XLVIII.


XLVIII.

Am 19. Januar. – Während dieses Tages derselbe Himmel, dieselbe Temperatur, und auch die Nacht kommt heran, ohne eine Aenderung in diesem Zustande herbei zu führen. Nicht einige Stunden habe ich schlafen können.

Gegen Morgen höre ich Zornesrufe an Bord.

Die Herren Letourneur und Miß Herbey, die mit mir unter demselben Zeltdache verweilen, erheben sich. Ich schlage die Leinwand zurück und sehe nach, was vorgeht.

Der Hochbootsmann, Daoulas und die anderen Matrosen sind in furchtbarer Aufregung. Robert Kurtis, der im Hintertheile sitzt, springt auf und sucht Jene, nachdem er sich nach der Ursache ihres Zornes erkundigt hat, zu beruhigen.

»Nein! Nein! Wir müssen wissen, wer uns das angethan hat, ruft Daoulas und schleudert wilde Blicke um sich herum.

– Ja, fällt der Hochbootsmann ein, es ist ein Dieb hier, da unsere Ueberbleibsel verschwunden sind.

– Ich war es nicht! – Ich auch nicht!« antworten die Matrosen Einer nach dem Anderen.

Ich sehe die Unglücklichen alle Ecken durchsuchen, die Segel aufheben, die Planken der Plateform verschieben. Ihre Wuth wächst nur, je länger sie vergeblich suchen.

Der Hochbootsmann kommt auf mich zu.

»Sie müssen den Dieb kennen, sagt er.

– Den Dieb von was? Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen,« habe ich ihm geantwortet.

Daoulas und einige andere Matrosen nähern sich.

»Wir haben das ganze Floß durchwühlt, sagt Daoulas, jetzt ist nur noch dieses Zelt zu untersuchen…

– Niemand von uns hat dieses Zelt verlassen, Daoulas.

– Wir müssen nachsehen.

– Nein, laßt die in Ruhe, welche nahe daran sind, vor Hunger zu sterben!

– Mr. Kazallon, sagt der Hochbootsmann in ruhigem Tone zu mir, wir beschuldigen Sie nicht… wenn Einer von Ihnen sich seinen Theil genommen hätte, den er gestern verschmähte, so wäre das ja sein Recht. Aber Alles ist abhanden gekommen, Alles, Sie verstehen mich!

– Untersuchen wir das Zelt!« ruft Sandon.

Die Matrosen dringen vor, und ich vermag den Unglücklichen, die der Zorn verblendet, nicht zu wehren. Eine schreckliche Furcht erfaßt mich… sollte Mr. Letourneur nicht für sich, doch für seinen Sohn das vielleicht gethan haben?… Wenn es der Fall ist, werden diese Furien ihn zerreißen.

Ich sehe Robert Kurtis an, wie um von ihm Schutz zu erbitten, und der Kapitän stellt sich an meine Seite. Er hält beide Hände in den Taschen, doch vermuthe ich, daß er darin eine Waffe habe.

Inzwischen haben Miß Herbey und die Herren Letourneur auf Anordnung des Hochbootsmannes das Zelt verlassen müssen, das man bis in die geheimsten Winkel durchsucht – doch zum Glück vergebens.

Offenbar sind die Reste Hobbart’s, da man sie nirgends findet, in’s Meer geworfen worden.

Der Hochbootsmann, der Zimmermann und die Matrosen überlassen sich der wüthendsten Verzweiflung.

Doch wer hat das gethan? Ich sehe Miß Herbey an, Mr. Letourneur, und ihre Blicke antworten mir, daß sie es nicht sind.

Meine Augen schweifen zu André, der einen Moment den Kopf wegwendet.

Der unglückliche junge Mann! Sollte er es gewesen sein? Und wenn dem so ist, hat er sich die Folgen seiner That vergegenwärtigt?

XLIX.


XLIX.

Vom 20. bis 22. Januar. – Während der folgenden Tage haben Diejenigen, welche an der schauderhaften Mahlzeit am 18. Januar Theil nahmen, nur wenig gelitten, da sie ihren Hunger und Durst gestillt hatten.

Doch was Miß Herbey, Andre Letourneur, sein Vater und ich leiden, kann das eine Feder schildern? Sind wir nicht zu bedauern, daß jene Reste verschwunden sind, und wenn Einer von uns mit Tode abgeht, werden wir dann auch noch zu widerstehen vermögen? …

Der Hochbootsmann, Daoulas und die Anderen haben nun auch wieder Hunger bekommen und sehen uns mit verwirrten Blicken an. Betrachten sie uns als sichere Beute?

In der That, wovon wir am meisten leiden, das ist nicht der Hunger, sondern der Durst. Gewiß, hätten wir zwischen einigen Tropfen Wasser und einem Stück Zwieback zu wählen, wir würden nicht im Zweifel sein. Von Schiffbrüchigen in denselben Verhältnissen wie wir ist das wiederholt ausgesprochen worden und verhält sich auch wirklich so. Man leidet vom Durst noch empfindlicher, als vom Hunger, und stirbt an jenem schneller.

Und, o abscheulicher Spott, rings um sich hat man das Wasser des Meeres, das dem Trinkwasser ja so ähnlich sieht! Wiederholt habe ich versucht, einige Tropfen davon zu genießen, aber es erzeugt mir einen unüberwindlichen Ekel und nur noch heftigeren Durst.

O, das ist zu viel! Seit zweiundvierzig Tagen haben wir nun das Schiff verlassen! Wer von uns kann sich noch einer Illusion für die Zukunft hingeben? Sind wir nicht verdammt Einer nach dem Andern langsam hinzusterben, und das durch eine der schrecklichsten Todesarten?

Ich fühle, wie sich mein Gehirn allmälig umnebelt. Wie ein Wahnsinn erfaßt es mich, und ich habe Mühe, mich bei Verstand zu erhalten. Dieser Zustand erschreckt mich! Wohin wird er mich noch führen? Werde ich stark genug sein, meine Vernunft zu bewahren? …

Ich bin wieder zu mir gekommen, nach wie viel Stunden, vermag ich nicht zu sagen. Meine Stirn fand ich mit Compressen bedeckt, die Miß Herbey sorgfältig mit Seewasser tränkte, doch ich fühle, daß ich nur noch kurze Zeit zu leben habe.

Heute, am 22., spielt eine entsetzliche Scene. Der Neger Jynxtrop, der plötzlich toll geworden ist, läuft heulend auf dem Floß umher. Robert Kurtis versucht ihn aufzuhalten, doch vergeblich. Er wirft sich auf uns, um uns zu zerfleischen, so daß wir Mühe haben, uns gegen die Angriffe dieses wilden Thieres zu wehren. Jynxtrop hat einen Hebebaum ergriffen, und wir können seinen Schlägen nur schwer ausweichen.

Plötzlich wendet er sich, als flackere der Wahnsinn auf’s Neue auf, gegen sich selbst und zerreißt sich mit den eigenen Zähnen, zerkratzt sich mit den Nägeln und spritzt uns sein Blut in’s Gesicht mit dem Rufe:

»Da trinkt! Trinkt doch!«

Dann stürzt er sich über die Brüstung, und ich höre seinen Körper in’s Meer fallen.

Der Hoochbotsmann, Falsten und Daoulas eilen nach vorn, um den Körper womöglich zu erhaschen, aber sie sehen nur noch einen blutigen Kreis, in dessen Mitte sich die Haifische herumtreiben.

L.


L.

