Erstes Kapitel.


Erstes Kapitel.

Reisegenossen.

Im Herbste des Jahres krochen Dunkelheit und Nacht zu den höchsten Gipfeln der Alpen empor.

Es war die Zeit der Weinlese in den Tälern auf der Schweizer Seite des St. Bernhardpasses und an den Ufern des Genfer Sees. Die Luft war von dem Duft der eingeernteten Trauben geschwängert. Körbe, Bütten und Kübel mit Trauben standen in den dunklen Dorftorwegen, verstellten die steilen und engen Dorfgassen und wurden den ganzen Tag auf Wegen und Straßen hin und her getragen. Trauben, von den Füßen zertreten und zerquetscht, lagen überall umher. Die junge Bäuerin, die sich schwerbeladen nach Hause schleppte, beruhigte ihr schreiendes Kind mit Trauben. Der Idiot, der seinen dicken Kropf unter der Traufe der hölzernen Hütte an dem Wege zum Wasserfall sonnte, saß gierig Trauben kauend da. Der Atem der Kühe und Ziegen duftete angenehm von dem Laub und den Kämmen der Trauben. Die versammelten Gäste in jedem kleinen Wirtshause sprachen, während sie aßen und tranken, von Trauben. Schade, daß aus dem großen Überfluß nicht etwas Reife auf den dünnen, harten, steinigen Wein überging, der im ganzen aus diesen Trauben gemacht wurde!

Die Luft war den ganzen schönen Tag über warm und durchsichtig gewesen. Glänzende metallene Kirchturmspitzen und Kirchendächer, die man da und dort in der Ferne sah, hatten die weite Gegend durchblitzt: und die schneeigen Berggipfel waren so klar gewesen, daß nicht daran gewöhnte Augen mit dem Blick über das dazwischenliegende Land hinwegeilten und ihre rauhe Höhe als etwas Fabelhaftes gering achtend, gewöhnlich glaubten, sie seien in wenigen Stunden zu erreichen. Bergkuppen von großer Berühmtheit sah man von den Tälern, wo bisweilen monatelang keine Spur von ihrer Existenz sichtbar war, seit dem Morgen klar und nahe an dem blauen Himmel stehen. Und selbst jetzt, wo es unten dunkel wurde, hoben sie sich – gleichsam feierlich zurückschreitend wie Geister, die entschwinden wollen – doch noch deutlich in ihrer Einsamkeit über dem Nebel und dem Schatten bleich und kalt vom Himmel ab.

Von diesen Einöden und vom Paß des großen St. Bernhard aus gesehen stieg die Nacht an den Bergen flutartig empor. Als sie endlich die Mauern des Klosters auf dem großen St. Bernhard erreicht hatte, erschien dieser wetterharte Bau wie eine zweite Arche, die auf den Schattenwogen schwamm.

Die Dunkelheit, die einige Fremde überholte, hatte die rauhen Klostermauern erreicht, als diese Reisenden noch den Berg hinanklommen. Wie die Hitze des glühenden Tages, die sie haltzumachen und an den Strömen geschmolzenen Schnees und Eises zu trinken eingeladen hatte, nun in die durchdringende Kälte der frostigen verdünnten Nachtluft auf großer Höhe übergegangen war, so war die frische Schönheit der Reise in tieferliegenden Gegenden jetzt der Dürre und Öde gewichen. Ein schroffer, holperiger Pfad, auf dem die Maultiere, eines hinter dem andern, von Block zu Block kletterten und sich wanden, als wenn sie die verbröckelte Treppe einer riesigen Ruine hinaufstiegen, war jetzt ihr Weg. Kein Baum war zu sehen, keine Pflanze zu erblicken, nur ein armes, braunes, elendes Moos, das in den Ritzen der Felsen erstarrt war. Geschwärzte Skelettarme von Holz zeigten am Wege hinauf nach dem Kloster, als wenn die Gespenster früherer Reisenden, die im Schnee begraben worden waren, an dem Schauplatz ihres Unglücks umgingen. Eiszapfenbehangene Höhlen und Hütten, als Zufluchtsorte für plötzliche Stürme gebaut, glichen ebenso vielen flüsternden Stimmen, die die Gefahren dieses Ortes den Reisenden ins Ohr raunten. Nimmerruhende Wirbel und Labyrinthe von Nebel wanderten, von einem Klagewind gescheucht, umher; und Schnee, die ringsum drohende Gefahr des Berges, gegen die man alle Sicherheitsmaßregeln getroffen, trieb heftig in die Tiefe.

Die Reihe der von ihrem Tagewerk müden Maulesel wand sich langsam an dem steilen Abhang in die Höhe: der vorderste wurde von einem Führer zu Fuß geleitet, der einen breitkrempigen Hut und eine runde Jacke hatte, auf der Schulter ein bis zwei Alpenstöcke trug und mit einem andern Führer plauderte. Die Schar der Reiter führte kein Gespräch. Die scharfe Kälte, die Anstrengung der Reise und ein neues Gefühl von gehemmtem Atem, zum Teil, als stiegen sie gerade aus sehr klarem, gekräuseltem Wasser, zum Teil, als wenn sie schluchzten, ließ sie schweigen.

Endlich glänzte ein Licht auf der Höhe der Felsentreppe durch Schnee und Nebel. Die Führer trieben die Maultiere an; diese hoben die gesenkten Köpfe, die Jungen der Reisenden waren gelöst, und unter einem plötzlich entstandenen Wirrwarr von Ausgleiten, Klettern, Klingeln, Klirren und Schwatzen kamen alle bei dem Tor des Klosters an.

Andre Maultiere waren nicht lange zuvor angekommen, einige mit reisenden Landleuten, andere mit Waren, und hatten den Schnee vor der Tür in einen Pfuhl von Schmutz getreten. Reitsättel und Zügel, Packsättel und Glockenriemen, Maultiere und Menschen, Laternen, Fackeln, Säcke, Mundvorräte, Fässer, Käselaibe, Tönnchen mit Honig und Butter, Strohbündel und Pakete mancherlei Art lagen in diesem aufgetauten Sumpfe und auf den Stufen durcheinander. Hier oben in den Wolken sah man alles durch Wolken, und alles schien sich in Wolken aufzulösen. Der Atem der Leute war Wolke, der Atem der Maultiere war Wolke, die Lichter waren von Wolke umgeben, die dicht nebenan Sprechenden waren vor Wolken nicht zu sehen, obgleich ihre Stimmen und alle andern Klänge überraschend klar waren. Von der wolkigen Reihe von Maultieren, die rasch innerhalb der Mauer Kreise bildeten, biß oder schlug gewöhnlich das eine das andre, und dann war der ganze Nebel zerstreut. Die Männer drangen dazwischen, Geschrei von Menschen und Tieren scholl aus dem Knäuel, und niemand, der dabeistand, konnte unterscheiden, was geschehen war. Mitten in diesem Treiben strömte der Klosterstall, der den untern Stock des Gebäudes bildete und in den man durch die Grundstocktür trat, außerhalb der all dieses Durcheinander sich umhertrieb, seinen Beitrag an Wolke aus, als wenn das ganze rauhe Gebäude mit nichts sonst gefüllt wäre und zusammenstürzen würde, sobald es sich geleert, so daß dann der Schnee auf die kahlen Berggipfel fiele.

Während all dieser Lärm und diese Unruhe unter den lebenden Reisenden herrschte, waren still versammelt in einem vergitterten, ein halbes Dutzend Schritte entfernten Hause, das von der gleichen Wolke umhüllt war und in das die gleichen Schneeflocken trieben, die toten Reisenden, die man auf dem Berge gefunden. Die vor vielen Wintern vom Sturm überraschte Mutter, die noch immer mit dem Säugling an der Brust in der Ecke stand; der Mann, der erfroren, während er aus Hunger oder Furcht den Arm zum Munde erhob, und ihn noch immer nach vielen Jahren an seine trockenen Lippen drückte. Eine schreckliche, auf seltsame Weise zusammengekommene Gesellschaft! Ein furchtbares Schicksal für eine Mutter, vorhergesehen zu haben: »Umgeben von so manchen und solchen Gefährten, die ich niemals gesehen und nie sehen werde, werden ich und mein Kind unzertrennlich auf dem großen St. Bernhard zusammen wohnen, Generationen überdauern, die uns zu sehen kommen und nie unsere Namen oder ein Wort von unserer Lebensgeschichte, außer dem Ende, erfahren werden.«

Die lebenden Reisenden dachten in jenem Augenblick wenig oder gar nicht an die toten. Sie dachten weit mehr daran, vor dem Klostertor abzusteigen und sich an dem Klosterfeuer zu wärmen. Aus dem Gewirr sich loswindend, das bereits weniger lärmend wurde, da man die Masse der Maultiere in dem Stall unterzubringen begann, eilten sie, schauernd vor Kälte, die Treppe hinauf in das Haus. Dort herrschte ein Geruch, der durch den Boden von den angebundenen Tieren herausdrang, ähnlich dem Geruch einer Menagerie von wilden Tieren. Drinnen befanden sich starke gewölbte Gänge, hohe steinerne Pfeiler und dicke Mauern mit kleinen verfallenen Fenstern – Bollwerke gegen die Bergstürme, als wenn es menschliche Feinde gewesen wären. Ferner düstere gewölbte Schlafzimmer, schrecklich kalt, aber reinlich und gastlich für Fremde eingerichtet. Endlich ein gemeinsames Konversationszimmer, in dem die Gäste saßen und aßen, wo auch bereits ein Tisch aufgestellt war und ein helles Feuer rot und hoch im Kamin flackerte.

In diesem Zimmer setzten sich die Reisenden, nachdem ihnen von zwei jungen Mönchen die für die Nacht bestimmten Quartiere angewiesen waren, um den Kamin. Es waren drei Gesellschaften: die erste, als die zahlreichste und bedeutendste, war die langsamste und hatte sich von einer und der andern auf dem Wege herauf überholen lassen. Sie bestand aus einer älteren Dame, zwei grauen Herren, zwei jungen Damen und ihrem Bruder. Diese hatten (vier Führer ungerechnet) einen Kurier, zwei Diener und zwei Kammermädchen bei sich: diese große lästige Gesellschaft wurde anderwärts unter einem Dache untergebracht. Diejenige Gesellschaft, die sie überholte und nun hinterdrein kam, bestand nur aus drei Gliedern: einer Dame und zwei Herren. Die dritte Gesellschaft, die von dem Tal auf der italienischen Seite des Passes heraufkam und zuerst da war, bestand aus vier Gliedern: einem vollblütigen, hungrigen und schweigsamen deutschen Hofmeister mit einer Brille, der sich auf einer Tour mit drei jungen Männern, seinen Zöglingen, befand, lauter vollblütigen, hungrigen und schweigsamen Menschen mit Brillen.

Diese drei Gruppen saßen rings um das Feuer, sich trocken ansehend und auf das Nachtessen wartend. Nur einer unter ihnen, einer von den Herren, die zu der Gesellschaft von den dreien gehörten, machte einen Ansatz zu einer Unterhaltung. Indem er seine Angelschnur nach dem Häuptling des bedeutenden Stammes auswarf, während er sich an seine eigenen Reisegenossen wandte, bemerkte er in einem Ton, der die ganze Gesellschaft einschloß, wenn sie eingeschlossen sein wollte, daß es ein langer Tag gewesen und daß er die Damen bedauere. Daß er fürchte, eine von den jungen Damen sei nicht stark genug und nicht hinlänglich ans Reisen gewöhnt und sei vor zwei bis drei Stunden außerordentlich ermüdet gewesen. Er habe von seinem Standort im Nachtrab aus bemerkt, daß sie ganz erschöpft auf ihrem Maultier gesessen. Er habe später zwei- oder dreimal sich die Ehre gegeben, einen von den Führern zu fragen, der nach hinten gekommen sei, wie es der jungen Dame gehe. Er sei entzückt zu erfahren, daß sie sich erholt und daß es nur ein vorübergehendes Unbehagen gewesen wäre. Er glaube (diesmal faßte er den Häuptling ins Auge und wandte sich an ihn), es werde ihm erlaubt sein, seine Hoffnung auszusprechen, daß sie sich nun ganz wohl befinde und nicht bereue, die Reise gemacht zu haben.

»Meine Tochter, – ich bin Ihnen sehr verbunden, Sir«, versetzte der Häuptling, – »ist vollkommen wiederhergestellt und fand großes Interesse an der Gesellschaft.«

»Vielleicht zum erstenmal in den Bergen?« sagte der einschmeichelnde Reisende.

»Zum – ha – zum erstenmal in den Bergen«, sagte der Häuptling. »Aber Sie sind damit vertraut, mein Herr?« fuhr der einschmeichelnde Reisende fort.

»Ich bin – hm – ziemlich vertraut damit. Nicht aus den letzten Jahren. Nicht aus den letzten Jahren«, versetzte der Häuptling, mit der Hand winkend.

Der einschmeichelnde Reisende antwortete auf das Winken der Hand mit einer Verbeugung des Kopfes und wandte sich von dem Häuptling zu der zweiten jungen Dame, die er bis jetzt noch nicht angeredet hatte, außer, daß er sie zu den Damen zählte, die er so innig bedauerte.

Er sprach die Hoffnung aus, daß die Anstrengungen des Tages sie nicht zu sehr mitgenommen hätten.

»Mitgenommen haben sie mich allerdings«, versetzte die junge Dame, »aber sie haben mich nicht ermüdet.«

Der einschmeichelnde Reisende machte ihr sein Kompliment über die richtige Unterscheidung. Das habe er sagen wollen. Jede Dame müsse sich freilich über dieses sprichwörtlich unfügsame und beschwerliche Tier, den Maulesel, beschweren.

»Wir mußten natürlich«, sagte die junge Dame, die ziemlich zurückhaltend und stolz war, »die Wagen und den Fourgon in Martigny zurücklassen. Und die Unmöglichkeit, etwas, was man braucht, an diesen unzugänglichen Ort herauszubringen, und die Notwendigkeit, allen Komfort zurückzulassen, ist nicht sehr angenehm.«

»Ein wüster Ort, allerdings«, sagte der einschmeichelnde Reisende.

Die ältliche Dame, die ein Muster von pünktlichem Anzug war und die in ihrer Art vollkommen genannt werden konnte, wenn man sie als ein Stück Maschine betrachtete, warf hier mit sanfter leiser Stimme eine Bemerkung ein.

»Aber wie andere unbequeme Orte«, bemerkte sie, »muß man ihn sehen. Als ein Ort, von dem viel die Rede, muß er mal besucht werden.«

»Oh! ich habe durchaus nichts dagegen, daß man ihn sieht, ich versichere Sie, Mrs. General«, versetzte die andere nachlässig.

»Sie, Madame«, sagte der einschmeichelnde Reisende, »haben diesen Ort schon früher besucht?«

»Ja«, versetzte Mrs. General. »Ich war früher schon hier. Ich möchte Ihnen raten, meine Liebe«, sagte sie zu der genannten jungen Dame, »Ihr Gesicht vor der Hitze des Feuers zu schützen, nachdem es der Bergluft und dem Schnee ausgesetzt gewesen. Auch Ihnen, meine Liebe«, fügte sie, an die andere junge Dame gewandt, hinzu, die sogleich tat, wie ihr anempfohlen worden, während die erstere einfach sagte: »Ich danke Ihnen, Mrs. General; ich fühle mich ganz behaglich so und ziehe es vor, zu bleiben, wie ich bin.«

Der Bruder, der vom Stuhl aufgestanden war, um das Piano zu öffnen, das in dem Zimmer stand, und hineingepfiffen hatte, schlenderte jetzt, das Monokel im Auge, wieder zu dem Feuer zurück. Er war im vollsten und vollständigsten Reiseanzug. Die Welt schien kaum groß genug, um ihm eine seiner Equipierung entsprechende Reisegelegenheit zu bieten.

»Diese Burschen brauchen ungeheuer lange zu ihrem Nachtessen«, sagte er schleppend. »Ich bin begierig, was sie uns geben werden! Hat jemand ein Vorstellung davon?«

»Keine gebratenen Menschen, glaube ich«, antwortete die Stimme des zweiten Herrn von der Gesellschaft der drei.

»Ich vermute nicht. Was meinen Sie?« fragte er.

»Daß, da Sie nicht bei dem allgemeinen Souper aufgesetzt werden sollen, Sie uns vielleicht die Gefälligkeit erweisen werden, sich nicht an dem allgemeinen Feuer zu rösten«, versetzte der andere.

Der junge Herr, der in einer bequemen Stellung am Kamin stand, das Monokel auf die Gesellschaft gerichtet, den Rücken nach dem Feuer zu und die Rockflügel unter den Armen, als ob er zum Hühnergeschlecht gehörte und an den Spieß gesteckt wäre, um zu braten, verlor bei dieser Antwort die Fassung; er schien im Begriffe, eine Erklärung zu fordern, als man entdeckte – indem alle Augen auf den Sprechenden gerichtet waren –, daß die Dame, die bei ihm war, ein junges und hübsches Geschöpf, nichts von dem gehört hatte, was vorgegangen, da sie ohnmächtig den Kopf auf die Schulter hatte sinken lassen.

