Das Scharmützel

Der Aufenthalt in Noyon war kurz. Alle schliefen gut und fest. Raoul hatte Befehl gegeben, ihn zu wecken, wenn Grimaud ankäme; aber Grimaud kam nicht. Nach einer vorzüglichen Nachtruhe brachen sie gemeinsam um einhalb sechs Uhr auf und hatten um sechs bereits zwei Meilen zurückgelegt.

Die Unterhaltung des jungen Grafen war äußerst anziehend für Raoul. Dieser hörte zu, und der junge Graf erzählte fortwährend. Er war in Paris, das Raoul nur ein einziges Mal gesehen hatte, an einem Hof, an dem Raoul nie gewesen war, erzogen worden, und so bildeten seine Pagenstreiche und zwei Duelle, die er bereits trotz der Edikte und trotz seines Hofmeisters ausgefochten hatte, Dinge vom höchsten Interesse für Raoul. Raoul war nur bei Herrn Scarron gewesen; er nannte Guiche die Personen, die er dort gesehen hatte. Guiche kannte sie alle: Fräulein d’Aubigné, Fräulein von Scudery, Fräulein Paulet, Frau von Chevreuse. Alle traf sein geistreicher Spott, und Raoul dachte mit Zittern, er könnte auch über Frau von Chevreuse spotten, für die er eine wahre und tiefe Sympathie hegte; aber war es nun Instinkt oder Vorliebe für die Herzogin von Chevreuse, der Graf sagte alles mögliche Gute von ihr. Die Freundschaft Raouls verdoppelte sich durch diese Lobeserhebungen.

Dann kam das Kapitel der Galanterien und Liebschaften. In dieser Beziehung hatte Bragelonne auch mehr zu hören, als zu sagen. Er hörte also und glaubte aus zwei bis drei ziemlich durchsichtigen Abenteuern zu erkennen, daß der Graf gleich ihm im Grunde seines Herzens ein Geheimnis verberge.

Guiche war, wie gesagt, am Hofe erzogen worden, und die Intrigen des ganzen Hauses waren ihm bekannt. Es war wohl derselbe Hof, über den Raoul den Grafen de la Fère hatte sprechen hören; nur hatte sich dieser Hof seit der Zeit, wo ihn Athos selbst gesehen, gewaltig verändert. Alles, was der Graf erzählte, war daher neu für seinen Reisegefährten. Spöttisch und witzig ließ der junge Graf alle Revue passieren. Er erzählte von den ehemaligen Liebschaften von Frau von Longueville mit Coligny und dem Duell des letzteren auf der Place Royale, das für ihn ein so unseliges Ende nahm; von den neuen Liebschaften der Frau von Longueville mit dem Prinzen von Marsillac, der, wie man erzählte, so eifersüchtig war, daß er alle Welt umbringen wollte, sogar seinen Beichtiger, den Abbé d’Herblay.

Der Tag ging rasch wie eine Stunde vorüber; der Hofmeister des Grafen, ein Lebe- und Weltmann, dabei bis unter die Zähne gelehrt, wie sein Zögling sagte, erinnerte Raoul wiederholt an die gründliche Bildung und den geistreichen, beißenden Witz von Athos. Was Anmut, Zartheit und Adel der äußeren Erscheinung betraf, so kam freilich niemand dem Grafen de la Fère gleich.

Mehr geschont, als am Tage zuvor, hielten die Pferde gegen vier Uhr abends in Arras an. Man näherte sich dem Kriegsschauplatz und beschloß, bis am andern Tage in dieser Stadt zu bleiben, da spanische Abteilungen zuweilen nachts Streifzüge bis in die Gegend von Arras machten.

Das französische Heer marschierte gegen Douai zurück und dehnte sich von Pont-à-Marc bis Valenciennes aus. Der Prinz selbst sollte in Bethune sein.

Das feindliche Heer erstreckte sich von Cassel bis Kortryk, und da es sich aller denkbaren Plünderungen und Gewalttaten schuldig machte, so verließen die armen Bewohner der Flecken ihre Wohnungen und suchten Zuflucht in den befestigten Städten.

Man sprach von einer nahe bevorstehenden Schlacht, die entscheidend werden sollte, während der Prinz bisher nur in Erwartung von Verstärkungen, die ihm zukommen sollten, manövriert hatte. Die jungen Leute freuten sich, gerade zu rechter Zeit anzukommen.

Sie speisten miteinander zu Nacht und schliefen in demselben Zimmer. Sie waren im Alter rascher Freundschaften, und es kam ihnen vor, als kennten sie sich seit ihrer Geburt, und als wäre es ihnen unmöglich, sich je wieder zu verlassen.

Am nächsten Morgen verbreitete sich das Gerücht, der Prinz von Condé habe Bethune geräumt, um sich nach Carvin zurückzuziehen, jedoch in ersterer Stadt eine Garnison gelassen. Da aber die Nachricht unbestimmt war, so beschlossen die jungen Leute, ihren Weg nach Bethune fortzusetzen, um dann, je nach den weiteren Ermittelungen, unterwegs schräg abzuschwenken und nach Carvin zu reiten.

Der Hofmeister des Grafen von Guiche kannte die Gegend ganz genau. Er schlug daher einen Weg vor, der die Mitte zwischen der Straße nach Lens und der nach Bethune hielt, wobei man in Ablain Erkundigungen einziehen sollte. Für Grimaud wurde eine Marschroute zurückgelassen.

Man brach um sieben Uhr morgens auf. Guiche, der jung und begeistert war, sprach zu Raoul: Wir sind drei Herren und drei Knechte; unsere Knechte sind gut bewaffnet. Wir bilden also sechs schlagfertige Männer. Wenn wir eine kleine Truppe, der unsrigen an Anzahl gleich oder sogar überlegen, träfen, würden wir sie nicht angreifen, Raoul?

Holla! Ihr jungen Leute, holla! sprach der Hofmeister, sich ins Gespräch mischend. Nur nicht gar zu rasch! Gottes Blut! Und meine Instruktionen, Herr Graf? Vergeßt Ihr, daß ich Befehl habe, Euch gesund und wohlbehalten zum Prinzen zu führen? Seid Ihr einmal bei dem Heere, so mögt Ihr Euch töten lassen, wann es Euch Vergnügen macht. Aber bis dahin erkläre ich Euch, daß ich in meiner Eigenschaft als Heerführer den Rückzug befehle und bei der ersten Hutfeder, die ich erblicke, den Rücken kehre.

Guiche und Raoul schielten sich lächelnd an. Die Gegend belebte sich nun ziemlich, und man traf von Zeit zu Zeit kleine Gruppen von Bauern, die, ihr Vieh vor sich hertreibend und ihre kostbarsten Gegenstände in Karren führend oder aus den Armen tragend, sich zurückzogen.

In Ablain erfuhren sie, der Prinz habe sich wirklich von Bethune entfernt und halte sich zwischen Cambrin und Venthie. Man schlug nun, beständig eine Anweisung für Grimand zurücklassend, einen Querweg ein, der in einer halben Stunde ans Ufer eines schmalen Baches führte, der sich in die Lys ergießt.

Das Land war von zahlreichen Tälern durchschnitten, und man kam häufig durch kleine Gehölze, in denen der Hofmeister aus Furcht vor einem Hinterhalt stets zwei Lakaien des Grafen als Vorhut an der Spitze reiten ließ. Der Hofmeister selbst und die jungen Leute stellten das Armeekorps vor, und Olivain bewachte, den Karabiner auf dem Knie haltend und mit lauerndem Auge, den Rücken.

Jetzt erblickte man ein ziemlich dichtes Gehölz am Horizont. Hundert Schritte davor traf Herr d’Arminges seine gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln und schickte die zwei Lakaien des Grafen voraus.

Die Lakaien verschwanden unter den Bäumen, die jungen Leute und der Hofmeister folgten lachend und plaudernd ungefähr auf hundert Schritte. Olivain hielt sich in gleicher Entfernung hinter ihnen, als plötzlich fünf bis sechs Musketenschüsse erklangen. Der Hofmeister schrie Halt, die jungen Leute gehorchten und hielten ihre Pferde an. In demselben Augenblick sah man die Lakaien im Galopp zurückkehren.

Seid Ihr angehalten worden? riefen die jungen Leute lebhaft.

Nein, antworteten die Lakaien, wir sind sogar wahrscheinlich nicht gesehen worden. Die Flintenschüsse erklangen ungefähr hundert Schritte vor uns im dicksten Teil des Gehölzes, und wir sind zurückgekommen, um Befehl einzuholen.

Wir müssen uns zurückziehen, sprach Herr d’Arminges. Dieses Gehölz kann einen Hinterhalt verbergen.

Habt Ihr denn nichts gesehen? fragte der Graf einen Lakaien.

Es kam mir vor, antwortete dieser, als erblickte ich gelb gekleidete Reiter, die nach dem Bette des Baches eilten.

Da haben wir’s, sprach der Hofmeister, wir sind auf eine Abteilung Spanier geraten. Zurück, meine Herren, zurück!

Die jungen Leute hielten mit verstohlenen Blicken Rat, und in derselben Sekunde hörte man einen Pistolenschuß, worauf ein zwei- oder dreimaliges Hilferufen erfolgte.

Die beiden jungen Leute ritten sofort rasch vorwärts. Raoul rief: Herbei, Olivain! der Graf von Guiche: Herbei, Urbain und Blanchet! –

Und ehe sich der Hofmeister von seinem Erstaunen erholt hatte, waren sie im Walde verschwunden.

Im selben Augenblick, wo sie ihren Pferden die Sporen gaben, nahmen die jungen Leute die Pistole in die Faust.

Fünf Minuten nachher waren sie an der Stelle, woher der Lärm zu kommen schien. Dann ließen sie ihre Pferde langsam gehen und rückten vorsichtig vor.

Stille, sagte Guiche, Reiter! – Ja, drei zu Pferde und drei abgestiegene. – Was machen sie? Seht Ihr? – Ja, es scheint mir, sie durchsuchen einen Verwundeten oder Toten. – Das ist eine feige Mordtat, sprach Guiche. – Es sind jedoch Soldaten, versetzte Bragelonne. – Wohl, aber Parteigänger, das heißt Straßenräuber. – Vorwärts! sagte Raoul. – Marsch! sprach Guiche. – Meine Herren! rief der arme Hofmeister, meine Herren, ums Himmels willen! …

Aber die jungen Leute hörten nicht. Sie waren wetteifernd vorwärts gesprengt, und das Geschrei des Hofmeisters hatte keinen andern Erfolg, als daß es die Spanier aufmerksam machte.

Die drei berittenen Parteigänger galoppierten sogleich den jungen Leuten entgegen, während die drei andern die zwei Reisenden vollends plünderten, denn als die jungen Leute der Gruppe näher kamen, bemerkten sie, daß zwei Leichname dalagen.

Auf zehn Schritte von den Spaniern schoß Guiche zuerst und fehlte seinen Mann. Der Spanier, der Raoul entgegenritt, schoß ebenfalls, und Raoul fühlte am linken Arm einen Schmerz, einem Peitschenhiebe ähnlich. Auf vier Schritte drückte Raoul ab, und der Spanier streckte, mitten in die Brust getroffen, die Arme aus und fiel rücklings auf sein Pferd, das sich umwandte und ihn forttrug.

In diesem Augenblick sah Raoul durch eine Wolke einen Musketenlauf auf sich richten. Er erinnerte sich des Rates von Athos und ließ durch eine blitzschnelle Bewegung sein Roß sich bäumen; der Schuß ging los. Das Pferd machte einen Seitensprung und stürzte zusammen, so daß Raoul mit einem Bein darunter kam.

Der Spanier sprengte, seine Muskete beim Lauf nehmend, heran, um Raoul mit dem Kolben den Schädel einzuschlagen.

Unglücklicherweise konnte Raoul in seiner Lage weder den Degen aus der Scheide noch die Pistole aus dem Halfter ziehen. Er sah den Kolben über seinem Haupte schwingen und drückte unwillkürlich seine Augen zu, als Guiche mit einem Sprunge bei dem Spanier war und ihm die Pistole an die Kehle setzte.

Ergebt Euch, sagte er, oder Ihr seid des Todes!

Die Muskete entfiel den Händen des Soldaten, und dieser ergab sich augenblicklich.

Guiche rief einen seiner Lakaien, übergab ihm den Gefangenen zur Bewachung mit dem Befehl, ihn zusammenzuschießen, wenn er eine Bewegung zur Flucht machte, sprang von seinem Pferde und näherte sich Raoul.

Meiner Treu, Herr! sagte Raoul lachend, obgleich etwas blaß: Ihr bezahlt Eure Schulden schnell; ohne Euch, fügte er, die Worte des Grafen wiederholend, hinzu, wäre ich tot, dreimal tot!

Mein Feind ließ mir, da er entfloh, die Möglichkeit, Euch zu Hilfe zu kommen, antwortete Guiche. Aber seid Ihr ernstlich verwundet? Ich sehe Euch ganz voll Blut.

Ich glaube, erwiderte Raoul, ich habe eine Schramme am Arm. Helft mir unter meinem Pferde hervor, so werden wir, hoffe ich, unsere Reise sogleich wieder fortsetzen können.

Herr d’Arminges und Olivain waren bereits abgestiegen und suchten das im Todeskampf liegende Pferd aufzuheben. Es gelang Raoul, seinen Fuß aus dem Steigbügel und sein Bein unter dem Pferde hervorzuziehen, und in einem Augenblick stand er aufrecht.

Nichts gebrochen? fragte Guiche.

Gott sei Dank, nichts, antwortete Raoul.

Aber was ist aus den Unglücklichen geworden, welche die Elenden töteten?

Sie näherten sich dem Orte, wo die Opfer lagen.

Der Bettler von St. Eustache

Es war von d’Artagnan wohl berechnet, daß er sich nicht unmittelbar ins Palais-Royal begab. Er ließ Comminges Zeit, vor ihm dahinzugehen und dem Kardinal die großen Dienste zu melden, die er, d’Artagnan, und sein Freund diesen Morgen der Partei der Königin geleistet hatten.

Beide wurden auf die schmeichelhafteste Weise von Mazarin empfangen, der ihnen viele Komplimente machte und erklärte, sie seien beide ihren Zielen um die Hälfte nähergerückt.

Unserem d’Artagnan wäre Geld lieber gewesen, denn er wußte, daß Mazarin leicht versprach und sehr schwer hielt. Die Versprechungen des Kardinals galten ihm so viel wie taube Nüsse, doch stellte er sich Porthos zu Liebe, den er nicht entmutigen wollte, als wäre er sehr zufrieden.

Während die zwei Freunde bei dem Kardinal waren, ließ die Königin diesen rufen. Mazarin dachte, seine Verteidiger würden sich zu verdoppeltem Eifer angespornt fühlen, wenn er ihnen die Danksagungen der Königin selbst verschaffte. Er bedeutete ihnen durch ein Zeichen, ihm zu folgen.

Die Königin Anna von Österreich war von zahlreichen fröhlich lärmenden Höflingen umgeben, denn nachdem man einen Sieg über den Spanier davongetragen hatte, war man nun auch siegreich aus einem Kampfe mit dem Volk hervorgegangen. Broussel war ohne Widerstand aus Paris geführt worden und mußte in diesem Augenblick im Gefängnis von Saint-Germain sein, und Blancmesnil, den man ebenfalls und ohne Schwierigkeit verhaftet hatte, war im Schlosse von Vincennes eingekerkert.

Comminges war bei der Königin, die ihn alles ausführlich berichten ließ, als er an der Tür hinter dem eintretenden Kardinal d’Artagnan und Porthos erblickte.

Ei, Madame, sagte er, auf d’Artagnan zuschreitend, hier ist einer, der Euch das besser als ich erzählen kann, denn er ist mein Retter. Ohne ihn hinge ich jetzt ohne Zweifel in den Netzen von Saint-Cloud, denn sie waren nahe daran, mich in den Fluß zu werfen. Sprecht, d’Artagnan, sprecht!

Seit d’Artagnan Leutnant bei den Musketieren war, hatte er sich wohl hundertmal in demselben Gemach mit der Königin befunden, aber nie hatte diese mit ihm gesprochen.

Wie, Herr, nachdem Ihr mir einen solchen Dienst geleistet habt, schweigt Ihr? sprach Anna von Österreich.

Madame, antwortete d’Artagnan, ich habe nichts zu sagen, außer daß mein Leben dem Dienste Eurer Majestät gehört, und daß ich nur an dem Tage glücklich sein werde, wo ich es für sie verliere.

Ich weiß das, mein Herr, ich weiß das, versetzte die Königin, und zwar seit geraumer Zeit. Ich bin auch entzückt, daß ich Euch dieses öffentliche Zeichen meiner Achtung und Dankbarkeit geben kann.

Erlaubt, Madame, daß ich einen Teil auf meinen Freund, einen ehemaligen Musketier aus der Kompanie Treville, übertrage, sprach d’Artagnan mit einem besondern Nachdruck auf die letzten Worte, denn dieser Mann hat Wunder getan, fügte er bei.

Der Name dieses Herrn?

Bei den Musketieren, antwortete d’Artagnan, nannte er sich Porthos (die Königin bebte); aber sein wahrer Name ist Chevalier du Vallon.

De Bracieux de Pierrefonds, fügte Porthos bei.

Diese Namen sind zu zahlreich, als daß ich sie alle im Gedächtnis behalten könnte, und ich will nur den ersten behalten, sprach die Königin huldreich.

Porthos verbeugte sich.

D’Artagnan machte zwei Schritte rückwärts.

