Kapitel 8

 

8

 

Ein großes Regiment hat große Traditionen, und eine dieser alten Traditionen der Berwick-Garde bezog sich auf die Auswahl der Offiziersfrauen. Kein Offizier durfte zum Beispiel eine Schauspielerin heiraten, so liebenswürdig, schön und berühmt sie auch sein mochte, wenn er im aktiven Dienst bleiben wollte.

 

Bobby Longfellow war von John Ruislep, seinem Obersten, und dessen Gattin zum Dinner eingeladen worden. Er kehrte in etwas deprimierter Stimmung zu seiner Wohnung zurück. Denn obgleich der großzügige Kommandeur der Berwick-Garde bei der Auswahl der Offiziersfrauen eine tolerantere Auffassung vertrat, huldigte seine strenge Gattin den alten Traditionen.

 

Trotz seiner Jugend hatte Bobby in weltlichen Dingen seine eigenen Ansichten. Die hohe Kommandeuse hatte eine Andeutung darüber fallen lassen, daß die jüngeren Offiziere des Regiments immer häufiger außerhalb ihrer Gesellschaftsklasse heirateten. Da sich diese Bemerkung anscheinend auf einen ganz bestimmten Offizier bezog, fühlte sich Bobby Longfellow nicht sehr wohl.

 

»Man muß auf gute Familie halten, das ist die erste Bedingung für eine glückliche Ehe«, sagte die Obristin und spielte dabei mit dem großen Smaragdring, den sie am kleinen Finger trug. »Wenn eine junge Dame nicht von gutem altem Adel stammt, ist die Heirat von vornherein ein Fehler.«

 

Die etwas hagere, aber sehr schöne Frau mit den schmalen Lippen war nie so bestimmt, als wenn sie an dem prachtvollen Smaragd drehte, für den ihr Finger fast zu klein war.

 

Bobby ging einfach in Dicks Zimmer, stutzte aber, trat schnell zurück und klopfte. Dicks fröhliche Stimme bat ihn, einzutreten.

 

»Du siehst aus wie Salomo in all seiner Herrlichkeit«, sagte Dick und sah seinen Kameraden in der Galauniform bewundernd an. »Du warst wohl eingeladen, Bobby?«

 

Dick selbst hatte seinen roten Uniformrock ausgezogen und es sich in Pyjama und seidenem Hausrock bequem gemacht. Er saß über seinen Kompanie-Abrechnungen. Bobby wählte erst mit Umständlichkeit eine Zigarette, bevor er antwortete.

 

»Ich war heute zur Abfütterung beim Alten«, sagte er, »und bei der Alten«, fügte er hinzu. »Weißt du, sie ist wirklich eine schreckliche Kanone. Sie erzählt immer, daß alle Dinge schlechter geworden sind, seitdem sie ein Mädchen war, und ich habe den Eindruck, daß ich auch zu diesen Dingen gehöre.«

 

Dick mußte lachen. »Armer Bobby!« sagte er mitleidig. »Ich habe meine offizielle Einladung schon einen Monat hinter mir.«

 

»Der Oberst ist nicht so schlimm.« Bobby ließ sich in einen tiefen Sessel sinken und suchte nach einem zweiten Ruheplatz für seine langen Beine. »Und – weißt du, daß er mit Diana befreundet ist?«

 

Dick lächelte.

 

»Diana hat viele Freunde – ich glaube mich zu besinnen, daß sie früher gut miteinander bekannt waren. Hat er sie gestrichen?«

 

»Er hat mir nichts erzählt, bevor sich die Gnädigste zurückzog«, sagte Bobby leichthin. »Aber er sprach mit mir, als wir allein waren –«

 

»Seine Führung ist die beste im ganzen Regiment«, widersprach Dick.

 

»Das ist möglich«, erwiderte Bobby. »Ich kann schweren Rotwein nicht leiden, ich kann nachher nicht so gut denken.«

 

»Hat der Oberst denn etwas über Diana gesagt?«

 

»Er äußerte nur, daß sie ein sehr liebenswürdiges und schönes Mädchen sei«, gab Bobby zu. »Er bedauerte sehr, daß seine Frau sie von ihrer Besuchs- und Einladungsliste gestrichen hat. ›Wir alle waren sehr entzückt von ihr‹ – du kennst doch die Art, wie er redet, wenn er gemütlich oder gefühlvoll wird.«

 

Eine lange Pause entstand. Dick wandte sich wieder seinen Abrechnungen zu und versuchte, sich auf die lange Zahlenreihe zu konzentrieren. »Sie erwähnte auch Miss Joyner«, warf Bobby plötzlich hin.

 

Dick drehte sich sofort um.

 

»Wer? Lady Cynthia?«

 

Bobby nickte nur.

 

»Was hatte sie denn über Hope zu sagen?«

 

»Nicht viel.« Der junge Mann fühlte sich ungemütlich. Aber diese Stimmung teilte sich Dick nicht mit, da er selbst wohl wußte, daß Lady Cynthia Ruislip wenig Gutes über andere Frauen zu erzählen wußte.

 

»Sie wollte gern wissen, wer Miss Joyner sei«, erzählte Bobby, »und es war nicht gut, daß der Alte in die Bresche sprang und erklärte, daß sie eines der schönsten Mädchen sei, die er jemals gesehen habe. Auch ließ er eine Andeutung fallen, daß er ihre Familie kenne.«

 

Dick lachte leise.

 

»Nun bin ich aber gespannt, was Lady Cynthia darauf erwiderte.«

 

»Du kennst doch ihre Art. Was sie nicht sagte und nur ahnen ließ, machte mich furchtbar ärgerlich. Wie sie die Augenbrauen hoch und die Mundwinkel nach unten zog! Ich hätte laut losbrüllen mögen. Natürlich hatte sie den Alten bald schachmatt gesetzt. Sie stellte gleich fest, daß er nichts von Hope Joyner und ihrer Familie wußte, und war wirklich sehr aufgebracht über ihn.«

 

Dick wandte sich langsam wieder seiner Abrechnung zu, aber obgleich er die Feder in der Hand hielt, schrieb er nicht.

 

»Ich vermute –«, begann Bobby und hielt wieder inne.

 

»Was vermutest du?« Dick sah sich nicht um.

 

»Ich vermute, daß schon alles in Ordnung ist … Ich meine –«

 

»Du meinst zwischen mir und Hope Joyner? Es ist noch nichts zwischen uns, aber ich hoffe zuversichtlich, daß ich ihr gut genug bin. Warum fragst du denn? Ein Mann mit soviel Verstand wie du könnte das doch längst wissen!«

 

Bobby stand langsam auf und reckte seine langen Glieder.

 

»Ich weiß nicht«, sagte er vorsichtig, »aber ich habe den Eindruck, daß die alte Cynthia auf deiner Dame herumhackt. Warum sie das tut, weiß ich nicht im mindesten. Wahrscheinlich zieht sie alle herunter, die ihre Vorfahren nicht bis zu den blutigen Plantagenets zurückführen können. Nebenbei bemerkt, erzählte mir der Oberst privatim, daß er von dem Fürsten zum Essen geladen ist.«

 

»Kishlastan?« fragte Dick erstaunt. »Ich wußte nicht, daß er mit ihm befreundet ist.«

 

»Der Oberst hat seine Bekanntschaft anscheinend in Indien gemacht«, erklärte Bobby. »Auf alle Fälle nimmt er morgen abend an dem großen Diner des Fürsten teil. Er erwähnte auch, daß Diana Martyn dort sein würde – aber er hütete sich wohl, dies in Gegenwart seiner Frau zu erzählen.«

 

»Er ist ein ganz verrückter Teufel – natürlich meine ich Kishlastan.« Dick Hallowell runzelte die Stirn. »Im Auswärtigen Amt sagen sie, daß er verrückt ist. Der Unterstaatssekretär war sehr darauf aus, daß ich ihn ein wenig beobachte.«

 

Bobby lächelte. Daß auch noch ein anderer gebeten wurde, Erkundigungen einzuziehen, wenn man doch ihn fragen konnte, amüsierte ihn sehr.

 

Leutnant Bobby Longfellow von der Berwick-Garde war trotz seiner etwas nichtssagenden Erscheinung ein sehr kluger Kopf; nur wurde seine Schlauheit manchmal von Illusionen beeinträchtigt, die zuweilen grotesken Charakter hatten.

 

Es war Bobbys Ehrgeiz, in das militärische Nachrichtendepartment des Kriegsministeriums einzutreten. Alle seine freie Zeit widmete er diesem interessanten Studium. Er war außerordentlich stolz auf seine Begabung zum Detektiv und hatte darin eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Sohn der Mrs. Ollorby.

 

Nach seiner Unterredung mit Dick ging er in seine eigene Wohnung. Er setzte sich nieder und dachte lange Zeit über die ungünstige Meinung nach, die Lady Cynthia von Hope Joyner hatte. Die Arme würde wohl keine Aussicht haben, in die vornehme Gesellschaft der Berwick-Garde aufgenommen zu werden. Er kannte das Mädchen gut genug, um zu wissen, daß sie nichts verheimlichte, was sie selbst anging, und daß ihr das Rätsel, das über ihrer Abstammung und Verwandtschaft lag, genauso unlöslich war wie allen anderen. Dieses Rätsel zu lösen, lohnte die Mühe für einen angehenden Nachrichtenoffizier. Es wäre ja immerhin möglich, daß er selbst ohne Hilfe, durch bloße Schlußfolgerungen und einen glücklichen Zufall, in dem großen Wald menschlicher Stammbäume gerade den einen von Hope Joyner erwischte. Denn die Tatsache war ja über jeden Zweifel erhaben, daß selbst der einfachste Straßenkehrer auf irgendeine Weise seinen Stammbaum auf Adam oder irgendwelche niedere Tiere zurückführen konnte, die die Evolutionslehre zu dessen Vorfahren machte. Er hatte jetzt eine neue Privatbeschäftigung, von der sein Freund nichts wußte. Er hatte schon ausgedehnte Streifzüge unternommen und alle Spezialisten der Genealogie ausgefragt – denn er war ein wohlhabender junger Mann – und hatte sie gebeten, ihre Nachforschungen auf den 10. Juni eines bis jetzt nicht festliegenden Jahres einzustellen. Denn Hope Joyner erhielt an jedem 10. Juni von einem Unbekannten Blumen.

 

Kapitel 9

 

9

 

Das Landhaus bei Cobham rechtfertigte nach Grahams Meinung den außerordentlich hohen Preis, den der Agent dafür verlangte. Das mußte er zugeben, als er von seiner neuen Wohnung Besitz nahm. Es war ein kleines, hübsches Haus im Tudorstil, das in einem etwa zwei Morgen großen Garten stand. Es lag ganz abseits, im Umkreis von einer halben Meile war weit und breit kein Haus zu sehen. Die Seitenstraße, die daran vorbeiführte, war etwa vierhundert Meter von der Portsmouth Road entfernt, und man konnte London leichter erreichen, als er zuerst dachte. Es war ein idealer Landsitz mit einem wunderschönen Park, voll von blühenden, bunten Blumen. Massige Fichtengruppen bildeten den Hintergrund und beschatteten einen Badeteich.

 

Diana begleitete ihn nach Cobham.

 

»Wenn du dir einbildest, daß ich mich auf dem Lande verstecke und meine Ansichten noch mehr verkümmern lasse, dann bist du und Trayne aber sehr im Irrtum! Ich kann ja zu Tisch manchmal zu dir kommen und vielleicht auch noch zum Abendbrot bleiben. Aber das ist alles!«

 

»Denkst du auch noch daran, daß wir verheiratet sind?« fragte Graham ironisch.

 

»Ich vergesse das soviel wie möglich, aber manchmal ist es schwer«, sagte Diana ruhig. »Du scheinst ebensowenig daran zu denken, daß ich viele Pflichten in der Stadt habe.«

 

Graham hatte eine gewisse Scheu, ja selbst Furcht vor dieser Frau, an die er sich gebunden hatte. Beide sahen ihre Heirat jetzt als einen Wahnsinn an. Diese Ehe wurde nicht durch Liebe zusammengehalten. Die beiden Gatten hatten kaum Achtung voreinander. Leichtsinnig waren sie an einem kalten Dezembermorgen zum Standesamt gegangen, und beide bereuten die voreilige Tat schon seit langem.

 

So ging Graham allein aufs Land und war gespannt, welche Maßnahmen für sein persönliches Wohlbefinden getroffen waren. Das Haus wurde von einem Gärtner betreut, einem harten und wenig mitteilsamen Menschen, der ein besonderes Häuschen in einer Ecke des Parkes bewohnte. Seine Frau war zu gleicher Zeit Köchin und Aufwärterin. Ihre sechzehnjährige Tochter half ihr. Das Mädchen hatte ein unglückliches Aussehen und schien etwas geistesgestört zu sein.

 

Der schweigsame Gärtner führte ihn in dem hübschen kleinen Haus herum. Die meisten Zimmer waren abgeschlossen, wie Graham feststellte. Es blieben ihm ein paar Schlafzimmer, die Wohn- und Eßräume und eine sogenannte Bibliothek, obwohl sie keine Bücher zu seinem eigenen Gebrauch enthielt. Der mürrische Gärtner benahm sich trotz seiner Wortkargheit respektvoll. Seine Frau sah gewöhnlich und unansehnlich aus. Aber sie erwies sich als ausgezeichnete Köchin, und Graham gab sich angenehmer Erwartungen hin. Der Rosengarten sah für einen Blumenliebhaber vielversprechend aus. Das Gelände dehnte sich weit bis zu einer Wildnis von Föhren und Büschen. Hinter den dichten Bäumen kam ein seltsames Gebäude zum Vorschein.

 

Es war ein viereckiger Steinturm, der sich bis zu einer Höhe von ungefähr zehn Metern erhob. Er hatte keine Fenster und wurde offenbar durch elektrisches Licht erhellt, denn er sah Drähte an der Mauer. An der einen Stelle befand sich eine Tür, die so klein war, daß er sich hätte bücken müssen, um einzutreten.

 

Wahrscheinlich irgendein Lagerhaus, dachte er und umschritt das Gebäude. Es waren keine anderen Türen zu sehen, und er kam zu der Vorderfront zurück, wo er den Gärtner fand, der ihn genau beobachtete.

 

»Was ist das?« fragte Graham.

 

Der Mann schaute auf den Turm, bevor er antwortete.

 

»Ein alter Kornspeicher«, sagte er. »Er wird heutzutage nicht mehr benützt.«

 

»Aber es gehen doch Lichtdrähte hinein«, sagte der andere.

 

»Licht muß sein. Es ist billiger, als wenn man Fenster durch die Mauer bricht.«

 

Es wurde weiter nichts darüber gesagt, und sie gingen zusammen ins Haus zurück. Graham vergaß den Steinturm. Später erst sollte er erfahren, welche Rolle er in dem Plan spielte.

 

»Hier ist der Schlüssel zu dem Pult«, sagte der Gärtner, als sie in die Bibliothek kamen. »Ich werde Ihnen eine Tasse Tee bringen.«

 

Er ging hinaus und schloß die Tür hinter sich. Graham schaute auf den kleinen Schlüssel in der Hand und wunderte sich über diese formelle Überlassung, denn man hatte ihm sonst keine Schlüssel gegeben. Dann kam ihm ein Gedanke. Er ging zu dem kleinen Eichenbüfett und sah, daß bis auf eine sämtliche Schubladen unverschlossen waren. Er steckte den Schlüssel hinein, zog das Fach auf und entdeckte einen großen, viereckigen Umschlag, der an ihn adressiert war. Außerdem lagen ein dickes Bündel starke, große Umschläge und drei Schlüssel darin. Der versiegelte Umschlag enthielt einen kleineren, in dem sich fünfundzwanzig Pfundnoten und ein mit Maschine geschriebenes Blatt Papier ohne Unterschrift und ohne Anrede befanden.

 

Die Kronengarage im Ort wird Ihnen einen Wagen vermieten, der Ihnen nützlich sein wird. Mawsey wird ihn für Sie einstellen. Morgen werden Sie am besten zu den »Drei Lustigen Matrosen« gehen, um dort mit Eli Boß bekannt zu werden, der Sie erwartet. Fahren Sie mit dem Wagen bis nach Greenwich, lassen Sie ihn dort stehen und nehmen Sie einen Autobus durch den Blackwall-Tunnel bis nach Poplar. Den Rest des Weges machen Sie zu Fuß. Besprechen Sie nichts mit Eli, Sie sollen nur mit ihm in Fühlung kommen. Sie werden die Frucht nach Indien begleiten. Er wird Sie als Passagier mitnehmen und für Ihre Bequemlichkeit sorgen. Er hat Anweisung, es Ihnen an Bord angenehm zu machen, und Sie müssen ihm Ihre Wünsche mitteilen. Es ist notwendig, daß Sie eine Kabine haben, die von innen und außen verschlossen werden kann. Kaufen Sie das beste Schloß, das man für Geld haben kann, und geben Sie es ihm, aber nicht den Schlüssel. Ich habe veranlaßt, daß ein kleiner Geldschrank in Ihre Kabine eingebaut wird. E. B. denkt, Sie wollen Kokain schmuggeln. Er weiß nichts von der Frucht. Sobald Sie Einzelheiten der geplanten Operation kennen, schreiben Sie Ihre Bemerkungen dazu auf und legen dieselben in das Pult, wo Sie diesen Brief gefunden haben, der in Gegenwart Mawseys verbrannt werden muß.

 

Das war alles, und als Mawsey (dies schien der Name des Gärtners zu sein) die Tasse Tee hereinbrachte, hielt Graham den Brief über den Kamin, nahm ein Streichholz und zündete ihn an. Es wurde kein Wort gesprochen. Er vermutete, daß jeder Versuch, ein Gespräch zu beginnen, nutzlos wäre. Als Mawsey seinen Fuß auf die Asche setzte und sie zertrat, bildete sich Graham ein, daß dieser Mann von dem Inhalt des Briefes genausoviel wußte wie er.

 

»Wo liegt die Kneipe ›Drei Lustige Matrosen‹?« fragte er. Mawsey blickte auf und reinigte seine Füße sorgfältig mit einem kleinen Besen am Feuerrost.

 

»Ich kenne die Schenken hier in der Gegend nicht«, sagte er. Er hatte eine zögernde Art zu sprechen, als ob seine Worte kostbar wären und er sie nur widerwillig von sich gäbe.

 

»Als ich noch ein Junge war, kannte ich ein Haus, das ›Drei Lustige Matrosen‹ genannt wurde. Es lag in der Victoria Dock Road.«

 

Danach ging er aus dem Zimmer. Graham sah ihn planlos im Garten arbeiten. Was für eine Rolle Mawsey auch spielen mochte, er hatte jedenfalls eine große Liebe zu Blumen. Als der neue Besitzer des Landhauses zu ihm hinausging, war der Mann beinahe menschlich in seiner Begeisterung für eine seltene Asternart, die er mit Erfolg gezüchtet hatte.

 

Mrs. Mawsey servierte das Abendessen, und man ließ ihn allein bis zehn Uhr. Nach einem Klopfen trat der Gärtner in das Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Er langte in seine innere Rocktasche und zog wieder einen versiegelten Umschlag hervor. Er war an G. Hallowell adressiert. Als er den dicken Umschlag öffnete, fand er das Heft darin, das er in Tiger Traynes Händen gesehen hatte.

 

Zwischen dem Deckel und der ersten Seite lag ein Blatt Papier.

 

Bevor Sie dieses Buch Mawsey zurückgeben, muß es in einen der Umschläge gesteckt und versiegelt werden, die Sie in dem dritten Fach des Pultes finden. Das müssen Sie in jeder Nacht in gleicher Weise wiederholen. Verbrennen Sie diese Instruktion.

 

Wieder führte Graham Hallowell die Anweisung unter den Augen des Gärtners aus.

 

»Es ist gut, Mawsey«, sagte er, als er begann, in dem Buch zu blättern. »Ich werde Sie rufen, wenn ich fertig bin.« Der Gärtner schüttelte den Kopf.

 

»Es tut mir sehr leid, Sir«, sagte er barsch, »aber ich muß hierbleiben, solange Sie lesen. Er sagt, Sie dürfen sich keine Notizen oder eine Kopie machen.«

 

»Wer ist ›er‹?« fragte Graham, neugierig zu erfahren, ob dieser Diener die Identität seines Herrn mit Tiger Trayne eingestehen würde.

 

»Ich weiß seinen Namen nicht«, war die kurze Antwort.

 

Von zehn bis eins richtete Graham seine Gedanken auf das Manuskript. Er las es zuerst ganz durch, um einen Überblick zu bekommen. Nicht einmal, sondern oft hielt er an und war überwältigt von der Kühnheit dieses Planes. Als er zu Ende war, begann er von vorn und las nun langsam Seite für Seite, indem er sich alle Besonderheiten einprägte. Um ein Uhr, als ihm die Buchstaben vor den Augen tanzten, schloß er das Heft, suchte nach einem Umschlag und versiegelte es darin. Mawsey hatte während der drei Stunden steif dagesessen, die Hände auf den Knien, anscheinend gar nicht ermüdet. Einmal hatte Graham die Lektüre unterbrochen und den Mann gefragt, ob er nicht rauchen wolle.

 

»Ich rauche nicht und trinke nicht«, sagte er ablehnend. Dann hatte Hallowell die Gegenwart des Mannes oder die Möglichkeit, daß er sich unbehaglich fühlen könnte, vergessen.

 

Der Gärtner nahm das versiegelte Paket, steckte es wieder sorgfältig in seine innere Tasche und wandte sich mit einem kurzen gute Nacht, um zu gehen.

 

»Ich werde morgen abend nicht hier sein«, sagte Graham.

 

»Ich weiß es.«

 

Graham blickte ihn neugierig an.

 

»Unser Freund vertraut Ihnen sehr«, sagte er.

 

»Er vertraut Ihnen, Sir. Daß er mir vertrauen kann, weiß er bereits«, war die geheimnisvolle Antwort.

 

Am nächsten Morgen ging Hallowell in das Dorf, um Bücher und Zeitungen zu kaufen, denn die Zeit wurde ihm lang.

 

Er fand die Kronengarage und mietete einen kleinen Wagen. Am Abend fuhr er gemächlich zur Stadt, erreichte Greenwich bald nach Sonnenuntergang und ging dann zu Fuß zu den »Drei Lustigen Matrosen«.

 

Es lag etwas Sonderbares über diesem Platz. An der Ecke stand ein schmutziges Gasthaus, aus dem Gas- und Küchendünste drangen. Es war ein traditioneller Treffpunkt für die Seeleute, und manch eine Mannschaft war auf dem sandigen Boden der Schenke geheuert worden. Aber es war auch manches unsaubere Projekt in jenem Teil des Hauses erörtert worden, der sich so großartig »Salon« nannte.

