Sechstes Capitel.


Sechstes Capitel.

Zweihundert Meilen hatte die Expedition seit ihrer Abfahrt von Fort-Reliance zurückgelegt. Die Reisenden, welche, begünstigt durch die lange Dämmerung, Tag und Nacht auf den durch die Zughunde schnell davongeführten Schlitten verblieben, waren sehr erschöpft, als sie die Ufer des Snure-Sees, neben welchem Fort-Entreprise liegt, erreichten.

Dieses Fort, das erst seit wenigen Jahren von der Hudsons-Bai-Compagnie errichtet war, bildete nur einen Verproviantirungsplatz von untergeordneter Bedeutung. Hauptsächlich diente es als Haltepunkt für die Detachements, welche die Fellsendungen vom See des Großen Bären her, der gegen dreihundert Meilen nordwestlich davon lag, begleiteten. Nur ein Dutzend Soldaten waren dort auf Posten. Das Fort bestand auch nur aus einem umplankten Holzgebäude. So wenig einladend diese Wohnstätte aber auch war, so willkommen erschien sie doch den Gefährten des Lieutenants Hobson, welche dort zwei Tage lang von den ersten Anstrengungen der Reise ausruhten.

Der Polarfrühling machte hier schon seinen bescheidenen Einfluß geltend. Allmälig schmolz der Schnee und die Nächte waren nun nicht mehr kalt genug, ihn frisch zu übereisen. Einige leichte Moose und schwächliche Grasarten grünten da und dort auf, und kleine, fast farblose Blumen erhoben ihre feuchte Blüthe zwischen den Kieseln. Diese Vorzeichen des langsamen Erwachens der Natur nach langem Winterschlafe ergötzten das von der Weiße des Schnees angegriffene Auge, das mit Wohlgefallen auf diesen noch seltenen Beispielen der arktischen Flora ruhte.

Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson benutzten die Mußezeit, um die Ufer des kleinen Sees kennen zu lernen. Beide hatten Verständniß für die Natur, deren begeisterte Bewunderer sie waren. Sie wanderten also zusammen über die gebrochenen Eisstücken und die durch die Wirkung der Sonnenwärme hervorgezauberten Cascaden. Das Eis des Snure-Sees stand noch. Kein Sprung deutete auf einen bevorstehenden Bruch desselben hin.

Einige zerfallende Eisberge starrten aus der festen Fläche empor und bildeten sonderbare Formen und Erscheinungen, vorzüglich wenn das Licht, das sich an ihren scharfen, durchsichtigen Spitzen brach, deren Farben veränderte. Es erschien, als habe eine mächtige Hand einen Regenbogen zerstückelt, dessen Strahlen sich nun auf dem Erdboden kreuzten.

Das ist doch ein herrliches Schauspiel, Herr Hobson, sagte wiederholt Mrs. Paulina. Diese Strahlenbrechungen ändern sich stets, je nachdem man den Ort wechselt. Erscheint es Ihnen nicht so, als stünden wir vor der Oeffnung eines ungeheuren Kaleidoskops? Vielleicht sind Sie aber für dieses mir so neue Schauspiel schon unempfänglicher geworden?

– Gewiß nicht, Mistreß, erwiderte der Lieutenant. Ich bin zwar in diesem Lande geboren, welches meine ganze Kindheit und Jugend sah, aber ich werde niemals satt, seine Schönheiten zu betrachten. Ist aber Ihr Enthusiasmus schon so groß, wenn die Sonne ihr Licht über diese Gegenden gießt, das will sagen, wenn das Tagesgestirn den Anblick des Landes schon verändert hat, wie groß wird er sein, wenn Sie diese Gebiete mitten in der strengsten Winterkälte werden betrachten können? – Ich muß Ihnen gestehen, Mistreß, daß die Sonne, welche für gemäßigte Zonen so unbezahlbar ist, mir die Freude an meinem arktischen Vaterlande etwas verleidet.

– Wirklich, Herr Hobson? antwortete die Reisende, welche über diese Bemerkung des Lieutenants lächelte. Meines Erachtens nach ist die Sonne doch ein trefflicher Reisebegleiter, und hat man sich über die Wärme, welche sie ausstrahlt, selbst in den Polargegenden doch nicht zu beklagen.

– Ah, Madame, entgegnete Jasper Hobson, ich gehöre zu denen, welche Rußland mit Vorliebe im Winter und die Sahara im Sommer besuchen. Dann erst sieht man diese Länder in ihrem charakteristischen Gewande. Nein! Die Sonne ist ein Gestirn für die gemäßigten und heißen Zonen. Dreißig Grade vom Pole ist sie nicht an ihrem Platze. Der Himmel dieser Erdengegend ist der reine, kalte Winterhimmel, der mit Sternen besäet und manchmal durch ein Nordlicht erhellt ist. Hier ist das Reich der Nacht, Madame, nicht das des Tages, und diese lange Polarnacht birgt auch noch Freuden und Wunder in ihrem Schooße.

– Haben Sie, Herr Hobson, die gemäßigten Zonen Europas und Amerikas besucht? fragte da die Dame.

– Ja, Mistreß, und habe sie nach Verdienst bewundert. Aber stets bin ich mit brennender Begierde und neuem Enthusiasmus nach dem Lande meiner Geburt zurückgekehrt. Ich bin einmal der Mann der Kälte, und rechne mir das, daß ich sie ertrage, nicht zum Verdienst an. Sie hat durchaus keine Gewalt über mich, und ich könnte, wie die Eskimos, ganze Monate in einer Schneehütte zubringen.

– Herr Hobson, antwortete die Reisende, Sie haben eine Art und Weise von diesem furchtbaren Feinde zu reden, welche Einem ordentlich das Herz erwärmt. Ich hoffe mich Ihrer würdig zu zeigen, und so weit Sie nach dem Pole hinauf der Kälte zu trotzen wagen, werden wir es auch zusammen thun.

– Schön, Madame, sehr schön; möchten nur Alle, die mir folgen, Soldaten wie Frauen, sich ebenso entschlossen zeigen, wie Sie! Mit Gottes Hilfe werden wir noch weit gehen.

– Ueber den Anfang der Reise haben Sie sich eben nicht zu beklagen. Bis jetzt gab es keinen Unfall, aber günstiges Wetter und erträgliche Temperatur, so daß Alles nach Wunsch ging.

– Gewiß, Madame, entgegnete der Lieutenant; aber gerade die von Ihnen so bewunderte Sonne wird bald Strapazen und Hindernisse unter unserem Fuße hervorrufen.

– Und inwiefern, Herr Hobson? fragte begierig Mrs. Paulina Barnett.

– Insofern, als die Sonne binnen Kurzem das Aussehen dieses Landes verändert haben wird; als das schmelzende Eis dann den Schlitten keine geeignete Oberfläche mehr bietet; als der Erdboden holperig und hart werden wird, und die keuchenden Hunde uns nicht mehr mit Pfeilgeschwindigkeit werden befördern können. Dann gehen Flüsse und Seen wieder in flüssigen Zustand über, und wir werden sie umfahren oder durchwaten müssen. Alle diese dem Einflusse der Sonne zuzuschreibenden Veränderungen werden sich in Verzögerungen, Mühen und Gefahren übersetzen, von denen der lockere Schnee, welcher unter den Füßen weicht, und die Lawinen, welche von den Eisbergen hernieder donnern, nur die kleinsten sind. Sehen Sie, das wird uns die Sonne nützen, wenn sie sich mehr und mehr über den Horizont erhebt. Erinnern Sie sich später meiner Worte, Mistreß! Von den vier Elementen des Alterthums ist uns hier ein einziges, die Luft, nützlich, nothwendig, ja, unentbehrlich; die drei anderen aber, Erde, Feuer und Wasser, brauchten für uns gar nicht vorhanden zu sein. Sie entsprechen der Natur der Polargegenden nicht!«

Offenbar übertrieb der Lieutenant. Mrs. Paulina Barnett hätte ihn leicht mit seinen eigenen Beweismitteln schlagen können, aber es machte ihr Vergnügen, Jasper Hobson mit solcher Wärme der Ueberzeugung sprechen zu hören. Leidenschaftlich liebte der Lieutenant das Land, durch welches des Lebens Wechselfälle die Reisenden soeben führten, und ihr gab das die Versicherung, daß er vor keinem Hinderniß zurückweichen werde.

Immerhin hatte Jasper Hobson ganz Recht, wenn er sich von der Sonne zukünftiger Schwierigkeiten versah. Man merkte das schon, als sich das Detachement nach drei Rasttagen am 4. Mai wieder auf den Weg machte. Das Thermometer hielt sich selbst während der kältesten Nachtstunden immer über dem Gefrierpunkte. Die weiten Flächen kamen zum Thauen. Die weiße Decke verschwand in Form von Wasser. Die Unebenheiten des aus Urgebirge bestehenden Bodens verriethen sich durch die wiederholten Stöße, welche die Schlitten, und in Folge dessen die Darinsitzenden, erschütterten. Die Hunde konnten sich in Folge des beschwerlicheren Ziehens nur in mäßigem Traben erhalten, und nun durften auch die Zügel gefahrlos wieder Corporal Joliffe’s unkluger Hand anvertraut werden. Weder sein Zuruf, noch das Kitzeln mit der Peitsche hätte die angestrengte Bespannung in schnelleren Gang gebracht.

So kam es, daß die Reisenden von Zeit zu Zeit die Last der Hunde verminderten, indem sie einen Theil des Weges zu Fuße zurücklegten. Damit waren vor Allen die Jäger des Detachements einverstanden, denn Letzteres näherte sich unmerklich den wildreicheren Jagdgründen des britischen Amerikas. Mrs. Paulina Barnett und ihre getreue Madge folgten den Jagden mit ausgesprochener Theilnahme. Thomas Black dagegen gab sich den Anschein, als habe er durchaus kein Interesse an allen waidmännischen Uebungen. In diese entlegenen Gegenden hatte er sich nicht begeben, um Wiesel und Hermelins zu erlegen, sondern einzig, um den Mond in den Augenblicken, wo seine Scheibe die der Sonne überdecken würde, zu beobachten. Sobald die Leuchte der Nacht über dem Horizonte auftauchte, verschlang sie der ungeduldige Astronom mit den Augen, was den Lieutenant einmal zu den Worten veranlaßte:

»He, Herr Black, nun sollte, wenn’s auch nicht gut möglich ist, der Mond kommenden 18. Juli 1860 das Stelldichein verfehlen, das dürfte Ihnen wohl unangenehm sein!

– Herr Hobson, erwiderte der Astronom mit allem Ernste, wenn der Mond so gegen alles Uebereinkommen sündigte, würde ich ihn gerichtlich belangen lassen.«

Die besten Jäger der Gesellschaft waren die Soldaten Marbre und Sabine, Beide Meister in ihrem Fache. Ihre Geschicklichkeit ohne Gleichen, die Schärfe ihres Auges und die Sicherheit ihrer Hand übertraf kein Indianer. Sie waren Schützen und Fallensteller zu gleicher Zeit. Ihnen waren alle Apparate und Maschinen bekannt, mit deren Hilfe man Marder, Ottern, Wölfe, Füchse und Bären fing. Keine Jägerlist war ihnen fremd. Es waren im Ganzen geschickte und intelligente Männer, und Kapitän Craventy hatte wohl daran gethan, sie Lieutenant Hobson’s Detachement beizugeben.

Während des Marsches fanden Marbre und Sabine freilich nicht die Muße, Schlingen zu legen. Sie konnten sich nur eine bis zwei Stunden lang entfernen, und mußten sich mit dem Wilde begnügen, das ihnen selbst in Schußweite kam. Doch wären sie schon sehr zufrieden gewesen, einen jener großen Wiederkäuer der amerikanischen Fauna zu erlegen, welche in so hohen Breiten freilich selten angetroffen werden.

Eines Tages, am Morgen des 15. Mai, hatten sich die beiden Jäger, Lieutenant Hobson und Mrs. Barnett einige Meilen östlich von ihrem Wege hinwegbegeben. Marbre und Sabine hatten von ihrem Lieutenant die Erlaubniß erhalten, einige eben entdeckte frische Wildspuren zu verfolgen, und Jasper Hobson gestattete das nicht nur, sondern wollte ihnen, in Begleitung der reisenden Dame, folgen.

Jene Spuren rührten offenbar von einem Rudel großen Damwildes her. Ein Irrthum war nicht denkbar. Marbre und Sabine stimmten in obiger Ansicht überein, und im Nothfall hätten sie auch noch die specielle Art, der diese Wiederkäuer angehörten, bezeichnen können.

»Die Anwesenheit jener Thiere in diesen Gegenden scheint Sie Wunder zu nehmen, Herr Hobson? fragte Mrs. Paulina Barnett den Lieutenant.

– Ja wohl, Madame, antwortete Jasper Hobson, nur selten begegnet man diesen Gattungen über dem siebenundfünfzigsten Breitengrade. Wir jagen sie eigentlich nur im Süden des Sklaven-Sees, dort, wo sich neben Schößlingen von Pappeln und Weiden auch gewisse wilde Rosen finden, nach denen das Damwild sehr lüstern ist.

– Dann muß man also annehmen, daß diese Wiederkäuer, ebenso wie die Pelzthiere, von den Jägern vertrieben, jetzt nach stilleren Gegenden flüchten.

– Es ist mir keine andere Ursache für ihr Vorkommen hier im fünfundsechzigsten Breitengrade erklärlich, erwiderte der Lieutenant, wenn wir annehmen, daß sich unsere beiden Jäger bezüglich der Natur und des Ursprungs dieser Spuren nicht getäuscht haben.

– Nein, Herr Lieutenant, meldete sich Sabine, das nicht. Marbre und ich, wir haben uns nicht geirrt. Diese Spuren auf der Erde rühren von Damhirschen her, welche wir anderen Jäger rothe Damhirsche, und die Eingeborenen ›Wapitis‹ nennen.

– Das steht fest, bekräftigte Marbre. Alte Trappers, wie wir, täuschen sich darin nicht. Uebrigens, Herr Lieutenant, hören Sie nicht jenes eigenthümliche Pfeifen?«

Jasper Hobson, Mrs. Paulina Barnett und ihre Begleiter waren jetzt am Fuße eines kleinen Hügels angekommen, dessen schneefreie Abdachung gangbar war. Sie eilten also denselben hinan, während das von Marbre bezeichnete Pfeifen deutlich hörbar wurde. Ein Geschrei, wie das eines Esels, vermischte sich manchmal damit und bewies, daß die beiden Jäger Recht gehabt hatten.

Auf dem Gipfel angelangt, ließen Alle den Blick über die Ebene nach Osten schweifen. An manchen Stellen war der Boden noch weiß, aber ein schüchternes Grün unterbrach doch schon da und dort die blendenden Schneeflächen. Einzelne nackte Gebüsche waren sichtbar. Am Horizonte hoben sich große, platt abgeschnittene Eisberge von dem graulichen Himmel ab.

»Wapitis! Wapitis! Da sind sie! riefen Sabine und Marbre wie aus einem Munde, und zeigten eine Viertelmeile östlich auf eine dichte, doch leicht unterscheidbare Gruppe von Thieren.

– Aber was beginnen diese? fragte die Reisende.

– Sie kämpfen, Mistreß, antwortete Jasper Hobson; das ist so ihre Gewohnheit, wenn die Polarsonne ihr Blut erhitzt. Wieder eine traurige Folge des Tagesgestirns!«

Von der Entfernung aus, in welcher sie sich befanden, konnten Jasper Hobson, Mrs. Paulina Barnett und die Jäger den Trupp Wapitis bequem sehen. Es waren prächtige Exemplare jener Damwildfamilie, welche unter den verschiedenen Namen der Damhirsche mit rundem Geweih, amerikanischen Hirsche und Hindinnen, der grauen und rothen Elenns verstanden werden. Diese zierlichen Thiere haben feingebaute Beine. Einige röthliche Streifen, welche sich in der warmen Jahreszeit noch lebhafter färben, ziehen sich durch ihr braunes Fell. An dem weißen, stolz entwickelten Geweih erkennt man die Männchen unter ihnen leicht, denn die Weibchen entbehren dieses Schmuckes vollkommen. Früher waren diese Wapitis auf dem ganzen Gebiete des nördlichen Amerikas verbreitet und sogar noch zahlreich in den Vereinigten Staaten. Aber bei der allseitigen Urbarmachung, bei dem Sinken der Wälder unter der Axt der Pionniere, mußte sich der Wapiti in die friedlicheren Gefilde Kanadas zurückziehen. Auch dort fehlte ihm bald die Ruhe, und so floh er zumeist an die Küsten der Hudsons-Bai. Kurz, der Wapiti ist zwar ein Thier der kälteren Länder, doch bevölkert er, wie der Lieutenant erwähnt hatte, nur selten Gegenden über dem siebenundfünfzigsten Breitengrade. Die hier Vorgefundenen waren zweifellos nur deshalb bis in diese hohen Breiten geflohen, um den Chipeways, welche gegen sie einen Krieg bis auf’s Messer führen, zu entgehen und jene Sicherheit wiederzufinden, die der Wüstenei niemals abgeht.

Der Kampf der Wapitis setzte sich indessen mit Erbitterung fort. Die Thiere hatten das Erscheinen der Jäger, welches dem Streite wahrscheinlich auch kein Ende gemacht hätte, offenbar nicht bemerkt. Marbre und Sabine, welche schon wußten, mit welch‘ blinden Kämpfern sie zu thun hatten, konnten sich also ohne Scheu nähern und bequem schießen.

Dieser Vorschlag wurde auch von Lieutenant Hobson gemacht.

»Entschuldigen Sie, Herr Lieutenant, sprach da Marbre. Schonen wir unser Pulver und Blei. Diese Thiere spielen ein wenig ›sich gegenseitig tödten‹, und wir kommen immer noch zeitig genug, die Gefallenen aufzulesen.

– Haben diese Wapitis einen Handelswerth? fragte da Mrs. Paulina Barnett.

– Ja, Mistreß, antwortete Jasper Hobson, und ihre Haut, welche nicht ganz so stark ist, wie die des eigentlichen Elenns, liefert ein sehr geschätztes Leder. Reibt man sie mit dem eigenen Fett und Gehirn des Thieres ein, so wird dieses sehr weich, und widersteht der Trockenheit und Feuchtigkeit gleich gut. Deshalb ergreifen und suchen sogar die Indianer jede Gelegenheit, sich Wapitihäute zu verschaffen.

– Ist ihr Fleisch nicht auch eine ausgezeichnete Nahrung?

– Eine mittelmäßige, Madame, wirklich, eine sehr mittelmäßige. Dieses Fleisch ist hart und wenig schmackhaft, das Fett desselben gerinnt, sobald es vom Feuer wegkommt, und klebt an den Zähnen. Es wird also nur gering geschätzt und steht weit unter dem des anderen Damwildes. Doch ißt man es in der Noth, beim Mangel eines besseren, und dann ernährt es seinen Mann so gut wie anderes Fleisch.«

So unterhielten sich die Beiden während einiger Minuten, als der Kampf der Wapitis plötzlich aufhörte. Hatten die Thiere ihren Zorn gestillt oder die Jäger, und damit eine drohende Gefahr, gewittert? Wie dem auch sei, jedenfalls entfloh, mit Ausnahme zweier großer Exemplare, die ganze Gesellschaft mit Windeseile nach Osten. Nach wenigen Augenblicken waren sie verschwunden, und das schnellste Pferd hätte sie nicht einzuholen vermocht.

Zwei stolze Damhirsche aber waren auf dem Schlachtfelde zurückgeblieben. Mit gesenkten Köpfen, Geweih gegen Geweih, die Hinterfüße kräftig eingestemmt, boten sie sich die Spitze. Wie zwei Kämpfer, die sich nicht loslassen, bis Einer unterliegt, drehten sie sich nur auf den Vorderfüßen, so als ob sie aneinander genietet wären.

»O, welche Erbitterung! rief Mrs. Barnett.

– Ja, sagte Jasper Hobson, diese Wapitis sind sehr nachtragende Thiere, und Jene kämpfen jetzt gewiß einen alten Strauß aus.

– Wäre das nicht aber der Zeitpunkt, sich ihnen zu nähern, während sie so wuthblind sind? fragte die Reisende.

– Dazu ist noch Zeit, Mistreß, bemerkte Sabine, diese da können uns nicht mehr entwischen. Wir könnten ihnen auf drei Schritte nahe sein, das Gewehr in Anschlag und den Finger am Drücker, sie wichen doch nicht von der Stelle.

– Wirklich?

– In der That, Madame, meinte Jasper Hobson, der darauf die Zweikämpfer aufmerksamer beobachtet hatte, ob durch unsere Hand oder die Zähne der Wölfe, jedenfalls werden diese Wapitis auf der Stelle selbst, auf der sie sich befinden, früher oder später umkommen.

– Ich begreife nicht, wie Sie das wissen können, Herr Hobson, versetzte die Reisende.

– Nun wohl, Mistreß, erwiderte der Lieutenant, nähern Sie sich Jenen. Fürchten Sie nicht, die Thiere zu verscheuchen. Diese können, wie unser Jäger gesagt hat, nicht mehr fliehen.«

Mrs. Paulina Barnett stieg, von Sabine, Marbre und dem Lieutenant begleitet, den Hügel hinab. Wenige Minuten reichten zur Durchschreitung der kleinen Entfernung hin, die sie von dem Schauplatz des Kampfes trennte. Die Wapitis waren nicht von der Stelle gewichen. Sie stießen sich noch immer mit den Köpfen, wie zwei streitende Widder, und schienen doch fest mit einander verbunden.

Wirklich hatten sich die Geweihe der beiden Wapitis in der Hitze des Kampfes so in einander gestoßen, daß jene dieselben, ohne sie abzubrechen, nicht wieder lösen konnten. Eben das kommt übrigens häufig vor, und es ist nicht selten, in den Jagdgebieten solche abgebrochene, aber fest aneinander hängende Geweihe auf der Erde zu finden. Die derselben beraubten Thiere sterben bald vor Hunger oder werden eine leichte Beute der Raubthiere.

Zwei Kugeln endigten das Duell der Wapitis. Marbre und Sabine, welche dieselben auf der Stelle abzogen, nahmen nur die Häute mit, um diese später zuzurichten, und überließen den Wölfen und Bären einen Haufen blutigen Fleisches.

Siebentes Capitel.


Siebentes Capitel.

Die Expedition ging weiter nach Norden, aber das Ziehen der Schlitten auf dem unebenen Boden ermüdete die Hunde übermäßig. Die muthigen Thiere, welche am Anfang der Reise der Zügel der Führer kaum bändigen konnte, kamen nur noch langsam vorwärts, so daß ihnen mehr als zehn bis zwölf Meilen den Tag nicht zuzumuthen waren. Dennoch beeilte Jasper Hobson den Zug seines Detachements nach Möglichkeit. Es drängte ihn, an der Grenze des Sees des Großen Bären anzukommen und Fort-Confidence zu erreichen. Dort hoffte er manche für die Expedition wichtige Fingerzeige zu erhalten. Hatten die Indianer, welche das nördliche Ufer des Sees besuchen, auch schon die Gegenden in der Nachbarschaft des Meeres durchstreift? War das Eismeer zu jener Jahreszeit überhaupt offen? Das waren gewichtige Fragen, von deren zweifelloser Beantwortung die Zukunft der neuen Factorei abhing.

Die Gegend, welche die kleine Gesellschaft durchzog, war von einer großen Anzahl Wasserläufen, meist Zuflüssen der beiden großen Ströme, welche von Süden nach Norden laufend sich in den arktischen Ocean stürzen, durchschnitten. Diese waren, im Westen der Mackenzie-, im Osten der Coppermine-Strom. Zwischen diesen zwei Hauptpulsadern lagen Seen, Lagunen und zahlreiche Teiche. Auf ihre schon im Aufthauen begriffene Oberfläche durfte man sich mit den Schlitten nicht wagen. Man mußte diese also umfahren, wodurch die Länge des Weges wesentlich vergrößert wurde.

Entschieden hatte Lieutenant Hobson recht gehabt: der Winter ist die eigentliche Jahreszeit dieser hochnördlichen Länder; er macht sie wenigstens leichter passirbar. Mrs. Paulina Barnett sollte das noch bei mancher Gelegenheit bestätigt finden.

Diese unter dem Namen des »Verwünschten Landes« bekannte Gegend war übrigens, wie fast alle die nördlichen Gebiete des amerikanischen Festlandes, völlig verlassen. Die Bevölkerungsdichtigkeit ergiebt durch Rechnung noch nicht einen Menschen auf zehn Quadratmeilen. Die Bewohner bestehen, wenn man von den schon sehr verminderten Eingeborenen absieht, aus einigen Tausend Agenten oder Soldaten, welche den verschiedenen Pelzcompagnien angehören. Es drängt sich diese Bevölkerung mehr in den südlichen Districten und in der Nachbarschaft der Forts zusammen. Auf dem Wege des Detachements traf man also auf keines Menschen Spuren. Was von solchen in dem mürben Schnee noch gefunden wurde, rührte allein von Wiederkäuern oder Nagethieren her. Einige Bären wurden bemerkt; furchtbare Thiere, wenn sie zur Familie der Polarbären gehören. Immerhin erstaunte Mrs. Paulina Barnett über diese Seltenheit der Fleischfresser. Die Reisende dachte, in Erinnerung der Berichte von Ueberwinterungen, daß die arktischen Regionen sehr reich an dergleichen furchtbaren Thieren sein müßten, weil Schiffbrüchige oder Wallfischfahrer der Baffins-Bai, wie die von Grönland und Spitzbergen, regelmäßig von denselben angegriffen wurden, und sich hier kaum dann und wann ein solches Raubthier im Sehfelde der Gesellschaft zeigte.

»Warten Sie den Winter ab, Madame, erwiderte ihr Lieutenant Hobson; gedulden Sie sich bis zur Kälte, die den Hunger reizt, dann werden Sie vielleicht nach Wunsch bedient werden.«

Endlich kam die kleine Gesellschaft nach einem langen, anstrengenden Zuge am 23. Mai an der Grenze des Polarkreises an. Bekanntlich bezeichnet der vom Pole um 23º 27′ 5″ entfernte Parallelkreis diejenige Linie, bis zu der die Sonnenstrahlen am kürzesten Tage nur reichen, wenn die andere südliche Erdhälfte Sommer hat. Von dieser Stelle aus betrat die Expedition also frischen Muthes die Gebiete der arktischen Regionen.

Die geographische Breite war mittelst der sehr feinen Instrumente, welche Thomas Black und Jasper Hobson gleich geschickt handhabten, sorgfältig aufgenommen worden. Mrs. Paulina Barnett, welche dabei zugegen war, hörte mit Vergnügen, daß sie nun den Polarkreis betrete. Es war das eine gewiß zulässige Eigenliebe von ihr.

»Sie haben bei Ihren früheren Reisen, Madame, bemerkte der Lieutenant, die beiden Tropenzonen durchwandert und begeben sich hiermit über den nördlichen Polarkreis. Wenige Forscher haben sich so verschiedenen Zonen ausgesetzt. Die Einen befassen sich, so zu sagen als Specialität, mit den warmen Ländern, und Afrika und Australien bilden das Hauptfeld ihrer Thätigkeit, z.B. eines Barth, Burton, Livingstone, Speke, Douglas und Stuart. Andere dagegen widmeten sich mit Vorliebe den noch so wenig bekannten arktischen Regionen, wie Mackenzie, Franklin, Penny, Kane, Parry und Raë, auf deren Wegen wir uns eben befinden. Alle Ehre also der Mrs. Paulina Barnett, der so kosmopolitischen Reisenden!

