Achtunddreißigstes Capitel

Achtunddreißigstes Capitel

Rasche Fahrt. – Vorsichtige Entschließungen. – Karawanen. – Beständige Regengüsse. – Gao – Der Niger. – Golberry, Geoffroy, Gray. – Mungo-Park. – Laing. – René Caillié. – Clapperton. – John und Richard Lander.

Der Tag des 17. Mai verging ruhig und ohne jeden Zwischenfall; die Wüste begann von Neuem; ein Wind mittlerer Stärke führte den Victoria nach Südwesten; dieser wich weder nach rechts noch nach links ab, und sein Schatten zog auf dem Sande eine strenggerade Linie.

Der Doctor hatte vor seinem Aufbruch der Vorsicht halber die Wasserkisten frisch gefüllt; er fürchtete, in diesen, von den Auelimminianischen Tuaregs unsicher gemachten Gegenden nicht landen zu können. Das Plateau, welches sich achtzehnhundert Fuß über dem Meeresspiegel erhob, fiel nach Süden hin ab. Nachdem die Reisenden die oft von Kameelen beschrittene Straße von Aghades nach Murfuk gekreuzt hatten, befanden sie sich Abends, nach einer Fahrt von hundertundachtzig Meilen, über einem äußerst monotonen Landstrich, unter 16° Br. und 4°55′ L.

Während dieses Tages richtete Joe die letzten Stücke Wildpret, die bis jetzt nur eine sehr summarische Vorbereitung erhalten, zu. Es waren sehr appetitliche Becassinen, die er zum Abendbrod auftrug. Da der Wind günstig war, und der Mond mit seinem bleichen Schimmer die Nacht erleuchtete, beschloß der Doctor, seine Reise nicht zu unterbrechen, ließ den Victoria fünfhundert Fuß steigen, und nun zog dieser so ruhig dahin, daß selbst der leichte Schlaf eines Kindes in ihm nicht gestört worden wäre.

Sonntag Morgen zeigte sich eine neue Veränderung in der Windrichtung; der Victoria trieb nach Nordwesten; einige Raben flogen in der Luft, und am Horizont sah man eine Schaar Geier, die sich aber glücklicher Weise in respectabler Ferne hielten.

Der Anblick dieser Vögel veranlaßte Joe, seinen Herrn in Betreff der neuen Balloneinrichtung zu beglückwünschen.

»Wo wären wir jetzt, wenn der Victoria nur die eine Hülle gehabt hätte? sagte er. Dieser zweite Ballon ist wie die Schaluppe bei einem Schiff; im Fall des Schiffbruchs kann man sie zur Rettung benutzen.

– Du hast Recht, Joe; nur macht mir meine neue Schaluppe einige Sorge; sie kommt dem Schiffe nicht gleich.

– Was willst Du damit sagen? fragte Kennedy.

– Ich meine, der neue Victoria steht an Güte gegen den alten zurück. Mag nun das Gewebe etwas gelitten haben, oder das Guttapercha bei der Hitze des Schlangenrohrs geschmolzen sein, ich constatire einen gewissen Gasverlust, der zwar bis jetzt nicht erheblich, aber doch schon wahrnehmbar ist. Der Ballon zeigt Neigung zu fallen, und um ihn oben zu halten, muß ich das Wasserstoffgas mehr ausdehnen.

– Verdammt!, fluchte Kennedy, es wird dafür kaum eine Abhilfe geben.

– Leider nein, lieber Dick; wir würden darum gut thun, auch die Nacht zu reisen, um Aufenthalt zu vermeiden.

– Sind wir noch weit von der Küste entfernt?, fragte Joe.

– Von welcher Küste, mein Junge? Wissen wir denn, wohin der Zufall uns führen wird? Ich kann Dir nur sagen, daß Timbuktu noch vierhundert Meilen nach Westen zu liegt.

– Und wie viel Zeit werden wir gebrauchen, um dorthin zu gelangen?

– Wenn der Wind uns nicht zu weit verschlägt, denke ich dort Dienstag Abend anzukommen.

– Jedenfalls treffen wir dort eher ein, als diese Karawane,« bemerkte Joe.

Fergusson und Kennedy schauten herab und sahen einen langen Zug von Menschen und Thieren, der sich durch die Wüste hinwand; es waren über hundertundfünfzig Kameele von jener Art, die für zwölf Muttals Gold mit einer Last von fünfhundert Pfund auf dem Rücken von Timbuktu nach Tafilet wandern; Jedes trug unter dem Schwanze einen kleinen Sack, der dazu bestimmt war, seine Excremente aufzunehmen; das einzige Brennmaterial, auf welches man in der Wüste rechnen kann.

Diese Kameele der Tuaregs gehören der besten Species an; sie können drei bis sieben Tage, ohne zu trinken, und zwei Tage, ohne zu fressen, ausdauern; ihre Schnelligkeit übertrifft sogar die der Pferde, und verständnißvoll gehorchen sie der Stimme des Khabir (Karawanenführers). Die Kameele sind im Lande unter dem Namen »Mehari« bekannt.

Diese Einzelheiten theilte der Doctor seinen Begleitern mit, während man die lange Linie von Männern, Frauen und Kindern vorüberziehen sah, die mühsam auf dem halbbeweglichen Sande vorwärts glitten. Einige Disteln, vertrocknete Gräser und hier und da ein kümmerliches Gesträuch verliehen dem Boden kaum einige Festigkeit. Der Wind verwischte fast augenblicklich wieder die Spur der Tritte.

Joe erkundigte sich, wie die Araber ihre Richtung in der Wüste bestimmen können, um die in dieser unendlichen Einöde verstreuten Brunnen nicht zu verfehlen.

»Die Araber, erklärte Fergusson, haben von der Natur einen vorzüglichen Sinn dafür erhalten, ihre Straße zu recognosciren; da, wo ein Europäer sich nicht zu orientiren weiß, schwanken sie nicht einmal; ein unbedeutender Stein, ein Kiesel, ein Grasbüschel, ja schon die verschiedene Nüancirung des Sandes genügt ihnen, um sicher ihrem Ziel zuzuschreiten.

Während der Nacht richten sie sich nach dem Polarstern; sie machen übrigens nie mehr als zwei Meilen in der Stunde, und ruhen während der Mittagshitze; hiernach könnt ihr euch vorstellen, eine wie lange Zeit sie brauchen, um die Sahara, eine Wüste von über neunhundert Meilen, zu durchreisen.«

Der Victoria war jetzt längst den erstaunten Augen der Araber entschwunden, denen seine Schnelligkeit gewiß beneidenswerth erschien. Am Abend zog der Ballon unter 2°20′ L. vorüber, und während der Nacht überschritt er noch mehr als einen Grad.

Am Montag ging eine totale Aenderung des Wetters vor sich; der Regen begann mit großer Heftigkeit herabzuströmen. Man mußte dieser Fluth und der Gewichtsvermehrung, mit der sie den Ballon und die Gondel belastete, Einhalt thun. Der fortwährende Regen gab eine genügende Erklärung von den Sümpfen, die das Land überall erfüllten; die Vegetation bestand auch hier hauptsächlich aus Mimosen, Baobabs und Tamarinden.

Hier lag das Gebiet von Sonray, dessen Dörfer durch die sonderbare Gestalt ihrer Hüttendächer einen so sonderbaren Anblick gewähren. Die Wohnungen sehen aus, als habe man ihnen armenische Hüte aufgestülpt. Es erhoben sich nur wenig Berge, und nur eben Hügel genug, als nöthig waren, um Schluchten und Weiher für die große Masse Perlhühner und Becassinen zu bilden, die hier zu finden sind. Ab und zu durchschnitt in ungestümem Laufe ein Strom die Straßen, der durch die Eingeborenen überschritten wurde, indem sie sich an einer Liane hielten, die an Bäumen herüber und hinüber gespannt war. Statt der Wälder sah man Dschungeln, in denen Alligatoren, Nilpferde und Nashörner ihre Schlupfwinkel suchten.

»Bald werden wir den Niger erreicht haben, sagte der Doctor, die Landschaft nimmt in der Nähe großer Flüsse eine andere Gestalt an. Diese Wasserstraßen haben zuerst die Vegetation hervorgerufen, wie sie später auch die Civilisation hierher bringen werden. So hat der Niger, in seinem Lauf von zweitausendfünfhundert Meilen, an seinen Ufern die wichtigsten Städte Afrika’s.

– Halt, schob hier Joe ein, das erinnert mich an die Geschichte von jenem Schlaukopf, der die Weisheit der Vorsehung besonders darin bewunderte, daß sie die großen Flüsse gerade durch die Städte geführt habe!

Am Mittag segelte der Victoria über die ehemalige Hauptstadt Gao hinweg; jetzt zeigt sie nur noch eine Vereinigung armseliger Hütten, und bildet einen kleinen Marktflecken.

»Dort setzte Barth bei seiner Rückkehr aus Timbuktu über den Niger, erzählte Fergusson, es ist dies der bereits im Alterthum bekannte Fluß, der Nebenbuhler des Nil, dem der heidnische Glaube einen himmlischen Ursprung gab; wie dieser hat er die Aufmerksamkeit der Geographen aller Zeiten in Anspruch genommen; und seine Erforschung hat noch zahlreichere Opfer gekostet als jener.«

Der Niger floß zwischen zwei weit von einander gelegenen Ufern dahin; seine Gewässer rollten mit großer Gewalt dem Süden zu, aber die Reisenden konnten die merkwürdigen Linien seines Laufs nicht näher besichtigen, sie wurden im Fluge weiter getragen.

»Ich wollte euch von diesem Strome sprechen, und schon ist er uns fern gerückt! Unter den Namen des Dhiuleba, Mano, Egghirreu, Quorra und anderen mehr durchfließt er eine ungeheure Länderstrecke, und kann es an Länge fast mit dem Nil aufnehmen. All‘ diese Namen bedeuten schlechtweg »Strom«, je nach der Sprache der verschiedenen Länder, durch welche er fließt.

– Hat Doctor Barth diese Straße verfolgt?, fragte Kennedy.

– Nein, Dick; als er den Tschad-See verließ, reiste er durch die hauptsächlichsten Städte von Bornu und durchschnitt den Niger bei Say, vier Grad südlich von Gao; dann drang er in das Innere jener unerforschten Gegenden, die der Niger in seinem Bogenlaufe umschließt, und gelangte nach achtmonatlichen, neuen Strapazen nach Timbuktu. Diese Reise werden wir bei günstigem Winde in drei Tagen vollenden.

– Hat man die Quellen des Niger entdeckt?, fragte Joe.

– Seit lange schon. Die Erforschung des Niger und seiner Nebenflüsse hat zahlreiche Entdeckungsreisen veranlaßt, von denen ich nur die hauptsächlichsten nennen will. Von 1749 bis 1758 bereist Adamson das Flußgebiet und besucht Gorée; von 1785 bis 1788 durchstreifen Golberry und Geoffroy die Wüsten Senegambiens und kommen bis zu dem Lande der Mauren, die Saugnier, Brisson, Adam, Riley, Cochelet und so viele andere Unglückliche ermordeten. Dann folgt der berühmte Mungo-Park, ein Freund Walter Scott’s, und wie dieser ein Schotte. Er wurde im Jahre 1795 von der afrikanischen Gesellschaft zu London abgesandt, erreicht Bambarra, sieht den Niger, macht in Gesellschaft eines Sklavenhändlers fünfhundert Meilen, recognoscirt den Gambia und kehrt im Jahre 1797 nach England zurück.

Am 30. Januar 1805 reist er mit seinem Schwager Anderson, dem Zeichner Scott und einer Schaar Handwerker wieder ab, kommt in Gorée an, nimmt sich eine Verstärkung von fünfunddreißig Soldaten, sieht am 19. August den Niger wieder, aber von vierzig Europäern bleiben in Folge der übermenschlichen Anstrengungen, Entbehrungen, Mißhandlungen, der Ungunst des Himmels, und der ungesunden Ausdünstungen des Landes nur noch elf am Leben; am 16. November gelangten die letzten Briefe Mungo-Park’s an seine Frau, und ein Jahr später erfuhr man durch einen Handelsmann dieses Landes, daß der unglückliche Reisende am 23. December in Bussa am Niger angekommen, seine Barke von den Katarakten des Stromes umgestürzt, und er selbst von den Eingeborenen ermordet sei.

– Und dies schreckliche Ende hielt die Forscher nicht zurück?

– Im Gegentheil, Dick; denn jetzt hatte man nicht nur den Fluß zu recognosciren, sondern auch die Briefschaften und Notizen des Reisenden aufzusuchen. Im Jahr 1816 wird zu London eine Expedition organisirt, an welcher sich Major Gray betheiligt; diese kommt in das Senegal, dringt nach Futa- Dhiallon, besucht die Völkerschaften der Fulahs und Mandingos und kehrt ohne weiteres Ergebniß nach England zurück. Im Jahre 1822 erforscht Major Laing jenen ganzen Theil des westlichen Afrika, der den englischen Besitzungen benachbart liegt, und erwirbt den Ruhm, zuerst an die Quellen des Niger gelangt zu sein; nach seinen Angaben hat die Quelle dieses Riesenflusses kaum zwei Fuß Breite.

– Leicht zu überspringen, meinte Joe.

– Leicht? das ist doch noch die Frage, entgegnete der Doctor.»Wenn man der Ueberlieferung Glauben schenkt, so wird ein Jeder, der es versucht, durch Springen über die Quelle zu setzen, sofort verschlungen; wer Wasser daraus schöpfen will, fühlt sich durch eine unsichtbare Hand zurückgezogen.«

– Es ist doch wohl gestattet, daß man nichts davon glaubt? fragte Joe.

– Jeder nach seinem Belieben. Fünf Jahre später sollte der Major Laing sich durch die Sahara schlagen, nach Timbuktu vordringen und einige Meilen weiter nördlich einen furchtbaren Tod durch die Ulad-Shiman finden, die ihn zwingen wollten, Muselmann zu werden.

– Wieder ein Opfer, sagte der Jäger.

– Nun unternahm ein muthiger junger Mann, dem nur geringe Hilfsquellen zu Gebote standen, die erstaunlichste der neueren Reisen und brachte sie auch glücklich zu Ende; ich rede von dem Franzosen René Caillié. Nach verschiedenen Anläufen in den Jahren 1819 und 1824 brach er den 19. April 1827 zu einer neuen Reise von Rio-Nunez auf; am 3. August langte er so erschöpft und krank in Timé an, daß er seine Reise erst im Januar 1828, sechs Monate später, wieder aufnehmen konnte; er gesellte sich dann, durch seine orientalische Kleidung geschützt, einer Karawane zu, erreichte am 10. März den Niger, drang in die Stadt Dschenna und fuhr den Fluß stromabwärts bis Timbuktu, wo er am 30. April ankam. Ein anderer Franzose, Imbert, hatte, vielleicht im Jahre 1670; ein Engländer, Robert Adams, im Jahre 1810 diese interessante Stadt gesehen; aber René Caillié sollte der erste Europäer sein, der genaue Angaben über dieselbe heimbringen durfte; am 4. Mai verließ er diese Königin der Wüste; am 9. besichtigte er genau die Stätte, an welcher Major Laing ermordet worden war; am 19. kam er nach El-Arawan und verließ diese Handelsstadt, um unter tausend Gefahren die großen, zwischen Süden und den nördlichen Gegenden Afrika’s liegenden Einöden zu überschreiten; endlich zog er wieder in Tanger ein und segelte am 28. September nach Toulon ab; in neunzehn Monaten hatte er trotz hundertundachtzigtägiger Krankheit Afrika von Westen bis zum Norden durchreist. Wenn Caillié in England geboren wäre, hätte man ihn als den kühnsten Reisenden der neuern Zeit gleich Mungo-Park geehrt, aber in Frankreich wird er nicht nach Verdienst geschätzt. [Fußnote]

– Ein unerschrockener Mann, stimmte Kennedy bei, was ist aus ihm geworden?

– Er starb im Alter von neununddreißig Jahren an den Folgen seiner Strapazen; man glaubte genug gethan zu haben, als man ihm im Jahre 1828 den Preis der Geographischen Gesellschaft zuerkannte; in England wären ihm die größten Ehrenbezeugungen erwiesen worden! Während übrigens René Caillié diese bewundernswerthe Reise vollendete, faßte ein Engländer, Kapitän Clapperton, der Begleiter Denham’s, den Plan zu demselben Unternehmen, das er mit gleichem Muthe, wenn nicht mit gleichem Glücke ausführte. Im Jahr 1829 begann er vom Busen von Benin an der Westküste seinen Einzug in Afrika, verfolgte den Weg Mungo-Park’s und Laing’s, fand in Bussa die auf den Tod des Erstern bezüglichen Beweisstücke, kam am 20. August in Sackatu an, wo er als Gefangener zurückgehalten, seinen letzten Athemzug in den Armen seines treuen Dieners Richard Lander, aushauchte.

– Und was wurde aus diesem Lander? fragte Joe sehr interessirt.

