Kapitel 13

 

13

 

Zehn Minuten danach stand Keller in der Tür seines Zimmers und rief nach Charles. Der Kellner ging zu ihm hinauf, kam dann zurück und holte eine Flasche Kognak.

 

»Der kann was vertragen!« flüsterte er Lorney zu.

 

»Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten«, wies ihn der Wirt zurecht. »Wenn er die Flasche bestellt und austrinkt, dann wird er sie auch bezahlen. Rufen Sie Mrs. Harris, wenn Sie den Kognak nach oben gebracht haben. Sie soll hier bedienen.«

 

Bald danach erschien Rennett und ließ sich eine Zigarre geben. Er kannte Mrs. Harris schon von früher, blieb an der Theke stehen, wählte umständlich eine Zigarre und ließ sich Feuer geben.

 

»Nach neun Uhr abends hat das Dorf wirklich große Ähnlichkeit mit einem Friedhof«, meinte er.

 

Mrs. Harris gab ihm vollkommen recht. Sie stammte aus London und hatte kein Verständnis für die Schönheiten des Landlebens.

 

Sie sah, daß Rennett aufschaute, und nahm an, er bewunderte die schöne, eingelegte Decke.

 

»Ein nettes, altes Haus, was?« sagte sie. »Man kann kaum ein paar Schritte gehen, ohne sich den Kopf zu stoßen. Direkt künstlerisch.«

 

So hatte sie zu allem etwas zu sagen, aber .das meiste kam Rennett reichlich vertraut vor. Schließlich kam das Gespräch auch auf den ›Alten‹. Mrs. Harris erklärte, sie fürchtete sich nicht, nur die Nachbarschaft des Irrenhauses fiele ihr etwas auf die Nerven.

 

Rennett lächelte traurig. Er konnte an keiner Nervenheilanstalt vorbeigehen, ohne daß es ihm einen Stich gab.

 

Als Lorney zurückkam, brach die Unterhaltung, die sowieso hauptsächlich von Mrs. Harris bestritten worden war, ab. Er war, wie Mrs. Harris schon angedeutet hatte, nicht in der besten Laune. Selbst Rennett fiel es schwer, ein Gespräch mit ihm anzufangen. Er versuchte es also noch mal mit der Feststellung, wie ausgestorben das Dorf am Abend wäre.

 

»Ja, es ist wirklich sehr ruhig hier«, erwiderte Lorney. »Aber wir können nicht jeden Abend einen Schloßbrand für Sie inszenieren.«

 

Rennett lächelte.

 

»Den habe ich leider versäumt.«

 

»Aber Sie sind doch von den verschiedensten Leuten gesehen worden!«

 

»Ich war in London.«

 

Lorney gab Mrs. Harris ein Zeichen, daß sie sich entfernen könnte. Rennett war gespannt, was jetzt kommen würde. Er wartete und zog ab und zu an seiner Zigarre.

 

»Wir wollen doch einmal offen miteinander reden, Captain Rennett«, begann Lorney. »Sie sind nicht zum erstenmal bei mir.«

 

»Ganz recht. Vor einem Jahr war ich schon einmal hier.«

 

»Damals haben Sie auch Nachforschungen angestellt. Ich habe zufällig davon erfahren.«

 

Der Amerikaner lächelte.

 

»Es tut mir leid, aber es ist nun einmal eine Gewohnheit von mir, mich überall umzusehen.«

 

John Lorney wandte nicht den Blick von ihm.

 

»Mr. Mayford hat mir neulich erzählt, daß Sie zugleich mit den Arranways in Rom waren. Später sind Sie ihnen dann nach Wien und Berlin nachgereist. Dann kamen Sie in der Nacht, in der das Schloß abbrannte, hierher – nun, wir wollen uns über diesen Punkt nicht streiten. Wir können ja auch sagen, Sie tauchten kurz nach der Rückkehr der Arranways hier auf.«

 

Rennett zwinkerte ihm zu.

 

»Das klingt mir fast wie eine Wiederholung all dessen, was mir mein Freund Collett erzählt hat.«

 

»Es ist mir egal, ob Sie den Arranways auf dem Kontinent nachgereist sind, aber ich möchte gern wissen, warum Sie vor einem Jahr hierherkamen.«

 

Rennett steckte sich plötzlich eine neue Zigarre an.

