Zehntes Kapitel.


Zehntes Kapitel.

Enthält die Folgen, die das Unglück des Midshipman nach sich zieht.

Major Bagstok hatte oft und lang über den Prinzessinnenplatz hinüber durch seinen doppeltstarken Fernstecher unsern Paul beobachtet und hatte durch den Eingeborenen, der deshalb einen beharrlichen Verkehr mit dem Dienstmädchen der Miß Tox unterhielt, täglich, wöchentlich und monatlich ausführliche Berichte über den fraglichen Gegenstand erhalten. So gelangte er zu dem Schlusse, daß Dombey, Sir, ein Mann sei, den man kennenlernen müsse, und daß J.B. diese Bekanntschaft nicht versäumen dürfe.

Miß Tox jedoch behauptete ihr zurückhaltendes Benehmen und wies den Major mit großer Kälte zurück, so oft er sie – was zu sternchenland.com verschiedenen Malen geschah – über diesen Gegenstand auszuforschen versuchte. Der Major wollte daher, trotz seiner angeborenen Zähigkeit und Schlauheit, lieber die Erfüllung seines Wunsches einigermaßen dem Zufall überlassen, der, wie er in seinem Klub kichernd zu bemerken pflegte, »fünfzig gegen einmal stets zugunsten des Joey B. stand, Sir, seit sein älterer Bruder in Westindien an dem gelben Jack starb.«

Es dauerte lange, bis er ihm in dem gegenwärtigen Falle zu Hilfe kam. Am Ende aber hatte er doch Glück. Als der schwarze Diener mit allen Einzelheiten berichtete, daß Miß Tox im Brightondienst abwesend sei, wandelten den Major plötzlich zärtliche Erinnerungen an seinen Freund Bill Bitherstone in Bengalen an, der ihm geschrieben hatte, wenn er je in diese Gegend käme, möchte er doch seinen einzigen Sohn besuchen. Zur Zeit übrigens, als derselbe schwarze Diener meldete, Paul befinde sich bei Mrs. Pipchin. Dadurch gab er dem Major Anlaß, sich des Briefes zu erinnern, den ihm Master Bitherstone bei seiner Ankunft in England überreicht hatte. Zwar war er damals nicht entfernt geneigt, diesem je Aufmerksamkeit zu schenken. Der ehrenwerte Krieger lag nun gerade an einem Gichtanfall danieder, und er wurde über die Meldung so wütend, daß er zum Dank dem Schwarzen einen Fußschemel nachwarf und hoch und teuer schwur, er wolle den Kerl noch eigenhändig umbringen – eine Drohung, die der Schwarze mehr als halb zu glauben geneigt war.

Endlich war der Anfall vorübergegangen, und der Major begab sich eines Sonnabends, den Eingeborenen hinter sich, nach Brighton hinunter, unterwegs stets Miß Tox anredend und über der Aussicht die Augen aufreißend, daß er jetzt den ausgezeichneten Freund, mit dem sie so geheimnisvoll getan und um dessen willen sie ihn verlassen hatte, im Sturm erobern könne.

»Meint Ihr, Ma’am – meint Ihr?« sagte der Major, von Rachsucht glühend, während die dicken Adern seines Kopfes noch mehr aufquollen. »Glaubt Ihr, Ihr könnt Joe B. den Laufpaß geben, Ma’am? Es ist noch nicht so weit, Ma’am, noch lange nicht! Zum Teufel, noch nicht, Sir. Joe hat die Augen offen, Ma’am. Bagstok ist wachsam. J.B. versteht sich auch auf einen und den andern Schachzug, Ma’am. Ihr werdet Josh zäh finden, Ma’am. Zäh, Sir, zäh ist Joseph und verteufelt schlau.«

Sehr zäh fand ihn jedenfalls Master Bitherstone, als er diesen jungen Gentleman zu einem Spaziergang mitnahm. Der Major nämlich mit seinem Gesicht wie ein Stiltonkäse und seinen Augen ähnlich denen eines Kabeljaus streifte, völlig gleichgültig gegen Master Bitherstones Unterhaltung, umher und schleppte ihn mit sich, während er sich allenthalben nach Mr. Dombey und dessen Kindern umsah.

Da er übrigens zuvor von Mrs. Pipchin unterrichtet war, so erspähte er bald Paul und Florence, auf die er unverzüglich zusteuerte. Sie hatten einen stattlichen Gentleman (ohne Zweifel Mr. sternchenland.com Dombey) in ihrer Gesellschaft. Während er mit Mr. Bitherstone in das Herz dieses kleinen Geschwaders brach, traf es sich natürlich, daß der kleine Begleiter die Genossen seiner Leiden anredete. Der Major machte sofort halt, um ihnen seine Aufmerksamkeit und Bewunderung zu schenken, erinnerte sich erstaunt, daß er sie bei seiner Freundin Miß Tox auf dem Prinzessinnenplatz gesehen und gesprochen habe, meinte, Paul sei ein verteufelt hübscher Bursche und sein kleiner Freund, fragte, ob sich dieser des Majors Joey B. entsinne. Schließlich wandte er sich, plötzlich die gesellschaftliche Etikette berücksichtigend, an Mr. Dombey, um sich gegen ihn zu entschuldigen.

»Aber mein kleiner Freund hier, Sir«, sagte der Major, »macht mich wieder zu einem Knaben. Ein alter Soldat, Sir – Major Bagstok, Euch zu dienen – scheut sich nicht, dies einzugestehen.« Der Major lüftete dabei seinen Hut. »Gott verdamm‘ mich, Sir«, fügte der Major mit unerwarteter Wärme bei, »ich beneide Euch.« Dann besann er sich jäh und sagte: »Entschuldigt meine Freimütigkeit.«

Mr. Dombey bat ihn, nicht davon zu reden.

»Ein alter Lagergesell, Sir«, sagte der Major, »ein von Rauch ausgedorrter, sonnverbrannter, verbrauchter, invalider, alter Hund von Major, Sir, wird allerdings nicht zu fürchten haben, wegen seiner Grille von einem Mann, wie Mr. Dombey, verurteilt zu werden. Ich glaube doch, daß ich die Ehre habe, Mr. Dombey anzureden?«

»Ich bin gegenwärtig der unwürdige Repräsentant dieses Namens, Major«, entgegnete Mr. Dombey.

»Bei Gott, Sir!« erwiderte der Major, »es ist ein großer Name. Es ist ein Name, Sir«, fügte er mit Bestimmtheit bei, als wolle er Mr. Dombey zum Widerspruch herausfordern, um alsdann die schmerzliche Pflicht zu erfüllen, mit ihm anzubinden, »den man in allen auswärtigen Besitzungen des britischen Reichs kennt und ehrt. Es ist ein Name, Sir, den man mit Stolz tragen darf. Joseph Bagstok hat nichts von Schmeichelei an sich, Sir. Seine Königliche Hoheit der Herzog von York bemerkte bei mehr als einer Gelegenheit, ›Joey ist kein Schmeichler. Joe ist ein einfacher, alter Soldat. Joseph ist zäh, daß man es fast bedauern möchte.‹ Aber es ist ein großer Name, Sir. Bei dem Allmächtigen, es ist ein großer Name«, fügte der Major feierlich bei.

»Ihr seid gütig genug, ihn vielleicht höher anzuschlagen, als er es verdient, Major«, versetzte Mr. Dombey.

»Nein, Sir«, sagte der Major. »Mein kleiner Freund hier, Sir, wird es Joseph Bagstok bezeugen, daß er ein durchgreifender, fadengerader, ehrlicher, alter Tropf ist, Sir, weiter nichts. Dieser Knabe, Sir«, fuhr der Major in gedämpftem Ton fort, »wird in der Geschichte leben. – Dieser Knabe, Sir, ist keine gewöhnliche Erscheinung. Tragt Sorge für ihn, Mr. Dombey.«

Mr. Dombey schien andeuten zu wollen, daß er sich bemühen werde, es zu tun.

»Da ist auch ein Junge, Sir«, fuhr der Major vertraulich fort sternchenland.com und versetzte dem gemeinten einen Stoß mit seinem Rohr. »Sohn von Bitherstone in Bengalen. Bill Bitherstone, vormals einer der Unsrigen, Der Vater dieses Knaben und ich, wir waren geschworne Freunde. Wohin Ihr auch gehen mochtet, Sir, hörtet Ihr von nichts, als von Bill Bitherstone und Joe Bagstok. Bin ich blind gegen die Mängel dieses Knaben? Keineswegs. Er ist ein Einfaltspinsel, Sir.«

Mr. Dombey blickte nach dem geschmähten Master Bitherstone hin, von dem er wenigstens ebensoviel wußte wie der Major, und versetzte in selbstgefälliger Weise:

»Wirklich?«

»Ja, das ist er, Sir«, sagte der Major. »Er ist ein Einfaltspinsel. Joe Bagstok ist nicht der Mann, etwas zu bemänteln. Der Sohn meines alten Freundes Bill Bitherstone in Bengalen ist ein geborener Einfaltspinsel, Sir.« Dabei lachte der Major, bis er fast blau wurde. »Mein kleiner Freund ist vermutlich für eine öffentliche Schule bestimmt?« fügte er hinzu, nachdem er sich wieder erholt hatte.

»Ich bin noch nicht ganz schlüssig«, entgegnete Mr. Dombey, »Ich glaube nicht. Er ist so zart.«

»Wenn er so zart ist, Sir«, sagte der Major, »so habt Ihr recht. Nur zähe Kameraden können es in Sandhurst aushalten, Sir. Jeder andere wurde dort eigentlich gefoltert. Wir brieten die neuen Ankömmlinge bei einem langsamen Feuer und hingen sie, den Kopf unter sich, zu einem drei Treppen hohen Fenster hinaus. Joseph Bagstok, Sir, wurde gleichfalls für die Dauer von dreizehn Minuten nach der Kollegsuhr an den Fersen seiner Stiefel zum Fenster hinausgehalten.«

Zur Bekräftigung dieses Umstandes hätte sich der Major wohl auf sein Gesicht berufen können, denn dieses schien wirklich den Beweis zu liefern, als hätte er ein bißchen zu lang gehangen.