– Es gelang ihm, die Küste wieder zu erreichen; er kehrte nach London zurück und brachte die Briefschaften des Kapitäns und einen genauen Bericht seiner eigenen Reise mit; dann bot er der Regierung seine Dienste an, um die Erforschung des Niger zu vervollständigen; zur Gesellschaft nahm er seinen Bruder John, das zweite Kind armer Leute aus Cornwallis, mit, und die Beiden fuhren in den Jahren 1829 bis 1831 den Fluß von Bussa bis zur Mündung stromabwärts, indem sie ihre Reise Dorf für Dorf, Meile für Meile beschrieben.

– So sind also diese beiden Brüder dem allgemeinen Schicksal entgangen? fragte Kennedy.

– Ja, wenigstens auf dieser Forschungsreise; im Jahre 1833 aber, als Richard eine dritte Niger-Fahrt unternommen hatte, kam er nahe der Mündung des Flusses um; eine Kugel von unbekannter Hand hatte ihn getroffen. Ihr seht also, meine Freunde, das Land, durch welches wir gegenwärtig reisen, ist vielfach Zeuge edler Aufopferung gewesen, die nur zu oft mit dem Tode belohnt worden ist!

Neununddreißigstes Capitel

Neununddreißigstes Capitel

Das Land in der Biegung des Niger. – Phantastische Ansicht der Hombori-Berge. – Kabra. – Timbuktu. – Plan des Doctor Barth. – Verfall. – Wohin der Himmel will.

Während dieses unfreundlichen Montags gefiel sich Doctor Fergusson darin, seinen Begleitern tausend Einzelheiten über die Gegend, die sie durchreisten, mitzutheilen. Der ziemlich flache Boden setzte ihrem Fortschreiten kein Hinderniß entgegen, aber desto mehr Sorge verursachte dem Doctor der böse, mit rasender Gewalt wehende Nordostwind, der ihn von der Breite Timbuktu’s entfernte.

Nachdem der Niger nördlich bis zu dieser Stadt gekommen ist, beschreibt er in ungeheurem Bogen ein Knie und strömt in weit ausgebreiteten Wassergarben dem Ocean zu.

Innerhalb dieser Biegung ist das Land von sehr verschiedener Bodenbeschaffenheit: bald prangt es in üppiger Fruchtbarkeit, bald schmachtet es in großer Dürre. Unbebaute Ebenen wechseln mit Maisfeldern ab, auf die wieder ausgedehnte, mit Ginster bedeckte Flächen folgen; alle Arten Wasservögel, Pelikane, Krickenten, Eisvögel leben in Schaaren an den Ufern der Ströme und Sümpfe.

Von Zeit zu Zeit zeigte sich ein Lager der Tuaregs, die unter ledernen Zelten ein Obdach suchten, während die Frauen die Arbeiten außer dem Hause versahen, ihre Kameele molken und ihre großen Pfeifenköpfe ausrauchten.

Der Victoria war um acht Uhr Abends um mehr als zweihundert Meilen nach Westen vorgedrungen, und jetzt bot sich den Reisenden ein prächtiges Schauspiel.

Einige Mondstrahlen bahnten sich einen Weg durch dichte Wolken, und fielen, zwischen den Regenlinien hingleitend, auf die Kette der Hombori-Berge. Nichts wunderbareres als diese Kämme, die da aussehen, als seien sie aus Basalt; sie zeichneten sich in phantastischen Silhouetten am dunklen Himmel ab; man hätte sie für die sagenhaften Ruinen einer großen Stadt des Mittelalters ansehen können, und dann wieder erschienen sie wie Eisschollenberge im Polarmeer beim Düster der Nacht.

»Das ist eine Stätte der Geheimnisse Udolfo’s, bemerkte der Doctor; Ann Radcliff hätte diese Berge nicht schauerlicher schildern können!

– Wahrhaftig, betheuerte Joe, ich möchte Abends nicht gern allein in diesem gespensterhaften Lande herumspazieren; wenn sie nicht so schwer wäre, möchte ich wohl die ganze Landschaft mit nach Schottland nehmen, sie würde sich an den Ufern des Lomond-Sees ganz ausgezeichnet machen, und die Touristen würden in Menge hinströmen.

– Unser Ballon ist leider nicht groß genug, um Dir dies Vergnügen zu machen. Aber es kommt mir vor, als ändere sich unsere Richtung. Gut! Die Kobolde hier scheinen sehr liebenswürdig! sie wehen uns einen kleinen Südostwind zu, der uns besser weiter führen wird.«

Wirklich schlug der Victoria eine mehr nördliche Bahn ein, und am 20. Morgens schwebte er über einem unentwirrbaren Netz von Kanälen, Strömen, Flüssen, die Verwickelung der Niger-Zuflüsse hinweg. Mehrere dieser Canäle, die mit dichtem Grase bedeckt waren, glichen fetten Weiden. Hier fand Fergusson die Straße Barth’s wieder; dieser hatte sich hier auf dem Flusse eingeschifft, um ihn bis Timbuktu hinunterzufahren. Der Niger floß hier, achthundert Toisen breit, zwischen zwei, an Cruciferen und Tamarinden reichen Ufern dahin; Gazellenheerden, die sich hier tummelten, bogen ihre geringelten Hörner in das hohe Gras, in welchem der Alligator schweigend auf sie lauerte.

Lange Reihen von Eseln und Kameelen, mit Waaren aus Dschenna beladen, standen im Schatten der schönen Bäume. Bald erschien ein Amphitheater niedriger Häuser an einer Wendung des Flusses; auf den Dächern und Terrassen war das, in den umliegenden Landstrichen gesammelte Futter aufgehäuft.

»Da ist Kabra, rief freudig der Doctor, der Hafen von Timbuktu; die Stadt ist nicht fünf Meilen von hier entfernt!

– Sind Sie zufrieden, Herr Fergusson? fragte Joe.

– Entzückt, mein Junge!

– Gut, Alles geht ausgezeichnet.«

In der That entfaltete sich nach zwei Stunden die Königin der Wüste, das geheimnißvolle Timbuktu, vor den Augen unserer Reisenden. Es hatte einst wie Athen und Rom seine Gelehrten-Schulen und Lehrstühle der Philosophie.

Fergusson verglich Alles bis auf’s Kleinste mit dem, von Barth selbst gezeichneten Plan, und erkannte, daß dieser äußerst genau war.

Die Stadt bildet ein großes, in eine weite Sandebene eingeschobenes Dreieck; die Spitze desselben zeigt nach Norden und schneidet einen Winkel aus der Wüste heraus; kaum kommen hier einige Grasarten, zwerghafte Mimosen und verkrüppelte Sträucher fort.

Was die Physiognomie von Timbuktu anbetrifft, so stelle man sich einen Haufen Billardkugeln vor; dies der Eindruck, den der Anblick der Stadt aus der Vogelperspective gewährt. Die Straßen sind ziemlich eng und werden theils von Häusern aus gebrannten Backsteinen theils aus viereckigen Stroh- und Rohrhütten gebildet. Auf den Terrassen sieht man ab und zu Einwohner in ihrer farbenglänzenden Tracht nachlässig hingestreckt, mit der Lanze oder Muskete in der Hand. Frauen ließen sich um diese Tageszeit noch nicht blicken.

»Sie gelten jedoch für schön, bemerkte der Doctor. Ihr seht die drei Thürme der Moscheen, sie sind allein von einer großen Zahl übriggeblieben. Die Stadt hat viel von ihrem alten Glanze eingebüßt! Am Gipfelpunkte des Dreiecks erhebt sich die Moschee Sankore mit ihren Galerien, die von Arcaden von ziemlich reiner Zeichnung getragen werden. Weiter hin in dem Viertel von Sane-Gungu die Moschee Sidi-Dahia und einige zweistöckige Häuser. Suchet nicht nach Palästen und Monumenten; der Scheik ist ein einfacher Handelsmann und seine königliche Wohnung ein Comptoir.

– Es kommt mir vor, als sähe ich halb zerstörte Wälle, sagte Kennedy.

– Sie sind im Jahre 1826 von den Fullannes niedergeworfen worden. Bis dahin war die Stadt um ein Drittel größer, denn Timbuktu hat, als allgemein begehrt, vom XI. Jahrhundert nach einander den Tuaregs, den Sonrayern, den Marokkanern und den Fullannes gehört; und dies große Centrum der Civilisation, in welchem ein Gelehrter wie Achmed-Baba im XIV. Jahrhundert eine Bibliothek von sechzehnhundert Manuscripten besaß, ist jetzt nur noch ein Stapelplatz Central-Afrika’s.«

Die Stadt schien gegenwärtig wirklich großer Vernachlässigung preisgegeben; sie verrieth die epidemische Liederlichkeit der Städte, welche dem Verfall entgegengehen. Ungeheure Schutthaufen thürmten sich in den Vorstädten auf und bildeten nebst einem auf dem Markt befindlichen Hügel die einzigen Unebenheiten des Terrains.

Beim Vorüberziehen des Victoria entstand einige Bewegung; die Trommeln wurden gerührt; aber kaum hatte wohl irgend ein Gelehrter des Ortes Zeit, die wunderbare Naturerscheinung zu beobachten; denn die Reisenden, von dem Wüstenwinde schnell weitergetrieben, verfolgten wieder den gewundenen Lauf des Flusses, und bald war Timbuktu nur noch eine der kurzen Erinnerungen ihrer Reise.

»Und jetzt«, sprach der Doctor, »führe uns der Himmel, wohin er will!«

»Wenn nur nach Westen«, fügte Kennedy hinzu.

»Bah!« meinte Joe, »handelte es sich auch darum, auf demselben Wege wieder nach Zanzibar zurückzukehren und den Ocean bis nach Amerika zu überfahren, ich würde kaum davor zurückschrecken.«

»Das müßte man in erster Linie können, Joe.«

»Und weshalb könnten wir’s nicht?«

»Wir würden kein Gas dazu haben, mein Junge; die emportreibende Kraft des Ballons vermindert sich merklich, und wir werden sehr damit sparen müssen, damit der Victoria uns noch bis zur Küste trägt. Wir werden sogar gezwungen sein, noch Ballast auszuwerfen. Unsere Last ist zu schwer.

»Das kommt vom Nichtsthun, Herr Doctor! Wenn man den ganzen Tag über in seiner Hängematte ausgestreckt liegt, wie ein Faullenzer, so ist nichts natürlicher, als daß man Fett ansetzt und schwer wird. Wir führen ja auf unserer Reise ein complettes Schlaraffenleben; wenn wir nach Hause zurückkehren, wird man uns erschrecklich dick und fett geworden finden.«

»Diese Gedanken sind eines Joe würdig, äußerte der Jäger; aber warte nur das Ende ab, man weiß nicht, was der Himmel uns vorbehalten hat; das Ziel unserer Reise ist noch weit entfernt. Wo glaubst Du, die afrikanische Küste zu erreichen, Samuel?«

»Ich wäre in Verlegenheit, wenn ich Dir darauf anworten sollte, Dick. Wir sind sehr veränderlichen Winden ausgesetzt. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn wir zwischen Sierra Leona und Portendik landen könnten; dort liegt eine gewisse Landstrecke, auf der wir Freunde finden würden.«

»Und dies Vergnügen dann, ihnen die Hand zu drücken! Aber folgen wir gegenwärtig wenigstens der gewünschten Richtung?«

»Nicht genau, Dick; sieh die Magnetnadel; wir halten nach dem Süden zu und gehen zu den Quellen des Niger hinauf.«

»Eine famose Gelegenheit, sie zu entdecken, fiel Joe schnell ein; im Fall sie nämlich noch unbekannt wären. Könnte man nicht vielleicht noch andere finden?«

»Nein, Joe, aber sei unbesorgt, ich hoffe, nicht ganz so weit zu kommen.«

Bei sinkender Nacht warf der Doctor die letzten Ballastsäcke aus; der Victoria stieg wieder, aber das Knallgasgebläse konnte ihn, obgleich es mit voller Flamme arbeitete, kaum oben halten; man befand sich nunmehr sechzig Meilen südlich von Timbuktu, und am andern Morgen erwachten die Reisenden am Ufer des Niger, nicht weit vom Debo-See.

Viertes Capitel

Viertes Capitel

Erforschungsreisen in Afrika. – Barth, Richardson, Overweg, Werne, Brun-Rolle, Peney, Andrea Debono, Miani, Guillaume Lejean, Bruce, Krapf und Rebmann, Maizan, Roscher, Burton und Speke.

Die Luftlinie, welcher der Doctor Fergusson zu folgen gedachte, war nicht auf’s Gerathewohl gewählt worden. In Bezug auf den Anfangspunkt seiner Reise hatte er tiefgehende Studien gemacht und nach reiflicher Ueberlegung beschlossen, von der Insel Zanzibar aufzusteigen. Dieselbe liegt an der Ostküste von Afrika, unter dem 6.° südlicher Breite, d. h. gegen vierhundert und dreißig geographische Meilen südlich vom Aequator. Von hier aus war soeben die letzte Expedition aufgebrochen, welche über die großen Seen zur Entdeckung der Nilquellen abgesandt war.

Es dürfte jedoch an der Zeit sein, hier die Forschungsreisen, welche Doctor Fergusson mit einander zu verknüpfen gedachte, näher zu beleuchten. Die beiden hauptsächlichsten derselben waren die des Doctor Barth im Jahre 1849 und ferner diejenige der Lieutenants Burton und Speke im Jahre 1858.

Doctor Barth, aus Hamburg gebürtig, erhielt für seinen Landsmann Overweg und sich die Erlaubniß, die Expedition des Engländers Richardson begleiten zu dürfen, der mit einer Sendung nach dem Sudan betraut war. Dieses ausgedehnte Land liegt zwischen dem 15. und 10.° nördlicher Breite, d.h. wenn man dorthin gelangen will, muß man über fünfzehnhundert Meilen weit in das Innere Afrika’s dringen.

Bis zu jener Zeit kannte man diese Länderstrecke nur durch die Reisen Denham’s, Clapperton’s und Oudney’s in den Jahren 1822 bis 1824. Richardson, Barth und Overweg gelangen in ihrem Eifer, die Nachforschungen weiter auszudehnen, nach Tunis und Tripoli, wie auch ihre Vorgänger, und schlagen sich bis Mursuk, der Hauptstadt von Fezzan, durch.

Dann verlassen sie die senkrechte Linie und biegen unter der Führung der Tuaregs westlich, in der Richtung nach Ghat ein, nicht ohne mannigfache Schwierigkeiten zu überwinden. Ihre Karawane kommt, nachdem sie vielfache Plünderungen, verschiedene Angriffe von bewaffneter Hand und tausenderlei andere Belästigungen erlitten hat, im Oktober bei der großen Oase von Asben an. Doctor Barth trennt sich hier von seinen Gefährten, um einen Abstecher nach der Stadt Agades zu machen, und schließt sich dann der Expedition, die am 12. December weiter marschirt, von Neuem an. In der Provinz von Damerghu trennen sich die drei Reisenden, und Barth schlägt die Straße nach Kano ein, wo er nach langem geduldigem Ausharren und bedeutenden Geldopfern endlich anlangt.

Trotzdem er an einem heftigen Fieber leidet, verläßt er am 7. März in Begleitung eines einzigen Bedienten die Stadt. Der Hauptzweck seiner Reise ist, den Tschad-See zu recognosciren, von dem er bis jetzt noch dreihundert und fünfzig Meilen entfernt ist. Er schreitet also östlich vor und erreicht den eigentlichen Kern des großen Reiches von Central-Afrika, die Stadt Suricolo in Bornu. Hier erfährt er die Nachricht von dem Tode Richardson’s, der den Strapazen und Entbehrungen erlegen ist. Barth setzt seine Reise fort, und kommt nach drei Wochen, am 14. April, also ein Jahr und vierzehn Tage nach seiner Abreise von Tripoli, in der Stadt Ngornu an.

Am 29. März 1851 finden wir ihn mit Overweg wieder auf der Reise, um dem Königreich Adamaua im Süden des See’s einen Besuch abzustatten; er gelangt bis zur Stadt Nola, etwas unter dem 9. Grad nördlicher Breite: die äußerste Grenze im Süden, die von diesem kühnen Reisenden erreicht worden ist.

Im Monat August kehrt er nach Kuka zurück, durchreist sodann Mandara, Barghimi, Kanem und erreicht als äußerste Grenze gegen Osten die Stadt Masena, unter 17°20′ westlicher Länge gelegen. [Fußnote]

Nach dem Tode Overweg’s, seines letzten Begleiters, schlägt er sich am 25. November 1852 nach Westen, besucht Sockoto, überschreitet den Niger und kommt endlich in Timbuctu an, wo er in der schlechtesten Behandlung und in großem Elend acht lange Monate, unter den Quälereien des Scheiks, schmachten muß. Aber die Anwesenheit eines Christen in der Stadt wird nicht länger geduldet; die Fullannes drohen mit einer Belagerung. Der Doctor verläßt also Timbuctu am 17. März 1854, flüchtet an die Grenze, wo er dreiunddreißig Tage in der vollständigsten Hilflosigkeit zu verweilen gezwungen ist, kehrt im November nach Kano zurück und begiebt sich wieder nach Kuka, von wo er nach einer viermonatlichen Rast die Straße Denham’s weiter verfolgt. Gegen Ende August 1855 sieht er Tripoli wieder und erscheint, der einzige von der Expedition übriggebliebene, am sechsten September in London.

