Vierzehntes Capitel.


Vierzehntes Capitel.

Im Norden des Limpopo.

Drei volle Tage verstrichen mit Nachsuchungen und Sondirungen, ehe sich eine Furth im Bette des Limpopo fand. Es war noch immer zweifelhaft, ob man eine solche entdeckt habe, als einige Macalaccas-Kaffern, welche am Ufer des Flusses umherschweiften, sich erboten, die Expedition zu führen.

Diese Kaffern sind arme Teufel, welche die herrschende Race der Betchuanas als Sclaven betrachtet, sie ohne jede Entschädigung zur härtesten Arbeit zwingt, fast unmenschlich behandelt, und denen Jene noch obendrein bei Todesstrafe verbieten, jemals Fleisch zu essen. Die unglücklichen Macalaccas dürfen zwar alles Wild, welches sie antreffen, nach Belieben erlegen, aber nur unter der Bedingung, daß sie es ihren Herren und Meistern abliefern. Diese aber ließen Jenen nur die Eingeweide liegen, etwa so wie die europäischen Jäger gegenüber ihren Hunden verfahren.

Ein Macalacca besitzt keinerlei Eigenthum, nicht einmal eine Hütte oder eine Kürbisflasche. Er geht so gut wie ganz nackt umher, ist ganz mager, fleischlos und trägt als Gürtel nur einige Büffeldärme, die man aus der Ferne leicht für Blutwürste ansehen könnte, welche in Wirklichkeit aber nichts sind, als sehr urwüchsige Schläuche, in denen sich sein Wasservorrath befindet.

Bardik’s vortreffliche Anlagen zum Handel zeigten sich hier sehr schnell in der Art und Weise, wie er aus diesen Unglücklichen das Geständniß herauszupressen verstand, daß dieselben trotz ihres Elends einige Straußfedern besaßen, welche in einem benachbarten Dickicht sorgfältig versteckt waren. Er schlug ihnen sofort vor, diese zu kaufen, und kam mit ihnen überein, sich noch am nämlichen Abend zu treffen.

»Du hast demnach Geld, um sie dafür zu entschädigen?« fragte Cyprien erstaunt.

Bardik lachte laut auf und zeigte ihm eine Hand voll kupferner Knöpfe, welche er im Laufe von einem oder zwei Monaten gesammelt hatte und die er in einem Leinwandbeutel bei sich trug.

»Das ist aber keine giltige Münze, erklärte ihm Cyprien, und ich kann nicht dulden, daß Du jene armen Leute mit ein paar Dutzend alter Knöpfe bezahlst!«

Es war jedoch unmöglich, Bardik verständlich zu machen, warum sein Vorhaben ein nicht ganz ehrenhaftes wäre.

»Wenn die Macalaccas meine Knöpfe im Austausch gegen ihre Federn annehmen, wer könnte da etwas dagegen einzuwenden haben? antwortete er. Sie wissen doch recht gut, daß Jenen die Federn nichts als das Einsammeln gekostet haben. Ja, sie haben nicht einmal das Recht, solche zu besitzen, und dürfen sie auch nur ganz unter der Hand sehen lassen. Ein Knopf dagegen ist ein nützlich‘ Ding, nützlicher als eine Straußfeder. Warum sollte es also verboten sein, ein oder zwei Dutzend solcher im Austausch gegen eben so viele Straußfedern anzubieten?«

Diese Beweisführung war zwar eigenthümlich, aber doch nicht durchschlagend, der junge Kaffer übersah eben, daß die Macalaccas seine Knöpfe nicht entgegennahmen, um von denselben den gewöhnlichen Gebrauch zu machen, da sie ja so wie so keine Kleidungsstücke trugen, sondern weil sie diesen runden Metallstücken, welche gemünztem Gelde ähnlich sahen, einen gewissen Werth beilegten. Es blieb also im Grunde immer ein reiner Betrug.

Cyprien mußte freilich erkennen, daß der Unterschied zu fein sei, um von dem Verstande eines Halbwilden, der beim Handeln stets ein sehr weites Gewissen hat, begriffen zu werden, und er ließ seinen Diener also thun, was dieser wollte.

Am Abend bei Fackelschein wurde die Handelsoperation Bardik’s vollends abgeschlossen. Die Macalaccas hatten offenbar eine geheime Furcht, von ihrem Abkäufer übervortheilt zu werden, denn sie begnügten sich nicht mit dem von den Weißen angezündeten Feuer, sondern brachten Körbe mit Mais zur Stelle, die sie, nachdem dieselben in die Erde versenkt waren, in Brand setzten.

Die Eingebornen holten darauf die Straußfedern hervor und gingen dann daran, Bardik’s Knöpfe einer genauen Prüfung zu unterziehen.

Da kam es unter ihnen zu einem, von lebhaften Bewegungen und lautem Geschrei begleiteten Streite über die Natur und den Werth der runden Metallscheibchen.

Niemand verstand ein Wort von dem, was sie in ihrer sehr unartikulirten Sprache sagten, dagegen konnte man aus den erhitzten Gesichtern, den sprechenden Grimassen und dem auflodernden Zorn sehen, daß die Angelegenheit für sie von sehr großer Bedeutung sein müsse.

Plötzlich wurde diese stürmische Verhandlung durch eine unerwartete Erscheinung unterbrochen.

Ein hochgewachsener Neger mit komischer Würde, bekleidet mit einem alten Mantel aus rothem Baumwollenstoff, die Stirn verziert mit dem eigenthümlichen Diadem aus Schafdärmen, welches die Kaffernkrieger gewöhnlich tragen – trat aus dem Dickicht, vor welchem diese Verhandlung stattfand. Dann fiel er mit kräftigen Stockschlägen über die auf frischer That ertappten Macalaccas her, welche er bei einer verbotenen Operation ertappt hatte.

»Lopepe! … Lopepe! …« riefen die unglücklichen Wilden, die sich wie eine Bande Ratten nach allen Richtungen zerstreuten.

Ein Kreis von Kriegern aber, welche plötzlich aus allen benachbarten Büschen auftauchten, zog sich um sie zusammen und vertrat ihnen den Weg.

Lopepe ließ sich sofort die Knöpfe einhändigen, betrachtete sie aufmerksam beim Scheine des brennenden Maises und steckte sie mit sichtbarer Befriedigung in seine Ledertasche.

Dann ging er auf Bardik zu, dem er die schon übergebenen Straußfedern aus der Hand nahm, und ließ diese ebenso verschwinden, wie er es mit den Knöpfen gemacht hatte.

Die Weißen waren bisher passive Zuschauer dieses Auftrittes gewesen und wußten auch nicht, ob es rathsam sei, sich dabei einzumischen, als Lopepe diese Schwierigkeit wegräumte, indem er auf sie zukam. In befehlerischem Tone richtete er dann an diese eine lange Ansprache, welche natürlich Keiner von ihnen verstand. Nur James Hilton, der einige Worte der Betchuana-Sprache kannte, gelang es, wenigstens den allgemeinen Sinn dieser Ansprache zu fassen, den er seinen Begleitern verdolmetschte. In der Hauptsache lief das darauf hinaus, daß der Häuptling sich bitter beklagte, daß man Bardik gestattet habe, mit den Macalaccas einen Handel anzufangen, da diese ja nichts Eigenthümliches besitzen dürften.

Zum Schlusse erklärte er die weggenommene Waare als Contrebande und legte den Weißen die Frage vor, was sie von ihrer Seite zu sagen hätten.

Unter diesen herrschte hierüber eine ziemlich getheilte Ansicht. Annibal Pantalacci wollte sofort nachgegeben wissen, um mit dem Betchuana-Hänptling nicht in Mißhelligkeiten zu gerathen. James Hilton und Cyprien fürchteten, so sehr sie die Rechtmäßigkeit des Verfahrens dieses Wilden anerkannten, doch durch zu große Nachgiebigkeit nur die Unverschämtheit Lopepe’s zu steigern, und vielleicht, wenn er seine Forderungen zu hoch schraubte, einen Streit unvermeidlich zu machen.

Nach kurzer Berathung wurde dann beschlossen, daß der Betchuana-Häuptling die Knöpfe behalten, die Federn aber wieder herausgeben sollte.

Das gab ihm James Hilton halb durch Gesten, halb mit Hilfe einiger kafferischer Worte zu verstehen.

Lopepe nahm zuerst eine diplomatische Miene an und schien zu zögern. Die Mündungen der europäischen Gewehre, welche er im Halbdunkel schimmern sah, brachten ihn aber doch bald auf andere Gedanken, und er lieferte die Federn aus.

Von nun an zeigte sich der wirklich intelligente Häuptling weit zugänglicher. Er bot den drei Weißen ebenso wie Bardik und Lî eine Prise aus seiner großen Dose an und setzte sich an der Lagerstelle nieder. Ein Glas Branntwein, das ihm der Neapolitaner reichte, brachte ihn vollends in gute Laune, und als er sich dann nach anderthalbstündigem Verweilen, welches unter ziemlich vollkommenem Stillschweigen verlaufen war, erhob, lud er die Caravane für den folgenden Tag zu einem Besuche in seinem Kraal ein.

Man sagte ihm das zu, und nach Auswechslung eines Händedrucks zog Lopepe sich majestätisch zurück.

Bald nach seinem Aufbruche hatten sich Alle niedergelegt, mit Ausnahme Cypriens, der, nachdem er sich in seine Decke gehüllt, träumerisch die Sterne betrachtete.

Es war eine mondlose Nacht, in der die Sterne desto glänzender blinkten. Das Feuer erlosch allmählich, ohne daß der junge Ingenieur darauf achtete.

Er gedachte der Seinigen, welche in diesem Augenblick gewiß nicht ahnten, welch‘ seltsames Abenteuer ihn hier in die Wüste Südafrikas verschlagen hatte, an die reizende Alice, welche vielleicht auch nach den Sternen aufschaute, und an Alle, die seinem Herzen theuer waren. Als er sich so in süße Träume versenkte, welchen die Todtenstille der Ebene noch einen poetischeren Hauch verlieh, fing er an halb einzuschlummern. Da vernahm er plötzlich auffallende Tritte und bemerkte, daß die für die Nacht leicht eingehegten Zugthiere unruhig wurden und aufsprangen.

Cyprien glaubte dann im Schatten eine niedrigere, gedrungenere Gestalt als die der Büffel zu erkennen, welche ohne Zweifel die Veranlassung zu dieser Erregung war. Ohne lange zu überlegen, was das sein könnte, ergriff Cyprien eine Peitsche, die ihm zur Hand lag, und ging unerschrocken auf das Lager der Thiere zu.

Er hatte sich nicht getäuscht. Fast inmitten der Büffel befand sich hier ein Thier, welches den Schlaf der ersteren gestört hatte.

Selbst nur halb munter und ohne groß nachzudenken, um was es sich handeln könne, versetzte er dem Eindringling auf’s Geradewohl einen Hieb über die Schnauze.

Auf diesen Angriff antwortete sofort ein furchtbares Brüllen! …

Es war ein Löwe, den der junge Ingenieur eben wie ein einfaches Kaninchen behandelt hatte.

Kaum gewann er aber Zeit, die Hand an einen der Revolver zu legen, die er stets im Gürtel trug, und rasch zur Seite zu springen, als das Thier, welches zuerst auf ihn zugestürzt war, ohne ihn zu erreichen, von Neuem auf seinen ausgestreckten Arm losgesprungen kam.

Cyprien fühlte, wie die scharfen Krallen ihm in’s Fleisch eindrangen, und rollte mit dem furchtbaren Raubthiere in den Staub. Plötzlich krachte ein Schuß; der Körper des Löwen wand sich in schmerzlichen Zuckungen, streckte sich dann aus und lag bewegungslos neben ihm.

Mit der noch freigegebenen Hand hatte Cyprien, ohne seine Kaltblütigkeit zu verlieren, dem Raubthier seinen Revolver in’s Ohr abgefeuert, und eine Sprengkugel hatte diesem den Kopf zerschmettert.

Inzwischen kamen die durch das Gebrüll und den Schuß wachgewordenen Schläfer nach dem Kampfplatze. Man befreite Cyprien von dem noch zum Theil über ihm liegenden gewaltigen Thiere und untersuchte seine Wunden, welche sich zum Glück nicht als ernsthaft erwiesen. Lî verband ihm dieselben mit in Branntwein getauchter Leinwand, im Wagen wurde ihm der bequemste Platz eingeräumt und bald darauf schliefen Alle wieder, während Bardik Wache hielt, wozu er sich bis zum anbrechenden Morgen erboten hatte.

Kaum graute der Tag, als die Stimme James Hilton’s, der seine Gefährten zu Hilfe rief, diesen wieder einen neuen Unfall verkündete. James Hilton hatte ganz angekleidet im Vordertheil des Wagens gelegen, und stieß jetzt seine Worte im Tone des größten Entsetzens hervor, ohne jedoch eine eigene Bewegung zu wagen.

»Um mein rechtes Knie hat sich eine Schlange gewickelt, unter dem Beinkleid! sagte er. Sprecht nicht zu laut oder ich bin verloren. Seht aber zu, was etwa zu thun ist!«

Seine Augen hatten sich vor Schreck übernatürlich erweitert, und das Gesicht war todtenbleich. In der Gegend seines rechten Knies bemerkte man wirklich unter der blauen Leinwand der Kleidung die Anwesenheit eines fremden Körpers – einer Art um das Bein geschlungenen Kabels. Die Lage war offenbar ernsthaft. Wie James Hilton sagte, konnte die Schlange bei der ersten Bewegung, die er vornahm, ihn beißen.

Inmitten dieser Angst und allgemeinen Unentschlossenheit übernahm es aber Bardik, der Sache ein Ende zu machen. Nachdem er den Hirschfänger seines Herrn ergriffen, näherte er sich James Hilton mit kaum bemerkbarer Bewegung, dann brachte er die Augen etwa in das gleiche Niveau mit der Schlange und schien einige Secunden die Lage des Reptils genau zu studiren. Ohne Zweifel suchte er zu erkennen, wo sich der Kopf des Thieres befinden möge.

