Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Sobald der Tag zunahm, fanden sich auch nach und nach die Vorzeichen eines starken Seewindes ein, und mit dem Zunehmen des Windes zeigten sich auf dem Bristoler Kauffahrteifahrer alle jene Bewegungen, die die Absicht verraten, den Hafen zu verlassen. Vor sechzig Jahren war das Absegeln eines größeren Schiffes ein Ereignis von viel mehr Wichtigkeit in einem amerikanischen Hafen, als heutzutage, wo man oft an einem und demselben Tage, und in einem und demselben Hafen zwanzig Schiffe ankommen und zwanzig andere absegeln sehen kann. Ungeachtet ihrer Ansprüche, Einwohner einer der vornehmsten Städte in der Kolonie zu sein, beobachteten die guten Leute von Newport die Bewegung am Bord der Carolina; doch nicht mit jener Art von Teilnahmlosigkeit, die aus Übersättigung entspringt, und die uns Sterbliche endlich auch gegen das seltenste Schauspiel abstumpft, selbst gegen die interessantesten Evolutionen einer ganzen Flotte. Im Gegenteil, in den Kojen wimmelte es unaufhörlich von Knaben, ja auch von erwachsenen Pflastertretern. Selbst die gesetzteren, arbeitsameren Bürgersleute, die sonst mit Minuten zu geizen pflegten, erlaubten sich von Zeit zu Zeit ein Mußestündchen, schlenderten aus ihren dumpfen Werkstätten nach der Küste hin, um sich am erhabenen Anblick eines Schiffes in Bewegung zu ergötzen.

Jedoch waren die Vorbereitungen der Carolina etwas zu zögernd, um die Geduld der mehr als die übrigen auf die Zeit, die liebe Zeit, bedachten Bürger nicht endlich zu erschöpfen. So kam es denn, daß nach und nach die Anzahl der Neugierigen aus der besseren Klasse bis auf die Hälfte geschmolzen war; aber das Fahrzeug zog noch immer keine frische Segel auf, noch immer flatterte nur das eine Segel einsam im Winde. Statt den Wünschen von Hunderten, die sich schon müde gesehen hatten, zu entsprechen, drehte sich das edle Fahrzeug um seine eigenen Anker und legte sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite, wie gerade der Wind den Kiel traf, einem raschen Rennpferde gleich, das, noch am Zügel gehalten, am Gebiß schäumt und es nicht abwarten kann, bis es die Luft durchfliege, hin ans Ziel. Nachdem man so eine Stunde gewartet hatte, und nicht begreifen konnte, was vorgefallen sei, verbreitete sich durch die Menge das Gerücht, daß jemand, der ein wichtiges Amt im Schiffe versah, einen bedeutenden Schaden genommen habe. Aber auch dies Gerücht hielt sich nicht lange und war schon fast vergessen, als auf einmal aus einer der Stückpforten der Carolina eine Wolke wirbelnden, aufsteigenden Rauches hervorkam, und dicht darauf ein Flammenblitz, dem ebenso schnell der Knall einer Kanone folgte. Nun entstand unter den von der Erwartung abgemüdeten Zuschauern jenes rege Drängen und Treiben, das der Ankündigung eines lang ersehnten Auftrittes voranzugehen pflegt, und bei jedem einzelnen war’s jetzt ausgemacht, nun würde es mit dem Schiffe vorwärts gehen, es möchte darin vorgefallen sein, was wollte.

Diesem langen Zaudern, den verschiedenen Bewegungen an Bord, dem Signal zur Abfahrt und der Ungeduld der Menge hatte Wilder mit ebenso vielem Ernst als Aufmerksamkeit zugeschaut. Gegen einen Anker gelehnt, der zu einem zur Untätigkeit verurteilten Schiffe gehörte, und auf einem von dem Gedränge etwas entfernten Löschplatze lag, war er eine Stunde lang in derselben Stellung stehen geblieben und hatte während der Zeit kaum den Blick vom Schiffe weggewendet. Als die Kanone abgefeuert wurde, schrak er zusammen, nicht etwa aus jenem Eindruck auf die Nerven, der bei hundert andern dieselbe Wirkung hervorbrachte; was ihn erschreckte, schien vom Lande herzukommen, denn er warf einen ängstlichen; raschen Blick nach den Straßen hin, die zur Kaje führten. Doch nahm er bald seine vorige Stellung wieder an, obgleich die Unruhe in seinen Blicken und der ganze Ausdruck seines sprechenden Gesichtes leicht merken ließ, daß irgend etwas, das des jungen Seemanns Gemüt ganz eingenommen hatte, zu geschehen im Begriff wäre. Eine Minute nach der andern flog dahin, und mit ihnen seine Unruhe; ein Lächeln der Freude glänzte auf seinen Zügen, und seine Lippen bewegten sich, als wenn er vor innerem Behagen ein Selbstgespräch hielte. Allein kaum hatte er sich diesen angenehmen Betrachtungen überlassen, als mehrere Stimmen in der Nähe hörbar wurden, und wie er sich umwandte, erblickte er eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft wenige Schritte von sich. Bald entdeckte sein spähender Blick die Gestalt von Mistreß Wyllys und Gertraud in Reisekleidern, so daß es nun endlich gewiß war, daß sie sich einschiffen würden.

Keine Wolke, die an der Sonne vorüberzieht, verändert das Aussehen der Erde so sehr, als dieser unerwartete Auftritt Wilders Antlitz. Er hatte sich dem Glauben an das Gelingen einer List ganz hingegeben, die zwar hinlänglich seicht war, von der er sich aber doch, auf die weibliche Furchtsamkeit und Leichtgläubigkeit bauend, volle Wirkung versprochen hatte; und nun wurde er von diesem schmeichlerischen Wahn zu einer, alle seine Hoffnung zerstörenden Wirklichkeit aufgerüttelt. Halb unterdrückte Verwünschungen über die Treulosigkeit seines Mitverschworenen vor sich hinmurmelnd, verbarg er sich so sehr als möglich hinter dem Ankerflügel und heftete den düstern Blick auf das Fahrzeug.

Die Gesellschaft, die die Abreisenden bis ans Wasser begleitete, war, wie Gesellschaften zu sein pflegen, wenn der Abschied von geschätzten Freunden bevorsteht: schweigsam und unruhig zugleich. Wer sprach, hatte etwas Rasches, Ungeduldiges im Tone, als wünschte man die Trennung zu beschleunigen, die doch wehe tat, und die Züge derer, die ein Schweigen beobachteten, waren beredt genug, um den innern Gram zu verraten. Gar mancher liebevolle, herzliche Wunsch, gar manches abgezwungene Versprechen ertönte von jugendlichen Stimmen, während dazwischen die weichen, trauernden Antworten aus Gertrauds Munde vernehmbar waren, aber Wilder tat sich Gewalt an und erlaubte sich auch nicht einen einzigen verstohlenen Blick dahin, wo die Sprechenden standen.

Endlich hörte er in der Nähe Fußtritte, und der Seitenblick, den er wagte, begegnete dem der Mistreß Wyllys. Beide waren über das plötzliche gegenseitige Sicherkennen etwas betroffen, allein die Dame gewann die Fassung zuerst wieder und bemerkte mit bewunderungswürdiger Ruhe: »Sie sehen, mein Herr, wir lassen uns von einem einmal unternommenen Plane durch gewöhnliche Gefahren nicht abschrecken.«

»Ich wünsche, Madame, Sie mögen Ihren Mut nicht zu bereuen haben.«

Mistreß Wyllys hielt einen Augenblick, schmerzlich sinnend, inne, blickte dann hinter sich, um sich zu überzeugen, daß sie nicht belauscht werde, trat dann einen Schritt näher auf den Jüngling zu und sprach mit noch leiserer Stimme als zuvor:

»Es ist noch nicht zu spät: geben Sie mir nur einen Schatten von Grund zu dem, was Sie behauptet haben, und ich will die Ankunft eines andern Schiffes abwarten. Töricht genug, machen meine Gefühle mich geneigt, Ihren Worten zu glauben, wenn mir auch meine Vernunft sagt, daß Sie mit unserer weibischen Zaghaftigkeit Ihr Spiel treiben.«

»Spiel? Gilt es solches Wagnis, möchte ich mit keiner Ihres Geschlechts mein Spiel treiben, und am allerwenigsten mit Ihnen!«

»Sonderbar! Von einem Fremden unbegreiflich! Sind Sie nicht imstande, mir eine Tatsache, einen Beweggrund anzuführen, worauf ich mich bei den Verwandten meiner Pflegebefohlenen stützen könnte?«

»Das hab‘ ich schon.«

»So muß ich denn, wie ungern ich es auch tue, annehmen, daß Sie durch zwingende Rücksichten bestimmt werden, Ihren Beweggrund nicht mitzuteilen,« erwiderte die Gouvernante mit einer Mischung von Ruhe und gekränkter Empfindlichkeit, »und ich wünsche um Ihrer selbst willen, er möge kein unedler sein. Nehmen Sie meinen Dank hin für Ihre Absichten, wenn sie redlich, meine Verzeihung, wenn sie es nicht waren.«

Sie schieden mit der Zurückhaltung, die sich äußert, wenn man sich gegenseitig das Mißtrauen abfühlt. Wilder verharrte hinter seiner Brustwehr in stolzer Stellung, und dunkler Ernst umwölkte sein Gesicht. Allein die Nähe der Gesellschaft nötigte ihn, fast alles, was gesprochen wurde, mit anzuhören. Die am meisten sprach, war, wie sich’s bei einer solchen Gelegenheit gebührte, Frau von Lacey, deren Stimme sich oft erhob in weisen Ermahnungen, auf eine solche Weise mit ihren Ansichten über die Schiffahrtswissenschaft vermischt, daß alle darüber erstaunten, wenngleich keine ihres Geschlechts, die nicht etwa das seltene Glück genoß, in engster Bindung mit einem Flaggenoffizier zu stehen, der Hoffnung Raum geben durfte, es Frau von Lacey gleichzutun.

»Und nun, meine teuerste Nichte,« schloß die Witwe des Konteradmirals, nachdem sie ihren Atem und Weisheitsvorrat fast erschöpft hatte in zahllosen Ermahnungen, als da sind: Die Gesundheit in acht zu nehmen, recht oft zu schreiben, ihrem Bruder, dem General, alles wörtlich auszurichten, wenn der Wind hoch gehe, hübsch in der Kajüte zu bleiben, ausführliche Berichte aufzusetzen von allem Merkwürdigen, was auf der Fahrt sich ereignen könnte: – kurz, in allem, was es nur bei einem Abschied dieser Art zu ermahnen und zu erinnern gab – »und nun, meine teuerste Nichte, befehle ich dich der mächtigen See und einem weit Mächtigeren – dem, der sie geschaffen hat. Verbanne von deinen Gedanken alle Erinnerung an das, was du über die Mängel der Royal Carolina gehört haben magst; denn die Meinung des alten Seemanns, der mit meinem betrauerten Admiral segelte, bestärkt mich in der Überzeugung, daß alles nur aus Irrtum hervorgegangen ist.«

»Der Verräter, der Schurke«, murmelte Wilder.

Beim Ende ihrer Rede waren die Augen der würdigen, gutherzigen Matrone voll Tränen, und das Natürliche in dem Zittern ihrer Stimme erfüllte jeden, der sie hörte, mit gleicher Rührung. In dieser herzlichen Stimmung wurde endlich das letzte Lebewohl ausgetauscht, und in der darauffolgenden Minute hörte man schon den Ruderschlag der Bootsknechte, die unsere Reisenden zum Schiff hinführten.

Mit einer Aufmerksamkeit, die fast an Schmerz grenzte, und von der er sich wohl selbst keine Rechenschaft geben konnte, lauschte Wilder dem wohlbekannten Schlagen der Ruder. Aus diesem halb bewußtlosen Hinstarren weckte ihn eine leise Berührung am Ellbogen. Etwas entrüstet über die Zudringlichkeit wendete er sich hastig um und sah einen Knaben von ungefähr fünfzehn Jahren vor sich. Seine Abwesenheit des Geistes machte, daß er erst beim zweiten Blick Roderich, den Burschen des Freibeuters wiedererkannte.

Sein Befremden über die zudringliche Unterbrechung seiner Betrachtungen ging nun in Unwillen über. »Was beliebt?« fragte er.

»Ich bin beauftragt, Ihnen diese Befehle zu übergeben«, war die Antwort.

»Befehle!« erwiderte der Jüngling, indem er die Lippen aufwarf: »Wahrlich, die Macht verdient Gehorsam, deren hohe Verfügungen durch solche Hände gehen.«

»Es ist eine Macht, der man noch nicht ohne Gefahr ungehorsam gewesen ist«, erwiderte mit Ernst der Knabe.