 

»So, macht Ihnen das Kopfschmerzen? Und wenn ich Ihnen sage, daß ich zufällig hierherkam?«

 

Lorney schüttelte den Kopf.

 

»Das glaube ich nicht.«

 

»Nein? Nun, es kann auch Absicht gewesen sein.«

 

»Die Arranways waren damals nicht hier.«

 

Der Amerikaner nickte.

 

»Das stimmt. Ich interessiere mich auch nicht für sie.«

 

»Sie wollten jemanden treffen, den Sie hier zu finden hofften und hatten kein Glück dabei, nicht wahr?«

 

»Ja, Sie haben recht. Ich hatte in Amerika gewisse Informationen erhalten, die mich veranlaßten. hierherzukommen. Sie wissen, daß ich eine Autorität auf dem Gebiet des Einbruchdiebstahls bin. Meine jahrelange Erfahrung sagte mir, daß es sich bei dem ›Alten‹ nur um einen Berufsverbrecher handeln konnte. Und da Einbrecher stets gewisse Kennzeichen zurücklassen, die man ebenso lesen und deuten kann wie die Handschrift eines Menschen, kam ich hierher, um diesen Einbrecher unter die Lupe zu nehmen.«

 

»Ach, dann war es also doch berufliches Interesse?«

 

»Wenn Sie so wollen, ja. Ich halbe an der Börse etwas Geld verdient und mich pensionieren lassen. Außerdem habe ich keine Kinder mehr … Meine einzige Tochter starb vor einigen Monaten in einer – Nervenheilanstalt. Ich hätte nie geglaubt, daß ich einmal sagen würde: Gott sei Dank, daß sie tot ist, aber jetzt bin ich fast soweit.«

 

Er schwieg eine Weile, in Erinnerungen versunken. Nachdenklich steckte er seine Zigarre wieder in Brand, die inzwischen ausgegangen war.

 

»Deshalb«, fuhr er dann fort, mehr zu sich selber gewandt, »kam ich auch zurück. Ich konzentriere mich völlig darauf, den Mann zu finden, der sie ermordet hat.«

 

Er sagte das ganz ohne Pathos, aber hinter seinen Worten stand eine Drohung, die Lorney das kalte Grausen den Rücken hinunterjagte.

 

Rennett räusperte sich.

 

»Haben Sie nicht ein stilles Zimmer, wo wir beide ungestört miteinander sprechen können?«

 

»Kommen Sie in mein Wohnzimmer.«

 

Lorney führte ihn an der Theke vorbei in das Privatzimmer, das dahinter lag, und schloß die Tür.

 

»Nehmen Sie bitte Platz. Wollen Sie etwas trinken?«

 

»Nein, danke. Aber ich will Ihnen jetzt etwas sagen, das die englische Polizei nicht weiß: den Namen des Mannes, der die Einbrüche verübt hat und der meiner Meinung, nach mit dem ›Alten‹ identisch ist.«

 

Lorney wartete, ohne sich zu bewegen.

 

»Er heißt Bill Radley und war sein Leben lang ein Verbrecher. Ich weiß nicht sehr viel von ihm, aber er soll trotz allem einen sehr anständigen Charakter haben. Als ich in den Zeitungen las, daß der ›Alte‹ immer nur Sachen aus massivem Gold nahm und nur auf der Vorderseite der Häuser einbrach, wußte ich, wer es sein mußte, hören Sie: mußte! Auch erkannte ich an vielen Einzelheiten, daß es sich um Bill Radley handelte.«

 

»Es lebt aber niemand hier in der Gegend, der so heißt«, erwiderte der Wirt, der sich für die Erzählung seines Gastes außerordentlich zu interessieren schien. »Wenigstens nicht, seit ich hier bin.«

 

»Das weiß ich. Ich bin auch gar nicht hinter ihm her, sondern hinter seinem Partner, einem gewissen Barton oder Boy Barton, wie er in Australien wegen seines jungenhaften Aussehens genannt wurde, obwohl er in Wirklichkeit gar nicht mehr so jung ist.«

 

»Ist er auch ein Einbrecher?«

 

»Nein, für diese Art Tätigkeit ist er nicht mutig und nicht klug genug. Er arbeitet nur mit dem anderen zusammen, verkehrte in der besten Gesellschaft und schaute sich nach guten Gelegenheiten um. Bill führte dann den Einbruch aus. Ungefähr vor fünf Jahren wurden beide gefaßt, als sie die Bank in Carra-Carra ausraubten. Boy Barton schoß einen Polizeibeamten nieder, und deshalb bekamen sie zehn Jahre.«

 

»Dann sitzen sie ja noch.«

 

Rennett lächelte.

