Der geheimnisvolle Gast

Es gab in Torburg, als Kasperle dort lebte, arme und reiche Leute, und mit allen war Kasperle gut Freund. Zu seinen besten Freunden gehörte ein Buchbinder, der mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern ein stilles und bescheidenes Leben führte. Er arbeitete von früh bis spät, um seine Familie zu ernähren. Aber in Torburg gab es nicht viel lohnende Arbeit für einen Buchbinder. In der Hauptsache hatte er beschädigte Schulbücher wieder instand zu setzen, und dabei kam nicht viel heraus, der Verdienst war gering.

Den Meister Haber aber störte das nicht viel. Er war ein heiterer, unverzagter Mann, der mit derselben Pünktlichkeit ein altes Schulbuch ausbesserte, wie er einen teuren Einband anfertigte. Er sang und pfiff bei seiner Arbeit und war allzeit guter Dinge. Deshalb liebte ihn auch Kasperle sehr, das manche Stunde bei dem Meister verbrachte, wobei es manch lustigen Spaß zwischen den beiden gab. So klebte einmal der Meister dem Kasperle einen Zettel auf den Rücken, auf dem stand: »Vorsicht, Glas!« Da lief Kasperle den ganzen Tag als Glas herum, und die Leute lachten nicht wenig über den neuen und sonderbaren Einfall Kasperles, sich als Glas zu bezeichnen. Kasperle wieder wunderte sich, daß die Leute bei seinem Anblick immer »Vorsicht!« riefen, denn was einem auf dem Rücken geschrieben steht, kann er nicht sehen. Es ging so lange, bis Meister Severin fragte, was denn das Plakat auf Kasperles Rücken bedeuten sollte. Da merkte dieses erst den Ulk. Es lachte sehr darüber und stibitzte dem Meister Haber beim nächsten Besuch einen Zettel, auf dem stand: »Ausverkauf!« Den klebte es an die Ladentüre. Da kamen die Leute herbeigeströmt und verlangten im Preise herabgesetzte Waren. Der Meister machte dabei ein gutes Geschäft und war Kasperle dankbar für sein Späßlein.

So neckten und zerrten sich die beiden hin und her, keiner nahm dem andern etwas übel und beide hatten ihren Spaß zusammen. Als Kasperle von Torburg wegging, gehörte Meister Haber zu denen, die am traurigsten waren. Er sagte, Kasperle würde ihm sehr fehlen. Kasperle versprach zu schreiben, Kasperle versprach wiederzukommen. Zu schreiben vergaß Kasperle, weil es nämlich gar nicht schreiben konnte, es hatte es wieder verlernt, Aber das Wiederkommen vergaß es nicht. Eines Tages stand Kasperle vor dem kleinen Laden des Meisters Haber und gedachte mit einem Purzelbaum einzutreten. Das ging aber nicht, der Laden war geschlossen. Kasperle läutete und dachte, der Meister würde angestürmt kommen und es begrüßen. Aber der Meister kam nicht, an seiner Stelle kam seine Frau heraus. Die sah blaß und sehr traurig aus und sagte betrübt, der Meister sei krank.

Krank? Wie konnte jemand krank sein, den Kasperle besuchen wollte? Kasperle riß den Mund sperrangelweit auf und fragte: »Wie denn krank?«

»Ja, er ist halt krank«, sagte die Frau, »und der Doktor sagt, er könnte nur gesund werden, wenn er viel und gut ißt.«

»Da soll er doch essen!« schrie Kasperle.

»Er hat nichts zu essen.«

Kasperle konnte erst gar nicht begreifen, als ihm die Frau erzählte, daß sie kaum ein Stück trockenes Brot zu essen hätten, wie so etwas möglich wäre. Wenn Mister Stopps dagewesen wäre, der hätte gleich geholfen, aber der war mit Bob nach England gereist, und Kasperle hatte all sein Geld für andere eßbare Dinge ausgegeben. Das tat ihm leid, als es am Bett des Kranken stand und sah, wie blaß und schmal der gute Meister Haber geworden war. Auch still war der Meister geworden, er scherzte gar nicht mehr wie früher, und Kasperle fing auf einmal an bitterlich zu weinen. Weil der gute Meister dadurch noch trauriger wurde, rannte Kasperle davon und nahm sich vor, etwas zu essen für den Meister zu holen. Es rannte so blindlings, daß es im Eifer beinahe einen andern guten Freund und Spaßmacher, den Turmwächter Gangerling umgerannt hätte.

»Hallo, Kasperle, wohin denn so eilig?« rief der Turmwächter.

»Essen holen!« schrie Kasperle so laut, als wäre der Turmwächter stocktaub. Der fragte erstaunt, für wen es denn Essen holen wollte. Nun erzählte Kasperle die ganze Geschichte, wie schlecht es dem Meister Haber ginge, und daß er Hunger leiden müßte und darum nicht gesund werden könnte. Die Buchbindersleute taten auch dem Turmwächter herzlich leid, und obgleich er selbst ein armer Mann war, beschloß er doch, seine Vorräte mit ihnen zu teilen. Er lud Kasperle ein, mit ihm auf den Turm zu kommen, er wolle ihm ein Körbchen voll Eßwaren einpacken.

Wer war froher als Kasperle? Es ging vergnügt mit zum Turm, den der Wächter bewohnte. Um die Ecke links, da stand er. Es war ein sonderbarer alter Turm. Er war zwar nicht sehr hoch, etwa wie zwei Häuser aufeinander, er hatte zwei Stockwerke, und jedes Stockwerk eine Galerie, auf der Blumen blühten. Im oberen Stockwerk wohnte der Turmwächter, der zu tuten hatte, wenn irgendwo Feuer ausbrach, aber nur dann, wenn er es sah – manchmal sah er es auch nicht – und die Torburger schalten dann, daß er nicht getutet hatte. Dann tutete er aber auch manchmal, wenn es gar nirgends brannte, nur damit die guten Bürger etwas Abwechslung und zu reden hatten. Da schalten sie wieder, der Turmwächter aber lachte dazu, der war ein Schalk, der gern sein Späßchen machte.

Kasperle stieg vergnügt die steile Wendeltreppe hinauf, es war gern auf dem Turm, und heute freute es sich besonders, weil es etwas zu essen für Meister Haber bekommen sollte. Kasperle lief, als es oben angelangt war, gleich auf die Galerie, um hinunter auf die Stadt zu schauen, was es sehr gerne tat. Wie es hinabsah, stieg ihm ein leckeres Düftlein in die Nase. Woher kam das nur?

Kasperle schnupperte und schnupperte, und als der Turmwächter die Galerie betrat, schnupperte auch dieser. »Ei«, sagte er, »da brät die Madame Backofen wieder ein Hühnchen.«

»Wer ist Madame Backofen?« wollte Kasperle wissen.

Da erzählte ihm der Turmwächter, die Madame Backofen wäre eine reiche, aber keineswegs gute Frau. Sie dächte nur an sich und äße jeden Tag die besten Sachen. Die Putzfrau müßte ihr jeden Tag die feinsten Dinge einkaufen, dann briet und brotzelte sie in der Küche herum, deckte dann feierlich den Tisch und setzte sich mutterseelenallein zum Essen daran, von dem sie nur ihrer dicken Katze einige Brocken abgäbe. »Und dabei hungert ihr eigener Neffe«, schloß der Turmwächter, »denn der Buchbindermeister Haber ist der Sohn ihres Bruders.«

»Dann nehme ich ihr das Huhn weg und bringe es dem Meister Haber!« rief Kasperle.

Herr Gangerling dachte, Kasperle mache nur Spaß, darum sagte er: »Das bringst du nicht fertig! Wie willst du denn in ihre Wohnung hineinkommen?«

»Ich klettere vom Turm runter auf ihre Galerie.«

Der Wächter lachte. »Das wäre ein Kunststück«, erwiderte er, »dabei fällst du noch auf die Nase oder brichst dir ein Bein.«

»Ich falle nicht auf die Nase und breche mir auch kein Bein«, schrie Kasperle empört über diesen Zweifel an seiner Kletterkunst. Und flugs war es fort.

Der Wächter dachte noch immer, es sei alles nur Spaß, aber Kasperle machte keinen Spaß, es kletterte draußen flink über die Brüstung der Galerie und kletterte, wie nur ein Kasperle klettern kann, hinunter, um gleich darauf auf der Galerie von Madame Backofen zu landen. Dort stand auf einem sauber gedeckten Tisch eine Platte mit einem gebratenen Huhn, und ein Teller mit köstlichem Kuchen, auch ein Glas Wein fehlte nicht. Kasperle trank zuerst den Wein aus, stopfte sich den Mund voll Kuchen, nahm sein Taschentuch, das ausnahmsweise einmal sauber war, wickelte das Huhn hinein und trat den Rückweg an. Es war auch die höchste Zeit. Madame Backofen hatte in der Küche Soße, Kartoffeln und Gemüse in Schüsseln gefüllt und trug alles auf die Galerie, um ihr Mahl zu beginnen. Aber wie erstarrt blieb sie stehen, als sie die Bescherung sah. Die Bratenschüssel leer, das Weinglas ausgetrunken, von dem Kuchen fehlte das beste Stück. Wer war das gewesen?

Oben zeigte gerade Kasperle dem Turmwächter das Huhn im Schnupftuch, und der Wächter wollte eigentlich böse sein. Er mußte aber so herzlich lachen, daß es unten Madame Backofen hörte, die gleich dachte, das hängt sicher mit meinem verschwundenen Huhn zusammen. Wie sie ging und stand lief sie die Turmtreppen hinauf, um den Turmwächter, wenn möglich, beim Hühneressen zu erwischen. Sie war aber eine dicke Frau und die Treppe ächzte und quietschte unter ihren Schritten.

Das hörte oben Herr Gangerling und sagte zu Kasperle: »Sie kommt, nun mach dich aus dem Staube, sonst erwischt sie dich und ich bekomme noch den Vorwurf, ich hätte dich zum Stehlen verleitet.«

»Mich erwischt sie nicht«, antwortete Kasperle kühn. Es nahm ein Körbchen, legte das Huhn hinein und stieg wieder über die Brüstung der Galerie. Kasperle rutschte wieder am Turm hinab, und Madame Backofen kam oben mit lautem Geschrei bei dem Turmwächter an.

Der sagte unschuldig, er hätte kein Huhn, er wäre ein alter Mann und könnte keine Kletterkunststücke machen, vielleicht hätte es der Teufel geholt.

Da erschrak die Frau fürchterlich. Weil sie kein gutes Gewissen hatte, hegte sie große Angst, der Teufel könnte sie einmal besuchen. Sie ging niedergeschlagen die Treppen wieder hinunter und als sie an ihren Tisch auf der Galerie kam, hatte Kasperle noch den ganzen Rest des Kuchens abgeräumt. Es hatte gedacht: Meister Haber ißt auch mal ganz gern ein Stück guten Kuchen.

Während die Frau unter Seufzen und Weinen ihr übriggebliebenes Mittagessen verzehrte, lief Kasperle zu Meister Haber, und dort herrschte große Freude über die guten Dinge, die Kasperle brachte, namentlich über das Huhn, das dem Kranken wohltat. Kasperle sagte, morgen würde es wieder etwas bringen. Woher es das Huhn hatte, sagte es aber nicht. Es nahm sich jedoch vor, wieder Madame Backofen heimzusuchen. Es lief gleich geschwind wieder zu dem Turmwächter, um diesem seinen Plan zu verraten. Der war aber gar nicht damit einverstanden.

Ja, er schalt sogar und sagte, das wäre gestohlen, und er wolle kein Hehler sein. Dann erzählte er, daß die Frau dächte, es wäre der Teufel gewesen.

Kasperle mußte darüber unbändig lachen, und flugs kam ihm ein Gedanke. »Aber wenn sie es mir selber freiwillig gibt, dann kann ich es doch dem Meister Haber hintragen. Das ist doch kein Unrecht.«

Der Wächter lachte. »Sie wird dir ihr Essen nicht geben, dazu ist sie viel zu geizig«, erwiderte er.

»Wetten wir, sie gibt es mir!« schrie Kasperle so laut, daß der Wächter Angst bekam, Madame Backofen könnte es hören.

»Schrei nicht so«, gebot er. Aber Kasperle vergaß alle Vorsicht und rief noch lauter: »Wetten wir um drei Pfannküchlein!«

»Meinetwegen«, sagte der Wächter, »aber sei still.«

Kasperle ging auch wirklich ganz leise und still von dannen. Es schlich sich auch ganz vorsichtig an Madame Backofens Haus vorbei, denn es wollte nicht vorzeitig von der Frau gesehen werden.

Am nächsten Tag briet Madame Backofen eine Ente. Sie tat es mit schwerem Herzen, denn der gestrige Vorfall bedrückte sie sehr. Schön goldbraun und knusperig lag die Ente in der Pfanne, und die Frau wollte gerade ein Stückchen Haut versuchen, als es an der Türe klingelte.

Madame Backofen dachte: Ich mache jetzt einfach nicht auf.

Aber bimlimbimlim läutete die Klingel immer heftiger und heftiger. Jetzt wurde an die Türe geklopft und eine laute Stimme sagte: »Ich komme wieder über die Galerie zu dir.«

Da erschrak die gute Madame Backofen furchtbar. Mit zitternden Knien ging sie hin und öffnete.

Draußen stand ein kleiner Teufel mit einer großen Nase, der eine furchtbare Fratze schnitt. Er sagte mit tiefer Stimme: »Gib mir dein Mittagessen.«

Er gab der Frau einen Puff und ging einfach in die Küche.

»Tu Kartoffeln in die Pfanne und stelle Rotkraut aufs Feuer!« gebot der Teufel.

Madame Backofen tat es gehorsam. Ihr ganzes Mittagessen gab sie dem Teufel, als es fertig war, und der tat alles in einen Korb und trug es hinaus. An der Tür drehte er sich noch einmal um und rief: »Morgen werde ich wieder kommen, dann will ich Kalbsbraten!«

Dann ging der kleine Teufel und die arme Madame Backofen weinte bitterlich, besonders über diese Schande, daß der Teufel zu ihr ins Haus kam!

Meister Haber verzehrte die Ente und wunderte sich, wer ihm so gute Bissen schickte, denn der Eßkorb hatte auf einmal vor seiner Türe gestanden, aber Kasperle hatte sich nicht blicken lassen.

Am Nachmittag saß der kleine Schelm wieder bei dem Turmwächter und erzählte ihm, wie er seine Wette gewonnen habe. Herr Gangerling lachte, daß er beinahe platzte. Als aber Kasperle erzählte, daß es für den nächsten Tag Kalbsbraten bestellt habe, wollte es der Turmwächter nicht erlauben, daß Kasperle wieder zu Madame Backofen ging, um den Kalbsbraten zu holen. Es wäre Unrecht. Und dabei blieb er.

Kasperle wollte aber das Unrecht nicht einsehen und bestand darauf, auch morgen wieder hinzugehen, um das Essen für Meister Haber zu holen.

Madame Backofen hatte unterdessen aufgehört zu weinen und sich die Geschichte vom Teufel gründlich überlegt. Dabei kam es ihr doch sehr unnatürlich vor, daß ein Teufel am hellen Tage durch die Straßen wandeln und den Leuten den Braten aus der Pfanne holen sollte. Auch meinte sie, ihr Lebenswandel sei doch nicht so, daß der Teufel zu ihr kommen müsse. Also hatte ihr wohl jemand einen schlimmen Streich gespielt. Sie lief darum, als sie sich darüber im klaren war, zu dem Ortspolizisten und lud ihn zu seiner nicht geringen Verwunderung für den nächsten Tag zum Mittagessen mit Kalbsbraten ein. Warum sagte sie nicht, denn sie wußte, daß dieser Mann nicht gerade sehr mutig war und hegte dabei im stillen die Hoffnung, daß er nicht kommen werde, wenn er etwas vom Teufel hören würde.

Buben sehen im allgemeinen immer das zuerst, was sie nicht sehen sollen. So sahen auch ein paar von Kasperles Freunden den Polizisten zu Madame Backofen gehen und erzählten das natürlich sofort dem Kasperle.

Kasperle verriet ihnen aber nichts von seinem Vorhaben, sondern nahm sich sehr in acht. Es ging deshalb nicht durch die Türe, sondern kletterte außen am Turm empor, um über das Dach des Häuschens von Madame Backofen auf deren Galerie zu gelangen.

Es hatte sich zuerst umgesehen, ob auch niemand auf der Straße war. Diese lag aber gerade ganz leer und still da, denn es gingen wenig Menschen am Turm vorbei.

Oben saß Herr Gangerling am Fenster. Er hatte Kasperle kommen sehen, genau so, wie er auch vorher schon bemerkte, daß der Polizist in Madame Backofens Haus verschwand. Er dachte: Die Sache wird sicher für Kasperle schlimm ausgehen, ich muß sehen, ob ich ihm nicht dabei helfen kann. Er machte sich also auf und stieg die Turmtreppen hinab, um Madame Backofen zu besuchen. Diese hatte gerade Kalbsbraten auf dem Tisch auf der Galerie serviert, als es draußen klingelte.

»Ha, jetzt kommt er!« rief Madame Backofen und nahm einen Besen. Sie ging mit dem Polizisten hinaus, öffnete die Türe und schrie: »Warte, du Teufel, du sollst jetzt deinen Braten bekommen.«

Es war aber nicht der Teufel, auf den die Frau mit dem Besen losfuhr, sondern der Turmwächter. Der lachte herzhaft, tat sehr verwundert und sagte, er wäre noch nie ein Teufel gewesen, er brächte nur das Salz wieder, das die Nachbarin ihm neulich geliehen hätte.

Madame Backofen schämte sich ihrer Voreiligkeit und lud den Wächter zu seiner großen Überraschung ebenfalls zum Mittagessen ein. Sie dachte nämlich: Zwei Helfer sind bei einem Teufelsbesuch besser als einer. Sie gingen nun alle drei unter vielen höflichen Worten auf die Galerie, um dort den Braten zu essen.

Aber wo war der? Verschwunden war er. Leer war die Schüssel, ganz leer.

Madame Backofen schrie laut vor Entsetzen: »Das war wieder der Teufel!«

»Ach, wo soll denn der herkommen?« brummte der Polizist. »Es ist sicher jemand am Haus heraufgeklettert.«

Madame Backofen wollte das nicht glauben, und eine Weile stritt sie sich mit dem Polizisten. Der aber sagte, er würde den unbekannten Bratendieb schon ausfindig machen. Herr Gangerling sagte nichts dazu, der ärgerte sich über das ungezogene Kasperle und war froh, daß ihn niemand fragte, was er von der Geschichte hielt, denn er war ernstlich böse auf Kasperle, wollte aber den kleinen Strick nicht verraten.

Endlich besann sich Madame Backofen darauf, daß sie doch Gäste hatte, und schnitt Schinken auf und brachte den Rest des Mittagessens herein, und alle drei ließen es sich gut schmecken. Nur Madame Backofen weinte dazwischen immer ein bißchen. Es war ihr zu schrecklich, daß der Teufel wieder bei ihr gewesen war. Wenn das die Torburger erfuhren, wie würde sie ausgespottet werden. Sie schämte sich entsetzlich, und eine leise Stimme in ihrem Herzen nannte sie hart und selbstsüchtig. Das war recht unangenehm, sie hätte lieber gehört, wenn sie die innere Stimme gut und edel genannt hätte. Ihre beiden Gäste suchten sie zu trösten und versprachen, niemand etwas von dem Teufelsbesuch zu sagen. Sie hielten dann auch Wort.

Bei Meister Haber wurde auch der Kalbsbraten gegessen, und man ahnte dort nichts von Madame Backofens großem Kummer. Desto mehr bekam Kasperle davon zu hören. Herr Gangerling hielt ihm eine lange Strafrede, die sich gewaschen hatte.

Himmel! konnte der sonst so freundliche Mann schimpfen. Dem Kasperle wurde es ganz wind und weh zumute, und es spielte auch danach nicht mehr den Teufel, der den Braten wegholte. Mister Stopps kam zurück und gab Kasperle Geld für den Meister Haber. Da konnte Frau Haber selbst gute kräftige Dinge richten, und ihr Mann erholte sich wieder.

Die Zeit verging. Madame Backofen aber vergaß ihren Teufelsschreck nicht, und sie fing an, mildtätiger zu werden. Sie dachte jetzt manchmal, wenn sie von einem Kranken hörte: Dem will ich ein Huhn braten, damit mir der Teufel nichts mehr holt. Sie hatte noch immer große Angst, sie könnte verspottet werden. Weil Madame Backofen aber oft so traurig war, beredeten sie eines Tages ihre Freundinnen, sie sollte mit ihnen auf den Vergnügungsplatz gehen, dort spiele das lebendige Kasperle, und das sei zum Totlachen.

Na, totlachen tat sich ja Madame Backofen nicht gerade, schon eher krankweinen. Kasperle hüpfte gerade als Teufel auf der Kasperlebühne herum, als Madame Backofen es erblickte. Sie stieß einen lauten Schrei aus, und Kasperle stieß auch einen lauten Schrei aus, und beide fielen um, Kasperle in die Bude, Madame Backofen in Ohnmacht.

Es gab eine große Aufregung auf dem Festplatz, da niemand wußte, warum die Frau ohnmächtig geworden war.