Plötzlich erhob er sich mit rascher Bewegung, schlug mit kräftigem Arm zu, und der blanke Stahl traf mit kurzem Schlage das Knie James Hilton’s.

»Sie können die Schlange abschütteln. Sie ist todt!« sagte Bardik, welcher lächelnd alle Zähne zeigte.

James Hilton gehorchte maschinenmäßig und schüttelte das Bein … das Reptil fiel zu seinen Füßen nieder.

Es war eine schwarze Viper von kaum einem halben Zoll Durchmesser, aber eine, deren geringster Biß den Tod hätte zur Folge haben müssen. Der junge Kaffer hatte dieselbe mit wunderbarer Geschicklichkeit geköpft. Das Beinkleid James Hilton’s zeigte einen Schnitt vom kaum sechs Centimeter Länge und seine Oberhaut war nicht einmal geritzt.

Auffallender Weise – und Cyprien empörte das ordentlich – schien es James Hilton gar nicht in den Sinn zu kommen, seinem Retter zu danken. Jetzt, wo er der Gefahr entronnen war, hielt er diese Intervention für völlig natürlich. Ihm konnte der Gedanke gar nicht kommen, die schwarze Hand eines Kaffern zu ergreifen und diesem ein »Ich danke!« zu sagen.

»Ihr Hirschfänger hat wirklich eine gute Schneide!« bemerkte er einfach, während Bardik diesen wieder in die Scheide steckte, ohne dem, was er gethan, selbst eine besondere Bedeutung zuzumessen.

Das Frühstück hatte bald die Eindrücke dieser verhängnißvollen Nacht verwischt. Es bestand heute nur aus einem einzigen, in Butter gebratenen Straußenei, welches jedoch vollkommen hinreichte, den Hunger der fünf Genossen zu stillen.

Cyprien bekam ein leichtes Fieber und hatte auch von seinen Wunden ein wenig zu leiden. Dennoch bestand er darauf, Annibal Pantalacci und James Hilton nach dem Kraal Lopepe’s zu begleiten. Das Lager wurde also der Obhut Bardik’s und Lî’s anvertraut, welche es unternommen hatten, dem Löwen das Fell abzuziehen. Dieser war übrigens ein ungeheures Exemplar jener Art, welche man als Löwen mit Hundeschnauze bezeichnet. Die drei Reiter begaben sich also allein auf den Weg.

Der Betchuana erwartete sie, umgeben von seinen Kriegern, am Eingang seines Kraals. Hinter diesen hatten sich in zweiter Reihe die Frauen und Kinder neugierig angesammelt, um die Fremden zu betrachten. Einige dieser schwarzen Hausfrauen trugen jedoch eine merkwürdige Gleichgiltigkeit zur Schau. Vor ihren halbkugelförmigen Hütten kauernd, fuhren sie ungestört in ihrer Arbeit fort. Zwei oder drei von ihnen spannen Fäden aus langen Grasfasern, welche sie dann zu einem Strick zusammendrehten.

Der allgemeine Eindruck des Ganzen war ein sehr erbärmlicher, obwohl die Hütten ziemlich gut gebaut schienen. Diejenige Lopepe’s, welche größer als die anderen und im Inneren mit Strohmatten ausgeschlagen war, erhob sich ziemlich in der Mitte des Kraals. Da hinein führte der Häuptling seine Gäste, wies ihnen drei Schemel an und setzte sich selbst vor sie hin, während seine Leibgarde sich im Halbkreise hinter ihm aufstellte.

Zunächst begann nun der Austausch der gewöhnlichen Redensarten. Die Gebräuche dabei beschränkten sich hier jedoch darauf, eine Tasse eines gegohrenen Getränks zu genießen, das der Gastgeber übrigens selbst erzeugt hatte; um den Beweis zu geben, daß sich hinter dieser Sitte nicht etwa ein heimlicher Anschlag verberge, setzte Jener stets zuerst die dünnen Lippen an die Tasse und reichte sie dann erst den Fremdlingen. Nach einer so höflichen Einladung nicht zu trinken, wäre als tödtliche Beleidigung betrachtet worden. Die drei Weißen verzehrten also dieses Kaffernbier, wobei es ohne einiges Gesichterschneiden seitens Annibal Pantalacci’s nicht abging, der seine Meinung dahin abgab, daß ihm ein Glas Lacrymae-Christi weitaus lieber sein würde, als dieses verteufelt fade Gebräu der Betchuanas.

Darauf kamen die Geschäfte an die Reihe. Lopepe hätte gern eine Flinte eingehandelt; dieser Wunsch konnte ihm leider nicht erfüllt werden, obgleich er dafür ein ziemlich gutes Pferd und hundertfünfzig Pfund Elfenbein anbot. Die Colonialgesetze sind in diesem Punkte besonders streng und verbieten den Europäern jede Überlassung von Feuerwaffen an die Kaffern der Grenzgebiete, wenn dazu nicht die specielle Erlaubniß des Gouverneurs eingeholt war. Zu seiner Schadloshaltung hatten die drei Gäste Lopepe’s diesem ein Flanellhemd, eine Stahlkette und eine Flasche Rum mitgebracht, für den Wilden ein sehr bedeutendes Geschenk, worüber er seiner Freude lauten Ausdruck gab.

Der Betchuana-Hänptling erwies sich denn auch gern erbötig, alle von ihm verlangten Aufklärungen zu geben, wobei James Hilton als Dolmetscher diente.

Zunächst erfuhr man, daß ein Reisender, dessen Personalbeschreibung auf Matakit vollständig paßte, vor fünf Tagen durch den Kraal gekommen war. Das war die erste Nachricht, welche die Expedition seit zwei Wochen über den Flüchtling erhalten hatte, und die sie natürlich dankbar entgegen nahm. Der junge Kaffer mochte jedenfalls mehrere Tage mit Aufsuchung einer Furth durch den Limpopo verloren haben und begab sich jetzt gewiß nach den Berggegenden im Norden. Ehe daran zu denken war, diese zu erreichen, mußten gewiß sieben bis acht Tage vergehen.

Lopepe rühmte sich übrigens ein Freund des Beherrschers jenes Landes zu sein, nach welchem Cyprien und seine Gefährten eben aufbrechen wollten. Wer wäre hier von den eingeborenen Fürsten auch nicht gern der angesehene Freund und getreue Verbündete des großen Tonaïa gewesen, jenes unüberwindlichen Eroberers des Kaffernlandes?

Auf die Frage, ob Tanaïa die Weißen wohl freundschaftlich aufnehmen werde, versicherte Lopepe, daß sie sich darauf verlassen könnten, da er ebenso gut wie die anderen Häuptlinge der Gegend wisse, daß diese Beleidigungen nicht ungeahndet ließen.

Wozu sollte er also den Weißen feindlich entgegentreten, da diese durch ihre sich selbst ladenden Gewehre stets im Vortheil seien; deshalb empfehle es sich, mit denselben friedlich zu verkehren, sie freundlich aufzunehmen und verläßlich mit ihnen zu verhandeln.

Das waren etwa die Auskünfte, welche Lopepe ertheilte. Nur eine derselben hatte eigentlich größere Bedeutung: die, daß Matakit jedenfalls einige Tage eingebüßt hatte, bevor er den Strom überschreiten konnte, und daß man sich auf seiner richtigen Spur befand.

Bei ihrer Rückkehr nach dem Lagerplatze fanden Cyprien, Annibal Pantalacci und James Hilton, Bardik und Lî in großer Aufregung.

Sie waren ihrer Erzählung nach von einem großen Trupp von Kaffernkriegern heimgesucht worden, welche Lopepe’s Stamme nicht angehörten; diese hätten sie erst völlig umzingelt und dann ein förmliches Verhör mit ihnen angestellt, dahin zielend, was sie überhaupt hier im Lande wollten, ob sie nicht allein die Betchuana ausforschen und sich unterrichten wollten, wie zahlreich und wie stark bewaffnet diese seien. Fremdlinge, hatten jene erklärt, thäten sehr unrecht, sich auf ein solches Unternehmen einzulassen; der große König Tonaïa habe zwar nichts zu gebieten, so lange sie seine Gebiete noch nicht betreten hätten, aber er könne die Sache wohl mit anderen Augen ansehen, wenn sie daselbst einzudringen versuchten.

Das war etwa der Inhalt ihrer Aeußerungen. Der Chinese schien über dieselben nicht mehr erregt, als sie es verdienten. Der sonst so ruhige und jeder Gefahr gegenüber so muthige Bardik aber zeigte sich so übertrieben erschrocken, daß Cyprien es sich nicht zu erklären vermochte.

»Sehr schlimme Krieger, sagte er, die großen Augen hin und her rollend, Krieger, welche die Weißen hassen und sie »Cuic machen lassen« werden! …«

Dieses Ausdrucks bedienen sich alle halbcivilisirten Kaffern, wenn sie einen gewaltsamen Tod bezeichnen wollen.

Was war nun zu thun? Sollte man diesem Zwischenfall eine Bedeutung beimessen? Nein, gewiß nicht. Die Krieger, obgleich gegen dreißig Mann, welche nach Bardik’s und des Chinesen Bericht diese wehrlos überraschten, hatten denselben doch nichts zu leide gethan, und nicht einmal den Versuch gemacht zu stehlen. Ihre Drohungen liefen wohl nur auf Aufschneidereien hinaus, welche die Wilden den Fremden gegenüber überhaupt sehr lieben; jedenfalls genügte ein höfliches Auftreten gegen den Häuptling Tonaïa und eine offenherzige Erklärung über den Zweck der Ankunft der drei Weißen, um jeden Verdacht bei Jenem zu ersticken und sich sein Wohlwollen zu sichern.

Man beschloß also mit allgemeiner Zustimmung aufzubrechen.

Die Hoffnung, Matakit bald einzuholen und ihm den gestohlenen Diamanten wieder abzunehmen, ließ vorläufig jede Vorsicht vergessen.

Zehntes Capitel.


Zehntes Capitel.

Worin John Watkins nachdenkt.

Mit gebrochenem Herzen hatte Cyprien die Farm verlassen und begab sich, fest entschlossen, zu thun, was er für Ehrenpflicht hielt, von Neuem zu Jacobus Vandergaart, den er jetzt allein traf; der Händler Nathan hatte alle Eile gehabt, ihn zu verlassen, um als der Erste im Lager die Neuigkeit zu verbreiten, welche die Lebensinteressen aller Insassen desselben so tief berührte.

Seine Mittheilung erregte hier natürlich ein ungewöhnliches Aufsehen, obwohl die Leute noch nicht einmal wußten, daß der Diamant des »Monsieur«, wie man Cyprien zu nennen pflegte, ein Kunstproduct war. Der »Monsieur« kümmerte sich freilich blutwenig um das Geschwätz in der Kopje. Ihm lag es nur am Herzen, mit Hilfe des alten Vandergaart die Qualität und Farbe seines Steines festzustellen, ehe er einen Bericht über die ganze Angelegenheit aufsetzte, und aus diesem Grunde begab er sich eben zu dem alten Manne.

»Mein lieber Jacobus, begann er, neben diesem Platze nehmend, erweisen Sie mir doch den Gefallen, an diesen Kloß eine Facette zu schleifen, damit wir einigermaßen erkennen können, was sich unter seiner Gangart verbirgt.

– Das soll bald geschehen sein, erklärte der alte Steinschleifer, den Stein aus der Hand seines jungen Freundes entgegennehmend. Sie haben da übrigens eine recht passende Stelle bezeichnet, fügte er hinzu, als ihm eine Ausbuchtung an einer Seite des Steines auffiel, nach welcher Cyprien gewiesen hatte. Letzterer bildete nämlich bis auf diese Unregelmäßigkeit ein ganz vollständiges Oval. Wenn wir ihn hier anschleifen, kann seine zukünftige Gestalt nicht beeinträchtigt werden.«

Jacobus Vandergaart ging ohne Zögern an’s Werk; und nachdem er aus seiner Kommode einen rohen Stein von vier bis fünf Karat entnommen und diesen an einer Art eisernem Griffe sorgfältig befestigt hatte, begann er die beiden äußeren Schichten kräftig gegeneinander zu reiben.

»Es wäre schneller geschehen, wenn ich eine Spaltung vornähme, sagte er. Wer möchte aber wagen, auf einen Stein von solchem Werthe einen Hammerschlag zu führen!«

Die lange und sehr einförmige Arbeit nahm nicht weniger als zwei Stunden in Anspruch. Als die Facette breit genug erschien, um die Natur des Steines beurtheilen zu lassen, mußte sie noch auf der Mühle polirt werden, was wiederum zwei Stunden Zeit erforderte.

Bei Beendigung dieser Vorarbeiten war es indeß noch immer voller Tag. Jetzt konnten nun Cyprien und Jacobus Vandergaart ihre gespannte Neugier befriedigen und sahen sich das Ergebniß der vorherigen Operationen an.

Eine schöne Facette von Gagathfarbe, aber vollkommenster Durchsichtigkeit und unvergleichlichem Glanze bot sich ihren Blicken.

Der Diamant war schwarz! Eine merkwürdige Eigenthümlichkeit, welche nur selten gefunden wird, und seinen Werth womöglich noch weiter erhöht.

Jacobus Vandergaart’s Hände zitterten, als er den Krystall in den Strahlen der Abendsonne funkeln ließ.

»Das ist der merkwürdigste und schönste Edelstein, der jemals das Licht des Tages wiedergestrahlt hat! rief er mit wirklich religiöser Ehrfurcht. Wie wird er erst aussehen, wenn seine Facetten alle kunstgerecht geschliffen sind!

– Würden Sie zustimmen, diese Arbeit zu übernehmen? fragte Cyprien eifrig.

– Ja, gewiß, liebes Kind! Das wäre der höchste Ruhm, die Krone meiner langen Lebensbahn! … Vielleicht aber möchten Sie lieber eine jüngere und sicherere Hand dazu wählen, als die meinige?