»Ich glaube«, sagte der Herr in gedämpften Tone, »es wäre das beste, ich brächte sie sogleich nach ihrem Zimmer. Wollen Sie jemanden rufen, daß man Licht bringt?« fügte er, an seinen Begleiter gewandt, hinzu; »man muß uns den Weg zeigen. Ich glaube nicht, daß ich mich in diesem seltsamen Labyrinth zurechtfinden werde.«

»Bitte, lassen Sie mich mein Mädchen rufen«, sagte die größere von den jungen Damen.

»Bitte, lassen Sie mich dies Wasser an ihre Lippen bringen«, sagte die kleinere, die bis jetzt noch nicht gesprochen hatte.

Da jeder tat, was er vorschlug, so war kein Mangel an Beistand. Und als gar die beiden Mädchen eintraten (begleitet vom Kurier, damit niemand ihnen den Mund verstopfe, wenn er sie unterwegs in einer fremden Sprache anredete), war sogar die Aussicht auf zuviel Beistand. Als der Herr dies sah, sagte er einige Worte zu der kleinern und jüngern von den beiden Damen, legte den Arm seiner Frau um seine Schulter, hob sie in die Höhe und trug sie hinweg.

Sein Freund, der mit den andern Fremden nun allein war, ging langsam in dem Zimmer auf und ab, ohne wieder zu dem Feuer zu kommen: er zupfte nachdenklich an seinem schwarzen Schnurrbart, als ob er sich für die letzte Erwiderung verantwortlich fühlte. Während der Gegenstand derselben in einer Ecke Schmähungen ausstieß, wandte sich der Häuptling stolz an diesen Herrn.

»Ihr Freund, mein Herr«, sagte er, »ist – ha – etwas ungeduldig, und in seiner Ungeduld weiß er vielleicht nicht genau, was er andern schuldig ist – aber wir wollen darüber hinwegsehen, wir wollen darüber hinwegsehen. Ihr Freund ist etwas ungeduldig, mein Herr.«

»Es mag wohl sein, mein Herr«, versetzte der andere. »Da ich jedoch die Ehre gehabt, die Bekanntschaft dieses Herrn im Hotel zu Genf zu machen, wo wir und zahlreiche gute Gesellschaft vor einiger Zeit uns trafen, und da ich die Ehre gehabt, bei verschiedenen späteren Ausflügen mich seiner Gesellschaft und Unterhaltung zu erfreuen, so kann ich nichts hören – nicht einmal von einem Mann Ihres Äußern und Ihrer Stellung, was diesem Gentleman nachteilig wäre.«

»Sie sind durchaus in keiner Gefahr, mein Herr, irgend etwas Derartiges von mir zu hören. Wenn ich die Bemerkung machte, daß Ihr Freund Ungeduld an den Tag gelegt, so sage ich damit nichts Nachteiliges. Ich mache diese Bemerkung nur, weil nicht zu bezweifeln ist, daß mein Sohn, der durch Geburt und – ha – durch Erziehung – hm – Gentleman ist, sich bereitwillig jedem artig ausgesprochenen Wunsche bezüglich des Feuers gefügt, das für alle Glieder dieser Gesellschaft gleich zugänglich ist. Was ich grundsätzlich richtig finde, denn – ha – alle sind –hm – in solchen Fällen gleichberechtigt.«

»Gut!« lautete die Antwort. »Und damit genug! Ich bin Ihres Sohnes ergebener Diener. Ich bitte Ihren Sohn, die Versicherung meiner vollkommensten Hochachtung zu empfangen. Und nun, mein Herr, gestehe ich, gestehe ich offen, daß mein Freund bisweilen von sarkastischem Temperament ist.«

»Die Dame ist Ihres Freundes Frau, mein Herr?«

»Die Lady ist meines Freundes Frau, mein Herr.«

»Sie ist sehr schön.«

»Sie ist unvergleichlich schön. Sie befinden sich im ersten Jahre ihrer Verbindung. Sie sind zum Teil noch auf einer Hochzeits-, zum Teil auf einer Kunstreise.«

»Ihr Freund ist ein Künstler?«

Der Herr antwortete, indem er die Finger seiner rechten Hand küßte und den Kuß armhoch zum Himmel emporwarf, was soviel heißen sollte, wie: ich weihe ihn den himmlischen Mächten als einen unsterblichen Künstler.

»Er ist jedoch ein Mann aus vornehmer Familie«, fügte er hinzu. »Er hat die besten Beziehungen. Er ist mehr als ein Künstler. Er stammt aus sehr vornehmem Hause. Er mag seine Verwandtschaft wirklich stolz, ungeduldig, sarkastisch (ich erlaube mir beide Ausdrücke) zurückgestoßen haben, aber er besitzt sie einmal. Funken, die während unserer Unterhaltung fielen, haben mich darüber belehrt.«

»Nun! Ich hoffe«, sagte der stolze Herr, mit einer Miene, als wollte er die Sache endlich abtun, »daß die Unpäßlichkeit der Dame nur vorübergehend sein werde.«

»Das hoffe ich auch, mein Herr.« »Bloße Ermüdung, glaube ich.«

»Nicht Ermüdung allein, mein Herr, denn ihr Maultier strauchelte heute, und sie fiel aus dem Sattel. Sie fiel leicht und stand ohne Unterstützung wieder auf den Füßen; dann ritt sie lachend voraus: aber sie klagte gegen Abend über eine leichte Quetschung in der Seite. Sie sprach mehr als einmal davon, als wir hinter Ihnen den Berg hinauf ritten.«

Der Häuptling des großen Gefolges, der gnädig, aber nicht vertraulich war, schien nun der Ansicht zu sein, daß er sich mehr als genug herablassend bewiesen. Er sagte nichts mehr, und es trat für eine Viertelstunde Stille ein bis zum Abendessen.

Mit dem Abendessen kam einer von den jungen Mönchen (es schien hier keine alten Mönche zu geben) und setzte sich oben an die Tafel. Das Mahl war ganz ähnlich wie das Abendessen in einem gewöhnlichen Schweizer Hotel, und guter roter Wein, in einer heitereren Luft gewachsen, fehlte nicht. Der reisende Künstler kam ruhig zurück und nahm seinen Platz am Tisch ein, als die übrigen sich setzten: er schien nicht entfernt mehr an sein letztes Scharmützel mit dem Fremden in dem vollkommenen Reiseanzug zu denken.

»Bitte«, fragte er den Wirt über seine Suppe hinüber, »hat Ihr Kloster jetzt viele von seinen berühmten Hunden?«

»Monsieur, drei.«

»Ich sah drei im Gange unten. Ohne Zweifel die fraglichen drei.«

Der Wirt, ein schlanker, helläugiger, ernster, junger Mann von feinen Manieren, dessen Kleidung in einer schwarzen Kutte mit Streifen von weißem Tuch darüber, wie Tragbänder, bestand und der der klösterlichen Eigenart der Bernhardiner Mönche nicht mehr glich als wie der klösterlichen Zucht der Hunde von St. Bernhard, antwortete, ohne Zweifel würden es die drei fraglichen sein.

»Und ich glaube«, sagte der reisende Künstler, »ich habe einen derselben früher schon gesehen.«

Es sei möglich. Es sei ein wohlbekannter Hund. Monsieur könne ihn leicht im Tale oder sonstwo an dem See gesehen haben, wenn er (der Hund) mit einem vom Orden hinabgegangen, um Unterstützung für das Kloster zu sammeln.

»Was regelmäßig zu einer bestimmten Zeit im Jahr geschieht, nicht wahr?«

Monsieur habe recht.

»Und nie ohne den Hund. Der Hund ist sehr wichtig.«

Monsieur habe wieder recht. Der Hund sei sehr wichtig. Die Leute interessieren sich sehr für den Hund als einen von den überall bekannten Hunden, wie Mademoiselle begreifen werde.

Mademoiselle war etwas langsam im Begreifen, als ob sie noch nicht recht an das Französische gewöhnt wäre. Mrs. General begriff es jedoch statt ihrer.

»Fragen Sie ihn, ob er viele Menschen gerettet hat?« sagte der junge Mann, der seine Fassung verloren hatte, in seinem heimischen Englisch.

Der Wirt bedurfte keiner Übersetzung der Frage. Er antwortete rasch französisch: »Nein. Dieser niemanden.«

»Warum nicht?« fragte derselbe Herr.

»Entschuldigen Sie«, antwortete der Wirt gelassen, »geben Sie ihm die Gelegenheit, und er wird es sicher tun. Zum Beispiel, ich bin fest überzeugt«, fügte er, indem er das Kalbfleisch aufschnitt, um es herumreichen zu lassen, ruhig nach dem jungen Mann hinüberlächelnd, der aus der Fassung gekommen, hinzu: »daß, wenn Sie, Monsieur, ihm die Gelegenheit geben sollten, er mit größtem Eifer sich beeilen würde, seine Pflicht zu tun.«

Der reisende Künstler lachte. Der einschmeichelnde Reisende (der die lebhafte Besorgnis an den Tag legte, er möchte nicht seinen vollen Anteil an dem Abendessen erhalten) wischte sich einige Tropfen Wein mit einem Stück Brot von dem Schnurrbart und mischte sich in das Gespräch.

»Es wird etwas spät, mein Vater«, sagte er, »für Vergnügungsreisende, nicht wahr?«

»Ja, es ist spät. Noch zwei bis drei Wochen, und wir liegen im Winterschnee begraben.«

»Dann«, sagte der einschmeichelnde Reisende, »gilt’s den ausscharrenden Hunden und den begrabenen Kindern, nach den Bildern.«

»Entschuldigen Sie«, sagte der Wirt, der die Anspielung nicht ganz verstand, »wie ist das gemeint mit den ausscharrenden Hunden und begrabenen Kindern, nach den Bildern?«

Der reisende Künstler fiel wieder ins Wort, ehe eine Antwort gegeben werden konnte.

»Wissen Sie nicht«, fragte er seinen Reisegenossen kalt über den Tisch hinüber, »daß nur Schmuggler im Winter dieses Weges kommen oder irgendein Geschäft auf diesem Wege haben können?«

»Herr, mein Gott! Nein, davon habe ich nie gehört.«

»Dem ist aber so. Und da sie die Vorzeichen des Wetters ziemlich gut wissen, so machen sie den Hunden nicht viel zu schaffen – die infolgedessen auch ziemlich ausgestorben sind – obwohl diese Herberge bequem für sie gelegen ist. Ihre jungen Familien, sagte man mir, lassen sie gewöhnlich zu Hause. Aber es ist ein großer Gedanke!« rief der reisende Künstler, unerwartet in einen enthusiastischen Ton ausbrechend. »Es ist eine erhabene Idee. Es ist die schönste Idee von der Welt und preßt uns Tränen aus, beim Himmel!« Nachdem er geendigt, aß er mit großer Ruhe an seinem Kalbfleisch fort.

Es lag genug höhnenden Widerspruchs in diesen Worten, um einen Mißton hervorzurufen, obgleich die Art, wie sie hervorgebracht wurden, sehr fein und die Person, die sie vorbrachte, sehr viel Manier hatte, und obgleich der herabsetzende Teil derselben so geschickt eingekleidet war, daß es für ein an die englische Sprache nicht vollkommen gewöhntes Ohr sehr schwer war, es zu verstehen oder selbst, wenn man es verstanden, sich beleidigt zu fühlen, so einfach und leidenschaftslos war der Ton. Nachdem er mit seinem Kalbfleisch mitten in der allgemeinen Stille zu Ende war, richtete der Sprecher wieder das Wort an seinen Freund.

»Sehen Sie«, sagte er in seinem früheren Ton, »sehen Sie diesen Herrn, unsern Wirt, an, der noch nicht mal in dem besten Mannesalter steht und auf so anmutige Weise und mit so seiner Lebensart und Bescheidenheit uns die Honneurs macht! Manieren für eine Krone geeignet! Essen Sie mit dem Lord-Mayor von London (wenn Sie eine Einladung bekommen können) und bemerken Sie den Kontrast. Dieser liebe Junge, mit dem feinstgeschnittenen Gesicht, das ich jemals sah, einem Gesicht von vollendeter Zeichnung verläßt ein tätiges Leben und kommt hier herauf, ich weiß nicht, wie viele Fuß über dem Spiegel des Sees, in keiner andern Absicht (ausgenommen, hoffe ich, um sich in einem trefflichen Refektorium zu ergötzen), als um ein Hotel für müßige arme Teufel, wie Sie und ich, zu halten und die Rechnung unsrem Gutdünken zu überlassen! Wie, ist das nicht ein schönes Opfer? Was brauchen wir mehr, um uns rühren zu lassen? Weil nicht acht bis neun Monate lang von den zwölfen gerettete Leute von interessantem Äußern sich am Halse der klügsten Tiere, die hölzerne Flaschen tragen, festhalten, sollen wir deshalb den Ort tadeln? Nein! Segen über diesen Ort. Es ist ein großer Ort, ein herrlicher Ort!«

Die Brust des grauen Gentleman, der der Häuptling der bedeutenden Gesellschaft war, schwoll, als wollte er dagegen protestieren, daß man ihn unter die armen Teufel zähle. Kaum hatte der reisende Künstler zu sprechen aufgehört, als er selbst mit großer Würde das Wort ergriff, als läge es ihm ob, an den meisten Orten das erste Wort zu führen, und er hätte diese Pflicht eine kurze Weile versäumt.

Er teilte mit großer Gewichtigkeit ihrem Wirt seine Ansicht mit, daß sein Leben im Winter hier ein höchst trauriges sein müsse.

Der Wirt gestand dem Monsieur zu, daß es etwas einförmig sei. Die Luft sei lange Zeit schwer zu atmen. Die Kälte sei sehr streng. Man müsse jung und kräftig sein, um es auszuhalten. Sei man dies jedoch und habe man den Segen des Himmels …

Ja, das sei sehr gut. »Aber die Gefangenschaft?« fragte der graue Herr.

Es gebe viele Tage, selbst bei schlechtem Wetter, wo es möglich sei, auszugehen. Es sei dann ihre Gewohnheit, einen kleinen Weg zu bahnen und sich dort Bewegung zu machen.

»Aber der Raum«, machte der graue Herr geltend. »So klein! So – ha – sehr beschränkt.«

Monsieur möge sich erinnern, daß man die Zufluchtorte besuchen und auch dorthin Wege bahnen müsse.

Monsieur machte dagegen geltend, daß der Raum –ha – hm – so schmal sei. Mehr als das. Es sei immer derselbe, immer derselbe. Mit einem ausweichenden Lächeln hob und senkte der Wirt sanft seine Schultern. Das sei wahr, bemerkte er, aber es möge ihm zu sagen gestattet sein, daß beinahe alle Dinge ihre verschiedenen Gesichtspunkte hätten. Monsieur und er sehen dies sein armes Leben nicht vom gleichen Gesichtspunkt an. Monsieur sei nicht an Gefangenschaft gewöhnt.

»Ich – ha – ja, sehr wahr«, sagte der graue Gentleman. Er schien einen tüchtigen Stoß von der Kraft dieses Beweises zu bekommen.

Monsieur, als ein reisender Engländer, umgeben von allen Mitteln, angenehm zu reisen, ohne Zweifel im Besitz von Vermögen, Wagen, Dienerschaft –

»Ja wohl, ja wohl. Ganz richtig –« sagte der Gentleman.

Monsieur könne sich nicht leicht in die Lage einer Person setzen, die nicht die Macht habe, zu wählen, ich will heute dahin gehen und morgen dorthin: ich will diese Grenzen überschreiten, die Fesseln, die mich binden, erweitern. Monsieur könnte sich vielleicht nicht vorstellen, wie der Geist sich in solchen Dingen der gebieterischen Notwendigkeit fügt.

»Es ist wahr«, sagte Monsieur. »Wir wollen – ha – die Sache nicht weiter verfolgen. Sie sind – hm – sehr genau, ich zweifle nicht daran. Wir wollen nicht weiter davon reden.«

Als das Essen vorüber war, zog er während des Sprechens seinen Stuhl weg und bewegte sich nach seinem früheren Platz bei dem Feuer. Da es am größten Teil des Tisches sehr kalt war, nahmen die andern Gäste gleichfalls ihre früheren Sitze bei dem Feuer ein, denn sie hatten die Absicht, sich vor Schlafengehen tüchtig zu wärmen. Als sie sich vom Tische erhoben, verbeugte sich der Wirt vor allen Anwesenden, wünschte ihnen gute Nacht und ging von dannen. Zuvor hatte ihn jedoch der einschmeichelnde Reisende gefragt, ob sie etwas Wein heiß gemacht bekommen könnten; und da er »ja« geantwortet und das Getränk kurz darauf hereingesandt, setzte sich dieser Reisende in die Mitte der Gruppe und war in der vollen Hitze des Feuers bald damit beschäftigt, es den übrigen zu servieren.

