Zweites Kapitel. Der König von Apemama: die Gründung von Äquatorstadt

Dem ersten Zusammentreffen mit Tembinok‘ hatte unsere ganze Gesellschaft mit Unruhe, ja fast mit Besorgnis entgegengesehen. Wir wollten eine Gunst von ihm erbitten; es galt also, ihm in der richtigen, höfischen Haltung eines Bittstellers zu nahen und ihm zu gefallen – oder wir mußten den Hauptzweck unserer Reise ausgeben. Unser Wunsch war es, auf Apemama landen und uns niederlassen zu dürfen, um den merkwürdigen Charakter des Mannes und die seltsamen (und ziemlich unberührten) Sitten der Insel aus der Nähe zu studieren. Auf allen anderen Südseeinseln darf ein Weißer mit seiner Kiste landen und bis an sein Lebensende wohnen bleiben, falls er dazu Lust hat und das nötige Geld oder ein Geschäft besitzt; ich wüßte nicht, was ihn sonst hindern könnte. Apemama dagegen ist ein unzugängliches Eiland, das mit verschlossenen Toren mitten im Meere daliegt, und der König selbst steht wie ein wachsamer Beamter an der Sperre, um unliebsame Gäste zu mustern und abzuweisen. Daher auch der Reiz, den unser Unternehmen für uns besaß: nicht nur weil es mit Schwierigkeiten verbunden war, sondern weil diese gesellschaftliche Quarantäne, die an sich schon eine Merkwürdigkeit bedeutete, andere Merkwürdigkeiten am Leben erhalten hatte.

Tembinok‘ ist wie die meisten Tyrannen konservativ und begrüßt, auch wie die meisten Tyrannen, jede neue Idee mit Begeisterung, vorausgesetzt, daß sie nicht auf dem Gebiete der Politik liegt und auf praktische Reformen abzielt. Als die Missionare erschienen und behaupteten, sie hätten die Wahrheit entdeckt, empfing er sie mit Freuden, wohnte dem Gottesdienste bei, lernte öffentlich beten und ließ sieh als Lernender zu ihren Füßen nieder. So hat er durch Ausnutzung der sich ihm bietenden Gelegenheiten auch Lesen, Schreiben, Rechnen und sein sonderbares, höchst persönliches Englisch gelernt, das so sehr von dem üblichen »Beach de Mar« abweicht und so viel unklarer, ausdrucksvoller und knapper ist. Nachdem er also seine Ausbildung vollendet hatte, begann er die Ankömmlinge kritisch zu betrachten. Wie Nakaeia von Makin ist er ein Freund des Schweigens; gleich einem Riesenohr schwebt er brütend über der Insel, unterhält Spione, die ihm täglich Bericht erstatten, und zieht Untertanen, die singen, denen, die reden, vor. Unter diesen Umständen war es gar nicht zu vermeiden, daß er früher oder später an dem Gottesdienste, vor allem an der Predigt, Anstoß nahm. »Hie mein Insel, hie splechen ie«, bemerkte er eines Tages zu mir. »Mein Häuplinge, die niß splechen – die tun, was ie sagen.« Er richtete seinen Blick auf den Missionar, und was mußte er entdecken? »Ie sehen Kanake splechen in glosse Haus«, meinte er mit einem starken Unterton von Sarkasmus. Trotzdem duldete er dies aufrührerische Schauspiel und hätte es vielleicht bis auf den heutigen Tag geduldet, wenn nicht ein neuer Streitpunkt entstanden wäre. Um seine eigenen Worte zu gebrauchen – er sah noch einmal hin, und der Kanake begnügte sich nicht nur mit Reden, nein, schlimmer noch, er baute sich ein Koprahaus. Das berührte aber die ureigensten Interessen des Königs: sein Einkommen und seine Vorrechte waren bedroht. Außerdem war er der Ansicht, die viele mit ihm teilen, daß Handel treiben mit dem Berufe eines Missionars unvereinbar sei. »Wenn Mitonar denken ›guta Mann‹: dann seh gut. Wenn eh denken ›Kopla‹: niß gut. Iß ihn ssicken foht Ssiff.« Das war seine kurze Fassung der Geschichte der Mission auf Apemama. Dergleichen Deportationen kommen nicht selten vor. »Iß ihn ssicken foht Ssiff«, so lautet der Epitaph vieler Leute, und seine Majestät bezahlt dem Verbannten das Reisegeld bis zur nächsten Station. So mietete er verschiedene Male, da er eine leidenschaftliche Vorliebe für europäisches Essen hatte, für seinen Haushalt einen weißen Koch, nur um ihn regelmäßig wieder deportieren zu lassen. Die Köche schwören, daß sie niemals ihren Lohn bekommen hätten, er dagegen behauptet, sie hätten ihn unerträglich beschwindelt – beide Parteien werden recht haben. Bedeutsamer ist der Fall eines Agenten, der (wie man mir erzählte) von einer Handelsfirma eigens hinausgeschickt wurde, um sich bei dem König einzuschmeicheln, wenn möglich Premierminister zu werden und den Koprahandel zugunsten seiner Arbeitgeber zu betreiben. Er erhielt in der Tat die Erlaubnis zu landen, wandte alle seine Künste an, wurde geduldig von Tembinok‘ angehört, glaubte sich schon dicht am Ziel und – siehe da! Als das nächste Schiff in Apemama anlief, wurde der künftige Premierminister in ein Boot geworfen, an Bord expediert, erhielt feine Fahrkarte in die Hand gedrückt – und Adieu! Doch es ist überflüssig, weitere Beispiele anzuführen; man koste den Pudding, wenn man seine Güte kennen lernen will. Als wir nach Apemama kamen, war von den vielen Weißen, die versucht hatten, sich auf jenem reichen Markte eine Position zu schaffen, ein einziger geblieben – ein schweigsamer, nüchterner, einsamer, geiziger Menschenfeind, von dem der König bemerkte: »Ie glauben, eh gut; eh niß splechen.«

Von Anfang an machte man mich darauf aufmerksam, daß uns unser Vorhaben vielleicht nicht glücken würde; dennoch ließ ich mir die Wirklichkeit nicht träumen. Tatsächlich hielt man uns vierundzwanzig Stunden in der Schwebe und hätte uns zum Schluß um ein Haar abgewiesen. Kapitän Reid hatte seinen Stolz darein gesetzt, uns zu helfen; kaum war daher der König an Bord gekommen und die Henetti-Frage freundschaftlich erledigt, als unser Freund sich schon beeilte, ihm meine Bitte sowie eine Schilderung meiner Vorzüge vorzutragen. Der Köder von dem Sohn der Königin Victoria war für Butaritari gut genug; hier hätte er nicht verfangen, und so posierte ich denn als einer der »Alten Leute Englands«, eine Persönlichkeit voll tiefen Wissens, die eigens in Tembinoks Reich gekommen wäre, um voller Eifer der ebenso eifrigen Königin Victoria über ihn zu berichten. Der König antwortete indes kein Sterbenswörtchen und ging sehr bald zu einem anderen Thema über. Ebensogut hätte er gar nichts zu hören oder zu verstehen brauchen; wir merkten jedoch später, daß er uns eifrig studierte. Während des Essens betrachtete er uns einzeln und in Gruppen und heftete auf jeden etwa eine Minute lang den gleichen harten, gedankenvollen Blick. Währenddessen schien er sich selbst, die Gesellschaft und das Gespräch gänzlich vergessen zu haben und vollkommen in Gedanken versunken dazusitzen; sein Blick war ganz unpersönlich: genauso habe ich Porträtmaler ihre Studienobjekte prüfend betrachten sehen. Die Grunde, weswegen er die Weißen hatte deportieren lassen, waren viererlei: Betrug, Einmischung in den Koprahandel, der die Quelle seines Reichtums darstellt, »Splechen«, das seine Macht antastete, und politische Intrigen. Ich fühlte mich so unschuldig wie ein kleines Kind, aber wie sollte ich ihm das zeigen? Kopra hätte ich nicht geschenkt haben mögen: wie konnte ich nur diese Eigenschaft in meiner Haltung bei Tische ausdrücken? Die übrige Gesellschaft teilte meine Unschuld wie meine Verlegenheit, und nicht minder meine Enttäuschung, als Tembinok‘ nach zwei Mahlzeiten und den freien Momenten, die ihm für derartige Musterungen übrig blieben, ohne ein Wort das Schiff verließ. Am folgenden Morgen das gleiche ungenierte Studium, das gleiche Schweigen, und auch der zweite Tag ging bereits zur Neige, bevor man mir mitteilte, daß ich die Probe bestanden hätte. »Ie sehen dein Auge. Du gute Mann. Du niß lügen«, erklärte der König – für einen Romanschriftsteller freilich ein etwas zweifelhaftes Kompliment. Später setzte er mir dann auseinander, daß er einen Menschen nicht nur nach den Augen, sondern auch nach dem Munde beurteilte. »Wenn iß sehen Mann«, sagte er, »ie niß wissen gute Mann, slimme Mann. Ie sehen Auge, ie sehen Mund. Dann ie wissen. Sehen Auge, sehen Mund«, wiederholte er. In unserem Falle hatte sogar der Mund das meiste dabei zu tun, denn unseren Reden verdankten wir es in erster Linie, daß wir auf der Insel zugelassen wurden, da sich der König (wie sich später herausstellte, wohl mit Recht) versprach, eine Menge nützlicher Kenntnisse von uns zu erlernen.

Die Bedingungen unserer Zulassung lauteten folgendermaßen: Wir sollten uns eine passende Stelle aussuchen, und der König würde uns eine Stadt aufbauen. Sein Volk sollte für uns arbeiten, aber nur der König durfte befehlen. Einer seiner Köche sollte täglich zu uns kommen, um dem meinigen zu helfen und von ihm zu lernen. Falls unsere Vorräte sich erschöpften, würde der König uns versorgen und dafür bei Wiederkehr der »Äquator« bezahlt werden. Dagegen sollte er mit uns essen, wann immer er Lust hätte; wenn er aber zu Hause blieb, mußte ihm ein Gericht von unserer Tafel geschickt werden; außerdem verpflichtete ich mich feierlich, seinen Untertanen weder Alkohol noch Geld zu geben (was zu besitzen ihnen verboten war), und auch keinen Tabak, der ihnen nur von der Hand des Königs verabreicht werden durfte. Ich kann mich noch erinnern, daß ich gegen diesen letzten, rigorosen Artikel protestierte; wenigstens wurde er später dahin abgeändert, daß ich die Erlaubnis erhielt, einem Manne, wenn er für mich arbeitete, an Ort und Stelle ein Pfeifchen Tabak zu geben, er durfte jedoch keinen Tabak mitnehmen.

Der Bauplatz von Äquatorstadt – wir tauften unsere Stadt nach unserem Schoner – war sehr bald gewählt. Die nächstgelegenen Ufer der Lagune sind windig und blendend sonnig: selbst Tembinok‘ empfindet es als eine Erleichterung, mit einer blauen Brille bewaffnet auf seiner Terrasse herumzutappen. Wir flohen daher die Nachbarschaft der roten »Konjunktiva«, des eiternden Augapfels, und die Bettler, die den Fremden auf Schritt und Tritt verfolgen und um Augenwasser angehen. Hinter der Stadt ist die Gegend abwechslungsreich, mitunter frei, sandig, uneben, mit einzelnen Zwergpalmen bestanden, dann wieder von tiefen und flachen Tarogräben durchzogen, und stellt je nach der Größe der Pflanzen eine sandige Gerberei oder einen grünenden, von Alleen durchschnittenen Garten dar. Ein Pfad führt zum Meere hinunter und steil aufwärts zum Hauptplateau der Insel, das den übrigen Boden um zwanzig bis dreißig Fuß überragt (obwohl Findlay nur fünf angibt); und dicht unter dem Gipfel der Kuppe, grade dort, wo die Kokospalmen eine anständige Höhe zu erreichen beginnen, fanden wir eine Gruppe Pandanus und ein Fleckchen Erde, das angenehm mit grünem Unterholz bedeckt war. Nicht weit davon befanden sich unter einem ländlichen Verschlag ein Brunnen und in noch größerer Nähe ein Teich, in dem wir unsere Wäsche waschen konnten. Der Platz war außerdem windstill, vor der Sonne geschützt und außer Sichtweite des Dorfes. Man zeigte ihn dem König, und er versprach bis zum nächsten Morgen die Stadt zu liefern.

Der Morgen kam. Mr. Osbourne ging an Land, fand daß sich nichts verändert hatte, und wandte sich mit seiner Beschwerde an den König. Tembinok‘ hörte ihn an, erhob sich, rief nach einem Winchester-Gewehr, trat vor die königliche Palisade und feuerte zweimal in die Luft. Ein Schuß in die Luft ist das erste Warnungssignal auf Apemama; in diesem schweigsamen Lande besitzt er die Kraft einer Proklamation, und seine Majestät bemerkte freundlich, das würde seine Arbeiter »meh‘ lustie« machen. Folglich hatten die Männer sich in weniger als einer halben Stunde versammelt, die Arbeit wurde begonnen, und man sagte uns, wir könnten unser Gepäck, wann wir Lust hätten, an Land bringen.

Es wurde zwei Uhr nachmittags, bevor das erste Boot an den Strand gezogen war, und die lange Prozession von Kisten, Koffern und Säcken sich mühsam durch die Sandwüste nach Äquatorstadt hinaufwand. Der Pandanushain gehörte bereits der Vergangenheit an. Feuer umgab den grünen Busch, und Rauch stieg aus ihm auf. Rings im weiten Umkreis krachten die Äxte. Gerade die Vorteile, denen zuliebe wir den Ort gewählt hatten, hatte der König als erstes ausmerzen lassen, und inmitten dieser Zerstörung standen bereits eine ziemlich große Maniap‘, sowie ein kleines, geschlossenes Haus. Ganz in der Nähe war eine Matte für Tembinok‘ ausgebreitet, und da saß er und beaufsichtigte die Arbeiten, ganz in Kardinalrot gekleidet, mit einem Tropenhelm auf dem Kopf, einer Meerschaumpfeife im Munde und einer Gattin als Hüterin der Streichhölzer und des Tabaks hinter seinem Rücken ausgestreckt. Zwanzig bis dreißig Fuß vor ihm hockte die Mehrzahl der Arbeiter auf dem Boden; ein Teil des Buschs war verschont geblieben, und hier saß, fast bis zu den Schultern darin begraben, das gemeine Volk – ein Halbkreis brauner Gesichter und schwarzer Köpfe, die aufmerksamen Augen starr auf seiner Majestät Gesicht geheftet. Lange Pausen entstanden, während der die Untertanen lediglich gafften und der König rauchte. Dann pflegte Tembinok‘ seine Stimme zu erheben und kurz und schrill zu sprechen. Niemals kam die Antwort in Worten, war die Rede jedoch scherzhaft gewesen, so erscholl statt einer Erwiderung ein diskretes, unterwürfiges Lachen – ein Lachen, wie wir alle es von der Schule her kennen –, hatte er aber einen Befehl ausgegeben, dann schnellte die Arbeitskolonne auf die Füße und machte sich an ihr Werk. Zweimal verschwand sie so und kehrte mit weiteren Bausteinen für die Stadt, einem zweiten Haus und einer zweiten Maniap‘, zurück. Es war seltsam, die Maniap‘ lautlos von weither durch die Stämme der Kokospalmen auf uns zuwandeln zu sehen: anfänglich hatte es den Anschein, als schwimme sie durch die Luft, aber im Näherkommen tauchten unter ihrem Giebel viele Dutzende von nackten Beinen auf. An der ganzen Angelegenheit war ein sklavischer Gehorsam nicht weniger auffallend als sklavische Trägheit. Der Klang einer tödlichen Waffe hatte diese Sklaven zusammenberufen; der Mann, der sie beaufsichtigte, war der unumstrittene Herr ihres Lebens, aber was ihre Eile anbetraf, so hätten sie ebensogut eine Schar amerikanischer Hotel-Clerks sein können, nur daß sie höflicher waren. Der Zuschauer fühlte eine gewisse, wenn auch ungreifbare Lässigkeit heraus, die den Kapitän eines schmucken Handelsschiffes veranlaßt hätte, sich die Haare auszuraufen.

