Monthly Archives: Januar 2012

Aristophanes – Die Wolken

Aristophanes

Die Wolken

(Nephelai)

Personen.

Sokrates

Chairephon

Schüler des Sokrates

Strepsiades

Pheidippides

Pasias

Amynias

Der Anwalt der guten Sache

Der Anwalt der schlechten Sache

Der Chor der Wolken

Zeugen, Sklaven

Erste Szene

Morgendämmerung. Straße einer Vorstadt von Athen. Wohnung des Sokrates. In deren Nähe das Haus des Strepsiades, in dessen Schlafzimmer man hineinsieht.

Strepsiades. Pheidippides. Im Hintergrund Sklaven. Alle schlafend auf ihrem Nachtlager.

STREPSIADES erwacht und gähnt.

I – uh! I – uh!

Allmächtiger Zeus, welch ewig lange Nächte!

Nein, zum Verzweifeln! – Will’s denn gar nicht tagen?

Den Hahnenschrei hab’ ich doch längst gehört. –

Die Sklaven schnarchen – – Sonst vertrieb man’s ihnen!

Mit der Faust agierend.

Auffahrend.

Ein wahres Elend, der verdammte Krieg!

Man muß sich scheu’n sogar, die Kerls zu prügeln.

Und auch mein hoffnungsvoller Junker dort,

Der wacht die ganze Nacht nicht auf und farzt,

In Geißfelldecken fünffach eingewickelt! –

Meinthalb! – Ich deck’ mich zu und schnarche mit. –

Nach einer Pause.

Ja, wenn ich schlafen könnte! – Au, das zwickt,

Das Zahlen, Rossefüttern, Schuldenmachen

Für dieses Früchtchen da! – Und er? – Mit langen

Gelockten Haaren reitet er und fährt,

Und träumt von nichts als Rossen. – Ich – verzweifle,

Sooft der Monat halb vorüber ist:

Da rückt der Zins heran. – He, Bube, Licht!

Und bring das Hausbuch! – Muß doch nachsehn, wem

Ich alles schuld’, und was die Zinsen machen.

Ein Sklave bringt Licht und Buch.

Laß sehn: was bin ich schuldig? – Pasias –

Zwölf Pfund! – dem Pasias zwölf? – wofür? – Aha!

Der Goldfuchs, den ich kauft’! – Ein Auge gäb’ ich

Darum, hätt’ ich gespart die goldnen Füchse!

PHEIDIPPIDES im Schlafe.

Philon, das geht nicht! Fahr auf deiner Bahn!

STREPSIADES.

Da habt ihr’s! Das ist grade mein Ruin!

Von nichts als Rossen spricht er selbst im Traum.

PHEIDIPPIDES wie oben.

Wie viele Fahrten gilt’s mit dem Gespann?

STREPSIADES.

Mir gilt’s! Mich, deinen Vater, jagst du ‘rum!

Liest weiter im Buch.

Pasias! – »Was lastet sonst für Schuld auf mir?« –

Amynias – für Rad und Sitz: drei Minen.

PHEIDIPPIDES wie oben.

Fort mit dem Roß zur Schwemm’, und dann nach Haus!

STREPSIADES lauter.

Mich schwemmst du weg von Haus und Hof, du Schlingel!

Der will sein Geld zurück, zehn andre drohn

Mich aufzupfänden für die Zinsen –

PHEIDIPPIDES erwachend.

Vater,

Was stöhnst und wälzt du dich die ganze Nacht?

STREPSIADES.

Die Brummer beißen mich zum Bett hinaus.

PHEIDIPPIDES.

Hör, Alter, laß mich noch ein wenig ruhn!

STREPSIADES.

Schlaf du nur zu; die ganze Schuldenlast,

Das sag’ ich dir, fällt doch auf deinen Kopf! –

Verdammte Kupplerin, die mich beschwatzt,

Daß ich zum Weibe deine Mutter nahm!

Das schönste Leben hätt’ ich auf dem Lande:

Hübsch durcheinander, recht im Speck und Dreck,

Behaglich unter Honig, Woll’ und Trestern!

Da nahm ich, Bauer, aus dem Haus Megakles

Megakles’ Nichte, städtisch, üppig, stolz

Und flott, die eingefleischte Koisyra:

Als ich mit der das Hochzeitsbett bestieg,

Roch ich nach Hefe, Käs und schmutz’ger Wolle,

Sie nach Pomade, Schmink’ und Zungenküßchen,

Hoffart, Verschwendung, Schlemmerei und Buhlschaft.

Faul war sie nicht, o nein, sie zettelte

Am Webstuhl, und ich zeigt’ ihr oft mein Wams

Und sprach verblümt: ›Frau, du verzettelst viel!‹

SKLAVE.

In unsrer Lamp’ ist nicht ein Tropfen Öl!

STREPSIADES.

Was brennst du denn auch die versoffne Ampel?

Komm her, ich will dir!

Schlägt nach ihm.

SKLAVE.

Aber, Herr, warum denn?

STREPSIADES.

Was steckst du grad den dicksten Docht hinein?

Sklave ab.

Danach, als uns dies Söhnchen ward beschert,

Will sagen, mir und meiner wackern Ehfrau,

Gleich zankten wir uns über seinen Namen:

Sie wollt’ ein ›Hippos‹ dran, ‘nen Ritternamen,

Philipp, Charipp, Xanthipp, Kallipides,

Ich, nach dem Großpapa: Pheidonides.

Wir stritten hin und her, bis wir zuletzt

Eins wurden, ihn Pheidippides zu nennen.

Sie nahm ihn auf den Arm und streichelt’ ihn:

›Wenn du mal groß bist und im Purpurrock

Zur Stadt fährst wie Megakles‹ – ›Nein, wenn du

Im Schafpelz‹ – fiel ich ein – ›vom Phelleuswald

Heim mit den Ziegen fährst, wie einst dein Vater – –‹

Was half’s? Auf meine Lehren hört’ er nicht,

Und hat mir nun auch Hab und Gut verrösselt.

Da sinn’ ich nun die Nacht durch hin und her,

Und einen Ausweg hab’ ich jetzt gefunden,

Nein, göttlich, einzig! – Folgt er mir, bin ich

Geborgen! – Vorderhand will ich ihn wecken;

Doch ja recht sanft! – Laß sehn, wie mach’ ich das? –

Pheidippides!

Geht an sein Lager.

Pheidippides’chen!

PHEIDIPPIDES.

Vater?

STREPSIADES.

Komm, küsse mich und gib mir deine Hand!

PHEIDIPPIDES steht auf.

Da! Und was weiter?

STREPSIADES.

Sag: hast du mich lieb?

PHEIDIPPIDES.

Das weiß Poseidon dort, der Gott der Rosse!

STREPSIADES.

Ich bitt’ dich, laß den Roßgott aus dem Spiel:

Der hat mich in das Herzeleid gebracht;

Nein, wenn du in der Tat mich zärtlich liebst,

Dann folge mir, mein Sohn!

PHEIDIPPIDES.

Was soll ich denn?

STREPSIADES.

Kehr um von Stund’ an, führ’ ein andres Leben,

Und geh und lerne, was ich dir empfehle!

PHEIDIPPIDES.

Sag nur, was willst du?

STREPSIADES.

Folgst du auch?

PHEIDIPPIDES.

Ich folge,

Beim Dionys!

STREPSIADES.

Komm her, da schau hinaus:

Siehst du das Pförtchen und das Häuschen dort?

PHEIDIPPIDES.

Ich seh’ es, Vater! Und was ist’s damit?

STREPSIADES.

Das ist die Werkstatt tiefgelehrter Denker,

Da wohnen Männer, die beweisen dir:

Der Himmel sei ein mächtiger Backofen,

Der uns umgibt, und wir die Kohlen drin;

Die lehren dich fürs Geld die Kunst, mit Worten

Recht oder Unrecht glücklich zu verfechten.

PHEIDIPPIDES.

Wer sind denn die?

STREPSIADES.

Die Namen weiß ich nicht:

Ideologen, Herrn von Stand und Bildung.

PHEIDIPPIDES.

Pah! Schurken sind’s, die kenn’ ich wohl; du meinst

Die blassen windigen Barfüßer, jenen

Beseßnen Sokrates und Chairephon!

STREPSIADES.

Pst! Pst! So schwatze doch nicht wie ein Kind!

Und liegt dir was am Brotkorb deines Vaters,

Dann halte dich an sie, und laß das Rösseln!

PHEIDIPPIDES.

Nein, beim Dionys, und wenn du auch die schönsten

Wallachen des Leogoras mir schenktest!

STREPSIADES.

»Mein Liebstes auf der Welt!« Geh hin, studiere

Mir dort!

PHEIDIPPIDES.

Was soll ich denn für dich studieren?

STREPSIADES.

Sieh, die verstehn sich auf zwei Künste dort,

Die Kunst der guten und der schlechten Sache.

Der Redner, der der schlechten sich bedient,

Gewinnt, und wenn er zehnmal unrecht hätte.

Nun sieh, wenn du die schlechte Kunst mir lernst,

Dann kriegt kein Gläubiger von allem Geld,

Das ich für dich geborgt, ‘nen Obolos.

PHEIDIPPIDES.

Das kann ich nicht: so käsegelb, wie die –

Wie könnt’ ich noch ins Aug’ den Rittern sehn?

STREPSIADES.

Dann, bei Demeter, friß wo anders, du,

Ja, du, dein Rennpferd und dein Sattelgaul!

Ich jag’ dich aus dem Haus, verdammter Schlingel!

PHEIDIPPIDES.

Was scher’ ich mich um dich? Mein Ohm Megakles

Läßt mich nicht ohne Roß: ich geh’ zu dem!

Ab.

STREPSIADES allein.

Da lieg’ ich nun! – – Ich steh’ auch wieder auf!

Mit Gottes Hilfe lern’ ich selbst noch was;

Ich selber geh’ jetzt in die Denkerklause.

Geht auf Sokrates’ Wohnung zu, bleibt stehen.

Doch – werd’ ich, alt, vergeßlich, langsam, wie

Ich bin – kapieren all die Tüftelei’n?

Entschlossen.

Nur zu! Was zaudr’ ich da noch lang? – Wohlan,

Ich klopf’ einmal! He, Junge, Jüngelchen!

SCHOLAR kommt heraus.

Zum Henker auch! Wer klopft da an die Tür?

STREPSIADES.

Strepsiades, Sohn Pheidons, von Kikynna.

SCHOLAR.

Du roher Mensch, bar aller Zucht des Denkens,

So barsch zu klopfen! – Ein Begriff, soeben

Im Werden, ward durch dich zur Fehlgeburt.

STREPSIADES.

Verzeih! Ich bin halt bäurisch aufgewachsen;

Doch sag: was ist das mit der Fehlgeburt?

SCHOLAR.

Nur den Scholaren wird das anvertraut.

STREPSIADES.

Dann sag du mir’s nur frei: denn als Scholar

Komm’ ich hierher zur Philosophenklause.

SCHOLAR.

Nun denn: – allein betracht’ es als Geheimnis! –

Den Chairephon fragt Sokrates soeben:

›Wieviel Flohfüße weit ein Floh wohl hüpft?‹

Dem Meister nämlich sprang just auf den Kopf

Ein Floh, der Chairephon am Aug’ gestochen.

STREPSIADES.

Wie hat er das gemessen?

SCHOLAR.

Hör und staune:

Er fängt den Floh, läßt Wachs zergehn und taucht

Ihn mit den Füßen drein, das Ding erkaltet,

Pantoffeln trägt der Floh, ganz angegossen,

Die nimmt er ab und mißt damit die Weite.

STREPSIADES.

Großmächt’ger Zeus! Das nenn’ ich Geist und Scharfsinn!

SCHOLAR.

Was sagst du erst, wenn du von einer andern

Idee des Meisters hörst?

STREPSIADES.

Von welcher? Sprich!

SCHOLAR.

Denk! Chairephon aus Sphettos fragt ihn jüngst,

Wofür er sich entscheid’: ob durch das Mundstück

Die Schnaken singen oder durch den Bürzel?

STREPSIADES.

Ei, und wie löst’ er dann die Schnakenfrage?

SCHOLAR.

Er sprach: ›Der Darmkanal der Schnaken ist

Sehr eng: da drängt die eingepreßte Luft

Nun mit Gewalt sich durch, dem Bürzel zu;

Und weil die Öffnung plötzlich sich erweitert,

Fährt mit Musik der Wind zum Loch heraus.‹ –

STREPSIADES.

So wär’ ein Schnakenloch ‘ne Art Trompete! –

Heil dem aposteriorisch tiefen Forscher!

Wer so durchdringt den Hintern einer Schnake,

Kriecht leicht auch durch die Gänge der Justiz.

SCHOLAR.

Jüngst freilich kam um einen Kraftgedanken

Er durch ‘ne Eidechs.

STREPSIADES.

Ei, wieso? Laß hören?

SCHOLAR.

Nacht war’s! Des Mondes Bahn und Wechsel eben

Erforschend, sah er auf mit offnem Mund;

Da schmeißt vom Dach herab auf ihn das Tierchen.

STREPSIADES lachend.

Ein lustig Tierchen! – Schmeißt auf Sokrates?!

SCHOLAR.

Hör! Gestern abend – hatten wir nichts zu essen. –

STREPSIADES.

Ei nun, wie griff er’s an, euch Brot zu schaffen?

SCHOLAR.

Im Ringhof streut’ er feine Asche hin,

Nahm einen Bratspieß, bog ihn krumm, und – husch!

Hatt’er ein Opferstück vom Tisch gezirkelt.

STREPSIADES.

Was? Und wir staunen noch den Thales an?

Geschwind! Mach auf die Philosophenklause!

Ich muß, ich muß ihn sehn, den Sokrates!

Mich schülert’s ganz entsetzlich: tu mir auf!

Durch die geöffnete Türe sieht man in die gemeinsame Studierstube der Philosophen hinein: der Meister hoch oben in einer Hängematte, die Schüler zusammengekauert am Boden zwischen mathematischen Instrumenten und Bücherrollen.

STREPSIADES fährt zurück.

Herakles! Was sind das für Wundertiere?

SCHOLAR.

Du staunst? Wie kommen sie dir vor?

STREPSIADES.

Wie die

Von Pylos, die spartanischen Gefangnen. –

Was sehn denn die so bleich und stier zur Erde?

SCHOLAR.

Sie suchen, was die Erde birgt.

STREPSIADES.

Ha ha,

Sie suchen Zwiebeln: o bemüht euch nicht!

Ich zeig’ euch, wo recht schöne, große stecken. –

Was tun denn die, gebückt, die Nas’ am Boden?

SCHOLAR.

Sie spähn dem Urgrund nach tief unterm Hades.

STREPSIADES.

Ihr Hinterer aber schaut ja auf zum Himmel?

SCHOLAR.

Der treibt Astronomie auf eigne Hand.

