Achtundzwanzigstes Kapitel.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Nur kurz, ich bitte euch; Ihr seht, ich habe viel zu thun.
Viel Lärmen um Nichts.

Der Stamm oder vielmehr Halbstamm der Delawaren, den wir schon so oft erwähnt haben, und dessen Lagerplatz so nahe bei dem jetzigen Wohnorte der Huronen war, konnte ungefähr die gleiche Anzahl Krieger versammeln wie das letztere Volk. Gleich ihren Nachbaren waren sie Montcalm auf das Gebiet der englischen Krone gefolgt und machten ernstliche und drückende Einfälle in die Jagdgründe der Mohawks, obgleich sie mit der bei den Eingebornen so häufigen geheimnißvollen Zurückhaltung für gut fanden, ihren Beistand gerade da zu versagen, wo er am willkommensten gewesen wäre. Die Franzosen hatten sich diesen unerwarteten Abfall eines Theils ihrer Verbündeten auf verschiedene Weise erklärt. Die vorherrschende Meinung war jedoch, daß es aus Ehrfurcht vor einem alten Vertrage geschehen sey, kraft dessen sie einst von den sechs Nationen Schutz im Kriege erhielten, und somit jetzt nicht gerne ihren früheren Herren feindlich gegenüber getreten wären. Der Stamm selbst hatte sich begnügt, Montcalm durch seine Abgesandten mit indianischer Kürze zu verkünden, ihre Streitäxte seyen stumpf; es bedürfe Zeit, sie wieder zu schärfen. Der staatskluge Befehlshaber von Canada hielt es für gerathener, nachzugeben, um einen unthätigen Freund zu erhalten, als ihn durch Maßregeln einer übel angewandten Strenge zum offenen Feinde zu machen.

An dem Morgen, an welchem Magua seinen schweigsamen Trupp auf die vorbeschriebene Weise von der Biberkolonie nach dem Walde führte, beschien die über dem Delawarenlager aufgehende Sonne ein geschäftiges Volk, eifrig in Anspruch genommen von den gewöhnlichen Vorbereitungen für den Mittag. Die Weiber rannten von Hütte zu Hütte, die Einen ihren Morgenimbiß bereitend, Andere eifrig daran, ihren Anzug zu vervollständigen, die meisten aber in hastigem Flüstern mit ihren Freundinnen.

Die Krieger standen unthätig in Gruppen beisammen, mehr nachdenksam, als gesprächig, und wenn je ein Paar Worte fielen, so geschah es im Tone von Männern, die ihre Meinung zuvor gehörig erwogen haben. Die Jagdgeräthe lagen in Menge zwischen den Hütten; aber Niemand schickte sich an, sie zu benützen. Hier und da prüfte ein Krieger seine Waffen mit einer Aufmerksamkeit, wie sie selten vorkommt, wenn man keinem andern Feinde, als dem Thiere des Waldes begegnen will. Gelegentlich hefteten sich die Augen einer ganzen Gruppe auf eine große, stille Hütte mitten im Dorfe, als ob sie den Gegenstand ihrer gemeinsamen Gedanken in sich schlöße.

Während dieser Scene erschien plötzlich an dem äußersten Ende des Felsengrundes, der die Fläche des Dorfes bildete, die Gestalt eines Mannes. Er war unbewaffnet, und seine Bemalung war eher darauf berechnet, den natürlichen Ausdruck seiner strengen Züge zu mildern, als zu erhöhen. Sobald er von den Delawaren gesehen werden konnte, blieb er stehen und machte ein Zeichen der Freundschaft, indem er den Arm gen Himmel emporwarf und dann bedeutungsvoll auf die Brust sinken ließ. Die Bewohner des Dorfes erwiederten seinen Gruß mit einem leisen Gemurmel des Willkomms und munterten ihn durch ähnliche Zeichen freundlicher Gesinnung auf, näher zu kommen. Ermuthigt durch diese Zusicherungen verließ die dunkle Gestalt den Rand der natürlichen Felsenterrasse, wo sie einen Augenblick verweilt hatte, in dunkeln Umrissen gegen den sich röthenden Morgenhimmel gezeichnet, und trat würdevoll mitten in den Umkreis der Hütten. Während der Mann sich näherte, hörte man Nichts, als das Klirren der kleinen silbernen Zierrathen, die Hals und Arm schmückten, und das Klingen der Glöckchen, die seine hirschledernen Moccasins umgaben. Mit aufmerksamer Achtung grüßte er die Männer, an denen er vorüberging, ohne die Weiber zu beachten, als hielte er ihre Gunst in der Angelegenheit, die ihn herführte, für durchaus unwichtig. Als er die Gruppe erreicht hatte, die augenscheinlich, nach der Hoheit der Mienen zu schließen, die angesehensten Häuptlinge vereinigte, hielt der Fremde inne, und die Delawaren erkannten nun in der rüstigen, hohen Gestalt vor ihnen den wohlbekannten Huronenhäuptling Le Renard Subtil.

Der Empfang war ernst, schweigsam, gemessen. Die vorne stehenden Krieger traten bei Seite, ihrem bewährtesten Redner Bahn öffnend, einem Manne, aller Sprachen mächtig, die unter den nördlichen Ureinwohnern gepflegt wurden.

»Der weise Hurone ist willkommen,« begann der Delaware in der Sprache der Maquas; »er ist gekommen, Succatusch mit seinen Brüdern von den Seen zu essen.«

»Er ist gekommen,« wiederholte Magua, sein Haupt mit der Würde eines morgenländischen Fürsten neigend.

Der Häuptling reckte den Arm aus, nahm den Anderen bei der Hand und neue Freundschaftsbezeigungen wurden gewechselt. Dann lud der Delaware den Gast ein, in seine eigene Hütte zu treten und sein Morgenmahl zu theilen. Die Einladung wurde angenommen, die beiden Krieger, von drei oder vier älteren Männern begleitet, entfernten sich langsam, indeß die übrigen Delawaren vor Begierde brannten, den Grund eines so ungewöhnlichen Besuches kennen zu lernen, und doch weder durch Zeichen, noch durch Worte die geringste Ungeduld verrathen mochten.

Während des kurzen und mäßigen Mahles spann sich die Unterhaltung äußerst umsichtig fort und berührte allein die Ereignisse der Jagd, auf welcher Magua vor Kurzem begriffen gewesen war. Selbst Männer von der feinsten Bildung hätten sich nicht besser denn seine Wirthe, das Ansehen zu geben vermocht, als betrachteten sie Magua’s Besuch als etwas ganz Unverfängliches, obgleich jeder Anwesende vollkommen überzeugt war, es liege ihm eine versteckte Absicht zu Grunde, die sicher von Wichtigkeit für sie selbst sey. Nachdem Aller Eßlust befriedigt war, entfernten die Squaws die hölzernen Teller und Kürbisflaschen, und beide Parteien schickten sich an, die Waffen ihres Scharfsinns auf eine Hauptprobe zu stellen.

»Ist das Antlitz meines großen Canadavaters wieder seinen Kindern, den Huronen, zugewendet?« fragte der Sprecher der Delawaren.

»Wann war es anders?« entgegnete Magua. »Er nennt mein Volk vielgeliebt.«

Der Delaware gab mit einer Verbeugung zu, was er als falsch erkennen mußte, und fuhr fort:

»Die Tomahawks Eurer jungen Krieger sind sehr roth geworden?«

»So ist es; aber sie sind jetzt blank und stumpf: denn die Yengeese sind todt, und die Delawaren unsere Nachbarn.«

Der Delaware erwiederte diese friedeverkündende Artigkeit mit einer Bewegung der Hand und schwieg. Magua, als würde er erst durch die Anspielung auf das Blutbad wieder daran erinnert, fragte:

»Macht die Gefangene meinen Brüdern Beschwerde?«

»Sie ist willkommen.«

»Der Pfad zwischen den Huronen und den Delawaren ist kurz und offen; sendet sie an meine Squaws, wenn sie meinem Bruder lästig fällt.«

»Sie ist willkommen,« erwiederte der Häuptling der andern Nation mit größerem Nachdruck.

Magua, in leichter Verwirrung, blieb einige Minuten still, anscheinend in völliger Gleichgültigkeit darüber, daß sein erster Versuch, Cora wieder zu gewinnen, scheiterte. »Lassen meine jungen Krieger den Delawaren Raum auf den Bergen für ihre Jagden?« fuhr er endlich fort.

»Die Lenapen sind Herren ihrer eigenen Berge!« versetzte der Andere etwas stolz.

»Es ist gut. Gerechtigkeit ist die Lenkerin der Rothhäute! Warum sollten sie gegen einander ihre Tomahawks schärfen und ihre Messer wetzen? Sind nicht der Blaßgesichter mehr als der Schwalben in der Blüthezeit?«

»Gut!« riefen zwei oder drei seiner Zuhörer zu gleicher Zeit.

Magua wartete ein wenig, bis seine Worte die Delawaren etwas milder gestimmt hatten, und fügte dann hinzu:

»Sind nicht fremde Moccasins in den Wäldern gewesen? Haben meine Brüder nicht die Fußtritte weißer Männer getroffen?«

»Möge unser Canadavater kommen,« antwortete der Andere ausweichend, »seine Kinder sind bereit ihn zu sehen.«

»Wenn der große Häuptling kommt, so geschieht es, mit den Indianern in ihren Wigwams zu rauchen. Die Huronen sagen ebenso: er ist willkommen. Aber die Yengeese haben lange Arme und Beine, die nie ermüden! Meinen jungen Männern träumte, sie hätten die Spur der Yengeese nahe an dem Lager der Delawaren gesehen!«

»Sie werden die Lenapen nicht schlafend finden.«

»Es ist gut. Der Krieger, dessen Auge offen ist, kann seinen Feind sehen,« sagte Magua, und suchte einen anderen Boden zu gewinnen, als er sich außer Stande sah, die Vorsicht seines Gegenmanns zu durchdringen.

»Ich habe meinem Bruder Geschenke gebracht. Seine Nation wollte nicht den Kriegspfad gehen, weil sie es nicht für geeignet hielt; aber ihre Freunde haben seiner Wohnungen gedacht!«

Als der schlaue Häuptling auf diese Weise seine freigebige Absicht verkündet hatte, stand er auf und breitete mit würdevollem Ernste vor den geblendeten Augen seiner Wirthe die Geschenke aus. Sie bestanden hauptsächlich in Schmuckwaaren von geringem Werthe, den erschlagenen Frauen von William Henry abgenommen. Die Vertheilung dieser Kleinigkeiten machte der Klugheit des Huronen nicht weniger Ehre, als ihre Auswahl. Während er das Werthvollere den zwei ausgezeichnetsten Häuptlingen übergab, von denen einer sein Wirth war, würzte er seine Gaben an die Geringeren mit so gut angebrachten, treffenden Schmeichelreden, daß auch sie sich nicht beklagen durften. Kurz, bei der ganzen Ceremonie wußte er Freigebigkeit und Schmeichelei so glücklich zu verbinden, daß der Geber in den Augen der Empfänger alsbald die Wirkung einer Großmuth erkannte, die er so geschickt an Lobsprüche geknüpft hatte.

Dieser wohlberechnete Kunstgriff von Seiten Magua’s blieb nicht ohne augenblickliche Resultate. Der Ernst der Delawaren ging in einen Ausdruck von Herzlichkeit über; und Magua’s Wirth insbesondere wiederholte, seinen reichlichen Antheil an der Beute einige Augenblicke mit besonderem Wohlgefallen betrachtend, mit großem Nachdruck die Worte:

»Mein Bruder ist ein weiser Häuptling. Er ist willkommen!«

»Die Huronen lieben ihre Freunde, die Delawaren,« versetzte Magua. »Warum sollten sie nicht? Dieselbe Sonne hat sie gefärbt, und ihre gerechten Männer werden nach dem Tode in denselben Jagdgründen jagen. Die Rothhäute sollten Freunde seyn und mit offenen Augen auf die weißen Männer schauen. Hat mein Bruder keinen Kundschafter in den Wäldern aufgespürt? –

Der Delaware, dessen Name Hartherz bedeutete, eine Benennung, welche die Franzosen in Le Coeur dur übersetzt hatten, vergaß seines festen hartnäckigen Sinnes, der ihm wahrscheinlich einen so bezeichnenden Namen verschafft haben mochte. Seine Miene verlor merklich an Ernst und er vermochte es über sich, deutlicher zu antworten. »Fremde Moccasins sind um mein Lager gewesen; ihre Spur reichte bis an meine Hütten.«

»Hat mein Bruder die Hunde hinausgejagt?« fragte Magua, ohne auf die frühere Zweideutigkeit in der Antwort des Häuptlings zu achten.

»Das ging nicht an. Der Fremde ist den Kindern der Lenapen stets willkommen.«

»Der Fremde, aber nicht der Spion!«

»Schicken die Yengeese ihre Weiber als Spionen? Sagte nicht der Huronenhäuptling, er habe Weiber in der Schlacht zu Gefangenen gemacht?« –

»Er hat keine Lüge gesprochen. Die Yengeese haben ihre Kundschafter ausgesendet. Sie sind in meinen Wigwams gewesen, haben aber seinen Willkomm gefunden: dann flohen sie zu den Delawaren – denn, sagen sie, die Delawaren sind unsre Freunde; ihre Gemüther sind unserem Canadavater entfremdet!«

Diese Wendung, die in das Herz traf, zeigte den Meister und hätte Magua in gebildeteren Kreisen der Gesellschaft den Ruf eines geschickten Diplomaten verdient. Der neuerliche Abfall ihres Stammes hatte den Delawaren, wie sie selbst wohl wußten, viele Vorwürfe von Seiten ihrer französischen Verbündeten zugezogen, und sie mußten jetzt fühlen, daß ihre künftigen Schritte mit Eifersucht und Mißtrauen bewacht werden würden. Es bedurfte keiner tiefen Einsicht in Ursache und Wirkung, um vorauszusehen, daß eine solche Lage der Dinge ihren künftigen Bewegungen höchst nachtheilig werden konnte. Ihre entfernten Dörfer, ihre Jagdreviere und Hunderte von Weibern und Kindern, selbst ein wesentlicher Theil ihrer Streitkräfte, befanden sich augenblicklich innerhalb der Gränzen des französischen Gebiets. So wurde diese beunruhigende Kunde, wie Magua beabsichtigte, mit offenbarer Mißbilligung, wo nicht mit Bestürzung aufgenommen.

»Mein Vater blicke in mein Gesicht,« sprach Le Coeur dur, »er wird keinen Wechsel finden. Es ist wahr, meine jungen Krieger gingen nicht auf dem Kriegspfade; sie hatten Träume, die es ihnen verwehrten. Aber sie lieben und verehren den großen weißen Häuptling.«

»Wird Er so denken, wenn er hört, daß sein größter Feind in dem Lager seiner Kinder genährt wird? – Wenn man ihm erzählt, daß ein blutdürstiger Yengee an eurem Feuer raucht? daß das Blaßgesicht, welches so viele seiner Freunde erschlagen hat, bei den Delawaren aus und eingeht? Geht – mein großer Canadavater ist kein Thor!«

»Wo ist der Yengee, den die Delawaren fürchten?« entgegnete der Andere; »wer hat meine jungen Männer erschlagen? Wer ist der Todfeind meines großen Vaters?«

»La longue Carabine!« Die Delawarenkrieger schracken bei dem wohlbekannten Namen auf und verriethen durch ihr Erstaunen, wie sie jetzt erst erfuhren, daß ein unter den indianischen Verbündeten Frankreichs so vielgerühmter Krieger sich in ihrer Gewalt befinde,

»Was meint mein Bruder?« fragte Le Coeur dur in einem Tone der Ueberraschung, der weit über die sonstige Gleichgültigkeit seines Volkes ging.

»Ein Hurone lügt nie!« entgegnete Magua kalt, sein Haupt an die Wand der Hütte lehnend und sein leichtes Gewand über die sonngebräunte Brust ziehend, »Wenn die Delawaren ihre Gefangenen zählen, so werden sie Einen finden, dessen Haut weder roth noch blaß ist.«

Eine lange Pause des Nachdenkens folgte. Der Häuptling berieth sich zur Seite mit seinen Gefährten, und Boten wurden ausgesandt, um noch andere ausgezeichnete Männer des Stammes herbeizuholen.

Ein Krieger nach dem andern kam heran und wurde mit der wichtigen Nachricht, welche Magua eben mitgetheilt hatte, bekannt gemacht. Alle nahmen sie mit einem Ausdrucke der Verwunderung und dem gewöhnlichen leisen, tiefen Kehllaute auf. Die Neuigkeit lief von Mund zu Mund, bis das ganze Lager in mächtiger Aufregung war. Die Frauen stellten ihre Arbeiten ein, um die wenigen Sylben, welche den berathenden Kriegern unwillkührlich entfielen, aufzuhaschen. Die Knaben verließen ihre Spiele, gingen furchtlos unter ihren Vätern umher und schauten mit neugieriger Verwunderung auf, wenn sie kurze Ausrufe des Erstaunens über die Tollkühnheit des Verhaßten Feindes vernahmen, die sich ohne Scheu hören ließen. Mit einem Worte, jede Beschäftigung wurde verlassen, Alles bei Seite gesetzt, damit der ganze Stamm nach seiner eigenthümlichen Weise sich den neuen Eindrücken ungestört hinzugeben vermöchte.

Als die Aufregung sich ein wenig gelegt hatte, waren die Alten darauf bedacht, ernstlich zu erwägen, was unter so mißlichen und verwickelten Verhältnissen die Ehre und Sicherheit des Stammes verlange. Während aller dieser Vorgänge und mitten in der allgemeinen Bewegung hatte Magua nicht nur seinen Sitz, sondern auch seine ursprüngliche Stellung behauptet: er lehnte sich an eine Wand der Hütte, so regungslos und scheinbar gleichgültig, als ob ihn das Ergebniß der Berathung gar nicht berühre. Gleichwohl entging seinem wachsamen Auge kein Merkmal für die künftigen Absichten seiner Wirthe. Vollkommen vertraut mit dem Charakter des Volkes, mit welchem er zu thun hatte, erkannte er jede Maßregel, die sie beriethen, voraus; ja man konnte beinahe sagen, er durchschaute in manchen Fällen ihre Absicht, ehe sie ihnen selbst deutlich war.

Die Berathung der Delawaren war kurz. Als sie geendet hatten, verkündete eine allgemeine Bewegung, daß ihr unmittelbar eine feierliche und förmliche Versammlung des ganzen Stamme folgen würde. Da eine solche höchst selten und nur in Fällen von der äußersten Wichtigkeit zusammen berufen wurde, so erkannte der schlaue Hurone, der bisher immer noch allein saß, ein finsterer Beobachter des Geschehenden, – daß nun alle seine Plane zu ihrer endlichen Entscheidung kommen müßten. Er verließ daher die Hütte und schritt schweigend dem Platze vor dem Lager zu, wo sich bereits die Krieger zu versammeln begannen.

Es mochte eine halbe Stunde vergangen seyn, bis Alle, Weiber und Kinder mit eingeschlossen, ihre Stelle eingenommen hatten. Dieser Verzug mochte seine Erklärung in den ernsten Vorbereitungen finden, die man für eine so feierliche und ungewöhnliche Berathung nöthig glaubte. Als die Sonne aber über die Gipfel des Berges emporstieg, an dessen Fuße die Delawaren ihr Lager erbaut hatten, saßen die Meisten; und als ihre glänzenden Strahlen durch die Umrisse der die Anhöhe umsäumenden Bäume brachen, fielen sie auf eine von der tiefsten Theilnahme ergriffene Menge, so ernst, so aufmerksam, als nur je eine von ihren Morgenstrahlen beleuchtet wurde. Ihre Zahl betrug etwas über tausend Seelen.

Bei einer Versammlung so ernst gestimmter Wilden trifft es sich nie, daß ein Mitglied in ungeduldigem Streben nach vorzeitiger Auszeichnung die Zuhörer in eine übereilte und vielleicht unbesonnene Erörterung fortreißt, um seinen eigenen Ruhm zum Sieger zu machen. Eine solche anmaßende Voreiligkeit würde ein frühreifes Talent mit einemmal und für immer zu Grunde richten. Den ältesten und erfahrensten Männern des Volkes allein blieb es vorbehalten, den Gegenstand der Berathung dem Stamme vorzulegen. Ehe ein solcher für gut gefunden hatte, eine Anregung zu geben, konnten weder Waffenthaten, noch natürliche Talente, noch Rednerruhm die geringste Unterbrechung entschuldigen. Bei dem nun vorliegenden Falle blieb selbst der betagte Krieger, der das Vorrecht zu sprechen hatte, still, wie bewältigt von der Wichtigkeit des Gegenstandes. Bereits weit länger als gewöhnlich hatte die Pause des Nachdenkens gedauert, die solchen Berathungen voranzugehen pflegt: aber selbst dem jüngsten Knaben entschlüpfte kein Zeichen der Ungeduld oder Verwunderung. Von Zeit zu Zeit schaute ein Auge von der Erde empor, auf welche die Blicke der Meisten geheftet waren, und streifte nach einer einzelnen Hütte, die sich jedoch von den andern um sie her durch Nichts, als durch die Sorgfalt unterschied, mit der man sie gegen die Anfälle der Witterung geschützt hatte.

Endlich ließ sich ein dumpfes Gemurmel vernehmen, wie es so geeignet ist, eine größere Volksmenge aufzuregen, und der ganze Stamm erhob sich wie durch gemeinsamen Antrieb. Alsbald öffnete sich die Thür der fraglichen Hütte, drei Männer traten heraus und nahten sich langsam dem Platze der Berathung. Sie waren alle betagt, sogar älter als die Bejahrtesten der Anwesenden: aber der Eine in ihrer Mitte, der sich auf seine Gefährten stützte, hatte eine Reihe von Jahren erlebt, wie sie dem Menschen nur selten vergönnt wird. Seine Gestalt, einst aufrecht und stolz, gleich der Zeder, wankte jetzt unter der Bürde von mehr als einem Jahrhunderte. Der leichte, elastische Tritt des Indianers war bei ihm verschwunden: mühsam und beschwerlich konnte er nur Zoll für Zoll von seinem Wege zurücklegen. Sein dunkles runzelvolles Gesicht bildete einen seltsamen, wilden Kontrast mit den langen, weißen Locken, die über seine Schultern fielen und in ihrer Fülle verkündeten, daß vielleicht Generationen hingegangen waren, seit sie zum letzten Mal abgeschnitten worden.

Der Anzug dieses Patriarchen – denn so konnte man ihn in Betracht seines hohen Alters, seiner großen Verwandtschaft unter dem Volke, und seines Einflusses mit allem Fug nennen – war reich und Ehrfurcht gebietend, obgleich der einfachen Sitte des Stammes ganz angemessen. Seine Bekleidung bestand aus den schönsten Fellen, die man ihres Pelzes beraubt hatte, um Raum für eine sinnbildliche Darstellung seiner Kriegsthaten in vergangenen Zeiten zu gewinnen. Seine Brust war überdeckt mit Denkmünzen, einige von massivem Silber, wenige sogar von Gold, Geschenke, die er im Laufe seines langen Lebens von verschiedenen christlichen Herrschern empfangen hatte. Er trug ferner Armbänder und Spangen um die Knöcheln der Füße aus demselben Metall. Sein Haupt, auf welchem ringsumher das Haar frei wuchs, da er so lange schon das Kriegsleben verlassen hatte, umschloß eine Art Diadem von Silber, mit minder werthvollen aber blinkenden Zierrathen geschmückt, aus welchen drei glänzende Straußenfedern niederwallten und in ihrem tiefen Schwarz einen auffallenden Contrast mit seinem schneeweißen Lockenhaar bildeten. Sein Tomahawk war mit Silber beinahe überdeckt, und der Griff seines Messers schimmerte wie ein Horn von lauterem Golde.

Sobald sich die erste freudige Aufregung über das unerwartete Erscheinen dieses verehrten Mannes ein wenig gelegt hatte, hörte man den Namen »Tamenund« von Mund zu Mund flüstern. Oft hatte Magua den Ruhm dieses weisen und gerechten Delawarenhäuptlings preisen hören; einen Ruhm, der so weit ging, daß man ihm die seltene Glücksgabe geheimen Umgangs mit dem großen Geiste zuschrieb, eine Meinung, die seinen Namen sogar, mit geringer Veränderung, als den vermeintlichen Schutzheiligen eines großen Reiches bis auf die weißen Usurpatoren seines alten Gebiets gebracht hat. Der Huronenhäuptling eilte daher hastig aus dem Gedränge hervor, nach einer Stelle, von wo aus er die Züge des Mannes näher ins Auge fassen konnte, dessen entscheidende Stimme einen so wesentlichen Einfluß auf seine eigene Angelegenheit haben sollte.

Die Augen des Greises waren geschlossen, als wären sie müde, das selbstsüchtige Treiben menschlicher Leidenschaft so lange mitangesehen zu haben. Die Farbe seiner Haut war verschieden von dem Aussehen der meisten Indianer um ihn her; sie war tiefer und dunkler, was von den feinen labyrinthischen Umrissen vieler verschlungenen und doch regelmäßigen Figuren herrühren mochte, die durch Tättowiren seinem ganzen Körper eingezeichnet waren. Ungeachtet der in die Augen fallenden Stellung des stumm beobachtenden Huronen ging er an Magua vorüber, ohne ihn zu beachten und schritt, auf seine ehrwürdigen Begleiter gestützt, der erhöhten Stelle zu, wo er sich mit der Würde eines Monarchen und der Miene eines Vaters mitten unter seinem Volke niederließ.

Nichts ging über die Ehrfurcht und Liebe, womit dieser unerwartete Besuch, der eher einer anderen Welt anzugehören schien, von dem Volke aufgenommen ward. Nach einer anstandvollen Pause erhoben sich die angesehensten Häuptlinge, traten vor den Patriarchen und legten ehrerbietig seine Hände auf ihre Häupter, als wollten sie seinen Segen erbitten. Die jüngeren Männer begnügten sich, sein Kleid zu berühren oder sich ihm nur zu nähern, um in derselben Luft mit dem so betagten, gerechten und tapferen Manne zu athmen. Aber nur die ausgezeichnetsten jungen Krieger wagten das Letztere zu thun: die große Masse der Versammelten fühlte sich glücklich genug, auch nur die Erscheinung eines so hochverehrten und innig geliebten Mannes schauen zu dürfen. Sobald dieser Tribut der Zuneigung und Ehrfurcht dargebracht war, traten die Häuptlinge wieder auf ihre Plätze zurück und tiefes Schweigen herrschte in dem ganzen Lager.

Bald aber erhoben sich einige junge Krieger, die von einem der betagten Begleiter Tamenund’s in der Stille ihre Weisung erhalten hatten, verließen die Versammlung und begaben sich nach der Hütte, welche den ganzen Morgen her Gegenstand so vieler Aufmerksamkeit gewesen war. In wenigen Minuten erschienen sie wieder, die Fremden nach dem Sitze des Gerichts geleitend, welche Ursache aller dieser feierlichen Vorbereitungen waren. Die Menge öffnete eine Gasse und als der Zug eingetreten war, schloßen sich die Reihen wieder, in weitem Halbrunde einen dichten Gürtel menschlicher Leiber bildend.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Die Völker saßen, auf Achilles stand
Und zu der Fürsten Führer so sich wandt‘.
Pope’s Iliade.

Die erste unter den Gefangenen war Cora, die in zärtlicher Schwesterliebe ihren Arm in den Alicens geschlungen hatte. Trotz der furchtbaren, drohenden Umgebung von Wilden auf allen Seiten konnte keine Sorge um ihr eigenes Schicksal das hochsinnige Mädchen abhalten, ihre Augen unverwandt auf die blassen und ängstlichen Züge der zitternden Alice zu heften. Dicht an ihrer Seite stand Heyward, der in einem solchen Augenblicke ängstlicher Ungewißheit mit einer Theilnahme auf beide Gefährtinnen blickte, die seiner Liebe für Alice kaum ein Uebergewicht ließ, Hawk-eye hatte sich ein wenig mehr in den Hintergrund gestellt, einer Achtung für den höhern Rang seiner Gefährten folgend, die selbst die Gleichheit ihrer jetzigen Lage ihn nicht vergessen lassen konnte. Uncas war nicht zugegen.

Als wieder Stille hergestellt war, erhob sich nach der gewohnten, langen, eindrucksvollen Pause einer der bejahrten Häuptlinge, die an der Seite des Patriarchen saßen, und fragte in sehr verständlichem Englisch mit lauter Stimme:

»Welcher von meinen Gefangenen ist La longue Carabine

Weder Duncan, noch der Kundschafter antwortete. Ersterer aber ließ seine Augen über die dunkle, schweigsame Versammlung laufen und fuhr einen Schritt zurück, als er auf Magua´s boshaftes Angesicht traf. Er sah mit einem Male, daß der tückische Wilde seine Hand bei ihrer Anklage vor dem Stamme mit im Spiele habe, und war alsbald entschlossen, der Ausführung seiner verderblichen Plane jedes mögliche Hinderniß in den Weg zulegen. Ein Beispiel des schnellen Rechtsverfahrens der Indianer war noch ganz frisch in seiner Erinnerung und er fürchtete, sein Gefährte möchte für ein zweites ausersehen seyn. Da ihm dieser entscheidende Augenblick wenig oder keine Zeit zur Ueberlegung ließ, war er schnell bestimmt, seinen unschätzbaren Freund zu schirmen, welche Gefahr auch auf ihn fallen möchte. Ehe er jedoch Zeit zu sprechen hatte, wurde dieselbe Frage lauter und mit klarerem Ausdruck wiederholt.

»Gebt uns Waffen,« antwortete der junge Mann stolz, »und laßt uns in jene Wälder dort gehen. Unsere Thaten sollen für uns sprechen.« »Das ist der Krieger, dessen Name unsere Ohren erfüllt hat!« sprach der Häuptling, Heyward mit jener neugierigen Theilnahme betrachtend, die so natürlich ist beim Anblick eines Mitmenschen, den Verdienste oder Zufall, Tugenden oder Verbrechen berühmt gemacht haben. »Was hat den weißen Mann in das Lager der Delawaren geführt?«

»Meine Noth. Ich kam um Nahrung, Obdach und Freunde.«

»Das kann nicht seyn, die Wälder sind voll von Wild. Das Haupt eines Kriegers bedarf keines Obdachs, als des unbewölkten Himmels; und die Delawaren sind die Feinde und nicht die Freunde der Yengeese. Geh – dein Mund hat gesprochen, aber dein Herz sagte Nichts.«

Duncan, ein wenig verlegen, wie er fortfahren sollte, schwieg; der Kundschafter aber, welcher aufmerksam die ganze Zeit über zugehört hatte, trat muthig hervor und erwiederte:

»Daß ich auf den Ruf La longue carabine nicht antwortete, hatte seinen Grund nicht in Scham oder in Furcht: denn weder die eine, noch die andere ziemt dem Manne von Ehre. Aber ich gestehe den Mingos nicht das Recht zu, dem einen Namen zu geben, dessen Freunde seiner Gaben in diesem Betreff nicht uneingedenk geblieben sind; zudem ist ihr Name eine Lüge; mein Wildtödter ist ein gezogenes Rohr und kein Carabiner. Ich bin der Mann, der von seiner Verwandtschaft den Namen Nathanael erhalten hat, den Ehrennamen Hawk-eye von den Delawaren, die an ihrem eignen Flusse leben: der Mann endlich, den die Irokesen, ohne alle Gewähr von mir, der doch am meisten dabei betheiligt ist, ›die lange Büchse‹ zu betiteln sich erlaubt haben.«

Die Augen aller Anwesenden, welche bisher Duncan’s Person mit ernstem Blicke gemessen hatten, wandten sich nun augenblicklich auf die aufrechte, eisenfeste Gestalt des neuen Prätendenten für jene ausgezeichnete Benennung. Es fiel keineswegs auf, daß sich zwei Individuen fanden, welche eine so hohe Ehre anzusprechen Miene machten: denn Betrüger waren unter den Eingebornen, wenn auch selten, doch nicht unbekannt. Aber dennoch war es wesentlich für den gerechten und strengen Sinn der Delawaren, hier jeden Irrthum zu zerstören. Einige ihrer älteren Männer gingen bei Seite mit sich zu Rathe und schienen bald entschlossen, ihren Besucher darüber zu befragen.

»Mein Bruder hat gesagt, eine Schlange sey in mein Lager gekrochen,« sprach der Häuptling zu Magua, »welchen meinte er damit?«

Der Hurone deutete auf den Kundschafter.

»Will ein weiser Delaware einem kläffenden Wolfe Glauben schenken?« rief Duncan, noch mehr überzeugt von den schlimmen Absichten seines alten Feindes. »Ein Hund lügt niemals; wann aber hat man einen Wolf die Wahrheit sprechen hören?«

Die Augen Magua´s sprühten Feuer; aber schnell besann er sich, wie nothwendig es sey, Geistesgegenwart zu behaupten, und wandte sich mit der Miene stillen Unwillens ab, versichert, daß der Scharfsinn der Indianer die Wahrheit in der Streitsache bald entdecken würde. Er täuschte sich nicht: nach einer zweiten kurzen Berathung kehrte sich der behutsame Delaware wieder zu ihm und theilte, wiewohl in den gewähltesten Ausdrücken, den Entschluß der Häuptlinge mit.

»Mein Bruder ist ein Lügner genannt worden,« sprach er, »und seine Freunde sind darob erzürnt. Sie wollen zeigen, daß er die Wahrheit gesprochen hat. Gebt meinen Gefangenen Gewehre, und lasset sie zeigen, welcher der Mann ist.«

Magua stellte sich, als nähme er dieses Auskunftsmittel für eine Artigkeit, obgleich er wohl wußte, daß nur Mißtrauen gegen ihn zu Grunde liege, und machte eine Geberde der Zustimmung: wohl damit zufrieden, daß ein so geschickter Schütze, wie der Kundschafter, seine Wahrhaftigkeit zu erhärten bestimmt war.

Die streitenden Freunde erhielten alsbald ihre Waffen, mit der Weisung, über den Häuptern der sitzenden Menge hinweg nach einem irdenen Gefäße zu schießen, das zufällig etliche und sechzig Schritte von der Stelle, wo sie standen, auf einem Baumstamme lag.

Heyward lächelte bei sich über dem Gedanken eines Wettkampfes mit dem Kundschafter, obgleich fest entschlossen in der Täuschung zu beharren, bis er die wahre Absicht Magua’s kenne. Er hob seine Büchse mit der größten Achtsamkeit empor, zielte zu drei wiederholten Malen und feuerte. Die Kugel zerriß das Holz wenige Zoll von dem Gefäß und ein allgemeiner Ruf des Beifalls verkündete, daß man den Schuß als einen Beweis von großer Geschicklichkeit im Gebrauche der Waffe ansehe. Selbst Hawk-eye nickte mit dem Kopf, als wollte er sagen, es sey besser gegangen, als er erwartet. Statt sich aber zu dem beabsichtigten Wettstreite mit dem glücklichen Schützen fertig zu machen, lehnte er sich länger als eine Minute auf seine Büchse, als sey er gänzlich in Gedanken begraben. Aus diesen Träumereien ward er jedoch von einem der jungen Indianer aufgestört, der die Waffen gebracht hatte. Dieser berührte seine Schulter und sprach in ausnehmend gebrochenem Englisch:

»Kann das Blaßgesicht besser machen?«

»Ja, Hurone!« rief der Kundschafter, seine kurze Büchse mit der Rechten erhebend und sie gegen Magua mit einer Leichtigkeit schwingend, als ob es ein Rohr wäre; »ja, Hurone, ich könnte dich jetzt treffen, und keine Macht der Erde könnte die That hindern. Der kreisende Falke ist der Taube nicht gewisser, als ich deiner in diesem Augenblicke bin, wollte ich dir meine Kugel durch das Herz jagen! Warum sollt‘ ich’s nicht? Warum? Weil meine Farbe mir’s nicht zuläßt, und ich über zarte, unschuldige Wesen Unheil herabrufen könnte! Wenn du ein Wesen kennst, wie Gott, so danke ihm in deinem innersten Herzen – du hast allen Grund dazu!«

Die wutherglühte Miene, das grimmige Auge und die schwellende Gestalt des Kundschafters brachte einen Eindruck stiller Ehrfurcht auf die Hörer hervor. Die Delawaren hielten vor Erwartung den Athem an: aber Magua blieb, wiewohl er der Schonung seines Feindes mißtraute, ruhig und unbeweglich stehen, wo ihn die Menge in dem Gedränge festhielt, als sey er mit der Erde verwachsen.

»Besser machen!« wiederholte der junge Delaware, an der Seite des Kundschafters.

»Besser machen – was? Narr? – was?« rief Hawk-eye, immer noch ergrimmt seine Waffe über dem Haupte schwingend, obgleich sein Auge nicht länger Magua suchte:

»Wenn der weiße Mann der Krieger ist, für den er sich ausgibt,« sprach der betagte Häuptling, »so schieße er näher an das Ziel!«

Der Kundschafter lachte laut – ein Geräusch, welches Heyward wie übernatürlich klang und ihn zusammenschrecken machte – ließ das Gewehr schwer in die ausgereckte linke Hand fallen, es ging los, scheinbar durch die Erschütterung, trieb die zerschmetterten Stücke des Gefäßes in die Luft und streute sie auf allen Seiten umher. Beinahe in demselben Augenblick hörte man den rasselnden Schall der Büchse, wie er sie verächtlich zu Boden warf.

Der erste Eindruck eines so außerordentlichen Auftritts war steigende Bewunderung. Dann lief ein leises Gemurmel durch die Menge, das allmählig lauter ward und mehr und mehr anschwellend endlich einen lebhaften Gegensatz in den Gefühlen der Zuschauer kund gab. Während Einige einer so beispiellosen Geschicklichkeit unverholen ihren Beifall zollten, war der bei weitem größere Theil des Stammes geneigt zu glauben, der Schuß danke seinen Erfolg nur dem Zufall. Heyward zögerte nicht eine Meinung zu bestätigen, die seinen eigenen Ansprüchen so günstig war. »Es war Zufall!« rief er, »Niemand kann schießen, ohne zu zielen.«

»Zufall!« echote der gereizte Waidmann, der sich nun einmal in den Kopf gesetzt hatte, die Identität seiner Person um jeden Preis zu behaupten, und bei dem alle geheimen Winke Heyward’s, die Täuschung zu begünstigen, gänzlich verloren waren. »Hält jener lügnerische Hurone es auch für Zufall? Gebt ihm ein Gewehr, stellt ihn uns gegenüber, offen, ohne Schutz, auf daß die Vorsehung und unsre Augen die Sache entscheiden. Euch mach‘ ich diesen Vorschlag nicht, Major: unser Blut ist von einer Farbe, und wir dienen einem Herrn.

»Daß der Hurone ein Lügner ist, liegt am Tage,« versetzte Heyward kalt; »Ihr habt ihn selbst behaupten hören, Ihr seyet La longue Carabine

Es läßt sich unmöglich sagen, zu welch heftigen Betheurungen den eigensinnigen Hawk-eye der ungestüme Wunsch, seine Identität zu verfechten, noch geführt hätte, wäre nicht der betagte Delaware noch einmal in’s Mittel getreten. »Der Falke, der aus den Wolken kommt, kann zurückkehren, wenn er will,« sprach er, »gebt ihnen die Gewehre!« Dießmal ergriff der Kundschafter die Büchse mit Begierde, und Magua, obwohl die Bewegungen des Schützen mit scheelsüchtigen Augen beobachtend, hatte keinen weiteren Grund zu Besorgnissen.

»Nun soll es sich entscheiden, im Angesichte dieses Delawarenstammes, wer der bessere Mann ist!« rief der Kundschafter, mit dem Finger, der so oft zu einem tödtlichen Schuß losgedrückt hatte, auf die Zielmarke seiner Büchse deutend. »Ihr seht die Kürbisflasche dort an dem Baume hängen, Major; wenn Ihr ein Schütze seyd, wie er in den Gränzlanden seyn muß, so schießt ihr einmal die Schale ein!« Duncan faßte den Gegenstand in’s Auge und schickte sich an die Probe von neuem zu bestehen. Die Kürbisflasche war eines jener kleinen Gefäße, deren sich die Indianer bedienen, und hing an einem Riemen aus Hirschleder von dem dürren Aste einer kleinen Fichte herab, volle hundert und fünfundzwanzig Schritt entfernt. Ein so wunderliches Gefühl ist die Eigenliebe, daß der junge Soldat die ursprüngliche Veranlassung dieses Wettstreites über dem Wunsche, zu siegen, vergaß, während er die gänzliche Werthlosigkeit der Stimme seiner wilden Kampfrichter kennen mußte. Wir haben bereits gesehen, daß seine Geschicklichkeit nichts weniger als unbedeutend war, und er beschloß nun, sie auf die höchste Spitze zu treiben. Hätte sein Leben von dem Ausgang abgehängt, er hätte nicht aufmerksamer und sorgfältiger zielen können. Er gab Feuer, und drei oder vier junge Indianer, welche bei dem Knalle vorgesprungen waren, verkündeten jubelnd, die Kugel stecke dicht neben dem eigentlichen Ziele in dem Baum. Die Krieger erhoben allesammt ein Freudengeschrei und wandten dann ihre Augen forschend auf die Bewegungen des Nebenbuhlers.

