Kapitel 11

 

11

 

Dick Mayford und Anna Jeans saßen sich beim Essen gegenüber. Es war ziemlich einsilbig verlaufen, aber als Charles den Kaffee gebracht hatte, hielt Dick es nicht mehr aus.

 

»Anna, haben Sie heute etwas Unangenehmes erlebt – im Wald? Ich sah, wie Sie zurückkamen.«

 

»Wenn Sie gesehen hätten, wie ich wegging, wäre es besser gewesen«, erwiderte sie vorwurfsvoll.

 

»Was ist denn passiert?«

 

Sie antwortete nicht, und er wiederholte seine Frage.

 

»Ach nichts – nichts, was Sie angeht.« Sie lehnte sich plötzlich vor. »Ich habe mich immer gewundert, daß Leute aridere Menschen umbringen können. Das war mir unbegreiflich. Sooft ich von einem Mord las, hatte ich das Gefühl, daß er in einer anderen Welt passiert sein müßte, mit der ich nichts zu tun habe. Aber jetzt weiß ich wenigstens, wie man zu so etwas kommen kann.«

 

Sie sprach leise, aber ihre Stimme klang nicht ganz fest. Dick war sprachlos über die Leidenschaft, die er hinter ihren Worten spürte.

 

»War es Keller? Was hat er Ihnen getan?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Sie brauchen sich keine Sorgen um mich zu machen wenigstens nicht in der Beziehung.«

 

Sie blickte aufs Tischtuch und zeichnete mit dem Löffel sonderbare Linien darauf.

 

»Es war so entsetzlich, weil er sich nicht mit einem Kuß zufriedengeben wollte. Ich konnte ihn einfach nicht loswerden.«

 

Dick kochte vor Wut über diesen Keller. Er glaubte auch nicht recht, daß das schon alles gewesen war.

 

»Haben Sie mit jemanden darüber gesprochen?« fragte er plötzlich. »Etwa mit Lorney?«

 

»Nein, nur Ihnen habe ich es erzählt. Ach, eigentlich ist es gar nicht wert, daß man sich so darüber aufregt. Aber –«

 

In diesem Augenblick trat Charles ins Zimmer.

 

»Es möchte Sie jemand am Telefon sprechen, Mr. Mayford.«

 

Dick sah ihn an und fragte: »Wer denn?«

 

»Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, Lord Arranways.«

 

Anna schaltete sich ein.

 

»Ist er denn nicht zur Stadt gefahren? Ich wollte dringend mit Ihnen über ihn sprechen und über –«

 

»– meine Schwester?« fragte er geradezu. »Wahrscheinlich hat man Ihnen auch darüber Gerüchte zugetragen. Haben Sie etwas gehört?«

 

Sie wurde rot.

 

»Sie dürfen den Lord nicht so lange warten lassen.«

 

Als er hinausging, kam sie ihm in die Diele nach und wartete dort, bis er zurück war. Er sah bedrückt und niedergeschlagen aus.

 

»Der Lord ist in einem Dorf, ein paar Meilen von hier entfernt. Was er dort eigentlich tut, ist mir schleierhaft. Jedenfalls muß ich hinfahren und mit ihm sprechen.«

 

Hilflos schaute Dick von ihr zu Charles. Er machte sich immer noch Sorgen um sie.

 

»Können Sie nicht irgend etwas unternehmen – irgendwo anders hingehen? Vielleicht ins Kino?« schlug er vor. »Ich möchte Sie nicht alleine hierlassen.«

 

»Bitte, machen Sie doch nicht so ein Theater wegen dieser Sache«, sagte sie beinahe ärgerlich. »Ich komme bestimmt nicht mit, und morgen fahre ich ja nach London.«

 

Dick sah sich um.

 

»Wo ist eigentlich Mr. Lorney?«

 

»Der wird schon irgendwo sein«, meinte Charles unbestimmt. »Er sagt mir nie, wo er hingeht.«

 

Dick und Anna trennten sich etwas verlegen. Ohne ein Wort zu sagen, ging Anna die Treppe hinauf. Dick wartete, bis er sie nicht mehr sehen konnte; dann fiel ihm schlagartig alles ein, was er sie noch hatte fragen wollen. Aber nun war es zu spät.

 

*

 

Die erste Tür im Korridor führte zu Kellers Zimmer, und Anna seufzte erleichtert auf, als sie von drinnen nichts hörte.

 

Sie öffnete ihre eigene Tür und schloß sie hinter sich. Der Raum lag im Dunkeln, und sie tastete nach dem Schalter.

 

»Mach kein Licht«, sagte plötzlich eine Stimme.

 

Anna fuhr zusammen.

 

»Wer ist da?« brachte sie mühsam hervor, aber die Frage war eigentlich überflüssig. Sie wußte nur zu gut, wer es war. Jetzt sah sie auch die Silhouette eines Mannes, die sich deutlich gegen den helleren Hintergrund des Fensters abhob.

 

»Ich muß mit dir sprechen. Ich möchte mich wegen meines Benehmens heute nachmittag entschuldigen – ich hatte den Kopf verloren. Hoffentlich hast du Dick Mayford nichts gesagt. Der ist imstande und bringt mich um. Seit Stunden habe ich gewartet, daß du endlich kommst.«

 

»Wenn Sie nicht sofort mein Zimmer verlassen, rufe ich Mr. Lorney!« rief sie schrill. Im Innern verachtete sie sich dabei selbst, daß sie es nicht fertigbrachte, Keller allein loszuwerden.

 

Sie versuchte noch einmal, den Schalter zu erreichen, aber er zog sie an sich. Der Duft seines Herrenparfüms verriet, daß er darin einen guten Geschmack hatte. Aber das interessierte sie jetzt nicht.

 

»Ich liebe dich«, flüsterte er eindringlich. »Noch nie ist mir ein Mädchen begegnet, das so schön und begehrenswert war wie du.«

 

Er küßte sie. Sie stand wie gelähmt. Aber plötzlich riß sie sich los, schlug ihn ins Gesicht und stürzte auf die Balkontür zu.