Leise zu den Scholaren, die neugierig her beikommen.

Hinein! Wenn Er uns jetzt bemerkte! Fort!

STREPSIADES.

So laß sie doch, sie sollen bleiben, bis

Ich ihnen mein Geschäftchen vorgetragen.

SCHOLAR.

Nein, nein, beileib, sie dürfen nicht so lang

Hier außen bleiben an der frischen Luft!

STREPSIADES folgt den Scholaren, die sich zurückziehen, bis an die Schwelle und erblickt einen Globus.

Bei allen Göttern, sprich, was ist denn das?

SCHOLAR.

Astronomie, mein Freund!

STREPSIADES auf einen Meßtisch deutend.

Und dieses da?

SCHOLAR.

Geometrie.

STREPSIADES.

Wofür ist das denn gut?

SCHOLAR.

Um Land zu messen.

STREPSIADES.

Wie? Verlostes Land?

SCHOLAR.

Land überhaupt, das Erdreich.

STREPSIADES.

Ganz scharmant!

Das ist doch was fürs Volk, erklecklich, praktisch.

SCHOLAR auf eine Landkarte zeigend.

Hier ist die ganze Erde: siehst du hier

Athen?

STREPSIADES.

Das soll Athen sein? Seh mir einer!

Wo sitzt denn da auch nur ein einz’ger Richter?

SCHOLAR.

Verlaß dich drauf, hier siehst du Attika!

STREPSIADES.

Wo sind denn meine Landsleut’ in Kikynna?

SCHOLAR.

Da drinnen stecken sie! Sieh her, daneben

Liegt auch Euboia, hier, lang hingestreckt.

STREPSIADES.

Weiß schon: wir und Perikles streckten’s hin. –

Wo ist denn Lakedaimon?

SCHOLAR.

Wo? Da, hier!

STREPSIADES kopfschüttelnd.

So nah bei uns? – Studiert doch ernstlich drauf,

Daß ihr das Nest da wegschafft weit von uns!

SCHOLAR.

Du Narr, das geht nicht.

STREPSIADES.

Ei so geht zum Schinder!

Sieht in die Höhe und erblickt den Sokrates.

Wer ist denn der dort in der Hängematte?

SCHOLAR mit gedämpfter Stimme.

Er!

STREPSIADES laut.

Wer Er?

SCHOLAR.

Sokrates.

STREPSIADES.

Du, Sokrates! – – –

Sokrates bleibt unbeweglich.

Zum Scholaren.

Du, schrei mir ihn einmal recht tüchtig an!

SCHOLAR.

Ruf du ihn selbst, ich habe keine Zeit.

Geht hinein und macht sich zu tun.

STREPSIADES.

He, Sokrates! – – – Sokrates’chen – –

Du dort!

STIMME AUS DER HÖHE.

Was rufst du mich, du Sohn des Staubes?

STREPSIADES.

Nein, aber sag, was machst du denn da oben?

SOKRATES langsam und feierlich.

In Lüften schweb’ und Helios überseh’ ich.

STREPSIADES.

So? Über unsre Götter siehst du weg? –

Warum denn hoch im Korb und nicht am Boden?

SOKRATES.

Wie könnt’ ich wahr das Überird’sche deuten:

Wenn schwebend nicht des Geistes zarter Äther

Mit dem verwandten Element sich mischte?

Umsonst vom Boden unten schaut’ ich auf

Nach oben: denn die Erde zieht zu sich

Unwiderstehlich des Gedankens Tau: –

Ein Beispiel hast du an der Brunnenkresse.

STREPSIADES.

Was sagst du da? – –

Das Denken zieht den Tau der Kresse zu? –

Hör, Sokrates’chen, komm zu mir herunter,

Ich will was lernen, komm und sei mein Lehrer!

SOKRATES läßt sich herab.

Was willst du lernen?

STREPSIADES.

Reden, lieber Mann!

Die Zinsen und die groben Gläub’ger, denk,

Die plündern, pfänden, ziehn mich völlig aus.

SOKRATES.

Wie kamst du denn in Schulden, dummer Mensch?

STREPSIADES.

Roßfieber heißt die Krankheit, die mich frißt. –

Jetzt lehre mich von deinen beiden Künsten

Die: Nichts zu zahlen, und das Honorar

Erleg’ ich gleich, das schwör’ ich bei den Göttern!

SOKRATES.

Bei welchen Göttern? – Denn die Götter sind

Hier abgeschätzte Münz’.

STREPSIADES.

Wie schwört denn ihr?

Bei eisernen, wie’s in Byzanz gebräuchlich?

SOKRATES.

Willst du der Götter Wesen aus dem Grund

Begreifen lernen? –

STREPSIADES.

Ja, bei Zeus, womöglich.

SOKRATES.

Und mit den Wolken selber Zwiesprach halten,

Die unsre Götter sind?

STREPSIADES.

Das möcht’ ich gern.

SOKRATES deutet nach einem Lotterbett.

So setze dich auf diesen heil’gen Sitz!

STREPSIADES.

Das kann ich schon! Da sitz’ ich.

SOKRATES.

So! Jetzt nimm

Den Kranz!

STREPSIADES.

Wozu den Kranz?

Ängstlich.

Ach, Sokrates,

Wollt ihr mich opfern, wie den Athamas?

SOKRATES.

Mitnichten! – Solches tun wir stets, wenn einer

Wird eingeweiht.

STREPSIADES.

Was hab’ ich denn davon?

Sokrates setzt ihm einen mit Sand und Staub bedeckten Kranz aufs Haupt.

SOKRATES.

Ein Sprecher wirst du, flink, gewandt, gerieben,

Wie Mehlstaub fein –

Strepsiades, dem der Sand ins Gesicht fällt, schüttelt sich.

So halt doch still!

STREPSIADES.

Wahrhaftig,

So ist’s, schon bin ich um und um voll Staub.

SOKRATES mit Salbung.

Andächtiges Schweigen geziemt dem Greis, und es lausche sein Ohr dem Gebete! –

Betend.

Allwaltende Herrin, unendliche Luft, die du hältst in der Schwebe den Erdball!

Und du, strahlender Äther, ihr Göttinnen hehr, blitzdonnerundhagelgewaltig,

Erhebt euch, erscheinet, erhabene Frau’n, in den Höhen dem sinnenden Forscher!

STREPSIADES.

Nein, ich bitte, noch nicht! Laß den Mantel mich erst um den Kopf ziehn wider die Nässe!

Verdammt, daß ich heut auch gerade von Haus bin gegangen ohne den Filzhut!

SOKRATES.

Kommt, kommt, hochheilige Wolken, und gönnt ihm den Anblick eurer Gestalten!

Wo ihr immer verweilt, auf Olympos’ Höh’n, den beschneiten, heiligen, oder

In Vaters Okeanos’ Gärten, vereint mit den Nymphen zum festlichen Reigen,

Ob am flutenden Nil ihr soeben die Flut in goldenen Eimern heraufzieht,

Ob ihr schwebt am maiotischen See oder fern auf dem schneeigen Gipfel des Mimas:

Wo ihr seid, o erhört mich und schauet mit Huld auf das Opfer der heiligen Weihe!

CHOR DER WOLKEN noch unsichtbar.

Blitz und Donner.

Schwimmende Wolken, ans Licht

Ziehn wir, die leuchtenden, ewig beweglichen,

Unversieglichen,

Ziehen herauf aus dem Schoße des tosenden

Vaters Okeanos, auf zu den waldigen

Gipfeln der Berge, schaun

Nieder auf fernhin erglänzende Zinnen, auf

Saaten, hinab auf die säugende, heilige

Erd’ und die göttlichen, rauschenden Ströme bis

Hin zu des wogenden, stöhnenden Meeres Flut:

Denn unermüdet ja leuchtet das Auge des Äthers

Schwimmend in heitrer Klarheit! –

Auf denn! Wir schütteln von unsern unsterblichen

Leibern die tauige Hüll’, und mit leuchtendem

Aug’ überschaun wir die weite Erde.

Blitz und Donner.

SOKRATES.

Ihr erhabenen Wolken, ihr habt mich erhört und erscheint mir von Auge zu Auge!

Zu Strepsiades.

Und vernahmst du die göttliche Stimm’ und den Knall des rollenden heiligen Donners?

STREPSIADES.

O gewißlich, ich bet’, ihr Erhabnen, euch an, und es drängt mich, den Knall zu erwidern;

Ach, es kommt mir, es kommt: so entsetzliche Furcht solch Zittern und Beben ergreift mich,

Ob ihr gut dazu seht oder nicht, ich vermag es nicht länger zu halten – ich kacke!

SOKRATES.

Mensch, laß mir die Possen, geriere dich nicht wie die teuflischen Hefengesichter!

Andächtige Stille! Der Göttinnen Schar, sie naht sich mit heil’gem Gesange!

CHOR.

Jungfraun mit tauendem Haar

Schweben wir hin zu Athenes gesegneten

Gauen, des Kekrops

Heldenerzeugende, liebliche Flur zu schaun,

Die das Geheimnis mystischer Feier wahrt,

Wo sich das Heiligtum

Öffnet am Feste der Weihe den Schauenden,

Dort, wo Geschenke, Bilder und ragende

Tempel die himmlischen Götter verherrlichen,

Festliche Züge der Frommen, der Seligen,

Jubel der Blumenbekränzten und Schmausenden,

Wechselnd im Tanz der Horen;

Heut, mit dem nahenden Lenze, des Bakchos Fest,

Fröhlich mit Tanz und Gesang um die Wette zum

Helltönenden Klang der Flöten!

STREPSIADES.

Ich beschwöre dich bei dem allmächtigen Zeus, wer sind sie denn, Sokrates, die da,

Die so prächtig singen, so furchtbar schön? Halbgöttinnen, sollte man glauben!

SOKRATES.

Bewahre, die himmlischen Wolken sind’s, der Müßigen göttliche Mächte,

Die Gedanken, Ideen, Begriffe, die uns Dialektik verleihen und Logik,

Und den Zauber des Worts, und den blauen Dunst, Übertölplung, Floskeln und Blendwerk.

STREPSIADES.

Drum ist mir doch auch, da ihr Lied ich vernahm, meine Seel’ in den Äther entflogen

Und versucht jetzt schon dialektisch den Rauch zu zerlegen in seine Atome,

Jeden Satz zu zersetzen mit Sätzchen und fein auf die Silben mit Silben zu stechen;

Drum verlangt es mich sehr, wenn es irgend erlaubt, sie von Antlitz zu Antlitz zu schauen.

SOKRATES.

So blicke nur hin nach dem Parnes dort: schon seh’ ich gemessenen Schrittes

Sie herniederwandeln.

STREPSIADES.

Ei zeig mir doch, wo?

SOKRATES.

Dort rücken heran sie in Masse,

Durch Schluchten und Büsche, dort seitwärts herab, siehst du?

STREPSIADES.

Das begreif’ mir ein andrer!

Ich seh’ sie ja nicht!

SOKRATES.

An dem Eingang dort!

STREPSIADES.

Eine Spur kaum seh’ ich von ihnen!

Der Chor der Wolken tritt in die Orchestra ein.

SOKRATES.

Aber jetzt doch wohl: sonst glaub’ ich, du hast Schmalzklumpen, wie Kürbsen, im Auge.

STREPSIADES.

Beim Zeus, ja, ja! Ihr Erhabnen, ich seh’, schon wimmelt der Boden von Wolken.

SOKRATES.

Und du wußtest es nicht, und du glaubtest es nicht, daß sie Göttinnen sind und unsterblich?

STREPSIADES.

Meiner Seel’, ich sah sie mein Lebtag an für Tau und Nebel und Dünste.

SOKRATES.

So, so? Und du weißt also nicht, daß sie die Sophisten, die vielen, ernähren,

Quacksalber, Propheten echt thurischen Stamms, brillantringfingrige Stutzer,

Dithyrambische Schnörkelverdrechsler zu Hauf, sternschnuppenbeguckende Gaukler:

Sie füttern sie alle, das müßige Volk, das ihnen zu Ehren lobsinget.

STREPSIADES.

Drum singen sie auch von »des feuchten Gewölks blitzschlängelndverheerendem Sturmschritt«,

Von »der duftigen, tauig krummklauigen Schar luftmeerdurchschwimmender Vögel«

Und von »Wassergüssen des Regengewölks«; und für diese Ergüsse verschlingen

Sie die leckersten Stücke des prächtigsten Aals und die köstlichsten Krammetsvögel!

SOKRATES.

Und verdienen sie das um die Wolken denn nicht?

STREPSIADES.

Meinthalben! Erklär’ mir nur eines:

Wenn sie Wolken doch sind, leibhaftig, wie kommt’s, daß wie sterbliche Weiber sie aussehn?

Die droben, die sind doch wahrhaftig nicht so!

SOKRATES.

Ei nun, und wie sehen denn die aus?

STREPSIADES.

Das kann ich so recht nicht beschreiben, ich mein’: wie ein Haufen verzettelter Wolle;

Von Weibern einmal nicht die mindeste Spur! Und die da – die haben ja Nasen!

SOKRATES.

Du, gib einmal Antwort! Ich frage dich –

STREPSIADES.

Schnell, nur heraus damit, ohne Präambel!

SOKRATES.

Hast du nie in der Höh’ eine Wolke gesehn, an Gestalt gleich einem Kentauren,

Oder Panthertier, oder Wolf, oder Stier?

STREPSIADES.

Ei warum nicht? Aber was soll das?

SOKRATES.

Sie geben sich jede belieb’ge Gestalt; zum Exempel, sie sehn einen geilen,

Langhaarig verwilderten Bubenfreund, unter andern den Sohn Xenophantos’,

Gleich äffen sie nach des Verrückten Figur, und verwandeln sich selbst in Kentauren.

STREPSIADES.

Was machen sie denn, wenn sie Simon sehn, mit der Hand in dem Säckel des Staates?

SOKRATES.

Sie zeichnen ihn treu ganz nach der Natur und verwandeln sich selber in Wölfe.

STREPSIADES.

So, drum! Als sie gestern Kleonymos sahn, den Schildwegwerfer, da wurden

Sie beim ersten Blick auf die Memme sogleich in flüchtige Hirsche verwandelt.

SOKRATES.

Und weil sie den Kleisthenes, den dort, erblickt, du siehst ihn? Drum wurden sie Weiber.

STREPSIADES zum Chor.

Nun, so seid mir gegrüßt, ihr erhabenen Frau’n! Wenn einem, tut mir den Gefallen

Und laßt, ihr Durchlauchtigen, tönen einmal die himmeldurchrollende Stimme!

CHOR zu Strepsiades.

Sei mir auch gegrüßt, du bemooster Greis, du ideenverfolgender Weidmann!

Zu Sokrates.

Hoherpriester des Gallimathias, auch du! Tu kund dein Verlangen! Wir hören!