»Das reicht hin für die königlichen Amerikaner!« sprach Hawk-eye, noch einmal in seiner stillen, innerlichen Weise lachend, »aber hätte mein Gewehr oft nur so weit die rechte Linie verfehlt, so würde mancher Marder, dessen Pelz jetzt den Muff einer Dame ziert, noch in den Wäldern sehn; ja und mancher blutdürstige Mingo, der dahingegangen ist zum letzten Gericht, würde noch heutigen Tags seine Teufeleien in den Gränzprovinzen treiben. Ich hoffe, die Squaw, der die Flasche gehört, hat noch mehr dergleichen in ihrem Wigwam; denn diese da wird kein Wasser mehr halten!«

Der Kundschafter hatte unter dem Sprechen sein Zündpulver geschüttelt und die Büchse gespannt; als er fertig war, setzte er einen Fuß rückwärts und hob die Mündung langsam in die Höhe; die Bewegung geschah sicher, gleichförmig und in einer und derselben Richtung. Als sie gänzlich wagrecht lag, ruhte sie einen Augenblick, ohne im geringsten zu zittern oder die Lage zu ändern, als ob Mann und Büchse in Stein gehauen wären. Während dieses Stillstands entlud sich ihr Inhalt in einem hellen, glänzenden Feuerstrom. Abermals sprangen die jungen Indianer vor; doch ihr hastiges Suchen und die Täuschung in ihren Blicken verkündeten, daß keine Spuren der Kugel zu sehen waren.

»Geh!« sprach der alte Häuptling zu dem Kundschafter im Tone tiefer Mißbilligung, »du bist ein Wolf in der Haut eines Hundes. Ich will mit der langen Büchse der Yengeese sprechen.«

»Ach, daß ich die Flinte hätte, welche mir den Namen gab, den du gebrauchst: ich wollte mich verbindlich machen, den Riemen durchzuschießen und die Kürbisflasche herabzuwerfen, ohne sie zu brechen!« sprach Hawk-eye, keineswegs außer Fassung gebracht durch das Benehmen des Andern: »Narren, wenn ihr die Kugel eines Scharfschützen aus diesen Wälder»finden wollt, müßt ihr in, nicht außer dem Ziele suchen!«

Die jungen Indianer verstanden seine Meinung sogleich, denn er sprach dies Mal delawarisch; sie rissen den Kürbis vom Baume herab und hielten ihn unter ausgelassenem Jubelgeschrei in die Höhe, auf ein Loch in dem Boden zeigend, das die Kugel, durch die gewöhnliche Mündung in der Mitte der obern Seite dringend, geschlagen hatte. Bei dieser unerwarteten Aufklärung brach ein lautes und stürmisches Beifallrufen aus dem Munde aller anwesenden Krieger. Es entschied die Frage und gab Hawk-eye den Besitz seines gefährlichen Ruhmes wieder. Die Augen voll Neugierde und Bewunderung, welche sich wieder zu Heyward gewandt hatten, blieben jetzt auf der verwitterten Gestalt des Kundschafters ruhen, und dieser war von nun an der Hauptgegenstand der Aufmerksamkeit für die einfachen und unverdorbenen Wesen um ihn her. Als die plötzliche, geräuschvolle Aufregung sich ein wenig gelegt hatte, nahm der betagte Häuptling sein Verhör wieder auf:

»Warum wolltest du meine Ohren stopfen?« fragte er wieder, an Duncan gewandt; »sind die Delawaren Thoren, daß sie nicht im Stande seyn sollen, den jungen Panther von der Katze zu unterscheiden?«

»Und doch werden sie in dem Huronen einen falschen Singvogel finden!« sprach Duncan, indem er sich bemühte, die Bildersprache der Eingebornen anzunehmen.

»Es ist gut. Wir werden sehen, wer die Ohren der Männer schließen kann. Bruder!« fügte der Häuptling hinzu, seine Augen auf Magua lenkend, »die Delawaren hören.«

So besonders und unmittelbar aufgefordert, seine Absicht zu erklären, erhob sich der Hurone, schritt mit großer Würde und Besonnenheit in die Mitte des Kreises, den Gefangenen gerade gegenüber, und schickte sich zum Sprechen an. Ehe er aber seinen Mund öffnete, ließ er seine Blicke langsam über den ganzen lebendigen Gürtel ernster Gesichter schweifen, als wollte er seinen Vortrag der Fassungskraft der Zuhörer anbequemen. Auf Hawk-eye warf er einen feindseligen und doch achtungsvollen Blick, auf Duncan einen des unauslöschlichsten Hasses: die zusammenschauernde Gestalt Alicens würdigte er kaum des Ansehens; als aber sein Auge der kühnen, gebieterischen, und doch so liebenswürdigen Erscheinung Coras begegnete, blieb es eine Weile mit einem Ausdrucke haften, der sich schwer beschreiben ließe. Dann sprach er, ganz von seinen finstern Plänen erfüllt, in der Sprache Kanadas, die, wie er wohl wußte, von den meisten seiner Zuhörer verstanden wurde.

»Der Geist, welcher die Menschen schuf, färbte sie auf verschiedene Weise,« begann der schlaue Hurone. »Die Einen sind schwärzer als der träge Bär. Diese, sprach er, sollen Sklaven seyn, und er gebot ihnen, gleich dem Biber, immerwährende Arbeit. Wenn der Südwind weht, mögt ihr sie stöhnen hören, an den Gestaden des großen Salzsees, lauter als die brüllenden Büffel, wo die großen Canoes sie heerdenweise bringen und wegführen. Andere schuf er mit Gesichtern, blasser als der Hermelin in den Wäldern: diese hieß er Krämer werden, Hunde gegen ihre Weiber und Wölfe gegen ihre Sklaven. Diesem Volke gab er die Natur der Taube, Schwingen, die nie müde werden, Junge, zahlloser als die Blätter der Bäume, und eine Freßlust, die Erde zu verschlingen. Er gab ihm Zungen, gleich dem falschen Rufe der wilden Katze, Herzen, wie den Kaninchen; die Schlauheit des Schweins (aber nicht die des Fuchses), und Arme, länger als die Beine des Mußthiers. Mit seiner Zunge stopft es die Ohren der Indianer; sein Herz räth ihm, Krieger zu dingen, um seine Schlachten auszukämpfen; seine Schlauheit lehrt ihn, die Schätze der Erde an sich zu raffen, und seine Arme umschließen das Land von den Gestaden des Salzwassers bis zu den Inseln der großen Seen. Seine Gefräßigkeit macht es krank, Gott gab ihm genug, und doch will es Alles haben. So sind die Blaßgesichter.

»Noch Andere schuf der große Geist mit Häuten, glänzender und röther, als die Sonne dort,« fuhr Magua fort, ausdrucksvoll gegen den matten Lichtkörper deutend, der sich durch die Nebelatmosphäre am Horizont kämpfte; »und diese bildete er nach seinem eigenen Sinn. Er gab ihnen dies Eiland, wie er es geschaffen hatte, bedeckt mit Bäumen und voll Wildes. Der Wind bahnte ihnen Lichtungen, die Sonne und der Regen reiften ihre Früchte und der Schnee kam, sie Dankbarkeit zu lehren. Was bedurften sie Straßen, um darauf zu reisen! Sie sahen durch die Berge. Wenn die Biber arbeiteten, lagen sie im Schatten und sahen ihnen zu. Die Winde kühlten sie im Sommer; im Winter hielten Felle sie warm. Wenn sie unter einander fochten, so war es nur, um sich als Männer zu erproben. Sie waren tapfer, sie waren gerecht, sie waren glücklich.«

Hier machte der Redner eine Pause und blickte abermals um sich, ob seine Worte das Gefühl der Zuhörer gewonnen hätten. Ueberall traf er auf Augen, die sich auf ihn richteten, die Häupter emporgehoben, die Nasenlöcher weit geöffnet, als ob jeder Einzelne Kraft und Muth in sich fühlte, das seinem Geschlecht widerfahrene Unrecht wieder gut zu machen.

»Wenn der große Geist seinen rothen Kindern verschiedene Sprachen gab,« fuhr er in gedämpftem, leisem, fast melancholischem Tone fort: »so war es, damit alle Thiere sie verstehen möchten. Die Einen wies er auf die Schneegefilde zu ihrem Vetter, dem Bären; Andere nach dem Untergang der Sonne, auf dem Wege nach den glücklichen Jagdgründen; Einige in die Länder um die großen frischen Wasser. Seinen Größesten und Geliebtesten aber gab er die sandigen Küstenflächen des Salzsee’s. Kennen meine Brüder den Namen dieses begünstigten Volkes?«

»Es waren die Lenapes!« riefen zwanzig Stimmen hastig und in einem Athem.

»Es waren die Lenni-Lenapes!« erwiederte Magua, das Haupt wie aus Ehrfurcht vor ihrer ehemaligen Größe beugend. »Es waren die Stämme der Lenapen! Die Sonne ging ihnen auf aus dem Wasser, das salzig, und ging unter in dem Wasser, das süß war: nie verbarg sie sich ihren Augen. Doch warum sollte ich, ein Hurone aus den Wäldern, einem weisen Volke seine eigenen Überlieferungen erzählen? Warum es erinnern an die erlittene Unbill, an seine alte Größe, seine Thaten, seinen Ruhm, sein Glück, seine Verluste, seine Niederlagen, sein Elend? Ist keiner unter ihnen, der das Alles mit angesehen hat, der weiß, daß ich Wahrheit rede? Ich bin zu Ende. Meine Zunge ist stumm, denn mein Herz ist von Blei. Ich höre.«

Als der Sprecher plötzlich verstummte, wandte sich jedes Gesicht und aller Augen, wie durch gemeinsamen Antrieb, auf den ehrwürdigen Tamenund. Von dem Augenblick an, da er seinen Sitz eingenommen, bis jetzt, hatten die Lippen des Patriarchen sich nicht geöffnet, und kaum war ihm ein Zeichen des Lebens entschlüpft. Er saß, von Schwäche niedergedrückt, und schien während der ganzen Eröffnungsscene, in der die Geschicklichkeit des Kundschafters sich so glänzend gezeigt hatte, auf nichts zu achten, was um ihn her vorging. Als aber Magua die Töne seiner Stimme unmerklich steigerte, zeigte er einige leise Theilnahme und hob sogar ein oder zwei Mal das Haupt, als wollte er lauschen. Als der schlaue Hurone aber seine Nation beim Namen nannte, öffneten sich die Augenlieder des alten Mannes, und er schaute auf die Menge mit jenem leeren, bedeutungslosen Ausdruck, den man dem Gesichte eines Gespenstes zuschreiben möchte. Er machte jetzt eine Anstrengung, aufzustehen: unterstützt von seinen beiden Freunden, ward er seiner Glieder mächtig und hatte nun eine Haltung gewonnen, die durch ihre Würde Ehrfurcht gebot, wiewohl seine Kniee vor Schwäche zitterten.

»Wer ruft die Kinder der Lenapen auf?« sprach er in tiefem Kehltone, der durch die athemlose Stille der Menge hörbar wurde; »wer spricht von Dingen, die vergangen sind? Wird nicht das Ei zum Wurme? der Wurm zur Fliege, die dann zu Grunde geht? Warum den Delawaren von Gütern sprechen, die verloren sind? lieber dem Manitto danken für das, was geblieben ist.«

»Ein Wyandot thut es,« sprach Magua, dem rohen Erdhügel näher tretend, auf welchem der Andere stand; »ein Freund von Tamenund.«

»Ein Freund!« wiederholte der Weise, dessen Braue sich finster zusammenzog, so daß sein Ausdruck einen Theil jener Strenge wieder gewann, welche sein Auge in früheren Jahren so furchtbar machte – »Sind die Mingo’s Herren der Erde? Was führt einen Huronen hieher?«

»Gerechtigkeit. Seine Gefangenen sind bei seinen Brüdern, und er kommt nach seinem Eigenthum.«

Tamenund wandte sein Haupt gegen einen der Alten, die ihn unterstützten, und ließ sich mit kurzen Worten berichten. Dann faßte er den Bittenden ins Auge, betrachtete ihn eine Weile mit tiefer Aufmerksamkeit und sprach mit leiser Stimme, zögernd:

»Gerechtigkeit ist das Gesetz des großen Manitto. Meine Kinder, gebt dem Fremden zu essen. Dann, Hurone, nimm, was dein ist und entferne dich!«

Nach diesem feierlichen Urtheilsspruch ließ sich der Patriarch nieder, schloß die Augen wieder, als hätte er größeres Gefallen an den Bildern seiner eigenen gereiften Erfahrung, als an den Gegenständen der Außenwelt. Gegen einen solchen Ausspruch zu murren, geschweige sich zu widersetzen, wagte kein Delaware. Diese Worte waren kaum ausgesprochen, als vier oder fünf jüngere Krieger hinter Heyward und den Kundschafter traten und ihre Arme so geschickt und schnell mit Riemen umschlangen, daß sie beide gänzlich gefesselt waren. Duncan war zu sehr in Anspruch genommen von seiner kostbaren, beinahe besinnungslosen Bürde, um ihre Absicht zu merken, ehe sie ausgeführt wurde; und Letzterer, der sogar die feindlich gesinnten Stämme der Delawaren als eine Art höherer Wesen betrachtete, unterwarf sich ohne Widerstand. Vielleicht hätte er sich nicht so leidend verhalten, wenn ihm die Mundart, in welcher das vorhergehende Gespräch geführt worden war, völlig verständlich gewesen wäre.

Magua warf einen Blick des Triumphes auf die ganze Versammlung umher, ehe er zur Ausführung seines Vorhabens schritt. Da er die Männer außer Stand sah, Widerstand zu leisten, wandte er sich nach Cora, auf deren Besitz er den größten Werth legte. Sie begegnete seinem Blicke mit einem so ruhigen und festen Auge, daß sein Entschluß zu wanken begann. Seines früheren Kunstgriffs gedenkend, nahm er Alice aus den Armen des Kriegers, an den sie sich lehnte, bedeutete Heyward, ihm zu folgen, und winkte der ihn umgebenden Menge, ihm einen Weg zu öffnen. Statt aber diesem Antrieb zu folgen, stürzte Cora zu den Füßen des Patriarchen, erhob ihre Stimme und rief: –

»Gerechter, ehrwürdiger Delaware, an deine Weisheit und Macht wenden wir uns um Gnade! Sey taub gegen jenes arglistige, gewissenlose Ungeheuer, das deine Ohren mit Falschheit vergiftet, um seinen Blutdurst zu stillen. Du, der du lange gelebt und die Nebel der Welt kennen gelernt hast, solltest das Elend der Unglücklichen zu mildern wissen!«

Die Augen des alten Mannes öffneten sich schwerfällig, und noch einmal blickte er auf die versammelte Menge. Als die durchdringenden Töne der Flehenden sein Ohr trafen, bewegten sie sich langsam nach Cora und blieben endlich fest auf ihr ruhen. Auf die Kniee geworfen und mit ineinandergeschlungenen, auf die Brust gedrückten Händen, war sie ein schönes, athmendes Musterbild ihres Geschlechts, während sie mit einer Art heiliger Ehrfurcht auf das verwelkte, aber majestätische Antlitz des Greises blickte. Allmählig veränderte sich der Ausdruck von Tamenund’s Zügen und ihre Leere ging in Bewunderung über; ein Theil jenes Geistes flog wieder über sie, dessen jugendliches Feuer ein Jahrhundert früher so oft in die Adern der Delawarenstämme überströmte. Ohne Hülfe, und wie es schien, ohne Anstrengung sich erhebend, fragte er mit einer Stimme, deren Festigkeit seine Zuhörer in Erstaunen setzte:

»Wer bist du?«

»Ein Weib – von einem verhaßten Geschlechte, wenn du willst – eine Yengee, aber ein Wesen, das dir nie Etwas zu Leide gethan hat und deinem Volk Nichts zu Leide thun kann, wenn es auch wollte, – ein Wesen, das dich um Beistand ansteht.«

»Sagt mir, meine Kinder,« fuhr der Patriarch mit heiserer Stimme fort, seiner Umgebung winkend, obgleich seine Augen immer noch auf der knienden Cora verweilten: »wo haben sich die Delawaren gelagert?«

»Auf den Bergen der Irokesen, jenseits der klaren Quellen des Horican.«

»Mancher sengende Sommer ist gekommen und gegangen,« fuhr der Weise fort; »seit ich von den Wassern meines eigenen Flusses getrunken habe. Die Kinder des Miquon sind die gerechtesten.

unter den weißen Männern; aber sie waren durstig und nahmen ihn für sich. Folgen sie uns so weit?«

»Wir folgen niemand nach; wir begehren nichts,« antwortete Cora. »Als Gefangene gegen unsern Willen wurden wir in eure Mitte gebracht und bitten nur um Erlaubniß, im Frieden zu den Unsrigen heimkehren zu dürfen. Bist du nicht Tamenund – der Vater – der Richter – fast möchte ich sagen, der Prophet – dieses Volkes?«

»Ich bin Tamenund, der so viele Tage erlebt hat.«

»Es sind jetzt sieben Jahre her, daß einer aus deinem Volk in den Händen eines weißen Häuptlings an den Gränzen dieser Provinz war. Er machte darauf Anspruch, von dem Blute des guten und gerechten Tamenund zu seyn. Geh‘, sprach der weiße Mann, um deines Verwandten willen bist du frei! Erinnerst du dich des Namens dieses englischen Kriegers?«

»Ich erinnere mich,« versetzte der Patriarch mit der eigenthümlichen Erinnerungsgabe des höchsten Alters, »als ich noch ein lachender Knabe war, stand ich an dem Sande des Meer-Ufers und sah ein großes Canoe mit Schwingen, weißer als die des Schwans und breiter als die vieler Adler vom Aufgang der Sonne kommen –»

»Nein, nein, ich spreche von keiner so fernen Zeit, sondern von einer Wohlthat, die der Meinigen Einer, einem Verwandten von dir erwiesen hat: dein jüngster Krieger kann sich dessen erinnern!«

»War es, als die Yengeese und die Holländer um die Jagdgebiete der Delawaren kämpften? Da war Tamenund ein Häuptling und vertauschte zuerst den Bogen mit dem Blitze der Blaßgesichter –«

»Auch da nicht,« unterbrach ihn Cora, »viele Jahrzehnte später! Ich rede von Etwas von gestern her. Gewiß, gewiß, – du hast es nicht vergessen!«

»Erst gestern noch,« fuhr der Alte mit rührendem Pathos fort, »waren die Kinder der Lenapen Herren der Welt. Die Fische des Salzsees, die Vögel, die Thiere und die Mengwe’s der Wälder erkannten sie als Sagamoren.«

Cora ließ bitter getäuscht ihr Haupt sinken und kämpfte einen Augenblick mit ihrem Schmerz; dann erhob sie ihr sprechendes Antlitz und ihre strahlenden Augen und fuhr in einem Tone fort, der beinahe ebenso eindringlich, als die überirdisch klingende Stimme des Patriarchen war:

»Sag‘ mir, ist Tamenund Vater?«

Mit einem wohlwollenden Lächeln auf seinen erstorbenen Zügen blickte der Greis auf sie herab, warf seine Augen langsam über die Versammlung und antwortete: »Vater einer Nation.« »Für mich selbst erbitte ich nichts. Wie bei dir und den Deinigen, ehrwürdiger Häuptling,« fuhr sie fort, ihre Hände krampfhaft auf das Herz gedrückt, und das Haupt so tief senkend, bis ihre glühenden Wangen von der Fülle glänzend schwarzer Locken, welche unordentlich über ihre Schultern fielen, beinahe bedeckt wurden – »ist der Fluch meiner Vorfahren schwer auf ihr Kind gefallen. Aber dort ist Eine, die nie zuvor des Himmels Ungunst gekannt hat. Sie ist die Tochter eines alten, schwachen Mannes, dessen Tage ihrem Ende nahe sind. Sie hat Viele, sehr Viele, die sie lieben, deren Wonne sie ist, und sie ist zu gut, viel zu kostbar, ein Opfer jenes Schurken zu werden!«

»Ich weiß, die Blaßgesichter sind ein stolzes und hungriges Geschlecht. Ich weiß, sie wollen nicht nur die Erde besitzen; selbst der Gemeinste ihrer Farbe soll besser als die Sachems der rothen Männer seyn. Die Hunde und die Krähen ihrer Stamme,« fuhr der ernste, alte Häuptling fort, ohne auf die tief verwundeten Gefühle seiner Zuhörerin zu achten, deren Haupt sich vor Scham beinahe in die Erde drückte; »würden bellen und krähen, ehe sie ein Weib, dessen Farbe nicht weiß wie der Schnee wäre, in ihre Wigwams nähmen. Aber sie mögen nicht zu laut vor Manitto’s Angesicht prahlen! Bei Sonnenaufgang kamen sie in’s Land, sie könnten´s wieder bei Sonnenuntergang verlassen müssen, Oft hab‘ ich die Heuschrecken das Laub von den Bäumen streifen sehen; aber die Zeit der Blüthen ist immer wieder gekommen.«

»So ist es,« sprach Cora, mit einem tiefen Seufzer, als ob sie aus einer Erstarrung wieder auflebte. Sie erhob ihr Gesicht, warf ihren glänzenden Schleier zurück, und fuhr fort, mit einem Auge, dessen Feuer der tödtlichen Blässe ihres Gesichtes widersprach; »aber warum? dürfen wir nicht fragen. Doch noch Einer von deinem eigenen Volke ist da, der noch nicht vor dich gebracht worden ist; ehe du den Huronen im Triumphe fortziehen lassest, höre ihn!«

Als Tamenund zweifelhaft um sich blickte, sprach einer seiner Geleiter:

»Es ist eine Schlange – eine Rothhaut im Solde der Yengeese. Wir behalten ihn für die Marter.«

»Laßt ihn kommen!« sprach der Weise.

Noch einmal sank Tamenund auf seinen Sitz zurück, und während die jungen Krieger sich anschickten, seinem einfachen Befehl zu willfahren, herrschte eine so tiefe Stille, daß man die Blätter auf den Bäumen des Waldes umher, von dem Hauche eines leichten Morgenwindes hin und her getrieben, deutlich säuseln hörte.

Dreißigstes Kapitel.

Dreißigstes Kapitel.

Wenn Ihr’s mir weigert, pfui auf Eu’r Gesetz
Dann sind Venedigs Urtheil‘ ohne Kraft:
Ich will mein Recht; antworte, soll ich’s haben?
Shakespeare.

Manche ängstliche Minuten dauerte das Stillschweigen und kein Menschenlaut unterbrach es. Dann öffnete sich die wogende Menge, schloß sich wieder und Uncas stand in dem Kreise der Versammelten. Aller Augen, welche bisher in den Gesichtszügen des Weisen, als dem Born ihrer Einsicht, neugierig geforscht hatten, wandten sich jetzt und hafteten in stiller Bewunderung auf der hohen, geschmeidigen, tadellosen Gestalt des Gefangenen. Aber weder die ganze Umgebung, noch die ausschließliche Aufmerksamkeit, die er auf sich zog, störte die Selbstbeherrschung des jungen Mohikaners. Er warf einen bedächtigen, beobachtenden Blick um sich her und begegnete dem entschiedenen feindseligen Ausdruck der Häuptlinge mit derselben Ruhe, wie dem neugierigen Gaffen der Kinder. Als aber sein stolzes und forschendes Auge zuletzt auf Tamenund fiel, blieb es ruhen, als ob alle andere Gegenstände vergessen wären. Dann trat er mit leisem, geräuschlosem Schritt auf dem Platze vor, unmittelbar zu dem erhöhten Stuhle des Weisen. Hier stand er unbeachtet, Jenen scharf ins Auge fassend, bis einer der Häuptlinge Tamenund von seiner Gegenwart in Kenntniß setzte.

»In welcher Sprache spricht der Gefangene mit Manitto?« fragte der Patriarch, ohne die Augen aufzuschlagen.

»In der seiner Väter,« antwortete Uncas; »in der Sprache der Delawaren.«

Auf diese plötzliche, unerwartete Aeußerung lief ein gedämpftes, wildes Murren durch die Menge hin, dem Brummen des Löwen vergleichbar, wenn seine Leidenschaft erwacht: ein furchtbares Vorzeichen künftigen Grimmes. Der Eindruck dieser Worte auf den Weisen war ebenso stark, obgleich er sich auf andere Art zu erkennen gab. Er fuhr mit der Hand über die Augen, als wolle er sie vor einem so schmachvollen Anblick ferne halten, und wiederholte in seinen leisen Kehllauten die so eben gehörten Worte:

»Ein Delaware! Ich habe erlebt, daß die Stämme der Lenapen, von ihren Versammlungsfeuern vertrieben, gleich zersprengten Rudeln Wildes zwischen die Berge der Irokesen zerstreut wurden. Ich habe die Aexte eines fremden Volkes die Wälder in den Thälern fällen sehen, welche die Stürme des Himmels verschont hatten. Ich habe gesehen, wie das Wild, das auf den Bergen geht, und die Vögel, welche über die Bäume stiegen, in den Wigwams der Menschen leben, aber noch nie zuvor hab‘ ich gefunden, daß ein Delaware so niederträchtig war, einer giftigen Schlange gleich, in die Lager seiner Nation zu kriechen.«

»Die Singvögel haben ihre Schnäbel geöffnet,« entgegnete Uncas in den sanftesten Tönen seiner melodischen Stimme; und Tamenund hat auf ihren Gesang gehört!«

Der Weise fuhr empor und neigte sein Haupt auf die Seite, als wollte er die fliehenden Töne einer verklungenen Melodie erhaschen.

»Träumt Tamenund?« rief er. »Welche Stimme klingt in seinem Ohr? Sind die Winter rückwärts gegangen? Wird der Sommer wieder zu den Kindern der Lenapen kommen?«

Feierliches, ehrfurchtsvolles Schweigen folgte diesem unzusammenhängenden Ausbruch aus dem Munde des delawarischen Propheten. Sein Volk bildete diese unverständliche Rede gerne zu einer jener geheimnißvollen Unterredungen, die er, wie sie glaubten, öfter mit einem höheren Wesen pflege; und Alle erwarteten mit heiliger Scheu den Schluß der Offenbarung. Nach einer langen Pause jedoch wagte einer der betagten Männer, als er wahrnahm, daß der Weise die Erinnerung an den anwesenden Fremdling ganz verloren habe, ihn an den Gefangenen zu mahnen.

»Der falsche Delaware zittert, Tamenund’s Worte zu vernehmen,« sprach er. »Es ist ein Spürhund, welcher heult, wenn ihm die Yengeese eine Fährte zeigen.«

»Und ihr,« entgegnete Uncas, finster um sich blickend, »seyd Hunde, welche winseln, wenn euch der Franzmann den Abfall von seinem Wilde vorwirft!«

Zwanzig Messer blitzten in der Luft und eben so viele Krieger sprangen nach dieser beißenden und vielleicht gerechten Erwiederung auf, aber ein Wink eines der Häuptlinge unterdrückte den Ausbruch ihrer Wuth und stellte scheinbar die Ruhe wieder her. Dies wäre vielleicht schwieriger gewesen, hatte nicht Tamenund durch eine Bewegung angedeutet, daß er wieder sprechen wolle.

»Delaware,« begann der Weise wieder, »wenig verdienst du deinen Namen. Mein Volk hat seit vielen Wintern keinen hellen Sonnenschein gesehen, und der Krieger, welcher seinen Stamm verläßt, wenn Wolken ihn verhüllen, ist ein doppelter Verräther. Manitto’s Gesetz ist gerecht. So ist es: so lange die Ströme fließen und die Berge stehen, so lange die Blüthen auf den Bäumen kommen und wieder gehen, muß es so seyn. Er ist euer, meine Kinder, verfahrt mit ihm nach Gerechtigkeit.«

Kein Glied hatte sich bewegt, kein Athemzug hatte sich lauter und länger hören lassen, bis die letzte Silbe dieses Endurtheils Tamenund’s Lippen entflohen war. Jetzt aber erscholl mit Einemmal ein Rachegeschrei, wie es schien, aus dem Munde der ganzen Nation, ein schrecklicher Vorbote ihrer barbarischen Absichten. Mitten unter diesem langanhaltenden, wilden Geheul verkündete ein Häuptling mit lauter Stimme, der Gefangene sey verurtheilt, die schreckliche Probe der Feuerqual zu bestehen. Der Kreis löste sich unordentlich auf und frohlockende Rufe mischten sich in den Lärm und Tumult der Zurüstungen. Heyward rang halb wahnsinnig mit seinen Siegern: Hawk-eye begann ängstlich und mit besonderem Ernste um sich zu blicken, und Cora warf sich dem Patriarchen zu Füßen, noch einmal seine Gnade anzuflehen. In diesen Augenblicken der Prüfung war Uncas allein heiter geblieben. Standhaft blickte er auf die Vorbereitungen, und als die Quäker nahten, um ihn zu ergreifen, erwartete er sie in fester, aufrechter Haltung. Einer unter ihnen, wo möglich noch grimmiger und wilder als die Andern, griff den jungen Krieger bei seinem Jagdhemd und zerrte es ihm mit einem Griff vom Leibe, Dann stürzte er mit wahnsinnigem Jubel auf sein widerstandloses Schlachtopfer, um es an den Pfahl zu führen. In dem Augenblick aber, da der Wille den Gefühlen der Menschlichkeit am meisten entfremdet schien, hielt er so plötzlich inne, als ob eine übernatürliche Macht für Uncas gesprochen hätte. Die Augäpfel des Delawaren schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen; sein Mund öffnete sich und seine ganze Gestalt war vor Erstaunen wie erstarrt. Langsam und gemessen erhob er seine Hand und wies mit dem Finget auf die Brust des Gefangenen, Seine Begleiter drängten sich verwundert um ihn, und aller Augen waren, gleich den seinigen, auf die Gestalt einer kleinen Schildkröte geheftet, die in glänzend blauer Farbe auf die Brust des Gefangenen tättowirt war.

Ruhig lächelnd genoß Uncas einen Augenblick seines Triumphes. Dann wies er die Menge mit einer stolzen Bewegung seines Armes zurück, trat mit der Würde eines Königs vor das Volk und sprach mit einer Stimme, welche das laut werdende Gemurmel der Bewunderung übertönte:

»Männer der Lenni-Lenapen! Mein Geschlecht trägt die Erde! Euer schwacher Stamm steht auf meiner Schale! – Welches Feuer, von einem Delawaren angezündet, würde das Kind meiner Väter verbrennen?« fuhr er fort, mit Stolz auf den einfachen Bilderschmuck seiner Haut deutend. »Das Blut aus einem solchen Born müßte eure Flammen ersticken. Mein Geschlecht ist der Großvater von Nationen!«

»Wer bist du?« fragte Tamenund und erhob sich, mehr in Folge der erschütternden Laute, die in sein Ohr drangen, als eines aus den Worten des Gefangenen geschöpften Sinnes. »Uncas, der Sohn Chingachgook’s!« antwortete der Gefangene bescheiden, sich von der Menge wendend und sein Haupt ehrerbietig vor dem Rang und den Jahren des Andern beugend; »ein Sohn des großen Unamis!«

»Tamenund’s Stunde ist nahe!« rief der Weise; »der Tag hat sich endlich zur Nacht gewendet! Ich danke dem Manitto, daß Einer hier ist, meinen Platz an dem Versammlungsfeuer einzunehmen. Uncas, das Kind des Uncas ist gefunden! Laßt die Augen des sterbenden Adlers in die aufgehende Sonne blicken!«

Der Jüngling trat leichten, aber stolzen Schrittes auf die Erhöhung hinan, wo er der ganzen bewegten und verwunderten Menge sichtbar ward. Tamenund hielt ihn lange an seinem Arme gefaßt vor sich, und nahm jeden Zug des schönen Antlitzes in sich auf, mit unverwandtem Auge auf Uncas schauend, wie Einer, der sich glückliche Tage wieder zurückruft.

»Ist Tamenund ein Knabe?« rief der verwirrte Prophet endlich aus. »Habe ich von so manchem Winter geträumt – geträumt, daß mein Volk gleich dem fluthenden Sande zerstreut worden ist – von den Yengeese, zahlreicher als die Blätter auf den Bäumen! Tamenund’s Pfeil würde das Hirschkalb nicht mehr schrecken, sein Arm ist welk, wie der Ast einer abgestorbenen Eiche; die Schnecke würde schneller im Wettlauf seyn; und doch steht Uncas vor ihm, wie damals, als sie zum Kampfe mit den Blaßgesichtern zogen! Uncas, der Panther seines Stammes, der älteste Sohn der Lenapen, der weiseste Sagamore der Mohikaner! Sagt mir, ihr Delawaren, hat Tamenund hundert Winter lang geschlafen?«

Die ruhige, tiefe Stille, die diesen Worten folgte, verkündete zur Genüge, mit welch ehrerbietiger Scheu die Mittheilung des Patriarchen von seinem Volke aufgenommen worden war. Niemand wagte zu antworten, und Alle starrten in athemloser Erwartung, was folgen werde. Uncas aber, der ihm mit der Zärtlichkeit und Verehrung eines Lieblingskindes ins Antlitz sah, erwiederte, auf seine hohe, anerkannte Stellung vertrauend:

»Vier Krieger seines Geschlechts haben gelebt und sind gestorben, seit Tamenund’s Freund sein Volk in die Schlacht führte. Das Blut der Schildkröte rann in den Adern vieler Häuptlinge; sie sind aber in die Erde zurückgekehrt, aus der sie kamen, außer Chingachgook und seinem Sohn.«

»Es ist wahr – es ist wahr,« versetzte der Weise, dem ein Blitz der Erinnerung alle die lieblichen Bilder zerstörte und ihm mit einemmale das wahre Bewußtseyn von der Geschichte seines Volkes wiedergab. »Unsere weisen Männer haben oft gesagt, daß zwei Krieger aus dem alten, wandellosen Geschlechte noch in den Bergen der Yengeese weilten. Warum sind ihre Sitze bei den Versammlungsfeuern der Delawaren so lange leer geblieben?«

Bei diesen Worten richtete der junge Wann sein Haupt empor, das er seither ehrerbietig gesenkt hielt, erhob seine Stimme, um vor der ganzen Menge mit einem Male die Politik seiner Familie zu erläutern und sprach laut:

»Es war eine Zeit, da wir in unserem Schlafe den Salzsee in seiner Wuth sprechen hören konnten. Damals waren wir Herrscher und Sagamoren über das Land. Als sich aber an jedem Bache ein Blaßgesicht zeigte, folgten wir dem Wilde, zurück nach dem Flusse unserer Nation. Die Delawaren waren fortgezogen. Wenige Krieger nur blieben, um von dem Strome zu trinken, den sie liebten. Dann sagten meine Väter: hier wollen wir jagen. Die Wasser des Flusses gehen in den Salzsee. Gehen wir dem Untergang der Sonne zu, so finden wir Ströme, welche in die großen Seen von süßem Wasser fließen: da würde ein Mohikaner sterben, gleich dem Fische der See, wenn er in das klare Wasser kommt. Wenn Manitto bereit ist und spricht: kommet! so folgen wir dem Flusse nach dem Meere und nehmen wieder was unser ist. Dies, Delawaren, ist der Glaube der Kinder der Schildkröte. Unsere Augen blicken nach der aufgehenden, nicht nach der niedergehenden Sonne. Wir wissen, woher sie kommt, aber nicht, wohin sie geht. Es ist genug!«

Die Männer der Lenapen hörten seinen Worten mit all der Achtung zu, die der Aberglaube zu leihen vermag, und fanden selbst in der bildlichen Sprache, in welcher der junge Sagamore feine Gedanken mittheilte, einen geheimen Reiz. Uncas selbst beobachtete mit kundigem Ange den Eindruck dieser kurzen Erläuterung und stimmte den Ton der Hoheit, welchen er angenommen hatte, allmählig wieder herab, als er bemerkte, daß seine Zuhörer befriedigt waren. Sein Blick, der über die, um Tamenund’s erhabenen Sitz versammelte Menge schweifte, traf Hawk-eye in seinen Banden. Ungestüm vorschreitend drängte er sich zu seinem Freunde heran, durchschnitt mit schneller, ungeduldiger Hand die Riemen und winkte der Menge, sich zu theilen. Die Indianer gehorchten schweigend und wieder bildeten sie einen Kreis, gleich dem vor des Jünglings Erscheinen unter ihnen, Uncas nahm den Kundschafter bei der Hand und führte ihn zu den Füßen des Patriarchen.

»Vater,« sprach er, »sieh dieses Blaßgesicht an; er ist ein gerechter Mann und ein Freund der Delaware«.«

»Ist er ein Sohn Miguon’s?«

»Nicht doch; ein Krieger, bekannt unter den Yengeese und gefürchtet von den Maquas.«

»Welchen Namen hat er durch seine Thaten gewonnen?«

»Wir nennen ihn Hawk-eye!« versetzte Uncas, des Delawarischen Ausdrucks sich bedienend, »denn sein Blick fehlt nie. Die Mingos kennen ihn noch besser durch den Tod, den er unter ihre Krieger bringt: bei ihnen heißt er die lange Büchse.«

»La longue Carabine!« lief Tamenund, seine Augen öffnend, und den Kundschafter streng ansehend. »Mein Sohn hat nicht wohl gethan, ihn Freund zu nennen.«

»Ich nenne den so, der sich als solchen erweist,« entgegnete der junge Häuptling mit großer Ruhe, aber mit fester Miene. »Wenn Uncas unter den Delawaren willkommen ist, so ist auch Hawk-eye bei Freunden.«

»Das Blaßgesicht hat meine jungen Männer erschlagen; sein Name ist groß durch die Streiche, welche er gegen die Lenapen geführt hat.«

»Wenn ein Mingo dies den Delawaren in das Ohr geflüstert hat, so hat er nur bewiesen, daß er ein Lügen-Vogel ist,« sprach der Kundschafter, der nun die Zeit vorhanden glaubte, sich selbst von so beleidigenden Anschuldigungen zu reinigen. Er bediente sich der Mundart des Mannes, an welchen er sich wandte, bequemte aber die indianische Bildersprache seinen eignen Begriffen an. »Zu läugnen, daß ich die Maquas erschlagen habe, dazu bin ich der Mann nicht, selbst nicht vor ihren eignen Versammlungsfeuern; aber daß wissentlich meine Hand jemals einem Delawaren etwas zu Leide gethan, widerstreitet meiner innersten Natur, die freundlich für sie gesinnt ist.«

Ein leiser Ausruf des Beifalls lief durch die Krieger hin, und sie wechselten Blicke mit einander, wie Menschen, die einen Irrthum inne werden.

»Wo ist der Hurone?« fragte Tamenund. »Hat er meine Ohren verstopft?«

Magua, dessen Gefühle während dieses Auftritts, in welchem Uncas seinen Triumph feierte, leichter zu denken als zu beschreiben sind, antwortete dem Ruf, indem er keck vor den Patriarchen hintrat.

»Der gerechte Tamenund,« sprach er, »wird nicht behalten, was ein Hurone ihm geliehen hat.«

»Sag‘ mir, Sohn meines Bruders,« war des Weisen Antwort, der das finstere Gesicht Le Subtil’s vermied und mit Vergnügen auf Uncas‘ sinnvollen Zügen verweilte; »hat der Fremde das Recht des Siegers über dich?« »Er hat keines. Der Panther kann in Schlingen gerathen, die ihm Weiber legten; aber er ist stark und weiß über sie zu springen.«

»La longue Carabine?«

»Er lacht der Mingos. Geh, Hurone, frag‘ deine Squaws nach der Farbe des Bären!«

»Der Fremde und das weiße Mädchen, die zusammen in mein Lager kamen?«

»Sie sollen auf offenem Pfade reisen.«

»Und das Weib, das der Hurone bei meinen Kriegern zurückließ?«

Uncas erwiederte nichts.

»Und das Weib, das der Mingo in mein Lager brachte?« wiederholte Tamenund mit Würde.

»Sie ist mein!« schrie Magua, seine Hand triumphirend gegen Uncas schwingend. »Mohikaner, du weißt, daß sie mein ist.«

»Mein Sohn ist stumm,« sprach Tamenund und bemühte sich, in dem Antlitz zu lesen, das der Jüngling bekümmert von ihm abwandte.

»Es ist so!« war seine leise Antwort.