Am 22. und 23. Januar. – Nur elf sind wir noch an Bord, und mir erscheint es unmöglich, daß nicht jeden Tag ein neues Opfer hinzu käme. Das Ende des Dramas, es sei wie es will, kommt nun heran. Vor Ablauf einer Woche müssen wir entweder an’s Land gestoßen oder von einem begegnenden Schiffe aufgenommen worden sein, oder aber der letzte Ueberlebende des Chancellor hat aufgehört, zu athmen.

Am 23. hat sich das Aussehen des Himmels auffallend verändert und die Brise ist merklich stärker geworden. Der Wind ging im Laufe der Nacht nach Nordosten. Das Segel des Flosses hat sich wieder aufgebläht, und ein langes Kielwasser beweist uns, daß wir nicht unerheblich vorwärts treiben. Der Kapitän schätzt unsere Bewegung auf drei Meilen in der Stunde.

Robert Kurtis und der Ingenieur Falsten befinden sich offenbar noch am besten unter uns, und obwohl auch sie im höchsten Grade abgemagert erscheinen, so ertragen sie doch alle Entbehrungen mit erstaunlicher Ausdauer. Wie sehr die arme Miß Herbey angegriffen ist, vermag ich gar nicht zu schildern. Sie ist nur noch ein Geist, aber ein wachsamer Geist, der ganz und gar in ihren Augen zu wohnen scheint, welche ganz außerordentlich leuchten. Sie lebt mehr im Himmel, als auf der Erde!

Auch der Hochbootsmann, der sonst eine so große Energie zeigte, ist doch jetzt vollkommen erschlafft. Man erkennt ihn nicht mehr. Sein Kopf sinkt ihm auf die Brust, seine langen, knochigen Arme hängen schlotternd herab, und spitzig treten die Knieschneiben unter seinen abgenutzten Beinkleidern hervor, – so sitzt er unbeweglich in einem Winkel des Flosses und erhebt kaum seine Augen. Wie unähnlich ist er der Miß Herbey, er, der nur in und mit dem Körper lebt, und dessen Bewegungslosigkeit eine so vollkommene ist, daß ich manchmal auf den Gedanken komme, er sei schon gestorben.

Kein Wort, keinen Seufzer mehr hört man auf dem Flosse. Rings herrscht Grabesruhe. Nicht zehn Sylben werden den Tag über gewechselt, und die wenigen Worte, die unsere vertrockneten und verhärteten Lippen hätten aussprechen können, wären nicht einmal zu verstehen gewesen. Das Floß trägt nur noch blasse, blutlose Gespenster, die nichts Menschliches mehr an sich haben!

VI.


VI.

Vom 8. bis 13. Oktober. – Der Wind weht mit einer gewissen Heftigkeit aus Nordosten, und der Chancellor hat mit gerefften Marssegeln und den Focksegeln beilegen müssen.

Die See geht hoch, und das Schiff arbeitet schwer. Die Zwischenwände der Cabinen seufzen mit einem nervenerschütternden Geräusche. Die Passagiere halten sich in der Hauptsache unter dem Deck auf.

Ich allein ziehe es vor, auf dem Verdeck zu bleiben. Aus der »frischen Brise« ist die Bewegung der Luftschichten in die der »scharfen Windstöße« übergegangen. Die Bramstangen sind herabgelassen. Der Wind legt jetzt in der Stunde fünfzig bis sechzig Meilen (d. h. gegen dreißig Meter in der Secunde) zurück. Seit zwei Tagen fahren wir so dicht als möglich am Winde. Trotz der guten Eigenschaften des Chancellor weicht das Schiff merklich ab und treiben wir mehr nach Süden. Der durch Wolken verdunkelte Himmel gestattet keine Aufnahme der Sonnenhöhe, und da man die Lage des Schiffes demnach nicht zu bestimmen vermag, so muß man sich mit einer Schätzung derselben begnügen.

Meinen Reisegefährten, gegen die sich der zweite Officier nicht ausgesprochen hat, ist es völlig unbekannt, daß wir einen ganz unerklärlichen Weg verfolgen. England liegt im Nordosten und wir segeln nach Südosten!

Robert Kurtis vermag sich die Hartnäckigkeit des Kapitäns nicht zu deuten, der doch mindestens versuchen sollte, nordwestlich zu steuern, um günstige Strömungen zu erreichen! Seitdem der Wind nach Nordosten gegangen ist, treibt der Chancellor mehr und mehr nach Süden.

Heute, als ich mich mit Robert Kurtis allein auf dem Oberdeck befand, sprach ich ihn darum an.

»Ist Ihr Kapitän von Sinnen? fragte ich.

– Das möchte ich Sie fragen, Herr Kazallon, antwortete mir Robert Kurtis, da Sie ihn aufmerksam beobachtet haben.

– Ich weiß nicht recht, was ich Ihnen darauf antworten soll, Herr Kurtis, doch gestehe ich, daß seine ganz eigenthümliche Physiognomie, seine verstörten Augen … fahren Sie zum ersten Male mit ihm?

– Ja, er war mir früher unbekannt.

– Und Sie haben ihm Ihre Bemerkungen über den von uns eingeschlagenen Weg nicht vorenthalten?

– Gewiß nicht, doch er entgegnete mir, daß das der richtige sei.

– Herr Kurtis, fuhr ich fort, was denken aber Lieutenant Walter und der Hochbootsmann darüber?

– Sie denken wie ich.

– Und wenn Kapitän Huntly das Schiff nach China führte?

– So würden sie gehorchen wie ich.

– Der Gehorsam hat aber seine Grenzen?

– Nein, so lange die Führung des Kapitäns das Schiff nicht in Gefahr bringt.

– Wenn er aber geisteskrank wäre?

– Ja, wenn er das ist, Herr Kazallon, dann werde ich sehen, was zu thun ist!«

An solche Verhältnisse hatte ich freilich nicht gedacht, als ich mich auf dem Chancellor einschiffte.

Inzwischen ist das Wetter immer schlechter geworden; über den Atlantischen Ocean braust ein vollkommener Sturm. Das Schiff war gezwungen, mit dem großen Bramsegel und dem kleinen Focksegel beizulegen, d. h. es bietet dem Winde seine Breitseite. Trotzdem weicht es mehr und mehr ab, und immer weiter gelangen wir nach Süden.

Darüber kann kein Zweifel mehr sein, nachdem der Chancellor in der Nacht vom 11. zum 12. in die große Sargasso-See gelangt ist.

Diese Sargasso-See, welche der warme Golfstrom angehäuft hat, ist eine weite Wasserstrecke, bedeckt mit Varecpflanzen, welche die Spanier »Sargasso« nennen, und über welche die Schiffe des Columbus bei ihrer ersten Fahrt über den Ocean nur sehr schwer hinwegkamen.

Bei anbrechendem Tage bietet uns das Meer einen ganz eigenthümlichen Anblick, der auch die Herren Letourneur veranlaßt, trotz des brausenden Windes, der auf den metallenen Strickleitern spielt, als wären es Harfensaiten, auf Deck zu kommen. Unsere Kleider sind fest und eng an den Körper gebunden, und würden zerrissen werden, wenn sie der Wind irgendwo erfassen könnte. Das Schiff schwankt auf diesem durch die fruchtbaren Fucus-Familien verdeckten Wasser, einer weiten Fläche von niederen Gewächsen, durch welche sich der Kiel wie eine Pflugschaar hindurch arbeitet, furchtbar hin und her. Manchmal treibt der Wind lange Faserschlingen hoch empor, die sich um die Takelage wickeln und gleich grünen Guirlanden von einem Maste zum anderen hängen. Einige dieser oft mehrere hundert Fuß langen Algen umschlingen die Maste bis zu den Spitzen. Mehrere Stunden lang hat man gegen diesen wahrhaften Sturmangriff der Varecs anzukämpfen, und nachmals muß der Chancellor mit seinem von Hydrophyten und sonderbaren Lianen bedeckten Strickwerk mehr einem wandelnden Bosquet in einer ungeheuren Wiese ähnlich gesehen haben.

