Zwölftes Capitel.


Zwölftes Capitel.

War denn Sergeant Long’s Ausspruch doch nicht etwas zu kühn? Ein Tanz war hier abgehalten worden; durfte man aber von seiner Leichtigkeit allein schließen, daß nur ein Franzose ihn habe ausführen können?

Indessen, Lieutenant Jasper Hobson theilte die Ansicht seines Sergeanten, und alle Uebrigen mit ihm. Alle hielten es für ausgemacht, daß sich an dieser Stelle eine Reisegesellschaft, unter der sich wenigstens ein Landsmann Vestris‘ befand, aufgehalten habe.

Selbstverständlich war das für den Lieutenant keine besonders erfreuliche Entdeckung. Jasper Hobson kam die Befürchtung, daß ihm in den nordwestlichen Gebieten des britischen Amerika schon Concurrenten vorausgeeilt seien, und so geheim sein Vorhaben auch seitens der Compagnie gehalten wurde, so konnte es doch in den Handelsbrennpunkten Canadas oder der Vereinigten Staaten bekannt geworden sein.

Als er dann sein einen Augenblick unterbrochenes Vordringen fortsetzte, erschien der Lieutenant sehr sorgenvoll, der Sachlage nach war aber an eine Rückkehr gar nicht zu denken.

Nach obigem Vorfalle stellte Mrs. Barnett an ihn die Frage:

»Herr Hobson, begegnet man denn noch Franzosen in diesen Gebieten des arktischen Continentes?

– Ja, Madame, erwiderte Jasper Hobson; und wenn auch nicht eigentlich Franzosen, so doch, was fast dasselbe sagen will, Canadiern, welche von den früheren Herren Canadas, aus der Zeit, wo es eine französische Besitzung war, herstammen, und man muß gestehen, daß diese Leute gar nicht zu verachtende Rivalen sind.

– Ich glaubte immer, entgegnete die Reisende, daß die Hudsons-Bai-Compagnie, nachdem die Compagnie des Nordwestens in ihr aufgegangen war, auf dem amerikanischen Festlande ohne Concurrenten sei.

– O, Madame, antwortete Jasper Hobson, wenn neben ihr auch keine bedeutendere Gesellschaft, welche den Pelzhandel betreibt, existirt, so bestehen doch noch kleinere, ganz unabhängige Vereinigungen. Im Allgemeinen sind es amerikanische, welche sich noch französischer Agenten, oder doch der Abkömmlinge dieser, bedienen.

– Diese Agenten scheinen also in hohem Ansehen zu stehen? fragte Mrs. Paulina Barnett.

– Gewiß, Mistreß, und das mit vollem Rechte. Während der vierundneunzig Jahre, welche die Oberherrschaft Frankreichs über Canada dauerte, zeigten sich diese französischen Agenten den unserigen immer überlegen. Man soll immer gerecht sein; selbst gegen Rivalen.

– Vorzüglich gegen Rivalen! verbesserte Mrs. Paulina Barnett.

– Ja wohl … vorzüglich … Jener Zeit drangen die französischen Jäger von Montreal, ihrer Hauptstation, aus kühner als alle Anderen nach Norden vor. Jahre lang lebten sie mitten unter Indianerstämmen und heirateten nicht selten unter diesen. Man nannte sie «Waldläufer» oder «Canada- Reisende», und sie behandelten sich einander Alle als Brüder oder Vettern. Sie waren kühne, geschickte Männer, mit der Flußschifffahrt wohl vertraut, muthig, sorglos, und schickten sich mit der ihrem Stamme eigenen Fügsamkeit in alle Umstände. Dabei waren sie sehr treu und lustig und unter allen Verhältnissen aufgelegt, zu singen und zu tanzen.

– Und Sie argwöhnen, daß die Reisegesellschaft, deren hinterlassene Spuren wir trafen, nur zu dem Zwecke, Pelzthiere zu jagen, so hoch hinauf vorgedrungen ist?

– Etwas Anderes ist gar nicht anzunehmen, Madame, antwortete Lieutenant Hobson, und sicher sind jene Leute auf Kundschaft nach neuen Jagdgründen. Da uns nun kein Mittel zu Gebote steht, sie aufzuhalten, so wollen wir unser Ziel nur desto eher zu erreichen suchen, und dann gegen jede Concurrenz muthig ankämpfen!«

Lieutenant Hobson, der sich des Gedankens einer drohenden Concurrenz nicht erwehren konnte, trieb also sein Detachement zu möglichster Eile an, um schneller über den siebenzigsten Breitengrad hinaus zu gelangen. Vielleicht – er hoffte es mindestens – würden ihm seine Rivalen nicht bis dahin folgen.

Während der nächsten Tage wandte sich die kleine Gesellschaft einige zwanzig Meilen nach Süden, um schneller um die Franklin-Bai herum zu kommen. Das Land bot immerfort ein grünes Aussehen. Die schon beobachteten Säugethiere und Vögel waren ebenfalls in großer Anzahl vorhanden und der ganze Nordwesten aller Wahrscheinlichkeit nach ebenso reich bevölkert.

Das Meer, welches hier die Küste netzte, dehnte sich noch immer endlos vor den Blicken, und fand sich auch auf den neuesten Karten kein nördlich von der Festlandgrenze gelegenes Land verzeichnet. Es bildete einen freien Raum, und nur das Eis hätte also Seefahrern hinderlich sein können, von der Behrings- Straße bis zum Pole vorzudringen.

Am 4. Juli war das Detachement um eine andere tief einspringende Bai, die Washburn-Bai, gekommen, und erreichte die Spitze eines noch wenig bekannten Sees, der aber nur eine kleine Fläche, etwa zwei Quadratmeilen, bedeckte. Er bildete eigentlich nur eine Süßwasser-Lagune, mehr einen großen Teich, als einen See.

Die Schlitten glitten leicht dahin. Der Anblick des Landes reizte hier zur Gründung einer neuen Factorei, und allem Anschein nach mußte ein Fort an der Spitze des Cap Bathurst, hinter sich jene Lagune, vor sich die vier Monate lang im Jahre freie Behrings-Straße, das heißt das offene Meer, sich in einer sehr günstigen Lage für die Productenausfuhr sowohl, als auch für seine eigene Verproviantirung befinden.

Am 5. Juli, Nachmittags gegen drei Uhr, hielt das Detachement endlich an der Spitze des Cap Bathurst an, dessen Position, welche die Karten über den sicbenzigsten Breitengrad verlegten, nur noch genau zu bestimmen war. Auf die Hydrographie dieses Küstenstriches, welche noch nicht sehr genau sein konnte, durfte man sich nämlich nicht allzusehr verlassen. Jasper Hobson beschloß, vorläufig an dieser Stelle anzuhalten.

»Was hindert uns, uns hier endgiltig festzusetzen? fragte Corporal Joliffe. Sie werden zugeben, Herr Lieutenant, daß die Oertlichkeit ganz verführerisch ist.

– Sie wird es Ihnen noch mehr sein, erwiderte Lieutenant Hobson, wenn Sie da eine doppelte Löhnung erhalten, mein wackerer Corporal.

– Das ist ja nicht zweifelhaft, antwortete Joliffe, man kann sich stets auf die Instruktionen der Compagnie verlassen.

