden, deren Nachbarschaft ebenso gefürchtet wird, wie die der Tuaregs der Sahara, schickten sich an, den Victoria muthig mit Pfeil- und Steinschüssen zu empfangen; aber dieser war bald über die Inseln hinausgekommen, über welche er, wie ein riesengroßer Käfer, hinwegzuflattern schien.

In diesem Augenblick richtete Joe einen Blick auf den Horizont und wandte sich mit den Worten an Kennedy:

»Wahrhaftig, Herr Dick das ist etwas für Sie, der Sie immer von der Jagd träumen, und diesmal wird mein Herr gegen Ihre Flintenschüsse nichts einzuwenden haben.«

»Was giebts denn?«

»Sehen Sie dort diesen Zug großer Vögel, die gerade auf uns zusteuern?«

»Vögel?« rief der Doctor, und griff zu seinem Fernglase.

»Ich sehe sie,« erwiderte Kennedy; »es sind ihrer wenigstens ein Dutzend.«

»Vierzehn, wenn Sie erlauben«, verbesserte Joe.

»Gebe der Himmel, daß sie bösartig genug sind, um nicht den Protest des weichmüthigen Samuel hervorzurufen.«

»Ich werde nichts dagegen haben,« antwortete Fergusson, »wünschte aber, diese Vögel wären weit von uns entfernt.«

»Sie haben Furcht vor diesem Geflügel?« fragte Joe.

»Es sind Lämmergeier der größten Art; und wenn sie uns angreifen ….«

»Nun, wir werden uns zu vertheidigen wissen, und haben ein Arsenal bereit, um sie gebührend zu empfangen. Ich kann mir nicht denken, daß diese Thiere uns wirklich gefährlich werden können.«

»Wer weiß?« warf der Doctor hin.

Zehn Minuten später hatte sich die Schaar bis auf Schußweite genähert; vierzehn Vögel erfüllten die Luft mit ihrem krächzenden Geschrei; sie rückten mehr gereizt als erschreckt durch die Gegenwart des Victoria auf diesen los.

»Wie sie schreien!« begann Joe; »was für ein Lärm! es paßt ihnen wahrscheinlich nicht, daß wir uns in ihr Gebiet wagen, und daß wir uns erlauben, wie sie umherzustiegen.«

»Sie sehen allerdings schrecklich aus,« sagte der Jäger; »und ich würde sie für ziemlich gefährlich halten, wenn sie mit einem Carabiner von Purdey Moore bewaffnet wären.«

»Dergleichen brauchen sie nicht,« versetzte Fergusson, der sehr ernst geworden war.

Die Lämmergeier beschrieben in ihrem Fluge ungeheure Kreise, die sich um den Victoria mehr und mehr verengten. Sie streiften mit phantastischer Geschwindigkeit durch die Luft, indem sie zuweilen mit der Schnelligkeit einer Kugel dahinschossen und ihre Projectionslinie mit einem scharfen, kühnen Winkel abschnitten.

Der Doctor, welcher immer unruhiger wurde, beschloß, sich zu erheben, um dieser gefährlichen Nachbarschaft aus dem Wege zu gehen; er dehnte das Wasserstoffgas des Ballons aus, und dieser stieg alsbald empor. Aber die Lämmergeier stiegen mit ihm und zeigten nicht die geringste Neigung, ihn zu verlassen.

»Sie thun gerade so, als hätten sie es auf uns abgesehen,« bemerkte der Jäger, und lud seinen Carabiner.

Die Vögel näherten sich in der That bis auf eine Entfernung von kaum fünfzig Fuß, und schienen die Waffen Kennedy’s herauszufordern.

»Ich habe eine rasende Lust, auf die Bande zu schießen.«

»Nein, Dick, ja nicht; wir wollen die Thiere nicht ohne Grund wüthend machen. Das hieße, sie zum Angriff reizen.«

»Ich gedenke leicht mit ihnen fertig zu werden.«

»Für dies Mal irrst‘ Du Dich, Dick.«

»Wir haben für jede der Bestien eine Kugel parat.«

»Und wie willst Du sie erreichen, wenn sie sich auf den obern Theil des Ballons stürzen? Stelle Dir vor, daß Du Dich einer Masse Löwen auf dem Lande, oder einer Schaar Haifische im Meer gegenüber befindest. Für Luftschiffer ist unsere Situation gerade ebenso gefährlich.«

»Sprichst Du im Ernst, Samuel?«

»Ja. Dick.«

»Dann wollen mir warten.«

»Gut, halte Dich im Fall eines Angriffs bereit, aber gieb nicht Feuer ohne meinen Befehl.«

Die Vögel thaten sich jetzt in einer geringen Entfernung vom Ballon zusammen; man unterschied deutlich ihre federlosen Kehlen, die sich unter der Anstrengung des Schreiens aufblähten, und ihre knorpeligen, mit bläulichen Fetzen versehenen Kämme, die sich vor Wuth emporrichteten. Die Thiere hatten eine außerordentliche Größe; ihr Körper war über drei Fuß lang, und die untere Seite ihrer weißen Flügel schillerte in der Sonne; man hätte sie geflügelte Haifische nennen können, denn mit diesen hatten sie eine fürchterliche Aehnlichkeit.

»Sie folgen uns,« sagte der Doctor, als er sah, wie sie sich mit dem Ballon erhoben, »und vergebens würden wir noch höher steigen. Ihr Flug würde uns noch überholen.«

»Was sollen wir machen?« fragte Kennedy rathlos.

Der Doctor antwortete nicht.

»Höre, Samuel, versetzte der Jäger, es sind ihrer vierzehn; und wir haben, wenn wir unsre sämmtlichen Waffen benutzen, siebzehn Schüsse zur Disposition. Giebt es denn kein Mittel, sie zu vertilgen oder zu zerstreuen? Ich übernehme eine bestimmte Zahl von ihnen.«

»Ich zweifle nicht an Deiner Geschicklichkeit, Dick; ich betrachte die, welche vor Deinen Carabiner kommen, von vorn herein als geliefert, aber ich wiederhole Dir, so wie sie den obern Ballon angreifen, können wir nichts mehr gegen sie thun; sie werden seine Hülle, die uns in der Luft hält, verletzen und sprengen, und dabei befinden wir uns gegenwärtig dreitausend Fuß hoch!«

In diesem Augenblick schoß einer der wildesten Vögel mit aufgespanntem Schnabel und geöffneten Krallen, zum Beißen und Zerreißen bereit, auf den Victoria los.

»Feuer! Feuer!« rief der Doctor, und kaum waren die Worte von seinen Lippen, als der Vogel, zum Tode getroffen, wirbelnd in die Tiefe herabsank.

Kennedy hatte eine der doppelläufigen Flinten ergriffen, Joe legte die andere an.

Durch den Knall erschreckt, entfernten sich die Lämmergeier für einen Augenblick, aber fast unmittelbar darauf kehrten sie zu einem neuen Angriff zurück. Kennedy zerschmetterte mit einer Kugel den Hals des nächsten, Joe zerschoß den Flügel eines andern.

»Noch immer mehr als elf,« sagte er.

Aber nunmehr änderten die Vögel ihre Taktik; einmüthiglich erhoben sie sich über den Victoria. Kennedy sah Fergusson in’s Antlitz.

Trotz seiner Energie und seines Gleichmuthes war dieser blaß geworden. Ein furchtbarer Augenblick des Schweigens. Dann ließ sich ein zischendes Pfeifen wie von zerreißender Seide vernehmen, und die Gondel schwankte unter den Füßen der Reisenden.

»Wir sind verloren,« rief Fergusson, die Augen auf das schnellsteigende Barometer gerichtet.

Dann fügte er hinzu: »Den Ballast heraus, rasch!«

In wenigen Secunden waren sämmtliche Quarzstücke verschwunden.

»Wir fallen noch immer! … Leert die Wasserkisten! … Joe! hörst Du? … Wir stürzen in den See!«

Joe gehorchte. Der Doctor bog sich über den Rand der Gondel; der See schien auf ihn zuzukommen wie eine steigende Fluth; die Gegenstände vergrößerten sich zusehends, die Gondel war nicht mehr zweihundert Fuß von der Oberfläche des Tschad entfernt.

»Die Vorräthe! die Vorräthe!« rief der Doctor.

Und die Kiste mit den Lebensmitteln ward hinabgestürzt.

Die Schnelligkeit des Falles verminderte sich; aber die Unglücklichen sanken noch immer!

»Werft noch mehr heraus! noch immer mehr!« schrie abermals der Doctor.

»Es ist nichts mehr da,« sagte Kennedy.

»Doch!« antwortete Joe lakonisch, indem er mit schneller Handbewegung auf sich selber wies, und er verschwand über dem Rande der Gondel.

»Joe! Joe!« rief der Doctor entsetzt.

Aber Joe konnte ihn nicht mehr hören. Der Victoria nahm erleichtert wieder seinen Weg in die Lüfte, stieg in eine Höhe von tausend Fuß und wurde von dem Winde, der sich in der schlaffen Hülle verfing, nach der Nordküste des Sees getrieben.