Trotzdem wurde das Werk fertig. Bei Anbruch der Dämmerung zog sich seine Majestät zurück, die Stadt war gegründet, die Arbeit vollendet, ein neuer und rauherer Amphion hatte sie kraft zweier Büchsenschüsse aus dem Nichts gerufen. Am folgenden Morgen erfreute uns der gleiche Zauberer durch ein weiteres Wunder: eine mystische Rampe schloß uns ein, so daß der Weg, der an unserer Tür vorbeiführte, plötzlich unpassierbar wurde und die Bevölkerung, die am anderen Ende der Insel etwas zu erledigen hatte, gezwungen war, einen weiten Bogen zu machen. Wir aber saßen in durchsichtiger Abgeschlossenheit, sehend, gesehen, aber unnahbar wie Bienen in einem gläsernen Stock da. Das äußerliche, sichtbare Zeichen dieses Mirakels bestand aus nichts mehr und nichts weniger als ein paar zerfetzten Girlanden von Kokosblättern, die um die Stämme der umstehenden Palmen geschlungen waren, deren Bedeutung jedoch in der allgewaltigen, heiligen Macht des Tapu und der Gewehre Tembinok’s ruhte.

Wir weihten unsere improvisierte Stadt noch am gleichen Abend durch die erste Mahlzeit ein. Zwei Monate wollten wir an unserem neuen Wohnorte bleiben, und sobald wir ihn nicht mehr brauchten, sollte er, ganz wie er entstanden war, innerhalb von Tagesfrist wieder verschwinden. Seine Elemente mußten dorthin zurückkehren, woher sie gekommen waren; das Tapu wurde aufgehoben, der Verkehr auf der Straße wieder eröffnet werden. Sonne und Mond sollten vergeblich zwischen den Palmen nach dem geschwundenen Werke spähen, und die Winde über einen leeren Bauplatz fegen. Und doch schien dies ganze Gebilde, das jetzt nur noch als eine Episode in unseren Erinnerungen weiterlebt, für Jahre gebaut, ja, über die Maßen dauerhaft. Es war ein äußerst rühriges Dörfchen. Die eine Maniap‘ diente uns als Eßzimmer, die andere als Küche. Die Häuser wurden nur zum Schlafen gebraucht. Sie waren nach dem bewährten Apemama-Plan konstruiert, auf Grund dessen bei weitem die besten Häuser in der ganzen Südsee entstehen und lagen etwa drei Fuß über dem Erdboden erhöht. Die Seitenwände bestanden aus geflochtenen Matten, die man hochheben konnte, um Licht und Luft den Eintritt zu gestatten, und die, heruntergelassen, Wind und Regen aussperrten: luftig, hygienisch, sauber und wasserdicht. Außerdem hatten wir eine ganz fabelhafte Henne; meiner Erfahrung nach ein einzigartiges Exemplar, denn gelegentlich legte sie auch Eier. Dicht am Hause lag ein Garten, in welchem meine Frau Salat und Schalotten zog. Der Salat wurde von dem Huhn verschlungen – und sollte ihm schlecht bekommen. Die Schalotten jedoch gelangten blattweise auf die Tafel und wurden mit dem Genuß und dem Behagen verzehrt, als wären sie Pfirsiche. Toddy und grüne Kokosnuß bekamen wir täglich geliefert, und einmal schenkte uns der König Fische, ein anderes Mal sogar eine Schildkröte. Manchmal schossen wir am Strande sogenannte Kiebitze, manchmal auch wilde Hühner im Busch. Das übrige Essen wurde aus Konservenbüchsen geschöpft.

Unsere Beschäftigungen waren zahlreich. Während ein Teil der Gesellschaft aus die Skizzenjagd ging, hämmerten Mr. Osbourne und ich einen Roman zurecht. Wir lasen einander Gibbon und Carlyle vor, bliesen Flageolett, zupften Gitarre, photographierten im Sonnenlicht, bei Mondschein, bei Blitzlicht, und manchmal spielten wir auch Karten. Ein Teil unseres Nichtstuns ging auf die wirkliche Jagd drauf. Ich selbst habe ganze Nachmittage mit der aufregenden aber gänzlich harmlosen Beschäftigung des Pistolenschießens nach allerlei geflügeltem Getier verbracht; ein Glück nur, daß sich bessere Schützen unter uns befanden, und daß der König uns eine passendere Waffe in Gestalt eines ausgezeichneten Jagdgewehres lieh, sonst wäre es um unsere magere Kost noch schlechter bestellt gewesen.

Die richtige Zeit, unsere Stadt zu besichtigen, war aber des Nachts, wenn der Mond am Himmel stand, die Lampen angezündet waren und im Küchenhaus noch Feuer brannte. Wir litten unter einer Plage von Fliegen und Moskitos, die ein würdiges Gegenstück zu den ägyptischen Plagen war; unser Eßtisch, den wir (wie alle unsere Möbel) vom König entliehen hatten, mußte ständig unter einem Netzzelt stehen, das unsere Zitadelle, unsere einzige Zufluchtsstatt, war. Nachts glühte der Platz vor Helligkeit und strahlte und leuchtete unter dem Giebel in das Dunkel hinaus wie eine monströse Lampe unter ihrem Schirm. Unsere Schlafräume, deren Wände in den mannigfachsten Ebenen durcheinander ragten, warfen seltsame, eckige Lichtreflexe in die Nacht. In der bedachten, offenen Küche sah man Ah Fu zwischen den Töpfen hantieren. Über alles aber ergoß sich von Zeit zu Zeit der Glanz und die Pracht weichen, sanftesten Mondlichts. Der Sand glitzerte wie Diamantenstaub; die Sterne waren verblaßt. Von Zeit zu Zeit schwirrte ein dunkler Nachtvogel mit langsamem, schwerfälligem Flügelschlag unter der Kolonnade von Bäumen dicht an uns vorbei und stieß seinen heiseren, krächzenden Ruf aus.

Drittes Kapitel. Der König von Apemama: der Palast der vielen Frauen

Der Palast, vielmehr die Fläche, die er einnimmt, dehnt sich über mehrere Acres aus. Nach der Lagune zu schließt ihn eine Terrasse ab, nach der Landseite eine Palisade mit einer Reihe von Toren. Das Ganze ist jedoch schwerlich für eine Verteidigung eingerichtet; ein kräftiger Mann könnte ohne weiteres die Rampe herunterreißen, und er brauchte auch nicht sonderlich gelenkig zu sein, um vom Strande aus die Terrasse zu erklettern. Es stehen weder Schildwachen, noch Soldaten, noch Waffen zur Schau; das ganze Arsenal wird unter Verschluß gehalten; die einzigen Posten sind ein paar unansehnliche alte Weiber, die Tag und Nacht vor den Toren herumlungern. Am Tage sind diese alten Gevatterinnen häufig mit Syrupkochen oder anderen häuslichen Arbeiten beschäftigt; nachts liegen sie im Schatten im Hinterhalt oder hocken auf der Palisade, erfüllen das Amt von Eunuchen des königlichen Harems und sind die einzigen Hüter von Tembinok’s Leben.

Weibliche Wachen sind hier vor den Toren des Palastes der vielen Frauen sehr am Platze. Wieviele Gattinnen der König hat, geht über mein Schätzungsvermögen, und von ihren Funktionen habe ich auch nur eine schwache Vorstellung. Er selbst wurde verlegen, wenn man von ihnen als von seinen Ehefrauen sprach, nannte sie seine »Pamile« und setzte uns auseinander, sie wären seine »Kussinen« (Kusinen). Vier von der ganzen Schar fielen uns besonders auf: die Königinmutter, seine Schwester (eine ernste, energische Frau, die viel von ihres Bruders Intelligenz besaß) die eigentliche Königin, der (und nur der allein) meine Frau offiziell vorgestellt wurde, und die augenblickliche Favoritin, ein hübsches, graziöses Mädchen, das dauernd um den König beschäftigt war, und das ihn einmal (als er Tränen vergoß) durch ihre Liebkosungen tröstete. Allein man versicherte mir, selbst seine Beziehungen zu ihr wären rein platonisch. Im Hintergrunde betätigte sich dann noch ein ganzes Heer von Damen, magere, rundliche, mammutartige, einige in losen Gewändern, andere mit dem haarschmalen Ridi bekleidet; hochgeborene und plebejische, Sklavinnen und Gebieterinnen, von der Königin an bis zur Küchenmagd, von der Favoritin bis zu den zerlumpten Schildwächterinnen auf der Palisade. Natürlich gehörten nicht alle von ihnen zu »meiner Pamile« – viele waren nur Dienstboten, doch teilte sich eine erstaunliche Anzahl in die Verantwortlichkeit, die das königliche Vertrauen mit sich brachte. Es gab Schlüsselhüterinnen, Schatzmeisterinnen, Arsenalverwalterinnen, Wäschebewahrerinnen, Verwalterinnen der Vorräte. Jede kannte ihr Amt und verwaltete es bis zur Vollendung. Wurde irgend etwas gebraucht – ein besonderes Gewehr, oder ein spezielles Stück Stoff: stets wurde die richtige Königin gerufen; stets erschien sie mit der richtigen Kiste, öffnete sie in Gegenwart des Königs und zeigte das ihr anvertraute Gut in tadellosester Ordnung – die Gewehre gereinigt und geölt, die Stoffe hübsch sauber gefaltet. Ohne Hast und ohne jede Verzögerung und mit einem Minimum von Gerede lief dieser Riesenhaushalt lautlos wie eine gutgeschmierte Maschine. Nirgends wieder habe ich eine derart vollständige und umfassende Ordnung gesehen. Und doch mußte ich dabei fortwährend an die alten Nordlandssagen von den Trollen und Riesen denken, die der Sicherheit wegen ihre Herzen in der Erde vergraben hielten und gezwungen waren, das Geheimnis ihren Frauen anzuvertrauen. Denn das Leben Tembinok’s hängt von derartigen Mitteln ab. Er trachtet durchaus nicht nach Popularität, sondern schindet und beherrscht seine Untertanen mit einer so vollkommenen Macht, daß man nicht umhin kann, ihn zu bewundern, so schwer es einem auch wird, damit zu sympathisieren. Sollte sich eine der vielen Frauen als treulos erweisen, wird insgeheim einmal das Arsenal geöffnet, nickt eine der alten Weiber vor den Toren ein und finden die Waffen unbemerkt ihren Weg ins Dorf, so ist eine Revolution, die aller Wahrscheinlichkeit nach mit Tod enden würde, so gut wie sicher, und der Geist des Tyrannen von Apemama würde sich zu seinen Vorgängern von Mariki und Tapituea versammeln. Und doch sind die, denen er vertraut, nichts als Frauen und obendrein noch untereinander Rivalinnen.

Zwar gibt es auch ein Ministerium und einen Stab von Männern: den Koch, den Hausmeister und verschiedene Superkargos: die ganze Hierarchie eines Schoners. Die Spione, »seiner Majestät Tageszeitungen«, wie wir sie nannten, kamen allmorgendlich, um ihm Bericht zu erstatten, dann aber sofort wieder zu verschwinden. Der Koch und der Hausmeister haben nur mit der Tafel zu tun. Die Superkargos, deren Pflicht es ist, für drei Pfund monatlich und gewisse Prozente die Kopra zu zählen, betreten nur selten den Palast, und zum mindesten zwei von ihnen sind auf anderen Inseln beschäftigt. Einzig der Zimmermann, der schlaue, vergnügte alte Rubam – Ruben vielleicht? – der nach meinem letzten Besuch zu der höheren Würde eines Gouverneurs aufgerückt war, ist täglich dort zu sehen und hat mit Änderungen, Erweiterungen und Verschönerungen, sowie mit der Ausführung der zahllosen Erfindungen seiner Majestät vollauf zu tun; und mitunter pflegt der König einen Nachmittag damit zuzubringen, daß er Rubam bei der Arbeit zusieht und sich mit ihm unterhält. Trotzalledem bleiben die Männer Outsiders; keiner von ihnen scheint bewaffnet zu sein, keinem wird ein Schlüssel anvertraut; noch vor der Abenddämmerung haben sie in der Regel den Palast verlassen, und die Lasten der Monarchie sowie des Monarchen Leben ruhen einzig auf den Schultern der Frauen.

Dieser Haushalt ist in der Tat völlig von den unsrigen verschieden und hat noch weniger mit einem orientalischen Harem etwas gemein: wir sehen hier einen älteren, kinderlosen Mann, der unter ständiger Bedrohung seines Lebens einsam inmitten einer Schar von Frauen jeden Alters, jeden Standes und jeder verwandtschaftlichen und persönlichen Beziehung lebt – mit Mutter, Schwester, legitimer Frau, Konkubine, Favoritin von heute und mit dem Liebling von gestern. So haust er unter ihnen, ihr alleiniger Herr, das einzige männliche Wesen, die Quelle aller Ehren, Kleider und Leckerbissen, das einzige Ziel der mannigfachsten Hoffnungen und Wünsche. Ich zweifle, ob sich in Europa ein Mann finden würde, kühn genug, um dieses Meisterstück an Takt und Regierungskunst zu versuchen. Zudem soll bei Tembinok‘ zu Anfang durchaus nicht alles glatt gegangen sein. Ich hörte, daß er einmal eine Frau wegen irgendeiner Leichtfertigkeit an Bord eines Schiffes eigenhändig erschossen hätte. Ein anderes Mal, als es sich um ein ernsteres Vergehen handelte, spielte er ausdrücklich den Henker, stellte den Leichnam öffentlich zur Schau und ließ ihn (um die Warnung wirkungsvoller zu gestalten) vor den Toren seines Palastes verfaulen. Zweifellos erleichtert ihm die erhöhte Zahl seiner Jahre sein Werk, denn es ist leichter in so ausgedehntem Maße, den Vater als den Gatten zu spielen. Heute ist er so weit, daß sich, wenigstens vor den Augen des Fremden, alles glatt abwickelt, und die Frauen scheinen stolz auf ihr Amt, stolz auf ihren Rang und stolz auf ihren schlauen Gebieter zu sein.

Ich hatte sogar den Eindruck, daß sie mit dem Mann Heldenkult trieben. Ein beliebter Lehrer in einer Mädchenschule vermittelt vielleicht am ehesten noch einen Begriff von Tembinok’s Rolle. Aber ein Lehrer ißt, schläft, wohnt nicht und wäscht auch nicht seine schmutzige Wäsche inmitten seiner Verehrerinnen; er entgeht ihnen von Zeit zu Zeit, besitzt sein eigenes Zimmer und führt ein Leben für sich, ja, selbst wenn ihm nichts anderes bleibt, hat er doch seine Ferien. Der unglückliche Tembinok‘ dagegen befindet sich stets auf der Bühne und in Spannung.

Während all meines Kommens und Gehens habe ich ihn kein einziges Mal grob werden oder das geringste Mißfallen ausdrücken hören. Ein ausgesprochenes, etwas schwerfälliges Wohlwollen – das Wohlwollen eines Menschen, der des Gehorsams sicher ist – zeichnete ihn in allen Dingen aus, so daß ich manchmal an Samuel Richardson und seinen Kreis bewundernder Frauen erinnert wurde. Die Gattinnen sagten auch ganz offen ihre Meinungen, wie die Ehefrauen bei uns daheim – oder sagen wir, wie blind anbetende, aber durchaus zu verehrende Tanten. Im großen und ganzen bin ich daher der Ansicht, daß er sein Serail weit mehr durch List als durch Gewalt beherrscht. Wer eine andere Auffassung vertritt (ohne die Möglichkeiten zur Beobachtung gefunden zu haben, die mir zur Verfügung standen), wird vielleicht nicht die nötigen Rangunterschiede zwischen »meine Pamile« und den Gefolgsfrauen, Wäscherinnen und Prostituierten bemerkt haben.

