Basilius Mummelpelz und Hieronymus Kragenpeter

Der Bär Basilius Mummelpelz stand vor der Wohnung seines Vetters, des Kragenbären.

»Hieronymus Kragenpeter, bist du zu Hause?« fragte er und klopfte mit der Tatze an die Höhlenwandung.

Drinnen regte sich nichts. Nur ein schwaches Brummen war hörbar. Basilius Mummelpelz klopfte energischer. »Kragenpeter, bist du zu Hause? Hi-e-ronymus!« »Nein, ich bin nicht zu Hause«, sagte Hieronymus Kragenpeter aus der Tiefe der Höhle und grunzte unwillig, »du weißt doch, daß ich mich nach Tisch immer hinlege.«

»Hieronymus«, sagte Basilius Mummelpelz, »wenn ich dir sage, warum ich gekommen bin, wirst du gleich zu Hause sein.« Hieronymus Kragenpeter erschien in der Höhlenöffnung und verneigte sich viele Male. Das tun die Kragenbären, und es sieht sehr verbindlich aus. Hieronymus war aber gar nicht verbindlich; denn er murmelte was über die Störung und rieb sich mit den Tatzen den Schlaf aus den Augen. »Du – Hieronymus, ich habe ein Honignest entdeckt, ein süßes, heimliches Honignest.«

»Wo?« sagte Hieronymus Kragenpeter und trottete auf allen vieren los.

»Warte, warte, ich zeige es dir«, sagte Basilius Mummelpelz und beeilte sich nachzukommen. »Du läufst ja in die falsche Richtung. Du mußt woanders hinlaufen!« »Wo?« sagte Hieronymus Kragenpeter und kehrte eiligst wieder um.

»Du könntest statt ›Wo‹ auch mal ›Danke‹ sagen«, meinte Basilius Mummelpelz.«Siehst du, wie du zu Hause gewesen bist!« Basilius Mummelpelz und Hieronymus Kragenpeter trotteten nebeneinander her, emsig und mit einwärts gekehrten Füßen, wie fette Herren, die gern zu Tisch gehen.

Das Honignest war in einem hohlen Baum, der zwei kleine Astlöcher hatte. Es duftete ungemein lieblich darin. Basilius Mummelpelz grunzte vor Vergnügen. Hieronymus Kragenpeter gurgelte vor Wonne.

»Hier sind die beiden Löcher. Dies hier scheint größer zu sein«, sagte Basilius Mummelpelz.

»Wo?« sagte Hieronymus Kragenpeter und versuchte den Kopf hindurchzustecken. »Es geht nicht. Das Loch ist zu eng. Ich habe Kragenweite 113. Basilius, du mußt es versuchen. Aber iß den Honig nicht allein auf!«

Basilius Mummelpelz schüttelte den Kopf und brummte. »Ich habe Kragenweite 119«, sagte er ergeben.

Hieronymus Kragenpeter krabbelte mit der Tatze im Loch herum.

»Auch das geht nicht«, sagte er enttäuscht. »Ich habe Tatzennummer 14. Basilius, du mußt es versuchen.« »Ich habe Tatzennummer 16«, sagte Basilius Mummelpelz und sah erbost auf seine großen Pfoten.

»Basilius, man wird die Nase hineinstecken müssen«, sagte Hieronymus Kragenpeter. »Aber du mußt es zuerst versuchen. Du bist der Ältere.«

Basilius Mummelpelz stopfte seine Nase tief in das Astloch. Es duftete ungemein lieblich.

»Basilius«, sagte Hieronymus Kragenpeter, »was machst du für ein Gesicht? Du siehst nicht aus, als ob du Honig lecktest.«

Er bekam keine Antwort. Wie ein Geschoß fuhr die Nase des Basilius aus dem Astloch heraus. Ein Schwarm von wütenden Bienen umkreiste die beiden Vettern.

»Mein schöner Kragen«, jammerte Hieronymus Kragenpeter und schlug verzweifelt mit den Tatzen um sich. Basilius Mummelpelz nieste buchstäblich Bienen. Es war ungeheuer störend. Denn eine Biene im Nasenloch ist kein Gegenstand der Ruhe.

Zu Hause leckte Hieronymus Kragenpeter seinen Kragen und kämmte ihn mit den Krallen.

»Nun kann ich heute abend nicht zum Rendezvous gehen«, sagte er. »Die Sonne muß erst meinen Kragen bügeln. Meine Kleine gibt so viel auf gute Toilette.«

Basilius Mummelpelz kühlte seine Nase unaufhörlich in einer Wasserpfütze. Es waren zwingende innere Gründe dafür vorhanden.

»Ich wollte heute in den Biologischen Verein für Höhlenbärenforschung«, sagte er böse.

Beide ärgerten sich sehr. Einer ärgerte sich über den anderen.

Astlöcher sind nicht für fette Herren«, sagte Basilius Mummelpelz und sah Hieronymus Kragenpeter hämisch an. »Für die süßen heimlichen Honignester darf man keine plumpen Tatzen haben. Sonst geht’s einem an den Kragen. Meinst du das nicht auch, Hieronymus?«

Andern geht es noch viel schlimmer«, sagte Hieronymus Kragenpeter. »Mancher steckt bloß die Nase in den Honig – und schon niest er Bienen!«

Professor Bohrloch

Professor Dr. Bohrloch, Ritter pp., stand mit seinem Assistenten vor dem Affenkäfig. Es war noch früh am Morgen, und im Zoologischen Garten waren nur wenige Besucher.

Professor Bohrloch hatte das mit reiflicher Überlegung so eingerichtet. Er wollte möglichst ungestört sein, besonders von solchen Leuten, die als nicht-akademisch anzusehen waren. Odi profanum vulgus!

Denn die frühe Morgenstunde sollte eines der unerhörtesten Experimente wissenschaftlicher Forschung bringen. – »Dank den profunden Resultaten der Vivisektion«, sagte Professor Bohrloch, »aus denen sich unsere herrliche Gehirnlehre von heute entwickelt hat, bin ich auf den erhabenen Gedanken gekommen, diese zwei Exemplare von cynocephalus babuin nach sorgfältiger phrenologischer Untersuchung von den anderen Affen zu isolieren. Nach fleißiger Fütterung mit gehirnbildenden Nährstoffen werde ich heute in der Lage sein, nachzuweisen, daß das Gehirn des cynocephalus babuin bei entsprechender Behandlung nicht nur menschliche Ausdrücke den Begriffen nach richtig zu erfassen vermag, sondern sogar fähig ist, dieselben in adäquaten Gutturallauten sinngemäß wieder von sich zu geben.«

Der Assistent verbeugte sich stumm. Ihm war weihevoll.

»Sie haben doch fleißig mit Bananen gefüttert«, wandte sich Professor Bohrloch an den Wärter. »Ist Ihnen eine Zunahme der intellektuellen Funktionen aufgefallen?« »So wat is mich nich uffjefallen«, sagte der Wärter.

»Dem Mann fehlt der geschulte Blick«, sagte Professor Bohrloch.

Die Paviane kamen ans Gitter.

»Wer ist denn das?« fragte der eine, und sein Fell sträubte sich.

»Ich finde ihn eigentlich ganz nett«, sagte der andere, »er erinnert mich so an meinen verstorbenen Onkel.« Der Pavian hatte viel Familiensinn.

Professor Bohrloch kramte erregt in seinen Taschen und suchte nach seinem Notizbuch.

»Er laust sich«, sagte der erste Pavian mit Sachverständnis. »Jetzt hat er was«, sagte der zweite voller Interesse.

»Wir müssen uns natürlich auf stark akzentuierte Gutturallaute beschränken«, sagte Professor Bohrloch; »beginnen wir mit einfachen Vokalen!«

Professor Bohrloch setzte sich in kauernder Stellung vor dem Gitter hin.

»E-e-e-Es-sen-Es-sen«, sagte er und machte schnappende Bewegungen mit den Kiefern.

»He-he«, grinsten die Affen.

»Es ist erstaunlich«, sagte Professor Bohrloch zu seinem Assistenten. »Beachten Sie bitte die Schädelbildung!« »Sieh bloß mal dem seinen Kopf an!« sagte der eine Pavian. Professor Bohrloch horchte aufmerksam auf die soeben erfolgten Gutturallaute und machte sich eifrig Notizen.

»Nun einen etwas komplizierten Begriff, der vom reinen In

stinkt ins Vorstellungsvermögen übergreift. O-o-o-Vo-gel-Vogel-Vo-gel!

Professor Bohrloch hob den Lodenmantel und stelzte sonderbar vor dem Käfig auf und ab. Er flatterte mit den Ärmeln und schnatterte dabei in einer noch nicht dagewesenen Weise. Der Wärter näherte sich. Ihm schien, er wäre nötig.

»Ho-ho«, grinsten die Affen und schmissen mit Bananenschalen.

»Es ist erstaunlich«, sagte Professor Bohrloch. »Wir gehen nun zu einem Umlaut über. Ö-ö-ö-Grö-ße-menschliche Grö-ße.« Professor Bohrloch reckte sich im Lodenmantel zu voller Höhe auf.

Die Affen hatten es satt. Der Vogel hatte ihnen noch Spaß gemacht. Das hier nicht mehr. Sie wandten sich um und zeigten dem Professor ihre Hinterseite. Es waren ansehnliche, nicht mißzuverstehende Körperteile. »Es ist erstaunlich«, sagte Professor Bohrloch. »Das Tier verkriecht sich vor der menschlichen Größe. Das ist mehr als Verständnis. Hier liegt bereits eine psychische Reaktion vor. Wir nehmen nun zum Schluß unserer phänomenalen Untersuchung einen Doppellaut«, wandte er sich an seinen Assistenten. »Beachten Sie, bitte, die vielen kleinen Steine im Käfig! Ich habe sie aus experimentellen Gründen scheinbar achtlos verteilen lassen …«

Professor Bohrloch nahm einen Stein auf und preßte die Brillengläser ganz dicht ans Gitter. »Ei-ei-ei-Stein-Stein-Stein«, sagte er. Die Affen hatten sich am Ende des Käfigs schlafen gelegt und rührten sich nicht.

»Stein-Stein-Stein«, sagte Professor Bohrloch meckernd. Er sagte das einhundertunddreiunddreißigmal. Da flog ihm ein Hagel von Steinen ins Gesicht! »Es ist erstaunlich«, sagte Professor Bohrloch.

Am anderen Tage stand Professor Bohrloch auf dem Katheder.

»Wir kommen nun zum Schluß unserer interessanten Ausführungen«, sagte er, »und können mit Stolz konstatieren, daß es der menschlichen Wissenschaft gelungen ist, ihre leuchtenden Funken sogar bis in die stumpfe Tierwelt zu senden!«

Die Affen im Käfig spielten »Professor Bohrloch«. Sie stelzten sonderbar auf und ab und schnatterten in einer noch nicht dagewesenen Weise.