»Verloren!« murmelte der Jäger verzweiflungsvoll.

»Verloren, um uns zu retten,« ergänzte Fergusson.

Und große Thränen rannen über die Wangen der so unerschrockenen Männer. Sie beugten sich über die Gondel, um vielleicht noch irgend welche Spur von dem Unglücklichen zu entdecken, aber man war schon zu weit von der Unglücksstelle entfernt.

»Wozu sollen wir uns entschließen?« fragte Kennedy.

»Wir wollen so bald wie möglich an’s Land steigen, Dick, und dann warten.«

Nach einer Fahrt von sechzig Meilen ließ sich der Victoria auf einer verlassenen Küste im Norden des Tschad-Sees nieder. Die Anker wurden an einem Baume von geringer Höhe eingehakt und von dem Jäger befestigt.

Die Nacht kam, aber weder Samuel Fergusson noch Kennedy konnten einen Augenblick der Ruhe finden.

Dreiunddreißigstes Capitel

Dreiunddreißigstes Capitel

Muthmaßungen. – Wiederherstellung des Gleichgewichts des Victoria. – Neue Berechnung des Doctor Fergusson. – Kennedy’s Jagd. – Vollständige Erforschung des Tschad- Sees. – Tangalia. – Rückkehr. – Lari.

Am Morgen des 13. Mai recognoscirten die Reisenden zunächst den von ihnen eingenommenen Theil der Küste; es war eine Art Insel festen Landes inmitten eines ungeheuren Morastes. Um dieses Stück Erde erhob sich Schilf von der Höhe europäischer Waldungen, das sich unabsehbar weit ausdehnte.

Diese unübersteiglichen Sümpfe sicherten die Stellung des Victoria; man brauchte nur die Seite nach dem See hin zu überwachen; die ungeheure Wasserfläche breitete sich nach Osten fernhin aus, und weder Festland noch Inseln waren am Horizont sichtbar.

Die beiden Freunde hatten noch nicht gewagt, von ihrem unglücklichen Begleiter zu sprechen; Kennedy theilte zuerst dem Doctor seine Muthmaßungen mit.

»Joe ist vielleicht noch nicht verloren, sagte er, es ist ein geschickter Bursche, ein Schwimmer, wie man ihn selten findet. Wir werden ihn wiedersehen, wenn ich mir auch noch nicht sagen kann, wann und wie; aber laß uns nichts vernachlässigsn, um ihm Gelegenheit zu geben, sich uns wieder anzuschließen.

– Gott höre Dich, Dick, entgegnete der Doctor mit bewegter Stimme; wir werden thun, was uns möglich ist, um unseren Freund wiederzufinden. Wir wollen uns zunächst orientiren, aber vor Allem den Victoria dieser äußern Hülle entledigen, die zu nichts mehr dienen kann. Das wird uns von einem bedeutenden Gewicht befreien, sechshundertundfünfzig Pfund, und das ist schon der Mühe werth.«

Der Doctor und Kennedy machten sich an’s Werk; sie hatten große Schwierigkeiten zu überwinden, mußten sie doch Stück für Stück von diesem sehr festen Seidenzeug herunterreißen, und in dünne Streifen zerschneiden, um es von den Maschen des Netzes zu lösen. Der durch den Schnabel der Raubvögel verursachte Riß war mehrere Fuß lang.

Diese Operation nahm mindestens vier Stunden in Anspruch; jedoch schien der innere Ballon, als er vollständig von seiner Hülle befreit war, in keiner Weise gelitten zu haben. Der Victoria war nun um ein Fünftel verkleinert, ein Unterschied, der so auffallend hervortrat, daß er Kennedy in Erstaunen setzte.

»Wird er genügen? fragte er den Doctor.

– Fürchte in dieser Beziehung nichts, Dick, ich werde das Gleichgewicht wieder herzustellen wissen, und wenn unser armer Joe zurückkehren sollte, können wir mit ihm unsere Reise fortsetzen.

– Wenn mein Gedächtniß mich nicht täuscht, Samuel, so befanden wir uns, als wir fielen, nicht fern von einer Insel.

– Ich erinnere mich gleichfalls daran; aber diese Insel wird wie alle andern des Tschad, zweifellos von einem Stamme Seeräuber und Mörder bewohnt; diese Wilden sind jedenfalls Zeugen unserer Katastrophe gewesen, und was wird aus Joe werden, wenn er in ihre Hände fällt und nicht etwa der Aberglauben ihn schützt?

– Er ist ganz der Mann danach, sich aus der Affaire zu ziehen, ich wiederhole es Dir; ich habe viel Vertrauen auf seine Gewandtheit und Geistesgegenwart.

– Ich hoffe es. Jetzt, Dick, magst Du in der Umgegend jagen, ohne Dich jedoch weit zu entfernen; es wird dringend nöthig, unsere Lebensmittel zu erneuern, deren größten Theil wir geopfert haben.

– Gut, Samuel; ich werde nicht lange ausbleiben.« Kennedy nahm eine doppelläufige Flinte und schritt durch das hohe Gras einem nahen Dickicht zu. Zahlreiche Schüsse, die bald an des Doctors Ohr schlugen, gaben ihm Nachricht, daß die Jagd nicht erfolglos sei.

Unterdessen beschäftigte sich Fergusson damit, ein Verzeichniß der noch in der Gondel enthaltenen Gegenstände aufzunehmen und das Gleichgewicht des zweiten Luftschiffes herzustellen; es blieben etwa dreißig Pfund Pemmican, einige Vorräthe von Thee und Kaffee, ungefähr anderthalb Gallonen Branntwein, und eine vollständig leere Wasserkiste; alles getrocknete Fleisch war verschwunden.

Der Doctor wußte, daß die emportreibende Kraft seines Luftschiffes durch den Verlust an Wasserstoffgas in dem äußern Ballon um etwa neunhundert Pfund verringert war; er mußte also diese Differenz in Betracht ziehen, um das Gleichgewicht wieder zu gewinnen. Der neue Victoria hatte einen Inhalt von siebenundsechzigtausend Cubikfuß, und enthielt dreiunddreißigtausend vierhundert und achtzig Cubikfuß Gas; der Ausdehnungsapparat schien in gutem Zustande zu sein: weder die Batterie noch das Schlangenrohr waren beschädigt.

Die emportreibende Kraft des jetzigen Ballons betrug also etwa dreitausend Pfund; wenn der Doctor die Gewichte des Apparats, der Reisenden, des Wasservorraths, der Gondel nebst Zubehör zusammenrechnete, dabei fünfzig Gallonen Wasser und hundert Pfund frisches Fleisch stauete, so kam er auf ein Gesammtgewicht von zweitausend achthundertunddreißig Pfund. Er konnte somit hundertundsiebenzig Pfund Ballast für unvorhergesehene Fälle mitnehmen, und das Luftschiff mußte sich dann im Gleichgewicht mit der umgebenden Luft befinden.

Seine Anordnungen, wurden demgemäß getroffen, und er ersetzte Joe’s Gewicht durch eine Ballastergänzung. Der Doctor verwandte den ganzen Tag zu diesen verschiedenen Vorbereitungen, die bei der Rückkehr Kennedy’s beendigt waren. Der Jäger hatte eine gute Jagd gemacht; er brachte eine förmliche Last an Gänsen, wilden Enten, Becassinen, Krickenten und Regenpfeifern mit und machte sich nun daran, dies Wildpret zuzubereiten und zu räuchern. Jedes Stück wurde an einem dünnen Stäbchen befestigt und über einem Feuer von grünem Holze aufgehängt. Als Kennedy, der sich auf dergleichen vorzüglich verstand, die Zubereitung für vollendet erklärte, wurde das Ganze in der Gondel untergebracht.

Am folgenden Tage sollte der Jäger den Proviant noch vervollständigen.

Der Abend überraschte die Reisenden mitten in diesen Arbeiten; ihr Abendbrod bestand aus Pemmican, Zwieback und Thee. Die Ermüdung, durch welche sie zuerst Appetit bekommen hatten, gab ihnen auch Schlaf. Jeder spähte während seiner Wacht in die Finsterniß und glaubte zuweilen Joe’s Stimme zu vernehmen. Aber ach, diese Stimme, die sie so gern gehört hätten, war sehr fern!

Mit Tagesanbruch wurde Kennedy vom Doctor geweckt.

»Ich habe lange darüber nachgedacht, was wir thun könnten, um unsern Begleiter wiederzufinden,« begann er.