»So! Da muß ich mich denn freilich ungesäumt mit dem Inhalt bekannt machen, sonst dürfte wohl der Verzug verhängnisvoll sein. Hat man dich geheißen, auf Antwort zu warten?« Während dieser Worte hatte er den Brief erbrochen, und als er bei der Schlußfrage aufblickte, war der Bote schon verschwunden. Ein so behendes Wesen wie Roderich in dem Labyrinth von Gegenständen aller Art einzuholen, die auf dem Löschplatz und dem Strand entlang umherlagen, wäre vergebliches Bemühen gewesen, daher öffnete Wilder das Papier und las:

»Ein Zufall hat den Schiffer des zum Absegeln bestimmten Fahrzeuges, die Royal Carolina genannt, unfähig gemacht, seinem Amte vorzustehen. Der, dem die Ladung übergeben ist, hat kein Vertrauen in die Fähigkeit des Nächsten im Range auf dem Schiff; absegeln muß es aber. Man lobt es als einen Scharfsegler. Wenn Sie Zeugnisse über Ihre Aufführung und geeignete Kenntnisse besitzen, benutzen Sie die Gelegenheit und verdienen Sie sich den Rang, den Sie zu bekleiden bestimmt sind. Sie sind einigen von den Beteiligten vorgeschlagen worden, und man hat nach Ihnen überall gesucht. Erreicht Sie Gegenwärtiges noch früh genug, so verlieren Sie keine Zeit, und handeln Sie entschlossen. Lassen Sie sich kein Befremden anmerken, wenn Sie unvermuteten Beistand finden. Ich habe mehr Leute im Sold, als Sie anfangs glaubten. Die Ursache ist klar; Gold ist gelb, obgleich ich bin

Der Rote.«

Der Inhalt und der Ton dieses Briefes ließen Wilder nicht lange auf den Verfasser raten, wenn auch die Unterschrift gefehlt hätte. Einen Blick um sich her werfen und in einen Kahn springen, war Sache einer Sekunde, und ehe noch die Reisenden im Boote das Schiff erreicht hatten, hatte er den halben Weg dahin durchschnitten; da er sein Ruder mit kräftigem und geschicktem Arm handhabte, so stand er bald auf dem Verdeck, wo er sich Bahn brach durch die Menge, die sich auf einem Schiff, das eben in See stechen will, noch dies und jenes zu schaffen macht. So drang er bis zu dem Teil des Schiffes vor, wo ein Kreis von Menschen stand, deren geschäftige und sorgliche Mienen ihm sagten, daß sie bei dem Schicksale des Schiffes am meisten interessiert waren. Bis zu diesem Augenblick war er kaum zu Atem gekommen, geschweige zum Nachdenken darüber, wie sein plötzliches Erscheinen aufgenommen werden dürfte. Hätte er sich nun aber auch zurückziehen oder gar sein Vorhaben aufgeben wollen, so war es jetzt zu spät dazu, wenn er nicht gefahrbringenden Verdacht erregen wollte. Er nahm sich daher schnell zusammen und fragte: »Sehe ich hier den Eigentümer der Carolina?«

»Das Schiff ist an unser Haus konsigniert«, erwiderte ein gesetztes, bedächtiges Individuum mit schlauer Miene und in einem Anzug, der den reichen, aber ökonomischen Handelsmann verriet,

»Mir ist gesagt worden, daß Euch ein erfahrener Offizier fehle.«

»Erfahrene Offiziere sind eine trostreiche Sache für den Eigentümer eines Schiffes von Wert«, antwortete der Kaufmann. »Ich hoffe, die Carolina ist damit wohl versehen.«

»Ich hörte aber doch, man sähe sich ängstlich nach jemand um, der die Stelle des Kommandeurs vertreten könne?«

»Sollte der Kommandeur nicht imstande sein, seiner Pflicht zu entsprechen, so dürfte allerdings von so was die Rede sein. Suchen Sie vielleicht einen Platz im Schiff?«

»Ich bin gekommen, mich um die leergewordene Stelle zu bewerben.«

»So? Es wäre aber weiser gehandelt gewesen, wenn Sie sich erst davon vergewissert hätten, daß eine Stelle wirklich leer geworden sei. Aber Sie verlangen doch wohl nicht ein Kommando in einem Schiff, wie das gegenwärtige, ohne ausreichende Zeugnisse über Ihre Fähigkeit, und daß Sie einem solchen Posten gewachsen sind?«

»Ich hoffe, diese Dokumente werden genügend sein«, sagte Wilder, ihm einige entsiegelte Papiere einhändigend.

Während des Lesens blickte das Männchen mit dem schlauen Auge mehrere Male über die Brille weg auf den Gegenstand der Zeugnisse, und seine abwechselnden Blicke bald niederwärts aufs Papier, bald über die Brille weg auf den Jüngling, zeigten deutlich, daß es sich aus eigenem Anschauen von der Wahrheit des Gelesenen überzeugen wollte.

»Hm, hm! Freilich ein ganz vortreffliches Zeugnis zu Ihren Gunsten, junger Herr; und da es von zwei so respektabeln und vermögenden Häusern, wie Spriggs, Boggs & Komp. und Hammer & Hacket ausgestellt ist, allerdings glaubwürdig. Eine reichere und solidere Firma als die erstere, dürfte wohl in allen Kolonien Sr. Majestät nicht anzutreffen sein, und was die letztere anbelangt, so schätze ich sie sehr, wenngleich einige Neidharde sagen, daß sie sich etwas zu tief einlasse.«

»Wenn Sie eine so große Achtung vor jenen Häusern haben, so hab‘ ich mich wohl nicht übereilt, indem ich so vermessen war, auf meine Freundschaft damit als auf eine gute Empfehlung zu rechnen.«

»Nicht im mindesten, nein, nicht im mindesten, Herr – hm – hm – (mit dem Blick einen der Briefe durchlaufend) jawohl, Herr Wilder; ein billiges Anerbieten in Geschäftssachen ist niemals Vermessenheit. Ohne Anerbieten von seiten des Käufers und Verkäufers würde unsere Ware nicht von der Hand gehen. Teuerster, ha, ha! Wohlverstanden, junger Herr, nicht mit Prosit von der Hand gehen.«

»Ich sehe die Wahrheit Ihrer Bemerkungen ein und wiederhole daher mein Anerbieten.«

»Alles ganz schön und billig. Aber, Herr Wilder, Sie verlangen doch nicht, daß wir ausdrücklich eine Lücke machen, bloß damit Sie sie ausfüllen können – ob zwar zugestanden werden muß, daß Ihre Zeugnisse ganz vortrefflich sind – so gut wie die Wechsel von Spriggs, Boggs & Komp. selber – so verlangen Sie doch nicht, daß wir ausdrücklich …«

»Ich stand im Wahn, der Schiffer sei so bedenklich krank, daß …«

»Krank, aber nicht bedenklich,« unterbrach der verschmitzte Kommissionär, indem er mehrere der Beteiligten und einige andere Zuschauer, die nahe genug standen, um das Gespräch mit anhören zu können, flüchtig anblickte; »krank allerdings, aber doch nicht so sehr, daß er das Schiff verlassen müßte. Nein, nein, meine Herren: das traute Schiff Royal Carolina tritt seine Fahrt an, wie immer, unter der Leitung des alten und wohlerfahrenen Seemanns Nicholas Nichols.«

»So tut es mir leid, Herr, Sie in einem so beschäftigten Augenblicke gestört zu haben«, sagte Wilder mit der Miene getäuschter Hoffnung und trat einen Schritt zurück, um sich wegzubegeben.

»Nicht so eilig – nicht so eilig: ein Handel, junger Mann, schließt sich nicht so rasch ab, wie ihr die Segeltücher von den Rahen fallen laßt. Kann sein, daß Ihre Dienste von Nutzen sind, wenngleich nicht in dem verantwortlichen Amte eines Offiziers. Wie hoch schlagen Sie den Titel Kapitän an?«

»Ich kümmere mich wenig um den Namen, wenn mir nur das Schiff und der Oberbefehl darauf anvertraut werden.«

»Ein sehr gescheiter Junge!« brummte der kluge Kaufmann, »der versteht sich auf den Unterschied zwischen Schein und Sein. Dennoch kann es einem Herrn von Ihrem Verstande und Charakter nicht unbekannt sein, daß sich das Gehalt immer nach der Titularwürde richtet. Handelte ich in dieser Angelegenheit für meine eigene Person, so wär‘ das ganz was anderes, allein als Kommissionär befiehlt mir die Pflicht, das Interesse meines Prinzipals zu wahren.«

»Das Gehalt kommt bei mir nicht in Anschlag,« sagte Wilder mit einer Hastigkeit, die vielleicht alles verdorben hätte, wenn der, mit dem er handelte, nicht ganz in Gedanken verloren gewesen wäre (was immer der Fall war, wenn es einen so löblichen Gegenstand, als Sparen, galt), wie er sich wohl zu möglichst wohlfeilem Preise des andern Dienste sichern könnte, »mir ist es nur um Beschäftigung zu tun.«

»Die sollen Sie denn haben, auch sollen Sie an uns keine Knicker finden. Vorschuß für ein Fährtchen von weniger als einem Monat werden Sie wohl nicht verlangen, ebensowenig wie Akzidenzien fürs Stauen, da das Schiff schon bis zu den Luken angestaut ist, ebensowenig Gratifikationen, da wir Sie hauptsächlich nehmen, um einem so braven Jüngling einen Gefallen zu erzeigen, und die Empfehlungen eines so respektabeln Hauses wie Spriggs, Boggs & Komp. zu honorieren; aber freigebig, über die Maßen freigebig sollen Sie uns finden. Sachte – wer steht uns aber dafür, daß Sie die in dem Avi – wollte sagen, in dem Empfehlungsschreiben genannte Person auch wirklich sind?«

»Ist die Tatsache, daß ich die Briefe besitze, nicht Bürge für meinen Charakter?«

»Das wäre sie allerdings in Friedenszeiten, wo das Reich nicht von der Kriegsgeißel heimgesucht wird. Eine Personbeschreibung sollte dem Dokumente angefügt sein, wie ein Avisbrief einem Wechsel. Da wir demnach in dem vorliegenden Geschäft einiges Risiko laufen, so darf es Sie keineswegs befremden, wenn der Umstand etwas auf den Preis wirkt. Wir sind freigebig; kein Haus in den Kolonien belohnt meines Erachtens mit größerer Liberalität, aber man hat denn doch auch den Ruf der Diskretion zu schonen.«

»Des Preises wegen, das sagte ich Ihnen schon, werden wir nicht uneinig.«

»Gut; es freut einen, bei so liberalen und ehrenwerten Grundsätzen einen Handel zu schließen, aber doch wär‘ es mir lieb gewesen, wenn ein Notariatssiegel oder eine Personalbeschreibung die Zeugnisse begleitet hätte. Dies ist die Unterschrift von Robert Boggs, ich kenne sie wohl, und wollte, ich hätte sie unter einer Verschreibung von zehntausend Pfund, wohlverstanden mit einem verantwortlichen Endosseur; aber diese Unsicherheit, junger Mann, steht Ihrem pekuniären Interesse im Wege, da wir gleichsam dafür garantieren, daß Sie und kein anderer die gemeinte Person sind.«

»Damit Sie sich hierüber vollkommen beruhigen, Herr Bale,« rief eine Stimme aus dem Kreise der nahestehenden Personen, die mit ungewöhnlicher Teilnahme die Ohren spitzte, um kein Wort vom Gange des Handels zu verlieren, »so kann ich dafür Zeugnis ablegen, oder wenn’s nötig sein sollte, auch Bürgschaft stellen, daß der junge Herr die gemeinte Person ist.«

Wilder wandte sich etwas rasch um und war nicht wenig betroffen über die Bekanntschaft, die ihm der Zufall auf eine so außerordentliche, ja so unangenehme Weise zuführte, und noch dazu in einer Gegend, wo er wünschte, vollkommen ungekannt zu bleiben. Zu seinem größten Erstaunen fand er nämlich, daß der hinzutretende Sprecher kein anderer war, als der Wirt zum Unklaren Anker. – Da stand der ehrliche Joram, blickte vollkommen ruhig drein, mit einem Gesicht, dem man’s ansah, es würde auch vor einer höheren Behörde seine Gelassenheit behalten, und erwartete, was seine Bürgschaft auf die scheinbar noch schwankende Gesinnung des Kommissionärs für Wirkung haben würde.

»Ach, der Herr hat bei Euch eine Zeitlang logiert, und da könnt Ihr denn bezeugen, daß er ein pünktlicher Zahler und ruhiger Gast ist! Was ich aber gern möchte, sind Dokumente, um sie der Korrespondenz mit dem Eigentümer daheim anzuweisen.«

»Ich weiß zwar nicht, welche Sorte von Zeugnis Sie für dergleichen vornehme Gesellschaft gut genug halten,« erwiderte gelassen der Gastwirt, indem er mit der größten Unbefangenheit die Hand in die Höhe hielt; »wenn aber die auf Eid gegebene Erklärung eines Hauseigentümers von der Sorte ist, wie Sie es brauchen, nu so sind Sie ja eine Magistratsperson und können mir gleich den Eid vorsagen.«

»Mitnichten! Bin ich auch eine Magistratsperson, so fehlt doch die Form bei dem Eid, und er würde also vor Gericht nicht bindend sein. Aber sagt, was wißt Ihr von dem in Rede stehenden jungen Manne?«

»Daß er für seine Jahre ein Seemann ist, wie Sie ihn in den Kolonien nicht besser finden können. Einige mögen ihn vielleicht an Übung und Erfahrung übertreffen; sehr wahrscheinlich finden sich solche. Kommt es aber auf Tätigkeit, Wachsamkeit und Klugheit an, so würde es kein leichtes sein, seinesgleichen anzutreffen – ganz absonderlich was die Klugheit betrifft.«

»So, Ihr seid also ganz gewiß, daß diese Person eine und dieselbe mit dem in diesen Papieren genannten Individuum ist?«

Mit derselben bewunderungswürdigen Ruhe, die er von Anfang des Gesprächs an gezeigt hatte, nahm Joram die dargereichten Zeugnisse und machte sich dran, sie mit der gewissenhaftesten Sorgfalt durchzulesen. Um dieses Stück zu bewirken, mußte er seine Brille aufsetzen, denn der Wirt zum Unklaren Anker stand im abnehmenden Lebensviertel, und wie er so gemächlich das Lesewerkzeug herauszog, drängte sich Wildern die unwillkürliche Betrachtung auf, daß er ein merkwürdiges Beispiel abgebe, wie selbst die Verderbtheit den Anschein der Ehrbarkeit erhalte, wenn eine ehrwürdige Außenseite das Auge besticht.