Die Haselmaushochzeit

An einem alten Gemäuer stand ein Haselnußstrauch. Feine Spinnwebfäden spannen sich von der alten Mauer zum Haselnußstrauch hinüber. Der Mond stand groß und silbern am Himmel. Er beschien eine kleine, befellte und gerührte Gesellschaft. Die Haselmäuse feierten Hochzeit. »Mein Haselstrauch ist auch dein Haselstrauch. Meine Haselnüsse sind auch deine Haselnüsse«, sagte eine alte Haselmaus. Alle waren sehr ergriffen und falteten die Pfoten. Der Haselmausbräutigam bekam das Schnucken und fuhr sich über die Schnauze. Die Haselmausbraut schluchzte in ein Haselnußblatt-Taschentuch.

Dann ging man auf einer Gartenbank zu Tisch, und jeder bekam eine Haselnuß in die Pfote serviert. Man knabberte und unterhielt sich höflich piepsend. Es sah überaus manierlich aus. Haselmäuse sind bescheiden und sehr sittsam. Nach dem Diner tanzte die Haselmausjugend den Haselhupfer.

Man pfiff zweistimmig dazu.

»So haben wir auch einmal gepfiffen sagte die Haselmausgroßmutter zum Haselmausgroßvater und strich sich mit altmodischer Koketterie über das diesjährige Fellkleid. Der Haselmausgroßvater kraulte sich behaglich die weiße Kehlkrawatte und wippte den Takt des Haselhupfers mit der Hinterpfote.

»Ja, wenn man so dran denkt«, sagte er. Er dachte aber an Nüsse.

Das Haselmausbrautpaar hatte sich auf einen einsamen Ast zurückgezogen. Hier war die neue Wohnung, ein kugeliges kleines Nest. Die Verwandten hatten Moos und Blätter beigesteuert und sogar weiche Magenhaare, die sie sich ausgerupft hatten. Man tat schon ein übriges, wenn Hochzeit war. Die Haselmausbraut hielt das Haselnußblatt-Taschentuch geballt in der Pfote. Es war feucht von Tränen. Der Haselmausbräutigam saß neben ihr und hielt sie umpfotet. Er küßte sie auf die Schnauze und hinter die Ohren. Die Ohren waren sehr klein. Es war ein schönes Haselmausmädchen. Der Mond schien hell. Die Spinnwebfäden spannen sich silbern von der alten Mauer zum Haselnußgeäst. Von ferne hörte man den Haselhupfer pfeifen. Die jungen Haselmäuse chassierten graziös aneinander vorbei und trugen dabei den Schwanz über die Pfote gelegt. Es sah sehr zierlich aus. Aber das Haselmausbrautpaar achtete nicht darauf. Es saß in eich versunken da – Pfote in Pfote. Keines piepste ein Wort. Da geschah etwas Entsetzliches. Der Haselmausbräutigam hatte so intensiv hinter den Ohren geküßt, daß er das Gleichgewicht verlor und rückwärts umkippte. Bei der Liebe verliert man so leicht das Gleichgewicht! Ein schriller, piepsender Schrei – dann verschwand er in der Tiefe. Die Haselmausbraut preßte das Haselnuß-Taschentuch vor die Augen. Wo bist du?« piepste sie. –»Krabble hoch! Hast du dir am Ende weh getan?«

Unten raschelte es angstvoll.

»Ich bin in eine Grube gefallen«, piepste es gedämpft herauf. »Sie ist ganz glatt. Ich kann nicht mehr hinauf. Lebe wohl!« Man hörte kleine Pfoten verzweifelt an den Grubenwänden trommeln.

»Gibt es denn gar keinen Aufstieg?« rief die Haselmausbraut fassungslos. »Versuche es nur! Du hast doch erst neulich die grüne Nuß im Preisklettern errungen!« Das Trommeln verstummte.

»Die Grube verbreitert sich nach unten. Es muß eine Art Falle sein. Es ist aussichtslos. Vergiß mich nicht! Lebe ewig wohl! Ich muß hier sterben. Es ist furchtbar. Wirf mir dein Haselnußblatt-Taschentuch herunter! Ich will mich darin einwickeln, wenn meine Stunde kommt. Oh!« Das Haselnußblatt-Taschentuch flog in die Tiefe. »Dein Haselstrauch ist auch mein Haselstrauch«, dachte die Haselmausbraut. »Ist dann nicht auch deine Grube meine Grube?« Es war ein großer Kampf in einem kleinen Geschöpf. Es dauerte nicht lange. Da nahm die kleine Haselmaus ihr Herz fest in beide Pfoten und sprang in die Grube nach. Nun saßen beide Haselmäuse in der Grube und schluchzten beide in das Haselnußblatt-Taschentuch.

Als das Blatt ganz naß war und es keinen Zweck mehr hatte, zu weinen, hörten sie beide auf und sahen sich um im Gefängnis ihres gemeinsamen Todes. Da sahen sie einen großen Zweig, der sich quer in die Grube gelegt hatte, von oben nach unten. Die Haselmausbraut mußte ihn mitgerissen haben beim Sprung in die Tiefe, obgleich er eigentlich viel zu groß war, als daß ihn eine Haselmaus hätte mitreißen können. Er mußte wohl schon vorher gelockert gewesen sein. Aber auch dann war es wunderbar. Man konnte dran hochkrabbeln, wie auf einer Treppe, wenn man eine Haselmaus war. Das taten die beiden Haselmäuse und piepsten voller Dankbarkeit aus ganzer Haselmausseele. Nur das Haselnußblatt-Taschentuch blieb unten liegen – ein nasses Wahrzeichen der Liebe.

Auf leisen Sohlen gingen die beiden in ihre Wohnung aus Blättern, Moos und Magenhaaren.

»Es ist eigentlich ein Wunder sagte die Haselmausbraut, »ich kann den Zweig unmöglich allein abgerissen haben. Es ist, als hätten uns unsichtbare Pfoten geholfen.«

Feine Fäden spannen sich herüber von dem alten Gemäuer – Franziskus von Assisi hatte einstmals darin gelebt.

Lups

Herr Lups war ein Spatz. Seine Frau hieß Frau Lups. Denn dem Namen nach richten sich die Frauen nach ihren Männern. Es war Frühling, und Frau Lups saß auf ihren Eiern. Herr Lups hatte Futter herangeschleppt. jetzt saß er auf dem Nestrand und blinzelte in die Sonne.

Die Menschen sagen immer, daß Spatzen frech und zänkisch sind, dachte Frau Lups, womit sie natürlich nur die Männchen meinen. Ich kann es von meinem Mann eigentlich nicht finden. Ein fertiger Ehespatz ist er zwar noch nicht, aber er macht sich. Herrn Lups wurde es langweilig.

»Ich möchte mich auch mal auf die Eier setzen.

»Nein«, sagte Frau Lups – nicht aus Eigensinn, rein aus pädagogischem Empfinden.

»Piep!« sagte Herr Lups empört, »es sind auch meine Eier.« »Nein«, sagte Frau Lups – wieder nur aus pädagogischem Empfinden.

Herr Lups schlug erregt mit den Flügeln.

»Ich habe das Recht, auf den Eiern zu sitzen, ich bin der Vater«, schrie er.

»Schlag nicht so mit den Flügeln«, sagte Frau Lups, »es ist unschichicklich, wenigstens hier im Nest. Außerdem macht es mich nervös. Ihr Männer müßt immer gleich mit den Flügeln schlagen. Nimm dir ein Beispiel an mir! Ich bin stets ruhig. Gewiß sind es deine Eier. Aber es sind mehr meine Eier als deine Eier. Das habe ich gleich gesagt. Denke dran, daß du verheiratet bist!«

»Daran denke ich unaufhörlich«, sagte Herr Lups. »Aber du hast es vorhin anders gesagt. Das ist unlogisch.«

»Stör mich nicht mit deiner Logik«, sagte Frau Lups, »wir sind verheiratet und nicht logisch.«

»So«, machte Herr Lups und klappte arrogant mit dem Schnabel.

»Findest du das etwa nicht????«

Herr Lups hörte auf zu klappen. »Ja, ja, meine Liebe«, sagte er. Er macht sich, dachte Frau Lups.

»Ich werde jetzt in den Klub gehen«, sagte Herr Lups und putzte sich die Flügel.

»Du könntest dich auch mal auf die Eier setzen«, sagte Frau Lups vorwurfsvoll, »ich sitze schon den ganzen Vormittag darauf. Glaubst du, daß es ein Vergnügen ist? Dabei sind es deine Eier.«

Herr Lups dachte, die Sonne müsse aufhören zu scheinen. Aber sie schien weiter.

»Mir steht der Schnabel still!« schrie er. »Eben wollte ich auf den Eiern sitzen, da waren es deine Eier. Jetzt will ich in den Klub gehen, da sind es meine Eier. Wessen Eier sind es nun endlich?!«

»Schrei nicht so«, sagte Frau Lups, »natürlich sind es deine Eier. Ich habe es dir doch schon vorhin gesagt.« Herrn Lups wurde schwindlig.

»Du irrst dich«, sagte er matt.

»Frauen irren sich nie«, sagte Frau Lups.

»Ja, ja, meine Liebe«, sagte Herr Lups und setzte sich auf die Eier, die nicht seine Eier und doch seine Eier waren.

»Männer sind so wenig rücksichtsvoll«, sagte Frau Lups mit sanftem Tadel, »du hast eben auch die weibliche Hand in deinem Leben zu wenig gefühlt.«

»O doch«, sagte Herr Lups und blickte auf die Krällchen seiner Gemahlin.

Frau Lups horchte aufmerksam an den Eiern.

»Eins piepst sogar schon im Ei«, sagte sie glücklich. »Dann wird es ein Weibchen«, sagte Herr Lups. Frau Lups sah ihren Gatten scharf an.

»Gewiß«, sagte sie, »es wird ein Weibchen. Die Intelligenz regt sich am frühesten.«

Herr Lups ärgerte sich sehr und brütete.

»Aber das erste, das herauskommt, wird ein Männchen!« sagte er patzig.

Frau Lups blieb ganz ruhig.

»Das, was zuerst piepst, kommt auch zuerst heraus«, sagte sie, »es wird also ein Weibchen. Im übrigen laß mich jetzt auf die Eier! Es wird kritisch. Das verstehen Frauen besser. Außerdem sind es meine Eier.«

»Ja, ja, meine Liebe«, sagte Herr Lups. Nach kurzer Zeit kam das Erste aus dem Ei. Es war ein Männchen.

Herr Lups plusterte sich und zwitscherte schadenfroh.

