Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Die Goelette ›Maule‹.

Kongre war eigentlich kein richtiger Seemann mehr. Hatte er überhaupt ein Schiff geführt und auf welchen Meeren? Nur Carcante, ein Seemann wie er und schon früher sein Helfer auf seinen Irrfahrten, wie noch jetzt auf der Stateninsel… nur er hätte das sagen können. Er ließ jedoch darüber nichts verlauten.

Jedenfalls verleumdete man die beiden elenden Burschen nicht, wenn man ihnen den Namen ‚Seeräuber‘ ins Gesicht schleuderte. Diese verbrecherische Existenz mußten sie offenbar schon in der Gegend der Salomonsinseln und der Neuen Hebriden geführt haben, wo jener Zeit häufig Überfälle auf Schiffe vorgekommen waren. Und als es ihnen dann noch glückte, sich der vom Vereinigten Königreiche, von Frankreich und Amerika in jenem Teile des Großen Ozeans organisierten Verfolgung zu entziehen, hatten sie sich nach der Magellanschen Inselgruppe und später nach der Stateninsel geflüchtet, wo die Piraten nun zu Strandräubern geworden waren.

Fünf oder sechs Genossen Kongres und Carcantes waren ebenfalls als Fischer oder Matrosen auf Kauffahrteischiffen gefahren und folglich mit dem Meere und den Pflichten niederer Seeleute vertraut. Endlich würden die Feuerländer die Besatzung vervollständigen, wenn es der Bande gelang, sich der Goelette zu bemächtigen.

Diese Goelette konnte, nach ihrem Rumpfe und den Masten zu urteilen, nicht mehr als hundertfünfzig bis hundertsechzig Tonnen groß sein. Eine stürmische Bö aus Westen hatte sie auf eine mit Felsblöcken durchsetzte Sandbank geworfen, wo sie recht leicht in Trümmer gehen konnte. Ihr Rumpf schien jedoch nicht besonders gelitten zu haben. Nach Backbord übergeneigt und den Steven schräg zur Erde gewendet, lag ihre Steuerbordseite frei nach dem Meere hinaus. Infolgedessen konnte man das Deck von der Schanze am Vorderteile bis zum Reff auf dem Hinterteile vollständig übersehen. Die Bemastung war unbeschädigt, der Fockmast ebenso wie der Großmast und das Bugspriet mit allem Takelwerke und den halb aufgegeiten Segeln, mit Ausnahme des Fock-, des Oberbram- und des Topsegels, die fest eingebunden waren.

Als die Goelette am gestrigen Abend vor dem Kap Saint-Barthelemy auftauchte, kämpfte sie, sich sehr dicht am Winde haltend, gegen einen ziemlich steifen Nordost an und versuchte mit Steuerbordhalsen den Eingang zur Le Mairestraße zu erreichen. Gerade als Kongre und seine Gefährten sie dann bei der zunehmenden Dunkelheit aus den Augen verloren hatten, zeigte der Wind Neigung abzuflauen und wurde bald so schwach, daß ein Schiff dabei keine bemerkbare Fahrt mehr machen konnte.

Es lag folglich nahe anzunehmen, daß die Goelette, von der Strömung nach den Klippen zu getragen, diesen schon zu nahe gewesen wäre, als daß sie hätte wieder freies Wasser gewinnen können; in der Nacht schlug dann der Wind mit der hier gewöhnlichen Launenhaftigkeit vollständig um. Die gebraßten Rahen ließen erkennen, daß die Besatzung alles getan hatte, gegen den Wind aufzukommen. Jedenfalls war es dazu aber zu spät gewesen, denn später lag das Fahrzeug gestrandet auf der Sandbank.

Was dessen Kapitän und Mannschaft anging, war man nur auf Vermutungen angewiesen. Höchst wahrscheinlich aber hatten sie, als sie sich durch Wind und Strömung auf eine gefährliche, klippenreiche Küste zu getrieben sahen, das große Boot aufs Meer gesetzt, in der Annahme, daß ihr Schiff an den Felsen zerschellen würde und sie also Gefahr liefen, bis zum letzten Mann elend unterzugehen. Ein beklagenswerter Irrtum. Wären sie an Bord geblieben, so wären der Kapitän und seine Leute heil und gesund davongekommen. Jetzt war aber gar nicht zu bezweifeln, daß sie umgekommen waren, da ihr Boot zwei Seemeilen weit im Nordosten kieloben schwankte und vom Winde nach der Franklinbai getrieben wurde.

Da das Meer eben noch sank, bot es keine Schwierigkeiten, zur Goelette zu gelangen. Vom Kap Saint-Barthelemy aus konnte man von einem Felsblock zum andern bis zu der kaum eine halbe Seemeile entfernten Strandungsstelle vordringen. Das taten denn auch Kongre und Carcante in Begleitung zweier ihrer Gefährten. Die übrigen blieben am Fuße des Steilufers auf Beobachtung zurück, um zu sehen, ob sie vielleicht einen Überlebenden vom Schiffe entdeckten.

Als Kongre und seine Begleiter die Sandbank betraten, lag die Goelette vollständig auf dem Trocknen. Da das Wasser bei der nächsten Flut aber um sieben bis acht Fuß steigen mußte, wurde das Fahrzeug voraussichtlich wieder flott, wenn es nicht unten am Rumpfe geborsten war.

Kongre hatte sich nicht getäuscht, als er die Tragfähigkeit des Schiffes etwa auf hundertsechzig Tonnen abschätzte. Er ging darum herum und las, vor dessen Stern tretend, den Namen ›Maule Valparaiso‹.

Ein chilenisches Fahrzeug war es also, das in der Nacht vom 22. zum 23. Dezember an der Stateninsel gestrandet war.

»Na, das kommt uns ja recht gelegen! rief Carcante.

– Vorausgesetzt, daß die Goelette kein Leck im Bauche hat, meinte einer der Leute.

– Ob ein Leck oder eine andre Havarie… das läßt sich allemal ausbessern,« begnügte sich Kongre zu antworten.

Er besichtigte darauf den Rumpf an der freiliegenden Seite. An den Plankenfugen schien dieser nicht gelitten zu haben. Der in den Sand etwas eingesunkene Vordersteven zeigte ebenfalls keine Beschädigung, so wenig wie der Hintersteven, und an diesem hing auch das Steuerruder noch in seinen Angeln. Über den auf der Sandbank ruhenden Teil, der ja nicht unmittelbar besichtigt werden konnte, ließ sich vorläufig freilich nichts sagen. Wenn die Flut zwei Stunden lang gestiegen war, würde Kongre schon erkennen können, wie es mit diesem stand.

»An Bord!« sagte er kurz.

Wenn die stark geneigte Lage des Schiffes auch ein Erklettern an Backbord erleichterte, so verhinderte sie es doch, über das Deck hin zu gehen, so daß sich alle, nur an der Reling festhaltend, hinziehen mußten. Kongre und die übrigen gelangten so bis an die Rüsten des Großmastes, wo sie zunächst stehen blieben.

Die Strandung konnte kaum mit einem heftigeren Aufschlagen erfolgt sein, denn außer einigen nicht festgebundnen Spieren war alles an seinem Platze. Die Goelette, die nicht besonders feine Linien und wenig hervortretende Bauchstücke hatte, lag gar nicht übermäßig schief und mußte sich bei Hochwasser allein aufrichten, wenn sie an den lebenswichtigen, d. h. bis zur Schwimmlinie eintauchenden Teilen kein Leck hatte.

Kongres erste Sorge war es nun, bis zum Deckhause vorzudringen, dessen Tür er ohne Schwierigkeiten öffnete. In der gemeinsamen Kajüte fand er die Kabine des Kapitäns. Gegen die Wand gestemmt, betrat er den kleinen Raum, holte die Schiffspapiere aus dem Schubkasten eines Wandschrankes und ging nach dem Deck zurück, wo Carcante ihn erwartete.

Beide besichtigten die Mannschaftsrolle und erfuhren daraus, daß die im Hafen von Valparaiso beheimatete Goelette ›Maule‹ von hundertsiebenundfünfzig Tonnen, Kapitän Pailha, sechs Mann Besatzung gehabt hatte, und am 23. November unter Ballast mit der Bestimmung nach den Falklandsinseln ausgelaufen war.

Nach glücklicher Umschiffung des Kaps Horn wollte die ›Maule‹ also in die Le Mairestraße einsegeln, als sie auf dem klippenreichen Strande der Stateninsel verunglückte. Weder der Kapitän Pailha noch einer seiner Leute hatten sich bei dem Schiffbruche retten können, denn wenn auch nur einer von ihnen mit dem Leben davongekommen wäre, hätte er unbedingt auf dem Kap Barthelemy Zuflucht gesucht. Seit den zwei Stunden, wo es jetzt schon wieder hell war, war aber noch keiner wieder sichtbar geworden.

Wie erwähnt, führte die Goelette keine Ladung, da sie sich unter Ballast nach den Maluinen begeben wollte. Die Hauptsache war aber doch, daß Kongre ein Fahrzeug in die Hände bekam, auf dem er die Insel mit seinen geraubten Schätzen verlassen konnte, und diese Gelegenheit war ihm ja nun geboten, wenn es gelang, die ›Maule‹ wieder flott zu machen.

Um den Frachtraum zu besichtigen, wäre es nötig gewesen, den Ballast von einer Stelle zur andern zu schaffen.

Dieser Ballast bestand aus Stücken alten Eisens, die ohne Ordnung in den Raum hinuntergeworfen waren. Ihn ganz zu beseitigen, hätte eine gewisse Zeit beansprucht und die Goelette wäre doch zu schutzlos gewesen, wenn der Wind von der Seeseite her auffrischte. Zunächst erschien es daher angezeigt, sie von der Sandbank abzubringen, sobald sie schwimmen würde. Die Flut mußte sich bald bemerkbar machen und nach wenigen Stunden würde schon Hochwasser sein.

So sagte Kongre denn zu Carcante:

»Wir wollen alles bereit machen, die Goelette wegzubugsieren, sobald genug Wasser unter dem Kiel steht. Möglicherweise hat sie gar keine Havarie erlitten und nimmt kein Wasser ein..

– Darüber werden wir sehr bald klar sein, erwiderte Carcante, denn die Flut fängt schon an zu steigen. Doch dann, was machen wir dann, Kongre?

– Wir schleppen die ›Maule‹ bis über den Klippengürtel hinaus und bringen sie dann längs des Kaps in die Pinguinbucht hinein bis vor die Felsenhöhlen. Dort wird sie, selbst bei tiefster Ebbe, nicht auf Grund liegen, da sie nur sechs Fuß Tiefgang hat.

– Und dann?…

– Dann verladen wir darauf alles, was von der Elgorbucht dorthin geschafft worden war.

– Schön. Nachher aber?…

– Nachher?… Das wird sich ja finden,« gab Kongre einfach zur Antwort.

Man ging also an die Arbeit, und zwar sofort, um die nächste Flut noch ausnützen zu können, denn andernfalls hätte sich die Flottmachung um volle zwölf Stunden verzögert. Um jeden Preis sollte die Goelette zu Mittag in der Bucht verankert liegen. Dort konnte sie den Grund nicht berühren und würde, wenn das Wetter nicht gar zu ungünstig wurde, verhältnismäßig in Sicherheit sein.

Zunächst ließ Kongre durch seine Leute den Anker aus dem Kranbalken an Steuerbord ausheben und ihn draußen vor der Sandbank unter dem Nachschießenlassen seiner Kette auslegen. Auf diese Weise wurde es, sobald der Kiel nicht mehr im Sande begraben lag, möglich, die Goelette bis an eine Stelle heranzuziehen, wo sie hinreichend tiefes Wasser fand. Bevor dann das Hochwasser wieder zu verlaufen anfing, hatte man Zeit genug, die Bucht zu erreichen, und am Nachmittage sollte endlich eine eingehende Besichtigung der Wände des Laderaumes vorgenommen werden.

Die erwähnten Vorbereitungen wurden so schnell ausgeführt, daß sie schon beendet waren, als sich die Flut zuerst bemerkbar machte. Die Sandbank wurde da in ganz kurzer Zeit vom Wasser überdeckt.

Kongre, Carcante und ein halbes Dutzend ihrer Genossen stiegen wieder an Bord, während sich die übrigen nach dem Ufer zurückbegaben.

Jetzt hieß es nun einfach: abwarten. Bei ansteigender Flut frischt der Seewind häufig ziemlich kräftig auf. Gerade das war aber vor allem zu fürchten, denn dadurch wäre die ›Maule‹ leicht weiter in den Sand der nach der Küste zu sich verbreiternden Bank getrieben worden. Jetzt war fast Nipptid, d. h. niedrigster Wasserstand, und vielleicht stieg das Meer nicht einmal hoch genug, die Goelette wieder flott zu machen, wenn sie, und wär’s nur um eine halbe Kabellänge, weiter nach der Küste getrieben wurde.

Doch nein, es schien, als ob die Umstände Kongres Pläne begünstigen wollten. Die Brise wurde etwas stärker, wehte aber von Süden und unterstützte so das Abheben der ›Maule‹.

Kongre und die andern standen auf dem Vorderteile, das eher schwimmen mußte als das Hinterteil. Konnte die Goelette erst auf ihrer Hieling (hinterm Kielende) schwenken, so brauchte man nur das Gangspill zu benutzen, den Vordersteven nach dem Meere hin zu drehen, und dann mußte das Fahrzeug an der hundert Faden langen Kette so weit hinausgezogen werden, bis es wieder in seinem Elemente war.

Das Wasser stieg langsam höher. Zuweilen verriet schon ein leises Erzittern des Rumpfes, daß sich die Flut an ihm bemerkbar machte. Draußen wogte eine sanfte Dünung, bei der sich keine Welle überstürzte. Günstigere Verhältnisse hätte man sich gar nicht wünschen können.

Wenn Kongre jetzt überzeugt war, daß es gelingen werde, die Goelette flott zu machen und sie in einer der Einbuchtungen der Franklinbai in Sicherheit zu bringen, so beunruhigte ihn doch nicht wenig ein andrer Gedanke, der, ob die ›Maule‹ nicht an der Backbordflanke beschädigt wäre, die auf dem Sande lag und deshalb nicht hatte besichtigt werden können. Befand sich da ein Leck, so würde man nicht Zeit genug haben, es unter dem Ballast zu suchen und, wenn auch nur notdürftig, zu verschließen. Dann erhob sich das Schiff nicht aus seiner Suhle (der Vertiefung im Sande) und lief noch weiter voll Wasser. Dann mußte man es an dieser Stelle liegen lassen, wo es der nächste Sturm zu zertümmern drohte. Das war ja eine ernste Sorge. Mit welcher Ungeduld verfolgten auch Kongre und seine Genossen das Anwachsen der Flut! Wenn eine Planke eingedrückt war, wenn sich irgendwo nur die Kalfaterung gelockert oder ganz gelöst hatte, dann mußte das Wasser in den Frachtraum eindringen und die ›Maule‹ konnte sich nicht aufrichten.

Nach und nach schwand aber diese Sorge. Die Flut wuchs weiter an; jede Minute tauchte der Rumpf etwas höher aus dem Wasser auf, das an den Seiten emporstieg, ohne ins Innere einzudringen.

Einige stärkere Erschütterungen wiesen darauf hin, daß der Rumpf unbeschädigt war, und das Deck kam allmählich in horizontale Lage.

»Kein Leck! rief Carcante freudig. Der Rumpf hat kein Leck!

– Achtung! Zum Antreten am Spill!« befahl Kongre.

Die Kolderstöcke (dicke Pfähle zum Drehen des Spills) waren schon bereit; die Leute erwarteten nur den Befehl, sie in Bewegung zu setzen.

An die Schanzkleidung gelehnt, beobachtete Kongre die Flut, die nun schon seit dritthalb Stunden im Steigen war. Der Vordersteven wurde allmählich gehoben und auch der vordere Teil des Kiels lag nicht mehr auf dem Grunde auf. Die Hieling tauchte allerdings noch in den Sand ein und das Steuer ließ sich noch nicht frei bewegen. Jedenfalls ging noch eine Stunde darüber hin, ehe das Hinterteil des Fahrzeugs flott wurde.

Kongre wünschte die Abschleppung möglichst zu beschleunigen, und während er auf dem Vorderdeck stehen blieb, rief er:

»Ans Spill! Drehen… drehen!«

So fest sich die Leute aber auch gegen die Kolderstöcke stemmten, so vermochten sie dadurch doch nur, die Kette straffer zu spannen, der Steven wendete sich jedoch noch nicht dem Meere zu.