Es erfuhr aber niemand, was eigentlich geschehen war, Die Freundinnen brachten Frau Backofen heim, und der Turmwächter holte Kasperle aus der Bude heraus. Obgleich dies schrie: »Ich stirbse!«, mußte es doch mit nach dem Turm gehen und Madame Backofen Abbitte leisten.

Es tat dies mit vielem Ächzen und Stöhnen, und die Frau dachte, es wäre krank, und wollte ihm Baldriantropfen geben. Aber Kasperle stöhnte: »Küchlein!« Es sah nämlich welche auf dem Tisch stehen.

Madame Backofen mußte lachen, und mit dem Bösesein war es vorbei. Fortan wurde sie mit Kasperle gut Freund, und auch für Meister Haber sorgte sie von da ab gut und herzlich.

Kasperle sucht eine Frau

Kasperle hätte zu gerne geheiratet, es dachte sich das wunderschön, mit einer kleinen Frau in einem fitzelbunten Häuschen zu wohnen und alle Tage Pudding zu essen, denn das gehörte seiner Meinung nach zum Verheiratetsein. Es bestand aber eine Schwierigkeit: es fand keine Frau. Die kleinen Mädchen, die es kannte, sagten alle: »Wir heiraten erst, wenn wir groß sind.« Ja, aber eine Frau, die groß werden wollte, konnte das kleine Kasperle nicht brauchen. Es mußte eine sein, die klein blieb. Doch soviel es auch suchte, eine solche fand Kasperle nicht. Einmal sah es eine Zwergenfrau, aber die gefiel ihm gar nicht, sie war schon alt und sagte auch, sie wolle keinen Kasper zum Manne haben. Marlenchen gefiel Kasperle lange Zeit am besten. Aber auch Marlenchen wuchs, wie ein Spargel schoß es in die Höhe, alle seine Kleider wurden ihm zu kurz. Es war also auch mit Marlenchen nichts.

Einmal nun ging Kasperle in Torburg eine Gasse entlang, in der es noch nie gewesen war. In der Gasse stand ein putzniedliches Häuschen, blitzeblank von oben bis unten. Das Häuschen stand an der Straße, dahinter aber blühte ein sommerbunter Garten, in dem die Blumen lustig durcheinander wuchsen.

Es war niemand zu sehen, und Kasperle trat näher, um sich die bunte Herrlichkeit recht nahe anzuschauen.

Wie es so näher kam, sah es auf einmal in einem der spiegelblanken Fenster eine Braut sitzen, eine richtige Braut in weißem Seidenkleid mit Kranz und Schleier. Es war eine schöne Braut, die still und ernsthaft geradeaus sah. Was Kasperle am besten gefiel, war, daß die Braut klein war, sogar kleiner als es. Es fand, daß sie gut zu ihm paßte.

Wie es so dastand und die Braut bewunderte, dachte es, es müßte ihr einmal etwas vorkaspern, damit sie es freundlich ansähe. Es tat das auch, aber die schöne weiße Braut blieb ernsthaft wie vorher. Kasperle schnitt so viele Gesichter wie es nur konnte, aber alles half ihm nichts, die Braut lachte nicht. Jemand anderes lachte dagegen auf einmal laut und herzlich. Im Garten stand ein alter Mann, der lachte so, daß ihm der Bauch wackelte.

»Was treibst du denn da, Kasperle?« fragte er.

»Sie soll doch einmal lachen!« Kasperle deutete mit einem Schmutzfinger auf die Braut, und der alte Mann lachte und sagte: »Gelt, die gefällt dir?«

Kasperle nickte und fragte: »Wie heißt sie denn?«

»Rosalinde. Du möchtest sie wohl haben?«

»Ja«, antwortete Kasperle kühn, »ich will sie heiraten.«

»Heiraten willst du die Rosalinde?« Der alte Mann lachte sich beinahe krank. Er sagte mit lustigem Blinkern in den Augen: »Da komm nur nächsten Sonntag wieder und bringe deine Freunde mit, dann feiern wir die Hochzeit.«

»Was gibt es denn zu essen?« fragte Kasperle, dem das Essen immer und überall die Hauptsache war.

Der Mann stutzte. Er wußte nicht, was für ein kleiner Vielfraß Kasperle war. »Eine Schüssel Stachelbeeren«, versprach er. Aber das war Kasperle nicht genug. Bei einer Hochzeit mußte es Braten und Torte geben, viele Torten und sonst noch allerlei gutes Gebackenes, Geschmortes und Gebratenes. Es war einmal auf einer Hochzeit in Oberheudorf gewesen. Alle Wetter, was hatte es da für gute Gerichte gegeben!

Es erzählte das dem alten Mann.

Der nickte und sagte, das würde stimmen, und das alles sollte es auch bei seiner Hochzeit geben. Dann fragte er: »Hast du auch Geld? Zum Heiraten gehört nämlich Geld. Da mußt du eine Wohnung mieten und deiner Frau Kleider kaufen, denn sie hat nur dies eine.«

Der alte Mann redete ganz ernsthaft, aber er blinkerte immer mit den Augen, als dächte er an einen rechten Spaß. Das kam Kasperle sonderbar vor. Es überlegte, was es wohl sein könnte, und auf einmal fragte es: »Will sie mich denn auch?«

»Freilich will sie dich.« Der alte Mann ging ins Haus hinein, und nach einer Weile tauchte er in der Stube, in der Rosalinde saß, neben ihr auf und redete mit ihr.

Dabei hatte er eine Hand auf den Rücken der Braut gelegt und die drehte den Kopf zu Kasperle hin und nickte ihm zu.

Kasperle war selig. Nun hatte es wirklich eine Braut.

Es wollte gerade in das Haus laufen und selbst mit der schönen Rosalinde reden, aber da kam der alte Mann schon wieder heraus. Der hielt es am Rockzipfel fest und sagte, hinein könne es jetzt nicht, Rosalinde wünsche es nicht, aber am Sonntag solle es nur zur Hochzeit kommen und auch alle seine Freunde und Freundinnen mitbringen.

Kasperle besprach nun mit dem alten Mann, wie es bis dahin noch viel Geld verdienen könnte, es wollte auf dem Lindenanger kaspern. Dort stand noch des Kasperlemanns Budchen vom Pfingstmarkt her, das wollte es benützen und allen Zuschauern sagen, sie sollten ihm viel Geld geben, denn es wolle mit der schönen Rosalinde Hochzeit feiern.

Sein neuer Freund ermahnte Kasperle, ja recht pünktlich zur Hochzeit zu kommen. Dabei blinkerte er wieder mit den Augen, und Kasperle wurde recht nachdenklich. Etwas stimmte da nicht, aber was nur? Der alte Mann sah so freundlich aus, und Rosalinde war so hübsch. Sie hatte so ein liebes Gesicht, und sie hatte doch auch genickt, als der alte Mann sie gefragt hatte, ob sie Kasperle heiraten wollte.

Nachdenklich ging der kleine Kerl seinen Weg weiter.

Auf einmal fiel ihm etwas ein, und er rannte wieder zurück.

Der alte Mann stand noch vor der Türe, als Kasperle wieder kam. »Heute ist doch noch nicht die Hochzeit!« rief er.

»Ich weiß ja noch gar nicht, wie sie heißt.«

»Nun Rosalinde.«

»Und weiter?«

»Ach so, nun Gänsekopf.«

Das war allerdings kein schöner Name. Kasperle sagte es auch, denn eine Frau Kasperle, geborene Gänsekopf, wollte ihm schlecht gefallen. Der alte Mann aber meinte, das täte nichts, sie würde trotz des Namens allen Leuten gut gefallen.

Der Name verdroß Kasperle arg, und verdrießlich ging es heim. Unterwegs traf es viele Buben und Mädels, und allen erzählte es, daß es heute nachmittag auf dem Lindenanger kaspern wollte, es ginge jetzt zum Kasperlemann, ihn um seine Mithilfe zu bitten. Es wollte ein neues Stück von der Prinzessin Gundolfine spielen.

Da freuten sich seine kleinen Freunde und Freundinnen, und Kasperle rief ihnen allen nach, sie müßten aber viel Geld mitbringen, es gäbe eine Überraschung.

Auf eine Überraschung freuten sich alle, weniger dagegen auf das Geldmitbringen, das behagte keinem.

Der Nachmittag kam heran. Auf dem Lindenanger waren kleine Leute und große Leute, und alle waren neugierig auf Kasperles Überraschung.

Selbst Meister Severin, das Prinzlein, Marlenchen und der Kasperlemann wußten nicht, was Kasperle vorhatte. Kasperle war verschwiegen gewesen wie ein verschlossener Kleiderschrank.

Und dann spielte der kleine Schelm so gut wie noch nie. Der Lindenanger hallte wider von dem Gelächter der Zuschauer.

Als Kasperle sein Stücklein zu Ende gespielt hatte, trat es vor und erzählte von Rosalinde, und daß es sie am Sonntag heiraten wolle.

Groß und klein lachte, und das arme Kasperle wurde mit seiner Heirat recht gründlich ausgelacht. Da fing Kasperle bitterlich zu weinen an, und das Gelächter verstummte.

»Wie heißt sie denn?« fragte eine Frau.

»Rosalinde.«

Aber damit wollte sich die Frau nicht zufrieden geben, sie fragte weiter: »Wie denn noch?«

»Gänsekopf.«

Da lachten wieder alle, und das Kasperle schrie erbost: »Ich heirate sie doch. Gebt mir nur viel Geld, zum Heiraten braucht man Geld. Und Sonntag seid ihr alle zur Hochzeit eingeladen.«

Da lachten wieder alle, und einer von Kasperles Freunden fragte: »Gibt es auch Kuchen?«

»Ja, viel Kuchen.«

»Torten?«

»Ja, feine Torten.«

»Und Puddings?« fragte ein anderer.

»Schöne Puddings.«

»Die Hochzeit ist mir zu süß, Braten muß es geben«, meinte ein Mann. »Gibt es auch Braten und Pasteten?«

Kasperle dachte: Je mehr ich sage, desto besser ist es. Darum schrie es noch: »Es gibt auch Wein, Suppe und Gemüse und sehr viel Kompott.«

»Aber Kasperle, wer bezahlt denn dies alles?« wollten die Zuschauer wissen.

»Der alte Mann«, rief Kasperle ganz unverzagt.

»Der Herr Gänsekopf«, rief ein vorlauter Bube. Da lachten wieder alle und wollten Näheres von Herrn Gänsekopf wissen. Aber das wußte Kasperle selbst nicht. Es stellte sich nun heraus, daß alle zwar das kleine Haus kannten, aber seine Bewohner nicht. Die waren erst kürzlich nach Torburg gezogen. Über dem vielen Hinundherreden vergaßen die Leute das Geldgeben. Sie sagten alle, sie würden ihm etwas zur Hochzeit mitbringen.

So hatte Kasperle nur sechs Zehner eingenommen. Das war wenig für einen, der heiraten will. Kasperle hatte aber keine Ahnung von Geld und Geldeswert und dachte: Am Sonntag bekomme ich Geld genug.

Kasperles Freunde nahmen alle die Hochzeit für einen Spaß, und der kleine Schelm ließ sie bei diesem Glauben, desto größer würde die Überraschung sein. Am Samstag lief Kasperle in die kleine Gasse. Dort fand er schon eine Anzahl Kinder versammelt, die auch die Braut sehen wollten. Es saß aber keine Braut mehr am Fenster, auch der alte Mann war nirgends zu sehen, und der Garten und das Haus waren verschlossen. Die Freunde waren recht enttäuscht, aber Kasperle meinte, morgen wäre ja erst Hochzeit.

Am nächsten Nachmittag gab es ein großes Gelaufe von groß und klein nach dem Häuschen mit dem bunten Garten. Aber das lag still und verschlossen da, niemand und nichts war zu sehen. Als den Wartenden schon die Zeit lang wurde, kam Kasperle mit Marlenchen. Dem Mädchen war das Herz schwer. Sie allein betrachtete die Heirat nicht als Spaß, denn sie wußte, ihr Kasperle nahm es ernst.

Als Kasperle kam, es hatte sich sehr fein gemacht, öffnete sich die Haustüre, und der alte Mann trat heraus, mit der schönen Rosalinde auf dem Arm. Sie nickte langsam und feierlich mit dem Kopf. Erst waren alle ganz still und schauten verwundert die schöne Rosalinde an. Plötzlich aber jauchzten alle los: »Eine Puppe, eine Puppe!«

Es war wirklich eine Puppe, und der alte Mann war ein Puppenmacher, der kunstvolle bewegliche Puppen anfertigte. Mit Kasperle hatte er seinen Spaß getrieben. Kasperle stand ganz verdattert da. Eine Puppe, nur eine Puppe hatte es heiraten wollen.

Alle lachten und jauchzten. Auf einmal aber verstummte das Lachen. Kasperle weinte. Nicht so laut und ungebärdig, wie es sonst brüllte, sondern leise und tiefschmerzlich. Da merkten erst alle, daß dem kleinen Schelm ein großes Leid widerfahren war, und allen tat er arg leid. Doch helfen konnte ihm niemand. Es war nur gut, daß Marlenchen dabei war. Es führte seinen kleinen Freund heim und wußte ihn sanft zu trösten.

Drei Tage war Kasperle still und traurig, dann aß es sechsundzwanzig Butterbrezeln und lachte wieder. Von seiner Hochzeit aber sprach es nie mehr, und die schöne Rosalinde sah es auch nie mehr an, obgleich sie noch viele Wochen am Fenster des alten Puppenmachers saß und nickte. Weiter konnte sie nämlich nichts.

Kasperle sucht Ostereier

Einmal war Kasperle um die Osterzeit mit Mister Stopps in Torburg, denn es hatte Ferien. Mister Stopps, der damals bald die Prinzessin Gundolfine heiraten wollte, war mitgekommen, weil ihm Kasperle so viel von dem Torburger Osterhasen erzählt hatte.

Mister Stopps wollte es nämlich gar nicht glauben, daß ein Hase Eier legen konnte. Ja, wenn es ein Osterhuhn gewesen wäre! Kasperle versicherte aber immer wieder, ein Osterhase wäre etwas ganz Besonderes.

»Wenn es so etwas Merkwürdiges ist, werde ich es kaufen«, sagte Mister Stopps, der immer darauf aus war, merkwürdige Dinge zu kaufen.

Als Kasperle antwortete, Osterhasen wären nicht zu verkaufen, heulte Mister Stopps beinahe, weil er doch so gern einen Osterhasen besitzen wollte. Da versprach Kasperle, ihm einen zu fangen. Das dumme Kasperle dachte nämlich, alle Hasen, die um die Osterzeit im Walde herumliefen, wären Osterhasen. Es dachte es sich auch sehr hübsch, seinen eigenen Osterhasen zu besitzen. Wenn man dem gut zuredete, legte er gewiß das ganze Jahr Ostereier, und Kasperle aß Ostereier schrecklich gern. Es freute sich schon darauf, immer Ostereier zu haben.

Als es zwei Tage in Torburg war, ging es auf die Osterhasenjagd. Es nahm dazu zwei Kameraden mit, Klaus und Klemens, und alle drei redeten von dem Osterhasen, als hätten sie ihn schon gefangen. Sie mußten lange suchen, ehe sie einen Hasen trafen, und der lief ihnen davon, wie, ja wie eben nur ein Hase laufen kann. Selbst Kasperle mit seinen flinken Beinen konnte ihn nicht einholen. Das war betrüblich.

Und mit einem zweiten und dritten ging es ihnen nicht besser. Da gaben sie das Hasenfangen für diesen Tag auf, und Kasperle begann auf einer Waldwiese seinen Kameraden etwas vorzukaspern. Das Lachen der Jungen hörte auch ein dicker, alter Waldhase, der zwar kein Osterhase war, er hatte noch nie im Leben ein Ei gelegt, aber er war zu jedem Streich bereit. Als er das Lachen hörte, dachte er gleich: Da muß ich dabei sein. Und flugs rannte er hin. Er rannte in seinem Eifer Kasperle gerade zwischen die Beine, und das, nicht faul, setzte sich gleich auf den Hasen. Der wollte ausreißen, aber das Kasperle war zu schwer, das konnte der Hase nicht tragen, auch hielt es ihn an den Ohren fest. So wurde der Hase, der mitlachen wollte, gefangen und in einen Sack gesteckt.

Das war sehr unangenehm für ihn. Der Hase wehrte sich, so gut er konnte, aber die drei waren stärker als er. Er wurde in dem Sack nach Torburg getragen. »Vielleicht legt er schon unterwegs Eier«, sagte Kasperle erwartungsvoll.

»Wenn sie nur nicht kaputt gehen«, sagte Klaus.

Kasperle rief: »Die sind gleich hartgekocht!«

Der Gedanke, daß der Osterhase die Eier gleich gekocht legen sollte, kam den Buben so spaßig vor, daß beide in ein heftiges Gelächter ausbrachen. Und Kasperle lachte flink über die eigene Dummheit mit.

So kamen die drei laut lachend in Torburg vor dem Gasthaus an, in dem Mister Stopps wohnte. Der stand fein angezogen in hellgrauen Hosen und dunklem Überrock vor der Türe, und Bob öffnete gerade die Türe eines Wagens. Mister Stopps wollte zur Prinzessin Gundolfine fahren. Mister Stopps war sehr neugierig, und als Kasperle mit dem Sack dahermarschiert kam, fragte er gleich: »Uas ist da drin?«

»Ein Osterhase!« riefen die drei stolz, als hätten sie eine Krone gefunden.

Bob und die Leute, die vor dem Gasthaus standen, um Mister Stopps’ Abfahrt mit anzusehen, lachten auch alle und fragten: »Ist es auch wirklich einer?«

Ehe Kasperle noch antworten konnte, rief Mister Stopps: »Oh, ich uill ihn sehen!«

Kasperle öffnete bereitwillig den Sack, und Mister Stopps nahm ihn und steckte seine Nase hinein. Weil er aber nicht recht sehen konnte, setzte er den Sack auf den Boden und öffnete ihn weit. Der Hase überlegte nicht lange, was er tun sollte, er sprang mit einem großen Satz Mister Stopps an die Nase, und der neugierige Herr setzte sich gleich auf den Erdboden. Leider hatte er sich aber gerade eine große Pfütze ausgesucht, was den hellgrauen Hosen gar nicht bekam. Der Hase kümmerte sich aber kein bißchen um das angerichtete Unheil, der dachte nur an das Ausreißen.

Als Klaus, Klemens und Kasperle den Hasen davonrennen sahen, dachten sie auch nicht an Mister Stopps in seiner Pfütze. Sie rannten mit lautem Geschrei dem Hasen nach. Das Geschrei wieder nahmen die Pferde des Wagens übel, die rannten auf einmal, ohne sich nach dem Kutscher umzusehen, dem Hasen und den drei Freunden nach. Der Kutscher und der Wirt waren wieder damit nicht einverstanden, die rannten eilig den Pferden nach und schrien aus Leibeskräften: »Halt!«

So rannten Hase, Buben, Pferde, Kutscher und Wirt die Straße entlang, und Mister Stopps saß in der Pfütze, denn vor Erstaunen über das Wettrennen vergaß auch Bob, zuerst seinem Herrn zu helfen.

Endlich aber sah er dessen Lage und half ihm wieder auf die Beine. Mister Stopps schimpfte über den Hasen, Kasperle, die Pferde, den Kutscher, über Bob und die Pfütze, aber das half ihm alles nichts, er mußte wieder ins Gasthaus gehen und sich umziehen, und mußte auf den Wagen warten, um zur Prinzessin zu fahren.

In Torburg bleibt es natürlich nicht unbemerkt, wenn ein Hase, Kasperle und zwei Buben, zwei Pferde mit einem Wagen und dem danebenlaufenden Kutscher mit Geschrei eine Straße entlangrennen. Es fanden sich Leute dazu, die mitrannten, und zuletzt war ganz Torburg in Aufregung. Das war gut für den Kutscher und den Wirt. Hilfreiche Männer hielten nämlich die Pferde auf, und so kam es, daß der Wagen gerade wieder am Wirtshaus anlangte, als Mister Stopps, angetan mit reinen Hosen, vor die Türe trat.

Aber wo war Kasperle? Mister Stopps verlangte unbedingt Kasperle und den Osterhasen zu sehen, denn er wollte beide der Prinzessin mitbringen. Aber so erwartungsvoll der lange Herr auch die Straße auf und ab sah, kein Kasperle ließ sich blicken.

Das lag im Walde unter einem Busch und wartete auf einen neuen Osterhasen. Der erste war richtig ausgerissen. Auch Klaus und Klemens waren abhanden gekommen und deshalb war der kleine Strick sehr schlechter Laune. So fand ihn Bob, der ihn suchte und der ihm nun erzählte, daß Mister Stopps lange auf ihn gewartet hätte, und nun allein zur Prinzessin Gundolfine gefahren sei.

Kasperle war das ganz gleichgültig, denn zur Prinzessin wollte es nicht gern. Trotzdem es das immer sagte, freute es sich am andern Tage sehr, als Mister Stopps sagte, die Prinzessin hätte laut über den ausgerissenen Osterhasen gelacht, und sie ließe Kasperle sagen, ihr Osterhase ginge ihr nicht durch, der hätte schon ein ganzes Nest voll Eier für Kasperle gelegt, und es solle kommen und sie suchen.