LI.


LI.

Am 24. Januar. – Wo sind wir? Nach welchem Theile Amerikas zu wurden wir verschlagen? Zweimal habe ich Robert Kurtis darüber gefragt, doch vermochte er mir keine bestimmte Antwort darauf zu geben. Da er jedoch die Richtung der Strömungen und der Winde immer aufgezeichnet hat, so glaubt er, daß wir im Ganzen weiter nach Westen, also nach dem Lande zu, getrieben seien.

Heute zeigt die Luft gar keine Bewegung, und dennoch verräth die hohlgehende See, daß im Osten das Wasser aufgeregt worden ist. Jedenfalls wird ein Sturm über jene Theile des Atlantischen Oceans hinweg gebraust sein. Das Floß arbeitet schwer, und Robert Kurtis, Falsten und der Zimmermann setzen ihre letzten Kräfte daran, seine Theile, die sich zu lockern drohen, sicherer zu befestigen.

Warum bemühen sie sich noch damit? Möchten diese Planken doch endlich auseinander weichen und der Ocean uns verschlingen! Es ist zu viel, ihm unser elendes Leben noch abringen zu wollen.

In Wahrheit haben unsere Qualen den höchsten Grad erreicht, den Menschen wohl zu ertragen vermögen, und unmöglich können sie noch über diesen hinausgehen! Die Hitze ist ganz unausstehlich, der Himmel gießt geschmolzenes Blei über uns aus. Der Schweiß läuft durch unsere Lumpen, und diese Transpiration erhöht noch unseren Durst. Nein, ich kann es nicht wiedergeben, was ich empfinde. Die Worte gehen aus, wenn es gilt, übermenschliche Qualen zu schildern.

Die einzige Möglichkeit, durch welche wir uns früher einige Erquickung zu verschaffen vermochten, ist uns jetzt ebenfalls abgeschnitten. Niemand kann mehr daran denken, sich zu baden, denn seit Jynxtrop’s Tode umringen uns die Haifische in ganzen Schaaren.

Heute habe ich versucht, mir etwas trinkbares Wasser zu verschaffen, indem ich Meerwasser verdunstete. Doch trotz der größten Geduld gelang es mir kaum, ein Stück Leinenzeug anzufeuchten. Außerdem widerstand der sehr abgenutzte Siedekessel dem Feuer nicht mehr, schmolz zusammen, und ich war genöthigt, die Operation einzustellen.

Der Ingenieur Falsten ist jetzt ebenfalls ganz gebrochen und wird uns höchstens um einige Tage überleben. Wenn ich die Augen einmal aufschlage, sehe ich ihn kaum mehr. Liegt er irgendwo unter Segeln, oder ist er todt? Nur der energische Kapitän Kurtis steht auf dem Vordertheile und lugt in’s Weite. Wenn man sich vorstellt, daß dieser Mann … noch Hoffnung hat!

Ich selbst strecke mich auf dem Boden aus und erwarte den Tod. Je eher er kommt, desto willkommener soll er mir sein!

Wie viele Stunden mir in dieser Weise verflossen sind … ich weiß es nicht, doch ich höre ein gellendes Gelächter, einer von uns muß wahnsinnig geworden sein!

Das Lachen verdoppelt sich. Ich erhebe den Kopf gar nicht. Wozu auch? Einige unzusammenhängende Worte erreichen dennoch mein Ohr.

»Eine Wiese! Eine Wiese! Grüne Bäume! Eine Schenke unter den Bäumen! Schnell, schnell! Branntwein her! Gin! Wasser! Eine Guinee für den Tropfen! Ich bezahl‘ es! Ich habe Gold, viel Gold!«

Armer Verblendeter! Für alle Reichthümer Alt-Englands könntest Du jetzt keinen Tropfen Wasser erkaufen.

Der Matrose Flaypol ist es, der von Delirien erfaßt, ausruft:

»Land! Da ist das Land!«

Dieses Wort hätte bei uns auch Todte erweckt. Ich mache eine schmerzliche Anstrengung und erhebe mich. Kein Land ist sichtbar. Flaypol läuft auf der Plateform umher, er lacht, singt und giebt Zeichen nach der eingebildeten Küste hin! Unleugbar sind die directen Sinnesthätigkeiten des Gehörs, des Gesichts und Geschmacks bei ihm gänzlich erloschen, doch ist er von einer rein cerebralen Erscheinung vollkommen erfüllt. Er spricht auch mit abwesenden Freunden. Er führt sie nach der Schenke in Cardiff, dort bietet er ihnen Gin, Whisky, Wasser an, – Wasser vorzüglich; Wasser, das ihn trunken macht! Da geht er über alle die daliegenden Körper weg, stolpert bei jedem Schritte, fällt hin und erhebt sich wieder, singt mit weinseliger Stimme und hat das Aussehen, als befände er sich im stärksten Grade der Trunkenheit. Unter der Herrschaft seines Wahnsinns leidet er nicht, und sein Durst ist gestillt! O, ich möchte seine Sinnestäuschungen auch haben!

Wird der Unglückliche ebenso enden, wie der Neger Jynxtrop, und sich zuletzt in die Fluthen stürzen?

Daoulas, Falsten und der Hochbootsmann müssen das erwartet haben, denn wenn er sich umbringen sollte, wollen sie es »nicht ohne Vortheil für sich« geschehen lassen! Sie erheben sich, sie folgen ihm, sie belauern ihn, und wenn Flaypol sich in’s Meer stürzte, dieses Mal würden sie ihn den Haifischen aus den Zähnen reißen!

Doch, es sollte so nicht kommen. Im Verlaufe seiner Hallucinationen ist Flaypol im letzten Stadium der Trunkenheit angelangt, so, als ob er sich durch die geistigen Getränke wirklich berauscht hätte, die er freigebig ausbot, und wie eine todte Masse stürzt er in einem Winkel zusammen, um einem bleiernen Schlafe zu verfallen.

LII.


LII.

Am 25. Januar. – Die Nacht vom 24. zum 25. war dunstig, ich weiß nicht aus welchem Grunde eine der schwülsten, und der Nebel wahrhaft erstickend. Man sollte meinen, daß ein Funke hinreichen müßte, die Luft wie einen explosiven Körper zu entzünden und den ganzen Weltraum in Brand zu setzen. Das Floß bewegt sich nicht nur nicht fort, sondern unterliegt sogar überhaupt keinerlei Bewegung, so daß ich mich manchmal frage, ob es denn noch schwimme.

Wahrend dieser Nacht versuchte ich zu zählen, wie viel wir noch sind. Es scheint mir, als ob wir noch elf Personen wären, aber ich habe Mühe, die nöthigen Gedanken zu dieser Zählung zu sammeln. Einmal finde ich zehn, das andere Mal zwölf. Wir müssen wohl unserer elf sein, da der Neger Jynxtrop umgekommen ist. Morgen können es nur noch zehn sein, denn bis dahin bin ich gestorben.

Ich fühle es recht wohl, daß ich mich dem Ende meiner Qualen nähere, denn mein ganzes vergangenes Leben zieht durch meine Erinnerung, und es ist mir vergönnt, mein Vaterland, meine Freunde, meine Familie zum letzten Male im Traume zu sehen!