In diesem Augenblick meldete man den Koadjutor. Er kam, um zu sehen, was ihm der Hof biete, und falls dies seinem Ehrgeiz genüge, seinen Frieden mit Mazarin zu machen. Aber die hochmütige Königin konnte sich in dem Moment der Siegesfreude nicht enthalten, den Koadjutor ihren Triumph fühlen zu lassen. Auf ihr stummes Zeichen fiel der ganze Hof mit Spott und Gelächter über den Prälaten her, so daß er schwer gekränkt davonging, und als er über die Schwelle des Palastes schritt, murmelte:

O undankbarer Hof! Treuloser Hof! Ich werde dich morgen lachen lehren, aber aus einer andern Tonart!

Während man jedoch am Hof von Freude übersprudelte, um die Heiterkeit der Königin zu steigern, verlor Mazarin, ein verständiger Mann, den schon die Furcht vorsichtig machte, seine Zeit nicht mit eitlen und gefährlichen Späßen. Er entfernte sich nach dem Koadjutor, schloß sein Gold ein und ließ durch vertraute Arbeiter Verstecke in den Wänden anbringen.

Als der Koadjutor in seine Wohnung zurückkehrte, fand er dort, seiner wartend, Louvières, den Sohn Broussels, noch ganz erschöpft und blutbespritzt vom Kampfe gegen die Garden.

Der Koadjutor ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Der junge Mann schaute ihn an, als wollte er im Grunde seines Herzens, lesen.

Mein lieber Herr Louvières, sagte der Koadjutor, glaubt mir, ich nehme innigen Anteil an dem Unglück, das Euch widerfahren ist.

Ist es wahr und sprecht Ihr im Ernst? fragte Louvières.

Aus dem Grunde meines Herzens, sagte der Koadjutor.

Dann ist die Zeit der Worte vorüber, Monseigneur, und die Stunde des Handelns hat geschlagen. Wenn Ihr wollt, Monseigneur, ist mein Vater in drei Tagen aus dem Gefängnis, und in sechs Monaten seid Ihr Kardinal.

Der Koadjutor zitterte.

Wir wollen frei sprechen und ein offenes Spiel spielen, sagte Louvières. Man spendet nicht aus eitel christlicher Liebe für dreißigtausend Livres Almosen, wie Ihr seit sechs Monaten getan habt, das wäre gar zu schön. Ihr seid ehrgeizig, denn Ihr seid ein Mann von Genie und fühlt Euern Wert. Ich hasse den Hof und habe in diesem Augenblick nur einen einzigen Wunsch: die Rache. Gebt uns die Geistlichkeit und das Volk, worüber Ihr verfügt; ich gebe Euch die Bürgerschaft und das Parlament. Mit diesen vier Elementen gehört Paris in acht Tagen uns, und glaubt mir, Herr Koadjutor, der Hof gibt aus Furcht, was er aus Wohlwollen nie geben würde.

Der Koadjutor schaute Louvières ebenfalls mit seinem durchdringenden Auge an und versetzte: Aber, Herr Louvières, wißt Ihr, daß Ihr mir nichts anderes als den Bürgerkrieg vorschlagt? – Ihr bereitet ihn seit so geraumer Zeit vor, Monseigneur, daß er Euch willkommen sein muß. – Gleichviel, sprach der Koadjutor, Ihr begreift, daß die Sache Überlegung fordert. – Wieviel Stunden verlangt Ihr zum Überlegen? – Zwölf, mein Herr, ist das zu viel? – Es ist Mittag, um Mitternacht bin ich bei Euch. – Falls ich noch nicht zu Hause wäre, so wartet auf mich. – Gut, um Mitternacht, Monseigneur. – Um Mitternacht, mein lieber Herr Louvières.

Nach zwei Stunden hatte der Herr von Retz (der Nebenname des eigentlich Jean Gondy heißenden Koadjutors) dreißig Pfarrer aus den bevölkertsten und unruhigsten Kirchspielen von Paris um sich versammelt.

Retz erzählte ihnen die Beleidigung, die ihm im Palais Royal widerfahren war. Die Geistlichen fragten ihn, was zu tun sei.

Das ist ganz einfach, antwortete der Koadjutor. Ihr leitet die Gewissen, untergrabt das elende Vorurteil der Furcht und Achtung vor dem König, lehrt Eure Beichtkinder, die Königin sei eine Tyrannin, und wiederholt so lange und so kräftig, bis es jeder weiß, alles Unglück in Frankreich rühre von Mazarin, ihrem Liebhaber und Verderber, her. Beginnt das Werk heute, auf der Stelle, und in drei Tagen erwarte ich von Euch das gewünschte Resultat. Hat übrigens einer von Euch mir einen guten Rat zu geben, so bleibe er hier, und ich werde ihn mit Vergnügen anhören.

Drei Pfarrer blieben, der von Saint-Mery, der von Saint-Sulpice und der von Saint-Eustache.

Die andern entfernten sich.

Ihr glaubt mich also wirksamer unterstützen zu können als Eure Amtsgenossen? fragte der Koadjutor. – Wir hoffen es, erwiderten die Pfarrer. – Laßt hören, Herr Pfarrer von Saint-Mery. Fangt an. – Monseigneur, ich habe in meinem Quartiere einen Menschen, der Euch von größtem Nutzen sein könnte. – Wer ist das? – Ein Kaufmann, der den mächtigsten Einfluß auf die kleinen Handelsleute in seinem Quartier ausübt. – Wie heißt er? – Es ist ein gewisser Planchet. Er hat vor ungefähr sechs Wochen ganz allein einen Aufruhr erregt. Infolge dieses Aufruhrs aber ist er, da man ihn suchte, um ihn zu hängen, verschwunden. – Werdet Ihr ihn wiederfinden? – Ich hoffe es, denn ich glaube nicht, daß er verhaftet worden ist, und da ich Beichtiger seiner Frau bin, werde ich es wohl erfahren, wenn sie weiß, wo er ist. – Gut, mein lieber Herr Pfarrer. Sucht mir diesen Mann und bringt ihn hierher, wenn Ihr ihn findet. – Um welche Stunde, Monseigneur? – Um sechs Uhr. Wollt Ihr? – Wir werden um sechs Uhr bei Euch sein, Monseigneur. – Geht, mein lieber Pfarrer, geht, und Gott stehe Euch bei.

Der Pfarrer entfernte sich.

Und Ihr, mein Herr? sagte Retz, sich zu dem Pfarrer von Saint-Sulpice umwendend. – Ich, Monseigneur, erwiderte dieser, ich kenne einen Mann, der einem bei dem Volk sehr beliebten Prinzen große Dienste geleistet hat. Er würde einen vortrefflichen Volksführer geben, und ich kann ihn zu Eurer Verfügung stellen. – Wie heißt dieser Mann? – Der Graf von Rochefort. – Ich kenne ihn. Bringt ihn mir um acht Uhr, Herr Pfarrer, und Gott segne Euch, wie ich Euch segne.

Der Pfarrer verbeugte sich und ging ab.

Nun ist die Reihe an Euch, mein Herr, sagte der Koadjutor und wandte sich zu dem letzten Besucher um. Habt Ihr mir auch etwas anzubieten, wie die zwei Herren, die uns verlassen? – Etwas Besseres, Monseigneur. – Teufel! gebt wohl acht, daß Ihr da nicht eine furchtbare Verbindlichkeit übernehmt: der eine hat mir einen Kaufmann angeboten, der andere bietet mir einen Grafen an, Ihr wollt mir also einen Prinzen anbieten? – Ich biete Euch einen Bettler, Monseigneur. – Ah, ah, sprach Retz nachdenkend, Ihr habt recht, Herr Pfarrer, ein Mensch, der diese ganze Legion von armen Teufeln, die in den Sackgassen von Paris zusammengedrängt sind, zum Aufruhr brächte und sie so laut, daß es ganz Frankreich hören müßte, schreien ließe, Mazarin habe sie an den Bettelstab gebracht … – Ich habe gerade Euern Mann! – Bravo! und wer ist dieser Mann? – Ein einfacher Bettler, wie ich Euch sagte, Monseigneur, ein Mensch, der seit ungefähr sechs Jahren auf den Stufen der Saint-Eustache-Kirche Almosen fordert und Weihwasser reicht. – Und Ihr sagt, er übe einen großen Einfluß auf seinesgleichen aus? – Weiß Monseigneur, daß die Bettlerei eine organisierte Körperschaft, eine Art Verbrüderung der Besitzlosen gegen die Besitzenden ist, ein Bund, zu dem jeder seinen Teil beiträgt, und der unter einem Haupte steht? – Ja, ich habe davon gehört. – Der Mensch, den ich Euch biete, ist General-Syndikus; er nennt sich Maillard. – Meint Ihr, wir werden ihn zu dieser Stunde auf seinem Posten treffen? – Ganz gewiß. – Wir wollen Euern Bettler aufsuchen, Herr Pfarrer, und wenn er ist, wie Ihr sagt, so habt Ihr allerdings den wahren Schatz gefunden.

Retz legte eine Reitertracht an, setzte einen breitkrempigen Hut mit einer roten Feder auf den Kopf, gürtete ein langes Schwert um, schnallte die Sporen an seine Stiefel, hüllte sich in einen weiten Mantel und folgte dem Pfarrer.

Als sie in die Rue des Prouvaires gelangten, streckte der Pfarrer die Hand nach dem Vorhof der Kirche aus und sagte: Seht, dort ist er auf seinem Posten.

Gondy schaute in der angegebenen Richtung und erblickte einen Bettler, der, mit dem Rücken an ein Gesimse gelehnt, auf einem Stuhle saß; er hatte einen kleinen Eimer in seiner Nähe und hielt einen Sprengwedel in der Hand.

Hat er ein Privilegium, sich hier aufzuhalten? fragte Gondy. – Nein, Monseigneur, antwortete der Pfarrer; er hat seinem Vorgänger diesen Platz als Weihwassergeber abgekauft. – Abgekauft? – Ja, solche Plätze werden verkauft; ich glaube, daß dieser für den seinigen hundert Pistolen bezahlt hat. – Der Bursche ist also reich? – Manche von diesen Leuten hinterlassen bei ihrem Tode zwanzig-, fünfundzwanzig-, dreißigtausend Livres und noch mehr. – Hm! versetzte Gondy lachend, ich glaubte nicht, daß ich meine Almosen so gut anbrächte.

Man näherte sich indessen dem Vorhof; im Augenblick, wo der Pfarrer und der Koadjutor den Fuß auf die erste Stufe der Kirche setzten, erhob sich der Bettler und überreichte seinen Sprengwedel.

Es war ein Mensch von sechs- bis achtundsechzig Jahren, klein, ziemlich dick, mit grauen Haaren und falben Augen. Auf seinem Gesicht stand der Kampf zweier entgegengesetzten Prinzipe zu lesen … eine schlechte Natur, gezähmt durch den Willen, vielleicht auch durch die Reue.

Als er den Mann erblickte, der den Pfarrer begleitete, bebte er leicht und schaute ihn mit erstaunter Miene an.

Maillard, sagte der Pfarrer, dieser Herr und ich sind gekommen, um einen Augenblick mit Euch zu sprechen.

Mit mir? sagte der Bettler, das ist eine große Ehre für einen armen Weihwassergeber.

Im Tone des Bettlers lag ein Ausdruck von Ironie, den er nicht zu beherrschen wußte, und worüber der Koadjutor sich wunderte.

Nach einigen Worten fragte ihn Retz, ob er geneigt wäre, seine Macht in den bestehenden Wirren geltend zu machen, und Maillard erklärte sich bereit, wenn ihm Vergebung seiner früheren Sünden gewährt werde. Diese wurde ihm in Aussicht gestellt.

Haltet Ihr die Gewalt, die Ihr über Eure Genossen ausübt, für so groß, als mir der Herr Pfarrer soeben gesagt hat? fuhr der Koadjutor fort.

Ich glaube, daß sie eine gewisse Achtung vor mir haben, erwiderte der Bettler stolz, und daß sie nicht nur alles tun werden, was ich ihnen befehle, sondern auch, daß sie mir überallhin folgen, wohin ich gehe.

Könnt Ihr mir für fünfhundert entschlossene Männer, tüchtige gutgesinnte Tagediebe, kräftige Kehlen, stehen, die im stande sind, mit ihrem Geschrei: Nieder mit Mazarin, die Mauern des Palais-Royal umzustürzen, wie einst die von Jericho einstürzten?

Ich glaube, daß ich mit noch schwierigeren und wichtigeren Dingen beauftragt werden kann.

Ah! ah! Ihr würdet es also übernehmen, in einer Nacht ein Dutzend Barrikaden zu bauen?

Ich übernehme es, fünfzig zu bauen und sie, wenn der Tag kommt, zu verteidigen.

Bei Gott, sagte Retz, Ihr sprecht mit einer Sicherheit, die mir Freude macht, und da der Herr Pfarrer für Euch bürgt …

Ich verbürge mich, versetzte der Pfarrer.

Dieser Sack enthält fünfhundertundfünfzig Pistolen in Gold; trefft also Euere Anstalten und sagt mir, wo ich Euch heute abend um zehn Uhr finden kann.

Es müßte eine hohe Stelle sein, von wo aus man ein Signal geben könnte, das in allen Quartieren von Paris gesehen würde.

Soll ich Euch ein Wort an den Vikar von Saint-Jacques-la-Boucherie mitgeben? Er wird Euch in ein Zimmer des Turmes führen, sagte der Pfarrer.

Vortrefflich, erwiderte der Bettler.

Diesen Abend also um zehn Uhr, sprach der Koadjutor; bin ich mit Euch zufrieden, so könnt Ihr über einen zweiten Sack von fünfhundert Pistolen verfügen.

Die Augen des Bettlers glänzten vor Gier, aber er drängte diese Bewegung zurück und antwortete: Diesen Abend, mein Herr; es wird alles bereit sein.

Der Turm Saint-Jacques-la-Boucherie

Um drei Viertel auf sechs Uhr hatte Herr von Retz alle seine Gänge gemacht und war in den erzbischöflichen Palast zurückgekehrt.

Um sechs Uhr meldete man den Pfarrer von Saint-Mery, der auf des Koadjutors Wink mit Planchet eintrat.

Monseigneur, sagte der Pfarrer von Saint-Mery, hier ist die Person, von der ich mit Euch zu sprechen die Ehre gehabt habe.

Planchet grüßte mit der Miene eines Menschen, der sich in guten Kreisen bewegt hat.

Nach verschiedenen Fragen, auf die Planchet mit seinem gewöhnlichen Witz antwortete und durch die der Prälat erfuhr, daß der alte Musketierdiener es gewesen war, der Rochefort befreit hatte, sagte der Koadjutor:

Ihr seid ein gescheiter Bursche, mein Freund; kann man auf Euch zählen? – Ich glaubte, der Herr Pfarrer habe sich für mich verbürgt? – Allerdings, aber ich wünschte, diese Versicherung aus Euerem eigenen Munde zu vernehmen. – Ihr könnt auf mich zählen, Monseigneur, vorausgesetzt, daß es sich um einen allgemeinen Aufruhr handelt. – Gerade darum handelt es sich. Wieviel Mann glaubt Ihr diese Nacht zusammenbringen zu können? – Zweihundert Musketen und fünfhundert Hellebarden. – Wäret Ihr geneigt, dem Grafen von Rochefort zu gehorchen? – Ich würde ihm bis in die Hölle folgen, und das will nicht wenig sagen, denn ich halte ihn für fähig, sich dahin zu versteigen. – Bravo! – An welchem Zeichen wird man morgen die Freunde von den Feinden unterscheiden können? – Jeder Frondeur mag einen Strohknoten an seinem Hut befestigen. – Gut; gebt Ihr uns nur die Parole! – Braucht Ihr Geld? – Geld kann nie schaden, Monseigneur; hat man keins, so wird man sich so durchhelfen; hat man’s, so werden die Dinge nur rascher und besser gehen.

Retz ging an eine Kasse und zog einen Sack hervor.

Hier sind fünfhundert Pistolen, sprach er, und geht die Angelegenheit gut, so zählt morgen auf dieselbe Summe.– Ich werde getreulich über dieses Geld Rechenschaft ablegen, sagte Planchet und nahm den Sack unter den Arm. – Es ist gut, ich empfehle Euch den Kardinal. – Seid unbesorgt, er ist in guten Händen.

Kaum waren der Pfarrer und Planchet fort, so meldete man den Pfarrer von Saint-Sulpice.

Sobald das Kabinett sich öffnete, stürzte ein Mann herein; es war der Graf von Rochefort.