»Alles sehr wahr, was dasteht, Herr Bale,« fuhr der Gastwirt fort, indem er die Brille ebenso bedächtig, als er sie aufgesetzt hatte, wieder abnahm, und die Papiere dem Kaufmann hinreichte; »aber man hat vergessen zu erwähnen, wie er die ›Muntre Nanette‹ rettete, auf der Höhe von Hatteras, und wie er ohne Lotsen die ›Margarete‹ durch die Barre des Hafens von Savannah führte, während die Batterien von Norden und von Osten her spielten; ich aber, der ich in meinen jungen Tagen zur See gewesen bin, wie Sie wohl wissen, hab‘ gar oft die Seefahrer von beiden Umständen sprechen hören, und ich kann wohl über die Schwierigkeit ein Urteil fällen. Ich nehme teil an diesem Schiff, Nachbar Bale (denn wenn Sie auch ein reicher Mann sind, ich aber nur ein armer, so sind wir doch immer Nachbarn), ich sage also, ich nehme teil an dem Schiffe, weil es ein Fahrzeug ist, das Newport selten verläßt, ohne klingende Münze in meiner Tasche zurückzulassen, sonst wär‘ ich heute nicht da, um zu sehen, wie es die Anker lichtet.«

Bei diesen Worten gab er hörbaren Beweis davon, daß sein Besuch nicht unbelohnt gewesen war, indem er mit der Hand in der Tasche einen Ton erklingen ließ, der den Ohren des haushälterischen Handelsmannes nicht weniger angenehm war, als seinen eigenen. Die beiden Ehrenmänner lachten wie Leute, die sich verstehen, und die aus ihrem Verhältnisse zur Royal Carolina ihren respektiven Profit zu ziehen wußten. Bale winkte Wilder beiseite, und nach noch einigen Präliminarien wurden endlich die Bedingungen seiner Anstellung festgesetzt. Der eigentliche Schiffer sollte nach diesen Bestimmungen an Bord bleiben, sowohl als Bürge für die Versicherung des Schiffes, als zur Erhaltung des guten Rufes; aber man machte nun kein Geheimnis mehr daraus, daß ihn sein Schaden, der in einem Beinbruch bestand, das die Chirurgen eben zurechtsetzten, aller Wahrscheinlichkeit nach nötigen würde, über einen Monat seine Kajüte und Hängematte zu hüten. Seinem Amte und seinen Pflichten sollte nun während dieser Zeit wesentlich unser Abenteurer vorstehen. Nachdem diese Verabredung noch eine Stunde Zeit weggenommen hatte, verließ der Kommissionär das Schiff, mit der klugen und ökonomischen Weise höchst zufrieden, mit der er seiner Pflicht gegen seinen Prinzipal nachgekommen war. Um aber sein eigenes Interesse nicht aus dem Gesichte zu verlieren, wählte er noch, bevor er in das Boot stieg, eine passende Gelegenheit, um den Wirt zu ersuchen, eine gehörige und förmliche Erklärung von allem aufzusetzen, was er aus eigener Erfahrung von dem eben angestellten Seeoffizier wisse. Der ehrliche Joram ließ es auch an Versprechungen nicht fehlen; als er aber alles nach Genüge arrangiert sah, so konnte er die Notwendigkeit, sich einem nutzlosen Risiko bloßzustellen, nicht einsehen, und wußte es so zu machen, daß er das Halten umging, höchstwahrscheinlich seine Entschuldigung darin findend, daß seine Aussage ja doch bei weitem nicht umständlich genug wäre, um vor den Gerichten bei genauerer Prüfung nach den erforderlichen Bestimmungen von Gewicht zu sein.

Das geschäftige Treiben, das Nachholen halbvergessener Geschäfte, das Getöse, die Wünsche, das Einschärfen der Aufträge für den oder jenen entfernten Hafen, und alle sich durchkreuzende, und scheinbar gar kein Ende nehmende Pflichten, die sich in den letzten zehn Minuten vor der Abfahrt eines Kauffahrteifahrers drängen, besonders wenn glücklicher oder vielmehr unglücklicherweise Passagiere darauf sind – das alles zu schildern wäre überflüssig. Bei dergleichen Gelegenheiten verläßt eine gewisse Klasse von Leuten ein Schiff mit derselben Saumseligkeit, wie irgendeinen andern Ort, wo es was zu verdienen gibt, indem sie so träge an der Schiffsleiter hinabkriechen, wie der Blutegel, wenn er sich mit seinem blutigen Mahl angefüllt hat. Des gemeinen Matrosen Aufmerksamkeit ist zwischen den Anordnungen des Lotsen und dem Abschied von Bekannten geteilt, so daß er bald da, bald dorthin rennt, nur nicht wohin er sollte, und das ist vielleicht die einzige Zeit in seinem Seeleben, wo er den Gebrauch des solang gehandhabten Tauwerks nicht zu kennen scheint. Trotz all dieser verdrießlichen Zauderei und herkömmlichen Belästigungen, ward die »Royal Carolina« endlich doch aller ihrer Besuche, mit der Ausnahme eines einzigen, los, und Wilder konnte sich nun einem Vergnügen überlassen, das niemand als ein Seemann nach Würden zu schätzen weiß – reines Feld auf dem Verdeck und eine wohldisziplinierte Schiffsmannschaft.

Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Die eben erwähnten Auftritte hatten einen geraumen Teil des Tages dahingenommen. Ein stehender Wind hatte sich wohl eingestellt, allein er war nichts weniger als stark. Sobald sich Wilder indessen von den Müßiggängern vom Lande und dem sich in alles mischenden Kommissionär befreit sah, warf er den Blick um sich her, um das Schiff unter den Wind zu bringen. Er ließ daher den Lotsen holen, teilte ihm seinen Entschluß mit und zog sich dann an einen Platz des Verdecks zurück, der geeignet war, ihm teils über die Gegenstände seines neuen Kommandos einen Überblick, teils über die unerwartete und außerordentliche Lage, in die er sich versetzt sah, Muße zum Nachdenken zu lassen.

Der Royal Carolina fehlten keineswegs gerechte Ansprüche auf den pompösen Namen, den sie führte. Es war ein Fahrzeug von jener glücklichen Mittelgröße, wo für die Bequemlichkeit am besten gesorgt zu sein pflegt. Der Brief des Freibeuters bestätigte, daß es wegen seines schnellen Segelns im Ruf stehe, und mit innigem Vergnügen gewahrte der junge Kommandeur, daß es dem Schiffe nicht an Mitteln fehlte, seine besten Eigenschaften entwickeln zu können. Eine gesunde, muntre und geübte Mannschaft, Spieren, die vollkommen der Größe des Fahrzeugs entsprachen, wenig Windfang Verursachendes in den Marsen und Masten, eine vortreffliche Form und Lage, mit einem Überfluß an leichten Segeln, boten alle Vorteile dar, die sich seine Erfahrung nur wünschen konnte. Sein Auge glänzte, als es über diese verschiedenen, seinem Kommando unterworfenen Gegenstände wegglitt, und seine Lippen bewegten sich wie die eines Menschen, der sich selbst halblaut beglückwünscht, oder sich einer Selbstgefälligkeit überläßt, die nach den Vorschriften der Bescheidenheit die Grenzen des Gedankens nicht überschreiten soll.

Jetzt war die Mannschaft unter den Befehlen des Lotsen am Bratspill versammelt und hatte schon angefangen, Kabel aufzuziehen. Diese Arbeit eignete sich ganz dazu, die Kräfte des einzelnen sowohl als die Gesamtkraft im vorteilhaftesten Lichte zu zeigen. Ihre Bewegung um das Bratspill war taktmäßig, rasch und kräftig; ihre Töne rein und munter. Unser Abenteurer, gleichsam als ob er sich seinen Einfluß fühlbar machen wollte, erhob nun mitten im »Ahoi!« der Matrosen seine eigne Stimme mit einem jener abgebrochenen und ermutigenden Zurufe, durch die Seeoffiziere ihre Leute aufzumuntern pflegen. Seine Aussprache war männlich, lebhaft und Gehorsam gebietend. Feurigen Rennern gleich hielten die Matrosen einen Augenblick inne, als sie zuerst dies Signal vernahmen, und jeder warf einen Blick hinter sich, als wollte er die Eigenschaften seines neuen Befehlshabers prüfen. Wilder lächelte mit einiger Selbstzufriedenheit, wandte sich, um auf der Schanze auf und ab zu gehen, und fand sich wieder dem ruhigen, sinnenden, aber doch erstaunten Blicke der Mistreß Wyllys gegenüber.

»Nach der Meinung, die Sie über dies Schiff zu erkennen zu geben beliebten,« sagte die Dame mit scharfer Ironie, »hatte ich nimmermehr erwartet, Sie darauf ein Amt von solcher Verantwortlichkeit verwalten zu sehen.«

»Wahrscheinlich wissen Sie, Madame, daß dem Schiffer ein trauriger Zufall begegnete?«

»Ja, auch hatte ich gehört, daß man vorläufig einem andern Offizier seine Stelle anvertraut hätte. Allein, ich sollte meinen, daß es Sie nicht befremden muß, wenn Sie selbst darüber nachdenken, mich erstaunt zu sehen, indem ich nun finde, wer dieser andere Offizier ist.«

»Unsere Unterredungen, Madame, haben Ihnen vielleicht eine ungünstige Idee von meiner Sachkunde beigebracht. Indessen hoffe ich, daß Sie sich über diesen Punkt beruhigen werden, da …«

»Sie verstehen sich ohne Zweifel auf Ihre Wissenschaft! Wenigstens scheint es, daß eine geringfügige Gefahr nicht imstande ist, Sie davon abzuschrecken, passende Gelegenheit zu suchen, Ihre Kenntnisse zu zeigen. Werden Sie uns mit Ihrer Gesellschaft für die ganze Reise oder nur bis zur Mündung des Hafens erfreuen?«

»Ich hab‘ es übernommen, das Schiff bis zum Ziele seiner Reise zu führen.«

»Dann dürfen wir ja wohl hoffen, daß Sie die Gefahr, die Sie entweder sahen oder doch zu sehen glaubten, jetzt für geringer halten, sonst würden Sie ja nicht so bereitwillig sein, sie mit uns zu teilen.«

»Sie tun mir unrecht, Madame,« erwiderte Wilder warm und unwillkürlich den Blick auf die ernste, aber mit der größten Spannung zuhörende Gertraud richtend: »Es gibt keine Gefahr, der ich nicht freudig die Stirn böte, um Sie oder diese junge Dame vor Leid zu schützen.«

»Ihr ritterliches Betragen kann selbst dieser jungen Dame nicht entgehen!« Mistreß Wyllys entledigte sich nun des Zwanges, den sie bis jetzt in ihren Reden beobachtet hatte, und fuhr in einem natürlicheren, mit ihrer sanften und sinnigen Miene mehr im Einklange stehenden Tone fort: »Das sonderbare Gefühl, daß Sie dennoch ein Freund der Wahrheit seien, wie sehr es auch meine Vernunft verwirft, bleibt immer ein mächtiger Fürsprech für Sie, junger Mann, in meinem Innersten. Da das Schiff Ihrer Dienste bedarf, so will ich Sie jetzt nicht aufhalten; es kann uns nicht an Gelegenheiten fehlen, die uns instand setzen werden, sowohl über Ihren Willen, als über Ihre Fähigkeit, uns nützlich zu sein, ein Urteil zu fällen. Liebe Gertraud, Frauen sind gewöhnlich nur im Wege auf einem Fahrzeuge, besonders wenn eine dringende und schwere Dienstpflicht ruft, wie es hier der Fall ist.«

Eine Röte überflog Gertrauds Wangen bei dieser Anrede, und sie folgte hastig ihrer Gouvernante zur entgegengesetzten Seite der Schanze, während ihr unser Abenteurer mit einem sehnsuchtsvollen Blicke nachsah, der deutlich genug ausdrückte, daß ihm ihre Gegenwart nichts weniger als lästig war. Da aber die Damen einen von allen anderen entfernten Platz einnahmen, wo sie bei einer bequemen Übersicht aller Manöver doch selber am wenigsten der Regierung des Schiffes im Wege waren, so konnte der arme Wilder nicht schicklich das Gespräch fortsetzen, obgleich er sehr gewünscht hätte, die angenehme Unterhaltung nicht eher abbrechen zu dürfen, bis er sich durch die Übernahme des Kommandos aus den Händen des Lotsen dazu gezwungen sähe. Inzwischen war der Anker bereits eingewunden, und die Matrosen waren vollauf damit beschäftigt, mehr Segel beizusetzen. Wilder gab sich nun in sehr aufgeregter Stimmung der Dienstpflicht hin, ließ sich von dem Offizier, der die nötigen Befehle erteilte, die Parole geben, und übernahm die unmittelbare Leitung des Schiffes selber.

Sowie ein Segeltuch nach dem andern von den Rahen fiel, und durch den zusammengesetzten Wind den Mechanismus auffing, gewann das Interesse, das ein Seemann stets an seinem Schiffe nimmt, mehr und mehr über jedes andere Gefühl die Oberhand. Als alles in Ordnung war, von den Oberbramsegeln an bis zum Verdeck, und das Schiff mit seinem Vorderteil nach der Mündung des Hafens zugewendet war, so hatte unser Abenteurer wahrscheinlich vergessen (freilich nur auf einen Augenblick), wie vollkommen fremd er noch immer denen sein mußte, über die er durch eine so außergewöhnliche Wahl das Kommando erhalten hatte, und welche kostbare Fracht man seiner Festigkeit und Entschlossenheit anvertraut hatte. Nachdem alles vom Verdeck bis zum Topp hinaus in die vorteilhafteste Lage und das Schiff dicht in die Windlinie gebracht war, maß sein Auge jede Rahe, jedes Segel von den obersten Flaggenknöpfen bis zum Rumpf und überschaute endlich auch noch die Außenseite des Schiffes, ob auch der Lauf nicht durch irgendein heraushängendes Seil gehemmt werde. Da erblickte er ein winziges Boot, an der Leeseite des Schiffes angebunden, in dem ein Knabe saß, und das, sowie die Masse des Schiffes sich vorwärts bewegte, leicht und elastisch wie eine Feder hinten nachtanzte. Wilder bemerkte, daß es ein Boot von der Küste sei, daher fragte er einen Seemann, wer der Eigentümer davon wäre. Jener wies auf Joram, der gerade in dem Augenblick vom Schiffsraume heraufgestiegen kam, wo er mit einem Delinquenten, oder, was bei ihm gleichbedeutend war, einem Gast, der noch nicht bezahlt hatte, seine Rechnung ins reine zu bringen beschäftigt war.

Der Anblick dieses Mannes erinnerte Wilder an alles, was am Morgen vorgefallen war, und wie bedenklich das Unternehmen sei, dem er sich hingegeben hatte. Der Gastwirt seinesteils, dessen Gedanken sich alle um den Angelpunkt des Prosits drehten, schien bei dem Wiederbegegnen auf keine Weise bewegt. Er näherte sich dem jungen Seemanne, redete ihn mit dem Titel Kapitän an und wünschte ihm eine glückliche Reise, nebst allem andern, was man zu wünschen pflegt, wenn man zur See und bei einer solchen Gelegenheit voneinander scheidet.

