Kasperle ist krank

Personen:

Kasperle

Der Arzt

Spielt beim Arzt.

Kasperle: »Schlechten guten Tag, Herr Doktor!«

Arzt: »Was willst du denn, Kasperle, warum wünschest du mir einen schlechten Tag?«

Kasperle: »Weil es mir schlecht ist, miserabel schlecht, au, au!«

Arzt: »Na, Kasperle, wo tut es denn weh?«

Kasperle: »Überall, Kopf, Bein, Bauch.«

Arzt: »Wo denn im Bauch?«

Kasperle (deutet auf den Magen): »Hier, aber arg!«

Arzt: »Kasperle, das ist doch nicht der Bauch, das ist der Magen.«

Kasperle:

»Ob Bauch, ob Magen,

Schmerz kann ich net vertragen.«

Arzt: »Und welches Bein tut dir weh?«

Kasperle: »Das linke.«

Arzt: »Du hinkst aber doch mit dem rechten.«

Kasperle:

»Ob links, ob rechts ist eine Soße,

Mit beiden fahr ich in die Hose.«

Arzt: »Und wie ist es mit dem Kopf?«

Kasperle: »Da hab ich einen so furchtbaren Druck darauf.«

Arzt: »Nimm mal deine Mütze ab.« (Kasperle tut es, und ein großes Gewicht fällt heraus.)

Kasperle: »O jemine, das habe ich aus Versehen eingesteckt, das hat aber gedrückt.«

Arzt: »Das glaube ich. Ein Zehnpfundgewicht auf dem Kopf tragen, ist keine Kleinigkeit. Nun zieh mal deinen rechten Schuh aus.« (Kasperle zieht den linken Schuh aus.)

Kasperle: »Der tut doch gar nicht weh.«

Arzt (lacht): »Weil du den verkehrten ausgezogen hast, den anderen.«

Kasperle: »Das hättest du doch gleich sagen können.« (Zieht den rechten Schuh aus und ein Bund Schlüssel fällt heraus)

Arzt: »Himmel, was ist denn das?«

Kasperle: »Hurra, meine Hausschlüssel. Ich dachte schon, ich hätte sie verloren.«

Arzt: »Na, die müssen freilich gedrückt haben. Tut der Fuß immer noch weh?«

Kasperle: »Kein bißchen mehr. Aber au, mein Magen, der tut schrecklich weh.«

Arzt: »Was hast du denn gegessen?«

Kasperle: »Oh, ganz wenig.«

Arzt: »Na, was denn zum ersten Frühstück?«

Kasperle: »Bloß sechs Semmeln gegessen und sechs Tassen Kaffee getrunken.«

Arzt: »Na, das genügt für einen kranken Magen. Und was hast du zum zweiten Frühstück gegessen?«

Kasperle: »Nur sieben Butterbrote, mehr nicht.«

Arzt: »Ist schon genug für einen ganzen Tag.«

Kasperle: »Och, so wenig. Dann habe ich zu Mittag ein paar Kartoffelklöße gegessen, ich glaube zehn Stück, und nur vier Portionen Hasenbraten, dann war es zu Ende, der Magen tat zu weh.«

Arzt: »Du bist ein Vielfraß, Kasperle. Es hilft nichts, ich muß den Magen aufschneiden, sonst stirbst du.«

Kasperle: »Uh jegerle, jetzt werde ich aufgeschnitten wie eine Wurst.« (Der Arzt nimmt Kasperle und legt es hin, nimmt eine Schere und tut, als ob er Kasperle aufschneide.)

Kasperle (lacht): »Hihihihihihi, wie das kitzelt.« (Der Arzt zieht eine große Pillenschachtel aus dem aufgeschnittenen Bauch hervor.)

Arzt: »Was ist denn das?«

Kasperle: »Die sollte ich einnehmen, immer drei Pillen auf einmal, aber ich habe gleich die ganze Schachtel mit den Pillen verschluckt, damit ich schneller gesund werde.«

Arzt: »Wer hat sie dir verschrieben?«

Kasperle: »Ein anderer Doktor. Er versteht aber nichts, alle seine Medizin hat nichts genutzt.«

Arzt: »Ja, du Schafskopf, wenn du die ganze Schachtel gleich mitverschluckst.«

Kasperle: »Es stand doch da: Eine Schachtel Pillen.«

Arzt (bringt eine Flasche Medizin zum Vorschein): »Und was ist denn das hier?«

Kasperle: »Das ist die andere Medizin, die mir der andere Doktor auch noch verschrieben hat.«

Arzt: »Oh, Kasperle, bist du dumm. Und was ist das?« (Hält ein Paket Tee in die Höhe)

Kasperle: »Da ist Tee drin, den sollte ich trinken.«

Arzt (lacht): »Hahahahaha, und jetzt kommen die Löffel, mit denen du alles löffelweise schlucken solltest.« (Hält einen Teelöffel und einen Eßlöffel in die Höhe)

Kasperle: »Hach, nun bin ich gesund.« (Er will aufspringen, aber der Arzt hält ihn fest.)

Arzt: »Erst muß ich dich wieder zunähen.« (Nimmt eine große Stopfnadel und einen Faden grüner Wolle und näht an Kasperle herum): »So, und nun acht Tage nur Wassersuppe essen, dann bist du gesund.«

Kasperle (weint): »Wassersuppe kann ich nicht essen, die liegt mir zu schwer im Magen, davon stirbse ich.«

Arzt (lacht): »Was willst du denn essen?«

Kasperle (springt auf): »Pfannküchlein und Schweinebraten. Hurra ich bin gesund!« (Ab)

Arzt: »Das Danken hat er natürlich vergessen.« (Der Vorhang fällt.)

Kasperle und Prinzessin Gundolfine

Personen:

Kasperle

Binchen, Kammerjungfer

Prinzessin Gundolfine

Die erste Szene spielt im Walde, die zweite Szene im Schloß der Prinzessin.

Kasperle (tritt auf, seufzt und stöhnt): »Uff, ich habe sechzehn Küchlein gefressen und dreizehn Bratwürstlein, ich bin plumpsatt.« (Binchen kommt und weint.)

Kasperle: »Jemine, was ist denn dir etwa passiert?«

Binchen: »Ach, was ganz Schreckliches.«

Kasperle: »Erzähle mal, Kleine, wie heißt du denn?«

Binchen: »Binchen.«

Kasperle: »Ach so, Tinchen.«

Binchen: »Nein, Binchen.«

Kasperle »Also Linchen.«

Binchen: »Nein, Binchen.«

Kasperle »Meinetwegen Minchen.«

Binchen: »Ach, du machst dich über mich lustig.«

Kasperle (weinerlich): »Ich bin doch Kasperle, ich muß doch ein Späßlein machen.«

Binchen: »Ach, Kasperle bist du, dann kannst du mir nicht helfen, denn auf dich ist die Prinzessin Gundolfine ganz schlecht zu sprechen.«

Kasperle: »Uh je, die Prinzessin Gundolfine, ich bekomme gleich Leibschmerzen vor Schreck.«

Binchen: »Das glaube ich, die kann dich auch gar nicht leiden.«

Kasperle: »Was hast du denn mit der Prinzessin zu tun?«

Binchen: »Ich bin ihre Kammerjungfer.«

Kasperle: »Ach so, ihre Jammerkungfer.«

Binchen: »Ach du verdrehtes Kasperle! Ich habe wirklich meine Tränen vergessen über deinem Unsinn. Aber nun muß ich gehen. Na, das wird einen schönen Krach von der Prinzessin geben.« (Fängt wieder an zu weinen)

Kasperle: »Warum heulst du denn schon wieder, alte Heulsuse?«

Binchen: »Ach, ein Bauer hat sich auf den neuen Hut der Prinzessin gesetzt.«

Kasperle: »Was ist denn dabei?«

Binchen: »Nun ist er ganz zerdrückt.«

Kasperle: »Wer? Der Bauer?«

Binchen: »Aber nein doch, der Hut.«

Kasperle: »Ist das schlimm?«

Binchen: »Sehr schlimm.«

Kasperle: »Was gibt’s denn da?«

Binchen: »Krach.«

Kasperle: »o jerum, das ist schlimm! Aber nicht so schlimm wie Hiebe. Ich habe einen Einfall!«

Binchen: »Wenn es nur kein Reinfall ist. Was willst du tun?«

Kasperle: »Ich ziehe mich als Mädchen an und gehe zur Prinzessin. Ich käme an deiner Stelle, sage ich, du hättest den Schnupfen bekommen oder wärest von Räubern geraubt oder von einem Löwen zerrissen worden.«

Binchen: »Bleibe nur beim Schnupfen! Hazzih! (niest), den habe ich wirklich, und vor einem Schnupfen hat die Prinzessin große Angst.«

Kasperle: »Gut, ich werde sagen, du hättest schon eine ganz rote Nase. Und weißt du, was ich tue? Ich bringe die Prinzessin dazu, daß sie sich selbst auf den Hut setzt. Patsch, da soll sie sitzen.«

Binchen: »Und patsch, da fällt Kasperle rein.«

Kasperle: »Es fällt nicht herein, dazu bin ich zu klug.«

Binchen: »Ja, schon neunmalklug. Aber woher bekommst du Mädchenkleider?«

Kasperle: »Waldwärters Liese borgt mir ihre Sonntagskleider, warte hier, ich bin gleich wieder da.« (Kasperle verschwindet.)

Binchen (singt):

»Ein Kasperlemann, der alles kann,

Auch reinfallen kann! Trallala.«

Kasperle (kommt wieder, als Mädchen verkleidet):

»Bin ich nicht ein Mägdelein

Hübsch und fein?«

Binchen:

»Bis auf die Nase

Wie meine Base.«

Kasperle:

»Nun führ mich, liebe Bine,

Zur Prinzessin Gundolfine.«

(Der Vorhang fällt.)