Ihr seid’s, mein lieber Graf? sagte der Prälat, ihm die Hand reichend. – Ihr seid also endlich entschlossen? versetzte Rochefort. – Ich bin es immer gewesen, erwiderte Gondy. – Sprechen wir nicht weiter davon, Ihr sagt es, und ich glaube Euch. Wir geben Mazarin einen Ball? – Ich hoffe es. – Wann soll der Tanz beginnen? – Die Einladungen sind für diese Nacht erlassen, sprach der Koadjutor, aber die Geiger werden erst morgen früh zu spielen anfangen. – Ihr könnt auf mich und auf fünfzig Mann zählen, die mir der Chevalier d’Humières versprochen hat, falls ich ihrer bedürfen sollte. – Auf fünfzig Soldaten? – Er wirbt Rekruten an und leiht sie mir; ist das Fest vorüber und es fehlen einige davon, so werde ich sie ersetzen. – Gut, mein lieber Rochefort, aber das ist noch nicht alles. – Was gibt es sonst noch? fragte Rochefort lächelnd. – Was habt Ihr mit Herrn von Beaufort gemacht? – Er ist in der Provinz Vendome, wo er wartet, bis ich ihm schreibe, daß er zurückkommen solle. – Schreibt ihm, es ist Zeit. – Ihr seid also Eurer Sache gewiß? – Ja, aber er muß eilen, denn kaum wird das Volk zur Empörung gebracht sein, so haben wir zehn Prinzen für einen, die sich an die Spitze stellen wollen; zögert er, so findet er den Platz besetzt. – Kann ich ihm den Rat in Euerem Auftrag geben? – Allerdings. – Darf ich ihm sagen, er könne auf Euch zählen? – Gewiß. – Und Ihr werdet ihm jede Gewalt überlassen? … – Für den Krieg, ja; was die Politik betrifft … – Ihr wißt, daß das nicht seine Stärke ist. – Er wird mich nach Belieben um einen Kardinalshut unterhandeln lassen. – Ist Euch hieran gelegen? – Da man mich zwingt, einen Hut von einer Form zu tragen, die mir nicht gefällt, so verlange ich wenigstens, daß dieser Hut rot sei. – Wir wollen nicht über Geschmack und Farben streiten, versetzte Rochefort lachend; ich stehe für seine Einwilligung. – Und Ihr schreibt ihm noch diesen Abend? – Ich tue etwas Besseres, ich schicke ihm einen Boten. – In wieviel Tagen kann er hier sein? – In fünf. – Er mag kommen und wird vieles anders finden. – Ich wünsche es. – Ich bürge Euch dafür. – Also? – Sammelt Eure fünfzig Mann und haltet Euch bereit. – Wozu? – Gibt es ein Vereinigungszeichen? – Ein Strohknoten am Hut. – Schön. Gott befohlen, Monseigneur. – Adieu, mein lieber Rochefort. – Ah! Herr Mazarin, sagte Rochefort, den Pfarrer, der bei dem ganzen Gespräch kein Wort hatte anbringen können, mit sich fortziehend, Ihr werdet sehen, ob ich zu einem Mann der Tat zu alt bin.

Es war halb zehn Uhr; der Koadjutor bedurfte einer halben Stunde, um sich von dem erzbischöflichen Palaste nach dem Turme Saint-Jacques-la-Boucherie zu begeben. Dort bemerkte er ein Licht an einem der höchsten Fenster des Turmes.

Gut, sagte er, unser Bettler ist an seinem Posten.

Er klopfte, man öffnete ihm. Der Vikar selbst harrte seiner und führte ihn voranleuchtend den Turm hinan; oben angelangt, zeigte er ihm eine kleine Tür, stellte das Licht in eine Ecke der Mauer, damit es der Koadjutor beim Weggehen finden könnte, und stieg wieder hinab.

Der Koadjutor klopfte, obgleich der Schlüssel in der Tür steckte.

Herein, rief eine Stimme, in der der Koadjutor die des Bettlers erkannte.

Der Herr von Retz trat ein. Es war wirklich der Weihwassergeber von Saint-Eustache, der, auf einem ärmlichen Bette liegend, wartete und, als er den Koadjutor eintreten sah, aufstand.

Es schlug zehn Uhr.

Nun, fragte Gondy, hast du mir Wort gehalten? – Nicht ganz. – Wieso? – Ihr habt fünfhundert Mann von mir gefordert, nicht wahr? – Ja. – Nun, ich werde zweitausend für Euch haben. – Du prahlst nicht? – Wollt Ihr einen Beweis? – Ja.

Es waren drei Lichter angezündet, jedes derselben brannte vor einem Fenster; das eine von diesen Fenstern ging nach der Altstadt, das andere nach dem Palais-Royal, das dritte nach der Rue-Saint-Denis.

Der Bettler ging schweigend zu jedem dieser Lichter und blies eines nach dem andern aus.

Der Koadjutor befand sich in der Finsternis; das Zimmer wurde nur durch einen unsicheren Strahl des Mondes beleuchtet, der durch schwarze Wolken hinzog, deren Enden er mit Silber befranste.

Was hast du gemacht? sagte der Koadjutor. – Ich habe das Zeichen gegeben. – Welches? – Das zum Barrikadenbau. – Ah! ah! – Wenn Ihr von hier weggeht, werdet Ihr meine Leute bei der Arbeit sehen. Nehmt Euch in acht, daß Ihr Euch nicht an einer Kette stoßt oder in ein Loch fallt und ein Bein brecht. – Gut. Hier ist deine Summe, dieselbe, die du bereits empfangen hast. Bedenke jetzt nur, daß du ein Anführer bist und betrink dich nicht. – Ich habe seit zwanzig Jahren nur Wasser getrunken.

Der Mann nahm den Sack aus den Händen des Koadjutors, der bald hörte, wie der Bettler mit seinen Fingern im Golde wühlte.

Ah! ah! sagte der Koadjutor, du bist geizig, mein Freund.

Der Bettler warf den Sack zurück und stieß einen Seufzer aus.

Werde ich denn immer derselbe sein? sagte er; wird es mir denn nie gelingen, den alten Menschen abzustreifen? O Elend, o Eitelkeit!

Du nimmst es doch?

Ja, aber ich gelobe vor Euch, daß ich alles, was mir davon übrig bleibt, zu frommen Werken verwenden werde.

Sein Gesicht war bleich und zusammengezogen, wie das eines Menschen, der einen schweren innern Kampf ausgestanden hat.

Seltsamer Mensch! murmelte der Prälat.

Und er nahm seinen Hut, um zu gehen; aber als er sich umwandte, sah er den Bettler zwischen der Tür und ihm selbst. Sein erster Gedanke war, dieser Mensch wolle ihm ein Leid zufügen. Bald sah er aber, daß er im Gegenteil die Hände faltete und auf die Knie fiel.

Monseigneur, sagte der Bettler, ehe Ihr mich verlaßt, gebt mir Euern Segen, ich bitte Euch.

Monseigneur! Mein Freund, du hältst mich für einen andern.

Nein, Monseigneur, ich halte Euch für den, der Ihr seid, für den Herrn Koadjutor; ich habe Euch mit dem ersten Blick erkannt.

Retz lächelte und erwiderte: Und du willst meinen Segen?

Ja, ich bedarf desselben.

Der Bettler sprach diese Worte mit einem Tone so großer Demut, so tiefer Reue, daß Herr von Retz seine Hand über ihn ausstreckte und ihm seinen Segen mit aller Salbung gab, deren er fähig war.

Nun besteht Gemeinschaft unter uns, sagte der Koadjutor, ich habe dich gesegnet, und du bist mir geheiligt, wie ich es meinerseits für dich bin. Sprich, hast du ein Verbrechen begangen, das die menschliche Gerechtigkeit verfolgt und wobei ich dich beschützen kann?

Der Bettler schüttelte den Kopf.

Das Verbrechen, das ich begangen habe, Monseigneur, ist nicht Sache der menschlichen Gerechtigkeit, und Ihr könnt mich nur dadurch befreien, daß Ihr mich oft segnet, wie Ihr es soeben getan habt. – Sei offenherzig, versetzte der Koadjutor, du hast nicht dein ganzes Leben lang das Gewerbe getrieben, das du gegenwärtig treibst. – Nein, Monseigneur, ich treibe es erst seit zehn Jahren. – Wo warst du vorher? – In der Bastille. – Und ehe du in die Bastille kamst? – Ich werde es Euch an dem Tage sagen, Monseigneur, wo Ihr mich Beichte hören wollt. – Es ist gut. Erinnere dich, daß ich zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht, wo du dich bei mir einfindest, bereit bin, dir die Absolution zu geben. – Ich danke, sagte der Bettler mit dumpfem Tone, aber ich bin noch nicht bereit, sie zu empfangen. – Wohl denn. Gott befohlen. – Gott befohlen, sprach der Bettler, die Tür öffnend und sich vor dem Prälaten verbeugend.

Der Koadjutor nahm das Licht, stieg die Treppe hinab und verließ den Turm, in tiefe Gedanken versunken.

Oheim und Neffe

Lord Winter wurde von seinem Pferd und dem Lakaien an der Tür erwartet. Er ritt, ganz in Gedanken versunken, nach seiner Wohnung und schaute dabei von Zeit zu Zeit zurück, um die schwarze, schweigsame Fassade des Louvre zu betrachten. Da erblickte er einen Reiter, der sich sozusagen von der Mauer losmachte und ihm in einer gewissen Entfernung folgte; er erinnerte sich, bei seiner Entfernung aus dem Palais-Royal einen ähnlichen Schatten gesehen zu haben.

Lord Winters Lakai, der nur einige Schritte hinter ihm war, verfolgte diesen Reiter gleichfalls mit unruhigem Auge.

Tomy! sprach der Lord und machte dem Bedienten ein Zeichen, sich zu nähern.

Hier, gnädiger Herr.

Und der Bediente ritt an die Seite seines Herrn.

Hast du den Menschen bemerkt, der uns folgt? – Ja, Mylord. – Wer ist er? – Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß er Eurer Herrlichkeit von dem Palais-Royal an gefolgt ist, im Louvre angehalten hat, um Euern Abgang zu erwarten, und mit Eurer Herrlichkeit wieder vom Louvre weggeritten ist. – Ein Spion des Kardinals, sagte Winter zu sich selbst. Wir wollen uns stellen, als bemerkten wir seine Späherei gar nicht.

Lord Winter gab seinem Pferde die Sporen und ritt schnell durch ein Wirrsal von Gassen. Vor seinem Gasthause stieg er ab und ging in seine Wohnung hinauf, wobei er sich vornahm, den Spion beobachten zu lassen. Als er aber seine Handschuhe und seinen Hut auf einen Tisch legte, sah er in einem Spiegel vor sich eine Gestalt, die auf der Schwelle des Zimmers erschien.

Er wandte sich um, Mordaunt stand ihm gegenüber.

Lord Winter erbleichte und blieb unbeweglich stehen. Mordaunt hielt sich auf der Schwelle, kalt, drohend, einer Bildsäule ähnlich.

Einen Augenblick herrschte ein eisiges Stillschweigen zwischen diesen zwei Männern.

Mein Herr, ich glaubte Euch bereits begreiflich gemacht zu haben, daß mich diese Verfolgung ermüdet. Entfernt Euch also, oder ich rufe Leute und lasse Euch wegjagen, wie in London. Ich bin nicht Euer Oheim, ich kenne Euch nicht, sagte der Lord.

Mein Oheim, versetzte Mordaunt mit seinem höhnischen Tone, Ihr täuscht Euch, Ihr werdet mich diesmal nicht wegjagen lassen, wie Ihr in London getan habt! Nein, Ihr werdet es nicht wagen. Wenn Ihr leugnen wollt, daß ich Euer Neffe sei, so werdet Ihr dies wohl zweimal überlegen, da ich mancherlei Dinge erfahren habe, die ich vor einem Jahre nicht wußte.

Ei, was liegt mir an dem, was Ihr erfahren habt? entgegnete Lord Winter.

Oh! es liegt Euch viel daran, mein Oheim, das weiß ich gewiß, und Ihr werdet sogleich meiner Meinung sein, fügte er mit einem Lächeln bei, wobei dem Lord ein Schauer durch die Adern lief. Als ich mich zum ersten Male in London bei Euch einfand, geschah es, um Euch zu fragen, was aus meinem Erbgut geworden sei. Als ich mich zum zweiten Male bei Euch einfand, geschah es, um Euch zu fragen, wer meinen Namen befleckt habe. Diesmal stelle ich mich vor Euch, um eine Frage an Euch zu richten, die viel furchtbarer ist, als alle vorhergehenden, um Euch zu sagen: Mylord, was habt Ihr mit Eurer Schwester gemacht, mit Eurer Schwester, die meine Mutter war?

Lord Winter wich vor dem Feuer dieser glühenden Augen zurück.

Mit Eurer Mutter! sagte er.

Ja, mit meiner Mutter, Mylord, antwortete der junge Mann, mit dem Kopf nickend.

Winter tat sich große Gewalt an, tauchte in seine Erinnerungen, um einen neuen Haß daraus zu holen, und rief:

Sucht, was aus ihr geworden ist, Unglücklicher, und fragt die Hölle; vielleicht wird Euch die Hölle antworten.

Der junge Mann schritt nun im Zimmer vor, bis er Lord Winter unmittelbar gegenüber stand, und kreuzte die Arme. Ich habe den Henker von Bethune gefragt, sprach er mit dumpfer Stimme und einem Gesicht, das vor Schmerz und Zorn leichenblaß wurde, und der Henker von Bethune hat mir geantwortet.

Winter fiel auf einen Stuhl, als ob ihn der Blitz getroffen hätte, und bemühte sich vergebens, zu sprechen.

Ja, nicht wahr, fuhr der junge Mann fort, mit diesem Wort erklärt sich alles. Mit diesem Schlüssel öffnet sich der Abgrund. Meine Mutter hatte von ihrem Gatten geerbt, und Ihr habt meine Mutter ermordet! Mein Name sicherte mir das väterliche Erbteil, und Ihr habt mich meines Namens beraubt. Wenn man sich als Räuber weiß, ist es nicht ganz bequem, den Menschen, welchen man arm gemacht hat, seinen Neffen zu nennen; wenn man sich als Mörder weiß, will man nicht gern dem Menschen, den man zur Waise gemacht hat, den Titel seines Neffen gönnen.

Diese Worte brachten eine ganz andere Wirkung hervor, als Mordaunt erwartet hatte. Lord Winter erinnerte sich, welches Ungeheuer Mylady gewesen war. Er erhob sich ruhig und ernst und bezwang mit seinem strengen Blick das exaltierte Auge des jungen Mannes.

Ihr wollt in dieses furchtbare Geheimnis dringen, mein Herr? sprach er. Nun wohl, es sei! Erfahrt also, wer die Frau war, über die Ihr mir Rechenschaft abfordert: Diese Frau hat aller Wahrscheinlichkeit nach meinen Bruder vergiftet, und um mich zu beerben, wollte sie mich ebenfalls ermorden, dafür habe ich Beweise. Was sagt Ihr hierzu?

Ich sage, daß sie meine Mutter war!

Sie hat einen gerechten, guten und rechtschaffenen Mann, den Herzog von Buckingham, erdolchen lassen. Was sagt Ihr zu diesem Verbrechen, für das ich die Beweise habe?

Daß sie meine Mutter war!

Nach Frankreich zurückgekehrt, hat sie in dem Kloster der Augustinerinnen in Bethune eine Frau vergiftet, die einen ihrer Feinde liebte. Wird Euch dieses Verbrechen von der Gerechtigkeit der Strafe überzeugen? Ich habe die Beweise dafür. Was sagt Ihr dazu?

Daß sie meine Mutter war! rief der junge Mann, in immer stärkerem Tone.

Von Mordtaten und Ausschweifungen belastet, allen verhaßt, drohend wie ein blutdürstiger Panther, unterlag sie den Schlägen von Männern, die sie in Verzweiflung gebracht hatte, ohne daß diese Männer ihr je den geringsten Schaden zugefügt hätten. Ein verworfenes Mädchen, eine ehebrecherische Gattin, eine entartete Schwägerin, eine Giftmischerin, eine Mörderin, fluchwürdig bei allen Menschen, die sie kennen lernten, starb sie, verflucht von Himmel und Erde. Das ist das Bild dieser Frau.

Ein Schluchzen, das Mordaunt nicht zu bemeistern vermochte, zerriß ihm die Kehle und trieb das Blut in sein leichenbleiches Gesicht; er ballte die Fäuste, und mit schweißtriefendem Gesicht, mit emporgesträubten Haaren wie Hamlet, rief er in wütendem Grimm:

Schweigt, mein Herr, sie war meine Mutter. Ihr Leben kenne ich nicht, ihre Verbrechen kenne ich nicht! Aber ich weiß, daß ich eine Mutter hatte, daß fünf Männer, gegen eine Frau verbunden, sie heimlich, nächtlicherweise, schweigend wie Feiglinge ermordet haben. Ich weiß, daß Ihr dabei wart, mein Herr, daß Ihr dabei wart, mein Oheim, daß Ihr, wie die anderen und stärker als die anderen, spracht: Sie muß sterben! Ich sage Euch also, hört wohl auf diese Worte, und sie mögen sich in Euer Gedächtnis einprägen, damit Ihr sie nie vergesset: über diesen Mord, der mir alles geraubt hat, diesen Mord, der mich namenlos, der mich arm, der mich boshaft und unversöhnlich gemacht hat … werde ich zuerst von Euch und dann von Euern Genossen, sobald ich sie kenne, Rechenschaft verlangen!

Haß in den Augen, Schaum auf dem Munde, die Fäuste geballt, trat Mordaunt noch einen Schritt, einen furchtbar drohenden Schritt gegen Lord Winter näher.

Dieser griff mit der Hand nach dem Degen und sagte mit dem Lächeln des Mannes, der seit dreißig Jahren mit dem Tode spielt: Wollt Ihr mich ermorden, mein Herr? Dann erkenne ich Euch als meinen Neffen, denn Ihr seid der Sohn Eurer Mutter.

Nein, versetzte Mordaunt, und er zwang alle Fibern seines Gesichtes, alle Muskeln seines Körpers, ihren Platz wieder einzunehmen. Nein, ich werde Euch nicht töten, wenigstens in diesem Augenblick nicht; denn ohne Euch würde ich die andern nicht kennen lernen. Aber wenn ich sie kenne, dann zittert! Ich habe den Henker von Bethune erstochen; ich habe ihn ohne Barmherzigkeit erstochen, und er war der unschuldigste von Euch allen.

