Kapitel 11

 

11

 

Der Fürst von Kisthlastan konnte Feste geben, deren Pracht und Glanz für die Öffentlichkeit bestimmt war, aber er konnte auch sehr feine intime Diners veranstalten, die einen kultivierten, persönlichen Geschmack verrieten. Rikisivi war in tadellosem Gesellschaftsanzug und unterschied sich nur durch seine dunkle Hautfarbe und weißen Turban von den anderen Herren. Er ging in den getäfelten Speisesaal seiner Privaträume und besichtigte die gedeckte Tafel.

 

Mr. Colley Warrington, der eine halbe Stunde früher ankam als der erste Gast, nickte sehr zufrieden, als er eine der Menükarten durchlas.

 

»Das wird selbst dem Oberst imponieren«, sagte er und zeigte dabei mit seinem Finger auf eine Marke in der kurzen, aber exquisiten Weinliste.

 

Der Fürst zuckte verächtlich mit den Mundwinkeln.

 

»Für mich wird die ganze Gesellschaft eine langweilige Sache werden. Man hätte Miss Joyner unbedingt einladen können, hierherzukommen, wenn man sich die nötige Mühe gegeben hätte«, sagte er vorwurfsvoll.

 

»Ich glaube, daß Hoheit die Verhältnisse falsch beurteilen«, sagte Colley mit einem überlegenen Lächeln. »Es wäre der schlechteste Schachzug gewesen, weiter mit ihr in Verbindung zu bleiben, wegen – hm – der anderen kleinen Sache.«

 

»Sie haben ihr nicht einmal geschrieben«, sagte Rikisivi schlecht gelaunt. »Sie haben den Eindruck bei ihr aufkommen lassen, daß wir – wie soll ich gleich sagen – sie als eine aussichtslose Sache aufgegeben haben – daß wir verlegen und ratlos sind wegen der Perlen und sie deswegen nicht mehr sehen möchten. Und ich hätte sie so gern hier gehabt, ich muß sie hier haben, ich brauche sie, ich bin unglücklich, wenn ich sie nicht sehe. Wenn Sie doch wenigstens geschrieben hätten –«

 

»Ich habe ihr geschrieben«, sagte Colley, dessen Aufmerksamkeit anscheinend vollständig davon in Anspruch genommen war, die Tischordnung zu prüfen. Er schaute gar nicht zu dem Fürsten hin, als er sprach. »Ich habe ihr geschrieben, daß Sie eine Abendeinladung geben und daß der Oberst Richard Hallowell auch unter den Gästen sein wird, aber ich hätte sie nicht eingeladen, da ich annähme, daß sie keinen großen Wert darauf legte.«

 

»Teufel noch einmal«, rief der Fürst. »Warum haben Sie einen solchen Unsinn geschrieben?«

 

»Weil es notwendig war«, sagte Colley kühl, »bei ihr den Anschein zu erwecken, daß Sie die größte Sorge um ihren guten Ruf haben. Ich habe nämlich noch hinzugefügt, daß Diana hier sein würde und ich wüßte, daß sie nicht gern mit ihr zusammentreffe.« – »Aber Diana brauchte doch überhaupt nicht zu kommen!« brach Riki los.

 

»Nein, sie brauchte nicht zu kommen. Aber nun antwortet Miss Joyner entweder, daß sie unter gar keinen Umständen ob Diana zugegen ist oder nicht – gekommen wäre, oder aber, wenn sie das nicht tut, muß sie meine nächste Einladung annehmen.«

 

»Und wann wollen Sie sie wieder einladen?« Kishlastan war nicht wenig erstaunt.

 

»Nachdem Eure Hoheit nach dem Osten abgefahren sind«, sagte Colley langsam. »Und Sie werden einige Tage vorher abreisen, bevor ich mit Hope Joyner diniere. Es ist absolut notwendig«, fuhr er fort, »daß Sie nicht hier sind, wenn – irgend etwas passiert. Sie müssen auf hoher See sein, mit einer ganzen Schiffsgesellschaft zusammen, auf einem P. & O.-Dampfer, damit Ihr Alibi einwandfrei ist.«

 

Das leuchtete dem Fürsten ein.

 

»Glauben Sie, daß Sie Erfolg haben?«

 

»Ich werde sicher Erfolg haben«, sagte Colley. »Außerdem möchte ich Eurer Hoheit noch einen anderen Grund für die Abreise angeben. Ich möchte mich nicht in Ihre Angelegenheiten einmischen, noch suche ich weiter in die Dinge einzudringen, als ich bereits von Eurer Hoheit wohlwollend informiert worden bin betreffs einer gewissen Unternehmung, die in den Händen von einem Ihrer Freunde liegt. Aber ich muß doch betonen, daß es ratsam wäre, wenn Eure Hoheit England verließen, bevor dieser kleine Plan ausgeführt wird.«

 

»Ich werde eine Woche später fortgehen«, sagte der andere ungeduldig. »Ich kann nicht Hals über Kopf abfahren. Ich brauche viele Räume für mein großes Gefolge.«

 

»Die ich bereits auf der ›Poltan‹ belegt habe!« bemerkte Colley. »Der Dampfer geht am nächsten Sonnabend ab.«

 

Der Fürst sah ihn halb ärgerlich, halb erstaunt an.

 

»Eure Hoheit mögen das als eine Anmaßung meinerseits ansehen, aber ich habe Ihren Interessen zu dienen. Ich brachte heute den ganzen Nachmittag damit zu, eine Passage für Eure Hoheit ausfindig zu machen. Glücklicherweise wurde eine größere Reihe von Kabinen auf der ›Poltan‹ wieder frei, und ich habe sie sofort provisorisch für Eure Hoheit gebucht.«

 

Der Fürst biß sich gedankenvoll auf die Lippen.

 

»Vielleicht haben Sie recht«, sagte er. »Sie sind ein sehr weitsichtiger und kluger Mann. Ich möchte diese Sache weiter mit Ihnen besprechen, wenn die andern gegangen sind.«

 

Sie waren noch keine zehn Minuten im Empfangsraum, als die ersten Gäste kamen. Diana in ihrer strahlenden Schönheit betörte Colley aufs neue. Sie trug ein grausilbernes Kleid, das ihre reife Schönheit noch hob und sie sehr jung aussehen ließ, so daß selbst der Fürst sie bewunderte. Sie ging in den Speisesaal, um sich schnell den Tisch anzusehen, wechselte zwei der Karten aus, kam zurück und erklärte es ihnen.

 

»Ich will neben dem Oberst sitzen«, sagte sie. »Wenn Sie ihm Jane Lyson zur Tischdame geben, werden Sie ihn nur ärgern. Sie ist die Todfeindin seiner Frau, und sie würde doch der Versuchung nicht widerstehen können, über Lady Cynthia etwas Unangenehmes zu sagen.«

 

»Hätte ich vielleicht Lady Cynthia einladen sollen?« fragte der Fürst zweifelnd.

 

»Sie wäre bestimmt nicht gekommen«, sagte Diana nüchtern. »Nicht, weil sie gewußt hätte, daß ich hier bin. Aber ich muß den Oberst sehen.«

 

Die Unterhaltung wurde durch die Ankunft eines indischen Beamten und seiner jungen Frau unterbrochen, die über und über von Brillanten strahlte. Gleich darauf kam auch Oberst Ruislip.

 

»Wie charmant, Diana, daß Sie hier sind«, sagte er und hielt ihre Hand lange in der seinen. Er blickte bewundernd in ihre schönen lachenden Augen. »Sie sehen jünger aus als jemals. Was war Dick Hallowell doch für ein Dummkopf.«

 

Niemand wußte besser als der Oberst, daß die Dummheit Dick Hallowells sehr wohl am Platze war. Sein Protest dagegen war nur ein Akt der Höflichkeit.

 

»Hallo, Colley! Habe Sie schon seit Jahren nicht gesehen!«

 

Er gab ihm die Hand, ohne sie herzlich zu drücken. Oberst Ruislip war im Bilde. Colley Warrington war einer der Leute, die man zwar trifft, die man aber nicht sucht. »Ich muß Sie nachher sprechen, Colley … Ich habe seit Jahren keine richtigen Skandalgeschichten mehr gehört.«

 

Wäre der Erfolg des Diners von der liebenswürdigen Laune des Gastgebers abhängig gewesen, so wäre die Stimmung des Abends eine recht gedrückte gewesen, denn der Fürst war äußerst verdrießlich und sprach kaum.

 

»Dick? O ja, ich sehe ihn manchmal.«

 

»Ein sehr brauchbarer Offizier«, sagte der Oberst, indem er den Wein mit Kennermiene austrank. »Gott sei Dank habe ich ihn wieder von den Fliegern zurückgeholt. Vermutlich wissen Sie, daß er sich zu den Fliegern versetzen ließ, damals nach – hm – nach Ihrer kleinen Auseinandersetzung. Und er ist ein ganz vorzüglicher Flieger geworden. Er hat mich in Adlershot mit auf seiner Maschine gehabt und solch waghalsige Kunststücke gemacht, daß ich zu Tode erschrocken war. Ich muß festen Boden unter den Füßen haben oder im Sattel sitzen …«

 

»Er hat sich doch wieder verlobt?«

 

Dem Oberst war nicht ganz wohl zumute.

 

»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen, ich kümmere mich nicht um die Verlobungen meiner jüngeren Offiziere, bis sie sich entschließen, mit mir darüber zu sprechen. Da ich den Offizieren des Regiments an Vaterstelle gegenüberstehe, müssen sie früher oder später doch alle zu mir kommen. Bis jetzt ist mir offiziell nichts davon bekanntgeworden.«

 

»Er wird zu Ihnen kommen«, sagte Diana so freundlich als möglich. »Miss Hope Joyner – kennen Sie sie?«

 

»Ja, ich habe sie getroffen«, sagte der Oberst liebenswürdig und versuchte, das Gesprächsthema zu wechseln. »Ein sehr nettes Mädel, meine Frau hat neulich gesagt…«

 

Aber Diana ließ ihn nicht ausweichen.

 

»Ich hoffe, Dick wird sehr glücklich werden«, sagte sie in dem Ton liebenswürdiger Resignation, der ihr so gut stand.

 

»Dessen bin ich sicher«, sagte der Oberst leise. Dann sprach er davon, daß Hope eine gute Akquisition für das Regiment wäre.

 

»Wird sie das sein?« fragte Diana unschuldig. Der Oberst rückte ungemütlich auf seinem Stuhl hin und her.

 

»Ja, ich denke«, sagte er schnell. »Ein sehr hübsches, äußerst liebenswürdiges und schönes …«

 

Er wollte die Unterhaltung weniger persönlich gestalten und fiel dann doch in die Falle, die Diana ihm gestellt hatte.

 

»Nebenbei bemerkt, aus welcher Familie stammt sie?« fragte er.

 

Diana Martyn konnte sich nun dem Essen widmen.

 

»Hat sie überhaupt Verwandte?« warf sie dazwischen.