 

Sie schloß auf und lief den Balkon entlang, die Treppe hinunter und ums Haus. Ein Mann stand in der Eingangstür. Sie lief an ihm vorbei und kam atemlos in der Diele an.

 

Lorney, der hinter der Theke gesessen hatte, stand auf und kam auf sie zu.

 

»Aber Miss Anna, was ist denn mit Ihnen los?«

 

»Ein Mann ist in meinem Zimmer!«

 

Lorney ließ sie los, eilte die Treppe hinauf, riß die Tür zu ihrem Zimmer auf und machte Licht. Es war leer, und die Balkontür stand weit offen. Eine Ecke des Teppichs war hochgeschlagen, als ob jemand mit dem Fuß darüber gestolpert wäre.

 

»Offensichtlich ein Einbrecher, der Parfüm benutzt«, sagte plötzlich eine ruhige Stimme. »Solche Leute mag ich gerne.«

 

Lorney drehte sich um und sah Collett, der ihn vom äußeren Ende des Korridors beobachtet hatte und nun hinter ihm stand.

 

»Er muß durch die Balkontür hinaus sein«, meinte Lorney.

 

Der Kriminalbeamte nickte.

 

»Das junge Mädchen anscheinend auch, denn ich habe sie zwar hinauf-, aber nicht wieder hinuntergehen hören. Wer kann denn der Mann gewesen sein?«

 

»Das bringe ich schon noch heraus«, erwiderte Lorney ruhig. »Eine Ahnung habe ich jedenfalls.«

 

Als er wieder unten war, fragte er Anna: »Sie haben den Mann nicht erkannt?«

 

Sie sah von Collett zu Lorney und schüttelte den Kopf. Collett merkte, daß sie nicht die Wahrheit sagte.

 

»Nein, er hat mich furchtbar erschreckt, das war alles.«

 

Als Lorney Anna beruhigt hatte, machte er sich auf die Suche nach Keller.

 

Er fand ihn in seinem Zimmer.

 

»Ich war die ganze letzte Stunde hier und habe Briefe geschrieben, an meine Verlobte in Australien«, erklärte er kühl.

 

»Jemand war in Miss Jeans‘ Zimmer. Waren Sie das vielleicht?« fragte Lorney finster.

 

Keller ließ sich nichts anmerken.

 

»Nein, ich war es nicht – aber der Eindringling hat jedenfalls keinen schlechten Geschmack bewiesen. – War es vielleicht der ›Alte‹? Aber eigentlich sind doch junge Mädchen nicht sein Gebiet. Hat Miss Jeans ihn denn nicht erkannt?«

 

»Woher wissen Sie denn, daß Miss Jeans ihn gesehen hat?« fragte Lorney mißtrauisch.

 

»Na, irgendwer muß ihn doch gesehen haben, sonst würde doch nicht dies Tamtam um ihn gemacht. – Meinen Sie, er ist hier im Zimmer? Vielleicht sehen Sie sicherheitshalber einmal unter dem Bett nach.«

 

Keller nahm sich eine neue Zigarette aus der Kiste, die vor ihm auf dem Schreibtisch stand.

 

Lorney ging wütend aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Unten in der Diele hörte er Collett lachen. Es ärgerte ihn, daß er sich offensichtlich keine Sorgen mehr um den Einbrecher machte.

 

»Sie gehören also auch zu diesen amerikanischen Superdetektiven, von denen man soviel hört«, sagte Collett gerade.

 

»Ach, übertreiben Sie doch nicht so.« Das war Captain Rennetts Stimme. »Auf der ganzen Welt hört man nur Wunderdinge von der englischen Kriminalpolizei.«

 

»Wonach suchen Sie hier eigentlich, Captain?« fragte Collett.

 

»Oh – ich interessiere mich für den ›Alten‹. Außerdem liebe ich diese Gegend. Sketchley ist wirklich so schön, wie man es nur auf Bildern sieht – sanfte Täler, alte Parks, dazwischen Schlösser mit Gespenstern …«

 

Collett schob einen Stuhl an den Tisch, wo sich der Amerikaner niedergelassen hatte.

 

»Das soll Ihnen jemand anders glauben! Sie sind imstande, mir mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt die größten Schauermärchen zu erzählen.«

 

Rennett schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich wüßte wirklich nicht, was ich hier sonst sollte –«

 

»Oh, ich wüßte das schon«, unterbrach ihn Collett. »Ich selbst bin ja extra Ihretwegen hergeschickt worden, nicht etwa um den ›Alten‹ aus seinem wohlverdienten Grab zu holen. Das ist meine persönliche Meinung«, setzte er schnell hinzu, als er das erstaunte Gesicht von Captain Rennett sah. »Offiziell soll ich mich natürlich auch um diese Angelegenheit kümmern. Aber Sie sind der eigentliche Magnet, der mich hergezogen hat. – Kennen Sie übrigens Lord Arranways?«

 

»Ich habe ihn gesehen«, entgegnete Rennett unbeeindruckt.

 

»Das ist aber ziemlich zahm ausgedrückt«, meinte Collett. »Sie sind ihm, soviel ich weiß, durch halb Europa gefolgt. Was bezweckten Sie damit?«

 

Rennett lächelte.

 

»Man trifft doch manchmal immer wieder dieselben Leute, wo man auch hingeht. Nein, von Interesse kann da keine Rede sein, und schon gar nicht für Lord Arranways. Er ist für mich nur einer unter den vielen Lords, die es in England gibt und die ja sicher auch ab und zu Reisen auf den Kontinent machen.«

 

Collett sah ihn aufmerksam an.