»Aber es machte uns zu dem, was wir waren«, sagte der Major, den Busenstreif seines Hemdes ordnend, »Wir waren von Eisen, Sir, und solche Übungen dienten als Schmiede. Wohnt Ihr hier, Mr. Dombey?«

»Ich komme in der Regel einmal wöchentlich herunter, Major«, erwiderte dieser Gentleman. »Mein Wohnquartier ist an dem Bedford.«

»So werde ich die Ehre haben. Euch an dem Bedford meine Aufwartung zu machen, Sir, wenn Ihr es mir gestattet«, sagte der Major. »Joe B., Sir, hält im allgemeinen nicht viel auf Besuche, aber Mr. Dombeys Name gehört nicht unter die gewöhnlichen. Ich bin meinem kleinen Freunde sehr viel verpflichtet für die Ehre dieser Bekanntschaft.«

Mr. Dombey gab eine sehr gnädige Erwiderung, und Mr. Bagstok tätschelte Paul auf den Kopf, worauf er gegen Florence bemerkte, »ihre Augen würden bald mit den jungen Burschen ein Teufelsspiel anfangen. Und mit den alten dazu, Sir, wenn wir nun mal darauf kommen«, fügte er unter vielem Kichern bei, störte dann Master Bitherstone mit seinem Spazierstock auf und entfernte sich sternchenland.com mit diesem jungen Gentleman in einer Art von Halbtrab, wobei er mit großer Würde seinen Kopf rollte und hustete, in seinem Marsch die Füße sehr weit auseinander spreizend.

In Erfüllung seiner Zusage machte der Major Mr. Dombey später einen Besuch, der von Mr. Dombey, nachdem er die Armeeliste zu Rate gezogen hatte, erwidert wurde. Dann sprach der Major auch in Mr. Dombeys Stadthaus vor und machte seinen nächsten Besuch zu Brighton in Mr. Dombeys Kutsche. Mit einem Worte, die Bekanntschaft dieser beiden Ehrenmänner nahm einen ungemein schnellen Fortgang, und Mr. Dombey bemerkte in betreff des Majors gegen seine Schwester, daß er zwar ein ganz militärischer Mann sei, aber trotzdem etwas mehr in sich trage, sintemal er eine ganz bewunderungswürdige Vorstellung über die Wichtigkeit von Dingen habe, die zu seinem Beruf in keiner Beziehung stünden.

Als später Mr. Dombey seine Schwester und Miß Tor nach Brighton nahm und den Major daselbst bereits vorfand, lud er ihn zum Diner nach dem Bedford ein und machte schon im voraus Miß Tor große Komplimente wegen ihres Nachbars und Bekannten. Ungeachtet des Herzklopfens, das dergleichen Anspielungen hervorriefen, waren sie doch Miß Tor durchaus nicht unangenehm, da sie sich dabei ungemein interessant machen und eine gelegentliche Verwirrtheit zur Schau tragen konnte, die sie nicht ungern blicken ließ. Der Major gab ihr reichlichen Anlaß, diese Erregung zu entfalten; denn er beklagte sich beim Diner sehr, daß sie von ihm und dem Prinzessinnenplatze desertiert sei, und da ihm dergleichen Klagen große Freude zu machen schienen, so lief alles ganz herrlich ab.

Bei Tafel übernahm der Major die Aufgabe der ganzen Unterhaltung und zeigte hierfür eine ebenso große Gier wie in Beziehung auf die verschiedenen Leckerbissen, in denen er sich, sozusagen, fast wälzte – sehr zur Steigerung seiner inflammatorischen Liebhabereien. Mr. Dombey ließ sich bei seinem gewöhnlichen, abgemessenen Schweigen diese Anmaßung gern gefallen, und der Major fühlte, daß er sich mit Glanz ausnahm. Auch entrang ihm der Schwung seines Geistes eine so endlose Anzahl von neuen Wechseln in seinem Namen, daß er selbst darüber erstaunte. Mit einem Wort, alles vergnügte sich recht gut. Man betrachtete den Major als einen Mann, der eine unerschöpfliche Unterhaltungsgabe habe, und als er endlich nach einer langen Partie Whist sich verabschiedete, machte Mr. Dombey Miß Tor abermals ein Kompliment über ihren Nachbar und Bekannten. Aber auf dem ganzen Weg zu dem Hotel sagte der Major unaufhörlich zu sich und von sich selbst: »Schlau, Sir – schlau, Sir – verteufelt schlau!« Und als er daselbst angelangt war, setzte er sich auf einen Stuhl nieder und brach in ein stummes Gelächter aus – ein Anfall, dem er hin und wieder ausgesetzt war und der ihn stets in einem besonders schauerlichen Licht erscheinen ließ. Bei der erwähnten Gelegenheit hielt er so lange an, daß ihn der schwarze Diener, der ihm aus der Ferne zusah und um keinen Preis der Welt heranzutreten sich erdreistete, zwei- oder dreimal für verloren gab. sternchenland.com Seine ganze Gestalt, namentlich aber sein Gesicht und sein Kopf, erweiterte sich über alle frühere Erfahrung und boten dem Schwarzen einen Anblick, der sich wie eine keuchende Masse von Indigo ausnahm. Endlich verfiel er in einen ungestümen Hustenanfall, und als es damit etwas besser wurde, brach er in nachstehende Ergießung aus:

»Möchtet Ihr, Ma’am – möchtet Ihr? Mistreß Dombey, eh, Ma’am? Ich denke nicht, Ma’am, solange Joe B. eine Speiche in Euer Rad einsetzen kann, Ma’am. J. B. ist jetzt quitt mit Euch, Ma’am. Er ist noch nicht ganz ausgekegelt, Sir – nein, Bagstok ist’s noch nicht. Sie ist gerissen, gerissen, Sir, aber Josh ist noch gerissener. Der alte Joe hat die Augen offen – hell offen – sperrangelweit offen, Sir!«

Die letzte Versicherung war ohne Zweifel bis zu einem furchtbaren Umfang wahr, und so blieb sie es auch während des größten Teils der Nacht, die der Major hauptsächlich in ähnlichen Ausrufen und unter unterschiedlichen Husten- oder Erstickungsanfällen verbrachte, womit er das ganze Haus aufstörte.

Am Tage nach diesem Vorgang, der ein Sonntag war, saßen Mr. Dombey, Mrs. Chick und Miß Tor eben beim Frühstück und ergingen sich in Lobeserhebungen über den Major, als Florence mit glührotem Gesicht und vor Freude funkelnden Augen hereingeeilt kam.

»Papa! Papa!« rief sie. »Hier ist Walter – er will nicht hereinkommen.«

»Wer?« entgegnete Mr. Dombey. »Was meint sie damit? Was soll das heißen?«

»Walter, Papa«, versetzte Florence schüchtern, denn sie fühlte wohl, daß sie mit allzu großer Vertraulichkeit ihrem Vater unter die Augen getreten war, »der mich fand, als ich mich verirrt hatte.«

»Meint sie den jungen Gay, Louisa?« fragte Mr. Dombey, seine Augenbrauen runzelnd. »In der Tat, das Benehmen dieses Kindes ist sehr lärmend geworden. Unmöglich kann sie den jungen Gay meinen. Sieh nach, was es gibt – willst du so gut sein?«

Mrs. Chick eilte in den Flur hinaus und kehrte mit der Kunde zurück, daß allerdings der junge Gay da sei und eine sehr seltsam aussehende Person zum Begleiter habe. Der Knabe wolle sich nicht die Freiheit nehmen, hereinzukommen, weil er gehört habe, daß Mr. Dombey beim Frühstück sei – er warte deshalb, bis ihm von Mr. Dombey die Erlaubnis dazu erteilt werde.

»Bemerke dem Jungen, er solle nur jetzt hereinkommen«, sagte Mr. Dombey. »Nun, Gay, was gibt es? Wer hat Euch heruntergeschickt? Hat niemand anders kommen können?«

»Ich bitte um Verzeihung«, entgegnete Walter, »ich bin nicht geschickt worden. Aus eigenem Antrieb habe ich mich erdreistet, zu kommen, und ich hoffe, Ihr werdet mir vergeben, wenn ich den Grund dazu erzählt habe.«

Aber Mr. Dombey blickte, ohne auf die Worte des Knaben zu achten, ungeduldig rechts und links von ihm, als wäre Walter ein Pfeiler in seinem Weg, nach einem dahinter befindlichen Gegenstand. sternchenland.com »Was ist das?« fragte Mr. Dombey. »Wer ist das? Vermutlich habt Ihr die Tür verfehlt, Sir.«

»O, es tut mir sehr leid, wenn ich Euch mit irgend jemandem aufdringlich bin, Sir«, rief Walter hastig – »aber dies ist – dies ist Kapitän Cuttle, Sir.«

»Wal’r, mein Junge«, bemerkte der Kapitän mit tiefer Stimme, »halt stand!«

Zu gleicher Zeit kam er ein wenig weiter herein und stellte seinen weiten blauen Anzug, den segelförmigen Hemdkragen und die knaufige Nase ins volle Licht. Nachdem er sich gegen Mr. Dombey verbeugt hatte, schwenkte er, den harten Glanzhut in der einen Hand und den Eindruck desselben in einem roten Ring um seine Stirne zur Schau tragend, höflich seinen Haken gegen die Damen.

Mr. Dombey schaute mit Staunen und Unwillen auf diese Erscheinung; seine Blicke schienen anzudeuten, als wolle er Mrs. Chick und Miß Tox zur Abwehr aufbieten. Der kleine Paul, der hinter Florence hereingekommen war, ging, als der Kapitän seinen Hut schwenkte, rücklings auf Miß Tox zu und hielt sich auf Verteidigung gefaßt.

»Nun, Gay«, sagte Mr. Dombey, »was habt Ihr mir zu sagen?«

Abermals bemerkte der Kapitän gleichsam als allgemeine Einleitung zu dem Gespräch, die nicht verfehlen sollte, alle Parteien günstig zu stimmen:

»Wal’r, halt stand!«

»Ich fürchte, Sir«, begann Walter mit Zittern und mit zu Boden geschlagenen Augen, »daß ich mir eine große Freiheit nehme – ja ich weiß sogar, daß ich es tue. Auch würde ich, fürchte ich, kaum den Mut gehabt haben, bei Euch vorzusprechen, Sir, selbst nachdem ich heruntergekommen war – wenn mir nicht Miß Dombey begegnet wäre und –«

»Schon gut«, sagte Mr. Dombey, seinen Augen folgend, als der Knabe nach der aufmerksamen Florence hinblickte, und unwillkürlich die Stirne runzelnd, als er bemerkte, daß sie ihn mit einem Lächeln ermutigte. »Fahrt fort, wenn ich bitten darf.«

»Ja, ja«, bemerkte der Kapitän in der Meinung, es liege ihm ob, seine gute Erziehung zu zeigen und Mr. Dombey zu unterstützen. »Wohl gesprochen! fahrt fort, Wal’r.«

Kapitän Cuttle hätte eigentlich bei dem Blick, den ihm Mr. Dombey zum Dank für diesen Beistand zuwarf, in den Boden sinken sollen; aber etwas der Art fiel ihm nicht ein; denn er schloß bloß zur Erwiderung das eine Auge und gab Mr. Dombey durch gewisse bedeutsame Bewegungen mit seinem Hut zu verstehen, Walter sei zwar anfangs ein bißchen verschämt, werde übrigens bald mit der Farbe herausrücken.

