Kapitel 5

 

5

 

Super ging leise durch die Haupttür in den Garten. Der Speisesaal lag an der Seite des Hauses, und Minter eilte mit unglaublicher Schnelligkeit zu den Büschen. Auf dem Rasen war niemand, kein Laut ertönte, nur das leise Rauschen der Blätter im Nachtwind war zu hören.

 

Er hielt sich in der Nähe der Sträucher und suchte den ganzen Platz ab.

 

Hinter den Blumenbeeten standen die Ahornbäume, die die südliche Grenze des Grundstücks bezeichneten. Rechter Hand war ein kleiner Tannenwald. Die einzige Möglichkeit war, daß sich der Eindringling dorthin zurückgezogen hatte.

 

Super ging von Baum zu Baum vorwärts. Unter seinen Füßen war eine dichte Nadeldecke, die seine Schritte unhörbar machte. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und lauschte. Aber es war nicht das geringste Geräusch vernehmbar.

 

Als er halbwegs durch das Gehölz gegangen war, hörte er gerade vor sich in kaum fünfzig Metern Entfernung Gesang …

 

Einen Augenblick fühlte sich Super von dem melancholischen spanischen Lied ergriffen. Es war etwas Trauriges, etwas so verzweifelt Hoffnungsloses in den Worten des jahrhundertealten Klagegesanges, daß er stehenblieb.

 

Plötzlich eilte er dann nach der Richtung, aus der die Stimme kam. In dem Gehölz war es dunkel, und die Bäume standen so nahe beieinander, daß es fast unmöglich schien, weiter als ein paar Meter zu sehen. Er kam wieder ins Freie, ohne jemand erblickt zu haben.

 

Das Gehölz trennte den Park von Barley Stack von einer kleinen Farm. Nichts bewegte sich in den Wiesen, und Super kehrte um.

 

»Komm heraus, du Strolch!« rief er; aber es ertönte nur das Echo seiner Stimme.

 

Er hörte ein Rascheln, als ob jemand durch das Unterholz ginge. Er vermutete, daß es Jim sei, bevor er die weiße Hemdbrust aus dem Dunkel aufleuchten sah.

 

»Wer ist es?« fragte Ferraby.

 

»Irgendein Landstreicher«, erwiderte Super. »Es ist recht unvorsichtig von Ihnen, ohne eine Schußwaffe hier herauszukommen.«

 

»Ich habe niemand gesehen.«

 

»Man kann auch niemand sehen«, erwiderte Super höflich. »Wir wollen zurückgehen. Es wäre am besten, wenn ich mein Motorrad nehmen und die Straßen abpatrouillieren würde.«

 

Er ging wieder einige Schritte in die Felder hinein, aber da er nichts hörte und sah, kehrte er um. Auf dem Rasen fanden sie die erschrockene Gesellschaft versammelt.

 

»Haben Sie jemand gesehen?« fragte Mr. Cardew ängstlich. »Es ist ganz außergewöhnlich … Sie haben die Damen erschreckt … Ich muß gestehen, daß ich niemand gesehen habe.«

 

»Vielleicht hat sich Minter alles nur eingebildet«, sagte Elson. »Man kann wohl einen Mann sehen, aber es ist doch ganz unmöglich, bei der schlechten Beleuchtung eine Schußwaffe zu erkennen.«

 

»Ich habe sie aber gesehen«, sagte Super und schaute starr nach dem Walde hin. »Ich sah gerade, wie der Lauf aufblitzte. Es muß eine Pistole gewesen sein. Hat jemand von Ihnen eine Taschenlampe?«

 

Mr. Cardew ging ins Haus und kam mit einer Lampe zurück.

 

»Hier stand er«, sagte Super und leuchtete das Gras ab. »Man kann keine Spuren entdecken, der Boden ist zu hart. Nichts …« Plötzlich bückte er sich, nahm einen langen, dunklen Gegenstand auf und pfiff vor sich hin.

 

»Was haben Sie?« fragte Cardew.

 

»Einen Patronenrahmen von einer Zweiundvierziger-Repetierpistole, ganz voll Patronen«, sagte Super. »Vom Marinedepartment der Vereinigten Staaten – ist ihm aus der Schußwaffe gefallen.«

 

Mr. Cardew erschrak. Jim glaubte wahrzunehmen, daß sein Gesicht blasser geworden war. Möglicherweise, dachte er, ist es das erste Mal, daß Mr. Cardew den nackten Tatsachen eines beabsichtigten Verbrechens Auge in Auge gegenübersteht. Stephen Elson schaute mit offenem Mund auf den Patronenrahmen.

 

»Und er hat die ganze Zeit mit einer Pistole dort gesessen?« Er zitterte. »Haben Sie ihn denn genau gesehen?«

 

Super wandte sich zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.

 

»Machen Sie sich keine Gedanken darüber«, sagte er freundlich, fast teilnehmend. »Wenn ich ihn gesehen hätte, hätte ich ihn auch gefangen. Ich möchte einmal Ihr Telefon benützen, Mr. Cardew.«

 

Sein Gastgeber führte ihn zum Arbeitszimmer.

 

»Sind Sie dort, Lattimer? Lassen Sie alle Reservemannschaften ausrücken, halten Sie jeden an, der sich nicht ausweisen kann, besonders Landstreicher. Wenn Sie meinen Befehl ausgeführt haben, kommen Sie nach Barley Stack, und bringen Sie eine Schußwaffe und Handlampen mit!«

 

»Was ist passiert, Super?«

 

»Ich muß einen Kragenknopf verloren haben«, sagte er ruhig und hängte den Hörer ein.

 

Er schaute in das ängstliche Gesicht Cardews, und seine Blicke wanderten von dem Anwalt zu den vollen Bücherschränken.

 

»Da muß eine Menge drinstehen, das einem helfen kann, einen verrückten Landstreicher festzunehmen«, sagte er. »Und ich muß mich auf meine gewöhnlichen Hilfsmittel verlassen, und es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß wir ihn nie kriegen.«

 

Er zwinkerte wie gewöhnlich mit den Augen. Cardew sah die Flecken auf seinem Hemd und nahm den Geruch wahr, den die Mottenkugeln dem Frack gegeben hatten. Dadurch erhielt er sein Selbstvertrauen und seine Haltung wieder.

 

»Das ist einer von den Fällen, in denen die physischen Eigenschaften der Polizei bewundernswert sind, aber alles in allem ist nichts besonders Schwieriges darin, einen bewaffneten Landstreicher zu entdecken.«

 

»Nichts Besonderes«, sagte Super und schüttelte traurig den Kopf. Er überschaute die vollen Bücherregale wieder und seufzte. »Der Kerl war hinter Elson her«, sagte er dann.

 

Cardew schaute erstaunt auf.

 

»Elson erwartete ihn auch«, sagte Super mit einem abwesenden Blick. »Warum hätte er sonst eine Waffe bei sich?«

 

»Was? Elson hat eine Pistole bei sich? Woher wissen Sie das?«

 

»Ich fühlte es an seiner hinteren Tasche, als ich nahe an ihn herantrat. Ist das nicht eine feine Beobachtung? Ich klopfte ihm auf die Schulter und lehnte mich mit meiner Hüfte an seine Tasche. Von der ganzen Polizeitruppe habe ich die Hüfte mit dem feinsten Gefühl. Was bedeutet das eigentlich in der Anthropologie?«

 

Aber Mr. Cardew ging nicht darauf ein.

 

»Warum folgten Sie dem Oberinspektor, Mr. Ferraby? War das nicht leichtsinnig von Ihnen?«

 

Jim und die junge Dame waren allein auf dem Rasenplatz. Hanna war mit dem Amerikaner verschwunden. Obgleich Jim sich Vorwürfe machte, in der hereinbrechenden Dunkelheit mit Elfa draußen zu bleiben, wurden seine Bedenken doch von dem Reiz der Nacht und der geheimnisvollen Einsamkeit überstimmt.

 

»Es war für mich kein größeres Wagnis als für Super«, sagte er. »Außerdem gebe ich gern zu, daß ich dachte, er habe sich durch einen Schatten täuschen lassen. Ich hatte vergessen, daß der alte Teufel Augen hat, mit denen er durch eine Wand sehen kann. – Mögen Sie diesen Elson eigentlich leiden?« fragte er plötzlich.

 

»Elson? Nein – weshalb fragen Sie?«

 

»Nun, er ist Amerikaner, und ich dachte, das sei natürlich, wenn sich Landsleute treffen«, sagte er etwas linkisch.

 

»Wenn ich eine Engländerin wäre und einen englischen Taugenichts in New York träfe – würde ich ihn dann gern haben, weil er ein Engländer ist?« fragte sie lächelnd.

 

»Einen Taugenichts? Ich wußte nicht, daß er das ist«, begann er.

 

»Sie wissen nicht, wie unhöflich Sie jetzt zu mir sind«, sagte sie. »Ja, Mr. Elson ist ein Taugenichts, ich kann kein anderes Wort für ihn finden, obwohl es nicht hübsch klingt.«

 

»Ich wußte nicht, daß Sie Amerikanerin sind«, murmelte er, als sie langsam auf dem kurzgeschnittenen Rasen auf und ab gingen.

 

»Ich habe mir nie träumen lassen, daß Sie überhaupt bemerkten, daß ich jemand sei«, entgegnete sie kurz. »Höchstens eine von den Stenotypistinnen in King’s Bench Walk. Wollen Sie einen Flirt mit mir beginnen?«

 

Jim errötete bei der überraschenden Offenherzigkeit Elfas.

 

»Nein, das will ich nicht«, sagte er und atmete schnell.

 

»Dann will ich Ihren Arm nehmen. Ich fürchtete mich ein wenig«, gestand sie ihm dann. »Es war wirklich unheimlich. Das Licht ging aus, und man hatte das unangenehme Gefühl, daß man von draußen beobachtet wurde.«

 

Ihr Arm lag auf dem seinen. Jim Ferraby hielt etwas verlegen den Ellenbogen in steifer Haltung, und sie lächelte, als sie merkte, wie er den Anstand wahren wollte.

 

»Sie können ruhig Ihren Arm sinken lassen – so ist es gut, ich werde mich nicht anklammern. Ich finde nur eine gewisse Stütze und habe Vertrauen, wenn ich einen männlichen Arm fühle. Es kann der Arm irgendeines Mannes sein, mit Ausnahme von Mr. Elson.«

 

»Ich verstehe.« Er wollte eisig zu ihr sein, aber ihr weiches Lachen ließ seinen Trotz verschwinden.

 

»Ich liebe das Landleben nicht«, plauderte sie. »Mein armer Vater hatte es so gern. Er war gewöhnt, im Freien zu schlafen, selbst bei stürmischem Wetter.«

 

»Ihr Vater ist während des Krieges gestorben?«

 

»Ja.« Ihre Stimme war kaum hörbar. »Er starb im Krieg.«

 

Wieder gingen sie schweigend auf und ab, und ihr Arm ruhte mit größerem Zutrauen in dem seinen. Ihre Fingerspitzen berührten wie zufällig den Rücken seiner Hand.

 

»Wie lange werden Sie hierbleiben?« fragte er.

 

»Bis morgen nachmittag – ich muß einen Zettelkatalog anfertigen. Aber Mr. Cardew wird mich nicht hierbehalten, wenn seine Haushälterin fortgegangen ist. Sie macht einen Wochenendausflug.«

 

»Was denken Sie eigentlich von ihr?« fragte er.

 

»Sie mag ganz nett sein, wenn man sie näher kennenlernt«, erwiderte sie vorsichtig. Supers lange Gestalt zeigte sich in der Türöffnung.

 

»Kommen Sie herein, bevor die Gespenster Sie fassen, Mr. Ferraby. Es hat sich etwas Ungewöhnliches ereignet – mein Sergeant war tatsächlich auf dem Posten. Im allgemeinen denkt er, daß alle Zeit, die er nicht schläft, für ihn verloren ist. Mr. Cardew fragte nach Ihnen, Miss Leigh.«

 

Sie ging ins Haus. Ferraby wollte ihr folgen, aber Super hielt ihn zurück.

 

»Gehen Sie ein wenig mit mir auf und ab, Mr. Ferraby, und geben Sie mir Nachhilfestunden in Psychologie und Anthropologie.«

 

Es war merkwürdig, wie gut Super alle diese Dinge kannte, wenn er nicht in der Gesellschaft Cardews oder seines Sergeanten war.

 

»Elson muß heute abend wieder nach Hause gehen, und ich vermute, daß dieser Mensch mit der Pistole ihm auflauern will. Die ganze Sache ist sehr kompliziert und geheimnisvoll. Ein Amerikaner versucht einen anderen Amerikaner niederzuknallen.«

 

»Denken Sie, daß der Fremde auf dem Rasen ein Amerikaner war?«

 

»Er hatte eine amerikanische Pistole – deshalb ist er ein Amerikaner. Ich fange jetzt selbst an, Schlußfolgerungen zu ziehen. Ich vermute auch, daß er ein Sänger ist.«

 

»Warum?« fragte Jim verwundert.

 

»Weil ich ihn singen hörte!« antwortete Super. »Haben Sie jemals Karten gespielt, Mr. Ferraby? Wenn Sie es tun, will ich Ihnen einen guten Rat geben. Ein kleiner Blick in die Karten des Nachbarn ist wertvoller als alle Berechnungen. Schlußfolgerungen zu ziehen ist eine feine Sache, aber gut beobachten und hören ist besser. – Wissen Sie, ob etwas gegen Elson vorliegt?«

 

»Sie meinen bei der Staatsanwaltschaft? Nein, ich entsinne mich nicht, daß ich etwas gehört oder gelesen hätte. Und ich bearbeite ja gerade die Abteilung für Ausländer.«

 

»Nennen Sie einen Amerikaner niemals einen Ausländer, sonst wird er sehr aufgebracht. Ebenso wie sich die Engländer aufregen, wenn sie die Hafentaxe von New York bezahlen müssen. Als einen Fremden darf man nur einen Peruaner, einen Slowaken, einen Mongolen oder einen Italiener bezeichnen. Ich war während des Krieges in Washington, bis unser Polizeipräsidium entdeckte, daß ich tüchtig war. Dann haben sie mich nach Hause abberufen – sie können nämlich tüchtige Leute nicht leiden.«

 

Jim überlegte sich, ob er Super ins Vertrauen ziehen sollte. Er wußte allerdings nicht, ob das seinem Gastgeber recht war. Aber er entschied sich dafür.

 

»Super, glauben Sie, daß der Mann in dem Garten es auf Elson abgesehen hatte? Sollte das nicht ein Irrtum sein?«

 

»Das scheint mir unwahrscheinlich«, entgegnete Super, »aber ich lasse mich gern überzeugen.«

 

Ferraby erzählte ihm kurz von dem Brief, den Gordon Cardew ihm gestern gezeigt hatte. Der Oberinspektor hörte ihm ohne Unterbrechung aufmerksam zu.

 

»›Großfuß‹? Das klingt so wie die verrückten Wildwestnamen der Indianer. Aber was hat denn Hanna gemacht? Das ist allerdings eine sehr wichtige Neuigkeit, Mr. Ferraby, die die Lage ein wenig ändert.«

 

Cardew rief sie vom Haus aus.

 

»Kommen Sie doch herein, daß wir zu Ende essen können!«

 

»Warten Sie noch einen Augenblick«, sagte Super zu Jim und hielt ihn mit seiner sehnigen Hand am Ärmel fest. »Gedulden Sie sich bitte noch so lange, bis ich die logischen und psychologischen Zusammenhänge erkannt habe. Also sie geht zum Wochenende fort, sagen Sie … Ich kenne das Haus an der Küste von Pawsey. Cardew hat mich einmal dorthin mitgenommen, bevor wir diesen Streit über Kriminalistik hatten. Ein vollkommen einsamer Platz, wo sich die Hasen und Füchse gute Nacht sagen, meilenweit von jeder Ortschaft entfernt, ganz nahe an der Küste. Große Felsenpartien mit Hunderten von Schmugglerhöhlen … Das Haus steht an der alten Poststraße, die unterhalb der Klippe entlangführt. Aber die Straße wird nicht benützt, seitdem der neue Weg oben über die abfallenden Küstenfelsen angelegt worden ist. Es ist ziemlich gefährlich dort. Ein Teil der Felswand fiel damals ein, als ich dorthin ging, und der alte Cardew hatte einen Prozeß mit dem Gemeinderat von Pawsey, weil die Leute die Schuttmassen nicht von der Straße entfernten. Er ist bewandert in den einschlägigen Bestimmungen.«

 

»Kommen Sie doch endlich herein.«

 

Cardew ging zu ihnen hinaus, und sie wandten sich dem Haus zu.

 

»Lassen Sie sich nicht merken, daß Sie etwas wissen«, murmelte Jim, und Super gab mit einem Kopfnicken seine Zustimmung zu erkennen.

 

Mr. Cardew hatte sein Gleichgewicht vollständig wiedererlangt und war auffallend lustig, als sie ihre Plätze bei Tisch wieder einnahmen. Er hatte schon eine Erklärung herausgefunden.

 

»Ich habe in meinem Carillon nachgesehen, und merkwürdigerweise habe ich dort einen Parallelfall entdeckt. Es findet sich ein Kapitel bei ihm, in dem er sagt, daß eine gewisse Art von Verbrechern durch eine finstere Macht unwiderstehlich gezwungen wird, aus dem Dunkel oder dem Verborgenen zu schießen…«

 

Super ließ sich gerade eine geröstete Wachtel auf Toast gut schmecken und wunderte sich, warum dieser kluge Anwalt nicht den mörderischen Anschlag mit dem Drohbrief an Hanna Shaw in Zusammenhang brachte.

 

*

 

Es war schon halb zwei Uhr nachts, als Jim an die Tür von Mr. Cardews Arbeitszimmer klopfte, um ihm gute Nacht zu wünschen. Bei dem Licht einer Tischlampe las der Anwalt in einem großen umfangreichen Band.

 

»Kommen Sie bitte herein, Ferraby. Ist der Oberinspektor schon fort?«

 

»Er hat sich eben verabschiedet.«

 

Cardew schloß das Buch mit einem Seufzer.

 

»Ein sehr praktischer Mann, aber ich bezweifle doch, daß er seine Arbeit wirklich ernst nimmt. Die Nachforschungen der Polizeibeamten arten mehr und mehr in mechanische Routine aus. Sie stellen Wachen auf den Straßen aus, benachrichtigen die Posten auf dem Land, und am Ende werden ein paar vollständig unschuldige Bürger verhaftet. Sie tun nichts, sie leisten keine wertvolle Arbeit. Sie stellen alles so dumm an, daß man sie entschieden tadeln muß. Ihre ganze Sorge um die Sicherheit ist doch nur eine große Spielerei. Je mehr ich die alten Methoden studiere, die die Polizei anwendet, desto mehr tut es mir leid, daß das Schicksal mich nicht einen aufregenderen Weg gehen ließ als den Pfad, der sich durch die Prozesse des Kanzleigerichts schlängelt.– Sagen Sie mir offen, was denken Sie von Hanna? Ist Ihnen nichts Verdächtiges in ihrer Haltung aufgefallen?«

 

»Sie scheint sich die Sache doch weniger zu Herzen zu nehmen, als ich für möglich hielt«, sagte Jim ruhig. Bei diesen Worten machte Mr. Cardew ein betroffenes Gesicht.

 

»Das ist doch seltsam … Ich habe niemals daran gedacht, den Brief damit in Verbindung zu bringen – ich muß geschlafen haben!«

 

Er war blaß geworden.

 

»Ich habe mich sehr gewundert«, sagte Ferraby.

 

Auch Super war die Sache merkwürdig vorgekommen, und er hatte seine Verwunderung Ferraby gegenüber ausgesprochen, bevor er gegangen war. Es bedurfte aller Überredungskünste Jims, den Oberinspektor davon abzuhalten, Cardew darüber zu befragen. Jim sagte nichts, obgleich er wußte, daß Super unweigerlich früher oder später diese Angelegenheit mit dem Besitzer von Barley Stack besprechen würde.

 

»Ich habe nicht einmal im Traum daran gedacht, den Mann im Garten mit Hanna Shaw in Verbindung zu bringen«, sagte der Anwalt nachdenklich. »Es ist doch sehr erstaunlich. Ich wünschte nur, ich hätte es Minter erzählt.«

 

»Rufen Sie ihn doch an und erzählen Sie es ihm«, riet Jim, der gerne sein Gewissen erleichtern wollte.

 

Mr. Cardew zögerte, nahm den Hörer vom Telefon und legte ihn dann wieder auf.

 

»Ich muß mir die Sache erst noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Wenn ich es ihm jetzt mitteilte, würde er zurückkommen und eine fürchterliche Szene mit Hanna aufführen. Gerade herausgesagt – ich habe von Hanna genug … Es ist einfach schrecklich. Ich komme mir ganz verächtlich vor. Dabei bin ich ein Anwalt, von dem man doch annimmt, daß er keine Gefühle hat. Nein, lassen wir es bis morgen oder später. Ich will den Oberinspektor bitten, zum Abendessen zu kommen, dann wird Hanna fort sein.«

 

Während Jim sich auskleidete, überlegte er, daß es besser sei, die Sache aufzuschieben, bis Hanna auf ihre seltsame Wochenendfahrt gegangen war. Sicher hatte das allerhand Vorteile. Es tat ihm schon leid, daß er morgen in aller Frühe aufbrechen mußte und bei dieser Aussprache nicht zugegen sein konnte.

 

Langsam begann er zur Ruhe zu gehen. Eine entfernte Kirchenuhr schlug zwei, als er endlich das Licht ausmachte. Entweder waren die Aufregungen an diesem Abend oder vielleicht auch die paar Minuten Ruhe, die er auf seinem Weg von der Stadt hierher gehabt hatte, daran schuld, daß er nicht schlafen konnte. Er hatte sich eigentlich noch nie so wach in seinem Leben gefühlt. Eine halbe Stunde lang lag er, und seine Gedanken wanderten durch das ganze Haus, von Elfa Leigh zu Cardew, von Cardew zu Hanna und dann wieder zurück zu Elfa. Schließlich erhob er sich mit einem Seufzer und ging zu dem kleinen Tisch, auf dem das Rauchzeug stand. Er steckte seine Pfeife an und trat ans Fenster.

 

Der Mond war in seiner letzten Phase. Nur noch, eine dünne bleiche Sichel leuchtete am klaren Himmel. Von seinem Sitz am Fenster konnte Jim ein hellerleuchtetes Fenster in dem Flügel sehen, der im rechten Winkel zu seinem eigenen Zimmer lag. Ob es das Zimmer Elfas war? Oder Cardews? Oder Hannas? Jedenfalls war der Bewohner des Raumes sehr geschäftig. Er sah undeutlich eine Gestalt hin und her gehen, der Schatten hob sich von den Gardinen ab. Als sich seine Augen an das Licht und die Vorhänge gewöhnt hatten, erkannte er Hanna. Sie war vollständig angekleidet und eifrig damit beschäftigt, einen Koffer zu packen, den sie auf ihr Bett gelegt hatte. Die leichte Nachtbrise wehte den Vorhang sekundenlang beiseite, so daß er in den Raum sehen konnte. Neben der Bettstelle standen noch zwei offene Koffer. Sie hatte ihre ganze Garderobe aus dem Schrank genommen.