»Fest! Fest drücken!« mahnte Kongre.

Die Befürchtung lag nahe, daß der Anker dadurch ausgehoben werden könnte, und es mußte jetzt schwierig sein, ihn wieder einzusenken.

Die Goelette hatte sich inzwischen völlig aufgerichtet, und Carcante, der durch den ganzen Frachtraum ging, überzeugte sich, daß kein Wasser dahin eingedrungen war.

War also irgendeine Havarie vorhanden, so hielten doch die Planken an dem eintauchenden Teile des Rumpfes fest zusammen. Das ließ auch hoffen, daß die ›Maule‹ weder bei der Strandung selbst, noch in den zwölf Stunden, wo sie auf dem Sande gelegen hatte, ernstlicher beschädigt worden wäre. Unter diesen Umständen konnte der Aufenthalt in der Pinguinbucht nicht von langer Dauer werden.

Am Nachmittag sollte das Fahrzeug beladen werden und am folgenden Tag würde es klar sein, wieder in See zu gehen. Der Wind versprach die Fahrt der ›Maule‹ zu begünstigen, ob diese nun in die Le Mairestraße einlief oder an der Südküste der Stateninsel hin steuerte, um nach dem Atlantischen Meere zu kommen.

Gegen neun Uhr sollte der höchste Wasserstand erreicht sein, zur Zeit der Mondviertel ist die Fluthöhe aber, wie früher erwähnt, immer nur eine mäßige. Da die Goelette aber geringen Tiefgang hatte, ließ sich annehmen, daß sie doch flott werden würde. Wirklich fing das Hinterteil gegen acht Uhr an, sich langsam zu erheben. Die ›Maule‹ drehte sich, ohne jede Gefahr, bei dem ruhigen Meere auf der Sandbank noch einmal festzulaufen.

Nach Prüfung der Sachlage meinte Kongre, daß das Abschleppen unter den jetzigen günstigeren Umständen wieder versucht werden könnte. Auf seinen Befehl hin begannen die Leute nochmals, das Gangspill zu drehen, und als sie etwa ein Dutzend Faden Kette eingezogen hatten, wendete sich der Vorderteil der ›Maule‹ endlich dem Meere zu. Der Anker hatte gut gehalten. Seine Klauen hatten sich fest in Zwischenräume der Felsblöcke eingezwängt und wären jedenfalls eher gebrochen, als dem Zuge des Spills nachzugeben.

»Nun fest dran, Kinder!« rief Kongre, die Leute anfeuernd.

Alle griffen tüchtig zu, selbst Carcante griff mit an, während Kongre, über die Reling hinausgebeugt, das Heck der Goelette im Auge behielt.

Noch ging die Sache etwas langsam von statten; die hintere Kielhälfte knirschte noch laut beim Streifen über den Sand.

Kongre und die andern fühlten sich dadurch nicht wenig beunruhigt. Das Wasser stieg nur noch zwanzig Minuten lang an, und die ›Maule‹ mußte entweder vorher ganz frei schwimmen oder sie blieb an dieser Stelle bis zur nächsten Flut festgebannt. Noch weitere zwei Tage nahm aber die Fluthöhe ein wenig ab; erst nach achtundvierzig Stunden sollte sie wieder langsam anwachsen.

Jetzt war der Augenblick für eine letzte Anstrengung gekommen. Man wird sich wohl vorstellen können, wie ärgerlich, ja wie wütend die Leute wurden, sich bisher zur Ohnmacht verurteilt zu sehen. Ein Schiff unter sich zu haben, nach dessen Besitz sie schon so lange begierig waren, das ihnen Freiheit bringen, vielleicht Straflosigkeit gewährleisten sollte, und das nicht von einer Sandbank losreißen zu können!

Da wetterten und fluchten sie in gottloser Weise, während alle am Gangspill arbeiteten, mit der Befürchtung, daß der Anker brechen oder herausgerissen werden könnte. Mußte in diesem Falle doch die Ebbe am Nachmittage abgewartet werden, um den Anker aufs neue anzulegen und ihm vielleicht einen zweiten hinzuzufügen. Wer konnte aber wissen, was dann in vierundzwanzig Stunden geschah und ob die atmosphärischen Verhältnisse dann noch so günstig wie jetzt wären?

Im Nordosten zogen schon einzelne, ziemlich dicke Wolken herauf. Hielten sie sich auch ferner auf dieser Seite, so wurde die Lage des Schiffes nicht verschlechtert, da die Sandbank unter dem Schutze des steilen Felsenufers lag. Das Meer konnte aber immerhin stark aufgewühlt werden, und der Wogenschlag vollendete dann vielleicht, was die Strandung in der vergangnen Nacht begonnen hatte.

Nordostwinde erschwerten aber, selbst wenn sie nur als schwache Brise auftraten, die Fahrt in der ziemlich engen Wasserstraße. Statt mit voll geschwellten Segeln dahin zu gleiten, mußte sich die ›Maule‹ vielleicht mehrere Tage dicht am Winde halten, und bei jeder Seefahrt kann eine Verzögerung immer die ernstesten Folgen haben.

Das Meer hatte jetzt fast den höchsten Stand erreicht und binnen wenigen Minuten mußte die Ebbe einsetzen. Augenblicklich war die ganze Sandbank überflutet, nur der oberste Teil einzelner Klippen ragte über die Wasserfläche auf. Vom Kap Saint-Barthelemy war die äußerste Spitze nicht mehr sichtbar, und am Ufer lag nur die letzte, von der Flut angespülte Sandlinie trocken.

Da machte sich der Unmut der Leute aufs neue in Flüchen und Verwünschungen Luft. Erschöpft und außer Atem wollten sie schon einen Versuch aufgeben, der zu nichts zu führen versprach. Wütenden Blickes und schäumend vor Zorn stürmte Kongre auf sie zu. Eine Axt schwingend, drohte er jeden niederzuschlagen, der seinen Platz verlassen würde, und die Leute wußten nur zu gut, daß er nicht zögern würde, es zu tun.

Noch einmal packten alle die Kolderstöcke und unter ihren vereinten Kräften spannte sich die Ankerkette zum Zerreißen und schälte teilweise die Metallauskleidung der Klüsen ab.

Endlich ließ sich ein Geräusch vernehmen. Die Palle (der Sperrkegel) des Spills fiel in eine der Kerben ein. Die Goelette drehte sich ein wenig nach der Seeseite zu. Die Pinne des Steuers war beweglich geworden, ein Beweis, daß das Fahrzeug sich allmählich aus dem Sande hob.

»Hurra!… Hurra!« schrien die Leute, als sie bemerkten, daß die ›Maule‹ frei war. Ihre Hieling bewegte sich in dem Sandlager. Die Drehbarkeit des Gangspills wurde leichter, und nach wenigen Minuten schwamm die an den Anker herangeschleppte Goelette jenseits der Sandbank.

Sofort eilte Kongre an das Steuer. Die Kette wurde loser und der Anker bald aufgehißt und auf den Kranbalken gelegt. Nun galt es nur noch, das Schiff vorsichtig durch die enge Wasserstraße zwischen den Klippen zu steuern, um nach der Franklinbai zu kommen.

Kongre ließ das große Bramsegel beisetzen, das genügen mußte, langsam Fahrt zu machen. Draußen auf dem Meere war überall genug Wasser. Eine halbe Stunde später lag die Goelette, nachdem sie vorsichtig die äußersten Felsblöcke längs des Küstensaumes umschifft hatte, zwei Seemeilen hinter dem Ausläufer des Kaps Barthelemy in der Pinguinbucht ruhig vor Anker.

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Nach dem Schiffbruche.

Beim Sonnenaufgang des folgenden Tages wütete der Sturm noch mit ungeschwächter Kraft. Bis zum fernen Horizonte bildete das Meer einen brodelnden Kessel mit weißem Schaume. Am Ausläufer des Kaps wälzten sich die Wogen fünfzehn bis zwanzig Fuß in die Höhe, und ihre vom Winde abgerissenen Schaumsetzen flatterten gespensterhaft über den Rand der Steilküste hinweg. Die Flut war im Sinken und die am Ausgange der Bucht einander widerstrebenden Mächte des Wassers und des Windes begegneten sich hier mit unerhörter Gewalt. Kein Schiff hätte jetzt hier einsegeln, keines hätte auslaufen können. Dem Aussehen des noch wie früher drohenden Himmels nach schien es, als ob das Unwetter gleich mehrere Tage anhalten würde, was in der Umgebung des Magellanslandes übrigens keine Seltenheit ist.

Es lag also auf der Hand, daß die Goelette ihren Ankerplatz heute auf keinen Fall verlassen konnte, und daß dieser widrige Umstand den Ingrimm Kongres und seiner Bande erregen mußte, ist wohl leicht zu verstehen.

Das war die Lage der Dinge, die Vasquez beim ersten Frührot des nächsten Tages, wo der Sand noch immer umhergewirbelt wurde, auf den ersten Blick übersah.

Vor ihm lag aber folgendes Bild entrollt:

Zweihundert Schritt weit und auf der nördlichen Abdachung des Kaps, also noch außerhalb der Bucht, lag das verunglückte Fahrzeug, ein Dreimaster etwa von fünfhundert Tonnen. Von seinen Masten waren nur noch drei Stümpfe übrig, die kaum noch so hoch wie die Schanzkleidung über das Deck emporragten. Vielleicht hatte der Kapitän sich genötigt gesehen, die Masten zu kappen, um von diesen klar zu kommen, vielleicht waren sie bei der Strandung, als das Schiff auf die Felsblöcke aufschlug, kurz abgebrochen. Auf dem Meere schwammen übrigens keine Trümmer, jedenfalls hatte der heftige Wind diese tief in die Elgorbucht hineingetrieben.

War das der Fall, so mußte Kongre auch wissen, daß wieder ein Schiff an den Klippen des Kaps Sankt-Johann zugrunde gegangen war.

Vasquez hatte dann aber alle Ursache, möglichst vorsichtig zu sein und wagte sich nur hinaus, nachdem er sich überzeugt hatte, daß sich noch keiner von den Raubgesellen am Eingange der Bucht befand.

Nach wenigen Minuten hatte er den Schauplatz des Unfalls erreicht. Da jetzt Niedrigwasser war, konnte er um das gestrandete Schiff herumgehen, und da las er an dessen Stern die Bezeichnung: ‚Century, Mobile‘.

Es war also ein amerikanisches Segelschiff, beheimatet in der Hauptstadt des Staates Alabama, im Süden der Union und am Golf von Mexiko.

Die ‚Century‘ war mit Mann und Maus verunglückt. Nirgends war ein Überlebender zu sehen, und der Schiffsrumpf bildete nur noch eine fast formlose Masse. Beim Aufstoßen war der Rumpf in zwei Stücke zersprengt worden. Die heranrollenden Wogen hatten die Ladung herausgespült und fortgeschwemmt. Auf den jetzt trotz des Sturmes frei aufragenden Klippen lagen da und dort Reste der Verplankung, Rippen, Rahen und Spieren verstreut. Kisten, Ballen und Fässer aller Art sah man längs des Kaps und auf dem Strande umherliegen.

Der Rumpf der ‚Century‘ wurde jetzt nicht vom Wasser umspült, so daß Vasquez hineintreten konnte.

Hier war die Zerstörung eine vollständige. Die Wellen hatten alles zertrümmert, hatten die Deckplanken aufgerissen, die Kabinen des Deckhauses zerschlagen, die Schanzkleidung abgesprengt und das Steuer zerbrochen… dann mochte der Stoß bei der Strandung das Zerstörungswerk vollendet haben.

Und kein lebendes Wesen zu sehen, keiner der Offiziere, kein Mann von der Besatzung.

Vasquez stieß einen lauten Ruf aus, erhielt aber keine Antwort. Er drang bis tief in den Frachtraum ein, fand aber auch hier nicht einmal eine Leiche. Entweder waren die Unglücklichen also vielleicht schon vorher von Sturzseen ins Meer gerissen worden, oder in dem Augenblicke ertrunken, wo die ‚Century‘ auf den Felsblöcken in Trümmer ging.

Vasquez begab sich wieder nach dem Strande und überzeugte sich von neuem, daß weder Kongre noch einer seiner Gefährten auf dem Wege nach der Stelle des Schiffbruchs war. Dann ging er trotz des tobenden Sturmes bis zum Ende des Kaps Sankt-Johann hinaus.

»Vielleicht, sagte er sich, finde ich doch einen von den Leuten der ‚Century‘, der noch schwache Lebenszeichen verrät und den ich noch retten könnte.«

Seine Nachsuchung blieb vergeblich. Ans Ufer zurückgekehrt, besichtigte Vasquez nun die verschiedenen Triften, die die Wellen dahin getragen hatten.

»Es wäre ja denkbar, meinte er, daß ich darunter eine Kiste mit Konserven fände, die meine Ernährung zwei bis drei Wochen sicherte!«

Bald entdeckte er denn auch ein größeres Faß und eine Kiste, die das Wasser bis über den Klippengürtel hereingetragen hatte. Eine Aufschrift deutete auf ihren Inhalt. Die Kiste war mit Schiffszwieback und das Faß mit schmackhaftem Corned-beef gefüllt… das war Fleisch und Brot… wenigstens für zwei Monate.

Vasquez trug zuerst die Kiste in seine Grotte, die höchstens zweihundert Meter weit entfernt lag, und rollte dann das Faß ebendahin.

Sofort nach dem Ausläufer des Kaps zurückgekehrt, ließ er den Blick über die Bucht hin schweifen. Er war überzeugt, daß Kongre von dem Schiffbruche Kenntnis haben mußte. Am Tage vorher hatte er, ehe es ganz dunkel wurde, das auf das Land zu treibende Schiff von der Höhe des Leuchtturmes aus jedenfalls bemerken können. Da die ›Maule‹ den Landeinschnitt jetzt unmöglich verlassen konnte, eilte gewiß die ganze Bande bald nach dem Eingange der Elgorbucht, um sich die erwünschte Beute zu sichern. Wenn hier nun brauchbares, vielleicht auch besonders wertvolles Strandgut angetrieben war, wie hätten die Räuber sich diese Gelegenheit entgehen lassen können?

Als Vasquez um die Ecke der Steilküste herumkam, war er erstaunt über die Heftigkeit des Windes, der sich in der Bucht sozusagen fing.

Für die Goelette wäre es unmöglich gewesen, dagegen aufzukommen, wenn sie aber dennoch die Höhe des Kaps Sankt-Johann erreicht hätte, das offene Meer hätte sie doch niemals gewinnen können.

Da, als der Wind einen Augenblick schwieg, wurde eine schwache Stimme hörbar, der Hilferuf eines Unglücklichen, der vielleicht sein Ende nahen fühlte.

Vasquez ging der Stimme nach, die von der Seite der von ihm zuerst erwählten Höhle neben der von den Räubern als Lagerschuppen benutzten zu kommen schien.

Er hatte kaum fünfzig Schritte gemacht, als er einen am Fuße eines Felsblockes liegenden Mann erblickte, der wie hilfesuchend die Hand bewegte.

Binnen einer Sekunde stand Vasquez neben ihm.

Der Mann, der hier lag, mochte dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt und schien von recht kräftiger Konstitution zu sein. In Seemannstracht, die Augen geschlossen, lag er da auf der rechten Seite mit keuchendem Atem und von krampfhaften Zuckungen geschüttelt. Er schien übrigens nicht verletzt zu sein, denn seine Kleidung zeigte keine Spur von Blut.

Der Mann, wahrscheinlich der einzige Überlebende von der ‚Century‘, hatte Vasquez, als dieser zu ihm kam, nicht bemerkt. Als der Turmwärter ihm aber die Hand auf die Brust legte, machte er einen vergeblichen Versuch, sich aufzurichten, denn er sank vor Schwäche auf den Sand zurück. Wenige Sekunden hielt er jedoch die Augen offen und stöhnend kamen die Worte »Zu Hilfe! Zu Hilfe!« von seinen erblaßten Lippen. Vasquez kniete neben ihm, hob den Armen mit Vorsicht halb auf und lehnte ihn an den Felsen.

»Mut, Mut, guter Freund, redete er ihm zu, ich bin ja da, ich werde euch retten!«

Der Unglückliche vermochte nur die Hand ein wenig auszustrecken, dann verlor er wieder das Bewußtsein. Seine außerordentliche Schwäche erforderte sofort die sorgsamste Pflege.

»Gott gebe, daß es dazu noch nicht zu spät ist!« sagte Vasquez für sich.