Gegen Morgen bin ich erwacht, wenn man die krankhafte Betäubung, in der ich lag, noch Schlaf nennen darf. Gott verzeihe mir, doch ich denke nun ernstlich daran, diesem Zustande ein Ende zu machen! Diese Idee setzt sich in meinem Gehirn immer fester, und es gewährt mir eine Art Freude, mir zu sagen, daß meine Leiden ein Ende haben werden, so bald ich es will.

Ich habe Robert Kurtis von meinem Entschlusse in Kenntniß gesetzt und ihm davon mit einer ganz auffallenden Ruhe des Geistes gesprochen. Der Kapitän begnügt sich, mir durch ein zustimmendes Zeichen zu antworten. Dann aber sagt er:

»Was mich betrifft, so werde ich mich nicht selbst tödten, das hieße meinen Posten verlassen, und das darf ich nicht. Wenn der Tod mich nicht vor den Anderen ereilt, so werde ich bis zuletzt auf dem Flosse ausharren!«

Der Nebel dauert fort, wir schwimmen mitten in einer weißgrauen Atmosphäre; man sieht fast die Wasserfläche gar nicht mehr. Wie eine dichte Wolke erhebt sich der Dunst aus dem Ocean, aber man fühlt es recht gut, daß über ihm die Sonne brennt, die in kurzer Zeit all‘ diesen Wasserdampf aufgesaugt haben wird.

Gegen sieben Uhr glaube ich Vogelgeschrei über meinem Kopfe zu vernehmen. Robert Kurtis, welcher aufmerksam lauscht, hört die Töne, welche sich dreimal wiederholen, ebenfalls.

Beim dritten Male nähere ich mich ihm und höre, wie der Kapitän mit dumpfer Stimme murmelt:

»Vögel! … Aber dann … dann müßte ja das Land nahe sein! …«

Robert Kurtis glaubt also überhaupt noch an das Land? Ich nicht mehr! Nein, es giebt keine Continente, keine Inseln mehr, und der ganze Erdball ist wiederum nur jene flüssige Kugel, wie zur Zeit der zweiten Schöpfungsperiode!

Dennoch erwarte ich das Aufsteigen des Nebels mit erklärlicher Spannung, nicht deshalb, weil ich mir schmeichelte, dann vielleicht Land zu erblicken, sondern weil es mich drängt, den absurden Gedanken, den eine unerfüllbare Hoffnung mir vorspiegeln wollte, schnell los zu werden.

Erst gegen elf Uhr beginnt der Dunst sich zu zerstreuen, und während seine dichten Wolken über die Oberfläche des Wassers gleiten, sehe ich an manchen Stellen durch dieselben den Himmel hindurchschimmern. Glänzende Strahlen dringen bis zu uns nieder und treffen uns wie weißglühende, metallene Pfeile. Doch die Condensation der Dünste vollzieht sich in den oberen Schichten, und noch kann ich den Horizont nicht wahrnehmen.

Eine halbe Stunde lang umhüllen diese Nebel das Floß und zertheilen sich bei der absoluten Windstille nur sehr schwierig.

Robert Kurtis, der sich auf die Schanzkleidung der Plateform stützt, sucht diesen dicken Nebelvorhang mit den Augen zu durchdringen.

Endlich glänzt die Sonne mit ihrer vollen Pracht über die Oberfläche des Oceans; der Nebel weicht zurück, ein großer Kreis um uns wird sichtbar und der Horizont erscheint…

Doch, es ist derselbe Horizont, wie seit sechs vollen Wochen… Eine ununterbrochene runde Linie, in der Himmel und Wasser in einander übergehen!

Nachdem Robert Kurtis sich überall umgesehen hat, verharrt er in tiefem Schweigen. Ach, ich bedaure ihn wirklich, denn von uns Allen ist er der Einzige, der nicht das Recht hat, zu endigen, wann es ihm beliebt. Ich, ich werde morgen sterben, und wenn der Tod nicht kommt, mich abzulösen, so werde ich ihm entgegengehen. Was meine Gefährten betrifft so weiß ich gar nicht, ob sie noch am Leben sind, und es scheint mir, als wären viele, viele Tage verflossen, seit ich sie zum letzten Male gesehen habe.

Die Nacht ist gekommen, doch habe ich keinen Augenblick schlafen können. Gegen zwei Uhr quälte mich der Durst so furchtbar, daß ich laut aufschreien mußte. Wie? Vor dem Tode sollte ich nicht noch einmal die Wollust genießen, das Feuer zu löschen, das meine Brust verzehrt?

Und doch! Ich werde mein eigenes Blut trinken, wenn ich das der Anderen nicht habe. Das wird mir zwar nichts nützen, ich weiß es, doch ich werde mein Leiden betrügen!

Kaum ist dieser Gedanke in mir aufgestiegen, so schreite ich auch schon zu seiner Ausführung. Es gelingt mir, mein Messer zu öffnen. Mein Arm ist entblößt, und mit raschem Stoße zerschneide ich eine Vene. Nur tropfenweise quillt das Blut heraus, und so stille ich meinen Durst an der eigenen Quelle alles Lebens! Dieses Blut kehrt ja wieder in mich zurück, und ich besänftige einen Augenblick meine wilden Schmerzen. Dann stockt es ganz; ihm fehlt die Kraft, zu fließen!

Wie lange dauert es doch, bis jenes morgen kommen will!

Wiederum hat sich am Horizont ein dicker Nebel angehäuft, der den Gesichtskreis, dessen Mittelpunkt das Floß einnimmt, beschränkt; aber dieser Nebel ist glühend, wie die Wolken, die aus einem Schmelzofen ausströmen.

Das ist heute der letzte Tag meines Lebens.

Bevor ich sterbe, würde ich glücklich sein, die Hand meines Freundes zu drücken. Robert Kurtis ist da, nicht weit von mir. Ich schleppe mich zu ihm hin und ergreife seine Hand. Er versteht mich, er weiß, daß das ein Abschied ist, doch es hat den Anschein, als wolle er mich durch einen letzten Gedanken an Hoffnung zurückzuhalten suchen! Das ist vergebens.

Ich hätte auch die Herren Letourneur, Miß Hervey gern noch einmal gesehen … Ich wage es nicht! Das junge Mädchen würde meinen Entschluß mir aus den Augen lesen! Sie würde mir von Gott sprechen, und von dem anderen Leben, das man ergeben erwarten solle! Erwarten! Gott sei mir gnädig, aber ich habe den Muth dazu nicht mehr.

Ich krieche auf dem Flosse hin, und mit der letzten Kraftanstrengung gelingt es mir, mich am Maste aufzurichten. Zum letzten Male lasse ich meine Augen über dieses unerbittliche Meer hinweg schweifen und über den Horizont, der sich nie und nimmer verändert. Wenn mir jetzt ein Land erschiene, oder ein Segel sich über den Wellen erhöbe, so würde ich glauben, der Spielball einer Illusion zu sein … doch das Meer ist öde und verlassen!

Es ist jetzt zehn Uhr Morgens. Der Augenblick, meinen Qualen ein Ende zu machen, ist gekommen. Das Zerren des Hungers und das Stacheln des Durstes zerreißt mich mit erneuter Heftigkeit und der Trieb der Selbsterhaltung erlischt in mir. In einem Augenblicke habe ich aufgehört zu leiden! Gott erbarme sich meiner!

In diesem Moment erhebt sich eine Stimme, ich erkenne die des Zimmermanns.

Daoulas steht neben Robert Kurtis.