– Gedulden Sie sich bis morgen, fügte Jasper Hobson hinzu, und wenn Cap Bathurst, wie ich voraussetze, wirklich über dem siebenzigsten Breitengrade liegt, so werden wir hier unser Zelt aufschlagen.«

Wirklich zeigte sich diese Stelle zur Gründung einer Factorei sehr geeignet. Die Ufer der Lagune, welche von bewaldeten Hügeln umgeben war, konnten genug Fichten, Virken und anderes zum Hausbau und zur Heizung nöthiges Material liefern. Der Lieutenant, der mit einigen seiner Begleiter bis nach der Spitze des Caps gegangen war, sah, wie die Küste im Westen in einem langen Bogen zurückwich. Das Wasser der Lagune erkannte man als trinkbar und nicht als Brackwasser, wie es doch bei der nahen Nachbarschaft des Meeres leicht zu erwarten gewesen wäre. Jedenfalls hätte der Colonie aber Trinkwasser nicht gefehlt, denn es verlief ein kleines, klares und frisches Flüßchen nach dem Eismeere, in dem es, einige hundert Schritte südöstlich von Cap Bathurst, in einer engen Bucht mündete. Diese Bucht, welche nicht von Felsen, sondern von einer auffälligen Anhäufung von Sand und besserer Erde geschützt war, vermochte bequem zwei bis drei Schiffe gegen etwaige Stürme der offenen See zu decken; sie bildete also einen ganz vortheilhaften Ankerplatz für diejenigen Fahrzeuge, welche in der Folge durch die Behrings-Straße kommen würden. Aus Galanterie gegen die Reisende taufte Jasper Hobson den kleinen Wasserlauf »Paulina-Fluß« und nannte die Bucht »Barnett-Hafen«, worüber die Dame offenbar sehr erfreut war.

Errichtete man das Fort etwas hinter dem durch Cap Bathurst gebildeten Vorsprunge, so mußten sowohl das Hauptgebäude, als auch die Magazine, gegen die schneidendsten Winde vollkommen geschützt sein. Voraussichtlich deckte sie die Erhebung auch einigermaßen gegen die heftigen Schneewehen, welche in einigen Stunden ganze Wohnungen, wie unter großen Lawinen, zu begraben vermögen. Der Raum zwischen dem Fuße des Vorgebirges und dem nördlichen Ende der Lagune war übrig hinreichend, alle für die Factorei notwendigen Baulichkeiten aufzuführen. Man konnte diese sogar noch mit einem Palissadenzaune umgeben, welcher sich an das steile Ufer anlehnen sollte, und das Cap selbst mit einer Schanze krönen – reine Vertheidigungsmaßregeln, welche doch in dem Falle nützlich sein konnten, daß es Concurrenten einfallen sollte, sich auch hier festzusetzen. Ohne daß Jasper Hobson für jetzt an die Ausführung solcher Maßnahmen dachte, erkannte er doch mit Genugthuung, daß dieser Platz leicht zu vertheidigen sein werde.

Noch immer war das Wetter sehr schön, und die Wärme beträchtlich. Weder am Zenith, noch am Horizonte schwebte eine Wolke. Den klaren Himmel der gemäßigten und heißen Zonen durfte man freilich in so hoher Breite nicht suchen. Auch während des Sommers erfüllte die Atmosphäre immer ein leichter Dunst. Aber im Winter, wenn sich die Eisberge festsetzten, wenn der rauhe Nordwind die Uferwände peitschte, wenn die viermonatliche Nacht über diese Länder herabsank, wie mochte es wohl dann um Cap Bathurst aussehen? Jetzt dachte keiner von Jasper Hobson’s Begleitern daran, denn das Wetter war herrlich, die Landschaft mit Grün geschmückt, die Wärme angenehm, und lieblich glitzerte das Meer.

Ein provisorisches Lager, zu welchem man auf den Schlitten alles Nöthige mit sich führte, wurde für die Nacht am Ufer der Lagune aufgeschlagen. Bis zum Abend durchstreiften Mrs. Paulina Barnett, der Lieutenant, selbst Thomas Black und Sergeant Long die nächsten Umgebungen, um deren Erzeugnisse kennen zu lernen. Das Land erschien in jeder Beziehung günstig. Jasper erwartete ungeduldig den andern Tag, um die geographische Lage genau aufzunehmen und zu wissen, ob er sich unter den von der Compagnie vorgeschriebenen Verhältnissen befinde.

»Nun, Lieutenant, sagte der Astronom, als sie ihre Umschau beendet hatten, ich dächte, das wäre ein herrliches Plätzchen, und hätte nie geglaubt, daß man über dem Polarkreise noch solch‘ ein Land antreffen könne.

– O, Herr Black, antwortete Jasper Hobson, hier finden sich sogar die schönsten Länder der Erde, und ich brenne darauf, die Länge und Breite des Unsrigen zu bestimmen.

– Vorzüglich die Breite, meinte der Astronom, der nur an seine zukünftige Sonnenfinsternis dachte, und ich glaube, daß Ihre wackeren Gefährten nicht weniger ungeduldig sind, als Sie, Herr Hobson. Es gilt den doppelten Sold, wenn Sie sich oberhalb des siebenzigsten Breitengrades festsetzen!

– Doch, Sie selbst, Herr Black, fragte Mrs. Paulina Barnett, haben Sie nicht ein rein wissenschaftliches Interesse daran, diese Parallele zu überschreiten?

– Ohne Zweifel, Madame, erwiderte der Gelehrte, zu überschreiten wohl, aber nur nicht zu weit. Unseren unbedingt verläßlichen Berechnungen zufolge wird die Sonnenfinsterniß, mit deren Beobachtung ich betraut bin, nur für denjenigen Beobachter eine totale sein, der sich ein wenig über dem siebenzigsten Breitengrade befindet. Ich bin also ebenso ungeduldig, als unser Lieutenant, die Lage des Cap Bathurst aufzunehmen.

– Soviel ich aber weiß, Herr Black, erwiderte die Reisende, soll jene Sonnenfinsterniß erst am 18. Juli stattfinden.

– Ganz recht, Madame, am 18. Juli 1860.

– Und wir schreiben erst den 5. Juli 1859! Mit dem Ereignisse hat es demnach noch über ein Jahr Zeit.

– Zugestanden, Madame, sagte der Astronom. Doch wenn ich erst nächstes Jahr abgereist wäre, gestehen Sie auch zu, daß ich dann hatte Gefahr laufen können, zu spät einzutreffen?

– Dem ist wirklich so, Herr Black, fiel Jasper Hobson ein, und Sie haben gut gethan, sich vorher aufzumachen. So find Sie doch sicher, Ihn Sonnenfinsterniß nicht zu verfehlen, denn ich muß Ihnen gestehen, daß unsere Reise von Fort-Reliance bis Cap Bathurst unter sehr ausnahmsweise günstigen Verhältnissen verlaufen ist. Wir haben nur wenig Hindernisse, und folglich auch nur geringe Verzögerungen gehabt. Offen gestanden hatte ich vor Mitte August nicht darauf gerechnet, hier die Küste zu erreichen, und wäre die Verfinsterung am 18. Juli 1859, also in diesem Jahre eingetreten, so hätten Sie dieselbe recht leicht verfehlen können. Dazu wissen wir auch jetzt noch nicht, ob wir uns über dem siebenzigsten Breitengrade befinden.

– Mein lieber Lieutenant, sagte Thomas Black, ich bereue auch gar nicht, die Reise in Ihrer Gesellschaft zurückgelegt zu haben, und werde« meine Sonnenfinsterniß geduldig bis nächstes Jahr erwarten. Die blonde Phöbe ist ja eine so hohe Dame, daß man ihr die Ehre, zu warten, schon anthun kann.«

Am anderen Tage, dein 6. Juli, hatten Jasper Hobson und Thomas Black kurz vor Mittag alle Anstalten getroffen, eine genaue Aufnahme des Cap Bathurst, nach seiner geographischen Länge und Breite vorzunehmen. Die Sonne glänzte hell genug, um ihre Peripherie genau abzuvisiren. Uebrigens hatte sie zu dieser Jahreszeit ihre größte Höhe über dem Horizonte erreicht, nnd ihre Culmination bei Durchschreitung des Meridianes mußte die Aufgabe der Beobachter wesentlich erleichtern.

Schon am Abend vorher und am Morgen hatten der Lieutenant und der Astronom, mittels Aufnahme verschiedener Höhen und Berechnung der Stundenwinkel die Lange des Ortes genau gefunden. Seine Lage bezüglich der Höhe aber war es, welche Jasper Hobson vorzüglich interessirte. Der Meridian des Cap Bathurst war ja von geringerer Bedeutung, wenn es nur über dem siebenzigsten Breitengrade lag.

