Vierzehntes Kapitel


Ein Kannibalental

Der Weg von Taahauku nach Atuona lief am Nordwestufer des Hafenplatzes vorüber, und zwar in einiger Höhe, umsäumt und manchmal überschattet von den herrlichen Blüten des Flamboyant, dessen englischen Namen ich nicht kenne. An der Straßenbiegung kam Atuona in Sicht: ein langer Strand, eine heftig donnernde Brandung, ein Uferdorf unter Bäumen zerstreut liegend, die zerklüfteten Berge auf beiden Seiten nah heranrückend an eine enge, reich bewachsene Schlucht. Sein böser Ruf beeinflußte mich vielleicht, aber ich hielt es für den lieblichsten und zugleich unheilvollsten und traurigsten Ort auf Erden. Schön war es sicher und vielleicht noch mehr gesundheitsspendend. Das gesunde Klima der ganzen Inselgruppe ist erstaunlich, das Atuonas fast ein Wunder. In Atuona, einem Dorf errichtet auf einer Ufermarsch, wo die Häuser überall zwischen den Teichen der Tarogärten stehen, finden sich alle Bedingungen tropischer Gefahren und Unzuträglichkeiten, und doch gibt es dort nicht einmal Moskitos – selbst nicht die verhaßte Tagfliege von Nuka-hiva –, und das Fieber mit seiner Begleiterscheinung, der Elefantiasis, in der Insulanersprache fe’efe’e genannt, ist hier unbekannt.

Dies ist die Hauptstation der Franzosen auf der Menschenfresserinsel Hiva-oa. Der Gendarmerieunteroffizier erfreut sich der Lebenshaltung eines Vizeresidenten und hißt die französische Flagge über einem recht ansehnlichen Gebäude. Ein Chinese, ein Flüchtling von der Pflanzung, hat eine Wirtschaft im zurückgelegenen Teil des Dorfes, und die Mission ist durch die Schwesternschule und Bruder Michels Kirche gut vertreten. Pater Orens, ein wunderbarer Achtziger, mit ungebeugtem Rücken und unvermindertem Feuer des Auges, hat seit 1843 in diesem Ort gelebt, gebangt und gelitten. Immer wieder wurde er, wenn Moipu Kokosnußbrandy bereitete, von seinem Haus in die Wälder vertrieben. »Eine Maus, die im Ohr der Katze lebt«, hätte ein ruhigeres Heim gehabt, und doch sah ich nie einen Mann, den die Jahre weniger bedrückten. Er mußte uns unbedingt die Kirche zeigen, noch verziert mit dem anspruchslosen Papierschmuck des Bischofs, der letzten Arbeit fleißiger Greisenhände und der letzten irdischen Freude eines Mannes, der viel von einem Helden an sich hatte. In der Sakristei mußten wir seine geweihten Geräte betrachten und besonders ein Gewand, das eine »wahre Sehenswürdigkeit« darstellte, weil es das Geschenk eines Gendarmen war. Einem Protestanten bereitet der Eifer, mit dem erwachsene, dem Heiligtum geweihte Männer diese unbedeutenden Dinge behüten, immer einige Verlegenheit, aber es war rührend und schön, wie Pater Orens mit glänzenden Greisenaugen seine geweihten Schätze vorzeigte.

26. August. Das Tal hinter dem Dorf verengte sich rasch zur Schlucht und war dicht besät mit Nußbäumen. Ein Fluß rauschte in der Mitte. Droben bildeten zunächst die hohen Kokospalmen ein Dach, darüber war die Schlucht von einem Bergwall zum andern mit Wolkenschleiern überhangen, so daß wir unten zwischen üppigem Pflanzenwuchs wie in einem gedeckten Treibhaus wandelten. Zu beiden Seiten standen alle hundert Meter statt der häuserlosen, niedergedrückten Paepaes von Nuka-hiva menschenreiche Häuser, und die Bewohner strömten heraus und riefen den Vorübergehenden ihr »Kaoha!« zu. Auch die Straße war bevölkert: Scharen von Mädchen, hübsch und häßlich wie in minder begünstigten Ländern; brotfruchttragende Männer; Nonnen mit einer kleinen Schutzwache von Zöglingen; ein Bursche, der sich auf einem Pferde tummelte; ein ununterbrochener Zug von Passanten, die uns begrüßten; bald war es ein Chinese, der zum Tor seines Blumengartens eilte und uns guten Tag wünschte in seinem ausgezeichneten Englisch, und etwas weiter forderten uns Eingeborene auf, uns am Wegrande niederzulassen, bereiteten uns ein Mahl aus Mumienäpfeln und unterhielten uns während des Essens mit Trommeln auf einer Blechdose. Bei aller herrlichen Fülle von Menschen und Früchten ist auch hier der Tod am Werke. Die Bevölkerung zählt nach den höchsten Schätzungen im ganzen Tal von Atuona nicht mehr als sechshundert, und trotzdem nannte Bruder Michel, als ich ihn einmal zufällig fragte, zehn Menschen, die krank daniederlagen ohne Hoffnung auf Genesung. Hier konnte ich auch meine Neugier nach einem Haus im Zustande des tatsächlichen Verfalls befriedigen. Es war längs des Paepae zu Boden gefallen, die Stützen spreizten sich häßlich, Regen und Termiten zerfraßen es; was übrigblieb, schien noch gesund, aber vieles war schon verschwunden, und es war bequem zu sehen, wie die Insekten die Wände wie Brot verzehrten und Lust und Regen sie wie Vitriol anfraßen.

Etwas voraus war ein junger Mann, sehr gut tätowiert und bekleidet mit weißen Hosen und einem Flanellhemd, unbekümmert einhergeschritten. Plötzlich, ohne sichtbaren Grund, wandte er sich um, ergriff Besitz von uns und führte uns, ohne Widerspruch zu dulden, einen Seitenpfad entlang zum Flußufer. Dort, in einem Winkel von bezauberndster Lieblichkeit, bat er uns auszuruhen. Der Strom brauste dicht an uns vorüber, ein Dach unbeschreiblich dichten Grüns überschattete uns, und nach kurzer Abwesenheit brachte er eine Kokosnuß, ein Stück Sandelholz und einen Handstock, den er zu schnitzen begonnen hatte; die Nuß zur sofortigen Erfrischung, das Sandelholz als kostbares Geschenk und den Stock in der Einfalt seiner Eitelkeit, um Vorschußlorbeeren zu ernten. Nur ein Stück war bereits geschnitzt, obgleich der ganze Stock schon durch Bleistiftstriche eingeteilt war; als ich vorschlug, ihn zu kaufen, fuhr Poni, wie der Künstler hieß, entsetzt zurück. Aber ich ließ mich nicht bewegen und verweigerte einfach die Rückgabe, denn ich hatte mich seit langer Zeit gewundert, warum ein Volk, das in seinen Tätowierungen eine so starke Begabung für arabeske Empfindungen bewies, dies Talent sonst in keiner Weise entfaltete. Hier hatte ich endlich etwas gefunden, was die Fähigkeit der Anwendung in anderem Material belegte, und ich hielt die Nichtvollendung für ein glückliches Zeichen der Echtheit in diesen Zeiten weitverbreiteten Fälschungsschwindels. Ich war nicht in der Lage, meine Gründe und Absichten Poni klarzumachen, ich konnte den Stock nur festhalten und den Künstler bitten, mir zur Gendarmerie zu folgen, wo ich Dolmetscher und Geld vorfinden würde, aber wir schenkten ihm inzwischen für sein Sandelholz eine Bootspfeife als Gegengabe. Als er hinter uns das Tal hinabstieg, ließ er sie ununterbrochen ertönen. Und fortwährend strömten aus den Häusern am Wege kleine Gruppen von Mädchen in Rot und Männer in Weiß heraus. Und ihnen mußte Poni erzählen, wer die Fremdlinge seien, was sie getan hätten, warum Poni eine Bootspfeife habe, und warum er nun zur Vizeresidentschaft geführt werde, ungewiß, ob zur Bestrafung oder Belohnung, ungewiß, ob er einen Stock verloren oder ein Geschäft gemacht habe, aber im ganzen hoffnungsvoll und inzwischen hocherfreut über die Bootspfeife. Darauf riß er sich von dieser einen Gruppe Neugieriger los, und wir hörten von neuem den schrillen Ruf hinter uns ertönen.

27. August. Ich unternahm mit Bruder Michel einen ausgedehnten Rundgang im Tal. Wir bestiegen zwei ruhige Gäule, geeignet für diese rauhen Pfade, das Wetter war prächtig und die Gesellschaft, in der ich mich befand, nicht weniger angenehm als die Landschaft, die an mir vorüberzog. Wir kletterten zunächst einen steilen Grat hinauf bis zum Gipfel eines jener gewundenen Felsvorsprünge, die aus der Entfernung gesehen die sonnigen und schattigen Partien der Gebirgsabhänge abgrenzen. Das Gestein fiel nach beiden Seiten äußerst schroff ab. Von beiden Seiten stieg aus tiefen Schlünden der Gesang von Wasserfällen und der Rauch von Herdfeuern auf. Hier und dort teilten sich die Laubhügel, und unser Auge fiel auf eine jener tief eingenisteten Behausungen. Und hoch oben erhob sich die schroffe Gebirgswand, von Grün bedeckt, wo anscheinend kaum eine Glockenblume Nahrung fand, und bezwungen von gewundenen Menschenpfaden, wo eine Ziege kaum Fuß fassen zu können schien. Auf der Rückwand wird der Pfad, trotz aller Arbeit, die er gekostet hat, selbst von den Marquesanern als unwegbar angesehen, sie wünschen ihre Pferde beim Aufstieg nicht in Gefahr zu bringen, und die im Westen wohnenden Leute kommen und scheiden in ihren Kanus. Ich habe nie einen Berg gesehen, der sowenig verlor bei dichter Annäherung, eine Folge seiner erstaunlichen Steilheit, wie ich vermute. Als wir uns umdrehten, war ich über die Tiefe des Ausblicks hinter uns erstaunt und über den hohen Rücken der blauen See, gekrönt von der walfischähnlichen Insel Motane. Und doch war die Bergwand über uns nicht ersichtlich niedriger geworden, und ich hätte mir einbilden können, als ich die Augen hob, sie zu messen, daß sie noch höher hinaufragte als zuvor.

Wir drangen nun ein in verdeckte Wege, überschritten die Sturzbäche, hörten das Rauschen aus unmittelbarer Nähe und kosteten die Kühle der Nischen, in denen die Häuser standen. Die Vögel sangen ringsum, während wir hinunterstiegen. Überall am Wege wurde mein Führer begrüßt mit dem Ruf: »Mikael Kaoha, Mikael!« Aus Türen, Baumwollfeldern oder den tiefen Hainen der Inselkastanien drangen diese freundlichen Rufe und wurden im Vorübergehen herzlich erwidert. An einem scharfen Knick des Tales, bei einem rauschenden Bach und unter kühlem Laubgehänge, trafen wir ein Haus auf gut gebautem Paepae, das Feuer brannte flackernd unter dem Popoidach und kochte das Nachtmahl. Hier wurden die Rufe zum Chor, die Hausbewohner liefen herbei und zwangen uns abzusitzen und auszuruhen. Es schien eine zahlreiche Familie zu sein, wir sahen wenigstens acht Personen, von denen mich die eine mit einer besonderen Aufmerksamkeit bedachte. Es war die Mutter, eine bis zum Gürtel nackte Frau, schon gebeugt, aber mit reichlichem schwarzen Haar und aufrechten, jugendlichen Brüsten. Bei unserer Ankunft merkte ich, wie sie mich beobachtete, aber anstatt mir irgendeinen Gruß darzubieten, verschwand sie sofort im Busch. Bald darauf kam sie mit zwei roten Blumen zurück. » Good bye!« lautete ihre Begrüßung, die sie nicht ohne Koketterie aussprach, und als sie es sagte, drückte sie die Blumen in meine Hand: » Good bye! Ich sprechen Englisch!« Von einem Walfischfänger, der, wie sie mich unterrichtete, ein »viel guter Junge« war, hatte sie meine Sprache erlernt, und ich konnte mir vorstellen, wie hübsch sie in jener Zeit der Jugend gewesen, und erriet, daß allerlei Erinnerungen an den schmucken Walfischjäger ihre Aufmerksamkeiten mir gegenüber veranlaßten. Auch darüber mußte ich nachdenken, was wohl aus ihrem Geliebten geworden sei, welche regennassen und schmutzigen Hafenstädte er seitdem durchwandert, in welch dumpfen und lärmenden Kneipen er sein Vergnügen gefunden und in welchem Krankenhaus er den letzten Traum von den Marquesas geträumt hatte. Sie aber, die Glücklichere, lebte weiter auf ihrer grünen Insel. Die Unterhaltung in diesem weltverlorenen Haus des Gebirges drehte sich hauptsächlich um Mapiao und seine Besuche auf der »Casco«, die Nachricht hatte sich wahrscheinlich schon über die ganze Insel verbreitet, so daß es kein Paepae auf Hivu-oa gab, wo man sie nicht erregt erörterte.

Etwas tiefer abwärts gelangten wir zu einem Festplatz im Grunde der Schlucht. Zwei Pfade durchschnitten ihn und kreuzten sich in der Mitte. Abgesehen von dieser Teilung, war das Amphitheater sonderbar vollkommen und ähnelte römischen Bauten, wenn es auch roher war. Dichtes Laubwerk und das Gebirgsmassiv machten es angenehm schattig. Auf den Bänken saßen junge Leute in Gruppen oder allein. Ein junges Mädchen von ungefähr vierzehn Jahren, stattlich und reizend, erregte die Aufmerksamkeit von Bruder Michel. Warum sie nicht in der Schule sei? – Sie habe die Schule schon hinter sich. – Was sie hier tue? – Sie lebe jetzt hier. – Warum? – Keine Antwort, nur tiefes Erröten. Es lag keine Strenge in Bruder Michels Benehmen, die Verwirrung des jungen Mädchens sprach deutlich genug. »Sie schämt sich,« bemerkte der Missionar, als wir fortritten. Nahebei im Fluß badete ein herangewachsenes Mädchen nackt in einer Vertiefung zwischen zwei stufenartigen Steinen, und wir sahen mit Vergnügen, wie hastig und ehrlich erschrocken sie zu ihren bunten Unterkleidern stürzte. Selbst in diesen Töchtern der Kannibalen war das Schamgefühl lebendig.