»Kapitän, sagt er, wir wollen nun loosen.«

Im Begriffe mich in’s Wasser zu stürzen, halte ich doch ein. Warum? Ich weiß es selbst nicht, doch ich schleppe mich nach dem Hintertheile des Flosses zurück.

XLIV.


XLIV.

Am 15. Januar. – Nach diesem letzten Schlage, der uns getroffen, haben wir nichts mehr vor uns, als den Tod. Ob er schneller oder langsamer herankommen mag, er kommt doch gewiß.

Heute sind im Westen einige Wolken aufgestiegen, wobei sich dann und wann ein kurzer Windstoß fühlbar machte. Auch die Temperatur ist erträglicher, und trotz unserer äußersten Erschlaffung empfinden wir diese wohlthuende Aenderung. Meine Kehle saugt eine minder trockene Luft ein, aber seit dem Fischzug des Hochbootsmannes, d. h. seit sieben Tagen, haben wir nichts gegessen. Auf dem Flosse ist nichts mehr vorhanden, und gestern habe ich André Letourneur das letzte von seinem Vater ersparte Stück Schiffszwieback zugestellt, welches Jener mir unter Thränen übergab.

Seit gestern hat sich auch der Neger Jynxtrop seiner Fesseln zu entledigen gewußt, doch hat ihn Robert Kurtis deshalb nicht von Neuem binden lassen. Wozu auch? Dieser Elende und alle seine Mitschuldigen sind durch das lange Fasten ganz von Kräften gekommen. Was wären sie jetzt noch zu unternehmen im Stande?

Heute zeigen sich mehrere große Haifische, deren schwarze Flossen wir das Wasser mit großer Schnelligkeit durchschneiden sehen. Ich kann mich des Gedankens nicht entschlagen, daß sie die lebendigen Särge darstellen, die unsere erbärmlichen Ueberreste aufzunehmen bestimmt sind. Sie erschrecken mich keineswegs, nein, sie haben etwas Anheimelndes. Sie kommen bis dicht an den Rand des Flosses heran, und Flaypol’s Arm, der über denselben hinaushing, wäre beinahe von einem jener Ungeheuer weggeschnappt werden.

Der Hochbootsmann betrachtet mit starren, hohlen Augen und zusammengebissenen, hinter den erhobenen Lippen herausleuchtenden Zähnen diese Haifische unter einem wesentlich anderen Gesichtspunkte als ich. Er will sie verzehren, doch nicht von ihnen verzehrt werden. Wenn er einen derselben zu fangen im Stande wäre, er würde sich nicht vor seinem zähen Fleische scheuen. Wir Anderen auch nicht.

Der Bootsmann will den Versuch machen; da er aber keinen geeigneten Haken besitzt, an den ein Seil zu befestigen wäre, so muß er einen solchen herzustellen suchen. Robert Kurtis und Daoulas haben ihn verstanden und halten Rath, während sie durch Auswerfen von Holzstücken und Seilenden bemüht sind, die Quermäuler in der Nähe des Flosses aufzuhalten.

Daoulas holt sein Zimmermannsbeil, das er als Angel zu benutzen gedenkt und dessen scharfe Schneide oder die derselben entgegengesetzte Spitze sich wohl in der Kinnlade eines Haies festsetzen könnten, wenn ein solcher darauf anbeißt. Der hölzerne Stiel des Beiles wird also an ein Greling (d. i. die kleinste Art Kabeltaue) befestigt und dieses an einen Tragbalken der Plattform gebunden.

Diese Vorbereitungen reizen unser Verlangen auf’s Aeußerste, und zitternd vor Ungeduld suchen wir die Aufmerksamkeit der Haie auf jede mögliche Weise rege zu erhalten, um sie nicht wegschwimmen zu lassen.

Der Haken ist bereitet, aber wieder fehlt es an einem Köder für denselben, und der Hochbootsmann, der vor sich hinmurmelnd da- und dorthin läuft und das ganze Floß durchsucht, hat das Aussehen, als forsche er nach einem Leichnam unter uns!…

Man muß endlich nochmals zu der schon früher versuchten Aushilfe greifen, das Eisen des Beiles mit einem Stücke rothen Stoffes zu umwickeln, den wiederum Miß Herbey’s Shawltuch liefert.

Der Hochbootsmann will aber nichts ohne die sorgsamsten Vorsichtsmaßregeln für ein glückliches Gelingen unternehmen. Ist der Haken wohl haltbar genug befestigt? Wird die Leine, welche diese Angel mit dem Flosse verbindet, nicht reißen? Wird der Tragbaum das Zerren eines gefangenen Haies aushalten? Der Hochbootsmann unterrichtet sich erst über alle diese jetzt sehr wichtigen Punkte und läßt erst dann sein Angelgeräth in das Wasser gleiten.

Das Meer ist so klar und durchsichtig, daß man in einer Tiefe von hundert Fuß noch jeden Gegenstand zu unterscheiden vermag. Ich folge dem hinabsinkenden Haifischhaken, dessen rothe Umhüllung sich leuchtend von dem Wasser abhebt, bequem mit den Augen.

Passagiere und Matrosen, Alle lehnen wir über die Schanzkleidung geneigt und beobachten das tiefste Stillschweigen. Es scheint aber, als ob die Haifische, seitdem ihnen dieser sonderbare Köder zugeworfen wurde, nach und nach verschwänden. Doch können sie unmöglich weit entfernt sein und würden gewiß jede ihnen erreichbare Beute schnell verschlingen.

Plötzlich giebt der Hochbootsmann mit der Hand ein Zeichen und weist auf eine ungeheure Masse, welche nach dem Flosse zu gleitet und fast die Oberfläche des Wassers streift. Es ist ein wohl zwölf Fuß langer Haifisch, der die Tiefe verlassen hat und in gerader Linie auf uns zu schwimmt.

Sobald das Thier nur noch vier Faden vom Flosse entfernt ist, zieht der Hochbootsmann vorsichtig seine Leine an, um den Haken jenem zu Gesicht zu bringen, und theilt dem rothen Packen eine leichte Bewegung mit, die ihm das Aussehen eines lebenden Körpers verleiht.

Ich fühle das heftige Klopfen meines Herzens, als wohne meine ganze Lebenskraft nur in diesem Organe!

Indessen nähert sich der Hai; seine gierigen, großen Augen leuchten fast auf der Oberfläche des Meeres und seine halbgeöffneten Kiefern zeigen die furchtbare Reihe seiner spitzen Zähne.

Da erhebt sich ein Schrei! … Der Haifisch hält an und verschwindet in der Tiefe des Wassers.

Wer von uns hat diesen Schrei, wenn auch unwillkürlich, ausgestoßen?

Sofort erhebt sich der Hochbootsmann bleich vor Zorn.

»Den Ersten, welcher ein Wort spricht, schlage ich nieder«, sagt er.

Dann geht er wieder an seine Arbeit.

Alles in Allem hat er wohl recht, der Hochbootsmann.

Der Haifischhaken wird wieder hinabgelassen, doch während einer halben Stunde erscheint kein solcher Seeräuber wieder, so daß man den Apparat bis auf zwanzig Faden Tiefe hinabgehen läßt. Doch kommt es mir vor, als wenn die tieferen Wasserschichten etwas getrübt wären, woraus man wohl auf die Anwesenheit jener Quermäuler schließen könnte.

Wirklich bemerkt man an der Leine plötzlich ein so heftiges Rucken, daß dieselbe den Händen des Hochbootsmannes entgleitet; da sie aber an den einen Tragbalken des Flosses sicher befestigt ist, hat sie deshalb nicht verloren gehen können.