 

Als Graham Hallowell die Tür öffnete und in dieses Heiligtum trat, konnte er nur zwei Menschen entdecken. Ein Strolch saß in einer Ecke in einem alten Windsorstuhl. Seine Hände waren über dem Bauch gefaltet, den Hut hatte er über die Augen gezogen. Er nickte und schwankte schläfrig hin und her. Vorm Schenktisch lehnte ein Riese, der eine rauhe Seejacke über einem blauen Wollrock trug. Eine schmierige Kappe saß hinten auf seinem grauhaarigen Kopf. Sein Schnurrbart war graumeliert, und dicke Büschel von eisengrauem Haar über Kehle und Kinn gaben dem sonst unsymmetrischen Gesicht eine gewisse Regelmäßigkeit. Rot, aufgedunsen; mit gebrochener Nase, die kleinen Augen blutunterlaufen, bot er einen wenig einnehmenden Anblick. Graham Hallowell, der während seines Aufenthaltes in Dartmoor mit unglaublicher geistiger und körperlicher Häßlichkeit in Berührung gekommen war, konnte sich nicht erinnern, jemals solch ein ungestaltes menschliches Wesen gesehen zu haben.

 

Der große Mann streifte Graham mit einem schnellen Blick, als er in die Schenke trat. Dann nahm er keine Notiz mehr von ihm, bis Graham fragte: »Wollen Sie etwas trinken?«

 

Die blutunterlaufenen Augen betrachteten ihn prüfend, dann sagte er kurz: »Gin.«

 

Kapitän Eli Boß war nicht sehr gesprächig. Graham, der wenigstens etwas mit ihm bekannt werden wollte, begann vom Wetter zu sprechen, was den Kapitän anscheinend nicht interessierte. Er trank seinen Gin aus, reckte sich …

 

»Ich gehe nach Hause«, sagte er, »vielleicht begleiten Sie mich ein Stück, Sir?«

 

Er hatte eine rauhe, tiefe Stimme, die aus einer unterirdischen Höhle zu kommen schien, und er sah den anderen kaum an, ob er seine Einladung auch annehme. Graham nickte aber und folgte dem Mann. Sie gingen lange Zeit schweigend in der Richtung nach Silvertown. Erst als sie eine leblose, stille Straße erreicht hatten, begann der Kapitän zu sprechen.

 

»Der Alte sagt, daß Sie ein Schloß an Ihrer Kabine haben wollen – es kostet eine Menge Geld, aber Sie können es haben, auch einen Geldschrank. Lassen Sie beides zu Tigley in der Little Perch Street schicken, er besorgt meine Geschäfte. Ich will es Ihnen so bequem wie möglich machen, aber die ›Pretty Anne‹ ist kein Luxusdampfer, und vergessen Sie nicht – einfaches Essen und recht viel davon – das ist mein Motto. Spielen Sie ›Meine Tante – Deine Tante‹?«

 

Graham spielte es nicht, und der Kapitän drückte sein Mißfallen über diesen Mangel an Bildung aus.

 

»Bringen Sie sich ein paar Bücher mit«, sagte er. »Ich und meine Jungen lesen nicht viel.«

 

»Wann fahren Sie ab?« fragte Graham.

 

Eli Boß warf ihm einen Seitenblick zu.

 

»Wann wollen Sie, das ist die Frage?« brummte er. »So um den Sechsundzwanzigsten?«

 

Hallowell dachte nach und erkannte mit Schrecken, daß der Sechsundzwanzigste schon sehr nahe war.

 

»Ich glaube«, sagte er.

 

»Sie hüpft ein wenig auf dem Wasser«, der Kapitän sprach anscheinend von der ›Pretty Anne‹, »aber ich habe sie in jedem Wetter erprobt… Viel Essen, aber einfach. Es ist nichts Besonderes an der ›Pretty Anne‹, und hören Sie – Sie bringen besser selbst Ihren Likör mit. Gin ist alles, was ich brauche, und ein Glas Rum für eine kalte Nachtwache. Ich habe Joes Kabine gesäubert – Joe ist mein Ingenieur –, sie liegt mittschiffs hinter der Brücke. Es ist die beste Stelle auf dem Schiff, aber heiß wie die Hölle in den Tropen.«

 

»Ich könnte einen elektrischen Ventilator mitbringen«, schlug Hallowell vor. Der Mann lachte laut auf.

 

»Nichts Elektrisches!« keuchte er belustigt. »Warum denn? Es gibt keine Elektrizität auf dem Schiff – machen Sie sich keine falschen Vorstellungen! Petroleum ist gut genug für mich. Ich hatte eine Dynamomaschine, aber sie wollte nicht arbeiten – Dynamo bedeutet Dampf, und Dampf ist Kohle, und Kohle kostet Geld.«

 

Er hatte eine sprunghafte Art zu reden und ohne Übergang auf etwas zurückzukommen, das er vorher gesagt hatte.

 

»Joe kann bei mir schlafen, und Fred kann auf einer Matratze liegen«, meinte er. »Sie hätten ja gern eigene Kabinen, die Jungen, aber man kann nicht immer alles haben.«

 

»Setze ich sie denn beide hinaus?«

 

»Sie werfen nur Joe ‚raus«, sagte der Kapitän. »Freds Kabine brauche ich für –« Er hörte das Knacken seiner Kinnladen, die sich schlossen. Es schien, als wäre er sich einer Indiskretion bewußt geworden und wollte nun die Mitteilung, die ihm fast entschlüpft war, auch durch körperliche Bewegung zurückhalten.

 

»Warum bringen Sie Koks nach Indien?« fragte Eli. »Bremen ist der Platz dafür – Sie können es faßweise erhalten. Ich habe einmal eine Ladung im Wert von einer Million Dollar nach Buenos Aires geschafft – es ging ganz leicht.«

 

Am Ende der Straße stand er still, steckte seine Hände tief in die Taschen und blickte auf seinen Begleiter herab.

 

»Ich will jetzt gehen«, sagte er. »Vergessen Sie nicht Tigley in der Little Perch Street. Fred wird das Schloß für Sie anbringen.« Er machte eine Pause, als wollte er noch etwas sagen, dann ging er mit einem »Bis dahin!« seines Weges. Graham kannte sich in Canning Town nicht sehr gut aus, und um sicher zu sein, ging er den Weg zurück, den sie gekommen waren.

 

Am Ende einer langen und dunklen Straße bog er in die Victoria Dock Road ein und kam zu diesem verhältnismäßig belebten Platz, als gerade die Leute aus einem Kino herausströmten. Langsam bahnte er sich seinen Weg durch die Menge, kreuzte die Eisenbahnbrücke und hielt Ausschau nach dem Autobus, der ihn wieder durch den Blackwall-Tunnel bringen sollte.

 

Hier mußte eine Omnibus-Haltestelle sein. Er merkte, daß er schon vorbei war, und ging langsam zurück. Beinahe hatte er die Menschen erreicht, die dort warteten, als er einer dicken Dame ins Gesicht sah. Sie wandte sich schnell um, aber doch nicht schnell genug. Im Licht einer Straßenlaterne erkannte er die große, mächtige Nase und das unverkennbare Kinn. Seine Pulse schlugen schneller. Es war Mrs. Ollorby!

 

Kapitel 3

 

3

 

Es gab genug Leute, die der Meinung waren, daß der Fürst von Kishlastan sich etwas mehr zurückhalten sollte. Er war eine große, schlanke Erscheinung mit dem typischen Gesichtsausdruck eines Asiaten. Zur Zeit war er nicht nur von der französischen Regierung kaltgestellt, sondern stand auch mit den amtlichen englischen Stellen in Indien ausgesprochen schlecht. Er war nominell französischer Untertan, da er seinen Titel nach einem kleinen Land führte, das zum französischen Machtbereich gehörte. Dieses Gebiet hatte er derartig schlecht verwaltet, daß er vom Gouverneur von Pondichéry zur Verantwortung gezogen wurde. Zum nicht geringen Verdruß der englischen Regierung hatte er dann große Ländereien in Britisch-Indien erworben.

 

Riki, wie man ihn nannte, kam mißgestimmt und verdrießlich nach London. Da er aber ein Mann war, der über ungeheure Reichtümer verfügte, fand er viel Sympathien in jenen Schichten der Gesellschaft, die die Überspanntheiten indischer Fürsten gern entschuldigen.

 

Er war bei allen Rennen und besuchte unermüdlich die Premieren in allen Theatern. Seine Abendgesellschaften zeichneten sich durch Luxus und Verschwendung aus. Man konnte ihnen in dieser Saison nichts Ähnliches an die Seite stellen. Doch nahm kein offizieller Vertreter des Auswärtigen Amtes daran teil. Riki verkehrte nicht in den offiziellen Kreisen, die mit der Regierung in enger Fühlung standen. Aber das Auswärtige Amt war bei Rikis größeren Festlichkeiten trotzdem in irgendeiner Form vertreten, obwohl dies natürlich sein Ansehen schmälerte.

 

Dick Hallowell erhielt eine Einladung zu dem großen Empfang Seiner Hoheit, und zu gleicher Zeit wurde ihm unter der Hand mitgeteilt, daß von Regierungsseite aus seine Anwesenheit dort nicht ungünstig aufgenommen würde. Er hatte vier Jahre seiner Kindheit in Indien zugebracht und dabei Hindostani gelernt. Seine Vorliebe für diese Sprache machte es ihm leicht, im Lauf der Zeit seine Kenntnisse auf diesem Gebiet sehr zu verbessern. Später war er als Adjutant des Generalgouverneurs von Bengalen in Indien tätig. Beim Tod seines Vaters kehrte er nach England zurück, um die Pflichten des ererbten Titels und die Verwaltung und Instandsetzung eines Landsitzes zu übernehmen, der bis zu einem gewissen Grad verschuldet war.

 

Er ging in Bobby Longfellows Zimmer und fand den schlanken jungen Mann, in einen tiefen Sessel zurückgelehnt, bei der Lektüre eines Sportblattes.

 

»Du wirst doch nicht hingehen, alter Junge!« sagte Bobby, als er die Einladung las. Dann wurde sein Gesicht länger. »Oder willst du etwa, daß auch ich den verrückten Kerl wiedersehen soll?« – Dick lächelte.

 

»Ich weiß nicht, warum du ihn verrückt nennst, ich dachte gerade, daß es nett wäre, wenn du mich dorthin begleiten wolltest. Ich würde mich allein schrecklich langweilen.«

 

»Verrückt!« sagte Bobby spöttisch. »Bestimmt ist er nicht ganz richtig. Kaum hatte ich hier in dieser befestigten Spelunke mein Quartier aufgeschlagen, als ich auch schon den Auftrag erhielt, ihm die Juwelenkammer zu zeigen. Ich hatte noch gar keine Ahnung davon. Na, glücklicherweise hat mir dann einer von diesen altertümlichen Kerlen in den lächerlichen Uniformen den Weg gezeigt. Ich bin mit ihm die verflucht lange Treppe hinaufgetrottet und habe ihm die königlichen Juwelen gezeigt. Ich hatte sie selbst noch nicht gesehen, die Sache war also nicht ganz schlecht.«

 

»Ja, aber warum nennst du ihn denn verrückt?« fragte Dick.

 

Bob nickte heftig.

 

»Er ist verrückt nach Juwelen. Es war ganz unmöglich, ihn von der Krone fortzubekommen. Er klebte sich einfach ans Geländer und staunte die Dinger an. Was er zu dem andern sagte, der ihn begleitete, war sehr interessant, ich habe es bloß nicht verstanden, weil er nämlich Hindostani sprach. Ich wünschte, du wärest dagewesen, Dick. Einer aus seinem Gefolge erzählte mir später, daß er ganz wild nach Diamanten sei und daß er in Kishlastan in seiner Schatzkammer Steine hat, die man nicht um zehn Millionen Pfund kaufen könnte! Als er endlich aus der Juwelenkammer herauskam, war er ganz überwältigt und aufgeregt. Er wollte mir zwei Perlohrringe als Andenken schenken, ich sagte ihm aber: ›Mein hochverehrter Radscha, ich habe es aufgegeben, Ohrringe zu tragen – sie sind bei uns seit langen Jahren außer Mode.‹«

 

Dick lachte.

 

»Immerhin – sei ein lieber Junge und geh heute abend mit mir zu Arrids. Ich bin gebeten worden, Seiner Hoheit meine Höflichkeit zu erweisen. Wir brauchen dort nicht länger als eine halbe Stunde zu bleiben.«

 

Bobby brummte, legte seine Zeitung auf den nächsten Sessel und richtete sich in seiner ganzen Größe auf.

 

»Soll ich mein Perlenkollier oder mein Rubinarmband tragen?« fragte er sarkastisch. »Heute abend hatte ich ausgerechnet eine Verabredung ins Theater mit der süßen Kleinen –«

 

»Da kannst du ja immer noch hingehen«, sagte Dick. »Wir werden bei Arrids nicht länger als eine halbe Stunde bleiben.«

 

Als die beiden abends im Hotel ankamen, flutete eine erlesene Gesellschaft über die breite Treppe, die zum ersten Stock führte. Alles, was in London einen Namen beanspruchte, war zugegen: Mitglieder des Parlaments, frühere Minister, die eine Partei führten und in den nächsten Jahren keinen Regierungsposten übernehmen wollten. Es waren Damen da, die sich überall in der Gesellschaft, außer bei Hofe, zeigten, ältere Beamte, die früher in Indien gedient hatten sowie Journalisten und Schriftsteller.

 

»Dort ist Diana Martyn«, sagte Bobby plötzlich. Als Dick aufschaute, sah er sie oben auf dem Treppenabsatz stehen. Sie lehnte sich an die Balustrade und sprach mit Colley Warrington. Als er an ihr vorbeiging, würdigte sie ihn eines Lächelns und nickte ihm kühl zu.

 

»Das ist ein unerwartetes Vergnügen, Dick«, sagte sie geistesgegenwärtig.

 

Dick konnte sich kaum vorstellen, daß er einmal mit diesem ruhigen, schönen Mädchen verlobt war oder daß die Trennung von ihr einmal eine Tragödie für ihn gewesen war. Er konnte sie jetzt ohne Verwirrung wiedersehen und sie sogar bewundern. Denn ihre elfenbeinfarbene Haut und ihre tiefen, dunklen Augen machten sie zu einer seltenen Schönheit. In dem perlengestickten Kleid und der großen Smaragdkette sah sie bezaubernd aus.

 

»Sind Sie schon verheiratet?« fragte sie ihn lächelnd.

 

»Noch nicht«, antwortete er ernst.

 

»Ein kleiner Vogel hat mir ins Ohr gesagt, daß Sie die Absicht haben…«, sie vollendete den Satz nicht.

 

»Diesmal hat Ihnen der kleine Vogel die Wahrheit erzählt«, erwiderte er auf ihre Herausforderung.

 

»Wie reizend!« sagte sie vor sich hin.

 

Im nächsten Augenblick wurden sie getrennt. Er wandte sich zu den offenen Türen, die zu den Salons führten, wo Seine Hoheit die Gäste empfing.

 

Sie drängten sich durch die Menge. Dick blieb einen Augenblick starr vor Erstaunen stehen. In der Mitte des Saales stand der Radscha in einem amethystfarbenen Seidengewand, das an der Hüfte durch einen breiten Silbergürtel zusammengehalten war. An seinem Hals glänzten unheimlich viele Perlenschnüre. Aber es war nicht die Erscheinung des Inders, die Dick so packte.

 

Ein schlankes Mädchen in weißem Kleid unterhielt sich mit dem Fürsten. Sie kehrte Dick den Rücken zu, aber er hatte sie sofort erkannt.

 

»Donnerwetter!« stieß Bobby hervor. »Ist das nicht deine Hope?«

 

»Ich weiß nicht, was du mit ›deine Hope‹ sagen willst«, entgegnete Dick unnötig aufgebracht. »Es ist Miss Joyner, soviel ich weiß.«

 

In dem Augenblick wandte sie sich um und grüßte ihn mit einem Lächeln. Er ging auf die Gruppe zu und machte eine steife Verbeugung vor dem Inder.

 

»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie gekommen sind, Sir Richard«, sagte der Fürst in seiner gezierten Weise und musterte dabei Dick mit einem etwas trägen Blick, der unter schweren Augenlidern hervorkam. Er schien von seinem Kommen nicht besonders erfreut. »Ich hoffte Sie damals im Tower zu treffen, aber Sie waren leider nicht zugegen. Kennen Sie Miss Joyner?«

 

Dick lächelte bestätigend dem Mädchen zu.

 

»Ein alter Freund?« fragte der Fürst mit einem gewissen Mißtrauen. »Dann sind Sie zu beneiden.«

 

Ein anderer Herr ließ sich vorstellen. Dick führte Hope zum großen Mißvergnügen des Fürsten mit sich aus dem Kreis.

 

»Um Himmels willen, wie kommen Sie denn in diese Gesellschaft?« fragte er erstaunt.

 

Sie lachte leise.

 

»Ich beteilige mich auch an den Dingen der großen Welt. Wußten Sie das nicht, Dick?« antwortete sie. »Ich gehöre der Gesellschaft zur Befreiung der orientalischen Frauen an, aber ich habe mich noch nicht eingehend damit beschäftigt. Lady Silford bat mich, Mitglied des Komitees zu werden.«

 

Dick kannte Lady Silford sehr wohl als eine Dame mit gesellschaftlichem Ehrgeiz und kleinem Einkommen. Man erzählte sich, daß sie eine der vielen war, die von dem reichen Inder unterstützt wurden. Er zweifelte keinen Augenblick, daß die Einladung an Miss Joyner nur im Auftrag des Fürsten von Lady Silford weitergegeben worden war. Einen Augenblick lang war er besorgt, denn er wußte einiges von dem Privatleben des Radscha.

 

»Ich habe für die ganze Bewegung zugunsten der braunen Frauen nicht viel übrig«, sagte er. »Es gibt eine große Anzahl einwandfreier Gesellschaften, die wirklich Gutes tun, aber die Gesellschaft zur Befreiung der orientalischen Frauen ist ein Schwindel. Die Polizei hat die Kollekte verboten.«

 

»Ich bin auch nicht gar so stark daran interessiert«, bekannte sie, als sie der Tür zuschritten. In dem breiten Gang trafen sie mit Diana zusammen. Miss Martyn grüßte Hope mit einer liebenswürdigen Begeisterung, wie sie nur die engste Freundschaft hätte rechtfertigen können.

 

»Sieh da, unsere liebe kleine Hope!« plauderte sie. »Ist sie – die Glückliche, Dick?«

 

Hope ersparte ihm die Unannehmlichkeit einer Antwort.

 

»Ich sah Sie schon, als ich die Treppe heraufkam, aber ich hatte keine Gelegenheit, mit Ihnen zu sprechen, Miss Martyn. Ich möchte Ihnen etwas übergeben.«

 

Sie öffnete ihre diamantengeschmückte Handtasche und nahm ein flaches Lederetui heraus.

 

»Dies wurde mir durch einen Boten überbracht, gerade als ich Devonshire House verlassen wollte«, sagte sie. »Die Karte des Fürsten liegt in dem Etui. Ich nehme an, daß hier ein Irrtum vorliegt. Wollen Sie bitte so liebenswürdig sein und die Sache für mich in Ordnung bringen?«

 

Diana nahm das kleine Kästchen zögernd entgegen.

 

»Ich weiß nicht, was das alles bedeuten soll!«

 

»Es ist eine Perlenkette«, sagte Hope ruhig. »Würden Sie die Güte haben und Seiner Hoheit bestellen, daß es in England nicht üblich ist, daß eine Dame Geschenke annimmt – selbst nicht von Fürsten aus dem goldenen Orient?«

 

Dick sah, wie Diana errötete.

 

»Weshalb sollte ich denn für Sie den Boten spielen?«

 

»Weil…« Hope lächelte – »Sie werden die Karte des Fürsten in dem Etui finden. Meine Adresse ist darauf geschrieben – und zwar mit Ihrer Handschrift!«

 

»Warten Sie einen Augenblick!«

 

Dianas Stimme wurde hart. Sie streckte ihre Hand aus, um Hope zurückzuhalten, als sie fortgehen wollte.

 

»Ich sehe nicht ein, warum Sie nicht ein kleines Geschenk annehmen sollten, wenn Seine Hoheit Sie so auszeichnen will. Und dann« – sie zuckte verächtlich die Achseln –, »Sie sind doch niemand Besonderes. Verzeihen Sie, wenn ich so offen rede – ich meine, man findet Ihren Namen weder in den Listen des Landadels noch im Debrett oder in sonst einem dieser nützlichen Bücher.«

 

»Sie finden ihn auch nicht in Carlows Liste«, sagte Hope kühl.

 

Diana wurde dunkelrot vor Ärger. Sie blieb mit einem leeren Lächeln stehen, aber in ihren Augen lauerte ein haßerfüllter Blick, wie ihn Dick nur einmal früher gesehen hatte.

 

»Wer ist denn eigentlich Carlow?« fragte er Hope, als sie aus dem Gedränge herauskamen.

 

»Wissen Sie das nicht?« meinte sie unschuldig. »Carlow ist eine große Nachrichtenagentur, die ihren Kunden streng vertraulich und geheim eine Liste zuschickt. Ich gehöre auch zu ihren Kunden. Die Liste enthält alle Namen von Leuten in England, besonders in London, die von dunklen Geschäften leben.«

 

»Sie sind doch ein außergewöhnliches Mädchen!« sagte Dick.

 

»Bin ich das?« lächelte sie, obgleich ihr in ihrem Leben niemals so wenig zum Lachen zumute war wie in diesem Augenblick. »Aber ich bin auch in einer außergewöhnlichen Lage.«

 

Sie lehnte seine Begleitung ab und fuhr allein nach Hause. Ihre Gefühle und Gedanken waren in hellem Aufruhr. Diana Martyn hatte das ausgesprochen, was ihr soviel Unruhe, Sorge und Kummer bereitete. Sie hatte die verhängnisvolle Frage angeschnitten, die sie sich selbst in den letzten fünf Jahren immer wieder vorlegte.

 

*

 

Sie war ein »Niemand« – Diana hatte die Wahrheit gesagt. Sie wußte nur, daß ihre Eltern tot waren und daß sie Landbesitz in Südamerika hatte. Sie verfügte über ein fürstliches Einkommen, das regelmäßig Anfang jeden Vierteljahres von gewissen Rechtsanwälten auf ihr Bankkonto eingezahlt wurde. Sie wußte auch, daß diese Firma sonst mit den dunkelsten Leuten in Verbindung stand. Weiter war ihr nichts über ihre eigene Person bekannt.

 

Sie hatte niemals ihren eigenen Geburtsschein gesehen. Ebensowenig wußte sie, in welchem Land sie das Licht der Welt erblickt hatte. Der geheimnisvolle Mr. Hallett hätte es ihr sagen können, aber sie hatte ihn ja nie gesehen. Sie wußte nichts von ihm, nur daß er ein älterer Herr war, der sehr viel reiste und blind war, solange sie sich erinnern konnte. Aber sie hatte in Mr. Halletts Haus jahrelang gelebt, dort ihre Schulferien zugebracht, hatte sich an dem ganzen Landsitz erfreuen dürfen und war auf den Pferden geritten. Die Dienerschaft hatte sie als Herrin respektiert und für sie gesorgt.