In Hiva-oa wurde wegen des eingewurzelten Kannibalismus der Eingeborenen der überlieferte Glaube auf roheste Art mit Füßen getreten. Hier wurden drei fromme Häuptlinge unter eine Brücke gesetzt und die Frauen des Tals gezwungen, über ihre Häupter hinweg auf der Straße vorüberzuziehen: die armen entehrten Gesellen saßen da, wie alle Zuschauer übereinstimmend berichteten, in Tränen aufgelöst. Nicht nur ein Weg wurde über den Versammlungsplatz gebahnt, sondern zwei, die sich in der Mitte schnitten. Es ist kein Grund zur Annahme, daß es absichtlich geschah, denn es war vielleicht unmöglich, den vielen heiligen Stätten der Inseln auszuweichen. Aber es hatte seine Folgen. Ich habe bereits erzählt von der Achtung vor den Toten bei den Marquesanern, die einen so starken Gegensatz bildet zu der Gleichgültigkeit gegen den Tod. Am frühen Morgen dieses Tagesrittes begegneten wir beispielsweise einem unbedeutenden Häuptling, der natürlich fragte, wohin wir wollten, und uns einen besseren Vorschlag machen wollte: »Warum zeigst du ihm nicht lieber den Friedhof?« Ich sah ihn, er war eben erst eröffnet worden, der dritte in acht Jahren. Es gibt große Baumeister in Hiva-oa, ich sah auf meinem Ritt Paepaes, die kein europäischer Maurermeister so vollendet bauen könnte, die schwarzen vulkanischen Steine waren höchst genau gefügt, die Ecken scharf und die Flächen ganz eben, aber die Umfassungsmauer des neuen Friedhofs übertraf alles und glich einem Werk der Liebe. Das Gefühl der Ehrfurcht vor den Verstorbenen ist also nicht erloschen. Aber man beachte die Folgen rücksichtsloser Vergewaltigung menschlicher Gläubigkeit. Von den vier Gefangenen in Atuona waren drei natürlich Diebe, der vierte war wegen Grabschändung verurteilt. Er hatte ein Stück des Friedhofes geebnet, um, wie er dem Gericht mitteilte, ein Festmahl auf dem Platz zu veranstalten, und erklärte, er habe keinen Gedanken an ein Unrecht gehabt. Warum auch? Er war mit aufgepflanztem Bajonett gezwungen worden, die heiligen Stätten seines Glaubens zu zerstören, und als er zurückgeschreckt war, hatte man ihn als abergläubischen Narren verlacht. Und nun erwartete man von ihm, er solle unseren europäischen Aberglauben achten wie aus einer zweiten Natur heraus.

Fünfzehntes Kapitel


Die beiden Häuptlinge von Atuona

Zufällig hatte die »Casco«, als sie die Bordelais-Meerenge nach Taahauku durchfurchte, sich auf der einen Seite der gegenüberliegenden Insel Tauata stark genähert, wo Häuser in einem Hain hoher Kokospalmen sichtbar wurden. Bruder Michel deutete auf den Fleck. »Ich bin hier zu Hause,« sagte er, »ich glaube, mir gehören viele dieser Kokospalmen, und in jenem Hause wohnt meine Frau Mutter mit ihren zwei Ehegatten!« – »Mit zwei Ehegatten?« fragte jemand. – » C’est ma honte, das ist meine Schande,« antwortete der Bruder trocken.

Ein Wort nebenbei über die beiden Gatten. Ich glaube, der Bruder hatte sich etwas ungenau ausgedrückt. Man findet oft genug eine eingeborene Dame mit zwei Lebensgefährten, aber es sind nicht zwei Gatten. Der erste ist und bleibt der Ehegemahl, die Frau wird nach wie vor mit seinem Namen genannt, und die Stellung des Neuhinzugekommenen oder »Pikio« ist zwar eine durchaus gesetzliche, aber unzweifelhaft untergeordnete. Wir hatten Gelegenheit, einen derartigen Haushalt zu beobachten. Der »Pikio« war voll anerkannt, trat öffentlich zusammen mit dem Gemahl auf, wenn nach ihrer Ansicht die Dame beleidigt worden war, und das Paar machte gemeinsame Sache wie Brüder. Zu Hause trat die Ungleichheit deutlicher hervor. Der Gatte empfing und bewirtete die Gäste sitzend, der »Pikio« mußte indessen wie ein Dienstbote im Laufschritt Kokosnüsse holen, und ich beobachtete, daß er für diese Botengänge noch vor dem Sohn des Hauses auserkoren wurde. Offenbar haben wir hier keinen zweiten Gatten vor uns, sondern den geduldeten Liebhaber. Nur muß er auf den Marquesas, anstatt seiner Dame Fächer und Mantel zu tragen, die Hausarbeit des Mannes verrichten.

Der Anblick des Familienbesitztums Bruder Michels führte für eine Weile das Gespräch auf die Methode der künstlichen Verwandtschaften und ihre Folgeerscheinungen. Unsere Neugier war aufs höchste gereizt, der Bruder schlug vor, uns alle adoptieren zu lassen, und etwa zwei Tage später wurden wir infolgedessen die Kinder von Paaaeua, des von den Franzosen eingesetzten Häuptlings von Atuona. Ich war nicht in der Lage, der Zeremonie beizuwohnen, die außerordentlich einfach verlief. Die beiden Damen Stevenson und Mrs. Osbourne setzten sich mit Paaaeaua, seinem Weibe und einem adoptierten Kind, dem Sohn eines Österreichers, der durch eine Schiffskatastrophe hierher verschlagen war, zu einem ausgezeichneten Insulanermahl nieder, dessen hauptsächlicher und allein vorgeschriebener Gang Schweinefleisch war. Eine große Menschenmenge beobachtete sie durch die Öffnungen des Hauses, aber niemand, selbst Bruder Michel nicht, durfte teilnehmen, denn das Mahl hatte religiösen Charakter und schuf oder verkündete die neue Verwandtschaft. Auf Tahiti sind die Zeremonien nicht so genau vorgeschrieben; als Ori und ich Brüderschaft schlossen, saßen unsere beiden Familien mit zu Tisch, aber nur er und ich, die mit einer bestimmten Absicht gegessen hatten, wurden nach dem Glauben der Eingeborenen von der Zeremonie berührt. Die Adoption eines kleinen Kindes verlangte meines Wissens keine Formalität, das Kind wird von den natürlichen Eltern abgegeben und erbt, wenn es erwachsen ist, das Besitztum der Adoptiveltern. Geschenke werden ohne Zweifel ausgetauscht wie bei allen wichtigen gesellschaftlichen oder staatlichen Ereignissen der Inselwelt, aber ich habe nie etwas von einem Festmahl gehört, vielleicht genügt die Anwesenheit des Kindes bei der Tagesmahlzeit. Vielleicht findet sich die Uridee in der alten arabischen Vorstellung, daß gleiche Nahrung gleiches Blut ergibt, mit dem hieraus abgeleiteten Grundgesetz, daß der der Vater ist, der dem Kinde den Morgentrunk reicht. Im marquesanischen Brauch wäre der Sinn also schon halb verloren, auf Tahiti, wo nur noch Reste bestehen, fast ganz geschwunden. Eine interessante Parallele wird wahrscheinlich manchem meiner Leser einfallen.

Was ist die Natur der Verpflichtung, die bei einem solchen Festessen eingegangen wird? Sie wird je nach den beteiligten Personen und den Umständen des besonderen Falles verschieden sein. So wäre es lächerlich, unsere Adoption in Atuona ernst zu nehmen. Auf seiten Paaaeuas handelte es sich um sozialen Ehrgeiz. Als der Mann einwilligte, uns in seine Familie aufzunehmen, hatte er uns kaum gesehen und wußte nur, daß wir außerordentlich reich seien und in einem schwimmenden Palast reisten. Wir unsererseits aßen von seinen gebratenen Speisen nicht im wahren animus affiliandi, sondern nur vom Gefühl der Neugier gedrängt. Es war eine sehr förmliche Angelegenheit und eine Art Schaustück, wie wenn in Europa Fürsten sich Vettern nennen. Wären wir aber in Atuona geblieben, so hätte Paaaeua sch verpflichtet gefühlt, uns auf seinem Land anzusiedeln und junge Leute zu unserem Dienst und Bäume zu unserer Ernährung zur Verfügung zu stellen. Ich habe den Österreicher erwähnt. Er fuhr auf einem von zwei Schwesterschiffen, die die Clyde mit Kohlenladungen verließen. Beide umsegelten Kap Horn und gerieten mehrere hundert Meilen voneinander entfernt, aber fast zu gleicher Zeit, auf hoher See im Pazifischen Ozean in Brand. Eins ging unter; der verlassene Eisenrumpf des anderen wurde nach langem vergeblichen Suchen endlich gefunden, wieder instand gesetzt und fährt heute von San Franzisko aus. Die Insassen eines Bootes dieser Unglücksschiffe erreichten nach Ertragung großer Strapazen die Insel Hiva-oa. Einige dieser Männer schwuren, sie würden nie wieder das Glück des Meeres erproben, aber nur der Österreicher war seinem Eide ganz treu, er bleibt, wo er landete, und hat beschlossen zu sterben, wo er gelebt hat. Gerät ein solcher Mann unter die Insulaner und faßt dort Fuß, so kann man den beschriebenen Vorgang dem Pfropfen eines Gärtners vergleichen. Er geht körperlich in das Geschlecht der Eingeborenen über, hört völlig auf, ein Fremdling zu sein, er ist in die Blutsgemeinschaft eingegangen, teilt Besitz und Ruf seiner neuen Familie, und man erwartet von ihm, daß er die Früchte seines europäischen Berufes und seine Kenntnisse ebenso bereitwillig zur Verfügung stellt. Diese stillschweigende Verpflichtung stößt den hierher verpflanzten Weißen oft ab. Um einen augenblicklichen Vorteil zu erhaschen, zum Beispiel eine Station für sein Warenlager, macht er sich die einheimischen Gebräuche zunutze und wird Sohn oder Bruder auf Zeit, indem er sich selbst zuschwört, die Leiter fortzustoßen, auf der er emporsteigen will, und die Verwandtschaft zu verleugnen, sobald sie ihm lästig wird. Und plötzlich entdeckt er, daß zwei Parteien zu diesem Geschäft gehören. Vielleicht ist sein polynesischer Verwandter einfältig und faßte die Blutsbrüderschaft wörtlich auf; oder er ist verschlagen und schloß den Pakt um des eigenen Gewinnes wegen. In beiden Fällen wird das Warenlager geplündert, das Haus wimmelt von eingeborenen Tagedieben, und je reicher der Mann wird, desto zahlreicher, fauler und zärtlicher werden seine farbigen Verwandten. Die meisten Leute versuchen sich unter diesen Umständen loszukaufen oder die Unabhängigkeit brutal zu erzwingen, aber viele vegetieren hoffnungslos dahin, erdrosselt von Parasiten.

Wir hatten keine Ursache, mit Bruder Michel zu erröten. Unsere neuen Eltern waren liebenswürdig, höflich, gutgesittet und freigebig mit Geschenken, die Frau war ein höchst mütterliches Weib, der Gatte ein Mann, der bei seinen Vorgesetzten gerechterweise in hohem Ansehen stand. Zur Genüge wurde schon bewiesen, daß Moipu abgesetzt werden mußte, und in Paaaeua hatten die Franzosen einen achtenswerten Ersatz gefunden. Er war stets peinlich sauber gekleidet und sah aus wie die personifizierte Ehrbarkeit, wie ein schwarzer, hübscher, dummer und wahrscheinlich frommer junger Mann, der von einem europäischen Leichenbegängnis heimkehrt. Im Charakter schien er das Ideal des guten Staatsbürgers zu sein. Er trug seine Ernsthaftigkeit wie einen Schmuck. Niemand hätte die Würde eines von Amts wegen eingesetzten Häuptlings besser zur Schau getragen, als Vorbild der Zivilisation und Reform. Und doch: zögen die Franzosen ab, und lebten die Eingeborenensitten wieder auf, so könnte man sich in der Phantasie ausmalen, wie er sich mit Greisenbärten geschmückt unter den allerersten zum Kannibalenmahl drängen würde. Aber ich will nicht den Anschein erwecken, als sei ich ungerecht gegen Paaaeua. Seine Ehrbarkeit ging tiefer als die Haut, sein Sinn für Schicklichkeit trieb ihn manchmal zu überraschender Härte.

Eines Abends waren Kapitän Otis und Mr. Osbourne an Land im Dorf. Alles war in Bewegung, der Tanz hatte begonnen, offenbar sollte eine Festnacht folgen, und unsere Abenteurer waren voll Freude über ihr Glück. Ein starker Regenschauer trieb sie schutzsuchend ins Haus von Paaaeua, wo man sie willkommen hieß, in eine Kammer lockte und einschloß. Bald darauf hörte der Regen auf, das Fest sollte in allem Ernst beginnen, und die jungen Leute von Atuona liefen um das Haus und riefen durch die Spalten der Wände nach meinen Freunden. Bis spät in die Nacht hinein wurden die Rufe fortgesetzt und wiederholt und oft mit Sticheleien gewürzt; bis spät in die Nacht hinein erneuerten die Gefangenen, vom Lärm des Festes gereizt, ihre Anstrengungen, zu entkommen. Aber alles war vergeblich, quer vor der Türe lag der gottesfürchtige Hausherr, Paaaeua, und heuchelte Schlaf, und meine Freunde mußten auf ihre Belustigung verzichten. In diesem Geschehnis, das so reizend europäisch ist, glaubten wir drei verschiedene Gefühlsgruppen entdecken zu können. Zunächst hatte Paaaeua Seelen zu betreuen: es waren junge Leute, und er hielt es für richtig, sie vom Pfade der Liebe fernzuhalten. Zweitens war er eine offizielle Persönlichkeit, und es war nicht angebracht, daß seine Gäste an einer Festlichkeit teilnahmen, die er mißbilligte. So mag ein strenger Geistlicher in der Heimat einen weltlichen Besucher etwa anreden: »Geh zum Theater, wenn du magst, aber bitte nicht von meinem Hause aus!« Drittens war Paaaeua eifersüchtig und, wie wir noch zeigen werden, nicht ohne Grund, und die Festteilnehmer waren Anhänger seines nächsten Rivalen, Moipu.