»Der Herr Kapitän haben einen vorteilhaften Handel geschlossen,« endigte er, »und ich hoffe, Sie werden eine schnelle Fahrt machen. Es wird Ihnen diesen Nachmittag nicht an Wind fehlen, und wenn Sie bis nach Montauth hin brav Segel aussetzen, werden Sie beim zweiten Wenden die offene See gewinnen, so daß Sie morgen schon die Küste aus dem Gesicht haben. Wenn ich mich im geringsten aufs Wetter verstehe, so wird auch der Wind mehr von Osten blasen, als Euch vielleicht anstehen dürfte.«

»Und wie lange glaubt Ihr wohl, daß meine Fahrt dauern wird?« fragte Wilder in einem so leisen Tone, daß ihn außer dem Gastwirt niemand hören konnte. Joram sah sich verstohlen um, und als er sah, daß sie ohne Zeugen waren, erlaubte er seinen Zügen, die gewöhnlich eine abgestumpfte, sinnliche Zufriedenheit aussprachen, den Ausdruck einer verstockten Verschmitztheit, und, den Finger an die Nase legend, erwiderte er:

»Hab‘ ich dem Kommissionär nicht einen schönen Eid angeboten, Herr Wilder?«

»Ihr habt allerdings meine Erwartung übertroffen mit Eurer Bereitwilligkeit und …«

»Auskunft!« setzte der Gastwirt zum Unklaren Anker hinzu, wie er Wildern in Verlegenheit nach einem Worte sah; »ja, ja, ich bin stets merkwürdig gewesen wegen der Geschäftigkeit meines Geistes in derlei Kleinigkeiten; allein, wenn einer eine Sache schon durch und durch kennt, ei! da wär’s ja töricht, seinen Atem mit zuviel Worten zu vergeuden.«

»Es ist freilich sehr vorteilbringend, so wohlunterrichtet zu sein. Ihr versteht Euch ohne Zweifel herrlich darauf, aus Euern Kenntnissen soviel Profit als möglich zu ziehen.«

»Du lieber Gott! was sollte denn auch in diesen schweren Zeiten aus uns allen werden, wenn wir einen redlichen Groschen nicht auf jede sich darbietende Art anlegen wollten? Hab‘ mit Ehren mehrere hübsche Kinder großgezogen, und an mir soll’s nicht liegen, wenn ich ihnen nicht auch noch was zurücklasse, meinen guten Ruf gar nicht mitgerechnet. Nu ja, das Sprichwort sagt: Ein behender Groschen ist so gut wie ein müßiger Taler; ich aber lobe mir den Mann, der nicht dasteht und Maulaffen feil hat, wenn ein Freund seines guten Wortes oder des Aufhebens seines Fingers bedarf. Sie wissen nun, wo Sie jederzeit einen solchen Mann finden werden, wie unsere Staatsmänner zu sagen pflegen, wenn sie durch das Dicke und Dünne der Sache gegangen sind, sie mag nun gerecht oder ungerecht sein.«

»Sehr lobenswerte Grundsätze, in der Tat! Sie werden gewiß dazu beitragen, Euch früher oder später in der Welt zu erheben! Doch, Ihr vergeßt meine eigentliche Frage zu beantworten: Wird unsere Fahrt von langer oder kurzer Dauer sein?«

»Ei der Tausend, Herr Wilder! Muß ein armer Gastwirt, wie ich, dem Meister dieses stattlichen Schiffes erst sagen, woher der Wind zuerst blasen wird? Da haben Sie den werten und ehrenhaften Schiffer Nichols, der drunten in seiner Staatskajüte liegt, der kann Euch mit dem Fahrzeuge anfangen, was er will; und warum soll ich glauben, daß ein Herr, wie Sie, mit so guten Empfehlungen, nicht ebensoviel auszurichten vermag? Ich versehe mich keines andern, als mit nächstem zu hören, daß Sie was ganz Apartes von Fahrt gemacht, und das gute Wort, das ich zu Ihren Gunsten gesprochen, vollkommen gerechtfertigt hätten.«

Wilder verwünschte in seinem Herzen die vorsichtige Verschmitztheit des Spitzbuben, mit dem er unter den obwaltenden Umständen notwendig im Bunde stand; denn er sah klar ein, daß Joram durchaus entschlossen war, nicht mehr als das schlechthin Erforderliche von seinem Geheimnis zu verraten, und viel zuviel Umsicht beobachtete, um seinen eigenen Absichten zu entsprechen. Nach einem augenblicklichen Besinnen fuhr er hastig fort:

»Ihr seht, das Schiff läuft viel zu schnell, um uns zu erlauben, unsere Zeit mit ausweichenden Redensarten zu vergeuden. Sagt, was wißt Ihr von dem Billett, das ich heute früh empfangen habe?«

»Aber, lieber Gott! halten Sie mich denn für einen Postmeister, Herr Kapitän? Wie kann ich wissen, welche Briefe in Newport ankommen, und welche auf See bleiben?«

»Ein ebenso großer Hasenfuß als verschmitzter Schurke!« murmelte der junge Seemann. »Aber das könnt Ihr doch wenigstens sagen: Wird man mir auf der Ferse folgen, oder erwartet man, daß ich unter irgendeinem erdenklichen Vorwande das Schiff anhalten lasse, sobald es die offene See gewonnen hat?«

»Der Himmel behüte Euch, junger Herr! was sind das für seltsame Fragen von einem, der frisch von der See kommt, an einen Mann, der sie seit fünfundzwanzig Jahren nur vom Lande aus angesehen hat. Alles, worauf ich mich besinnen kann, ist, daß Sie das Schiff ziemlich Süd halten müssen, bis die Inseln zurückgelegt sind, und dann müssen Sie Ihre Berechnung nach dem Winde machen, damit Sie nicht in den Golf kommen, wo Sie, wie Sie wissen werden, der Strom dahin treibt, während Ihr Kommando dorthin lautet.«

»Luv an! beim Wind gehalten, Herr!« rief nun der Lotse mit barscher Stimme dem am Steuer zu: »So sehr als möglich beim Wind gehalten; um keinen Preis nach der Leeseite des Sklavenhändlers dort!«

Sowohl Wilder als der Gastwirt schreckten zusammen, als wenn das eben erwähnte Schiff etwas Besorgniserregendes für sie hätte; der erstere wies auf das winzige Boot und sagte:

»Wenn Ihr nicht mit uns zur See gehen wollt, Herr Joram, so ist es Zeit, daß dieses Boot jetzt seinen Eigentümer aufnimmt!«

»Ei, jawohl, ich sehe, Sie sind schon in vollem Gange, und muß Sie also verlassen, wie gern ich auch länger bliebe«, erwiderte der Gastwirt zum Unklaren Anker, indem er sich geschäftig und so gut es gehen wollte, über die Schiffsseite hinüber und in sein Schiffchen hinuntermachte.

»Na, Jungens, wünsch‘ euch gute Zeit, viel Wind und von der rechten Sorte, sichere Reise auswärts und eine schnelle Zurückkunft. Werft ab!«

Man gehorchte seinem Ruf; kaum war das Boot außer Verbindung mit dem Schiffe gesetzt, so wich es aus der bisherigen Bahn, drehte sich drei- viermal um sich selbst und hielt dann einen Augenblick inne, während das große Schiff weiter zog mit der Stetigkeit eines Elefanten, von dessen Rücken eben ein Schmetterling ausgeflogen. Wilder folgte dem Boote eine Sekunde mit den Augen, allein seine Gedanken wurden zurückgerufen durch die Stimme des Lotsen, die sich nun wieder von der Vorderseite des Schiffes her vernehmen ließ:

»Etwas mehr in die Höhe mit den leichten Segeln, Junge, mehr in die Höhe, keinen Zoll breit vom Winde, sonst kommst du nie dem Sklavenhändler bei der Windseite vorbei. Luv an, sag‘ ich, Herr, Luv!«

»Der Sklavenhändler!« murmelte unser Abenteurer vor sich hin, indem er hastig nach einem Platz im Schiffe eilte, von wo aus er jenes wichtige, ihn zwiefach interessierende Schiff genau sehen konnte; »ach ja, der Sklavenhändler! Es mag freilich nicht leicht sein, dem Sklavenhändler die Windseite abzugewinnen!«

Ohne es zu wissen, fand er sich neben Mistreß Wyllys und Gertraud, die sich auf die Galerie der Schanze stützte, und das fremde, vor Anker liegende Fahrzeug mit einem Vergnügen betrachtete, das für ein so junges Mädchen natürlich genug war. »Sie werden mich auslachen, liebe Frau Wyllys, mich unbeständig, ja leichtgläubig nennen,« rief das arglose Mädchen, gerade als Wilder die bezeichnete Stelle eingenommen hatte, »aber bei alldem wünsche ich doch, wir kämen auf eine gute Manier aus dieser Royal Carolina und könnten unsre Fahrt in jenem schönen Schiffe dort machen.«

»Es ist allerdings ein schönes Schiff!« erwiderte Mistreß Wyllys, »doch möchte ich nicht behaupten, daß es ein sicheres und bequemeres wäre als das, in dem wir uns befinden.«

»Welch ein Ebenmaß, welche Ordnung in den Tauen! Und wie vogelähnlich es auf dem Wasser schwebt!«

»Wenn Sie es mit einer Ente verglichen hätten, so wäre das Bild durchaus der Schiffahrtskunst gemäß,« sagte die Gouvernante halb ernsthaft, halb lächelnd; »Sie zeigen Anlagen, liebes Kind, zur einstigen Frau eines Seemannes.«

Gertraud errötete ein wenig, und wie sie den Kopf umwandte, um ihrer Gouvernante in demselben scherzhaften Tone zu antworten, begegnete ihr Auge dem auf sie gehefteten Blicke Wilders. Nun wuchs das sanfte Erröten zum Hochrot, und sie verstummte; der große Strohhut, den sie auf hatte, diente dazu, ihr Gesicht und die Verwirrung zu verbergen, die sich so deutlich darauf malte.

»Sie antworten ja nicht, Kind, als überlegten Sie ernsthaft, was kommen könnte«, fuhr Mistreß Wyllys fort, deren nachdenkender, abwesender Blick jedoch hinlänglich bewies, daß sie kaum wußte, was sie gesprochen hatte.

»Die See ist ein zu unstetes Element für meinen Geschmack«, erwiderte Gertraud kalt. »Sagen Sie mir doch, liebe Wyllys, ist das Schiff, dem wir uns nähern, ein königliches Schiff? Es sieht so kriegerisch aus, ja fast drohend.«

»Der Lotse hat es schon zweimal einen Sklavenhändler genannt.«

»Ein Sklavenhändler! Wie trügerisch ist dann seine Schönheit und sein Ebenmaß! Nie will ich dem Scheine wieder trauen, da ein so hübscher Gegenstand zu einem so abscheulichen Zwecke gebraucht werden kann.«

»Jawohl, trügerisch!« rief Wilder mit einer ebenso unwiderstehlichen als unwillkürlichen Bewegung laut aus. »Ich wage es, zu behaupten, daß auf dem ganzen Ozean kein Schiff treibt, das so verräterisch wäre, wie dort der symmetrische, bewunderungswürdig ausgerüstete …«

»Sklavenhändler!« fügte Mistreß Wyllys hinzu, die nun Zeit gehabt hatte, sich umzuwenden und ihr ganzes Erstaunen durch ihre Blicke auszudrücken, bis der junge Mann in der Mitte seines Satzes stockte.

»Sklavenhändler!« wiederholte er mir Nachdruck, indem er zugleich eine Verbeugung machte, als wollte er ihr für das Wort danken. Nach dieser Unterbrechung folgte eine tiefe Stille. Mistreß Wyllys prüfte einen Augenblick die bewegten Züge des Jünglings mit einem Gesicht, das eine besondere, obgleich nicht ungemischte Teilnahme ausdrückte, dann ließ sie den Blick aufs Meer fallen, in tiefen, wo nicht schmerzlichen Betrachtungen versunken.

Auch Gertraud, obgleich ihre sylphenhafte, in den zartesten Umrissen gezeichnete Gestalt noch gegen die Galerie lehnte, hatte ihr vom Hut beschattetes Köpfchen abgewender, so daß sich Wilder vergebens bestrebte, noch einen Blick zu erhaschen. Inzwischen nahte die Stunde, wo Dinge vorfallen sollten, die geeignet waren, ihn selbst von seiner so angenehmen Beschäftigung abzuziehen und ganz in Anspruch zu nehmen.

Das Schiff war jetzt zwischen der kleinen Insel und dem Punkte hindurch, wo Homespun eingeschifft worden war, so daß es nun den inneren Hafen vollkommen klariert hatte. Schnurgerade dem Schiffe im Wege lag der Sklavenhändler dort, und jedermann war in der größten Spannung, um zu sehen, ob es noch möglich wäre, auf der Windseite vorbeizukommen. Wünschenswert war es, teils weil ein Seemann stolz darauf ist, jeden Gegenstand, der ihm begegnet, an der Ehrenseite zu passieren, teils und vorzüglich, weil die Lage des fremden Schiffes von der Art war, daß man, wenn bei seiner Windseite passiert werden konnte, nicht eher zu wenden brauchte, als bis zu dieser Bewegung ein vorteilhafterer Punkt als der gegenwärtige erreicht sein würde. Unsere Leser werden indessen leicht begreifen, daß die Spannung des neuen Kommandeurs der Carolina aus ganz anderen Gefühlen als bloßem Kunststolz oder Liebe zur Bequemlichkeit entsprang.

In jedem Nerv fühlte Wilder die Wahrscheinlichkeit, daß es nun zu einer Entscheidung kommen werde. Man erwäge wohl, daß ihm die unmittelbaren Absichten des Rover völlig unbekannt waren. Das Fort war keineswegs in dem Zustand, der letzteren hätte verhindern können, seine Beute im Angesicht der Stadtbewohner aufzubringen, und sie, deren schwachen Verteidigungsmitteln zum Hohn mit sich fortzuführen. Auch war die Stellung, in der sich beide Schiffe zueinander verhielten, einem solchen Unternehmen nichts weniger als ungünstig. Unvorbereitet und verdachtlos mußte ihm die Carolina, die sich überhaupt nicht mit einem so mächtigen Gegner messen konnte, ohne Mühe als Opfer fallen. Nur sehr wenig Aussicht war vorhanden, daß der Pirat mit seiner Prise nicht sollte weit genug absegeln können, um jeden Schuß von der Batterie wirkungslos, wo nicht vollkommen unschädlich zu machen. Überdies mußte das Wilde und Verwegene eines solchen Unternehmens für den verzweifelten Freibeuter, seinem Rufe nach zu urteilen, sogar etwas Verlockendes haben, so daß die Tat einzig von seiner zufälligen Stimmung abzuhängen schien.