 

Jim Ferraby zog die Stirne kraus. Das bedeutete etwas anderes als einen Wochenendausflug. Sie packte wie jemand, der sich für eine lange Reise vorbereitet. Eine ganze Stunde lang sah er ihr zu. Dann war sie fertig, und ihr Licht ging aus. Der Morgen dämmerte schon grau herauf. Jim fühlte sich plötzlich müde und hätte gerne geschlafen.

 

Als er sich eben ins Bett gelegt hatte, hörte er Töne, die ihn in Erstaunen setzten, und er mußte sich erst überzeugen, ob er nicht träume. Draußen sang jemand. Die Stimme kam aus dem kleinen Gehölz.

 

Der Sänger! Der Mann, der gestern abend auf dem Rasen war! Im nächsten Augenblick schlüpfte er in seinen Mantel und stieg die dunklen Stufen zur Halle hinunter. Es dauerte einige Zeit, bevor er die Tür öffnen konnte. Aber schließlich gelang es ihm. Draußen war die ganze Luft von würzigen Düften erfüllt. Es war frisch und kalt, und das Gras unter seinen Füßen war feucht vom Tau.

 

Er stand bewegungslos und lauschte. Dann sah er eine stämmige Gestalt, die sich im Schatten des Gehölzes bewegte, und ging auf sie zu. Als er näher kam, hörte ihn der andere und wandte sich um.

 

»Ruhig…ruhig…stören Sie meinen Singvogel nicht!« hörte Jim eine leise Stimme. »Ich brauche ihn, um anthropologische Studien zu machen.«

 

Es war Super.

 

Kapitel 18

 

18

 

Auch Jim genoß nun das Vorrecht, das bis dahin ausschließlich Super gehabt hatte. Elfa Leigh erlaubte ihm, eine halbe Stunde in ihrer kleinen Wohnung zu bleiben und den letzten Bericht über ihren Vater zu hören.

 

»Sie wollten mich über Nacht nicht in dem Krankenhaus lassen«, sagte sie, »und vielleicht ist das auch sehr klug von ihnen. Meinem Vater geht es gut, und er fühlt sich glücklich. Man kann gut mit ihm auskommen. Mir scheint das Ganze wie ein Traum, ein glücklicher, aber auch zu gleicher Zeit ein unglücklicher Traum. Es ist schrecklich, wenn ich an die Jahre denke, in denen er durch das Land wanderte, ohne daß sich jemand um ihn kümmerte.«

 

Jim hatte auch den berühmten Arzt gesprochen; der Tag der Operation war schon festgesetzt. Der Doktor und sein Assistent waren voller Hoffnung, daß das Resultat gut ausfallen werde. Sie hatten ihm eine ganze Anzahl ähnlicher Fälle genannt, in denen vollständige Genesung des Patienten eingetreten war.

 

»Nein, wegen der Operation sorge ich mich gar nicht«, sagte sie ruhig, als er danach fragte. »Ich bin durchaus nicht ängstlich. Die Botschaft tut alles, was nur in ihren Kräften steht. Die Herren waren sehr mitfühlend und freundlich und haben mir sogar eine Summe zur Verfügung gestellt, bis er wiederhergestellt ist, so daß ich tatsächlich nicht gezwungen bin, zu Mr. Cardew zurückzugehen.«

 

»Haben Sie etwas von ihm gehört?«

 

»Ja, er rief mich heute morgen an. Er war außerordentlich liebenswürdig, aber sehr zerfahren. Ich hatte den Eindruck, daß er so sehr von dem Problem der Ermordung der armen Miss Shaw in Anspruch genommen wird, daß er unfähig ist, sich um meine Angelegenheiten zu kümmern. Trotzdem ist er ein lieber Mensch.«

 

»Wer? Cardew?« fragte Jim lächelnd. »Ich kenne zum mindesten einen, der diese Ansicht nicht teilt.«

 

»Super? Natürlich, aber Sie müssen bedenken, daß Super eine Stellung für sich einnimmt. Man kann sich nicht vorstellen, daß er jemals derselben Ansicht ist wie andere Leute. Trotzdem ist auch er ein guter Mensch. Ist er tatsächlich so rauh, wie er sich den Anschein gibt? Er spricht immer so merkwürdig.«

 

»Super ist einer der ältesten Beamten bei der Polizei«, sagte Jim. »Ich weiß noch nicht, ob er sich nur so ungebildet stellt. Er erscheint in so vielen Gestalten und Charakteren, daß es schwer ist, die Wahrheit zu ergründen …«

 

Das Telefon klingelte in dem Augenblick, und Elfa nahm den Hörer ab. Sie runzelte die Stirn.

 

»Nein, ich habe nichts geschickt … gewiß nicht. Bitte, geben Sie es ihm nicht, ich werde sofort hinkommen.«

 

Sie legte den Hörer auf, und ihr Gesicht hatte einen sorgenvollen Ausdruck.

 

»Das kann ich nicht verstehen«, sagte sie. »Die Vorsteherin des Krankenhauses fragte mich, ob ich meinem Vater einen Kirschkuchen geschickt hätte. Natürlich habe ich das nicht getan. Ein Bote hat ihn mit einem kurzen Brief gebracht.«

 

Jim pfiff vor sich hin.

 

»Das klingt ja sehr sonderbar.«

 

Als Elfa schnell in ihrem Zimmer verschwand, um sich anzuziehen, erinnerte er sich an Super und rief ihn an. Glücklicherweise meldete sich der Oberinspektor selbst. Er hörte den Bericht ruhig an.

 

»Sagen Sie ihnen, sie sollen den Kuchen verwahren, bis ich komme. Warten Sie vor dem Krankenhaus auf mich, wenn Sie Miss Leigh wieder heimgebracht haben. Wenn Sie einen jungen Mann dort finden, der Sie beobachtet, so erwähnen Sie nur meinen Namen.«

 

Jim erfuhr so zum erstenmal, daß das Krankenhaus bewacht wurde.

 

Als sie ankamen, wurden sie in das Privatzimmer der Vorsteherin gebeten. Mitten auf dem Tisch stand das verdächtige Backwerk.

 

»Ich wollte es ihm nicht geben, bis ich nicht ganz sicher war, daß Sie es geschickt hatten«, sagte die alte Dame. »Mr. Minter hat mir das sehr genau eingeschärft.«

 

»Sagten Sie nicht auch, daß ein Begleitbrief dabei war?«

 

Die Vorsteherin gab ihnen einen Briefumschlag.

 

»Das ist nicht meine Schrift«, sagte Elfa bei dem ersten Blick auf die Adresse.

 

Auch den Brief hatte sie nicht geschrieben. Es war einfaches, glattes Papier. Ihre Adresse in Cubitt Street war oben links in der Ecke notiert. Das Schreiben enthielt nur die kurze Bitte, den Kuchen ihrem Vater zu geben.

 

»Kennen Sie die Handschrift?« fragte Jim.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe sie vorher nie gesehen. Aber warum schickt man denn diesen Kuchen? Will man … Ach, das ist doch ganz unmöglich!«

 

Sie wurde bleich.

 

»Vielleicht hat irgendein wohlmeinender Freund diese Aufmerksamkeit geschickt«, sagte Jim, um sie zu beruhigen.

 

»Aber wer würde denn meinem Vater ein Leid zufügen wollen?« fragte sie und schaute ängstlich auf den unschuldig aussehenden Kuchen.

 

»Was soll ich nun tun?« fragte die alte Dame.

 

»Heben Sie ihn bitte auf«, sagte Jim schnell und tauschte einen Blick mit ihr, indem er verstohlen auf Elfa deutete. Sie verstand. Obgleich er den Vorfall leicht abtat, zweifelte Elfa doch nicht an der wahren Bedeutung.

 

»Ich hörte, wie Sie mit Mr. Minter am Telefon sprachen«, sagte sie zu ihm, als er sie wieder zur Cubitt Street brachte. »Kommt er in die Stadt?«

 

»Er wird dort sein, wenn ich zurückkomme. Sie müssen sich nicht aufregen, Elfa.«

 

Sie hörte die vertrauliche Anrede ganz gut, und es schien ihr sogar recht zu sein, daß er sie Elfa nannte.

 

»So viele Dinge sind mit Vaters Abwesenheit verknüpft, daß ich gar nicht klug daraus werden kann, und so will ich auch gar nicht erst versuchen, alles zu entwirren. Ich werde noch nicht zu Bett gehen. Würden Sie so liebenswürdig sein, mich anzurufen, wenn etwas entdeckt wird?«

 

Mit der Versicherung, dies zu tun, verließ er sie und kehrte zurück, um seinen Posten vor dem Krankenhaus einzunehmen. Wie Super vorausgesagt hatte, kam aus der Dunkelheit der gegenüberliegenden Seite der Straße ein Fremder auf ihn zu, als er sich in einen Torweg gestellt hatte, und fragte ihn ohne weiteres, was er hier suche. Seine Erklärung wurde nicht sofort geglaubt, denn Detektive sind von Natur aus sehr skeptisch. Glücklicherweise hörte man während ihres Disputs einen fürchterlichen Spektakel, ähnlich dem Knattern eines Maschinengewehres, das in unregelmäßigen Zwischenräumen abgefeuert wird. Einige Sekunden später erschien Super auf seiner Feuerfliege.

 

»Ich habe sie in Barnes Common auf eine Geschwindigkeit von achtzig Kilometer gebracht«, sagte er mit innerster Befriedigung, obwohl eine solche Schnelligkeit innerhalb der Stadt gegen die polizeilichen Vorschriften verstieß. »Ein Verkehrsschutzmann versuchte, mich bei der Eisenbahnkreuzung anzuhalten; aber ebensogut hätte er versuchen können, einen Blitz mit den Händen zu fangen.«

 

Er lehnte die Maschine an die Hauswand, dann ging er mit Ferraby ins Haus. Als sie oben waren, wurde der Kuchen gebracht, damit Super ihn ansehen konnte.

 

»Oh, der sieht gut aus. Ich werde ihn mitnehmen, wenn Sie nichts dagegen haben. Können Sie sich auf den Distrikt besinnen, aus dem der Bote mit dem Kuchen kam?«

 

»Ich glaube, es war Trafalgar Square«, sagte die alte Dame.

 

Sie hielten bei der Polizeiwache an, um den Kuchen dort abzugeben. Super hinterließ Instruktionen, ihn in der Frühe des nächsten Morgens in einer versiegelten Kiste zu der staatlichen Untersuchungsstelle zu bringen. Dann machte er sich auf den Weg, den Boten herauszufinden. Jim überredete ihn, seine Spektakelmaschine auf der Wache zu lassen, und sie fuhren in einer Taxe nach Trafalgar Square.

 

Hier hatte Super keine Schwierigkeit, die Angabe der alten Dame bestätigt zu finden. Das Paket mit dem Kuchen war offensichtlich von einem Mann gebracht worden, von dem man keine genaue Beschreibung geben konnte. Anscheinend war er der Bote des wirklichen Absenders.

 

»Irgendein Vagabund, den er auf der Straße für ein paar Groschen aufgelesen hat«, sagte Super. »Wir werden ihn ohne Annoncieren in der Zeitung nicht finden. Und dann ist es außerdem noch wahrscheinlich, daß er sich mit dem natürlichen Instinkt dieser verschlagenen Menschen nicht meldet.«

 

»Es wäre aber doch möglich, daß es kein Verbrecher war.«

 

»Es war ein Landstreicher, und alle Landstreicher sind Verbrecher«, sagte Super, der sich gern in Allgemeinplätzen erging.

 

Er verließ das Botenbüro am Trafalgar Square, trat an den Rand des Bürgersteiges und betrachtete nachdenklich das Nelson-Denkmal.

 

»Ich möchte zu Lattimer gehen. Er ist irgendwo in der Stadt. Das ist der richtige Mann, den ich auf die Spur dieses Vagabunden hetzen kann – er hat einen natürlichen Hang zu Leuten, die nicht arbeiten wollen. Ich werde diese Sache doch Scotland Yard melden müssen. Gerne tue ich es nicht – dieser langnasige Kommissar wird wahrscheinlich einen anderen Mann mit der Sache betrauen und verdirbt mir dann meine ganzen Nachforschungen.«

 

Mit offensichtlichem Widerstreben ging er nach Whitehall hinunter. Als er nach Scotland Yard kam, überzeugte er sich zu seiner größten Genugtuung davon, daß kein höherer Beamter zugegen war, der ihm die Untersuchung aus den Händen hätte nehmen können. Trotzdem konnte er seinen Bericht über die letzte Entwicklung erstatten.

 

Obgleich Jim nur wenig mitzuteilen hatte, berichtete er doch Elfa telefonisch das Resultat seiner Nachforschungen.

 

»Glauben Sie, daß der Kuchen vergiftet war?«

 

»Super ist dessen nicht ganz sicher – wir werden es erst morgen erfahren.«

 

Als er hörte, wie ängstlich sie sprach, tat es ihm leid, daß er überhaupt etwas gesagt hatte.

 

Als er wieder mit Super zusammenkam, machte ihm der geniale Beamte ein merkwürdiges Geständnis.

 

»Ich habe so eine Idee, daß es besser wäre, wenn ich recht bequem zur Wache zurückfahre. Wo ist Ihr alter Autobus?«

 

»Er steht hier in der Nähe in einer Garage – ich will Sie gerne zurückbringen. Ich dachte nur, Sie wären mit Ihrer höllischen Radaumaschine verheiratet.«

 

»Man kann kaum sagen, daß ich verheiratet bin«, meinte Super.

 

Jim fuhr in einer Taxe zur Garage und holte Super dann in der Polizeistation ab. Der alte Mann wartete mit seiner Feuerfliege, und sie hoben sie auf den Gepäckhalter auf der Rückseite.

 

»Es ist doch merkwürdig, wie Einfälle und Gedanken zu einem kommen. Mir geht es gerade wie Mr. Cardew – mitten in der Nacht kommen sie. Gerade in diesem Augenblick habe ich eine großartige Idee, über die ich sehr erfreut bin.«

 

Trotzdem lehnte er es ab, sie Jim mitzuteilen. Die Rückfahrt ging schnell und ohne Zwischenfall vonstatten.

 

»Kommen Sie doch bitte herein«, sagte Super. »Ich will Sie nicht lange aufhalten. Es ist aber möglich, daß neue Nachrichten eingetroffen sind.«

 

Er hatte recht. Der diensttuende Sergeant berichtete, daß ein Motorradfahrer zur Station gekommen sei.

 

»Er sagte, daß jemand auf der Landstraße zwei Schüsse auf ihn abgegeben habe, etwa einen Kilometer von der Stadt entfernt.«

 

Super seufzte zufrieden.

 

»Sie haben ihn doch nicht etwa getroffen? Ich vermute, daß sie die Schnelligkeit, mit der er fuhr, nicht richtig beurteilten. Er gehört wahrscheinlich zu den Motorradfahrern, die nicht mehr als 60 km Stundengeschwindigkeit aus ihrer Maschine herausholen können. Wenn ich nun auf Feuerfliege mit meinen 90 km vorbeigerast wäre, hätte mich die Kugel sicher erwischt.«

 

»Sie?« fragte Jim verwundert. »Wollte man denn auf Sie schießen?«

 

»Sie können getrost darauf wetten, daß man die Absicht hatte, mich niederzuknallen«, sagte Super ruhig. »Sie haben vorher davon gesprochen, daß ich mit meiner Feuerfliege verheiratet wäre. Ich will ja gerade, daß die Leute das denken sollen. Ich möchte nicht gerne, daß man erfährt, daß Feuerfliege ab und zu Witwe ist.«

 

Jim verstand jetzt, warum Super es vorgezogen hatte, im Auto zurückzukehren. Angenommen, die Explosion der Schießfalle in der vorigen Nacht wäre kein Unfall gewesen, und man hätte es auf sein Leben abgesehen, so wäre er ein leichtes Ziel für Leute gewesen, die aus dem Hinterhalt auf ihn schossen. Der Lärm seines Motorrades war kilometerweit zu hören. Später stellte es sich heraus, daß auch der Motorradfahrer, auf den man geschossen hatte, eine verhältnismäßig laute Maschine fuhr.

 

»Ich werde über nichts mehr erstaunt sein, was auch geschieht«, sagte Super mit philosophischer Ruhe. »Aber man muß es ihnen lassen, sie haben schnell gehandelt. – Ist Lattimer schon zurück?«

 

»Nein«, sagte der diensttuende Sergeant, »er ist noch in der Stadt.«

 

Aber hier sagte er etwas, was der Wirklichkeit nicht entsprach; denn Lattimer saß in diesem Augenblick auf einem Zaun zwischen zwei hohen Sträuchern in dem verlassenen Teil einer Londoner Landstraße. Er hatte eine Pistole in der Hand und war sehr ärgerlich über seinen Vorgesetzten, denn er hatte nicht gesehen, daß Super vorbeigefahren war.

 

Kapitel 19

 

19

 

Es schien Jim Ferraby das Natürlichste von der Welt, am Morgen einen Besuch in Cubitt Street zu machen. Er wartete geduldig, bis Elfa herunterkam, und brachte sie auf dem leider allzu kurzen Weg von der Cubitt zu der Weymouth Street. Er konnte sich nicht damit entschuldigen, daß die Strecke auf seinem Wege lag; denn es war tatsächlich ein so großer Umweg, daß seine Fahrt fast verdoppelt wurde. Elfa machte ihn darauf aufmerksam und bat ihn am Abend mit noch größerer Dringlichkeit, sich ihretwegen keine so großen Umstände zu machen. Mr. Leigh hatte einen guten Tag verbracht und fast die ganze Zeit geschlafen. Die Pflegerinnen berichteten, daß er die Nacht über meistens wachte.

 

»Er muß sich in den letzten Jahren angewöhnt haben, bei Tage zu schlafen und in der Dunkelheit umherzuwandern«, sagte sie. »Ich glaube fast, daß er mich heute nachmittag erkannt hat. Er schaute so verwundert auf mich, als ob er versuchte, sich etwas oder irgend jemand ins Gedächtnis zurückzurufen. Gerade bevor ich zu Ihnen herunterkam, fragte er mich, ob ich ihn nicht mit zum Meer nehmen könne. Er sagte, er müsse nach drei und vier schauen. Und wie mir die Vorsteherin erzählte, hat er sie gestern abend dasselbe gefragt. Haben Sie eine Ahnung, was er mit drei und vier meinen könnte?«

 

»Ich muß die Aufklärung Super überlassen. Haben Sie den Arzt gesprochen?«

 

Sie hatte den Doktor gefragt, und er hatte ihr mitgeteilt, daß die Operation auf nächsten Sonnabend festgesetzt sei. Nachdem er verschiedene Versuche angestellt hatte, war er überzeugt, daß Mr. Leigh wieder vollständig hergestellt werden könnte.

 

Als Elfa morgens Jim traf, fragte sie sofort nach dem Kuchen, und er antwortete aalglatt, daß der Amtschemiker keine Spur von Gift gefunden habe. Sie schien aber nicht überzeugt zu sein und wiederholte ihre Frage auf dem Rückweg nach Cubitt Street.

 

»Ich bin bei Super gewesen, und er sagte mir, daß kein Gift gefunden wurde.« Aber trotz dieser Versicherung war Elfa Leighs Argwohn nicht eingeschläfert.

 

»Ich habe mich heute schon mit dem Gedanken beschäftigt, ob mein Vater irgend etwas von der Mordtat gesehen haben kann oder ob er den Mörder kennt. Um Mittag fuhr ich nach King’s Bench Walk und suchte Mr. Cardew auf. Er nimmt an, daß der Anschlag auf meinen Vater gestern abend nur aus dem Grund verübt wurde, weil er Dinge sah, die in dem Haus an der Küste vorgingen. Mein Vater lebte in einer Höhle, von der aus man Beach Cottage sehen konnte. Aber Sie wissen das natürlich. Super erzählte mir heute, daß die Höhle von der Polizei durchsucht wurde und man nach dem Ergebnis annehmen muß, daß mein Vater jahrelang dort gelebt hat. Er pflegte sich gewöhnlich spät abends an der Außenseite der Klippe an einer Strickleiter herunterzulassen und vor Tagesanbruch wieder zurückzukehren. Dann zog er die Strickleiter hinter sich in die Höhe. Sie war so weiß, von Kreide, daß Mr. Minter erklärte, man hätte sie auch am Tage nicht wahrnehmen können, wenn er sie hätte hängen lassen.«

 

»Sie haben Super also schon gesehen?«

 

Minter hatte schon einen kurzen Besuch im Krankenhaus gemacht, aber er hatte wohlweislich den Bericht des Chemikers über den Kuchen verheimlicht.

 

Nachdem Jim sie bis zur Tür ihrer Wohnung gebracht hatte, zögerte er noch eine Weile und wartete, daß sie ihn einladen würde, näher zu treten.

 

»Ich werde heute abend sehr ungastlich sein und Sie ohne eine Tasse Tee nach Hause gehen lassen – ich bin entsetzlich müde.«

 

Wieder erklärte er, daß eine Tasse Tee im Park sehr angebracht sei, die Müdigkeit zu verscheuchen, besonders wenn man eine schöne Kapelle dazu spielen höre. Aber er hatte keinen Erfolg bei ihr.

 

»Ich wünschte, es wäre alles vorüber«, sagte sie. »Ich habe eine Ahnung … so eine furchtbare Ahnung, daß Gefahr droht … und daß sich noch etwas Schreckliches ereignet.«

 

»Sie sprechen so, als ob Sie wirklich noch eine Tasse Tee nötig hätten«, sagte Jim einladend. Aber sie lächelte ihn zum Abschied an, und die Haustür schloß sich hinter ihr.

 

Jim wußte nicht, was er anfangen sollte. Er hatte sich für den Abend freigemacht, und obgleich zu Hause Arbeit auf ihn wartete, fühlte er sich doch sehr unbehaglich, als er daran dachte.

 

Es war ein so schöner Abend. Er wollte nicht gern allein essen, und mechanisch wandte er seinen Wagen nach Westen. Zuerst hatte er die Absicht, Super zu besuchen, aber als er bei ihm vorsprach, erfuhr er, daß der Oberinspektor mit unbekanntem Ziel fortgegangen sei. Auch Lattimer war nicht zu sehen. So fuhr er nach Barley Stack und hatte die Genugtuung, Mr. Cardew anzutreffen, der auf dem Rasenplatz vor seinem Haus auf und ab ging. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und die Stirn in tiefe Falten gelegt. Als er das Auto hörte, drehte er sich um und grüßte mit der Hand.

 

»Wenn ich heute abend gern noch jemand gesehen hätte, dann sind Sie es, obgleich ich keinen besonderen Grund habe, ausgenommen … Nun wohl, ich vermute, daß ich noch unter dem Eindruck von Hannas Tod leide. Es scheint mir noch so unmöglich und unwahrscheinlich, daß ich jede Minute erwarte, ihre laute Stimme zu hören« – er zögerte – »ich möchte nicht undankbar sein … die arme Hanna!« Er seufzte tief. »Die Dienerschaft zeigt gerade keine große Trauer, wie ich zu meinem Bedauern festgestellt habe und wie man eigentlich hätte erwarten sollen. Hanna war streng, aber trotzdem hatte sie ihre guten Seiten, die leider niemand recht verstand.«

 

Sie waren zusammen bis zum äußersten Ende des Rasens gegangen und zu einem kleinen, schmalen Grasstreifen gekommen, der im rechten Winkel abbog. Von ihrem Platz aus hatten sie einen freien Blick auf Hill Brow. Irgend etwas Düsteres liegt in dem Aussehen dieses großen, roten Hauses, dachte Jim. Da hörte er einen Ausruf seines Begleiters.

