Kapitel 38

 

38

 

Noch bevor Joan außer Sicht war, hatte Jim einen Entschluß gefaßt und wandte sich ohne Zögern zu Mrs. Cornfords Haus.

 

Farringdon mußte Joan die Freiheit wiedergeben. Jim wollte versuchen, den jungen Mann zu veranlassen, seine verrückten Ideen aufzugeben.

 

Mrs. Cornford öffnete ihm die Tür, und er sah ihr sofort an, daß etwas Ungewöhnliches geschehen war.

 

»Ich hoffe, daß ich nicht ungelegen komme?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich freue mich über Ihren Besuch«, erwiderte sie und führte ihn in das kleine Wohnzimmer.

 

Er wußte bald, warum sie so beunruhigt war, denn er hörte schon durch die Tür das Toben des Kranken.

 

»Alle meine Hoffnungen sind zerstört«, sagte sie. »Ich hoffte, daß ich in Creith bleiben könne, aber das hängt alles von Mr. Farringdon ab.«

 

»Will er fortgehen?«

 

»Nein, er will es nicht, aber ich muß ihn darum bitten. Er führt sich heute wie ein Besessener auf. Vor ein paar Minuten kam er nach Hause und war so außer sich, daß ich einen fürchterlichen Schrecken bekam.«

 

»Kann ich ihn einmal sehen?«

 

»Heute hätte es keinen Sinn. Vielleicht morgen oder übermorgen. Er hat sich in sein Zimmer eingeschlossen. Ich wollte ihm eben eine Tasse Tee bringen, aber er ließ mich nicht hinein.«

 

Farringdon tobte immer lauter. Jim sah sich um und erhob sich halb von seinem Stuhl, aber sie legte begütigend die Hand auf seinen Arm.

 

»Lassen Sie ihn jetzt allein.«

 

»Würden Sie mir verzeihen, wenn ich eine sehr persönliche, ich möchte fast sagen zudringliche Frage an Sie richte?«

 

Sie antwortete nicht, aber ihre Augen ermutigten ihn.

 

»Sie haben einmal ein großes Vermögen verloren?«

 

»Ja. Mein Mann verschwand vor einigen Jahren spurlos, und als seine Angelegenheiten geregelt wurden, stellte sich heraus, daß ich keinen Penny besaß, obwohl man allgemein vermutete, daß er reich gewesen war. Er war exzentrisch veranlagt. Manchmal war es schwer, seinen Aufenthalt festzustellen. Es ist auch möglich, daß ich damals schlechte Ratgeber hatte, denn ich unterließ es, Nachforschungen nach ihm anstellen zu lassen. Ich verließ mich damals auf Mr. Harnon.«

 

»Hamon?« wiederholte er schnell. »War es Hamon, der Ihnen den Rat gab, nicht nach Ihrem Mann zu suchen? Sagen Sie mir bitte, wann Ihr Gatte verschwand!«

 

»Es ist fast elf Jahre her.«

 

Jim machte eine schnelle Bewegung.

 

»In welchem Monat war es?«

 

»Im Mai hörte ich zum letztenmal von ihm. Damals erhielt ich jenen Brief, den Sie mir so liebenswürdig von Mr. Hamon zurückholten.«

 

»Wollen Sie ihn mir einmal zeigen?^

 

Sie brachte ihm das Schreiben, und er las es zweimal durch.

 

»Der Name Ihres Gatten war John Cornford?«

 

»Warum fragen Sie? Haben Sie ihn gekannt?«

 

»Nein – ich hatte nur vor vielen Jahren ein ganz merkwürdiges Erlebnis, eine Woche nach dem Verschwinden Ihres Mannes. Aber es mag vielleicht nicht richtig sein, die beiden Ereignisse miteinander in Verbindung zu bringen. Haben Sie vielleicht ein Bild von ihm?«

 

Sie nickte und brachte ihm eine Fotografie.

 

Kein Muskel in seinem Gesicht verriet, wie sehr er erschrak.

 

Er hatte das Bild eines gutaussehenden Mannes von etwa vierzig Jahren vor sich, der mit der Welt zufrieden zu sein schien.

 

Aber er sah zugleich das Gesicht eines sterbenden Matrosen, den er in der Portsmouth Road gefunden und der ihm vor seinem Tod eine furchtbare Geschichte erzählt hatte.

 

John Cornford war also der unbekannte Seemann, der in einem namenlosen Grab in Hindhead ruhte. Seit zehn Jahren verfolgte Jim den Mann, der an seinem Tod schuldig war, und immer hatte er vergeblich versucht, Beweise zu bringen, um ihn der Gerechtigkeit auszuliefern.

 

»Kennen Sie ihn?« fragte sie ängstlich.

 

»Ich habe ihn gesehen«, sagte er schlicht. Der Ton seiner Stimme ließ sie die Wahrheit ahnen.

 

»Ist er tot?«

 

»Ja, er ist tot, Mrs. Cornford.«

 

Sie sank in ihren Stuhl zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

 

Jim glaubte, daß sie weinte, aber bald sah sie wieder auf.

 

»Ich habe es schon immer gefühlt, aber das ist die erste sichere Nachricht, die ich darüber erhalte. Können Sie mir etwas Genaueres erzählen?«

 

»Ich möchte Sie bitten, sich noch etwas zu gedulden«, erwiderte er zögernd. »Würden Sie mir das Bild überlassen?«

 

Sie nickte.

 

»Ich muß noch etwas erwähnen. Bevor Ihr Mann starb, gab er mir tausend Pfund, die ich seiner Frau aushändigen sollte –« Er sah Erstaunen und Zweifel in ihrem Gesicht. »Bedenken Sie bitte, Mrs. Cornford, daß ich seinen Namen nicht kannte.«

 

»Sie haben seinen Namen nicht gekannt?« fragte sie verwirrt.

 

»Die Geschichte ist zu lang, um sie Ihnen jetzt erzählen zu können, aber vertrauen Sie mir. Ich werde Ihnen das Geld sofort herüberschicken.«

 

Er war schon gegangen, bevor sie die Frage stellen konnte, wie John Cornford ihm eine Summe von tausend Pfund für eine Frau übergeben konnte, ohne ihren Namen gekannt zu haben.

 

Kapitel 39

 

39

 

Julius Welling erschien in der Registratur von Scotland Yard, und der Beamte beeilte sich, nach seinen Wünschen zu fragen. Dieser weißhaarige Mann erschien hier selten persönlich; wenn er sich aber zeigte, war gewöhnlich jemand in schwerer Bedrängnis.

 

»Sagen Sie mir doch bitte, ob mich mein Gedächtnis im Stich läßt, Sergeant. Die Einbrüche des Schwarzen begannen doch vor etwa zehn Jahren?«

 

Eine Schublade glitt lautlos auf, und eine Reihe von Karten ging durch die geübte Hand des Mannes.

 

»Ja, in diesem Monat werden es zehn Jahre.«

 

»Gut. Geben Sie mir jetzt noch die Liste aller Morde, die ein Jahr vorher begangen wurden.«

 

Eine andere Schublade öffnete sich, und ein Stoß von fünfzig großen Blättern wurde Welling überreicht. Er drehte sie nacheinander um und las dabei:

 

»Addams, John, gehenkt. Bonfield, Charles, geisteskrank. Brasfield, Dennies, gehenkt – alles bekannte Fälle.«

 

Welling sah alle Karten durch, bis er zu der letzten kam.

 

»Mann, unbekannt, vermutlich Mord, Täter unbekannt –«

 

Seine Augen öffneten sich weit.

 

»Das ist er!« rief er aufgeregt und las laut vor.

 

»Ein Mann, offensichtlich ein Matrose, wurde an der Ecke von Punch Bowl, Hindhead, bewußtlos mit schweren Wunden und einem Schädelbruch aufgefunden. Er wurde von einem Radfahrer, dessen Name nicht genannt werden kann (D.D.V.S. VI, siehe Bestimmungen über ausländische diplomatische Beamte, Absatz 970), gefunden. Der Unbekannte verschied bald nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus. Alle Stationen wurden benachrichtigt. Das Bild des Verstorbenen wurde veröffentlicht. Trotzdem konnte seine Identität nicht festgestellt werden.«

 

Welling schaute über seine Brille.

 

»Was bedeutet die Abkürzung hier?«

 

»Diplomatischer Dienst der Vereinigten Staaten – VI ist die Nummer der Abteilung. Die Vorschriften enthalten die Bestimmungen über die Behandlung ausländischer Diplomaten in diesem Land. Ich habe sie zufällig erst gestern wieder in der Hand gehabt.«

 

»Und wie lauten sie?«

 

»Wenn sie im Auftrag ihrer Regierung und mit Wissen der unsrigen handeln, dürfen sie in der Ausübung ihres Amtes nicht gestört werden, es sei denn, daß sie unter dem Verdacht der Spionage stehen.«

 

Captain Welling rieb sich die Nase.