 

»Das sollten sie eigentlich, aber sie entkamen auf dem Weg vom Gericht zum Gefängnis. Ich interessiere mich nicht dafür, was Bill Radley macht – merken Sie sich das, Mr. Lorney. Aber dieser Boy Barton kam in die Vereinigten Staaten, und zwar nach St. Louis. Er nannte sich Lord Boyd Barton Lancegay. Der Name klang gut. Er lernte eine junge Dame kennen, verliebte sich in sie oder tat wenigstens so, und ihr verrückter alter Vater freute sich darüber, daß seine Tochter eine ›Lady‹ werden sollte. – Ich gab ihr fünfzigtausend Dollar Mitgift, kaufte ein hübsches Haus für die jungen Leute und richtete es ein. Nach einem Jahr kam ein furchtbares Erwachen für mich, aber da war es zu spät. Boy Barton brachte seine Frau in eine Nervenheilanstalt, dann machte er, daß er fortkam, nachdem er noch einige Schecks mit meiner Unterschrift gefälscht hatte. Nun, auf das Geld kommt es ja nicht an, aber Sie können sich sicher vorstellen, wie mich die Geschichte mitgenommen hat. – Haben Sie vielleicht schon davon gehört?«

 

»Nein, ich hatte keine Ahnung davon. – Wo ist er denn jetzt?«

 

Rennett zuckte die Achseln.

 

»Irgendwo hier in der Nähe, soviel ich vermute.«

 

»Haben Sie denn schon eine Spur von ihm – oder ihn selbst?«

 

Eine Zeitlang antwortete der Amerikaner nicht.

 

»Ja«, sagte er dann, »zufällig entdeckte ich ihn. Und dann heftete ich mich an seine Fersen.«

 

»Jetzt verstehe ich. Also war es tatsächlich ein Zufall, daß Sie vor einem Jahr herkamen. Sie glaubten, Radley wäre hier, weil die Einbrüche genau nach seiner Methode ausgeführt wurden. Und nachher sahen Sie, daß Sie sich geirrt hatten.«

 

»Nein, es war nicht Radley. Aber trotzdem tut es mir nicht leid, daß ich hergekommen bin. Mr. Collett ist ein bißchen neugierig, und ich habe ihn auch bis zu einem gewissen Grad aufgeklärt. Natürlich habe ich ihm nichts von Radley oder Boy Barton gesagt. Das ist meine eigene Angelegenheit, und ich hoffe, Sie werden mein Vertrauen nicht mißbrauchen.«

 

John Lorney lächelte.

 

»Die Wände dieses Zimmers haben schon viel Vertrauliches gehört, Captain Rennett.«

 

Die beiden Männer verließen das Zimmer und gingen durch die Diele nach draußen. Es regnete nicht mehr, und der Mond zeigte sich ab und zu zwischen den Wolken.

 

»Meine Geschichte ist nicht allzu aufregend«, sagte Rennett abschließend. »Wenn man das Dach des Hauses hier abheben könnte, würde man wahrscheinlich viel merkwürdigere Dinge erfahren.«

 

Lorney antwortete nicht. Er ließ Rennett stehen und ging geräuschlos über den Rasen zum Fuß der Treppe, die auf den Balkon hinaufführte. Von hier aus konnte er alle Fenster sehen. In einem brannte Licht hinter einem dunkelblauen Vorhang – dort wohnte Lady Arranways.

 

Bei Keller war es dunkel, und Lorney ging einige Schritte weiter, bis er die letzte Glastür genau beobachten konnte. Zuerst glaubte er, daß kein Licht dort brannte, aber gleich darauf sah er einen schwachen Lichtschein, als der Wind die Vorhänge bewegte. Zufrieden wandte er sich um.

 

Rennett war verschwunden.

 

Kapitel 14

 

14

 

Anna war nicht ins Bett gegangen. In verzweifelter Stimmung hatte sie angefangen zu packen, aber sie brachte alles durcheinander. Sie wollte am kommenden Morgen nach London fahren, weil sie Angst hatte – Angst vor Keller. Sie wußte, daß sie ein drittesmal nicht mit ihm fertig werden würde. Bisher hatte immer sie selbst bestimmt, mit wem sie etwas zu tun haben wollte und mit wem nicht, und mit, der Zeit hatte sie sich ein gewisses Selbstvertrauen angeeignet. Sie war der Meinung, alles im Leben spielte sich nach feststehenden Regeln ab.