 

»Es ist doch heute abend zu warm, um einzuheizen!«

 

Aus einem der großen Kamine von Hill Brow kam eine weiße Rauchwolke.

 

»Zufällig weiß ich, daß dieser Schornstein mit dem Kamin in Mr. Elsons Arbeitszimmer in Verbindung steht. Ich möchte nur wissen, warum er an einem solchen Abend wie heute ein Feuer anmacht.«

 

Die beiden Männer standen schweigend und beobachteten den sonderbaren Vorgang. Anscheinend wurde der Kamin sehr ausgiebig geheizt, denn die dicke Rauchwolke verminderte sich keineswegs.

 

»Vielleicht verbrennen sie Kehricht aus dem Garten«, meinte Jim.

 

Mr. Cardew schüttelte den Kopf.

 

»Er hat einen besonderen Verbrennungsofen für solche Zwecke in seinem Garten. Außerdem ist um diese Jahreszeit alles grün, und es fallen noch keine Blätter von den Bäumen.«

 

Jim beobachtete den Kamin und bezweifelte, daß das Vorkommnis so wichtig war, wie der Anwalt dachte.

 

»Möglicherweise räumt er unter seinen alten Papieren auf – ich habe auch jedes Jahr einmal das Bedürfnis, so etwas zu tun. Dabei überlege ich mir nicht, ob das Wetter auch dazu angetan ist.«

 

Mr. Cardew lächelte geheimnisvoll.

 

»Ich kenne unseren Freund zwar nicht sehr genau«, erwiderte er, »aber er kommt mir nicht wie ein Mann vor, der immer alles ordentlich aufräumt – ich bin nur gespannt, was er dort oben verbrennt.« Er schaute sich um und rief den treuherzig dreinschauenden Gärtner, den Jim schon von früheren Besuchen her kannte.

 

»Bringen Sie doch bitte einen Brief zu Mr. Elson«, sagte er und verschwand im Haus, um ihn zu schreiben.

 

Als der Mann hinübergegangen war, erklärte ihm Cardew seine schlaue Absicht.

 

»Ich habe Elson für morgen zum Abendessen eingeladen, nicht weil ich ihn gerne bei mir haben möchte, sondern weil mein Gärtner ihn allein im Hause finden wird, wenn er nach Hill Brow kommt.«

 

»Was soll das denn beweisen?« fragte Jim.

 

»Daraus will ich nur ersehen, ob Elson während dieses großen Feuerwerks aus irgendwelchen dringenden Gründen seine Dienerschaft wegschickte. Und nun möchte ich Ihnen etwas sehr Interessantes zeigen.«

 

Jim folgte ihm in sein Arbeitszimmer, und vermutete, was Cardew mit diesem ›Etwas‹ meinte, als er einen großen Gegenstand auf dem Bibliothekstisch sah, der in Packpapier eingeschlagen war. Cardew entfernte die Hüllen, und Jim sah ein genaues Modell von Beach Cottage vor sich.

 

»Ich ließ es von einem Modellmacher herstellen, der es mir in vierundzwanzig Stunden baute«, sagte er mit verzeihlichem Stolz.

 

»Das Dach nehme ich jetzt ab.« Bei diesen Worten hob er es hoch, so daß man die kleinen Räume darunter genau sehen konnte. »Der Mann hat noch keine Farben aufgemalt, aber das ist nicht so wichtig. Auch muß ich mich auf mein Gedächtnis verlassen, was den Standort der verschiedenen Möbel angeht. Dieses«, er zeigte mit einem Bleistift auf einen Raum, »ist die Küche. Das Modell ist maßstäblich genau hergestellt. Sie können sogar die Türbolzen an der Hintertür sehen – und hier ist das Verbindungsfenster zwischen Küche und Speisezimmer.« Er öffnete das kleine Fensterchen. »Nun muß ich Sie an eine bedeutungsvolle Tatsache erinnern«, sagte er nachdrücklich. »Von dem Augenblick, da Hanna Shaw in das Haus eintrat, bis zu jenem Zeitpunkt, als sie oder ein anderer wieder herauskam, sind vermutlich weniger als fünf Minuten vergangen. Also ist es ganz klar, daß sie oder die beiden sofort in die Küche gingen – ich frage Sie, warum?«

 

»Um den Brief zu holen.«

 

Cardew sah ihn bestürzt an.

 

»Den Brief?« sagte er schnell. »Was meinen Sie für einen Brief?«

 

»Es war ein Brief, der an den Leichenbeschauer in West Sussex gerichtet war. Super fand den Briefumschlag und einen losen Ziegel in der Küche, unmittelbar unter dem Tisch, wo dieses Dokument offensichtlich verborgen war.«

 

Mr. Cardews Kummer war sehr komisch.

 

»Einen Brief?« fragte er wieder. »Das ist doch bei der Verhandlung neulich nicht angegeben worden, und das widerspricht auch meiner Theorie ganz bedeutend. Ich wünschte wirklich, daß dieser Super nicht so mit seinen Nachrichten zurückhielte!«

 

»Wahrscheinlich hätte ich Ihnen überhaupt nichts über den Briefumschlag sagen sollen.«

 

Mr. Cardew setzte sich nieder und betrachtete das Modell düster.

 

»Es könnte doch zu meiner Theorie passen«, sagte er schließlich. Aber man merkte, daß die frühere Zuversicht von ihm gewichen war. »Ich wollte nicht zugeben, daß ein anderes Motiv für die Ermordung vorhanden sei«, fuhr er fort. »Der Briefumschlag war an den Leichenbeschauer gerichtet? Soll das heißen, daß ein Selbstmord vorliegt?«

 

»Nein, selbst Super nimmt das nicht an«, sagte Jim lächelnd. Aber er tadelte sich schon, daß er Supers Geheimnis dem Rivalen mitgeteilt hatte.

 

»Es ist merkwürdig, daß ich plötzlich den Gedanken an Selbstmord hatte; aber es ist ja keine Waffe in der Küche gefunden worden, und dieser Umstand macht einen Selbstmord unmöglich.«

 

»Außerdem war die Haustür von außen verschlossen«, bemerkte Jim. Cardew nickte.

 

»Ja, ich muß jetzt wieder ganz von vorn anfangen, aber sicher werde ich eine befriedigende Lösung finden. Ich achte Oberinspektor Minter, der jedoch nach meiner Meinung einer etwas ungeschickten Methode folgt, die vielleicht im großen und ganzen gute Resultate erzielt. Aber in diesem Fall bin ich überzeugt, daß er keinen Erfolg haben wird.«

 

Er nahm ein Heft von seinem Schreibtisch und drehte die Seiten in seinem Manuskript um. Jim war erstaunt über den Fleiß dieses Mannes. Eine Seite war ganz mit Zeitangaben und Maßen bedeckt. Auf einer anderen Seite war eine rohe Skizze von der Seefront des Hauses. Verschiedene Linien liefen waagerecht über die Zeichnung und gaben die einzelnen Höhen der Flut zu bestimmten Stunden an. Zahlreiche Fotografien, die das Haus von den verschiedensten Seiten zeigten, lagen auf dem Schreibtisch. Es war auch eine Landkarte von Sussex da, auf die Mr. Cardew mit roter Tinte Linien eingetragen hatte. Jim vermutete, daß damit die verschiedenen Wege angedeutet werden sollten, auf denen der Mörder hätte entfliehen können. Sie waren beide in die Betrachtung der Papiere vertieft, als der Gärtner zurückkam.

 

»Ich habe Mr. Elson Ihren Brief gegeben, Sir.«

 

»Hat er Ihnen selbst die Tür geöffnet?« fragte Cardew schnell.

 

»Ja. Es dauerte fünf Minuten, bevor er herunterkam. Ich glaube, daß die Dienstboten alle ausgegangen sind.«

 

Cardew lehnte sich überlegen in seinen Stuhl zurück.

 

»Wie war er denn angezogen? Haben Sie aufgepaßt, ob sein Gesicht und seine Hände normal aussahen?«

 

»Seine Hände waren schwarz«, entgegnete der Gärtner. »Es machte den Eindruck, als ob er damit die Kaminröhre ausgewischt hätte. Er war nur mit Hose und Hemd bekleidet und sah sehr erhitzt aus.«

 

Mr. Cardew lächelte wieder.

 

»Ich danke Ihnen«, sagte er, und als sich die Tür schloß, schaute er Jim unverwandt an.

 

»Es geht etwas dort vor, ich wußte es doch. – Nun fragt es sich, wie weit hängt dieses merkwürdige Betragen mit dem Tod der armen Hanna zusammen? Erinnern Sie sich, daß er Hanna gut kannte und daß er sie heimlich traf? Ich weiß aus dem Gerede der Dienstboten nach ihrem Tode, daß sie häufig Besuche in Hill Brow machte. Es ist auch eine erwiesene Tatsache, daß Elson seit dem Todesfall nicht mehr nüchtern war. Früher hat er schon schwer getrunken, aber jetzt hat er jede Hemmung verloren. Zwei der Mädchen haben gestern den Dienst verlassen, und sein Diener geht noch diese Woche fort. Elson geht in der Nacht im Haus umher und hat öfter Anfälle, in denen er vor Angst laut aufschreit.«

 

Cardew stand auf, deckte das Dach über das Modell und packte es dann sorgfältig wieder ein.

 

»Bis jetzt sind meine Nachforschungen nur abstrakter Natur gewesen. Aber ich will mich jetzt auf ein neues Gebiet wagen, wozu ich eigentlich meinen Jahren nach nicht mehr geeignet bin.«

 

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Jim.

 

»Ich wollte sagen, daß ich jetzt das Geheimnis von Hill Brow aufklären werde«, sagte Mr. Cardew.

 

Kapitel 2

 

2

 

Der junge Beamte hörte mit bewunderungswürdiger Geduld zu.

 

»Ich habe Sullivan festgenommen, weil er vorige Nacht in der Nachbarschaft des Tatortes schlief. Praktisch hat er schon eingestanden, daß er versuchte, in das Haus einzubrechen.«

 

»Nehmen Sie die Maße seiner Ohren und betrachten Sie ihre Form.« Bei diesen Worten nahm Super seinen Federhalter auf. »Haben Sie schon bemerkt, daß Verbrecher und Halbverrückte Ohren haben, die so groß wie Wandschirme sind? Das steht alles in dem Buch, und das Buch kann doch nicht lügen. Der Detektivberuf ist nicht mehr das, was er einst war, mein lieber Sergeant. Wir brauchen jetzt mehr Physiognomiker und mehr Chemiker. Wenn ich mir so einen richtigen Detektiv von heute vorstelle, sehe ich einen Mann vor mir, der in einer feinen Villa wohnt, in einem kostbaren Armsessel sitzt und ein Mikroskop, einen Blutfleck und etwas Londoner Straßenschmutz vor sich hat. Wenn er diese Dinge zusammenmischt, dann kann er Ihnen sagen, daß die Juwelen von einem linkshändigen Mann gestohlen wurden, der in einem grünlackierten Packard, letztes Modell, fuhr. Sind Sie schon einmal einem Mann mit Namen Ferraby begegnet?«

 

»Mr. Ferraby von der Staatsanwaltschaft?« fragte der Sergeant interessiert. »Ja, ich sah ihn, als er neulich hier war.«

 

Super nickte. Seine Kiefer schlössen sich wie eine Rattenfalle, und dann zeigten sich zwei Reihen gesunder Zähne, als er lachte.

 

»Der ist kein Detektiv«, sagte Super mit Nachdruck. »Der versteht sich nur auf die Gesichter der Leute. Wenn der zugezogen würde, um die geheimnisvolle Sache mit dem Rajah von Bong aufzuklären, dessen Armbanduhr verlorenging, würde er zunächst entdecken, daß der Großwesir, oder wie der Kerl heißt, so ein Ding bei Veltheims Tag- und Nachtleihhaus versetzt hat, und dann würde er den Wesir schnappen und gefangensetzen. Aber ein wirklicher Detektiv würde nicht so töricht handeln. Der würde erst folgern, daß die Uhr im Kampf mit einer jungen, schönen Stenotypistin abgerissen wurde, die hinter einer geheimen Tapetentür verborgen sitzt, mit einem Knebel im Munde, vollständig gefesselt und soweit verpackt, daß sie von diesen verdammten Indern nach dem Lapislazulipalast gebracht werden kann. Der alte Cardew, das ist ein Detektiv! Das ist ein Mann, an dem Sie sich ein Beispiel nehmen müssen, Sergeant!«

 

Super zeigte mit dem Ende seines Federhalters bedeutsam auf seinen Untergebenen.

 

»Er kennt sich in der Psychologie aus, er versteht etwas von der Form der Ohren, er weiß, was ein vorstehendes Kinn und ein unsymmetrisches Gesicht bedeuten und wieviel ein Gehirn wiegen kann – und noch viel mehr so schöne Dinge. In Barley Stack hat er eine große Bibliothek, in der nur Bücher über Verbrechen stehen.«

 

Wenn Super erst anfing, von dem ausgezeichneten Amateurdetektiv Gordon Cardew zu sprechen, dann war schwer etwas mit ihm anzufangen. Der Sergeant seufzte leise und respektvoll.

 

»Wollen Sie Sullivan sprechen, Super? Er hat praktisch schon eingestanden, daß er nach Hill Brow kam, um einen Einbruch zu verüben.«

 

Super schaute drohend um sich, dann nickte er plötzlich zum größten Erstaunen Lattimers.

 

»Ich will ihn sehen, lassen Sie ihn hereinkommen.«

 

Der Sergeant erhob sich schnell und verschwand in dem anstoßenden Raum. Einige Minuten später kehrte er mit einem großen, wenig appetitlichen Landstreicher zurück, der sehr verwirrt aussah.

 

»Dies ist Sullivan«, meldete der Beamte.

 

Super legte seine Feder hin, nahm seine Brille ab und schaute den Gefangenen an.

 

»Was hast du da vorhin erzählt …, daß dieser Strolch dich nicht nach Hill Brow hineinließ?« fragte er unerwartet. »Und wenn du lügen willst, Sullivan, dann lüge wenigstens so, daß es glaubwürdig erscheint.«

 

»Es stimmt, Super«, sagte der Landstreicher heiser. »Und wenn ich in dieser Minute sterben soll – der schwachsinnige Kerl hat mich beinahe umgebracht, als ich das Fenster öffnen wollte. Und wir hatten doch vorher alles so genau ausgemacht – er sagte mir sogar die Stelle, wo der Amerikaner sein Geld aufbewahrt. Und wenn ich diesen Augenblick sterben soll …«

 

»Das wirst du nicht tun – Landstreicher sterben überhaupt nicht«, bemerkte Super bissig. »Sullivan? Jetzt weiß ich Bescheid. Du bist doch damals wegen Raubes zu drei Jahren verurteilt worden … Lukas Markus Sullivan – ich erinnere mich genau an deine Heiligennamen!«

 

Lukas Markus bewegte sich unruhig hin und her, aber bevor er widersprechen und seine Unschuld beteuern konnte, fuhr Super fort: »Was weißt du von diesem verrückten Landstreicher?«

 

Sullivan wußte nur wenig. Er hatte ihn in Devonshire getroffen, hatte aber schon vorher durch andere ›Ritter‹ der Landstraße von ihm gehört.

 

»Er ist nicht ganz richtig im Kopf, Super, das sagen alle. Er geht im Land umher und singt vor sich hin, er schließt sich keiner größeren Gesellschaft an und führt so merkwürdige Reden – so vornehmes Zeug – und dann spricht er immer in fremden Sprachen.«

 

Super lehnte sich in seinen Stuhl zurück.

 

»Das hast du nicht aus den Fingern gesogen, dazu hat dein Gehirn nicht das nötige Gewicht. Wo hat er denn seine Bleibe?«

 

»Er kampiert überall. Aber ich glaube, daß er doch irgendwo eine feste Wohnung hat, wahrscheinlich in der Nähe des Meeres. Als ich die eine Woche mit ihm zusammen auf der Straße wanderte, fragte er mich öfters, ob ich Schiffe gern hätte, und dann erzählte er mir, daß er ihnen ganze Tage lang auf der See zuschaute und feststellte, welche nicht untergehen könnten. Er ist wirklich verrückt. Nachdem wir ausgemacht hatten, daß wir in das Haus einbrechen wollen – was meinen Sie, was er zu mir gesagt hat? Er hat mich angefahren, als ob er ein böser Hund wäre. ›Fort‹, sagte er – genauso, wie ich es jetzt sage, Super –, ›fort, deine Hände sind nicht rein genug, um …‹, und dann kam noch etwas von Gerechtigkeit … der ist verrückt.«

 

Der Oberinspektor sah den Mann lange Zeit an, ohne zu sprechen. Sullivan war es nicht wohl dabei.

 

»Dir bleiben die Lügen ja im Hals stecken«, meinte Super schließlich. »Du kannst die Wahrheit gar nicht sagen, du hast so sonderbare Augen! Bringen Sie ihn wieder hinter Schloß, und Riegel, Sergeant – wir werden ihn hängen!«

 

Super schaute düster und bewegungslos auf das Tintenfaß und hielt den Federhalter in der Hand. Sullivan saß wieder in seiner Zelle, und der Sergeant hatte sein Mittagessen noch nicht ganz beendet, als Super sich wieder erhob. Er schnitt ein Gesicht, als ob er Schmerzen empfände, zog die Pantoffeln aus, die er unweigerlich während der Bürostunden trug, und zog mit einem Seufzer seine zerrissenen Stiefel an.

 

Lattimer war beim Pudding, als sein Vorgesetzter in das Beamtenzimmer trat.

 

»Wissen Sie irgend etwas über diesen Amerikaner Elson? Bleiben Sie aber ruhig sitzen und essen Sie weiter.«

 

»Man sagt, daß er sehr reich sei.«

 

»Das habe ich auch schon herausgebracht«, meinte Super. »Wenn ein Mann in einem großen Haus lebt, drei Autos und zwanzig Dienstboten hat, dann kann ich mir an meinen fünf Fingern abzählen, daß er in den besten Verhältnissen lebt. Ich werde ihn jetzt aufsuchen.«

 

Super hatte ein Motorrad, das in der ganzen Gegend verrufen war. Es verhielt sich zu einem anständigen Motorrad wie etwa eine Spelunke zum Buckingham-Palast. Jedes Frühjahr nahm er seine Maschine fast vollständig auseinander, und während Sergeant Lattimer bestürzt zuschaute, reinigte er sie und setzte sie wieder zusammen. Und dann gab er ihr ein ganz anderes Aussehen, denn er hatte eine Vorliebe dafür, die Farbe der alten Maschine zu ändern. Einmal erstrahlte sie in einem leuchtenden Grün, ein andermal war sie feuerrot. In einem Jahr hatte er sie sogar weiß und die Speichen himmelblau angestrichen. Er konnte an keinem Farbengeschäft vorbeigehen, ohne sich neue Emaillefarben zur Verschönerung seines Rades zu kaufen. In dem kleinen Schuppen hinter seinem Haus standen die Farbtöpfe reihenweise auf den Wandbrettern. An das Kriegsjahr, in dem er ein Dutzend kleiner Probenäpfe dazu benützte, seiner Maschine einen Tarnanstrich zu geben, erinnern sich noch sämtliche Polizeibeamten Londons.

 

Aber es war immerhin noch ein brauchbares Motorrad. Der Zweizylinder war wunderbarerweise außerordentlich leistungsfähig und machte eine große Geschwindigkeit möglich. Die früher blanken Teile der Maschine waren längst mit Farbe übermalt, der Sitz war mit vielen Lederstrippen repariert, und die Reifen hatten ein so auffälliges Muster, daß selbst das kleinste Kind in einem Dorf, wenn es nur die Spuren des Rades sah, sagen konnte, daß Super vorbeigekommen und in welcher Richtung er gefahren war.

 

So ratterte er denn seinen Weg entlang bis nach Dewlag Hill und fuhr an der hohen, roten Ziegelmauer von Hill Brow vorbei. Dann stieg er ab, stieß das Tor auf und ging zwischen den Ulmen durch, die die Zufahrt zu dem Haus von Mr. Elson einfaßten. Er lehnte sein Motorrad an einen Baumstamm, ging langsam zu dem großen Gebäude, stieg die breiten Stufen empor und blieb in der offenen Eingangshalle stehen. Sie war leer, aber er hörte die Stimmen einer Frau und eines Mannes. Der Schall drang aus einem Raum, der mit der Halle in Verbindung stand. Der Türflügel war nur angelehnt. Plötzlich sah er vier kürze, dicke Finger um die Kante der Tür greifen. Er schaute sich nach einer elektrischen Klingel um und bemerkte, daß sie in der Mitte des Haustores war. Er ging eben darauf zu, um auf den Knopf zu drücken …

 

»Heirat, aber sonst nicht, Steve! Ich bin lange genug zum Narren gehalten worden. Versprechen, Versprechen – immer nur Versprechen … Ich werde krank, wenn ich nur davon höre! Geld! Was bedeutet mir das? Ich bin ebenso reich wie Sie …«

 

In diesem Augenblick wurde die Tür ganz geöffnet, und Super konnte die Frau sehen. Er erkannte sie, obgleich sie ihm den Rücken zukehrte. Es war Hanna Shaw, die unfreundliche Hausdame von Barley Stack. Einen Augenblick schaute er verwundert auf die Gestalt, schlüpfte dann leise zur Tür, stieg schnell über das Geländer der Treppe und verschwand. Hanna hatte nicht einmal seinen Schatten bemerkt. Aber um ganz sicher zu sein, daß seine Anwesenheit nicht bekannt wurde, schob Super sein Motorrad erst einen Kilometer weit, bevor er es wieder bestieg.

 

Kapitel 20

 

20

 

Sergeant Lattimer wartete die Dunkelheit ab, ehe er seine Wohnung verließ. Er machte einen Umweg durch einsame Straßen und näherte sich langsam dem Haus des Amerikaners. Er ging nicht durch die Vordertür, sondern er benutzte eine kleine Öffnung in der Hecke, die er genau kannte. Nachdem er sich durch das Dickicht hindurchgezwängt hatte, kam er zu der kleinen grünen Pforte in der Mauer. Diesmal war Mr. Elson nicht anwesend, um ihn zu erwarten, noch war seine Gegenwart nötig. Lattimer steckte einen Schlüssel ins Schloß, trat ein, schloß wieder hinter sich zu, und nach einem kurzen Umhersehen eilte er vorsichtig über den Kiesweg zum Haupteingang. Er klopfte nicht. Er hatte etwas vor, das er schnell erledigen wollte. Aus seiner Tasche nahm er ein Stück weißes, auf der Rückseite gummiertes Papier, feuchtete es an und drückte es gegen, das mittlere Paneel der Eingangstür. Als das geschehen war, ging er halb um das Haus herum und kam zu zwei Türfenstern, die sich auf den Rasenplatz öffneten. Er klopfte leise. Eine Zeitlang kam keine Antwort. Als er wieder klopfte, hörte er das Rücken eines Stuhles und bemerkte, wie die schweren Vorhänge beiseite gezogen wurden. Elsons erschrockenes Gesicht sah ins Dunkle.