»Es ist ausschließlich eine persönliche Angelegenheit, die mich hierher geführt hat, Sir«, fuhr Walter stockend fort, »und Kapitän Cuttle –«

»Hier!« fiel der Kapitän ein – gleichsam zur Versicherung, daß er zur Hand sei und man sich auf ihn verlassen könne.

»Ein langjähriger Freund von meinem armen Onkel und ein ganz vortrefflicher Mann, Sir«, fuhr Walter fort, indem er seine Augen erhob, um einen Blick der Bitte zugunsten des Kapitäns zu entsenden, »war so gütig, mir seine Begleitung anzubieten, die ich kaum zurückweisen konnte.«

»Nein, nein, nein«, bemerkte der Kapitän selbstgefällig. »Natürlich nicht, war kein Grund zu einer Zurückweisung da. Fahrt fort, Wal’r.«

»Und deshalb, Sir«, sagte Walter, der es nun wagte, zu Mr. Dombeys Auge aufzusehen, und mit größerem Mut fortfuhr, weil er sah, daß der Fall verzweifelt und nicht mehr zu umgehen war, »deshalb bin ich mit ihm gekommen, Sir, um Euch zu sagen, daß mein armer, alter Onkel in sehr großer Not und Bedrängnis ist. Seine Kundschaft hat sich allmählich verloren, und er ist nun nicht imstande, eine Zahlung zu machen, die, wie ich wohl weiß, ihm schon seit Monaten schwer auf dem Herzen gelegen hat. Er hat jetzt Konkurs in seinem Haus und steht in Gefahr, alles, was er hat, zu verlieren. Natürlich muß ihm dies das Herz brechen. Ihr kennt ihn schon längst als einen achtbaren Mann, und wenn Ihr so gütig sein wolltet, etwas zu tun, um ihm aus seiner Schwierigkeit zu helfen, Sir, so könnten wir Euch nie dankbar genug dafür sein.«

Während Walter dies sprach, füllten sich seine Augen mit Tränen, und ebenso erging es Florence. Der Vater bemerkte den Tau an den Wimpern seiner Tochter, obschon er sich den Anschein gab, als sehe er bloß nach Walter hin.

»Es ist eine sehr große Summe, Sir«, sagte Walter. »Mehr als dreihundert Pfund. Mein Onkel ist durch sein Unglück völlig zu Boden gedrückt und außerstande, etwas zu seiner eigenen Erleichterung zu tun. Ja, er weiß nicht einmal, daß ich hier bin, um mit Euch über die Sache zu sprechen. Ihr verlangt wahrscheinlich, Sir«, fügte Walter nach einem kurzen Stocken bei, »ich solle sagen, was ich denn eigentlich wolle. Ich weiß es in der Tat selbst nicht, Sir. Wir haben noch das Warenlager meines Onkels, und ich glaube mit Zuversicht sagen zu können, daß keine weiteren Forderungen darauf haften; auch ist hier Kapitän Cuttle, der sich gleichfalls zur Bürgschaft erbietet. Ich – ich mag kaum einen Verdienst, wie der meine es ist, berühren«, fügte Walter bei; »aber wenn Ihr erlauben wolltet, – stehen lassen – Zahlung – Vorschuß – der Onkel – ein darbender, ehrlicher, alter Mann –«

Von diesen gebrochenen Sätzen aus ging Walter in ein Schweigen über und blieb mit gesenktem Haupt vor seinem Chef stehen.

Kapitän Cuttle hielt diesen Augenblick für günstig, seine Pretiosen zu entfalten, weshalb er an den Tisch trat, unter den Frühstücktassen neben Mr. Dombey einen Platz räumte, die silberne Uhr, das bare Geld, die Teelöffel und die Zuckerzange herausholte und sie in einem Haufen aufschichtete, damit sie sich so wertvoll als möglich ausnehmen möchten. Dabei brachte er folgende Worte hervor:

»Ein halber Laib ist besser, als gar kein Brot, und dieselbe Bemerkung hält auch stich bei den Krumen. Da sind einige. Ein Jahresgehalt von hundert Pfund sieht gleichfalls zur Verfügung, Wenn es in der ganzen Welt einen Mann gibt, der voller Wissenschaft steckt, so ist’s der alte Sol Gills. Und wenn es einen hoffnungsvollen Jungen gibt – einen Jungen, der von Milch und Honig fließt«, fügte der Kapitän in einer von seinen glücklichen Wendungen hinzu – »so ist’s sein Neffe.«

Der Kapitän zog sich nach seinem frühern Platz zurück, wo er stehenblieb und seine wirren Haare mit der Miene eines Mannes ordnete, der in einem schwierigen Geschäft den Schlußpunkt gesetzt hat.

Nachdem Walter zu sprechen aufgehört hatte, wurden Mr. Dombeys Blicke durch den kleinen Paul gefesselt, der, als er seine Schwester aus Mitleid über das vorgetragene Unglück mit gesenktem Haupte stumm weinen sah, zu ihr hinging und sie zu trösten versuchte. Dann blickte er mit einem sehr ausdrucksvollen Gesicht nach Walter und seinem Vater hin. Von Kapitän Cuttles Anrede, die er mit stolzer Geringschätzung aufnahm, auf einen Augenblick abgelenkt, schaute Mr. Dombey wieder nach seinem Sohn hin und blieb einige Momente, das Kind stetig betrachtend, stumm sitzen.

»Aus welchem Anlaß wurde diese Schuld kontrahiert?« fragte endlich Mr. Dombey. »Wer ist der Gläubiger?«

»Er weiß es nicht«, versetzte der Kapitän, seine Hand auf Walters Schulter legend. »Wohl aber ich. Es handelte sich darum, einem Manne, der jetzt tot ist, zu helfen, und dies hat meinem Freund Gills bereits etliche hundert Pfund gekostet. Weiteres unter vier Augen, wenn es erlaubt ist.«

»Leute, die genug mit ihren eigenen Angelegenheiten zu schaffen haben«, sagte Mr. Dombey, der noch immer nach seinem Sohn hinsah, ohne auf die geheimnisvollen Winke zu achten, die der Kapitän hinter Walter machte, »täten am besten, wenn sie sich mit dem, was ihnen selbst obliegt, begnügten und ihre Stellung nicht dadurch erschwerten, daß sie sich für andere Leute verbindlich machen. Es ist ein Akt der Unehrlichkeit und obendrein der Anmaßung«, fügte Mr. Dombey streng hinzu; »eine große Anmaßung, denn auch der Wohlhabende könnte nicht mehr tun. Paul, komm her.«

Der Knabe gehorchte, und Mr. Dombey nahm ihn auf seine Knie.

»Wenn du jetzt Geld hättest«, sagte Mr. Dombey. »Sieh mich an!«

Paul, dessen Blicke nach seiner Schwester und nach Walter hingewandert waren, schaute jetzt seinem Vater ins Gesicht.

»Wenn du jetzt Geld hättest«, sagte Mr. Dombey – »so viel Geld, wie das, von dem der junge Gay gesprochen hat – was würdest du tun?«

»Es seinem alten Onkel geben«, versetzte Paul.

»Es seinem alten Onkel leihen, he?« entgegnete Mr. Dombey. »Gut! du weißt, wenn du alt genug bist, wirst du mein Geld teilen, und wir benützen es dann gemeinschaftlich.«

»Dombey und Sohn«, unterbrach ihn Paul, dem früh diese Phrase eingelernt worden war.

»Dombey und Sohn«, wiederholte sein Vater. »Möchtest du jetzt schon anfangen, Dombey und Sohn zu sein, und dieses Geld dem Onkel des jungen Gay borgen?«

»O gewiß, Papa, wenn ich darf«, sagte Paul; »und ebenso würde es auch Florence machen.«

»Mädchen haben nichts mit Dombey und Sohn zu schaffen«, erwiderte Mr. Dombey. »Du möchtest also –?«

»Ja, Papa, ja.«

»Dann sollst du auch –« erwiderte sein Vater. »Du siehst nun, Paul«, fügte er mit gedämpfter Stimme bei, »wie mächtig das Geld ist und wie sehr es sich die Leute angelegen sein lassen, welches zu erhalten. Der junge Gay ist so weit gekommen, um darum zu bitten, und du, der du es hast, bist so großmütig, es ihm zu geben. Du erweisest ihm damit eine große Gunst, und er muß dir sehr dankbar sein.«

Paul erhob für einen Moment das alte Gesicht, in dem sich aussprach, daß er den Sinn dieser Worte vollkommen begreife; unmittelbar darauf aber wurde sein Antlitz wieder jung und kindlich. Er glitt von dem Knie seines Vaters herunter und eilte auf Florence zu, um ihr zu sagen, sie solle nicht mehr weinen; denn er gehe jetzt, um dem jungen Gay das Geld zu bringen.

Mr. Dombey trat an einen Seitentisch, schrieb einige Zeilen und versiegelte sie. Inzwischen flüsterten Paul und Florence mit Walter, und Kapitän Cuttle schaute auf das Kleeblatt mit so hochstrebenden und unaussprechlich anmaßenden Gedanken herab, daß Mr. Dombey nie daran geglaubt haben würde. Nachdem dieser mit seiner Note zustande gekommen war, kehrte er nach seinem vorigen Platze zurück und hielt sie Walter hin.

»Das erste, was Ihr morgen früh zu tun habt«, sagte er, »ist, daß Ihr Mr. Carker dies übergebt. Er wird Sorge dafür tragen, daß jemand von meinen Leuten durch Bezahlung des Betrags Euern Onkel aus seiner gegenwärtigen Verlegenheit befreit und für die Rückerstattung Vorkehrungen trifft, wie sie sich mit den Umständen Eures Onkels vertragen. Vergeßt dabei nicht, daß Master Paul das für Euch getan hat.«

In der Freude, die Mittel zur Erlösung seines guten Onkels in der Hand zu haben, wollte Walter die Gefühle seines frohen Dankes aussprechen; aber Mr. Dombey fiel ihm ins Wort.

»Vergeßt nicht, daß es durch Master Paul geschehen ist«, wiederholte er. »Ich habe ihm dies auseinandergesetzt, und er begreift es. Ich wünsche, daß kein Wort mehr darüber falle.«

Da der Chef jetzt nach der Türe hin winkte, so konnte sich Walter nur verbeugen und entfernen, Miß Tor aber, als sie sah, daß der Kapitän das gleiche tun wollte, legte sich ins Mittel.