»Siehst du«, sagte Frau Lups, »ich habe es dir gleich gesagt. Es wird ein Männchen. Aber ihr müßt eben alles besser wissen.«

Herr Lups sperrte den Schnabel so weit auf wie noch nie. Eine Steigerung war anatomisch undenkbar. Aber er kriegte keinen Ton heraus.

Da klappte er den Schnabel zu.

Endgültig.

Jetzt ist er ganz entwickelt, es wird eine glückliche Ehe, dachte Frau Lups und half den anderen Kleinen behutsam aus der Schale. »Nun mußt du in den Klub gehen, liebes Männchen«, flötete sie, »du mußt dich etwas zerstreuen. Ich bat dich schon so lange darum. Auf dem Rückweg bringst du Futter mit.« »Ja, ja, meine Liebe«, sagte Herr Lups.

Herr Lups hielt eine Rede im Klub.

»Wir sind Männer! Taten müssen wir sehen, Taten!!« schrie er und gestikulierte mit den Flügeln.

Frau Lups wärmte ihre Kleinen im Nest.

»Seinen Namen werdet ihr tragen, alle werdet ihr Lups heißen«, piepste sie zärtlich.

Denn dem Namen nach richten sich die Frauen nach ihren Männern.

Stumme Bitten

Die Schafherde drängte sich aufgeregt zusammen.

Ein altes Schaf erzählte.

»Meine Großmutter hat es selbst gesehen«, sagte es, »es ist etwas Fabelhaftes, Grauenvolles. Man weiß nicht, was es ist. Sie sah auch nicht alles. Sie kam dran vorüber, als sie zur Weide ging. Es war ein Tor, das in einen dunklen Raum führte. Es roch nach Blut am Tor des dunklen Raumes. Zu sehen war nichts. Aber sie hörte den Schrei eines Hammels darin, einen gräßlichen Schrei. Da lief sie zitternd zur Herde zurück.«

Alles schauderte.

»Man weiß nichts Gewisses«, sagte das Schaf, »aber es muß etwas Wahres daran sein. Jedenfalls ist es furchtbar.«

»Deine Großmutter lebt nicht mehr?« fragte ein junger Hammel.

»Ich weiß es nicht«, sagte das Schaf, »es ist schon lange her – da wurde sie abgeholt.«

»Das soll der Anfang sein, man kommt dann nie wieder«, sagten einige.

Der Schäferhund bellte kläffend und trieb die Herde dem anderen Ende der Weide zu.

Da stand der Schäfer und sprach mit einem fremden Mann, der nicht aussah wie ein Hirt. Sie handelten miteinander. Dann ging der fremde Mann mit festen Schritten in die Herde hinein und prüfte die einzelnen Stücke mit kundigen Augen. Es waren nicht die Augen eines Hirten. Jetzt griff seine Hand nach dem jungen Hammel, der vorhin gefragt hatte. Das Tier überlief es kalt. Die Hand fühlte sich anders an als die Hand des Hirten.

Der Hammel bekam eine Leine um den Hals.

»Den nehme ich«, sagte der fremde Mann und zog einen schmutzigen Beutel mit Geld aus der Tasche. Er bezahlte. Das lebendige Leben gehörte ihm. Er hatte es gekauft. Er ergriff die Leine und zerrte den Hammel von der Weide fort auf die Landstraße. Die Herde sah dem Davongehenden erschrocken und verständnislos nach. Der Hammel wandte den Kopf. Seine Augen suchten die Verwandten und Spielgenossen. Etwas in ihm krampfte sich zusammen – etwas in ihm rief ihm zu, sich loszureißen und zurückzulaufen.

»Das ist der Anfang, man wird abgeholt«, dachte er. Aber er wehrte sich nicht. Er war hilflos. Was hätte es genützt? »Es braucht ja nicht das Schreckliche zu sein«, tröstete er sich, »es gibt noch andere Weiden. Dahin werde ich vielleicht geführt.«

Es war das Vertrauen, das Tiere haben, die zahm gehalten worden sind.

Jetzt bogen sie um die Ecke. Die Herde war nicht mehr zu sehen. Die Weide verschwand. Nur von ferne hörte man den Schäferhund bellen und die Töne der Hirtenpfeife. Der Wind verwehte sie.

Es war ein weiter Weg. Der fremde Mann ging schnell. Er hatte es eilig.

»Ich bin müde, ich möchte mich etwas erholen«, bat der Hammel.

Es war eine stumme Bitte.

Sie gingen weiter. Es war heiß und staubig.

»Ich bitte um etwas Wasser«, sagte der Hammel. Es war eine stumme Bitte.

Endlich kamen sie in eine kleine Stadt. Sie gingen durch enge, krumme Straßen, in denen es keine Weiden gab. Diese Hoffnung also hatte sich nicht erfüllt.

Sie hielten vor einem Tore, das in einen dunklen Raum führte. Ein häßlicher Dunst schlug dem Tier entgegen. Der Hammel wandte den Kopf und blökte klagend. Er scheute vor dem Dunst zurück und vor dem dunklen Eingang. Eine Angst wurde in ihm wach, im Unterbewußtsein, eine grenzenlose Angst.

»Ich möchte nach Hause«, sagte der Hammel und sah den fremden Mann an.

Es war eine stumme Bitte. Stumme Bitten werden nicht gehört.

Der Mann schlang die Leine mit einem geschickten Griff um die Hinterbeine des Tieres und zog es vorwärts. Die Schnur schnitt ein.

»Ja, ja, ich komme schon«, sagte der Hammel erschrocken. Die müden steifen Beine beeilten sich. Es waren nur wenige Augenblicke, aber sie schienen sehr lang. Dann war er in einem dunklen Raum. Es roch erstickend nach Blut und Abfällen – nach Leichen von seinesgleichen. Man hält es nicht für nötig, das vorher fortzuschaffen. Es ist ja Vieh – Schlachtvieh.

Da packte den Hammel ein hilfloses, lähmendes Entsetzen. Ein Entsetzen, das alle stummen Bitten vorher vergessen ließ. Ein Entsetzen, das ganz allein herrschte. Der Hammel zitterte am ganzen Körper.

»Jetzt kommt das Fabelhafte – das Grauen«, dachte er. Und es kam.

Die Welt ist voll von stummen Bitten, die nicht gehört werden. Es sind Menschen, die sie nicht hören. Es scheint unmöglich, diese stummen Bitten zu zählen. So viele sind es. Aber sie werden alle gezählt. Sie werden gebucht im Buche des Lebens.

Groß und fragend sehen die Augen des Gautama Buddha auf die europäische Kultur.

Der große Augenblick

In seinem Käfig saß ein kleiner Vogel und sah mit sehnsüchtigen Augen in den Sonnenschein. Es war ein Singvogel, und es war in einem Kulturstaat – jedenfalls in einem solchen, der sich so nannte.

In blauer Ferne standen blaue Berge.

Hinter den Bergen liegt der Süden, dachte der kleine Vogel. Ich bin nur einmal den Weg dahin geflogen. Dann nicht wieder.

Die fernen Berge erschienen ihm ganz nah. Die Sehnsucht rückte sie so nah vor die Gitterstäbe.

»Sie sind so sehr nah«, sagte der kleine Vogel. »Wenn nur die Gitterstäbe nicht wären! Wenn die Tür sich nur einmal öffnete – ein einziges Mal! Dann käme der große Augenblick, und ich wäre mit ein paar Flügelschlägen hinter den blauen Bergen.«

Die Kraniche zogen. Durch die Herbstluft klang ihr klagender Schrei – klagend und lockend. Es war der Ruf nach dem Süden.

Sie verschwanden hinter den blauen Bergen.

Der kleine Vogel rannte gegen die Gitterstäbe.

Der Winter kam, und der kleine Vogel wurde still. Der Schnee fiel, und die blauen Berge waren grau geworden. Der Weg nach dem Süden lag in Kälte und Nebel.

Es kamen viele Winter und viele Sommer. Es kamen viele Jahre. Die Berge wurden blau und wurden wieder grau. Die Zugvögel kamen vom Süden und zogen nach Süden. Der kleine Vogel hinter dem Gitter wartete auf den großen Augenblick.

Dann kam ein klarer sonniger Herbsttag. Da war die Tür des Käfigs geöffnet. Man hatte sie im Versehen offen gelassen. Mit Willen tun es die Menschen nicht.

Der große Augenblick war da! Der kleine Vogel zitterte vor Freude und Erregung. Vorsichtig und scheu huschte er hinaus und flatterte auf den nächsten Baum. Alles um ihn herum verwirrte ihn. Er war es nicht mehr gewohnt. In blauer Ferne standen blaue Berge.

Aber sie schienen jetzt sehr fern zu sein. Viel zu fern für die Flügel, die sich jahrelang nicht mehr geregt hatten hinter den Gitterstäben. Doch es mußte sein! Der große Augenblick war da!

Der kleine Vogel nahm all seinen Mut und seine Kraft zusammen und breitete die Flügel weit, weit aus – zum Flug nach dem Süden, hinter die blauen Berge. Aber er kam nicht weiter als bis zum nächsten Ast. Waren die Flügel verkümmert in den langen Jahren, oder war es etwas anderes, das in ihm verkümmert war? Er wußte es selbst nicht. Die blauen Berge waren fern, viel, viel zu fern für ihn. Da flatterte er still in den Käfig zurück. Die Kraniche zogen. Durch die Herbstluft klang ihr klagender Schrei – klagend und lockend. Es war der Ruf nach dem Süden Sie verschwanden hinter den blauen Bergen.

Da senkte der kleine Vogel den Kopf und barg ihn unter dem Flügel.

Der große Augenblick war vorüber.

Der Pilger mit dem schleppenden Hinterbein

Ein kleiner Käfer krabbelte mühsam auf steinigem Weg. Es waren viele Hindernisse auf seiner Straße. Strohhalme und sonstige schwer zu bewältigende Gegenstände. Es war recht anstrengend. Fliegen konnte er nicht. Es war ein Krabbelkäfer. Zudem war sein linkes Hinterbein verkümmert – schon von Geburt an. Er schleppte es nach. Es war ein trauriger Fall. Aber er pilgerte tapfer weiter. Käfer gehen nicht und wandern nicht. Sie pilgern. Das ist ein großer Unterschied. »Gehen Sie doch aus dem Wege!« schrie eine Hummel, namens Summser, den Pilger an und brummte böse.

»Strolcht so was auf der Straße herum und stört achtbare Damen, die sich auf Blumenmarkt begeben!«

»Entschuldigen Sie«, sagte der Pilger mit dem schleppenden Hinterbein, »ich muß pilgern, ich bin ein Krüppel.« Er wies mit dem Fühlhorn auf das verkümmerte Hinterbein.