Kasperle fuhr also am Nachmittag sehr vergnügt mit dem Mister Stopps zur Prinzessin. Es fand, es wurde auch Zeit, daß es Ostereier bekam, morgen war schon Gründonnerstag, und es hatte bis jetzt noch kein Osterei geschenkt bekommen.

Seit die Prinzessin mit Mister Stopps verlobt war, war sie immer sehr nett zu Kasperle, und auch an dem Tage sagte sie freundlich: »Nun, geh nur in den Garten und suche die Ostereier, es ist ein ganzes Nest voll da für dich.«

Ganz allein auf die Ostereiersuche gehen, ist aber nicht sehr unterhaltend. Jemand muß zum Mitlachen, zum Mitfreuen dabei sein. Kasperle suchte eine Weile nach dem Eiernest herum. Da es aber nirgends ein Ei entdeckte, setzte es sich auf eine kleine Bodenerhöhung um nachzudenken, wo es noch suchen könnte. Eigentlich war Ostern gar nicht so lustig, wie es sich Kasperle gedacht hatte. Der ausgerissene Osterhase ärgerte es immer noch besonders schwer. Weil Nachsinnen anstrengend ist, schlief Kasperle ein bißchen ein. Auf einmal wachte es durch einen Schrei auf. Vor ihm stand die Prinzessin Gundolfine, die rang entsetzt die Hände und rief: »Kasperle, du sitzt ja auf den Ostereiern!«

Es war so. Kasperle saß wirklich auf dem Nest, das ein wenig mit Reisig bedeckt gewesen war. Zu Mus und Brei hatte es alle Eier zusammengesessen, denn die bunten Ostereier waren auf Wunsch der Prinzessin ganz weich gekocht worden. Kasperle sollte sich mit hartgekochten Eiern den Magen nicht verderben. Und wie sah Kasperles himmelblaues Sonntagskittelchen erst aus! Auf dem Hosenbödle klebte ein großer Eierkuchen mit lauter grünen, roten und blauen Punkten dazwischen, die kamen von den bunten Eierschalen. Kasperle heulte laut, die Prinzessin jammerte dazu. Aber alles half nichts, die Eier waren und blieben Mus und Brei, und andere gab es nicht, es waren keine mehr da.

Kasperle fuhr sehr betrübt mit Mister Stopps heim, und als es in den Gasthof kam, lag dort ein Brief für es, in dem stand, Kasperle möchte am nächsten Tag zu Herrn Peter kommen und Ostereier suchen. Das war noch was. Herr Peter besaß einen großen Garten. Er lud oft Kinder zu sich ein und ließ sie in seinem Garten spielen.

Kasperle freute sich nun auf den nächsten Tag. Da wollte es schon tüchtig suchen, um von allen die meisten Ostereier zu finden, denn sicher würden mehrere Kinder zum Eiersuchen eingeladen sein.

Als Kasperle am nächsten Tag zu Herrn Peter kam, fand es dort Klaus und Klemens und die drei Freundinnen Lore, Dore und Annemarie, die freuten sich alle auf das Eiersuchen mit Kasperle. Sehr zum Verdruß der drei Freundinnen sagten aber Klaus und Klemens, sie gingen mit Kasperle, die Mädels könnten allein suchen. Da Kasperle damit einverstanden war, blieb den Mädels nichts anderes übrig, als allein auf die Suche zu gehen. Sie hatten aber Glück dabei. Sie gingen nämlich in den Blumengarten, in dem Herr Peter alle Eier versteckt hatte, die deshalb alle von den drei Mädels gefunden wurden. Sie teilten sie redlich untereinander und fragten sich, ob wohl die Buben auch so viel gefunden hätten. Die waren unterdessen mit Mister Stopps in den Baumgarten gegangen. Dort fanden sie keine Eier. Kasperle untersuchte jedes Reisighäufchen, aber es fand kein Ei. Auf einmal aber rief es: »Da oben« und deutete auf eine hohe Ulme, auf deren Spitze ein Nest war. »Da sind welche drin«, sagte Kasperle und schickte sich an, den Baum zu erklettern.

»Unsinn, warte bis Herr Peter kommt«, rief Mister Stopps.

Aber Kasperle wartete nicht, es kletterte flink wie ein Eichhörnchen auf den Baum. Oben in dem Nest lagen wirklich fünf graugrüne, dunkelgefleckte Eier. »Nur fünfe, und so kleine!« rief Kasperle enttäuscht.

»Wirf sie runter!« forderten es die Jungen auf.

»Auffangen!« schrie Kasperle, und klatsch! hatte Mister Stopps eins auf der Nase und eine gelbe Soße rann vom Gesicht herab. Ehe noch jemand halt rufen konnte, hatte Kasperle alle Eier Klaus und Klemens zugeworfen. Da rannen gelbe Bächlein von den guten Sonntagsanzügen der beiden Buben herab, und Mister Stopps wischte an seiner Nase herum und brummte: »Ostereier suchen ist eine merkwürdige Sache.«

»Ja, freilich, wenn man sie im Krähennest sucht«, schalt Herr Peter, der von weitem alles mitangesehen hatte, und der nun eilig herbeigekommen war. Da wurde Kasperle tüchtig ausgescholten, daß es ein Krähennest ausgenommen hatte, und Klaus und Klemens jammerten über ihre verschmierten Anzüge und daß sie gar keine Eier gefunden hätten.

Ja, die hatten alle die Mädels. Aber die waren anständig und gaben den unhöflichen Buben einige ab, freilich nicht die schönsten, und die hätte Kasperle gerade gerne gehabt, aber Herr Peter sagte, die hätte es nicht verdient.

Kasperle kam wieder sehr betrübt heim, und es hätte wohl auch kein frohes Osterfest für es gegeben, wenn nicht Marlenchen gewesen wäre. Das lud es zum Ostersonnabend nach Lindeneck ein. Da gab es denn ein Eiersuchen nach Kasperles Geschmack. Die Eier lagen frisch und bunt zwischen den Frühlingsblumen und auf dem grünen Rasen, und Kasperle fand so viele, daß es die beiden Feiertage noch davon schmausen konnte. Das Eiersuchen in Lindeneck gefiel selbst Mister Stopps. Nur wollte er nicht glauben, daß der Osterhase alle diese Eier gelegt hatte. Aber Kasperle sagte: »Das ist so und das bleibt so, da kann man nicht dran tippen!«

Der stumme Knecht

Es war November und bitterkalte Stürme wehten schon über das Land. Der Kasperlemann war wieder einmal mit Kasperle unterwegs. Der alte Mann und das klapperdürre Pferdchen froren beide schrecklich, aber Kasperle saß warm und weich in Decken gehüllt im Wagen und redete wie ein kleiner Wasserfall. Was sagte es alles? Es schalt, daß der Kasperlemann mit ihm, dem einzig echten Kasperle, bei diesem Sauwetter unterwegs sei. Ja, Sauwetter, sagte das schlimme Kasperle, obgleich das wirklich nicht schön klingt.

»Es wird schneien«, sagte das Kasperle.

»Es wird nicht schneien.« Aber da schneite es schon, und Kasperle lachte den alten Mann aus. Dem war es gar nicht lächerlich zumute. Er fror so sehr und sein armes Pferdchen tat ihm arg leid. »Wenn nur endlich der Rosenhof käme«, sagte er.

»Was ist das, blühen da jetzt Rosen?«

»Na, jetzt noch nicht, im Juni. Es ist ein großer Bauernhof.«

»Wer wohnt da?«

»Ein Bauer und eine Bäuerin mit Sohn und Tochter und dem stummen Valentin.«

»Wer ist das? Warum ist er stumm?«

»Weil er so erschrocken ist.«

»Warum ist er so erschrocken?«

»Kasperle, du bist ein lebendiges Fragezeichen!« rief der Kasperlemann. Weil aber reden warm macht, erzählte er von dem stummen Knecht. Es hatte einmal gebrannt im Rosenhof, und die Tochter des Hauses wäre beinahe mitverbrannt. Valentin aber hatte sie gerettet, aber vor Schreck und Aufregung hatte er die Sprache verloren.

»Kann er denn gar nicht reden?« fragte Kasperle.

»Nein, kein Wort.«

»Auch nicht, wenn ich ein Späßlein mache?«

»Auch nicht.«

»Das ist schlimm.« Kasperle sah ganz traurig drein.

Der Sturm und das Schneegestöber nahmen zu, und der Kasperlemann sagte: »Ich und mein Pferd, wir werden noch erfrieren.«

»Stirbst du dann?« fragte Kasperle ängstlich.

»Ja, dann bin ich ganz tot.«

Das war übertrieben von dem Kasperlemann, der nicht an das Sterben dachte. Aber Kasperle nahm es bitterernst und begann heftig zu weinen. Es weinte so laut und herzbrechend, daß dem Kasperlemann das Herz schwer wurde. »Armes, kleines Kasperle«, sagte er mitleidig, »ich sterbe ja nicht.«

»Du wirst doch stirbsen.« Kasperle weinte immer lauter und schmerzlicher. Auf einmal steckte jemand seinen Kopf in den Wagen und sah das Kasperle mitleidig an, sagte aber kein Wort.

»Hallo! Da sind wir mal wieder, und dort liegt anscheinend der Rosenhof«, rief der Kasperlemann.

Der Mann nickte nur, es war der stumme Valentin.

Kasperle faßte gleich Zutrauen zu ihm, er hatte so gute Augen und es dachte, vielleicht lernt er das Sprechen wieder, wenn ich ihm etwas vorkaspere, und es kroch aus seinen Decken heraus und fing an, Gesichter zu schneiden.

Der stumme Valentin lächelte ein wenig, aber er lachte nicht laut und sprach auch nicht. Er blieb stumm wie zuvor.

Da merkte Kasperle, daß einer nicht so schnell von einem Gebrechen geheilt wird, und es ließ das Kaspern und weinte bitterlich. Der stumme Valentin merkte wohl, warum Kasperle so weinte, und er streichelte den kleinen Schelm gutmütig, und zwischen beiden entstand eine treue Freundschaft.

Es schneite immer heftiger, aber unter Mithilfe des stummen Valentin, der mitziehen half, langten sie bald auf dem Rosenhof an. Sie wurden herzlich aufgenommen, und Kasperle wurde von den jungen Leuten gebührend angestaunt. Kasperle erfuhr nun auch, warum der Kasperlemann hierher gekommen war. Im nahen Oberheudorf sollte eine große Hochzeit sein, und zur Belustigung der Gäste sollte Kasperle kaspern. Die Oberheudorfer wollten immer etwas besonders Lustiges sehen.

Der Besitzer vom Rosenhof lud den Kasperlemann ein, bei ihm zu wohnen, denn im Hochzeitshaus sei alles besetzt.

Der Kasperlemann nahm die Einladung gerne an, und auch Kasperle spazierte mit Vergnügen in das Haus des wohlhabenden Bauern hinein. Es roch darin köstlich nach Pfefferkuchen, denn der wurde immer schon lange vor Weihnachten gebacken, damit er zum Fest recht mürb wurde. Er durfte aber nicht vorher gegessen werden, und das gefiel dem Kasperle gar nicht. Anderen Kuchen gab es genug, aber es hatte gerade einen rechten Pfefferkuchenhunger. Die Bäuerin sagte, den müßte es sich verkneifen. Nicht einmal eine Kostprobe gab es. Das war hart, denn der Pfefferkuchenhunger wollte nicht vergehen, der blieb und quälte Kasperle sehr.

Der nächste Tag war ein Ruhetag für den alten Kasperlemann, der ihm wohltat nach der Fahrt in Sturm und Schnee.

Kasperle geisterte im Hause herum und trieb Unsinn, schnitt Gesichter und brachte alle zum Lachen. Nur Valentin blieb stumm, er sah aber so gütig aus, daß Kasperle rechtes Mitleid mit ihm hatte und ihm himmelgern geholfen hätte. Alle seine Gesichter schnitt Kasperle, nur sein Teufelsgesicht nicht, damit hatte es nämlich ein Späßlein vor. Der Kasperlemann hatte ihm allerlei Kostüme machen lassen, darunter war auch ein pechschwarzes Teufelskleid. Das wollte es am Abend, ehe das Nachtessen begann, anziehen und ein bißchen den Teufel spielen. Die Mädchen sollten erschrecken.

Nach dem Nachmittagskaffee trieb sich Kasperle auf dem Hofe herum, aber bald wurde es ihm langweilig, und es dachte, es sei nun Zeit, wieder in die Wohnstube zu gehen. Es zog heimlich sein Teufelskostüm an, denn auch der Kasperlemann sollte nicht wissen was es vorhatte. Es wäre möglich gewesen, daß der ihm das Spiel verboten hätte. Als Kasperle in die Wohnstube kam, war kein Mensch darin, nur die Lampe brannte, und auf dem Tisch stand ein großer Korb voll frischer Pfefferkuchen.

Kasperle besann sich nicht lange. Eins, zwei, drei war es auf dem Tisch und begann zu schmausen. Drei Küchlein hatte es schon gegessen und gerade wollte es in den vierten Pfefferkuchen beißen, als jemand in das Zimmer trat. Es war die Haustochter. Das Mädchen blieb fassungslos stehen, als es das schwarze Untier auf dem Tisch sitzen und Küchlein fressen sah.

Da drehte sich Kasperle nach ihr um und schnitt sein Teufelsgesicht. Ganz fürchterlich sah das aus. Mit einem gellenden Schrei flüchtete das Mädchen aus dem Zimmer.

Der erste, der den Schrei hörte, war der stumme Valentin. Der erschrak sehr, denn er trug eine heimliche, stille Liebe zu der Bauerntochter im Herzen und glaubte, ihr könnte ein Unheil widerfahren sein. Er rannte darum eilig in den Hausflur, woher das Schreien jetzt kam. Dort saß die Haustochter auf der Erde, denn ihre Füße trugen sie nicht mehr weiter.

»Was fehlt dir, warum schreist du so?« sagte da auf einmal Valentin.

Da vergaß die Haustochter das pfefferkuchenfressende Teufelchen und sagte erstaunt: »Du kannst ja reden!«

Nun erst merkte Valentin selbst, daß er ja seine Sprache wiedergefunden hatte. Er wollte versuchen, ob er wirklich sprechen könnte, und sagte geschwind dem Mädchen, daß er sie lieb hätte und sie nun zur Frau nehmen könnte, denn sein Vater wollte ihm seinen Hof übergeben.

Gerade hatte er das gesagt, da kam eine Magd in den Flur, die sagte im Vorbeigehen: »Jetzt war es mir gerade, als hörte ich dich sprechen, Valentin.«

Valentin wollte etwas sagen, aber schon hatte die Magd die Stubentüre geöffnet, doch mit einem lauten Schrei fuhr sie zurück, und bebend rief sie: »Da drinnen sitzt der Teufel und frißt unsere Pfefferkuchen!«

»Darum schreist du so.« Valentin sprach es zur großen Verwunderung der Magd laut und deutlich. Er ging in das Zimmer hinein und kehrte bald mit dem zappelnden und heulenden Kasperle zurück. Die Magd, die Kasperle noch immer nicht erkannte, lief schreiend auf den Hof: »Valentin hat den Teufel gefangen und kann sprechen!« rief sie dort.

Der Bauer und die Bäuerin, der Haussohn und die andere Magd, der Kasperlemann, alle kamen angelaufen und fragten, was geschehen sei. Als die Magd vom Teufel sprach, sagte der Kasperlemann: »Den kenne ich. Der muß tüchtig Hiebe bekommen.« Dazu kam es aber nicht. Die Freude, daß Valentin wieder reden konnte, war zu groß, und aus Freude darüber wurde Kasperle seine Untat verziehen.

Valentin verlobte sich mit des Bauern Tochter, und am Abend wurde im Rosenhof noch ein fröhliches Fest gefeiert. Kasperle lachte und aß so viel, daß es dem Kasperlemann um das Spielen auf der Hochzeit in Oberheudorf bange wurde. Er mahnte deshalb: »Lache nicht so viel, sonst kannst du morgen nicht kaspern.« Wer aber nicht hörte, das war Kasperle. Das trieb bis Mitternacht seine Narrenpossen.

Na, man wird ja sehen, wie es ihm auf der Hochzeit erging.

Hochzeit in Oberheudorf, und Kasperle dabei

Am nächsten Tag war die Hochzeit in Oberheudorf. Kasperle mußte früh aufstehen. Das behagte ihm schon gar nicht. Es war müde und wäre gerne noch im weichen, warmen Bett geblieben, statt in die Kälte hinauszufahren. Doch der Kasperlemann wollte früh aufbrechen, und Kasperle mußte flink in sein Röcklein fahren. Es tat dies verdrossen, und verärgert und müde saß es dann in dem Kasperlewagen. Es hatte überhaupt keine Lust, in Oberheudorf zu kaspern.

Der Kasperlemann merkte dies. Und weil er wußte, daß Kasperle nur durch gutes Zureden seine heitere Laune wiederfand, redete er ihm gut zu. Aber diesmal half alles nichts. Kasperle hatte einfach einen Katzenjammer, und die schlechte Laune verging nicht.

Die Oberheudorfer Kinder waren unterdessen schon in großer Aufregung, weil Kasperle kommen sollte. Ganz unsagbar freuten sie sich. Von Kasperle erwarteten sie viel Spaß. Sie standen alle aufgereiht wie Orgelpfeifen auf der Straße und warteten auf Kasperle.

Endlich kam es. Wenigstens sah man den Wagen, in dem Kasperle sitzen sollte. Mit großem Geschrei gaben die Kinder dem Wagen das Geleit bis an das Hochzeitshaus. Sie fragten immer wieder: »Ist das Kasperle auch drin?«

»Ja, es sitzt drin«, antwortete der Kasperlemann.

»Warum kommt es nicht raus?«

»Es kommt schon raus, wenn der Wagen hält.« Der alte Kasperlemann war sehr verärgert über Kasperle, das noch immer seine schlechte Laune plagte. Als der Wagen hielt, nahm er das unlustige Kasperle heraus, setzte es mitten unter die Kinder und sagte: »Da habt ihr es.«

Die Kinder jubelten laut, hielten sich aber in einiger Entfernung von Kasperle, denn sie dachten, nun geht gleich das Kaspern los. Nun wird es sich in eine Kugel zusammenrollen, dabei die Füße in den Mund stecken und fortkullern oder einen Purzelbaum über das nächste Haus hinwegschießen. Vielleicht würde es auch zappeln und Gesichter schneiden, bald wie ein Räuber, bald wie ein Teufel, wie die Prinzessin Gundolfine oder gar wie der dicke Dorfschulze aussehen. Das alles sollte Kasperle können, hofften die Oberheudorfer Kinder.

Sie warteten und warteten. Kasperle rührte sich nicht.

»Kaspere doch«, mahnten einige Buben.

»Fang doch an«, bettelten die Mädels.

»Ja, fang endlich an!« riefen schließlich alle ungeduldig.

Kasperle aber rührte sich nicht.

Es hatte nicht die geringste Lust zu kaspern, und als das Bitten immer dringender wurde, streckte es plötzlich seine Zunge heraus so weit es konnte. Das war ungezogen, sehr sogar.

Die Oberheudorfer Buben und Mädels nahmen das auch gewaltig übel. Sie schimpften wie die Rohrspatzen, taten, als hätten sie selbst noch nie so etwas gemacht. Sie sprachen auch davon, sie wollten Kasperle verhauen.

Was konnte einer gegen so viele ausrichten. Es sah bedenklich aus für Kasperle. Aber Kasperle wußte sich zu helfen. Es schrie auf einmal mit lauter Stimme: »Platz da, ich fang an! Es geht gleich los.«

Die Kinder jubelten laut und wichen zurück.

Kasperle reckte und streckte sich, und eins, zwei, drei schoß es einen Purzelbaum und verschwand –

Weg war das Kasperle, es kam auch nicht wieder, so sehr auch die Kinder vor dem Haus lärmten und schrien.

Drinnen im Haus saß Kasperle in der Stube wie ein hochgeehrter Gast und aß Hochzeitskuchen. Die Hochzeitsgäste waren alle in der Kirche bei der Trauung, und der Bauer hatte zu den Mägden, die das Haus versorgten, gesagt: »Sorgt nur gut für Kasperle, wenn es kommt, damit es uns am Nachmittag etwas Lustiges vorkaspert.«

Kasperle ließ sich die gute Versorgung gern gefallen und aß für drei. Da kam unversehens der Kasperlemann in die Stube, und das »hochgeehrte Gast«-spielen hatte ein Ende. Kasperle mußte ins Bett gehen, um sich für den Nachmittag gründlich auszuschlafen.

Eine Magd ging mit ihm bis an das Stübchen, in dem Kasperle schlafen sollte. Kasperle paßte das Insbettgebrachtwerden gar nicht, es hatte etwas anderes vor. Es hatte es sich in den Kopf gesetzt, es wollte einfach nicht in Oberheudorf kaspern. Als es daher vor seinem Stübchen angelangt war, schnitt es plötzlich so furchtbare Gesichter, daß die alte Magd vor Schreck davonlief.

Das hatte Kasperle gerade gewollt. Als die Magd verschwunden war, ging es und suchte sich einen Schlafplatz nach seinem Geschmack.