Denn die Adoption hatte großes Aufsehen erregt im Dorf, es machte die Fremdlinge populär. Paaaeua hatte aus dieser Verbindung für sein schwieriges Amt als ernannter Häuptling Kraft und Ansehen gewonnen, und nur Moipu und seine Anhänger waren verdrossen. Aus irgendeinem Grunde scheint niemand außer mir Moipu ungern zu sehen. Kapitän Hart, der von ihm beraubt und bedroht wurde; Pater Orens, auf den er feuerte, und den er wiederholt in die Wälder jagte; meine eigene Familie und selbst die französischen Beamten: alle schienen von unwiderstehlicher Zuneigung für den Mann hingerissen zu sein. Sein Sturz war sanft erfolgt, sein Sohn sollte bei seinem Tode Paaaeua in der Häuptlingswürde folgen, er lebte zur Zeit unseres Besuches in einem guten Hause im Küstenteil des Dorfes, mit einer zahlreichen Gefolgschaft junger Leute, seinen früheren Kriegern und Jägern. In dieser Gesellschaft wurde die Ankunft der »Casco«, die Adoption, der festliche Gegenbesuch an Bord und der Geschenkaustausch zwischen den Weißen und ihren neuen Eltern ohne Zweifel eifrig und ärgerlich besprochen. Man wußte, daß wenige Jahre zuvor die Ehren auf einen anderen gehäuft worden wären. Bei diesem unerwarteten Ereignis, diesem Empfang eines sagenhaften fremden Machthabers wäre noch vor einigen Jahren Moipu die Aufgabe zugefallen, den Helden und Gastgeber zu spielen, und seine jungen Leute hätten als anerkannte Führer der feinen Gesellschaft die Festlichkeiten mit ihrer Anwesenheit geziert. Und nun mußte Moipu auf Grund eines böswilligen Geschicks gänzlich mißachtet zu Hause sitzen, und seine Anhänger mußten vom Tore aus zuschauen, wenn ihre Gegner Feste feierten. Vielleicht empfand M. Grévy ein Gefühl der Bitterkeit gegen seinen Nachfolger, als er ihn bei der Jahrhundertfeier der Revolution im Jahre 1889 vom Rampenlicht bestrahlt sah: der Besuch der »Casco«, den Moipu um wenige Jahre verfehlt hatte, war für Atuona ein viel ungewöhnlicheres Ereignis als eine Jahrhundertfeier in Frankreich, und der entthronte Häuptling beschloß, in der Öffentlichkeit Eindruck zu machen.

Mr. Osbourne war nach Atuona gegangen, um zu photographieren, die Bevölkerung des Dorfes hatte sich aus diesem Anlaß auf dem Platz vor der Kirche versammelt, und Paaaeua, höchst erfreut über dies neuerliche Auftreten seiner Familie, spielte den Zeremonienmeister. Die Kirche mit ihrem heiteren Baumeister vor der Tür, die Nonnen mit ihren Zöglingen, allerlei junge Mädel in den alten und merkwürdig unkleidsamen Tapagewändern und Pater Orens inmitten einer Gruppe von Pfarrkindern waren aufgenommen worden. Ich weiß nicht, was nun folgen sollte, als der Photograph eine Erregung in der Menge bemerkte, und da er sich umblickte, sah er die hochedle Gestalt eines Mannes am Rande eines Dickichts auftauchen und gleichgültig heranschlendern. Die Gleichgültigkeit war sichtbarlich erkünstelt, offenbar kam er, um Aufsehen zu erregen, und der Erfolg trat sofort ein. Er wurde vorgestellt, er war höflich, verbindlich, war stets vollendet überlegen und selbstsicher, ein gottbegnadeter Schauspieler. Man schlug ihm alsbald vor, in seiner Kriegsausrüstung zu erscheinen, er willigte huldvoll ein, kehrte zurück in jenem sonderbaren, unangebrachten und übelbeleumdeten Aufzug, der seiner hübschen Figur sehr gut stand, umgeben von einer Schar Bewunderer, und war hinfort der Mittelpunkt jeder Photographie. So hatte Moipu es verstanden, sich wie zufällig bei den weißen Fremdlingen einzufinden, er verschenkte seine feinen Manieren wie eine Gnade und wies seinem Rivalen die zweite Rolle auf der Bühne des heiß umstrittenen Dorftheaters zu. Paaaeua fühlte den Hieb und behauptete seine Vormachtstellung mit einem Mut, den wir ihm nie zugetraut hätten. Es stellte sich heraus, daß es an jenem Tage unmöglich sei, eine Photographie von Moipu allein aufzunehmen, denn sobald er sich vor der Kamera aufstellte, trat sein Nachfolger unaufgefordert an seine Seite und verharrte höflich aber energisch auf seinem Posten. Die Porträts des Paares, gleich Jakob und Esau, Schulter an Schulter, der eine in sauberem, europäischem Anzug, der andere in seinem Barbarenstaat, repräsentieren Vergangenheit und Gegenwart ihrer Insel. Ein Friedhof mit bescheidenen Kreuzen würde das geeignetste Symbol der Zukunft sein.

Wir waren alle überzeugt, daß Moipu sein Vorgehen von Anfang bis Ende überlegt hatte. Sicherlich verlor er keine Zeit, seinen Vorteil auszunutzen. Mr. Osbourne wurde in sein Haus genötigt, aus einer alten Seekiste wurden verschiedene Geschenke ausgegraben, Pater Orens wurde gebeten, den Dolmetscher zu spielen, und Moipu schlug in aller Form vor, Bruderschaft zu schließen mit »Mata-Galahi«, Glasauge, dem nicht gerade schmeichelhaften Namen, unter dem Mr. Osbourne unter den Marquesanern bekannt war. Das Festmahl der Bruderschaft fand an Bord der »Casco« statt. Paaaeua war wie ein einfacher Mann mit seiner Familie erschienen, seine zahlreichen Geschenke waren nacheinander im Laufe mehrerer Tage eingetroffen. Moipu trat mit einem gewissen fürstlichen Gepränge auf, als wollte er in jeder Beziehung den Gegensatz unterstreichen, umgeben von Vasallen, die Geschenke aller Art trugen, von Federn aus Altmännerbärten bis zu unscheinbaren, frommen, katholischen Stichen.

Ich war diesem Manne schon vorher im Dorf begegnet und hatte ihn auf den ersten Blick verabscheut, in seinen Augen und Bewegungen lag etwas unbeschreiblich Gemeines, das mir Übelkeit bereitete, und als man die Sitte der Menschenfresserei erwähnte und er ein leises grausames Lachen ausstieß, trotzig und kriecherisch zugleich, als erinnere man ihn an ein wagemutiges Verbrechen, mischte sich Ekel in meinen Abscheu. Das ist kein sehr menschlicher Standpunkt, besonders nicht für einen Reisenden, und je näher man dem Manne kam, desto mehr gewann er. Etwas Negerhaftes im Charakter und Gesicht mißfiel mir stets, aber sein häßlicher Mund wurde anziehend, wenn er lächelte, seine Gestalt und sein Benehmen waren sicherlich edel und seine Augen prachtvoll. In seinem Gefallen an Marmelade und Pickles, in seinem Entzücken über die einander gegenüberliegenden Spiegel und die endlose Reihe von Moipus und Mata-Galahis zeigte er sich kindlich liebenswürdig. Aber ich bin mir nicht sicher: was Kindlichkeit zu sein schien, konnte auch gekünstelte Höflichkeit sein. Sein Benehmen war mir verdächtig, als übertriebe er, er war höflich und zärtlich bis zur Grenze der Belästigung, und wenn ich mich der heiteren Geistesabwesenheit erinnere, mit der er sich uns zum ersten Male näherte, und dann daran denke, wie er auf Händen und Knien über die Kajütensofas lief, den Samt betastete, sich in die Kissen vergrub und wohlgefällige »Mitais« ausstieß wie ein ungeheurer, übermäßig wohlerzogener Affe, so bin ich um so sicherer, daß beides berechnet war. Und daraufhin frage ich mich manchmal, ob Moipu ganz allein dies höfliche Doppelspiel trieb, und ob die »Casco« wirklich so aufrichtig von den Marquesanern angestaunt wurde, wie unsere Besucher uns glauben machen wollten.

Ich will diese Skizze eines unverbesserlichen Kannibalenhäuptlings durch zwei widerspruchsvolle Züge ergänzen. Sein besonderer Leckerbissen war die menschliche Hand, von der er noch heute mit widerlicher Lüsternheit spricht, aber als er sich von meiner Frau verabschiedete, ihre Hand ergriff, sie mit tränenerfüllten Augen anblickte und sein Lebewohlgestammel im Falsett der hohen marquesanischen Gesellschaftssprache vortrug, hinterließ er in ihrem Herzen tiefe Gefühle, die ich vergeblich zu teilen versuche.

Vorwort

Robert Louis Stevenson, dessen literarische Bedeutung Ernst Weiß in seinem Nachwort zu dem Abenteuerroman »Die Schatzinsel« (Deutsche Buch-Gemeinschaft) eingehend würdigt, hielt 1887 endgültig Umschau nach einem Wohnsitz, wo es ihm trotz seiner von jeher schwächlichen Veranlagung möglich wäre, eine ganze Reihe dichterischer Pläne zu verwirklichen. Zunächst nahm er für den Winter 1887/1888 seine Zuflucht zu einem neu eingerichteten Sanatorium für Lungenleidende in den Vereinigten Staaten, nahe der kanadischen Grenze. Die alte Liebe zur See erwachte mit neuer Heftigkeit im Frühling; seine Frau, die zum Ankauf eines geeigneten Fahrzeuges nach St. Franzisko gereist war, telegraphierte ihm, daß die Jacht »Casco« für eine Fahrt zu den Südseeinseln gepachtet werden könne. Stevenson entschloß sich, vierzigtausend Mark, zwei Drittel seines Vermögens, für seine Gesundheit zu opfern, ließ die Jacht herrichten, engagierte den erfahrenen Kapitän Otis nebst einem chinesischen Koch und vier tüchtigen Seeleuten und verließ am 28. Juni 1888 den Hafen in der Absicht, nach mehrmonatlichen Fahrten in den warmen Seewinden wieder in zivilisierte Gegenden zurückzukehren und dann vielleicht in Madeira sein Heim aufzuschlagen. Seiner Frau, die ihn überallhin begleitete, hatte er angedeutet, daß er ein Seemannsgrab in den Wellen des Ozeans dem Dahinsiechen auf dem festen Lande vorziehen würde, wenn seine Krankheit sich verschlimmern und die Strapazen der Seefahrt ihn niederwerfen sollten. Aber seine Gesundheit kräftigte sich, das Klima sagte ihm zu, so daß er fast drei Jahre auf Hin- und Herfahrten zwischen den verschiedenen Inselgruppen verbrachte. Er besuchte alle völkerkundlich und landschaftlich interessanten Plätze und ließ sich schließlich 1891 auf der Insel Upolu der Samoagruppe nieder, wo er im Dezember 1894 an Gehirnschlag starb, erst vierundvierzig Jahre alt.

Neben der laufenden literarischen Produktion, die stofflich zum Teil aus den neuen Erlebnissen genährt wurde, wollte Stevenson ein umfassendes Werk über die Südsee schreiben, deren soziale und wirtschaftliche Verhältnisse rasch einer völligen Auflösung entgegentrieben. Es mag sein, daß Stevenson bei längerer Lebensdauer die Kraft gefunden hätte, diese gewaltige anthropologische Aufgabe zu lösen, aber wahrscheinlich ist es, daß seine dichterische Phantasie ihm auch in späteren Jahren nicht die nötige Ruhe zu einer rein wissenschaftlichen Beschäftigung gegeben hätte. Er hinterließ umfangreiche Aufzeichnungen, die nach seinem Tode gesammelt und geordnet wurden, und so entstand schließlich der ansehnliche Band »In the South-Seas«, der hier in vollständiger Übersetzung vorliegt.

Eine Karte liefert einen Überblick über die Fahrten, die der Dichter unternahm. Zunächst trug die Schonerjacht »Casco« die Reisenden in zweiundzwanzig Tagen zu den Marquesas, einer Gruppe von gebirgigen Inseln unter französischer Oberhoheit, die äußerst selten von Globetrottern besucht wurden und abseits von den Schiffahrtsstraßen lagen. Der erste Teil des Werkes schildert die Erlebnisse und Erfahrungen auf den vulkanischen Inseln Nuka-hiva und Hiva-oa, deren Bewohner noch vor kurzer Zeit die leidenschaftlichsten Menschenfresser Polynesiens gewesen waren und nun aus verschiedenen Gründen wie Schnee im Frühlingswind dahinschmolzen. Der Aufenthalt dauerte vom 28. Juli bis zum 4. September 1888, also verhältnismäßig kurze Zeit, aber die Ergebnisse waren erstaunlich mannigfaltig, wie der erste Teil unseres Buches zeigt. Dann ging die Fahrt weiter zu den Paumotuinseln, wo man am 6. September eintraf und bis Ende September verweilte. Eine völlig andere Welt! Diese Lagunenriffe umschließen in einem Kranz oder Oval eine Art Binnensee, der allmählich durch Ablagerungen des Seewassers seichter wird. Der Korallenkranz ist mehr oder weniger dicht besetzt mit Palmen, unter denen die Häuser der Eingeborenen stehen, und zwar an der Lagunenseite, nicht an der Meeresküste, wo die blutgierigen Geister der Abgestorbenen ihr menschenfresserisches Unwesen treiben. Der erstaunliche Gegensatz zwischen der Bevölkerung der »hohen« und der »niedrigen« Inselgruppen kommt in der plastischen Schilderung Stevensons lebendig zum Ausdruck.

Die Jacht trug sie südwestlich weiter nach Tahiti in der Gruppe der Gesellschaftsinseln, wo Stevenson inmitten der herrlichsten Südseelandschaft schwer erkrankte. Er erholte sich jedoch bald und durchlebte die schönste Zeit seiner freiwilligen Verbannung, über die sich leider in seinem Tagebuch keine Aufzeichnungen fanden: der Dichter war von der Großartigkeit der Inseln so überwältigt, daß er die Niederschrift seiner Erlebnisse versäumte und statt dessen seine epischen Werke wesentlich förderte. Am Weihnachtstag 1888 nahm die »Casco« ihre Passagiere wieder auf und führte sie gen Honolulu, von wo Stevenson Molokai besuchte, die Insel der Leprakranken, aber auch hierüber fehlt ein Bericht, und man ist auf vereinzelte Briefe angewiesen, die er damals an seine Frau und zwei Freunde richtete.