 

»Sie sind es?« grollte er.

 

»Ja, ich«, erwiderte Lattimer lakonisch. »Sie können Ihren Revolver einstecken, es will Ihnen niemand etwas tun.«

 

Er zog die Vorhänge dicht hinter sich zusammen, fiel in einen Stuhl und langte mechanisch nach der offenen Zigarrendose.

 

»Super ist in die Stadt gegangen«, sagte Lattimer.

 

»Meinetwegen kann er in die Hölle gehen«, knurrte Elson.

 

Die Anzeichen seiner schweren Trunkenheit waren deutlich sichtbar. Sein Gesicht war kaum wiederzuerkennen. Seine Hände und seine Lippen zitterten bei dem geringsten Anlaß.

 

»Ich darf wohl Sagen – Super geht überallhin, wenn es sich um einen interessanten Fall handelt.«

 

»Er sollte vorsichtiger sein«, begann der Mann laut; aber Lattimers erhobene Hand und sein erschrockener Gesichtsausdruck dämpften seine Stimme.

 

»Es ist nicht notwendig, deshalb ein Geschrei zu erheben.«

 

»Ich habe nichts damit zu tun.«

 

»Vielleicht denkt er das«, sagte Lattimer und biß das Ende der Zigarre mit seinen starken Zähnen ab. »Sie wissen nie, was Super denkt. Ich bin neugierig, ob er mich verdächtigt. Er gab mir heute morgen eine lange Lektion über den Vorteil des Bekehrens von Kronzeugen.«

 

Elson feuchtete seine Lippen an.

 

»Ich sehe nicht ein, was das mit Ihnen oder mit mir zu tun hat«, begann er.

 

»Wir wollen nicht ins Persönliche kommen«, sagte Lattimer nachlässig. »Ich werde einen kleinen Schluck Whisky nehmen, der ganze Rest bleibt Ihnen – haben Sie heute ein Freudenfeuer angezündet?«

 

»Wie? Was meinen Sie?«

 

»Ich sah Ihren Schornstein rauchen. Es ist doch wohl zu warm, um zu heizen.«

 

Elson antwortete nicht gleich.

 

»Ich habe eine Menge altes Zeug weggeschafft«, sagte er dann kurz.

 

Sie rauchten fünf Minuten lang schweigend.

 

»Sie waren heute morgen in der Stadt«, stellte Lattimer fest.

 

Der Mann sah ihn mißtrauisch an.

 

»Ich wollte einmal aus diesem verfluchten Nest heraus. Ich kann doch wohl noch in die Stadt gehen, nicht wahr?«

 

»Was für eine Kabine haben Sie bekommen?«

 

Elson sprang entsetzt auf.

 

»Vermutlich nahmen Sie nicht die direkte Linie nach New York?«

 

»Woher wissen Sie das?« keuchte Elson.

 

»Ich vermutete es. Ich habe schon lange das Gefühl. Und natürlich bedrückt es mich«, sagte Lattimer lässig, »wenn ich sehe, daß mir eine Einkommensquelle versiegt.«

 

»Ich dachte, Sie nannten mein Geld ›Darlehen‹«, grinste Elson. »Ich möchte wissen, warum ich Ihnen überhaupt etwas gab.«

 

»Ich bin nützlich. Ich mag am nächsten Sonnabend noch nützlicher sein. Natürlich können Sie niemand brauchen, der weiß, daß Sie das Land verlassen wollen. Ich vermute, Sie sind in Kanada sicherer …«

 

»Ich bin überall sicher«, rief Elson heftig. »Ich sage Ihnen, ich habe nichts mit der Polizei zu tun.«

 

»Das haben Sie mir schon so oft erzählt, daß ich es beinahe glaube. Nur heraus damit, Elson, warum so eilig?«

 

»Ich habe England satt«, sagte Elson mürrisch. »Seit Hanna tot ist, bin ich mit den Nerven fertig. Sagen Sie, Lattimer, was ist aus diesem Landstreicher geworden?«

 

»Dem Burschen, den Super aufgriff? Ach, der ist irgendwo in London. Warum?«

 

»Ich weiß nicht – es interessierte mich nur«, sagte Elson heiser. »Ich sah ihn in meinem Garten an jenem Morgen, an dem er eingefangen wurde – mein Chauffeur war auf der Straße, als Minter ihn fing. Diese Sorte von Landstreichern ist mir unheimlich. Er ist doch verrückt, nicht wahr?«

 

»Verrückt? Ja, ich glaube – wenigstens Super glaubt es. Ich habe nicht die Erlaubnis, etwas zu denken, wenn Super in der Nähe ist.«

 

»Hören Sie, Lattimer« – Elson beugte sich vor und dämpfte seine Stimme zu einem heiseren Flüstern – »Sie kennen das Gesetz dieses Landes … niemand achtet darauf, was ein verrückter Bursche sagt, nicht wahr? Ich meine, die Richter? Gesetzt den Fall, er erzählt etwas – er verleumdet Menschen oder so etwas? Man würde doch nicht darauf achten, nicht wahr?«

 

Lattimer sah ihn durchdringend an. »Warum erschrecken Sie so?« fragte er.

 

»Ich erschrecke nicht«, keuchte Elson. »Ich bin nur neugierig. Ich habe eine Erinnerung, als ob ich diesen Burschen in Amerika irgendwo getroffen hätte. Mag sein in Arizona. Ich war Farmer und beschimpfte ihn – das habe ich mit vielen Leuten gemacht. Sie verstehen, was ich meine? Das ist das einzige, worüber ich besorgt bin.«

 

Er log, und Lattimer wußte, daß er log.

 

»Ich glaube nicht, daß sie groß Notiz von dem nehmen, was ein Verrückter sagt – ich hoffe, sie werden es nicht tun. Aber er wird nicht mehr lange verrückt sein. Super erzählt mir, daß er operiert werden soll und daß große Hoffnung auf seine Wiederherstellung besteht.«

 

Elson sprang auf, sein Gesicht zuckte.

 

»Das ist eine Lüge! Eine Lüge! Er kann nicht recht haben! Gott, wenn ich das gewußt hätte! Wenn ich das gewußt hätte!«

 

Lattimer beobachtete ihn unentwegt. Kein Muskel seines scharfen Gesichtes regte sich.

 

»Ich dachte es mir. Das ist der Mann, der Sie in der Hand hat. Sie können aber ruhig sein: Es wird Tage und Wochen dauern, bevor John Leigh reden kann – wenn er überhaupt jemals redet.«

 

Elson wurde ruhiger, und es fiel ihm etwas in Lattimers Ton auf, als er sich zu der halbleeren Whiskyflasche wandte.

 

»In welchem Verhältnis stehen Sie zueinander?«

 

Der Sergeant zuckte die Schultern.

 

»Ich habe nichts mit ihm zu tun.«

 

Elson bewegte sich nicht. Sein aufgedunsenes Gesicht war Lattimer zugekehrt.

 

»Nehmen wir an, daß er nicht so verrückt ist, wie Sie glauben. Man sagt, daß er in einer Höhle oder so etwas oben bei den Klippen in der Nähe von Beach Cottage gehaust hat. Es ist doch sehr leicht möglich, daß er nicht weit entfernt war, als Hanna dort hinausfuhr. Was denken Sie darüber?«

 

Lattimer lachte und blies eine Rauchwolke zur Decke empor.

 

»Was würden Sie dazu sagen?« fragte er dann eindringlich.

 

»Sie haben unrecht, wenn Sie glauben, daß ich irgend etwas mit Leigh zu tun habe. Natürlich habe ich von ihm gehört, aber ich habe ihn niemals gesehen, bis Super ihn verhaftete – ich wußte selbst nicht, daß er verhaftet war, als ich ihn sah. Er saß mit Super im Büro und trank Tee.«

 

Elson hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen, und lauschte angestrengt. Plötzlich zog er seine Uhr.

 

»Meine Dienerschaft kommt zurück«, sagte er.

 

»Kommt jemand hier herein?«

 

»Nein, nur wenn ich läute.«

 

Aber während er noch sprach, klopfte es schon an der Tür. Lattimer erhob sich schnell und schlüpfte hinter die Fenstervorhänge, als Elson zur Tür ging und aufschloß. Es war der Diener.

 

»Entschuldigen Sie, Sir«, sagte er, »ich wollte Sie nicht stören …«

 

»Nun ja, aber warum haben Sie mich dann gestört?« fragte Elson.

 

»Ich weiß nicht, Sir, ob Sie den Zettel an der Tür gesehen haben. Ich konnte ihn nicht abreißen, denn er ist mit der ganzen Fläche angeklebt.«

 

»Ein Zettel an der Tür?« fragte Elson mit veränderter Stimme. »Wovon sprechen Sie eigentlich?«

 

Er ging hinter dem Diener her und eilte quer durch die Halle. Die Lichter brannten bereits. Er sah das weiße, viereckige Papier auf der Türfüllung, las es langsam und traute seinen Augen kaum.

 

»Zuerst Hanna Shaw. Sie werden der nächste sein, der stirbt.«

 

Er faßte sich mit der Hand an die Kehle und versuchte zu sprechen, aber er konnte nur ein ängstliches Ächzen und Stöhnen hervorbringen. Er taumelte zu seinem Arbeitszimmer zurück, warf die Tür krachend hinter sich zu und schloß sie ab.

 

»Lattimer«, rief er keuchend. »Lattimer!«

 

Er sah hinter die Vorhänge, aber der Sergeant war bereits auf dem Weg verschwunden, auf dem er gekommen war.

 

Kapitel 21

 

21

 

Von Supers Hinterhof kam der vertraute Spektakel des Motorrades, den alle Leute so gut kannten, die im Umkreis von einem Kilometer wohnten. Einst hatten mehrere gute Freunde und Gönner eine Subskription eröffnet, um Super die neueste und geräuschloseste Maschine zu kaufen. Sie wurde ihm in Gegenwart des Majors und der ganzen Spitzen des Ministeriums überreicht. Es dauerte genau eine Woche, dann war diese schöne Maschine plötzlich verschwunden! Super erzählte den Leuten eine ergreifende Geschichte, wie er mit dem Motorrad Schiffbruch erlitten hatte. Aber es war ein offenes Geheimnis, daß er es auf einer öffentlichen Auktion verkauft und sich von dem Erlös einen Brutapparat für seine Hühner gekauft hatte. Außerdem wurde davon auch Feuerfliege neu angestrichen, und er zahlte noch eine beträchtliche Summe auf der Bank ein.

 

Es war noch sehr früh am Morgen, und die meisten Bürger waren noch nicht auf. Super hatte seine Maschine auf dem Küchentisch vollständig auseinandergenommen und war gerade dabei, ein Stück des Motors zu reparieren, das nur durch sein eigenes Herumbasteln in Unordnung geraten war.

 

Ein Beamter stand in respektvoller Haltung, ebenfalls in Hemdsärmeln, neben ihm. Er verstand etwas von Motoren und Maschinen und wurde deshalb stets bei solchen Gelegenheiten zugezogen, um allem, was Super sagte, seine Zustimmung zu geben. Und in Supers Augen blieb er auch nur so lange eine Autorität in mechanischen Dingen, wie er seinen Ansichten beistimmte.

 

»Lärm ist natürlich, mein lieber Sergeant«, sagte Super, als er mit einem Schlüssel eine Schraube festzog. »Haben Sie schon einmal gehört, daß jemand einen Schalldämpfer für den Donner erfand?«

 

»Nein, Sir.«

 

»Das Schaf blökt, und die Rinder brüllen.«

 

»Ich schlug Ihnen nur vor, sich einen besseren Schalldämpfer für Ihren Motor anzuschaffen«, sagte der Beamte respektvoll.

 

»Das wäre Geldverschwendung, Sergeant. Außerdem lieben alle Leute das Geräusch der Feuerfliege. Sie drehen sich dann nachts in ihren Betten um und sagen: Es ist alles in Ordnung, Super ist unterwegs.«

 

Super ließ seinen Motor Probe laufen, und es drehten sich wirklich viele Leute in ihren Betten um, ohne allerdings über das Geräusch sehr erfreut zu sein.

 

»Aber Super, wäre es nicht unangenehm, wenn ein Dieb, der in eine einzelne Villa einbricht, schon von weitem hört, daß Sie ankommen?«

 

»Die hören überhaupt nicht, wenn ich komme«, sagte Super und schaute seinen Untergebenen groß und erstaunt an. »Das Geräusch dieser Maschine ist wie das Sprechen eines Bauchredners. Sie glauben, es kommt von rechts, während es tatsächlich von links kommt. Aber was ist denn eigentlich heute mit Ihnen los, Sergeant? Sie streiten dauernd mit mir herum. Zum Donnerwetter, man kann ja überhaupt nicht mehr zu Wort kommen!«

 

Infolgedessen schwieg der Sergeant von jetzt ab. Super beendete seine Arbeit zu seiner größten Zufriedenheit, steckte seine Pfeife an, betrachtete den Morgenhimmel und fand das Wetter gut.

 

Nachdem er das Hühnerhaus revidiert und die Eier eingesammelt hatte, ging er hinein, um sich vollständig anzuziehen. Er trocknete sich gerade mit seinem rauhen Badehandtuch ah, als Lattimer sich zum Dienst meldete.

 

»Wo waren Sie eigentlich vorige Nacht, Lattimer?« fragte Super und brummte ihn über die Ecke seines Handtuches an.

 

»Es war meine freie Nacht.«

 

»Wie ich so jung war, da gab es so etwas wie freie Nacht überhaupt nicht«, sagte der alte Mann bissig. »Bringen Sie mir die Post.«

 

Lattimer kam mit einem kleinen Paket amtlicher Briefe zurück.

 

»Das ist eine Rechnung, da ist wieder eine Beschwerde über Feuerfliege, das ist ein Steckbrief, ein Brief von dem durchtriebenen Kerl im Finanzministerium«, murmelte Super vor sich hin, als er Umschlag für Umschlag durch die Finger gleiten ließ. »Und das ist der Brief, den ich haben will.«

 

Es war ein einfacher Briefumschlag, wie Lattimer bemerkte, und er hatte einen gedruckten Kopf, den er nicht lesen konnte.

 

»Hm!« sagte Super, als er den Inhalt überflogen hatte. »Haben Sie schon einmal etwas von Akonit gehört?«

 

»Nein – ist es ein Gift?«

 

»Es ist schon ein bißchen giftig – soviel wie ein Stecknadelkopf würde Sie unter die Erde bringen, Lattimer, obgleich es mich nicht umbringen würde, denn ich bin stärker und robuster als Sie und bringe meine Nächte nicht mit Jazz und Charleston zu und tanze nicht immer gleich mit einem ganzen Dutzend Mädchen herum.«

 

»Ist es der Bericht des Gerichtschemikers?« fragte Lattimer.

 

»Ja. Sie können einmal nachforschen und herausfinden, ob jemand Akonit gekauft hat. Für gewöhnlich wird so etwas nicht gehandelt. Fragen Sie einmal in Scotland Yard nach. Haben Sie noch nichts von Akonit gehört?«

 

Super schloß gerade seinen Kragen und richtete seine verzweifelten Blicke zur Decke.

 

»Nein, das Zeug ist mir unbekannt.«

 

»Ich wette, daß der alte Cardew, dieser berühmte Amateurdetektiv, Ihnen ein Dutzend Fälle an den Fingern aufzählen kann, in denen Leute mit Akonit getötet wurden.«

 

»Leicht möglich«, stimmte Lattimer bei.

 

»Ich kann Giftmörder nicht leiden«, sagte Super vergnügt und band seine Krawatte mit ungewöhnlicher Sorgfalt. »Es ist ungefähr die niedrigste Art von Mördern, und außerdem gestehen sie niemals ihre Tat ein. Wissen Sie das, Lattimer? Ein Giftmörder gesteht niemals, selbst wenn ihm schon der Strick ums Genick gelegt ist.«

 

»Ich wußte das nicht«, sagte Lattimer geduldig.

 

»Ich möchte aber wetten, daß der alte Cardew es weiß. Und ich wette obendrein, daß er Bücher über Mörder und Giftmorde hat, daß Ihnen die Haare zu Berge stehen. Ich muß mir doch tatsächlich ein Abonnement für eine wissenschaftliche Bibliothek zulegen. Ich bin so weit hinter meiner Zeit zurück, daß ich mich bei der erstbesten Gelegenheit blamieren kann.«

 

Er erledigte seine amtliche Korrespondenz in äußerst kurzer Zeit. Dann bestieg er seine Maschine, um verschiedene wichtige Besuche zu machen. Sie wären vielleicht nicht wichtig gewesen, aber Super hielt sie eben für wichtig. Eine Viertelstunde lang war er in der Telefonzentrale und fragte den Leiter der Station aus. Dann verbrachte er ungefähr zwei Stunden auf der Polizei in High Street und erwarb sich in dieser Zeit eine außerordentliche Kenntnis über verschiedene Arten von Schreibpapier, Wasserzeichen und anderen Erkennungszeichen. Danach informierte er sich kurz in einem Schreibmaschinengeschäft. Als er dann aber weit von seinem Bezirk entfernt die Seitenstraßen durchwanderte, die vom Strand abzweigen, begannen erst seine eigentlich wichtigen Nachforschungen.

 

Jim sah ihn zufällig, als er mit Elfa zum Green Park fuhr. Zu seinem Mißvergnügen bestand sie darauf, daß er anhielt. Sie fuhren ungefähr hundert Meter zurück, um den weit ausschreitenden alten Super einzuholen.

 

»Wir fahren nach Kensington Garden, wollen Sie nicht mitkommen?« fragte sie.

 

Super drehte sich nach dem Wagen um.

 

»Ich glaube nicht, daß junge Leute meine Gegenwart lieben, Miss Leigh. Ich bin niemals ein Spielverderber gewesen und gehöre nicht zu den Menschen, die jungen Liebesleuten im Wege sein wollen.«

 

»Unsere Herzen sind zwar jung«, sagte Elfa, »aber sie lieben sich nicht.« Sie wurde sehr rot dabei. »Mr. Ferraby ist nur immer sehr freundlich zu mir.«

 

»Wer würde nicht freundlich zu Ihnen sein?« fragte Super. »Sind Sie denn auch sicher, daß Mr. Ferraby nichts dagegen hat?«

 

»Warum sollte er denn etwas dagegen haben?«

 

Super stieg zögernd ein.

 

»Ich sagte gerade, daß. es mir sehr fernliegt, zu stören, wenn zwei junge Leute allein sein wollen.«

 

»Wir sind sehr erfreut, Sie zu sehen, Super«, sagte Jim etwas steif.

 

»Ich bin der Meinung, daß junge Leute noch viel Zeit haben, sich in die Augen zu schauen, sich an den Händen zu halten und so weiter. Und man braucht nicht gerade den Kopf zu verlieren, wenn irgend so ein alter Onkel ins Zimmer kommt, ohne vorher zu husten oder anzuklopfen. Ich selbst bin niemals verliebt gewesen«, sagte er ganz traurig. »Ich habe früher einmal so eine Affäre mit einer Witwe gehabt – habe ich Ihnen jemals von dieser temperamentvollen Dame erzählt?«

 

»Ich bin überzeugt, daß sie sich sehr nach Ihnen gesehnt hat, als Sie sie verließen«, meinte Jim etwas boshaft.

 

»Das hat sie auch wirklich getan. Sie hat sich nur zollweise an unsere Trennung gewöhnt. Und dann möchte ich noch bemerken, daß der Teller, den sie mir an den Kopf warf, haarscharf vorbeiging.«

 

Es war das erste und einzige Mal, daß er die Art und Weise erwähnte, wie er mit seiner temperamentvollen Witwe auseinanderkam.

 

»Ich bin dafür, daß die Menschen sich in jungen Jahren heiraten. Wenn sie alt genug geworden sind, um sich scheiden zu lassen, haben sie sich schon so aneinander gewöhnt, daß sie es bleiben lassen.«

 

»Heute abend sind Sie aber sehr lustig aufgelegt«, sagte Jim und mußte trotz seiner schlechten Stimmung lachen.

 

»Ich bin niemals lustig um diese Tageszeit.«

 

Als sie an der Wache im Hyde Park vorbeifuhren, stand der Posten stramm und präsentierte das Gewehr. Super zog feierlich den Hut und dankte.

 

»Er grüßte doch den Offizier auf der anderen Seite«, erklärte Elfa. Super schüttelte traurig den Kopf.

 

»Ich dachte, man würde mich auf meine alten Tage doch noch anerkennen. Man müßte eigentlich jedesmal die Kirchenglocken läuten, wenn ich nach London komme.«

 

Bei der dritten Tasse Tee erwähnte er so nebenbei, warum er zur Stadt gekommen war, und sagte plötzlich in seiner charakteristischen, sprunghaften Weise: »Miss Leigh, der Kuchen ist vorher präpariert worden. Ich will Ihnen nichts vormachen, Sie würden mir ja doch nicht glauben.«

 

»Er war also vergiftet?« fragte sie und wurde blaß. Super nickte.

 

»Ich glaube, daß Ihr Vater einen Feind hat, der nicht wünscht, daß er wieder zu Verstand kommt. Es ist möglich, daß er zu viele Dinge von seiner kleinen Höhle aus sah. Vermutlich war es aber etwas, bevor er – bevor sein Geist Schaden litt. Wenn Sie mich fragen, wer es tat, so kann ich Ihnen darauf keine Antwort geben, weil ich Ihnen das nicht sagen darf. Und wenn ich es Ihnen auch wirklich sagte, so hätte ich doch noch keinen Beweis dafür und könnte den Mann nicht verhaften.«

 

Seine Blicke wanderten über die Nachbartische.

 

»Als ich ein junger Beamter war, wäre es mir nie eingefallen, wie ein feiner Herr herumzulaufen und Eiscreme zu essen.« Der Übergang von einem Gegenstand zum andern war so plötzlich, daß Elfa bestürzt war. Aber Jim, der Supers merkwürdige Gewohnheiten kannte, folgte seinen Blicken. An einem der äußeren Tische sah er ein bekanntes Gesicht.

 

»Haben Sie Lattimer hierher bestellt?«

 

Super schüttelte den Kopf.

 

»Eiscreme essen«, sagte er entrüstet. »Wie ein junges Mädchen! Als ich in dem Alter war, habe ich kameradschaftlich ein oder mehrere Glas Bier getrunken.«

 

»Hat er Sie gesehen?« fragte Jim mit leiser Stimme.

 

»Sicher hat er mich gesehen. Dieser Lattimer sieht alles. Er ist so ähnlich wie die bekannte Spinne mit den vierzig Millionen Augen.«

 

Aber wenn Lattimer ihn auch gesehen hatte, so ließ er sich doch nichts merken. Er aß seelenruhig sein Eis und genierte sich nicht im mindesten, als Super aufstand, zu ihm hinkam und ihm gegenüber Platz nahm. Jim bemerkte, wie der alte Mann auf ihn einsprach. Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, war Super in seiner bissigsten Gemütsverfassung.