»So, so«, sagte Frau Summser mitleidig, dann ist es etwas anderes. Das habe ich nicht gesehen. Ich war so eilig. Wenn Stan heutzutage nicht sehr zeitig an die Blumen kommt, ist alles vergriffen. Die Konkurrenz ist so sehr groß. Aber warum Müssen Sie denn pilgern? Wäre es mit Ihrem Bein nicht besser, zu Hause zu bleiben? Sie müßten heiraten. Dann haben Sie wenigstens Ihre regelmäßigen Mahlzeiten.« »Nein, ich muß pilgern«, sagte der Pilger mit dem schleppenden Hinterbein. »Ein alter Käfer, den ich meines Leidens wegen konsultierte, sagte mir das. Er sprach von der Religion des heiligen Skarabäus und sagte, ich müsse das Rad des Lebens suchen. Das ist ein sehr alter Glaube und ein großer Trost für atme Krabbelkäfer.«

»Und was hat man davon?« fragte Frau Summser. »Es ist doch gewiß viel vernünftiger, rechtzeitig auf den Markt zu kommen.«

Der kleine Käfer zog das verkrüppelte Bein mit einer zuckenden Bewegung an den Körper, so daß es nicht mehr zu sehen war. »Man kann ein Rosenkäfer werden«, sagte er geheimnisvoll.

»Ist das ein lohnender Beruf?« fragte Frau Summser.

Sie war eine überaus praktische Hausfrau. Ihre Honigtöpfe waren unübertroffen und bekannt im ganzen Umkreis eines Insektenfluges.

»Man glänzt dann wie flüssiges Gold, und man kann fliegen. Man ruht in den Rosen und atmet ihren Duft.« Frau Summser wurde hierdurch an ihren Markt erinnert.

»Jetzt muß ich mich wirklich beeilen«, sagte sie, »die Konkurrenz ist eine zu große heutzutage. Jedenfalls wünsche ich Ihnen alles Gute.«

Der Pilger mit dem schleppenden Hinterbein pilgerte weiter. Über den Weg kam ein Wagen gefahren. Das ist das Rad des Lebens, dachte der Pilger mit dem schleppenden Hinterbein und hastete darauf zu.

Das Rad ging über ihn hinweg.

Auf dem Wege war nichts als eine formlose Masse.

Zur selben Stunde kroch im sonnigen Süden ein kleiner Rosenkäfer aus dem Ei. Ganz zuerst betastete er mit dem Fühlhorn sein linkes Hinterbein. Er wußte selbst nicht, warum er das tat. Das linke Hinterbein war gesund und kräftig und glänzte wie flüssiges Gold. Es war fast noch schöner und glänzender als die anderen Beine.

Die Rosen dufteten.

Das Rad des Lebens ging weiter.

Jeremias Kugelkopf

Jeremias Kugelkopf war ein Seehund. Er war ein friedfertiges Geschöpf. Er war innerlich, wie er äußerlich war: rund, kugelig und ohne Ecken. So war Jeremias Kugelkopf. Er lebte weit draußen im Weltmeer, und die Wellen des Weltmeeres trugen ihn wie in einer Wiege. Er wußte, daß das Weltmeer sehr wild sein konnte, und er wußte, daß es sehr still sein konnte. Er wußte auch, daß das Weltmeer sehr groß war und das er sehr klein war. Darum war Jeremias Kugelkopf still und bescheiden.

Mittags aß er Fische. Aber damit waren seine Interessen nicht erschöpft.

Jeremias Kugelkopf hatte auch höhere Interessen. Wenn die Glocken läuteten an der Küste von Feuerland, hob er den Kopf aus dem Wasser, klappte die Ohren weit auf und hörte andächtig zu. Dann kamen Tränen aus seinen Augen, tatsächlich Tränen.

Eigentlich wäre es doch sehr schön, ganz an der Küste von Feuerland zu leben, dachte Jeremias Kugelkopf, dann höre ich die Glocken ganz nah und brauche die Ohren nicht so weit aufzuklappen. Es kommt so leicht was hinein. Mit den Ohren muß man sehr vorsichtig sein.

Jeremias Kugelkopf klappte die Ohren sorgsam zu, bürstete den Schnurrbart mit der Flosse und schwamm an die Küste von Feuerland.

Das Abendrot legte sich über das Weltmeer. Es wurde kühl in den Wellen. Jeremias Kugelkopf störte das nicht. Er hatte eine Speckschicht. Seine Garderobe war so eingerichtet. Sie war seetüchtig in jeder Beziehung.

Am Ufer tat Jeremias Kugelkopf einen gewaltigen Satz und schnellte sich hinauf. Dann rutschte er weiter und sah sich mit großen Augen um, so wie jemand, der Wohnung sucht und gespannt ist, was er finden wird. Was Jeremias Kugelkopf fand, war sonderbar. Auf dem Ufer saßen Scharen von Pinguinen. Sie wedelten mit den Flügeln, die wie Talare auf weißen Vorhemden aussahen.

Das sind sehr komische Vögel, dachte Jeremias Kugelkopf, solche Vögel habe ich noch nicht gesehn. Es sind auch so viele und sie sprechen alle durcheinander. Es ist so geräuschvoll. Ich glaube, es ist nichts für mich.

Die sonderbaren Vögel kakelten und verbeugten sich dabei unentwegt. Es sah sehr possierlich aus. Es scheinen höfliche Leute zu sein, dachte Jeremias Kugelkopf und rutschte näher.

Ein Vogel watschelte auf ihn zu. Er war groß und dick, eine kegelförmige Figur.

»Sie wollen wohl unsere Eier besichtigen?« fragte er verbindlich. »Wir legen sehr viele Eier. Viele Touristen aus dem Weltmeer kommen sie besichtigen. Es ist eine Sehenswürdigkeit. Aber Sie dürfen sie nicht näher untersuchen. Das erlauben wir nicht.«

»Nein«, sagte Jeremias Kugelkopf kleinlaut, »die Eier, die Sie legen, wollte ich eigentlich nicht sehen. Ich wollte die Glocken von Feuerland läuten hören. Die Glocken läuten hier oben doch jeden Abend? Oder habe ich mich geirrt?«

Der dicke Vogel zuckte pikiert mit den verkümmerten Flügeln.

»Natürlich läuten die Glocken«, sagte er ärgerlich, »aber die Hauptsache sind doch die Eier, die wir legen!« Jeremias Kugelkopf verstand nicht gleich. Er war ein bißchen tranig.

Da läuteten die Glocken von Feuerland, und Jeremias Kugelkopf freute sich.

In demselben Augenblick aber fuhren die sonderbaren Vögel aufeinander los. Sie verneigten sich nicht mehr. Sie wedelten wütend mit den Talaren, kreischten entsetzlich und zankten sich um die Eier. Man hörte das tiefe Weltmeer nicht mehr ans Ufer branden, und die Glocken von Feuerland erstickten im Geschrei.

Jeremias Kugelkopf klappte voller Schrecken die Ohren zu und sprang mit einem Satz ins tiefe Weltmeer zurück. Er ruderte ganz verstört mit den Flossen und schwamm weit, weit von der Küste fort.

Auf einer kleinen einsamen Insel ruhte er sich aus.

Bis hierher drang das Geschrei der sonderbaren Vögel nicht mehr um die Eier, die sie gelegt hatten. Aber durch die klare, reine Luft trug der Wind die Glockentöne von Feuerland über das tiefe Weltmeer.

Da war Jeremias Kugelkopf dankbar und froh und blieb immer auf seiner einsamen Insel.

Jeden Abend hörte er die Glocken läuten.

Dann war Jeremias Kugelkopf gerührt und weinte. Die Tränen fielen ins Weltmeer.

Alräunchen


Alräunchens Geburt

Es war ein trüber Regentag, als Alräunchen geboren wurde. Es war kein Landregen, von dem man Gutes erhofft. Es war ein nasser kalter Nebel, der alle Farben löscht und alle Konturen verwischt. Es war im Februar und Karnevalszeit, und durch den Nebel huschten Masken.

Alräunchen lag in den Kissen, wimmerte und sah scheußlich aus. Drei Ärzte standen dabei und sprachen lateinisch. Zum Schluß meinten sie einstimmig, das Kind wäre ein »Fall« und für die Lebensfähigkeit könnten sie nicht garantieren. Die Eltern waren sehr betrübt. Es ist nicht angenehm, einen »Fall« zum Kind zu haben. Kinder sollen hübsch normal sein. Nur tut man meistens nichts dazu im eigenen Leben. Man schließt Ehen standesgemäß und portemonnaiegemäß und nennt das Gottes Willen. Die Natur hat sich danach zu richten. Das tut sie aber nicht. Deshalb ist die Natur auch nicht anständig, und man verhüllt sie, wo es irgend angeht. Das Verhüllen nennt man Sittlichkeit. Aus dem, was man Gottes Willen nennt, und aus dem, was man Sittlichkeit nennt, baut man das menschliche Leben auf. Es hält auch wunderschön, solange alles hübsch normal ist. Nur, wenn die unanständige Natur sich meldet, reißt der Damm. Woraus man zu ersehen hat, daß alles schön normal sein soll, daß man die Natur als unanständig auszuschließen hat und alles so zu sein hat, wie es getauft ist.

Alräunchen war also nicht normal, und darum wußte man auch nicht recht, wie man ihn taufen sollte. Ich sage«ihn«, dann Alräunchen war ein Knabe, vorausgesetzt, daß er am Leben blieb, was die Ärzte mit lateinischen Worten lebhaft in Zweifel zogen.

Die Verwandten standen auch herum und trösteten mit der bekannten großen und innigen Verwandtenliebe, die daher kommen soll, daß man denselben Namen trägt, und sagten, es könne doch noch etwas daraus werden. Man könne nie wissen und es hätte schon Fälle gegeben, wo … Sie erzählten die Fälle.

Es war sehr liebevoll von ihnen; denn im stillen waren sie fmh, daß ihnen der »Fall« nicht passiert war. Schließlich faßte man sich allerseits und gab Alräunchen auch einen Namen. Aber der kommt für uns nicht in Frage. Wir wollen ihn so nennen, wie er den Leuten erschien, als Alräunchen.

Alräunchen ist ein Wechselbalg, ein Wurzelmännchen, das ganz tief in der Erde wurzelt und zum Wechselbalg wird, wenn man die Wurzeln aus der Erde herausreißt.

Dann zogen feinfühlige Verwandte den Vorhang der Wiege rücksichtsvoll zu, und Alräunchen blieb im Dämmerlicht seiner ersten Lebensstunde.

Draußen regnete es, und die Masken huschten durch den Regen. Drinnen war es still. Die Uhr tickte leise, und ein großer Kater schnurrte am Ofen.

Schießlich stand der Kater auf, schlich leise zur Wiege und schob den Vorhang behutsam mit der Pfote beiseite. Sein Schnurrbart sträubte sich tastend nach vorne, und er beäugte und beschnüffelte das Etwas in den Kissen mit genauester Sachkenntnis.