 

Sie sah diesen ruhelosen Mann, der immer zu reisen schien – bald in Indien, bald in Amerika, dann wieder in Südeuropa – schließlich als das Symbol aller Wirrnisse in ihrem Leben an. Manchmal haßte sie ihn. Niemals beantwortete er die Briefe, die sie ihm schrieb, nie hatte er ein freundliches Wort an sie gerichtet. Sie bekam Geschenke zu ihrem Geburtstag und zu Weihnachten. Am 10. Juni jedes Jahres erhielt sie regelmäßig Blumen, aber sie hatte noch nie eine Zeile von ihm gesehen. Er war ein Mann, der seine Pflicht ohne Herzlichkeit mechanisch erfüllte, und es bedrückte sie, daß er ihr immer aus dem Weg ging. Sie wußte genau, daß es kein Zufall war, daß er Monk’s Chase stets einen Tag vor ihrer Ankunft verließ, wenn sie auf Sommerferien kam, und erst einige Tage nach ihrer Abreise wieder dorthin zurückkehrte. Ihre Briefe ließ er durch seinen Bankier beantworten, einen verdrießlichen alten Mann, der in einem schmutzigen Büro in der Threadneedle Street wohnte und der nicht mehr Interesse an ihr nahm als Mr. Hallett selbst.

 

Als ihre Zofe ihr an diesem Abend beim Auskleiden half, mußte sie viel an Monk’s Chase denken, besonders an den kleinen Bücherschrank in der Bibliothek. Nannie, ihre geschwätzige Kinderfrau, hatte ihr einmal verraten, daß er die Lösung aller Geheimnisse enthalte, die sie so gerne enthüllen wollte. War das nun eine Erfindung der alten Frau, um ihr etwas Angenehmes zu sagen oder sie zu beruhigen? Oder war es möglich, daß in dem Bücherschrank –?

 

In einem Augenblick kindlicher Abenteuerlust hatte sie damals alle Schlüssel, die sie entdecken konnte, nach einem durchsucht, der zu dem Bücherschrank paßte. Schließlich fand sie auch einen, aber gerade als sie aufschließen wollte, hörte sie die Schritte eines Dienstboten, der in den Raum kam. Erschrocken schloß sie wieder zu und ging fort. Alle diese Jahre hindurch hatte sie aber den kleinen Schlüssel in einem Ledertäschchen aufbewahrt. Jetzt war die günstige Gelegenheit vorbei.

 

Sie war ein Niemand! Diana Martyn hatte recht. Einige Monate früher hätte sie über eine solche herausfordernde Bemerkung nur gelacht, aber jetzt hatte sie Grund, diesen Schandfleck auszulöschen. Sie war klug und besaß genügend allgemeine Weltkenntnis, um sich alle Möglichkeiten vorzustellen, die das Geheimnis ihrer Geburt umgeben konnten. Sie wußte, daß reiche Leute Kinder unterhielten, die nicht ihre eigenen waren. Ihr selbst hätte das wenig ausgemacht, aber seitdem Dick Hallowell in ihr Leben getreten war, wurde ihr die Ungewißheit über sich selbst immer unerträglicher. Sie hätte ihm alles sagen mögen alles was sie wußte –, sie war ja auch dann seiner Zuneigung sicher. Er würde sie nicht enttäuschen. Selbst wenn sie das Schlimmste erfahren sollte, fürchtete sie nicht, seine Liebe zu verlieren.

 

Am nächsten Morgen wachte sie wieder mit dem Gedanken an Monk’s Chase und den kleinen Bücherschrank auf. Am Nachmittag faßte sie einen Entschluß. In ihrem Besitz befand sich auch der Schlüssel der hinteren Tür …

 

Kapitel 4

 

4

 

Nachdem Hausmeister Stimmings das große Tor von Monk’s Chase für die Nacht mit Riegeln und Ketten geschlossen hatte, berichtete er seinem Herrn, daß der Himmel seine Schleusen geöffnet habe. Doch der zeigte wenig Interesse für diese Mitteilung. Den ganzen Nachmittag hatte es schon geregnet, und beim Abendessen war das Unwetter heftig geworden. Es goß in Strömen. Unterhalb Lower Oaks hatte sich in der Talsenkung ein Teich gebildet. Nur die Mitte der Fahrstraße ragte daraus hervor. In den Gräben zu beiden Seiten flossen Gießbäche, die von den Hügeln von Black Wood kamen und sich vor dem Pförtnerhaus zu einem kleinen See ansammelten.

 

Die Nacht war pechschwarz, und man hörte nichts als das Pladdern des niederfallenden Wassers.

 

Der Postomnibus von Worplethorpe fuhr langsam durch den plätschernden Regen. Das Keuchen seines alten Motors gab eine melancholische Begleitung zu dem Quietschen der Reifen auf der nassen Straße.

 

Unter einem Baum zog der Chauffeur die Bremsen an. Die Tür des alten Wagens klappte auf, und eine schlanke Gestalt stieg heraus.

 

Es war ein Mädchen, das von Kopf bis Fuß in einen glatten, schwarzen Regenmantel eingehüllt war. Sie hatte die Kapuze bis zu den Augen heruntergezogen, so daß man in dem Scheinwerferlicht nur wenig von ihrem Gesicht sehen konnte.

 

»Ich danke Ihnen, das genügt«, sagte sie. »Vielleicht können Sie mich auf Ihrer Rückfahrt wieder mitnehmen. Ich werde auf jeden Fall hier warten.« Der Chauffeur neigte sich vor.

 

»Wollten Sie nicht nach Monk’s Chase – Miss? Ich kann Sie doch bequem bis vor die Haustür fahren. Wenn Sie gehen, werden Sie durch und durch naß werden.«

 

»Nein, ich danke Ihnen«, sagte sie hastig. »Ich möchte nicht das ganze Haus aufwecken.«

 

Sie schritt schnell aus, und der Fahrer zuckte die Achseln, als sie an ihm vorbeiging.

 

Das Pförtnerhaus war leer und verlassen. Die eisernen Türen waren leicht angelehnt. Sie konnte sich erinnern, daß früher hier der alte Gärtner gewohnt hatte, aber er war gestorben, als sie noch zur Schule ging. Sie mußte bis zu den Knöcheln durch das Wässer waten und war froh, daß sie ihre hohen Gummischuhe angezogen hatte. Das war wenigstens ein guter Gedanke bei all den Plänen gewesen, die sie sich heute nachmittag überlegt hatte. Jetzt war die Mitte der Fahrstraße erreicht, die zum Haus führte. Sie empfand es sehr unangenehm, durch den strömenden Regen zu wandern. Die hohen Pappeln, die den Weg zu beiden Seiten einsäumten, boten ihr gar keinen Schutz.

 

Die Nacht war sehr dunkel. Als sie näher kam, hob sich vor ihren Augen die große Masse des Gebäudes undeutlich von den Hügeln des Hintergrundes ab. Das Haus selbst schien wie ausgestorben, nirgends war ein Licht zu sehen. Soviel sie wußte, zog sich Mr. Hallett abends frühzeitig zurück. Ihr Herz schlug wild, als sie den ovalen Rasenplatz überquerte und um den Ostflügel herum nach hinten ging.

 

Sie war nicht bei Verstand – das sagte sie sich alle paar Sekunden. Es war doch sinnlos, weiterzugehen. Diesen ganzen abenteuerlichen Plan auszudenken war Wahnsinn, und noch verrückter war es, ihn auszuführen. Sie stand jetzt vor der kleinen Hintertür und hielt den Schlüssel in ihrer zitternden Hand. Unheimlich erhoben sich vor ihr die grauen, mit Efeu bewachsenen Wände.

 

Aber wenn ihr die Kinderfrau die Wahrheit gesagt hatte und hinter der kleinen Tür in der Wand die Lösung aller Rätsel lag, war sie berechtigt, so zu handeln.

 

Sie steckte den Schlüssel ins Schloß und drehte um. Nur schwer öffnete sich die Tür unter ihrem Druck. Sie zog eine kleine Taschenlampe aus der Tasche und leuchtete damit den schmalen, fliesenbelegten Gang ab, bevor sie die Tür schloß und sich geräuschlos in ihren Gummischuhen vorwärts bewegte. Sie stieg drei Steinstufen zu einer zweiten Tür hinauf. Auch diese ließ sich mit demselben Schlüssel öffnen. Jetzt kam sie in einen langen, breiten Korridor, der mit dicken Teppichen belegt war. In regelmäßigen Zwischenräumen standen hier kleine Statuen, alte Armsessel und Stühle – die übliche Ausstattung, die sie genau kannte.

 

Es hatte sich nichts geändert, seitdem sie das letztemal hier gewesen war. Alles war ihr vertraut, die verblichenen Porträts in den schweren Goldrahmen, die Gobelins, die einen Teil der Wand bedeckten, die langen, dunkelroten Übergardinen, die das Fenster am Ende des Ganges schmückten.

 

Nur gedämpft vernahm man hier das Tropfen des herabströmenden Regens. Sie konnte das schwere Ticken der altertümlichen Standuhr in der großen Halle hören. Irgendwo im Haus klapperte ein loser Fensterflügel im Sturm. Sie atmete tief auf, als sie schnell die lange Galerie entlangging. Dann wandte sie sich nach rechts und trat in die Halle. Wieder machte sie halt und lauschte. Sie schaute umher und versuchte, mit ihren Blicken die Finsternis zu durchdringen. Gespenstisches Licht drang durch die langen, mit Eisengittern versehenen Fenster, die zu beiden Seiten des Haupteinganges lagen. Die große, gewundene Haupttreppe, die vom Erdgeschoß nach oben führte, konnte sie mehr ahnen als sehen. Sie mußte all ihre Kraft zusammennehmen, um die Halle zu durchschreiten. Dann stand sie vor der Tür zur Bibliothek und drückte leise die Türklinke herunter.

 

Im Kamin brannte Feuer. Ein großer Armsessel verdeckte ihn, aber sie sah den roten Widerschein des Feuers an den Wänden und auf den Möbeln. Offenbar war der Raum leer. Sie erkannte den Stuhl und nickte unwillkürlich. Dort hatte sie als Schulmädchen immer zusammengekauert gesessen und romantische Geschichten verschlungen. Ihre Blicke streiften durch den Raum und blieben an dem kleinen Bücherschrank hängen. Sie biß die Zähne zusammen und ging schnell über den weichen Teppich. Zitternd nahm sie den kleinen Schlüssel aus ihrer Handtasche und öffnete …

 

Leer! Mit offenem Mund starrte sie hinein.

 

Sie schrak auf und wäre fast umgesunken. Aus dem Stuhl stieg eine dünne Wolke bläulichen Rauchs auf.

 

»Wollen Sie nicht bitte die Tür schließen? Es zieht.«

 

Die Stimme klang sanft und gedämpft. Sie blickte starr zum Kamin hin und zog dann verzweifelt einen kleinen Browning aus ihrer Tasche.

 

»Rühren Sie sich nicht«, sagte sie. »Ich – ich habe eine Waffe.«

 

Aus dem Stuhl erhob sich ein schlanker, grauhaariger Herr. Ein Paar große, dunkle Brillengläser verdeckten sein schönes Gesicht. Zwischen den Zähnen hielt er eine große Pfeife. Er war im Abendanzug, jedoch war sein Rock aus schwarzem Samt.

 

»Kommen Sie und setzen Sie sich – kommen Sie ans Feuer«, sagte er. »Sie müssen naß sein.«

 

Sie zögerte und ging dann langsam näher, die zitternde Hand um die Pistole gekrampft.

 

»Rühren Sie sich nicht!« Sie erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder. Dann hörte sie ein tiefes Lachen.

 

»Ich vermute, Sie haben einen Revolver oder etwas ähnlich Dramatisches in der Hand? Wie können Sie nur! Aber wollen Sie nicht wirklich die Tür schließen? Ich bin gegen Kälte sehr empfindlich.«

 

Sie ging zur Tür. Hier war eine Gelegenheit – sollte sie fliehen? In wenigen Sekunden konnte sie aus dem Haus sein. Aber er hatte sie gesehen, und es wäre ihrer unwürdig gewesen, diesen Weg zu gehen. Seltsam, daß die Frage der Würde in einem solchen Augenblick überhaupt in Betracht kommen konnte.

 

Die Tür schloß sich, und sie ging zu dem Kamin zurück. Er hatte sich wieder gesetzt, die Pfeife zwischen den Zähnen, das Gesicht der Glut zugewandt.

 

»Sie kamen durch die Hintertür? Ich hätte das Schloß ändern lassen sollen. Wollen Sie sich nicht setzen?«

 

Sie zögerte.

 

»Ach, ich weiß, daß Sie eine Frau sind«, fuhr er mit seiner weichen Stimme fort. »Ich hörte das Rauschen Ihres Kleides, obwohl es natürlich ein Regenmantel sein wird. Was wünschen Sie?«

 

Sie feuchtete die Lippen an, ihre Kehle war ausgetrocknet. Zweimal setzte sie an, bevor sie sprechen konnte.

 

»Ich wollte etwas holen – das ich in diesem Zimmer vermutete. Nichts – Wertvolles … für irgend jemand außer mir. Können Sie denn nicht sehen … und erraten?«

 

Er lächelte leise.

 

»Ich kann wohl raten, aber nicht sehen. Ich bin blind.«

 

Er sagte das in so ruhigem, sachlichem Ton, daß sie eine Zeitlang diese Tatsache gar nicht begriff.

 

»Blind?« sagte sie dann leise. »Oh, ich bin … Das tut mir sehr leid.«

 

Und doch war sie erleichtert. Er konnte sie nicht sehen – und würde sie also niemals wiedererkennen, wenn sie ihm noch einmal begegnete.

 

»Ich wollte Sie wirklich nicht berauben«, sagte sie. »Nur – ich – meine Verwandten verließen dieses Haus letzten Sommer und – ich ließ hier etwas zurück, von dem niemand außer mir etwas wissen sollte.«

 

Sie fühlte sich sicherer. Sie wußte, daß in den Sommermonaten Monk’s Chase einer reichen amerikanischen Familie überlassen worden war.

 

»Ah, Sie gehören zur Familie Osborn, nicht wahr? Nun gut, gnädige Frau, nehmen Sie bitte das, was Sie suchen. Es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe.«

 

Sie sah noch einmal zu dem offenen Bücherschrank hinüber.

 

»Es ist schon fortgenommen worden«, sagte sie. »Und nun will ich wieder gehen, ja?«

 

Er erhob sich und schritt mit ihr quer durch den Raum. Seine Finger berührten die Möbel, an denen er vorbeiging. Sie wandten sich nach rechts, gingen durch die Halle und kamen zu dem kleinen Seitengang. Einen Augenblick stand er mit ihr außerhalb der Hintertür, und der Regen tropfte auf beide nieder.

 

»Gute Nacht«, sagte er. »Hoffentlich werden Sie nicht zu naß.«

 

Er wartete, bis er ihre eiligen Schritte nicht mehr hörte, dann wandte er sich um, verschloß und verriegelte die Hintertür und kehrte in die Bibliothek zurück.

 

Als er eintrat, machte er alle Lichter an und ging zum Kamin. Fünf Minuten lang saß er bewegungslos, seine Stirn lag in tiefen Falten. Dann stopfte er langsam seine Pfeife, entzündete sie, setzte die dunkle Brille ab, nahm eine Zeitung vom Stuhl auf und fuhr in seiner Lektüre fort, die durch das Knarren der Hintertür unterbrochen worden war. Und er las ohne Hilfe eines Glases die kleinsten Buchstaben.

 

»Arme Hope Joyner!« murmelte er zwischen den Rauchwolken. »Arme Hope Joyner!«

 

Kapitel 5

 

5

 

»Ich möchte dir die Wahrheit mitteilen«, sagte Hope verzweifelt. Dick Hallowell lachte.

 

»Ein löblicher Vorsatz«, meinte er. »Aber ich denke, ich kann es auch so aushalten. Was quält dich, Liebling?«

 

Er nahm ihre Hände in die seinen, und sie ließ sie ihm eine Sekunde lang.

 

»Du wirst nichts mehr von mir wissen wollen – wenn du alles erfahren hast«, sagte sie krampfhaft. »Erinnerst du dich an das, was Diana Martyn über mich gesagt hat?«

 

»Diana spricht so vieles über alle Leute, daß ich es nicht behalten kann«, sagte Dick lächelnd.

 

»Natürlich erinnerst du dich! Sie sagte, ich sei ein ›Niemand‹.«

 

»Das ist absurd«, sagte Dick. »Du bist doch da, bist ein reizendes, entzückendes Mädchen, das mich in seinem wunderschönen Salon zum Tee einlädt. Du bist genauso vorhanden wie das Hotel Ritz, das ich durch dein Fenster sehen kann.«

 

»Rede keinen Unsinn. Sie meinte, ich hätte keine Abstammung, keine Eltern … Es bestände die Möglichkeit, daß ich … ach, irgend etwas Schreckliches sein könnte, das du dir selber ausdenken magst. Du verstehst doch etwas von Heraldik und weißt, was schwarze Felder im Stammbaum bedeuten?«

 

»Also, das ist deine ganze Sorge?« fragte Dick. »Kommt es denn darauf überhaupt an? Schwarze Felder kommen in allen, selbst den besten Stammbäumen vor. Ich weiß nicht, ob in meinem nicht auch welche vorhanden sind.«

 

Daß er so ohne weiteres über diesen Punkt hinwegging, nahm ihr den Atem. Für einen Augenblick war sie erleichtert, im nächsten aber wieder voller Sorge.

 

»Ich weiß nicht, ob es auch bei mir zutrifft«, sagte sie. »Es ist schrecklich von dir, Dick, daß du so etwas glaubst.«

 

»Ich glaube nichts anderes von dir, als daß du das liebste Mädchen auf der ganzen Welt bist. Ich werde dich heiraten, meinen Militärdienst quittieren und sehr glücklich mit dir werden!«

 

»Sei doch bitte vernünftig, Dick. Siehst du denn nicht, in welch ungewisser Lage ich bin? Ich weiß nicht, woher ich mein Geld bekomme, ich weiß nicht, wer meine Eltern sind. Ich bin direkt ein – Niemand! Ich muß darauf zurückkommen. Früher machte mir das nichts aus, und ich kümmerte mich nicht darum, bis – nun, bis du in mein Leben kamst.«

 

Sie dachte ein wenig nach, ihre Brauen zogen sich zusammen, dann fuhr sie fort. »Ich will dir etwas erzählen.« Ohne ihr Vorgehen zu entschuldigen oder zu beschönigen, berichtete sie ihm von ihrem Besuch in Monk’s Chase.

 

Dick hörte gespannt zu.

 

»Du bist doch ein unvorsichtiger Naseweis, daß du dich ohne Grund solchen Gefahren aussetzt«, sagte er. »Wer ist eigentlich Hallett?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß nichts von ihm, nur daß er sehr reich und teilnahmslos ist, wenigstens soweit ich in Frage komme. Er besitzt einen großen Landsitz in Kent. Den größten Teil meiner Kindheit brachte ich dort zu.«

 

»Hast du ihn niemals gesehen?«

 

»Nie, er war immer auf Reisen, wenn ich in Monk’s Chase war. Ich habe seine Rechtsanwälte gefragt, ob er irgendwie mit mir verwandt sei, aber sie haben mir nie etwas darüber mitgeteilt.«

 

»Er ist also nicht mit dir verwandt?« fragte Dick.

 

»Kaum. Er kannte meine Mutter – ich habe die Vermutung, daß eine romantische Geschichte hereinspielt, aber ich konnte ja nie mit Mr. Hallett darüber sprechen. Er ist einer der Zeugen unter dem Testament meines Vaters – wenigstens vermute ich das!«

 

»Hast du jemals das Testament gesehen?«

 

»Nein, Dick, ich habe überhaupt nichts gesehen. Ich weiß nur, daß ich ein sehr großes Einkommen beziehe, und wenn ich mit zweifelhaften oder schlechten Leuten zusammenkomme, erhalte ich von meinen Rechtsanwälten eine scharfe Warnung, in der mir mitgeteilt wird, daß ich eine unerwünschte Bekanntschaft gemacht habe. Sie schicken mir auch immer Carlows Liste zu.«

 

»Und hast du keine anderen Verwandten?«

 

»Keine«, antwortete sie ein wenig verstört. Aber dann lachte sie wieder. »Du siehst, daß ich ein Niemand bin.«

 

»Ich vermute, du wirst von deinen Rechtsanwälten meinetwegen auch einen Brief bekommen«, bemerkte er. »Wenn ich auch selbst keinen Anlaß gebe, so habe ich doch sehr unerwünschte Verwandte!«

 

Er dachte noch über diesen letzten Punkt nach, als er Piccadilly hinunterging, und es war kein Zufall, wie es zuerst schien, daß er seinem Bruder begegnete, als er den Platz betrat. Graham Hallowell sah nicht mehr wie ein heruntergekommener Umhertreiber mit abgetretenen Absätzen aus. Er war tadellos nach der neuesten Mode gekleidet und von den Spitzen seiner Lackschuhe hin bis zum grauen Zylinder ein Bild äußerster Vornehmheit. Einen Augenblick war Dick sprachlos, dann aber mußte er lächeln und wollte vorbeigehen. Doch Graham hielt ihn an.

 

»Wenn es dir nicht zu unangenehm ist, dich mit einem früheren Sträfling sehen zu lassen, möchte ich ein paar Worte mit dir sprechen, Dick«, sagte er kühl.

 

»Das können wir gleich hier erledigen«, antwortete sein Bruder. »Aber wenn es sich um Geld handelt –«

 

Graham lächelte spöttisch. »Denkst du immer nur an Geld?« fragte er. »Nein, ich möchte mit dir über Diana reden.«

 

Das Lächeln verschwand von Dick Hallowells Zügen.

 

»Das ist ebenso zwecklos –«

 

»Sie möchte gern mit dir in gutem Einvernehmen stehen. Das ist alles«, sagte Graham. »Es hat keinen Zweck, dauernd auf dem Kriegsfuß miteinander zu leben. Kannst du denn nicht vergessen, daß sie jemand andern dir vorgezogen hat?«

 

»Wenn ich alles überdenke«, sagte Dick schnell, »so erinnere ich mich daran nur dankbar – es ist das einzige, wofür ich ihr zu danken habe.«

 

Er sah auf seine Uhr.