 

»Daraus geht also hervor, daß der Radfahrer im diplomatischen Dienst einer fremden Regierung war. Als er gefragt wurde, ob er etwas über die Person des Verstorbenen aussagen könne, zeigte er vermutlich dem Polizeiinspektor seinen Paß, und dieser Beamte erwähnte nachher in Übereinstimmung mit den Vorschriften den Namen des Fremden in dem Bericht nicht.«

 

»Ja, das stimmt.«

 

»Dann muß ich den dortigen Polizeiinspektor also persönlich aufsuchen.«

 

Spät am Nachmittag kam Welling nach Hindhead und begab sich sofort zum Polizeirevier, um seine Nachforschungen fortzusetzen.

 

»Der Polizeiinspektor, der damals den Bericht schrieb, ist vor einigen Jahren pensioniert worden«, sagte der diensthabende Beamte. »Wir haben eine eigene kleine Registratur, aber der Name des Mannes, den Sie suchen, wird auch nicht darin zu finden sein.«

 

»Wie hieß denn der Inspektor?«

 

»Mr. Sennett. Er lebt jetzt in Basingstoke. Ich kann mich sogar noch genau an den Tag erinnern, an dem der Matrose gefunden wurde. Ich hatte gerade Dienst und brachte den Mann ins Hospital.«

 

»Ich möchte gern die Stelle sehen, wo er gefunden wurde. Können Sie sich noch darauf besinnen?«

 

»Ich kann sie Ihnen genau zeigen.«

 

Sie fuhren in einem Polizeiauto hinaus und kamen an einer tiefen Talsenke vorbei, die in jener Gegend als das ›Teufelsloch‹ bekannt ist. Gleich darauf hielt der Beamte den Wagen an und zeigte auf eine einsame, grasbewachsene Stelle an der Seite der Straße. Welling stieg aus und starrte lange auf den Schauplatz der Tragödie, die sich vor Jahren hier abgespielt hatte.

 

»Haben Sie den Platz damals persönlich untersucht?«

 

»Ja.«

 

»Haben Sie Anzeichen eines Kampfes bemerkt – irgendeine Waffe?«

 

»Nein. Ich hatte den Eindruck, daß man den Mann erst nach der Tat hierhergebracht hatte.«

 

»Das klingt sehr vernünftig. Wem gehört das Haus dort?«

 

Der Inspektor sagte, daß es das Eigentum eines Arztes sei.

 

»Wie lange lebt er schon hier?«

 

»Ungefähr zwanzig Jahre. Er ließ das Haus selbst bauen.«

 

Wieder wanderten die Blicke des Detektivs umher.

 

»Und jenes Haus? Es scheint leer zu stehen.«

 

»Ach, das ist ein kleines Landhaus, das einem Anwalt gehörte. Er ist vor einigen Jahren gestorben. Seitdem ist es nicht wieder bewohnt worden.«

 

»Wie lange hat er es denn gehabt?«

 

»Nur ein paar Jahre.«

 

»Und wer wohnte vor ihm dort?«

 

»Vorher –« der Beamte zog die Stirn kraus. »Ja, jetzt weiß ich es wieder, es gehörte einem gewissen Hamon.«

 

»Ralph Hamon?«

 

»Ja. Er ist jetzt Millionär. Damals war er noch nicht so reich. Er wohnte gewöhnlich im Sommer hier.«

 

»So, so!« meinte Welling liebenswürdig. »Ich möchte mir das Haus einmal ansehen.«

 

Der Pfad, der den Hügel hinaufführte, war zugewachsen. Das Haus machte einen ausgestorbenen Eindruck, die Fenster waren geschlossen.

 

»Wie lange hat der Anwalt hier gelebt?«

 

»Es hat ihm wohl gehört, aber ich glaube, er hat es nie bewohnt. Hamon verkaufte das Haus seinerzeit mit Einrichtung und allem.«

 

Welling versuchte, einen Fensterladen zu öffnen und hatte auch nach einiger Zeit Erfolg. Die Fenster waren blind vom Schmutz, und es war unmöglich, ins Innere zu sehen.

 

»Ich muß hinein«, sagte er, hob seinen Stock und stieß klirrend eine Scheibe ein. Er stieg durch das Fenster.

 

Er kam in ein einfach möbliertes Schlafzimmer. In allen Räumen lag dichter Staub, aber die Einrichtung war noch gut erhalten. Auf der Rückseite des Hauses lag eine ziemlich große Küche, deren Fenster schwer vergittert waren.

 

Er machte ein Fenster auf und schlug die Läden zurück.

 

»Hier werde ich wohl finden, was ich suche«, meinte er. »Sehen Sie den Flecken dort?«

 

»Ich kann nichts sehen«, sagte der Beamte verwundert.

 

»Können Sie nicht erkennen, daß ein Teil der Wand hier überstrichen ist?«

 

Die Küche war weiß getüncht, und man konnte deutlich die unregelmäßig übermalte Stelle sehen.

 

»Hier haben wir es wieder«, rief Welling plötzlich.

 

Mit seinem Taschenmesser kratzte er die Farbe vorsichtig ab.

 

»Einmal kommt jeder Mord ans Tageslicht.«

 

»Mord?« fragte sein Begleiter erstaunt.

 

Statt jeder Antwort zeigte Welling auf einen birnenförmigen Flecken, den er eben freigekratzt hatte.

 

»Das ist Blut.«

 

Er wischte mit einem Taschentuch den Staub vom Tisch und untersuchte die Platte Zoll für Zoll.

 

»Sehen Sie, hier ist sie beschädigt worden. Fühlen Sie das? Ich bin der Ansicht, daß der unbekannte Matrose in diesem Raum erschlagen wurde«, sagte Welling.

 

»Aber Mr. Hamon hätte das doch wissen müssen?«

 

»Wahrscheinlich wohnte er zu der Zeit nicht hier«, erwiderte der Detektiv, und der Beamte nahm dies auch als eine vollständige Entlastung des früheren Besitzers des Hauses an.

 

»Natürlich haben Sie damals nicht daran gedacht, dieses Haus zu durchsuchen und festzustellen, wie der arme Matrose sein Ende fand«, meinte Welling ein wenig ironisch. »Ich weiß jetzt alles, was ich wissen muß. Lassen Sie das zerbrochene Fenster wieder zunageln. Wenn jemand das Haus beziehen will, soll er sich erst bei mir melden.«

 

Später besuchte er noch den pensionierten Inspektor in Basingstoke und bekam dort die Bestätigung seiner Annahme. Der Beamte hatte die Visitenkarte des Radfahrers aufgehoben, der sich ihm damals zu erkennen gegeben hatte. Er zeigte sie Welling.

 

›Major James L. Morlake, Konsulat der Vereinigten Staaten in Tanger‹ stand darauf.

 

Mit einem zufriedenen Lächeln gab der Captain die Karte zurück. Nun blieb nur noch das Geheimnis zu lösen, warum Hamon so sehr hinter jenem Dokument her war.

 

Kapitel 4

 

4

 

James Morlake saß im Schatten einer großen Buche. Eine Zeitung lag auf seinen Knien, aber er las nicht. Seine Augen schweiften über die weite Fläche des Stroms. Plötzlich hörte er ein Geräusch, wandte sich um und sah einen Mann auf der Straße, der ihn von dort aus beobachtete.

 

Er schaute nur kurz hin und betrachtete dann wieder den Fluß.

 

Hamon kam langsam auf ihn zu.

 

»Es ist lange her, seit ich Sie das letztemal gesehen habe«, begann er. »Ich wußte nicht, daß Sie hier in der Nähe wohnen.«

 

Jim Morlake sah ihn an und gähnte.

 

»Ich hätte Ihnen eine Karte schicken sollen«, erwiderte er gelangweilt. »Wenn ich geahnt hätte, daß Sie heute morgen kommen würden, hätte ich sogar die Dorfmusik bestellt und ein paar Fahnen herausgehängt.«

 

Hamon nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu ihm.

 

»Ich möchte Ihnen dieses Haus abkaufen, Morlake –«

 

»Mr. Morlake«, verbesserte Jim. »Wir wollen doch immer daran denken, daß wir Gentlemen sind.«

 

»Ich will Ihnen also dieses Haus abkaufen, und Sie können abreisen. All Ihre bösen Anschläge gegen mich und Ihr böses Gerede will ich Ihnen vergeben … Sie wissen, was ich meine – aber innerhalb einer Woche müssen Sie das Land verlassen.«

 

Morlake lachte leise vor sich hin, und Hamon, der ihn noch nie hatte lachen sehen, war über diese Veränderung seiner sonst so verschlossenen Züge erstaunt.

 

»Sie scheinen eben erst vom Himmel gefallen zu sein oder sonst irgendwie nach langjähriger Abwesenheit auf die Erde zurückgekommen, da Sie sich plötzlich derartig um mein Leben und Wohlergehen kümmern. Übrigens werden Sie wirklich zu korpulent, und die dicken Säcke unter den Augen machen Sie auch nicht hübscher! Sie müßten einmal zum Arzt gehen!«

 

Hamon neigte sich vor.

 

»Wenn ich nun Ihren Nachbarn erzählen würde, wer Sie sind?« fragte er langsam. »Oder wenn ich zur Polizei ginge und dort mitteilte, daß Mr. Morlake – ein übler amerikanischer Verbrecher ist?«

 

»So übel ist er gar nicht«, meinte Morlake und schaute Hamon vergnügt an.

 

»In der letzten Zeit ist wieder eine ganze Reihe von Einbrüchen verübt worden, und zwar von einem Verbrecher, den man den Schwarzen nennt – haben Sie schon mal von dem gehört?«

 

Morlake lächelte.