Die Kinder standen unterdessen und warteten vergeblich auf Kasperles Rückkehr, es kam und kam aber nicht. Die Mägde sahen die Kinder warten. Sie dachten, die wollten den Hochzeitskuchen versuchen und trugen ihnen eine Schüssel voll hinaus. Die Kinder aber verlangten nach Kasperle.

»Ach, das ist ein Teufelskerl«, sagte die alte Magd und erzählte, wie es ihr mit dem kleinen Schelm gegangen war.

Aber die Kinder lachten darüber, und ihr Wunsch, Kasperle zu sehen, wurde immer stärker. Sie flehten »Zeig uns doch Kasperle.«

»Das muß doch jetzt schlafen«, entgegnete die Magd.

»Ach, wir wollen es einmal sehen, wie es schläft.«

»Wie soll so ein Taugenichts anders aussehen als häßlich, auch wenn er schläft«, meinte die Magd. Sie führte aber doch die Kinder bis zu Kasperles Stübchen, das gleich unten neben der Treppe lag.

»Hier ist es drin«, sagte sie, und öffnete vorsichtig die Türe.

Ja, wer aber nicht drin war, das war Kasperle. Leer war das Stübchen, unberührt das Bett, keine Kasperlenase war zu sehen.

Die Kinder schrien laut, Kasperle wäre gestohlen worden.

Der Kasperlemann hörte das Geschrei und kam eilig herbeigelaufen. Die Magd erzählte, was geschehen war, auch daß sie Kasperle nicht bis ins Bett gebracht hätte, sondern vor Schreck vor der Tür davongelaufen sei. Da wußte der Kasperlemann, der den Schelm besser kannte, daß der sich sicher versteckt hatte. Er sagte dies den Kindern und bat sie, sie sollten suchen helfen. Damit waren die Kinder gleich einverstanden und wollten gerade beginnen, in dem großen Bauernhaus treppauf treppab zu laufen, als die alte Magd anfing, auf den Kasperlemann zu schelten, aber tüchtig. Was ihm einfiele, in einem frisch gescheuerten Hochzeitshaus dürften die Kinder mit ihren schmutzigen Schuhen nicht herumtappen, so etwas sei nicht Mode in Oberheudorf. Die Kinder schlichen verlegen davon, denn mit der alten Karline war nicht gut Kirschen essen.

»Aber mein Kasperle muß gefunden werden«, jammerte der Kasperlemann.

»Ich werde es selbst suchen, obgleich es ein Taugenichts ist«, versprach die Alte. Sie ging auch und suchte, aber Kasperle fand sie nicht. Sie schaute in alle Zimmer, sah unter die Betten, sah in die Kleiderschränke, Kasperle war nicht zu finden.

»Euer Kasperle ist durchgegangen!« rief sie dem Kasperlemann zu.

»Es muß da sein«, antwortete der.

»Jetzt kommen die Hochzeitsgäste aus der Kirche, jetzt laß mich mit dem dummen Kasper zufrieden«, rief Karline und rannte auf die Dorfgasse.

Da kam mit Musik und Fahnen, mit Blumen und seidenen Kleidern der Hochzeitszug daher.

Im großen Saal des dem Hochzeitshaus gegenüberliegenden Wirtshauses sollte zu Mittag gegessen werden, und dabei sollte Kasperle sein Spiel aufführen. Aber wo war Kasperle?

Als das Brautpaar kam, schrien die Kinder: »Hoch sollen sie leben, aber Kasperle ist ausgerissen!« Sie meinten nämlich, das gehöre zusammen.

So hörte der Bauer, was geschehen war. Er rief: »Potz Blitz, was ist das für eine dumme Geschichte!«

Die Kinder dachten, Kasperle wäre die wichtigste Person bei der ganzen Hochzeit, und erfüllten mit ihrem Geschrei die Gassen.

Das wurde Karline zuviel, und sie drohte: »Wer noch ein Wort von Kasperle sagt, der bekommt kein Stück Kuchen mehr.« Aber Kasperle war den Kindern in diesem Augenblick wichtiger als der Hochzeitskuchen. Sie schrien weiter, bis der Hochzeitsvater noch einmal »Potz Blitz!« sagte und nun die Geschichte vom Kasperlemann erzählt bekam.

»Es wird sich schon wieder finden«, meinte der Bauer, »in Oberheudorf geht ein Kasperle nicht verloren. Aber wenn es zum Vorschein kommt, kriegt es zunächst Hiebe für seinen dummen Streich.«

Damit war Kasperle für eine Weile erledigt, und die Hochzeitsgäste gingen in das Wirtshaus hinüber zum Festessen, auch die Kinder wurden alle dazu eingeladen, sie sollten in einer Nebenstube essen. Aber Karline hatte ihre liebe Not mit ihnen, sie taten, als gäbe es so ein gutes Hochzeitsessen alle Tage, und es wäre auf der ganzen Welt nichts wichtiger als ein Kasperle.

Endlich, als Karline versprach, sie wollte noch einmal überall nachsehen, gingen sie in ihr Nebenzimmer und setzten sich an den Tisch zum Essen. Die Zeit verging, aber Kasperle tauchte zum großen Kummer der Kinder nicht wieder auf.

Unter den Hochzeitsgästen war ein sehr dicker, reicher Bauer, der die Gewohnheit hatte, sieben Hemden anzuziehen, damit er noch dicker und stattlicher aussah. Dem Bauern nun wurde es bei Tisch von dem vielen guten und fetten Essen sehr heiß, und er dachte, es wäre gut, ein paar seiner wollenen Hemden auszuziehen.

Gedacht, getan. Er ging in die Stube, die er im Hochzeitshaus bewohnte, und fing an, sich auszuziehen. Als er beim fünften Hemd angekommen war, sah er zufällig in den Spiegel. Was sah er da? Auf dem Bett saß ein wunderliches Ding und schnitt Gesichter. Der dicke Bauer hatte noch nie ein Kasperle gesehen, er hielt darum Kasperle – denn das war es – für einen Kobold oder bösen Geist. Er war so feige wie er dick war, und rannte eilig aus der Stube, rannte durch das leere Haus, vergaß in der Hast ganz, daß er im Hemde war, und rannte hinüber in das Wirtshaus.

Das gab eine Aufregung, als der dicke Bauer im Hemde angelaufen kam. Alle liefen zusammen, um zu erfahren, was drüben im Hochzeitshaus geschehen war. Auch die Kinder fehlten dabei nicht. Die riefen zuerst: »Das ist sicher Kasperle!«

»Ja, das ist Kasperle«, sagte auch der Kasperlemann, und betrübt fügte er hinzu: »Es muß Hiebe haben.«

»Aber tüchtig, ich werde es ihm besorgen!« Der Bauer war wirklich wütend auf das Kasperle, das so viel Aufregung und Unruhe verursachte. Er ging mit dem Kasperlemann hinüber. Der dicke Bauer lief auch mit, um sich wieder anzuziehen und alle drei wollten das Kasperle verhauen.

Die Kinder liefen auch alle mit, sie wollten es nicht dulden, daß Kasperle verhauen wurde. Und die Kinder siegten, siegten durch ihr Geschrei und Geheul.

Kasperle hatte sich wieder in das schöne weiche Federbett in des dicken Bauern Stube gewühlt, um weiterzuschlafen, als die drei Männer das Zimmer betraten, und der Vater des Bräutigams es aus dem Bett herausholte. Ehe aber der Bauer noch ein Wort sagen konnte, fingen die Kinder so gewaltig an zu schreien, daß alle Hochzeitsgäste aus dem Wirtshaus angelaufen kamen, um zu sehen, was los sei.

Vielleicht war es doch ein Kobold gewesen, den der dicke Bauer gesehen hatte. Als sie kamen, sahen sie zuerst die fünf Hemden am Boden liegen, worüber sie laut lachen mußten. Die Kinder aber heulten immer lauter, und schließlich lief das ganze Dorf zusammen.

Keiner wußte recht, ob er über die fünf ausgezogenen Hemden lachen oder mit den Kindern weinen sollte. Endlich sagte ein Dreikäsehoch, als der Bauer gar nicht nachgeben wollte: »Wenn du Kasperle jetzt haust, kann es ja nachher nicht kaspern!«

Das Wort half. Kasperle kam ohne Hiebe davon, und die Kinder zogen fröhlich mit ihm ab. Sie schlossen alle Freundschaft mit ihm und trugen ihm auch die herausgestreckte Zunge nicht nach. Auch die übrigen Hochzeitsgäste waren zufrieden und begaben sich in bester Laune ins Wirtshaus zurück.

Der dicke Bauer zog seine fünf Hemden wieder an, denn es fror ihn plötzlich sehr. Er kam dann gerade noch zur rechten Zeit, um Kasperle spielen zu sehen. Er mußte über die Possen des kleinen Schelms so unbändig lachen, daß ihm fünf Westenknöpfe und drei Hosenknöpfe abplatzten. Kasperle führte an drei Tagen seine Stücklein auf, und alle Hochzeitsgäste lachten wie nie in ihrem Leben. Es war die lustigste Hochzeit, die je in Oberheudorf gefeiert worden ist.

Kasperle als Helfer

Kasperle hatte einen Freund, der war Lehrling bei Herrn Klipperding. Herr Klipperding besaß in Torburg ein großes Geschäft, in dem es viele Dinge zu kaufen gab: Mehl, saure Gurken, Rosinen, Mandeln, Heringe, Kaffee, Käse, Petroleum und andere schöne Dinge. Die Leute sagten, Herr Klipperding wäre geizig. Das war er auch, sehr sogar. Sein Lehrjunge Fritz hatte keine guten Tage bei ihm, viel Arbeit und wenig zu essen gab es. Wenn Kasperle seinen Freund besuchen wollte, mußte es immer am Nachmittag kommen, wenn Herr Klipperding schlief, denn sonst wurde geschimpft.

Und Kasperle war nicht sehr fürs Schimpfen, es war mehr für Rosinen, Mandeln und andere gute Dinge, die es alle im Laden von Herrn Klipperding gab, und von denen Kasperle nie etwas bekam, denn der Ladenbesitzer paßte scharf auf, und Fritz war sehr ehrlich.

Kasperle konnte es gar nicht begreifen, wie einer die Schubladen voll all der guten Dinge besitzen und einem Kasperle nie etwas davon abgeben konnte. Das war entschieden geizig.

An diesen geizigen Herrn Klipperding dachte Kasperle gerade, als es an einem schönen Frühlingstage seinen Freund Fritz traf. Der blieb stehen, und Kasperle blieb auch stehen.

Beide sahen einander an und Fritz sah, daß Kasperle so vergnügt wie immer aussah; Kasperle aber sah, daß Fritz geweint hatte. Das tat ihm sehr leid, und es fragte nach des Freundes Kummer. Da erzählte ihm Fritz, sein Onkel sei gestorben, und er möchte gern um der Tante willen, die er sehr lieb hatte, zu dem Begräbnis fahren.

»Na, fahre doch«, sagte Kasperle.

»Herr Klipperding erlaubt es nicht.«

»Das ist unverschämt.«

»Aber Kasperle, er sagt, er wird allein nicht fertig.«

»Dann will ich ihm so lange helfen«, sagte Kasperle gutmütig.

Fritz sah Kasperle zweifelnd an; er dachte, daß es in der Handlung vielleicht nicht so recht am Platze sein würde, darum meinte er: »Das wird Herrn Klipperding wohl nicht recht sein.«

»Ich tue so, als ob ich du wäre.«

Fritz, der gut einen Kopf größer war als Kasperle, lachte: »Das geht doch nicht, du bist ja viel zu klein«, erwiderte er.

Kasperle seufzte. Aber es gab die Hoffnung noch nicht auf. »Vielleicht tut er es doch, komm, wir gehen zu ihm.«

»Aber du kannst doch nicht im Laden verkaufen!«

»Doch, das kann ich.«

Fritz zweifelte zwar sehr daran, auch daß sein Lehrherr einwilligen würde, Kasperle als Stellvertreter einzustellen. Er ging aber schließlich doch mit zu Herrn Klipperding. Der machte ganz runde Augen vor Erstaunen.

Ein Kasperle als Verkäufer in seinem Laden, das schien ihm doch sehr bedenklich.

Auf einmal fiel ihm ein, daß Kasperle ja bei Bäckermeister Hummel gewesen war und viele Leute in dessen Laden gegangen waren, nur um Kasperle zu sehen. Vielleicht würde es bei ihm auch so werden. Aufpassen, daß Kasperle nicht naschte, wollte er schon.

Er überlegte noch eine Weile, aber das Überlegen dauerte Kasperle zu lange. Es stellte sich vor die Türe und schnitt Grimassen. Gleich blieben ein paar Leute stehen und einige kamen auch in den Laden, und einer kaufte gleich ein halb Pfund Rosinen für Kasperle.

Das gefiel Herrn Klipperding ebenso gut wie Kasperle.

Dies dachte, das gehe so weiter, und aß schnell die Rosinen auf. Es ging natürlich nicht so weiter, aber Herr Klipperding war für den Anfang ganz zufrieden. Er sagte daher sehr freundlich zu Kasperle: »Also Fritz kann morgen reisen, wenn du mir hilfst. Morgen abend kommt ja Fritz wieder zurück.«

Fritz bedankte sich sehr, und Kasperle versprach, am anderen Tage zu helfen.

Da geschah ein Wunder. Herr Klipperding griff in eine Schublade und schenkte jedem der beiden Freunde drei gedörrte Birnen.

Drei gedörrte Birnen waren Kasperle aber zu wenig. Es gab seine drei Birnen Fritz und sagte sehr gnädig: »Iß du sie, ich mag keine mehr.«

Hei, dachte Herr Klipperding, Kasperle ist gar nicht so naschhaft, wie ich gedacht habe. Ich brauche also nicht so genau auf ihn aufzupassen. Daß sich Kasperle gerade vornahm, morgen tüchtig zu essen, ahnte er allerdings nicht.

Fritz durfte noch an dem Abend fahren, denn Kasperle versprach, am nächsten Morgen pünktlich zu kommen.

Es hielt auch Wort, obgleich es ihm an dem Morgen besonders gut im Bett gefiel, stand es doch schon vor dem Laden, als Herr Klipperding die Ladentüre aufschloß.

Der lobte es sehr über sein pünktliches Kommen. Höchst einträchtig gingen beide in den Laden hinein, und Herr Klipperding sagte: »Da steht dein Frühstück, trink eine Tasse Kaffee.« Er selbst wollte erst ein Plakat für das Ladenfenster schreiben und darauf aufmerksam machen, daß Kasperle heute bei ihm verkaufe, damit recht viele Leute in den Laden kommen sollten.

Kasperle sah sich indessen nach dem Frühstück um. Eine Kanne voll Kaffee stand da, sonst nichts. Kasperle trank also den Kaffee aus, dann ging es zu Herrn Klipperding und bat: »Gib mir etwas zu essen, ich habe Hunger.«

»Schon?« fragte der Ladenbesitzer, »du hast doch noch nichts getan.«

»Ich werde aber etwas tun«, erwiderte der kleine Strick, »ich werde mich vor den Laden stellen und sagen, Herr Klipperding ist geizig, der gibt mir nichts zu essen.«

Da sah Herr Klipperding ein, daß mit einem Kasperle nicht so leicht fertig zu werden war. Daß er geizig sei, wollte er sich nicht nachsagen lassen. Er gab also Kasperle ein großes Stück Brot, und als Kasperle rief: »Wurst muß darauf!«, gab er ihm auch Wurst.

Kasperle war damit zufrieden. Als es beim besten Schmausen war, kam der erste Kunde.

»Na, dir geht es gut hier«, sagte der zu Kasperle.

Das gefiel Herrn Klipperding wohl, und noch besser gefiel es ihm, daß der Mann hinzufügte: »Bei Herrn Klipperding gefällt es dir gewiß.«

»Das weiß ich noch nicht, das mußt du heute abend fragen, Zuckerle hat er mir noch nicht gegeben.«

Das fand nun Herr Klipperding frech, und es ärgerte ihn, daß der Herr darauf antwortete: »Die wirst du schon noch bekommen.«

Nach diesen Worten ging er hinaus, und die beiden, die zurückblieben, sahen ihm enttäuscht nach. Sie hatten beide erwartet, er würde Kasperle Süßigkeiten kaufen. Daran dachte aber sonst niemand. Kasperle konnte auch, so oft jemand kam, den Wunsch aussprechen, es möchte dies und das haben, niemand kaufte es ihm.

Das verdroß es, und seine Gedanken waren nicht mehr bei der Arbeit. Es füllte Salz statt Zucker in die Tüte und Petroleum statt Himbeersaft in Flaschen, wickelte einen Rollmops zur Butter und Käse zur Seife. Es tat noch mehr solche Dinge.

Weil aber die Frau, die den Himbeersaft verlangte, an der Flasche roch und die Frau mit dem Rollmops ihr Töpfchen leer fand, wurde alles gleich festgestellt, und eine große Empörung entstand im Laden. Alle schalten auf das Kasperle, und Herr Klipperding sagte, er würde es nachher verhauen. Das wollten wieder ein paar mitleidige Frauen nicht. Und ein besonders mitleidiger Mann kaufte eine Tüte Backpflaumen für Kasperle und sagte, die würde es zur Belohnung bekommen, wenn es verspräche, ihnen allen am Nachmittag etwas vorzukaspern, dann würden sie alle wiederkommen.

Das versprach Kasperle, und die Sache war damit abgetan. Kasperle bekam seine Backpflaumen und die Leute beruhigten sich. Die Frau mit dem Himbeersaft bekam eine andere Flasche, nur die Frau, die Zucker hatte haben wollen, hatte nicht in ihrer Tüte nachgesehen. Sie ging nach Hause, schüttete das Salz in den Pudding, den sie kochen wollte und den dann niemand nachher essen konnte. Sie hatte viel Ärger dadurch und beschloß, Kasperle am Nachmittag dafür zu bestrafen.

Kasperle war unterdessen guter Dinge. Herr Klipperding hatte das Hauen aufgegeben und sprach ganz freundlich mit Kasperle von dem versprochenen Spiel am Nachmittag. Kasperle, dem es schon ein bißchen langweilig im Laden war, weil der Kundenbesuch nachließ, erklärte plötzlich, es müßte zum Kasperlemann gehen und ihn für heute nachmittag bestellen, denn ohne ihn könnte es nicht so gut spielen.

Das war Herrn Klipperding ganz recht. Er war nämlich froh, Kasperle für eine Weile loszuwerden.

Kasperle nahm also seine Backpflaumen und ging auf die Straße. Dabei fiel ihm ein Streichlein ein, das es Herrn Klipperding spielen könnte. Jedesmal, wenn es einen Buben traf, spuckte es ihm einen Pflaumenkern entgegen und rief: »Backpflaumen und Backbirnen gibt es heute bei Herrn Klipperding umsonst.« Einige Buben ließen sich nun das Wort zu einem Ohr herein-, zum andern wieder hinausgehen. Sie dachten, Kasperle ist ein Spaßvogel. Andere wieder glaubten es und machten sich auf die Beine und liefen vor Herrn Klipperdings Laden.

Dort versammelte sich eine ganze Schar Buben, und einer, der sehr mutig war, ging zuerst hinein und verlangte kühn Backpflaumen.

»Wieviel willst du denn?« fragte Herr Klipperding freundlich. »Ein Pfund.« Der Bub dachte, wenn man etwas umsonst kriegt, ist es besser, wenn man mehr verlangt. Und er bekam sein Pfund. Als er es in Händen hatte, lief er so schnell aus dem Laden, daß Herr Klipperding gar nichts mehr vom Bezahlen sagen konnte, doch die Mutter des Buben war eine gute Kundin von ihm, die auch manchmal etwas aufschreiben ließ.

Als Klaus Schäfer, so hieß der Junge, aus dem Laden kam, umringten ihn gleich seine Kameraden und fragten, ob das mit den Backpflaumen stimme, wie es Kasperle gesagt hatte. Er wies ihnen stolz die Tüte und alle staunten, denn gleich ein Pfund geschenkt zu bekommen, kam ihnen märchenhaft vor.

Und fünf Paar Bubenbeine liefen gleich darauf auch in den Laden hinein. Herr Klipperding sah die fünf Buben mißtrauisch an: »Was wollt ihr?«

»Backpflaumen.«

»Alle?«

»Ja, und jeder ein Pfund!« rief der Dreisteste.

»Habt ihr denn Geld?«

»Nä, das brauchen wir doch nicht.«

»So, wer sagt denn das?«

»Kasperle!« ertönte es im Chor.

Und nun kam die ganze Geschichte heraus, und Herr Klipperding jagte die Buben alle zum Laden hinaus. Die klagten Klaus Schäfer an und sagten, er hätte sie betrogen. Weil aber Klaus ein gutmütiger Bube war, teilte er seine Pflaumen mit den Kameraden, und als sie gerade miteinander schmausten, kamen noch mehr angerannt, denen Kasperle auch die Kerne entgegengespuckt hatte, die riefen gleich: »Ho, die essen schon.«

Und flink hinein gingen sie in den Laden und ebenso flink kamen sie wieder heraus. Denn im Laden stand Herr Klipperding und verteilte unverlangt und kostenlos Backpfeifen statt Backpflaumen, und die gefielen den Buben gar nicht.