Ein Haifisch hat angebissen und sich gleichsam selbst harpunirt.

»Zu Hilfe, Jungens, zu Hilfe!« ruft der Seemann.

Sofort ergreifen Alle, Passagiere und Matrosen, die Angelleine. Die Hoffnung leiht uns neue Kräfte, doch kaum wollen diese hinreichen, denn das Thier wehrt sich furchtbar. Wir ziehen ganz gleichzeitig an, und nach und nach kommen die oberen Wasserschichten von dem heftigen Peitschen des Schwanzes und der großen Brustflossen des Ungeheuers in Aufruhr. Ich beuge mich hinaus und sehe den enormen Körper, der sich inmitten blutig gefärbter Wellen windet.

»Tapfer! Fest daran!« ruft der Hochbootsmann.

Endlich taucht der Kopf des Thieres auf. Unser Haken ist ihm durch den geöffneten Rachen bis in den Schlund eingedrungen und hat sich dort so festgesetzt, daß ihn keine Zuckung und kein Stoß wieder heraus zu reißen vermag. Daoulas ergreift schon eine Axt, um das Thier, wenn es nahe genug heran sein wird, zu erschlagen.

Da läßt sich ein kurzes, eigenthümliches Geräusch vernehmen. Der Haifisch hat seine mächtigen Kiefern geschlossen, den langen Stiel des Beiles glatt durchgebissen, und schnell entweicht er in die grünliche Tiefe. Ein allgemeiner Aufschrei der schmerzlichen Enttäuschung entringt sich uns!

Der Hochbootsmann, Robert Kurtis und Daoulas versuchen auch noch ferner, trotzdem sie nun keinen Haken und kein irgend brauchbares Ersatzmittel dafür mehr haben, einen jener Haie zu fangen. Sie werfen Taue mit Schlingen in’s Wasser, doch diese Lassos gleiten auf der schlüpfrigen Haut jener Quermäuler ab. Der Hochbootsmann geht sogar so weit, sie dadurch heranzulocken, daß er ein Bein hinter dem Flosse in’s Wasser hält, selbst auf die Gefahr hin, durch den Biß eines der Ungeheuer amputirt zu werden. …

Endlich giebt man diese fruchtlosen Versuche auf, und Jeder schleppt sich auf seinen gewohnten Platz zurück, in Erwartung des Todes, den jetzt nichts mehr abzuwenden im Stande ist.

Ich bin aber Robert Kurtis gerade nahe genug, um es zu verstehen, wie der Hochbootsmann Jenen leise fragt:

»Kapitän, wann loosen wir?«

Robert Kurtis hat zwar nicht geantwortet, aber diese Frage ist nun doch schon gestellt worden.

XLV.


XLV.

Am 16. Januar. – Wir liegen Alle auf den Segeln ausgestreckt, und die Mannschaft eines vorübersegelnden Schiffes würde eine mit Todten bedeckte Seetrift zu sehen meinen.

Ich leide furchtbar. Könnte ich bei dem jetzigen Zustande meiner Lippen, meiner Zunge, meiner Kehle überhaupt noch essen? Ich glaube es nicht, und doch werfen wir Alle, meine Gefährten und ich mit, einander wilde Blicke zu.

Die Hitze ist heute bei gewitterdrohendem Himmel noch stärker. Dicke Dünste wälzen sich empor, aber ich will glauben, daß es vielleicht überall regnen kann, nur über dem Flosse nicht.

Dennoch sieht Jeder mit begehrlichem Blicke diese Ansammlung von Wolken, und unsere Lippen lechzen nach ihnen. Auf den Knieen liegend erhebt Mr. Letourneur stehend die Hände nach dem unerbittlichen Himmel!

Ich lausche, ob irgend ein fernes Rollen ein Gewitter verkündigt. Es ist elf Uhr Morgens; die Dunstmassen verdecken jetzt die Sonne vollkommen, doch schon haben diese ihren elektrischen Charakter merklich eingebüßt. Offenbar wird sich kein Gewitter entladen, denn das ganze Gewölk hat eine gleichmäßige Färbung angenommen und seine am Morgen so scharfen Ränder sind in einer verbreiteten grauen Dunstmasse verschwunden und verschwommen, die jetzt nur noch einem in der Höhe schwebenden Nebel gleich zu achten ist.

Doch kann denn dieser Nebel keinen Regen gebären, und wäre es noch so wenig, wären es nur einige erquickende Tropfen!

»Da, der Regen, der Regen!« rief plötzlich Daoulas.

Und wirklich, in der Entfernung einer halben Meile hat der Himmel jene schrägen Striche, welche man beim Regen beobachtet, und ich sehe die Tropfen von der Wasserfläche wieder in die Höhe springen. Der Wind, der sich etwas mehr erhebt, treibt sie zu uns. Möchte dieselbe Wolke sich doch nicht vorher erschöpfen, bevor sie über uns weggegangen ist!

Gott hat endlich einmal Mitleid mit uns; in großen Tropfen fällt der Regen, so wie aus einer Gewitterwolke. Doch ein solcher Platzregen ist niemals von Dauer, und wir müssen, so schnell es angeht, möglichst viel davon aufzufangen suchen, denn schon färbt ein hellerer Lichtschein den unteren Rand der Wolke über dem Horizonte.

Robert Kurtis hat die halbzerbrochene Tonne so aufstellen lassen, daß sie möglichst viel Wasser aufnehmen kann, und ringsum spannt man die Segel in der Art auf, daß sie die größten Oberflächen bieten.

Wir liegen auf dem Rücken mit offenem Munde. Das Wasser benetzt mein Gesicht, meine Lippen, und ich fühle, daß es in meine Kehle dringt! O, unaussprechliche Freude! Das ist neues Leben, das in mich einzieht! Die Schleimhäute meiner Kehle werden bei dieser Benetzung wieder schlüpfrig, und ich athme die belebende Flüssigkeit fast noch mehr ein, als ich sie trinke.

Zwanzig Minuten lang hat der Regen angedauert, dann löst sich die halberschöpfte Wolke in der Atmosphäre auf.

Wir haben uns gebessert wieder erhoben, ja, »gebessert«. Man drückt sich die Hände, man spricht wieder! Es scheint, als ob wir gerettet wären!

Gott wird uns in seiner Barmherzigkeit noch andere Wolken senden, die uns noch mehr Wasser bringen werden, Wasser, das wir so lange entbehrt haben!

Und auch das Wasser, welches nur auf das Floß gefallen ist, wird ja nicht verdorben sein, denn die Tonne und die Leinwand haben es aufgefangen.

Aber es muß sorgsam aufbewahrt und darf nur tropfenweise vertheilt werden.

In der That, die Tonne enthält jetzt zwei bis drei Pinten Wasser, und wenn wir das noch ausdrücken, was die Segel eingesogen haben, so vermögen wir unsern Vorrath noch bis zu einer gewissen Grenze zu vermehren.

Die Matrosen wollen eben zu jener Operation schreiten, als Robert Kurtis sie durch einen Wink daran hindert.

»Einen Augenblick! ruft er. Wird dieses Wasser auch trinkbar sein?«

Ich sehe ihn staunend an. Warum soll dieses Wasser, das doch nur vom Regen herstammt, nicht trinkbar sein?

Indessen drückt der Kapitän ein wenig von dem aufgesaugten Wasser einer Segelfalte in die Weißblechtasse, kostet dasselbe, und zu meiner größten Verwunderung wirft er diese von sich.

Ich koste nun auch selbst. Das Wasser ist fast noch salzhaltiger, als das Meerwasser selbst!