Dies war die kühne Reise Barth’s, in Bezug auf welche Doctor Fergusson sich sorgfältigst notirte, daß er über den 4.° nördl. Breite und den 17.° westlicher Länge nicht hinausgekommen sei.

Vergegenwärtigen wir uns nunmehr, was die Lieutenants Burton und Speke in Ostafrika ausrichteten.

Die verschiedenen Expeditionen, welche am Nil aufwärts gegangen waren, hatten niemals vermocht, bis an die geheimnißvollen Quellen des Flusses zu gelangen. Nach dem Bericht des deutschen Arztes Ferdinand Werne machte die im Jahre 1840 unter den Auspicien Mehemet-Ali’s unternommene Expedition in Gondokoro zwischen dem 4. und 5.° nördl. Parallelkreise Halt.

Im Jahre 1855 brach Brun-Rollet, aus Savoyen gebürtig (zum Consul von Sardinien im östlichen Sudan ernannt, um Bauden, der dort seinen Tod gefunden hatte, zu ersetzen), von Chartum auf, gelangte mit Gummi und Elfenbein handelnd, nach Belenia bis über den 4. Grad hinaus, und kehrte krank von da nach Chartum zurück, wo er im Jahre 1857 starb.

Weder Dr. Peney, Chef des Medicinal-Wesens in Aegypten, welcher auf einem kleinen Dampfboot einen Grad unterhalb Gondokoro erreichte und nach seiner Rückkehr vor Erschöpfung in Chartum starb, – noch der Venetianer Miani, der, um die unterhalb Gondokoro gelegenen Katarakten biegend, den zweiten Parallelkreis erreichte, – noch auch der Malteser Kaufmann Andrea Debono, welcher seine Excursion an dem Nil noch weiter fortsetzte, – konnten über diese bisher unüberschrittene Grenze hinauskommen.

Im Jahre 1859 begab sich Herr Guillaume Lejean im Auftrage der französischen Regierung über das Rothe Meer nach Chartum und schiffte sich mit einundzwanzig Mann Schiffsvolk und zwanzig Soldaten auf dem Nil ein; aber er konnte nicht über Gondokoro hinauskommen und hatte die größten Gefahren inmitten der aufrührerischen Negerhorden zu bestehen. Die von Herrn d’Escayrac von Lauture geleitete Expedition suchte gleichfalls vergeblich, an die berüchtigten Quellen zu gelangen.

Aber vor diesem verhangnißvollen Ziel machten die Reisenden noch immer Halt; die Abgesandten Nero’s hatten vor Zeiten den 9. Breitegrad erreicht; man kam also in achtzehn Jahrhunderten nur um 5 oder 7 Grade, d. h. um dreihundert bis dreihundertundsechzig geographische Meilen weiter.

Mehrere Reisende versuchten, zu den Nilquellen zu gelangen, indem sie von einem Punkte auf der Ostküste Afrika’s ihre Reise antraten.

In den Jahren 1768 bis 1772 reiste der Schotte Bruc von Massauah, dem Hafen Abessiniens, ab, durchzog Tigre, besuchte die Ruinen von Arum, glaubte irrthümlich die Nilquellen gefunden zu haben, und brachte kein nennenswerthes Ergebniß von seiner Reise mit.

Im Jahre 1844 gründete der Doctor Krapf, Missionär der anglicanischen Kirche, eine Niederlassung zu Mombas auf der Küste von Zanzibar und entdeckte, in Gesellschaft des Geistlichen Rebmann, dreihundert Meilen weit von der Küste zwei Berge, den Kilimandscharo und den Kenia, welche die Herren von Heuglin und Thornton kürzlich theilweise erstiegen haben.

Im Jahre 1845 stieg der Franzose Maizan in Bagamayo, Zanzibar gegenüber, an’s Land und gelangte nach Deje-la-Mhora, wo ein Häuptling ihn unter den grausamsten Martern hinrichten ließ.

Im Monat August des Jahres 1859 erreichte der jugendliche Reisende Roscher aus Hamburg, der sich mit einer Karawane arabischer Kaufleute auf den Weg gemacht hatte, den Niassa-See, wo er im Schlaf ermordet wurde.

Endlich wurden im Jahre 1857 die Lieutenants Burton und Speke, beide Officiere im bengalischen Heere, von der Geographischen Gesellschaft zu London ausgesandt, um die großen Binnenseen zu erforschen; am 17. Juni verließen sie Zanzibar und drangen geraden Wegs nach Westen vor.

Nach viermonatlichen, unerhörten Leiden langten sie, ihres Gepäcks beraubt, ohne ihre Träger, die der Wuth der Eingebornen zum Opfer gefallen waren, in Kaseh, dem Centralvereinigungspunkt der Kaufleute und Karawanen an, sie waren mitten im Mondlande und sammelten werthvolle Belehrungen über die Sitten und Gebräuche, die Regierung, die Religion und die Fauna und Flora des dortigen Gebiets; dann steuerten sie auf den ersten der großen Binnenseen, den Tanganyika zu, der zwischen dem 3. und 8.° südlicher Breite gelegen ist; sie langten daselbst am 14. Februar 1858 an und besuchten die verschiedenen, meist kannibalischen Völkerschaften, die seine Ufer bewohnten. Am 26. Mai traten sie den Rückweg an, und zogen am 20. Juni wieder in Kaseh ein. Dort mußte der vor Erschöpfung erkrankte Burton mehrere Monate liegen bleiben; unterdessen machte Speke einen Abstecher von über dreihundert Meilen gegen Norden nach dem Ukerewe-See, den er am 3. August bemerkte; es war ihm jedoch nur möglich, den Anfang desselben unter 2° 31′ Br. zu besichtigen.

Am 25. August war er nach Kaseh zurückgekehrt und schlug in Gemeinschaft mit Burton wieder den Weg nach Zanzibar ein, wo sie im März des folgenden Jahres wieder eintrafen. Die beiden kühnen Reisenden kehrten nun nach England zurück, und die Geographische Gesellschaft zu London erkannte ihnen den Jahrespreis zu.

Doctor Fergusson merkte sorgfältig an, daß sie weder den 2. Grad südlicher Breite, noch den 29. Grad östlicher Länge überschritten hatten.

Es kam also darauf an, die Entdeckungsreisen Burton’s und Speke’s mit denen des Dr. Barth zu vereinigen, und dazu war es nothwendig, eine Länderstrecke von über zwölf Graden zu überschreiten.

Vierzigstes Capitel

Vierzigstes Capitel

Besorgnisse des Doctor Fergusson. – Beharrliche Richtung nach Süden. – Eine Wolke von Heuschrecken. – Ansicht von Dschenna. – Ansicht von Sego. – Windveränderung. – Joe’s Bedauern.

Der Fluß theilte sich nun durch große Inseln in schmale Adern, die in sehr rascher Strömung dahinflossen. Auf einem der Eilande erhoben sich mehrere Schäferhütten, aber es war unmöglich, ihre Lage genau zu bestimmen, denn die Schnelligkeit des Victoria nahm fortwährend zu. Leider wandte er sich noch mehr südlich und überschritt in wenigen Augenblicken den Debo-See.

Fergusson suchte in verschiedenen Zonen nach anderen atmosphärischen Strömungen, indem er das Gas bis auf’s Aeußerste ausdehnte, aber vergebens. Er gab auch bald dieses Experiment auf, da es den Verlust des Gases, das hierdurch gegen die abgenutzten Wände des Luftschiffes gedrängt wurde, nur beschleunigte.

Der Doctor schwieg, aber wurde sehr besorgt; dieser eigensinnige Wind, der ihn durchaus nach dem Süden Afrika’s treiben wollte, machte all‘ seine Berechnungen zu Schanden; er wußte nicht mehr, auf wen oder auf was er zählen konnte. Wie würde es ihnen ergehen, wenn sie anstatt auf die englischen und französischen Besitzungen, mitten unter die Barbaren der Küste von Guinea geriethen? Wie konnte er dort auf ein Schiff warten, das ihn nach England zurückbringen sollte? Die jetzige Windrichtung jagte ihn auf das Königreich Dahomey zu, unter die wildesten Völkerschaften und in die Gewalt eines Königs, der bei öffentlichen Festen Tausende von Menschenopfern hinschlachten ließ!

Andererseits wurde der Ballon matter und matter, und der Doctor fühlte, daß er nicht mehr viel von seinen Diensten zu erwarten hatte. Da indessen das Wetterglas etwas stieg, gab er sich der Hoffnung hin, daß das Ende des Regens eine Aenderung in den atmosphärischen Strömungen herbeiführen würde.

Bald jedoch wurde er durch folgende Betrachtung Joe’s zu der richtigen Auffassung seiner Lage zurückgeführt:

»Gut! begann dieser, der Regen wird sich noch verdoppeln, und diesmal werden wir von einer wahren Sündfluth übergossen, wenn ich nach jener Wolke dort schließen darf.

– Noch eine Wolke! seufzte Fergusson.

– Und eine tüchtige! fügte Kennedy hinzu.

– So eine habe ich allerdings noch nie gesehen, versetzte Joe, sie sieht aus wie eine Masse Gräten, die auf eine Schnur gezogen sind.

– Ich athme wieder auf, rief der Doctor, als er sein Fernglas absetzte. Es ist keine Wolke.

– Was denn? fragte Joe erstaunt.

– Ein Heuschreckenschwarm, der wie eine Wetterwolke vorüberzieht!

– Das sollen Heuschrecken sein?

– Milliarden von Heuschrecken. Wehe dem Lande, auf das sie sich herniederlassen, es wird zu einer Wüste!

– Das möchte ich wohl mit ansehen.

– Warte noch ein wenig, Joe; in zehn Minuten etwa wird diese Wolke uns erreicht haben, dann kannst Du aus eigener Anschauung urtheilen.

Fergusson hatte Recht; das dichte, dunkle Gewölk von mehreren Meilen im Umfange kam mit einem betäubenden Geräusch heran, indem es seinen ungeheuren Schatten auf die Erdoberfläche warf, und eine zahllose Menge jener Heuschrecken, die man Schnarrheuschrecken (Acridium) nennt, ließ sich ungefähr hundert Schritte vom Victoria auf einem frischgrünen Felde nieder. Eine Viertelstunde später flog die Masse weiter, und die Reisenden konnten noch aus der Ferne wahrnehmen, daß die Bäume und Büsche nun ganz kahl, die Wiesen wie abgemäht waren. Es schien, als hätte ein plötzlicher Winter der Landschaft all‘ ihre Reize genommen.

»Nun, Joe?

– Nun, Herr Doctor, es war sehr interessant, aber doch auch sehr natürlich. Was eine Heuschrecke im Kleinen thun würde, führen Milliarden im Großen aus.

– Es ist ein furchtbarer Regen, und viel verheerender als das heftigste Hagelwetter«, bemerkte der Jäger.

– Und es giebt kein Mittel, sich davor zu schützen, fügte Fergusson hinzu; bisweilen haben die Bewohner des Landes daran gedacht, Wälder, ja sogar Erntefelder in Brand zu stecken, um den Flug dieser Insecten aufzuhalten, aber die ersten Reihen stürzten sich in die Flammen, verlöschten und erstickten sie durch ihre Masse, und die übrige Schaar zog dann siegreich weiter. Glücklicher Weise bieten sie selber in diesen Gegenden eine Art Ersatz für ihre Verwüstungen; die Eingeborenen sammeln die Thiere in Mengen und verzehren sie mit großem Wohlbehagen.

– Es sind die Flohkrebse der Luft,« meinte Joe, der sehr bedauerte, daß er sie »zu seiner Belehrung« nicht hatte kosten können.

Gegen Abend wurde das Land sumpfiger; die Wälder machten einzelnen Baumgruppen Platz, an den Ufern des Flusses zeigten sich hie und da Tabakpflanzungen und Brüche mit fetten Futterkräutern. Auf einer großen Insel erschien die Stadt Dschenna mit den beiden Thürmen ihrer aus Erde erbauten Moschee; es verbreitete sich ein pestilenzialischer Geruch, der aus Millionen von Schwalbennestern hervordrang, die an den Mauern klebten. Einige Wipfel von Baobabs, Mimosen und Dattelpalmen ragten zwischen den Häusern empor; selbst in der Nacht schien hier große Thätigkeit zu herrschen. Dschenna treibt einen starken Handel; es versieht Timbuktu mit Allem, was es bedarf; seine Barken bringen auf dem Flusse, und seine Karawanen auf beschatteten Wegen die verschiedenartigsten, industriellen Erzeugnisse dorthin.

»Wenn dadurch nicht eine Verlängerung unserer Reise herbeigeführt wäre, sagte der Doctor, hätte ich wohl in diese Stadt hinabsteigen mögen; es hält sich hier gewiß mancher Araber auf, der in Frankreich oder England gereist, und dem unsere Weise der Locomotion nicht unbekannt ist. Unter den gegebenen Verhältnissen wäre dies aber unvorsichtig gewesen.

– Wir wollen diesen Besuch auf unsere nächste Excursion verschieben, rief Joe lachend.

– Wenn ich mich übrigens nicht täusche, meine Freunde, zeigt der Wind eine kleine Neigung, aus Osten zu blasen. Solche Gelegenheit dürfen wir nicht unbenutzt vorübergehen lassen.«

Der Doctor schleuderte einige überflüssig gewordene Gegenstände, leere Flaschen und eine Fleischkiste, die nicht mehr gebraucht wurde, aus der Gondel, und es gelang ihm, den Victoria in einer Zone zu halten, die seinen Plänen günstig war. Um vier Uhr Morgens beleuchteten die ersten Sonnenstrahlen Sego, die Hauptstadt von Bambarra, eine Stadt, die dadurch kenntlich ist, daß sie aus vier einzelnen Städten besteht. Die Reisenden konnten nur im Fluge die maurischen Moscheen und das rege Kommen und Gehen der Fähren, welche die Einwohner nach den verschiedenen Stadtvierteln bringen, gewahren; der Südostwind trieb sie zu schnell vorüber, um ihnen einen genaueren Einblick in die Stadt zu gewähren, und so zogen sie schnell, ohne zu sehen oder gesehen zu werden, vorüber. Die Besorgnisse des Doctors schwanden nach und nach.

»Noch zwei Tage so rasch in dieser Richtung weiter, und wir können den Senegal erreichen.

– Dann sind wir in befreundeten Landstrichen? fragte der Jäger.

– Noch nicht ganz; wenn der Victoria uns aber im Stich lassen sollte, könnten wir dann zu französischen Niederlassungen gelangen. Ach, möchte er doch noch einige hundert Meilen aushalten, dann kämen wir ohne Strapazen, ohne Befürchtungen und ohne Fährlichkeiten bis zur Westküste.

– Und dann ist der Scherz zu Ende, meinte Joe. Wenn es nicht um das Vergnügen des Erzählens wäre, möchte ich nie wieder den Fuß auf festes Land setzen. Meinen Sie, daß man uns Glauben schenken wird, Herr Doctor?

– Wer weiß, mein lieber Joe? Schließlich wird doch die eine Thatsache sich nicht wegleugnen lassen; tausend Zeugen haben mit angesehen, wie wir auf der einen Seite Afrika’s abgereist sind, und tausend Zeugen werden uns auf der andern Seite ankommen sehen.

– In diesem Fall scheint mir die Behauptung, wir hätten die Fahrt über Afrika nicht gemacht, unmöglich, fügte Kennedy hinzu.

– Ach, Herr Samuel, versetzte Joe mit einem schweren Seufzer, ich werde noch mehr als ein Mal den Verlust meiner Kieselsteine von massivem Golde bedauern! Das hätte erst unsern Aussagen Gewicht, und unsern Erzählungen Wahrscheinlichkeit gegeben. Jeder Gramm Goldes hätte mir eine Menge Zuhörer verschafft, die meine Erzählungen angestaunt und mich bewundert hätten.«

Einundvierzigstes Capitel

Einundvierzigstes Capitel

Herannahendes Senegal. – Der Victoria fällt immer mehr. – Es wird noch mehr ausgeworfen. – Der Marabut Al-Hadschi. – Die Herren Pascal, Vincent, Lambert. – Ein Nebenbuhler Mahomed’s. – Die schwer übersteigbaren Berge. – Kennedy’s Waffen. – Ein Manöver Joe’s. – Station über einem Walde.

Am 27. Mai gegen neun Uhr Morgens gewährte das Land einen neuen Anblick. Die weitausgedehnten Abhänge verwandelten sich in Hügel, die auf die Nähe von Gebirgen schließen ließen. Doctor Fergusson wußte bereits davon durch die Erzählungen seiner Vorgänger. Dieselben hatten mitten unter den Negern und Barbaren dieser Gegenden tausend Entbehrungen gelitten und entsetzliche Gefahren bestanden; das verhängnißvolle Klima raffte den größten Theil der Begleiter Mungo-Park’s dahin. Fergusson war also fest entschlossen, seinen Fuß nicht auf diesen ungastlichen Boden zu setzen.