Es gab ein großes Geschrei, und währenddem kam Kasperle und machte das unschuldigste Gesicht von der Welt, als ihm alle ihre Vorwürfe entgegenschrien.

»Du Lügenpeter!« rief ihm Herr Klipperding zu.

»Ich habe nicht gelugen«, antwortete Kasperle entrüstet.

»Doch, du hast gelogen.«

»Ich lugte nicht.« Kasperle war beleidigt.

Da sagte ein Nachbar, der belustigt zuhörte: »Erzähle mal, wie es war.« Und Kasperle erzählte mit einem so verschmitzten Schelmengesicht, daß alle lachten. Gelogen hatte es wirklich nicht, nur ein Späßlein gemacht. Als es aber von den drei Backbirnen erzählte, wurde Herr Klipperding sehr verlegen, denn alle lachten über das große Geschenk, und Kasperle, das das wohl merkte, nahm sich vor, die Geschichte am Nachmittag noch einmal zu erzählen. Da rief Herr Klipperding: »Kasperle komm nur rein zum Mittagessen.«

»Gibt’s Schweinebraten und Pudding?« fragte Kasperle.

»Nein, Kartoffelsuppe.«

»Hach, davon kriege ich Magenschmerzen!« schrie Kasperle.

»Dann paß auf den Laden auf«, sagte Herr Klipperding. »Setz dich vor die Türe auf die Bank und ziehe hier an dieser Klingel, wenn jemand kommt.«

Sprach’s und schloß die Ladentüre hinter sich zu. Nun war Kasperle ausgesperrt und konnte nicht zu all den guten Dingen gelangen, die es im Laden gab. Der Nachbar aber war ein mitleidiger Mann, der lud Kasperle zu sich zum Essen ein. Er versprach ihm auch einen großen Eierkuchen, und Kasperle aß sich pumpelsatt und vergaß darüber die Klingel, bis sein Gastgeber, der den Laden von seinem Fenster aus beobachten konnte, mahnte: »Drüben stehen Leute, du mußt hinübergehen und Herrn Klipperding rufen.«

Das tat denn Kasperle auch, und ohne zu fragen, was die Leute, die ihn lachend begrüßten, eigentlich wollten, riß es an der Klingel.

Herr Klipperding kam, schloß die Türe auf, und Kasperle schrie: »Die wollen alle etwas kaufen.«

»Nur herein, meine Herrschaften«, sagte Herr Klipperding erfreut.

»Wir wollen gar nichts kaufen, wir wollen nur Kasperle sehen.«

Das war eine Enttäuschung für Herrn Klipperding, der erst noch sein Mittagsschläfchen halten wollte und deshalb ein wenig unwirsch antwortete, sie sollten später wiederkommen, jetzt würde Kasperle noch nicht spielen. Dann sah er sich nach Kasperle um. Ja! wo war das?

Im Laden stand es in der Nähe der Dattelkiste.

Halt, das gibt es nicht, dachte Herr Klipperding, ging in den Laden und schloß die Türe zu. Da konnte niemand mehr hereinsehen. Kasperle erschrak und ging geschwind von der Dattelkiste weg. Herr Klipperding gebot ihm nun, mit einer Leiter auf ein hohes Regal zu steigen und sich dort oben hinzusetzen. Kasperle dachte, es solle dort oben kaspern und stieg ganz gehorsam hinauf. Als es aber oben war, nahm sein Herr die Leiter weg und meinte lachend: »So, nun kannst du nichts mehr anstellen im Laden. Nun bleibst du oben sitzen, bis ich meinen Mittagsschlaf gehalten habe.«

Kasperle sah ihn nachdenklich an. Aber Herr Klipperding konnte nicht in Kasperles Augen lesen. In denen stand nämlich: Bist du aber dumm, zu denken, ich könnte von hier oben nicht ohne Leiter runterklettern.

Herr Klipperding ging also in die Wohnung, seinen Mittagsschlaf zu halten, und kaum war er fort, stieg Kasperle von seinem hohen Sitz herab und steckte sich die Taschen voll feiner, schmackhafter Dinge. Dann stieg es wieder auf seinen Sitz hinauf. Das Regal schwankte bedenklich, aber das störte Kasperle nicht weiter. Das saß oben und dachte sich ein feines Späßlein, während es schmauste. Auf einmal rutschte es wieder vom Regal herab, suchte sich einen Bindfaden, kletterte an der Ladentüre hoch und band den Faden vorsichtig an die Klingel, dann stieg es wieder auf seinen Sitz auf dem Regal zurück. Dabei zog es an der Klingel und hörte gleich darauf Herrn Klipperding kommen. Kasperle war gerade oben angelangt, als dieser in den Laden kam und sich erstaunt umsah.

»Wer hat denn geklingelt?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Kasperle und zog dabei aus Versehen an dem Bindfaden. Wieder klingelte es, und doch war niemand zu sehen. Herr Klipperding staunte. Er war etwas kurzsichtig und konnte deshalb den Faden nicht sehen. Wieder klingelte es, die Klingel hüpfte nur so. »Ich glaube, es ist ein Gespenst«, sagte das unnütze Kasperle. Und als es nochmals klingelte, rief Herr Klipperding erschrocken seine Frau herbei: »Pauline, komm mal her, hier spukt’s.«

Frau Pauline kam angewatschelt, und da sie nicht kurzsichtig war, sagte sie: »Ach wo, der Kasper ist’s.« Und ritsch-ratsch schnitt sie den Faden durch. Nun hatte es ausgeklingelt. Herr Klipperding war sehr wütend und drohte: »Na warte, wenn du herunterkommst, dann gibt es was.«

Das ist nie eine angenehme Aussicht. Kasperle überlegte, was es tun sollte. Da kam eine Frau in den Laden und Kasperle dachte, es wäre vielleicht doch gut, jetzt auszureißen, während Herr Klipperding die Kundin bediente. Es begann also vom Regal herunterzuklettern. Da rief Frau Pauline: »Kasper, du fällst!« Das Regal wackelte hin und her, und bums, krach, fiel es um und das ganze Regal lag mitten im Laden.

Die Kundin fragte: »Geht die Kasperle-Vorstellung schon an?«

»Eine nette Vorstellung«, knurrte Herr Klipperding wütend. Er überblickte das Durcheinander auf dem Boden. Da kollerten Erbsen herum, da lag Stärke und Grieß, und mitten drin lag Kasperle stumm und steif und verdrehte seine Augen.

Herr Klipperding erschrak. War Kasperle etwas geschehen? Er rief ängstlich: »Kasperle, steh auf!«

»Ich stirbse«, antwortete Kasperle.

»Man muß den Doktor holen!« rief Frau Pauline.

»Nä, den Doktor brauch ich nicht, Malzzucker genügt mir.«

Diesmal half aber Kasperle seine Frechheit nichts. Es bekam keinen Malzzucker, sondern Herr Klipperding drohte mit dem Stock. Also stand Kasperle auf und begann die Erbsen aufzulesen. Es stöhnte dabei, als wäre es schwerkrank, und Herr Klipperding drohte: »Wenn es nicht schneller geht, mußt du es heute abend nachholen.« Gerade zehn Erbsen hatte Kasperle eingesammelt, und einige Hundert lagen noch auf dem Boden verstreut, als der Kasperlemann kam und zu Herrn Klipperding sagte, es wäre nun Zeit, mit dem Kasperlespiel anzufangen, denn sonst würden die Leute ungeduldig.

Ungeduldig sollte aber niemand vor seinem Laden werden. Herr Klipperding sagte also zu Kasperle, jetzt solle es anfangen zu spielen, heute abend könne es dann die Erbsen fertig auflesen. »Das werden wir sehen«, brummte Kasperle.

Als Kasperle vor den Laden trat, wurde es von alt und jung mit großem Jubel empfangen, und es fing gleich an, die Geschichte von den geschenkten drei Backbirnen zu erzählen. Alle lachten natürlich. Das ärgerte Herrn Klipperding schwer.

Da kam eine Frau mit einem großen Teller voll Pudding.

»Soll der für mich sein?« fragte Kasperle erfreut.

»Ja, allein für dich.«

»Hach, wie fein!«

Kasperle nahm den Teller, sagte auch »Danke schön!« und schlang gleich ein großes Stück hinunter.

Jemine schnitt das Kasperle ein Gesicht! Es würgte und würgte, warf plötzlich den ganzen Pudding der Frau an den Kopf, fiel der Länge nach hin und erklärte wieder einmal: »Ich stirbse, ich bin vergiftet.«

Gab das eine Aufregung. Alle Zuschauer umdrängten die Frau und fragten, was sie denn mit Kasperle gemacht hätte. Als sie erzählte, es sei nur Salz gewesen, das ihr Kasperle statt Zucker verkauft hätte, gab es ein allgemeines Gelächter.

Kasperle nahm das Lachen arg übel. Es schrie immer mehr und jammerte, es könne nicht mehr kaspern. Es sei aus damit. Das wollten sich die Leute aber nicht gefallen lassen, und es entstand eine große Streiterei. Die einen gaben der Frau mit dem Pudding die Schuld, die andern schalten auf Kasperle. Wer weiß, was noch daraus geworden wäre, wenn nicht der Nachbar gefragt hätte, was es denn essen müßte, um wieder kaspern zu können.

Hei, wie da Kasperles Augen glitzerten! Es fing an, alle guten Dinge aufzuzählen, die Herr Klipperding in seinem Laden hatte, nannte zum Schluß noch allerlei Kuchensorten, vor allem Pfannküchlein und Windbeutel.

»Kasperle, das ist zuviel«, sagte der Nachbar, »eins von den vielen Dingen ist genug.«

»Ist nicht zuviel!« schrie Kasperle unwirsch.

»Etwas darfst du dir wünschen, aber nur eins, mehr nicht.«

Kasperle sah wohl, daß es dem Nachbar ernst war. Also verlangte es Malzzucker. Den aß es so schrecklich gern.

Herr Klipperding gönnte Kasperle gern die besten Sachen aus seinem Laden, wenn sie andere für den Kleinen kauften und bezahlten. Er gab darum dem Nachbar für gutes Geld den Malzzucker, und Kasperle konnte schmausen. Das tat es auch mit Behagen. Aber selbst die größte Tüte Malzzucker ist schnell leer, wenn einer so schlingt wie Kasperle. Auf einmal war Kasperle fertig und schrie: »Mehr!«

Es gab aber nicht mehr, und Kasperle entschloß sich endlich zu spielen. Erst schnitt es allerlei Gesichter, dann spielte es ein Stück mit einem Gespenst, und dann noch eins mit der Prinzessin Gundolfine, bei dem es abwechselnd als Kasperle und als Prinzessin auftrat. Die Zuschauer kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus, und es strömten immer mehr herbei.

Herr Klipperding stand mit seiner Frau Pauline vor der Ladentüre und ärgerte sich, daß von all den Zuschauern keiner in seinen Laden kam und einkaufte. Er sagte ein paarmal zu seiner Frau: »Nachher muß Kasperle noch die Erbsen auflesen, das wird ihm nicht geschenkt.«

Kasperle hatte das gehört, und da es gar keine Lust hatte, Erbsen aufzulesen, überlegte es, wie es sich davor drücken könnte.

Es schrie plötzlich: »Platz da, jetzt schießt das Gespenst einen Purzelbaum!« Alle wichen zur Seite, und heidi hopsassa purzelbaumte Kasperle über die Straße, und auf einmal war es verschwunden.

Die Zuschauer warteten noch lange, aber Kasperle kam nicht wieder. Die Kinder suchten es vergeblich, es lag längst in seinem Bett und ruhte sich von der Arbeit aus.

Herr Klipperding mußte seine Erbsen selbst auflesen. Da wurde er wütend auf Fritz, aber der kam auch nicht wieder. Seine Tante, die nach dem Tod des Onkels ganz allein stand, nahm ihn zu sich.

Seitdem konnte Herr Klipperding Kasperle nicht mehr leiden, doch das machte sich nichts daraus.

Der Neckfriede

In Torburg lebte ein Mann, dessen Hauptvergnügen darin bestand, alle Leute zu necken. Er war ein richtiger Neckfriede. Dabei konnte er gar nicht leiden, wenn ihn jemand neckte. Fuchsteufelswild konnte er dann werden.

Manchmal war der Neckfriede in seinen Späßen sehr grob, und so kam es, daß ihn die Leute nicht leiden konnten.

Vor Torburg lag in einem Waldgrunde eine Mühle mit einer Wirtschaft. Dorthin wanderten die Torburger an schönen Frühlings- und Sommertagen, um in der Wirtschaft Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Nirgends bekam man so schöne Waffeln wie in der sogenannten Schwalbenmühle.

Kasperle aß diese Waffeln sehr gern und ging daher nachmittags oft in die Mühle. Dort fand es immer gute Freunde, die ihm ein paar Waffeln schenkten, und meist kam es von einem solchen Spaziergang plumpsatt wieder heim. Denn auch die Müllerin gab ihm gern Waffeln, ohne Bezahlung dafür zu verlangen.

An einem schönen Sommertag ging Kasperle wieder in die Mühle. Es war recht hungrig und freute sich auf die schönen Waffeln.

Wie es aber so kommt, in der Mühle waren gerade keine seiner guten Freunde anwesend, und niemand forderte es zum Waffelessen auf.

Wie es so zwischen den Tischen herumstrich, rief ihm jemand vom Mittelgang aus zu: »Na, Kasperle, willst du keine Waffeln essen?«

Es war Neckfriede, der gerufen hatte. Der saß am breiten Mittelgang und hatte einen großen Teller frischer Waffeln vor sich. Kasperle vergaß Neckfriedes ungute Eigenschaft und ging an dessen Tisch in der Erwartung einige Waffeln zu bekommen, denn es war arg hungrig.

Wer ihm aber keine gab, war Neckfriede. Der aß seine Waffeln alle allein auf und gab Kasperle kein Häppchen.

Das verdroß Kasperle arg. Als es so eine Waffel nach der andern in Neckfriedes großem Munde verschwinden sah, wurde es ihm ganz wind und weh zumute.

Neckfriede aber tat ganz harmlos.

Er fragte freundlich: »Ißt du gerne Waffeln, Kasperle? Sie schmecken heute sehr gut.«

Kasperle konnte es kaum noch aushalten vor Hunger, und an den Nachbartischen fingen die Leute an zu lachen über das hungrige Kasperle. Das ärgerte Kasperle noch mehr.

Da rief jemand von einem andern Tisch herüber: »Kasperle, hier gibt es Waffeln.«

Ei, wie schnell lief Kasperle dorthin, woher der Ruf kam. Alle, die das sahen, lachten. Und das Lachen ärgerte Kasperle so, daß ihm selbst die guten Waffeln, die es diesmal wirklich bekam, gar nicht schmeckten.

Es war und blieb verdrießlich, und mißmutig schlenderte es, nachdem es gegessen hatte, durch den Garten.

Es kam dabei wieder an dem Tisch des Neckfriede vorbei. Der lachte und rief: »Na, Kasperle, willst noch mehr so gute Waffeln haben wie vorhin?«

Kasperle wollte schon die Zunge herausstrecken, als neben ihm ein Junge sagte: »Ärgere dich doch nicht, ich helfe dir.«

Der Junge, der Emil hieß, zog Kasperle mit fort in den Wald hinein.

Dort trafen sie noch zwei Buben, mit denen beratschlagten sie, wie sie dem Neckfriede einen Streich spielen könnten. Mit den drei Buben hatte Kasperle vor einigen Tagen auch ähnliche Streiche verübt, und sie hatten schon auf Kasperles Mithilfe gewartet, um dem Neckfriede eins auszuwischen.

Als die vier lange und gründlich beraten hatten, liefen sie alle zur Mühle zurück. Die drei Buben rannten dort von Tisch zu Tisch und verkündeten, Kasperle würde jetzt im Mittelgang kaspern.

Kasperle hatte sich unterdessen hinter dem Neckfriede einen Tisch herangerückt, so leise, daß dieser dicke Herr, der gerade den zweiten Teller voll Waffeln vor sich stehen hatte, gar nichts davon merkte.

Er goß sich eine Tasse Kaffee ein, nahm eine Waffel und begann zu schmausen.

Auf einmal sah er, wie einer der vorbeigehenden Gäste nach dem andern vor seinem Tisch stehen blieb und lachte.

»Bitte, gehen Sie doch weiter!« sagte er zu einem Herrn, der so lachte, daß er ordentlich wackelte.

Der antwortete aber: »Ich kann stehenbleiben, wo ich will.«

Der Neckfriede wurde ganz wild vor Ärger, denn immer mehr Menschen kamen vorbei, die stehenblieben und lachten.

Er ahnte nicht, daß Kasperle auf dem Tisch hinter ihm seine Gesichter schnitt, denn wenn jemand etwas sagen wollte, legte Kasperle gleich den Finger auf den Mund. Kasperle selbst sprach kein Wort, sondern trieb stumm sein Possenspiel.

Endlich wurde Herrn Neckfriede das Lachen zu viel. Er stand auf und wollte davongehen.

Dabei drehte er sich halb um, und in dem Augenblick streckte Kasperle sein Bein vor.

Das war verkehrt, denn Kasperles Bein und Neckfriedes Nase stießen zusammen. Das war nur für die Nase unangenehm, und da es Herrn Neckfriedes Nase war, fing der heftig zu schelten an. Er wollte Kasperle am Kragen packen, Kasperle aber wollte ausreißen, dabei kam der Tisch ins Wanken, fiel um und am Boden lagen Kaffeekannen, Tassen und Waffeln.

Statt ihn zu bemitleiden, lachten die Leute den Neckfriede aus, und er, der so oft über andere Leute gelacht hatte, ging heute selbst beschämt nach Hause.

Er neckte seitdem Kasperle nie wieder.

Eine Schulgeschichte

Kasperle ging in Torburg nicht in die Schule. Die Lehrer sagten, das gehe nicht, die andern Kinder würden dann nur über Kasperle lachen und dabei das Lernen vergessen.

Das war schon wahr, aber leid tat es den Torburger Kindern, daß Kasperle nicht mit ihnen zusammen in der Schule sein konnte. Es wäre zu lustig gewesen. Aber Kasperle, der kleine Faulpelz meinte, auf dem Schulhof könnte man genug Unsinn machen. Es war darum oft auf dem Schulhof zu finden.

Es gab in Torburg außer zwei Privatschulen noch eine allgemeine Schule, in die Buben und Mädchen gemeinsam hineingingen, und auf deren Schulhof sich Kasperle ganz besonders gern aufhielt.

Einmal, als Kasperle wieder vor Schulbeginn auf dem Hofe herumkasperte, sagten ein paar Buben zu ihm: »Komm doch heute mit in die Schule!«

»Ich darf doch nicht.«

Da erzählten ihm seine Freunde, daß heute ein neuer Lehrer da wäre, der nicht aus Torburg stammte, sondern von auswärts gekommen wäre.

»Der kennt dich nicht, geh doch mit«, baten die Kinder.

»Ich habe kein Frühstück mit«, wandte Kasperle ein, für das die Frühstückspause die Hauptsache war.

Aber alle Buben waren bereit, ihr Frühstück mit Kasperle zu teilen, und so spazierte der kleine Schelm mit den übrigen Schulkindern sehr vergnügt in die Schule hinein.

Da an diesem Tag gerade ein Schüler fehlte, setzte sich Kasperle breit und behaglich an dessen Platz, als ginge es schon seit Jahren in die Schule. Nur eins störte den kleinen Schelm, daß er so weit vorne saß, und er wollte gerade über die Bänke klettern, um sich weiter hinten einen Platz zu suchen, als der Lehrer das Schulzimmer betrat.

»Holla, was soll denn das?« rief er gleich, packte Kasperle beim Bein und hielt es fest. Dabei guckte er Kasperle in das Gesicht und dachte, so ein närrisches Bubengesicht habe ich meiner Lebtage noch nicht gesehen. Er fragte: »Wie heißt du denn?«

»Kasperle«, lautete die Antwort.

»Also Kaspar, Kosenamen gibt es in der Schule nicht«, sagte der neue Lehrer ziemlich streng.

»Ich heiße aber Kasperle.« Es wollte sich von seinem Namen nichts nehmen lassen, denn es war stolz darauf, Kasperle zu heißen.

»Meinetwegen heißt du Kasperle. Sage mir einmal ein Gedicht her.«

Kasperle kannte schon einige Verse, aber die Auswahl war klein. Da dachte es, ich mache einen Witz, dann lacht der Lehrer. Es begann:

»Ich bin so glücklich und so froh

wie einst der König Salomo,

der auf seinem Throne saß

und ’nen Korb voll Äpfel fraß.«

Patsch! da hatte Kasperle eine auf dem Mund, und der Lehrer sagte streng: »Solchen Unsinn will ich nie wieder hören, merk dir das!«

Kasperle schnitt ein Dummkopfgesicht, und der Lehrer dachte: Der ist sehr dumm, ich will mal sehen, wie weit seine Dummheit geht. Er fragte also: »Wieviel ist neun und elf?«

Kasperle machte ein noch dümmeres Gesicht, denn das wußte es wirklich nicht. Es sah sich hilfesuchend in der Klasse um, und die Buben und Mädels jauchzten alle vor Lachen, als sie in das dumme Kasperlegesicht sahen. Selbst dem Lehrer kam es etwas lächerlich vor, aber er fragte doch ernsthaft: »Wenn du neun Äpfel hast und bekommst noch elf dazu, wieviel hast du dann?«

»Genug!« schrie Kasperle so vergnügt, daß der Lehrer ein wenig lächelte. Das sah Kasperle, und es merkte gleich, daß dies sein Vorteil war, und es rief geschwind: »Mit Pfannküchlein rechnen geht leichter.«

Der Lehrer war verdutzt über Kasperles Antwort.