Eine wichtige Rolle spielt die abendliche Runde Karten, wenn die Lampen auf die Terrasse gebracht werden und »ie und meine Pamile« stundenlang um Tabak spielen. Es ist für Tembinok‘ überaus charakteristisch., daß er sich bemüßigt fühlte, ein eigenes Spiel zu erfinden; nicht minder charakteristisch, daß sein bewundernder Familienkreis auf diese lächerliche Erfindung schwört. Sie basiert auf Poker, wird mit den Trümpfen aus mehreren Pack Karten gespielt und ist unendlich langweilig. Nun hege ich aber eine leidenschaftliche Vorliebe für alle Spiele, studierte dieses genau und galt daher als der einzige Weiße, der auch nur annähernd das Prinzip begriffen hatte: eine Tatsache, die die Gattinnen (bei denen ich sonst nicht beliebt war) glühend bewunderten. Unmöglich konnte man die Frauen mißverstehen: ihre Freude war echt; sie waren stolz auf ihr Privatspiel, hatten sich über den Mangel an Interesse der anderen bis ins Innerste verletzt gefühlt und sonnten sich nun geschmeichelt in meiner Aufmerksamkeit. Tembinok‘ setzt dabei stets den doppelten Einsatz und erhält dafür auch doppelt so viel Karten, von denen er wählen kann: ein höchst durchsichtiges Kunststück, das die Frauen indes in all den Jahren nicht durchschaut haben. Er selbst machte mir gegenüber privatim nicht das geringste Geheimnis daraus, daß er gewinnen mußte; so erklärte er auch seine Großzügigkeit auf der »Äquator«. Er läßt seine Frauen ihren eigenen Tabak kaufen, was ihnen im Augenblick höchlichst gefällt. Diesen nimmt er ihnen aber beim Kartenspiel wieder ab, wodurch Tembinok‘ ohne jede Unkosten wieder zu dem wird, was er sein will – zu dem alleinigen Spender aller Freuden. Kurz, er faßte den Fall in jener Phrase zusammen, mit der er jede Schilderung seiner Politik zu beenden pflegt: »Vie bessah‘ so.« Der Palasthof ist ganz mit zerstampfter Koralle gepflastert, die sowohl für Augen als auch für nackte Füße qualvoll ist, und wird stets tadellos geharkt und von Unkraut frei gehalten. Einige zwanzig Gebäude liegen an einer Art Straße entlang der Palisade oder verstreut am Rande der Terrasse. Es sind die Behausungen der Ehefrauen und Dienerinnen, Lagerhäuser für die Schätze und Sammlungen des Königs, geräumige Maniapen für Gelage und Ratsversammlungen, einige davon auf Holzsäulen, andere auf einem festen Fundament errichtet. Das eine war noch in Arbeit; es stellte die neuste Erfindung des Königs dar, sein letztgeborenes Kind: ein europäisches Fachwerkhaus, das um der Kühle willen im Inneren einer luftigen Maniap‘ gebaut war, und dessen flaches, schiffsdeckähnliches Bretterdach als hochgelegene, schattige Privatpromenade dienen sollte. Hier pflegte der König stundenlang mit Rubam zu verweilen; hier gesellte ich mich mitunter zu ihnen. Der Ort hatte ein sehr seltsames Aussehen; ich war, das muß ich offen eingestehen, von der Idee sehr entzückt und gab den Architekten gegenüber mit Behagen meinen fachmännischen Rat zum Besten.

Nehmen wir an, wir hätten bei Tage mit seiner Majestät zu sprechen: dann schlendern wir über den Sand an den Zwergpalmen vorbei, tauschen ein »Konamaori« mit dem alten Weiblein aus, das gerade Posten steht, und betreten den Hof. Die weite Korallenfläche liegt in blendender Einsamkeit da; jeder hat sich vor dem Riesenraum in schützendes Dunkel geflüchtet. Ich habe mitunter das ganze große Labyrinth nach dem König absuchen müssen und fand dann, wenn ich unter den Giebel einer Maniap‘ spähte, als einziges Lebewesen irgendeine der Frauen vor, eine braune, nackte Amazone, deren sehniger Körper in regungslosem Schlummer lag. Ist es noch die Stunde der »Morgenzeitungen«, so werden wir nicht so lange zu suchen brauchen, denn dann verrät ihn die Gegenwart eines halben Dutzends schlauer, unterwürfiger Kerle, die vor irgendeinem Hause hocken, so eng wie möglich in den schmalen Schattenstreifen gedrängt, und dem König eine Reihe grinsender Gesichter zukehren. Tembinok‘ sitzt währenddessen drinnen, die Seitenwände sind zurückgeklappt, der Passat durchfächelt den Raum, und der König nimmt die Berichte entgegen. Und genau wie die Journalisten in den Europa näher gelegenen Ländern schmücken auch diese Neuigkeitskrämer ihre Reden um so mehr aus, je weniger sie zu berichten haben. Ja, ich habe erlebt, wie sie einen ganzen, ereignislosen Morgen mit einer imaginären Unterhaltung zwischen zwei Hunden ausfüllten. Manchmal läßt der König sich herbei, zu lachen, manchmal richtet er auch an sie Fragen oder scherzt mit ihnen, und immer tönt seine Stimme schrill aus dem Inneren heraus. Ihm zur Seite kauert vielleicht der präsumptive Thronerbe, sein Neffe und Adoptivsohn Paul, ein splitternacktes, sechsjähriges Bürschchen, ein Idealbild menschlicher Schönheit. Und stets wachen die Favoritin und zwei oder drei Frauen bei ihm, während vier andere wie leblos unter Matten in den Armen des Schlafes liegen. Vielleicht kommen wir aber auch erst später, zu einer intimeren Stunde, und finden Tembinok‘ allein mit seiner Favoritin, einem tönernen Spucknapf, einem bleiernen Tintenfaß und einem großen Kontobuch. In dieses trägt er, auf dem Bauche liegend von Tag zu Tag die Geschichte seiner an Ereignissen armen Regierung ein. Wenn er so beschäftigt ist, verrät er eine Spur Ärger über die Unterbrechung, den ich ihm durchaus nachzufühlen vermag. Einmal las der königliche Chronist mir eine Seite vor, indem er Satz für Satz übersetzte; da jedoch die Stelle ausschließlich von Genealogie handelte und der Autor sehr häufig über seine Version stolperte, muß ich gestehen, daß ich mich manchmal schon besser unterhalten habe. Auch beschränkt er sich durchaus nicht auf Prosa, sondern schlägt in den Stunden seiner Muße noch die Leier und gilt als der beste Barde seines Reiches, ebenso wie er dessen einzige öffentliche Persönlichkeit, führender Architekt und alleiniger Kaufmann ist. Seine Begabung reicht jedoch nicht bis an das Musikalische heran, sondern seine Verse werden nach ihrer Vollendung beruflichen Musikern eingetrichtert, die sie dann komponieren und dem Chor eindrillen. Auf die Frage, wovon die Verse denn handelten, erwiderte Tembinok‘: »Vom Liebchen, von Bäumen und der See. Niß alle wah‘, alle seh vie‘ Lüge.« Ich kenne keine präzisere Zusammenfassung des Inhalts der lyrischen Poesie (höchstens hat er die Sterne und die Blumen noch vergessen). Diese vielfältigen Beschäftigungen zeugen indes (für einen eingeborenen, absoluten Fürsten) von ungewöhnlicher Regsamkeit des Geistes.

Zur Mittagszeit, wenn man über die losen Steine stolpert, ist der Palasthof ein Ort, an den man sich nur mit Ehrfurcht als an einen glanzvollen Alpdruck von Licht und Hitze erinnert. Doch fegen ihn die Winde von Fliegen und Moskitos rein, und bei Sonnenuntergang wird er zu einer himmlischen Labe. Am liebsten aber erinnere ich mich seiner mondlosen Nächte. Die Luft ist dann wie ein Bad von Milch. Zahllose Sterne scheinen am Himmel, und die Lagune ist mit ihnen besät. Heere von Frauen hocken gruppenweise auf dem Kies und schwatzen leise miteinander. Tembinok‘ pflegt dann seinen Rock auszuziehen und nackt und schweigend dazusitzen, vielleicht in die Konzeption eines neuen Gedichtes versunken. Inzwischen wird in der Mitte des Hofes ein Regiment von Lampen angezündet und am Boden aufgereiht – sechs bis acht Quadratmeter werden von diesen Lichtern bedeckt, ein Anblick, der uns einen recht seltsamen Begriff von der Größe »meiner Pamile« vermittelte und ein Schauspiel bot, wie um die Dämmerzeit ein Winkel aus irgendeinem großen Bahnknotenpunkt daheim. Bald jedoch wandern die Lampen nach allen Ecken und Richtungen auseinander, um über den letzten Arbeiten des Tages zu erstrahlen und einer nach der anderen aus der unendlich großen Schar der Frauen in ihr Bett zu leuchten. Nur wenige verweilen noch in der Mitte des Hofes, um über dem Kartenspiel zu erglänzen. Dort sehen sie zu, wie die Trümpfe gemischt und ausgeteilt werden, wie Tembinok‘ aus seinen zwei Blatt das Beste herauswählt, und wie die Königinnen ihren Tabak verlieren. Dann werden auch sie ausgelöscht und fortgetragen, und an ihre Stelle tritt ein großes Feuer, die Nachtlampe des Palastes. Wenn auch diese ausgebrannt ist, werden vor den Toren kleinere Feuerchen angezündet, die von den unsichtbaren, nimmermüden, doch nicht immer stummen Gevatterinnen genährt werden. Für den Fall, daß sich jemand in tiefster Nacht der Residenz nähert, macht eine Wache die Runde um den Ort, wobei jeder Posten seine Gegenwart dem Nachbarn durch das Werfen eines Steins ankündigt. Das Rattern der Kiesel stirbt dahin und verklingt, und wieder kauern die Wächterinnen Tembinok’s schweigend an ihren Plätzen.

Viertes Kapitel. Der König von Apemama: Äquatorstadt und der Palast

Fünf Personen wurden abgeordnet, um uns aufzuwarten. Onkel Parker, der uns mit Toddy und grünen Nüssen versorgte, war ein ältlicher, fast alter Mann mit dem Temperament, dem Fleiß und der Moral eines zehnjährigen Jungens. Sein Gesicht war das eines Greises und blickte spitzbübisch, ja diabolisch in die Welt; die Haut spannte sich über den gestrafften Sehnen wie ein Segel am Leitseil, und er lächelte mit jedem Muskel seines Kopfes. Seine Nüsse mußten Tag für Tag abgezählt werden, sonst betrog er uns bei der Ablieferung; täglich mußte man sie untersuchen, sonst stellte es sich heraus, daß aus einigen der Kern herausgeschält war, und nichts außer dem Namen des Königs vermochte ihn zu seiner Pflicht anzuhalten, und selbst dieser Name versagte manchmal. Nach vollendeter Mühe und Arbeit gab man ihm eine Pfeife, Zündhölzer und Tabak, und er setzte sieh auf den Boden der Maniap‘, um zu rauchen. Dabei rührte er sich nicht vom Platze, und doch war jeden Tag, wenn es galt die Sachen zurückzugeben, das Päckchen Tabak verschwunden. Auf irgendeine Weise hatte er es fertig gebracht, es unter dem Dach zu verstecken, von wo er es am nächsten Tage strahlend hervorholte. Obwohl dieses Taschenspielerstückchen regelmäßig vor drei bis vier Paar Augen verübt wurde, ist es uns weder gelungen, ihn dabei zu ertappen, noch konnten wir je, wenn er gegangen war, den Tabak wiederfinden. Das waren so die Späße und Unterhaltungen Onkel Parkers, eines Mannes von fast sechzig Jahren. Aber er wurde für alle seine Missetaten bestraft: meine Frau setzte es sich in den Kopf, ihn malen zu müssen, und die Leiden, die er während der Sitzungen ausstand, spotten jeder Beschreibung.

Dann erschienen noch drei Mädels aus dem Palaste, um unsere Wäsche zu waschen und mit Ah Fu Unsinn zu treiben. Sie waren von niedrigstem Range, Nichtstuerinnen, die man zur Bequemlichkeit der Handelskapitäne duldete, wahrscheinlich von plebejischer Abstammung, vermutlich sogar Ausländerinnen, ohne eine Spur von Verfeinerung in ihren Manieren oder ihrer Erscheinung, aber in ihrer Art ganz brauchbare, lustige Dirnen. Die eine nannten wir »Die Schneppe«, denn ihr Prototyp ist in den finstersten Vierteln jeder Großstadt zu finden: das gleiche magere, dunkeläugige, lebhafte, ordinäre Gesicht, das gleiche plötzliche, heisere, laute Lachen, das gleiche dreiste und doch ängstliche Benehmen, als schiele sie mit dem einen Auge ständig zum nächsten Polizisten hinüber; nur daß der hiesige Wachtmeister ein richtiger, lebendiger König und sein Gummiknüppel ein Gewehr war. Dagegen zweifle ich, ob man außerhalb dieser Gegend eine Parallele zu »Dickerchen« finden wird, denn auch hier trifft man nur selten ihresgleichen. »Dickerchen« war ein Berg von einem Mädchen, die ungefähr ebensoviel Stone 1 wiegen mußte, wie sie Sommer zählte, und die es ohne weiteres mit einem Gardegrenadier aufgenommen hätte, dabei das Gesicht eines Babys besaß und ihre ungeheuren Körperkräfte ausschließlich auf Spiel verwandte. Doch hatten alle drei das gleiche heitere Temperament. Unsere Wäsche wurde besorgt, während sie Haschen spielten; sie liefen und jagten einander, bespritzten und bewarfen sich, tummelten und wälzten sich im Sande und schrien und lachten dabei fortwährend wie eine Schar Kinder in den Ferien. Und kann man es ihnen verdenken? So sonderbar ihre Rollen in jenem strengen Institut sein mochten, in dem sie für gewöhnlich beschäftigt waren, hier waren sie endlich einmal auf einen Tag dem größten und züchtigsten Mädchenpensionat der ganzen Südsee entronnen.

Der fünfte unserer Dienstboten war kein geringerer als der königliche Koch. Er war an Gesicht und Figur ein auffallend schöner Bursche, faul wie ein Sklave und frech wie ein Fleischerjunge. Er schlief und rauchte auf unserem Grundstück in den verschiedensten, anmutigsten Posen, aber weit davon entfernt, Ah Fu zu helfen, nahm er sich nicht einmal die Mühe, ihm zuzusehen. Von ihm kann man getrost behaupten, daß er gekommen war, um zu lernen, und blieb, um anderen eine Lehre zu sein, und wahrlich, seine Lektionen waren schwer zu verdauen. So wurde er zum Beispiel weggeschickt, um einen Eimer am Brunnen mit Wasser zu füllen. Etwa auf halbem Wege traf er meine Frau, die damit beschäftigt war, ihre Zwiebeln zu begießen, tauschte die Gefäße mit ihr aus, ließ ihr den leeren Eimer da und kehrte mit dem vollen in die Küche zurück. Ein anderes Mal gab man ihm eine Schüssel Klöße für den König, erklärte ihm, daß sie heiß gegessen werden müßten und befahl ihm, sie so schnell wie möglich hinzutragen. Darauf fiel der Schuft hocherhobenen Hauptes und gigerlhaften Schritts in ein Tempo von etwa einer Meile in der Stunde. Das war zu viel. Meine seit einem Monat auf eine harte Probe gestellte Geduld riß. Ich rannte hinter ihm drein, packte ihn an seinen breiten Schultern, schob ihn vor mir her und lief mit ihm den Berg hinunter über den Sand und quer durch das Beifall klatschende Dorf bis zum Sprechhaus, wo der König gerade eine Versammlung hielt. Und der Kerl hatte noch die Unverschämtheit zu behaupten, ich hätte ihn innerlich verletzt und tat ernstlich besorgt um sein Leben!