Jetzt galt es zunächst, von dem Platze wegzukommen. Jeden Augenblick konnte die Räuberrotte mit dem Boote oder der Schaluppe landen oder auch zu Fuß längs des Ufers kommend hier auftauchen.

Vasquez sah ein, daß er den Mann nach seiner Grotte tragen mußte, und er tat das ohne Zögern.

Nach einem gegen hundert Toisen langen Wege verschwand er zwischen den beiden Steinpfeilern, den regungslosen Mann auf dem Rücken, und legte ihn dann auf eine Decke, den Kopf durch ein Bündel Kleidungsstücke gestützt, sorgsam nieder.

Der Schiffbrüchige war noch nicht wieder zu sich gekommen, doch atmete er wenigstens noch schwach. Wenn er auch keine äußern Verletzungen zeigte, so konnte er doch beim Rollen über die Klippen die Arme oder die Beine gebrochen haben. Das fürchtete Vasquez am meisten, da er außer stande gewesen wäre, dagegen genügende Hilfe zu leisten. Er betastete ihn also vorsichtig und machte mit seinen Gliedern einige schwache Bewegungen, und siehe da: der ganze Körper schien unverletzt zu sein.

Vasquez goß ein wenig Wasser in eine Tasse und setzte ihm einige Tropfen Branntwein zu, die sich noch in seiner Feldflasche vorfanden. Das Getränk brachte er dem Schiffbrüchigen zwischen die Lippen. Dann rieb er ihm die Arme und die Brust ab, nachdem er seine durchnäßten Kleider mit andern, in der Höhle der Räuber gefundenen, vertauscht hatte.

Mehr konnte er für ihn vorläufig nicht tun.

Endlich bemerkte er zu seiner größten Freude, daß der Leidende allmählich zum Bewußtsein kam. Diesem gelang es schließlich, sich aufzurichten, und mit einem Blick auf Vasquez, der ihn noch in den Armen hielt, sagte er mit schwacher Stimme:

»Zu trinken!… Etwas zu trinken!«

Vasquez reichte ihm die Tasse mit Wasser und dem Branntweinzusätze.

»Nun, geht es etwas besser? fragte Vasquez.

– Ja… ach ja!« antwortete der Schiffbrüchige.

»Hier?… Ihr?… Wo bin ich?« fuhr er fort, als hätte er seine noch unklaren Erinnerungen an die letzten Ereignisse gesammelt, und schwach drückte er dazu die Hand seines Retters.

Er sprach englisch, eine Sprache, deren Vasquez auch mächtig war, und so erwiderte der Turmwärter:

»Ihr seid in Sicherheit. Ich habe euch nach dem Unfalle der ‚Century‘ auf dem Strande gefunden.

– Der ‚Century‘?… Ach ja, ich erinnere mich…

– Wie heißt ihr denn, guter Freund?

– Davis… John Davis.

– Wart ihr der Kapitän des Dreimasters?

– Nein, der Obersteuermann. Doch die andern… wie steht’s mit den andern?

– Die sind alle umgekommen, antwortete Vasquez, alle! Ihr seid der einzige, der aus dem Schiffbruche mit dem Leben davongekommen ist.

– Sonst also alle?…

– Alle!«

John Davis erschien bei dieser Mitteilung wie vom Blitze getroffen. Er… der einzige Überlebende!… Und wem verdankte er, einem elenden Tode entrissen zu sein? Es wurde ihm klarer: der Unbekannte, der sich da mit liebevoller Sorge über ihn beugte, der hatte ihm das Leben gerettet.

»Dank… Dank euch! flüsterte er, während eine schwere Träne aus seinen Augen perlte.

– Habt ihr Hunger?… Wollt ihr ein wenig essen?… Etwas Zwieback oder Fleisch? fragte ihn Vasquez.

– Nein, nein… trinken, noch etwas zu trinken!«

Das frische Wasser mit zugemischtem Brandy tat John Davis sehr wohl; er war bald imstande, auf alle Fragen zu antworten.

Hier nur kurz wiedergegeben, berichtete er folgendes:

Der zum Hafen von Mobile gehörige Dreimaster ‚Century‘, ein Segelschiff von fünfhundertfünfzig Tonnen, hatte vor zwanzig Tagen die amerikanische Küste verlassen. Seine Besatzung bestand aus dem Kapitän Harry Steward, dem Obersteuermann John Davis und zwölf Leuten, darunter ein Schiffsjunge und ein Koch. Er war, mit Nickel und allerlei Gut beladen, nach Melbourne in Australien bestimmt. Bis zum fünfundfünfzigsten Grade südlicher Breite verlief die Fahrt über den Atlantischen Ozean ganz nach Wunsch. Da erhob sich plötzlich der gewaltige Sturm, der schon gestern das Meer tief aufwühlte. Gleich zu Anfang verlor die von der ersten Bö überraschte ‚Century‘ ihren Besanmast und das ganze hintere Segelwerk. Bald nachher wälzte sich eine ungeheure Sturzwelle über Backbord herein, fegte über das Deck hinweg, zertrümmerte einen Teil der Kajüte darauf und riß zwei Matrosen mit fort, die man unmöglich retten konnte.

Der Kapitän Steward hatte beabsichtigt, hinter der Stateninsel in der Le Mairestraße Schutz zu suchen. Er glaubte die Lage des Schiffes bezüglich der geographischen Breite genau zu kennen, da erst im Laufe desselben Tages ein Besteck gemacht worden war. Dieser Kurs erschien ihm mit Recht als der bessere, um das Kap Horn zu umschiffen und dann nordwestwärts nach der australischen Küste zu steuern.

In der Nacht verdoppelte sich die Gewalt des Sturmes. Alle Segel waren eingebunden, bis auf das dreimal gereffte Fock- und das obere Marssegel, und der Dreimaster trieb vor dem Winde noch immer pfeilschnell dahin.

Jener Zeit dachte der Kapitän, er sei wenigstens noch zwanzig Seemeilen vom Lande entfernt, er hielt es also nicht für gefährlich, so lange in derselben Richtung steuern zu lassen, bis er das Licht des Leuchtturms sehen könnte. Ließ er diesen dann weit im Süden liegen, so lief er keine Gefahr, auf den Klippenkranz des Kaps Sankt-Johann zu laufen, und er mußte ohne Schwierigkeiten in die enge Meeresstraße gelangen können.

Die ‚Century‘ glitt also mit dem Wind im Rücken weiter, da Harry Steward überzeugt war, den Leuchtturm vor Verlauf einer Stunde nicht erblicken zu können, weil dessen Leuchtweite nur zehn Seemeilen betrug.

Dieses Licht kam ihm aber nicht vor Augen. Als er noch in großer Entfernung von der Insel zu sein glaubte, erfolgte plötzlich ein fürchterlicher Stoß. Drei in der Takelage beschäftigte Matrosen verschwanden mit dem Groß- und dem Fockmaste. Gleichzeitig donnerten die Wogen gegen den Schiffsrumpf, der völlig zerbarst, und der Kapitän, der Obersteuermann und die Überlebenden von der Mannschaft wurden in die schäumende Brandung geschleudert, aus der es so gut wie keine Rettung gab.

So war die ‚Century‘ also mit Mann und Maus zugrunde gegangen… nur der Obersteuermann John Davis kam, dank der Hilfe durch Vasquez, mit dem Leben davon.

Auf welcher Küste die ‚Century‘ aber ihren Untergang gefunden hatte, das war für John Davis ein ungelöstes Rätsel.

Er fragte deshalb Vasquez noch einmal:

»Wo sind wir überhaupt?

– Auf der Stateninsel.

– Der Stateninsel! rief John Davis, verblüfft über diese Antwort.

– Ja, auf der Stateninsel, wiederholte Vasquez, nahe beim Eingange zur Elgorbucht.

– Doch der Leuchtturm?

– Der war nicht angezündet.«

John Davis, in dessen Zügen sich die peinlichste Überraschung malte, erwartete von Vasquez eine Erklärung dieses Umstandes… Doch da sprang dieser plötzlich auf und horchte gespannt hinaus. Er hatte ein verdächtiges Geräusch zu vernehmen geglaubt und wollte sich überzeugen, ob die Räuberrotte hier in der Nachbarschaft umherschweifte.

Er schlüpfte also nochmals durch die Felsenpfeiler hinaus und ließ die Blicke über das Ufergelände bis zum Kap Sankt-Johann schweifen.

Alles war leer und verlassen. Der Orkan hatte noch nichts von seiner Stärke verloren. Die Wogen brausten noch wie vorher mit donnerndem Getöse heran, und die drohenden Wolken jagten eilig über den von Dunstmassen bedeckten Himmel hin.

Das Geräusch, das Vasquez gehört hatte, war die Folge einer geringen Verschiebung der ‚Century‘ auf ihrem steinigen Bette. Unter dem Drucke des Windes hatte sich das Hinterteil des Rumpfes ein wenig gedreht und dieses dann, als er ins Innere hineindringen konnte, ein wenig nach dem Strande zu vorwärts gedrängt. Hier rollte es gleich einer ihres Bodens beraubten Tonne hin und her, und wurde endlich an einer Kante der Steilküste völlig zerschellt. An der von tausend Trümmern bedeckten Strandungsstelle lag jetzt nur noch die zweite Hälfte des Dreimasters.

Vasquez kehrte also zurück und streckte sich neben John Davis auf dem Sandboden aus. Der Obersteuermann der ‚Century‘ gewann allmählich seine Kräfte wieder. Er hätte sich schon erheben und, auf den Arm seines Begleiters gestützt, nach dem Strande hinuntergehen können. Dieser hielt ihn jedoch zurück, und nun fragte John Davis nochmals, warum in der vergangnen Nacht das Leuchtfeuer nicht angezündet gewesen wäre.

Vasquez schilderte ihm darauf alle die abscheulichen Vorkommnisse, deren Schauplatz die Elgorbucht seit sieben Wochen gewesen war. Nach der Abfahrt des Avisos ›Santa-Fé‹ war mit dem Leuchtturm, dessen Bedienung ihm, Vasquez, und seinen zwei Kameraden, Felipe und Moriz, anvertraut worden war, etwa zwei Wochen lang alles in Ordnung gewesen. In diesem Zeitraume kamen verschiedene Schiffe in Sicht der Insel, gaben ihre Signale und erhielten auch die vorschriftsmäßige Antwort.

Am 26. Dezember war aber am Abend gegen acht Uhr eine Goelette an der Einfahrt der Bucht erschienen. Vom Wärterzimmer aus, wo Vasquez eben die Wache hatte, hatte er deren Positionslichter deutlich sehen können und das ganze Manöver des Schiffes beobachtet. Seiner Ansicht nach mußte der Kapitän, der das Fahrzeug führte, den Weg, den er zu verfolgen hatte, schon genau kennen, denn er steuerte ohne Zögern über die Fläche der Bucht hin.

Die Goelette erreichte schließlich einen kleinen Landeinschnitt dicht unter der Einfriedigung des Leuchtturmes und ging da vor Anker.

Daraufhin begaben sich Felipe und Moriz, die aus dem Wohnhause gekommen waren, an Bord, um dem Kapitän ihre Dienste anzubieten, hier wurden sie aber, ohne sich überhaupt wehren zu können, meuchlerisch ermordet.

»Die armen, unglücklichen Leute! rief John Davis.

– Ja, meine unglücklichen Gefährten! wiederholte Vasquez, in dem der Gram bei dieser schmerzlichen Erinnerung aufs neue erwachte.

– Und ihr, Vasquez? fragte John Davis weiter.

– Ich, ich hatte oben auf der Turmgalerie die Rufe meiner Kameraden gehört und durchschaute sofort, was geschehen war. Die Goelette war ein Seeräuberschiff. Wir waren hier drei Wärter; zwei davon hatten sie umgebracht und um den dritten machten sie sich offenbar keine besondere Sorge.

– Wie habt ihr den Mordgesellen aber entkommen können? fragte noch John Davis.

– Ich eilte schleunigst die Treppe des Leuchtturmes hinunter, flüchtete zunächst in unsre Wohnung, wo ich einige Kleidungsstücke und Nahrungsmittel zusammenraffte, und entfloh dann, was die Beine hergeben wollten, ehe die Mannschaft der Goelette ans Land gesetzt war.

– Die Elenden!… Die ruchlosen Schurken! rief John Davis wiederholt. Sie sind also die Herren des Leuchtturmes, den sie nicht mehr in Betrieb halten. Sie sind es, die an dem Schiffbruch der ‚Century‘, an dem Tode meines Kapitäns und aller unsrer Leute die Schuld tragen!

– Ja, sie sind die Herren des Turmes, sagte Vasquez, und da es mir gelang, ein Gespräch des Anführers mit einem seiner Gefährten zu belauschen, habe ich kennen gelernt, was die Verbrecher im Schilde führten.«

John Davis erfuhr nun, wie die schon mehrere Jahre auf der Stateninsel hausenden Räuber Schiffe ins Verderben lockten und die Überlebenden von solchen Schiffbrüchen herzlos hinmordeten. Alles Strandgut nur von einigem Werte war dann in einer Höhle aufgespeichert worden in der Erwartung, daß Kongre sich noch einmal eines brauchbaren Schiffes bemächtigen könnte. Dann, als die Bauarbeiten für den Leuchtturm begannen, mußte die Bande die Elgorbucht verlassen und sich nach dem Kap Saint-Barthelemy am andern Ende der Stateninsel zurückziehen, wo niemand etwas von ihrer Anwesenheit ahnte.

Nach Vollendung der Arbeiten kehrten die Burschen zurück; es mußte mehr als ein Monat verstrichen sein, dann aber kam Kongre in Besitz einer vor dem Kap Saint-Barthelemy gestrandeten Goelette, deren Besatzung umgekommen war.

»Wie kommt es aber, daß das Schiff mit der Beute der Raubgesellen noch nicht abgesegelt ist? erkundigte sich John Davis.

– Das liegt daran, daß es durch unumgängliche Reparaturen bis heute hier zurückgehalten worden ist. Ich habe mich aber persönlich überzeugen können, Davis, daß die Ausbesserungen nun beendigt sind und alle Fracht verladen ist. Gerade für heute war die Abfahrt in Aussicht genommen.

– Und wohin?

– Nach irgendwelchen Inseln des Großen Ozeans, wo die Räuber sich in Sicherheit glauben und von wo aus sie ihre Plünderungszüge fortzusetzen gedenken.

– Die Goelette wird jedoch, so lange dieser Sturm anhält, nicht auslaufen können.

– Natürlich nicht, bestätigte Vasquez, und wie das Wetter aussieht, dürfte sich diese Verzögerung auf eine ganze Woche ausdehnen.

– Und so lange sie hier sind, Vasquez, wird der Turm sein Licht nicht wieder ausstrahlen?

– Nein, Davis.

– Und andre Schiffe werden Gefahr laufen, ebenso zu verunglücken, wie die ‚Century‘ verunglückt ist?

– Leider nur zu wahr!

– Man könnte den Seefahrern also kein Zeichen geben, daß sie auf die Küste zu steuern, wenn sie sich in der Dunkelheit der Insel nähern?

– Doch… vielleicht dadurch, daß ein Feuer auf dem Strande vor dem Kap Sankt-Johann angezündet würde. Das habe ich auch schon versucht, um die ‚Century‘ zu warnen. Ich wollte mit aufgelesenen Trümmerstücken und trocknem Tang einen Brand anfachen. Der Wind blies aber leider so heftig, daß es mir nicht gelang.

– Nun, was ihr nicht habt allein ausführen können, das werden wir beide tun, knurrte John Davis. An Holz wird’s ja nicht fehlen. Die Trümmer meines armen Schiffes… und leider auch die von so vielen andern, werden solches in Überfluß liefern. Denn wenn sich die Abfahrt der Goelette noch einigermaßen verzögert und der Leuchtturm der Stateninsel von den vom hohen Meere kommenden Fahrzeugen nicht gesichtet werden kann, wer weiß, ob sich dann hier nicht gar noch weitere Schiffbrüche ereignen?

– Nun, jedenfalls, versicherte Vasquez, werden Kongre und seine Bande ihren Aufenthalt auf der Insel nicht mehr besonders verlängern können, und die Goelette wird, dessen bin ich sicher, auslaufen, sobald die Witterung ihr das irgend gestattet.

– Ja, warum denn? fragte John Davis.

– Weil sie ganz gut wissen, daß eine Ablösungsmannschaft für die Bedienung des Leuchtturmes in nächster Zeit eintreffen wird.

– Eine Ablösung?