 

»Es tut mir leid, ich habe keine Zeit mehr, Graham. In fünf Minuten muß ich einen Freund treffen. Aber du kannst Diana von mir bestellen, daß ich ihr nichts nachtrage. Deine Rederei vom Kriegsfuß ist sehr überflüssig. Ich wünsche aber nicht, sie zu treffen, nicht weil ich ihretwegen unglücklich bin, sondern weil sie für Dinge eintritt, die ich verabscheue – und weil sie falsch ist. Verglichen damit ist es ja kaum der Rede wert, noch die Untreue zu erwähnen.«

 

Mit einem Kopfnicken ging er weiter. Graham blieb auf dem Bürgersteig stehen und sah ihm nach, wie er die Straße überquerte und in der Menge verschwand.

 

Diana erwartete Graham Hallowell in ihrem Empfangszimmer. Mit feinem weiblichen Instinkt fand sie bald heraus, daß die beiden Brüder sich getroffen hatten.

 

»Er war wie gewöhnlich unfehlbar wie Gott selbst«, sagte Graham aufgebracht, als er sich in einem Sessel niederließ und in seiner Tasche nach der Zigarettendose suchte. »Er hat dir vergeben, aber er wünscht, nicht mehr mit dir in Berührung zu kommen.«

 

»Was hattest du denn erwartet?«

 

»Ich dachte, es würde leichter sein, wenn wir wieder zusammenkämen, aber der Mensch ist hart wie Stein.«

 

Sie wippte unruhig mit einem Fuß hin und her und beobachtete ihn scharf.

 

»Du bist ein Mann«, sagte sie. »Hast du denn mit ihm über eine Unterstützung gesprochen?«

 

Graham Hallowell lachte rauh.

 

»Unterstützung? Was glaubst du wohl, was Dick dazu gesagt hätte! Diese Frage hat er gleich von vornherein abgeschnitten. Aber abgesehen davon werde ich viel Geld verdienen, ohne irgendwie Gefahr zu laufen, wenn Trayne mich wirklich für eine Sache braucht.«

 

Diana biß sich nachdenklich auf ihre Lippen.

 

»Was ist das für eine Sache?« fragte sie.

 

»Wie, zum Teufel, soll ich das wissen?« Er war aufgeregt. »Trayne sagt dir doch nicht durchs Telefon, was er von dir will. Ich habe noch nie mit ihm in Verbindung gestanden. Du vielleicht schon, Diana?«

 

Sie ging der Frage aus dem Weg.

 

»Er ist sehr freigebig«, gab sie zu, »und sehr gefährlich.«

 

»Warum gefährlich?« fragte er schnell.

 

»Ich glaube bestimmt, daß Leute wie er gefährlich sind«, sagte sie noch in Gedanken. »Die Arbeit, die ich einmal für ihn leisten sollte, war nicht sehr schwer, aber ich übersehe nun, daß sie für seine Pläne notwendig war. Es ist jetzt zwei Jahre her, da ersuchte er mich, Lord Firlingham zu einem seiner Spielklubs am Portland Place mitzunehmen. Ich hatte nur zu erwähnen, daß mir dort einige Leute bekannt seien. Wir sprachen auf dem Rückweg von der Oper dort vor. Firlingham verlor vierzigtausend Pfund beim Bakkarat in jener Nacht. Ich erfuhr es erst einige Tage später, dann als ich ihn verließ, gewann er dauernd. Die Vermutung, daß sie ihm Geld abgenommen hatten, kam mir erst, als ich zweitausend Pfund in Banknoten erhielt.«

 

»Zweitausend Pfund?« Er begann leise zu pfeifen. »Der Mann bezahlt wirklich gut.«

 

»Zuerst gefiel mir die Sache nicht«, sagte sie vergnügt, »aber Firlingham ist ein schrecklicher Kerl, einer der unangenehmsten Menschen, die ich je kennenlernte.«

 

Sie schaute auf die kleine Uhr, die auf dem Kamin stand.

 

»Wir müssen gehen.«

 

Graham schaute sie überrascht an. »Willst du auch zu Tiger?«

 

Sie nickte.

 

»Ich bin von dritter Seite aufgefordert worden, dich zu begleiten – es soll nicht mein Nachteil sein«, sagte sie trocken.

 

Nicht weit entfernt vom Soho Square liegen die schönen Gebäude des Mousetrap-Klubs (Mausefallen-Klubs), eines Vereins, dessen Mitgliederliste einige der berühmtesten Namen des Landes aufweist. Der Luxus dieser Räumlichkeiten und andererseits die wenig vornehme Lage deuteten auf etwas Außergewöhnliches. Man flüsterte allgemein davon, daß hier sehr hoch gespielt wurde; aber der Klub war besonders wegen seiner guten Küche und der äußerst niedrigen Preise bekannt.

 

Obgleich man wußte, daß hier gespielt wurde, hatte der Klub doch nie die Aufmerksamkeit der Polizei erregt. Ein- oder zweimal mischten sich hohe Beamte von Scotland Yard unter die Gäste, aber sie konnten nichts Auffälliges bemerken, höchstens, daß man Bridge zu fünfzig Pfund für hundert Punkte spielte. Und da die Frage, zu welchem Satz Bridge gespielt wird, eine rein interne Angelegenheit ist und höchstens das Klubkomitee etwas angeht, schritt man nicht ein. Wenn Bakkarat gespielt wurde, geschah es ohne offizielles Wissen der Klubleitung. Kein Fremder wurde zu diesen Sitzungen zugelassen, es sei denn, daß man seiner ganz sicher war. Niemals tauchte die Vermutung auf, daß das Spiel nicht einwandfrei sei, und doch gewann Mr. Trayne, der sowohl hoch setzte als auch manchmal die Bank hielt, unweigerlich.

 

Die Tischzeit war schon vorüber, als Diana mit Graham in das vornehme, ruhige Vestibül trat.

 

»Mr. Trayne befindet sich im Sekretariat«, flüsterte der grauhaarige Portier, und die Besucher folgten ihm über einen mit dicken Teppichen belegten Korridor nach der Rückseite der Gebäude. Der alte Mann machte vor einer Tür aus Rosenholz halt und klopfte.

 

Eine Stimme rief: »Herein!« Der Portier öffnete, trat zur Seite und ließ sie in das Zimmer eintreten. Dann schloß er die Tür wieder hinter ihnen.

 

Im Raum befand sich nur ein älterer Herr, der näher an Sechzig als an Fünfzig sein mochte. Gelassen beobachtete er die Besucher mit seinen klugen blauen Augen. Sein kurzgeschnittenes Haar war grau. Das glattrasierte, ausdrucksvolle Gesicht hatte keine Falten: Selbst wenn er saß, fiel seine Größe auf. Seine stattliche, kräftige Gestalt mit den breiten Schultern machte einen imponierenden Eindruck. Zwischen seinen blendend weißen Zähnen hielt er das Ende einer Zigarre. Fast wäre man versucht gewesen, diese Zähne für künstlich zu halten, aber dazu waren sie nicht regelmäßig genug. Das war Tiger Trayne, im Charakter mehr ein Löwe als eine Katze und weit menschlicher, wenn man ihm gegenüberstand, als Diana erwartet hatte.

 

Er erhob sich langsam, nahm die Zigarre aus dem Mund und legte sie in die Aschenschale.

 

»Willkommen in unserem Lager«, sagte er mit einem humorvollen Lächeln. »Sie sind Diana Martyn?«

 

Er sprach mit einer tiefen, wohltönenden Stimme. Die Worte kamen bedachtsam aus seinem Mund. Diana war noch nie mit jemand zusammengekommen, der sie so angenehm enttäuschte. Sie ahnte jetzt dunkel, wie dieser Herrenmensch trotz seiner vielen verbrecherischen Unternehmungen es immer vermeiden konnte, in einem Prozeß vor den Gerichtsschranken zu erscheinen. Sie erinnerte sich an alles, was Colley ihr von ihm erzählt hatte, an die Fallen, die man ihm stellte, an das klug ausgearbeitete System, das man erdachte, um ihn zu fangen. Die Detektive zweier Weltteile hatten sich bemüht, diesen Tiger zu fangen, aber er hatte sie alle zum besten gehabt.

 

»Sie müßten sich doch noch auf mich besinnen können, Mr. Trayne«, sagte Diana. Man konnte seine Zähne sehen, als er lächelte.

 

»Es gehört zu meiner Politik, mich auf niemand zu besinnen und selbst meine besten Freunde als Fremde zu behandeln, die mir jedesmal neu vorgestellt werden müssen. Das ist ein sehr vernünftiges Prinzip – Sie sollten es sich auch zu eigen machen.«

 

Er sprach zu ihr, aber auf Graham ruhten seine Blicke.

 

»Und Sie sind Mr. Hallowell? Bitte, nehmen Sie Platz. Wünschen Sie Kaffee?«

 

Er drückte auf einen Knopf, und einen Augenblick später gab er den Auftrag, obgleich weder ein Dienstbote noch ein Telefon zu sehen war. Von der Wand antwortete eine tiefe Stimme: »Ja, Sir.« »Ich habe dort einen kleinen Lautsprecher anbringen lassen, er ist in der Holztäfelung. Sie können ihn nicht sehen.«

 

»Fürchten Sie denn nicht, daß man Sie belauschen könnte?« fragte Diana interessiert. Aber er lachte.

 

»Ich kann nur belauscht werden; wenn ich es wünsche. Sie waren auf dem Land?«

 

Er sprach zu Graham, der genügend mit dem Jargon seiner früheren Kameraden vertraut war, um die feine Anspielung auf seine Gefängniszeit richtig zu verstehen.

 

»Ja«, sagte er kurz.

 

»Das ist traurig – sehr traurig.« Tiger Traynes Stimme klang mitfühlend. »Sie hätten nicht aufs Land zu gehen brauchen, wenn jemand für Sie gedacht hätte. Generale sind arme Schlucker, wenn sie selbst mit dem Bajonett kämpfen wollen. Und die klügsten und tapfersten Soldaten würden wiederum als Generale wenig taugen.«

 

Er reichte Graham eine Kiste Zigarren.

 

»Niemand kann erfolgreich Verbrechen begehen, wenn er sich nicht auf den Standpunkt der Polizei stellt. Er muß wie ein Detektiv denken und Pläne machen lernen. Ein gewöhnlicher Einbrecher, der einen Coup plant, sieht nur seine Beute und ist blind gegen die Gefahren der Entdeckung. Wenn er mit seiner Überlegung fertig ist, geht er so an die Arbeit, daß er sich überall verdächtig macht, so daß ihn selbst ein kurzsichtiger Amateur fangen kann. Moderne Schlachten werden durch Scheinangriffe gegen markierte Stellungen gewonnen.«

 

Sie unterbrachen ihn nicht, denn sie verstanden sofort – wenigstens Diana –, daß hier nicht ein geschwätziger Mann sprach, um sich selbst reden zu hören oder um seine Kenntnisse und Weisheiten bewundern zu lassen, sondern daß jedes Wort seine besondere Bedeutung hatte.

 

»Wenn ich im Begriff wäre, einen großen Diebstahl zu begehen oder auszudenken … Jetzt kommt der Kaffee.«

 

Der verborgene Lift arbeitete geräuschlos, so daß die Besucher nichts hörten; als Tiger jedoch zur Wand ging und das Paneel zur Seite schob, stand ein Silbertablett mit dampfenden Tassen da. Er nahm es weg, setzte es auf den Tisch und schloß das Paneel durch Berühren eines Knopfes. Einen Augenblick hielt er den Kopf lauschend geneigt. Anscheinend war er befriedigt. Er nahm sich eine große Portion Sahne in seine eigene Tasse, rührte sie um und trank sie mit einem Zug aus.

 

»Wenn ich also einen großen Coup plante, der den Männern und Frauen, die daran mitarbeiten, sagen wir« – er machte eine Pause – »fünfzigtausend Pfund einbrächte, würde ich die Sache sehr sorgsam in allen Einzelheiten einstudieren. Ich würde den Mann sich darin üben lassen, leichte Leitern in die Höhe zu klettern, von einer bedeutenden Höhe herunterzuspringen und dabei wieder auf die Füße zu kommen. Ich würde ihn Exerziervorschriften lernen lassen für den Fall, daß er es mit Soldaten zu tun hätte, auch müßte er die speziellen Vorschriften und Gegebenheiten des Platzes kennen, den er aufsuchen soll. Über Flut und Ebbe müßte er genau Bescheid wissen …«

 

»Was soll denn unternommen werden?« fragte Graham ungeduldig.

 

Ein kalter, ruhiger Blick Traynes traf ihn.

 

»Habe ich denn überhaupt von einem Unternehmen gesprochen?« fragte er höflich, aber vorwurfsvoll. »Ich streife nur einige Gesichtspunkte.«

 

Ein warnender Blick Dianas brachte Graham zum Schweigen.

 

»Ich saß heute morgen hier in meinem Büro«, fuhr Trayne fort, »und träumte. Ich weiß nicht warum. Es muß wohl daher gekommen sein, daß ich den Bericht über einen Kriminalfall in Old Bailey gelesen habe, der gestern verhandelt wurde. Man muß sich immer wieder über den geringen Verstand der Verbrecher wundern. Es handelte sich um einen Mann, der wegen eines unbeholfenen Einbruchs ins Zuchthaus kam. Die Sache brachte ihm noch nicht einmal hundert Pfund ein. Wie unlogisch, dachte ich. Mit kleinerem Risiko und derselben Energie hätte er fünfzigtausend Pfund machen können, ohne daß man ihn faßte. Fünfzigtausend Pfund«, sagte er nachdrücklich. »Das ist eine Menge Geld.«

 

Er machte wieder eine Pause, als ob er eine Bemerkung darüber erwarte. Aber Graham Hallowell war durch Diana gewarnt und schwieg.

 

»Bei einem gewöhnlichen Einbruch ist kein Ruhm zu ernten«, sagte Trayne, indem er wie abwesend durch das Fenster auf den Soho Square schaute. »Wäre ich ein Einbrecher, dann würde ich Wert darauf legen, den Bericht über meine Taten mit großen Buchstaben an erster Stelle in den Zeitungen veröffentlicht zu sehen. Ich würde etwas so Außerordentliches tun, daß die ganze Welt über mich spräche.«

 

Wieder hielt er inne und sah zuerst Diana, dann Graham durchdringend an.

 

»Es sind jetzt dreihundert Jahre her, daß einmal ein Stümper einen der bedeutendsten Diebstähle aller Zeiten versuchte. Er war ein Trinker und Renommist, dieser dumme Kerl, und hätte doch beinahe Erfolg gehabt, ohne Flugzeuge oder Motorboote und alle die anderen Hilfsmittel, die die moderne Technik heute einem Mann an die Hand gibt. Dieser Oberst Blood –«

 

Obwohl sich Diana vorgenommen hatte, vollständig ruhig zu bleiben, konnte sie einen Schrei nicht unterdrücken. Auf Graham machte die Erwähnung dieses Namens anscheinend keinen Eindruck.

 

»Dieser Oberst Blood hatte einen ganz elenden Mißerfolg und hat ihn auch verdient. Ob er gehenkt wurde, weiß ich nicht, ich habe es vergessen. Wird einer gehenkt, weil er die Kronjuwelen stiehlt, so …«

 

Graham Hallowell sprang auf. Schrecken und Erstaunen zeigten sich in seinen Gesichtszügen.

 

»Die – die Kronjuwelen?« stieß er erregt hervor.

 

»Ihr Wert beträgt – wollen wir sagen, ungefähr eine Million Pfund Sterling.« Tiger Trayne überhörte die Unterbrechung. »Der ideelle Wert ist unendlich viel höher. Eine verrückte Idee, werden Sie sagen? Dasselbe dachte ich auch, als ich mir die Frage zum erstenmal vorlegte. Welche Befriedigung könnte ein Mann haben – es sei denn, daß er sich die Krone von England selbst auf seinen häßlichen Kopf setzen wollte –, nicht um sich von seinen armseligen Untertanen bewundern zu lassen, sondern heimlich in einem dunklen, heißen Zimmer in Kishlastan, zu dem nicht einmal die Frauen seines Harems Zutritt haben –«

 

Auch Diana fiel wieder aus der Rolle.

 

»Meinen Sie den Fürsten von Kish –«

 

Eine Handbewegung ließ sie verstummen.

 

»Ich kenne keine Fürsten. Indien ist ein Land, um das ich mich nicht kümmere. Ich kleide nur einige Bruchstücke meiner Träume in Worte. Ideen eines Verrückten …, aber Irre sind manchmal dem Genie nahe verwandt, und zuweilen werden ausgezeichnete Pläne in ihren sonst unbrauchbaren Hirnen geboren, besonders wenn sie von einer Leidenschaft besessen sind. Diese nehmen besondere Formen an. Manche Leute träumen nur von Weibern, manche nur von Macht. Ich kenne einen Mann, der Tag und Nacht auf nichts anderes als auf ein bestimmtes Kartenspiel versessen war. Ein anderer sammelte Porzellan und brach in Tränen aus, wenn ein Teller zerbrach. Andere wieder sind verrückt nach Juwelen und kostbaren Steinen –« Er seufzte. »Die menschlichen Begierden können nicht verallgemeinert werden, es gibt zu viele Möglichkeiten.« Nach einer Pause sagte er wieder: »Fünfzigtausend Pfund sind ein schönes Stück Geld, und das alles nur für einige Wochen Übung, sorgsame Befolgung von Instruktionen … Praktisch kein Risiko … Ein oder zwei eingeschlagene Schädel – natürlich Ihrer nicht ausgeschlossen –«, fügte er entschuldigend hinzu, »wenn sich das Merkwürdige ereignen sollte, daß Sie sich an einem solchen Abenteuer beteiligen würden.«

 

Graham Hallowell war blaß und zitterte. Er räusperte sich.

 

»Folgen noch weitere genaue Erklärungen?« fragte er.

 

Tiger Trayne stand auf, ging zu dem eingemauerten Geldschrank, schloß ihn mit einem Schlüssel auf, der an einer Kette hing, die an seiner Weste befestigt war, und nahm ein Manuskript heraus, das in braunes Papier eingebunden war. Es hatte die Größe eines dicken Schulbuches. Er blätterte rasch die einzelnen Seiten durch, und Graham sah, daß sie mit der Maschine geschrieben waren.

 

»Hier ist mein kleiner Roman, einer der wenigen, die ich geschrieben habe«, sagte Mr. Trayne. Er steckte sich langsam eine Zigarre an und stützte den Ellbogen auf das Buch. »Ich habe mir ein Beispiel an einem anderen Autor genommen. Ich lasse meine Geschichte in Ruritania spielen. In diesem Land gibt es nämlich eine Festung, die Strong genannt wird. Sie erhebt sich am Ufer eines großen Stromes und ist tausend Jahre alt. In dieser Festung steht ein Turm, der scharf bewacht wird und die Juwelen des regierenden Fürsten birgt. In meinen müßigen Augenblicken habe ich einen Plan ausgearbeitet, wie ein entschlossener, kluger Mann, der sich streng an seine Vorschriften hält, mit Erfolg diese Juwelen entführen kann. Es ist eine aufschlußreiche Erzählung. Und wenn Sie lesen, werden Sie merken, daß ich die Juwelen ›Frucht‹ genannt habe, und das Militär, das sie schützt, den ›Wachmann‹. Wenn durch irgendwelchen Zufall das Buch in unberufene Hände fallen sollte, würde es für jemand, der nicht eingeweiht ist, sehr schwer sein, die Zusammenhänge zu verstehen. Es ist nun die Frage« – er ließ die Blätter gleichgültig durch die Finger gleiten –, »haben Sie genügend Interesse, um diese kleine Geschichte genauer durchzustudieren?«

 

Graham nickte.

 

»Ein kleines, hübsch möbliertes Landhaus ist in der Morgenausgabe der Zeitung annonciert«, sagte Mr. Trayne. »Es steht in der dritten Spalte auf Seite 9 des ›Megaphone‹. Ich glaube, daß die Agenten Ihnen dieses Landhaus zu einem mäßigen Preis überlassen werden, wenn Sie es für ein bis zwei Monate mieten. Es wohnt ein Hausmeister dort, und ich zweifle nicht, daß Sie dieses Buch jeden Abend um zehn Uhr auf Ihrem Tisch vorfinden, ob Sie ihn höflich darum bitten oder nicht. Es wird erst morgens wieder fortgenommen, aber in weniger als einem Monat müssen Sie auch jedes Wort auswendig wissen.«

 

Er zog sein Notizbuch heraus, entnahm ihm einen Zeitungsausschnitt und gab ihn Graham.

 

»Hier ist die Annonce.«

 

»Ich will heute noch schreiben«, sagte Graham heiser.

 

Mr. Trayne nickte, schloß das Buch wieder in den Geldschrank ein, richtete sich gerade auf und schaute Diana vergnügt an.

 

»Für Sie habe ich einen anderen kleinen Roman, Miss Martyn«, sagte er. »Aber das will ich erst später einmal mit Ihnen besprechen.«

 

Er ging zum Fenster und blickte hinaus. Seine Hände steckten in den Taschen. Als Diana hinter ihm stehend hinausschaute, sah sie überrascht eine ihr bekannte Gestalt.

 

»Wie seltsam!« sagte sie.

 

»Was ist seltsam?« fragte Tiger Trayne, drehte sich aber dabei nicht um.

 

»Das ist doch die aufdringliche Frau, die heute morgen in meine Wohnung kam und mich fragte, ob ich eine Zofe brauchte! Die Person ging einfach in den Vorraum. Ich fand sie vor der Tür meines Empfangszimmers.«

 

»Wirklich?« Mr. Trayne wandte sich nicht um. »Das ist merkwürdig. Sie meinen die dicke Frau – wie nennt sie sich doch gleich?«

 

»Mrs. Ollorby«, sagte Diana. Trayne nickte ernst.

 

»Sie nannte ihren richtigen Namen. Es ist Emily Ollorby.«

 

»Kennen Sie die Frau?« fragte sie überrascht.

 

»Ja, ich kenne sie«, sagte er langsam. »Sie ist eine der tüchtigsten weiblichen Detektive in Scotland Yard. Ich hoffe, daß Sie keine wichtigen Dinge besprachen, bevor Sie die Frau vor Ihrer Tür entdeckten.« Diana fühlte, wie sie bleich wurde.

 

»Aber – was will sie denn herausbringen – warum ist sie hier? Ist sie mir gefolgt?«

 

Sie sprach ein wenig unzusammenhängend.

 

»Das ist leicht möglich. Bloße Neugierde ist eine Eigenschaft, die man einer Frau verzeihen muß, aber wenn Mrs. Ollorby neugierig ist, steckt immer etwas dahinter.«

 

Er drehte sich lächelnd nach ihr um.