»Nein, das ist kein Mensch«, sagte er anerkennend, »das ist so etwas von uns, aber doch nicht ganz. Es ist sehr merk. würdig. Ich will mal sehen, was daraus wird.« Da griff die Kinderhand nach der Pfote des Katers und hielt sie fest.

Das war Alräunchens erste Freundschaft.

Die Ansichten des Nußknackers

»Die Hauptsache im Leben ist, daß man alles zerbeißt und immer sauber zwei Schalen und einen Kern ausspuckt«, sagte der Nußknacker und sah Alräunchen aus seinen wasserblauen Augen herausfordernd an.

Alräunchen war kein Baby mehr, sondern ein kleiner Knabe, und hatte den Nußknacker zu Weihnachten bekommen. Er hatte mitten unter dem Lichterglanz der Tanne gestanden, hatte eine bunte Uniform und einen Zopf gehabt und ausnehmend grimmig ausgesehen. Seine Uniform, der lange Zopf und die Grimmigkeit nahmen seine ganze kleine Person immer völlig in Anspruch.

Alräunchen liebte ihn in seiner Weise, wie alles, was seiner Obhut anvertraut war. Aber die Uniform und der Zopf gefielen ihm nicht, und die hölzerne Würde fand er komisch. Alräunchen war eben kein normales Kind. Noch immer nicht, wie die Verwandten sagten.

»Jawohl«, sagte der Nußknacker und knackte ordentlich mit der Kinnlade, »immer zerbeißen und ausspucken. Dann weiß man, woran man ist. Du bist natürlich wieder anderer Ansicht«, schloß er vorwurfsvoll.

»Alles kann man nicht zerbeißen«, sagte Alräunchen nachdenklich.

Der Nußknacker griff empört an seinen Zopf.

»Natürlich kann man das«, schrie er, »ich kann es wenigstens und alle, die eine Uniform und einen Zopf haben und solch einen Mund wie ich!«

Alräunchen schüttelte den Kopf. Er dachte an die Nächte, in denen er mit wachen Augen dagelegen und Dinge gesehn hatte, die nicht greifbar waren. Denn Alräunchen sah die Seelen der Dinge und hörte lautlose Stimmen flüstern. Oh, die Kommode hatte neulich so schön aus der Großmutterzeit erzählt und so komische Gesten dazu gemacht mit den zierlichen Rokokobeinchen, und der Teekessel hatte immer die Schnauze auf- und zugeklappt und hatte dazwischenchen, bis die Kommode pikiert geschwiegen hatte. Später

hatten dann Schatten im Zimmer gesessen, schwache, wahrnehmbare Gestalten mit Kleidern wie aus Spinnweb, und hatten ganz so ausgesehen, wie die Kommode es geschildert hatte. Sie hatten auf die alte Standuhr gezeigt und sich zugenickt … Oh, soviel hatte Alräunchen gesehen, wenn er es auch noch nicht verstehen konnte.

Es sind traurige Augen, die das sehen. Es sind Alräunchenaugen. Sie sind selten, wie die Alräunchen selten sind. Das ist ein großes Glück; denn wo blieben sonst die Uniformen und die Zöpfe, die normale Sittlichkeit und all das, was die Menschen Gottes Willen nennen – wenn viele mit den traurigen Augen hinter die Dinge sehen würden?

»Nein, alles ist nicht greifbar«, sagte Alräunchen, »es gibt viel, viel mehr als das, was man greifen kann. Das Greifbare ist nur so nebenbei. Es ist nicht das Eigentliche.«

»Das ist Unsinn!« schrie der Nußknacker und wurde noch röter, als er sonst war. »Was nicht greifbar ist, kann man nicht zerbeißen und ausspucken, also ist es gar nicht da. Das ist die einzig wahre Weisheit. Das ist exakt.«

Er spuckte zwei Nußschalen und einen Kern aus, gerade vor Alräunchens Füße. Es war wie ein ausgespuckter Beweis. Alräunchen schob die Schalen beiseite und aß den Kern auf. –Was war im Kern?« fragte er.

»Wie soll ich das wissen, wenn du ihn verschluckt hast?« brüllte der Nußknacker wütend, »du bist ein dummer Junge!«

Das war auch ein Beweis und sogar ein sehr üblicher und beliebter. Alräunchen hatte ihn schon oft von anderen gehört, in der Schule und zu Hause, wenn er nach solchen Dingen fragte.

Der Nußknacker sah ein, daß er zu weit gegangen war. Er kriegte so viele Nüsse von Alräunchen und wurde abends immer sorgsam in ein kleines Bett gelegt, in dem er behaglich die hölzernen Beine ausstrecken konnte. Das war nötig. Denn es ist viel ermüdender, auf hölzernen Beinen zu stehen als auf beweglichen.

Er beschloß also, einzulenken.

»Es würde dir überhaupt viel besser gehen, sagte er, »und du würdest nicht überall anstoßen und dir Beulen holen, wenn du hübsch und hölzern wie ich auf einem Fleck stehenbleiben würdest, statt dich auf allerlei Gebieten herumzutreiben. Man muß immer auf einem Fleck stehen. Dann passiert einem nichts. Man stört niemand und wird nicht gestört, weil alle wissen: auf dem Fleck steht der Nußknacker, da gehe ich nicht hin, sonst trete ich ihn, und er brüllt mich an. Das ist ganz einfach…«

»Wenn ich aber doch drauf trete – auf dich natürlich nicht – aber zum Beispiel überall dahin, wo sonst Nußknacker sind?«

»Das tut niemand, der vernünftig ist. Denn wer vernünftig ist, sitzt auf einem Fleck und rührt sich nicht.«

»Ich tu’s aber«, sagte Alräunchen eigensinnig, »was dann?«

»Dann schnappen alle Nußknacker nach dir.«

Alräunchen lachte selig. »Huh – muß das komisch aussehen!«

»Sei nicht frech, weißt du«, sagte der Nußknacker, »das geht über den Zopf, verstehst du, das ist Revolution.«

Alräunchen wußte nicht, was Revolution war. Er dachte, es könne nicht schlimm sein, wenn es nur an den Zopf geht. Alräunchen war ein Kind und wußte nicht, wie fest die Köpfe an den Zöpfen hängen und daß es oft Blut kostet, wenn die Zöpfe abgeschnitten werden.

»Nein, das ist nichts«, fuhr der Nußknacker fort, »du mußt immer auf dem Fleck bleiben, wo man dich hingestellt hat. Das ist die einzig wahre Weisheit.«

»Ich möchte in die Ferne«, sagte Alräunchen und sah mit den traurigen Alräunchenaugen in die Abenddämmerung.

»Was ist das – Ferne?« sagte der Nußknacker mißbilligend. »Kannst du die Ferne greifen? Nein. Also ist sie nicht da. Nur der Fleck ist da, auf dem du mit den hölzernen Beinen stehst.«

»,Ich sehe die Ferne«, sagte Alräunchen, »ich sehe viele, viele Fernen – ich möchte zu allen hin. Es muß schön sein. Ich möchte wissen, was dahinter ist …«

Was nützt das?« sagte der Nußknacker, »kannst du das zerbeißen und ausspucken?«

»Nein«, sagte Alräunchen etwas kleinlaut.

Denn die Fernen waren sehr, sehr fern, wie ihm schien. Es mußte ein weiter Weg sein, viel weiter, zum Beispiel, als bis zur Stadt, wo Jahrmarkt war zur Johannisnacht. Da konnte man schon nicht zu Fuß hingehen. Jedenfalls war es nicht glaublich. Aber die Fernen, die lagen noch weiter, viel, viel weiter …

»Siehst du«, sagte der Nußknacker befriedigt, »bleibe nur immer hübsch auf demselben Fleck! Eine Uniform mußt du auch tragen und einen Zopf, dann siehst du aus wie alle anderen .Leute, und keiner tritt dich. Das ist die einzig wahre Weisheit.«

»Aber sind denn alle auf der Welt Nußknacker?« fragte Alräunchen.

»Natürlich. Was denn sonst?« sagte der Nußknacker und stellte sich besonders gewaltig auf die steifen hölzernen Beine. »Natürlich. Wenigstens die Vernünftigen. Die anderen kommen gar nicht in Frage. Das ist ein großes Glück. Man müßte ja sonst immer weiter vorwärtsgehen und würde geschubst werden. Ich danke! Man müßte ja vom Fleck gehen, und der Fleck ist so warm, wenn man immer drauf ist.«

Er spuckte die Nußschalen nur so um sich.

»Ich will aber nicht«, dachte Alräunchen und sah in die Abenddämmerung, bis dahinaus, wo sie sich in unbestimmten Linien verlor – in der Ferne …

Müffchen

Alräunchen saß beim Kater in der Sonne.

Die beiden hatten sich sehr lieb und waren immer zusammen, wenn der Kater nicht auf Mausefang oder sonst beruflich verhindert war.

Er hatte auch Alräunchen in alle Geheimnisse der Tierwelt eingeweiht, soweit er sie kannte und soweit er diese Kenntnis Alräunchen zu vermitteln für richtig hielt. Denn obwohl Alräunchen ein halbes Tier war, so war er doch auch ein Mensch und entwickelte sich mit menschlicher Langsamkeit. Also mußte das alles mit behutsamer Pfote geschehen, und eine solche hatte der Kater. Er war überaus klug und selbst unter diesen philosophischen Tieren ein Philosoph. Vor allem aber hatte er Alräunchen lieb, und Liebe führt noch sicherer und besser als Philosophie.

»Ich fühle mich fremd hier«, sagte Alräunchen traurig und kraulte den Kater hinter dem Ohr.

Der Kater blinzelte mit zugekniffenen Augen in die Sonne.

»Du wirst immer fremd sein«, sagte er mitleidig, »du siehst die Natur anders als die Menschen. Du fühlst dich eins mit ihr. Die Menschen glauben, sie stünden drüber. Sie müssen doch zurück zu ihr. Irgendwo führen alle Mäuselöcher ins Freie, wenn sie noch so kunstvoll und verzweigt sind. Es ist sportsmäßig ausgedrückt, entschuldige! Aber es ist ganz ähnlich.«

Alräunchen sah sehr traurig aus.

»Du mußt dich deswegen nicht grämen«, fuhr der Kater fort und schnurrte beruhigend, »du bist ja kein richtiger Mensch.« »Was bin ich denn?« fragte Alräunchen. »Das weiß ich nicht«, sagte der Kater, »wahrscheinlich bist du ein Alräunchen. Ich weiß auch nicht alles. Nur die Menschen denken, daß sie alles wissen.«

»Ich möchte in die Ferne«, sagte Alräunchen, »da würde ich es gewiß erfahren. Aber der Nußknacker sagt, es gäbe gar keine Ferne.«

»Der Nußknacker ist ein Stück Holz«, sagte der Kater.