Kasperle (schreit hinter dem Vorhang): »Warten, sitzenbleiben, ich komme gleich wieder.«

Der Spielleiter (sagt an): »Hier ist das Schloß der Prinzessin.«

Prinzessin: »Wo nur das Binchen mit meinem neuen Hute bleibt?«

Kasperle (poltert draußen laut und schreit): »Potz Blitz, komme ich denn gar nicht hinein.« (Kommt herein) »Uff, da wäre ich endlich drin.«

Prinzessin: »Wer bist du denn?«

Kasperle: »Ich bin Linchen, nein Minchen, nein Tinchen.«

Prinzessin: »Ich erwarte nicht Minchen, Linchen oder Tinchen, sondern Binchen.«

Kasperle: »Die hat der Löwe gefressen.«

Prinzessin: »Wie traurig.«

Kasperle: »Nicht doch, die hat der Räuber geraubt.«

Prinzessin: »Wie schade.«

Kasperle: »Nicht doch, sie hat einen Schnupfen.«

Prinzessin: »Um Himmelswillen, wie entsetzlich, wenn sie mich nur nicht ansteckt.«

Kasperle: »Ja, und sie schickt mich, ihre Base, mit dem Hut, und Eure Hoheit möchte sich draufsetzen.«

Prinzessin: »Draufsetzen? Aufsetzen meinst du wohl?«

Kasperle: »Aufsetzen natürlich, erst aufsetzen, dann draufsetzen, nein, erst draufsetzen, dann aufsetzen.«

Prinzessin: »Was redest du für Unsinn?«

Kasperle: »Ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist.«

Prinzessin: »Dann ist er dir sehr verkehrt gewachsen.«

Kasperle: »Dir auch.«

Prinzessin: »Was, du nennst du mich? Warte, ich werde dich einsperren lassen.«

Kasperle (schreit): »Ich will nicht eingesperrt sein!«

Prinzessin: »Ha, wie ist mir denn, du bist doch Kasperle. Ich rufe gleich die Polizei!«

Kasperle (fällt in die Hutschachtel): »Hach, jetzt wäre ich aber reingefallen.«

Prinzessin: »Oh, er ist in meine Hutschachtel gefallen. Bist du auf meinen Hut gefallen?«

Kasperle: »Dumme Frage! Denkst du, ich sei in Apfelmus gefallen?« (Steht auf und schlenkert die Glieder): »Au weh, mein Einfall war wirklich ein Reinfall.«

Prinzessin (schreit): »Hilfe, Polizei! Hier ist ein Mädchen, das wahrscheinlich ein Kasperle ist. Hilfe, Polizei!«

Kasperle: »Lebt wohl, ich reiße aus, ich habe nichts mit der Polizei zu tun. Wenn sie etwas mit mir zu tun hat, soll sie mich suchen.« (Kasperle verschwindet) (Man hört die Polizei kommen.)

Prinzessin: »Sie kommt zu spät, und es war doch Kasperle, das schreckliche Kasperle!« (Der Vorhang fällt.)

Ein Späßlein mit Kasperle

Kasperle aber lag im Sonnenschein auf einem Heuhaufen und schlief. Es schnarchte sogar ein bißchen. Da kam der Bauer, dem die Wiese gehörte, um das Heu einzufahren. Er sah Kasperle liegen und dachte, mit dem mache ich mir jetzt ein Späßlein. Er lud darum das schlafende Kasperle auf seinen Wagen. Daheim sollten alle das Kasperle recht necken und auslachen, wenn es aufwachen würde.

Als der Bauer mit seinem Wagen in den Hof einfuhr, schlief Kasperle noch immer. Als aber der Wagen auf einmal anhielt, wachte es auf und hörte den Bauer sagen: »Ich habe Kasperle mitgebracht. Es schläft, wir wollen es necken und auslachen, wenn es aufwacht.«

Der Bauer sagte das zu seiner Frau. Die trug gerade eine große Kanne voll Kaffee in die Gartenlaube, in der Besuch saß. Sie erzählte ihrem Mann von den Gästen und fügte hinzu: »Die sollen auch ihren Spaß an Kasperle haben.« Kasperle hatte das Gespräch mitangehört. Es ärgerte sich gewaltig über das, was man mit ihm vorhatte und beschloß auszureißen. Auf einmal schoß es einen gewaltigen Purzelbaum von dem Wagen herab und purzelbaumte die Bäuerin mit ihrer Kaffeekanne um.

»Jemine, was ist denn das?« rief die Magd, die der Bäuerin mit einer gefüllten Kuchenschüssel folgte. Weil sie wohl dachte, Kaffee und Kuchen gehörten zusammen, ließ sie vor Schreck die Schüssel fallen. Als der Bauer das Unheil sah, fing er an zu schelten. Er wollte Kasperle fangen, doch das hatte keine Lust dazu, sich fangen zu lassen. Es riß aus, rannte in den Garten hinein, raste die Wege entlang und kam auch an die Laube. Es wollte gerade hineinflüchten, als es die Gäste drin sitzen sah. Da der Bauer hinter ihm drein kam, flüchtete Kasperle erschrocken auf die Laube. Aber das Dach war schon altersschwach, es trug das kletternde, zappelnde Kasperle nicht mehr. Krach pardauz! ging es, das Dach brach zusammen und Kasperle saß plötzlich auf dem Kaffeetisch, und die Besuchstassen lagen in Stücken um es herum. Die Gäste aber starrten Kasperle entsetzt an, sie konnten sich gar nicht erklären, was das für ein sonderbares Wesen war, das da so plötzlich auf dem Tisch saß.

Da kam der Bauer und nahm Kasperle beim Kragen: »Warte, dir geht es jetzt ganz schlecht!« drohte er.

Kasperle schrie und zappelte, und unwillkürlich ließ es der Bauer los, und Kasperle riß wieder aus. Der Bauer rannte hinter ihm drein. Ihnen nach rannte der Besuch.

Die Bäuerin, die eine Kanne voll frischen Kaffee in die Laube bringen wollte, kam ihnen entgegen. Kasperle purzelbaumte über sie hinweg, der Bauer aber stieß mit ihr zusammen und klirr! lag auch die zweite Kanne am Boden, und die Magd, die mit neuem Kuchen kam, wollte der Bäuerin wieder auf die Beine helfen und warf dabei den Kuchen vom Teller.

Da lag nun der Kuchen neben den Scherben der Kaffeekanne am Boden, und Kasperle das das sah, griff rasch nach einem Stück Kuchen und rannte damit in den Hof zurück. Das fremde Bauernpaar sah das und dachte, das ist eigentlich richtig, man muß den Kuchen essen. Sie setzten sich einfach auf den Weg und aßen den Kuchen, als wäre der Erdboden der schönste Kaffeetisch. Die Bäuerin freute sich darüber, da konnten sich ihre Gäste wenigstens satt essen, denn einen anderen Kuchen konnte sie ihnen nicht vorsetzen. Ganz unzufrieden mit diesem Ausgang der Geschichte war aber der Bauer. Der lief mißmutig in den Hof, um Kasperle zu fangen und zu bestrafen.

Auf dem Hof herrschte inzwischen große Aufregung, alles Getier war in Unruhe. Die Gänse und die Enten schnatterten, die Hühner gackerten, als hätte jede Henne zehn Eier gelegt, die Schweine grunzten, und die Kühe brüllten wütend. Selbst das Pferd, das noch immer vor dem Wagen angespannt war, wieherte. Ein Knecht und eine Magd aber standen dabei und barsten fast vor Lachen. Warum all der Lärm?

Kasperle saß auf dem Taubenschlag, aß seinen Kuchen, baumelte mit den Beinen und schnitt Gesichter.

Die Tauben gurrten wütend um es herum, aber Kasperle störte das kein bißchen. Es hatte alle Gefahr vergessen, so gut schmeckte ihm der Kuchen, auch fand es den Sitz auf dem Taubenhaus wunderschön. – Da kam der Bauer auf den Hof gerannt, und, wütend wie er war, schrie er: »Wenn du nicht gleich heruntergehst, hole ich mein Gewehr und schieße dich herunter!«

Das wurde gefährlich. Aber Kasperle war ein Bruder Leichtfuß und rief kühn: »Ich geh net runter!« Es dachte nämlich, wenn der Bauer ins Haus geht, um das Gewehr zu holen, reiße ich aus. Aber der Bauer ging nicht ins Haus, er ahnte wohl schon so etwas und gebot dem Knecht: »Jochen, geh ins Haus und hole mein Gewehr.«

Da saß nun Kasperle arg in der Klemme. Es überlegte, was es tun sollte. Da sah es den Wagen, und gerade, als der Bauer sich nach dem Hause umdrehte, sprang Kasperle mit einem kühnen Satz in den Wagen, ergriff die Zügel und schwang die Peitsche über dem erschrockenen Pferd. Heidi, begann das zu rennen!

Der Bauer sah seinen Wagen davonfahren; er ließ das Gewehr im Stich und rannte rasch hinterdrein.

Aber Pferd und Wagen waren schneller als der dicke Bauer. Er sah sie nach einer Weile nicht mehr und rannte eigentlich ins Blaue hinein.

Das Pferd aber dachte: Auf der Heuwiese war vorhin gut sein. Es lief daher nach der Heuwiese zurück. Dort stellte es sich an einen Heuhaufen und fraß lustig das frische Heu.

Kasperle dagegen kugelte vom Wagen herunter, legte sich auf den gleichen Heuhaufen und schlief im Umsehen ein. Es meinte, der Bauer würde es hier nicht finden. Der Bauer war inzwischen Leuten begegnet, an denen Kasperle vorbeigefahren war. Die gaben ihm Auskunft, wohin Kasperle ungefähr gefahren sein konnte. So kam der Bauer auf die Heuwiese und fand dort das schlafende Kasperle.

Er sagte unwillkürlich laut: »Donnerwetter, da liegt es ja.«

Der Bauer meinte, das hätte Kasperle nicht gehört. Das fing nämlich auf einmal rissel, rassel so laut zu schnarchen an, daß ein anderer als der dicke Bauer sicher auf den Gedanken gekommen wäre, Kasperle verstelle sich nur.