– Nein, antwortete Cyprien mit Wärme. Ich hege die Ueberzeugung, daß Niemand dieser Aufgabe mehr Sorgfalt und Geschick widmen wird, als Sie. Bewahren Sie diesen Diamanten, lieber Jacobus, und schneiden ihn, wie Sie es für gut finden. Sie werden ein Meisterstück liefern. Die Sache ist hiermit abgemacht!«

Der Greis drehte und wendete den Stein zwischen den Fingern und schien unschlüssig zu sein, was er thun solle.

»Es beunruhigt mich nur eins, sagte er endlich. Wissen Sie, daß ich mich nicht recht mit dem Gedanken befreunden kann, ein Juwel von solchem Werthe in meiner Behausung zu haben? Das sind mindestens fünfzig Millionen, vielleicht noch mehr, was ich hier in der hohlen Hand halte. Es scheint mir nicht rathsam, eine solche Verantwortlichkeit auf mich zu nehmen.

– Wenn Sie nichts davon sagen, wird es ja kein Mensch wissen, Herr Vandergaart, und was mich angeht, so verpflichte ich mich zur Wahrung des strengsten Stillschweigens.

– Hm! Vermuthungen werden deshalb nicht ausbleiben! Es kann Ihnen Jemand gefolgt sein, als Sie zu mir gingen! … Man wird die Veranlassung annehmen, wenn sie auch Keiner sicher kennt! Den Leuten hier ist nicht über den Weg zu trauen! Nein, ich könnte keine Nacht ruhig schlafen!

– Vielleicht haben Sie recht, erwiederte Cyprien, der die Einwendung des alten Mannes sehr wohl begriff. Doch was ist da zu thun?

– Das überleg‘ ich eben!« antwortete Jacobus Vandergaart, der einige Augenblicke still schwieg.

Dann nahm er wieder das Wort:

»Hören Sie mich an, liebes Kind, sagte er. Was ich Ihnen vorzuschlagen gedenke, ist sehr delicater Natur und ich setze dabei voraus, daß Sie unbegrenztes Vertrauen zu mir haben. Sie kennen mich jedoch zu gut, um es auffällig zu finden, daß ich in diesem Falle alle nur denkbare Vorsicht walten lassen möchte. Ich muß sofort mit meinen Werkzeugen und dem Stein von hier fort, um mich in einen Winkel zu verkriechen, wo mich Niemand kennt – vielleicht in Bloemfontein oder in Hope-Town. Da werd‘ ich mir ein bescheidenes Zimmer wählen, mich einschließen, um ganz im Geheimen und ungestört zu arbeiten und erst nach Vollendung dieser Aufgabe zurückkehren. Vielleicht gelingt es mir auf diese Weise, gewisse Leute, die gelegentlich zu Allem fähig sind, fern zu halten … Doch ich wiederhole Ihnen, ich schäme mich fast, Ihnen einen solchen Vorschlag zu unterbreiten.

– Einen Vorschlag, den ich völlig gerechtfertigt finde, erwiderte Cyprien, und ich bitte Sie nur inständigst, denselben ohne Zögern auszuführen.

– Rechnen Sie darauf, daß die Sache ziemlich lange dauern kann, daß ich wenigstens einen Monat dazu brauche, und vergessen Sie nicht, daß mir auch unterwegs ein Unfall zustoßen könnte.

– Das schadet Alles nichts, Herr Vandergaart, wenn Sie glauben, daß das der beste Weg ist, zum gewünschten Ziele zu gelangen. Und wenn der Diamant ja verloren ginge, ist ja das Unglück nicht gar so groß!«

Jacobus Vandergaart betrachtete seinen jungen Freund mit seltsamem Erstaunen.

»Sollte ihn ein solcher Glücksfall um den Verstand gebracht haben?« fragte er sich.

Cyprien verstand seine Gedanken und begann zu lächeln. Nun erst erklärte er ihm, woher der Diamant stamme und daß er deren in Zukunft so viel herstellen könne, als ihm beliebte. Ob der alte Steinschneider dieser Mittheilung nur halben Glauben schenkte oder ob ihn persönliche Gründe bestimmten, jetzt nicht in der allein liegenden Hütte bleiben zu wollen, wo ihm ein Edelstein von fünfzig Millionen an Werth als gefährlicher Hausgenosse erschien – kurz, er bestand darauf, noch zur Stunde abzureisen.

Nachdem er also in einem alten Ledersack seine Werkzeuge und die nöthigsten Habseligkeiten untergebracht, befestigte er an der Hausthür einen Zettel mit der Aufschrift: »In Geschäftsangelegenheiten abwesend,« steckte den Schlüssel in die Tasche, verbarg den Diamanten unter seiner Weste und brach unverzüglich auf.

Cyprien begleitete ihn zwei bis drei Meilen weit auf der Landstraße nach Bloemfontein und verließ ihn nur erst auf seine ernstliche Bitte.

Es war schon dunkle Nacht, als der junge Ingenieur nach seiner Wohnung zurückkehrte, während er dabei sicherlich mehr an Miß Watkins, als an seine berühmte Entdeckung dachte.

Ohne sich bei dem von Matakit bereiteten und schon zurecht gestellten Abendessen aufzuhalten, verfügte er sich an seinen Arbeitstisch und begann den Bericht aufzusetzen, den er mit dem nächsten Courier an den ständigen Secretär der Akademie der Wissenschaften abzusenden dachte. Dieser enthielt eine ganz genaue und vollständige Beschreibung seines Experimentes, welche er mit einer höchst geistreichen Theorie über die Reaction, durch die jener prächtige Kohlenstoffkrystall entstanden sein mochte, begleitete.

»Die bemerkenswertheste Eigentümlichkeit dieses Erzeugnisses, schrieb er unter Anderem, liegt offenbar in seiner unzweifelhaften Identität desselben mit dem natürlichen Diamanten und vor Allem in dem gleichzeitigen Vorhandensein der äußerlichen Gesteinsgangart.«

Cyprien hegte die feste Ueberzeugung, daß dieser merkwürdige Erfolg nur der sorgfältigen Auskleidung des Rohres mit der Erde zu verdanken sei, die er der Vandergaart-Kopje entnommen hatte. Der Vorgang, durch welchen ein Theil dieser Erde sich von der Wand losgelöst, um rings um den Krystall eine wirkliche Schale zu bilden, war freilich nicht leicht zu erklären und blieb ein Punkt, über den spätere Experimente jedenfalls weitere Aufklärung bringen würden. So lag zum Beispiel der Gedanke nahe, daß hier eine ganz neue Bethätigung einer chemischen Verwandtschaft anzunehmen sei, und der Autor nahm sich vor, diesen Gegenstand später gründlich zu studiren. Er maßte sich übrigens keineswegs an, in dieser Zuschrift schon eine vollständige und abgeschlossene Theorie geben zu wollen. Die Veranlassung zu derselben bildete vielmehr der Wunsch, dieselbe ohne Verzug der ganzen gelehrten Welt vorzulegen, die Priorität Frankreichs zu sichern und Andere zu Studien anzuregen, welche geeignet wären, das, was ihm bisher selbst noch dunkel geblieben war, aufzuhellen und zu erklären.

Nachdem er diese Abhandlung aufgesetzt und seine wissenschaftliche Befähigung nachgewiesen hatte, während er noch immer darauf hoffte, dieselbe durch weitere Erfahrung zu vervollständigen, ehe er sie an die richtige Adresse absandte, aß der junge Ingenieur ein wenig zu Abend und legte sich dann ruhig nieder.

Am folgenden Morgen verließ Cyprien seine Wohnung und lustwandelte nachsinnend durch die verschiedenen Theile der Mine. Gewisse und wahrlich nicht besonders freundliche Blicke trafen ihn, wo er auch vorüberkam. Wenn er diese kaum beachtete, kam das daher, daß er alle möglichen Folgen seiner wichtigen Entdeckung fast ganz vergessen hatte, obgleich sie John Watkins ihm so handgreiflich vor Augen führte, nämlich den mehr oder weniger nahe bevorstehenden Ruin aller concessionirten Inhaber und aller Concessionen des Griqualandes. Immer war das ganz dazu angethan, ihm in einem halbwilden Lande einige Besorgniß einzuflößen, hier, wo man gar nicht zögerte, sich mit eigener Hand Recht zu verschaffen, und die Sicherheit der Arbeit und demgemäß den daraus hervorgehenden Handel füglich als allererstes Gesetz betrachtete. Sobald die Herstellung künstlicher Diamanten sich zur praktischen Industrie fortentwickelte, waren alle jene Bergwerke Brasiliens, wie die in denen des südlichen Afrika festgelegten Millionen, ohne von der Unzahl Existenzen zu reden, welche davon lebten, unwiderbringlich verloren. Der junge Ingenieur konnte zwar sein Geheimniß für sich behalten; in dieser Beziehung aber lautete seine abgegebene Erklärung zu bestimmt und zu bindend; er war entschlossen, das nicht zu thun.

Auf der anderen Seite konnte der Vater Alices während der Nacht – eine Nacht quälender Unruhe – in der John Watkins von nichts Anderem als von noch gar nicht dagewesenen Diamanten im Werthe von so und so vielen Milliarden träumte – wohl folgenden Gedankengang haben. Jedenfalls erschien es ganz natürlich, daß Annibal Pantalacci und die übrigen Steingräber mit grollender Unruhe die Umwälzung betrachteten, welche Cypriens Entdeckung bezüglich der Ausbeutung der Diamantendistricte herbeiführen mußte, da sie solche ja für eigene Rechnung bearbeiteten. Für ihn aber, als einfachen Eigentümer der Farm Watkins, gestaltete sich die Sachlage noch anders. Wenn die Claims infolge der Werthverminderung der Edelsteine verlassen wurden, wenn die ganze jetzt hierher zusammengeströmte Bevölkerung das Gebiet des Griqualandes wieder verließ, so sank natürlich auch der Werth seiner Farm in beträchtlichem Maße, seine Felderzeugnisse fanden nicht mehr so bequemen Absatz, seine Häuschen und Hütten mußten wegen Mangels an Abmiethern leer stehen bleiben, und schlimmsten Falls konnte er sogar in die Lage kommen, ein Land zu verlassen, in welchem alle Quellen seiner bisherigen Einkünfte versiegt waren.

»Schön, sagte John Watkins, bis dahin werden schon ein paar Jahre vergehen! Die Herstellung künstlicher Diamanten ist selbst durch den von Herrn Méré angegebenen Proceß noch nicht so weit gediehen, um von praktisch einschneidender Bedeutung zu sein. Vielleicht hat ihn bei der ganzen Geschichte nur ein besonders glücklicher Zufall begünstigt. Doch ob Zufall oder nicht, jedenfalls hat er einen Stein von ungeheurem Werthe erzeugt, und wenn dieser, den Maßstab für natürliche Diamanten zu Grunde gelegt, schon einige fünfzig Millionen Werth ist, so wird er gerade wegen seiner Erzeugung auf künstlichem Wege einen weit höheren Preis bedingen. Ja, der junge Mann muß um jeden Preis zurückgehalten werden, eine Zeit lang wenigstens müssen wir ihn hindern, seine hochwichtige Entdeckung von allen Dächern hinauszuposaunen! Der Stein muß endgiltig in der Familie Watkins bleiben und wird von dieser nur gegen eine beträchtliche Anzahl Millionen abgegeben werden. Was den jungen Mann betrifft, der ihn hergestellt hat, so lasse ich mir darüber kein graues Haar wachsen, das wird sich leicht genug bewerkstelligen lassen. Ich habe ja Alice, und mit deren Hilfe wird mir’s schon gelingen, seine Abreise nach Europa zu verzögern … Ja, und wenn ich sie ihm zur Frau versprechen … selbst wenn ich sie ihm zur Frau geben sollte!«

Ja, unter dem Drange einer wahrhaft verzehrenden Begierde wäre John Watkins sogar dazu entschlossen gewesen. Bei der ganzen Angelegenheit hatte er nur sein Ich im Auge und dachte er nur allein an sich! Und wenn der alte Egoist an seine Tochter dachte, so geschah es einzig und allein, um sich zu sagen:

»Nun, Alles in Allem wird Alice sich nicht zu beklagen haben. Der junge gelehrte Narr ist eigentlich ganz gut. Er liebt sie, und mir scheint, sie ist gegen seine warme Zuneigung nicht unempfindlich geblieben. Was kann’s nun Besseres geben, als zwei für einander geschaffene Herzen zu vereinigen … oder ihnen die Vereinigung wenigstens bis zur vollständigen Klärung der Sachlage in Aussicht zu stellen. Ah, beim heiligen John, meinem Schutzpatron, zum Teufel mit Annibal Pantalacci und seinen Spießgesellen! Jeder ist sich selbst der Nächste, auch hier im Griqualande!«

So räsonnirte John Watkins, und wenn er die ideale Wage betrachtete, auf der er die Zukunft seiner Tochter mit einem Stück krystallisirter Kohle in’s Gleichgewicht gebracht, war er ganz glücklich in der Vorstellung, daß beide Schalen derselben sich vortrefflich in einer horizontalen Linie hielten.

Am folgenden Morgen stand sein Entschluß fest; er wollte nichts vom Zaune brechen, sondern die Dinge an sich herankommen lassen, ohne sich viel um den Weg zu kümmern, den sie dabei nehmen möchten.

Zunächst lag es ihm am Herzen, seinen Abmiether einmal wiederzusehen – was ja bei den täglichen, auf der Farm abgestatteten Besuchen ziemlich leicht war – aber auch den berühmten Diamanten, der in seinen Träumen schon zu fabelhaften Größenverhältnissen angewachsen war, sehnte er sich noch einmal zu betrachten.

Mr. Watkins begab sich also nach dem Häuschen Cypriens, der in dieser frühen Morgenstunde noch hier anwesend war.

»Nun, mein junger Freund, begann er im Tone guter Laune, wie haben Sie denn die Nacht hingebracht, diese erste Nacht nach Ihrer hochwichtigen Entdeckung?

– O, sehr gut, Herr Watkins, sehr gut, erklärte der junge Mann frostig.

– Wie, Sie haben schlafen können?

– Ganz wie gewöhnlich!