»Aber er spricht doch und schimpft sogar. Er sagt ›dummer Junge‹. Er zerbeißt Nüsse und spuckt sie aus. Darauf ist er sehr stolz. Er hat eine Uniform«, wandte Alräunchen ein. »Viele Holzstücke haben Uniform«, sagte der Kater. Alräunchen gab weitere Details. »Er streckt die Beine, wenn ich ihn ins Bett stopfe. Es knackt dann. Ich habe es deutlich gehört. Ganz gewiß. Er lebt also. Nicht wahr?«

»Was man Leben nennt, ja«, sagte der Kater, »aber es ist eben ein Nußknacker, weiter nichts. Ein Stück Holz, aus dem man eine Figur geschnitzt hat.«

»Der Lehrer in der Schule macht es aber ganz ebenso«, sagte Alräunchen, »er sagt auch: Das gibt’s, und das gibt’s nicht. Wenn man mehr fragt, sagt er auch: Dummer Junge! Der ist aber doch kein Nußknacker? Er ist auch nicht von Holz.«

Der Kater machte ein arrogantes Gesicht, so arrogant, wie es nur Katzen machen können.

»Man braucht nicht von Holz zu sein, um ein Nußknacker zu sein.«

Alräunchen dachte nach.

Seine traurigen Augen waren weit und sehnsüchtig geöffnet.

Er faßte die beiden Vorderpfoten des Katers und sah ihm gerade ins Gesicht.

habe dich immer sehr lieb gehabt, solange ich denken kann«, sagte er. »Bist du in der Ferne gewesen? Dann sage mir, wie man in die Ferne kommt!«

Da verlor sich das Grasegrün in des Katers Augen. Die kleinen Augenschlitze erweiterten sich, und die Pupillen wurden dunkel und tief, als lägen lauter Rätsel dahinter. Er setzte sich groß und dick vor Alräunchen hin und sagte in feierlich mauendem Ton: »Ich wußte, daß du mich danach fragen würdest. Ich werde es dir sagen. Denn du mußt den Weg in die Ferne gehen, weil deine Augen sie suchen. Man sieht das immer an den Augen – bei meiner Übung natürlich. Bis jetzt durfte ich es dir nicht sagen. Du warst noch nicht reif dazu.« »Ich bin ja auch jetzt noch ein Kind«, sagte Alräunchen zweifelnd.

»Kinder finden es oft leichter als Erwachsene«, sagte der Kater, »man findet es, wenn man danach sucht. Man ist reif, wenn man danach fragt.«

Ein verklärtes Lächeln ging über Alräunchens Gesicht, das blaß war vom Nachdenken.

»In die Ferne kann ich dich nicht führen, die muß man selber suchen«, fuhr der Kater fort, »nur den Eingang kennen wir. Es ist ein großes Geheimnis. Die Menschen haben es gewußt. Jetzt haben sie es verlernt. Aber früher, weißt du, in den Isistempeln, als sie uns noch heilig hielten und in allen Geschöpfen den Bruder sahen – da, wo die Pyramiden auf dem gelben Sand stehen und die Palmen in der Sonnenglut – es war ein heiliges Land –, da kannten sie das Geheimnis.«

»Von dem Land hast du mir erzählt«, nickte Alräunchen.

»Jetzt wissen es nur wenige. Die Menschen sagen jetzt, sie stünden drüber. Sie sind Nußknacker. Aber ich weiß es. Ich war auch in dem Land – durch den Eingang, verstehst du. Das Land sieht jetzt anders aus. Aber die Spuren sind noch da, welche die bronzenen Menschen in den Wüstensand gruben, die die Katzen liebten und das Geheimnis kannten.« Alräunchen schauderte zusammen.

»Dann lehre mich das Geheimnis!« bat er und sah in die klugen Tieraugen wie in einen Tempel.

»Du mußt dich nicht so aufregen«, sagte der Kater freundlich, »es ist ganz natürlich. Die Rätsel liegen nicht darin, sondern dahinter. Wir kennen sie nicht. Das ist das Menschliche in dir, das sich so aufregt. Das gibt sich. Die Menschen sind entwöhnt von allem, was Natur ist. Sie haben sich von ihr getrennt und klammern sich an das, was sie selbst ausgedacht haben. Sie hören die Stimme in sich nicht mehr.«

»Ich weiß es«, sagte Alräunchen, »aber bitte, sage mir das Geheimnis!«

»Sei nicht ungeduldig! Wenn du es kennst, brauchst du noch viel mehr Geduld. Du weißt doch, was Müffchen ist?«

»Ja«, sagte Alräunchen etwas enttäuscht, »wenn ihr euch so hinlegt, daß ihr ausseht wie eine Badewanne, und die Pfoten vorn so zusammenlegt, daß es aussieht wie ein Muff. Das ist Katzensitte, das hab‘ ich von dir gelernt. Aber was soll das? Das sieht niedlich aus. Aber das ist doch kein Geheimnis. Das seh‘ ich jeden Tag.«

»Alle Geheimnisse sind alltäglich. Man weiß es nur nicht. Das Geheimnis ist Müffchen. Die Menschen im Heiligen Lande nannten es Meditation. Du mußt also Müffchen machen – Müffchen.« Der Kater zeigte die Müffchenstellung, obwohl Alräunchen sie kannte. »Das andere kommt von selbst«, erklärte er.

»Ich kann aber nicht richtig Müffchen machen«, sagte Alräunchen und versuchte es vergeblich.

»Es muß nur so ähnlich sein«, tröstete der Kater, »du brauchst bloß deine Pfoten zu falten, wie du es tust, wenn du abends dein Gebet hersagst.«

»Ja, das kann ich«, sagte Alräunchen, »und das andere kommt dann von selbst? Dann komme ich also in die Ferne?«

»Nur zum Eingang«, belehrte der Kater, »heute abend versuchen wir es beide, wenn du zu Bett gegangen bist. Den Nußknacker mußt du aber in den Schrank einschließen.« Alräunchen war sehr froh.

»Wohin gehen wir zuerst? Ins Heilige Land mit den Isistempeln?«

»Nein«, sagte der Kater, »ich kann gar keine Verantwortung übernehmen. Erst gehen wir zum Eingang. Das Weitere sagt uns Habakuk.«

»Wer ist Habakuk?«

Ein Waldkauz, mit dem ich befreundet bin, aber nur müffchenweise.«

»So gehen wir zu Habakuk«, sagte Alräunchen, »hat er auch solche Laternenaugen wie die Eule im Tierbilderbuch?«

»Ja, die hat er.«

»Ich freue mich so, und ich danke dir«, sagte Alräunchen.

»Du brauchst mir nicht zu danken. Du hast mich lieb gehabt. Auf Wiedersehen am Abend! Ich habe jetzt noch beruflich zu tun.«

Der Kater schlich in eine Hecke, wo er etwas rascheln hörte.

Es war eine ganz stille Nacht in Alräunchens Schlafzimmer. Nur die Atemzüge eines Tieres und eines Menschenkindes waren hörbar, das kein richtiges Menschenkind war. Beider Atemzüge waren schwach und leise. Es war, als atmeten sie nur wie Pflanzen in nächtlicher Schwüle. Ihre Seelen waren fern.

Der Mond sah mit blassem Gesicht zum Fenster hinein. Er sah, was er schon vor abertausend Jahren gesehn: Meditation – Müffchen …

Habakuk

Alräunchen schlief nicht. Aber es war sehr ähnlich, als ob er einschlafen wollte. Ihm war es, als drehe sich ein Rad um ihn, ein großes Rad mit vielen, vielen Speichen. Immer schneller drehte es sich, man konnte schwindlig werden dabei.

Dann stand es still.

Alräunchen war es, als löse sich etwas von ihm los, das frei war, und als bliebe etwas von ihm zurück, das nicht frei war. Aber das, was frei war, war das Eigentliche.

Alräunchen ging auf grünem Waldboden. Er fühlte das weiche Moos deutlich unter seinen Füßen. Die Farnblätter raschelten. Ihre seltsamen Formen regten sich im Winde. Es war dunkel Walde, und doch war es hell. Es war, als leuchteten alle Gegenstände in sich und hätte jeder sein eigenes Licht. Es war sanft und schwach; aber doch sah man alles deutlicher als im Licht, das von außen auf die Dinge fällt. Alräunchen sah um sich.

Neben ihm ging der Kater.

Sie kamen an einem Nest vorbei. Kleine Flügel lagen reglos im Schlaf unter den Flügeln der Mutter.

»Jetzt sind wir gleich bei Habakuk«, sagte der Kater und blieb an einem hohlen Baumstamm stehen.

»Ist Habakuk zu Hause?« fragte er eine Kröte, die am Fuße des Baumes saß.

»Jawohl«, sagte die Kröte und kokettierte mit den Augen. Kröten sind voller Warzen, aber sie haben sehr schöne Augen.

»Bitte, melden Sie uns!« sagte der Kater von oben herab. Er hielt nichts von quabbeligen Leuten.

Die Kröte, die sich ihrerseits aus alten Katern nichts machte, kokettierte mit Alräunchen. Dann unkte sie etwas in den hohlen Baumstamm hinein. Es war eine Art Haustelefon; denn gleich darauf erschien Habakuk oben in einem Loch. Er sah aus wie ein Paket aus Federn, dem man Augen eingesetzt hat. Die Augen glühten.

»Guten Abend«, sagte der Kater, »erlaube, daß ich vorstelle: Alräunchen – Habakuk.« Er machte eine vollendete Pfotenbewegung. Das Paket verbeugte sich.

»Alräunchen möchte in die Ferne«, sagte der Kater, »er will dich fragen, wie man das am besten macht. Du bist so sehr klug.« Das Paket räusperte sich krächzend.

»Ja, ich möchte in die Ferne«, sagte Alräunchen, »ich will auch gerne weit gehen, wenn ich nur weiß, wohin ich gehen soll.«

Habakuk sah ihn mit seinen großen Augen lange an.

»So weit, wie du willst, bin ich niemals gewesen. So weit, wie du willst, wirst du auch kaum gehen können«, sagte er.

»Nimm’s mir nicht übel, lieber Habakuk«, sagte der Kater, »das sind Eulenrufe. Wir glauben auch gar nicht, daß du mit deinen rheumatischen Krallen sehr weit gelaufen bist. Wir wollen Anhaltspunkte, wo man sich einhaken kann. Verstehst du – mau!«

Habakuk warf Alräunchen ein grünes Blatt vor die Füße. »Was ihr wollt, steht auf allen Blättern zu lesen, den grünen und den verwelkten.«

»Ach, bitte, lies es mir vor!« bat Alräunchen. Habakuk kniff die Augen zusammen.