 

»Sind sie tot?« meinte der Oberst. »Oh, das wäre schade.«

 

»Man weiß nicht einmal, ob sie tot sind«, sagte Diana. Da sie fürchtete, daß sein Interesse nachlassen könnte, fügte sie schnell hinzu: »Und niemand weiß weniger darüber als Hope selbst.«

 

Der alte Herr zog die Augenbrauen hoch.

 

»Das ist doch aber eine sehr ernste Sache, so etwas zu sagen.«

 

»Das ist wahr, und ich habe es ganz im Ernst gemeint.«

 

Sie berichtete ihm kurz die Geschichte Hope Joyners und, obgleich sie glaubwürdig erzählte, unterstrich sie doch die dunklen Möglichkeiten ihrer Geburt genügend.

 

»Dick könnte wirklich nicht im Regiment bleiben, wenn er sie heiratet«, fuhr sie fort. »Ich glaube auch nicht, daß er die Absicht hat. Immerhin –«

 

»Im Gegenteil, er hat bestimmt vor, im Regiment zu bleiben«, sagte der Oberst schroff. »Seine Ernennung zum Hauptmann ist nächsten Monat fällig, und ich weiß, daß es von jeher sein Wunsch war, den Befehl über das Bataillon zu führen, wie es vor ihm sein Vater tat. Stets hat ein Hallowell bei der Berwick-Garde gedient, seit diese Truppe besteht.«

 

»Dann werden Sie erleben, daß die Truppe einmal ohne einen Hallowell ist«, sagte sie heiter. »Es ist doch ganz unmöglich! Finden Sie nicht auch, Herr Oberst?« Er antwortete ihr nicht. Der Abend war ihm verdorben.

 

Als er die Unterhaltung wieder aufnahm, sprach er über eine Sache, die Diana am liebsten vermieden hätte.

 

»Dick hatte gerade genug Ärger mit seinem schrecklichen Halbbruder«, sagte er, »er braucht sich nicht auch noch davon niederdrücken zu lassen. Das Mädchen ist wirklich sehr hübsch und liebenswürdig, und ich würde absolut damit einverstanden sein, wenn Dick erklärte –«

 

Sie schaute ihn scheu von der Seite an.

 

»Ja, Sie wohl«, stimmte sie ihm bei, »aber Lady Cynthia –«

 

Sie wußte, daß dieser Pfeil getroffen hatte.

 

Als alle Gäste mit Ausnahme von Diana und Colley gegangen waren, fragte der Fürst, der im Laufe des Abends etwas mehr aufgetaut war:

 

»Sie haben doch mit dem Oberst über Hope Joyner gesprochen? Was sagten Sie von ihr?«

 

»Was hätte ich sagen sollen, als daß sie ein sehr liebenswürdiges und schönes Mädchen ist«, erwiderte sie so unschuldig wie möglich. »Ich habe aber weniger über sie als über Dick Hallowell gesprochen. Er beabsichtigt nämlich, sie zu heiraten.«

 

Sie sah, wie sich sein Gesichtsausdruck änderte.

 

»Heiraten?« Er wandte sich an Colley. »Das wußte ich ja gar nicht.«

 

»Die beiden sind miteinander bekannt«, antwortete Colley. »Ich glaube nicht einmal, daß sie verlobt sind.«

 

»Sie lieben sich«, sagte Diana leichthin, »und das ist ungefähr so viel, als ob sie verlobt wären. Sie sind beide frei und wohlauf – warum sollten sie sich nicht verloben? Dick Hallowell muß natürlich seinen Abschied vom Regiment nehmen. Die Damen des Offizierskorps werden nicht zulassen, daß ein Niemand in ihren Kreis kommt.«

 

»Was wollen Sie damit sagen – ein Niemand?« fragte Riki, indem er sie unter gesenkten Augenlidern ansah. »Ist denn Miss Joyner ein Niemand?«

 

»O lala«, Diana zeigte eine Lustigkeit, die sie gar nicht fühlte. »Wie sehr sich Eure Hoheit für Hope Joyner einsetzen, und gerade Sie müßten doch am besten wissen, wie außerordentlich wichtig Abstammung sein kann! Hoheit haben doch einen tausendjährigen Stammbaum, der keine Unterbrechung aufweist.«

 

Der Fürst war anscheinend beruhigt, da er unglaublich stolz auf seine Abstammung war.

 

»Es ist nicht klug, unfreundlich von Miss Joyner zu sprechen«, sagte er. »Ich habe viele Gründe dafür. Sie verstehen mich?«

 

Colley nickte.

 

»Es darf nicht so aussehen, als ob jemand, der irgendwie in Verbindung mit dem Fürsten von Kishlastan steht, auch nur im mindesten gegen Hope Joyner eingenommen ist.«

 

»Das ist absolut notwendig«, sagte Colley. Diana sah ihn ganz erstaunt an.

 

»Besteht denn ein besonderer Plan wegen Hope Joyner?« begann sie.

 

»Nein«, sagte Colley prompt. »Aber ich stimme vollkommen mit Seiner Hoheit überein. Wir wollen uns keine Feinde machen. Ihre Aufgabe besteht doch darin, Miss Martyn, den Freundeskreis Seiner Hoheit zu vergrößern. Selbst gegen Ihre Rivalinnen müssen Sie gütig und nachsichtig sein.«

 

Wenn er glaubte, sie dadurch irrezuführen, täuschte er sich. Sie interessierte sich zu sehr für dieses neue Problem. Ihr war es ganz klar, daß irgend etwas mit Hope Joyner im Gange war, und sie ärgerte sich, daß man sie nicht ins Vertrauen gezogen hatte. Colley um weitere Informationen zu bitten, war ganz nutzlos, das wußte sie. Vielleicht war Graham mit im Spiel.

 

Schon in der Frühe des nächsten Morgens, als der Milchmann noch geräuschvoll mit seinen Kannen in den Straßen klapperte, telefonierte sie nach ihrem kleinen Wagen und fuhr nach Cobham. Als sie ankam, fand sie Graham am Tisch sitzen. Vor ihm stand ein kaltes Frühstück, das er nicht einmal angerührt hatte. Er sah erschreckt zu ihr auf, als sie eintrat.

 

»Ach, du bist es«, sagte er. »Wir sind sehr durch Euch geehrt!«

 

Sie schaute ihn verwundert an. Seine Farbe war aschgrau. Nur einmal hatte sie ihn so gesehen – am Morgen seiner Verhaftung.

 

»Was fehlt dir?« fragte sie.

 

»Nichts.« Er lehnte sich vor und zog einen Stuhl für sie heran. »Schenke mir bitte Kaffee ein, ich habe nicht die Energie dazu.«

 

Sie setzte sich ohne ein Wort nieder, füllte eine Tasse und reichte sie ihm. Sie blickte gespannt auf ihn.

 

»Sage mir doch, was du hast?«

 

»Ach, es ist nichts.« Er schaute zur Tür, und als er sah, daß sie nur angelehnt war, stand er auf und schloß sie. Dann erzählte er ihr mit leiser Stimme von der letzten Nacht. Als er zu Ende war, schüttelte sie den Kopf.

 

»Ich habe dir keine Nachricht durchs Telefon bestellt. Das war sicher diese niederträchtige Frau.«

 

»Aber sie wußte doch, daß ich in London war«, sagte er hartnäckig.

 

Diana lächelte.

 

»Natürlich wußte sie das. Ebenso wußte sie, daß ihre Mitteilung für dich aufgeschrieben und dir bei deiner Rückkehr gegeben wird. Man kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, daß sie wirklich Detektivin ist. Aber ich glaube, daß sie nicht viel mehr versteht als ihre männlichen Kollegen.«

 

Sie zog die Augenbrauen zusammen und dachte nach. Diana war eine kluge Frau und unendlich viel beweglicher als Graham. Sie wußte sich besser zu helfen und war auch mutiger als der Mann, mit dem sie das Schicksal verbunden hatte.

 

»Wo warst du denn, als er etwas von dem Geldschrank sagte?«

 

»Trayne sprach davon. Dieser Schiffskapitän hat ihn sicher auch erwähnt, aber wir standen an einer Stelle, wo es unmöglich war, uns zu belauschen.«

 

Sie nickte langsam.

 

»Niemand konnte den Brief lesen mit Ausnahme des Gärtners.«

 

Dann lächelte sie plötzlich.

 

»Sie hat es von Trayne – sie weiß, daß er einen Geldschrank gekauft hat, der an Kapitän Boß geliefert werden soll – das ist die Erklärung.«

 

»Aber wie konnte sie wissen, daß ich etwas mit der Sache zu tun habe?«

 

»Sehr einfach«, entgegnete Diana ruhig. »Mrs. Ollorby sah dich mit Boß zusammen. Sie weiß, daß der Geldschrank an Bord der ›Pretty Anne‹ abgeliefert werden soll. Nun brauchte sie doch nur die verschiedenen Tatsachen zusammenzustellen. Möglicherweise hat sie diese Nachricht nur an dich gesandt, um eine Bestätigung zu haben. Hast du Trayne angerufen, nachdem du die Botschaft erhieltest?«

 

Er nickte.

 

»Natürlich hast du das schon wieder getan. Sie hat doch jemand im Telefonamt veranlaßt, das Gespräch abzuhören. War Trayne zu sprechen?«

 

»Er war fortgegangen.«

 

»Da hast du Glück gehabt!« sagte sie warnend zu ihm. »Ich sorge mich nicht um Mrs. Ollorby, sie beobachtet bloß. Sie mag ja richtig beobachten, aber sie weiß nicht genau, ob sie mit ihren Vermutungen recht hat. Ich möchte dir doch einen guten Rat geben. Bleibe soviel wie möglich vom Telefon fort –«

 

Es wurde an die Tür geklopft, und noch bevor Graham »Herein« rufen konnte, kam der Gärtner ins Zimmer und zog die Tür sofort hinter sich zu. »Kennen Sie eine Mrs. Ollorby?« fragte er leise.

 

Graham Hallowell war zu erstaunt, um sprechen zu können. Er nickte bloß.

 

»Wünschen Sie, daß sie hereinkommt?«

 

»Daß sie hereinkommt?« fragte Diana erstaunt. »Wieso?«

 

»Sie ist draußen.« Graham und Diana schauten einander an.

 

»Soll sie hereinkommen?« fragte der Gärtner wieder.

 

Diana erholte sich zuerst von ihrem Schrecken.

 

»Wo? Hier? Hier im Haus?« fragte Graham.

 

»Ja, hier im Haus«, sagte sie, als Graham noch starr vor Schrecken und Verwunderung dasaß. Als er Einspruch erheben wollte, brachte sie ihn mit einem Wink zur Ruhe.

 

Eine Sekunde verging, dann öffnete sie die Tür schnell, und Mrs. Ollorby trat mit einem verbindlichen Lächeln auf den Lippen vergnügt ins Zimmer.