Denn der Überschwenglichen keinem, fürwahr, von der Zunft der Sophisten verleihen

Wir Gehör, als etwa dem Prodikos, der es verdient durch Weisheit und Tiefsinn,

Und dir, weil du breit durch die Straßen stolzierst und die stierenden Augen umherwirfst,

Stets barfuß gehst und den Leib kasteist und die Nas’ – als der Unsre – so hoch trägst.

STREPSIADES.

Alle Welt! Wie erhaben die Stimme tönt, majestätisch, übernatürlich!

SOKRATES.

Kein Wunder; die einzigen Götter sind sie, und das andre ist all Larifari!

STREPSIADES.

Wie, – Zeus, der olympische Zeus, der soll kein Gott sein? – nicht existieren?

SOKRATES.

Nur nicht albern! Was faselst du da mir von Zeus? Es gibt keinen Zeus!

STREPSIADES.

Ei, was sagst du?

Und wer regnet denn dann? Das mußt du nun doch mir vor allen Dingen erklären!

SOKRATES.

Wer? Diese, sonst niemand! Das will ich dir gleich mit gewichtigen Gründen beweisen!

Du, sag mir einmal, ob du jemals den Zeus hast regnen sehn ohne Wolken?

Bedenk doch: ein Regen aus blauer Luft, und die Wolken sind dann wohl auf Reisen?

STREPSIADES.

Bei Apollon! Das sitzt ja wie angeschweißt: das hast du vortrefflich bewiesen!

Sonst freilich, da glaubt’ ich: wenn Zeus durch ein Sieb sein Wasser abschlage, dann regn’ es.

Jetzt sag mir: wer macht denn den Donner? Denn sieh: da fahr’ ich halt immer zusammen.

SOKRATES.

Sie donnern, wenn übereinandergerollt sie sich wälzen.

STREPSIADES.

»Tollkühner, was sagst du?«

SOKRATES.

Wenn in reichlichem Maße mit Wasser gefüllt sie von innen getrieben dahinziehn,

Erdwärts durch die Schwere des Regens gedrückt, dann stürzen die wogenden Wasser

Sich übereinander und bersten entzwei und krachen und poltern im Platzen.

STREPSIADES.

Wer treibt sie denn aber? Das ist doch Zeus, der sie nötigt, sich fortzubewegen?

SOKRATES.

Nein, Mensch! Der ätherische Wirbel ist’s!

STREPSIADES.

Wirr – Wirbel? Ich kenne den Gott nicht!

Zeus also ist nicht, und an seiner Statt regiert so ein Zeisig – der Wirbel?

Doch immer noch hast du mir eins nicht erklärt, dies Donnern und Krachen und Wettern.

SOKRATES.

Ei, hörst du denn nicht, was ich eben gesagt von den Wolken, den wassergefüllten,

Wie sie übereinander sich stürzen gebläht, und zusammengeworfen zerplatzen?

STREPSIADES.

Wie versteh’ ich denn das?

SOKRATES.

Nun, so merk einmal auf: an dir

selber mach’ ich’s dir deutlich.

Ist dir’s nie an den Panathenaien passiert, daß dein Magen, mit allerlei Brühen

Überfüllt, dir mit Knurren Molesten gemacht, mit Reißen und Blähn und Rumpumpeln?

STREPSIADES.

Beim Apollon, gar oft; und da währt es nicht lang, und es wurmt mir und fährt durch die Därme.

So ‘ne lumpige Brüh’, die verführt einen Lärm und tut akkurat wie der Donner:

Erst halblaut nur: bumbum, bumbum, dann vernehmlicher schon: bububumbum!

Bis donnernd gerad wie die Wolken zuletzt es herausfährt: bubububumbum!

SOKRATES.

Drum sieh: wenn dein Bäuchlein, winzig und klein, so gewaltige Bumbums herausfarzt,

Wie entsetzlich muß erst im erhabenen Raum rumoren das Rollen des Donners?

STREPSIADES.

Ich verstehe: drum sind sich auch Donner und Furz so ähnlich im brummenden Tone!

Nun aber der Blitz, wo kommt er denn her, und sein feuriges Leuchten und Zünden,

Der, wenn er uns trifft, uns zu Asche verbrennt, und wenn er nicht tötet, doch röstet:

Den sendet doch Zeus, das ist klar wie der Tag, meineidige Sünder zu strafen?

SOKRATES.

O du antediluvianischer Kauz, o du märchengläubiges Mondkalb!

Meineidige soll er erschlagen? Warum zerschmettert er dann nicht den Simon,

Den Kleonymos nicht, den Theoros nicht, und was machen sich die aus ‘nem Meineid?

Wo schlägt er denn ein? – In sein eigenes Haus auf Sunions heiliger Spitze,

Und in stämmige Eichen – was fällt ihm denn ein? Meineidige Eichen! Man denke!

STREPSIADES.

Weiß nicht! – doch es scheint, was du sagst, das ist wahr. Nur erkläre mir noch, was der Blitz ist?

SOKRATES auf die Wolken deutend.

Wenn in diesen ein trockener Wind sich verfängt, der empor in die Lüfte gewirbelt,

Dann schwellt er sie auf, wie Blasen, und fest zusammengepreßt durch die Spannung

Zersprengt er sie plötzlich und drängt mit Gewalt sich heraus aus der platzenden Masse,

Und vom Stoß und der heftigen Reibung entflammt, mit Sausen und Zischen verglüht er.

STREPSIADES.

Ei der Tausend! Aufs Haar ganz dasselbe ist mir am Diasienfeste begegnet:

Meine Vetterschaft hatt’ ich zu Gast und briet eine Magenwurst; potz, da vergess’ ich

Sie zu stechen zur Zeit, und da schwillt sie nun auf, und plötzlich zerplatzt sie und spritzt mir

Gerad in die Augen den ganzen Dreck und verbrennt das Gesicht mir erbärmlich!

CHORFÜHRERIN zu Strepsiades.

O du Menschensohn, der du trachtest, von uns ausströmende, heilige Weisheit

Zu erlernen, wie groß, wie beglückt wirst du, wie berühmt in Athen und in Hellas,

Wenn stark dein Gedächtnis, tiefsinnig dein Geist, für Strapazen und Hunger und Kummer

Unempfindlich, und wenn du nicht müde wirst vom Spazierengehen und Stehen,

Wenn du frierst ohne Murren, wenn ohne Verdruß du ein Frühstück weißt zu entbehren,

Wenn du meidest den Wein und den Turnplatz fliehst und die übrigen Werke der Torheit,

Wenn du allzeit, wie dem verständigen Mann es geziemt, für das Höchste es achtest,

Im Handel und Wandel mit fertiger Zung’ als Sieger das Feld zu behaupten.

STREPSIADES.

Was das nun betrifft: starrsinnigen Kopf, bettdeckenumwälzendes Grübeln,

Unverwöhnten, nüchternen Magen dazu, gegen Wasser und Brot nicht rebellisch –

Da sei du nur ruhig, da lass’ ich auf mir, wenn es sein muß, hämmern und schmieden.

SOKRATES.

Und erkennst du nun auch gleich uns fortan, daß kein anderes göttliches Wesen

Existiert, denn allein diese heiligen Drei: das Chaos, die Wolken, die Zunge?

STREPSIADES.

Mit den andern verlier’ ich, und wenn sie mir auch auf der Straße begegnen, kein Wörtchen,

Noch werd’ ich an sie Speis’opfer und Trank und Weihrauchkörner verschwenden.

CHORFÜHRERIN.

So rede getrost: was verlangst du von uns? Wir werden dich sicher erhören,

Da du Ehr’ uns gern und Bewund’rung zollst und bemüht bist, weise zu werden.

STREPSIADES.

Durchlauchtige Fraun! Dann bitt’ ich euch nur um ein Kleines: gewährt mir die Gnade,

Laßt hundert Meilen, als Rednergenie, mich vor allen in Hellas voraus sein!

CHORFÜHRERIN.

Wir gewähren die Bitte; von Stund’ an soll es nicht einem gelingen, daß öfter

Als du, er Gesetzesentwürfe beim Volk durchsetze mit glänzender Mehrheit.

STREPSIADES.

Nach politischer Größe gelüstet mich’s nicht, ich befasse mich nicht mit Gesetzen,

Strepsiades strebt für sich selbst nur das Recht zu verdrehn, zu entschlüpfen den Zinsherrn.

CHORFÜHRERIN.

Eine Kleinigkeit das! Den bescheidenen Wunsch, wie sollten wir den nicht erfüllen?

Übergib dich getrost nur mit Leib und Seel’ der Behandlung unserer Priester!

STREPSIADES.

Das tu’ ich im vollen Vertrauen auf euch: ich muß – denn ich steck’ in der Klemme,

Ruiniert durch die Füchs’ und die Rappen, und dann durch die unglückselige Heirat.

Ich gehöre den Herrn mit Leib und Seel’:

Was sie wollen, ich tu’s und ich trag’ es ja gern,

Durst, Hunger und Prügel und Hitz’ und Frost!

Ja, laßt sie das Fell mir vom Leibe ziehn!

Und studier’ ich mich nur aus den Schulden heraus,

Tituliere mich dann nach Belieben die Welt:

Frech, naseweis, grob, maulfertig, infam,

Unflat, Aufschneider und Lügenschmied,

Rechtsfälscher, mit allen Hunden gehetzt,

Schwadroneur, Windfahne, Fuchs, Klappermaul,

Nasrümpfer, Scharwenzler, aufdringliche Klett’,

Aas, Neidhard, Galgenstrick, Lumpenhund,

Arschleckergesicht – –

Mag, wem es beliebt, auf der Gasse mir nach

Diese Titel schreien: nur zugeschimpft!

Meintwegen, verhackt

Mich zu Würsten, bei der Demeter, und gebt

Sie den Herrn Philosophen zu fressen!

CHORFÜHRERIN.

Nun, das nenn’ ich einmal herzhaft,

Unerschrocken,

Rasch entschlossen! – Sei gewiß:

Lernst du hier fleißig, so ragt an das Himmelsgewölbe

Deines Namens Glorie!

STREPSIADES.

Und was wird’s dann mit mir?

CHORFÜHRERIN.

Die seligsten Tage mit uns,

Beneidet von allen, verlebst du, Hochbeglückter!

STREPSIADES.

Aber werd’ ich es auch noch

Wirklich erleben?

CHORFÜHRERIN.

Scharenweis werden an deiner

Schwelle die Leute sich

Tagtäglich lagern,

Um sich mit dir zu besprechen,

Dich, wenn es glückt, zu befragen

Und in Prozessen und Händeln um schwere Summen

Mit dem erfahrnen Anwalt

Sich zu beraten, mit dir!

Zu Sokrates.

Nimm du ihn jetzt vor, diesen Alten, und gib von dem Unterricht ihm einen Vorschmack;

Jag auf die Gedanken in seinem Kopf, sieh, ob er kapiert, und sondier’ ihn!

SOKRATES.

Nun denn! Sag an, wie ist dein Naturell,

Damit ich weiß, mit welchen neuen Waffen

Ich demgemäß dich anzufassen habe!

STREPSIADES.

Was Henkers? Denkst du Sturm auf mich zu laufen?

SOKRATES.

Nein! Laß mich vor der Hand nur eins dich fragen:

Hast du Gedächtnis?

STREPSIADES.

Zweierlei, bei Zeus!

Eins – wenn mir jemand schuldet – sehr verläßlich:

Das andre – schuld’ ich einem – sehr vergeßlich.

SOKRATES.

So wirst du doch Geschick zu Reden haben?

STREPSIADES.

Zum Reden? Nein! Doch desto mehr zum Rapsen.

SOKRATES.

Du willst studieren?

STREPSIADES.

Sei nur ruhig, ‘s geht!

SOKRATES.

Nun gut, so paß mal auf: Lass’ ich was Tiefes,

Was Metaphysisches fallen, schnapp’ es auf!

STREPSIADES.

Aufschnappen soll ich, wie ein Hund, den Tiefsinn?

SOKRATES.

Barbarisch roher Bauer, der du bist,

Du brauchst wohl, fürcht’ ich, Prügel, alter Kerl! –

Was machst du, wenn dich einer schlägt?

STREPSIADES.

Ich lasse

Mich schlagen, pass’ auf Zeugen, und dann fasse

Vor Amt ich ihn und fülle mir die Kasse.

SOKRATES.

Komm, leg den Rock ab!

STREPSIADES ängstlich.

Was verbrach ich denn?

SOKRATES.

Nichts! Unbekleidet tritt man hier nur ein.

STREPSIADES.

Ich kam ja nicht, gestohlnes Gut zu suchen.

SOKRATES.

Leg ab: wozu die Possen?

STREPSIADES legt Oberkleid und Schuhe ab.

Nur noch eins!

Wenn ich recht fleißig bin und eifrig lerne,

Sag’, welchem deiner Schüler gleich’ ich dann?

SOKRATES.

Du wirst an Geist ein zweiter Chairephon!

STREPSIADES.

Um Gottes willen, ein lebend’ger Leichnam?

SOKRATES.

Genug der Faxen! Komm und folge mir

Sogleich – nur schnell!

STREPSIADES.

So gib mir in die Hand

Doch einen Honigkuchen: denn mir bangt,

Als wenn ich in Trophonios’ Höhle stiege.

SOKRATES.

Geh zu! Was tappst du um die Tür herum?

Beide hinein.

CHOR.

So gehe mit Glück, wie dein Mut es verdient,

Dein entschlossener Sinn! –

Heil und Gelingen dem Mann,

Der, soweit er im Alter

Vorgerückt schon, dennoch den Geist

In Studien taucht, jugendlich frisch,

Und seinen Kopf, hart und ergraut,

Gibt in die Zucht des Denkens.

CHORFÜHRERIN.

Laßt mich, ihr Athener, einmal euch die Wahrheit sagen frei,

Lautre Wahrheit, beim Dionys, der mich großgezogen hat!

So gewiß ich heute den Preis wünsch’ als Meister meiner Kunst,

Traun, so wahr ist’s, daß ich gebaut nur auf eure Kennerschaft

Und den Wert des komischen Stücks, das ich für mein bestes hielt,

Als ich euch zu kosten es bot, euch zuerst, dies Stück, das mir

Wohl die meiste Mühe gemacht! – Dennoch zog man plumpe Kerls

Unverdienterweise mir vor. – Dieses Unrecht klag’ ich euch

Weisen Kennern, denen zulieb’ ich mir all die Mühe gab –:

Nicht als gäb’ ich unter euch selbst die Vernünft’gen treulos auf:

Weiß ich doch, daß Männern wir ihr, die man anzureden schon

Glücklich ist, mein ›Liederlich und Tugendsam‹ einst wohlgefiel,

Jenes Erstlingsfrüchtchen –: ich war Jungfer noch, und heimlich mußt’

Ich’s gebären, mütterlich nahm auf das ausgesetzte Kind

Eine andre, aber ihr selbst wart ihm Vater, Lehrer, Freund.