Nach diesen Worten entfernte sich der junge Mann und stieg ruhig genug, um nicht bemerkt zu werden, die Treppe hinab. Dann ging er aus dem inneren Treppenplatz an Tomy vorüber, der, an das Geländer gelehnt, nur auf einen Ruf seines Herrn wartete, um zu ihm hinaufzueilen.

Aber Lord Winter rief nicht. Im höchsten Grad erschüttert, blieb er mit gespanntem Ohr stehen. Erst als er den Tritt des Pferdes hörte, fiel er halb ohnmächtig auf einen Stuhl zurück und sprach: Mein Gott, ich danke dir, daß er nur mich kennt!

Vaterschaft

Während dieser furchtbaren Scene saß Athos am Fenster seines Zimmers, den Ellenbogen auf einen Tisch, den Kopf auf seine Hand gestützt, und hörte mit Augen und Ohren Raoul zu, der ihm die Abenteuer seiner Reise und die Einzelheiten der Schlacht erzählte.

Ihr habt also der großen Schlacht beigewohnt und daran Anteil genommen, Bragelonne? sprach mit dem Ausdruck eines reinen Glückes in seinem Antlitz der ehemalige Musketier. – Ja; Herr. – Und der Kampf war heiß, sagt Ihr? – Der Herr Prinz hat elfmal in Person angegriffen. Als wir uns dem Feinde näherten, geschah es im Schritt. Man hatte uns verboten, zuerst zu schießen, und wir marschierten gegen die Spanier, die sich, die Muskete auf dem Schenkel, auf einer Anhöhe hielten. Auf dreißig Schritte zu ihnen gelangt, wandte sich der Prinz nach den Soldaten um und sagte: Kinder, Ihr werdet eine furchtbare Ladung auszuhalten haben. Hernach aber, seid unbesorgt, habt Ihr nur noch geringe Arbeit. Es herrschte eine solche Stille, daß Freund und Feind diese Worte hörte. Dann seinen Degen erhebend, rief er: Blast, Trompeter! Als wir noch zehn Schritte näher gekommen waren, sahen wir alle Musketen sich wie eine glänzende Linie senken; denn die Sonnenstrahlen funkelten auf den Läufen. Im Schritt, Kinder, im Schritt! sprach der Prinz, dies ist der Augenblick! – War Euch bange, Raoul? sagte der Graf. – Ja, Herr, antwortete der Jüngling naiv. Ich fühlte eine große Kälte in meinem Herzen, und bei dem Worte Feuer, das in spanischer Sprache in den feindlichen Reihen ertönte, schloß ich die Augen und dachte an Euch. – Wirklich, Raoul? sprach Athos und drückte ihm die Hand. – Ja, Herr, in demselben Augenblick entstand ein solcher Lärm, daß man hätte glauben sollen, die Hölle öffne sich, und die, welche nicht getötet wurden, fühlten die Wärme der Flamme. Ich öffnete die Augen wieder, erstaunt, nicht tot oder wenigstens verwundet zu sein … Der dritte Teil der Schwadron lag verstümmelt und blutig auf der Erde. In diesem Moment begegnete ich dem Auge des Prinzen. Ich dachte nur noch an eins, daran, daß er mich anschaute. Ich gab meinem Pferd beide Sporen und befand mich mitten unter den feindlichen Reihen. – Und der Prinz war mit Euch zufrieden? – Er sagte es mir wenigstens, als er mich beauftragte, Herrn von Chatillon zu begleiten, der diese Neuigkeit der Königin mitzuteilen und die eroberten Fahnen zu überbringen hatte. Und ich bin gekommen, fügte Raoul bei und schaute den Grafen mit einem Lächeln tiefer Liebe an; denn ich dachte, es würde Euch Freude machen, mich wiederzusehen.

Athos zog den Jüngling zu sich und küßte ihn auf die Stirne, wie er es bei einem jungen Mädchen getan hätte.

So seid Ihr also in die Welt eingetreten, Raoul, sprach er, Ihr habt Herzoge zu Freunden, einen Marschall von Frankreich zum Paten, einen Prinzen von Geblüt zum Feldherrn und seid am Tage Eurer Rückkehr von zwei Königinnen empfangen worden. Das ist schön für einen Rekruten. – Ach! Herr! sprach Raoul plötzlich, auf einen Herrn deutend, der soeben in der Türöffnung erschien: Dort ist ein Herr, der mich schon, als ich vor der Königin Henriette erschien, nach Euch fragte.

Mylord Winter! rief der Graf, sich umwendend.

Athos, mein Freund!

Und die beiden Männer hielten sich einen Augenblick umschlossen. Dann nahm Athos den Engländer bei beiden Händen und sprach, ihn anschauend: Was habt Ihr, Mylord? Ihr scheint ebenso traurig, als ich heiter bin!

Ja, teurer Freund, es ist wahr. Und ich sage noch mehr: Euer Anblick verdoppelt meine Furcht.

Und Winter schaute um sich her, als wünsche er, allein zu sein. Raoul begriff, daß die zwei Freunde miteinander zu sprechen hatten, und entfernte sich in der Stille.

Nun, da wir allein sind, sprechen wir von Euch, sagte Athos. – Ja, erwiderte Lord Winter. Er ist hier. – Wer? – Der Sohn Myladys.

Abermals von diesem Namen getroffen, der ihn wie ein unseliges Echo zu verfolgen schien, zögerte Athos einen Augenblick, faltete leicht die Stirne und sprach dann mit ruhigem Tone:

Ich weiß es. – Ihr wißt es? – Ja, Grimaud hat ihn zwischen Bethune und Arras getroffen und ist mit verhängten Zügeln zurückgekehrt, um mich von seiner Gegenwart zu benachrichtigen. – Grimaud kannte ihn also? – Nein, aber er war an dem Sterbebett eines Menschen, der ihn kannte. – Des Henkers von Bethune! rief Winter. – Ihr wißt es? sprach Athos erstaunt. – Er verläßt mich in diesem Augenblick und hat mir alles gesagt, antwortete Lord Winter. Ach, mein Freund, was für eine furchtbare Scene! Warum haben wir nicht das Kind mit der Mutter vertilgt?

Was befürchtet Ihr? sagte Athos, durch Vernunftschlüsse von dem Schrecken sich erholend, den er anfangs empfunden hatte; sind wir nicht da, uns zu verteidigen? Ist dieser junge Mensch ein gewerbsmäßiger Heuchler, ein kaltblütiger Mörder geworden? Er konnte den Henker von Bethune in einem Anfall von Wut töten, aber seine Rache ist nun gestillt.

Lord Winter lächelte traurig und schüttelte das Haupt.

Ihr kennt also dieses Blut nicht mehr? sagte er.

Bah! sprach Athos, der ebenfalls zu lächeln suchte, es wird in der zweiten Generation von seiner Wildheit verloren haben. Wir können nichts anderes tun, als warten. Warten wir also. Aber was führte Euch nach Paris?

Wichtige Angelegenheiten, die Ihr später kennen lernen sollt. Doch was habe ich bei Ihrer Majestät der Königin von England sagen hören? Herr d’Artagnan ist Mazariner. Verzeiht mir meine Offenherzigkeit, Freund: ich hasse den Kardinal nicht, schmähe ihn auch nicht, und Eure Ansichten werden mir stets heilig sein … solltet Ihr zufällig auch diesem Menschen angehören?

Herr d’Artagnan ist im Dienste, antwortete Athos; er ist Soldat, er gehorcht der bestehenden Gewalt. Herr d’Artagnan ist nicht reich und bedarf, um zu leben, seiner Stelle als Leutnant. Die Millionäre wie Ihr, Mylord, sind in Frankreich selten.

Ach! sprach Lord Winter, ich bin heute so arm und noch ärmer als er. Aber kommen wir auf Euch zurück.

Gut! Ihr wollt wissen, ob ich Mazariner bin? Nein, tausendmal nein! Vergebt mir ebenfalls meine Offenherzigkeit, Mylord!

Lord Winter stand auf, schloß Athos in seine Arme und sprach:

Ich danke, Graf, für diese beseligende Kunde. Ihr seht mich glücklich und vergnügt. Aber seid Ihr frei? – Was versteht Ihr unter frei? – Ich frage Euch, ob Ihr nicht verheiratet seid? – Ah, nein, antwortete Athos lächelnd. – Der schöne, elegante, anmutige junge Mann … – Ist ein Kind, das ich erziehe und das nicht einmal seinen Vater kennt. – Sehr gut, Ihr seid immer derselbe, Athos, groß und edelmütig. – Laßt hören, Mylord, was wünscht Ihr von mir? – Ihr habt die Herren Porthos und Aramis immer noch zu Freunden? – Fügt auch d’Artagnan bei, Mylord, wir sind immer noch vier treu ergebene Freunde. Wenn es sich aber darum handelt, dem Kardinal zu dienen oder ihn zu bekämpfen, Mazariner oder Frondeurs zu sein, so sind wir nur noch zwei, ich und Aramis. – Könnt Ihr mich mit diesem so liebenswürdigen und so geistreichen Freund in Verbindung bringen? – Allerdings, sobald es Euch angenehm ist. – Könnt Ihr Euch anheischig machen, ihn mir morgen um zehn Uhr auf den Pont-du-Louvre zu bringen? – Ah, ah, sagte Athos lächelnd, Ihr habt ein Duell? – Ja, Graf, und zwar ein schönes Duell, ein Duell, dem Ihr hoffentlich anwohnen werdet. – Wohin gehen wir, Mylord? – Zu Ihrer Majestät der Königin von England, die mich beauftragt hat, Euch ihr vorzustellen, Graf. – Werdet Ihr mir die Ehre erzeigen, mit mir zu Nacht zu speisen, Mylord? – Ich danke, Graf. Der Besuch dieses jungen Menschen hat mir, ehrlich gestanden, den Appetit genommen und wird mir auch den Schlaf rauben. Was hat er in Paris zu tun? Er erschreckt mich, Graf; sein Anblick verkündet Blut. – Was macht er in England? – Er ist einer der eifrigsten Anhänger Oliver Cromwells. – Was hat ihn auf diese Seite getrieben? Seine Mutter und sein Vater waren, glaube ich, Katholiken. – Der Haß, den er gegen den König hegt. – Gegen den König? – Ja, der König hat ihn zum Bastard erklärt, ihn seiner Güter beraubt und ihm verboten, den Namen Winter zu führen. – Und wie heißt er jetzt? – Mordaunt. – Als Puritaner und als Mönch verkleidet, reist er allein auf den Landstraßen Frankreichs umher? – Als Mönch, sagt Ihr? – Ja, wußtet Ihr das nicht? – Ich weiß nichts, als was er mir selbst gesagt hat. – Und aus diese Art hat er den Henker beichten hören. – Dann errate ich alles. Er ist vom Cromwell abgesandt. – An wen? – An Mazarin. Und die Königin hatte recht, man ist uns zuvorgekommen. Alles erklärt sich jetzt. Gott befohlen, Graf. Morgen also!

Als der Graf am andern Morgen seine Augen öffnete, erblickte er Raoul an seinem Bette. Der junge Mann war bereits vollständig angekleidet und las ein neues Buch.

Schon aufgestanden, Raoul? sagte der Graf. – Ja, Herr, antwortete der junge Mann mit leichtem Zögern, ich habe schlecht geschlafen. – Ihr, Raoul, schlecht geschlafen! Es fehlte Euch also etwas? fragte Athos. – Herr, Ihr werdet sagen, ich habe große Eile, Euch zu verlassen, da ich kaum erst angekommen bin, aber … – Ihr habt also nur zwei Tage Urlaub, Raoul? – Im Gegenteil, Herr, ich habe zehn; ich wünschte nur, wenn Ihr es mir gestattet, einen Tag in Blois zuzubringen. Ihr schaut mich an und werdet über mich lachen. – Nein, im Gegenteil, erwiderte Athos, einen Seufzer unterdrückend, nein, ich lache nicht, Vicomte. Ihr habt Lust, Blois wiederzusehen, und das ist ganz natürlich. – Ihr erlaubt es mir also? rief Raoul freudig. – Gewiß, Raoul. – Ach, Herr, wie gut seid Ihr! rief der junge Mann und machte eine Bewegung, als wollte er Athos an den Hals springen; aber die Achtung hielt ihn zurück.

Athos öffnete ihm die Arme.

Also kann ich sogleich abreisen?

Sobald Ihr wollt, Raoul.

Raoul machte drei Schritte, um sich zu entfernen.

Herr, sprach er, da fällt mir eben noch etwas ein, nämlich, daß ich durch die Frau Herzogin von Chevreuse, die so gut gegen mich ist, bei dem Herrn Prinzen eingeführt worden bin. – Und daß Ihr der Herzogin einen Dank schuldig seid, nicht wahr, Raoul? – So scheint es mir; doch es hängt von Eurer Entscheidung ab. – Geht durch das Hotel Luynes, Raoul, und laßt fragen, ob Euch die Frau Herzogin empfangen kann. Ich sehe mit Vergnügen, daß Ihr die Schicklichkeit nicht vergeßt. Nehmt Grimaud und Olivain mit. – Beide, Herr? fragte Raoul erstaunt. – Beide.

Raoul verbeugte sich und ging.

Als ihn Athos die Türe schließen sah und hörte, wie er mit seiner fröhlichen und wohlklingenden Stimme Grimaud und Olivain rief, seufzte er.

Er verläßt mich sehr schnell, dachte er, den Kopf schüttelnd; aber er gehorcht dem gemeinsamen Gesetze. Die Natur ist so beschaffen; sie schaut vorwärts. Er liebt offenbar dieses Kind. Wird er mich aber darum weniger lieben, weil er auch andere liebt?

Athos gestand sich, daß er diese rasche Abreise nicht erwartet hatte. Aber Raoul war so glücklich, daß der Graf darüber die eigene Enttäuschung vergaß.

Noch eine Königin, die Beistand verlangt

Athos schickte schon am Morgen Aramis einen Brief, in dem er dem Freunde von Lord Winters Wunsch Mitteilung machte.

Um zehn Uhr fand er sich selbst mit seiner gewöhnlichen Pünktlichkeit auf dem Pont-du-Louvre ein. Er traf hier Lord Winter, der in demselben Augenblick erschien.

Sie warteten etwa zehn Minuten, und Lord Winter begann zu fürchten, Aramis möchte nicht kommen.

Geduld, sprach Athos, der seine Augen nach der Rue du Bac gerichtet hielt, Geduld, dort ist ein Abbé, der einem Menschen einen Faustschlag gibt und eine Frau grüßt; das muß Aramis sein.

Er war es in der Tat. Ein junger Bürger, der Maulaffen feil hielt, stand ihm im Wege, und Aramis schleuderte ihn, da er ihn mit Kot bespritzte, mit einem Faustschlag zehn Schritte von sich. Zu gleicher Zeit ging eins seiner reumütigen Beichtkinder an ihm vorüber, und da es eine hübsche, junge Person war, so grüßte Aramis sie mit seinem anmutigsten Lächeln. Einen Augenblick nachher war er bei den beiden Männern, die seiner harrten.

Wohin gehen wir? sprach Aramis, nachdem die ersten Höflichkeitsformen getauscht waren. Schlägt man sich? Ich habe keinen Degen bei mir und müßte mir erst einen holen.

Nein, sagte Lord Winter, wir machen Ihrer Majestät der Königin von England einen Besuch.

Ah, sehr gut, sagte Aramis, und in welcher Absicht geschieht dies? fuhr er, sich an Athos‘ Ohr neigend, fort.

Meiner Treu, ich weiß es nicht. Wir sollen vielleicht als Zeugen dienen.

Im Louvre ging Lord Winter den Freunden voraus. Ein einziger Portier stand an der Türe, und beim Tageslicht konnten Athos, Aramis und der Engländer sehen, wie abscheulich ärmlich die Wohnung ausgestattet war, die geiziges Mitleid der unglücklichen Königin bewilligt hatte. Große, von allen Möbeln entblößte Säle, verwitterte Wände, an denen einsame Stücke vergoldeter Leisten glänzten, Fenster, die nicht schlossen und keine Scheiben hatten, keine Teppiche, keine Wachen, keine Bedienten, das war es, was Athos sogleich in die Augen fiel, und worauf er schweigend seinen Gefährten aufmerksam machte, indem er ihn mit dem Ellbogen stieß und auf dieses Elend deutete.

Mazarin wohnt besser, sprach Aramis.

Mazarin ist beinahe König, versetzte Athos, und Madame Henriette ist beinahe nichts mehr.

Die Königin schien ungeduldig zu warten, denn bei der ersten Bewegung, die sie in dem Saale vor ihrem Zimmer hörte, kam sie selbst auf die Schwelle.

Tretet ein und seid willkommen, meine Herren, sprach sie.

Die Edelleute traten ein und blieben anfangs stehen. Aber auf eine Gebärde der Königin, die sie durch ein Zeichen sitzen hieß, gab Athos das Beispiel des Gehorsams. Er war ernst und ruhig, Aramis aber war wütend. Tiefer Jammer einer Königin hatte ihn außer sich gebracht.

Ihr betrachtet meinen Luxus, sprach Madame Henriette und warf einen traurigen Blick um sich her.

Madame, sagte Aramis, ich bitte Eure Majestät um Vergebung, aber ich bin nicht im stande, meine Entrüstung zu verbergen, da ich sehe, wie man am französischen Hofe die Tochter Heinrichs IV. behandelt.