Der Mittag rückte heran. Alle Mitglieder des Detachements umringten die mit ihren Sextanten versehenen Beobachter. Die braven Leute erwarteten das Resultat der Höhenmessung mit erklärlicher Ungeduld. Für sie handelte es sich darum, ob das Ziel der Reise erreicht oder noch ein neuer, den Absichten der Compagnie entsprechender Küstenpunkt aufzusuchen sei.

Die letztere Alternative hätte auf ein befriedigendes Resultat übrigens wenig Aussicht geboten. Nach den allerdings nicht ganz zuverlässigen Karten der amerikanischen Küste dieser Gegenden zog sich jene westlich von Cap Bathurst wieder unter den siebenzigsten Grad zurück, und überschritt diesen erst im russischen Amerika von Neuem, auf dem sich niederzulassen die Engländer ja kein Recht hatten. Jasper Hobson hatte sich also nach Einsichtnahme der Karten der Polarländer mit gutem Grunde nach Cap Bathurst gewendet. Dieses Cap streckt sich wie eine Spitze über den siebenzigsten Breitengrad hinaus, eine Höhe, welche zwischen dem hundertsten, und dem hundertundfünfzigsten Meridian kein zum Festlande und zum britischen Amerika gehöriges Vorgebirge wieder erreicht. Es blieb demnach nur zu bestimmen, ob Cap Bathurst die auf den Landkarten verzeichnete Lage wirklich habe.

Hierin gipfelte also die wichtige Frage, welche Thomas Black’s und des Lieutenants genaue Aufnahmen lösen sollten.

Die Sonne näherte sich jetzt ihrem Culminationspunkte. Die beiden Beobachter richteten die Fernrohre ihrer Sextanten nach dem noch immer aufsteigenden Tagesgestirn. Mittels daran schief stehender Spiegel wurde die Sonne scheinbar an den Horizont versetzt, und der Augenblick, in dem der untere Rand ihres Bildes eben diesen berührte, war dann derselbe, an welchem sie den höchsten Punkt ihres Tagesbogens erreichte, oder in dem sie, mit anderen Worten, die Mittagslinie des Ortes passirte.

Alle sahen zu und beobachteten ein tiefes Schweigen.

»Mittag! rief bald Jasper Hobson.

– Mittag!« erscholl es auch in demselben Augenblicke von Thomas Black.

Die Instrumente wurden herabgesenkt. Der Lieutenant und der Astronom lasen auf dem graduirten Limbus den Werth des Winkels ab, den sie erhalten hatten, und machten sich sogleich daran, ihre Beobachtungen niederzuschreiben.

Wenige Minuten später erhob sich Lieutenant Hobson und wandte sich an seine Begleiter.

»Meine Freunde, sagte er, von diesem Tage, dem 6. Juli, an, erhöht die Compagnie, die sich durch mich verpflichtet, Euren Sold auf das Doppelte.

– Hurrah! Hurrah! Hurrah der Compagnie!« riefen die würdigen Gefährten des Lieutenants Hobson wie aus einem Munde.

Cap Bathurst und das angrenzende Landgebiet befand sich wirklich, oberhalb des siebenzigsten Breitengrades.

Wir geben hier auf eine Secunde genau die geographische Lage, welche später von so großer Bedeutung werden sollte, an. Die Stelle des neuen Forts lag unter:

127° 36′ 12“ östlicher Länge von Greenwich, und 70° 44′ 37“ nördlicher Breite.

An demselben Abend sahen die kühnen Pionniere, welche fern von der bewohnten Welt, mehr als achthundert Meilen von Fort-Reliance, lagerten, die Sonne den nördlichen Horizont streifen, ohne daß ihre Scheibe im Geringsten untertauchte.

Zum ersten Male leuchtete die Mitternachtssonne ihren Augen.

Dreizehntes Capitel.


Dreizehntes Capitel.

Die Oertlichkeit des Forts war also nun endgiltig festgestellt. Keine andere, als diese natürliche, im Rücken des Cap Bathurst und an dem Ostende der Lagune sich ausdehnende Ebene konnte dazu geeigneter erscheinen. Jasper Hobson beschloß in Folge dessen den Bau des Hauptgebäudes sofort in Angriff zu nehmen. Inzwischen mußte sich Jeder helfen, so gut es eben anging, und man verwendete auch die Schlitten auf sehr sinnreiche Weise zu Zwecken der provisorischen Niederlassung.

Der Lieutenant rechnete übrigens, Dank der Geschicklichkeit seiner Leute, darauf, daß mindestens das Hauptgebäude nach Verlauf eines Monates fertig gestellt sein werde. Es mußte groß genug angelegt werden, um vorläufig alle neunzehn Mitglieder des Detachements aufzunehmen. Später, und noch vor Eintritt der strengen Kälte, sollten dann die gemeinschaftlichen Wohnräume für die Soldaten, so wie die zur Aufspeicherung der Felle und Pelzwaaren bestimmten Magazine errichtet werden. Vor Ende September war indessen an die Vollendung aller dieser Baulichkeiten nicht zu denken. Nach diesem Monate aber mußten die längeren Nächte, das schlechte Wetter und der eintretende Winterfrost zur Einstellung jeder Arbeit zwingen.

Von den zehn durch Kapitän Craventy ausgewählten Soldaten waren Zwei, Marbre und Sabine, Jäger von Fach. Die acht Anderen wußten mit der Axt eben so gut umzugehen, als mit der Muskete. Wie die Seeleute waren sie zu Allem geschickt und mit Allem bekannt. Vor der Hand sollten sie mehr als Werkleute, denn als Soldaten Verwendung finden, da es sich erst um die Errichtung eines Forts handelte, welchem ja kein feindlicher Angriff drohte. Petersen, Belcher, Raë, Garry, Pond, Hope und Kellet bildeten eine Gesellschaft geschickter und eifriger Zimmerleute unter Führung Mac Nap’s, eines Schottländers aus Stirling, der in der Construction von Häusern und auch von Schiffen sehr erfahren war. Werkzeuge, wie Beile, Queräxte, Lochsägen, Hebel, Hohlbeile, Armsägen, Schlägel, Hämmer, Meißel u.s.w., waren in Ueberfluß zur Hand. Einer jener Leute, Raë, eigentlich von Fach ein Schmied, konnte selbst mit Hilfe einer Feldschmiede allerlei Bolzen, Zapfen, Anker, Schrauben und Muttern, und was sonst nothwendig wurde, anfertigen. Ein Maurer war allerdings nicht vorhanden, aber auch nicht von Nöthen, da alle Factoreigebäude des Nordens nur aus Holz hergestellt werden. An Bäumen dazu fehlte es in der Umgebung des Cap Bathurst nicht, wohl aber fand man, wie schon erwähnt, nirgends einen Felsen, oder auch nur einen Kiesel am Strande, sondern nichts weiter, als Erde und Sand. Dafür war das Ufer mit zahllosen zweischaligen Muscheln, welche die Brandung angespült hatte, so wie mit Meerpflanzen und Zoophyten übersäet, deren Letztere meist aus See-Igeln und See-Sternen bestanden. In seiner Masse baute sich der Landvorsprung aber aus loser Erde auf, welche von einigen Vegetabilien nur mühsam zusammen gehalten wurde.

An diesem Nachmittage wählten Jasper Hobson und Meister Mac Nap noch den Platz am Fuße des Caps aus, welchen das Hauptgebäude einnehmen sollte. Von ihm aus beherrschte der Blick die Lagune und bis auf zehn bis zwölf Meilen das Land im Westen. Rechts erhob sich da stufenweise das steilere Ufer, welches aber in der Entfernung von vier Meilen im Dunste verschwand; links dagegen dehnten sich ungeheure Ebenen, wüste Steppen aus, welche im Winter von den übereisten Oberflächen der Lagune und des Oceanes wohl kaum zu unterscheiden sein mochten.