In den folgenden Monaten wurde eine Fahrt vorbereitet in solche Gebiete, die möglichst unberührt waren von jeder Zivilisation, und im Juni 1889 trug der kleine Handelsschoner »Equator« die Reisegesellschaft zu den Gilbertinseln dicht am Äquator. Jener Teil der Tagebücher, der sich mit den Zuständen und Menschen auf diesen Koralleninseln beschäftigt, gehört ohne Zweifel zu den interessantesten und lebendigsten Partien des vorliegenden Werkes. Namentlich das groß angelegte Porträt des Königs Tembinok‘ von Apemama übertrifft an Farbigkeit alles, was in Stevensons Aufzeichnungen vorgefunden wurde. Vier Jahre später hatte sich auf den Inseln Butaritari und Apemama alles geändert, Tembinok‘ war gestorben, die Gilbertinseln waren von England annektiert worden, und ein Knabe spielte den Herrscher unter der Leitung eines britischen Residenten. Stevensons Bericht hat also eine einzigartige völkerkundliche Bedeutung.

Der Schoner setzte Anfang Dezember 1889 seine Reise fort nach Samoa und traf am 7. Dezember in Apia ein, der Hauptstadt von Upolu. Hier versuchte Stevenson alles Material zu sammeln, das ihm als Unterlage dienen sollte für seine umfassende Arbeit über diesen Teil der Südsee, und er entschloß sich zu einer besonderen Veröffentlichung unter dem Titel »A Footnote to History«, die viel Staub aufwirbelte und in Deutschland später verboten wurde, aber die grundsätzlichen Bemerkungen über die Behandlung der Eingeborenen haben sich im Verlauf der Jahrzehnte als unanfechtbar richtig erwiesen. Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu erfahren, daß der deutsche Generalkonsul Dr. Stübel zu den vertrautesten Freunden Stevensons gehörte und von ihm als der fähigste und einsichtsvollste Diplomat der Großmächte in der Südsee bezeichnet wurde.

Das Heim, das Stevenson nach seiner Rückkehr in Madeira geplant hatte, wurde nun in Samoa errichtet, er kaufte Land in der Nähe Apias, bevor jedoch der dichte Busch gerodet und die Fundamente gelegt werden konnten, reiste er wieder fort, besuchte Australien und später viele ihm noch unbekannte Südseeinseln, bis er 1891 ernstlich seinen Plan zur Ausführung brachte und sein Haus auf der Insel Upolu bauen ließ: der entscheidende Wendepunkt seines Lebens, das allerdings nur noch etwa drei Jahre währen sollte. Ein Freund schrieb ihm aus England: »Seit Byron in Griechenland war, hat nichts auf die Literaten einen so tiefen Eindruck gemacht wie Ihr Aufenthalt in der Südsee.« Der Dichter nannte seinen Besitz »Vailima«, »Fünfwasser«, weil er im Gebiet von fünf Flüssen lag, und die Eingeborenen gaben dem Dichter den Namen »Tusitala«, Geschichtenerzähler. Der Platz lag ungefähr drei Meilen von der Küste entfernt und sechshundert Fuß über dem Meeresspiegel, durch das Gelände führte ein Weg, den befreundete Häuptlinge mit ihren eigenen Händen herrichteten, und den sie »Ala Loto Alofa«, »Weg des liebenden Herzens«, nannten. Rund um das dunkelgrün gestrichene Holzhaus herrschte tiefe Stille, von fernher drang das leise Rauschen der Brandung, und man kann sich schwerlich einen friedlicheren Ort in der weiten Welt vorstellen als Stevensons Waldheim auf Upolu. Häuptlinge und Weiße suchten ihn häufig auf, um seinen Rat einzuholen, man nannte sein Heim »das Haupthaus der Weisheit«.

Das Klima Samoas schien Stevenson zu kräftigen, er verlangte nicht mehr volle Gesundung, sondern war zufrieden mit der Möglichkeit, sein dichterisches Werk zu fördern. Die Lungenschwindsucht kam zum Stillstand, er war imstande eifrig zu schreiben und vermißte nur seine englischen Freunde und die heimatliche schottische Landschaft, so daß ihn nicht selten die schmerzlichen Empfindungen eines Verbannten überfielen. Seine Vailima-Briefe legen von dieser Sehnsucht nach der alten Heimat beredtes Zeugnis ab. Aber alles in allem hatte er endlich nach langen Wanderungen einen Ort gefunden, an dem er sich wohl fühlte, und hätte die Krankheit nicht doch unmerkbar und unaufhaltsam den Körper verwüstet, so wäre bei seiner lebendigen Schöpferkraft wohl noch manche herrliche Dichtung entstanden. Heimtückisch überfiel ihn der Tod an einem Tage, da er zu seiner Frau gesagt hatte, er fühle sich so gesund wie nie zuvor. Als die Abendmahlzeit nahte, holte er eine Flasche Burgunder aus dem Keller und trat heiter plaudernd zu seiner Lebensgefährtin, als er sich plötzlich mit beiden Händen an den Kopf griff und ausrief: »Was ist das? Sehe ich sonderbar aus?« Dann brach er in die Knie nieder, verlor das Bewußtsein, wurde in die Halle getragen und der deutsche Arzt Dr. Funk herbeigeholt, aber menschliche Bemühungen waren umsonst, und umgeben von seinen Freunden und den farbigen Hausgenossen starb er gegen acht Uhr abends am 3. Dezember 1894.

So fand Tusitala, der Geschichtenerzähler, ein Grab inmitten des Großen Ozeans auf einer Insel der Südsee, die er fast sosehr liebte wie seine schottischen Berge, und auf seinem Grabe hoch oben auf dem Gipfel von Vaea steht das von ihm selbst verfaßte Requiem, das wir im Urtext wiedergeben:

Under the wide and starry sky,
Dig the grave and let me lie.
Glad did I live and gladly die,
And I laid me down with a will.

This be the verse you grave for me:
Here he lies where he longed to be;
Home is the sailor, hom[e] from sea,
And the hunter home from the hill.

Die Häuptlinge belegten den Ort mit einem Tabu gegen Schußwaffen, damit die Vögel droben nisten und ihre Lieder an seiner Ruhestätte ungestört singen konnten.

H. S.

Neuntes Kapitel


Das Haus Temoana

Die Geschichte der Marquesaner ist in den letzten Jahren durch das Kommen und Gehen der Franzosen stark verwirrt. Wenigstens zweimal haben sie von dem Archipel Besitz ergriffen, wenigstens einmal haben sie ihn verlassen, und in der Zwischenzeit haben die Eingeborenen fast ohne Unterbrechung ihre planlosen Kannibalenkriege geführt. Durch diese Ereignisse und den Wechsel der Dynastien sieht man nur eine beachtenswerte Gestalt schreiten: die des Oberhäuptlings Temoana, eines Königs. Allerlei bunte Einzelheiten seiner Entwicklung kamen mir zu Ohren: wie er zuerst Konvertit der protestantischen Mission war; wie er entführt oder aus seiner Heimat verschleppt wurde, als Koch an Bord eines Walfischfängers arbeitete und gegen ein kleines Entgelt in englischen Häfen gezeigt wurde; wie er schließlich nach den Marquesas zurückkehrte, unter den starken und segensreichen Einfluß des verstorbenen Bischofs geriet, seine Macht in der Inselgruppe ausdehnte, eine Zeitlang Mitregent des Prälaten war und endlich als Hauptförderer des Katholizismus und der Franzosen starb. Seine Witwe erhält noch jetzt zwei Pfund monatlich von der französischen Regierung. Königin nennt man sie gewöhnlich, aber im amtlichen Almanach wird sie als »Madame Vaekehu, Oberhäuptlingsfrau« bezeichnet. Sein Sohn – ob natürlich oder adoptiert, weiß ich nicht – Stanislao Moanatini, Häuptling von Akaui, dient in Tai-o-hae als eine Art Minister der öffentlichen Arbeiten, und die Tochter Stanislaos ist weiblicher Oberhäuptling der südlichen Insel Tauata. Das ist also das mächtigste Geschlecht des Archipels, und wir hielten es auch für das achtbarste. Dies ist die Regel in Polynesien, mit wenigen Ausnahmen: je höher die Familie steht, desto besser sind die Menschen – besser an Vernunft, besser an Sitten und gewöhnlich auch körperlich größer und stärker. Ein Fremder geht blindlings vor, er macht seine Bekanntschaften zufällig. Abgesehen von der Tätowierung bei den Marquesas deutet nichts den Rangunterschied an, aber fast immer bewährten sich unsere Freunde als Personen von Würde. Ich sagte, »gewöhnlich auch körperlich größer und stärker«. Ich könnte noch bestimmter sein: für ganz Polynesien und einen Teil von Mikronesien trifft diese Regel zu, die Großen der Inseln und selbst der Dörfer sind auch kräftiger an Knochen und Muskeln und oft schwerer an Fleisch als die gewöhnlichen Bürger. Die landläufige Erklärung, daß das hochgeborene Kind sorgfältiger schampuniert, d. h. gewaschen und mit Öl eingerieben wird, ist wahrscheinlich stichhaltig. In Neukaledonien wenigstens, wo der Unterschied nicht existiert oder nie beobachtet wurde, scheint auch die Sitte des Schampunierens unbekannt zu sein. Ärzte würden gut tun, diesem Punkt ihr Studium zuzuwenden.

Vaekehu lebt, von der Regentschaft aus gesehen, am andern Ende der Stadt, jenseits der Missionsgebäude. Ihr Haus ist nach europäischer Art gebaut, ein Tisch steht in der Mitte des Hauptraumes, Photographien und religiöse Bilder hängen an den Wänden. Nach beiden Seiten hat man eine entzückende Aussicht. Vorn blickt man auf grünen Rasen, herumrennende Schweine, fächerartig herabhängende Zweige der Kokospalmen und den Glanz der tosenden Brandung; nach hinten heraus auf anstrebende Waldtäler und Kränze von Schluchten. Hier, in scharfer Zugluft, empfing uns Ihre Majestät im einfachen bedruckten Kattunkleid, ohne ein anderes königliches Abzeichen als die vollendete Schönheit ihrer Tätowierung, die wie Handschuhe wirkt, die Feinheit ihrer Bewegungen und das sanfte Falsett, in dem alle sorgfältig erzogenen marquesanischen Damen – und Vaekehu an erster Stelle – wohlgefällig ihre Worte singen. Eine Adoptivtochter verdolmetschte unsere Reden und fragte nach allen unseren Freunden in Anaho mit ihrem Namen. Während wir uns unterhielten, konnten wir durch die Tür auf der Landseite eine andere Dame ihre Toilette unter den grünenden Bäumen vollenden sehen, die bald darauf, als ihr Haar aufgesteckt und ihr Hut mit Blumen geschmückt war, mit graziösen Verbeugungen auf der hinteren Veranda erschien.

Vaekehu ist sehr schwerhörig: » merci« ist ihr einziges französisches Wort, und ich erinnere mich nicht, daß sie mir klug vorkam. Ihre ausgezeichnete Liebenswürdigkeit und Erziehung, leicht überschattet von Quietismus, der wohl von den Nonnen stammte, machte den größten Eindruck auf uns. Oder wir empfanden vielmehr diese erste Begegnung als eine Art Informationsbesuch von unserer Seite, der mit bescheidener christlicher Höflichkeit von unserer Gastgeberin angenommen wurde. Ein anderer Eindruck entstand, als sie sich freier fühlte und mit Stanislao und seiner kleinen Tochter an Bord der »Casco« kam. Sie hatte bei dieser Gelegenheit große Toilette gemacht, trug ein weißes Gewand, das zu ihrem strengen braunen Gesicht gut paßte, und saß essend und zigarettenrauchend zwischen uns, von aller Unterhaltung abgeschnitten oder nur hier und da durch die Vermittlung ihres Sohnes ins Gespräch gezogen. Diese Situation hätte lächerlich sein können, aber ihr gereichte sie zur Zierde. Sie tat, als ob sie alles höre und verstände, auf ihrem Gesicht strahlte das Lächeln der guten Gesellschaft, wenn man ihrem Blick begegnete; ihre Bemerkungen, so selten sie sein mochten, waren stets verbindlich und liebenswürdig. Dem Kinde wurde keine Beachtung geschenkt, außer wenn sie es anredete oder sich an seiner Stelle bei uns bedankte. Ihr Abschied beim Fortgehen war graziös und zierlich wie ihr ganzes Benehmen. Als meine Frau ihr die Hand reichte, um ihr Lebewohl zu sagen, nahm Vaekehu sie, hielt sie fest und lächelte einen Augenblick, ließ sie sinken, und dann, wie in Gefühlserregung und zartfühlender Herablassung, streckte sie beide Hände aus und küßte meine Frau auf beide Wangen. Bei gleichen Alters- und Rangunterschieden würde man auf der Bühne der Comédie Française so gespielt haben, genau so gütig herablassend würde Madame Brohan sich gegen Madame Broissat im Marquis von Villemer benommen haben. Es war meine Aufgabe, unsere Gäste an Land zu bringen. Als ich das kleine Mädel beim Abschied auf den Stufen des Piers küßte, stieß Vaekehu einen Ruf des Entzückens aus, streckte ihre Hand zum Boot nieder, nahm die meine und drückte sie mit jener einschmeichelnden Sanftheit, die in allen Ländern der Erde die Koketterie alter Damen zu bilden scheint. Im nächsten Augenblick schon hatte sie Stanislaos Arm genommen, sie schritten im Mondlicht den Pier entlang und ließen mich verwirrt zurück. Dies war eine Kannibalenkönigin; sie war vom Kopf bis zu den Füßen tätowiert und vielleicht gegenwärtig das größte Meisterwerk dieser Art auf der Erde, so daß ihr Bein vor einiger Zeit, ehe sie prüde wurde, eine der Sehenswürdigkeiten von Tai-o-hae war. Sie war aus der Hand eines Häuptlings in die des andern gewandert, man hatte um sie Kriege geführt und sie geraubt; vielleicht hatte sie auf dem Hochgericht gesessen, da sie ja eine so große Dame war, und dort als einzige ihres Geschlechts gethront, während die Trommeln zwanzigweise gedröhnt und die Priester die blutgetränkten Körbe mit Menschenfleisch (Langschwein) herbeigetragen hatten. Und nun stelle man sich, nach einer solchen Vergangenheit der Gewalttaten und furchtbaren Feste, diese ruhige, sanftmütige, wohlerzogene alte Dame vor, denen ähnlich, die man zu Hause in manchen Landhäusern findet, auch behandschuht, aber nicht oft von so feinem Benehmen. Aber Vaekehus Handschuhe waren aus Farbe, nicht aus Seide, und nicht mit Geld, sondern mit gekochtem Menschenfleisch bezahlt. Mit einem Ruck tauchte in mir die Frage auf, wie sie selbst wohl darüber denke, und ob sie im innersten Herzen nicht den Wandel bedaure und sich nach ihrer barbarischen und aufregenden Vergangenheit zurücksehne. Aber als ich Stanislao ausforschte, sagte er: »O, sie ist zufrieden, sie ist fromm und verbringt alle ihre Tage bei den Schwestern.«