Um diese Zeit schlüpfte die jüngere von den beiden jungen Damen, die stumm und aufmerksam in ihrer dunklen Ecke (das Kaminfeuer war das Hauptlicht in dem finstern Zimmer, die Lampe brannte rauchig und düster) auf das gehorcht, was von der abwesenden Dame gesprochen wurde, zur Tür hinaus. Sie wußte nicht, welchen Weg sie gehen sollte, als sie leise dieselbe geschlossen hatte; nach einigem Hin- und Hergehen in den hallenden Gängen und den zahlreichen Wegen kam sie an ein Zimmer in einer Ecke des Hauptgangs, wo die Diener beim Abendessen saßen. Diese gaben ihr eine Lampe und zeigten ihr den Weg nach dem Zimmer der Dame.

Es lag über der großen Treppe im obern Stock. Da und dort waren die kahlen weißen Wände durch ein eisernes Gitter unterbrochen, und sie glaubte, als sie vorüberging, der Ort sei eine Art Gefängnis. Die rundbogige Tür des Zimmers oder der Zelle der Dame war nicht ganz geschlossen. Nachdem sie zwei- bis dreimal daran geklopft hatte, ohne eine Antwort zu erhalten, drückte sie sie langsam auf und sah hinein.

Die Dame lag mit geschlossenen Augen außen auf dem Bett, durch wollene Decken und Umschlagtücher, mit denen sie bei ihrem Erwachen aus der Ohnmacht zugedeckt worden, vor der Kälte geschützt. Ein düstres Licht in der tiefen Fensternische verbreitete wenig Helle in dem gewölbten Zimmer. Die Fremde trat schüchtern an das Bett und sagte leise flüsternd: »Befinden Sie sich besser?«

Die Dame lag im Schlummer, und das Geflüster war zu schwach, um sie aufzuwecken. Ihr Besuch, der noch immer ganz stille stand, sah sie aufmerksam an.

»Sie ist sehr hübsch«, sagte sie bei sich. »Ich sah noch nie ein so schönes Gesicht. O, wie anders sehe ich aus!«

Es war ein seltsamer Ausspruch, aber er hatte seine verborgene Bedeutung, denn ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Ich weiß, ich hatte recht. Ich weiß, er sprach von ihr, an jenem Abend. Ich konnte sehr leicht über alles andre im Irrtum sein. Aber darüber nicht, nicht darüber!«

Mit sanfter und zarter Hand strich sie eine verirrte Locke von dem Haar der Schlafenden zurück und berührte dann die Hand, die außerhalb der Decke lag.

»Ich sehe sie gern an«, atmete sie leicht vor sich hin. »Ich sehe gerne, was ihn so sehr angezogen hat.«

Sie hatte ihre Hand noch nicht losgelassen, als die Schlafende ihre Augen öffnete und zurückfuhr.

»Bitte, beunruhigen Sie sich nicht. Ich bin nur eine von den Reisenden unten. Ich kam, um Sie zu fragen, ob Sie sich besser befänden und ob ich etwas für Sie tun könnte.«

»Ich danke: Sie waren bereits so freundlich, Ihr Kammermädchen zu meiner Unterstützung zu senden.«

»Nein, nicht ich, das war meine Schwester. Befinden Sie sich besser?«

»Viel besser. Es ist nur eine leichte Quetschung; man hat nach ihr gesehen und nun geht es beinahe ganz gut. Es machte mich nur einen Augenblick schwindlig und ohnmächtig. Es hatte mir zuvor schon weh getan. Aber zuletzt überwältigte es mich plötzlich.«

»Darf ich bei Ihnen bleiben, bis jemand kommt? Ist es Ihnen angenehm?«

»Es würde mir sehr lieb sein, denn es ist hier sehr einsam; aber ich fürchte, Sie werden die Kälte zu sehr fühlen.«

Ich kümmere mich nicht um die Kälte. Ich bin nicht zart, wenn ich auch danach aussehe.« Sie rückte augenblicklich einen von den rohen Stühlen an das Bett und setzte sich. Die andere nahm ebenso rasch einen Teil eines Reisemantels vom Bett und legte ihn auf sie, so daß ihr Arm, indem sie ihn um sie hielt, auf ihrer Schulter ruhte.

»Sie haben so ganz das Aussehen einer freundlichen Pflegerin«, sagte die Dame, sie anlächelnd, »daß es mir ist, als wenn sie aus meiner Heimat zu mir kämen.«

»Das freut mich sehr.«

»Ich träumte gerade von der Heimat, als ich aufwachte. Von meiner alten Heimat, meine ich, ehe ich verheiratet war.«

»Und ehe Sie so weit davon entfernt waren.«

»Ich war schon weiter entfernt von ihr, aber damals war der beste Teil derselben bei mir, und ich vermißte nichts. Ich fühlte mich so verlassen, als ich einschlief, und, die Heimat vermissend, wanderten meine Gedanken zu ihr zurück.«

Es lag ein traurig inniger und kummervoller Klang in ihrer Stimme, der ihren Gast einen Augenblick lang abhielt, sie anzusehen.

»Es ist ein seltsamer Zufall, der uns zuletzt unter dieser Decke zusammenführt, mit der Sie mich umhüllt haben«, sagte die Fremde nach einer Pause: »denn Sie müssen wissen, ich habe Sie schon lange gesucht.«

»Sie haben mich gesucht?«

»Ich glaube, ich habe ein kleines Billett bei mir, das ich Ihnen geben sollte, wenn ich Sie fände. Da ist es. Wenn ich mich nicht sehr täusche, ist es an Sie adressiert. Nicht wahr?«

Die Dame nahm es, sagte ja und las es. Ihr Besuch beobachtete sie, während sie dies tat. Es war sehr kurz. Sie errötete etwas, als sie ihre Lippen an die Wangen ihres Besuches legte, und drückte ihre Hand.

»Die liebe junge Freundin, der er mich vorstellt, soll mir bisweilen ein Trost sein, sagt er. Sie ist wahrlich ein Trost für mich, im ersten Augenblick, da ich sie sehe.«

»Vielleicht kennen Sie«, sagte die Fremde zögernd, »vielleicht kennen Sie meine Geschichte nicht? Vielleicht hat er Ihnen nie meine Geschichte erzählt?«

»Nein.«

»O nein, warum sollte er auch! Ich habe selbst kaum ein Recht, es zu tun, da ich nicht dazu aufgefordert worden bin. Es ist nicht viel dabei, aber sie möchte Ihnen erklären, weshalb ich Sie bitte, nichts von dem Briefe hier zu sagen. Sie sahen vielleicht meine Familie bei mir? Einige Mitglieder derselben – ich sage das zu Ihnen – sind etwas stolz, etwas vorurteilsvoll.«

»Sie sollen ihn wieder haben«, sagte die andere, »dann ist mein Gatte sicher, daß er ihn nicht sieht. Er möchte ihn sonst durch irgendeinen Zufall finden oder davon sprechen. Wollen Sie ihn wieder in Ihren Busen stecken, um dessen gewiß zu sein?«

Sie tat es mit großer Vorsicht. Ihre kleine, zarte Hand hielt den Brief noch, als sie jemand im Gange draußen hörten.

»Ich versprach«, sagte die Fremde aufstehend, »daß ich ihm schreiben wolle, wenn ich sie gesehen hätte (ich mußte Sie sicher früher oder später sehen), um ihm zu sagen, ob Sie wohlauf und glücklich seien. Ich darf wohl sagen, daß Sie wohl und glücklich seien?« »Ja, ja, ja! Sagen Sie ihm, ich sei sehr wohlauf und sehr glücklich. Und ich danke ihm herzlich und werde ihn nie vergessen.«

»Ich werde Sie morgen früh sehen. Wir werden uns somit recht bald wiedersehen. Gute Nacht!«

»Gute Nacht. Ich danke Ihnen, danke Ihnen. Gute Nacht, meine Liebe.«

In größter Hast und Unruhe nahmen sie voneinander Abschied, und ebenso rasch war die Fremde aus der Tür. Sie hatte erwartet, dem Gatten der Dame zu begegnen: aber die im Gange befindliche Person war nicht er: es war der Reisende, der die Weintropfen mit einem Stück Brot vom Schnurrbart gewischt hatte. Als er die Schritte hinter sich hörte, drehte er sich um – denn er ging in der Dunkelheit.

Seine Höflichkeit, die ausnehmend groß war, wollte nicht dulden, daß sie sich selbst die Treppe hinableuchte und allein gehe. Er nahm ihre Lampe, hielt sie so, daß das beste Licht auf die steinerne Treppe fiel, und begleitete sie den ganzen Weg bis zu dem Speisezimmer. Sie hatte Mühe, auf dem Weg hinab zu verbergen, daß sie jeden Augenblick nahe daran war, zitternd zusammenzusinken; denn die Erscheinung dieses Reisenden war ihr besonders unangenehm. Sie hatte vor dem Essen in ihrer Ecke gesessen und sich vorgegaukelt, was er wohl in den Szenen und an den Orten ihrer Vergangenheit für eine Rolle gespielt, um ihr einen solchen Widerwillen einzuflößen, der ihn ihr nahezu furchtbar erscheinen ließ.

Er begleitete sie mit seiner lächelnden Höflichkeit hinab, führte sie in das Zimmer und nahm seinen Sitz am besten Platz des Kamins wieder ein. Dort saß er, während das Feuer, das bereits schwächer zu brennen begann, in dem dunklen Zimmer seinen Schein bald heller, bald matter auf ihn warf, die Beine nach der Wärme ausgestreckt, den heißen Wein bis auf den Grund leerend, während ein ungeheurer Schatten seine Bewegungen an Wand und Decke nachahmte.

Die müde Gesellschaft war aufgebrochen, und alle andern waren zu Bett gegangen, außer dem Vater der jungen Dame, der in seinem Stuhl am Fenster schlummerte. Der Reisende hatte sich die Mühe genommen, seine Taschenflasche mit Branntwein aus seinem entfernten, im zweiten Stock befindlichen Schlafzimmer zu holen. Er sagte es ihnen, als er den Inhalt in den Rest des Weines goß und ihn mit neuem Behagen trank.

»Darf ich Sie fragen, ob Sie auf dem Wege nach Italien sind?«

Der graue Herr war aufgestanden und rüstete sich zum Gehen. Er antwortete bejahend.

»Ich gleichfalls!« sagte der Reisende. »Ich darf wohl hoffen. Sie in schöneren Gegenden und unter freundlicheren Umständen wieder zu begrüßen als auf diesem traurigen Berge.«

Der Fremde verbeugte sich, ziemlich entfernt, und sagte, er sei ihm sehr verbunden.

»Wir armen Leute, Sir«, sagte der Reisende, den Schnurrbart mit der Hand trocknend, denn er hatte ihn in den Wein und Branntwein getaucht, »wir armen Leute reisen nicht wie Fürsten, aber die Galanterie und feinere Lebensart hat auch für uns ihren hohen Wert. Ihre Gesundheit, mein Herr!«

»Ich danke Ihnen, mein Herr.«

»Auf die Gesundheit Ihrer ausgezeichneten Familie, – der schönen Ladies, Ihrer Töchter!«

»Nein Herr, ich danke Ihnen abermals. Ich wünsche Ihnen gute Nacht. Meine Liebe, warten unsre – ha – Leute?«

»Sie sind ganz nahe zur Stelle, Vater.«

»Erlauben Sie!« sagte der Reisende, indem er aufstand und die Tür offen hielt, als der alte Herr, seinen Arm in den seiner Tochter steckend, durch das Zimmer darauf zuschritt. »Angenehme Ruhe! Auf das Vergnügen, Sie wiederzusehen! Auf morgen denn!«

Als er in der höflichsten Art und mit dem feinsten Lächeln seine Hand küßte, schmiegte sich die junge Dame fester an ihren Vater an und ging voller Angst, ihn zu berühren, an ihm vorüber.

»Hm!« sagte der einschmeichelnde Reisende, der sich gehen und seinen Ton sinken ließ, als er allein war. »Wenn sie sich alle zu Bett begeben, nun, so muß ich eben auch gehen. Sie haben ja eine verdammte Eile. Man sollte glauben, die Nacht wäre lang genug in dieser schauerlich kalten Stille und Einsamkeit, wenn man erst in zwei Stunden zu Bett ginge!«

Den Kopf zurücklehnend, während er das Glas austrank, fielen seine Blicke auf das Fremdenbuch, das, nebst Feder und Tinte, offen auf dem Piano lag, wie wenn die Namen während seiner Abwesenheit eingezeichnet worden wären. Er nahm es in die Hand und las die eingetragenen Namen:

William Dorrit, Esquire, Frederick Dorrit, Esquire, Edward Dorrit, Esquire, und Dienerschaft. Von Frankreich Miß Dorrit, nach Italien. Miß Fanny Dorrit, Mrs. General, Mr. und Mrs. Henry Gowan. Von Frankreich nach Italien.

Dazu fügte er mit einer kleinen, verwickelten Handschrift, in einen dünnen Schnörkel endigend, der einem um alle übrigen Namen geworfenen Lasso ähnlich sah:

Blandois. Paris. Von Frankreich nach Italien.

Dann begab er sich, während seine Nase über seinen Schnurrbart herabkam und sein Schnurrbart sich unter seiner Nase bäumte, nach der ihm angewiesenen Kammer.

Zehntes Kapitel.


Zehntes Kapitel.

Die Träume der Mrs. Flintwinch mehren sich.

Die kühlen Wartezimmer des Circumlocution Office, wo er ziemlich viele Zeit in Gesellschaft verschiedener lästiger Sträflinge verbrachte, die verurteilt waren, bei lebendigem Leibe auf diesem Rade gerädert zu werden, hatten Arthur Clennam während drei oder vier aufeinanderfolgender Tage reichliche Gelegenheit geboten, den Gegenstand seiner letzten flüchtigen Begegnung mit Miß Wade und Tattycoram genügend zu erschöpfen. Er hatte darüber nicht mehr herausbringen können und war darüber auch nicht unklarer geworden, und auf diesem unbefriedigenden Punkte sah er sich halb gezwungen, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Während dieser Zeit war er nicht in dem traurigen Hause seiner Mutter gewesen. Da aber jetzt wieder einer seiner gewöhnlichen Besuchsabende gekommen war, verließ er seine Wohnung und seinen Associé gegen neun Uhr und ging langsam nach der düstern Heimat seiner Jugend.

Es machte immer auf seine Phantasie den Eindruck von etwas Grimmerfülltem, Geheimnisvollem und Traurigem; und seine Phantasie war empfänglich genug, die ganze Nachbarschaft in dem Anstrich eines dunklen Schattens zu sehen. Wenn er in einer trüben Nacht durch die dunklen Straßen schritt, schienen sie ihm alle wie Niederlagen drückender Geheimnisse. Die verlassenen Kontors mit ihren Geheimnissen von Büchern und Papieren, in Kasten und Schränken eingeschlossen: die Bankhäuser mit ihren Geheimnissen von feuerfesten Zimmern und Kellern, deren Schlüssel sich in sehr wenigen geheimen Taschen und sehr wenigen geheimen Herzen befanden; die Geheimnisse all der zerstreuten Schleifer in der großen Mühle, unter denen ganz gewiß Räuber, Fälscher und Betrüger mancherlei Art waren, die das Licht jedes anbrechenden Tages zur Entdeckung bringen konnte; er dachte vielleicht, daß diese Dinge, durch ihr Verstecktsein die Luft schwer machten. Und während der Schatten immer dichter wurde, je näher man der Quelle kam, dachte er an die Geheimnisse der einsamen Kirchengrüfte, wo die Leute, die heimlich in eisernen Kisten aufgehoben hatten, nun ihrerseits in ähnlicher Weise aufgehoben waren und noch nicht aufgehört hatten wehe zu tun; und dann an die Geheimnisse des Flusses, wie er zwischen zwei finstern Labyrinthen von Geheimnissen, die sich dicht gedrängt viele Meilen weit ausdehnten, die freie Luft und das freie Feld fernhaltend, über denen sich Winde und Vogelflug bewegten, seine trübe wirbelnde Flut hinwälzte.

Der Schatten wurde jedoch immer dunkler, je näher er dem Hause kam; das melancholische Zimmer, das sein Vater einst bewohnt, unheimlich durch das bittende Gesicht, das er selbst hatte erstarren sehen, als niemand außer ihm am Bette wachte, tauchte vor seinem Geiste auf. Die erstickende Luft war Geheimnis. Das Düster und der Moder und der Staub des ganzen Gebäudes war Geheimnis. Im Herzen desselben waltete seine Mutter mit dem unveränderlichen Gesicht und dem unbeugsamen Willen, fest die Geheimnisse aus ihrem eigenen und seines Vaters Leben bewahrend und mit strengem Sinn dem großen letzten Geheimnisse des Lebens die Stirn bietend.