»Mein teurer Sir«, sagte sie zu Mr. Dombey, über dessen Großmut sowohl sie als Mrs. Chick in einen reichlichen Tränenguß ausbrachen, sternchenland.com »ich glaube, Ihr habt etwas übersehen. Verzeiht mir, Mr. Dombey – ich denke, in dem Edelmut Eures Charakters und in dem hohen Ziele, das Ihr Euch setztet, habt Ihr eine Kleinigkeit außer acht gelassen.«

»Wirklich, Miß Tor?« versetzte Mr. Dombey.

»Der Gentleman mit dem – – Instrument«, fuhr Miß Tor fort, indem sie nach Kapitän Cuttle hinsah, »hat neben Euch etwas auf dem Tisch gelassen – –«

»Gütiger Himmel!« sagte Mr. Dombey, das Eigentum des Kapitäns vor sich wegstreifend, als wären es in der Tat nur Brotkrumen gewesen. »Nehmt diese Dinge zurück. Ich bin Euch verbunden, Miß Tor; ich sehe darin ganz Eure gewöhnliche Besonnenheit. Habt die Güte, diese Gegenstände wegzunehmen, Sir!«

Dem Kapitän blieb keine andere Wahl, als zu willfahren. Die Großmut Mr. Dombeys übrigens, der die neben ihm aufgehäuften Schätze zurückwies, erfüllte ihn dermaßen, daß er, sobald er die Teelöffel samt Zuckerzange in der einen, das bare Geld in der andern und die silberne Uhr in der eigens für sie angefertigten Tasche versorgt hatte, sich nicht enthalten konnte, die rechte Hand dieses Gentleman mit der ihm noch gebliebenen Linken zu ergreifen. Während er sie noch offen in seinen gewaltigen Fingern hielt, brachte er in einem Übermaß von Bewunderung den Hut auf den Kopf, und diese Berührung von warmem Gefühl und kaltem Eisen machte auf Mr. Dombey einen Eindruck, daß ihm ein Schauder durch alle Adern rann.

Kapitän Cuttle schwenkte sodann mehreremal mit größter Zierlichkeit und Galanterie seinen Hut gegen die Damen, nahm ganz besonders Abschied von Paul und Florence und folgte Walter nach. Florence wollte in der Fülle ihres Herzens gleichfalls hinaus, um dem alten Sol einen Gruß sagen zu lassen; aber Mr. Dombey rief ihr zu und befahl ihr zu bleiben, wo sie sei.

»Wirst du nie eine Dombey werden, mein liebes Kind?« sagte Mrs. Chick im Ton pathetischen Vorwurfs.

»Liebe Tante, seid nicht böse«, versetzte Florence. »Ich bin dem Papa so dankbar.«

Wie gerne wäre sie auf ihn zugelaufen und hätte ihre Arme um seinen Hals geschlungen; aber sie wagte es nicht, sondern entsandte nur einen Blick des Dankes gegen ihn, wie er sinnend dasaß. Zuweilen schaute er unruhig nach ihr hin; hauptsächlich aber hatte er Paul im Auge, der mit frohem Stolz im Zimmer umherstolzierte, weil er dem jungen Gay das Geld gegeben hatte.

Und der junge Gay – Walter – was ist mit ihm?

Er war überfroh, daß es in seiner Macht lag, das Heim des alten Mannes von Auspfändern und Gerichtsdienern zu reinigen; er eilte daher zurück, um seinem Onkel die gute Kunde zu bringen. Welche Wonne, daß am andern Morgen noch vor dem Mittagessen alles bereinigt und beseitigt sein sollte – daß er abends wieder mit dem alten Sol und dem Kapitän im kleinen Hinterstübchen sitzen – daß er Zeuge sein konnte, wie der Instrumentenmacher wieder sternchenland.com auflebte und einer besseren Zukunft entgegensah, in dem Bewußtsein, daß der hölzerne Midshipman noch immer sein Eigentum war. Ohne daß übrigens seiner Dankbarkeit gegen Mr. Dombey dadurch ein Abtrag geschehen wäre, müssen wir doch gestehen, daß sich Walter gedemütigt und niedergeschlagen fühlte. Wenn unsere knospenden Hoffnungen unwiederbringlich durch einen rauhen Windstoß geknickt sind, fühlen wir uns am meisten geneigt, uns zu vergegenwärtigen, wie später die Blüten ausgefallen sein würden, und als sich jetzt Walter durch die Tiefe des neuen schrecklichen Sturzes so weit von der großen Dombey-Höhe abgeschnitten sah – als er empfand, daß seine alten, wirren Lieblingsvorstellungen bei dem Fall in die Winde zerstreut worden, begann er zu argwöhnen, sie hätten ihn zu harmlosen Visionen verleiten können, deren Ziel in irgendeiner späten Zeit Florences Hand gewesen wäre.

Der Kapitän betrachtete den Gegenstand von einem ganz andern Gesichtswinkel. Er nährte augenscheinlich die Ansicht, die Begegnung, in der er eine so befriedigende und ermutigende Rolle gespielt hatte, stehe nur um ein paar Schritt ab von einer regelmäßigen Verlobung zwischen Florence und Walter. Auch habe das kürzliche Geschäft die Whittingtonschen Hoffnungen ungemein gefördert, wo nicht gar völlig fest begründet. Von dieser Überzeugung, wie auch durch die Freude seines alten Freundes und die folgerichtig daraus fließende eigene Heiterkeit gespornt, versuchte er sogar, als er an demselben Abend die Ballade von der »lieblichen Peeg« zum dritten Male vortrug, aus dem Stegreif den Namen »Florence« einzusetzen. Da ihm das aber schwer wurde, weil das Wort Peeg unabänderlich auf Leg (Bein) reimte – ein Glied, durch dessen Schönheit die besungene Person alle andern Mitbewerberinnen ausstach –, so geriet er auf den glücklichen Gedanken, den Namen in Fle–e–eg umzuwandeln. Er tat dies mit einer fast übernatürlichen Schalkhaftigkeit und mit sehr lärmender Stimme, trotzdem die Zeit nahe war, die ihn nach der Wohnung der schrecklichen Mrs. Mac Stinger zurückbrachte.

Elftes Kapitel.


Elftes Kapitel.

Paul betritt einen neuen Schauplatz.

Obschon Mrs. Pipchin der fleischlichen Schwäche unterworfen war, nach ihren Hammelrippchen der Ruhe zu bedürfen und sich durch die einschläfernde Tätigkeit von Zuckerbrot in Schlummer wiegen zu lassen, war ihre Konstitution doch von so hartem Metall, daß ihr Mrs. Wickhams Prophezeiungen nichts anhaben konnten und sich auch nicht eine Spur von Hinfälligkeit einstellen wollte. Gleichwohl währte Pauls aufrichtige Teilnahme an der alten Dame ungemindert fort, und Mrs. Wickham ließ sich´s nicht nehmen, daß ihre Behauptung sich sicherlich bewahrheiten müsse. Stets sich auf die Seite ihres Onkels Betsey Jane stellend, riet sie Miß Berry als sternchenland.com Freundin, sich aufs Schlimmste gefaßt zu machen, indem sie ihr andeutete, ihre Tante werde einmal so plötzlich und unerwartet absegeln wie eine Pulvermühle.

Die arme Berry schenkte solchen Winken ängstlich Glauben und plackte sich wie gewöhnlich fort, vollkommen überzeugt, daß Mrs. Pipchin eine von den verdienstvollen Personen in der Welt sei, der sie jeden Tag unzählige Male sich selbst zum Opfer bringen müsse. Aber alle diese Hingabe der Nichte wurde von Mrs. Pipchins Freunden und Bewunderern nur der letzteren zur Ehre angerechnet und in Einklang gebracht mit der traurigen Tatsache, daß dem hingeschiedenen Mr. Pipchin die peruanischen Minen das Herz gebrochen hatten.

So gab es zum Beispiel einen ehrlichen Krämer und Kleinhändler, der mit dem Kastell durch ein kleines viel gebrauchtes Abrechnungsbüchlein mit schmieriger roter Decke in Verbindung stand, und die betreffenden Personen hielten oft auf der Matte in dem Flur oder im Besuchzimmer bei geschlossenen Türen unterschiedliche geheime Beratungen und Konferenzen über den Inhalt dieses Registers. Auch fehlte es Master Bitherstone nicht, dessen Temperament durch die Hitze Indiens in seinem Blute rachsüchtig geworden war, an dunkeln Andeutungen auf eine unausgeglichene Bilanz und auf einen Anlaß, dessen er sich noch erinnern konnte, das Fehlen des Zuckers beim Tee betreffend. Dieser Krämer war ein Junggeselle und hatte, da er sich aus dem oberflächlichen Verdienst der Schönheit nichts machte, einmal um Berrys Hand angehalten, war aber von Mrs. Pipchin mit Schimpf und Schande abgewiesen worden. Jedermann lobte diese Handlung der Mrs. Pipchin außerordentlich, da es der Hinterbliebenen eines Mannes, der an den peruanischen Minen starb, ganz würdig sei und den vornehmen, hohen Geist der Dame bekunde. Aber niemand sprach etwas von der armen Berry, die sechs Wochen hindurch weinte – natürlich diese ganze Zeit über von ihrer guten Tante tüchtig ausgeschimpft wurde – und sich endlich in das hoffnungslose Geschick der alten Jungfern ergab.

»Berry hat Euch sehr lieb, nicht wahr?« fragte Paul eines Tages Mrs. Pipchin, als sie wieder mit der Katze beim Feuer zusammensaßen.

»Ja«, antwortete Mrs. Pipchin.

»Warum?« fragte Paul.

»Warum?« erwiderte die alte Dame erstaunt. »Wie könnt Ihr nur solche Dinge fragen? Warum liebt Ihr Eure Schwester Florence?«

»Weil sie sehr gut ist«, sagte Paul. »Es gibt niemand, der mit Florence zu vergleichen wäre.«

»Gut«, entgegnete Mrs. Pipchin etwas pikiert, »und es gibt vermutlich auch niemand, der mit mir zu vergleichen wäre.«

»Gibt es wirklich niemand?« fragte Paul, indem er sich in seinem Stuhl nach vorn beugte und sie mit sehr ernstem Blick ansah.

»Nein«, erwiderte die alte Dame.