Unter diesen Eindrücken, und mit der Aussicht einer baldigen Endschaft seines nagelneuen Kommandos, darf es wohl nicht wundernehmen, daß unser Abenteurer dem Ausgang mit weit größerer Gespanntheit entgegensah, als irgend jemand in seiner Umgebung. Er erstieg die Kühl des Schiffes und strengte sich an, den Plan seiner geheimen Verbündeten mittelst eines der Zeichen, womit Seefahrer so vertraut sind, durchschauen zu können. Allein es ließ sich in dem angeblichen Sklavenschiff auch nicht die mindeste Andeutung erspähen, daß es abzusegeln oder irgendwie seine Stellung zu ändern beabsichtige. Da lag es in derselben tiefen, schönen aber verratbrütenden Ruhe, in der es während des ganzen ereignisreichen Morgens gelegen hatte. In dem ganzen Labyrinth seines Tauwerks, längs dem weiten Bereich seiner Spierstangen, war nicht mehr als eine einsame Figur zu entdecken. Diese war ein Matrose, der auf dem einen Ende eines der unteren Rahen saß, wo er sich, wie das bei großen Schiffen beständig nötig ist, mit der Ausbesserung der Kardeelen zu beschäftigen und auf sonst nichts zu achten schien. Da der Mann auf der Windseite seines Schiffes saß, so durchzuckte Wilder die Idee, daß er dorthin postiert wäre, damit er in die Takelage der Carolina nötigenfalls einen Fanghaken werfe, um die Schiffe aufeinander treiben zu machen. Einer solchen unsanften Bewegung auszuweichen, beschloß er rasch den Plan zu hintertreiben. Er rief dem Lotsen zu, daß der Versuch bei der Windseite zu passieren von sehr zweifelhaftem Erfolg wäre, und stellte ihm vor, das sicherste sei wohl, bei der Leeseite vorüberzufahren.

»Fürchten Sie nichts, Kapitän, fürchten Sie nichts«, erwiderte der eigensinnige Leiter des Schiffes, der wegen der kurzen Dauer seiner Herrschaft nur desto entschlossener war, sie ohne Einschränkung auszuüben, und dem Usurpator eines Thrones gleich, voll Eifersucht gegen die mehr berechtigte Macht, die er gestürzt hat. »Lassen Sie mich nur machen, Kapitän! Ich bin schon öfter über diesen Boden getrollt, als Sie die See durchschnitten haben, und kann Ihnen die Namen der Felsen auf dem Grunde bei den Fingern herzählen, wie der Stadtbüttel die Straßen von Newport. Luv, Junge! Laß das Schiff gerade in den Wind reinsegeln, luv! soviel du kannst.«

»Ihr seht, Herr,« sagte Wilder ernst, »das Schiff zittert in allen Rippen, Wenn Ihr uns auf den Sklavenhändler treibt, wer zahlt die Zeche?«

»Ich habe Kaution für alles gestellt,« erwiderte der eingebildete Lotse; »meine Frau soll Euch jedes Loch, das ich in Eure Segel bringe, mit einer Nadel zusammennähen, nicht dicker als ein Haar und einem Platen, nicht größer, als der Fingerhut einer Fee.«

»Das klingt recht schön, aber Ihr könnt ja schon jetzt das Schiff nicht mehr regieren, und ehe Ihr noch mit Euern Prahlereien zu Ende seid, liegt es gefesselt wie ein verurteilter Dieb. Nicht höher mit den Segeln da, nicht höher damit. Junge!«

»Jawohl, nicht höher«, wiederholte nun auch der Lotse, der jetzt, da die Schwierigkeit, die Windseite zu passieren, mit jeder Sekunde wuchs, in seinem Entschlüsse zu wanken anfing. »Halt‘ die Segel voll und dicht bei Wind – ich hab’s ja immer gesagt: voll und dicht bei Wind. – Es kann sein, Kapitän, da der Wind etwas konträr geworden ist, daß wir doch noch auf die Leeseite müssen: wenn das aber ist, so müssen Sie zugeben, daß wir werden wenden müssen.«

Eigentlich war aber erstlich, gerade jetzt der Wind, obgleich etwas schwächer als vorher, nichts weniger als konträr, im Gegenteil um eine Kleinigkeit günstiger geworden, und zweitens war es Wildern nie beigekommen zu leugnen, daß das Schiff, wenn es die Leeseite des andern nähme, einige und zwanzig Minuten früher würde wenden müssen, als in dem Fall, wenn ihnen der schwierige Versuch, auf der Ehrenseite zu passieren, gelingen sollte. Allein, je gemeiner eine Seele ist, desto schwerer kommt es ihr an, begangene Fehler einzugestehen, daher suchte der überführte Lotse sein notgedrungenes Nachgeben auf diese Weise zu bemänteln, um die Meinung nicht zu verringern, die die Mannschaft von seinem Scharfsinn haben mochte.

»Aus dem Wind mit dem Schiffe!« schrie Wilder, der nachgerade anfing, aus dem Ton der Vorstellung in den des Befehls überzugehen; »aus dem Winde, Herr, solang‘ es noch geht, oder beim …« Seine Lippen wurden hier regungslos, denn sein Blick fiel auf das blasse, sprechende und ängstliche Antlitz Gertrauds.

»Es wird wohl geschehen müssen, da der Wind einmal geschralt hat. Laß fallen vorm Wind, Junge … nimm die Richtung nach dem Spiegel des Schiffes dort vor Anker! … Halt! … wieder nach der Luvseite hin! Rein in den Wind, bis ins Mark rein! … in die Höhe mit den Segeln … leichte Segel in die Höhe! Das fremde Schiff hat uns ja ein Ankerseil quer übers Kielwasser geworfen! Wenn noch Gesetz in den Plantagen ist, soll mir sein Kapitän dies vor Gericht verantworten.«

»Was will der Mensch?« fragte Wilder, sich rasch auf eine Kanone schwingend, um besser sehen zu können. Sein Gehilfe zeigte nach der Leeseite des andern Schiffes, wo man nur zu deutlich sehen konnte, wie ein langes Tau das Wasser peitschte, gerade als wenn man eben mit dem Ausspannen beschäftigt wäre. Die Wahrheit durchblitzte nun das Gemüt unseres jungen Seemanns. Der Pirat lag vor Anker mit einem heimlichen Spring auf dem Kapel, wahrscheinlich um nötigenfalls die Geschützseite seines Schiffes desto leichter nach der Batterie richten zu können, und nun bediente er sich dieses Springtaues, um dem Kauffahrteischiff die Leeseite abzuschneiden. Die Offiziere auf der Carolina waren nicht wenig über diese Vorkehrung befremdet und stießen nicht wenig Verwünschungen aus, obgleich niemand außer dem Kommandeur nur im entferntesten die eigentliche Ursache ahnen konnte, warum der Wurfanker so gelegt und ein Sperrtau so zur Unzeit quer über den Pfad gestreckt wurde. Einen gab es indessen auf dem Schiff, der sich über den Umstand freute, und das war der Lotse. Er hatte nämlich das Schiff in eine solche Lage gebracht, daß es ebenso schwierig war, auf der einen, wie auf der andern Seite vorwärts zu segeln; und es fehlte ihm nun nicht an einem hinlänglichen Grund zur Rechtfertigung, wenn sich bei dem höchst mißlichen und nunmehr unvermeidlich gewordenen Manöver ein Unfall ereignen sollte.

»Das ist eine außerordentliche Frechheit am Eingang eines Hafens«, brummte Wilder vor sich hin, als er sich durch den Augenschein von der Wirklichkeit überzeugt hatte. »Ihr müßt das Schiff bei der Windseite vorbeiführen, Lotse; es bleibt nichts anderes übrig.«

»Ich wasche meine Hände in Unschuld, was auch folgen möge, und rufe alle am Bord zu Zeugen auf«, erwiderte der Lotse mit der Miene eines tiefbeleidigten Mannes, obgleich er innerlich frohlockte, daß er dieselbe Maßregel, die er vor einer Minute hartnäckig durchsetzen wollte, notgedrungen wieder ergreifen mußte. »Die Gerechtigkeit muß sich dreinlegen, wenn’s jetzt zerbrochene Stangen und zerzauste Takelage gibt. Luv auf ein Haar, Junge: luv kurz in den Wind und versuch‘ eine halbe Wendung!«

Der Mann am Steuer gehorchte dem Befehl, ließ die Spaken fahren, so daß das Steuerrad einen schnellen Umschwung machte. Das Schiff, von neuem durch den Wind getrieben, drehte sich schwerfällig mit dem Vorderteil nach der Seite, von der es gekommen war, während die Massen von Leinwand oben ein Geflatter machten, wie ein eben auffliegendes Volk Wasservögel. Allein kaum war es mit dem Steuer wieder in einer Richtung, so fiel es vom Winde ab wie vorher, kraftlos, weil es seinen Pfad verloren hatte, und quer auf den vermeinten Sklavenhändler hintreibend, mit einem Winde, der gerade jetzt, in dem bedenklichen Moment, wo seine vollste Gewalt höchst wünschenswert war, um vieles nachgelassen hatte.

Die Lage der Carolina war eine solche, die ein Seemann leicht begreifen wird. Durch Beisetzung vieler Segel hatte sie sich weit genug nach vorne hingearbeitet, daß sie gerade auf der Windseite des fremden Schiffes lag, allein zu nahe, um nur im mindesten vom Winde abfallen zu können, ohne die höchste Gefahr, auf den Sklavenhändler zu stoßen. Der Wind war unbeständig, bald in leichten Stößen blasend, bald wieder still und lauernd. Bei jedem Stoße beugten sich die hohen Masten zierlich nach dem Sklavenhändler zu, als wollten sie ihm Lebewohl sagen, doch kaum ließ der augenblickliche Druck nach, so rollte das Schiff schwerfällig nach der Windseite hin, ohne einen Fuß weiterzukommen. Indessen bewirkte jeder solcher Wechsel eine wachsende Annäherung an den gefährlichen Nachbar, so daß es jetzt dem unerfahrensten Seemann im Schiffe klar sein mußte, daß nichts als ein schnelles Wenden des Windes das Schiff in den Stand setzen konnte, gerade vorbeizusegeln, zumal da die Flut eben vom Meere hereinzukommen schien.

Da die untergeordneten Offiziere der Carolina mit ihren Bemerkungen über die Dummheit, die sie in eine so unbehilfliche und demütigende Lage gebracht hatte, nicht sparsam waren, so versuchte der Lotse seinen Verdruß hinter zahllosen und lärmenden Befehlen zu verbergen. Vom Schreien ging er bald zur Verwirrung über, bis die Mannschaft müßig dastand und nicht wußte, was von den schwankenden und sich widersprechenden Kommandos sie zuerst ausführen sollte. Inzwischen stand Wilder neben seinen weiblichen Passagieren mit verschränkten Armen und scheinbar vollkommen gleichgültig. Mistreß Wyllys studierte emsig seine Blicke, um sich durch deren Ausdruck über die Beschaffenheit und Größe der Gefahr Gewißheit zu verschaffen, sollte überhaupt Gefahr darin sein, wenn ein Schiff, sich auf spiegelflachem Wasser fast unmerklich vorwärtsbewegend, endlich auf ein anderes stößt, das ruhig vor Anker liegt. Die düstere und unbewegliche Wolke, die sich auf seiner Stirn zusammenzog, gab ihr eine Unruhe, die sie sonst, da der Anschein von großer Gefahr nicht sehr lebendig war, nicht gefühlt haben würde.

»Ist wirklich Gefahr da, mein Herr?« fragte die Gouvernante, indem sie ihre eigenen Besorgnisse vor Gertraud zu verbergen strebte.

»Ich sagte Ihnen, Madame, es würde sich ausweisen, daß die Carolina ein unglückbringend Schiff ist.«

Beide Damen betrachteten das eigentümliche bittere Lächeln, womit Wilder diese Erwiderung machte, als ein schlimmes Zeichen, und Gertraud schmiegte sich an ihre Reisegefährtin, auf die sie längst gewohnt war, sich kindlich vertrauend zu stützen.

»Warum lassen sich die Matrosen des Sklavenschiffs nicht sehen, um uns beizustehen, um abzuwehren, daß wir nicht zu nahe kommen?« fragte sie ängstlich.

»Jawohl, warum nicht! Doch wir werden sie, denk‘ ich, bald genug zu sehen bekommen.«

»Nach Ihren Reden und Blicken zu urteilen, junger Mann, halten Sie dies Sehen für gefahrvoll!«

»Bleiben Sie an meiner Seite«, erwiderte Wilder mit halbunterdrückten Worten. »Auf jeden Fall bleiben Sie mir so nahe als möglich zur Seite.«

»Den kleinen Leesegelbaum windwärts angeholt!« schrie der Lotse; »laßt die Boote hinab und zieht das Schiff beim Vorderteil rum … Tau vom Wurfanker los … Klüversegel angeholt … große Segeltaue wieder zugesetzt!«

Die erstaunten Leute standen da wie Bildsäulen, nicht wissend, wohin zuerst, indem einige einen Befehl kaum weiter gefördert hatten, als andere schon wieder ein entgegengesetztes Kommandowort riefen. Da ertönte eine achtunggebietende, ruhige Stimme: »Schweigt im Schiff!« Die Töne waren von jener Art, die die vollkommene Besonnenheit des Sprechers bekunden und daher den Untergeordneten stets viel von der Zuversicht des Befehlenden mitteilen. Jedes Ohr richtete sich nach der Seite hin, woher der Ton kam, als wollte ein jeder den nun zu folgenden Befehl zuerst auffangen. Wilder stand auf dem Gangspill, von wo aus er nach jeder Seite hin sehen konnte, und es bedurfte nur eines einzigen Kennerblicks, um ihn über die Lage des Schiffs genau zu unterrichten. Dann haftete sein ängstlicher Blick an dem Sklavenschiff, als wollte er die verratschwangere Stille, die dort noch immer herrschte, durchdringen, um zu erkennen, wieweit man ihm erlauben würde, seinem Schiffe nützlich zu sein. Allein das fremde Fahrzeug lag bewegungslos wie auf das Wasser hingezaubert; im ganzen Bereich seines künstlich verschränkten Baues war auch nicht eine menschliche Gestalt sichtbar, ausgenommen der schon erwähnte Matrose, der seine Arbeit noch immer emsig fortsetzte, so ruhig, als ob die Carolina hundert Meilen weit von dem Orte entfernt wäre, wo er saß. Wilders Lippen bewegten sich, ob aus innerem Unmut, ob aus Freude, war nicht zu verkennen, denn ein höchst zweideutiges Lächeln hellte seine Gesichtszüge auf, als er in der vorherigen tiefen gebieterischen Stimme fortfuhr: »Legt alle Segel flatt gegen die Masten, vorn und hinten!«

»Jawohl!« wiederholte der Lotse wie ein Echo, »alles flatt gegen die Masten.«

»Ist keine Schluppe an Bord des Schiffes?« fragte unser Abenteurer. Ein Dutzend Stimmen antwortete bejahend. »Werft den Lotsen dort hinein.«

»Dies ist eine gesetzwidrige Order,« schrie dieser, »und ich verbiete es, irgendeinem Kommando, außer dem meinigen, zu gehorchen.«

» Werft ihn hinein!« wiederholte Wilder strenge.