Der Schelm war wirklich putzmunter und wartete nur darauf, daß der Bauer ein Stückchen weitergehen würde, dann wollte er ausreißen. Der Bauer sah sich um. Da erblickte er einen Haselnußstrauch. Er ging rasch darauf zu und schnitt eine tüchtige Rute ab. Dabei sprach er immer halblaut zu sich: »Wart, mein Bürschchen, ich will dich lehren, Menschen und Kaffeekannen zu überrennen. Der Stock soll dir auf dem Buckel tanzen.« Wie er im besten Schnitzeln war, flog etwas wie ein großer Gummiball über ihn hinweg. Er setzte sich erschrocken hin und dachte, es wäre ein Adler. Als er aber näher hinsah, war es Kasperle.

Heidi, sprang da der dicke Bauer auf, um den Ausreißer einzuholen. Er holte ihn aber nicht ein, und da er Kasperle nie wiedersah, blieb sein schöner Stock unbenutzt, und die Bäuerin steckte ihn in den Ofen.

Kasperle und der Zauberer

Personen:

Kasperle

Der Zauberer

Schlambus und Bambus, des Zauberers Diener

Höhle des Zauberers, zur Seite ein dunkles Loch, von einer kleinen Tür verschlossen.

Kasperle: »Guten Tag, Herr Zauberer.«

Zauberer: »Guten Tag, wer bist du denn?«

Kasperle: »Nu, Kasperle.«

Zauberer: »So, Kasperle, na, das freut mich. Was willst du denn?«

Kasperle: »Zaubern lernen.«

Zauberer: »Dazu bist du viel zu dumm.«

Kasperle: »Oho, ich bin neunmalklug und siebenmalgescheit.«

Zauberer: »Wer sagt denn das?«

Kasperle: »Der Kasperlemann.«

Zauberer: »Der muß es freilich wissen.«

Kasperle: »Na und ob, sogar singen kann ich.«

Zauberer: »Singen, was denn?«

Kasperle: »Ein Frühlingslied, paß mal auf!« (Es singt nach eigener Melodie):

»Der Mai ist gekommen,

Die Pferde schlagen aus,

Da bleibe, wer Kinder hat,

Mit ihnen zu Haus.«

Zauberer: »Das ist aber ein seltsames Frühlingslied.«

Kasperle: »Schön, nicht wahr, da staunste?«

Zauberer: »Was kannst du dann noch?«

Kasperle (stößt ihn mit der Fußspitze an die Nase): »Das!«

Zauberer: »Das war aber frech, ich werde dich zur Strafe verzaubern.«

Kasperle: »Erst können vor Lachen!«

Zauberer: »Du bist ja ganz frech. Warte, jetzt verwandle ich dich in einen Storch.«

Kasperle: »Nä, das will ich nicht.«

Zauberer: »Doch, Strafe muß sein.«

Kasperle: »Mir schmeckt’s ohne Strafe.«

Zauberer: »Ach was, Hokuspokus, eins, zwei, drei, ein Storch er sei!«

Kasperle (lacht): »Heißa! ich bin kein Storch geworden, ich bin Kasperle!«

Zauberer: »Dann werde ich stärker zaubern, warte, jetzt wirst du ein Hase.«

Kasperle: »Nä, das will ich auch nicht, da muß ich immer Kohl fressen, und ich fresse lieber Pfannküchlein und Pudding.«

Zauberer: »Nichts da, jetzt wirst du verzaubert. Hokuspokus, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, ein Hase ist geblieben.«

Kasperle: »Hach, der Hase ist davongelaufen und Kasperle ist geblieben.«

Zauberer: »Potzhundert, das Zaubern geht heute aber schlecht, es muß am Wetter liegen, ich werde den Zaubermantel nehmen.« (Wirft einen Mantel über Kasperle) »Hokuspokus, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, ein Löwe sollst du sein. Bist du jetzt ein Löwe?«

Kasperle: »Nä, ich bin Kasperle.«

Zauberer: »Noch einen stärkeren Zauber muß ich anwenden.«

Kasperle: »Da bin ich doch neugierig, was bei der Zauberei herauskommt.«

Zauberer: »Hokuspokus, Hokuspokus –«

Kasperle: »Jetzt sagt er zweimal seinen Quatsch.«

Zauberer: »Stille, man unterbricht keinen Zauberer. Hokuspokus, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, einen Löwen will ich sehn.«

Kasperle (brüllt): »Huhuhuhuhuhuhu!«

Zauberer: »Ha, nun bist du ein Löwe.«

Kasperle (wirft den Mantel ab): »Nä, ich bin Kasperle.«

Zauberer: »Du hast aber doch gebrüllt.«

Kasperle: »Hach, ich kann noch viel besser brüllen. Huhuhuhuhu!«

Zauberer: »Genug, mir platzen die Ohren.«

Kasperle: »Mir platzt höchstens mal der Bauch, wenn ich nämlich zuviel gegessen habe, das kommt aber höchstens alle acht Tage einmal vor.«

Zauberer: »Jetzt gehste mal ins Zauberloch.«

Kasperle: »Was soll ich denn da drin?«

Zauberer: »Du kriechst als Kasperle hinein und kommst als Löwe wieder heraus.«

Kasperle: »Hach, fein! Aber du mußt es mir vormachen, ich weiß nicht, wie man in das Loch kriecht.«

Zauberer: »Bist du aber dumm!«

Kasperle: »Du bist noch dümmer. Du kannst mir nicht einmal vormachen, wie man in das Loch kriecht.«

Zauberer: »Oho, du Einfaltspinsel, das kann ich schon. Paß mal auf!« (Schlüpft in das Loch; Kasperle wirft schnell die Türe zu.)

Kasperle: »Wer ist nun ein Einfaltspinsel? Nun bist du in die Falle gegangen, jetzt geht es dir schlecht.«

Zauberer (schreit) »Holla Bambus, Schlambus, herbei, kommt schnell herbei!« (Des Zauberers Diener, der große Schlambus und der kleine Mohr Bambus, kommen eilig herbei.)

Schlambus: »Was ist denn los?«

Kasperle: »Was nicht angebunden ist.«

Schlambus: »Was ist denn nicht angebunden?«

Kasperle: »Was los ist.«

Schlambus: »Du bist aber frech.«

Bambus: »Ja, sehr frech, Kasperle, wir kennen dich.«

Zauberer (schreit): »Zu Hilfe! Zu Hilfe!«

Kasperle: »Etsch, ihr kennt mich nicht, der da drinne schreit, ist Kasperle, ich bin der Zauberer.«

Bambus: »Du siehst doch aber aus wie Kasperle.«

Kasperle: »Ich habe mich in Kasperle verzaubert und das Kasperle in den Zauberer, weil es so ungezogen war und nicht glauben wollte, daß ich zaubern kann. Dafür muß es bestraft werden.«

Schlambus: »Ja, dafür muß es bestraft werden, wir wollen es durchprügeln.«

Bambus: »Ja, wir wollen das verzauberte Kasperle durchprügeln.«

Kasperle: »So ist es recht, aber tüchtig. Ich mache jetzt das Loch auf und lasse es heraus.« (Er öffnet die Türe, und der Zauberer kommt heraus, Schlambus und Bambus fallen über ihn her und verprügeln ihn.)

Zauberer: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Ich bin doch der Zauberer!«

Kasperle: »Ein Schwindler bist du und kein Zauberer, du kannst gar nicht zaubern. Wenn du zaubern kannst, verwandle uns doch alle in Kohlköpfe.« (Der Zauberer schweigt.)

Kasperle: »Siehst du, du kannst es nicht.« (Zieht den Vorhang zu) »Meine Herrschaften, die Geschichte ist aus.«

Zauberer (schreit hinter dem Vorhang): »Ich will’s nicht wieder tun!«

Kasperle und der Räuber

Personen:

Peter Pumpelbams, der Räuber

Minettchen, seine Frau

Kasperle

Spielt vor dem Haus des Räubers.

Peter Pumpelbams zu Minettchen: »Frau, jetzt geh ich rauben.«

Minettchen: »Ach, Mann, tu das doch nicht.«

P. Pumpelbams: »Doch, der erste, der mir in die Hände kommt, wird ausgeraubt.«

Minettchen: »Es kommt nichts Gutes dabei heraus.«

P. Pumpelbams: »Doch, Schinken, Hasenbraten und Torte, denn das alles will ich mir von dem geraubten Gelde kaufen.«

Minettchen: »Du kriegst vielleicht die Nase auf die Tischecke, mehr nicht.«

P. Pumpelbams: »Sei still!«

Minettchen: »Arbeite lieber, gestern warst du doch noch so fleißig.«

P. Pumpelbams: »Still, da kommt jemand, der wird beraubt!«

Minettchen: »Hu, wie schrecklich!« (Läuft laut weinend davon) (Kasperle tritt auf.)

Kasperle: »Warum heult denn die alte Tante?«

P. Pumpelbams: »Das ist keine alte Tante, das ist meine Frau.«

Kasperle: »Ach so, dann ist sie eine alte Schachtel.«

P. Pumpelbams: »Du bist aber frech. Wer bist du denn?«

Kasperle: »Sag erst, wer du bist, ich bin ein großmächtiger Herr.«

P. Pumpelbams: »Hast du viel Geld?«

Kasperle: »Mächtig viel Geld.«

P. Pumpelbams: »Das mußt du mir geben.«

Kasperle: »Das wäre gelacht. Mein Geld soll ich dir geben? Wer bist du denn, daß du so etwas verlangst?«

P. Pumpelbams: »Erschrick, ich bin ein Räuber.«

Kasperle: »Uh je, ich bekomme gleich Leibschmerzen vor Schreck.«

P. Pumpelbams: »Das glaube ich, daß du Angst bekommst, ich heiße Peter Pumpelbams.«

Kasperle: »Wie, Peter Stumpelschwanz?«

P. Pumpelbams: »Bist du dumm: Peter Pumpelbams.«

Kasperle: »Ach so, Jeder Humpelhans.«

P. Pumpelbams (schreit): »Peter Pumpelbams, hörst du nicht!«

Kasperle: »Ich höre schon, Ceder Schrumpelgans.«

P. Pumpelbams: »Das ist zum Verrücktwerden! Minettchen!«

Minettchen (hinter der Bühne): »Was soll ich denn, ich koche gerade, ich habe keine Zeit.«

P. Pumpelbams: »Du sollst dem Manne sagen, wie ich heiße.«

Kasperle: »Heio, ich weiß schon, du heißt Rumpelfranz.«

Minettchen: »Peter Pumpelbams, du Schafskopf.«

Kasperle: »Ach so, Herr Schafskopf Pumpelbams heißt du.«

P. Pumpelbams: »Du bist der Schafskopf, nun her mit deinem Geld!«

Kasperle: »Welchem Geld?«

P. Pumpelbams: »Na, deinem Geld, ich raube dir’s!«

Kasperle: »Was, meine zehn Pfennig willst du?«

P. Pumpelbams: »Zehn Pfennige, mehr hast du nicht?«

Kasperle: »Das ist doch viel Geld für ein Kasperle.«

P. Pumpelbams: »Wer bist du?«

Kasperle: »Kakakasperle, Herr Schafskopf Strumpelschwanz.«

P. Pumpelbams: »Ach je, da bin ich ja an den Rechten gekommen.«

Kasperle: »Jawohl, wirklich an den Rechten.« (Es gibt Peter Pumpelbams eine Ohrfeige, daß der gleich hintenüber fällt. Es holt einen Stock und will Peter Pumpelbams damit schlagen.)