 

Als er zurückkam, rief Lattimer den Kellner, zahlte und verschwand etwas plötzlich.

 

»Ich habe ihm die striktesten Anweisungen gegeben, die Wache nicht zu verlassen – und hier ißt er Eiscreme wie ein Backfisch! Haben Sie eine Uhr bei sich, Mr. Ferraby? Ich habe keine. Früher hat man einmal davon gesprochen, daß man mir eine verehren wollte, aber dieser Plan kam nicht zur Ausführung. Wenn Sie noch eine alte Uhr haben, die Sie nicht brauchen, so können Sie sie mir geben.«

 

Als Jim die genaue Zeit gesagt hatte, stand er auf.

 

»Ich muß nun gehen. Ich habe Feuerfliege in der Bayswater Road stehen, das ist ja nur ein paar Schritte von hier.«

 

Mit einer kurzen Verbeugung vor Elfa war er gegangen, bevor sie auch nur eine von den Fragen an ihn richten konnte, die sie sich zurechtgelegt hatte.

 

Von ihren Plätzen aus konnten sie die Straße und die Brücke überschauen, die über den See führte. Als Super fortging, sah Jim einen Mann quer über die Straße gehen und ihm in respektvoller Entfernung folgen. Es war Lattimer.

 

»Ich bin nur neugierig, was Lattimer eigentlich macht. Super sagte doch, daß er ihn zur Polizeiwache zurückgeschickt hat, aber er scheint den Befehl nicht so schnell ausführen zu wollen.«

 

Die beiden blieben noch eine halbe Stunde sitzen und plauderten sorglos miteinander. Dann gingen sie zum Wagen, der auf der Seite der Straße parkte. Jim war schon eingestiegen, als ihn jemand beim Namen rief.

 

»Entschuldigen Sie, Mr. Ferraby.«

 

Jim schaute sich um, und sein Blick fiel auf ein unbekanntes Gesicht. An den zerrissenen Schuhen und dem verbeulten Strohhut des Mannes sah man deutlich, daß er ein Landstreicher war.

 

»Können Sie sich nicht mehr auf mich besinnen – ich bin Sullivan, der Gentleman, gegen den Sie damals so liebenswürdig waren, in Old Bailey als Staatsanwalt aufzutreten.«

 

»Donnerwetter!« sagte Jim leise. »Sie sind also der Verbrecher, den man eigentlich hätte einsperren müssen?«

 

»Ja, das stimmt«, sagte der andere und ließ sich nicht im mindesten einschüchtern. »Können Sie mir nicht etwas Geld für ein Nachtlogis geben? Ich habe eine Woche lang draußen im Freien geschlafen.«

 

Jim; der wenig Lust hatte, seine Bitte zu gewähren, schaute sich nach einem Polizisten um. Aber anscheinend hatte sich Sullivan schon vorher genau umgesehen, ob jemand von der Polizei in der Nähe war. Jim sah ein Lächeln auf dem Gesicht Elfas und wandte sich zu ihr um.

 

»Dies ist der arme Kerl, über den wir damals gesprochen haben, Elfa. Sie besinnen sich, daß ich die Anklage gegen ihn vertrat?«

 

»Das haben Sie gut gemacht«, sagte Sullivan devot. In diesem Augenblick sah Jim, wie eine berittene Polizeipatrouille um die Ecke bog; aber Sullivan sah sie auch.

 

»Geben Sie mir doch ein paar Shilling«, sagte er plötzlich mit dringlicher Stimme. »Sie helfen mir damit außerordentlich. Das einzige Geld, das ich mir verdienen konnte, war ein Shilling, den ich gestern abend von einem Herrn bekam, weil ich einen Kuchen nach Trafalgar Square brachte.«

 

Die scharf umherblickenden Polizisten kamen näher, und Sullivan wandte sich, um zu entschlüpfen; aber Jim hielt ihn am Arm fest.

 

»Kommen Sie einmal mit, mein Freund. Was ist das für eine Geschichte, die Sie da erzählen, daß Sie einen Kuchen fortgetragen haben? Wer hat Ihnen den gegeben?«

 

»Irgend so ein Mensch – ich habe ihn früher nie gesehen. Er hielt mich plötzlich am Themseufer an und fragte mich, ob ich mir nicht einen Shilling verdienen wollte. Ich will Sie nicht belügen, Sir, es ist wahr. Ich sollte ein Paket für ihn zu dem Botenbüro des Bezirks bringen.«

 

»Haben Sie sein Gesicht gesehen?« fragte Jim schnell.

 

Sullivan schüttelte den Kopf.

 

Die Patrouille war jetzt neben ihnen. Der eine Polizist brachte sein Pferd zum Stehen und schaute mißtrauisch auf den Landstreicher. Jim trat auf die Straße, stellte sich mit ein paar Worten vor und erzählte ihm, was Sullivan soeben mitgeteilt hatte.

 

»Ja, Sir, wir hatten eine entsprechende Benachrichtigung in unserem Tagesbefehl«, sagte der Polizist und zeigte auf Sullivan. »Sie können mit mir gehen, und wenn Sie den Versuch machen fortzulaufen, schieße ich Sie über den Haufen.«

 

An demselben Abend wurde Sullivan Super zur Vernehmung vorgeführt. Super war durchaus nicht mit seinem Bericht einverstanden. Zunächst hatte er das Gesicht des Fremden nicht gesehen, und dann war es ihm auch in keiner Weise möglich, seine Identität auf irgendeine andere Art festzustellen.

 

»Er hat sehr eindringlich mit mir gesprochen. Zuerst dachte ich, er wäre ein Detektiv.«

 

»Sage mir, was du wirklich meinst«, sagte Super milde. »Ich kenne die Redeweise der gewöhnlichen Leute sehr gut. Er benahm sich wie ein Detektiv – meintest du das?«

 

»Ja, die ganze Art und Weise, wie er mir den Auftrag gab, ließ mich das annehmen.«

 

Super sprach mit dem Polizisten, der Sullivan auf der Wache eingeliefert hatte.

 

»Hat man ihn in dem Büro dem Boten gegenübergestellt? Gut, ich erinnere mich, daß Mr. Ferraby sagte, du hättest ihn um Geld für ein Nachtlogis gebeten. Also heute abend bekommst du eins, und es hat noch den großen Vorteil, daß es dich nichts kostet. – Bringen Sie ihn in die Zelle!« sagte Super mit einer freundlichen Handbewegung.

 

Sullivan verließ unter Protest den Raum.

 

Kapitel 22

 

22

 

Mr. Gordon Cardew war ein Leser, der alles verschlang. Er hatte mehr Bücher gelesen, als die Bibliothek eines durchschnittlichen Gentleman überhaupt enthält, nachdem er sich von seiner Praxis zurückgezogen hatte. Es war seine Gewohnheit, ein Buch mit zu Bett zu nehmen, denn er konnte nicht gut schlafen. Und um sich die frühen Morgenstunden zu vertreiben, begann er seine Lektüre dort, wo er am Abend vorher aufgehört hatte. Seit Jahren waren seine Studien ausschließlich der Wissenschaft gewidmet. Wenn man dies Super gegenüber nur erwähnte, so konnte man sicher sein, Hohn und Spott zu ernten. Anthropologie kann aber ein sehr anregendes Studium sein, und die trockenen Akten toter Verbrecher sind oft anziehender und aufregender als irgendein moderner Roman. Cardew entdeckte, daß kein Tag verging, an dem er nicht seine Kenntnisse vergrößerte und seinen Überblick über die Kriminalistik erweiterte.

 

Er lag noch zu Bett und las in Mantegazzas wohlgemeintem, aber vollkommen verkehrtem Traktat über Physiognomik. Seine Aufmerksamkeit war geteilt zwischen den Theorien dieses großen Kriminologen und der voraussichtlichen Fortführung der Leichenschauverhandlung, als das Dienstmädchen hereinkam und ihm den Morgentee brachte. Sie stellte ihn auf den Tisch an seinem Bett.

 

»Mr. Minter ist da, Sir.«

 

»Minter?« sagte Cardew und sprang auf. »Wieviel Uhr haben wir denn?«

 

»Halb acht Uhr, Sir.«

 

»Minter um diese Zeit? Sagen Sie ihm, daß ich in ein paar Minuten komme.«

 

Er schlüpfte schnell in seinen Schlafrock, zog Pantoffeln an, nahm seine Teetasse mit und ging die Treppe hinunter. Er fand Super in der Halle steif auf einem Stuhl sitzen.

 

»Ich habe einen Kerl in der Zelle sitzen, der Sullivan heißt«, erklärte er, indem er direkt auf seine Angelegenheit zu sprechen kam. »Ich vermute, daß Sie sich nicht an ihn erinnern. Er versuchte, in Elsons Haus einzubrechen …«

 

»Oh, ich erinnere mich sehr genau an die näheren Umstände. Er war doch der Mann, gegen den Mr. Ferraby Anklage erhob.«

 

»Deshalb kam er ja auch frei«, sagte Super unliebenswürdig. »Er wurde gestern abend wieder eingeliefert. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erzählen, daß ich darüber sehr beunruhigt bin, Mr. Cardew. Und ich wäre auch nicht hierhergekommen, denn um ehrlich zu sein – ich halte nichts von Ihren Theorien über Anthropologie und so weiter. Aber Sie sind ein Anwalt, und ich bin ein unwissender, alter Mann. Ich habe den Eindruck, daß dieser Mensch irgend etwas vor mir geheimhält und daß er mehr weiß, als er mir sagen will. Ich habe alle möglichen Methoden angewandt, um ihn zum Reden zu bringen, aber er kommt nicht heraus mit der Sprache und verrät das nicht, was ich brauche. Ich habe mich immer von Ihren Ideen und Mitteilungen ferngehalten, weil ich ein altmodischer Polizeibeamter mit altmodischen Methoden bin. Vergrößerungsgläser und Chopinsche Sonaten haben in meinem Leben nichts bedeutet. Aber ich bin ein aufgeschlossener Mann und habe niemals aufgehört weiterzulernen.«

 

Er machte eine Pause und schien zu warten, was Mr. Cardew darauf sagte.

 

»Gut, was soll ich tun?«

 

»Sie sind Anwalt«, sagte Super mürrisch. »Sie sind gewöhnt, mit solchen Burschen umzugehen und sie zu vernehmen …«

 

»Sie wollen, daß ich ein Kreuzverhör mit ihm anstelle? Aber das ist doch sehr ungewöhnlich. Warum nehmen Sie nicht Mr. Ferraby?«

 

»Er klagte Sullivan an, und Sullivan wurde freigesprochen«, sagte Super verächtlich. »Natürlich brauchen Sie nicht zu kommen, es war nur ein Gedanke von mir. Er kam mir um Mitternacht«, fügte er hinzu. »Es ist sonderbar, wie einem die Gedanken mitten in der Nacht kommen.«

 

»Ganz richtig«, sagte Mr. Cardew eifrig. »Wenn Sie sich erinnern – ich fand meine Theorie über den Mord um zwei Uhr morgens.«

 

»Ich besinne mich nicht auf die genaue Zeit, aber es wird schon so gewesen sein.«

 

Mr. Cardew überlegte. »Gut«, sagte er dann. »Wenn Sie es nicht für unpassend halten, daß ich den Mann ausfrage, will ich kommen. Aber ich warne Sie, ich bin in der kriminellen Praxis nicht erfahren.«

 

Super machte kein Hehl aus seiner Erleichterung.

 

»Ich lag im Bett und ärgerte mich über diesen Sullivan – er ist ein richtiger Windhund. Manche mögen denken, ich würde mich nicht herablassen, um Rat zu fragen, aber ich gehöre nicht zu der Sorte. Man kann von jedem lernen!«

 

Er schien sich nicht bewußt zu sein, daß seine Worte nicht sehr dankbar klangen; aber Mr. Cardew war nicht beleidigt.

 

»Nun sagen Sie mir, warum der Mann verhaftet wurde und was Sie herausbringen wollen.«

 

»Versuchter Mord«, sagte Super. »Mitschuldig vor oder bei der Tat.« Als er die Überraschung in dem Gesicht des Anwalts sah, erklärte er ihm kurz den Fall.

 

»Dieser Sullivan nahm einen kleinen Kirschkuchen von einem Fremden am Themseufer. Er sollte ihn mit einem Brief zu dem Botenbüro am Trafalgar Square bringen, und alles sollte in einem Krankenhaus in Weymouth Street abgeliefert werden. In diesem Kuchen war Gift – Akonit. Sullivan sagt, daß er den Mann nicht kenne, der ihm das Paket gab, und er lügt wie ein Hund! Aber so geschickt ich auch bin, ich konnte nichts weiter aus ihm herausbringen.«

 

Mr. Cardew verzog die Lippen.

 

»Ein außergewöhnlicher Fall«, sagte er schließlich. »Sie meinen es ernst … Sie haben mich nicht – zum besten?«

 

»Ich wünschte, ich hätte Sie zum besteh. Nicht, daß ich dazu fähig wäre, aber ich wünschte es wirklich!«

 

Der Rechtsanwalt stützte sein Kinn auf die Hand und schaute nachdenklich drein.

 

»Eine sonderbare Geschichte – sie scheint kaum glaublich im zwanzigsten Jahrhundert – mitten im Zentrum der Zivilisation …«

 

»Und Kultur«, meinte Super, als Cardew eine Pause machte.

 

»Daß sich solche Dinge ereignen können! Nun gut, Super, ich will mit diesem Mann sprechen. Meine geringe Geschicklichkeit steht zu Ihrer Verfügung. Sie bringen ihn nicht irgendwie mit dem Mord in Zusammenhang?«

 

»Sicher und gewiß tue ich das«, sagte Super.

 

Er ging zur Wache zurück und weckte Sullivan auf.

 

»Wach auf, Mensch, deine letzte Stunde auf Erden ist da«, sagte er. »Mut, mein Junge!«

 

Sullivan setzte sich auf der harten Bank auf und rieb sich die Augen.

 

»Wieviel Uhr ist es denn?« fragte er schläfrig.

 

»Zeit ist nichts für dich, du Landstreicher – und wird bald noch weniger sein«, sagte Super ebenso. »Es kommt jetzt ein erstklassiger Anwalt, der wird dein Inneres nach außen kehren. Belüge ihn nicht, mein Junge! Er ist ein Genie an Psychologie und kann in dein schwarzes Herz sehen. Und dann wirst du ihm alles über den Mann sagen, dem du am Ufer begegnet bist … und die Wahrheit!«

 

»Ich kann mich nicht auf den Mann besinnen!« sagte der erschrockene Sullivan. »Ich hätte es Ihnen gesagt, wenn ich mich an ihn erinnert hätte.«

 

Super schüttelte traurig den Kopf.

 

»Ich habe von Schwefel und Feuer gehört und was einem Burschen passiert, der nicht geradeheraus reden kann. Hast du keine Mutter gehabt, die dir etwas beigebracht hat?«

 

»Ich weiß nichts und kann Ihnen also auch nichts sagen«, schrie Sullivan beinahe. »Zum Teufel auch mit Ihrem Anwalt!«

 

»Warte!« warnte Super und drehte den Schlüssel hinter seinem Gefangenen wieder um.

 

Er schlenderte gerade dem Eingang der Wache zu, als er Cardews Limousine die Straße herunterkommen sah. Der Wagen bremste scharf, und der Chauffeur sprang auf den Gehsteig.

 

»Super, kommen Sie …! Mr. Cardew liegt chloroformiert in seinem Zimmer …«

 

»Warum haben Sie denn nicht angerufen?« schrie Super wütend, als er in den Wagen sprang.

 

»Die Drähte sind durchgeschnitten«, sagte der Mann.

 

»Dieser Großfuß denkt an alles«, murmelte Super.

 

*

 

»Ich ging in mein Zimmer zurück und legte mich wieder hin, um über Ihre ungewöhnliche Bitte nachzudenken«, sagte Mr. Cardew. Er sah kreidebleich aus und war wirklich sehr krank.

 

Er lag auf einer Couch, und das Zimmer war von Chloroformgeruch erfüllt.

 

»Ich muß geschlafen haben … ich schlief in der Nacht nicht besonders gut. Ich habe keine Erinnerung, daß etwas geschah, bis mein Diener mich an der Schulter rüttelte. Er kam zufällig in das Zimmer und sah mich mit einem Stück gefalteten Leinen über dem Gesicht liegen. Er muß meinen Feind gestört haben, denn er fand das Fenster weit offen.«

 

Super ging zum Fenster und sah hinaus. Er erblickte etwas Glänzendes auf dem Blumenbeet unmittelbar unter sich, ging die Treppe hinunter ins Freie und hob es auf. Es war eine zerbrochene Flasche mit der Aufschrift: »Cloroformit B.P.« Sie mußte erst kürzlich geöffnet worden sein.

 

Super sah zu dem offenen Fenster hinauf. Es war leicht, sich hier herunterzulassen. Es waren keine Fußspuren auf dem kleinen Blumenbeet unter der Mauer zu sehen, aber wenn jemand von dem Fenster heruntersprang, konnte er leicht das Beet vermeiden und direkt den Kiesweg erreichen.

 

Er sah auf das Schild der Flasche. Es trug in der Ecke die Initialen einer wohlbekannten chemischen Großfirma. Es würde schwierig sein, dadurch etwas herauszubekommen. Der Telefondraht lief hier die Mauer entlang. Er war sauber abgeschnitten.

 

»Dieselbe Zange, die meinen Draht durchschnitt«, sagte Super.

 

Er ging zu dem Anwalt zurück, der sich so weit erholt hatte, daß er in einem Sessel sitzen konnte.

 

»Sie haben niemand auf dem Feld gesehen – wo war denn der Gärtner?«

 

»Er ist heute morgen mit dem Umpflanzen der Töpfe im Schuppen beschäftigt. Ich hörte ein Geräusch, als ich im Bett lag. Aber ich gab nicht weiter darauf acht.«

 

»Das Fenster war offen?«

 

»Halb offen und mit einem Haken befestigt, den man leicht von außen aufheben konnte. Es war weit geöffnet, als mein Diener hereinkam.«

 

Super prüfte das gefaltete Leinen. Obwohl sich Chloroform schnell verflüchtigt, war der Stoff zwischen den Falten noch feucht. Er zog das Kissen weg, auf dem der Kopf des Anwalts gelegen hatte, und schaute dann unter das Bett.

 

Mr. Cardew, der sich krank fühlte, lächelte.

 

»Nein, ich erwarte nicht, ihn hier zu finden«, sagte Super. »Ich hatte die Idee, daß ich – etwas fände. Sie haben Ihnen die Hände nicht zerkratzt?«

 

»Meine Hände zerkratzt? Was in aller Welt?«

 

Super besah sich die Hände des Anwalts Finger um Finger, wie es seine Art war.

 

»Ich dachte, Ihre Hände würden zerkratzt sein.«

 

Er schien enttäuscht zu sein. »Das vernichtet eine meiner Theorien – ich habe immer sehr schnell Theorien. Ich werde Ihnen polizeilichen Schutz geben, Mr. Cardew.«

 

»Sie werden nichts Derartiges tun«, sagte der Anwalt nachdrücklich. »Ich kann mich sehr gut selbst beschützen.«

 

»So sieht es aus«, war alles, was Super sagte.

 

Kapitel 23

 

23

 

Die Aufgabe, die Mr. Cardew hätte übernehmen sollen, fiel an Jim Ferraby.

 

»Aber, mein lieber Super«, sagte Jim erregt. »Sie haben anscheinend nicht eher Ruhe, als bis ich erledigt bin!«

 

»Ich werde nicht eher ruhen, als bis ein gewisser Jemand erledigt ist, Mr. Ferraby«, sagte der unerschütterliche Super. »Ich würde Sie nicht bemüht haben, aber der Bursche, der an alles denkt, erwischte den größten Anthropologen des Jahrhunderts gerade in dem Moment, als er im Begriff war, alles aus diesem Dieb Sullivan herauszuholen.«

 

»Mr. Cardew? Was ist denn passiert?« fragte Jim schnell.

 

Super lachte so selten, daß Jim ihn verwundert anstarrte.

 

»Großfuß, der Schlaue, faßte ihn. Das Gehirn dieses Burschen ist so gut wie seine Füße. Wahrscheinlich lauschte er, als ich ein kleines Gespräch mit Mr. Cardew hatte. Ich. habe schon die ganze letzte Woche gewußt, daß sich etwas mit Cardew ereignen wird. Ich glaube, ich könnte ihn mit einer ganzen Schutztruppe umgeben«, amüsierte er sich; »aber wer würde jemals denken, daß sie einen Burschen fangen könnte, der auf vertrautem Fuß mit Lombosse lebt – oder wie der Name dieses Italieners sein mag.«

 

Jim sah ihn mißtrauisch an. Er war niemals ganz sicher, wie nahe Super in seinen ernsten Momenten das Lachen war.

 

»Sagen Sie mir, was vorgefallen ist«, sagte er, und Super gab ihm eine genaue Beschreibung von Cardews unglücklichem Erlebnis. Auf die dringende Bitte des alten Mannes ging er in die Zelle und unterwarf den zornigen Landstreicher eine Stunde lang einem Kreuzverhör. Super überließ ihn seiner Aufgabe.

 

»Ich erwartete auch niemals, daß es Ihnen gelingen würde«, sagte er, als Jim über seinen Mißerfolg berichtete. »Natürlich fühlt sich dieser Bursche Ihnen überlegen. Er hat Sie einmal übervorteilt. Ich wußte, daß Sie ihn nicht zum Reden bringen könnten.«

 

»Aber Sullivan spricht die Wahrheit«, sagte Jim verärgert.

 

Super schloß gelangweilt die Augen.

 

»Es ist ein Elend.« Er schüttelte wieder den Kopf. »Wollten Sie nicht gehen, Mr. Ferraby?«

 

»Ja, ich gehe«, sagte Jim. »Wirklich, Super, ich weiß nicht, warum in aller Welt Sie mich hierhergeholt haben.«

 

Super sah auf die Uhr, die Zeiger deuteten auf zwei Minuten vor vier.

 

»Ich habe diesen ganzen Nachmittag mit mir selbst gekämpft und gerungen«, sagte er. »Gerechtigkeit gegen persönlichen Ehrgeiz. Und die Gerechtigkeit hat gesiegt.«

 

Er öffnete sein Pult, nahm einen blauen Schein heraus und füllte ihn sorgsam aus. Jim beobachtete ihn und war neugierig, was das bedeuten sollte.

 

»Gehen Sie noch nicht. Sie sind Beamter der Staatsanwaltschaft, und ich glaube, Sie können dies unterzeichnen.«

 

Jim sah auf das Dokument, das er ihm reichte. Es war ein Haftbefehl gegen Elson wegen unrechtmäßigen Besitzes.

 

»Wollen Sie im Ernst, daß ich das unterzeichne?«

 

Super nickte.

 

»Ja. Meines Wissens sind Sie Friedensrichter.«

 

»Aber wegen unrechtmäßigen Besitzes?«

 

»Das weiß ich nicht, bis ich ihn habe«, sagte Super. »Mr. Ferraby, ich riskiere etwas. Ich werde Sie später informieren. Geben Sie mir jetzt den Haftbefehl.«

 

Jim zögerte eine Sekunde, griff dann nach der Feder und schrieb seinen Namen auf das Papier.