Nachdem man über den Platz einig geworden war, grenzten Jasper Hobson und Mac Nap den Umriß des Hauses mittels einer Schnur ab. Man entwarf jenes als längliches Viereck, dessen lange Seiten sechzig, und dessen schmale dreißig Fuß maßen. Die Façade sollte vier Oeffnungen, drei Fenster und eine Thür nach der einem späteren inneren Hofe und dem Vorgebirge zugekehrten Seite, und vier Fenster nach der Lagunenseite zu, erhalten. Die Thür wurde der Wohnlichkeit halber statt in die Mitte der Hinterwand, an der linken Ecke projectirt. Man bezweckte hierdurch vorzüglich, daß die Außentemperatur nicht so leicht bis zu den am entgegengesetzten Hausende gelegenen Wohnräumen eindringen könne.

Die erste Abtheilung bildete eine Art Vorraum, welcher mit doppelter Thüre gegen die Unbilden der Witterung geschützt werden sollte; – eine zweite diente nur als Küche, um alle beim Kochen entstehenden Dämpfe und alle Feuchtigkeit von den speciell zu Wohnungen bestimmten Räumen fern zu halten; – eine dritte umfaßte einen geräumigeren Saal zum Zwecke der täglich gemeinschaftlich einzunehmenden Mahlzeiten; – eine vierte Abtheilung endlich sollte, wie der oberste Raum eines Schiffes in Cabinen, so in Einzelkammern zerlegt werden. Das war der einfache, zwischen den beiden Baumeistern vereinbarte Plan.

Die Soldaten mußten vorläufig mit dem großen Saale und einem darin herzustellenden breiten Feldbette vorlieb nehmen. Für den Lieutenant und Thomas Black, Mrs. Paulina Barnett mit Madge und endlich für Mrs. Joliffe, Mrs. Mac Nap und Mrs. Raë waren die Kammern der vierten Abtheilung vorgesehen. Im Grunde genommen würde man zwar »etwas über einander hocken«, aber diese Verhältnisse konnten ja nicht von langer Dauer sein, und sobald die Soldatenwohnungen hergestellt wären, sollte das Hauptgebäude für den Lieutenant, Thomas Black und Mrs. Paulina nebst ihrer unzertrennlichen Madge reservirt bleiben.

Dann erschien es thunlich, die vierte Abtheilung nur in drei Einzelwohnungen zu theilen und die provisorischen Cabinen wieder zu entfernen, denn »allen Ecken den Krieg zu erklären« ist ein Hauptgrundsatz, der bei einer Ueberwinterung nie aus den Augen gelassen werden darf. Winkel und Ecken sind immer Sammelpunkte für das Eis; Zwischenwände verhindern die so nothwendige Luftcirculation, und die Feuchtigkeit, welche sich in Form von Schnee niederschlägt, macht die Zimmer unbewohnbar und ungesund, und ruft bei Denen, welche sich darin aufhalten, leicht die schwersten Störungen hervor. So richten auch Seefahrer, wenn sie im Eise zu überwintern gezwungen sind, im Innern ihrer Schiffe gemeinsame Säle ein, welche von der ganzen Besatzung, von Officieren und Soldaten untereinander, bewohnt werden. Aus leicht begreiflichen Gründen mußte Jasper Hobson indeß von dieser Regel abweichen.

Man sieht aus obiger anticipirten Beschreibung einer Wohnung, welche noch gar nicht vorhanden war, daß das Hauptgebäude des Forts nur aus einem Erdgeschosse mit geräumigem, und, um den Wasserabfluß zu begünstigen, steil abgewalmtem Dache bestand. Der Schnee konnte noch immer darauf liegen bleiben und hatte, wenn er sich da aufhäufte, den doppelten Nutzen, die Wohnung sowohl dicht abzuschließen, als auch in ihrem Inneren eine mehr gleich bleibende Temperatur zu erhalten. Der Schnee ist ja seiner Natur nach ein sehr schlechter Leiter der Wärme; er verwehrt dieser freilich den Zugang, aber auch, – und das ist während eines arktischen Winters weit wichtiger – das Entweichen.

Ueber das Dach hinaus sollte der Zimmermann zwei Feueressen, eine von der Küche, die andere von dem Stubenofen aus, führen. Der Letztere hatte nämlich die Einzelkammern mit zu erwärmen. Das Ganze stellte dann gewiß kein Prachtwerk der Architektur dar, aber das Haus befand sich doch in dem für seine Bewohnbarkeit günstigsten Zustande. Was war denn auch mehr zu verlangen? Uebrigens mußte dieses Gebäude beim Dämmerungsdunkel und mitten in den Schneestürmen, halb im Eise eingesargt, weiß von oben bis unten, und mit seinem grauschwarzen, vom Winde in Drehungen hinweggeführten Rauche doch einen fremdartig düstern und traurigen, der Erinnerung eines Malers würdigen Anblick gewähren.

Der Plan zu dem neuen Hause war also festgestellt; es galt nur noch ihn auszuführen, was Meister Mac Nap’s und seiner Leute Sache war. Doch während die Zimmerleute arbeiteten, gingen auch die Jäger, welche für frischen Proviant zu sorgen hatten, nicht müßig. Ueberhaupt fehlte es für Niemand an Beschäftigung.

Mac Nap suchte zunächst passende Baumstämme aus. Auf den Hügeln fand er den schottischen sehr ähnliche Kiefern in großer Menge. Diese Bäume waren nur mittelgroß, doch zu dem zu errichtenden Hause sehr geeignet. Denn in solchen roh hergestellten Wohnungen bestehen Außenwände und Dach, Scheidewände und Fußboden, kurz Alles aus Balken und Planken.

Selbstverständlich verlangt eine derartige Construction keine besondere Meisterschaft, und konnte Mac Nap, ohne der Solidität derselben Eintrag zu thun, sehr kurz und bündig verfahren.

Er wählte also möglichst gerade Stämme aus, die man einen Fuß über dem Erdboden fällte. Nachdem sie alle zwanzig Fuß lang gleichmäßig zugeschnitten waren, wurden sie nur an den Enden wegen der zur Verbindung dienenden Zapfen und Zapfenlöcher, mit der Axt bearbeitet. Diese Zurichtung beanspruchte nur wenige Tage, dann wurden gegen hundert solcher Stämme durch die Hunde nach dem für das Hauptgebäude bestimmten Platze herangeschleift.

Letzterer war vorher sorgfältig wagrecht geebnet worden, wobei man den aus Sand und fetterer Erde bestehenden Boden tüchtig festrammte. Das kurze Gras und die mageren Gesträuche, welche ihn früher theilweise bedeckten, wurden an Ort und Stelle niedergebrannt und erzielte man durch die sich bildende Aschenlage auch noch den Vortheil einer dichten, für Feuchtigkeit undurchdringlichen Zwischenlage. So erlangte Mac Rap einen reinen und trockenen Baugrund, auf dem er die untersten Balkenlagen bequem und sicher anbringen konnte.

Dann wurden an den Ecken des Hauses und an den Enden der späteren Zwischenwände die Hauptpfeiler, welche zum Tragen der ganzen Construction bestimmt waren, eingetrieben. Diese hatte man, um der Fäulniß besser zu widerstehen, äußerlich leicht verkohlt. Auf den Seitenflächen ausgefalzt, dienten sie zur Aufnahme der die eigentliche Mauer bildenden Längsbalken, in welchen die nöthigen Thür- und Fensteröffnungen wohlberechnet ausgespart waren. Die Deckbalken hatten wiederum Zapfen, welche in die Zapfenlöcher der Grundpfeiler eingepaßt waren, so daß die Gesammtconstruction einen recht soliden Zusammenhang bekam; auch bildeten sie mit den etwas hervorragenden Theilen den Sims der beiden Façaden, auf welchem sich der ein wenig überhängende Dachstuhl, so wie man ihn von Schweizerhäusern her kennt, aufstützte. Die Balken des Daches ruhten auf diesem Sims, die des Fußbodens auf der Aschenlage.

Natürlich lagen die Stämme der äußeren und inneren Mauern im Allgemeinen nur auf einander. Doch hatte sie der Schmied Raë da und dort der sichereren Verbindung halber theils noch durch Schrauben, theils durch lange eiserne Bolzen verbunden. Bei jenem Aufeinanderlegen mußten offenbar noch Ritzen und Oeffnungen bleiben, welche luftdicht zu verschließen waren.