Alles das ließen wir geduldig über uns ergehen, denn die Gepflogenheiten Tembinok’s sind summarisch, und ich war noch nicht so weit, meine Hand zu des Burschen Tod zu leihen. Inzwischen aber rackerte sich mein unglücklicher Chinesenjunge für beide ab und erkrankte nach einer Weile. Jetzt befand ich mich in der Lage Cimondain Lantenacs sowie sämtlicher Charaktäre in Quatre-Vingts-Treize: ich mußte, um auch fernerhin den Schuldigen zu schonen, den Unschuldigen opfern. Natürlich wählte ich den üblichen Weg, suchte beide Teile zu schonen und erlitt ebenso natürlich eine Niederlage. Nach einer gründlichen Vorprobe begab ich mich nach dem Palast, wo ich den König allein fand, und traktierte ihn mit einer langatmigen Geschichte. Der Koch sei bereits zu alt, um zu lernen; ich fürchtete, er mache nicht die gewünschten Fortschritte; wie wäre es, wenn er mir statt dessen lieber einen Jungen gäbe? Jungen wären doch leichter anzulernen. Alles umsonst! Der König durchschaute meine Ausflüchte bis auf ihren Grund, erkannte, daß der Koch sich über die Maßen schlecht benommen hatte und saß eine Weile düster brütend da. »Ie glauben, eh wissen ssu viel,« sagte er endlich mit grimmiger Bestimmtheit und wandte das Gespräch sofort anderen Dingen zu. Noch am gleichen Tage erschien bei uns an Stelle des Kochs ein anderer höherer Beamter, der Hausmeister, der sich – zu seiner Ehre sei’s gesagt – als höflich und fleißig entpuppte.

Kaum war ich gegangen, da rief der König, wie man mir erzählte, nach seinem Winchester und schlenderte auf die Palisade hinaus, wo er dem Schuldigen auflauerte. An jenem Tage trug Tembinok‘ Weiberkleidung; wahrscheinlich wurde sein Kostüm noch durch den Tropenhelm und die blaue Brille vervollständigt. Man stelle sich die in blendende Helle getauchten Sandhügel vor, die Zwergpalmen mit ihren mittäglichen Schatten, die lange Rampe, die Altweiberposten (jede an ihrem Feuer mit Syrupkochen beschäftigt) – und jene Chimäre, die mit der tödlichen Waffe in der Hand wartete. Kaum war der Koch in Schußweite gekommen, als diese Karrikatur eines Monarchen über den Kopf des anderen hinweg, vor dessen Füße und an beiden Seiten vorbei sechs Schüsse abfeuerte. Das war die zweite auf Apemama übliche Warnung von verhängnisvoller Bedeutung, denn das nächste Mal zielt seine Majestät, um zu treffen. Man sagte mir, der König wäre ein vollendeter Schütze; wenn er mit der Absicht, zu töten, zielt, kann das Grab getrost geschaufelt werden; zielt er aber hart an jemandem vorbei, so geschieht das so haarscharf, daß der Verbrecher sechsmal die Bitterkeit des Todes kostet. Ich hatte selbst Gelegenheit, die Wirkung auf den Koch zu beobachten. Meine Frau und ich kehrten von dem Meeresstrande zurück, als wir jemanden in raschestem, unregelmäßigen Tempo, halb laufend, halb gehend, auf uns zukommen sahen. Gleich darauf erkannten wir den Koch, völlig außer sich vor Aufregung, das übliche warme Mulattenbraun seines Gesichts in bläuliche Blässe verwandelt. Ohne ein Wort oder eine Bewegung, aber mit dem Gesichte eines Satans starrte er uns an, lief an uns vorüber und verschwand im Walde auf dem Wege nach dem unbevölkerten Teil der Insel und dem weiten, einsamen Strande, wo er ungesehen hin und her rasen und schäumend seine Wut, Furcht und Demütigung austoben konnte. Ohne Zweifel mischte sich in die Flüche, die er angesichts der tosenden Brandung und der tropischen Vögel ausstieß, nicht selten der Name des Kaupoi, des reichen Mannes. Ich hatte ihn in der Affäre mit den Klößen zum Gespött des Dorfes gemacht, hatte ihn durch meine Intrigen in Ungnade sowie in ernste Lebensgefahr gebracht, und schließlich hatte er mich, was für ihn vielleicht das Bitterste war, dort am Wege gesehen, wie ich ihn in der Stunde seiner Verzweiflung belauschte.

Die Tage verstrichen, und wir bekamen ihn nicht mehr zu Gesicht. Es war wieder einmal Vollmond, die Zeit, in der es einem wie eine Schande vorkommt, zu schlafen, und ich fuhr fort, bis spät in der Nacht – zwölf und ein Uhr morgens – auf dem hellen Sande und im Schatten der wehenden Palmen spazieren zu gehen. Während meiner Wanderungen spielte ich das Flageolett, wodurch ein großer Teil meiner Aufmerksamkeit gefesselt wurde; die Fächer zu meinen Häupten knarrten mit einem metallischen Geräusch im Winde, und ein nackter Fuß tritt auf jenem nachgiebigen Boden zu jeder Zeit fast lautlos auf. Als ich daher nach Äquatorstadt zurückkehrte, wo alle Lichter bereits gelöscht waren, und meine Frau (die noch wach lag und mich beobachtet hatte) sich erkundigte, wer denn der Mann gewesen wäre, der mir gefolgt sei, dachte ich zuerst, sie mache einen Scherz. »Keineswegs«, lautete ihre Antwort. »Ich sah ihn zweimal, während du vorübergingst, dicht auf deinen Fersen. Er verließ dich erst an der Ecke der Maniap‘ und muß noch hinter dem Kochhaus herumlungern.« Dorthin rannte ich also – Narr der ich war – ohne jede Waffe und befand mich plötzlich Aug in Auge dem Koch gegenüber. Er stand innerhalb meiner Tapulinie, was an sich schon Tod bedeutete; dort konnte er zu solcher Stunde, außer zum Morden oder Stehlen, nichts zu suchen haben. Allein das Schuldbewußtsein machte ihn feige, er drehte sich um und floh ohne ein Wort in die Nacht hinaus. Dabei versetzte ich ihm einen Puff an jene Stelle, mit der man sich die größten Ehren ersitzt, und er ließ ein mattes Quietschen wie eine verwundete Maus hören. In jenem Augenblick vermutete er wahrscheinlich, ich hätte ihn mit einer tödlichen Waffe berührt.

Was hatte der Mann hier zu suchen? Sonst habe ich immer gefunden, daß meine Musik das Publikum eher vertreibt als anlockt. Dilettant der ich war, konnte ich nicht annehmen, daß meine Wiedergabe des »Karnevals in Venedig« ihn reizte, oder daß er auf die natürliche Nachtruhe verzichtet hatte, um meinen Variationen des »Fröhlichen Landmanns« zu lauschen. Was immer auch sein Zweck war, unmöglich konnte man ihn des Nachts ungehindert um das Haus streichen lassen. Ein Wort an den König, und der Mann existierte nicht mehr, da sein Benehmen wirklich unverzeihlich war. Aber es ist ein ander Ding, einen Menschen selbst zu töten, als ihn hinter seinem Rücken zu denunzieren, um ihn von einem Dritten erschießen zu lassen. Ich beschloß daher, auf meine eigene Faust mit dem Kerl fertig zu werden, erzählte die Geschichte Ah Fu und bat ihn, mir den Koch zu bringen, wo immer er seiner habhaft werden könnte. Ich hatte dabei angenommen, daß dies mit einigen Schwierigkeiten verknüpft sein würde, doch, weit davon entfernt, erschien er plötzlich ungerufen: in Wahrheit eine Verzweiflungstat, denn sein Leben hing von meinem Schweigen ab, und das Beste, was er erhoffen konnte, war, daß ich ihn vergessen würde. Trotzdem trat er vollkommen selbstsicher auf, brachte weder eine Entschuldigung noch eine Erklärung vor, beklagte sich nur über die Verletzung, die er hätte erleiden müssen, und gab vor, nicht mehr sitzen zu können. Nun glaube ich wohl, daß ich der schwächste Mann bin, den der Herrgott je erschaffen hat; ich hatte ihn obendrein an die unverwundbarste Stelle seines Riesenkadavers getreten, hatte keine Schuhe angehabt und nicht einmal meinen Fuß verletzt. Ah Fu vermochte einen Heiterkeitsausbruch auch nicht zu unterdrücken. Ich meinerseits, der ich wußte, welche Angst der andere ausstehen mußte, konnte nicht umhin, in dieser Unverschämtheit eine Art von Tapferkeit zu sehen und bewunderte den Mann im stillen. Ich erklärte ihm daher, ich würde dem König nichts von dem nächtlichen Abenteuer erzählen und erlaubte ihm zwar, wenn er eine Botschaft auszurichten hätte, tagsüber den Grund innerhalb meiner Tapulinie zu betreten, drohte aber, wenn ich ihn nach Sonnenuntergang dort fände, ihn auf der Stelle niederzuknallen und zeigte ihm als Beweis meinen Revolver. Er muß sich unendlich erleichtert gefühlt haben, doch hütete er sich, das merken zu lassen, schlenderte im Gegenteil mit seiner üblichen, stutzerhaften Nonchalance davon und ward kaum mehr gesehen.

Diese Fünf allein, ausgenommen den an Stelle des Kochs beorderten Hausmeister, gingen bei uns aus und ein und waren unsere einzigen Besucher. Der Tapukreis hielt alle Dorfbewohner auf Armeslänge von uns fern. Und was »meine Pamili« betrifft, so hauste sie wie die Nonnen in ihren eigenen vier Wänden. Ein einziges Mal nur bin ich einer der Frauen, und zwar des Königs Schwester, an einem Orte begegnet, der wahrscheinlich ausnahmsweise für sie freigegeben war. Es war das Dorfhospital. Also wäre nur noch über den König selbst zu berichten. Dieser pflegte stets allein, kurz vor dem Essen, zu uns herüber zu spazieren, Platz zu nehmen, mitzuessen und sich wie ein alter Freund der Familie mit uns zu unterhalten. Bei diesen Gelegenheiten wollte es mir erscheinen, als gäbe es in der Etikette der Gilbertinseln hinsichtlich der Frage des Aufbrechens bei Gesellschaften eine Lücke. Man erinnert sich vielleicht, daß wir in diesem Punkte bereits mit Karaiti zusammengestoßen waren. Es lag etwas Kindisches und Störendes in Tembinoks abruptem »Ie jess Hause gehen wollen«, das stets von einem sprunghaften Aufstehen und einem ungeschminkten Rückzug gefolgt wurde. Das war aber auch der einzige Makel an seinen Manieren, die sonst stets schlicht, anständig, vernünftig und würdevoll waren. Niemals blieb er lange, nie trank er viel, und immer kopierte er unser Benehmen, sobald er sah, daß es in irgendeiner Beziehung von dem seinen abwich. So gewöhnte er es sich zum Beispiel sehr bald ab, mit dem Messer zu essen. Es war ganz klar, daß er beschlossen hatte, aus unserem Besuch in jeder Hinsicht, vornehmlich aber in Punkto Etikette, auch das kleinste Quäntchen Nutzen herauszupressen. Viel Kopfzerbrechen machte ihm der Rang seiner weißen Besucher; er pflegte einen Namen nach dem andern auf das Tapet zu bringen und zu fragen, ob der Betreffende ein »dlossah Häupling« oder überhaupt ein »Häupling« wäre, wodurch ich, da ich einige dieser Personen zu meinen sehr guten Freunden rechnete und keiner wirklich in Purpur geboren war, mitunter in einige Verlegenheit geriet. Daß man unsere verschiedenen Bevölkerungsklassen an ihrer Redeweise unterscheiden könne, machte auf ihn einen tiefen Eindruck, ebenso daß gewisse Worte (zum Beispiel) auf dem Achterdeck eines Kriegsschiffes tapu sind. Er bat mich deshalb auch, auf seine Rede zu achten und ihn zu korrigieren, allein wir waren, in der Lage ihm zu versichern, daß tatsächlich nichts zu verbessern wäre. Sein Wortschatz ist im Gegenteil erstaunlich treffend und reichhaltig. Der Himmel allein weiß, wo er ihn gesammelt hat, doch hat er dabei durch Instinkt oder Zufall alle profanen und gewöhnlichen Ausdrücke vermieden. »Verpflichten, erstochen, nagen, Portikus, Macht, Gesellschaft, schlank, glatt und wunderbar« sind einige der unerwarteten Worte, mit denen er seinen Jargon bereichert hat. Was ihn jedoch wohl am meisten entzückte, war die Neuigkeit, daß vor dem Achterdeck eines Kriegsschiffes salutiert wird. Seine Dankbarkeit für diesen Wink war geradezu überschwänglich. »Schonah Käp’n, eh mih niss sagen,« rief er, »ie glauben, eh niss wissen! Du wisen ssu viel; wissen Timah, 2, wissen Kiessiff. Iss glauben, du wissen alles.« Doch quälte er mich häufig genug mit seinen ewigen Fragen, und nicht selten gab der falsche »Kindermann« sich vor diesem Serenissimus eine arge Blöße. Ein solcher Fall ist mir besonders in der Erinnerung haften geblieben. Wir führten ihm die Laterna Magica vor. Unter anderem erschien auch ein Bild von Windsor Castle, und ich erklärte ihm, das wäre das Haus der Königin Victoria. »Wieviel Faden hoch?», lautete die Frage, und ich stand da, wie auf den Mund geschlagen. Hier sprach der Bauherr, der unermüdliche Architekt; trotz seiner Sammelwut sammelte er nur nützliche Kenntnisse, und seine Fragen verfolgten alle einen Zweck. Nach den Etikettefragen interessierte er sich in der Hauptsache für Regierungspolitik, Gesetze, Polizei, Geldwesen und Medizin, alles Dinge, die für ihn als König und Vater seines Volkes von größter Wichtigkeit waren. Meine Pflicht war es, ihn nicht nur mit neuen Informationen zu versorgen, sondern auch die alten zu korrigieren. »Mein Patah, eh mih sagen«,– oder »Weiße Mann, eh mih sagen« – so lautete unfehlbar der Anfang, und dann – »Du glauben, eh lügen?« – Manchmal glaubte ich es in der Tat. Einmal trat Tembinok mit einem Problem an mich heran, das ich anfangs gar nicht begreifen konnte. Der Kapitän eines Schoners hatte ihm einmal von Kapitän Cook erzählt; der König hatte sich sehr für die Geschichte interessiert und wandte sich, zwecks näherer Information, nicht an Stephens Diktionär, nicht an die Encyclopedia Britannica – sondern an die Bibel der Gilbertinseln (die in der Hauptsache aus dem Neuen Testament und den Psalmen besteht). In ihr forschte er lange und gewissenhaft; Paulus fand er und Festus und Alexander, den Kupferschmied: aber kein Wort von Cook. Die Schlußfolgerung lag auf der Hand: der große Entdecker war ein Mythos. So schwer ist es für einen Mann selbst von so ausgesprochener Begabung wie Tembinok, die Ideen einer neuen Gesellschaft und Kultur zu erfassen.