– Alle die Millionen, welche aus diesem Ofen hervorgequollen sind, fuhr Mr. Watkins fort, haben nicht einmal Ihren Schlaf gestört?

– In keiner Weise! versicherte Cyprien. Vergessen Sie überhaupt nicht, Herr Watkins, daß der fragliche Diamant einen Werth von Millionen nur besäße, wenn er das Werk der Natur wäre, nicht aber das Erzeugniß eines Chemikers …

– Ja … ja freilich, Herr Cyprien! Doch sind Sie sicher, noch einen oder gar noch mehrere machen zu können? … Würden Sie dafür einstehen können?«

In der Ueberzeugung, daß ein derartiges Experiment wohl auch auf einen Mißerfolg hinauslaufen könne, zögerte Cyprien mit der Antwort.

»Da haben wir’s ja, fuhr John Watkins fort, Sie getrauen sich das nicht! Bis auf weitere Versuche und Erfolge bleibt also Ihrem Diamanten sein ungeheurer Werth! … Nun, warum wollen Sie’s dann, wenigstens gleich jetzt, Jedermann predigen, daß es nur ein künstlicher ist?

– Ich wiederhole Ihnen, erwiderte Cyprien, daß ich ein wissenschaftliches Geheimniß von solcher Tragweite nicht für mich behalten darf!

– Ja … ja … weiß schon! erwiderte John Watkins, indem er dem jungen Manne durch ein Zeichen bedeutete, zu schweigen, um nicht draußen gehört zu werden. Ganz richtig! … Davon sprechen wir später. Jedenfalls sorgen Sie sich nicht wegen Pantalacci’s und der Uebrigen; die werden bezüglich Ihrer Entdeckung gewiß reinen Mund halten, denn das liegt in ihrem eigenen Interesse. Seien Sie überzeugt und – nun ja – glauben Sie vorzüglich von meiner Tochter und von mir, daß wir uns über Ihre Erfolge ganz besonders freuen. Ja gewiß, wir sind ganz glücklich darüber! … Aber könnt‘ ich den wunderbaren Diamanten denn nicht noch einmal sehen? … Gestern hatt‘ ich ja kaum Zeit, ihn aufmerksamer zu betrachten. Würden Sie wohl gestatten …

– Ja, ich hab‘ ihn leider nicht mehr, antwortete Cyprien.

– Sie haben ihn schon nach Frankreich geschickt? rief Mr. Watkins, fast vernichtet von diesem Gedanken.

– Nein … das noch nicht! … Im jetzigen Rohzustande würde man seine Schönheit nicht zu beurtheilen vermögen; deshalb also beruhigen Sie sich.

– Wem haben Sie ihn aber dann übergeben? Bei allen Schutzheiligen Alt-Englands, wem?

– Ich übergab ihn dem Jacobus Vandergaart zum Schleifen und weiß nicht, wo dieser ihn mit hingenommen hat.

– Sie hätten dem alten Narren einen Diamanten von solch ungeheurem Werthe anvertraut? rief John Watkins wirklich wüthend. Aber das ist wahnwitzig, Herr Ingenieur, rein wahnwitzig.

– Bah! erwiderte Cyprien sehr gleichmüthig, was, meinen Sie, könnte Jacobus oder ein beliebiger Anderer beginnen mit einem Diamanten, dessen Werth für Die, welche seinen Ursprung nicht kennen, mindestens fünfzig Millionen beträgt? Glauben Sie etwa, es ginge so leicht, denselben heimlich zu verkaufen?«

Mr. Watkins schien über dieses Argument einigermaßen betroffen. Ein Diamant von so hohem Preise konnte offenbar nicht so leicht aus einer Hand in die andere übergehen. Trotzdem fühlte sich der Farmer beunruhigt; er hätte viel – ja, viel darum gegeben, wenn der unvorsichtige Cyprien jenen nicht dem alten Steinschneider anvertraut hätte, oder wenn dieser wenigstens mit dem überaus kostbaren Juwel nach dem Griqualande zurückgekehrt gewesen wäre.

Jacobus Vandergaart hatte jedoch einen Monat Zeit verlangt, und trotz seiner brennenden Ungeduld mußte John Watkins sich wohl oder übel fügen.

Natürlich säumten im Laufe der folgenden Tage seine gewöhnlichen Tischgenossen Annibal Pantalacci, Herr Friedel und der Jude Nathan nicht, über den ehrbaren Steinschneider herzufallen. In Abwesenheit Cypriens sprachen sie sehr häufig von ihm und gaben John Watkins dabei jedesmal zu hören, daß die Zeit verstreiche und Jacobus Vandergaart doch nicht wieder erscheine.

»Und warum sollte er eigentlich nach dem Griqualande zurückkehren, bemerkte Friedel, da es ihm ja leicht genug gemacht ist, den unermeßlich kostbaren Diamanten, dessen künstlichen Ursprung bis jetzt doch nichts verräth, einfach für sich zu behalten?

– Weil er keine Gelegenheit finden dürfte, ihn zu verkaufen, entgegnete Mr. Watkins unter Anführung des Argumentes, welches der junge Ingenieur beigebracht hatte, obgleich ihn das jetzt nicht mehr vollständig beruhigte.

– Ein recht triftiger Grund! meinte Nathan.

– Ja, ein recht triftiger Grund! wiederholte Annibal Pantalacci, und glauben Sie mir, das alte Krokodil ist damit in dieser Stunde schon über alle Berge. Es wird ihm wohl besonders schwer fallen, den Stein äußerlich zu verändern und unkenntlich zu machen! Sie wissen ja nicht einmal, welche Färbung er hat. Wer hindert ihn, denselben in vier oder fünf Stücke zu theilen, oder durch Spaltung daraus auch noch mehr Diamanten von immerhin beträchtlichem Werthe herzustellen?«

Solche hingeworfene Andeutungen senkten schwere Zweifel in die Seele des Mr. Watkins, und er gab sich schon dem Glauben hin, daß Jacobus Vandergaart niemals wiedererscheinen werde.

Nur Cyprien glaubte fest an die Ehrbarkeit des alten Steinschneiders und erklärte unentwegt, daß dieser sich schon am vorherbestimmten Tage einstellen würde. Er sollte damit Recht behalten.

Jacobus Vandergaart traf achtundvierzig Stunden später wirklich ein. Sein Fleiß und Eifer für die Arbeit hatten es ermöglicht, den Schliff des Diamanten schon in siebenundzwanzig Tagen zu vollenden. Er schlüpfte des Nachts wieder in sein Haus, um dem Juwel auf der Mühle die letzte Politur zu geben, und am neunundzwanzigsten Tage sah Cyprien den Greis wieder bei sich erscheinen.

»Hier ist der Stein!« sagte er einfach und setzte bei diesen Worten einen kleinen Holzkasten auf den Tisch.

Cyprien öffnete das Etui und stand wie versteinert da.

Auf einer Unterlage von weißer Baumwolle ruhte, in Form eines dodecaëdrischen, das ist zwölfflächigen Rhomboïds ein ungeheurer schwarzer Krystall, der seine prismatischen Strahlen mit solchem Feuer aussandte, daß das ganze Laboratorium davon erleuchtet schien. Dieses Kunstproduct von tintenschwarzer Farbe, diamantener Durchsichtigkeit und unerreichtem Brechungsvermögen brachte einen wunderbaren, wirklich aufregenden Effect hervor. Man empfand es, daß man hier einer einzig dastehenden Erscheinung, einem Naturspiel, das wahrscheinlich seines Gleichen nicht hatte, gegenüberstand. Von dem Werthe desselben ganz abgesehen, nahm der Glanz des Edelsteins schon allein alle Sinne gefangen.

»Das ist nicht bloß der größte, sondern auch der schönste Diamant, den es auf Erden giebt! sagte Jacobus Vandergaart in ernstem Tone, dem sich ein gewisser Vaterstolz beimischte. Er wiegt vierhundertzweiunddreißig Karat! Sie dürfen sich also schmeicheln, ein Prachtstück erster Ordnung geschaffen zu haben, liebes Kind, und Ihr einfacher Versuch hat gleich ein Meisterwerk geliefert!«

Cyprien hatte auf die Lobpreisung des alten Steinschneiders nicht geantwortet. Er betrachtete sich eben nur als den Urheber einer merkwürdigen Entdeckung. Ohne Zweifel hatten schon Viele sich auf dem Gebiete der anorganischen Chemie nach gleichem Zwecke strebend vergeblich abgemüht, wo er so unerwartet leicht zum Ziele gekommen war. Doch welche nützliche Folgen konnte die Herstellung künstlicher Diamanten für die menschliche Gesellschaft haben? Denn unvermeidlicher Weise mußte diese in gewisser Zeit alle Diejenigen welche vom Edelsteinhandel lebten, zu Grunde richten, und würde deshalb doch Niemand bereichern.

Mit dieser Vorstellung verfiel der junge Ingenieur wieder in die Berauschung, der er sich während der ersten Stunden nach seiner Entdeckung hingegeben hatte. Ja, jetzt, wo dieser Diamant in vollem Glanze aus den Händen Jacobus Vandergaart’s wiederkam, erschien er auch ihm selbst nicht mehr als werthloser Krystall, dem vielleicht in naher Zeit nicht einmal mehr der Vorzug der Seltenheit zukam.

Cyprien hatte das Kästchen wieder ergriffen, in welchem der unvergleichliche Edelstein funkelte, und nachdem er noch die Hand des Greises warm gedrückt, begab er sich geraden Weges nach der Farm des Mr. Watkins. Der Farmer saß noch immer unruhig, noch immer erregt wegen der für ihn so unwahrscheinlichen Rückkehr des Jacobus Vandergaart in seinem Zimmer zu ebener Erde. Seine Tochter befand sich bei ihm und suchte ihn nach Kräften zu besänftigen.

Cyprien stieß die Thür auf und blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen.

»Nun? … fragte John Watkins lebhaft, während er sich überraschend schnell erhob.

– Nun, der ehrliche Jacobus Vandergaart ist heute Morgen heimgekehrt! antwortete Méré.

– Mit dem Diamanten?

– Mit dem meisterhaft geschnittenen Diamanten, der noch immer vierhundertzweiunddreißig Karat wiegt.

– Vierhundertzweiunddreißig Karat! stieß John Watkins hervor. Und Sie haben ihn mitgebracht?

– Hier ist er.«

Der Farmer hatte das Kästchen hastig ergriffen, hatte es aufgerissen, und seine großen Augen funkelten jetzt fast ebenso stark wie der Diamant, den er mit einer fast stumpfsinnigen Bewunderung, gleich einem Geisteskranken anstarrte. Jetzt, als er denselben in so leichter, tragbarer, körperlicher und doch glänzender Form zwischen den zitternden Fingern hielt, den colossalen Werth, den der Edelstein darstellte, in der Hand fühlte, steigerte sich sein Entzücken zu solchem Grade, daß es beinahe lächerlich erschien. Mr. Watkins hatte Thränen in der Stimme und sprach auf den Diamanten wie auf ein lebendes Wesen.

»O der schöne, der stolze, der köstliche Stein! … rief er. Du bist also wiedergekommen, mein Herzlieb! … Wie prächtig Du aussiehst! … Wie schwer Du bist! … Wie viel magst Du in guten, klingenden Guineen werth sein! … Was soll aus Dir werden, mein Schatz? … Sollen wir Dich nach dem Cap und von da nach London senden, um Dich bewundern zu lassen? … Wer wäre aber reich genug, Dich kaufen zu können? … Die Königin selbst könnte sich einen solchen Luxus nicht gestatten! … Das verzehrte ihre Civilliste für zwei bis drei Jahre! … Es wird sich wohl ein Parlamentsbeschluß, eine nationale Subscription nothwendig machen! … Nun, sei nur ruhig, das wird ja geschehen! … Dann wirst auch Du im Tower zu London ausruhen können, zur Seite des Koh-i-noor, der Dir gegenüber nur noch ein Knabe sein wird! … Was magst Du wohl werth sein, mein Herzensschatz?«

Er rechnete ein Weilchen im Kopfe.

»Der Diamant des Zaren ist von Katharina II. mit einer Million Rubel baar und sechsundneunzigtausend Francs lebenslänglicher Rente bezahlt worden. Es erscheint gewiß nicht übertrieben, für diesen hier eine Million Pfund Sterling und fünfhunderttausend Francs fortlaufende Rente zu verlangen!«

Da fiel ihm plötzlich noch etwas Anderes ein.

»Glauben Sie nicht, Herr Méré, daß der Eigenthümer eines solchen Steines zum Pair erhoben werden müßte? Alle Arten des Verdienstes sollen doch in dem hohen Hause vertreten sein, und einen solchen Diamanten zu besitzen, ist doch kein gewöhnliches Verdienst zu nennen! … Sieh doch, Alice, schau doch her, zwei Augen sind wahrlich nicht genug, einen solchen Stein zu bewundern!«

Zum ersten Male in ihrem Leben betrachtete Miß Watkins einen Diamanten mit Interesse.

»Er ist wirklich ausnehmend schön! Er leuchtet wie ein Stück Kohle, was er ja im Grunde ist, aber wie ein Stück glühende Kohle!« sagte sie, während sie ihn sorgsam aus seinem Baumwollenlager herausnahm.

Darauf näherte sie sich durch eine instinctive Bewegung, welche wohl bei jedem jungen Mädchen aufgetreten wäre, dem Spiegel über dem Kamine und hielt sich das kostbare Juwel an die Stirn, mitten zwischen ihr blondes Haar.

»Ein in Gold gefaßter Stern! sagte Cyprien galant, der sich einmal gegen seine Gewohnheit zu einem Complimente verleiten ließ.

– Das ist wahr! … Einen Stern könnte man ihn nennen! rief Alice freudig in die Hände klatschend.

– Nun gut, lassen wir ihm diesen Namen: nennen wir ihn den Stern des Südens. Wollen Sie, Herr Cyprien? Ist er nicht ebenso schwarz wie die eingebornen Schönheiten dieses Landes und glanzvoll wie die Sternbilder unseres südlichen Himmels?