Stanislao – Stanislaos unter Auslassung des letzten Konsonanten nach polynesischer Gepflogenheit – wurde vom Bischof Dordillon nach Südamerika geschickt und dort von den Patres erzogen. Er spricht fließend Französisch, redet klug und geistreich und leistet den Franzosen als Hauptaufpasser vorzügliche Dienste. Mit dem Prestige seines Namens und seiner Familie und, wenn nötig, mit dem Stock hält er die Eingeborenen bei der Arbeit und sorgt für gute Wege. Ohne Stanislao und die Gefangenen möchte ich die Existenzfähigkeit der heutigen Regierung in Nuka-hiva bezweifeln; vielleicht würden die Chausseen unpassierbar werden, der Landungssteg abbröckeln und die Residentschaft unter den Augen unfähiger Beamter zerfallen. Und obgleich er traditionsgemäß die Franzosenherrschaft begünstigt und fördert, vergißt er die Vergangenheit nie. Er zeigte mir, wo der alte Versammlungsplatz gewesen war, noch angedeutet durch verstreute Steinhaufen, erzählte mir, wie groß und schön er gewesen, auf allen Seiten von stark bevölkerten Häusern umgeben, aus denen bei Trommelschlag die Menge herbeigeströmt sei, um Feste zu feiern. Der Trommelwirbel der Polynesier besitzt einen sonderbaren und düsteren Reiz für die Nerven aller Menschen. Weiße empfinden ihn, bei diesen rasenden Tönen schlägt ihr Herz schneller; und nach den Berichten alter Einwohner war die Wirkung auf die Eingeborenen furchtbar. Mochte Bischof Dordillon flehend bitten und Temoana selbst befehlen und drohen: beim Ton der Trommeln triumphierten die wilden Instinkte. Würden sie heute auf diesen Ruinen erschallen, wer sollte zur Versammlung eilen? Die Häuser sind eingefallen, das Volk ist tot, die Nachkommenschaft erloschen, der Abschaum und die Flüchtlinge ferner Buchten und Inseln nisten sich auf ihren Gräbern ein. Den Verfall des Tanzes beklagt Stanislao besonders. »Jedes Land hat seine Sitten«, sagte er; aber die Anzeige irgendeines Gendarmen, der in verwerflichem Eifer die Zahl der Straffälle und seine Macht erhöhen will, läßt Sitte nach Sitte der Ausrottung anheimfallen. »Sehen Sie, ein Tanz, der nicht erlaubt ist«, sagte Stanislao; »ich weiß nicht warum, er ist sehr hübsch, nämlich so!« Und er steckte seinen Schirm aufrecht in die Erde und markierte die Schritte und Bewegungen. Seine Kritik der Gegenwart und das Bedauern über die Vergangenheit war stets überraschend gemäßigt und vernünftig. Die kurze Amtsdauer des Residenten hielt er für das Hauptübel der Verwaltung, denn der Beamte war eben erst eingearbeitet, wenn er abberufen wurde. Ich glaubte auch zu bemerken, daß er den kommenden Übergang vom Marine- zum Zivilgouverneur einigermaßen fürchtete. Ich selbst jedenfalls bin sicher, daß dies die richtige Auffassung ist, denn die Zivilbeamten Frankreichs sind dem Ausländer niemals als Elite ihres Landes erschienen, während die Marineoffiziere sich mit denen der ganzen Welt messen können. In allen seinen Reden betonte Stanislao stets, daß seine Heimat ein Land der Wilden sei, und wenn er eigene Meinung ausdrückte, bemerkte er, er sei ein Wilder, der Reisen gemacht habe. In dieser bewußten Bescheidenheit war ein gut Teil ehrlichen Stolzes. Aber etwas lag in dieser Vorsicht, was mich traurig stimmte; ich mußte befürchten, er wolle nur einer Zurechtweisung zuvorkommen, die er allzuoft erduldet hatte.

Zweier Unterredungen mit Stanislao erinnere ich mich mit Interesse. Die erste fand an einem Nachmittag der tropischen Regenzeit statt, den wir zusammen auf der Veranda des Klubs verbrachten; wir sprachen manchmal mit erhobenen Stimmen, wenn die Schauer über unseren Köpfen sich verstärkten, manchmal gingen wir in den Billardraum, um in dem matten, verschleierten Tageslicht jene Weltkarte zu befragen, die sein Hauptschmuck ist. Er kannte die englische Geschichte natürlich nicht, so daß ich ihm viel Neues berichten konnte. Ich erzählte ihm ausführlich das Leben Gordons, viele Einzelheiten aus dem Indischen Aufstand, berichtete von Lucknow, der zweiten Schlacht von Cawnpore, der Befreiung von Arrah, dem Tode des armen Spottiswoode und von Sir Hugh Roses abenteuerlichen Feldzügen. Er hörte begierig zu, sein braunes Gesicht, dicht bedeckt mit Pockennarben, leuchtete auf und wechselte den Ausdruck bei jeder Wendung der Geschichte. In seinen Augen glühte das Feuer der Schlachten, er richtete viele und kluge Fragen an mich, und besonders sie führten uns sooft zur Landkarte. Aber die lebendigste Erinnerung bewahre ich von unserem Abschied. Wir wollten am nächsten Morgen absegeln, und die Nacht war schon hereingebrochen, dunkel, stürmisch und regnerisch, als wir den Hügel hinaustasteten, um Stanislao Lebewohl zu sagen. Er hatte uns bereits mit Geschenken beladen, aber viele andere standen noch bereit. Wir saßen rund um den Tisch bei Zigarren und grünen Kokosnüssen; Windstöße fegten durch das Haus und löschten die Lampe aus, die stets sofort wieder mit einem einzigen Streichholz angezündet wurde; und diese wiederholten Augenblicke der Dunkelheit wurden wie eine Erleichterung empfunden. Denn es lag etwas wie Schmerz und Beklemmung über der Zärtlichkeit dieser Trennung. »Ach!« rief Stanislao aus, »Sie sollten hierbleiben, mein geliebter Freund! Sie gehören zu den Männern, die die Kanaken brauchen, Sie sind lieb, Sie und Ihre Familie, man würde Ihnen auf allen Inseln gehorchen.« Wir waren höflich gewesen, und nicht einmal immer, wie mir mein Gewissen sagte, aber nie darüber hinausgegangen; die Ursache seiner Bewegtheit war also nicht sosehr unsere Rücksichtnahme als vielmehr das schlechte Benehmen anderer. Den Rest des Abends, auf dem Wege zu Vaekehu und zurück bis ganz zum Pier, ließ Stanislao meinen Arm nicht los und schützte mich mit seinem Regenschirm, und als das Boot abgefahren war, konnten wir in der trüben Finsternis noch sein Abschiedswinken sehen. Seine Worte wurden, falls er sprach, vom Regen und von der dröhnenden Brandung verschlungen.

Ich habe die Geschenke erwähnt: eine verwickelte Frage in der Südsee, deren Behandlung die allgemeine, gewohnheitsmäßige Unwissenheit belegt, mit der Völker in Bausch und Bogen beurteilt werden. An vielen Orten gibt der Polynesier nur, um zu empfangen. Ich habe Inseln besucht, wo mich die Bevölkerung verfolgte wie Hunde, die einem Händler mit Katzenfleisch nachlaufen, und wo die oft gehörte Redewendung: »Du mein Freund!« oder, mit noch mehr Pathos: »Du gleich wie mein Vater!« mit herzhaftem Gelächter und kräftigem Ausruf beantwortet werden muß. Und vielleicht wird überall ein Geschenk von Gierigen und Habsüchtigen als eine Art Wurst angesehen, mit der man nach der Speckseite wirft. Es ist Sitte, Geschenke zu spenden und Gegengaben zu empfangen, und solche Burschen werden, wenn sie die Gebräuche mitmachen, scharf darauf bedacht sein, daß sie keinen Verlust erleiden. Aber bei Personen anderen Schlages liegen die Dinge umgekehrt. Der schäbige Polynesier ruht nicht, bis er die Gegengabe erhalten hat, der edle fühlt sich beklommen, bis er sie geleistet hat. Der erstere ist enttäuscht, wenn man nicht mehr gegeben hat als er; der andere ist niedergeschlagen, wenn er seine Gabe für geringer achtet. Das ist meine Erfahrung; wenn sie der anderer Reisender widerspricht, bedaure ich ihr Geschick und preise das meinige; nichts kann ändern, was ich beobachtet, noch vermindern, was ich empfangen habe. Und ich finde in der Tat, daß alle, die mir widersprechen, von höchst eigenartigen Vorurteilen ausgehen. Sie vergleichen die Polynesier einer Idealfigur, vollgepfropft von Edelmut und Dankbarkeit, der ich nie das Vergnügen hatte zu begegnen, und vergessen, daß ihnen das unermeßlicher Reichtum ist, was uns beinahe Armut scheint. Ich will ein Beispiel anführen: ich sprach zufällig über diese Geschenke Stanislaos mit einem gewissen klugen Mann, einem großen Hasser und Verächter der Kanaken. »Nun, was war es denn!« rief er aus, »ein Paket Bärte alter Männer! Plunder!« Und derselbe Herr sprach eine halbe Stunde später, als seine Gedanken in andere Richtung gingen, ausführlich von der Wertschätzung, die solchen Besitztümern bei den Kanaken entgegengebracht wird, wie sie sie allen anderen außer Grund und Boden vorziehen, und von den hohen Preisen, die man dafür erzielt. Unter Zugrundelegung seiner eigenen Zahlen berechnete ich, daß die Geschenke Vaekehus und Stanislaos dieser Art allein einen Wert von zwei- bis dreihundert Dollars hatten, während das amtliche Gehalt der Königin nur zweihundertvierzig Dollars jährlich beträgt.

Aber Freigebigkeit einerseits und offenbarer Geiz anderseits sind in der Südsee wie in der Heimat Ausnahmen. Der gewöhnliche Polynesier wählt und überreicht seine Geschenke weder in der Hoffnung auf Gewinn noch mit dem lebhaften Wunsch zu gefallen. Einer klaren, sozialen Pflicht sieht er sich gegenüber, und er erfüllt sie korrekt, aber ohne die geringste Begeisterung. Wir können seine Auffassung am besten verstehen, wenn wir unsere eigene den anerkannt absurden Hochzeitsgeschenken gegenüber prüfen. Wir schenken ohne besonderen Gedanken an eine Gegengabe, aber ergibt sich die Gelegenheit, und das Gegengeschenk bleibt aus, so halten wir uns für beleidigt. Wir geben gewöhnlich ohne Liebe und fast nie mit echter Begierde zu gefallen, und unser Geschenk ist eher ein Beweis unserer Zahlungsfähigkeit als unserer Liebe zu den Empfängern. So geht es im allgemeinen auch den Polynesiern; ihre Geschenke sind Formsache, sie sollen die gesellschaftliche Anerkennung ausdrücken, und sie werden gegeben und erwidert, wie wir unsere Morgenvisiten machen und erhalten. Der Brauch, Ereignisse und Gefühle nach den Geschenken einzuteilen und zu bewerten, ist in der Inselwelt allgemein. Ein Geschenk gilt ihnen soviel wie Brief und Siegel, und die Erinnerung daran steckt tief im Herzen des Insulaners. Frieden und Krieg, Hochzeit, Adoption und Naturalisation werden durch Annahme oder Zurückweisung von Geschenken gefeiert oder angekündigt, und für den Inselbewohner ist es ebenso natürlich, ein Geschenk zu überreichen, wie für uns, eine Visitenkarte bei uns zu tragen.

Zehntes Kapitel


Ein Charakterbild und eine Geschichte

Ich hatte verschiedene Male Veranlassung, den verstorbenen Bischof, Pater Dordillon, zu erwähnen, »Monseigneur«, wie er noch jetzt fast allgemein genannt wird, Apostolischer Vikar der Marquesas und Titularbischof von Cambysopolis. Überall auf den Inseln, bei allen Klassen und Stämmen, erinnert man sich des feinen, alten, liebenswürdigen und heiteren Mannes mit Liebe und Hochachtung. Sein Einfluß auf die Eingeborenen war unbeschränkt. Sie hielten ihn für den Höchsten auf Erden und für größer als einen Admiral, sie brachten ihm ihr Geld zur Aufbewahrung, holten seinen Rat ein bei Käufen und pflanzten keinen Baum auf ihrem eigenen Lande ohne Zustimmung des Vaters der Inseln. Als die Franzosen abzogen, repräsentierte er allein Europa, lebte in der Residentschaft und regierte durch die Vermittlung Tamoanas. Die ersten Wege wurden unter seiner Leitung und auf sein Anraten angelegt. Der alte Weg zwischen Hatiheu und Anaho wurde auf beiden Seiten gleichzeitig begonnen unter dem Vorwand, er werde sich gut eignen für einen Abendspaziergang, und unter Anstachelung des Wetteifers der beiden Dörfer vollendet. Der Priester erzählte in Hatiheu rühmend von dem Fortschritt in Anaho und pflegte den Leuten von Anaho zu erklären: »Wenn ihr euch keine Mühe gebt, werden eure Nachbarn über dem Hügel sein, bevor ihr oben seid.« Heute könnte man nicht mehr so arbeiten, aber damals war es möglich; Tod, Opiumsucht und Entvölkerung waren noch nicht so weit fortgeschritten, und die Leute von Hatiheu wetteiferten noch miteinander in ihrer Kleidung, wie man mir erzählte, sie pflegten familienweise in der Kühle des Abends auf der Bucht zu segeln und Bootrennen zu veranstalten. Etwas Wahres scheint mindestens in der allgemeinen Ansicht zu stecken, daß die gemeinsame Regierung von Tamoana und dem Bischof das letzte, kurze, goldene Zeitalter der Marquesaner war. Aber die Zivilgewalt kehrte zurück, die Mission wurde innerhalb einer Frist von vierundzwanzig Stunden aus der Residentschaft vertrieben, neue Methoden gewannen die Oberhand, und mit dem goldenen Zeitalter – wie es immer gewesen sein mochte – war es zu Ende. Es ist der stärkste Beweis für das hohe Ansehen von Pater Dordillon, daß er offenbar ohne Einbuße an Autorität diese übereilte Absetzung überstand.