 

»Guten Morgen, meine Herrschaften!« Ihr Ton war herausfordernd fröhlich. Sie zeigte nichts mehr von der Unterwürfigkeit, die sie beim ersten Zusammentreffen mit Diana an den Tag gelegt hatte. Sie sprach vollkommen wie eine Gleichberechtigte. »Wie schön ist doch der Sonnenschein heute – und die vielen herrlichen Blumen und die Bäume – und wenn ich so die Blätter rauschen höre, dann fühle ich mich wieder wie ein junges Mädchen. Manche Leute lieben mehr die See und die Küste«, fuhr sie zu plaudern fort, »aber ich liebe den Aufenthalt auf dem Land, die weiten, grünen Rasenflächen und die blumigen Wiesen. Dagegen diese doppelten großen Schornsteine der Dampfer! Schiffe haben doch gewöhnlich Schornsteine böse, schwarze Dinger, von denen die Farbe abblättert. Auf Schiffen gibt es keine Bäume und Felsengärten, nicht wahr, Miss Martyn, Schiffe haben doch keine Felsengärten?«

 

Diana antwortete nicht.

 

»Das Beste an einem Schiff«, fuhr Mrs. Ollorby fort, ohne daß sie jemand dazu ermutigt hätte, »ist sein Name. Aber das will nicht viel sagen. Nehmen wir zum Beispiel die ›Pretty Anne‹ (Hübsche Anna). Was ist denn überhaupt hübsch an ihr? Nicht einmal ihr Kapitän. Ich würde mich eher entschließen, mit einem kleinen Geldkasten in dieser Villa zu wohnen, als mit einem großen Geldschrank über den Atlantischen Ozean zu fahren, besonders wenn ich ein Mann wäre, der früher so allerhand unangenehme Erfahrungen gemacht hat. Geben Sie mir nicht recht, Miss Martyn?«

 

Der Gärtner stand noch an der Tür und war wie zu Stein erstarrt. Diana fand ihre Stimme wieder und begann:

 

»Ich weiß nicht, was ich denken soll –«

 

Aber die Frau unterbrach sie.

 

»Sie verstehen nicht, was es bedeutet, daß ich in Ihre hübsche kleine Villa einbreche?« sagte Mrs. Ollorby mit einem Lächeln auf ihrem breiten Gesicht. »Wissen Sie, Miss Martyn, ich war gespannt, was Sie zuerst sagen würden: ›Ich weiß nicht, was ich denken soll‹ oder ›Wollen Sie mir bitte erklären‹ oder gar ›Wie dürfen Sie überhaupt?‹ Es gibt eigentlich wenig originelle Wendungen, die Sie gebrauchen können, wenn Sie ärgerlich sind. Wenn Sie genügend Intelligenz haben, sich etwas ganz Neues auszudenken, dann haben Sie auch genügend Intelligenz, um ruhig zu sein.«

 

Sie sah sich in dem getäfelten Speisezimmer um. Chinaporzellane mit blauen Mustern standen ringsum auf den Paneelen. Auf dem polierten Tisch dufteten Rosen aus einer schönen Vase. Hübsche Gardinen bewegten sich leicht in der Morgenbrise.

 

»Es ist ein schönes Haus«, sagte sie und nickte nachdrücklich. »Tiger Trayne vermietete es an Johnny Delboure – Sie wissen selbstverständlich, daß Tiger der Besitzer dieses Hauses ist? bevor Johnny damals den großen Bankeinbruch verübte. Sie müssen ihn doch sicher in Dartmoor getroffen haben, Mr. Hallowell – er hat dafür zwanzig Jahre bekommen. Ich wundere mich immer, warum Tiger nicht endlich den Mousetrap-Klub aufgibt und seine alten Tage hier draußen beschließt. Aber wahrscheinlich gibt es hier draußen keine Mäuse, die zu fangen sich lohnte.«

 

Sie wandte sich nach der Tür um und sah in die verstörten Augen des Gärtners, nickte ihm aber freundlich zu.

 

»Mr. Mawsey – nicht wahr? Früher hießen Sie doch Colter, dann wurden Sie Wilson – ich habe Ihre Namen im Moment vergessen, aber ich erinnere mich genau an alle Verbrechen, die Sie verübt haben. Wie geht es denn Ihrer guten Frau?« Sie sah auf seine grüne Schürze und nickte.

 

»Gärtnerarbeit, das ist eine alte Beschäftigung. Das ist besser für Mrs. Mawsey oder Wilson oder was immer Sie für einen Namen führen, als Kinder in Pflege nehmen und sie dann verschwinden lassen.«

 

Sie richtete ihre lustigen Augen auf Dianas blasses Gesicht. Mawsey schlich sich vollständig vernichtet aus der Tür und verschwand. Mrs. Ollorby wartete auf eine weitere Bemerkung ihrer unwilligen Wirtin. Aber Diana war zu klug, um zu sprechen.

 

»Ein wunderbarer Ort hier«, sagte Mrs. Ollorby und ließ ihre anerkennenden Blicke umherschweifen. »Aber wenn ich dieses ganze Gelände hätte, dann würde ich lieber eine Hühnerfarm einrichten. Es geht doch nichts über eine Liebhaberei, wenn man es sich irgend leisten kann. Ich hatte eine Vorliebe für das Sammeln von Zeitungsausschnitten, als ich ein junges Mädchen war. Meine Mutter war ganz erschrocken, als ich alle Nachrichten über Verbrechen aus den Sonntagszeitungen ausschnitt und sie in meine Schulbücher klebte. Ich habe Haufen davon, so hoch« – sie zeigte bis zur Höhe ihrer Schulter. »Ich habe immer gedacht, daß ich einen Polizisten heiraten müßte, aber es ist mir niemals in den Sinn gekommen, daß ich für Scotland Yard arbeiten würde. Hektor – das ist nämlich mein Junge –, der beste Junge, der jemals gelebt hat, obgleich er ein wenig kurzsichtig ist – sagt oft zu mir: ›Mutter, warum hebst du denn diese vielen Zeitungsausschnitte auf, wenn du sie doch alle im Kopf hast?‹ Und das ist Tatsache, wenn ich einmal etwas über ein Verbrechen gelesen habe, dann behalte ich es auch. Ich kann mich noch recht gut daran erinnern, wie ich damals in Old Bailey war und – nun, wie nennt er sich doch gleich? – Mawsey sah, der zu fünf Jahren verurteilt wurde. Er ist ein guter Geldschrankknacker, einer der besten. Man sagt, daß er ein Mittel erfunden hat, um Stahlwände auseinanderzuschneiden, das alle amerikanischen Einbrecher in Verwunderung setzt. Da können Sie stolz sein auf Ihr Vaterland, nicht wahr, Miss Martyn?«

 

»Was verschafft uns denn eigentlich das Vergnügen Ihres Besuches heute morgen?« fragte Diana, die endlich ihre Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte.

 

»Ich brauche frische Luft«, sagte Mrs. Ollorby. »Ich habe nämlich zwei Tage lang in einem schlechten Haus gewohnt, in einer kleinen, schmutzigen Nebenstraße, und nicht einmal die Gesellschaft des Kapitäns Eli Boß war ein Ausgleich dafür. Ich habe dabei wichtige Dinge erfahren und möchte sie anderen Leuten mitteilen, da ich sonst daran ersticken würde. Ich sagte also zu Hektor, ich will nach Cobham und Miss Martyn oder Mr. Hallowell besuchen, wen ich eben treffe. Vielleicht kann ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und ihr eine große Unannehmlichkeit für die Zukunft ersparen und ebenso Mr. Hallowell.«

 

Sie lächelte sonderbar, als sie Graham anschaute, der blaß geworden war.

 

»Was erschreckt Sie so?« – sie schüttelte traurig den Kopf – »Ist es vielleicht, weil Sie nicht wissen, wieviel ich schon weiß? Ich wüßte nichts Beunruhigenderes. Sie können nicht feststellen, wieviel ich nur vermute und wieviel ich in einem Buch gelesen habe, um das alles erzählen zu können.«

 

»Wir haben von Ihnen gehört, Mrs. Ollorby«, sagte Graham.

 

»Ich fange an berühmt zu werden«, sagte sie fast schmunzelnd. »Das ist merkwürdig, da ich doch sehr selten als Zeuge auftrete. Ich glaube, Sie hätten mich überhaupt nicht kennengelernt, wenn nicht Tiger Ihnen von mir erzählt hätte. Ich sah Sie alle drei an dem Fenster und konnte Sie beobachten – und ich bin ein sehr guter Beobachter, wie ich schon sagte.«

 

»Bescheiden sind Sie nicht gerade.« Graham Hallowell hatte sich allmählich wieder erholt. »Uns macht Ihr Gerede wenig Spaß. Aber wenn Sie irgend etwas Geschäftliches hier erledigen wollen, dann sagen Sie uns das bitte. Wenn das nicht der Fall ist, dann wollen wir Sie gerne entschuldigen, wenn Sie jetzt gehen wollen.«

 

»Immer höflich«, murmelte Mrs. Ollorby. »Sie könnten beinahe der Fürst von Kishlastan sein, der niemals ein Tanzmädchen umbringt, wenn er nicht vorher den Turban abgenommen hat. Werden Sie eine lange Reise unternehmen, Mr. Hallowell?«

 

Graham stand vom Tisch auf und zeigte auf die Tür.

 

»Sie wünschen, daß ich gehen soll? Es tut mir leid, daß ich Sie gelangweilt habe – für gewöhnlich hält man mich für sehr unterhaltend. Hektor sagt, daß er mir stundenlang zuhören könnte, aber natürlich, er ist ja mein eigener Sohn. Guten Morgen, Mrs. Hallowell!« Diana antwortete nicht auf diese kleine Höflichkeit.

 

»Guten Morgen, Mr. Graham Hallowell!«

 

Er machte die Tür schnell zu. Mrs. Ollorby ging mit langen Schritten den Gartenweg entlang und summte eine kleine Melodie vor sich hin, ein wohlgefälliges Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Ein Fremder hätte sich einbilden können, daß sie gerade von einem sehr angenehmen Besuch käme. Graham und Diana beobachteten sie durch die geschlossenen Fensterläden, bis ihr alter Hut hinter der Hecke verschwand, dann sahen sie sich stumm an.

 

»Was weiß sie wirklich?« fragte Diana ruhig.

 

»Ich habe keine Ahnung. Sie weiß nicht viel, sonst wäre sie ausführlicher gewesen«, sagte er gedankenvoll. »Ihre Absicht war nicht, uns festzunehmen, sondern nur uns zu warnen.«

 

Diana nickte.

 

»Sie hat zwei oder drei lose Fäden, und sie versuchte, aus uns etwas herauszubekommen, um sie verbinden zu können. Kapitän Boß ist der Eigentümer des Schiffes. Dann hast du doch diese Frau letzte Nacht in East End gesehen. Natürlich hat sie auch telefoniert. Sicherlich, sie weiß nichts, Graham – sie vermutet nur, aber sie weiß nichts. Hast du nicht die ganze Zeit über beobachtet, wie sie wie ein Schießhund darauf wartete, daß du oder ich etwas ausplaudern sollten, das ihre Vermutungen bestätigen könnte?«

 

Es klopfte leise an der Tür, der Gärtner kam herein. Sein hageres Gesicht zuckte nervös.