Er war in die enge und steile Straße eingebogen, auf die der Hof oder die Ringmauer ging, in der das Haus stand, als ein anderer Schritt hinter ihm gleichfalls einlenkte, und zwar so dicht hinter ihm, daß er gegen die Mauer gedrängt wurde. Da sein Geist von jenen Gedanken umfangen war, traf ihn diese Begegnung ganz unvorbereitet, so daß der andre Zeit hatte, ziemlich polternd zu sagen: »Verzeihung! Nicht meine Schuld!« und vorbeizugehen, ehe er Zeit hatte, zum Bewußtsein der ihn umgebenden Wirklichkeit zu kommen.

Als dieser Moment vorüber war, sah er, daß der Mann, der vor ihm her ging, derselbe war, der in den letzten Tagen seine Gedanken so vielfach beschäftigte. Es war keine zufällige Ähnlichkeit, unterstützt durch die Kraft des Eindrucks, den der Mann auf ihn gemacht hatte. Es war wirklich der Mann, derselbe, dem er gefolgt, als er mit dem Mädchen ging, und den er dann belauschte, als er mit Miß Wade sprach.

Die Straße fiel steil ab und war außerdem krumm, und der Mann (der, obgleich nicht betrunken, doch das Ansehen hatte, von starkem Getränk aufgeregt zu sein) ging so rasch hinab, daß Clennam ihn aus den Augen verlor. Ohne die bestimmte Absicht, ihm zu folgen, aber mit einem unbestimmten Drang, die Gestalt noch ein wenig länger zu beobachten, beeilte Clennam seine Schritte, um über die Biegung der Straße hinauszukommen, die den Unbekannten seinen Blicken entzog. Als er umbog, sah er den Mann nicht mehr.

Da stand er nun dicht vor dem Torweg des mütterlichen Hause und sah die Straße hinab: aber sie war leer. Nirgend war ein schattiger Vorsprung, der groß genug gewesen, den Mann zu verstecken! nirgend eine Ecke, hinter der er hätte verschwunden sein können: auch hörte man keine Tür auf- oder zuschließen. Demungeachtet war er der Ansicht, daß der Mann einen Schlüssel in der Hand gehabt, eine der zahlreichen Haustüren geöffnet haben und dort eingetreten sein müsse.

Über den seltsamen Vorfall und das seltsame flüchtige Zusammentreffen nachsinnend, trat er in den Hofraum. Als er aus bloßer Gewohnheit nach den schwach erleuchteten Fenstern des Zimmers seiner Mutter hinaufschaute, fielen seine Blicke auf die Gestalt, die ihm soeben aus den Augen verschwunden, die an dem eisernen Gitter des kleinen öden Hofes lehnte und vor sich hinlächelte. Eine von den vielen umherstreifenden Katzen, die sich beständig hier bei Nacht umhertrieben, und die sich vor ihm fürchtete, schien stehengeblieben zu sein, als er stehenblieb, und sah von oben von der Mauer, dem Türbogen und andern sichern Orten auf ihn mit Augen herab, die den seinen durchaus nicht unähnlich waren. Er war nur einen Augenblick stehengeblieben, um sich diesen Spaß zu machen: dann ging er sogleich weiter, indem er den Zipfel seines Mantels über die Schulter warf, stieg die uneben eingesunkenen Stufen hinan und pochte laut an die Tür.

Clennams Erstaunen war nicht so groß, daß er außerstande gewesen, seinen Entschluß nicht sogleich fest zu fassen. Er ging ebenfalls nach der Tür und stieg die Stufen hinan. Der Fremde sah ihn mit prahlerischer Miene an und sang vor sich hin:

»Wer kommt so spät bei Nacht vorbei?
Compagnon de la Majolaine!
Wer kommt so spät bei Nacht vorbei?
Immer froh!«

Darauf pochte er wieder.

»Sie sind ungeduldig, Sir«, sagte Arthur.

»Das bin ich auch! Tod meines Lebens, Sir«, versetzte der Fremde, »es liegt in meinem Charakter, ungeduldig zu sein!«

Das Klirren der von Mrs. Affery zur Vorsicht vor die Tür gelegten Kette, ehe sie öffnete, bewirkte, daß sie beide nach dieser Richtung blickten. Affery öffnete ein wenig: sie hielt ein flackerndes Licht in der Hand und fragte, wer zu dieser Nachtzeit so laut poche? »Wie, Arthur?« fügte sie erstaunt hinzu, als sie ihn zuerst bemerkte. »Doch Sie nicht, wahrhaftig? Ach, der Herr schütze uns! Nein«, rief sie, als sie den andern sah. »Er ist wieder da!«

»Allerdings! Er ist wieder da, liebe Mrs. Flintwinch«, rief der Fremde, »öffnen Sie die Tür, und lassen Sie mich meinen teuren Freund Jeremiah in meine Arme schließen! Öffnen Sie die Tür, und lassen Sie mich in die Umarmung meines Flintwinch eilen!«

»Er ist nicht zu Hause«, sagte Affery.

»Holen Sie ihn!« rief der Fremde. »Holen Sie meinen Flintwinch. Sagen Sie ihm, daß es sein alter Blandois ist, der soeben in England angekommen ist; sagen Sie ihm, sein kleiner Junge sei hier, sein Kleinod, sein Vielgeliebter! Machen Sie die Tür auf, schöne Mrs. Flintwinch, und lassen Sie mich inzwischen meine Huldigung – Blandois‘ Huldigung – der Dame des Hauses darbringen. Sie lebt noch immer? Sehr gut. So machen Sie auf!«

Zu Arthurs wachsendem Erstaunen machte Mrs. Affery, während sie ihn mit weit aufgerissenen Augen ansah, als wollte sie ihn warnen, sich mit diesem Herrn einzulassen, die Kette los und öffnete die Tür. Der Fremde trat ohne weiteres in die Vorhalle und ließ Arthur hinter sich dreinkommen.

»Machen Sie, daß Sie fortkommen. Beeilen Sie sich! Bringen Sie meinen Flintwinch! Melden Sie mich bei der Dame des Hauses an!« rief der Fremde, indem er mit hallenden Schritten auf dem steinernen Flur einherging.

»Bitte, sagen Sie mir, Affery«, sagte Arthur laut und streng, während er den Fremden entrüstet von Kopf bis zu Fuß maß, »wer ist dieser Herr?«

»Bitte, sagen Sie mir, Affery«, wiederholte der Fremde nun seinerseits, »wer – ha, ha, ha, wer ist dieser Herr?«

Die Stimme von Mrs. Clennam rief gerade zur rechten Zeit von ihrem Zimmer oben: »Affery, lasse sie beide heraufkommen. Arthur, komm gleich zu mir herauf!« »Arthur?« rief Blandois, indem er seinen Hut tief abnahm und die Absätze, die gerade zu einem großen Schritte weit voneinander abstanden, zusammenbrachte, während er sich zeremoniös verbeugte. »Der Sohn vom Hause? Ich bin der ergebenste Diener des Sohnes vom Hause!«

Arthur sah ihn nicht gerade schmeichelhafter denn zuvor an und ging ohne Gegengruß die Treppe hinauf. Der Fremde folgte ihm. Mrs. Affery nahm den Schlüssel, der hinter der Tür hing, und schlüpfte hurtig hinaus, um ihren Herrn zu holen.

Ein Zuschauer, der von dem früheren Erscheinen Blandois‘ in diesem Zimmer wußte, würde einen Unterschied in Mrs. Clennams heutigem Empfang mit damals bemerkt haben. In ihrem Gesicht konnte man das freilich nicht sehen; und auch ihr zurückhaltendes Wesen, ihre ruhige Stimme waren vollkommen in ihrer Gewalt. Der Unterschied bestand einzig darin, daß sie von dem Augenblick, da er eingetreten war, keinen Blick von ihm wandte, und daß sie zwei bis dreimal, wenn er zu laut wurde, etwas auf dem Stuhl, auf dem sie aufrecht dasaß, während die Hände unbeweglich auf den Seitenlehnen ruhten, sich vorbeugte, als wollte sie ihm die Versicherung geben, daß Sie ihm augenblicklich, solange er nur wolle, Gehör zu schenken bereit sei. Arthur mußte dies bemerken, obgleich er über den Unterschied zwischen dem gegenwärtigen und dem früheren Empfang nicht urteilen konnte.

»Madame«, sagte Blandois, »erzeigen Sie mir die Ehre, mich Ihrem Herrn Sohn vorzustellen. Es scheint mir, Madame, als wenn Monsieur, Ihr Sohn, Lust hätte, sich über mich zu beklagen. Er ist etwas unhöflich gegen mich.«

»Sir«, sagte Arthur, indem er ihm rasch ins Wort fiel, »wer Sie immer auch sein mögen, und auf welche Art Sie hierherkommen mögen, wenn ich Herr von diesem Hause wäre, würde ich keine Zeit verlieren, Sie hinauszuwerfen.«

»Aber du bist nicht Herr vom Hause«, sagte seine Mutter, ohne ihn anzusehen. »Zum Unglück für die Befriedigung deines unvernünftigen Wunsches bist du nicht Herr vom Hause, Arthur.«

»Ich mache auch keinen Anspruch darauf, Mutter. Wenn ich an dem Benehmen dieses Herrn in diesem Hause etwas auszusetzen habe, und zwar so viel, daß ich ihn sicherlich keine Minute länger hier dulden würde, wenn ich etwas zu sagen hätte, so geschieht das nur um Deinetwillen.«

»Im Falle eine Zurückweisung nötig wäre, könnte ich sie selbst machen«, versetzte sie. »Und ich würde mich auch nicht besinnen.«

Der Gegenstand ihres Streites, der sich gesetzt hatte, lachte laut und schlug sich mit der Hand auf das Bein.

»Du hast kein Recht«, sagte Mrs. Clennam, immer in Beziehung auf Blandois, obgleich sie die Worte direkt an ihren Sohn richtete, »zum Nachteil irgendeines Herrn zu sprechen (am wenigsten von allen eines Herrn aus fremden Lande), weil er nicht nach deinem Geschmack ist oder sein Benehmen nicht nach deinen Regeln bildete. Wohl möglich, daß der Herr aus ähnlichen Gründen Einwendungen gegen dich zu machen hat.«

»Ich hoffe es«, versetzte Arthur.

»Dieser Herr«, fuhr Mrs. Clennam fort, »brachte bei einer frühern Gelegenheit einen Empfehlungsbrief von sehr geschätzten und für seinen Charakter bürgenden Geschäftsfreunden. Ich weiß durchaus nicht, was der Grund ist, der den Herrn diesmal hierherführt. Ich kenne seine Absichten nicht im entferntesten, und es läßt sich auch nicht voraussetzen, daß ich imstande sei, auch nur die leiseste Ahnung davon zu haben«; ihr gewöhnlich schon sehr finsterer Blick wurde noch finsterer, während sie diese Worte mit langsamer und gewichtiger Emphase aussprach: »wenn der Herr jedoch uns den Zweck seines Besuches auseinandersetzen wird, was ich ihn, gegen mich und Flintwinch, sobald dieser zurück ist, zu tun die Güte zu haben bitte, so wird es sich ohne Zweifel zeigen, daß es sich um unsre gewöhnlichen Geschäfte handelt, die zu fördern unser Beruf und Vergnügen ist. Es kann nichts anderes sein.«

»Wir werden sehen, Madame«, sagte der Geschäftsmann.

»Wir werden sehen«, stimmte sie zu. »Der Herr ist mit Flintwinch bekannt, und als er das letztemal in London war, erinnere ich mich gehört zu haben, daß er und Flintwinch einen Abend in stiller Vertraulichkeit und Gemütlichkeit miteinander zugebracht haben. Ich habe nicht Gelegenheit, viel von dem zu erfahren, was außerhalb meines Zimmers vorgeht, und das Geklapper des kleinlichen irdischen Treibens hat kein Interesse für mich; aber ich erinnere mich, das gehört zu haben.«

»Allerdings, Madame. So war es.« Er lachte wieder und pfiff den Refrain der Melodie, die er vor der Tür gesungen.

»Deshalb, Arthur«, sagte die Mutter, »kommt dieser Herr als ein Bekannter und nicht als ein Fremder hierher; und es ist sehr zu bedauern, daß deine unvernünftige Leidenschaftlichkeit Anstoß an ihm genommen. Ich bedaure es. Ich sage dies zu dem Herrn. Ich weiß, du würdest es nicht sagen; deshalb sage ich es für mich und für Flintwinch, da dieser Herr mit uns beiden Geschäfte macht.«

Man hörte jetzt den Schlüssel in dem Schloß der Haustür und die Tür auf- und zugehen. Infolgedessen erschien Mr. Flintwinch; bei seinem Eintritt stand der Fremde laut lachend von seinem Stuhl auf und schloß ihn fest in seine Arme.

»Wie, geht es, mein teurer Freund?« sagte er. »Wie sieht die Welt aus, mein Flintwinch? Rosenfarbig? Um so besser, um so besser! Ach, aber Sie sehen reizend aus! Sie sehen jung und frisch aus wie Frühlingsblumen! Ach, mein guter, kleiner Junge! Braves Kind, braves Kind!«

Während er Mr. Flintwinch mit diesen Komplimenten überhäufte, drehte er ihn mit einer Hand auf jeder der beiden Schultern um und um, bis die Schwankungen des armen Mannes, der bei dieser Behandlung noch trockner und verdrehter aussah denn sonst, dem eines ausgelaufenen Kreisels ähnlich wurden. »Ich hatte das letztemal eine Ahnung, daß wir noch besser und intimer bekannt werden würden. Fühlen Sie das auch, Flintwinch? Fühlen Sie das schon?«

»O nein, Sir«, versetzte Mr. Flintwinch, »fühle nicht« Ungewöhnliches. Würden Sie sich nicht lieber setzen? Sie kamen gewiß, um noch einmal Portwein zu kosten, Sir?«

»Ah, kleiner Spottvogel! kleiner Schäker!« rief der Fremde. »Ha, ha, ha, ha!« Und indem er zum Schlusse seines Scherzes Mr. Flintwinch von sich stieß, setzte er sich wieder.

Das Erstaunen, der Verdacht, die Entrüstung und die Scham, womit Arthur alledem zusah, machten ihn stumm. Mr. Flintwinch, der von der Heftigkeit des letzten Stoßes zwei oder drei Ellen zurückgetaumelt war, erholte sich wieder, und sein Gesicht hatte den ruhigen, dummen Ausdruck nicht verloren, nur sein Atem war kürzer geworden. Er stierte Arthur an, und nicht weniger verschlossen und hölzern war Mr. Flintwinch äußerlich, als sonst im gewöhnlichen Verlauf der Dinge; der einzige bemerkbare Unterschied war der, daß der Knoten seiner Krawatte, der sich gewöhnlich unter seinem Ohr befand, sich nach seinem Hinterkopf herumgearbeitet hatte, wo er ein schmuckhaftes Anhängsel bildete, nicht unähnlich einem Haarbeutel, wodurch Flintwinch ein höfisches Aussehen bekam.

Da Mrs. Clennam keinen Blick von Blandois wegwandte (auf den sie einen Eindruck machten wie ein stetiger Blick auf einen gemeinen Hund), so wandte Jeremiah kein Auge von Arthur. Es war, als wenn sie stillschweigend übereingekommen wären, jeder seinen besonderen Standpunkt einzunehmen. Während der darauffolgenden Pause stand deshalb Jeremiah da und kratzte an seinem Knie, während er Arthur ansah, als wenn er seine Gedanken mit einem Instrument herauszuholen versuchte.

Nach einer Weile stand der Fremde, als ob er das Schweigen langweilig fände, auf und stellte sich ungeduldig mit dem Rücken an das heilige Feuer, das so viele Jahre unausgesetzt gebrannt hatte. Darauf sagte Mrs. Clennam, indem sie zum ersten Male eine ihrer Hände bewegte und damit die Gebärde der Verabschiedung verband:

»Bitte, Arthur, überlaß uns unsern Geschäften.«

»Mutter, ich tue es mit Widerstreben.«

»Laß dich das nicht kümmern oder überhaupt irgend etwas«, versetzte sie. »Bitte, verlasse uns; komm zu jeder andern Zeit wieder, wenn du es für deine Pflicht halten magst, eine halbe Stunde hier langweilig zu verbringen. Gute Nacht.«

Sie hielt ihm ihre eingehüllten Finger hin, damit er sie, wie gewöhnlich, mit den seinen berühre, und er beugte sich über ihren Rollstuhl herab, um ihr Gesicht mit seinen Lippen zu berühren. Es kam ihm vor, als wenn ihre Wange gespannter und kälter wäre denn sonst. Als er sich aufrichtete und der Richtung ihres Blickes auf Mr. Flintwinchs guten Freund, Mr. Blandois, folgte, schlug dieser mit seinem Zeigefinger und Daumen ein lautes und verächtliches Schnippchen. »Ich lasse Ihren – Ihren Geschäftsfreund mit großem Erstaunen und höchst ungern in meiner Mutter Zimmer zurück, Mr. Flintwinch«, sagte Clennam.

Die genannte Person schlug wieder mit Daumen und Zeigefinger ein Schnippchen.