– Ja, in den ersten Tagen des März, und wir haben heute den achtzehnten Februar.

– Zu dem Termine soll ein Schiff hierher kommen?

– Gewiß, der Aviso ›Santa-Fé‹ wird von Buenos-Ayres aus eintreffen… am zehnten März, vielleicht noch etwas früher.«

John Davis hatte bei diesen Worten denselben Gedanken, der auch dem Wärter Vasquez aufgestiegen war.

»Ah, rief er fast freudig, das ändert ja die ganze Sachlage! Möge das schlimme Wetter ja bis dahin aushalten, und gebe der Himmel, daß die Schurken noch auf der Insel sind, wenn die ›Santa-Fé‹ ihren Anker auf den Grund der Elgorbucht sinken läßt!«

Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Die Strandräuber.

Ein Dutzend Mann waren sie zur Stelle, Kongre und Carcante mit ihnen, alle angelockt durch die Aussicht auf einen erfolgreichen Raubzug.

Am Abend des vergangenen Tages, als die Sonne eben unter dem Horizonte verschwinden sollte, hatte Carcante von der Galerie des Leuchtturmes aus den von Osten heransegelnden Dreimaster beobachtet. Kongre, dem er das Auftauchen des Schiffes gemeldet hatte, glaubte, dieses wolle auf der Flucht vor dem Sturme die Le Mairestraße zu erreichen und an der Westküste der Insel Schutz suchen. Soweit es das Tageslicht gestattete, folgte er seinen Bewegungen, und als es finster geworden war, konnte er noch die Positionslichter des Fahrzeuges sehen. Er erkannte auch, daß seine Bemastung und Takelage arg beschädigt waren, und hoffte, daß es hier an dem ihm unsichtbaren Lande stranden werde. Hätte Kongre die Lampen des Leuchtturmes anzünden lassen, so wäre jede Gefahr ausgeschlossen gewesen. Das zu tun hütete er sich aber wohlweislich, und als die Bordlaternen der ‚Century‘ erloschen, war er überzeugt, daß diese zwischen dem Kap Sankt-Johann und der Severalspitze mit Mann und Maus zugrunde gegangen sei.

Auch am folgenden Morgen tobte der Sturm noch mit ungebrochner Kraft. Es wäre ganz unmöglich gewesen, sich mit der Goelette hinauszuwagen. Eine Verzögerung war nicht zu vermeiden, eine Verzögerung, die recht gut mehrere Tage dauern konnte, und das machte bei dem nun drohenden Eintreffen der Ablösung die Lage immer ernster. So sehr Kongre und seine Leute auch darüber murrten, es blieb ihnen nichts übrig als zu warten, zu warten um jeden Preis. Übrigens war heute erst der 19. Februar. Bis zum Ende des Monats mußte sich das Unwetter doch wohl ausgetobt haben, und beim ersten Zeichen der Besserung sollte die ‚Carcante‘ die Anker lichten und in See gehen.

Da jetzt aber noch ein Fahrzeug auf die Küstenklippen geworfen worden war, bot sich eine zu gute Gelegenheit, aus dem Schiffbruche Nutzen zu ziehen, von den Trümmern zusammenzuraffen, was irgend wertvoll erschien, und damit den Wert der Ladung zu erhöhen, die die Goelette mitnehmen sollte. Die Vermehrung der Beute konnte doch einigermaßen als Ausgleich für die durch die Verzögerung erhöhte Gefahr angesehen werden.

Die betreffende Frage wurde gar nicht weiter erörtert. Man hätte sagen können, daß dieser Schwarm von Raubvögeln wie mit einem einzigen Flügelpaare aufflatterte. Die Schaluppe wurde unverzüglich zur Abfahrt klar gemacht, und ein Dutzend der Leute mit ihrem Führer nahmen darin Platz. Freilich mußte mit aller Kraft gegen den Wind angerudert werden, der mit außerordentlicher Gewalt wehte und das Wasser von außen in die Bucht hineinwälzte. Anderthalb Stunden genügten jedoch, das äußerste Ufer zu erreichen, und später mußte die Rückfahrt mit Hilfe des Segels desto schneller von statten gehen.

Der Höhle gegenüber stieß die Schaluppe im Norden der Bucht ans Land. Alle stiegen aus und eilten dem Schauplatze des Schiffbruchs zu.

In diesem Augenblick war es, wo verschiedene Rufe das Gespräch zwischen Vasquez und John Davis jäh unterbrochen hatten.

Sofort kroch der Turmwärter mehr als er ging nach dem Eingange der Höhle, natürlich immer mit der Vorsicht, sich nicht sehen zu lassen.

Einen Augenblick später stand auch John Davis neben ihm.

»Wie… ihr? sagte Vasquez. Nein, laßt mich allein hier; ihr bedürft noch der Ruhe.

– O nein, erwiderte John Davis, ich bin jetzt wieder völlig wohl… nein, ich muß diese Bande von Räubern auch einmal sehen.«

Ein energischer Mann war es entschieden, dieser Obersteuermann von der ‚Century‘, von nicht weniger schnellem Entschlusse als Vasquez, ein Sohn Amerikas mit eisernem Temperamente, der, wie man im Volke zu sagen pflegte, »eine mit dem Leibe verbolzte Seele« haben mußte, so daß sich auch nach dem Schiffbruche die eine nicht von dem andern trennen konnte.

Gleichzeitig war er ein vortrefflicher Seemann. Vor seinem Übertritte zur Handelsflotte hatte er als Oberbootsmann in der Flotte der Vereinigten Staaten gedient, und jetzt, wo Harry Steward, der Kapitän der ‚Century‘, sich nach der Rückkehr nach Mobile zur Ruhe zu setzen gedachte, wollten die Reeder des Schiffes ihm dessen Führung anvertrauen.

Dieses Zusammentreffen war für ihn ein weiterer Grund gerechtfertigten Zornes. Von dem Schiffe, das er bald hätte als Kapitän übernehmen sollen, sah er nur noch formlose Trümmer, und diese obendrein in der Gewalt einer Räuberbande. Wenn Vasquez einer Anfeuerung seines Mutes bedurfte… Davis war dazu der geeignete Mann.

Doch so entschlossen, so mutig und tüchtig auch beide waren, was hätten sie gegen Kongre und seine Rotte von Spießgesellen ausrichten können?

Hinter Felsblöcken versteckt, behielten Vasquez und John Davis das Ufer bis zum Ausläufer des Kaps Sankt-Johann scharf im Auge.

Kongre, Carcante und die Übrigen waren zuerst an dem Küstenwinkel stehen geblieben, wohin der Orkan die eine Rumpfhälfte der ‚Century‘ geworfen hatte, die jetzt zu Stücken zerschmettert nahe dem Fuße des Steilufers lag.

Die Raubgesellen befanden sich weniger als zweihundert Schritt weit von der Höhle, so daß man ihre Gesichter recht gut erkennen konnte. Sie waren mit Röcken aus Wachsleinwand bekleidet, die an der Taille fest anschlossen, um dem Winde weniger Angriffsfläche zu bieten, und auf dem Kopfe trugen sie Südwester, die am Kinn mit einer starken Lasche befestigt waren. Es war deutlich zu sehen, daß sie sich gegen die wütenden Windstöße nur mit Mühe aufrecht erhalten konnten, denn wiederholt mußten sie sich hinter einem Trümmerstück oder einem Felsblocke niederbeugen, um nicht umgeworfen zu werden.

Vasquez bezeichnete John Davis die darunter, die er von ihrem ersten Besuche der Höhle her kannte.

»Der Große dort, sagte er, der neben dem Vordersteven der ‚Century‘, den nannten sie Kongre.

– Ist das ihr Anführer?

– Ohne Zweifel.

– Und der Mann, mit dem er spricht?

– Das ist Carcante, wie es scheint, sein Obersteuermann, und, wie ich vom Turme aus sehen konnte, einer von denen, die meine Kameraden ermordet haben.

– Und ihr… ihr würdet ihm gern den Schädel einschlagen, meinte John Davis.

– Ihm und seinem Vorgesetzten… wie einem Paare tollwütiger Hunde!« antwortete Vasquez.

Fast eine Stunde ging darüber hin, ehe die Räuber diesen Teil des Rumpfes vollständig durchsucht hatten, worin sie keinen Winkel unbeachtet ließen. Das Nickelerz, die Hauptladung der ‚Century‘, womit sie nichts anzufangen wußten, sollte auf dem Strande liegen gelassen werden. Das andre auf dem Dreimaster verstreute Stückgut enthielt aber vielleicht Gegenstände, die ihnen willkommen waren. In der Tat sah man sie bald zwei oder drei größere Kisten und verschiedene Ballen herausschaffen, die Kongre auf die Schaluppe bringen ließ.

»Wenn die Schandbuben nach Gold, Silber, nach sonstigen Wertstücken oder nach Piastern suchen, werden sie sich gründlich täuschen, sagte John Davis.

– Ja, und gerade dergleichen würden sie am liebsten finden, antwortete Vasquez. Davon hatten sie nicht wenig in der Höhle versteckt, und die Schiffe, die hier gescheitert sind, müssen eine ziemliche Menge von Kostbarkeiten aller Art mitgeführt haben. Ihr könnt mir glauben, Davis, daß die Goelette in ihrer Fracht recht ansehnliche Schätze birgt.

– Und ich begreife, erwiderte dieser, daß sie es jetzt eilig haben, ihren Raub in Sicherheit zu bringen. Vielleicht gelingt ihnen das aber doch nicht!

– Dann müßte das schlechte Wetter freilich noch vierzehn Tage anhalten, bemerkte dazu Vasquez.

– Wenn es uns nicht auf andre Weise gelingt…«

John Davis sprach seinen Gedanken nicht weiter aus. Und doch, wie sollte es möglich sein, die Goelette am Auslaufen zu hindern, wenn der Sturm seine Kraft erschöpft, das Wetter sich wieder gebessert hätte und wenn das Meer wieder ruhig geworden wäre?

Die Räuber wendeten sich eben von der einen Rumpfhälfte des Fahrzeugs der andern auf der eigentlichen Stelle des Schiffbruchs zu, die vorn an der Spitze des Kaps lag.

Von ihrem Verstecke aus konnten Vasquez und John Davis sie noch, wenn auch in etwas größerer Entfernung, beobachten.

Die Ebbe fiel weiter. Obgleich das Wasser vom Sturme zurückgedrängt wurde, trat doch schon eine große Strecke des Klippengürtels zutage; dadurch wurde es wesentlich erleichtert, zum Rumpfe des Wracks vorzudringen.

Kongre und zwei oder drei andre verschwanden bald in dessen Innerm, und zwar an der Rückseite des Fahrzeugs, wo sich – wie John Davis dem Turmwärter sagte – die Kambüse befand.

Jedenfalls war diese Kambüse von den überschlagenden Wellen ziemlich weit zerstört worden; immerhin konnte sich darin noch eine gewisse Menge Proviant in unbeschädigtem Zustande vorfinden.

Wirklich brachten einige der Männer daraus Kisten mit Konserven und auch Fässer und Tönnchen heraus, die sie dann über den Sand hinwegrollten und in die Schaluppe schafften. Auch Pakete mit Kleidungsstücken wurden aus dem halbzerstörten Deckhause getragen und ebendahin befördert.

Die Nachsuchungen dauerten gegen zwei Stunden, dann schlugen Carcante und zwei von den andern Leuten mit Äxten auf das Hackbord los, das infolge der Neigung des Schiffes nur zwei bis drei Fuß über dem Erdboden lag.

»Was machen denn die Drei da? fragte Vasquez. Ist denn das Fahrzeug nicht schon genug zerstört? Warum, zum Teufel, es damit noch weiter treiben?

– O, mir ahnt, was sie beabsichtigen, antwortete John Davis, jedenfalls soll davon nichts mehr von seinem Namen und seiner Nationalität erkennbar bleiben, damit niemand erfahren könne, daß die ‚Century‘ in dieser Gegend des Atlantischen Ozeans zugrunde gegangen ist.«

John Davis täuschte sich hierin nicht. Nur wenige Minuten später trat Kongre aus dem Deckhause mit der amerikanischen Flagge in der Hand, die er in der Kabine des Kapitäns gefunden hatte und die er in tausend Fetzen zerriß.

»Ah, der Schurke! rief John Davis, die Flagge… die Flagge meines Vaterlandes!«

Vasquez gelang es kaum noch, ihn am Arme zurückzuhalten, als Davis auf den Strand hinausstürzen wollte.

Nach vollendeter Plünderung – die Schaluppe mußte eine schwere Last zu tragen haben – wendeten sich Kongre und Carcante dem Fuße des Steilufers zu. Hin und her gehend, kamen sie zwei- oder dreimal vor den zwei Felsensäulen vorüber, hinter denen die Grotte lag. Vasquez und John Davis konnten dabei verstehen, was sie sprachen.

»Es wird immer noch unmöglich sein, morgen auszulaufen.

– Ja freilich; ich fürchte sogar, daß das Unwetter noch mehrere Tage anhält.

– Nun, wir haben ja durch die Verzögerung nichts verloren…

– Das wohl, doch ich hoffte, in einem Amerikaner von diesem Tonnengehalte noch mehr zu finden. Der letzte, den wir auf die Klippen verlockt haben, brachte uns fünfzigtausend Dollars ein.

– Ja, Schiffbrüche folgen einer auf den andern, sie gleichen einander aber nicht, entgegnete Carcante mit philosophischem Gleichmute. Hier haben wir’s mit armen Teufeln zu tun gehabt… das ist alles!«

John Davis hatte in seiner Wut einen Revolver erhoben und hätte in überschäumendem Zorne dem Anführer der Bande den Schädel zerschmettert, wenn es Vasquez nicht gelungen wäre, ihn im letzten Augenblicke noch einmal zurückzuhalten.

»Ja, ihr habt recht, sagte John Davis etwas beruhigter. Ich kann aber den Gedanken nicht los werden, daß diese elenden Schurken unbestraft bleiben sollten. Und doch… wenn ihre Goelette die Insel einmal verlassen hat, wo könnte man sie wiederfinden, wo die Räuberrotte verfolgen?

– Der Sturm scheint sich noch nicht zu legen, bemerkte Vasquez. Selbst wenn der Wind stiege (d. h. von Süden nach Norden umschlüge), bliebe das Meer noch tagelang stark aufgewühlt. Nein, glaubt mir nur, sie sind vorläufig noch nicht fort von hier.

– Gewiß, Vasquez; doch eurer Rede nach wird der Aviso vor Anfang nächsten Monats nicht hier eintreffen.

– Vielleicht auch etwas eher, Davis, wer kann das wissen?

– Gott geb‘ es, Vasquez, Gott geb‘ es!«

Augenscheinlich nahm die Gewalt des Sturmes jetzt noch nicht im geringsten ab, und unter dieser Breite dauern derartige atmosphärische Störungen selbst in der guten Jahreszeit zuweilen volle vierzehn Tage an. Blies der Wind von Süden, so führte er die Dünste des antarktischen Eismeers herauf, und dann trat auch sehr bald eine winterliche Witterung ein. Schon mußten die Walfänger daran denken, die Polargegenden zu verlassen, denn vom März an bildet sich vor der Packeiswand bereits das neue Eis.

Trotzdem war zu befürchten, daß in der Atmosphäre binnen vier bis fünf Tagen Ruhe eintreten würde, die die Goelette dann jedenfalls zum Auslaufen benutzte.

Es war vier Uhr geworden, als Kongre und seine Leute sich wieder einschifften. Das Segel gehißt, verschwand die Schaluppe, die dem nördlichen Ufer folgte, schon nach sehr kurzer Zeit.

Gegen Abend verschlimmerten sich noch die Windstöße. Ein kalter, schneidender Regen strömte von den aus Südwesten heraufgezogenen Wolken hernieder.

Vasquez und John Davis konnten ihre Höhle nicht verlassen. Die Kälte wurde so empfindlich, daß sie Feuer anzünden mußten, sich zu erwärmen; das taten sie tief im Hintergrunde der engen Grotte. Da das Ufergelände leer und es schon sehr dunkel war, hatten sie dabei nichts zu fürchten.

Eine schreckliche Nacht! Das Meer schlug bis an den Fuß des Steilufers heran. Man hätte glauben mögen, daß sich ein Mascaret (eine riesige Welle, die in manche Flüsse urplötzlich eindringt) oder ein mächtiger Springflutstrom über die Küste der Insel hinwälzte.

Dabei brauste der Sturm heulend bis zum Hintergrunde der Bucht hinein, so daß Kongre die größte Mühe hatte, die ‚Carcante‘ an ihrem Ankerplatz zu halten.