Seine Behandlung der Eingeborenen war außerordentlich milde. Mitten unter diesen Kindern der Wildnis spielte er die Rolle des lächelnden Vaters und beobachtete in allen Dingen sorgfältig die Etikette der Marquesaner. So war der Bischof nach dem sonderbaren System künstlicher Versippung von Vaekehu als Enkel und ein Fräulein Fisher in Hatiheu als Tochter adoptiert worden. Von diesem Tage an redete der Monseigneur die junge Dame nur noch als seine Mutter an und schloß seine Briefe mit den Redewendungen eines pflichtgetreuen Sohnes. Europäern gegenüber konnte er streng bis zur Schärfe werden. Er behandelte Ketzer nicht schlecht und verkehrte freundschaftlich mit ihnen, aber die Vorschriften seiner eigenen Kirche wollte er beachtet sehen, und einmal wenigstens ließ er einen Weißen einsperren, der ein Heiligenfest entweiht hatte. Jedoch selbst diese Strenge, die den Laien unerträglich und den Protestanten lästig war, konnte seine Popularität nicht erschüttern. Wir können ihn durch Heranziehung von Vergleichen aus der Heimat am besten würdigen; wir haben wohl alle irgendeinen Geistlichen der alten Schule in Schottland gekannt, einen wortgläubigen Sabbatehrer, der am Buchstaben des Gesetzes klebte und doch im Privatleben bescheiden, unschuldig, liebenswürdig und heiter war. Einem solchen Mann glich Pater Dordillon anscheinend. Und seine Popularität hielt eine noch härtere Probe aus. Man sagte von ihm, und wahrscheinlich mit Recht, daß er ein gewitzter Geschäftsmann war, der achtgab, daß die Mission sich bezahlt machte. Nichts erregt die Gemüter sosehr wie die Einmischung religiöser Körperschaften in Handelsgeschäfte, aber selbst Kaufleute, die seine Konkurrenten waren, sprachen von dem Monseigneur gut.

Seinen Charakter zeichnet am treffendsten die Geschichte der Tage seines Alters. Es kam die Zeit, wo er aus Mangel an Sehkraft seine literarischen Arbeiten beiseitelegen mußte, seine marquesanischen Hymnen, Grammatiken und Wörterbücher, seine wissenschaftlichen Abhandlungen, Heiligenlegenden und religiösen Gedichte. Er blickte sich nach einem neuen Interessengebiet um, verfiel auf Gartenarbeiten, und nun sah man ihn den ganzen Tag mit Spaten und Gießkanne in kindlichem Eifer zwischen den Beeten tatsächlich hin und her rennen. Als der körperliche Verfall zunahm, mußte er auch seinen Garten verlassen. Sofort wurde eine andere Beschäftigung ersonnen, und er saß in der Mission und schnitt Papierblumen und -kränze. Seine Diözese war für seinen Arbeitseifer nicht groß genug, alle Kirchen der Marquesaner wurden mit seinem Papierschmuck versehen, und immer noch mußte er weiterschaffen. »Ach,« sagte er lächelnd, »wenn ich tot bin, wird es euch Spaß machen, meinen Plunder auszukehren!« Er war nun ungefähr sechs Monate tot, aber es freute mich, manche seiner Trophäen noch ausgestellt zu sehen, und ich betrachtete sie lächelnd: einen Tribut, den er, wenn ich seinen heiteren Charakter richtig verstanden habe, nutzlosen Tränen vorgezogen hätte. Krankheit machte ihn immer schwächer; er, der so kühn über die rauhen Felsen der Marquesas geklettert war, um kriegführenden Stämmen den Frieden zu bringen, wurde eine Zeitlang in einem Stuhl zwischen Mission und Kirche hin und her getragen, bis er schließlich durch Wassersucht ohnmächtig ans Bett gefesselt wurde, geplagt von Ischias und Wunden. So lag er ohne Klagen zwei Monate, und am 11. Januar 1888 entschlief er im neunundsiebzigsten Jahre seines Lebens und vierunddreißigsten seiner Arbeit auf den Marquesas.

Wer gern über protestantische und katholische Missionen schelten hört, muß sein Vergnügen anderswo, aber nicht auf diesen Seiten suchen. Seien sie Katholiken oder Protestanten: trotz schwerer Mißgriffe und trotz des Mangels an Frohsinn, Humor und allgemeinem Menschenverstand sind die Missionare die besten und nützlichsten Weißen im Pazifischen Ozean. Wir werden dies Problem immer wieder streifen, aber ein Teil mag an dieser Stelle behandelt werden. Der verheiratete und der im Zölibat lebende Missionar, beide haben ihre besonderen Vorzüge und Mängel. Der verheiratete Missionar kann, wenn wir den günstigsten Fall annehmen, dem Eingeborenen etwas sehr Notwendiges bieten: ein vollendetes Vorbild häuslichen Lebens. Aber die Frau an seiner Seite hat die Neigung, ihn mit Europa in Verbindung zu halten und die innige Verquickung mit Polynesien zu verhindern, und so wird eine pastorale Etikette bewahrt und sogar verschärft, die weit besser vergessen würde. Das Gemüt des weiblichen Missionars beschäftigt sich beispielsweise ständig mit Fragen der Bekleidung. Nur mit den größten Schwierigkeiten kann man ihr begreiflich machen, daß auch andere Gewänder züchtig sind als die von London her gewöhnten; und um dies Vorurteil zu befriedigen, werden die Eingeborenen zu nutzlosen Ausgaben gezwungen, die Phantasie wird europäisch krankhaft, die Gesundheit wird gefährdet. Der im Zölibat lebende Missionar anderseits, sei er der beste oder schlechteste, geht leicht zu den Lebensgewohnheiten der Eingeborenen über, und hinzu kommt das allgemeine Merkmal eheloser Männer oder die Erbschaft mittelalterlicher Heiligen: nachlässige Kleidung und Unsauberkeit. Selbstverständlich gibt es hier Abstufungen, und die Ordensschwester – ihr sei alle Ehre! – ist selbstredend so blitzsauber wie eine Dame auf dem Ball, über die Art der Ernährung ist nichts zu sagen – sie muß den Polynesier verwundern und abschrecken –, aber über die Annahme der Eingeborenensitten sehr viel. »Jedes Land hat seine Sitten«, sagte Stanislao; sie zu ändern, ist die schwierige Aufgabe des Missionars, und je mehr er auf diesem Gebiete von innen heraus, vom Eingeborenenstandpunkt aus erreicht, desto besser wird er seine Aufgaben lösen. Hier sind die Katholiken meines Erachtens manchmal erfolgreicher, und im Vikariat Dordillons bin ich dessen sicher. Ich habe den Bischof tadeln hören wegen seiner Nachgiebigkeit gegen die Eingeborenen, besonders deshalb, weil er nicht mit genügender Energie gegen den Kannibalismus wütete. Es gehörte zu seiner Politik, wie ein älterer Bruder unter den Eingeborenen zu leben, ihnen zu folgen, solange es möglich, und sie zu führen, wo es notwendig war, nie zu übertreiben und die Entwicklung neuer Gebräuche zu ermutigen, statt die alten gewaltsam auszurotten. Und es mag auf die Dauer besser sein, eine solche Politik überall zu befolgen.

Man könnte annehmen, daß eingeborene Missionare sich als nachsichtiger erwiesen, aber das Gegenteil ist in Wirklichkeit der Fall. Neue Besen kehren gut, und der weiße Missionar von heute wird oft durch die Frömmelei seines eingeborenen Gehilfen behindert. Was sonst könnte man erwarten? Auf manchen Inseln wurden Zauberei, Vielweiberei, Menschenopfer und Tabakrauchen verboten, die Bekleidung des Eingeborenen geändert und er selbst in heftigen Redewendungen vor gegnerischen christlichen Sekten gewarnt, alles durch denselben Mann, zu derselben Zeit und in gleich autoritativer Weise. Wie und nach welchen Maßstäben soll nun der Konvertit das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden? Er schluckt die ganze Medizin auf einmal, denn Spielraum für die Phantasie und Beobachtung wird nicht gegeben, und ein Fortschritt wird nicht erzielt, abgesehen von dem rein äußerlichen Nutzen der Verbote. Um die Dinge beim richtigen Namen zu nennen: das alles heißt Aberglauben predigen! Es ist allerdings wenig glücklich, dies Wort anzuwenden: wenige haben Geschichte studiert und viele in kleinen atheistischen Broschüren geblättert, so daß die Mehrheit vorschnell zu dem Schluß kommen könnte, alle Arbeit sei umsonst. Weit gefehlt: dieser halbspontane Aberglaube, verschieden nach der Sekte des ersten Evangelisten und den Sitten der einzelnen Inseln, ist in der Praxis höchst fruchtbar, und besonders diejenigen, die ihn erlernt haben und nun weiterlehren, stehen als leuchtende Vorbilder da vor aller Welt. Das schönste Beispiel christlichen Heldentums, das ich jemals sah, ist einer dieser eingeborenen Missionare. Er hatte zwei Menschenleben unter Gefahr seines eigenen gerettet; gleich Nathan war er einem Tyrannen im Blutrausch entgegengetreten; als die gesamte weiße Bevölkerung floh, erfüllte er allein seine Pflicht, und sein Verhalten inmitten häuslichen Unglücks, das die Öffentlichkeit nichts angeht, erfüllte den Beobachter mit Sympathie und Bewunderung. Er sah aus wie ein kleiner, lächelnder, arbeitsamer Mensch, und man hätte glauben können, er besäße nichts als das, was er tatsächlich zu reichlich besaß, nämlich weiche Gutherzigkeit. (Die Rede ist hier von Maka, dem hawaiischen Missionar auf Butaritari in der Gilbertgruppe.)

Zufällig waren die einzigen Rivalen des Monseigneurs und seiner Mission auf den Marquesas einige dieser braunhäutigen Evangelisten, Eingeborene von Hawaii. Ich weiß nicht, was sie über Pater Dordillon dachten; sie sind die einzigen, die ich nicht befragte, aber ich habe den Verdacht, daß der Prälat sie wegen ihres Übereifers etwas von oben herab betrachtete, denn er war außerordentlich human. Während meines Aufenthalts zu Tai-o-hae kam die Zeit der jährlichen Ferien für die Mädchenschule, und eine ganze Flotte von Walfischfängerbooten von Ua-pu brachte die Töchter in die Heimat. An Bord befand sich auch Kauwealoha, einer der Pastoren, ein feiner, gepflegter, alter Herr jenes löwenartigen Typs, der auf Hawaii oft vorkommt. Er besuchte mich auf der »Casco« und erzählte mir eine Geschichte von seinem Kollegen Kekela, einem Missionar auf der großen Menschenfresserinsel Hiva-oa. Es scheint, daß kurz nach dem räuberischen Besuch eines peruanischen Sklavenhändlers die Boote eines amerikanischen Walfischfängers in eine Bucht dieser Insel einliefen, daß die Leute angegriffen wurden und mit knapper Not entkamen, aber ihren Steuermann, einen Mr. Whalon, in den Händen der Eingeborenen zurückließen. Der Gefangene wurde mit auf dem Rücken gefesselten Händen in ein Haus geworfen, und der Häuptling meldete Kekela die Gefangennahme. Jetzt folge ich der Darstellung Kauwealohas im besten Kanakenenglisch, und der Leser muß sich vorstellen, daß die Erzählung mit heftiger Erregung und sprechenden Gesten vorgetragen wurde.

»›Ich ‚melikanischer Maat haben!‹ der Häuptling er sagen. – ›Was du wollen tun ‚melikanischer Maat?‹ Kekela er sagen. – ›Ich gehen Feuer machen, ich gehen töten, ich gehen ihn essen‹, er sagen; ›du morgen kommen essen Stück‹. – ›Ich nicht wollen essen ‚melikanischer Maat!‹ Kekela er sagen; ›warum du wollen?‹ – ›Dies böser Schiff, dies Sklavenschiff‹, der Häuptling sagen; ›einmal ein Schiff er kommen von Pelu, er nehmen weg mein Sohn. ‚Melikanischer Maat er schlecht Mann. Ich gehen ihn essen, du essen Stück.‹ – ›Ich nicht wollen essen ‚melikanischer Maat!‹ Kekela er sagen, und er weinen, ganzer Nacht er weinen! Morgen Kekela er stehen auf, er ziehen an schwarzer Rock, er gehen zu Häuptling, er sehen Missa Whela, ihn Hand gebunden so! (Zeichen.) Kekela er schreien. Er sagen Häuptling: ›Häuptling, du wollen Sachen von meine? du wollen Walfischfängerboot?‹ – ›Ja‹, er sagen. – ›Du wollen Gewehr?‹ – ›Ja‹, er sagen. – ›Du wollen schwarzer Rock?‹ – ›Ja‹, er sagen. – Kekela er nehmen Missa Whela an Schulter, er ihn nehmen sofort aus Haus, er geben Häuptling er Walfischboot, er Gewehr, er schwarzer Rock. Er nehmen Missa Whela sein Haus, machen ihn setzen nieder er Weib und Kinder, Missa Whela Gefängnis, er Weib, er Kinder in Amelika, er weinen. – O, er weinen. Kekela er traurig. Ein Tag Kekela er sehen Schiff. (Gesten.) Er sagen Missa Whela: ›Ma‘ Whala?‹ – Missa Whela er sagen: ›Ja!‹ Kanaka sie anfangen gehen runter zu Strand, Kekela er nehmen elf Kanaka, nehmen Ruder, nehmen alles. Er sagen Missa Whela: ›Nun du gehen rasch.‹ – Sie springen in Boot: ›Nun du rudern!‹ Kekela er sagen: ›Du rudern schnell, schnell!‹ (Heftiges Gestikulieren und dann Andeutung, daß der Erzähler das Boot verlassen hat und zum Strand zurückgekehrt ist.) Alle Kanaka sie sagen: ›Wie! ‚Melikanischer Maat er gehen weg?‹ – springen in Boot, rudern nach. (Und wieder Übergang zur Andeutung des Bootes.) Kekela er sagen: ›Rudern schnell!‹«

Hier, glaube ich, verwirrte mich die pantomimische Darstellung Kauwealohas, ich erinnere mich nicht mehr seiner ipsissima verba und kann nur in meiner eigenen weniger bewegten Art hinzufügen, daß das Schiff erreicht, Mr. Whalon an Bord genommen wurde und Kekela zu seinem Amt unter den Kannibalen zurückkehrte. Aber wie ungerecht ist es, das Stammeln eines Fremden in einer nur teilweise beherrschten Sprache wiederzugeben! Ein gedankenloser Leser könnte Kauwealoha und seinen Kollegen für eine Art liebenswürdigen Affen halten. Aber ich kann den Gegenbeweis antreten. Als Belohnung für diese Tat tapferer Nächstenliebe erhielt Kekela von der amerikanischen Regierung eine Summe Geldes und von Präsident Lincoln selbst eine goldene Uhr. Aus dem Dankesbrief, den er in seiner eigenen Sprache schrieb, gebe ich den folgenden Auszug. Ich beneide niemand, der ihn ohne Bewegung lesen kann.