– Der »Südstern«! meinetwegen, sagte John Watkins, der auf den Namen nur sehr mittelmäßigen Werth legte. Aber hüte Dich, ihn fallen zu lassen! fuhr er bei einer raschen Bewegung seiner Tochter erschrocken fort; er würde wie Glas zerspringen!

– Wirklich? … So zerbrechlich wäre so ein Ding? antwortete Alice, während sie den Edelstein ziemlich verächtlich in das Kästchen zurücklegte. Armer Stern, Du bist also nur ein Gestirn zum Lachen, ein gewöhnlicher Glasflaschenstöpsel!

– Ein Glasflaschenstöpsel! … rief Mr. Watkins halb erstickt. Die Kinder haben doch vor gar nichts Respect.

– Fräulein Alice, sagte da der junge Ingenieur, Sie waren es, die mich zur Herstellung künstlicher, aber echter Diamanten veranlaßt hat. Ihnen allein verdankt der Stein seine heutige Existenz! In meinen Augen ist er freilich ein Spielzeug, das keinen Handelswerth haben wird, wenn man dessen Ursprung erfährt. Ihr Herr Vater wird jedenfalls gestatten, daß ich Ihnen denselben als Erinnerung an Ihre glückliche Beeinflußung meiner Arbeiten als Geschenk anbiete.

– Wie? stieß Mr. Watkins hervor, der nicht verhehlen konnte, was er bei diesem unerwarteten Vorschlage empfand.

– Fräulein Alice, wiederholte Cyprien, dieser Diamant gehört Ihnen. Ich biete Ihnen denselben an … ich schenke ihn Ihnen!«

Statt jeder Antwort reichte Miß Watkins dem jungen Manne die Hand hin, welche dieser zärtlich zwischen den seinen drückte.

Elftes Capitel


Elftes Capitel

»Der Südstern«

Die Nachricht von der Rückkehr Jacobus Vandergaart’s hatte sich natürlich schnell verbreitet. Alle Welt kam nun nach der Farm gelaufen, um das Wunder der Kopje wenigstens zu sehen. Man vernahm dabei auch sehr bald, daß der Diamant der Miß Watkins gehöre, daß aber ihr Vater viel mehr als sie selbst der Inhaber desselben sei.

Die allgemeine Neugier wendete sich also diesem Diamanten zu, einem Werk der Menschenhand und nicht der schöpferischen Natur.

Es muß hier bemerkt werden, daß von dem künstlichen Ursprung des Diamanten noch nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen war. Einestheils wären die Steingräber des Griqualandes nicht so unverständig gewesen, ein Geheimniß auszuplaudern, welches ihren unmittelbaren Ruin herbeiführen mußte; andererseits hütete sich Cyprien, dem Zufall zu sehr zu vertrauen, hatte noch nichts in dieser Beziehung ausgesprochen und sich vorgenommen, seinen Bericht über den »Südstern« nicht eher abzusenden, als bis er den Erfolg seines Verfahrens durch einen zweiten Versuch bestätigt hatte. Was er ein erstes Mal vollbracht, das wollte er auch ein zweites Mal im Stande sein.

Die allgemeine Aufmerksamkeit war also außerordentlich erregt, und John Watkins hätte sich schon anstandshalber nicht weigern können, dieselbe zu befriedigen, ganz abgesehen davon, daß sie ja seiner Eitelkeit schmeichelte. Er brachte den »Südstern« auf leichter weißer Unterlage auf einer kleinen weißen Marmorsäule an, die sich in der Mitte über dem Kamin seines Besuchszimmers erhob, und den ganzen Tag lang blieb er davor in seinem Lehnstuhl sitzen, wachte über das unvergleichliche Juwel und zeigte dasselbe Jedem, der da kam.

James Hilton war der Erste, der ihn darauf aufmerksam machte, wie unklug ein solches Benehmen sei. Bedachte er wohl, welche Gefahren er über sein Haupt heraufbeschwor, wenn er so Aller Augen den enormen Werth, den er unter seinem Dache barg, preisgab? Nach Hilton’s Ansicht war es unumgänglich nöthig, von Kimberley eine specielle Polizeiwache zu erbitten, oder es könnte vielleicht schon die nächste Nacht nicht ohne ein Unglück verlaufen.

Erschrocken über diese Möglichkeit, beeilte sich Mr. Watkins, dem weisen Rathe seines Gastes zu folgen, und athmete erst wieder auf, als er gegen Abend einen Trupp berittener Policemen ankommen sah. Diese vierundzwanzig Mann wurden in den Nebengebäuden der Farm untergebracht.

Der Zufluß von Neugierigen nahm in den nächsten Tagen nur noch mehr zu, und der Ruhm des »Südsterns« hatte bald die Grenzen des Bezirks überschritten, um sich bis nach den entferntesten Städten zu verbreiten. Die Tagesblätter der Colonie widmeten spaltenlange Artikel der Beschreibung seiner Größenverhältnisse, seiner Form und Farbe, sowie seines Glanzes. Das Telegraphenkabel von Durban übernahm es, diese Einzelheiten über Zanzibar und Aden zuerst nach Europa und Asien, und dann nach Nord- und Süd-Amerika und nach Oceanien zu übermitteln. Photographen rissen sich um die Ehre, ein Bild des wunderbaren Diamanten aufzunehmen. Im Auftrage illustrirter Journale kamen Zeichner angereist, denselben für ihre Blätter darzustellen. Endlich wurde die Sache für die ganze Welt zu einem wirklichen Ereigniß.

Jetzt mischte sich auch die Fabel mit hinein. Unter den Steingräbern circulirten phantastische Geschichten über die geheimnißvollen Eigenschaften, die ihm zugeschrieben wurden. Man raunte einander zu, daß ein schwarzer Stein unbedingt »Unglück bringen müsse.« Erfahrene Leute schüttelten den Kopf und erklärten, daß sie diesen Feuerstein viel lieber bei Watkins, als im eigenen Hause sähen. Kurz, üble Nachreden und selbst Verleumdungen, welche von jeder Berühmtheit unzertrennlich sind, fehlten auch dem »Südstern« nicht – der sich ganz natürlich darum nicht im Mindesten kümmerte, denn er goß wie zuvor

… Ströme von Licht
Auf jeden obscuren Bösewicht!

Mit John Watkins lag das freilich ganz anders, da diesen jenes Geschwätz bald zur Verzweiflung brachte. Es erschien ihm, als würde der Werth des Steines dadurch einigermaßen herabgesetzt, und er empfand das als eine Art persönliche Beleidigung. Nachdem der Gouverneur der Colonie und die Officiere der benachbarten Garnisonen, die Stadtcommandanten, die Beamten und alle Volksvertretungen herbeigekommen waren, seinem Edelsteine ihre Huldigungen darzubringen, erblickte er in den mehr als freimüthigen Aeußerungen, die man sich über seinen Besitz erlaubte, fast eine Gotteslästerung.

Ebenso um diesen Alfanzereien ein Ende zu machen, wie seinen von jeher etwas lüsternen Gaumen einmal wieder zufrieden zu stellen, beschloß er einen großen Schmaus zu geben, zu Ehren des ihm so an’s Herz gewachsenen Diamanten, den er noch immer in klingende Münze umzusetzen hoffte, was Cyprien auch dagegen sagen und so sehr seine Tochter wünschen mochte, ihn wie er war zu behalten.

So stark ist der Einfluß des Magens auf eine große Zahl Menschen, daß schon die Anzeige von dieser Mahlzeit hinreichte, von diesem Tage zum anderen die öffentliche Meinung in dem Vandergaart-Lager völlig umzuwandeln. Da hörte man die Leute, welche sich früher am mißliebigsten über den »Südstern« ausgesprochen hatten, plötzlich einen anderen Ton anschlagen und aussprechen, daß dieser Stein doch an der ihm zugeschriebenen schlechten Wirkung ganz unschuldig sei, und darauf nahmen sie die Einladung zu John Watkins mit großem Vergnügen an.

Von diesem Feste im Becken des Vaal sollte sehr lange die Rede sein. An dem betreffenden Tage fanden sich achtzig Gäste zur Tafel unter einem großen Zelte ein, das an die Wand des Empfangszimmers, welche man gleich entfernt hatte, angebaut wurde.

Ein »Baron voyal«, ein gewaltiger Braten, bestehend aus einem ganzen Ochsenrücken, nahm die Mitte des Tisches ein und wurde von ganzen Lämmern und Vertretern aller Arten Wild des Landes umringt. Berge von Gemüse und Früchten, zahlreiche Biertonnen und Weinfässer, welche an verschiedenen Stellen übereinandergelagert und schon mit Abzapfhähnen versehen waren, vervollständigten die Anordnung dieser wahrhaft üppigen Tafel.

Auf seinem Sockel und umgeben von brennenden Kerzen stand der »Südstern« gleich hinter dem Rücken John Watkins‘ bei dem Festmahle, das ja zu seiner Ehre gegeben wurde.

Die Bedienung bildeten zwanzig, für diese Gelegenheit engagirte Kaffern unter der Anführung Matakit’s, der sich erboten hatte, diese – mit Erlaubniß seines Herrn – zu commandiren.

Hier befanden sich außer der Polizeimannschaft, welcher Mr. Watkins auf diese Weise seinen Dank abstatten wollte, alle hervorragenden Persönlichkeiten des Lagers und der Umgebung, Mathys Pretorius, Nathan, James Hilton, Annibal Pantalacci, Friedel, Thomas Steel und fünfzig Andere.

Selbst die Thiere der Farm, die Büffel, Hunde und vorzüglich die Strauße der Miß Watkins erhielten ihren Theil von dem Feste, indem sie herankamen, einige Brosamen von der Tafel zu erbetteln.

Alice saß ihrem Vater gegenüber am anderen Ende des Tisches und machte mit der ihr angeborenen Grazie die Honneurs, doch nicht ohne einen geheimen Kummer, obgleich sie völlig den Grund der Abwesenheit von zwei gewissen Personen begriff; weder Cyprien Méré, noch Jacobus Vandergaart nahmen an dem Festgelage Theil.

Der junge Ingenieur hatte immer soviel als möglich die Gesellschaft Friedel’s, Pantalacci’s und der Genossen dieser Leute gemieden. Außerdem kannte er seit seiner Entdeckung deren wenig wohlwollende Gesinnung gegen ihn und sogar ihre Drohung gegen den Erfinder der künstlichen Herstellung von Diamanten, wodurch sie vollständig zu Grunde gerichtet zu werden fürchten mußten. Er hatte sich also zurückgehalten und war der Einladung zur Tafel nicht gefolgt. Jacobus Vandergaart, dem gegenüber John Watkins nicht unversucht ließ, ihn gegen sich freundlich zu stimmen, hatte Alles von Anfang her glatt zurückgewiesen.

Das Bankett ging allmählich zu Ende. Wenn es in guter Ordnung verlief, kam das daher, daß die Anwesenheit der Miß Watkins selbst den rohesten Gästen einen gewissen Zwang zu äußerer Wohlanständigkeit auferlegte, obwohl Mathys Pretorius wie immer als Zielscheibe für schlechte Witze Annibal Pantalacci’s dienen mußte, indem dieser dem unglücklichen Boer die unsinnigsten Bären aufband. So sollte unter dem Tische plötzlich ein Feuerwerk abgebrannt werden! … Man erwarte nur, daß Miß Watkins sich zurückziehe, um den dicksten Mann der Gesellschaft zu verurtheilen, zwölf Flaschen Gin in einem Zuge zu trinken! … Oder es sei beabsichtigt, das Gelage mit einem großen Faustkampfe und einem allgemeinen Gefechte mit Revolvern zu beschließen.

Er wurde dabei aber unterbrochen von John Watkins, der in seiner Eigenschaft als Präsident des Banketts mit dem Messergriffe auf den Tisch klopfte, um die herkömmlichen Toaste auszubringen. Sofort ward es still. Der Gastgeber erhob sich in ganzer Länge, stützte beide Daumen auf das Tischtuch und begann seinen Speech mit einer durch reichliches Trinken etwas unsicher gewordenen Stimme.

Er sagte unter Anderem, daß dieser Tag die wichtigste Erinnerung aus seinem Leben als Steingräber und Ansiedler bleiben werde.

Nachdem er geschildert, wie hart es ihm in der Jugend gegangen, und wie er sich jetzt hier im reichen Griqualand von achtzig Freunden umgeben sähe, um den größten Diamanten der Welt zu feiern, sei das für ihn eine Freude, die er nimmermehr vergessen könne! … Vielleicht könne ja morgen einer der ehrenwerthen Gäste eben so gut einen noch größeren Stein finden! … Das sei eben das Interessante, die Poesie des Diamantengrabens! (Lebhafte Zustimmung.) Dieses Glück wünschte er vor Allem seinen Freunden und Gästen! … (Lächeln, Beifall.) Er glaube sogar versichern zu können, daß Derjenige nur sehr schwer zu befriedigen sein müsse, der sich jetzt an seiner Stelle nicht zufriedengestellt fühlte! … Zum Schlusse lud er die Tischgenossen ein, auf das Gedeihen des Griqualands, auf die Beständigkeit des Marktpreises der Diamanten – wie stark sich auch die Concurrenz darin entwickeln möchte – zu trinken, endlich aber auch auf die glückliche Reise des »Südsterns«, der nun hinaus solle in die Welt, zuerst nach dem Cap und dann nach England, um seinen Glanz bewundern zu lassen.

»Aber, sagte Thomas Steele, ist es nicht mit einiger Gefahr verknüpft, einen Stein von so großem Werthe nach dem Cap zu senden?

– O, er wird natürlich sichere Begleiter haben, erwiderte Mr. Watkins. Es sind schon viele Diamanten in solcher Weise befördert worden und glücklich an’s Ziel gekommen.

– Sogar der des Herrn Dueurix de Sancy, sagte Alice, und doch möchte er ohne die Opferwilligkeit eines einfachen Dieners …

– Nun, was ist ihm denn so Außerordentliches zugestoßen? fragte James Hilton.