Mac Nap bediente sich dazu mit bestem Erfolge des Kalfaterns, wodurch man ja die Schiffe so vollkommen dichtet, wie es durch ein bloßes Ausfugen nie zu erreichen wäre. An Stelle des zum Kalfatern gebräuchlichen Hanfes benutzte man hier gewisse Moosarten, welche auf dem östlichen Abhange des Cap Bathurst überreichlich vorkamen. Dieses Moos wurde nun zuerst mittels des Kalfatereisens eingetrieben, jede Fuge aber darüber noch mit Fichtenharz, das sich in Ueberfluß vorfand, ausgegossen. Mauern und Decken schlossen hierdurch vollkommen luft- und wasserdicht und daneben bot ihre Stärke hinreichende Garantie gegen die Winterstürme und den strengen Frost.

Die Thür und die Fenster, welche die Mauerfläche unterbrachen, wurden roh, aber haltbar hergestellt. Als Scheiben dienten in den kleinen Fenstern freilich nur solche hornartige, gelbliche, halb durchsichtige Platten, welche man aus getrocknetem Fischleime gewinnt; doch man mußte wohl damit vorlieb nehmen.

Während der besseren Jahreszeit wurden jene Fenster, der nöthigen Lüftung des Hauses wegen, so wie so offen gehalten werden; während der schlechten aber, wenn in der arktischen Nacht auch der Himmel kein Licht spendete, machte es sich nothwendig, sie immer hermetisch mit dichten, eisenbeschlagenen Klappen zu verschließen, denen man den nöthigen Widerstand gegen die Gewalt des Sturmes zutrauen durfte.

Der innere Ausbau des Hauses wurde bald vollendet. Eine zweite Thür hinter der äußeren in der als Vorraum dienenden Abtheilung gestattete den Ein- und den Austretenden, den Uebergang zwischen der inneren und äußeren Temperatur durch eine dazwischen liegende zu vermitteln. So konnte auch der Wind, selbst wenn er noch so eisig oder mit Feuchtigkeit beladen war, nicht gleich bis zu den Wohnräumen dringen. Uebrigens wurden die Luftpumpen, welche man von Fort-Reliance mitgeführt hatte, sammt dazugehörigem Reservoir, in Stand gesetzt, um die Luft im Innern nach Bedürfniß zu erneuern, wenn der gar zu strenge Frost das Oeffnen der Thür oder eines Fensters unthunlich machen sollte. Die eine dieser Pumpen diente dazu, die durch deletäre Stoffe verdorbene Luft nach außen abzuführen, während die andere reine Luft von außen in das Reservoir einsaugte, von dem aus diese, nach Bedürfniß erwärmt, in die Einzelräume vertheilt werden konnte. Lieutenant Hobson widmete dieser Einrichtung alle Aufmerksamkeit, da man von ihr im Nothfalle große Dienste erwartete.

Das Hauptstück der Küche bildete ein großer, gußeiserner Kochofen, den man in Stücke zerlegt von Fort-Reliance aus mitgenommen hatte. Der Schmied Raë vermochte ihn ohne viele Mühe wieder aufzustellen. Mehr Zeit und Ueberlegung erforderte aber die Anlage der Rauchfänge von der Kochmaschine sowohl, als auch von dem Ofen im Saale aus. Blechrohre waren dazu nicht wohl anwendbar, insofern diese den Stürmen zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche nicht gewachsen waren; jedenfalls machten sich widerstandsfähigere Materialien hierzu erforderlich. Nach mehreren mißlungenen Vorversuchen entschied sich Jasper Hobson dahin, ein anderes Material als Holz, zu verwenden. Wären Steine zur Hand gewesen, so konnte wohl kaum von großer Schwierigkeit die Rede sein. Aber, wie erwähnt, fehlten diese sonderbarer Weise ganz und gar in der Umgebung des Cap Bathurst. Wie zum Ersatz fanden sich dagegen jene auch schon erwähnten Muscheln im Sande des flachen Ufers zu Millionen.

»Wohlan, sagte Lieutenant Hobson zu Meister Mac Nap, unsere Rauchfänge werden wir also aus Muscheln bauen.

– Aus Muscheln? rief erstaunt der Zimmermann.

– Ja wohl, Mac Nap, wiederholte Jasper Hobson, aus Muscheln, d.h. aus zerstückelten, gebrannten und in Kalk verwandelten Schalen. Aus diesem Kalk formen wir Täfelchen und vermauern sie dann wie gewöhnliche Bausteine.

– Nun, meinetwegen; also aus Muscheln!« stimmte der Zimmermann ein.

Lieutenant Hobson’s Idee war wirklich gut und wurde sofort zur Ausführung gebracht. Das Ufer erwies sich mit einer unerschöpflichen Menge dieser Schalthiere übersäet, welche zum Theil das Kalkgestein der unteren Schichten der Tertiärformation, den sogenannten Muschelkalk, bilden. Mac Nap ließ also einige Tonnen voll sammeln und eine Art Brennofen errichten, in welchem die Kohlensäure, die in jenen mit Kalk gebunden erscheint, ausgetrieben werden sollte. So gewann man einen zum Zweck des Mauerns ganz geeigneten Kalk.

Das Brennen desselben nahm etwa zwölf Stunden in Anspruch. Es hieße übertreiben, wollte man behaupten, daß Jasper Hobson und Mac Nap durch jenes etwas urwüchsige Verfahren einen schönen, fetten, von fremden Körpern freien Kalk, der sich leicht in Wasser löscht, viel Bindekraft hat und auch mit größeren Mengen Wasser und Sand einen festen Mörtel bildet, erzielt hätten. Doch war er mindestens von solcher Beschaffenheit, daß er zu Tafeln verarbeitet und zum Essenbau verwendet werden konnte. Binnen wenigen Tagen erhoben sich also zwei conische Rauchfänge über dem Dachstuhl, deren Stärke sie auch gegen die heftigsten Windstöße sicherte.

Mrs. Paulina Barnett beglückwünschte den Lieutenant, so wie den Zimmermann Mac Nap, das schwierige Werk so gut und in so kurzer Zeit durchgeführt zu haben.

»Vorausgesetzt, daß Ihre Kamine nicht rauchen! setzte sie schelmisch hinzu.

– Sie werden rauchen, Madame, entgegnete philosophisch Jasper Hobson, sie sollen rauchen, verlassen Sie sich darauf. Es rauchen alle ja Essen!«

Im Zeitraume eines Monats wurde das große Werk vollständig zu Ende gebracht. Am 6. August sollte die Einweihung des Hauses stattfinden. Während aber Mac Nap mit seinen Leuten unausgesetzt arbeitete, hatten Sergeant Long, Corporal Joliffe – Mrs. Joliffe stand dem Departement der Küche vor –, und die beiden Jäger Marbre und Sabine unter Anführung Jasper Hobson’s die weiteren Umgebungen des Cap Bathurst durchstreift. Zu ihrer Befriedigung hatten sie von dem Ueberflusse an Pelzthieren und Geflügel Kenntniß genommen. Eigentliche Jagden waren zwar noch nicht angestellt worden, da vorläufig die Auskundschaftung des Terrains mehr in Betracht kam; dennoch fingen sie dabei einige Rennthierpärchen lebend ein, welche man zu zähmen beschloß. Diese Thiere sollten sich vermehren und Milch liefern. Man brachte sie also baldigst innerhalb einer Umzäunung unter, welche ein halbes hundert Schritte weit vom Hause ab errichtet wurde. Mac Nap’s Frau verstand sich, als Indianerin von Geburt, auf die Behandlung jener Thiere, und demnach wurde ihr die specielle Fürsorge um dieselben übertragen.

Mrs. Paulina Barnett, und Madge natürlich mit ihr, wollte sich auch ihren Beitrag an der inneren Einrichtung nicht nehmen lassen, und bald machte sich der Einfluß dieser intelligenten und guten Frau bei einer Menge Einzelheiten, welche Jasper Hobson und seinen Leuten wahrscheinlich nie in den Sinn gekommen wären, recht angenehm fühlbar.