»Was Du auch beabsichtigst, Samuel, ich werde Dir beistimmen; sprich.«

»Vor allen Dingen muß Joe Nachricht von uns erhalten.«

»Das versteht sich; wenn dieser wackere Bursche denken könnte, daß wir ihn verließen ….«

»Unmöglich! er kennt uns zu gut, als daß ihm solch‘ Gedanke in den Sinn kommen könnte, er muß jedoch erfahren, wo wir sind.«

»Aber wie das?«

»Wir werden unsern Platz in der Gondel wieder einnehmen und uns in die Luft erheben.«

»Wenn nun aber der Wind uns fortreißt?«

»Das wird glücklicher Weise nicht geschehen. Sieh, Dick, die Brise führt uns wieder über den See, und dieser Umstand, der uns gestern unangenehm gewesen wäre, ist heute günstig. Unsere Anstrengungen werden sich vorläufig darauf beschränken müssen, daß wir uns den ganzen Tag über dieser ungeheuren Wasserfläche halten. Joe kann uns unfehlbar zuerst da erblicken, wo seine Augen uns unaufhörlich suchen werden. Vielleicht gelingt es ihm sogar, uns von seinem Aufenthaltsorte in Kenntniß zu setzen.«

»Wenn er allein und frei ist, wird er das sicher thun.«

»Und auch, wenn er irgendwo gefangen gehalten wird, versetzte der Doctor, wird er uns alsbald sehen und den Zweck unserer Forschungen errathen. Die Eingeborenen pflegen ihre Gefangenen nicht einzuschließen.«

»Was thun wir aber,« hob Kennedy hervor, »wenn uns kein Zeichen wird, und er auch keine Spur auf seinem Wege hinterlassen hat? wir müssen auch diesen Fall in’s Auge fassen.«

»Dann versuchen wir, den nördlichen Theil des Sees wieder zu erreichen, indem wir uns möglichst frei und in Sicht halten; dort werden wir warten, die Ufer erforschen, die Gestade genau untersuchen, an denen Joe gelandet sein könnte, und nicht weichen, ohne Alles, was wir konnten, zu seiner Rettung gethan zu haben.«

»Auf denn!« rief der Jäger.

Der Doctor bestimmte genau die Lage des Stückchen festen Landes, das er sich zu verlassen anschickte; er mußte nach seiner Karte und seinem Besteck annehmen, daß er sich im Norden des Tschad zwischen der Stadt Lari und dem Dorfe Ingemini, zwei von dem Major Denham besuchten Ortschaften, befände. Während dieser Zeit vervollständigte Kennedy den Mundvorrath an frischem Fleisch; doch obgleich die Moräste Spuren von Nashörnern, Seekühen und Nilpferden aufwiesen, hatte er keine Gelegenheit, auch nur ein einziges dieser ungeheuren Thiere zu treffen.

Um sieben Uhr Morgens wurde der Anker nicht ohne große Schwierigkeiten, die Joe sonst vorzüglich zu lösen gewußt hatte, von dem Baume losgemacht. Das Gas dehnte sich aus, und der neue Victoria stieg zweihundert Fuß in die Luft. Hier zögerte er ein wenig, indem er sich um sich selbst drehte, aber endlich wurde er von einer ziemlich lebhaften Strömung erfaßt, über den See getrieben und bald mit einer Schnelligkeit von zwanzig Meilen auf die Stunde fortgetragen.

Der Doctor stieg beständig in einer Höhe von zwei- bis fünfhundert Fuß hinauf und hinunter; Kennedy feuerte häufig seinen Carabiner ab. Ueber den Inseln angekommen, ließen sich die beiden Freunde sogar unvorsichtig weit zum Lande herab, um überall das Dickicht, die Büsche und das Gestrüpp zu untersuchen. Wo eine Höhlung oder irgend welche Kluft ihrem Gefährten hätte Zuflucht bieten können, nahten sie sich. Ja, sie geriethen in so unmittelbare Nachbarschaft mit den Piroguen (Kähne von ausgehöhlten Baumstämmen), welche den See durchfurchten, daß die Fischer sich aus Furcht und Schrecken in den See stürzten und auf ihre Inseln zurückflohen; aber alles Suchen nach Joe war vergebens.

»Wir sehen nichts, sagte Kennedy niedergeschlagen nach zweistündigem Suchen.

– Laß uns warten, Dick; wir dürfen den Muth noch nicht verlieren; von der Stelle des Unfalls sind wir jetzt nicht mehr weit.«

Um elf Uhr war der Victoria etwa neunzig Meilen vorgeschritten; er gerieth nun in eine andere Strömung, die ihn, fast im rechten Winkel mit ihrem bisherigen Wege, nach Osten trieb.

Das Luftschiff schwebte jetzt über einem sehr großen und, wie es schien, stark bevölkerten Eiland, das der Doctor als die Insel Farram erkannte, auf der die Hauptstadt der Biddiomahs liegt. Er erwartete, Joe auf der Flucht und um Hilfe rufend, aus jedem Busch hervorspringen zu sehen. War er frei, so hätte man ihn einfach davongeführt, und wurde er gefangen gehalten, so konnte das bei dem Missionar angewandte Verfahren nochmals eingeschlagen werden, und die drei Gefährten wären bald wieder vereint gewesen. Aber nichts zeigte sich, keine Spur ließ sich auffinden; es war zum Verzweifeln!

Um halb drei Uhr kam der Victoria in Sicht eines am östlichen Ufer des Tschad gelegenen Dorfes mit Namen Tangalia, das den äußersten, von Denham erreichten Punkt bezeichnet.

Der Doctor fing an, sich wegen der beharrlichen Windrichtung zu beunruhigen; er sah sehr wohl, daß er nach Osten zurückgeworfen und in die unendlichen Wüsten Central-Afrika’s verschlagen werden konnte.

»Wir müssen jetzt anhalten und sogar landen,« sagte er; »besonders Joe’s wegen ist es dringend nothwendig, daß wir über den See zurückkehren; es gilt nur, eine entgegengesetzte Strömung zu finden.«

Ueber eine Stunde lang suchte er nun in verschiedenen Zonen, und endlich, in einer Höhe von tausend Fuß, fand er ein heftiges Wehen, das den Ballon nach Nordwesten trieb.

Samuel und Dick hatten sich jetzt überzeugt, daß der Gesuchte nicht auf einer der Inseln des Sees zurückgehalten wurde; er hätte sonst jedenfalls Mittel und Wege gefunden, seine Gegenwart auf irgend eine Weise kund zu thun.

»Vielleicht hat man ihn an’s Land geschleppt,« dachte der Doctor, als er auf das nördliche Ufer des Tschad herniederblickte.

Die Annahme, daß Joe ertrunken sei, war unwahrscheinlich; freilich durchschauerte eine andere Vorstellung den Geist Fergusson’s und Kennedy’s: »Die Kaimans sind unter diesen Breiten sehr häufig!« Aber keiner von ihnen hatte den Muth, dieser Besorgniß Worte zu leihen. Mit der Zeit trat ihnen dieselbe jedoch so unabweisbar vor die Seele, daß Fergusson ohne weitere Einleitung anhob:

»Krokodile pflegen nur an den Ufern der Inseln oder des Sees vorzukommen, und Joe ist gewandt genug, um ihnen aus dem Wege zu gehen; sie sind übrigens wenig gefährlich; die Afrikaner z. B. baden ohne Furcht vor ihren Angriffen.«

Kennedy erwiderte kein Wort hierauf; eine Erörterung dieser schauerlichen Möglichkeit war zu entsetzlich.

Gegen fünf Uhr Abends signalisirte der Doctor die Stadt Lari. Die Einwohner derselben arbeiteten vor Hütten von geflochtenem Schilf, mitten in sorgfältig gepflegten Gehegen, an der Baumwollenernte. Der Ort bestand aus etwa fünfzig Wohnungen, die sich zwischen zwei niedrigen Bergen auf einer langen Strecke hinzogen, die mehr Senkung als Thal zu nennen war. Der heftige Wind führte den Ballon weiter vorwärts, als dem Doctor erwünscht war, aber jetzt wechselte die Luftströmung abermals, und brachte ihn genau zu seinem Ausgangspunkt, einer Art fester Insel zurück, auf der man die verflossene Nacht zugebracht hatte. Der Anker haftete, statt sich in den Zweigen des Baumes zu verhaken, in Schilfhaufen, die sich mit dem Schlamme des Morastes vermischt hatten und eine bedeutende Resistenzfähigkeit besaßen. Es kostete Fergusson viele Mühe, das Luftschiff zu beherrschen, aber endlich, mit Einbruch der Nacht legte sich der Wind, und die beiden Freunde wachten mit einander in verzweiflungsvoller Stimmung.

Vierunddreißigstes Capitel

Vierunddreißigstes Capitel

Der Orkan. – Gezwungene Abreise. – Verlust eines Ankers. – Trübe Erwägungen. – Ein Entschluß. – Die Sandhose. – Die verschüttete Karawane. – Widriger und günstiger Wind. – Rückkehr nach dem Süden. – Kennedy auf seinem Posten.

Um drei Uhr Morgens wehte der Wind mit so großer Heftigkeit, daß der Victoria nicht ohne Gefahr auf dem Boden bleiben konnte; das Schilf streifte und rieb seine Umhüllung und drohte, sie zu zerreißen.

»Wir müssen fort von hier. Dick,« sagte der Doctor, »es ist unmöglich für uns, noch länger in dieser Lage zu verharren.«

»Aber Joe, Samuel?«

»Ich werde ihn nicht verlassen, gewiß nicht, und sollte mich der Orkan hundert Meilen weit nach Norden tragen, ich werde zurückkehren. Aber wenn wir hier bleiben, setzen wir die Sicherheit Aller auf’s Spiel.«

»Ohne ihn abreisen?« rief der Schotte im Ton schmerzlichen Bedauerns.