Bei dem Geklatter, das das Umbrassen der Rahen verursachte, erregte der Widerstand des Lotsen wenig oder gar kein besonderes Aufsehen. Die nervigen Arme zweier Matrosen hoben ihn, trotz seinem Sträuben, das sich in den sonderbarsten Bewegungen seiner Glieder äußerte, leicht in die Höhe und warfen ihn dann ins Boot mit ebensowenig Umständen, als wäre er ein Klotz gewesen. Das andere Ende der Fangleine wurde ihm nachgeworfen, und so überließ man den besiegten Wegweiser höchst gleichgültig seinen eigenen erbaulichen Betrachtungen.

Inzwischen war der Befehl Wilders ausgeführt; die ungeheuren Segeltücher, die noch vor einem Augenblick teils in der Luft flatterten, teils sich bald ein- bald auswärts füllten, preßten nun alle gegen ihre Masten und nötigten das Schiff, seinen irrtümlich genommenen Weg wieder zurückzumessen. Das Manöver war von der Art, daß es nur die ungeteilteste Aufmerksamkeit und eine selbst das Geringfügigste berücksichtigende Pünktlichkeit glücklich ausführen konnte. Allein der junge Befehlshaber war seiner Aufgabe ganz gewachsen. Hier schob sich ein Segel; dort wurde ein anderes flacher dem Winde zugekehrt; bald sah man die leichteren Segeltücher flattern; bald waren sie wie ein durchsichtiger Nebel, der plötzlich von der Sonne zerstreut wird, wieder verschwunden. Gebieterisch und doch ruhig erklang die Stimme Wilders während der ganzen Szene. Das Schiff selber schien einem belebten Wesen gleich, sich bewußt, daß sein Schicksal nun anderen und geschickteren Händen als vorher anvertraut sei. Gehorsam der neuen Wendung rollte dies unermeßliche Gewölk von Leinwand mit seinem ganzen hohen Wald von Spieren und Tauwerk zuerst hin und her; bald aber war die bisherige Untätigkeit des Schiffes überwunden, und dem Drucke nachgebend trat es den beabsichtigten Rückweg an.

Während der ganzen Zeit, die erforderlich war, um die Carolina aus ihrer mißlichen Stellung zu bringen, war Wilders Aufmerksamkeit zwischen seinem eigenen Schiffe und seinem rätselhaften Nachbar geteilt, dessen imposante, totenähnliche Stille auch nicht durch einen Laut unterbrochen wurde. Kein Menschenantlitz, ja kein einziges lauerndes Auge konnte man in irgendeinem der zahlreichen Luglöcher entdecken, durch die die Mannschaft eines bewaffneten Schiffs auf die See blicken kann. Der Matrose oben auf der Rahe setzte seine Arbeit fort, wie einer, für den alle Gegenstände außer ihm so gut wie nicht da sind. Jedoch machte jetzt das Schiff langsam und fast unbemerklich eine Bewegung, die der trägen Wendung eines schlafenden Walfisches ähnlich, mehr die Folge bewußtloser Willkür, als einer durch Menschenhände bewirkten Tätigkeit zu sein schien.

Aber nicht die geringste dieser Veränderungen entging der scharfen und kennermäßigen Prüfung Wilders. Er sah, wie sich die Seite des Sklavenschiffes nach und nach, sowie sich sein Schiff zurückzuziehen begann, ihm gleichfalls zukehrte. Unaufhörlich klafften die Kanonenrachen des fremden Schiffes auf das seinige, so wie das Auge des lauernden Tigers die Bewegungen seines Opfers verfolgt; und während der Zeit der größten Annäherung beider Schiffe war auch kein Augenblick, wo nicht eine volle Ladung des erstern das ganze Verdeck des letztern hätte bestreichen können. Bei jedem Befehl wandte unser Abenteurer sein Auge mir steigender Spannung seitwärts, um zu sehen, ob man ihm die Ausführung vergönnen werde; nicht eher fühlte er sich überzeugt, daß das Schiff wirklich von seinem alleinigen Befehl geleitet werde, als bis er sah, daß es sich aus seiner gefährlichen Nachbarschaft zu entfernen und der neuen Richtung der Segel folgend, von dem leichten Winde abzufallen begann und einer Stelle zusteuerte, wo er es nach Belieben handhaben konnte. Hier angelangt, fand er, daß der Strom ungünstig und der Wind zu leicht war, um mit dem Vorsteven davor liegen zu bleiben; daher wurden die Segel an ihren Rahen in Festons zusammengezogen und ein Anker auf den Grund hinabgelassen.

Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Die Carolina lag nun innerhalb einer Kabellänge von dem vermeintlichen Sklavenhändler. Wilder hatte dadurch, daß er dem Lotsen den Laufpaß gegeben hatte, eine Verantwortlichkeit übernommen, vor der ein Seemann zurückzuschrecken pflegt, indem er nicht nur die ganze Summe, zu der das Schiff versichert ist, zahlen muß, falls sich beim Klarieren des Hafens ein Unglück ereignen sollte, sondern sich noch sonstigen Strafen aussetzt. Wievielen Einfluß bei Wilder aber auch das Bewußtsein, daß er außer oder über dem Bereich des Gesetzes stehe, auf seine entschiedene Handlungsweise gehabt haben mochte, jedenfalls war die einzige unmittelbare Wirkung seines Schrittes die, daß seine Aufmerksamkeit, die sich vorher zwischen seinen weiblichen Passagieren und dem Schiffe teilte, nun ganz der Leitung des letzteren zugewandt wurde. Kaum indessen hatte er sein Fahrzeug, auf eine Zeitlang wenigstens, in Sicherheit gebracht, kaum waren seine Besorgnisse eines bevorstehenden, heftigen Auftrittes beschwichtigt, so fand er auch schon Muße zu seiner frühern, obgleich (für einen so ausgemachten Seefahrer) kaum angenehmeren Beschäftigung. Der glückliche Erfolg seines schwierigen Manövers gab seinem Antlitze eine Glut wie nach einem errungenen Triumph; und als er sich Frau Wyllys und Gertraud näherte, verriet sein Schritt jenen Stolz, den das Bewußtsein dem Manne gibt, wenn er sich durch Anwendung von großer Sachkenntnis aus einer bedenklichen Lage zu ziehen verstand. Wenigstens las die erstere der beiden Damen alles dieses in seinem flammenden Auge, in seiner triumphierenden Miene; möglich, daß die letztere geneigt war, seine inneren Regungen nachsichtiger zu beurteilen. Von den geheimen Gründen seines Frohlockens ahnte wahrscheinlich weder die eine noch die andere das Geringste; und es ist wohl möglich, daß ein weit edleres Gefühl, als beide vermuten konnten, auf seine freudige Stimmung Einfluß hatte.

Dem mag aber sein, wie ihm wolle, sobald Wilder sah, daß die Carolina ruhig vor ihrem Anker spielte, mithin seine Dienste nicht unmittelbar vonnöten waren, so suchte er Gelegenheit, ein Gespräch wieder anzuknüpfen, das bisher wegen der vielen Unterbrechungen noch immer arm an Gehalt bleiben mußte. Mistreß Wyllys war lange unverrückten Blickes im Anschauen des fremden Schiffes versunken; erst als ihr der junge Seemann ganz nahe stand, wandte sie von dem regungslosen und schweigsamen Gegenstand das Auge auf ihn und begann das Gespräch:

»Das Schiff dort«, rief sie mit einem Tone des Erstaunens, »muß eine außerordentliche, oder eine der Empfindung unfähige Mannschaft in sich schließen. Man wäre leicht versucht, es für ein gespenstisches Schiff zu halten, wenn es dergleichen gäbe.«

»Es ist in der Tat ein wunderbar ebenmäßiges und schön ausgerüstetes Kauffahrteischiff.«

»Trogen mich meine Besorgnisse? oder war wirklich Gefahr vorhanden, daß die beiden Schiffe aufeinander trieben?«

»Es war allerdings Grund zu einiger Besorgnis da: indes, Sie sehen, wir sind geborgen …«

»Was wir Ihrer Geschicklichkeit zu verdanken haben. Die Art, wie Sie uns eben aus der Gefahr befreiten, widerspricht geradezu allem, was Sie von dem uns Bevorstehenden vorauszusagen beliebten.«

»Ich weiß wohl, Madame, daß mein Betragen ungünstig ausgelegt werden kann, jedoch …«

»Dachten Sie, es könne nicht schaden, sich über die Schwachheit leichtgläubiger Frauen zu belustigen«, vollendete lächelnd Frau Wyllys. »Gut, Sie haben Ihren Scherz genossen, und werden jetzt hoffentlich geneigter sein, das, was eine natürliche Schwäche in dem weiblichen Gemüt sein soll, zu bemitleiden.«

Bei diesen letzteren Worten richtete sie den Blick auf Gertraud, mit einem Ausdruck, der zu sagen schien: Es würde grausam sein, wenn er noch jetzt mit der Furcht eines so jungen, unschuldigen Wesens sein Spiel forttreiben wollte. Sein Blick folgte dem ihrigen, und als er antwortete, geschah es mit einer Aufrichtigkeit, die wohl geeignet war, Überzeugung einzuflößen.

»Bei der Wahrhaftigkeit, die ein Mann von Erziehung Ihrem ganzen Geschlechte schuldig ist, Madame, was ich Ihnen gesagt habe, ist noch immer mein Glaube.«

»Wie, die Wuhlingen und die großen Brammasten!«

»Nein, nein,« unterbrach der junge Seemann lachend und stark errötend zugleich, »vielleicht das alles nicht. Aber hätte ich Mutter, Weib oder Schwester, sie sollten diese Fahrt in der Royal Carolina mit meiner Zustimmung nicht machen.«

»Ihr Blick, Ihre Stimme und Ihre treuherzige Miene stehen in seltsamem Widerspruch mit dem, was Sie sagen, junger Mann; denn während die ersteren mich versuchen, Sie für aufrichtig zu halten, finde ich in ihrer Aussage doch auch keinen Schatten von Grund oder Haltbarkeit. Ich gestehe, obgleich ich mich der Schwäche schämen sollte, die geheimnisvolle ewige Unbedenklichkeit, die in dem Schiffe dort herrscht, hat mich mit einer unerklärlichen Unruhe erfüllt, was wohl mit dem Treiben darin irgendwie zusammenhängen mag. Wissen Sie denn gewiß, daß es ein Sklavenhändler ist?«

»Wenigstens ist es gewiß ein schönes Schiff!« rief Gertraud.

»Ein sehr schönes!« stimmte Wilder mit Ernst ein.

»Auf einer der Rahen sitzt ein Mann, dem seine Beschäftigung für alles andere das Bewußtsein geraubt zu haben scheint«, fuhr Mistreß Wyllys fort, indem sie gedankenvoll das Kinn auf die Hand stützte und auf den Matrosen hinschaute. »Auch nicht ein einziges Mal während der ganzen Zeit, wo wir in so großer Gefahr waren, aufeinanderzutreiben, würdigte uns dieser Matrose auch nur eines verstohlenen Blickes.«

»Seine Kameraden schlafen vielleicht«, sagte Gertraud.

»Schlafen! Matrosen schlafen nicht zu einer solchen Stunde, an einem solchen Tage! Sagen Sie uns, Herr Wilder (Sie als Seemann müssen es ja wissen), pflegt eine Schiffsmannschaft zu schlafen, wenn ein fremdes Fahrzeug bis zur Berührung nahe ist?«

»Nein.«

»Ich konnte es mir wohl denken; denn ganz uneingeweiht in Gegenstände Ihres verwegenen, Ihres kühnen, Ihres edeln Gewerbes bin ich eben nicht!« erwiderte die Gouvernante mit vielem Nachdruck. »Und wie, wenn wir wirklich auf das Sklavenschiff gestoßen hätten, glauben Sie, die Mannschaft dort würde in ihrer Regungslosigkeit verharrt sein?«

»Ich glaube nicht, Madame.«

»In dieser ganzen angenommenen Ruhe ist ein Etwas, was einen wohl verleiten könnte, den ärgsten Verdacht von dem Treiben dieses Schiffes zu fassen. Weiß man, ob einige von der Mannschaft mit der Stadt verkehrten, während es dort vor Anker lag?«

»Ja.«

»Ich habe mir sagen lassen, daß falsche Flaggen von der Küste gesehen, und daß im letzten Sommer Schiffe geplündert und ihre Mannschaft und Passagiere mißhandelt wurden. Man glaubt sogar, der berühmte Rover sei seiner Exzesse in der spanischen See müde geworden: man hält ein Schiff, das vor kurzem in der Karaibischen See gesehen wurde, für den Kreuzer jenes verzweifelten Freibeuters.« Wilder erwiderte nichts hierauf. Er hatte bis jetzt die Sprechende fest, obgleich ehrerbietig angesehen, allein nun ließ er den Blick aufs Verdeck sinken und schien ruhig zu warten, bis es ihr gefallen würde, ihre Rede fortzusetzen. Die Gouvernante sann eine Sekunde, und mit verändertem Ausdruck im Gesichte, der zu erkennen gab, daß ihre Vermutung von der Wahrheit doch zu leicht war, um sich ohne weitere Bestätigung in ihr festzusetzen, fuhr sie fort:

»Genau genommen ist das Geschäft eines Sklavenhändlers arg genug und unglücklicherweise jenem Schiffe nur zu ähnlich, um ihm einen noch schlimmern Charakter beizulegen. – Könnte ich doch den Grund Ihrer befremdenden Behauptungen erfahren, Herr Wilder?«

»Ich bin nicht imstande, ihn deutlich zu machen, Madame; wenn mein Wesen Sie nicht überzeugt, so schlagen meine Absichten, die wenigstens das Verdienst der Aufrichtigkeit haben, durchaus fehl.«

»Ist denn das Wagnis durch Ihre Gegenwart nicht verringert?«

»Verringert wohl, aber immer ein Wagnis.«

Bis jetzt schien Gertraud eher eine willkürliche Zuhörerin als eine Teilnehmerin des Gespräches gewesen zu sein, doch jetzt wandte sie sich rasch und nicht ganz ohne Ungeduld gegen Wilder und fragte mit glühender Wange und einem Lächeln, das wohl einen eigensinnigeren Mann zum Geständnis hätte bewegen können: » Dürfen Sie denn nicht ausführlicher sprechen?«

Der junge Befehlshaber zauderte, vielleicht ebensosehr, um den Blick auf den treuherzigen Zügen der Sprecherin weilen zu lassen, als um sich zu einer Antwort zu entschließen. Seine gebräunte Wange wurde röter und röter, und sein Auge verriet inneres Wohlbehagen: endlich, als ob er sich plötzlich besänne, daß er eine zu lange Pause gemacht habe, sagte er:

»Ich bin gewiß, daß ich nichts wage, indem ich mich auf Ihre Verschwiegenheit verlasse.«

»Zweifeln Sie nicht daran,« erwiderte Frau Wyllys, »Sie sollen nicht verraten werden, es mag kommen, was da will.«

»Verraten? Für meine Person, Madame, befürchte ich wenig. Wenn Sie glauben, daß mich persönliche Rücksicht bestimmt, so tun Sie mir sehr großes Unrecht.«

»Wir trauen Ihnen nichts zu, was Ihrer unwürdig wäre,« sagte Gertraud hastig, »allein wir stehen unsertwegen in großer Besorgnis.«

»So will ich Sie denn davon befreien, wenn auch auf Kosten mei …«

Hier unterbrach ihn der Ruf eines Schiffsgehilfen an einen andern und leitete seine Aufmerksamkeit auf das naheliegende Schiff. »Die Leute im Sklavenschiff haben just ausfindig gemacht, daß ihr Schiff nicht gemacht sei, um unter Glas gestellt und von Weibern und Kindern begafft zu werden«, rief der eine, laut genug, daß ihn der andere, der im Vormars beschäftigt war, deutlich verstehen konnte.