Eine kurze, bedeutungsvolle Pause folgte, und es war offenbar, mit welchem Widerwillen die Menge das Recht von Magua’s Ansprüchen einräumte. Endlich sprach der Weise, von dem allein die Entscheidung abhing, mit fester Stimme:

»Hurone, entferne dich!«

»Wie ich kam, gerechter Tamenund,« fragte der schlaue Mingo, »oder mit Händen, gefüllt durch die Treue der Delawaren? Der Wigwam Le Renard Subtil’s ist leer. Mache ihn stark mit dem, was sein ist!«

Der alte Mann sann einen Augenblick für sich nach; dann wandte er das Haupt gegen einen seiner ehrwürdigen Begleiter und fragte:

»Sind meine Ohren offen?« »So ist es!«

»Ist dieser Mingo ein Häuptling?«

»Der Erste in seiner Nation!«

»Mädchen, was willst du? Ein großer Krieger nimmt dich zum Weib. Geh, dein Geschlecht wird nimmer enden.«

»Tausendmal eher mag es enden,« rief Cora, vor Entsetzen schaudernd, »als solcher Schmach begegnen!«

»Hurone, ihr Geist ist in den Zelten ihrer Väter. Ein Mädchen, das gegen seinen Willen den Wigwam betritt, bringt Unglück herein.«

»Sie spricht mit der Zunge ihres Volks,« entgegnete Magua, sein Schlachtopfer mit bitterem Spotte betrachtend. Sie ist aus einem Geschlecht von Krämern, und feilscht mit einem freundlichen Blick. Laßt Tamenund die Worte sprechen!«

»Nimm dir das Wampum und unsere Gunst!«

»Nichts will Magua mit sich nehmen als was er hierher gebracht.«

»So entferne dich mit dem, was dein ist. Der große Manitto verbietet dem Delawaren, ungerecht zu seyn.«

Magua trat vor und faßte seine Gegangene mit fester Hand am Arme; die Delawaren wichen schweigend zurück, und Cora, als fühlte sie, daß jede weitere Vorstellung nutzlos sey, wollte sich ohne Widerstand in ihr Schicksal ergeben.

»Halt! halt!« rief Duncan, vorstürzend; »Hurone, Hab‘ Erbarmen! Ihr Lösegeld soll dich reicher machen, als je Einer deines Stammes gewesen seyn kann.«

»Magua ist eine Rothhaut, er bedarf des Flitters der Blaßgesichter nicht.«

»Gold, Silber, Pulver, Blei – Alles, was ein Krieger bedarf, soll in deinem Wigwam seyn; Alles, was dem größten Häuptling gebührt.«

»Le Subtil ist sehr stark,« rief Magua, heftig die Hand schüttelnd, mit der er Cora’s widerstandlosen Arm gefaßt »seine Rache ist erfüllt.«

»Allmächtiger Lenker der Schicksale!« rief Heywald, verzweiflungsvoll die Hände in einander ringend, »kann das zugelassen werden? An dich, gerechter Tamenund, wende ich mich, hab‘ Erbarmen!«

»Die Worte des Delawaren sind gesprochen!« entgegnete der Weise, seine Augen schließend, und erschöpft von geistiger und leiblicher Anstrengung in seinen Sitz zurücksinkend, »Männer sprechen nicht zweimal.«

»Daß ein Häuptling seine Zeit nicht damit verschwendet, was er einmal gesprochen hat, zurückzunehmen, ist weise und vernünftig,« sprach Hawk-eye, Duncan winkend, zu schweigen; »aber es ist auch klug von jedem Krieger, sich vorher wohl zu bedenken, ehe er den Tomahawk nach dem Haupte seines Gefangenen wirft. Hurone, ich liebe dich nicht; noch kann ich sagen, daß je ein Mingo meiner Gunst sich erfreut hätte. Es läßt sich wohl annehmen, daß, wenn dieser Kampf nicht bald ein Ende nimmt, noch mancher Krieger von Euch mir in diesen Wäldern begegnet. Betrachte dir einmal, was wolltest du lieber: eine Gefangene wie dieses Mädchen in dein Lager nehmen, oder einen Mann wie ich, den deine Nation mit Freuden empfangen würde, käme er mit nackten Händen?«

»Will ›die lange Büchse‹ sein Leben für ein Weib hingeben?« fragte Magua zögernd: denn er hatte bereits eine Bewegung gemacht, mit seinem Schlachtopfer den Platz zu verlassen.

»Nein, nein, so viel hab‘ ich nicht gesagt,« erwiederte Hawkeye, mit angemessener Vorsicht zurücktretend, als er sah, mit welcher Begierde Magua auf seinen Vorschlag hörte. »Es wäre ein ungleicher Tausch, einen Krieger in der Blüthe seiner Jahre und seiner Kraft für das beste Weib in den Gränzprovinzen zu geben. Ich könnte mich dazu entschließen, in die Winterquartiere zu gehen, jetzt – wenigstens sechs Wochen, ehe die Blätter ihre Farbe wechseln – unter der Bedingung, daß du das Mädchen frei ließest.«

Magua schüttelte den Kopf und gab der Menge ungeduldig ein Zeichen, ihn durchzulassen.

»Wohlan denn,« fuhr der Kundschafter fort mit der nachdenklichen Miene eines Mannes, der noch nicht im Reinen mit sich ist, »ich geb‘ den Wildtödter noch in den Kauf. Nimm das Wort eines erfahrenen Jägers, das Gewehr hat auf der ganzen Gränze seines Gleichen nicht.«

Magua verschmähte zu antworten und bemühte sich fortwährend, durch die Menge zu dringen.

»Vielleicht,« setzte der Kundschafter hinzu, der immer mehr von seiner angenommenen Kälte verlor, je mehr Gleichgültigkeit der Andere gegen den Tausch bezeigte: »vielleicht vergleichen wir uns doch noch, wenn ich verspreche, eure jungen Leute den rechten Gebrauch dieser Waffe zu lehren.«

Le Renard befahl den Delawaren, die, in der Hoffnung, er werde auf diesen Vorschlag achten, immer noch einen undurchdringlichen Gürtel um ihn bildeten, trotzig, ihm einen Weg zu öffnen und sein Blick drohte eine zweite Berufung auf die unfehlbare Gerechtigkeit ihres Propheten.

»Was geschehen soll, muß früher oder später eintreffen,« fuhr Hawk-eye mit einem trauervollen, niedergeschlagenen Blicke auf Uncas fort. »Der Schurke kennt seinen Vortheil und nützt ihn! Gott segne dich, Junge, du hast Freunde unter deinem eigenen Geschlechte gefunden, und ich hoffe, sie werden dir so treu seyn, als die Genossen aus unvermischtem Blute, denen du begegnet bist. Was mich betrifft, so muß ich doch früher oder später sterben; es ist deshalb ein Glück, daß es nur Wenige sind, die Todtenlieder für mich anstimmen können. Wahrscheinlich wäre es den Teufelskindern doch einmal geglückt, mir den Skalp abzuziehen, und ein oder zwei Tage werden in der großen Zeitrechnung der Ewigkeit nicht viel Unterschied machen, Gott segne dich,« fuhr der rauhe Waidmann fort, indem er sein Haupt zur Seite neigte, dann sogleich wieder hob, den Jüngling scharf in’s Auge fassend, »ich habe dich und deinen Vater geliebt, Uncas, obgleich unser Haut nicht von einer Farbe und unsere Gaben etwas verschieden sind. Sag‘ dem Sagamoren, ich hätte ihn auch im größten Gedränge nie aus dem Auge verloren; und du, gedenke zuweilen meiner, wenn du auf einer glücklichen Fährte bist, und verlaß‘ dich darauf, Junge, ob es nun einen oder zwei Himmel gibt, ein Pfad in der andern Welt muß seyn, auf dem ehrliche Männer wieder zusammen kommen. Du wirst die Büchse an der Stelle finden, wo wir sie versteckten; nimm sie und behalte sie zum Gedächtniß: und höre. Junge, da deine Farbe dir die Rache nicht verbietet, so laß sie ein wenig frei gegen die Mingo’s gewähren. Es wird den Schmerz über meinen Verlust erleichtern und dein Gemüth besänftigen. Hurone, ich nehme dein Anerbieten an. Lass‘ das Mädchen los. Ich bin dein Gefangener.«

Ein unterdrücktes, aber immer deutliches Murmeln des Beifalls lief durch die Menge hin über diesen edelmüthigen Entschluß: selbst die wildesten unter den Delawaren-Kriegern bezeigten ihre Freude über die Männlichkeit eines solchen Opfers. Magua zögerte, und ängstliche Erwartung begleitete seine Unentschlossenheit; dann warf er seine Augen auf Cora, mit einem Ausdruck, in dem Wildheit und Bewunderung seltsam gemischt war, und sein Entschluß war für immer gefaßt. Mit einer Bewegung des Kopfes deutete er sein Verschmähen des Anerbietens an, und sprach in festem, sicherem Tone:

»Le Renard Subtil ist ein großer Häuptling, er hat nur einen Sinn. Komm,« fügte er hinzu, indem er seine Hand vertraulich auf die Schulter der Gefangenen legte, um sie vorwärts zu drängen, »ein Hurone ist kein Schwätzer; wir wollen gehen,« Das Mädchen wich mit hoher, weiblicher Würde zurück, und ihr dunkles Auge funkelte, während ihr vor Unmuth das Blut, dem flüchtigen Glanze der Sonne gleich, bis an die Schläfe trat.

»Ich bin deine Gefangene und werde bereit seyn, dir zur Zeit, sey es auch zum Tode, zu folgen. Aber es bedarf keiner Gewalt,« fuhr sie kaltblütig fort, indem sie sich unmittelbar darauf an Hawk-eye wandte: »Edelmüthiger Jäger,« sprach sie, »von Grund meines Herzens dank‘ ich Euch. Euer Anerbieten ist vergeblich, es war unmöglich es anzunehmen, aber immer könnt Ihr mir noch Dienste leisten, selbst größere, als in Eurem edlen Entschlusse lagen. Seht das Kind an, wie es sich abhärmt, vom Unglück gebeugt! Verlaßt sie nicht, ehe sie in den Wohnungen civilisirter Menschen ist. Ich will nicht sagen,« fuhr sie fort, die harte Hand des Jägers in der ihrigen drückend, »daß ihr Vater Euch belohnen wird: denn Männer wie Ihr stehen über dem Lohn der Menschen; aber er wird Euch danken und Euch segnen. Und glaubt mir, der Segen eines gerechten und alten Mannes findet Gnade in den Augen des Himmels. Wollte Gott, ich könnte ihn in diesem schauerlichen Augenblicke von seinen Lippen vernehmen,« Die Stimme versagte ihr und einen Augenblick schwieg sie. Dann trat sie einen Schritt näher auf Duncan zu, der ihre besinnungslose Schwester unterstützte, und fuhr in leisem Tone fort, in welchem ihr Gefühl mit der Sitte ihres Geschlechtes furchtbar kämpften: »ich darf Ihnen nicht empfehlen, über den Schatz zu wachen, den Sie besitzen sollen. Sie lieben Alice, Heyward, dies würde tausend Fehler bedecken, wenn sie deren hätte. Sie ist so gut, so sanft, so süß, so edel, als eine Sterbliche seyn kann. – Kein Fehl haftet an Geist oder Leib, den der stolzeste Mann tadeln könnte! Sie ist schön – oh! wie über die Maßen schön!« Hier legte sie ihre schöne, wenn gleich minder blendende Hand in melancholischer Zärtlichkeit auf Alicens Alabasterstirne, das goldene Haar, das über die Brauen fiel, mit ihren Fingern theilend, »und gleichwohl ist ihre Seele rein und so makellos, wie ihre Haut. Ich könnte noch viel sagen, mehr vielleicht als die kältere Vernunft gutheißen würde; aber ich will Sie und mich schonen.« Ihre Stimme wurde unhörbar und ihr Gesicht beugte sich über die Schwester. Nach einem langen glühenden Kuß erhob sie sich, und mit der Farbe des Todes auf ihren Zügen, aber ohne eine Thräne in dem fieberhaft glänzenden Auge, sprach sie so würdevoll, als je: »Nun, wenn es dein Wille ist, will ich dir folgen!«

»Ja, geh‘!« rief Duncan, indem er Alice den Armen eines Indianermädchens übergab, »geh‘, Magua, geh‘! Diese Delawaren haben ihre Gesetze, welche ihnen verbieten, dich zurückzuhalten; aber mich – mich bindet kein solcher Zwang. Geh‘, boshaftes Ungeheuer, – warum zögerst du noch?«

Es würde schwer seyn, den Ausdruck zu beschreiben, mit welchem Magua diese Drohung anhörte. Zuerst war es wilde, unverholene Freude, die aber bald in die Miene kaltblütiger Verschmitztheit überging. »Die Wälder sind offen,« antwortete er ruhig, »die ›offene Hand‹ kann kommen.«

»Halt!« rief Hawk-eye, Duncan am Arm ergreifend und mit Gewalt zurückhaltend; »Ihr kennt die List des Schurken nicht. Er würde euch in einen Hinterhalt führen und euer Tod –«

»Hurone,« unterbrach sie Uncas, welcher, der strengen Sitte seines Volkes getreu, ruhig, aber aufmerksam zugehört hatte; »Hurone, die Gerechtigkeit der Delawaren kommt von Manitto. Sieh nach der Sonne; noch ist sie in den obersten Aesten jener Schierlingstannen: dein Pfad ist kurz und offen. Wenn sie über den Bäumen steht, werden Männer auf deiner Fährte seyn!«

»Ich höre eine Krähe!« rief Magua mit höhnischem Gelächter. »Geht!« fuhr er fort, seine Hand gegen die Menge schüttelnd, die ihm nur mit Widerstreben einen Durchzug öffnete – »Wo sind die Weiberröcke der Delawaren? Sie mögen ihre Pfeile und Büchsen den Wyandot’s schicken, sie sollen Wildpret zu essen und Korn zu behacken erhalten! Hunde, Kaninchen, Diebe – Ich speie euch an!«

Mit düsterem, Unheil weissagendem Schweigen wurde die Hohnrede des Scheidenden angehört, und mit diesem Spott im Munde trat der triumphirende Magua unangefochten in den Wald, gefolgt von der widerstandlosen Gefangenen und beschützt durch die unverletzlichen Gesetze indianischer Gastfreundschaft.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Spricht auch des Waldes edles Thier
Sein Recht an in dem Jagdrevier;
Gibt man dem Hirsche Raum und Frist,
Eh‘ springt der Hund, der Bogen zischt: –
Wo, wie den Schleicher Fuchs man schlägt,
Wann man ihn fängt, doch Niemand frägt.
Die Jungfrau vom See.

Nicht leicht findet man die Lager der Eingebornen gleich denen der besser unterrichteten Weißen von bewaffneten Kriegern bewacht. Von dem Nahen jeder Gefahr, während sie noch ferne ist, wohl unterrichtet, bleibt der Indianer im Allgemeinen sicher mit seiner Kenntniß der Zeichen des Waldes und im Vertrauen auf die langen und schwierigen Pfade, die ihn von den gefürchtetsten Gegnern trennen. Der Feind, der durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen Mittel gefunden, die Wachsamkeit der Kundschafter zu täuschen, begegnet in der Nähe ihrer Wohnungen selten Schildwachen, welche Lärm machen könnten. Zudem kannten die den Franzosen befreundeten Stämme das Gewicht des Schlages zu gut, der ihre Feinde eben betroffen hatte, um unmittelbare Gefahr von den Nationen zu fürchten, welche der brittischen Krone unterthan waren.

Als sich daher Duncan und David inmitten der Kinder befanden, welche die bereits erwähnten läppischen Spiele trieben, hatten diese nicht die geringste Kunde von ihrer Annäherung gehabt. Kaum aber waren sie erblickt worden, so erhob die ganze Kinderrotte einstimmig ein gellendes Warnungsgeschrei und verschwand wie durch einen Zauberschlag vor den Augen der Fremden. Die nackten, lohfarbigen Leiber der sich duckenden Unholde gingen zu dieser Tageszeit so ganz in die Farbe des verwitterten Grases über, daß es Anfangs wirklich schien, als ob sie die Erde verschlungen hätte. Als aber die erste Überraschung vorüber war und Duncan genauer hinschaute, begegnete sein Blick überall schwarzen, lebhaft rollenden Augen.

Dieses plötzliche Vorspiel der Ausforschung war für Heyward eben nicht sehr ermuthigend und sagte ihm, was er erst von dem reiferen Urtheile der Männer zu erwarten hätte. Es war ein Augenblick, wo der junge Krieger gerne den Rückweg angetreten hätte; allein jeder Schein von Zögerung wäre zu spät gekommen. Das Geschrei der Kinder hatte ein Dutzend Krieger an die Thür der nächsten Wohnung gezogen, wo sie in einer düstern und wilden Gruppe zusammen blieben und mit ernster Würde die Annäherung der unverhofften Besucher erwarteten.

David, einigermaßen vertraut mit der Scene, schritt mit einer Festigkeit voran, die jedes leichten Hindernisses zu spotten schien, und trat eben in jene Hütte ein. Sie war das Hauptgebäude des Dorfes, obgleich roh aus Rinde und Baumästen errichtet. Innerhalb seiner Wände hielt der Stamm bei seinem zeitigen Aufenthalte an den Gränzen der englischen Provinz seine öffentlichen Versammlungen und Berathungen. Während Duncan zwischen den dunkeln und mächtigen Gestalten der Wilden, die an der Schwelle zusammengedrängt waren, hindurchging, konnte er nur mit Mühe in seiner Miene die nothwendige Unbefangenheit behaupten; in der Ueberzeugung aber, daß sein Leben von seiner Geistesgegenwart abhänge, überließ er sich der Willkühr seines Begleiters, und ihm auf dem Fuße folgend, suchte er auf dem Wege alle Gedanken für das nun Kommende wieder zu sammeln. Sein Blut stockte, als er sich in der unmittelbarsten Berührung mit so wilden und unversöhnlichen Feinden sah; er bemeisterte aber seine Gefühle in so weit, daß er, ohne in seinem Ausdruck eine solche Schwäche zu verrathen, in die Mitte der Hütte gelangte. Nach dem Beispiel des besonnenen Gamut nahm auch er einen Bündel wohlriechenden Buschwerks von einem Haufen in der Ecke der Hütte, und ließ sich schweigend darauf nieder.

Sobald der neue Ankömmling an den beobachtenden Kriegern vorbeigeschritten war, verließen diese den Eingang, stellten sich um ihn her und schienen geduldig den Augenblick zu erwarten, wo die Würde des Fremden ihm zu sprechen gestatten würde. Bei weitem der größte Theil stand in müßiger, träger Stellung an die aufrechten Pfosten gelehnt, die das schwache Gebäude stützten, während drei oder vier der ältesten und ausgezeichnetsten unter den Häuptlingen sich etwas mehr im Vordergrunde niedersetzten.

Eine blendende Fackel brannte, und sandte, wie sie unter der Zugluft hin und herflackerte, ihren röthlichen Schimmer von Gesicht zu Gesicht und von Gestalt zu Gestalt. Duncan benützte ihr Licht, um aus den Mienen seiner Gastfreunde zu erforschen, welcher Empfang seiner wartete. Aber sein Scharfblick half ihm wenig, der wohlüberlegten Hinterlist des Volkes gegenüber, unter dem er sich befand. Die vorne sitzenden Häuptlinge warfen kaum einen Blick auf seine Person, ihre Augen mit einem Ausdruck auf die Erde heftend, den man für Achtung nehmen, aber eben so leicht als Mißtrauen fürchten konnte. Die Männer, welche im Schatten standen, waren weniger zurückhaltend. Duncan begegnete bald ihren forschenden, aber verstohlenen Blicken, wie sie seine Gestalt und seinen Aufzug Zoll für Zoll musterten, und keinen Zug seiner Miene, keine Geberde, keine Linie seiner Malerei, ja seinen Theil seiner Bekleidung unbeachtet und unbeurtheilt ließen

Endlich trat Einer, dessen Haare bereit« mit Grau sich zu mengen begannen, dessen sehnigte Glieder und fester Tritt aber ankündigten, daß er noch allen Ansprüchen des Mannesalters genügen könne, aus dem Dunkel eines Winkels hervor, wohin er sich wahrscheinlich begeben hatte, um ungesehen beobachten zu können, und sprach. Da er aber in der Mundart der Wyandots oder Huronen redete, so blieben seine Worte Heyward unverständlich, schienen aber nach den Geberden, die sie begleiteten, mehr Artigkeit, als Unwillen auszudrücken. Duncan schüttelte den Kopf und bedeutete durch eine Geberde, daß er nicht zu antworten vermöge.

»Spricht Keiner meiner Brüder französisch oder englisch?« fragte er in der ersteren Sprache, von einem Gesicht auf das andere schauend, und in der Hoffnung einem bejahenden Nicken zu begegnen.

Obgleich mehr denn ein Kopf sich wandte, den Sinn seiner Worte zu fassen, so blieben sie doch unbeantwortet.

»Es wäre mir leid,« fuhr Duncan langsam und in dem einfachsten Französisch, dessen er mächtig war, fort, »wenn ich glauben müßte, daß keiner in dieser weisen und tapferen Nation die Sprache des ›großen Monarchen,‹ deren er sich gegen seine Kinder bedient, verstehe. Schwer würde es ihm auf das Herz fallen, müßte er denken, daß seine rothen Krieger ihm so wenig Ehrfurcht bezeigen!«

Eine lange und ängstliche Pause erfolgte, keine Bewegung eines Gliedes, kein Ausdruck eines Auges ließ die Wirkung errathen, die seine Bemerkung hervorgebracht hatte. Duncan, welcher wußte, daß Stillschweigen eine Tugend bei seinen Wirthen hieß, benützte gerne diese Sitte, unterdessen seine Gedanken zu ordnen. Endlich antwortete derselbe Krieger, der sich vorher an ihn gewandt hatte, mit der trockenen Frage in canadischer Mundart:

»Wenn unser großer Vater mit seinem Volke spricht, geschieht es in der Sprache der Huronen?«

»Er kennt keinen Unterschied unter seinen Kindern, mag die Farbe ihrer Haut roth, schwarz oder weiß seyn,« antwortete Duncan, ausweichend, »obgleich er besonderes Wohlgefallen an den Huronen hat!«

»Wie wird er aber sprechen,« fragte der schlaue Häuptling, »wenn die Läufer ihm die Skalpe zählen, die vor fünf Nächten noch auf den Köpfen der Yengeese wuchsen?«

»Sie waren seine Feinde,« sprach Duncan, unwillkürlich schaudernd, »und ohne Zweifel wird er sagen: es ist gut – meine Huronen sind sehr tapfer.«

»Unser Canadavater denkt nicht so. Statt vorwärts zu schauen und seine Indianer zu belohnen, sind seine Augen rückwärts gewendet. Er sieht die todten Yengeese, aber keine Huronen. Was kann dies bedeuten?«

»Ein großer Häuptling, wie er, hat mehr Gedanken als Zungen. Er schaut sich um, zu sehen, ob ihm keine Feinde auf der Fährte seyen.«

»Das Canoe eines todten Kriegers schwimmt nicht mehr auf dem Horican,« entgegnete düster der Wilde. »Seine Ohren sind den Delawaren offen, welche nicht unsere Freunde sind, und sie füllen sie mit Lügen.«

»Es kann nicht seyn. Seht, er hat mich, da mir die Kunst, Kranke zu heilen, eigen ist, geheißen, zu seinen Kindern, den rothen Huronen an den großen Seen zu gehen, um zu fragen, ob welche krank seyen.«

Eine zweite Pause folgte dieser Ankündigung des Berufs, den sich Duncan gegeben hatte. Aller Augen hefteten sich zu gleicher Zeit auf ihn, als wollten sie die Wahrheit oder Falschheit seiner Aussage erkunden, und mit so kühnem Scharfblick, daß der Gegenstand ihrer Ausforschung zittern mußte. Er wurde jedoch von dem früheren Sprecher wieder beruhigt.

»Bemalen die kunstfertigen Männer in Canada sich die Haut?« fragte der Hurone kaltblütig weiter: »sie rühmten sich doch sonst ihres blassen Gesichtes!«

»Wenn ein Indianerhäuptling zu seinen weißen Vätern kommt,« versetzte Duncan mit großer Festigkeit, »so legt er seine Büffelkleidung ab, um das Hemd zu tragen, das ihm angeboten wird. Meine Brüder haben mir diese Farben gegeben, und ich trage sie.«

Ein halblautes Gemurmel des Beifalls verkündigte, daß diese Artigkeit für den Stamm günstig aufgenommen wurde. Der ältliche Häuptling machte eine Geberde der Zufriedenheit, in welche die meisten seiner Genossen einstimmten, ihre Hand aufreckend und mit einem kurzen Ausrufe des Wohlgefallens. Duncan athmete wieder freier, in der Meinung, das Schwerste sey vorüber, und da er sich bereits auf eine einfache und leicht glaubliche Erzählung zur Stütze seines angeblichen Berufes vorbereitet hatte, so fand seine Hoffnung auf endliches Gelingen neue Nahrung.

Nach einem kurzen Stillschweigen erhob sich ein anderer Krieger, als wollte er seine Gedanken vorher ordnen, um auf die eben gegebene Erklärung des Gastes gebührenden Bescheid zu ertheilen, und schickte sich zum Sprechen an. Schon bewegten sich seine Lippen, da erschollen dumpfe, aber schreckhafte Laute aus dem Walde, denen unmittelbar ein helltönendes, schrilles Geschrei, von solcher Dauer folgte, daß es dem kläglichen langen Geheul eines Wolfes glich. Diese plötzliche und furchtbare Unterbrechung schreckte Duncan von seinem Sitze auf und ließ ihn über dem Eindrucke dieser gräßlichen Töne alles Uebrige vergessen. In demselben Augenblick verließen alle Krieger zumal die Hütte, und die Luft außerhalb erfüllten laute Ausbrüche von Geschrei, die jene schrecklichen, immer noch aus den Blätterhallen des Waldes schallenden Laute beinahe übertönten. Unfähig, sich länger zu halten, eilte auch der Jüngling aus der Hütte und fand sich plötzlich mitten unter einem unordentlichen Haufen, der beinahe Alles, was in den Gränzen des Lagers Leben hatte, in sich schloß. Männer, Weiber und Kinder; Alte, Gebrechliche, Rüstige, Starke – Alles war auf den Beinen: die Einen riefen laut, Andere schlugen wie verrückt vor Freude die Hände zusammen, und Alle drückten ihr wildes Frohlocken über ein unerwartetes Ereigniß aus. Obgleich anfangs wie betäubt von dem Aufruhr, fand Heyward bald in der folgenden Scene alles erklärt.

Der Himmel gab noch hinreichendes Licht, um die helleren Oeffnungen zwischen den Gipfeln der Bäume bemerken zu lassen, wo verschiedene Pfade aus der Lichtung in die Tiefen der Wildniß führten. Auf einem derselben kam eine Reihe von Kriegern aus dem Walde hervor und näherten sich langsam den Wohnungen. Einer der Vordersten trug eine kurze Stange, an welcher, wie man nachher sah, mehrere menschliche Skalpe aufgehängt waren. Die erschütternden Töne, welche Duncan gehört, waren das, was die Weißen nicht ungeeignet das Todesgeschrei nennen, und jede Wiederholung derselben sollte dem Stamme das Schicksal eines Feindes verkünden.

So weit konnte Heyward von seiner Erfahrung Aufschluß erhalten: und da er jetzt wußte, daß die unerwartete Rückkehr aus einem glücklichen Kriegszuge Ursache der Unterbrechung gewesen war, so verschwand jede Besorgniß und er wünschte sich innerlich Glück zu einer so willkommenen Erleichterung, die viele Aufmerksamkeit von ihm abziehen mußte.

Etwa hundert Schritte von den Hütten machten die neu angekommenen Krieger Halt. Ihr klägliches und erschreckendes Geheul, bald das Wehklagen der Sterbenden, bald den Triumph der Sieger darzustellen bestimmt, hatte gänzlich aufgehört. Einer von ihnen rief jetzt laut in Worten, welche ferne davon, die Ohren der Zuhörer zu erschrecken, ihnen doch kaum verständlicher waren, als das eben verstummte ausdrucksvolle Geheul. Es würde schwer seyn, einen Begriff von der wilden Verzückung zu geben, mit welcher die so mitgetheilte Kunde aufgenommen wurde. Das ganze Lager bildete in einem Augenblicke den Schauplatz der wildesten, geräuschvollsten Bewegung. Die Krieger zogen ihre Messer und bildeten, sie emporschwingend, zwei Reihen zu einer Gasse, welche von dem Siegerhaufen bis zu den Hütten fühlte. Die Squaws ergriffen Keulen, Aexte oder die erste beste Angriffswaffe, die sich ihren Händen darbot, und stürzten herbei, um in dem grausamen Spiele, das nun beginnen sollte, ihre Rollen zu übernehmen. Selbst die Kinder wollten nicht ausgeschlossen seyn: Knaben, schwer vermögend Waffen zu handhaben, rissen ihren Vätern die Tomahawks aus dem Gürtel, schlichen sich in die Reihen und ahmten geschickt die wilden Bewegungen ihrer Aeltern nach. Große Haufen Gestrüpp lagen in der Lichtung zerstreut umher, und eine erfahrene, alte Squaw war beschäftigt, deren so viele anzuzünden, als zur Beleuchtung der kommenden Scene erforderlich war. Die Flamme schlug empor, sie war mächtiger als der scheidende Tag, und ließ die Gegenstände zwar deutlich, aber nur um so gräßlicher erscheinen. Die ganze Scene bot das fesselndste Gemälde, dessen Rahmen der dunkle Saum der hohen Fichten bildete. Die neu angekommenen Krieger waren am weitesten entfernt, im Vordergrunde aber standen zwei Männer, aus der Zahl der Uebrigen auserwählt, um in dem nun beginnenden Schauspiele die Hauptrollen zu spielen. Das Licht war nicht stark genug ihre Gesichtszüge deutlich erkennen zu lassen, aber man sah wohl, daß sie von sehr verschiedenen Gefühlen bewegt wurden. Während der Eine in fester Haltung aufrecht stand, bereit, seinem Schicksal als Held sich zu unterwerfen, senkte der Andere sein Haupt, als wäre er von Schrecken gelähmt oder von Scham darnieder gedrückt. Der edelmüthige Duncan fühlte sich mächtig angetrieben, dem Ersteren Bewunderung und Theilnahme zu zollen, obgleich sich keine Gelegenheit bot, seinen edeln Regungen Worte zu geben. Er bewachte mit unverwandtem Auge seine geringsten Bewegungen, und während er den leichten Umrissen eines wunderbar schön gebildeten und kräftigen Körpers folgte, suchte er sich zu überreden, daß wenn es in der Macht eines Menschen stehe, unterstützt durch Muth und Entschlossenheit die Probe so schwerer Gefahr glücklich zu bestehen, der junge Gefangene wohl auf Glück in dem ihm bevorstehenden gewagten Laufe hoffen dürfe. Unvermerkt näherte sich der junge Mann den dunkeln Reihen der Huronen, und athmete kaum, so gespannt war sein Interesse für das ganze Schauspiel. Jetzt ertönte das Signalgeschrei, und die augenblickliche Stille, welche vorangegangen war, wurde durch einen Ausbruch von Geheul unterbrochen, der seines Gleichen noch nicht gefunden hatte. Das eine so sehr niedergeschlagene Schlachtopfer blieb regungslos stehen, der Andere aber sprang bei dem Schrei mit der Geschwindigkeit und Gewandtheit eines Hirsches davon. Statt durch die feindlichen Linien, wie man erwartet hatte, zu stürzen, hatte der Gefangene kaum die gefährliche Enge erreicht, als er sich wandte und ehe ein Streich gegen ihn geführt werden konnte, über die Köpfe einer Reihe Kinder setzte und mit einem Mal die äußere, sicherere Seite der furchtbaren Kriegerreihe gewann. Dieser List folgten hundertstimmige Verwünschungen: die ganze, aufgeregte Menge stob auseinander und zerstreute sich in wilder Verwirrung über den Platz.

Ein Dutzend Haufen brennenden Gestrüppes ergossen ihr röthliches Licht über den Platz, der einer unheimlichen, geisterhaften Kampfstätte glich, wo böse Dämonen sich versammelt hatten, ein blutiges, ruchloses Werk zu beginnen. Die Gestalten im Hintergrunde glichen überirdischen Wesen, während sie vor dem Auge vorbeiglitten und die Lüfte mit tollen und sinnlosen Bewegungen durchschnitten: die wilden Leidenschaften solcher aber, die an der Flamme vorüber kamen, erschienen furchtbar deutlich in dem Lichte, das über ihre wuthsprühenden Züge lief.

Es läßt sich leicht denken, daß unter solch einem Getümmel rachedürstender Feinde der Flüchtling nicht zu Athem kommen konnte. Einen einzigen Augenblick schien es, als ob er den Wald erreichen würde; aber der ganze Schwarm der Sieger warf sich ihm entgegen und trieb ihn in die Mitte einer erbarmungslosen Verfolgung zurück. Sich umwendend, wie ein eingeholter Hirsch, schoß er pfeilschnell über ein hoch aufloderndes Feuer, durchdrang die ganze Menge ungefährdet und erschien wieder auf der entgegengesetzten Seite der Lichtung. Aber auch hier traf er auf einige der älteren und schlaueren Huronen, die ihn abermals zurücktrieben. Noch einmal warf er sich in das Gedränge, als ob er in der allgemeinen Verwirrung Sicherheit suchte, und dann vergingen einige Augenblicke, während welcher Duncan den gewandten und muthigen jungen Fremdling verloren glauben mußte. Man konnte nichts unterscheiden als eine dunkle Masse menschlicher Gestalten, welche sich in einem verworrenen Getümmel stießen und durch einander drängten. Arme, blitzende Messer und furchtbare Keulen ließen sich erkennen, aber die Streiche wurden augenscheinlich nur aufs Gerathewohl geführt. Der furchtbare Eindruck dieser Scene ward noch erhöht durch das durchdringende Geschrei der Weiber und das wilde Geheul der Krieger. Hier und da fiel ein flüchtiger Lichtschein auf eine leichte Gestalt, welche in verzweifeltem Sprunge durch die Luft schoß, und ließ Duncan mehr hoffen als glauben, der Gefangene sey immer noch Herr seiner bewundernswürdigen Stärke und Gewandtheit. Plötzlich warf sich die Menge zurück nach der Stelle, wo er selber stand: die schwerfällige Masse der Verfolger drängte die Weiber und Kinder im Vorgrunde und warf einige zu Boden. Der Fremde ward in der Verwirrung wieder sichtbar. Menschliche Kräfte aber mußten einer so fürchterlichen Probe erliegen. Dies schien der Gefangene zu fühlen: die augenblickliche Oeffnung benutzend, brach er aus der Mitte der Krieger hervor und machte einen verzweifelten und, wie es Duncan schien, letzten Versuch, den Wald zu gewinnen. Gleich als wüßte er, daß ihm von dem jungen Soldaten keine Gefahr drohe, berührte er ihn beinahe auf seiner Flucht, dicht an ihm vorbei eilend. Ein hoher, mächtiger Hurone, der seine Kräfte bisher geschont hatte, war ihm auf den Fersen und drohte mit aufgehobenem Arm einen tödlichen Streich zu führen, Duncan streckte seinen Fuß vor und dieser Stoß warf den ungestümen Wilden weit vor sein beabsichtigtes Opfer gestreckt auf die Erde hin. Mit Gedankenschnelle benützte der Verfolgte den Vortheil: er wandte sich, blitzte einem Meteore gleich vor Duncan vorbei und im nächsten Augenblick, als dieser seine Besinnung wieder gewann und nach dem Gefangenen umschaute, sah er ihn ruhig gegen einen kleinen bemalten Pfosten vor dem Thor der Haupthütte gelehnt dastehen.

Aus Furcht, die Rolle, die er bei dieser Rettung gespielt, möchte ihm selbst verderblich werden, verließ Duncan ohne Verzug seinen Platz und folgte dem Haufen, der sich unmuthig und düster nach den Wohnungen zog, einer schaulustigen Volksmenge ähnlich, die vergeblich auf eine Hinrichtung gewartet hat. Neugierde oder vielleicht ein besseres Gefühl trieb ihn, sich dem Fremden zu nähern. Dieser hielt mit einem Arm den schützenden Pfosten umschlungen und athmete nach seiner verzweifelten Anstrengung tief und schwer, doch zu stolz, das geringste Zeichen des Leidens von sich zu geben. Er war jetzt durch eine unvordenkliche und heilige Sitte geschützt, bis der Stamm in voller Versammlung sein Schicksal berathen und entschieden hatte. Wenn man übrigens aus der Stimmung derer, die den Platz umgaben, Schlüsse ziehen dürfte, so war das Ergebniß leicht vorauszusehen.

Kein Schimpfwort gab es in der Huronensprache, das die getäuschten Weiber nicht gegen den glücklichen Fremden verschwenderisch ausgestoßen hätten. Sie höhnten seine Anstrengungen und sagten ihm mit bitterem Spott, daß seine Füße besser als seine Hände seyen; daß er Flügel verdiente, da er weder Pfeil noch Messer zu kennen scheine. Der Gefangene gab auf alles dies keine Antwort, sondern begnügte sich, eine Stellung zu beobachten, in der sich Würde wunderbar mit Verachtung mischte. Diese Ruhe sowohl, als das gute Glück des Gefangenen erbitterten die Weiber gleich sehr, ihre Worte erstickten und gingen in ein schrilles, durchdringendes Geheul über. Gerade jetzt drang die geschäftige Alte, welche die Vorsicht gebraucht hatte, das Gesträuch in Brand zu stecken, durch die Menge und machte sich vor dem Gefangenen freie Bahn. Die schmutzige und verwitterte Erscheinung dieser Unholdin mochte leicht auf ein Vorhandenseyn übermenschlicher Kräfte schließen lassen. Ihr leichtes Gewand zurückwerfend, streckte sie höhnisch ihren langen knöchernen Arm vor und rief, um dem Gegenstand ihrer Schmähungen verständlicher zu werden, in der Sprache der Lenapen: »Höre mich, Delaware,« schrie sie, indem sie ihm in’s Antlitz ein Schnippchen schlug, »Deine Nation ist ein Geschlecht von Weibern; die Hacke schickt sich besser für Eure Hände als die Büchse. Eure Squaws gebären Hirsche; käme ein Bär, eine wilde Katze oder eine Schlange unter Euch zur Welt, so würdet Ihr Reißaus nehmen. Die Huronenmädchen sollen dir Weiberröcke machen und wir wollen nach einem Manne für dich sehen.«

Ein wildes Gelächter folgte diesem Angriff, und die sanften, melodischen Töne der jüngeren Frauen klangen seltsam mit der kreischenden Stimme der ältern und boshafteren Genossin zusammen. Allein der Fremde trotzte allen diesen Bemühungen. Sein Haupt blieb unbeweglich, nicht die leiseste Kenntniß schien er von den Anwesenden zu nehmen, außer wenn sein stolzes Auge von Zeit zu Zeit gegen die dunkeln Gestalten der Krieger rollte, welche – schweigende, finstere Beobachter der Scene – in dem Hintergrunde auf und nieder schritten.

Wüthend über die Selbstbeherrschung des Gefangenen, stemmte die Alte ihre Arme in die Seite, warf sich in eine herausfordernde Stellung und brach von Neuem in einen Strom von Schmähungen, welche keine Kunst vermögend wäre, mit Erfolg zu Papier zu bringen. Sie verströmte jedoch vergeblich ihren Athem: obgleich sie unter ihrem Volke als eine Heldin in der Kunst zu schmähen gelten konnte, und sich in eine Wuth gesteigert hatte, die ihr den Schaum aus dem Munde trieb, so konnte sie es doch nicht dahin bringen, daß der regungslos dastehende Fremde auch nur eine Muskel rührte. Der Aerger über diese Gleichgültigkeit begann sich auch den andern Zuschauern mitzutheilen, und ein Jüngling, der eben erst aus dem Knabenalter in die Jahre der Mannheit hinüberschritt, kam der keifenden Alten zu Hülfe, indem er, einen Tomahawk vor dem Schlachtopfer schwingend, ihren Hohn mit seinen leeren Ruhmreden verstärkte. Jetzt wandte der Gefangene sein Antlitz nach dem Lichte und sah auf den Knaben mit einem Blick herab, der mehr als Verachtung ausdrückte! im nächsten Augenblick aber nahm er die ruhige, lehnende Haltung gegen den Pfosten wieder ein: aber diese Veränderung der Stellung hatte Duncan vergönnt, einige Blicke mit den festen, durchdringenden Augen des Gefangenen – mit Uncas zu wechseln.

Athemlos vor Erstaunen und schwer geängstet über die gefährliche Lage des Freundes, wich Heywald diesem Blicke aus, zitternd, das Verderben des Gefangenen – wußte er auch nicht wie – zu beschleunigen. Doch diese Furcht war für den Augenblick unnütz. Jetzt drängte sich ein Krieger durch die erhitzte Menge, Weiber und Kinder mit ernster Miene bei Seite weisend, nahm Uncas beim Arm und führte ihn gegen die Thüre des Versammlungshauses. Alle Häuptlinge und die meisten ausgezeichneten Krieger der Nation folgten, und der ängstliche Heyward fand Mittel, sich unter ihnen mit einzudrängen, ohne eine ihm selbst gefährliche Aufmerksamkeit zu erregen.

Einige Minuten gingen darüber hin, den Anwesenden nach ihrem Rang und Einfluß in dem Stamme Plätze anzuweisen. Die Ordnung war ziemlich dieselbe, wie bei dem früheren Zusammentreffen: die älteren und höheren Häuptlinge nahmen den Vordergrund des geräumigen Gemaches ein, hell beleuchtet von dem blendenden Lichte einer Fackel, indeß die jüngeren, untergeordneteren Krieger im Hintergründe sich sammelten, eine dunkle Masse schwärzlicher Gestalten und scharf ausgeprägter Gesichtszüge. Mitten im Kreise, unmittelbar unter einer Oeffnung, durch welche ein Paar Sterne flimmerten, stand Uncas, ruhig, erhaben, gefaßt. Seine Hoheit und Würde verfehlte ihres Eindruckes auf die Sieger nicht: ihre Blicke wandten sich oft mit einem Ausdruck auf ihn, der, die Unbeugsamkeit ihrer Entschlüsse verkündend, dennoch Von Bewunderung für den kühnen Muth des Fremdlings zeugte.