 

Das Erlebnis mit Keller hatte ihre Sicherheit ins Wanken gebracht.

 

Sie setzte sich hin, um ihm einen Brief zu schreiben – einen ausführlichen Brief, in dem sie ihm auseinandersetzen wollte, was man ihrer Meinung nach tat und was nicht. Sie hoffte, ihn dadurch zu überzeugen und – zu bessern. Aber nachdem sie dreimal angefangen und den Brief dann wieder zerrissen hatte, wurde sie sich des eigentlichen Grundes für ihre Besserungsversuche bewußt: Es war nicht so sehr der Wunsch, einen besseren Menschen aus ihm zu machen, als der, sich selbst ein Zeugnis über ihren großartigen Charakter auszustellen, der fern von allen Versuchungen auf dem Pfade der Tugend wandelte.

 

Schließlich siegte aber ihr angeborener Sinn für das Komische, und sie gab es auf. Wenigstens war sie dabei ruhiger geworden.

 

Sie hatte eben den letzten Brief in tausend Fetzen gerissen, als sie ein Klopfen hörte.

 

Entsetzt starrte sie auf die Tür, die glücklicherweise abgeschlossen war. Als das Klopfen wiederholt wurde, schlich sie zur Tür und horchte.

 

»Schlafen Sie schon? Kann ich noch hereinkommen?«

 

Es war Lady Arranways Stimme. Anna schloß auf.

 

»Sind Sie krank?« fragte Mary ernstlich besorgt.

 

»Nein, es geht mir ganz gut«, versicherte Anna. »Kommen Sie bitte herein. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich wieder abschließe?«

 

»Nein, im Gegenteil. Was ist denn mit Ihnen los? Sie sehen ja ganz blaß aus. Sie haben vorhin etwas Häßliches erlebt, nicht wahr? – Darf ich rauchen?«

 

Anna nahm eine Zigarette aus dem goldenen Etui, das Mary ihr hinhielt.

 

Mary setzte sich aufs Bett und zog Anna neben sich.

 

»Ich weiß, was heute nachmittag passiert ist – ich hab‘ es gesehen.«

 

»So? – Im Wald?«

 

Mary nickte.

 

Anna wurde rot.

 

»Es war so gemein!« sagte sie tonlos. »Heute abend war er auch noch hier im Zimmer.«

 

»Auch das weiß ich. Ich habe gesehen, wie Sie auf den Balkon hinausstürzten.«

 

Es entstand eine Pause. Nur das Ticken der kleinen Uhr auf dem Nachttisch war zu hören.

 

»Ist er ein Freund von Ihnen?« fragte Anna fast entschuldigend. »Ich meine, kennen Sie ihn eigentlich schon sehr lange?«

 

»Nein, nicht sehr lange. Aber er ist sehr eng mit mir befreundet – das heißt, er war es. Vermutlich spricht das ganze Dorf darüber.«

 

»Ich habe noch nichts gehört«, log Anna. »Natürlich wußte ich, daß er bei Ihnen und Ihrem Mann auf dem Schloß wohnte. Wer ist er eigentlich?«

 

»Er ist Australier – nein, er ist in England geboren, aber er lebte in Australien. – Wie lange war er eigentlich in Ihrem Zimmer? Ich habe Sie nämlich nicht heraufkommen hören.«

 

»Höchstens eine Minute – nein, noch nicht einmal. Er küßte mich und versuchte mich festzuhalten, aber ich konnte mich losreißen.«

 

Lady Arranways seufzte erleichtert auf.

 

»Sie sind noch sehr jung und eigentlich die letzte, die ich um Rat fragen sollte, aber bitte sagen Sie mir, was Sie tun würden, wenn Sie zu weit gegangen wären … Ich meine, wenn Sie vollkommen verantwortungslos gehandelt hätten – und wenn Sie einen Zettel wie diesen unter Ihrer Tür fänden.«

 

Sie zog ein Blatt Papier aus ihrer Handtasche und faltete es zögernd auseinander.

 

Anna nahm es und überflog den kurzen Text, der in peinlich ordentlicher Handschrift darauf stand. Mr. Keller hatte seine Schrift nach den Regeln der Ästhetik gestaltet, aber ein geübtes Auge kannte trotzdem noch gewisse Züge von Primitivität darin erkennen.