Dieser Herr ist kein Kavalier? sprach die Königin zu Lord Winter.

Dieser Herr ist der Abbé d’Herblay, antwortete der Lord.

Aramis errötete.

Madame, sagte er, ich bin allerdings Abbé, aber wider meinen Willen. Ich hatte nie Beruf für den Mönchskragen. Meine Soutane hält nur an einem Knopf, und ich bin stets bereit, wieder Musketier zu werden. Ich zog heute früh dieses Gewand an, weil ich nicht wußte, daß ich die Ehre haben würde, Eure Majestät zu sehen. Darum bin ich aber nicht minder der Mann, den Eure Majestät als den ergebensten in ihrem Dienste finden wird, was sie auch befehlen mag.

Der Herr Chevalier d’Herblay, versetzte Lord Winter, ist einer von den tapfern Musketieren Seiner Majestät des Königs Ludwig XIII., von denen ich Euch erzählt habe, Madame. Dann sich nach Athos umwendend, fuhr er fort: Dieser Herr ist der edle Graf de la Fère, dessen Ruf Euch wohlbekannt ist.

Meine Herren, sprach die Königin, vor einigen Jahren hatte ich Edelleute, Schätze, Heere um mich. Auf ein Zeichen meiner Hand bewegte sich alles für meinen Dienst. Heute habe ich, um einen Plan auszuführen, der mir das Leben retten soll, niemand, als Lord Winter, einen Freund seit zwanzig Jahren, und Euch, meine Herren, die ich zum erstenmal sehe und nur als meine Landsleute kenne.

Das ist genug, Madame, sprach Athos, mit einer tiefen Verbeugung, wenn das Leben von drei Männern das Eurige zu erkaufen vermag.

Ich danke, meine Herren, aber hört mich, fuhr sie fort. Ich bin nicht nur die elendeste der Königinnen, sondern auch die unglücklichste der Mütter, die trostloseste der Gattinnen. Meine Kinder, zwei wenigstens, der Herzog von York und die Prinzessin Charlotte, sind fern von mir, den Streichen von Ehrgeizigen und Feinden preisgegeben. Der König, mein Gemahl, schleppt in England ein so schmerzliches Dasein hin, daß ich wenig sage, wenn ich Euch versichere, er suche den Tod als Befreier. Hier, meine Herren, ist der Brief, den er mir durch Mylord Winter überschickt hat. Lest ihn.

Athos und Aramis entschuldigten sich.

Lest, sprach die Königin.

Athos las mit lauter Stimme den Brief, in dem der König Karl fragte, ob ihm Frankreich Gastfreundschaft gewähren wolle.

Nun? fragte Athos, als er den Brief zu Ende gelesen hatte.

Nun, sagte die Königin, er hat es abgeschlagen.

Die Freunde tauschten ein Lächeln der Verachtung.

Und was ist nun zu tun, Madame? sprach Athos.

Habt Ihr Mitleid mit so viel Unglück? sagte die Königin bewegt.

Ich habe die Ehre gehabt, Eure Majestät zu fragen, was sie wünsche, daß Herr d’Herblay und ich für ihren Dienst tun sollen; wir sind bereit.

Ah, mein Herr, Ihr seid in der Tat ein edles Herz, rief die Königin mit einem Ausbruch von Dankbarkeit, während Lord Winter sie anschaute, als wollte er sagen: Habe ich mich nicht für sie verbürgt?

Aber Ihr, mein Herr?, fragte die Königin Aramis.

Ich, Madame, antwortete dieser, ich folge überall, wohin der Graf geht, und wäre es in den Tod, ohne zu fragen, warum. Wenn es sich aber um den Dienst Eurer Majestät handelt, fügte er, die Königin mit aller seiner Anmut anschauend, bei, so gehe ich dem Grafen voraus.

Wohl, wenn es so ist, wenn ihr euch dem Dienste einer armen Fürstin weihen wollt, welche die ganze Welt verlassen hat, so könnt ihr folgendes für mich tun: Der König ist allein mit einigen Edelleuten, die er jeden Tag zu verlieren fürchtet, mitten unter Schotten, denen er mißtraut, obgleich er selbst ein Schotte ist. Seit Lord Winter ihn verlassen hat, lebe ich nicht mehr, meine Herren. Ich verlange vielleicht zu viel, denn ich habe keinen Anspruch zu machen. Geht nach England, eilt zum König, seid seine Freunde, zieht an seiner Seite in die Schlacht und weicht nicht von ihm. Und für das Opfer, das ihr mir bringt, meine Herren, verspreche ich nicht, euch zu belohnen, ich glaube, dieses Wort würde euch beleidigen, sondern euch zu lieben, wie eine Schwester, und euch über alle zu stellen, mit Ausnahme meines Gemahls und meiner Kinder, das schwöre ich euch vor Gott!

Und die Königin schlug langsam und feierlich die Augen zum Himmel auf.

Madame, sagte Athos, wann sollen wir reisen?

Ihr willigt also ein? fragte die Königin voll Freude.

Ja, Madame. Wir dienen Gott, wenn wir einem so unglücklichen Fürsten und einer so tugendhaften Königin dienen. Madame, wir gehören Euch mit Leib und Seele.

Ah, meine Herren, sprach die Königin, bis zu Tränen gerührt, das ist der erste Augenblick der Freude und Hoffnung, den ich seit fünf Jahren erlebe. Ja, ihr dient Gott, und da meine Macht zu beschränkt ist, um einen solchen Dienst anzuerkennen, so wird Er ihn belohnen, der in meinem Herzen alles liest, was darin von Dankbarkeit gegen ihn und gegen euch liegt. Rettet meinen Gemahl, rettet den König, und obgleich ihr nicht empfänglich für den Preis seid, der euch auf Erden für diese schöne Handlung zukommen kann, so laßt mir doch die Hoffnung, daß ich euch wiedersehen werde, um euch selbst zu danken. Mittlerweile bleibe ich. Habt ihr mir etwas zu empfehlen? Ich bin von diesem Augenblick an eure Freundin, und da ihr meine Angelegenheiten besorgt, so muß ich mich mit den eurigen beschäftigen.

Madame, sprach Athos, ich habe nichts von Eurer Majestät zu verlangen, als ihre Gebete.

Und ich, sagte Aramis, ich bin allein auf dieser Welt und diene nur Eurer Majestät.

Die Königin reichte ihnen die Hand, die sie küßten, und sagte ganz leise zu Lord Winter: Wenn es Euch an Geld fehlt, Mylord, so zögert keinen Augenblick: zerbrecht die Juwelen, die ich Euch gegeben habe, nehmt die Diamanten heraus und verkauft sie an einen Juden. Ihr bekommt dafür fünfzig- bis sechzigtausend Livres, verwendet sie, wenn es notwendig ist; diese Edelleute sollen aber behandelt werden, wie sie es verdienen, das heißt königlich.

Die Königin hatte zwei Briefe bereit gehalten. Einer war von ihr, der andere von der Prinzessin Henriette, ihrer Tochter, geschrieben. Beide waren an den König Karl gerichtet. Den einen gab sie Athos, den andern Aramis, damit sie sich, wenn der Zufall sie trennen sollte, dem König einzeln zu erkennen geben könnten. Dann entfernten sie sich.

Unten an der Treppe blieb Lord Winter stille stehen und sprach:

Trennen wir uns, damit wir keinen Verdacht erwecken, und diesen Abend um neun Uhr finden wir uns an der Porte-Saint-Denis zusammen. Wir reiten mit meinen Pferden, soweit sie gehen können, dann nehmen wir die Post. Noch einmal Dank, meine Freunde, Dank in meinem Namen, Dank im Namen der Königin! Und die drei Edelleute drückten sich die Hände.

Nun, sprach Aramis, als sie allein waren, was sagt Ihr zu dieser Unternehmung, mein lieber Graf? – Sie ist schlimm, antwortete Athos, sehr schlimm. – Aber Ihr habt sie mit Begeisterung aufgenommen? – Wie ich stets die Verteidigung eines großen Grundsatzes aufnehmen würde, mein lieber d’Herblay. Die Könige können nur durch den Adel groß sein, der Adel aber kann nur durch die Könige groß sein. Unterstützen wir also den Monarchen, so unterstützen wir uns selbst. – Wir werden uns da drüben totschlagen lassen, sprach Aramis. Ich hasse die Engländer, sie sind plump, wie alle Leute, die Bier trinken. – Wäre es denn besser, hier zu bleiben, versetzte Athos, und einen Gang in die Bastille oder in den Kerker von Vincennes zu machen, nachdem wir die Flucht des Herrn von Beaufort begünstigt haben? Ach, meiner Treu, Aramis, glaubt mir, wir haben es nicht zu bereuen. Wir vermeiden das Gefängnis und handeln als Helden; die Wahl ist leicht.

Damit trennten sie sich. Athos machte einen Versuch bei Frau von Vendome, gab seinen Namen bei Frau von Chevreuse ab und schrieb folgenden Brief an d’Artagnan:

Lieber Freund, ich verreise mit Aramis in einer wichtigen Angelegenheit. Ich wünschte von Euch Abschied zu nehmen, aber es gebricht mir an Zeit. Vergeßt nicht, daß ich Euch schreibe, um zu wiederholen, wie sehr ich Euch liebe.

Raoul ist nach Blois gegangen und weiß nichts von meiner Abreise. Wacht über ihn während meiner Abwesenheit, so gut Ihr immer könnt, und wenn Ihr in drei Monaten keine Nachricht von mir erhaltet, so sagt ihm, er möge ein versiegeltes Paket unter seiner Adresse öffnen, das er in Blois in meiner Bronze-Kassette finden wird, zu der ich Euch den Schlüssel schicke.

Umarmt Porthos für Aramis und für mich. Auf Wiedersehen, vielleicht auf immer!

Zur bestimmten Stunde erschien Aramis. Er war als Kavalier gekleidet und hatte an seiner Seite das alte Schwert, das er so oft gezogen und mehr als je zu ziehen bereit war.

Ach, sagte er, ich glaube, wir haben unrecht, so abzureisen. ohne ein Wörtchen des Abschieds an Porthos und d’Artagnan zurückzulassen.

Das ist geschehen, lieber Freund, versetzte Athos; ich habe dafür gesorgt, ich habe alle beide für mich und für Euch gegrüßt. – Ihr seid ein bewundernswürdiger Mann, mein lieber Graf, sprach Aramis, Ihr denkt an alles. – Nun, habt Ihr Euch fest zu dieser Reise entschlossen? – Ganz und gar, und jetzt, da ich mir die Sache genauer überlegt habe, bin ich froh, Paris in diesem Augenblick zu verlassen. – Ich auch, versetzte Athos, nur bedaure ich, d’Artagnan nicht umarmt zu haben. Aber dieser Teufel ist so fein, daß er unsere Pläne erraten hätte.

Beim Schlusse des Abendessens kam Blaisois, der den Brief zu d’Artagnan getragen hatte, zurück und sagte: Gnädiger Herr, hier ist die Antwort von Herrn d’Artagnan.

Ich habe dir nicht gesagt, du solltest auf Antwort warten, Dummkopf, sprach Athos.

Ich ging auch ab, ohne darauf zu warten; aber er ließ mich zurückrufen und gab mir dies.

Und er bot Athos eine strotzende, klingende lederne Tasche.

Athos öffnete sie und zog zuerst ein folgendermaßen lautendes Billett hervor:

Mein lieber Graf!

Wenn man verreist, und besonders wenn man auf drei Monate verreist, hat man nie Geld genug. Ich erinnere mich unserer Zeiten der Armut und schicke Euch die Hälfte meiner Börse. Es ist Geld, das ich abgeschweißt habe. Macht also gefälligst keinen allzu schlimmen Gebrauch davon.

Was den Umstand betrifft, daß ich Euch nicht wiedersehen soll, so glaube ich kein Wort davon. Wenn man ein Herz und ein Schwert hat, wie Ihr, so kommt man überall durch. Auf Wiedersehen also, und nicht Gott befohlen! Es versteht sich von selbst, daß ich Raoul von dem Tage an, wo ich ihn zuerst sah, wie mein Kind liebte. Glaubt mir jedoch, daß ich Gott aufrichtig anflehe, er möge mich nicht seinen Vater werden lassen, obgleich ich auf einen solchen Sohn stolz wäre.

Euer d’Artagnan.

»N. S.
Wohlverstanden, die fünfzig Louisd’or, die ich Euch schicke, gehören Euch wie Aramis, Aramis wie Euch.«

Athos lächelte, und sein schöner Blick verschleierte sich unter einer Träne. D’Artagnan, den er stets zärtlich geliebt hatte, liebte ihn also ebenfalls immer noch, obgleich er ein Mazariner war.

Meiner Treu, sprach Aramis, die Börse auf den Tisch ausleerend, hier sind die fünfzig Goldstücke, alle nach dem Bildnis König Ludwigs XIII. Was macht Ihr mit diesem Gelde, Graf? Behaltet Ihr es, oder schickt Ihr es zurück? – Ich behalte es, Aramis, und würde es behalten, auch wenn ich seiner nicht bedürfte. Was aus gutem Herzen geboten wird, muß mit gutem Herzen angenommen werden. Nehmt fünfundzwanzig, Aramis, und gebt mir die andern fünfundzwanzig. – Das gefällt mir; in der Tat, es macht mich glücklich, zu sehen, daß Ihr meiner Ansicht seid. Aber gehen wir jetzt? – Wenn Ihr wollt; doch habt Ihr keinen Bedienten? – Nein; der alberne Bazin hat die Dummheit begangen, Mesner zu werden, wie Ihr wißt, und kann folglich Notre-Dame nicht verlassen. – Gut, dann nehmt Blaisois, mit dem ich nichts anzufangen weiß, da ich Grimaud habe. – Gern, sprach Aramis.

In diesem Augenblick erschien Grimaud auf der Schwelle.

Bereit, sagte er auf seine gewöhnliche lakonische Weise.

Vorwärts, sprach Athos.

Die Pferde warteten gesattelt und gezäumt. Die Freunde bestiegen jeder das seine, die Lakaien taten dasselbe.

An der Ecke des Quai begegneten sie Bazin, der ganz atemlos herbeilief.

Ach! gnädiger Herr, rief Bazin, Gott sei Dank, ich komme noch zu rechter Zeit! – Was gibt es? – Herr Porthos hat mir dies übergeben und dabei gesagt, es habe große Eile und müsse Euch vor Eurer Abreise eingehändigt werden. – Gut, erwiderte Aramis und nahm eine Börse, die ihm Bazin darreichte, was ist das? – Wartet, Herr Abbé, es ist auch ein Brief dabei. – Du weißt, daß ich dir bereits gesagt habe, ich schlage dir Arme und Beine entzwei, wenn du mich anders als Herr Chevalier nennest. Gib den Brief. – Wie wollt Ihr lesen? fragte Athos; es ist finster wie in der Hölle. – Wartet, sagte Bazin, schlug Feuer und zündete das Licht an, mit dem er seine Kerzen in der Kirche anzuzünden pflegte.

Beim Schein dieses Lichtes las Aramis:

Mein lieber d’Herblay!

Ich erfahre von d’Artagnan, der mich in Euerem und in des Grafen de la Fère Namen umarmt, daß Ihr in einem Unternehmen abreist, das vielleicht zwei bis drei Monate dauern wird: da ich weiß, daß Ihr nicht gern von Eueren Freunden fordert, so biete ich Euch. Hier sind zweihundert Pistolen, über die Ihr verfügen könnt; Ihr gebt sie mir bei Gelegenheit zurück. Fürchtet nicht, mich dadurch zu genieren; brauche ich Geld, so lasse ich mir von einem meiner Schlösser kommen; ich habe allein in Bracieux zwanzigtausend Livres in Gold. Ich bin, wie Ihr wohl nicht bezweifelt, Euer ergebener

Du Vallon de Bracieux de Pierrefonds.

Nun, sprach Aramis, was sagt Ihr dazu? – Ich sage, mein lieber d’Herblay, daß es ein arges Verbrechen ist, an der Vorsehung zu zweifeln, wenn man solche Freunde hat. – Also?

Also teilen wir Porthos‘ Pistolen, wie wir d’Artagnans Louisd’ors geteilt haben.

Die Schlange auf dem Wege

In Saint-Denis trafen die beiden Freunde mit Lord Winter zusammen und schlugen mit ihm den ihnen so wohlbekannten Weg nach der Picardie ein, der in Athos und Aramis einige der romantischsten Erinnerungen ihrer Jugend wach rief.

Wäre Mousqueton bei uns, sprach Athos, als sie zu der Stelle gelangten, wo sie mit den Straßenarbeitern Streit gehabt hatten, wie würde er zittern! Erinnert Ihr Euch, Aramis, hier bekam er die bekannte Kugel.

Meiner Treu, ich würde es ihm wohl hingehen lassen, denn ich selbst bebe einigermaßen bei dieser Erinnerung. Seht, dort jenseits des Baumes ist ein Punkt, wo ich glaubte, es sei aus mit mir.

Man setzte den Marsch fort. Bald kam an Grimaud die Reihe, sich in Erinnerungen zu vertiefen. Der Herberge gegenüber, wo sein Herr und er einst eine so ungeheure Schmauserei gehalten hatte, näherte er sich Athos, deutete auf das Luftloch des Kellers und sagte: Würste.

Athos lachte, denn diese Tollheit seiner Jugendjahre kam ihm so unglaublich lustig vor, als wenn man sie ihm von einem andern erzählt hätte.