 

»Dann – interessieren Sie sich vielleicht für Lady Arranways?«

 

»Auch das nicht. Verheiratete Frauen interessieren mich nicht, selbst wenn sie sehr schön sind. Ich bin überhaupt zu alt für Abenteuer. Ich reise wirklich nur zu meinem Vergnügen.«

 

»Warum hat man‘ Sie eigentlich bei dem Brand von ›Arranways Hall‹ gesehen? Warum sind Sie erst später hier im Gasthaus aufgetaucht und warum haben Sie dann getan, als hätten Sie von nichts eine Ahnung?«

 

»Sie verstehen aber ganz nett, die Leute auszufragen, mein lieber Inspektor! Wer hat mich denn verraten? Vielleicht der Kellner Charles oder Mrs. Harris? Nun, ich gebe zu: Ich war bei dem Brand. Aber um Ihnen die Gründe auseinanderzusetzen, würde ich eine Stunde brauchen. Glauben Sie mir denn wirklich nicht, daß ich einer von jenen exzentrischen Amerikanern mittleren Alters bin, die nicht wissen, was sie sonst mit ihrer Zeit anfangen sollen?«

 

Der Chefinspektor schüttelte den Kopf.

 

»Ein Amerikaner, der in Ihrem Alter nicht weiß, was er mit: seiner Zeit anfangen soll, ist allerdings exzentrisch – das gebe ich zu. Aber ein Kriminalbeamter, der zwanzig bis dreißig Jahre Praxis hinter sich hat, verfolgt nicht eine Gesellschaft von extravaganten Engländern durch halb Europa – bloß so zum Zeitvertreib. Von solchen Sachen hat er dann meistens genug.«

 

Rennett blickte auf die Uhr und erhob sich.

 

»Ich werde noch ein bißchen Spazierengehen und sehen, was hier in Sketchley für Verbrechen begangen werden, damit ich nicht aus der Übung komme.«

 

Er nickte Collett zum Abschied zu, nahm seinen Hut vom Haken und ging in die Nacht hinaus.

 

Kapitel 12

 

12

 

Als Lorney wieder in die Diele kam, fand er Mr. Collett eifrig damit beschäftigt, ein Kreuzworträtsel zu lösen. Er ging an ihm vorbei, aber der Chefinspektor rief ihn zurück.

 

»Wer ist eigentlich dieser Keller? Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber viel von ihm gehört.«

 

»Er kommt aus Australien.«

 

»Ist er mit den Arranways zusammen?«

 

Eine kleine Pause trat ein.

 

»Er begleitete sie auf einer Reise.«

 

»Und jetzt nicht mehr? Ich dachte eigentlich, die Gerüchte wären übertrieben, die ich in London über die Auseinandersetzungen in der Familie Arranways gehört habe.«

 

»Ich kümmere mich nicht um die Angelegenheiten anderer Leute.«

 

»Dieser Keller ist doch nicht daran schuld?« fragte Collett hartnäckig weiter. »Ich möchte mir den Mann einmal ansehen.«

 

»Er wohnt auf Zimmer acht.«

 

Collett lachte. »Er ist ein gutaussehender Mann, der ein gutes Parfüm benutzt, nicht wahr?«

 

Lorney war schon halb auf der Treppe, drehte sich aber noch einmal um.

 

»Ich weiß nicht, ob er gut aussieht oder nicht. Jedenfalls kann ich ihn nicht ausstehen.«

 

Lady Arranways erschien oben auf der Treppe, und Lorney trat zur Seite, damit sie vorbei konnte.

 

Collett hatte sie noch nicht gesehen. Er kannte sie nur von Gesellschaftsberichten aus Illustrierten, müßte jetzt aber feststellen, daß sie in Wirklichkeit viel schöner war. Eine blasse, kühle Frau mit feingeschnittenem Gesicht. Sie schaute nicht in seine Richtung, als sie durch die Diele in den kleinen Salon ging, aber er war sicher, daß sie ihn trotzdem gesehen hatte. Diese Erfahrung hatte er schon öfter gemacht. Frauen, und besonders gewandte und attraktive Frauen, schienen nirgends hinzusehen und doch alles um sich zu bemerken. Er hatte sich schon oft gewünscht, diese für einen Kriminalbeamten so wertvolle Fähigkeit zu besitzen. Ihm sah man es immer schon von weitem an, wenn er hinter jemandem her war.

 

»Das war Lady Arranways, nicht wahr?«

 

Lorney nickte.

 

Der Chefinspektor sah ihn nachdenklich an.

 

»Ich glaube, ich mache noch einen kleinen Spaziergang«, meinte er dann.

 

»Na, da werden Sie sicher Captain Rennett treffen, der ist auch ins Dorf gegangen.«

 

»Oh, da bin ich im Augenblick gar nicht so scharf drauf.«

 

Lorney begleitete ihn bis zur Haustür und ging dann in den kleinen Salon zu Lady Arranways.

 

»Wer war denn der Herr?« erkundigte sie sich prompt.

 

»Chefinspektor Collett von Scotland Yard, Mylady«, imitierte Lorney die sachliche Art des Kriminalbeamten.

 

»Was tut er denn hier?« fragte sie schnell. Sie mußte unwillkürlich an das unselige Armband denken.

 

»Er verbringt seinen Urlaub hier. Ich glaube nicht, daß er beruflich hier ist.«

 

»Könnte es sein, daß Lord Arranways ihn hat kommen lassen?«

 

Er sah sie erstaunt an. Zu spät erkannte sie, daß sie mit diesen Fragen ihre geheime Furcht verraten hatte.

 

»Nein«, antwortete er ruhig. »Er kennt Lord Arranways nicht, wenigstens hat er mir das eben gesagt. Polizeibeamten kann man allerdings kaum etwas glauben.«

 

Sie blätterte währenddessen in einer Illustrierten.

 

»Haben Sie Mr. Keller gesehen?« fragte sie dann, ohne aufzublicken.

 

»Er ist in seinem Zimmer und schreibt Briefe.«

 

»Wahrscheinlich über den Brand. Das muß ein Schreck für ihn gewesen sein.«

 

»Aber für Sie noch mehr«, meinte Lorney mit der ihm eigenen Direktheit, die ihm die Rolle, die er bei diesem Ereignis gespielt hatte, erlaubte und die ihm in diesem Fall auch angebracht erschien.

 

Sie sah ihn lächelnd an.