 

›Am Sonnabend brauche ich 3000 Pfund. Ich übersiedle dann auf den Kontinent und werde Dich nie wieder belästigen. Oder ist es Dir lieber, wenn ich mich an Eddie wende?‹

 

»Hat er denn selbst kein Geld?« fragte Anna überrascht. »Er sagte mir, er wäre sehr reich, besäße eine große Farm in Australien … Wollen Sie ihm das Geld geben?«

 

Mary Arranways faltete das Blatt wieder zusammen und steckte es in die Tasche zurück.

 

»Er weiß genau, daß ich keine dreitausend Pfund habe, aber er erwartet, daß ich meinen Mann darum bitte.«

 

Anna sah sie erst verständnislos an, aber dann begriff sie plötzlich.

 

»Das ist ja Erpressung!«

 

Mary nickte.

 

»So kann man es nennen. Scheußlich, nicht wahr? Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll.«

 

»Daß so jemand überhaupt weiterleben darf! Man sollte ihn … Ach, ich benehme mich wirklich hysterisch. Entschuldigen Sie bitte.«

 

Mary stand auf und gab Anna die Hand.

 

»Würden Sie so freundlich sein, die Balkontür aufzuschließen? Ich möchte außen herum gehen. Nun gute Nacht, und haben Sie Dank für Ihr Zuhören.«

 

Anna schloß auf, und Mary trat hinaus, wich aber sofort wieder ins Zimmer zurück.

 

»Da draußen ist ein Mann!« sagte sie leise.

 

Annas Herz fing an zu hämmern.

 

»Wo?«

 

»Am hinteren Ende – sehen Sie, dort!«

 

Ängstlich schaute Anna durch den Türspalt. Zuerst konnte sie nichts entdecken, aber dann sah sie, daß sich am Ende des langen Balkons eine Gestalt bewegte und gleich darauf verschwand.

 

»War das …?« fragte sie leise.

 

»Nein, Keller war es nicht. Meiner Meinung nach war es ein viel größerer Mann. Ich dachte zuerst an Mr. Rennett; aber bei der Beleuchtung konnte ich natürlich keine Einzelheiten erkennen.«

 

Sie warteten noch fünf Minuten, aber die Gestalt erschien nicht wieder.

 

»Wollen wir nicht lieber die Tür zumachen?« fragte Anna ängstlich.

 

»Ich muß in das Zimmer meines Mannes. Dort liegt etwas … etwas, das mir gehört: und das ich brauche. Die Tür zum Gang ist abgeschlossen. Vielleicht ist die Balkontür auf.«

 

Sie trat in die Dunkelheit hinaus. Anna wartete eine Weile. Dann hörte sie die Stimme von Lady Arramways.

 

»Es ist alles in Ordnung, ich danke Ihnen. Ich gehe jetzt wieder in mein Zimmer. Gute Nacht.«

 

Anna schloß die Balkontür ab und zog die Vorhänge zu.

 

Kapitel 1

 

1

 

Die häßlichen roten Backsteingebäude auf der Höhe von Sketchley Hill hießen offiziell ›Landesirrenanstalt‹, aber in der Gegend wurden sie allgemein ›das Asyl‹ genannt. Nur die ältesten Leute konnten sich noch daran erinnern, welch heftigen Widerstand die Bevölkerung seiner Errichtung entgegengesetzt hatte, aber die Beamten, die es anging, waren vernünftig und erklärten, daß Geisteskranke doch auch ein Anrecht darauf hätten, etwas von der Schönheit der Natur zu genießen, und daß dieser wunderbare Ausblick nach allen Seiten sicher wohltuend auf sie wirken würde.

 

Diese Auseinandersetzung hatte sich vor langer Zeit abgespielt, als der ›Alte‹ noch ein junger Mann war und mit düsterem Gesicht durch Wälder und Felder streifte und merkwürdige Pläne schmiedete. Aber schon bald fürchtete man, seine phantastischen Gedanken könnten sich gemeingefährlich auswirken, und so ließ man ihn von drei Ärzten untersuchen, die ihn die gleichgültigsten Dinge fragten – so kam es ihm wenigstens vor – und die ihn danach in geschlossenem Wagen in die Anstalt brachten.