Nach Durchwanderung des Terrains im Umkreise einiger Meilen erkannte der Lieutenant, daß dasselbe eine ausgedehnte Halbinsel von etwa hundertundfünfzig Quadratmeilen bilde. Eine höchstens vier Meilen breite Landenge heftete dieselbe an das Festland Amerikas und erstreckte sich vom hintersten Theile der Washburn-Bai im Osten bis zu einer entsprechenden Ausbuchtung der entgegengesetzten Seite. Die Begrenzung dieser Halbinsel, welche der Lieutenant »Halbinsel Victoria« taufte, war also sehr deutlich erkennbar.

Jasper Hobson wünschte hierauf auch kennen zu lernen, was die Lagune und das Meer hier wohl zu bieten vermöchten.

Auch damit konnte er recht zufrieden sein. Das nur seichte, aber sehr fischreiche Wasser der Lagune enthielt Seeforellen, Hechte und andere Süßwasserfische in großer Menge; in dem kleinen Flusse tummelten sich Lachse und wimmelnde Haufen von Weißfischen und Stinten. Das Meer erschien an der Küste minder bevölkert, als die Lagune. Von Zeit zu Zeit sah man aber in der Ferne große Spritzfische, Wale und Pottfische, welche vor der Harpune der Walfischjäger aus der Behrings-Straße entflohen sein mochten, vorüberziehen, und erschien es deshalb nicht unmöglich, daß auch einmal ein solcher Seeriese auf der Küste stranden könne. Es war dies wohl der einzige Weg, auf welchem die Colonisten des Cap Bathurst sich eines solchen bemächtigen konnten. Die westliche Seite der Küste zeigte sich zur Zeit von zahlreichen Robbenfamilien belebt; Jasper Hobson empfahl aber seinen Leuten, jetzt nicht unnützer Weise auf diese Jagd zu machen. Später werde man sehen, ob sich das als vortheilhaft empfehle.

Am 6. August also nahmen die Colonisten des Cap Bathurst von ihrer neuen Wohnung Besitz. Vorher gaben sie ihr, nach allgemeiner Besprechung darüber, einstimmig einen Namen von guter Vorbedeutung.

Man nannte diese Wohnung, oder vielmehr dieses Fort – für jetzt den am weitesten vorgeschobenen Posten auf dem amerikanischen Festlande – Fort Esperance.

Wenn aber dieser Name auch auf den neuesten Karten der arktischen Gegenden nicht glänzt, so hat das darin seinen Grund, daß zum Nachtheil der modernen Kartographie dieser Ansiedelung in nächster Zukunft ein schreckliches Loos bestimmt war.

Vierzehntes Capitel.


Vierzehntes Capitel.

Die Einrichtung der neuen Wohnung war bald vollendet. Das in dem Hauptsaale aufgeschlagene Feldbett harrte nur noch seiner Schläfer. Mac Nap hatte einen großen, schweren Tisch mit starken Füßen gebaut, der wohl nie unter der Last der aufgetragenen Speisen, und wäre diese noch so groß gewesen, seufzen konnte. Um diesen Tisch herum waren am Boden befestigte Bänke angebracht, welche also den Namen »Meubles«, der ja nur beweglichen Hausgeräthen zukommt, nicht eigentlich verdienten. Einige Sessel und ein Paar große Schränke vervollständigten die Zimmerausstattung.

Auch das Zimmer im Hintergrunde war nun beziehbar. Dicke Scheidewände theilten dasselbe in sechs Cabinen, von denen zwei durch die letzten Fenster der Vorder- und der Rückenfaçade erleuchtet wurden. Das Mobiliar jeder Cabine bestand nur aus einem Tisch und einem Bett. Mrs. Paulina Barnett und Madge bezogen diejenige Abtheilung welche eine directe Aussicht auf den See bot. Die andere erleuchtete, nach dem Hofe gelegene Cabine hatte Jasper Hobson Thomas Black angeboten, welcher sofort von ihr Besitz nahm. Er selbst begnügte sich, in der Erwartung, daß seine Leute ja in ferneren Neubauten untergebracht werden sollten, mit einer Art halbdunklen Zelle, welche sich nach dem Hauptsaale zu öffnete und durch ein kleines, rundes, durch die Scheidewand gebrochenes Fenster nothdürftig Licht erhielt. Mrs. Joliffe, Mrs. Mac Nap und Mrs. Raë nahmen mit ihren Männern die übrigen Räumlichkeiten ein. Es wäre ja grausam gewesen, diese wohlgeordneten Hausstände zu zerreißen.

Uebrigens sollte die Colonie in nicht zu ferner Zeit um ein Mitglied vermehrt werden, und Meister Mac Nap stellte eines Tages die vorläufige Anfrage an Mrs. Paulina Barnett, ob sie ihm die Ehre erweisen werde, gegen Ende des Jahres bei ihm Gevatter zu stehen, was die Dame mit großer Befriedigung zusagte.

Die Schlitten wurden nun vollends entladen und das Bettzeug in die entsprechenden Räume gebracht. Auf dem Dachboden, zu welchem man mittels einer im Vorraum befindlichen Treppe gelangte, legte man alle Geräthe, Proviant und Schießbedarf, deren man nicht augenblicklich benöthigte, vorläufig nieder. Die Winterbekleidungen, nebst Stiefeln und Reiseröcken fanden, um vor jeder Feuchtigkeit geschützt zu sein, in den großen Schränken Platz.

Nach Beendigung dieser ersten Arbeiten beschäftigte sich der Lieutenant mit der zukünftigen Heizung des Hauses. Von den bewaldeten Hügeln ließ er demnach einen großen Vorrath an Brennmaterial anfahren, da er wohl wußte, daß es während einiger Wochen ganz unmöglich sein werde, sich in’s Freie zu begeben. Er dachte sogar daran, aus der Anwesenheit der Robben an der Küste insofern Nutzen zu ziehen, als er aus ihnen einen hinreichenden Vorrath an Oel zu gewinnen hoffte, da man der Polarkälte oft mit den durchgreifendsten Mitteln entgegen zu treten gezwungen ist. Auf seinen Befehl und unter seiner Leitung construirte man im Hause zwei Kondensatoren für die Feuchtigkeit im Innern, Apparate, welche von dem Eise, das sich während des Winters in ihnen ansammelt, leicht befreit werden können.

Diese gewiß sehr ernste Frage der Heizung des Hauses beschäftigte Lieutenant Hobson auf das lebhafteste.

»Madame, wandte er sich manchmal an die Reisende, ich bin ein Kind des Polarlandes, ich habe einige Erfahrung nach dieser Seite und manche Berichte über Durchwinterungen wiederholt gelesen – man kann nie vorsichtig genug sein, wenn es sich darum handelt, die kalte Jahreszeit in diesen Gegenden zu verbringen. Man muß Alles vorhersehen; eine Vergeßlichkeit, oft eine einzige, kann bei einer Ueberwinterung zur unheilvollsten Katastrophe führen.

– Ich glaube Ihnen, Herr Hobson, erwiderte Mrs. Paulina Barnett, und sehe wohl, daß die Kälte an Ihnen einen unversöhnlichen Gegner haben wird. Erscheint Ihnen aber die Nahrungsfrage nicht mindestens ebenso wichtig?

– Ganz gewiß, Madame, und ich rechne auch darauf, daß das Land uns mit der nöthigen Reserve versorgt. So sollen binnen wenigen Tagen, wenn wir erst etwas wohnlicher eingerichtet sind, Jagden angestellt werden, um uns mit Proviant zu versehen. Bezüglich der Pelzthiere werden wir noch etwas verziehen müssen, bevor sich die Magazine der Compagnie füllen, da jetzt auch nicht die geeignete Zeit ist, Zobel, Hermelins, Füchse und andere Pelzthiere zu jagen. Diese haben heute ihren Winterpelz noch nicht, und ihre Felle würden fünfundzwanzig Procent minder werth sein, wenn man sie jetzt einsammelte. Nein; vorläufig begnügen wir uns damit, die Speisekammern des Fort-Esperance zu füllen. Rennthiere, Elenns, Wapitis, wenn solche bis in diese Gegenden heraufgekommen sind, sollen allein das Ziel unserer Jäger sein. Zwanzig Personen und ein Schock Hunde zu ernähren ist schon der Mühe, der Ueberlegung werth!«

Man ersieht hieraus, daß der Lieutenant ein ordnungsliebender Mann war. Er wollte in Allem Methode haben, und wenn seine Genossen ihn einsichtig unterstützten, hoffte er seine schwierige Aufgabe glücklich zu Ende zu führen.