»Ich bin froh darüber«, bemerkte Paul, gedankenvoll seine Hände reibend. »Dies ist sehr gut.«

Mrs. Pipchin wagte es nicht, ihn nach dem Grund zu fragen, weil sie Angst hatte, eine völlig vernichtende Antwort zu erhalten. Zur Schadloshaltung für ihre verwundeten Gefühle aber plagte sie bis zum Schlafengehen Master Bitherstone in so hohem Grade, daß dieser noch in derselben Nacht Vorbereitungen zu einer Landreise nach Indien traf, indem er von seinem Abendessen einen Viertels-Weck und ein Stückchen Edamer Käse aufsparte, damit er sich unterwegs davon ernähren könne.

Mrs. Pipchin hatte den kleinen Paul und seine Schwester beinahe zwölf Monate in ihrer Obhut gehabt, ohne daß die Geschwister öfter als zweimal und auch dann nur für einige Tage einen Besuch in der Heimat gemacht hätten. Dagegen hatte Mr. Dombey nicht versäumt, sich jede Woche in dem Hotel einzufinden und seine Kinder zu sich rufen zu lassen. Inzwischen hatten Pauls Kräfte allmählich etwas zugenommen, so daß er seinen Wagen nicht mehr brauchte, gleichwohl aber sah er noch immer sehr schmächtig und blaß aus. Er war dasselbe alte, ruhige, träumerische Kind wie damals, als er Mrs. Pipchin übergeben wurde. Eines Sonntags, zur Zeit der Abenddämmerung, entstand eine große Bestürzung in dem Kastell durch die unerwartete Ankündigung, daß Mr. Dombey Mrs. Pipchin zu besuchen wünsche. Die Bevölkerung des Wohnzimmers wurde wie auf den Flügeln einer Windsbraut eine Treppe höher hinausgejagt, und nach vielem Zuschlagen der Schlafzimmertüren, vielem Getrampel oben und einigen Rippenstößen, die Mrs. Pipchin zur Erleichterung der Verstörtheit ihres Geistes an Master Bitherstone austeilte, zeigten sich die schwarzen Bombasingewänder der würdigen alten Dame in dem Audienzgemach, wo Mr. Dombey den leeren Lehnstuhl seines Sohnes und Erben betrachtete.

»Wie geht’s Euch, Mrs. Pipchin?« fragte Mr. Dombey.

»Danke schön, Sir«, versetzte Mrs. Pipchin; »beziehungsweise ziemlich gut.«

Mrs. Pipchin pflegte sich stets dieser Formel zu bedienen. Sie wollte damit sagen in Beziehung auf ihre Verdienste, Opfer usw.

»Ich kann nicht erwarten, Sir, mich ganz gut zu befinden«, fuhr Mrs. Pipchin fort, indem sie sich auf einen Stuhl setzte und ihren Atem sammelte; »aber wie meine Gesundheit eben ist, bin ich dankbar dafür.«

Mr. Dombey neigte den Kopf mit der selbstzufriedenen Miene eines Gönners, der fühlte, daß dies gerade der rechte Schlag war, für den er so große Summen vierteljährlich bezahlte. Nach einer kurzen Pause ergriff er das Wort.

»Mrs. Pipchin«, sagte er, »ich habe mir die Freiheit genommen, Euch zu besuchen, um mich mit Euch wegen meines Sohnes zu beraten. Ich habe es schon früher tun wollen, verschob es aber immer wieder, bis seine Gesundheit ganz hergestellt wäre. Über diesen Gegenstand hegt Ihr doch keine Besorgnisse mehr, Mrs. Pipchin?«

»Brighton ist ihm sehr gut bekommen, Sir«, erwiderte Mrs. Pipchin.

»Ich habe deshalb im Sinn«, sagte Mr. Dombey, »ihn hier zu lassen.«

Mrs. Pipchin rieb sich die Hände und suchte mit ihren grauen Augen das Feuer.

»Aber«, fuhr Mr. Dombey fort, indem er seinen Zeigefinger ausstreckte, »aber es ist möglich, daß dennoch eine Veränderung vor sich geht und er hier eine andere Lebensweise führen soll. Kurz, Mrs. Pipchin, dies ist die Ursache meines Besuches. Mein Sohn kommt vorwärts, Mrs. Pipchin, In der Tat, er kommt vorwärts.«

Es lag etwas Schwermütiges in der triumphierenden Miene, denn man sah daraus, wie lang ihm Pauls kindliches Leben geworden war, und wie alle seine Hoffnungen nur auf ein späteres Stadium in seinem Dasein hinwiesen. Bei einem so stolzen, kalten Menschen dürfte das Wort Mitleid befremdend erscheinen, und doch hätte man in jenem Augenblick ihn als einen Gegenstand betrachten können, bei dem ein solches Gefühl sehr am rechten Orte war.

»Sechs Jahre alt!« sagte Mr. Dombey, an seiner Halsbinde zupfend – vielleicht um ein ununterdrücktes Lächeln zu verbergen, das über der Oberfläche seines Gesichts eher ruhlos hinzuhuschen, als daß es für einen Moment zu spielen schien. »Du meine Güte, die sechs werden zu sechzehn umgewandelt sein, ehe wir Zeit haben, uns umzuschauen,«

»Zehn Jahre«, krächzte die unsympathische Pipchin mit einem kalten Blick ihrer starren Augen und einem traurigen Schütteln des gesenkten Kopfes – »zehn Jahre sind eine lange Spanne.«

»Dies hängt von den Umständen ab«, entgegnete Mr. Dombey. »Jedenfalls ist mein Sohn sechs Jahre, und leider besteht kein Zweifel, daß er in seinen Studien hinter vielen Kindern seines Alters weit zurück ist – seiner Jugend, sollte ich vielmehr sagen«, fügte Mr. Dombey in rascher Beantwortung eines schlauen Zwinkerns, das er in dem frostigen Auge der alten Dame zu bemerken glaubte, bei: »denn dies ist ein passenderer Ausdruck. Statt aber seinesgleichen nachzustehen, Mrs. Pipchin, sollte mein Sohn ihnen vielmehr voraus sein – weit voraus. Er hat eine große Höhe zu ersteigen, und in der Laufbahn, die meinem Sohne bevorsteht, ist kein Wandel möglich. Seine Lebensrichtung war schon klar vorbereitet und festgestellt, eh‘ er ins Dasein trat. Die Erziehung eines solchen jungen Gentleman darf nicht verzögert werden – darf nicht unvollkommen bleiben. Man muß immer und mit allem Fleiße daran gehen, Mrs. Pipchin.«

»Gut, Sir«, versetzte Mrs. Pipchin, »ich kann nichts dagegen sagen.«

»Darum habe ich mich auch einer so verständigen Person anvertraut, Mrs. Pipchin«, versetzte Mr. Dombey beifällig.

»Man spricht viel Unsinn – wenn’s nicht etwa gar noch etwas Ärgeres ist – von zu großer Anstrengung junger Menschen in ihrem zarten Alter, von zu vielen Versuchungen und dergleichen, Sir«, fuhr sternchenland.com Mrs. Pipchin fort, indem sie ungeduldig ihre Hakennase rieb. »Zu meiner Zeit dachte man nie daran, und man könnte es auch jetzt unterlassen. Meine Ansicht ist, ihnen nichts zu schenken.«

»Meine gute Madame«, erwiderte Mr. Dombey, »Ihr erfreut Euch nicht unverdient Eures Rufes. Glaubt mir, Mrs. Pipchin, daß ich mit Eurem trefflichen Erziehungsverfahren mehr als zufrieden bin, und daß es mir die größte Freude machen wird, Sie zu empfehlen, wo immer mein geringes Wissen« – Mr. Dombeys Stolz, als er seine eigene Bedeutsamkeit herabzusetzen sich anstellte, überstieg alle Grenzen – »von einigem Nutzen sein kann. Ich habe an Doktor Blimber gedacht, Mrs. Pipchin.«

»Mein Nachbar, Sir?« versetzte Mrs. Pipchin. »Ich halte die Anstalt des Doktors für ganz ausgezeichnet. Wie ich höre, ist die Leitung sehr streng, und man muß lernen vom Morgen bis in die Nacht.«

»Auch ist sie sehr teuer«, fügte Mr. Dombey bei.

»Ja, sehr teuer, Sir«, erwiderte Mrs. Pipchin, sich an diese Tatsache haltend, als hätte sie bei Umgehung derselben das Hauptverdienst des Instituts weggelassen.

»Ich habe schon mit dem Doktor Rücksprache genommen, Mrs. Pipchin«, sagte Mr. Dombey, indem er seinen Stuhl vorsichtig ein wenig näher ans Feuer rückte, »und er ist der Meinung, Paul sei keineswegs zu jung. Er nannte mir einige Knaben, die im gleichen Alter schon Griechisch können. Wenn mich in Beziehung auf diesen Wechsel eine kleine Unruhe quält, Mrs. Pipchin, so liegt der Grund nicht hierin. Da mein Sohn seine Mutter nicht kannte, so hat er allmählich viel – zu viel – von seiner Liebe auf seine Schwester übertragen. Ob ihre Trennung –«

Mr. Dombey sprach nicht weiter, sondern blieb stumm sitzen.

»Papperlapapp!« rief Mrs. Pipchin, ihre schwarzen Bombasinschöße auseinanderschlagend und den ganzen Werwolf, der in ihr stak, entfaltend. »Wenn’s ihr nicht ansteht, Mr. Dombey, so muß man ihr’s eintränken.«

Die gute Dame entschuldigte sich gleich darauf, daß sie eine so gemeine Redewendung brauche, fügte aber – und das war vollkommen der Wahrheit gemäß – bei, daß sie so mit den Kindern zu sprechen pflege.