»Glaubst Du denn,« erwiderte Fergusson, »daß mir nicht das Herz ebenso blutet wie Dir? muß ich mich nicht der gebieterischen Notwendigkeit fügen?«

»Wie Du willst,« antwortete der Jäger; »brechen wir auf.«

Aber die Abreise bot große Schwierigkeiten. Der tiefeingesenkte Anker leistete allen Anstrengungen Widerstand, und der Ballon, der nach verkehrter Richtung zog, machte dies Uebel noch immer größer. Es gelang Kennedy nicht, den Anker herauszureißen; und das Beginnen des Schotten wurde in der gegenwärtigen Lage ein sehr gefährliches, denn man mußte besorgen, daß der Victoria sich, noch ehe Dick eingestiegen war, auf und davon machte.

Fergusson, der sich dem nicht aussetzen wollte, ließ den Freund in die Gondel steigen und ergab sich darein, das Ankertau abzuhauen. Der Victoria machte einen Satz von dreihundert Fuß in die Luft, und wandte sich direct nach Norden.

Fergusson konnte nichts hiergegen thun; er kreuzte die Arme und gab sich trüben Erwägungen hin.

Nach einigen Minuten tiefen Schweigens richtete er sich mit folgenden Worten an den nicht minder traurig gestimmten Kennedy:

»Wir haben vielleicht Gott versucht; die Unternehmung einer solchen Reise kam nicht Menschen zu! …« und ein schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust.

»Vor wenigen Tagen noch schätzten wir uns glücklich, großen Gefahren entronnen zu sein,« erwiderte der Jäger. »Wir drückten uns alle drei die Hände!«

»Armer Joe, die gute, durch und durch ehrliche Natur, das brave Herz! wenn er sich auch einen Augenblick von seinen Reichthümern blenden ließ, so opferte er doch willig all‘ seine Schätze! Jetzt ist er weit von uns entfernt, und der Wind trägt uns mit unwiderstehlicher Gewalt davon!«

»Höre doch, Samuel, könnte er es nicht, wenn er unter den Stämmen des Sees eine Zuflucht gefunden haben sollte, so machen wie die Reisenden, welche dieselben vor uns besucht haben, wie Denham, wie Barth? Diese haben doch ihre Heimat wiedergesehen.«

»Ach, mein armer Dick, Joe versteht nicht ein Wort von der Sprache des Landes! er steht völlig allein und ohne Hilfsquellen da! Die von Dir erwähnten Reisenden gingen nur auf solche Weise vorwärts, daß sie den Häuptlingen zahlreiche Geschenke übersandten, auch waren sie unter starkem Geleit und für diese Expeditionen bewaffnet und gerüstet. Und doch konnten sie Leiden und Qualen der furchtbarsten Art nicht Vermeiden! Was soll aus unserm unglücklichen Gefährten werden? es ist schauerlich, nur daran zu denken, und nie habe ich eine größere Sorge empfunden!«

»Aber wir werden doch wieder zurückkehren, Samuel.«

»Ja, Dick, und selbst wenn wir den Victoria im Stich lassen, zu Fuß nach dem Tschad-See zurückwandern und uns mit dem Sultan von Bornu in Verbindung setzen sollten! Die Araber können den ersten Europäern kein schlechtes Andenken bewahrt haben.«

»Ich werde Dir überall hin folgen, Samuel,« betheuerte der Jäger energisch. »Du kannst auf mich zählen! Eher wollen wir darauf verzichten, diese Reise zu beenden! Joe hat sich für uns dahingegeben, wir wollen uns für ihn opfern!«

Dieser Entschluß ermuthigte von Neuem die beiden Männer, sie fühlten sich stark in demselben Gedanken. Fergusson setzte Alles daran, um in eine entgegengesetzte Strömung zu gerathen, die ihn dem Tschad wieder nähern könnte, aber dies war jetzt unmöglich, und sogar die Landung ließ sich auf einem entblößten Terrain und bei einem so heftig tosenden Orkan nicht bewerkstelligen.

So durcheilte der Victoria das Land der Tibbus; er durchschnitt Belad el Dscherid, eine dornige Wüste, die den Saum von Sudan bildet, und drang in das, von langen Karawanenspuren durchfurchte Sandmeer vor; die letzte Vegetationslinie verschmolz bald am südlichen Horizont mit dem Himmel, nicht weit von der hauptsächlichsten Oase dieses Theiles von Afrika, deren fünfzig Brunnen von prächtigen Bäumen beschattet werden; es war unmöglich, anzuhalten. Ein arabisches Lager, Zelte aus gestreiften Stoffen, einige Kameele, die ihren Vipernkopf auf dem Sande ausstreckten, belebten diese Einöde; aber der Victoria zog wie ein wandelnder Stern vorüber und legte in drei Stunden eine Entfernung von sechzig Meilen zurück, ohne daß es Fergusson gelang, seinen Lauf zu hemmen.

»Wir können nicht Halt machen! wir können nicht herniedersteigen! rief er aus; kein Baum, kein Vorsprung zeigt sich! Sollen wir denn die Sahara überschreiten? der Himmel ist entschieden gegen uns!«

So sprach er in muthloser Verzweiflung, als er im Norden mitten in einem dichten Staub den Wüstensand sich zusammenthürmen und unter dem Stoß entgegengesetzter Luftströmungen dahinwirbeln sah.

Mitten in diesem Chaos, von der Sandlawine überschüttet, zerschmettert, daniedergeworfen, ging elend eine Karawane unter. Die Kameele ließen ein dumpfes, jammervolles Stöhnen hören, und durch den erstickenden Nebel drang verzweifeltes Geschrei und Geheul. Bisweilen sah man noch die grellen Farben bunter Gewänder durch den grausamen tödtenden Sand schimmern, aber bald verschwanden auch diese, und das Gebrüll des Sturmes übertönte jeden andern Laut.

Wo sich eben noch eine ununterbrochene Ebene erstreckte, erhob sich jetzt ein noch in Bewegung begriffener Hügel – das ungeheure Grab einer verschlungenen Karawane.

Der Doctor und Kennedy hatten erbleichend diesem entsetzlichen Schauspiel beigewohnt; an ein Lenken ihres Ballons war nicht zu denken; er wirbelte in ganz entgegengesetzten Strömungen und gehorchte nicht im Geringsten mehr der verschiedenen Anspannung des Gases. In diese Luftstrudel hineingerissen, drehte er sich mit schwindelerregender Schnelligkeit; die Gondel wurde heftig hin und hergeschleudert, so daß die unter dem Zelte aufgehangenen Instrumente klirrend an einander stießen und die Windungen des Schlangenrohrs sich zum Zerspringen krümmten. Die Wasserkisten wurden lärmend aus einer Ecke der Gondel in die andere gerückt, und die Reisenden, welche mit krampfhaft geballter Hand das Tauwerk umklammerten und sich gegen die Wuth des Orkans zu halten versuchten, konnten sich in dem Tosen des Sturms durch kein Wort, keinen Ruf verständigen.

Kennedy, dessen Haar wild um Stirn und Augen flatterte, starrte in den Orkan hinein, ohne zu sprechen. Der Doktor aber schien in dieser drohenden Gefahr seine Ruhe und Kühnheit wiedergefunden zu haben; auf seinen Zügen zeigte sich keine Bewegung des Schreckens, ja nicht einmal, als der Victoria nach einer letzten, scharfen Drehung plötzlich und unerwartet still stand. Der Nordwind hatte die Oberhand gewonnen und jagte ihn jetzt in entgegen gesetzter Richtung wie am Morgen, aber mit ebenso großer Schnelligkeit dahin.

»Wo geraten wir hin?«, rief Dick besorgt.

»Lass der Vorsehung ihren Lauf, mein lieber Dick; es war unrecht von mir, einen Augenblick an ihr zu zweifeln; sie weiß besser als wir, was uns heilsam ist, und führt uns jetzt an Orte zurück, die wir nie wiederzusehen hofften.«

Der noch vor kurzer Zeit so ebene Boden war jetzt aufgewühlt wie eine Fluch im Sturm; eine Reihe kleiner, fast noch flüssiger Berge bildeten Richtpunkte in der Wüste; der Wind blies noch immer gewaltig und der Victoria schnellte förmlich durch die Luft.

Die von den Reisenden verfolgte Bahn war nicht genau dieselbe wie am heutigen Morgen; statt die Ufer des Tschad wiederzufinden, sahen sie immer noch die Wüste vor sich. – Kennedy machte seinen Freund hierauf aufmerksam.