 

»Das stimmt, aber Frauen sind widerstandsfähiger. – Sie haben ihn ja aus dem Zimmer geholt, Mr. Lorney. Hat er dabei gesagt, es sei noch jemand anders darin?«

 

Lorney antwortete nicht, und sie deutete sein Schweigen richtig – nämlich als ein Ja.

 

»Sie haben ihn zuerst herausgebracht und mich dadurch geschützt, weil vermutlich noch andere Leute im Gang waren der Lord, nicht wahr? Und Mr. Mayford?«

 

»Ja, Mylady.«

 

Sie machte eine ungeduldige Handbewegung.

 

»Ach, sagen Sie doch nicht immer Mylady zu mir. – Als mein Mann mit Mr. Keller hinuntergegangen war, kamen Sie zurück und holten mich heraus, nicht?«

 

»Ja«, antwortete er gleichmütig.

 

»Trotzdem fürchte ich, daß wir niemanden dadurch täuschen konnten, Mr. Lorney.«

 

»Das glaube ich auch«, sagte er teilnahmsvoll. »Alle Erklärungen, die ich sonst gehört habe, waren äußerst lahm.«

 

Lady Arranways lehnte sich in ihrem Sessel zurück und betrachtete den Wirt forschend.

 

»Warum haben Sie sich all die Mühe mit mir gemacht?«

 

Er zuckte die Achseln.

 

»Ich weiß es nicht. Nennen Sie es Sentimentalität.«

 

»Sie haben Mitleid mit mir«, sagte sie mit traurigem Lächeln.

 

»Ich bin nun mal sentimental.«

 

»Sie haben sich wirklich ritterlich benommen, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen dafür danken soll. Wir haben Sie immer für besonders ehrlich und zuverlässig gehalten. Wissen Sie, wie wir Sie manchmal nannten? Pfarrer Lorney. – Hoffentlich sind Sie nicht böse darüber.«

 

»Ach, Sie meinen, weil ich im Kirchenchor singe? Fromm bin ich nicht sehr, aber ich liebe Kirchenmusik, und als mich der Pfarrer voriges Jahr fragte, ob ich mitsingen wollte –«

 

Sie machte eine abwehrende Bewegung.

 

»Sagen Sie mir, was halten Sie von mir?«

 

Lorney antwortete ganz leise, obwohl niemand im Salon war außer ihnen beiden: »Ich habe viel über Sie nachgedacht. Sie haben eine der größten Dummheiten gemacht, die ich mir vorstellen kann.«

 

Mit einem Seufzer erhob sie sich.

 

»Es gibt noch mehr Leute hier im Haus, die so denken. Es war ein unverzeihlicher Leichtsinn, und es kommt mir immer stärker zum Bewußtsein, was ich eigentlich alles aufs Spiel gesetzt habe.«

 

»Sie brauchen keine Angst zu haben. Nur dürfen Sie jetzt den Kopf nicht verlieren.«

 

»Hat eigentlich Lord Arranways die schrecklichen Dolche mitgenommen?« fragte sie unvermittelt.

 

»Nein, die liegen noch auf seinem Zimmer«, antwortete er etwas erstaunt.

 

Während der Unterhaltung war ihm aufgefallen, daß ihre Stimme härter und schärfer klang als früher. Sie mußte ziemlich gelitten haben. Er wollte gehen, aber sie bat ihn zu bleiben, als wenn sie nicht gerne allein sein wollte.

 

»Ist er tatsächlich so hinter dem Mädchen her?« fragte sie mit leiser Stimme.

 

»Wen meinen Sie – doch nicht den Lord?«

 

»Nein, nein«, erwiderte sie ungeduldig, »Mr. Keller. Ich glaube, er und die junge Dame, die hier wohnt, Miss Jeans, sind schon ziemlich eng befreundet.«

 

»Nein, nicht daß ich wüßte.«

 

»Aber er war doch heute abend in ihrem Zimmer!«

 

Lorney erschrak über die plötzliche Heftigkeit, mit der sie das sagte.

 

»War er tatsächlich in ihrem Zimmer?«

 

»Oh, ich hätte es sicher nicht sagen sollen, aber ich – ich sah … Ich war auf dem Balkon …« Sie schien ihre kühle Sicherheit ganz verloren zu haben, und Lorney wußte nicht, was er darauf sagen sollte.

 

»Es tut mir leid. Ich bin so nervös in letzter Zeit. Es war unverzeihlich, daß ich Ihnen das gesagt habe.«

 

»Was haben Sie gesehen?«

 

Sie zuckte die Achseln.

 

»Ich weiß nicht – nur sehr wenig. Er schien sie umarmen zu wollen. Sie versuchte aber, sich loszumachen, und rannte schließlich die Balkontreppe hinunter – genauso gehetzt, wie sie am Nachmittag aus dem Wald gekommen war. Was dort passiert ist, habe ich auch zufällig beobachten können. – Sie fühlen sich doch ein wenig verantwortlich für Miss Jeans, nicht wahr?«

 

Sie schwieg einen Augenblick, dann gab sie sich einen Ruck und lächelte, um Verzeihung bittend, zu ihm auf.

 

»Mr. Lorney, mein Benehmen ist wirklich nicht sehr ladylike. Entschuldigen Sie bitte. Der Brand des Schlosses hat mich völlig durcheinandergebracht – und auch die andere Geschichte. Sie wissen mehr als irgendein anderer von mir, und Sie werden mich verstehen. Sie sind wirklich wie ein alter Freund gewesen. Ich weiß nicht, warum Sie meinem Mann gegenüber gelogen haben, bloß um mich zu schützen.«

 

Lorney trat ans Fenster.

 

»Ich will es Ihnen kurz erklären. Ich habe das aus Dankbarkeit getan, denn Sie haben mir einmal, ohne es zu wissen, das Leben gerettet. Glauben Sie, daß ich das je vergessen würde? – Aber sagen Sie mir doch bitte, was zwischen Mr. Keller und Miss Jeans im Wald vorgefallen ist.«

 

»Mr. Lorney«, sagte sie und legte eine Hand auf seinen Arm, »Sie werden doch keinen Unsinn machen? Bitte bleiben Sie vernünftig. Morgen fährt er nach London und ich auch. Versprechen Sie mir, nichts Übereiltes zu tun?«

 

John Lorney fuhr sich mit der Hand über die Haare.