– Man muß Alles sehen, oder doch zu sehen suchen, Herr Hobson, erwiderte die Dame. Ich glaube, die Schwierigkeiten und Gefahren sind wohl unter jeder Zone gleich groß. In den Polarländern hat man die Fieber der heißen Zone nicht zu fürchten, so wenig, wie die gesundheitlichen Nachtheile der zu großen Hitze oder die Grausamkeit der Wilden, dafür ist wohl die Kälte ein ebenso schrecklicher Feind. Auf wilde Thiere stößt man in allen solchen Gegenden, und die Eisbären, denke ich, werden hier gegen Reisende nicht freundlicher sein, als die Tiger in Thibet oder die Löwen in Afrika. Ueber den Polarkreisen drohen also wohl die nämlichen Gefahren, wie unter den Tropen. Das sind eben Landstriche, welche sich lange der Erforschung durch den Menschen widersetzen.

– Ohne Zweifel, Madame, antwortete Jasper Hobson, aber ich glaube, daß das bei den hochnördlichen Gegenden am längsten der Fall sein wird. In den Tropengegenden sind es vorzüglich die Ureinwohner, deren Auftreten ein schwer zu beseitigendes Hinderniß bietet, und ich weiß, wie viele Opfer diesen afrikanischen Barbaren, welche doch ein civilisatorischer Krieg früher oder später einmal zu Paaren treiben wird, gefallen sind. In den arktischen und antarktischen Gegenden dagegen halten zwar keine Einwohner den Schritt der Reisenden auf, sondern die Natur selbst errichtet eine unübersteigliche Schranke, die Kälte, die grausame Kälte, welche die Kraft des Menschen verzehrt.

– Sie glauben demnach, Herr Hobson, daß die heiße Zone bis in die unbekanntesten Theile Afrikas und Australiens eher bekannt sein wird, bevor die kalte Zone vollkommen durchforscht sein werde?

– Ja, Madame, antwortete der Lieutenant, und diese Ansicht scheint auch wohlbegründet. Die kühnsten Entdeckungsreisenden in den arktischen Gegenden, wie Parry, Penny, Franklin, Mac Clure und Andere mehr, sind noch nie über den dreiundachtzigsten Breitengrad hinausgekommen, blieben also noch immer sieben Grade vom Pole entfernt. Dagegen ist Australien von Süden nach Norden schon mehrere Male, z. B. durch den unerschrockenen Stuart durchforscht worden, und Afrika, – das so furchtbare – hat Doctor Livingstone von der Loanga-Bai bis zur Mündung des Zambese durchzogen. Man hat also allen Grund zu der Annahme, daß die Gebiete der heißen Zone eher geographisch bekannt sein werden, als die der kalten.

– Sind Sie auch der Meinung, Herr Hobson, fragte Mrs. Paulina Barnett, daß der Mensch nie im Stande sein werde, den Pol selbst zu erreichen?

– Ohne Zweifel erreicht ihn einst ein Mann, Madame, sagte Hobson, oder eine Frau, fügte er galant hinzu. Doch scheint mir, daß die von den Seefahrern bislang dazu angewendeten Mittel einer tiefgreifenden Modification bedürfen. Man spricht von einem freien Meere, welches einzelne Forscher gesehen haben wollen. Dieses eisfreie Meer ist aber, wenn es überhaupt existirt, nur sehr schwer zu erreichen, und so kann zunächst Niemand mit Sicherheit voraussagen, daß er zum Pol gelangen werde. Ich bin übrigens der Meinung, daß ein solches freies Meer weit mehr eine Erschwerung, als eine Erleichterung jeder dorthin gerichteten Reise darstellen würde. Einen festen, gleichviel ob aus Eis oder aus Felsen bestehenden Boden würde ich für meinen Theil bei einer solchen Reise weit lieber sehen. Dann ließe ich durch wiederholte Expeditionen Niederlagen von Nahrungsmitteln und Kohlen immer naher nach dem Pole hin errichten und so glaube ich, daß man nach langer Zeit, großen Geldopfern, und wohl auch mit dem Verluste so manchen Menschenlebens, doch endlich bis zu diesem unerreichten Punkte der Erdkugel gelangen müßte.

– Ich theile ganz Ihre Meinung, Herr Hobson, antwortete Mrs. Paulina Barnett, und wenn Sie sich jemals an dieses Unternehmen wagten, werd‘ ich nicht davor zurückschrecken, Mühen und Gefahren mit Ihnen zu theilen, um auf den Nordpol die Fahne des Vereinigten Königreichs zu pflanzen. Aber für jetzt ist das ja wohl unser Zweck nicht.

– Für jetzt, Madame, nein, erwiderte Jasper Hobson. Immerhin könnte, nach Realisirung der Projecte der Compagnie, das an der obersten Grenze des amerikanischen Festlandes begründete Fort einen natürlichen Ausgangspunkt für alle ferneren Nordpolexpeditionen bilden. Wenn übrigens die Pelzthiere durch die Jagd weiter, und bis zu dem Nordpole hin vertrieben würden, müßten wir ihnen auch bis dahin folgen.

– Mindestens, wenn diese kostspielige Mode des Pelztragens nicht einmal aufhört, ergänzte Mrs. Paulina Barnett.

– O, Mistreß, entgegnete der Lieutenant, eine schöne Fran, welche einen Zobelmuff oder eine Pelzpelerine haben möchte, wird es immer geben, und diese muß doch befriedigt werden.

– Das fürchte ich auch, lenkte die Reisende lächelnd ein, und wahrscheinlich ist der Erste, der den Pol erreicht, ein Jäger bei der Verfolgung eines Marders oder eines Silberfuchses.

– Das ist meine Ueberzeugung, Madame, erwiderte Jasper Hobson. Die menschliche Natur ist nun einmal so geschaffen, daß die Gewinnsucht mehr und weiter treibt, als der Wissensdrang.

– Wie? Und so sprechen Sie, Herr Hobson?

– Nun, bin ich denn nicht Beamter der Hudsons-Bai-Compagnie, und besteht deren Thätigkeit denn in etwas Anderem, als ihre Agenten und ihre Capitalien daran zu wägen, in der einzigen Hoffnung, ihre Erträgnisse zu erhöhen?

– Herr Hobson, sagte da Mrs. Paulina Barnett, ich glaube Sie so weit zu kennen, daß Sie, wenn nöthig, Leib und Seele der Wissenschaft zu opfern im Stande wären. Gälte es ein einfaches geographisches Interesse, bis zum Pole vorzudringen, so bin ich überzeugt, daß Sie nicht zögern würden. Doch, fügte sie lächelnd hinzu, das ist eine große Frage, deren Lösung noch in weiter Ferne liegt. Wir selbst sind ja bis jetzt nur am Polarkreise angelangt, den wir hoffentlich ohne zu große Schwierigkeiten überschreiten werden.

– Ich weiß das nicht bestimmt, Madame, antwortete Jasper Hobson, welcher den Himmel aufmerksam musterte. Seit einigen Tagen droht schon ein Witterungswechsel. Betrachten Sie diese gleichmäßige, graue Himmelsbedeckung. Alle diese Nebel werden sich bald in Schnee auflösen, und sollte sich nur Wind erheben, so würden wir auch bald einen tüchtigen Sturm haben. Mich drängt es wirklich, erst am See des Großen Bären anzukommen.

– Dann, Herr Hobson, schloß Mrs. Paulina Varnelt, sich erhebend, dieses Gespräch, wollen wir keine Zeit verlieren, und Sie sollten wohl das Zeichen zum Aufbruch geben.«

Der Lieutenant bedurfte keiner weiteren Anregung. Allein, oder in Begleitung thatkräftiger Männer, wie er es war, hatte er seinen Zug Tag und Nacht fortgesetzt. Aber er konnte nicht von Allen verlangen, was er sich selbst zumuthete. Er mußte wohl die Ermüdung der Anderen in Anschlag bringen, wenn er auch die seinige nicht beachtete. An jenem Tage hatte er deshalb seiner kleinen Gesellschaft, welche erst gegen drei Uhr Nachmittags weiter zog, eine dreistündige Rast gegönnt.

Bezüglich des nahe bevorstehenden Umschlages der Witterung hatte sich Jasper Hobson nicht getäuscht. Noch an diesem Tage ballten sich die Dunstmassen dichter zusammen und boten einen gelblichen, düsteren Anblick. Der Lieutenant war sehr unruhig, ohne es äußerlich durchblicken zu lassen, und während die Hunde seinen Schlitten nur mit großer Mühe dahin zogen, unterhielt er sich mit Sergeant Long, der die Vorzeichen des Sturmes nicht so sehr wahrnahm.

Das Land, über welches der Zug ging, war zu einer Schlittenreise zum Unglück wenig geeignet. Der sehr unebene, da und dort von Hohlwegen durchschnittene Boden, dessen Wege einmal mit Granitblöcken besäet, ein andermal durch große, kaum vom Thauwetter angenagte Eisberge versperrt waren, verzögerte den Lauf der Zugthiere sehr wesentlich, und machte ihn sehr beschwerlich. Die armen Hunde konnten nicht mehr leisten und auch die Peitsche der Führer hatte keinen Erfolg.

Der Lieutenant und seine Leute waren oft genöthigt, zu Fuße zu gehen, und um die Kräfte der erschöpften Bespannung zu unterstützen, die Schlitten zu schieben, oder diese auch zu halten, wenn sie bei den stark wechselnden Bodenneigungen umzustürzen drohten. Es ist einleuchtend, daß hierdurch eine unausgesetzte Anstrengung erwuchs, welche übrigens Alle ohne Klage ertrugen. Nur Thomas Black, der immer seiner fixen Idee nachhing, verließ seinen Schlitten niemals, da seine Corpulenz auch zu derartigen mühseligen Hebungen nicht besonders paßte.

Seit Überschreitung des Polarkreises hatte sich also, wie man sieht, die Bodenbeschaffenheit vollkommen geändert. Offenbar hatten Erdrevolutionen jene gigantischen Felsblöcke dahin verschlagen. Auf der Oberfläche erhob sich dagegen eine ausgebildetere Vegetation. Nicht Büsche und Sträucher allein, auch Bäume besetzten die Abhänge der Hügel an Stellen, wo sie gegen die gar so rauhen Nordwinde geschützt waren. Sie bestanden aus Tannen, Fichten und Weiden, Baumarten, welche durch ihr Vorkommen in dieser kalten Zone doch eine gewisse vegetative Kraft der Letzteren bewiesen. Jasper Hobson rechnete sehr darauf, daß an diesen Erzeugnissen der arktischen Zone auch an den Küsten des Eismeeres kein Mangel sein werde. Diese Bäume lieferten ja Holz, Holz zum Erbauen eines Forts, Holz zum Erwärmen seiner einstigen Bewohner. Jedermann drängte sich der Unterschied zwischen dieser minder unfruchtbaren Gegend und den langen, weißen Flächen auf, welche sich zwischen dem Sklaven-See und Fort-Entreprise erstreckten.

Gegen Abend wurden die gelben Dünste dunkler. Der Wind sprang auf. Bald fiel der Schnee in großen Flocken und in wenigen Minuten hatte sich der Boden mit einer dicken weißen Decke überzogen. In weniger als einer Stunde lag ein Fuß hoch Schnee, und da derselbe sich nicht hielt, sondern zu mürbem Kothe wurde, so kamen die Schlitten nur mit größter Anstrengung vorwärts. Ihr aufgebogener Vordertheil sank tief in die weiche Masse ein, welche sie stets aufhielt.

Gegen acht Uhr Abends steigerte sich der Wind zum Sturme. Der heftig fortgetriebene Schnee, der bald den Boden berührte, bald wieder in die Höhe geweht wurde, bildete nur noch einen dichten Wirbel. Die von den Windstößen zurückgeworfenen Hunde, welche durch das Schneetreiben blind waren, konnten nicht mehr vorwärts. Der Zug bewegte sich jetzt durch einen schmalen Engpaß, den hohe Eisberge flankirten, und durch welchen der Sturm mit schrecklichster Heftigkeit fegte. Vom Orkan abgerissene Stücken der Eisberge stürzten in den Hohlweg und machten den Durchmarsch sehr gefährlich. Sie bildeten ebenso viele partielle Lawinen, deren jede einzelne hingereicht hätte, die Schlitten und deren Insassen zu zerschmettern. Unter solchen Umständen konnte der Weg nicht weiter fortgesetzt werden. Jasper Hobson mußte sich ergeben. Nachdem er noch Sergeant Long’s Ansicht eingeholt hatte, ließ er Halt machen. Nun galt es aber einen Schutz vor den Schneewehen zu suchen, welche unerhört fortwütheten.

Männer, welche an Polarexpeditionen gewöhnt sind, konnte das nicht in Verlegenheit setzen. Jasper Hobson und seine Gefährten wußten sich in solchen Fällen zu helfen. Es war ja nicht das erste Mal, daß der Sturm sie, vielleicht einige Hundert Meilen von einem Fort der Compagnie, überfiel, ohne daß ihnen eine Eskimohütte oder ein Indianerwigwam zur Verfügung stand.

»Nach den Eisbergen! Nach den Eisbergen!« rief Jasper Hobson.

Der Lieutenant wurde von Allen verstanden. Es galt jetzt in den dichten Eismassen sogenannte ›Schneehäuser‹ auszuhöhlen, oder vielmehr nur Löcher, in welche sich Alle während der Dauer des Sturmes bergen könnten. Die Aexte und Messer waren schnell in Thätigkeit, die mürbe Masse anzugreifen.

Dreiviertel Stunde später schon war ein Dutzend Höhlen mit engen Eingängen ausgearbeitet, deren jede zwei bis drei Menschen aufnehmen konnte. Die Hunde wurden abgezäumt und sich selbst überlassen. Man überließ es ihrem Spürsinne, unter dem Schnee ein schützendes Obdach zu finden.

Vor zehn Uhr war das ganze Personal der Expedition in den Schneehäusern untergebracht. Man hatte sich zu Zweien und zu Dreien, zum Theil je nach Neigung, zusammengefunden. Mrs. Paulina Barnett, Madge und Lieutenant Hobson nahmen eine Hütte ein. Thomas Black und Sergeant Long vergruben sich zusammen in einer anderen Höhle. Die Anderen würfelte der Zufall zusammen.

Diese Zufluchtsorte waren, wenn nicht comfortabel, so doch wenigstens verhältnißmäßig warm, und man erinnerte sich dabei auch, daß die Eskimos und Indianer selbst in der strengsten Kälte keinen besseren Schutz haben. Jasper Hobson und die Seinen konnten den Sturm nun ruhig abwarten und hatten nur dafür zu sorgen, daß sich die Oeffnungen der Höhlen nicht mit Schnee verstopften, weshalb diese von einer halben Stunde zur anderen immer frei gelegt wurden. Während dieses Unwetters konnte Niemand einen Fuß in’s Freie setzen. Zum Glück aber hatten sich Alle hinreichend mit Proviant versehen, um dieses Biberleben, ohne von Frost oder Hunger gequält zu werden, auszuhalten.

Achtundvierzig Stunden lang nahm der Sturm an Heftigkeit zu. Der Wind heulte durch den Engpaß und entriß den Eisbergen ihre Gipfel. Ein Donner, den das Echo zwanzigfach wiedergab, bezeichnete den Sturz der Eislawinen. Jasper Hobson hatte allen Grund, zu befürchten, daß sein Weg durch herabgestürzte Eisblöcke ganz und gar versperrt sein möchte. Unter jenes Donnern mischte sich auch ein Brummen, über dessen Ursprung der Lieutenant nicht im Unklaren sein konnte, und er verhehlte der furchtlosen Mrs. Barnett auch nicht, daß Bären durch den Engpaß trotteten. Die mit sich selbst zu sehr beschäftigten Thiere entdeckten aber glücklicher Weise das Versteck der Reisenden nicht. Weder die Hunde, noch die Schlitten, welche unter dichter Schneedecke vergraben waren, erregten ihre Aufmerksamkeit.

Die letzte Nacht, die vom 25. zum 26. Mai, war noch furchtbarer. Die Wuth des Orkanes nahm so zu, daß ein allgemeiner Einsturz des Eisberges zu befürchten war, denn man fühlte diese ungeheuren Massen in ihren Grundfesten erzittern.

Ein schrecklicher Tod erwartete die Unglücklichen, die von dem Berge zerschmettert worden wären. Entsetzlich krachten die Eisblöcke, und schon bildeten sich da und dort Sprünge in der Masse, welche ihre Haltbarkeit bedrohlich verminderten. Doch trat kein Einsturz ein. Die ganze Bergmasse leistete Widerstand; gegen Ende der Nacht ließ, wie man das in Polarländern häufig beobachtet, die Gewalt des Sturmes, wie erschöpft, plötzlich unter dem Eintritt einer grellen Temperaturerniedrigung nach, und mit dem anbrechenden Tageslichte war die vollkommene Ruhe der Atmosphäre wieder hergestellt.

 

Achtes Capitel.


Achtes Capitel.

Die lebhafte Kälte, welche an einigen Tagen des Mais selbst in gemäßigten Zonen auf kurze Zeit einzutreten pflegt, war unseren Reisenden günstig; sie reichte hin, die dichte Schneedecke haltbar zu machen. Die Bahn wurde wieder gut. Jasper Hobson brach also wieder auf, und die Gesellschaft flog mit der ganzen Schnelligkeit der Zughunde dahin.

Die Richtung der Reise wurde nun etwas geändert. Statt geraden Weges nach Norden wandte man sich westlicher und folgte gewissermaßen dem vom Polarkreise beschriebenen Bogen. Der Lieutenant wollte nach Fort-Confidence, welches an der äußersten Spitze des Sees des Großen Bären errichtet ist. Die wenigen Kältetage waren seiner Absicht sehr förderlich; es ging sehr rasch, und ohne dazwischen tretende Hindernisse vorwärts, so daß die kleine Gesellschaft schon am 30. Mai an jenem Fort ankam.

Fort-Confidence und Fort-Good-Hope, beide am Mackenzie-Flusse gelegen, waren die nördlichsten Vorposten, welche die Hudsons-Bai-Compagnie bis dahin besaß. Das sehr wichtige, an der nördlichsten Spitze des Sees des Großen Bären gelegene Fort-Confidence stand durch die im Winter gefrorenen, im Sommer schiffbaren Gewässer des Sees mit dem am Südende desselben errichteten Fort-Franklin in bequemer Verbindung. Abgesehen von dem tagtäglichen Handel, welcher hier mit den Indianer-Jägern stattfand, beuteten diese Factoreien und vorzüglich Fort-Confidence, auch die Ströme und die Gewässer des Großen Bären durch Fischfang aus. Dieser See ist ein wirkliches Binnenmeer, das sich über einige Längen- und Breitengrade hin erstreckt. Es hat eine eigenthümliche, in der Mitte durch zwei spitze Vorgebirge zusammengedrängte Form und bildet im nördlichen Theile etwa ein sich nach oben erweiterndes Dreieck. Seine allgemeine Form ähnelte der des Fells eines großen Wiederkäuers, an dem die Kopfhaut fehlte.

Am Ende der »rechten Tatze« war Fort-Confidence erbaut, mindestens zweihundert Meilen vom Krönungs-Golf, einem jener zahlreichen Einschnitte, welche die Nordküste Amerikas so launenhaft ausschweifen. Es befand sich also ein wenig oberhalb des Polarkreises, aber fast noch drei Grade von jenem siebenzigsten Parallelkreise entfernt, über welchen hinaus die Hudsons-Bai-Compagnie noch ein Fort zu errichten strebte.

Fort-Confidence zeigte im Großen und Ganzen die nämliche Anordnung, wie die meisten übrigen Factoreien im Süden. Es bestand aus einem Officierhause, den Soldatenwohnungen und den Magazinen für die Pelzwaaren, – Alles aus Holz, und von einem Palissadenkranze umschlossen. Der commandirende Kapitän war zur Zeit abwesend. Er hatte sich einer Abtheilung Indianer und Soldaten angeschlossen, welche nach Osten, zur Aufsuchung wildreicheren Jagdgebietes, ausgezogen war. Die letzte Saison war keine gute gewesen. Vorzüglich fehlte es an werthvolleren Pelzen. Zum Ersatz waren wenigstens Otternfelle, Dank der Nachbarschaft des Sees, in großer Zahl erbeutet worden. Dieser Vorrath war aber sofort nach den Centralstationen im Süden versandt worden, so daß die Magazine des Fort-Confidence augenblicklich leer standen.

In Abwesenheit des Kapitäns empfing ein Sergeant den Lieutenant Hobson im Fort. Dieser Unterofficier war ein Schwager des Sergeant Long, Namens Felton. Derselbe stellte sich ganz zur Verfügung des Lieutenants, welcher, da er seinen Begleitern einige Rast gönnen wollte, zwei bis drei Tage in Fort-Confidence zu bleiben beschloß. An Wohnräumen war, da die kleine Besatzung sich auswärts befand, kein Mangel, und Menschen wie Thiere wurden also bequem untergebracht. Das beste Zimmer im Hauptgebäude blieb natürlich für Mrs. Paulina Barnett reservirt, welche die Aufmerksamkeit des Sergeant Felton gar nicht genug loben konnte.

Jasper Hobson’s erste Sorge war es gewesen, sich bei Felton zu erkundigen, ob nicht irgend eine Gesellschaft von Indianern des Nordens jetzt etwa an den Seeufern hause.

»Ja wohl, Herr Lieutenant, antwortete der Sergeant. Uns wurde kürzlich ein Lager von Hasen-Indianern angezeigt, welches sich an der anderen Spitze der Nordküste des Sees befindet.

– Und in welcher Entfernung vom Fort? fragte Jasper Hobson.

– Gegen dreißig Meilen, erwiderte Sergeant Felton. Haben Sie wohl Interesse daran, sich mit diesen Eingeborenen in Beziehung zu setzen?

– Ohne Zweifel, sagte Jasper Hobson. Diese Indianer können mir werthvolle Notizen über das Territorium geben, welches an das Polarmeer grenzt und mit Cap Bathurst endigt. Ist die Oertlichkeit günstig, so möchte ich dort unsere neue Factorei anlegen.

– Nun, Herr Lieutenant, antwortete Felton, nach dem Lager der Hasen-Indianer können Sie sehr leicht gelangen.

– Längs des Seeufers?

– Nein, gleich über den See selbst, denn dieser ist jetzt offen und der Wind günstig. Wir stellen Ihnen unser Boot zur Verfügung, zu dessen Leitung ein Matrose zur Hand ist; so können Sie das Indianerlager in wenigen Stunden erreichen.

– Gut, Sergeant, sagte Jasper Hobson, ich gehe auf Ihren Vorschlag ein, und, wenn Sie wollen, morgen früh …

– Wann es Ihnen beliebt, Herr Lieutenant«, antwortete Sergeant Felton.

Die Abfahrt wurde auf den anderen Morgen festgesetzt. Als Mrs. Paulina Barnett von dem Vorhaben hörte, bat sie Jasper Hobson, ihn begleiten zu dürfen, was ihr natürlich gern zugestanden wurde.

Nun galt es noch, den Tag bestmöglichst auszunutzen. Mrs. Paulina Barnett, Jasper Hobson, zwei oder drei Soldaten, Madge, Mrss. Mac Nap und Joliffe besuchten, unter Felton’s Führung, das benachbarte Seeufer, welches mit frischem Grün geschmückt war. Die nun schneefreien Abhänge waren da und dort mit Harzbäumen, vorzüglich mit Kiefern, bestanden. Diese Bäume stiegen etwa vierzig Fuß vom Boden auf, und lieferten übrigens den Bewohnern des Forts alles für die langen Wintermonate nöthige Brennmaterial. Ihre dicken, von biegsamen Zweigen umgebenen Stämme zeigten eine sehr charakteristische, grauliche Färbung. Doch verliehen sie in Folge ihres dichten gleichmäßigen Beisammenstehens, ihrer Geradheit und fast ganz gleichen Größe, der Landschaft nicht den Reiz der Abwechselung. Zwischen diesen Baumgruppen bedeckte eine Art weißlichen Grases den Erdboden, von welchem ein angenehmer, dem des Thymians ähnlicher Geruch aufstieg. Sergeant Felton belehrte seine Gäste, daß dieses wohlriechende Gras den Namen »Weihrauch- Gras« habe, dem es auch, auf glimmende Kohlen geworfen, alle Ehre machte.

Die Spaziergänger verließen das Fort und kamen schon nach einigen hundert Schritten zu einem kleinen, von hohen Granitfelsen gedeckten Hafen, von welchem letztere den Wellenschlag der freien Wasserfläche abhielten. Dort ankerte die Flotille von Fort-Confidence, die aus einem einzigen Fischerboote bestand, dem nämlichen, welches anderen Tages Jasper Hobson und die Reisende nach dem Lager der Indianer tragen sollte. Von dieser Stelle aus schweifte der Blick über einen großen Theil des Sees, über sein bewaldetes, sanft ansteigendes Uferland, seine wunderliche Küste, die von Caps und Buchten zerrissen erschien, und über das wenig bewegte Wasser, über dem nur einige schwimmende Eisblöcke ihre beweglichen Umrisse schaukelten. Im Süden verlor sich das Auge in einem wahrhaften Meereshorizonte, einer vollkommenen Bogenlinie, an der Himmel und Wasser unter dem Glanze der Sonnenstrahlen verschmolzen.

Der weite Raum, den die Oberfläche des Sees des Großen Bären einnahm, die mit Kieselgestein und Granitblöcken besäeten Ufer, die grasbekleideten Abhänge und endlich die Hügel mit ihren Bäumen, boten ein vollkommenes Bild des pflanzlichen und thierischen Lebens. Zahlreiche Arten von Enten huschten laut schnatternd über das Wasser; ferner Eidergänse, Pfeifenten, sogenannte »alte Frauen«, geschwätzige Vögel, deren Schnabel niemals stillstand. Einige Hundert Wasserscheerer und Tauchhühner flogen eiligst nach allen Richtungen davon. Unter der Decke der Bäume stolzirten Fischadler einher, Thiere von zwei Fuß Höhe, eigentlich einer Falkenart angehörig, deren Bauch von aschgrauer, Füße und Schnabel von bläulicher, und deren Augen von orangegelber Farbe sind. Die in den Zweiggabelungen der Bäume angebrachten Nester dieser Vögel sind aus Seepflanzen zusammengesetzt und von enormer Größe. Der Jäger Sabine hatte das Glück, ein paar solcher gewaltiger Fischadler zu erlegen, welche eine Flügelspannweite von sechs Fuß zeigten,– ein paar prächtige Proben jener, ausschließlich Fische fressenden, Zugvögel, welche der Winter bis an die Küsten des Mexicanischen Meerbusens treibt und der Sommer nach den höchsten Breiten Nordamerikas zurücklockt.

Was die Wanderer aber am meisten interessirte war der Fang einer Otter, deren Fell mehrere hundert Rubel gilt.

Das Pelzwerk von dieser kostbaren Amphibie war früher in China sehr gesucht. Wenn diese Felle aber auch an den Märkten des Himmlischen Reiches sehr verloren haben, so stehen sie dafür an denen Rußlands in hoher Gunst. Dort ist ihr Absatz, und zwar zu sehr hohen Preisen, stets gesichert. Auch sind die russischen Händler, welche die ganze Küste von Neu-Corwallis bis zum Polarmeere durchziehen, sehr begierig nach See-Ottern, deren Vorkommen immer seltener wird. Das ist der Grund, warum diese Thiere immer vor den Jägern fliehen, die ihnen bis zu den Küsten von Kamtschatka und nach den Inseln des Behring-Archipels folgen mußten.