»Tut nichts«, beruhigte ihn der Doktor; »die Hauptsache für uns ist, wieder nach Süden zu gelangen; wahrscheinlich kommen wir auf die Städte Wuddie oder Kuka in Bornu zu und ich werde kein Bedenken tragen, dort anzuhalten.«

»Wenn Du damit zufrieden bist, bin ich es auch,« erwiderte der Jäger. »Gebe nur der Himmel, daß wir nicht noch genöthigt werden, die Wüste zu durchreisen, wie jene unglücklichen Araber! Was wir heute sahen, war schauerlich.«

»Und kommt doch so häufig vor, Dick. Die Wanderungen durch die Wüste haben dieselben Gefahren wie die Reisen auf dem Ocean; auch in der Wüste kann man versinken, und außerdem warten der Wanderer die qualvollsten Strapazen und Entbehrungen.«

»Es scheint, als ob der Wind schwächer würde,« bemerkte Kennedy; »der Staub, welcher über dem Sande wirbelt, ist weniger dicht, seine wellenförmigen Linien glätten sich allmälig wieder, und der Horizont klärt sich auf.«

»Um so besser; wir müssen genau mit dem Fernglase ausspähen; nicht ein Punkt darf unserm Blick entgehen!«

»Laß das meine Sorge sein, Samuel; sobald sich der erste Baum zeigt, werde ich’s Dir sagen.«

Und Kennedy postirte sich, mit dem Fernglase in der Hand, an den Rand der Gondel.

Zweiundzwanzigstes Capitel

Zweiundzwanzigstes Capitel

Der Lichtbüschel. – Der Missionar. – Entführung in einem Lichtstrahl, – Der Lazaristen-Priester. – Wenig Hoffnung. – Des Doctors Sorge. – Ein Leben der Entsagung. – Ueberschreiten eines Vulkans.

Fergusion warf seinen intensiven Lichtstrahl nach verschiedenen Punkten der Umgebung und ließ ihn auf einer Stelle spielen, von der aus ein Schrei des Entsetzens ertönte. Seine beiden Begleiter schauten mit Anstrengung all‘ ihrer Sehnerven dorthin.

Der Baobab, über welchem der Victoria fast unbeweglich schwebte, stand im Mittelpunkt einer Lichtung, inmitten von Sesam- und Zuckerrohrfeldern. Man unterschied etwa fünfzig niedrige, kegelförmige Hütten, um welche zahlreiche schwarze Individuen hin und her wogten.

Hundert Fuß unter dem Ballon war ein Pfahl aufgerichtet, an dessen Fuß ein menschliches Wesen lag; es war ein noch junger Mann von höchstens dreißig Jahren mit langem, schwarzem Haar, halb entkleidet, abgezehrt, blutüberströmt, mit Wunden bedeckt und das Haupt auf die Brust geneigt wie Christus am Kreuze.

Eine helle runde Stelle auf seinem Kopfe deutete eine halbverwachsene Tonsur an.

»Es ist ein Missionar, ein Geistlicher! rief Joe aus.

– Der arme Unglückliche! sagte der Jäger.

– Wir retten ihn, Dick, wir retten ihn!« sprach der Doctor.

Als die Negermenge den Ballon gleich einem ungeheuren Kometen mit glänzendem Lichtschweif bemerkte, wurde sie von einem leicht erklärlichen Entsetzen ergriffen. Bei ihrem Geschrei erhob der Gefangene den Kopf, seine Augen leuchteten auf in rascher Hoffnung, und ohne noch recht zu begreifen, was vorging, streckte er seinen unverhofften Rettern beide Hände entgegen.

»Er lebt, er lebt! rief Fergusson! Gott sei gelobt! Diese Wilden sind von einem großartigen Schrecken ergriffen. Wir werden ihn retten; ihr seid bereit, meine Freunde?

– Wir sind bereit, Samuel.

– Joe, lösche das Knallgasgebläse aus.«

Der Befehl des Doctors wurde ausgeführt; eine kaum merkliche Brise trieb den Victoria langsam über den Gefangenen, während er sich zugleich durch die Zusammenziehung des Gases allmälig herabsenkte. Zehn Minuten später schwebte er inmitten der Lichtwogen. Fergusson strahlte über die Menge sein blendendes Leuchten aus, das hier und dort schnelle, intensive Lichtflecken gleichsam aus der tiefen Dunkelheit herausschnitt. Das Volk, von einer unbeschreiblichen Furcht beherrscht, verschwand in seinen Hütten, und in der Umgebung des Pfahles wurde es leer und einsam. Der Doctor hatte mit gutem Grunde auf die phantastische Erscheinung des Victoria und auf die Sonnenstrahlen, welche er in diese schwarze Dunkelheit warf, gerechnet.

Die Gondel näherte sich dem Boden. Unterdessen kehrten die Kühnsten der Neger, da sie begriffen, daß ihr Opfer ihnen entrissen werden sollte, mit großem Geschrei zurück; Kennedy ergriff seine Flinte, der Doctor befahl ihm, nicht zu schießen.

Der Priester lag auf den Knieen; er hatte nicht mehr die Kraft, sich aufrecht zu halten, und war nicht einmal an diesen Pfahl gebunden, denn seine Schwäche machte alle Fesseln überflüssig. Als die Gondel dem Boden nahe kam, warf der Jäger seine Waffe fort, umfaßte den Gefangenen und legte ihn in der Gondel nieder, genau in dem Augenblicke, in welchem Joe die zweihundert Pfund Ballast jählings herabstürzte.

Der Doctor erwartete, nun mit einer außerordentlichen Schnelligkeit emporzusteigen, aber wider alle seine Voraussicht blieb der Ballon, nachdem er sich drei bis vier Fuß über den Boden erhoben hatte, unbeweglich.

»Was hält uns zurück?« rief Fergusson erschreckt.

Einige Wilde eilten herbei, indem sie ein wüthendes Geschrei ausstießen.

»O, rief Joe, der sich über den Rand der Gondel gebogen hatte, einer dieser verdammten schwarzen Kerle hat sich unten angehängt.

– Dick! Dick! rief der Doctor, die Wasserkiste!«

Dick begriff sofort, was der Freund beabsichtigte, und stürzte eine der Wasserkisten, die ein Gewicht von über hundert Pfund hatte, über Bord.

Der Victoria, plötzlich entlastet, schnellte dreihundert Fuß in die Lüfte empor.

»Hurrah!« riefen die beiden Gefährten des Doctors.

Plötzlich schoß der Ballon von Neuem um über tausend Fuß in die Höhe.

»Was giebts denn? fragte Kennedy, der beinahe das Gleichgewicht verloren hatte.

– Nichts, der Lumpenkerl hat nur die Gondel losgelassen,« antwortete ruhig Samuel Fergusson.

Und Joe konnte, als er sich rasch hinüber neigte, noch den Wilden bemerken, der mit ausgebreiteten Armen in der Luft wirbelte und gleich darauf an der Erde zerschellte. Der Doctor entfernte nun die beiden elektrischen Drähte, und Alles fiel in sein früheres Dunkel zurück. Es war ein Uhr Morgens.

Der Franzose erwachte endlich aus seiner Ohnmacht und schlug die Augen auf.

»Sie sind gerettet, sprach der Doctor zu ihm.

– Gerettet? antwortete er auf englisch mit traurigem Lächeln, von einem martervollen Tode gerettet! ich danke euch, meine Brüder. Aber meine Tage, ja meine Stunden sogar sind gezählt, und ich habe nicht mehr viel Zeit zu leben!«

Und der Missionar fiel erschöpft in seine Ohnmacht zurück.

Er stirbt, rief Dick.

– Nein, nein, entgegnete Fergusson, sich über den Kranken neigend, aber er ist sehr schwach; wir wollen ihn unter dem Zelte betten.«

Sie richteten ein Lager von ihren Decken her, und legten den armen, blutenden Körper darauf; an mehr als zwanzig Stellen hatten Feuer und Eisen ihre grausamen Spuren an ihm zurückgelassen. Der Doctor zupfte aus einem Taschentuch Charpie, die er auf die Wunden legte, nachdem er dieselben zuvor ausgewaschen hatte; er benahm sich bei diesen Hilfsleistungen mit der Geschicklichkeit eines Arztes. Dann holte er eine herzstärkende Arznei aus seiner Apotheke und goß dem Priester einige Tropfen auf die Lippen, die dieser schwach aufeinander gepreßt hielt.

»Danke, danke,« hauchte er mit schwacher Stimme.

Fergusson sah ein, daß man ihm jetzt vollkommene Ruhe lassen müsse; er zog die Vorhänge des Zeltes zusammen und übernahm wieder das Steuer des Ballons.

Dieser war um eine Last von hundertundachtzig Pfund leichter geworden, und hielt sich in Folge dessen ohne Hilfe des Knallgasgebläses in der Luft; beim ersten Tagesstrahl trieb ihn eine sanfte Strömung nach West-Nordwesten. Fergusson betrachtete einige Augenblicke nachdenklich den im soporösen Schlafe daliegenden Priester.

»Könnten wir doch diesen Begleiter, den der Himmel uns geschickt hat, erhalten! sagte der Jäger. Hast Du Hoffnung?

– Ja, Dick! bei der gehörigen Pflege und in dieser so reinen Luft ist es vielleicht möglich.