 

»Ich lese niemals Zeitungen. Sie bringen so viel, was für einen Landedelmann uninteressant ist.«

 

»Für einen Landedelmann!«

 

Jetzt mußte Mr. Hamon lachen. Er zog seine Brieftasche heraus und entnahm ihr ein dickes Paket Banknoten.

 

»Hier ist Ihr Reisegeld«, sagte er, als Morlake die Scheine nahm. »Für Ihren Herrensitz und das Gut werde ich Ihnen morgen noch ein Angebot machen. Ihr Preis –«

 

»Ist hunderttausend Pfund. Ich würde diese schäbige Summe, die Sie mir da geben, als Anzahlung nehmen, wenn nicht die Nummer jedes einzelnen Scheins von Ihnen notiert wäre und irgendein Detektiv nicht schon darauf wartete, mich zu verhaften, wenn ich das Zeug einsteckte. Der Preis, für den ich verkaufe, ist hunderttausend Pfund, Hamon. Zahlen Sie ihn, wie ich ihn bezahlt haben will, und ich werde Sie in Ruhe lassen! Diese hunderttausend Pfund bezahlen Sie für einen Monat Ruhe!«

 

Er schleuderte die Banknoten ins Gras.

 

»Einen Monat – was meinen Sie denn mit einem Monat?«

 

»Damit meine ich die Zeit, die in diesem Lande zwischen der Verurteilung und der Hinrichtung eines Mannes vergehen muß!«

 

Kapitel 40

 

40

 

Creith House befand sich in jener Unruhe und Unordnung, die überall dort herrschen, wo eine längere Reise angetreten werden soll. Der Lord freute sich wie ein Schuljunge auf die Fahrt, aber Joan war dem Zusammenbruch nahe. Die Erlebnisse der letzten Tage hatten sie bis aufs äußerste erschöpft. Am Abend faßte sie den Entschluß, zu Ferdie zu gehen und sich mit ihm auseinanderzusetzen. Die Lage mußte geklärt werden.

 

Lord Creith sah sie die Treppe herunterkommen.

 

»Gehst du noch aus?« fragte er bestürzt. »Aber Joan, du kannst doch nicht so spät noch fortgehen! Es ist sehr stürmisch!«

 

»Ich möchte nur bis ans Parktor gehen.«

 

Es tat ihr leid, daß sie ihn belügen mußte.

 

»Ich werde dich begleiten.«

 

»Nein, danke, ich möchte lieber allein sein.«

 

*

 

Mrs. Cornford hatte einen bösen Abend mit ihrem Patienten gehabt, und der Arzt, der in aller Eile gerufen worden war, hielt seinen Zustand für bedenklich.

 

»Ich fürchte, der Mann ist reif fürs Irrenhaus. Morgen werde ich Doktor Truman aus Little Lexham mitbringen, damit er ihn untersucht.«

 

»Glauben Sie wirklich, daß er den Verstand verloren hat?«

 

»Unheilbare Trinker verfallen gewöhnlich mit der Zeit dem Wahnsinn. Können Sie mir sagen, ob er sich irgendwie stark aufgeregt hat?«

 

»Soviel ich weiß, nicht. Er stand heute morgen auf, ging in den Garten und war eigentlich sehr vernünftig. Aber heute nachmittag« – sie zeigte auf eine leere Whiskyflasche – »habe ich dies im Garten gefunden. Ich weiß nicht, wie er dazu gekommen ist. Wahrscheinlich hat er wieder einen Jungen aus dem Dorf zum ›Roten Löwen‹ geschickt.«

 

Der Doktor schaute die Flasche an.

 

»Da hätten wir ja die Erklärung«, sagte er. »Ich glaube, unser Freund wird jetzt lange Zeit keinen Tropfen Alkohol mehr bekommen. Am liebsten würde ich ihn gleich von hier fortbringen lassen, aber ich kann leider jetzt keinen Krankenwagen mehr bekommen. Passen Sie diese Nacht noch gut auf ihn auf.«

 

Farringdon schrie und tobte, aber man konnte kaum etwas verstehen.

 

»Joan, Joan!« brüllte er in Zwischenräumen.

 

»Diese Joan muß irgendeine Rolle gespielt haben«, meinte der Arzt. »Haben Sie eine Ahnung, wer sie sein könnte?«

 

»Nein.«

 

Sie hatte zwar einen leisen Verdacht, aber sie hütete sich, ihn auszusprechen.

 

Der Doktor ging, und gleich darauf erschien Joan.

 

»Sie dürfen nicht zu ihm hinein«, erklärte Mrs. Cornford, als Joan ihr sagte, warum sie gekommen war.

 

»Aber ich muß mit ihm sprechen!«

 

Ihr Mut sank, als sie die wütenden Schreie und die fast unmenschliche Stimme aus dem Nebenzimmer hörte.

 

»Geht es ihm so schlecht?« fragte sie leise.

 

»Ja, so schlimm war es noch nie.«

 

»Sie können ja auch nicht verstehen, warum ich mit ihm sprechen muß«, sagte Joan mit einem schwachen Lächeln. »Vielleicht erzähle ich es Ihnen später einmal.«

 

Sie griff nach ihrem Mantel.

 

»Es war töricht von mir, noch herzukommen«, gestand sie. »Nein, begleiten Sie mich nicht, ich kann meinen Weg allein finden. Bitte, bringen Sie mich auch nicht an die Tür.«

 

Sie verließ das Haus. Zur linken Seite sah sie ein erleuchtetes Fenster – Farringdons Schlafzimmer. Sie trat näher und hörte wieder die schrecklichen Flüche und Schreie des Kranken. Sie schauderte, zog ihren Mantel dichter zusammen und schlich davon. Aber gleich darauf erkannte sie im Dunkeln undeutlich die Gestalt eines Mannes. Sie drückte sich in den Schatten des Gebüsches. Er kam langsam und geräuschlos näher, als ob er nicht bemerkt werden wollte. Sie hätte ihn an der Schulter berühren können, so nahe ging er an ihr vorbei. Neugierig wartete sie, um zu entdecken, wer dieser Besucher von Mrs. Cornford sein könne.

 

Zu ihrem größten Erstaunen klopfte er nicht, sondern hielt vor dem Fenster des Krankenzimmers an und machte sich am Laden zu schaffen. Es war ein französisches Fenster, das man von unten nach oben schieben konnte. Der Mann öffnete es mit einer Hand, und sie stand starr vor Schrecken, konnte keinen Schritt tun und nicht einmal schreien, als ein Revolver in seiner Hand aufblitzte. Sie schaute nur entsetzt auf die Maske, die sein Gesicht verhüllte.

 

»Jim!« rief sie schwach.

 

Im gleichen Augenblick feuerte der Mann zweimal, Farringdon schrie laut auf und stürzte tot zu Boden.

 

Kapitel 41

 

41

 

Joan hörte einen Schreckensruf im Haus und wollte in ihrem ersten Impuls Mrs. Cornford zu Hilfe eilen. Aber noch ein anderer hatte die Schüsse gehört. Eine Polizeipfeife schrillte. Ein Mann eilte an die Haustür.

 

»Was ist hier los?« fragte er mit scharfer Stimme.

 

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Mrs. Cornford erregt. »Es muß etwas Furchtbares passiert sein, ich fürchte, Mr. Farringdon hat sich erschossen.«

 

Joan wartete, zitternd vor Furcht. Was sollte sie tun? Wenn sie zugab, daß sie Zeugin des Verbrechens war, mußte sie auch den Mörder beschreiben. Verzweifelt schlich sie aus dem Garten.

 

Glücklicherweise war niemand in der Halle, als sie zu Hause ankam, und es gelang ihr, unbemerkt ihr Zimmer zu erreichen. Sie taumelte zum Bett und warf sich erschöpft nieder.

 

»Jim! Jim!« schluchzte sie wild auf. »Warum hast du das getan?«

 

Spät in der Nacht wurde an ihre Tür geklopft, und sie hörte die Stimme ihres Vaters.

 

»Schläfst du schon, Joan? Es ist etwas Schreckliches passiert. Darf ich hineinkommen?«

 

Sie öffnete ihm die Tür.

 

»Kannst du kein Licht machen?« fragte er und wollte den Schalter andrehen, aber sie hinderte ihn daran.

 

»Ich habe große Kopfschmerzen. Was gibt es denn?«

 

»Farringdon ist ein Unglück zugestoßen. Er ist erschossen worden. Einige Leute glauben sogar, daß er sich selbst erschossen hat, aber Welling ist anderer Ansicht.«

 

»Ist Mr. Welling hier?« fragte sie ängstlich.

 

»Ja, er kam heute abend von London zurück. Er ist unten und möchte dich sprechen. Er erzählte mir eben, daß du gerade eine Minute vor der Schießerei Mrs. Cornfords Wohnung verlassen hast …«

 

Sie atmete schwer.

 

»Ich komme gleich nach unten«, sagte sie leise.

 

Welling war am Abend nach Creith zurückgekommen, hatte sein Gepäck im ›Roten Löwen‹ abgestellt und war gerade auf dem Weg nach Wold House, als er die Schüsse und Schreie hörte.