 

»Ist sie fortgegangen?« fragte er heiser.

 

»Kennen Sie sie?« fragte Diana.

 

»Ich habe von ihr gehört.« Mawsey war nicht geneigt, sich selbst zu bezichtigen. »Ich kenne ihren Mann besser als sie. Er war Detektivsergeant in Scotland Yard. Er –«, der Mann zögerte, »er hat meine Frau beinahe ins Unglück gebracht, und sie war so unschuldig wie ein neugeborenes Kind.«

 

»Es scheint doch so, daß Sie ein- oder zweimal von ihr hereingelegt worden sind?«

 

»Nicht von ihr, von ihrem Mann«, verbesserte Mawsey.

 

»Stimmt das alles, was sie sagte?«

 

Er nickte, als Diana ihn fragend ansah.

 

»O ja, ich bin im Gefängnis gewesen«, sagte er, ohne dabei verlegen zu werden. »Ich bin erstaunt, was sie alles weiß. Das Beobachten ist ihre Spezialität, davon haben Sie wohl gehört? Aber die meisten hat sie nur ins Gefängnis gebracht, weil sie dumm genug waren, sich selbst zu verplappern, als sie sich das erstemal an sie heranmachte. Sie haben ihr doch hoffentlich nichts gesagt?« fragte er schnell. Als die beiden verneinten, fuhr er fort: »Ich dachte mir gleich, daß Sie das nicht tun würden. Diese alte Frau ist gefährlich wie Gift. Und vergessen Sie nicht, sie kann Dinge unternehmen, die kein männlicher Polizist wagen dürfte, ohne seinen Posten zu verlieren. Was hat sie denn alles gesagt? Ich muß es dem Direktor sagen, er wird gleich anrufen.«

 

So getreu wie möglich erzählte ihm Diana den Gang der Unterhaltung.

 

»Sie hat einiges richtig herausbekommen«, gab Mawsey zu. »Aber sie hat keine Ahnung von dem großen Plan. Sie hat nur gesehen, daß Sie sich mit Eli Boß getroffen haben, sie weiß, daß Sie den Direktor anriefen, und dann hat sie Vermutungen darüber angestellt.«

 

Der Gärtner trat zum Fenster und hielt Ausschau.

 

»Sie ist noch nicht fort«, sagte er mit leiser Stimme. »Ich möchte gern wissen, weshalb sie noch wartet?«

 

Mrs. Ollorby war quer über den Weg gegangen und stand unter einem großen, überhängenden Baum. Sie schaute auf das Haus zurück. In der Hand hielt sie einen Bogen weißes Papier. Abwechselnd las sie und blickte dann wieder nach der Villa. Diana sah, wie der Gärtner eine Bewegung machte.

 

»Sie geht quer durch Rectory Field«, sagte er. Die dicke Frau war verschwunden. »Ich will der alten Katze doch einmal einen Schrecken einjagen.«

 

Wie der Blitz war er aus dem Zimmer, und nach einigen Sekunden sah ihn Graham über die Straße eilen, mit einer Büchse unter dem Arm. Während er lief, steckte er Patronen in die beiden Läufe.

 

Der Fußpfad durch Rectory Field kürzt den Weg zur Esher Road ab, aber man gewinnt nicht viel Zeit dabei. Mawsey ging einen besseren Weg bis zum Ende einer Föhrenpflanzung. Dort verlangsamte er seine Schritte. Plötzlich sah er, wie Mrs. Ollorby auf dem gelben Sandweg weit ausschritt, kaum zwanzig Meter von ihm entfernt. Grinsend hob er das Gewehr an die Schulter, und gleich darauf krachten zwei Schüsse. Sie gingen hoch, denn er wollte sie nur erschrecken. Als er sah, wie Mrs. Ollorby sich duckte, wollte er sich totlachen. Aber seine Freude dauerte nicht lange. Der große Strickbeutel, den sie unter dem Arm trug, fiel zu Boden, und sie hatte eine Waffe in der Hand.

 

Wieder krachte ein Schuß.

 

Er stand starr, als er das Mündungsfeuer aus ihrer Pistole zucken sah. Das Geschoß schlug gegen den glatten Stamm einer Föhre, prallte dort ab und surrte dicht an seinem Kopf vorbei. Er sprang sofort zurück und fuchtelte mit den Händen in der Luft.

 

»Was machen Sie da?« schrie er sie an.

 

Mrs. Ollorby kam auf ihn zu, die Pistole in der Hand. Ein heiteres Lächeln lag auf ihrem Gesicht.

 

»Erzählen Sie nur nicht, daß Sie mich mit einem Vogel verwechselt haben!« Während sie dies sagte, hob sie die Hand. »Ich bin ein Vogel in ungewöhnlichem Sinne – eine alte Krähe –, aber eine, die wiederschießt!«

 

»Was, zum Teufel, tun Sie?« stieß der Mann hervor. Er war totenbleich. »Ich wollte nur einen Scherz machen und Sie erschrecken, das ist alles…«

 

»Lache ich denn nicht?« fragte Mrs. Ollorby. Sie stand vor ihm, ihre dicke Hand auf die Hüfte gestützt. Der Lauf der Pistole stand seitlich ab wie ein gestutzter Schwanz.

 

Sie machte einen komischen, aber dennoch herausfordernden Eindruck. Ihr Hut hing auf der Seite und bedeckte fast das eine Auge; ihr Gesicht war tief rot und mit Schweiß bedeckt. Sie hatte ein vielfältiges Doppelkinn, und es schien ihm, als bekäme sie plötzlich wie ein Truthahn vor Ärger einen Fleischkragen. Aber sie lachte nur und war durchaus nicht erschreckt.

 

»Wenn ich dächte, daß es ein Mordversuch von Ihrer Seite war, würde ich Sie gleich zur Kingston-Polizeistation mitnehmen. Aber ich sehe, daß es nur Dummheit war.«

 

Sie setzte ihren Hut gerade, brachte eine Haarsträhne, die ihr über die Stirn gefallen war, wieder in Ordnung und besah ihre vom Pulver geschwärzte Hand.

 

»Seien Sie jetzt vernünftig«, sagte sie plötzlich, wandte sich um und ging wieder dorthin zurück, wo sie ihre große Tasche hatte fallen lassen.

 

Er stand wie festgewurzelt, bis sie hinter der großen Pflanzung von Sutton Holme verschwunden war. Dann erst ging er zurück und bemerkte Graham, der aufgeregt und besorgt mitten auf der Straße stand.

 

»Was haben Sie gemacht?« fragte er heftig. »Ich wollte sie nur etwas erschrecken«, brummte der Mann.

 

»Sie erschrecken! Ich hörte drei Schüsse –«

 

»Sie hatte eine Pistole«, sagte Mawsey verdrießlich. »Und, Hallowell, Sie brauchen dem Direktor nichts davon zu erzählen.« Graham versprach ihm das nicht. Er ging zu Diana ins Frühstückszimmer zurück und erzählte ihr von dem üblen Scherz des Gärtners. Sie nickte langsam.

 

»Ich werde jetzt schnell zur Stadt zurückfahren«, sagte sie. »Die alte Ansicht, daß alle Verbrecher Narren sind, scheint sich wieder einmal zu bestätigen. Soll ich die Sache Tiger erzählen, oder willst du es übernehmen?«

 

»Es ist besser, wenn du es tust«, sagte Graham. »Wenn er sich auf die Hilfe dieses Mannes verlassen will, kann er die Geschichte nicht früh genug erfahren.«

 

Diana verließ gleich darauf die Villa, und als sie ihre Wohnung erreichte, wartete der Mann, den sie dringend zu sehen wünschte, schon auf sie. Sie war trotzdem ein wenig erstaunt, daß Tiger so unvorsichtig war, sie am hellen Tag zu besuchen. Es war der erste Besuch, den er in ihrer Wohnung machte, und sie war etwas verwirrt. Er schien ihre Gedanken zu erraten, als sie in den Empfangsraum trat und ihn in einem Sessel bei der Lektüre einer illustrierten Zeitung fand.

 

»Ich habe auch eine Wohnung in diesem Häuserblock«, sagte er zu ihrer Verwunderung, »schon seit zwei Jahren. Die Polizei weiß das, aber Sie wußten es anscheinend noch nicht? Was hat Mawsey angestellt?«

 

»Wie haben Sie das schon erfahren?« fragte sie erstaunt.

 

»Ihr Gatte rief mich an – ich wünschte, er wäre nicht so schnell zur Hand mit seinem Telefon. Ich werde Mawsey dort fortnehmen. Er ist ein tüchtiger Arbeiter, aber er hat keinen Verstand. Ich glaube nicht, daß der dumme Streich, den er Mrs. Ollorby gespielt hat, irgendwelche Folgen hat, aber ich brauche ihn am Sechsundzwanzigsten, und es ist besser, ihn wohin zu bringen, wo er nicht plötzlich verhaftet werden kann.«

 

»Mr. Trayne – warum stellen Sie ihn überhaupt an?«

 

Tiger Trayne lächelte gut gelaunt.

 

»Mawsey ist ein tüchtiger Arbeiter, wie ich schon vorher sagte. Außerdem bin ich seiner Frau in gewisser Weise verpflichtet – es handelt sich um keine große Sache, und sie selbst weiß es nicht einmal. Daß ich mich verpflichtet fühle in solchen Fällen, ist eine Schwäche von mir.« Sie war tief in Gedanken versunken.

 

»Sagten Sie nicht eben etwas vom Sechsundzwanzigsten?«

 

Er nickte.

 

»Das ist aber schon sehr bald.«

 

»Ich habe erst heute morgen erfahren, daß Richard Hallowell an diesem Tag die Wache kommandiert.«

 

Sie war offensichtlich sehr erstaunt.

 

»Richard Hallowell? Was hat er damit zu tun?«

 

»Allerhand«, entgegnete er. »Haben Sie das Buch nicht gelesen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Vermutlich hat unser Freund Graham auch keine Zeit gehabt, Ihnen die Sache zu erklären. Der Sechsundzwanzigste ist in mancher Hinsicht ein guter Tag. Wir haben günstige Flutverhältnisse, der Mond geht zur rechten Zeit unter, das heißt, er wird überhaupt nicht scheinen – das Wichtigste ist, wir stehen kurz vor der Eröffnung des Parlaments, wozu man die königlichen Insignien braucht. Wie das Wetter sein wird, weiß ich natürlich nicht. Ich kann nur hoffen, daß es regnet.«

 

»Sie nehmen also den Gärtner fort?«

 

»Auf jeden Fall«, sagte er. »Ich brauche sowieso dort jetzt einen, der ein guter Schneider ist.«

 

Trotz ihrer gedrückten Stimmung mußte sie lachen.

 

»Warum brauchen Sie einen guten Schneider? Und dann noch eins, Mr. Trayne – Sie versprachen mir eine große Summe. Was habe ich dafür zu tun?«

 

Er sah sie etwas spöttisch an.

 

»Ihre Rolle ist sehr einfach. Sie sollen nur mit Lady Cynthia Ruislip dinieren.«

 

Diana schaute ihn groß an.