Mr. Dombey wartete, bis sich an Mrs. Pipchin das Ungestüm, das Kopfschütteln und das Niederzürnen auf eine Legion von Bitherstones und Pankeys gelegt hatte; dann sagte er bloß ruhig, aber zurechtweisend:

»Er, meine gute Madame, er.«

Mrs. Pipchins System würde so ziemlich dieselbe Heilmethode für jede Unruhe bei Paul in Anwendung gebracht haben; da übrigens das harte graue Auge scharf genug war, um zu bemerken, daß das Rezept, wie sehr Mr. Dombey auch dessen Wirksamkeit im Falle der Tochter anerkennen mochte, kein souveränes Mittel für den Sohn war, so erörterte sie den folgenden Punkt und stellte die Behauptung sternchenland.com auf, daß der Wechsel, die neue Gesellschaft und die andere Lebensweise, die er bei Doktor Blimber führen würde, in Vereinigung mit den dort gepflegten Studien ihn sehr bald von diesem Gegenstande abbringen müßten. Dieses stand mit Mr. Dombeys eigenem Hoffen und Glauben in völligem Einklang, weshalb denn auch in den Augen dieses Gentleman die Einsicht der Mrs. Pipchin nur um so höher stand, und da letztere zu gleicher Zeit den Verlust ihres lieben kleinen Freundes beklagte – keine allzugroße Erschütterung für sie, da sie einen ähnlichen Ausgang längst erwartet und von Anfang an sich’s nicht anders gedacht hatte, als daß er etwa drei Monate bei ihr bleiben werde – so bildete sich bei Mr. Dombey eine ebenso gute Meinung über die Uneigennützigkeit der Dame. Es schien deutlich genug, daß er diese Sache sorgfältig erwogen hatte; denn der Plan, welchen er der Werwölfin mitteilte, ging darauf hinaus, Paul nur für das erste halbe Jahr als einen Wochenpensionär in die Anstalt des Doktors zu schicken. Während dieser Zeit sollte Florence in dem Kastell bleiben, damit sie an Sonnabenden von ihrem Bruder besucht werden könne. Hierdurch werde er allmählich entwöhnt, meinte Mr. Dombey – möglicherweise im Hinblick auf einen früheren Anlaß, bei welchem die Entwöhnung sehr plötzlich vor sich gegangen war. Mr. Dombey schloß diese Besprechung, indem er gegen Mrs. Pipchin die Hoffnung aussprach, sie möge stets seinen Sohn in der Zeit seiner Studien zu Brighton überwachen. Nachdem er nun Paul geküßt, Florence die Hand gegeben, Master Bitherstone in seinem Staatskragen gesehen und Miß Pankey durch Tätscheln ihres Kopfes zum Weinen gebracht hatte – sie war nämlich in dieser Gegend ungemein empfindlich, weil Mrs, Pipchin dieselbe gleich einem Fasse mit ihren Fingerknöcheln zu untersuchen pflegte – zog er sich nach seinem Hotel zum Diner zurück, fest entschlossen, daß Paul, der nun alt und kräftig genug sei, eifrig die Schule besuchen solle, welche imstande war, ihn für die Lage zu befähigen, in welcher er einst glänzen sollte. Es war ausgemacht, daß er sofort in Doktor Blimbers Anstalt eintrete.

So oft ein junger Gentleman von Doktor Blimber zur Hand genommen wurde, konnte er eines tüchtigen Drucks versichert sein. Der Doktor übernahm den Unterricht von nur zehn jungen Gentlemen, hatte aber im niedrigsten Anschlag stets eine Gelehrsamkeit für Hunderte in Bereitschaft, und es bildete das Amt und den Genuß seines Lebens, damit die unglücklichen zehn übermäßig zu stopfen.

Doktor Blimbers Institut war in der Tat ein großes Treibhaus, in welchem der Treibapparat sich in steter Tätigkeit befand. Die Knaben blühten insgesamt vor ihrer Zeit. Man sah hier geistige Brockelerbsen um Weihnachten, und intellektueller Spargel war das ganze Jahr über zu finden. Mathematische Stachelbeeren – und zwar sehr saure – ließen sich zu allen Jahreszeiten blicken unter Doktor Blimbers Führung, und zwar an ganz frischen, noch wurzellosen Stöcklingen. Alle Arten von griechischen und lateinischen Gemüsen gediehen an den dürrsten Zweigen von Jungen selbst unter sternchenland.com den frostigsten Umständen. Die Natur spielte dabei durchaus keine Rolle. Gleichviel, wofür auch ein junger Gentleman nach seinen Anlagen bestimmt sein mochte – Doktor Blimber zwang ihn in einer oder der anderen Weise, sich nach seinen idealen Mustern zu bilden.

Das war alles sehr schön und geistreich; aber das Treibhaussystem brachte die gewöhnlichen nachteiligen Folgen mit sich. Die frühreifen Erzeugnisse hatten nicht den rechten Geschmack und hielten sich auch nicht gut. Außerdem hörte ein junger Gentleman mit einer geschwollenen Nase und einem ungemein großen Kopfe – der älteste von den zehn, welcher bereits »alles durchgemacht hatte« – eines Tages plötzlich auf zu blühen, und blieb nur noch als ein bloßer Strunk in der Anstalt. Auch raunten sich die Leute zu, der Doktor habe es mit dem jungen Toots übermacht, und als bei diesem der Backenbart zu sprossen begann, sei ihm das Gehirn auf die Neige gegangen.

Nun, jedenfalls war der junge Toots da. Er besaß die rauheste aller Stimmen und die mißtönendste von allen Geistesrichtungen. In seinem Hemd waren stets Nadeln mit funkelnden Steinen, und in seiner Westentasche hielt er einen Ring verborgen, den er heimlich an den kleinen Finger steckte, wenn die Zöglinge spazierengingen. Er hatte die Gewohnheit, bei dem Anblick eines jeden kleinen Mädchens, das nicht die entfernteste Ahnung von seinem Dasein hatte, in Liebesverzückungen zu geraten, und nahm sich, wenn er nach Schlafengehenszeit aus seinem drei Treppen hohen linken Eckstübchen durch das Eisengitter des Fensters auf die gasbeleuchtete Welt niederschaute, wie ein gewaltig aufgeschossener Cherub aus, der viel zu lange so weit oben gesessen hatte.

Der Doktor war ein stattlicher Gentleman in schwarzem Anzug, Kniehosen und Strümpfen. Er hatte eine sehr glänzende Glatze auf dem Kopf, eine tiefe Stimme und ein so runzeliges Doppelkinn, daß man sich nur wunderte, wie er’s angriff, um sich in den Falten zu rasieren. Dabei war sein kleines Augenpaar fast immer halb geschlossen und der Mund zu einem leichten Grinsen verzogen, als habe er gerade zuvor einen Knaben ins Verhör genommen und laure nun auf Gelegenheit, ihn mit seinen eigenen Worten zu überführen. Wenn man den Doktor so beobachtete, wie er die rechte Hand in die Brust seines Rockes steckte, die andere auf den Rücken hielt, seinen Kopf ein wenig schüttelte und gegen einen Fremden auch nur die gewöhnlichste Bemerkung fallen ließ, so konnte man sich des Gedankens an die Sphinx nicht erwehren und im Augenblick über sein Geschäft ins klare kommen. Er besaß ein sehr schönes Haus gegen die Seeküste gelegen, obschon es im Innern nichts weniger als einen aufheiternden Charakter zeigte. Dunkelfarbige Vorhänge von sehr ärmlich-bescheidenem Aussehen versteckten sich zaghaft hinter den Fenstern. Die Tische und Stühle standen in Reihen wie die Ziffern einer Additionsaufgabe; Feuer wurde so selten in den Zeremonienzimmern angezündet, daß man in einem Brunnen zu sein glaubte, in dem der Gast den Wassereimer vorstellte; der Speisesaal schien der letzte sternchenland.com Platz in der Welt zu sein, wo einem möglicherweise Essen oder Trinken zufließen konnte, und durchs ganze Haus hörte man keinen anderen Laut, als das Picken einer großen Wanduhr in dem Flur, die sich bis in das Dachstübchen hinauf hörbar machte.

Diese Eintönigkeit wurde nur hin und wieder durch ein dumpfes Knurren junger Menschen unterbrochen, die gleich einem Flug melancholischer Tauben über ihren Aufgaben murmelten.

Auch Miß Blimber, obschon eine schlanke, anmutige Jungfrau, trug nicht dazu bei, die kalte Sphäre des Hauses zu mildern. Sie war keine Person, die sich mit leichtfertigen Dingen beschäftigte, hatte krause, kurz geschnittene Haare und trug eine Brille. Die Arbeit in den Gräbern erstorbener Sprachen hatte sie dürr und sandig gemacht. Was wollte auch Miß Blimber von lebendigen Sprachen? Sie mußten tot sein – steintot – erst dann grub sie Miß Blimber aus.

Mistreß Blimber, ihre Mama, besaß selbst keine Gelehrsamkeit, tat aber doch dergleichen, und das lief ungefähr aufs gleiche hinaus. Bei Abendgesellschaften pflegte sie zu sagen, wenn sie das Glück gehabt hätte, Cicero zu kennen, so glaubte sie imstande zu sein, ihr Haupt zufrieden ins Grab niederlegen zu können. Es war immer eine neue Freude für sie, mitanzusehen, wie der Doktor seine jungen Gentlemen spazieren führte – letztere so gar nicht wie alle anderen jungen Gentlemen, sondern in möglichst großen Vatermördern und möglichst steifen Krawatten. Es sei so klassisch, sagte sie.

Was den Mr. Feeder, B. A. Doktor Blimbers Lehrgehilfen, betraf, so war dieser eine Art menschlicher Drehorgel mit einer geringen Anzahl von Weisen, die sich ohne Unterlaß und ohne Abänderung stets aufs neue abhaspelten. Vielleicht hätte er in seinem früheren Leben, wenn sein Geschick günstiger gewesen wäre, sein Glück beim Militär machen können; da es ihm aber nicht so gut geworden, mußte er statt dieser Laufbahn sich auf eine andere einlassen, die ihn zwang, die unreifen Ideen von Doktor Blimbers jungen Gentlemen zu verwirren. Die jungen Gentlemen mußten sich schon früh mit quälenden Ängsten tragen. Die Einübung herzloser Verba, wilder Substantiven, unbeugsamer syntaktischer Sätze und gespenstischer Argumente, die ihnen wie ebenso viele Alpe in den Träumen wiederkamen, ließen sie nicht zur Ruhe kommen, und unter dem Treibhaussystem war in der Regel schon nach drei Wochen der Frohsinn eines jeden jungen Gentleman abgeschnürt. Ein Vierteljahr reichte aus, ihm alle Sorgen der Welt in den Kopf zu pflanzen. Nach vier Monaten lernte er seine Eltern oder Vormünder hassen, nach fünfen war er ein Misanthrop, nach sechsen beneidete er den Curtius, der im Innern der Erde eine glückliche Zufluchtsstätte fand, und am Ende des ersten Jahres war er zu dem Schluß gekommen, von dem er später nie wieder abging, daß alle Produktionen der Dichter und Lehren der Weisen weiter nichts seien, als eine Sammlung von Wörtern und grammatischen Regeln, die in der Welt keinen andern Sinn hätten.

Gleichwohl fuhr er fort, in dem Treibhause des Doktors zu blühen, und groß war der Ruhm und die Herrlichkeit des Doktors, wenn der winterliche Wuchs zu seinen Freunden und Verwandten zurückkehrte.

Eines Tages stand Paul mit klopfendem Herzen, mit der kleinen rechten Hand sich an der seines Vaters haltend, auf der Türschwelle des Doktors. Seine linke war von der seiner Schwester umfaßt. Wie fest und innig war der Druck der einen – wie schlaff und kalt der der andern.