»Also meinetwegen, Kaspar«, begann er.

»Kasperle!« schrien alle Kinder.

»Ich nenne ihn Kaspar, und dabei bleibt es!« rief der Lehrer so streng, daß alle schwiegen. Selbst Kasperle hielt erschrocken seinen Mund.

»Also Kaspar, du hast sechs Zehner, der Pfannkuchen kostet einen Zehner« –

»Er kostet nur einen Fünfer«, unterbrach ihn der kleine Schelm.

»Also gut, einen Fünfer, wieviel Pfannkuchen bekommst du dann für sechs Zehner?«

»Eine ganze Tüte voll!« schrie Kasperle vergnügt.

Der Lehrer sah das Kasperle an. Einen solchen Schüler hatte er noch nie gehabt. »Komm mal her zu mir«, gebot er.

»Du kriegst Hiebe«, tuschelte ein Nachbar so laut, daß es der Lehrer hörte. Der wollte gerade erklären, daß es keine Hiebe geben würde, als das Kasperle ein fürchterliches Gebrüll erhob.

Wenn Kasperle heulte, steckte es die andern an. Erst fingen die kleinen Mädchen zu weinen an, dann die Buben. Da sagte der Lehrer noch zur rechten Zeit: »Kaspar bekommt keine Hiebe.«

Gleich wurden alle wieder still und Kasperle lachte so laut und herzlich, daß alle mitlachten, selbst der Lehrer mußte lachen.

»Also komm her«, gebot er noch einmal.

Da ging Kasperle aufrecht und stramm wie ein rechtes Schulbüblein nach vorn, und der Lehrer dachte: Dumm sieht er eigentlich nicht aus.

Er schrieb nun eine eins an die Tafel und machte darunter zwei Punkte und sagte: »Das hier sind zwei Pfannkuchen.«

»Nä, das sind keine!« schrie Kasperle entrüstet.

»Stelle dir also vor, es seien Pfannkuchen.« Der Lehrer schrieb ärgerlich eine Zwei hin, machte wieder zwei Punkte darunter und fragte: »Wenn du nun für zwei Zehner Pfannkuchen kaufst, wieviel bringst du dann nach Hause?«

»Drei.«

»Wieso denn drei?« sagte der Lehrer streng. »Zähle doch einmal.«

Aber Kasperle ließ sich nicht beirren, es rief freudig: »Einen hab ich doch aufgegessen.« Nahm sein Fingerlein, leckte und wischte den einen Punkt aus. Die Kinder jauchzten laut und der Lehrer sah ein, daß er so nicht zum Ziele kam. »Kaspar muß nachher dableiben«, erklärte er streng.

Nun warteten alle darauf, daß Kasperle wieder heulen würde, aber das heulte nicht, ihm erschien das Dableiben als eine große Ehre. Es ging strahlend vor Freude auf seinen Platz zurück.

Das ärgerte den Lehrer.

»Kaspar«, mahnte er ärgerlich, »das Nachsitzen ist eine große Schande.«

Da senkte Kasperle seine große Nase, bis sie mit der Spitze im Tintenfaß landete.

Das gab wieder ein Geschrei. Kasperle aber lachte dazu, als wäre es wer weiß wie lustig, mit der Nase im Tintenfaß zu stecken.

Der Lehrer, der sonst ein ernsthafter Mann war, wußte nicht, wie ihm geschah, als er in das lachende Kasperlegesicht mit der schwarzen Nase sah. Er mußte ebenfalls laut und herzhaft lachen und sagte: »Geh hinaus und wasche dich!«

»Wir wollen ihm helfen, allein bringt’s Kasperle nicht fertig, das ist zu ungeschickt!« riefen ein paar Mädels.

Von den Buben erklärten einige, Pumpen wäre Bubenarbeit, das verstünden die Mädels nicht.

Das wollten sich aber die Mädels nicht gefallen lassen, und der Lehrer merkte, am liebsten wäre die ganze Klasse mit hinausgelaufen und hätte Kasperle gewaschen. Wenn das alle Tage so mit dem Kasper geht, dann kann es gut werden, dachte er, da lernen doch die Kinder nichts dabei.

Er hieß also zwei Mädels, die sich zuerst gemeldet hatten, mit Kasperle hinausgehen, um es zu waschen, aber ungesehen von ihm schlüpften noch zwei Buben, die neben der Türe saßen, mit hinaus. Der Lehrer fuhr nun fort, Rechenaufgaben zu geben, und die Kinder antworteten besser als er geglaubt hatte.

Auf einmal ertönte draußen lautes Geschrei. Ehe der Lehrer noch nachsehen konnte, was geschehen war, kamen schon die Kinder zurück. In ihrer Mitte führten sie das plitschnasse Kasperle.

»Kasperle ist unter die Pumpe gefallen, gerade wie die Buben so toll gepumpt haben, dabei ist es ganz naß geworden«, klagten die Mädels.

»Ja, ganz naß.« Kasperle schüttelte sich wie ein nasser Hund, und der ganze Katheder wurde von Wassertropfen übersprüht.

»Halt, Kaspar, was fällt dir ein?« rief der Lehrer, der auch etwas abbekommen hatte. Aber Kasperle hielt so schnell nicht ein. Der Lehrer mußte ihm erst mit dem Stock drohen. Da freilich hörte Kasperle geschwind auf. Als es nun still stand, riefen einige Kinder: »Eine schwarze Nase hat es aber immer noch.«

Es war wahr. Kasperles Nase war noch schwarz.

Gleich erboten sich wieder ein paar Kinder, Kasperles Nase zu waschen, aber diesmal rief der Lehrer: »Daraus wird nichts, Kaspar mag sich seine Nase zu Hause waschen.«

»Morgen früh«, antwortete Kasperle bereitwillig.

»Nein, du Schmutzfink, gleich wenn du nach Hause kommst.«

Kasperle schwieg still. Es dachte: So oft waschen ist doch überflüssig. Da gebot ihm der Lehrer: »Setze dich da in die Sonne, damit du trocken wirst.«

Das behagte Kasperle sehr, es ließ sich gerne die Sonne auf den Rücken scheinen und war auch froh, etwas weiter weg von dem Lehrer mit seinem Stock zu sitzen.

Der ließ nun alle Kinder der Reihe nach zu sich kommen, und alle mußten ihren Namen schreiben, damit der Lehrer sie kennenlernte.

Kasperle hoffte, nicht daranzukommen. Aber es kam doch daran.

Auf einmal tönte sein Name durch die Klasse.

Kasperle erschrak. Es hatte seinen Namen so lange nicht geschrieben, daß es ihn überhaupt nicht mehr schreiben konnte. Es stand an der Tafel und leckte an der Kreide. Da bekam es zur schwarzen Nase einen weißen Mund, und die Kinder lachten wieder darüber.

»Nun schreibe doch endlich«, mahnte der Lehrer.

Da schrieb Kasperle seufzend das einzige Wort, das es schreiben konnte, an die Tafel, und der Lehrer las erstaunt: Uhu.

»Was soll das heißen, ist das dein Name?« fragte der Lehrer.

»Nä!« Kasperle lachte vergnügt, aber der Lehrer lachte diesmal nicht mit, der fragte streng: »Warum schreibst du Uhu, soll das ein Witz sein?«

So streng sprach selten jemand mit dem kleinen Wicht. Er senkte tief seine schwarze Nase, er schämte sich sehr, daß er nicht einmal seinen Namen schreiben konnte. So dumm war er. Das war schon traurig.

»Nun sage einmal, wie heißt du denn eigentlich?« ertönte neben ihm des Lehrers Stimme. Sie klang jetzt ganz mild und mitleidig.

»Nur Kasperle«, stotterte der Kleine verlegen.

»Warum nur Kasperle?«

»Weil es ein Kasperle ist«, tönte es im Chor, und auf einmal wollten alle Kinder erzählen, alle wollten über ihren guten Freund berichten. Der Lehrer sah ein, daß er zuhören mußte, und was er erfuhr, war sehr erstaunlich. Ein putzlebendiges Kasperle saß da mit einer schwarzen Nase vor ihm. Er konnte es gar nicht glauben.

Da rief die kleine Resi: »Es soll mal kaspern, dann merkt man’s«.

Der Lehrer sagte nicht nein, und Kasperle begann sein Spiel. Es verrenkte seine Glieder, schlug Purzelbäume, schnitt Gesichter, redete mal laut, mal leise, mal hoch, mal tief, lauter erschrecklichen Kasperleunsinn zusammen. Der Lehrer lachte, als hätte er sich flugs in eine Lachtaube verwandelt. Er war froh, daß Kasperle erklärte, es wolle nicht mehr in die Schule kommen. »Nur manchmal auf Besuch, wenn ich nicht schreiben brauche«, sagte es.

Damit war der Lehrer einverstanden, und fortan waren er und Kasperle die allerbesten Freunde.

Kasperle und der Herzog

Personen:

Der Herzog August Erasmus

Ein Diener

Kasperle

Der Leibarzt Dr. Lakritze

Spielt im Schloß des Herzogs.

Der Herzog: »Wo ist Kasperle?«

Diener: »Das ist im Garten.«

Der Herzog: »Was tut es da?«

Diener: »Es frißt Pflaumen.«

Der Herzog: »Pfui, wie unschicklich, fr–essen sagt man nicht.«

Diener: »Wenn einer so wie Kasperle schlingt.«

Der Herzog: »Überhaupt sind die Pflaumen noch nicht reif.«

Diener: »Das ist doch Kasperle gleich, es frißt eben.«

Der Herzog: »Das ist unschicklich.«

Diener: »Das sage ich ja auch.«

Der Herzog: »Ich meine fr–essen zu sagen.«

Diener: »Es tut es doch.«

Der Herzog: »Rufe Kasperle, es soll mir etwas vorkaspern, ich habe Langeweile.«

Diener (ruft): »Kasperle, Kasperle, höre auf mit Pflaumenfressen. Komm herein!«

Der Herzog: »Das ist doch unschicklich.«

Diener: »Das meine ich auch.«

Der Herzog (ärgerlich): »Fr–essen zu sagen.«

Diener (brummig): »Es tut es doch.« (Ab) (Kasperle kommt)

Kasperle: »Holdirallala, was soll ich denn?«

Der Herzog: »Was hast du eben getan?«

Kasperle: »Pflaumen gefressen.«

Der Herzog: »Das ist unschicklich.«

Kasperle: »Es gibt doch so viele.«

Der Herzog: »Ich meine, fr–essen zu sagen.«

Kasperle: »Ach, wenn es weiter nichts ist. Was soll ich denn tun?«

Der Herzog: »Mir etwas vorkaspern, ich habe so Langeweile.«

Kasperle: »Ein Kasperlesspäßlein.«

Der Herzog: »Ja, ein recht lustiges Kasperlesspäßlein.«

Kasperle (hebt ein Bein und stößt den Herzog vor den Magen): »Kiks, kiks, kiks.«

Der Herzog: »Oh, Kkkkkkkkk–kiks ist unschicklich.«

Kasperle: »Ich sollte doch ein Kasperlesspäßlein machen, das ist eins.«

Der Herzog: »Mach ein anderes, nicht kkkkkk–kiks.«

Kasperle: »Das ist unschicklich, ich weiß schon.« (Hebt die Hand und kitzelt den Herzog am Kinn): »Killekillekille.«

Der Herzog: »Kkkkkkk–kille ist unschicklich.«

Kasperle: »Es ist doch ein Kasperlesspäßchen.«

Der Herzog: »Mach ein anderes.«

Kasperle (kraut den Herzog am Kopf): »Krappelkrappel.«

Der Herzog: »Kkkkkkkkkkk–krappel krappel machen ist doch auch unschicklich.«

Kasperle: »Alles ist unschicklich, was soll ich denn für ein Späßlein machen? Halt, ich weiß, paß mal auf! Ich mache kuller kuller und rolle dir diese Pflaume zu.« (Der Herzog nimmt die Pflaume und ißt sie auf.)

Kasperle: »Hach, der Herzog hat nun auch eine unreife Pflaume gefressen.«

Der Herzog: »Das ist unschicklich, man sagt nicht fr–, au weh, ich kriege Bauchschmerzen. Schnell, schnell, der Doktor soll kommen.«

(Man hört den Doktor Lakritze draußen rufen): »Was ist denn geschehen, ich komme schon.«

Der Herzog: »Ich habe eine unreife Pflaume gefressen.«

Kasperle: »Jemine! Die Bauchschmerzen müssen arg schlimm sein, jetzt hat er auch gefressen gesagt.« (Ab)

Doktor Lakritze: »Das ist eine schlimme Geschichte. Unreife Pflaumen fressen ist un–«

Der Herzog: »Unschicklich.«

Doktor Lakritze: »Ungesund wollte ich sagen, sogar höchst ungesund.«

Der Herzog: »Kasperle ist dran schuld.«

Kasperle (schreit hinter dem Vorhang): »Ich habe doch nur ein kleines Späßchen gemacht, die Pflaume war ganz reif.«

Der Herzog: »Heißa! Ich bin nicht krank, ich bin gesund, ich habe keine Bauchschmerzen mehr. Kasperle komm wieder, mach wieder ein Späßchen!«

Kasperle (hinter dem Vorhang): »Danke schön, ich bin späßleinsmüde.«

Kasperle als Bäckerlehrling

Als Kasperle noch in Torburg lebte, bekam es eines schönen Tages Langeweile. Es klagte dem Kasperlemann, der gerade zu Hause war, sein Leid. Der meinte: »Kaspere nur, da vergeht deine Langeweile.«

Doch gerade dazu hatte Kasperle keine Lust. Es redete davon, es wollte jetzt etwas lernen, ein Handwerk ergreifen, ein ehrsamer Bürger werden und heiraten, am liebsten das Marlenchen. Das dachte es sich wunderschön.

»Aus einem Kasperle wird seiner Lebtag kein Handwerksmeister«, sagte der Kasperlemann. »Schuster, bleib bei deinen Leisten.«

»Schuster will ich gar nicht werden.« Kasperle rief es stolz und blähte sich dazu auf wie ein Fröschlein. Hach, es wußte schon, was es werden wollte.

Da sah es der Kasperlemann von oben bis unten an und sagte spöttisch: »Du willst wohl Zuckerbäcker werden, schaust gerade so aus.«

Wie kann einer einem nur das von der Nase ablesen. Gerade hatte nämlich Kasperle tatsächlich gedacht, ich werde Zuckerbäcker, da kann ich den ganzen Tag Küchlein essen. »Hach!« machte Kasperle und sperrte den Mund vor Erstaunen ganz weit auf.

»Potz Blitz!« rief der Kasperlemann, »da gehen ja zehn Pfannküchlein auf einmal hinein.«

Bei Nennung der zehn Pfannküchlein lief dem Kasperle das Wasser im Mund zusammen, und es hatte es auf einmal sehr eilig mit dem Zuckerbäckerwerden. Es schrie: »Du hast recht geraten, ich werde Zuckerbäcker, aber einer, der die schönsten Torten im ganzen Lande bäckt!«

»Ei, Kasperle, nimm den Mund nicht gar zu voll, du mußt ja erst lernen, und du hältst es nicht drei Tage als Lehrling aus.«

»Wetten, daß –« schrie Kasperle und streckte dem Kasperlemann die Hand hin.

»Jawohl«, sagte der, »wenn du drei Tage aushältst, bekommst du von mir zehn Pfannküchlein, sonst –«

»Bekommst du einen Nasenstüber!« schrie Kasperle frech.

Schwapp, da hatte Kasperle eine Ohrfeige weg, daß es gleich hintenüber fiel.

»Sonst«, redete der Kasperlemann ruhig weiter, »mußt du einen ganzen Nachmittag in meiner Bude kaspern.«

»Abgemacht, ich kriege zehn Pfannküchlein.«

»Erst drei Tage Lehrzeit aushalten«, spottete der Kasperlemann.

Die beiden stritten sich eine Weile hin und her, aber Kasperle hatte den größten Mund und schrie so, daß der Kasperlemann zuletzt still schwieg und sich seinen Teil dachte.

Erster Lehrtag

Am nächsten Morgen ließ sich Kasperle von Frau Liebetraut, seiner mütterlichen Freundin, eine weiße Schürze geben, band ein blaues Halstuch um, setzte eine alte Gartenmütze auf und meinte, nun sehe es aus wie ein Bäckerlehrjunge. Es sagten zwar alle, denen es sein Vorhaben mitteilte, Meister Hummel, der einzige Zuckerbäcker von Torburg, würde es gar nicht als Lehrling annehmen, ein Kasperle tauge nicht zum Zuckerbäcker. Aber Kasperle war mutig, es fand einen Ausweg. Es sagte, es würde sich Michel nennen; dann würde es niemand erkennen mit seiner weißen Schürze, dem blauen Halstuch und der alten Gartenmütze. Es war ganz unmöglich, daß jemand denken könnte, es sei Kasperle. Also gekleidet ging es zu Meister Hummel und sagte sich unterwegs ein Sprüchlein vor, das es dem Meister vortragen wollte: es sei ein armes Waisenbüble und wolle ein recht tüchtiger Zuckerbäcker werden.

Als es den Laden betrat, saß die Meisterin hinter dem Ladentisch. Sie rief gleich: »Na, Kasperle, willst du wieder Pfannküchlein holen?«

»Ja«, antwortete Kasperle verdutzt.

»Wieviel?«

»Zehn.« Doch während die Meisterin die Küchlein in eine Tüte zählte, fiel es Kasperle ein, daß es ja Michel wäre, und es schrie: »Ich bin nicht Kasperle!«

Die Meisterin lachte: »So, wer bist du denn, du siehst doch gerade wie Kasperle aus?«

»Ich heiße Michel und will Bäckerlehrjunge werden«, rief Kasperle und langte nach der Tüte mit den Pfannküchlein. Aber die Meisterin gab sie ihm nicht, die fragte erst vorsichtig, ob es auch Geld hätte. Da mußte Kasperle bekennen, daß es keinen Pfennig sein eigen nannte.

Inzwischen war der Meister in den Laden getreten, der sagte streng: »Kasperle, ohne Geld gibt es keine Küchlein.«

»Ich bin nicht Kasperle!« rief der kleine Strick, ärgerlich darüber, daß ihn auch der Meister gleich erkannte.

»Potztausend, wer bist du denn?« Der Meister lachte.

»Michel, der Lehrjunge.«

Nun mischte sich die Meisterin ein und erzählte, daß Kasperle bei ihnen Lehrjunge werden wollte.

Dem Meister war an dem Tage gerade sein Lehrjunge davongelaufen, und er wollte lieber Kasperle nehmen als gar niemand haben. Er fing also an, mit Kasperle zu verhandeln, und bald waren sich die beiden einig. Kasperle sollte erst einmal für drei Tage zur Probe bei Meister Hummel bleiben. Hatten dann beide noch Lust, sollte Kasperle drei Jahre lernen. Kasperle konnte gleich bleiben, und weil die Meisterin das Mittagessen kochen wollte und der Meister in der Backstube zu tun hatte, mußte Kasperle in der Ladenstube bleiben und aufpassen, ob jemand in den Laden kam. Es war dies nicht klug von der Meisterin. Sie hätte wissen müssen, daß man Kasperle nicht mit den Küchlein allein läßt.

Kasperle fing auch gleich zu schmausen an. Es versuchte jeden Kuchen und wollte gerade mit dem Finger in eine Cremetorte rutschen, als eine Nachbarin den Laden betrat. Kasperle machte vor Schreck über den unerwarteten Besuch sein allerschlimmstes Teufelsgesicht, und die Frau, die dachte, es wäre ein Einbrecher, fing furchtbar zu schreien an.

Als die Meisterin das Geschrei hörte, kam sie eiligst angelaufen. Kasperle wäre es beinahe schlecht gegangen, denn die Meisterin war eine handfeste Frau, die schon mit einem Kasperle fertig wurde, aber der kleine Schelm erkannte die Gefahr rechtzeitig, er entwischte schnell und kletterte auf den großen Schrank, der hinter dem Ladentisch stand. Oben angelangt, schnitt er sein häßlichstes Räubergesicht, und die gute Nachbarin erschrak wieder so sehr, daß sie laut schreiend auf die Gasse stürzte und dort brüllte, beim Bäcker Hummel säße der Teufel auf dem Schrank.