P. Pumpelbams (schreit laut): »Hilfe, Minettchen!«

Kasperle: »Bleib weg, Minettchen, hier gibt es nur Prügel.«

Minettchen: »Au, danke, die will ich nicht.«

P. Pumpelbams: »Feiges Weib!«

Kasperle »Bist selbst feige.« (Zieht einen Strick hervor und bindet Peter Pumpelbams) »So, jetzt geh ich zu Minettchen zum Mittagessen. Minettchen, was gibt es denn?«

Minettchen (hinter der Szene): »Schweinebraten und Klöße.«

Kasperle »Hach, fein, das ist mein Leibgericht.«

P. Pumpelbams: »Meines auch.« (Heult)

Kasperle »Siehst du, hättest du meine zehn Pfennig nicht rauben wollen, könntest du jetzt mit uns zu Mittag essen, ätsch!«

P. Pumpelbams »Ich tue es nie wieder.« (Der Vorhang fällt.)

Kasperle und das Gespenst

Personen:

Schutzmann

Kasperle

Ein Gespenst

Spielt in einer leeren Stube.

Schutzmann: »Hier darfst du nicht hinein, Kasperle.«

Kasperle: »Warum denn nicht, hier ist doch nichts drin.«

Schutzmann: »O ja, etwas schon, aber sag’s nicht weiter!«

Kasperle: »Na, was denn?«

Schutzmann (geheimnisvoll): »Ein Gegegegespenst.«

Kasperle: »Du zitterst ja, hast du eine so große Angst?«

Schutzmann: »Freifreifreilich hahahab ich das.«

Kasperle: »Du mußt wohl Wache stehen?«

Schutzmann: »Jjjjjjjjjaja.«

Kasperle: »Ich will an deiner Stelle Wache stehen, ich fürchte –«

Schutzmann: »Rered nicht weweiter, sonst kokommt das Gespenst.«

Kasperle: »Du alter Bibberbabberfritze!«

Schutzmann: »Beleidige mich nicht, ich bin ein Schuschutzmann.«

Kasperle: »Ein Angstmeier biste.«

Schutzmann: »Iiiiiiiich werde dich verververhaften.«

Kasperle: »Jemine, da kommt das Gespenst.« (Der Schutzmann reißt aus und ruft von draußen.)

Schutzmann: »Ich ffffffürchte mimimimich nicht, iiiich will nur mal Luuuft schnappen.« (Das Gespenst tritt auf.)

Gespenst: »Du hast mich gerufen, da bin ich.«

Kasperle (erschrocken): »Uh jegerle, es ist da! Was willst du denn?«

Gespenst: »Dir den Hals umdrehen.«

Kasperle: »Danke schön, dafür bin ich nicht zu haben.« (Gibt dem Gespenst mit seinem Bein einen Nasenstüber)

Gespenst: »Das war frech, vor einem Gespenst muß man Respekt haben.«

Kasperle: »Den habe ich. Siehst du, so.« (Gibt ihm mit dem andern Bein einen Nasenstüber)

Schutzmann (von draußen): »Kakakasperle, hat’s diiiir den Haaals umgedreht?«

Kasperle: »Noch nicht, wir unterhalten uns vorerst.«

Gespenst: »Jetzt wird ihm der Hals gleich umgedreht.«

Kasperle: »Erst können vor Lachen!« (Stößt dem Gespenst mit der Fußspitze in die Seite)

Gespenst: »Das darfst du nicht machen, ich bin kitzelig.«

Kasperle: »Darum gerade erst recht.« (Er kitzelt das Gespenst wieder.)

Gespenst (kichert): »Das sollst du sein lassen.«

Kasperle: »Du wirst dich noch kaputt lachen.«

Schutzmann (draußen): »Kakakakasperle, biiiste schoon tot?«

Gespenst: »Noch nicht, aber gleich wird ihm der Hals umgedreht.«

Kasperle: »Eile mit Weile, mein liebes Gespenst, kiks!« (Kitzelt das Gespenst wieder)

Gespenst: »Hihihihihi, ich muß so lachen.«

Kasperle: »Lachen ist gesund, warte mal, jetzt komme ich von der anderen Seite.« (Kasperle springt um das Gespenst herum und kitzelt es von der anderen Seite.)

Gespenst: »Hihihihihihi, das sollste unterlassen. Komm mal her, daß ich dir den Hals umdrehen kann.«

Kasperle: »Ich hab es nicht eilig.« (Springt wieder um das Gespenst herum und gibt ihm einen Nasenstüber)

Gespenst: »Das ist unverschämt, das sollst du unterlassen.«

Schutzmann (draußen): »Jemine, Kakakasperle, sag doch, biiiste schon toooot?«

Kasperle: »Noch nicht, erst kommt das Gespenst dran.« (Er springt immer um das Gespenst herum und kitzelt es von allen Seiten, bis das Gespenst kichernd zusammenfällt.)

Kasperle: »Siehst du Nauke, da hast du Pauke. Komm rein, Schutzmann, das Gespenst ist tot.« (Schutzmann tritt wieder auf.)

Schutzmann (prahlerisch): »Ich hatte nämlich gar keine Angst, ich hätte es auch umgebracht.«

Kasperle (seufzt tief): »Ach heißa! Das Gespenst lebt noch!«

Schutzmann: »Lelelebt noch! Da verzieh ich mich.« (Reißt aus)

Kasperle (lacht): »Hahahahaha, das war reingefallen.«

Gespenst (richtet sich auf und nimmt Kasperle beim Kragen): »Ja, es lebt noch, nun hab ich dich, nun geht es dir schlimm.«

Kasperle: »Au weh, jetzt muß ich stirbsen.«

Gespenst (lacht): »Hahahahaha, nein, stirbsen sollst du nicht. Weil du mich zum Lachen gebracht hast, bin ich erlöst, ich brauche nun nicht mehr zu geistern.« (Es läßt Kasperle los und sinkt zusammen. Kasperle hebt sein Gewand auf, das ganz voller Löcher ist.)

Kasperle: »Nun ist es wirklich ganz kapores. Schutzmann, komm rein, jetzt ist das Gespenst ganz entzwei. Ich habe es erlöst.«

Schutzmann (kommt stolz herein): »Ich hab mit geholfen! Da bin ich!« (Der Vorhang fällt.)

Kasperle und der Teufel Schwenzelbrenzel

Personen:

Teufels Großmutter

Schwenzelbrenzel, ein kleiner Teufel

Kasperle

Der erste Aufzug spielt in der Stube von des Teufels Großmutter, der zweite im Walde.

Erster Aufzug

Spielt in der Stube von des Teufels Großmutter. Personen: Teufels Großmutter und Schwenzelbrenzel.

Teufels Großmutter: »Uhlalla, wie langweilig ist das!«

Schwenzelbrenzel: »Höre doch Radio!«

Teufels Großmutter: »Das ist mir erst recht zu langweilig.«

Schwenzelbrenzel: »Dann wollen wir Fußball spielen.«

Teufels Großmutter: »Schwenzelbrenzel, du bist für deine tausend Jahre doch noch recht dumm. Wenn man so viele tausend Jahre alt ist wie ich, spielt man nicht mehr Fußball. Ich will was zum Lachen sehen.«

Schwenzelbrenzel: »Wir wollen Wattepusten spielen.«

Teufels Großmutter: »Das ist ein Spiel für solche tausendjährigen Knirpse, wie du einer bist. Ich weiß was Besseres.«

Schwenzelbrenzel: »Warum hast du denn das nicht gleich gesagt?«

Teufels Großmutter (hebt den Stock und droht): »Warte, du Frechdachs!«

Schwenzelbrenzel: »Nicht hauen, sonst muß ich weinen, und du willst doch, daß ich mitlachen soll. Sage lieber, über was du lachen willst.«

Teufels Großmutter: »Du sollst mir Kasperle holen.«

Schwenzelbrenzel: »Was hat denn der angestellt?«

Teufels Großmutter: »Leider nichts.«

Schwenzelbrenzel: »Dann darf ich ihn doch nicht holen, ich darf doch nur Bösewichter holen.«

Teufels Großmutter: »Du sollst Kasperle auch nicht so beim Schlafittchen packen und mit ihm abfahren, du sollst ihn fein höflich einladen, und wenn er dann bei uns unten ist, dann behalten wir ihn einfach hier.«

Schwenzelbrenzel: »Das wird fein, dann spielen wir immer Kasperltheater und du lernst Purzelbäume schießen.«

Teufels Großmutter: »Das werde ich mir mal überlegen. Aber nun gehe und hole mir Kasperle!«

Schwenzelbrenzel: »Wenn ich ihn aber nun nicht bringe?«

Teufels Großmutter: »Dann mußt du zur Strafe Wintersport treiben und Weltmeister im Rodelfahren werden. Du mußt den Schlitten immer die Zugspitze hinaufziehen. Merke dir das, und bringe mir also Kasperle!«

Schwenzelbrenzel: »Uhje, uhje, an der Zugspitze rodeln, da erfriere ich armer Teufel ja.«

Teufels Großmutter: »Wenn du nicht bald gehst, schicke ich dich an den Nordpol.«

Schwenzelbrenzel: »Uhje, uhje, ich gehe schon, und wenn Kasperle nicht mitkommen will, dann – bleibe ich droben auf der Erde.«

Zweiter Aufzug

Im Walde. Personen: Kasperle und Schwenzelbrenzel.