 

»Ich dachte mir schon, daß es nicht völlig harmlos gewesen ist.«

 

»Aber sie ist doch wirklich groß genug, um auf sich selber aufzupassen«, erwiderte sie ungeduldig. »Sie können doch nicht immer Kindermädchen für Ihre Gäste spielen.«

 

Er kam nicht mehr dazu zu antworten, denn plötzlich erschien Keller in der Tür zum Salon.

 

Merkwürdigerweise hatte er einen Abendanzug an. Etwas zu kostbare Manschettenknöpfe blitzten an seinen Ärmeln, und sein Smoking war wirklich der letzte Schrei. Er ignorierte Lorney restlos, winkte nur Lady Arranways zu und schloß die Tür hinter sich.

 

»Ganz allein? Ich hatte keine Ahnung, daß Sie hier wären. – Hallo, einen Augenblick!« rief er dem Wirt zu, der den Salon verlassen wollte. »Ich möchte was zu trinken. – Merkwürdiger Mensch, dieser Lorney«, fuhr er fort, als der Wirt draußen war. »Der ist eigentlich nicht der richtige Mann für ein Wochenendhotel.«

 

»Ein Wochenendhotel?« fragte sie erstaunt.

 

»Na, dies ist doch das typische Absteigquartier für die Londoner, die sich ein bißchen amüsieren wollen. Der Kerl hat ja unglaubliche Manieren. Er scheint es nicht gewohnt zu sein, Gäste aus unseren Kreisen zu haben.«

 

»Aus welchen Kreisen stammst du denn?« fragte sie eisig.

 

Er hörte die Ablehnung, die aus ihrer Stimme klang, aber er brachte es nie fertig, einzusehen, daß er irgendwo unerwünscht war. Mit größter Gewandtheit setzte er sich auch diesmal über alles hinweg.

 

»Ich ahnte ja nicht, daß du hier bist, sonst wäre ich schon viel früher heruntergekommen. Seit sieben bin ich nicht aus meinem Zimmer gegangen.«

 

»Wirklich?«

 

Sie sah ihn nicht an und nahm sich eine Zigarette.

 

Er trat hinter sie und legte ihr beide Hände auf die Schultern.

 

Sie richtete sich ungeduldig auf, aber er tat, als spürte er ihre Abwehr nicht.

 

»Stimmt es, daß du seit sieben Uhr dein Zimmer nicht verlassen hast?« fragte sie.

 

Er schaute sie scharf an.

 

»Wenn ich kein Schlafwandler bin, müßte es eigentlich stimmen.«

 

Er klingelte. Keiner von ihnen sprach, bis Charles erschien.

 

»Was möchten Sie trinken?« erkundigte sich Charles brummig.

 

»Nichts«, entgegnete sie lustlos.

 

Keller, immer großzügig, meinte: »Bringen Sie Sekt. Sie werden ja welchen hierhaben.«

 

»O ja, auf der Weinkarte stehen verschiedene Marken.«

 

»Schön, bringen Sie eine Flasche und zwei Gläser.«

 

Die Tür schloß sich hinter Charles.

 

»Bist du müde?«

 

Er stand noch hinter ihr und konnte ihr Gesicht nicht sehen.

 

»Nein, nicht besonders.«

 

Keller zog sich einen Stuhl auf die andere Seite des Tisches und setzte sich.

 

»Ich dachte schon daran, auf einen oder zwei Tage nach Paris zu fahren. Ihr geht doch auch dorthin, nicht wahr? Wann denn?«

 

»Wann fährst du denn dort wieder ab?«

 

Diesmal konnte er ihren scharfen Ton nicht überhören. Er mußte ihr widersprechen.

 

»Aber Liebling, du bist wirklich nicht nett zu mir. Ich wollte auf keinen Fall länger als eine Woche in Paris bleiben und dann hierher zurückkommen.«

 

»Fährt Miss Jeans auch nach Paris?«

 

In diesem Augenblick kam Charles mit der Flasche und machte sich am Büffet zu schaffen. Er holte zwei Gläser heraus, schnitt den Draht am Flaschenhals durch, und gleich darauf knallte der Pfropfen. Er goß ein.

 

»Na, was hast du?« fragte Keller, als Charles wieder gegangen war. Seine Stimme hatte einen harten, fast grausamen Klang, den Mary noch nie an ihm gehört hatte. »Du hast was gesehen oder gehört. Was ist los? Was geht das dich an, ob Miss Jeans nach Paris fährt? Ich finde, wir sollten uns mal über Verschiedenes grundsätzlich klarwerden.«

 

»Bitte, schrei nicht so.«

 

»Meine liebe Mary, ich will dir mal was sagen –« Er brach plötzlich ab, als er merkte, daß er im Begriff war, zu weit zu gehen.

 

»Also trink deinen Sekt und mach keine Szene«, sagte er etwas übergangslos. Er konnte nicht über seinen Schatten springen und auf ihre wenigstens scheinbare Anerkennung verzichten.

 

»Hör mal, Liebling, es ist niemand auf der Welt so wundervoll wie du«, versuchte er es auf die alte Tour, um den schlechten Eindruck abzuschwächen, den er soeben gemacht hatte. »Es ist noch nichts passiert, und es gibt keinen Grund, sich aufzuregen. Also mach keine Tragödie daraus.«

 

»Das tue ich auch nicht. Ich habe nur einsehen müssen, daß ich ohne weiteres von einem kleinen Mädchen verdrängt werden kann. Das ist nicht leicht gewesen.«

 

»Sei doch nicht kindisch. Was ist denn schon passiert – was denn? Ein kleiner Flirt. Du bist doch kein Baby mehr. Es ist einfach verrückt von dir, auf sie eifersüchtig zu sein. Sie hat übrigens den Flirt selbst gewollt … Sie hat sich mir an den Hals geworfen –«

 

Er brach ab, denn Lorney trat ins Zimmer. Der Wirt hatte die Hände in den Taschen vergraben.