Aber er hatte keinen Augenblick Ruhe; der Victoria fiel merklich; man mußte noch immer mehr entbehrliche Gegenstände auswerfen, und besonders war dies nothwendig, wenn ein Bergrücken überstiegen werden sollte. Während mehr als hundertundzwanzig Meilen mußte man beständig steigen und fallen, und wurde dessen herzlich müde. Der Ballon, ein zweiter Sisyphusfelsen, fiel beständig wieder; die Form des wenig aufgeblähten Luftschiffes wurde bereits schmaler; es zog sich in die Länge, und der Wind höhlte tiefe Taschen in seine schlaffe Hülle.

Kennedy hatte diese Erscheinungen längere Zeit beobachtet und wandte sich jetzt besorgt an den Doctor:

»Hat der Ballon etwa einen Riß?« fragte er.

»Nein«, antwortete Fergusson, »aber das Guttapercha hat sich augenscheinlich durch die Wärme erweicht oder ist geschmolzen. Das Wasserstoffgas entweicht jetzt durch den Taffet.«

»Läßt sich nichts dagegen thun?«

»Nicht das Geringste; die Gondel zu erleichtern ist das einzige Mittel; werfen wir Alles fort, was sich werfen läßt.«

»Aber was denn?« fragte Kennedy, indem er einen Blick auf den schon sehr geleerten Raum warf.

»Entledigen wir uns des Zeltes; sein Gewicht ist ziemlich beträchtlich.«

Joe, an den dieser Befehl gerichtet war, stieg über den Kreis, der die Stricke des Netzes zusammenhielt; von da aus gelang es ihm leicht, die dichten Vorhänge des Zeltes abzulösen, und nun ließ er sie hinunterfallen.

»Das wird einen ganzen Negerstamm glücklich machen, sagte er; damit können sich ungefähr tausend Eingeborene kleiden; sie gehen mit dem Stoff sehr sparsam um.«

Der Ballon hatte sich etwas gehoben, aber bald sah man deutlich, daß er wieder sank.

»Es wird uns nichts übrig bleiben, als auszusteigen, sprach Kennedy; laß uns doch sehen, ob sich noch etwas mit dieser Hülle machen läßt.«

»Ich wiederhole Dir, Dick, wir können nichts daran ändern.«

»Was sollen wir dann beginnen?«

»Wir opfern Alles, was nicht unumgänglich nothwendig ist; ich will um jeden Preis einen Halt unter diesen Breiten vermeiden; die Wälder, über deren Wipfel wir in diesem Augenblicke hinstreifen, sind nichts weniger als sicher.«

»Wie! Löwen? Hyänen?« rief Joe verächtlich.

»Gefährlicheres als das, mein Junge; Menschen, und zwar die grausamsten, die es in Afrika giebt.«

»Woher weiß man das?«

»Von den Reisenden, die vor uns hier waren; sodann haben die Franzosen, welche die Kolonie des Senegal bewohnen, notgedrungen Beziehungen mit den umgebenden Völkerschaften anknüpfen müssen; unter der Statthalterschaft des Obersten Faidherbe sind Recognoscirungen weit in das Land hinein vorgenommen; Offiziere wie die Herren Pascal, Vincent, Lambert haben werthvolle Notizen über ihre Expeditionen heimgebracht; sie durchforschten jene, von der Biegung des Senegal gebildeten Landstriche, in denen Krieg und Plünderung nur noch Ruinen zurückgelassen haben.«

»Was ist denn hier vorgegangen?«

»So hört; im Jahre 1854 rief ein Marabut aus dem Futa des Senegal, Al-Hadschi, der sich wie Mahomed göttlicher Eingebungen rühmte, alle Stämme zum Kriege gegen die Ungläubigen, d. h. die Europäer, auf. Er trug Zerstörung und Verwüstung zwischen den Senegal und seinen Nebenfluß Faleme. Drei von ihm geführte, fanatische Horden durchstreiften das Land sengend und mordend, und schonten weder Dörfer noch Hütten. Er selbst rückte im Nigerthale bis zur Stadt Sego vor, welche lange bedroht wurde. Im Jahre 1857 ging er weiter nach Norden, und belagerte das Fort Medine, das die Franzosen an den Ufern des Flusses erbaut hatten; diese Niederlassung wurde von einem Helden, Paul Holl, vertheidigt, der mehrere Monate hindurch ohne Nahrungsmittel, fast ohne Munition so lange Stand hielt, bis Oberst Faidherbe ihn entsetzte. Al-Hadschi und seine Banden gingen dann wieder über den Senegal und fuhren in Kaarta mit ihren Metzeleien und Raubanfällen fort. Dies gerade sind die Landstriche, in die er sich mit seinen Banditenhorden geflüchtet hat, und ich versichere euch, es wäre kein Vergnügen, ihm in die Hände zu fallen.«

»Das werden wir nicht«, sagte Joe; »und müßten mir unsere Stiefel opfern, um den Victoria zu heben.«

»Wir sind nicht weit von dem Flusse entfernt, begann der Doctor wieder; aber ich sehe vorher, daß der Ballon uns nicht über ihn forttragen wird.«

»Wären wir nur erst am Ufer«, meinte der Jäger; »dann würde sich das Weitere schon finden.«

»Wir wollen versuchen, bis dorthin zu kommen; nur ein Umstand beunruhigt mich einigermaßen.«

»Nun?«

»Wir haben noch Berge zu übersteigen, und das wird seine Schwierigkeiten haben, da die emportreibende Kraft des Luftschiffes nicht vermehrt werden kann, auch wenn ich die größtmögliche Wärme erzeuge.«

»Laß uns warten«, erwiderte Kennedy, »wir werden dann sehen.«

»Der arme Victoria!« klagte Joe; »ich habe ihn lieb gewonnen, wie der Seemann sein Schiff, und es wird mir schwer werden, mich von ihm zu trennen! Er ist freilich nicht mehr so schön wie bei der Abreise, aber man darf ihm nichts Böses nachsagen! Er hat uns vorzügliche Dienste geleistet, und es wird mir sehr nahe gehen, ihn im Stich zu lassen.«

»Sei unbesorgt, Joe; wenn wir ihn aufgeben, thun wir es nothgedrungen; er wird uns noch so lange tragen, bis seine Kraft gänzlich zu Ende ist. Ich verlange seine Dienste nur noch für vierundzwanzig Stunden.«

»Er wird matt«, sagte Joe bedauernd, indem er ihn betrachtete; »er magert ab; sein Leben schwindet; der arme Ballon!«

»Wenn ich mich nicht irre, so zeigen sich jetzt jene Berge, von denen Du sprachst, am Horizont, Samuel.«

Der Doctor sah durch sein Fernglas.

»Sie sind es allerdings«, bestätigte er; »ihre Höhe scheint mir sehr bedeutend, es wird uns schwer werden, sie zu übersteigen.«

»Könnte man sie nicht umsegeln?«

»Ich glaube nicht, Dick; sieh doch, was für einen weiten Raum sie einnehmen; sie füllen fast die Hälfte des Horizonts aus!

– Es hat sogar den Anschein, als ob sie sich um uns verengten, berichtete Joe; sie nähern sich von rechts und links.

– Wir müssen durchaus über sie hinweg.«

Die gefährlichen Hindernisse näherten sich mit großer Geschwindigkeit, oder, um sich richtiger auszudrücken: der Wind trieb den Victoria mit außerordentlicher Heftigkeit auf spitzige Felsen zu; er mußte sich um jeden Preis darüber erheben, wenn er nicht daran zerschellen wollte.

»Wir wollen unsere Wasserkiste leeren, ordnete Fergusson an, und uns nur Vorrath für einen Tag reserviren.

– Es ist besorgt, meldete Joe.

– Steigt der Ballon? fragte Kennedy.

– Nur um etwa fünfzig Fuß, erklang die wenig tröstliche Antwort des Doctors, der das Barometer nicht aus den Augen ließ; aber das ist nicht genügend.«

Die schroffen Berggipfel kamen jetzt dergestalt auf die Reisenden zu, daß es schien, als wollten sie auf den Ballon losstürzen, dieser hätte sich noch mehr als fünfhundert Fuß erheben müssen, um darüber hinwegschweben zu können.

Der Wasservorrath des Knallgasgebläses wurde nun gleichfalls herausgeworfen; man behielt nur wenige Pinten zurück. Aber auch dies brachte noch keine Hilfe.

»Und doch müssen wir auf jeden Fall hinüber! erklärte der Doctor.

– Laß uns auch die leeren Kisten hinausschleudern, schlug Kennedy vor.

– Werft sie fort!

»Ach«, sagte Joe, »wie traurig ist es, wenn man so Stück für Stück dahingehen sieht.«

»Was Dich betrifft, Joe, so denke nicht wieder daran, Dich wie neulich aufopfern zu wollen; was auch kommen möge, schwöre mir, daß Du uns nicht verlassen willst.«

»Haben Sie keine Sorge, Herr Doctor, wir werden uns nicht trennen.«

Der Victoria hatte jetzt etwa zwanzig Toisen an Höhe gewonnen, aber der Kamm des Berges ragte immer noch weit über ihn hinaus. Ein ziemlich gerader Bergrücken bildete den Abschluß einer zackigen, zerklüfteten Mauer, und dieser stieg noch mehr als zweihundert Fuß über den Reisenden empor.

»In zehn Minuten wird unsere Gondel an den Felsen zerschellt sein, wenn es uns nicht gelingt, sie darüber hinweg zu schaffen«, sprach der Doctor vor sich hin.

»Nun, Herr Samuel?« fragte Joe

»Hebe nur unsern Pemmican-Vorrath auf, und wirf all‘ das schwere Fleisch hinunter.«

Der Ballon wurde abermals um etwa fünfzig Pfund entlastet; er hob sich merklich, aber was half das, wenn er den Kamm der Berge nicht überstieg? Die Situation war schrecklich. Der Victoria eilte mit großer Geschwindigkeit; man merkte, daß er bei einem Zusammenstoß in Stücke fliegen würde.

Der Doctor blickte sich in der Gondel um – sie war fast leer.

»Wenn es sein muß, wirst Du Deine Waffen opfern, Dick.«

»Meine Waffen opfern?« rief der Jäger bewegt.

»Wenn ich Dich darum bitte, so ist es nothwendig.

– Samuel! Samuel!

– Deine Waffen, Deine Blei- und Pulvervorräthe können uns das Leben kosten!

– Wir kommen näher, immer naher!« schrie Joe. Noch um zehn Toisen ging der Berg über den Victoria hinaus! Joe nahm die Decken und warf sie hinab; auch schleuderte er, ohne Kennedy etwas davon zu sagen, mehrere Säcke mit Kugeln und Blei hinunter.

Der Ballon stieg wieder; er überschritt die gefährliche Klippe, und sein oberer Pol wurde von den Strahlen der Sonne beleuchtet. Aber die Gondel befand sich noch unter den Felsblöcken, an denen sie unvermeidlich zerschmettern mußte.

»Kennedy! Kennedy! rief der Doctor; wirf Deine Waffen fort, oder wir sind verloren.

– Warten Sie, Herr Dick, warten Sie!« sagte Joe. Und Kennedy, der sich nach ihm umwandte, sah ihn außerhalb der Gondel verschwinden.

»Joe! Joe! schrie er.

– Der Unglückliche!« sprach der Doctor.

Der Kamm des Berges mochte an dieser Stelle etwa zwanzig Fuß breit sein, und auf der andern Seite zeigte der Abhang eine geringere Abschüssigkeit. Die Gondel kam gerade auf das Niveau dieses ziemlich gleichmäßigen Plateaus zu, und glitt über einen, mit spitzigen Kieseln besäeten Boden hinweg.

»Wir segeln darüber hin! wir sind glücklich hinüber!« rief jetzt eine Stimme, bei der Fergusson’s Herz frohlockte.

Der kühne Bursche hielt sich mit den Händen am untern Rande der Gondel fest; er lief zu Fuß auf dem Gebirgskamme hin, indem er so den Ballon um die Gesammtsumme seines Gewichts erleichterte: er mußte diesen sogar mit aller Kraft festhalten, denn derselbe strebte danach, ihm zu entweichen.

Als das Luftschiff am entgegengesetzten Abhang angekommen war, und ein tiefer Abgrund sich vor Joe öffnete, schwang sich dieser mit einer gewandten Bewegung empor, kletterte an den Stricken weiter und stieg wieder in die Gondel ein.

»Nichts leichter als das«, warf er hin.

»Mein braver Joe, mein Freund!« sprach der Doctor weich.

»O, was ich eben gethan habe, geschah nicht für Sie, Herr Doctor, sondern nur für Herrn Dick’s Carabiner! Seit der Geschichte mit dem Araber war ich ihm das schuldig, und ich pflege meine Schulden zu bezahlen; jetzt sind wir quitt.« Mit diesen Worten reichte er dem Jäger seine Lieblingswaffe hin. »Es hätte mir zu weh gethan, mit anzusehen, wie Sie sich davon trennten.«

Kennedy drückte ihm warm die Hand, ohne ein Wort hervorbringen zu können.

Der Victoria brauchte jetzt nur immer zu fallen; das machte ihm keine Schwierigkeit; er war bald bis auf zweihundert Fuß vom Erdboden gesunken, und schwebte nun im Gleichgewicht. Das zerrissene Terrain bot zahlreiche Unebenheiten, denen man in der Nacht nicht gut aus dem Wege gehen konnte. Der Abend kam schnell heran, und trotz seines Widerstrebens mußte der Doctor sich entschließen, bis zum andern Tage Halt zu machen.

»Wir wollen eine günstige Stelle als Obdach für die Nacht suchen«, hub er an.

»Ah!« versetzte Kennedy, »Du willst also endlich?«

»Ja, ich habe lange über einen Plan nachgesonnen, den ich jetzt zur Ausführung bringen werde. Es ist eben erst sechs Uhr, wir haben also noch genügend Zeit. Joe, wirf die Anker aus.

Joe gehorchte, und bald hingen die beiden Anker unter der Gondel.

»Ich bemerke große Wälder«, fügte der Doctor hinzu; »wir werden über die Wipfel hinsegeln und den Ballon an irgend einen Baum haken. Um Alles in der Welt möchte ich die Nacht nicht auf dem Boden zubringen.«

»Werden wir aussteigen können?« fragte Kennedy.

»Wozu sollte das nützen? ich wiederhole Euch, daß es gefährlich sein würde, wenn wir uns trennten. Außerdem beanspruche ich Eure Hilfe für eine schwierige Arbeit.«

Der Victoria, der über unendlichen Wäldern dahinstreifte, hielt mit einem plötzlichen Ruck an; die Anker hatten gefaßt. Mit Anbruch der Dunkelheit legte sich der Wind, und der Ballon schwebte fast unbeweglich über dem großen grünen Felde, das von den Wipfeln eines Sykomorenwaldes gebildet wurde.

Zweiundvierzigstes Capitel

Zweiundvierzigstes Capitel

Edler Wettstreit. – Letztes Opfer. – Der Ausdehnungsapparat. – Geschicklichkeit Joe’s. – Mitternacht. – Die Wache des Doctors. – Die Wache Kennedy’s. – Er schläft ein. – Der Brand. – Das Geheul – Außer dem Bereich.

Doctor Fergusson bestimmte zunächst die Lage der Oertlichkeit nach der Höhe der Sterne; er befand sich kaum fünfundzwanzig Meilen vom Senegal entfernt.

»Alles, was wir erreichen können, meine Freunde, begann er, nachdem er das Besteck auf der Karte gemacht hatte, … ist, daß wir den Fluß überschreiten; da es hier aber weder eine Brücke noch Barken giebt, müssen wir durchaus im Ballon hinüber und dazu sein Gewicht noch mehr verringern.

– Aber ich sehe nicht ein, wie das möglich ist, entgegnete der Jäger, der für seine Waffen fürchtete; wofern nicht einer von uns sich opfert, indem er zurückbleibt … und ich meinerseits möchte diese Ehre beanspruchen.

– Das wäre! begann Joe; bin ich nicht etwa gewohnt …

– Es handelt sich diesmal nicht darum, hinauszustürzen, sondem zu Fuß die Küste Afrika’s zu erreichen; ich bin ein tüchtiger Fußgänger, ein guter Jäger. . .

– Nie werde ich das zulassen! rief Joe.

– Euer großmüthiger Streit ist überflüssig, meine wackern Freunde, sagte Fergusson; ich hoffe, daß es nicht zum Aeußersten mit uns kommen wird; sollte ein solches Mittel übrigens nothwendig werden, so würden wir zusammenbleiben, um uns gemeinsam durch dies Land zu schlagen.

– Das nenne ich doch noch ein Wort! meinte Joe; ein kleiner Spaziergang wird uns nicht schaden.

– Aber zuvor, versetzte der Doctor, wollen wir ein letztes Mittel anwenden, um unsern Victoria zu erleichtern.

– Welches? fragte Kennedy; darauf bin ich sehr gespannt.