Seitdem ist mir sicher verbürgt eure Einsicht, eure Gunst.

Gleich Elektra kommt sie denn nun diesmal, die Komödie,

Um zu finden, wenn es ihr glückt, solch erprobte Kennerschar:

Ihres Bruders Locke, wofern sie sie findet, kennt sie wohl.

Seht, wie sie sich züchtig gebärd’t! Vorn herunter, angenäht,

Läßt sie nicht das lederne Ding hängen, baumeln, feuerrot

An der Spitz’ und fürchterlich dick, schlimmen Buben nur zum Spaß;

Spottet auch Kahlköpfe nicht aus, hopst im Kordax nicht herum,

Läßt nicht alte Männer den Stock deklamierend schwingen auf

Die Mitspieler – ärmlicher Spaß – Antwort auf gemeinen Witz!

Stürmt auch nicht mit Fackeln herein, heult und brüllt nicht Ju, Juhu!

Nein, sich selbst und ihrem Gehalt stolz vertrauend tritt sie auf.

Und obwohl ich weiß, was ich bin, trag’ ich doch nicht hoch den Busch.

Zwei- und dreimal bring’ ich euch nie einen Witz und täusch’ euch nicht,

Bin euch nagelneue Sujets vorzuführen stets bedacht,

Witzige Figuren und keck, keine je der andern gleich.

Stieß ich nicht den mächtigen Mann Kleon mächtig auf den Bauch?

Doch ich trat, sobald er im Staub lag, nicht mehr auf ihm herum.

Andre – seit Hyperbolos sich einmal eine Blöße gab –

Trampeln auf dem ärmlichen Kerl stets und seiner Mutter ‘rum.

Eupolis vor allen – er schleppt seinen ›Marikas‹ herein:

Schmählich! ein gewendeter Rock! meine ›Ritter‹ dumm verhunzt!

Nebenbei, dem Kordax zulieb, ein versoffnes altes Weib,

Die er stahl dem Phrynichos, wo sie das Ungeheuer frißt. –

Gleich drauf kommt Hermippos und macht auch was auf Hyperbolos,

Auch die andern werfen sofort all’ sich auf Hyperbolos,

Und mein Gleichnis äffen sie nach: wie man Aal’ im Trüben fischt. –

Nein, wer solche Stümper belacht, dessen Beifall wünsch’ ich nicht;

Aber wenn das sinnige Spiel meiner Mus’ euch Freude macht,

Dann für alle Zeiten erscheint ihr als Männer von Geschmack.

ERSTER HALBCHOR.

Zeus, den erhabenen, ruf’ ich zuerst:

Mächt’ger Fürst der Götter, o schau

Gnädig auf unsern Reigen!

Dich auch, Gewalt’ger, der du den Dreizack

Schwingst und die Erd’ und das salzige Meer

Mächtig erschütterst und aufwühlst!

Vater der Menschen, auch dich, den Gepriesenen,

Himmlischer Äther, Ernährer von allem, was atmet!

Dich auch, Rosselenker, der du

Rings in leuchtende Gluten die Welt

Tauchst, unter Göttern und Sterblichen

Hochgefeiert und strahlend!

CHORFÜHRERIN.

Jetzt, ihr hochwohlweisen Männer, bitten wir euch um Gehör.

Unrecht tut ihr uns: wir müssen euch verklagen vor euch selbst.

Mehr als alle andern Götter segnen wir doch eure Stadt:

Gleichwohl bringt ihr nie zum Opfer weder Trank noch Speis’ uns dar,

Uns, die wir euch treu beschirmen: immer wenn im Unverstand

Ihr beschließet auszurücken, donnern oder regnen wir.

Neulich, als den gottverhaßten, paphlagon’schen Gerber ihr

Auserkoren euch zum Führer, runzelten wir gleich die Stirn,

Schnitten grimmige Gesichter, »Blitz und Donner sprühten wir«,

Und es trat der Mond aus seiner Bahn, die Sonne zog zurück

In sich selbst den Docht der Lampe und erklärt’ euch rund heraus,

Daß sie keinen Strahl euch sende, wenn euch Kleon kommandiert.

Dennoch nahmt ihr ihn zum Feldherrn; denn man sagt: verkehrter Rat

Sei in eurer Stadt zu Hause; dumme Streiche, die ihr macht,

Werden aber durch der Götter Huld zum besten stets gekehrt.

Dieser Fall auch kann zum Vorteil sich euch wenden, hört mich an:

Wenn ihr Kleon, den bestochnen Schuft, den überwies’nen Dieb,

An dem Kragen packt und unters Holz ihm niederdrückt den Kopf,

Dann, trotz eurer vielen Böcke, wird zurück ins alte Gleis

Alles kehren und zum besten euch und eurer Stadt gedeih’n!

ZWEITER HALBCHOR.

König Apollon, Delier,

Hoch auf dem kynthischen Felsenhorn

Thronend, erschein, o erhör uns! –

Du auch, o Sel’ge im goldnen Tempel

Prangend zu Ephesos, wo dich verehrt

Lydischer Jungfrau’n Andacht! –

Komm, o Beschirmerin unserer Burg und Stadt,

Pallas Athene, gewaltige, Aigisbewährte! –

Du auch, der auf Parnassos’ Höh’n

Schwärmt und im Kreise der delphischen Frau’n

Unter flammenden Fackeln beim Tanz

Strahlt, o komm, Dionysos!

CHORFÜHRERIN.

Als wir uns zur Reise fertig machten, hier zu euch herab,

Gab Selene, die uns eben traf, uns diesen Auftrag mit:

Grüßen läßt sie schön die Bürger und Verbündeten Athens;

Doch sie sei euch ernstlich böse, daß ihr sie so schlecht belohnt,

Sie, die so reelle Dienste augenscheinlich euch erwies

Und an Fackeln nur euch jeden Monat eine Drachme spart;

Wenn die Leut’ am Abend ausgehn, sagen sie zum Sklaven: ›Bursch,

Fackeln brauchst du nicht zu kaufen, heut ist prächtger Mondenschein!‹ –

Andrer Dienste zu geschweigen! Dennoch habt auf ihre Tag’

Ihr nicht pünktlich acht und werft sie durcheinander kunterbunt.

Darum lesen ihr die Götter ein Kapitel jedesmal,

Wenn sie nach der alten Rechnung zählend kommen und kein Fest

Treffen, und um Schmaus und Opfer schnöd geprellt nach Hause gehen:

Denn am Tage, wo ihr opfern solltet, richtet, foltert ihr;

Wenn wir Götter aber einen Fasttag haben, etwa wenn

Wir um Memnon trauern oder um Sarpedon, opfert ihr

Wein und lacht und scherzt. – Drum haben wir auch dem Hyperbolos,

Der Amphiktyonenbote heuer war, vom Haupt den Kranz,

Wir die Göttinnen, gerissen: merken soll er sich’s fortan,

Daß man »seine Lebenstage nach dem Mondlauf ordnen« soll!

Zweite Szene

Der Chor. Sokrates. Strepsiades.

SOKRATES allein; tritt ärgerlich aus dem Hause.

Beim Atem schwör’ ich’s, bei der Luft, beim Chaos!

Nein, solchen Tölpel sah ich doch noch nie,

So bäurisch, linkisch, so stupid vergeßlich,

Der nicht die kleinste Tüftelei kapiert

Und kaum gelernt vergißt! Ich will’s einmal

Mit ihm probieren hier in frischer Luft! –

Ruft hinein.

Strepsiades, komm ‘raus mit deinem Faulbett!

STREPSIADES innen.

Ich bring’s vor lauter Wanzen nicht vom Fleck!

SOKRATES.

Nur hurtig!

Strepsiades kommt heraus.

Stell’s da hin, paß auf!

STREPSIADES.

Da steht’s!

SOKRATES.

So! – Willst du jetzt was lernen, das für dich

Ganz nagelneu? Und was zuerst? – Die Lehre

Vom Wort, vom Rhythmus, den verschiednen Maßen?

STREPSIADES.

Die Maße, bitt’ ich! Um zwei Mäßchen hat

Mich kürzlich erst geprellt ein Mehlverkäufer.

SOKRATES unwillig.

Ich frag’ dich, welches Maß dir mehr gefällt:

Das mit drei Füßen oder das mit vier?

STREPSIADES.

Potz Welt! Hat denn bei euch ein Fruchtmaß Füße?

SOKRATES.

Du schwatzst verkehrtes Zeug!

STREPSIADES.

Da frag’ ich jeden,

Ob ihm ein Maß mit Füßen vorgekommen?

SOKRATES.

Zum Henker! Wie stupid, wie ochsendumm! –

Vielleicht daß du vom Rhythmus was begreifst?

STREPSIADES.

Rhythmus? – Verschafft mir der mein täglich Brot?

SOKRATES.

Das kommt dir in Gesellschaft wohl zustatten:

Da weißt du, wenn man musiziert, doch gleich,

Wie sich der Takt, im Marsch zum Beispiel, macht.

STREPSIADES.

Im Arsch den Ticktack – o das kenn’ ich gut!

SOKRATES.

Was meinst du denn?

STREPSIADES mit einer unanständigen Gebärde.

Den Pendel mein’ ich da:

Das hab’ ich schon als kleiner Bub gelernt.

SOKRATES.

Gemeine Bestie!

STREPSIADES.

Aber nein, du Narr!

Dergleichen wünsch’ ich nicht zu lernen.

SOKRATES.

So?

Was denn?

STREPSIADES.

Die Kunst, die Unrecht macht zum Recht.

SOKRATES.

Du mußt zuvor noch manches andre lernen:

Vierfüß’ge Tiere nenne mir, die männlich!

STREPSIADES.

Wer das nicht wüßte, wär’ ein Esel! Männlich

Sind Widder, Stier und Bock und Hund und Spatz.

SOKRATES.

Siehst du? So geht’s: das Weibchen nennst du Spatz,

Und dann das Männchen wieder ebenso.

STREPSIADES.

Und dann?

SOKRATES.

Bedenk nur einmal, Spatz und – Spatz!

STREPSIADES.

Wahr, beim Poseidon! Nun, wie muß ich sagen?

SOKRATES.

Spatz heißt das Männchen, Spätzin heißt das Weibchen.

STREPSIADES.

Hem, Spätzin also! Bei der Luft, recht hübsch!

Da muß ich wohl für diese Lehre schon

Dir bis zum Rand mit Mehl den Backtrog füllen.

SOKRATES.

Ein neuer Bock! Der Backtrog sagst du, männlich?

Das muß ja weiblich enden!

STREPSIADES.

Ei, wieso?

Die Endung weiblich?

SOKRATES.

Wie Kleonymos

Sollt’ enden!

STREPSIADES.

Nun, wo will denn das hinaus?

SOKRATES.

Dein Backtrog, sieh, geht nach Kleonymos.

STREPSIADES.

Der ging ja dem Kleonymos grad ab!

Drum knetet er sein Mehl im runden Mörser. –

Allein im Ernst, wie muß ich sagen?

SOKRATES.

Wie?

Backtrögin! wie du sagst: die Demagögin.

STREPSIADES.

Backtrögin? Sonderbar!

SOKRATES.

Das einzig Richt’ge!

STREPSIADES.

Backtrögin also und Kleonymin?

SOKRATES.

Ich sehe schon: von Eigennamen weißt

Du nicht, was männlich und was weiblich ist.

STREPSIADES.

Was weiblich ist, das kenn’ ich gut.

SOKRATES.

Zum Beispiel?

STREPSIADES.

Lysilla, Philina, Kleitagora, Demetria.

SOKRATES.

Und Männernamen?

STREPSIADES.

Weiß ich dir die Meng’!

Philoxenos, Melesias, Amynias.

SOKRATES.

Dummkopf! Die sind nichts weniger als männlich!

STREPSIADES.

Die sind bei euch nicht männlich?

SOKRATES.

Nein: wie sagst

Du denn, wenn du Amynias zärtlich grüßt?

STREPSIADES.

Ich denk’: Amynchen, grüß’ dich Gott, Amynchen!

SOKRATES.

Nun sieh: Amynchen sagst du, wie: Philinchen: –

Ein Weib!

STREPSIADES.

‘S ist wahr! Er zieht auch nicht zu Feld!

Allein du lehrst mich da, was jeder weiß.

SOKRATES.

Tut nichts! Da setz dich hin –

Aufs Faulbett zeigend.

STREPSIADES.

Was soll ich tun?

SOKRATES.

Denk deinen Handel philosophisch durch!

STREPSIADES.

Nur dort nicht, möcht’ ich bitten! Muß es sein,

Kann ich die Sach’ am Boden auch durchdenken.

SOKRATES.

Nein, ‘s geht nicht anders! Setz dich!

STREPSIADES setzt sich.

Weh und Jammer!

So muß ich heut der Wanzen Opfer werden?!

Sokrates geht gravitätisch auf und ab. Strepsiades philosophiert.

CHORFÜHRERIN.

Jetzt, Freund, studier’ und spekulier’,

Nimm deinen Kopf und deine

Fünf Sinne zusammen;

Behend, wenn du je dich verwickelst, spring

Auf einen andern

Gedanken ab; und der labende Schlaf

Bleibe fern deinem Augenlid!

STREPSIADES vom Faulbett auffahrend.

Au au au au, au au au au!

CHORFÜHRERIN.

Was heulst du? Was ist dir?

STREPSIADES.

Ich bin des Tods! Da beißt ein Trupp Korinthier,

Die aus dem Bett gekrochen, mich zuschanden.

Und sie zwacken das Fleisch an den Rippen mir ab,

Uhuhu, und sie zapfen die Seele mir ab,

Und sie zwicken, Gott straf’ mich, die Hoden mir ab,

Und sie bohren sich ein in den Steiß – und hinab

Muß ich ins Grab!

CHORFÜHRERIN.

Ei, so jammre doch nicht so überlaut!

STREPSIADES.

Nicht jammern? – Und doch,

Was ich hatt’, ist dahin, meine Börse, mein Teint,

Meine Seel’ ist dahin, meine Schuhe dahin,

Und zu alle der Not muß ich Armer mich noch

Wach singen, bis daß

Auch dahin mein erlöschendes Leben!

SOKRATES geht auf ihn zu.

He du, was machst du? Spekulierst du?

STREPSIADES.

Ich?

Ja, beim Poseidon!

SOKRATES.

Nun, worüber denn?

STREPSIADES.

Ob mir am Leib ein Stück die Wanzen lassen!

SOKRATES.

Verdammter Kerl!

STREPSIADES.

Verdammt? Das bin ich schon!

SOKRATES.

Nicht so empfindlich! Wickle dich brav ein,

Besinn dich jetzt auf eine Wolfsidee,

Auf einen guten Griff!

Geht wieder auf und ab.

STREPSIADES.

Mein Gott, wie sollen

Mir auf dem Schafspelz Wolfsideen kommen?

Sitzt vertieft.

SOKRATES.

Ich muß doch sehen, was der Gimpel macht!