Kasperle (singt):

»Lallalla, der Frühling ist da,

Der Teufel hat den Winter geholt« –

Schwenzelbrenzel: »Das ist nicht wahr, ich habe den Winter nicht geholt.«

Kasperle: »Ei der Daus, da guckt der Teufel raus.«

Schwenzelbrenzel: »Ich komm, dich zu holen.«

Kasperle: »Das darfst du gar nicht, ich habe nichts angestellt, was teufelswürdig ist.«

Schwenzelbrenzel: »Das schon, aber ich lade dich ja auch nur freundlich ein.« (Gibt Kasperle einen Stoß, daß er gleich hinfällt.)

Kasperle: »Au, wenn du das freundlich einladen nennst, nenn ich das freundlich danken.« (Versetzt Schwenzelbrenzel eins mit dem Fuß, der fällt hintenüber in eine Grube)

Schwenzelbrenzel: »Das war grob. Mit einem Teufel geht man, weiß der Teufel, anders um.« (Kriecht aus der Grube heraus): »Au weh, alle meine Glieder tun mir weh. Zur Strafe mußt du mit mir gehen.«

Kasperle: »Das fällt mir gar nicht ein. Paß auf, da hast du wieder eine.« (Gibt Schwenzelbrenzel einen Nasenstüber, daß der wieder in die Grube fällt)

Schwenzelbrenzel: »Kasperle, du bist ja schlimmer als der Teufel. Zweimal in ein Loch fallen ist zuviel.« (Kriecht wieder heraus)

Kasperle: »Alle guten Dinge sind drei, da haste noch eine.« (Gibt ihm wieder einen Nasenstüber, der Teufel fällt zum drittenmal in die Grube)

Schwenzelbrenzel: »Au weh, au weh, jetzt sind mir alle Rippen gebrochen. Wenn ich das meiner Großmutter erzähle!«

Kasperle: »Dann wird die alte Dame lachen und sagen: Warum läßt du dich auch mit dem tollen Kasperle ein?«

Schwenzelbrenzel: »Das wird sie nicht sagen.«

Kasperle: »Warum denn nicht?«

Schwenzelbrenzel: »Weil Sie mich ja zu dir geschickt hat. Sie will Purzelbäume schießen lernen.«

Kasperle: »Alle Wetter, die hat es gut vor. Wie alt ist sie denn?«

Schwenzelbrenzel: »So an die fünfzigtausend.«

Kasperle: »Potztausend, die möcht’ ich sehen.«

Schwenzelbrenzel: »Also komm mit, wir fahren zusammen zur Hölle.«

Kasperle: »Mit einem Auto?«

Schwenzelbrenzel: »Nä, auf einem Besenstiel.«

Kasperle: »Danke schön, das ist mir zu unmodern, dann schon lieber mit einem Staubsauger.«

Schwenzelbrenzel: »Es fährt sich gut auf einem Besenstiel. Komm doch mit, sonst muß ich . . . . .«

Kasperle: »Was mußte denn?«

Schwenzelbrenzel: »Ach, das ist so schrecklich, das kann ich gar nicht sagen.«

Kasperle: »Na, dann sage es nicht. Ich gehe aber nicht mit.«

Schwenzelbrenzel: »Ich weiß was. Wir boxen miteinander, und wer Sieger bleibt, der muß dem andern dienen und mit ihm gehen, wohin der will.«

Kasperle: »Meinetwegen, ist mir auch recht.«

Schwenzelbrenzel »Also komm, du wirst gleich sehen, was ich kann.« (Sie boxen miteinander, Kasperle boxt den Teufel zu Boden und stellt sich auf ihn.)

Kasperle: »Ätsch, jetzt bist du reingefallen, ich kann nämlich auch boxen.«

Schwenzelbrenzel: »Ach, ich bin schon lieber dein Diener, als daß ich ohne dich zu meiner strengen Großmutter zurückfahre.«

Kasperle: »Kannst du mit dem Besen überall hin fahren?«

Schwenzelbrenzel: »Wohin du willst.«

Kasperle: »Dann wollen wir auf die Zugspitze zum Wintersport fahren, das ist schon lange mein Wunsch, schnell, tummle dich.«

Schwenzelbrenzel: »O je, ich armer reingefallener Teufel.« (Er weint) »Da bin ich vom Regen in die Traufe gekommen.«

Kasperle: »Auf, nicht gefackelt, es geht zum Wintersport auf die Zugspitze!«

Kasperle als Lehrer

Personen:

Kasperle

Plumpmann, der Schuldiener

Schulkinder (sämtliche Puppen, die es gibt)

Lehrer Müller

Spielt in einer Schule.

Kasperle (tritt auf; ehe man es sieht, hört man es nach Kasperleart schreien, dann betritt es den Schulhof, fällt auf die Nase und schreit erst recht):

»Jemine, jemine,

Mein Bein tut weh,

Meine Nase auch

Und auch der Bauch.« (steht wieder auf)

»Wenn alles weh tut, kann man nicht dichten, und mein Freund, der Kasperlemann, hat doch gesagt, das wünschen die Kinder.« (Man hört die Kinder Hans, Heinz, Hinz, Lotte, Lore, Liese durcheinander rufen.)

Kasperle: »Wenn man von Kindern spricht, sind sie auch nicht mehr weit, da hör’ ich schon welche.« (Geht in die Schule) »Heda, was macht ihr denn da?«

Kinder: »Wir warten auf den neuen Lehrer.«

Kasperle: »Der bin ich.«

Kinder: »Hat der eine große Nase!«

Plumpmann (der Schuldiener, kommt eilig herbei): »Was sagen Sie, mein Herr, der neue Lehrer wollen Sie sein? Wer das glaubt, so sehen Sie gar nicht aus.« (Beiseite: »Den will ich mal ausfragen, daß er vor Angst bibberbebbern soll.«)

Plumpmann »Hören Sie, wie heißen Sie denn, am Ende Müller?«

Kasperle: »Jawohl, Müller 18000. So viele Müller gibt es noch außer mir bei uns daheim.«

Plumpmann: »Ach nein.« (Beiseite: »Scheint ein heller Kopf, daß er gleich die Zahl weiß, aber ich frag’ weiter«): »Woher kommen Sie denn, aus Frankfurt?«

Kasperle: (stolz): »Aus Frankfurt, lieber Mann!«

Plumpmann (beiseite: »Jetzt fällst du rein«): »Plumpmann heiße ich, das wissen Sie wohl sicher nicht.«

Kasperle: »Plumpmann heißen Sie, wie sollt’ ich das nicht wissen?«

Plumpmann (beiseite: »Er ist’s scheint’s doch, alle Fragen beantwortet er«) »Daß unser Bürgermeister Dick heißt, wissen Sie wohl auch?«

Kasperle: »Jawohl, weiß ich, Dick und nicht Dünn!«

Plumpmann: »Jemine, er ist’s! Kommen Sie nur rein, Herr Lehrer. Wir haben lange auf Sie gewartet, weil Herr Strohmeyer – wissen Sie übrigens, wie unser richtiger Lehrer heißt?«

Kasperle (schlau): »Strohmeyer natürlich.«

Plumpmann: »Sie sind anscheinend doch der neue Lehrer. Die Kinder sind schon lange ohne Aufsicht, und vertreten Sie Ihren Kollegen gut.«

Kasperle (tritt Plumpmann auf den Fuß.)

Plumpmann: »Au! Aber Herr Lehrer Müller!«

Kasperle: »Sie wollten doch getreten sein.« (Lacht)

Plumpmann (beiseite: »Er ist’s scheint’s doch nicht, er sieht auch so merkwürdig aus«): »Sie wissen wohl nicht, daß Sie Sing-, Lese- und Rechenstunden geben sollen. Was für Stunden wollen Sie denn jetzt geben?«

Kasperle: »Singen, Lesen und Rechnen, singen kann ich selbst sehr gut.« (Singt):

»Bei meinem Kasperlebein,

Jetzt komm’ ich in die Schule rein

Und haue rechts und haue links

Jedes Trippeltrappeldings –

Nehmet euch in acht,

Daß mir niemand lacht,

Kasperle ist ein ernster Mann –

Seht nur meine Nase an.«

Kinder (alle): »Kasperle, hurra, Kasperle kommt!«

Kasperle:

»Wollt ihr wohl nicht so schrein,

Potz Donner, Licht und Strampelbein,

Gleich gebt ihr jetzt Ruh’,

Mäuler auf und Ohren zu.

Nicht doch, nicht doch, andersrum –«

Kinder: »Heisassa, ist Kasperle dumm.«

Kasperle: »Ich heiße doch, na wie?«

Kinder: »Du heißt Kasperle.«

Kasperle:

»Potz Donner und Licht,

Das bin ich nicht –

Bin Herr Müller, wer mich anders nennt,

Dem bald sein Buckel brennt –«

Kinder:

»Oje! Kasperle will Lehrer sein,

Das wird aber fein.«

Kasperle:

»Grob oder fein, mir ganz gleich,

Paßt auf, nun kommt der erste Streich:

Wieviel ist ein Bein und noch ein Bein?«

Kinder (alle): »Zwei, zwei, zwei!«

Kasperle: »Falsch! Das sind drei.« (Es streckt seine Beine u. seinen Stock über die Brüstung u. zählt): »Eins, zwei, drei!«

Kinder: »Das eine ist doch ein Stock!«

Kasperle:

»Stock her, Stock hin,

Ein Bein soll’s sin.«

Kinder: »Er kann selbst nicht rechnen.«

Kasperle:

»Oho, das kann ich gut,

Gebt mir mal einen Hut –

Wieviel Stücke sind das?«

Kinder: »Eins.«

Kasperle:

»Zwei, denn er geht einmal entzwei,

vielleicht werden’s auch gleich drei.