– Wir müssen die Kasten des Knallgasgebläses, die Bunsen’sche Batterie und das Schlangenrohr hinausschaffen. An ihnen schleppen wir ein Gewicht von nahezu neunhundert Pfund mit uns durch die Lüfte.«

»Aber, Samuel, wie willst Du denn die Ausdehnung des Gases erzielen?«

»Wir müssen ohne eine solche fertig werden.«

»Aber …«

»Hört mich an, meine Freunde; ich habe sehr genau den Rest der emportreibenden Kraft des Ballons berechnet; sie reicht hin, um uns alle drei mit den wenigen Gegenständen, die uns bleiben, fortzuschaffen; wir werden kaum ein Gewicht von fünfhundert Pfund haben, unsere beiden Anker, die ich zu behalten gedenke, mit inbegriffen.«

»Mein lieber Samuel«, erwiderte der Jäger, »Du bist in dergleichen Dingen mehr competent, als wir; Du allein kannst unsere Lage beurtheilen; sage uns, was wir thun sollen, und wir werden gehorchen.«

»Ich harre Ihrer Befehle, Herr Doctor.«

»Ich wiederhole Euch, meine Freunde, so bedenklich diese Entscheidung auch sein mag, wir müssen unsern Apparat opfern.«

»Wir opfern ihn! an’s Werk!« riefen Kennedy und Joe.

Es war dies keine geringe Arbeit; man mußte den Apparat Stück für Stück auseinandernehmen; zuerst wurde der Mischungskasten, dann der des Knallgasgebläses und endlich der Kasten, in dem die Zerlegung des Wassers vor sich ging, entfernt. Es bedurfte nicht minder der vereinten Kraft der drei Reisenden, um die Behälter unten aus der Gondel, wo sie fest eingefügt waren, herauszureißen; aber Kennedy war so kräftig, Joe so gewandt und Samuel so erfinderisch, daß man endlich damit zu Stande kam: die verschiedenen Stücke wurden nach einander ausgeworfen und verschwanden, indem sie in das Laub der Sykomore große Lücken rissen.

»Die Neger werden nicht wenig erstaunt sein, wenn sie diese Gegenstände in den Wäldern antreffen, scherzte Joe; sie sind im Stande, Götzenbilder daraus zu machen!«

Nun mußte man sich mit den Röhren beschäftigen, die in den Ballon eingelassen waren, und welche mit dem Schlangenrohr in Verbindung standen. Es gelang Joe, die Kautschukglieder einige Fuß über der Gondel abzuschneiden, aber mit den Röhren ging das nicht so leicht, denn diese waren mit ihrem obern Ende an dem Kreise des Ventils durch Messingdrähte befestigt.

Nun entfaltete Joe eine wirklich staunenswerthe Geschicklichkeit; er kletterte, um die Hülle nicht zu ritzen, mit nackten Füßen, trotz aller Schwankungen, mit Hilfe des Netzes bis an die äußere Spitze des Luftschiffes, und dort machte er nach Ueberwindung von tausend Schwierigkeiten, und indem er sich mit einer Hand an die glatte Oberfläche klammerte, die äußern Scheiben, welche die Röhren hielten, los. Letztere ließen sich nun leicht beseitigen und wurden durch den untern Fortsatz des Ballons weggezogen, welcher vermittelst eines starken Bundes wieder hermetisch geschlossen wurde.

Der Victoria, von diesem beträchtlichen Gewichte befreit, richtete sich wieder in die Luft und spannte das Ankertau straff an.

Nach großen Anstrengungen wurden diese Arbeiten um Mitternacht endlich beendet und man nahm eilig ein aus Pemmican und kaltem Grog bestehendes Mahl ein. Der Doctor konnte Joe keine Hitze mehr zur Verfügung stellen.

Kennedy wie Joe waren so ermüdet, daß sie sich fast nicht mehr aufrecht halten konnten.

»Geht zur Ruhe, meine Freunde, sagte Fergusson; ich will bis zwei Uhr die Wache übernehmen und mich dann bis vier Uhr von Kennedy ablösen lassen. Joe kann dann noch von vier bis sechs Uhr wachen, und um diese Zeit wollen wir aufbrechen. Möge der Himmel während dieses letzten Tages noch über uns wachen!«

Ohne sich viel bitten zu lassen, streckten sich die beiden Gefährten des Doctors auf dem Boden der Gondel aus und schliefen alsbald fest ein.

Die Nacht verging friedlich; einige Wolken zerflossen im sanften Schein des letzten Mondviertels, dessen unbestimmte Strahlen die Dunkelheit kaum durchbrachen. Fergusson, auf den Rand der Gondel gestützt, ließ seine Blicke umherschweifen; aufmerksam überwachte er den düstern Blättervorhang, der sich ihm zu Füßen ausbreitete und ihm die Aussicht auf den Erdboden entzog. Das geringste Geräusch schien ihm verdächtig, und mit gespanntem Ohr horchte er sogar auf das leichte Säuseln der Blätter.

Er befand sich in jener, durch die Einsamkeit noch erhöhten Stimmung, in welcher unbestimmte Schreckbilder im Gehirn aufsteigen. Am Ende einer solchen Reise, nachdem er so viele Hindernisse überwunden hatte, und nun endlich auf dem Punkte stand, das Ziel zu erreichen, waren seine Befürchtungen lebhafter, seine Geistesregungen gewaltsamer; er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß noch jetzt der Vollendung seiner Reise unüberwindliche Gefahren entgegenständen. Uebrigens hatte die gegenwärtige Situation, mitten in einem barbarischen Lande, bei einem Beförderungsmittel, das jeden Augenblick den Dienst versagen konnte, durchaus nichts Beruhigendes. Der Doctor konnte auf seinen Ballon kein Vertrauen mehr setzen; die Zeit war vorüber, wo er ihn mit Sicherheit und Kühnheit handhabte, weil er sich auf ihn verlassen konnte.

Unter diesen und ähnlichen Gedanken glaubte Fergusson bisweilen ein unbestimmtes Geräusch in den ungeheuren Wäldern zu vernehmen, und zuweilen schien es ihm sogar, als ob ein rasches Feuer zwischen den Bäumen aufleuchte. Er blickte scharf hinunter und richtete sein Nacht-Fernglas auf die betreffende Stelle, aber nichts zeigte sich; es entstand ein noch fast tieferes Schweigen.

Fergusson hatte zweifellos eine Sinnestäuschung gehabt; er horchte nochmals, ohne jedoch das geringste Geräusch wahrzunehmen, und da die Zeit seiner Wache nun abgelaufen war, weckte er Kennedy, empfahl ihm die äußerste Wachsamkeit und legte sich neben Joe nieder, der fest und ruhig schlief.

Kennedy zündete seine Pfeife an und rieb sich die Augen, die er nur mit großer Mühe offen hielt; dann setzte er sich in einen Winkel der Gondel, stützte den Kopf in die Hand und rauchte in kräftigen Zügen, um den Schlaf zu verscheuchen.

Das absoluteste Schweigen herrschte ringsum; ein leichter Wind fuhr durch die Wipfel der Bäume, schaukelte leise die Gondel und lullte unversehens den Jäger in Schlaf; mit großer Anstrengung öffnete Kennedy mehrmals die Augen, schaute in das Dunkel hinaus, ohne jedoch vor Schlaftrunkenheit etwas sehen zu können, und schlummerte endlich, der unsäglichen Ermüdung erliegend, fest ein.

Wie lange er so gelegen, wußte er nicht, aber plötzlich wurde er durch ein sonderbares Knistern erweckt; er riß die Augen weit auf und richtete sich empor. Eine intensive Gluth zeichnete ihren Widerschein auf seinem Gesicht – der Wald stand in Flammen!

»Feuer! Feuer!« rief er, ohne noch den Vorgang recht zu begreifen.

Seine beiden Gefährten erhoben sich.

»Was giebt’s?« fragte Samuel.

»Eine Feuersbrunst«, erwiderte Joe »… aber was kann …«

In diesem Augenblick erschallte ein Geheul unter dem gewaltsam illuminirten Laube.

»Ah, die Wilden!« rief Joe. »Sie haben den Wald angezündet, um uns sicherer in Brand zu stecken!«

»Ohne Zweifel die Talibas! die Marabuts des Al-Hadschi!« sagte der Doctor.

Ein Feuerkreis umgab den Victoria; das Knacken des trockenen Holzes mischte sich mit dem Aechzen der grünen Zweige; Lianen, Blätter, der ganze lebende Theil dieser Vegetation wand sich in dem zerstörenden Element; der Blick fiel nur auf Flammen; die großen Bäume zeichneten sich schwarz in dem Schmelzofen ab, während rings um sie her von ihren Kronen ein glühender Kohlenregen herniedertroff. Der Brand spiegelte sich in den Wolken wieder, und die Reisenden glaubten sich in das Innere einer feurigen Kugel versetzt.

»Laß uns fliehen!« schrie Kennedy; »an’s Land! das ist die einzige Möglichkeit, wie wir uns retten können!«

Aber Fergusson hielt ihn mit fester Hand zurück, und auf das Ankertau losstürzend, hieb er es mit einem Schlage durch. Schon leckten die Flammen, zu dem Ballon emporzüngelnd, an dessen erleuchteten Wänden; doch der Victoria, seiner Fesseln entledigt stieg über tausend Fuß in die Lüfte.

Ein entsetzliches Geschrei und Flintenknallen ertönte unten im Walde, aber der Ballon wurde von einer Strömung erfaßt, die sich mit Tagesanbruch aufgemacht hatte, und entfloh in westlicher Richtung.

Es war vier Uhr Morgens.

Drittes Capitel

Drittes Capitel

Der Freund des Doctors. – Geschichte ihrer Freundschaft. – Dick Kennedy in London. – Ein unerwarteter, aber keineswegs beruhigender Vorschlag. – Das wenig tröstlich klingende Sprichwort. – Einige Worte über die afrikanische Märtyrerliste. – Vortheile eines Luftschiffes. – Das Geheimnis des Doctor Fergusson.

Doctor Fergusson besaß einen Freund. Derselbe war nicht etwa sein zweites Ich, kein alter ego, – zwischen zwei vollkommen gleichartigen Wesen hätte wirkliche Freundschaft nicht existiren können, – aber wenn Dick Kennedy und Samuel Fergusson auch verschiedene Eigenschaften und Fähigkeiten, ja sogar ein verschiedenes Temperament besaßen, so waren sie doch ein Herz und eine Seele und wurden dadurch nicht weiter gestört – im Gegentheil. –

Besagter Dick Kennedy war ein Schotte im vollen Sinne des Worts; offen, entschlossen und beharrlich. Er wohnte in der kleinen Stadt Leith bei Edinburg, eine richtige Bannmeile von dem »alten Rauchnest« entfernt. Bisweilen trieb er die Fischerei, aber immer und überall war er dem Jägerhandwerk mit Leib und Seele ergeben; und das war bei einem Kinde Caledoniens, das gewohnt ist, in den Bergen des Hochlands umherzustreifen, nicht eben zu verwundern. Man rühmte ihn als einen vorzüglichen Schützen mit dem Carabiner und sagte ihm nach, daß er die Kugel beim Schuß auf eine Messerklinge nicht nur durchschnitt, sondern sie auch auf diese Weise in so gleiche Hälften theilte, daß beim Wiegen kein Unterschied zwischen ihnen gefunden werden konnte.

Die Physiognomie Kennedy’s erinnerte lebhaft an diejenige Halbert Glendinning’s, wie sie Walter Scott im »Kloster« gezeichnet hat; seine Größe überstieg sechs englische Fuß; obgleich graciös und behende, war er mit einer herkulischen Körperkraft ausgerüstet; ein wettergebräuntes Antlitz, lebhafte schwarze Augen, eine natürliche, ausgeprägte Kühnheit, kurz eine gewisse Güte und Solidität in der ganzen Person des Schotten nahm von vornherein zu seinen Gunsten ein.

Die beiden Freunde hatten sich in Indien, als beide bei demselben Regiment dienten, kennen gelernt; während Dick sich auf der Tiger- und Elephantenjagd vergnügte, erbeutete Samuel Pflanzen und Insecten. Dieser wie Jener konnte sich in seiner Sphäre eines guten Erfolges rühmen, und dem Doctor fiel gar manche Pflanze in die Hände, deren Werth einem Paar Elfenbeinhauern gleich zu schätzen war.

Die beiden jungen Leute hatten niemals Gelegenheit gehabt, einander das Leben zu retten, oder sich sonstige Dienste zu erweisen; daher erhielt sich unter ihnen eine ungetrübte, gleichmäßige Freundschaft. Das Geschick trennte sie zuweilen von einander, aber immer führte sie ihre Sympathie wieder zusammen.

Seitdem sie nach England zurückgekehrt waren, wurden sie oft durch die Expeditionen des Doctors geschieden; wenn er indessen heimkam, verfehlte er niemals, ungebeten bei seinem Freunde vorzusprechen und ihm einige Wochen zu widmen.

Dick plauderte dann von der Vergangenheit, und Samuel machte Zukunftspläne; der eine sah vorwärts, der andere schaute zurück, und so kam es, daß der Geist des einen die personificirte Aufregung, der des andern die vollkommenste Ruhe war.

Nachdem der Doctor von Tibet zurückgekommen war, sprach er fast zwei Jahre lang nicht von neuen Forschungsreisen, und Dick gab sich der Hoffnung hin, daß sein Reisetrieb und seine Sucht nach Abenteuern nun endlich befriedigt wären. Er war von diesem Gedanken entzückt. »Wenn man auch noch so gut mit den Menschen umzugehen versteht, sagte er zu sich, muß es doch früher oder später ein schlechtes Ende nehmen; man begiebt sich nicht ungestraft unter Menschenfresser und wilde Thiere.« So forderte denn Kennedy seinen Freund auf, ein Ende mit seinen Reisen zu machen, und stellte ihm vor, daß er für die Wissenschaft genug und für die Dankbarkeit der Menschen bereits viel zu viel geleistet habe.

Hierauf erhielt er von dem Doctor keine Antwort; derselbe war in der nächsten Zeit nachdenklich, beschäftigte sich insgeheim mit Berechnungen, verbrachte die Nächte mit minutiösen Arbeiten, über Zahlen brütend; ja, er stellte sogar Experimente mit allerlei sonderbaren Maschinerieen an, von denen man nicht wußte, was sie zu bedeuten hatten. So viel aber war klar ersichtlich: Es gährte ein neuer, großer Gedanke in dem Hirn Samuel Fergusson’s.

»Worüber mag er so gegrübelt haben?« fragte sich Kennedy, als sein Freund ihn im Monat Januar verlassen hatte, um nach London zurückzukehren.

Da wurde ihm die Beantwortung dieser Frage eines Morgens aus dem bereits mitgetheilten Artikel des »Daily Telegraph«.

»Barmherziger Himmel! rief er aus, ist der Mensch wahnsinnig geworden! Afrika in einem Ballon durchreisen! Weiter fehlte nichts! Also darüber hat er in diesen beiden Jahren nachgesonnen!«

Denkt euch anstatt aller dieser Ausrufungszeichen kräftige, auf das eigene Hirn geführte Faustschläge, und ihr werdet euch einen ungefähren Begriff von der körperlichen Motion machen können, in welcher unser wackerer Dick seine Erregung austobte.

Als seine alte Vertraute, Frau Elspeth, ihm zu bedenken gab, daß dies Alles nur eine Mystifikation sein könne, antwortete er:

»Unsinn! ich werde doch meinen Mann kennen? Das sieht ihm ähnlich, ganz ähnlich! Durch die Lüfte reisen! Jetzt wird er gar eifersüchtig auf die Vögel! Nein, daraus soll nichts werden! ich werde es zu verhindern wissen! Ja, wenn man ihn gewähren ließe; wer könnte Einem dafür gut sagen, daß er sich nicht eines schönen Tages nach dem Monde aufmachte!«

Noch am Abend desselben Tages setzte sich Kennedy voll großer Unruhe und Erbitterung in ein Coupé der Eisenbahn nach der General Railway Station und langte am folgenden Morgen in London an.

Drei Viertelstunden später setzte ihn eine Droschke vor dem kleinen Hause des Doctors, Soho Square, Greek Street ab.

Er schritt über den Vorplatz und kündigte sich durch fünf nachdrückliche Schlage gegen die Thür an, worauf Fergusson öffnete.

»Dick?« fragte er, ohne irgend welches Erstaunen zu verrathen.

»Dick selber«, erwiderte Kennedy kurz.

»Du hältst Dich zur Zeit der Winterjagden in London auf? was führt Dich hierher?«

»Eine grenzenlose Thorheit, die ich verhindern will.«

»Eine Thorheit?«

»Ist das, was in dieser Zeitung steht, wahr?« rief jetzt Kennedy, indem er die betreffende Nummer des Daily Telegraph hervorholte und sie seinem Freunde entgegenhielt.

»Ach davon sprichst Du! diese Zeitungen schwatzen doch wirklich Alles aus! aber setze Dich doch, lieber Dick.«

»Nein, ich werde mich nicht setzen. Sage mir, ob Du wirklich und wahrhaftig die Absicht hast, diese Reise zu unternehmen?«

»Ganz entschieden; meine Vorbereitungen sind schon im Gange, und ich …«

»Wo hast Du Deine Vorbereitungen? In tausend Stücke will ich sie zerschlagen! Her damit!«

Der würdige Schotte gerieth jetzt ernstlich in Zorn.