Das Wetter blieb zu dieser Jahreszeit fast unveränderlich schön. Vor fünf Wochen war der Eintritt von Schnee noch nicht zu erwarten. Jasper Hobson ließ also nach Vollendung des Hauptgebäudes rüstig weiter zimmern und einen geräumigen Stall zur Unterbringung der Hunde errichten. Dieses »Dog-house« wurde am Fuße des Vorgebirges, an dessen Abhang angelehnt, und etwa vierzig Fuß zur Rechten des Hauses erbaut. Die Soldatenwohnungen sollten jenem Stalle gegenüber, links vom Hause hergestellt werden, während das Pulvermagazin innerhalb der Umplankung vor dasselbe zu stehen kommen sollte.

Diese Umplankung beschloß Jasper Hobson in Folge vielleicht etwas übertriebener Vorsicht, noch vor dem Winter zu vollenden. Tüchtige, aus zugespitzten Pfählen bestehende, tief eingerammte Palissaden sollten die Factorei ebenso gegen Angriffe durch Thiere, wie gegen einen solchen durch Menschen schützen, im Fall sich feindliche Indianer oder Andere zeigten. Der Lieutenant konnte die Spuren nicht vergessen, denen er kaum zweihundert Meilen von Fort-Esperance begegnet war. Er kannte das Ungestüm solcher nomadisirender Jäger, und hielt es für besser, auf jeden Fall gegen einen Handstreich gesichert zu sein. Die Umwallung wurde also abgesteckt, und unterließ Mac Nap nicht, an den beiden vorderen Winkeln, welche das Ufer der Lagune deckten, zwei Wartthürme aus Holz zum Schutze der Wachhabenden zu erbauen.

Mit ein wenig Fleiß – und seine wackeren Werkleute arbeiteten ohne Unterlaß – war es wohl möglich, diese Schutzbauten noch vor dem Winter zu Ende zu führen.

Während dieser Zeit veranstaltete Jasper Hobson mehrere Jagden. Die Expedition auf die Robben verschob er noch einige Tage, und stellte vielmehr den großen Wiederkäuern nach, deren getrocknetes und conservirtes Fleisch die Versorgung des Forts während der schlechten Jahreszeit sichern sollte.

So durchstreiften also Sabine und Marbre, vom 8. August ab, manchmal vom Lieutenant und Sergeant Long begleitet, tagtäglich in einem Umkreise von mehreren Meilen das Land. Nicht selten schloß sich ihnen auch die unermüdliche Mrs. Paulina Barnett an, handhabte ihr Gewehr mit allem Geschick, und stand nach keiner Seite hinter ihren Jagdgenossen zurück.

Diese Ausflüge während des ganzen Monats August waren sehr ergiebig, und der Proviantvorrath auf dem Hausboden nahm sichtlich zu. Freilich war Sabine und Marbre auch keine in diesen Gebieten anwendbare Jägerlist, vorzüglich auch in Bezug auf die außerordentlich scheuen Rennthiere, unbekannt. Welche Mühe verwandten sie darauf, jenen hinter den Wind zu kommen, um nicht durch den so scharfen Geruchssinn dieser Thiere vorzeitig entdeckt zu werden. Manchmal lockten sie dieselben dadurch heran, daß sie über den Zwergbirken irgend ein schönes Geweih, eine Trophäe früherer Jagden, hin- und herbewegten, worauf sich die Rennthiere – oder vielmehr die »Caribous«, um ihnen ihren indianischen Namen wieder zu ertheilen – den Jägern getäuscht näherten, und in bequemer Schußweite sicher erlegt wurden. Manchmal verrieth auch ein sogenannter »Angeber«, eine Marbre und Sabine wohlbekannte, taubengroße Art Tageule, das Versteck der Caribous. Er lockte die Jäger durch einen scharfen Schrei, ähnlich dem eines Kindes, heran, und rechtfertigte also den Namen eines »Anzeigers«, den ihm die Indianer gaben. Wohl fünfzig solcher Thiere wurden erlegt. Ihr in lange Streifen zerlegtes Fleisch lieferte eine ansehnliche Menge Proviant, und ihre lohgar gemachten Haute sollten zur Ausbesserung des Schuhwerks dienen.

Die Caribous lieferten aber nicht den einzigen Zuwachs der Nahrungsvorräthe. Polarhasen, welche sich in diesen Gebieten stark zu vermehren schienen, hatten daran beträchtlichen Antheil. Sie erschienen weniger flüchtig, als ihre europäischen Stammverwandten, und kamen leicht zum Schusse. Es waren große, langohrige Nagethiere mit braunen Augen, und einem weißen, dem Flaum der Schwäne ähnlichen Pelze. Die Jäger erbeuteten eine große Zahl solcher Thiere, deren Fleisch besonders schmackhaft ist. Hundertweise wurden sie geräuchert, ohne die zu zählen, welche sich unter den Händen der geschickten Mrs. Joliffe in ganz köstliche Pasteten verwandelten.

Während aber auf diese Weise die Hilfsquellen für die Zukunft geschaffen wurden, vernachlässigte man auch das Tagesbedürfniß nicht. Viele solcher Polarhasen kamen frisch gebraten auf den Tisch, und die Jäger, so wie Mac Nap’s Zimmerleute waren nicht dazu angethan, ein saftiges und wohlschmeckendes Stück Wildpret zu verachten. In Mrs. Joliffe’s Laboratorium unterlagen jene Nagethiere den verschiedensten culinarischen Kombinationen; die geschickte Frau übertraf sich zur großen Freude des Corporals selbst, welcher gern Lobsprüche, mit denen auch Niemand karg war, für sie einheimste.

Einige Wasservögel gewährten dazwischen eine sehr angenehme Abwechselung. Ohne von den Enten zu reden, welche die Lagunenufer bevölkerten, sind hierbei noch einige Vogelarten zu erwähnen, welche an Stellen, wo sich einige magere Weiden angesiedelt hatten, in zahlreichen Gesellschaften vorkamen. Es waren das gewisse Rebhühnerarten, für welche es an fachwissenschaftlichen Namen keineswegs fehlte. Als Mrs. Paulina Barnett zum ersten Male an Sabine die Frage stellte, welches der Name dieser Vögel sei, antwortete der Jäger:

»Madame, die Indianer nennen sie ›Weiden-Tetras‹, für uns andere Jäger aus Europa aber sind es einfach ›Auerhähne‹.«

Wirklich hätte man weiße Rebhühner mit großen, an der Schwanzspitze schwarz gesprenkelten Federn zu sehen geglaubt. Sie bildeten ein vorzügliches Wild, das nur schnell an hellem und lebhaftem Feuer gebraten werden mußte.

Neben diesen verschiedenen Sorten Wildpret lieferten auch die Gewässer des Sees und des kleinen Flusses recht reichliche Gaben. Niemand verstand sich besser auf das Fischen, als der ruhige, friedliche Sergeant Long. Ob er die Fische nun sich an seinem Köder festbeißen, oder auch seine Schnur mit leeren Haken durch das Wasser streifen ließ, – Niemand konnte an Geschick oder Geduld mit ihm wetteifern, höchstens Mrs. Barnett’s Begleiterin, die getreue Madge. Ganze Stunden saßen diese beiden Schüler des berühmten Isaac Walton 2, die Schnur in der Hand, schweigend neben einander und beobachteten ihre Spule; glücklicher Weise »blieb die Fluth niemals aus«, und Lagune oder Fluß lieferten täglich wahre Prachtexemplare aus der Familie der Lachse.