»Als ich sah, wie einer Ihrer Landsleute, ein Bürger Ihrer großen Nation, mißhandelt wurde und nahe daran war, gebraten und gegessen zu werden, wie man ein Schwein ißt, eilte ich herbei, ihn zu retten, voll Mitleid und Trauer über die schlechte Tat dieses umnachteten Volkes. Ich gab mein Boot für das Leben des Fremden. Dies Boot stammte von James Hunnewell, eine Freundschaftsgabe. Es wurde zum Lösegeld für Euren Landsmann, damit er nicht verspeist werde von den Wilden, die Jehovah nicht kennen. Es war Mr. Whalon und der Tag der 14. Januar 1864.

Was nun meine freundliche Tat betrifft, die Rettung Mr. Whalons, so kam der Same aus Ihrem großen Lande und wurde herbeigebracht von einigen Ihrer Landsleute, die die Liebe Gottes empfangen hatten. Er wurde in Hawaii eingepflanzt, und ich sorgte dafür, daß er in diesem Lande und in diesen dunklen Gegenden gepflanzt wurde, damit sie die Wurzel alles Guten und Wahren, die Liebe, empfingen:

  1. Liebe zu Jehovah.
  2. Liebe zu uns selbst.
  3. Liebe zu dem Nächsten.

Wenn ein Mann von diesen dreien zur Genüge besitzt, ist er gut und heilig wie sein Gott Jehovah in seinem dreieinigen Charakter (Vater, Sohn und Heiliger Geist), einer und drei, drei und einer. Hat er nur zwei und mangelt der einen, so ist es nicht gut, und wenn er eine hat und zwei fehlen ihm, so ist dies in der Tat nicht gut; aber wenn er alle drei umfängt, dann ist er in der Tat heilig nach der Lehre der Bibel.

Ihre große Nation kann sich dieses großen Dinges rühmen vor allen anderen Nationen der Erde. Von Ihrem großen Lande wurde ein überaus kostbarer Same zum Lande der Finsternis gebracht. Er wurde hier gepflanzt, nicht mit Hilfe von Kanonen und Kriegsschiffen und Drohungen. Er wurde gepflanzt durch Unwissende, Arme und Verachtete. So geschah die Einführung des Wortes des allmächtigen Gottes in diese Inselgruppen von Nuuhiwa. Groß ist meine Schuld an die Amerikaner, die mich alle Dinge gelehrt haben über dies und das zukünftige Leben.

Wie soll ich Ihre große Güte mir gegenüber vergelten? So fragte David Jehovah, und so frage ich Sie, den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Das ist meine einzige Gegengabe – die ich vom Herrn empfangen habe – die Liebe – ( aloha).«

Elftes Kapitel


Langschwein – Ein Hochsitz des Kannibalismus

Nichts erregt heftiger unsern Abscheu als der Kannibalismus, nichts erschüttert mit größerer Sicherheit die menschliche Gesellschaft, nichts, so könnten wir schließen, muß die Gemüter derjenigen, die ihm anhängen, sosehr verhärten und entwürdigen. Und doch machen wir auf Buddhisten und Vegetarier einen ganz ähnlichen Eindruck. Wir verzehren die Leiber von Geschöpfen, die uns verwandte Neigungen, Leidenschaften und Organe haben, wir essen Junge, wenn auch nicht unsere eigenen, und der Schlachthof hallt täglich wider von Schreien der Qual und Furcht. Wir machen Unterschiede, das ist wahr, aber die Abneigung vieler Nationen gegen das Fleisch von Hunden, Tieren also, mit denen wir aufs innigste zusammenleben, zeigt, wie fragwürdig die Unterscheidungen begründet sind. Das Schwein ist die Hauptnahrung der Eingeborenen auf den Inseln, und ich hatte oft Gelegenheit, da meine Phantasie durch die Kannibalenumgebung angeregt war, den Charakter dieses Tieres und die Art seines Todes zu beobachten. Viele Insulaner leben mit den Schweinen wie wir mit unseren Hunden; beide bewegen sich in gleicher Freiheit in der Nähe des häuslichen Herdes, und das Inselschwein ist ein Kerl voll Lebendigkeit, Unternehmungslust und Klugheit. Es schält seine Kokosnüsse selbst und rollt sie, wie man mir erzählte, in die Sonne, damit sie platzen; es ist der Schrecken der Schafhirten!. Die alte Frau Stevenson beobachtete, wie eines in die Wälder flüchtete mit einem Lamm in der Schnauze, und ich sah, wie eines plötzlich zu der Überzeugung kam, die »Casco« ginge unter; es schwamm durch die Sturzwellen zur Reeling, um sich zu retten. Man erzählte mir in der Jugendzeit, daß Schweine nicht schwimmen können; ich habe eines gekannt, das über Bord sprang, vierhundert Meter schwamm bis zur Küste und zum Hause des früheren Besitzers zurückkehrte. Ich hatte einst, in Tautira, eine Schweinezüchterei von ziemlichem Ausmaß; zunächst herrschte in meinem Stall äußerste Zutraulichkeit; eine junge Sau mit Leibschmerzen kam herbei und flehte wie ein Kind um Hilfe; und ein stattlicher schwarzer Eber, den wir Catholicus nannten, weil er ein Sondergeschenk der Katholiken des Dorfes war, zeigte sehr bald Mut und Freundschaftlichkeit. Kein anderes Tier, weder Hund noch Schwein, durfte sich ihm nähern, wenn er fraß, und für menschliche Wesen bewies er das höchste Maß jener untertänigen Zuneigung, die den niederen Tieren eigen ist. Eines Tages sah ich beim Besuch der Schweineställe zu meinem Erstaunen, daß Catholicus sich mit Schreckensschreien vor jeder Annäherung zurückzog, und wenn ich über diese Veränderung verwundert war, so erschrak ich tatsächlich, als ich die Ursache erfuhr. Eines der Schweine war an jenem Morgen geschlachtet worden, Catholicus hatte den Mord beobachtet, er hatte entdeckt, daß er zwischen Schlachtbänken lebte, und von dieser Zeit waren Vertrauen und Lebenslust dahin. Wir verschonten ihn noch eine ganze Weile, aber er konnte den Anblick zweibeiniger Wesen nicht mehr ertragen, und wir unsererseits konnten unter diesen Umständen nicht ohne Verwirrung seinen Blicken begegnen. Ich habe übrigens dem Akt des Schlachtens in Hörweite beigewohnt; ich glaube, ich hätte vielleicht die Schmerzensschreie des Opfers ertragen, aber die Hinrichtung ging nicht glatt vonstatten, und der Ausdruck seines Entsetzens wirkte ansteckend: dies kleine Herz schlug nach derselben Melodie wie das unsere. Auf solchen »Fundamenten des Schreckens« ruht das Leben des Europäers, und doch gehört der Europäer zu den weniger grausamen Rassen. Die Schreckenskammer des Mordes, die brutale Zurichtung der Nahrung wird den Blicken verborgen; äußerste Empfindlichkeit herrscht an der Oberfläche, und Damen fallen in Ohnmacht, wenn man ihnen einen Bruchteil dessen schildert, was sie von ihren Metzgern täglich verlangen. Menschen werden sich in ihrem Innersten auch gegen mich empören wegen der Roheit meiner Worte. Und so steht es um die Inselkannibalen. Sie waren nicht grausam; abgesehen von dieser Sitte sind sie eine der liebenswürdigsten Menschenrassen; geradeheraus gesagt ist es weit weniger hassenswert, das Fleisch eines Menschen nach seinem Tode zu essen, als ihn zu Lebzeiten zu unterjochen, und selbst die Opfer ihres Appetits wurden im Leben nachsichtig behandelt und schließlich rasch und schmerzlos ins Jenseits befördert. In vornehmen Insulanerkreisen galt es ohne Zweifel als geschmacklos, bei dem, was widerwärtig war an dieser Sitte, länger zu verweilen.

Kannibalismus läßt sich von einem Ende des Pazifischen Ozeans bis zum andern nachweisen, von den Marquesas bis Neuguinea, von Neuseeland bis Hawaii, bald in vollster Blüte, bald in geringen, aber charakteristischen Überbleibseln. In Hawaii ist er am zweifelhaftesten. Wir finden Kannibalismus in hawaiischen Chroniken nur einmal in der Geschichte eines Krieges verzeichnet, scheinbar für eine Ausnahme gehalten, wie etwa bei jenen Verbrechern aus den Gebirgen, die durch die Hand des Theseus fielen. In Tahiti hat sich ein einziger Beweis erhalten, aber er scheint schlußkräftig zu sein. In historischen Zeiten bot man, wenn Menschenopfer in den Tempeln dargebracht wurden, die Augen des Getöteten in aller Form dem Häuptling an: eine Delikatesse für den vornehmen Gast. Ganz Melanesien scheint verseucht. In Mikronesien, auf den Marschallinseln, die ich nur als Tourist kenne, konnte ich nicht die geringste Spur finden, und selbst in der Gilbertzone habe ich lange vergeblich geforscht und nachgefragt. Man erzählte mir allerdings Geschichten von Menschen, die während einer Hungersnot verspeist worden seien, aber das besagt nichts für mich, denn ähnliche Dinge geschahen unter demselben Druck bei allen Rassen und Generationen. Schließlich traf ich in einigen handschriftlichen Aufzeichnungen von Dr. Turner, die man mir in Malua einzusehen gestattete, auf einen vernichtenden Beweis: auf der Insel Onoatoa war die Strafe für Diebstahl, getötet und gegessen zu werden. Wie können wir diesen allgemeinen Brauch in einem so großen Gebiet erklären, unter Völkern so verschiedener Zivilisation und, trotz aller Vermischung, so verschiedenen Blutes? Welche Lebensbedingung war ihnen allen gemeinsam außer der, daß sie auf Inseln lebten, die keine oder nur geringe Fleischnahrung boten? Ich kann aus meinem Appetit nur schließen, daß es dem Menschen nicht bestimmt ist, nur von Pflanzenkost zu leben. Wenn unsere Vorräte auf den Inseln abnahmen, sehnte ich mich nach dem Tage, da die Sparsamkeit uns erlaubte, wieder einmal eine Büchse minderwertigen Hammelfleisches zu öffnen. Und in mindestens einer ozeanischen Sprache gibt es ein besonderes Wort für den Zustand, wenn der Mensch »hungrig auf Fisch« ist, Gemüse ihm nicht mehr genügen und seine Seele wie die der Hebräer in der Wüste sich nach Fleischtöpfen sehnt. Nimmt man die Beweise für Übervölkerung und drohende Hungersnöte hinzu, die wir bereits angeführt haben, so hat man meines Erachtens einigen Grund, mit den Inselkannibalen Nachsicht zu üben.

Man muß jedes Problem von zwei Seiten betrachten, aber es liegt mir fern, dies mehr als bestialische Laster entschuldigen zu wollen. Die höherstehenden polynesischen Rassen, wie die Tahitier, Hawaiier und Samoaner, waren über diese Sitte alle hinausgewachsen, und manche hatten sie teilweise schon vergessen, als Cook und Bougainville mit ihren Segelschiffen am Horizont auftauchten. Sie hielt sich nur auf einigen niedrigen Inseln, wo der Lebensunterhalt schwierig zu gewinnen ist, und unter unverbesserlichen Wilden wie den Neuseeländern und Marquesanern. Die Marquesaner verknüpften die Menschenfresserei mit dem ganzen Gewebe ihres Daseins, »Langschwein« war gewissermaßen Zahlungsmittel und Sakrament, es war der Lohn des Künstlers, betonte die historischen Erinnerungstage und war Anlaß und Höhepunkt jedes Festes. Heute müssen sie diese blutrünstige Verquickung büßen. Die Zivilverwaltung mußte in ihrem Kreuzzug gegen den Kannibalismus alle marquesanischen Künste und Belustigungen unterdrücken, fand sie ohne Ausnahme mit kannibalischen Elementen durchsetzt und brachte sie nacheinander auf die Liste der Verbote. Ihre Kunst im Tätowieren war einzigartig, die Ausführung wundervoll, die Zeichnungen herrlich und überwältigend, kein schönerer Schmuck für schöne Menschen! Anfangs mag es etwas Schmerz bereiten, aber ich bezweifle, ob es auf die Dauer so qualvoll ist wie die unedle europäische Damensitte des Schnürens, und sicher ist es viel gesünder. Und nun wurde es für notwendig befunden, diese Kunst zu untersagen. Ihre Gesänge und Tänze waren zahlreich, und das Gesetz mußte sie dutzendweise abschaffen. Sie stehen heute mit leeren Händen der Öde ereignisloser Tage gegenüber, und wer soll sie bemitleiden? Der Sanftmütigste muß gestehen, daß ihnen recht geschehen ist.