»Beruhige Dich, mein lieber Dick«, versetzte der Doctor; »ich begreife Deine Gereiztheit sehr wohl. Du zürnst mir, daß ich Dir meine neuen Pläne noch nicht mitgetheilt habe.«

»Das nennt er neue Pläne!«

»Ich bin nämlich sehr beschäftigt gewesen«, fuhr Samuel fort; »es gab in der letzten Zeit viel für mich zu thun. Aber trotzdem wäre ich nicht abgereist, ohne Dir zu schreiben . . .«

»Ach, was liegt mir daran …«

»Weil ich die Absicht habe, Dich mitzunehmen.«

Der Schotte machte einen Satz, der einem Gemsbock zur Ehre gereicht haben würde.

»Ah so!« sagte er; »Du gehst also darauf aus, uns Beide nach Bedlam zu bringen!«

»Ich habe mit voller Bestimmtheit auf Dich gerechnet, lieber Dick, und mit Ausschluß von vielen Anderen Dich zu meinem Reisegefährten erwählt.«

Kennedy war ganz starr vor Staunen.

»Wenn Du mich zehn Minuten lang angehört hast, wirst Du mir dafür dankbar sein«, fuhr der Doctor fort.

»Sprichst Du wirklich im Ernst?«

»Vollständig im Ernst.«

»Und wenn ich mich nun weigere, Dich zu begleiten?«

»Das wirst Du nicht thun.«

»Wenn ich mich nun aber doch weigere?«

»Dann reise ich allein.«

»Setzen wir uns, sagte der Jäger, und sprechen wir ohne alle Leidenschaft. Von dem Augenblick an, wo ich weiß, daß Du nicht scherzest, ist die Sache wenigstens einer Unterredung werth.«

»Wenn Du nichts dagegen hast, können wir dabei frühstücken, lieber Dick.«

Die beiden Freunde setzten sich einander gegenüber an einen kleinen Tisch, auf dem rechts ein stattlicher Berg von Butterbroden, und links eine ungeheure Theekanne stand.

»Mein lieber Samuel, Dein Plan ist geradezu verrückt; an seine Durchführung ist nicht zu denken, er ist mit einem Wort unmöglich!«

»Das werden wir erst genau wissen, wenn wir den Versuch gemacht haben.«

»Aber eben dieser Versuch soll ja nicht gemacht werden!«

»Und warum nicht, wenn’s beliebt?«

»Denke doch an die Gefahren, die Hindernisse aller Art!«

»Hindernisse«, versetzte Fergusson sehr ernst, »sind erfunden, um besiegt zu werden; und was die Gefahren betrifft – wer kann sich schmeicheln, ihnen zu entgehen? Alles im Leben ist Gefahr! Es kann das größte Unglück herbeiführen, wenn man sich an einem Tische niederläßt oder auch nur seinen Hut aufsetzt. Ueberdies muß man sich sagen, daß Alles, was bereits geschehen ist, auch wiederum geschehen wird, daß die Zukunft nur eine etwas entferntere Gegenwart ist.«

»Ich kenne Deine Ansichten«, schob Kennedy ein, indem er mit den Achseln zuckte. »Du bist Fatalist!«

»Immer, aber im besten Sinne des Wortes. Beschäftigen wir uns also nicht mit dem, was das Geschick uns möglicher Weise vorbehalten hat, sondern halten wir uns an das gute englische Sprichwort: Wer zum Hängen geboren ist, wird nie den Tod des Ertrinkens sterben.«

Hierauf war nichts zu erwidern, doch hinderte dies Kennedy nicht, eine Menge naheliegender Gründe gegen die beabsichtigte Unternehmung aufzuzählen, deren nähere Erörterung uns hier zu weit führen würde.

»Warum willst Du denn aber, sagte er nach einer Stunde lebhaftester Debatte, wenn diese Bereisung Afrikas absolut zu Deinem Lebensglück gehört, nicht dieselben Bahnen einschlagen, wie andere gewöhnliche Sterbliche vor Dir?«

»Warum?« rief der Doctor, in Eifer gerathend; »weil bis jetzt alle Versuche scheiterten! weil von Mungo Park’s Ermordung am Niger bis zum Verschwinden Vogels in Wadai, von Oudney’s und Clapperton’s Tod in Murmur und Sackatu bis auf den Franzosen Maizan, der in Stücke gehauen wurde, von dem Major Laing, der durch die Hand der Tuaregs sein Ende fand, bis zur Ermordung Roschers aus Hamburg im Anfange des Jahres 1860, zahlreiche Opfer in die afrikanische Märtyrerliste eingetragen worden sind! Weil es ganz unmöglich ist, gegen die Elemente, gegen den Hunger, den Durst, das Fieber, gegen die wilden Thiere und die noch viel wilderen Völkerstämme anzukämpfen! Weil man das, was nicht auf eine Weise zu erreichen ist, auf eine andere Art versuchen muß, und endlich, weil man da, wo nicht gerade durch zu kommen ist, nebenher oder darüber hinweg gehen muß.«

»Wenn es sich nur darum handelte, darüber hinweg zu gehen!« äußerte Kennedy; »aber Du willst ja hoch darüber fort fliegen.«

»Nun«, argumentirte der Doctor mit der größten Kaltblütigkeit weiter, »was habe ich denn zu fürchten? Wie Du Dir wohl denken kannst, habe ich meine Vorsichtsmaßregeln dergestalt getroffen, daß ein Fall meines Ballons nicht besorgt werden darf. Sollte das Luftschiff mich trotz alledem im Stich lassen, so würde ich mich auf der Erde noch immer in gleichen Verhältnissen mit andern Entdeckungsreisenden befinden; aber mein Ballon wird sich bewähren; wir können fest darauf rechnen.«

»Wir dürfen im Gegentheil nicht darauf rechnen.«

»Doch wohl, mein lieber Dick; ich beabsichtige, mich nicht eher von meinem Luftschiff zu trennen, als bis ich auf der Westküste Afrikas angekommen bin. Mit diesem Ballon ist Alles möglich; ohne ihn aber fiele ich wieder den Gefahren und natürlichen Hindernissen solcher Expeditionen zum Opfer. Mit ihm gedenke ich ebenso der Hitze, den Strömen und Stürmen, wie dem Samum und dem ungesunden Klima zu trotzen; weder wilde Thiere noch Menschen können mir etwas anhaben. Ist mir zu heiß, so steige ich; wird es zu kalt, so lasse ich mich herab. Über einen Berg fliege ich hinweg, über jeden Abgrund schwebe ich hin; ich schieße über Flüsse und Ströme wie ein Vogel, und entladet sich ein Gewitter, so erhebe ich mich über dasselbe und beherrsche es von oben herab. Ich komme vorwärts, ohne zu ermüden, und halte an, ohne der Ruhe zu bedürfen! Ich schwebe über den Städten, und fliege mit der Schnelligkeit des Orkanes bald hoch oben in den Lüften, bald nur hundert Fuß vom Erdboden entfernt; und unter meinen Augen entrollt sich die Karte von Afrika im großen Atlas der Welt!«

Der wackere Kennedy begann eine gewisse Bewegung und Rührung zu verspüren, und doch schwindelte ihm bei dem vor seinen Augen entrollten Schauspiel. Er betrachtete Samuel mit einem Gemisch von Bewunderung und Sorge; fast fühlte er sich schon schwebend im Weltenraum.

»Nach alledem, mein lieber Samuel«, sagte er endlich, »hast Du das Mittel ausfindig gemacht, den Ballon zu lenken?«

»Nein! Das ist eine Unmöglichkeit.«

»Aber dann wirst Du reisen. ….«

»Wohin es der Vorsehung beliebt, aber jedenfalls von Osten nach Westen, denn ich gedenke mich der Passatwinde, die eine durchaus beständige Richtung haben, zu bedienen.«

»O, freilich!« sagte Kennedy überlegend; »die Passatwinde…. gewiß….. Man kann im Nothfall….. Es wäre immerhin möglich….«

»Es wäre möglich? nein, mein wackerer Freund, es ist sogar gewiß. Die englische Regierung hat mir ein Transportschiff zur Verfügung gestellt, und es ist abgemacht, daß zu der voraussichtlichen Zeit meiner Ankunft drei oder vier Schiffe an der Westküste kreuzen sollen. In drei Monaten spätestens werde ich in Zanzibar sein, um die Füllung des Ballons zu bewerkstelligen, und von dort aus wollen wir uns in die Lüfte schwingen …«

»Wir!« rief Dick.

»Hast Du mir noch den leisesten Einwand zu machen, so sprich, Freund Kennedy.«

»Nicht einen Einwand, sondern tausend! aber sage mir unter Anderm: wenn Du das Land zu besichtigen und Dich nach Belieben zu erheben oder herabzulassen gedenkst, so kannst Du das nicht, ohne von Deinem Gas einzubüßen. Schon dieser Umstand hat bis jetzt alle langen Reisen in Luftballons verhindert.«

»Mein lieber Dick, ich will Dir nur dies eine Wort sagen: ich werde auch nicht das kleinste Atom, kein Molecül Gas einbüßen.«

»Und doch willst Du nach Belieben steigen und fallen können? Wie willst Du das machen?«

»Das ist mein Geheimniß, Freund Dick. Habe nur Vertrauen zu mir, und laß mein Losungswort auch das Deinige sein: ›Excelsior!‹«

»Gut, also ›Excelsior,‹« antwortete der Jäger, der kein Wort lateinisch verstand.

Er war fest entschlossen, sich mit allen erdenklichen Mitteln der Abreise des Doctors zu widersetzen; vorläufig aber gab er sich den Anschein, als sei er der Meinung desselben beigetreten. Er begnügte sich damit, den Freund zu beobachten. Dieser machte sich jetzt daran, die Zurüstungen für seine Reise zu beaufsichtigen.

Dreißigstes Capitel

Dreißigstes Capitel

Mosfeia. – Der Scheik. – Denham, Clapperton, Oudney, Vogel. – Die Hauptstadt von Loggum. – Toole. – Windstille über Kernak. – Der Gouverneur und sein Hof. – Der Angriff. – Die Tauben als Brandstifter.

Am Morgen des 11. Mai nahm der Victoria seinen abenteuerlichen Flug wieder auf; die Reisenden schauten auf ihn mit demselben Vertrauen wie der Seemann auf sein Schiff.

Aus wüthenden Orkanen, tropischer Hitze, mit Gefahren verknüpften Auffahrten und noch gefährlicheren Landungen war er überall und glücklich hervorgegangen. Fergusson konnte ihn mit einem Druck der Hand führen und hegte, auf die Vortrefflichkeit seines Fahrzeugs bauend, keine Befürchtungen mehr für den Ausgang seiner Reise. Die Klugheit nöthigte ihn, in diesem Lande der Barbarei und des Fanatismus die strengsten Vorsichtsmaßregeln zu beobachten; er empfahl also seinen Begleitern dringend, auf Alles, was sich ereignen sollte, zu jeder Stunde ein offnes Auge zu haben.

Der Wind führte sie wieder etwas mehr nördlich, und gegen neun Uhr erblickten sie die große, zwischen zwei hohen Bergen auf einer Anhöhe gebaute Stadt Mosfeia; sie lag in einer unangreifbaren Stellung; eine enge, zwischen Morast und Gehölz hinlaufende Straße bildete den einzigen Zugang.

In diesem Augenblick hielt ein Scheik, von einer berittenen Escorte geleitet, in Gewänder von lebhaften Farben gekleidet, seinen Einzug in die Stadt. Trompetenbläser und Läufer, welche die auf seinen Weg gestreuten Zweige entfernten, gingen ihm voran.

Der Doctor ließ den Ballon fallen, um die Eingebornen aus größerer Nähe zu betrachten, aber in dem Maße, wie sich der Ballon in ihren Augen vergrößerte, offenbarten sich Zeichen tiefen Schreckens unter ihnen, und sie entwichen alsbald, so schnell sie ihre Pferde und ihre Beine tragen wollten.

Nur der Scheik rührte sich nicht von der Stelle; er nahm seine lange Muskete, lud sie und wartete stolz. Da näherte sich der Doctor auf etwa hundertundfünfzig Fuß und richtete in wohlgesetzten Worten einen arabischen Gruß an ihn.

Als diese Worte, wie vom Himmel kommend, an sein Ohr schlugen, setzte der Scheik den Fuß zur Erde, streckte sich auf den Staub des Weges nieder, und der Doctor konnte ihn nicht von seiner Anbetung zurückbringen.

»Es liegt in der Natur der Sache,« sagte Fergusson, »daß diese Leute uns für übermenschliche Wesen halten. Haben sie doch schon bei der Ankunft der ersten Europäer unter ihnen gemeint, diese seien aus übernatürlichem Stamme entsprossen. Wenn später der Scheik von dieser Begegnung sprechen wird, so verfehlt er gewiß nicht, die Thatsache mit allen Hilfsquellen einer arabischen Einbildungskraft auszustatten. Du kannst Dir wohl denken, was die Sage dermaleinst für einen Glorienschein um uns weben wird.«

»Vom Standpunkt der Civilisation betrachtet, wäre es doch besser, daß wir ihnen für einfache Menschen gelten; das würde diesen Negern noch einen weit höhern Begriff von der europäischen Macht beibringen.«

»Einverstanden, lieber Dick; aber was können wir dagegen thun? So weitläufig Du auch den Gelehrten des Landes den Mechanismus eines Luftschiffes erklären magst, sie würden Deine Worte doch nicht begreifen und in der Begegnung mit uns immer das Eingreifen höherer Wesen suchen.«

»Herr Doctor, Sie sprachen soeben von den ersten Europäern, die dies Land erforschten; bitte, erzählen Sie uns doch, wer sie waren.«

»Mein lieber Joe, wir verfolgen jetzt genau die Straße, wie vor uns einst der Major Denham; hier in Mosfeia wurde er von dem Sultan von Mandara aufgenommen; er hatte Bornu verlassen, begleitete den Scheik auf einem Zuge gegen die Fellatahs, und wohnte dem Angriff auf die Stadt bei, die mit ihren Pfeilgeschossen tapfer gegen die Kugeln der Araber Widerstand leistete und die Truppen des Scheik zur Flucht nöthigte; doch alles das gab nur den Vorwand zum Morden, Plündern und Verwüsten her. Der Major wurde vollständig beraubt, gänzlich entkleidet, und wäre niemals nach Kuka, der Hauptstadt von Bornu, zurückgekehrt, hätte er nicht einem Pferde unter den Bauch gleiten und so in rasendem Galop den Siegern entrinnen können.

»Aber wer war denn dieser Major Denham?«

»Ein unerschrockener Engländer, der von 1822 bis 1824 in Gesellschaft von Kapitän Clappperton und Doctor Dudney eine Expedition nach Bornu befehligte. Im März brachen sie von Tripoli auf, gelangten nach Mursuk, der Hauptstadt von Fezzan, und indem sie den Weg einschlugen, den später der Doctor Barth verfolgen sollte, um nach Europa zurückzukehren, kamen sie am 16. Februar 1823 in Kuka am Tschad-See an. Denham machte verschiedene Forschungsreisen nach Bornu, Mandara und den östlichen Ufern des Sees; unterdessen drangen am 19. December 1823 Kapitän Clapperton und Doctor Oudney in Sudan bis Sackatu vor, und der Letztere starb vor Mattigkeit und Erschöpfung in der Stadt Murmur.«

»Dieser Theil Afrika’s hat also der Wissenschaft manches Opfer gekostet?« fragte Kennedy.

»Ja, diese Landstriche hier sind verhängnißvoll: wir reisen geraden Wegs auf das Königreich Baghirmi zu, welches Vogel im Jahre 1856 durchreiste, um nach Wadai vorzudringen, und dort ist er verschwunden. Dieser junge Mann wurde im Alter von dreiundzwanzig Jahren abgesandt, um an den Arbeiten des Doctor Barth mitzuwirken; sie trafen sich am ersten December 1854; dann begann Vogel die Erforschung des Landes; gegen 1856 that er in seinen letzten Briefen die Absicht kund, das Königreich Wadai zu recognosciren, in das noch kein Europäer bis dahin gedrungen war; es scheint, als sei er bis nach der Hauptstadt Wara gekommen, wo er nach einigen Berichten getödtet wurde, nach andern noch gefangen gehalten wird, weil er den Versuch gemacht hatte, einen der geheiligten Berge in der Umgegend zu besteigen. Man darf jedoch nicht den Tod der Reisenden als gewiß annehmen, denn das würde etwaige Forschungen nach ihnen überflüssig machen. Wie oft ist die Nachricht vom Tode des Doctor Barth officiell verbreitet worden, und wie oft hat er eine gerechte Entrüstung darüber empfunden! So ist es auch leicht möglich, daß Vogel von dem Sultan des Wadai-Landes gefangen gehalten wird, der vielleicht ein Lösegeld für ihn zu erpressen hofft. Der Baron von Neimans wollte sich nach Wadai begeben, aber er starb im Jahre 1855 in Kairo. Bekanntlich hat sich jetzt Herr von Heuglin mit der von Leipzig abgesandten Expedition auf die Reise gemacht, um die Spuren Vogel’s zu entdecken. So werden wir demnächst über das Schicksal dieses interessanten jungen Reisenden Gewißheit erhalten.« [Fußnote]

Mosfeia war schon lange am Horizont verschwunden, und jetzt entrollte Mandara unter den Reisenden seine wunderbare Fruchtbarkeit; hier zeigten sich üppige Wälder von Akazien, dort rothblühende Grasähren und die krautartigen Pflanzen der Baumwollenstauden und Indigofelder; der Shari, welcher sich achtzig Meilen weiter in den Tschad ergießt, rollte ungestümen Laufes dahin.