»Gute Nacht, Mutter.«

»Gute Nacht!«

»Ich hatte einst einen Freund, mein lieber Kamerad Flintwinch«, sagte Blandois, mit ausgespreizten Beinen vor dem Feuer stehend, so deutlich in der Absicht, Clennams zögernde Schritte zu hemmen, daß dieser in der Nähe der Tür stehenblieb: »Ich hatte einst einen Freund, der soviel von der Nachtseite dieser Stadt und ihrem Treiben gehört, daß er sich nach eingetretener Dunkelheit keinen zwei Leuten anvertraut hätte, die Ursache hatten, ihn unter den Boden zu bringen, – meiner Treu! nicht einmal in einem respektablen Hause, wie dieses – außer wenn er ihnen an Körperkraft überlegen war. Bah! was für ein Hasenfuß, mein Flintwinch! Hm?«

»Ein Feigling, das, Sir.«

»Einverstanden. Ein Feigling. Aber er würde das nicht getan haben, mein Flintwinch, außer wenn er gewußt, daß sie den Willen haben, ihn verstummen zu machen, aber nicht die Macht. Er hätte unter diesen Verhältnissen nicht mal aus einem Glase Wasser getrunken – selbst nicht in einem respektablen Hause, wie dieses, mein Flintwinch –, wenn er nicht zuvor jemanden von ihnen daraus hätte trinken, ja schlucken sehen!«

Clennam, der zu antworten verschmähte und es wirklich auch kaum imstande war, da ihm der Atem benommen war, sah den Fremden nur noch beim Hinausgehen flüchtig an. Der Fremde grüßte ihn mit einem abermaligen Schnippchen zum Abschied, und seine Nase senkte sich über seinen Schnurrbart herab, und sein Schnurrbart bäumte sich unter seiner Nase empor, während er unheilverkündend und häßlich lächelte.

»Um’s Himmels willen, Affery«, flüsterte Clennam, als sie ihm in der dunkeln Halle die Tür öffnete und er den Weg hinaussuchte, bis er den Nachthimmel erblickte, »was geht hier vor?«

Ihre Erscheinung war wahrhaftig gespenstisch, wie sie mit der Schürze über dem Kopf in der Dunkelheit dastand und dahinter hervor mit leiser, gedämpfter Stimme sprach:

»Fragen Sie mich nach nichts, Arthur. Ich träume seit lange in einem fort. Gehen Sie!«

Er ging hinaus, und sie schloß die Tür hinter ihm. Er sah hinauf nach den Fenstern des Zimmers seiner Mutter, und das trübe Licht, durch die gelben Vorhänge noch gedämpft, schien hinter Afferys Warnung drein zu antworten und zu murmeln: »Frage mich nach nicht«. Geh!«

Elftes Kapitel.


Elftes Kapitel.

Ein Brief von Klein-Dorrit.

Lieber Mr. Clennam!

Da ich Ihnen in meinem letzten Brief schrieb, daß es am besten sei, wenn mir niemand schreibe, und da ein Brief, den ich Ihnen sende, Ihnen keine andere Beschwerlichkeit bereiten kann, als ihn zu lesen (vielleicht finden Sie nicht mal dazu Gelegenheit, obgleich ich hoffe, daß auch dieser Tag kommen wird), so will ich nun eine Stunde einem Briefe an Sie widmen. Diesmal schreibe ich Ihnen von Rom.

Wir verließen Venedig vor Mr. und Mrs. Gowan, aber sie waren nicht so lange unterwegs wie wir und machten nicht denselben Weg, so daß wir sie bei unserer Ankunft in einer Wohnung hier, an der sogenannten Via Gregoriana, fanden. Ich bin überzeugt. Sie kennen sie.

Nun will ich Ihnen alles, was ich von ihnen weiß, erzählen, weil ich überzeugt bin, daß Sie das am liebsten hören. Sie haben keine sehr komfortable Wohnung, aber vielleicht erschien sie mir anfangs weniger so, als es bei Ihnen der Fall gewesen wäre, weil Sie in vielen Ländern waren und mancherlei verschiedene Sitten kennengelernt haben. Natürlich ist es eine viel, viel bessere Wohnung – millionenmal schöner – als diejenige, an die ich bis vor kurzem gewöhnt gewesen bin; ich bilde mir ein, sie nicht mit meinen Äugen, sondern mit den ihrigen zu betrachten. Denn es läßt sich leicht erkennen, daß sie stets in einer liebevollen und glücklichen Umgebung aufgewachsen ist, selbst wenn sie nicht mit so großer Anhänglichkeit davon gesprochen hätte.

Nun, es ist eine etwas kahle Wohnung, zu der eine ziemlich dunkle gemeinsame Treppe führt, und besteht aus beinahe nichts denn einem großen, dunklen Zimmer, wo Mr. Gowan malt. Die Fenster, durch die man hinaussehen könnte, sind versperrt, und die Wände sind über und über mit Kreide und Kohle von andern bemalt, die vorher dort gewohnt, – ach, vielleicht seit vielen Jahren! Ein Vorhang, der mehr staubfarbig als rot aussieht, teilt das Zimmer, und der Teil hinter dem Vorhang ist das Privatwohnzimmer. Als ich sie zuerst darin sah, war sie allein, die Arbeit war ihr aus der Hand gesunken, und sie blickte zum Himmel empor, der durch den obern Teil der Fenster hereinschaute. Bitte, grämen Sie sich nicht darüber, wenn ich es Ihnen sage, aber es war alles nicht ganz so luftig, noch so hell und freundlich, noch so glücklich und jugendfrisch, wie ich es wohl gewünscht hätte.

Durch den Umstand, daß Mr. Gowan Papas Bild malt (was ich wohl kaum an der Ähnlichkeit gemerkt, wenn ich nicht dabei gewesen wäre, wie er malte), hatte ich häufiger Gelegenheit, seit jener Zeit bei ihr zu sein, als es wohl ohne diesen glücklichen Zufall der Fall gewesen. Sie ist sehr viel allein. Wirklich sehr viel allein.

Soll ich Ihnen von meinem zweiten Besuch bei ihr erzählen? Ich ging eines Tages, als es sich gerade traf, daß ich allein zu ihr hinüberspringen konnte, um vier oder fünf Uhr nachmittags zu ihr. Sie speiste allein zu Mittag, und ihr einsames Mahl war ihr von irgendwo auf einer Art Kohlenbecken, mit Feuer darin, gebracht worden, und sie hatte keine Gesellschaft oder Aussicht auf Gesellschaft, soweit ich sehen konnte, als den alten Mann, der das Essen gebracht. Er erzählte ihr eine lange Geschichte (von Räubern, die draußen vor der Stadt von einem steinernen Heiligenbild festgenommen worden), um sie zu unterhalten, wie er zu mir sagte, als ich wegging, »weil er selbst eine Tochter habe, die aber nicht so schön sei.«

Ich muß nun auch Mr. Gowan erwähnen, ehe ich das wenige sage, was ich weiter von ihr mitzuteilen habe. Er muß ihre Schönheit bewundern und stolz auf sie sein, denn jedermann rühmt sie, und er muß sie lieb haben, und ich zweifle auch nicht, daß dies der Fall, aber, eben in seiner Weise. Sie kennen seine Weise, und wenn sie ebenso nachlässig und gleichgültig in Ihren Augen erscheint als in den meinen, so habe ich gewiß nicht unrecht, wenn ich meine, daß sie wohl etwas anders und besser für sie sein dürfte. Wenn das nicht auch Ihre Ansicht ist, so bin ich überzeugt, daß ich mich vollständig im Irrtum befinde; denn Ihr unverändertes, armes Kind vertraut ganz und gar auf Ihr Wissen und Ihre Güte, mehr als es Ihnen jemals sagen könnte, wenn es auch den Versuch machte; aber erschrecken Sie nicht, ich werde es niemals versuchen.

Mr. Gowans unbeständiges und unzufriedenes Wesen ist (wie ich glaube, wenn Sie auch der Ansicht sind) schuld daran, daß er sich seinem Berufe sehr wenig widmet. Er tut nichts mit Ausdauer und Geduld; er fängt die Sachen an und läßt sie ebenso wieder liegen, und nimmt sie in Angriff und schiebt sie wieder beiseite, ohne sich weiter darum zu kümmern. Wenn ich ihn während der Sitzungen mit Papa habe manchmal sprechen hören, dachte ich mir, ob er vielleicht an gar nichts glaube, weil er keinen Glauben an sich hat. Ist dem so? Ich bin neugierig zu erfahren, was Sie sagen werden, wenn Sie auf diesen Punkt kommen. Ich weiß, wie Sie es ansehen würden und kann beinahe die Stimme hören, mit der Sie zu mir auf der Iron Bridge sprechen würden.

Mr. Gowan begibt sich viel unter das, was hier für die beste Gesellschaft gilt – obgleich es nicht den Anschein hat, als wenn er viel Gefallen daran fände oder einen Genuß darin sähe, wenn er dort ist –, und sie begleitet ihn zuweilen, in letzter Zeit ist sie dagegen wenig ausgegangen. Ich glaube bemerkt zu haben, daß sie in einer sehr ungereimten Weise von ihr sprechen, als wenn sie durch die Heirat mit Mr. Gowan ein sehr eigennütziges Glück gemacht, obgleich ganz dieselben Leute sich nicht im Schlafe einfallen lassen würden, ihn für sich oder ihre Töchter zu nehmen. Dann geht er auch aufs Land hinaus, um zu überlegen, wo und wann er Skizzen machen wolle: und überall, wo Fremde sind, hat er zahlreiche Freunde und ist wohlbekannt. Außerdem hat er einen Freund, der viel in seiner Gesellschaft ist, zu Hause, wie auswärts, obgleich er diesen Freund sehr kühl behandelt und sehr launisch in seinem Benehmen gegen ihn ist. Ich weiß ganz gewiß (denn sie hat es mir gesagt), daß sie diesen Freund nicht gern sieht. Er hat auch für mich etwas so Abstoßendes, daß es eine wahre Erleichterung für meine Seele ist, daß er im Augenblick sich nicht hier befindet. Wieviel mehr für sie!

Was ich Ihnen jedoch ganz besonders mitteilen möchte, und weshalb ich mich entschlossen habe, Ihnen so viel zu schreiben, trotzdem ich fürchte, es möchte Sie ohne Grund etwas beunruhigen, ist dies. Sie ist so wahr und hingebend und weiß so vollkommen, daß all ihre Liebe und Pflicht für immer ihm gehören, daß Sie überzeugt sein können, sie wird ihn lieben, ihn bewundern, ihn loben und alle seine Fehler verheimlichen, bis sie stirbt. Ich glaube sogar, sich selbst verbirgt sie dieselben und wird sie sich ewig verbergen. Sie hat ihm ein Herz geschenkt, das nicht mehr zurückgenommen werden kann; und wie sehr er es auch versuchen mag, er wird ihre Liebe niemals erschöpfen. Sie wissen die Wahrheit von solchen Herzen weit besser als ich. Aber ich mußte Ihnen sagen, welches Gemüt sie an den Tag legt und daß Sie nie zu gut von ihr denken können.

Ich habe sie in dem ganzen Brief noch nicht beim Namen genannt, aber wir sind jetzt so befreundet, daß ich sie bei ihrem Vornamen nenne, wenn wir ruhig beieinander sitzen, und auch sie nennt mich – nicht bei meinem Taufnamen, sondern bei dem, den Sie mir gegeben haben. Als sie mich Amy zu nennen begann, erzählte ich ihr meine kurze Geschichte, und daß Sie mich immer Klein-Dorrit genannt. Ich sagte ihr, daß mir dieser Name viel teurer sei als irgendein anderer, und so nennt sie mich nun auch Klein-Dorrit.

Vielleicht hat es Ihnen ihr Vater oder ihre Mutter noch nicht mitgeteilt, und Sie wissen es deshalb noch nicht, daß sie einen kleinen Jungen hat. Er ist erst vor zwei Tagen geboren, gerade eine Woche nach ihrer Ankunft. Es hat sie sehr glücklich gemacht. Ich muß Ihnen jedoch sagen, da ich Ihnen alles sagen soll, daß es mir vorkommt, als ob sie mit Mr. Gowan etwas gespannt wären, und daß sie seine spöttische Art ihnen gegenüber bisweilen für eine Kränkung ihrer Liebe zu ihrem Kinde ansehen. Erst gestern, als ich drüben war, sah ich Mr. Meagles seine Farbe wechseln und aufstehen und hinausgehen, als ob er fürchtete, er möchte seinen Zorn laut werden lassen, wenn er es nicht auf diese Art hinderte. Und doch bin ich überzeugt, sie sind so rücksichtsvoll, gutmütig und vernünftig, daß er ihnen den Kummer ersparen könnte. Es ist hart von ihm, daß er nicht etwas mehr Rücksicht auf sie nimmt.

Ich unterbrach mich bei dem letzten Absatz, um alles noch einmal zu überlesen. Es kam mir anfangs vor, als wenn ich mir eigentlich bloß alles verständlich und deutlich machen wollte; deshalb war ich auch gesonnen, den Brief gar nicht abzusenden. Als ich mir die Sache jedoch ein wenig überlegt, glaubte ich, mich der Hoffnung hingeben zu dürfen, Sie würden gleich merken, daß ich bloß um Ihretwillen so auf alles geachtet und nur beachtet, was ich beobachtet zu haben glaube, weil mich das Interesse, das Sie daran nehmen, dazu anspornte. Wahrhaftig, Sie dürfen mir glauben, das ist die Ursache.

Und nun habe ich für den gegenwärtigen Brief mit dieser Sache abgeschlossen und weiß nur wenig mehr zu sagen.

Wir sind alle sehr wohl, und Fanny macht jeden Tag Fortschritte. Sie können sich kaum denken, wie freundlich sie gegen mich ist, und welche Mühe sie sich mit mir gibt. Sie hat einen Verehrer, der ihr gefolgt ist, erst den ganzen Weg von der Schweiz, dann den ganzen Weg von Venedig, und der mir eben anvertraut hat, daß er ihr überall hin zu folgen gedenke. Ich war sehr in Verlegenheit, als er mit mir davon sprach, aber er wollte nicht anders. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, zuletzt sagte ich ihm jedoch, daß ich es für besser halte, wenn er es nicht tun würde. Denn Fanny (das sagte ich ihm jedoch nicht) ist viel zu gescheit und gewandt, um für ihn zu taugen. Er sagte aber dennoch, er würde bei seinem Vorsatz beharren. Ich habe natürlich keinen Verehrer.

Wenn Sie je soweit in diesem lange Briefe kommen, so werden Sie vielleicht sagen, gewiß wird Klein-Dorrit nicht schließen, ohne mir etwas von ihren Reisen zu sagen, und sicher ist es jetzt auch Zeit dazu. Wahrhaftig der Meinung bin ich auch, aber ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Seit wir Venedig verließen, waren wir in vielen wundervollen Städten, wie Genua und Florenz, und haben so viele wundervolle Eindrücke gehabt, daß mir beinahe schwindlig wird, wenn ich an die große Masse von Dingen denke. Aber Sie könnten mir so viel mehr davon erzählen, als ich Ihnen, daß ich nicht wüßte, weshalb ich Sie mit meinen Berichten und Schilderungen ermüden sollte.

Lieber Mr. Clennam, da ich den Mut hatte, Ihnen zu sagen, in welch stille Verlegenheit früher diese Reiseeindrücke meinen Geist versetzten, so will ich auch jetzt nicht verzagt sein. Einer meiner häufigsten Gedanken ist der: So alt diese Städte sind, ist mir ihr Alter kaum so merkwürdig und bietet mir kaum so viel Stoff zum Nachdenken als der Umstand, daß sie die ganze Zeit an ihrem Orte standen, während ich von der Existenz von zweien oder dreien höchstens etwas wußte und kaum etwas außerhalb unserer alten Mauern kannte. Es liegt etwas Melancholisches in dem Gedanken, und doch weiß ich nicht warum. Als wir neulich den berühmten schiefen Turm zu Pisa betrachteten, war’s ein heller sonniger Tag, und der Turm und die Gebäude ringsumher sahen so alt aus und die Erde und der Himmel so jung und der Schatten auf dem Boden so weich und ruhig! Ich konnte anfangs gar nicht an das Schöne und Interessante dieses Bildes denken, sondern ich mußte mir sagen: »Oh, wie viele Male, wenn der Schatten der Mauer auf unser Zimmer fiel und die müden Schritte im Hofe drunten auf und ab gingen, – oh, wie viele Male war dieser Platz ebenso still und lieblich wie heute!« Es hat mich ganz überwältigt. Mein Herz war so voll, daß mir die Tränen aus den Augen traten, obgleich ich mir alle Mühe gab, sie zurückzuhalten. Und ich habe dasselbe Gefühl oft – oft. Wissen Sie, daß ich, seit die Veränderung in unsern Vermögensverhältnissen eingetreten ist, obgleich mir ist, als träumte ich öfter denn zuvor, immer von mir geträumt habe, als wäre ich sehr jung? Ich sei nicht sehr alt, werden Sie sagen. Nein, das ist’s aber auch nicht, was ich meine. Ich träumte immer von mir, als wäre ich ein Kind, das nähen lernt. Ich träumte oft von mir, als wäre ich wieder dort, schaute auf wenig bekannte Gesichter im Hofe drunten, die ich glauben sollte, ganz vergessen zu haben, aber ebensooft bin ich auf Reisen – in der Schweiz oder Frankreich oder Italien – irgendwo, wo wir gewesen sind – aber immer als das kleine Kind. Mir träumte, ich sei zu Mrs. General mit den geflickten Kleidern hinabgegangen, in denen ich mich meiner zuerst erinnerte. Gar häufig träumte mir, ich setze mich in Venedig in großer Gesellschaft zu Tisch in Trauer um meine arme Mutter, in den Kleidern, die ich trug, als ich acht Jahre alt war, und noch lange trug, nachdem sie ganz fadenscheinig geworden und sich nicht mehr flicken lassen wollten. (5s hat mir großen Kummer gemacht, wenn ich daran dachte, wie wenig passend die Gesellschaft meine Erscheinung zu dem Reichtum meines Vaters finden werde, und wie sehr ich mir sein und Fannys und Edwards Mißfallen und Ungnade dadurch zuziehen würde, daß ich so offen zur Schau trage, was sie geheimzuhalten wünschen. Aber ich bin bei diesem Gedanken doch nicht älter geworden; und im selben Moment träumte mir, ich hätte mit Kopfweh am Tisch gesessen und hätte die Kosten des Diners berechnet und wäre ganz verrückt geworden bei dem Gedanken, wie das wieder gutgemacht werden sollte. Ich habe nie von den Veränderungen in unsern Vermögensverhältnissen geträumt! Nie vor jenem denkwürdigen Morgen, als Sie mit mir nach Hause gingen, um es meinem Vater mitzuteilen; ich habe sogar von Ihnen nie geträumt.