Während der Ausflüge, welche bis Ende August fast täglich unternommen wurden, hatten die Jäger auch nicht selten Begegnungen mit gefährlicheren Thieren. Nicht ohne Besorgniß überzeugte sich Jasper Hobson, daß Bären auf diesem Theile des Gebietes sehr zahlreich waren. Kaum verging ein Tag, an dem nicht eine Meldung über die Anwesenheit einiger dieser furchtbaren Raubthiere einlief, und mancher Flintenschuß galt diesen gefährlichen Besuchern. Bald war es eine Bande jener braunen Bären, welche im ganzen Gebiete des Verwünschten Landes so häufig sind, bald eine Familie ungeheuer großer Polarbären, von denen der erste Frost dem Cap Bathurst wohl noch eine beträchtlichere Menge zuführen mußte. Wirklich erzählen die Berichte über Durchwinterungen, daß Forscher oder Walfänger fast Tag für Tag von diesem Raubgesindel belästigt wurden.

Marbre und Sabine sahen auch zu wiederholten Malen ganze Banden von Wölfen, welche aber bei Annäherung der Jäger wie eine abfließende Woge davonflohen. »Bellen« hörte man sie vorzüglich, wenn sie Rennthiere oder Wapitis aufgespürt hatten. Es waren das große, graue, drei Fuß hohe Wölfe mit langen Schwänzen, deren Felle mit Annäherung des Winters erbleichten. Dieses wenig bevölkerte Gebiet bot ihnen leicht ihre Nahrung, so daß sie hier überhand nahmen. Häufiger begegnete man auch an buschigeren Stellen Löchern mit mehreren Eingängen, in welchen diese Thiere, ähnlich den Füchsen, sich unter der Erde verkrochen. Zu dieser Zeit des üppigen Futters flohen sie die Jäger, sobald sie diese gewahr wurden, mit aller ihrer Race eigenthümlichen Feigheit. In der Zeit des Hungers aber konnten sie durch ihre Anzahl wohl furchtbar werden, und da ihre Erdbaue hier waren, mußte man daraus schließen, daß sie diese Gegend auch im Winter nicht verlassen würden.

Eines Tages brachten die Jäger nach Fort-Esperance ein grundhäßliches Thier ein, welches weder Mrs. Paulina Barnett, noch der Astronom Thomas Black bisher zu Gesicht bekommen hatten. Dieses Thier war ein dem amerikanischen Vielfraß sehr ähnlicher Plattfüßler, ein abschreckendes Raubthier mit untersetztem Körper, kurzen, durch furchtbare Krallen bewehrten Beinen und gewaltigen Kinnladen, seine Augen waren lauernd und wild, und das Rückgrat geschmeidig, wie überhaupt bei dem Katzengeschlechte.

»Was ist das für ein gräuliches Thier? fragte Mrs. Paulina Barnett.

– Madame, erwiderte Sabine, der mit Vorliebe etwas dogmatische Antworten gab, ein Schotte würde Ihnen sagen, daß es ein «Quickhatch» sei; bei einem Indianer wäre es ein «Ockelcoo-haw-gew»; bei einem Canadier ein «Carcajou …»

– Und bei Euch Anderen, fiel Mrs. Barnett ein, ist es …

– Ein «Vielfraß», Madame«, erwiderte Sabine, offenbar selbstbefriedigt von seiner lehrreichen, gebildeten Antwort.

In der That ist Vielfraß die richtige zoologische Bezeichnung für diesen eigentümlichen Vierfüßler, einen gefährlichen Nachtstreicher, der in hohlen Bäumen oder Felsenlöchern rastet, Biber, Moschuskatzen und andere Nagethiere eifrig verfolgt und ein erklärter Feind der Füchse und Wölfe ist, denen er sogar ihre Beute noch streitig zu machen wagt. Uebrigens ist er ein sehr listiges, muskelstarkes Thier von scharfem Geruchsinne, das sich auch in den höchsten Breiten vorfindet, und dessen kurzhaariges, schwarzes Winterfell in der Ausfuhr der Compagnie nicht die untergeordnetste Rolle spielt.

Bei den Ausflügen schenkte man auch der Pflanzenwelt dieselbe Aufmerksamkeit, wie der Thierwelt. Die Pflanzen waren natürlich nicht so reich an Arten als die Thiere, da sie nicht wie diese die Fähigkeit besitzen, während der schlechten Jahreszeit ein milderes Klima aufzusuchen. Fichten und Tannen wuchsen noch am meisten auf den Hügeln, welche das östliche Ufer der Lagune bekränzten. Jasper Hobson bemerkte auch einige »Tacamahacs«, eine Art Balsam-Pappeln von großer Höhe, deren Blätter bei der ersten Entfaltung von gelber, bei voller Entwickelung von grünlicher Farbe sind. Doch diese Bäume waren selten, ebenso wie einige schwindsüchtige Lärchenbäume, welchen die schräg auffallenden Sonnenstrahlen kaum das Leben fristeten. Gewisse Schwarztannen gediehen besser, vorzüglich in den gegen die Nordwinde geschützten Bodensenkungen. Ueber das Vorkommen dieses Baumes war große Freude, denn seine Sprossen verwendet man bei der Herstellung eines geschätzten, in Nordamerika unter dem Namen »Pine-ale« oder »Pineporter« bekannten Bieres. Man verschaffte sich einen reichlichen Vorrath solcher Sprossen, der in dem Speisegewölbe des Fort-Esperance geborgen wurde.

Die weiteren Pflanzen bestanden aus Zwergbirken, niedrige, kaum zwei Fuß hohe Gesträuche, welche den kalten Klimaten eigenthümlich sind, und aus Zwergwachholderbüschen, die ein zur Heizung sehr taugliches Holz liefern.

Sonst waren Nährpflanzen, welche auf diesem geizigen Boden wild gewachsen wären, sehr selten. Mrs. Joliffe, die sich für die »positive« Botanik stark interessirte, konnte nur zwei Pflanzen finden, welche sie der Verwendung in ihrer Küche würdig erachtete. Die eine, eine Wurzelzwiebel, welche schwer aufzufinden war, da ihre Blätter mit Eintritt der Blüthe sehr schnell abfallen, wurde als der gemeine Lauch erkannt. Derselbe lieferte eine reichliche Ernte an Zwiebeln von Eigröße, die als Gemüse genossen wurden.

Die andere Pflanze, im ganzen Norden Amerikas unter dem Namen »Labradorthee« bekannt, wuchs in großer Menge zwischen den Weidengebüschen und anderem Gesträuche am Ufer der Lagune und war das Lieblingsfutter der Polarhasen.

Dieser Thee bildet, mit siedendem Wasser aufgegossen und mit wenig Brandy oder in versetzt, ein vortreffliches Getränk, und gestattete jene im Vorrath angesammelte Pflanze an dem vorhandenen chinesischen Thee wesentlich zu sparen.

Um aber einem Mangel an pflanzlicher Nahrung zu entgehen, hatte Jasper Hobson eine reichliche Menge Samenkörner zur Aussaat in passender Jahreszeit mitgebracht, hierunter vorzüglich auch Sauerampher und Löffelkraut, deren antiscorbutische Eigenschaften man unter jenen Breiten sehr hoch zu schätzen weiß. Wählte man ein gegen die schneidendsten Winde geschütztes Terrain, welche ebenso wie eine Flamme alle Vegetation scheinbar verbrennen, so durfte man wohl auf das Aufkeimen dieser Körner im nächsten Sommer rechnen.

Uebrigens war die Apotheke des neuen Forts mit Mitteln gegen den Scorbut reichlich versehen. Die Compagnie hatte einige Kisten Citronen und Limoniensaft geliefert, deren eine Polar-Expedition niemals entbehren kann. Der Vorrat hieran, wie der anderer Artikel, mußte aber weise geschont werden, da anhaltendes schlechtes Wetter die Verbindung von Fort-Esperance mit den Factoreien im Süden auf lange Zeit unterbrechen konnte.

  1. Verfasser einer in England sehr geschätzten Anleitung zur Angelfischerei.