 

»Ich soll – mit Lady –?« Sie lachte böse. »Wissen Sie denn, was Lady Ruislip zu mir sagen würde? Nein, der Plan ist völlig unmöglich. Dabei kann ich nicht helfen.«

 

Er stand vom Sofa auf, faltete die Zeitung zusammen und legte sie wieder auf den Tisch, wo er sie gefunden hatte.

 

»Im Gegenteil, Sie können sehr viel helfen. Sie waren doch mit Graham Hallowells Bruder verlobt.«

 

Sie nickte.

 

»Er ist doch ein guter Junge?« fragte er. »Ich kenne ihn gar nicht, ich weiß nur, daß er zu den hochverehrten Leuten gehört.« »Er ist –«, begann sie, aber ein Wink seiner Hand ließ sie schweigen.

 

»Ich will nur wissen, wie er in Uniform aussieht, und das weiß ich bereits. Ich habe zwanzig Momentaufnahmen zu den verschiedensten Zeiten von ihm gemacht, ohne daß er etwas gemerkt hat. Aber in Ihrer Eigenschaft als seine Verlobte haben Sie doch Lady Cynthia kennengelernt?«

 

»Ja«, sagte Diana langsam und war gespannt, was nun kommen würde.

 

»Sie sind ihr also nicht fremd – darum allein handelt es sich. Ich sehe gar keinen Grund, warum Sie nicht am Abend des Sechsundzwanzigsten im Tower speisen sollten.«

 

Sie sagte nichts, aber er konnte deutlich ihren Widerwillen erkennen.

 

»Das ist absolut unmöglich!« entgegnete sie dann.

 

»Ich erwartete, daß Sie das sagen würden.«

 

»Vorausgesetzt, ich würde dort dinieren, von welchem Nutzen könnte es sein?« warf sie ein. »Und glauben Sie nicht, daß man auch mich in die Sache zieht, wenn man Graham verdächtigt und es bekannt wird, daß ich den Abend im Tower verbracht habe?«

 

Er nickte.

 

»Sie dürfen mir vertrauen, daß ich die Situation nach jeder Seite hin reiflich überlegt habe«, sagte er ruhig. »Wenn Sie sich zum Essen dort aufhalten, wird es genügen. Nun hören Sie, Diana – wenn ich mir diese Freiheit herausnehmen darf«, sagte er mit einer leichten Verbeugung.

 

Sie war nicht in der Stimmung, Komplimente anzunehmen, wie ihre ungeduldige Geste bewies.

 

»Es gibt gewisse Sitten und Gebräuche innerhalb des Tower, die auf mittelalterliche Zeiten zurückgehen. – Dazu gehört auch die Ausgabe einer Losung für die Nacht – diese Losung muß ich wissen.«

 

Sie lächelte ihn an.

 

»Und wer soll mir nach Ihrer Meinung diese Information geben?« fragte sie sarkastisch.

 

»Der Oberst!« sagte er. »Sie werden um sieben Uhr in Abendtoilette im Tower sein.«

 

»Und um sieben Uhr fünf Minuten werde ich wieder verschwinden! Sie kennen Lady Cynthia nicht!«

 

»Wenn Sie zur Wohnung des Obersten kommen«, fuhr er fort, ohne sich durch ihre Bemerkung stören zu lassen, »werden Sie sich selbst bei dem Diener melden, den Sie wahrscheinlich kennen, und er wird Sie bei dem Oberst melden –«

 

»Bei Lady Cynthia«, unterbrach ihn Diana.

 

»Bei dem Oberst«, sagte Tiger kühl. »Lady Cynthia wird nicht anwesend sein. Sie wird eine Stunde vorher weggerufen, um jemand zu besuchen. Sie brauchen keine Angst zu haben. Sie werden Lady Cynthia Ruislip nicht im Tower treffen. Aber der Oberst ist da, und er wird erstaunt, vielleicht auch ein wenig verwirrt sein, Sie zu sehen. Sie werden ihm sagen, daß Sie jemand telefonisch zum Diner eingeladen hätte – Ihrer Meinung nach sei es Lady Cynthia gewesen. Er wird verwundert sein. Sie geben vor, daß Sie deswegen eine sehr wichtige Einladung versäumen mußten. Was kann er anderes tun, als Sie bitten, zum Diner zu bleiben und mit ihm zu speisen? Wie Sie das Paßwort aus ihm herausbringen« – er zuckte die Achseln –, »das muß ich allerdings Ihnen überlassen. Um zehn Uhr werden Sie ihn bitten, Sie nach Hause zu bringen. Er wird Kavalier sein und mitkommen, besonders da Lady Cynthia um diese Zeit anruft, daß sie nicht vor Mitternacht zurückkehren wird.«

 

»Sie sind so sicher, daß sich alles so ereignen wird«, sagte sie.

 

»Ich bin deswegen so sicher, weil ich selbst dafür sorgen werde, daß alles so vor sich geht«, sagte Mr. Trayne. »Ich denke, daß die Losung eines der vier Worte: Newport, Cardiff, Monmouth oder Bristol ist. Prägen Sie sich diese, Namen gut ein. Wenn Sie aus dem Tower herauskommen, wird sich Ihnen ein Zeitungsjunge nähern, und Sie werden sagen ›nein‹, wenn es das erste ist. ›Danke, nein‹, wenn es das zweite ist und so weiter. Und wenn der Oberst Sie nach Hause begleitet hat, was dann? Halten Sie ihn solange wie möglich auf, und wenn er Sie verläßt, gehen Sie zu Bett und träumen Sie« – er streckte seine Hand aus – »von irgend etwas Schönem.«

 

Sie trat zum Fenster und blickte stirnrunzelnd auf die Straße hinunter. Ihr Herz schlug schneller bei dem Gedanken, daß sie dieses Abenteuer nun wirklich wagen sollte. Zum erstenmal erschien ihr die Summe von fünfzigtausend Pfund nicht mehr so ungeheuer groß. Sollte sie sich noch zurückziehen? Um Graham sorgte sie sich nicht, er bedeutete ihr nichts. Ob im Gefängnis oder nicht, er war nur eine Verpflichtung und eine Last. Sie war gespannt, ob er sich scheiden lassen würde, wenn – leider würde er ihr keinen Grund geben, die Klage einzureichen.

 

»Es gefällt mir nicht sehr –«, begann sie endlich und wandte sich um.

 

Das Zimmer war leer. Tiger Trayne hatte den richtigen Augenblick gewählt, sie zu verlassen.

 

Kapitel 12

 

12

 

Fünfzigtausend Pfund! Sie versuchte, sich für den Plan zu begeistern. Kishlastan war sehr großzügig gewesen, aber er hatte sich auch immer ungeduldig gezeigt. Er war ein Mann ohne Ausdauer, und da er nun eine andere und viel entsetzlichere Rache an dem Volk nehmen wollte, das ihn demütigte, würde ihre Einnahmequelle bald versiegen.

 

Ob die Tat recht oder unrecht war, störte Diana nicht. Sie interessierte sich hauptsächlich dafür, wieviel Sicherheit und wieviel Gefahr sie bot. Sie hatte eine dunkle, nebelhafte Vorstellung von dem Verbrechen, das man Hochverrat nannte und auf das sehr hohe Strafen standen. Und doch – ihre Rolle war so klein, und Trayne würde sie – getreu seinen Grundsätzen so sorgsam schützen, daß Entdeckung selbst im schlimmsten Fall unmöglich schien.

 

Über eines war sie sich klar. Sie wollte das Buch, in dem Graham nächtlicherweise las, weder sehen noch mit Einzelheiten des Planes bekannt werden.

 

Dick Hallowell – welche unbekannte Rolle war ihm zugedacht? Der Versuch sollte in der Nacht stattfinden, in der er die Wache hatte, und sie fühlte beinahe ein teuflisches Vergnügen, daß auch er in die Sache verwickelt würde. Dick mußte wütend sein, wenn ihm jemals ihr kleines Gespräch mit dem Oberst zu Ohren kam. Auf jeden Fall hatte sie diese Heirat hintertrieben. Da sie seine Liebe zum Regiment kannte, zweifelte sie nicht, daß er bei der Wahl zwischen einem unbekannten Mädchen, von dem er sich betören ließ, und dem Verbleiben bei dem Regiment sich für seine Karriere entscheiden würde.

 

Da kam ihr ein Gedanke. Sie setzte sich an den Tisch, schrieb einen kleinen Brief, adressierte ihn an Leutnant R. H. Longfellow und sandte ihn durch einen besonderen Boten zum Tower. Vielleicht würde Bobby nicht kommen, aber sie hatte ihn in seiner Schulzeit gekannt, und er war immer sehr nett zu ihr gewesen. Sie mußte mit jemand aus dem Tower sprechen, um zu erfahren, wie Dick über sie dachte. Als Dombret an diesem Nachmittag um vier Uhr hereinkam und den jungen Offizier meldete, begrüßte sie ihn mit einer Wärme, die Bobby Longfellow sehr bedenklich vorkam.

 

Es war ihm nicht ganz leicht geworden zu kommen – sie sah das mit einem Blick und war nicht sehr erfreut darüber. Bobby stotterte etwas, daß er sie lange nicht gesehen habe, dann sagte er gleich, daß er sich für fünf Uhr verabredet hatte, was sie natürlich für vollständig aus der Luft gegriffen hielt.

 

»Es ist ganz abscheulich von Ihnen, daß Sie nicht früher schon einmal gekommen sind. Wie geht es Dick?«

 

Bobby räusperte sich.

 

»Oh, dem geht es sehr gut«, sagte er unbeholfen.

 

»Haben Sie ihm gesagt, daß Sie zu mir gehen?« Sie zwinkerte schalkhaft mit den Augen, als sie diese Frage stellte, und war nicht erstaunt, als er nickte.

 

»Ich dachte, das müßte ich tun – meinen Sie nicht auch?«

 

»Ich bin schrecklich neugierig, Bobby – wird sich Dick verheiraten?«

 

Bobby schaute auf die Decke und gestand, daß er nichts Genaueres darüber wüßte. Es war gerade kein guter Anfang, aber allmählich kam sie doch auf das Thema, auf das es ihr ankam. Sie frage ihn über den Oberst aus, und das fiel ihr leicht, da sie ihn ja gerade am Abend vorher gesehen hatte. Und vom Oberst zu Lady Cynthia war ja nur ein kleiner Schritt.

 

Bobby sah, daß sie sich nicht viel verändert hatte.

 

»Ich wünschte, Cynthia würde nicht so sehr gegen mich sein«, sagte Diana mit einem Seufzer. »Sie war doch in früheren Tagen so lieb zu mir. In ihrer Jugend war sie eins der ausgelassensten Mädchen in London und hat auch wohl tolle Streiche verübt – meine Mutter erzählte mir, daß allerhand böse Gerüchte über sie in Umlauf waren.«

 

Bobby machte ein dummes Gesicht.