»Doch, fügte Sergeant Felton hinzu, nachdem er seinen Gästen diese Einzelheiten mitgetheilt hatte, die amerikanischen Ottern sind auch nicht zu verachten und diejenigen, welche den See des Großen Bären bewohnen, haben noch immer einen Preis von zwei- bis dreihundert Francs das Stück.«

Wirklich lebten in den Gewässern des Sees ganz prächtige Ottern. Ein von dem Sergeanten selbst geschickt getroffenes und getödtetes Exemplar mochte wohl die »Wasserschlangen« Kamtschatkas aufwiegen. Es war übrigens von der Schnauze bis zur Schwanzspitze zweiundeinhalb Fuß lang, hatte handförmige Füße, kurze Beine, ein bräunliches, auf dem Rücken dunkleres, am Bauche helleres Fell und lange, seidenglänzende Haare.

»Ein schöner Schuß, Sergeant, sagte Lieutenant Hobson, der Mrs. Paulina Barnett das prächtige Fell des erlegten Thieres zeigte.

– Das ist er wohl, Herr Hobson, antwortete Sergeant Felton, und wenn jeder Tag ein solches Otternfell einbrächte, würden wir uns nicht zu beklagen haben. Doch wie viele Zeit geht mit dem Auflauern der Thiere verloren, die mit der äußersten Schnelligkeit schwimmen und untertauchen. Sie selbst gehen nur in der Nacht auf Raub und wagen sich am Tage nur sehr selten aus ihrem Lager heraus, das sich in einer, auch von dem geübtesten Jäger nur schwer aufzufindenden Aushöhlung eines Baumstammes oder eines Felsens befindet.

– Und diese Ottern werden auch immer und immer seltener? fragte Mrs. Paulina Barnett.

– Ja, Madame, erwiderte der Sergeant, und mit dem Tage, da diese Race einmal ausstirbt, werden sich auch die Erträgnisse der Compagnie wesentlich vermindern. Alle Jäger streiten vorzüglich um dieses Pelzwerk, und die Amerikaner bedrohen uns mit einer verderblichen Concurrenz. Haben Sie auf Ihrer Herreise, Herr Lieutenant, keinen Agenten einer amerikanischen Compagnie getroffen?

– Keinen Einzigen, antwortete Jasper Hobson. Besuchen Jene überhaupt diese Gebiete im hohen Norden?

– Gewiß, Herr Hobson, bestätigte der Sergeant, und wenn diese lästigen Menschen in der Nähe sind, ist es gut, auf seiner Huth zu sein.

– Diese Agenten sind wohl Straßenräuber? fragte Mrs. Barnett.

– Nein, Mistreß, entgegnete der Sergeant; aber es sind furchtbare Rivalen, und ist das Wild rar, dann fallen auch ein paar Schüsse zwischen den Jägern gegenseitig. Ich glaube sogar vorhersagen zu können, daß die Amerikaner, die der Himmel verderben möge, sollte der Versuch der Compagnie mit Erfolg gekrönt sein, und es Ihnen gelingen, an der äußersten Grenze des Landes ein Fort zu errichten, nicht zögern werden, Ihrem Beispiele zu folgen.

– Was thut das? erwiderte der Lieutenant. Die Jagdgebiete sind groß und unter der Sonne ist für Jedermann Platz. Wir wollen also getrost den Anfang machen. Immer vorwärts, so lange der Boden den Füßen nicht fehlt, und Gottes Hilfe mit uns ist!«

Nach dreistündigem Spaziergange kehrten Alle nach Fort-Confidence zurück. Im großen Saale desselben erwartete sie eine leckere, aus Fisch und frischem Wild bestehende Mahlzeit, der sie alle Ehre anthaten. Einige Plauderstunden im Salon beschlossen diesen Tag, und auch die Nacht spendete den Besuchern des Forts einen vortrefflichen Schlaf.

Am anderen Morgen, den 31. Mai, waren Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson schon seit fünf Uhr auf den Füßen. Der Lieutenant wollte diesen ganzen Tag dem Besuche des Indianerlagers widmen, um dabei alle ihm behilfliche Nachrichten einzuziehen. Er schlug auch Thomas Black vor, an dem Ausfluge Theil zu nehmen. Der Astronom zog es jedoch vor, auf dem Lande zu bleiben. Er wünschte einige astronomische Beobachtungen anzustellen und die Lage von Fort-Confidence nach Länge und Breite genau zu bestimmen. Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson sollten demnach allein über den See setzen, wobei ein alter Seemann, Namens Norman, der schon lange Jahre im Dienste der Compagnie stand, die Leitung des Fahrzeuges übernahm.

Die beiden Passagiere begaben sich also, von Sergeant Felton begleitet, nach dem kleinen Hafen, wo der alte Norman sie schon in seinem kleinen Schiffe erwartete. Letzteres bestand eigentlich nur in einem ungedeckten, am Kiele sechzehn Fuß langen Fischerboot, und war nach Art eines Kutters aufgetakelt, so daß ein Mann zu seiner Bedienung hinreichte. Das Wetter war schön. Eine leichte Brise blies, in sehr günstiger Richtung für die Ueberfahrt, aus Nordosten. Sergeant Felton empfahl sich seinen Gästen, die er um Entschuldigung bat, sie nicht begleiten zu können, doch dürfe er in Abwesenheit des Kapitäns die Factorei nicht so weit verlassen. Die Leine wurde gelöst und das Canot, welches unter Backbordhalsen den kleinen Hafen verließ, glitt schnell über die frischen Gewässer des Sees.

Die Reise glich wirklich mehr einer anmuthigen Promenade. Der alte und von Natur verschlossene Matrose verhielt sich, das Steuer im Arme, schweigend im Hintertheile des Bootes. Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson, welche auf Seitenbänken saßen, musterten die Landschaft, die sich vor ihren Augen entrollte.

Das Fahrzeug segelte in etwa drei Meilen Entfernung von der Nordküste des Sees hin, um eine gerade Linie einhalten zu können. Dabei konnte man leicht die bewaldeten Abhänge, welche nach Westen zu immer niedriger wurden, überblicken. Von dieser Seite aus gesehen, schien die Umgebung im Norden des Sees völlig eben zu sein, denn der Horizont erweiterte sich ganz auffallend. Ueberhaupt stach das Ufer hier sehr gegen das des spitzen Winkels ab, an welchem Fort-Confidence, von Tannen grün umrahmt, lag. Noch sah man die Flagge der Compagnie, welche von der Spitze des Wartthurmes daselbst flatterte. Nach Süden und Westen glitzerten stellenweise die von der Sonne schief beleuchteten Wasser des Sees; vorzüglich blendend erschienen aber die beweglichen Eisberge, welche schmelzenden Silberblöcken glichen, und deren Strahlenbrechung das Auge kaum zu ertragen vermochte.

Von der Eisdecke des Sees, die jeder Winter über diesen legte, war keine Spur mehr vorhanden. Nur diese schwimmenden Berge, welche das Strahlengestirn kaum auflösen konnte, schienen gegen die Polarsonne zu protestiren, die ja nur einen sehr flachen Bogen am Himmel beschrieb, und der die Wärme, nicht aber der Glanz abging.

Die beiden Passagiere plauderten über derartige Gegenstände und tauschten, wie immer, die Gedanken aus, welche diese fremdartige Natur in ihnen erweckte. Sie bereicherten dadurch ihren Geist mit Erinnerungen, während das Boot, welches sich leicht auf den friedlichen Wellen wiegte, rasch dahinschoß.

Wirklich näherte sich dasselbe, nachdem es um sechs Uhr früh abgefahren war, schon um neun Uhr demjenigen Punkte der nördlichen Küste, den es anlaufen sollte. Das Indianerlager war nahe der nordwestlichen Ecke des Sees aufgeschlagen. Vor zehn Uhr hatte Norman diese Stelle erreicht und landete an einem ziemlich steilen Gestade.

Der Lieutenant und Mrs. Paulina sprangen sofort an’s Land.

Zwei bis drei Indianer – darunter deren federngeschmückter Häuptling, der sie in genügend verständlichem Englisch ansprach –, kamen ihnen entgegen.

Die Hasen-Indianer, ebenso wie die Kupfer-, die Biber-Indianer und Andere, gehören alle zum Stamme der Chipeways, und unterscheiden sich in Kleidung und Lebensweise nur wenig von einander. Sie stehen übrigens in so häufiger Verbindung mit den Factoreien, daß dieser Handel sie so zu sagen, und soweit das bei einem Wilden eben möglich ist, »britannisirt« hat. Nach den Forts bringen sie ihre Jagdbeute, in diesen vertauschen sie dieselbe gegen andere zum Leben notwendige Gegenstände, welche sie schon seit einigen Jahren nicht mehr selbst herstellen. Sie stehen gewissermaßen im Solde der Compagnie; durch diese allein existiren sie, und es wäre kaum zu verwundern, wenn sie schon ihre ganze Ursprünglichkeit eingebüßt hätten. Um Indianer zu finden, bei welchen die Berührung mit Europäern noch keinen Eindruck hinterlassen hat, muß man bis in die höchsten Breiten, nach den von Eskimos bevölkerten Eisregionen hinaufgehen. Der Eskimo ist, wie der Grönländer, das echte Kind dieser Polarländer.

Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson begaben sich also nach dem Lager dieser Hasen- Indianer, das eine halbe Meile vom Ufer entfernt lag. Dort trafen sie etwa dreißig Eingeborene, Männer, Weiber und Kinder, an, welche von Jagd und Fischfang lebten, und die Umgebungen des Sees ausbeuteten. Nur vor Kurzem waren diese Indianer aus den nördlichsten Gebieten Amerikas zurückgekommen, und gaben Jasper Hobson einige, wenn auch sehr lückenhafte Auskunft über die Verhältnisse des Küstenstriches in der Nähe des siebenzigsten Breitengrades. Cap Bathurst selbst, wohin er sich ja gerade begeben wollte, kannten die Hasen- Indianer nicht. Uebrigens sprach ihr Häuptling von dem Gebiete zwischen dem See des Großen Bären und jenem Cap Bathurst, als von einem sehr unwegsamen Lande, das sehr hügelig und von zahlreichen, jetzt aufgethauten Wasserläufen durchschnitten wäre. Er rieth dem Lieutenant, längs des Coppermine- Flusses, im Nordosten des Sees, hinzuziehen, und so die Küste auf kürzestem Wege zu gewinnen. Am Polarmeere angelangt, würde es leichter sein, dieser Küste zu folgen, und es stände ja dann in Jasper Hobson’s Belieben, Halt zu machen, wo er die Oertlichkeit eben für geeignet hielt.

Der Lieutenant dankte dem Indianer-Häuptling und verabschiedete sich unter Zurücklassung einiger Geschenke. Dann besuchte er in Mrs. Paulina Barnett’s Begleitung noch die Umgebungen des Lagers, und kam erst gegen drei Uhr Nachmittags an das Boot zurück.

Neuntes Capitel.


Neuntes Capitel.

Der alte Seemann erwartete seine Passagiere schon mit einiger Ungeduld.

Seit einer Stunde hatte sich das Wetter merklich geändert, freilich konnte das Aussehen des Himmels nur einen Mann beunruhigen, welcher Wind und Wolkenbildungen zu beobachten schon gewöhnt war. Die von dichten Dünsten verhüllte Sonne bot nur noch das Bild einer weißlichen, glanz- und strahlenlosen Scheibe. Der Wind hatte sich zwar gelegt, doch hörte man von Süden her das Grollen der Wogen des Sees. Die Anzeichen des nahe bevorstehenden Witterungswechsels waren so plötzlich eingetreten, wie es jenen hohen Breiten eigenthümlich ist.

»Wir wollen schnellstens abreisen, Herr Lieutenant, sagte der alte Norman, und ja keinen Augenblick verlieren. In der Luft droht Unheil.

– Wirklich, antwortete Jasper Hobson, der Himmel sieht anders aus, als vorher. Wir hatten die Aenderung gar nicht bemerkt, Mistreß Paulina. – Befürchten Sie einen Sturm? fragte die Reisende Norman.

– Ja, Madame, entgegnete der alte Seemann, und die Stürme auf dem Großen Bärensee sind oft furchtbar, die Orkane wüthen wie im Atlantischen Oceane. Der plötzliche Nebel da oben weissagt nichts Gutes. Immerhin ist es möglich, daß der Tanz vor drei bis vier Stunden nicht losgeht, und bis dahin würden wir Fort-Confidence wohl erreicht haben. Doch lassen Sie uns unverzüglich absegeln, denn das Boot könnte bei den bis zur Wasserlinie aufragenden Felsen in große Gefahr kommen.«

Der Lieutenant konnte Norman bei Fragen, welche dieser besser zu lösen verstand als er, nicht widersprechen. Uebrigens war der alte Seemann in der Beschiffung gerade dieses Sees wohl erfahren, weshalb man sich wohl seinem Urtheile fügen mußte. Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson schifften sich also ein.

Als Norman aber die Bootsleine löste und abstieß, murmelte er – vielleicht in Folge eines beängstigenden Vorgefühls – die Worte:

»Es wäre wohl besser, jetzt zu warten!«

Jasper Hobson, dem diese Worte nicht entgangen waren, blickte den schon am Steuer sitzenden alten Seemann besorgt an. Wäre er allein gewesen, so würde er keinen Augenblick gezweifelt haben, abzufahren; die Mitanwesenheit der Mrs. Paulina Barnett verpflichtete ihn aber doch zu größerer Vorsicht. Die Reisende verstand das Zaudern ihres Begleiters.

»Nehmen Sie auf mich keine besondere Rücksicht, Herr Hobson, sagte sie, und handeln Sie, als ob ich nicht da wäre. Wenn unser wackerer Seemann den Zeitpunkt zur Abfahrt gekommen glaubt, nun wohl, so segeln wir ab.

»Also, Gott befohlen! sagte Norman, indem er die Leine schießen ließ, so kehren wir so schnell als möglich zum Fort zurück,«

Das Boot stach in See; während einer Stunde kam es nur wenig vorwärts. Das Segel schlug, von wechselnden Winden geschwellt, klatschend an den Mast. Die Dunstmassen wurden dichter. Schon schwankte das Boot auf der hohler gehenden See, denn das Wasser »fühlte« mit der Atmosphäre schon die drohende Sturmfluth.

Schweigend verharrten die beiden Passagiere, während der ergraute Seemann bei halbgeschlosseneu Augenlidern den dichten Nebel zu durchdringen suchte. Im Uebrigen war er auf Alles vorbereitet und wartete, seine Schoten fest in der Hand, des Sturmes, bereit jene sofort nachzulassen, wenn der Anprall desselben zu heftig wäre.

Bis jetzt waren aber die Elemente noch nicht im Kampfe und Alles wäre gut gewesen, hätte das Boot nur Fahrt machen können. Nach einer Stunde noch befand es sich aber kaum zwei Meilen von dem Indianerlager. Zudem war es von einigen unglückseligen Windstößen, welche von der Landseite herkamen, weit in See hinausgetrieben worden, so daß das im Nebel verhüllte Ufer kaum noch zu erkennen war. Es wäre ein sehr bedenklicher Umstand, wenn der Nordwind etwa stetig blieb, denn das leichte Boot, welches sehr zum Abweichen neigte, und nicht sehr dicht vor dem Winde segeln konnte, lief dann Gefahr, weit in den See hinaus verschlagen zu werden.

»Wir kommen kaum vorwärts, sagte da der Lieutenant zum alten Norman.

– Kaum, Herr Hobson, bestätigte dieser. Der Wind hält nicht aus einer Gegend an, und wenn es geschieht, ist zu befürchten, daß er gerade in der für uns ungünstigsten Richtung wehen wird. Dann könnten wir, setzte er hinzu, und wies mit der Hand nach Süden, dort eher Fort-Franklin, als Fort- Confidence zu sehen bekommen.

– Nun, warf die Reisende lächelnd ein, da hätten wir doch nur eine ausgedehntere Spazierfahrt gemacht. Dieser See des Großen Bären ist ja prächtig und verdient vom Norden bis zum Süden besucht zu werden. Ich setze voraus, Norman, daß man auch von diesem Fort-Franklin aus den Rückweg findet.

– Gewiß, Madame, sagte der alte Norman, wenn man nämlich bis dahin gekommen ist. Aber das stürmische Wetter hält auf diesem See oft vierzehn Tage unausgesetzt an, und wenn wir zum Unglück bis an die Südküste desselben verschlagen würden, könnte ich Herrn Jasper Hobson wohl kaum vor einem Monate für die Rückkehr nach Fort- Confidence stehen.

– Dann wollen wir auf unserer Huth sein, versetzte der Lieutenant, denn ein solcher Verzug könnte unser Vorhaben sehr in Frage stellen. Unterlassen Sie also ja Nichts, mein Freund, und gehen, wenn nöthig, irgend wo an der Nordküste an’s Land. Mrs. Paulina Varnett wird meiner Ansicht nach vor einer Fußreise von zwanzig bis fünfundzwanzig Meilen nicht zurückschrecken.

– Ich würde gern an der Nordküste landen, Herr Hobson, entgegnete Norman, aber dorthin kann ich nicht zurück. Sehen Sie selbst, der Wind scheint von daher beständig zu werden. Höchstens kann ich auf das Nordost-Cap zu halten, und wenn es nicht zum Sturme kommt, hoffe ich dann gute Fahrt zu machen.«

Schon gegen halb fünf Uhr kündigte sich aber das Unwetter an. Aus den höheren Luftschichten hörte man ein scharfes Pfeifen. Noch berührte der Wind, der in Folge des Zustandes der Atmosphäre mehr in den höheren Luftschichten wehte, die Oberfläche des Sees nicht, doch konnte das nicht mehr fern sein. Laut hörte man die Vögel kreischen, welche erschreckt durch die Dunstmassen jagten. Plötzlich zertheilten sich diese und machten schwere, niedrige, ausgezackte Wolken, wahre Fetzen von Wasserdunst, sichtbar, welche stürmisch nach Süden trieben. Die Befürchtung des alten Seemanns hatte sich also bewahrheitet; der Wind blies aus Norden und mußte in nächster Zeit zur Gewalt eines Orkanes anwachsen.

»Achtung!« rief Norman, der die Schoten straff anzog, um das Boot mit Hilfe des Steuers möglichst scharf an den Wind zu bringen.

Da brach der Sturm los. Weit neigte sich das Schiffchen auf die Seite, erhob sich dann wieder und tanzte auf einem Wellenberge. Von dem Augenblicke an wurde der Seegang so hohl, wie im freien Meere. Bei dem hier verhältnißmäßig seichten Wasser stießen sich die Wellen mit Macht an dem Seegrunde und schnellten dann zu beträchtlicher Höhe auf.

»Zu Hilfe! Zu Hilfe!« rief der alte Seemann, der das Segel schnell einzuziehen suchte.

Jasper Hobson und selbst Mrs. Paulina Barnett suchten dem alten Norman beizustehen, erreichten aber Nichts, da sie mit Schiffsmanoeuvern zu wenig vertraut waren. Norman konnte das Steuer unmöglich verlassen, und da sich die Hißleinen an der Mastspitze verwickelt hatten, folgte das Segel dem Zuge nicht. Jeden Augenblick drohte das Boot umzuschlagen, und häufig schon drang das Wasser über die eine Seite herein. Der dicht bedeckte Himmel verdunkelte sich mehr und mehr. Ein kalter Regen stürzte, mit Schnee vermischt, stromweise herab, und der Orkan verdoppelte seine Wuth und zerbrach den Kamm der Wellen.

»Abschneiden! Abschneiden!« rief der alte Seemann mitten durch das Toben des Sturmes. Jasper Hobson, dem der Wind die Kopfbedeckung geraubt und der Platzregen das Sehen fast unmöglich gemacht hatte, ergriff Norman’s Messer und trennte die wie eine Harfensaite gespannte Hißleine. Das naßgewordene Troß glitt aber nicht mehr in der Hohlkehle der Blockrolle, und so blieb die Segelstange immer noch in senkrechter Stellung zu der Mastspitze.

Nun wollte Norman fliehen, fliehen nach Süden, da er gegen den Wind ja doch nicht aufkommen konnte; fliehen, trotzdem daß dieser Versuch, mitten durch die Wogen, deren Schnelligkeit größer war, als die des Fahrzeuges, zu gehen, außerordentlich gefährlich erschien; fliehen, und lief er auch dabei Gefahr, bis an die südliche Küste des Sees getrieben zu werden.

Jasper Hobson und seine muthige Begleiterin waren sich der ihnen drohenden Gefahr wohl bewußt. Dieses zerbrechliche Boot konnte ja dem Anschlagen der Wogen nicht lange widerstehen. Entweder mußte es zertrümmert werden, oder kentern. Das Leben derjenigen, die es trug, stand nur in Gottes Hand.

Trotz alledem verzweifelte weder der Lieutenant, noch Mrs. Paulina Barnett. Von Kopf bis zu Füßen von den Sturzseen bedeckt, vom kalten Regen durchnäßt und von dunkeln Sturmwolken umhüllt, klammerten sie sich fest an die Bänke und blickten forschend durch die Wasserstaubmassen. Das Land war völlig außer Sicht. Kaum eine Kabellänge vom Boote entfernt mischten sich scheinbar Wolken und Wellen. Dann lenkten sich ihre Blicke fragend auf den alten Norman, der, mit trotzig geschlossenem Munde und das Steuerruder krampfhaft in den Händen, sein Schiff noch immer möglichst nahe am Winde zu halten suchte.

Die Heftigkeit des Orkans ward aber so groß, daß das Boot in dieser Richtung nicht mehr lange weiter segeln konnte. Die ihm von vorn entgegenschlagenden Wogen mußten es unfehlbar zertrümmern. Schon hatten sich die ersten Bordplanken gelöst und es war, wenn es mit seinem ganzen Gewichte in ein Wellenthal hinabstürzte, immer zu befürchten, daß es sich nicht wieder erheben werde.

»Wir müssen fliehen, trotz alledem fliehen!« murmelte der alte Seemann.

Er wendete also das Steuer, zog die Schoten an und richtete den Cours nach Süden. Mit rasender Schnelligkeit flog das Schiffchen sofort unter dem straff gespannten Segel dahin. Doch die ungeheuren, noch leichter beweglichen Wellen eilten noch schneller vorwärts, und hierin lag die größte Gefahr dieser Flucht mit dem Winde im Rücken. Schon wälzten sich ganze Wassermassen über das gerundete Hintertheil des Bootes, welches immer ausgeschöpft werden mußte, wenn man nicht sinken wollte. Je weiter es in den offenen See hinauskam und sich dem entsprechend also vom Ufer entfernte, desto wilder wurde das Wasser. Kein Schutz, keine Baumwand oder Hügelkette brachen die Wuth des Orkans. Durch gewisse Lichtungen, oder vielmehr durch Risse in den Dunstmassen erblickte man manchmal enorme Eisberge, welche wie Ankerbojen von den Wogen gehoben und wieder gesenkt wurden und ebenfalls nach Süden zu trieben.

Es war jetzt halb sechs Uhr; weder Norman, noch Jasper Hobson vermochten die durchfahrene Strecke abzuschätzen, so wenig, wie sie die eingehaltene Richtung bestimmen konnten.

Sie waren nicht mehr Herren ihres Fahrzeuges, vielmehr ganz den Launen des Sturmes preisgegeben.

Da erhob sich, etwa hundert Fuß hinter dem Boote, eine riesige Welle, deren Kamm ein weißer Schaum krönte. Vor ihr her lief eine Wassersenkung, die mehr einem Abgrunde ähnlich war. Alle kleinen Wellen dazwischen, die der Wind aufgewirbelt hatte, waren in ihr aufgegangen. In der Tiefe jenes Abgrundes erschien das Wasser von schwärzlicher Farbe. Das Boot, welches in diese Tiefe hineingerissen wurde, sank immer mehr und mehr. Der Wogenberg, der die ganze Umgebung überragte, zog heran. Er hing schon über dem Boote und drohte es zu erdrücken. Norman, der sich zurückgebogen hatte, sah ihn herankommen. Jasper Hobson und Mrs. Paulina Barnett sahen ihm starr mit weit aufgerissenen Augen entgegen, und erwarteten ängstlich, daß er sich über sie stürzen werde.

In diesem Augenblicke brach die Woge auch mit Donnertoben über ihnen zusammen. Einer Brandung ähnlich fluthete sie über das Schiffchen, dessen Hintertheil vollständig begraben wurde. Ein furchtbarer Stoß wurde fühlbar, den ein Schrei von den Lippen des Lieutenants und der Mrs. Paulina Barnett, die unter dem Wasserberge verschwanden, begleitete. Sie mußten annehmen, daß das Boot jetzt untergehe.

Dennoch erhob es sich, zu drei Viertel mit Wasser gefüllt, wieder…, aber der alte Seemann war verschwunden.

Jasper Hobson entrang sich ein Schrei der Verzweiflung. Mrs. Paulina Barnett wandte sich nach ihm.

»Norman! rief er, und zeigte nach dem leeren Platz am Steuer.

– Der Unglückliche!« sagte die Reisende.

Jasper Hobson und sie hatten sich auf die Gefahr hin, aus dem Boote geworfen zu werden, erhoben, doch sahen sie Nichts. Kein Schrei, kein Zuruf war zu vernehmen, – kein Körper tauchte in dem weißen Schaume auf… Der alte Seemann hatte den Tod in den Wellen gefunden.

Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson waren auf ihre Sitze zurückgesunken. Jetzt hatten sie allein für ihre Rettung zu sorgen. Aber weder der Lieutenant noch seine Begleiterin verstanden mit einem Schiffe umzugehen, das unter den jetzigen mißlichen Verhältnissen kaum ein wetterfester Seemann zu regieren vermocht hätte. Das Boot war nun ein Spiel der Wellen. Das geblähte Segel riß dasselbe fort; konnte Jasper Hobson seinen Lauf hemmen?

Die Lage der beiden Unglücklichen, die vom Sturme in einer zerbrechlichen Barke erfaßt, diese nicht einmal lenken konnten, wurde entsetzlich.

»Wir sind verloren! sagte der Lieutenant.

– Nein Herr Lieutenant, entgegnete die muthige Paulina Barnett. Helfen wir uns selbst, so wird uns auch der Himmel helfen.«

Jasper Hobson erkannte jetzt ganz die unerschrockene Frau, deren Schicksal augenblicklich auch das seine war.

Am notwendigsten erschien es, das Boot von dem eingedrungenen Wasser zu befreien. Eine zweite Sturzwelle würde es augenblicklich gefüllt und auf den Grund versenkt haben. Es handelte sich demnach darum, das Fahrzeug so zu erleichtern, daß es sich leichter mit den Wellen hob und weniger Gefahr lief, zertrümmert zu werden. Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson schöpften also das Wasser möglichst schnell aus, welches durch seine Beweglichkeit das Umschlagen begünstigen mußte; was keine leichte Arbeit war, da jeden Augenblick ein Wellenkamm über den Bordrand schlug, und man die Wasserschaufel nie aus der Hand legen konnte. Vorzüglich unterzog sich die Reisende dieser Mühe, während der Lieutenant das Steuerruder hielt, und das Schiff wohl oder übel vor dem Wind zu halten suchte.