 

»Es ist ganz bestimmt ein Mord«, erklärte er Lord Creith. »Ich fand das Fenster offen, und außerdem wurde keine Waffe im Zimmer gefunden. Den einzigen Anhaltspunkt für die Entdeckung des Täters bieten die Fußspuren vor dem Fenster.«

 

»War Farringdon schon tot, als Sie ihn fanden?«

 

»Ja. Er starb sofort. Die beiden Schüsse gingen durch das Herz und wurden so schnell hintereinander abgefeuert, daß ich nur eine einzige Detonation hörte. Der Täter hat eine Schnellfeuerpistole benutzt. Haben Sie eine Ahnung, warum Lady Joan gerade zu der Zeit Mrs. Cornford besuchte?«

 

»Nein, das weiß ich nicht. Sie ist sehr befreundet mit ihr, und wahrscheinlich wollte sie sich nach dem Befinden Ferdie Farringdons erkundigen. Aber da kommt sie selbst.«

 

Joan sah sehr bleich aus, und schwere Schatten lagen unter ihren Augen. Mr. Welling, der Hamon dauernd beobachten ließ, wußte von dem Geheimnis der kleinen Kirche im Wald bei Ascot, und er konnte sich Joans Erregung daher leicht erklären.

 

»Der Lord hat Ihnen schon erzählt, daß Farringdon ermordet wurde?«

 

Sie nickte langsam.

 

»Sie müssen ganz in der Nähe des Hauses gewesen sein, als die Schüsse fielen. Haben Sie etwas gehört?«

 

»Nein.«

 

»Haben Sie jemand gesehen?«

 

»Nein.«

 

»Haben Sie wirklich niemand im Garten oder auf der Straße gesehen?« fragte Welling noch einmal. »Mrs. Cornford sagte mir doch, daß Sie noch keine Minute fort waren, als die Schüsse fielen.«

 

»Ich habe nichts gesehen und nichts gehört«, erwiderte sie, ohne den Blick vom Teppich zu erheben.

 

»Vielleicht haben Sie die Schüsse bei dem Heulen des Sturmes überhört.« Welling rieb sich erregt die Nase. »Sie kennen diesen Farringdon natürlich nicht?« Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: »Vielleicht ist es auch besser, daß Sie ihn nicht kennen. Es würde uns viele Unannehmlichkeiten und Mühen ersparen; außerdem würde es auch nicht zur Aufklärung des Falles beitragen.«

 

Auf dem Heimweg versuchte Welling, dieses neue Rätsel zu lösen. Wer mochte Farringdon erschossen haben? Wer hatte einen Grund, ihn zu erschießen? Wer hatte Vorteile davon, wenn dieses nutzlose Leben zerstört wurde? Nur – Joan Carston.

 

War seine Schlußfolgerung wirklich richtig? Konnte es nicht auch Lord Creith gewesen sein? Welling mußte sich auf die Hilfe der Ortspolizei verlassen. Im Augenblick stand ihm nur ein Sergeant zur Verfügung.

 

Man hatte bei der ersten Durchsuchung nichts gefunden, und Welling entschloß sich, Jim Morlake aufzusuchen. Als er sich Wold House näherte, konnte er kein Licht entdecken, und das Gartentor stand weit offen. Das gab ihm zu denken. Mit einer Taschenlampe leuchtete er den Weg entlang. Auf der Auffahrt innerhalb des Parks erkannte er frische Radspuren. Die Garage stand seitlich vom Haus. Welling folgte einer spontanen Eingebung und wandte sich dorthin. Die Tore waren geöffnet, und das Innere war leer.

 

Der Butler öffnete auf sein Klingeln.

 

»Möchten Sie Mr. Morlake sprechen?« fragte er. »Es tut mir leid, er ist ausgefahren.«

 

»Wie lange ist er denn schon fort?«

 

»Es mag ungefähr eine halbe Stunde sein. Ich war sehr erstaunt darüber, denn er hatte mir schon Auftrag gegeben, ihn morgen früh zu wecken. Binger ist auch in die Stadt zurückgekehrt.«

 

»Hat er Ihnen gesagt, daß er wegfahren wollte?«

 

Der Butler schüttelte den Kopf.

 

»Er ist in größter Eile aufgebrochen, denn er hat seine Pfeife und seinen Tabaksbeutel im Zimmer zurückgelassen, was er sonst nie tut. Außerdem muß er durch das Fenster gestiegen sein, denn ich war in der Halle.«

 

Als Welling Jims Arbeitszimmer betrat, stand das Fenster noch auf. Er drehte das Licht an und untersuchte den Fußboden.

 

»Er ist also Hals über Kopf davongefahren?« fragte er liebenswürdig. »Vor einer halben Stunde? – Würden Sie mich einmal allein lassen? Ich will telefonieren.«

 

Zuerst sprach er mit der Horsham-Polizeistation.

 

»Halten Sie einen schwarzen Zweisitzer an. Der Herr, der den Wagen steuert, heißt Morlake. Ich möchte nur, daß Sie ihn anhalten, nicht festnehmen. Sie verstehen, wie ich es meine?«

 

»Um was handelt es sich denn, Captain Welling?«

 

»Um Mord!« erwiderte der Beamte lakonisch.

 

Kapitel 42

 

42

 

Joan Carston schlief in der Nacht nicht; sie saß am Fenster und schaute unverwandt nach Wold House hinüber. Wenn doch nur das Licht aus seinem Fenster zu ihr herüberleuchten würde! Wenn sie nur den Klang seiner Stimme in diesen dunklen und stürmischen Stunden hören könnte! Ihr Herz sehnte sich nach ihm. Wie glücklich war sie doch gewesen, ohne es gewußt zu haben!

 

Als der Tag heraufdämmerte, kam ihr zum Bewußtsein, daß sie heute Creith verlassen sollte, aber sie konnte jetzt unmöglich fortgehen – sie mußte warten, falls Jim sie brauchen würde. Sie verurteilte ihn nicht; sie versuchte auch nicht, sich die Beweggründe seiner Handlungsweise klarzumachen. Sie konnte sich nur mit den Tatsachen abfinden und mußte sich ins Unvermeidliche fügen.

 

Am Morgen nach einem heißen Kaffee fühlte sie sich etwas erfrischt und ging ins Freie hinaus. Der Wind wehte kalt und scharf. Wasserlachen standen auf den Wegen. Dieses trübselige Wetter spiegelte nur die Stimmung in ihrem Innern wider. Ohne daß sie es wußte, ging sie die Auffahrt entlang, bis sie ans Parktor kam. Dort blieb sie stehen, faßte die kalten Eisenstangen mit den Händen und schaute durch das Gitter ins Leere.

 

Dann sah sie nach dem kleinen Haus von Mrs. Cornford hinunter und schauderte. Schnell wandte sie sich ab und ging zurück. Aber kaum hatte sie ein paar Schritte getan, als jemand sie anrief.

 

Sie entdeckte Welling.

 

»Waren Sie auch die ganze Nacht auf?« fragte sie. Er sah übernächtig aus, und seine Schuhe waren beschmutzt.

 

»Ich schließe aus Ihren Worten, daß Sie selbst nicht viel geschlafen haben«, erwiderte er. »Aber ich will Ihnen keinen Vorwurf machen. Der Wind blies diese Nacht so heftig, daß man nicht zur Ruhe kam. Ist Lord Creith schon aufgestanden?«

 

»Ja, ich glaube.«

 

»Sie haben in der letzten Zeit viel Aufregungen gehabt«, meinte der Detektiv, als er neben ihr herging. »Das ist doch ein sehr merkwürdiger Fall – wirklich sehr sonderbar. Haben Sie übrigens beobachtet, daß Morlake immer breite, amerikanische Schuhe trägt?«

 

»Nein, ich kann mich auf keine Einzelheiten seiner Kleidung besinnen«, sagte sie schnell, um Jim nicht durch eine unfreiwillige Aussage zu schaden.

 

»Es ist aber eine Tatsache, daß er amerikanische Schuhe trägt«, erwiderte Welling. »Er hat überhaupt keine anderen, ich habe nämlich sein Haus durchsucht –«

 

»Ist er fort?«

 

»Spurlos verschwunden! Man kann es nicht anders nennen. Das ist das Schlimmste bei diesen klugen und gewitzten Menschen: Wenn sie verschwinden, dann tun sie es so gründlich, daß man von ihnen keine Spur mehr findet. Ein gewöhnlicher Verbrecher würde seine Visitenkarte an jedem Meilenstein zurücklassen.«

 

Er wartete, ob sie etwas entgegnen würde. Aber erst nach einer Pause nahm sie allen Mut zusammen, um eine Frage zu stellen.

 

»Welche Bedeutung haben die breiten Schuhe?«

 

»Ich kann es Ihnen ja sagen. Der Mann, der Farringdon ermordete, trug spitze Schuhe.«

 

Sie wandte sich blitzschnell zu ihm um.