»Wenn sie dabei doch in Stücke ginge, rief John Davis wiederholt, damit ihre Trümmer mit der nächsten Ebbe ins Meer hinausgespült würden!«

Vom Rumpfe der ‚Century‘ waren am nächsten Morgen nur noch Trümmer übrig, die zwischen den Felsen eingekeilt oder auf dem Strande zerstreut umherlagen.

Vasquez und sein Gefährte beeilten sich, beim ersten Morgengrauen zu entdecken, ob der Sturm nun wohl den Gipfel seiner Heftigkeit erreicht hätte.

Nein, das war noch nicht der Fall. Es erschien fast unmöglich, sich einen solchen Aufruhr der Elemente vorzustellen. Das Wasser vom Himmel vereinigte sich tatsächlich mit dem vom Meere. Auch den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht trat hierin keine Änderung ein. Im Laufe dieser achtundvierzig Stunden zeigte sich kein Schiff in der Nähe der Insel, denn selbstverständlich hielten sich alle Seefahrer um jeden Preis fern von diesen gefährlichen Küsten des Magellanslandes, die den Sturm sozusagen aus erster Hand bekamen. Weder in der Magellans- noch in der Le Mairestraße hätten sie vor der Wut eines solchen Orkans genügenden Schutz gefunden. Ihr Heil lag einzig in der Flucht und sie mußten die freie Meeresfläche vor ihrem Steven zu behalten suchen.

Wie John Davis und Vasquez es vorausgesehen hatten, war der Rumpf der ‚Century‘ vollständig zerschlagen, und zahllose Trümmer davon bedeckten den Strand bis zum Grunde des Steilufers.

Glücklicherweise brauchte die Frage nach ihrer Ernährung Vasquez und seinem Gefährten keine Sorge zu machen. Mit den aus der ‚Century‘ herrührenden Konserven hätten sie sich auch einen Monat lang bequem sättigen können. Bis dahin, vielleicht schon in zehn bis zwölf Tagen, mußte die ›Santa-Fé‹ aber in Sicht der Insel aufgetaucht sein. Das schreckliche Unwetter war dann jedenfalls vorüber, und dem Aviso konnte es keine Schwierigkeit bereiten, das Kap Sankt-Johann zu erkennen.

Von dem so sehnsüchtig erwarteten Fahrzeuge sprachen die Beiden sehr häufig.

»Möchte nur der Sturm andauern, um die Goelette am Auslaufen zu verhindern, nur so lange, bis die ›Santa-Fé‹ hier eingetroffen ist, das ist mein einzigster Wunsch! rief Vasquez seinem Genossen zu.

– O, erwiderte John Davis, wenn wir über Wind und Wasser zu gebieten hätten, wäre das eine leichte Sache.

– Leider liegt das aber allein in Gottes Hand.

– Er wird jedoch nicht wollen, daß diese Elenden der Strafe für ihre Schandtaten entgehen!« versicherte John Davis, der sich annähernd derselben Worte bediente, die Vasquez früher gebraucht hatte.

Beide waren erfüllt von demselben Hasse, demselben Durst nach Vergeltung, beide nährten nur den einen Gedanken: Rache!

Am 21. und 22. änderte sich die Lage der Dinge nicht, wenigstens nicht merkbar. Höchstens verriet der Wind Neigung, nach Nordosten umzuschlagen. Nach einer Stunde zeitweiligen Wechselns ging er aber wieder zurück und überschüttete die Insel aufs neue mit seinem Gefolge von Regenströmen und Windstößen.

Natürlich war von Kongre oder einem der Seinigen unter diesen Umständen noch nichts wieder zu sehen gewesen. Diese waren jedenfalls in Anspruch genommen, die Goelette in dem Landeinschnitte, den die vom Sturme noch mehr angeschwellte Flutwoge bis zum Uferrande füllte, vor neuen Havarien zu bewahren.

Am Morgen des 23. besserten sich die Witterungsverhältnisse ein wenig. Nach einigem Schwanken schien der Wind aus Nordnordost stetiger zu werden. Erst seltnere und kleinere, später ausgedehntere helle Stellen legten den südlichen Horizont mehr frei. Der Regen hörte allmählich auf, und wenn auch der heftige Wind fortbestand, so klärte er doch nach und nach den Himmel. Das Meer freilich war noch furchtbar aufgewühlt, und donnernd brachen sich noch immer die Wogenberge am Ufer. Auch der Eingang zur Bucht war kaum befahrbar, und jedenfalls konnte die Goelette weder an diesem noch am nächsten Tage abfahren.

Sollten nun Kongre und Carcante die etwas ruhigere Zeit benutzen, sich nach dem Kap Sankt-Johann zu begeben, um das Meer zu besichtigen? Das war möglich, sogar wahrscheinlich, und deshalb durfte keine Vorsicht vernachlässigt werden.

Gar so früh am Morgen war ihr Erscheinen aber kaum zu erwarten. John Davis und Vasquez wagten sich daraufhin auch aus ihrer Höhle, die sie seit achtundvierzig Stunden nicht verlassen hatten.

»Wird sich der Wind, wie er jetzt ist, halten? fragte Vasquez.

– Das fürchte ich, antwortete John Davis, den sein seemännischer Instinkt kaum jemals täuschte. Wir hätten aber noch zehn Tage schlechtes Wetter behalten müssen… zehn Tage… und nun wird das nicht der Fall sein.«

Mit gekreuzten Armen dastehend, betrachtete er den Himmel und das Meer.

Da sich Vasquez aber einige Schritte weit entfernt hatte, ging er ihm längs der Uferwand nach.

Plötzlich stieß er mit dem Fuße nahe an einem Felsblocke an einen halb im Sande begrabenen Gegenstand, der dabei einen metallischen Klang hören ließ. Er bückte sich und erkannte sofort einen Behälter von seinem Schiffe, der sowohl Pulver für Gewehre, als auch solches für die vier Karonaden enthielt, die die ‚Century‘ zu Signalschüssen gebraucht hatte.

»Wir können leider nichts damit anfangen, sagte er. Ach, wenn es möglich wäre, das im Rumpfe der Goelette zu entzünden, die jene Raubgesellen trägt!

– Daran ist nicht zu denken, antwortete Vasquez mit Kopfschütteln. Doch gleichviel, ich nehme die Eisenkiste auf dem Rückwege mit und bringe sie in Schutz in der Höhle.«

Beide gingen auf dem Strande weiter und wandten sich dann dem Kap zu, bis zu dessen Ende sie aber nicht vordringen konnten, so wütend stürmten, jetzt zur Zeit der Flut, die Wogen daran herauf. Da bemerkte Vasquez in einer Felsenspalte eins der kleinen Feuerrohre, das nach dem Schiffbruche der ‚Century‘ samt seiner Lafette bis hierher gerollt worden war.

»Da… das gehört euch, sagte er zu John Davis, ebenso wie die Kugeln, die die Wellen dorthin gewälzt haben.«

Und wie das erste Mal äußerte John Davis darauf nur:

»Wir können leider nichts damit anfangen!

– Wer weiß das? entgegnete Vasquez. Da wir nun die Möglichkeit haben, diese Karonade zu laden, bietet sich ja vielleicht Gelegenheit, uns ihrer zu bedienen.

– Das möcht‘ ich doch bezweifeln, meinte sein Gefährte.

– Ja, warum denn nicht, Davis? Da das Leuchtturmfeuer nicht angezündet wird, könnten wir, wenn ein Schiff in der Nacht der Küste zu nahe käme und sich in derselben Notlage wie die ‚Century‘ befände, doch durch einen Kanonenschuß ein Warnungssignal geben.«

John Davis sah seinem Gefährten auffallend fest ins Gesicht. Vielleicht war ihm eben ein ganz andrer Gedanke aufgestiegen. Er antwortete aber nur:

»Also dieser Gedanke ist euch gekommen, Vasquez?

– Jawohl, Davis, und ich meine, daß er nicht schlecht ist. Gewiß würde der Krach auch tief drinnen in der Bucht vernommen werden und würde unsre Anwesenheit auf der Insel verraten. Die Raubgesellen suchten uns dann jedenfalls aufzufinden, sie würden uns schließlich wohl auch entdecken, und damit wäre unser Leben verspielt. Doch wie viele Leben hätten wir mit dem Opfer des unsrigen gerettet, und am Ende hätten wir damit doch nur unsre Pflicht getan!

– Es gibt aber vielleicht noch eine andre Art und Weise, unsre Pflicht zu erfüllen«, murmelte John Davis, ohne sich weiter zu erklären. Er erhob jedoch keine weitern Einwendungen, und in Übereinstimmung mit Vasquez wurde das kleine Geschützrohr nach der Höhle geschleppt und dann die Lafette, sowie endlich der Pulverkasten nebst einer Anzahl Kugeln dahin gebracht. Das machte immerhin ziemlich große Mühe und erforderte recht lange Zeit. Als John Davis und Vasquez dann zum letzten Male zurückgekehrt waren, um nun zu frühstücken, erkannten sie an der Höhe der Sonne über dem Horizonte, daß es etwa zehn Uhr sein mochte.

Kaum waren aber beide außer Sicht, als Kongre, Carcante und der Zimmermann Vargas um die Ecke des Steilufers gebogen kamen. Die Schaluppe hätte gegen den Wind und die Flut, die in die Bucht einzuströmen begann, zu schwer anzukämpfen gehabt. So waren die Drei am Ufer hingewandert… diesmal freilich nicht, um zu plündern.

Wie Vasquez es vermutet hatte, hatte sie angesichts des besseren Wetters das Verlangen getrieben, sich über den Zustand des Himmels und des Meeres zu unterrichten. Jedenfalls mußten sie sich dabei überzeugen, daß es für die ‚Carcante‘ mit größter Gefahr verknüpft gewesen wäre, schon aus der Bucht auslaufen zu wollen, und daß diese gegen die mächtigen, aus der offenen See heranrollenden Wasserberge nicht hätte ankämpfen können. Ehe sie nach der Meerenge kam oder nur um nach Westen hin zu wenden, wo sie später Rückenwind bekommen hätten, mußte sie um das Kap Sankt-Johann segeln, doch auf die Gefahr hin, dabei zu kentern oder mindestens die schlimmsten Sturzseen überzunehmen.

Das sahen Kongre und Carcante auch ohne weitres ein. An der Strandungsstelle stehend, wo nur noch einzelne Überreste von dem hintern Teile der ‚Century‘ umherlagen, konnten sie sich kaum gegen den Wind aufrecht halten.

Die Räuber sprachen lebhaft miteinander, gestikulierten heftig, wiesen mit der Hand nach dem Horizonte und sprangen zuweilen ein Stück zurück, wenn eine zu große schaumgekrönte Welle an der Spitze anbrandete.

Weder Vasquez noch sein Gefährte ließ sie die halbe Stunde, in der sie den Eingang zur Bucht beobachteten, aus den Augen. Endlich brachen sie auf, wandten sich aber noch vielmals um, bis sie an der Ecke des Steilufers verschwanden und den Weg auf den Leuchtturm zu einschlugen.

»Da sind ja die Schurken weg, rief Vasquez. Tausend Millionen Donnerwetter, müßten sie doch noch nach mehreren Tagen wiederkehren, sich das Meer draußen vor der Insel anzusehen!«

John Davis schüttelte dazu mit dem Kopfe. Er erkannte zu gut, daß der Sturm binnen weitern achtundvierzig Stunden ausgetobt haben würde. Dann hatte sich der Wogenschlag, wenn auch noch nicht gänzlich, doch mindestens hinreichend gelegt, der Goelette die Umschiffung des Kaps Sankt-Johann zu gestatten.

Diesen Tag verweilten Vasquez und John Davis größtenteils auf dem Strande. Die Besserung der atmosphärischen Verhältnisse machte weitere Fortschritte. Der Wind hielt sich von Nordnordosten, und ein Schiff würde nicht mehr gezögert haben, die Reffe aus dem Focksegel losbinden und ein Marssegel hissen zu lassen, um auf die Le Mairestraße zuzusteuern.

Als der Abend herankam, zogen sich Vasquez und John Davis in ihre Höhle zurück, wo sie ihren Hunger mit Schiffszwieback nebst Corned-beef und ihren Durst mit Wasser stillten, dem etwas Brandy zugesetzt war. Dann wollte sich Vasquez schon in seine Decke hüllen, als ihn sein Gefährte noch einmal unterbrach.

»Ehe wir schlafen gehen, Vasquez, hört noch einen Vorschlag an, den ich euch zu machen habe.

– So sprecht euch aus, Davis.

– Euch, Vasqurz, verdanke ich mein Leben, und ich möchte nichts unternehmen ohne eure ausdrückliche Zustimmung. Nun möchte ich euch jetzt noch einen Gedanken unterbreiten. Prüft ihn und antwortet mir darauf ohne jede Besorgnis, mich dadurch etwa zu kränken.

– Nun, ich bin ganz Ohr, lieber Davis.

– Das Wetter schlägt um, der Sturm ist vorüber und das Meer wird sich bald beruhigen. Ich erwarte deshalb, daß die Goelette höchstens binnen achtundvierzig Stunden zur Abfahrt bereit sein wird.

– Das ist leider nur zu wahrscheinlich«, erwiderte Vasquez, der seine Worte mit einer Handbewegung begleitete, die seine Ansicht »Leider können wir nichts dagegen tun« ausdrücken sollte.

John Davis nahm wieder das Wort.

»Ja, nach zwei Tagen wird sie hinten in der Bucht erscheinen, wird auslaufen, das Kap umschiffen, wird im Westen verschwinden, in die Meerenge hineinsteuern, und niemand wird sie wieder zu sehen bekommen, eure Kameraden aber, Freund Vasquez, und mein Kapitän, meine Kameraden von der ‚Century‘ werden ungerächt sein und bleiben!«…

Vasquez hatte den Kopf gesenkt; als er ihn wieder erhob, sah er John Davis an, dessen Gesicht die letzten flackernden Flammen des Feuers beleuchteten.

Dieser fuhr fort:

»Ein einziger Umstand könnte die Abfahrt der Goelette verhindern oder wenigstens verzögern, bis der Aviso eintrifft: sie müßte durch eine Havarie genötigt werden, tief in die Bucht zurückzukehren. Nun seht, wir haben ja eine Kanone, haben auch Pulver und Geschosse. Da wollen wir doch an der Ecke des Steilufers das Rohr auf seine Lafette legen, wollen es laden, und wenn die Goelette vorübersegelt, jagen wir ihr eine Kugel in die Seite. Wahrscheinlich wird sie deshalb nicht gleich untergehen, auf eine längere Fahrt, die sie jedenfalls vorhat, wird sich ihre Besatzung mit der neuen Havarie aber nicht hinauswagen. Die Schurken werden gezwungen sein, nach der Ankerstelle umzukehren, um den Schaden auszubessern. Sie müssen dazu die Fracht nochmals löschen… das beansprucht vielleicht eine volle Woche, und bis dahin könnte die ›Santa-Fé‹…«

John Davis schwieg; er ergriff die Hand seines Gefährten und drückte sie warm.

Ohne zu zögern, antwortete Vasquez nur:

»So geschehe, was ihr wollt!«

Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Beim Auslaufen aus der Bucht.

Wie das oft nach starken Stürmen zu beobachten ist, war der Himmel am Morgen des 25. Februar durch Dunstmassen verschleiert. Mit dem Umschlagen des Windes war dieser jedoch abgeflaut und die Zeichen einer weitern Änderung des Wetters traten immer deutlicher hervor.

Am nämlichen Tage war beschlossen worden, daß die Goelette ihren Ankerplatz verlassen sollte, und Kongre ließ alles klar machen, um am Nachmittage auslaufen zu können, da anzunehmen war, daß die Sonne bis dahin den Nebeldunst zerstreut haben würde. Die Ebbe, die gegen sechs Uhr abends einsetzen mußte, erleichterte dann die Ausfahrt aus der Bucht. Gegen sieben Uhr konnte die Goelette auf der Höhe des Kaps Sankt-Johann angelangt sein, und die lange Dämmerung dieser hohen Breiten würde es ihr ermöglichen, das Kap noch hinter sich zu bringen.