– Wie muß dieser Mann gelitten haben! sagte Joe bewegt; er hat Kühneres als wir gethan, indem er sich allein unter diese wilden Horden begab.

– Daran ist kein Zweifel,« stimmte der Jäger bei.

Der Doctor ordnete an, daß der Schlaf des Unglücklichen den ganzen Tag über nicht gestört werden sollte; es war ein lethargisches Hindämmern, das ab und zu von einem dumpfen Stöhnen unterbrochen wurde. Fergusson konnte sich ängstlicher Besorgnisse nicht erwehren.

Gegen Abend blieb der Victoria in der Dunkelheit auf einem Fleck stehen, und Joe und Kennedy lösten sich bei dem Kranken ab, während Fergusson für die Sicherheit Aller wachte.

Am andern Morgen war der Victoria kaum ein wenig in der Richtung nach Westen vorgegangen; es schien ein klarer, herrlicher Tag werden zu wollen. Der Missionar rief seine neuen Freunde mit etwas stärkerer Stimme heran. Man zog die Vorhänge des Zeltes zurück, und er athmete mit Behagen die frische Morgenluft ein.

»Wie befinden Sie sich? fragte Fergusson.

– Vielleicht besser, antwortete er; aber euch, meine Freunde, habe ich bis jetzt erst im Traume gesehen! Kaum kann ich mir von dem, was vorgegangen, Rechenschaft ablegen! Wer seid ihr, damit ich eurer in meinem letzten Gebet gedenken kann?

– Wir sind englische Reisende, antwortete Samuel; wir haben den Versuch gemacht, Afrika im Ballon zu bereisen, und während unserer Fahrt das Glück gehabt, Sie zu retten.

– Die Wissenschaft hat ihre Helden, sagte der Missionar.

– Aber die Religion ihre Märtyrer, versetzte der Schotte.

– Sie sind Missionar? fragte der Doctor.

– Ich bin ein Missionsprediger der Lazaristen. Gott hat euch mir gesandt, er sei dafür gepriesen! das Opfer meines Lebens war gebracht! – Aber ihr kommt von dem heimatlichen Erdtheil, erzählt mir, bitte, von Europa, von Frankreich! ich bin seit fünf Jahren ohne jede Nachricht.

– Fünf Jahre sind Sie allein unter diesen Wilden gewesen? rief Kennedy.

– Es sind heilsbedürftige Seelen, sagte der junge Priester, Barbaren und unwissende Mitbrüder, welche die Religion allein zu unterrichten und zu civilisiren vermag.«

Samuel Fergusson erzählte lange, um dem Wunsche des Missionars zu entsprechen, von Frankreich.

Dieser hörte ihm begierig zu, und Thränen entströmten seinen Augen. Der arme junge Mann nahm abwechselnd Kennedy’s und Joe’s Hände in die seinigen, die von Fieberhitze brannten; der Doctor bereitete ihm einige Tassen Thee, die er mit sichtlichem Wohlbehagen trank; er hatte jetzt so viel Kraft, sich ein wenig aufzurichten und zu lächeln, als er sich in diese so reine Himmelsluft emporgetragen sah.

»Ihr seid kühne Reisende, sagte er, und euer gewagtes Unternehmen wird euch gelingen; ihr werdet eure Verwandten, eure Freunde, euer Vaterland wiedersehen! …«

Die Schwäche des jungen Missionars wurde wieder so groß, daß er sich von Neuem niederlegen mußte; Fergusson hielt ihn einige Stunden wie todt in den Armen. Er konnte seine Rührung nicht beherrschen, als er fühlte, wie dies Leben entrann; sollten sie so schnell ihn, den sie der Todesstrafe entrissen hatten wieder verlieren? Er verband abermals die entsetzlichen Wunden des Märtyrers und mußte den größten Theil seines Wasservorraths opfern, um die armen, fieberheißen Glieder zu erfrischen. Er widmete dem Kranken die zärtlichste, einsichtsvollste Pflege, und unter seinen Händen kam derselbe allmälig wieder zu sich und gewann die Besinnung, wenn nicht das Leben wieder.

Aus den abgebrochenen Worten des Geistlichen entnahm der Doctor seine Geschichte.

»Sprechen Sie in Ihrer Muttersprache, hatte er zu ihm gesagt, ich verstehe sie, und es wird weniger angreifend für Sie sein.«

Der Missionar war ein armer junger Mann aus Aradon, einem Dorfe in der Bretagne im Departement Morbihan; seine Neigung zog ihn schon früh zum kirchlichen Beruf. Mit einem Leben der Entsagung wollte er noch das Leben der Gefahr verbinden, und trat in den Orden der Missionspriester ein, dessen ruhmreicher Stifter Vincenz de Paula war; im Alter von zwanzig Jahren verließ er sein Vaterland, um es mit den ungastlichen Küsten Afrika’s zu vertauschen, und von dort rückte er, alle Hindernisse überwindend, den Entbehrungen Trotz bietend, wandernd und betend allmälig bis zu jenen Völkerschaften vor, die an den Zuflüssen des obern Nil wohnen; zwei Jahre lang wurde seine Religion zurückgewiesen, sein Eifer verkannt, seine christliche Liebe mißdeutet; er wurde als Gefangener bei einem der grausamsten Völkerstämme Nyambarra’s zurückgehalten und tausend Mißhandlungen preisgegeben, aber nie ermüdete er zu lehren, zu unterweisen und zu beten. Dieser Volksstamm wurde in einem der in diesen Gegenden so häufigen Kämpfe auseinandergesprengt und zerstreut, und er selber als todt zurückgelassen. Aber anstatt jetzt dahin zurückzukehren, woher er gekommen, setzte er seine evangelische Pilgerfahrt fort. Seine friedlichste Zeit war die gewesen, in der man ihn für einen Narren hielt; er hatte sich mit den Mundarten dieser Landstriche vertraut gemacht und katechisirte fortwährend. So durchstreifte er noch zwei lange Jahre diese barbarischen Gegenden, von jener übermenschlichen Kraft getrieben, die nur Gott verleihen kann. Seit einem Jahre etwa verweilte er unter dem »Barafri« genannten Stamme der Nyam-Nyam, einer der wildesten Völkerschaften Afrika’s. Der Häuptling war vor einigen Tagen gestorben, und da man dem Missionar die Schuld an diesem unerwarteten Tode beimaß, beschloß man, ihn zu opfern. Seine Marter hatte schon vierzig Stunden lang gewährt; er sollte, wie der Doctor vermuthet hatte, um die nächste Mittagsstunde sterben.

Als er das Krachen der Feuerwaffen hörte, riß ihn die Liebe zum Leben fort: »Zu Hilfe! zu Hilfe!« rief er, und glaubte geträumt zu haben, als eine vom Himmel kommende Stimme ihm Worte des Trostes sandte.

»Ich bedaure nicht mein dahinschwindendes Leben, fügte er hinzu; es ist Gottes Eigenthum!

– Hoffen Sie noch, tröstete der Doctor, wir sind bei Ihnen und werden Sie vom Tode erretten, wie wir Sie der Marter entrissen haben.

– Ich bitte den Himmel nicht darum, entgegnete der Priester ergebungsvoll; gesegnet sei Gott, der mir vor meinem Tode das Glück gewährt hat, noch einmal die Sprache meines Vaterlandes zu hören und Freundeshände zu drücken.«

Der Missionar wurde wieder von seiner Schwäche übermannt. So verging der Tag zwischen Hoffnung und Furcht; Kennedy war sehr bewegt, und auch Joe trocknete sich wiederholt die Augen.

Der Victoria trieb nur langsam vorwärts; der Wind schien seine kostbare Last schonen zu wollen.

Gegen Abend signalisirte Joe einen ungeheuren Lichtschein im Westen. Unter einer höhern Breite hätte man dies Phänomen für ein großes Nordlicht halten können, der Himmel schien in Flammen zu stehen. Der Doctor untersuchte diese Naturerscheinung mit äußerster Aufmerksamkeit.

»Es kann nur ein feuerspeiender Berg in Thätigkeit sein, sagte er.

– Aber der Wind trägt uns dorthin, versetzte Kennedy.

– Nun, so werden wir in einer beruhigenden Höhe darüber hinwegsegeln.«

Drei Stunden später befand sich der Ballon über den Bergen, unter der genauen Lage von 24° 15′ L. und 4° 42′ Br.; vor ihm ergoß ein entzündeter Krater Ströme flüssiger Lava und schleuderte glühende Felsstücke hoch empor; in blendenden Cascaden stürzten sich Bäche fließenden Feuers herab.

Ein prächtiges, aber zugleich gefährliches Schauspiel, denn der Wind trug in beständiger Richtung den Ballon nach dieser in Feuersbrunst stehenden Atmosphäre hin.

Da der Vulkan ein Hinderniß war, das man nicht umgehen konnte, so mußte man es übersteigen. Das Knallgasgebläse wirkte mit voller Flamme, und der Victoria gelangte in eine Höhe von sechstausend Fuß, indem er zwischen sich und dem Vulkan einen Raum von über dreihundert Toisen ließ.