  1. Ein Stone = vierzehn englische Pfund.
  2. Steamer.

Fünftes Kapitel. König und Gemeine

Von dem gemeinen Volk der Insel bekamen wir wenig zu sehen. Anfänglich trafen wir noch am Brunnen mit ihm zusammen, an dem die Leute ihre Wäsche wuschen und wir unser Trinkwasser zapften. Diese doppelte Tätigkeit war indes nicht gerade nach unserem Geschmack, und da wir einen Tyrannen zur Verfügung hatten, wandten wir uns an diesen und veranlaßten den König, den Ort in unsere Tapulinie einzubeziehen. Das war eine der wenigen Gunstbezeugungen, die Tembinok‘ offensichtlich ungern gewährte, und man kann sich denken, wie wenig beliebt sie die Fremden machte. Zahlreiche Dorfbewohner gingen täglich aus ihrem Wege nach den Feldern an uns vorüber, allein sie machten stets einen weiten Bogen um das Tapu und schienen sogar ihre Blicke davon abzulenken. Von Zeit zu Zeit gingen wir selbst in das Dorf hinab, das ein recht seltsamer Ort war, fast holländisch anmutend infolge der vielen Kanäle und orientalisch durch die Höhe und Steilheit der Dächer, die sich in der Dämmerung wie Tempeldächer ausnahmen – doch nur selten wurden wir in ein Haus gerufen. Man bot uns keinen Willkommensgruß, keine Freundschaftsbezeugung, und von dem Familienleben bekamen wir nur ein Bild zu sehen: eine Totenwache, ein grausiger, peinlicher Anblick. Die Witwe hielt auf ihrem Schoß den kalten, bläulichen Körper ihres Gatten, nahm von Zeit zu Zeit an den Erfrischungen Teil, die der Gesellschaft gereicht wurden und küßte im nächsten Augenblick den bleichen Mund. (»Ich fürchte, Sie empfinden diese Heimsuchung tief«, bemerkte der schottische Geistliche. »Ja, Herr, sehr tief!« entgegnete die Witwe. »Die ganze Nacht über hab ich geheult, und jetzt will ich nur ein klein bißchen Grütze essen, dann heul ich gleich wieder.«) Auf unseren Spaziergängen empfing ich den Eindruck, als wichen die Insulaner uns aus, vielleicht aus Abneigung, vielleicht auch auf Befehl; wenn wir Überhaupt welchen begegneten, so geschah es meist durch Überrumpelung. Die Oberfläche der Insel ist teils mit Palmenwäldchen, teils mit Dickichten bewachsen und von romantischen kleinen Tälern, den Überresten alter Taropflanzungen, durchzogen; so war es möglich, die Leute, wenn sie von ihrer Arbeit ausruhten oder sich versteckten, unversehens zu überraschen. Ungefähr einen Pistolenschuß von unserem Stadtbild entfernt lag im Grunde des Dschungels ein Teich, wohin die Mädchen der Insel zum Baden kamen, und wo wir sie verschiedene Male durch unser plötzliches Erscheinen aufschreckten. Die hellen, kalten Flüsse von Tahiti und Upolu sind ihnen versagt; sie dürfen nicht zur Dämmerstunde zusammen mit einem ganzen Dorf voll heiterer Gefährtinnen im Wasser spielen und plantschen, sondern müssen sich einsam wegstehlen an einen Ort, der starke Ähnlichkeit mit einer Viehsuhle hat, um sich dort in dem lauwarmen Schlamm, braun wie ihre eigene Haut, hinzukauern und sich zu waschen, falls man das Waschen nennen kann. Noch andere, wenn auch seltene Begegnungen sind mir im Gedächtnis geblieben. Mehrere Male wurde ich durch den Klang zarter Stimmen im Busch aufgehalten, weich wie Flöten und voll sanfter Modulation. Hoffnung schmeichelte mir, ich schob die Blätter beiseite, aber siehe da! Statt der erwarteten Dryaden hockten ein paar nur allzu kompakte Damen in ihren ungraziösen Ridis vor mir, eifrig mit ihren Tonpfeifen beschäftigt. Schönheit der Stimme und der Augen war alles, was diesen schwerfälligen Matronen geblieben war, und die Anmut der Stimme war in der Tat wundervoll. Seltsamerweise habe ich nirgends wieder eine so gewinnende Redeweise vernommen, obwohl sich der Dialekt eher durch häßliche, gezwungene und ausgefallene Vokabeln auszeichnet, so daß Tombinok‘ selbst mir erklärte, er mache ihn müde und er ruhe sich beim Englischsprechen aus.

Die Lebensverhältnisse dieser Leute, die ich so selten sah, vermochte ich lediglich zu erraten. Der König selbst erläuterte mir in kunstvoller Weise die Situation. »Nein; ie sie bessahlen,« bemerkte er einmal. »Ie sie geben Tabak. Sie fü miss albeiten ganss wie Blüdah.« Diese Leute tragen sämtliche Zeichen der Sklaverei an sich – Leichtfertigkeit, die an Kindischsein grenzt, unverbesserliche Trägheit und unheilbare Zufriedenheit. Die Unverschämtheit des Kochs war ein origineller Zug, nicht so sein Mangel an Ernst, den er mit Onkel Parker teilte. Beide tanzten gleich sorglos im Schatten des Galgens herum und schlugen dem Tode so respektlose Schnippchen, daß ein oberflächlicher Beobachter der menschlichen Natur sich wundern mußte. Von Parker schrieb ich, daß er sich wie ein zehnjähriger Junge benehme: war er, der sechzigjährige Sklave, denn auch etwas anderes? Sein ganzes Leben hatte er in einer Schule verbracht; man hatte für ihn gesorgt, ihn ernährt, ihn gekleidet und geschulmeistert: an den Gedanken der Strafe hatte er sich gewöhnt und kokettierte deshalb mit ihr. Durch Furcht kann man die Menschen zwar lange treiben, aber nicht weit bringen. Hier in Apemama müssen sie sich ständig unter drohender Lebensgefahr plagen und haben sich in eine Lethargie der Faulheit hineingerettet. Es ist durchaus kein ungewöhnlicher Anblick, einen Mann unter einer steifen Matte, in der er, die Ellenbogen an die Hüften gedrückt, wie ein Hahn, dem man die Beine zusammengebunden hat, einherspaziert, auf die Felder gehen zu sehen. Dort muß die eine Hand, was immer auch die andere tun mag, feiern und das Kleidungsstück zusammenhalten, damit er es nicht verliert. Ebenso häufig sieht man zwei Männer an einer Stange einen einzigen Eimer Wasser tragen. Nun geht es zwar an, daß zwei Mann sich in eine Kirsche teilen: daß aber aus eines einzigen Soldaten Marschausrüstung zwei Lasten gemacht werden, nur um noch keine hundert Meter getragen zu werden, übersteigt jedes Maß. Die Frauen verkommen auch weniger rasch in der Sklaverei, da sie die weniger kindischen Tiere find. Ich habe die Frauen von Apemama, selbst in Abwesenheit des Königs, ja, wenn sie ganz allein waren, ausdauernd arbeiten sehen. Dagegen ist das Höchste, auf das man bei einem Manne hoffen darf, daß er unter äußerster Schonung seiner Kräfte ruckweise eine Arbeit beginnt, nur um in den Zwischenpausen müßig herumzulungern. So habe ich einen Maler arbeiten sehen, die Pfeife im Munde, während sein Freund ihm am Atelierfeuer Gesellschaft leistete. Man könnte meinen, die Rasse ermangele überhaupt jeder Höflichkeit und Lebenskraft, wenn man sie nicht beim Tanze beobachtet hätte. Nacht für Nacht und mitunter auch ganze Tage lang schmettern sie in dem großen Sprechhaus ihre Chorgesänge in die Luft hinaus – feierliche Andanten und Adagios, die von Händeklatschen begleitet und mit einer Kraft gesungen werden, daß die Wände davon erzittern. Dabei ist der Takt nicht einmal sehr langsam, wenn auch langsamer als der sonst auf den Inseln gebräuchliche; ich habe vielmehr nur an seine Wirkung auf die Zuhörer gedacht. Ihre Musik klingt aus der Nähe wie Kirchenmusik und erscheint dem europäischen Ohr gleichmäßiger als die meisten Inselgesänge. Zweimal habe ich auch beobachtet, daß eine Disharmonie ganz regelrecht aufgelöst wurde. Aus der Ferne dagegen, in Äquatorstadt vernommen, schien sich der Rhythmus zu heben und zu senken, und erschollen die Stimmen wie Hundegebell aus einem fernen Zwinger.

Die Sklaven sind entschieden nicht überarbeitet – zehnjährige Kinder vermögen ohne Überanstrengung mehr zu leisten – und die Apemama-Arbeiter kennen auch Feiertage, an denen das Singen schon früh am Nachmittage anfängt. Ihre Kost ist dagegen rigoros – Kopra und eine Süßigkeit aus zerstampftem Pandanus sind die einzigen Gerichte, die außerhalb des Palastes gegessen werden, doch ist an der Menge der Nahrung nichts auszusetzen, und der König teilt mit dem Volk seine Schildkröten. Während unseres Aufenthaltes wurden ihm drei dieser Tiere aus Kuria geschickt: das eine wurde für den Palast reserviert, das andere uns und das dritte dem Dorfe übersandt. Die Insulaner haben die Gewohnheit, die Schildkröte mitsamt dem Rückenschild zu kochen; man hatte uns aber die Schale versprochen, und wir baten daher, diesen törichten Brauch unter Tapu zu stellen. Sofort verfinsterte sich das Antlitz Tembinok’s, und er gab keine Antwort. Ein Zögern in der Frage des Brunnens konnte ich verstehen, denn Wasser ist rar auf einer flachen Insel; daß er sich aber weigern könnte, in eine kulinarische Frage dreinzureden, war mehr als ich mir hatte träumen lassen, und ich folgerte daraus – ob mit Recht oder Unrecht, weiß ich nicht – daß er in höchstem Maße zurückhaltend wäre, wenn es sieh darum handelte, in das Privatleben einzugreifen oder an den Gewohnheiten seiner Sklaven zu rühren. Also besitzt selbst hier, im Herzen des Despotismus, die öffentliche Meinung noch Gewicht; selbst in dieser Hochburg der Sklaverei hat die Freiheit einen Winkel gefunden.

Ordentlich, nüchtern und unschuldig – wie auf einer Musterpflanzung unter der Leitung eines Musterpflanzers – so fließt Tag für Tag das Leben auf der Insel hin. Unmöglich kann man an dem wohltuenden Einfluß dieser strengen Herrschaft zweifeln. Eine sonderbare Geschmeidigkeit, ein weiches, anmutiges Benehmen, etwas Weibisches und Höfisches zeichnet die Insulaner von Apemama aus. Diese Eigenschaften bildeten das Gesprächsthema sämtlicher Händler und wurden selbst von so unbeliebten Besuchern, wie wir es waren, empfunden, ja, sie traten sogar an unserem Koch, und zwar in seinen unverschämtesten Minuten, hervor. Der König stand mit seiner männlichen, schlichten Haltung ganz allein da; man kann ihn als den einzigen Gilbert-Insulaner auf Apemama bezeichnen. Gewalttätigkeit, die in Butaritari heimisch ist, kommt hier nicht vor, ebensowenig Diebstahl und Trunkenheit. Man versichert mir, man habe das Experiment gemacht, Goldstücke am Strande vor dem Dorfe liegen zu lassen: sie blieben dort liegen. Während unseres ganzen Aufenthaltes auf der Insel bin ich nur ein einziges Mal um Alkohol angegangen worden, und zwar von einem höchst eindrucksvollen Burschen, der europäische Kleidung trug und ausgezeichnet englisch sprach – Tamaiti war sein Name oder – in der europäischen Korrumpierung – »Tom White«. Er war einer der Superkargos des Königs und erhielt drei Pfund den Monat und Prozente, außerdem war er noch Arzt und im Privatleben ein Zauberer. Dieser Mann traf mich eines Tages an der Grenze des Dorfes an einem einsamen, heißen Ort, an dem die Tarogräben tief und die Pflanzen hoch sind. Hier hielt er mich am Knopfloch fest, blickte sich wie ein Verschwörer nach allen Seiten um und fragte mich, ob ich Gin hätte.

Ich bejahte die Frage. Er bemerkte, Gin wäre verboten, lobte eine Welle das Verbot und fuhr dann fort, mir auseinanderzusetzen, daß er ein Doktor sei – er sprach das Wort »dogstar« aus – daß Gin für seine medizinischen Tränklein unentbehrlich wäre, und daß er mir sehr dankbar sein würde, wenn ich ihm etwas in einer Flasche mitgäbe. Ich sagte ihm darauf, daß ich dem König mein Wort verpfändet hätte, daß ich aber, da ja der Fall eine Ausnahme bilde, sofort zum Palast gehen würde, wo, wie ich nicht zweifelte, Tembinok mir die Erlaubnis erteilen wurde. Sofort geriet Tom White vor Verlegenheit und Furcht außer sich, flehte mich in den herzbewegendsten Ausdrücken an, ihn doch ja nicht zu verraten und floh meine Gegenwart. Er besaß nichts von dem Mut, der den Koch beseelte; Wochen gingen vorüber, ehe er mir gerade ins Auge zu sehen wagte, und auch dann erschien er nur auf Befehl des Königs in besonderen Angelegenheiten.