Potz Wetter, den wollten alle sehen, und im Laden stauten sich die Menschen. Die Meisterin, die wohl sah, daß alle aus Neugier kamen, fragte jedes schelmisch: »Was wollen die Herrschaften, der Kuchen ist ganz frisch, wollen Sie Apfelkuchen, Streußelkuchen oder Pfannküchlein?«

Da schämten sich die Leute über ihre Neugier und es verlangten auch manche Kuchen, die gar keinen hatten kaufen wollen. Während die Meisterin die Küchlein hurtig einpackte, ein Paket nach dem andern, tat sie so, als sähe sie nichts von dem Kasperle. Sie drehte sich nicht einmal nach ihm um, und die Leute sagten zueinander: »Sie weiß es gar nicht, daß der Teufel in ihrem Laden sitzt.«

Das hörte die Meisterin, und weil sie eine Schelmin war, sagte sie heiter: »Mir tut er nichts, er wartet hier auf jemand, der über andere üble Nachrede führt. Wer das tut, mag sich schon in acht nehmen.«

Wutsch! huschten einige aus dem Laden, das waren also solche, die kein reines Gewissen hatten und die gern über ihre lieben Nächsten klatschten. Kasperle merkte die Schelmerei, und gerade wollte es anfangen, noch schlimmere Gesichter zu schneiden, als ein Büblein den Laden betrat. Auf der Gasse war ein großes Geschrei: beim Bäckermeister Hummel wäre der Teufel. Den wollte das Büblein sehen. Es fürchtete sich gar nicht und drängte sich keck vor. Es wollte den Teufel ganz genau sehen. Eine Frau warnte: »Nicht so vorwitzig, sonst nimmt er dich mit.«

Aber das Büblein brach in ein schallendes Gelächter aus. »Der holt mich nicht«, rief es, »das ist ja Kasperle!«

Als Kasperle dies hörte, erschrak es so, daß es das Gleichgewicht verlor und der Meisterin auf den Kopf fiel.

Na, ein Kasperle auf den Kopf zu bekommen, ist nicht gerade angenehm. Die dicke Meisterin wäre beinahe umgefallen. Sie schwankte ein wenig hin und her, blieb aber stehen und das Kasperle rutschte auf den Boden. Dort lag es, und weil ihm himmelangst wurde vor den vielen Menschen, die es neugierig betrachteten und davon redeten, ob es wirklich das berühmte Kasperle oder doch etwa ein Teufel sei, verdrehte Kasperle fürchterlich seine Augen. »Es stirbt, Kasperle stirbt!« schrie das Büblein klagend.

»Ich stirbse nicht«, versicherte Kasperle, dem das Büblein in seiner Angst leid tat, und machte gleich ein ganz freundliches Gesicht.

Da erkannten es alle. Sie lachten und riefen: »Ach, es ist wirklich Kasperle. Was will denn der Strick hier bei Ihnen im Laden, Frau Meisterin?«

Die Frau lachte. »Es will Zuckerbäcker werden«, erzählte sie.

Zuckerbäcker, das Kasperle! Lachen rauschte durch den Laden.

Am lautesten lachte das Büblein. Das lief flugs auf die Gasse und brüllte es dort laut hinaus: »Kasperle will Zuckerbäcker werden!«

Da kamen von allen Seiten die Buben und Mädels an und staunten in den Laden hinein, in dem Kasperle allen Leuten die wunderbare Geschichte erzählte, daß es, um seine Freundin Marlenchen heiraten zu können, ein Handwerk lernen wolle.

»Daraus wird doch nichts, du lernst nie aus!« riefen die Frauen.

»Drei Tage halt ich schon aus«, sagte Kasperle treuherzig, und erzählte in seiner Sorglosigkeit, was es mit dem alten Kasperlemann vereinbart hatte.

»Einen Lehrjungen, der nur drei Tage bei mir bleiben will, kann ich nicht brauchen!« rief der Meister.

Kasperle sah erst ganz verdattert drein, dann aber, als der Meister ernsthaft sagte, es solle machen, daß es fortkäme, fing es fürchterlich an zu weinen, denn es wollte doch seine Wette nicht verlieren. Man soll nicht denken, daß es dem Kasperle allein um die Pfannküchlein ging, es war ihm auch um die Ehre zu tun, es wollte nicht immer der Verlierer sein. Die Kinder draußen hörten Kasperle so bitter weinen, und erschrocken drängten sie in den Laden, denn sie dachten, Kasperle geschähe ein Leid. Auf einmal war der Laden überfüllt, die Kinder stießen, schubsten und pufften sich, denn alle wollten sie vorn stehen und Kasperle sehen. Die Erwachsenen hatten ihre liebe Not mit ihnen, und der Meister seinen besonderen Ärger. Die Kinder taten ja gerade, als täte er dem Kasperle was an. Er schalt, die Kinder sollten hinausgehen, sie hätten nichts im Laden zu suchen, kaufen würden sie doch nichts. Je mehr der Meister aber schalt, desto mitleidiger redeten die Kinder mit Kasperle, und um so mehr schrie der Schelm.

Es war ein Lärm zum Davonlaufen, und der Meister lief auch davon. Er sagte noch zu seiner Frau: »Mach’ was du willst.« Das sagte er immer, wenn er durch seine Heftigkeit etwas verpatzt hatte. Und seine Frau machte es richtig. Sie steckte erst mal Kasperle den letzten Teekuchen, den es noch im Laden gab, in den Mund, und bums war das Kasperle still. Dann sagte sie, der kleine Strick dürfe drei Tage als Lehrbube zur Probe bleiben, er müsse aber versprechen, recht artig zu sein.

»Ich versprech’s!« schrie Kasperle und turnte an einem Brotregal auf und ab. Dann stand das Kasperle mitten unter den Kindern und großen Leuten, und alle baten: »Kaspere ein bißchen!« Aber Kasperle gähnte und sagte, es wäre sehr müde.

»Dann geh in die Backstube und lege dich auf die Ofenbank, da ist es schön warm.« Die Meisterin machte selbst die Türe zur Backstube auf, und Kasperle spazierte ganz gehorsam hinein.

»Geht nach Hause«, sagte die Meisterin zu den Kindern.

Da – ein Stöhnen, Pusten und Ächzen, ein dumpfes Poltern, ein schwerer Fall, war aus der Backstube zu hören. Was war geschehen?

Kasperle hatte einen mit Mehl gefüllten Backtrog für ein warmes, weiches Bettchen gehalten, in das hatte es sich hineingelegt – und war im Mehl versunken. Bei dem Bemühen, wieder herauszukommen, war es mit dem ganzen Trog, der auf zwei Stühlen stand, umgefallen. Kasperle lag unter dem Trog und die Meisterin vergaß das Schelten und griff rasch zu, um den Kleinen zu befreien, denn sie hatte Angst, der kleine Schelm könnte ersticken.

Na, erstickt war das Kasperle noch nicht, es hustete, spuckte und jammerte aber ganz gewaltig, denn das Mehl war ihm in Mund und Nase gekommen und das ganze Kasperle sah aus wie mit Zucker bestreut. Na, das war eine Bescherung. Der Meister und die Gesellen hatten das Gepolter auch gehört. Sie kamen eilig angelaufen und sahen das Unheil, das Kasperle angerichtet hatte. – Der Meister konnte schon tüchtig schimpfen, aber der Altgeselle konnte es noch viel besser. Der wetterte so los, daß es dem Kasperle und allen Kindern himmelangst wurde. Kasperle vergaß sogar das Kaspern vor Schreck.

»Es muß Hiebe haben«, schrie der wütende Geselle.

»Ja, tüchtig«, fiel der zweite Geselle ein.

Der Meister holte aus einer Ecke einen Stock heraus und es wäre beinahe dem Kasperle ganz schlimm ergangen. Doch da war ein Büblein, das ein abgrundtiefes Mitleid mit dem Kasperle hatte, das stellte sich mutig vor den zornigen Meister hin und rief: »Tu dem Kasperle nichts, hau mich dafür!«

Das war weder dem Meister noch den Gesellen je vorgekommen, daß ein anderer des Kameraden Hiebe auf sich nehmen wollte, und der Meister ließ den Stock sinken, sah das Kasperle an und fragte: »Was nun?«

»Hau mich schon«, schluchzte Kasperle, »aber leg ein Brett unter.« Ja, Kasperle war mordsschlau. Da rasselte es auf einmal wie eine alte Wetterfahne, die sich im Winde dreht, der wütende Altgeselle fing an zu lachen, was er seit zehn Jahren nicht getan hatte, denn er war ein griesgrämiger Bursche. Wenn einer lacht, steckt das meist an. Zuerst lachten die Kinder, der Meister lachte und die Meisterin, der Zweitgeselle fiel ein, und alle Leute, die sich in die Backstube gedrängt hatten; zuletzt aber lachte Kasperle selbst, und es konnte es am besten. Es schüttelte sich wie eine Birke im Herbststurm und sperrte seinen Mund auf wie ein Briefkasten seine Bodenklappe, wenn der Briefträger zum Entleeren kommt. Da war von Durchwichsen keine Rede mehr, und das Büblein konnte beruhigt sein, Kasperle bekam an diesem Abend keine Hiebe mehr. Es durfte sogar ins Bett gehen, obgleich der Altgeselle sagte, eigentlich müßte der Lehrjunge auch in der Nacht helfen, denn damals hatten die Bäcker in der Nacht die Hauptarbeit. Aber Kasperle fiel vor Müdigkeit beinahe über seine eigene Nase. Die Meisterin hatte Mitleid mit ihm. Sie brachte Kasperle selbst in das Lehrjungenkämmerchen und dort durfte es sich ins Bett legen. »Schlaf gut, kleines Kasperle«, sagte die freundliche Frau und deckte den kleinen Schelm zu. – Heidi! schlief das Kasperle ein. Die Meisterin war noch nicht an der Türe, da schnarchte es schon, und die Frau dachte: Der kann es aber gut.

Zweiter Lehrtag

Kasperle wurde am nächsten Tag in aller Herrgottsfrühe recht unsanft geweckt. Der Altgeselle stand an seinem Bett und goß ihm ein Tröpflein kaltes Wasser auf seine große Nase. »Aufstehen!« schrie er dabei. »Du mußt Brötchen austragen.«

Kasperle wollte maulen, da kam es aber beim Altgesellen schlecht an. Der packte es am Kragen, hob es aus dem Bett, setzte es auf den Fußboden und drohte ihm, er würde es hinaustragen und unter die Pumpe setzen, wenn es sich nicht fix anziehen würde. Unter die Pumpe gesetzt zu werden, schien Kasperle nicht verlockend zu sein, es schlüpfte darum schnell in sein Höslein und hätte das Waschen vergessen, wenn der Altgeselle nicht ziemlich grob daran erinnert hätte. So kam denn Kasperle leidlich sauber in seine Höslein, und da sein Magen ordentlich knurrte, dachte es zuerst ans Frühstück, und weil Meister Hummel doch eigentlich ein Zuckerbäcker war, meinte es: Jetzt gibt es Kuchen.

Es gab aber weder Kuchen noch sonst etwas. Mit hungrigem Mäglein mußte Kasperle in die Morgenluft hinaus. Die Meisterin hatte ihm genau aufgeschrieben, wo es hingehen sollte, sie sagte: »Hier in der Paradiesgasse fängst du an und dann geht’s in der Reihenfolge weiter, wie es auf diesem Zettel steht.«

Nun, verstanden hatte Kasperle schon, aber lesen konnte es doch nicht. Zur Not brachte es ein paar gedruckte Wörter zusammen, alles andere hatte es schon längst wieder verlernt. Um das auf den Zettel Geschriebene herauszubuchstabieren, hätte es wohl ein Jahr gebraucht. Das sagte aber der kleine Dummkopf nicht. Er verließ sich auf sein gutes Glück und dachte, ich finde schon ein Büblein, das mir hilft. Aber auf der Gasse war so früh noch kein Büblein zu sehen, die lagen noch alle in den Betten und schliefen, und Kasperle mußte sich allein helfen. Das tat es auch, aber auf seine Art. Es lief einfach mit seinem Tragkorb von Haus zu Haus, und weil die Meisterin gesagt hatte, es solle nicht klingeln, um die Leute nicht aus dem Schlaf zu wecken, bumste es mit dem Fuß an die Haustüre. Und Kasperle konnte das Bumsen gut. Es dröhnte nur so durchs ganze Haus, und die Leute fuhren aus dem Schlaf empor, und einige guckten zum Fenster heraus und schimpften hinter Kasperle her. Das kümmerte sich gar nicht darum und lief weiter, legte vor jedes Haus so viele Tüten mit Brötchen als es Stockwerke hatte, mal große, mal kleine, gerade wie es kam, dann ging es ganz stolz in die Bäckerei zurück. Die Meisterin hatte zwar gesagt, es müßte durch die ganze Stadt laufen, und es dachte, ich muß es ihr sagen, daß das Gebäck dazu gar nicht gereicht hat.

Als es aber in den Laden trat, stand da ein Fremder, Der sprach mit der Meisterin und rief gleich, als Kasperle seine große Nase zur Türe hereinsteckte: »Da ist er, ja, der war es!«

Kasperle erkannte den alten Herrn wieder. Das war einer von denen, die so über sein Gebumse an den Türen geschimpft hatten.

»Was hast du denn für einen Unsinn gemacht, Kasperle?« fragte die Meisterin streng.

»Nichts«, erwiderte der kleine Schelm treuherzig, denn er meinte, das bißchen Bumsen könnte man doch nicht übelnehmen.

»So, nichts! Wer hat denn an die Haustür geklopft, wie ein Schmied auf den Amboß und wer hat denn bei uns drei falsche Tüten abgegeben, auf denen ganz andere Namen stehen? Ich will Mohnkringel und keine Brötchen.« Das ist schlimm, wenn einer Mohnkringel essen will und keine bekommt. Der alte Herr schalt denn auch wie eine Elster und ließ die Meisterin gar nicht zu Worte kommen.

Wie er noch mitten im Reden war, kam eine Frau in den Laden, die konnte das Schelten noch besser, denn die schalt gleich für drei Nachbarn mit. Zwei schickten die Brötchen wieder zurück – sie hätten gar keine bestellt – und der dritte hatte nur die Hälfte bekommen, die Frau selbst hatte nur Mohnkringel erhalten, und die konnte sie nicht vertragen.

»Wie dumm«, brummte der alte Herr.

Potz Blitz! nahm das die Frau übel. Sie zeterte los und der alte Herr blieb ihr auch keine Antwort schuldig, und während sich die beiden zankten, dachte Kasperle daran, auszureißen, denn es merkte nun, daß es an all dem Streiten schuld war.

Es kam aber nicht zur Türe hinaus. Durch diese drängten sich immer mehr Leute in den Laden, einige mit Tüten, andere ohne solche, aber alle schimpften sie. Die einen hatten falsches Gebäck bekommen, die anderen hatten gar nichts bestellt, am meisten aber beschwerten sie sich über das furchtbare Gebumse. Alle waren sie deshalb zu früh aufgestanden und waren schlechter Laune. Es kamen immer mehr Menschen und zuletzt kamen noch alle die, die weiter weg wohnten und überhaupt kein Gebäck mehr bekommen hatten.

Es war wieder einmal ein Höllenspektakel in der Bäckerei Hummel.

Der Meister hörte es natürlich in seiner Schlafstube, denn er hatte sich endlich zum Schlafen hingelegt. Er dachte: Was hat das verflixte Kasperle wohl wieder angerichtet? Er blieb aber vorläufig liegen, und das war ein Glück für Kasperle, denn der zornige Meister hätte gerade noch gefehlt. Es ging ihm ohnehin schlecht genug. Und der Meisterin ging es noch schlechter. Als es endlich herauskam, daß Kasperle überhaupt nicht lesen konnte, da sagten alle: »Wie kann man auch nur ein Kasperle als Lehrling einstellen, da können ja nur Dummheiten und Unsinn entstehen!« Das ging Kasperle über die Hutschnur. Das kränkte es in seiner Ehre. Es brüllte so laut es konnte, und es konnte sehr laut brüllen: »Ich bin nicht so dumm!«

»Halt den Schnabel!« befahl ein Mann und gab ihm einen Klapps auf den Mund. Der kannte aber das Kasperle schlecht, das ließ sich nicht so ohne weiteres auf den Mund schlagen. Es fing so fürchterlich an zu schreien, daß die Leute von der Gasse wieder in den Laden stürmten und fragten, was denn dem Kasperle geschehen sei. Die einen fragten, die anderen wollten erklären, Kasperle brüllte, die Meisterin weinte, und auf einmal tat sich die Türe auf und herein kam nun doch der Meister im buntgeblümten Schlafrock, den Stiefelknecht in der Hand und drohte, er würde alle weich wie Teig schlagen, wenn es nicht bald Ruhe gäbe.

Nun, zu einer Teigmasse wollte keines geschlagen werden, vor dem zornigen Meister hatten sie Angst, also rissen alle aus. Kasperle wollte auch ausreißen, wer es aber festhielt, war der alte Herr, der sich zuerst beklagt hatte. Der packte es am Kragen, hielt es hoch und sagte: »Das soll ein Bäckerlehrjunge sein, der kann ja nicht einmal lesen!«

»Doch«, schrie Kasperle beleidigt.

»Geschriebenes auch?«

Kasperle wurde verlegen. »Ich hab’s verlernt«, stammelte es.

»Ach je«, rief die Meisterin, »und ich hab ihm alles genau aufgeschrieben.« Da kam es denn heraus, daß das gute Kasperle den Zettel und die Aufschriften auf den Tüten gar nicht gelesen hatte, und die Meisterin sah ein, daß man ein Kasperle nicht so ohne weiteres Ausgänge machen lassen kann. Für das Gebumse aber bekam es von dem alten Herrn noch eine Ohrfeige. Damit war die Sache erledigt.

Der Meister knurrte und brummte noch ein bißchen, und der Altgeselle brummte noch viel mehr, aber die Meisterin wußte sie zu beruhigen. Es kamen noch viele Leute an diesem Vormittag zu Meister Hummel und beschwerten sich, am meisten aber über das Gebumse. Das hatte sie alle im Morgenschlaf gestört.

Ich muß Kasperle alles besser klarmachen, es hat es ja nicht böse gemeint, dachte die Meisterin. Aber was helfen die besten Absichten, wenn es sich um ein Kasperle handelt?

Der kleine Schelm saß inzwischen in der Backstube und stach kleine Kuchen mit einer Blechform aus. Wenn einer mißlang, aß er den Teig auf. Es mißlangen aber mit der Zeit so viele, daß der Altgeselle darauf aufmerksam wurde, und schließlich wurde Kasperle mit Schimpf und Schande aus der Backstube gejagt.

Zum Glück wurde bald zum Mittagessen gerufen, und Kasperle folgte dem Ruf sehr geschwind. Leider hatte es vergessen, sich die Hände zu waschen, denn mit Mehl- und Teigfingern kommt man nicht zu Tisch. Der Meister schickte Kasperle wieder hinaus, gerade als die Magd die verlockend duftende Bratwurst auftrug.

Als der kleine Wicht wieder kam, war die Bratwurst, die er so gerne aß, alle. Der Altgeselle steckte eben das letzte Stück in seinen Mund. Wupp! da war es drin, und Kasperle hatte das Nachsehen. Es wollte anfangen zu brüllen, aber da sagte der Meister: »Warte, ich hole den Stiefelknecht!«

Da war Kasperle wie auf den Mund geschlagen, denn mit diesem Herrn wollte es keine Bekanntschaft machen. Es schluckte traurig seinen Kartoffelbrei hinunter und fand das Lehrlingsleben gar nicht sehr erfreulich. Wenn nur erst die drei Tage herum wären, und es seine Wette gewonnen hätte.

Ebenso dachte die Meisterin. Sie hatte an diesem Tage gerade alle Hände voll zu tun und nun mußte sie noch auf Kasperle aufpassen. Beinahe hätte sie vergessen, der reichen Frau von Stipps die bestellten Butterhörnchen zu schicken. Sie wollte den Zweitgesellen schicken, aber der brummte, er hätte keine Zeit, Kasperle sollte gehen, wozu wäre es denn da.

Die Meisterin nahm sich also Kasperle vor, zeigte ihm das Haus, in dem die Frau von Stipps wohnte, ermahnte es, nicht zu bumsen, sondern fein vorsichtig zu klingeln, und dann ließ sie es gehen. Wenn es der Kleine nur richtig macht, dachte sie.

Nun, es ging, wie es eben einem Kasperle gehen kann.

Frau von Stipps stand am Fenster und war verdrießlich. Herr von Stipps lag nämlich im Bette und hatte Kopfschmerzen. Dann wollte er immer größte Ruhe im Hause haben, und gerade heute hatte sie ihr Kaffeekränzchen, und die Damen pflegten dabei viel zu schwatzen.

Wie Frau von Stipps so am Fenster stand und hinaussah, erblickte sie auf einmal Kasperle, das in einer weißen Schürze, mit einem weißverdeckten Korb am Arm daherkam, wie ein richtiger Bäckerjunge.

Aha, der bringt meine Butterhörnchen, dachte Frau von Stipps.

Aber jemine! Was machte denn der Junge?

Er schwenkte den Korb wie ein Uhrpendel hin und her und pardauz! lagen alle Butterhörnchen auf der Straße. Gerade in den Schmutz waren sie gefallen.

Jetzt wird der ungeschickte Junge zurückgehen und andere holen, dachte Frau von Stipps.

Aber Himmel, was tat der Bäckerjunge?

Frau von Stipps fiel beinahe in Ohnmacht, denn Kasperle, das unnütze Kasperle, wischte alle Butterhörnchen am – Hosenbödle ab und warf sie wieder in den Korb. Er bringt sie wirklich herauf!

Ja, Kasperle brachte sie schneller in die Wohnung, als Frau von Stipps geahnt hatte. Was wußte die, wie schnell ein Kasperle Treppen hinaufflitzen konnte. Eins, zwei, drei war es oben.