Gleich einem unheilverkündenden Vogel schwebte Mrs. Pipchin mit ihrem schwarzen Gefieder und ihrem krummen Schnabel hinter dem Opfer. Sie war außer Atem – denn Mr. Dombey hatte in der Überfülle seiner großen Gedanken rasch ausgeholt – und heiser erscholl ihr Krächzen, als sie unter dem Hause auf das Aufgehen der Tür harrte.

»Nun, Paul«, sagte Dombey mit einer Siegermiene, »dies ist in der Tat der Weg, um Dombey und Sohn zu werden und zu Geld zu kommen. Du bist jetzt schon fast ein Mann.«

»Fast«, wiederholte das Kind.

Sogar seine kindliche Aufregung konnte den schlauen und doch ergreifenden Blick, mit welchem er die Antwort begleitete, nicht meistern. Über Mr. Dombeys Gesicht flog ein unbestimmter Ausdruck der Unzufriedenheit; als aber die Tür aufging, war alles plötzlich verschwunden.

»Doktor Blimber ist wohl zu Hause?« sprach Mr. Dombey. Der Diener bejahte es, und als sie vorbeigingen, blickte er auf Paul, als wäre dieser ein Mäuschen und das Haus eine Mausefalle. Der Diener war ein etwas blöder junger Mensch, mit einem schwachen Dämmern von Grinsen in seinem Gesichte. Das war aber bloße Einfältigkeit von ihm; aber Mrs. Pipchin setzte es sich in den Kopf, daß es eine Unverschämtheit sei, und machte eine Attacke auf ihn.

»Wie kann Er sich unterstehen, hinter dem Gentleman herzulachen?« fragte Mrs. Pipchin, »und für was hält Er mich?«

»Ich lache über niemanden und halte Sie gewiß für nichts, Madame«, entgegnete der junge Mensch bestürzt.

»Das müßige Hundepack!« rief Mrs. Pipchin, »ist für nichts da, als den Bratspieß zu drehen. Geh und sag deinem Herrn, daß Mr. Dombey hier ist, oder es soll Ihm übel bekommen.«

Der schwachsinnige junge Mensch ging ganz kleinlaut ab, um sich seines Auftrags zu entledigen, und kam alsbald zurück, damit er sie in des Doktors Studierzimmer einlüde.

»Schon wieder gelacht, Sir!« zischte Mrs. Pipchin, als die Reihe an sie kam, in der Nachhut an ihm vorbeizugehen.

»Ich lache nicht«, entgegnete der junge Mensch ganz bekümmert.

»So was ist mir noch nie begegnet!«

»Was gibt es, Mrs. Pipchin?« fragte Mr. Dombey zurückblickend, »seien Sie doch leise, wenn ich bitten darf.«

Mrs. Pipchin murmelte untertänig gegen den jungen Menschen, als sie an ihm vorüberging, nur die Worte: »Das ist ein sauberer Bursche«, und verließ den jungen Menschen, der ganz zerknirscht und vernichtet war, durch den Vorfall bis zu Tränen gerührt. Aber Mrs. Pipchin hatte die Eigenschaft, über alle untertänigen Leute herzufallen; und ihre Freunde fanden das nach den Vorgängen in den peruanischen Bergwerken ganz in Ordnung.

Der Doktor saß in seinem unheimlichen Studierzimmer, einen Globus bei jedem Knie und zwischen Büchern vergraben; die Büsten von Homer und Minerva thronten über der Tür und auf dem Kamingesims.

»Und wie befinden Sie sich, Sir?« sprach er zu Mr. Dombey, »und wie geht’s meinem kleinen Freund?« Feierlich wie eine Orgel war die Stimme des Doktors, und als er aufhörte, schien die große Uhr (für Paul wenigstens) seine Worte aufzunehmen und zu wiederholen; wie – geht – es – mei – nem – klei – nen – Freund; wie – geht – es – mei – nem – klei – nen – Freund?

Da der Freund etwas zu klein war, um von dem Sitze des Doktors über die Bücher seines Tisches hinweg sichtbar zu sein, so machte der Doktor verschiedene vergebliche Versuche, ihn hinter den Tischfüßen zu erspähen. Als Mr. Dombey dies gewahrte, befreite er ihn aus seiner Verlegenheit, indem er Paul auf die Arme nahm und auf einen andern kleinen Tisch dem Doktor gegenüber mitten ins Zimmer setzte.

»Ah!« rief der Doktor, indem er sich mit der Hand auf der Brust in seinem Stuhl zurücklehnte.

»Nun seh‘ ich meinen kleinen Freund, wie geht es, mein kleiner Freund?«

Die Uhr in dem Saale wollte auf diese Veränderung der Worte nicht noch eingehen und fuhr fort zu wiederholen: Wie – geht – es mei – nem – klei – nen – Freund, wie – geht – es – mei – nem – klei – nen – Freund?

»Ganz wohl, ich danke Ihnen, Sir«, erwiderte Paul, der Uhr wie dem Doktor antwortend.

»Ha!« sagte der Doktor Blimber. »Sollen wir einen Mann aus ihm machen?«

»Hörst du, Paul?« fügte Mr. Dombey hinzu.

Paul blieb stumm.

»Sollen wir einen Mann aus ihm machen?« wiederholte der Doktor nochmals.

»Ich möchte lieber ein Kind bleiben«, erwiderte Paul.

»Der Tausend!« sagte der Doktor. »Warum?«

Das Kind blickte, wie es so am Tische saß, mit einem sonderbaren Zug unterdrückter Bewegung in seinem Gesicht nach ihm hin und klopfte mit der einen Hand stolz auf sein Knie, als hätte es die aufsteigenden Tränen bezwungen, die andere Hand aber irrte inzwischen ein wenig weiter ab – noch weiter von ihm weg, bis sie Florences Hals erreichte. ›Dies ist das Warum‹ schien seine Gebärde sternchenland.com zu sagen; aber dann war es mit dem festen Blick vorbei – die zuckenden Wimpern wurden ruhiger, und reichliche Tränen quollen dazwischen hervor.

»Mrs. Pipchin«, sagte sein Vater vorwurfsvoll, »es tut mir in der Tat leid, das zu sehen.«

»Tretet weg von ihm, Mr. Dombey«, bemerkte die Matrone.

»Macht nichts«, sagte der Doktor mit einem milden Kopfnicken, um Mrs. Pipchin zurückzuhalten. »Macht nichts. Wir werden bald neue Sorgen und neue Eindrücke an die Stelle der alten zu pflanzen wissen, Mr. Dombey. Ihr wünscht also, mein Freund solle lernen – –«

»Alles, alles, Doktor«, entgegnete Mr. Dombey fest.

»Ja«, sagte der Doktor und schien mit seinen halbgeschlossenen Augen, mit seinem gewöhnlichen Lächeln Paul zu mustern, als hätte er irgendein seltenes kleines Tier vor sich, das ausgestopft werden sollte. »Ja, ganz recht. Ha! wir werden unserem kleinen Freund eine umfassende Bildung mitteilen, und ich kann wohl behaupten, daß es mit ihm rasch vorwärts gehen wird. Ja, das wage ich zu behaupten. Ganz jungfräulicher Boden, habt Ihr, glaube ich, gesagt, Mr. Dombey?«

»Mit Ausnahme einiger gewöhnlicher Vorbereitungen zu Hause und von seiten dieser Dame«, erwiderte Mr. Dombey mit einem Kopfnicken auf Mrs. Pipchin, die gerade ihrer ganzen Haltung eine große Starrheit verlieh und trotzig anfing zu schnauben, im Fall der Doktor sie herabzuwürdigen versuchen sollte. »Mit solchen Ausnahmen hat sich Paul bis jetzt noch gar keinem Studium zugewendet.«

Doktor Blimber neigte in milder Toleranz gegen eine unbedeutende Wilddieberei, wie die der Mrs. Pipchin sein konnte, das Haupt und entgegnete, es freue ihn, solches zu hören, da es weit befriedigender sei, mit dem Grundbau den Anfang zu machen. Und abermals schielte er nach Paul hin, als wollte er ihm nur gar zu gern das griechische Alphabet abfragen.

»Dieser Umstand, Doktor Blimber«, fuhr Mr. Dombey fort, indem er nach seinem kleinen Sohn hinblickte, »und die Unterredung, die ich bereits mit Euch zu halten das Vergnügen hatte, macht in der Tat jede weitere Aufklärung, folglich auch jeden weiteren Anspruch an Eurer wertvollen Zeit so unnötig, daß –«

»Nun, Miß Dombey!« sagte die essigscharfe Pipchin.

»Erlaubt mir«, bemerkte der Doktor – »nur einen Augenblick. Ich möchte gern Mrs. Blimber und meine Tochter vorstellen, die mit dem häuslichen Leben unseres jungen Pilgers auf dem Parnaß in nahe Beziehung treten werden. Mrs. Blimber«, denn die Dame, die vielleicht gewartet hatte, trat jetzt ganz gelegen ein und brachte ihre Tochter, jene schöne Totengräberin in der Brille, mit sich, »Mr. Dombey: meine Tochter Cornelia, Mr. Dombey. Mr. Dombey, meine Liebe«, fuhr der Doktor gegen seine Gattin fort, »hat zu uns das Vertrauen – siehst du unsern kleinen Freund?«

Mrs. Blimber hatte in einem Anfall von Höflichkeit, der Mr sternchenland.com Dombey galt, nichts gesehen, denn sie wich rücklings gegen den kleinen Freund hin und gefährdete durch dieses Manöver sehr seinen Sitz auf dem Tisch. Auf diesen Wink aber wandte sie sich um, um seine klassischen und intellektuellen Lineamente zu bewundern: dann drehte sie sich mit einem Seufzer wieder gegen Mr. Dombey und sagte, sie beneide seinen lieben Sohn.

»Wie die Biene, Sir«, sagte Mrs. Blimber mit aufwärts geschlagenen Augen, »die sich umhertreibt in einem Garten mit den herrlichsten Blumen, um daselbst zum erstenmal die Süßigkeiten zu kosten: Virgil, Horaz, Ovid, Terenz, Plautus, Cicero. Welch eine Welt von Honig haben wir hier. Das mag merkwürdig erscheinen, Mr. Dombey, von einer Frau – aber von einer Frau eines solchen Gatten –«

»Pst, pst!« machte der Doktor Blimber. »Pfui! Mr. Dombey wird Nachsicht haben mit der Parteilichkeit einer Gattin«, versetzte Mr. Blimber mit einem ermutigenden Lächeln.