 

»Aber jetzt gibt es keine Skandalgeschichten, die sie betreffen«, entgegnete er. »Ganz im Gegenteil, Diana, sie ähnelt mehr einem netten, alten Eisberg als einem menschlichen Wesen. Mir läuft es schon kalt den Rücken hinunter, wenn ich sie nur ansehe.«

 

»Haben Sie ihr gegenüber jemals meinen Namen erwähnt?« fragte Diana obenhin.

 

Bobby war es nicht recht wohl bei der Frage.

 

»Ich weiß es nicht«, sagte er ein wenig lauter als notwendig. »Es mag sein – es ist sehr leicht möglich –«

 

Und nun fing Diana an, ihn auszuhorchen.

 

»Könnten Sie vielleicht zu einer kleinen Gesellschaft am Fünfundzwanzigsten zu mir kommen?«

 

Bobby rechnete schnell nach.

 

»Es tut mir furchtbar leid, aber am Fünfundzwanzigsten muß ich wieder diese verfluchte Wache kommandieren«, sagte er. (Man konnte die Erleichterung in seinem Ton hören.) »Dick hat am Sechsundzwanzigsten die Wache – wir haben zur Zeit sehr wenig Offiziere zur Verfügung, drei von unseren Leuten liegen an Grippe krank, Joynson und Billingham sind auf Urlaub. Tatsächlich habe ich noch nie einen Posten beim Militär gehabt, wo ich so viel Dienst tun mußte wie im Tower. Man muß mehr Schildwachen ausstellen in dieser ekelhaften Festung als in einem richtigen Feldlager.«

 

Dann fragte er zu ihrer großen Überraschung: »Gefällt Ihnen Hope Joyner nicht?«

 

»Hope Joyner, warum denn, Bobby? Sie ist ein süßes Geschöpf. Ich kenne sie zwar nur oberflächlich; »aber – wer kennt sie denn überhaupt? Sie ist eine ganz geheimnisvolle Persönlichkeit.«

 

»Das finde ich aber wirklich nicht«, verteidigte sie Bobby kräftig. »Sie ist nicht geheimnisvoller als irgendeine Frau und ist ein selten hübsches junges Mädchen.«

 

»Sie wird gut zu Dick passen, wenn er sie heiratet«, sagte sie ruhig. »Aber er wird nicht gern den Dienst beim Regiment quittieren.«

 

Das war eine Herausforderung, die er in seiner jugendlichen Begeisterung annahm. »Warum sollte er denn das Regiment verlassen?« fragte er. »Sie ist doch keine Balletteuse – oder – oder hm – eine Person mit zweifelhaftem Ruf.«

 

»Natürlich muß er das Regiment verlassen«, sagte sie höhnisch. »Das wissen Sie ebensogut wie ich, Bobby. Hope Joyner hat keine Verwandtschaft, die irgend jemand von uns bekannt wäre.«

 

Bobby rückte unruhig hin und her und wurde rot.

 

»Wenn sie nicht gut genug für die Berwick-Garde ist«, sagte er verbissen, »dann ist die Berwick-Garde auch nicht mehr gut genug für mich! Ich bin nicht so versessen auf Militärdienst, daß ich nur einen einzigen Tag bliebe, wenn Dick seinen Abschied nimmt. Ich habe noch niemand etwas Schlechtes über Hope sagen hören. Alle Leute finden, daß sie eine der liebenswürdigsten und nettesten jungen Damen Londons ist!«

 

Es trat eine kleine Pause ein, dann sagte Diana gedehnt: »Ist das auch die Ansicht Lady Cynthias?« Aber auf diese Frage wußte Bobby keine Antwort.

 

Er hätte noch einige interessante Enthüllungen machen können, denn er hatte die Sache dieses unbekannten Mädchens zu der seinen gemacht.

 

»Ich würde nicht überrascht sein«, sagte er langsam und wählte seine Worte mit der größten Sorgfalt, »wenn man schon eine ganze Menge über Miss Joyner weiß, ehe noch ein Wort von Verlobung gesprochen wird.«

 

Diana sah ihn forschend an.

 

»Das ist ja sehr seltsam«, sagte sie. »Und wer wird Ihnen denn etwas darüber mitteilen?«

 

Aber Bobby gab keine weitere Auskunft. Er hatte sich vorgenommen, an diesem Abend Mr. Hallett in Monk’s Chase einen Besuch abzustatten, obwohl Mr. Hallett bis jetzt noch nichts von seiner Absicht wußte.

 

»Ich bin fest davon überzeugt, daß sich noch alles aufklärt«, sagte er und verabschiedete sich.

 

Diana war nicht ganz wohl zumute.

 

Bobby ging die Treppe hinab und konnte nicht recht verstehen, warum Diana nach ihm geschickt hatte. Mehr als je war er der Ansicht, daß etwas Katzenhaftes in dem Charakter dieser liebenswürdigen Frau lag. Diana wohnte im ersten Stock. Er hatte eben das Vestibül erreicht, als sich eine Tür vor ihm öffnete und ein Herr heraustrat. Bobby sah einen Augenblick lang in sein Gesicht. Es war ihm bekannt, aber er konnte es im Augenblick nicht unterbringen. Da der Portier in der Tür stand, fragte er ihn.

 

»Ich kenne diesen Herrn – wer ist es doch?«

 

»Das ist Mr. Trayne, Sir, er ist überall bekannt.«

 

»Trayne?« Bobby runzelte die Stirn. »Doch nicht Tiger Trayne? Dieser Mann, der –«, er wollte sagen, »der Besitzer aller Spielklubs ist«, aber er zog es vor, diese Bemerkung zu unterdrücken.

 

»Ja, Sir, das ist Mr. Trayne.« Der Portier war ebenso ein Mann von Diskretion, außerdem wußte er, daß Tiger nach allgemeiner Annahme der Besitzer dieses Häuserblocks und damit sein Chef war.

 

Natürlich! Bobby erinnerte sich jetzt an eine durchbummelte Nacht, die in einer vornehmen Westend-Wohnung endete, wo die Getränke frei waren und eine kleine Schar um einen grünen Tisch versammelt saß, um den Glücksgöttern goldene Opfer darzubringen. Bobby hatte Geld verloren, glücklicherweise nicht sehr viel, denn er war in solchen Dingen sehr vorsichtig, wie das ja oft bei reichen Leuten der Fall ist.

 

Auf dem Weg nach Piccadilly versuchte, er sich über gewisse böse Gerüchte klarzuwerden, die über Diana im Umlauf waren, Gerüchte, die in Wirklichkeit nicht die geringste Berechtigung hatten. Früher hatte sie einmal im Auftrag Traynes die leichtsinnige Jugend an seine grünen Spieltische gelockt, aber nie wieder.

 

Von Trayne wußte er nur so viel, wie man eben normalerweise von ihm erfahren konnte. Er war ein Abenteurer, der an hundert dunklen Geschäften beteiligt war, ein Mann, der am Rand der guten Gesellschaft lebte und mächtige Freunde an unerwarteten Stellen hatte.

 

Bobby besaß ein kleines Haus in der Curzon Street. Hier traf er seine Vorbereitungen und sah noch einmal die Nachrichten durch, die er von den Auskunftsbüros über Hope Joyner erhalten hatte. Ihre Abstammung war noch ebenso dunkel wie früher. Welche Methoden seine Agenten auch anwandten, sie kamen immer nur bis zu jener undurchdringlichen Wand, nämlich zu der Anwaltfirma, die einen nicht gerade guten Ruf genoß, obwohl sie Hopes Güter verwaltete und ihr die Gelder auszahlte. Er hatte alle Gerichtsregister durchschauen lassen, aber diese mühevolle Arbeit brachte kein Testament zum Vorschein, auf Grund dessen sie eine Rente bezog.

 

Mit großer Schlauheit hatte Bobby ihr Alter feststellen können. Sie war dreiundzwanzig. Er hatte schon alle Eintragungen ihres Geburtsjahres untersucht, aber obgleich man ihm in Somerset House alle Akten zugänglich gemacht hatte, konnte er keine Bestätigung dafür finden, an welchem Tag Hope Joyner geboren war. Es schien ihm nun die einfachste Sache von der Welt, den blinden Mr. Hallett zu fragen. Aber als die Stunde näher kam, verlor Bobby doch etwas von dem Unternehmungsgeist, den er zuerst hatte. Er äußerte seine Zweifel zu dem ersten seiner Detektive, einem melancholischen Menschen.

 

»Ich habe keinen Anknüpfungspunkt, das alte Lied«, sagte er verzweifelt. »Wie es dann weitergehen soll, weiß ich wohl.«

 

»Sie könnten sagen, daß Sie ein Freund der Familie sind«, sagte der andere. Bobby schüttelte den Kopf.

 

»Welcher Familie denn?« fragte er. »Es ist ja doch keine Familie da, deren Freund man sein könnte. Wenn es so wäre, würde ich doch nicht im ganzen Land nach dem Aufschluß suchen.«

 

»Warum wollen Sie nicht sagen, daß Sie ein Freund Hope Joyners sind?« sagte der Detektiv. Bobby war verärgert.

 

»Habe ich Ihnen denn nicht tausendmal erklärt, mein armer Junge«, sagte er gereizt, »daß Miss Joyners Name in dieser Sache überhaupt nicht erwähnt werden kann und daß niemand auch nur vermuten darf, daß ich mich mit ihren persönlichen Angelegenheiten befasse? Seien Sie doch vernünftig!«

 

Am Abend erreichte er Monk’s Chase und stieg an derselben Stelle aus dem Wagen, an der vor einer Woche Hope Joyner im strömenden Regen gestanden hatte. Die Pförtnerhaustür stand offen, in der Wohnung selbst schien niemand zu sein. Gemächlich ging er den Weg hinauf und läutete am Haupteingang. Einige Sekunden später öffnete sich die Tür geräuschlos, und ein alter Diener stand vor ihm.

 

»Mr. Hallett, Sir? Haben Sie eine Verabredung mit ihm?«

 

Bobby erklärte ihm sorgfältig, daß er keine Verabredung hätte, aber daß er eigens von London hergekommen wäre, um mit dem Besitzer von Monk’s Chase zu sprechen.

 

»Ich will einmal sehen«, sagte der Lakai und nötigte Bobby in einen kleinen Empfangsraum. Er ging hinaus, kam aber schon nach kurzer Zeit mit einer Entschuldigung zurück.

 

»Mr. Hallett fühlt sich nicht wohl«, sagte er, »und er bittet Sie, so liebenswürdig zu sein, ihm schriftlich Ihr Anliegen mitzuteilen. Er ist eben erst aus Paris zurückgekehrt und ist sehr ermüdet.«

 

»Kann ich ihn nicht wenigstens fünf Minuten lang sehen?« Dann schrieb er verzweifelt einen Namen auf ein Stück Papier, das er von einem kleinen Schreibtisch nahm, steckte es in einen Umschlag und übergab es dem Diener. »Bitte, überreichen Sie ihm diesen Brief.«

 

Der andere schüttelte den Kopf.

 

»Mr. Hallett ist blind, Sir. Sie wissen das wahrscheinlich nicht.«

 

Bobby war über seine eigene Dummheit aufgebracht.