Rüttelt ihn.

Du, Alter, schläfst du?

STREPSIADES.

Beim Apollon, nein!

SOKRATES.

Was hast du da?

STREPSIADES.

Nicht das geringste!

SOKRATES.

Nichts?

STREPSIADES.

Nichts – als in meiner rechten Hand das Ding da.

SOKRATES streng.

Einwickeln sollst du dich und meditieren!

STREPSIADES.

Worüber? Gib ein Thema, Sokrates!

SOKRATES.

Durchdenke, was du willst, und sag mir’s dann!

STREPSIADES.

Ja, was ich will, das hab’ ich tausendmal

Dir schon gesagt: die Gläubiger will ich prellen.

SOKRATES.

Gut! Wickle dich brav ein, nimm deine Sinne

Zusammen, haarscharf denk der Sache nach,

Recht kritisch, logisch und exakt!

STREPSIADES sich kratzend.

Au weh!

SOKRATES.

Sei ruhig! Und verwirrt dich ein Gedanke,

Dann laß ihn fahren! Später lenkst du wieder

Den Geist darauf und wiegst ihn hin und her.

STREPSIADES.

Ha, bester Sokrates!

SOKRATES.

Was hast du, Alter?

STREPSIADES.

‘Nen guten Griff – in meiner Gläubiger Tasche!

SOKRATES.

Laß hören!

STREPSIADES.

Sag, wie wär’s, wenn ich ‘ne Hexe

Mir in Thessalien holt’ und nachts für Geld

Den Mond herunterziehen ließ’ und ihn

In eine runde Spiegelkapsel packte

Und fest verschlossen im Gewahrsam hielte?

SOKRATES.

Was soll dir das denn nützen?

STREPSIADES.

Was? Wenn nirgends

Der Mond mehr aufging’ in der Welt, da braucht ich

Auch keine Zinsen mehr zu zahlen.

SOKRATES.

Wie?

STREPSIADES.

Nun, weil man monatlich das Geld verzinst.

SOKRATES.

Nicht übel! – Nun ein zweites Probstück! Höre!

Wenn man auf fünf Talente dich verklagte,

Wie schafftest du den Handel dir vom Hals?

STREPSIADES windet und dreht sich.

Wie? – Wie? – Das weiß ich nicht – die Frag’ ist ernst!

SOKRATES.

Dreh nicht so eingeschrumpft dich um dich selbst,

Laß die Gedanken in die Lüfte fliegen,

Wie Maienkäfer, an dem Fuß den Faden!

STREPSIADES.

Ich weiß ein Mittel wider diese Klage,

Ganz schlau, das wirst du selbst gestehen!

SOKRATES.

Welches?

STREPSIADES.

Hast du in Krämerbuden je ein Glas

Gesehn – du weißt, durchsichtig, schön und hell,

Womit man Feuer macht?

SOKRATES.

Du meinst ein Brennglas?

STREPSIADES.

Das mein’ ich.

SOKRATES.

Nun, was soll dir das?

STREPSIADES.

Wie wär’s,

Wenn vor Gericht ich in die Sonne träte

Und dann dem Schreiber unterm Griffel weg

Das Wachs der Klagschrift gegen mich zerschmelzte?

SOKRATES.

Schön, bei den Grazien!

STREPSIADES.

Ei, wie gut ist’s doch,

Daß ich die Fünftalentenklag’ beseitigt!

SOKRATES.

Jetzt mach dich noch an etwas! Schnell!

STREPSIADES.

An was?

SOKRATES.

Wie wehrst du dich, wenn dir ein Kläger zusetzt

Und du, weil ohne Zeugen, siehst, du mußt

Verlieren?

STREPSIADES.

Lump’ge Kleinigkeit!

SOKRATES.

Wieso?

STREPSIADES.

Nun – während der Verhandlung, just bevor

Mein Handel käme, ging’ und henkt’ ich mich.

SOKRATES.

Dummheit!

STREPSIADES.

Bei allen Göttern, nein! Wenn ich

Gestorben bin, wer will mich da verklagen?

SOKRATES.

Unsinn! Geh fort! Den Schüler hab’ ich satt!

STREPSIADES.

Warum denn aber, liebster Sokrates?

SOKRATES.

Was? Du vergißt ja alles, kaum gelernt!

So sprich: was hab’ ich dich zuerst gelehrt?

STREPSIADES.

Laß sehn: was war das Erste doch – das Erste –?

Wie hieß das Ding, worin man Brotteig knetet? –

Ach Gott, was war’s doch –?

SOKRATES.

Geh zu allen Teufeln,

Vergeßlich dummer, alter Eselskopf!

STREPSIADES.

Um Gottes willen, ach, wie wird mir’s gehn?

Werd’ ich kein Rabulist, bin ich verloren!

Zum Chor.

Ihr Wolken, hört: gebt ihr mir guten Rat!

CHORFÜHRERIN.

Der Rat, den wir dir geben, Alter, ist:

Schick deinen Sohn her, wenn du einen hast

Im rechten Alter, um für dich zu lernen.

STREPSIADES.

Den hab’ ich – ist ein hübscher, wackrer Junge:

Nur lernen will er nichts! – Wie wird mir’s gehn?

CHORFÜHRERIN.

Das duldest du?

STREPSIADES.

Er ist voll Kraft und Mark,

Aus Koisyras hochfliegendem Geschlecht! –

Gut denn! Ich will ihn holen! – Will er nicht,

Dann ist’s vorbei: ich werf’ ihn aus dem Haus!

Zu Sokrates.

Du, geh indes hinein und wart ein bißchen!

Ab.

CHORFÜHRERIN zu Sokrates.

Nun siehst du wohl, welchen Gewinn

Uns du, vor allen Göttern

Uns hast zu danken?

Bereit ist der Mann zu vollbringen, was

Du immer forderst.

Du siehst, wie angeschossen, wie

Gläubig erhitzt er auf Wunder sich spitzt;

Faß ihn und saug ohne Verzug gründlich ihn aus!

Denn du weißt: so ein Fang entschlüpft gar leicht –

Bester, dann hast du das Nachsehn!

Sokrates ab ins Haus.

Dritte Szene

Der Chor. Strepsiades. Pheidippides. Dann: Sokrates. Später: Der Anwalt der guten Sache. Der Anwalt der schlechten Sache.

STREPSIADES kommt mit seinem Sohn.

Beim Nebel, länger füttr’ ich dich nicht mehr!

Geh hin, nag’ an den Säulen des Megakles!

PHEIDIPPIDES.

Wie wunderlich! Was hast du denn, mein Vater?

Dir fehlt’s im Kopfe, beim olymp’schen Zeus!

STREPSIADES lachend.

»Olymp’scher Zeus!« Hör’ einer diesen Narren:

So groß, so alt – und glaubt noch an den Zeus!

PHEIDIPPIDES.

Was lachst du denn?

STREPSIADES.

Ich seh’, du bist ein Kind

Und hast den Kopf voll alter Ammenmärchen.

So komm mal her; ich putze dir ihn aus;

Doch – hörst du? – aus der Schule schwatz’ mir nicht!

PHEIDIPPIDES.

Fang an!

STREPSIADES.

Du schwurst da eben bei dem Zeus? –

Pheidippides! Es existiert kein Zeus!

PHEIDIPPIDES.

Wer denn?

STREPSIADES.

Der Wirbel, der ihn abgesetzt.

PHEIDIPPIDES.

Pah, Faselei!

STREPSIADES.

So ist’s einmal, nicht anders!

PHEIDIPPIDES.

Wer sagt das?

STREPSIADES.

Sokrates, der Melier,

Und Chairephon, der Flohfußgeometer.

PHEIDIPPIDES.

Steckst du so tief schon in der Narrheit, daß

Du so verbrannten Köpfen glaubst?

STREPSIADES.

Halt ein!

Verleumde nicht die weisen, braven Männer,

Von denen keiner – rein aus Sparsamkeit –

Sich je den Kopf rasiert, gesalbt, noch je

Ein Bad besucht, um sich zu waschen! – Du

Verbadest mir mein Geld, als wär’ ich tot! –

Jetzt geh nur und studiere dort für mich!

PHEIDIPPIDES.

Was kann ich denn von ihnen Gutes lernen?

STREPSIADES.

Was? – Alle Weisheit, die’s auf Erden gibt!

Da wirst du sehn, wie roh, wie dumm du bist!

Halt! Wart ein bißchen hier! Ich komme gleich! –

Ab.

PHEIDIPPIDES.

Was fang’ ich an? Mein Vater ist verrückt!

Soll ich vor Amt als Narren ihn verklagen?

Soll ich beim Schreiner ihm den Sarg bestellen?

STREPSIADES kommt zurück mit zwei Spatzen.

Geh her, was ist das? Sag mir deine Ansicht!

PHEIDIPPIDES.

Ein Spatz!

STREPSIADES.

Getroffen! Aber dieses da?

PHEIDIPPIDES.

Ein Spatz!

STREPSIADES lachend.

Wie albern! Beides Spatzen? he? –

In Zukunft drück dich besser aus! Da sieh:

Das ist ein Spatz und dies da eine Spätzin!

PHEIDIPPIDES.

Was? Spätzin? – Gingst du darum nur zur Schule,

Um bei den Himmelsstürmern dies zu lernen?

STREPSIADES.

O sonst noch viel! Nur hat mein alter Kopf

Auch gleich vergessen wieder, was ich lernte.

PHEIDIPPIDES.

Drum kam dir wohl dein Mantel auch abhanden!

STREPSIADES.

Abhanden? – Verstudiert nur hab’ ich ihn.

PHEIDIPPIDES.

Und deine Schuh’ – wo sind sie, kind’scher Alter?

STREPSIADES.

»Zum Nötigen vertan« – just wie Perikles! –

Geh, lauf jetzt! Vorwärts! Mach auch deinem Vater

Zulieb ‘nen dummen Streich einmal! – Ich tat

Dir’s auch zulieb – du lalltest noch, sechs Jahr’ alt –

Als für den ersten Richtersold ich dir

Ein Wägelchen kaufte zum Diasienfest!

Geht auf die Philosophenklause zu.

PHEIDIPPIDES folgt ihm zögernd.

Sieh zu! Du wirst es mit der Zeit bereuen!

STREPSIADES.

Schön, daß du folgst!

An der Türe.

He, Sokrates, komm ‘raus!

Da bring’ ich meinen Sohn; er hat sich lang

Genug gesträubt!

Sokrates tritt heraus.

SOKRATES.

Gelbschnabel, der er ist!

Nach der Hängematte zeigend.

Noch ungewohnt ist ihm das luft’ge Schweben.

PHEIDIPPIDES.

Geh, henk dich! So gewöhnst du dich ans Schweben.

STREPSIADES.

Was Teufels! Unserm Lehrer so zu fluchen?

SOKRATES zu Strepsiades.

›Henk dich!‹ – Da sieh, wie dumm, wie kindisch er

Zu diesem Wort das Maul verzieht und dehnt.

Der lernt es nie, wie man Prozess’ einfädelt,

Ausficht und übern Haufen schwatzt die Richter. –

Hyperbolos gab ein Talent für das!

STREPSIADES.

Nimm in die Lehr’ ihn doch: er hat Geschick!

Als kleines Bübchen baut’ er schon daheim

Sich Häus’chen, schnitzte Schiffchen, macht’ aus Leder

Sich Roß und Wagen, und aus Äpfelschalen

Recht art’ge Frösche, ja, du kannst mir’s glauben! –

Daß er mir nur die beiden Künste lernt,

Die gute – ja, so heißt sie – und die schlechte;

Auf jeden Fall die schlechte, und das gründlich!

SOKRATES.

Die soll er von den Meistern selbst jetzt lernen!

Ich werde gehn!

STREPSIADES zu Sokrates, der hineingeht.

Sei nur besorgt, daß er

Auf jedes Pro ein Contra setzen lernt!

Es treten auf: der Anwalt der guten Sache, der Anwalt der schlechten Sache.

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Nur heraus und laß vor dem Publikum hier

Dich sehn, wie du bist, du kecker Gesell!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

»Geh hin deine Bahn nur immer!« – Je mehr

Zuschauer, für dich – um so schlimmer mein Sieg!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Dein Sieg? und wer bist du?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Der Anwalt –

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Der Schmach!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Und ich schlage dich, wenn du dich stärker als ich

Auch vermissest zu sein!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Und wie fängst du das an?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Mit den neuen Ideen, die mir stehn zu Gebot.

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Die florieren jetzt –

Gegen die Zuschauer.

Dank dem abnormen Geschmack

Des verbildeten Volks –

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Des gebildeten Volks!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ich vernichte dich doch!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Bin begierig nur, wie?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Mit den Waffen des Rechts!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Die parier’ ich und werf’ in den Sand dich sogleich,

Denn ich sage: das Recht ist ein Unding, ein Nichts!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ein Nichts?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Existiert es, so sage doch: wo?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Bei den Himmlischen dort!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wenn es dort ist, warum ist es längst nicht um Zeus,

Der in Fesseln doch schlug seinen Vater, geschehn?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Hilf Himmel! Das wird mir zu arg, und es kehrt

Sich der Magen mir um: o ich bitt’, ein Geschirr!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Du altväter’scher Kauz! Du vernagelter Kopf!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Du neumodisches Schwein! Du verhurter Gesell!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wie du Rosen mir streust! –

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Du Schmarotzer, du Hund!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Mich mit Lilien bekränzst!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

O du Dieb, du Bandit!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Und du merkst es noch nicht, wie in Gold du mich faßt?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Und du hältst es für Gold – das verächtliche Blei?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Ich wüßte für mich keinen köstlichern Schmuck!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ha, wie trotzig, wie frech!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wie veraltet, wie platt!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Deine Schuld ist’s allein,

Daß kein Bube mehr jetzt in die Schule will gehn!

Doch erkennen wird bald das athenische Volk,

Welch verderbliches Zeug die Betrognen du lehrst!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Du verfaulst ja im Schmutz!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Umso schmucker bist du!

Wohl gab’s eine Zeit, wo du betteln gingst

Und dem Mysier Telephos selbst dich verglichst

Und Sentenzen fraßt

Von Pandeletos, frisch aus dem Bettelsack ‘raus –

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Tiefsinniger Fund –

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Wahnsinniger Schund –

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

– Den du eben getan!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

– Den du predigst der Stadt,

Die den Dienst dir bezahlt,

Daß die Jugend des Volks du zum Laster verführst!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE auf Pheidippides weisend.

Unterricht’ ihn doch du, griesgrämlicher Zopf!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Gern, wenn ich zum Guten ihn führen soll

Und nicht ihn dressieren zu faulem Geschwätz!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Komm, Lieber, zu mir, laß ihn rasen, den Narrn!

ANWALT DER GUTEN SACHE drohend.

Probier’ es und rühr ihn nur an mit der Hand!

CHORFÜHRERIN.