 

»Ein Detektiv beobachtet nicht notwendigerweise, weil er etwas weiß, sondern weil er etwas wissen möchte. Ich bin während meines ganzen Lebens ununterbrochen so beobachtet worden, daß ich mich nicht wohl fühlen würde, wenn das aufhörte. Wahrscheinlich wünscht sie zu erfahren, warum Mr. Graham Hallowell Sie besucht oder, falls sie den Grund weiß, was für Pläne er für die Zukunft hat. Scotland Yard hat großes Interesse an Leuten, die eben aus dem Gefängnis kommen.«

 

»Beobachtet sie mich?« fragte Graham wild. »Dem will ich doch ein Ende machen –«

 

»Sie werden kein Ende machen!« Mr. Traynes Stimme war sehr höflich, aber auch sehr bestimmt. »Lassen Sie sie doch aufpassen – das ist gut für ihre Augen.«

 

»Sie sieht mehr wie eine Waschfrau aus,« sagte Diana erstaunt.

 

»Sie hat sehr viel schmutzige Wasche öffentlich gewaschen«, sagte Trayne ironisch. »Sie ist eine sehr tüchtige Frau, glauben Sie mir das. Vielleicht« – er zögerte –, »vielleicht wird es besser sein, Miss Martyn, wenn Sie das Landhaus in Cobham mieten und Ihren Freund Hallowell dorthin einladen. Das heißt, wenn Sie solch einen Verstoß gegen die guten Sitten überleben. Aber ich denke, das können Sie ruhig –« Er zog die Augenbrauen hoch. »Ich kann mich nicht genau darauf besinnen, wie lange Sie schon mit unserem Freund Graham verheiratet sind, aber ich glaube, es war einen Monat, bevor er ins Gefängnis kam.«

 

Diana kniff die Lippen zusammen, aber sie sagte nichts. Dieses kleine Geheimnis war also auch anderen Leuten bekannt.

 

»Es war doch auf dem Standesamt in Worcestershire?« fragte Trayne im Ton eines Mannes, der sich an etwas erinnert, das ihm aus dem Gedächtnis gekommen ist, »und zwar unter dem Namen – aber das tut ja nichts zur Sache.«

 

»Ich glaube auch«, sagte Diana kühl, »Sie haben ein ausgezeichnetes Informationsbüro, Mr. Trayne.«

 

»Es ist ziemlich vollständig«, sagte er. »Sie können mit Ihrem Gatten zusammen das Buch studieren.«

 

»Und wenn ich mich nicht daran beteiligen möchte?« fragte Diana. »Macht das einen Unterschied?«

 

Trayne zuckte die Schultern.

 

»Den Unterschied zwischen fünfzigtausend und hunderttausend Pfund«, sagte er. »Und später wird vielleicht noch mehr folgen. Stellen Sie sich doch einmal den Spektakel vor, der in der ganzen Welt entstehen wird, wenn die Sache klappt. Erinnern Sie sich noch an das Verschwinden des berühmten Gemäldes von Leonardo da Vinci, der Mona Lisa? Das müssen Sie verhundertfachen! Die ›Frucht‹, wir wollen es so nennen, ist fort. Die Zahlung des Herrn, in dessen Auftrag die Sache unternommen wurde, ist geleistet worden. Welche Summe, glauben Sie wohl, würden die Eigentümer der Frucht geben, um sie zurückzubekommen? Und sie würden keine Fragen stellen und von einer Strafverfolgung absehen, wenn die Wahrheit auch ans Tageslicht käme.«

 

»Sie meinen damit, daß Sie ein Doppelspiel treiben können?« begann Graham.

 

»Doppelspiel – das verstehe ich nicht«, sagte Mr. Trayne verbindlich. Er betrachtete aufmerksam die lange Asche seiner Zigarre.

 

»Ich glaube, es ist besser, wenn Sie jetzt gehen«, sagte er. »Ich bin sehr gespannt, was Mrs. Ollorby machen wird – ich glaube, daß der Mousetrap-Klub nicht länger von ihr überwacht wird, wenn Sie gegangen sind.«

 

Als sie sich erhoben, sagte Trayne: »Nebenbei bemerkt habe ich Mr. Colley Warrington nicht von mir aus ins Vertrauen gezogen. Ich sage Ihnen das ausdrücklich, damit Sie das nicht in einem unbedachten Moment vielleicht annehmen.«

 

Er hatte die Worte »von mir« ausdrücklich betont. Als sie heimwärtsfuhren, überlegte sich Diana, von wem Mr. Warrington denn ins Vertrauen gezogen worden war. Graham dachte an andere Dinge. Ab und zu blickte er durch das rückwärtige Fenster des Autos, um nach Mrs. Ollorby auszuschauen, die ihren Aufbruch vom Mousetrap-Klub mit so unverhohlenem Interesse beobachtet hatte.

 

Kapitel 6

 

6

 

Seine Hoheit, der Fürst von Kishlastan, saß mit untergeschlagenen Beinen auf einem Diwan in seinem Privatzimmer. Seine glänzenden dunklen Augen schauten ins Leere. Die dünnen, braunen Hände spielten mit einer Smaragdkette, die um seinen Hals hing. Von Zeit zu Zeit zog er eine kleine goldene Dose aus seiner Tasche, nahm mit seinen Fingerspitzen etwas von dem gelben Pulver, mit dem sie halb gefüllt war, und brachte es auf seine Zunge.

 

Neben ihm lag eine Anzahl Zeitungsausschnitte. Nach einer Weile nahm er sie unzufrieden auf und las einen nach dem andern.

 

Rikisivi, Prinz von Kishlastan, war auf einer berühmten Schule in England erzogen worden. Er beherrschte das Englische vorzüglich. Seine Abneigung gegen seine Oberherren aber war so groß, daß er alle offiziellen Unterredungen durch einen Übersetzer führen ließ. Er war der Nachkomme einer Königsfamilie, die seit vielen Generationen regierte und schon in Indien herrschte, ehe noch die John Company dorthin kam. Seine Vorfahren waren Herren über Leben und Tod und hatten manchmal weise, häufiger aber ungerecht über ein entrechtetes Volk regiert, das seine Herrscher gleich Göttern verehrte. Und nun munkelte man von Absetzung. Man wollte einen Herrscher absetzen und einen anderen einsetzen. Es war möglich, daß man ihn aufforderte, abzudanken und in Paris von einer Regierungspension zu leben, während sein Nachfolger in den Besitz der ungeheuren Reichtümer käme, die während des tausendjährigen Bestehens der Dynastie angehäuft worden waren.

 

Das Vergehen, das ihn vor den Gouverneur von Pondichéry gebracht hatte, braucht nicht eingehend beschrieben zu werden. Es handelte sich um einen Mord, eine kaltblütige Abschlachtung, die Folterung einer Frau und das Verschwinden einer anderen. Die schöne Eurasierin, die mitten in den Säulengängen seines Palastes verschwand, war die Hauptursache seiner politischen Schwierigkeiten. Hätte man sie gefunden und verhört, so hätte das für ihn das Ende seiner Herrschaft bedeutet. Aber sie war nicht gefunden worden und würde auch nicht gefunden werden, bis die Erde ihre Toten wiedergab und man einen gewissen lieblichen Garten mit Spaten durchwühlte.

 

Daß er diese schlauen politischen Beamten hinters Licht geführt hatte, erheiterte ihn immer noch, und was er einmal fertiggebracht hatte, würde er auch wieder können, ohne daß mehr herauskam. Aber als seine dunklen, schwarzen Augen unbeweglich ins Leere starrten, kam ihm doch der Gedanke, daß es etwas ganz anderes sei, ein halb willfähriges Mädchen heimlich vom Basar in Kishlastan in seinen weißen Marmorpalast zu locken, als eine Europäerin als Opfer seiner Leidenschaft gegen ihren Willen viele tausend Meilen zur See und zu Land dorthin zu bringen. Wenn er sie allerdings einmal in Kishlastan hatte, würde kein Auge etwas sehen, kein Ohr etwas hören und keine Zunge etwas darüber erzählen, denn sein Volk war ihm in fanatischer Unterwürfigkeit ergeben. Das wäre eine wunderbare Rache an diesen Weißen gewesen, die ihn so geringschätzig behandelten und ihn, den rechtmäßigen Fürsten, nicht anerkannten…

 

Aber wie konnte man das ausführen? Er hatte schon ein Dutzend, ja Hunderte von Plänen ersonnen, um sie doch alle wieder zu verwerfen.

 

An der Tür, die mit einem dichten Vorhang verdeckt war, hörte er ein leises Klopfen. Der Dolmetscher kam herein und sprach leise mit seinem Herrn.

 

»Laß ihn näher treten«, nickte der Fürst. Colley Warrington wurde unter großen Zeremonien in den ruhigen Raum gebracht. Ob er endlich die Lösung bringen würde? Rikisivi beobachtete ihn gespannt durch halbgeschlossene Augenlider.

 

Mr. Warrington war einer der wenigen Günstlinge, die er zu jeder Zeit in Audienz empfing. Er hatte sich dem Inder in recht eigenartiger Weise brauchbar erwiesen, so daß Rikisivi mit ihm seine Absichten hätte frei besprechen können. Aber es wurden erst viele andere Dinge verhandelt, ehe sie auf ihr Hauptthema kamen, nämlich auf Hope Joyner.

 

»Die Sache wird sehr leicht gehen«, sagte Colley zuversichtlich. »Ob es allerdings möglich ist, sie durch ganz Indien nach Kishlastan zu bringen, müssen Sie besser wissen als ich. Ich kenne die Beschaffenheit der Küste nicht. Kann man an irgendeiner einsamen Stelle landen?«

 

Der Fürst nickte.

 

»Das ist sehr einfach«, sagte er. »Viel einfacher als hier in England. Eine Frau reist immer purdah, das heißt hinter verschlossenen Vorhängen, und es würde niemand ohne weiteres wagen, einen Wagen zu durchsuchen. Aber hier –« »Es wird mit Gefahren verknüpft sein«, sagte Colley, »aber es ist nicht unmöglich. In Wirklichkeit ist es nur eine Geldfrage, Hoheit. Wie werden Sie nach dem Osten zurückreisen?«

 

»Mit einem P. & O.-Dampfer«, sagte der Fürst. Colley rieb sich das Kinn.

 

»Dann müßten wir eine Jacht chartern, und auch das wäre gefährlich. Man ist dabei zu sehr auf die Ergebenheit der Schiffsbesatzung angewiesen. Aber man könnte es wagen.«

 

Er nannte eine Summe – ein großes Vermögen –, aber Riki überging die Geldfrage mit einer ungeduldigen Geste.

 

»Geld ist – nichts. Sie brauchen Hilfe. Dieser Mr. Trayne –«

 

»Nein, nicht Trayne«, sagte Colley entschieden. »Ich weiß, daß Sie gewisse Geschäfte mit ihm machen, und ich kümmere mich auch gar nicht darum, was es ist. Aber Trayne würde die ganze Sache sofort hintertreiben. Er ist besonders bedenklich, wenn es sich um Frauen handelt.«

 

Er erzählte eine Geschichte über Traynes Empfindlichkeit in diesem Punkt, die sehr glaubwürdig schien, wenn man Tiger Trayne kannte. Er erwähnte auch etwas von Seeräuberei auf offenem Meer, denn Mr. Trayne hatte viel Interessen, und seine Unternehmungen zogen sich über die halbe Welt.

 

»Nein, ich kenne sie nicht«, sagte er, indem er eine Frage des Fürsten beantwortete. »Einige meiner Freunde kennen sie. Sie ist sehr schön… Ich glaube nicht, daß sie freiwillig mitgeht.«

 

Der Inder schaute ihn verwundert an.

 

»Halten Sie mich denn für einen solchen Narren, daß ich sie erst fragen würde? Nein, ich werde sie jetzt nicht wiedersehen. Ich habe einen Entschuldigungsbrief geschrieben wegen meines Mißgriffs mit den Perlen. Das ist das Ende unserer Bekanntschaft. Miss Martyn kennt die junge Dame. Würde die Ihnen nicht helfen können?«

 

Colley zögerte. Er selbst war sich der Nichtswürdigkeit des Planes, den er so kaltblütig ausführen wollte, nicht bewußt. Er hatte sein ganzes Leben in solchem Schlamm und Schmutz zugebracht, daß alles Rechts- und Anstandsgefühl in ihm erstorben war. Er handelte schon lange mit sehr delikater Ware. Ehre, Selbstachtung, Anstand und alle diese großen, reinen Tugenden waren für ihn Begriffe und Eigenschaften, die für ihn nicht galten. Er hatte einen eigenen Maßstab für die Bewertung menschlicher Handlungen, trotzdem hatte auch er seine Ideale – Colley rühmte sich, daß er keinem Mann einen Penny schuldete und eine Frau noch nie eine Sekunde habe warten lassen, wenn er sich mit ihr verabredet hatte.

 

Er fuhr mit seinem Wagen zu Diana. Als er ankam, sah er sie mit Graham in den Torweg des Hauses verschwinden. Er fand, daß die beiden äußerst schweigsam und mit sich selbst beschäftigt waren.

 

»Was wollte Trayne?« fragte er gleich, als er ins Zimmer trat.

 

»Nicht viel«, sagte Diana vorsichtig.

 

»Ein merkwürdiger Kerl, der Alte. Man sagt, daß er alle europäischen Sprachen mit Ausnahme des Ungarischen beherrscht. Nebenbei bemerkt, Diana, haben Sie die kleine Joyner vor kurzem gesehen?«

 

Sie schaute ihn argwöhnisch an.

 

»Mit ›kleine Joyner‹ meinen Sie doch das merkwürdige junge Mädchen, das in Devonshire House wohnt? Nein, wir besuchen einander nicht. Warum wollen Sie das wissen?«

 

»Ich dachte, ich hätte sie gesehen, als ich hierherfuhr«, sagte er. Dann fragte er wieder: »Was wollte Trayne?«

 

Diana war gewandter im Lügen als Graham.

 

»Er will einen neuen Spielklub aufmachen«, sagte sie. »Aber ich sagte ihm, daß ich kein Interesse dafür habe.«

 

Er beobachtete sie mit durchdringenden Blicken, und sie wußte schon, ehe er sprach, daß er an ihren Worten zweifelte.

 

»Das sieht Trayne aber nicht ähnlich – für gewöhnlich fragt er keinen Outsider, wenn er etwas unternimmt«, sagte er.

 

»Vielleicht wollte er über Hope Joyner mit uns sprechen«, brachte Diana mühsam heraus.

 

Sie sagte das aufs Geratewohl, bemerkte aber, wie sich sein Gesichtsausdruck änderte.

 

»Tat er das?« fragte er. »Was wollte er denn über sie wissen?«

 

Er verriet sich in diesem Augenblick des Erstaunens beinahe selbst. Aber er kam ebenso schnell wieder zu sich, als er in ihr Gesicht schaute. Er lachte.

 

»Ich würde mich über nichts wundern, was Tiger tut«, sagte er mit dem Anschein von Gleichgültigkeit. Aber er konnte die beiden dadurch nicht täuschen. »Und betraf sein Angebot – ich vermute, daß er Ihnen ein Angebot machte – auch Graham?«

 

Seine Stimme klang höhnisch. Er hatte niemals ein Hehl daraus gemacht, daß er Graham nicht leiden konnte, und Diana hatte sich oft die Frage vorgelegt, ob Colley Warrington hinter das »Geheimnis« gekommen war.

 

»Ich glaube nicht, daß Tiger einverstanden ist, wenn Sie in seinen Geheimnissen herumschnüffeln«, fuhr Colley fort. »Er ist ein komischer Bursche, wie ich schon vorhin sagte, und je weniger man mit ihm zu tun hat, desto besser ist es.«

 

Er brachte das Gespräch auf ein anderes Thema, und sofort stellte Diana eine überraschende Frage. Diesmal jedoch war Colley nicht informiert. »Mrs. Ollorby?« sagte er. »Nein, ich wüßte nicht, daß ich von dieser Dame gehört hätte. Hat sie mit uns zu tun?«

 

Anscheinend wußte er nichts von dieser Frau, und Diana hielt es für klüger, nicht weiter zu fragen.

 

Mrs. Ollorby begann sie allmählich aufzuregen, ständig war sie im Hintergrund ihrer Gedanken – obgleich sie so unwichtig war. Wenn sie jemand beobachtete, war viel eher Trayne der Gegenstand ihrer Wißbegierde. Die richtige Erklärung für Dianas Unbehagen lag vielleicht darin, daß sie vorher niemals auch nur entfernt mit der Polizei zu tun gehabt hatte. Sollte sie jetzt mit ihr in Berührung kommen? Das war kein angenehmer Gedanke.

 

Die Stunden gingen dahin, und allmählich wurde ihr die Ungeheuerlichkeit dieses Planes klar. Sie verbrachte eine schlaflose Nacht und warf sich auf ihrem Lager hin und her. Als der Morgen dämmerte, war sie halb entschlossen, nicht weiter mitzumachen. Dies teilte sie Graham mit, als er nach dem Frühstück zu ihr kam.

 

Er lachte höhnisch.

 

»Es ist keine Gefahr dabei, wenn Trayne dahintersteckt«, sagte er. »Fünfzigtausend Pfund und die Aussicht auf das Vermögen eines Radschas mögen für dich nichts bedeuten, aber für mich bedeuten sie sehr viel. Ich habe dieses Hundeleben satt.«

 

»Mrs. Ollorby –«, begann sie.

 

»Mrs. Fiedelbogen!« sagte er spöttisch. »Was hat sie denn mit uns zu tun? Sie beobachtet den Mousetrap-Klub.«

 

Diana schüttelte den Kopf.

 

»Warum kam sie dann hierher?« fragte sie. »Warum stand sie vor meiner Tür und lauschte? Ich glaube jetzt bestimmt, daß Dombret die Wahrheit sprach, als sie sagte, sie hätte die Haupttür geschlossen – diese Frau muß selbst einen Schlüssel gehabt haben. Ich bin mißtrauisch geworden, Graham, und du solltest es auch sein, wenn du dir die Sache überlegst.«

 

Er biß sich auf die Lippe und runzelte die Stirn.

 

»Wir müßten mit Trayne über die Frau sprechen«, sagte er. »Wenn ich ihn heute morgen sehen kann, werde ich ihn fragen, was er davon hält.«

 

*

 

Als er an der Tür klingelte, war Mr. Trayne nicht da – wenigstens wurde ihm diese Mitteilung gemacht. Der weißhaarige Portier vermutete, daß Mr. Trayne vielleicht im Café Royale frühstückte. Graham schlenderte durch Piccadilly und hatte kaum an einem der Marmortische in dem langen Raum Platz genommen, als er Trayne eintreten sah, eine Zigarre zwischen den Zähnen. Nach einem kurzen Blick über das Lokal ging er gemächlich auf Hallowell zu. Graham sprach mit ihm über die Ereignisse des letzten Tages, und zu seiner Überraschung legte Tiger der Sache größeren Wert bei, als er angenommen hatte.

 

»Worüber sprach Miss Martyn damals?«

 

»Ich weiß es nicht mehr«, sagte Graham. »Natürlich wird es ein Zufall gewesen sein, daß sie überhaupt in die Wohnung kam –«

 

Trayne schüttelte den Kopf.

 

»Mrs. Ollorby tut nichts zufällig!« sagte er. »Ich nehme den Hut ab vor dieser Frau! Wenn es ein Zufall war, warum gab sie dann vor, Stellenvermittlerin zu sein? Nein, das war kein Zufall. Sie kam mit Absicht, öffnete die Tür, weil ihr etwas verdächtig war. Was konnte ihr aber verdächtig erscheinen, da sie ja noch nicht wußte, daß ich Miss Martyn sprechen wollte?«

 

Er zog gedankenvoll die Lippen durch die Zähne.

 

»Vielleicht spürte sie gar nicht Ihrer Frau, sondern Ihnen nach«, sagte er. »Das ist beunruhigend.«

 

»Beunruhigt Sie das?« fragte Graham.

 

Ein vergnügtes Lächeln huschte über das markante Gesicht Traynes.

 

»Mich nicht«, sagte er fast fröhlich. »Ich kenne zufällig Mrs. Ollorbys Stellung in Scotland Yard.«

 

Er erzählte, daß die starke Frau einst Polizistin war und die offizielle Position bei dem Polizeipräsidium ihrem außerordentlichen Gedächtnis für Gesichter verdankte. Sie hatte ein Bild von Bert Howle gesehen, einem Mann, nach dem die Polizei ganz Europas fahndete, und hatte ihn nicht nur erkannt, sondern auch seine Verhaftung durchgeführt und ihn mit Hilfe eines Polizisten auf die Wache gebracht.

 

»Sie führt eine Art Vagabundenleben, in Wirklichkeit deckt sie aber Verbrechen auf«, erklärte Tiger. »Ich habe niemals gehört, daß sie an einen besonderen Platz gestellt wurde. Ihr Geschäft besteht darin, Arbeit für ihre männlichen Kollegen zu schaffen. Und sie ist erfolgreich gewesen!«

 

Er zählte eine Reihe von Fällen auf, die die Frau aufgeklärt hatte, und Graham war überrascht.

 

»Sie ist offiziell Beamtin von Scotland Yard«, fuhr Tiger fort. »Aber Sie müssen nicht erschrecken, daß sie Ihnen ihre Aufmerksamkeit schenkt – die Tatsache, daß sie Sie beobachtet, bedeutet nicht, daß Sie bereits wegen irgendeines Verstoßes verdächtigt werden, sondern daß sie hofft, Sie verdächtigen zu können!«

 

Er gab keine weitere Auskunft über Mrs. Ollorby.

 

Graham erwartete nähere Einzelheiten über den großen Plan, und es schien, als würde das Gespräch da wieder aufgenommen, wo es gestern geendet hatte, als Tiger Trayne ihn fragte, ob er dem Agenten geschrieben hätte. Aber anscheinend hatte er nicht die Absicht, den Gegenstand weiter zu erörtern, denn er sprach dann von einem gemeinsamen Bekannten. Erst als Graham gezahlt und Trayne sich erhoben hatte, um zu gehen, kam er auf das Tower-Abenteuer zurück, und zwar in einer so indirekten und dunklen Art, daß Graham der Zusammenhang mit dem Plan erst klar wurde, als Tiger schon gegangen war.

 

»Vermutlich interessieren Sie sich wenig für Schiffahrt?« fragte er ganz beiläufig.

 

Graham schüttelte den Kopf.

 

»Haben Sie zufällig einmal die ›Pretty Anne‹ gesehen oder von ihr gehört?«

 

»Nein«, erwiderte Graham. »Ist das ein Fischerboot?«

 

»Es ist kein Fischerboot.«

 

Trayne war sehr vorsichtig. Es war beinahe, als ob er ein Urteil zu fällen hätte, so sorgsam wählte er seine Worte aus.

 

»Die ›Pretty Anne‹ ist ein Dampfer, aber nicht groß und auch gerade nicht unter Klasse A I in Lloyds Register eingetragen. – Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich mich ein wenig mit der ›Pretty Anne‹ beschäftigen und die Bekanntschaft mit ihrem Kapitän und ihrem Eigentümer suchen.« Er machte eine Pause. »Sein Name ist Eli Boß, und er ist kein – wie soll ich sagen – kein gebildeter Mann! Sie werden ihn nicht im Marineklub treffen – sein Lieblingsaufenthalt ist, wie ich vermute, das Gasthaus ›Drei Lustige Matrosen‹ in Limehouse.« Graham hörte überrascht zu.