Sie hätte auch schon mit der Ebbe am Morgen abfahren können, wenn es da nicht so neblig gewesen wäre. In der Tat war an Bord dazu alles bereit gewesen, die Ladung verstaut und Nahrungsmittel in Überfluß vorhanden, da ja die von der ‚Century‘ genommenen ebenso mit eingeschifft waren, wie die, die man aus dem Lagerhause des Leuchtturms herangebracht hatte. In den Nebengebäuden des Leuchtturms waren nur die Möbelstücke und die Werkzeuge zurückgelassen worden, da Kongre seinen fast ohnehin überfüllten Frachtraum damit nicht belasten wollte. Obwohl von einem Teile des frühern Ballastes befreit, tauchte die Goelette jetzt doch um mehrere Zoll über ihre normale Schwimmlinie, und es wäre nicht ratsam gewesen, diese noch weiter zu überschreiten.

Als Carcante kurz nach Mittag innerhalb der Einfriedigung ein wenig auf und ab ging, sagte er zu Kongre:

»Der Nebel beginnt zu steigen, und wir werden draußen auf dem Meere einen klaren Fernblick haben. Mit solchen Dünsten legt sich der Wind gewöhnlich und das Meer beruhigt sich dann sehr schnell.

– Ich glaube auch, daß wir jetzt endlich fortkommen, antwortete Kongre, und daß nichts unsre Fahrt bis zur Meerenge hindert.

– Und darüber hinaus auch nicht, setzte Carcante hinzu. Die Nacht wird freilich recht finster werden, Kongre. Wir haben kaum das erste Mondviertel, und die dünne Sichel wird fast gleichzeitig mit der Sonne untergehen.

– Das tut nichts, Carcante, ich brauche weder Mond noch Sterne, den Weg an der Insel hin zu finden. Die ganze Nordküste ist mir gut bekannt, und ich denke, die kleinen Neujahrsinseln und das Kap Calnett in sichrer Entfernung von ihren Klippen zu umschiffen.

– Morgen, Kongre, sind wir mit dem Rückenwinde und vollen Segeln dann schon weit weg.

– Morgen werden wir bereits das Kap Saint-Barthelemy aus dem Gesicht verloren haben, und ich hoffe stark darauf, daß am Abend die ganze Stateninsel wenigstens zwanzig Seemeilen hinter uns liegt.

– Das ist auch nicht zu zeitig, Kongre, wenn man die lange Zeit bedenkt, die wir darauf zugebracht haben.

– Bedauerst du’s etwa, Carcante?

– Nein, jetzt, wo es vorüber ist, gewiß nicht, denn hier haben wir uns ein Vermögen gemacht, wie man zu sagen pflegt, nun möge ein gutes Schiff uns mit unsern Schätzen davon wegtragen! Alle Teufel, ich hatte aber doch geglaubt, daß alles verloren wäre, als die ›Maule‹… nein, die ‚Carcante‘ mit einem Leck in die Bucht einlief. Wenn wir das nicht hätten ausbessern können, wer weiß, wie lange wir dann auf der Insel noch hätten aushalten müssen! Sobald der Aviso eintraf, wären wir da wieder genötigt gewesen, nach dem Kap Saint-Barthelemy zurückzuweichen, und das… wahrlich, das hatte ich schon früher gründlich satt.

– Jawohl, antwortete Kongre, dessen wilde Gesichtszüge sich noch mehr verdüsterten, und unsre Lage wäre auch in andrer Hinsicht eine bedrohtere geworden. Sobald der Kommandant der ›Santa-Fé‹ sah, daß die Turmwärter fehlten, würde er seine Maßregeln getroffen und Nachforschungen veranlaßt haben. Dann wäre die ganze Insel abgesucht und unser Zufluchtsort doch vielleicht entdeckt worden. Außerdem konnte sich ihm ja auch der dritte Wärter, der uns entwischt ist, zugesellen.

– Das war wohl kaum zu befürchten, Kongre; wir haben zwar niemals eine Spur von ihm gefunden, doch wie hätte er, von allen Hilfsmitteln entblößt, die letzten zwei Monate sein Leben fristen können? Es sind ja ziemlich zwei Monate verstrichen, seit die ‚Carcante‘ – o, diesmal hab‘ ich ihren neuen Namen nicht vergessen – in der Elgorbucht vor Anker gegangen war, und wenn dieser wackre Wärter die ganze Zeit über nicht von rohen Fischen und Wurzeln gelebt hat…

– Na, alles in allem, unterbrach ihn Kongre, wir werden vor der Ankunft des Avisos abgefahren sein, das steht fest.

– Nach den Angaben des Leuchtturmjournals kann der vor Verlauf von acht Tagen nicht hier eintreffen, erklärte Carcante.

– Und in acht Tagen. fuhr Kongre fort, sind wir schon weit über das Kap-Horn hinaus und auf dem Wege nach den Salomonsinseln oder den Neuen Hebriden.

– Das hoffe ich auch, Kongre. Ich will nur noch ein letztes Mal nach der Turmgalerie hinausgehen, um Umschau über das Meer zu halten. Wenn gerade ein Schiff in Sicht wäre…

– O, was ficht das uns an? erwiderte Kongre. Der Atlantische und der Stille Ozean gehören jedermann. Die ‚Carcante‘ hat ihre Papiere in Ordnung, in dieser Hinsicht, du kannst dich darauf verlassen, ist das Erforderliche geschehen. Selbst wenn die ›Santa-Fé‹ ihr noch an der Einfahrt zur Bucht begegnete, würden wir vor dieser salutieren, denn eine Höflichkeit ist der andern wert!«

Wie sich hieraus ergibt, zweifelte Kongre nicht im geringsten am Gelingen seiner Pläne; es schien vielmehr, als gestaltete sich alles zu seinen Gunsten.

Während sein Kapitän nun nach dem Landeinschnitt hinunterging, erstieg Carcante die Treppe des Turmes und blieb auf dessen Galerie eine Stunde lang auf Ausguck.

Der Himmel war jetzt völlig dunstfrei, und die etwa zwölf Seemeilen zurückliegende Linie des Horizontes zeigte sich in voller Schärfe. Das allerdings noch erregte Meer hatte doch keine sich überstürzenden Wogen mehr, und wenn auch noch eine starke Dünung herrschte, konnte diese der Goelette doch nicht gefährlich werden. Sobald dann die Meerenge erreicht war, kam sie in stilleres Wasser, worauf sie unter dem Schutze des Landes und mit dem Winde im Rücken wie auf einem Strome hinsegeln konnte.

Draußen auf dem offnen Meere war kein Schiff sichtbar, außer einem Dreimaster, der gegen zwei Uhr auf kurze Zeit auftauchte, sich aber in so großer Entfernung hielt, daß Carcante seine Takelung selbst mit dem Fernrohre nicht erkennen konnte. Er steuerte übrigens in nördlicher Richtung, hielt also seinen Kurs nach dem Stillen Ozean ein und verschwand bald auch gänzlich.

Eine Stunde später bemächtigte sich Carcantes jedoch eine gewisse Unruhe und er fragte sich, ob er über deren Ursache Kongre nicht gleich Mitteilung machen sollte.

Im Nordnordosten zeigte sich, wenn auch in weiter Ferne, ein Rauchstreifen; dort befand sich also ein Dampfer, der nach der Stateninsel oder der Küste des Feuerlandes steuerte.

Ein schlechtes Gewissen ist leicht beunruhigt: hier genügte schon die Rauchfahne, Carcante mit peinlicher Angst zu erfüllen.

»Sollte das der Aviso sein?« murmelte er für sich.

Heute schrieb man ja erst den 25. Februar, und die ›Santa-Fé‹ sollte vor den ersten Tagen des März nicht eintreffen. Wenn sie nun aber früher abgefahren war?… Und wenn es sich hier um die ›Santa-Fé‹ handelte, würde sie binnen zwei Stunden vor dem Kap Sankt-Johann liegen… dann war alles verloren… sollten sie auf die Freiheit verzichten, die sie eben zu erlangen hofften, und wieder nach dem Kap Saint-Barthelemy flüchten, dort ein erbärmliches Leben weiterzuführen?

Zu seinen Füßen sah Carcante die Goelette, die graziös hin und her schaukelte, gerade als ob sie seiner spotten wollte. Alles war ja fertig; sie brauchte nur den Anker einzuholen, um abzusegeln. Und doch hätte sie das nicht gekonnt wegen des widrigen Windes und entgegen der ansteigenden Flut, die ihren höchsten Stand erst nach zweiundeinhalb Stunden erreichte.

Es war also unmöglich, vor dem Dampfer die offne See zu gewinnen, und wenn das der Aviso war…

Carcante entrang sich ein halberstickter Fluch. Er wollte jedoch Kongre, der mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt war, auf keinen Fall eher stören, als bis er seiner Sache ganz sicher wäre, und so blieb er allein auf der Galerie des Leuchtturms, um den fernern Verlauf der Dinge zu beobachten.

Von der Strömung und dem Winde unterstützt, kam das unbekannte Fahrzeug schnell näher. Sein Kapitän ließ offenbar ein scharfes Feuer unterhalten, denn aus dem Schornstein, den Carcante wegen des dichten Segelwerks noch nicht sehen konnte, wirbelten dicke Rauchwolken hervor. Das Schiff lag ziemlich stark über Steuerbord geneigt. Wenn es dieselbe Geschwindigkeit weiter einhielt, mußte es sich in kurzer Zeit vor dem Kap Sankt-Johann befinden.

Carcante legte das Fernrohr gar nicht mehr aus der Hand, und seine Unruhe wuchs im gleichen Verhältnis mit der Annäherung des Dampfers. Diese verringerte sich bald bis auf wenige Seemeilen, so daß der Rumpf des Fahrzeugs allmählich sichtbar wurde.

Doch gerade als die Befürchtungen Carcantes am schlimmsten waren, sollten sie plötzlich zerstreut werden.

Der Dampfer machte eine Schwenkung, ein Beweis, daß er der Meerenge zusteuern wollte, und damit bot sich Carcante ein Überblick über seine gesamte Takelung.

Es war ein Dampfschiff von zwölf- bis fünfzehnhundert Tonnen, das mit der ›Santa-Fé‹ gar nicht zu verwechseln war.

Carcante kannte, ebenso wie Kongre und dessen Leute, den Aviso gut genug, hatten ihn doch alle während seines längern Verweilens in der Elgorbucht wiederholt gesehen. Er (Carcante) wußte, daß dieser als Goelette getakelt war, der sich nähernde Dampfer war dagegen ein Dreimaster.

Wie erleichtert fühlte sich jetzt Carcante, und wie beglückwünschte er sich, die ganze Räuberbande aus ihrer Ruhe nicht unnütz aufgescheucht zu haben. Noch eine weitre Stunde blieb er auf der Galerie und sah den Dampfer im Norden von der Insel, doch drei bis vier Meilen von ihr entfernt, vorübergleiten, d. h. zu weit von ihm, als daß das Schiff seinen Namen und seinen Heimathafen hätte signalisieren können, ein Signal, das übrigens aus begreiflichem Grunde unbeantwortet geblieben wäre.

Vierzig Minuten später verschwand der Dampfer, der in der Stunde mindestens zwölf Knoten zu laufen schien, hinter der Calnettspitze.

Carcante stieg nun hinab, nachdem er sich überzeugt hatte, daß bis zum Horizonte kein andres Schiff zu sehen war.

Inzwischen kam die Stunde des Gezeitenwechsels heran, und mit ihm sollte die Abfahrt der Goelette erfolgen. Alle Vorarbeiten dazu waren vollendet und die Segel bereit, gehißt zu werden. Einmal in die richtige Lage gebracht, mußten sie den jetzt nach Ostsüdost umgeschlagenen Wind von der Seite bekommen, und die ‚Carcante‘ konnte damit bequem zum hohen Meere hinaussteuern.

Um sechs Uhr waren Kongre und die meisten der Leute an Bord. Das Boot brachte noch die, die sich an der Turmeinfriedigung aufgehalten hatten, und dann wurde auch dieses auf seine Ausholer hinaufgewunden.

Die Flut begann nun langsam abzulaufen. Schon lag die Stelle trocken, nach der man die Goelette wegen der nötigen Ausbesserungen geschleppt hatte. Auf der andern Seite des Landeinschnittes traten die spitzen obern Teile von Felsblöcken hervor. Der Wind pfiff durch Spalten des Steilufers herein und am Ufer zeigte sich eine leichte Brandung.

Der Augenblick der Abfahrt war gekommen, und Kongre gab Befehl, das Ankerspill zu drehen. Die Kette spannte sich an, knarrte in den Klüsen, und als sie senkrecht lag, wurde der Anker aus dem Grunde gebrochen und auf seine Kranbalken gehoben, wo man ihn für eine bevorstehende längre Fahrt sorgsam festlegte. Danach wurden die Segel eingestellt, und unter ihrem Focksegel, dem Großsegel, dem Mars-, einem Top- und den Klüversegeln begann die Goelette sich mit Backbordhalsen zu wenden und damit dem Meere zuzusteuern.

Da der Wind aus Ostsüdosten kam, mußte die ‚Carcante‘ das Kap Sankt-Johann ohne Schwierigkeiten umschiffen können. Übrigens lag auch keine Gefahr darin, daß sie vorläufig sehr nahe am Steilufer hinsegelte.

Kongre wußte das. Er kannte die Bucht vollständig. Am Steuer stehend, ließ er die Goelette ohne Bedenken noch ein Stück beidrehen, um ihre Fahrschnelligkeit so viel wie möglich zu erhöhen.

Die ‚Carcante‘ kam im allgemeinen doch nur etwas unregelmäßig vorwärts: langsamer, wenn der Wind zeitweise nachließ, schneller, wenn er ihre Segel straffer aufblähte. Sie überholte jedoch immer den Ebbestrom und ließ einen Kielwasserstreifen hinter sich zurück, ein gutes Zeichen für ihre Schwimmlinie und auch ein günstiges Vorzeichen für die weitere Reise.

Halb sieben Uhr befand sich Kongre nur noch eine Seemeile hinter dem Ende der Bucht und vor ihm breitete sich schon das Meer bis zum Horizont hin aus. Die Sonne sank auf der entgegengesetzten Seite, und bald mußten die Sterne im Zenit aufleuchten, der sich unter dem Schleier der Dämmerung verdunkelte.

Da trat Carcante an Kongre heran.

»Endlich sind wir nun bald aus der Bucht heraus, sagte er mit deutlicher Befriedigung.

– In zwanzig Minuten, antwortete Kongre, werde ich die Schoten nachschießen lassen und das Ruder nach Steuerbord legen, um das Kap Sankt-Johann zu umschiffen.

– Werden wir, in der Meerenge angelangt, vielleicht noch kreuzen müssen?

– Das glaube ich nicht, meinte Kongre. Gleich hinter dem Kap Sankt-Johann wechseln wir die Halsen, und dabei wird es bis zum Kap Horn bleiben können. Wir sind schon ein Stück in das neue Jahr hinein, und deshalb erwarte ich, daß der Wind im allgemeinen eine östliche Richtung behalten wird. In der Meerenge selbst tun wir, was die Umstände erfordern, ich fürchte jedoch nicht, daß wir eine so widrige Brise bekommen, uns gar schleppen lassen zu müssen.«

Wenn Kongre es, wie er hoffte, vermeiden konnte, die Halsen nochmals zu wechseln, gewann er entschieden nicht wenig Zeit. War er dazu gezwungen, so sollten die viereckigen Segel eingebunden, und nur die lateinischen, die Brigantine, die Stag- und die Klüversegel, beibehalten werden.

In diesem Augenblicke rief ein am Kranbalken stehender Mann:

»Achtung… nach vorn!

– Was gibt es denn?« fragte Kongre.

Carcante lief zu dem Manne hin und beugte sich über die Reling hinaus.

»Stopp!… Stopp!… Vorsichtig!« rief er Kongre zu.

Die Goelette schwamm jetzt gegenüber der Höhle, die der Bande so lange als Zufluchtsort gedient hatte.

Nahe bei ihr trieb, von der Strömung dem Meere zu getragen, ein Bruchstück des Kiels von der ‚Century‘ hin. Ein Zusammenprall damit hätte üble Folgen haben können, und es war schon hohe Zeit, von dieser Trift klar zu kommen.

Kongre legte das Steuerruder dazu ein wenig nach Backbord um. Die Goelette drehte bei und glitt so längs des Kielstückes hin, das ihren Rumpf nur ganz schwach streifte.

Das kurze Manöver hatte zur Folge, daß die ‚Carcante‘ sich dem nördlichen Ufer noch etwas mehr näherte, doch wurde sie baldigst wieder in die frühere Richtung gebracht. Etwa noch zwanzig Toisen, dann war die Ecke des Steilufers passiert und Kongre konnte das Steuerruder nachlassen und einen Kurs nach Norden einschlagen.