Anders das Individuum, welches Duncan vor dem verzweifelten Reihenlauf neben seinem Freunde hatte stehen sehen. Statt an der Jagd Theil zu nehmen, war der Gefangene während dieses wilden Aufruhrs, einem Bilde der Scham oder des Unglücks gleich, niedergedrückt dagestanden. Obgleich keine Hand sich ausgereckt hatte ihn zu grüßen, kein Auge sich herabließ, seine Bewegungen zu bewachen, war auch er gleichfalls in die Hütte eingetreten, als zöge ihn ein Verhängniß, dem er sich ohne Kampf fügen müsse. Heyward benützte die erste Gelegenheit, ihm ins Gesicht zu sehen, in der geheimen Besorgniß, auch in seinen Zügen einem Bekannten zu begegnen; allein sie waren die eines fremden, und, was ihm noch unerklärlicher schien, er trug alle unterscheidenden Merkmale eines Huronenkriegers. Statt jedoch unter seinen Stamm zu treten, setzte er sich bei Seite, einsam mitten unter der Menge, und duckte sich in eine demüthige Stellung, als wollte er so wenig als möglich Raum einnehmen. Als Jeder den ihm zukommenden Platz eingenommen hatte und allgemeine Stille eingetreten war, begann der Häuptling mit grauen Haaren, den wir bereits erwähnt haben, in der Sprache der Lenni-Lenapen:

»Delaware,« sprach er, »obgleich aus einer Nation von Weibern, so hast du dich doch als ein Mann erprobt. Gerne würd‘ ich dir Nahrung geben, aber wer mit einem Huronen ißt, muß sein Freund werden. Ruhe im Frieden bis zur Morgensonne, dann soll unser letztes Wort gesprochen werden.«

»Sieben Nachte und sieben Sommertage habe ich auf der Fährte der Huronen gefastet,« erwiederte kaltblütig Uncas. »Die Kinder der Lenapen wissen auf dem Pfade der Gerechten zu wandeln, ohne sich mit Essen aufzuhalten.«

»Zwei meiner jungen Krieger verfolgen deinen Begleiter,« fuhr der Andere wieder fort, ohne, wie es schien, auf die Ruhmrede seines Gefangenen zu achten; »wenn sie zurück sind, werden unsere weisen Männer zu dir sagen: leb‘ oder stirb!«

»Hat ein Hurone keine Ohren?« rief Uncas verächtlich aus. »Zwei Mal hat der Delaware, seit er euer Gefangener ist, den Knall einer Büchse gehört, die er wohl kennt. Eure jungen Männer kehren nimmer zurück!«

Eine kurze und düstere Pause folgte dieser kühnen Behauptung. Duncan, welcher merkte, daß der Mohikaner auf die verhängnißvolle Büchse des Kundschafters anspielte, beugte sich vorwärts, ängstlich zu beobachten, welchen Eindruck diese Worte auf die Sieger machen würden; der Häuptling begnügte sich aber, einfach zu erwiedern:

»Wenn die Lenapen so geschickt sind, warum ist einer ihrer tapfersten Krieger hier?«

»Er folgte den Fußstapfen eines fliehenden Feiglings und fiel in eine Schlinge. Auch der schlaue Biber kann gefangen werden.«

Während Uncas so sprach, deutete er mit dem Finger auf den einsamen Huronen, ohne jedoch einem so unwürdigen Gegenstande weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Antwort und die Miene des Sprechers brachten unter seinen Zuhörern große Aufregung hervor. Aller Augen wandten sich finster auf den durch jene einfache Geberde Bezeichneten und ein dumpfes, drohendes Gemurmel lief durch die Versammelten. Diese verhängnißvollen Laute erreichten die äußere Thüre und das Ohr der Weiber und Kinder, die so dicht zusammengedrängt standen, daß zwischen Schulter und Schulter keine Lücke blieb, die nicht durch die dunkeln Lineamente eines neugierigen menschlichen Gesichtes ausgefüllt worden wäre. Indessen verkehrten die älteren Häuptlinge in der Mitte unter einander in kurzen, abgebrochenen Sätzen. Kein Wort ward gesprochen, das nicht die Meinung des Sprechers auf die einfachste, kräftigste Weise zu erkennen gab. Abermals trat eine lange, feierliche Stille ein. Sie war, wie Alle wußten, der ernste Vorbote eines wichtigen und schweren Urtheilspruchs. Die den äußeren Kreis Bildenden, stellten sich auf die Zehenspitzen, um sehen zu können; selbst der Schuldige vergaß für einen Augenblick seiner Schmach und gab, von einem stärkeren Gefühle ergriffen, seine niedergeschlagenen Gesichtszüge preis, um einen ängstlichen, unruhigen Blick auf die finstere Versammlung der Häuptlinge zu werfen. Das Stillschweigen ward endlich von dem öfter genannten betagten Häuptlinge unterbrochen. Er erhob sich von der Erde, ging an der unbeweglichen Gestalt des Mohikaners vorbei und stellte sich in würdevoller Haltung vor den Schuldigen. In diesem Augenblick trat die vorerwähnte alte Squaw, eine Fackel in der Hand in den Kreis, auf die eine Seite geneigt einen langsamen Tanz beginnend und die unverständlichen Worte einer Art von Beschwörung murmelnd. Obgleich sie sich ungerufen eingedrängt hatte, so ließ man sie dennoch gewähren.

Als sie sich Uncas genähert hatte, hielt sie ihm den lodernden Feuerbrand dicht entgegen, dessen rother Schein ein so volles Licht auf ihn warf, daß man die geringste Bewegung in seinen Gesichtszügen unterscheiden konnte. Der Mohikaner beharrte in seiner festen, stolzen Haltung; und sein Auge, verschmähend, ihrem forschenden Blicke zu begegnen, schaute fest in die Ferne, als ob es die Hindernisse, die seine Blicke hemmten, durchdränge und in die Zukunft schaute. Zufrieden mit ihrer Untersuchung, verließ sie ihn mit einem leichten Ausdruck des Vergnügens, um ihren schuldigen Landsmann derselben Probe zu unterwerfen.

Der junge Hurone war mit den Kriegsfarben seines Stammes bemalt und sein Anzug verhüllte wenig von seinen schön gebildeten Formen. Das Licht ließ alle Glieder und Gelenke genau unterscheiden; aber schaudernd wandte sich Duncan ab, als er sah, wie sie in unbesiegbarer Todesangst rangen. Die Alte stimmte bei diesem traurigen und schimpflichen Anblick ein tiefes klagendes Geheul an; der Häuptling aber streckte seinen Arm aus und drängte sie sanft auf die Seite.

»Schwankendes Rohr!« sprach er, den jungen Schuldigen bei seinem Namen und in seiner Muttersprache anredend; »obgleich der große Geist dich gefällig für das Auge geschaffen hat, so wäre es doch besser, du wärest nicht geboren worden. Deine Zunge ist laut in dem Dorf, aber stumm in der Schlacht. Keiner meiner Jünglinge schlägt den Tomahawk tiefer in den Kriegspfosten – keiner so schwach auf die Yengeese. Die Feinde kennen die Gestalt deines Rückens, haben aber nie die Farbe deiner Augen gesehen. Drei Mal haben sie dir zugerufen, zu kommen, und eben so oft hast du vergessen zu antworten. Dein Name wird in deinem Stamme nie wieder genannt werden. – Er ist bereits vergessen.«

Während der Häuptling langsam diese Worte sprach, und nachdrucksvoll zwischen jedem Satze innehielt, erhob der Schuldige aus Achtung vor dem Rang und den Jahren des Andern sein Antlitz. Scham, Schrecken und Stolz kämpften in seinen Zügen. Sein Auge, vor innerem Schrecken krampfhaft zusammengezogen, irrte auf den Personen umher, von deren Athem sein Ruf abhing, und Stolz gewann für einen Augenblick die Oberhand. Er stand auf, entblößte seine Brust und blickte fest auf das scharfe, blinkende Messer, das sein unerbittlicher Richter bereits empor hielt. Als die Waffe ihm langsam in das Herz drang, lächelte er sogar, als freue er sich, den Tod nicht so furchtbar zu finden, als er erwartet hatte, und fiel in schwerem Falle auf sein Gesicht zu den Füßen des starren und unbeugsamen Uncas nieder.

Die Squaw erhob ein lautes, klägliches Geheul, stieß die Fackel auf die Erde, und begrub Alles umher in tiefe Finsterniß. Die ganze schaudernde Gruppe der Zuschauer eilte gleich aufgeschreckten Geistern aus dem Hause; und Duncan glaubte sich mit dem noch zuckenden Schlachtopfer eines indianischen Richterspruchs allein in demselben zurückgelassen.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Der Weise sprach‘, alsbald der Fürsten Rath
Sich auflöst‘, ihrem Haupte zu gehorchen.
Pope’s Iliate.

Ein einziger Augenblick überzeugte den Jüngling, daß er sich getäuscht hatte. Eine Hand legte sich mit kräftigem Druck auf seinen Arm, und Uncas‘ leise Stimme flüsterte ihm in das Ohr:

»Die Huronen sind Hunde. Vor dem Anblick des Blutes eines Feigen erzittert ein Krieger nicht. Das ›graue Haupt‹ und der Sagamore sind in Sicherheit, und Hawk-eye’s Büchse schläft nicht. Geh – Uncas und die ›offene Hand‹ sind sich jetzt fremd. Es ist genug!«

Heyward hätte gerne noch mehr gehört, aber ein sanfter Druck des Freundes schob ihn nach der Thüre hin und mahnte ihn an die Gefahr, die mit einer Entdeckung ihres Verkehres verbunden seyn müßte. Langsam und widerstrebend fügte er sich in die Nothwendigkeit, verließ die Hütte und trat unter die Menge, welche in der Nähe verweilte. Die erlöschenden Feuer der Lichtung warfen ein düsteres, ungewisses Licht auf die dunkeln Gestalten, welche stillschweigend hin und her schritten; von Zeit zu Zeit drang ein hellerer Schein, stärker als gewöhnlich, in die Hütte, und ließ Uncas‘ Gestalt immer noch in derselben aufrechten Stellung, neben ihm die Leiche des Huronen, erblicken.

Ein Trupp Krieger traten wieder herein und trugen jene leblosen Ueberreste in den benachbarten Wald. Nach diesem Auftritte wanderte Duncan, unbefragt und unbeachtet, den Wohnungen entlang, bemüht, eine Spur von ihr aufzufinden, für welche er sich in solche Gefahr begeben hatte. Bei der jetzigen Stimmung der Wilden wäre es ihm leicht gewesen, zu entfliehen und seine Freunde wieder zu finden, hätte ihm ein solcher Gedanke kommen können. Aber außer der nimmer ruhenden Angst um Alice hielt ihn auch die neue, wenn gleich minder quälende Sorge um Uncas an dem Orte fest. Er streifte daher von Hütte zu Hütte weiter, doch immer nur um neuer Täuschung auf seine suchenden Blicke zu begegnen, bis er im ganzen Dorfe die Runde gemacht hatte. Endlich gab er eine Nachforschung auf, die so fruchtlos blieb, und kehrte nach der Berathungshütte zurück, entschlossen David aufzusuchen und zu befragen, um seinen Zweifeln ein Ende zu machen. Als Duncan das Gebäude erreicht hatte, das Gerichtsstätte und Hinrichtungsort zumal geworden, fand er, daß die Aufregung bereits verschwunden war. Die Krieger hatten sich wieder versammelt und rauchten ruhig ihre Pfeifen, während sie sich über die Hauptvorfälle auf ihrem letzten Zuge nach der Quelle des Horican ernsthaft unterhielten. Obgleich Duncan’s Rückkehr sie an seinen vorgeblichen Stand und die verdächtigen Umstände seines Besuchs erinnern mußte, so blieb sie doch ohne sichtbaren Eindruck. Ja die kaum entschwundene schreckliche Scene begünstigte sogar seine Zwecke, und er durfte nur in sein Inneres blicken, um sich von der Nothwendigkeit einer schnellen Benützung dieses unerwarteten Vortheils zu überzeugen.

Ohne sichtbare Zögerung trat er in die Hütte, und nahm seinen Sitz mit einem Ernste ein, der zu dem Benehmen seiner Gastfreunde ungemein gut stimmte. Ein flüchtiger, aber forschender Blick genügte ihm darzuthun, daß Uncas an seinem früheren Platze geblieben war, David aber nicht wieder erschienen sey. Jener war keiner andern Bewachung unterworfen, als den aufmerksamen Blicken eines jungen Huronen, der ihm zur Seite stand. Ein bewaffneter Krieger lehnte überdies an dem Pfosten, der eine Seite des engen Thorweges bildete. In jeder andern Hinsicht schien der Gefangene frei zu seyn, nur war er von aller Theilnahme an der Unterhaltung ausgeschlossen, und glich mehr einer schön geformten Bildsäule, als einem Manne, der Leben und Willen in sich trug. Heyward hatte vor zu kurzer Zeit ein schreckliches Beispiel von dem schnellen Strafverfahren eines Volkes erlebt, in dessen Hände er gegeben war, um sich durch übertriebene Keckheit einer Gefahr auszusetzen. Er hätte daher gerne statt aller Unterhaltung in schweigendem Nachsinnen verharrt, da eine Entdeckung seines wahren Charakters so augenblicklich verderblich für ihn hätte werden können. Zum Unglück aber für diesen klugen Entschluß schienen die Anwesenden anders gestimmt. Er hatte den Platz noch nicht lange inne, den er klüglich etwas im Schatten eingenommen hatte, als ein zweiter älterer Krieger, der französisch sprach, sich an ihn wandte.

»Mein Canadavater vergißt seine Kinder nicht,« sagte der Häuptling, »ich danke ihm. Ein böser Geist lebt in der Frau eines meiner jungen Männer. Kann der kundige Fremde ihn hinwegschrecken?«

Heyward besaß einige Kenntniß von den Gaukeleien, die unter den Indianern gegen vermeintliches Besessenseyn im Schwange waren. Er sah mit einem Blicke, daß dieser Umstand vielleicht für seine eigenen Zwecke ausgebeutet werden könne, und es hätte ihm daher eben jetzt Wohl nicht leicht ein erwünschterer Vorschlag gemacht werden können. Da er aber von der Nothwendigkeit überzeugt war, die Würde seines vorgeblichen Charakters zu bewahren, so unterdrückte er seine Gefühle und antwortete in einem entsprechend geheimnißvollen Tone: »Der Geister sind verschiedene: die einen weichen der Macht der Weisheit, die andern sind zu mächtig für sie.«

»Mein Bruder ist ein großer Arzt,« sprach der schlaue Wilde, »will er es versuchen?«

Eine Geberde der Zustimmung war die Antwort. Der Hurone war mit der Zusage zufrieden, nahm seine Pfeife wieder auf und wartete auf einen schicklichen Augenblick zum Aufbruch. Der ungeduldige Heyward verwünschte innerlich die ruhige Sitte der Wilden, die dem Scheine so viel Opfer brachte, nahm aber klüglich dieselbe Gleichgültigkeit, wie der Häuptling an, der wirklich ein naher Verwandter der gequälten Frau war. Minute um Minute schwand, und der Aufschub dünkte den angehenden Charlatan stundenlang, da setzte endlich der Hurone seine Pfeife bei Seite und zog seinen Mantel über die Brust, als sey er im Begriff, ihn nach der Wohnung der Kranken zu führen. In diesem Augenblicke aber verdunkelte die mächtige Gestalt eines Kriegers das Licht des Thorwegs, und setzte sich, stillschweigend durch die aufmerksame Gruppe hinschreitend, auf das andere Ende des niederen Haufens Gestrüpp, welcher Duncan trug. Dieser warf einen ungeduldigen Blick auf seinen Nachbar, und ein unwillkürlicher Schauder überlief ihn, als er sich in so unmittelbarer Berührung mit Magua fand.

Die plötzliche Rückkehr dieses arglistigen und gefürchteten Häuptlings ließ den Huronen seinen Weg aufschieben. Mehrere Pfeifen, die bereits ausgelöscht waren, wurden wieder angezündet, während der neue Ankömmling, ohne ein Wort zu sprechen, seinen Tomahawk aus dem Gürtel zog, den Kopf an dem oberen Ende desselben füllte und die Dünste des Krautes durch den hohlen Schaft mit einer Gleichgültigkeit einsog, als wäre er nicht zwei ermüdende Tage auf einer langen und anstrengenden Jagd ausgewesen. Zehn Minuten, welche Duncan eben so viele Menschenalter schienen, mochten auf diese Weise verflossen seyn, und sämmtliche Krieger waren in eine weiße Rauchwolke eingehüllt, ehe einer von ihnen sprach.

»Willkommen!« rief endlich einer, »hat mein Freund das Mußthier gefunden?«

»Die jungen Krieger schwanken unter ihren Lasten,« versetzte Magua, »das schwankende Rohr gehe auf den Jagdpfad; er wird sie treffen.«

Eine tiefe, feierliche Stille folgte dem Klange des verbotenen Namens. Die Pfeife fiel aus jedes Mund, als ob Alle im nämlichen Augenblicke etwas Unreines eingesogen hätten. Der Rauch wirbelte in kleinen Säulen über ihre Köpfe empor und zog sich schneckenförmig und schnell durch die Oeffnung am Dache der Hütte, den Platz unter sich von seinem Dunste reinigend, so daß die dunkeln Gesichter zumal wieder deutlich sichtbar wurden. Die Blicke der meisten Krieger waren auf die Erde geheftet, und nur wenige Jüngere, minder Begabte in der Versammlung ließen ihre wilden, blitzenden Augäpfel auf einen Greis mit weißen Haaren rollen, der zwischen zwei der geehrtesten Häuptlinge des Stammes saß. Es lag übrigens nichts in dem Aeußern und dem Anzug dieses Indianers, das ihn zu solcher Auszeichnung hätte berechtigen können. Seine Miene drückte eher Niedergeschlagenheit aus, als daß sie sich durch die den Eingebornen eigene Haltung bemerklich machte, und seine Kleidung war die gewöhnliche eines Indianers der niederen Klassen. Wie bei den Meisten um ihn her, war auch sein Blick eine Weile zur Erde gerichtet; als er aber endlich einmal seine Augen verstohlen bei Seite sehen ließ und gewahrte, daß er der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit geworden war, stand er auf und erhob mitten in der allgemeinen Stille seine Stimme: »Es war eine Lüge,« sprach er, »ich hatte keinen Sohn. Er, der mit diesem Namen genannt wurde, ist vergessen; sein Blut war blaß, und kam nicht aus den Adern eines Huronen; die verruchten Chippewas hatten mein Weib bethört. Der große Geist hat gesagt: Wiß-en-tush’s Geschlecht soll enden – Glücklich der, welcher weiß, daß das Verderben in seinem Geschlecht mit ihm stirbt! Ich habe gesprochen.«

Der Redner, dessen Sohn der feigherzige junge Indianer gewesen war, blickte umher, als wollte er in den Augen der Zuhörer Beifall über seinen Stoicismus lesen. Aber die strengen Sitten seines Volkes hatten dem alten schwachen Manne eine zu harte Probe auferlegt, der Ausdruck seines Auges widersprach seinen bilderreichen, ruhmredigen Worten, während jede Muskel seines mit Runzeln bedeckten Gesichtes vor innerer Qual zuckte. Er blieb noch einen Augenblick stehen, um seinen bittern Triumph zu genießen und wandte sich dann ab, als schauderte er bei dem Anblick der Menschen, verhüllte das Gesicht mit seiner Decke und entfernte sich mit dem geräuschlosen Tritte eines Indianers, um in der Abgeschiedenheit seiner eigenen Hütte die Theilnahme einer Gefährtin zu suchen, alt, kummervoll und kinderlos wie er.

Die Indianer, welche an eine Vererbung der Tugenden und Fehler des Charakters glauben, ließen ihn stillschweigend hinausgehen.

Als er sich entfernt hatte, zog einer der Häuptlinge, getrieben von einer zarten Rücksicht, die manche gebildetere Kreise der Gesellschaft anstreben dürften, die Aufmerksamkeit der jungen Krieger von der Schwäche ab, von der sie so eben noch Zeugen gewesen waren, und wandte sich in freundlichem Tone an Magua, den letzten Ankömmling.

»Die Delawaren sind um mein Dorf geschlichen, wie die Bären nach den Honigkörben. Aber wer hat einen Huronen je schlafend gefunden?«

Die finstere drohende Gewitterwolke, die dem Donnerschlage vorangeht, ist nicht schwärzer, denn Magua’s Braue war, als er rief:

»Die Delawaren von den Seen!«

»Nicht doch. Die, welche Weiberröcke an ihrem eignen Flusse tragen. Einer von ihnen ist durch den Stamm gegangen.«

»Haben meine jungen Krieger seinen Skalp genommen? –«

»Seine Beine waren gut, obgleich sein Arm besser für die Hacke als für den Tomahawk taugt,« erwiederte der Andere, auf die unbewegliche Gestalt des Mohikaners deutend.

Statt mit weibischer Neugierde seine Augen an dem Anblick eines Gefangenen zu weiden, dessen Volk er mit so vielem Grund haßte, rauchte Magua mit der nachdenklichen Miene fort, die ihm eigen war, wenn seine Arglist oder Beredsamkeit nicht unmittelbar in Anspruch genommen wurde. Obgleich über die in der Rede des alten Vaters kundgewordenen Thatsachen insgeheim verwundert, erlaubte er sich doch keine Frage, jede weitere Ausforschung auf eine schicklichere Zeit aufsparend. Erst nach einer geraumen Weile schüttete er die Asche aus seiner Pfeife, nahm den Tomahawk wieder zu sich, zog den Gürtel fester an und stand auf, zum ersten Mal einen Blick auf den Gefangenen werfend, der etwas hinter ihm stand. Der aufmerksame, obgleich scheinbar in Gedanken vertiefte Uncas bemerkte diese Bewegung, wandte sich plötzlich dem Lichte zu und ihre Blicke begegneten sich. Fast eine Minute standen diese kühnen, unbeugsamen Geister einander gegenüber, sich fest in das Auge schauend, und keiner schlug den Blick vor dem stolzen Ausdruck des Gegners nieder. Uncas‘ Gestalt hob sich und seine Nasenlöcher öffneten sich gleich denen des verfolgten Tigers; aber so entschieden und unbeugsam war seine Stellung, daß die Einbildungskraft leicht ein treffliches, fehlerloses Abbild der kriegerischen Gottheit seines Stammes aus ihm geschaffen hätte. Die Umrisse der spielenden Züge Magua’s waren geschmeidiger; seine Miene verlor allmählig an Trotz, in einen Ausdruck wilder Freude übergehend; er athmete tief auf, den furchtbaren Namen – »le cerf agile!« – aussprechend. Alle Krieger sprangen auf, als dieser wohlbekannte Name genannt wurde, und eine Weile hindurch wich die stoische Sündhaftigkeit der Eingebornen gänzlich der Gewalt der Ueberraschung. Der Verhaßte und doch geachtete Name ward aus aller Munde wiederholt und ertönte selbst über die Gränzen der Hütte hinaus. Die Weiber und Kinder, welche den Eingang belagerten, nahmen ihn auf wie ein Echo, dem ein schrilles, klägliches Geheul folgte. Dieses war noch nicht verhallt, als die Aufregung unter den Männern sich bereits gänzlich gelegt hatte. Alle Anwesenden setzten sich wieder, als schämten sie sich ihrer Uebereilung: aber noch manche Minute ruhten ihre Augen auf dem Gefangenen, einen Krieger mit neugierigen Blicken prüfend, der so oft an den Besten und Stolzesten ihrer Nation seine Tapferkeit bewährt hatte.

Uncas genoß diesen Sieg, begnügte sich aber, seinen Triumph durch ein ruhiges Lächeln auszudrücken – ein Zeichen der Verachtung, das allen Zeiten und Völkern eigen ist. Magua gewahrte diesen Ausdruck, erhob seinen Arm und schüttelte ihn gegen den Gefangenen, so daß die leichten Silberzierrathen an seinen Armbändern von der zitternden Bewegung des Gliedes rasselten, während er in rachedrohendem Tone auf Englisch ausrief:

»Mohikaner, du stirbst!«

»Die heilenden Wasser bringen die todten Huronen nie mehr an’s Leben,« erwiederte Uncas in der wohlklingenden Sprache der Delawaren; »die rollenden Wogen bespülen ihre Gebeine: ihre Männer sind Weiber, ihre Weiber Eulen. Geh – ruf die Hunde von Huronen zusammen auf, daß sie einen Krieger schauen mögen. Meine Nase ist beleidigt, sie riecht das Blut eines Feigen.«

Die letzte Anspielung schlug tief und die Wunde brannte. Manche unter den Huronen verstanden die fremde Sprache, in welcher der Gefangene redete: so auch Magua. Der schlaue Wilde nahm seinen Vortheil wahr und eilte ihn zu benützen. Sein leichtes Fell von der Schulter werfend, reckte er seinen Arm aus und ließ seiner arglistigen, verderblichen Beredtsamkeit freien Lauf. Wie sehr auch sein Einfluß durch die unheilvolle Schwäche, der er sich zu Zeiten hingab, und durch seinen Abfall von dem Stamme gelitten haben mochte – sein Muth und sein Ruf als Redner war unbestritten geblieben. Er sprach nie ohne Zuhörer, und selten, ohne daß er Anhänger für seine Meinung gewann. Im gegenwärtigen Falle wurde sein natürliches Talent noch durch den Durst nach Rache gestachelt.

Er erzählte von Neuem die Ereignisse bei dem Angriff auf der Glenn-Insel, den Tod seiner Genossen und das Entkommen ihrer furchtbarsten Feinde. Dann beschrieb er die Natur und die Umgebung des Erdhügels, wohin er die Gefangenen geführt hatte, die in seine Hände gefallen waren. Seiner eigenen blutdürstigen Absichten gegen die Mädchen und seiner vereitelten Bosheit gedachte er mit keinem Wort, sondern ging rasch zu dem Ueberfall durch la longue Carabine mit seinen Genossen und dessen unglücklichem Ausgang über. Hier machte er eine Pause, und schaute um sich, Ehrfurcht für das Andenken der Gefallenen heuchelnd, in Wahrheit aber, um den Eindruck seiner beginnenden Rede zu beobachten. Wie gewöhnlich waren Aller Augen auf sein Antlitz geheftet, die düstern Gestalten schienen belebte Bildsäulen, so regungslos war ihre Stellung, so gespannt die Aufmerksamkeit jedes Einzelnen.

Jetzt ließ Magua seine Stimme, die bisher hell, stark, erhoben gewesen war, sinken, und berührte die Verdienste der Gefallenen. Keine Eigenschaft, die auf das Mitgefühl des Indianer Einfluß üben konnte, blieb ungerühmt. Der Eine war als nimmer fehlender Jäger bekannt; ein Anderer war unermüdlich gewesen, die Fährte des Feindes zu verfolgen. Dieser war tapfer, Jener edelmüthig. Kurz, er wußte seine Anspielungen so gut anzubringen, daß es ihm bei einem Volksstamme, der aus so wenigen Familien bestand, gelingen mußte, jede Saite anzuschlagen, die in irgend einer Brust wiederklingen konnte.

»Sind die Gebeine – so schloß er – meiner jungen Krieger auf dem Begräbnißplatze der Huronen? Ihr wißt es, nein. Ihre Geister sind nach der untergehenden Sonne gegangen und ziehen bereits über die großen Wasser nach den glücklichen Jagdgründen. Aber sie sind hingegangen ohne Nahrung, ohne Büchsen oder Messer, ohne Moccasins, nackt und arm, wie sie geboren wurden. Soll das so seyn? Sollen ihre Seelen in das Land der Gerechten treten, gleich hungrigen Irokesen oder unmännlichen Delawaren – oder sollen sie ihren Freunden begegnen, Waffen in der Hand und Mäntel auf dem Rücken? Was, werden unsre Väter denken, ist aus den Stämmen der Wyandots geworden? Mit finstrem Blicke werden sie auf ihre Kinder schauen und sprechen: geht! Ein Chippewa ist unter dem Namen eines Huronen hieher gekommen. Brüder, wir dürfen der Todten nicht vergessen; einer Rothhaut Gedächtniß ist immer frisch. Wir wollen den Rücken dieses Mohikaners beladen, bis er unter unseren Gaben zu Boden sinkt, und ihn den jungen Kriegern nachsenden. Sie rufen uns um Hülfe an; aber unsere Ohren sind nicht offen; sie sprechen: vergeßt uns nicht. Wenn sie den Geist dieses Mohikaners unter seiner Bürde ihnen nachkeuchen sehen, werden sie erkennen, daß wir noch der gleichen Gesinnung sind. Dann werden sie glücklich ihres Weges ziehen, und unsere Kinder werden sagen: dieß thaten unsere Väter für ihre Freunde, wir müssen ein Gleiches für sie thun. Was ist ein Yengee? Wir haben Viele erschlagen; aber die Erde ist noch blaß. Ein Flecken auf dem Namen eines Huronen kann nur durch Blut getilgt werden, das aus den Adern eines Indianers strömt. So sterbe denn dieser Delaware!«

Die Wirkung einer solchen Rede, die in der nervigten Sprache und mit dem hinreißenden Vortrage eines Huronischen Redners gesprochen ward, war nicht zu mißkennen. Magua hatte die natürlichen Gefühle und den religiösen Aberglauben seiner Zuhörer auf eine so schlaue Weise zu vermengen gewußt, daß ihre Gemüther, schon durch Gewohnheit darauf vorbereitet, den Manen ihrer Landsleute blutige Opfer zu bringen, jede Spur von Menschlichkeit in dem Wunsche nach Rache verloren. Ein Krieger insbesondere, ein Mann von wilder, unbändiger Miene, hatte sich durch die Aufmerksamkeit ausgezeichnet, welche er den Worten des Sprechers geschenkt hatte. Sein Ausdruck wechselte unter jeder vorübergehenden Bewegung, bis er sich in einen Blick tödtlicher Bosheit festsetzte. Er sprang auf, als Magua kaum geendet hatte, und schwang, ein dämonisches Geheul erhebend, eine kleine hellgeschliffene Streitaxt, die im Fackellicht erglänzte, über sein Haupt. Die Bewegung und das Geschrei erfolgte zu plötzlich, als daß Worte die blutige Absicht hätten abwenden können. Es war, als ob ein blitzender Strahl seiner Hand entschöße, in demselben Augenblick mächtig durchkreuzt von einem dunklen Streifen. Die schnelle, entschlossene Bewegung des Häuptlings kam nicht ganz zu spät. Die kühne Waffe durchschnitt die Kriegsfeder auf dem Skalpirschopf des jungen Mohikaners und fuhr durch die schwache Wandung der Hütte, als wäre sie von einer furchtbaren Maschine geschleudert worden.

Duncan war Zeuge der drohenden Handlung gewesen und sprang schnell auf seine Füße, während sein Herzblut stockte und die edelmüthigsten Entschlüsse zu Gunsten seines Freundes in ihm erwachten. Ein Blick sagte ihm, daß der Streich gefehlt hatte und sein Schrecken ging in Bewunderung über, Uncas stand ruhig da, seinem Feinde mit einer Miene, die über jede Aufregung erhaben war, fest in’s Auge blickend, Marmor konnte nicht kälter, unbeweglicher, starrer seyn, als der Ausdruck, womit er diesem plötzlichen, rachsüchtigen Angriff begegnete. Dann aber lächelte er, den Mangel an Geschick, der ihn gerettet hatte, gleichsam bemitleidend und murmelte einige Worte der Verachtung in seiner Muttersprache.

»Nein,« sprach Magua, nachdem er sich beruhigt hatte, daß der Gefangene unbeschädigt war, »die Sonne muß seine Schande beleuchten. Die Squaws sollen sehen, wie sein Fleisch zittern wird, oder unsre Rache ist nur ein Knabenspiel. Geht, bringt ihn an einen Ort, wo Schweigen herrscht. Wir wollen sehen, ob ein Delawarer in der Nacht schlafen kann, und am andern Morgen sterben.«

Die jungen Krieger, welche den Gefangenen zu bewachen hatten, wanden alsbald ihre Bastriemen um seine Arme und führten ihn unter tiefer unheimlicher Stille aus der Hütte. Nur unter der Oeffnung des Eintritts zögerte Uncas‘ fester Tritt: er wandte sich und warf einen eilenden, stolzen Blick auf seine Feinde umher. In diesem las Duncan gerne den Ausdruck eines Muthes, der immer noch nicht alle Hoffnung aufgab.

Magua begnügte sich mit dem gewonnenen Erfolge, oder war er zu viel mit geheimen Planen beschäftigt, um seine Nachforschungen fortzusetzen. Seinen Mantel schüttelnd und über der Brust faltend verließ auch er die Hütte, ohne einen Gegenstand zu verfolgen, der für seinen Nebenmann so leicht verderblich werden konnte. Trotz des in ihm wachsenden Rachegefühls, trotz seiner natürlichen Festigkeit und der Besorgnis für Uncas fühlte sich Heyward doch durch die Entfernung eines so gefährlichen und listigen Feindes merklich erleichtert. Die Aufregung, welche Magua’s Rede hervorgerufen hatte, legte sich allmählig. Die Krieger nahmen ihre Sitze wieder ein, und Wolken von Rauch füllten abermals die Hütte. Fast eine halbe Stunde ward keine Silbe gesprochen, kaum ein Blick bei Seite geworfen. Ein ernstes, nachdenkliches Schweigen war die natürliche Folge dieser Scene der Gewaltthat und der Aufregung unter Menschen, die neben solcher Leidenschaftlichkeit so viel Selbstbeherrschung zeigen.

Als der Häuptling, welcher sich Duncans Hülfe erbeten, seine Pfeife zu Ende geraucht hatte, machte er eine letzte und ungehinderte Bewegung zum Aufbruch. Ein Wink mit dem Finger war für den vermeintlichen Arzt das Zeichen, zu folgen; und während Duncan durch die Rauchwolken schritt, war er in mehr als einer Hinsicht froh, bald die reine Luft eines kühlen und erfrischenden Sommerabends wieder athmen zu dürfen.

Statt den Weg nach den Hütten zu nehmen, wo Heyward bereits seine erfolglose Nachsuchung angestellt hatte, wandte sich sein Begleiter seitwärts und schritt gerade auf die Ansteigung eines nahen Berges zu, der über den zeitigen Wohnsitz der Huronen ragte. Ein Dickicht von Unterholz umgab seinen Fuß und ein schmaler, geschlängelter Pfad lag gerade vor ihnen. Die Knaben hatten ihre Spiele in der Lichtung wieder begonnen und gaben eben unter sich eine mimische Vorstellung von der Jagd nach dem Kriegspfosten. Um ihre Spiele der Wirklichkeit so nahe als möglich zu bringen, hatte einer der kecksten einige Feuerbrände in Bündel von abgehauenen Baumwipfeln geworfen, die bis jetzt der Flamme entgangen waren. Der Schein eines dieser Feuer leuchtete dem Häuptling und Duncan auf ihrem Wege und erhöhte noch den wilden Charakter der rauhen Landschaft. In geringer Entfernung von einem kahlen Felsen und gerade vor demselben kamen sie an eine Grasfläche, die sie eben durchschreiten wollten. In diesem Augenblick erhielt das Feuer neue Nahrung, und das Licht der mächtigen Flamme drang selbst bis zu jener entfernten Stelle. Es fiel auf die weiße Oberfläche des Berges und warf sich auf ein dunkles, geheimnißnißvoll aussehendes Wesen zurück, das sich unerwartet auf ihrem Wege erhob.

Der Indianer zögerte, als sey er unschlüssig, ob er weiter gehen sollte, und ließ seinen Begleiter zu sich heran kommen. Ein großer schwarzer Knäuel, der Anfangs stille zu liegen schien, begann sich jetzt auf eine für Duncan unerklärliche Weise zu bewegen. Das Feuer flammte von Neuem auf, und sein Schein fiel deutlicher auf den Gegenstand. Jetzt erkannte selbst Duncan das Thier an der unruhigen und schwankenden Stellung, die den obern Theil seiner Gestalt in beständiger Bewegung erhielt, während das Ganze zu sitzen schien – für einen Bären. Obgleich er laut und wild brummte, und von Zeit zu Zeit seine feurigen Augäpfel sichtbar wurden, gab er doch kein Zeichen von Feindseligkeit. Der Hurone wenigstens schien von den friedlichen Absichten des seltsamen Eindringlings überzeugt, denn er verfolgte nach einer aufmerksamen Betrachtung ruhig seinen Weg.

Duncan, welcher wußte, daß dieses Thier unter den Indianern oft als Hausthier gefunden wird, folgte dem Beispiel seines Begleiters, in der Meinung, ein Lieblingsbär des Stammes habe, auf Futter ausgehend, seinen Weg in das Dickicht gefunden, und sie kamen unangefochten vorbei. Obgleich genöthigt, mit dem Ungeheuer in nahe Berührung zu kommen, schritt der Hurone, der anfänglich über diesen seltsamen Gast sich so vorsichtig zu beruhigen gesucht hatte, nun ohne einen Augenblick weiteren Forschens voran, aber Heyward konnte nicht umhin, sich nochmals umzusehen, in wachsamer Hut gegen Angriffe von hinten. Seine Unruhe verminderte sich in keiner Weise, als er bemerkte, wie das Thier den Weg entlang rollte und ihnen auf dem Fuße folgte. Er wollte eben sprechen, als der Indianer in diesem Augenblick eine Thür von Rinde bei Seite schob und in eine Höhle im Innern des Berges trat.

Zufrieden, sich einen so leichten Rückzug gesichert zu sehen, folgte ihm Duncan auf dem Fuße und wollte die leichte Thüre der Oeffnung hastig hinter sich schließen, als er sie seiner Hand durch das Thier entrissen fühlte, dessen zottige Gestalt unverweilt den Eingang verdunkelte. Sie befanden sich jetzt in dem engen und langen Gang einer Felsenspalte, wo jede Umkehr, ohne auf das Thier zu stoßen, unmöglich war. In dieser Noth das Beste wählend, eilte der junge Mann vorwärts, sich möglichst nahe an seinen Führer haltend. Der Bär brummte häufig dicht auf seinen Fersen, und ein- oder zweimal legten sich ihm seine ungeheuren Tatzen auf den Rücken, als wollte er ein weiteres Vordringen in die Höhle hindern.

Wie lange Heyward’s Nerven in dieser so außerordentlichen Lage ausgehalten haben würden, läßt sich schwer entscheiden, denn glücklicherweise wurde er bald erlöst. Ein Lichtschimmer war beständig vor ihnen gewesen, und sie befanden sich jetzt an der Stelle, von welcher er ausging.

Die geräumige Höhlung des Felsens war auf eine rohe Weise zum Dienste verschiedener Gemächer eingerichtet worden. Die Unterabtheilungen waren einfach, aber sinnreich aus Stein, Aesten und Rinde in buntem Gemisch aufgeführt. Oeffnungen von oben ließen das Tageslicht herein, und bei Nacht vertraten Feuer und Fackeln die Stelle der Sonne. Hierher hatten die Huronen ihre meisten Besitzthümer von Werth gebracht, besonders diejenigen, welche Gemeingut des Stammes waren; und hierher, wie sich jetzt zeigte, war auch die kranke Frau, die man für ein Opfer übernatürlicher Mächte hielt, geschafft worden, in dem unbewußten Eindrucke, ihrem Quälgeiste werde es schwerer fallen, mit seinem Angriffe durch die Steinwände, als durch die Laubdächer der Hütten zu dringen. Das Gemach, in welches Duncan mit seinem Führer zuerst eintrat, war ausschließlich der Bequemlichkeit der Kranken gewidmet. Er näherte sich ihrem Lager, das von Weibern umgeben war, in deren Mitte Heyward zu seiner Ueberraschung den vermißten Freund David entdeckte.

Ein einziger Blick überzeugte den vorgeblichen Arzt, daß die Kranke der Hülfe der Heilkunst bereits entrückt sey. Sie lag in einer Art Lähmung, gleichgültig gegen ihre ganze Umgebung, und schien zum Glücke ihre Leiden nicht zu empfinden. Heyward war es keineswegs unlieb, daß er seine Gaukeleien an einem Wesen üben sollte, das sich viel zu schlecht befand, um an ihrem Erfolg oder Mißlingen noch Interesse zu nehmen. Der leichte Gewissensskrupel, den sein vorgehabter Betrug in ihm erregt hatte, war alsbald beschwichtigt, und er begann eben seine Gedanken zu sammeln, um seine Rolle mit gebührendem Nachdruck zu spielen, als er fand, daß ein Anderer seiner Geschicklichkeit zuvorkommen und die Gewalt der Musik erproben wollte.