»Eigentlich vorlesen läßt sich das nicht. Der Weg beginnt bei den Schlafenden, steht drauf.«

»Er beginnt bei den Schlafenden«, wiederholte Alräunchen,

»was heißt das?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Habakuk, »dann führt er zu den

Wachenden, und von den Wachenden führt er in die Ferne.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Alräunchen.

»Glaubst du, daß ich es verstehe?« schrie Habakuk empört. »Sonst wäre es doch kein Geheimnis! Sei froh, daß du das weißt! Was brauchst du mehr zu wissen als eine Eule? So was muß man glauben! Du bist ein dummer Junge!« Das Paket verschwand wütend.

»Siehst du, er sagt dasselbe, was mir immer gesagt wird«, sagte Alräunchen gedrückt.

»Es ist ein unhöflicher Patron«, sagte der Kater, »er meint es nicht so. Er hat Rheumatismus.«

»Nun werde ich niemals die Ferne finden«, sagte Alräunchen traurig.

»Ja, da hilft nun weiter nichts«, tröstete der Kater, »es wird schon irgendwie gehen. Wir müssen eben suchen.«

»Ja, wir wollen suchen«, sagte Alräunchen.

Die Morgendämmerung spann ihre ersten Fäden ins Dunkel. Die Kröte hatte sich verkrochen. Im Vogelnest regten die Kleinen ihre Flügel unter den Flügeln der Mutter.

»Suchet, so werdet ihr finden«, sagte Alräunchen vor sich hin. Er hatte es in der Schule gelernt, aber er hatte es nicht verstanden. Es war wohl auch ein Geheimnis.

Es war sonderbar, daß es ihm nun so plötzlich einfiel. Am Ende war es das Geheimnis, das in die Ferne führte? … Hatte er es überhaupt gesagt? Ihm war, als sei es nicht seine eigene Stimme gewesen.

Er blickte sich scheu nach allen Seiten um. Es war niemand da.

Nur der Kater trottete neben ihm durch den Morgentau und hob vorsichtig die Pfoten. Es sah sehr komisch aus, und Alräundhen mußte lachen.

So glitt Alräunchen ins Menschenleben zurück. Er wachte in seinem Bett auf. Die Sonne schien ins Zimmer.

Der Kater saß und leckte sich die Pfoten.

Das Rad drehte sich wieder. Dann stand es still.

Alräunchen war ganz klein geworden. Er war mitten in der Erde. Dazu muß man erst ganz klein werden, sonst kann man nicht hinein. Drinnen konnte man ganz schön sehen, obgleich es in der Erde war. Es war ähnlich wie in der Nacht bei Habakuk. Die Dinge leuchteten in sich. Es war, als ob sie aus buntem Glas wären und von innen erleuchtet würden. Alräunchen stand an einem Stein. Es war ein durchsichtiger Kristall von bläulicher Farbe.

»Mir ist es hier zu tief«, sagte der Kater und schnupperte, »ich möchte an die Oberfläche. »Da müßten Feldmäuse sein.« Sein Schnurrbart sträubte sich.

Alräunchen hörte nicht hin. Er sah etwas, was er noch nie gesehen hatte. Der Stein bewegte sich. Kaum merklich erst. Jetzt ging es schneller. Der Stein wuchs. Er setzte lauter bläuliche durchsichtige Kristalle an. Einer war dem anderen so gleich, als wären sie in eine Form hineingewachsen, die nicht da war. Alräunchen wollte die Form suchen. Aber er fand sie nicht. Die neuen Kristalle regten sich wieder. Es war, als ob sie atmeten. Alräunchen kletterte an ihnen hoch. Der Kater folgte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie oben waren. Sie waren ja jetzt so klein geworden. Dabei war das Ganze nicht größer als der Stein in einem Ring.

Auf den Kristallen lag Erde. Sie war weich und warm. Der Kater scharrte darin mit den Pfoten. Er fand nichts als ein Samenkorn.

»Ich gehe jetzt an die Oberfläche«, sagte er, »die Sache mit dem Stein war ja sehr nett. Aber ich glaube, oben sind Feldmäuse. Ich höre da so leise trommelnde Schritte. Schade, daß ich hier nur in Meditation bin.«

Der Kater verschwand.

Das Trommeln kam aber nicht von oben. Es war hier unten im Samenkorn. Alräunchen hörte es deutlich. Es klopfte leise von innen an die Hülle. Die Hülle spaltete sich, und ein schwaches Flämmchen lohte auf. Alräunchen faßte sich ein Herz und tauchte hinein. Er hatte vollauf Platz darin. Er war ja so klein geworden. Das Flämmchen hatte seltsame Formen. Es war eine ganz richtige Zeichnung darin.

Jetzt krochen feine Wurzeln draus hervor und klammerten sich um den Kristall wie schwächliche Ärmchen. Nun hatten sie ihn eingesponnen und hielten sich daran fest.

Alräunchen freute sich. Er fand es sehr praktisch.

Mit einem Male wurde er emporgezogen. Er saß wie in einer engen Röhre, durch die noch viele tausend kleine Röhren liefen. Es arbeitete unaufhörlich darin wie in einer großen Wasserleitung. Alräunchen fühlte, wie er selbst immer stärker und dicker wurde und wie er immer höher gehoben wurde. Es war sehr schön – so, als ob man ganz tief aufatmet und der Druck um einen immer schwächer wird. Nur zog es so sonderbar in den Gliedern.

Dann war er wieder in lauter feine Tücher eingewickelt, die kühl waren und nach Rosen dufteten. Alräunchen wunderte sich. Aber er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er lebte und lebte doch nicht. Er sah auch nichts mehr. Er fühlte nur, daß er da war und daß es ruhig und erholend war.

Da falteten sich die kühlen feinen Tücher auseinander. Die Sonne schien herein, und Alräunchen rieb sich die Augen.

Ich habe geschlafen und geträumt, dachte er.

Alräunchen lag in einer Rose, die sich schaukelte.

Unten am Stamm saß der Kater und schnurrte.

»Ich habe keine Feldmäuse gefunden«, sagte er. »Ich habe mich wohl versehen. Das, was auf so leisen Sohlen ging, war nicht oben, sondern unten.«

Alräunchen kletterte vorsichtig auf den Boden hinab. »Es war alles sehr merkwürdig«, sagte er. »Wir wollen nach Hause gehen. Aber es war eigentlich ein recht kurzer Spaziergang.«

»Es ist ein sehr weiter Weg«, sagte eine Stimme neben ihm, »er scheint dir nur so kurz, weil du in die Ferne siehst.« Es war dieselbe Stimme, die sprach, als sie von Habakuk gingen in der Dämmerung. War es seine – war es eines anderen Stimme? Alräunchen wußte es nicht.

Da sah er jemand neben sich gehen. Es war ein stiller, ernster Mann mit guten, traurigen Augen, die in die Ferne sahen. Er war sehr einfach gekleidet. Um seinen Kopf war ein Schein von Licht. Alräunchen erschrak gar nicht. Es kam ihm sehr selbstverständlich vor. Er kannte den stillen Begleiter. Er wußte nur nicht, wann er ihn schon gesehen hatte. Einmal vielleicht, als er in die Ferne gesehn …

»Es war der Gang zu den Schlafenden«, sagte der stille Begleiter freundlich. »Sie schlafen. Aber sie träumen schon.« Alräunchen nickte und sah zu dem stillen Begleiter auf. Es war sonderbar. Der Mann bewegte die Lippen nicht, wenn er redete. Und doch redete er.

Es war ein Reden in der Stille. Das hatte Alräunchen noch nie gehört. Nun wußte er, daß es das gab. Er konnte es sich nicht erklären. Aber es beglückte ihn.

Alräunchens Gang zu den Wachenden

Das Rad drehte sich wieder. Dann stand es still.

»Es ist das Rad des Lebens«, sagte der stille Begleiter. Alräunchen sah ihn vor seinem Bett stehen und freute sich. »Das ist schön, daß du kommst«, sagte er, »ich will es gleich dem Kater sagen.«

»Den Kater wollen wir heute in Ruhe lassen«, sagte der stille Begleiter und strich dem schlafenden Tier behutsam über das feine Fell. »Heute müssen wir allein gehen. Für deinen Kater ist der Gang zu weit.«

»Es ist gewiß der Gang zu den Wachenden, von denen Habakuk erzählte, bevor er wütend wurde«, sagte Alräunchen und war sehr neugierig. »Für mich wird es auch gewiß nicht zu weit sein«, schloß er eifrig, »denn ich will ja in die Ferne.« Der stille Begleiter lächelte. Es war ein trauriges Lächeln. »Für dich ist der Weg auch zu weit«, sagte er, »wenigstens heute. Ich werde dich nur zum Anfang führen. Später gehst du ihn allein weiter. Er ist sehr mühsam. Stufe um Stufe. Am Ende ist die Ferne. Komm!«

Er nahm Alräunchen bei der Hand.

»Dann werde ich die Ferne doch noch sehen?« fragte Alräunchen glücklich.

Der stille Begleiter nickte mit dem Kopf. Es war ein Lichtschein um ihn.

»Einmal wirst du sie sehen«, sagte er.

Sie gingen nebeneinander. Es war Wildnis um sie. Es waren Blutspuren in der Wildnis.

Alräunchen freute sich nicht mehr, daß er mitgegangen war. Ein Raubtier strich an ihnen vorbei. Alräunchen konnte es nicht erkennen. Es war groß und stark und leckte sich hungrig die Schnauze. Seine Augen flatterten. Es schlich leise auf federnden Sohlen nach Beute. Dann schrie etwas auf, gellend und voller Entsetzen. Das Raubtier heulte siegesfroh im

Dickicht.

Allräunchen schauderte und griff nach der Hand dessen, der mit ihm ging.

»Muß das sein?« fragte er angstvoll.

Der stille Begleiter sah zur Seite.

»Es folgt den Blutspuren, die andere vor ihm hinterlassen haben. Es ist eine Stufe. Der Weg, den wir gehen, hat lauter Stufen. Darum ist er so mühsam.«

»Ich glaube, mir ist der Weg zu weit«, sagte Alräunchen kleinlaut.

Der stille Begleiter faßte die Hand des Kindes ganz fest.

»Du mußt ihn doch gehen, wenn du in die Ferne willst«, sagte er. »Aber heute führe ich dich nicht mehr weit. Sonst wirst du zu müde. Man darf nicht müde werden, wenn man den Weg geht.«

»Ich will auch nicht müde werden«, versprach Alräunchen tapfer, »denn ich will in die Ferne.«

Die Wildnis lichtete sich. Sie kamen auf einen Weg. Andere Wege kreuzten ihn. Es standen wenig Blumen am Wegrand. Die Gleise in den Wegen aber waren sehr tief. In den Gleisen kroch ein Lastwagen. Die Räder knirschten im Sande. Jetzt stockte die Last. Der Führer trieb die müden Klepper an. Sie keuchten und legten sich von neuem ins Joch. Von der anderen Seite her trieb man eine Kuh zum Schlachthof. Sie brüllte klagend nach ihrem Kalb. Das Kalb hörte sie nicht mehr. Es war weit. Das Schlachthaus stand groß und grau in der dicken Nebelluft.