Zur Vergrößerung der Gefahr brach die Nacht, oder wenn nicht die Nacht, denn diese dauert zu jener Jahreszeit in solchen hohen Breiten nur wenige Stunden, – so doch die Abenddämmerung mehr und mehr herein. Die niedrigen, mit Wasserstaub vermengten Wolken waren kaum noch vom verschwimmenden Lichte erhellt. Kaum zwei Bootslängen weit konnte man vor sich sehen, und mußte doch fürchten, durch den etwaigen Anprall an einen schwimmenden Eisblock vollständig zu scheitern. Solche Eisinseln konnten aber ganz unerwartet auftauchen, und bei dieser Geschwindigkeit gab es kein Mittel, ihnen auszuweichen.

»Sind Sie nicht Herr Ihres Steuers, Herr Hobson? fragte Mrs. Paulina Barnett, als der Sturm eine kurze Pause machte.

– Nein, Madame, antwortete der Lieutenant, Sie werden auf Alles gefaßt sein müssen.

– Ich bin es!« erwiderte einfach die muthige Frau.

In demselben Augenblicke ließ sich ein scharfes Reißen hören, das fast betäubend war. Das durch den Druck des Windes aufgeschlitzte Segel flog wie eine kleine weißliche Wolke von dannen. Noch schoß das Boot, in Folge der ihm innewohnenden Geschwindigkeit, einige Augenblicke weiter fort; dann kam es zur Ruhe, und die Wellen schaukelten es, wie ein Stückchen eines Wracks. Jasper Hobson und Mrs. Paulina Barnett gaben sich verloren; sie wurden furchtbar erschüttert, von den Bänken geschleudert, gequetscht und verwundet. An Bord war kein Stückchen Leinwand weiter, welches man dem Winde hätte bieten können. Die beiden Unglücklichen sahen sich, bei diesem dunkeln Wasserstaube und den fortwährenden Schneewirbeln und Regenschauern, kaum selbst einander. Verständlich machen konnten sie sich eben so wenig; so verharrten sie, jeden Augenblick in Todesangst, wohl eine Stunde lang, und empfahlen sich der Gnade des Höchsten, der sie allein noch zu retten vermochte.

Wie lange sie so von den wüthenden Wellen umhergeworfen wurden? – Weder Lieutenant Hobson, noch Mrs. Paulina Barnett hätten das sagen können. Da erfolgte ein furchtbarer Stoß.

Das Boot war gegen einen ungeheuren Eisberg gestoßen, einen schwimmenden Block mit steilen und glatten Seitenwänden, an welchen kein Halt zu finden war. Bei diesem plötzlichen Stoße, dem gar nicht auszuweichen gewesen war, wich das Vordertheil aus einander und strömend drang das Wasser ein.

»Wir sinken! Wir sinken!« rief Jasper Hobson.

Wirklich sank das Fahrzeug, und schon stand das Wasser in der Höhe der Sitzbänke.

»Mistreß, Mistreß! rief der Lieutenant laut, ich bin hier, ich bleibe… bei Ihnen!

– Nein, Herr Jasper, entgegnete Mrs. Paulina; allein können Sie sich retten; zu Zweien würden wir Beide untergehen. Lassen Sie mich! Lassen Sie mich!

– Niemals!« rief Lieutenant Hobson.

Kaum hatte er indeß dieses Wort vollendet, als das von einem neuen Wellenschlage getroffene Boot senkrecht hinabsank.

Alle beide verschwanden in dem Schaum, der über das plötzlich sinkende Boot zusammenwirbelte. Nach wenig Augenblicken tauchten sie wieder an der Oberfläche auf. Kräftig schwamm Jasper Hobson mit dem einen Arme und umschlang seine Begleiterin mit dem andern. Offenbar konnte aber sein Kampf gegen die wüthenden Wellen nicht von langer Dauer sein, und bald hätte er wohl mit der, welche er retten wollte, untergehen müssen.

In diesem Augenblicke erweckten fremdartige Laute seine Aufmerksamkeit. Das waren keine Schreie eines erschreckten Vogels, sondern Zurufe einer menschlichen Stimme. Jasper Hobson, der sich mit der gewaltigsten Anstrengung möglichst über das Wasser zu erheben suchte, spähte rasch rund umher.

Aber Nichts sah er mitten in diesem Wasseraufruhre. Immer noch hörte er jedoch die Rufe, welche sich offenbar näherten.

Welche Tollköpfe wagten es wohl, ihm hier zu Hilfe zu kommen? Doch, wer sie auch seien, sie mußten ja zu spät kommen.

Von seinen Kleidern behindert, fühlte sich der Lieutenant sinken sammt der Unglücklichen, deren Kopf er kaum noch über Wasser zu halten vermochte.

Wie als letztes Lebenszeichen stieß da Jasper Hobson einen herzzerreißenden Schrei aus, dann verschwand er unter einer ungeheuren Woge.

Doch er hatte sich vorher nicht getäuscht. Drei Menschen, welche auf dem See waren, hatten das Boot in Noth gesehen und eilten ihm zu Hilfe. Diese Menschen, die Einzigen, welche mit einiger Aussicht auf Erfolg einem solchen wüthenden Wasser trotzen konnten, befanden sich in der einzigen Art von Booten, welche einem solchen Sturme Widerstand zu leisten vermochte.

Diese Menschen waren drei Eskimos, deren Jeder in seinem Kaiak festgebunden war. Der Kaiak ist eine lange, an beiden Enden aufgebogene Pirogue, die aus sehr leichtem Holz gezimmert ist, und über welche mit Seekalbsehnen genähte Robbenfelle gespannt sind. So ist der ganze Kaiak bis auf eine in der Mitte aufgesparte Oeffnung mit Fellen überdeckt. In der Mitte nimmt der Eskimo Platz, befestigt seine für Wasser undurchdringliche Jacke an dem Rande der Oeffnung, und bildet sonach mit seinem Boote ein unzertrennliches Ganzes, in welches kein Tropfen Wasser eindringen kann.

Dieser lenksame und leichte Kaiak tanzt immer auf dem Rücken der Wellen; untergehen kann er nicht, höchstens umschlagen, doch ein Schlag mit dem Doppelruder richtet ihn ebenso leicht wieder auf. Wo die besten Schaluppen unfehlbar zertrümmert würden, widersteht ein solcher Kaiak mit Erfolg.

Auf den letzten, von dem Lieutenant ausgestoßenen Schrei trafen die drei Eskimos gleichzeitig an der Stelle des Schiffbruchs ein. Jasper Hobson und Mrs. Paulina Barnett, die schon fast bewußtlos waren, fühlten nur noch, wie eine kräftige Hand sie erfaßte und dem Abgrunde entriß. Bei der herrschenden Dunkelheit war es ihnen aber unmöglich, ihre Retter zu erkennen.

Der Eine der Eskimos packte den Lieutenant und legte ihn quer über sein Boot, ein Anderer verfuhr ebenso mit Mrs. Paulina Barnett, und schnell schossen die drei von sechsfüßigen Doppelrudern geschickt getriebenen Kaiaks über die schäumenden Wellen dahin.

Eine halbe Stunde nachher waren beide Schiffbrüchige auf einer sandigen Stelle am Ufer, drei Meilen unterhalb Fort-Providence, niedergelegt.

Nur der alte Seemann fehlte bei der Heimkehr.

 

Zehntes Capitel.


Zehntes Capitel.

Gegen zehn Uhr Abends klopften Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson an das äußere Thor des Forts. Da war eine Freude, sie wiederzusehen, nachdem man sie schon verloren geglaubt hatte. Diese Freude wich aber einer tiefen Betrübniß, als man den Tod des alten Norman vernahm. Der brave Mann hatte die Liebe Aller besessen, und ein lebhaftes Bedauern ehrte sein Andenken. Die muthigen und opferfreudigen Eskimos wollten, als sie den herzlichsten Dank des Lieutenants und seiner Begleiterin sehr phlegmatisch entgegen genommen hatten, nicht einmal mit nach dem Fort kommen. Was sie gethan hatten, erschien ihnen ganz selbstverständlich. Es war das auch nicht ihr erstes Rettungswerk gewesen, und sofort hatten sie den gefährlichen Weg über den See wieder eingeschlagen, auf dem sie bei Tag und Nacht dem Fange der Ottern und verschiedener Wasservögel oblagen.

Die auf die Rückkehr Jasper Hobson’s folgende Nacht, der nächste Tag, der 1. Juni, und die Nacht vom 1. zum 2. wurde ausschließlich der Ruhe gewidmet. Die kleine Truppe ließ sich das ganz gern gefallen, doch war der Lieutenant fest entschlossen, am Morgen des 2., an dem sich der Sturm auch glücklicher Weise gelegt hatte, abzureisen.

Alle Hilfsmittel des Forts hatte Sergeant Felton der Gesellschaft zur Verfügung gestellt. Einige Gespanne Hunde wurden ersetzt, und zur Zeit der Abfahrt fand Jasper Hobson seine Schlitten in bester Ordnung am äußeren Thore aufgefahren.

Man nahm Abschied. Jeder dankte dem Sergeant Felton, der sich unter den gegebenen Verhältnissen sehr gastfreundlich gezeigt hatte, und Mrs. Paulina Barnett war nicht die Letzte, ihm ihre Anerkennung auszudrücken. Ein kräftiger Handschlag, den der Sergeant seinem Schwager Long reichte, beendete die Abschiedsceremonie.

Paarweise besetzte man wieder die bestimmten Schlitten, doch fuhren diesmal Mrs. Paulina und der Lieutenant mit einander, während Madge und Sergeant Long ihnen folgten.

Dem Rathe des Indianerhäuptlings folgend, wollte Jasper Hobson die Küste Amerikas auf kürzestem, nämlich dem geraden Wege zwischen Fort-Confidence und dem Meere erreichen. Nach seinen Karten, welche die Gestaltung des Landes freilich nur annäherungsweise zeigten, schien es ihm gut, längs dem Thale den Lauf des Coppermine, eines ziemlich mächtigen, in die Krönungs-Bai einmündenden Flusses, zu verfolgen. Die Entfernung zwischen dem Fort und jener Ausmündung beträgt nur ein und ein halb Breitengrade, – etwa fünfundachtzig bis neunzig Meilen. Die tiefe Einbuchtung, welche jenen Golf bildet, wird im Norden durch das Cap Krusenstern begrenzt; von da aus aber verläuft die Küste flach bis zu jenem Punkte des siebenzigsten Breitengrades, an welchem die Bathurst-Spitze, oder das Cap gleichen Namens, emporsteigt.

Hobson änderte also die bis jetzt eingehaltene Richtung und wandte sich nach Osten, um dem Wasserlaufe in gerader Linie nach wenigen Stunden zu begegnen.

Anderen Tages, am 3. Juni Nachmittags, wurde der Fluß erreicht. Der Coppermine strömte mit klarem, schnellem, jetzt ganz eisfreiem Wasser, voll bis an die Ufer, in einem breiten Thale dahin, genährt von zahllosen, launenhaften Bergwässern, welche indeß alle ohne Beschwerde zu passiren waren. Leicht glitten die Schlitten dahin. Unterwegs erzählte Lieutenant Hobson seiner Gefährtin die Geschichte des Landes, durch welches sie reisten. Zwischen ihm und der Reisenden hatte sich in Folge der Umstände und des gleichen Alters eine wirkliche Vertraulichkeit und ernsthafte Freundschaft herausgebildet. Mrs. Paulina Barnett strebte ihre Kenntnisse zu erweitern, und da sie selbst Sinn für Entdeckungen hatte, hörte sie auch gern von Entdeckern erzählen.

Jasper Hobson, der sein Nordamerika »aus dem Fundamente« kannte, war in der Lage, die Wißbegier der Reisenden vollkommen zu befriedigen.

»Noch vor etwa neunzig Jahren, sprach er, war dieses vom Coppermine durchströmte Gebiet völlig unbekannt, und verdankt man seine Entdeckung einigen Agenten der Hudsons-Bai-Compagnie, nur fand hierbei Dasselbe statt, was in der Wissenschaft so häufig vorkommt, daß man nämlich das Eine suchte, und das Andere fand. Columbus suchte z.B. Asien und entdeckte dafür Amerika.

– Und was suchten damals die Sendlinge der Compagnie? fragte Mrs. Paulina Barnett. Etwa die berühmte nordwestliche Durchfahrt?

– Nein, Madame, entgegnete der junge Lieutenant, das nicht. Vor hundert Jahren lag der Compagnie Nichts daran, die Fahrbarkeit dieses Seeweges, der nur ihren Concurrenten von Vortheil gewesen wäre, festzustellen. Man behauptet sogar, daß im Jahre 1741 ein gewisser Christoph Middleton, der jene Gegenden bereiste, von der Compagnie 5000 Pfund Sterling für die Erklärung erhalten habe, daß eine Verbindung zwischen den beiden Meeren nicht vorhanden sei und auch nicht vorhanden sein könne.

– Das gereicht der berühmten Compagnie nicht gerade zur Ehre, warf Mrs. Paulina Barnett ein.

– In diesem Punkte möchte ich sie auch gar nicht vertheidigen, fuhr Jasper Hobson fort. Ich füge Ihnen sogar noch hinzu, daß das Parlament diese Handlungsweise sehr durchschlagend desavouirte, indem es, im Jahre 1746, einen Preis von 20,000 Pfund Sterling für Denjenigen auswarf, der die fragliche Durchfahrt entdecken würde. So sah man denn auch noch in dem nämlichen Jahre zwei unerschrockene Reisende, William Moore und Francis Smith, bis zur Repulse-Bai, um jene gewünschte Meeresverbindung aufzusuchen, vordringen. Ihr Unternehmen blieb jedoch erfolglos, und nach anderthalbjähriger Abwesenheit kehrten sie wieder nach England zurück.

– Aber begaben sich nicht andere, von der Thatsache überzeugte Seefahrer sogleich auf die Spuren Jener? fragte Mrs. Paulina Barnett.

– Nein, Mistreß; dreißig Jahre lang wurde trotz der hohen Belohnung seitens des Parlamentes kein neuer Versuch zur Lösung dieses geographischen Räthsels unternommen, welches so hinderlich über diesem Theil des amerikanischen Festlandes, oder vielmehr des britischen Nordamerikas, – denn dieser Name soll erhalten bleiben, – schwebte. Erst im Jahre 1769 nahm ein Agent der Compagnie Moore’s und Smith’s unterbrochene Arbeiten wieder auf.

– Demnach war die Compagnie von ihren engherzigen und selbstsüchtigen Ideen abgekommen?

– Nein, Madame, noch nicht. Samuel Hearne, – dies ist der Name des betreffenden Agenten, – hatte nur den Auftrag, die Lage einer Kupfermine zu bestimmen, von welcher umherschweifende Eingeborene gesprochen hatten. Am 6. November 1769 verließ dieser Agent Fort-Prince-de-Galles, das am Churchill-Strome, nahe der Westküste der Hudsons-Bai, liegt. Schnell drang Samuel Hearne nach Nordwesten vor; die eintretende allzu heftige Kälte und der Mangel an Nahrungsmitteln nöthigten ihn jedoch, nach Fort-Prince-de-Galles zurückzukehren. Zum Glück war er aber ein nicht so schnell zu entmuthigender Mann. Am 23. Februar reiste er in Begleitung mehrerer Indianer auf’s Neue ab. Die Strapazen dieser zweiten Reise waren ganz außerordentliche. Wild und Fische, worauf Samuel Hearne rechnete, fehlten oft gänzlich. Sieben Tage lang hatte er einmal Nichts als wilde Früchte neben Stücken alten Leders und gebrannter Knochen zur Nahrung. Nochmals war der furchtlose Reisende gezwungen, ohne Erzielung irgend eines Resultates nach der Factorei umzukehren. Dennoch beruhigte er sich nicht. Zum dritten Male ging er am 7. December 1770 ab und entdeckte nun, nach neunzehnmonatlichen Kämpfen, am 13. Juli 1772, den Coppermine-Fluß, den er bis zur Mündung verfolgte, von welcher aus er das offene Meer gesehen haben wollte. Zum ersten Male war hiermit die Nordküste Amerikas erreicht worden.

– Aber die nordwestliche Durchfahrt, d.h. die Verbindung zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Weltmeere, war damit noch nicht entdeckt? fragte Mrs. Paulina Barnett.

– O nein, Mistreß, erwiderte der Lieutenant, und wie viele abenteuerlustige Seefahrer suchten sie später noch! So unterzogen sich Phipps (1773), James Cook und Clerke (von 1776 bis 1779), Kotzebue (von 1815 bis 1818), Roß, Parry, Franklin und noch viele Andere, diesem immer vergeblichen Versuche, und erst in unserer Zeit begegnet man in dem unerschrockenen Entdeckungsreisenden Mac Clure dem einzigen Menschen, der wirklich durch das Polarmeer von einem Ocean zum anderen gelangt ist.

– Wahrlich, Herr Hobson, antwortete die Reisende, dann bildet das ein geographisches Ereigniß, auf welches stolz zu sein wir Engländer alle Ursache haben. Doch sagen Sie mir, hat denn die Hudsons-Bai-Compagnie, nachdem sie endlich auf ihrer würdigere Gedanken gekommen war, nach Samuel Hearne keinem anderen Reisenden ihre Unterstützung geliehen?

– Gewiß, Madame, und ihr verdankt es beispielsweise Franklin, daß er seine Reise 1819 bis 1822, genau zwischen dem Hearne-Flusse und dem Cap Turnagain, ausführen konnte. Dieser Zug verlief freilich unter den härtesten Leiden und Entbehrungen, denn auch bei diesem ging den Reisenden die Nahrung öfter gänzlich aus. Zwei Canadier, die von ihren Kameraden erschlagen worden waren, wurden aufgezehrt. Trotz aller Qualen zog Franklin aber doch nicht weniger als 5500 Meilen an dem bis dahin unbekannten Küstengebiete Nordamerikas hin.

– Ja, das war ein Mann von seltener Thatkraft, fügte Mrs. Paulina Barnett hinzu. Hat er es nicht dadurch bewiesen, daß er sich trotz der überstandenen Leiden und Gefahren noch an eine neue Nordpolexpedition wagte?

– Ja wohl, bestätigte Jasper Hobson, und der kühne Forscher mußte noch auf dem Schauplatze seiner Entdeckungen einen grausamen Tod finden. Doch ist es sehr wahrscheinlich, daß nicht alle Begleiter Franklin’s mit ihm umgekommen sind, und gewiß irren noch viele dieser Unglücklichen in den eisstarrenden Einöden umher. O, ich kann an dieses traurige Verlassensein nicht ohne Beklommenheit des Herzens denken. Der Tag wird noch kommen, Mrs. Paulina, setzte der Lieutenant sichtlich bewegt hinzu, an dem auch ich jene unbekannten Länder, welche diese schreckliche Katastrophe sahen, durchstreifen werde …

– Und dann werde ich, schloß Mrs. Paulina Barnett mit einem warmen Händedrucke diese Worte, dann werde ich Ihre treue Begleiterin sein. O, mir ist, ebenso wie Ihnen, dieser Gedanke mehr als einmal gekommen, und das Herz will mir brechen, wenn ich mir sage, daß da droben Engländer, Landsleute vielleicht sehnsüchtig auf Hilfe harren …

– Welche freilich für die Meisten dieser Bedauernswerthen zu spät, aber doch noch für Einige, das dürfen Sie glauben, gelegen kommen würde.

– Gott hört Sie, Herr Hobson! sagte Mrs. Paulina Barnett fast feierlichen Tones. Ich finde übrigens, daß diejenigen Agenten der Compagnie, welche dem nördlichen Ufer ganz nahe wohnen, in der besten Lage wären, die Erfüllung dieser Pflicht der Menschlichkeit zu versuchen.

– Auch ich theile Ihre Ansicht, Mistreß, antwortete der Lieutenant, denn diese Agenten sind an die Strenge des Polarklimas am meisten gewöhnt. Hiervon haben sie übrigens manche Beweise gegeben. Waren sie es nicht, welche im Jahre 1834 den Kapitän Back auf seiner Reise unterstützten, deren Folge die Entdeckung des König-Wilhelm-Landes, d. h. desjenigen Gebietes war, auf dem sich die Katastrophe mit Franklin ohne Zweifel zugetragen hat. Waren es nicht Zwei der Unseren, der muthige Dease und Simpson, denen der Gouverneur der Hudsons-Bai im Jahre 1838 die specielle Erforschung der Ufer des Polarmeeres auftrug, in deren Folge das Victoria-Land zum ersten Male erblickt wurde? – Unserer Compagnie scheint also die Zukunft die Erforschung der arktischen Continente aufgespart zu haben. Allmälig werden sich neue Factoreien immer weiter im Norden, dem natürlichen Zufluchtsorte der Pelzthiere, erheben, und dereinst gewiß auch auf dem Pole selbst, jenem mathematischen Punkte, an dem sich alle Meridiane der Erdkugel schneiden!«

Während dieses Gespräches und mehrerer anderer, die ihm noch folgten, erzählte Jasper Hobson auch seine eigenen Abenteuer im Dienste der Compagnie, seine Kämpfe mit den Agenten concurrirender Gesellschaften und seine Erforschungsversuche in den unbekannten Gebieten des Nordens und Westens. Ihrerseits berichtete Mrs. Paulina Barnett über ihre eigenen Wanderungen durch die Tropenländer. Sie sprach von Allem, was sie schon ausgeführt habe und noch auszuführen gedenke. Hierdurch bildete sich zwischen den beiden Insassen des Schlittens ein angenehmer Austausch, der die langen Reisestunden verkürzte.

Unterdessen eilten die von den Hunden im Galop gezogenen Schlitten dem Norden zu. Das Coppermine-Thal erweiterte sich entsprechend der Annäherung an das Meer. Die minder zerrissenen Seitenhügel wurden niedriger. Da und dort unterbrachen kleine Gruppen von Harzbäumen die Eintönigkeit dieser fremdartigen Gegenden. Einige von der Strömung mitgeführte Eisblöcke widerstanden noch den auflösenden Strahlen der Sonne. Von Tag zu Tage wurden ihrer aber weniger, und ein Boot, selbst eine Schaluppe hätte diesen Strom, den nirgends ein natürliches Hinderniß aufhielt, bequem hinabführen können. Das Bett des Coppermine war tief und breit. Seine sehr klaren, von dem thauenden Schnee genährten Wässer liefen zwar schnell, bildeten aber nirgends gefährliche Wirbel. Sein im oberen Theile sehr gewundener Lauf streckte sich im unteren gerader und verlief meilenweit in ganz ungebrochener Linie. Die breiten und flachen Ufer, welche aus feinem, hartem Sande bestanden, waren stellenweise mit niedrigem, trockenem Grase bedeckt und demnach für die Fortbewegung der Schlitten und die Kraftentwickelung der langen Bespannung verhältnißmäßig günstig.

Die Gesellschaft kam also schnell vorwärts. Man reiste Tag und Nacht, wenn dieser Ausdruck für eine Gegend paßt, über der die Sonne nur einen sehr flachen Bogen beschrieb und kaum unter dem Horizonte verschwand. Die wirkliche Nacht währte zu dieser Jahreszeit nur zwei Stunden und die Morgendämmerung schloß sich fast unmittelbar an die des Abends an. Zudem war die Witterung gut, der Himmel, wenn auch am Horizont etwas dunstig, doch ziemlich rein, und so vollzog sich die Reise unter den günstigsten Bedingungen.

Zwei Tage lang verfolgte man den Lauf des Coppermine ohne jede Schwierigkeit. Die Umgebungen erschienen zwar arm an Pelzthieren, aber überreich an Geflügel. Der erstere Umstand beunruhigte übrigens Lieutenant Hobson kaum, da er sich sagte, daß die Thierbevölkerung dieser Gattung durch die lebhafte Jagd auf Raub- und Nagethiere vertrieben sein werde. Das wurde auch dadurch noch wahrscheinlicher, daß man da und dort Spuren von Lagern und auch verloschene Feuer fand, welche die kürzer oder länger vorhergegangene Anwesenheit eingeborener oder anderer Jäger bekundeten. Jasper Hobson sah es ganz gern, daß er weiter nach Norden zu gehen Veranlassung hatte und daß mit Erreichung der Mündung des Coppermine erst ein Theil seiner Reise zurückgelegt sei. Er hatte demnach Eile, seinen Fuß auf das von Samuel Hearne entdeckte Küstengebiet zu setzen und beschleunigte den Marsch seiner Gesellschaft nach Kräften.

Im Uebrigen theilten Alle die Ungeduld Jasper Hobson’s. Eine unerklärliche Anziehungskraft trieb diese kühnen Pionniere vorwärts. Der Reiz des Unbekannten funkelte vor ihren Augen. Vielleicht sollten aber ernsthafte Schwierigkeiten an dieser so herbeigesehnten Küste erst beginnen? Sei es darum, Alle beeilten sich, ihnen Trotz bieten und auf ihr eigentliches Ziel lossteuern zu können. Die jetzige Reise führte sie ja nur durch ein Land, welches ihnen kein directes Interesse darbot; erst an den Küsten des Eismeeres sollten die eigentlichen Nachforschungen beginnen. Jedermann strebte also, sich auf jenem Küstenstriche zu befinden, den der siebenzigste Breitengrad einige hundert Meilen im Westen durchschnitt.

Am 5. Juli endlich, vier Tage nach der Abreise von Fort-Confidence, bemerkte Lieutenant Jasper Hobson eine ganz beträchtliche Verbreiterung des Coppermine. Die westliche Küste entwickelte sich in einer leicht gekrümmten Linie, welche fast direct nach Norden verlief. Im Osten dagegen verschwand sie am unbegrenzten Horizonte.

Jasper Hobson hielt sofort an und zeigte seinen Genossen mit der Hand das grenzenlose Meer.

Viertes Capitel.


Viertes Capitel.

Der Sklavensee ist einer der größten, welchen man über dem einundsechzigsten Breitengrade begegnet. Er ist bei fünfzig Meilen Breite einhundertundfünfzig Meilen lang und liegt unter 61° 25′ nördlicher Breite und 144° westlicher Länge. Seine ganze Umgebung dacht sich von weither nach einem gemeinschaftlichen Mittelpunkte, eben jener Bodensenkung hin, ab, welche der erwähnte See ausfüllt.

Die Lage dieses Sees, mitten in den Jagdgebieten, welche früher von Pelzthieren fast übervölkert waren, hatte von jeher die Aufmerksamkeit der Compagnie erregt. Zahlreiche Wasserläufe mündeten in denselben, oder entsprangen aus ihm, wie der Mackenzie, der Foin-Fluß, der Athapeskow u. A. m. An seinen Ufern waren einige ansehnliche Forts errichtet, wie Fort-Providence im Norden und Fort-Resolution im Süden. Fort-Reliance selbst lag am nordöstlichen Ende des Sees, nur dreihundert Meilen vom Chesterfield-Busen, den die Gewässer der Hudsons-Bai füllen.

Der Sklavensee ist von kleinen, zwei- bis dreihundert Fuß hohen Inseln, auf welchen Granit und Gneiß da und dort zu Tage steht, so zu sagen übersäet. Sein nördliches Ufer ist von dichtem Gehölz besetzt, welches an jenen dürren und eisigen Theil des Festlandes grenzt, der den Namen des »verwünschten Landes« nicht mit Unrecht erhalten hat. Dagegen ist die aus kalkigem Boden bestehende Gegend im Süden flach, ohne jeden Hügel oder irgend eine Bodenerhebung. Dort zieht sich die Grenze hin, welche die großen Wiederkäuer Amerikas, die Büffel und Bisonochsen, fast nie überschreiten, und deren Fleisch fast die ausschließliche Nahrung der canadischen und eingeborenen Jäger bildet.