Es rührt das daher, daß die so lange Zeit dem Einflusse der Wellen ausgesetzten Segel sich mit Salz imprägnirt und dem aufgefangenen Wasser einen sehr hohen Gehalt davon mitgetheilt haben. Das ist freilich ein nicht wieder gut zu machendes Unglück! Doch, sei es! Wir haben ja wieder Vertrauen, und in dem Fasse sind noch einige Pinten Wasser übrig! Dazu ist ja einmal Regen gekommen, – er wird auch wiederkehren!

XLVI.


XLVI.

Am 17. Januar. – Wenn unser Durst für einen Augenblick gestillt wurde, so erwachte als ganz natürliche Folge davon unser Hunger desto wüthender. Giebt es denn kein Mittel, sich ohne Haken oder Köder eines dieser Haifische zu bemächtigen, welche sich rings um das Floß tummeln? Nein, man müßte sich denn selbst in’s Meer stürzen, um mit dem Messer eines dieser Ungeheuer in seinem eigenen Elemente anzugreifen, so wie es die Indianer der Perlenfischereien thun. Robert Kurtis hat daran gedacht, dieses Abenteuer zu bestehen. Wir halten ihn zurück. Die Haifische sind zu zahlreich, und es hieße sich ohne irgend einen Nutzen nur einem gewissen Tode weihen.

Ich mache die Bemerkung, daß, wenn der Durst hinweggetäuscht werden kann, etwa durch Eintauchen in’s Wasser oder durch Kauen irgend eines Gegenstandes, es sich mit dem Hunger nicht ebenso verhält, und daß Nichts im Stande ist, die eigentlichen Nahrungsmittel zu ersetzen. Außerdem kann das Wasser Schiffbrüchigen stets durch ein natürliches Ereigniß bescheert werden, z. B. durch den Regen. Wenn man also niemals zu verzweifeln braucht, vor Durst zu sterben, so kann man doch viel leichter durch Hunger wirklich umkommen.

Wir sind nun schon an diesem Punkte angelangt, und einige meiner Gefährten sehen sich gegenseitig mit wahrhaft gierigen Augen an. Man vergegenwärtige sich, auf welchem Abhange unsere Gedanken weiter gleiten und bis zu welchem Grade der Wildheit die durch ein einziges Verlangen gereizten Unglücklichen herabkommen können!

Seitdem die Gewitterwolken, welche uns einen halbstündigen Regen bescheert, vorüber sind, ist auch der Himmel wieder klar geworden. Einen Augenblick frischte der Wind auf, aber jetzt hat er sich wieder ganz gelegt, und das Segel schlottert am Maste. Uebrigens sehnen wir ihn uns gar nicht mehr als bewegende Kraft herbei. Wo befindet sich das Floß? Nach welchem Punkte des Atlantischen Oceans haben die Strömungen es wohl getrieben? Niemand vermag es zu sagen, noch zu bestimmen, ob wir den Wind jetzt lieber aus Osten, oder aus Norden oder Süden wehen sähen! Wir verlangen nur eines von ihm, daß er unsere Brust erfrische, daß er der trockenen Luft, die uns verzehrt, ein wenig Wasserdunst beimische, daß er die unausstehliche Hitze mäßige, welche die feurige Sonne vom Zenith herabgießt.

Der Abend ist gekommen, und bis Mitternacht, d. h. bis zu der Stunde, da der Mond aufgeht, der in sein letztes Viertel tritt, wird es dunkel sein. Die etwas verschleierten Sternbilder flimmern nicht mit dem hellen Lichte der kalten Nächte.

Eine Beute eines wahrhaften Deliriums und unter der Qual des fürchterlichsten Hungers, der sich immer mit Anbruch des Tages zu verdoppeln scheint, strecke ich mich auf einen Haufen Segel, die am Steuerbord liegen, und neige mich über das Wasser, um seine Frische einzuathmen.

Wie viele meiner Gefährten, welche an ihrem gewohnten Platz liegen, mögen wohl im Schlummer ein Vergessen ihrer Leiden finden? Vielleicht Keiner! Was mich betrifft, so ist mir der Kopf wüst und leer und von ängstlichem Alpdrücken belästigt.

Inzwischen bin ich einer krankhaften Betäubung, die weder Wachen noch Schlaf zu nennen ist, verfallen, und es ist mir unmöglich, anzugeben, wie lange ich mich in diesem Zustande der Prostration befunden hatte, als ich plötzlich durch ein eigenthümliches Geräusch wieder zu mir kam.

Ich glaubte zu träumen, denn meine Nase traf ein an Bord ganz unbekannter Duft, den der Wind mir dann und wann zuwehte. Meine Nasenlöcher erweiterten sich … »Was bedeutet dieser Geruch!« bin ich schon versucht auszurufen … eine Art Instinct hält mich davon zurück, und ich suche, so wie man in seinem Gedächtnisse einem vergessenen Worte oder Namen nachzuspüren pflegt.

Einige Augenblicke vergehen so. Die Intensität jener Ausdünstung, welche stärker zu werden scheint, läßt mich sie gieriger aufsaugen.

»Das ist ja aber, sage ich mir plötzlich, wie ein Mensch, der sich besonnen hat, das ist ja der Geruch von geräuchertem Fleische.«

Noch einmal suche ich mich zu versichern, daß meine Sinne mich nicht getauscht haben, und doch, auf diesem Flosse …

Ich erhebe mich auf die Knie, ich rieche von Neuem, ich, man verzeihe mir den Ausdruck – ich durchschnüffle diese Luft ringsum; und noch einmal trifft jener Geruch meine Nase. Also befinde ich mich unter dem Winde von jenem lieblich duftenden Gegenstande, und folglich ist derselbe auf dem Vordertheil des Flosses zu suchen.

So schleiche ich denn, kriechend wie ein Thier, von meinem Platze und stöbere überall, nicht mit den Augen, aber mit der Nase umher, gleite unter den Segelstücken hin, in und durch das Untergestell, immer mit der Vorsicht einer Katze, um die Aufmerksamkeit meiner Gefährten nicht zu erregen.

Einige Minuten lang krieche ich so in alle Winkel, vom Geruche wie ein Spürhund geführt. Bald verliere ich die Spur, entweder wenn ich mich zu weit von derselben entfernte, oder der Wind sich vollkommen legte, und bald trifft mich die Ausdünstung mit erneuter Stärke. Endlich bin ich im Stande, die Spur festzuhalten, ihr zu folgen, und ich fühle es gleichsam, daß ich jetzt auf den Gegenstand meiner Nachforschung gerade zugehe!

Da erreiche ich im Vordertheile die Ecke am Steuerbord und erkenne jetzt deutlich, daß jener Geruch von einem Stück geräuchertem Speck herrührt. Nein, ich täusche mich nicht; es ist mir, als ob alle Nervenpapillen meiner Zunge vor Verlangen sich strotzend erhöben!

Jetzt schlüpfe ich unter einen dicken Haufen Segelwerk. Niemand sieht mich, Niemand hört mich. Ich gleite auf den Knien, auf den Ellenbogen hin. Ich strecke den Arm aus, und meine Hand erfaßt einen in Papier gewickelten Gegenstand. Schnell hole ich ihn hervor und sehe ihn beim Scheine des Mondes, der gerade jetzt über den Horizont emporsteigt, näher an.

Es ist keine Illusion! Ich halte ein Stück Speck in der Hand, kaum ein Viertelpfund, doch das vermag für einen ganzen Tag meine Qualen zu stillen, und schnell führe ich es zum Munde.