»Ganz recht,« war die Antwort, »er sieht, daß wir munter sind, der Kerl dort, und das erinnert ihn, daß er sich selber auf die Beine machen muß. Halten sie nicht Wache am Bord des Wichtes, wie die Sonne in Grönland; sechs Monate über dem Verdeck und sechs Monate drunter?«

Der komische Vergleich erregte, wie gewöhnlich, ein helles Gelächter unter den Matrosen, die in diesem Tone, doch aus Respekt gegen ihre Oberen, etwas leiser ihre witzigen Ausfälle fortsetzten.

Wilders Augen aber hatten sich an das andere Schiff geheftet. Der Mann, der solange auf der Kante der großen Rahe gesessen hatte, war verschwunden, und ein anderer Matrose schritt bedachtsam längs der entgegengesetzten Seite derselben Spiere, mit der einen Hand sich am Baum festhaltend, während er in der andern das Ende eines Taues hielt, das er im Begriff schien, da, wo es hingehörte, einzureffen. Gleich beim ersten Blick erkannte Wilder seinen Fid in ihm, der sich von seinem Rausch erholt hatte, so daß er auf der schwindeligen Höhe mit ebenso großer, vielleicht mit noch größerer Sicherheit ging, als er auf festem Boden, wenn ihn seine Pflicht herabgerufen hätte, nur immer hätte einherschlendern können. Das Antlitz des Jünglings, das vor einem Augenblick noch voll freudiger Erregung glühte, und dessen Glanz auf die Freude zurückschließen ließ, die ihm das sich erschließende Vertrauen machte, dies Antlitz umwölkte nun düsterer Verdruß und Zurückhaltung. Mistreß Wyllys, der die geringste Schattierung in dem wechselnden Ausdruck seines Gesichtes nicht entgangen war, nahm das Gespräch mit einer gewissen Angelegentlichkeit wieder auf, da wo er es so kurz abgebrochen hatte.

»Sie wollten uns von unserer Unruhe befreien,« sagte sie, »auf Kosten Ihres …«

»Lebens, Madame, aber nicht auf Kosten der Ehre.«

»Gertraud, lassen Sie uns in die Kajüte gehen«, sagte Mistreß Wyllys mit einer Miene kalten, aus getäuschter Hoffnung und aus Empfindlichkeit gemischten Mißfallens über das Spiel, das, wie sie glaubte, mit ihr getrieben wurde. Gertrauds Auge war ebenfalls abgewendet und drückte nicht weniger Kälte aus, als das ihrer Gouvernante, während der glänzendere Blick fast ebensoviel Empfindlichkeit verriet. Wie sie bei dem stummen Wilder vorübergingen, machten sie eine vornehme Verbeugung und ließen dann unseren Abenteurer allein auf der Schanze stehen.

Während die Mannschaft geschäftig die Taue aufschoß und die sonstigen, auf dem Deck zerstreut umherliegenden Gegenstände aus dem Wege räumte, lehnte ihr junger Befehlshaber sein Haupt auf die Galerie des Spiegels (jenen Teil des Schiffes, den die gute Witwe des Konteradmirals so seltsamerweise mit einem sehr verschiedenen Gegenstand am andern Ende des Schiffes verwechselt hatte), und blieb mehrere Minuten lang in einer Stellung gänzlicher Abwesenheit. Aus diesen Träumen wurde er endlich aufgeschreckt durch einen Ton, dem ähnlich, den das Heben und Fallen eines leichten Ruders hervorbringt. Er glaubte, neue Besuche von der Küste wären im Begriff, ihn zu belästigen, und schaute mürrischen Blickes aus und über die Schiffsseite weg, um zu sehen, wer sich denn nähere.

Ein leichtes Boot von der Gattung, deren sich die Fischerleute in den Baien und seichten Gewässern Amerikas zu bedienen pflegen, lag innerhalb zehn Fuß vom Schiff, und zwar so, daß es einige Mühe kostete, dessen ansichtig zu werden. Nur ein einziger Mann befand sich darin, den Rücken dem Schiffe zugekehrt, und scheinbar das dem Eigentümer eines solchen Fahrzeugs eigentümliche Geschäft treibend.

»Sucht Ihr Ruderfische, mein Freund, daß Ihr so dicht unter meinem Spiegel treibt?«« fragte Wilder. »Die Bai soll ja voll köstlicher Barse und anderer schuppiger Herren sein, die Eure Mühe weit besser lohnen würden.«

»Der ist hinlänglich belohnt, der gerade den Fisch bekommt, nach dem er angelt««, erwiderte der andere, indem er den Kopf umwandle, und das verschmitzte Auge und selbstzufriedene Gesicht des alten Robert Bunt zeigte.

»Wie wagst du es, dich mir in fünf Faden tiefes Wasser anzuvertrauen, nach dem Schurkenstreich, den du für gut fandest …

»St! edler Kapitän, st!« unterbrach ihn Robert, einen Finger in die Höhe hebend, um des andern Lebhaftigkeit zu dämpfen und anzudeuten, daß ihre Unterredung keine so laute sein dürfe: »mißbraucht nicht den Kommandoruf: ›Überall! Alle zu Hauf!‹ als ob uns die Leute bei unserm Geplauder helfen müßten. Aus welche Weise bin ich auf die Leeseite Eurer Gunst geraten, Kapitän?«

»Auf welche Weise, Kerl! Hast du nicht Geld empfangen, um den Damen eine solche Schilderung von dem Schiffe zu machen, daß sie, ich gebrauche deine eigenen Worte, lieber in einem Kirchhof übernachten würden, als nur einen Fuß an Bord setzen?«

»Es hat sich freilich so was Ähnliches zwischen uns zugetragen, Kapitän; doch Ihr habt die eine Hälfte der Bedingung vergessen, und so hab‘ ich an die andere Hälfte nicht gedacht, und ich darf einem so erfahrenen Schiffahrer wohl nicht erst sagen, daß zwei Halbe ein Ganzes machen. Es ist also ganz natürlich, daß die Sache zwischen uns mitten durchgefallen ist.«

»Was? Ist es nicht genug, daß du treulos bist, mußt du auch noch lügen! Welchen Teil meines Versprechens hätte ich nicht gehalten?«

»Welchen Teil?« erwiderte der vermeintliche Fischer, indem er gemächlich eine Leine einzog, die wohl, wie der schnelle Blick Wilders leicht entdeckte, reichlich mit Lot versehen war, aber nicht mit dem ebenso wesentlichen Werkzeuge, dem Widerhaken; »welchen Teil, Kapitän? Keine geringere Kleinigkeit als die zweite Guinee.«

»Sie sollte die Belohnung eines ausgerichteten Dienstes sein, aber nicht, wie ihr Gefährte, ein Aufgeld, um dich zur ernstlichen Übernahme des Geschäftes zu bewegen.«

»Ha! Sie haben mir aufs rechte Wort geholfen. Ich dachte die Guinee wäre nicht ernstlich gemeint, wie die erste, die ich bekam, und so ließ ich denn den Handel halb beendigt.«

»Halb beendigt, Schuft! Du hast nie begonnen, was du zu vollenden so hoch und teuer beschworen hast.«

»Da seid Ihr auf falscher Fahrt, mein Schiffspatron, gerade als wenn Ihr Ostost steuern wolltet, um den Nordpol zu erreichen. Ich habe gewissenhaft die eine Hälfte unseres Übereinkommens ausgeführt; und für eine Hälfte haben Sie nur bezahlt, wie Sie wissen.«

»Es soll dir schwer werden, zu beweisen, daß du auch nur dieses Wenige getan hast.«

»Wollen einmal unser Logbuch darüber zu Rate ziehen. Ich ließ mich dazu anwerben, den Hügel hinaufzugehen bis zum Hause der guten Admiralswitwe und daselbst gewisse Abänderungen, die wir jetzt nicht erst zu nennen brauchen, in meinen Behauptungen zu machen.«

»Und die du nicht gemacht, sondern im Gegenteil dadurch vereitelt hast, daß du eine schnurstracks entgegengesetzte Geschichte erzähltest.«

»Wahr.«

»Wahr, Halunke? Wenn nach Recht mit dir verfahren würde, so sollte die vertrautere Bekanntschaft mit einem Strick deine wohlverdiente Belohnung ausmachen.«

»Hu, welch ein Windstoß von Worten! – Wenn Euer Schiff ebenso in die Kreuz und Quer steuert wie Eure Gedanken, Kapitän, so wird Eure Fahrt nach Süden ziemlich zickzack gehen. Haltet Ihr es für einen alten Mann, wie ich bin, nicht für leichter, ein paar Lügen zu sagen, als jene lange und steile Anhöhe hinanzuklimmen? Streng genommen, hatte ich bereits mehr als meine halbe Obliegenheit erfüllt, als ich bei der gläubigen Witfrau anlangte; und dann beschloß ich, den halben Lohn, den ich noch bekommen sollte, auszuschlagen, um mich lieber von der andern Partei beschenken zu lassen.«

»Niederträchtiger!« schrie Wilder, den der heftige Unwille etwas verblendete, »selbst deine Jahre sollen dich nicht länger vor Strafe schützen. He, da vorne! Bemannt die Schute, Maat, und bringt mir den alten Kerl dort in dem kleinen Boot an Bord des Schiffes. Achtet auf sein Geschrei nicht; das Geschäft, das ich mit ihm abzumachen habe, kann nicht ganz ohne Geräusch ins reine gebracht werden.« Der Schiffsgehilfe, an den dieser Zuruf gerichtet war, und der ihn erwiderte, sprang nun auf die Galerie, wo er das kleine Fahrzeug gewahrte, auf das er Jagd machen sollte. In weniger als einer Minute war er mit noch vier Mann in der Schute und ruderte um das Schiff herum, um auf die Seite zu kommen, wo die Erreichung seines Zweckes möglich war. Der selbstgetaufte Robert Bunt tat einen oder zwei Ruderschläge, und setzte federleicht über die Wogen zwanzig bis dreißig Klafter weg, von wo er gehalten hatte, lachte in sich hinein wie einer, der sich über das Gelingen seiner List freut, ohne im mindesten über die Folgen besorgt zu scheinen. Sobald jedoch nun die Schute hervorkam und sichtbar wurde, legte er sich mit kräftigen Armen ein und überzeugte bald die Zuschauer im Schiffe, daß es einige Mühe kosten würde, ihn einzuholen.

Eine Zeitlang war es zweifelhaft, was für einen Lauf der Flüchtling zu nehmen gedächte; denn er tat nichts, als daß er in schnellen und plötzlichen Wendungen und Kreisen eine geraume Zeit seine Verfolger verwirrte und durch seine geschickten und leichten Evolutionen ihre Anstrengung vereitelte. Doch endlich war er dieser höhnenden Belustigung müde, oder vielleicht auch besorgt, seine Kräfte zu erschöpfen, und im Nu schoß er wie ein Pfeil in gerade Linie dahin, auf den Rover los.

Die Jagd wurde nun heiß und ernst und erregte das Beifallsgeschrei der meisten von den zuschauenden Matrosen. Anfangs schien der Ausgang zweifelhaft; doch gewann endlich die Schute, nachdem sie den Widerstand des Stroms besiegt hatte, dem Boote mehr und mehr Seeraum ab, obgleich sie noch immer eine Strecke dahinter zurückblieb. Allein es dauerte keine drei Minuten, so schoß Robert unter den Spiegel des andern Schiffes, und da der Rumpf des Sklavenschiffes mit dem Laufe der Carolina in einer Linie lag, so verschwand es den Augen der Zuschauer sowohl als seiner Verfolger. Diese säumten nun nicht, dieselbe Richtung zu nehmen: und die Matrosen der Carolina fingen nun an, lachend an der Takelage hinaufzuklimmen, um über den dazwischenliegenden Rumpf des Sklavenschiffes wegsehen zu können.

Indessen war auf der Meeresfläche jenseits durchaus kein Boot zu sehen, nichts bewegte sich auf der See bis an die fernliegende Insel mit ihrem kleinen Fort. In ein paar Minuten sah man die Mannschaft der Schute langsam ihren Weg zurückrudern, wie Leute, die in ihrer Erwartung getäuscht worden. Alles lief nun an die Seite des Schiffes, um den Ausgang des Abenteuers zu hören; der Lärm der sich auf einen Punkt hindrängenden Menge zog selbst die beiden Damen aus der Kajüte aufs Verdeck. Statt jedoch den Fragen ihrer Kameraden mit dem Seeleuten so gewöhnlichen Wortreichtum entgegenzukommen, sahen die Leute in der Schute ganz verdutzt und erschrocken aus. Ihr Offizier sprang aufs Deck, ohne einen Laut von sich zu geben, und suchte seinen Kommandeur.