Je mehr ich von dieser strengen Herrschaft zu sehen bekam, je mehr ich sie bewunderte, um so heftiger verfolgte mich das Problem, das für uns vielleicht schon morgen aktuell werden konnte. Hier lebte ein Volk, das vor jedem ernsten Unglück bewahrt war, dem man alle schlimmen Sorgen abgenommen, gleichzeitig aber auch jede Freiheit geraubt hatte. War es wirklich zufrieden? Und welches waren seine Gefühle seinem Herrscher gegenüber? Die erste Frage konnte ich natürlich an niemanden richten, und die Eingeborenen hätten sie vielleicht auch gar nicht zu beantworten gewußt. Selbst die zweite war schon etwas delikat; doch fand ich endlich unter seltsamen, reizenden Umständen eine Gelegenheit, jemanden auszukundschaften und eine Antwort zu erhalten. Der Mond war beinah voll, und eine köstliche Brise wehte; die Insel war hell erleuchtet – wie am Tage – zu schlafen wäre ein Sakrileg gewesen, und ich wanderte, meine Flöte blasend, im Busch umher. Es muß wohl der Klang dessen gewesen sein, was ich euphemistisch als Musik bezeichne, der noch einen anderen Wanderer in meiner Richtung in die Nacht herauslockte. Es war ein junger Mann in einer feingeflochtenen Matte mit einem Kranz im Haar, der eben erst von Tanz und Gesang im Sprechhaus kam; Körper, Gesicht und Augen waren von bezaubernder Schönheit. Überall aus den Gilbertinseln trifft man hier und da Jünglinge von dieser einfach lächerlichen Vollkommenheit; ich habe schon erlebt, daß wir zu fünf, sechs Mann eine halbe Stunde versunken in Bewunderung eines Knabens von Mariki da standen, und Te Kop (mein Freund in der feinen Matte mit den Kränzen) war mir schon verschiedene Male aufgefallen und von mir als bei weitem das schönste Tier von Apemama klassifiziert worden. Der Zaubertrank der Bewunderung muß sehr stark sein, oder die Insulaner sind dafür besonders empfänglich, denn selten habe ich auf den Inseln jemanden bewundert, ohne daß er nicht sofort meine Bekanntschaft gesucht hätte. So war es auch mit Te Kop. Er führte mich an das Meeresufer, wo wir ein, zwei Stunden lang rauchend und schwatzend in dem unbeschreiblichen Strahlenglanz des Mondes auf dem glitzernden Sande saßen. Mein Freund zeigte sich ungemein empfänglich für die Schönheit und Lieblichkeit der Stunde. »Gute Nacht! Gute Wind!« rief er immer wieder, und während er diese Worte sprach, war es, als schwelge er darin. Lange vorher hatte ich derartige wiederholte Ausbruche des Entzückens für eine von mir erschaffene Figur (Felipe in der Geschichte Olalla) erfunden, in der Absicht, das Tierische dieses Wesens auszudrücken. Te Kop war aber durchaus nicht tierisch, sondern bezeugte nur eine kindliche Freude an dem Augenblick. Nicht weniger entzückt war er von seinem Gefährten, wenigstens hatte er die Liebenswürdigkeit, das zu behaupten und beehrte mich vor dem Abschiede damit, daß er mich Te Kop nannte, ja, er apostrophierte mich in den zartesten Tönen als »Mein Name«, wobei er seine Hand flüchtig auf meine Knie legte, und rief mir zweimal, als wir uns erhoben hatten und unsere Wege sich trennten, in einer Art sanften Ekstase zu: »Ie dih lieben zu viel.« Von Anfang an hatte er keinen Hehl aus seiner Furcht vor dem König gemacht; er weigerte sich, sich hinzusetzen oder lauter als im Flüstertone zu sprechen, bis wir nicht die ganze Breite der Insel zwischen ihn und seinen damals harmlos schlummernden Monarchen gelegt hatten, und selbst dann, als wir nur einen Steinwurf weit vom offenen Meere entfernt waren, wo unser Gespräch von dem Geräusch der Brandung und dem Sausen des Windes unter den Palmen übertönt wurde, fuhr er fort, behutsam zu sprechen, senkte seine silberne Stimme (die im Chorgesang laut genug schallte) und blickte rings um sich, wie einer, der sich vor Spionen fürchtet. Das Seltsamste an der Sache ist aber, daß ich ihn nie wieder sah. Aus jeder anderen Insel in der Südsee hätte sich jeder Eingeborene, wenn ich auch nur halb so weit mit ihm gegangen wäre, am nächsten Tage vor meiner Tür sehen lassen, Geschenke bringend und Geschenke erwartend. Aber Te Kop verschwand auf ewig im Busch. Mein Haus war für ihn natürlich unnahbar, er wußte aber, daß er mich am Meeresstrande finden konnte, wohin ich mich jeden Tag begab. Ich war der Kaupoi, der reiche Mann; mein Tabak und meine Waren galten als unerschöpflich: er wäre eines Geschenks sicher gewesen. Ich weiß nicht, wie ich sein Benehmen erklären soll, es sei denn, daß er sich voller Schrecken und Bedauern einer Stelle unseres Gesprächs erinnerte, die folgendermaßen lautete:

»Der Konig, er guter Mann?« erkundigte ich mich. »Wenn eh diss lieben, eh gute Mann«, erwiderte Te Kop; »niss lieben, dann niss gut«.

Das ist natürlich auch eine Art, die Sache klarzulegen. Te Kop selbst war wahrscheinlich kein Liebling des Königs, denn mir erschien er kaum als ein Muster an Fleiß. Außer ihm muß es aber noch viele andere gegeben haben, die der König (um mit Te Kop zu reden) nicht liebt. Mögen diese Unglücklichen nun den König leiden? Oder ist die Abneigung nicht vielmehr gegenseitig und der gewissenhafte Tembinok‘, wie vor ihm der gewissenhafte Braxfield und zahlreiche gewissenhafte Herrscher und Gesetzgeber, dessen Vorgänger, von lauter Murrköpfen umgeben? Nehmen wir zum Beispiel den Koch, der blau vor Wut und Entsetzen an uns vorbeijagte. Er war gegen mich über die Maßen aufgebracht; nach sämtlichen traditionellen Erfahrungen von der menschlichen Natur konnte er aber auch nicht gerade sehr gut auf seinen Herrscher zu sprechen sein. Er versuchte zwar, dem reichen Manne aufzulauern, meiner Meinung nach hat aber nur ein Haar daran gefehlt, daß er statt dessen dem König ein Bein stellte. Obendrein gibt der König dazu selbst reichlich Gelegenheit oder scheint sie doch zu geben; Tag und Nacht geht er unbegleitet umher, ob bewaffnet oder nicht, weiß ich nicht; und die Taropflanzungen, wohin seine Geschäfte ihn oft führen müssen, scheinen für einen Mordangriff geradezu geschaffen. Ja, der Fall des Koches lastete schwer auf meinem Gewissen. Mir widerstrebte es, meinen Feind von zweiter Hand töten zu lassen, doch hatte ich das Recht, dem Könige, der mir vertraut hatte, den gefährlichen und ränkesüchtigen Charakter seines Dieners zu verschweigen? Und wenn nun der König wirklich gestürzt wurde, was würde dann das Schicksal seiner Freunde sein? Unsere damalige Ansicht war, daß wir die Sperrung des Brunnens teuer würden bezahlen müssen, ja, daß unser Lebensodem aus des Königs Nase blies. Falls der König tatsächlich in irgendeinem Tarograben niedergeknüttelt wurde, dann durften die philosophischen und musikalischen Bewohner von Äquatorstadt voraussichtlich ihre angenehmen Zeitvertreibe beiseite legen und sich mit nur wenig Aussicht auf Erfolg auf die Verteidigungsmaßnahmen werfen, wie sie ihnen zur Verfügung standen. Derartige Überlegungen wurden durch einen Zufall, den ich mich schäme zu berichten, in uns wachgerufen. Der Schoner »H. L. Haseltine« (seither mit Verlust von elf Menschenleben untergegangen) war eine Stunde vor uns, die wir unsere Vorräte fast gänzlich erschöpft hatten, in Apemama angelaufen. Der König brachte, wie es seine Gewohnheit war, ganze Tage an Bord zu; unglücklicherweise war der Gin sehr nach seinem Geschmack, und einige Zeit war der unumschränkte Tyrann der Insel stark angesäuselt. Er war nicht betrunken – der Mann ist kein Trunkenbold; er pflegt zwar stets große Vorräte von Schnaps auf Lager zu haben, bedient sich ihrer aber mit Mäßigung – trotzdem war er unklar im Kopfe, blöde und konfus. Eines Tages erschien er, um mit uns zu speisen und schlief, während der Tisch gedeckt wurde, auf seinem Stuhle ein. Seine Verwirrung, als er aufwachte und merkte, daß man ihn ertappt hatte, kam einzig unserer Sorge gleich. Als er gegangen war, sprachen wir noch lange von der Gefahr, in der er schwebte, die wir bis zum gewissen Grade auch für die unsrige hielten – wie leicht er in einem derartigen Zustand von den Unzufriedenen überrascht werden könnte und welche seltsamen Szenen dann folgen würden – königliche Schatzkammer und Lagerhäuser dem Pöbel ausgeliefert, der Palast gestürmt, die Weibergarnison aufgelassen. Und noch während wir sprachen, wurden wir durch einen Gewehrschuß und einen plötzlichen, barbarischen Lärm aufgeschreckt. Ich glaube, wir wechselten alle die Farbe; es war aber nur der König, der auf einen Hund schoß, und der Chor im Sprechhaus, der ein Lied anstimmte. Ein oder zwei Tage später hörte ich, der König sei schwer erkrankt. Ich ging hinunter, um den Fall zu diagnostizieren und errang mir auf der Stelle den höchsten Grad medizinischer Wissenschaft durch eine Dosis doppelkohlensauren Natrons. Noch innerhalb der gleichen Stunde war der König wieder er selbst geworden; ich fand ihn in dem Neubau, vertieft in den doppelten Genuß, Rubam bei seiner Arbeit anzuleiten und eine Mahlzeit von Kokosnußklößen zu verzehren; und er brannte darauf, die Formel für diesen neuen »Schmerzenstöter« kennenzulernen – das ist auf den Inseln der Name für jede Art von Medizin. Damit endeten des Königs bescheidene Ausschweifung und unsere Besorgnis. Nach außen hin erschien die Untertanentreue während dieser Zeit tatsächlich unerschüttert – das muß ich zugeben. Als unser Schoner nach mancherlei Abenteuern durch konträre Winde endlich wiederkehrte, um uns von neuem aufzunehmen, brachte er ein Gerücht mit, daß Tebureimoa Apemama den Krieg erklärt hätte. Im Augenblick wurde Tembinok‘ ein neuer Mensch; er strahlte, und seine Stimmung während einer Versammlung der Ältesten in einer der königlichen Maniapen war froh und eifrig wie die eines Schuljungen, seine Stimme tönte schrill und triumphierend über den halben Hof hinweg. Krieg ist, was er begehrt, und hier war seine Gelegenheit. Der englische Kapitän hatte ihm, als er seine Waffen in die Lagune warf, alle militärischen Unternehmungen außer in einem einzigen besonderen Falle verboten: hier endlich war der eine Fall eingetreten. Den ganzen Morgen über tagte der Rat; Mannschaften wurden gedrillt, Waffen herangeschleppt, Schüsse durchbrachen die nachmittägliche Stille; der König entwarf seinen Feldzugsplan und teilte ihn mir mit. Er war äußerst kompliziert und erfindungsreich, wenn auch für die rauhen Zufälligkeiten des Krieges vielleicht allzufein gesponnen. Und während dieses ganzen Aufruhrs erschien die Haltung des Volkes ausgezeichnet, ungewohntes Leben erstrahlte auf jedem Gesicht, ja, selbst Onkel Parker brannte vor militärischem Eifer.

Natürlich war das Ganze nur ein falscher Alarm. Tembureimoa hatte Näherliegendes, das ihn bekümmerte. Der Gesandte, der uns nach Butaritari zurückbegleitete, fand ihn zurückgezogen auf einer kleinen Insel des Riffs, verzankt mit den alten Männern, verfeindet mit den Händlern und, statt mit einem Appetit auf Kriege im Ausland, zitternd vor Furcht, daß im Lande eine Revolution ausbrechen könnte. Der Bevollmächtigte war unter meinen besonderen Schutz gestellt, wir begrüßten uns daher feierlich bei unserer ersten Begegnung. Er entpuppte sich als ein gewandter Fischer und fing uns vom Schiff aus Bonitos. Er war auch ein vortrefflicher Ruderer und machte sich einen ganzen, glutheißen Nachmittag nützlich, indem er die vor Mariki in einer Flaute liegende »Äquator« in Tau nahm. Er begab sich nach Butaritari, ohne etwas zu erreichen. Dann kehrte er, auch ohne irgendwelchen Schaden gestiftet zu haben, nach Haufe zurück. O si sic omnes!

Erstes Kapitel. Ein Begräbnis auf den Paumotu

Nein, ich wußte nichts von dem Grauen, das diese Männer beseelte. Und doch hatte ich auch damals schon einen Fingerzeig erhalten, nur hatte ich den Wink nicht verstanden. Das war bei Gelegenheit eines Begräbnisses.

Etwas abseits, aber dennoch in der Hauptstraße von Rotoava gelegen, steht inmitten einer kleinen Einfriedung eine niedrige Laubhütte, die indes einem Schweinestall in einer Hürde gleicht, und dort wohnten ganz allein ein uralter Mann und seine uralte Frau. Vielleicht waren sie schon zu alt, um mit der übrigen Bevölkerung auszuwandern, vielleicht waren sie auch zu arm und nannten überhaupt keinen Besitz ihr eigen, um den sie sich hätten streiten können. Wie dem auch sei, sie waren zurückgeblieben, und so kam es, daß sie zu meinem Feste geladen wurden. Wahrscheinlich fanden in dem Schweinestall langwierige politische Erörterungen statt, ob man nun hingehen sollte oder nicht, und der Gatte schwankte lange zwischen Neugier und seinem hohen Alter, bis endlich die Neugier siegte und sie kamen. Und da, mitten in ihrem letzten Gelage, erschien der Tod und klopfte dem Alten auf die Schulter. Ein paar Tage lang, während der Himmel hell und der Wind erfrischend waren, lag seine Matte mitten auf der Hauptstraße des Dorfes, und man konnte ihn dort liegen sehen, apathisch, nur noch eine Handvoll von einem Menschen, und seine Frau saß nicht minder apathisch zu seinen Häupten. Beide schienen sowohl unseren Bedürfnissen wie den gewöhnlichen menschlichen Fähigkeiten entrückt zu sein; sie sprachen weder, noch lauschten sie, wenn man mit ihnen sprach; sie ließen uns vorübergehen, ohne auch nur ein einziges Mal aufzublicken; die Frau fächelte ihren Mann nicht, noch schien sie ihm irgendwie aufzuwarten. So ruhten die beiden armen Überbleibsel von Menschen dicht nebeneinander unter dem hohen Palmenbaldachin, die menschliche Tragödie auf ihre nacktesten Elemente zurückgeführt, ein Anblick, der jenseits von Mitleid lag und nur ein Gefühl von Neugierde erregte. Und doch berührte mich etwas tragisch: der Gedanke, daß selbst in diesen verschrumpften Adern vor kurzem noch so viel jugendliche Erwartung pulsiert und der Mann die Neige seines Lebens auf einem Fest vergeudet hatte.

Am Morgen des 17. Septembers starb der Kranke endlich und wurde, da die Zeit drängte, noch am gleichen Tage um vier Uhr nachmittags begraben. Der Friedhof liegt nach dem Meere zu hinter dem Regierungsgebäude; geschotterte Koralle bildet, ähnlich wie unser Wegschotter, den Boden, ein paar hölzerne Kreuze, wenige unscheinbare Steine bezeichnen die Gräber, eine mit Beton verkittete Mauer, hoch genug, um sich daran lehnen zu können, schließt ihn ein, und üppiges Strauchwerk umgibt ihn mit seinen hellgrünen Blättern. Hier beim Gekreisch der Meeresvögel wurde an jenem Morgen das Grab gegraben, ohne Zweifel von recht ängstlichen Totengräbern, während der Tote in seinem Hause wartete und die Witwe zusammen mit noch einem anderen uralten Weiblein vor dem Tore an der Mauer lehnte, kein Wort auf ihren Lippen und ihre Blicke leer.

Pünktlich auf die Minute setzte sich die Prozession in Bewegung; der Sarg war in Weiß gehüllt und wurde von vier Trägern getragen. Das Trauergefolge war nicht groß, denn nur wenige waren in Rotoava zurückgeblieben, und die wenigsten kamen in Schwarz, denn alle waren arm. Die Männer trugen Strohhüte, weiße Röcke und blaue Hosen oder grellbunte, teilweise gefärbte Parius, das tahitische Hochlandsröckchen; die Frauen waren mit geringen Ausnahmen in helle Farben gekleidet. Als letzte folgte die Witwe, mühsam des Toten Schlafmatte hinter sich schleppend, ein Geschöpf über das Menschenmögliche hinaus gealtert und am ehesten noch dem »missing link« vergleichbar.

Der Tote war Mormone gewesen, da aber der mormonische Geistliche mit den anderen nach der Nachbarinsel gezogen war, um sich über die Grenzen seiner Grundstücke zu zanken, übernahm ein Laie für ihn das Predigeramt. Da stand er zu Häupten des Grabes in einem weißen Rock und einem blauen Pariu, seine tahitische Bibel in der Hand und das eine Auge mit einem roten Taschentuch verbunden. Feierlich las er das Kapitel aus Hiob vor, das schon über so manchen Überresten unserer Väter gelesen worden ist, und sprach mit lauter Stimme zwei Gebete. Wind und Brandung bildeten den Chor. Am Friedhofseingang säugte eine Mutter in Rot ein Kind in blauen Windeln. In unserer Mitte saß die Witwe auf dem Erdboden und scheuerte mit einem Stückchen Koralle eine der Tragstangen blank, etwas später drehte sie dem Grabe den Rücken und begann mit einem Blatte zu spielen. Verstand sie etwas von alledem? Gott allein weiß es. Der Offiziant hielt einen Augenblick inne, bückte sich und warf ehrfurchtsvoll eine Handvoll rasselnder Korallen auf den Sarg. Staub zu Staub, nur daß hier die Staubkörnchen groß wie Kirschen waren und daß der wahre Staub, der dem anderen bald folgen sollte, dicht daneben saß, einzig durch ein Wunder in die tragische Gestalt einer Äffin gebannt.