In diesem Augenblicke zerriß die Luft ein scharfes Pfeifen und der Rumpf der Goelette erzitterte unter einem Stoße, dem ein donnernder Knall folgte.

Gleichzeitig stieg vom Ufergelände ein weißlicher Rauch auf, der, vom Winde getrieben, nach dem Innern der Bucht abzog.

»Was war das? rief Kongre bestürzt.

– Man hat auf uns geschossen, antwortete Carcante.

– Hier… nimm du das Ruder!« befahl Kongre.

Damit stürmte er schon nach Backbord, und über die Reling hinunterblickend, bemerkte er, kaum einen halben Fuß über der Schwimmlinie, ein Loch in der Schiffswand.

Die ganze Mannschaft war ebenfalls nach derselben Seite am Vorderteil der Goelette geeilt.

Ein Angriff, der von dieser Seite des Ufers erfolgt war!… Eine Kanonenkugel, die im Augenblicke der Abfahrt in die Flanke der ‚Carcante‘ eingeschlagen war, und die, wenn sie das Schiff nur etwas tiefer unten getroffen hätte, es unausweichlich hätte zum Sinken bringen müssen. So wie jedermann auf der Goelette über einen solchen Angriff erschrocken war, empfand jeder fast noch mehr die ganz unerwartete Überraschung.

Was konnten aber Kongre und seine Gefährten dagegen tun? Die Seisinge des Bootes schießen lassen, sich einschiffen und vielleicht an das Land eilen, dahin wo der Pulverdampf aufgestiegen war, dort sich derer zu bemächtigen suchen, die den Schuß abgefeuert hatten, oder sie wenigstens von dieser Stelle vertreiben? Doch wußten sie denn, ob die Angreifer ihnen gegenüber nicht in der Mehrzahl wären, und erschien es nicht ratsamer, jetzt nicht vom Schiffe wegzugehen und zuerst den Umfang der Beschädigung zu untersuchen?

Das erwies sich um so dringender, als die Karonade kurz darauf noch einmal Feuer gab. Wieder erhob sich eine Rauchwolke an derselben Stelle. Die Goelette erhielt einen zweiten Stoß… wiederum war sie von einem Geschosse dicht hinter dem ersten getroffen worden.

»Das Ruder in den Wind legen!… Die Segel umstellen!… Fertig zum Wenden!« schrie Kongre, während er nach dem Hinterteile auf Carcante zustürmte, der seinen Befehlen schleunigst nachzukommen bemüht war.

Sobald das Steuer umgelegt war, luvte die Goelette an und neigte sich über Steuerbord. Nach kaum fünf Minuten entfernte sie sich schon von dem gefährlichen Ufer und befand sich bald außer Schußweite von dem Geschütz, das auf sie gerichtet war.

Von einem weitern Schuß war übrigens nichts zu hören. Der Strand lag bis zur Spitze des Kaps öde und verlassen da, man durfte also annehmen, daß sich der Angriff nicht erneuern werde.

Jetzt galt es vor allem, den Zustand des Rumpfes zu untersuchen. Von innen her wäre das kaum ausführbar gewesen, weil dann erst die Fracht umgeladen werden mußte. Nur über eines herrschte von vornherein kein Zweifel: daß die beiden Kugeln die Seitenwand durchschlagen und sich im Frachtraume irgendwo verloren hatten.

Das Boot wurde also klar gemacht, während die ‚Carcante‘ gegenbraßte und nur von dem sinkenden Wasser etwas weiter geführt wurde.

Kongre und der Zimmermann stiegen ins Boot hinunter und besichtigten den Rumpf, um zu erkennen, ob die Havarie an Ort und Stelle ausgebessert werden könnte.

Dabei sahen sie, daß zwei etwa vierpfündige Geschosse die Goelette getroffen und die Bordwand durchbohrt und teilweise zerschmettert hatten. Zum Glück waren die lebenswichtigsten Teile des Schiffes verschont geblieben. Die beiden Löcher befanden sich oberhalb des kupfernen Bodenbeschlags und sehr nahe an der Schwimmlinie. Nur wenige Zentimeter weiter unten, und durch die Geschosse wäre ein Leck entstanden, das zu schließen die Besatzung kaum Zeit gefunden hätte. Der Laderaum wäre bald voll Wasser gelaufen und die ‚Carcante‘ am Eingange der Bai rettungslos untergegangen.

Ohne Zweifel hätten Kongre und seine Spießgesellen das Ufer noch im Boote erreichen können, die Goelette aber wäre vollständig verloren gewesen.

Gewiß war die Havarie nicht besonders schwer, sie verhinderte die ‚Carcante‘ aber immerhin, sich aufs offne Meer zu wagen. Lag sie nach Backbord nur ein wenig geneigt, so mußte das Wasser ins Innere eindringen. Es war also unumgänglich, die zwei durch die Geschosse entstandenen Löcher zu schließen, ehe an eine Fortsetzung der Fahrt zu denken war.

»Wer ist aber der Schurke, der uns diesen Streich gespielt hat? fragte Carcante wiederholt.

– Vielleicht der Turmwärter, der uns entwischt ist! anwortete Vargas. Und vielleicht auch noch ein Überlebender von der ‚Century‘, den dieser Wärter gerettet haben mochte. Um Geschosse hinauszuschleudern, muß man aber allemal eine Kanone haben, und die Kanone hier ist doch nicht vom Monde heruntergefallen!

– Natürlich nicht, stimmte ihm Carcante zu. Kein Zweifel, sie rührt vom Dreimaster her. Es ist recht ärgerlich, daß wir sie nicht unter den Trümmern gefunden haben!

– Das kommt hier alles nicht in Betracht, fiel Kongre kurz angebunden ein. Jetzt heißt’s nur, so schnell wie möglich reparieren, was zu reparieren ist!«

Tatsächlich konnte es sich im Augenblicke nicht darum handeln, die nähern Umstände bei dem Angriffe auf die Goelette zu erörtern, sondern nur darum, die Ausbesserungen sofort vorzunehmen. Im Notfalle konnte man ja das Schiff nahe an das andre Ufer der Bucht nach der Diegospitze überführen. Dazu hätte eine Stunde genügt. An dieser Stelle wäre es aber den Winden von der Seeseite zu sehr ausgesetzt gewesen, und bis zur Severalspitze fand sich an der Küste sonst kein geschützter Punkt. Beim ersten schlechten Wetter wäre die Goelette auf den Klippen zertrümmert worden. Kongre entschloß sich deshalb, noch denselben Abend nach dem Hintergrund der Elgorbai zurückzukehren, wo die Arbeit in Ruhe und mit größter Beschleunigung ausgeführt werden konnte.

Augenblicklich herrschte jedoch der Ebbestrom, und die Goelette wäre gegen diesen schwerlich aufgekommen. Es mußte also die nächste Flut abgewartet werden, die noch vor Verlauf von drei Stunden einsetzen sollte.

Bei der noch vorhandnen Dünung rollte die ‚Carcante‘ jedoch recht bedenklich und kam, von der Strömung fortgetragen, in Gefahr, bis zur Severalspitze getrieben zu werden und sich inzwischen mit Wasser zu füllen. Schon hörte man zuweilen das Gurgeln des Wassers, das bei jeder stärkeren Rollbewegung durch die Schußöffnungen an der Seite eindrang. Kongre mußte sich damit begnügen, einige Kabellängen vor der Diegospitze den Anker hinabsenken zu lassen.

Die Lage gestaltete sich alles in allem recht beunruhigend. Schon kam die Nacht, und bald mußte alles in tiefer Finsternis liegen. Es bedurfte der ganzen gründlichen Kenntnis, die Kongre von der hiesigen Gegend hatte, um eine Strandung auf einem der zahlreichen, der Küste vorgelagerten Riffe zu vermeiden.

Gegen zehn Uhr machte sich die Flut endlich bemerkbar. Der Anker wurde wieder an Bord geholt, und noch vor Mitternacht lag die ‚Carcante‘, nachdem sie tausend Gefahren glücklich entgangen war, wieder an ihrem alten Ankerplatze tief im Hintergrunde der Elgorbucht.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

Am ersten Tage des Betriebes.

Die Sonne versank allmählich hinter den Anhöhen, die die Aussicht im Westen begrenzten.

Das Wetter war schön. An der andern Seite spiegelten vereinzelte Wölkchen über dem Meere, das im Osten und Nordosten zusammenfloß, die letzten Strahlen wieder, die aber auch bald in den Schatten der unter der hohen Breite von fünfundfünfzig Graden der südlichen Erdhälfte ziemlich langen Dämmerung verlöschen sollten.

In dem Augenblicke, wo von der Sonnenscheibe nur noch die obere Hälfte sichtbar war, donnerte ein Kanonenschuß an Bord des Avisos ›Santa-Fé‹ und, im Winde sich entfaltend, wurde die Flagge der Argentinischen Republik an der Gaffel des Briggsegels gehißt.

Genau zu derselben Zeit blitzte dem Schiffe gegenüber ein glänzender Lichtschein auf, der von dem obersten Teile eines in Flintenschußweite vom Ufer der Elgorbai befindlichen Leuchtturmes hinausstrahlte, der Bai, worin die ›Santa-Fé‹ verankert lag. Zwei Wächter und eine Gruppe Arbeitsleute am Ufer, sowie die auf dem Vorderteile des Fahrzeuges versammelte Mannschaft begrüßten mit lautem Zuruf das erste an dieser weltentlegenen Küste entzündete Leuchtfeuer.

Zwei weitere und von dem scharfen Echo der Umgebung noch mehrfach wiederholte Kanonenschüsse antworteten darauf; dann wurde, entsprechend den für Kriegsschiffe geltenden Vorschriften, die Flagge wieder eingeholt, und nun wurde es still auf der Stateninsel hier an der Stelle, wo die Gewässer des Atlantischen und des Stillen Ozeans einander begegnen. (Diese Stateninsel ist also nicht mit dem Staten Island im Hafenbereich von New York zu verwechseln.)

Die Arbeiter begaben sich sofort an Bord der ›Santa-Fé‹ und am Lande blieben nur drei Wächter zurück, von denen sich einer schon auf dem Turme auf seinem Posten befand.

Die zwei andern suchten ihre Wohnstätte noch nicht sogleich auf, sondern gingen plaudernd längs des Ufers hin.

»Na, Vasquez, begann der Jüngere von beiden, morgen geht der Aviso nun wieder in See….

– Jawohl, Felipe, antwortete Vasquez, und ich hoffe, er wird keine schlechte Heimfahrt haben.

– O, es ist eine etwas weite Strecke, Vasquez!

– Ach was, der Rückweg ist nicht länger, als es der Herweg war.

– Das möcht‘ ich doch ein bißchen bezweifeln, erwiderte Felipe lachend.

– Zuweilen, Kamerad, fuhr Vasquez fort, braucht man sogar mehr Zeit zu der Ausreise als zu der Rückfahrt, wenigstens wenn man für die zweite einigermaßen günstigen Wind hat. Übrigens sind fünfzehnhundert Meilen (etwa 2800 km) doch keine so große Sache, wenn ein Schiff eine gute Maschine hat und reichlich Segel führt.

– Ja freilich, Vasquez, und dazu kennt der Kommandant Lafayate den Weg ganz genau.

– Nun, der ist ja ganz gerade, alter Junge. Auf der Fahrt hierher ist er nach Süden gesteuert, auf der Heimreise wird er einen Kurs nach Norden einhalten, und wenn der Wind auch weiter vom Lande her stehen bleibt, dann hat der Kapitän den Schutz der Küste und er segelt wie auf einem Flusse hin.

– Nun ja, meinte Felipe, doch auf einem Flusse, der nur ein einziges Ufer hat.

– Das ist gleichgültig, wenn’s nur das ‚gute‘ ist, und das ist’s allemal, so lange man Landwind hat.

– Ganz recht, gab Felipe zu; der Wind hat aber seine Launen, und wenn er nun ins Gegenteil umschlägt….

– Dann hat man eben Pech, Felipe, ich hoffe aber, das werde der ›Santa-Fé‹ erspart bleiben. In vierzehn Tagen kann sie die fünfzehnhundert Meilen recht gut zurückgelegt haben und schon auf der Reede von Buenos-Ayres vor Anker liegen. Freilich, wenn’s dem Winde einfiele, von Osten her zu blasen….

– Dann fände das Schiff weder am Lande noch nach der Seeseite zu einen Schutzhafen.

– Ganz recht, Kamerad. Feuerland oder Patagonien, nirgends ein sicherer Platz! Da heißt’s: hinaus aufs hohe Meer, um nicht gegen die Küste geworfen zu werden.

– Meiner Meinung nach scheint das gute Wetter aber von Dauer zu sein, Vasquez!

– Das glaub‘ ich auch, Felipe. Wir stehen ja erst am Anfang der schönen Jahreszeit. Drei Monate vor sich zu haben, das ist schon etwas.

– Und die Arbeiten, flocht Felipe ein, sind auch zur richtigen Zeit beendet worden.

– Das weiß ich, Kamerad, das weiß ich, mit Anfang Dezember, und das heißt für Seeleute drüben im Norden soviel wie Anfang Juni. Zu der Zeit kommt ja selten so ein Hundewetter, das ein Schiff hin und her zu schleudern ebensowenig Umstände macht, wie es dir die Mütze vom Kopfe reißt. Liegt die ›Santa-Fé‹ aber einmal im Hafen, dann mag es blasen und wehen und drauf losstürmen, wie’s dem Teufel Spaß macht! Für unsre Insel samt ihrem Leuchtturm ist auch nicht zu fürchten, daß sie dabei unterginge.

– Gewiß nicht, Vasquez. Wenn er dann da unten alles über die hiesigen Verhältnisse pflichtschuldigst berichtet hat und der Aviso mit der Ablösung zurückkehrt….

– Erst nach drei Monaten, Felipe.

– Nun ja…. dann wird er die Insel noch an der alten Stelle finden.

– Und uns darauf, Felipe, antwortete Vasquez, der sich die Hände rieb, nachdem er einen kräftigen Zug aus seiner Pfeife getan hatte, so daß er von einer dichten Wolke umhüllt war. Vergiß nicht, Kamerad, wir befinden uns hier nicht an Bord eines Schiffes, das der Sturm jetzt hierhin und dann dorthin verschlägt, oder wenn es ein Schiff wäre, so liegt es doch fest vertäut am Ende von Amerika, und es wird auch nicht vor Anker treiben. Die hiesige Gegend ist ja verrufen, und ich gebe zu, auch mit Recht. Die Meere um Kap Horn, nun ja, die stehen verdientermaßen in schlechtem Ansehen. Daß man die Schiffbrüche an diesen Küsten gar nicht mehr richtig zählt, und daß Seeräuber sich gar kein besseres Feld für ihre verbrecherische Tätigkeit wählen können, das will ich auch ohne Widerrede zugeben. Alles das wird sich aber ändern, Felipe! Hier haben wir nun die Stateninsel mit ihrem Leuchtturme, und dessen Licht wird kein Orkan, und wenn er aus allen Strichen der Windrose pfiffe, zu verlöschen imstande sein. Die Schiffe draußen werden es zeitig genug sehen, ihren Kurs danach bestimmen zu können. Sie werden sich nach dem Feuer richten und selbst in finstrer Nacht nicht mehr Gefahr laufen, an die Uferfelsen des Kaps Sankt Johann, der Landzunge von San-Diegos oder der Fallowspitze anzulaufen. An uns ist es, das Leuchtfeuer zu unterhalten, und was an uns liegt, das wird geschehen!«

Man hätte Vasquez so sprechen hören müssen, mit der Lebhaftigkeit, die auch einen Eindruck auf seinen Kameraden nicht verfehlte. Felipe blickte wohl nicht so leichten Herzens den langen Wochen entgegen, die er auf dieser einsamen Insel zubringen sollte, und auf der er bis zu dem Tage, wo die ersten drei Wächter abgelöst werden würden, außer aller Verbindung mit andern Menschen blieb.

Vasquez schloß seine Rede noch mit den Worten:

»Siehst du, Kamerad, seit vierzig Jahren bin ich als Schiffsjunge, Leichtmatrose, Vollmatrose und Bootsmann ein bißchen auf allen Meeren der Alten und der Neuen Welt umhergefahren. Jetzt, wo nun das Alter herangekommen ist, wo man daran denkt, sich zur Ruhe zu setzen, jetzt kann ich mir gar nichts Besseres vorstellen, als Wärter auf einem Leuchtturm und obendrein auf einem wie dem unsrigen, zu sein… auf dem Leuchtturm am Ende der Welt!«

In der Tat rechtfertigte er diesen Namen wegen der Lage am Ende dieser Insel, die sich hier, so weit von allen bewohnten und bewohnbaren Gebieten der Erde, aus dem stets unruhigen Meere erhob.