An der Tür war ein Klingelknopf, daran hing ein Zettel. Auf dem stand: »Bitte nicht klingeln, nur leise klopfen!«

Um den Zettel kümmerte sich Kasperle nicht. Es hätte ja auch nicht lesen können, was darauf stand. Bumsen sollte es nicht, also klingelte es, aber wie! Es drückte in einem fort auf den Knopf, daß die Klingel ununterbrochen läutete.

Drinnen hörten es alle, und als die Klingelei kein Ende nehmen wollte, sprang der gnädige Herr aus dem Bette, und es war gut, daß er schon seinen Schlafrock anhatte, sonst wäre er im Hemd an die Glastür gelaufen, so wütend war er. Kasperle machte gerade kein sehr kluges Gesicht und staunte sehr, als Herr von Stipps mit seiner Frau und dem Dienstmädchen angelaufen kam und rief: »Das ist der Junge, der heute früh so an die Tür gebumst hat!«

»Jawohl«, schrie seine Frau, »und der gerade drunten auf der Straße die Butterhörnchen an seinem Hosenbödle abgewischt hat!«

»Waaas hat er gemacht?« rief Herr von Stipps.

Die gnädige Frau erzählte nun, was sie vom Fenster aus beobachtet hatte, und Kasperle machte das treuherzigste und unschuldigste Gesicht von der Welt dazu und versicherte, als Frau von Stipps einmal Atem holte: »Sie sind wieder ganz sauber geworden!«

»Am Hosenbödle?« riefen Mann, Frau und Magd wie aus einem Munde.

»Na ja, ich wisch doch alles am Hosenbödle ab.« –

Kasperle wunderte sich sehr, daß die Frau und die Magd so entsetzte Gesichter machten, der Herr dagegen machte ein Gesicht, als kitzelte ihn etwas an der Nase, er schien eher zu wissen, was ein Hosenboden für ein Kasperle bedeutet.

Die beiden Frauen aber starrten das Kasperle an, als wäre es aus einem Zirkus entsprungen. Kasperle wußte vor Verlegenheit gar nicht, wo es hinsehen sollte. Es fing darum an, Gesichter zu schneiden, und da geschah ein Wunder: der Herr von Stipps vergaß seine Kopfschmerzen und seine schlechte Laune und lachte auf einmal schallend los.

Gleich lachte Kasperle mit, und wo zwei lachen, konnte die Magd Berta nicht still sein, sie mußte auch lachen.

Das Lachen nahm aber die Frau übel. Sie sagte streng: »Du mußt mir frische Hörnchen holen.«

»Ja«, rief Kasperle bereitwillig, »aber du mußt mir Geld geben.«

Mit Du war Frau von Stipps noch nie von einem Bäckerjungen angeredet worden.

Sie fand dies unerhört und fragte ungehalten: »Was bist du denn für ein frecher Junge?«

»Ich bin Kasperle.«

»Was, wer bist du?« rief der Herr von Stipps verwundert.

»Kasperle«, antwortete dies noch einmal.

»Wie kann denn ein Kasperle Bäckerjunge sein, das stimmt doch nicht.« Die gnädige Frau war sehr empört.

Aber Kasperle schrie beleidigt: »Das stimmt doch, da, mach mir das einmal nach!« und schwipp-schwapp schlenkerte es mit Armen und Beinen und schoß einen Purzelbaum über Frau von Stipps hinweg.

Es war nun ein bißchen viel verlangt, daß diese einen Purzelbaum schießen sollte. Sie tat es auch nicht.

Herr von Stipps aber lachte, als wäre er selbst ein Kasperle.

Als Kasperle das sah, kasperte es wie toll im Flur herum, und dem gnädigen Herrn wackelte der Bauch vor Lachen. Frau von Stipps sah ihren Mann gern lachen, denn er war sonst oft recht griesgrämig, sie tat das beste was sie tun konnte, sie lachte mit. Kasperle kasperte, und die drei lachten so lange, bis der kleine Schelm rief: »Ich habe Hunger!«

»Iß die Butterhörnchen auf, dann kannst du frische holen«, sagte Herr von Stipps, der dachte, Kasperle würde die in den Schmutz gefallenen Hörnchen sicher nicht essen. Da kannte er aber Kasperle schlecht, das störte der Schmutz kein bißchen. Eins, zwei, drei, schluck, schluck, weg waren die Hörnchen, und die drei Zuschauer staunten den Kleinen fassungslos an. So essen konnten sie nicht.

Dann bekam Kasperle Geld und mußte andere Hörnchen holen. Es kam damit auch glücklich über die Straße, kasperte drüben dem Herrn von Stipps noch etwas vor, und sauste dann seelenvergnügt wieder in die Bäckerei zurück.

Es hatte sich vorgenommen, kein Wörtlein von seinen Erlebnissen zu verraten, doch kaum war es im Laden und die Meisterin fragte, wo er denn so lange geblieben sei, da erzählte es flink alles.

Die gute Meisterin dachte, Kasperle macht doch wirklich nichts wie Dummheiten, was fange ich nur mit ihm an. Sie sagte: »Weißt du was, Kasperle, du gehst jetzt ins Bett, du wirst doch müde sein.«

Das ließ sich Kasperle nicht zweimal sagen. Es rannte rasch in sein Kämmerlein, kroch in sein Bett und schlief im Handumdrehen ein.

Dritter Lehrtag

Als Kasperle am dritten Tag munter wurde, hörte es gerade den Altgesellen sagen: »Gieß ihm nur Wasser über den Kopf!«

Flugs war Kasperle aus dem Bett. Es hatte genug von dem gestrigen Güßlein. Es schlüpfte auch leidlich flink in seinen Kittel und vergaß diesmal auch das Waschen nicht.

So stand denn das Kasperle bald fix und fertig vor dem Gesellen und erfuhr, daß es wieder Gebäck austragen müßte, der Zweitgeselle würde aber mitgehen und ihm immer die richtigen Häuser zeigen und was es jeweils abzugeben hätte. Aber den Korb tragen und die Treppen steigen, das schicke sich nicht für einen Zweitgesellen, meinte der.

»Aber nicht bumsen«, ermahnte es die Meisterin im Laden.

»Nicht bumsen, sonst –« drohte ihm der Meister noch vor der Türe.

»Ich werde ihm was bumsen«, versicherte der Geselle.

So wohl ausgerüstet mit guten Ermahnungen trat Kasperle seinen Weg zum Brötchenaustragen an. Es dachte, daß es sehr langweilig werden würde, so mit dem brummigen Gesellen zu gehen, nicht ein Späßlein würde es machen können.

Als die beiden aber auf die Gasse kamen, da wimmelte es von Buben. Alle waren heute frühe aufgestanden, um dem Kasperle zu helfen. Weil doch das arme Kasperle nicht lesen konnte, mußte man ihm doch helfen.

Erst wollte der Geselle schimpfen über die unnützen Buben, aber dann besann er sich, da dies ja eine gute Gelegenheit für ihn war, nach Hause zu gehen, und er sagte den Buben Bescheid, überließ ihnen das Kasperle und den Tragkorb und trollte sich. Kaum hatte er ihnen den Rücken gekehrt, da riß das Kasperle seinen Mund auf und fing an zu prahlen, was es gestern alles angestellt hätte.

Sie standen dabei vor dem Haus, in dem der erste Kunde wohnte. Sie machten einen Höllenlärm, und auf einmal sagte eine Stimme von oben herab: »Kasperle, lüge nicht, sonst komme ich mit dem Stock hinunter.«

Himmel erschrak das Kasperle. Es sah hinauf und oben schaute der Mann, der gestern seine Mohnkringel nicht bekommen hatte, zum Fenster heraus. Kasperle senkte die Nase. Das war peinlich.

Der Mann ermahnte nun die Buben, nicht so laut zu sein, sonst würde das Kasperle noch für ihre Hilfe vom Meister Hiebe kriegen. Das wollten sie natürlich alle nicht. Sie versprachen also, recht leise zu sein. Was nun Buben so leise nennen!

Es wachte mancher an diesem Morgen durch den Lärm zu früh auf und dachte ärgerlich, wenn die Buben schon so früh einen Schulausflug machen, brauchen sie doch nicht so zu lärmen, das ist ja schrecklich.

Da war ja gestern der Kasper noch still dagegen. Nur wenige sahen den Schelm mitten unter den lachenden, lärmenden Buben, und fast niemand merkte es, daß der Schelm die Ursache von dem Geschrei und Gelächter auf der Straße bildete, denn er war an diesem Morgen ganz besonders ausgelassen und trieb es besonders toll, so daß die Buben aus dem Lachen gar nicht mehr herauskamen. Kasperle nannte dies jedoch »leise sein«, weil es selbst nicht schrie, sondern nur insgeheim die Jungen zu noch immer lauterem Geschrei veranlaßte.

Trotz allem Unsinn, den die Schar trieb, gaben die Buben die Backware doch richtig ab. Sie taten es ganz höflich und manierlich, und so gerne Kasperle an den Haustüren gebumst hätte, ließ es dies doch sein. So zog der Buben-Schwarm durch die ganze Stadt, und gerade, als das letzte Gebäck abgegeben werden sollte, vergaß es Kasperle ganz und gar, daß es nicht bumsen sollte, und bumste recht kräftig an die Türe des kleinen einstöckigen Häuschens. Die tat sich auf, und wer kam heraus? – Der Ortspolizist.

Das war ein Schreck. Ehe Kasperle an das Ausreißen denken konnte, hatte es der Polizist am Kragen gepackt und fragte streng: »Wer hat jetzt gebumst?«

»Ich nicht, mein Bein war es!« schrie Kasperle.

»So, na, da werden wir das Bein abschneiden!«

So ernst meinte es der Mann zwar nicht, aber Kasperle nahm es sehr ernst. Es brüllte fürchterlich: »Nicht abschneiden, nicht abschneiden!«

»Brülle doch nicht so«, sagte der Polizist erschrocken.

Das hätte er nicht sagen dürfen. Kasperle dachte: Wenn ich recht brülle, läßt er mich los. Und »huhuhuhuhuhu« brüllte das Kasperle.

»Sei still, sonst kommst du ins Gefängnis«, rief der Polizist, und tat, als wäre er furchtbar böse. Dabei mußte er heimlich über das verängstigte Kasperle lachen.

Der Polizist hatte aber nicht mit den Buben gerechnet. Kaum merkten sie, daß es ihrem Freund anscheinend an den Kragen gehen sollte, da dachten sie auch: Brüllen ist sicher das Beste, und brüllten wie die Löwen. Dem Polizisten wurde es himmelangst. So ein Geschrei vor seiner Türe am frühen Morgen war recht unangenehm, schon wegen der Nachbarn.

Die Buben merkten das wohl, und weil sie Kasperle freihaben wollten, brüllten sie immer lauter.

Schon öffneten sich da und dort die Fenster, verschlafene Gesichter schauten heraus, und ärgerlich fragten die Leute, was denn in aller Welt passiert wäre.

»Da, hau ab!« rief der Polizist wütend, denn alle Buben konnte er doch nicht am Kragen nehmen, also mußte er Kasperle loslassen.

Das ließ sich das Ausreißen nicht zweimal sagen, und die Drohung, es solle sich aber in Zukunft in acht nehmen, ließ der kleine leichtsinnige Strick zu einem Ohr hineingehen, zum andern aber gleich wieder hinaus.

»Kasperle ist frei!« jauchzten die Buben so laut, daß sich noch mehr Fenster öffneten und noch mehr Stimmen schalten.

Der Lärm paßte gar nicht zu dem schönen Morgen, und der Polizist war froh, als die Schar von dannen zog. Er nahm sich aber vor, dem Kasperle bei seinem Meister eins auszuwischen. Er wußte ja nicht, daß es dessen letzter Lehrtag war.

Lachend und vergnügt kamen die Buben und Kasperle wieder in der Paradiesgasse an. Sie hatten durchaus kein schlechtes Gewissen, und sie waren arg verwundert, daß der Mann, der gestern keine Mohnkringeln bekommen hatte, dort stand, und ihnen entgegenrief: »Haltet ihr so euer Versprechen?«

Du lieber Himmel, was hatten sie denn versprochen? Kasperle war am meisten verwundert, das sagte ganz treuherzig: »Aber du hast doch deine Mohnkringel noch nachträglich bekommen.«

Ja, es war nicht so ganz leicht, einem Kasperle das Lärmen und Lustigsein zu verbieten, weil ein Kasperle gar nicht merkt, wenn es laut ist. Und Buben sind darin genau wie Kasperles.

Im Bäckerladen hatte man von dem lauten Wortwechsel auf der Gasse gar nichts gemerkt. Und als Kasperle in die Backstube trat, meinte der Altgeselle, es könne sicher weiter da bleiben, denn wenn ihm seine Freunde vorerst immer helfen könnten, würde es mit der Zeit allein Bescheid wissen.

Aber Kasperle hatte doch keine Lust, länger Lehrjunge zu sein, es sehnte sich heim zu Meister Severin und nach Marlenchen, sogar nach dem Kasperlemann sehnte es sich, und wäre froh gewesen, wenn der Tag schon zu Ende gewesen wäre. Aber es war noch früh am Morgen, und ein langer Lehrtag lag noch vor Kasperle.

Die Meisterin dachte zwar auch, wenn der Tag nur vorbei wäre, aber sie war eine praktische Frau und meinte, es müsse jemand etwas Nützliches tun, wenn es auch ein Kasperle sei. Deshalb sagte sie: »Kasperle, geh auf den Hof und setze das Brennholz auf!«

Kasperle ging recht langsam davon, und als es vor dem Holzhaufen stand, der gerade in der Sonne lag, dachte es, schlafen wäre eigentlich jetzt besser, wenn man so früh aufgestanden ist. Also legte es sich neben dem Holzhaufen ins Gras und schlief im Augenblick selig ein.

Die Meisterin aber hatte im Haus wieder viel zu tun, einmal aber fiel ihr doch das Kasperle ein, und sie ging hinaus, um nach ihm zu sehen.

Wer lag da im Grase? – Kasperle mit der großen Nase.

Heidi! wie flink war da die Meisterin bei ihm.

Kasperle fühlte sich auf einmal unsanft emporgezogen und auf seine Beine gestellt.

»Faulpelz, du!« tönte es ihm ins Ohr.

Da riß es seine Augen auf und machte ein so blitzdummes Gesicht, daß die Meisterin herzhaft lachen mußte.

Das Lachen brachte Kasperle zu sich. »Ich habe Hunger«, schrie es kläglich.

»Ja, hast du denn noch kein Frühstück gegessen?« fragte die Meisterin.

»Nä!« Kasperle kam sich selbst sehr bemitleidenswert vor und heulte gleich. »Ich stirbse vor Hunger!« jammerte es.

Die Meisterin lachte, nahm aber das Kasperle mit in die Küche. Dort setzte sie es vor einen gefüllten Brötchenkorb, stellte ihm eine Tasse Milch vor und sagte: »Nun iß dich satt!«

Und Kasperle begann zu essen. Kuchen wäre ihm ja lieber gewesen, aber frische Brötchen mit Butter schmeckten auch gut.

Nach einer Weile kam der Altgeselle, er wollte auch frühstücken.

Er schaute auf den Tisch, sah das Kasperle an und fragte etwas drohend: »Wo sind denn meine Brötchen und meine Butter?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Kasperle unschuldig.

»Geh, ruf mal die Meisterin.«

Das tat Kasperle, aber das Mitkommen vergaß es, denn auf einmal war es ihm etwas bänglich zumute, weil es alles allein aufgegessen hatte. Es ging auf den Hof und begann seufzend Holz aufzuschichten.

In der Küche stellte es sich inzwischen heraus, daß der kleine Vielfraß alles aufgegessen hatte.

Der Altgeselle rief nach Kasperle, aber das tat, als wäre es schwerhörig geworden.

Da nahm der Geselle einen Stock, drohte: »Na warte!« und ging auf den Hof.

Kasperle aber war auf seiner Hut, es sah den Gesellen kommen und ahnte, daß der nichts Gutes im Schilde führe.

Als der Geselle ganz dicht vor ihm stand und schon dachte: Nun kann es mir nicht mehr entgehen, wutsch! schoß das Kasperle einen Purzelbaum über den Altgesellen hinweg und rannte auf die Straße.

Dort schrie es jämmerlich: »Er will mich schlagen!«

Sein Geschrei lockte viele Kinder und Erwachsene herbei, und die meisten nahmen Partei für das schreiende Kasperle. Die Kinder jedenfalls alle, und der Schelm merkte das wohl.

Er schrie so jämmerlich und sah so unglücklich dabei aus, daß selbst der Meister, der wieder einmal mit dem Stiefelknecht daherkam, Mitleid mit ihm hatte und rief: »Kasperle, komm rein, bis heute abend tut dir niemand mehr etwas.«

Da ging Kasperle getrost in das Haus, denn zu dem Wort des Meisters hatte es Vertrauen.

Es tat ihm auch wirklich niemand etwas, des Meisters Wort galt im Hause.

Nun stand das Kasperle wieder auf dem Hofe und schichtete Holz, bis zum Mittagessen gerufen wurde. Diesmal beeilte sich Kasperle sehr, aber als es in die Stube kam, nahm der Altgeselle gerade wieder das letzte Stück Fleisch aus der Schüssel. Aber Kasperle machte sich nichts daraus, es war noch plumpsatt von den vielen Brötchen. Es saß daher so still und sittsam bei Tisch, daß der Meister wieder dachte, es könnte vielleicht doch ein ganz guter Lehrjunge aus ihm werden.

Aber ein Kasperle bleibt ein Kasperle.

Gerade als der Geselle den letzten Bissen Fleisch in den Mund stecken wollte, schnitt ihm Kasperle ein Teufelsgesicht. Da erschrak der Geselle so sehr, daß er sich fürchterlich verschluckte und ihm alle auf den Rücken klopfen mußten, bis der Bissen wieder aus der unrechten Kehle zum Vorschein kam. Er wollte nun das Kasperle verhauen, aber die Meisterin hinderte ihn daran. Sie meinte, es sei töricht, über ein Teufelsgesicht von einem Kasperle so zu erschrecken, denn ein Kasperle schneide eben Gesichter, das wäre seine Natur.

»Nachher«, sagte der Geselle und machte ein Gesicht dazu, als wäre er selbst ein bitterböses Kasperle geworden.

Da wußte das Kasperle, daß es sich vor dem Gesellen in acht nehmen mußte.

Es ging bedrückt wieder hinaus zum Holzaufschichten. Das tat es eine Weile, bis es der Meister in die Backstube rief. Die Gesellen schliefen und der Meister wollte sich auch schlafen legen. Er hatte aber gerade einen besonders guten Hefekuchen eingerührt und wartete darauf, daß der Teig gehen sollte. Er sagte darum zu Kasperle: »Wenn der Teig geht, rufst du mich, hörst du?«

»Ja«, antwortete Kasperle gehorsam.

So ganz klar war ihm die Geschichte aber nicht. Wie konnte ein Teig gehen, er hatte doch keine Beine.

»Aber nicht einschlafen«, mahnte der Meister noch.

»Nein.« Kasperle riß seine Augen gleich so weit auf, als dächte es nie ans Einschlafen.

Beruhigt ging der Meister und legte sich hin. Er schlief auch gleich ein.

Auf einmal wachte er auf. Er hatte von seinem Kuchen geträumt. Erstaunt sah er auf die Uhr. Hatte Kasperle ihn wirklich zwei Stunden schlafen lassen, ohne ihn zu wecken? Der dicke Meister sprang eilfertig wie ein Gummiball in die Höhe und rannte in die Backstube.

Und da – lag Kasperle ganz gemütlich unter der Backmulde und ließ sich den Teig, der schon so arg gegangen war, daß er aus der Mulde überlief, in den Mund tropfen.

»Warum hast du mir denn nicht gesagt, daß der Teig geht?« fuhr der Meister das Kasperle wütend an.

»Der geht doch noch nicht, der tropft nur.« Kasperle sah so dumm und unschuldig drein, daß der Zorn des Meisters davonlief wie eine Maus.

Der Kuchen war noch zu retten; er wurde gleich gebacken. Die Gesellen kamen zum Vorschein, der Tag neigte sich zu Ende, und Kasperles Lehrzeit war damit auch zu Ende.

Der Meister gab ihm einen Lehrbrief. Darin stand, daß es drei Tage Lehrling gewesen wäre und nichts wie Dummheiten gemacht hätte.

Weil Kasperle nicht lesen konnte, war es sehr stolz auf das Zeugnis und nahm Abschied von den Bäckersleuten, als ginge es nach Afrika.

»Sei vorsichtig«, mahnte die Meisterin.

Da sah der Schelm auf dem Flur draußen zwei stehen, die unbemerkt auf ihn warten wollten, und hopplahopp sprang Kasperle zum Fenster hinaus.

Die beiden Gesellen hatten das Nachsehen.

Draußen auf der Gasse aber lärmten die Kinder.

»Hurra, Kasperle ist wieder da, Kasperle hat ausgelernt, es ist beinahe ein Bäckermeister!«

Und dann ging Kasperle zum Kasperlemann, der mußte die Pfannküchlein bezahlen. Es half ihm alles nichts.

Kasperle hatte die Wette gewonnen.