– So hören Sie die Anekdote, antwortete Alice, ohne sich erst darum bitten zu lassen.

»Herr de Sancy war ein französischer Edelmann am Hofe Heinrichs III. Er besaß einen berühmten Diamanten, der noch heute nach seinem Namen genannt wird. Nebenbei gesagt hatte dieser Edelstein schon vorher zahlreiche Abenteuer erlebt. Er gehörte nämlich anfänglich Karl dem Furchtsamen, der ihn bei sich trug, als er unter den Mauern von Nancy getödtet wurde. Ein Schweizersoldat fand später den Stein auf der Leiche des Herzogs von Burgund und verkaufte ihn für einen Gulden an einen armen Geistlichen, der ihn für fünf oder sechs Gulden wieder an einen Juden abtrat. Zur Zeit, als er sich im Besitz des Herrn de Sancy befand, war der königliche Schatz einmal stark in Geldverlegenheit und Herr de Sancy ließ sich dazu herbei, seinen Diamanten als Pfand herzugeben, um dem König den Geldwerth desselben zu verschaffen. Der Darleiher befand sich aber in Metz. Der Edelstein mußte also einem Diener anvertraut werden, der ihn diesem hinschaffte.

»Fürchten Sie nicht, daß dieser Mensch damit nach Deutschland entfliehen könne? fragte Jemand Herrn de Sancy.

»Ich bin seiner sicher! antwortete dieser.

»Trotz dieser Sicherheit kam weder der Mann, noch der Diamant in Metz an. Auch der Hof fing endlich an, sich über Herrn de Sancy zu moquiren.

»Ich bin meines Dieners sicher, wiederholte dieser. Er muß ermordet worden sein.

»Und wirklich, bei genauer Nachforschung fand sich dessen Leichnam in einem Straßengraben.

»Oeffnet ihn! sagte Herr de Sancy. Der Diamant muß sich in seinem Magen vorfinden!

»Man that, wie er sagte, und seine Voraussage fand sich bestätigt. Der einfache Held, dessen Namen die undankbare Geschichte nicht einmal aufbewahrt hat, war seiner Pflicht und der Ehre treu geblieben bis zum Tode, und verdunkelte durch den Glanz seiner Handlungsweise – darüber meldet ein alter Chronist – den Glanz und den Werth des Juwels, das er beförderte.

»Es sollte mich sehr wundern, setzte Alice als Beendigung ihrer Erzählung hinzu, wenn der »Südstern« im gegebenen Falle während seiner Reise nicht Jemand dieselbe Ergebenheit einzuflößen im Stande wäre!«

Einstimmiger Beifall begrüßte die Worte der Miß Watkins, achtzig Arme erhoben die gleiche Anzahl Gläser und alle Augen wendeten sich unwillkürlich nach dem Kamin, um dem unvergleichlichen Edelstein daselbst ihre Huldigung darzubringen.

Der »Südstern« war nicht mehr auf seinem Sockel, wo er noch kurz vorher hinter dem Rücken John Watkins‘ geflammt hatte.

Das Erstaunen der achtzig Gesichter war ein so sprechendes, daß der Gastgeber sich sofort umdrehte, um dessen Ursache zu ergründen.

Kaum hatte er den Grund desselben wahrgenommen, als man ihn, wie vom Blitze getroffen, bleich in seinen Sessel zurücksinken sah.

Alle drängten sich um ihn, lüfteten ihm die Cravate, spritzten ihm Wasser in’s Gesicht … er erwachte endlich aus seiner Betäubung.

»Der Diamant! kreischte er mit entsetzlicher Stimme. Der Diamant! Wer hat den Diamanten genommen?«

– Daß Niemand hier weggeht, meine Herren!« befahl der Anführer der Polizei-Abtheilung, der schon den Ausgang des Saales besetzen ließ.

Alle Tischgenossen sahen sich erschreckt an und tauschten ihre Meinung mit gedämpfter Stimme gegenseitig aus. Nicht fünf Minuten waren verflossen, als die Meisten von ihnen den Diamanten noch gesehen oder wenigstens noch zu sehen geglaubt hatten. Trotzdem konnte sich Niemand der Thatsache verschließen, daß der Diamant verschwunden war.

»Ich verlange, daß alle Anwesenden visitirt werden, ehe sie weggehen! schlug Thomas Steele mit seiner gewöhnlichen Geradheit vor.

– Ja! .. Ja! ..« antwortete die Versammlung scheinbar einstimmig.

Dieser Vorschlag schien John Watkins einen Schimmer von Hoffnung wiederzugeben.

Der Polizeiofficier ließ also alle Tischgäste längs einer Seite des Raumes aufstellen und begann dieselben nacheinander der peinlichsten Untersuchung zu unterziehen. Er drehte alle ihre Taschen um, ließ sie die Schuhe ausziehen und überall an der Kleidung betasten. Dann verfuhr er ganz ebenso mit seinen eigenen Leuten. Endlich mußten die Gäste einzeln an ihm vorübergehen und wurden dabei noch mehrmals der genauesten Besichtigung unterworfen.

Diese Untersuchungen führten zu keinem Resultate. Alle Ecken und Winkel des Raumes wurden sodann mit größter Gewissenhaftigkeit abgesucht. Nirgends fand sich auch nur eine Spur von dem Diamanten.

»So sind nur noch die Kaffern übrig, welche bei der Tafel aufgewartet haben, sagte der Polizeiofficier, der nicht gern unverrichteter Sache abziehen wollte.

– Das ist klar! … Die Kaffern sind es gewesen! tönte ihm als Antwort entgegen. Sie sind von Natur Diebe genug, um diesen Streich ausgeführt zu haben.«

Die armen Teufel hatten sich indeß schon vorher zurückgezogen, ehe John Watkins seinen Toast ausbrachte, da sie nicht mehr von Nöthen waren. Sie kauerten draußen Alle zusammen um ein großes Feuer, das unter freiem Himmel emporloderte, und nachdem sie von übriggebliebenem Fleisch sich ein Gütchen gethan, begannen sie eben ein Concert, wie es im Kaffernlande Mode ist. Aus einer Kürbisflasche bestehende Guitarren, Flöten, welche mit der Nase angeblasen wurden, hellklingende Tam-tams aller Art intonirten eben das ohrzerreißende Geräusch, welches jeder musikalischen Aufführung der Eingebornen Südafrikas vorhergeht.

Die Kaffern verstanden zuerst gar nicht recht, was man von ihnen wollte, als sie zurückgerufen wurden, um bis auf ihre mangelhafte Bekleidung untersucht zu werden. Sie begriffen nun, daß es sich um den Diebstahl eines Diamanten von hohem Werthe handelte.

Wie die vorhergehenden Untersuchungen, erwies sich auch diese völlig fruchtlos.

»Wenn sich der Dieb unter den Kaffern befindet – und er muß unter diesen zu suchen sein – so hat er zehnmal Zeit genug dazu gehabt, seinen Diebstahl an sicherem Ort zu verbergen! bemerkte sehr richtig einer der Tischgäste.

– Das liegt auf der Hand, stimmte der Polizei-Officier zu, und es giebt vielleicht nur ein Mittel, sie zum Geständniß zu bringen, indem wir ihnen einen Wahrsager aus ihrem eigenen Stamme auf den Hals schicken. Einem solchen gelingt es nicht so selten …

– Wenn Sie gestatten, fiel da Matakit ein, der sich noch bei seinen Landsleuten befand, so will ich den Versuch vornehmen!«

Das Anerbieten wurde ohne Säumen angenommen, und die Gäste bildeten einen Kreis um die Kaffern. Dann ging Matakit, der ja in der Rolle eines Wahrsagers geübt war, daran, seine Vorbereitungen zu treffen.

Zunächst begann er damit, zwei oder drei tüchtige Priesen Tabak aus der Horndose zu nehmen, die ihn niemals verließ.

»Ich werde jetzt zur Ruthenprobe verschreiten!« kündete er nach dieser einleitenden Procedur an.

Er holte darauf von einem nahestehenden Busche zwanzig dünne Zweige, die er genau abmaß und ganz gleichmäßig, nämlich auf zwölf Zoll englisch, zuschnitt. Dann vertheilte er diese unter die Kaffern, welche in Reih‘ und Glied standen, nachdem er für sich selbst eine solche Ruthe bei Seite gelegt hatte.

»Jetzt mögt Ihr eine Viertelstunde hingehen, wohin Ihr wollt, sagte er feierlichen Tones zu seinen Landsleuten, und werdet nicht eher wiederkommen, als bis Ihr einen Tam-tam anschlagen hört. Wenn sich der Dieb unter Euch befindet, so wird seine Ruthe um drei Querfinger länger geworden sein.«

Die Kaffern zerstreuten sich, nicht besonders angenehm berührt von dieser Vorrede, da sie recht wohl wußten, daß man im Griqualand kurzen Processes einen Uebelthäter schnell dingfest machte und ihn auch, selbst ohne eine Frist zu seiner Vertheidigung zu gewähren, kurzer Hand aufhängte.

Die Gäste, welche diesen Vorbereitungen mit erklärlichem Interesse gefolgt waren, sprachen darüber Jeder seine eigene Meinung aus.

»Der Dieb wird sich hüten, wiederzukommen; er befindet sich offenbar unter diesen Kerlen, warf Einer ein.

– Nun, das würde ihn ja gerade als solchen bezeichnen, antwortete ein Anderer.

– Bah! Er wird geriebener als Matakit sein und schneidet sich einfach drei Finger breit ein Stück von seiner Ruthe ab, um das befürchtete Wachsthum derselben auszugleichen.

– Das mag der Wahrsager wohl erwarten und eine so unüberlegte Verkürzung würde ja hinreichen, den Schuldigen zu erkennen zu geben.«

Inzwischen waren die fünfzehn Minuten abgelaufen, und mit einem kräftigen Tamtamschlage rief Matakit die Angeklagten zurück.

Sie erschienen alle bis auf den Letzten, stellten sich vor diesem auf und lieferten ihre Gerten wieder ab.

Matakit nahm diese, bildete daraus ein Bündel und überzeugte sich, daß alle fünfundzwanzig noch gleich lang waren. Er mußte dieselben also bei Seite legen und auf Grund der entscheidenden Probe erklären, daß seine Landsleute alle ehrlich seien, als ihm eben noch einfiel, die Länge der zurückgegebenen Ruthen mit der, welche er zurück behalten, zu vergleichen. Alle waren um drei Fingersbreiten zu kurz.

Die armen Teufel hatten es für gerathen erachtet, diese Vorsicht zu gebrauchen gegen eine Erscheinung, welche ihren abergläubischen Vorstellungen nach recht wohl zu Stande kommen konnte. Das wies nun freilich nicht auf besonders reines Gewissen der Leute hin, und wahrscheinlich hatten schon Alle im Laufe des Tages einen Diamanten gestohlen.

Allgemeines Gelächter begleitete die Constatirung dieses unerwarteten Ereignisses. Matakit senkte die Augen und schien tief beschämt, daß ein Mittel, dessen Zuverlässigkeit ihm in seinem Kraal oft genug nachgewiesen worden war, sich im civilisirten Leben so machtlos erweise.

»Herr Watkins, begann da der Anführer der Polizeimannschaft mit einer Verbeugung gegen den Farmer, der eine Beute der Verzweiflung in seinem Lehnstuhle sitzen geblieben war, wir müssen diesem Vorfall gegenüber unsere Ohnmacht bekennen. Vielleicht sind wir morgen glücklicher, wenn wir Jedem, der uns auf die Spur des Diebes führt, eine hohe Belohnung in Aussicht stellen.

– Der Dieb! rief da Annibal Pantalacci, warum sollte es nicht Der sein, den sie beauftragten, über seine Stammesgenossen abzuurtheilen?

– Was wollen Sie damit sagen? fragte der Polizeiofficier.

– Nun … jener Matakit, der, indem er die Rolle des Wahrsagers übernahm, hoffen durfte, jeden Verdacht von sich fernzuhalten!«

Wer jetzt auf ihn geachtet hätte, müßte haben sehen können, wie Matakit das Gesicht auf eigenthümliche Weise verzog, sofort den Saal verließ und sich seitwärts nach seiner Hütte wandte.

»Ja, fuhr der Neapolitaner fort, er gehört ja auch selbst zu denen, welche bei Tische aufwarteten. Er ist ein Spitzbube, ein Schurke, dem Herr Méré, man begreift nicht warum, seine besondere Zuneigung geschenkt hat.

– Matakit ist ehrlich, dafür stehe ich ein! erklärte Miß Watkins, bereit den Diener Cypriens zu vertheidigen.

– Wie kannst Du das wissen? erwiderte John Watkins. Ja, ja, er wäre wohl im Stande, selbst die Hand nach dem »Südstern« ausgestreckt zu haben.

– Nun, er kann ja nicht weit sein! meinte der Polizeiofficier. Wir werden ihn binnen einer Minute visitirt haben. Findet sich der Diamant in seinem Besitz, so bekommt er so viel Peitschenhiebe, als dieser Karate wog, und wenn er daran nicht stirbt, wird er mit dem vierhundertzweiunddreißigsten aufgehenkt!«

Miß Watkins zitterte vor Furcht. Alle die halbwilden Leute jubelten dem schrecklichen Urtheile des Officiers zu. Doch wie hätte sie diese rohen, gewissen- und mitleidslosen Menschen zu bändigen vermocht?

Einen Augenblick später standen Mr. Watkins und seine Gäste vor Matakit’s Hütte, deren Thür erbrochen wurde.

Matakit war nicht da, und vergeblich suchte man nach ihm die ganze Nacht.

Auch am folgenden Morgen war nichts von ihm zu sehen, und man mußte nun wohl annehmen, daß er die Vandergaart-Kopje verlassen habe.

Erstes Capitel.


Erstes Capitel.

Rein toll, diese Franzosen!

»Reden Sie, mein Herr, ich höre!

– Ich erlaube mir um die Hand Ihrer Fräulein Tochter, der Miß Watkins anzuhalten.

– Um die Hand Alices?