Der Doctor zeigte auf den Karten Barth’s seinen Gefährten den Lauf dieses Flusses.

»Ihr seht, sagte er, daß die Arbeiten dieses Gelehrten von außerordentlicher Wichtigkeit sind; wir steuern gegenwärtig gerade auf den District von Loggum zu, und vielleicht auch sehen wir die Hauptstadt Kernak. Dort starb der arme Toole im Alter von kaum zweiundzwanzig Jahren. Es war dies ein junger Engländer, ein Fähndrich vom 80sten Regiment, der sich einige Wochen zuvor dem Major Denham in Afrika angeschlossen hatte, und hier so bald schon seinen Tod fand. Man kann mit Recht diese unermeßliche Gegend den Kirchhof der Europäer nennen!«

Einige, fünfzig Fuß lange Canots schifften den Shari abwärts; der Victoria, tausend Fuß von der Erde entfernt, zog nur in geringem Maße die Aufmerksamkeit der Eingeborenen auf sich. Der Wind, welcher bis jetzt ziemlich kräftig geweht hatte, begann mehr und mehr abzunehmen.

»Sollten wir noch einmal unter Windstille zu leiden haben?« begann der Doctor.

»Thut nichts, Herr Fergusson, wir haben weder Wassermangel noch die Wüste zu fürchten.«

»Freilich, aber dafür wilde Völkerschaften.«

»Dort taucht etwas auf, das einer Stadt ähnlich sieht,« meldete Joe.

»Das ist Kernak; das letzte Wehen des Windes führt uns dahin, und mir werden einen genauen Plan der Stadt aufnehmen können.«

»Sollen mir uns nicht noch mehr nähern?« fragte Kennedy.

»Nichts leichter als das, Dick. Wir schweben gerade über der Stadt; ich werde mir erlauben, den Hahn des Knallgasgebläses ein wenig zu drehen, und wir senken uns sofort.«

Der Victoria hielt eine halbe Stunde später unbeweglich in einer Höhe von zweihundert Fuß über dem Boden.

»Wir sind hier nicht so weit von Kernak entfernt, als ein Mann im Knopf der St. Paulskirche es von London sein würde. Wir können uns jetzt bequem umsehen.«

»Was ist das für ein Gehämmer? man hört es überall.«

Joe schaute aufmerksam hinunter und entdeckte bald, daß das Geräusch von Webern herrührte, die unter freiem Himmel an ungeheuren Baumstämmen ihre Gewebe aufgespannt hatten.

Die Hauptstadt von Loggum ließ sich jetzt in ihrem ganzen Umfang wie auf einem aufgerollten Plan überschauen; es war eine wirkliche Stadt mit Häuserreihen und ziemlich breiten Straßen; mitten auf einem großen Platz wurde gerade Sclavenmarkt abgehalten; es war großer Zudrang von Käufern, denn die Mandaraninnen, die durch äußerst kleine Hände und Füße bekannt sind, werden sehr gesucht und vortheilhaft verkauft.

Beim Anblick des Victoria spielte von Neuem die so oft beobachtete Scene: zuerst erhob sich Geschrei, und dann das höchste Staunen; Jeder ließ sein Geschäft im Stich und unterbrach seine Arbeit, um hinaufzuschauen. Endlich hörte der Lärm auf, die Reisenden hielten sich unbeweglich und schauten mit Interesse auf all‘ die Merkwürdigkeiten dieser seltsamen Stadt; der Ballon senkte sich sogar bis auf sechzig Fuß vom Erdboden herab.

Nun trat der Gouverneur von Loggum aus seinem Hause; eine grüne Fahne wurde entfaltet, und die Musikanten bliesen auf den Büffelhörnern, als wenn die Gewalt ihrer Töne Alles sprengen könne – nur ihre Lungen nicht. Die Menge versammelte sich um den Gouverneur. Samuel Fergusson suchte sich Gehör zu verschaffen, aber es war unmöglich.

Das Volk hatte ein stolzes und kluges Aussehen; überall begegnete der Blick hohen Stirnen, gelocktem Haar und fast adlerartig gebogenen Nasen; gegenwärtig hatte die Anwesenheit des Victoria alle Einwohner in große Verwirrung gesetzt; man sah Reiter nach allen Richtungen sprengen, und bald bemerkten die Reisenden, daß die Truppen des Gouverneurs sich versammelten, um einen vermeintlichen Feind zu bekämpfen. Es half Joe nichts, daß er mit buntfarbigen Taschentüchern winkte; alle derartigen Verständigungsversuche blieben erfolglos.

Indessen hatte der Scheik, von seinem Hofe umgeben, Schweigen geboten, und richtete an die Reisenden eine Rede, die nur den einen Fehler hatte, daß diejenigen, für welche sie bestimmt war, kein Wort davon verstanden. Es war eine Art Arabisch mit Baghirmi-Sprache gemischt. Der Doctor errieth jedoch aus der allgemein verständlichen Sprache der Geberden, daß man die ausdrückliche Aufforderung des Abzugs an ihn richtete. Gern wäre er diesem Begehren auch nachgekommen, aber in Folge der Windstille konnte man nicht daran denken. Die unbewegliche Haltung des Ballons erbitterte den Gouverneur, und seine Hofbeamten begannen ein ohrzerreißendes Geheul, um das Ungeheuer zur Flucht zu nöthigen.

Diese Höflinge bildeten übrigens sonderbare Figuren; sie trugen fünf bis sechs buntscheckige Hemden, die über einander gezogen waren, und zeichneten sich durch enorme Schmerbäuche aus, von denen einige angesetzt zu sein schienen. Der Doctor unterrichtete seine Gefährten, daß dies hier zu Lande die Art sei, wie man sich beim Sultan beliebt zu machen suche; die Rundung des Leibes lege hier ein Zeugniß für den Ehrgeiz der Leute ab. All diese dicken Hofschranzen gesticulirten jetzt lebhaft, sie schrieen aus allen Kräften, und ganz besonders zeichnete sich einer von ihnen aus, der jedenfalls Premierminister hätte werden müssen, wenn sein Umfang hierfür maßgebend gewesen wäre. Die Neger vereinigten ihr Geheul mit dem Geschrei des Hofes, indem sie sich die größte Mühe gaben, die Gestikulationen desselben nachzumachen, wodurch eine gleichmäßige Bewegung von etwa zehntausend Armen hervorgebracht wurde.

Zu diesen Versuchen, den Ballon einzuschüchtern, die sich bald als wirkungslos erwiesen, gesellten sich noch andere, die unsern Reisenden gefährlicher zu werden drohten. Soldaten, die mit Bogen und Pfeilen bewaffnet waren, stellten sich in Schlachtordnung auf; aber schon blähte sich der Victoria und stieg ruhig über ihr Bereich hinaus. Nun ergriff der Gouverneur seine Muskete und richtete sie auf den Ballon, aber Kennedy hatte seine Bewegungen überwacht und zerschmetterte jetzt mit einer Kugel seines Carabiners die Waffe in der Hand des Scheik.

Bei diesem unerwarteten Schusse entstand eine allgemeine Flucht; Jeder zog sich so schnell wie möglich in seine Hütte zurück, und die Stadt blieb während des übrigen Tages öde und verlassen.

Die Nacht kam heran, aber mit dem schwindenden Tageslicht hatte sich auch die letzte Spur eines Luftzugs verloren, und man mußte sich damit begnügen, ruhig in einer Höhe von ungefähr dreihundert Fuß zu schweben. Nicht ein Feuer leuchtete durch das Dunkel der Nacht; es herrschte eine Todtenstille. Der Doctor verdoppelte seine Vorsicht; diese Ruhe war vielleicht nur scheinbar, um eine Falle zu verbergen.

Und Fergusson hatte guten Grund, wachsam zu sein. Gegen zwölf Uhr schien die ganze Stadt in Flammen zu stehen; hunderte von Feuerstreifen kreuzten sich wie Brander eines Feuerwerks, indem sie eine förmliche Verwickelung von Flammenlinien bildeten.

»Eine höchst sonderbare Erscheinung!« meinte der Doctor.

»Gott bewahre uns,« rief ietzt Kennedy, »der Brand scheint emporzusteigen und sich uns zu nähern.«

Wirklich erhob sich unter dem Lärm eines wüthenden Geheuls und dem Knall der Musketenschüsse diese Feuermasse zum Victoria, und Joe schickte sich an, Ballast auszuwerfen. Bald indessen hatte der Doctor eine Erklärung für das Phänomen gefunden.

Man hatte Tausende von Tauben, deren Schwanzfedern mit leichtentzündlichen Stoffen versehen waren, gegen den Ballon losgelassen, und erschreckt stiegen sie empor, indem sie in der Luft feurige Zickzacklinien beschrieben. Kennedy setzte all seine Schießwaffen gegen die Thiere in Thätigkeit, aber was vermochte er gegen diese zahllose Masse? Schon umflatterten die Tauben die Gondel und den Ballon, dessen Wände das Licht zurückstrahlten, und der in ein Feuernetz eingehüllt zu sein schien.

Der Doctor warf ohne Zögern ein Stück Quarz aus der Gondel und wich so schnell wie möglich vor den Angriffen dieser gefährlichen Vögel. Noch zwei Stunden lang sah man sie im Dunkel der Nacht hin und herfliegen; dann verminderte sich ihre Zahl allmälig, und endlich war jede Spur von ihnen verschwunden.

»Jetzt können wir ruhig schlafen,« sprach der Doctor.

Joe dachte noch über das Abenteuer nach.

»Für Wilde kein übler Gedanke«, meinte er.

»Man wendet diese Tauben hier ziemlich allgemein an, um die Strohdächer von feindlichen Dörfern in Brand zu stecken, aber dies Mal flog das Dorf noch höher, als das brandstiftende Geflügel!«

»Der Ballon hat eigentlich keine Feinde zu fürchten,« bemerkte Kennedy.

»Das möchte ich nicht so absolut behaupten.«

»Welche denn, zum Beispiel?«

»Vor allem die Unvorsichtigkeit Derjenigen, die er in seiner Gondel trägt; darum, meine Freunde, überall und stets die strengste Wachsamkeit!«

Einunddreißigstes Capitel

Einunddreißigstes Capitel

Nächtliche Abreise. – Alle drei. – Kennedy’s Instinct. – Vorsichtsmaßregeln. – Der Lauf des Shari. – Der Tschad-See. – Das Wasser des Sees. – Das Nilpferd. – Eine nutzlos verschossene Kugel.

Gegen drei Uhr Morgens sah Joe, der die Wache hatte, endlich, wie die Stadt unter ihnen zurückblieb, und bemerkte so, daß der Victoria seine Fahrt wieder aufnahm. Kennedy und der Doctor erwachten.

Der Letztere sah nach dem Compaß, und nahm mit Befriedigung wahr, daß der Wind das Luftschiff nach Nord-Nord-Osten trug.

»Wir haben heute Glück, Alles gelingt uns; noch heute werden wir wahrscheinlich den Tschad-See entdecken,« theilte Fergusson seinen Gefährten mit.

»Hat er eine bedeutende Ausdehnung?« fragte Kennedy.

»Freilich, mein lieber Dick; in seiner größten Länge und Breite mag dieses Wasser immerhin hundertundzwanzig Meilen messen.«

»Es muß ganz amüsant sein, über einem Wasserteppich spazieren zu fahren; das wird ein wenig Abwechslung in unsere Reise bringen.«

»Nun, ich dächte, wir hätten uns nicht zu beklagen; haben wir doch an Abwechslung keinen Mangel, und schreiten unter den bestmöglichen Bedingungen vor.«

»Gewiß, Samuel; von den Entbehrungen in der Wüste abgesehen, hat uns noch keine ernstliche Gefahr bedroht.«

»Unser wackerer Victoria hat sich ganz vorzüglich bewährt. Heute haben wir den 12. Mai; am 18. April sind wir aufgebrochen, folglich sind wir jetzt fünfundzwanzig Tage unterwegs. Noch etwa zehn Tage, und wir können am Ziele angelangt sein.«

»Wo glaubst Du, daß wir eintreffen werden?«

»Ich weiß es nicht, auch kommt nicht viel darauf an.«

»Du hast Recht, Samuel; überlassen wir der Vorsehung die Sorge, den Ballon zu lenken und uns gesund zu erhalten, wie bisher! Wir sehen nicht gerade aus, als hätten wir pestilentialische Länder durchreist.«

»Wir konnten uns über sie erheben, und das haben wir gethan.«

»Es leben die Luftreisen!« jubelte Joe; »hier sind wir nun nach fünfundzwanzig Reise-Tagen, wohlbehalten, gut restaurirt, und trefflich, vielleicht etwas zu sehr, ausgeruht, denn meine Beine fangen an einzuschlafen, und ich würde gern wieder einmal einige dreißig Meilen laufen.«

»Dies Vergnügen kannst Du Dir später in den Straßen von London machen, Joe, aber für jetzt wollen wir uns so viel wie möglich bei einander halten. Wir sind zu dreien gereist, wie Denham, Clapperton und Overweg, und wie später Barth, Richardson und Vogel, aber glücklicher als unsere Vorgänger, befinden wir uns noch alle drei zusammen. Es ist sehr wichtig, daß wir uns nicht trennen; wenn in der Zeit, die einer von uns auf festem Boden verbringt, der Victoria sich, um einer plötzlichen, unvorhergesehenen Gefahr zu entrinnen, in die Lüfte erheben müßte, wer weiß, ob wir uns je wieder zusammenfinden würden? Deshalb hege ich auch immer eine gewisse Sorge, wenn Du, Kennedy, Dich von uns entfernst, um zu jagen. Ich muß gestehen, daß ich das nicht gern habe.«

»Trotzdem wirst Du mir wohl gestatten müssen, dieser Passion auch fernerhin zu fröhnen, Freund Samuel; auch bedürfen unsere Vorräthe einer Erneuerung, und – hast Du mir vor unserer Abreise nicht eine Reihe herrlicher Jagden in Aussicht gestellt? Bis jetzt habe ich noch wenig auf der Bahn eines Anderson und eines Cumming geleistet.«

»Nun, lieber Dick, Dein Gedächtniß scheint in dieser Beziehung äußerst kurz zu sein, oder veranlaßt Dich Bescheidenheit, Deine Heldenthaten so schnell zu vergessen? Meines Wissens hast Du, des niedern Wildes nicht zu gedenken, bereits einer Antilope, einem Elephanten und zwei Löwen den Garaus gemacht.«

»Ach, was will das für einen Jäger in Afrika sagen, an dem alle Thiere der Schöpfung schußgerecht vorüberziehen? Sieh doch, sieh doch dieses Rudel Giraffen!«

»Wie, das sollen Giraffen sein? Sie sind ja kaum faustdick!« rief Joe erstaunt.

»Das scheint Dir so, weil Du tausend Fuß über ihnen bist; in der Nähe würdest Du sehen, daß sie drei Mal höher sind, als Du.«

»Und was sagst Du zu dieser Gazellenherde und zu jenen Straußen, die eben so schnell wie der Wind davonlaufen?« hub Kennedy wieder an.

»Strauße!« höhnte Joe; »Hennen sind’s, nichts weiter als Hennen!«

»Können wir ihnen nicht etwas näherkommen, Samuel?«

»Das wohl, aber nicht aussteigen; wozu nützt es auch, diese Thiere, die Dir keinen Nutzen bringen können, zu erlegen? Wenn es sich darum handelte, einen Löwen, eine Tigerkatze oder eine Hyäne zu vertilgen, würde ich Deinen Eifer begreiflich finden; damit wäre ein reißendes Raubthier vernichtet. Aber eine Antilope oder Gazelle ohne andern Zweck als die eitle Befriedigung Deines Jägergelüstes zu tödten, lohnt doch wirklich nicht der Mühe. Wir wollen uns jedoch hundert Fuß vom Erdboden halten, und wenn Du ein wildes Thier siehst, kannst Du ihm zu unserer Unterhaltung eine Kugel in’s Herz senden.«

Der Victoria fiel allmälig, hielt sich jedoch noch immer in beruhigender Höhe. In dieser wilden, sehr bevölkerten Gegend mußte man gegen unerwartete Gefahren auf der Hut sein.

Die Reisenden folgten nun geraden Wegs dem Laufe des Shari; die reizenden Ufer dieses Flusses verschwanden unter dem Schatten der mannigfaltigsten Bäume; Lianen und Schlingpflanzen wanden sich überall um die stärkern Stämme und Zweige, und brachten ein wunderbares Gemisch von Laub und Farben hervor. Die Krokodile tummelten sich im Sonnenschein, tauchten mit der Behendigkeit flinker Eidechsen unter das Wasser und landeten spielend an den zahlreichen, grünen Inseln, die den Lauf des Flusses unterbrachen.