 

»Gut«, sagte Super, »die Gerechtigkeit hat gesiegt. Kommen Sie mit mir – Sie werden etwas erleben.«

 

Ein Dienstmädchen erschien auf das Klopfen und bat sie, in die Halle einzutreten, bevor es die Treppe hinaufging. Sie hörten ihr Klopfen an Elsons Tür. Sie kam sofort wieder herunter.

 

»Mr. Elson ist nicht im Haus«, sagte sie. »Er geht vielleicht im Garten spazieren. Wenn Sie hier warten wollen …«

 

»Macht nichts, mein Fräulein«, sagte Super. »Wir werden ihn schon finden. Ich kenne mich hier aus.«

 

Es war nichts von Elson zu sehen. Das Dienstmädchen, das am Eingang auf ihre Rückkehr wartete, meinte, daß er vielleicht in der Wildnis sei, einem Streifen unkultivierten Landes, das einst einem singenden Landstreicher zur Flucht verholfen hatte. Die Wildnis, wie sie zutreffend hieß, lag am Fuß eines sanften Abhanges, außerhalb der roten Mauer. Von dieser Erhebung aus konnte man alles sehen, was sich bewegte; denn das Gebüsch war nicht sehr hoch.

 

»Ich will doch nicht annehmen, daß er entflohen ist«, sagte Super.

 

»Was ist denn eigentlich mit ihm los?«

 

»Ich brauche ihn – das ist alles«, sagte Super. »Ich habe den Verdacht, daß er heute morgen fort ist.«

 

»Bringen Sie ihn mit dem Mord in Verbindung?«

 

Super nickte.

 

»Aber Sie wollen ihn nicht wegen Mordes verhaften – ist das richtig?«

 

»Das ist richtig. Sie vermuten stets das Richtige.«

 

Er beschattete seine Augen mit der Hand und überschaute das Gebüsch.

 

»Hier links läuft ein Pfad«, sagte er plötzlich. »Es wird nichts schaden, wenn wir bis zum Ende des Grundstücks gehen.«

 

Was Super einen Pfad nannte, war nicht mehr als eine fußbreite Spur, die sich verschlungen hin und her zog, manchmal durch Gräben hindurchging und gelegentlich parallel mit dem Zaun lief.

 

»Ich glaube nicht, daß er hier ist«, sagte Jim. »Denken Sie wirklich, daß er fort ist?«

 

Super fuhr ihn plötzlich zu seiner Verwunderung an.

 

»Was wollen Sie eigentlich mit Ihren Fragen?« rief er in heftiger Aufwallung. »Sehen Sie nicht, daß mich diese Sache aufregt?« Dann beherrschte er sich und zeigte grinsend seine Zähne. »Setzen Sie mir nur den Kopf zurecht, Mr. Ferraby, ich habe es verdient. Ich bin heute sehr temperamentvoll, so temperamentvoll wie seit Jahren nicht mehr.«

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie verletzt habe«, sagte Jim. »Aber ich bemühte mich, Ihre Ansicht zu erfahren.«

 

»Es ist nicht wert, das zu tun, Mr. Ferraby.«

 

Jim hob die Hand, daß er schweigen solle. Von irgendwoher kam aus der Wildnis ein sonderbarer Ton – plok, plok, plok!

 

»Er fällt Holz«, sagte er; aber Super gab keine Antwort.

 

Nach weiteren fünf Minuten kamen sie an die Biegung eines Weges, der in eine schlüsselförmige Vertiefung führte. Es war notwendig, hier die Büsche beiseite zu biegen, um weiterzukommen. Super ging zuerst durch und hielt die Zweige zurück. Ferraby dachte, daß dies ein Akt der Höflichkeit sei. Dann blickte er über Supers Schultern und sah eine Gestalt in einer Blutlache. Es war Elson! Super ging vorwärts und drehte ihn um, so daß er auf dem Rücken lag.

 

»Ein-, zwei-, dreimal durchschossen«, sagte er hart. »Elson, ich hätte Sie an diesem Morgen verhaftet und Ihr Leben gerettet!«

 

Kapitel 16

 

16

 

Als Super sich verabschiedete, erzählte er Elfa, daß er zu seinem Revier zurückginge, Er erlaubte sich dabei eine Unwahrheit, die in seinen Augen gerechtfertigt war. Er verbrachte eine unangenehme Zeit im Polizeipräsidium, wo ihn seine Chefs interviewten. Aber das Mißvergnügen war hauptsächlich auf ihrer Seite. Im Verlauf von zwei Stunden zerstörte er im allgemeinen und im besonderen mindestens zweiundzwanzig Theorien und Nebentheorien und tat das mit solchem Wohlgefallen an boshaften Bemerkungen und Illustrationen, daß selbst der Polizeipräsident froh war, als sich die Tür wieder hinter Super schloß.

 

Er verließ Scotland Yard und ging in ein schönes Kino, nicht weil ihn das Programm anzog, sondern weil ihn an diesem Zufluchtsort kein Licht ins Gesicht schien, denn er schlief am besten in der Dunkelheit. Zwei Stunden lang saß er zusammengekrümmt in einem Stuhl, sein Kopf ruhte auf der Brust, seine Arme waren verschränkt. Die halsbrecherischen Kunststücke beliebter und hochbezahlter Artisten zogen an seinem dämmernden Bewußtsein vorüber. Männer vollbrachten waghalsige Taten, kriegerische Helden übersprangen gähnende Abgründe, schöne Mädchen wurden aus schrecklichen Gefahren befreit; aber Super schlief, bis ein Platzanweiser seine Schulter berührte und ihn fragte, ob er gütigst aufstehen wolle, um eine starke Dame vorbei zu lassen. Erfrischt ging er in das Theaterrestaurant, trank schnell hintereinander drei Tassen Kaffee, aß ein Paket Keks und ging wie neugeboren von dannen.

 

Sein Ziel war Fregetti. In bezug auf Exklusivität hatte dieses Lokal nichts vom Ritz-Carlton oder anderen noch so prachtvollen Restaurants zu befürchten. Fregetti liegt in einem unansehnlichen Viertel, an dem unteren Ende der Portland Street, aber unter Feinschmeckern gilt es allgemein als das beste Lokal Londons.

 

Super nahm an einem Tisch Platz und wartete. Wagen auf Wagen hielt vor dem Glasdach, und elegant gekleidete Damen und Herren stiegen aus. Es war schon Viertel nach neun, als ein Auto vorfuhr, das die beiden Männer brachte, auf die Super wartete. Der erste war Elson. Er war im Gesellschaftsanzug und trug auf dem Hinterkopf einen glänzenden Zylinder, der ihm irgendwie nicht zu passen schien. Ein eleganter Herr folgte ihm. Er wartete, bis Elson den Chauffeur bezahlt hatte, und verschwand dann hinter den Glastüren des Restaurants. Super sah befriedigt aus.

 

»Ich hoffe, Sie freuen sich auf das Essen, Lattimer«, sagte er vor sich hin. »Sie sehen sehr rüstig aus für einen müden Mann!«

 

Lattimer schlenderte durch den Palmengarten in das Halbdunkel des Restaurants. Außer der gedämpften Beleuchtung in den Wandleisten erhellten nur Tischlampen den Raum und gaben ihm eine seltsame Traulichkeit.

 

Elson war dieses Dämmerlicht willkommen. Er haßte helles Licht beinahe ebenso wie Gesellschaft, und er ging schnell, wenn auch unsicher, auf den Tisch in der Ecke zu, den er telefonisch bestellt hatte.

 

»Wo haben Sie diesen alten Narren gelassen?« grollte er, als er sich setzte und nach dem Cocktail langte, der auf ihn wartete.

 

»Super? Oh, der ist irgendwo in London«, sagte Lattimer, nahm eine Zigarette aus der goldenen Dose und entzündete sie. »Sie brauchen sich keine Sorgen um ihn zu machen.«

 

»Wenn Sie glauben, daß ich um ihn besorgt, bin, sind Sie schwer im Irrtum«, keuchte Elson. »Nein, mein Herr, ich habe keinen Respekt vor der englischen Polizei.«

 

»Danke«, sagte Lattimer.

 

»Sie glauben wohl, ich spreche von Ihnen?« fragte Elson wild. »Wo bleibt denn bloß der Kellner?«

 

Der Kellner kam schließlich, und nachdem er sie bedient hatte, verschwand er wieder.

 

»Nun, was wünschen Sie also?« fragte Elson, legte seine Gabel hin und lehnte sich zurück.

 

»Ich brauche noch einmal fünfhundert«, erwiderte Lattimer kühl.

 

»Das ist in Dollars nicht viel«, murrte der andere, »aber in Pfunden ist es eine Menge! Ich gab Ihnen doch gestern nacht hundert – was haben Sie denn damit angefangen?«

 

»Sie liehen mir hundert«, verbesserte Lattimer sorgsam, »und ich gab Ihnen einen Wechsel. Was ich mit dem Geld angefangen habe, tut nichts zur Sache. Ich brauche jetzt fünfhundert.«

 

Elsons Gesicht wurde dunkel vor Ärger.

 

»Wie lange glauben Sie mich noch aussaugen zu können?« fragte er. »Wenn ich zu diesem alten Esel gehe und ihm erzähle …«

 

»Aber das werden Sie nicht tun«, sagte Lattimer sanft. »Ich weiß wirklich nicht, warum Sie sich so darüber aufregen. Es ist doch wertvoll für Sie, sich mit mir gut zu stellen. Ich habe Sie vor einer Menge Unannehmlichkeiten bewahrt und bin bereit, Ihnen noch weiter zu helfen. Ich kann Ihnen aus allem heraushelfen, wenn Sie nicht einen Mord begangen haben.«

 

Elson schrak zusammen.

 

»Was wollen Sie denn mit Mord?« fragte er laut.

 

Vom Nachbartisch drehte sich jemand nach ihnen um, und Elson fuhr leiser fort: »Ich hoffe, daß Sie mir in diesen Tagen nützlich sind, und wenn Sie es nicht sind – Ihr Chef wird eine Freude haben, wenn er Ihre Wechsel in meinen Händen sieht. Ich werde Ihnen die fünfhundert geben, nicht weil Sie sie von mir zu bekommen haben, sondern weil ich sie Ihnen geben will. Ich habe nichts von der Polizei zu befürchten, noch habe ich etwas …«

 

»Ausgenommen St. Paul«, unterbrach ihn Lattimer mit gespitzten Lippen. »Die Polizei von St. Paul sucht Sie wegen eines Raubes mit tätlichem Angriff. Sie sind zweimal im Zuchthaus gewesen wegen Raubes und anderer Dinge, und wenn das Auslieferungsgesetz angewandt wird, ist es nicht schwer, Sie wieder dorthin zu bringen. Aber«, sagte er lächelnd, »ich habe nichts gegen Sie.«

 

»Sie sind ein Erpresser«, stieß Elson zwischen den Zähnen hervor.

 

»Und Sie ein Narr«, erwiderte Lattimer in ausgezeichneter Stimmung. »Sehen Sie, Elson oder Alstein oder wie immer Ihr Name ist, ich kann Ihnen sehr nützlich sein. Denken Sie daran, daß es nicht zählt, was ich darüber denke – was Super denkt, das ist wichtig.«

 

»Weiß er von dieser St.-Paul-Geschichte?«

 

»Es macht nichts, ob er es weiß«, war die kühle Antwort. »Es war nichts, weswegen das Auslieferungsgesetz in Betracht käme …«

 

»Wie meinen Sie das?« fragte der erstaunte Millionär. »Sie erzählten mir doch …«

 

»Ich habe Ihnen viel gesagt, was ich vor Gericht nicht aufrechterhalten könnte. Aber jetzt sage ich Ihnen die Wahrheit. Solange Sie in England bleiben, können Sie nicht bedrängt werden, und Sie brauchen nicht böse dreinzuschauen, weil ich bis heute nichts darüber wußte.« Er lehnte sich über den Tisch und dämpfte seine Stimme. »Elson, es wird große Unannehmlichkeiten wegen Hanna Shaw geben. Super sandte mich nach Cambridge, um Nachforschungen über Ihre Geschichte anzustellen; aber sie hielt der Prüfung nicht stand. Ich kam mit der Nachricht zurück, daß ich die Garage gefunden hätte, wo Sie Ihr Auto für die Nacht einstellten. Aber ich habe niemals eine solche Garage gefunden. Sie waren nicht dort!«

 

»Wie soll ich wissen, wo ich war? Sagte ich Ihnen nicht, daß ich betrunken war? Ich erinnere mich nur, daß ich irgendwo in der Nähe einer Schule war. Das ist alles.«

 

Sergeant Lattimer musterte das Gesicht des unruhigen Mannes.

 

»Kommen Sie, Elson«, sagte er sanft. »Sie haben mir etwas mitzuteilen. Erzählen Sie, alter Junge!«

 

Der andere schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe nichts zu erzählen«, sagte er scharf. »Was ist mit Ihnen los? Sie wissen alles – warum fragen Sie mich?«

 

»Wer tötete Hanna Shaw?«

 

Elsons Augenlider fielen herunter.

 

»Vielleicht wissen Sie nichts darüber«, grinste er höhnisch. »Vielleicht wissen Sie nicht, wo sie an dem Nachmittag war.«

 

»Warum sollte ich auch?« fragte Lattimer gleichgültig.

 

»Sie haben wohl Hanna Shaw niemals am Ende der Straße nach Einbruch der Dunkelheit getroffen? Und wenn sie in ihrem Wagen ausfuhr, begegneten Sie ihr da nicht und machten lange Fahrten mit ihr?« fragte Elson, während er Lattimers Gesicht aufmerksam beobachtete. »Ich glaube, Super weiß das nicht!«

 

»Er weiß nicht alles«, war die kühle Antwort.

 

»Ich möchte wetten, er weiß nichts! Hanna Shaw und Sie waren gute Bekannte. Sie kannten sie zu gut, als daß Sie jetzt zu mir kommen und mich ausfragen wollen. Sie hat mir ein oder zwei Dinge von Ihnen erzählt, die vor Gericht nicht gut klingen würden. Sie haben monatelang mit Hanna gespielt. Super weiß es nicht, und Cardew weiß es nicht. Ich habe heute morgen die Zeitungen gelesen – und anscheinend wurde kein Geld gefunden, als man Hannas Zimmer durchsuchte. Ich weiß« – er sprach langsam – »daß Hanna Shaw vierhunderttausend Dollar besaß, als sie verschwand. Ich weiß nicht, woher sie es hatte, aber ich weiß, daß sie es hatte. Wo ist dieses Geld geblieben?«

 

Lattimer gab keine Antwort.

 

»Es gibt nichts, was Sie nicht für Geld tun würden, Lattimer. Sie haben ihr noch vor einer Woche erzählt, daß Sie alles tun würden, wenn Sie zehntausend Dollar bekämen.«

 

»Bestellen Sie noch eine Flasche Wein«, sagte Lattimer, »und lassen Sie uns von etwas anderem sprechen!«

 

Mitternacht war vorbei, als Elsons Wagen vorsichtig die Straße entlangfuhr und vor seinem Haus hielt. Der Amerikaner stieg aus und schwankte zur Tür. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen gelang es ihm endlich, sie zu öffnen. Er erreichte die Halle, stützte sich an der Wand und stieß die Tür auf. Als er die Treppe hinaufging, klammerte er sich krampfhaft an das Geländer. Schließlich kam er zu einer Couch, setzte sich und fiel sofort in Schlaf. Die scharfe Ecke seines Kragens hielt ihn aber bei halbem Bewußtsein. Er erwachte mit schmerzendem Kopf, und seine Beine waren so schwach, daß sie kaum das Gewicht seines Körpers tragen konnten, als, er endlich auf den Füßen stand. Schläfrig zerrte er an dem Kragen, und nach vielen Versuchen riß er ihn ab. Alle Lichter brannten, und dunkel erinnerte er sich, daß er besser schlafen würde, wenn er sie auslöschte. Während er das Zimmer mit unsicheren Schritten durchquerte, zog er seinen Rock und das Oberhemd aus, und bevor er den Schalter umdrehte, lehnte er sich an die Wand und zog die Schuhe aus. Die geisterhafte Dämmerung ernüchterte ihn halb. Er ging zur Couch zurück, schenkte sich einen Whisky-Soda ein, goß ihn mit einem Zug hinunter und fühlte sich sofort wieder wach.

 

Der Morgen war warm. Er ging zum Fenster, zog den Vorhang zurück, beugte sich hinaus und atmete in tiefen Zügen die kühle Morgenluft ein. Dann wurde ihm bewußt, daß sich beinahe unter ihm eine Gestalt an der Ecke des Blumenbeetes bewegte, die hier und da anhielt, um eine Blume zu pflücken. Ihre linke Hand hielt schon einen großen Strauß.

 

Eine Sekunde lang dachte Elson, daß seine Augen ihm einen Streich spielten, denn der Garten lag noch im Dunkel der Nacht. Dann hörte er den Mann summen.

 

»Hallo!« rief er. »Was machen Sie hier?«

 

Der Mann blickte auf. Es war zu dunkel, um sein Gesicht zu erkennen.

 

»Was machen Sie hier?« brüllte Elson zornig, als keine Antwort kam.

 

Während Elson sprach, lief der Eindringling quer über die Beete schnell auf die Fahrstraße zu.

 

»Ich werde dich schon kriegen!« schrie Elson in unsinniger Wut.

 

Dann kam aus dem Dunkel der Bäume der Gesang:

 

Eine Weile stand Elson still und klammerte sich an das Fenster. Sein Gesicht war grau, und seine Augen starrten unbeweglich geradeaus.

 

»Ay de mi, Alhama!« Der Refrain erstarb in der Ferne. Aber Elson hörte es nicht. Er lag zitternd auf dem Boden, er stieß demütige Bitten und wilde Verwünschungen aus – er schrie vor Entsetzen, denn er hatte eine Stimme aus dem Grabe gehört.

 

Aber im Schatten des Hauses war jemand, der von diesem Gesang zum Leben erweckt wurde. Super hörte das Lied und sah einen Augenblick lang den Sänger, als er wie ein Schatten über die Straße lief. Im nächsten Augenblick explodierte sein fürchterliches Motorrad gleich einem Maschinengewehr, und er fuhr die Straße entlang, um den nächtlichen Wanderer abzufangen. Der Strolch sah ihn, lief über ein Feld und tauchte in einer Wildnis von Gebüsch und Gehölz unter, das die Ecke eines angrenzenden Besitztums bildete. Supers geräuschvolle Maschine drehte, flog die Hauptstraße hinab und um die Ecke einer alten Mauer herum, als der Landstreicher Deckung suchte.

 

Der Mann lief wie der Wind. Er hielt die Blumen, die er gepflückt hatte, noch in der Hand. Als Super Seite an Seite mit ihm kam, wandte er sich im rechten Winkel, sprang über einen Graben und eilte quer über eine Wiese. Super überlegte schnell, raste mit größter Eile die Straße entlang, verlangsamte das Tempo, als er um die Ecke fuhr, und bog dann in einen Feldweg ein. Er wußte, daß dieser parallel zu der Wiese lief, über die er den Mann hatte laufen sehen. Sein Manöver hatte Erfolg. Als der Mann auf die Straße kam, sprang Super von seinem Rad.

 

»Halt, mein Freund!« sagte er.

 

Der bärtige Mann blickte ihn mit einem sonderbaren Lächeln an.

 

»Es tut mir leid, daß ich Ihnen so viel Mühe gemacht habe«, sagte er schwach.

 

Er hatte die Stimme eines kultivierten Amerikaners, aber Super war darauf vorbereitet.

 

»Gar keine Mühe«, erwiderte er freundlich. »Können Sie stehen?«

 

Der Mann erhob sich unsicher.

 

»Ich glaube, es ist besser, wenn Sie mit mir auf die Wache gehen und etwas essen«, sagte Super, und der andere folgte ihm ohne Widerstand.

 

Als sie langsam der Stadt zuwanderten, drückte Super seine innere Befriedigung durch große Geschwätzigkeit aus.

 

»Vor einer Woche hätte ich Sie rauher behandelt, muß ich gestehen. Ich glaubte, Sie seien ein sehr schlechter Mensch.«

 

»Ich bin kein schlechter Mensch«, sagte der andere einfach.

 

»Ich bin überzeugt, daß Sie es nicht sind«, stimmte Super bei. »Nein, mein Herr, ich habe viele Theorien über Sie ausgedacht, und ich vermute, daß ich recht habe. Ich weiß Ihren Namen.«

 

Der Mann lächelte.

 

»Ich habe so viele Namen. Ich wünschte nur, ich wüßte den richtigen.«

 

»Ich werde Ihnen den richtigen sagen«, erwiderte Super. »Durch Logik und Deduktion und Theorie habe ich Ihren Namen festgestellt. Sie sind John Kenneth Leigh vom Schatzamt der Vereinigten Staaten!«

 

Kapitel 17

 

17

 

Mr. Gordon Cardew legte seinen Kompaß hin, nahm seine Brille ab und starrte mit offenem Mund auf Super, nachdem dieser seine sensationelle Neuigkeit erzählt hatte.

 

»Aber ich dachte, Miss Leigh hätte gesagt, er sei im Krieg gefallen?«

 

»Er lebt und liegt in einem Krankenhaus.«

 

Mr. Cardew sah von dem Plan des Landhauses zu dem Detektiv auf, als ob er sich überlegte, ob diese Nachricht genügend interessant sei, um eine Unterbrechung seiner Arbeit zu rechtfertigen.

 

»Ich bin sehr froh«, sagte er schließlich. »Außerordentlich froh. Ich habe von solchen Fällen gehört, aber ich ließ mir niemals träumen, daß ich jemals persönlich damit in Berührung kommen würde. Das erklärt mir natürlich, warum Miss Leigh nicht zu mir kam, als ich sie anrief.«

 

Und hier war für Mr. Cardew, soweit er in Betracht kam, die Sache zu Ende. Denn während die Auffindung eines verlorenen Vaters für Super in seiner Beamteneigenschaft mehr oder weniger interessant sein mochte, hatte Mr. Cardew wenig damit zu tun.

 

»Es ist kein Zweifel, daß er es war, der in der Mordnacht sang«, sagte Super. »Ich glaube, daß er in einer jener Höhlen dort oben lebte und eine Strickleiter hätte, die er nachts herabließ und am Morgen wieder heraufzog. Er erzählte mir so etwas.«

 

»Der Strolch!« keuchte Cardew. »War er nicht der Mann, der in jener Nacht im Garten war, als Sie bei mir saßen?«

 

Super nickte.

 

»Aber ein Landstreicher … Miss Leighs Vater! Es ist unglaublich! Was in aller Welt machte er denn? Ein Strolch!«

 

»Was Strolche eben machen«, sagte Super. »Herumstreifen, Dinge aufgreifen. Er muß sich irgendwie erinnert haben, wo er lebte. Ich glaube, er hatte eine verworrene Vorstellung, daß seine Tochter Hunger leiden könnte. Er pflegte Eier und Kartoffeln zu sammeln und sie auf die Treppe seines alten Hauses zu legen. Manchmal waren auch Blumen dabei.«

 

»Ist er nicht ganz richtig im Kopf?« fragte Mr. Cardew ängstlich. »Das will ich nicht hoffen. Diese Zerrüttungen sind häufig erblich.«

 

»Er ist bei Verstand und auch wieder nicht bei Verstand«, war Supers wenig zufriedenstellende Erklärung. »Der Arzt glaubt, daß ein Druck auf seinem Gehirn liegt – vielleicht ein Schädelbruch –, er hat eine zehn Zentimeter lange Narbe am Kopf. Jemand gab ihm einen Schlag, den er nicht so schnell vergaß.«

 

Der Rechtsanwalt legte die Fingerspitzen zusammen und schaute an die Decke.