Gamut, der bereit gewesen war, seinen Geist zu einem Gesang zu erheben, als die neuen Ankömmlinge eintraten, zog nach augenblicklichem Aufschub einen Ton aus seiner Pfeife und begann eine Hymne, die Wunder gewirkt haben würde, wenn der feste Glaube an ihre Wirksamkeit hier von Belang hätte seyn können. Man ließ ihn zu Ende singen, da die Indianer seine vermeintliche Geistesschwäche schonten, und dem jungen Soldaten der Verzug zu gelegen kam, um die geringste Unterbrechung zu wagen. Die letzte hinsterbende Cadenz klang eben in Duncan’s Ohren, da fuhr er erschreckt bei Seite, denn er hörte dieselben Strophen hinter sich mit einer Stimme wiederholen, die, nur halb menschlich, wie aus einem Grabe herauftönte. Er sah um sich und erblickte das zottige Unthier in einem schattigen Winkel der Höhle, auf den Hinterbeinen sitzend, wo es seinen Leib in der unruhigen Weise dieser Thiere rastlos hin und her wiegte, und mit dumpfem Brummen Laute, wo nicht Worte wiederholte, die mit der Melodie des Sängers eine entfernte Ähnlichkeit hatten.

Die Wirkung eines so unerwarteten Echo’s auf David läßt sich leichter denken als beschreiben. Er öffnete die Augen weit, als ob er an ihrer Wirklichkeit zweifelte, und seine Stimme verstummte augenblicklich vor Erstaunen. Ein tief durchdachter Plan, Heyward wichtige Mittheilungen zu machen, ward aus seinem Gedächtniß durch ein Gefühl vertrieben, das so ziemlich der Furcht glich, von ihm aber gerne für Bewunderung gehalten wurde. Unter solchen Einflüssen rief er laut: »Sie erwartet Euch! – sie ist in der Nähe!« und rannte eilig zur Höhle hinaus.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Snug. Habt ihr des Löwen Rolle aufgeschrieben? Wenn ja, so gebt sie
mir, ich studire sehr schwer ein.
Quince. Ihr könnt sie aus dem Stegreif sprechen, dürft nur brüllen.
Sommernachtstraum.

Es lag eine seltsame Mischung von Komischem und Feierlichem in dieser Scene. Das Thier setzte seine wiegenden Bewegungen, wie es schien, mit unermüdlicher Beharrlichkeit fort, obgleich sein possierlicher Versuch, Davids Melodie nachzuahmen, aufhörte, sobald dieser das Feld verlassen hatte. Gamut’s Worte waren, wie wir gesehen, englisch gesprochen worden, und Duncan glaubte irgend einen verborgenen Sinn darin zu ahnen, obgleich kein Gegenstand seiner Umgebung ihm die Anspielung enthüllen half. Jeder weiteren Vermuthung hierüber setzte indeß der Häuptling alsbald ein Ziel, indem er an das Lager der Kranken trat und die ganze weibliche Gruppe, die sich hier zusammengedrängt hatte, um Zeuge von der Kunst des Fremden zu seyn, hinwegwinkte. Wenn auch mit Widerstreben, so gehorchten die Frauen dennoch sogleich, und als das leise Echo aufgehört hatte, welches längs des hohlen, von der Natur gebildeten Ganges von dem Schließen der fernen Thüre her ertönte, deutete er auf seine unempfindlich daliegende Tochter und sprach:

»Jetzt zeige mein Bruder seine Kunst!«

So unumwunden aufgefordert, seinen angenommenen Beruf auszuüben, mußte Heyward fürchten, der geringste Verzug möchte verderblich werden. Er bemühte sich also seine Gedanken zu sammeln, und schickte sich an jene Beschwörungsweise und die seltsamen Gebräuche in Anwendung zu bringen, unter welchen die indianischen Zauberkünstler ihre Unwissenheit und Unmacht zu verbergen gewohnt sind. Ohne Zweifel aber hätte er bei dem ungeordneten Zustande seiner Gedanken bald einen verdachterregenden, wenn nicht unheildrohenden Fehler begangen, wenn seine ersten Versuche nicht durch ein wildes Gebrumm des Vierfüßlers unterbrochen worden wären. Zu drei Verschiedenen Malen erneuerte er seine Bemühungen, und eben so oft begegnete er demselben unerklärlichen Widerstand: jede Unterbrechung schien grimmiger und drohender als die vorhergegangene.

»Die Meister der Kunst sind eifersüchtig,« bemerkte der Hurone; »ich gehe, Bruder, die Frau ist das Weib eines meiner wackersten jungen Krieger; nimm dich ihrer an! Ruhig!« fügte er hinzu, dem ergrimmten Thiere Stille bedeutend: »ich gehe.«

Der Häuptling hielt Wort, und Duncan fand sich jetzt in dieser wilden, öden Behausung allein mit der hülflosen Kranken und dem grimmigen, gefährlichen Unthier. Dieses lauschte mit dem Scharfsinne, der den Bären eigen ist, auf die Bewegungen des Indianers, bis ein zweites Echo verkündigte, daß auch er die Höhle Verlassen habe. Jetzt wandte sich der Bär, watschelte auf Duncan zu, und setzte sich in seiner natürlichen Stellung aufrecht wie ein Mann vor ihn hin. Der junge Mann sah sich ängstlich nach einer Waffe um, mit der er dem Angriffe Widerstand zu leisten vermöchte, den er nun ernstlich erwartete. Das Thier schien jedoch seine Laune plötzlich geändert zu haben. Statt unzufrieden fortzubrummen, oder weitere Zeichen von Unwillen zu geben, schüttelte es gewaltig seinen zottigen Pelz, wie von einem seltsamen, innern Krampfe ergriffen. Mit seinen ungeheuern, schwerfälligen Tatzen kraute es täppisch an der grinsenden Schnauze, und während Heyward seinen Bewegungen mit ängstlicher Wachsamkeit folgte, fiel der grimmige Kopf auf die eine Seite und statt seiner erschien das ehrliche, kecke Gesicht des Kundschafters, der von Grund des Herzens und auf seine eigenthümliche Weise in ein heiteres Lachen ausbrach.

»St!« sprach der vorsichtige Waidmann, Heyward’s Ausruf der Ueberraschung hindernd; »die Schelme sind noch in der Nähe, und jeder Laut, der nicht zu eurer Zauberei paßte, brächte den ganzen Haufen zu uns zurück!«

»Erklärt mir erst den Zweck dieser Mummerei; und warum Ihr ein so verzweifeltes Abenteuer gewagt habt.«

»Ach, Vernunft und Berechnung werden oft vor dem Zufall zu Nichte!« versetzte der Kundschafter. »Weil aber ’ne Geschichte immer mit dem Anfang beginnen soll, will ich euch Alles in guter Ordnung erzählen. Als wir uns trennten, brachte ich den Commandanten mit dem Sagamoren in ein altes Biberquartier, wo sie vor den Huronen sicherer sind, als sie in dem Fort Edward wären: denn eure Indianer vom hohen Nordwesten her, die noch nicht viel Krämer unter sich gehabt haben, hegen stets Achtung vor dem Bibergeschlecht. Dann gingen wir, wie besprochen, nach dem andern Lager ab; habt ihr den Jungen gesehen?«

»Zu meinem großen Leidwesen! – Er ist gefangen und verurtheilt mit Sonnenaufgang zu sterben!«

»Ich besorgte immer, daß es so mit ihm kommen würde!« sagte der Kundschafter in minder zuversichtlichem und minder heiterem Tone. Bald aber gewann er die natürliche Festigkeit seiner Stimme wieder und fuhr fort: »sein Mißgeschick ist der eigentliche Grund meines Hierseyns: denn es wäre eine Schande, einen

solchen Jungen in den Händen der Huronen zu lassen – ein seltenes Fest wär‘ es für die Schurken, wenn sie das ›springende Elendthier‹ und ›la longue Carabine‹, wie sich mich heißen, an einen Pfahl binden könnten! Und doch weiß ich nicht, warum sie mir einen solchen Namen gegeben haben: es ist zwischen den Tugenden meines Wildtödters und den Leistungen eurer ächten Canadischen Carabiner so wenig Aehnlichkeit, als zwischen einem Stück Pfeifenerde und einem Flintenstein!«

»Bleibt bei eurer Erzählung!« sprach der ungeduldige Heyward; »wir wissen nicht, wann die Huronen wieder kommen.«

»Fürchtet nichts! Ein Beschwörer muß seine Zeit haben, so gut wie ein wandernder Priester in den Kolonien: wir werden so wenig unterbrochen, als ein Missionär am Beginn einer zweistündigen Rede, – Nun gut – Uncas und ich stießen auf eine heimkehrende Bande dieser Schelme: der Junge war viel zu vorschnell für einen Kundschafter; nun, was das betrifft, er hat einmal heißes Blut, und ich will ihn darob nicht so sehr tadeln; kurz einer der Huronen war eine Memme und brachte ihn fliehend in einen Hinterhalt.«

»Und theuer hat er seine Schwäche bezahlt:«

Der Kundschafter fuhr mit der Hand bezeichnend um seine Kehle, nickte, indem er sagte, »ich verstehe, was Ihr meint.« Hierauf fuhr er etwas lauter, wenn auch nicht verständlicher fort:

»Nach dem Verlust des Jungen fiel ich auf die Huronen, wie Ihr wohl denken könnt. Es gab ein paar Scharmützel zwischen mir und einigen ihrer Wegelagerer; doch das wollte nicht viel heißen. Nachdem ich die Schelme angeschossen hatte, kam ich ohne weitere Störung nahe genug an ihre Hütten heran. Was konnte mir das Glück besser zuweisen, als mich an eine Stelle führen, wo einer der berühmtesten Beschwörer ihres Stammes sich, wie ich wohl sah, zu einem großen Strauß mit dem Satan anputzte. Doch warum soll ich Glück nennen, was nun als eine besondere Fügung der Vorsehung erscheint? Ein gut gezielter Schlag auf den Kopf streckte dem Schelm für eine Weile die Beine: ich ließ ihm zum Abendimbiß einen Wallnußknebel zwischen den Zähnen, um Lärm zu verhüten und hängte ihn dann zwischen zwei jungen Bäumen auf. Endlich zog ich ihm seinen Putz vom Leibe und übernahm selbst die Bärenrolle, damit die Operation nicht in’s Stocken gerieth.«

»Und bewunderungswürdig habt Ihr den Charakter dargestellt; das Thier selbst wäre von eurer Vorstellung beschämt worden.«

»Du mein Gott, Major!« versetzte der geschmeichelte Waidmann; »ich wäre für Einen, der so lang in der Wildniß seine Studien getrieben hat, ein armseliger Stümper, wenn ich nicht die Natur und die Bewegungen einer solchen Bestie inne hätte! War’s erst ein recht großer Panther oder eine wilde Katze gewesen, da hättet ihr sehen sollen, wie ich Euch ein Stückchen aufgeführt hätte, des Ansehens werth! Es will eben seine Heldenthat heißen, ein so dummes Thier nachzumachen; aber auch bei einem Bären kann man’s übertreiben. Ja, ja; nicht Jedermann weiß, wie viel leichter man die Natur übertreibt, als sie erreicht! – Aber wir haben noch Alles vor uns. Wo ist das Mädchen?«

»Das weiß der Himmel; ich habe jede Hütte im Dorfe durchforscht, ohne die geringste Spur von ihrer Anwesenheit unter dem Stamme zu entdecken.«

»Ihr hörtet doch den Sänger beim Fortgehen sagen: – Sie ist hier und erwartet euch!«

»Ich mußte glauben, er habe das unglückliche Weib da gemeint.«

»Der einfältige Mann hatte Angst und plumpte mit seiner Botschaft heraus; sicher lag mehr darin. Hier sind Wände genug, die ganze Dorfschaft getrennt unterzubringen. Ein Bär muß klettern können; ich will ‚mal hinüber spioniren, es sind vielleicht Honigtöpfe in diesen Felsen verborgen, und ich bin eine Bestie, die auf solche Süßigkeiten erpicht ist.« Der Kundschafter sah zurück, seinen eigenen Einfall belachend, während er unter beständigem Nachahmen der linkischen Bewegungen eines Bären die Scheidewand hinaufkletterte. Sobald er den Gipfel erreicht hatte, winkte er Heyward zu schweigen und glitt so schnell als thunlich wieder herab.

»Sie ist hier!« flüsterte er: »und durch diese Thüre könnt Ihr zu ihr kommen. Gern hätt‘ ich ein Wort des Trostes zu dem betrübten Kinde gesprochen; aber der Anblick eines solchen Ungeheuers hätte ihren Verstand gefährdet. Uebrigens – Major, Ihr seyd in eurer Malerei eben auch nicht der Einladendste.«

Duncan, der bereits hastig vorgeeilt war, zog sich bei dieser entmuthigenden Rede alsbald wieder zurück. »Seh‘ ich denn wirklich so abstoßend aus?« fragte er ärgerlich.

»Ihr würdet damit keinen Wolf schrecken, noch ein Regiment der königlichen Amerikaner vom Angriffe abhalten, aber ich weiß eine Zeit, wo Ihr besser in die Augen fielet. Solche gestreifte Gesichter stehen den Squaws wohl an, aber Mädchen von weißem Blute ziehen ihre eigene Farbe vor,«

»Seht,« fügte er hinzu, auf eine Stelle weisend, wo das Wasser aus einem Felsen rieselte, ein kleines Krystallbecken bildend, ehe es einen Ausfluß durch die nahen Felsenspalten fand; »da werdet Ihr leicht des Sagamoren Tünche los, und wenn Ihr zurückkommt, will ich meine Kunst zu einem neuen Schmuck versuchen. Es ist so gewöhnlich bei einem Beschwörer, daß er die Malerei wechselt als wenn ein Windbeutel in den Colonien seinen Putz ändert.«

Der besonnene Waidmann konnte nicht viel Argumente suchen, um seinem Rathe Nachdruck zu geben. Er hatte noch nicht ausgesprochen, als Duncan sich bereits das Wasser zu Nutze machte. In einem Augenblick war jeder schreckhafte oder zurückstoßende Zug verwischt, und der junge Mann erschien wieder in der Gesichtsbildung, mit welcher ihn die Natur begabt hatte. So zu dem Besuche bei seiner Geliebten vorbereitet, nahm er hastig Abschied von seinem Begleiter und verschwand durch den bezeichneten Gang. Der Kundschafter sah sein Weggehen mit Wohlgefallen, nickte freundlich mit dem Kopfe und murmelte seine besten Wünsche, worauf er mit aller Kaltblütigkeit die Speisekammer der Huronen untersuchte, da die Höhle unter Anderem dazu diente, den Ertrag der Jagden aufzubewahren.

Duncan hatte keinen andern Führer als ein entferntes flimmerndes Licht, das dem Liebenden jedoch den Dienst des Polarsterns vertrat und ihm in den Hafen seiner Hoffnungen einlaufen half. Dieser war nur eine andere Abtheilung der Höhle, einzig zum Gewahrsam einer so wichtigen Gefangenen, wie die Tochter des Commandanten von William Henry war, in Stand gesetzt. Der Raum war voll von zerstreuter Beute aus der unglücklichen Festung. Mitten unter diesem Chaos fand er sie, die er suchte, bleich, ängstlich, erschrocken, aber immer liebenswürdig. David hatte sie auf einen solchen Besuch vorbereitet.

»Duncan!« rief sie mit einer Stimme, die über ihrem eigenen Klange zu zittern schien.

»Alice!« antwortete er, sorglos über Koffer, Kistchen, Waffen und Hausgeräthe hinwegspringend, bis er an ihrer Seite stand.

»Ich wußte, daß Sie mich nie verlassen würden,« sprach sie, zu ihm aufblickend, während eine flüchtige Röthe über ihr bekümmertes Antlitz lief. »Aber Sie sind allein! So dankenswerth es ist, in solchem Andenken zu stehen, so wünschte ich doch, Sie wären nicht ganz allein.«

Duncan, welcher sah, daß sie zitterte und nicht länger im Stande war, aufrecht zu bleiben, nöthigte sie sanft zum Sitzen und erzählte ihr die Hauptbegebnisse, die wir bereits zu schildern hatten. Alice horchte mit athemloser Aufmerksamkeit, und obgleich der junge Mann der Sorge des niedergebeugten Vaters nur leicht erwähnte, doch immer so, daß er die Selbstschätzung seiner Zuhörerin nicht verletzte, so rannen doch die Thränen so reichlich über die Wangen der Tochter, als ob sie noch nie zuvor geweint hätte. Die besänftigende Zärtlichkeit Duncan’s stillte jedoch bald den ersten Ausbruch ihres Schmerzes und sie hörte ihm mit ungetheilter Aufmerksamkeit, wenn nicht mit Fassung zu, bis er mit seiner Erzählung zu Ende war.

»Und jetzt, Alice,« fügte er hinzu, »werden Sie sehen, wie viel wir noch von Ihnen erwarten müssen. Mit Hülfe unseres erfahrenen und unschätzbaren Freundes, des Kundschafters, könnte es möglich werden, den Händen dieses wilden Volkes uns zu entziehen. Sie werden aber alle Ihre Seelenstärke aufbieten müssen: bedenken Sie, daß Sie den Armen Ihres ehrwürdigen Vaters zueilen, und wie sehr sein und Ihr Glück von Ihren Anstrengungen abhängt.«

»Kann ich anders für einen Vater handeln, der so viel für mich gethan hat?«

»Und auch für mich,« fiel der Jüngling ein, ihre Hand, die er zwischen den seinigen hielt, sanft drückend.

Der Blick der Unschuld und Ueberraschung, der aus ihrem Auge auf Heyward fiel, sagte diesem, daß er sich deutlicher erklären müsse.

»Hier ist weder Ort noch Zeit, Sie mit selbstischen Wünschen bekannt zu machen,« fügte er hinzu, »aber welches Herz, so gepreßt, wie das meinige, sollte nicht wünschen, seine Bürde abzuwerfen? Unglück, sagt man, sey das mächtigste aller Bande; was wir gemeinschaftlich um Ihretwillen erduldet haben, ließ nur wenig zwischen Ihrem Vater und mir dunkel.«

»Und meine theuerste Cora, Duncan; gewiß ist Cora nicht vergessen worden?«

»Nicht vergessen! nein, sie ist bemitleidet, betrauert worden, wie selten ein Mädchen zuvor. Ihr ehrwürdiger Vater kannte keinen Unterschied zwischen seinen Kindern; aber ich – Alice, Sie werden mir vergeben, wenn ich sage, daß für mich ihr Werth in etwas verdunkelt –« »Dann haben Sie den Werth meiner Schwester nicht kennen gelernt,« sprach Alice, ihre Hand zurückziehend, »sie spricht immer von Ihnen, als von ihrem theuersten Freunde,«

»Mit Freude darf ich sie dafür halten,« versetzte Duncan hastig, »ich wünschte, sie wäre es mir in noch höherem Grade; aber mit Ihnen, Alice, darf ich nach Ihres Vaters Erlaubniß noch auf ein näheres, theureres Band hoffen.«

Alice zitterte heftig und wandte ihr Gesicht einen Augenblick bei Seite, einer ihrem Geschlechte so natürlichen Empfindung nachgebend: doch bald schwand dieser Eindruck und sie war wieder Herrin ihrer Fassung, wenn nicht ihrer Gefühle.

»Heyward,« sprach sie, ihn mit einem rührenden Ausdruck von Unschuld und Vertrauen anblickend, »geben Sie mir die heilige Gegenwart und die Einwilligung meines ehrwürdigen Vaters, bevor Sie weiter in mich dringen,«

»Mehr durfte und weniger konnte ich nicht sagen,« war der Jüngling im Begriff zu antworten, als ihn ein leichter Schlag auf seine Schulter unterbrach. Er sprang auf, wandte sich gegen den Eindringling, und seine Blicke fielen auf die dunkle Gestalt und das boshafte Gesicht Magua’s. Das gedämpfte Lachen aus der Kehle des Wilden tönte in einem solchen Augenblick für Duncan wie der höllische Hohn eines Dämons. Wäre er dem ungestümen, heftigen Drange des Augenblicks gefolgt, so hätte er sich auf den Huronen geworfen, und sein Schicksal dem Ausgang eines Kampfes um Leben und Tod anvertraut. Da er aber keine Waffen hatte und nicht wußte, welche Hülfe dem listigen Feind noch zu Gebote stehe – da er zudem für die Sicherheit eines Wesens zu wachen hatte, das eben jetzt seinem Herzen theurer als je geworden war, gab er diesen verzweifelten Entschluß eben so schnell auf, als er ihn gefaßt hatte,

»Was hast Du vor?« fragte Alice, ihre Hände sanft auf ihrer Brust kreuzend, während sie damit kämpfte, die tödtliche Angst für Heyward in dem fernehaltenden und kalten Benehmen zu verbergen, womit sie ihren Sieger bei jedem Besuche zu empfangen pflegte.

Der triumphirende Indianer hatte seine strenge Haltung wieder angenommen, zog sich aber vor den drohenden Blicken aus dem feurigen Auge des jungen Mannes vorsichtig zurück. Er betrachtete beide Gefangene eine Weile mit festem Blicke, trat dann bei Seite und wälzte ein Stück Holz vor eine andere Thüre, als die, durch welche Duncan eingetreten war. Dieser begriff jetzt die Art des Ueberfalls, und da er sich unrettbar verloren glaubte, zog er Alice an seine Brust, und stand bereit, sich einem Schicksal zu unterwerfen, das ihm sehr nahe ging, da er es in solcher Gesellschaft erleiden sollte. Magua sann aber nicht auf augenblickliche Gewaltthat: seine ersten Maaßregeln gingen nur dahin, sich seines neuen Gefangenen zu versichern, ja er warf nicht einmal einen Blick weiter auf die regungslosen Gestalten in der Mitte der Höhle, bis jede Möglichkeit, durch die geheime Pforte, zu entfliehen, die er benützt hatte, abgeschnitten war. Heyward blieb ein aufmerksamer Beobachter aller seiner Bewegungen, ruhig da stehend, indem er die zarte Gestalt Alicens an sein Herz gedrückt hielt, zu stolz und zu hoffnungslos, einen so oft überwundenen Feind um Schonung anzustehen. Als Magua seine Vorkehrungen getroffen, näherte er sich den Gefangenen und sagte in englischer Sprache:

»Die Blaßgesichter fangen die schlauen Biber; die Rothhäute aber wissen, wie man die Yengeese fängt.«

»Hurone, thue, was Du kannst!« rief der aufgereizte Heyward, vergessend, daß er jetzt zwei Leben auf’s Spiel setzte. »Ich verachte Dich, wie Deine Rache!«

»Wird der weiße Mann auch am Pfahle so sprechen?« fragte Magua, seine Worte mit einem Hohnlächeln begleitend, das zeigte, wie wenig Glauben er in diesen Entschluß des Andern habe. »Hier, Dir dem Einzelnen in’s Gesicht und in Gegenwart Deines Stammes!«

»Le Renard Subtil ist ein großer Häuptling!« erwiederte der Indianer, »er wird seine jungen Leute herbeiholen, damit sie sehen, wie standhaft ein Blaßgesicht Martern verlachen kann.«

Mit diesen Worten wandte er sich ab und war im Begriff, durch den Gang, durch welchen Duncan gekommen war, sich zu entfernen, als ein Brummen sein Ohr traf und ihn etwas zögern ließ. Die Gestalt des Bären erschien jetzt unter der Thüre, setzte sich nieder und wiegte sich wieder mit gewohnter Beweglichkeit. Magua betrachtete ihn, wie der Vater der kranken Frau, einen Augenblick scharf, als wollte er sich über seine wahre Natur in’s Klare setzen. Ueber den gewöhnlichen Aberglauben seines Stammes weit erhaben, unterschied er bald die wohlbekannte Maske des Beschwörers und wollte in kalter Verachtung an ihm vorübergehen. Doch ein lauteres und drohenderes Brummen desselben veranlaßte ihn noch einmal stille zu stehen; endlich aber schien er entschlossen, sich durch die Posse nicht länger aufhalten zu lassen und ging festen Schrittes weiter. Der kunstfertige Bär, welcher vorgetreten war, zog sich langsam vor ihm zurück, bis an den Eingang, wo er sich auf seine Hinterbeine stellte und nach der Weise seines Vorbildes in der Thierwelt mit den Tatzen in der Luft herum schlug,

»Narr!« rief der Häuptling auf Huronisch, »geh‘, spiele mit Kindern und Weibern, und mache Dich nicht an weise Männer!«

Noch einmal versuchte er, an dem vermeintlichen Charlatan vorbeizukommen, indem er selbst eine Scheindrohung mit dem Messer oder dem Tomahawk verschmähte, der an seinem Gürtel hing. Plötzlich aber streckte das Thier seine Arme oder vielmehr Füße aus und umschloß ihn mit einer Gewalt, die sich selbst mit der des weitberühmten Riesenbären hätte messen dürfen. Duncan war allen Bewegungen Hawk-eye’s mit athemloser Erwartung gefolgt. Er ließ zuerst Alice los, haschte dann nach einem Riemen von Bocksleder, der um einen Bündel geschnürt gewesen war, und stürzte, als er seinen Feind beide Arme an die Seite gepreßt von den eisenfesten Muskeln des Kundschafters umschlungen sah, auf Magua zu, ihn festzubinden. Schneller, als wir es erzählen, hatte er ihm Arme, Beine und Füße zwanzigfach mit den Riemen umzogen. Als der furchtbare Hurone so ganz und gar gefesselt war, ließ der Kundschafter seine Beute los und Duncan legte seinen Feind, völlig hülflos, auf den Rücken.

Während dieser plötzlichen und unerwarteten Operation hatte Magua nicht den leisesten Ruf von sich gegeben, obwohl er sich mit Leibeskraft sträubte, bis er überzeugt war, daß er sich in den Händen eines Mannes von weit stärkeren Muskeln befinde. Als aber Hawk-eye, um sein Verfahren in Kürze zu erklären, die zottigen Bärenkinnbacken bei Seite schob, und sein eigenes, finsteres und rauhes Antlitz den Blicken des Gegners wies, war die Philosophie des Huronen so weit aus dem Feld geschlagen, daß er das nie fehlende »Hugh!« ausstieß.

»Ja, nun bist Du wieder Deiner Zunge mächtig!« sprach der unerschütterte Sieger, »damit Du sie aber nicht zu unserem Verderben gebrauchst, muß ich mir erlauben, Dir den Mund zu stopfen.«

Da keine Zeit zu verlieren war, so machte sich der Kundschafter sogleich herbei, diese nöthige Vorsichtsmaßregel in’s Werk zusetzen; und nachdem er den Indianer geknebelt hatte, schien dieser mit allem Fug als kampfunfähig betrachtet werden zu dürfen.

»Wo kam der Schurke herein?« fragte der emsige Kundschafter, als er sein Werk vollendet hatte. »Seit Ihr mich verlassen habt, ist nicht eine Seele an mir vorbei gekommen,«

Duncan wies auf die Thür, durch welche Magua seinen Eingang genommen hatte: der Rückzug durch sie bot aber jetzt zu viele Hindernisse dar.

»So kommt mit dem Mädchen,« fuhr sein Freund fort, »wir müssen versuchen, durch den andern Ausgang in den Wald zu gelangen!«

»Es ist unmöglich!« entgegnete Duncan, »die Furcht hat sie bewältigt. Sie kann sich keine Hülfe geben. Alice, meine süße, meine einzige Alice, raffe Dich auf! jetzt ist der Augenblick zur Flucht! – Es ist umsonst. Sie hört uns, ist aber unvermögend zu folgen. Geht, edler, würdiger Freund! Rettet Euch und überlasset mich meinem Schicksal!«

»Jede Fährte hat ihr Ende und jedes Unglück gibt eine Lehre!« entgegnete der Kundschafter. »Da, wickelt sie in diese Indianerkleidung, doch so, daß ihre kleine Gestalt ganz unsichtbar wird! Nein, der Fuß hat seines Gleichen nicht in der Wildniß; er wird sie verrathen! Alles, auch das Geringste verborgen! Jetzt nehmt sie in die Arme und folget. Das Uebrige sey mir überlassen!«

Duncan war, wie man aus den Worten seines Gefährten schließen wird, eifrig beschäftigt zu gehorchen, und kaum hatte der Andere ausgeredet, so nahm er die leichte Gestalt Alicens in seine Arme und folgte den Fußtritten des Kundschafters. Sie fanden die kranke Frau, wie sie sie verlassen hatten, ganz allein, und schritten schnell durch die Felsengallerie dem Ausgange zu. Als sie sich der kleinen Rindenthür näherten, verkündigte ihnen ein Gemurmel von Summen, daß die Freunde und Verwandten der Kranken außen versammelt waren, geduldig eine Aufforderung zum Wiedereintritt erwartend.

»Wenn ich meine Lippen öffne, um zu sprechen,« flüsterte Hawk-eye, »so wird den Schelmen mein Englisch, die wahre Sprache einer Weißhaut, verrathen, daß ein Feind unter ihnen ist. Ihr müßt daher Euer Kauderwelsch preisgeben, Major, müßt sagen, daß wir den bösen Geist in die Hölle eingeschlossen haben und die Frau in die Wälder nehmen wollen, um stärkende Wurzeln für sie zu finden. Nehmt all Eure Schlauheit zusammen, denn hier ist dergleichen wohl erlaubt.« Die Thüre öffnete sich ein wenig, als ob Jemand von außen horchen wollte, was innen vorgehe. Dies nöthigte den Kundschafter, mit seinen Anleitungen zu schweigen. Ein wildes Gebrumm trieb den Lauscher zurück, der Kundschafter stieß kühn die Rindenthür auf und verließ den Ort, fortwährend die Bärenrolle spielend. Duncan ging dicht auf seinen Fersen und fand sich alsbald mitten in einem Trupp von zwanzig ängstlich neugierigen Verwandten und Freunden. Der Haufe wich etwas zurück und ließ den Vater und einen, welcher der Gatte der Frau zu seyn schien, näher treten.

»Hat mein Bruder den bösen Geist ausgetrieben?« fragte der Erstere. »Was hat er in seinen Armen?«

»Dein Kind!« sprach Duncan feierlich; »die Krankheit ist von ihr gewichen und ist in den Felsen eingeschlossen. Ich trage die Frau eine Strecke weit fort, und will sie dann gegen künftige Anfälle stärken. Sie soll in dem Wigwam des jungen Mannes seyn, wenn die Sonne wieder kehrt!«

Als der Vater des Fremden Worte in die Huronensprache übertragen hatte, verkündete ein unterdrücktes Murmeln das Wohlgefallen, mit welchem die Nachricht aufgenommen wurde. Der Häuptling winkte Duncan selbst mit der Hand, weiter zu gehen, indem er mit lauter, fester Stimme und stolzem Ausdrucke sprach:

»Geh – ich bin ein Mann, ich will nach der Höhle und mit dem bösen Geiste kämpfen.«

Heyward hatte gerne gehorcht und war schon an der kleinen Gruppe vorbei, als ihn diese beunruhigenden Worte wieder anhielten.

»Ist mein Bruder von Sinnen?« rief er; »ist er grausam? Er wird der Krankheit begegnen, und sie wird in ihn selber fahren: oder er treibt sie heraus, damit sie seine Tochter in die Wälder jage. Nein – meine Kinder mögen außen warten, und wenn der Geist erscheint, ihn mit Keulen niederschlagen. Er ist schlau, und wird sich in den Berg begraben, wenn er sieht, wie viele gerüstet sind, ihn zu bekämpfen.« Diese sonderbare Warnung hatte den erwünschten Erfolg. Statt in die Höhle zu treten, zogen der Vater und der Gatte ihre Tomahawks und hielten sich bereit, ihre Rache an dem vermeintlichen Quäler ihrer armen Verwandten zu üben, während die Weiber und Kinder in gleicher Absicht Schöße von den Gebüschen brachen oder Felsenbröckel aufnahmen. In diesem günstigen Augenblick verschwanden die Vorgeblichen Beschwörer.

Obwohl Hawk-eye so viel auf die abergläubische Natur der Indianer rechnete, wußte er doch recht gut, daß die weiseren Häuptlinge deren Aeußerungen mehr nur duldeten als theilten – wußte, wie kostbar ihre Zeit in einer so dringenden Noth sey. So weit auch die Selbsttäuschung der Feinde gehen mochte und wie sehr sie ihre Plane begünstigt hatte, so konnte doch der geringste Verdacht, der bei einem klügeren Indianer aufstieg, ihnen nach Allem verderblich werden. Er schlug deshalb den Pfad ein, der am wenigsten beobachtet werden konnte und hielt sich mehr am Rande als innerhalb des Dorfes. In einiger Entfernung waren die Krieger bei dem Lichte der erlöschenden Feuer immer noch sichtbar, von Hütte zu Hütte schreitend. Die Kinder aber hatten die Spiele mit ihren Fellbetten vertauscht, und die Ruhe der Nacht begann über die Aufregung und Unruhe eines so geräuschvollen, denkwürdigen Abends zu siegen.

Alice lebte unter dem erfrischenden Einflusse der freien Luft wieder auf, und da mehr ihre physischen als ihre Geisteskräfte Ursache der früheren Schwäche gewesen waren, so bedurfte sie keiner Erklärung dessen, was sich zugetragen hatte.

»Jetzt lassen Sie mich versuchen, zu gehen,« sprach sie, nachdem der Wald erreicht war, insgeheim erröthend, daß sie nicht früher im Stande gewesen war, Duncan’s Arme zu verlassen, »ich fühle mich wieder vollkommen hergestellt.«

»Nein, Alice, Sie sind noch zu schwach!«

Das Mädchen sträubte sich sanft, nm frei zu werden und Heyward mußte die kostbare Bürde verlieren. Der menschliche Bär hatte sicherlich keine Ahnung von den köstliche»Empfindungen des Liebhabers, während er die Geliebte in seinen Armen hielt, und vielleicht war ihm sogar das Gefühl keuscher Scham unbekannt, das die zitternde Alice beherrschte. Als er sich in gehöriger Entfernung von den Hütten befand, machte er Halt und sprach über einen Gegenstand, dessen er ganz Meister war.

»Dieser Pfad führt Euch nach dem Bache,« sprach er; »folgt seinem nördlichen Ufer, bis Ihr zu einem Wasserfalle kommet; dann, steigt Ihr auf den Berg zur Rechten und Ihr werdet die Feuer eines andern Volkes erblicken. Dahin müßt Ihr gehen und um Schutz bitten; wenn es ächte Delawaren sind, so seyd Ihr geborgen. Mit dem zarten Geschöpfe weiter zu entfliehen, ist jetzt unmöglich. Die Huronen würden unsrer Fährte folgen und Herren unsrer Skalpe seyn, ehe wir noch ein Dutzend Meilen gegangen wären. Geht, und die Vorsehung schirme Euch!«

»Und Ihr?« fragte Heyward überrascht, »wir trennen uns doch nicht hier?«

»Die Huronen haben den Stolz der Delawaren, den Letzten aus dem hohen Blute der Mohikaner, in ihrer Gewalt,« entgegnete der Kundschafter; »ich geh‘ und sehe, was für ihn geschehen kann. Hätten sie sich eures Skalps bemeistert, Major, so wäre, wie ich versprochen habe, für jedes Haar darauf ein Schurke gefallen: wird aber der junge Sagamore an den Pfahl geführt, dann sollen die Indianer sehen, wie auch ein Mann von unverfälschtem Blute sterben kann.«

Nicht im Geringsten gekränkt durch den entschiedenen Vorzug, den der unerschrockene Waidmann Dem gab, der gewissermaßen sein Adoptivkind genannt werden konnte, fuhr Duncan fort, alle Gründe geltend zu machen, die sich gegen ein so verzweifeltes Vorhaben darboten. Alice unterstützte ihn, Heyward’s Bitten durch die ihrigen verstärkend, indem sie den Freund beschwor, einen Entschluß aufzugeben, bei dem sich so viele Gefahr und so wenig Hoffnung auf Erfolg voraussehen ließ. Ihre edelmüthige Beredsamkeit sprach sich aber vergebens aus. Der Kundschafter hörte sie aufmerksam, aber ungeduldig an und schloß die Erörterung in einem Tone, der Alice sogleich zum Schweigen brachte, während sich Heyward überzeugte, wie fruchtlos fernere Vorstellungen bleiben würden.

»Ich habe sagen hören,« sprach er, »es gebe in der Jugend ein Gefühl, das den Mann fester an das Weib kette, als den Vater an den Sohn. Das mag seyn. Ich war selten, wo Frauen meiner Farbe weilen; aber innerhalb der Kolonieen mag dies in der Natur liegen. Ihr habt euer Leben und Alles, was euch theuer ist, auf’s Spiel gesetzt, um dieses zarte Geschöpf zu retten, und ich vermuthe, daß eine solche Empfindung dem Allem zu Grunde liegt. Was aber mich betrifft, so habe ich den Jungen gelehrt, was eine Büchse werth ist, und reichlich hat er mir dafür gelohnt. In manchem blutigen Scharmützel habe ich an seiner Seite gekämpft; und so lange ich den Knall seiner Büchse mit dem einen Ohr und die des Sagamoren mit dem andern hören konnte, wußte ich, daß kein Feind mir im Rücken war. Winter und Sommer, Tag und Nacht haben wir gemeinsam die Wildniß durchstreift, aus derselben Schüssel gegessen und Einer wachte, indeß der Andere schlief. Ehe man aber sagen soll, Uncas sey den Martern übergeben worden, während ich in der Nähe war – es ist nur ein Herrscher über uns Allen, welche Farbe wir auch haben mögen, und ihn ruf‘ ich zum Zeugen an – ehe der Mohikaner-Junge stirbt, weil ihm kein Freund zu Hülfe kommt, eher soll Treu‘ und Glauben von der Erde weichen und mein Wildtödter so harmlos werden, als die tutende Waffe des Sängers.«

Duncan ließ den Arm des Kundschafters los; dieser wandte sich um, und schlug festen Schrittes den Weg nach den Hütten wieder ein.

Nachdem sie eine Weile stille gestanden, ihm nachzusehen, nahm Heyward, so glücklich und dennoch sorgenvoll, mit Alice seinen Weg nach der entfernten Wohnstätte der Delawaren.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Grund. Laßt mich auch den Löwen spielen!
Sommernachtstraum.

Trotz seines hochsinnigen Entschlusses sah Hawk-eye recht wohl ein, welche Schwierigkeiten und Gefahren vor ihm lägen. Auf dem Rückwege nach dem Lager hatte sein scharfer und geübter Verstand vollauf zu thun, auf Mittel zu sinnen, wie er der mißtrauischen Wachsamkeit seiner Feinde begegnen könnte, die, wie er wohl wußte, der seinigen in Nichts nachstand. Nur die Farbe seiner Haut hatte Magua und jenem Beschwörer das Leben gerettet: sie wären als die ersten Opfer für seine Sicherheit gefallen, hätte nicht der Kundschafter eine solche Handlung, so sehr sie auch mit der Indianernatur zusammenstimmen mochte, für durchaus unwürdig eines Mannes gehalten, der sich seiner unvermischten Abstammung rühmte. Deshalb vertraute er den Weiden und Banden, womit er seine Gefangenen gefesselt hatte, und verfolgte seinen Weg gerade nach dem Mittelpunkte der feindlichen Wohnungen zu.

Als er sich aber den Gebäuden näherte, wurde sein Schritt bedächtlicher und sein wachsames Auge ließ kein Zeichen, ob günstig oder drohend, unbeachtet. Eine verwahrloste Hütte stand den übrigen etwas voran, und schien halb vollendet verlassen worden zu seyn, ohne Zweifel, weil es an einigen wichtigeren Erfordernissen, als da sind Holz oder Wasser, gebrach. Ein schwaches Licht schimmerte durch die Ritzen und verkündete, daß sie dessenungeachtet nicht ohne Bewohner war. Hierher lenkte der Kundschafter seine Schritte, wie ein kluger Heerführer, welcher erst die Außenwerke seines Feindes untersucht, ehe er den Hauptangriff wagt.

Eine Stellung annehmend, die der Weise des nachzuahmenden Thieres entsprach, kroch Hawk-eye nach einer kleinen Oeffnung, durch die er das Innere überblicken konnte. Die Hütte war Davids Zufluchtsort. Hieher hatte sich der getreue Singmeister begeben, mit seinen Sorgen, Befürchtungen und seinem demüthigen Vertrauen in den Schutz des Himmels. In demselben Augenblick, da Gamut’s unförmliche Gestalt dem Kundschafter unter die Augen trat, war der Waidmann selbst, obwohl in der täuschenden Bärenhülle, der Gegenstand tiefsten Nachsinnens für den einsamen Sänger.

So unbedingt auch David auf die Wirklichkeit der alten Wunder baute, so mied er doch den Glauben an eine unmittelbare übernatürliche Einwirkung auf den Gang des jetzigen Weltlaufs. Mit andern Worten: während er unbedingt an die Sprechfähigkeit von Bileam’s Esel glaubte, war er doch über das Singtalent des Bären noch in einigem Zweifel; und doch hatten ihm für das Letztere seine eigenen vortrefflichen Organe Zeugniß abgelegt. Es lag in seiner Miene und seiner Geberdung etwas, das dem Kundschafter eine völlige Verwirrung des Geistes verrieth. Er saß auf einem Bündel Sträucher, die hie und da einen kleinen Beitrag zur Nährung seines bescheidenen Feuers gaben, das Haupt auf einen Arm gestützt, in einer Stellung melancholischen Nachdenkens. Das Costüm des Jüngers der Musik hatte außer der neulich erwähnten keine weitere Veränderung erlitten; nur hatte er seinen Kahlkopf mit einem dreieckigen Biberhute bedeckt, der nicht anziehend genug gewesen war, die Habgier eines der Sieger zu reizen.