 

»Meinen Sie – daß Jim Morlake nicht der Täter war?« fragte sie zitternd. »Captain Welling, wollen Sie mir eine Falle stellen, um mich zu einer Aussage zu zwingen?«

 

»Ich bin zu allem, auch dazu, fähig«, gestand er und schüttelte traurig den Kopf. »Es gibt keine Lüge und keine Arglist, die ich nicht anwenden würde, Lady Joan. Aber diesmal bin ich vollständig ehrlich. Die Fußspuren, die wir auf dem Beet unter dem Fenster gefunden haben, zeigen deutlich, daß der Täter französische Schuhe trug, die vorne spitz zulaufen. Auch die Pistole, mit der er Farringdon erschoß, hat ein viel schwereres Kaliber als irgendeine Waffe in Morlakes Besitz. Ich kenne alle seine Waffen und könnte schwören, daß er nie die Pistole besaß, mit der Farringdon getötet wurde. Sie glaubten wohl, daß es Morlake war?«

 

»Ja, das dachte ich. Ich war Augenzeugin, als Farringdon erschossen wurde«, sagte sie mit einem plötzlichen Entschluß.

 

»Das wußte ich. In dem weichen Boden konnte ich Ihre Fußabdrücke deutlich sehen. Glauben Sie, daß der Mann mit den spitzen Schuhen von Ihrer Gegenwart wußte? Übrigens noch eine Frage – haben Sie sein Gesicht gesehen? Trug er eine schwarze Maske?«

 

»Ja.«

 

»War er auch von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet wie Mr. Morlake? Ich dachte es mir doch«, meinte er, als sie nickte. »Das kann natürlich Zufall gewesen sein, aber ich glaube nicht daran. Vielleicht können Sie mir noch eine kleine Mitteilung machen, die wir dringend brauchen«, sagte er und blieb stehen. »Wer trägt in Creith außer Ihrem Vater noch spitze, französische Schuhe?«

 

Kapitel 31

 

31

 

Er mußte träumen! Das konnte doch nicht wahr sein! Es war zu absurd. Sie wollte ihn ebenso erschrecken, wie sie Lydia Hamon erschreckt hatte. Sicherlich war das nicht wahr…

 

Er hielt wieder vor dem Hause von Mrs. Cornford. Er hätte ja hineingehen, sich Gewißheit verschaffen können, aber eben sah er den Doktor aus der Tür kommen. Der alte Mann nickte ihm freundlich lächelnd zu.

 

»Wie geht es Ihrem Patienten?« fragte Jim.

 

»Sehr schlecht. Ich fürchte, er hat Angina. Er ist kraftlos und kann der Krankheit keinen Widerstand entgegensetzen. Ein merkwürdiger Kerl, dieser Farringdon! Hat eine Hochschule besucht, aber die Haare würden Ihnen zu Berge stehen, wenn Sie gehört hätten, was er im Delirium redete. Wissen Sie eigentlich etwas von Mitternachtsmönchen?«

 

»Wovon?«

 

»Von Mitternachtsmönchen. Sie sind doch weit in der Welt herumgekommen. Es muß irgendeine Geheimgesellschaft sein. Er hat die ganze Zeit davon geschwatzt. Eigentlich dürfte ich ja nicht darüber sprechen. Neben den Mitternachtsmönchen erwähnte er immer noch den Namen Joan.«

 

Jim sagte nichts darauf, und der Arzt verabschiedete sich.

 

Tief in Gedanken versunken ritt Morlake weiter. Joan hatte ihn erschrecken wollen, das war die einzige Erklärung. Hierbei blieb er und betrog sich selbst.

 

Er bog nach Wold House ein, als ein großer italienischer Wagen an ihm vorbeifuhr. Einen kurzen Augenblick konnte er den Mann sehen, der darin saß. Hamons Anwesenheit würde hier niemand Glück bringen, ihm am allerwenigsten.

 

»Polizeibeamte waren hier!« sagte Binger, der ihm auf der Zufahrtsstraße entgegenkam, etwas theatralisch.

 

»Wer denn? Spooner und Finnigan?«

 

»Die beiden und noch einer. Der wollte wissen, ob Sie letzte Nacht ausgegangen seien. Aber ich wußte ja ganz genau, daß Sie hier waren, und habe das auch zu Protokoll gegeben.«

 

»Wann sind sie fortgegangen?«

 

»Sie sind noch in Ihrem Arbeitszimmer. Der eine Herr sagte, daß er sich nicht wohl fühle und sich ein wenig hinsetzen müsse. Draußen scheine ihm die Sonne zu stark.«

 

»Wir haben seit einem Monat überhaupt keinen Sonnenschein gehabt – ich nehme an, daß dieser dritte Welling heißt. Was Sie eben sagten, klingt ganz nach ihm.«

 

»Stimmt. Er ist ein älterer Mann, der nicht ganz richtig im Kopf sein muß. Er ist ein wenig kindisch. Den Plattenspieler hat er auf den Tisch gestellt und gefragt, wofür denn die kleinen Löcher an der Seite seien. Es ist schrecklich, wenn man einen Menschen sieht, der seinen Verstand nicht ganz beisammen hat.«

 

Als Jim in sein Arbeitszimmer kam, bewunderte Welling gerade eine große Radierung, die über dem Kamin hing.

 

»Da sind Sie ja endlich, Morlake. Ich dachte, es sei gut, wenn ich mich einmal nach Ihnen erkundigte. Erst gestern abend habe ich entdeckt, daß ohne mein Wissen zwei Leute vom Yard hierhergeschickt wurden, um Sie zu beobachten. Ich finde das nicht richtig«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Sobald ich es entdeckte, entschloß ich mich, die Beamten zu entfernen. Ich möchte Sie nicht ärgern; Sie müssen sich frei bewegen können, Morlake.«

 

Jim lachte laut.

 

»Ich zweifle nicht im geringsten daran, daß Sie selbst die Detektive beauftragt haben, mich zu überwachen.«

 

»Und ich zweifle noch weniger daran«, gab Welling reumütig zu, »daß ich sie tatsächlich herschickte. Das ist das Schlechteste an unserem Beruf, daß wir dauernd lügen müssen.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Und dann solche unnötigen Lügen. Mir graut manchmal vor mir selbst, wenn ich daran denke, was ich so tagsüber zusammengelogen habe. Sie haben da einen netten Plattenspieler – haben Sie auch Platten?«

 

»Massenhaft«, antwortete Jim prompt.

 

»Sehen Sie mal an. Ich hatte den Apparat gerade vorhin angedreht.« Bei diesen Worten schaltete er ihn an, und der Plattenspieler bewegte sich langsam. »Der kriecht wie eine Schnecke. Nun dachte ich mir, wenn Sie eine Lampe hätten und sie in die Mitte setzten, dann könnte man eine Pappfigur von der Gestalt eines Mannes ausschneiden und den Apparat so aufstellen, daß jedesmal der Schatten die Vorhänge trifft, wenn die Figur vorübergeht. Wie gefällt Ihnen die Idee? Wenn ich mein kleines Buch über Einbrecher schreibe, dann werde ich diese Sache ganz bestimmt erwähnen – sogar mit Illustrationen.«

 

Jim verschob den Regulator, und die Scheibe drehte sich nun schnell.

 

»Das beweist nur, wie selbst ein schlauer Plan aus Mangel an Vorsicht scheitern kann. Wenn ich ein Verbrecher gewesen wäre, wenn ich die Polizei hätte täuschen wollen, dann hätte ich doch vor allem den Hebel auf normale Gangart zurückstellen müssen. Bitte, vergessen Sie nicht, auch das in Ihrem Buch zu erwähnen.«

 

»Sicherlich werde ich das nicht vergessen«, gab der Detektiv schalkhaft zu. »Ich danke Ihnen für Ihre Informationen.«

 

Er sah sich nach Spooner und Finnigan um.

 

»Also, die Sache ist in Ordnung – ich glaube nicht, daß Sie hier noch zu warten brauchen. Sie fahren beide mit dem nächsten Zug in die Stadt zurück. Inzwischen möchte ich mit Mr. Morlake noch etwas privatim besprechen.«

 

Er verbeugte sich leicht, ging zum Fenster und beobachtete, wie die beiden Beamten verschwanden.

 

»Gute Leute«, meinte er und wandte sich wieder an Jim. »Kein bißchen Verstand, aber von idealer Pflichttreue. Sagen Sie mal, Morlake, wo waren Sie eigentlich letzte Nacht?«

 

»Wo soll ich denn gewesen sein?« Jim nahm seine Pfeife vom Kamin und stopfte sie.

 

»Ich nehme an, daß Sie in dem Haus Cambridge Circus Nr. 302 waren und den Geldschrank unseres Freundes Marborne ein wenig öffneten. Und wenn ich sage, ich nehme es an, dann heißt das, ich weiß es genau. Morlake, das gehört sich doch nicht.« Er schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Ein Hund beißt doch nicht den anderen, und ein Dieb darf doch nicht den anderen berauben. Dieser Marborne war der größte Dieb, der je Polizeiuniform getragen hat. Der Himmel und unser Chef wissen es genau. Haben Sie denn wenigstens das gefunden, was Sie suchten?«

 

»Nein.«

 

»Aber warum nahmen Sie dann das Geld?«

 

»Was für Geld?« fragte Jim unschuldig.

 

Captain Welling setzte sich in einen Sessel und zog die Falten seiner Hose hoch.

 

»Ich sehe schon, wir müssen uns erst eine Weile streiten.«

 

»Um Himmels willen, ich nähme doch nur Geld, wenn es dem Mann gehörte, den ich beraube.«

 

Welling nickte.