 

»Wünschen Sie, daß ich seine Bekanntschaft mache?« fragte er. Mr. Trayne lächelte.

 

»Ich wünsche, daß Sie tun, was Sie wollen. Ich bestehe wirklich nicht darauf, daß Sie das Landhaus nehmen, aber wenn Sie es tun, würde es mir angenehm sein. Ich stelle nicht die Forderung, daß Sie die Bekanntschaft mit Eli Boß suchen sollen, aber wenn Sie es zufällig tun, freue ich mich.« Dann fuhr er fort: »Wollen Sie bitte noch fünf Minuten warten, wenn ich gegangen bin? Es ist besser, man sieht uns nicht zusammen auf der Straße.«

 

Graham erinnerte sich einer Frage, die er ihm stellen wollte.

 

»Wir erhalten eine gewisse Summe, wenn wir Erfolg haben«, sagte er und senkte die Stimme. »Was aber, wenn wir ohne unsere Schuld einen Mißerfolg haben?«

 

Wieder das seltsame Lächeln.

 

»Sie können keinen Mißerfolg haben«, war die einfache Antwort. »Hinter diesem kleinen Abenteuer steht ein Wille.«

 

Kapitel 7

 

7

 

Hope Joyner bekam wenig Post. Sie erhielt die unvermeidlichen Zirkulare und Geschäftsanzeigen, aber ihre Privatkorrespondenz war klein.

 

Als ihr an diesem Morgen das Mädchen mit dem Tee die Briefe brachte, sah sie einen bekannten blauen Umschlag. Etwas unbehaglich zog sie ihn aus der anderen Post hervor. Ihr Rechtsanwalt schrieb selten, aber wenn er schrieb, hatte er gewöhnlich etwas Unangenehmes zu sagen. Auch diese Mitteilung machte keine Ausnahme.

 

»Liebe Miss Joyner, wir haben eben durch Zufall erfahren, daß Sie mit einem Mr. Hallowell bekannt sind. Wir wissen, daß dieser Bekannte Ihr Vertrauen nicht rechtfertigen wird, und es ist unsere Pflicht, Sie davon zu unterrichten, daß Hallowell, obwohl ein gebildeter Mann, wegen Betruges eine Gefängnisstrafe verbüßt hat. Unter diesen Umständen ist es ratsam, diese Bekanntschaft aufzugeben, die notwendigerweise für Sie unvorteilhaft ist und Ihnen sogar peinlich werden kann.

 

Ihre ergebenen ………«

 

Sie blickte auf den Brief und runzelte die Stirn, denn sie erkannte, was da geschehen war. Der wohlwollende Spion hatte sie beobachtet und hatte Dick Hallowell mit seinem Bruder verwechselt. Sie hätte sich eigentlich ärgern sollen. Aber der Irrtum war so offenkundig, daß sie nur lachen konnte.

 

Armer Dick! Das war das schlimmste, daß man ihn mit seinem unglücklichen Bruder verwechselte. Sie wollte zuerst zurückschreiben und den Irrtum aufklären. Aber ein sonderbares Gefühl hielt sie davon ab. Vielleicht erhielt sie dann noch eine Reihe solcher Schreiben, die dringender wurden. Es war besser, sie zu Dicks Vorteil zu sammeln, als den Schreiber eventuell mit dem Beweis seines Fehlers zu beunruhigen.

 

Das Mädchen hatte das Bad gerichtet, und Hope zog sich aus.

 

»Eine Frau wollte Sie diesen Morgen sprechen, gnädiges Fräulein. Sie gefiel mir nicht, und ich sagte, Sie wären ausgegangen. Sie sah so aus, als ob sie eine Stelle suchte.«

 

Hope schüttelte den Kopf.

 

»Es wäre mir lieber, Sie würden die Leute nicht fortschicken, ehe ich weiß, wer sie sind und was sie wünschen«, sagte sie. Es war nicht das erstemal, daß sie dem Mädchen das einschärfen mußte.

 

»Es tut mir sehr leid, gnädiges Fräulein.« Janet brachte die herkömmliche Entschuldigung vor: »Ich tat es nur, weil ich dachte –«

 

Janet war ein wenig übereifrig, sonst aber ein gutes Mädchen, und seit kurzem hatte Hope den schwachen Verdacht, daß ihre Rechtsanwälte, die stets auf so rätselhafte Weise über all ihre Schritte und ihre Bekannten Bescheid wußten, diesem Mädchen ihr Wissen verdankten.

 

Sie hatte sich eben wieder angekleidet, als Janet mit der Meldung hereinkam, daß der Besuch wiedergekommen sei.

 

»Eine Mrs. Johnson«, sagte sie, als ob sie ihren Fehler wiedergutmachen wollte. »Sie möchte Sie wegen der Gesellschaft zur Unterstützung der orientalischen Frauen sprechen.«

 

Das machte Mrs. Johnson nicht willkommener, denn Hope hatte erkannt, daß dieser Zweig der Philanthropie nicht ihre Stärke war, und hatte einen Abschiedsbrief geschrieben. Sie zögerte.

 

»Ich werde gleich kommen«, sagte sie, und einige Minuten später trat sie in ihren eleganten kleinen Salon. Sie fand eine breitschultrige Frau mit männlichen Gesichtszügen, die nachdenklich auf Piccadilly hinunterschaute. Hopes forschender Blick begegnete einem mitfühlenden, entwaffnenden Lächeln.

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie so früh gestört habe«, sagte die Frau. »Ich will mir eine Menge Lügen ersparen und Ihnen sagen, daß ich nicht wegen der indischen Frauen komme und daß mein Name Ollorby ist.«

 

Das sagte Hope gar nichts. Aber ihre nächsten Worte waren aufregender.

 

»Es wäre mir am liebsten, wenn niemand wüßte, daß ich Sie besuchte«, fuhr sie fort. »In Wirklichkeit komme ich vom Polizeipräsidium, Miss Joyner.«

 

Sie nahm mit blitzartiger Geschicklichkeit, die einem Taschenspieler Ehre gemacht hätte, eine Karte heraus, und Hope Joyner las: »Mrs. Emily Ollorby, Zimmer 385, New Scotland Yard.« Sie sah überrascht auf ihren Besuch.

 

»Eine Detektivin?« sagte sie. Mrs. Ollorbys Lächeln wurde breiter.

 

»Ich habe eine Schwäche, mich selbst so zu nennen, Miss Joyner«, sagte sie heiter. »Wir dicken Frauen haben auch unsere romantischen Augenblicke. Aber ich bin eben Mrs. Ollorby, die ihr Leben damit verbringt, daß sie ihre Nase in anderer Leute Dinge steckt. Der Herr hat einige von uns schön und einige von uns nützlich geschaffen – jedesmal wenn ich mich selbst im Spiegel sehe, erkenne ich, wie nützlich ich sein muß! Armer Ollorby, er war ein Held. Dieser Mann hatte seine Fehler, aber er hatte sicherlich Mut. Vielleicht besaß auch er Sinn für Humor, obgleich ich das nie entdeckte, und das einzig Merkwürdige, was er jemals tat, war – daß er mich heiratete!«

 

Mrs. Ollorby hatte eine dröhnende, lebhafte Stimme, und Hope mußte lächeln, als sie so in ihrer sprunghaften Art lospolterte.

 

»Es ist seltsam, wie das Verbrechergemüt arbeitet«, fuhr sie fort. »Ich habe niemals einen schlechten Menschen in ernste Sorgen gebracht, wenn er nicht selbst meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Ich bin mit allen Lebewesen auf dem Gutshof verglichen worden – ausgenommen mit den Küken – und vielleicht der Ente. Aber ich bin nicht empfindlich. Wenn ich das wäre, würde ich längst gestorben sein. Ich kenne Männer im Old Bailey, die sagten, daß sie lieber noch zehn Jahre länger sitzen als mich heiraten wollten – aber ich glaube, das ist Selbstironie.« Sie machte eine Pause, um Atem zu holen. Ihre glänzenden Augen blickten gut gelaunt auf Hope.

 

»Und nun werden Sie neugierig sein, warum ich in Ihre schöne kleine Wohnung eingedrungen bin. Ich kam nicht her, um über mich selbst zu sprechen, Miss Joyner, sondern über Sie. Sie sind Mitglied dieses indischen Vereins, nicht wahr?«

 

Hope schüttelte den Kopf.

 

»Ich war es, aber ich bin ausgetreten.«

 

»Oh!« Mrs. Ollorby, die so viele Dinge wußte, war diese Entwicklung anscheinend noch unbekannt. »So, so«, sagte sie. »Es ist klar, daß Sie keine Lust haben, mir über diesen Schwindel noch etwas zu sagen. Ist Mr. Hallett ein Freund von Ihnen?«

 

Diese unerwartete Frage ließ Hope verstummen.

 

»Ich habe ihn nur einmal getroffen«, antwortete sie. Dann sagte sie lächelnd: »Ist er ein hoffnungsloser Verbrecher?«

 

Mrs. Ollorby schüttelte den Kopf.

 

»Hallett ist nicht hoffnungslos«, sagte sie, »soweit ich das beurteilen kann. Aber er ist blind, und Blinde sind selten Verbrecher. Nein, ich interessiere mich nur ein wenig für ihn, aber ich interessiere mich für viele Leute. Zum Beispiel auch für den Fürsten von Kishlastan: er ist ein hübscher Junge.«

 

»Ich finde ihn unausstehlich«, sagte Hope, und Mrs. Ollorby grinste wieder.

 

»Miss Diana Martyn – ist sie eine Freundin von Ihnen?«

 

»Nein«, sagte Hope kurz.

 

»Hm!« Mrs. Ollorby legte den Finger ans Kinn. »Graham Hallowell – den werden Sie natürlich nicht kennen. Sie sind mit seinem Bruder bekannt, nicht wahr? Ein bildschöner Mensch. Ich sah ihn neulich am Tower. Lassen Sie mich einmal nachdenken…« Sie legte ihre Stirn in tiefe Falten. »Habe ich nicht auch Sie dort mit ihm gesehen?«

 

»Das ist möglich«, sagte Hope ein wenig kühl.

 

»Der Tower macht mich immer schwindlig«, sagte Mrs. Ollorby. »Gefrorene Geschichte! Gehen Sie oft dorthin, Miss Joyner?«

 

Hope bot einen Stuhl an und setzte sich auch, nachdem die Detektivin Platz genommen hatte.

 

»Nun, tun Sie bitte nicht so geheimnisvoll. Was wollen Sie mich eigentlich fragen? Wenn ich es Ihnen sagen kann, werde ich es natürlich tun. Rätselhafte Leute sind mir etwas Qualvolles.« »Mir auch«, sagte Mrs. Ollorby absolut nicht verlegen. »Ich will Ihnen sagen, warum ich gekommen bin, Miss Joyner.«

 

Sie öffnete einen großen Lederbeutel, den sie unter dem Arm trug und der wie eine Mappe aussah. Sie suchte eine Weile, dann nahm sie ein kleines Stück Papier heraus, auf dem verschiedene Notizen standen.

 

»Ich werde Ihnen eine peinliche Frage vorlegen, und Sie dürfen sagen, daß Sie das empörend finden. Und wenn Sie Ihre Glocke nehmen und Ihrer kleinen Flaumfeder befehlen, daß sie mich hinauswerfen soll, werde ich gar nicht überrascht sein.«

 

Die Erwähnung Janets nötigte Hope ein Lächeln ab, aber sie war zu neugierig, um sich ablenken zu lassen.

 

»Sie sind eine Freundin Sir Richard Hallowells von der Berwick-Garde, und ich möchte Sie ganz offen fragen, ob Sie mit Sir Richard verlobt sind?«

 

»Nein«, sagte Hope.

 

»Ist er ein sehr guter Freund von Ihnen?«

 

Das Mädchen zögerte.

 

»Ja«, sagte sie schließlich. »Er ist ein sehr guter Freund.«

 

»Ist er ein so lieber Freund« – Mrs. Ollorby sprach sehr langsam, »daß er alles auf der Welt für Sie tun würde?«

 

Hope starrte die Frau an.

 

»Ich verstehe nicht –«, begann sie.

 

»Lieben Sie einander?« fragte Mrs. Ollorby geradezu. Das Erröten Hopes gab ihr die Antwort.

 

Bevor Hope ihre Stimme wieder in der Gewalt hatte, fuhr sie schnell fort: »Sie werden denken, daß ich Mut habe – und ich habe ihn auch! Aber was ich Ihnen sagen wollte, Miss Joyner, Sir Richard ist nach meiner Meinung ein anständiger Mann. Ich bitte Sie, es wohl zu überlegen, bevor Sie etwas verlangen, was ein Ehrenmann nicht tun würde.«

 

Hope konnte nur hilflos den Kopf schütteln.

 

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was Sie damit sagen wollen, Mrs. Ollorby«, sagte sie. »Aber Sie können sicher sein, daß ich Richard niemals um etwas bitten würde, was unehrenhaft ist. Ich bin sehr erstaunt, daß Sie überhaupt annehmen, ich könnte so etwas tun.«

 

»Das nehme ich nicht an!« Mrs. Ollorby sprach sehr begeistert. »Ich bin nur neugierig, ob …« Sie zögerte – »vielleicht habe ich Verwirrung angerichtet. Sicher habe ich Ihnen Grund gegeben, ärgerlich zu sein, selbst wenn Sie es nicht sind. Haben Sie jemals Sir Richard Hallowell gebeten, Ihnen einen Gefallen zu tun einen Gefallen, der eine Vernachlässigung seiner Pflicht bedeuten würde?« – »Nein«, sagte Hope entrüstet. »Wirklich, Mrs. Ollorby, Sie sind mir mehr als rätselhaft.«

 

»Bin ich das?« Mrs. Ollorby war die Zerknirschung selbst. »Miss Joyner, ich bin in einer sehr peinlichen Lage. Ich weiß eine Menge Dinge, die ich nicht wissen dürfte – wenn Sie so klug wären wie ich, wäre es nicht nötig, auf den Busch zu schlagen.« Sie seufzte schwer. »Aber Sie sind es eben nicht! Sie kennen natürlich Tiger Trayne nicht? Sie brauchen ihn auch nicht zu kennen, er gehört nicht zu Ihren Gesellschaftskreisen. Und Mr. Graham Hallowell – den kennen Sie auch nicht?« Sie machte eine Pause.

 

»Ich weiß von ihm«, sagte Hope ruhig. »Er ist Sir Richards Bruder, und er war – in Not. Richard und er sind nicht die besten Freunde. Er ist mir niemals vorgestellt worden, obgleich –«

 

Sie hielt inne und lächelte. Sie mußte an den Brief von heute morgen denken.

 

»Obgleich es einige Leute gibt, die denken, daß er Ihnen vorgestellt ist«, vollendete Mrs. Ollorby scharfsinnig. Sie schloß ihre Tasche mit einem lauten Knacken zu.

 

»Sir Richard Hallowell ist ein schöner Mann«, sagte sie. »Es gibt so leicht niemand, den ich so bewundere wie ihn, außer Ihnen! Das ist eine ganz offene Schmeichelei. Aber Offenherzigkeit ist meine Schwäche.«

 

Sie nahm ihre Visitenkarte wieder zurück, drehte sie um und schrieb schnell mit einem Bleistift, den sie aus einer verborgenen Tasche hervorholte, etwas auf die Rückseite. Dann legte sie die Karte wieder in Hopes Hand.

 

»Das ist meine Privatadresse. Es ist möglich, daß ich für einige Tage nicht nach Hause komme. Aber wenn Sie irgendwie Unannehmlichkeiten haben oder sich über irgend etwas ängstigen, womit Sie Sir Richard nicht belästigen wollen, so können Sie mich ruhig anrufen.«

 

»Welche Unannehmlichkeiten könnten mir denn zustoßen?« fragte Hope halb belustigt und halb erstaunt.

 

Mrs. Ollorby zuckte die breiten Schultern.

 

»Das mag der Himmel wissen«, sagte sie. »London ist eine große Stadt von besonderer Art, wo Unannehmlichkeiten schnell über einen kommen.«

 

Sie ging zur Tür.

 

»Ich würde sehr froh sein, wenn Sie mir einen Gefallen tun würden, Miss Joyner. Bitte erwähnen Sie Ihrer Zofe gegenüber weder meinen Namen noch meinen Beruf.«

 

Bevor ihr Hope eine scharfe Antwort geben konnte, daß es nicht ihre Gewohnheit sei, ihre Zofe ins Vertrauen zu ziehen, war Mrs. Ollorby gegangen.

 

Die dicke Frau ging schnell in Richtung des Piccadilly Circus. Sie summte mit tiefer Baßstimme vor sich hin und schien Welt und Menschen vergessen zu haben. In einiger Entfernung hinter ihr ging ein hoch aufgeschossener, schlanker, rothaariger junger Mann, der eine große Hornbrille trug. Sein Anzug war ein wenig zu klein für ihn, Arme und Beine schauten aus Ärmeln und Hose weit hervor. Er verlor Mrs. Ollorby niemals aus dem Gesicht. Er folgte ihr in die Untergrundbahnstation, und er befand sich in demselben großen Personenaufzug, der sie in der Tottenham Court Road wieder auf die Erdoberfläche brachte. Die starke Frau wandte sich zur Charlotte Street. Der junge Mann ging ihr nach, und als sie in ein übelaussehendes Tor einbog, wartete er einige Minuten, mit dem Rücken an ein Geländer gelehnt, schaute die Straße auf und ab und folgte ihr dann wieder. Er nahm einen großen Schlüssel aus der Tasche und machte auf der Haupttreppe halt, um den Schmutz aus der Höhlung des Schlüssels zu entfernen. Ohne anzuklopfen öffnete er die Tür eines kleinen Wohnzimmers.

 

Mrs. Ollorby nahm ihren kleinen, schwarzen Hut ab und drehte sich kaum um, als er eintrat. Der junge Mann setzte sich auf das Sofa und wartete. »Nun, Hektor?« fragte sie.

 

»Ein Mann folgte dir bis zur Untergrundbahnstation Tottenham Court Road. Aber er ging nicht weiter mit«, sagte er.

 

»Was war das für ein Mensch?« fragte seine Mutter, denn das war ihr natürliches Verwandtschaftsverhältnis.

 

»Er sah aus wie ein Fremder, Mutter«, sagte Hektor und kratzte sich an der Nase. »Er wartete außerhalb der Wohnung, als du herauskamst. Ich folgte ihm, und so konnte ich feststellen, daß er auf deiner Spur war. Es ist doch eine merkwürdige Sache mit mir« – Hektor fuhr mit der Hand durch sein rotes Haar –, »daß sie mich nicht entdecken, wenn ich sie doch immer beobachte.«

 

Mrs. Ollorby lächelte vergnügt.

 

»Es ist nichts sicherer auf der Welt, als daß sie dich auch gesehen haben, Hektor«, sagte sie gut gelaunt. »Du mußt nicht vergessen, daß du auf der Straße aussiehst wie ein Leuchtturm mit einer roten Spitze. Dich kann man ja überhaupt nicht aus den Augen verlieren. Aber sie fühlen sich behindert, wenn sie wissen, daß man auch auf ihrer Spur ist. Deswegen bist du mir so wertvoll.«

 

Er schaute sie ganz kleinlaut an.

 

»Ich sehe doch, daß ich nicht viel helfen kann«, sagte er verzagt. Aber dann wurde er hoffnungsvoller. »Ich glaube, ich färbe mein Haar –«

 

»Dann würdest du fürchterlich aussehen«, sagte Mrs. Ollorby und klopfte ihm auf die Schulter. »Sorge dich nicht darum, Hektor. Deswegen wirst du doch ein Detektiv, und zwar noch in den nächsten Tagen. Ich habe mit dem Kommissar heute morgen über dich gesprochen. Sie wollen dich nicht in die Polizeimannschaft aufnehmen, weil du kurzsichtig bist. Aber ich werde einen anderen Posten bei der Polizei für dich ausfindig machen, und du wirst bald deinen Namen in der Zeitung unter den Neuigkeiten finden, das kannst du mir glauben.«

 

Er freute sich offensichtlich sehr darüber, denn sein höchster Ehrgeiz war es, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Der verstorbene Mr. Ollorby war ein Polizeisergeant mit einem ganz vorzüglichen Führungszeugnis gewesen, und diesem Umstand war es auch zu verdanken, daß man seine Frau während des Krieges in die Polizeimannschaft aufnahm.

 

Ein Telefon stand im Zimmer. Sie wählte eine Nummer und winkte ihrem Sohn mit dem Kopf, daß er hinausgehen möge.

 

Hektor gehorchte sofort und stand draußen im Gang auf Wache. Dabei hielt er sich mit beiden Händen die Ohren zu. Nachdem sie zehn Minuten lang gesprochen hatte, kam sie heraus und gab ihrem kleinen Dienstmädchen Anweisungen. Dann ging sie in ihr Schlafzimmer im oberen Stockwerk und legte sich zu Bett. Sie hatte in der vergangenen Nacht kaum geruht, und es schien ihr, als ob wieder eine schlaflose Nacht vor ihr läge.

 

Es war schon dunkel in der Charlotte Street, als sie wieder herunterkam. Sie hatte ihre Kleidung geändert und sah jetzt viel schäbiger aus. Man konnte sie nicht wiedererkennen. Sie trug abgetragene, aber saubere Kleider, einen altmodischen Hut und abgetretene Schuhe mit schiefen Absätzen.

 

Sie wartete, bis die Nacht hereingebrochen war, bevor sie sich mit einer brüchigen alten Segeltuchtasche auf den Weg machte.

 

Es schlug zehn Uhr, als sie in einer kleinen Straße in East End auftauchte. Vor dem Haus Nr. 27 hielt sie an und klopfte.

 

Die schlampige Frau, die ihr die Tür öffnete, roch nach Alkohol. Mit ihren kurzsichtigen Augen schaute sie auf den Besuch. Halb angezogen stand sie im Licht einer kleinen Petroleumlampe.

 

»Ach Sie«, sagte sie unhöflich. »Sind Sie doch gekommen? Ich hatte Sie schon aufgegeben.«

 

»Ich verstehe nicht, warum Sie mich aufgegeben haben. Ich habe doch meine Miete im voraus bezahlt«, sagte Mrs. Ollorby.

 

Die Wirtin murmelte etwas vor sich hin und leuchtete mit ihrer Lampe zu der einfachen Treppe hinauf. Dann stieß sie die Tür eines kleinen Raumes auf und deckte ein nicht gerade sehr sauberes Bett auf. Ein kleiner Waschständer und ein Stuhl bildeten die ganze sonstige Einrichtung des Zimmers.