Lieber Mr. Clennam, es ist möglich, daß ich an Sie – und andere – bei Tage so oft gedacht habe, daß ich des Nachts keine Gedanken mehr übrig habe, die sich mit Ihnen beschäftigen konnten. Denn ich muß Ihnen jetzt gestehen, daß ich an Heimweh leide – daß ich mich so lebhaft und ernstlich nach der Heimat sehne, daß ich mich manchmal, wenn es niemand sieht, recht darob abhärme. Der Gedanke ist mir unerträglich, mein Gesicht noch weiter davon abzuwenden. Mein Herz wird mir etwas leichter, wenn wir uns der Heimat zukehren, und wären’s auch nur ein paar Meilen, wenn ich selbst weiß, daß wir bald wieder umkehren müssen. So teuer ist mir der Schauplatz meiner Armut und Ihrer Güte. Oh, so teuer, oh, so teuer!

Der Himmel weiß, wann Ihr armes Kind England wiedersehen wird. Allen (außer mir) gefällt das Leben hier sehr, und es ist noch kein Projekt wegen unserer Heimkehr zur Sprache gekommen, 3I?ein Vater spricht davon, daß er nächsten Frühling wegen einiger Vermögensangelegenheiten nach London gehen werde, aber ich habe keine Hoffnung, daß er mich mitnehmen wird. Ich habe mir Mühe gegeben, unter Mrs. Generals Anleitung einige Fortschritte zu machen, und ich hoffe, daß ich nicht mehr ganz so schwerfällig bin wie früher. Ich fange an, die schweren Sprachen, von denen ich Ihnen sagte, ziemlich leicht zu verstehen und zu sprechen. Ich erinnerte mich nicht, als ich Ihnen das letztemal schrieb, daß Sie beide beherrschen, aber es fiel mir später ein, und das half mir vorwärts. Gott segne Sie, lieber Mr. Clennam. Vergessen Sie nicht

Ihre ewig dankbare und ergebene

Klein-Dorrit.

P. S. Besonders vergessen Sie nicht, daß Minnie Gowan des besten Andenkens würdig ist, das Sie ihr weihen können. Sie vermögen nicht zu edel oder zu hoch von ihr zu denken. Ich vergaß das letztemal Mr. Pancks. Bitte, wenn Sie ihn sehen, grüßen Sie ihn freundlichst von Ihrer Klein-Dorrit. Er war immer sehr gut gegen Klein-Dorrit.

Zwölftes Kapitel


Zwölftes Kapitel

In welchem eine große patriotische Konferenz gehalten wird.

Der berühmte Name Merdle wurde mit jedem Tage berühmter im Lande. Niemand wußte, daß dieser hochberühmte Merdle je irgend jemand, sei er noch am Leben oder bereits verstorben, oder überhaupt irgendeinem Ding auf Erden irgend etwas Gutes erwiesen; niemand wußte, daß er irgendeine Fähigkeit oder einen Willen besaß, die je für irgendein Geschöpf auch nur den schwächsten Lichtstrahl auf irgendeinen Pfad der Pflicht oder Erholung, des Kummers oder Vergnügens, der Anstrengung oder Ruhe, der Wirklichkeit oder Phantasie unter all den zahlreichen Pfaden jenes Labyrinthes geworfen, in dem sich die Söhne Adams bewegen; niemand fühlte den geringsten Grund anzunehmen, daß der Stoff, aus dem dieser Gegenstand der Verehrung gemacht war, anderer Art sei als der allergewöhnlichste Ton, und dazu mit einem so klumpigen, rauchenden Docht, wie je ein Menschenbild, ehe es auseinanderfiel. Alle Leute wußten oder glaubten zu wissen, daß er sich ungeheuer bereichert, und aus diesem Grunde allein warfen sie sich vor ihm nieder, und zwar auf eine entwürdigendere und unentschuldbarere Weise als der roheste Wilde, der aus seiner Höhle aus der Erde kriecht, um in einem Klotz oder Reptil die Gottheit seiner nachtumhüllten Seele gnädig für sich zu stimmen.

Ja, die Hohenpriester dieses Kultus hatten den Mann vor sich als einen Protest gegen ihre Niedrigkeit. Die Masse huldigte auf den Glauben hin – obgleich immer genau wissend warum –, aber die den Kultus verrichtenden Priester am Altare hatten gewöhnlich den Mann selbst vor Augen. Sie saßen bei seinen Festen, und er saß bei ihren Festen. Immer begleitete ihn ein Gespenst, das zu diesen Hohepriestern sagte: »Sind das die Zeichen, an die ihr glaubt und denen zu huldigen euch Vergnügen macht? Dieser Kopf, diese Augen, diese Art zu sprechen, der Ton und das Wesen dieses Mannes? Ihr seid die Stützen des Circumlocution Office und die Beherrscher der Menschen. Wenn ein halbes Dutzend von euch handgemein werden, so scheint die Mutter Erde keine andern Beherrscher mehr zeugen zu können. Liegt eure Berechtigung in der besseren Kenntnis der Menschen, die diesen Mann empfängt, denen er hofiert und die er stolz macht? Oder, wenn ihr imstande seid, die Zeichen richtig zu beurteilen, die ich nie verfehle, euch zu zeigen, wenn er unter euch erscheint, ist es denn eure größere Redlichkeit, die euch dazu berechtigt?« Zwei ziemlich häßliche Fragen, die immer mit Mr. Merdle in der Stadt umhergehen; und es war stillschweigend allgemein angenommen worden, daß man sie niederhalten müsse.

Während der Abwesenheit von Mrs. Merdle im Auslande hielt Mr. Merdle das Haus beständig für den großen Strom von Besuchen offen. Einige wenige von diesen nahmen freundlich Besitz von dem Hause. Drei bis vier Damen von Rang und lebhaftem Wesen pflegten zueinander zu sagen: »Wir wollen Donnerstag bei unserm lieben Merdle essen. Wen werden wir einladen?« Unser lieber Merdle erhielt dann seine Instruktion und saß schwerfällig unter der Gesellschaft bei Tisch und ging später schläfrig in seinen Empfangzimmern umher, einzig dadurch auffallend, daß er gar nichts mit der Unterhaltung, die lebhaft im Gange war, zu tun zu haben schien.

Der Oberhaushofmeister, der Rachegeist im Leben dieses großen Mannes, verlor nichts von seiner Strenge. Er sah bei diesen Diners, solange der Busen nicht da war, zu, wie er bei den andern Diners zugesehen, wenn der Busen da war; und sein Auge war ein Basilisk für Mr. Merdle. Er war ein strenger Mann und hätte nicht eine Unze Speise oder eine Flasche abgezogen. Er würde nicht erlaubt haben, daß ein Diner gegeben werde, wenn er nicht hätte zusehen können. Er arrangierte die Tafel für seine eigene Würde. Wenn die Gäste das zu genießen beliebten, was serviert wurde, hatte er nichts dagegen: aber serviert wurde es zur Aufrechthaltung seines Ranges. Wenn er so an dem Nebentisch stand, schien er sagen zu wollen: »Ich habe das Amt übernommen, das, was vor mir ist, zu beaufsichtigen und nichts Geringeres als dies zu beaufsichtigen.« Wenn er den Vorsitzenden Busen vermißte, so war es gewissermaßen ein Teil seiner eigenen Würde, dessen er, aus unabweisbaren Gründen, für den Augenblick beraubt war. Gerade wie wenn er einen Tischaufsatz oder einen kostbaren Weinkühler vermißte, die zum Bankier geschickt wären.

Mr. Merdle ließ Einladungen zu einem Barnaclediner ergehen. Lord Decimus sollte daran teilnehmen, Mr. Tite Barnacle sollte teilnehmen, der angenehme junge Barnacle sollte teilnehmen; und

Bankier Merdle.

der Chorus der Parlamentarbarnacles, die in den Provinzen umherzogen, wenn das Haus geschlossen war, und den Ruhm ihres Anführers sangen, auch diese sollten teilnehmen. Natürlich war dies ein großartiges Ereignis. Mr. Merdle wollte die Barnacles bei sich sehen. Einige zarte kleine Geschäfte waren zwischen ihm und dem edlen Decimus zustande gebracht worden – der junge Barnacle mit den einnehmenden Manieren hatte den Unterhändler gemacht –, und Mr. Merdle hatte beschlossen, das Gewicht seiner großen Rechtlichkeit und großen Reichtümer in die Wagschale der Barnacles zu werfen. Mäkelei war den Arglistigen verdächtig: vielleicht weil es unleugbar, daß, wenn die Ergebenheit des unsterblichen Menschenfeindes durch Mäkeln hätte gewonnen werden können, die Barnacles es sicher getan hätten – zum Besten des Landes, natürlich zum Besten des Landes.

Mr«. Merdle hatte an diesen ihren herrlichen Gemahl, den als etwas Geringeres anzusehen als alle britischen Kaufleute seit den Tagen Whittingtons1 zusammengenommen, und drei Fuß tief vergoldet, Ketzerei war – sie hatte von Rom an ihren Gemahl mehrere Briefe hintereinander geschrieben, worin sie ungestüm in ihn drang, daß jetzt oder nie die Zeit sei, für Edmund Sparkler zu folgen. Mrs. Merdle hatte ihm gezeigt, daß die Sache Edmunds dringend sei, und daß unendliche Vorteile daraus für ihn entständen, wenn er etwas Gutes sogleich bekäme. In der Grammatik von Mrs. Merdles auf diese Sache sich beziehenden Zeitwörtern war nur ein Modus: der Imperativ; und dieser Modus hatte nur eine Zeit: das Präsens. Mrs. Merdles Zeitwörter wurden Mr. Merdle so dringend zum Konjungieren empfohlen, daß sein träges Blut und seine langen Rockaufschläge in große Bewegung kamen.

In diesen, Zustande der Aufregung hatte Mr. Merdle – dessen Blicke sich ausweichend um des Oberhaushofmeisters Schuhe hin und her bewegten, ohne sich zu dem Index der Gedanken dieser ungeheuren Kreatur zu erheben, – Mr. Merdle hatte ihm seine Absicht kundgetan, ein spezielles Diner zu geben: nicht ein sehr großes Diner, sondern ein spezielles Diner. Der Oberhaushofmeister hatte darauf kundgetan, daß er nichts dagegen einzuwenden habe, wenn das Diner noch so kostbar sei und er es überwachen werde: und der Tag des Diners war nun erschienen.

Mr. Merdle stand in einem seiner Empfangszimmer, den Rücken dem Feuer zugekehrt und die Ankunft seiner wichtigen Gäste erwartend, da. Er nahm sich selten oder nie die Freiheit, mit dem Rücken an seinem Feuer zu stehen, wenn er nicht ganz allein war. In Gegenwart des Oberhaushofmeisters hätte er so etwas nicht getan. Er würde sich selbst in seiner Konstablerart am Handgelenk ergriffen haben und auf dem Teppich vor dem Kamin auf und ab gegangen sein oder wäre unter den rauhen Möbeln hin und her geschlichen, wenn sein tyrannischer Diener in diesem Augenblick im Zimmer erschienen wäre. Die hinterlistigen Schatten, die aus ihrem Versteck hervorzukommen schienen, wenn das Feuer emporflackerte, und sich wieder in dasselbe zurückzogen, wenn das Feuer zusammensank, waren der Zeugen genug, wenn er seiner Bequemlichkeit pflegte. Sie waren sogar mehr als genug, wenn man seinem scheuen Blick auf sie einen Gedanken unterschob.

Mr. Merdles rechte Hand war voll von Abendzeitungen und die Abendzeitungen waren voll von Mr. Merdle. Sein erstaunliches Unternehmen, sein erstaunlicher Reichtum, seine erstaunliche Bank war das mästende Futter der Abendzeitung dieses Tages. Die wundervolle Bank, deren Hauptbesitzer, Begründer und Vorstand er war, bildete das jüngste der vielen Wunder Merdles. Bei alledem und mitten in diesen prachtvollen Unternehmungen war Mr. Merdle so bescheiden, daß er weit eher wie ein Mann aussah, der sein gepfändetes Haus nur noch für den Augenblick besaß, als wie ein Handelskoloß, der auf seinem eigenen Kaminteppich stand, während die kleinen Schiffe zum Diner einliefen.

Betrachtet mal die in den Hafen steuernden Schiffe! Der gewinnende junge Barnacle war der erste, der kam; aber Advokat holte ihn auf der Treppe ein. Advokat, wie gewöhnlich durch sein doppeltes Augenglas und seine kleine Juryverbeugung unterstützt, war außerordentlich erfreut, den gewinnenden jungen Barnacle zu sehen, und sprach die Vermutung aus, daß sie beide »in Banco« zu sitzen beabsichtigten, wie wir Advokaten das heißen, wenn wir einen ausgezeichneten Fall haben.

»Gewiß«, sagte der geistreiche junge Barnacle, der Ferdinand hieß: »Wieso?«

»Nun«, lächelte Advokat, »Wenn Sie nicht wissen, wie kann ich wissen? Sie stehen ja im Allerheiligsten des Tempels; ich bin einer von der bewundernden Masse draußen auf dem freien Feld.«

Advokat konnte einen leichten oder schweren Ton anschlagen, je nach dem Manne, mit dem er es zu tun hatte. Mit Ferdinand Barnacle scherzte er. Advokat war ferner immer bescheiden und schien sich zu unterschätzen, aber auf seine Art. Advokat war ein Mann von sehr verschiedenem Wesen in seinem Benehmen: aber ein roter Faden2 zog sich durch das Gewebe aller seiner Muster. Jeder, mit dem er zu tun hatte, war in seinen Augen ein Geschworener; und diesen Geschworenen mußte er herumkriegen, wenn er konnte.

»Unser hochberühmter Wirt und Freund«, sagte Advokat, »unser glänzender Handelsstern, will sich in die Politik hineinbegeben.«

»Hineinbegeben? Er war einige Zeit, wie Sie wissen, im Parlament«, versetzte der gewinnende junge Barnacle.

»Allerdings«, sagte Advokat, mit seinem feinkomischen Lachen für ausgezeichnete Geschworene, das sehr verschieden war von dem niedrigkomischen Lachen für drollige Krämer bei gewöhnlichen Jurys, »er war einige Zeit im Parlamente. Aber bis jetzt war unser Stern ein unruhiger und schwankender Stern? Hm?«

Ein gewöhnlicher Zeuge wäre durch dieses »Hm?« zu einer bejahenden Antwort verführt worden. Aber Ferdinand Barnacle sah Advokat pfiffig an, während sie hinaufschlenderten, und gab ihm durchaus keine Antwort.