 

»Das habe ich schon vermutet – aber es war doch Marbornes Eigentum. Können Sie mir eigentlich sagen, welchen Einfluß Marborne auf Hamon hat?«

 

»Soviel ich weiß, erpreßt er ihn, weil er ein Dokument hat, das für Hamon sehr belastend ist. So sehe ich wenigstens den Fall an.«

 

»Mysteriöse Angelegenheit, die ich nicht verstehe. Da ist also ein Dokument, das Sie haben wollen und das nach Ihrer Behauptung Marborne besitzt. Wenn dieses Schriftstück in die Hände der Polizei oder des Gerichts fiele, würde das für Hamon katastrophale Folgen haben. Habe ich bis dahin alles richtig gesagt?«

 

»Ja, soweit wie möglich.«

 

»Nun gut.« Welling legte die Spitzen der Finger zusammen. »Also zuerst haben wir ein Dokument oder einen Brief, ein Protokoll oder so was Ähnliches, dessen Bekanntwerden, sagen wir einmal, Hamon in eine böse Lage bringt. Warum in aller Welt vernichtet der Mann dieses Dokument nicht?«

 

Ein feines Lächeln zeigte sich auf Jims Zügen.

 

»Weil er eben wie ein Affe ist. Er hat seine Hand in die Kürbisflasche gesteckt, hat die Frucht darin ergriffen und kann nun die Hand nicht herausziehen, ohne seine Beute fahrenzulassen.«

 

»Ich habe zwar gehört, daß er ein Geizhals ist – aber warum bewahrt er denn eine Sache auf, die ihn –«

 

»An den Galgen bringt«, ergänzte Jim.

 

Welling machte ein ernstes Gesicht.

 

»Ist es wirklich so schlimm? Ich ahnte es. Der Mann ist verrückt. Für eine solche Wahnsinnstat gibt es überhaupt keinen Präzedenzfall in der Geschichte der Justiz. Ein Mann mag solch ein Dokument aufheben, weil er nachlässig ist, oder weil er es vergessen hat – aber absichtlich! Hat er es denn geschrieben?«

 

»Nein, ein anderer. Es enthält eine Anklage, daß er einen großen Betrug plante und jemand zu ermorden versuchte.«

 

»Ich gebe es auf, diese Sache zu entwirren«, meinte Welling und schüttelte den Kopf. »Aber unter allen Umständen wird es Hamons Untergang sein.«

 

»Er ist übrigens schon wieder hier.«

 

Jim hatte Welling gern, und unter gewöhnlichen Umständen hätte er sich über seine Gesellschaft gefreut, aber jetzt war er nicht in der Stimmung, Menschen um sich zu haben, und er war froh, als der Detektiv ging. Die Erklärung Joan Carstons hatte ihn sehr mitgenommen. Er glaubte jetzt, daß sie die Wahrheit gesagt hatte. Mit ihm würde sie nicht spielen. Zweimal ritt er an diesem Tage noch zu Mrs. Cornford und fragte nach dem Patienten.

 

»Es geht ihm sehr schlecht, aber der Arzt hat Hoffnung.«

 

»Wissen Sie eigentlich Genaueres über Mr. Farringdon?«

 

»Ich weiß nur wenig. Er hat fast keine Freunde. Ein Anwalt aus der Stadt zahlt ihm pünktlich eine Rente aus. Wenn ich nur wüßte, wie ich seine Verwandten benachrichtigen kann, aber er spricht von nichts anderem als diesen Mitternachtsmönchen, und der einzige Name, den er außer dem eines Mädchens erwähnt, ist Bannockwaite. Er kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich kann nicht sagen, woher ich ihn kenne.«

 

Jim hatte den Namen auch schon gehört, besann sich aber nur darauf, daß er mit irgendwelchen unangenehmen oder bösen Dingen verknüpft war. Plötzlich kam ihm ein Einfall. Welling hatte ihm gesagt, daß er noch einen oder zwei Tage im Dorf bleiben wolle. Jim ritt also zum ›Roten Löwen‹, wo der Beamte sein Quartier aufgeschlagen hatte und fand ihn vor einem großen Bierglas sitzend.

 

»Kennen Sie einen gewissen Bannockwaite?«

 

»Früher kannte ich einen Mann dieses Namens«, entgegnete der Detektiv sofort. »Er war ein furchtbares Rauhbein. Erinnern Sie sich nicht an den Fall? Ein junger Geistlicher, der sich unmöglich machte und aus der Kirche ausgeschlossen wurde? Er hatte eigentlich nicht viel verbrochen, er war von Natur ein Teufel, und es gibt keinen größeren Fehler, als die geistliche Karriere einzuschlagen, wenn man nicht dazu berufen ist. Später war er in eine Falschspieleraffäre verwickelt und geriet auch in unsere Hände. Aber es wurde keine Klage gegen ihn erhoben. Bei Kriegsausbruch meldete er sich freiwillig, erhielt das Victoriakreuz und fiel an der Somme. Vielleicht erinnern Sie sich an ihn in Verbindung mit einer der Geheimgesellschaften, die er gründete.«

 

»Welche Geheimgesellschaften meinen Sie?«

 

»Als er noch auf die Schule ging, hat er mit einer solchen Geschichte nicht nur seine Kameraden in Verwirrung gebracht, sondern auch noch ein Dutzend andere Institute.«

 

»Auf welcher Schule war er denn? Aber das werden Sie wohl nicht wissen.«

 

»Zufällig weiß ich es noch. Es war Hulston – das ist eine große Schule in Berkshire.«

 

Jim ging nach Hause und schrieb an den Schuldirektor in Hulston.

 

Spät am Nachmittag sah er Hamons Wagen in der Richtung nach London vorbeifahren und wunderte sich, welches dringende Geschäft den Finanzmann wohl in die Stadt zurücktreiben mochte.

 

Nach Mitternacht kehrte Hamon schon wieder zurück. Er hatte in London zwei nützliche Stunden verbracht und mit einem Fremden gesprochen, der gerade angekommen war. Die Unterhaltung war nur auf arabisch geführt worden.

 

Kapitel 32

 

32

 

Marborne hatte eine neue Forderung an Hamon gestellt und nur fünfhundert Pfund erhalten. Sofort schickte er ein zweites Schreiben, erfuhr aber, daß Hamon weggefahren sei. Er hielt das für einen Vorwand, ging selbst in Hamons Wohnung und fragte den Butler aus. Miss Hamon war auch nicht da; sie war mit dem Elfuhrzug nach dem Festland abgereist. Der Butler glaubte, daß sie mindestens eine Woche fortbleiben werde.

 

Obgleich die Nacht sehr kühl war, öffnete Marborne das Fenster in seinem Zimmer, um auf den Verkehr in Cambridge Circus hinabzusehen. Die Kinofassade in der Nähe war grell beleuchtet. Er saß lange und schaute zu, wie das Publikum zu den Vorstellungen strömte.

 

Plötzlich eilte ein großer, starker Mann quer über die Straße, da der Verkehr auf dem Fahrdamm im Augenblick nicht allzu stark war. Das mußte ein Fremder sein. Marborne beobachtete ihn einige Zeit. Der Mann schien nicht genau zu wissen, wo er sich hinwenden solle. Zuerst ging er an den Häusern des Platzes entlang, dann kam er zurück und stand unentschlossen auf einer der Verkehrsinseln, wo das Licht einer großen Bogenlampe auf ihn fiel. Er mochte Seemann sein, denn er trug einen wollenen Sweater, eine dicke Tuchjacke und eine Sportmütze. Als Marborne ein elegantes Auto im Verkehr verfolgte, das vor dem Theater hielt, verlor er ihn aus den Augen und dachte nicht mehr an ihn.

 

Er schloß das Fenster, nahm ein Spiel Karten aus einer Schublade und begann eine Patience, um seine Nervosität zu bekämpfen. Er hörte Geräusche, Klopfen und Flüstern und wußte doch, daß alles nur Einbildung war. Schließlich setzte er den Hut auf, da er die Einsamkeit nicht länger ertragen konnte, und ging die Shaftesbury Avenue zum Piccadilly Circus entlang. Dort blieb er stehen und beobachtete eine Weile den Verkehr.

 

Dann machte er noch einen kleinen Spaziergang und ging schließlich zum Cambridge Circus zurück. Er fühlte sich jetzt etwas wohler. Plötzlich sah er den großen, fremdartig aussehenden Matrosen wieder. Sein bleiches Gesicht und sein dünner, schwarzer Schnurrbart fielen ihm auf. Er stand in der Nähe, als Marborne aufschloß, kam auf ihn zu und zog die Mütze.

 

»Entschuldigen Sie«, sagte er mit einem gutturalen Akzent, »sind Sie Mr. Marborne?«

 

»Ja, das ist mein Name.«

 

»Ich habe dies hier für Sie abzugeben.« Er reichte ihm ein großes Kuvert. »Es ist von Mr. Hamon, aber ich muß erst sicher sein, daß Sie wirklich Mr. Marborne sind.«

 

»Kommen Sie doch mit nach oben«, erwiderte Marborne schnell. Hamon hat wieder Geld geschickt, dachte er vergnügt. Dieser dicke Brief konnte nur Geld enthalten; Hamon hatte allerdings manchmal merkwürdige Boten. Er öffnete die Tür und ließ den Mann eintreten, der lautlos hinter ihm die Treppe heraufgestiegen war.