 

»Ich lasse meine Mieter gewöhnlich nicht erst spätnachts herein«, sagte sie. »Aber Sie sind ja den ganzen Tag unterwegs, und da muß ich eben Rücksicht nehmen.«

 

Sie hatte Mrs. Ollorby nur deswegen als Mieterin angenommen, weil diese ihr erklärt hatte, daß sie den Raum zwischen neun Uhr morgens und sechs Uhr abends nicht gebrauchen würde. Dadurch hatte die Wirtin weniger Arbeit, das heißt, in Wirklichkeit machte sie ein doppeltes Geschäft, da sie tagsüber den Raum einem Nachtwächter von den Docks überließ.

 

In diesem kleinen Haus beherbergte die Wirtin sieben Leute. Sie wartete noch immer in der Tür und hatte ihre schmutzigen Hände über der Schürze gefaltet. Sie war wenig freundlich und erklärte Mrs. Ollorby, daß sie jetzt sehr beschäftigt wäre, weil ihre drei regulären Mieter in der Stadt seien.

 

»Ich möchte die Herren um alles in der Welt nicht kränken«, sagte sie. »Manchmal sind sie neun oder gar zehn Monate fort, aber die Miete wird so pünktlich bezahlt, wie ein Uhrwerk geht … Es sind Seeleute – der eine ist Schiffskapitän, die anderen beiden seine Söhne … Ein guter Mann, wie man ihn besser auf der Welt nicht finden kann, das heißt, wenn er nicht gerade betrunken ist.«

 

Diese bevorzugten Mieter hatten zusammen zwei Räume. Der Kapitän bewohnte den besten davon.

 

»Was ich Ihnen noch sagen wollte … Wie ist doch Ihr Name –?«

 

»Ich heiße Brown«, sagte Mrs. Ollorby.

 

»Auf eines müssen Sie achten«, sagte die Frau. »Dem Kapitän dürfen Sie nicht in den Weg kommen. Er ist sehr kurz angebunden, und ich will ihn nicht vor den Kopf stoßen, nicht für eine Million.«

 

Als die Wirtin gegangen war, setzte sich Mrs. Ollorby auf das Bett und vertrieb sich die Zeit dadurch, daß sie ein Buch bei dem Licht einer kleinen Taschenlampe las, die sie aus ihrer Tasche genommen hatte. Nach geraumer Zeit hörte sie die unsicheren Schritte des Kapitäns auf der Treppe. Mit betrunkener Stimme sang er einen Gassenhauer. Seine eisenbeschlagenen Schuhe polterten auf dem kleinen Podest, dann schlug er die Zimmertür zu, daß das ganze Haus wackelte. Mrs. Ollorby lauschte und wartete auf die Ankunft der beiden Söhne. Aber die kamen noch nicht. Nach einer Weile hörte sie, wie der Kapitän die Tür wieder öffnete und hinunterging. Als er das Haus verlassen hatte, legte sie ihr Buch beiseite, öffnete leise die Tür und horchte. Es herrschte tiefe Stille, kein Laut war vernehmbar. Die Wirtin hatte sich in die Küche zurückgezogen, wo sie auf einem erbärmlichen Feldbett schlief. Vom Erdgeschoß drang das Schnarchen eines Mieters herauf …

 

Sie zog ihre Schuhe aus und schlüpfte dafür in dicke Filzpantoffeln. Geräuschlos schlich sie über das Podest, stieg die wenigen Stufen in die Höhe, die zu dem oberen Treppenabsatz führten, und versuchte, die Tür des Kapitäns zu öffnen. Sie war nicht verschlossen. Schnell ging sie in den Raum und drehte das Licht an.

 

Das Zimmer war nur ein wenig besser möbliert als ihr eigenes. Eine Kleidertruhe und ein kleiner Tisch standen darin. Dieser wurde anscheinend als Schreibtisch benutzt, denn es lag eine Menge von Papieren verstreut auf der Platte. Ein kleines, billiges Tintenfaß und eine Unterlage aus dünnem Löschpapier fanden sich daneben. Schnell sah sie die Schriftstücke durch und erkannte, daß es Listen von Schiffsvorräten waren, die der Kapitän offensichtlich vor einigen Tagen eingekauft hatte. Sie durchsuchte das Bett genau, drehte das Kissen um und entdeckte einen flachen, abgenutzten Kasten zum Aufbewahren von Schriftstücken. Sie öffnete ihn, fand aber weiter nichts als ein Blatt Papier, das mit Zahlen bedeckt war. Sie hatte genügend Kenntnisse von der Schiffahrt, um zu erfassen, daß es sich um eine Schiffahrtstabelle handelte, die der Kapitän ausgearbeitet hatte. Zu jeder Position hatte er das Datum geschrieben. Das erste Datum war der 26. des Monats, und dahinter war ein merkwürdiges Zeichen angebracht.

 

Sie legte das Papier an seine Stelle zurück und suchte weiter. Plötzlich hörte sie laute Stimmen außerhalb des Fensters auf der Straße, und gleich darauf vernahm sie, wie die Haustür aufgeschlossen wurde. Mit überraschender Geschwindigkeit verließ sie den Raum, schloß die Tür und war bereits in ihrem eigenen Zimmer, als die Leute unten die erste Stufe erreicht hatten.

 

Diesmal war der Kapitän nicht allein. Zwei Mann begleiteten ihn. Sie gingen in das Zimmer des Kapitäns und schlössen leise die Tür. Mrs. Ollorby hörte, wie sie sich mit gedämpfter Stimme unterhielten. Geräuschlos schlich sie sich hinaus. Die niederträchtigen Treppenstufen krachten unter ihrem Gewicht. Sie beugte den Kopf nach vorn und lauschte. »… Dieser Mann – wie heißt er doch – Warring oder so ähnlich – der Kerl sagte … Gravesend … Flutzeit …«

 

Jemand ging quer über den Fußboden. Eilig huschte sie zurück in ihr Zimmer und horchte hinter der angelehnten Tür. Das war eine gefährliche Sache in diesem Haus, wo jedes Bett unter ihrer Schwere krachte. Nach einer Viertelstunde hörte sie zwei der Männer herauskommen und in einen anderen Raum gehen. Noch ein rauhes gute Nacht, dann war alles ruhig. Sie schloß ihre Tür behutsam und legte sich angekleidet auf das Bett. Einige Minuten später schlief sie fest.

 

Am Morgen wurde sie durch das Gepolter geweckt, das der Kapitän verursachte, als er die Treppe hinunterging. Kurz darauf folgten ihm seine beiden Söhne. Es war heller Tag. Mrs. Ollorby machte schnell Toilette und begab sich dann auch auf die Straße. Sie frühstückte in einer kleinen Kaffeestube an der Ecke der Victoria Dock Road. Eine halbe Stunde später stand sie auf einer zugigen Werft und beobachtete mit großem Interesse einen kleinen, verrosteten Dampfer, der mitten im Strom vor Anker lag. Ein Kerl, der sich am Wasser herumtrieb, kam auf sie zu. Er witterte, daß er sich eventuell ein kleines Trinkgeld verdienen könnte. Damit hatte er auch recht, denn er konnte Mrs. Ollorby über alles mögliche informieren.

 

»Missie – wollen Sie zu dem kleinen Schiff dort hinausfahren? Ich kann Ihnen in fünf Minuten ein Boot beschaffen!«

 

»Nein«, sagte sie, »ich will nicht hinfahren.«

 

»Haben Sie Verwandte an Bord?« fragte der Mann, der sich nützlich machen wollte. »Vielleicht wollen Sie einen Brief dorthin schicken?«

 

»Was ist das für ein Kasten?« fragte Mrs. Ollorby.

 

»Das ist die ›Pretty Anne‹!« sagte er lachend. »Ein merkwürdiger Name für ein solches Schiff. Aber ich kann mich noch darauf besinnen, wie sie mit Cardiff-Kohlen fuhr. Sie war ein ebenso schönes Schiff wie alle anderen, die jemals die Themse hochkamen. Aber dann erlitt sie Schiffbruch da unten in Cornwall – sie saß auf dem Felsen auf –, und der alte Boß hat sie dann für fünfzig Pfund gekauft, wie man sagt, und er und seine beiden Söhne haben sie wieder flottgekriegt. Ich glaube, daß sie schließlich von selbst wieder flottgeworden ist bei Hochwasser.«

 

Das war also die Geschichte der ›Pretty Anne‹! Sie hatte Schiffbruch erlitten, war in Lloyds Register als totaler Verlust gestrichen und wurde dann für den Preis einer Dschunke durch Auktion an den glücklichen Eli Boß verkauft.

 

Dieser Kapitän hatte wirklich Glück, denn er war zweimal dem Zuchthaus mit knapper Not entronnen. Einmal war er angeklagt wegen vorsätzlichen Schiffbruchs und das zweitemal wegen Sacharinschmuggels.

 

»Ob ich ihn kenne?« Der Mann spuckte verächtlich ins Wasser. »Ich darf wohl sagen, daß es so ist. Aber wer kennt Eli nicht? Er ist ein ganz gemeiner Lump. Er heuert keine weißen Leute, sondern nur indische Matrosen und so ein Gemisch von Leuten, von denen man zehn für einen Penny kriegt. Er hat Geld dadurch verdient, daß er den Amerikanern Koks und dergleichen nach drüben brachte. Und er macht Geld mit allen möglichen schmutzigen Geschäften. Er bekommt niemals eine richtige Ladung, weil keiner der Auftraggeber die Versicherungssumme für das Schiff bezahlen will.«

 

Mrs. Ollorby schaute sich das Schiff mit neuerwachtem Interesse an. Ein wunderlicher Kasten mit einem Rumpf, dessen Farben vollständig verblichen waren, und einem ungewöhnlich hohen Vorderdeck mit starkem Mast. Das Schiff schien ganz ohne Proportion zu sein. Es war schrecklich verwahrlost, schmutzig und rostig. Die Farbe des Schornsteins blätterte ab. Man hätte seine ganze äußere Erscheinung für Tarnung halten können.

 

»Der Alte führt sie, einer von seinen Söhnen hilft ihm dabei, und der andere hat den Maschinenraum unter sich. Im ganzen hat er nur sechs Mann an Bord.«

 

»Unter welcher Flagge fährt er?« Mrs. Ollorby interessierte sich für das kleine, schmutzige, viereckige Stoffstück, das am Flaggmast hing.

 

»Er hat die portugiesische. Wenn er in diesem Land registriert wäre, würde man ihm nicht gestatten, aus der Themsemündung zu fahren.«

 

Aber die ›Pretty Anne‹ hatte unverkennbar auch ihre Vorzüge, wie Mrs. Ollorby jetzt erfahren sollte.

 

»Sie kann zwölf Knoten in der Stunde laufen, und ich vermute, daß man sie bis auf fünfzehn treiben kann. Aber ich glaube nicht, daß der alte Eli soviel Geld für Kohle ausgibt«, sagte der Mann geschwätzig. »Ich habe noch niemals gehört oder gesehen, daß sie im Dock war, seitdem sie der Kapitän in Cornwall aufs Land geholt hat, um ein paar neue Platten einzusetzen. Die Kessel sind seit einer Woche nicht geheizt. Man sagt, daß der alte Eli jedes Stück Kohle zählt, das in die Feuerung geworfen wird. Der Kerl ist scharf.«

 

Mrs. Ollorby gab ihm ein größeres Trinkgeld, als er jemals erwartet hatte. Als sie von der Werft kam, fand sie ein Telefonhäuschen und sprach mit ihrem Sohn.

 

»Du mußt gleich hierherkommen, Hektor«, sagte sie. »Bringe dir einen Mantel mit, denn die Nächte sind kalt. Du mußt ein wenig Wachtposten für mich stehen. Und, Hektor, höre zu: In meinem Schlafzimmer hängt im Kleiderschrank ein Feldstecher, den bringst du mit.«

 

Sie hängte den Hörer ein, wählte eine andere Nummer und diktierte ihrem wißbegierigen Polizeichef einen langen Bericht.

 

»Haben Sie irgendeine Idee, worauf die Sache hinausläuft?« fragte er.

 

Mrs. Ollorby zögerte.

 

»Ich habe allerhand Vermutungen«, sagte sie vorsichtig, »aber ich möchte warten, bis ich Tatsachen melden kann.«

 

Sie wartete fast eine Stunde lang, bis ihr Sohn kam, der sich heute besonders wichtig fühlte. Sie gab ihm genaue Instruktionen und ließ ihm Geld zurück für seine Verpflegung. Glücklicherweise konnte sie das Interesse des mitteilsamen Mannes erwecken und sicherte sich durch ein gutes Trinkgeld seine Hilfe. Er lungerte das ganze Jahr hindurch am Ufer herum und beobachtete den Strom. Diese Beschäftigung mußte ihm offenbar seinen Lebensunterhalt einbringen. Er fand sich gleich dazu bereit, mit Hektor zusammen den Dampfer im Auge zu behalten. »Ich vermute, Sie werden nicht viel sehen, Madam«, sagte er. »Vor einer Woche wird die ›Pretty Anne‹ nicht den Fluß hinunterfahren. Einer der Kohlentrimmer hat es mir erzählt, und ich will schwören, daß sie noch keine Ladung an Bord hat. Der alte Eli heizt die Kessel nicht eher, als bis er Ladung genommen hat. Ich habe noch nie gesehen, daß das Schiff die Themse mit Ballast verließ.«

 

»Ich kann ruhig ein oder zwei Wochen warten«, sagte Mrs. Ollorby vergnügt. Damit sprach sie die Wahrheit, denn sie hatte unendliche Geduld und Ausdauer.

 

Kapitel 21

 

21

 

Seine Tochter! Hope Joyner die Tochter Tiger Traynes! Dick konnte ihn nur ansehen, die Stimme versagte ihm.

 

»Niemand außer Ihnen weiß es«, fuhr Trayne fort, »nur die alte Ollorby vermutet es vielleicht.«

 

»Ihre Tochter?«

 

Trayne zuckte seine breiten Schultern.

 

»Wir wollen ein andermal darüber sprechen«, sagte er. »Ich kam, um Sie zu bitten, Hope mit mir zu retten – und noch etwas anderes. Kennen Sie einen guten Fliegeroffizier, einen Mann, dem Sie trauen können?«

 

»Ich selbst bin Flugzeugführer«, sagte Dick ruhig. »Ich glaube, daß ich eine Maschine bekommen kann. Wissen Sie, wo Hope ist?«

 

Tiger nickte.

 

»Ich möchte nichts darüber sagen – ich brauche – ein Rettungsboot für mich selbst. – Verstehen Sie, was ich meine?«

 

»Ich glaube, ich verstehe«, sagte Dick leise. »Retten Sie sich selbst, Trayne… Wollen Sie auch meinen Bruder in Sicherheit bringen?«

 

Tiger Trayne biß sich auf die Lippen.

 

»Ist er erkannt worden? Das kompliziert die Sache allerdings. Trotzdem – ich sorge mich nicht einmal um mich selbst. – Hope geht vor. Dürfen Sie den Tower verlassen?«

 

Dick überlegte rasch. »Ich glaube, ja«, sagte er, »aber ich werde den Oberst fragen müssen. Wollen Sie mit mir kommen?«

 

Trayne antwortete nicht, aber er folgte ihm die Treppe hinunter und quer über den Platz bis zur Wohnung des Obersten. Der Polizist wartete oben an der Treppe, er hatte sie nicht belauschen können. Auf dem Weg sprach keiner von ihnen.

 

Dick ließ ihn draußen warten und trat in das Haus. Tiger ging auf und ab, als wäre er eine Schildwache, die den Tower bewachen sollte. Fünf Minuten, zehn Minuten vergingen, dann sah er, wie sich eine Gardine bewegte. Er hielt an und blickte hinauf. Lady Cynthia starrte auf ihn nieder. Erstaunen und Furcht malten sich auf ihren Zügen. Sie verschwand sofort wieder. Einige Sekunden darauf öffnete sich die Tür, und sie kam heraus.

 

»Was willst du hier?« Ihre Stimme klang abgerissen, und er sah, wie sich ihre Brust hob und senkte.

 

»Hope Joyner ist entführt worden!«

 

»Hope Joyner?« fragte sie. Sie wiederholte die Worte langsam. »Oh, mein Gott! Sie–«

 

»Hope Joyner ist meine Tochter!« sagte er. »Ich habe sie meinem Leben ferngehalten und habe ihr die Stellung und den Luxus einer Dame gegeben. Immer habe ich nach ihr gesehen und für sie gesorgt – von dem Tag an, als ich sie der verbrecherischen Frau abnahm, der ihre Rabenmutter sie übergeben hatte. Hope Joyner!« Seine Stimme wurde rauh. »Wessen Familie ist nicht gut genug für die Tochter der Frau des Oberst Ruislip? Erinnere dich daran, Cynthia!«

 

Sie streckte ihre Hände gegen die Wand des Hauses aus, um sich zu halten. Sie war kreidebleich, ihre Knie trugen sie kaum noch.

 

»Ein Mensch mit Namen Warrington hat sie entführt. Sie ist auf dem Weg nach Kishlastan – und ich glaube das Schiff zu kennen. Nun sei nicht töricht.« Seine Stimme wurde weicher und freundlicher. Sie sah ihn an und nickte.

 

»Ich will wieder ins Haus zurück«, sagte sie schwach. Sie konnte kaum gehen, ihre Füße waren so schwer wie Blei. Bevor sie in der Tür verschwand, wandte sie sich noch einmal um. »Du wirst mir sagen – was sich ereignet?«

 

»Ich werde dir Nachricht zukommen lassen«, sagte er. In diesem Augenblick kam Dick zurück.

 

»Es ist alles in Ordnung.« Er bemerkte Lady Cynthia kaum. »Der Oberst war so unbeweglich wie ein Backstein. Glücklicherweise war jemand von der Regierung bei ihm.«

 

»Was sagten Sie ihnen?« fragte Trayne, als sie eilig ausschritten. Der Polizist hatte Mühe, ihnen zu folgen.

 

»Ich deutete an, daß Sie eventuell die Krone zurückbringen könnten, und damit waren sie natürlich auf meiner Seite. Die Zeitungen wissen noch nichts von der Sache. Man würde alles auf der Welt dafür geben, wenn man der Presse nichts mitteilen müßte.«

 

In höchster Eile raste Traynes Wagen nach Kenley, dem nächsten Militärflugplatz. Der Kommandant war telefonisch von ihrer Ankunft verständigt. Ein Flugzeug des Küstendienstes stand startbereit für sie.

 

Fünf Minuten nach ihrer Ankunft erhob sich die kleine Maschine zum Himmel.

 

Kapitel 22

 

22

 

Graham Hallowell war froh, als er zu seiner Kabine zurückkehren konnte. Im Vergleich zu dem dunklen, nassen Deck bot sie einen angenehmen, gemütlichen Aufenthalt. Er schloß die Tür hinter sich und sah nach Colley. Der Mann saß in einer Ecke des dunklen Gelasses, das Gesicht in den Händen vergraben. Er schaute auf, als Graham eintrat. Seine Zähne klapperten.

 

»Ich dachte, es wäre dieser schreckliche Kerl!« sagte er. »Wo haben sie Hope untergebracht?«

 

»Ich weiß es nicht.«

 

»Ich sollte die Kabine an der Backbordseite haben. Welches ist die Backbordseite?«

 

Graham hielt es für unnötig, eine so kindliche Frage zu beantworten. Er schloß die Tür in der Zwischenwand.

 

»Sie würden sich besser in mein – Staatszimmer setzen«, sagte er ohne große Begeisterung. »Ich gehe wieder nach draußen, aber ich werde die Tür zuschließen. Sie haben also nichts zu befürchten.«

 

»Was wollen Sie draußen tun?« fragte Colley.

 

»Ich weiß es noch nicht, aber dieser Kerl muß Hope an Land setzen, was auch geschehen mag.«

 

Er trat wieder auf den Gang hinaus, schloß sorgfältig ab und stellte weitere Nachforschungen an. Zuerst untersuchte er die Kabine, die auf derselben Seite des Schiffes lag, und als er hier keine Spur von Hope Joyner fand, ging er zum Deck zurück, um nach dem anderen Gang zu gelangen, der die ganze Länge des Oberbaues durchlief. Aber überrascht hielt er an. Der Gang an der anderen Seite war durch eine eiserne Tür verschlossen, die von innen festgemacht war.

 

Er stieg die Leiter hinauf, die zu dem kleinen Bootsdeck führte, und tastete sich behutsam vorwärts, bis er unter dem Dachvorsprung der kleinen Kommandobrücke war. An einer Seite der Brücke sah er zwei Gestalten, aber sie hatten ihn noch nicht entdeckt.

 

Er hielt sich unter der Brücke und ging auf die andere Seite. Eine Treppe führte von dort zum Vorderdeck, aber er sah sofort, daß man ihn beobachten konnte, wenn er hinunterging. So ließ er sich langsam neben der Treppe auf das untere Wellendeck hinunter. Das Manöver glückte, die Eingangstür zum Gang stand offen.

 

Das kleine Schiff schaukelte jetzt wie ein Spielzeug in dem starken Wind. Er wurde von einer Seite des Ganges zur andern geworfen, aber glücklicherweise machte es ihm nichts aus. Er fühlte sich nicht seekrank.

 

Die erste Kabine, die er fand, war wohl von den beiden Brüdern belegt. Es war ein schreckliches Loch, schmutzige Bettücher und halbnasse Ölkleidung lagen umher. Zwei leere Flaschen rollten bei jeder Bewegung des Schiffes von einer Wand zur anderen. Der nächste Raum gehörte dem Kapitän. Er war größer, aber genauso unsauber und unordentlich wie der vorhergehende. Die dritte und letzte Kabine war abgeschlossen. Er versuchte leise die Tür zu öffnen. Als das nicht ging, beugte er sich vor und schaute durch das Schlüsselloch. Drinnen rührte sich nichts. Der Raum war dunkel. Wenn er klopfte, würde das Hope zu sehr erschrecken, und außerdem brachte es keinen Vorteil.

 

Nach ein paar Schritten kam er zu der eisernen Tür, die auf das hintere Wellendeck führte. Sie war oben und unten fest zugeriegelt. Er zog die Riegel zurück, öffnete und ging auf das Deck. Die Tür schloß er wieder hinter sich zu.

 

Er sah niemand, nicht einmal einen Matrosen. Offensichtlich war die ganze Besatzung im Maschinenraum beschäftigt. Die ›Pretty Anne‹ hatte überhaupt keine Matrosen, die oben an Deck arbeiteten.

 

Als Graham zurückkam, um ein paar Bettücher und Kissen zu holen, war der lahme, seekranke Colley in die innere, dunkle Kabine zurückgekrochen. Er schloß seinen elenden Gefährten ein und ging zu dem Gang an der Backbordseite zurück. Dann befestigte er die Eisentür, setzte sich in eine Ecke und fiel in einen unruhigen Schlaf.

 

Er hörte nicht, daß Eli Boß kam, auch nicht, daß eine Tür geöffnet wurde. Aber das Mädchen, das auf dem Feldbett zusammengekauert lag, sprang sofort auf die Füße, als sie ein Knacken im Schlüsselloch hörte.