»Jawohl, jawohl«, sagte Advokat, mit dem Kopfe nickend, denn er war nicht auf solche Weise abzuspeisen, »und deshalb sprach ich davon, daß wir in Banco sitzen werden, um eine wichtige Sache zu erledigen – das heißt, es werde ein großer und feierlicher Anlaß sein, wo, wie Kapitän Macheath sagt, ‚die Richter versammelt sind: ein furchtbarer Anblick!‘ Wir Advokaten sind sehr liberal, wie Sie sehen, wir zitieren den Kapitän, obgleich der Kapitän sehr streng gegen uns ist. Nichtsdestoweniger glaube ich nachweisen zu können, daß der Kapitän zugibt«, sagte Advokat mit einem leichten scherzhaften Schütteln seines Kopfes, denn bei seinen gerichtlichen rednerischen Ergießungen nahm er immer die Miene an, als hätte er auf die liebenswürdigste Weise von der Welt sich selbst zum besten, »daß der Kapitän zugibt, das Gesetz habe im ganzen die Absicht, unparteiisch zu sein. Denn, wie der Kapitän sagt, wenn ich ihn richtig zitiere – und wenn nicht –« fügte er hinzu, indem er mit seinem Doppelglas feinkomisch die Schulter seines Begleiters berührte, »wird mich mein gelehrter Freund berichtigen:

›Seitdem’s Gesetze gibt für jeden Grad,
Verbrechen fein zu wenden und zu drehen.
Begreif‘ ich nicht, daß auf dem Rad
Wir nicht die nobelste Gesellschaft sehen‹«

Diese Worte brachten sie nach dem Empfangszimmer, wo Mr. Merdle vor dem Fenster stand. Mr. Merdle war so verwundert, als er Advokat mit einem solchen Zitat im Munde eintreten sah, daß Advokat sich dahin erklärte, er habe Gay zitiert. »Allerdings keine von unsern Westminster-Hall-Autoritäten«, sagte er, »aber doch keineswegs einer, der von einem Manne verschmäht zu werden verdient, der die große praktische Weltkenntnis Mr. Merdles besitzt.«

Mr. Merdle sah aus, als ob er etwas sagen wollte, sah aber später wieder aus, als wenn er nichts sagen wollte. Die Pause, die dadurch eintrat, erlaubte, daß man Bischof meldete.

Bischof trat sehr demütig, und doch mit festem und raschem Schritte ein, als ob er seine Siebenmeilenstiefel anzuhaben und eine Reise um die Welt zu machen wünschte, um zu sehen, ob alles in befriedigendem Zustande sei. Bischof hatte keine Idee, daß diese Gesellschaft eine besondere Bedeutung habe. Dies war der bemerkenswerteste Zug in seinem Benehmen. Er war höflich, frisch, heiter, leutselig, sanft: aber außerordentlich unschuldig!

Advokat kam herbei, um sich auf die höflichste Weise nach dem Befinden von Mrs. Bischof zu erkundigen. Mrs. Bischof habe sich unglücklicherweise bei einer Konfirmation etwas erkältet, im übrigen sei sie jedoch wohl. Der junge Mr. Bischof sei ebenfalls wohl. Er befinde sich mit seiner jungen Frau und seinen kleinen Kindern bei seiner Seelsorge.

Die Repräsentanten des Barnaclechorus liefen darauf ein und nach ihnen Mr. Merdles Arzt. Advokat, der ein bißchen von seinem Auge und ein bißchen von seinem Doppelglas für jeden Eintretenden hatte, gleichgültig, mit wem er sprach oder wovon er sprach, kam auf geschickte Weise mit allen in Berührung, ohne daß man sah, wie er sich an sie machte, und wußte jeden einzelnen Jurymann an seiner besonderen Liebhaberei zu packen. Mit einigen vom Chorus lachte er über das schläfrige Mitglied, das vergangene Nacht ins Vorzimmer hinausgegangen und dann falsch gestimmt hatte: mit andern bedauerte er den Neuerungsgeist der Zeit, der nicht mal daran gehindert werden könne, ein unnatürliches Interesse an dem Staatsdienst und dem Staatsgeld zu nehmen; mit dem Arzt wußte er ein Wort über den allgemeinen Gesundheitszustand zu sprechen; er hatte sich zu gleicher Zeit eine Belehrung bei ihm zu holen, bezüglich eines Handwerkers von unleugbarer Erziehung und artigen Manieren – aber derartige Beglaubigungen in ihrer größten Entfaltung, meinte er, seien im Besitze anderer Bekenner der Heilkunst (Juryverbeugung) –, den er zufällig vorvorgestern unter den beschworenen gehabt, und von dem er durch Querfragen herausgebracht hatte, daß er einer der Ausleger der neuen Heilkunst sei, die Advokat wirklich – ja – hm – Advokat scheine es so; Advokat habe gedacht und gehofft, der Arzt werde ihm das sagen. Ohne sich herauszunehmen zu entscheiden, wo Ärzte nicht einer Meinung seien, wolle es Advokat doch, wenn er es als eine Frage des gemeinen Menschenverstandes und nicht der sogenannten gesetzlichen Ergründung betrachte, bedenken, dieses neue System sei – wenn er das in Gegenwart einer so großen Autorität aussprechen dürfe, Humbug. Ah! gestützt auf solche Ermutigung könne er schon wagen, Humbug zu sagen; und nun fühlte sich Advokats Geist erleichtert.

Mr. Tite Barnacle, der wie Dr. Johnsons berühmte Bekanntschaft nur eine Idee in seinem Kopfe hatte, und zwar eine, die falsch war, erschien inzwischen. Dieser ausgezeichnete Mann und Mr. Merdle, die nach verschiedenen Richtungen blickend und wie Wiederkäuer aussehend auf einer gelben Ottomane im Licht des Feuers dasaßen, ohne in einem mündlichen Verkehr miteinander zu stehen, hatten eine große Ähnlichkeit mit den beiden Kühen auf dem Bilde von Cuyp, die ebenfalls abgewandt voneinander dasitzen.

Aber nun kam Lord Decimus. Der Oberhaushofmeister, der sich bisher auf einen Teil seiner gewöhnlichen Funktionen beschränkt hatte, indem er die eintretende Gesellschaft ansah (und dies mit mehr Trotz als Gnade), schritt so weit aus seinem Kreise, daß er heraufkam und ihn anmeldete. Da Lord Decimus ein Pair von überwältigendem Eindruck war, so schloß ein schüchternes junges Mitglied des Unterhauses, das der letzte von den Barnacles gefangene Fisch war und zu diesem Diner zur Erinnerung an seinen Fang eingeladen worden, die Augen, als Seine Lordschaft eintrat.

Lord Decimus war nichtsdestoweniger sehr erfreut, das Mitglied zu sehen. Er war ebenfalls erfreut, Mr. Merdle zu sehen, erfreut, Bischof zu sehen, erfreut, den Arzt zu sehen, erfreut, Tite Barnacle zu sehen, erfreut, den Chorus zu sehen, erfreut, Ferdinand, seinen Privatsekretär, zu sehen. Lord Decimus, obgleich einer der Größten auf Erden, zeichnete sich nicht durch einschmeichelnde Manieren aus, und Ferdinand hatte ihn bis zu dem Punkt gefahren, von wo er alle, die er hier finden sollte, überschauen und ihnen sagen konnte, daß er erfreut sei, sie zu sehen. Als er diesen ungestümen Anlauf von Lebhaftigkeit und Herablassung hinter sich hatte, brachte sich Seine Lordschaft in dem Gemälde von Cuyp an und bildete die dritte Kuh in der Gruppe.

Advokat, der fühlte, daß er die ganze Jury für sich gewonnen und sich nun an den Obmann machen müsse, kam bald, das Doppelglas in der Hand, herbeigeschlichen. Advokat bot das Wetter, als einen Gegenstand, der ziemlich fernab von offizieller Zurückhaltung liegt, der Erwägung des Obmannes an. Advokat versicherte, man habe ihm gesagt (wie man immer jedermann sagt, obgleich, wer es sagt und warum, stets ein Geheimnis bleiben wird), daß es in diesem Jahre kein Spalierobst geben werde. Lord Decimus hatte bis jetzt noch nicht gehört, daß seine Pfirsiche Schaden genommen, er glaube jedoch, wenn seine Leute recht hätten, daß er keine Äpfel bekommen werde. Keine Äpfel? Advokat war ganz aufgelöst in Erstaunen und Bestürzung. Es wäre ihm wirklich völlig einerlei gewesen, wenn es keinen einzigen Apfel auf der ganzen Erde gegeben hätte, aber das Interesse, das er an dieser Apfelfrage zur Schau trug, war wirklich schmerzlich. Welcher Ursache aber, Lord Decimus – denn wir schwierigen Advokaten wollen immer belehrt sein und können nicht sagen, wie sich uns das noch nützlich erweist –, welcher Ursache, Lord Decimus, ist das zuzuschreiben? Lord Decimus war außerstande, eine Theorie darüber aufzustellen. Damit hätte sich ein anderer Mensch begnügt: Advokat jedoch, der nicht davon losließ, fragte mit unermüdlichem Interesse: »Aber was nun die Birnen betrifft?«

Lange, nachdem Advokat Generalfiskus geworden, wurde dies von ihm als ein Meisterstreich erzählt. Lord Decimus erinnerte sich eines Birnbaumes, der früher in einem Garten nahe an der Rückmauer des Hauses seiner Wirtin in Eton stand, auf dem der einzige Scherz in seinem Leben immerfort blühte. Es sei ein Scherz von kompakter und tragbarer Natur, der sich um den Unterschied zwischen Eton-Birnen und Parlamentspairs drehte: aber es sei ein Scherz, dessen Feinheit man, nach Lord Decimus‘ Ansicht, gar nicht verstehen könnte, wenn man den Baum nicht ganz genau kenne. »Deshalb hatte die Geschichte anfangs keine Idee von einem solchen Baum, Sir, dann fand sie ihn nach und nach im Winter, brachte ihn durch die übrigen Jahreszeiten, sah ihn keimen, blühen, Früchte tragen, die Frucht reifen, kurz, kultivierte den Baum, ehe sie aus dem Schlafzimmerfenster die Früchte stahl, in jener fleißigen und sorgfältigen Weise, daß verspätete Lauscher ihren Dank aussprachen, daß der Baum von Lord Decimus Zeit gepflanzt und gepfropft worden war. Advokats Interesse an den Äpfeln wurde durch die entzückte Teilnahme, mit der er die Fortschritte dieser Birnen verfolgte, von dem Augenblick an, als Lord Decimus feierlich begann: »Da Sie die Birnen erwähnen, so erinnern Sie mich an einen Birnbaum«, bis zu dem prachtvollen Schluß: »Und so kommen wir durch die verschiedenen Wechsel des Lebens von Etonbirnen zu Parlamentspairs«, so sehr überboten, daß er mit Lord Decimus die Treppe hinabgehen und sich sogar neben ihn bei Tische setzen mußte, um die Anekdote zu Ende zu hören. Advokat fühlte nun, daß er den Obmann gewonnen und mit gutem Appetit zu Tische gehen könne.

Es war einer Diner, das den Appetit hätte wecken können, selbst wenn Advokat keinen gehabt hätte. Die seltensten Speisen, üppig gekocht und prachtvoll serviert; die ausgesuchtesten Früchte; die feinsten Weine; Wunder von Arbeit in Gold und Silber, Porzellan und Glas; unzählige Dinge, köstlich für Geschmack, Geruch und Gesicht, wurden zusammen aufgestellt. Oh! was für ein herrlicher Mann, dieser Merdle, was für ein großer Mann, was für ein ausgezeichneter Mann, wie gesegnet und in welch beneidenswerten Verhältnissen – mit einem Worte, was für ein reicher Mann!

Er nahm seine gewöhnliche Achtzehnpennyportion in seiner unverdaulichen Weise zu sich und hatte so wenig für sich zu sagen wie je ein ausgezeichneter Mann. Glücklicherweise war Lord Decimus einer von jenen erhabenen Männern, die es nicht nötig haben, daß man mit ihnen spricht, denn sie können jederzeit genugsam sich mit ihrer eigenen Größe beschäftigen. Dies gestattete auch dem jungen schüchternen Mitglied, zuweilen seine Augen lange genug offen zu halten, um seine Speisen zu sehen. Sobald Lord Decimus jedoch sprach, schloß er sie wieder.

Der angenehme junge Barnacle und Advokat waren die Sprecher der Gesellschaft. Bischof wäre gleichfalls außerordentlich angenehm gewesen, wenn seine Unschuld nicht im Wege gestanden. Auf diese Weise mußte er bald zurückstehen. Wenn auf irgend etwas nur hingedeutet wurde, daß etwas zu profitieren sei, so war er alsbald verloren. Weltliche Angelegenheiten waren ihm zu schwierig; er konnte nicht mit ihnen zurechtkommen.

Dies zeigte sich namentlich, als Advokat gelegentlich sagte, es freue ihn, zu hören, daß man bald das Vergnügen und den Vorteil haben sollte, den gesunden einfachen Scharfsinn – nicht den demonstrativen und prunkenden, sondern den durch und durch gesunden und praktischen – Scharfsinn des gemeinschaftlichen Freundes Edmund Sparkler in die gute Seite einreihen zu dürfen.

Ferdinand Barnacle lachte und sagte: ja, er glaube es. Ein Votum sei ein Votum und immer annehmbar.

Advokat bedauerte, den lieben Freund Sparkler heute vermissen zu müssen.

»Er ist auf Reisen mit Mrs. Merdle«, versetzte Mr. Merdle, langsam aus seinem tiefen Sinnen erwachend, während er einen Löffel in seinen Ärmel schob, »es ist nicht unumgänglich notwendig, daß er zur Stelle sei.«

»Der Zauber des Namens Merdle genügt vollkommen«, sagte Advokat mit der Juryverbeugung.

»O – ja – ich glaube wohl«, stimmte Mr. Merdle bei, indem er den Löffel weglegte und linkisch jede seiner Hände in den Rockärmel der andern steckte. »Ich glaube, die Leute dort, die mir verbunden sind, werden keine Schwierigkeiten machen.«

»Ausgezeichnete Leute, Muster von Menschen!« sagte Advokat.

»Ich freue mich, daß Sie denselben Ihren Beifall schenken«, sagte Merdle.

»Und die Leute an den andern beiden Orten«, fuhr Advokat mit einem Blitzen seines scharfen Auges fort, während er sich leicht seinem herrlichen Nachbar zuwandte, »wir Advokaten sind immer neugierig, forschen alles aus, speichern Kleinigkeiten in unsern Flickwerkköpfen auf, da man nie wissen kann, wo es noch irgendwo zu brauchen ist; – wie steht es mit den Leuten an den beiden andern Orten? Sind sie auf ebenso lobenswerte Weise dem großen und kumulativen Einflusse eines so unternehmungsreichen und berühmten Mannes zugänglich? Lassen sich diese kleinen Wässerchen so ruhig und leicht, und wie durch den Einfluß von Naturgesetzen, so schön von dem majestätischen Strome verschlingen, der auf seinem bewundernswürdigen Wege das umliegende Land fruchtbar macht, daß sich ihr Lauf berechnen und genau vorhersagen läßt?«

Mr. Merdle, den Advokats Beredsamkeit etwas in Verlegenheit setzte, sah unruhig einige Augenblicke auf die nächste Salzbüchse und sagte dann zögernd:

»Sie kennen ihre Pflicht gegen die Gesellschaft ganz genau. Sie werden jeden wählen, den ich ihnen zu diesem Zwecke sende.«

»Sehr erfreulich«, sagte Advokat, »sehr erfreulich, das zu erfahren.«

Die drei fraglichen Orte waren drei kleine faule Löcher dieser Insel, in denen drei kleine, unwissende, betrunkene, schlemmende, schmutzige, vollmachtgebende Körperschaften wohnten, die in Mr. Merdles Tasche geschwankt waren. Ferdinand Barnacle lachte auf seine behagliche Weise und sagte lustig, das sei eine hübsche Gesellschaft. Bischof, der innerlich auf Friedenspfaden wandelte, war ganz gedankenabwesend. »Bitte«, fragte Lord Decimus, indem er seine Blicke an der Tafel umherlaufen ließ, »was ist das für eine Geschichte, die ich hörte, von einem Gentleman, der lange in einem Schuldgefängnisse gesessen, inzwischen aber nachgewiesen hat, daß er aus reicher Familie sei, und nun eine große Menge Geld geerbt hat? Ich hörte auf sehr verschiedene Art davon sprechen. Wissen Sie etwas davon, Ferdinand?«

»Ich weiß nur so viel«, sagte Ferdinand, »daß er dem Departement, dem ich anzugehören die Ehre habe«, – dieser glänzende junge Barnacle sagte die Phrase in scherzhaftem Tone, als wollte er sagen: wir wissen, was wir von diesen Redeformeln zu denken haben, aber wir müssen darauf halten, wir dürfen sie nicht fallen lassen, – »endlose Verlegenheit bereitet hat und uns in unzählige Scheidewasser tauchte.«

»Scheidewasser?« wiederholte Lord Decimus mit so majestätischem Hin- und Herwägen des Wortes, daß das schüchterne Mitglied die Augen fest schloß. »Scheidewasser?«

»Es war ein sehr schwieriges Geschäft«, bemerkte Mr. Lite Barnacle mit dem Ausdruck tiefen Grolls.