Alräunchen war müde und weinerlich.

»Ich will nach Hause«, sagte er.

»Sie fahren immer dieselben Gleise«, sagte der stille Begleiter, »sie fahren in den Gleisen, die andere vor ihnen gefahren sind. Die Gleise sind schon zu tief. Es ist eine Stufe.«

Sie gingen weiter. Im Straßengraben saß ein alter Mann. Er hatte einen ganz gekrümmten Rücken. Man sah es deutlich, denn er hatte den Kasten abgenommen, den er sonst auf dem krummen Rücken schleppte. Es war Tand im Kasten. Der alte Mann handelte damit. Er zählte das Geld nach, das er eingenommen hatte. Es war wenig. Aber heute konnte er nicht mehr weiter mit dem Kasten. Es war zu schwer. Der Mann beugte den Rücken noch mehr und hustete. So wie alte Leute husten – schleppend und qualvoll.

»Es sind so wenig Blumen am Wegrand, wo der alte Mann sitzt«, sagte Alräunchen.

»Es sind mehr Blumen da«, sagte der stille Begleiter freundlich. »Du siehst sie noch nicht. Du wirst sie sehen lernen.«

»Sieht der alte Mann sie auch nicht?«

»Er wird sie bald sehen«, sagte der stille Begleiter.

»Die Wege gehen so durcheinander«, sagte Alräunchen, »ich wüßte nicht, welchen ich gehn sollte. Es war schöner bei den Schlafenden als bei den Wachenden.«

»Sie wachen. Aber sie sehen noch nicht. Darum gehn ihre Wege durcheinander. Es sind Irrwege. Sie drehn sich im Kreise um sich selbst in den alten Gleisen. Die Wege führen alle auf eine große Straße. Wenige finden sie.«

»Es ist auch zu dunkel«, sagte Alräunchen.

»Man muß im Dunkel gehn, um die Sterne zu sehen«, sagte der stille Begleiter.

»Ich will die Straße finden«, sagte Alräunchen.

Der Schein um das Haupt des stillen Begleiters wurde ganz hell und licht.

»Du wirst sie finden«, sagte er, »dies ist nur der Anfang. Weiter mußt du allein gehen.«

Alräunchen wurde es schwindlig.

Das Rad des Lebens drehte sich wirr und wild.

Als Alräunchen am Morgen erwachte, war er müde. So müde, wie er noch nie gewesen war.

Ein Ende, das nur ein Anfang ist

Alräunchen war vom Lande in die Stadt gekommen. Er sollte eine höhere Schule besuchen. Es war die Stadt, wo zum Johannisfest Jahrmarkt war. Alräunchen kam es vor, als sei immer Jahrmarkt in der Stadt, bunt und laut und lärmend. Er sehnte sich nach dem Kater.

Eines Tages teilte man ihm mit, daß der Kater gestorben wäre.

Man sagte es schonend und vorsichtig. Man wußte nun schon, daßAlräunchen kein normales Menschenkind war. Alräunchen ging auf sein Zimmer und weinte. Er weinte bitterlich, es war der erste große Schmerz seines Lebens, und Alräunchen war ein Kind.

Alräunchen wußte damals noch nicht, daß er immer ein Kind bleiben würde. Sonst hätte er noch viel bitterlicher geweint.

Alräunchen weinte. Der Jahrmarkt des Lebens versank vor ihm, und es war still um ihn wie früher, als er Müffchen machte mit dem Geschöpf, um das er weinte. Es war ganz still. Nur sein Herz schlug hörbar.

»Ich möchte noch einmal meinen Kater sehn«, sagte Alräunchen. Aber er sagte es lautlos. Es war ein Reden in der Stille. Das konnte er nun. Es ist sehr viel, wenn man das kann.

Da stand der stille Begleiter neben ihm und legte ihm die Hand auf die Augen.

Alräunchen war es, als sähe er die ganze Erde umsponnen mit einem Netz von Wegen. Es waren die Irrwege. Er kannte sie deutlich wieder. So viele irrten in dem Netz, es war nicht zu übersehen. Mitten hindurch aber zog sich eine breite Straße, so klar und deutlich, daß man sich sehr wundern mußte, daß niemand sie sah. Es waren nur wenige auf der Straße. »Das ist die Straße des Erbarmens«, sagte der stille Begleiter, »nun siehst du in die Ferne, weil du durch Tränen gesehen hast.«

Jetzt sah Alräunchen den Kater auf der großen Straße gehen. Er erkannte ihn genau. Nur sein Fell erschien ihm lichter, und es war ein fremder Schein um ihn.

Am Ende der Straße stand eine Brücke. Die war das Schönste, was Alräunchen je gesehn hatte. Aber man konnte nicht erkennen, wohin sie führte. Sie verschwand im Licht. Alräunchen sah den Kater auf der Brücke. Dann sah er ihn nicht mehr. Das Licht hatte ihn aufgenommen. Da begriff Alräunchen, was er bisher nur geahnt hatte – die Heiligkeit des Geschöpfes.

Und er wußte, welche Straße er gehen würde. Er wußte auch, daß er sehr, sehr einsam sein würde auf diesem Weg. Denn die Straße des Erbarmens ist menschenarm.

Alräunchen barg den Kopf in den Händen. Ihm graute vor seinem Leben.

»Du wirst doch nie ganz allein sein«, sagte der stille Begleiter. Es ist kein Ende.

Es ist nur ein Anfang.

Es ist ein kleiner Anfang.

Aber es ist ein Aufstieg.

In der Ferne des Weges steht die Brücke im Licht.

Jakob Krakel-Kakel

Jakob Krakel-Kakel war schon ein alter Rabenvater. Aber – dem Himmel sei es geklagt – er machte noch immer Seitenflüge. Besonders häufig traf er sich in einer Felsengalerie mit seiner Nichte, der Nebelkrähe. Er schwärmte so für aschblonde Federn. Da saß er und schnäbelte, statt sich die Felsenbilder zu besehen, wie es ehrbare Leute tun. Denn dazu sind die Felsengalerien da, wie jeder weiß. Die Felsen blieben freilich ungerührt, aber sonst war es betrübend.

»Krah«, sagte Jakob Krakel-Kakel und ließ sich elegant auf den Rand seines Nestes niedergleiten. »Jakob«, sagte Frau Krakel-Kakel, die häuslich auf ihren Eiern saß, »Jakob, wo sind die bestellten Regenwürmer?« »Regenwürmer sind dieses Jahr sehr schwer zu beschaffen. Ich fand nichts als einen Engerling, den ich im Versehen verschluckte.« Jakob Krakel-Kakel hatte Übung in solchen Dingen. »Jakob, wo warst du?« fragte Frau Krakel-Kakel. »Ich sagte es dir schon«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »ich habe alle Felder abgesucht. Ich bin erschöpft. Außerdem bin ich erkältet.

»Du bist eher erhitzt«, sagte Frau Krakel-Kakel. »Jakob – hat nicht deine Nichte, die Nebelkrähe, aschblonde Federn auf der Brust?«

»Was wird sie haben«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »sie wird schon aschblonde Federn haben.«

»Jakob«, sagte Frau Krakel-Kakel, »du hast eine aschblonde Feder auf dem Rock.«

»Ich werde eben grau«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »es ist kein Wunder.« Er putzte sich die Feder fort.

»Jakob, kakle die Wahrheit! Du bist polygam. Pfui!«

Jakob Krakel-Kakel senkte schuldbewußt den großen Schnabel. In der Tiefe seiner Rabenseele aber war er wütend und beschloß, Rache zu nehmen – Rabenrache!

»Krah«, sagte Jakob Krakel-Kakel und flog davon. Er flog zum Kuckuck.

»Ich habe gehört, daß Sie Ihre Eier vergeben. Ich will eins haben.«

»Mit Vergnügen«, sagte der Kuckuck.

»Mehr als einen oder höchstens zwei Regenwürmer möchte ich nicht anlegen«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »ich bin verheiratet und kann mir keine Extravaganzen gestatten.

»O bitte, das genügt vollkommen, ich tue es überhaupt nur aus reiner Vogelfreundlichkeit“, sagte der Kuckuck. »Ich will das Ei dann gleich mitnehmen«, sagte Jakob Krakel-Kakel.

»Das geht nicht«, sagte der Kuckuck pfiffig. »Eierlegen ist eine produktive Tätigkeit. So was ist doch nicht vorrätig. Man braucht Stimmung dazu. Das müßte solch ein alter Vogel doch eigentlich selbst wissen.«

Jakob Krakel-Kakel tat, als wisse er das nicht.

»Wann kann ich es mir holen?« fragte er.

»Ich liefere es Ihnen loco Rabennest«, sagte der Kuckuck zuvorkommend.

»Das tun Sie lieber nicht«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »Sie könnten da auf ungeahnte Schwierigkeiten stoßen. Ich hole es mir selbst ab.«

Nach einigen Tagen flog Jakob Krakel-Kakel von hinten auf seine Frau zu. Er hatte ein Ei im Schnabel und schob es ihr vorsichtig ins Unterrockgefieder. Dann segelte er von dannen – ruchlos krächzend.

Nach einer kurzen Weile kam er wieder und setzte sich auf den Nestrand. Er sagte nicht einmal »Krah« zur Begrüßung und kehrte seiner Frau den Rücken zu. Dann wandte er den Schnabel und sprach über die Schulter.

»Lea«, sagte er, »was ist das für ein Ei?«

»Was werden es für Eier sein«, sagte Frau Krakel-Kakel, »unsere Eier – Rabeneier.«

»Lea – kakle die Wahrheit! Du hast ein fremdes Ei im Nest!«

»Ach, du meinst das kleine, das du mir heute zugesteckt hast?« sagte Frau Krakel-Kakel. »Das hab‘ ich ausgetrunken. Es war doch eine Aufmerksamkeit für die bestellten Regenwürmer, die du vergessen hast? Nicht wahr?« Jakob Krakel-Kakel war zumute, als müsse er selber Eier legen.

»Natürlich«, sagte er und sah seine Frau mit Rabenaugen an. Er tat es nicht lange. Frau Lea Krakel-Kakel hatte einen Zug um die Schnabelwinkel – einen Zug, den man niemand beschreiben kann, der ihn nicht kennt. Jakob Krakel-Kakel wurde hundert Jahre alt. Den Zug vergaß er nie. Er hat auch auf dem tadellos schwarzen Rock nie wieder eine aschblonde Feder gehabt. Und das heißt: Er hat sie sich stets vorher sorgsam abgeputzt.