 

»Sie sind also Mr. Marborne?« fragte der Fremde, als sie im Zimmer waren. Er sprach nur gebrochen englisch. »Dies ist für Sie. Wollen Sie bitte öffnen und mir den Empfang bestätigen?«

 

Marborne zerschnitt die Schnur und riß den Umschlag auf. Eine Sekunde lang wandte er dem Besucher den Rücken zu, und Ahmet, der Mauleseltreiber, zog ein gekrümmtes Messer aus jeder Tasche. Mit einem unterdrückten Schrei stieß er nach dem Mann.

 

Marborne wußte selbst nicht, warum er plötzlich aufschaute. In dem Spiegel über dem Kamin sah er das Blitzen der beiden Messer und drehte sich blitzschnell um. Im nächsten Augenblick hob er den Tisch auf und schleuderte ihn gegen den Mörder. Als er nach seinem Revolver griff, ging plötzlich das Licht aus. Marborne hörte Schritte bloßer Füße auf der Treppe und eilte hinter dem Mann her, fiel dabei aber über den Tisch. Als er das Licht wieder angedreht hatte, waren Treppe und Gang unten leer; auch auf der Straße war nichts von dem fremden Matrosen zu sehen. Nachdem er die Tür zweimal abgeschlossen hatte, ging Marborne in seine Wohnung zurück, goß sich ein großes Glas Whisky ein und trank es aus.

 

»Dieses Schwein!« sagte er atemlos und untersuchte den Brief.

 

Es lag nur geschnittenes Zeitungspapier darin. So war es also gemeint!

 

Er dachte klar und kühl über seine Lage nach. Das war also der wirkliche Hamon, der sich durch nichts abhalten ließ, das verlorene Dokument wiederzubekommen.

 

Marborne saß eine halbe Stunde lang und brütete vor sich hin, dann erhob er sich, zog Rock und Weste aus, legte auch das Oberhemd ab und schließlich das Unterhemd. An seiner linken Seite war auf dem bloßen Körper eine kleine Tasche aus Seide mit vielen Streifen von Heftpflastern befestigt. Er klebte noch zwei neue darüber und zog sich wieder an. Dann untersuchte er seinen Revolver sorgfältig und steckte ihn in die Hüfttasche. Jetzt war nur eins zu tun, und das mußte gleich getan werden. Vor allem mußte er sofort das Haus verlassen, bevor der Mörder, der auf ihn lauerte, sich von seinem Schrecken erholt hatte. Er zog den Mantel an, nahm einen schweren Spazierstock, in dem ein Gummiknüppel verborgen war, und ging hinunter.

 

Jim Morlake war die Lösung all seiner Schwierigkeiten, er konnte ihn auch gegen Gefahren schützen. Als er die Tür geschlossen hatte, schaute er nach links und rechts, aber wie er erwartet hatte, war nichts von dem fremden Matrosen zu entdecken.

 

Kapitel 33

 

33

 

Um elf Uhr hörte Jim, der noch eifrig in seinem Arbeitszimmer tätig war, Schritte auf dem geschotterten Fahrweg. Er öffnete die Tür und hörte die Unterhaltung zwischen Binger und einem Unbekannten. Plötzlich kam Binger sehr erregt zu ihm.

 

»Es ist dieser verfluchte Marborne!« flüsterte er ihm zu.

 

»Führen Sie ihn ruhig herein!«

 

Marborne sah hager und angegriffen aus. Jim glaubte, daß er Unannehmlichkeiten mit ihm haben werde, aber die Haltung des Mannes blieb höflich.

 

»Es tut mir sehr leid, daß ich Sie so spät noch störe, Mr. Morlake«, begann er, »und ich hoffe, daß Sie nicht denken, ich käme wegen des Vorfalls von letzter Nacht zu Ihnen.«

 

Jim schwieg.

 

»Tatsächlich bin ich –« Plötzlich fuhr Marborne nervös herum. »Was ist denn das?« fragte er aufgeregt.

 

Wieder waren Schritte auf dem Fahrweg zu hören.

 

»Wer mag das sein?« fragte er heiser.

 

»Das werde ich feststellen«, entgegnete Jim, ging hinaus und öffnete selbst dem Besucher die Tür.

 

»Treten Sie bitte näher, Welling! Sie sind der zweite, den ich heute abend bestimmt nicht erwartet hätte.«

 

»Wer war denn der erste?«

 

»Ein alter Freund von Ihnen – Marborne.«

 

Captain Welling runzelte die Stirn.

 

»Sehr interessant. Ist er hergekommen, um sein Geld von Ihnen zurückzuverlangen?«

 

»Das nahm ich zuerst auch an. Aber ich glaube, seine Unruhe hat eine viel ernstere Ursache.«

 

Als Marborne sah, wer Jims neuer Besucher war, atmete er erleichtert auf.

 

»Haben Sie einen Freund erwartet?« fragte Welling.

 

»Nein«, stammelte Marborne verwirrt.

 

»Sie können aber Ihren Revolver ruhig fortlegen – es ist eine sehr schlechte Angewohnheit, Waffen mit sich herumzutragen.«

 

Marborne hatte sich wieder etwas erholt.

 

»Mr. Morlake«, wandte er sich an Jim, »ich möchte Sie heute abend nicht mehr mit meinen Angelegenheiten belästigen – vielleicht können Sie mir morgen früh ein paar Minuten schenken?«

 

»Wenn ich Ihnen hier im Wege bin –« begann Welling.

 

»Nein, durchaus nicht. Sagen Sie mir nur, wo ich während der Nacht schlafen kann! Vermutlich gibt es hier im Dorf ein Gasthaus oder ein Hotel?«

 

»Jawohl, hier ist ein Gasthaus – der ›Rote Löwe‹. Ich wohne selbst dort. Aber ich kann ja auch warten. Mein Geschäft ist nicht so sehr dringend. Ich wollte nur eine oder zwei Fragen an Mr. Morlake stellen.«

 

»Nein, danke, es genügt, wenn ich Mr. Morlake morgen früh sprechen kann.«

 

Marborne war inzwischen zu einem anderen Entschluß gekommen. Er wollte Hamon noch eine letzte Chance geben, da er hier nicht einen Pistolenschuß von ihm entfernt wohnte. Am Morgen wollte er ihm noch ein Angebot machen, und Hamon würde besser und williger zahlen, da jetzt auch noch eine Anklage wegen versuchten Mordes gegen ihn erhoben werden konnte. Er verabschiedete sich von den beiden und ging.

 

»Was ist eigentlich mit Marborne los?« fragte Welling.

 

»Ich weiß es nicht. Er war sehr nervös, und ich hatte den Eindruck, daß er in irgendeiner Gefahr schwebt. Aber vielleicht hat er auch wieder getrunken.«

 

»Nein, getrunken hatte er nicht. Ich möchte doch zu gern wissen, was er wollte.« Die letzten Worte sprach er fast zu sich selbst. »Das beste ist, wir rufen ihn wieder zurück.«

 

Sie gingen zusammen auf den Fahrweg hinaus, konnten aber nichts mehr von Marborne sehen.

 

»Haben Sie ein Feuerzeug bei sich?« fragte Welling beunruhigt.

 

Jim reichte ihm seine Taschenlampe, und der Detektiv leuchtete den Fahrweg ab. Ringsumher herrschte tödliche Stille.

 

Auf halbem Weg zwischen Tor und Haus hielt er plötzlich an und richtete den Lichtschein auf Sträucher, die am Weg standen.

 

Dort lag Marborne mit dem Gesicht nach unten. Sie konnten eine leichte Wunde am Hinterkopf feststellen, aber getötet hatte ihn eine seidene Schnur, die um seinen Hals geschlungen war.

 

Kapitel 34

 

34

 

»Er ist wirklich tot«, sagte Jim, nachdem er sich in seinem Arbeitszimmer eine halbe Stunde mit der reglosen Gestalt abgemüht hatte.

 

Er hatte Marborne vollständig entkleidet und künstliche Atmung angewandt. Aber der Mann mußte einige Sekunden, bevor sie ihn auffanden, gestorben sein.

 

»Der Mörder hat zuverlässig gearbeitet, es muß sehr schnell gegangen sein. Sehen Sie einmal, bis auf die Haut ist er durchsucht worden. Hier hatte er sein Geheimnis verwahrt – er hat es direkt auf dem Körper getragen. Das ist ein alter Trick. Vorläufig können wir nichts anderes tun als die Ortspolizei alarmieren. Der Mörder muß sich über die Wiesen entfernt haben, denn er ist nicht durch das vordere Parktor gegangen. Vielleicht hält er sich in einem der kleinen Wälder auf, aber auch das ist sehr zweifelhaft. Morlake, Sie kennen doch hier die Gegend genau – welchen Weg könnte er eingeschlagen haben?«

 

»Das hängt ganz davon ab, ob auch er genau Bescheid wußte. Vermutlich hat er auf der Brücke den Fluß überschritten und ist dann am Ufer entlang zur Amdon Road gelaufen. Von dort aus kann er ein halb Dutzend verschiedene Wege eingeschlagen haben. Vielleicht finden Sie Spuren, wenn Sie einmal die Mauern besichtigen, die den Park umgeben.«

 

Aber hierin täuschte sich Jim.