 

Lady Arranways ergriff die Gelegenheit.

 

»Ich fahre morgen früh in die Stadt, Mr. Lorney. Würden Sie so freundlich sein, es Mr. Mayford auszurichten, wenn er zurückkommt? Und lassen Sie mich bitte um sieben wecken.«

 

Keith Keller schaute sie überrascht an, als sie lächelnd aufstand und ihm die Hand gab.

 

»Gute Nacht. Ich hoffe, daß Sie eine angenehme Zeit mit uns verbracht haben. Wir werden uns wahrscheinlich nicht wiedersehen!«

 

Sie nickte Lorney zu.

 

»Gute Nacht und vielen Dank für alles, was Sie getan haben.«

 

Die beiden sahen ihr nach, bis sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte. Dann schaute Keller den Wirt fragend an.

 

»Was meint sie denn damit: Alles, was Sie getan haben? Das klingt ja wie im Theater.« Plötzlich fiel es ihm ein. »Ach so – Sie sind ja der brave Mann, der sie aus den Flammen gerettet und dem Lord was vorgelogen hat. – Geben Sie mir doch bitte was zu trinken. Frauen können einem schon zusetzen! Wer ist übrigens der Herr, der heute ankam?«

 

»Mr. Collett.« Lorney war an das Büffet getreten und nahm die Kognakflasche, die dort stand. »Ein Beamter von Scotland Yard. Ich hörte so etwas sagen, als wäre er hinter dem Dieb eines Brillantarmbands her, das in Berlin gestohlen wurde.«

 

Keller starrte ihn an und schluckte trocken.

 

»Was sagen Sie? Ein Brillantarmband? Wem ist es denn gestohlen worden?«

 

»Weiter kann ich Ihnen nichts sagen.«

 

Der Wirt schob ihm das Glas zu.

 

»Wohin ist denn Mr. Mayford gegangen?«

 

»Das kann ich leider auch nicht sagen.«

 

Keller goß seinen Kognak hinunter.

 

»Dann ist doch noch ein neuer Herr da, nicht wahr? Ich sah die beiden zusammen sprechen.«

 

Lorney warf ihm einen schnellen Blick zu.

 

»Das ist ein Amerikaner.«

 

Keller hob den Kopf.

 

»Amerikaner? Woher kommt er denn?«

 

»Aus St. Louis.«

 

»Und wie heißt er?«

 

»Rennett – Captain Rennett.« Ein Klirren von splitterndem Glas ließ Lorney aufschauen. Keller stand da mit leeren Händen und starrte verstört auf die Scherben seines Kognakschwenkers, die vor ihm auf dem Boden lagen.

 

»Rennett?« fragte er tonlos. Entsetzt sah er Lorney an. »Rennett«, wiederholte er heiser. »In diesem Haus … unter demselben Dach!«

 

Lorney nickte.

 

»Kennen Sie ihn?«

 

Keller lehnte sich schwer an das Büfett.

 

»Geben Sie mir noch einen Kognak. – Weiß der, daß ich hier bin? Ach, es ist ja gleich, ob er es weiß oder nicht. Auf jeden Fall muß ich ein anderes Zimmer haben. Sie haben doch da hinten noch mehr Räume.« Er zeigte auf den neuen Anbau, den Lorney hatte machen lassen.

 

Der Wirt sah ihn zweifelnd an.

 

»Ja, wir haben allerdings einige Gastzimmer da drüben, aber es wird Ihnen sehr einsam und ungemütlich vorkommen.«

 

»Das ist mir gleich.«

 

Er trank den Kognak mit einem Zug aus und lachte.

 

»Rennett! Unter einem Dach mit ihm, ohne es zu ahnen. Unvorstellbar!«

 

»Anscheinend ein guter Freund von Ihnen?« fragte Lorney ironisch.

 

»Noch schlimmer. Ein Verwandter.«

 

Keller sah sich in dem Salon um.

 

»Sie haben sich hier ganz nett eingerichtet, Mr. Lorney. Es muß ein großartiges Gefühl sein, in einer so herrlichen Gegend wie Sketchley ohne Sorgen leben zu können und keine Schwierigkeiten zu haben, nicht wahr?«

 

Lorney sah ihn mit unbewegtem Gesicht an und sagte nichts.

 

»Ich werde morgen nach London fahren und wahrscheinlich von dort aus nach Paris reisen. Können Sie mir einen Scheck einlösen?«

 

»Wenn die Summe nicht zu groß ist.«

 

Keller ging zu dem kleinen Tisch hinüber, setzte sich, zog ein Scheckbuch aus der Tasche und begann zu schreiben.

 

»Ich glaube, Sie können mich nicht ausstehen, habe ich recht?« fragte er beim Ausfüllen des Schecks.

 

»Wenn ich ehrlich sein soll, ja.«

 

»Schade«, entgegnete Keller, »ich merkte es schon an dem Bedauern, das Sie über meine Abreise zeigten. Wo ist Ihre Bank?«

 

»In London.«

 

»Meine ist in Bristol.«

 

Keller riß den Scheck aus dem Buch.

 

Lorney nahm das Blatt und las die Zahl.

 

»Ist das ein Witz?«

 

»Nein.«

 

»Ich sagte doch, daß die Summe nicht so hoch sein dürfte.«

 

»Ich hab‘ ein großes Bankkonto – Sie haben keine Ahnung, wie reich ich bin«, erwiderte Keller selbstgefällig.

 

Lorney faltete den Scheck wortlos zusammen und steckte ihn ein.

 

In einer Ecke des Salons stand ein Bücherschrank. Keller zog ein Buch heraus.