Laßt endlich den Zank und das Keifen und Schmähn,

Und entwickelt einmal,

Zum Guten.

Du, was du vor alters die Leute gelehrt,

Zum Schlechten.

Du, das neue System

Der Erziehung, damit, wenn er beide gehört,

Er den Meister sich wählt, der ihn bilden soll.

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ich versteh’ mich dazu!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Ohne Widerspruch, ja!

CHORFÜHRERIN.

Wer nimmt nun zuerst von euch beiden das Wort?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Das gönn’ ich ihm gern!

Er verhaue sich nur mit Geschwätz! Ich beschieß’

Ihn mit neuen Sentenzen, mit neuen Ideen,

Bis ein Hagel von Pfeilen zu Boden ihn streckt;

Und wenn er zuletzt nur zu mucksen noch wagt,

Dann zerstechen ihm Augen und Backen und Maul

Meine stachligen Reden, ein Hornissenschwarm,

Der ihn zwickt, bis er völlig kaputt ist!

ERSTER HALBCHOR.

Nun werden die beiden, auf ihr

Fertiges Mundstück trotzend,

Gelehrt, scharfsinnig und haar-

Spaltend im Kampf sich uns zeigen:

Wem von den zwei’n Meistern des Worts

Des Wettkampfs Preis werden soll?

Ernst ist das Spiel, wo es das Los

Gilt des Prinzips! – ›Alt oder neu?‹

Fragt sich’s im Kampf, welchen mit Macht

Jetzt ihr beginnt, o Freunde!

CHORFÜHRERIN.

Wohlan denn du, der die Väter geschmückt mit dem Kranz untadliger Sitte,

Laß ergehen dein Wort, wie dein Herz es erfreut, und erkläre dein Dichten und Trachten!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

So verkünd’ ich euch denn, wie vor alters es stand um die Zucht und die Bildung der Knaben,

Als ich in der Blüt’, als Vertreter des Rechts, und die Sittsamkeit erstes Gesetz war.

Da durfte den Knaben kein trotziger Laut, kein störrisches Mucksen entfahren,

Da kamen im Schwarm sie die Straßen daher, nach der Singschul’, all’ in der Ordnung,

Aus jeder Gemeinde, nur spärlich bedeckt, und wenn es auch Roggenmehl schneite!

Nicht übereinander geschlagen die Bein’, anständig saßen und lernten

Sie ihr: »Pallas, die Städteverwüsterin«, oder: »Horch, was ertönt aus der Ferne?«

In gehaltenem Ton, in gemessenem Takt, wie die Väter von jeher es sangen.

Und wenn einer aus Eitelkeit Sprünge versucht’ und die Lieder mit Schnörkeln verhunzte,

Wie es jetzo der Brauch, in des Phrynis Manier, mit verkünstelten Koloraturen,

Dann regnet’ es Schläg’ auf den Sünder, der frech an den heiligen Musen gefrevelt! –

Und im Ringhof dann, wenn sie saßen zu ruhn auf dem Sande, da mußten sie züchtig

Vorbeugen das Bein, um Unziemliches nicht den Umstehenden draußen zu zeigen.

Und erhoben sie sich, so verwischten sie stets in dem Sande die Spuren mit Vorsicht,

Daß die blühenden Formen nicht, abgedrückt, unreine Begierden erweckten.

Da salbte sich über den Nabel hinab kein Knabe, drum blüht’ ihm auch wollig

Und weich um die Scham das gekräuselte Haar, wie der Flaum auf dem reifenden Pfirsich.

An die Männer drängte der Knabe sich nicht mit zärtlichem Girren und Flüstern

Und begehrlichen Blicken, schmachtlappig und frech, an den Buhler sich selber verkuppelnd.

Bei Tische stand es dem Knaben nicht zu, nach den Rettichköpfchen zu greifen

Und erwachsenen Leuten hinweg vor dem Mund Salat und Gemüse zu schnappen

Und Backwerk, Fische, Geflügel; ihm war es verpönt, zu verschränken die Beine.

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Altvätrisches Zeug! Diipolischer Brauch! Urmode der goldnen Zikaden!

Kekeidasgeleier! Buphonienzeit!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ja freilich! Doch war es dieselbe,

Wo erzogen durch mich das Heroengeschlecht der Marathonkämpfer heranwuchs!

Du aber verzärtelst die Jugend von heut und vermummst sie in Windeln und Kleider,

Daß ich oft fast ersticke, beim Waffentanz an den Panathenäen zu schauen,

Wie sich einer den Schild vor das Schamglied hält – ein Greuel der Tritogeneia! –

Wohlan denn, vertraue mir, Jüngling, und nimm mich zum Lehrer, den Anwalt des Guten,

Dann gewöhnst du dich, stets zu verachten den Markt und die Bäder, die warmen, zu meiden,

Dich dessen zu schämen, was schandbar ist, zu erglühn, wenn darob sie dich necken,

Und vom Sitze dich schnell zu erheben, sobald sich ein würdiger Alter dir nähert.

Deine Eltern kränkst du durch Unart nie und bestehst in jeder Versuchung,

Weil für heilige Pflicht du es achtest, ein Bild der Scham aus dir selber zu schaffen.

Nie wirst du vors Haus einer Tänzerin ziehn und, vom Dirnchen mit Äpfeln beworfen,

Als Mädchenjäger, der läuft in der Brunst, deinen ehrlichen Namen verlieren.

Nie wirst du den Vater beleidigen, nie ihn Iapetos schelten, noch grollend

Ihm die Streiche gedenken, die einst du empfingst, da du saßest im Nest wie ein Küchlein!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Ich sage dir, Junge, vertraust du dich dem, dann macht er dich, beim Dionysos,

Zu ‘nem Bübchen, Hippokrates’ Püppchen gleich, und man wird dich ein Mutterkind schelten.

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Nein! Blühend und strotzend in Jugendkraft auf dem Turnplatz wirst du dich tummeln,

Kein verschrobener Schwätzer und Witzling des Markts, nach der Weise der heutigen Jugend,

Kein Zänker, der stets vor den Richtern sich balgt in Lausbagatellenprozessen;

Lustwandeln wirst du im friedlichen Hain Akademos’, im Schatten des Ölbaums,

Mit schimmerndem Laube die Stirne bekränzt, an der Seite des sittsamen Freundes,

Von Eiben umduftet und müßiger Ruh’ und den silbernen Blättern der Pappel,

In der Wonne des Lenzes, wenn flüsternd leis zu der Ulme sich neigt die Platane!

Wenn du also wirst tun, wie mein Wort es dich lehrt,

Wenn du eifrig es hörst und zu Herzen es nimmst,

Dann wird dir zum Lohn eine kräftige Brust,

Ein blühend Gesicht, breitschultriger Wuchs,

Und die Zunge hübsch kurz, und ein mächtig Gesäß,

Und ein mäßig Gemächt!

Doch wenn du es treibst nach der Mode von heut,

Dann wird dein Gesicht bleichsüchtig und gelb,

Deine Schultern gedrückt und schmächtig die Brust,

Deine Zunge wird lang, weitoffen dein Maul,

Und groß dein Gemächt, und klein dein Gesäß!

Der redet dir ein,

Auf den Anwalt der schlechten Sache deutend.

Daß das Schöne gerade das Häßliche sei,

Und das Häßliche schön;

Und am Ende beschmutzt er dir Leib und Seel’

Mit Antimachos’ säuischer Wollust!

ZWEITER HALBCHOR zum Anwalt der guten Sache.

Du Hüter der strahlenden Burg

Züchtiger, ernster Weisheit,

Welch tugendlich süßen Duft

Haucht deiner Reden Blüte!

Glückselige waren’s, die einst

In der Vorzeit lebten mit dir!

Zum Anwalt der schlechten Sache.

Rüste dich, du, prunkender Kunst

Meister, du mußt Neues zu Markt

Bringen; denn er, den du bekämpfst,

Hat sich erprobt als Redner!

CHORFÜHRERIN.

Mit Gründen stark und trotzig mußt du ihm entgegentreten,

Willst du ihn schlagen und nicht selbst ein Spott der Leute werden.

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Längst drückt es mich und kocht in mir, ich brenne vor Verlangen,

Mit Gegenreden sein Geschwätz ihm in den Staub zu treten.

Was tät’ ich mit dem Namen, den die Denker mir gegeben,

Handhabt’ ich kräftig nicht die Kunst, die ich zuerst erfunden,

Den Rechten und Gesetzen stets schnurstracks zu widersprechen!

Das heißt etwas, mit Tonnen Golds ist das nicht aufzuwiegen,

Im Dienst der schlechten Sache doch zuletzt mit Glanz zu siegen!

Zu Pheidippides.

Gib acht, wie ich die Zucht, auf die er pocht, zuschanden mache!

Er sagt, vor allem müssest du die warmen Bäder meiden;

Zum Anwalt der guten Sache.

Was ist der Grund, warum du ihm verbeutst die warmen Bäder?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Weil sie, verderblich durch und durch, aus Männern Memmen machen.

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Halt! Sieh, da hab’ ich dich am Schopf! Du kannst mir nicht entrinnen!

Ich frage dich: wen hältst du für den tapfersten der Söhne

Des Zeus? und wer bestand mit Ruhm die meisten Abenteuer?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ich denke: tapfrer ist kein Mann gewesen als Herakles!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Hast du nun kalte Bäder je gesehn – Heraklesbäder?

Und doch, wer war so stark wie er?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ja, solch Geschwätz ist’s eben,

Das überfüllt die Bäder, das entvölkert die Palaistra!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Dann tadelst du das Leben auf dem Markt: ich muß es loben;

Denn wär’s nicht gut, so hätte wohl Homeros nicht den Nestor

Als Redner auf dem Markt gerühmt, noch andre kluge Männer.

Und nun die Zungenfertigkeit – er meint, der Jüngling brauche

Sich nicht darin zu üben: daß er’s muß, ist meine Meinung.

Dann, sagt er, sittsam müss’ er sein: o Unsinn über Unsinn!

Hast du gesehn, daß je ein Mensch mit Sittsamkeit was Gutes

Gewonnen? Sprich und halte mir ein Beispiel nur entgegen!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Nur eins statt vieler! Peleus hat durch sie ein Schwert gewonnen!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Ein Schwert? Ein herrliches Geschenk für ihn, den Mann des Jammers!

Talente hat Hyperbolos, der Lampenhändler, hundert

Mit seiner Schlechtigkeit verdient, allein ein Schwert? – mit nichten!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Der Thetis Hand erhielt allein durch seine Tugend Peleus.

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Der Thetis, die im Stich ihn ließ, weil er sich schlecht gehalten

Im Bett und aufgelegt nicht war, die ganze Nacht zu schäkern!

Denn brav gedrillt sein will ein Weib: du bist ein alter Klepper!

Zu Pheidippides.

Du siehst, mein Junge, was du hast von Sittsamkeit und Tugend,

Wie viele Lebensfreuden du entbehren mußt: die Knaben,

Die Weiber, Schmaus und Becherspiel und Wein und Spaß und Lachen;

Und ohne diese Freuden, sag, was ist dann noch am Leben? –

So ist’s! – Dann kommt der Triebe Macht, die die Natur uns schenkte –:

Du liebst – vergißt dich – und der Mann ertappt dich in flagranti –

Du bist verloren: denn dir fehlt die Suada! Sei mein Jünger,

Folg deinen Trieben, spring und lach und halte nichts für Sünde!

Und trifft der Mann bei seiner Frau dich an, dann haranguier’ ihn:

Du seist dir keiner Schuld bewußt, er soll’ an Zeus nur denken,

Der selbst der Lieb’ und schönen Frau’n nicht widerstehen konnte:

Wie solltest du, der Sterbliche, mehr als der Gott vermögen?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Brennt deinen Zögling dann im Arsch der Rettichkeil, die Kohle –

Mit welchen Gründen wird er dann dartun: er sei kein Klaffarsch?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Ist er ein Klaffarsch – ei, was schadet’s ihm?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Gibt’s denn ein größres Unglück noch für ihn?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Du! – wenn ich jetzt dich ad absurdum führe –?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ja, dann verstumm’ ich!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Nun, so sage mir!

Was sind die Advokaten denn?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Klaffärsche!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Recht! das mein’ ich auch!

Und dann: was sind die Tragiker?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Klaffärsche!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wieder gut bemerkt!

Die Demagogen aber, he?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Klaffärsche!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wird dir’s endlich klar,

Daß du ins Blau’ hinein geschwatzt? –

Sieh unterm Publikum dich um,

Was siehst du rund herum?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ich seh’ –

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Was siehst du, sprich?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Weitaus die meisten – großer Gott!

Klaffärsche sind’s! Ich kenne sie,

Nach einzelnen Zuschauern deutend.

Hier einer, da ein zweiter, dort

Der Lockenkopf, und der! und der! –

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Was sagst du nun?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ihr geilen Böcke jung und alt,

Ich bin besiegt!

Wirft sein Oberkleid in die Orchestra hinunter und springt dann hintendrein.

Fangt meinen Mantel auf, ich geh’

In euer Lager über!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wie nun? Gedenkst du deinen Sohn zurück

Zu nehmen, oder soll ich jetzt ihn lehren?

STREPSIADES.

Ja, lehr ihn, halt ihn scharf und stutz ihn zu:

Zweischneidig muß sein Maul sein, wie ein Schwert,

Die eine Schneide nur für Lumpenhändel,

Die andre scharf für Kapitalprozesse.

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wart nur! Er wird ein tüchtiger Sophist!

PHEIDIPPIDES.

O freilich, so ein blasser, armer Schlucker!

CHORFÜHRERIN.

Geht hin!

Der Anwalt der schlechten Sache mit Pheidippides ab in Sokrates’ Haus.

Zu Strepsiades.

Ich fürchte nur: du wirst

Es bitter einst bereuen!

Strepsiades ab.

CHORFÜHRERIN an die Zuschauer.

Was die Richter profitieren, wenn sie unserm Chor sein Recht

Heute widerfahren lassen, das eröffnen wir euch jetzt.

Nämlich: Wenn ihr euer Brachfeld pflügen wollt zur Frühlingszeit,

Sollt zuerst ihr Regen haben, und die andern hintennach.

Eure Saaten, eure Reben nehmen wir in unsre Hut,

Daß sie nicht durch Dürre leiden noch durch lange Regenzeit.

Doch will einer uns nicht ehren, er, ein Mensch, uns Göttinnen,

Mag er wohl erwägen, welche Strafen unser Zorn ihm droht!

Weder Wein noch andre Früchte tragen wird ihm dann sein Gut;

Fängt der Ölbaum an zu knospen, setzt der Rebstock Augen an,

Schlagen wir sie ihm mit Hagel, mächt’ge Schleudern schwingen wir.

Sehen wir sein Dach ihn decken, regnen und zertrümmern wir

Ihm mit eiergroßen Schloßen alle Ziegel auf dem Haus.