So zog in reicher, von üppigem Grün überwucherter Natur der District Maffatay an den Reisenden vorüber, und gegen neun Uhr Morgens erreichten sie endlich das südliche Ufer des Tschad-Sees.

Dies war also das Caspische Meer Afrika’s, dessen Existenz so lange Zeit in das Bereich der Fabel verwiesen wurde; dies das Binnenmeer, bis zu welchem nur die Expeditionen Denham’s und Barth’s vorgedrungen waren.

Der Doctor versuchte die gegenwärtige Gestaltung des Sees, die sich sehr von der im Jahre 1847 beobachteten Configuration unterschied, zu fixiren, aber eine Karte von dem Tschad-See zu zeichnen ist eine Unmöglichkeit, da er von schlammigen und fast unübersteiglichen Morästen umgeben ist, in denen Barth einst umzukommen fürchtete. Von einem Jahr zum andern verwandeln sich diese, mit Rohr und Papierstaude bedeckten Sümpfe in Wasser, und vergrößern auf diese Weise den See, oder die, an den Ufern liegenden Städte werden halb versenkt, wie es im Jahre 1856 Ngornu erging; jetzt trieben die Nilpferde und Alligatoren an der nämlichen Stelle ihr plätscherndes Spiel, wo einst die Wohnungen der Bornu gestanden hatten.

Die Sonne goß ihre blendenden Strahlen über die ruhige Fluth, und im Norden schienen Wasser und Feuer an demselben Horizont mit einander zu verschmelzen.

Der Doctor wollte die Beschaffenheit des Wassers, das man lange für salzig gehalten hatte, feststellen, und da man sich ohne Gefahr für die Gondel fast bis auf die Wasserfläche herablassen konnte, näherten sich die Reisenden derselben bis auf etwa fünf Fuß.

Joe ließ nun eine Flasche hinab und zog sie halb gefüllt wieder herauf. Das Wasser aber erwies sich wenig trinkbar, da es einen starken natronartigen Beigeschmack hatte.

Während Fergusson dies Ergebniß seines Versuchs notirte, wurde neben ihm ein Flintenschuß abgefeuert; Kennedy hatte der Versuchung nicht widerstehen können und einem ungeheuren Nilpferd eine Kugel zugesandt; dies jedoch athmete ruhig weiter, und verschwand, nur von dem Geräusche des Schusses verscheucht. Die Spitzkugel des Jägers schien es nicht weiter zu geniren.

»Mit einer Harpune würde man ihm besser beikommen können!« bemerkte der weise Joe.

»Wie meinst Du?«

»Nun, mit einem unserer Anker; das wäre so ein entsprechender Angelhaken für solch‘ Thierchen.«

»Es ist wirklich wahr!« rief Kennedy; »Joe hat wieder einmal einen Gedanken ….«

»Den ich euch bitte, nicht in Ausführung zu bringen!« fiel der Doctor ein; »das Thier würde uns bald dorthin nachschleppen, wohin zu kommen keiner von uns Neigung haben dürfte.«

»Besonders jetzt, wo wir über die Wasserbeschaffenheit des Tschad-Sees im Klaren sind. Kann man denn diesen Fisch essen, Herr Fergusson?«

»Was Du einen Fisch nennst, Joe, ist ganz einfach ein Säugethier von der Gattung der Dickhäuter; sein Fleisch ist übrigens vorzüglich, und bildet einen Haupthandelsgegenstand unter den Völkerschaften, welche die Ufer des Sees bewohnen.«

»Dann bedaure ich sehr, daß Herrn Dick’s Flintenschuß keinen bessern Erfolg gehabt hat.«

»Das Thier ist nur am Bauche und zwischen den Schenkeln verwundbar; Dick’s Kugel hat es‘ nicht einmal geschrammt. Wenn das Terrain mir günstig erscheint, können wir uns jedoch am nördlichen Ufer des Sees aufhalten, dort wird Kennedy eine wahre Menagerie von Thieren vorfinden und sich nach Belieben schadlos halten können.«

»Nun,« schlug Joe vor, »dann mag Herr Dick nur ein Nilpferd auf’s Korn nehmen; ich möchte gar zu gern das Fleisch von diesem Amphibium kosten. Es ist eigentlich nicht natürlich, bis zum Mittelpunkt von Afrika vorgedrungen zu sein, und dabei noch immer von Becassinen und Rebhühnern zu leben wie in England.«

Zweiunddreißigstes Capitel

Zweiunddreißigstes Capitel

Die Hauptstadt von Bornu. – Die Inseln der Biddiomahs. – Die Lämmergeier. – Die Besorgnisse des Doctors. – Seine Vorsichtsmaßregeln. – Ein Angriff hoch in der Luft. – Riß in der Hülle des Ballons. – Der Fall. – Erhabene Aufopferung. – Die Nordküste des Sees.

Der Victoria war seit seiner Ankunft am Tschad- See in eine Strömung gerathen, die mehr nach Westen wehte; einige Wolken mäßigten jetzt die Hitze, man verspürte fast einen kleinen Luftzug über der Wasserstrecke. Aber gegen ein Uhr, als der Ballon über diesen Theil des Sees schräg dahingefahren war, drang er etwa sieben bis acht Meilen in’s Land vor.

Der Doctor, dem zuerst diese Richtung nicht besonders genehm war, dachte nicht mehr daran, sich hierüber zu beklagen, als er Kuka, die berühmte Hauptstadt von Bornu, bemerkte; sie war mit Mauern von Pfeifenthon umgeben, und einige ziemlich kunstlose Moscheen erhoben sich schwerfällig über die arabischen Häuser, die einer Menge Spielwürfel nicht unähnlich sahen. Auf den Höfen der Häuser und den öffentlichen Plätzen wuchsen Palm- und Kautschukbäume, von einem über hundert Fuß breiten Blätterdom gekrönt. Joe machte darauf aufmerksam, daß diese ungeheuren Sonnenschirme im Verhältniß zu der Gluth der Sonnenstrahlen ständen, und zog hieraus für die Vorsehung sehr schmeichelhafte Schlüsse.

Kuka besteht aus zwei verschiedenen Städten, die durch den »Dendal«, einen großen Boulevard von dreihundert Toisen, auf dem sich gerade jetzt Reiter und Fußgänger drängten, von einander getrennt sind. Auf der einen Seite brüstet sich der reiche Stadttheil mit seinen hohen und luftigen Wohnhäusern; auf der andern zieht sich die arme Stadt hin, eine traurige Versammlung niederer, kegelförmiger Hütten, in denen eine dürftige Bevölkerung vegetirt, denn Kuka treibt weder Handel noch Industrie.

Kennedy fand zwischen dieser Stadt mit ihren beiden vollkommen abgegrenzten Theilen, und einem Edinburg, das sich in der Ebene erstreckt, eine gewisse Aehnlichkeit.

Aber kaum konnten die Reisenden dies Alles wahrnehmen, denn sie wurden bei der Beweglichkeit, welche die Luftströmungen dieser Gegend charakterisirt, rasch von einem widrigen Winde erfaßt und etwa vierzig Meilen auf den Tschad-See zurückgeworfen.

Nun bot sich ein neues Schauspiel; sie konnten die zahlreichen, von den Biddiomahs, blutdürstigen, sehr gefürchteten Seeräubern, bewohnten Inseln des Sees übersehen. Diese Wilden, deren Nachbarschaft ebenso gefürchtet wird, wie die der Tuaregs der Sahara, schickten sich an, den Victoria muthig mit Pfeil- und Steinschüssen zu empfangen; aber dieser war bald über die Inseln hinausgekommen, über welche er, wie ein riesengroßer Käfer, hinwegzuflattern schien.

In diesem Augenblick richtete Joe einen Blick auf den Horizont und wandte sich mit den Worten an Kennedy:

»Wahrhaftig, Herr Dick das ist etwas für Sie, der Sie immer von der Jagd träumen, und diesmal wird mein Herr gegen Ihre Flintenschüsse nichts einzuwenden haben.«

»Was giebts denn?«

»Sehen Sie dort diesen Zug großer Vögel, die gerade auf uns zusteuern?«

»Vögel?« rief der Doctor, und griff zu seinem Fernglase.

»Ich sehe sie,« erwiderte Kennedy; »es sind ihrer wenigstens ein Dutzend.«

»Vierzehn, wenn Sie erlauben«, verbesserte Joe.

»Gebe der Himmel, daß sie bösartig genug sind, um nicht den Protest des weichmüthigen Samuel hervorzurufen.«

»Ich werde nichts dagegen haben,« antwortete Fergusson, »wünschte aber, diese Vögel wären weit von uns entfernt.«

»Sie haben Furcht vor diesem Geflügel?« fragte Joe.

»Es sind Lämmergeier der größten Art; und wenn sie uns angreifen ….«

»Nun, wir werden uns zu vertheidigen wissen, und haben ein Arsenal bereit, um sie gebührend zu empfangen. Ich kann mir nicht denken, daß diese Thiere uns wirklich gefährlich werden können.«

»Wer weiß?« warf der Doctor hin.

Zehn Minuten später hatte sich die Schaar bis auf Schußweite genähert; vierzehn Vögel erfüllten die Luft mit ihrem krächzenden Geschrei; sie rückten mehr gereizt als erschreckt durch die Gegenwart des Victoria auf diesen los.

»Wie sie schreien!« begann Joe; »was für ein Lärm! es paßt ihnen wahrscheinlich nicht, daß wir uns in ihr Gebiet wagen, und daß wir uns erlauben, wie sie umherzustiegen.«

»Sie sehen allerdings schrecklich aus,« sagte der Jäger; »und ich würde sie für ziemlich gefährlich halten, wenn sie mit einem Carabiner von Purdey Moore bewaffnet wären.«

»Dergleichen brauchen sie nicht,« versetzte Fergusson, der sehr ernst geworden war.

Die Lämmergeier beschrieben in ihrem Fluge ungeheure Kreise, die sich um den Victoria mehr und mehr verengten. Sie streiften mit phantastischer Geschwindigkeit durch die Luft, indem sie zuweilen mit der Schnelligkeit einer Kugel dahinschossen und ihre Projectionslinie mit einem scharfen, kühnen Winkel abschnitten.

Der Doctor, welcher immer unruhiger wurde, beschloß, sich zu erheben, um dieser gefährlichen Nachbarschaft aus dem Wege zu gehen; er dehnte das Wasserstoffgas des Ballons aus, und dieser stieg alsbald empor. Aber die Lämmergeier stiegen mit ihm und zeigten nicht die geringste Neigung, ihn zu verlassen.

»Sie thun gerade so, als hätten sie es auf uns abgesehen,« bemerkte der Jäger, und lud seinen Carabiner.

Die Vögel näherten sich in der That bis auf eine Entfernung von kaum fünfzig Fuß, und schienen die Waffen Kennedy’s herauszufordern.

»Ich habe eine rasende Lust, auf die Bande zu schießen.«

»Nein, Dick, ja nicht; wir wollen die Thiere nicht ohne Grund wüthend machen. Das hieße, sie zum Angriff reizen.«

»Ich gedenke leicht mit ihnen fertig zu werden.«

»Für dies Mal irrst‘ Du Dich, Dick.«

»Wir haben für jede der Bestien eine Kugel parat.«

»Und wie willst Du sie erreichen, wenn sie sich auf den obern Theil des Ballons stürzen? Stelle Dir vor, daß Du Dich einer Masse Löwen auf dem Lande, oder einer Schaar Haifische im Meer gegenüber befindest. Für Luftschiffer ist unsere Situation gerade ebenso gefährlich.«

»Sprichst Du im Ernst, Samuel?«

»Ja. Dick.«

»Dann wollen mir warten.«

»Gut, halte Dich im Fall eines Angriffs bereit, aber gieb nicht Feuer ohne meinen Befehl.«

Die Vögel thaten sich jetzt in einer geringen Entfernung vom Ballon zusammen; man unterschied deutlich ihre federlosen Kehlen, die sich unter der Anstrengung des Schreiens aufblähten, und ihre knorpeligen, mit bläulichen Fetzen versehenen Kämme, die sich vor Wuth emporrichteten. Die Thiere hatten eine außerordentliche Größe; ihr Körper war über drei Fuß lang, und die untere Seite ihrer weißen Flügel schillerte in der Sonne; man hätte sie geflügelte Haifische nennen können, denn mit diesen hatten sie eine fürchterliche Aehnlichkeit.

»Sie folgen uns,« sagte der Doctor, als er sah, wie sie sich mit dem Ballon erhoben, »und vergebens würden wir noch höher steigen. Ihr Flug würde uns noch überholen.«

»Was sollen wir machen?« fragte Kennedy rathlos.

Der Doctor antwortete nicht.

»Höre, Samuel, versetzte der Jäger, es sind ihrer vierzehn; und wir haben, wenn wir unsre sämmtlichen Waffen benutzen, siebzehn Schüsse zur Disposition. Giebt es denn kein Mittel, sie zu vertilgen oder zu zerstreuen? Ich übernehme eine bestimmte Zahl von ihnen.«

»Ich zweifle nicht an Deiner Geschicklichkeit, Dick; ich betrachte die, welche vor Deinen Carabiner kommen, von vorn herein als geliefert, aber ich wiederhole Dir, so wie sie den obern Ballon angreifen, können wir nichts mehr gegen sie thun; sie werden seine Hülle, die uns in der Luft hält, verletzen und sprengen, und dabei befinden wir uns gegenwärtig dreitausend Fuß hoch!«

In diesem Augenblick schoß einer der wildesten Vögel mit aufgespanntem Schnabel und geöffneten Krallen, zum Beißen und Zerreißen bereit, auf den Victoria los.

»Feuer! Feuer!« rief der Doctor, und kaum waren die Worte von seinen Lippen, als der Vogel, zum Tode getroffen, wirbelnd in die Tiefe herabsank.

Kennedy hatte eine der doppelläufigen Flinten ergriffen, Joe legte die andere an.

Durch den Knall erschreckt, entfernten sich die Lämmergeier für einen Augenblick, aber fast unmittelbar darauf kehrten sie zu einem neuen Angriff zurück. Kennedy zerschmetterte mit einer Kugel den Hals des nächsten, Joe zerschoß den Flügel eines andern.

»Noch immer mehr als elf,« sagte er.

Aber nunmehr änderten die Vögel ihre Taktik; einmüthiglich erhoben sie sich über den Victoria. Kennedy sah Fergusson in’s Antlitz.

Trotz seiner Energie und seines Gleichmuthes war dieser blaß geworden. Ein furchtbarer Augenblick des Schweigens. Dann ließ sich ein zischendes Pfeifen wie von zerreißender Seide vernehmen, und die Gondel schwankte unter den Füßen der Reisenden.

»Wir sind verloren,« rief Fergusson, die Augen auf das schnellsteigende Barometer gerichtet.

Dann fügte er hinzu: »Den Ballast heraus, rasch!«

In wenigen Secunden waren sämmtliche Quarzstücke verschwunden.

»Wir fallen noch immer! … Leert die Wasserkisten! … Joe! hörst Du? … Wir stürzen in den See!«

Joe gehorchte. Der Doctor bog sich über den Rand der Gondel; der See schien auf ihn zuzukommen wie eine steigende Fluth; die Gegenstände vergrößerten sich zusehends, die Gondel war nicht mehr zweihundert Fuß von der Oberfläche des Tschad entfernt.

»Die Vorräthe! die Vorräthe!« rief der Doctor.

Und die Kiste mit den Lebensmitteln ward hinabgestürzt.

Die Schnelligkeit des Falles verminderte sich; aber die Unglücklichen sanken noch immer!

»Werft noch mehr heraus! noch immer mehr!« schrie abermals der Doctor.

»Es ist nichts mehr da,« sagte Kennedy.

»Doch!« antwortete Joe lakonisch, indem er mit schneller Handbewegung auf sich selber wies, und er verschwand über dem Rande der Gondel.

»Joe! Joe!« rief der Doctor entsetzt.

Aber Joe konnte ihn nicht mehr hören. Der Victoria nahm erleichtert wieder seinen Weg in die Lüfte, stieg in eine Höhe von tausend Fuß und wurde von dem Winde, der sich in der schlaffen Hülle verfing, nach der Nordküste des Sees getrieben.

»Verloren!« murmelte der Jäger verzweiflungsvoll.

»Verloren, um uns zu retten,« ergänzte Fergusson.

Und große Thränen rannen über die Wangen der so unerschrockenen Männer. Sie beugten sich über die Gondel, um vielleicht noch irgend welche Spur von dem Unglücklichen zu entdecken, aber man war schon zu weit von der Unglücksstelle entfernt.

»Wozu sollen wir uns entschließen?« fragte Kennedy.

»Wir wollen so bald wie möglich an’s Land steigen, Dick, und dann warten.«

Nach einer Fahrt von sechzig Meilen ließ sich der Victoria auf einer verlassenen Küste im Norden des Tschad-Sees nieder. Die Anker wurden an einem Baume von geringer Höhe eingehakt und von dem Jäger befestigt.

Die Nacht kam, aber weder Samuel Fergusson noch Kennedy konnten einen Augenblick der Ruhe finden.