Der Tod allein konnte marquesanische Rache nicht befriedigen, das Fleisch des Opfers mußte gegessen werden. Der Häuptling, der Mr. Whalon gefangennahm, hatte den sehnlichsten Wunsch, ihn zu verspeisen, und glaubte sich gerechtfertigt, als er erklärte, es handle sich um einen Racheakt. Vor zwei oder drei Jahren ergriffen und töteten Talbewohner einen armen Wicht, der sie beleidigt hatte. Vermutlich war die Beleidigung schwer, sie konnten ihre Rache nicht unvollkommen lassen, und unter den Augen der Franzosen wagten sie nicht, ein öffentliches Gastmahl abzuhalten. Der Leichnam wurde also verteilt, jeder zog sich in sein Haus zurück, um den Ritus im geheimen zu vollziehen, und trug seinen Anteil an dem entsetzlichen Gericht in einer schwedischen Zündholzschachtel heim. Der Barbarismus des Dramas und die europäischen Gebrauchsgegenstände bieten der Phantasie Bilder ungeheuren Kontrastes. Aber noch bezeichnender ist ein anderer Vorfall aus dem Jahre 1888, als ich mich selbst dort befand. Im Frühling trieben sich ein Mann und eine Frau in der Nähe der Schule von Hiva-oa umher, bis sie ein bestimmtes Kind allein antrafen. »Bist du der und der, der Sohn von Soundso?« fragten sie und lockten es unter Liebkosungen tiefer hinein in die Wälder. Irgendein Instinkt erwachte in der Brust des Kindes, oder irgendein Blick verriet ihm das entsetzliche Vorhaben der Betrüger. Es versuchte ihnen zu entfliehen und schrie, aber sie ließen die Maske fallen, packten es fester und fingen an zu laufen. Seine Schreie wurden gehört, Schulkameraden, die in der Nähe spielten, eilten zu seiner Rettung herbei, aber das grausame Paar floh und verschwand in den Wäldern. Es wurde nie ermittelt, kein Strafgericht folgte, aber man nahm allgemein an, daß sie Groll hegten gegen den Vater des Knaben, den sie aus Rache zu verspeisen beschlossen. Überall auf den Inseln kann man, wie bei unseren Vorfahren, beobachten, daß der Rächer es nicht auf eine bestimmte Person absieht. Familie, Klasse, Dorf, ein ganzes Tal oder eine Insel, ein ganzer Stamm haben teil an der Schuld eines ihrer Angehörigen. So mußte in unserer Erzählung der Sohn an Stelle des Vaters büßen, und Mr. Whalon, der Steuermann eines amerikanischen Walfischfängers, sollte für die Freveltaten eines peruanischen Sklavenhändlers bluten und verspeist werden. Ich erinnere mich eines Vorfalls in Jaluit auf der Marschallgruppe, den mir ein Augenzeuge berichtete, und den ich hier wiedergebe wegen seiner Eigenartigkeit. Zwei Männer hatten das Mißfallen der Jaluithäuptlinge erregt, und ihre Frauen wurden zur Bestrafung herangezogen. Ein einzelner Eingeborener vollzog die Hinrichtung. Am frühen Morgen watete er angesichts einer großen Menschenmenge zwischen seinen Opfern hinaus zu den Riffen. Die Frauen klagten und sträubten sich nicht, begleiteten geduldig ihren Henker, tauchten auf seinen Befehl unter, als sie tief genug hineingelangt waren, er legte seine Hand auf die Schultern der beiden und hielt sie unter Wasser, bis sie ertrunken waren. Ohne Zweifel standen ihre Familien laut wehklagend am Ufer, obgleich mein Gewährsmann mir nichts darüber berichtete.

Von Hatiheu aus besuchte ich zum erstenmal einen Hochsitz des Kannibalismus.

Der Tag war schwül und trübe. Heftige Tropenschauer wechselten mit glühendem Sonnenschein. Der grüne Fußpfad wand sich steil aufwärts. Unser kleiner Führer, ein Schuljunge, ging etwas voraus, und Pater Simeon hatte sein Skizzenbuch in der Hand, benannte die Bäume für mich und las mir aus seinen Notizen laut ihre Hauptvorzüge vor. Plötzlich bot der ansteigende Weg einen freieren Ausblick in das Tal von Hatiheu, und der Priester deutete, indem er den Führer gelegentlich fragte, die Grenzlinien an und nannte mir die Namen der größeren Stämme, die früher in ewigem Kriege miteinander lagen: einer wohnte im Nordosten, ein anderer am Strand, der dritte dahinten auf den Bergen. Mit einem Überlebenden des letzteren hatte Pater Simeon gesprochen: bis zum Friedensschluß war er nie bis zur Meeresküste gekommen und hatte, wenn ich mich recht erinnere, niemals Seefische gegessen. Die Stämme lebten abgeschlossen für sich in ihrem Distrikt, eingepfercht und belagert. Kam eine Hungersnot, so mußten die Männer in die Wälder gehen, um Kastanien und kleine Früchte zu sammeln; selbst heute noch müssen die Schulen geschlossen und die Schüler zum Proviantieren ausgesandt werden, wenn die Eltern mit ihren wöchentlichen Abgaben im Rückstand sind. Aber in alten Zeiten herrschte bei allen Nachbarn höchste Tätigkeit, wenn ein Stamm in Schwierigkeiten war, man legte überall in den Wäldern Hinterhalte, und wer für sich selbst Früchte sammeln wollte, konnte schließlich als Braten für seine Erbfeinde enden. Es bedurfte nicht einmal einer besonderen Veranlassung. Ein Dutzend verschiedener Naturanzeichen und sozialer Ereignisse trieben dies Volk auf den Kriegspfad und zur Menschenjagd. Mochte jemand von Häuptlingsrang seine Tätowierung beendet haben, das Weib eines anderen sich ihrer Niederkunft nähern, zwei der Bergströme ihr Bett näher zur Bucht von Hatiheu verlegt haben, der Gesang eines gewissen Vogels gehört, eine bestimmte bedeutungsvolle Wolkenbildung über der nördlichen See beobachtet worden sein: sofort wurden die Waffen geölt, und die Menschenjäger schwärmten durch den Wald und legten ihre Fallen für den Brudermord. Es scheint auch, daß sich der Priester bisweilen, vielleicht bei einer Hungersnot, in sein Haus einschloß, wo er eine bestimmte Zeit wie tot dalag. Kam er wieder zum Vorschein, so rannte er drei Tage lang nackt und ausgehungert durch das Gebiet des Stammes und schlief nachts allein auf dem Hochsitz. Dann mußten die andern das Haus hüten, denn es bedeutete Tod, dem Priester auf seinen Runden zu begegnen. Am Abend des vierten Tages war der Lauf zu Ende, der Priester kehrte zu seiner Wohnung zurück, das Volk erschien wieder, und am Morgen wurde die Zahl der Opfer verkündet. Ich kann diese Erzählung von dem Priester nur auf eine Autorität – ich glaube, eine gute – zurückführen. Die Einzelheiten sind so sonderbar, daß ich annehme, man hätte sie öfter erwähnen müssen, wenn sie wahr wären. Über einen Punkt scheint kein Zweifel: die Festessen wurden manchmal mit Material aus dem eigenen Stamm bestritten. In Zeiten des Mangels hatten alle, die nicht durch Familienbeziehungen geschützt waren – nach einem schottischen Hochlandsausdruck alle Gemeinen der Sippe – Ursache zu zittern. Widerstand oder Flucht waren vergeblich und fruchtlos. Sie waren auf allen Seiten von Kannibalen eingeschlossen, und der Bratofen stand bereit für sie draußen im Lande der Feinde oder zu Hause im Tal ihrer Väter.

An einer bestimmten Ecke des Weges bog unser jugendlicher Führer zur Linken ab in die Dämmerung des Waldes. Wir befanden uns nun auf einem der uralten Eingeborenenpfade, eingebettet in hohe Waldgewölbe, scheinbar ziellos hinaufkletternd über Steinblöcke und abgestorbene Bäume, aber der Junge wand sich ein und aus, hinauf und hinunter, ohne Zögern, denn diese Wege sind für die Eingeborenen so gut zu erkennen wie für uns eine königliche Heerstraße, so daß man sie in den Zeiten der Menschenjagden sogar zu verrammeln oder unkenntlich zu machen versuchte, anstatt sie zu verbessern. In der Höhle des Waldes war die Luft feucht und heiß und kalt, zu unseren Häupten rauschte der Tropenregen brausend auf die Blätter nieder, aber nur hier und da fiel wie durch Löcher eines lecken Daches ein einzelner Tropfen herab und machte einen Fleck auf meinen Regenmantel. Nach einer Weile stand der gewaltige Stamm eines Banyan vor uns, er schien zwischen den Ruinen eines uralten Forts zu wurzeln, und unser Führer hielt an, streckte den Arm aus und verkündete, daß wir beim » paepae tapu« angelangt seien.

Paepae bezeichnet einen Fußboden oder eine Plattform, auf der ein Eingeborenenhaus errichtet wird, und selbst solch ein Paepae, ein » paepae hae«, kann in einem gewissen Sinne als tabu bezeichnet werden, wenn es verlassen und von Geistern bewohnt ist. Aber der öffentliche Hochsitz, den ich jetzt betrat, war eine außerordentlich wichtige Stätte. Soweit mein Auge das dichte Unterholz durchdringen konnte, war der Boden des Waldes gepflastert. Drei Terrassenstufen liefen am Abhang des Hügels entlang; davor umschloß eine abbröckelnde Rampe die Hauptarena, deren Bodenbelag an verschiedenen Stellen von Brunnenlöchern durchbohrt und von kleinen Gehegen unterbrochen war. Vom Oberbau war keine Spur mehr erhalten, der Bauplan des Amphitheaters war schwer zu erkennen. Ich besuchte einen anderen Hochsitz auf Hiva-oa, kleiner aber vollkommener, wo man deutlich Sitzreihen und isolierte Ehrenplätze für hervorragende Persönlichkeiten wahrnehmen konnte, und wo auf der oberen Plattform ein einzelner Gerüstbalken des Tempels oder Totenhauses stehengeblieben war, dessen Pfeiler reich geschnitzt waren. In alten Zeiten wurde der Hochsitz sorgfältig gepflegt. Kein Baum außer dem heiligen Banyan durfte auf seinen Stufen wuchern, kein welkes Blatt auf dem Bodenbelag verfaulen. Die Steine waren sorgsam gelegt, und man erzählte mir, daß man ihnen durch Öl Glanz verlieh. Auf allen Seiten waren Wächter in Schutzhütten untergebracht, um den Platz zu behüten und zu reinigen. Der Fuß keines anderen Menschen durfte sich ihm nähern, nur der Priester kam in den Zeiten der Läufe zum Schlafe dorthin und träumte vielleicht von seiner gottlosen Sendung. Aber zur Zeit des Festes erschien der ganze Stamm geschlossen auf dem Hochsitz, jeder einzelne hatte seinen bestimmten Platz. Es gab Sitze für die Häuptlinge, den Trommler, die Tänzer, die Frauen und die Priester. Die Trommeln, etwa zwanzig an der Zahl, manche zwölf Fuß hoch, erdröhnten unaufhörlich im Takt. Im Takt ließen die Sänger ihren langgezogenen, finsteren, heulenden Gesang ertönen, im Takt schritten und sprangen auch die Tänzer einher, wunderbar zierlich, herausgeputzt, sie schwärmten gestikulierend umher und ließen ihre federgeschmückten Finger wie Schmetterlinge durch die Luft flattern. Die Empfindung für den Rhythmus ist bei allen ozeanischen Völkern außerordentlich stark ausgeprägt, und mir scheint, als ob bei solchen Festen jeder Ton und jede Bewegung in eins verschmolz. Um so einheitlicher mußte die Erregung der Festteilnehmer wachsen, und um so wilder mußte die Szene jedem Europäer erscheinen, der sie dort in greller Sonne und im tiefsten Schatten der Banyanen beobachtet hätte: eingerieben mit Saffran, um die Arabesken der Tätowierung höher hervortreten zu lassen, die Frauen in tagelanger Zurückgezogenheit zu beinahe europäischer Hautfarbe gebleicht, die Häuptlinge gekrönt mit silbernen Federn aus Barthaaren alter Männer und gegürtet mit Haarsträngen toter Frauen. Inselgerichte aller Art wurden inzwischen für die Frauen und Männer aus dem Volke aufgetragen; und für diejenigen, die das Vorrecht hatten, davon zu essen, wurden Körbe mit »Langschwein« zum Totenhaus geschleppt. Man erzählt, daß sich die Feste lange ausdehnten, das Volk kehrte erschöpft von den tierischen Ausschweifungen heim, die Häuptlinge gestopft voll von ihrer bestialischen Speise. Gewisse Gefühle nennen wir ausdrücklich menschlich, und wir verweigern denen, die ihrer entraten, diese ehrenvolle Bezeichnung. Bei solchen Festen –, besonders wenn das Opfer in der eigenen Heimat erschlagen war und die Leute die Überreste eines armen Kameraden verspeisten, der mit ihnen in der Jugend gespielt, oder einer Frau, deren Gunst sie einst genossen – wurden alle diese Empfindungen mit Füßen getreten. Überlegt man sich alles das eingehender, so versteht, ja verzeiht man die eifernde Gerechtigkeit alter Schiffskapitäne, die ihre Kanonen laden und Feuer eröffnen ließen auf eine Kannibaleninsel, die sie passierten.

Und doch war es sonderbar. Dort, am Hochsitz selbst, als ich unter dem hohen, tropfenden Gewölbe des Urwaldes stand, den jungen Priester in seiner Kutte auf der einen, den helläugigen, marquesanischen Schulknaben auf der anderen Seite, schienen alle diese Dinge unendlich fernzuliegen, in der kühlen Perspektive und dem kalten Licht der Geschichte. Vielleicht beeinflußte mich das Benehmen des Priesters. Er lächelte, er scherzte mit dem Knaben, dem Nachkommen sowohl der Festteilnehmer wie der Opfer, er klatschte in die Hände und sang mir eine Strophe der alten grausigen Chorgesänge vor. Jahrhunderte mochten vergangen sein, seit das furchtbare Spiel auf diesem Theater zum letzten Male aufgeführt worden war, und ich betrachtete den Platz ohne größere Erregung, als ich sie bei einem Besuch von Stonehenge empfunden hätte. Als ich in Hiva-oa wahrnahm, daß die Sitte verborgen dicht neben mir noch lebte, so daß ich des Aufschreis eines in die Falle gegangenen Opfers möglicherweise gewärtig sein mußte, versagte die historische Betrachtungsweise vollständig, und ich verspürte einige Abneigung gegen die Eingeborenen. Aber auch hier bewahrten die Priester ihre Heiterkeit, sie neckten die Kannibalen, als ob es sich um absonderliche, nicht aber um entsetzliche Dinge handele, und suchten sie durch gutmütigen Witz und Erweckung des Schamgefühls von der Sitte abzubringen, wie man ein Kind beschämt, um es vom Zuckernaschen zu entwöhnen. Wir können hier den milden und klugen Geist des Bischofs Dordillon wiedererkennen.