Der Baumbestand im Norden bildet prächtige Wälder. Es ist nicht zu erstaunen, daß man in einer so entlegenen Gegend doch einen so schönen Pflanzenwuchs antrifft. Wirklich liegt der Sklavensee nicht in höherer Breite, als etwa Stockholm und Christiania in Schweden und Norwegen. Doch gehört hierzu die Bemerkung, daß die Isothermen, d. h. die Linien der gleichen Wärme, fast gar nicht den Breitengraden parallel laufen, und daß Amerika in gleicher Breite ungleich kälter ist, als Europa. Im April liegt in den Straßen New-Yorks z. B. noch Schnee, während diese Stadt etwa mit den Azoren in gleicher Breite liegt. Es kommt das daher, daß die Natur eines Continentes, seine Lage bezüglich der Meere, und selbst seine Bodengestaltung, von großem Einflusse auf sein Klima ist.

Fort-Reliance war zur Sommerzeit von Grün umgeben, an dem sich das Auge nach dem langen, strengen Winter ergötzte. Die Wälder bestanden in der Hauptsache aus Pappeln, Fichten und Birken. Die See-Eilande trugen herrliche Weidenbäume. Wild war im Ueberflusse darin und verließ es sogar während der schlechten Jahreszeit nicht. Mehr nach Süden zu erlegten die Jäger des Forts reichlich Bisonochsen, Elennthiere und eine Art canadischer Stachelschweine, deren Fleisch sehr geschätzt ist. Die Gewässer des Sklaven-Sees waren sehr fischreich. Seeforellen erlangten darin eine außergewöhnliche Größe und öfters ein Gewicht von über sechzig Pfunden. Hechte, gefräßige Quappen, eine Art Schattenfisch, den die Engländer den »blauen Fisch« nennen, ganze Legionen »Tittamegs«, der »weiße Corregu«, der Naturforscher, vermehrten sich darin im Ueberfluß. Die Nahrungsfrage bot demnach für die Insassen des Furt-Reliance eine leichte Lösung, und unter der Bedingung, daß sie sich den Winter über wie die Füchse, die Marder, die Bären und andere Pelzthiere bekleideten, konnten sie es wohl mit der Strenge des Klimas aufnehmen.

Das genannte Fort bestand zunächst aus einem hölzernen Hause mit Erdgeschoß und einem Stockwerke, welches dem Commandanten und dessen Officieren zu Wohnungen diente. Rund um dieses Haus befanden sich die Wohnstätten der Soldaten, die Magazine der Compagnie und die Comptoire, in welchen die Tauschgeschäfte abgewickelt wurden. Ein kleines Bethaus, dem nur ein Priester fehlte, und ein Pulverhäuschen vervollständigten die Bauwerke des Etablissements. Das Ganze war von zwanzig Fuß hohen Palissaden umplankt, die ein weites von vier Eckbastionen mit spitzen Dächern vertheidigtes Parallelogramm bildeten. Gegen einen Handstreich war das Fort also hinreichend geschützt. Diese Vorsicht war übrigens zu einer Zeit nöthig, während der die Indianer, statt Lieferanten der Kompagnie zu sein, für die Unabhängigkeit ihrer Territorien kämpften; gleichzeitig bedurfte man ihrer früher auch gegen die Agenten und Soldaten concurrirender Gesellschaften, als um den Besitz und das Ausbeutungsrecht dieser pelzreichen Ländereien noch Streit war.

Auf ihrem ganzen Gebiete zählte die Hudsons-Bai-Compagnie früher ein Personal von etwa tausend Mann. Ueber ihre Beamten und Soldaten stand ihr die ausgedehnteste Gerichtsbarkeit, selbst das Recht über Leben und Tod, zu. Die Chefs der Factoreien regelten die Gehalte nach Belieben und stellten eben so den Kaufwerth des Proviantes, wie den der Pelzwaaren fest. In Folge dieses Systemes, das jeder Controle entbehrte, war es nicht selten, daß sie zwei- bis dreihundert Procent Nutzen erzielten.

Aus folgender Zusammenstellung, welche der »Reise des Kapitän Robert Lade« entnommen ist, kann man ersehen, welche Ansätze dem Tauschhandel mit den Indianern zu Grunde gelegt wurden. Letztere sind übrigens die eigentlichen und besten Jäger der Compagnie geworden. Ein Biberfell war zu jener Zeit die beim Ein- und Verkauf benutzte Werthseinheit.

Seit einigen Jahren waren aber Biber so selten geworden, daß man mit der Münzeinheit wechseln mußte, und jetzt dient eine Bisonhaut als solche. Kommt ein Indianer nach einem Fort, so erhält er von den Agenten eben so viele Holzmarken, als er Häute bringt, welche er dann am betreffenden Orte gegen irgendwelche Producte umtauscht. Da die Compagnie alle Ein- und Verkaufspreise nach Gutdünken feststellt, erzielt sie bei diesem Systeme meist einen glänzenden Gewinn.

Wie in allen Factoreien galten diese Handelsbräuche auch in Fort-Reliance. Mrs. Paulina Barnett konnte sie während ihres Aufenthaltes, der sich bis zum 16. April ausdehnte, kennen lernen. Oft unterhielten sich die Reisende und Lieutenant Hobson mit einander, entwarfen stolze Plane und waren jedenfalls entschieden dafür, vor keinem Hindernisse zurückzuweichen. Thomas Black sprach nur dann, wenn es seine Specialmission betraf. Der Lichtkranz und die röthlichen Protuberanzen um den Mond verschlangen sein ganzes Interesse. Man fühlte es heraus, daß er sein ganzes Leben an die Lösung dieses Problems gesetzt hatte, und zuletzt erregte er auch in Mrs. Paulina ein lebhaftes Interesse für dieses wissenschaftliche Räthsel. O, wie verlangte es sie Beide, nur erst den Polarkreis zu überschreiten, und wie entfernt erschien noch dieser 18. Juli 1860, mindestens dem Astronomen aus Greenwich.

Die Vorbereitungen zur Abreise konnten erst gegen Mitte März begonnen werden und nahmen einen vollen Monat in Anspruch. Es bedurfte auch wirklich einer langwierigen Arbeit, eine solche Expedition nach den Polargegenden zu organisiren, da man ja Alles, wie Lebensmittel, Kleidung, Werkzeuge, Ausrüstungsgegenstände, Waffen und Munition mitnehmen mußte.

Die von Lieutenant Jasper Hobson befehligte Truppe sollte aus einem Officier, zwei Unterofficieren und zehn Soldaten bestehen, von denen drei Verheiratete auch ihre Frauen mitnahmen. Aus den energischsten und entschlossensten Mannschaften der Besatzung hatte Kapitän Craventy folgende ausgewählt:

1) Lieutenant Jasper Hobson.
2) Sergeant Long.
3) Corporal Joliffe.
4) Petersen, Soldat.
5) Belcher, „
6) Raë, „
7) Marbre, „
8) Carey, „
9) Pond, „
10) Mac Nap, „
11) Sabine, „
12) Hope, „
13) Kellet, „

Darüber:

Mrs. Raë.

Mrs. Joliffe.
Mrs. Mac Nap.

Fremde:

Mrs. Paulina Barnett.
Madge.
Thomas Black.

Zusammen waren das also neunzehn Personen, welche es mehrere Hundert Meilen über wüste und wenig gekannte Gebiete zu transportiren galt.

Mit Rücksicht hierauf hatten die Agenten der Compagnie alles für diesen Zug Nöthige nach Fort-Reliance geschafft. Ein Dutzend Schlitten nebst zugehöriger Bespannung standen bereit. Diese sehr kunstlosen Fahrzeuge bestanden aus leichten Planken, welche durch Querhölzer fest mit einander verbunden waren. Dazu kam ein dem Vordertheile eines Schlittschuhs ähnliches Stück Holz, welches also nach aufwärts gebogen war, und dem Schlitten gestattete, leicht, und ohne tief einzusinken, über den Schnee zu gleiten. Sechs paarweis angespannte Hunde bildeten die Zugkraft jedes Schlittens, – intelligente und flüchtige Thiere, welche unter günstigen Umständen bis fünfzehn Meilen in der Stunde zurückzulegen vermögen.

Die Garderobe der Reisenden bestand aus Rennthierfellen, welche mit dickem Pelze gefüttert waren. Alle führten auch noch wollene Kleidung mit sich, um gegen den in jenen Breiten oft sehr schroffen Temperaturwechsel gesichert zu sein. Jedermann, Officier und Soldat, Mann oder Weib, war mit Stiefeln aus Robbenfell, die mit Sehnen genäht werden, ausgerüstet, und welche die Eingeborenen mit einer Geschicklichkeit ohne Gleichen herstellen. Diese Stiefeln sind für Wasser ganz undurchlässig und empfehlen sich zum Marschiren durch ihre leichte Biegsamkeit. An die Sohlen derselben waren Schneeschuhe aus Fichtenholz von drei bis vier Fuß Länge angepaßt, Apparate, welche das Gewicht eines Menschen auch auf dem lockersten Schnee tragen, und eine sehr schnelle Fortbewegung, etwa wie die der Schlittschuhläufer auf den Eisflächen, ermöglichen. Pelzmützen und Gürtel aus Damwildleder vervollständigten diese Ausrüstung.

An Waffen nahm Lieutenant Hobson, neben hinreichender Munition, von der Compagnie gelieferte Dienstgewehre, Pistolen und einige Ordonnanz-Säbel mit; an Werkzeugen Aexte, Sägen, Hohlbeile und andere zur Zimmerarbeit nöthige Instrumente; an Ausrüstungsgegenständen Alles, was zur Gründung einer Factorei unter den gegebenen Umständen gehörte, unter Anderem einen Ofen, einen Kochofen, zwei Luftpumpen als Ventilatoren, ein »Halkett-Boat«, das ist ein Kautschuk-Canot, welches man im Augenblicke des Bedarfs aufbläst.

Bezüglich der Verpflegung durfte man wohl auf die Jäger des Detachements rechnen. Einige der Soldaten waren geübte Treiber, und Rennthiere fehlten in diesen hochnördlichen Gegenden niemals. Ganze Stämme von Indianern oder Eskimos nähren sich, aus Mangel an Brod und anderen Speisen, ausschließlich von diesem Wild, welches reichlich vorhanden und sehr schmackhaft ist. Da jedoch auch auf unvermeidliche Verzögerungen und Schwierigkeiten aller Art zu rechnen war, so mußte immerhin eine gewisse Menge Proviant mitgeführt werden.

Dieser bestand aus Bisonochsen-, Elenn- und Damhirschfleisch, welches durch große Treibjagden im Süden des Sees gewonnen wurde; ferner aus Pökelfleisch, das sich ja eine beliebige Zeit lang eßbar erhält, und endlich aus einem Präparate nach Indianerart, in welchem das getrocknete und zu ganz feinem Pulver gemahlene Fleisch alle seine nährenden Bestandtheile bei geringster Masse behält. So zerrieben, braucht es auch gar nicht gekocht zu werden, und bildet in dieser Form eine sehr stoffreiche Nahrung.

An Liqueuren nahm Lieutenant Hobson mehrere Barils Ein Baril – etwa siebenzig Liter. Branntwein und Whisky mit, nahm sich aber vor, damit so sparsam als möglich umzugehen, da Spirituosen bei ganz strenger Kälte dem Menschen leicht Nachtheile zuziehen können. Dagegen hatte ihm die Compagnie, nebst einer Taschenapotheke, beträchtliche Mengen von »Lime juice« (Limoniensaft), Citronen und andere Droguen zur Verfügung gestellt, welche zur Bekämpfung der in jenen Gegenden so furchtbar auftretenden scorbutischen Affectionen, wie zum Verhindern ihres Eintritts, unentbehrlich sind. Alle Theilnehmer waren übrigens sorgfältig ausgewählt, um nicht zu fett und nicht zu mager zu sein; seit langen Jahren an die Strenge dieses Klimas gewöhnt, mußten sie die Strapazen eines Zuges nach dem Eismeere leichter ertragen. Zudem waren es gutwillige, herzhafte und unerschrockene Leute, welche ungezwungen teilnahmen. Während der Zeit ihres Aufenthaltes an den Grenzen des amerikanischen Continentes war ihnen ein doppelter Sold für den Fall zugesichert, daß sie bis über den siebenzigsten Breitengrad hinauskamen.

Für Mrs. Paulina Barnett und ihre getreue Madge war ein besonderer, etwas bequemerer Schlitten hergestellt worden. Die muthige Frau wollte zwar durchaus keinen Vorzug vor ihren Mitreisenden genießen; sie mußte sich jedoch der Einsprache des Kapitäns fügen, der übrigens nur der Dolmetscher der Compagnie selbst war.

Den Astronomen Thomas Black sollte dasselbe Gefährt, welches ihn nach Fort-Reliance gebracht hatte, auch sammt seinem gelehrten Apparate bis zum Ziele führen. Die, übrigens wenig zahlreichen, Instrumente des Astronomen, – bestehend aus: einem Fernrohre zur Mondbeobachtung, einem Sextanten zur Bestimmung der geographischen Breite und einem Chronometer zu der der Längengrade, einigen Karten und wenigen Büchern – Alles war auf diesen Schlitten verpackt, und Thomas Black rechnete stark darauf, daß ihn seine getreuen Hunde nicht im Stiche lassen würden.

Selbstverständlich war das Futter für die Bespannung nicht vergessen. Es galt unterwegs im Ganzen zweiundsiebenzig Hunde, also eine ganze Heerde, zu unterhalten, wofür die Jäger des Detachements speciell zu sorgen hatten. Diese klugen und kräftigen Thiere waren von Chipeway-Indianern angekauft, welche sie zu ihrer harten Arbeit ausgezeichnet abzurichten wissen.

Die ganze Organisation der kleinen Gesellschaft erfreute sich der einsichtigsten Leitung. Lieutenant Jasper Hobson unterzog sich ihr mit einem über alles Lob erhabenen Eifer. Stolz auf seine Mission, begeistert für sein Werk, wollte er Nichts vernachlässigen, was den Erfolg unsicher machen könnte. Corporal Joliffe, der immer alle Hände voll zu thun hatte, brachte doch nicht viel zu Stande; doch die Gegenwart seiner Frau war und wurde für die Expedition sehr nützlich. Mrs. Paulina Barnett schloß diese intelligente und muntere Canadierin, mit den blonden Haaren und großen Augen, bald in ihr Herz.

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß Kapitän Craventy für den guten Ausgang der Unternehmung Nichts unterließ. Die seitens der Oberagenten der Compagnie ihm zugestellten Instructionen bewiesen, welchen Werth man auf den Erfolg der Expedition und auf die Gründung einer neuen Factorei jenseit des siebenzigsten Breitengrades legte. Alles, was menschenmöglich war, wurde denn auch zu diesem Zwecke aufgeboten. Wenn die Natur aber dem Fuße des kühnen Lieutenants unübersteigliche Hindernisse entgegenthürmte? – Das entzog sich freilich aller Vorausberechnung.

Fünftes Capitel.


Fünftes Capitel.

Die ersten schönen Tage waren herangenaht. Der grüne Mantel der Hügel kam unter dem theilweise verschwundenen Schnee zum Vorschein. Einige Vögel, als: Schwäne, Auerhähne, kahlköpfige Adler und andere Zugvögel, strichen, von Süden kommend, durch die lauere Luft. An den Zweigspitzen der Pappeln, Birken und Weiden schwollen die Knospen. Große Wasserlachen, welche durch das Schmelzen des Schnees entstanden, lockten jene rothköpfigen Enten herbei, von denen es im nördlicheren Amerika so zahllose Arten giebt. Die Taucherhühner, Wasserscheerer und Eidergänse suchten sich im Norden kältere Gegenden auf. Spitzmäuse, in der Größe von Haselnüssen, spielten neben ihren Löchern und zeichneten mit ihrem kleinen, spitzigen Schwanze bunte Linien auf dem Erdboden. Es war jetzt eine Wollust, zu athmen und die Sonnenstrahlen einzusaugen, welche den Frühling so lebenweckend machen. Die Natur erhob sich nach der endlosen Winternacht aus dem Schlafe und lächelte beim Erwachen. Die Wirkung dieser Rückkehr zu neuem Leben ist in diesen nördlichsten Gegenden vielleicht fühlbarer, als auf jedem anderen Punkte der Erde.

Immerhin war die Thauwitterung noch nicht durchgreifend. Zwar zeigte das Thermometer +5°, aber die weit niedrigere Temperatur der Nächte erhielt noch die Schneeflächen. Es war das übrigens ein für die Benutzung der Schlitten allzugünstiger Umstand, als daß Jasper Hobson nicht davon hätte Nutzen ziehen sollen.

Das Eis des Sees stand noch fest. Die Jäger des Forts machten bei ihren weiten Excursionen auf dieser ebenen Fläche immer gute Beute, da das Wild schon wiedergekommen war. Mrs. Paulina Barnett konnte gar nicht genug die Geschicklichkeit bewundern, mit welcher diese Männer sich ihrer Schneeschuhe bedienten. Sie erreichten mit denselben die Geschwindigkeit eines galopirenden Pferdes. Auf den Rath Craventy’s übte sich auch die Reisende in dem Gebrauche dieser Apparate, und erwarb sich bald eine hinlängliche Geschicklichkeit, über den Schnee zu gleiten.

Schon seit einigen Tagen kamen die Indianer truppweise zum Fort, um die Ergebnisse ihrer Winterjagden gegen allerhand andere Gegenstände umzutauschen. Pelze gab es aber nicht im Ueberflusse; Marder- und Wieselfelle erreichten zwar eine hohe Zahl, aber Biber, Ottern, Luchse, Hermelins und Füchse waren selten. Die Compagnie that also gewiß gut daran, höher im Norden neue, von der Raubgier des Menschen noch verschonte Jagdgebiete aufzusuchen.

Am Morgen des 16. April war Lieutenant Jasper Hobson nebst Gesellschaft zur Abreise fertig. Durch die ganze bekanntere Gegend zwischen dem Sklaven-See und dem des Großen Bären, welcher schon über dem Polarkreise liegt, war der Weg im Voraus festzustellen. Jasper Hobson sollte zunächst nach Fort-Confidence, das am nördlichsten Theile dieses Sees liegt, ziehen. Dann war ein ganz geeigneter Punkt zur frischen Verproviantirung der Gesellschaft das Fort-Entreprise, welches zweihundert Meilen im Nordwesten, am Ufer des kleinen Snure-Sees erbaut ist. Bei Zurücklegung von fünfzehn Meilen täglich rechnete Jasper Hobson darauf, dort in den ersten Tagen des Mai einmal Halt zu machen.

Von dieser Stelle aus sollte die Expedition auf kürzestem Wege die amerikanische Küste zu erreichen suchen und sich von da aus nach dem Cap Bathurst begeben. Man war dahin übereingekommen, daß Kapitän Craventy nach einem Jahre eine Proviantsendung nach demselben Punkte dirigiren, und daß Lieutenant Hobson dieser Sendung einige Mann entgegenschicken sollte, um sie nach dem Orte, an dem dann das neue Fort errichtet wäre, zu geleiten. Auf diese Weise war die Zukunft der Factorei gegen alle Uebelstände sicher gestellt, und der Lieutenant nebst seinen Begleitern, diese freiwillig Verbannten, blieben doch in einiger Beziehung zu ihren Nebenmenschen.

Am Morgen des 16. April erwarteten die angespannten Hunde vor dem äußeren Thore des Forts nur noch die Reisenden. Kapitän Craventy hatte die zu dem Detachement gehörigen Mannschaften versammelt und richtete an sie einige herzliche Worte. Vor allen Dingen empfahl er ihnen die vollkommenste Einigkeit mitten in den Gefahren, denen sie zu trotzen berufen waren. Die Unterordnung unter ihre Führer war eine unabweisliche Bedingung für dieses Unternehmen, eine Sache der Entsagung und Ergebenheit. Ein Hurrah antwortete der Rede des Kapitäns. Dann sagte man kurz Lebewohl, und Jeder nahm in dem ihm vorher bezeichneten Schlitten Platz. Jasper Hobson und Sergeant Long nahmen die Spitze des Zuges ein. Mrs. Paulina Barnett und Madge folgten ihnen, die lange Eskimopeitsche, welche in trockene gedrehte Sehnenstücke auslief, geschickt handhabend. Thomas Black und einer der Soldaten, der Canadier Petersen, kamen in dritter Reihe. Hieran schlossen sich dann die anderen, von den Soldaten und den drei Frauen besetzten Schlitten. Corporal Joliffe nebst Gattin bildeten den Schluß. Nach Jasper Hobson’s Anordnung sollte jeder Schlitten in der vorgeschriebenen Reihenfolge verbleiben, auch eine gewisse Distanz halten, um jeder Unordnung vorzubeugen. Der Stoß eines solchen Schlittens, der im vollsten Jagen war, hätte auch sicher leicht Unheil anrichten können.

Von Fort-Reliance aus schlug Jasper Hobson sogleich eine nordwestliche Richtung ein. Dabei war zunächst ein breiter Strom zu überschreiten, welcher den Sklaven-See mit dem Wolmsley-See verbindet. Dieser Wasserlauf, welcher noch dick gefroren war, unterschied sich indeß in keiner Weise von der ungeheuren, weißen Ebene. Ein gleichmäßiger Schneeteppich lag über die ganze Umgebung gebreitet, und die von der kräftigen Bespannung gezogenen Schlitten sausten über die feste Unterlage.

Das Wetter war schön, aber noch sehr kalt. Die nur wenig über den Horizont aufsteigende Sonne beschrieb am Himmel nur einen sehr flachen Bogen. Ihre von der Schneedecke glänzend reflectirten Strahlen spendeten mehr Licht, als Wärme. Glücklicherweise bewegte kein Windhauch die Luft, welche Ruhe die Kälte weit erträglicher machte. Dennoch mußte wohl der durch die Schnelligkeit der Schlitten entstehende Luftstrom den beiden, nicht an das rauhe Polarklima gewöhnten Begleitern des Lieutenants Hobson empfindlich in’s Gesicht schneiden.

»Es geht gut, sagte da Jasper Hobson zu dem Sergeanten, welcher ruhig neben ihm saß, als stände er ›Gewehr auf Schulter‹, die Fahrt läßt sich gut an. Der Himmel ist günstig, die Temperatur mäßig, unsere Bespannung läuft wie ein Expreßzug, und wenn diese gute Witterung anhält, wird unsere Ueberfahrt ohne Hinderniß verlaufen. Was denken Sie darüber, Sergeant Long?

– Was Sie selbst denken, Lieutenant Jasper, antwortete der Sergeant, der sich nichts anders vorstellen konnte, als sein Vorgesetzter.

– Sind Sie ebenso wie ich dafür, Sergeant, fuhr Jasper Hobson fort, so weit als möglich nach Norden vorzudringen?

– Sie haben nur zu befehlen, Herr Lieutenant, ich gehorche.

– Ich weiß es, Sergeant, ich weiß, daß es hinreicht, Ihnen eine Ordre zuzustellen, um sie ausgeführt zu sehen. Möchten unsere Leute ebenso die Tragweite unserer Mission einsehen, und sich mit Leib und Seele den Interessen der Compagnie widmen. O, Sergeant Long, ich glaube, wenn ich Ihnen einen ganz unausführbaren Befehl gäbe…

– Es giebt keine unausführbaren Befehle, Herr Lieutenant.

– Was? Und wenn ich Sie bis an den Nordpol schickte?

– Dann ginge ich hin, Herr Lieutenant.

– Um auch von dort zurückzukehren? setzte Jasper Hobson lächelnd hinzu.

– Ich käme auch wieder«, antwortete einfach der Sergeant.

Während dieses Zwiegesprächs zwischen Lieutenant Hobson und seinem Sergeant hatten auch Mrs. Paulina Barnett und Madge, als die Schlitten der Steilheit des Bodens wegen etwas langsamer gingen, einige Worte gewechselt. Diese beiden beherzten Frauen betrachteten, wohl verwahrt in ihren Otterpelzhauben und unter einem dicken, weißen Bärenfelle halb begraben, diese rauhe Natur und die blassen Umrisse der hohen Eisberge, welche sich längs des Horizontes abhoben. Das Detachement hatte die Hügel schon hinter sich gelassen, welche das nördliche Ufer des Sklaven-Sees uneben machen, und deren Gipfel von starrenden Baumgerippen bekrönt waren. Die unendliche Ebene dehnte sich ohne Grenzen vor den Augen aus.

Doch belebten einige Vögel durch ihre Stimmen und ihr Auffliegen die ungeheure Einöde. Unter diesen bemerkte man einige Schwärme von Schwänen, welche nach Norden zogen und deren Weiße des Gefieders sich mit der des Schnees verschmolz. Man unterschied sie blos, wenn man das Grau der Atmosphäre als Hintergrund hatte. Auf dem Erdboden aber waren sie auch von dem schärfsten Auge kaum zu entdecken.

»Welch‘ wunderbare Gegend! sagte Mrs. Paulina Barnett. Welch‘ ein Unterschied zwischen diesen Eisregionen und den grünenden Ebenen Australiens! Erinnerst Du Dich, meine gute Madge, als uns am Golf von Carpentaria die Hitze überwältigte; entsinnst Du Dich dieses unerbittlichen Himmels, ohne jede Wolke und jeden Wasserdunst?

– Meine Tochter, antwortete Madge, ich besitze nicht, wie Du, die Gabe der Erinnerung. Du bewahrst Deine gehabten Eindrücke, ich vergesse die meinen.

– Was, Madge, rief Mrs. Barnett, Du hast die Tropenhitze Indiens und Australiens vergessen? Dir ist keine Erinnerung an unsere Qualen verblieben, wie uns in der Wüste das Wasser fehlte, wie die Sonnenstrahlen uns brannten bis in’s Mark hinein, und selbst die Nacht unsere Leiden kaum unterbrach?

– Nein, nein, Paulina, erwiderte Madge, die sich dichter in die Pelzdecken wickelte, nein, ich erinnere mich dessen nicht. Und wie kannst Du mir auch jetzt die Leiden, von denen Du sprichst, die Hitze und den quälenden Durst in’s Gedächtniß zurückrufen wollen, jetzt, wo das Eis uns rings umstarrt, und ich nur die Hand auszustrecken brauche, um einen Schneeball zu erfassen. Du sprichst mir von Hitze, und wir frieren unter den dicken Bärenfellen! Du erinnerst Dich der Sonnengluth, während diese Aprilsonne nicht einmal das Eis von unseren Lippen wegthauen kann! Nein, meine Tochter, sprich mir nicht mehr von Hitze, sage nicht, daß ich mich je beklagt hätte, es sei mir zu warm gewesen, jetzt könnte ich Dir’s nicht glauben.«

Mrs. Paulina Barnett konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.

»Ach, sagte sie, Du frierst wohl sehr, meine gute Madge?