Der sterbende Priester betrachtete von seinem Schmerzenslager aus den feurigen Krater, von dem unter Donnerkrachen tausend blendendrothe Flammengarben emporstoben.

»Wie schön ist das, sagte er, und wie unendlich groß ist Gottes Macht sogar in den furchtbarsten Naturerscheinungen!«

Der Lavastrom umzog die Seiten des Berges wie mit einem Flammenteppich; die untere Halbkugel des Ballons warf den Feuerschein durch das Dunkel der einbrechenden Nacht in hellem Glanze zurück; eine fast sengende Gluth stieg bis zur Gondel empor, und Doctor Fergusson that, was in seinen Kräften stand, dieser gefährlichen Lage zu entfliehen.

Gegen zehn Uhr Abends war der Berg nur noch als rother Punkt am Horizont sichtbar, und der Victoria setzte ruhig seine Reise in einer minder hohen Zone fort.

Dreiundzwanzigstes Capitel

Dreiundzwanzigstes Capitel

Joe’s Zorn. – Der Tod eines Gerechten. – Die Leichenwache. – Trockenheit. – Das Begräbniß. – Die Quarzblöcke. – Joe in Verzückung. – Kostbarer Ballast. – Aufnahme der Goldberge. – Joe’s Verzweiflung beginnt.

Eine prachtvolle Nacht breitete sich über der Erde aus; der Missionar schlief im Zustande größter Entkräftung.

»Er wird nicht wieder genesen, sagte Joe. Der arme Mann! er kann kaum dreißig Jahre alt sein!

– Er wird in unsern Armen verscheiden, begann der Doctor; auch er war ohne alle Hoffnung. Sein Athem wird schwächer und schwächer, und ich vermag nichts zu seiner Rettung zu thun.

– Die schändlichen Kerle, rief Joe, den bisweilen solche Ausbrüche plötzlichen Zorns erfaßten; und dabei findet dieser würdige Gottesmann noch Worte, sie zu entschuldigen und zu beklagen; ja, er verzeiht ihnen sogar!

– Der Himmel sendet ihm noch eine schöne Nacht, Joe, vielleicht seine letzte. Er wird, denke ich, nicht mehr viel zu leiden haben, sondern sanft und friedlich einschlummern.«

Der Sterbende sprach einige abgebrochene Worte, und der Doctor trat näher zu ihm heran. Der Kranke klagte über Mangel an Athem und verlangte mehr Luft. Es wurden die Vorhänge des Zeltes bei Seite gezogen, und er sog mit Entzücken die köstliche, milde Nachtluft ein. Die Sterne sandten ihm ihr freundliches, zitterndes Licht, und der Mond hüllte ihn in das weiße Leichentuch seiner Strahlen.

»Meine Freunde, sagte er mit schwacher Stimme, ich scheide! Möge Gott, der das Gute belohnt, euch zum sichern Hafen geleiten und meine Wünsche für euch erfüllen.

– Geben Sie nicht alle Hoffnung auf, versetzte Kennedy; Sie haben jetzt nur einen vorübergehenden Schwächeanfall, aber der Tod kommt noch nicht. Kann man sterben in solch‘ herrlicher Sommernacht?

– Der Tod ist da, erwiderte der Missionar; laßt mich ihm gefaßt in’s Auge sehen. Der Tod ist nur der Anfang der Ewigkeit und das Ende aller irdischen Sorgen. Helft mir, daß ich niederknieen kann, meine Brüder, ich bitte euch.«

Kennedy richtete ihn auf; es war ein jammervoller Anblick zu sehen, wie seine hilflosen Glieder unter ihm zusammenbrachen.

»Mein Gott! mein Gott! rief der sterbende Apostel, erbarme Dich meiner!«

Sein Gesicht leuchtete wie in überirdischem Glanze. Fern von der Erde, deren Freuden er niemals gekannt, mitten in der Nacht, die ihm ihr mildes Licht spendete, auf dem Wege zu jenem Himmel, dem er sich wie in wundersamer Himmelfahrt näherte, schien er schon jetzt in ein neues Leben einzugehen.

Seine letzte Geberde war eine Bewegung des Segens für seine neuen Freunde; dann fiel er in die Arme Kennedy’s zurück, dessen Antlitz von Thränen überströmt war.

»Todt! sagte der Doctor, indem er sich über ihn neigte; todt!«

Und einmüthig knieten die Freunde nieder, um schweigend zu beten.

»Morgen früh, begann sodann Fergusson, wollen wir ihn in dieser, mit seinem Blut getränkten Erde Afrika’s begraben.«

Der Doctor, Kennedy und Joe hielten während des übrigen Theiles der Nacht abwechselnd bei der Leiche Wache, und nicht ein Wort störte das ehrfurchtsvolle, fromme Schweigen ringsumher. –

Am folgenden Morgen wehte der Wind von Süden, und der Victoria segelte ziemlich langsam über ein wüstes Gebirgsplateau hinweg; hier zeigten sich ausgebrannte Krater, dort tiefe Schluchten, aber nirgend auch nur ein Tropfen Wasser. Die dürren Bergkämme sowohl, wie die aufgethürmten Felsen, erratischen Blöcke und weißlichen Mergelgruben verkündeten die äußerste Unfruchtbarkeit.

Der Doctor beschloß, in eine Schlucht inmitten plutonischer Felsen primitiver Formation hinabzusteigen, um das Begräbniß vorzunehmen. Die umgebenden Berge sollten den Ballon vor Winden schützen und so die Möglichkeit gewähren, ihn bis auf den Erdboden herabzulassen; denn es fand sich kein Baum, der dem Anker hätte einen Anhaltspunkt bieten können.

In Folge des Ballastverlustes bei der Entführung des Missionars, konnte das Luftschiff jedoch nur fallen, wenn es eine verhältnißmäßige Menge Gas entweichen ließ. Fergusson öffnete also die Klappe des Ballons, der Wasserstoff entwich zischend, und der Victoria senkte sich in die Schlucht hinab.

Sobald die Gondel die Erde berührte, schloß der Doctor die Klappe; Joe sprang, indem er sich mit einer Hand am Rande der Gondel festhielt, auf die Erde, und sammelte mit der andern eine gehörige Zahl Steine auf, damit diese sein eigenes Gewicht ersetzen sollten. Nun konnte er seine beiden Hände gebrauchen, und hatte bald über fünfhundert Pfund Steine in der Gondel aufgehäuft, so daß auch der Doctor und Kennedy aussteigen konnten. Der Victoria befand sich jetzt im Gleichgewicht, und seine emportreibende Kraft war nicht mächtig genug, ihn zu entführen.

Uebrigens bedurfte man, da die verwendeten Steine von außerordentlicher Schwere waren, keiner sehr großen Menge hierzu.

Dieser Umstand war so auffallend, daß Fergusson’s Aufmerksamkeit darauf hingelenkt wurde, und er das Mineral einer näheren Besichtigung würdigte. Der Boden war rings mit Quarz und porphyrhaltigen Felsstücken besäet.

»Eine sonderbare Entdeckung,« murmelte der Doctor.

Unterdessen gingen Kennedy und Joe einige Schritte, um den Platz für das Grab zu wählen. Es herrschte eine glühende Hitze wie in einem ungeheuren Schmelzofen in dieser Schlucht, die sich kesselförmig einsenkte. Die Mittagssonne ließ eben jetzt senkrecht ihre brennenden Strahlen hineinfallen.

Zunächst mußte man den Boden von den Felsstücken und dem Geröll, das ihn bedeckte, reinigen, und dann wurde eine ziemlich tiefe Grube ausgehöhlt, damit der Leichnam nicht durch wilde Thiere ausgegraben werden könne.

Nun wurde die sterbliche Hülle des Märtyrers ehrfurchtsvoll hineingebettet, das Grab mit Erde gefüllt und dicke Felsstücke darüber zu einem Denkmal gethürmt.

Der Doctor stand während der ganzen Zeit unbeweglich und in seine Betrachtungen versunken daneben. Er hörte nicht auf den Zuruf seiner Gefährten, und suchte nicht wie sie Schutz gegen die Hitze des Tages.

»Woran denkst Du? fragte ihn Kennedy.

– An einen seltsamen Contrast der Natur, ein wunderbares Spiel des Zufalls; wißt ihr, in was für Erde dieser Mann der Entsagung, dieses edle Herz begraben liegt?

– Was meinst Du damit? forschte abermals der Schotte.

– Dieser Priester, der das Gelübde der Armuth abgelegt, ruht hier in einer Goldmine.

– In einer Goldmine? riefen Joe und Kennedy in höchstem Staunen.

– In einer Goldmine, bestätigte mit größter Sicherheit der Doctor. Diese Blöcke, die ihr wie werthlose Steine mit den Füßen bei Seite stoßt, sind Erz von schönster Reinheit.

– Unmöglich! Unmöglich! begann Joe wieder.

– Ihr würdet zwischen diesen Schieferplatten nicht lange suchen, ohne bedeutende Goldklumpen anzutreffen.«

Joe stürzte wie närrisch auf die zerstreut umherliegenden Stücke zu, und Kennedy zeigte eine nicht viel geringere Aufregung.