 

»Vielleicht war es ein Granatsplitter – ich habe von solchen Fällen gehört. Aber ich kann nicht verstehen, wie er dazu kam, ein Landstreicher zu werden. – Es muß eine sehr freudige Aufregung für Miss Leigh gewesen sein, als sie erfuhr, daß ihr Vater noch lebt. Ich hoffe, daß Sie ihr die Nachricht vorsichtig beigebracht haben, obwohl Freude ja nicht tötet.«

 

»Ja, ich brachte es ihr taktvoll bei«, nickte Super. »Ich rief sie an und erzählte ihr, daß ich nicht glaube, daß ihr Vater tot sei. Und das bereitete sie auf die Neuigkeit vor.«

 

Mr. Cardew zog die Lippen zweifelnd zusammen. Er war wirklich nicht an der bemerkenswerten Entdeckung interessiert, höchstens so weit, als Leighs Gegenwart in Pawsey ein neues Moment in den Fall brachte.

 

»Sie bringen diesen Mann in Zusammenhang mit dem Verbrechen?« fragte er. »Wenn ich mich recht erinnere, glaubten Sie, daß er dieser Großfuß sein könnte?«

 

»Das habe ich nie gedacht!« brummte Super, der nichts so übelnahm, als wenn man ihm falsche Ansichten unterschob, die er nie gehabt hatte. »Sie theoretisieren wieder, Mr. Cardew.« Er sah auf den Plan, der kreuz und quer mit Bleistiftlinien durchzogen war. »Ist die ganze Sache nun ausgearbeitet?« fragte er dann ironisch. »Mord, begangen von einem linksfüßigen Mann?«

 

Mr. Cardew lächelte nachsichtig.

 

»Das ist nicht das Resultat meiner Untersuchungen«, entgegnete er. »Aber ich habe etwas Wichtiges von dem Bauamt von Pawsey erfahren. Man sagte mir, daß das Haus an der Stelle eines früheren Gebäudes errichtet wurde. Zweifellos gibt es unter dem Boden der Küche Keller …«

 

Super seufzte.

 

»Um Himmels willen«, sagte er sanft. »Vergessen Sie doch, die Keller! Wie entkam denn der Bursche? Etwa durch ein Loch im Boden? Und sind nicht auch geheime Federn vorhanden, die man berühren muß, damit sich das ganze Haus umdreht?«

 

»Jedenfalls hin ich davon überzeugt, daß Nachforschen nicht schaden kann«, versicherte Mr. Cardew. »Ich bin bereit, meine Erlaubnis dazu zu geben. Da das Haus mein Eigentum ist, kann ich nicht einsehen, was man dagegen einwenden könnte – ich werde die Grabarbeiten sogar bezahlen.«

 

»Kennen Sie meinen Sergeanten?« unterbrach ihn Super in seiner sprunghaften Art.

 

»Lattimer? Ja, ich kenne ihn. Er ist bei verschiedenen Gelegenheiten hier gewesen«, erwiderte Cardew überrascht.

 

»Hat er jemals versucht, sich freundschaftlich mit Ihnen zu stellen?«

 

Mr. Cardew zögerte.

 

»Hm … Ich möchte nicht zu seinem direkten Vorgesetzten über ihn sprechen, aber …«

 

»Aber was?«

 

»Nun wohl, einmal deutete er mir vorsichtig an, daß er etwas Geld borgen möchte.«

 

»So«, brummte Super, »das tat er? Haben Sie ihm was geliehen?«

 

»Nein. Ich kann wohl sagen, daß ich sehr enttäuscht war. Man vermutet doch nicht, daß ein verantwortlicher Polizeibeamter derartige Sachen macht. Ich habe es Ihnen nie erzählt, weil ich den Mann nicht in Unannehmlichkeiten bringen möchte.«

 

Super grübelte nach, dann zeigte er wieder auf den Plan.

 

»Haben Sie Ihre Theorie nun gut ausgearbeitet?«

 

Cardew lachte laut.

 

»Ich nehme Ihnen Ihre Sticheleien nicht übel, Oberinspektor«, sagte er in guter Laune, »weil ich doch weiß, daß Sie es nicht böse meinen. Aber ich möchte wetten, daß ich der Wahrheit über den Mörder näher bin als Sie.«

 

Er ging mit Super zur Vordertür.

 

»Mr. Elson ist krank«, sagte Super. »Er hat einen Anfall, ich nehme an, daß das von seiner Trinkerei kommt. Der Kerl ist der schlimmste Säufer, den ich je kennengelernt habe. Ich fragte heute morgen den Arzt, ob er schon das Delirium habe; aber er antwortete mir nicht darauf. Diese Ärzte sind alle Geheimniskrämer.«

 

»Wo ist Ihr Landstreicher jetzt?« fragte Cardew.

 

»Mr. John Kenneth Leigh vom Schatzamt der Vereinigten Staaten«, sagte Super korrekt, »liegt in einem Krankenhaus und wird dort gepflegt.«

 

»Und seine Tochter?«

 

»Miss Elfa Henrietta Leigh ist bei ihm, und sie möchte ihn gern über seine Erlebnisse zum Reden bringen. Aber er singt nur immer das verrückte Lied von dem maurischen König, der auf und ab reitet. Es mag ja ein ganz schönes Lied sein, aber mir gefällt es nicht. Anscheinend war es seine Lieblingsmelodie. Ich sah sie auf dem Notenpult des Klaviers stehen, als ich sie besuchte. In der Bibliothek habe ich auch verschiedene Bücher über spanische Dichtkunst gefunden. Daraus habe ich dann meine Schlüsse gezogen. – Wenn Sie noch irgendwelche Vermutungen oder Theorien über den Mörder haben, dann wissen Sie ja meine Telefonnummer. Ich werde mich stets dafür interessieren. Die Londoner Polizei teilte mir mit, daß sie nichts über den Einbruch in Ihrem Büro herausgebracht hat.«

 

»Das wundert mich«, sagte Mr. Cardew trocken. »Der Zusammenhang zwischen dem Mord und der Verbrennung der Dokumente der armen Hanna ist doch sehr augenfällig. Das müßte doch Scotland Yard auch einsehen.«

 

»Nichts ist klar in Scotland Yard«, sagte Super freundlich.

 

Mr. Leigh war in ein Krankenhaus in der Weymouth Street gebracht worden. Spät am Vormittag fand Super Zeit, dort einen Besuch abzustatten und sich nach seinem Patienten zu erkundigen. Elfa kam in den Empfangsraum herunter. Ihre Wangen waren frisch und rosig, und ihre Augen leuchteten, obgleich noch Tränen darin schimmerten.

 

»Er schläft jetzt«, sagte sie.

 

»Erkennt er Sie?« fragte Super.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Noch nicht ganz – ich muß mich aber auch in den letzten sechs Jahren sehr verändert haben. Er fragte mich, ob ich sein kleines Mädchen kenne.« Dabei zitterten ihre Lippen. »Wenn ich außer Fassung bin und weinen muß, so tadeln Sie mich, Super. Ist es nicht wunderbar, daß ich ihn wiedergefunden habe?«

 

»Ich habe ihn gefunden«, sagte Super.

 

Sie nahm seine rauhe Rechte zwischen ihre Hände und drückte sie.

 

»Ja, das haben Sie getan«, sagte sie sanft. »Niemand außer Ihnen hätte den Gesang mit meinem lieben Vater in Zusammenhang gebracht. Das Seltsamste ist doch, daß ich ihn an dem Abend singen hörte, als ich auf der Klippe lag. Ich dachte damals, daß ich träumte.«

 

»Wußten Sie denn überhaupt etwas von dem Vagabunden, der spanische Lieder sang?«

 

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich sicher gewesen, daß es mein lieber Vater war, obgleich ich längst annehmen mußte, daß er tot ist. Er hat auch all die Lebensmittel auf die Treppe in Edward Square gelegt. Er muß sich irgendwie an die Vergangenheit erinnert haben. Was ich nicht verstehen kann, ist nur, daß er niemals das Haus betrat oder sich zeigte. Er hat sich all die Jahre lang versteckt – ich möchte nur wissen, warum.«

 

Super lachte breit.

 

»Das hatte ich schon seit langer Zeit vermutet.«

 

Ein paar Türen von dem Krankenhaus entfernt wohnte der berühmte Arzt, den Super auf eigene Verantwortung zu Rate gezogen und gebeten hatte, eine Untersuchung von Mr. Leigh vorzunehmen. Super hatte Glück. Er traf den Doktor zu Hause, und der Bericht klang sehr ermutigend.

 

»Ich würde ihn nicht für geisteskrank halten, obgleich man ihn nicht für seine Handlungen verantwortlich machen kann. Alle Symptome weisen darauf hin, daß ein schwerer Druck auf seinem Gehirn lastet. Wenn man diesen Druck aufheben kann, besteht gute Aussicht, daß Mr. Leigh wieder vollkommen normal wird. Ich kann Ihnen natürlich nicht mit voller Gewißheit den Erfolg versprechen, aber eine Operation erscheint auf jeden Fall gerechtfertigt. Ein Beamter der amerikanischen Botschaft hat mich besucht und erklärt, daß keine Ausgaben gespart werden sollen.«

 

»Wann wollen Sie die Operation vornehmen?« fragte Super.

 

Der Arzt schüttelte den Kopf.

 

»Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Im Augenblick ist der Patient noch nicht kräftig genug, um einen so schweren Eingriff zu überstehen. Wir müssen erst seine Lebenskräfte wieder aufbauen.«

 

»Tun Sie es schnell, Doktor«, sagte Super. »Ich möchte diesen Fall vor meinen großen Ferien beenden. In sechs Wochen sind wieder Sitzungen des Gerichtshofes in Old Bailey. Es ist möglich, daß ich bis dahin alles soweit aufgeklärt habe.«

 

Er nahm ein kleines Notizbuch aus seiner Westentasche und sah darin nach.

 

»Ja, es stimmt. Voruntersuchung und Prozeß können im Juni abgeschlossen werden, und dann wird der Kerl im Juli aufgehängt. Das ist gerade die Zeit, wo ich in Urlaub gehen will – ich liebe es nicht, fortzugehen, bevor ich nicht meinen Verbrecher richtig tot habe. Bei all diesen Berufungsinstanzen und diesen Ausflüchten wegen Verrücktheit oder unbewußten Handelns unter fremder Suggestion können Sie nie sicher sein, daß Sie Ihren Mann wirklich haben, bevor er am Galgen hängt!«

 

Er ließ den armen Arzt im ungewissen, ob er betrunken war oder unter einem Sonnenstich litt.

 

Super brauchte sich dem Sergeanten der Polizeiwache von Marylebone Lane nicht vorzustellen und verschaffte sich ein Interview mit dem diensttuenden Beamten, indem er einfach ins Büro ging und die Tür hinter sich schloß.

 

»Ich möchte einen Beobachtungsposten vor der Klinik Weymouth Street 59 haben«, sagte er. »Dort liegt ein Mitglied der amerikanischen Botschaft mit Namen Leigh. Hier habe ich Ihnen eine Liste von Leuten aufgestellt, die ihn nicht besuchen sollen.«

 

Bei diesen Worten legte er ein Schriftstück auf den Schreibtisch.

 

»Ich habe der Vorsteherin gesagt, daß man ihm keine Nahrung geben soll, die nicht aus der Küche des Krankenhauses kommt. Keine Konfitüren, Bonbonnieren, Schokoladen, Trauben oder andere Früchte, die ihm von guten, anhänglichen Freunden geschickt werden. Ich verlange von Ihrem Polizeibeamten nur, daß er aufpaßt; daß niemand nach Einbruch der Dunkelheit in das Haus geht.«

 

Er erklärte dann weitläufig die Wichtigkeit der Aufgabe. Die meisten Polizeiinspektoren hätten das Auftauchen eines ›Fremden‹ von einem anderen Polizeibezirk als eine Beleidigung empfunden und wären bei seinem entschiedenen Ton stutzig geworden. Aber Super war eben Super. Es gereichte ihm zu großer Genugtuung, daß man versprach, seine Anordnungen auszuführen.

 

Nachdem er diese Arbeit getan hatte, konnte er sich den Luxus eines freundschaftlichen Besuches bei Jim Ferraby wohl erlauben. Sein Gedächtnis für die Gewohnheiten und charakteristischen Eigenheiten seiner Freunde war so groß, daß er gleichzeitig mit Jim auf der Treppe zu dessen Klub auftauchte.

 

Jim stürzte sich beinähe auf ihn, um neue Nachrichten zu erhalten.

 

»Ich versuchte den ganzen Morgen, Sie zu treffen. Miss Leigh berichtete mir telefonisch von der großartigen Neuigkeit. Aber seit der Zeit konnte ich nicht mehr mit ihr in Verbindung kommen. Dieser Landstreicher ist ihr Vater? Es scheint doch kaum möglich zu sein!«

 

»Ich stelle selten Theorien auf, aber wenn ich etwas vermute, so ist es fast sicher und nie unmöglich. Ich hätte Sie gern besucht, aber dann hätte ich im Restaurant essen müssen, und das ist sehr teuer. Deshalb zog ich es vor, Sie in Ihrem Klub aufzusuchen. Man ißt hier ebensogut, wenn nicht besser.«

 

Erst nachdem sie das Essen beendet hatten und beim Kaffee im Rauchzimmer saßen, begann Super zu sprechen.

 

»Das spanische Lied an und für sich konnte mir noch keinen Aufschluß geben, obgleich ich mir sofort sagte, daß dieser Vagabund anders als alle anderen war. Ich verfolgte seine Spur und erhielt überall aus dem Lande durch die lokalen Polizeibehörden Nachrichten über ihn. Ich entdeckte, daß er sehr wohl bekannt war. In Canterbury hatte er sogar wegen Landstreicherei eine Woche im Gefängnis gesessen. Ich wundere mich nur, daß der Gefängnisarzt nicht sah, daß er nicht recht bei Verstand ist. Als Sie mir aber letzten Sonntag die Nachricht von den Eiern und den Kartoffeln brachten, die auf der Türschwelle seiner alten Wohnung niedergelegt wurden, war mein Interesse geweckt. Meiner Meinung nach konnte das nur eins bedeuten, nämlich, daß jemand, der Miss Leigh gern hatte, diese kleinen Gaben niederlegte. Aber er wußte nicht, daß sie nicht mehr in dem Hause wohnte. Es konnte also nur jemand sein, der die verrückte Idee hatte, daß sie bitterste Not litt. Und der einzige, der so fühlen konnte, war ihr Vater. Ich besuchte die junge Dame also, und es war keine große Mühe, den Landstreicher zu identifizieren. Die Ärzte glauben, daß eine Operation ihn wieder völlig heilen wird, und dann werden wir sehr viele romantische Dinge erfahren, von denen Sie sich überhaupt nichts träumen lassen.«

 

»Was denn?« fragte Jim.

 

»Erinnern Sie sich nicht an den Stadtrat von Brixton, von dem ich Ihnen erzählte?«

 

Jim nickte.

 

»Das war ein ganz minderwertiger Bursche.«

 

»Was war denn mit ihm?« fragte Jim.

 

»Nichts«, erwiderte Super ausweichend. »Ich wollte nur wissen, ob Sie sich auf meine Äußerung von damals besinnen können.«

 

»Was hat der aber mit dem Landstreicher zu tun?«

 

»Sehr viel – auch mit der Ermordung Hanna Shaws. Bitte, achten Sie darauf, was ich Ihnen jetzt sage. Dieser Brixton wird ein hochinteressanter Zeuge werden.«

 

Er nahm sein Notizbuch heraus, legte es auf den kleinen Tisch, auf dem der Kaffee stand, schlug den Deckel auf und nahm einen gefalteten Briefumschlag heraus.

 

»Erinnern Sie sich daran?«

 

Jim nickte.

 

»Es war der Briefumschlag, der in der Mordnacht in der Küche gefunden wurde.«

 

»Nur zwei Leute außer mir wissen hiervon«, sagte Super. »Sie und Elfa Leigh. Selbst Lattimer hat keine Ahnung davon. Der Mann, der den Brief schrieb, der zu diesem Umschlag gehört, war der Mörder Hanna Shaws. Das ist mir vollständig klar. Ob er nun den Kamin heruntergekrochen ist oder aus unterirdischen Tiefen, geheimen Kellern oder anderen merkwürdigen Plätzen kam – der Mann, der das geschrieben hat« – er tippte bedeutungsvoll auf den Umschlag – »hob die Pistole, mit der die unglückliche Frau getötet wurde. Möglicherweise ist sie gar nicht so unglücklich und beklagenswert, wie man im allgemeinen annimmt. Persönlich habe ich die Überzeugung, daß es für sie sehr gut war, aus diesem Trubel und den Wirrnissen herauszukommen.«

 

»Wo herauszukommen?« fragte Jim verwundert.

 

»Aus allem. – Wenn, Sie mir noch etwas bestellen wollen, dann möchte ich gerne einen alten Kognak trinken. Süße Damenliköre sind nicht nach meinem Geschmack.«

 

Er gab Jim die Adresse des Krankenhauses, dann holte er sein Motorrad aus der Garage von Scotland Yard, wo alle jungen Polizisten es gebührend bewunderten, und fuhr unter geräuschvollen Explosionen zu seiner Polizeistation zurück. Lattimer war nicht zugegen. Er hatte ihn schon früh am Morgen nach Pawsey geschickt, um Untersuchungen anzustellen. Die gerichtliche Verhandlung der Leichenschau sollte am nächsten Tage stattfinden. Super mußte sich darauf vorbereiten, und es war sehr schwierig zu prüfen, ob alle Tatsachen im Gerichtssaal der Öffentlichkeit preisgegeben werden durften oder ob sie im Interesse der Aufklärung des Mordes geheimzuhalten waren. Von Zeit zu Zeit hob er seinen Kopf und legte die Feder hin. Er hatte schadenfrohe Gedanken und dachte besonders daran, daß Mr. Cardew seine theoretische Arbeit, mit der er den Kriminalfall aufklären wollte, im Stich lassen mußte, um in einem kleinen, dumpfen Gerichtszimmer ungeduldig zu warten.

 

Lattimer kehrte gegen Abend zurück und berichtete das Resultat seiner Nachforschungen.

 

»Ich folgte dem Feldpfad südlich von Pawsey drei Kilometer weit. Ein Wagen konnte unmöglich dorthin entkommen. Der Weg ist sehr eng und außerdem durch zwei Zauntritte versperrt. Später mündet er in die London Lewes Road, wie Sie vermuteten.«

 

»Wie ich wußte«, verbesserte ihn Super. »Also ein Wagen konnte den Weg nicht fahren. Ich wäre auch sehr verwundert gewesen, wenn es gegangen wäre.«

 

Lattimer machte große Augen.

 

»Ich dachte, Sie erwarteten …«

 

»Ich wiederhole Ihnen, ich wäre wirklich sehr verwundert gewesen, wenn ein Wagen den Weg hätte fahren können«, sagte Super befriedigt. Als Lattimer sich zum Gehen wandte, fügte er noch hinzu:

 

»Elson geht es wieder besser, wie ich hörte.«

 

»Ich habe nicht einmal gewußt, daß er krank war«, sagte Lattimer gleichgültig.

 

»Ich weiß nicht, ob Delirium tremens eine Krankheit oder ein Dauerzustand ist. Aber jedenfalls geht es ihm jetzt besser. Es wäre ganz gut, wenn Sie morgen früh zu ihm gingen und einige unverfängliche Fragen stellten. Ich hätte ihm Blumen gesandt, nur scheint mir das zu voreilig zu sein – dann, Lattimer, ich brauche Sie morgen früh auf dem Gericht.«

 

»Ich werde dort sein.«

 

Dicht bei der Polizeiwache lag das Häuschen, in dem Super wohnte. Es gehörte auch ein kleiner Garten dazu. Zwei Schlafzimmer und ein Wohnzimmer lagen in einem Stockwerk, während sich auf der Hinterseite des Hauses ein kleines Feld befand, auf dem seine kostbaren, braungelben Orpington-Hühner lebten und sich von den Erträgnissen der Nachbargärten nährten. Denn es gehörte zu ihren ständigen Gewohnheiten, über die Grenzen ihres Feldes hinauszugehen. Supers Name hatte aber eine solche magische Kraft, daß nur wenige Klagen kamen, obgleich die gefiederten Räuber die Dorffelder und Gärten der Umgebung dauernd heimsuchten. Es gab aber auch noch andere Räuber in dieser Gegend, die weder vor Super noch vor seinen Hühnern Respekt hatten. Manchmal kamen nachts von der Spitze des Hügels rote, schleichende Gestalten, aber Super entdeckte bald den Weg, auf dem die Füchse kamen, und brachte eine Falle mit Selbstschuß dort an, sehr zum Nachteil der dortigen Jagd. Es war eine gute Falle, obwohl er sie selbst verfertigt hatte.

 

Es war schon dunkel, als Super zu dem kleinen Schuppen hinübergingt in dem er sein Motorrad aufbewahrte, Er wollte ein paar Ausbesserungen an der Maschine vornehmen und seinen Vergaser reinigen. Die Zeit nach Mitternacht schätzte er besonders, um Reparaturen an seinem Rad auszuführen.

 

Obgleich er sehr gut sehen konnte, hatte er sich angewöhnt, mit der Hand an der Lichtleitung entlangzufühlen, die das Haus mit dem Schuppen verband. Er war kein gelernter Elektriker und hatte sie etwas roh angelegt.

 

Als er nun wieder an dem Draht entlangtastete, merkte er zu seinem großen Erstaunen, daß die Leitung unterbrochen war. Als er sich bückte, entdeckte er das schlaff herabhängende Ende des Drahtes auf dem Erdboden. Nun war ja an einem abgerissenen Draht nichts Besonderes, aber als er ihn heute am Tag gesehen hatte, war er noch straff gespannt, und er konnte sich nicht vorstellen, wie er zerstört worden war.

 

Er machte kurz kehrt, ging ins Haus zurück und nahm das lose Ende des Drahtes mit sich, nachdem er es von dem Isolator abgenommen hatte. Beim Licht der Tischlampe prüfte er die Bruchstelle. Der Draht war durchgeschnitten, er konnte die Kneifstellen einer Zange deutlich feststellen.

 

»Donnerwetter!« sagte Super.

 

Eins war sicher. Ein Spaßvogel erlaubte sich keinen Scherz mit Super. Der Draht war also aus einem guten Grund abgeschnitten, und es mußte sicher zum Schaden Supers geschehen sein.