– Gewiß, meine Tochter, mir ist’s kalt, aber diese Temperatur mißfällt mir nicht. Im Gegentheil, dieses Klima muß recht gesund sein, und ich hoffe, mich an diesem Ende von Amerika sehr wohl zu befinden. Das ist wirklich ein schönes Land hier! – Ja wohl, Madge, ein wunderbares Land, und bis jetzt haben wir von seinen Wundern nur noch sehr wenig gesehen. Laß aber unsere Reise sich bis an die Küsten des Polarmeeres ausdehnen, laß den Winter kommen mit seinen gigantischen Eisgebilden, seiner tiefen Schneedecke, seinen Borealstürmen, mit dem Nordlichte, den funkelnden Sternbildern, der langen sechsmonatlichen Nacht – dann wirst Du es begreifen, daß des Schöpfers Werk allüberall vollkommen ist!«

So sprach, bei ihrer lebhaften Einbildung, Mrs. Paulina Barnett.

In diesen entlegenen Regionen mit ihrem unerträglichen Klima sah sie nur die schönsten Phänomene der Natur. Ihr Reisetrieb überwog die Vernunft. Jetzt sog sie aus diesen Polargegenden nur die ergreifende Poesie, welche die Weisen durch die Legende fortgepflanzt und die Barden aus Ossian’s Zeiten gesungen hatten. Die nüchternere Madge aber machte sich aus den Gefahren einer Reise nach den arktischen Ländern kein Hehl, so wenig, wie aus den Leiden einer Ueberwinterung bei weniger als dreißig Graden vom Nordpole.

Wirklich unterlagen ja oft auch die Stärksten den Anstrengungen und Entbehrungen, den geistigen und körperlichen Qualen dieser rauhen Klimate. Lieutenant Jasper Hobson’s Mission gab freilich keine Veranlassung, bis zu den höchsten Breitengraden der Erdkugel vorzudringen; es handelte sich nach seinem Auftrage nicht darum, den Pol zu erreichen oder sich auch nur auf die Fährten eines Parry, Roß, Mac Clure, Kane oder Morton zu wagen. Hat man den Polarkreis aber einmal überschritten, so sind die Prüfungen fast die nämlichen, nehmen wenigstens nicht in dem Verhältniß, wie das Wachsthum der Breite, zu. Jasper Hobson dachte wohl auch gar nicht daran, über den siebenzigsten Grad hinauszugehen! Gut. Man erinnere sich aber, daß Franklin und seine Unglücksgenossen durch Hunger und Frost umgekommen sind, an einer Stelle, wo sie noch nicht einmal den achtundsechzigsten Grad nördlicher Breite passirt hatten!

In dem vom Joliffe’schen Ehepaare besetzten Schlitten war unterdessen von ganz anderen Dingen die Rede. Wahrscheinlich hatte der Corporal seinen Abschied etwas zu reichlich begossen, denn er wagte ganz ausnahmsweise anderer Ansicht zu sein, als sein Weibchen. Ja, er trotzte ihr sogar, was nur bei ganz außergewöhnlichen Gelegenheiten vorkommen konnte.

»Nein, liebe Frau, sagte der Corporal, keine Furcht! Ein Schlitten ist nicht schwieriger zu regieren, als ein Ponygespann, und der Kukuk hole mich, wenn ich nicht mit solch‘ einer Hundebespannung fertig werde.

– Dein Geschick hierzu bestreite ich ja gar nicht, entgegnete Mrs. Joliffe, Du sollst nur die Schnelligkeit der Fahrt mäßigen. Da sind wir schon an der Spitze des Zuges, und ich höre den Zuruf des Lieutenant Hobson, daß Du Deinen Platz am Ende desselben wieder einnehmen sollst.

– Laß ihn nur rufen, Frauchen, immer laß ihn rufen …«

Von neuen Peitschenschlägen angetrieben, flogen die Hunde mit dem Schlitten in wachsender Schnelligkeit dahin.

»Nimm Dich in Acht, Joliffe! mahnte seine Frau. Nicht so schnell! Es geht hier bergab!

– Bergab? erwiderte der Corporal, Du nennst das bergab?

– Ich sage es Dir noch einmal, es geht hier bergunter!

– Und ich versichere Dir, daß es bergauf geht. Da sieh‘ doch, wie die Hunde ziehen müssen!«

In Wahrheit zogen aber die Hunde keineswegs. Die Abhängigkeit des Bodens war im Gegentheil ganz auffallend. Mit schwindelnder Schnelligkeit flog der Schlitten dahin, und war jetzt den anderen schon weit voraus. Mr. und Mrs. Joliffe sprangen darin auf und nieder. Die Stöße in Folge der Unebenheit des Weges wurden häufiger. Die beiden Gatten, welche bald nach links, bald nach rechts und bald an einander geworfen wurden, schüttelte es tüchtig durch. Der Corporal wollte aber einmal auf Nichts, weder auf die Ermahnungen seiner Frau, noch auf das Zurufen des Lieutenants Hobson, hören. Da Letzterer die Gefahren dieser wilden Jagd einsah, trieb er sein eigenes Gespann an, um den Tollkopf einzuholen, und ihm folgte die ganze Karawane in demselben Sturmschritte.

Der Corporal aber flog immer tapfer weiter; seine Schnelligkeit berauschte ihn; er focht mit den Armen; rief und handhabte seine lange Peitsche, als wäre er ein vollkommener Sportsman.

»Ein prächtiges Instrument, eine solche Peitsche, sagte er, und dazu verstehen die Eskimos mit unglaublicher Geschicklichkeit mit ihr umzuspringen.

– Du bist aber kein Eskimo, fiel seine Frau ein und machte den vergeblichen Versuch, den Arm ihres tollen Schlittenlenkers fest zu halten.

– Ich habe mir sagen lassen, lallte der Corporal, ja, ich habe mir sagen lassen, daß die Eskimos jeden Zughund und auch an jeder beliebigen Stelle zu treffen wissen. Mit dem harten sehnigen Ende können sie ihm sogar ein kleines Endchen vom Ohre abschlagen, wenn sie das für passend halten. Ich werde versuchen …

– Versuche Nichts, Joliffe, thu‘ es nicht! rief die kleine auf’s Höchste erschreckte Frau.

– Keine Furcht, Mrs. Joliffe, nur keine Furcht. Ich verstehe mich darauf. Da ist gerade unser fünfter Hund, der Dummheiten macht, ich werde ihn gleich in Ordnung bringen! …«

Ohne Zweifel war aber der Corporal weder genug »Eskimo«, noch mit dem Gebrauche des langen Riemens, der bis vier Fuß über die Bespannung hinausreicht, genügend vertraut, denn pfeifend rollte sich zwar die Peitsche lang auf, schnellte aber durch einen falsch berechneten Rückschlag zurück und schlang sich um Mr. Joliffe’s Kopf und Hals, wobei auch seine Pelzkapuze verloren ging. Ohne diese dicke Mütze hätte der Corporal wahrscheinlich sein eigenes Ohr ganz empfindlich getroffen.

Gleichzeitig warfen sich die Hunde nach der Seite, der Schlitten stürzte um und die Insassen rollten in den Schnee, der zum Glück tief genug war, um sie keinen Schaden nehmen zu lassen. Aber welche Beschämung für den Corporal! Wie verdutzt sah er sein Weibchen an! Und dazu die Vorwürfe seitens des Lieutenants Hobson!

Der Schlitten ward wieder aufgerichtet, aber gleichzeitig bestimmte man, daß die Zügel von Rechts wegen nun Mrs. Joliffe zu überlassen seien. Der ganz beschämte Corporal mußte sich fügen, und der kurze Zeit unterbrochene Zug des Detachements bewegte sich weiter.

Die folgenden vierzehn Tage verliefen ohne weiteren Zufall. Die Witterung blieb dauernd günstig, die Temperatur erträglich, und am 1. Mai langte die Gesellschaft bei Fort-Entreprise an.

 

Einundzwanzigstes Capitel.


Einundzwanzigstes Capitel.

Das einzige der vier Fenster, welches nach dem Hofe ging und dessen Läden man nicht geschlossen hatte, war dasjenige, welches sich am Ende des Vorraumes befand. Um aber durch die mit einer dicken Eiskruste bedeckten Scheiben sehen zu können, mußte man dieselben vorher mit siedendem Wasser abwaschen. Das wurde auch auf des Lieutenants Befehl mehrere Male des Tages vorgenommen, und wenn man dann die Umgebung des Cap Bathurst in’s Auge faßte, beobachtete man auch gleichzeitig den Zustand des Himmels und den Stand des draußen angebrachten Thermometers.

Am 6. Januar, gegen elf Uhr Morgens, rief da der Soldat Kellet, der gerade mit der Beobachtung betraut war, schnell den Sergeanten und zeigte auf unerkennbare Massen, die sich im Schatten durcheinander bewegten.

Sergeant Long, der sich dem Fenster genähert hatte, sagte einfach: »Das sind Baren!«

Wirklich waren ein halbes Dutzend solcher Thiere in den mit Palissaden umschlossenen Raum eingebrochen und drangen, von dem Gerüche des Rauches angelockt, gegen das Haus vor.

Jasper Hobson gab, sobald er von der Anwesenheit dieser furchtbaren Raubthiere unterrichtet war, den Befehl, das Fenster des Vorzimmers von Innen zu verbarrikadiren. Es bot dieses den einzig gangbaren Zugang, und war nur diese Oeffnung verschlossen, so schien es unmöglich, daß die Bären bis in das Haus dringen könnten. Das Fenster wurde demnach mit dicken Balken, die der Zimmermann Mac Nap nach Möglichkeit einpaßte, so verschlossen, daß eine enge Oeffnung blieb, durch welche man das Benehmen der unbequemen Gäste zu beobachten vermochte.

»Nun, sagte der Meister Zimmermann, sollen die Herren ohne unsere Erlaubniß nicht eintreten. Wir haben also Zeit, Kriegsrath zu halten.

– Nicht wahr, Herr Hobson, meinte Mrs. Paulina Barnett, nun wird unserer Ueberwinterung Nichts gefehlt haben; nach dem Froste die Bären!

– Nein, nicht «nach», antwortete Lieutenant Hobson, sondern, was viel mehr in’s Gewicht fällt, «während» des Frostes, und das eines Frostes, der uns einen Ausfall unmöglich macht. Ich weiß wirklich kaum, wie wir uns von diesen Bestien befreien sollen.

– Ich denke, sie sollen die Geduld verlieren, entgegnete die Reisende, und dann werden sie wieder davon gehen, wie sie gekommen sind.«

Jasper Hobson schüttelte den Kopf, als ob er nicht ganz überzeugt sei.

»Sie kennen diese Thiere nicht, Madame, erwiderte er. Der strenge Winter hat sie hungerig gemacht, und wenn man sie nicht dazu zwingt, werden sie den Platz nicht räumen.

– Sind Sie darüber unruhig, Herr Hobson? fragte Mrs. Paulina Barnett.

– Ja und nein, antwortete Lieutenant Hobson, ich weiß wohl, daß diese Bären nicht bis in das Haus kommen werden, aber ich weiß auch nicht, wie wir hinaus kommen sollen, wenn das einmal nöthig würde!«

Jasper Hobson kehrte wieder zum Fenster zurück. Unterdessen hatte Mrs. Paulina Barnett und die anderen Frauen den Sergeant Long umringt und lauschten dem braven Soldaten, der die »Frage von den Bären« wie ein Mann von Erfahrung abhandelte. Oft hatte Sergeant Long mit diesem Gesindel, dem man häufig selbst in südlicheren Gebieten begegnet, zu thun gehabt, aber immer unter Bedingungen, die es gestatteten, dasselbe mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen; hier aber waren die Belagerten blokirt und überdies verhinderte der Frost jeden Ausfall.

Den ganzen Tag lang überwachte man aufmerksam das Hin- und Herlaufen der Bären. Von Zeit zu Zeit kam Einer oder der Andere näher an das Fenster, so daß sein dumpfes, zorniges Brummen zu hören war.

Lieutenant Hobson und der Sergeant hielten Rath und beschlossen, daß man, wenn die Bären den Platz nicht verlassen sollten, einige Schießscharten in den Mauern des Hauses anbringen wollte, um sie mit Flintenschüssen zu vertreiben. Doch kam man auch überein, ein bis zwei Tage zu warten, denn Lieutenant Hobson scheute sich, zwischen der freien Luft und der schon so niedrigen des Zimmers eine directe Verbindung herzustellen.

Das Walroßfett, welches man in die Oefen einführte, war schon zu so festen Stücken gefroren, daß man es mit der Axt zerkleinern mußte.

Der Tag verlief ohne weitere Zufälle. Die Bären kamen und gingen, liefen rund um das Haus, versuchten aber keinen directen Angriff. Man wachte die ganze Nacht, und gegen vier Uhr Morgens konnte man glauben, daß die Angreifer den Hof verlassen hätten, wenigstens zeigten sie sich nirgends. Um sieben Uhr hatte sich Marbre nach dem Boden verfügt, um einige Provisionen zu holen, kam aber sogleich zurück, da die Bären auf dem Dache des Hauses umher marschirten.

Jasper Hobson, der Sergeant, Mac Nap und zwei oder drei andere Soldaten ergriffen ihre Waffen und stürzten auf die Treppe im Vorräume, die mittels einer Fallthüre mit dem Boden in Verbindung stand. In diesem Bodenräume war aber eine derartige Kälte, daß Lieutenant Hobson und seine Genossen schon nach wenig Minuten den Lauf ihrer Flinten nicht mehr mit der Hand anfassen konnten. Die durch ihre Respiration erzeugte feuchte Luft fiel rings um sie als Schnee nieder.

Marbre hatte sich nicht getäuscht, die Bären hatten das Dach des Hauses erstiegen. Man hörte sie laufen und brummen. Manchmal schlugen sie mit den Tatzen durch die Eiskruste und kratzten an den Planken des Daches, dessen Durchbrechen man bei der Kraft dieser Thiere wohl befürchten mußte.

Der Lieutenant und seine Leute, welche die unerträgliche Kälte fast betäubte, stiegen wieder hinab. Jasper Hobson berichtete die Sachlage.

»Augenblicklich«, sagte er, »sind die Bären auf dem Dache. Das ist ein böser Umstand. Dennoch haben wir deshalb noch Nichts für uns zu fürchten. Denn in die Zimmer werden die Thiere nicht eindringen können. Zu fürchten ist jedoch, daß sie in den Dachboden gelangen und die Felle auffressen, welche dort aufgespeichert sind. Diese Waaren gehören aber der Compagnie, und unsere Pflicht ist, sie unversehrt zu erhalten. Ich erwarte also von Euch, meine Freunde, daß Ihr mir helft, dieselben in Sicherheit zu bringen.«

Sofort theilten sich alle Begleiter des Lieutenants in kleine Trupps, die Einen im Saale, die Anderen in der Küche, in dem Vorzimmer, auf der Treppe, und zwei oder drei, die sich ablösten – denn unausgesetzt hätte Niemand diese Arbeit ertragen –, trotzten der Kälte des Bodenraumes, und in weniger als einer Stunde waren die gesammten Pelzwaaren in dem Saale selbst untergebracht.

Während dieser Operation setzten die Bären ihre Versuche fort und suchten die Dachsparren abzuheben. An einigen Stellen sah man, wie sich die Bretter unter ihrer Last bogen. Meister Mac Nap war sehr unruhig darüber. Bei der Construction des Daches hatte er auf eine solche Belastung freilich nicht gerechnet, und er fürchtete, daß es dieselbe nicht aushalten würde. Der Tag verging indessen, ohne daß die Angreifer in den Bodenraum eingedrungen wären. Aber ein nicht minder furchtbarer Feind drang nach und nach in die Räume ein – die Kälte. Die Feuer in den Oefen ließen nach. Der Vorrath an Brennmaterial war fast erschöpft. Noch vor Verlauf von zwölf Stunden mußte das letzte Stückchen Holz verzehrt sein und der Ofen verlöschen.

Das war aber gleich mit dem Tode, dem furchtbarsten, dem Tode durch den Frost. Schon umringten die armen Menschen, dicht an einander gedrückt, den erkaltenden Ofen und fühlten, wie auch ihre eigene Wärme allmälig verschwand. Und doch beklagten sie sich nicht. Selbst die Frauen ertrugen diese Qualen wie Helden. Krampfhaft drückte Mrs. Mac Nap ihr kleines Kind an die kalte Brust. Einige der Soldaten schliefen, oder träumten vielmehr in düsterer Betäubung, die kein Schlaf zu nennen war.

Um drei Uhr Morgens sah Jasper Hobson nach dem im Inneren des großen Saales an der Mauer und zehn Fuß vom Ofen angebrachten Thermometer – dieser zeigte 20° unter Null.

Der Lieutenant preßte seine Hände vor die Stirn und blickte auf seine Begleiter, welche eine gedrängte und schweigende Gruppe bildeten; so verharrte er einige Augenblicke unbeweglich. Der halb niedergeschlagene Dunst seines Athems umgab ihn mit einer weißen Wolke.

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter; schnell wendete er sich um. Mrs. Paulina Barnett stand vor ihm.

»Etwas muß nun geschehen, Herr Lieutenant, sagte die energische Frau, ohne uns zu wehren, können wir so nicht sterben!

– Ja, antwortete der Lieutenant, der auch in sich die moralische Energie wieder erwachen fühlte, Etwas muß nun geschehen!«

Der Lieutenant rief den Sergeant Long, Mac Nap und Raë, den Schmied, d.h. die muthigsten Männer seiner Gesellschaft. Begleitet von Mrs. Paulina Barnett begaben sie sich nach dem Fenster, und dort befragten sie durch die mit siedendem Wasser abgewaschenen Scheiben das draußen befindliche Thermometer.

»Vierzig Grad unter Null, rief Hobson. – Meine Freunde, jetzt haben wir nur zwischen zwei Wegen zu wählen: entweder wir setzen unser Leben daran, um neues Brennmaterial zu holen, oder wir verbrennen die Bänke, Bettstellen, Scheidewände, überhaupt Alles, was aus diesem Hause unsere Oefen ernähren kann. Das ist aber ein äußerstes Hilfsmittel, denn die Kälte kann noch länger andauern, und jetzt läßt noch Nichts einen Witterungswechsel voraussehen.

– Wir wagen das Erstere!« antwortete Sergeant Long.

Seine beiden Kameraden waren derselben Meinung.

Kein weiteres Wort wurde gewechselt, und Jedermann machte sich demgemäß an’s Werk.

Um das Leben Derjenigen, welche sich für das Allgemeine aufopferten, möglichst zu schützen, beschloß man folgende Maßregeln zu ergreifen.

Der Schuppen, welcher das Holz enthielt, befand sich etwa fünfzig Fuß hinter dem Hauptgebäude zur Linken. Einer der Männer sollte diesen Schuppen im Laufen zu erreichen suchen. Um seinen Leib sollte ein langer Strick geschlungen werden, an dem noch ein anderer angeschlossen war, dessen Ende von den Händen seiner Genossen gehalten wurde. War er einmal in dem Schuppen angekommen, so sollte er auf einen der in dem Schuppen untergebrachten Schlitten eine Ladung Holz werfen, dann das Ende des einen Strickes an das Vordertheil des Schlittens befestigen, um diesen bis an das Haus heran ziehen zu können, während er das andere Ende an dem Hintertheil anbrachte, um das Gefährt an demselben wieder nach dem Schuppen zurück zu ziehen. Damit wäre eine Verbindung zwischen Haus und Schuppen hergestellt gewesen, mittelst der man ohne große Gefahr genügend Holzvorräthe heranlootsen konnte. Ein Zug an dem einen oder dem anderen Ende des Seiles sollte anzeigen, ob der Schlitten entweder in der Remise beladen, oder in dem Hause entladen wäre.

Der Plan war ganz klug erdacht, doch an zwei Umständen konnte er scheitern. Einmal konnte die von Eis verstopfte Thüre des Schuppens zu schwierig zu öffnen sein, und dann war auch zu befürchten, daß die Bären das Dach verlassen und im Hofe umher streifen könnten.

Sergeant Long, Mac Nap und Raë erboten sich alle drei zu dem Wagstück. Der Sergeant bemerkte aber, daß seine beiden Kameraden verheiratet wären, und bestand darauf, persönlich den Versuch zu machen. Zu dem Lieutenant, der auch das Abenteuer bestehen wollte, sagte Mrs. Barnett:

»Herr Jasper, Sie sind unser Chef, Ihr Leben ist uns nöthig und Sie haben kein Recht, es auf das Spiel zu setzen. Herr Jasper, lassen Sie den Sergeant Long gewähren.«

Jasper Hobson begriff die Pflichten, welche die Sachlage ihm auferlegte, und zur Entscheidung zwischen den Anderen berufen, entschied er für Sergeant Long. Mrs. Paulina Barnett drückte dem braven Long die Hand.

Die anderen Bewohner des Forts schenkten, da sie eingeschlafen oder halb erstarrt waren, dem Versuche, den man eben zu machen im Begriff war, keinerlei Aufmerksamkeit.

Zwei lange Seile wurden zurecht gemacht, das eine wickelte der Sergeant um seinen Körper, über die dicken Pelze, mit welchen er bekleidet war und in denen er einen Werth von mehreren tausend Pfund Sterling auf dem Rücken trug. Das andere befestigte er an den Gürtel, an dem auch ein Seitengewehr und ein Revolver hing. Bevor er sich an sein Wagniß begab, trank er noch ein halbes Maaß Branntwein, was er »einen guten Schluck Brennmaterial zu sich nehmen« nannte.

Jasper Hobson, Long, Raë und Mac Nap verließen hierauf den allgemeinen Saal. Sie gingen durch die Küche, deren Ofen ebenfalls dem Verlöschen nahe war, und gelangten in den Corridor. Von dort aus öffnete Raë die Fallthüre zum Bodenraume und überzeugte sich, daß die Bären noch immer auf dem Dache waren. Jetzt galt es also zu handeln.

Die innere Thüre des Vorraumes wurde geöffnet. Jasper Hobson und seine Genossen fühlten, wie ihnen trotz der dicken Pelze die Kälte bis in’s Mark drang. Dann stießen sie die äußere Thüre, welche direct nach dem Hofe führte, auf – dem Ersticken nahe taumelten sie einige Schritte zurück. Sofort condensirte sich der im Vorzimmer noch befindliche Wasserdunst, und feiner Schnee fiel rings an den Wänden nieder.

Draußen war das Wetter außerordentlich trocken und die Sterne blitzten in ungewöhnlichem Glanze.

Ohne einen Augenblick zu zaudern, begab sich Sergeant Long in die Dunkelheit hinaus und zog im Laufen das eine Ende des Seiles mit, dessen anderes in den Händen seiner Gefährten verblieb. Hierauf wurde die äußere Thüre gegen das Simswerk zurück geschlagen und Jasper Hobson trat einstweilen mit den Uebrigen in den Gang zurück, dessen zweite Thüre sie möglichst hermetisch verschlossen. Dann warteten sie. Kam Long nicht schon in den ersten Minuten zurück, so durften sie annehmen, daß sein Vorhaben geglückt sei, daß er in den Schuppen gelangt und dort die erste Ladung Holz zurecht mache. Zehn Minuten durften hierzu wohl hinreichen, wenn ihm sonst gelungen war, die Thüre des Magazins zu öffnen.

Die Männer zogen sich also abwartend vor der Kälte möglichst zurück, während Raë den Bodenraum und die Bären im Auge behielt. Bei der finsteren Nacht war zu hoffen, daß Letzteren der schnell über den Hof eilende Sergeant entronnen wäre.

Zehn Minuten nach Long’s Weggang traten Jasper Hobson, Mac Nap und Raë wieder in den Vorraum zwischen den beiden Thüren, um das Signal, den Schlitten heranzuziehen, zu erwarten.

Noch fünf Minuten verstrichen; das Seil, dessen Ende sie in der Hand hielten, blieb unbeweglich. Wer malt sich ihre Angst aus! Schon seit einer Viertelstunde war der Sergeant hinaus gegangen, eine Zeit, die mehr als hinreichend war, den Schlitten einmal zu beladen, und noch hatte er kein Zeichen gegeben.

Noch einige Augenblicke wartete Jasper Hobson, da holte er das Ende des Seiles heran und bedeutete seine Leute, mit daran zu ziehen.

War die Holzladung noch immer nicht fertig, so würde der Sergeant schon ihrem Zuge Widerstand zu leisten wissen.

Beim kräftigen Anziehen bewegte sich ein schwerer Gegenstand gleitend über den Boden. In wenig Augenblicken kam derselbe bis zur äußeren Thür… es war der Körper des Sergeanten, den sie am Gürtel herangezogen hatten. Der unglückliche Long hatte den Schuppen gar nicht erreicht, sondern war unterwegs wie vom Blitz getroffen zusammengestürzt. Da er gegen zwanzig Minuten dieser wahrhaft unerträglichen Temperatur ausgesetzt gewesen war, mußte man fürchten, nur seinen Leichnam gerettet zu haben.

Mac Nap und Raë stießen einen Schrei des Entsetzens aus und schleppten den Körper in den Corridor; als aber der Lieutenant eben die äußere Thüre wieder schließen wollte, fühlte er, wie sie mächtig zurückgestoßen wurde. Zugleich ließ sich ein schreckliches Brummen vernehmen.

»Zu Hilfe!« rief Jasper Hobson.

Mac Nap und Raë eilten zu ihm hin; noch eine andere Person kam ihnen zuvor, das war Mrs. Paulina Barnett, welche ihre Kräfte mit denen des Lieutenants vereinigte, um die Thüre zu schließen. Das schreckliche Thier legte sich aber mit der ganzen Wucht seines Körpers dagegen, drückte sie langsam zurück und wäre offenbar in den Gang eingedrungen…

Da ergriff Mrs. Paulina Barnett eine der Pistolen, welche in Jasper Hobson’s Gürtel staken, wartete kaltblütig den Augenblick ab, bis sich der Kopf des Thieres zwischen Thür und Pfoste zeigte, und schoß demselben geschickt in den schon geöffneten Rachen.

Der Bär fiel rückwärts nieder; die Thüre, wurde schnell geschlossen und durch Barrikaden bestens verwahrt.

Sofort wurde jetzt der Körper des Sergeanten nach dem Saale geschafft und dort nahe dem Ofen hingestreckt. Doch schon verloschen die letzten Kohlen! Wie sollte man nun den Bedauernswerthen zum Leben zurückrufen, von dem kein Anzeichen mehr vorhanden zu sein schien?

»Ich, ich werde gehen, rief da der Schmied Raë, ich hole Holz, oder…

– Ja, Raë, ließ sich da eine Stimme neben ihm vernehmen, wir gehen zusammen!«

Die muthige Frau war es, welche also sprach.

»Nein, meine Freunde, nein! fiel da Jasper Hobson ein, Ihr entgingt weder der Kälte, noch den Bären. Jetzt wollen wir Alles verbrennen, was hier brennen kann, und dann helfe uns Gott!«

Sofort machten sich die armen halb Erfrorenen, mit der Axt in der Hand, alle an’s Werk, um Tische und Bänke, Zwischenwände und alles nur Mögliche zu demoliren, zu zerbrechen und in Stücke zu zerschlagen. Bald loderte denn auch in dem Stuben- und dem Küchenofen ein lustiges Feuer, welches durch eine Zugabe von Walroßfett noch lebhafter gemacht wurde. Die Temperatur des Raumes stieg dabei etwa um ein Dutzend Grade.

Jetzt verwendete man auch jede Sorgfalt auf Long, der mit warmem Branntwein gerieben wurde, wodurch der Blutumlauf in ihm sich langsam wieder herstellte. Die weißlichen Frostflecken, welche sein Körper da und dort zeigte, verschwanden allmälig; der unglückliche Long hatte aber grausam gelitten, und so verliefen mehrere Stunden, ehe er wieder Worte finden konnte. Er wurde in ein warmes Bett gelegt, an dem Mrs. Paulina Barnett und Madge bis zum anderen Tage wachten.