»Wie war’s doch, Felipe, nahm Vasquez noch einmal das Wort, indem er seine ausgerauchte Pfeife ausschüttelte, um welche Zeit wirst du Moriz ablösen?

– Um zehn Uhr.

– Schön; da werd‘ ich also um zwei Uhr nachts an deine Stelle treten und bis zum Tagesanbruch wachen.

– Wie da sagst, Vasquez. Für jetzt haben wir aber alle beide nichts Gescheiteres zu tun, als schlafen zu gehen.

– Ja ja, zu Bett, Felipe, zu Bett!«

Vasquez und Felipe wandten sich hiermit der kleinen Einfriedigung zu, in deren Mitte der Leuchtturm aufragte, und sofort betraten sie ihre Wohnung, deren Tür sich hinter ihnen schloß.

Die Nacht war still. Sobald sie zu Ende ging, löschte Vasquez die seit zwölf Stunden brennenden Flammen.

Die Gezeiten, die im Großen Ozean, vorzüglich längs der Küsten Amerikas und Asiens, nur ziemlich schwach auftreten, sind im Gegenteil im Atlantischen Ozean sehr stark und machen sich an den weltfernen Küsten von Magellansland sehr heftig fühlbar.

Da die Ebbe heute morgen um sechs Uhr eintrat, hätte der Aviso, um sie zu benutzen, mit Tagesanbruch auslaufen müssen. Dazu waren aber noch nicht alle Vorbereitungen beendigt, und der Kommandant rechnete nur darauf, die Bucht von Elgor mit Eintritt der zweiten Ebbe dieses Tages zu verlassen.

Die ›Santa-Fé‹, ein Schiff der argentinischen Kriegsflotte, maß nur zwölfhundert Tonnen, hatte eine Maschine von hundertsechzig Pferdekräften und wurde von einem Kapitän und einem zweiten Offizier geführt, die mit den Bootsleuten eine Besatzung von fünfzig Mann unter sich hatten. Das Fahrzeug war eigentlich zur Überwachung der Küsten von der Mündung des Rio la Plata bis zur Le Maire-Enge am Atlantischen Ozean bestimmt. Jener Zeit hatte die Schiffsbaukunst noch keine schnellaufenden Fahrzeuge geliefert, wie die heutigen Kreuzer, die Torpedoboote und andre. Mit Hilfe ihrer Schraube konnte die ›Santa-Fé‹ in der Stunde etwa neun Seemeilen zurücklegen, das genügte aber für die Handhabung der Polizei an den Küsten Patagoniens und der Tierra del Fuego (des Feuerlandes), die ja nur von Fischerfahrzeugen aufgesucht wurden.

Dieses Jahr hatte der Aviso aber die Aufgabe, die Arbeiten beim Bau des Leuchtturms zu beaufsichtigen, den die argentinische Regierung gegenüber der Le Maire-Enge errichten ließ. Das Personal und alles zum Bau notwendige Material war an Bord des Schiffes hierher befördert worden, wo die Arbeiten nach den Plänen eines geschickten Ingenieurs von Buenos-Ayres eben nach Wunsch zu Ende geführt worden waren.

Jetzt hatte die ›Santa-Fé‹ mehrere Wochen im Hintergrunde der Elgorbucht verankert gelegen. Nach Ausladung des für vier Monate nötigen Proviantes und nachdem er sich überzeugt hatte, daß es den Wärtern des neuen Leuchtturmes bis zum Eintreffen der Ablösungsmannschaft an nichts fehlen würde, wollte der Kommandant Lafayate nun die nach der Stateninsel entsandten Arbeiter wieder mit nach Hause befördern. Hätten nicht einige ganz unvorhergesehene Hindernisse die Vollendung des Baues etwas verzögert, so wäre die ›Santa-Fé‹ sicherlich schon seit einiger Zeit in ihrem Heimathafen zurück gewesen.

In der ganzen Zeit seines hiesigen Aufenthalts hatte der Kommandant übrigens im Hintergrunde der gegen Nord-, Süd- und Westwinde gut geschützten Bucht nichts zu fürchten. Nur sehr rauhes Wetter von der offenen See her hätte ihn belästigen können. Der Frühling hatte sich jedoch sehr milde gezeigt, und jetzt, zu Anfang des Sommers, konnte man mit Recht erwarten, daß in den magellanischen Gewässern nur vorübergehende Störungen der Atmosphäre eintreten würden.

Gegen sieben Uhr war es, als der Kapitän Lafayate und sein zweiter Offizier aus ihren unter dem Hinterdeck des Avisos und ganz nahe bei dem Deckhäuschen gelegenen Kabinen traten. Die Matrosen waren noch mit dem Abwaschen des Decks beschäftigt, und das Wasser aus den letzten von den Leuten geleerten Kübeln lief eben durch die Speigatten ab. Gleichzeitig traf der erste Bootsmann schon die ersten Anordnungen, daß alles fix und fertig wäre, wenn die Stunde der Abfahrt herankam. Sollte diese auch erst am Nachmittage erfolgen, so wurden doch bereits die Segelhüllen abgenommen, die Luftzuführungsrohre gesäubert und der kupferne Teil des Kompaßhäuschens und der vergitterten Oberlichter geputzt. Das große Boot brachte man auf seinen Ausholer, und nur das kleine blieb zum Borddienst noch im Wasser.

Als die Sonne aufging, stieg die Landesflagge nach der Gaffel des Briggsegels empor.

Dreiviertel Stunden später schlug es an der Glocke des Vorderteiles vier Glas, und die dadurch zur Wache gerufenen Matrosen traten ihren Posten an.

Nach einem gemeinsamen Frühstück begaben sich die beiden Offiziere nach dem Deck, besichtigten den vom frühzeitigen Landwinde schon ziemlich rein gefegten Himmel und gaben dem Bootsmann Befehl, sie nach dem Ufer übersetzen zu lassen.

An diesem Morgen wollte der Kommandant ein letztes Mal den Leuchtturm und dessen Nebengebäude, das Wohnhaus der Wärter und die Schuppen inspizieren, worin das Heizmaterial und die Mundvorräte aufgestapelt waren, und sich endlich überzeugen, daß alle Apparate tadellos funktionieren.

Er betrat also in Begleitung des Offiziers das Land und begab sich nach der Einfriedigung des Leuchtturms.

Auf dem Wege beschäftigten sich beider Gedanken mit den drei Männern, die nun allein in der traurigen Einöde der Stateninsel zurückbleiben sollten.

»Das ist freilich eine harte Aufgabe, sagte der Kapitän. Immerhin ist dabei nicht zu vergessen, daß die armen Burschen, meist alte Seebären, von jeher ein beschwerliches Leben geführt haben. Für sie ist der Leuchtturmdienst eigentlich ein Ruheposten.

– Ja gewiß, stimmte ihm Riegal zu. Es ist aber doch ein ander Ding, Leuchtturmwärter in einer belebten Gegend und mit leichter Verbindung mit dem Lande zu sein, als hier auf einer öden Insel, die die Schiffe nur peilen, und auch das so weit von ihr entfernt wie möglich…

– Das ist freilich wahr, Riegal. In drei Monaten trifft hier ja eine Ablösung ein, und Vasquez, Felipe und Moriz versehen den ersten Dienst in der mildern Jahreszeit.

– Jawohl, Herr Kapitän; von dem schrecklichen Winter am Kap Horn werden die Drei noch nichts zu leiden haben.

– Ja, der ist hier schrecklich, bestätigte der Kapitän. Seit einer Rekognoszierungsfahrt, die wir vor einigen Jahren in der Meerenge und längs der Küsten von Feuerland und Desolationsland, nach dem Kap der Jungfrauen und dem Kap Pilar, ausgeführt hatten, da hab‘ ich’s kennen gelernt, was tolle Stürme sind! Unsre Wächter aber haben ja eine feste Wohnstätte, die auch kein Orkan zerstören kann. An Lebensmitteln und Kohlen wird’s ihnen nicht fehlen, sollte sich ihre Dienstzeit auch um zwei Monate verlängern. Wir lassen sie hier in gutem Gesundheitszustande zurück und werden sie ebenso wiederfinden. Bläst hier die Luft auch scharf, so ist sie doch rein, wo sich der Atlantische und der Große Ozean begegnen. Übrigens vergessen Sie nicht das eine, Riegal: als das oberste Seeamt Wärter für den Leuchtturm am Ende der Welt verlangte, da hatte es nur die Qual der Wahl.«

Die beiden Offiziere waren inzwischen an die Einfriedigung herangekommen, wo Vasquez und seine Kameraden sie erwarteten. Die Tür sprang auf und sie standen kurze Zeit still, nachdem sie den vorschriftsmäßigen Gruß der drei Männer erwidert hatten.

Ehe der Kapitän Lafayate ein Wort an sie richtete, musterte er die Wärter von den mit schweren Wasserstiefeln bekleideten Füßen an bis zum Kopfe, der von der Kapuze des Wachstuchrockes bedeckt war.

»In der Nacht ist alles gut gegangen? fragte er darauf, an den Oberwärter gewendet.

– Ganz gut, Herr Kommandant, antwortete Vasquez.

– Ihr habt kein Schiff draußen auf dem Meere gesichtet?

– Keines, und da der Himmel ganz dunstfrei war, hätten wir ein Licht noch auf drei bis vier Meilen bemerken können.

– Die Lampen sind immer in Ordnung gewesen?

– Ohne Unterbrechung, Herr Kommandant, bis zum Aufgang der Sonne.

– Oben im Wachzimmer habt ihr auch nicht von der Kälte zu leiden gehabt?

– Nein, Herr Kommandant, das ist überall gut geschlossen, und durch die Doppelfenster kann auch kein Wind eindringen.

– Wir wollen erst einmal eure Wohnung besichtigen und dann den Turm ersteigen.

– Zu Befehl, Herr Kommandant«, antwortete Vasquez.

Dicht neben dem Fuße des Turmes stand das Wohnhaus der Wärter. Es hatte dicke Mauern, die auch dem Ungestüm der Windstöße des magellanischen Gebietes trotzen mußten. Die beiden Offiziere besuchten darin sämtliche, sehr zweckmäßig ausgestattete Räume. Hier drin war nichts zu fürchten, weder vom Regen oder der Kälte, noch von den Schneestürmen, die unter dieser fast antarktischen Breite oft mit entsetzlicher Gewalt auftreten.

Die einzelnen Räume trennte ein schmaler Gang, an dessen Ende sich die Tür befand, durch die man nach dem Innern des Turmes gelangte.

»Wir wollen hinausgehen, sagte der Kapitän Lafayate.

– Zu Befehl, erwiderte Vasquez.

– Es genügt, wenn Sie allein uns begleiten.«

Vasquez gab seinen Kameraden ein Zeichen, im Gange zurückzubleiben. Darauf öffnete er die Tür zur Treppe und die beiden Offiziere folgten ihm nach.

Die schmale Wendeltreppe mit ihren in die Wand eingefügten steinernen Stufen war gar nicht dunkel. Zehn schießschartenähnliche Öffnungen beleuchteten sie von Stockwerk zu Stockwerk.

Als sie das Wachzimmer erreicht hatten, über dem nun unmittelbar die Laterne und die Leuchtapparate lagen, setzten sich die beiden Offiziere auf eine in der Mauer befestigte Rundbank. Durch die vier Fenster dieses Zimmers konnte man den Horizont nach allen Richtungen bequem überblicken.

Obwohl nur ein mäßiger Wind wehte, blies er hier oben doch recht tüchtig, doch ohne den scharfen Schrei der Möwen oder das Gekreisch der Fregattvögel und Albatrosse zu übertönen, die mit mächtigem Flügelschlag vorüberzogen.

Um einen noch freiern Ausblick über die Insel und das sie umgebende Meer zu gewinnen, erstiegen Kapitän Lafayate und sein zweiter Offizier noch die Leiter, die nach der die Laterne des Leuchtturmes umschließenden Galerie führte.

Der ganze Teil der Insel, der sich nach Westen hin vor ihren Augen ausdehnte, war ebenso öde und verlassen wie das Meer, von dem sie von Nordwesten bis Süden ein großes Stück überblicken konnten, dessen Fläche nur im Nordosten durch die Anhöhen am Kap Johann unterbrochen war. Am Fuße des Turmes lag die Elgorbucht vor ihnen, am Ufer jetzt belebt von zahlreichen Matrosen der ›Santa-Fé‹. Auf dem hohen Meere kein Segel, keine Rauchsäule… nichts als der unbegrenzte, schimmernde Ozean.

Nach einviertelstündigem Verweilen auf der Galerie des Leuchtturmes stiegen die beiden Offiziere, denen Vasquez folgte, wieder hinunter und begaben sich sofort zurück an Bord.

Nach einem zweiten Frühstück ließ sich der Kapitän Lafayate mit seinem zweiten Offizier noch einmal ans Land setzen. Sie wollten die letzten Stunden vor der Abfahrt noch zu einem Spaziergange längs der Nordküste der Elgorbucht benutzen.

Schon mehrere Male war der Kapitän am Tage, doch ohne Lotsen – einen solchen gab es auf der Stateninsel natürlich nicht – hier eingelaufen und hatte seinen gewohnten Ankerplatz in einem kleinen Landeinschnitt am Fuße des Leuchtturms aufgesucht. Aus Vorsicht unterließ er es jedoch niemals, einen neuen Teil des noch wenig oder schlecht bekannten Terrains genauer zu besichtigen.

Die beiden Offiziere wanderten also am Strande hin.

Nach Überschreitung der kurzen Landenge, die das Kap Sankt-Johann mit dem Ende der Insel verbindet, besichtigten sie das Hafenbecken gleichen Namens, das an der andern Seite des Kaps eine Art Pendant zur Elgorbucht darstellt.

»Dieser Hafen von Sankt-Johann, bemerkte der Kommandant, ist immerhin sehr wertvoll. Er hat auch für die tiefstgehenden Schiffe stets genug Wasser; zu beklagen ist dabei nur, daß er eine so schwierige Einfahrt hat. Ein wenn auch noch so bescheidenes Leuchtfeuer, das in gewissem Verhältnisse zu dem Leuchtturm von Elgor stände, würde es allen Fahrzeugen ermöglichen, darin bequem Zuflucht zu finden.

– Obendrein ist das der letzte Hafen, den man beim Austritt aus der Magellanstraße findet«, setzte der Leutnant hinzu.

Um vier Uhr waren die beiden Offiziere zurück und gingen an Bord, nachdem sie sich von Vasquez, Felipe und Moriz, die nun am Strande auf die Abfahrt des Avisos warteten, freundlich verabschiedet hatten.

Um fünf Uhr fing die Dampfspannung im Kessel des Schiffes an zu steigen; aus dem Schornstein wirbelten dichte Rauchmassen empor. Die Gezeiten mußten bald zum Stillstand kommen, und die ›Santa-Fé‹ sollte die Anker lichten, sobald die Ebbe bemerkbar wurde.

Dreiviertel sechs gab der Kommandant Befehl, die Maschine Probe laufen zu lassen. Sofort zischte der überschüssige Dampf aus dem Abblaserohr hervor.

Auf dem Vorderteile überwachte der zweite Offizier die nötigen Vorbereitungen; bald war der Anker mittels des Spills aus dem Grunde gebrochen, dann wurde er vollends emporgehoben und auf den Kran ausgepentert.

Begrüßt von den Abschiedsrufen der drei Wärter, setzte sich die ›Santa-Fé‹ langsam in Bewegung. Und was auch Vasquez darüber denken mochte… wenn er und seine Kameraden das Schiff nicht ohne eine innere Erregung davonfahren sahen, die Offiziere und die Mannschaft der ›Santa-Fé‹ fühlten es noch tiefer, die drei Männer auf dieser Insel am Ende Amerikas zurückzulassen.

Nur mit mäßiger Schnelligkeit glitt das Schiff längs des nordwestlichen Ufers der Elgorbucht hin; erst gegen acht Uhr kam es aufs offne Meer hinaus. Nach Umschiffung des Kaps Sankt-Johann verließ es unter Volldampf die Meerenge im Westen, und als es völlig dunkel war, schimmerte das Feuer des Leuchtturms am Ende der Welt nur noch wie ein Stern am fernen Horizonte.