 

»Ich möchte gern was zu lesen mitnehmen.«

 

»Die Bücher sind für die Gäste da.«

 

»›Lebenslänglich Zuchthaus‹«, las Keller laut. »Das klingt nicht sehr verlockend.«

 

»Es ist ein Roman über die australischen Strafanstalten. Sehr interessant! Sie kennen doch Australien?«

 

»Grauenerregend – so ein Zuchthaus. Und die sind auch nicht besser geworden, seitdem das Buch geschrieben wurde.«

 

»Sie scheinen ja eine Autorität auf dem Gebiet zu sein«, meinte Lorney ironisch.

 

Keller ließ sich nicht einschüchtern.

 

»Ja, über australische Verhältnisse weiß ich gut Bescheid. Wir können uns ja mal darüber unterhalten.«

 

»Aber Sie wollten doch abreisen.«

 

»Ja, morgen. Aber vielleicht komme ich wieder her.«

 

»Dann kann ich Sie leider nicht mehr bei mir aufnehmen, Mr. Keller – das sage ich Ihnen ganz ehrlich. Es ist mir nicht angenehm, Sie im Haus zu haben. Die Gründe brauche ich Ihnen ja wohl nicht zu sagen.«

 

Keller lachte laut auf.

 

»Sie mit Ihrer Moral!« spottete er. »Daß Ihnen nur kein Stein aus der Krone fällt.«

 

Der Wirt packte ihn am Arm.

 

»Ich bin hier der Wirt, Mr. Keller, und bemühe mich, meine Gäste zufriedenzustellen. Aber wenn Sie es sich einfallen lassen, in die Zimmer anderer Gäste zu gehen, kann ich sehr ungemütlich werden. Ich möchte nicht, daß das noch einmal vorkommt.«

 

Keller machte sich frei. Er lachte immer noch, aber nur um seine Angst zu verbergen.

 

»Ach so, Sie sprechen von der Dame mit den seltsamen Augenbrauen? Sie wissen ja, was die zu bedeuten haben, nicht wahr?«

 

»Ich glaube, ja. – Aber das ist im Augenblick nebensächlich. Bleiben Sie jetzt bitte in Ihrem eigenen Zimmer. Ich komme später hinauf und sage Ihnen, wo Sie sich vor Rennett verstecken können.«

 

Kapitel 1

 

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Die häßlichen roten Backsteingebäude auf der Höhe von Sketchley Hill hießen offiziell ›Landesirrenanstalt‹, aber in der Gegend wurden sie allgemein ›das Asyl‹ genannt. Nur die ältesten Leute konnten sich noch daran erinnern, welch heftigen Widerstand die Bevölkerung seiner Errichtung entgegengesetzt hatte, aber die Beamten, die es anging, waren vernünftig und erklärten, daß Geisteskranke doch auch ein Anrecht darauf hätten, etwas von der Schönheit der Natur zu genießen, und daß dieser wunderbare Ausblick nach allen Seiten sicher wohltuend auf sie wirken würde.

 

Diese Auseinandersetzung hatte sich vor langer Zeit abgespielt, als der ›Alte‹ noch ein junger Mann war und mit düsterem Gesicht durch Wälder und Felder streifte und merkwürdige Pläne schmiedete. Aber schon bald fürchtete man, seine phantastischen Gedanken könnten sich gemeingefährlich auswirken, und so ließ man ihn von drei Ärzten untersuchen, die ihn die gleichgültigsten Dinge fragten – so kam es ihm wenigstens vor – und die ihn danach in geschlossenem Wagen in die Anstalt brachten.

 

Dort lebte er dann viele Jahre. Inzwischen rasten Kriege und Revolutionen über die Erde, wurden Könige von ihren Thronen verbannt und die leichten Kutschwagen von den Landstraßen, wo jetzt Autos in großen Staubwolken dahinsausten.

 

Manchmal fühlte der ›Alte‹ eine unstillbare Sehnsucht, aus den hohen roten Mauern herauszukommen, wieder unter normalen Menschen zu leben. Von seinem Fenster aus konnte er die Giebel von ›Arranways Hall‹ sehen. Seit vierundvierzig Jahren schaute er nun immer durch dasselbe Fenster auf dieselben Giebel.

 

Aber eines Nachts konnte er es nicht mehr aushalten; die Sehnsucht nach den Wäldern und einem Leben in Freiheit wurde übermächtig in ihm. Er dachte an die Höhlen, an die Stellen im Wald, wo er als Junge unter den großen Farnen geträumt hatte, an den Steinbruch mit den senkrecht abfallenden Wänden und dem tiefen Teich davor. Leise stand er auf, kleidete sich an, verließ sein Zimmer und ging die Treppe hinunter. In der Hand trug er einen schweren Hammer, den er vor einiger Zeit gestohlen und seither versteckt hatte.

 

Unten in der Halle schlief der Wärter – der ›Alte‹ schlug ihn mit dem Hammer mehrmals auf den Kopf. Der Mann gab keinen Ton von sich. Der ›Alte‹ nahm den Schlüsselbund und schloß die Türen auf. Dann eilte er durch den Garten und war bald darauf durch das große Tor verschwunden. Mit seinem weißen, unordentlichen Bart sah er richtig unheimlich aus, als er in den frühen Morgenstunden kurz vor Sonnenaufgang durch die kühlen Wälder von Sketchley strich. Am Rande des Steinbruchs setzte er sich schließlich hin und versank in Träumereien, während er in das stille Wasser des Teichs tief unter sich starrte.

 

*

 

Mr. Lorney, der neue Wirt des Gasthauses in Sketchley, wollte sich nicht an der Verfolgung des Entsprungenen beteiligen. Er war ein großer, breitschultriger Mann mit kahlem Kopf und harten Zügen. Seine Stimme klang energisch, und er trieb sein Personal ständig zur Arbeit an. Bei der Jagd mitzumachen, hatte er keine Lust, soweit fühlte er sich für das Allgemeinwohl doch nicht mitverantwortlich.