Endlich nach einem Ritt von zwei Tagen und einer Nacht erreichten sie gegen Abend bei herrlichem Wetter Boulogne. Als man zu den Toren gelangte, sagte Lord Winter:

Meine Herren, machen wir es hier, wie in Paris. Trennen wir uns, um keinen Verdacht zu erregen. Ich habe eine wenig besuchte Herberge, deren Wirt mir ganz und gar ergeben ist. Ich will mich dahin begeben, denn es erwarten mich Briefe. Ihr geht in das nächste beste Gasthaus der Stadt, erfrischt Euch und findet Euch dann auf dem Hafendamme ein. Unsere Barke muß dort unser harren.

Die Sache wurde so verabredet. Lord Winter setzte seinen Weg die äußeren Bollwerke entlang fort, um durch ein anderes Tor in die Stadt zu gelangen, während die zwei Freunde durch das nächste einritten. Nach zweihundert Schritten fanden sie ein Gasthaus.

Man ließ den Pferden Futter geben, aber ohne sie abzusatteln. Die Lakaien nahmen ein Abendessen, denn es fing an spät zu werden, und die Herren, die es drängte, sich einzuschiffen, bestellten sie auf den Hafendamm, nachdem sie ihnen eingeschärft, mit keinem Menschen ein Wort zu wechseln.

Dieser Befehl betraf natürlich nur Blaisois; für Grimaud war er längst überflüssig geworden.

Athos und Aramis gingen nach dem Hafen hinab.

Durch ihre mit Staub bedeckten Kleider und ihre ganze Erscheinung zogen die beiden Freunde die Aufmerksamkeit einiger Spaziergänger auf sich. Besonders einer schien durch ihre Ankunft überrascht zu sein. Dieser Mensch, der ebenfalls aussah, als habe er eine eilige Reise hinter sich, ging traurig auf dem Hafendamme auf und ab. Sobald er sie erblickte, schaute er sie unablässig an, als brenne er vor Begierde, sie anzureden.

Er war jung und bleich, und hatte Augen von einem so unsichern Blau, daß sie, wie die des Tigers, je nach den Reflexen in allen Farben zu spielen schienen. Sein Gang war trotz der Langsamkeit seiner Bewegungen straff und keck. Er war schwarz gekleidet und trug mit viel Anstand ein langes Schwert.

Als Athos und Aramis den Hafendamm erreichten, blieben sie stehen, um ein kleines Schiff anzuschauen, das an einen Pfosten angebunden und ganz equipiert war, als ob es warte.

Das ist ohne Zweifel das unsere, sprach Athos.

Ja, antwortete Aramis, und die Schaluppe, die sich da unten segelfrei macht, sieht aus, als sollte sie uns an den Ort unserer Bestimmung führen. Wenn nur Lord Winter nicht auf sich warten läßt, fuhr er fort; es ist gar nicht lustig, hier zu verweilen; keine einzige Dame läßt sich blicken.

Stille, sagte Athos, man behorcht uns.

Der Unbekannte war, während die zwei Freunde aufs Meer hinausschauten, wiederholt hinter ihnen auf und ab gegangen und bei dem Namen Lord Winter plötzlich stehen geblieben, ohne jedoch in seinen Mienen eine Erregung zu zeigen. Mit großer Höflichkeit wandte er sich an die Freunde mit den Worten:

Meine Herren, verzeiht meine Neugierde, aber ich sehe, daß Ihr von Paris kommt oder wenigstens in Boulogne fremd seid. – Ja, mein Herr, wir kommen von Paris, antwortete Athos mit derselben Höflichkeit. Was steht zu Diensten? – Mein Herr, sprach der junge Mann, wollt Ihr wohl die Güte haben, mir zu sagen, ob der Herr Kardinal von Mazarin wirklich nicht mehr Minister ist? – Das ist eine seltsame Frage, sagte Aramis. – Er ist es und ist es nicht, antwortete Athos; das heißt, die eine Hälfte von Frankreich jagt ihn fort, während er die andere durch Intriguen und Versprechungen an sich kettet. Dieser Zustand kann sehr lange dauern. – Er ist also weder auf der Flucht begriffen, noch im Gefängnis? fragte der Fremde. – Nein, mein Herr, wenigstens nicht im Augenblick. – Meine Herren, empfangt meinen Dank für Eure Gefälligkeit, sprach der junge Mann und entfernte sich.

Was haltet Ihr von diesem Frager? sagte Aramis. – Aramis, Ihr werdet über mich spotten, Ihr werdet mich für einen furchtsamen Geisterseher halten. – Nun? – Wem findet Ihr, daß dieser junge Mann ähnlich ist? – Im Schönen oder im Häßlichen? fragte Aramis lachend. – Im Häßlichen, und soviel ein Mann einer Frau gleichen kann. – Ah, bei Gott! rief Aramis, Ihr bringt mich auf einen Gedanken. Nein, Ihr seid kein Geisterseher, mein lieber Freund. Und jetzt, wenn ich mir die Sache überlege … Ihr habt meiner Treu recht, dieser feine Mund, diese Augen, welche stets den Befehlen des Geistes und nie denen des Herzens zu gehorchen scheinen … Er ist ein Bastard von Mylady. – Aramis, Ihr lacht. – Nur aus Gewohnheit; denn ich schwöre Euch, ich wünschte dieser jungen Schlange ebensowenig als Ihr auf meinem Wege zu begegnen. – Ah, hier kommt Lord Winter, sprach Athos. – Gut, es fehlte jetzt nur noch eins, versetzte Aramis, daß unsere Lakaien auf sich warten ließen. – Nein, ich erblicke sie. Sie kommen zwanzig Schritte hinter Mylord. Ich erkenne Grimaud an seinem steifen Kopf und an seinen langen Beinen. Tomy trägt unsere Karabiner. – Wir schiffen uns alle bei Nacht ein? fragte Aramis mit einem Blick nach dem Westen, wo die Sonne nur eine goldene Wolke zurückließ, die, allmählich in das Meer sinkend, zu erlöschen schien. – Das ist wahrscheinlich, sagte Athos und ging auf Lord Winter zu. Aramis folgte ihm.

Was hat denn unser Freund? sprach Aramis; er gleicht den Verdammten Dantes, denen Satan den Hals umgedreht hat, so daß sie ihre Fersen anschauen müssen. Was zum Teufel hat er denn immer hinter sich zu sehen?

Als Lord Winter die Freunde erblickte, verdoppelte er seine Schritte und kam mit auffallender Raschheit zu ihnen.

Was habt Ihr denn, Mylord, sagte Athos, und was bringt Euch so außer Atem?

Nichts, sprach Lord Winter, nichts. Als ich jedoch an den Dünen vorüberging, kam es mir vor … und er wandte sich abermals um.

Athos schaute Aramis an.

Aber gehen wir, fuhr Lord Winter fort, das Boot muß uns erwarten, und unsere Schaluppe liegt vor Anker. Wenn wir nur schon darin säßen! Und er wandte sich noch einmal um.

He, sagte Aramis, habt Ihr denn etwas vergessen?

Nein, ein Gedanke beunruhigt mich.

Er hat ihn gesehen, sprach Athos ganz leise zu Aramis.

Man war zu der Treppe gelangt, die in die Barke führte; der Lord ließ zuerst die Lakaien hinabsteigen, welche die Waffen trugen, dann die Knechte mit dem Gepäck und fing endlich an, selbst hinabzusteigen.

In diesem Augenblick bemerkte Athos einen Menschen, der dem Rande des Meeres, parallel mit dem Hafendamm, folgte und seinen Gang beschleunigte, als wollte er auf der andern kaum zwanzig Schritte entfernten Seite des Hafens ihrem Einschiffen beiwohnen.

Er glaubte mitten im Schatten, der sich herabzusenken anfing, den jungen Menschen zu erkennen, der sie befragt hatte.

Oho, sagte er zu sich selbst, ist es wirklich ein Spion, und sollte er sich unserem Einschiffen widersetzen wollen? Da es aber, falls der Fremde diese Absicht gehabt hatte, zur Ausführung bereits zu spät gewesen wäre, so stieg Athos ebenfalls die Treppe hinab, ohne jedoch den jungen Menschen aus dem Gesicht zu verlieren. Dieser trat auf eine Schleuse vor.

Er hat es offenbar auf uns abgesehen, sprach Athos, aber schiffen wir uns immerhin ein. Sind wir einmal auf offener See, so mag er kommen.

Und Athos sprang in die Barke, die sich sogleich vom Ufer losmachte und unter der Anstrengung von vier Ruderern sich zu entfernen begann.

Aber der junge Mann bemühte sich, der Barke zu folgen oder vielmehr ihr vorauszueilen. Sie mußte zwischen der von dem Leuchtturme, der soeben angezündet worden, überragten Spitze des Hafendammes und einem überhängenden Felsen durchfahren. Man sah ihn von ferne den Felsen erklettern, so daß er die Barke beherrschen konnte, wenn sie vorüberkam.

Ah, sagte Aramis zu Athos, dieser junge Mensch ist offenbar ein Spion!

Was für ein Mensch? fragte Lord Winter, sich umdrehend.

Der, welcher uns folgte, uns ansprach und da unten erwartet. Seht!

Lord Winter folgte der Richtung des Fingers von Aramis. Der Leuchtturm übergoß mit Klarheit die kleine Meerenge, durch die man zu schiffen hatte, und den Felsen, auf dem der junge Mann stand, der mit entblößtem Haupte und gekreuzten Armen wartete.

Er ist es! rief Lord Winter, Athos beim Arme fassend, er ist es! Ich glaubte ihn zu erkennen und täuschte mich nicht. – Wer? fragte Aramis. – Der Sohn Myladys, antwortete Athos. – Der Mönch! rief Grimaud.

Der junge Mensch hörte diese Worte. Es war, als wollte er sich herabstürzen, so weit außen stand er auf dem Felsen über das Meer herabgebeugt.

Ja, rief er, ich bin’s, mein Oheim, der Sohn Myladys, der Mönch, der Sekretär und Freund Cromwells, und ich kenne Euch und Eure Gefährten.

In der Barke saßen drei Männer, tapfere Männer, deren Mut niemand zu bestreiten gewagt hätte. Jedoch bei dieser Stimme, bei diesem Tone, bei dieser Gebärde fühlten sie einen Schauder in ihren Adern.

Grimaud sträubten sich die Haare auf dem Haupt, und der Schweiß strömte von seiner Stirne.

Ah! sprach Aramis, es ist der Neffe, es ist der Mönch, es ist der Sohn Myladys, wie er selbst sagt.

Ja, murmelte Lord Winter.

Dann wartet, versetzte Aramis.

Und mit der Kaltblütigkeit, die er in den äußersten Gefahren besaß, nahm er eine der zwei Musketen, die Tomy hielt, spannte und legte auf den jungen Mann an, der, sie mit der Hand und mit dem Blicke verfolgend, aufrecht wie der Engel des Fluchs auf dem Felsen stand.

Feuer! rief Grimaud außer sich.

Athos warf sich auf den Lauf des Karabiners und hielt den Schuß zurück.

Der Teufel soll Euch holen! rief Aramis, ich faßte ihn so gut mit meiner Muskete, und die Kugel hätte ihn mitten in die Brust getroffen.

Es ist genug, daß wir die Mutter getötet haben, sprach Athos mit dumpfem Tone.

Die Mutter war eine Verbrecherin, die uns alle in uns selbst oder in denen, die uns teuer waren, getroffen hatte.

Aber der Sohn hat uns nichts getan.

Grimaud, welcher aufgestanden war, um die Wirkung des Schusses zu sehen, fiel entmutigt und die Hände ringend zurück.

Der junge Mann brach in ein Gelächter aus.

Ah! Ihr seid es, sagte er, Ihr seid es … ich kenne Euch nun.

Sein scharfes Gelächter und seine drohenden Worte gingen, vom Winde fortgetragen, über die Barke hin und verloren sich in den Tiefen des Horizonts.

Athos nahm Lord Winter bei der Hand und suchte das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen.

Wann werden wir in England landen? fragte er den Lord; aber dieser hörte ihn nicht und gab keine Antwort.

Halt, Athos, sprach Aramis, vielleicht wäre es noch Zeit. Seht, er ist immer noch auf derselben Stelle.

Athos wandte sich mit einem gewissen Widerstreben um; der Anblick des jungen Mannes war ihm offenbar peinlich.

Er stand wirklich noch immer auf dem Felsen; der Leuchtturm verbreitete eine Art von Glorie um ihn.

In diesem Augenblick rief sie eine Stimme von der Schaluppe an. Der Lotse, der am Steuerruder saß, antwortete, und die Barke erreichte das Schiff.

In einer Minute war alles an Bord, der Patron erwartete nur die Passagiere, um abzugehen, und kaum hatten sie den Fuß aus das Verdeck gesetzt, als man gegen Hastings steuerte, wo man landen sollte.

Jetzt warfen die drei Freunde unwillkürlich noch einen Blick nach dem Felsen, wo der drohende Schatten, der sie verfolgte, immer noch sichtbar hervortrat.

Dann gelangte eine Stimme, die ihnen die letzte Drohung zusandte, bis zu ihnen.

Auf Wiedersehen, meine Herren, in England!

Das Tedeum für den Sieg von Lens

Die Nachricht von dem großen Siege bei Lens war entscheidend: der Hof gewann wieder das Übergewicht über das Parlament. Alle willkürlich auferlegten Steuern, gegen die sich das letztere erhob, waren stets durch die Notwendigkeit, die Ehre Frankreich aufrecht zu erhalten, und mit der Hoffnung auf einen Sieg begründet worden. Da man jedoch seit Nördlingen nur Schlappen erlitten hatte, so war es dem Parlament leicht, an Herrn von Mazarin vorwurfsvolle Fragen in Beziehung auf die stets versprochenen und immer wieder vertagten Siege zu stellen. Diesmal aber war man zu einem Ziele gelangt, man hatte einen vollständigen Triumph, so daß die Parteigänger des Hofes und selbst der junge König mit ihnen riefen:

Ah! meine Herren vom Parlament, wir wollen sehen, was Ihr dazu sagen werdet.

Die Königin drückte ihr königliches Kind, dessen stolzes, unbändiges Wesen so gut mit ihrem Charakter im Einklange stand, an ihr Herz. An demselben Abend fand ein Rat statt, wozu der Marschall de la Meilleraye und Herr von Villeroy, weil sie Mazariner waren, Chavigny und Seguier, weil sie das Parlament haßten, und Guitaut und Comminges, weil sie der Königin ergeben waren, berufen wurden.

Von dem, was im Rate beschlossen worden war, verlautete nichts, man erfuhr nur, daß am nächsten Sonntag ein Tedeum zu Ehren des Sieges von Lens gesungen werden sollte.

Am folgenden Sonntag erwachten also die Pariser sehr heiter: ein Tedeum war zu jener Zeit noch etwas Außergewöhnliches und Großartiges. Die Sonne erhob sich strahlend und vergoldete die düsteren Türme der bereits mit einer ungeheuren Menschenmenge gefüllten Hauptstadt; die dunkelsten Gassen der Altstadt hatten ein festliches Aussehen angenommen, und die Quais entlang sah man lange Reihen von Bürgern, Handwerkern, Frauen und Kindern, die, wie ein zu seiner Quelle zurückkehrender Fluß, Notre-Dame zuströmten.

Es herrschte indessen die größte Freiheit unter dieser ungeheuren Volksmasse; alle sprachen offen ihre Meinung aus und läuteten sozusagen Aufruhr, wie die tausend Glocken aller Kirchen von Paris Tedeum läuteten. Da die Polizei der Stadt durch die Stadt selbst besorgt wurde, so störte nichts die Einhelligkeit des allgemeinen Hasses, nichts machte die Worte in diesen schmähsüchtigen Mäulern zu Eis.

Indessen hatte sich schon um acht Uhr morgens das Regiment der Garden der Königin, unter dem Befehl Guitauts und seines Neffen Comminges, mit Trommeln und Trompeten an der Spitze, vom Palais Royal an bis zur Notre-Dame aufgestellt, ein Manöver, dem die auf Militärmusik und glänzende Uniformen allezeit versessenen Pariser ruhig zuschauten.

Friquet zog seinen Sonntagsstaat an und erhielt unter dem Vorwande einer Geschwulst, die er sich durch eine Anzahl in eine Mundseite geschobene Kirschensteine verschaffte, von Bazin, seinem Herrn, einen Urlaub auf den ganzen Tag. Anfangs schlug der Mesner den Urlaub ab, aber in seiner Gegenwart nahm die Geschwulst dergestalt an Umfang zu, daß er am Ende brummend nachgab. An der Tür spuckte Friquet die Geschwulst aus und sandte Bazin eine jener Gebärden zu, die einem Pariser Gamin seine Überlegenheit über alle Straßenjungen des Weltalls sichern. In seinem Gasthaus hatte er sich natürlich dadurch losgemacht, daß er vorgab, er müsse die Messe bedienen.

Friquet war also frei und hatte, wie gesagt, seine kostbarste Toilette gemacht; als ganz besondere Zier trug er eine jener schwer zu beschreibenden Mützen, die zwischen dem mittelalterlichen Barett und dem Hute aus der Zeit Ludwigs XIII. die Mitte halten. Seine Mutter hatte ihm diese seltsame Kopfbedeckung fabriziert und sich dabei, wahrscheinlich aus Mangel an gleichem Stoffe, um die Farben nicht sonderlich bekümmert, so daß dieses Meisterwerk der Kappenmacherei des siebzehnten Jahrhunderts auf der einen Seite gelb und grün, auf der andern weiß und rot war. Friquet aber schritt darum nicht minder stolz und triumphierend einher.