Aber ihr seid dumm, laßt’s Rechnen bleiben,

wir wollen jetzt mal schreiben.«

Kinder: »Kasperle.«

Kasperle: »Das geht leider nicht, die Wandtafel hängt zu hoch –«

Kinder: »Du bist doch Herr Müller!«

Kasperle: »Ach so! Herr Müller – das war ja nur ein Spaß. Bald kommt der rechte Herr Müller!« (Man hört vor der Türe Lärm, der richtige Lehrer kommt.)

Der richtige Lehrer: »Lassen Sie mich rein, ich muß hinein, bin zur Vertretung hergeschickt. Was sagen Sie? Ich wär’ schon drin, ich, der Lehrer Müller aus Frankfurt? Platz da, Plumpmann, ich kenne meine Pflicht, Sie vertreiben mich nicht!«

Plumpmann: »Nee, noch einer wird nicht reingelassen!«

Richtiger Lehrer: »Das wollen wir doch mal sehen!« (Er schiebt Plumpmann heftig zur Seite, der vor Schreck über die Brüstung fliegt.)

Plumpmann (von unten): »Der andere, der schon drin ist, ist doch der Richtige, der hat alles gewußt, was ich ihn gefragt habe!«

Richtiger Lehrer: »Still! Jetzt gehe ich in die Klasse!« (Kasperle macht einen Satz und kriecht unter das Katheder.)

Richtiger Lehrer: »Guten Morgen, Kinder!«

Kinder: »Guten Morgen, Herr Schulze!«

Richtiger Lehrer: »Ich heiße Müller.«

Kinder: »So hieß ja der, der vorher da war.«

Richtiger Lehrer: »Wo ist er denn?« (Dreht sich im Kreise herum, jedesmal, wenn er am Katheder vorbeikommt, zwickt ihn Kasperle in die Beine.) »Potzwetter, das ist ja eine verhexte Schule.«

Kasperle:

»Schrippelschrappelschrumm,

Ein Gespenst geht hier um,«

Richtiger Lehrer:

»Ich lasse mich nicht schrecken,

Von dem Gespenst nicht necken,

Denn – (er packt Kasperle)

Hab’ ich dich oder nicht,

Du bist es sicherlich – du Wicht.«

Kasperle (heult): »Ich bin Kasperle.«

Richtiger Lehrer: »Was, Kasperle hier in der Klasse? Was ist das für ein Unsinn? Raus mit ihm!« (Er wirft Kasperle hinaus; Plumpmann, der gerade horchen will, bekommt ihn an den Magen.)

Plumpmann: »Herr Lehrer, das war nicht fein.«

Kasperle:

»Laß sein, ich will nur raus,

Der da drin ist mir zu graus.«

(Purzelt über die Brüstung)

Plumpmann:

»Ich sehe rechts, ich sehe links,

immer ist’s dieses Klapperdings.

Müller hin, Müller her,

ich gehe heim, ich mag nicht mehr.«

(Er verläßt die Szene.)

(Man hört den richtigen Lehrer in dem Klassenzimmer sagen): »Das Gelächter hört jetzt auf. Jetzt wird gelernt! Das –«

Kasperle (steckt den Kopf über die Brüstung): »Guten Tag, ihr Kinder, ich bin wieder da. Wollt ihr mich haben, bin gleich wieder bei euch.«

Kinder:

»Herein, herein, Kasperle klein,

Du sollst uns willkommen sein.«

Plumpmann (kehrt zurück): »Ruhe, es ist jetzt Schluß.« (Klingelt mit einer großen Glocke)

Kasperle will ein Dichter werden

Personen:

Kasperle

Ein berühmter Dichter

Ein Polizist

Ein Feuerwehrmann

In der Stube des Dichters.

Kasperle: »Guten Tag, Herr Dichter.«

Dichter: »Na Kasperle, was willst du denn?«

Kasperle: »Ich will dichtern lernen.«

Dichter: »Aber, Kasperle, dichten heißt es.«

Kasperle: »Meinetwegen gedichten.«

Dichter: »Dummkopf!«

Kasperle: »Das ist leicht gesagt zu einem, der erst was lernen will.«

Dichter: »Aber dichten kann man nicht lernen, das muß man können.«

Kasperle: »Wenn man es aber nicht kann?«

Dichter: »Dann lernt man es auch nicht.«

Kasperle: »Das ist schlimm, denn ich will ein großer Dichter werden und sehr viel Geld verdienen.«

Dichter: »Als Dichter verdient man aber nur sehr wenig Geld.«

Kasperle: »Mit dem Kaspern auch, und das habe ich satt, nun will ich Dichter werden.«

Dichter: »Da kannst du keine Windbeutel essen.«

Kasperle: »Ich esse nicht viel, höchstens sechzehn Stück auf einmal.«

Dichter (lacht): »Hahahahaha, du Vielfraß!«

Kasperle: »Ich bin ein Vielfraß, aber du sollst mir nun endlich das Dichtern beibringen, morgen ist mein Geburtstag, da will ich ein großer Dichter sein.«

Dichter: »Hallo, das soll ja flink gehen! Nun, sag mir mal einen Vers.«

Kasperle: »Paß auf, nun kommt etwas ganz Feines: Also höre gut zu:

Da stehn Rosen,

Ich setz mich auf die Hosen;

Und fresse fünfzehn Küchlein,

Gelt, das ist fein?«

Dichter: »Fein ist das nicht gerade. Paß auf, wir wollen eins zusammen dichten. Du mußt den Reim finden auf: Im Himmel schwingt ein Lilienstengel.«

Kasperle: »Der Dichter ist ein dummer Bengel.«

Dichter: »Das ist frech.«

Kasperle: »Das ist Blech!« (Lacht)

Dichter: »Das ist nicht zum Lachen.«

Kasperle: »Ich soll doch Verse machen.«

Dichter: »Aber ordentliche Verse.«

Kasperle: »Machst du se nicht, macht er se.«

Dichter: »Halt den Mund.«

Kasperle: »Dichten ist gesund.«

Dichter: »Du bist ein elender Reimschmied.«

Kasperle: »Du kannst im Dichten nicht mehr mit.«

Dichter: »Wart nur, du unnützes Kasperle, gleich ruf ich die Polizei!«

Kasperle: »Davon geh ich nicht entzwei!«

Dichter: »Polizei! Polizei!«

Kasperle: »Herbei! Herbei!« (Ein Polizist tritt auf.)

Polizist: »Schön guten Tag, was soll ich denn?«

Dichter: »Kasperle mitnehmen, es stiehlt mir meine Zeit.«

Kasperle (weinerlich): »Das ist nicht wahr! Ich will doch dichtern lernen!«

Polizist: »Ein löblicher Vorsatz, Herr Dichter, kann es denn das noch nicht?«

Kasperle: »Jawohl, ich kann es, gleich sage ich euch einen wunderschönen Vers. Hört gut zu:

Da stehen Rosen,

Ich setz mich auf die Hosen;

Und fresse fünfzehn Küchlein,

Gelt, das ist fein?«

Polizist: »Ein respektables Gedicht, wunderschön.«

Dichter: »Einer ist so dumm wie der andere. Ich werde die Feuerwehr rufen und sie beide hinausschmeißen lassen, damit ich endlich weiterarbeiten kann.« (Ruft am Fernsprecher): »Feuerwehr!«

Kasperle: »Das wird ungemütlich, ich reiße aus.« (Springt davon)

Polizist: »Halt, halt, ausgerissen wird nicht.« (Rennt ihm nach)

Dichter: »So, nun wären sie ja beide draußen, nun kann ich arbeiten, nun werde ich das Gedicht vom Engel mit dem Lilienstengel selbst schreiben. Mein Genius erscheine!« (Ein Feuerwehrmann tritt auf und spritzt mit einer Blumenspritze den Dichter naß.)

Feuerwehrmann: »Wo brennt’s denn?«

Dichter: »Na, hier doch nicht, Dummkopf!«

Feuerwehrmann: »Das ist eine Beleidigung, indem daß ich ein Feuerwehrmann und kein Dummkopf bin, dafür werden Sie bestraft, und dafür, daß es nicht brennt, werden Sie auch noch bestraft, bestraft werden Sie auf alle Fälle.«

Dichter: »Naß gespritzt und auch noch bestraft werden, an allem ist das verflixte Kasperle schuld.« (Der Vorhang fällt.)

Der geheimnisvolle Gast

Es gab in Torburg, als Kasperle dort lebte, arme und reiche Leute, und mit allen war Kasperle gut Freund. Zu seinen besten Freunden gehörte ein Buchbinder, der mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern ein stilles und bescheidenes Leben führte. Er arbeitete von früh bis spät, um seine Familie zu ernähren. Aber in Torburg gab es nicht viel lohnende Arbeit für einen Buchbinder. In der Hauptsache hatte er beschädigte Schulbücher wieder instand zu setzen, und dabei kam nicht viel heraus, der Verdienst war gering.

Den Meister Haber aber störte das nicht viel. Er war ein heiterer, unverzagter Mann, der mit derselben Pünktlichkeit ein altes Schulbuch ausbesserte, wie er einen teuren Einband anfertigte. Er sang und pfiff bei seiner Arbeit und war allzeit guter Dinge. Deshalb liebte ihn auch Kasperle sehr, das manche Stunde bei dem Meister verbrachte, wobei es manch lustigen Spaß zwischen den beiden gab. So klebte einmal der Meister dem Kasperle einen Zettel auf den Rücken, auf dem stand: »Vorsicht, Glas!« Da lief Kasperle den ganzen Tag als Glas herum, und die Leute lachten nicht wenig über den neuen und sonderbaren Einfall Kasperles, sich als Glas zu bezeichnen. Kasperle wieder wunderte sich, daß die Leute bei seinem Anblick immer »Vorsicht!« riefen, denn was einem auf dem Rücken geschrieben steht, kann er nicht sehen. Es ging so lange, bis Meister Severin fragte, was denn das Plakat auf Kasperles Rücken bedeuten sollte. Da merkte dieses erst den Ulk. Es lachte sehr darüber und stibitzte dem Meister Haber beim nächsten Besuch einen Zettel, auf dem stand: »Ausverkauf!« Den klebte es an die Ladentüre. Da kamen die Leute herbeigeströmt und verlangten im Preise herabgesetzte Waren. Der Meister machte dabei ein gutes Geschäft und war Kasperle dankbar für sein Späßlein.