 

Dort lebte er dann viele Jahre. Inzwischen rasten Kriege und Revolutionen über die Erde, wurden Könige von ihren Thronen verbannt und die leichten Kutschwagen von den Landstraßen, wo jetzt Autos in großen Staubwolken dahinsausten.

 

Manchmal fühlte der ›Alte‹ eine unstillbare Sehnsucht, aus den hohen roten Mauern herauszukommen, wieder unter normalen Menschen zu leben. Von seinem Fenster aus konnte er die Giebel von ›Arranways Hall‹ sehen. Seit vierundvierzig Jahren schaute er nun immer durch dasselbe Fenster auf dieselben Giebel.

 

Aber eines Nachts konnte er es nicht mehr aushalten; die Sehnsucht nach den Wäldern und einem Leben in Freiheit wurde übermächtig in ihm. Er dachte an die Höhlen, an die Stellen im Wald, wo er als Junge unter den großen Farnen geträumt hatte, an den Steinbruch mit den senkrecht abfallenden Wänden und dem tiefen Teich davor. Leise stand er auf, kleidete sich an, verließ sein Zimmer und ging die Treppe hinunter. In der Hand trug er einen schweren Hammer, den er vor einiger Zeit gestohlen und seither versteckt hatte.

 

Unten in der Halle schlief der Wärter – der ›Alte‹ schlug ihn mit dem Hammer mehrmals auf den Kopf. Der Mann gab keinen Ton von sich. Der ›Alte‹ nahm den Schlüsselbund und schloß die Türen auf. Dann eilte er durch den Garten und war bald darauf durch das große Tor verschwunden. Mit seinem weißen, unordentlichen Bart sah er richtig unheimlich aus, als er in den frühen Morgenstunden kurz vor Sonnenaufgang durch die kühlen Wälder von Sketchley strich. Am Rande des Steinbruchs setzte er sich schließlich hin und versank in Träumereien, während er in das stille Wasser des Teichs tief unter sich starrte.

 

*

 

Mr. Lorney, der neue Wirt des Gasthauses in Sketchley, wollte sich nicht an der Verfolgung des Entsprungenen beteiligen. Er war ein großer, breitschultriger Mann mit kahlem Kopf und harten Zügen. Seine Stimme klang energisch, und er trieb sein Personal ständig zur Arbeit an. Bei der Jagd mitzumachen, hatte er keine Lust, soweit fühlte er sich für das Allgemeinwohl doch nicht mitverantwortlich.

 

Er wohnte erst seit kurzem in Sketchley und wurde deswegen von den Einheimischen mit einem gewissen Mißtrauen beobachtet, das er in gleichem Maße erwiderte. Er wettete dauernd, aber mit Verstand. Ab und zu fuhr er nach London, und selbstverständlich besuchte er alle Rennen in der Umgegend. Trotzdem konnte man nicht sagen, daß er sein Geschäft irgendwie über seiner Liebhaberei vernachlässigte. Von Anfang an hatte er sich vorgenommen, für besser gestellte Leute Wochenendappartements einzurichten. Deshalb baute er das etwas verfallene Haus um, das noch aus der Tudorzeit stammte. Auch den verwilderten Garten hatte er neu angelegt und die Fassade des Gasthauses frisch gestrichen.

 

Die Reporter, die nach Sketchley kamen, um über den geflüchteten Geisteskranken zu berichten, fanden bei Mr. Lorney ein bequemes und gutes Quartier. Obwohl sie wenig wirklich Neues entdeckten, von dem ›Alten‹ ganz zu schweigen, verfaßten sie die sensationellsten Artikel. Spaltenlang beschrieben sie die aufregenden Streifen durch die Wälder und die geheimnisvollen Höhlen, die noch niemand genau untersucht hatte. Von den Landleuten ließen sie sich allerhand Geschichten über den ›Alten‹ erzählen; außerdem war auch noch über den toten Wärter zu berichten, dessen geheimnisvolle Vorahnung seines Todes jetzt von seinen Freunden bestätigt wurde und dessen Begräbnis viel Stoff zum Schreiben lieferte.

 

Aber nach einer Weile, als von dem ›Alten‹ immer noch keine Spur zu entdecken war, versiegte das Interesse der Öffentlichkeit, und die Furcht der Leute in den umliegenden Dörfern schlief ein.