»Durchaus nicht«, antwortete Mr. Dombey, seine Worte vermutlich auf die Parteilichkeit, nicht aber auf die Nachsicht beziehend.

»Und vielleicht erscheint es ebenso merkwürdig an einer Person, die zugleich Mutter ist«, sprach Mrs. Blimber weiter.

»Und solch eine Mutter«, entgegnete Mr. Dombey, sich ob dieser verwirrten Idee, als müsse er Cornelia ein Kompliment machen, vorbeugend.

»Aber in der Tat«, fuhr Mrs. Blimber fort, »ich denke, wenn ich Cicero gekannt hätte, wenn ich seine Freundin und mit ihm in seiner Abgeschiedenheit in Tusculum gewesen wäre – in jenem herrlichen Tusculum – so könnte ich mein Haupt zufrieden ins Grab legen.«

Ein gelehrter Enthusiasmus ist manchmal ansteckend, daß Mr. Dombey halb glaubte, es könne ihr Ernst sein, und sogar Mrs. Pipchin, die, wie wir bereits gesehen haben, in der Regel nicht sehr fügsamen Charakters war, stieß einen leichten Laut aus, mitten inne schwebend zwischen einem Stöhnen und einem Seufzer, als wolle sie damit andeuten, nichts als Cicero hätte ihr nach dem Fehlschlagen der peruanischen Minen einen bleibenden Trost gewähren können; dieser aber wäre in der Tat eine wahre Davysche Sicherheitslampe.

Cornelia sah durch ihre Brille nach Mr. Dombey hin, als hätte sie gute Lust, mit ihm aus der berührten Autorität einige philologische Nüsse zu knacken. Wenn sie aber wirklich einen derartigen Gedanken unterhielt, so wurde seine Ausführung durch ein Pochen an der Tür des Zimmers unterdrückt.

»Was ist das«, fragte der Doktor. »O, herein, Toots – herein. Mr. Dombey, Sir.« Toots verneigte sich. »Welch ein schönes Zusammentreffen«, fuhr Doktor Blimber fort. »Hier haben wir den Anfang und da« Ende – das Alpha und das Omega. Unser ältester Knabe, Mr. Dombey.«

Der Doktor hatte wohl allen Grund, ihn so zu nennen, denn er war mindestens um einen Kopf und um eine Schulter höher als sternchenland.com alle übrigen. Toots errötete sehr, als er diesem Fremden gegenüber stand, und kicherte vor sich hin.

»Ein Zuwachs zu unserem kleinen Portikus, Toots«, sagte der Doktor. »Mr. Dombeys Sohn.«

Der junge Toots errötete abermals, und da er aus dem feierlichen Schweigen, welches jetzt herrschte, entnahm, man erwarte von ihm eine Erwiderung, so sagte er zu Paul: »Wie geht’s Euch?« Das geschah aber mit so tiefer Stimme und in so schwerfälliger Weise, daß man wohl kaum in größeres Staunen hätte geraten können, wenn auf einmal ein Lamm zu brüllen angefangen haben würde.

»Wenn Ihr so gut sein wollt, Toots, so könnt Ihr Mr. Feeder bedeuten«, sagte der Doktor, »er solle für einige Elementarbücher sorgen und Mr. Dombeys Sohn einen bequemen Sitz zum Studieren anweisen. Meine Liebe, ich glaube, Mr. Dombey hat die Dormitorien noch nicht gesehen.«

»Wenn Mr. Dombey mich die Treppe hinaufbegleiten will«, versetzte Mrs. Blimber, »so wäre es mir eine große Ehre, ihm die Domänen des Schlafgottes zu zeigen.«

Mit diesen Worten schritt Mrs. Blimber, eine Dame von auffallender Leutseligkeit, deren Drahtpuppenfigur eine Haube von himmelblauem Stoffe krönte, voran und führte Mr. Dombey die Treppe hinauf. Cornelia war gleichfalls von der Partie, und Mrs. Pipchin folgte nach, unterwegs sich scharf nach ihrem Feinde, dem Bedienten, umsehend.

Während sie fort waren, blieb Paul, der Florences Hand festhielt, auf dem Tisch sitzen und warf von da aus scheue Blicke in dem Zimmer umher, während der Doktor selbst, in seinen Stuhl zurückgelehnt und die eine Hand wie gewöhnlich in die Brusttasche steckend, ein Buch auf Armeslänge vor sich hin hielt und las. Diese Art zu lesen hatte etwas Schauerliches an sich. Es sah so entschlossen, so leidenschaftslos, so unbeugsam und kaltblütig aus, das Gesicht des Doktors war dabei allen Blicken freigegeben, und wenn der Doktor gar argwöhnisch über seinen Autor lächelte, die Stirn runzelte, den Kopf schüttelte oder den Mund verzog, als wolle er sagen – ›kommt mir nicht so, Sir; ich weiß das besser‹ – so war er in der Tat fürchterlich anzusehen.

Auch Toots hatte draußen nichts zu tun und untersuchte nun der Schaustellung halber den Mechanismus seiner Uhr, oder zählte seine halben Kronen. Doch das währte nicht lange; denn als Doktor Blimber zufälligerweise die Lage seiner stämmigen, knapp eingehüllten Beine wechselte, als wollte er aufstehen, verschwand Toots mit aller Behendigkeit und kam nicht wieder zum Vorschein.

Bald nachher hörte man Dombey mit all seinen Begleiterinnen, die sich unterwegs mit ihm unterhielten, die Treppe herunterkommen, und unmittelbar darauf traten sie wieder in das Studierzimmer des Doktors.

»Ich hoffe, Mr. Dombey«, sagte der Doktor, sein Buch niederlegend, »daß die Anordnungen Euren Beifall finden.«

»Sie sind vortrefflich«, sagte Mr. Dombey.

»In der Tat recht ordentlich«, fügte Mrs. Pipchin in gedämpfter Stimme bei, da sie nie Lust zeigte, allzuviel Ermutigung zu geben.

»Mrs. Pipchin«, fuhr Mr. Dombey fort, indem er sich im Kreise drehte, »wird mit Eurer Erlaubnis, Mr. Blimber, Paul hin und wieder besuchen.«

»So oft es immer Mrs. Pipchin belieben«, antwortete Doktor Blimber.

»Werde mich stets glücklich schätzen, sie zu sehen«, sagte Mrs. Blimber.

»Ich glaube«, ergriff Mr. Dombey wieder das Wort, »ich habe Euch nun mehr aufgehalten als nötig war, und will mich jetzt verabschieden. Paul, mein Kind«, er ging auf den Knaben zu, der noch immer auf dem Tische saß. »Leb‘ wohl.«

»Adieu, Papa.«

Das schwache nachlässige Händchen, das Mr. Dombey in der seinigen hielt, stand in einem auffallenden Einklang mit dem dazu gehörigen sehnsüchtig blickenden Antlitz. Der Vater hatte aber nicht teil an dem kummervollen Ausdruck – ihm galt er nicht. Nein, nein, der Schwester – einzig nur der Schwester.

Hätte sich Mr. Dombey in dem Übermut seines Reichtums je einen grimmigen und unversöhnlichen Feind gemacht, so wäre sicherlich auch diesem für alles geschehene Unrecht reichliche Schadloshaltung zugegangen in dem Schmerz, der in jenem Augenblicke das stolze Herz durchdrang. Mr. Dombey beugte sich über seinen Sohn und küßte ihn. Wenn sein Gesicht dabei trüber wurde durch etwas, das ihm für einen Moment das kleine Antlitz undeutlich machte, so sah vielleicht für diese kurze Zeit sein geistiges Auge um so klarer.

»Ich besuche dich bald wieder, Paul. Du weißt, an Sonnabenden und Sonntagen hast du Ferien.«

»Ja, Papa«, entgegnete Paul, nach seiner Schwester hinsehend. »An Sonnabenden und an Sonntagen.«

»Und du wirst dir Mühe geben, hier viel zu lernen und ein gescheiter Mann zu werden«, sagte Mr. Dombey. »Nicht wahr, das willst du?«

»Ich will mir Mühe geben«, versetzte das Kind in mattem Ton.

»Und du wirst jetzt bald groß sein!« sagte Mr. Dombey.

»O! sehr bald!« entgegnete das Kind.

Wieder zuckte der alte, alte Blick rasch über seine Züge, wie ein fremdes Licht. Er traf auf Mrs. Pipchin und erlosch daselbst in deren schwarzem Anzug. Die treffliche Werwölfin trat vor, um Abschied zu nehmen und Florence fortzuführen – ein Genuß, nach dem sie längst gedürstet hatte. Ihre Bewegung weckte Mr. Dombey auf, dessen Augen an Paul hafteten. Nachdem er dem Knaben den Kopf gestreichelt und abermals dessen kleine Hand gedrückt hatte, verabschiedete er sich von Dr. Blimber, Mrs. Blimber und Miß Blimber mit seiner gewohnten höflichen Kälte und verließ das Studierzimmer.

Ungeachtet seiner Bitte, man möchte sich ja nicht stören lassen, drängten sich doch Doktor Blimber, Mrs. Blimber und Miß Blimber vor, um den reichen Gast nach der Halle zu geleiten, und so kam es denn, daß Mrs. Pipchin zwischen Miß Blimber und den Doktor geriet, und von demselben aus dem Studierzimmer hinausgedrängt wurde, ehe sie Florence zu packen imstande war. Diesem glücklichen Zufall verdankte Paul später die teure Erinnerung, daß Florence auf ihn zulief, um ihren Arm um seinen Nacken zu schlingen, und daß ihr Gesicht das letzte war, dessen er auf der Schwelle ansichtig wurde. Dort wandte sie sich noch einmal mit einem Lächeln der Ermutigung gegen ihn hin – mit einem Lächeln, das durch den Tau der Tränen nur um so heller glänzte.

Sein kindliches Herz wogte, als dieser Anblick vor seinen Augen entschwand, und alles im Zimmer umher, die Globusse, die Bücher, der blinde Homer und Minerva schienen in dem Zimmer zu verschwimmen. Dann aber machten sie auf einmal plötzlich halt, und er hörte die laute Uhr in der Halle noch immer die ernste Frage stellen: ›was, macht, mein, klei, ner, Freund: was, macht, mein, klei, ner, Freund?‹

Mit gefalteten Händen saß er auf seinem Tische und hörte stumm zu. Er hätte antworten mögen: ›ich bin müde, müde, sehr einsam und sehr traurig!‹ Und da saß er nun mit dem schmerzlichen Weh in seinem jungen Herzen – außen alles so kalt, so kahl und fremd – als habe er ein unmöbliertes Leben gemietet und als wolle der Tapezierer um keinen Preis kommen.