 

»Hat er denn keinen Sekretär oder jemand, der ihm das vorlesen kann?«

 

»Es tut mir leid, er hat niemand«, sagte der Diener.

 

Hier stieß Bobby wieder gegen eine andere unüberwindliche Mauer. Die Tür schloß sich wieder hinter ihm. Er hatte nicht den geringsten Erfolg für alle seine Anstrengungen gehabt.

 

In unzufriedener Stimmung ging er die Zufahrtsstraße zurück, passierte das Pförtnerhaus und kam dann auf die Straße. Aber hier war ihm das Schicksal günstig. Vor seinem kleinen Auto stand ein alter Mann, der mit kindlicher Neugier die Figur auf dem Kühler betrachtete. Er war sehr alt und schaute ihn aus matten Augen an.

 

»Diese junge Dame sieht sehr kühl aus«, kicherte er. »Ich habe so etwas noch nicht in dieser Gegend gesehen.«

 

»Das glaube ich«, sagte Bobby. »Wie lange leben Sie denn schon hier?«

 

»Achtundneunzig Jahre«, antwortete er zittrig.

 

»Donnerwetter!« rief Bobby ehrlich erstaunt. »Da müssen Sie die Umgebung hier aber sehr gut kennen.«

 

»O ja«, sagte der alte Mann selbstzufrieden. »Ich erinnere mich an Monk’s Chase, als es noch der alte Lord Wilsome hatte.«

 

»Der jetzige Besitzer ist ein Mr. Hallett?« fragte Bobby interessiert.

 

»Ja«, sagte der Alte verächtlich. »Es ist mir so, als ob all dieser Aufruhr und Lärm erst gestern gewesen wäre. Er ist damals mit einer jungen Dame durchgebrannt, und ihr Vater kam sogar hierher, um ihn zu erschießen. Sie stammte aus einer sehr vornehmen, einflußreichen Familie.«

 

Bobby zitterte vor Aufregung.

 

»Wann war das?«

 

»Das war vor Jahren, als der Krieg in Afrika war. Mein Enkel verlor ein Bein und hat bis heute seine Pension. Ein hübscher Junge –«

 

Bobby unterbrach die Familienerinnerungen des Alten.

 

»Weiß sonst noch jemand etwas darüber?«

 

»Hier in diesem Dorf?« sagte der alte Mann geringschätzig. »Niemand weiß hier etwas! Das ist alles junges Volk – niemand außer mir und dem Wirt vom ›Pflug‹ ist länger als zehn Jahre hier.«

 

»Wie erfuhren Sie denn davon?« fragte Bobby.

 

Der Alte grinste.

 

»Meine Schwiegertochter war Köchin in Chase, und sie wußte es.«

 

Soweit Bobby sich die Sache zusammenreimen konnte, war die unbekannte Dame eine verheiratete Frau, die einen viel älteren Gatten hatte, dem sie mit dem anziehenden Mr. Hallett weggelaufen war. Sie wurde von ihren entrüsteten Eltern zurückgeholt (ihr Gatte verhielt sich dabei seltsam ruhig, anscheinend nicht ohne Grund, denn er starb bald darauf und hatte wahrscheinlich kein Interesse mehr an weltlichen Dingen) und verheiratete sich nach dem Tod ihres Mannes noch einmal.

 

»Es wurde alles sehr geheimgehalten«, sagte der Alte. »Totgeschwiegen – das ist das richtige Wort. Soviel ich weiß, hat sich die Dame wieder verheiratet.«

 

»Mit Mr. Hallett?« fragte Bobby.

 

Der Mann schüttelte den Kopf.

 

»Nein, er hat niemals geheiratet. Wahrscheinlich hatten sie etwas an ihm auszusetzen, ich habe darüber nie etwas erfahren. Aber diese Lady Cynthia –«

 

Bobby streckte seine Hand nach dem erhitzten Kühler aus, um sich zu halten. Seine Aufregung war so groß, daß er nicht einmal aufschrie, als er sich den Finger verbrannte.

 

»Lady Cynthia?« keuchte er. »Ach du liebe Tante!«

 

»Ist sie das?« sagte der Alte. »Ich wollte nichts gegen Ihre Verwandten sagen.«

 

»Lady Cynthia – erinnern Sie sich, wen sie heiratete?«

 

Der Alte schüttelte den Kopf wieder.

 

»Das weiß ich nicht. Ich sah sie nur einmal – sie war eine sehr schöne, schlanke Dame mit einem großen grünen Ring am kleinen Finger. Hundert Pfund wert, wie die Leute sagen.«

 

In Bobbys Kopf wirbelte alles. Er kannte diesen grünen Smaragd. Wie oft hatte er gesehen, daß Lady Cynthia ihn hin und her drehte, während ihre kalten Augen forschend auf den jungen Offizieren ihres Regiments ruhten!

 

Der Alte konnte ihm nicht mehr viel sagen und ging langsam weiter. Er war ein wenig betäubt von der Liebenswürdigkeit, mit der ihn Bobby behandelt hatte. Mr. Longfellow setzte sich auf das Trittbrett seines Wagens und stützte den Kopf in die Hände.

 

Eins war gewiß: er mußte Mr. Hallett noch diese Nacht sehen.

 

Er ging die Straße zu dem malerisch gelegenen Dorf hinunter. Ein Gasthausschild erinnerte ihn an die Worte des alten Mannes. Der Wirt sollte ja die Geschichte von Mr. Halletts großem Abenteuer kennen. Er trat in das leere Gastzimmer. Hinter dem Tisch stand ein älterer Mann und trocknete ein Glas. Bobby grüßte ihn. Er war nicht so zutraulich wie der Alte, und es dauerte einige Zeit, ehe Bobby mit ihm ins Gespräch kam.

 

»Sie haben wahrscheinlich mit Gammer Holland gesprochen? Der schwätzt wie eine Frau! Ich weiß sehr wenig von der Sache, und ich kümmere mich auch nicht um die Skandalgeschichten meiner Nachbarn, besonders nicht um die eines Herrn wie Mr. Hallett, der – nun wohl kein Kunde ist, aber mit dem ich Geschäfte gemacht habe.«

 

»Kennen Sie die Dame?«

 

»Nein, Sir, ich habe nie nach ihr gefragt. Ich hatte eine Vermutung …, aber meine Vermutungen sind nebensächlich. Ich weiß, daß sie einige Zeit später einen Gardeoffizier heiratete das ist alles.«

 

Es schien wirklich so zu sein, denn Bobby konnte keine weitere Aufklärung von ihm bekommen.

 

Er hielt sich ungefähr eine Stunde lang in dem Gasthaus auf, und der Wirt setzte ihm ein erträgliches Essen vor. Sobald es dunkel wurde, ging er auf Erkundung aus. Er mußte um Mitternacht wieder im Tower sein, da er seinen Namen nicht in das Urlaubsbuch eingetragen hatte. Möglicherweise konnte er den Wächter noch erreichen, dessen Pflicht es war, Offiziere zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens einzulassen.

 

Es war schon finster, als er dem Haus wieder zuschritt. Er wählte diesmal einen Fußpfad, auf dem er unbemerkt zu einer Stelle kam, die dem Westflügel des Gebäudes gegenüberlag. Es war schon dunkel genug für seine Zwecke, als er dort ankam. Vorsichtig ging er über die breite Rasenfläche und erreichte das Haus. Ohne es zu wissen, schritt er durch das Tor, durch das Hope Joyner nach Monk’s Chase gekommen war.

 

Nun lag die Auffahrt vor ihm. Sie war mit knirschendem Kies bestreut, und er zögerte einen Augenblick, ob er auf dem Rasen bleiben sollte, als er plötzlich die hell leuchtenden Scheinwerfer eines Autos sah, die durch die Bäume vom Ende der Auffahrtsstraße her schimmerten. Er sah sich schnell nach einem Versteck um, konnte aber nur eine Nische finden, die durch den Vorsprung des Säulenvorbaues gebildet wurde. Er drückte sich zwischen Wand und Pfeiler und hoffte, daß die Lichter des Wagens ihn nicht verraten würden. Offenbar war er nicht gesehen worden, denn der Chauffeur hielt vor der Tür, stieg aus und klopfte an.

 

»Er wird gleich hier sein«, sagte eine leise Stimme, und der Mann kehrte auf seinen Sitz zurück.

 

Bobby wartete, und sein Herz schlug ein wenig schneller. Wenn der »er« Mr. Hallett war, was sollte er dann tun? Sollte er aus seinem Versteck hervorspringen, ihn liebenswürdig am Arm ergreifen und ihm sagen: »Ich muß ein paar Worte mit Ihnen sprechen?« oder –

 

Er hatte keine Zeit mehr, sich die Sache zu überlegen. Ein schneller Schritt klang auf den Fliesen. Mr. Hallett trat durch die Tür und nahm im Wagen Platz. Eine Sekunde lang hielt er an und steckte sich eine Zigarette an. Bobby Longfellow sah sein energisches Gesicht… Dann wußte er, daß er seine Gegenwart nicht mehr verraten durfte –

 

Kapitel 13

 

13

 

Graham Hallowell litt häufig unter Depressionen. Zweifel, Angst: und schlechte Laune quälten ihn. Seine Einsamkeit ließ ihm zuviel Zeit zum Nachdenken. In einer solchen Stimmung rief er Diana an und bat sie dringend, zu ihm herauszukommen. Aber sie hatte gerade eine sehr wichtige Verabredung. Er glaubte, daß sie ihm nicht die Wahrheit sagte, aber er tat ihr unrecht.

 

Mawsey, der Gärtner, war durch einen anderen jungen Mann ersetzt worden, der seine Pflichten mit derselben Pünktlichkeit versah wie sein Vorgänger.

 

Graham kannte jetzt den ganzen Plan schon auswendig, und je mehr er sich mit ihm vertraut machte, desto einfacher erschien ihm die ganze Sache. Trotzdem wurde er immer unruhiger. Die ganze Beschreibung Traynes schien ihm direkt verrückt zu sein, denn es war nichts davon gesagt, wie die Juwelen gestohlen werden sollten. Grahams Rolle war einfach genug. Aber er kannte die Gewohnheiten, die im Tower herrschten, und die außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln, mit denen die Kroninsignien behütet wurden, nur allzu gut. Als sein Unbehagen wuchs, entschloß er sich, selbst die Schwierigkeiten in Augenschein zu nehmen, um die es ging.

 

Er wählte dazu einen Sonnabend, da er wußte, daß der Tower an diesem Tag von Menschen überfüllt sein würde. Er stellte sich beim Kartenverkauf an und erhielt eine kleine grüne Karte zum Eintritt zur Schatzkammer. Er folgte den anderen Besuchern durch die ersten Torbogen der Mauer entlang, bis er zu dem Blutturm kam.