– Ja, mein Herr. Meine Bitte scheint Sie zu überraschen, doch werden Sie verzeihen, wenn ich nur schwer begreife, warum Ihnen diese so außerordentlich erscheinen kann. Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt und heiße Cyprien Méré. Meines Standes Minen-Ingenieur, ging ich mit Nummer zwei aus der polytechnischen Schule ab. Meine Familie genießt ein verdientes Ansehen, wenn dieselbe auch nicht reich ist. Der französische Consul in der Capstadt würde das, wenn Sie es wünschen, bezeugen, er und mein Freund Pharamond Barthès, der Ihnen wohlbekannte unerschrockene Jäger, dessen Namen ganz Griqualand nennt, würde es bekräftigen können. Ich befand mich jetzt hier im Auftrage der Akademie der Wissenschaften und der Regierung Frankreichs. Letztes Jahr hab‘ ich vom Institut den Preis Houdart für meine Arbeiten über die chemische Zusammensetzung der vulkanischen Felsen der Auvergne errungen. Meine Abhandlung über das Diamantengebiet des Vaal, welche nahezu beendet ist, wird von der gelehrten Welt jedenfalls mit Freuden begrüßt werden. Nach der Heimkehr von meiner Mission werd‘ ich zum Hilfslehrer an der Bergwerksschule von Paris ernannt werden und habe mir schon eine Wohnung, Universitätsstraße Nr. 104 drei Treppen, vorbehalten. Meine Einkünfte belaufen sich vom nächsten ersten Januar ab auf 4800 Francs. Ich weiß, daß das kein Reichthum ist; doch durch Privatarbeiten, Untersuchungen, akademische Preise und Mitarbeiterschaft an wissenschaftlichen Zeitungen wird sich dieses Einkommen bequem verdoppeln. Ich füge hinzu, daß ich bei meiner bescheidenen Lebensweise nicht mehr brauche, um glücklich zu sein. Ich erlaube mir also, um die Hand Ihrer Fräulein Tochter, der Miß Watkins anzuhalten.«

Schon aus dem sicheren und entschlossenen Tone dieser Anrede war leicht zu entnehmen, daß Cyprien Méré die Gewohnheit hatte, in allen Dingen gerade auf’s Ziel loszusteuern und frei von der Leber weg zu reden.

Sein Gesichtsausdruck strafte die Wirkung seiner Worte auch nicht Lügen. Es war der eines jungen, gewohnheitsgemäß mit ernsten wissenschaftlichen Fragen beschäftigten Mannes, der den minderwerthigen Dingen dieser Welt nur die unumgänglich nothwendige Zeit opfert.

Seine kastanienbraunen, sehr kurz geschnittenen Haare, sein blonder, aber auch kurz gehaltener Bart, die Einfachheit seines Reisecostüms aus grauem Zwillich, der Strohhut für zehn Sous, den er beim Eintritte höflich auf einen Stuhl abgelegt hatte – während sein Gegenüber mit der gewöhnlichen Ungenirtheit der anglo-sächsischen Race immer den Kopf bedeckt hielt – Alles an Cyprien Méré; deutete auf einen ernsthaften Geist, ebenso wie sein klarer Blick auf ein reines Herz und unbeschwertes Gewissen hinwies.

Hierbei verdient bemerkt zu werden, daß der junge Franzose so vollkommen englisch sprach, als habe er sehr lange Zeit in den innersten Theilen des britannischen Königreichs gewohnt.

In einem Holzlehnstuhle sitzend, das linke Bein auf einen Strohsessel ausgestreckt, den Ellbogen auf die Ecke eines groben Tisches gestemmt und gegenüber einer Flasche mit Gin, nebst einem mit dieser starken alkoholischen Flüssigkeit halbgefüllten Glase, hörte ihn Mr. Watkins, eine lange Pfeife rauchend, gelassen an.

Bekleidet war der Mann mit weißer Hose, einer Weste aus grober blauer Leinwand und einem gelblichen Flanellhemd ohne Brustlatz und Kragen. Unter dem gewaltigen Filzhut, der gleich für immer auf seinem grauschimmernden Schädel festgeschraubt schien, zeigte sich ein ziemlich rothes, etwas aufgedunsenes Gesicht, welches wie mit Johannisbeergelée gefüllt erschien. Dieses wenig einnehmende Gesicht mit einzelnen Bartflocken war von zwei grauen Augen durchbohrt, welche nicht eben Geduld und Wohlwollen verriethen.

Zur Entschuldigung des Mr. Watkins muß freilich angeführt werden, daß derselbe heftig an Gicht litt, was ihn eben zwang, den linken Fuß wohl verpackt zu halten und die Gicht ist – im südlichen Afrika ebenso wie in anderen Ländern – keineswegs dazu angethan, den Charakter der Leute, deren Gelenke sie peinigt, zu mildern.

Der hier geschilderte Auftritt ging im Erdgeschoß der Farm des Mr. Watkins vor sich, etwa unter dem 29. Grade südlicher Breite und den 25. Grade östl. Länge von Greenwich, an der Westgrenze des Oranje-Freistaates, im Norden der englischen Capcolonie, d. h. in der Mitte des südlichen oder englisch-holländischen Afrikas. Dieses Land, dessen Grenze gegen den Südrand der großen Wüste von Kalakari das rechte Ufer des Oranjeflusses bildet, trägt auf älteren Landkarten noch den Namen Griqualand; wird aber seit etwa zehn Jahren richtiger »Diamonds-Field«, das Diamantenfeld, genannt.

Das Zimmer, in welchem diese diplomatische Verhandlung gepflogen wurde, war ebenso bemerkenswerth wegen des auf einzelne Stücke seiner Ausstattung verschwendeten Luxus, wie wegen der Aermlichkeit anderer Theile seiner Einrichtung. Der Fußboden zum Beispiel bestand nur aus festgeschlagenem Lehm, war aber da und dort wieder mit dicken Teppichen und kostbarem Pelzwerk belegt. An den Wänden, welche niemals eine Rolle Tapeten kennen gelernt hatten, hing eine prachtvolle Pendule in ciselirtem Kupfer, reiche Waffen verschiedenen Fabrikats und bunte englische Bilder in theuren Umrahmungen, Ein Sammetsopha stand zur Seite eines weißen, hölzernen Tisches, der mehr für den Gebrauch in einer Küche bestimmt sein mochte. Direct von Europa bezogene Lehnstühle streckten dem Mr. Watkins vergeblich ihre Armlehnen entgegen, da dieser ihnen einen alten, einst von eigener Hand geschnitzten Sessel vorzog. Im Ganzen verlieh diese unverständige Anhäufung von Werthgegenständen, vorzüglich aber das Durcheinander von Panther-, Leoparden- Giraffen- und Tigerkatzenfellen, die über allen Möbeln ausgebreitet lagen, dem Raume den Charakter einer gewissen barbarischen Opulenz.

Die Gestalt der Decke wies deutlich darauf hin, daß das Haus kein weiteres Stockwerk hatte und nur aus dem Erdgeschoß bestand. Wie alle hier zu Lande, war es zum Theil aus Planken, zum Theil aus Lehm errichtet und mit Zinkwellenblech, das auf leichtem Sparrenwerk ruhte, abgedeckt.

Uebrigens sah man, daß diese Wohnung erst vor nicht langer Zeit fertig geworden war. Man brauchte nur durch eines der Fenster zur Rechten hinauszusehen, um zur Rechten und zur Linken fünf oder sechs verlassene Baulichkeiten wahrzunehmen, welche sich alle glichen, aber von ungleichem Alter und offenbar dem raschen gänzlichen Verfall preisgegeben waren. Diese bildeten ebensoviele Häuser, welche Mr. Watkins nacheinander gebaut, bewohnt und verlassen hatte, je nach der Zunahme seines Wohlstandes, und welche also gewissermaßen die Stufen desselben bezeichneten.

Das entlegenste war nur aus Rasenstücken errichtet und verdiente kaum den Namen einer Hütte. Das nächstfolgende bestand aus Lehm, das dritte aus Lehm und Planken; das vierte aus Lehm und Zink. Man ersieht hieraus, wie der Fleiß des Mr. Watkins ihm gestattet hatte, in der Herstellung seiner Wohnung immer höhere Ziele zu verfolgen.

Alle diese mehr oder weniger verfallenen Baulichkeiten erhoben sich auf einem kleinen, nahe dem Zusammenflusse des Vaal und der Modder – dem Hauptarme des Oranjeflusses in diesem Theile Südafrikas – gelegenen Hügels. In der Umgebung sah man, so weit der Blick nur reichte, nach Südwesten und Norden nichts als eine traurige, nackte Ebene. Der Veld – wie man sich im Lande ausdrückt, besteht aus röthlichem, trockenem, unfruchtbarem und staubigem Boden, den nur da und dort etwas mageres Gras bedeckt oder ein Dornengebüsch unterbricht. Das völlige Fehlen von Bäumen ist der entscheidende Zug in diesen Gegenden. Rechnet man hierzu, daß es ebenso an Steinkohle gebricht, daß die Verbindung mit dem Meere eine langsame und beschwerliche ist, so wird man sich nicht wundern, daß es hier sehr an Brennmaterial mangelt und daß man für häusliche Zwecke sich genöthigt sieht, den Mist der Heerden zu verfeuern.

Auf diesem einförmigen Grunde von wirklich jämmerlichem Aussehen verliefen die Betten zweier Flüsse, aber so flach, so wenig eingedämmt, daß man kaum begreift, warum sie sich nicht gleich über die ganze weite Ebene ausbreiten.

Nur nach Osten hin wird der Horizont durch die entfernten Gipfel von zwei Bergen, dem Platberg und Paardeberg, unterbrochen, an deren Fuß ein sehr scharfes Auge vielleicht Rauchsäulen, Staubwirbel, kleine weiße Punkte – nämlich Hütten oder Zelte – und ringsum ein Gewimmel von lebenden Wesen erkennen kann.

Hier in diesem Veld liegen die in Ausbeutung begriffenen Diamantengruben, der Du Toi’s Pan, der New-Rush und, vielleicht der reichste Platz von allen, die Vandergaart-Kopje. Diese verschiedenen, frei zu Tage und fast in gleicher Ebene mit dem Boden liegenden Minen, welche man unter dem Namen Dry-Diggings oder trockene Gruben zusammenfaßt, haben seit 1870 Diamanten und andere kostbare Steine im Werthe von etwa vierhundert Millionen geliefert. Sie liegen alle in einem Umkreise von höchstens zwei bis drei Kilometern, und von den Fenstern der Farm Watkins, welche davon nur vier englische 1 Meilen entfernt ist, konnte man sie mit dem Fernrohre schon recht deutlich erkennen.

»Farm« erscheint hier übrigens als ein recht unpassendes Wort, denn auf diese Niederlassung angewendet, würde man in der Umgebung wenigstens vergeblich nach irgend welcher Cultur gesucht haben. Wie alle sogenannten Farmer in Südafrika war Mr. Watkins vielmehr Schäfer, d. h. Eigenthümer von Ochsen-, Ziegen- und Schafheerden, als wirklicher Leiter eines landwirthschaftlichen Betriebs.

Mr. Watkins hatte inzwischen noch nicht auf die ebenso höfliche, wie bestimmt ausgesprochene Anfrage Cyprien Méré’s geantwortet. Nachdem er sich drei Minuten Zeit zur Ueberlegung gegönnt, kam er endlich dazu, die Pfeife aus dem Mundwinkel zu nehmen, und sprach den folgenden Satz aus, der offenbar mit dem Anliegen des jungen Mannes in sehr zweifelhafter Verbindung stand.

»Ich glaube, die Witterung wird umschlagen, lieber Herr. Noch nie habe ich von meiner Gicht heftiger zu leiden gehabt, als seit heute Morgen!«

Der junge Ingenieur runzelte die Augenbrauen, wandte einen Moment den Kopf ab und mußte sich wirklich zusammennehmen, um seine Enttäuschung nicht gar zu sehr merken zu lassen.

»Sie würden gut thun, auf den Gin zu verzichten, Herr Watkins, antwortete er trocken, und zeigte dabei nach dem Steingutkrug, dessen Inhalt die wiederholten Angriffe des Trinkers schnell verminderten.

– Auf den Gin verzichten? By Jove, da geben Sie mir einen schönen Rath! rief der Farmer. Hat der Gin schon jemals einem ehrlichen Mann Schaden gethan? … Ja, ich weiß schon, wo Sie hinaus wollen! … Sie denken mich mit dem Recepte zu beglücken, das einst einem Lordmajor verordnet wurde. Wie hieß doch gleich der betreffende Arzt? Abernethy glaube ich. »Wollen Sie sich wohl befinden, sagte dieser zu dem an Gicht leidenden Patienten, so leben Sie für einen Schilling täglich und verdienen Sie sich diesen durch körperliche Arbeit!« – Das ist ja ganz gut und schön! Aber bei dem Heile unseres alten England, wenn man, um gesund zu bleiben, für einen Schilling täglich leben sollte, wozu hätte man sich dann überhaupt ein Vermögen erworben? Solche Dummheiten sind eines Mannes von Geist, wie Sie, Herr Méré, unwürdig! … Bitte, sprechen wir nicht mehr davon. Was mich angeht, halten Sie sich überzeugt, daß ich dann lieber gleich in die Grube fahren würde! Gut essen, tüchtig trinken, eine gute Pfeife rauchen, wenn mir die Lust dazu ankommt, eine andere Freude kenne ich auf der Welt nicht, und dieser wollen Sie mich noch berauben!

– O, das lag mir gewiß gänzlich fern, erwiderte Cyprien offenherzig. Ich erinnerte Sie nur an eine gesundheitliche Vorschrift, welche mir richtig erschien. Doch schweigen wir von diesem Thema, wenn Sie es wünschen, Herr Watkins, und kommen wir lieber auf den eigentlichen Grund meines heutigen Besuches zurück.«

So wortreich Mr. Watkins eben noch gewesen war, verfiel er jetzt doch sogleich in merkwürdiges Stillschweigen und blies stumm Rauchwolken in die Luft.

Da öffnete sich die Thür. Mit einem Glase auf silbernem Präsentirteller trat eben ein junges Mädchen in’s Zimmer.