Inzwischen suchten Jasper Hobson, Mac Nap und Raë nach einem Mittel, sich aus der immer bedenklicheren Situation zu ziehen. Es lag auf der Hand, daß das neue aus dem Hause selbst gewonnene Brennmaterial höchstens in zwei Tagen zu Ende gehen würde. Was sollte dann, wenn die Kälte im Gleichen fortdauerte, aus Allen werden? Seit achtundvierzig Stunden war zwar Sturmwind, doch keine Witterungsänderung hatte sich damit vollzogen. Mit eisigem Hauche pfiff der Nordwind über das Land. Das Barometer stand immer auf »schön und trocken«, und aus diesem Erdboden, der ja nur ein ungeheures Eisfeld darstellte, konnten keine Wasserdünste aufsteigen. Es war demnach zu befürchten, daß die Kälte unverändert fortdauern werde. Was war aber dann zu thun? Sollte man einen weiteren Versuch wagen, bis zu der Holzkammer zu dringen, was dann, nachdem die Bären einmal aufmerksam gemacht waren, nur um so schwieriger sein mußte. Konnte man den Thieren im freien Felde entgegen treten? Nein, das wäre ein thörichtes Unternehmen gewesen, welches den Untergang Aller im Gefolge gehabt hätte.

Vorläufig war wenigstens die Zimmertemperatur erträglicher geworden. Mrs. Joliffe servirte an demselben Morgen ein Frühstück von warmem Fleisch und Thee. Heißer Grog wurde auch nicht geschont, und auch der brave Sergeant Long konnte seinen Theil davon verzehren. Die wohlthuende Wärme, welche die Oefen ausstrahlten, belebte gleichzeitig den gesunkenen Muth dieser Armen. Sie erwarteten nur Jasper Hobson’s Befehl, die Bären anzugreifen. Der Lieutenant aber, dem die Kräfte zu ungleich erschienen, wollte seine Leute nicht auf’s Spiel setzen. Der Tag schien ohne weitere Zwischenfälle verlaufen zu wollen, als sich gegen drei Uhr Nachmittags in dem Dachwerk des Hauses ein furchtbares Geräusch vernehmen ließ.

»Da sind sie!« riefen zwei oder drei Soldaten, die sich schnellstens mit Aexten und Pistolen bewaffneten.

Offenbar hatten sich die Bären, nach der Beseitigung eines Dachbalkens, den Zugang nach dem Bodenraum erzwungen.

»Niemand verläßt seinen Platz! sprach der Lieutenant mit ruhiger Stimme. – Raë, die Fallthüre!«

Der Schmied verfügte sich in den Gang, erstieg die Treppe und befestigte die Fallthüre so gut als möglich.

Ueber der Decke entstand jetzt ein schreckliches Lärmen, auch drohte diese unter der Last der Bären einzubrechen. Es war ein fortwährendes Tatzenschlagen, Brummen und Kratzen.

Aenderte dieser feindliche Einfall nun die Sachlage? Wurde das Uebel dadurch vergrößert oder nicht? Jasper Hobson berieth hierüber mit einigen Anderen. Die Mehrzahl war der Meinung, daß ihre Lage sich hiermit verbessert habe. Waren die Bären, was fast voraus zu setzen war, alle in dem Bodenraum, so konnte man sie darin vielleicht angreifen, ohne befürchten zu müssen, daß die Kämpfer von der Kälte überwunden oder ihnen die Waffen aus der Hand gerissen würden. Die Gefahr eines Angriffs auf diese Bestien, Mann gegen Mann, war gewiß nicht zu unterschätzen, doch schien es keine physische Unmöglichkeit, einen solchen zu versuchen.

Es blieb jetzt nur noch zu entscheiden, ob man den Angreifern an dem Orte, wo sie sich jetzt befanden, zu Leibe gehen sollte, oder nicht. Dieses Vorhaben war um so gefährlicher, da die Soldaten die enge Fallthüre nur immer einzeln passiren konnten.

Es leuchtet hiernach ein, warum Jasper Hobson mit dem Angriff zögerte. Nach der Meinung des Sergeanten und aller Anderen, deren Muth doch außer allem Zweifel war, empfahl es sich, noch zu warten. Vielleicht brachte ein unvorhergesehener Zufall ihnen noch mehr Aussicht auf Erfolg, da es fast unmöglich war, daß die Bären die Deckbalken, welche doch weit fester waren als die Dachsparren, aus der Lage bringen könnten. Dann war es ihnen auch unmöglich, bis in die Zimmer des Erdgeschosses zu gelangen.

Man wartete also. Der Tag verstrich, doch konnte in der Nacht Niemand vor Aufregung und Lärmen der Bären schlafen.

Am anderen Tage um neun Uhr aber trat ein neues Ereigniß ein, welches Jasper Hobson zum sofortigen Handeln zwang.

Die Essen des Ofens und des Küchenherdes gingen bekanntlich durch die ganze Höhe des Dachbodens hindurch. Diese von Kalkstein gebauten und nur unvollkommen gemauerten Rohre konnten einen bedeutenden Seitendruck offenbar nicht aushalten. Nun begannen die Bären aber, ob durch directen Angriff auf dieselben, oder nur dadurch, daß sie sich der Wärme wegen daran lehnten, das Mauerwerk nach und nach zu zerstören. Man konnte im Inneren die Steinbrocken herunterfallen hören, und bald zog weder der Stuben- noch der Küchenofen mehr.

Dieses schlimmste Unglück hätte sicher weniger energische Leute ganz zur Verzweiflung gebracht. Es sollte noch ärger kommen. Denn gleichzeitig mit dem Nachlassen des Feuers verbreitete sich ein schwarzer, scharfer und ekelerregender Rauch, der von dem verbrannten Holz und Fett herrührte, in dem ganzen Hause. Die Essen waren auch schon unterhalb der Decke entzwei gegangen. In wenig Minuten wurde dieser Rauch so dicht, daß die Lampen verloschen. Jasper Hobson war nun in die Notwendigkeit versetzt, das Haus zu räumen, wenn er nicht in dieser irrespirablen Atmosphäre ersticken wollte. Aus dem Hause gehen, hieß aber so viel, wie vor Frost umkommen. Da schrieen auch die Frauen einige Male ängstlich auf.

»Meine Freunde, rief der Lieutenant, eine Axt ergreifend, – auf die Bären!«

Es gab keinen anderen Ausweg; die Thiere mußten ausgerottet werden. Alle ohne Ausnahme eilten nach dem Corridor; Jasper Hobson an der Spitze drangen sie die Treppe hinauf. Die Fallthüre wurde gehoben. Durch den schwarzen Qualm blitzten die Flintenschüsse. Geschrei und Brummen mischten sich; man schlug sich mitten in der tiefsten Dunkelheit.

Plötzlich aber ließ sich da ein schreckliches Rollen hören, und heftige Stöße erschütterten den Boden. Das Haus neigte sich, als ob es aus seinen Grundpfeilern gerissen wäre. Die Balken der Wand wichen von einander, und die Bären flohen, erschrocken wie die Schafe, eiligst durch die Finsterniß.

 

Zweiundzwanzigstes Capitel.


Zweiundzwanzigstes Capitel.

Ein heftiges Erdbeben hatte diesen Theil des amerikanischen Festlandes erschüttert. Solche Stöße konnten bei dem vulkanischen Boden nicht gerade selten sein. Der Zusammenhang zwischen derartigen Ereignissen und den Eruptionen ist ja mehr als einmal nachgewiesen worden.

Jasper Hobson war sich über das, was vorging, völlig klar. Er wartete mit peinlichster Unruhe. Ein Riß im Erdboden konnte ihn mit seiner ganzen Gesellschaft verschlingen. Aber es blieb bei dem einzigen Stoße, der mehr eine Rückwirkung zu sein schien, als ein directer Stoß. Er hatte das Haus nur nach der Seite des Sees zu geneigt und seine Wände zerklüftet. Dann wurde die Erde wieder fest und unbeweglich.

Jetzt galt es, das Nothwendigste in’s Auge zu fassen. Das Haus war wenigstens noch in bewohnbarem Zustande.

Die durch die Verschiebung der Balken entstandenen Oeffnungen verstopfte man nach Kräften, und auch die Essen der Feuerungen wurden wohl oder übel ausgebessert.

Die Wunden, welche einige Soldaten bei dem Kampfe mit den Bären davongetragen hatten, waren zum Glück nicht von Bedeutung und erforderten nur einen einfachen Verband.

So verbrachten diese armen Leute zwei schreckliche Tage, und verbrannten die Bettstellen und das Holz der Scheidewände. In dieser Zeit nahm Mac Nap mit seinen Leuten die dringendsten Reparaturen des Innern vor. Die Grundstämme, welche tief in die Erde eingetrieben waren, standen noch fest, und der ganze Bau war noch haltbar. Offenbar hatte aber die Erderschütterung eine Veränderung in der Oberfläche des Erdbodens hervorgerufen. Jasper Hobson hätte davon gern Kenntniß genommen, da sie bis auf einen gewissen Punkt die Sicherheit der Factorei in Frage stellen konnte. Die unerbittliche Kälte machte aber ein Verlassen des Hauses absolut unmöglich.

Zum Glück traten jetzt einige Erscheinungen an den Tag, welche eine bevorstehende Witterungsänderung ankündigten. Durch die Fenster konnte man wahrnehmen, daß der Glanz der Sterne abnahm. Am 11. Januar fiel das Barometer um einige Linien. In der Luft sammelten sich Dünste an, deren Verdichtung mit einem Steigen der Temperatur verbunden sein mußte.

Wirklich sprang der Wind am 12. Januar nach Südwest um, und dann und wann trat Schneefall ein. Fast plötzlich stieg das Thermometer vor dem Fenster auf -9°. Für die so grausam geprüften Ueberwinternden war das eine Frühlingstemperatur.

Um elf Uhr Morgens drängte sich denn auch an diesem Tage Alles in’s Freie. Man hätte Gefangene vor sich zu sehen geglaubt, denen die Freiheit wieder geschenkt war.

In Befürchtung gefährlicher Begegnungen wurde es aber unbedingt verboten, die Umzäunung zu überschreiten.

In dieser Jahreszeit war zwar die Sonne noch nicht wieder erschienen, sie streifte aber so nahe an dem Horizonte hin, um wenigstens eine länger dauernde Dämmerung hervor zu bringen. Bis auf einen Umkreis von zwei Meilen waren die Umgebungen erkennbar. Jasper Hobson’s erster Blick galt der Gestalt des Erdbodens, welchen die Erschütterung verändert haben mußte.

Wirklich zeigte sich da und dort ein anderer Anblick. Das Vorgebirge, in welches Cap Bathurst auslief, war theilweise seines Gipfels beraubt, und große Stücke des seitlichen Ufers waren herabgestürzt. Die volle Masse des Caps schien sich auch gegen den See hin geneigt zu haben, wobei das ganze Plateau, auf dem die Wohnung stand, eine Lagenveränderung erlitten hatte. Im Allgemeinen hatte sich der Erdboden nach Westen hin gesenkt und nach Osten gehoben. Die veränderte Neigung des Erdbodens mußte aber die wichtige Folge haben, daß die Gewässer des Sees und des Paulina-Flusses, wenn sie zum Thauen kamen, eine neue Richtung einschlugen und einen Theil des Landes im Westen überschwemmten. Die Strömung mußte sich ein neues Bett bahnen, was auch auf den an der Mündung befindlichen natürlichen Hafen nicht ohne Rückwirkung bleiben konnte. Ebenso erschienen die Hügel des östlichen Ufers merklich gesenkt. Wie es mit dem Uferlande im Westen stand, konnte man der Entfernung wegen nicht sogleich beurtheilen. Die hauptsächlichsten durch das Erdbeben hervorgebrachten Veränderungen bestanden also Alles in Allem in Folgendem: Bis auf die Entfernung von vier bis fünf Meilen war die frühere ebene Oberfläche in so *fern verändert, als sich eine Neigung von Osten nach Westen zu gebildet hatte.

»Nun, mein Herr Hobson, sagte da lächelnd die Reisende, sie hatten die Freundlichkeit, dem Flusse und dem Hafen meinen Namen beizulegen, und nun giebt es keinen Paulina-Fluß und keinen Barnett-Hafen mehr. Sie müssen gestehen, daß ich nicht viel Glück habe.

– Wirklich, Madame, erwiderte der Lieutenant, wenn auch der Fluß dahin wäre, so ist doch der See, hoffe ich, der nämliche geblieben, und wenn Sie erlauben, nennen wir ihn dessenungeachtet den Barnett-See. Ich hoffe, daß dieser Ihnen treu bleiben soll!«

Mr. und Mrs. Joliffe hatten sich, sobald sie das Haus verließen, der Eine nach dem Hunde-, die Andere nach dem Rennthierstalle begeben. Die Hunde hatten durch die lange Einschließung wenig gelitten und sprangen lustig im inneren Hofe herum. Ein Rennthier schien seit wenig Tagen verendet; die anderen fanden sich trotzdem, daß sie etwas abgemagert waren, ganz wohl erhalten.

»Da sehen Sie, Madame, sagte der Lieutenant zu Mrs. Paulina Barnett, welche Jasper Hobson begleitete, da haben wir uns nun aus der Schlinge gezogen, und besser, als zu erwarten war.

– Ich habe niemals verzweifelt, Herr Hobson, entgegnete die Reisende. Männer, wie Ihre Leute und Sie, werden sich nie von den Zufällen einer Ueberwinterung besiegen lassen.

– Seitdem ich in den Polargegenden lebe, Madame, fuhr Lieutenant Hobson fort, habe ich niemals eine solche Kälte kennen gelernt, und frei heraus gesagt, wenn sie noch einige Tage eben so angehalten hätte, wären wir wohl allesammt erfroren gewesen.

– Dann kam wohl das Erdbeben zu ganz gelegener Zeit, um die verwünschten Bären zu vertreiben, und hat vielleicht mehr dazu beigetragen, die außergewöhnliche Kälte zu vermindern?

– Das ist möglich, Madame, sehr möglich, entgegnete der Lieutenant. Alle diese Naturerscheinungen stehen in gewissen Wechselbeziehungen zu einander, aber ich gestehe Ihnen, daß mich die vulkanische Natur des Bodens hier beunruhigt. Unseres Etablissements wegen bedauere ich die Nachbarschaft jenes thätigen Vulkanes. Wenn die Lavaströme auch nicht bis hierher dringen können, so sind die Erdstöße demselben doch gefährlich. Sie sehen ja das Bild, das unser Haus jetzt darbietet.

– Das lassen Sie ausbessern, Herr Hobson, sobald die gute Jahreszeit wieder eintritt, antwortete Mrs. Paulina Barnett, und Sie werden aus der Erfahrung Nutzen ziehen, um es noch sicherer her zu stellen.

– Gewiß, Madame, doch so wie es jetzt ist und doch auch noch einige Monate bleiben muß, dürfte es Ihnen nicht mehr genügende Bequemlichkeit bieten.

– Mir? Herr Hobson, antwortete lächelnd Mrs. Paulina Barnett, mir? Einer Reisenden? Ich stelle mir einfach vor, daß ich die Cabine eines auf der Seite liegenden Schiffes bewohne, und von dem Augenblicke an, da Ihr Haus weder stampft noch rollt, habe ich von der Seekrankheit Nichts zu befürchten.

– Bravo! Madame, versetzte Jasper Hobson, ich lerne Ihren Charakter täglich mehr schätzen. Er ist ja von Allen anerkannt. Doch Ihr moralischer Muth und Ihr liebenswürdiger Humor hat sehr dazu beigetragen, mir und meinen Leuten die harten Prüfungen ertragen zu helfen, und ich sage Ihnen in meinem und im Namen meiner Leute herzlichen Dank dafür.

– Ich versichere Ihnen, Herr Hobson, daß Sie übertreiben…

– O nein, gewiß nicht, und was ich Ihnen hier gesagt, würden Alle gern bereit sein, zu wiederholen. Doch erlauben Sie mir eine Frage. Es ist Ihnen bekannt, daß Kapitän Craventy uns kommenden Juni einen Provianttransport senden wollte, der bei der Rückkehr unsere Vorräthe an Pelzen nach Fort-Reliance mitnehmen solle. Möglicher Weise benutzt unser Freund Thomas Black nach Beobachtung der Sonnenfinsterniß diese Gelegenheit, um mit dem Detachement zurück zu kehren. Darf ich Sie fragen, Madame, ob es auch in Ihrer Absicht läge, ihn zu begleiten?

– Aber, Herr Hobson, wollen Sie mich zurück senden? fragte lächelnd die Reisende.

– O, Madame…!

– Nun wohl, ›mein Herr Lieutenant‹, fuhr Mrs. Paulina Barnett fort, und bot Jasper Hobson die Hand, ich ersuche Sie um die Erlaubniß, noch einen Winter in Fort-Esperance zubringen zu dürfen. Nächstes Jahr kommt dann vielleicht ein Schiff der Compagnie nach Cap Bathurst, und das würde ich gern, da ich auf dem Landwege gekommen bin, zu meiner Rückreise durch die Behrings-Straße benutzen.«

Der Lieutenant war entzückt über diesen Entschluß seiner Begleiterin. Er hatte ihn gemuthmaßt und schätzte ihn hoch. Es band ihn eine tiefe Sympathie an diese muthige Frau, die ihn ihrerseits für einen guten und braven Mann hielt. In Wahrheit hätte weder der Eine noch die Andere die Scheidung ohne Leidwesen kommen sehen. Wer wußte überdies, ob ihnen der Himmel nicht noch schwere Prüfungen aufbewahrt hatte, welche zum Wohle Aller ihres gemeinschaftlichen Einflusses bedurften?

Am 20. Januar erschien die Sonne zum ersten Male wieder, und endete damit die Polarnacht. Sie blieb freilich nur wenige Augenblicke über dem Horizonte und wurde von dem freudigem Hurrah der Ueberwinternden begrüßt. Von diesem Zeitpunkte an mußte nun der Tag stetig zunehmen.

Während des Monats Februar und bis zum 15. März folgte sich gute und schlechte Witterung noch sehr schroff. Bei gutem Wetter war es sehr kalt, bei schlechtem gab es ungeheuren Schnee. Bei jenem machte die Kälte den Jägern jeden Ausfall unmöglich, und bei letzterem zwangen sie die Schneestürme, das Haus zu hüten. Nur bei mittlerer Witterung waren also gewisse Arbeiten im Freien vorzunehmen, doch war keine größere Excursion zu wagen. Ueberdies lag kein Grund vor, sich weit vom Fort zu entfernen, da die Fallen einen guten Ertrag lieferten. Gegen Ende des Winters ließen sich Marder, Füchse, Hermeline, Vielfraße und andere kostbare Pelzthiere in Menge fangen, so daß die Fallensteller nicht zu feiern hatten, wenn sie sich auch nur in der Umgebung des Cap Bathurst aufhielten.

Eine einzige größere Excursion, welche im März nach der Walroß-Bai unternommen wurde, zeigte, daß die seitlich abfallenden Ufer sich durch die Erderschütterung wesentlich geändert, und zwar merklich gesenkt hatten. Die feuerspeienden Berge, welche nur einen leichten Rauch ausstießen, schienen sich vorläufig beruhigt zu haben.

Am 20. März signalisirten die Jäger die ersten Schwäne, welche von Süden auswandernd unter lautem Geschrei nach Norden zogen. Ebenso erschienen einige Schneeammern und Winterfalken. Noch immer aber deckte ein ungeheurer weißer Teppich den Boden, und gelang es der Sonne nicht, die feste Oberfläche des Meeres und des Sees zu schmelzen.

Erst anfangs April trat Thauwetter ein. Mit furchtbaren Krachen, welches kräftigen Artilleriesalven ähnlich war, sprang das Eis, wodurch an dem seitlichen Ufer tiefe, plötzliche und weitgehende Aenderungen eintraten. Mehr als ein durch fortwährende Stöße erschütterter Eisberg, dessen Grund theilweise abgeschmolzen war, donnerte, wenn er durch Verschiebung seines Schwerpunktes das Uebergewicht bekam, herunter, wodurch das Eisfeld gewaltsam aufgebrochen wurde.

Um diese Zeit war die mittlere Temperatur 0° Celsius. Auch das Eis des Baches verlor sich nun allmälig und seine von den Polarströmen entführte Eisbank an der Küste verschwand in den Dünsten des Horizontes. Am 15. April war das Meer offen, und gewiß hätte jetzt ein durch die Behrings-Straße längs der amerikanischen Küste gehendes Fahrzeug das Cap Bathurst erreichen können.

Zu gleicher Zeit mit dem Arktischen Ocean entkleidete sich auch der Barnett-See seines Eispanzers zur großen Befriedigung der zahllosen Schwärme von Enten und anderen Wasservögeln, die seine Ufer bevölkerten.

So wie es Lieutenant Hobson aber vorausgesehen hatte, war der Umfang des Sees durch die abgeänderte Bodenneigung sehr vermindert. Derjenige Theil des Seeufers, welcher im Osten von den bewaldeten Hügeln begrenzt gewesen war, hatte sich weit zurückgezogen. Jasper Hobson schätzte das Zurückweichen des Wassers von seinem östlichen Ufer auf ungefähr hundertundfünfzig Fuß.

An der entgegengesetzten Seite mußte sich das Gewässer um ebenso viel nach Westen ausgedehnt haben, und wenn ihm kein natürliches Hinderniß entgegenstand, das Land überschwemmen.

Jedenfalls durfte man sich Glück wünschen, daß die Bodensenkung in der Richtung von Osten nach Westen verlief, denn wenn das Gegentheil der Fall gewesen wäre, würde die Factorei rettungslos überfluthet gewesen sein.

Der kleine Bach freilich versiegte sofort, nachdem er aufgethaut war. Sein Wasser strömte, so zu sagen, nach der Quelle zurück, indem der Boden sich dorthin, von Norden nach Süden zu, gesenkt hatte.

»Da wäre also, sagte Jasper Hobson, ein Fluß von den Karten der Polarländer zu streichen. Hätten wir nur diesen Wasserlauf gehabt, um unser nöthiges Süßwasser zu gewinnen, so dürften wir jetzt in peinlicher Verlegenheit sein. Zum Glück verblieb uns der Barnett-See, und ich hoffe, daß unsere Trinker keinen Durst leiden sollen.

– Ja wohl, der See, antwortete der Sergeant Long, aber ist denn sein Wasser auch trinkbar geblieben?«

Jasper Hobson blickte seinen Sergeanten scharf an und zog die Augenbrauen zusammen. Auf den Gedanken war er noch nicht gekommen, daß ein Spalt im Boden die Verbindung zwischen dem Meere und der Lagune hergestellt haben könne. Es wäre das ein Unglück gewesen, das unzweifelhaft den Untergang und die Aufgabe der neuen Factorei nach sich gezogen hätte.

Eiligst liefen der Lieutenant und Sergeant Long nach dem See – sein Wasser war noch süß!

In den ersten Tagen des Mai, als der Boden sich da und dort von Schnee befreite, begann er unter dem Einfluß der Sonnenstrahlen ein wenig zu grünen. Einige Moose und Gräser wagten sich schüchtern mit ihren Spitzen aus der Erde. Der von Mrs. Joliffe gesäete Sauerampher und das Löffelkraut gingen nun auch auf. Die Schneedecke hatte diese Gewächse gegen die Rauhigkeit des Winters geschützt, aber jetzt wurde es nothwendig, sie gegen die Schnäbel der Vögel und die Zähne der Nagethiere zu vertheidigen. Diese wichtige Arbeit wurde dem würdigen Corporal übertragen, der sich derselben mit der Gewissenhaftigkeit und dem Ernste eines Gliedermannes im Suppenteller annahm. Die langen Tage waren zurückgekehrt; die Jagd wurde wieder aufgenommen.

Lieutenant Hobson wollte den Vorrath an Pelzfellen vermehren, welche die Agenten von Fort-Reliance in wenig Tagen übernehmen sollten. Marbre, Sabine und andere Jäger begaben sich an ihr Geschäft. Ihre Excursionen waren weder weitgehend, noch anstrengend, und kaum entfernten sie sich mehr als zwei Meilen vom Cap Bathurst.

Nie hatten sie ein so wildreiches Territorium gesehen, so daß sie eben so erstaunt als befriedigt waren. Marder, Elennthiere, Hasen, kanadische Rennthiere, Füchse und Hermeline liefen ihnen geradezu vor die Gewehre.

Zu ihrem Leidwesen machten sie nur die eine Beobachtung, daß Bären, fast wie ihnen zum Hohne, sich gar nicht sehen ließen. Man hätte meinen können, daß die Angreifer bei ihrer Flucht alle Uebrigen mit fortgerissen hätten. Vielleicht hatte auch das Erdbeben diese Thiere, welche ganz besonders fein organisirt, gewissermaßen sehr »nervös« sind, wenn man das überhaupt von einem Vierfüßler sagen kann, mehr als andere erschreckt.

Der Mai war sehr regnerisch, doch fiel dazwischen hinein gelegentlich noch Schnee; seine Mitteltemperatur erreichte + 5° – Celsius. Auch Nebel waren sehr häufig und oft so dicht, daß es unklug gewesen wäre, sich vom Fort zu entfernen. Petersen und Kellet verursachten deshalb, als sie einmal achtundvierzig Stunden lang abwesend waren, ihren Gefährten ziemliche Unruhe. Ein Fehler in der Richtung, den sie auch gar nicht mehr auszugleichen vermochten, hatte sie nach Süden geführt, als sie sich in der Nähe der Walroß-Bai glaubten. Ganz erschöpft und halb todt vor Hunger kamen sie endlich Zurück.

Der Juni rückte heran, mit ihm das schöne Wetter und manchmal eine recht merkbare Wärme. Die Winterkleidung wurde abgelegt. Man arbeitete tapfer an dem Hause, welches vollständig wieder ausgebaut werden mußte. Gleichzeitig ließ Jasper Hobson in der südlichen Ecke des Hofes ein großes Magazin errichten. Die Umgegend erwies sich so wildreich, daß ein solches ganz am Platze war. Ihre Vorräthe an Pelzen waren so beträchtlich geworden, daß sich deren Unterbringung in einem besonderen Speicher nöthig machte.

Von Tag zu Tag erwartete nun Jasper Hobson das Detachement, welches ihm Kapitän Craventy zusenden sollte, denn der neuen Factorei begannen schon verschiedene Gegenstände zu fehlen. So war z.B. die Munition zu erneuern. Hatte das Detachement Fort-Reliance in den ersten Tagen des Mai verlassen, so mußte es gegen Mitte Juni Cap Bathurst erreichen. Man erinnere sich hierbei, daß das der zwischen Kapitän Craventy und seinem Lieutenant verabredete Punkt war. Da Jasper Hobson nun das neue Fort an diesem Cap selbst errichtet hatte, so konnten ihn die nach ihm entsendeten Agenten nicht verfehlen.

Vom 15. Juni ab ließ der Lieutenant also die Umgebung des Caps genauer beobachten. Auf dem Gipfel eines Uferfelsens war die englische Flagge, um weithin sichtbar zu sein, aufgepflanzt worden. Ueberdies durfte man annehmen, daß der Proviantzug ungefähr denselben Weg einschlagen würde, wie vorher der Lieutenant. Dieser Weg war der sicherste, wenn nicht der kürzeste, da das zu dieser Zeit eisfreie Meer eine leicht zu verfolgende Küste bot.