 

»Je eher die Sache vergessen wird, desto besser«, meinte John Lorney. »Für uns ist der Fremdenverkehr von größtem Interesse. Wenn die Gäste immer an den ›Alten‹ mit dem Hammer erinnert werden, bekommen wir eine schlechte Saison.«

 

Man nahm an, daß der ›Alte‹ tot sei oder sich in eine andere Gegend verzogen habe.

 

*

 

Aber dann tauchte der ›Alte‹ plötzlich doch wieder auf. Man sah ihn in derselben Nacht, als in ›Tinsden House‹ silbernes Geschirr im Wert von etwa tausend Pfund gestohlen wurde. Ein Arbeiter, dessen Frau krank war, ging auf der Straße auf und ab und erwartete die Ankunft des Arztes. Plötzlich sah er, daß sich eine Gestalt aus dem Schatten einer Hecke löste, über die Straße rannte und in der nahen Schonung verschwand. Im Mondlicht erkannte er den weißen Bart des ›Alten‹. Als der Doktor ankam, hatte er zwei Patienten zu versorgen.

 

Die Bewohner von Sketchley fingen wieder an, alles zu verriegeln, und niemand traute sich nachts allein auf die Straße.

 

Aus Guildford und sogar von Scotland Yard wurden Kriminalbeamte nach Sketchley geschickt, und der Polizeidirektor hielt eine Konferenz ab.

 

Während sich noch alle Leute über den ersten Einbruch den Kopf zerbrachen, wurde in einem nahegelegenen Schloß ein zweiter verübt. Diesmal sah der Chauffeur des Postautos, das von Guildford nach London fuhr, einen weißhaarigen Mann in abgetragenen Sachen auf der Landstraße entlangwandern.

 

Chefinspektor Collett kam von London und ließ sich die Personalakten des Geisteskranken zeigen, aber er konnte keinen Anhaltspunkt finden, der ihm half, das Geheimnis aufzuklären.

 

»Entweder muß er ein erstklassiger Einbrecher gewesen sein, als er noch jung war«, sagte er kopfschüttelnd, »oder er hat das alles in der Anstalt gelernt. Das wäre nicht das erste Mal. Ich kann mich ganz genau auf so einen Fall besinnen …«

 

Der dritte Einbruch geschah in ›Arranways Hall‹. Lord Arranways hörte mitten in der Nacht ein Geräusch, ging in das Schlafzimmer seiner jungen Frau und weckte sie.

 

»Wenn ich mich nicht irre, ist unten ein Fenster eingedrückt worden«, sagte er leise. »Ich gehe einmal hinunter und schaue mich um.«

 

»Warum verständigst du nicht jemanden vom Personal?« fragte sie ängstlich, stand auf, schlüpfte in ihren Morgenrock und folgte ihm durch den dunklen Gang die breite Treppe hinunter. Er flüsterte ihr zu, daß sie oben bleiben solle, aber sie schüttelte nur den Kopf. Vorsichtig ging er durch die stille Eingangshalle und öffnete die Tür zur Bibliothek. Im gleichen Augenblick sprang jemand aus dem Schatten und war deutlich in der offenen Glastür zu erkennen. Der Lord riß den Revolver hoch und drückte ab. Gleich darauf hörte man, daß Glas splitterte.

 

»Warum hast du das getan?« fragte er ärgerlich.

 

Als er die Waffe hob, hatte sie seinen Arm in die Höhe geschlagen, so daß der Schuß in den Kristalleuchter ging und Scherben von der Decke fielen.

 

»Warum wolltest du auf den alten Mann schießen? Hast du nicht seine weißen Haare gesehen?«

 

Der Lord hatte ein reizbares, jähzorniges Wesen. Er war zum zweitenmal verheiratet. Das Verhalten seiner zweiten und sehr jungen Frau regte ihn manchmal auf.

 

»Der Kerl war wahrscheinlich schwer bewaffnet«, brummte er. »Du hast dich verrückt benommen!«

 

Sie lächelte und ging zu der offenen Tür, die auf die Terrasse führte. Nirgends war etwas von dem alten Mann zu sehen. Hastig angekleidete Diener eilten die Treppe herunter, und alle Räume im Erdgeschoß wurden durchsucht. Es stellte sich heraus, daß einer der zwei goldenen Becher, die Charles I. dem siebenten Grafen von Arranways geschenkt hatte, verschwunden war.

 

Eddie Arranways lief eine Woche lang mit düsterem Gesicht herum und war seiner Frau böse.

 

Der ›Alte‹ war wieder das Gespräch des Tages.