 

Ein Aufseher wollte ihn zurückweisen, da ein bestimmter Weg vorgeschrieben war. Aber als Graham seine grüne Karte vorzeigte, erlaubte er ihm, weiterzugehen. Wieder mußte er warten. Die ganze Zeit über fürchtete er, von jemand beobachtet zu werden, der ihn kannte. Der Offizier der Wache war ihm fremd – er atmete erleichtert auf. Endlich stieg er die Stufen zum Wakefield Tower hinauf, in dem die Kronjuwelen aufbewahrt wurden.

 

Das äußere Tor war aus festem Eichenholz und auf der Rückseite mit schweren Eisenplatten geschützt. Als er die Tür erreichte, die vom Podest aus zur Schatzkammer führte, bekam er einen großen Schrecken, denn sie bestand aus zwei zehn Zentimeter dicken Stahltüren, wie sie die Banken hatten. In der Mitte des Raumes stand ein starker, von massiven Eisengittern umgebener Glaskasten. Er blickte hinein und sah einen kleinen Luftdruckmesser. Auch die Sicherheitstüren konnte er entdecken. Bei dem ersten Anzeichen einer Gefahr würde ein Aufseher, der besonders dazu angestellt war, den geheimen Hebel berühren, und die Klappen würden krachend herunterfallen. Nachts wurden entweder diese oder andere eiserne Vorhänge heruntergelassen, um den Kasten vollkommen dicht abzuschließen. Er konnte den stählernen Handgriff sehen, der sie in Bewegung setzte. Die Juwelen selbst interessierten ihn kaum. Der feurige Rubin des Schwarzen Prinzen, die flammenden afrikanischen Brillanten ließen ihn kalt.

 

Seine Blicke suchten überall nach den elektrischen Alarmglocken, die bei dem ersten Versuch, die Stahlläden zu öffnen oder das Glas zu zersplittern, den ganzen Tower in Aufruhr bringen würden. Die Anschlüsse waren unsichtbar, aber sie waren trotzdem vorhanden. Er machte einen langsamen Rundgang mit der Menge und war froh, als er wieder an die frische Luft kam.

 

Unten am Wakefield Tower befand sich ein großer häßlicher Wachraum aus roten Ziegelsteinen, der in seinem Stil nicht zu den anderen Gebäuden paßte.

 

Als Graham einen Aufseher sah, der im Augenblick nichts zu tun hatte, gab er ihm ein Trinkgeld, damit er ihm das Innere der kleinen Kirche zeigen sollte – des »traurigsten Heiligtums der ganzen Christenheit«. Aber weder die Wappen in dem quadratischen Fliesenbelag über den Leichnamen der Großen noch die namenlosen Gräber fesselten ihn.

 

»… Jawohl, Sir, nachts ist ein besonderer Wachtposten für die Schatzkammer vorgesehen, eigentlich sogar zwei.«

 

»Sie wird sehr gut bewacht«, meinte Graham.

 

»Bewacht?« Der Aufseher lachte. »Das kann man wohl sagen! Manchmal gibt es nachts Kurzschluß in den verdammten Alarmdrähten – und sofort steht der ganze Tower unter Waffen!«

 

Eine vielversprechende Aussicht, dachte Graham düster, als er die drohende Festung verließ. Er wollte zuerst nach Cobham zurückkehren, aber er hatte das Bedürfnis, Diana zu sehen. Er ging zu ihrer Wohnung, selbst auf die Gefahr hin, sie nicht anzutreffen. Seine Stimmung wurde nicht besser, als er Colley Warrington dort traf, der es sich im Wohnzimmer bequem gemacht hatte. Colley nahm ihm gegenüber eine merkwürdig nachlässige Haltung ein und grüßte ihn mit einem kühlen Nicken. Vielleicht gehört ihm überhaupt die Wohnung, dachte Graham.

 

»Hallo, Graham! Sie wohnen jetzt auf dem Land, hat man mir erzählt?«

 

»Ist Diana hier?« fragte der andere kurz.

 

»Ja, sie ist hier, wir wollen zusammen ins Carlton gehen!«

 

»Sie müssen sich eine andere Partnerin suchen – ich habe mit Diana längere Zeit zu sprechen.«

 

Colleys unverschämter Blick machte ihn rasend.

 

»Was für ein herrisches Auftreten Sie sich anmaßen«, sagte Warrington ironisch. »Leider hat Diana eine Verabredung und zwar geschäftlicher Natur.«

 

»Dann versäumt sie sie eben!« In seiner Erbitterung war er nahe daran, seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu ihr zu verraten. Zum Glück erschien Diana in diesem Augenblick. Als sie sein Gesicht sah, wußte sie gleich, daß etwas nicht in Ordnung war.

 

»Ich muß privat mit dir sprechen, Diana. Colley erzählte mir eben, daß er mit dir ausgehen will – kannst du vielleicht diese Verabredung aufheben?«

 

Sie sah zu Colley hinüber.

 

»Ich glaube, das geht«, sagte sie zu dessen größter Bestürzung.

 

»Meine liebe Diana –«; begann er.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Es tut mir leid, Colley. Aber ich glaube, die Sache ist sehr wichtig. Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich um sechs Uhr ins Hotel nachkommen.«

 

Wenn Diana in diesem Ton sprach, war es nutzlos, zu protestieren. Colley Warrington blieb seiner alten Methode treu, lächelte und machte die größten Anstrengungen, seinen Ärger zu verbergen.

 

Sie ging mit ihm zur Tür. Als sie draußen im Gang waren, sagte er leise zu ihr:

 

»Ich glaube nicht, daß es klug ist, unseren Freund Graham wegen des Plans, den wir heute nachmittag besprachen, ins Vertrauen zu ziehen.«

 

Sie antwortete nicht darauf und schloß die Tür hinter ihm. Dann ging sie schnell zu Graham zurück.

 

»Was ist geschehen?« fragte sie.

 

Er sah sie mit zusammengekniffenen Augenlidern an.

 

»Was hat er dir draußen erzählt, das nicht hier in meiner Gegenwart besprochen werden konnte?« fragte er. Er war nicht eifersüchtig, aber im Augenblick war er mit seinen Nerven fertig.

 

»Er fragte mich heute nachmittag, ob ich ihn nicht heiraten wollte«, sagte sie ruhig. »Draußen bat er mich, dir nichts von diesem interessanten Vorschlag zu erzählen. Colley ist ekelhaft, aber er ist brauchbar. Nun, was hast du?«

 

Er ging auf dem Teppich auf und ab.

 

»Trayne ist verrückt – so verrückt wie ein Märzhase. Ich war im Tower, um mir die Schatzkammer anzusehen. Es ist leichter, die Bank von England auszuplündern!«

 

In wenigen Worten erzählte er ihr von den außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln gegen Diebstahl.

 

»Der alte Narr denkt zweihundert Jahre zu spät«, sagte er. »Die Schatzkammer ist ein Geldschrank. Der schlaueste Einbrecher der Welt, ob er Engländer oder Amerikaner ist, könnte die Stahltüren nicht öffnen. Und wenn er es doch vollbracht hätte, böte ihm die Schatzkammer noch zweimal soviel Arbeit. Überall sind Alarmglocken angebracht, und alle Leitungen sind wahrscheinlich in den Wänden versteckt angelegt. Der Plan ist menschenunmöglich.«

 

Sie dachte nach.

 

»Es ist aber nicht Traynes Art, etwas Unmögliches zu unternehmen. Ich habe heute nachmittag mit Colley auch über ihn gesprochen. Er sagte auch, daß Tiger Trayne sehr schlau sei.«

 

Sie sah ihn lange und ernst an.

 

»Hältst du die Rolle, die du dabei spielen sollst, für gefährlich?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Sie ist wohl gefährlich, aber doch durchführbar. Ich glaube sogar, daß sie der genialste Teil des ganzen Plans ist. Ich habe genügend militärische Praxis – ich war in Sandhurst und zwei Jahre in Westshires. Nein, darüber bin ich nicht beunruhigt. Ich habe gute und starke Nerven. Was mich zur Verzweiflung bringt, ist der Diebstahl selbst. Trayne hat nur fünfzehn Minuten dafür angesetzt. Er brauchte allein solange, um durch das eiserne Tor zu kommen, und kann glücklich sein, wenn er es in der Zeit schafft. Ich habe mich doch in Dartmoor mit allen möglichen berühmten Einbrechern unterhalten – Vrenehy, der die Southern Bank ausplünderte, sagte mir, daß die tüchtigsten Einbrecher mindestens drei Stunden brauchen, bevor sie durch die Wände eines modernen Geldschrankes kommen. Gewöhnlich benutzen sie ein Wochenende, um die Sache auch richtig ausführen zu können. Und selbst dann müssen sie viel Bewegungsfreiheit haben. Dazu gehören elektrische Bohrmaschinen – nein, die Sache mit dem Tower ist einfach unmöglich, absolut unmöglich, Diana. Ich muß Trayne sprechen.«

 

Sie nickte.

 

»Er kommt morgen abend nach Cobham«, sagte sie. »Ich habe Nachricht von ihm. Er bat mich, um diese Zeit dort zu sein. Wir müssen diese Sache klären, Graham. Ich bin schon ganz krank davon.«

 

Sie beobachtete ihn, als er sich eine Zigarette ansteckte und das Streichholz zielsicher quer durch das Zimmer in den Kamin warf. Man konnte noch einen anständigen Mann aus Graham machen. Es hatte einige Hindernisse in seiner geistigen Entwicklung gegeben, die ihn aus der Bahn der Rechtschaffenheit getrieben hatten. Sie hatte ihn einst geliebt, leidenschaftlich, wahnsinnig geliebt – sie hatte ihn niemals ganz verachtet. In diesem schwierigen und wichtigen Augenblick fühlte sie, daß ihre alte Leidenschaft für ihn sich wieder regte. Es war kein unangenehmes Gefühl.

 

»Wir werden die Sache morgen nacht klären, Graham – und wir werden sie zusammen klären«, sagte sie.

 

Er bemerkte sofort den Wechsel ihres Tones und blickte schnell zu ihr auf. Vielleicht sah auch er mehr in ihr als eine lästige Fessel, denn sein angespanntes Gesicht überflog ein Lächeln. Es war das erste Lächeln, das sie an ihm sah, seit er aus dem Gefängnis entlassen war.

 

»Vielleicht ist es gar nicht wert, darüber zu sprechen«, sagte er. »Der alte Trayne ist sicher kein Narr. Er kennt die Schwierigkeiten so gut wie du und ich.«

 

»Sagt das Buch etwas darüber?« fragte sie. »Ich meine, ob es etwas darüber sagt, wie in den Wakefield Tower eingebrochen werden soll?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Er geht merkwürdig leicht darüber weg«, meinte er und lächelte wieder. Dann streckte er plötzlich die Hand aus. »Ich freue mich, daß du kommst, Diana. Ich weiß nicht, ob es die Atmosphäre dieses Zimmers oder dein persönlicher Einfluß ist – jedenfalls bin ich wieder viel froher und freier.«

 

Sie blieb keineswegs fröhlicher zurück; zu ihren anderen Sorgen war eine neue gekommen, die bis zu diesem Nachmittag noch nicht vorhanden gewesen war – die Angst um seine Sicherheit.