Der Juni verging aber in fruchtlosem Warten. Jasper Hobson wurde einigermaßen unruhig, vorzüglich wenn sich die dichten Nebel wieder weithin über das Land lagern sollten. Er fürchtete dann auch für die Agenten in dieser Wüstenei, denen jene andauernden Dunstmassen ernsthafte Hindernisse bereiten mußten.

Oft unterhielt sich Jasper Hobson mit Mrs. Paulina Barnett, dem Sergeanten, Mac Nap und Rae über diesen Gegenstand. Auch der Astronom Thomas Black verhehlte seine Befürchtungen nicht, denn wenn die Sonnenfinsterniß vorüber war, rechnete er stark darauf, mit dem Detachement zurückzukehren. Kam letzteres überhaupt nicht an, so war er zu einer zweiten Ueberwinterung, und damit zu einer ihm gar nicht erfreulichen Aussicht verdammt. Der wackere Gelehrte hatte, wenn seine Absicht erreicht war, nur noch den Wunsch, sich auf den Heimweg zu begeben. Doch wenn er Jasper Hobson auch seine Besorgniß mittheilte, so wußte dieser doch vorläufig noch nicht, was er darauf erwidern sollte.

Auch am 4. Juli war noch Niemand angekommen; entweder waren also die Agenten von Fort-Reliance gar nicht abgereist, oder sie hatten sich unterwegs verirrt, und unglücklicher Weise hatte diese letztere Hypothese die größte Wahrscheinlichkeit für sich. Jasper Hobson kannte ja Kapitän Craventy, und setzte gar keinen Zweifel darein, daß der Zug Fort-Reliance zur bestimmten Zeit verlassen habe.

Seine lebhafte Unruhe ist also leicht begreiflich! Die gute Jahreszeit ging vorüber, noch zwei Monate, und der arktische Winter, d. h. die rauhen Winde, die Schneewirbel und die langen Nächte lagerten sich von Neuem über diesen Theil des Festlandes.

Lieutenant Hobson war aber nicht der Mann, um in einer solchen Ungewißheit zu verbleiben. Ein Beschluß mußte gefaßt werden, und so kam er denn, nach Berathung mit seinen Gefährten, zu folgendem, dem der Astronom natürlich von Herzen beistimmte:

Man schrieb den 5. Juli. In vierzehn Tagen, – nämlich am 18. Juli –, sollte die Sonnenfinsterniß stattfinden. Tags nachher konnte Thomas Black das Fort schon verlassen. Wären also bis dahin die Agenten noch immer nicht eingetroffen, so sollte ein aus mehreren Leuten und vier bis fünf Schlitten bestehender Zug von der Factorei nach dem Sklaven-See abgehen. Mit diesem sollte ein großer Theil der kostbarsten Pelzwaaren weggeschickt werden, und nach höchstens sechs Wochen, d. h. gegen Ende August, konnte er in Fort-Reliance eintreffen. Nach dieser Entscheidung wurde Thomas Black wieder der vollkommen von seiner Sache eingenommene Mensch und erwartete nur noch den Augenblick, in dem der Mond, wenn er sich genau zwischen das Tagesgestirn und »ihn« stellte, die Sonnenscheibe total verfinstern würde.

Dreiundzwanzigstes Capitel.


Dreiundzwanzigstes Capitel.

Leider zerstreuten sich die Nebel nicht. Die Sonne war nur wie durch einen dichten Dunstvorhang sichtbar, was dem Astronomen angesichts seiner Sonnenfinsterniß sehr zu Herzen ging. Oft war der Nebel so dicht, daß man vom Hofe des Forts aus kaum den Gipfel des Cap Bathurst wahrnehmen konnte.

Lieutenant Hobson’s Unruhe stieg von Tage zu Tage. Er war nicht mehr in Zweifel, daß der von Fort-Reliance entsendete Zug sich in den verlassenen Gegenden verirrt habe. Unbestimmte Befürchtungen und traurige Ahnungen quälten seinen Geist, und dieser so energische Mann sah jetzt der Zukunft mit wahrer Angst entgegen. Warum, wußte er im Grunde nicht zu sagen. Alles glückte ihm ja vortrefflich, und trotz des überstandenen rauhen Winters erfreute sich die kleine Colonie der besten Gesundheit. Keine Uneinigkeit herrschte unter seinen Leuten, welche sich alle ihrer Aufgabe mit lobenswerthem Eifer hingaben. Die Umgegend war voll Wild, die Beute an Pelzfellen überreich, und die Compagnie konnte mit den von ihrem Agenten erzielten Erfolgen gewiß zufrieden sein. Selbst angenommen, daß Fort-Esperance nicht mit neuem Proviant versehen wurde, bot ja das Land so ergiebige Hilfsquellen, daß einer zweiten Ueberwinterung ohne große Besorgniß entgegen zu sehen war. Weshalb fehlte also dem Lieutenant Hobson das Zutrauen?

Mehr als ein Mal kam er mit Mrs. Paulina Barnett hierüber in’s Gespräch. Die Reisende suchte ihn durch Vorführung der oben dargelegten Gründe zu beruhigen. Als sie jetzt mit ihm am Ufer spazieren ging, trat sie mit ganz besonderem Eifer für Cap Bathurst und die mit so großer Mühe gegründete Factorei ein.

»Ja, Madame, Sie haben Recht, erwiderte Jasper Hobson, aber seiner Ahnungen ist man nicht immer Herr. Ich bin gewiß kein Schwarzseher. Hundert Mal in meinem Leben habe ich mich als Soldat in den kritischsten Lagen befunden, ohne daß es mich nur gerührt hätte. Jetzt zum ersten Male ängstigt mich die Zukunft! Hätte ich eine bestimmte Gefahr vor mir – ich würde sie nicht fürchten. Aber eine unklare, unbestimmte, die ich nur vorausfühlen kann …

– Aber welche Gefahr, fragte Mrs. Paulina Barnett, und was fürchten Sie, die Menschen, die Thiere oder die Elemente?

– Die Thiere? Keineswegs, antwortete der Lieutenant, sie haben vielmehr die Jäger des Cap Bathurst zu fürchten. Die Menschen? Nein. Diese Gegenden werden kaum von Eskimos besucht, und Indianer verirren sich nur selten hierher …

– Und dazu bemerke ich Ihnen, Herr Hobson, setzte Mrs. Paulina Barnett hinzu, daß diese Canadier, deren Besuch Sie in der guten Jahreszeit in gewisser Hinsicht zu fürchten gehabt hätten, nicht ein Mal gekommen sind …

– Was ich sehr bedauere, Madame!

– Wie? Sie bedauern diese Concurrenten der Compagnie, welche ihr doch stets feindlich gegenüber stehen?

– Madame, entgegnete der Lieutenant, ich bedauere sie und bedauere sie auch nicht. Es ist das etwas schwierig zu erklären. Wollen Sie beachten, daß von Fort-Reliance eine Sendung ankommen sollte und das doch nicht geschehen ist. Dasselbe ist mit den Agenten der Pelzwaaren-Compagnie von St. Louis der Fall, welche wohl hierher kommen konnten, aber nicht gekommen sind. Nicht einmal ein einziger Eskimo hat in diesem Sommer den Küstenstrich besucht …

– Und daraus schließen Sie, Herr Hobson? …

– Daß man nach Cap Bathurst und Fort-Esperance nicht «so leicht» gelangen könne, Madame, als es mir wünschenswert!) wäre.«

Die Reisende blickte Lieuteuant Hobson an, dessen Stirn sehr sorgenvoll erschien, und der das Wort »leicht« so auffallend betont hatte.

»Nun, Lieutenant Hobson, sagte sie, da Sie weder von Seiten der Thiere, noch von der der Menschen etwas befürchten, muß ich glauben, daß es die Elemente sind …

– Madame, fiel Lieutenant Hobson ein, ich weiß nicht,ob meine Sinne befangen sind und meine Nerven mich blind machen; mir erscheint aber dieses Land im Grunde sonderbar. Kannte ich es vorher besser, ich glaube nicht, daß ich mich daselbst niedergelassen hätte. Einige Eigentümlichkeiten, die mir unerklärlich geblieben sind, habe ich Ihnen schon mitgetheilt, wie das vollkommene Fehlen von Steinen auf dem ganzen Gebiete und das so glatt abgeschnittene Küstengebiet. Die Urformation dieses Winkels des Festlandes ist mir nicht ganz klar. Wohl weiß ich, daß die Nachbarschaft eines Vulkanes gewisse Erscheinungen im Gefolge haben kann … Sie erinnern sich z.B., was ich Ihnen in Bezug auf Ebbe und Fluth gesagt habe –

– Vollkommen, Herr Hobson.

– Da, wo das Meer nach den Untersuchungen Derjenigen, welche diese Gebiete zuerst durchforscht haben, fünfzehn bis zwanzig Fuß hoch steigen sollte, steigt es in Wirklichkeit kaum einen Fuß!

– Ja wohl, erwiderte Mrs. Paulina Barnett, das erklärten Sie aber als eine Folge der sonderbaren Konfiguration des Landes, der Enge der Meerstraßen …

– Ich versuchte es zu erklären, das ist richtiger, antwortete Lieutenant Hobson; gestern aber habe ich eine noch weit unerklärbarere Erscheinung beobachtet, eine Erscheinung, welche wohl auch die größten Gelehrten nicht zu deuten vermöchten.«

Mrs. Barnett sah Jasper Hobson an.

»Und diese wäre …? fragte sie. !

– Vorgestern, Madame, war Vollmond, und die Fluth hätte in Folge dessen sehr hoch sein müssen. Nun, und gerade da hat sich das Meer nicht nur nicht um einen Fuß, nein, es hat sich «gar nicht» gehoben.

– Dann haben Sie sich wohl getäuscht, bemerkte die Reisende dem Lieutenant.

– Ich habe mich nicht getäuscht und die Beobachtung auch selbst angestellt. Vorgestern, am 4. Juli, war die Fluth gleich Null an der Küste des Cap Bathurst, bestimmt gleich Null.

– Und was schließen Sie daraus, Herr Hobson? fragte Mrs. Paulina Barnett.

– Daraus schließe ich, Madame, erwiderte der Lieutenant, entweder, daß die Naturgesetze sich verändert haben, oder daß dieses Land sich unter ganz besonderen Verhältnissen befindet … oder vielmehr, ich schließe noch gar nichts – ich erkläre es nicht – aber ich bin darüber unruhig.«

Mrs. Paulina Barnett drang nicht weiter in Lieutenant Hobson. Offenbar war dieses vollkommene Ausbleiben der Fluth unerklärlich, unnatürlich, so wie es unnatürlich wäre, wenn die Sonne zu Mittag nicht im Meridian erschiene.

Wenn die Erderschütterung die Formation des Küstenlandes und der arktischen Länder überhaupt nicht geändert hatte … doch diese Hypothese genügte einem strengen Beobachter terrestrischer Erscheinungen nicht.

Daß der Lieutenant sich bezüglich seiner Beobachtung getäuscht habe, war auch nicht wohl anzunehmen, und noch an demselben Tage – am 6. Juli – constatirten Mrs. Paulina Barnett und er durch am Ufer angebrachte Marken, daß die Fluth, welche seit einem Jahre immer um einen Fuß zu steigen pflegte, jetzt Null, vollständig Null war!

Ueber diese Beobachtung versprach man sich zu schweigen. Lieutenant Hobson hatte auch guten Grund, seine Leute auf keine Weise zu beunruhigen. Oft aber konnten sie ihn allein, schweigsam und unbeweglich sehen, wie er von der Spitze des Caps das jetzt noch offene Meer betrachtete, das vor seinen Blicken lag.

Im Juli mußte nun die Jagd auf Pelzthiere aufgegeben werden. Marder, Füchse und andere Thiere hatten schon ihre Winterfelle verloren. Man verfolgte also nur eßbares Wild, wie canadische Rennthiere, Polarhasen und andere, welche, wie Mrs. Paulina Barnett selbst bemerkte, sich sonderbarer Weise in der Umgebung des Cap Bathurst sichtbarlich vermehrten, während die Schüsse der Jäger sie doch vielmehr daraus hätten vertreiben sollen.

Am 15. Juli hatte sich noch nichts an der Sachlage geändert.

Von Fort-Reliance war keine Nachricht eingetroffen; die erwartete Sendung erschien nicht. Jasper Hobson beschloß also, sein Vorhaben auszuführen und zum Kapitän Craventy zu senden, statt dieser zu ihm.

Natürlich konnte der Führer dieses kleinen Detachements kein Anderer sein, als Sergeant Long, der sich jedoch von dem Lieutenant nicht gern trennen wollte. Es handelte sich hierbei in der That um eine lange Abwesenheit, denn nach Fort-Esperance konnte man vor dem nächsten Sommer nicht zurückkehren, was also einer Trennung von mindestens acht Monaten gleich kam. Mac Nap oder Raë hätten zwar den Sergeanten ersetzen können, doch diese beiden wackeren Soldaten waren verheiratet. Ueberdies war der eine als Zimmermann, der andere als Schmied in der Factorei, welche Beider Dienste nicht entbehren konnte, nothwendig.

Das waren die Gründe, welche bei Lieutenant Hobson den Ausschlag gaben und denen Sergeant Long sich »militärisch« fügte. Die vier Soldaten, welche ihn begleiten sollten, und sich auch dazu bereit erklärten, waren Belcher, Pond, Petersen und Kellet.

Vier Schlitten nebst der nöthigen Bespannung an Hunden wurden für die Reisenden bestimmt. Außer Lebensmitteln sollten sie Pelze, welche man unter den kostbarsten, wie Füchse, Hermeline, Zobelmarder, Schwäne, Luchse, Bisams und Vielfraße, auswählte, mitnehmen.

Die Abfahrt wurde auf den 19. Juli, den Tag nach der Sonnenfinsternis festgesetzt. Selbstverständlich sollte Thomas Black den Sergeant Long begleiten und einer der Schlitten zum Transport seiner Person und der Instrumente dienen.

Es verdient erwähnt zu werden, daß der würdige Gelehrte während der Tage, die der von ihm so ungeduldig erwarteten Erscheinung vorhergingen, ganz unglücklich war. Der Wechsel zwischen gutem und schlechtem Wetter, die Häufigkeit der Dünste, die bald mit Regenwolken, bald mit feuchtem Nebel erfüllte Atmosphäre, der unsichere Wind, welcher sich auf keinem Punkte des Horizontes fixirte, Alles beunruhigte ihn mit vollem Rechte. Er aß nicht mehr, er schlief nicht mehr, kaum lebte er noch! Wenn der Himmel während der wenigen Minuten, welche die Finsterniß andauern sollte, bedeckt war, wenn das Gestirn der Nacht und das des Tages sich hinter einem dicken Schleier verbargen, wenn er, Thomas Black, der zu diesem Zwecke hergesendet war, weder den Lichtkranz, noch die röthlichen Protuberanzen beobachten konnte, – welche Enttäuschung! Und so viel unnütze Strapazen, so viel vergeblich bestandene Gefahren!

»So weit hierher gekommen, um den Mond zu sehen, rief er in fast weinerlich komischem Tone, und nun ihn nicht zu sehen!«

Nein, diesen Gedanken konnte er nicht fassen! Sobald es dunkel wurde, bestieg der würdige Gelehrte den Gipfel des Caps, um nach dem Himmel zu blicken. Er hatte nicht einmal den Trost, den silbernen Trabanten zu beobachten. In drei Tagen sollte Neumond sein, und in Folge dessen begleitete er die Sonne bei ihrem Wege um die Erde sehr nahe, so daß er in ihren Strahlen verschwand.

Oft schüttete Thomas Black sein Herz gegen Mrs. Paulina Barnett aus. Die mitfühlende Frau konnte nicht umhin, ihn zu beklagen, und eines Tages beruhigte sie ihn nach Möglichkeit durch die Versicherung, daß das Barometer eine gewisse Neigung zum Steigen zeige, und rief ihm in’s Gedächtniß, daß sie sich ja in der schönen Jahreszeit befänden.

»In der schönen Jahreszeit! rief Thomas Black achselzuckend; giebt es in einem solchen Lande eine schöne Jahreszeit?

– Nun, Herr Black, antwortete die Dame, wenn Ihnen diese Finsterniß am letzten Ende entgehen sollte, wird es ja wohl noch andere geben. Gewiß ist die am 18. Juli nicht die letzte in diesem Jahrhundert!

– Nein, Madame, erwiderte der Astronom, nein. Außer dieser werden wir noch fünf totale Sonnenfinsternisse bis zum Jahre 1900 haben. Die erste am 31. December 1861, welche für den Atlantischen Ocean, das Mittelmeer und die Wüste Sahara total sein wird; die zweite am 22. December 1870, total für die Azoren, das südliche Spanien, Sicilien und die Türkei; eine dritte am 19. August 1887, total für Nordost-Deutschland, das südliche Rußland und Mittel-Asien; eine vierte am 9. August 1896, welche in Grönland, Lappland und Sibirien sichtbar ist, und endlich im Jahre 1900, am 28. Mai, eine fünfte, welche für die Vereinigten Staaten, Spanien, Algier und Egypten total sein wird.

– Nun denn, Herr Black, versetzte Mrs. Paulina Barnett, wenn Sie also die Finsterniß vom 18. Juli 1860 versehen sollten, werden Sie sich mit der vom 31. December 1861 zu trösten wissen; das sind ja nur siebenzehn Monate!

– Ich würde mich nicht nur siebenzehn Monate trösten müssen, Madame, entgegnete der Astronom, sondern müßte sechsunddreißig Jahre warten.

– Und warum das?

– Weil von allen diesen Verfinsterungen nur eine, die vom 9. August 1896, für Gegenden in so hoher Breite, wie Lappland, Sibirien oder Grönland, total sein wird.

– Welches Interesse haben Sie aber daran, eine Beobachtung nur unter einem so hohen Breitengrade anzustellen? fragte Mrs. Paulina Barnett.

– Welches Interesse, Madame! fuhr Thomas Black auf, ein wissenschaftlich es Interesse von allerhöchster Wichtigkeit. Finsternisse sind bis jetzt nur selten in den dem Pole nahe liegenden Ländern beobachtet worden, da, wo die Sonne, indem sie sich nur wenig über den Horizont erhebt, scheinbar eine Scheibe von großem Durchmesser zeigt. Dasselbe ist mit dem Monde der Fall, der sie überdeckt, und so ist es möglich, daß das Studium des Strahlenkranzes und der Protuberanzen unter diesen Verhältnissen ein weit ergiebigeres wäre. Aus diesem Grunde, Madame, bin ich selbst über den siebenzigsten Breitengrad hinausgekommen. Aehnliche Verhältnisse werden aber erst im Jahre 1896 wiederkehren. Können Sie mir nun versichern, daß ich zu der Zeit noch leben werde?«

Auf diese Beweisführung gab es allerdings keine Antwort. Thomas Black blieb also fortdauernd sehr unglücklich, denn die Unbeständigkeit der Witterung drohte ihm einen garstigen Streich zu spielen.

Am 16. Juli war es sehr schön. Am anderen Tage aber gerade im Gegentheil bedeckt und sehr nebliges Wetter. Thomas Black war an diesem Tage wirklich krank. Der fieberhafte Zustand, in dem er sich schon seit einigen Tagen befand, drohte in eine wirkliche Krankheit überzugehen. Vergebens versuchten Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson ihn zu trösten. Sergeant Long und alle die Uebrigen konnten gar nicht begreifen, daß man »aus lauter Liebe zum Mond« so unausstehlich sein könne.

Endlich brach der große Tag, der 18. Juli, an. Nach den Angaben der Ephemeriden sollte die totale Verfinsterung vier Minuten und siebenunddreißig Secunden dauern, das heißt, von elf Uhr dreiundvierzig Minuten und fünfzehn Secunden bis elf Uhr siebenunduierzig Minuten und siebenundfünfzig Secunden Vormittags.

»Was verlange ich denn Großes, rief der bedauernswerthe Astronom, der seine Haare zerwühlte, ich verlange einzig und allein ein kleines Eckchen Himmel rein von allen Wolken, nur das kleine Fleckchen, an dem die Verfinsterung vor sich gehen soll; und wie lange denn? Nur kurze vier Minuten! Nachher mag es schneien, donnern, mögen die Elemente sich entfesseln, ich werde mich so wenig darum kümmern, wie ein Specht um ein Chronometer!«

Thomas Black hatte wirklich einigen Grund zum Verzweifeln. Allem Anschein nach sollte aus der Beobachtung nichts werden. Bei Tagesanbruch war der Himmel dick von Nebel bedeckt. Im Süden stiegen große Wolken auf, und zwar gerade an derjenigen Stelle, an der die Verfinsterung stattfinden sollte. Ohne Zweifel hatte aber der Gott der Astronomen mit dem armen Thomas Black Mitleid, denn gegen acht Uhr erhob sich eine frische Brise aus Norden und fegte das ganze Firmament rein!

O, welche Ausrufe des Dankes quollen da aus der Brust des würdigen Gelehrten! Rein war der Himmel; hell glänzte die Sonne, in Erwartung, daß der Mond, der jetzt vor ihren Strahlen noch nicht sichtbar war, sie nach und nach verlöschen sollte.

Sofort wurden Thomas Black’s Instrumente geholt und auf dem Gipfel des Vorgebirges aufgestellt. Dann richtete sie der Astronom nach der südlichen Himmelsgegend, und verharrte in Erwartung. Seine ganze gewohnte Geduld hatte er jetzt wieder gefunden, sein ganzes, für die Beobachtung so nöthiges kaltes Blut. Was hatte er nun noch zu fürchten? Wenn der Himmel ihm nicht auf den Kopf fiel, Nichts. Um neun Uhr war nicht eine Wolke, noch ein Nebelstreifen weder am Horizonte noch am Zenith! Nie konnte eine astronomische Beobachtung unter günstigeren Umständen beginnen!

Jasper Hobson und alle seine Leute, Mrs. Pau lina Barnett und alle ihre Gefährtinnen wollten der Operation beiwohnen. Die ganze Colonie war auf, Cap Bathurst versammelt und umringte den Astronomen. Langsam stieg die Sonne empor und beschrieb ihren sehr flachen Bogen über der ungeheuren Ebene, die sich nach Süden erstreckte. Kein Mensch sagte ein Wort. Man wartete mit einer gewissen feierlichen Sorge.

Gegen neun ein halb Uhr begann die Verfinsterung. Die Scheibe des Mondes berührte die der Sonne. Die Erstere sollte die Zweite aber nicht vor elf Uhr dreiundvierzig Minuten fünfzehn Secunden vollständig bedecken! Das war die in den Ephemeriden für die Sonnenfinsterniß berechnete Zeit, und Jedermann weiß, daß sich in diese Rechnungen kein Fehler einschleichen kann, Rechnungen, welche von den Gelehrten aller Sternwarten der Welt aufgestellt, berichtigt und controlirt werden.

Thomas Black hatte in seinem Gepäck auch eine, Anzahl geschwärzter Gläser mitgebracht; diese vertheilte er an seine Gefährten, welche so die Fortschritte der Erscheinung ohne Anstrengung der Augen verfolgen konnten.

Allmälig rückte die dunkle Mondscheibe vor. Schon nahmen die Gegenstände auf der Erde eine eigenthümliche Färbung an; auch die Atmosphäre hatte im Zenith ihre Farbe verändert. Um zehn ein viertel Uhr war die Hälfte der Sonnenscheine verdunkelt. Einige frei umher laufende Hunde zeigten eine merkwürdige Unruhe und bellten manchmal ganz kläglich. Enten, welche unbeweglich am Seeufer saßen, erhoben ihr Nachtgeschrei und suchten sich einen zum Schlafen geeigneten Platz. Die Alten riefen die Jungen zusammen, welche sich unter ihren Fittigen verbargen. Für alle diese Thiere kam die Nacht herein und mit ihr die Stunde des Schlafes.

Um elf Uhr waren zwei Drittheile der Sonne bedeckt. Die Gegenstände nahmen eine weinrothe Färbung an. Noch herrschte ein gewisses Halbdunkel, welches aber bald während der vier Minuten der totalen Verfinsterung in ein vollkommenes übergehen sollte. Schon wurden einige Planeten, wie Mercur und Venus, sichtbar, ebenso wie gewisse Sternbilder, z. B. der Stier, der Orion und Andere. Die Dunkelheit nahm von Minute zu Minute zu.

Thomas Black folgte, das Auge an dem Ocular seines Fernrohres, unbeweglich und schweigend dem Fortschreiten der Erscheinung. Um elf drei viertel Uhr sollten die beiden Scheiben einander decken.

»Elf Uhr dreiundvierzig Minuten«, sagte Jasper Hobson, der den Secundenzeiger seines Chronometers genau im Auge hatte.

Thomas Black, der über sein Instrument geneigt war, rührte sich nicht. – Eine halbe Minute verfloß.

Thomas Black erhob sich mit weit aufgerissenen Augen. Dann postirte er sich noch eine halbe Minute vor sein Ocular und rief, indem er sich eine Secunde lang erhob:

»Aber sie nimmt ab! Sie nimmt ab. Der Mond, der Mond entflieht! Er verschwindet!«

In der That glitt die Mondscheibe über die Sonne, ohne diese vollkommen verdeckt zu haben. Nur Zwei Drittheile der Sonnenscheibe waren verfinstert gewesen.

Entsetzt war Thomas Black zurück gefallen. Die vier Minuten waren vorbei. Langsam wurde es wieder heller; der Lichtkranz hatte sich nicht gezeigt.

»Aber was in der Welt ist denn los? fragte Jasper Hobson.

– Was los ist! schrie der Astronom, daß die Verfinsterung keine vollständige, für diesen Punkt der Erdkugel keine totale gewesen ist. Verstehen Sie, mich? Keine to–ta–le!

– Dann sind also Ihre Ephemeriden falsch!

– Falsch! O gehen Sie und sagen Sie das einem Anderen, Herr Lieutenant!

– Nun dann … rief Jasper Hobson, dessen Gesicht sich plötzlich veränderte.

– Dann befinden wir uns nicht unter dem siebenzigsten Breitengrade, antwortete Thomas Black.

– Das wäre! rief Mrs. Paulina Barnett.

– Das werden wir sogleich erfahren, sagte der Astronom, aus dessen Augen Zorn und Verzweiflung blitzten. In wenig Minuten geht die Sonne durch den Meridian … Meinen Sextanten! Schnell! Schnell!«

Einer der Soldaten lief nach dem Hause und brachte das verlangte Instrument.

Thomas Black visirte das Tagesgestirn, ließ es den Meridian passiren, dann senkte er seinen Sextanten und warf schnell einige Zahlen in sein Notizbuch.

»Wie hoch lag Cap Bathurst, fragte er, als wir vor einem Jahre hier ankamen und seine geographische Lage bestimmten?

– Unter 70° 44′ 37“! antwortete Lieutenant Hobson.

– Nun wohl, mein Herr, jetzt liegt es unter 73° 7′ und 20“. Sie sehen, daß wir uns nicht im siebenzigsten Breitengrade befinden!

– Oder vielmehr, daß wir uns nicht mehr da befinden!« murmelte Jasper Hobson.

In seinem Geiste war es plötzlich hell geworden. Alle ihm bis jetzt unerklärlichen Erscheinungen wurden ihm nun klar! …

Das Territorium des Cap Bathurst war seit Ankunft des Lieutenant Hobson um drei Grad nach Norden – – abgewichen.

Ende des ersten Bandes.