Das hübsche Kind, der die große, auf den Farmen des Veld beliebte Haube ganz reizend stand, war mit einem einfachen, kleingeblümten Leinenkleide angethan. Neunzehn bis zwanzig Jahre alt, von sehr zartem Teint, mit schönem blonden, sehr feinem Haar, großen blauen Augen und sanften aber heiteren Zügen, war sie ein Bild der Gesundheit, der Grazie und des frohen Lebensmuthes.

»Guten Tag, Herr Méré, sagte sie auf Französisch, aber mit leichtem englischen Anklange.

– Guten Tag, Fräulein Alice, antwortete Cyprien Méré, der sich bei dem Eintritte des jungen Mädchens erhoben und vor ihr verneigt hatte.

– Ich hatte Sie kommen sehen, Herr Méré, fuhr Miß Watkins fort, wobei sie unter liebenswürdigem Lächeln die schönen weißen Zähne sehen ließ, und da ich weiß, daß Sie den abscheulichen Gin meines Vaters nicht lieben, bringe ich Ihnen ein Glas Orangeade, mit dem Wunsche, daß es schön frisch sein möge.

– Sehr liebenswürdig von Ihnen, mein Fräulein.

– Ah, da fällt mir ein, denken Sie sich, was Dada, mein Strauß, heute verzehrt hat, fuhr sie unbefangen fort. Meine Elfenbeinkugel zum Ausbessern der Strümpfe. Und die war übrigens ziemlich groß. Sie kennen sie ja, Herr Méré, ich erhielt sie erst direct vom Billard in New-Rush … Und dieser Vielfraß, die Dada, hat sie verschluckt, als wenn’s eine Pille wäre! Wahrlich, dieses böse Thier wird mich noch früher oder später vor Aerger umbringen.«

Während sie so sprach, bewahrte Miß Watkins im Winkel ihrer blauen Augen einen kleinen lustigen Strahl, der nicht auf besondere Lust, jene düstere Vorhersage, nicht einmal später, zu rechtfertigen, hinwies. Mit dem den Frauen eigenen Feingefühl bemerkte sie doch sehr bald das Stillschweigen ihres Vaters und des jungen Ingenieurs, sowie deren offenbar in Folge ihrer Gegenwart verlegenen Mienen.

»Es sieht ja aus, als ob ich die Herren belästigte, sagte sie; Sie wissen, daß ich sofort gehe, wenn Sie Geheimnisse haben, die für mein Ohr nicht bestimmt sind. Uebrigens hab‘ ich auch gar keine Zeit übrig Ich muß noch eine Sonate üben, bevor ich das Essen zurecht mache. Ja, ich sehe schon, Sie sind heute zum Plaudern nicht aufgelegt, meine Herren! – Gut, ich überlasse Sie Ihren schwarzen Anschlägen!«

Damit ging sie schon hinaus, kehrte jedoch noch einmal um und sagte gelassen, obwohl sie einen sehr ernsten Gegenstand berührte:

»Wenn Sie mich nun über den Sauerstoff fragen wollen, Herr Méré, stehe ich gern zu Ihrer Verfügung. Das Capitel der Chemie, welches Sie mir zum Lernen aufgaben, hab‘ ich nun dreimal durchgenommen, und jener »gasförmige, farb-, geruch- und geschmacklose Körper« hat für mich kein Geheimniß mehr.«

Dabei machte Miß Watkins eine graziöse Verbeugung und verschwand wie ein lichter Meteor.

Gleich darauf erklangen aus einem entfernten Zimmer her die Accorde eines vortrefflichen Pianos und verriethen, daß das junge Mädchen mit allem Eifer ihren musikalischen Uebungen oblag.

»Nun also, Herr Watkins,« nahm Cyprien, dem diese liebliche Erscheinung seine Frage wieder in Erinnerung gerufen hatte, wenn er sie überhaupt hätte vergessen können, das Wort, »wollen Sie mir gefälligst Antwort geben auf die Frage, welche ich die Ehre hatte, an Sie zu richten?«

Mr. Watkins nahm die Pfeife feierlichst aus dem Mundwinkel, spuckte einmal auf die Erde aus, und warf dann schnell den Kopf zurück, während seine Augen einen forschenden Blick auf den jungen Mann schossen.

»Sollten Sie, Herr Méré,« fragte er, »mit ihr zufällig schon davon gesprochen haben?«

– Gesprochen, worüber? … Gegen wen?

– Ueber das, was Sie eben sagten? … Gegen meine Tochter?

– Für wen halten Sie mich, Herr Watkins! erwiderte der junge Ingenieur mit einer Wärme, die keinen Zweifel aufkommen ließ. Ich bin Franzose, Herr Watkins! … Ich brauche Sie also wohl nicht zu versichern, daß ich mir nie erlaubt haben würde, ohne Ihre Zustimmung gegen Ihr Fräulein Tochter von einer Verheiratung zu sprechen!«

Mr. Watkins Blick wurde wieder sanfter, und damit schien sich auch seine Zunge besser zu lösen.

»Das ist am besten! … Brav, junger Mann! Ich erwartete von Ihrer Discretion gegenüber Alice nichts Anderes! antwortete er in ziemlich trockenem Tone. Und da man zu Ihnen Vertrauen haben kann, werden Sie mir Ihr Wort geben, ihr in Zukunft auch nichts davon zu erwähnen.

– Und warum, mein Herr?

– Weil diese Heirat unmöglich und es am besten ist, wenn Sie dieselbe gänzlich aus Ihren Plänen streichen, antwortete Mr. Watkins. Sie sind ein ehrenwerther junger Mann, Herr Méré, ein vollkommener Gentleman, ein ausgezeichneter Chemiker, ein hervorragender Lehrer Ihres Faches, von großer Zukunft – daran zweifle ich nicht im mindesten – meine Tochter aber werden Sie nicht erhalten, aus dem einfachen Grunde, weil ich bezüglich derselben ganz andere Absichten habe.

– Indeß, Herr Watkins …

– Kommen Sie nicht darauf zurück … Es wäre unnütz! … erwiderte der Farmer. Und wären Sie Herzog und Pair von England, so würden Sie mir doch nicht passen. Nun sind Sie nicht einmal englischer Unterthan und erklären eben mit größter Unbefangenheit, daß Sie auch kein Vermögen besitzen. Nun aufrichtig, glauben Sie, ich hätte meine Alice so erzogen, wie es geschehen ist, hätte ihr die besten Lehrer von Victoria und Bloëmfontain gehalten, um sie mit kaum vollendetem zwanzigsten Jahre aus dem Hause zu schicken, um in Paris, Universitätsstraße, im dritten Stockwerke zu leben, und das mit einem Manne, dessen Sprache ich nicht einmal verstehe? … Ueberlegen Sie sich das, mein Herr Méré, und denken Sie sich an meine Stelle! … Nehmen Sie an, Sie wären der Farmer John Watkins, Eigenthümer der Mine der Vandergaart-Kopje, und ich, ich wäre Herr Cyprien Méré, ein junger französischer Gelehrter, der zu Forschungszwecken nach dem Cap der Guten Hoffnung gekommen wäre. Malen Sie sich’s aus, Sie säßen hier im Zimmer, in meinem Lehnstuhle, und schlürften ihren Gin bei einer Pfeife des besten Hamburger Tabaks; würden Sie dann eine Minute, ja nur eine einzige, daran denken, Ihre Tochter unter diesen Verhältnissen heiraten zu lassen?

– Ganz gewiß, Herr Watkins, antwortete Cyprien, und ohne zu zögern, wenn ich an Ihnen diejenigen Eigenschaften gefunden zu haben glaubte, welche das Lebensglück meines Kindes gewährleisten könnten.

– So! Dann thäten Sie unrecht, mein lieber Herr, sehr unrecht! erwiderte Mr. Watkins. Sie handelten dann wie ein Mensch, der nicht würdig wäre, die Mine von Vandergaart-Kopje zu besitzen, oder Sie könnten diese vielmehr gar nicht besitzen. Denn glauben Sie vielleicht, sie wäre mir als gebratene Taube zugeflogen? Meinen Sie etwa, es hätte keiner Intelligenz, keines eisernen Fleißes bedurft, um sie anzulegen und vorzüglich mir deren Besitz zu sichern? … Nun also, Herr Méré, diese verständige Einsicht, von welcher ich damals, bei jener denkwürdigen und entscheidenden Angelegenheit Beweise an den Tag gelegt habe, ziehe ich gern bei allen Vorkommnissen meines Lebens zu Rathe, und vorzüglich dann, wenn diese auch meine Tochter betreffen. Eben deshalb aber wiederhole ich Ihnen, streichen Sie diese Pläne aus Ihren Papieren. Alice ist nicht für Sie geschaffen!«

Nach diesen mit triumphirendem Tone ausgesprochenen Schlußworten ergriff Mr. Watkins sein Glas und that daraus einen herzhaften Zug.

Der junge Ingenieur war wie vom Donner gerührt und wußte keine Antwort zu finden. Als der Farmer das bemerkte, trieb er ihn noch weiter in die Enge.

»Sie sind doch sonderbare Schwärmer, die Franzosen! fuhr er fort; sie halten wahrlich gar nichts für unmöglich. Sie kommen an, als wenn sie vom Monde herabgefallen wären, erscheinen im Herzen vom Griqualand bei einem grundehrlichen Manne, der bis vor drei Monaten noch kein Sterbenswörtchen von ihnen gehört, und den sie selbst kaum zehn Mal in diesen neunzig Tagen gesehen haben. Sie suchen denselben auf und sagen ohne Umstände zu ihm: John Stapleton Watkins, Sie haben eine reizende, vortrefflich erzogene Tochter, welche allgemein als die Perle des ganzen Landes angesehen wird, und die, was nicht eben schädlich ist, Ihre einzige Erbin zu der reichsten Diamant-Kopje der beiden Welten ist! Ich, ich bin Cyprien Méré, Ingenieur aus Paris, und habe viertausendachthundert Francs jährliches Einkommen! … Sie werden mir also gefälligst diese junge Dame als Gattin überlassen, damit ich sie in meine Heimat entführe, und Sie nichts wieder von ihr hören – höchstens aus der Ferne durch die Post oder den Telegraphen … Und das würden Sie natürlich finden? … Ich, ich halte es für die reine Tollheit!«

Ganz bleich geworden, hatte Cyprien sich erhoben. Er ergriff seinen Hut und bereitete sich, fortzugehen.

»Ja, die reine Tollheit, wiederholte der Farmer. Ah, ich überzuckere die Pille nicht, junger Freund. Ich bin eben Engländer von altem Schrot und Korn. Wie Sie mich hier sehen, bin ich zwar genau so arm gewesen wie Sie, ja, eigentlich noch weit ärmer. Ich habe mich in Allem versucht! … Ich war Schiffsjunge an Bord eines Handelsschiffes; war Büffeljäger in Dakota, Minengräber in Arizona, Schafhirt im Transvaal! … Ich habe Hitze und Kälte, Hunger und Strapazen kennen gelernt! Im Schweiße meines Angesichts habe ich zwanzig lange Jahre hindurch das Bischen Zwieback verdient, das mein Mittagsmahl bildete. Als ich die selige Mistreß Watkins, die Mutter Alices und die Tochter eines Boër von französischer Abstammung wie Sie 2 – um Ihnen das beiläufig mitzutheilen – heiratete, hatten wir beide zusammen nicht so viel, um eine Ziege ernähren zu können! Aber ich habe gearbeitet … habe nie den Muth sinken lassen! Jetzt bin ich reich und denke die Früchte meiner Anstrengungen gemächlich zu genießen. –

Meine Tochter will ich jedenfalls in der Nähe behalten – um mich bei den verteufelten Gichtanfällen zu pflegen und mir des Abends zum Zeitvertreib etwas vorzuspielen! … Wenn sich dieselbe jemals verheiratet, so wird das hier an Ort und Stelle sein, und mit einem Sohne des Landes, der ihr ein entsprechendes Vermögen zubringt, der Farmer oder Diamantengräber ist, wie wir Andere, und der mir nicht davon spricht, fortzugehen, um im dritten Stockwerk am Hungertuche zu nagen in einem Lande, wohin ich doch nimmermehr einen Fuß setzen werde, Sie könnte zum Beispiel den James Hilton oder einen andern Burschen seines Schlages zum Manne nehmen. An Bewerbern fehlt es ihr nicht, das dürfen Sie mir auf’s Wort glauben. Kurz, es muß ein guter Engländer sein, der nicht vor einem Glase Gin Reißaus nimmt und der mir Gesellschaft leistet, wenn ich eine Pfeife Knaster rauche.«

Cyprien hatte schon die Hand auf den Drücker der Thüre gelegt, um diesen Raum zu verlassen, in dem er fast erstickte.

»Na, nichts für ungut! rief ihm Mr. Watkins zu. Ich habe gegen Ihre Person sonst gewiß nicht das Geringste, lieber Méré, und werde Sie immer gern als Abmiether und Freund in meinem Hause sehen. Halt, warten Sie einmal, heut‘ Abend werden gerade einige Personen zu uns zu Tische kommen … wollen Sie uns vielleicht Gesellschaft leisten? …

– Nein, ich danke, Herr Watkins! antwortete Cyprien kühl. Ich muß bis zum Abgange der Post meine Correspondenz fertig stellen.«

Damit verließ er leicht grüßend den gichtbrüchigen Farmer.

»Rein toll, diese Franzosen … rein toll!« wiederholte noch öfter Mr. Watkins, während er mit einem, ihm stets zur Hand liegenden Schwefelfaden seine Pfeife wieder in Brand setzte.

Und mit einem tüchtigen Glase Gin suchte er sich wieder vollständig in Ordnung zu bringen.

  1. Die englische Meile mißt 1609 Meter.
  2. Ein große Anzahl von Boërs oder afrikanischen Holländer-Bauern stammen ursprünglich von Franzosen ab, welche in Folge der Aufhebung des Edicts von Nantes erst nach Holland und dann nach dem Cap auswanderten.