»Das Boot war zu behende für Sie, Herr Nighthead«, bemerkte gelassen Wilder, der sich während des ganzen Austritts nicht von seinem Platze bewegt hatte.

»Zu behende, Herr! Kennen Sie den Menschen, der darin ruderte?«

»Nicht ganz genau; aber ein Spitzbube ist’s, soviel weiß ich.«

»Das kann freilich nicht anders sein, da er mit dem Teufel verwandt ist.«

»Ich getraue mir zwar nicht zu sagen, daß es so arg mit ihm stehe, wie Sie zu glauben scheinen, wenn ich auch eben nicht viel Ursache habe, zu denken, er besitze so viel überflüssige Ehrlichkeit, daß er einiges davon über Bord werfen könnte. Was ist aus ihm geworden?«

»Das ist leicht gefragt, aber schwer zu beantworten. Erstlich kniff der alte Graukopf sein Schiffchen vorwärts, daß es Euch aussah, als schwämm‘ es in der Luft. Wir waren nicht eine Minute, höchstens zwei, hinter ihm; als wir aber das Sklavenschiff umsegelt hatten, waren Boot und Bootsmann verschwunden!«

»Sehr natürlich, er steuerte dicht an der Schiffsseite herum, während Ihr dicht bei dem Spiegel vorbeikreuztet.«

»Sie haben ihn also gesehen?«

»Ich gestehe, nein.«

»Das konnte er nicht, mein Herr, wir ruderten weit genug vom Schiffe ab, um nach beiden Seiten hinsehen zu können; überdies wußten die Leute auf dem Sklavenhändler nichts von ihm.«

»Saht Ihr die Mannschaft des Sklavenschiffs?«

»Ich hätte sagen sollen, der Mann darauf; denn dem Anscheine nach ist nur einer am Bord.«

»Und wie war der beschäftigt!«

»Er saß auf einem der Wandtaue und schien eben vom Schlafe aufzuwachen. Es ist ein träges Schiff, Herr, das sich von seinem Eigentümer wahrscheinlich mehr geben läßt, als es verdient!«

»Kann sein. Gut, laß ihn laufen, den Spitzbuben. Master Earing, es scheint ein Seewind im Anzuge, wir wollen doch unsere Bramsegel wieder aufziehen, damit er uns zum Empfang bereit finde. Noch geb‘ ich die Hoffnung nicht auf, so weit zu kommen, daß wir die Sonne im Meere untergehen sehen.«

Die Schiffsgehilfen und die übrige Mannschaft gingen nun munter an ihre Arbeit. Jedoch konnten die verwunderten Matrosen selbst beim Aufziehen der Segel, um den Wind einzuladen, ihre Neugier nicht unterdrücken und richteten an die, die in der Schute gewesen waren, mannigfaltige Fragen, wofür sie gar feierliche Antworten erhielten. Währenddessen wendete sich Wilder zu Mistreß Wyllys, die seinem kurzen Gespräch mit dem Maat zugehört hatte.

»Sie sehen, Madame,« sagte er, »daß wir unsere Reise nicht ohne bedeutsame Vorzeichen antreten.«

»Wenn Sie, rätselhafter Mensch, mir mit jener Ihnen oft eigenen aufrichtigen Miene darzutun suchten, daß wir nicht weise handeln, uns der See anzuvertrauen, so bin ich fast geneigt, Ihren Worten Glauben beizumessen; allein der Versuch, die Zauberei in Ihr Interesse zu ziehen, um Ihrer Zumutung Eingang zu verschaffen, kann nur die entgegengesetzte Wirkung haben.«

»Anker gelichtet!« schrie Wilder mit einem Blick, der seinen Reisegefährtinnen zu sagen schien: Wenn ihr denn so kühnen Mutes seid, an Gelegenheit, ihn zu zeigen, soll es euch nicht fehlen. »Heda, Mannschaft, ans Gangspill! Wir wollen noch einmal versuchen, mit dem Winde in die freie See zu kommen, solang‘ es noch hell ist.«

Nun das Geklapper der Handspeichen, nun der Gesang der Matrosen, wie sie sich schweren, abgemessenen Trittes um das Gangspill drehten. So wurde die Eisenwucht in ein paar Minuten dem Boden entrissen und das Schiff zum zweitenmal von den Banden, die es festhielten, entfesselt.

Der Wind kam bald frisch vom Meere her, klamm und mit salzigen Teilen des Elementes geschwängert. Sowie er in die schwellenden, gleichmäßig ausgebreiteten Segel fiel, beugte sich das Schiff tief vor dem willkommenen Gast, und als es sich ebenso zierlich wieder erhob, ertönte in dem Labyrinth des Tauwerks das Spiel des Windes, die lieblichste Musik für Matrosenohren. Die willkommenen Töne und die Frische der ganz eigentümlichen Luft erhöhten das Kräftige in den Bewegungen der Leute. Der Anker wurde eingestaut, die leichteren Segel bei-, das Schiff in Gang gesetzt, die unteren großen Tücher von ihren Rahen losgelassen, und ehe wieder zehn Minuten vorüber waren, sprühte der Wasserstaub zu beiden Seiten der Carolina, wie sie vor dem Winde dahinrauschte.

Wilder hatte nun die Lösung der Aufgabe, das Schiff zwischen den Inseln Rhode und Connannicut hindurchzuführen, selbst übernommen. Bei der großen Verantwortlichkeit, der er sich dadurch unterzogen, war es ein glücklicher Umstand, daß die Durchfahrt durch die Meerenge nicht schwierig war und der Wind sich hinlänglich nach Osten gedreht hatte, um es ihm, nach einigem Segeln dicht beim Wind, leicht zu machen, den Kanal in einem einzigen Zuge zurückzulegen. Allein wenn er einen großen Teil seines vorteilhaften Pfades nicht verlieren wollte, so mußte er in seinem Zuge hart am Rover vorbei. Er war nicht unschlüssig. Sobald das Fahrzeug luvwärts der Küste so nahe war, als nach seinem geschäftigen Senkblei für ratsam erachtet werden konnte, ließ er durch den Wind wenden, so daß das Schiff mit seinem Vorderteil auf den noch immer bewegungs- und scheinbar achtlosen Sklavenhändler zu liegen kam.

Die zweite Annäherung der Carolina fand unter weit günstigeren Umständen statt als die frühere. Der Wind blies nicht in Flagen wie vorher, sondern stetig, und die Mannschaft hielt das Schiff im Zügel, wie ein gewandter Reiter das Feuer seines schnaubenden Hengstes bändigt. Bei alledem war keine Seele auf dem Bristoler Kauffahrer, die die Vorüberfahrt nicht in atemlose Erwartung dessen, was da kommen sollte, gesetzt hätte. Ein jeder war aus einer verschiedenen Ursache äußerst gespannt. Für die Seeleute hatte das Schiff nachgerade den Charakter des Wunderbaren angenommen; die Gouvernante und ihr Zögling waren bewegt – sie wußten selbst kaum warum – indes Wilder nur zu gut unterrichtet war von der Art der Gefahr, in der alle, er selbst ausgenommen, schwebten. Schon war der Steuermann im Begriff, seinem Matrosenstolz huldigend, das Steuerrad wie vorher zu drehen, daß sie luvwärts vorbeikämen, und allerdings war der Versuch jetzt nicht so gefährlich; allein er erhielt die entgegengesetzte Weisung.

»Bei der Leeseite des Sklavenhändlers vorbeifahren, Herr!« sagte Wilder zu ihm mit gebieterischer Gebärde, und ging dann selbst nach der Galerie der Luvseite, um, wie jeder andere müßige Zuschauer auf dem Verdeck, den Gegenstand, dem sie sich nun so schnell näherten, mit prüfenden Blicken anzuschauen. Wie sich die Carolina kühn nahte, den Wind gleichsam vor sich hertragend, war aus dem fremden Schiffe kein anderer Ton zu vernehmen, als das Geseufze des Windes durch das leise bewegte Tauwerk. Kein einziges menschliches Antlitz, nicht einmal ein heimliches, neugieriges Auge war zu erspähen. Die Vorüberfahrt war natürlich sehr rasch, nur eine Sekunde, und kaum lagen Vorderteil und Spiegel beider Schiffe parallel, da glaubte Wilder, der vermeintliche Sklavenhändler würde tun, als bemerkte er gar nicht, daß sie vorübersegelten, allein er irrte sich. Eine leichte, behende Gestalt, in der Unteruniform eines Flottenoffiziers, sprang aus den obern Teil des Spiegels und schwenkte die Mütze zum Gruß. Sobald die blonden Locken das Gesicht des Grüßenden umwehten, erkannte Wilder das feurige Auge und die sprechenden Gesichtszüge des roten Freibeuters.

»Glauben Sie, daß sich der Wind so halten wird, mein Herr?« rief dieser, so laut er konnte.

»Wohl möglich, da er so steif angefangen hat.«

»Ein kluger Seemann würde seinen Ostwind ganz und beizeit benutzen: mir riecht der Wind ziemlich westindisch.«

»Sie sind der Meinung, er wird sich mehr nach Süden drehen?«

»Ja; doch die Segel nur straff beim Winde gehalten, so gewinnt Ihr schon das Weite.«

Jetzt war die Carolina vorüber, und jetzt wandte sie sich schon mit dem Winde, quer vor dem Sklavenhändler, wieder in ihr erstes Kielwasser; da schwenkte die Gestalt auf dem Hackebord noch einmal die Mütze zum Lebewohl hoch in die Luft und verschwand.

»Ist es möglich, daß ein solcher Mann Handel mit menschlichen Wesen treiben kann!« rief Gertraud aus, als beider Stimmen nicht mehr ertönten.

Da sie keine Antwort erhielt, drehte sie sich um, ihre Gefährtin anzusehen. Die Gouvernante stand da, wie ein Wesen im Zustand der Verzückung. Ihre Augen blickten in das Leere, denn sie hatten immer noch dieselbe Richtung, obgleich sie das Schiff schon längst so weit getragen hatte, um das Gesicht des Fremden noch erreichen zu können. Gertraud faßte ihre Hand und wiederholte die Frage, da kehrte ihr erst die Besinnung wieder, und mit der Hand über die Stirn hinfahrend, unsteten Blickes und ein Lächeln erzwingend, sagte sie:

»Liebe, wenn sich Schiffe begegnen, oder sich irgendein Ereignis zur See vor meinen Augen erneut, so beleben sich immer meine frühesten Erinnerungen. Gewiß, das war kein gewöhnliches Wesen, was sich endlich blicken ließ in dem Sklavenschiffe dort.«

»Ein höchst ungewöhnliches, in der Tat, für einen Sklavenhändler!«

Die Wyllys stützte ihr Haupt einen Augenblick auf die eine Hand und wandte sich dann zurück, um Wilder zu suchen. Der junge Seemann stand ihr nah, und prüfend ruhte sein Auge auf ihrem Gesichte mit einer Teilnahme, die fast ebenso auffallend war, als ihre eigene gedankenvolle Miene.

»Sagen Sie mir, junger Mann, ist jenes Individuum der Kommandeur des Sklavenschiffes?«

»Das ist er.«

»Sie kennen ihn?«

»Wir begegneten schon einander.«

»Und er heißt?«

»Befehlshaber jenes Schiffes. Weiter weiß ich keinen Namen von ihm.«

»Gertraud, suchen wir unsre Kajüte. Herr Wilder wird schon so gut sein, uns sagen zu lassen, wenn das Land zu verschwinden anfängt.«

Dieser machte eine bejahende Verbeugung, und die Damen verließen das Verdeck. Die Carolina hatte nun die Aussicht, ungesäumt die offene See zu gewinnen. Um dieses Ziel zu erreichen, hatte Wilder alles, was weiter bringen konnte, so vorteilhaft als möglich beigesetzt. Dennoch wandte er wohl hundertmal den Kopf, um einen verstohlenen Blick nach dem überholten Schiff zu werfen. Es lag in der Bai noch so, als wie sie vorüberfuhren, ein symmetrischer, schöner, aber unbewegter Gegenstand. Nach jeder dieser heimlichen Untersuchungen blickte unser Abenteurer unabänderlich auf die Segel seines eigenen Schiffes, wobei eine gewisse Aufgeregtheit und Ungeduld unverkennbar waren, indem er bald das eine Segel straffer an die Spiere anzuziehen, bald das andere an seiner Stenge geräumiger auszureffen befahl.

Diese Besorglichkeit, verbunden mit ungemeiner Sachkenntnis, hatte die Wirkung, daß der Bristoler Kauffahrteifahrer durchs Element dahinschoß mit einer Schnelle, die er selten oder niemals übertroffen hatte. Es dauerte nicht lange, so hörte das Land auf von den Schiffsseiten aus sichtbar zu sein; nur eine leiser und leiser werdende Spur davon war noch zu erkennen in den blauen Inseln hinter ihnen und in dem blassen Streif am Horizont nach Norden und Westen hin, wo sich das unermeßliche Festland zahllose Meilen lang ausstreckt. Nun wurden die beiden weiblichen Reisenden aufgefordert, vom Lande Abschied zu nehmen, und man sah die Offiziere mit der Aufzeichnung der Abreise beschäftigt. Wie es zu dunkeln begann und die Inseln eben ganz in den Wogen versanken, stieg Wilder auf eine der oberen Rahen mit einem Fernglase in der Hand. Er blickte lange, angelegentlich und ganz im Anstaunen versunken, in die Ferne, doch stieg er mit einem beruhigteren Auge und gelassenerer Miene wieder herunter. Ein Lächeln, das einen guten Erfolg zu begleiten pflegt, spielte um seine Lippen; und in einer heitern, Mut einflößenden Stimme erteilte er seine Befehle, denen ebenso munter gehorcht wurde. Die ältlicheren unter den Matrosen wiesen auf die See hinter dem Schiffe hin und behaupteten, daß die Carolina niemals in solchem Grade Fahrt gemacht habe. Die Gehilfen ließen die Loglinie schießen und nickten sich Beifall zu, als sie sich von dem ungewohnten Fluge des Schiffes überzeugten. Mit einem Worte, Zufriedenheit und Heiterkeit herrschte am Bord; denn die Zeichen, unter denen man die Reise begann, schienen so glückbedeutend, daß man einer baldigen und erwünschten Beendigung entgegensah. Mitten unter diesen ermutigenden Vorbedeutungen tauchte die Sonne in den Ozean, im Sinken einen weiten Streif des kalten und düsteren Elementes bedeckend. Darauf fingen die Schatten der abendlichen Stunde an sich zu sammeln über der unabsehbaren Oberfläche der grenzenlosen See.