»Beruhige Dich, mein guter Joe, sprach Fergusson.

– Herr Doctor, Sie bleiben dabei so kalt!

– Wie! ein Philosoph Deines Schlages ….

– Ach! dagegen hält keine Philosophie Stand.

– Aber überlege Dir’s doch; was nützt uns all‘ dieser Reichthum? Wir können ihn nicht mit uns nehmen.

– Wie? nicht mitnehmen? das wäre doch ….

– Die Last ist etwas schwer für unsere Gondel! ich trug sogar Bedenken, Dir diese Entdeckung mitzutheilen, aus Furcht, Dein Bedauern rege zu machen.

– Wir sollen diese Schätze im Stich lassen? ein großes Vermögen, das rechtmäßig uns gehört, preisgeben?

– Nimm Dich in Acht, guter Freund; packt Dich etwa das Goldfieber? Hat Dich dieser Todte, den Du so eben der Erde übergeben hast, nicht über die Eitelkeit weltlicher Schätze belehrt?

– Das ist Alles wahr, erwiderte Joe; aber doch – dies Gold! – Herr Kennedy, möchten Sie nicht auch ein paar Millionen von hier mit fort nehmen?

– Was sollen wir machen, mein armer Joe? antwortete der Jäger, der sich eines Lächelns nicht erwehren konnte. Wir sind nun einmal nicht hierher gegangen, um Schätze zu suchen, und so werden wir auch keine heimbringen.

– Die Millionen dort sind ziemlich schwer, fügte der Doctor hinzu, und man kann sie nicht so leicht in die Tasche stecken.

– Aber können wir nicht vielleicht anstatt des Sandes dies Erz als Ballast mitnehmen?

– Nun, das will ich gestatten, sagte Fergusson. Du darfst aber kein zu böses Gesicht machen, wenn wir einige hundert Pfund über Bord werfen müssen.

– Einige hundert Pfund! sprach Joe ihm nach, kann denn das Alles Gold sein?

– Ja, mein Lieber; es ist dies ein Becken, in welchem die Natur seit Jahrtausenden ihre Schätze aufgehäuft hat. Man könnte ganze Länder damit bereichern. Es finden sich hier tief in der Wüste Californien und Australien mit einander vereinigt!

– Und das Alles soll hier ohne jeden Nutzen liegen bleiben?

– Vielleicht! etwas aber kann ich Dir zu Deinem Troste mittheilen.

– Schwerlich, meinte Joe sehr niedergeschlagen.

– Höre nur; ich werde die genaue Lage dieses Flecks aufnehmen, und bei Deiner Rückkehr nach England kannst Du Deine Mitbürger davon in Kenntniß setzen, wenn Du glaubst, daß so viel Gold ihr Glück machen kann.

– Nun, Herr Doctor, ich sehe wohl, daß Sie Recht haben, und ergebe mich darein, weil es nun einmal nicht anders sein kann. Aber unsere Gondel wollen mir wenigstens mit diesem kostbaren Erz füllen; was dann am Ende unserer Reise davon übrig ist, können mir als reinen Verdienst betrachten.«

Und Joe machte sich an’s Werk; er arbeitete aus allen Kräften, und hatte bald etwa tausend Pfund von jenen Quarzstücken angehäuft, in denen das Gold eingeschlossen ruht wie in einem Gangstein von großer Härte.

Der Doctor sah lächelnd mit an, wie er ein Stück nach dem andern in die Gondel trug; er selbst nahm indessen die Besichtigung der Höhen vor, und fand als genaue Angabe für die Lage des Grabes 22° 23′ L. und 4° 55′ nördlicher Breite.

Sodann warf Fergusson noch einen Blick auf den Steinhügel, unter welchem die sterbliche Hülle des armen Franzosen ruhte, und kehrte zur Gondel zurück. Gern hätte er ein einfaches Kreuz auf diesem einsamen Grabe inmitten der afrikanischen Wüste errichtet, aber weit und breit war kein Baum zu erblicken.

»Gott wird es auch ohne das nicht vergessen,« dachte er.

Des Doctors Geist war von einer schweren Sorge erfüllt; er würde gern all‘ dies Gold hingegeben haben, wenn er nur ein wenig Wasser hätte finden können. Die Wasserkiste, welche er, um aus dem Bereich der Neger zu kommen, fortgeworfen hatte, war noch nicht ersetzt worden, und auf diesem dürren, unfruchtbaren Boden durfte er nicht an die Möglichkeit hiezu denken. Da er unaufhörlich das Knallgasgebläse mit Wasser zu speisen hatte, mußte er jetzt schon mit dem Trinkwasser kargen, und er nahm sich fest vor, so viel wie möglich nach einer Gelegenheit zur Erneuerung seines Vorraths auszuspähen.

Als er auf die Gondel zuschritt, fand er sie von dem habgierigen Joe stark mit Steinen beschwert; er stieg indessen hinein, ohne ein Wort darüber zu sagen, und auch der Schotte nahm seinen gewöhnlichen Platz ein. Joe folgte ihnen, nicht ohne einen begehrlichen Blick auf die noch ungehobenen Schätze der Schlucht zu werfen.

Fergusson zündete sein Knallgasgebläse an, das Schlangenrohr erhitzte sich, der Wasserstoffstrom wurde in wenigen Minuten hergestellt, und das Gas dehnte sich aus, aber – der Ballon rührte sich nicht.

Joe bemerkte dies Alles nicht ohne Unruhe, sagte aber kein Wort.

»Joe,« sagte der Doctor.

Joe antwortete nicht.

»Joe, hörst Du?«

Joe gab zu verstehen, daß er wohl höre, aber nicht verstehen wolle.

»Du wirst wohl so gut sein müssen, eine gewisse Menge von diesem Erz wieder auf den Erdboden zu werfen.

– Aber Herr Doctor, Sie haben mir doch erlaubt…

– Ich habe Dir erlaubt, daß Du den Ballast ersetzen durftest, weiter nichts.

– Aber…

– Sollen wir denn ewig in dieser Wüste bleiben?« Joe warf einen Blick der Verzweiflung auf Kennedy, aber dieser sah aus wie ein Mann, der nicht im Stande ist, gegen das Schicksal anzukämpfen.

»Nun, Joe?

– Ihr Knallgasgebläse arbeitet wohl nicht? fragte der Eigensinnige.

– Du siehst es ja, aber der Ballon wird sich erst heben, wenn Du ihm etwas Ballast abgenommen hast.«

Joe kratzte sich hinter den Ohren, nahm ein Stück Quarz, das kleinste von Allen, wog es einmal, dann noch einmal, ließ es in den Händen springen (es hatte ein Gewicht von drei bis vier Pfund) und warf es fort.

Der Victoria rührte sich nicht.

»Nun, meinte er, wir steigen noch immer nicht?

– Wie Du siehst; fahre nur fort.«

Kennedy lachte, und Joe entschloß sich, noch etwa zehn Pfund zu opfern. Der Ballon blieb trotzdem unbeweglich. Joe erblaßte.

»Mein armer Junge, sagte Fergusson nun. Dick, Du und ich, wir wiegen zusammen, wenn ich nicht irre, vierhundert Pfund; Du mußt also mindestens ebensoviel hinausspediren, da erst dies Gewicht dem unserigen gleichkommt.

– Vierhundert Pfund soll ich fortwerfen! rief Joe kläglich.

– Und noch etwas dazu, damit wir steigen können. Faß Dir ein Herz, Joe.«

Der brave Bursche seufzte tief auf, aber er begann, den Ballon zu entlasten. Von Zeit zu Zeit hielt er zögernd inne:

»Jetzt werden wir steigen, Herr Doctor.

– Nein, wir steigen noch nicht! war die stete Erwiderung.

– Ich glaube, er rührt sich.

– Nur weiter!

– Er steigt! ganz gewiß, er steigt!

– Fahre nur immer fort.«

Da ergriff Joe verzweiflungsvoll einen letzten Block und warf ihn aus der Gondel; und sieh, der Victoria hob sich um etwa hundert Fuß, und schwebte, mit Unterstützung des Knallgasgebläses, bald über die umliegenden Berghöhen hinweg.

»Nun, Joe, wenn es uns gelingt, diesen Vorrath von Erz mit nach Hause zu bringen, so bleibt Dir noch immer ein großes Vermögen, und Du bist für den Rest Deiner Tage ein reicher Mann.«

Joe antwortete nichts auf diese Trostworte des Doctors; er streckte sich warm und weich auf sein Bett von Erz.

»Sieh, mein lieber Dick, bemerkte Fergusson, was dieses Metall selbst auf den besten Menschen für eine unheilvolle Macht ausübt. Wie viel Leidenschaften, Begierden und Verbrechen würde die Kenntniß von einer solchen Goldmine an den Tag rufen! es ist ein trüber Gedanke.«

Am Abend dieses Tages war der Victoria um neunzig Meilen nach Westen vorgedrungen; er befand sich jetzt – in gerader Linie gerechnet – vierzehnhundert Meilen von Zanzibar entfernt.