Der scharfsinnige Kundschafter, der Hast eingedenk, mit welcher jener seinen Posten am Bette der kranken Frau verlassen hatte, war nicht ohne Muthmaßungen über den Gegenstand einer so feierlichen Betrachtung geblieben. Nachdem er die Runde um die Hütte gemacht und sich versichert hatte, daß sie ganz vereinzelt dastehe, wagte er, überzeugt bei dem Gemüthszustande des Bewohners vor Besuchern geschützt zu seyn, durch die niedere Thüre einzutreten, gerade vor Gamut hin. Die Stellung des Letzteren ließ das Feuer gerade zwischen ihnen, und als Hawk-eye sich auf seine Hinterbeine gelassen, sahen sie einander nahezu eine Minute lang sprachlos an. Diese plötzliche, so sehr überraschende Erscheinung war beinahe zu viel, ich will nicht sagen für die Philosophie, aber für den Glauben und die Entschlossenheit Davids. Er tappte nach seiner Pfeife und erhob sich in der dunkeln Absicht eine musikalische Beschwörung zu versuchen.

»Finsteres, geheimnißvolles Ungeheuer!« rief er, mit zitternden Händen seine hülfreiche Brille auf der Nase befestigend und nach dem nie fehlenden Helfer in der Noth, der gefeierten Psalmen-Uebersetzung suchend; »ich weiß nicht, wer du bist, noch was du begehrest: verfolgst du aber die Person und die Rechte eines der demüthigsten Diener des Tempels, so höre die begeisterte Sprache des Jünglings in Israel und hebe reuevoll dich von hinnen!«

Der Bär schüttelte seinen zottigen Körper, und eine wohlbekannte Stimme erwiederte:

»Steckt euer Pfeif-Instrument ein und lehrt eure Kehle Bescheidenheit! Fünf Worte einfaches, verständliches Englisch sind jetzt gerade so viel werth, als stundenlanges Schreien!«

»Wer bist du?« fragte David, durchaus unfähig, seine ursprüngliche Absicht auszuführen, und beinahe nach Athem schnappend.

»Ein Mensch, wie ihr, dessen Blut sowenig von einem Bären oder einem Indianer hat, als das eurige. Habt ihr sobald vergessen, von wem das närrische Instrument kommt, das ihr da in der Hand haltet?«

»Ist es möglich?« rief David, freier athmend, als ihm die Wahrheit zu tagen begann. »Gar manches Wunderbare habe ich seit meinem Aufenthalte unter den Heiden gesehen; aber hierüber geht nichts!«

»Kommt, kommt,« versetzte Hawk-eye, sein ehrliches Gesicht enthüllend, um das wankende Vertrauen seines Freundes noch mehr zu befestigen; »da seht ihr eine Haut, die zwar nicht so weiß wie ein Mädchengesicht ist, aber doch nicht mehr Röthe hat. als Wind und Sonne ihr gegeben haben. Aber jetzt an die Arbeit!«

»Zuerst erzählt mir von dem Mädchen und dem jungen Manne, der sie muthig aufgesucht hat,« unterbrach ihn David.

»Ja, die sind glücklich vor den Tomahawks der Schufte gerettet. Könnt ihr mich aber auf Uncas‘ Fährte bringen?«

»Der junge Mann ist in Banden, und ich fürchte sehr, sein Tod ist beschlossen! Es thut mir sehr weh, daß ein so reich begabter Mensch in Unwissenheit dahinfährt – ich habe eine so schöne Hymne aufgesucht« –

»Könnt ihr mich zu ihm führen?«

»Das wird nicht schwer seyn!« antwortete David zögernd, »obgleich ich sehr fürchte, daß eure Gegenwart sein Unglück eher steigern, als erleichtern wird,«

»Kein Wort mehr! Führt mich zu ihm!« versetzte Hawk-eye, sein Gesicht wieder verbergend, indem er, das beste Beispiel gebend, sogleich die Hütte verließ.

Unterwegs erfuhr der Kundschafter, daß sein Gefährte bereits einmal Zugang zu Uncas gefunden habe, kraft des Vorrechts, das ihm seine vermeintliche Geistesschwäche verlieh, und durch die Gunst eines der Wächter, den er für sich eingenommen und schon früher, weil er etwas englisch verstand, zu einem Gegenstande der Bekehrung ausersehen hatte.

Wie weit der Hurone die Absichten seines neuen Freundes begriff, läßt sich nicht entscheiden; weil aber ausschließliche Aufmerksamkeit einem Wilden ebenso schmeichelhaft ist, als civilisirteren Menschen, so war der schon erwähnte Erfolg leicht erklärlich. Wir wiederholen nicht, mit welcher Gewandtheit der Kundschafter dem schlichten David diese Einzelheiten zu entlocken wußte; auch verweilen wir nicht bei den Anweisungen, die er ihm gab, nachdem er im Besitze der nöthigen Thatsachen war, da das Ganze dem Leser im Verlaufe der Erzählung hinlänglich klar werden wird. Die Hütte, in welche Uncas eingeschlossen war, stand in der Mitte des Dorfes, und in einer Lage, die jede unbemerkte Entfernung oder Annäherung gleich schwer machte. Hawk-eye’s Politik erforderte aber auch nicht den leisesten Schein von Heimlichkeit. Im Vertrauen auf seine Verkleidung und sein Geschick, die übernommene Rolle durchzuführen, schlug er den geradesten und nächsten Weg nach der Wohnung ein. Die nächtliche Stunde gewährte ihm jedoch einigermaßen den Schutz, auf welchen er so wenig Werth zu legen schien. Die Knaben lagen bereits in tiefem Schlafe, und die Weiber so wie die meisten Krieger hatten sich für die Nacht in ihre Hütten begeben. Nur vier oder fünf Wilde hielten sich in der Nähe des Haft-Ortes auf, um das Benehmen ihres Gefangenen behutsam aber streng zu beobachten.

Als sie Gamut mit einem Begleiter in der wohlbekannten Maske eines ihrer angesehensten Beschwörer erblickten, machten sie Beiden ohne Widerrede Platz, hatten aber wie es schien keine Lust, sich zu entfernen. Im Gegentheil fühlten sie sich jetzt offenbar bestimmt, um so eifrigere Wächter zu bleiben, indem sie von einem solchen Besuche das Schauspiel geheimnißvoller Zauberbräuche erwarteten. Da der Kundschafter ganz unfähig war, mit den Huronen in ihrer Sprache zu reden, so mußte er die Unterhaltung allein an David überlassen. Trotz seiner Einfalt machte dieser dem empfangenen Unterricht alle Ehre und erfüllte selbst die kühnsten Hoffnungen seines Lehrers.

»Die Delawaren sind Weiber!« rief er, an den Wilden sich wendend, der ein wenig von der Sprache verstand, welche er redete; »die Yengeese, meine Landsleute, waren thöricht genug, ihnen zu sagen, sie sollten den Tomahawk gegen ihre Väter in Canada ergreifen, ohne ihres Geschlechtes zu gedenken! Wünscht mein Bruder zu hören, wie le Cerf agile um den Weiberrock bittet? – will er ihn am Pfahle vor den Huronen weinen sehen?«

Ein entschieden beifälliges »Hugh,« in scharfem Tone gesprochen, bewies, mit welcher Freude der Wilde Zeuge einer solchen Darlegung von Schwäche an einem lange gehaßten und so sehr gefürchteten Feinde seyn würde. »So laßt ihn bei Seite treten und der weise Mann wird den Hund anblasen! Sag‘ es meinen Brüdern!«

Der Hurone erklärte seinen Kameraden Davids Absicht, und diese vernahmen sie mit einem Vergnügen, wie man es bei so zuchtlosen Gemüthern über die Aussicht auf eine raffinirte Grausamkeit erwarten durfte. Sie zogen sich ein wenig vom Eingang zurück und winkten dem vermeintlichen Beschwörer einzutreten. Der Bär aber, anstatt zu gehorchen, blieb in seiner sitzenden Stellung und brummte fort.

»Der kundige Mann fürchtet, sein Athem möchte seine Brüder treffen und auch ihnen den Muth nehmen,« fuhr David fort, den ihm gewordenen Wink benutzend, »sie müssen weiter davon stehen.«

Die Huronen, welche ein solches Mißgeschick für den schwersten Schlag hielten, der sie treffen könnte, zogen sich insgesammt zurück, in eine Stellung, wo sie zwar außerhalb Hörweite waren, aber doch den Eingang mit ihren Augen beherrschten. Jetzt verließ der Bär, als wäre er über ihre Sicherheit beruhigt, seinen Platz und schritt langsam hinein. Der Ort war stille und düster, da der Gefangene ganz allein war, und nur die erlöschende Glut eines Feuers, das zum Kochen benutzt worden war, erleuchtete ihn.

Uncas nahm einen entfernten Winkel ein, an die Wand gelehnt, und an Händen und Füßen mit starken, schmerzhaften Banden festgeschnürt. Als der furchtbare Gegenstand dem jungen Mohikaner zuerst unter die Augen trat, warf er nicht einen Blick auf das Thier. Der Kundschafter, welcher David an der Thüre zurückgelassen hatte, um sicher zu bleiben, daß man sie nicht beobachte, hielt es für rathsam, seine Verkleidung beizubehalten, bis er hierüber Gewißheit hatte. Statt zu sprechen, bemühte er sich die Fratzen des Thiers, das er vorstellte, nachzuahmen. Der junge Mohikaner, welcher anfänglich glaubte, seine Feinde hätten, um ihn zu quälen und seine Nerven auf die Probe zu stellen, einen wirklichen Bären hereingetrieben, entdeckte bald in diesen Bewegungen, die Heyward so naturgetreu schienen, gewisse Mängel, die ihm mit einem Mal den Betrug verriethen. Hätte Hawk-eye geahnt, wie niedrig der erfahrnere Uncas seine Kunstleistungen anschlage, so hätte er wahrscheinlich ihm zum Verdruß diese Unterhaltung noch etwas verlängert. Der verächtliche Ausdruck des jungen Mannes erlaubte aber so viele Deutungen, daß dem würdigen Kundschafter das Kränkende einer solchen Entdeckung erspart blieb. Sobald daher David das verabredete Zeichen gab, ließ sich statt des wilden Bärengebrumms ein leiser Zischlaut in der Hütte vernehmen.

Uncas hatte sich gegen die Wand der Hütte herumgeworfen und hielt seine Augen geschlossen, als wollte er den Anblick eines so verächtlichen und widerlichen Gegenstandes meiden; sobald sich aber das Geräusch einer Schlange hören ließ, richtete er sich auf, bückte sein Haupt tief, wandte sich nach allen Seiten und blickte forschend umher, bis sein kühnes Auge auf dem zottigen Unthier ruhen blieb, unverwandt, als wäre es durch Zauberkraft gefesselt. Dieselben Töne wiederholten sich und kamen offenbar aus dem Rachen des Thieres. Noch einmal durchstreiften die Augen des Jünglings das Innere der Hütte, blieben aber auf derselben Stelle haften, und er sprach mit tiefer, gedämpfter Stimme: »Hawk-eye!«

»Schneide seine Bande entzwei!« gebot Hawk-eye dem eben herantretenden David.

Der Sänger that, wie er angewiesen wurde, und Uncas fand seine Glieder wieder in Freiheit. In demselben Augenblick raschelte die dürre Bärenhaut, und der Kundschafter, in eigener Person, sprang auf seine Füße. Der Mohikaner begriff die Absicht des Freundes und seine Plane ohne Worte: weder ein Laut noch ein Ausdruck seiner Züge verrieth Ueberraschung. Als Hawk-eye sein zottiges Gewand abgeworfen hatte, wozu es nur der Lösung einiger Riemen bedurfte, zog er ein langes, blitzendes Messer hervor und gab es Uncas in die Hand.

»Die rothen Huronen sind draußen,« sprach er, »laßt uns bereit seyn.«

Zu gleicher Zeit legte er seinen Finger bezeichnend auf eine andere ähnliche Waffe, die Frucht seiner Tapferkeit unter den Feinden an dem verflossenen Abend,

»Wir wollen gehen,« sprach Uncas.

»Wohin?«

»Zu den Schildkröten, sie sind die Kinder meiner Großväter.«

»Ja, Junge,« sprach der Kundschafter englisch – eine Sprache, deren er sich gerne bediente, wenn er etwas zerstreut war, »dasselbe Blut rinnt in Euren Adern, ich glaub‘ es gern, aber Zeit und Entfernung haben seine Farbe etwas verändert. Was fangen wir mit den Mingo’s vor der Thüre an? Sie sind ihrer sechs, und der Sänger ist so gut als niemand,«

»Die Huronen sind Prahler,« sagte Uncas verächtlich! »ihr Totem ist das Mußthier, sie laufen wie Schnecken. Die Delawaren sind Kinder der Schildkröte und Überholen den Hirsch.«

»Ja, Junge, in Deinen Worten ist Wahrheit, und ich zweifle nicht, daß Du in einem Lauf die ganze Nation hinter Dir ließest, so wie Du auf einer Strecke von zwei Meilen zum Ziele, und wieder zu Athem gekommen wärst, ehe einer dieser Schelme in die Hörweite des andern Dorfes gelangte. Aber die Gaben des weißen Mannes liegen mehr in seinen Armen, als in den Beinen, So gut als einer, will ich jedem Huronen das Hirn einschlagen; wenn’s aber einen Wettlauf gilt, kann ich mich nicht messen mit den Schelmen.«

Uncas, der sich bereits dem Eingang genähert hatte, im Begriff vorauszugehen, fuhr wieder zurück und stellte sich noch einmal in die Tiefe der Hütte. Hawk-eye aber, mit seinen eigenen Gedanken zu sehr beschäftigt, um auf diese Bewegung zu achten, fuhr fort, mehr mit sich selbst, als zu seinem Begleiter sprechend:

»Bei alle dem ist es unvernünftig, einen Mann von den Gaben des andern abhängig zu machen. So wirst du besser thun, Uncas, wenn du den Lauf beginnst, indeß ich die Haut wieder anlege, und mich in Ermangelung der Schnelle auf die List verlasse!«

Der junge Mohikaner antwortete nicht, sondern schlug ruhig die Arme über einander und lehnte sich gegen einen der Pfosten, welche das Gebäude trugen.

»Nun,« sprach der Kundschafter, ihn anblickend, »warum zögerst Du? Ich habe Zeit genug vor mir, da die Schelme doch zuerst ihre Jagd auf dich beginnen werden.«

»Uncas bleibt,« war seine ruhige Antwort.

»Wozu?«

»Um mit meines Vaters Bruder zu kämpfen und zu sterben mit dem Freunde der Delaware».«

»Ja, Junge,« erwiederte Hawk-eye, Uncas‘ Hand zwischen seinen Eisenfingern drückend, »’s hätte mehr einem Mingo, als einem Mohikaner gleich gesehen, wenn du mich verlassen hättest. Aber ich dachte, ich wollte dir’s anbieten, da ich weiß, daß die Jugend gemeiniglich am Leben hängt. Nun, was sich im Krieg nicht durch offnen Muth ausrichten läßt, muß durch Umschweife geschehen. Leg‘ die Bärenhaut an, ich zweifle nicht, daß du vielleicht so gut als ich den Bären spielen kannst.«

Was auch immer Uncas‘ geheime Meinung von ihrer beiderseitigen Geschicklichkeit in diesem Punkte seyn mochte, so verrieth doch seine ernste Miene keinen Anspruch auf Überlegenheit. Schweigend, aber rasch steckte er sich mit vielem Geschick in die Bärenhülle, weiterer Schritte gewärtig, die sein älterer Begleiter angeben würde. »Nun Freund,« sprach Hawk-eye, an David sich wendend, »ein Kleidertausch wird Euch sehr lieb seyn, sintemal Ihr Euch an diese Nothbehelfe der Wildniß doch nicht recht gewöhnen könnet. Da nehmt mein Jagdhemd und meine Mütze, und gebt mir Eure Decke und Euren Hut dafür. Auch Euer Buch, Eure Brille und Euer Tutinstrument müßt Ihr mir anvertrauen, und treffen wir uns je in besseren Zeiten wieder, so sollt Ihr Alles zurückerhalten und meinen besten Dank obendrein.«

David überließ ihm diese verschiedenen Dinge mit einer Bereitwilligkeit, die seinem Edelmuth große Ehre gemacht haben würde, hätte er nicht in mancher Hinsicht bei dem Tausche gewonnen. Hawk-eye bedurfte nur kurzer Zeit, die erborgten Kleider anzulegen, und als seine rastlosen Augen hinter den Gläsern verborgen waren, der dreieckige Castorhut sein Haupt überragte, so konnte er, da beide in ihrer Statur nicht zu verschieden waren, beim Sternenlicht wohl für den Sänger gelten. Sobald diese Vorkehrungen getroffen waren, wandte sich der Kundschafter an David und gab ihm zum Abschiede seine Verhaltungsregeln.

»Seyd Ihr von Natur sehr furchtsam?« fragte er ihn mit derbem Freimuth, um sich erst das ganze Verhältnis angemessen klar zu machen, ehe er eine bestimmte Vorschrift zu geben wagte.

»Meine Bestrebungen sind friedlich und meine Gemüthsart, wie ich in Demuth glaube, neigt sich hauptsächlich zur Milde und Liebe,« versetzte David, etwas verletzt durch diesen unmittelbaren Angriff auf seine Männlichkeit; »aber Keiner kann mir nachsagen, daß ich selbst in den größten Nöthen mein Vertrauen auf den Herrn verloren hätte.«

»Die Hauptgefahr wird Euch in dem Augenblick drohen, wo die Wilden finden werden, daß sie betrogen sind. Schlägt man Euch da nicht auf das Haupt, so schützt Euch Euer Geisteszustand; und Ihr könnt dann mit gutem Grund erwarten, in Eurem Bette zu sterben. Wenn Ihr bleibt, so müßt Ihr Euch hier in den Schatten setzen und Uncas‘ Rolle übernehmen, bis die schlauen Indianer den Betrug entdecken: dann wird, wie ich schon erwähnt, Euer Prüfungsstündlein kommen. So wählt denn selbst, ob Ihr einen Lauf mitmachen oder hier bleiben wollt.«

»Das letztere!« antwortete David entschlossen; »ich will an der Stelle des Delawaren hier bleiben. Tapfer und edelmüthig hat er für mich gekämpft; soviel und noch mehr will ich für ihn thun.«

»Ihr habt wie ein Mann gesprochen, und wie Einer, der unter weiserer Zucht wohl Größeres geleistet hätte. Drückt Euern Kopf herab und zieht Eure Beine ein; ihre Beschaffenheit möchte sonst die Wahrheit zu früh an den Tag bringen. Schweigt, so lang Ihr könnet; und wenn Ihr sprecht, so war‘ es am klügsten, sogleich einen Eurer lauten Gesänge anzustimmen: dies wird die Indianer daran erinnern, daß Ihr nicht so zurechnungsfähig wie andere Menschenkinder seyd. Wenn sie euch aber den Skalp abziehen, wiewohl ich hoffe und glaube, daß sie dies nicht thun werden, so verlaßt Euch darauf, daß Uncas und ich es ihnen gedenken und Euch rächen, wie’s ächten Kriegern und treuen Freunden ziemt.«

»Halt!« sprach David, als er merkte, daß sie ihn mit dieser Zusicherung verlassen wollten; »ich bin ein unwürdiger und geringer Nachfolger Dessen, der nie den verdammlichen Grundsatz der Rache predigte. Sollte ich fallen, so bringt meinen Manen kein Opfer; verzeiht vielmehr meinen Verderbern; und wenn Ihr überhaupt an sie denkt, so sey es nur im Gebet um Erleuchtung ihres Geistes und um ihr ewiges Heil.«

Der Kundschafter zögerte und schien in Nachdenken versunken.

»Das ist ein Grundsatz,« sprach er, »nicht wie man ihn in den Wäldern hat, und doch schön und edel, und sehr beherzigenswerth.« Mit einem schweren Sehnsuchtsseufzer, einem der letzten vielleicht nach dem Leben, das er so lange schon verlassen hatte, fuhr er fort: »ich möchte sehr gerne selbst ihm nachleben, als Einer, der keinen unächten Blutstropfen in seinen Adern hat; er ist aber nicht immer so leicht bei einem Indianer zu befolgen, wie bei einem Mitchristen. Nun, Gott segne Euch, Freund; Ihr seyd, glaub‘ ich, nicht eben auf einer falschen Fährte, betrachtet man die Sache recht, wenn Ihr die Ewigkeit Euch immer vor Augen haltet. Freilich kommt viel auf die Naturgaben an und die Stärke der Versuchung.«

Mit diesen Worten kehrte der Kundschafter um und schüttelte David herzlich die Hand. Nach dieser Freundschaftsbezeigung verließ er, von dem neuen Darsteller des Bären begleitet, die Hütte.

Sobald sich Hawk-eye unter den Augen der Huronen befand, richtete er seine hohe Gestalt nach der unbeholfenen Weise Davids empor, reckte seinen Arm aus, als ob er den Takt angeben wollte und begann eine Art Nachahmung seines Psalmgesangs. Zum Glück für den Erfolg dieses mißlichen Versuchs hatte er es mit Ohren zu thun, die an den süßen Wohlklang harmonischer Töne wenig gewöhnt waren: sonst hätte sich dieses klägliche Beginnen unfehlbar entdeckt. Sie mußten in eine gefährliche Nähe mit der dunkeln Gruppe der Wilden gelangen, und je mehr sie heranschritten, desto lauter ertönte des Kundschafters Stimme. Als sie zunächst an den Feinden waren, streckte der Hurone, welcher englisch sprach, den Arm aus und hielt den vermeintlichen Singmeister an.

»Der Hund von Delawarer –« sprach er, sich vorwärtslehnend, um den Ausdruck des Andern durch das Dämmerlicht zu erkennen: »fürchtet er sich? Werden die Huronen Seufzer von ihm hören?«

Ein so entsetzlich natürliches Brummen aber erscholl in diesem Augenblick aus dem Bärenrachen, daß der junge Indianer seinen Mann losließ und bei Seite fuhr, als wollte er sich erst überzeugen, ob, was vor ihm hertrollte, ein wirklicher Bär oder eine Nachahmung sey, Hawk-eye, in der Furcht, seine Stimme möchte ihn den schlauen Feinden verrathen, benutzte die Unterbrechung mit Freuden zu einer neuen musikalischen Produktion, die in der Sprache der verfeinerten Gesellschaft ohne Zweifel ein Höllenlärm genannt worden wäre. Bei seinen jetzigen Zuhörern aber gab es ihm nur einen Anspruch mehr auf die Achtung, welche sie Solchen, die ihrer Meinung nach geisteswirr sind, nie versagen. Der kleine Indianerhaufe zog sich zumal zurück und ließ den vermeintlichen Beschwörer mit seinem begeisterten Gehülfen weiter ziehen.

Es war keine geringe Aufgabe für Uncas‘ und des Kundschafters Seelenstärke, den langsamen, gravitätischen Schritt beizubehalten, den sie längs der Wohnhütten angenommen hatten, besonders, als sie gleich darauf gewahrten, daß die Neugierde bei den Wächtern die Oberhand über die Furcht gewonnen hatte, so daß sie sich der Hütte näherten, um Zeugen der Wirksamkeit der Bezauberungen zu seyn. Die geringste unüberlegte oder ungeduldige Bewegung Davids konnte sie verrathen, und für die Sicherheit des Kundschafters bedurfte es nothwendig einiger Zeit. Der laute Gesang, den der Letztere gerathen fand fortzusetzen, zog verschiedene neugierige Gaffer unter die Thüren der Hütten, an denen sie vorübergingen, und ein- oder zweimal führte Aberglaube oder Wachsamkeit einen finsterblickenden Krieger quer über ihren Pfad. Sie wurden jedoch nicht angehalten. Die Dunkelheit der Nacht und die Keckheit des Wagestücks waren ihre besten Verbündeten.

Die Abenteurer hatten das Dorf hinter sich und näherten sich nun rasch dem Schutze der Wälder, da ließ sich aus der Hütte, in welcher Uncas bewacht worden war, ein lautes, anhaltendes Geschrei vernehmen. Der Mohikaner stand auf seine Beine und schüttelte sein zottiges Kleid, als ob das Thier, welches er darstellte, eine verzweifelte Anstrengung machen wollte.

»Halt!« sprach der Kundschafter, seinen Freund an der Schulter greifend, »laß sie noch einmal schreien; es war nichts als ihre Verwunderung!«

Sie hatten keinen Grund zu zögern: im nächsten Augenblick erfüllte ein neues Geschrei die Lüfte und lief durch das ganze Dorf. Uncas warf seine Haut ab und schritt in seinem eigenen schöngeformten Gliederbaue weiter. Hawk-eye schlug ihn leicht auf die Schulter und glitt voran.

»Jetzt mögen die Teufelskinder unsere Fährte finden!« sagte der Kundschafter, indem er zwei Büchsen mit allen nöthigen Erfordernissen unter einem Busch hervorzog, seinen Wildtödter schwang und Uncas die andre Waffe hinhielt; »zwei wenigstens laufen dem Tode in die Arme.«

Gleich Jägern, die des Wildes harren, ihre Gewehre niederhaltend, eilten sie fort und waren bald in der Dunkelheit des Waldes begraben.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Antonius.   .   .   .   .   .   . Ich will mir’s merken:
Wenn Cäsar sagt: thu dies, so ist’s gethan.
Julius Cäsar.

Die Ungeduld der Wilden, welche um Uncas‘ Gefängnißhütte schlenderten, hatte, wie wir gesehen haben, ihre Furcht vor dem Hauche des Beschwörers überwunden. Vorsichtig und mit klopfendem Herzen stahlen sie sich an eine Spalte heran, durch welche der schwache Schein des Feuers flimmerte. Mehrere Minuten hielten sie Davids Gestalt für die ihres Gefangenen, bis es kam, wie Hawk-eye vorausgesehen hatte. Müde, die Enden seiner langen Person so nahe beisammen zu halten, ließ der Sänger seinen untern Gliedmaßen Freiheit, bis einer der unförmlichen Füße mit der Glutasche in Berührung kam und sie bei Seite schob. Zuerst glaubten die Huronen, der Delaware sey durch Zauberkraft so entstellt worden. Als aber David, der nicht an Beobachtung dachte, seinen Kopf umwandte und sein mildes, ehrliches Antlitz statt der stolzen Züge ihres Gefangenen sehen ließ, da hätte es mehr denn der Leichtgläubigkeit eines Eingebornen bedurft, um längere Zweifel zu hegen. Sie stürzten alle in die Hütte, legten ohne viel Umstände ihre Hände auf den Gefangenen und entdeckten alsbald den Betrug. Jetzt erhob sich das erste Geschrei, das die Flüchtlinge vernommen hatten: ihm folgten die grimmigsten und rachedrohendsten Geberden, so daß David, obwohl fest entschlossen, den Rückzug seiner Freunde zu decken, glauben mußte, sein eigenes Stündlein sey gekommen. Seines Buchs und seiner Pfeife beraubt, mußte er wohl sein Gedächtniß in Anspruch nehmen, das ihn auch in solchen Dingen selten im Stiche ließ; und in einer lauten, leidenschaftlichen Weise seine Stimme erhebend, suchte er sich den Uebergang in die andre Welt durch das Absingen eines Leichengesanges zu versüßen. Die Indianer wurden noch zu rechter Zeit an seine Geistesschwäche erinnert, stürzten an die freie Luft und brachten in der vorbeschriebenen Weise das ganze Dorf auf die Beine.

Der eingeborne Krieger ficht, wie er schläft, ohne durch besondere Schutzmittel gedeckt zu seyn. Kaum war daher das Lärmgeschrei ausgestoßen, als schon zweihundert Huronen auf den Beinen waren, zum Kampf oder zur Jagd bereit, wie es der Augenblick erheischte. Die Entweichung des Gefangenen war bald bekannt, und der ganze Stamm schaarte sich in Masse um die Versammlungshütte, ungeduldig der Befehle seiner Häuptlinge wartend. Bei einem so unerwarteten Anruf an ihre Weisheit, mußte die Abwesenheit des schlauen Magua tief empfunden werden. Sein Name ward genannt und verwundert schauten alle um sich, als er nicht erscheinen wollte. Boten wurden nach seiner Wohnung entsendet, ihn herbeizurufen.

Mittlerweile erhielten einige der schnellsten und besonnensten jungen Krieger die Weisung, unter dem Schutze des Waldes die Lichtung ringsum zu durchsuchen, ob nicht ihre verdächtigen Nachbarn, die Delawaren, Schlimmes im Schilde führten. Weiber und Kinder rannten hin und her; kurz das ganze Lager bot abermals den Anblick wilder Verwirrung. Allmählig jedoch schwanden die Merkmale der Unordnung und in wenigen Minuten waren die ältesten und ausgezeichnetsten Häuptlinge in der Hütte zu ernstlicher Berathung versammelt.

Ein Geschrei vieler Stimmen verkündete bald die Ankunft einer Streifparthie, von der man einigen Aufschluß über diese räthselhafte Ueberraschung erwarten durfte.

Die Menge draußen machte Platz und mehrere Krieger traten ein, den unglücklichen Beschwörer mit sich führend, den der Kundschafter in solche Noth gebracht hatte.

Obgleich der Mann bei den Huronen sehr verschieden angesehen war, – die Einen glaubten unbedingt an seine Macht, die Andern hielten ihn für einen Betrüger – fand er doch jetzt bei Allen die gespannteste Aufmerksamkeit. Als seine kurze Geschichte zu Ende war, trat der Vater der kranken Frau vor und erzählte dagegen, was er wußte. Diese beiden Berichte bildeten die beste Grundlage für die folgenden Nachforschungen, welche alsbald mit der den Wilden eigenthümlichen Schlauheit begonnen wurden.

Statt in einem verworrenen, unordentlichen Haufen nach der Höhle zu stürzen, wurden zehn der weisesten und entschlossensten Häuptlinge für den Verfolg der Untersuchung ausersehen. Da keine Zeit zu verlieren war, erhoben sich diese nach beendeter Wahl sogleich und verließen die Hütte ohne ein Wort zu sprechen. Am Eingange angelangt, machten die jüngeren Männer den älteren Platz und Alle betraten den niederen, finsteren Felsengang mit dem festen Muthe von Kriegern, die entschlossen sind, sich dem öffentlichen Besten zu opfern, wie wohl sie zugleich geheime Zweifel über das Wesen der Macht hegten, mit der sie streiten sollten.

In dem düstern Vorgemach der Höhle herrschte Stillschweigen. Die Frau lag noch an demselben Orte und in ihrer früheren Stellung, obgleich mehrere Anwesende gesehen haben wollten, wie sie der vermeintliche Arzt der weißen Männer in die Wälder

getragen habe. Ein so offenbarer und auffallender Widerspruch mit der Erzählung des Vaters richtete Aller Augen auf ihn. Verletzt von dem stillen Vorwurf und von einem so unerklärlichen Umstand innerlich beunruhigt, trat der Häuptling an die Seite des Lagers und warf einen ungläubigen Blick auf die Züge seiner Tochter, als ob er ihr wirkliches Daseyn bezweifle. Sie war todt.

Die mächtigen Gefühle der Natur gewannen für einen Augenblick die Oberhand: der alte Krieger bedeckte sich in seinem Kummer die Augen. Bald aber faßte er sich wieder, schaute seine Begleiter an und sagte, auf die Leiche deutend, in der Sprache seines Volkes:

»Das Weib meines jungen Mannes hat uns verlassen! Der große Geist zürnt mit seinen Kindern.«

Die traurige Kunde wurde in feierlicher Stille aufgenommen. Nach einer kurzen Pause schickte sich einer der älteren Indianer zum Sprechen an, als ein dunkel aussehender Körper aus dem anstoßenden Gemache mitten in das Zimmer, in welchem sie standen, hereinrollte. Unbekannt mit der Natur der Wesen, denen sie hier begegnen sollten, wichen alle ein wenig zurück, verwundert dareinschauend, bis der Gegenstand mehr an’s Licht kam, sich aufrichtete, und die verzerrten, aber immer noch wilden und grimmigen Züge Magua’s sichtbar wurden. Dieser Entdeckung folgte ein allgemeiner Ausruf des Erstaunens.

Sobald jedoch der wahre Zustand des Häuptlings entdeckt war, setzten sich mehrere Messer in Bewegung und bald waren Maguas Glieder und Zunge in Freiheit. Der Hurone erhob sich und schüttelte sich wie ein Löwe, der sein Lager verläßt. Nicht ein Wort entschlüpfte ihm. Seine Hand spielte krampfhaft mit dem Griff seines Messers, während seine dunklen Augen über die Anwesenden hinliefen, als suchten sie einen Gegenstand für den ersten Ausbruch seiner Rache.

Es war ein Glück für Uncas, den Kundschafter und selbst David, daß sie alle in diesem Augenblick außer dem Bereiche seines Armes waren: denn sicher nicht die raffinirteste Grausamkeit hätte jetzt ihren Tod verzögert, dem Ausbruche wilder Leidenschaft gegenüber, der dem Wilden beinahe die Stimme erstickte. Da Magua aber überall nur Gesichter traf, die er als Freunde kannte, knirschte er mit den Zähnen, wie mit eisernen Raspeln und schlang seine Wuth in sich, in Ermanglung eines Opfers, an dem er sie hätte auslassen können. Diese Zorneswuth entging keinem Anwesenden, und mehrere Minuten verflossen, ohne daß ein Wort gesprochen wurde, weil Jeder fürchten mußte, eine jetzt schon an Wahnsinn gränzende Leidenschaft noch zu steigern. Endlich aber nahm der älteste Häuptling das Wort:

»Mein Freund hat einen Feind gefunden,« sprach er. »Ist er in der Nähe, daß die Huronen Rache nehmen können?«

»Laßt den Delawaren sterben!« rief Magua mit einer Donnerstimme.

Eine abermalige, lange und bedeutungsvolle Pause erfolgte und ward wie zuvor mit gebührender Vorsicht von demselben Häuptling unterbrochen.

»Der Mohikaner ist schnellfüßig und springt weit!« sprach er, »aber meine jungen Männer sind auf seiner Fährte.«

»So ist er fort?« fragte Magua in tiefen Kehltönen, die aus dem Innersten seiner Brust zu kommen schienen.

»Ein böser Geist ist unter uns gewesen, und der Delaware hat unsere Augen geblendet.«

»Ein böser Geist!« wiederholte der Andere spottend, »es ist der Geist, der schon so vielen Huronen das Leben geraubt hat. Der Geist, der meine jungen Männer an dem herabstürzenden Flusse erschlug; der ihre Skalpe an der Heilquelle nahm und jetzt die Arme Le Renard Subtil’s gebunden hat!«

»Von wem spricht mein Freund?«

»Von dem Hunde, der unter einer blassen Haut das Herz und die List eines Indianers hat, von la longue Carabine!"

Dieser furchtbare Name übte den gewöhnlichen Eindruck auf seine Zuhörer. Als sie aber Zeit zum Nachdenken gewannen und die Krieger daran gedachten, daß ihr kühner und furchtbarer Feind mitten in ihrem Lager gewesen war, Unheil stiftend; trat furchtbare Wuth an die Stelle der Verwunderung, und alle jenen wilden Leidenschaften, die eben noch in Magua’s Brust gekämpft hatten, gingen plötzlich auf seine Gefährten über. Die Einen knirschten vor Grimm mit den Zähnen, Andere machten ihren Gefühlen in einem Geheul Luft, während noch Andere wie wahnsinnig in das Leere schlugen, als ob der Gegenstand ihrer Rache wirklich diese Streiche empfände. Allein dieser plötzliche Ausbruch der Leidenschaft verwandelte sich alsbald in jene stille, finstere Zurückhaltung, deren Miene sie in Augenblicken der Unthätigkeit immer annahmen.

Magua, welcher seinerseits Zeit zum Nachsinnen gewonnen hatte, veränderte jetzt sein Benehmen und gab sich mit einer Würde, die der Wichtigkeit der Sache entsprach, das Ansehen eines Mannes, der weiß, was er zu thun und zu bedenken hat.

»Laßt uns zu meinem Volke gehen,« sprach er, »sie warten auf uns.«

Seine Gefährten willigten schweigend ein: der ganze Haufe verließ die Höhle und kehrte nach der Rathshütte zurück. Als sie sich niedergelassen hatten, wandten sich aller Augen auf Magua, der aus diesem Zeichen abnahm, daß sie ihm einstimmig die Pflicht der Erzählung des Geschehenen übertragen wollten. Er stand auf und gab seinen Bericht ohne Zweideutigkeit oder Rückhalt. Die ganze Täuschung, die Duncan und Hawk-eye unternommen, lag jetzt offen vor Augen; und selbst die Abergläubigsten in dem Stamme konnten über den Charakter der Begebenheiten nicht länger im Zweifel seyn. Es war zu offenkundig, daß sie empörend, schimpflich getäuscht worden waren. Als er geendet und seinen Sitz wieder eingenommen hatte, sahen sich die versammelten Stammgenossen – seine Zuhörer schlossen die ganze Zahl der streitbaren Männer ein – gegenseitig an, so verwundert über die Keckheit, als über den Erfolg ihrer Feinde. Der erste Gegenstand der Ueberlegung waren Mittel und Gelegenheit zur Rache.

Eine weitere Schaar Krieger wurde den Flüchtlingen nachgesendet, und die Häuptlinge schickten sich zu der ernstlichsten Berathung an. Verschiedene Auskunftsmittel wurden nacheinander von den älteren Kriegern vorgebracht, und Magua hörte sie alle mit ehrfurchtsvollem Stillschweigen an. Der verschlagene Wilde hatte seine ganze Umsicht und Selbstbeherrschung wieder gewonnen, und ging jetzt mit gewohnter Vorsicht und List auf sein Ziel los. Erst als Alle, die reden wollten, sich geäußert hatten, sprach auch er seine Ansicht aus. Besonderes Gewicht erhielt sie durch den Umstand, daß indessen einige der Läufer zurückgekehrt waren und berichteten, ihre Feinde hätten nach den Merkzeichen der Spur ohne allen Zweifel in dem benachbarten Lager ihrer verdächtigen Verbündeten, der Delawaren, Schutz gesucht. Im Besitze dieser wichtigen Kunde, legte der schlaue Häuptling den Genossen seine Plane vor, und sie wurden, wie sich von seiner schlauen Beredsamkeit erwarten ließ, ohne Widerrede angenommen. Seine Meinungen und Gründe waren kurz folgende.

Es wurde bereits erwähnt, daß die Schwestern einer Politik zu Folge, von welcher die Wilden nur selten abgehen, getrennt wurden, so bald sie das Huronendorf erreicht hatten.

Magua hatte bald entdeckt, daß er, so lange Alice in seiner Gewalt sey, auf Cora den entschiedensten Einfluß besitze. Er behielt daher die Erstere im Bereiche seiner Hand, und vertraute die Letztere, auf welche er am meisten Werth legte, der Haft seiner Verbündeten an.

Diese Anordnung, die übrigens nur für den Augenblick getroffen war, sollte einestheils seinen Nachbarn schmeicheln, andern Theils einer unumgänglichen Regel indianischer Politik huldigen.

Während der Häuptling unaufhörlich von den Rachegefühlen gestachelt wurde, die in einem Wilden selten schlummern, behielt er seine bleibenderen, persönlichen Interessen nichtsdestoweniger im Auge. Die Thorheiten und Treulosigkeiten seiner Jugendzeit mußten durch eine lange und peinvolle Buße gesühnt werden, ehe er auf den vollen Wiedergenuß des alten Vertrauens hoffen durfte, und ohne Vertrauen war bei einem Indianerstamme an kein Ansehen zu denken. In dieser schwierigen und mißlichen Lage hatte der listige Eingeborne kein Mittel versäumt, seinen Einfluß zu vergrößern; und eines seiner glücklichsten Mittel war der Erfolg gewesen, mit welchem er die Gunst ihrer mächtigen und gefährlichen Nachbarn gewonnen hatte. Das Ergebniß seiner Mühen hatte allen Erwartungen seiner Politik entsprochen: denn die Huronen waren keineswegs frei von dem mächtigen Hange der menschlichen Natur, jeder Gabe nur in dem Grade Werth beizumessen, als sie von Anderen geschätzt wird.

Während aber Magua den Rücksichten für das Gemeinwohl dieses vorgebliche Opfer brachte, ließ er seine persönlichen Beweggründe nie außer Acht. Die unvorhergesehenen Ereignisse, die alle Gefangenen seiner Gewalt entzogen hatten, waren ihm sehr in den Weg getreten; und er sah sich jetzt in die Notwendigkeit versetzt, diejenigen um eine Gunst anzugehen, denen er noch vor so kurzer Zeit Verbindlichkeiten aufzuerlegen sich bemüht hatte.