 

Er ging in sein Schlafzimmer, holte eine kleine Kiste unter seinem Bett hervor, nahm daraus einen schweren Polizeirevolver, lud ihn, und nachdem er eine Weile gesucht hatte, fand er eine Polizeilampe. Mit diesen beiden Dingen ging er auf den Hof zurück und schlich sich geräuschlos wie eine Katze zu dem Schuppen. Kein Laut kam durch die Stille der Nacht, nur ab und zu ertönte das schläfrige Gackern einer Henne. Er ahnte den Zusammenhang. In der Hütte war eine Gefahr verborgen.

 

Der Lichtschalter für den kleinen Schuppen war draußen hinter dem Dachvorsprung gegen Wind und Wetter geschützt. Die Tür wurde niemals verschlossen. Es war sehr einfach, in den Hof zu kommen und in den Schuppen zu gehen. Vorsichtig schritt er vorwärts und beleuchtete den Weg mit seiner Lampe, die andere Hand hatte er am Revolver. Er drückte sich ganz auf die Seite und riß plötzlich die Tür zum Schuppen auf. Eine betäubende Explosion folgte, und darauf hörte er Glas splittern. Als sich der Rauch verzogen hatte, schaute er durch eine Spalte der Tür, hinter der er stand.

 

Das mußte seine eigene Fuchsfalle mit dem Selbstschuß gewesen sein. Er hatte sie aber nicht so aufgestellt, daß die Mündung nach der Tür zeigte. Auch hatte er nicht die Schnur der Falle an die Türklinke gebunden. Als er sie zum letztenmal gesehen hatte, war sie einige hundert Meter entfernt zwischen den Gebüschen verborgen aufgestellt gewesen.

 

Er hörte jemand rufen und ging zum Haus zurück. Dort traf er Lattimer.

 

»Hallo, ich dachte, Sie wären schon zu Bett!« sagte Super.

 

»Ich hörte eine Explosion – was hatte das zu bedeuten? Es war zu nahe für einen Schuß aus der Fuchsfalle.«

 

Lattimer war außergewöhnlich aufgeregt.

 

»Treten Sie näher«, sagte Super. »Hier ist eine gute Gelegenheit für junge Detektive, um sich an der Aufklärung solcher Dinge zu üben.«

 

»Ist irgendein Schaden geschehen?« fragte Lattimer atemlos.

 

»Drei Glasscheiben sind zertrümmert, und fünfundzwanzig erstklassige Rassehühner sind aus ihrem schönen Schlaf aufgeschreckt. Das ist alles.«

 

Eine Rauchwolke lagerte über dem Garten, und man konnte überall den Geruch von verbranntem Schießpulver wahrnehmen. Lattimer folgte seinem Vorgesetzten in den Schuppen und besah sich die Schießfalle. Es war eine sehr einfache Konstruktion, die Super selbst hergestellt hatte.

 

»Hatten Sie die Falle im Schuppen stehen?«

 

Super sah ihn ironisch an.

 

»Natürlich – ich versuchte, Selbstmord zu verüben. Ich mache öfter solche Verrücktheiten.«

 

Er schaute wie eine alte Eule auf das noch rauchende Schießeisen und schüttelte den Kopf.

 

»Na, der hat einen Schreck bekommen!«

 

»Wer?« fragte Lattimer schnell.

 

»Der Kerl, der mir diese Falle gestellt hat! Ich wette, daß er der elendste Bursche im Umkreis von -zig Kilometern ist. Er mußte doch wissen, daß ich das Licht anmache, bevor ich die Tür öffne. Aber er wollte vermeiden, daß ich die Falle sehe, und schnitt deshalb die Lichtleitung durch. Er ist ein verschmitzter Kerl, dieser Großfuß. Ich will Ihnen noch etwas sagen, Sergeant. Wenn Elson im Bett läge, wäre dies nicht passiert. Wenn er in eine Zwangsjacke gesteckt worden wäre, so daß er nicht hätte umherschleichen können, so würde die Falle noch in ihrem alten Versteck unter den Sträuchern stehen.«

 

»Glauben Sie, daß Elson das getan hat?«

 

»Nein, das glaube ich nicht«, sagte Super. »Das habe ich auch nicht gesagt. Legen Sie mir niemals Worte in den Mund, die ich nicht geäußert habe. Ich habe nur bemerkt, daß ich nicht gezwungen wäre, morgen für mein gutes Geld Glas kaufen zu müssen, wenn dieser Mensch in eine geschlossene Zelle gebracht worden wäre. Ich dachte, Sie wären schon schlafen gegangen, Sergeant.«

 

»Nein, ich fühlte mich nicht mehr so müde wie vorher. Ich ging noch die Straße auf und ab und rauchte eine Pfeife, als ich hörte, wie der Schuß losging. Dieser Fall geht mir wirklich auf die Nerven.«

 

»Sie sind zu temperamentvoll«, sagte Super.

 

Er schlurfte zu seinem Haus zurück, der Sergeant ging hinterher.

 

»Legen Sie sich schlafen, mein Sohn. Sie werden Ihre hübsche Gesichtsfarbe noch ganz verlieren.«

 

Er wartete, bis Lattimer zu seiner Wohnung zurückgegangen war, dann begann er eine systematische Durchsuchung des Grundstücks. Der mordlustige Besucher konnte auf vielen Wegen gekommen sein, aber er konnte keine Spuren von ihm finden; denn der Boden war trocken und hart.

 

*

 

»Es wäre vielleicht gut, wenn ich einen tüchtigen Bluthund hielte«, sagte Super am nächsten Morgen, als er sich rasierte. »Fast alle Detektive brauchen Spürhunde. Ich müßte eigentlich auch einen haben. Es ist nur ein Unglück, daß ich keinen Hund vom andern unterscheiden kann.«

 

»Sind Sie davon überzeugt«, fragte Lattimer, »daß jemand die Schießfalle in der Absicht aufgestellt hat, Sie zu töten? Es kann doch auch ein Scherz gewesen sein.«

 

»Da möchte ich aber laut loslachen«, sagte Super und zog, die Stirn kraus, als er sich das Kinn rasierte. »Solche dummen Scherze nötigen mir nicht einmal ein Lächeln ab, nicht in Hunderten von Jahren.«

 

»Wo haben Sie die Schießfalle zuletzt gesehen?«

 

»Draußen auf den Feldern, in der Nähe der Weißdornbüsche. Ich habe sie dort gegen die Füchse aufgestellt. Nehmen Sie einmal an, ich hätte die Tür geöffnet, ohne zu wissen, daß etwas geplant war. Was würden die Leute wohl gesagt haben? Man hätte doch sicher behauptet, dieser alte, verrückte Super habe eine Schießfalle in seinem Schuppen aufgestellt und vergessen, daß sie dort stand. Ergebnis der Leichenschau: Tod durch Unfall, man soll der Witwe Bedauern und Teilnahme aussprechen. Und da ich nicht verheiratet bin, wäre die letzte Bemerkung überflüssig gewesen. Ich kann überhaupt nicht begreifen, warum Leichenschaugerichte so sentimentale Anwandlungen haben. Und dann würden drei Zeilen Normaltypendruck in der Zeitung stehen – wenn es hoch kommt, sind es auch vier, und vielleicht auch ein oder zwei Zeilen unter den Schauernachrichten. Lattimer, wenn ich unter den Händen solcher Schufte und Verbrecher sterben soll, dann brauche ich eine ganze Spalte und eine dicke Überschrift in der Zeitung. Ich weiß, was ich mir schuldig bin und was ich beanspruchen darf. Wenn ich an diesen schmutzigen Hund denke, der die Schießfalle im Stall aufgestellt hat, dann kommt mir die Wut. Die Explosion hat auch meinem Motorrad sehr geschadet. Die ganze Farbe um den Handgriff herum ist weggeschmort und abgeblättert. Ich muß Feuerfliege wieder neu anstreichen. Was meinen Sie zu einem dunklen Orange, Sergeant?«

 

»Das wird sehr schön sein«, meinte Lattimer.

 

Super schärfte sein Rasiermesser mit einem abwesenden Blick.

 

»Elson fühlt sich besser, er wird den Abend wieder herumwandern können. Ich habe das Kriegsministerium angerufen, daß man mir einen Tank zur Unterstützung senden soll. Wenigstens habe ich daran gedacht, aber ich habe es noch nicht getan.«

 

Jim Ferraby, der auch als Zeuge bei der Leichenschau anwesend war, holte Super und Lattimer mit seinem Wagen nach Pawsey ab. Er fand den alten Oberinspektor in sehr gehobener Stimmung; er war sogar zum Scherzen aufgelegt. Man hätte niemals aus seinem Benehmen schließen können, wie nahe er in den frühen Morgenstunden dem Tode gewesen war. Als Jim vor der Polizeiwache auf Super wartete, weil dieser noch in elfter Stunde den diensttuenden Beamten eine Rede halten mußte, sah er, daß Cardews Auto vorbeikam und der Anwalt seinen Wagen zum Stehen brachte.

 

»Nein, ich danke Ihnen, ich habe versprochen, Super nach Pawsey zu bringen«, sagte Jim auf seine freundliche Einladung.

 

Cardew lächelte bitter.

 

»Ich hoffe, daß ich das Vergnügen haben werde, Sie zurückzufahren. Ich glaube, daß ich Ihnen eine endgültige Erklärung geben kann, wie der Mord ausgeführt wurde. Es wurde mir plötzlich über Nacht klar, als ich im Halbschlaf lag. Je länger ich nun darüber nachdenke, desto sicherer bin ich, daß ich die richtige Lösung für diesen ganzen Fall gefunden habe, der bisher ein unerklärliches Rätsel schien. Und was noch viel wichtiger ist«, fuhr er nachdenklich fort, »ich habe einen Parallelfall entdeckt, den Mordfall Starkie, der 1769 begangen wurde. Er ist ausführlich in einem alten Kalender beschrieben. Danach scheint es nämlich, daß ein Mann mit Namen Starkie …«

 

Aber Jim hatte weder Zeit noch den Wunsch, alle Einzelheiten dieses Mordes anzuhören, und entschuldigte sich, als Super auf der Bildfläche erschien und ein Paar wildlederne Handschuhe anzog, die so wenig zusammenpaßten, daß Jim diesen Umstand der Geistesabwesenheit und Zerstreutheit Supers zuschrieb.

 

»Einer ist immer schlechter als der andere«, sagte der Oberinspektor, als er sich an Jims Seite setzte und die Beine bequem ausstreckte. »Ich verliere immer meinen linken Handschuh. Ich wundere mich nur, warum noch niemand auf die Idee gekommen ist, rechte und linke Handschuhe einzeln zu verkaufen. Damit ließe sich doch ein gutes Geschäft machen – da fährt der alte Cardew in einer großen Staubwolke vor uns her und sein Gehirn ist ganz voll von Hypothesen und Vermutungen. Er hat so etwas wie eine juristische Auffassung der Sache, mit anderen Worten, er kann nicht geradeaus sehen.«

 

»Er hat schon eine Theorie fertig ausgearbeitet, um sie Ihnen vorzulegen«, sagte Jim, als der Wagen in schnelle Fahrt gekommen war und die langsame Limousine vor ihnen überholte.

 

»Das glaube ich gern, daß er schon wieder eine neue Theorie hat«, sagte Super selbstzufrieden.

 

»Er hat die Theorie wieder mitten in der Nacht gefunden.«

 

»Sie hat sich wohl geschämt, ihn am Tag zu überfallen«, lachte Super. »Na, ich möchte nicht den Verstandesapparat von Cardew haben, und wenn man mir zehn Millionen Pfund dazu schenkte. Ich kann Ihnen seine Theorie schon im voraus sagen. Er wird den Mut finden, mir all diese Märchen von heimlichen Kellern und dergleichen auf die Nase zu binden, und seine Theorie wird in der kühnen Behauptung gipfeln, daß Hanna Shaw von Miss Leigh ermordet wurde.«

 

»Was meinen Sie?« fuhr Jim auf, und in seiner Erregung lenkte er den Wagen plötzlich quer über die Straße.

 

»Nein, seien Sie nicht gleich böse, wenn ich einen Spaß mache. Wer täte das nicht einmal? Meine Nerven sind nicht ganz auf der Höhe, aber ich möchte wetten, das ist seine Theorie. Miss Leigh traf Hanna Shaw – sie hatte ihr doch telegraphiert –, und dann sind beide in Streit geraten, und Miss Leigh hat sie erschossen. Sie ist aus dem Haus gegangen und hat die Tür hinter sich zugeschlossen.«

 

»Aber das ist doch verrückt!«

 

»Natürlich ist das verrückt«, sagte Super vergnügt. »Aber das ist die Erklärung, die ein so romantischer Mann wie Cardew geben wird.«

 

»Er ist mir niemals romantisch vorgekommen«, lächelte Jim.

 

»Er ist aber romantisch. Warum würde er sonst all die Bücher über Anthropologie lesen? Wenn es noch etwas Romantischeres als seine Kriminalstudien gibt, dann sagen Sie es mir bitte.« Ein paar Minuten später erzählte er gleichgültig sein Erlebnis mit der Schießfalle.

 

»Es hat mir doch etwas zugesetzt, aber nicht so viel wie das Geld, das ich dem alten Smith für neue Scheiben zahlen muß. Der flaust mir vor, daß es jetzt einen Glastrust gibt und daß alle Preise gestiegen sind. Er muß immer lügen …« Super schaute über seine Schulter zurück. Mr. Cardews Wagen lag weit hinter ihnen. »Wenn ein Mann bekannt werden möchte, dann weiß er gewöhnlich nicht die Grenzen einzuhalten. Morgen werden in allen Zeitungen Artikel von ihm stehen, und keiner von diesen Reportern wird mich auch nur bitten, ein freundliches Lächeln zu zeigen. Persönlich ziehe ich es ja vor, die öffentliche Meinung nicht auf mich zu lenken. Ich bin einer der stillen Arbeiter, von denen Sie in den Büchern lesen. Haben Sie das auch schon gefunden?«

 

»Nein«, sagte Jim.

 

»Aber es ist tatsächlich so«, behauptete Super. »Ich gehe diesen Spürnasen von Zeitungsleuten eine Meile weit aus dem Weg. Im ›Surrey Comet‹ wurde einmal geschrieben: ›Der Oberinspektor Minter arbeitet gern im Dunkeln‹ – ich habe mir sechs Exemplare der Zeitung aufgehoben und will sie Ihnen dieser Tage einmal zeigen.«

 

Aber Supers Bescheidenheit trat nicht sehr deutlich in Erscheinung, als sie die Stadthalle erreicht hatten, wo die Leichenschau abgehalten werden sollte. Jim beobachtete, daß Super sich sofort unter eine Gruppe von Zeitungsberichterstattern mischte und gleich darauf an der Spitze der ganzen Schar im Hotel Royal verschwand. Die Gesellschaft kam gerade noch rechtzeitig vor Beginn der Verhandlung an. Super entschuldigte sich bei ihm.

 

»Ich habe den jungen Leuten nur eine Runde spendiert – ich wollte nämlich, daß sie mich nicht erwähnen, und ich dachte, es wäre besser, wenn ich ihnen das vorher sage.«

 

Am Abend las Jim den Bericht über die Sitzung, und es war merkwürdig, daß trotz der Vorsichtsmaßregeln Supers nicht nur sein Name erwähnt war, sondern auch äußerst schmeichelhafte Bemerkungen über seine Klarheit, sein Talent und seine bewunderungswürdige Begabung hinzugefügt waren.

 

Die Verhandlung dauerte länger, als Jim vermutet hatte. Supers Aussage war ein Wunder an Konzentration; aber es verging doch eine geraume Zeit, bis er fertig wurde. Ferraby selbst war eine halbe Stunde lang auf dem Zeugenstand, während Cardews Erklärungen über eine Stunde dauerten. Es war schon ziemlich spät am Nachmittag, als der Gerichtshof zu seinem Spruch zusammentrat.

 

»Haben Sie gehört, was Cardew alles erzählte?« fragte Super ärgerlich. »Ich wußte ja schon im voraus, daß er nur so übersprudeln würde – er tat es natürlich im Gegensatz zu mir, um mich zu ärgern. Als dieser kindische Leichenbeschauer ihm obendrein für seine äußerst wertvollen Angaben dankte, platzte er direkt vor Stolz.«

 

Sie nahmen erst noch ihren Tee im Hotel ein, bevor sie in die Stadt zurückkehrten. Mr. Cardew gesellte sich ihnen ungebeten zu, obwohl er aus dem harten, abweisenden Blick Supers hätte entnehmen können, daß es nicht der geeignete Augenblick war, seine neuen Hypothesen auszukramen. Jim versuchte, ihn auf eine neue Spur zu bringen, aber Cardew wollte sich nicht geschlagen geben.

 

»Ich habe heute morgen zu Ferraby gesagt, daß ich Ihnen die Lösung dieses merkwürdigen Rätsels mitteilen wollte.«

 

»Hören Sie gut zu, Lattimer«, sagte Super mit zweifelhafter Höflichkeit. »Ein junger Beamter kann nicht genug lernen. Und wenn Sie einen Gentleman wie Mr. Cardew anhören, der seine Theorien auseinandersetzt, dann müssen Sie die Ohren aufmachen. Das ist für Sie eine Art Erziehung. Es mag auch sein, daß es Ihnen nicht viel nützt, das kann man niemals vorhersagen. Also nun sitzen Sie still und hören Sie zu!«

 

Aber Lattimer brauchte solche Ermahnungen nicht. Er paßte angestrengt auf.

 

»Soviel ich aus der ganzen Verhandlung entnehme«, begann Mr. Cardew, »hatten Sie drei sich an der Küstenstraße versteckt, als die arme Hanna ankam. Sie sahen sie als dunklen Schattenriß, als sie vorbeifuhr. Sie haben ihren Hut und ihre Gestalt erkannt, und Sie sahen, wie sie vor der Haustür hielt, aber nicht, wie sie herauskam.«

 

»Ganz recht!« bemerkte Super. »Da haben Sie aber eine Schlußfolgerung gezogen, auf die Sie stolz sein können.«

 

»Sie haben sie nicht herauskommen sehen«, fuhr Cardew wohlwollend fort. »Und wenn Sie sie nicht herauskommen sahen, dann haben Sie auch nicht den Mann gesehen, der sieh in dem hinteren Teil des Wagens versteckt hatte und sich in der Nähe des Hauses niederbückte, um nicht gesehen zu werden. Es ist möglich, daß er unerkannt in den Wagen sprang, als Hanna auf der Straße vorbeifuhr, und wartete, bis sie die Tür geöffnet hatte. Dann sprang er auf sie zu, brachte ihren Hilferuf zum Verstummen und zog sie in das Haus hinein. Daß die Küche verschlossen war, beweist doch genau, daß er den Raum als Gefängnis für sie benützte.«

 

»Die Tür schloß sich hinter ihm – ich hörte, wie sie krachend ins Schloß fiel«, sagte Super gelangweilt.

 

»Er konnte sie doch mit seinem Fuß zugezogen haben«, antwortete Cardew schnell. »Was sich in der Küche zutrug, weiß niemand. Sicher sind sie nicht so lange dort gewesen, bis dieser mörderische Schuft die arme Frau erschoß. Was haben sie dann getan?«

 

»Ach ja – was haben sie dann getan?« fragte Super.

 

Cardew schaute ihm gerade ins Gesicht.

 

»Er zog ihren Mantel an und setzte, ihren Hut auf«, fuhr Cardew langsam fort. »Er kam aus der Tür, schloß sie und stieg in den Wagen ein. Er schaltete die Scheinwerfer ein – Sie sagten doch selbst, daß sie ein paar Sekunden aufleuchteten und dann wieder ausgemacht wurden. Der Grund dafür ist ganz klar. Wenn er die Lampen hätte brennen lassen, wäre ihr Schein auf die Vorderwand des Hauses gefallen, und jede Person in der Nähe wäre erkannt worden, und vor allem hätte man gesehen, daß er nicht eine Frau, sondern ein Mann war, trotz des Frauenhutes, den er trug.«

 

Super war mäuschenstill.

 

»Er fuhr dann mit dem Wagen auf die Straße«, fuhr Cardew fort und weidete sich an der Sensation, die er durch seine Erklärung hervorgerufen hatte. »Er fuhr auf die Höhe der Klippe, legte Hut und Mantel ab und ging zu Fuß zu seinem Wagen, der auf ihn wartete – wahrscheinlich war es nur ein kleiner Wagen, den man leicht verstecken konnte.«

 

Super sah ihn mit großen Augen an.

 

»Das ist eine der bedeutendsten Theorien, die ich jemals gehört habe«, sagte er schließlich, und Jim wußte, daß er es im Augenblick nicht ironisch meinte. Seine Augen waren weit geöffnet, und sein Schnurrbart schien sich zu sträuben. »Donnerwetter, Sie haben recht!«

 

Tödliches Schweigen folgte. Dann erhob sich Super langsam, streckte seine große Hand aus und ergriff Cardews Rechte.

 

»Ich danke Ihnen«, sagte er schlicht.

 

Super sprach auf der Rückfahrt von Pawsey bis zur Polizeistation kein Wort. Er lehnte Jims Einladung ab, neben ihm Platz zu nehmen, und kauerte sich auf einem der Rücksitze zusammen. Neben ihm saß Lattimer. Nur einmal während der Fahrt war es Jim, als ob er etwas vor sich hin brummte. Erst beim Abschied brach er das Schweigen.

 

»Ich nehme viel von dem zurück, was ich über Cardew sagte nicht alles, aber vieles. Ich dachte niemals, daß Anwälte derartig viel oder zu etwas anderem taugten, als Briefe an Leute zu schreiben, die ihre Kohlenrechnungen nicht bezahlt haben. Aber dieser Cardew hat etwas fertiggebracht, das ihm so leicht kein anderer nachmacht, Mr. Ferraby. Er hat mein Selbstvertrauen gestärkt. Er hat mir gezeigt, daß ich klüger bin als er, und einen Mann, der das zustande bringt, nenne ich einen Wohltäter der Öffentlichkeit.«

 

»Aber wieso sind Sie klüger als er?« fragte Jim erstaunt.

 

»Er erwähnte Großfuß mit keinem Wort. Nun sehen Sie mich an – ich weiß, wer Großfuß ist, und ich kenne ihn ebensogut wie Lattimer.« Er schaute zu dem Sergeanten. »Ich weiß es auch ohne Theorien, Schlußfolgerungen, Hypothesen oder anderem gelehrtem Unsinn. Vor einigen Tagen war Großfuß in meinem Büro. Ich hätte Ihnen Großfuß vorstellen können, wenn ich gewollt hätte.«

 

»Den Mörder?«

 

Super nickte.

 

»Großfuß war ganz bestimmt der Mörder.«

 

»Kam er denn durch die Hintertür in das Haus?«

 

Super nickte wieder.

 

»Ja, er kam auf verschiedenen Wegen, er ging sicher durch die Hintertür des Hauses.«

 

Jim war verstört.

 

»Aber hat Hanna Shaw ihn gekannt?«

 

»Nein, Hanna Shaw hat niemals seine Füße gesehen. Sie war tot, ehe Großfuß kam.«

 

»Aber Super, Sie haben doch gesagt, daß sie von ihm ermordet wurde!«

 

»So war es«, sagte Super, als er in die Polizeistation eintrat. »Also denken Sie darüber nach, mein Sohn. – Sergeant, holen Sie mir eine Abendzeitung, ich möchte doch einmal sehen, was diese stenografierenden Verbrecher über mich gesagt haben.«