Als Friquet seinen Herrn verließ, lief er in der größten Eile nach dem Palais Royal. Er kam gerade in dem Augenblick an, wo das Regiment der Garden herausmarschierte, und da er aus keinem andern Grunde erschien, als um sich seines Anblicks zu erfreuen und sich an seiner Musik zu ergötzen, so nahm er seine Stelle an der Spitze des Regiments, trommelte mit zwei Stückchen Schiefer und ging von dieser Übung zu der Trompete über, die er mit dem Munde auf höchst kunstvolle Weise nachahmte.

Diese Unterhaltung dauerte von der Barriere des Sergens bis zum Platze Notre-Dame, und Friquet fand ein wahres Vergnügen daran. Dann aber erinnerte er sich, daß er nicht gefrühstückt hatte, und beschloß nach reiflicher Überlegung, der Rat Broussel solle die Kosten seines Mahles tragen.

Er lief rasch weg, gelangte atemlos vor die Türe des Brousselschen Hauses und klopfte heftig an.

Seine Mutter, die alte Dienerin Broussels, öffnete.

Was machst du hier, Taugenichts? sagte sie, und warum bist du nicht in Notre-Dame? – Ich war dort, Mutter Nannette, antwortete Friquet, aber ich sah, daß Dinge vorgingen, von denen Meister Broussel notwendig unterrichtet werden müßte, und mit Erlaubnis des Herrn Bazin, Ihr wißt wohl, Mutter Nannette, des Herrn Bazin, des Mesners, kam ich hierher, um mit Herrn Broussel zu sprechen. – Was willst du Herrn Broussel sagen, Affe? – Ich will mit ihm selbst sprechen. – Das kann nicht sein; er arbeitet. – Dann werde ich warten, antwortete Friquet.

Und er stieg rasch die Treppe hinauf, während Nannette langsamer folgte.

Aber sage mir doch, sprach sie, was willst du bei Herrn Broussel?

Ich will ihn benachrichtigen, antwortete Friquet, aus Leibeskräften schreiend, daß ein ganzes Regiment Garden in der Richtung nach diesem Hause marschiert. Da ich nun überall sagen hörte, es herrsche am Hof eine üble Stimmung gegen ihn, so will ich ihn warnen, damit er auf seiner Hut ist.

Broussel hörte das Geschrei des Jungen und eilte, erfreut über seinen rastlosen Eifer, in den ersten Stock hinab, denn er arbeitete in seinem Kabinett im zweiten.

Der Rat belehrte Friquet über seinen vermeintlichen Irrtum, lobte ihn aber wegen seines Eifers und hieß Frau Nannete dem Jungen Aprikosen und ein Stück Weißbrot geben.

Broussel selbst ging nun zu seiner Frau, verlangte sein Frühstück und setzte sich an das Fenster. Die Straße war gänzlich verlassen; aber in der Ferne hörte man, gleich dem Geräusche einer steigenden Flut, das ungeheure Tosen der Volkswogen, die um Notre-Dame her immer stärker anschwollen.

Dieses Geräusch verdoppelte sich, als d’Artagnan mit einer Kompanie Musketiere sich an den Pforten von Notre-Dame aufstellte, um den Kirchendienst verrichten zu lassen. Er hatte Porthos gesagt, er möge diese Gelegenheit benutzen, um die Ceremonie zu sehen. Porthos bestieg in großer Gala sein schönstes Pferd und machte den Ehrenmusketier, wie dies einst d’Artagnan so oft getan hatte.

Um zehn Uhr verkündigte die Kanone des Louvre den Aufbruch des Königs. Eine Bewegung wie die der Bäume, deren Gipfel der Sturmwind faßt und schüttelt, durchlief die Menge, die sich hinter den unbeweglichen Musketen der Garden hin und her trieb. Endlich erschien der König mit der Königin in einem ganz mit Gold überzogenen Wagen. Zehn andere Wagen folgten mit den Ehrendamen, den Offizieren des königlichen Hauses und dem ganzen Hofe.

Es lebe der König! rief man von allen Seiten.

Der Zug rückte langsam vor und brauchte beinahe eine Stunde, um den Raum zurückzulegen, welcher den Louvre von der Place Notre-Dame trennt. Hier begab er sich allmählich unter das ungeheure Gewölbe der düstern Kathedrale, und der Gottesdienst begann.

Als die Königin am Ende des Gottesdienstes bemerkte, daß Comminges in ihrer Nähe stand und die Bestätigung eines Befehles erwartete, den sie ihm, ehe sie den Louvre verließ, gegeben hatte, so sagte sie halblaut zu ihm: Geht, Comminges, und Gott stehe Euch bei!

Comminges entfernte sich sogleich, trat aus der Kirche und begab sich nach der Rue Saint-Christophe.

Friquet, der diesen schönen Offizier mit zwei Leibwachen bemerkte, machte sich das Vergnügen, ihm nachzugehen, und zwar mit um so größerer Geschwindigkeit, als die Ceremonie in demselben Augenblick endigte und der König wieder in seinen Wagen stieg.

In der Rue Cocatrix hielt ein Wagen mit Comminges‘ Wappen, den ein Gefreiter und vier Garden besetzt hielten. Der Gefreite schaute sich beständig um, und sobald er Comminges erscheinen sah, sagte er dem Kutscher ein Wort, worauf dieser die altertümliche Karosse in Bewegung setzte und vor Broussels Haus fuhr.

Comminges klopfte zur gleichen Zeit, wo der Wagen hier hielt, an die Tür.

Man öffnete. Der Offizier fragte den Bedienten und erfuhr, daß Meister Broussel wirklich zu Hause war und zu Mittag speiste. Comminges ging hinter dem Bedienten und Friquet hinter Comminges die Treppe hinauf.

Broussel saß mit seiner Familie bei Tische, ihm gegenüber seine Frau, zu seinen beiden Seiten seine Töchter und am Ende der Tafel sein Sohn Louvières.

Beim Anblick des Offiziers fühlte sich Broussel etwas bewegt; als er aber sah, daß Comminges höflich grüßte, stand er auf und grüßte ebenfalls.

Aber trotz dieser gegenseitigen Artigkeit drückte sich aus den Gesichtern der Frauen Unruhe aus. Auch Louvières wurde sehr bleich und erwartete ungeduldig die Erklärung des Offiziers.

Mein Herr, sprach Comminges, ich bin der Überbringer eines Befehles Seiner Majestät des Königs.

Sehr wohl, mein Herr, antwortete Broussel, was für ein Befehl ist es? Und er streckte seine Hand aus.

Ich habe Befehl, mich Eurer Person zu bemächtigen, mein Herr, sprach Comminges, immer in demselben Tone und mit derselben Höflichkeit, und wenn Ihr mir glauben wollt, so werdet Ihr Euch die Mühe ersparen, diesen langen Brief zu lesen, und mir folgen.

Hätte der Blitz mitten unter diese so friedlich versammelten Leute geschlagen, die Wirkung hätte nicht furchtbarer sein können. Broussel wich ganz zitternd zurück. Es war in jener Zeit etwas Schreckliches, infolge der Feindschaft des Königs eingekerkert zu werden. Louvières machte eine Bewegung, als wollte er nach seinem Degen laufen, der in einer Ecke des Speisezimmers auf einem Stuhle lag, aber ein Blick des guten Broussel, der den Kopf nicht verlor, hemmte diese Bewegung. Frau Broussel zerfloß in Tränen. Die Töchter hielten ihren Vater umfangen.

Auf! mein Herr, sprach Comminges, beeilen wir uns; man muß dem König gehorchen.

Mein Herr, sagte Broussel, ich habe eine leidende Gesundheit und kann mich in diesem Zustand nicht gefangen geben. Ich verlange Zeit.

Das ist unmöglich, erwiderte Comminges. Der Befehl ist bestimmt und muß sogleich vollstreckt werden.

Unmöglich? sprach Louvières; hüten Sie sich wohl, mein Herr, uns zur Verzweiflung zu treiben.

Unmöglich? rief eine kreischende Stimme im Hintergrunde des Zimmers.

Comminges wandte sich um und sah, mit dem Besen in der Hand, Frau Nannette, deren Augen in allen Feuern des Zornes glänzten.

Meine gute Nannette, halte dich ruhig, ich bitte dich, sprach Broussel.

Ich mich ruhig halten, wenn man meinen Herrn verhaftet, meinen Herrn, die Stütze, den Befreier, den Vater des armen Volkes? Ach ja, Ihr kennt mich wohl … Wollt Ihr gehen? sagte sie zu Comminges.

Comminges lächelte und sprach, sich an Broussel wendend: Ich bitte, bringt dieses Weib zum Schweigen und folgt mir.

Ich schweigen, ich? rief Nannette. Ach, ja, da müßte noch ein anderer kommen, als Ihr, mein schöner Königsvogel. Ihr werdet es wohl sehen.

Und Dame Nannette stürzte ans Fenster und schrie mit einer durchdringenden Stimme: Zu Hilfe! Man verhaftet meinen Herrn! Man verhaftet den Rat Broussel! Zu Hilfe!

Mein Herr, sagte Comminges, erklärt Euch sogleich: Werdet Ihr gehorchen oder gedenkt Ihr einen Aufruhr zu erregen?

Ich gehorche, ich gehorche, mein Herr, sprach Broussel, indem er sich aus den Armen seiner Töchter loszumachen und mit dem Blicke seinen Sohn zurückzuhalten suchte.

Comminges umfaßte inzwischen die Magd, die mit ihrem Geschrei nicht aufhörte, mit dem Arme und wollte sie fortreißen. Aber in demselben Augenblick heulte eine andere Stimme aus dem Zwischenstock hervor in Falsetton: Mörder! Feuer! Mörder! Man tötet Herrn Broussel! Man erwürgt Herrn Broussel!

Es war Friquets Stimme. Als Frau Nannette sich unterstützt fühlte, fuhr sie noch kräftiger fort.

Bereits erschienen neugierige Köpfe an den Fenstern, und Volk lief herbei, das schnell immer zahlreicher wurde. Als Friquet dies bemerkte, sprang er vom Zwischenstock auf den Kutschenhimmel und rief: Sie wollen Herrn Broussel verhaften; es sind Leibwachen im Wagen, und der Offizier ist da oben.

Das Volk fing an zu murren, und der Lärm nahm immer mehr zu. Die Straße konnte die Menge nicht mehr fassen, die von allen Seiten herbeiströmte. Das von dem Gefreiten hundertmal wiederholte Geschrei: Im Namen des Königs! vermochte nichts mehr gegen diese furchtbare Menge, sondern schien sie im Gegenteil noch mehr aufzubringen, so daß die jetzt zwischen Haus und Wagen aufgestellten Garden in die höchste Gefahr gerieten, als ein Reiter herbeieilte und, da er sah, daß die Soldaten bedroht wurden, mit dem Degen in der Faust mitten ins Gedränge stürzte und den Garden eine unerwartete Hilfe brachte.

Dieser Reiter, dessen Antlitz vor Zorn bleich war, war ein junger Mensch von kaum fünfzehn bis sechzehn Jahren. Er stieg ab, lehnte sich mit dem Rücken an die Wagendeichsel, machte sich einen Wall aus seinem Pferde, zog seine Pistolen aus den Halftern, steckte sie in den Gürtel und fing an, um sich zu schlagen, wie ein Mensch, der mit der Handhabung des Schwertes vollkommen vertraut ist. Zehn Minuten lang hielt er den Kampf mit dem Volke allein aus. Jetzt sah man Comminges erscheinen und Broussel vor sich her treiben.

Zerschlagen wir den Wagen! rief das Volk.

Zu Hilfe! schrie die Alte.

Mörder! schrie Friquet, der sich eifrig damit beschäftigte, die Leibwachen mit allem zu beschießen, was ihm unter die Hand kam.

Im Namen des Königs! rief Comminges.

Der erste, der einen Schritt tut, stirbt von meiner Hand! rief Raoul, der, als er sich hart bedrängt sah, seine Degenspitze einem Riesen zu spüren gab, der ihn hatte zermalmen wollen, nunmehr aber, da er sich verwundet fühlte, brüllend zurückwich.

Denn es war Raoul, der, seinem Versprechen gegen den Grafen de la Fère gemäß, nach einer fünftägigen Abwesenheit von Blois zurückgekehrt und jetzt, um die Ceremonie mit anzuschauen, durch die Straßen geritten war, welche ihn in kürzerer Zeit nach Notre-Dame führten.

Comminges warf Broussel fast in die Kutsche und sprang nach. In diesem Augenblick erkrachte ein Büchsenschuß; eine Kugel fuhr von oben herab durch Comminges‘ Hut und zerschmetterte einer Leibwache den Arm. Comminges schaute empor und sah mitten im Pulverdampf an einem Fenster des zweiten Stockes das drohende Gesicht Louvières‘.

Gut, mein Herr, rief Comminges, Ihr sollt von mir hören.

Und Ihr auch, mein Herr, erwiderte Louvières; wir werden sehen, wer lauter spricht.

Tod dem Offizier! Tod! heulte das Volk, aufgeregt durch den Flintenknall.

Und es begann eine gewaltige Bewegung.

Noch einen Schritt, rief Comminges, das Kutschenleder zurückschlagend, daß man gut in den Wagen sehen konnte, und zugleich Broussel seinen Degen auf die Brust setzend, noch einen Schritt, und ich töte den Gefangenen! Ich habe Befehl, ihn tot oder lebendig zu bringen. Ich bringe ihn tot, und dann ist alles abgemacht.

Man vernahm einen furchtbaren Schrei. Broussels Frau und Töchter streckten flehend ihre Hände nach dem Volke aus.

Das Volk begriff, daß der bleiche, entschlossene Offizier seinen Worten gemäß handeln würde, und wich, obschon unter beständigen Drohungen, zurück.

Comminges ließ den verwundeten Soldaten zu sich in den Wagen steigen und befahl den andern, den Schlag zu schließen. Fahr nach dem Palast, sagte er zum Kutscher, der mehr tot als lebendig auf dem Bocke saß.

Dieser peitschte seine Pferde, und das Volk gab Raum. Als man aber nach dem Quai kam, mußte man anhalten. Der Wagen stürzte um. Die Pferde wurden von der Menge getreten, erstickt, zermalmt. Raoul, der immer noch zu Fuß war, denn er hatte nicht Zeit gehabt, wieder zu Pferd zu steigen, begann, da er es müde war, mit der flachen Klinge dreinzuschlagen, die Degenspitze zu gebrauchen; dasselbe taten die Leibwachen. Aber dieses furchtbare letzte Mittel brachte das Volk vollends außer sich. Bereits sah man von Zeit zu Zeit in der Menge einen Flintenlauf oder die Klinge eines Degens glänzen. Es erkrachten einige Schüsse, die ohne Zweifel bloß in die Luft gefeuert waren, aber das Echo ließ darum die Herzen nicht minder beben. Aus den Fenstern regnete es fortwährend mit Wurfgeschossen. Das Geschrei: Tod den Garden! In die Seine mit dem Offizier; übertönte den Lärm, so groß er auch war. Den Hut zerknittert, das Gesicht blutig, fühlte Raoul, wie ihn nicht nur seine Kraft, sondern auch der Verstand verließ. Seine Augen schwammen in einem rötlichen Nebel, und durch diesen Nebel sah er hundert drohende Arme sich ausstrecken, bereit, ihn zu ergreifen, wenn er fallen würde. Comminges raufte sich in dem umgestürzten Wagen vor Wut die Haare aus. Die Garden konnten niemand mehr Hilfe bringen, denn jeder war mit seiner eignen Verteidigung beschäftigt. Alles war verloren, Wagen, Pferde, Wachen, Soldaten und vielleicht der Gefangene, alles sollte in Stücke zerrissen werden, als plötzlich eine Raoul wohlbekannte Stimme ertönte und ein breites Schwert in der Luft glänzte. In demselben Augenblick öffnete sich die Menge, durchbrochen, niedergeworfen. Rechts und links stechend und schlagend, eilte ein Musketieroffizier Raoul zu Hilfe und faßte ihn im Augenblick, wo er niedersinken wollte, in die Arme.

Gottes Blut! rief der Offizier, haben sie ihn ermordet, dann wehe ihnen!

Und er wandte sich um, so furchtbar anzuschauen in seiner Stärke, in seinem Zorn, in seiner drohenden Gebärde, daß die wütendsten Rebellen sich auseinander stürzten, um zu entfliehen, und daß mehrere sogar in die Seine fielen.

Herr d’Artagnan, murmelte Raoul.

Ja, Gottes Blut, und mir scheint zu Eurem Glücke, mein junger Freund! Hört, Ihr Leute! rief er, sich auf den Steigbügeln erhebend und sein Schwert schwingend, während er mit Stimme und Gebärde Musketiere herbeirief, die ihm so schnell nicht hatten folgen können. Auf, fegt alles vom Platze. Ergreift die Musketen! Macht Euch fertig! Schlagt an!

Bei diesem Befehl verschwanden die Volkshaufen so rasch, daß sich d’Artagnan eines homerischen Lachens nicht enthalten konnte.

Ich danke, d’Artagnan, sprach Comminges, die Hälfte seines Leibes durch den Schlag der umgeworfenen Kutsche streckend. Wie heißt der junge Mann, damit ich ihn der Königin nennen kann?

Raoul wollte antworten, als d’Artagnan sich gegen sein Ohr neigte und zu ihm sagte: Schweigt und laßt mich antworten!