 

Weder das Tageslicht noch die Polizei brachten den Mörder in ihre Hände. Nur eine Entdeckung machte man: Auf dem Weg am Fluß wurde ein gebogenes Messer gefunden, das der Verbrecher in der Eile hatte fallen lassen. Es ging deshalb an alle Polizeistationen im Umkreis von zwanzig Meilen der Befehl, nach einem Araber zu fahnden. Jim hatte diesen Rat gegeben, da er die Zusammenhänge vermutete.

 

Welling durchsuchte Marbornes Wohnung und besichtigte den Schauplatz des Kampfes. Tisch und Stühle lagen kreuz und quer übereinander. Er entdeckte auch den Scheinbrief, der an Marborne gerichtet war.

 

»Wahrscheinlich hat sich der Mörder unter diesem Vorwand Zutritt zur Wohnung verschafft«, erzählte er später Jim Morlake. »Marborne muß den Angriff wohl abgeschlagen haben – und aus diesem Grund kam er nachher zu Ihnen.«

 

»Aber warum ausgerechnet zu mir?«

 

»Er wollte Ihnen das Dokument verkaufen, mit dem er Hamon erpreßte. Bestimmt glaubte er, Hamon habe den Araber beauftragt, ihn zu beseitigen. Und Hamon ist auch sicher an diesem Mord beteiligt. Aber wieder haben wir nicht genug Beweismaterial gegen ihn in der Hand«, fügte er zweifelnd hinzu, »um eine Durchsuchung seiner Wohnung zu rechtfertigen.«

 

Welling schlug sein Hauptquartier in Wold House auf. Eine merkwürdige Wahl, dachte Hamon, als er in Jims Arbeitszimmer gerufen wurde. Er drückte auch seine Verwunderung hierüber aus.

 

»Das mag merkwürdig, vielleicht sogar tragisch sein«, erwiderte Welling, der nicht länger liebenswürdig und höflich war, »aber mir paßt dieser Ort, und deshalb muß er auch für Sie gut genug sein. Haben Sie die Nachricht schon gehört?«

 

»Sie meinen, daß Marborne getötet wurde? Ja, der arme Mensch!«

 

»Er war doch Ihr Freund?«

 

»Ich kannte ihn und kann sagen, daß er mein Freund war.«

 

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«

 

»Ich habe ihn seit mehreren Tagen nicht mehr gesehen.«

 

»War Ihre letzte Unterredung mit ihm freundschaftlich?«

 

»Ja, er kam, um sich Geld zu leihen – er wollte ein eigenes Geschäft gründen.«

 

»Und Sie haben es ihm wahrscheinlich auch gegeben?« fragte Welling trocken. »Mit dieser Angabe wollen Sie wohl die finanziellen Transaktionen erklären?«

 

»Behaupten Sie, daß ich nicht die Wahrheit sage?«

 

»Ich behaupte sogar, daß Sie lügen«, erwiderte Welling kurz.

 

»Ich bin dabei, einen Mord aufzuklären. Sie gaben Marborne das Geld aus rein egoistischen Gründen. Er hatte ein Dokument in seinem Besitz, das Sie unter allen Umständen wiederhaben wollen, und da er es Ihnen nicht geben wollte, mußten Sie ihm eben große Summen zahlen.«

 

»Sie machen hier eine Feststellung, die nur vor Gericht erörtert werden könnte.«

 

»Das wird auch der Fall sein, wenn ich den Mörder fange«, sagte Welling grimmig.

 

»Ist Ihnen denn nicht aufgefallen«, erwiderte Hamon gehässig, »daß dieser Marborne ein Feind Morlakes war und daß man ihn ausgerechnet auf seinem Grundstück tot auffand?«

 

»Darüber habe ich schon die ganze Nacht nachgedacht. Unglücklicherweise – für Ihre Theorie – war Morlake in meiner Gesellschaft, als Marborne getötet wurde. Ist es übrigens wahr, daß Marborne Sie erpreßt hat? Geben Sie es ruhig zu, denn wir haben bereits genug Beweise dafür in der Hand. Auch Slone hat es durch seine Aussagen bestätigt.«

 

»Was Slone Ihnen erzählt hat, interessiert mich durchaus nicht. Ich kann nur wiederholen, daß dieser unglückliche Mann Geld von mir lieh, um ein eigenes Geschäft aufzumachen. Wenn Sie Beweise für das Gegenteil haben, dann lassen Sie es mich bitte wissen.«

 

Niemand wußte besser als Welling, daß solche Beweise nicht existierten. Sein Bluff hatte keinen Erfolg gehabt. Aber er war nicht besonders unglücklich darüber und ging sofort zu einem neuen Angriff über.

 

»Sie haben in letzter Zeit eine Anzahl von Code-Telegrammen nach Marokko geschickt – ich denke hauptsächlich an eins, das sich auf einen gewissen Ali Hassan bezog. Wer ist das?«

 

Wieder wurden Hamons Blicke ängstlich, aber es gelang ihm zu lächeln.

 

»Nun weiß ich auch, warum man Detektive fleißige Leute nennt«, meinte er. »Sie sind ja sehr tätig gewesen in der letzten Nacht. Ali Hassan ist eine maurische Zigarrenmarke.«

 

Er schaute auf Jim, der zur Bestätigung nickte.

 

»Das ist allerdings wahr, aber es ist auch der Name eines maurischen Mörders, der vor fünfundzwanzig Jahren hingerichtet wurde.«

 

»Dann wählen Sie bitte, was Ihnen besser gefällt«, sagte Hamon ironisch.

 

»Ist das hier nicht Ihre Handschrift?« Welling nahm von dem Tisch hinter sich ein Kuvert und hielt es Hamon hin.

 

»Nein«, sagte Ralph, ohne zu zögern.

 

»Marborne wurde von einem Araber getötet, den Sie zu diesem Zweck eigens kommen ließen.«

 

»Mit anderen Worten, ich bin an diesem Mord mitschuldig?«

 

Welling nickte.

 

»Wenn es nicht so außerordentlich komisch wäre, müßte ich ärgerlich sein. Unter diesen Umständen lehne ich es ab, noch irgendwelche Aussagen zu machen. Sie können mich zu nichts zwingen, niemand weiß das besser als Sie, Welling. Und ich werde Ihnen keine weitere Auskunft geben.«

 

Mit diesen Worten ging er.

 

»Er hat uns schon mehr gesagt, als er selbst ahnt«, bemerkte Welling, als sich die Tür hinter Hamon geschlossen hatte. »Wer ist aber Sadi Hafis?«

 

»Ein entsetzlich hinterlistiger Schuft, der in Tanger lebt«, sagte Jim rasch. »Ein skrupelloser Mann, außerordentlich nützlich für Leute wie Hamon und andere dunkle Geschäftsgründer, die vielversprechende Prospekte in die Welt hinaussenden wollen. Er ist ein Agent Hamons, ich kenne ihn schon seit vielen Jahren – wir haben nämlich eine kleine Schießerei miteinander gehabt, als ich damals beim Abstecken der beabsichtigten Fes-Eisenbahn beschäftigt war. Er bezieht sicher von einem halben Dutzend Interessenten Pensionen, und ich glaube, daß er mehr Verbrechen auf dem Gewissen hat als irgendein anderer Mann in Marokko.«

 

»Meinen Sie damit Mord?«

 

Jim lächelte.

 

»Ich sagte Ihnen doch eben: Verbrechen. Mord ist im Rifgebirge kein besonders schlimmes Vergehen.«

 

»Wenn wir diesen maurischen Burschen fangen, werden wir ja alles erfahren.«

 

»Der wird nicht das mindeste gegen Sadi Hafis aussagen. Die Scherife sind in gewisser Weise heilige Leute, und der Mörder wird sterben, ohne ein Wort zu sagen, das Sadi Hafis oder irgend jemanden sonst belasten könnte.« –

 

Durch Lord Creith erfuhr Welling später, daß Ralph Hamon am Morgen nach dem Mord mit der zweiten Post einen umfangreichen eingeschriebenen Brief erhalten hatte. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß das begehrte Dokument darin lag.

 

*

 

Joan benützte die erste Gelegenheit, die sich ihr bot, um ihren Vater um eine Aussprache zu bitten.

 

Er sah sie besorgt an.

 

»Was fehlt dir, Kind? Du bist sehr blaß.«

 

»Es geht mir gut, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, aber du wirst wohl sehr böse auf mich sein –«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Dazu gehört schon furchtbar viel, daß ich mit dir unzufrieden sein könnte, Joan«, sagte er und legte den Arm um ihre Schulter. Er führte sie zu einem Fenstersitz in der Bibliothek.

 

»Vater«, begann sie endlich leise, »ich habe Ferdie Farringdon geheiratet, als ich noch in der Schule war.«

 

Er zeigte keine Erregung.

 

»Oh, die Farringdons sind eine gute, alte Familie, nur sind sie leider dem Trunk verfallen«, meinte er ruhig.

 

Joan sank ihm schluchzend in die Arme.