 

»Nun laß dich mal ansehen!«

 

Boß hatte die Tür hinter sich geschlossen – von diesem Geräusch wachte Graham auf…

 

Hope Joyner stand neben dem Bett. Sie hielt sich an dem hölzernen Seitenteil der Lagerstatt fest und beobachtete ruhig das schreckliche Gesicht, das ihr entgegenstarrte. Der Kapitän hatte die Laterne an einen Haken gehängt und begaffte das anmutige Mädchen. So etwas hatte er nicht erwartet. Sie sah, wie seine blauen, runden Augen immer größer und begehrlicher wurden. Doch selbst als seine große, schmutzige Hand sich nach ihrem Gesicht ausstreckte, zuckte sie nicht zurück. Sie schrie sogar nicht einmal, als er ihre weiche Wange berührte.

 

»Eine schöne junge Frau – ich habe noch nie so etwas gesehen wie dich – wie Seide fühlst du dich an.«

 

Jetzt schrak sie vor seinen ungeschlachten Händen zurück, mit denen er sie liebkosen wollte. Der Anblick ihrer Furcht schien ihn verrückt zu machen, denn unvermittelt griff er nach ihren Schultern und zog sie an sich.

 

»Bist ein schönes Mädchen«, flüsterte er heiser.

 

Etwas Hartes preßte sich plötzlich in die Mitte seines Rückens. Er ließ Hope los und drehte sich langsam um. Dabei kam das spitze Ding nach vorn auf seinen Körper. Er sah zuerst auf die Pistole und dann in Grahams ernstes Gesicht.

 

»Was wollen Sie?« fragte er und atmete schwer. »Ich dachte, Sie hätten keine Pistole –«

 

Als Antwort zeigte Graham mit dem Kopf nach der Tür.

 

»Was wollen Sie?« fragte Boß noch einmal.

 

Die Mündung der Pistole drückte sich gegen seinen Leib. Wenn er seine Hände heruntergenommen hätte, wäre das sein Tod gewesen, das wußte er… »Ich dachte, Sie hätten keine Pistole –«

 

»Gehen Sie hinaus«, sagte Graham kurz.

 

Der große Mann zögerte, aber dann ging er schwerfällig und langsam zur Tür. Er war kaum zwei Schritt davon entfernt, als er plötzlich hinausspringen wollte. Aber Graham hatte das erwartet und war draußen im Gang, bevor der andere die Tür schließen konnte.

 

»Boß, ich schieße Sie nieder wie einen Hund, wenn Sie mir noch weitere Schwierigkeiten machen. Ich lege Sie um und werfe Sie über die Reling. Ihre verdammten Söhne werden niemals erfahren, was aus Ihnen geworden ist! Colley Warrington ist in meiner Kabine. Was, da schauen Sie! Eine Anklage wegen Mordversuchs steht Ihnen auch noch bevor!«

 

»Was wollen Sie?« Eli Boß war nicht sehr beredt.

 

»Das werde ich Ihnen später sagen! Gehen Sie zur Brücke zurück und lassen Sie den Schlüssel hier!«

 

Graham nahm den Schlüssel aus der Tür und steckte ihn in die Tasche. Ohne ein Wort zu sagen, ging der Alte fort und verschwand in der Dunkelheit. Im Augenblick hatte Graham die Tür geöffnet und winkte Hope.

 

»Sie werden viel sicherer in meiner Kabine sein. Ich bin Graham Hallowell – Sie haben das wohl vermutet?«

 

Sie nickte.

 

»Es wäre gut, wenn Sie ein Bettuch und ein Kissen mitnehmen. Morgen will ich besser für Sie sorgen.«

 

Sie tat, was er sagte, und nahm beides mit sich. Graham mußte die Hände frei haben, um einem möglichen Angriff zu begegnen. Aber niemand trat ihnen in den Weg, und in ein paar Minuten waren sie in seinem Raum.

 

»Nein, ich bin nicht krank«, sagte sie. »Ich fühle mich nur so schrecklich elend! Ich glaube, man hat mir Chloroform gegeben.«

 

Er bat sie, sich auf das Lager zu legen, und deckte sie mit einem Bettuch zu. Obwohl sie vorgab, nicht müde zu sein, fiel sie doch gleich in Schlaf, als sie die Augen schloß, und ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig.

 

Graham setzte sich nieder, um die ganze Lage zu überdenken. In der inneren Kabine lag Colley Warrington, der vor Erschöpfung ebenfalls in Schlaf gefallen war – ein nutzloser Ballast. Beinahe eine Stunde saß er so, dachte nach, machte Pläne und bereute… Dann erhob er sich steif, schloß den Geldschrank auf und nahm den großen Kasten heraus. Er war mit einer Sprungfeder geschlossen. Als er dann drückte, öffnete sich der Deckel. Der Anblick, der sich ihm bot, war so schön, daß ihm der Atem verging. Er hob die Krone vorsichtig hoch und nahm sie in die Hand. Dann begann er nervös zu lachen.

 

»Wie seltsam! Wie verdammt seltsam!« sagte er.

 

Er riß sich zusammen, legte das Juwel wieder an seine Stelle, machte den Kasten zu und verbarg ihn in dem Geldschrank. Die Sache kostete ihn zehn, vielleicht auch zwanzig Jahre Gefängnis. Aber sein Entschluß war gefaßt, und wenn er den Rest seines Lebens hinter Mauern zubringen müßte, die Spitze der ›Pretty Anne‹ würde bei Tagesanbruch nach der Küste zeigen. Es mußte eigentlich schon hell werden. Mit großer Anstrengung schraubte er die Sicherheitsdeckel von den Fenstern. Dabei mußte er sich notwendigerweise über das schlafende Mädchen beugen. Sie erwachte mit einem leisen Schrei.

 

»Es ist alles in Ordnung«, sagte er. »Ich mache nur Licht und will etwas frische Luft in diesen schrecklichen Raum lassen.«

 

»Entschuldigen Sie, ich muß geträumt haben.«

 

»Schlafen Sie ruhig weiter«, sagte er. Aber dazu war sie jetzt zu unruhig. »Können wir nicht nach draußen gehen? Mir wird schlecht, wenn wir es nicht tun«, bat sie.

 

Graham zögerte.

 

»Gewiß«, sagte er dann und schloß die Tür auf. Er führte sie durch den Gang und nach dem hinteren Deck.

 

Sie hielt sich am Geländer fest und zog begierig die reine, frische Seeluft ein. Niemand war hier. Graham kletterte vorsichtig die Leiter in die Höhe und schaute über das obere Deck. Von Eli Boß war keine Spur zu entdecken. Aber er konnte einen Mann sehen und erkannte ihn als einen der Söhne des Kapitäns. Er lehnte vorn, auf das Geländer der Kommandobrücke gestützt.

 

Mit ein paar Worten erzählte ihm Hope, wie sie an Bord gekommen war, und er konnte ihre Angaben ergänzen.

 

»Nach Indien? Wie fürchterlich!« Als ihr die Lösung des Rätsels plötzlich klarwurde, fragte sie: »Steht der Fürst hinter der ganzen Sache?«

 

»Ich vermute es«, sagte Graham kurz. »Aber wir werden nicht nach Indien fahren. Sobald Sie wieder in der Kabine sind, spreche ich mit Eli Boß. Seine Pläne werden sich eben ein wenig ändern – und dann…«

 

Ein Bootshaken, von unsicherer Hand geworfen, flog an seinem Kopf vorbei und schlug ihm auf die Schulter. Er stöhnte vor Schmerz und drehte sich schnell um. Er sah gerade noch, wie sich die Gestalt von Eli Boß über das Bootsdeck erhob, gefolgt von zwei Kerlen seiner Besatzung. Der erste Schuß Grahams ließ den Neger in die Knie sinken. Bevor er wieder feuern konnte, sprang der Kapitän zur Seite und verschwand in der engen Tür, die in den Gang auf der Backbordseite führte. Er wütete. Der zweite Matrose schrie laut auf, floh in den Gang auf der Steuerbordseite und warf die eiserne Tür hinter sich zu. Graham drückte gegen den Türflügel, aber bevor er ihn aufzwängen konnte, hörte er, wie die Riegel vorgelegt wurden.

 

Er war von seiner Kabine und der Krone abgesperrt!

 

Er versuchte, in den unteren Gang einzudringen, aber auch hier war der Eingang geschlossen. Der einzige Weg, der übrigblieb, war die Leiter zum Bootsdeck. Er ging zwei Schritte in die Höhe, aber sein Kopf war kaum über dem Deck erschienen, als ein Geschoß an seinem Ohr vorbeipfiff. Der ohrenbetäubende Knall eines Gewehrschusses ertönte.

 

Dann vernahm er andere Geräusche. Jemand hämmerte an die Tür seiner Kabine. Er hörte den Klang einer tiefen, haßerfüllten Stimme und einen schrecklichen Schrei wie der Ruf eines Tieres in Todesangst – dann Schweigen.

 

Das Gesicht Hopes wurde bleich.

 

»Was war das?« fragte sie hastig. »Etwas Schreckliches muß geschehen sein!«

 

»Das Schrecklichste ist, daß Sie hier auf diesem elenden Schiff sind!« entgegnete er.

 

Er setzte sich an der Leeseite nieder und unternahm einen neuen Versuch. Er wickelte seinen Rock zusammen und hob ihn vorsichtig über die Spitze des Decks. Sofort krachte wieder ein Schuß, etwas streifte den Rock, und ein abgepralltes Geschoß summte über seinen Kopf.

 

»Also so liegt die Sache«, sagte er ruhig, als er auf das Deck ging. »Wir sind in einer Falle gefangen, wenn nicht –«

 

Er schaute auf die großen Luken, die die hintere Ladeöffnung bedeckten. Er schloß aus den heftigen Bewegungen des Schiffs, daß der Dampfer fast leer sei. Er glaubte zu erkennen, daß das Hinterdeck die Unterkunftsräume der Schiffsbesatzung enthielt. Aber um dahin zu kommen, mußte er wieder durch die Feuerzone der Schützen vor der Kommandobrücke.

 

»Ich bin schrecklich hungrig und durstig«, sagte Hope. »Könnte ich nicht etwas Wasser bekommen?«

 

In der Nacht hatte es heftig geregnet, und ein kleiner Teich hatte sich auf der Segeltuchdecke gebildet, mit der die Ladeluke zugedeckt war.

 

»Es wird nicht sehr schmackhaft sein, aber versuchen Sie es einmal«, riet er. »Halten Sie sich aber so dicht wie möglich an der Wand.«

 

Das Wasser war frisch, wie sie ihm sagte, und nachdem sie ihren Durst gelöscht hatte, suchte sie in ihren Taschen, in der Hoffnung, etwas Eßbares zu finden.

 

Auf dem Kanal war starker Verkehr. Ein großer Hamburg-Dampfer fuhr in Schußweite an ihnen vorbei, aber Graham konnte sich nicht verständlich machen. Er versuchte, mit seiner Taschenlampe ein Lichtsignal zu senden, aber der Schein der Lampe war zu schwach.

 

Plötzlich hörte er ein Plätschern und spähte über das Seitengeländer. Am Dampfer trieb etwas vorbei, drehte sich im Wirbel und verschwand in dem weißen Schaum der ›Pretty Anne‹.

 

»Was haben Sie gesehen?« fragte Hope.

 

»Nichts«, sagte Graham. Er hatte das Gesicht Colley Warringtons erkannt, dessen Körper zerschmettert über Bord geworfen worden war.

 

Es wurde elf, und es wurde zwölf. – Ein Uhr kam. Der Geruch gekochter Speisen drang zu ihnen.

 

»Wir müssen warten, bis es dunkel wird. Erst dann kann ich zur Brücke vordringen«, sagte er heiser.

 

Sie sah ihn neugierig an, und er wunderte sich, was sie wohl denken mochte. Jetzt sprach sie: »Sie sehen Dick sehr ähnlich.«

 

»Zu ähnlich!« antwortete er.

 

Beinahe hätte er ihr das Abenteuer der letzten Nacht erzählt, aber er dachte, es sei besser, daß sie die Wahrheit von jemand erfahre, der keinen Versuch machte, seine Handlungsweise zu entschuldigen.

 

Wo war Dick eigentlich? fragte er sich und begann fast Reue zu empfinden über den Kummer, den er über seinen Bruder gebracht hatte. Seine eigene Lage war jedoch zu verzweifelt und ließ ihm keine Zeit über das Unglück anderer nachzudenken.

 

Es war zehn Minuten nach eins, als er auf seine Uhr sah. Da kam ein Geräusch vom Deck her. Es wurde etwas über die Eisenplatten gerollt. Er sah ein großes Faß oben an der Treppe und dachte zuerst, daß man den Versuch machte, einen Angriff seinerseits auf das Oberdeck zu verhindern. Plötzlich kollerte das Faß aber langsam nach unten. Er hatte gerade noch Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, als es krachend auf das Deck aufschlug. Als er sich kurz umsah, bemerkte er, wie sich Hope gegen die Reling drückte. Dann fühlte er einen brennenden Schmerz in seinem linken Arm. Jetzt verstand er das Manöver – man hatte ihn aus der Deckung gelockt. Den ersten, der von der Brücke aus auf ihn zukam, konnte er noch niederschießen, aber dann waren sie über ihm – ein halbes Dutzend unbeschreiblicher Kerle. Mit Knüppeln und Messern schlugen und hackten sie auf ihn ein. Er riß sich los, schlug und schoß. Er sah, wie Eli Boß sich mit der Hand an die Kehle fuhr und mit einem Schuß in den Hals umfiel. Aber es waren zu viele. Auch von der Brücke wurde nach ihm geschossen. Die Kugeln schlugen gegen die eisernen Platten des Deckhauses hinter ihm. Wieder fühlte er den schrecklichen Schmerz in seinem linken Arm. In seiner Verzweiflung biß er die Zähne zusammen und schoß auf die Gestalt auf der Brücke – sah sie taumeln und fallen. Dann stürzte sich ein schwarzer Heizer auf ihn. Der Mann schrie gellend und war halb verrückt vor Wut und Angst. Graham stürzte nieder unter der erdrückenden Masse brutaler Menschen, die nichts anderes im Sinne hatten, als sein Leben…

 

*

 

Das kleine Flugzeug hatte die grüne Landschaft von Kent hinter sich, überflog den weißen Strich der Brandung an der Küste und kam dann auf die graublaue See hinaus. Unten sah man Schiffe und die Linien ihres Kielwassers, die sie in das Meer zeichneten. Einige fuhren zur Themsemündung, andere in entgegengesetzter Richtung, manche auf die französische Küste zu. Aus der Höhe gesehen, schienen sie sich kaum fortzubewegen. Einmal bemerkten sie auch ein Schiff, das der Beschreibung der ›Pretty Anne‹ zu entsprechen schien, und gingen dicht über ihm herunter. Aber es war ein großer Passagierdampfer. Das Flugzeug streifte rechts und links den Kanal ab, aber man konnte nichts von der ›Pretty Anne‹ entdecken.

 

»Das ist sie!« ertönte plötzlich eine Stimme an Dicks Ohr, und er sah ein kleines Fahrzeug unter sich, von der Sonne hell beschienen. Selbst von der Höhe aus glaubte er zu erkennen, daß das Schiff in Not war. »Die ›Pretty Anne‹!« rief Trayne, so laut er konnte, und zeigte wieder nach unten.

 

Dick hatte nur ein paar Sekunden, um einen Entschluß zu fassen. Sich direkt auf das Deck niederzulassen, hatte keinen Zweck. Das wäre sicherer Untergang gewesen. Man hätte erwarten müssen, daß Eli Boß und seine Kumpane sie als Zielscheibe benützt haben würden. Es blieb ihm nur eins übrig. Er spähte nach dem Zerstörer aus, der Befehl erhalten hatte, auszufahren und ihn draußen auf See zu treffen; aber er war noch nicht in Sicht.

 

»Ich werde sie einnebeln«, sagte Dick.

 

Er griff in die Bereitschaftskiste, entnahm ihr zwei handliche Tränengasbomben und warf sie über Bord.

 

»Machen Sie sich bereit zu springen!«

 

Dick drosselte den Motor. Die Maschine sackte langsam ab. Wenige Meter über Deck sprangen die beiden Insassen aus dem Flugzeug. Dann gab es einen furchtbaren, donnerähnlichen Krach, die beiden Flügel der Maschine zerschellten zwischen Schornstein und Kommandobrücke.

 

Das Tränengas hatte sich durch den steifen Seewind bereits verzogen. Tiger Trayne lag nach dem Absprung einen Augenblick besinnungslos am Boden. Als er wieder auf den Füßen stand, sah er Dick Hallowell nach hinten rennen, hörte das scharfe Krachen einer Pistole und folgte ihm auf dem Fuß. Der erste Mann, den er erkannte, war Eli Boß. Sein grauer Bart war rot und mit Blut verklebt. Seine schrecklichen Augen blickten wie irrsinnig.

 

»Wo ist Miss Joyner?«

 

Eli zeigte schwach nach unten, und als Tiger Trayne über das Geländer blickte, sah er das weiße Gesicht des Mädchens, das in einer Ecke des Decks zusammengekauert lag. Sie war ohnmächtig geworden. Er sprang die Treppe hinunter und hob die bewegungslose Gestalt auf, streichelte ihr Gesicht und sprach in zärtlichen, abgerissenen Worten zu ihr –

 

»Sie haben Graham niedergeschlagen!«

 

Er sah über die Schulter zu Dick Hallowell.

 

»Niedergeschlagen … Graham? Wo ist er? Nehmen Sie sie.«

 

Dicks Arme schlossen sich um Hope, und Tiger Trayne näherte sich der reglosen Gestalt auf dem Hinterdeck.

 

Es sah so aus, als ob Graham Hallowell nur noch ein paar Stunden zu leben hätte. Er lag bewegungslos in einer großen Blutlache, und Trayne dachte zuerst, er sei tot. Er beugte sich nieder und untersuchte ihn kurz. Einige Jahre hindurch hatte Tiger Trayne ein großes Londoner Hospital als Arzt geleitet. Er erkannte aber, daß die einzige Gefahr der zerschmetterte Arm war. Er band ihn schnell ab, um die Blutung zu stillen. Dann stieg er auf das obere Deck. Die Maschinen der ›Pretty Anne‹ standen still. Das Oberdeck sah durch die Bruchlandung sehr mitgenommen aus. Der Schornstein zeigte seitwärts ein großes ausgezacktes Loch, aus dem in dicken Schwaden der Rauch hervorquoll. Sämtliche Scheiben der Kommandobrücke waren zersplittert.

 

Die Leute, die Graham angegriffen hatten, lagen selbst schwer verwundet umher oder waren in ihre Kojen verschwunden. Der alte Eli Boß wurde von seinem Sohn verbunden. Sie waren in der Nähe der zertrümmerten Schiffsbrücke. Neben ihnen lag ein Toter, es war Joab Boß, den Graham mit seinem letzten verzweifelten Schuß niedergestreckt hatte.

 

»Wo ist Warrington?« fragte Trayne.

 

»Weiß ich nicht«, gurgelte der Kapitän.

 

Trayne sah sich um.

 

»Ob wir wohl dieses Boot ins Wasser bringen können?« fragte er Dick Hallowell.

 

Es war das kleine Motorboot, in dem man Hope von London aus auf das Schiff gebracht hatte. Die Krane schwangen noch nach außen. Es war einigermaßen schwierig, die Reste der Schiffsmannschaft zusammenzubringen, aber nach einer Weile war das Boot aufs Wasser gelassen und trieb neben dem Wellendeck. Aber es war nicht nötig, eine so waghalsige Fahrt zu machen. Der Zerstörer war in Sicht gekommen und näherte sich schnell. Bald war er so dicht bei ihnen, daß man das Rasseln des Maschinentelegrafen hören konnte, als der Kapitän stoppen ließ …

 

Kapitel 23

 

23

 

Es ist ein alter Grundsatz, daß Regierungen über dem bürgerlichen Gesetz stehen. Vier Leute warteten in verschiedener Stimmung, daß sich die zermalmenden Räder der Gerechtigkeit in Bewegung setzten. Graham Hallowell war sehr schwach – und gleichgültig gegen seine Umgebung, als er sich langsam wieder erholte. Er hatte nur eine Klage.

 

»Es wäre fürchterlich, wenn ich jetzt, wo ich dich erst richtig kennengelernt habe, Diana, wieder ins Gefängnis müßte.«

 

Sie lächelte ihn an.

 

»Das wird nicht geschehen, Graham«, sagte sie. »Ich fühle, daß es nicht geschehen kann. Sie haben ja ihre Krone zurück, und kein Wort davon ist in die Zeitung gekommen. Ich glaube nicht, daß sie jetzt noch einen Prozeß anstrengen werden. Aber wenn sie es doch tun sollten –«

 

Sie vollendete den Satz nicht. Sie wußte, daß das Leben keinen Wert mehr für sie hatte, wenn man ihr dieses neue, tiefe Gefühl für Graham nahm.

 

Tiger Trayne wußte, daß er dauernd von der Polizei beobachtet wurde, aber er wartete mit der Ruhe eines Mannes, der sehr viel weiß. Jeden Morgen, wenn der Diener ihm die Zeitung brachte, schaute er nach dem Wetterbericht. Zum Frühstück beklagte er sich wie stets über die Qualität des Kaffees. Wenn er ausging, folgte ihm ein Schatten, aber das störte seinen Gleichmut und seine gute Stimmung nicht.

 

Dick Hallowell war ärgerlicher denn je, obgleich er von seinem Vorgesetzten informiert worden war, daß der Vorfall als abgeschlossen betrachtet wurde.

 

Da machte ihm Lady Cynthia eines Nachmittags einen unerwarteten Besuch.

 

»Ich habe Sie gestern abend im Ritz gesehen«, sagte sie. »Sicherlich war die reizende junge Dame Hope Joyner?«

 

»Jawohl, gnädige Frau«, sagte Dick kurz.

 

»Wann werden Sie mit ihr Ihren Besuch bei mir machen?«

 

Dick warf ihr einen überraschten Blick zu.

 

»Ich wußte nicht, daß Sie Hope wirklich sehen wollen, Lady Cynthia.«

 

Doch sie nickte ihm freundlich zu.

 

»Ich möchte die Bräute doch kennenlernen, bevor sie ins Regiment kommen. Sie kommt doch?«

 

»Ich nehme meinen Abschied, Lady Cynthia.«

 

»Das werden Sie nicht tun«, entgegnete sie in ihrer alten, würdevollen Haltung. »Ich würde mich sehr freuen, wenn Hope zu uns käme. Ich möchte ihr eine – eine Mutter sein.«

 

So viel Zärtlichkeit lag in dem Ton ihrer Stimme, daß Dick nur noch verwundert den Kopf schütteln konnte.

 

*

 

ENDE