Mehrere Häuptlinge hatten tief angelegte, verrätherische Plane zu einem Ueberfall der Delawaren vorgelegt, um durch Eroberung ihres Lagers mit einem Schlage auch die Gefangenen wieder zu gewinnen: denn Alle waren darüber einig, die Ehre und das Interesse ihrer Nation, der Friede und die Glückseligkeit ihrer gefallenen Landsleute erheischen gebieterisch einige Opfer für ihre Rache. Aber es wurde Magua nicht schwer, Pläne verwerfen zu machen, deren Ausführung so gefahrvoll und deren Erfolg so zweifelhaft war. Er setzte die damit verbundenen Wagnisse und die möglichen Täuschungen mit gewohntem Geschick auseinander, und erst nachdem jedes Hinderniß, das ihm andere Meinungen brachten, beseitigt war, wagte er es, mit seinen eigenen Vorschlägen herauszutreten.

Er fing damit an, der Eigenliebe seiner Zuhörer zu schmeicheln, ein untrügliches Mittel, sich Aufmerksamkeit zu sichern. Nachdem er die vielen Anlässe aufgezählt, bei denen die Huronen, Beleidigungen rächend, ihren Muth und ihre Tapferkeit gezeigt hätten, schweifte er in ein beredtes und hohes Lob der Weisheit ab. Er zeichnete ihnen, wie diese Tugend den großen Unterschied zwischen den Bibern und andern Thieren, zwischen diesen und den Menschen und endlich insbesondere zwischen den Huronen und den übrigen Geschlechtern der Menschen bilde. Nachdem er das Gewicht der Besonnenheit gehörig hervorgehoben hatte, ging er darauf über zu zeigen, wie sie in der jetzigen Lage des Stammes in Anwendung zu bringen sey. Auf der einen Seite, sprach er, blicke ihr großer blasser Vater, der Statthalter von Canada, mit unmuthigem Auge auf seine Kinder, seit ihre Tomahawks so geröthet seyen; auf der andern Seite würde ein Volk, so zahlreich als sie selbst, eine andere Sprache redend, und mit ganz verschiedenen Interessen, welches sie nicht liebe, jeden Vorwand willkommen heißen, die Huronen bei ihren großen weißen Häuptlingen in Ungnade zu bringen. Er sprach sodann von ihren Bedürfnissen, von den Belohnungen, welche sie für ihre früheren Dienste anzusprechen hätten, berührte die Entfernung von ihren eigenen Jagdgebieten und Stammdörfern, – die Notwendigkeit endlich, unter so mißlichen Umständen mehr die Klugheit, als die Neigung um Rath zu fragen. Als er gewahrte, daß zwar die älteren Männer seiner Mäßigung Beifall zollten, viele der wildesten und ausgezeichnetsten Krieger aber mit finsteren Blicken seine listigen Plane anhörten, so führte er sie schlau auf einen Gegenstand zurück, den sie am meisten liebten: er redete offen von den Früchten ihrer Weisheit, die, wie er kühn aussprach, ein vollständiger, endlicher Triumph über ihre Feinde seyn würden. Ja er deutete an, daß bei gehöriger Vorsicht ihr Erfolg sich auf die Vernichtung aller derer, die sie zu hassen Grund hätten, werde ausdehnen lassen. Kurz er wußte das kriegerische Element mit der Politik, das Klare mit dem Dunkeln so zu vermischen, daß er der Vorliebe beider Parteien schmeichelte und Jeder Hoffnungen übrig ließ, während keine sagen konnte, daß sie seine Absichten vollkommen verstehe.

Der Redner oder Staatsmann, der einen solchen Stand der Dinge herbeizuführen weiß, ist gemeiniglich bei seinen Zeitgenossen beliebt, wie ihn auch die Nachwelt ansehen mag. Alle merkten, daß mehr zu Grunde lag, als ausgesprochen wurde, und Jeder glaubte, die verborgene Meinung voraussetzen zu dürfen, die seine Fassungskraft oder seine Wünsche ihm an die Hand gab.

Bei dieser günstigen Stimmung der Gemüther war es kein Wunder, das Magua die Oberhand behielt. Der Stamm erklärte sich bereit, mit Besonnenheit zu Werke zu gehen, und die Leitung des ganzen Unternehmens wurde einstimmig einem Häuptling übertragen, der zu so weisen und verständlichen Hülfsmitteln geführt habe.

Magua hatte ein großes Ziel seiner verschmitzten und unternehmenden Politik erreicht. Er hatte nicht nur den Grund wieder gewonnen, den er in der Gunst seiner Landsleute verloren gehabt sondern sah sich selbst an die Spitze der Angelegenheiten gestellt. Er war in Wahrheit ihr Herrscher, und so lange er seine Popularität behaupten konnte, war kein Monarch der Erde unumschränkter, besonders so lange sein Stamm sich im Feindeslande befand. Er warf daher das Ansehen eines Berathers ab und nahm den Ernst und die Würde an, die ihm nöthig schienen, um ein so wichtiges Amt zu stützen.

Läufer wurden nach verschiedenen Richtungen abgeordnet, um sich zu unterrichten; Kundschafter mußten sich dem Lager der Delawaren nähern und es ausspähen; die Krieger wurden nach ihren Wohnungen entlassen, mit dem Bedeuten, daß man ihrer Dienste bald benöthigt seyn werde; die Weiber und Kinder erhielten den Befehl, sich zurückzuziehen, mit der Weisung, daß Stillschweigen ihre Sache sey. Als diese verschiedenen Anordnungen getroffen waren, durchschritt Magua das Dorf, und trat hier und dort in eine Hütte, wo er mit seinem Besuche dem Bewohner zu schmeicheln glauben konnte. Er bestärkte seine Freunde in ihrem Vertrauen, ermuthigte die Wankenden und befriedigte Alle. Jetzt suchte er seine eigene Wohnung auf. Das Weib, das der Huronenhäuptling verlassen hatte, als er von seinem Volke verjagt wurde, war todt. Kinder besaß er nicht; und er hatte jetzt seine Hütte allein inne, ohne irgend einen Gefährten. Es war die halbverfallene, einsame Wohnung, in welcher David entdeckt worden war; diesen hatte Magua bei den wenigen Gelegenheiten, wo sie sich trafen, mit der gleichgültigen Verachtung stolzer Ueberlegenheit um sich geduldet.

Hieher zog sich Magua zurück, nachdem seine politische Thätigkeit beendigt war. Aber während Andere schliefen, kannte und suchte er keine Ruhe. Wäre einer neugierig genug gewesen, die Bewegungen des neuerwählten Häuptlings zu belauschen, so würde er ihn in einem Winkel seiner Hütte sitzend gefunden haben, von der Stunde an, da er sich zurückzog, bis zu der Zeit, die er den Kriegern zur Versammlung bestimmt hatte, in stillem Brüten über seine Pläne. Gelegentlich strich der Wind durch die Spalten der Hütte und das schwache Feuer, das hin und wieder über die Kohlenglut lief, warf ein flüchtiges Licht auf den Bewohner der düsteren Klause. In solchen Augenblicken wäre es der Einbildungskraft leicht geworden, den grimmigen Wilden in den Fürsten der Finsterniß umzuschaffen wie er über vermeintlich erlittenes Unrecht brütet und auf Verderben sinnt.

Lange ehe der Tag graute, trat ein Krieger nach dem andern in Magua’s einsame Hütte, bis ihrer zwanzig versammelt waren. Jeder trug seine Büchse und das übrige Zubehör des Kriegs, obgleich ihre Malerei durchaus einen friedlichen Charakter zeigte. Unbeachtet war der Eintritt dieser wildaussehenden Wesen geblieben; die Einen setzten sich in dem Düster des Ortes nieder, Andere standen gleich Bildsäulen regungslos da, bis die ganze beabsichtigte Zahl erschienen war.

Jetzt erhob sich Magua, gab ein Zeichen zum Aufbruch und trat selbst an die Spitze. Sie folgten ihrem Führer je Einer nach dem Andern in der wohlbekannten Ordnung, die man bezeichnender Weise den »Indianerzug« genannt hat. Gänzlich verschieden von der Weise, in welcher das unruhevolle Kriegshandwerk sonst betrieben wird, schlichen sie still und unbeachtet aus ihrem Lager, mehr vorüberhuschenden Gespenstern gleich, als Kriegern, welche eiteln Ruhm durch tollkühne und verzweifelte Wagstücke gewinnen wollen.

Statt den Weg einzuschlagen, der unmittelbar nach dem Lager der Delawaren führte, folgte Magua mit seinen Leuten eine Strecke weit den Windungen des Stromes, an dem kleinen, künstlichen Biberteich dahin. Der Tag brach eben an, als sie die von den fleißigen, kunstfertigen, verständigen Thieren geschaffene Lichtung betraten. Magua hatte sein altes Kostüm wieder angenommen und trug auf der zubereiteten Thierhaut, die seine Bekleidung bildete, die Umrisse eines Fuchses; ein anderer Häuptling in dem Trupp führte den Biber als sein Abzeichen oder »Totem.« Dieser hätte gewissermaßen eine heilige Pflicht versäumt, wäre er an einer so mächtigen Gemeinschaft vermeintlicher Verwandten ohne ein Zeichen der Achtung vorübergegangen. Er hielt daher inne und redete die Thiere so freundlich und liebreich an, als ob er zu vernünftigen Wesen spräche. Er nannte sie seine Vettern, bedeutete ihnen, daß sie nur seinem schützenden Einflusse ihre ungestörte Ruhe zu verdanken hätten, während so manche habsüchtige Handelsleute die Indianer reizen wollten, ihnen das Leben zu nehmen. Er versprach ihnen auch für die Zukunft seine Gunst und ermahnte sie, dankbar hiefür zu seyn. Er sprach sodann von der Unternehmung, in der er begriffen sey, und gab ihnen, wiewohl auf eine sehr zarte Weise und durch Umschweife zu verstehen, wie gut es seyn möchte, wenn sie ihrem Verwandten einen Theil der Klugheit zukommen ließen, durch die sie selbst so berühmt seyen.

Während dieses merkwürdigen Vortrags blieben die Begleiter des Sprechers so ernst und aufmerksam auf das, was er sagte, als ob auch sie von dessen Schicklichkeit vollkommen überzeugt wären. Ein oder zwei Mal erhoben sich schwarze Gegenstände über die Oberfläche des Wassers, und der Hurone bezeigte Freude darüber, wie wenn seine Worte nicht vergeblich gewesen wären. Als er eben seine Rede beendigt hatte, streckte ein großer Biber den Kopf aus der Thüre einer Wohnung hervor, deren Erdwände sehr gelitten hatten und welche die Indianer ihrer Lage nach für unbewohnt halten mochten. Ein so außerordentliches Zeichen von Vertrauen wurde von dem Redner als ein höchst günstiges Omen aufgenommen, und obgleich sich das Thier etwas eilig zurückzog, so verschwendete der Häuptling dennoch Lobsprüche und Worte des Dankes.

Magua dachte, es sey nun genug Zeit damit verloren worden, der verwandtschaftlichen Neigung des Kriegers ihre Ehre anzuthun, und gab ein Zeichen, weiter zu gehen. Während die Indianer mit so leisen Tritten weiter zogen, daß sie kein gewöhnliches Ohr gehört haben würde, wagte derselbe ehrwürdig aussehende Biber noch ein Mal den Kopf aus seinem Verstecke hervor. Hätte einer der Huronen sich umgewandt, so müßte er bemerkt haben, daß das Thier ihren Bewegungen mit einem Interesse und einem Scharfblick folgte, die man leicht für Vernunft hätte nehmen können. Wirklich waren die Bewegungen des Vierfüßlers so ausdrucksvoll und verständlich, daß selbst der erfahrenste Beobachter sie nur schwer hätte zu enträthseln vermögen, ehe der Trupp Wilder in den Wald getreten war und Alles sich damit aufklärte, daß das ganze Thier aus der Hütte kroch und zugleich die ernsten Züge Chingachgook’s aus der Pelzmaske hervortraten.

Sechzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Edg. Eh‘ Ihr zum Kampfe gehet, lest den Brief.
Lear.

Major Heyward fand Munro allein mit seinen Töchtern. Alice saß auf seinem Knie und theilte die grauen Haare des alten Kriegers mit ihren zarten Fingern, und als er über ihre Tändelei die Stirne zu runzeln schien, drückte sie ihre Rosenlippen auf das befurchte Haupt, um den scheinbaren Unmuth zu beschwichtigen. Cora saß neben ihnen, eine ruhige und heitere Zuschauerin, indem sie die kindischen Bewegungen ihrer jüngern Schwester mit jener Art von mütterlicher Zärtlichkeit betrachtete, die ihre Liebe zu Alice so eigenthümlich bezeichnete. Nicht blos die Gefahren, die sie überstanden hatten, sondern auch die zukünftigen, die sie noch bedrohten, schienen in diesem harmlosen Familienkreise vergessen. Es war, als ob sie den kurzen Waffenstillstand benützen wollten, um sich für einen Augenblick dem Ergusse der edelsten Zärtlichkeit hinzugeben. Die Töchter vergaßen ihre Befürchtungen, der Veteran seine Sorgen in der Sicherheit des Augenblicks. Duncan, welcher in dem Eifer, von seiner Sendung zu berichten, unangemeldet eingetreten war, blieb einige Augenblicke ein unbemerkter Zuschauer bei einer Scene, die ihn entzückte. Bald aber erblickte das lebhafte, bewegliche Auge Alicens seine Gestalt in einem Spiegel, sprang erröthend von ihres Vaters Knie auf und rief mit lauter Stimme:

»Major Heyward!«

»Was soll der Junge?« fragte ihr Vater, »ich schickte ihn zu dem Franzmann in’s Lager, um ein wenig mit ihm zu schwatzen. Ha! Sir, Sie sind jung und flink! Entfernt Euch, Ihr Schelme! hat der Soldat nicht Beschwerden genug, muß er auch noch das Lager voll solcher Schwätzerinnen haben, wie Ihr seyd?«

Alice folgte lächelnd ihrer Schwester, welche sie aus dem Zimmer führte, wo man ihre Gegenwart nicht länger wünschte. Munro schritt, statt den jungen Mann nach dem Ergebniß seiner Sendung zu fragen, einige Augenblicke in dem Zimmer auf und nieder, die Hände auf dem Rücken und das Haupt zu Boden gekehrt, als ob er in tiefes Nachdenken versunken wäre. Endlich erhob er seine Augen, die in dem Ausdruck väterlicher Zärtlichkeit erglänzten, und rief:

»’s sind ’n paar köstliche Mädchen, Heyward, auf die sich ein Vater was zu Gute thun darf.«

»Sie wollen, hoffe ich, gewiß nicht erst meine Meinung über Ihre Töchter kennen lernen, Obrist Munro?«

»’s ist wahr, Junge, ja,« unterbrach ihn der ungeduldige Alte. »Sie wollten mir Ihr Herz am Tage Ihrer Ankunft umständlicher öffnen, und ich glaubte, es zieme sich für einen alten Soldaten nicht, von Hochzeitfreuden und Hochzeitscherzen zu sprechen, wenn die Feinde seines Königs sich als ungebetene Gäste bei dem Feste einfinden könnten! Aber es war Unrecht von mir, Duncan! Junge, ’s war Unrecht und ich bin jetzt bereit zu vernehmen, was Sie mir zu sagen haben.«

»So viel Freude mir Ihre Versicherung macht, theuerster Herr, so habe ich Ihnen jetzt eine Botschaft von Montcalm« –

»Laßt den Franzmann mit seinem ganzen Heere zum Teufel gehen!« rief der ungestüme Veteran. »Er ist noch nicht Meister von William Henry, und soll es auch nie werden, wofern Webb seine Schuldigkeit thut. Nein, Sir, dem Himmel sey Dank, wir sind noch nicht so in der Klemme, daß Munro nicht einen Augenblick seinen häuslichen Angelegenheiten widmen könnte. Ihre Mutter war das einzige Kind meines Busenfreundes, Duncan, und ich will Sie jetzt anhören, wenn auch alle Ritter von St. Louis vor dem Ausfallthor stünden mit ihrem französischen Heiligen an der Spitze, und ein Wörtchen mit mir sprechen wollten. Ein sauberer Ritterorden, den man mit Zuckertonnen kaufen kann, und dann ihre Pfennigmarquisate! Die Distel ist der Orden der Ehre und des Alterthums; das wahre nemo me impune lacessit des Ritterthums; Sie hatten Ahnen, Duncan, in diesem Orden, und sie waren eine Zierde der schottischen Ritterschaft.«

Heyward, welcher wahrnahm, daß sein Oberer ein boshaftes Vergnügen daran fand, die Botschaft des französischen Generals verächtlich zu machen, wollte einem Spleen keine Nahrung geben, von dem er wußte, daß er nur von kurzer Dauer seyn werde, und erwiederte deshalb mit so viel Gleichgültigkeit, als er hier annehmen konnte:

»Mein Verlangen, Sir, ging, wie Sie wissen, soweit, nach der Ehre zu geizen, mich Ihren Sohn nennen zu dürfen.«

»Ja, Junge, darüber haben Sie sich so ziemlich deutlich auszudrücken gewußt. Aber lassen Sie mich fragen, Sir, haben Sie sich ebenso verständlich gegen meine Tochter ausgesprochen?«

»Bei meiner Ehre, nein,« rief Duncan warm, »es hieße ein mir geschenktes Vertrauen gemißbraucht, hätte ich mein Verhältniß zu einem solchen Zwecke benützt!«

»Sie haben als Ehrenmann gehandelt, Major Heyward, Ihr Benehmen war ganz an seiner Stelle. Aber Cora Munro ist ein zu verständiges Mädchen, ihre Denkungsart zu erhaben und befestigt, als daß sie der Leitung selbst eines Vaters bedürfte.«

»Cora!«

»Ja – Cora! wir sprechen von Ihrer Bewerbung um Miß Munro’s Hand, nicht wahr, Sir?«

»Ich – ich – ich glaube, ihren Namen noch nicht genannt zu haben,« stotterte Duncan.

»Und wen wollten Sie denn heirathen, daß Sie meiner Zustimmung bedürften, Major Heyward?« fragte der alte Soldat, mit der Würde verletzten Gefühls sich emporrichtend.

»Sie haben eine zweite, nicht minder liebenswürdige Tochter!«

»Alice!« rief der Vater, ebenso überrascht, als es Duncan gewesen war, als er den Namen der Schwestern wiederholt hatte.

»Sie war der Gegenstand meiner Wünsche, Sir.«

Der junge Mann erwartete schweigend das Resultat der außerordentlichen Bewegung, die eine, wie sich jetzt zeigte, so unerwartete Mittheilung hervorgebracht hatte. Mehrere Minuten lang ging Munro mit großen und raschen Schritten im Zimmer auf und nieder; seine Gesichtsmuskeln arbeiteten krampfhaft, und jede andere Geistesthätigkeit schien in seinem tiefen Nachdenken zu schlummern. Endlich blieb er vor Heyward stehen, heftete seine Augen fest auf ihn und sprach, indem seine Lippe heftig zitterte:

»Duncan, Heyward, ich habe Sie wegen des Mannes geliebt, dessen Blut in Ihren Adern fließt, ich habe Sie um Ihrer eigenen guten Eigenschaften willen geliebt und habe Sie geliebt, weil ich dachte, Sie würden mein Kind glücklich machen. Aber alle diese Liebe würde sich in Haß verwandeln, wüßte ich, daß das, was ich fürchte, wahr ist.«

»Gott wolle verhüten, daß ich das Geringste thun oder denken sollte, was einen solchen Wechsel herbeiführen könnte!« rief der junge Mann, dessen Auge unter dem durchdringenden Blicke, der ihn traf, nicht wankte. Ohne daran zu denken, daß Heyward zu fassen unvermögend war, was in seinem Innern vorging, schien Munro durch den unverändert ruhigen Blick besänftigt, dem er begegnete, und fuhr in milderem Tone fort:

»Sie wollen mein Sohn werden, Duncan, und kennen die Geschichte dessen nicht, den Sie Vater zu nennen wünschen. Setzen Sie sich, junger Mann, und ich will Ihnen mit wenigen Worten ein Herz öffnen, dessen Wunden noch nicht vernarbt sind.«

Montcalm’s Botschaft war jetzt sowohl von dem, der sie überbringen, als auch von dem, der sie anhören sollte, vollkommen vergessen. Jeder nahm einen Sitz, und während der Veteran einige Augenblicke mit seinen eigenen Gedanken verkehrte, scheinbar bekümmert, unterdrückte der junge Mann seine Ungeduld und suchte in Blick und Geberden achtungsvolle Aufmerksamkeit zu legen.

»Sie wissen bereits, Major Heyward, daß meine Familie alt und ehrenvoll ist,« begann der Schottländer, »obgleich sie mit Glücksgütern nicht so begünstigt war, wie es ihrem Adel gebührt hätte. Ich war ungefähr in Ihrem Alter, als ich mich Alice Graham mit Herz und Mund verpflichtete; sie war das einzige Kind eines benachbarten Lairds, nicht ohne Vermögen. Allein ihr Vater war nicht für die Verbindung, weil außer meiner Armuth noch Mehreres seinen Wünschen entgegen war. Ich that daher, was jeder Mann von Ehre gethan hätte, ich gab dem Mädchen sein Wort zurück und verließ das Land im Dienste meines Königs. Ich hatte schon viele Länder gesehen, schon an vielen Orten mein Blut vergossen, als mich mein Dienst nach den westindischen Inseln rief. Hier wollte mein Schicksal, daß ich mit einem Mädchen bekannt ward, die bald mein Weib und Coras Mutter wurde. Sie war die Tochter eines Mannes von Stand auf jenen Inseln, dessen Gattin das Unglück hatte, wenn Sie so wollen, in einem entfernten Grade von jener unglücklichen Menschenrasse abzustammen,« sprach der alte Mann stolz, »die zu so schändlicher Sklaverei verurtheilt ist, um den Bedürfnissen eines üppigen Volkes zu fröhnen. Ja, Sir, das ist ein Fluch, den Schottland seiner so unnatürlichen Verbindung mit einem fremden Handelsvolke zu danken hat. Aber würde ich unter diesem Einen finden, der sich geringschätzig über mein Kind äußerte, der sollte das volle Gewicht meines väterlichen Zorns empfinden! Doch! Major Heyward, Sie selbst sind im Süden geboren, wo diese unglücklichen Geschöpfe als eine niedrigere Menschenklasse betrachtet werden.«

»Das ist unglücklicher Weise nur zu wahr, Sir,« sprach Duncan, so verlegen, daß er seine Augen zu Boden zu senken gezwungen war.

»Und Sie werfen deshalb einen Tadel auf mein Kind? Sie verschmähen es, das Blut der Heyward mit dem Blute eines so verachteten, wenn auch noch so liebenswürdigen und tugendhaften Mädchens zu vermischen?« fragte der mißtrauische Vater.

»Der Himmel behüte mich vor einem Vorurtheil, das meiner Vernunft so unwürdig wäre!« erwiederte Duncan, wiewohl er sich sagen mußte, daß wirklich ein solches Vorurtheil so tief in ihm wurzelte, als ob es seiner Natur eingepflanzt worden wäre. »Die Anmuth, die Schönheit, der Zauber Ihrer jüngern Tochter, Obrist Munro, werden meine Beweggründe hinlänglich erklären, ohne mich einer solchen Ungerechtigkeit schuldig erscheinen zu lassen.«

»Sie haben Recht, Sir,« versetzte der alte Mann, der wieder in den Ton der Güte oder vielmehr Sanftmuth überging; »das Mädchen ist das Bild ihrer Mutter in jenem Alter, bevor sie noch den Gram hatte kennen lernen. Als mich der Tod meines Weibes beraubte, kehrte ich, durch diese Heirath reicher geworden, nach Schottland zurück, und werden Sie es glauben, Duncan! der leidende Engel war zwanzig lange Jahre in dem herzlosen Zustand der Ehelosigkeit verblieben, und zwar wegen eines Mannes, der sie vergessen konnte! Sie that noch mehr, Sir; sie vergab mir meine Treulosigkeit, und da alle Schwierigkeiten nun beseitigt waren, nahm sie mich zu ihrem Gatten.«

»Und wurde Alicens Mutter?« rief Duncan mit einer Heftigkeit, die verderblich hätte werden können, wäre nicht Munro in diesem Augenblicke so tief in seine schmerzlichen Erinnerungen versunken gewesen.

»Ja,« antwortete der alle Mann, »und theuer bezahlte sie das kostbare Geschenk, das sie mir hinterließ. Doch sie ist eine Heilige im Himmel, Sir; und nicht ziemt es einem Manne, der mit einem Fuß schon in dem Grabe steht, ein so wünschenswerthes Loos zu beklagen. Ich besaß sie blos ein Jahr, ein kurzes Glück für ein Weib, das ihre Jugend in hoffnungsloser Sehnsucht hatte dahinschwinden sehen.« Es lag in dem Kummer des alten Mannes etwas so Ueberwältigendes, daß Heyward kein Wort des Trostes an ihn zu richten wagte. Munro schien Duncans Gegenwart völlig vergessen zu haben, seine Züge kämpften gegen den Schmerz seiner Empfindungen, während schwere Thränen seinen Augen entquollen und über seine Wangen rollten. Endlich rührte er sich, als sey er plötzlich wieder zu Besinnung gelangt; er stand auf, ging ein Mal durch das Zimmer, und trat dann mit einem Ausdrucke kriegerischer Größe vor Heyward, mit der Frage:

»Haben Sie mir keine Botschaft von dem Marquis von Montcalm zu überbringen, Major Heyward?«

Duncan fuhr auf und begann sogleich mit verlegener Stimme des halbvergessenen Antrags sich zu entledigen. Es ist unnöthig, bei der gewandten, wenn gleich höflichen Art zu verweilen, womit der französische General jedem Versuche Heywards ausgewichen war, ihn über den Inhalt der Mittheilung, die er hatte machen wollen, auszuholen; oder bei der Botschaft, durch welche er seinem Feinde in artigen, aber bündigen Worten bedeuten ließ, daß er selbst kommen und die Erklärung holen, oder darauf verzichten möge. Während Munro die Einzelnheiten des Berichtes anhörte, wich das aufgeregte Vatergefühl allmählig den Rücksichten für seine Dienstpflicht; und als Duncan zu Ende war, erblickte er nur noch den Veteranen, dessen Ehre als Soldat gekränkt worden war.

»Sie haben genug gesagt, Major Heyward!« rief der erzürnte Alte; »genug, um einen Kommentar über französische Höflichkeit zu schreiben. Da ladet mich der Herr zu einer Zusammenkunft ein, und wie ich ihm statt meiner in Ihnen einen tüchtigen Stellvertreter schicke, denn das sind Sie, Duncan, so jung Sie auch noch sind, so antwortet er mir in einem Räthsel.«

»Er hatte vielleicht eine minder günstige Meinung von dem Stellvertreter, mein theuerster Herr! und Sie werden sich erinnern, daß die Einladung, die er nun wiederholt, an den Kommandanten des Forts und nicht an einen Untergebenen geht.«

»Recht, Sir! ist aber nicht der Stellvertreter mit aller Gewalt und Würde desjenigen bekleidet, der ihm den Auftrag gibt? Er wünscht mit Munro zu sprechen! Meiner Treu, Sir, ich habe große Lust, ihm die Unterredung zu gewähren, und sollt‘ es nur seyn, ihm zu zeigen, wie fest wir ihm trotz der Zahl seiner Truppen und seinen Uebergabevorschlägen ins Auge sehen, ’s wäre vielleicht keine üble Politik, junger Mann.«

Duncan, welcher es für höchst wichtig hielt, möglichst bald den Inhalt des von dem Kundschafter überbrachten Briefs zu erfahren, unterstützte ihn gerne dann, indem er sagte:

»Ohne Zweifel wird unsre Gleichgültigkeit seine Zuversicht herabstimmen.«

»Nie haben Sie wahrer gesprochen. Ich wollte, Sir, er käme, und beschaute sich unsere Werke am hellen Tage und zwar in einem Sturm. Das ist das untrüglichste Mittel, zu sehen, ob sich der Feind wacker hält, und tausendmal besser, als das Beschießungssystem, welches er angenommen hat. Das Schöne und Männliche der Kriegskunst hat durch die Künste Ihres Monsieur Vauban sehr gelitten, Major Heyward! Unsre Vorfahren waren über diese systematische Feigheit weit erhaben.«

»Das mag ganz wahr seyn, Sir; jetzt aber müssen wir uns eben mit den Waffen vertheidigen, mit denen wir angegriffen werden. Was sind Sie gesonnen in Betreff der Zusammenkunft?«

»Ich will den Franzosen sprechen, und das ohne Furcht oder Aufschub; prompt! Sir, wie’s einem Diener meines königlichen Gebieters ziemt. Gehen Sie, Major Heyward, lassen Sie eine Fanfare blasen und schicken Sie einen Trompeter, um dem Marquis zu melden, wer komme. Wir folgen mit einer kleinen Bedeckung; denn Ehre gebührt dem, der über die Ehre eines Königs zu wachen hat; und hören Sie, Duncan,« fügte er halbflüsternd, obgleich sie allein waren, hinzu: »es wird gut seyn, eine Verstärkung bei der Hand zu haben, falls eine Verrätherei zulezt Allem zu Grunde läge.«

Der junge Mann benützte den Befehl, um das Zimmer zu verlassen, und beeilte sich, da der Tag zu Ende ging, unverzüglich die nöthigen Vorkehrungen zu treffen. In wenigen Minuten waren Truppen unter das Gewehr getreten, und eine Ordonnanz mit einer weißen Fahne abgeschickt, die Ankunft des Kommandanten von Fort William Henry zu melden. Sobald dies geschehen war, führte er die Bedeckung nach dem Ausfallthor, wo sein Oberer bereits auf ihn wartete. Nach den bei einem Auszug von Truppen üblichen Förmlichkeiten verließ der Veteran und sein jüngerer Gefährte, von der Bedeckung begleitet, die Festung.

Kaum waren sie einige hundert Schritte aus den Festungswerken marschirt, als der kleine Trupp Soldaten, der den französischen General begleitete, aus einem Hohlwege hervorkam, der das Bett eines zwischen den Batterien der Belagerer und dem Fort fließenden Baches bildete. Sobald Munro seine eigenen Werke verließ, um seinen Feinden entgegenzutreten, nahm seine Miene eine gewisse Hoheit an, und Schritt und Haltung wurden ächt kriegerisch. In dem Augenblicke, da er des weißen Federbusches, der von Montcalms Hute wehte, ansichtig ward, blitzten seine Augen und das ganze Feuer der Jugend schien wieder in dem hohen, muskulösen Körper des Greises zu erwachen.

»Sagen Sie den Jungen, sie sollen auf ihrer Hut seyn,« flüsterte er Duncan zu, »und Flinten und Säbel wohl bei der Hand halten, denn man ist bei einem Diener dieser Louis niemals sicher; dabei wollen wir aber die Stirne von Männern zeigen, die sich in tiefer Sicherheit glauben. Verstehen Sie mich, Major Heyward?«

Ein Zeichen mit der Trommel unterbrach sie, und ward sogleich von ihrer Seite beantwortet. Während jede Partei eine Ordonnanz mit einer weißen Fahne vortreten ließ, hielt der vorsichtige Schotte seine Bedeckung dicht hinter dem Rücken. Sobald diese flüchtige Begrüßung vorüber war, trat Montcalm mit leichtem, anstandsvollem Schritte auf ihn hinzu, und entblößte sein Haupt gegen den Veteranen, so daß sein weißer Federbusch beinahe den Boden berührte. War das Aeußere Munro’s männlicher und ehrfurchtgebietender, so fehlte ihm dagegen die leichte, einschmeichelnde Artigkeit des Franzosen. Beide schwiegen eine Weile, indem sie sich mit neugierigem Auge betrachteten; sodann unterbrach Montcalm, wie es sein höherer Rang und die Art der Unterhandlung mit sich brachte, das Stillschweigen. Nach der gewöhnlichen Begrüßung wandte er sich an Duncan und fuhr mit einem Lächeln des Wiedererkennens in französischer Sprache fort:

»Es freut mich, mein Herr, daß Sie uns bei dieser Veranlassung das Vergnügen Ihrer Gegenwart schenken. Wir können so des gewöhnlichen Dolmetschers entbehren; denn bei Ihnen fühle ich die gleiche Sicherheit, als wenn ich selbst Ihre Sprache spräche.« Duncan dankte für dieses Compliment; Montcalm aber wandte sich zu seiner Bedeckung, welche nach dem Vorgang von Munro’s Leuten sich dicht hinter ihm aufgestellt hatte, und fuhr fort:

»Zurück, Kinder – es ist warm; zieht euch ein wenig zurück!«

Ehe Major Heyward diesen Beweis von Vertrauen erwiederte, warf er einen Blick auf die Ebene umher und gewahrte nicht ohne Unruhe die zahlreichen dunkeln Gruppen von Wilden, welche als neugierige Zuschauer der Zusammenkunft aus dem Saum der sie umgebenden Wälder hervorschauten.

»Herr von Montcalm wird ohne Zweifel den Unterschied unserer Lage einsehen,« sprach er mit einiger Verlegenheit und wies zugleich auf die gefährlichen Feinde, die von allen Seiten sichtbar wurden. »Entließen wir unsere Bedeckung, so wären wir der Willkühr unserer Feinde preisgegeben.«

»Monsieur, sie haben das Ehrenwort eines französischen Edelmannes für Ihre Sicherheit!« erwiederte Montcalm, die Hand auf das Herz legend: »das sollte genügen.« »Und genügt auch. Zurück!« sprach Duncan zu dem Offizier, der die Bedeckung befehligte. »Zurück, Sir, bis auf weitere Ordre, so weit, daß Sie uns nicht hören können.«

Munro sah diese Bewegung mit sichtbarer Unruhe und fragte sogleich, was sie zu bedeuten habe.

»Liegt es nicht in unserem Interesse, Sir, sein Mißtrauen zu verrathen?« versetzte Duncan. »Monsieur de Montcalm verpfändet sein Ehrenwort für unsre Sicherheit, und ich habe den Leuten befohlen, sich etwas zurückzuziehen, um zu zeigen, wie fest wir auf seine Zusicherung bauen.«

»Sie können Recht haben, Sir; ich habe aber kein überschwängliches Vertrauen auf diese Marquis, oder wie sie sich nennen. Ihre Adelspatente sind zu gemein, als daß man ihnen auch das Siegel wahrer Ehre zutrauen könnte.«

»Sie vergessen, theuerster Herr, daß wir einen Offizier vor uns haben, der sich durch seine Thaten in Europa und America gleich ausgezeichnet hat. Von einem Kriegsmann seines Rufes können wir Nichts zu befürchten haben.«

Der Veteran machte ein Zeichen, daß er nachgebe; allein seine strengen Züge verriethen immer noch das Beharren in einem Mißtrauen, welches seinen Grund eher in einer gewissen anererbten Verachtung seines Feindes haben mochte, als in klaren, ein so liebloses Gefühl rechtfertigenden Gründen. Montcalm wartete geduldig das Ende dieses halblauten, kurzen Zwiegesprächs ab, trat dann näher und eröffnete die Unterredung mit folgenden Worten:

»Ich habe Ihren Obern um diese Zusammenkunft gebeten, Monsieur, weil ich glaube, er werde sich überzeugen lassen, bereits Alles gethan zu haben, was für die Ehre seines Fürsten nothwendig war, und jetzt auf die Stimme der Menschlichkeit hören. Ich werde ihm stets das Zeugniß des tapfersten Widerstandes geben, der so lange fortgesetzt wurde, als noch Hoffnung vorhanden war.« Als dieser Beginn Munro mitgetheilt wurde, antwortete er mit Würde, aber mit hinreichender Höflichkeit:

»So sehr ich ein solches Zeugniß von Monsieur de Montcalm zu schätzen weiß, so wird es mir doch noch werther seyn, wenn ich es besser verdient haben werde.«

Der französische General lächelte, als ihm diese Antwort übersetzt wurde, und bemerkte:

»Was man erprobtem Muthe so gerne gewährt, dürfte nutzloser Hartnäckigkeit verweigert werden. Monsieur beliebe, mein Lager anzusehen, meine Truppen zu zählen und sich selbst von der Unmöglichkeit eines längeren Widerstandes zu überzeugen!«

»Ich weiß, daß der König von Frankreich gut bedient ist,« erwiederte der unerschütterliche Schotte, sobald Duncan seine Uebersetzung beendigt hatte; »aber mein königlicher Gebieter hat ebenso viele und ebenso getreue Truppen.«

»Die aber zum Glück für uns nicht bei der Hand sind,« entgegnete Montcalm, ohne in seinem Eifer auf den Dolmetscher zu warten. »Es gibt ein Kriegsgeschick, dem sich der tapfere Mann mit demselben Muthe unterwerfen muß, mit dem er den Feinden die Stirne bietet.«

»Hätte ich gewußt, daß Monsieur de Montcalm des Englischen so mächtig ist, so hätte ich mir die Mühe eines so unvollkommenen Verdolmetschens erspart.« versetzte Duncan empfindlich und trocken, indem er sich augenblicklich seines neulichen Intermezzo’s mit Munro erinnerte.

»Verzeihen Sie, mein Herr,« entgegnete der Franzose, indem eine leichte Röthe über seine dunkle Wange flog. »Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Sprechen und dem Verstehen einer fremden Sprache, Sie werden daher die Gefälligkeit haben, mir auch ferner Ihren Beistand nicht zu entziehen.« Dann fuhr er nach einer Pause fort: »Diese Berge hier machen es uns sehr bequem, ihre Werke zu rekognosziren, meine Herren, und ich kenne vielleicht ihren schwachen Zustand so gut, als Sie selbst.« »Fragen Sie den französischen General, ob seine Gläser bis an den Hudson reichen!« sprach Munro mit Stolz; »und ob er weiß, wann und wo Webb’s Heer erwartet werden darf.«

»General Webb mag sein eigener Dolmetscher seyn,« versetzte der schlaue Montcalm, indem er mit diesen Worten Munro einen offenen Brief hinhielt; »Sie werden daraus ersehen, mein Herr, daß seine Bewegungen meinem Heere nicht eben viel in den Weg legen werden.«

Der Veteran ergriff das dargebotene Papier, ohne zu warten, bis Duncan Montcalm’s Worte verdolmetscht hatte, mit einer Heftigkeit, welche verrieth, wie wichtig ihm sein Inhalt seyn müsse. Während sein Auge das Schreiben überlief, ging seine Miene plötzlich von dem Ausdruck militärischen Stolzes in den des tiefsten Kummers über. Seine Lippe begann zu beben, das Papier entfiel seiner Hand und das Haupt sank ihm auf die Brust, wie einem Manne, dessen Hoffnungen ein Schlag vernichtet hat. Duncan hob den Brief auf und ohne die Freiheit, die er sich nahm, zu entschuldigen, warf er einen Blick auf dessen grausamen Inhalt. Ihr gemeinschaftlicher Oberer ermunterte sie nicht nur nicht zum Widerstände, sondern rieth ihnen sogar selbst, sich unverzüglich zu ergeben, indem er mit dürren Worten als Grund anführte, es sey ihm durchaus unmöglich, ihnen auch nur einen einzigen Mann zu Hülfe zu senden.

»Hier findet keine Täuschung Statt!« rief Duncan, indem er den Brief sorgfältig außen und innen untersuchte, »Er trägt Webb’s Siegel und es muß der aufgefangene Brief seyn.«

»Der Mann hat mich verrathen!« rief Munro endlich bitter aus; »er hat das Haus eines Mannes entehrt, dem Schande bisher unbekannt war, und Schmach über meine grauen Haare gebracht!«

»Sagen Sie das nicht!« rief Duncan; »noch sind wir Herren des Forts und unserer Ehre. Wir wollen unser Leben um einen Preis verkaufen, der selbst unsern Feinden zu theuer erscheinen soll!«

»Sohn, ich danke dir!« rief der alte Mann, der wie aus einer Betäubung erwachte. »Mit einem Male hast du Munro zu seiner Pflicht zurückgerufen. Wir wollen heim, und unsere Gräber hinter jenen Bollwerken graben!«

»Messieurs,« sprach Montcalm, mit edelmüthiger Theilnahme, einen Schritt vortretend, »Sie kennen Louis de St. Veran wenig, wenn Sie ihn für fähig halten, diesen Brief zur Demüthigung tapferer Soldaten und zur Befleckung seines eigenen Rufes benutzen zu wollen. Hören Sie meine Bedingungen, ehe Sie mich verlassen.«

»Was sagt der Franzose?« fragte der Veteran finster; »macht er sich ein Verdienst daraus, einen Kundschafter mit einem Zettel aus dem Hauptquartier aufgefangen zu haben? Sir, er thäte besser, die Belagerung aufzuheben, und sich vor Fort Edward zu legen, wenn er einen Feind mit Worten einzuschüchtern wünscht.«

Duncan erklärte ihm, was Montcalm gesagt hatte.

»Monsieur de Montcalm, wir sind bereit, Sie anzuhören,« fügte der Veteran hinzu, als Duncan geendet hatte.

»Das Fort zu behaupten, ist jetzt unmöglich,« sprach sein hochsinniger Gegner; »das Interesse meines Gebieters fordert, daß es zerstört werde: was aber Sie selbst und Ihre wackern Kameraden betrifft, so soll Ihnen kein Vorrecht, das dem Soldaten theuer ist, verweigert bleiben.«

»Unsre Fahnen?« fragte Heyward.

»Nehmen Sie nach England, um sie Ihrem Könige zu zeigen.«

»Unsre Waffen?