So neckten und zerrten sich die beiden hin und her, keiner nahm dem andern etwas übel und beide hatten ihren Spaß zusammen. Als Kasperle von Torburg wegging, gehörte Meister Haber zu denen, die am traurigsten waren. Er sagte, Kasperle würde ihm sehr fehlen. Kasperle versprach zu schreiben, Kasperle versprach wiederzukommen. Zu schreiben vergaß Kasperle, weil es nämlich gar nicht schreiben konnte, es hatte es wieder verlernt, Aber das Wiederkommen vergaß es nicht. Eines Tages stand Kasperle vor dem kleinen Laden des Meisters Haber und gedachte mit einem Purzelbaum einzutreten. Das ging aber nicht, der Laden war geschlossen. Kasperle läutete und dachte, der Meister würde angestürmt kommen und es begrüßen. Aber der Meister kam nicht, an seiner Stelle kam seine Frau heraus. Die sah blaß und sehr traurig aus und sagte betrübt, der Meister sei krank.

Krank? Wie konnte jemand krank sein, den Kasperle besuchen wollte? Kasperle riß den Mund sperrangelweit auf und fragte: »Wie denn krank?«

»Ja, er ist halt krank«, sagte die Frau, »und der Doktor sagt, er könnte nur gesund werden, wenn er viel und gut ißt.«

»Da soll er doch essen!« schrie Kasperle.

»Er hat nichts zu essen.«

Kasperle konnte erst gar nicht begreifen, als ihm die Frau erzählte, daß sie kaum ein Stück trockenes Brot zu essen hätten, wie so etwas möglich wäre. Wenn Mister Stopps dagewesen wäre, der hätte gleich geholfen, aber der war mit Bob nach England gereist, und Kasperle hatte all sein Geld für andere eßbare Dinge ausgegeben. Das tat ihm leid, als es am Bett des Kranken stand und sah, wie blaß und schmal der gute Meister Haber geworden war. Auch still war der Meister geworden, er scherzte gar nicht mehr wie früher, und Kasperle fing auf einmal an bitterlich zu weinen. Weil der gute Meister dadurch noch trauriger wurde, rannte Kasperle davon und nahm sich vor, etwas zu essen für den Meister zu holen. Es rannte so blindlings, daß es im Eifer beinahe einen andern guten Freund und Spaßmacher, den Turmwächter Gangerling umgerannt hätte.

»Hallo, Kasperle, wohin denn so eilig?« rief der Turmwächter.

»Essen holen!« schrie Kasperle so laut, als wäre der Turmwächter stocktaub. Der fragte erstaunt, für wen es denn Essen holen wollte. Nun erzählte Kasperle die ganze Geschichte, wie schlecht es dem Meister Haber ginge, und daß er Hunger leiden müßte und darum nicht gesund werden könnte. Die Buchbindersleute taten auch dem Turmwächter herzlich leid, und obgleich er selbst ein armer Mann war, beschloß er doch, seine Vorräte mit ihnen zu teilen. Er lud Kasperle ein, mit ihm auf den Turm zu kommen, er wolle ihm ein Körbchen voll Eßwaren einpacken.

Wer war froher als Kasperle? Es ging vergnügt mit zum Turm, den der Wächter bewohnte. Um die Ecke links, da stand er. Es war ein sonderbarer alter Turm. Er war zwar nicht sehr hoch, etwa wie zwei Häuser aufeinander, er hatte zwei Stockwerke, und jedes Stockwerk eine Galerie, auf der Blumen blühten. Im oberen Stockwerk wohnte der Turmwächter, der zu tuten hatte, wenn irgendwo Feuer ausbrach, aber nur dann, wenn er es sah – manchmal sah er es auch nicht – und die Torburger schalten dann, daß er nicht getutet hatte. Dann tutete er aber auch manchmal, wenn es gar nirgends brannte, nur damit die guten Bürger etwas Abwechslung und zu reden hatten. Da schalten sie wieder, der Turmwächter aber lachte dazu, der war ein Schalk, der gern sein Späßchen machte.

Kasperle stieg vergnügt die steile Wendeltreppe hinauf, es war gern auf dem Turm, und heute freute es sich besonders, weil es etwas zu essen für Meister Haber bekommen sollte. Kasperle lief, als es oben angelangt war, gleich auf die Galerie, um hinunter auf die Stadt zu schauen, was es sehr gerne tat. Wie es hinabsah, stieg ihm ein leckeres Düftlein in die Nase. Woher kam das nur?

Kasperle schnupperte und schnupperte, und als der Turmwächter die Galerie betrat, schnupperte auch dieser. »Ei«, sagte er, »da brät die Madame Backofen wieder ein Hühnchen.«

»Wer ist Madame Backofen?« wollte Kasperle wissen.

Da erzählte ihm der Turmwächter, die Madame Backofen wäre eine reiche, aber keineswegs gute Frau. Sie dächte nur an sich und äße jeden Tag die besten Sachen. Die Putzfrau müßte ihr jeden Tag die feinsten Dinge einkaufen, dann briet und brotzelte sie in der Küche herum, deckte dann feierlich den Tisch und setzte sich mutterseelenallein zum Essen daran, von dem sie nur ihrer dicken Katze einige Brocken abgäbe. »Und dabei hungert ihr eigener Neffe«, schloß der Turmwächter, »denn der Buchbindermeister Haber ist der Sohn ihres Bruders.«

»Dann nehme ich ihr das Huhn weg und bringe es dem Meister Haber!« rief Kasperle.

Herr Gangerling dachte, Kasperle mache nur Spaß, darum sagte er: »Das bringst du nicht fertig! Wie willst du denn in ihre Wohnung hineinkommen?«

»Ich klettere vom Turm runter auf ihre Galerie.«

Der Wächter lachte. »Das wäre ein Kunststück«, erwiderte er, »dabei fällst du noch auf die Nase oder brichst dir ein Bein.«

»Ich falle nicht auf die Nase und breche mir auch kein Bein«, schrie Kasperle empört über diesen Zweifel an seiner Kletterkunst. Und flugs war es fort.

Der Wächter dachte noch immer, es sei alles nur Spaß, aber Kasperle machte keinen Spaß, es kletterte draußen flink über die Brüstung der Galerie und kletterte, wie nur ein Kasperle klettern kann, hinunter, um gleich darauf auf der Galerie von Madame Backofen zu landen. Dort stand auf einem sauber gedeckten Tisch eine Platte mit einem gebratenen Huhn, und ein Teller mit köstlichem Kuchen, auch ein Glas Wein fehlte nicht. Kasperle trank zuerst den Wein aus, stopfte sich den Mund voll Kuchen, nahm sein Taschentuch, das ausnahmsweise einmal sauber war, wickelte das Huhn hinein und trat den Rückweg an. Es war auch die höchste Zeit. Madame Backofen hatte in der Küche Soße, Kartoffeln und Gemüse in Schüsseln gefüllt und trug alles auf die Galerie, um ihr Mahl zu beginnen. Aber wie erstarrt blieb sie stehen, als sie die Bescherung sah. Die Bratenschüssel leer, das Weinglas ausgetrunken, von dem Kuchen fehlte das beste Stück. Wer war das gewesen?

Oben zeigte gerade Kasperle dem Turmwächter das Huhn im Schnupftuch, und der Wächter wollte eigentlich böse sein. Er mußte aber so herzlich lachen, daß es unten Madame Backofen hörte, die gleich dachte, das hängt sicher mit meinem verschwundenen Huhn zusammen. Wie sie ging und stand lief sie die Turmtreppen hinauf, um den Turmwächter, wenn möglich, beim Hühneressen zu erwischen. Sie war aber eine dicke Frau und die Treppe ächzte und quietschte unter ihren Schritten.

Das hörte oben Herr Gangerling und sagte zu Kasperle: »Sie kommt, nun mach dich aus dem Staube, sonst erwischt sie dich und ich bekomme noch den Vorwurf, ich hätte dich zum Stehlen verleitet.«

»Mich erwischt sie nicht«, antwortete Kasperle kühn. Es nahm ein Körbchen, legte das Huhn hinein und stieg wieder über die Brüstung der Galerie. Kasperle rutschte wieder am Turm hinab, und Madame Backofen kam oben mit lautem Geschrei bei dem Turmwächter an.

Der sagte unschuldig, er hätte kein Huhn, er wäre ein alter Mann und könnte keine Kletterkunststücke machen, vielleicht hätte es der Teufel geholt.

Da erschrak die Frau fürchterlich. Weil sie kein gutes Gewissen hatte, hegte sie große Angst, der Teufel könnte sie einmal besuchen. Sie ging niedergeschlagen die Treppen wieder hinunter und als sie an ihren Tisch auf der Galerie kam, hatte Kasperle noch den ganzen Rest des Kuchens abgeräumt. Es hatte gedacht: Meister Haber ißt auch mal ganz gern ein Stück guten Kuchen.

Während die Frau unter Seufzen und Weinen ihr übriggebliebenes Mittagessen verzehrte, lief Kasperle zu Meister Haber, und dort herrschte große Freude über die guten Dinge, die Kasperle brachte, namentlich über das Huhn, das dem Kranken wohltat. Kasperle sagte, morgen würde es wieder etwas bringen. Woher es das Huhn hatte, sagte es aber nicht. Es nahm sich jedoch vor, wieder Madame Backofen heimzusuchen. Es lief gleich geschwind wieder zu dem Turmwächter, um diesem seinen Plan zu verraten. Der war aber gar nicht damit einverstanden.

Ja, er schalt sogar und sagte, das wäre gestohlen, und er wolle kein Hehler sein. Dann erzählte er, daß die Frau dächte, es wäre der Teufel gewesen.

Kasperle mußte darüber unbändig lachen, und flugs kam ihm ein Gedanke. »Aber wenn sie es mir selber freiwillig gibt, dann kann ich es doch dem Meister Haber hintragen. Das ist doch kein Unrecht.«

Der Wächter lachte. »Sie wird dir ihr Essen nicht geben, dazu ist sie viel zu geizig«, erwiderte er.