Wenn er oder einer seiner Freund’ und Vettern Hochzeit macht,

Soll’s die ganze Nacht durch regnen, daß er lieber wünscht’, er wär’

In Ägypten heut gewesen, als so dumm beim Urteilsspruch!

Vierte Szene

Der Chor. Strepsiades kommt mit einem Mehlsack auf dem Rücken. Dann: Sokrates. Pheidippides. Später: Pasias mit einem Begleiter. Amynias.

STREPSIADES.

Noch fünf, dann vier, dann drei, dann nur noch zwei,

Und dann der Tag der Schrecken, den ich mehr

Als alle fürcht’ und hasse, der verfluchte,

Dann ist er da, o weh, der Alt’ und Neue.

Da kommen denn die Gläubiger, hinterlegen

Die Sporteln, drohn und schwören, mich vom Hof

Zu jagen, taub für all mein Flehn und Bitten:

›Nimm, Bester, nicht mein Letztes! Gib Termin!

Erlaß mir das!‹ – Was hilft’s, sie sagen: ›Nein!

Wir wollen unser Geld, sonst geht’s zum Teufel!‹

Ich sei ein Lump, Betrüger! Kurz, sie klagen. –

Klagt ihr, solang ihr wollt! Das schiert mich wenig,

Wenn nur Pheidippides brav reden lernt! –

Muß doch einmal an die Butike klopfen

Und sehn, wie’s geht. Heda!

Klopft. Sokrates kommt heraus.

SOKRATES.

Strepsiades? –

Willkommen!

STREPSIADES.

Dank! Da nimm den Sack einmal!

Stellt den Mehlsack ab.

Muß doch dem Lehrer mich erkenntlich zeigen!

Was macht er denn, mein Sohn? Kapiert er? Kann er

Die neue Kunst, die du erfunden hast?

SOKRATES.

Er kann sie.

STREPSIADES.

Dank dir, Göttin Schelmerei!

SOKRATES.

Laß klagen, wer da will! Er haut dich durch!

STREPSIADES.

Auch wenn der Gläubiger Zeugen hat?

SOKRATES.

Nur um

So besser, und wenn’s tausend Zeugen wären!

STREPSIADES.

»Juheisa! laut jubilier’ ich, überlaut!

Heil mir!« und ihr – heult, ihr Pfenningfuchser! Weh

Euch, eurem Kapital und Zinseszins!

Versucht es jetzt und spielt mir einen Streich!

Hab’ ich da innen im Haus

Doch einen trefflichen Sohn,

Zweischneidig blitzt seine Zunge!

Mein Hort, mein Retter, meiner Feinde Schrecken,

Der, mein Erlöser, die Last wälzt von des Vaters Herz!

Zu Sokrates.

Ruf ihn heraus! Geschwind! Lauf, lauf, ich muß ihn sehn!

Sokrates geht hinein.

»Komm, o mein Sohn, mein Sohn!

Liebstes Kind, höre, dein Vater ruft!«

Sokrates kommt mit Pheidippides heraus.

SOKRATES.

Da hast du den Mann!

STREPSIADES ihn umarmend.

Teurer Sohn! Teurer Sohn!

SOKRATES.

Nimm ihn hin und geh!

Geht wieder hinein.

STREPSIADES.

Juhe, mein Sohn,

Juheirassa!

Das ist ‘ne Freude! Wie gelehrt du aussiehst!

Aus deinen Augen blitzt der Widerspruch,

Das Leugnen; und das übliche: »Was schwatzst du?«

Zuckt um den Mund dir, und der Ernst, womit

Man sich beleidigt stellt, wenn man beleidigt.

Das kenn’ ich: echt athenisch ist dein Blick!

Einst mein Ruin, jetzt sei mein Retter, Sohn!

PHEIDIPPIDES.

Was fürchtest du?

STREPSIADES.

Ach Sohn, den Alt’ und Neuen!

PHEIDIPPIDES.

Was soll denn das? Der alt’ und neue Tag?

STREPSIADES.

Der Tag, wo sie die Sporteln hinterlegen –

PHEIDIPPIDES.

Und ihre Hinterlag’ auch schön verlieren:

Denn ein Tag ist doch nicht zugleich auch zwei.

STREPSIADES.

Wie? wirklich nicht?

PHEIDIPPIDES.

So wenig als dieselbe

Person ein Mädchen und ein altes Weib.

STREPSIADES.

So heißt’s doch im Gesetz?

PHEIDIPPIDES.

Sie deuten’s falsch:

So ist es nicht gemeint.

STREPSIADES.

Wie anders denn?

PHEIDIPPIDES.

Der alte Solon war ein Mann des Volks –

STREPSIADES.

Was geht denn das den Alt’ und Neuen an?

PHEIDIPPIDES.

Zu Vorladungen setzt’ er fest zwei Tage,

Den Alt’ und Neuen, daß die Klage dann

Mit Hinterlag’ erfolgen kann am Neumond.

STREPSIADES.

Was soll denn dann der Neue noch?

PHEIDIPPIDES.

Wie dumm!

Damit der Angeklagte tags zuvor

Erscheinen und sich lösen kann; wo nicht,

Geht man am Neumond morgens ihm zu Leib.

STREPSIADES.

Wie kommt’s, daß das Gericht die Hinterlage

Am Alt’ und Neuen, nicht am Neumond fordert?

PHEIDIPPIDES.

Vorschmeckerbrauch – gerade wie beim Opfern:

Die Hinterlage, die sie wegzuschnappen

Gedenken, kosten sie schon tags zuvor.

STREPSIADES gegen die Zuschauer.

Wie sitzt ihr da so dumm, ihr armen Narren,

Ein Fraß für uns, die Klugen! Stöck’ und Steine!

Ihr Schöpse, Klötze, Nullen, leere Kacheln!

Wir Glücklichen! Ich darf auf meinen Sohn

Und mich wahrhaftig wohl ein Loblied singen:

Singt.

»Strepsiades, wie du glücklich bist!

Du selber so weis’, und welchen Sohn

Besitzst du dazu!«

Also preisen die Freunde mich

Bald und die Nachbarn voll Neid,

Wenn deine Kunst in jedem Prozeß

Siegerin bleibt!

Komm jetzt nach Haus mit mir, ich will

Festlich dich bewirten!

Beide ab in Strepsiades’ Haus.

Pasias, ein wohlbeleibter Kapitalist, geht in Begleitung eines Zeugen auf Strepsiades’ Haus zu.

PASIAS.

Was? Soll man da sein eignes Geld verlieren?

Das wäre schön! – Ich hätte freilich klüger

Ihn rundweg abgewiesen, statt mich jetzt

Mit ihm herumzuschlagen! – Jetzo muß

Ich dich bemühn als Zeugen und verfeinde

Mich obendrein mit einem alten Nachbarn. –

Streng halt’ ich auf die Ehre unsrer Stadt,

Drum lad’ ich dich, Strepsiades –

Strepsiades tritt heraus.

STREPSIADES.

Wer ruft?

PASIAS.

– Vor auf den Alt’ und Neuen!

STREPSIADES zum Chor.

Ihr seid Zeugen:

Zwei Tage sagt er! hört ihr?

Zu Pasias.

Was betrifft’s?

PASIAS.

Zwölf Minen, die du, wie du weißt, empfingst,

Als du den Goldfuchs kauftest –

STREPSIADES.

Ich! ein Roß?

Hört ihr? Ihr wißt, wie ich das Rösseln hasse!

PASIAS.

Beim Zeus! Du schwurst, mich redlich zu bezahlen.

STREPSIADES.

Beim Zeus! Das lass’ ich bleiben! Damals wußte

Pheidippides noch nichts vom neuen Recht!

PASIAS.

Und deshalb leugnest du die Schuld mir ab?

STREPSIADES.

Was hätt’ ich sonst vom Studium meines Sohns?

PASIAS.

Schwörst du mir sie auch bei den Göttern ab,

Wenn ich zum Eid dich treib’?

STREPSIADES.

Bei welchen Göttern?

PASIAS.

Bei Zeus, Poseidon, Hermes!

STREPSIADES.

Ja, bei Zeus,

Drei Obolen drein noch, wenn ich schwören darf!

PASIAS.

Ha, unverschämt! Das sollst du mir entgelten!

STREPSIADES auf Pasias’ Bauch zeigend.

Brav durchgelaugt gäb’ der ‘nen hübschen Schlauch –

PASIAS.

So? auch noch Hohn?

STREPSIADES.

– der seinen Eimer faßt!

PASIAS.

Beim großen Zeus und allen Göttern, das

Geht dir nicht hin!

STREPSIADES.

Wie spaßhaft: ›Götter!‹ und

›Bei Zeus!‹ – Da lacht ein Wissender sich krank!

PASIAS.

Das wirst du bitter büßen, warte nur!

Jetzt sag mir: willst du zahlen oder nicht?

Damit ich fortkomm’!

STREPSIADES.

Wart ein bißchen! Gleich

Will ich dir klar und bündig Antwort geben.

Läuft ins Haus.

CHORFÜHRERIN zu Pasias.

Was, meinst du, wird er tun?

PASIAS.

Ich denk’, er zahlt.

Strepsiades kommt mit einer Mulde.

STREPSIADES.

Wo ist der Mensch, der Geld von mir verlangt?

Du, was ist das?

PASIAS.

Was das ist? Nun, ein Backtrog.

STREPSIADES.

Und du willst Geld von mir, du Ignorant?

Nicht einen Heller geb’ ich einem Mann,

Der Backtrog mir anstatt Backtrögin sagt!

PASIAS.

Also, du zahlst mich –

STREPSIADES.

Nicht, soviel ich weiß!

Drum mach dich auf die Bein’ und schere dich

Vor meiner Türe weg!

PASIAS.

So wahr ich leb’,

Ich geh’ und hinterlege die Gebühren!

STREPSIADES.

Und die sind hin, so gut als die zwölf Minen!

Zwar tut mir’s leid: denn Einfalt war’s doch nur,

Statt ›die Backtrögin‹ ›der Backtrog‹ zu sagen!

Pasias mit dem Zeugen ab. Ebenfalls mit einem Zeugen kommt Amynias, ein junger Herr, die Peitsche in der Hand.

AMYNIAS.

O weh! o weh!

STREPSIADES.

Ei, ei!

Wer plärrt da so erbärmlich? Ist’s vielleicht

Ein Gott aus des Karkinos Jammerstücken?

AMYNIAS.

»Ihr fragt mich, wer ich bin? – Ach Gott, ein Mann

Des Unglücks!«

STREPSIADES.

So? Dann geh, woher du kamst!

AMYNIAS.

»O hartes, wagenradzertrümmerndes

Geschick! O Pallas, so verließt du mich?«

STREPSIADES.

Was tat Tlepolemos dir denn zuleide?

AMYNIAS.

Hör du! Anstatt zu spotten, mache du,

Daß endlich mir dein Sohn mein Geld bezahlt,

Zumal ich eben selbst im Unglück bin!

STREPSIADES.

Was denn für Geld?

AMYNIAS.

Das er von mir geborgt.

STREPSIADES.

Da ist dir’s, scheint mir, wirklich schlecht gegangen.

AMYNIAS.

Weiß Gott! Beim Wagenrennen fiel ich ‘runter. –

STREPSIADES.

Drum faselst du, wie auf den Kopf gefallen.

AMYNIAS.

Ich fasle? So? wenn ich mein Geld verlange?

STREPSIADES.

Gewiß! Du bist bedenklich krank.

AMYNIAS.

Wieso?

STREPSIADES.

Ich glaub’, ein Erdstoß hat dein Hirn lädiert.

AMYNIAS.

Und ich, beim Hermes, glaub’, du wirst zitiert,

Wenn du mich nicht bezahlst!

STREPSIADES.

Du, sage mir,

Was meinst du, schickt uns Zeus wohl jedesmal,

Wenn’s regnet, frisches Wasser, oder zieht

Das gleiche Wasser immer ‘rauf die Sonne?

AMYNIAS.

Das weiß ich nicht, das ist mir einerlei.

STREPSIADES.

Du glaubst, du hast das Recht mir Geld zu fordern,

Und weißt kein Wort von überird’schen Dingen?

AMYNIAS.

Nun, bist du nicht bei Geld, so zahl mir doch

Den Zins!

STREPSIADES.

Den Zins? Was ist das für ein Tier?

AMYNIAS.

Ein silbern Ding, das im Verlauf der Zeit

Stets größer wird und wächst von Tag zu Tag,

Von Mond zu Mond.

STREPSIADES.

Nicht übel definiert!

Nun weiter! Glaubst du, daß das Meer zur Zeit

Viel größer ist als sonst?

AMYNIAS.

Das bleibt sich gleich;

Ich seh’ nicht ein, warum es wachsen sollte.

STREPSIADES.

Das also wächst trotz aller Ströme, die

Sich drein ergießen, nicht, und du, Kujon,

Du willst, dein Geld soll wachsen mit der Zeit?

Willst du dich packen, auf der Stelle, he?

Reißt ihm die Peitsche aus der Hand.

Her mit der Peitsche!

Haut ihn.

AMYNIAS zum Chor.

Ihr alle seid mir Zeugen!

STREPSIADES.

Hott! Willst du traben, Schimmel? Hott, hott, hott!

AMYNIAS.

Ha, schändliche Mißhandlung!

STREPSIADES.

Wart, ich stupfe

Dir unterm Schwanz, du Klepper! Willst du ausziehn?

Amynias entflieht.

Ha, läufst du? Gut! Sonst hätt’ ich dich mobil

Gemacht samt deinem Fuhrwerk, Sitz und Deichsel!

Ab ins Haus.

ERSTER HALBCHOR.

Das heißt denn doch die bübische Lust zu weit

Getrieben! Der Alte

Ist nun darauf erpicht, das Geld

Zu unterschlagen, das er lieh!

Es kann nicht fehlen, ihm passiert

Unversehns noch heute was,

Wo der abgefeimte Schalk,

Der Sophist,

Für seine Bubenstückchen all’,

Wie er’s verdient, belohnt wird!

ZWEITER HALBCHOR.

Ich denk’, ihm wird nur allzubald der Wunsch

Erfüllt, der ihn plagte:

In seinem Sohn den Mann zu sehn,

Der stets mit Gegengründen weiß

Das Recht zu beugen, der gewandt

Jeden Gegner, den er trifft,

Bei dem schlecht’sten Handel selbst

Niederschlägt;

Gib acht, gib acht! Er gäb’ was drum,

Sein Söhnchen wäre stockdumm!

Fünfte Szene

Chor. Strepsiades. Pheidippides. Später Schüler des Sokrates. Sokrates. Chairephon.

Strepsiades stürzt aus dem Hause, hinter ihm drein sein Sohn, der nach ihm schlägt.

STREPSIADES.

Au, au!

Ihr Nachbarn, Freunde, Vettern, steht mir bei!

Helft! helft mir, wie ihr könnt! Er prügelt mich!