Soweit glich alles, ob mormonisch oder nicht, einem christlichen Begräbnis. Die altbekannte Stelle aus Hiob war verlesen worden, das Gebet gesprochen, das Grab aufgefüllt, und die Leidtragenden begaben sich einzeln nach Hause. Abgesehen von der etwas gröberen Erddecke, der etwas aufdringlicheren Stimme des Ozeans, dem stärkeren Sonnenlicht, das über der primitiven Einfriedung spielte, und den ein wenig deplazierten Farben der Trauerkleider, hatte man wohlbekannte alte Formen eingehalten.

Von rechtswegen hätte es ganz anders kommen sollen. Die Matte hätte eigentlich mit dem Besitzer begraben werden müssen, da die Familie aber sehr arm war, sparte man sie klugerweise bis zu dem nächsten Begräbnis auf. Die Witwe hätte sich über das Grab hinwerfen sollen, um die offizielle Totenklage zu erheben, in die die Nachbarn dann eingestimmt hätten, und die schmale Insel hätte eine Weile von ihren Lamentationen widergehallt. Aber die Witwe war alt; vielleicht hatte sie ihre Rolle vergessen, vielleicht sie auch niemals richtig begriffen, statt dessen spielte sie wie ein Kind mit Blättern und Tragstangen. In allen Punkten war der Ritus, mit dem mein Gast begraben wurde, verstümmelt worden. Seltsam, dieser Gedanke, daß seine letzte bewußte Freude die »Casco« und mein Fest gewesen waren, seltsam, daß er wie ein altes Kind dorthin gehumpelt kam auf der Suche nach neuen guten Dingen. Und das Beste von allen guten Dingen, Ruhe, war ihm gewährt worden.

Aber obwohl die Witwe vieles vernachlässigt hatte, eine Sache durfte sie nicht außer acht lassen. Auch sie ging mit dem sich auflösenden Trauergefolge hinweg, doch blieb des Toten Matte auf dem Grabe zurück, und ich erfuhr, daß sie bei Sonnenuntergang wiederkommen müßte, um dort zu schlafen. Diese Nachtwache ist einfach unerläßlich. Von Sonnenuntergang bis zum Aufstieg des Morgensternes ist der Paumote verpflichtet, über der Asche seiner Verwandten zu wachen. Zahlreiche Freunde leisten dem Wachthabenden dabei Gesellschaft, wenn der Tote ein Mann von Rang und Bedeutung war; man versorgt sie gut mit Decken gegen die Unbilden des Wetters; ich glaube, sie bringen auch ihr Essen mit, und diese Zeremonie wird zwei Wochen lang eingehalten. Unsere arme Überlebende, falls man sie wirklich noch als Überlebende bezeichnen kann, hatte jedoch nur wenige Decken, unter denen sie sich verkriechen konnte, und noch weniger Freunde, mit ihr zu wachen. In der Nacht nach dem Begräbnis trieb ein starker Sturm sie von dem Grabe hinweg, tagelang blieb das Wetter unbeständig und rauh, und noch vor der siebenten Nacht hatte sie die Sache aufgegeben und war zum Schlafen unter ihr niedriges Dach zurückgekehrt. Daß sie sich die Mühe machte, zu so kurzem Besuch in ein so einsames Haus zurückzukehren, daß dieser Mensch, so hart am Rande des Grabes, ein wenig Wind und eine nasse Decke so fürchten konnte, gab mir seinerzeit viel zu denken. Ich kann nicht einmal behaupten, daß sie gleichgültig war; sie stand in allem so gänzlich außerhalb des Bereichs meiner Erfahrungen, daß meine Kritik vor ihr versagte, aber ich erdichtete für sie allerlei Entschuldigungen, indem ich mir selbst erklärte, sie hätte vielleicht wenig zu beweinen gehabt, vielleicht auch viel gelitten und verstände nun nichts mehr davon. In Wahrheit spielten bei der Sache Pietät und Zärtlichkeit überhaupt nicht mit, die unerschrockene Rückkehr des alten Weibleins unter das heimatliche Dach war ein Anzeichen entweder von ungewöhnlicher Vernunft oder von ungewöhnlicher Willensstärke.

Eine einzige Sache ereignete sich, die mir etwas Klarheit brachte. Ich sagte schon, daß das Begräbnis im großen und ganzen so verlief wie bei uns zu Hause. Als jedoch alles vorbei war und wir alle miteinander in schicklichem Schweigen von dem Friedhofseingang den Weg zum Dorfe hinuntergingen, schreckte uns ein plötzlicher und vielleicht peinlicher Mißton aus unserer Stimmung auf. Zwei Menschen schritten nicht weit voneinander in der Prozession einher: mein Freund Mr. Donat – Donat-Rimarau, »Donat, der Vielhändige«, der stellvertretende Vizegouverneur, der gegenwärtige Beherrscher des Archipels, bei weitem die wichtigste Persönlichkeit der ganzen Szene, der außerdem wegen seiner unerschütterlichen Gutmütigkeit bekannt war, und eine hübsche, robuste junge Paumotin, die hübscheste, aber hoffentlich nicht die tapferste und höflichste der ganzen Insel. Ganz plötzlich, ehe noch das feierliche Schweigen des Begräbnisses gebrochen war, sprang sie auf den Gouverneur zu, zeigte mit dem Finger auf ihn, schrie ihm ein paar Worte ins Gesicht und trat, in unnatürliches Gelächter ausbrechend, wieder zurück. »Was hat sie Ihnen gesagt?« fragte ich. »Sie hat gar nicht zu mir gesprochen,« entgegnete ein wenig beunruhigt Donat, »sie sprach zu dem Geiste des Toten.« Und der Inhalt ihrer Rede war etwa folgender: »Sieh da! Donat wird heut Nacht einen fetten Bissen für dich abgeben!«

»Mr. Donat nannte es einen Scherz«, schrieb ich damals in mein Tagebuch. »Mir erschien es aber weit eher einer aus Angst geborenen Beschwörung zu gleichen, als ob sie dadurch des Geistes Aufmerksamkeit von sich selbst abzulenken versuchte. Ein Kannibalenvolk kann sehr wohl auch kannibalische Gespenster besitzen. Gemeinhin scheinen die Vermutungen von Reisenden von vornherein dazu verurteilt, auf Irrtümern zu beruhen, die meinige hatte diesmal jedoch den Nagel auf den Kopf getroffen. Das Weib hatte voller Entsetzen dem Begräbnis beigewohnt, da sie sich in jenem Augenblick zufällig an einem gefürchteten Ort, dem Kirchhof, befand. Mit Entsetzen sah sie der kommenden Nacht entgegen, in der jener Dämon, der neue Geist, auf die Insel losgelassen werden sollte. Die Worte, die sie Donat ins Gesicht schleuderte, waren in der Tat eine angsterfüllte Beschwörung, in der niedrigen Absicht, sich selbst zu schützen und gemeinerweise den anderen an ihre Stelle zu setzen. Das eine läßt sich zu ihrer Entschuldigung anführen. Sicherlich hatte sie Donat teils wegen seiner übergroßen Gutmütigkeit gewählt, teils aber auch, weil er ein Halbblut war. Denn soviel ich weiß, halten alle Eingeborenen das Blut der Weißen für einen Talisman gegen die Mächte der Hölle. Auf keine andere Art vermögen sie die ungestrafte Tollkühnheit der Europäer zu erklären.«

Erstes Kapitel. Der König von Apemama: – Der fürstliche Händler

Auf den Gilbertinseln gibt es eine bedeutende Persönlichkeit: Tembinok‘ von Apemama, auf den alle Augen gerichtet sind, den Helden der Volkspoesie, die Zielscheibe des Klatsches. Überall sonst auf jener Gruppe sind die Könige ermordet worden oder in Abhängigkeit geraten: Tembinok‘ allein ist übriggeblieben, der letzte Tyrann, der einzig überlebende Zeuge einer dahingeschwundenen Gesellschaft. Allerorten hat der Weiße seinen Fuß hingesetzt und seine Häuser gebaut; überall trinkt er seinen Gin und bekommt immer wieder Verdruß mit der schwachen, einheimischen Regierung. Auf Apemama dagegen gibt es nur einen Weißen, und auch der ist lediglich geduldet, lebt weit abseits vom Hofe und achtet und lauscht ängstlich auf jeden Schritt des Königs, wie die Maus, die im Ohre der Katze lebt. Anderswo auf den Inseln kommt und geht ein ständiger Strom von einheimischen Gästen, die manchmal in ganzen Familien reisen und Jahrelang auf der Walze sind. Nur Apemama wird links liegen gelassen, da jeder Fremde Furcht hat, sich in Tembinok’s Klauen zu begeben. Ja, diese Furcht folgt jedem sogar bis in sein eigenes Haus. Maiana hat ihm früher einmal Tribut gezahlt; sofort überrumpelt und bemächtigt er sich Nonutis: der erste Schritt zur Gründung eines Inselreiches ist getan. Da taucht ein britisches Kriegsschiff auf dem Kampfplatz auf, der Sieger wird gezwungen, seine Beute herauszugeben, seiner Laufbahn wird gleich am Anfang ein Ziel gesteckt, das teuer erkaufte Arsenal in seiner eigenen Lagune versenkt. Doch der erste Eindruck wurzelt tief; von Zeit zu Zeit schüttelt Furcht die Insel: das Gerücht will wissen, daß er frische Kanoes für einen frischen Überfall ausmustert. Ja, das Gerücht kennt sogar seine Pläne – und Tembinok‘ spielt in den patriotischen Kriegsgefangen der Gilbertinseln ungefähr die gleiche Rolle wie Napoleon in denen unserer Väter.

Wir befanden uns wieder einmal zur See auf dem Wege von Mariki nach Nonuti und Tapituea, als der Wind plötzlich in Richtung auf Apemama umsprang. Sofort wurde der Kurs geändert; jetzt hieß es alle Mann an Deck, um das Schiff zu reinigen; der Boden wurde mit Sand gescheuert, die Kabine von Grund auf geputzt, das Warenlager geordnet. Auf unseren ganzen Fahrten haben wir die »Äquator« niemals so schmuck gesehen wie damals, als sie für Tembinok‘ hergerichtet wurde. Obendrein war Kapitän Reid nicht der einzige, der so Toilette machte; zufällig traf während unseres dortigen Aufenthalts noch ein anderer Schoner in Apemama ein, und ich entdeckte, daß auch dieses Schiff sich bei der Gelegenheit Stutzermanieren zugelegt hatte. Diese beiden Fälle sind jedoch einzigartig in meinen Erfahrungen auf Handelsschiffen in der Südsee.

Wir hatten eine Familie von Eingeborenen an Bord, vom Großvater an bis zum Säugling an der Mutterbrust, die jetzt nach einer ganz außergewöhnlich harten und anhaltenden Serie von Mißgeschicken versuchten, ihre Heimatinsel Peru (in der Gilbertgruppe) zu erreichen. Fünfmal bereits hatten sie ihre Überfahrt bezahlt und sich eingeschifft; fünfmal hatte man sie getäuscht und mittellos aus fremden Inseln abgesetzt oder nach Butaritari zurückgeschleppt, von wo sie aufgebrochen waren. Dieser letzte Versuch war auch nicht von mehr Glück begleitet; ihre Vorräte waren jetzt erschöpft, Peru lag gänzlich außerhalb des Bereiches ihrer Hoffnungen, und mit heiterer Resignation hatten sie sich auf eine neuerliche Verbannung nach Tapituea oder Nomuti gefaßt gemacht. Mit diesem plötzlichen Windwechsel änderte sich indes auch ihr willkürliches Ziel, und wie der Schiffer in dem Märchen von den Kalendern erbleichten sie jetzt und schlugen sich gegen die Brust, als die »schwarzen Berge« am Horizont auftauchten. Ihr Lager, das sie sieh mittschiffs an Deck aufgeschlagen hatten, widerhallte von ihren Klagen. Man würde sie auf Arbeit schicken, man würde sie zwingen, Sklaven zu werden, bis an ihr Lebensende würden sie sich in der Höhle des Löwen von Apemama abrackern und plagen müssen. Mit derartigem Gerede hatten sie ihren Kindern schließlich einen solchen Schrecken eingejagt, daß das eine von ihnen (ein großer, strammer Junge) schreiend mit Gewalt vom Schiff gebracht werden mußte. Dabei waren ihre Befürchtungen vollkommen grundlos. Ich zweifle keinen Augenblick, daß sie arbeiten mußten, aber ich kann dafür einstehen, daß sie gut, ja glänzend behandelt wurden. Denn etwa ein Jahr später traf ich diese heimatlosen Wanderer zufällig an Bord der »Janet Nicoll« wieder. Ihre Überfahrt war ihnen von Tembinok bezahlt worden; sie, die ohne einen Pfennig in der Tasche die »Äquator« verlassen hatten, erschienen in neuen Kleidern, mit Matten und Geschenken beladen auf der »Janet« und brachten ein ganzes Warenlager von Lebensmitteln mit, von denen sie auf der Überfahrt wie die Könige lebten. Endlich sah ich sie auch in ihrer Heimat landen, und ich muß sagen, ihre Trauer, Apemama den Rücken zu kehren, war größer als ihre Wiedersehensfreude.

Wir fuhren am Sonntag, den 1. September, von Norden her in einem Zickzackkurs zwischen flachen Sandbänken in den Hafen ein. Es war ein Tag glühendheißen Äquatorsonnenscheins, aber die Brise war stark und kühl, und der Maat, der den Schoner vom Ausguck her hineingelotst hatte, schauderte, als er wieder auf das Deck sprang. Die Lagune kräuselte sich in abertausend regenbogenfarbigen kleinen Wellen; das ständige Donnern der Brandung klang von der offenen See zu dem Ankerplatz hinüber, und die langgestreckte, hohle Sichel des Palmwaldes wiegte sich schimmernd im Winde. Gegenüber der Stelle, wo wir vor Anker lagen, war der Strand durch eine sieben bis acht Fuß hohe Terrasse aus weißer Koralle gekrönt, die ihrerseits wieder überragt wurde von den verstreuten und nicht zueinander passenden Gebäuden des königlichen Palastes. Nach Süden zu schloß sich das Dorf an, ein Komplex hochstrebiger Maniapen, und Dorf wie Palast schienen ausgestorben.