 

Er wohnte erst seit kurzem in Sketchley und wurde deswegen von den Einheimischen mit einem gewissen Mißtrauen beobachtet, das er in gleichem Maße erwiderte. Er wettete dauernd, aber mit Verstand. Ab und zu fuhr er nach London, und selbstverständlich besuchte er alle Rennen in der Umgegend. Trotzdem konnte man nicht sagen, daß er sein Geschäft irgendwie über seiner Liebhaberei vernachlässigte. Von Anfang an hatte er sich vorgenommen, für besser gestellte Leute Wochenendappartements einzurichten. Deshalb baute er das etwas verfallene Haus um, das noch aus der Tudorzeit stammte. Auch den verwilderten Garten hatte er neu angelegt und die Fassade des Gasthauses frisch gestrichen.

 

Die Reporter, die nach Sketchley kamen, um über den geflüchteten Geisteskranken zu berichten, fanden bei Mr. Lorney ein bequemes und gutes Quartier. Obwohl sie wenig wirklich Neues entdeckten, von dem ›Alten‹ ganz zu schweigen, verfaßten sie die sensationellsten Artikel. Spaltenlang beschrieben sie die aufregenden Streifen durch die Wälder und die geheimnisvollen Höhlen, die noch niemand genau untersucht hatte. Von den Landleuten ließen sie sich allerhand Geschichten über den ›Alten‹ erzählen; außerdem war auch noch über den toten Wärter zu berichten, dessen geheimnisvolle Vorahnung seines Todes jetzt von seinen Freunden bestätigt wurde und dessen Begräbnis viel Stoff zum Schreiben lieferte.

 

Aber nach einer Weile, als von dem ›Alten‹ immer noch keine Spur zu entdecken war, versiegte das Interesse der Öffentlichkeit, und die Furcht der Leute in den umliegenden Dörfern schlief ein.

 

»Je eher die Sache vergessen wird, desto besser«, meinte John Lorney. »Für uns ist der Fremdenverkehr von größtem Interesse. Wenn die Gäste immer an den ›Alten‹ mit dem Hammer erinnert werden, bekommen wir eine schlechte Saison.«

 

Man nahm an, daß der ›Alte‹ tot sei oder sich in eine andere Gegend verzogen habe.

 

*

 

Aber dann tauchte der ›Alte‹ plötzlich doch wieder auf. Man sah ihn in derselben Nacht, als in ›Tinsden House‹ silbernes Geschirr im Wert von etwa tausend Pfund gestohlen wurde. Ein Arbeiter, dessen Frau krank war, ging auf der Straße auf und ab und erwartete die Ankunft des Arztes. Plötzlich sah er, daß sich eine Gestalt aus dem Schatten einer Hecke löste, über die Straße rannte und in der nahen Schonung verschwand. Im Mondlicht erkannte er den weißen Bart des ›Alten‹. Als der Doktor ankam, hatte er zwei Patienten zu versorgen.

 

Die Bewohner von Sketchley fingen wieder an, alles zu verriegeln, und niemand traute sich nachts allein auf die Straße.

 

Aus Guildford und sogar von Scotland Yard wurden Kriminalbeamte nach Sketchley geschickt, und der Polizeidirektor hielt eine Konferenz ab.

 

Während sich noch alle Leute über den ersten Einbruch den Kopf zerbrachen, wurde in einem nahegelegenen Schloß ein zweiter verübt. Diesmal sah der Chauffeur des Postautos, das von Guildford nach London fuhr, einen weißhaarigen Mann in abgetragenen Sachen auf der Landstraße entlangwandern.

 

Chefinspektor Collett kam von London und ließ sich die Personalakten des Geisteskranken zeigen, aber er konnte keinen Anhaltspunkt finden, der ihm half, das Geheimnis aufzuklären.

 

»Entweder muß er ein erstklassiger Einbrecher gewesen sein, als er noch jung war«, sagte er kopfschüttelnd, »oder er hat das alles in der Anstalt gelernt. Das wäre nicht das erste Mal. Ich kann mich ganz genau auf so einen Fall besinnen …«

 

Der dritte Einbruch geschah in ›Arranways Hall‹. Lord Arranways hörte mitten in der Nacht ein Geräusch, ging in das Schlafzimmer seiner jungen Frau und weckte sie.

 

»Wenn ich mich nicht irre, ist unten ein Fenster eingedrückt worden«, sagte er leise. »Ich gehe einmal hinunter und schaue mich um.«

 

»Warum verständigst du nicht jemanden vom Personal?« fragte sie ängstlich, stand auf, schlüpfte in ihren Morgenrock und folgte ihm durch den dunklen Gang die breite Treppe hinunter. Er flüsterte ihr zu, daß sie oben bleiben solle, aber sie schüttelte nur den Kopf. Vorsichtig ging er durch die stille Eingangshalle und öffnete die Tür zur Bibliothek. Im gleichen Augenblick sprang jemand aus dem Schatten und war deutlich in der offenen Glastür zu erkennen. Der Lord riß den Revolver hoch und drückte ab. Gleich darauf hörte man, daß Glas splitterte.

 

»Warum hast du das getan?« fragte er ärgerlich.

 

Als er die Waffe hob, hatte sie seinen Arm in die Höhe geschlagen, so daß der Schuß in den Kristalleuchter ging und Scherben von der Decke fielen.

 

»Warum wolltest du auf den alten Mann schießen? Hast du nicht seine weißen Haare gesehen?«

 

Der Lord hatte ein reizbares, jähzorniges Wesen. Er war zum zweitenmal verheiratet. Das Verhalten seiner zweiten und sehr jungen Frau regte ihn manchmal auf.

 

»Der Kerl war wahrscheinlich schwer bewaffnet«, brummte er. »Du hast dich verrückt benommen!«

 

Sie lächelte und ging zu der offenen Tür, die auf die Terrasse führte. Nirgends war etwas von dem alten Mann zu sehen. Hastig angekleidete Diener eilten die Treppe herunter, und alle Räume im Erdgeschoß wurden durchsucht. Es stellte sich heraus, daß einer der zwei goldenen Becher, die Charles I. dem siebenten Grafen von Arranways geschenkt hatte, verschwunden war.

 

Eddie Arranways lief eine Woche lang mit düsterem Gesicht herum und war seiner Frau böse.

 

Der ›Alte‹ war wieder das Gespräch des Tages.