Dann sich gegen Comminges neigend, sprach er: Verliert keine Zeit, Comminges, geht aus dem Wagen heraus, wenn Ihr könnt, und laßt einen andern herbeischaffen. – Welchen? – Bei Gott, den ersten besten, der über den Pont-neuf kommen wird. Die Leute, die darin fahren, werden es hoffentlich für ein Glück halten, wenn sie ihre Kutsche für den Dienst des Königs leihen dürfen. – Aber ich weiß nicht … erwiderte Comminges. – Geht doch, oder in fünf Minuten kommen alle diese Lumpenkerle mit Schwertern und Musketen zurück. Ihr werdet getötet, und Euer Gefangener ist befreit. Vorwärts, seht, dort kommt gerade eine Kutsche!

Mit Hilfe dieser Kutsche und dank d’Artagnans Entschlossenheit, der beim abermaligen übermächtigen Andrang des Volkes mit seinen Musketieren auf die Menge lossprengte und sie noch einmal zum Weichen brachte, gelang es endlich, den Gefangenen in Sicherheit zu bringen. Sobald er selbst entbehrlich zu sein glaubte, wandte sich d’Artagnan mit Raoul seitwärts und erreichte mit ihm glücklich die Rehziege.

Die schöne Madeleine meldete d’Artagnan, Planchet sei mit Mousqueton zurückgekommen, der heldenmütig das Ausziehen der Kugel ertragen habe und sich so wohl befinde, als es bei seinem Zustand nur immer möglich sei.

D’Artagnan befahl nun, Planchet zu rufen; aber so oft man ihn auch rief, Planchet erschien nicht: er war verschwunden. Dann machte er Raoul wohlgemeinte Vorwürfe darüber, daß er sich unberufen als Mazariner in die bürgerlichen Streitigkeiten gemischt habe, er sage ihm dies im Namen des abwesenden Grafen de la Fère. Zugleich stand er auf, ging zu seinem Sekretär, nahm einen Brief und bot ihn Raoul.

Sobald Raoul das Papier durchlaufen hatte, trübten sich seine Blicke.

O mein Gott, sagte er, seine schönen, tränenfeuchten Äugen zu d’Artagnan aufschlagend, der Herr Graf hat also Paris verlassen, ohne mich zu sehen? – Er ist vor vier Tagen abgereist, sprach d’Artagnan. Wollt Ihr’s Euch gefallen lassen, mich einstweilen als Vormund anzunehmen? – Gewiß, Herr d’Artagnan, erwiderte Raoul; Ihr seid ein so braver Mann, und der Herr Graf de la Fère liebt Euch so sehr. – Ei, mein Gott, liebt mich auch, ich werde Euch nicht sehr plagen, aber unter der Bedingung, daß Ihr Frondeur seid, mein junger Freund, und zwar sehr Frondeur. – Kann ich fortwährend Frau von Chevreuse besuchen? – Ei, mein Gott, ja! und den Herrn Koadjutor auch und ebenso Frau von Longueville. – Gut, ich werde Euch gehorchen, obgleich ich Euch nicht verstehe. – Es ist nicht nötig, daß Ihr mich versteht. Halt! rief d’Artagnan, sich nach der Tür, welche man eben öffnete, wendend, hier kommt Herr du Vallon mit ganz zerrissenen Kleidern.

Ja, sprach Porthos, von Schweiß triefend und ganz mit Staub überzogen, für die zerrissenen Kleider habe ich viele Häute zerrissen. Wollten mir diese Lumpenkerle nicht mein Schwert nehmen? Pest! was für eine Volksbewegung! fügte der Riese mit ruhiger Miene bei. Aber ich habe wenigstens zwanzig mit dem Knopfe meines Balmung totgeschlagen. Gebt mir einen Tropfen Wein, d’Artagnan.

O, ich kenne Euch, sprach der Gascogner, Porthos‘ Glas bis an den Rand füllend; doch wenn Ihr getrunken habt, sagt mir Eure Meinung.

Porthos leerte das Glas auf einen Zug. Als er es auf den Tisch gestellt und seinen Schnurrbart ausgesaugt hatte, fragte er: Worüber?

Hier ist Herr von Bragelonne, der mit aller Gewalt bei der Verhaftung Broussels helfen wollte, und den ich nur mit großer Mühe von der Verteidigung des Herrn von Comminges abhalten konnte.

Teufel! versetzte Porthos, was würde der Vormund gesagt haben, wenn er es erfahren hätte!

Seht Ihr! rief d’Artagnan, seid Frondeur, mein Freund, und bedenkt, daß ich in jeder Beziehung die Stelle des Herrn Grafen einnehme.

Dann sich gegen seinen Gefährten umwendend, sprach er: Kommt Ihr mit, Porthos?

Wohin? fragte Porthos, sich ein zweites Glas Wein eingießend.

Wir wollen dem Kardinal unsere Aufwartung machen.

Porthos leerte das zweite Glas mit derselben Ruhe, mit der er das erste getrunken hatte, nahm seinen Hut und folgte d’Artagnan.

Die Fähre

Unser Leser wird sich Raouls erinnern, den wir auf der Straße nach Flandern verließen. Sobald er seinen Beschützer aus den Augen verloren hatte, gab er seinem Pferde die Sporen, einmal um seinen schmerzlichen Gedanken zu entfliehen, und dann um vor Olivain seine große Erregung zu verbergen.

Eine Stunde raschen Rittes zerstreute bald die düsteren Gedanken. Das unbekannte Vergnügen, frei zu sein, ein Vergnügen, das selbst die angenehm empfinden, die nie unter einer Abhängigkeit zu leiden hatten, vergoldete für Raoul Himmel und Erde und besonders den fernen, azurblauen Horizont des Lebens, den man Zukunft nennt.

Als er aber nach verschiedenen Versuchen, mit Olivain ein anregendes Gespräch zu führen, dieses Bemühen als fruchtlos aufgab, stimmte ihn die Erinnerung an die allezeit geistreiche und belehrende Unterhaltung des Grafen wieder traurig, und dieses Gefühl steigerte sich noch, als er am Wege ein Schlößchen erblickte, das ein wenig La Vallière glich. Dieser Anblick versetzte Raoul fünfzig Meilen westwärts, und wehmütig rief er sich jedes Zusammensein mit seiner kleinen Luise ins Gedächtnis zurück.

Mit trübem Herzen und schwerem Kopf befahl er Olivain, die Pferde in eine kleine Herberge zu führen, die er an der Landstraße, ungefähr in einer halben Büchsenschußweite über dem Orte erblickte, zu dem man gelangt war.

Hier war es sein erstes, an seinen Wohltäter einen Brief voll zärtlicher Dankbarkeit zu richten, während er den vom Wirte eifrig aufgetischten Imbiß Olivain überließ.

Hier sowohl wie im nächsten Orte, wo er seinen Brief zur Post gab, erfuhr er, daß ein junger Edelmann mit seinem Hofmeister vor ihm her und ebenfalls zum Heere reise. Nur drei Viertelstunden sollte er voraus, aber gut beritten sein und tüchtig ausgreifen.

Wir wollen diesen Edelmann einzuholen suchen, sagte Raoul zu Olivain, dann werden wir angenehme Gesellschaft haben.

Um vier Uhr nachmittags gelangten sie nach Compiègne, wo Raoul mit gutem Appetit zu Mittag speiste und hörte, der junge Edelmann habe die Absicht geäußert, in Noyon über Nacht zu bleiben. Sofort beschloß Raoul, ebenfalls noch an diesem Tage bis Noyon zu reiten.

Vergebens protestierte Olivain mit der Bemerkung, die Pferde seien ermattet, und achtzehn Meilen für die erste Tagereise genug.

Raoul fühlte sich selbst müde; aber er wünschte seine Kräfte zu versuchen, und da er den Grafen tausendmal von Etappen von fünfundzwanzig Stunden hatte sprechen hören, wollte er nicht gar zu sehr hinter seinem Vorbild zurückbleiben.

Er ritt also immer fort, wobei er von Zeit zu Zeit den Gang seines Pferdes trotz der Bemerkungen Olivains zu beschleunigen suchte, und folgte einer reizenden schmalen Straße, welche zu einer Fähre führte und, wie man ihm versichert hatte, den Weg um eine Meile abkürzte. Auf dem Gipfel eines Hügels angelangt, erblickte er den Fluß vor sich. Ein kleiner Trupp von Berittenen hielt am Ufer und stand im Begriff, sich einzuschiffen. Da Raoul nicht zweifelte, daß es der Edelmann und sein Geleite sei, rief er, war aber noch zu weit entfernt, um gehört zu werden. Er setzte daher sein Pferd, so müde es auch war, in Galopp, aber eine wellenförmige Erhöhung entzog ihm bald den Anblick der Reisenden, und als er auf eine neue Anhöhe gelangte, hatte die Fähre das Ufer verlassen und schwamm nach dem entgegengesetzten Gestade.

Als Raoul sah, daß er nicht zeitig genug hinabgelangen konnte, um mit den Reisenden über den Fluß zu setzen, hielt er an und wartete auf Olivain.

In diesem Augenblicke hörte man einen Schrei, der vom Flusse zu kommen schien. Raoul wandte sich auf die Seite, von wo der Schrei erscholl, hielt die Hand über seine von der untergehenden Sonne geblendeten Augen und rief: Olivain, was seh‘ ich da unten!

Ein zweiter, noch durchdringenderer Schrei erscholl.

Ei, gnädiger Herr, sagte Olivain, das Seil der Fähre ist gerissen, und das Schiff treibt ab. Aber was seh‘ ich dort im Wasser?

Ja! rief Raoul, seine Blicke auf einen Punkt im Flusse heftend, es ist ein Pferd, ein Reiter! – Sie sinken! rief Olivain.

Raoul ließ sofort seinem Pferde die Zügel schießen, drückte ihm die Sporen in den Leib, und das Tier sprang, vom Schmerze gestachelt, über eine Art von Geländer, das den Landungsplatz umgab, und in den Fluß hinein, so daß Schaumwogen aufspritzten.

Ach, gnädiger Herr! rief Olivain, was macht Ihr? Mein Gott und Vater!

Raoul lenkte sein Pferd nach dem Unglücklichen, der in Gefahr schwebte. Es war dies übrigens ein ihm vertrautes Manöver. An den Ufern der Loire geboren, hatte er hundertmal den Strom zu Pferde durchschwommen.

O mein Gott! fuhr Olivain ganz in Verzweiflung fort, was würde der Herr Graf sagen, wenn er Euch erblickte!

Der Graf hätte es gemacht, wie ich, antwortete Raoul, sein Pferd kräftig antreibend.

Aber ich, aber ich! rief Olivain, der sich ganz bleich am Ufer hin- und hertrieb, wie soll ich hinüberkommen?

Spring, Hasenherz! rief Raoul, beständig schwimmend.

Dann wandte er sich an den Reisenden, der sich zwanzig Schritte vor ihm abarbeitete, und rief ihm zu: Mut, mein Herr, Mut, es kommt Hilfe!

Olivain ritt vor und wich zurück, ließ sein Pferd sich bäumen und warf sich endlich, von Scham überwältigt, wie Raoul in den Fluß, wobei er aber beständig vor sich hinbrummte: Ich bin tot! Wir sind verloren!

Die Fähre lief indessen, von der Strömung erfaßt, rasch den Fluß hinab, und man hörte ihre Insassen laut um Hilfe rufen.

Ein Mann mit grauen Haaren war aus der Fähre in den Fluß gesprungen und schwamm kräftig auf die Person zu, die dem Ertrinken nahe war. Aber er rückte nur langsam vorwärts, da er gegen den Strom schwimmen mußte.

Raoul bemerkte, wie Pferd und Reiter, denen er Hilfe bringen wollte, immer mehr untersanken. Das Tier hatte nur noch die Nüstern über dem Wasser, und der Reiter, der bei der Anstrengung gegen die Wellen die Zügel losließ, streckte die Arme aus und den Kopf vorwärts. Noch eine Minute, und alles war verschwunden.

Mut! rief Raoul, Mut!

Das Wasser lief bereits über den Kopf des Ertrinkenden und erstickte seine Stimme.

Raoul warf sich von seinem Pferde, dem er die Sorge für seine Selbsterhaltung überließ, und in drei bis vier Stößen war er bei dem Edelmann. Er ergriff sogleich das Pferd bei der Kinnkette und hob ihm den Kopf über das Wasser; das Tier atmete nun freier und verdoppelte seine Anstrengungen. Zugleich erfaßte Raoul eine der Hände des jungen Mannes und führte sie an die Mähne, an die sie sich augenblicklich mit der unwillkürlichen Zähigkeit des Ertrinkenden anklammerte. Überzeugt, daß der Reiter nicht mehr loslassen würde, beschäftigte sich Raoul nur noch mit dem Pferde, das er nach dem entgegengesetzten Ufer lenkte, während er es beim Durchschneiden des Wassers unterstützte und mit aufmunterndem Zuruf antrieb.

Bald stieß das Tier auf einen festen Grund und faßte Fuß auf dem Sande.

Gerettet! rief der Mann mit den grauen Haaren, der nun ebenfalls Fuß faßte.

Gerettet! murmelte mechanisch der junge Edelmann, ließ die Mähne los und glitt über den Sattel herab in Raouls Arme.

Raoul war nur zehn Schritte vom Ufer entfernt. Er trug den ohnmächtigen Jüngling dahin, legte ihn auf das Gras, riß die Schnüre seines Kragens auf und löste die Spangen seines Wamses.

Eine Minute nachher war der Mann mit den grauen Haaren bei ihm.

Allmählich kehrte durch die Bemühungen Raouls und des Alten das Leben auf die bleichen Wangen des Kavaliers zurück, der nun die Augen wieder öffnete, ganz verwirrt umherschaute, dann aber bald seine Blicke auf den heftete, der ihn gerettet hatte.

Ach, mein Herr! rief er, Euch suchte ich; ohne Euch war ich tot, dreimal tot!

Ei, man wird auch wieder lebendig, wie Ihr seht, mein Herr, antwortete Raoul, und Ihr seid mit einem Bade davongekommen.

Welchen Dank sind wir Euch schuldig! rief der Graukopf.

Ah, Ihr seid hier, mein guter d’Arminges! Ich habe Euch sehr geängstigt, nicht wahr? Aber daran seid Ihr selbst schuld. Ihr wart mein Lehrer, warum habt Ihr mich nicht besser schwimmen gelehrt?

Ach, Herr Graf, sprach der Greis, wenn Euch Unheil widerfahren wäre, ich hätte es nie wieder gewagt, mich vor dem Herrn Marschall zu zeigen!

Aber wie ist es denn zugegangen? fragte Raoul.

Ganz einfach, antwortete der Gerettete. Wir hatten ungefähr den dritten Teil des Flusses erreicht, als das Seil der Fähre zerriß. Bei dem Geschrei und den Bewegungen der Ruderer scheute mein Pferd und sprang in den Fluß. Ich schwimme schlecht und wagte es nicht, mich ins Wasser zu stürzen. Statt die Bewegungen meines Rosses zu unterstützen, lähmte ich sie und war nahe daran, aufs allerschönste zu ertrinken, als Ihr gerade zur rechten Zeit kamt, um mich aus dem Fluß zu ziehen. Wenn Ihr einverstanden seid, mein Herr, so gehören wir einander von nun an auf Leben und Tod.

Mein Herr, sprach Raoul, sich verbeugend, ich bin, das versichere ich Euch, ganz und gar Euer Diener.

Ich heiße Graf von Guiche, fuhr der Reiter fort. Mein Vater ist der Marschall von Grammont. Und nun, da Ihr wißt, wer ich bin, so werdet Ihr mir wohl die Ehre erzeigen, mir zu sagen, wer Ihr seid.

Ich bin der Vicomte von Bragelonne, sprach Raoul, errötend, weil er seinen Vater nicht nennen konnte, wie der Graf von Guiche es getan hatte.

Vicomte, Euer Gesicht, Eure Güte und Euer Mut ziehen mich zu Euch hin, Ihr besitzt bereits meine ganze Dankbarkeit. Umarmen wir uns, ich bitte Euch um Eure Freundschaft.

Mein Herr, entgegnete Raoul, indem er die Umarmung des Grafen erwiderte, auch ich liebe Euch bereits von ganzem Herzen. Betrachtet mich also, ich bitte Euch, als einen ergebenen Freund.

Und nun, wohin geht Ihr? fragte Guiche.

Zum Heere des Prinzen, Graf.

Ich ebenfalls, rief der junge Mann, höchst erfreut. O schön, wir tun den ersten Pistolenschuß miteinander.

So ist es gut; liebt Euch! sprach der Hofmeister. Beide noch jung, hat Euch ohne Zweifel Euer Stern zusammengeführt. Nun aber, fuhr er fort, müßt Ihr die Kleider wechseln. Eure Lakaien müssen bereits im Gasthof angelangt sein. Frische Wäsche und Wein sollen Euch erwärmen. Kommt! Die jungen Leute hatten gegen diesen Vorschlag nichts einzuwenden; sie stiegen wieder zu Pferde und schauten einander bewundernd an: es waren in der Tat zwei schmucke Reiter von schlankem, hohem Wuchs, zwei edle Gesichter mit offener Stirn, sanftem, stolzem Blick, redlichem, feinem Lächeln. Guiche mochte ungefähr achtzehn Jahre alt sein, aber er war kaum größer als Raoul, der erst fünfzehn zählte.

Sie reichten sich mit einer unwillkürlichen Bewegung die Hand, spornten ihre Pferde und ritten nebeneinander vom Flusse nach dem Gasthof.