Kaum jedoch hatten wir den Anker ausgeworfen, als wir aus der Ferne eilfertig und geschäftig allerlei Gestalten am Strande auftauchen sahen; ein Boot wurde flottgemacht, und die Besatzung ruderte zu uns heraus, um das königliche Fallreep an Bord zu bringen. Tembinok‘ hatte einst einen Unfall und scheut sich jetzt, seine königliche Person dem morschen Gerät der Südseehandelsschiffe anzuvertrauen. Er hat daher eine Art hölzernes Gerüst konstruieren lassen, das bis zur Ausfahrt des Fahrzeuges an den Schiffsbug angeschnallt bleibt. Nachdem die Mannschaft diesen Apparat befestigt hatte, kehrte sie an Land zurück. An Bord kommen durfte sie nicht; ebenso war es uns verboten, zu landen; zum mindesten hätten wir uns dadurch einem starken Risiko ausgesetzt, denn der König pflegt persönlich die Erlaubnis dazu zu erteilen. Eine Pause folgte, während der das Abendessen zu Ehrendes großen Mannes verschoben wurde. Da das Vorspiel mit der Leiter uns eine Ahnung sowohl von seinem gewichtigen Körpers wie von seinem verständigen, erfinderischen Geistes gegeben hatte, war unsere Neugier in hohem Maße erregt; so beobachteten wir denn mit einem Gefühl, das an Aufregung grenzte, wie Strand und Terrasse sich plötzlich mit Gefolgsmännern anfüllten, wie der König mit seiner Begleitung ein Fahrzeug bestieg, und wie das Boot (eine Kriegsschiffsjolle) direkt vor dem Winde auf uns zuschoß. Geschickt legte der königliche Bootsführer neben unserem Schiffe an, bestieg vorsichtig mißtrauisch die Leiter und betrat schwerfällig das Deck.

Es ist nicht lange her, da schwamm der König in einer einzigen Fettmasse, die jede Linie seines Gesichtes und seiner Gestalt verwischte und ihn sich selbst zur Last machte. Kapitäne, die bei ihm zu Besuch waren, rieten ihm indes, spazieren zu gehen, und er wandte das Heilmittel, obwohl es seine ganzen Lebensgewohnheiten und die Traditionen, die sich an seinen Rang knüpften, durchbrach, mit Erfolg an. Seine Korpulenz ist jetzt erträglich; man wurde ihn eher robust als dick nennen, doch ist sein Gang noch immer langsam, stolpernd und elefantenschwer. Niemals zögert oder beeilt er sich, stets erledigt er seine Geschäfte mit der gleichen unerschütterlichen Ruhe. Jedesmal, wenn wir ihn sahen, fielen uns die reichen natürlichen Gaben auf, die er in feinem Äußeren für das Theater mitbrachte: eine Hakennase wie Dantes Totenmaske, eine lange Mähne schwarzer Haare, gebieterisch funkelnde, forschende Augen, für gewisse Rollen bei einem Menschen, der sie zu gebrauchen weiß, einfach unbezahlbare Gottesgaben. Seine Stimme paßte gut zu allem; sie war schrill, mächtig und unheimlich und hatte den Klang der Stimmen von Seevögeln. Hier, wo es keine Moden gibt und auch niemand da ist, sie einzuführen oder sich ihnen anzupassen und sie zu kritisieren, geht der König, wie Sir Charles Grandison, »gekleidet nach seinem Herzen.« Manchmal trägt er ein Weibergewand, manchmal auch Marineuniform; dann wieder (und zwar das am häufigsten) ein Maskeradenkostüm nach eigenem Entwurf: Hosen und einen merkwürdigen Rock mit Schwalbenschwänzen, Schnitt und Sitz nach kostbarster Inselschneidermanier, das Material jedoch stets prächtig, mitunter grüner Samt, mitunter aber auch kardinalrote Seide. Diese Vermummung steht ihm ausgezeichnet, dagegen sieht er in dem Frauenkleid über alle Begriffe ominös und unheimlich aus. Auch jetzt sehe ich ihn noch in der furchtbar grellen Sonne, einsam, eine Gestalt aus E. T. A. Hoffmann, auf mich zuschreiten.

Besuche an Bord eines Schiffes, wie der, den wir jetzt erlebten, bilden einen großen und zwar den unterhaltendsten Teil seines Lebens. Tembinok‘ ist nicht nur Alleinherrscher, er ist auch der einzige Kaufmann seiner drei Reiche Apemama, Aranuka und Kuria – alles wohlbepflanzte Inseln. Die Taroernte dieser Eilande fällt den Häuptlingen zu, die sie wiederum unter ihren nächsten Anhängern verteilen; allein gewisse Fische und Schildkröten – von denen es auf Kuria wimmelt – sowie die ganze Kokosproduktion gehören ausschließlich Tembinok‘. »A‘ Kopla gehölen mie«, bemerkte seine Majestät mit einer Handbewegung; und zwar berechnet und verkauft er sie häuserweise. »Du haben Kopra, König?« habe ich einen Händler ihn fragen hören. »Ie zewei, dlei Haus haben«, entgegnete seine Majestät: »ie glauben dlei.« Daher die kommerzielle Bedeutung Apemamas, auf der der ganze Handel in einer Hand konzentriert ist; daher haben auch so viele Weiße sich vergeblich bemüht, hier Fuß zu fassen; daher werden die Schiffe geputzt, erhalten die Köche besondere Befehle und setzen die Kapitäne ihr freundlichstes Lächeln auf, um den König zu begrüßen. Ist er mit seinem Empfang und der Kost zufrieden, kann es leicht geschehen, daß er ganze Tage an Bord zubringt, und jeder Tag, ja jede Stunde wird für das Schiff ein Gewinn sein. Er pendelt dann zwischen der Kabine, in der er die seltsamsten Fleischgerichte vorgesetzt bekommt, und dem Warenlager hin und her, wo er das »Shopping« in einem seiner Person angepaßten Maßstabe genießt. Inzwischen hocken ein paar unterwürfige Gefolgsleute vor der Tür und harren seines leisesten Winks, während einige seiner Frauen sich in einem Boot, das man am Heck hat anlegen lassen, in der kurzen Dünung der Lagune wiegen, und zugedeckt von Matten als Schutz gegen die Sonne, Qualen der Hitze und der Langeweile erdulden. Der gestrenge Herr läßt sich indes von Zeit zu Zeit erweichen, dann dürfen die Frauen auch an Bord kommen. So erhielten wir am Tage unserer Ankunft die Ehre eines Besuches von drei oder vier dieser Damen; alle etwas umfangreiche Schönen, auf das Luftigste mit ihren Ridis bekleidet. Jede besitzt ihren Anteil Kopra, ihr peculium, mit dem sie nach Belieben schalten und walten darf. Die Ausstellung der Waren jedoch – Hüte, Bänder, Kleider, Parfüms, Dosenlachs – ein Schmaus für die Augen und eine Befriedigung leiblicher Genüsse – lockte sie vergebens. Sie hatten nur einen einzigen Gedanken: Tabak – das Zahlungsmittel der dortigen Gegend, das für sie den Wert gemünzten Goldes hat. Schwerbeladen aber triumphierend kehrten sie damit an Land zurück, und bis spät in die Nacht hinein konnte man sie auf der königlichen Terrasse sitzen sehen, wo sie in freier Luft beim Lampenlicht die Stangen zählten.

Der König dagegen ist nicht so sparsam. Er hat eine unersättliche Gier nach allem Neuen und Fremdartigen. Haus für Haus und Kiste für Kiste auf dem königlichen Grundstück sind bereits mit Uhren, Spieldosen, blauen Brillen, Regenschirmen, Strickwesten, Stoffballen, Werkzeugen, Gewehren, Jagdbüchsen, Medizinen, europäischen Nahrungsmitteln, Nähmaschinen und – was das Allermerkwürdigste ist – Öfen vollgepfropft. Alles, was je sein Auge fesselte, seinen Appetit reizte, ihm im Gebrauch gefiel oder ihm durch seine scheinbare Unbrauchbarkeit Kopfzerbrechen verursachte, wurde und wird von ihm gekauft. Und noch immer ist seine Gier unersättlich. Er ist besessen von den sieben Teufeln der Sammelwut. Er hört, daß von irgendeiner Sache gesprochen wird, und ein Schatten fällt auf sein Gesicht. »Ie glauben, ie ihn niß haben«, lautet seine Redensart, und alle seine Schätze scheinen ihm im Vergleich mit dem Fehlenden wertlos. Wenn ein Schiff nach Apemama fahrt, so zerbricht sich der Kapitän den Kopf nach etwas Neuartigem. »Wieviel du wollen?« fragt Tembinok‘ und deutet im Vorübergehen mit dem Finger darauf. »Nein, König; das zu teuer«, erwidert der Händler. »Ie glauben, ie ihn mögen«, entgegnet der König. Diesmal war es ein Glas Goldfische. Bei einer anderen Gelegenheit handelte es sich um parfümierte Seife. »Nein, König; das kostet zu viel«, sagte der Händler; »das zu gut für Kanaken.« »Wieviel du haben? Ie nehmen alle«, lautete die Antwort seiner Majestät, und er wurde Besitzer von siebzehn Kisten Seife zu zwei Dollar das Stückchen. Oder der Händler tut, als wäre der Artikel unverkäuflich, Privateigentum: ein Erbstuck oder ein Geschenk. Der Trick verfängt jedesmal. Man stelle dem König Hindernisse in den Weg und man hat ihn ganz sicher. Seine autokratische Natur empört sich gegen jeden Widerstand. Er empfindet ihn als Herausforderung, beißt wie ein Hunter, der über einen Zaun setzt, aufs Gebiß und zahlt, ohne mit der Wimper zu zucken, ja selbst ohne jedes Interesse zu zeigen, den verlangten Preis. Auch uns strafte Gott für unsere Sünden, indem er dem König eine Vorliebe für meiner Frau Toilettekoffer einflößte, der für einen Mann vollkommen unbrauchbar und zudem durch jahrelangen Gebrauch stark strapaziert war. Eines schönen Vormittags kam er in unser Haus und erbot sich ohne lange Vorrede, ihn uns abzukaufen. Ich sagte ihm, daß ich nichts zu verkaufen hätte; der Koffer wäre tatsächlich das Geschenk eines alten Freundes. Derartige Ausreden waren ihm ja nicht neu, er wußte, was sie im allgemeinen wert waren, und wie man ihnen entgegentreten mußte. Er griff daher stillschweigend zu einem realen Gegenargument, zog einen Sack englischen Goldes heraus und begann, ohne ein Wort zu verlieren, einen halben und einen ganzen Sovereign nach dem anderen auf den Tisch des Hauses zu legen. Dabei beobachtete er nach jedem neuen Goldstück unsere Gesichter. Vergeblich versicherte ich ihm, ich sei kein Händler; er würdigte mich keiner Antwort. Mindestens zwanzig Pfund müssen auf dem Tisch gelegen haben, aber immer noch holte er neue Goldstücke hervor, und in unsere Verlegenheit mischte sich bereits Ärger, als uns ein glücklicher Einfall kam. Da Seine Majestät so viel Wert auf den Koffer legten, baten wir ihn, denselben von uns als Geschenk anzunehmen. Noch nie in seinem Leben hat Tembinok‘ eine derartige Überraschung erlebt. Zu spät erkannte er, daß seine Hartnäckigkeit unhöflich gewesen war; eine Weile ließ er wortlos den Kopf hängen, dann blickte er uns mit blödverlegenem Ausdruck an. »Ie mi‘ schämen«, sagte der Tyrann. Es war das erste und letztemal, daß wir ihn an seinem eigenen Benehmen Kritik üben sahen. Eine halbe Stunde später schickte er uns eine Kiste aus Kampferholz im Werte von wenigen Dollar – aber der Himmel allein weiß, was Tembinok‘ dafür bezahlt hatte.

Von Haus aus schlau und gewitzigt durch eine vierzigjährige Menschenkenntnis, ließ er sich weder blindlings betrügen, noch hatte er sich stillschweigend darein geschickt, von sämtlichen vorüberfahrenden Händlern als Milchkuh behandelt zu werden. Im Gegenteil, er unternahm direkt heroische Anstrengungen, um gegen den weißen Mann aufzukommen. Wie Nakaeia von Makiu besaß er eigene Schoner. Doch glücklicher als Nakaeia hatte er auch Kapitäne gefunden, seine Schiffe zu führen. Seine Fahrzeuge sind bis zu den englischen Kolonien gekommen, und er hat auf seinen eigenen Seglern mit Neuseeland Handel getrieben. Aber trotzdem erwies sich die weltumspannende Unehrlichkeit des weißen Mannes als zu stark für ihn. Seine Gewinne schmolzen zusammen, die Schiffe kehrten verschuldet zurück; das Geld für die Versicherung wurde unterschlagen, und als gar die »Coronet« verloren ging, entdeckte er zu seiner Überraschung, daß mit ihr alles flötengegangen war. Da streckte er die Waffen, gestand sich, daß er ebensogut mit den vier Winden kämpfen konnte und hielt, erfahrenes Schaf, das er war, sein Vließ zum scheeren hin. Er ist der letzte Mensch der Welt, sich über das Unabänderliche zu ärgern, nimmt es vielmehr mit zynischer Ruhe auf und verlangt von denen, die mit ihm handeln, nicht mehr als ein gewisses anständiges Maß im Betrügen; dabei macht er so gute Geschäfte, als er nur kann und vermerkt, wenn er sich für mehr als gewöhnlich beschwindelt hält, des Betreffenden Namen in seinem Gedächtnis. Einmal zählte er mir eine Liste der Kapitäne und Superkargos auf, mit denen er zu tun gehabt hatte, wobei er sie in drei Kategorien einteilte: »El wenig swindelen – el viel swindelen – el swindelen zu viel.« Gegenüber den ersten beiden Klassen bezeugte er die großzügigste Toleranz, mitunter, aber nicht immer, auch gegenüber der dritten Ich war dabei, wie er einmal einen gewissen Händler kurz abfertigte und ich hatte dann das Glück (da ich seit der Kofferaffäre ziemlichen Einfluß auf ihn befaß), die beiden wieder zu versöhnen. Ja, bereits am Tage unserer Ankunft drohte es zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Kapitän Reid zu kommen, deren Ursache es sich vielleicht lohnt, zu erzählen. Unter den eigens für Tembinok‘ importierten Waren befindet sieh auch ein als Cognak von Henessy bekanntes (und etikettiertes) Getränk, das in seinem ganzen Leben weder Cognak, geschweige denn Henessy gewesen ist. Es hat ungefähr die Farbe von Sherry, ist aber kein Sherry, schmeckt wie Kirsch und ist doch auch kein Kirsch. Der König aber hat sich an diese erstaunliche Marke gewöhnt und bildet sich auf seinen Geschmack obendrein etwas ein, so daß jeder Ersatz eine doppelte Beleidigung bedeutet, da er dahinter nicht nur einen Betrug wittert, sondern auch einen Zweifel in bezug auf die Zuverlässigkeit seines Gaumens. Eine ähnliche Schwäche habe ich übrigens an allen Kennern beobachtet. Es stellte sich also heraus, daß die letzte von der »Äquator« verkaufte Kiste ein anderes und, wie ich sogar optimistischerweise annehmen möchte, besseres Gebräu enthalten hatte; die Unterredung begann daher unter für Kapitän Reid recht schwarzen Auspizien. Aber Tembinok‘ ist ein duldsamer Mann. Man erinnerte ihn daran, daß Irren menschlich sei, ja, daß er selbst nicht unfehlbar wäre, und er akzeptierte das Prinzip, daß ein ehrlich eingestandener Fehler Nachsicht erfordere. Die Affäre schloß mit folgendem Vorschlage: »Wenna iß maken Fehla, du mih sagen. Wenn du maken Fehla, iß dih sagen. Vieh bessa so.«

Nach einem Diner und Souper in der Kabine, sowie nach einem oder zwei Gläschen »Hennetti« – dem echten diesmal, mit der richtigen Blume – und einem fünfstündigen Aufenthalt vor dem Ladentisch, fuhr seine Majestät wieder nach Hause. Nach dreimaligem Kreuzen hielt das Boot vor dem Palaste; die Frauen wurden auf den Rücken der Vasallen an Land gebracht; Tembinok‘ betrat eine mit einer Reeling versehene Plattform, ähnlich einer Dampfertreppe, und wurde in Schulterhöhe über die Sandbänke an den Strand und über eine schräge, mit Kieseln bepflasterte Ebene zu der glühendheißen Terrasse getragen, auf der er wohnt.