»Welcher Art«, sagte Lord Decimus, »war dieses Geschäft? Welcher Art war dieses – ha – Scheidewasser, Ferdinand?«

»O, diese Geschichte ist so gut, wie je eine war«, versetzte dieser Gentleman, »eine Sache in ihrer Art so gut wie nur möglich. Dieser Mr. Dorrit (sein Name ist Dorrit) hat sich ganze Menschenalter, ehe die Fee aus der Bank kam und ihm sein Vermögen gab, gegen eine Kaution, die er unterzeichnete, für den Vollzug eines Kontraktes verbindlich gemacht, der nicht vollzogen worden war. Er war Teilhaber eines großen Geschäftes, das in Spirituosen oder Knöpfen oder Wein oder Stiefelwichse oder Hafermehl oder Wollwaren oder Schweinefleisch oder Haften und Haken oder Eisen oder Sirup oder Schuhen oder dem einen oder andern für Ausrüstung von Soldaten oder Matrosen oder in sonst etwas machte; das Haus fallierte, und wir waren unter den Gläubigern; man legte von seiten der Krone den gesetzmäßigen Beschlag auf dasselbe und so fort. Als die Fee erschien und er uns zu bezahlen wünschte, da waren wir mitten in einem solch exemplarischen Kollationieren und Gegenkollatonieren, Signieren und Kontrasignieren begriffen, daß es sechs Monate dauerte, bis wir wußten, wie wir das Geld in Empfang nehmen und eine Bescheinigung dafür geben sollten. Es war ein Triumph der Staatsgeschäfte«, sagte der hübsche junge Barnacle, indem er herzlich lachte. »Sie haben in Ihrem ganzen Leben noch keine solche Masse von Akten gesehen. »Ja«, sagte der Bevollmächtigte eines Tages zu mir, »wenn ich von diesem Bureau zwei- oder dreitausend Pfund zu bekommen wünschte, statt daß ich sie jetzt ihm auszahlen will, ich könnte kaum so viel Mühe haben.« – »Sie haben ganz recht, mein Lieber« sagte ich, »künftig werden Sie wissen, daß wir hier etwas zu tun haben.«« Der angenehme junge Barnacle schloß, indem er abermals herzlich lachte. Er war wirklich ein gewandter, angenehmer, junger Mann, und seine Manieren waren außerordentlich einnehmend.

Die Art, wie Mr. Tite Barnacle die Sache ansah, war weniger leichtfertig. Er nahm es übel auf, daß Mr. Dorrit dem Departement durch die Absicht zu bezahlen Mühe gemacht hatte und betrachtete es als eine gröbliche Verletzung der Form, es nach so vielen Jahren zu tun. Aber Mr. Tite Barnacle war ein zugeknöpfter Mann und folglich ein gewichtiger Mann. Alle zugeknöpften Männer haben Gewicht. Allen zugeknöpften Männern wird Glauben geschenkt. Ob nun die zusammengehaltene und nie geübte Kraft des Aufknöpfens die Leute bezaubert; ob man glaubt, die Weisheit werde größer und stärker, wenn sie zugeknöpft sei, und verdampfe, wenn sie aufgeknöpft werde – soviel ist gewiß, daß der Mann, dem man Bedeutung und Wichtigkeit zuschreibt, der zugeknöpfte Mann ist. Mr. Tite Barnacle würde in den Augen der Leute nicht halb den Wert gehabt haben, den man ihm jetzt zuerkannte, wenn sein Rock nicht immer bis unter die weiße Krawatte zugeknöpft gewesen wäre.

»Darf ich fragen«, sagte Lord Decimus, »ob Mr. Dorrit – oder Dorrit – Familie hat?«

Da niemand sonst antwortete, sagte der Wirt: »Er hat zwei Töchter, Mylord.«

»Oh! Sie sind mit ihm bekannt?« fragte Lord Decimus.

»Mrs. Merdle ist mit ihnen bekannt. Und Mr. Sparkler ebenfalls. Ja«, sagte Mr. Merdle, »ich glaube sogar, daß eine von den jungen Damen Eindruck auf Edmund Sparkler gemacht hat. Er ist sehr empfänglich und – ich – glaube – die Eroberung –« hier stockte Mr. Merdle und sah auf das Tischtuch, was er gewöhnlich tat, wenn er sich beobachtet sah oder merkte, daß man ihm zuhörte.

Advokat war außerordentlich erfreut, zu vernehmen, daß die Familie Merdle und diese Familie bereits in Berührung miteinander standen. Er setzte mit leiser Stimme dem Bischof über den Tisch hinüber auseinander, daß es eine Art analogen Beispiels zu dem physischen Gesetze sei, nach welchem Gleiches und Gleiches sich anziehe. Er betrachtete diese Anziehungskraft, die der Reichtum für den Reichtum habe, als etwas merkwürdig Interessantes und Sonderbares, – etwas, das auf unerklärliche Weise mit dem Magnet und dem Gesetze der Gravitation zusammenhänge. Bischof, der wieder auf die Erde herabgefallen war, als das gegenwärtige Gesprächsthema auf das Tapet gebracht wurde, stimmte zu. Er sagte, es sei allerdings höchst wichtig für die Gesellschaft, daß jemand, der sich plötzlich und unerwartet in der versuchungsvollen Lage sehe, mit der Kraft für das Gute und das Böse in der Gesellschaft ausgerüstet zu sein, sozusagen in der höheren Kraft einer legitimeren und riesenhafteren Potenz sich aufhebe, deren Einfluß (wie in dem Fall mit unserm Freund, an dessen Tisch wir sitzen) gewöhnlich mit den besten Interessen der Gesellschaft im Einklang stehe. Auf solche Weise bekämen wir, statt zwei rivalisierender und wetteifernder Flammen, einer größeren und einer geringeren, von denen jede ein trübes und unsicheres Licht verbreite, wenn sie zusammen als eins brennen, ein sanftes Licht, dessen angenehmer Strahl eine gleichmäßige Wärme durch das Land verbreite. Bischof schien seine Art, die Sache darzustellen, sehr zu lieben und verweilte deshalb lange dabei: Advokat (der keinen Geschworenen verlieren wollte) hatte das Ansehen, als säße er zu seinen Füßen und erquicke sich an seinen Lehren.

Da das Diner und Dessert drei Stunden lang dauerte, wurde das schüchterne Mitglied in dem Schatten von Lord Decimus rascher kühl, als er durch Speise und Trank warm geworden, und hatte nur ein Frösteln davon. Lord Decimus schien, wie ein großer Turm in einer flachen Gegend, seinen Schatten über das Tischtuch zu werfen, das Licht von dem ehrenwerten Mitgliede abzuhalten, das Mark des ehrenwerten Mitgliedes zu kühlen und ihm eine traurige Idee von Entfernung zu geben. Als er diesen unglücklichen Wanderer aufforderte, Wein zu trinken, hüllte er die schwankenden Schritte desselben in die dunkelsten Schatten, und als er sagte: »Ihre Gesundheit, Sir!« war alles rings um ihn her öde und trostlos.

Endlich begann Lord Decimus, mit einer Kaffeetasse in der Hand, unter den Bildern umherzuschweben und die interessante Erwägung in allen Gemütern hervorzurufen, wann er wohl aufhören würde, herumzuschweben, damit die kleineren Vögel in den zweiten Stock hinaufflattern könnten, was nicht anging, ehe er seine edlen Flügel in dieser Richtung geschwungen. Nach einigem Verweilen vor den Bildern und mehrmaligem Ausbreiten seiner Flügel, das zu nichts geführt, schwang er sich zu den Empfangszimmern empor.

Und hier entstand nun eine Schwierigkeit, die immer entsteht, wenn zwei Menschen speziell bei einem Diner zusammengebracht werden, um miteinander zu verhandeln. Jedermann (mit Ausnahme Bischofs, der keine Ahnung davon hatte) wußte genau, daß das Diner ausdrücklich gegessen und getrunken worden war, damit Lord Decimus und Mr. Merdle ein Gespräch von fünf Minuten miteinander führen könnten. Die so künstlich vorbereitete Gelegenheit war nun da, aber es schien von diesem Augenblick an kein einfach menschlicher Scharfsinn imstande zu sein, die beiden Häuptlinge in dasselbe Zimmer zu bringen. Mr. Merdle und sein edler Gast trieben sich beständig an den entgegengesetzten Enden der Perspektive umher. Es war vergeblich, daß der einnehmende Ferdinand Barnacle Lord Decimus veranlaßte, die bronzenen Pferde in der 3^ähe von Mr. Merdle sich anzusehen. Denn Mr. Merdle wich aus und schlich weg. Es war vergeblich, daß er Mr. Merdle zu Lord Decimus brachte, um ihm die Geschichte der Dresdener Vasen, die einzig in ihrer Art waren, zu erzählen. Denn nun wich Lord Decimus aus und schlich weg, während er seinen Mann im Auge behielt.

»Haben Sie je etwas dergleichen gesehen?« sagte Ferdinand zu Advokat, als er zwanzigmal gefoppt war.

»Oft!« versetzte Advokat. »Wenn ich nicht den einen von beiden in eine bestimmte Ecke dränge und Sie den andern«, sagte Ferdinand, »so bringt man die Sache nicht zustande.«

»Ganz wohl«, sagte Advokat. »Ich will Merdle auf mich nehmen, aber nicht Mylord.«

Ferdinand lachte mitten in seinem Ärger. »Zum Teufel mit beiden!« sagte er, auf seine Uhr sehend. »Ich sollte weggehen. Warum können sie auch, beim Teufel, nicht zusammenkommen. Sie wissen ja beide, was sie wünschen, und zu tun beabsichtigen. Sehen Sie sie nur einmal an!«

Sie zeigten sich beide an den entgegengesetzten Seiten, jeder mit dem absurden Gebaren, als wenn er nicht an den andern dächte, was nicht augenscheinlich lächerlicher hätte sein können, wenn es mit Kreide auf ihren Rücken geschrieben gewesen wäre. Bischof, der eben zu Advokat und Ferdinand getreten war, dessen Unschuld jedoch ihn abermals von der Sache ausgeschlossen und ihn in süßes Öl gewickelt hatte, sah man nun sich Lord Decimus nähern und ein Gespräch mit ihm anknüpfen.

»Ich glaube, ich muß Mr. Merdles Arzt zu bekommen suchen, daß er ihn festhält«, sagte Ferdinand; »und dann muß ich an meinen berühmten Verwandten Hand legen und ihn zu der Konferenz ködern, wenn ich kann, oder förmlich ziehen, wenn mir das erstere nicht gelingt.«

»Da Sie mir die Ehre erweisen«, sagte Advokat mit dem schlauesten Lächeln, »meine geringe Unterstützung in Anspruch zu nehmen, so ist sie mit größtem Vergnügen Ihnen zugesagt. Ich glaube nicht, daß es ein Mann tun kann. Wenn Sie jedoch versuchen wollen, den Lord in jenem entfernten Empfangzimmer, wo er jetzt im Gespräch vertieft ist, festzuhalten, so will ich versuchen, unsern lieben Merdle ebenfalls dahin zu bringen, ohne daß es ihm möglich werden soll, mir zu entwischen.«

»Top!« sagte Ferdinand. »Top!« sagte Advokat.

Advokat, der einen prachtvollen und höchst interessanten Anblick bot, wenn er sein Doppelglas an dem Bande lustig schweben ließ und sich freundlich vor einer ganzen Welt von Geschworenen verbeugte, Advokat stand plötzlich auf die scheinbar zufälligste Weise neben Mr. Merdle und ergriff diese Gelegenheit, eines kleinen Punktes zu erwähnen, über den er durch das Licht seiner praktischen Kenntnisse aufgeklärt zu sein wünschte. (Dabei nahm er Mr. Merdle beim Arme und führte ihn unvermerkt weg.) Ein Bankier, den er A.B. nennen wolle, leihe eine beträchtliche Summe Geldes, die er zu fünfzehntausend Pfund annehmen wolle, einem seiner Klienten oder Kunden, den er P.Q. nennen wolle. (Dabei hielt er Mr. Merdle fest im Arme, da sie Lord Decimus näher kamen.) Als Sicherheit für die Rückerstattung der Anleihe, die P.Q. gemacht, die er als verwitwete Dame annehmen wolle, wurden in A.B.’s Händen die Besitzdokumente eines Freiguts deponiert, die er Blinkitter Doddles nennen wolle. Nun sei die Sache die. Ein begrenztes Recht, in den Wäldern von Blinkitte Doddles Holz zu fällen, habe der Sohn von P.Q. besessen, der zu jener Zeit bereits majorenn gewesen und den er X.N. nennen wolle – aber nein, das wäre nicht recht. In Gegenwart von Lord Decimus unfern Wirt mit der trockenen Spreu der Gesetze hinzuhalten, wäre wirklich zu schlecht! Ein andermal. Advokat bedauerte wirklich und wollte kein Wort weiter sagen. Vielleicht gönne ihm Bischof ein halbes Dutzend Worte? (Er hatte Mr. Merdle auf ein Sofa dicht neben Lord Decimus niedergesetzt, und nun mußte die Sache in Gang kommen oder nie mehr.)

Und nun stand die ganze übrige Gesellschaft, lebhaft erregt und begierig, immer mit Ausnahme Bischofs, der nicht die leiseste Idee hatte, daß irgend etwas vorging, in einer Gruppe um den Kamin im nächsten Zimmer und gab sich das Ansehen, als ob sie über eine Menge kleiner Gesprächsgegenstände unbefangen plauderte, während im stillen aller Augen und Gedanken nach dem abgesonderten Paare schweiften. Der Chorus war ausnehmend ängstlich besorgt, da ihn vielleicht die bange Ahnung quälte, daß ihm etwas Bedeutendes entzogen werden sollte. Bischof allein sprach ruhig und unbekümmert fort. Er sprach mit dem großen Arzt über die Abspannung der Kehle, mit der junge Geistliche so häufig behaftet seien, und die Mittel, dem häufigen Vorkommen dieses Übels in der Kirche vorzubeugen. Der Arzt meinte, es sei im allgemeinen die beste Art dies zu vermeiden, wenn man wisse, wie man lesen solle, falls man das Lesen zur Profession mache. Bischof sagte zweifelnd, ob das wirklich seine Ansicht sei? Und der Arzt sagte, ganz entschieden sei das seine Ansicht.

Ferdinand war indes der einzige, der außerhalb des Kreises umherscharmützelte; er hielt ungefähr die Mitte zwischen diesem und den beiden, als wenn eine chirurgische Operation von Lord Decimus an Mr. Merdle oder von Mr. Merdle an Lord Decimus vorgenommen würde und seine Dienste zum Verbande jeden Augenblick notwendig sein könnten. Wirklich rief Lord Decimus nach einer Viertelstunde: »Ferdinand!«, und er ging hinein und nahm für fünf Minuten eine Stelle bei der Konferenz ein. Dann machte sich ein halbunterdrücktes Aufatmen unter der Gesellschaft Luft: denn Lord Decimus stand auf, um Abschied zu nehmen. Wiederum von Ferdinand nach dem Punkt geleitet, wo er sich herablassend zeigen konnte, schüttelte er der ganzen Gesellschaft auf die glänzendste Weise die Hand und sagte sogar zu Advokat: »Ich hoffe. Sie fühlen sich nicht durch meine Birnen verletzt?« Worauf Advokat entgegnete: »Eton, Mylord, oder Parlament?« was deutlich zeigte, daß er den Scherz verstanden hatte, da er darauf einging und zuletzt noch zart zu verstehen gab, daß er ihn sein ganzes Leben nicht vergessen werde.

All die große Bedeutung, die in Mr. Tite Barnacle eingeknöpft war, entfernte sich hierauf: nach diesem Ferdinand, der in die Oper ging. Einige von den übrigen blieben noch ein wenig, indem sie goldene Likörgläser durch klebrige Ringe mit Boule-Tischen vermählten, auf die Gefahr hin, daß Mr. Merdle etwas sage. Aber Mr. Merdle, der wie gewöhnlich träumerisch und verdrießlich in seinen Empfangszimmern umherschlenderte, sagte nie ein Wort.

Einige Tage später wurde der ganzen Stadt verkündigt, daß Edmund Sparkler, Esquire, der Stiefsohn des ausgezeichneten, weltberühmten Mr. Merdle, einer der Lords des Circumlocution Office geworden: und allen Treugläubigen wurde proklamiert, daß diese herrliche Ernennung als ein dankbares und schönes Zeichen der Huldigung begrüßt werden müsse, die der dankbare und herrliche Lord Decimus dem kommerziellen Interesse darbringe, das stets in einem großen Handelsstaat – und so weiter mit Pauken und Trompeten. Durch diesen Beweis der Huldigung gehoben, nahmen die herrliche Bank und alle übrigen herrlichen Unternehmungen ihren Fortgang: und Gaffer kamen nach Harley Street, Cavendish Square, nur um das Haus zu betrachten, wo das goldene Wunder lebte.

Und wenn sie den Oberhaushofmeister sahen, der in seinen herablassenden Augenblicken zur Flurtür herausschaute, sagten sich die Gaffer, wie reich er aussehe, und hätten gar gern gewußt, wieviel Geld er in der prachtvollen Bank habe. Aber wenn sie diese respektable Nemesis besser gekannt hätten, würden sie nicht neugierig gewesen sein und den Betrag mit der größten Genauigkeit haben angeben können.