»Sie sollen ihnen bleiben; Niemand kann sie besser führen.«

»Unser Auszug, die Uebergabe des Platzes?«

»Alles soll auf die ehrenvollste Weise für Sie vor sich gehen.«

Duncan wandte sich jetzt zu seinem Kommandanten, um ihm diese Punkte mitzutheilen. Der Greis hörte ihn mit Erstaunen an und war von einem so ungewöhnlichen und unerwarteten Edelmuth tief ergriffen.

»Gehen Sie, Duncan,« sprach er, »gehen Sie mit diesem Marquis, der ein ächter Marquis ist, gehen Sie mit ihm in sein Zelt und bringen Alles in Ordnung. Zwei Dinge habe ich in meinem Alter erlebt, die ich nie für möglich gehalten hätte. Ein Engländer ist so feig, seinem Waffenbruder Hülfe zu versagen, und ein Franzose hat zu viel Ehrgefühl, um seinen Vortheil auszubeuten.« Mit diesen Worten ließ der Veteran sein Haupt wieder auf die Brust sinken und kehrte langsamen Schrittes nach dem Fort zurück, wo seine Niedergeschlagenheit die bestürzte Besatzung üble Botschaft erwarten ließ.

Dieser unerwartete Schlag hatte Munro’s stolzen Sinn so niedergebeugt, daß er sich nie mehr erholte. Von dem Augenblicke an war in seinem entschiedenen Charakter eine Veränderung vorgegangen, die ihn bald mit in das Grab begleiten sollte. Duncan blieb zurück, um die Bedingungen der Kapitulation festzusetzen. Man sah ihn um die erste Nachtwache in das Fort zurückkehren und unmittelbar nach einer kurzen Besprechung mit dem Kommandanten dasselbe wieder verlassen. Es ward jetzt öffentlich bekannt gemacht, daß die Feindseligkeiten aufzuhören hätten. Munro hatte eine Kapitulation unterzeichnet, laut welcher der Platz mit dem anbrechenden Morgen dem Feinde übergeben werden, die Besatzung aber ihre Waffen, ihre Fahnen und ihr Gepäcke, folglich nach militärischen Begriffen ihre Ehre behalten sollte.

Siebenzehntes Kapitel.

Siebenzehntes Kapitel.

Laßt weben uns. Den Faden dreht geschwind.
Webt das Geweb. Das Werk ist schon zu End‘.
Gray.

Die feindlichen Heere, welche in den Wildnissen des Horican gelagert waren, brachten die Nacht des neunten Augusts 1757 ungefähr auf dieselbe Weise zu, wie wenn sie auf dem schönsten Schlachtfelde Europas zusammengetroffen wären. Während die Besiegten still, verdrossen und niedergeschlagen waren, triumphirten die Sieger. Aber Trauer wie Freude haben ihre Gränzen: und lange vor der Morgenwache wurde die Stille der endlosen Wälder nur noch durch den Jubelruf eines lustigen jungen Franzosen bei einem entfernten Piquet, oder durch ein drohendes Anrufen aus dem Fort unterbrochen, das jede Annäherung von feindlichen Fußtritten vor der festgesetzten Zeit verbot. Selbst diese gelegentlich laut werdenden drohenden Töne verstummten in der unheimlichen Stunde, die dem Anbruch des Tages vorangeht, und auch ein Lauscher hätte vergeblich auf irgend ein Zeichen gehorcht, daß die Anwesenheit der an den Ufern des »heiligen Sees« schlummernden Streitkräfte verkündigt hätte.

Während dieser Augenblicke tiefer Stille wurde der Vorhang vor dem Eingange eines geräumigen Zeltes in dem französischen Lager bei Seite geschoben, und ein Mann schlüpfte unter demselben in die freie Luft hervor. Er war in einen Mantel gehüllt, der ihn gegen die kalten Dünste der Wälder schützen, aber auch seine ganze Gestalt verbergen sollte. Ungehindert ließ ihn der Grenadier, welcher den schlummernden französischen Befehlshaber zu bewachen hatte, vorüber, und die Schildwache machte nur das gewöhnliche Zeichen militärischer Ehrerbietung, als er flüchtigen Schritts durch die kleine Zeltstadt in der Richtung von William Henry forteilte. So oft der Unbekannte auf eine der zahlreichen Schildwachen auf seinem Wege stieß, war seine Antwort kurz und, wie es schien, befriedigend, denn man ließ ihn überall ohne weitere Ausforschung vorüber. Mit Ausnahme solcher oft wiederholten aber kurzen Unterbrechungen störte ihn auf seiner stillen Wanderung von der Mitte des Lagers bis zu den äußersten Vorposten nichts. Als er sich dem Soldaten näherte, der zunächst an den feindlichen Festungswerken Wache hielt, ward er mit dem gewöhnlichen Rufe empfangen: »Wer da?«

»Frankreich,« war die Antwort.

»Die Losung?« –

»Der Sieg!« sprach der Andere, ihm so nahe tretend, daß er ihm seine Antwort zuflüstern konnte.

»Gut,« versetzte die Schildwache, die Muskete wieder auf die Schulter nehmend, »Ihr geht frühe spazieren, Herr!«

»Man muß wachsam seyn, mein Kind,« bemerkte der Andere, indem er eine Falte seines Mantels fallen ließ und beim Vorübergehen den Soldaten scharf in’s Gesicht faßte, indem er seinen Weg nach den brittischen Bastionen verfolgte. Der Soldat fuhr auf, seine Waffen erklirrten stark, als er sie zum ehrerbietigsten militärischen Gruße vorwarf, und ging dann, seine Flinte wieder aufnehmend und zwischen den Zähnen murmelnd, auf und nieder.

»Gewiß muß man wachsam seyn! Ich glaube, wir haben da einen Korporal, der nie ein Auge schließt!«

Der Offizier that nicht, als hatte er die Worte, welche der überraschten Schildwache entschlüpften, gehört, und ging weiter, bis er das niedrige Ufer des Sees in der etwas gefährlichen Nähe der westlichen Wasserbastion des Forts erreichte. Das Licht des überwölkten Mondes reichte eben hin, die Umrisse der Gegenstände schwach unterscheiden zu lassen. Er gebrauchte daher die Vorsicht, sich an den Stamm eines Baumes zu stellen, wo er sich eine Weile anlehnte, und die dunkeln, stillen Erddämme der englischen Festungswerke mit gespannter Aufmerksamkeit zu betrachten schien. Sein Blick nach den Bollwerken war nicht der eines neugierigen oder müßigen Gaffers, sondern wanderte von einem Punkt zum andern und bewies militärische Kenntniß, verrieth aber auch, daß seine Untersuchung nicht ganz frei von Mißtrauen war. Endlich schien er befriedigt, er warf die Augen ungeduldig auf das östliche Gebirge, als könnte er den Anbruch des Morgens nicht erwarten, und war im Begriff, wieder zurückzukehren, als ein leises Geräusch auf der nächsten Ecke der Bastion sein Ohr erreichte und ihn zu bleiben bewog.

Eben näherte sich eine Gestalt dem Rande der Brustwehr, wo sie stehen blieb und die entfernten Zelte des französischen Lagers zu betrachten schien. Ihr Haupt wandte sich nach Osten, als sehe sie dem nahenden Tage mit Bangigkeit entgegen, und schien dann, an den Erdwall gelehnt, die klare Fläche der Wasser zu überblicken, die wie ein zweites Firmament das Bild von tausend Sternen wiederstrahlte. Das melancholische Aussehen, die Stunde und der hohe Wuchs des Mannes, welcher sich sinnend an die englische Brustwehr gelehnt hatte, ließ den aufmerksamen Beobachter über die Person nicht im Zweifel. Zartgefühl nicht minder als Klugheit geboten ihm nun, sich zurückzuziehen, und vorsichtig hatte er sich um den Baumstamm gedreht, um nicht bemerkt zu werden, da zog ein anderer Laut seine Aufmerksamkeit auf sich und ließ ihn abermal stille stehen. Leise, kaum hörbar bewegte sich das Wasser, dann war es, als ob Kieselsteine sich aneinander rieben. In einem Nu erhob sich eine dunkle Gestalt, wie aus dem See, und schlich geräuschlos an das Land, einige Schritte von der Stelle, wo er stand. Nächstdem erhob sich zwischen seinen Augen und dem Wasserspiegel eine Büchse, aber ehe sie noch losgeschossen werden konnte, war schon seine Hand auf dem Schloß.

»Hugh!« rief der Wilde, dessen verrätherische Absicht so seltsam und unerwartet unterbrochen worden war.

Ohne ein Wort zu sprechen, legte der französische Offizier seine Hand auf die Schulter des Indianers und führte ihn in tiefem Stillschweigen von der Stelle weg, wo ihr folgendes Zwiegespräch hätte gefährlich werden können, und wo wenigstens einer von ihnen ein Schlachtopfer zu suchen schien. Den Mantel zurückschlagend, um seine Uniform und das Ludwigskreuz an seiner Brust zu zeigen, fragte jetzt Montcalm in strengem Tone:

»Was soll das? Weiß mein Sohn nicht, daß die Kriegsart begraben ist zwischen dem Engländer und seinem canadischen Vater?«

»Was sollen die Huronen beginnen?« entgegnete der Wilde, ebenfalls französisch, aber nur unvollkommen sprechend. »Kein Krieger hat einen Skalp und die Blaßgesichter werden Freunde.« »Ha! Le Renard Subtil! Mich dünkt, ein übertriebener Eifer für einen Freund, der jüngst noch ein Feind war! Wie viele Sonnen gingen unter, seitdem le Renard den Kriegspfahl der Engländer berührt hat!«

»Wo ist jene Sonne?« fragte der trotzige Wilde. »Hinter den Bergen, und sie ist schwarz und kalt. Aber wenn sie wieder kommt, wird sie glänzen und warm seyn. Le Subtil ist die Sonne seines Stamms, Wolken und viele Berge waren zwischen ihm und seiner Nation; aber jetzt scheint er hell und es ist klarer Himmel!«

»Daß le Renard Macht über die Männer seines Volkes hat, weiß ich wohl,« sprach Montcalm, »denn gestern jagte er noch nach ihren Skalpen, und heute hören sie ihn bei dem Versammlungsfeuer.«

»Magua ist ein großer Häuptling.«

»Er zeig‘ es dadurch, daß er sein Volk lehrt, wie es sich gegen unsere neuen Freunde zu betragen hat.«

»Warum führte der Häuptling von Canada seine jungen Krieger in die Wälder und feuerte sein Geschütz nach dem Haus von Erde ab?« fragte der schlaue Indianer.

»Um es in Besitz zu nehmen. Meinem Herrn gehört das Land und Euer Vater bekam den Befehl, diese englischen Eindringlinge daraus zu vertreiben. Sie willigen ein, zu gehen, und jetzt heißt er sie nicht mehr Feinde.«

»Das ist gut. Aber Magua nahm die Kriegsaxt, um sie mit Blut zu färben. Jetzt glänzt sie; wenn sie roth ist, soll sie wieder begraben werden.«

»Aber Magua ist verpflichtet, Frankreichs Lilien nicht zu beflecken. Die Feinde des großen Königs über dem Salzsee sind seine Feinde; seine Freunde die Freunde der Huronen.«

»Freunde!« wiederholte der Indianer verächtlich, »Der Vater Magua’s lasse ihn seine Hand nehmen.«

Montcalm, welcher wußte, daß er seinen Einfluß auf die kriegerischen Stämme, die er versammelt hatte, mehr durch Nachgiebigkeit, als durch Gewalt behaupten könne, willfahrte ihm widerstrebend. Der Wilde legte den Finger des französischen Befehlshabers in eine tiefe Narbe auf seiner Brust und fragte dann frohlockend:

»Weiß mein Vater, was dies ist?«

»Welcher Krieger sollte das nicht wissen? Es ist von einer bleiernen Kugel.«

»Und das?« fuhr der Indianer fort, dem Andern den nackten Rücken zukehrend, denn er trug gerade seinen Calicomantel nicht.

»Dieß! mein Sohn ist hier schwer mißhandelt worden. Wer hat es gethan?«

»Magua schlief hart in den englischen Wigwams, und Streiche haben ihre Spur zurückgelassen,« antwortete der Wilde mit dumpfem Gelächter, das gleichwohl seinen wilden Trotz nicht zu verbergen vermochte, der ihn beinahe überwältigte. Bald aber faßte er sich und fuhr mit seiner angebornen und schnell wieder gewonnenen Würde fort: »Geh‘, sag‘ Deinen jungen Kriegern, es ist Friede, Le Renard Subtil weiß, wie er mit dem Huronenkrieger sprechen muß.«

Ohne weitere Worte für der Mühe werth zu halten oder eine Antwort zu erwarten, nahm der Wilde seine Büchse in den Arm und schritt langsam durch das Lager auf die Wälder zu, wo sein Stamm sich gelagert hatte. Jede paar Schritte wurde er von den Schildwachen unterbrochen, ging aber trotzig weiter, ohne den Ruf der Soldaten zu beachten, die sein Leben nur schonten, weil sie das Aussehen und den Tritt nicht weniger als die Tollkühnheit des Indianers kannten. Montcalm verweilte noch lange und trübsinnig an dem Ufer, wo ihn der Wilde verlassen hatte, und verfiel in tiefes Nachsinnen über die Stimmung, die sein unbändiger Verbündeter an den Tag gelegt hatte. Bereits war sein Ruf einmal durch eine Gräuelscene befleckt worden, und unter Umständen, die mit den jetzigen eine furchtbare Aehnlichkeit hatten. Je weiter er nachsann, desto lebhafter drang sich ihm das Gefühl auf, welche Verantwortlichkeit derjenige auf sich lade, welcher die Mittel, die ihm für seinen Zweck zu Gebote stehen, nicht gehörig bedenke, und eben so wenig die Gefahr, Kräfte in Thätigkeit zu setzen, deren Leitung über den Bereich menschlichen Vermögens geht. Er entschlug sich aber dieser Gedanken, die er im Augenblick des Sieges für Schwäche hielt, kehrte in sein Zelt zurück und gab im Vorbeigehen Befehl, das Heer aus seinem Schlummer zu erwecken.

Der erste Schlag der französischen Trommeln fand ein Echo im Innern der Festung, und augenblicklich füllte sich das Thal mit den anhaltenden und durchdringenden Klängen einer Kriegsmusik, die ihre lärmende Begleitung noch übertönte. Die Hörner der Sieger bliesen heitere und fröhliche Weisen, bis der letzte Mann im Lager unter den Waffen war; sobald aber die brittischen Pfeifen im Fort ihr schrilles Signal gaben, verstummten sie wieder. Unterdessen war der Tag angebrochen, und als das französische Heer zum Empfange seines Generals in Reihe und Glied bereit stand, erblitzten die Waffen der Krieger von den Strahlen einer glänzenden Sonne. Der gewonnene Vortheil, schon so wohl bekannt, wurde nun öffentlich verkündigt, und die begünstigte Schaar, welcher die Auszeichnung zu Theil wurde, die Thore des Forts zu besehen, zog vor ihrem Chef vorüber: das Zeichen zum Aufbruch ward gegeben, und alle üblichen Vorbereitungen eines Wechsels der Herrschaft wurden unter den Kanonen der bestrittenen Festungswerke getroffen und sogleich ausgeführt.

Einen ganz verschiedenen Anblick gewährten die Reihen des englisch-amerikanischen Heers. Sobald das Abzugssignal gegeben war, gewahrte man alle Zeichen eines übereilten, gezwungenen Abmarsches. Finstern Blickes warfen die Soldaten ihre ungeladenen Feuerrohre auf die Schulter, und als sie in ihre Reihen traten, sah man wohl, daß ihr Blut durch den so lange geleisteten Widerstand erhitzt war, und sie blos nach einer Gelegenheit verlangten, einen Schimpf zu rächen, der ihren Stolz immer noch verletzte, so sehr er auch unter den gewöhnlichen Formen militärischer Etiquette verdeckt worden war. Weiber und Kinder liefen hin und her, theils die spärlichen Reste des Gepäckes tragend, theils in den Reihen der Soldaten die Gesichter derjenigen suchend, von denen sie Schutz und Schirm erwarteten.

Munro erschien festen Antlitzes, aber niedergeschlagen, in der Mitte seiner schweigenden Truppen. Offenbar hatte dieser unerwartete Schlag sein Herz hart getroffen, obgleich er sich anstrengte, sein Unglück als Mann zu tragen.

Duncan war tief bewegt von dem ruhigen und doch so eindringlichen Gram, der aus seiner Miene sprach. Er hatte seine eigene Pflicht erfüllt und eilte jetzt an die Seite des alten Mannes, um ihm seine Dienste anzubieten.

»Meine Töchter!« war der kurze, aber bedeutungsvolle Bescheid.

»Gott des Himmels! Sind noch keine Vorkehrungen für sie getroffen?«

»Heute bin ich blos Soldat, Major Heyward!« sprach der Veteran, »Alle, die Sie hier sehen, wollen ebenso meine Kinder seyn!«

Duncan hatte genug gehört. Ohne einen Augenblick der jetzt so kostbaren Zeit zu verlieren, eilte er nach der Wohnung des Kommandanten, um die Schwestern aufzusuchen. Er fand sie auf der Schwelle des niedern Gebäudes zur Abreise bereit und umgeben von einem Haufen weinender und jammernder Weiber, welche sich gleichsam instinktmäßig hier versammelt hatten, wo sie am ehesten Schutz erwarten durften. Cora hatte nichts von ihrer Festigkeit verloren, obgleich ihre Wange blaß und ihre Miene unruhig war. Alicens Augen aber waren entzündet und verriethen, daß sie lange und bitterlich geweint hatte. Beide empfingen den jungen Mann mit unverhohlener Freude, die Erstere gegen ihre Gewohnheit das Gespräch beginnend.

»Das Fort ist verloren,« sprach sie mit melancholischem Lächeln, »aber unser guter Name ist, darauf traue ich, unverloren!«

»Er steht glänzender da, als je! Aber theuerste Miß Munro, es ist Zeit, weniger an Andere zu denken, und für sich selbst zu sorgen. Militärische Sitte – Stolz – der Stolz, den Sie selbst so hoch schätzen, verlangt, daß Ihr Vater und ich, eine kleine Weile an der Spitze der Truppen ziehen. Aber wo einen geeigneten Beschützer für Sie gegen die Verwirrung und die Wechselfälle eines solchen Abmarsches finden?«

»Es ist keiner nöthig,« versetzte Cora, »wer wird es wagen, die Töchter eines solchen Vaters zu einer Zeit, wie diese, zu beleidigen oder zu beschimpfen?«

»Ich möchte Sie nicht für das Kommando des besten Regiments in königlichem Solde allein lassen,« entgegnete der Jüngling, flüchtig um sich blickend. »Bedenken Sie, unsere Alice besitzt nicht Ihre Seelenstärke, und Gott weiß, welche Schrecken sie könnte auszustehen haben!«

»Sie mögen Recht haben,« sagte Cora, wieder lächelnd, aber viel ernster, als zuvor. »Hören Sie, der Zufall hat uns bereits einen Freund gesandt, da wir ihn am nöthigsten haben.«

Duncan horchte und verstand sogleich, was sie meinte. Die langsamen, ernsten Töne des heiligen Gesangs, so wohl bekannt in den östlichen Provinzen, trafen sein Ohr und führten ihn in das Zimmer eines nahen Gebäudes, das bereits von seinen bisherigen Bewohnern verlassen war. Hier fand er David, der seine frommen Gefühle in der einzigen ihm eignen Weise aussprach. Duncan wartete, bis er aus dem Aufhören seiner Handbewegung schließen durfte, daß der Gesang zu Ende sey, klopfte ihm dann auf die Schulter, um seine Aufmerksamkeit rege zu machen, und sprach ihm in wenigen Worten seine Wünsche aus.

»Recht gerne,« sprach der schlichte Jünger des Königs von Israel, als der junge Mann ausgeredet hatte, »ich habe viel Anmuth und viel melodische Anlagen bei diesen Mädchen gefunden, und es will sich ziemen, daß wir, die wir so viele Gefahren getheilt haben, auch ferner in Frieden zusammenreisen. Ich will sie begleiten, wenn ich mein Morgenlied beendigt habe, wozu blos noch die Lobpreisung fehlt. Wollen Sie mit anstehen, Freund? Das Sylbenmaß ist bekannt und die Weise »Southwell«.«

Dann schlug David sein Büchlein auf, gab mit wohlüberlegter Achtsamkeit den Ton an, begann und endigte seinen Gesang mit jener Bestimmtheit, die nicht leicht eine Unterbrechung sich gefallen ließ. Heyward konnte kaum erwarten, bis die Verse zu Ende waren, und fuhr, sobald er sah, daß David seine Brille in das Futteral und das Buch in die Tasche steckte, fort:

»Eure Pflicht wird seyn, dafür zu sorgen, daß Niemand den Ladies in einer rohen Absicht sich nahe, oder das Unglück ihres tapfern Vaters schmähe oder verhöhne. Die Diener ihres Haushalts werden euch hierin behülflich seyn.«

»Ganz gut.«

»Es ist möglich, daß euch Indianer oder Streifzüge der Feinde etwas anhaben wollen. Ihr verweiset sie dann nur auf die Bedingungen der Uebergabe, und drohet ihnen, die Sache Montcalm zu berichten. Ein Wort wird genügen.«

»Wo nicht, so hab‘ ich hier etwas, das seine Wirkung thut,« versetzte David, mit einer Miene frommer Zuversicht nach seinem Buche greifend, »Hier stehen Worte, welche mit gehörigem Nachdruck und im richtigen Zeitmaße gesprochen oder vielmehr gedonnert, den unbändigsten Sinn zähmen müßen!«

»Warum toben die Heiden so wüthend?«

»Genug!« sprach Heyward, seine musikalische Standrede unterbrechend; »wir verstehen einander; es ist Zeit, daß jeder von uns seiner Pflicht nachgehe.«

Gamut stimmte ein und sie suchten die beiden Schwestern auf. Cora empfing ihren neuen, etwas sonderbaren Beschützer wenigstens mit Artigkeit; und selbst Alicens blasse Gesichtszüge überschlich wieder ein Zug ihrer angebornen Schalkhaftigkeit, als sie Heyward für seine Fürsorge dankte. Duncan versicherte ihnen, er habe so viel gethan als die Umstände erlaubten, und, wie er glaube, genug für ihre Sicherheit, da keine wirkliche Gefahr vorhanden sei. Er sprach dann heiter von seinem Plane, einige Meilen vom Hudson wieder mit ihnen zusammenzutreffen, sobald er die Vorhut bis an den Fluß geführt, und nahm alsbald Abschied.

Das Zeichen zum Abmarsch war indessen gegeben worden, und die englische Kolonne bereits in Bewegung. Die Schwestern erschracken bei dem Trommelschlag, und um sich blickend wurden sie die weißen Uniformen der französischen Grenadiere gewahr, welche die Thore des Forts bereits in Besitz genommen hatten. In diesem Augenblicke schien plötzlich eine ungeheure Wolke an ihren Häuptern vorüberzuziehen, und emporschauend erblickten sie über sich die weiten Falten der Standarte von Frankreich.

»Laßt uns gehen!« sprach Cora; »dies ist kein schicklicher Aufenthalt mehr für die Kinder eines englischen Offiziers.«

Alice hing sich an den Arm ihrer Schwester und zusammen verließen sie den Paradeplatz, umringt von der sich langsam fortbewegenden Menge. Als sie durch den Thorweg gingen, verbeugten sich die französischen Offiziere, welche ihren Rang erfahren hatten, oft und tief, enthielten sich aber weiterer Aufmerksamkeiten, die, wie ein feiner Takt ihnen sagte, nicht an der Stelle seyn konnten. Da alle Wagen und Lastthiere für Kranke und Verwundete in Anspruch genommen waren, so hatte Cora beschlossen, mit ihrer Schwester lieber die Beschwerden eines Fußmarsches zu theilen, als Jener Bequemlichkeit zu verkürzen. Wirklich mußte mancher verstümmelte und schwache Soldat, weil es in diesen Wildnissen an den nöthigen Beförderungsmitteln fehlte, seine erschöpften Glieder hinter den Kolonnen herschleppen. Alles war jedoch in Bewegung: die schwachen und Verwundeten stöhnend und leidend, ihre Kameraden still und verdrießlich, und die Weiber und Kinder von Schrecken ergriffen, ohne zu wissen warum.

Als der verworrene, schüchterne Haufe die schützenden Wälle des Forts verließ und auf die offene Ebene gelangte, stellte sich mit einem Mal die ganze Scene vor Augen. In einiger Entfernung zur Rechten und etwas nach hinten stand das französische Heer unter den Waffen, da Montcalm alle seine Truppen zusammengezogen hatte, so bald seine Wachen Besitz von den Festungswerken genommen. Sie waren aufmerksame, aber schweigende Beobachter der Bewegungen der Besiegten, keine der stipulirten militärischen Ehren versäumend, und im Bewußtseyn ihres Sieges ohne allen Hohn oder Spott gegen ihre minder glücklichen Feinde. Kriegerische Schaaren der Engländer, im Ganzen beinahe dreitausend Mann stark, zogen langsam über die Ebene zu dem gemeinschaftlichen Centrum heran und näherten sich einander allmälich, der Richtung ihres Marsches zueilend, einem durch den hohen Wald gehauenen Wege, der die Straße nach dem Hudson bildete. Um den gedehnten Saum der Wälder hing eine finstere Wolke von Wilden, welche den Marsch ihrer Feinde beobachteten und Geiern ähnlich in einiger Entfernung lauerten, während sie nur die Gegenwart und der Zwang eines überlegenen Heers abhielt, über ihre Beute herzustürzen. Einige hatten sich sogar unter die Kolonnen der Besiegten gemischt, wo sie in finsterem Unmuth, als aufmerksame, für jetzt noch unthätige Beobachter der sich bewegenden Menge mitwanderten. Der Vortrab, von Heyward angeführt, hatte bereits das Defilé erreicht und verschwand allmälig, als Cora’s Aufmerksamkeit sich durch ein lautes Gezänk auf einen Trupp von Nachzüglern richtete. Ein Soldat von den Provinzialen büßte seinen Ungehorsam, indem er eben der Effekten beraubt wurde, die ihn vermocht hatten, seinen Platz in den Reihen zu verlassen. Der Mann war von starkem Körperbau und zu eigennützig, um sich seine Habe ohne Widerstand entreißen zu lassen. Von beiden Seiten mischte man sich in den Streit, die Einen, den Raub zu verhindern, die Andern, um ihn zu unterstützen. Die Stimmen wurden immer lauter und ungestümer, und Hunderte von Wilden erschienen wie mit einem Zauberschlag, wo man vor einem Augenblick kaum ein Duzend zählen konnte. Jetzt erblickte Cora die Gestalt Magua’s, unter seinen Landsleuten umherschleichend, mit seiner arglistigen und verderblichen Beredsamkeit zu ihnen redend. Die Masse der Weiber und Kinder blieb stehen und drängte sich gleich einer verscheuchten, hin- und herflatternden Taubenschaar an einander. Doch die Raubsucht des Indianers war bald befriedigt und der Zug ging wieder langsam vorwärts.

Die Wilden zogen sich jetzt zurück, und schienen ihre Feinde ohne fernere Störung weiter ziehen lassen zu wollen. Als aber der Weiberhaufen herannahte, zog die bunte Farbe eines Shawls die Augen eines wilden und unbewachten Huronen auf sich. Er kam herbei, um sich desselben ohne Weiteres zu bemächtigen. Die Frau hüllte, mehr aus Schrecken, denn aus Liebe zu dem Kleidungsstück, ihr Kind in den gefährdeten Schmuck und drückte beide fester an ihre Brust. Cora wollte eben sprechen und dem Weibe rathen, die Kleinigkeit dem Wilden zu überlassen, als dieser den Shawl fahren ließ und das schreiende Kind aus ihren Armen riß. Alles den gierigen Griffen der Wilden um sie her überlassend, stürzte die Mutter verzweiflungsvoll auf ihn, um ihr Kind zurückzufordern. Der Indianer lächelte grimmig und reckte eine Hand aus, seine Bereitwilligkeit zu einem Tausche anzudeuten, während er mit der andern das Kind an den Füßen um den Kopf schwang, als wollte er dadurch das Lösegeld steigern. »Hier – hier – da – Alles – Alles!« rief die unglückliche Mutter mit zitternden, ungeschickten Fingern die leichtern Kleidungsstücke sich vom Leibe reißend, »nimm Alles, nur gib mir mein Kind wieder!«

Der Wilde verschmähte die werthlosen Lappen und sobald er gewahrte, daß der Shawl bereits die Beute eines Andern geworden war, ging sein spöttisches, aber tückisches Lächeln in einen Ausdruck der Wuth über; er zerschmetterte dem Kinde den Kopf an einem Felsen und warf die noch zuckenden Glieder der Mutter vor die Füße. Einen Augenblick stand die Arme regungslos, ein Bild der Verzweiflung da und blickte wild auf das entstellte Wesen, das sich erst noch an ihren Busen geschmiegt und ihr zugelächelt hatte; dann erhob sie Augen und Gesicht gen Himmel, als flehte sie Gott an, den ruchlosen Verbrecher zu verderben. Die Sünde eines solchen Gebetes blieb ihr erspart; wüthend über die getäuschte Hoffnung, und durch den Anblick des Blutes aufgeregt, spaltete ihr der Hurone mit seinem Tomahawk den Schädel. Die Mutter sank unter dem Streich und stürzte zu Boden, nach ihrem Kinde mit derselben überwältigenden Liebe greifend, mit der sie es im Leben umfaßt hatte.

In diesem gefahrvollen Augenblick brachte Magua beide Hände an den Mund und ließ das verhängnißvolle, furchtbare Kriegsgeschrei ertönen. Die zerstreuten Indianer fuhren bei dem wohlbekannten Rufe auf, wie Rosse, ungeduldig, die Schranken des Ziels zu durchbrechen, und plötzlich erscholl durch die Ebene und die Baumgewölbe des Waldes ein so schreckliches Geheul, wie es selten aus Menschenlippen vernommen ward. Denen, welche es hörten, gerann das Herzblut in einem Entsetzen, wohl nicht viel geringer, als wenn die Posaune des jüngsten Tags ertönt hätte.

Mehr als zweitausend Wilde brachen auf dieses Signal wüthend aus dem Walde und zogen mit instinktmäßiger Eile auf die verhängnißvolle Ebene. Wir verweilen nicht bei den empörenden Gräuelscenen, die jetzt erfolgten. Ueberall war der Tod, und zwar in seinen schrecklichsten, abscheulichsten Gestalten. Widerstand diente nur dazu, die Wuth der Mörder noch mehr zu entflammen. Sie führten noch ihre wüthenden Streiche, wenn ihre Opfer sie schon lange nicht mehr fühlen konnten. Die Ströme von Blut glichen den Wogen eines Gießbachs, und sein Anblick machte die Eingebornen so hitzig und wüthend, daß manche unter ihnen niederknieten, um unter höllischem Jauchzen die dunkelrothe Fluth auszutrinken.

Die regelmäßigen Truppen warfen sich schnell in gedrängte Massen zusammen, um den Angreifern durch eine geschlossene Schlachtordnung zu imponiren. Der Versuch gelang zum Theil, aber nur zu viele Soldaten ließen sich, in der eiteln Hoffnung, die Wilden zu beschwichtigen, die ungeladenen Flinten aus den Händen reißen.

Während einer solchen Scene vermochte niemand die vorübereilenden Augenblicke zu zählen. Zehn Minuten, für sie ebenso viele Jahrhunderte, mochten die Schwestern erstarrt vor Entsetzen und beinahe rettungslos gestanden seyn. Als der erste Streich gefallen war, hatten sich ihre Begleiterinnen laut kreischend um sie zusammengedrängt, jede Flucht verhindernd, und nun, da Furcht oder Tod die Meisten, wo nicht Alle, zerstreut hatte, sahen sie nirgend einen Ausweg, der nicht unter die Tomahawks der Feinde geführt hätte. Von allen Seiten hörte man Geschrei, Gestöhn, Ermahnungen und Flüche. In diesem Augenblick war es Alicen als erblickte sie die hohe Gestalt ihres Vaters unaufhaltsam über die Ebene in der Richtung des französischen Lagers dahin eilend. Er war allerdings, keine Gefahr achtend, auf dem Wege zu Montcalm, um die nur zu späte Begleitung, die er ausbedungen hatte, zu verlangen. Fünfzig blitzende Streitäxte, Speere mit Widerhaken drohten seinem Leben, aber selbst noch in ihrer Wuth achteten die Wilden seinen Rang und seine unerschütterliche Ruhe. Die verderblichen Waffen wichen der immer noch nervigen Hand des Veteranen, oder senkten sie sich, als hätte Keiner den Muth, den lange gedrohten Streich zu vollführen. Zum Glück suchte der rachesüchtige Magua sein Opfer gerade unter der Abtheilung, welche der Veteran so eben verlassen hatte.

»Vater! – Vater! – wir sind hier!« schrie Alice, als er in geringer Entfernung, wie es schien, ohne auf sie zu achten, an ihnen vorübereilte. »Komm zu uns, Vater, oder wir sterben!« Der Hülferuf ward wiederholt und in Worten und Tönen, die ein Felsenherz gerührt haben würden, aber er blieb unbeantwortet. Einmal Wohl schien der alte Mann wirklich die Töne vernommen zu haben, denn er hielt inne und horchte; aber Alice war besinnungslos zu Boden gesunken und Cora kniete ihr zur Seite, mit unermüdlicher Zärtlichkeit über der leblosen Gestalt weilend. Munro ging getäuscht und kopfschüttelnd weiter, nichts als die hohen Pflichten seiner Stellung im Auge.

»Lady,« sprach Gamut, der, so hülf- und nutzlos er auch war, nicht davon träumte, seine Schutzbefohlenen zu verlassen, »das ist ein Jubelfest der Teufel, und kein Ort, wo Christen verweilen können. Auf! laßt uns fliehen!«

»Geh,« sprach Cora, immer noch ihre besinnungslose Schwester anstarrend; »rette dich. Mir kannst du nichts mehr helfen!«

David begriff die Festigkeit ihres Entschlusses vermöge der einfachen, aber ausdrucksvollen Geberde, welche ihre Worte begleitete. Einen Augenblick schaute er noch auf die dunkeln Gestalten, welche rings um ihn her ihr Höllenwerk vollbrachten, und seine hagere Gestalt ward noch höher, während seine Brust sich hob, jeder seiner Züge schwoll und die Gewalt der Gefühle, die ihn beherrschten, hervorströmen zu wollen schien.

»Wenn der jüdische Hirtenknabe durch den Klang seiner Harfe und die Worte heiligen Gesanges Saul’s bösen Geist bezwingen konnte, so wird es nicht am unrechten Orte seyn,« sprach er, »wenn ich hier die Macht der heiligen Musik versuche.« Seine Stimme zur höchsten Höhe erhebend, begann er einen so mächtigen Gesang, daß er selbst in dem Getümmel des blutigen Schlachtfeldes hörbar wurde. Einige Wilde stürzten eben heran, um die unbeschützten Schwestern ihres Schmucks zu berauben, und ihnen die Skalpe abzuziehen, als sie aber diese seltsame und unbewegliche Gestalt fest an ihre Stelle gefesselt erblickten, blieben sie horchend stehen. Ihr Staunen ging bald in Bewunderung über, und offen ihren Beifall über die Standhaftigkeit ausdrückend, womit der weiße Krieger sein Todtenlied sang, wandten sie sich ab, um andere, weniger muthige Schlachtopfer zu suchen. Erhoben und zugleich getäuscht durch diesen ersten Erfolg verdoppelte David seine Anstrengung, um die Kraft dieses, wie er glaubte, heiligen Einflusses zu erhöhen. Diese ungewohnten Laute drangen in das Ohr eines entfernten Wilden, welcher wüthend von Gruppe zu Gruppe eilte, gleich einem, der, den gemeinen Haufen anzurühren verschmähend, nach einem Opfer jagte, würdiger seines Rufes. Es war Magua, der einen Freudenschrei ausstieß, als er seine alten Gefangenen wieder in seiner Gewalt erblickte.

»Komm!« rief er, seine befleckte Hand auf Coras Kleid legend, »der Wigwam des Huronen ist noch leer. Ist er nicht besser als dieser Ort?«

»Hinweg!« rief Cora, ihre Augen vor seinem empörenden Anblick verhüllend.

Der Indianer lachte höhnisch und antwortete, seine rauchende Hand emporhaltend: »sie ist roth, aber das Blut kommt von weißen Adern!«

»Ungeheuer! Blut, Ströme von Blut lasten auf deiner Seele: – dein Geist hat diese Scene herbeigeführt!«

»Magua ist ein großer Häuptling!« erwiederte der frohlockende Wilde: – »will das schwarze Haar zu seinem Stamme gehen?« »Nimmermehr! führe deinen Streich, wenn du willst, und vollende deine Rache!«

Der schlaue Indianer zögerte einen Augenblick; dann aber faßte er rasch die leichte und anscheinend leblose Gestalt Alicens in seine Arme und enteilte über die Ebene dem Wald zu.

»Halt!« schrie Cora, und eilte ihm mit wildem Ungestüme nach. »Laß das Kind! Elender! was willst du mit ihr?«

Aber Magua war taub für ihre Stimme; oder vielmehr er kannte seine Macht und war entschlossen, von ihr Gebrauch zu machen.

»Haltet – Lady – haltet!« rief Gamut der besinnungslosen Cora nach, »Der heilige Zauber beginnt zu wirken und bald werdet Ihr diesen schrecklichen Aufruhr gestillt sehen!«

Da er sah, daß man nicht auf ihn hörte, folgte der treue David der trostlosen Schwester, seine Stimme wieder zu einem heiligen Gesang erhebend, mit seinen langen Armen in steter Begleitung die Luft durchfurchend, das Zeitmaß anzugeben. So eilten sie über die Ebene hin, mitten durch Fliehende, Verwundete und Todte. Der wilde Hurone war Schutz genug für sich selbst, wie für das Schlachtopfer, das er trug; aber Cora wäre mehr denn einmal unter den Streichen ihrer wilden Feinde gefallen, hätten nicht die erstaunten Eingebornen das außerordentliche Wesen, das ihr auf dem Fuße folgte, mit dem schützenden Geiste der Verrücktheit begabt geglaubt.

Magua, welcher den dringendsten Gefahren zu entgehen wußte, trat, um alle Verfolgung zu vereiteln, durch eine kleine Schlucht in den Wald, wo er bereits die Narragansets seiner wartend fand, welche die Reisenden so kurz zuvor verlassen hatten. Hier bewachte sie ein Hurone, dessen Züge eben so wild und boshaft waren als die seinigen. Er setzte Alice auf eines der Pferde und winkte Cora, das andere zu besteigen. Trotz des Abscheus, den die Gegenwart Magua’s in ihr erregte, fühlte sie sich doch für den Augenblick erleichtert, daß sie dem gräßlichen Schauspiele auf der Ebene entronnen war. Sie nahm ihren Sitz ein, und streckte ihrer Schwester die Arme entgegen, mit einem bittenden Ausdruck der Liebe, dessen Gewalt sich sogar der Hurone nicht entziehen konnte. Er brachte Alice auf dasselbe Pferd, auf welchem Cora saß, ergriff den Zügel und drang, seinen Weg fortsetzend, in die Tiefe des Waldes. Als David merkte, daß man ihn allein ließ, als einen, den es nicht einmal verlohne zu verderben, warf er eines seiner langen Beine über den Sattel des zurückgelassenen Pferdes und kam so schnell vorwärts, als es die Schwierigkeiten des Pfades erlauben wollten.

Bald begannen sie zu steigen; da aber diese Bewegung die schlummernde Lebenskraft Alicens wieder zu erwecken schien, so war Cora’s Aufmerksamkeit zu sehr zwischen der zärtlichen Sorgfalt für die Schwester, und dem Geschrei, das sich immer noch laut genug von der Ebene her vernehmen ließ, getheilt, um darauf achten zu können, nach welcher Richtung hin sie reisten. Als sie jedoch auf die ebene Fläche eines Berggipfels gelangt waren, und dem östlichen Absturze nahten, erkannten sie den Platz wieder, zu welchem sie vor einigen Tagen unter der freundlicheren Leitung des Kundschafters geführt worden waren. Hier ließ sie Magua absteigen, und trotz ihrer eigenen Gefangenschaft, trieb sie doch die Neugierde, die vom Schauder unzertrennlich scheint, einen Blick auf das entsetzenvolle Schauspiel unter ihnen zu werfen.

Das grausame Werk war noch nicht zu Ende. Auf allen Seiten flohen die Besiegten vor ihren erbarmungslosen Verfolgern, während die bewaffneten Kolonnen des allerchristlichsten Königs mit einer Gefühllosigkeit stehen blieben, die sich nicht erklären läßt und die auf den sonst so hohen Ruf ihres Anführers einen unauslöschlichen Flecken wirft. Das Schwert des Todes ruhte nicht eher, als bis die Raubgier der Wilden über ihren Blutdurst die Oberhand gewann. Endlich wurde das Gewinsel der Verwundeten und das Schlachtgeheul der Mörder allmählig schwächer, und die Schreckensrufe verstummten oder wurden von dem lauten, langen, durchdringenden Triumphgeschrei der Wilden übertönt. –