»Wetten wir, sie gibt es mir!« schrie Kasperle so laut, daß der Wächter Angst bekam, Madame Backofen könnte es hören.

»Schrei nicht so«, gebot er. Aber Kasperle vergaß alle Vorsicht und rief noch lauter: »Wetten wir um drei Pfannküchlein!«

»Meinetwegen«, sagte der Wächter, »aber sei still.«

Kasperle ging auch wirklich ganz leise und still von dannen. Es schlich sich auch ganz vorsichtig an Madame Backofens Haus vorbei, denn es wollte nicht vorzeitig von der Frau gesehen werden.

Am nächsten Tag briet Madame Backofen eine Ente. Sie tat es mit schwerem Herzen, denn der gestrige Vorfall bedrückte sie sehr. Schön goldbraun und knusperig lag die Ente in der Pfanne, und die Frau wollte gerade ein Stückchen Haut versuchen, als es an der Türe klingelte.

Madame Backofen dachte: Ich mache jetzt einfach nicht auf.

Aber bimlimbimlim läutete die Klingel immer heftiger und heftiger. Jetzt wurde an die Türe geklopft und eine laute Stimme sagte: »Ich komme wieder über die Galerie zu dir.«

Da erschrak die gute Madame Backofen furchtbar. Mit zitternden Knien ging sie hin und öffnete.

Draußen stand ein kleiner Teufel mit einer großen Nase, der eine furchtbare Fratze schnitt. Er sagte mit tiefer Stimme: »Gib mir dein Mittagessen.«

Er gab der Frau einen Puff und ging einfach in die Küche.

»Tu Kartoffeln in die Pfanne und stelle Rotkraut aufs Feuer!« gebot der Teufel.

Madame Backofen tat es gehorsam. Ihr ganzes Mittagessen gab sie dem Teufel, als es fertig war, und der tat alles in einen Korb und trug es hinaus. An der Tür drehte er sich noch einmal um und rief: »Morgen werde ich wieder kommen, dann will ich Kalbsbraten!«

Dann ging der kleine Teufel und die arme Madame Backofen weinte bitterlich, besonders über diese Schande, daß der Teufel zu ihr ins Haus kam!

Meister Haber verzehrte die Ente und wunderte sich, wer ihm so gute Bissen schickte, denn der Eßkorb hatte auf einmal vor seiner Türe gestanden, aber Kasperle hatte sich nicht blicken lassen.

Am Nachmittag saß der kleine Schelm wieder bei dem Turmwächter und erzählte ihm, wie er seine Wette gewonnen habe. Herr Gangerling lachte, daß er beinahe platzte. Als aber Kasperle erzählte, daß es für den nächsten Tag Kalbsbraten bestellt habe, wollte es der Turmwächter nicht erlauben, daß Kasperle wieder zu Madame Backofen ging, um den Kalbsbraten zu holen. Es wäre Unrecht. Und dabei blieb er.

Kasperle wollte aber das Unrecht nicht einsehen und bestand darauf, auch morgen wieder hinzugehen, um das Essen für Meister Haber zu holen.

Madame Backofen hatte unterdessen aufgehört zu weinen und sich die Geschichte vom Teufel gründlich überlegt. Dabei kam es ihr doch sehr unnatürlich vor, daß ein Teufel am hellen Tage durch die Straßen wandeln und den Leuten den Braten aus der Pfanne holen sollte. Auch meinte sie, ihr Lebenswandel sei doch nicht so, daß der Teufel zu ihr kommen müsse. Also hatte ihr wohl jemand einen schlimmen Streich gespielt. Sie lief darum, als sie sich darüber im klaren war, zu dem Ortspolizisten und lud ihn zu seiner nicht geringen Verwunderung für den nächsten Tag zum Mittagessen mit Kalbsbraten ein. Warum sagte sie nicht, denn sie wußte, daß dieser Mann nicht gerade sehr mutig war und hegte dabei im stillen die Hoffnung, daß er nicht kommen werde, wenn er etwas vom Teufel hören würde.

Buben sehen im allgemeinen immer das zuerst, was sie nicht sehen sollen. So sahen auch ein paar von Kasperles Freunden den Polizisten zu Madame Backofen gehen und erzählten das natürlich sofort dem Kasperle.

Kasperle verriet ihnen aber nichts von seinem Vorhaben, sondern nahm sich sehr in acht. Es ging deshalb nicht durch die Türe, sondern kletterte außen am Turm empor, um über das Dach des Häuschens von Madame Backofen auf deren Galerie zu gelangen.

Es hatte sich zuerst umgesehen, ob auch niemand auf der Straße war. Diese lag aber gerade ganz leer und still da, denn es gingen wenig Menschen am Turm vorbei.

Oben saß Herr Gangerling am Fenster. Er hatte Kasperle kommen sehen, genau so, wie er auch vorher schon bemerkte, daß der Polizist in Madame Backofens Haus verschwand. Er dachte: Die Sache wird sicher für Kasperle schlimm ausgehen, ich muß sehen, ob ich ihm nicht dabei helfen kann. Er machte sich also auf und stieg die Turmtreppen hinab, um Madame Backofen zu besuchen. Diese hatte gerade Kalbsbraten auf dem Tisch auf der Galerie serviert, als es draußen klingelte.

»Ha, jetzt kommt er!« rief Madame Backofen und nahm einen Besen. Sie ging mit dem Polizisten hinaus, öffnete die Türe und schrie: »Warte, du Teufel, du sollst jetzt deinen Braten bekommen.«

Es war aber nicht der Teufel, auf den die Frau mit dem Besen losfuhr, sondern der Turmwächter. Der lachte herzhaft, tat sehr verwundert und sagte, er wäre noch nie ein Teufel gewesen, er brächte nur das Salz wieder, das die Nachbarin ihm neulich geliehen hätte.

Madame Backofen schämte sich ihrer Voreiligkeit und lud den Wächter zu seiner großen Überraschung ebenfalls zum Mittagessen ein. Sie dachte nämlich: Zwei Helfer sind bei einem Teufelsbesuch besser als einer. Sie gingen nun alle drei unter vielen höflichen Worten auf die Galerie, um dort den Braten zu essen.

Aber wo war der? Verschwunden war er. Leer war die Schüssel, ganz leer.

Madame Backofen schrie laut vor Entsetzen: »Das war wieder der Teufel!«

»Ach, wo soll denn der herkommen?« brummte der Polizist. »Es ist sicher jemand am Haus heraufgeklettert.«

Madame Backofen wollte das nicht glauben, und eine Weile stritt sie sich mit dem Polizisten. Der aber sagte, er würde den unbekannten Bratendieb schon ausfindig machen. Herr Gangerling sagte nichts dazu, der ärgerte sich über das ungezogene Kasperle und war froh, daß ihn niemand fragte, was er von der Geschichte hielt, denn er war ernstlich böse auf Kasperle, wollte aber den kleinen Strick nicht verraten.

Endlich besann sich Madame Backofen darauf, daß sie doch Gäste hatte, und schnitt Schinken auf und brachte den Rest des Mittagessens herein, und alle drei ließen es sich gut schmecken. Nur Madame Backofen weinte dazwischen immer ein bißchen. Es war ihr zu schrecklich, daß der Teufel wieder bei ihr gewesen war. Wenn das die Torburger erfuhren, wie würde sie ausgespottet werden. Sie schämte sich entsetzlich, und eine leise Stimme in ihrem Herzen nannte sie hart und selbstsüchtig. Das war recht unangenehm, sie hätte lieber gehört, wenn sie die innere Stimme gut und edel genannt hätte. Ihre beiden Gäste suchten sie zu trösten und versprachen, niemand etwas von dem Teufelsbesuch zu sagen. Sie hielten dann auch Wort.

Bei Meister Haber wurde auch der Kalbsbraten gegessen, und man ahnte dort nichts von Madame Backofens großem Kummer. Desto mehr bekam Kasperle davon zu hören. Herr Gangerling hielt ihm eine lange Strafrede, die sich gewaschen hatte.

Himmel! konnte der sonst so freundliche Mann schimpfen. Dem Kasperle wurde es ganz wind und weh zumute, und es spielte auch danach nicht mehr den Teufel, der den Braten wegholte. Mister Stopps kam zurück und gab Kasperle Geld für den Meister Haber. Da konnte Frau Haber selbst gute kräftige Dinge richten, und ihr Mann erholte sich wieder.

Die Zeit verging. Madame Backofen aber vergaß ihren Teufelsschreck nicht, und sie fing an, mildtätiger zu werden. Sie dachte jetzt manchmal, wenn sie von einem Kranken hörte: Dem will ich ein Huhn braten, damit mir der Teufel nichts mehr holt. Sie hatte noch immer große Angst, sie könnte verspottet werden. Weil Madame Backofen aber oft so traurig war, beredeten sie eines Tages ihre Freundinnen, sie sollte mit ihnen auf den Vergnügungsplatz gehen, dort spiele das lebendige Kasperle, und das sei zum Totlachen.

Na, totlachen tat sich ja Madame Backofen nicht gerade, schon eher krankweinen. Kasperle hüpfte gerade als Teufel auf der Kasperlebühne herum, als Madame Backofen es erblickte. Sie stieß einen lauten Schrei aus, und Kasperle stieß auch einen lauten Schrei aus, und beide fielen um, Kasperle in die Bude, Madame Backofen in Ohnmacht.

Es gab eine große Aufregung auf dem Festplatz, da niemand wußte, warum die Frau ohnmächtig geworden war.

Es erfuhr aber niemand, was eigentlich geschehen war, Die Freundinnen brachten Frau Backofen heim, und der Turmwächter holte Kasperle aus der Bude heraus. Obgleich dies schrie: »Ich stirbse!«, mußte es doch mit nach dem Turm gehen und Madame Backofen Abbitte leisten.

Es tat dies mit vielem Ächzen und Stöhnen, und die Frau dachte, es wäre krank, und wollte ihm Baldriantropfen geben. Aber Kasperle stöhnte: »Küchlein!« Es sah nämlich welche auf dem Tisch stehen.

Madame Backofen mußte lachen, und mit dem Bösesein war es vorbei. Fortan wurde sie mit Kasperle gut Freund, und auch für Meister Haber sorgte sie von da ab gut und herzlich.