Da hält eine andere Hand die meinige zurück. Ich drehe mich um, kaum kann ich mich eines Murrens enthalten, und erkenne den Steward Hobbart.

Jetzt wird mir Alles klar; das eigenthümliche Benehmen Hobbart’s, seine verhältnißmäßig gute Gesundheit, seine erheuchelten Klagen. Bei Gelegenheit des Schiffbruchs hat er einigen Mundvorrath zu bergen gewußt, den er in einem Verstecke unterbrachte, und er hat sich genährt, während wir Anderen vor Hunger sterben wollten! O, der Schurke!

Doch nein! Hobbart hat vielleicht ganz klug gehandelt. Ich finde, daß er ein sehr vorsichtiger Mann ist, und wenn er ohne Wissen der Uebrigen etwas an Nahrungsmitteln aufbewahrt hat, so ist das desto besser für ihn… und für mich.

Hobbart ist aber dieser Meinung nicht. Er ergreift meine Hand und sucht mir das Stück Speck wieder zu entreißen, doch ohne ein Wort zu sprechen, da er die Aufmerksamkeit der Anderen zu erregen fürchtet.

Wir kämpfen schweigend, denn ich habe ja dieselbe Ursache, still zu sein. Ich will natürlich nicht, daß noch Andere dazukommen, mir meine Beute abzujagen, und wehre Hobbart mit allen Kräften ab; da höre ich ihn die Worte zwischen den Zähnen murmeln: »Mein letztes Stückchen! Mein letzter Bissen!«

Sein letzter Bissen! Aber er muß um jeden Preis mein werden, und ich packe meinen Gegner an der Gurgel, der unter meinen Händen nach Luft schnappt und bewegungslos zusammensinkt – die Beute ist mein!

Und während ich Hobbart noch immer nieder halte, zermalme ich den Speck zwischen den Zähnen…

Dann lass‘ ich den Unglücklichen los, krieche wieder fort und nehme meinen Platz am Hintertheile wieder ein.

Niemand hat mich bemerkt. Ich habe einmal gegessen!

XL.


XL.

Am 7. Januar. – >Seit einigen Tagen spült das Meer fast unaufhörlich über die Plattform des Flosses hinweg, und hat nach und nach die Füße einiger Matrosen wund gemacht. Owen, den der Bootsmann seit der Revolte im Vordertheil gefesselt hält, ist in bejammernswerthem Zustande, und seine Bande werden auf unsere Bitten hin gelöst. Auch Sandon und Burke haben durch das ätzende Salzwasser mehr oder weniger gelitten, und sind wir Andern nur deshalb davon verschont geblieben, weil das Hintertheil des Flosses den Wellen weniger ausgesetzt ist.

Heute hat sich der Hochbootsmann in wüthendem Hunger auf das Segelzeug, so wie auf Holzstücke gestürzt, und noch immer höre ich seine Zähne diese Stoffe zermalmen. Der Unglückliche sucht nur seinen Magen zu füllen, um die Schleimhäute desselben wieder einmal auszudehnen. Zuletzt findet er an einem der Maststücke, welche die Plattform tragen, ein Stück Leder. Dieses Leder ist ja eine thierische Materie, deren er sich bemächtigt, sie verzehrt, und mit welcher er sich doch einige Erleichterung zu verschaffen scheint. Alle thun es ihm nach. Ein Hut von gummirtem Leder, die Sturmriemen der Mützen, jede animalische Substanz wird angenagt. Uns treibt ein bestialischer Instinct, dem Niemand zu widerstehen vermag. Einen Augenblick scheint es, als ob wir aller menschlichen Eigenschaften beraubt wären, und niemals werde ich diese Scenen vergessen!

Wenn auch der Hunger nicht eigentlich zu stillen war, so ist doch sein Drängen eine Zeit lang unterdrückt. Einige unter uns konnten diese Art Nahrung freilich nicht einmal vertragen und fingen darauf an, an Uebelkeiten zu leiden.

Man verzeihe mir diese Einzelheiten! Ich mag Nichts verhehlen, was die Schiffbrüchigen des Chancellor zu leiden hatten! Man wird aus diesen Berichten erfahren, welches moralische und physische Elend menschliche Wesen zu ertragen im Stande sind! Das verleihe diesem Tagebuche seinen Werth! Ich werde nichts verschweigen, und leider ahnet mir, daß wir unsere Leiden noch nicht erschöpft haben!

Eine Beobachtung, die ich während der oben erwähnten Scene zu machen Gelegenheit hatte, bestärkt mich in meinem Verdacht gegen den Steward. Trotzdem daß Hobbart sein Jammern nicht unterbrach, ja es wo möglich noch übertrieb, hat er sich bei jener Scene nicht betheiligt. Wenn man ihn hört, sollte man glauben, daß er schon Hungers sterbe, und wenn man ihn sieht, scheint er allein von den allgemeinen Qualen verschont zu sein. Besitzt dieser Heuchler noch einen geheimen Vorrath? Ich habe ihn schon überwacht, aber noch nichts entdecken können.

Die Hitze ist immer bedeutend und sogar unerträglich, wenn die Brise sie nicht mäßigt. Unser Wasservorrath ist gewiß unzureichend, aber der Hunger ertödtet in uns den Durst. Und wenn ich mir nun gar noch sage, daß die Entbehrung des Wassers uns noch mehr foltern wird, als die der festen Nahrung, so kann ich es kaum glauben, oder mir wenigstens nicht augenblicklich vergegenwärtigen. Doch steht diese Thatsache unzweifelhaft fest, und Gott wolle es verhüten, daß wir auch das noch auskosten sollen!

Zum Glück enthält die halb zerbrochene Wassertonne noch immer einige Pinten Wasser, und die andere ist ja noch unversehrt. Trotzdem sich unsere Anzahl vermindert hat, so hat der Kapitän dennoch, entgegen dem Widerspruche von manchen Seiten, die täglichen Rationen auf eine halbe Pinte herabgesetzt. Ich stimme ihm hierin vollständig bei.

Vom Branntwein haben wir nur noch eine Viertel-Gallone übrig, die auf dem Hintertheile des Flosses an sicherer Stelle untergebracht ist.

Heute, am 7., gegen ein halb acht Uhr Abends, hat wieder Einer von uns aufgehört zu leiden. Wir sind nur noch vierzehn! Der Lieutenant Walter hat sein Leben in meinen Armen ausgehaucht, und weder die Sorgfalt Miß Herbey’s, noch die meinige hat ihm nützen können … er hat überstanden!

Wenige Minuten vor seinem Tode hat der Lieutenant Miß Herbey und mir mit einer kaum noch zu verstehenden Stimme seinen Dank ausgesprochen.

»Mr. Kazallon, flüsterte er und ließ einen zerknitterten Brief aus seiner zitternden Hand gleiten, dieser Brief … von meiner Mutter …, ich habe keine Kräfte mehr … der letzte, den ich erhielt … sie schreibt mir: »Ich erwarte Dich, mein Kind, ich will Dich wiedersehen!« Nein, Mutter, Du wirst mich nicht mehr wiedersehen! Mr. … diesen Brief … legen sie ihn dahin, auf meine Lippen, da … dahin, ihn küssend will ich sterben … meine Mutter … mein Gott! …«

Ich habe den Brief aus Lieutenant Walter’s schon erkalteter Hand genommen und ihn auf seine Lippen gelegt. Noch einen Augenblick schien sein Auge aufzuleuchten, und wir hörten ein schwaches Geräusch, wie von einem Kusse!

Er ist todt, der Lieutenant Walter! Gott sei seiner Seele gnädig!