Mein Kopf, ach meine Backen! – O du Scheusal,

Du prügelst deinen Vater?

PHEIDIPPIDES.

Ja, mein Vater!

STREPSIADES zum Chor.

Seht, er gesteht’s, daß er mich schlug!

PHEIDIPPIDES.

Warum nicht?

STREPSIADES.

Spitzbube, Straßenräuber, Vatermörder!

PHEIDIPPIDES.

Ich bitte, noch einmal und derber noch!

Du glaubst es nicht, wie mich dein Schimpfen freut!

STREPSIADES.

Schandbube!

PHEIDIPPIDES.

Streu mir doch noch mehr der Rosen!

STREPSIADES.

Du prügelst deinen Vater?

PHEIDIPPIDES.

Und mit Recht!

Das will ich dir beweisen!

STREPSIADES.

Was, du Unmensch?

Recht soll es sein, wenn man den Vater prügelt?

PHEIDIPPIDES.

Ich diene dir mit triftigen Beweisen.

STREPSIADES.

Das willst du mir beweisen?

PHEIDIPPIDES.

Ohne Müh’!

Nach welcher Logik soll ich dir’s erhärten?

STREPSIADES.

Nach welcher –?

PHEIDIPPIDES.

Nach der guten oder schlechten?

STREPSIADES.

So? Hab’ ich darum dich studieren lassen

Die Kunst, dem Recht ein Schnippchen zu schlagen, um

Mir weiszumachen, daß mit Fug und Recht

Der Vater von dem Sohne Prügel kriegt?

PHEIDIPPIDES.

So gründlich hoff’ ich dich zu überzeugen,

Daß du, du selbst mir nichts entgegenhältst.

STREPSIADES.

Nun, auf die Rede bin ich doch begierig!

CHORFÜHRERIN.

Jetzt, Alter, ist’s an dir, dich zu besinnen, wie

Du ihn überwältigst.

Denn wär’ er seiner Sache nicht gewiß, er wär’

Doch nicht so vermessen!

Wer weiß, worauf er pocht! So zuversichtlich spricht

Nur, wer sich gedeckt weiß!

Wie hat sich aber zwischen euch doch dieser Zank entsponnen?

Das muß der Chor doch wissen: drum erzähl’ es unverhohlen!

STREPSIADES.

So hört denn, was die Ursach’ war, daß wir in Streit gerieten:

Wir schmausten eben, wie ihr wißt, die Tafel war vorüber,

Da fordert’ ich ihn auf, ein Lied zur Leier mir zu singen,

Das von Simonides, ihr kennt’s: »der Widder war geschoren!«

Da fuhr er auf: Altmodisch sei das Leiern und das Singen

Beim Trinken – wie die Weiber, wenn sie dürre Gerste mahlen.

PHEIDIPPIDES.

Hast du nicht Tritt und Prügel schon verdient, indem du singen

Mich hieß’st bei Tisch, als hättest du Zikaden zu bewirten?

STREPSIADES.

Ja, ja, so sprach er, auf ein Haar ganz ebenso, schon drinnen,

Und der Simonides – kurzweg, der sei ein schlechter Dichter!

Kaum hielt ich mich: doch wollt’ ich nicht gleich anfangs mich ereifern

Und bat ihn: ›Nimm ein Myrtenreis zur Hand und rezitiere

Mir etwas aus dem Aischylos!‹ – ›Was?‹ fuhr er auf und sagte:

›Weißt du, daß Aischylos der Arsch ist unter den Poeten,

Pausbäckig, klaffend, ungeschlacht, hart, schwülstig, aufgedunsen?‹

Nun denkt euch, wie vor Ingrimm mir das Herz im Leibe pochte!

Gleichwohl verbiß ich meinen Zorn und sagte: ›Laß mich lieber

Was hören von den Neueren, was geistreich Elegantes!‹

Da sprach er aus Euripides die Stelle, wo der Bruder

– Gott helf’ uns! – seiner Mutter Kind, die eigne Schwester schändet.

Jetzt hielt ich mich nicht mehr und riß ihn fürchterlich herunter

Und schimpft’ ihn aus und schalt ihn derb: da gab nun, wie gebräuchlich,

Ein Wort das andre, bis zuletzt er aufsprang, fest mich packte,

Zu Boden warf und trat und schlug und fast zu Tod mich würgte!

PHEIDIPPIDES.

Mit Recht! Da du Euripides, den weisesten der Dichter,

Nicht lobtest.

STREPSIADES.

Was? Den Weisesten? O du – wie soll ich sagen?

Das setzt nun wieder Prügel!

PHEIDIPPIDES.

Ja, bei Zeus, und wohlverdiente!

STREPSIADES.

So? Wohlverdient? Du frecher Bub! Hab’ ich dich nicht erzogen

Und immer gleich erraten, was du lallend sagen wolltest?

Und schriest du: ›Bäh!‹ da lief ich gleich und brachte dir zu trinken.

Und sagtest du: ›Pap, pap!‹ da rannt’ ich fort, den Brei zu holen.

Kaum hattest du: ›Äh! äh!‹ gesagt, da nahm ich dich und setzte

Dich vor die Tür und hielt dich – – Ha! und jetzt, du Bube, würgst du

Mich also? Und so laut ich rief

Und schrie: ich müsse kacken, trugst

Du doch mich nicht, verruchter Sohn,

Zur Tür hinaus, du klemmtest mich,

Bis drin ich Ääh machte!

CHORFÜHRERIN.

Ha, voll Erwartung hüpft jetzt wohl den jungen Herrn

Das Herz, was der Sohn spricht!

Denn wenn nach dem, was er getan, es ihm gelingt,

Sich sauber zu waschen:

Wer wird dann noch ‘ne taube Nuß für euer Fell

Euch geben, ihr Alten?

Wohlan! Jetzt gilt’s, du Held der neurhetorischen Manöver,

Die Sache zu beleuchten so, als wärst du ganz im Rechte.

PHEIDIPPIDES.

Wohl ist’s ein Glück, vertraut zu sein mit dem System des Tages

Und hoch herabzusehen auf den Quark der alten Sitte:

Solang ich die Gedanken nur auf Roß und Wagen lenkte,

Vermocht’ ich ohne Anstoß nicht drei Worte vorzubringen.

Seit mich mein Vater selbst von all den Possen abgezogen

Und ich mir Dialektik und Rhetorik angeeignet,

Jetzt zeig’ ich klar: der Sohn hat recht, der seinen Vater prügelt!

STREPSIADES.

Ach, rößle doch, soviel du willst! Ich füttre dir ja lieber

Vier teure Gäul’, als daß, o Greu’l, ich voller Beulen heule!

PHEIDIPPIDES.

Ich komme wieder auf den Satz, wo du mich unterbrochen,

Und frage dich vor allem: hast du mich als Kind geschlagen?

STREPSIADES.

Nun ja, aus Lieb’ und Sorge nur für dich!

PHEIDIPPIDES.

Aha! Nun sage:

Ist’s da nicht billig, daß auch ich dir meine Liebe zeige?

Warum soll deine Haut allein gesichert sein vor Prügeln,

Die meine nicht? Ich bin doch auch, bei Gott, ein Freigeborner!

»Die Kinder sollen heulen, doch der Vater nicht!« Weswegen?

Du sagst vielleicht, das sei einmal der Brauch so bei den Kindern?

Gut, sag’ ich dann, die Alten sind bekanntlich zweimal Kinder,

Und zweimal mehr verdienen sie drum Prügel als die Jungen,

Da ihre Schuld auch größer ist, wenn sie sich doch vergehen.

STREPSIADES.

Nein, das verbeut in aller Welt doch das Gesetz den Kindern!

PHEIDIPPIDES.

Hat denn nicht aber dies Gesetz ursprünglich vorgeschlagen

Ein Mensch, wie ich und du, und dann es durchgesetzt mit Gründen?

Und was die Alten durften – darf ich ein Gesetz den Neuen nicht schaffen, demgemäß die Schläg’ heimgibt der Sohn dem Vater?

Die Prügel, die wir kriegten, eh’ noch dies Gesetz erlassen,

Die schenken wir euch überdies als längst verjährte Schulden. –

Da sieh einmal die Hahnen an und andre solcher Tiere,

Die schenken ihren Vätern nichts: und doch – was unterscheidet

Sie denn von uns, als daß sie nicht wie wir Beschlüsse kritzeln?

STREPSIADES.

Ei, wenn in allem du es doch nachmachen willst den Hahnen,

Scharr doch dein Futter aus dem Mist, und schlaf auf einer Stange!

PHEIDIPPIDES.

Das ist ein andres, Freund, das ließ’ auch Sokrates wohl bleiben!

STREPSIADES.

So laß auch du das Schlagen sein, sonst wirst du’s noch bereuen!

PHEIDIPPIDES.

Wieso?

STREPSIADES.

Wie ich berechtigt bin, dich abzustrafen, also

Auch du, wenn dir geboren wird ein Sohn – –

PHEIDIPPIDES.

Und wird mir keiner,

Dann hab’ ich ganz umsonst geheult, du – lachtest noch im Tode!

STREPSIADES gegen die Zuschauer.

Ihr Herren meines Alters, mir zwar scheint er recht zu haben:

Einräumen, denk’ ich, muß man doch, was billig ist, den Jungen:

Tun wir, was wir nicht sollten, dann gehört auch uns die Rute!

PHEIDIPPIDES.

Noch einen Satz! Merk auf!

STREPSIADES.

Ich muß, sonst geht es mir ums Leben!

PHEIDIPPIDES.

Nein, leichter tröstest du danach dich über deine Schläge.

STREPSIADES.

Was meinst du? Welcher Vorteil soll mir noch daraus erwachsen?

PHEIDIPPIDES.

Die Mutter prügl’ ich ebenso wie dich!

STREPSIADES.

Wie, was? Was sagst du?

Noch einen ärgern Frevel?

PHEIDIPPIDES.

Wie? und wenn ich nun als Anwalt

Der schlechten Sach’ erhärten kann,

Pflicht sei’s, die Mutter durchzubläun?

STREPSIADES.

Vermagst du das, dann bleibt dir nichts

Mehr übrig, als vom Felsen dich

Zu stürzen ins Verbrecherloch

Mit Sokrates

Und deiner schlechten Sache!

Zum Chor.

Und das verdank’ ich alles euch, ihr Wolken,

Auf die ich leider all mein Sach’ gestellt!

CHORFÜHRERIN.

An allem bist du selber schuld! Warum

Hast du aufs Schlechte deinen Sinn gestellt?

STREPSIADES.

Warum habt ihr mir das nicht gleich gesagt?

Warum mich alten Esel noch gestachelt?

CHORFÜHRERIN.

Das tun wir immer, wenn wir einen sehn,

Der blind dem Trieb zu bösen Werken folgt,

Bis wir ihn endlich ins Verderben stürzen,

Auf daß der Tor die Götter fürchten lerne.

STREPSIADES.

Weh, weh mir! Hart, ihr Wolken, doch gerecht!

Warum versucht’ ich meine Gläubiger

Zu prellen um ihr Geld? –

Zu Pheidippides.

Jetzt komm, mein Sohn,

Komm! – Nieder mit dem Chairephon, dem Schurken,

Und Sokrates, die mich und dich betrogen!

PHEIDIPPIDES.

Nein, meinen Lehrern tu’ ich nichts zuleide!

STREPSIADES.

Doch! »Fürchte Zeus, den väterlichen Gott!«

PHEIDIPPIDES.

Nun hört mir: ›Zeus!‹ – Altvätrisches Gewäsch!

Ist denn ein Zeus?

STREPSIADES.

Er ist!

PHEIDIPPIDES.

Er kann nicht sein!

Der Wirbel herrscht, der hat ihn abgesetzt.

STREPSIADES.

Was? Abgesetzt? – Ich freilich glaubte das,

Auf eine alte verwitterte Vase, die bei dem Hermesbilde steht, zeigend.

Und dieses Ding da, meint’ ich, sei der Wirbel,

Ich armer Narr, dies irdene Gefäß!

PHEIDIPPIDES.

Schwatz Unsinn mit dir selbst, verrückter Alter!

Ab.

STREPSIADES.

Verrückt, das war ich, toll genug, die Götter

Dem Sokrates zulieb hinauszuwerfen!

Vor die Hermessäule tretend.

Ach, lieber Hermes, zürne mir nicht drob,

Vernichte mich nicht ganz, vergib mir, daß

Durch das Geschwätz ich mich betören ließ!

O rate mir: Soll ich sie vor Gericht

Belangen? oder wie? Was meinst du sonst?

Legt sein Ohr an den Hermeskopf.

– – Hast recht! Wozu Prozess’ anzetteln? Lieber

Steck’ ich den Rabulisten überm Kopf

Das Haus an!

Ruft in sein Haus hinein.

Holla! Heda, Xanthias!

Komm ‘raus und bring mir Leiter, Axt und Hacke,

Und steig hinauf auf die Studierbutike;

Hau, wenn du deinen Herren liebst, das Dach

Zusammen, daß die Balken sie zerschmettern!

Der Sklave steigt hinauf und fängt an einzureißen.

Und du!

Einem zweiten Sklaven rufend.

Bring mir ‘ne Fackel, aber brennend!

Der Sklave tut es.

Wart nur, ich will dir diesmal, du da drinnen,

Und euch, ihr unverschämten Scharlatans!

EIN SCHOLAR im Innern.

Au weh, au weh!

STREPSIADES die Fackel schwingend.

Ha, Fackel, halt dich gut und speie Flammen!

SCHOLAR.

Mensch, was beginnst du?

STREPSIADES.

Was ich mach’? Ich löse

Nur dort den Dachstuhl dialektisch auf.

CHAIREPHON im Innern.

Wer steckt das Haus uns überm Kopf in Brand?

STREPSIADES.

Der Mann, dem ihr den Mantel abgenommen.

CHAIREPHON.

Mordbrenner!

STREPSIADES hinaufsteigend.

Ja, das möcht’ ich eben werden,

Wenn diese Axt nicht meine Hoffnung täuscht

Und ich nicht ‘runterstürz’ und brech’ den Hals.

SOKRATES von innen.

Was machst du denn da oben auf dem Dach?

STREPSIADES.

»In Lüften schweb’ und Helios überseh’ ich!«

CHAIREPHON wie oben.

Entsetzlich, weh mir Armen! Ich ersticke!

SOKRATES.

Dämonisches Verhängnis! Ich verbrenne!

STREPSIADES heruntersteigend.

Recht so! Wer hieß euch auch der Götter spotten

Und nach Selenes Heimlichkeiten spähn?

Zu Xanthias, der ebenfalls heruntersteigt.

Schlag zu

Xanthias schlägt nach den herausspringenden Scholaren.

und hau und schmettre drein! Du weißt,

Zehnfach verdienen sie’s, die Atheisten!

Die Philosophenklause steht in Flammen.

CHORFÜHRERIN zum Chor.

Nun ziehet hinaus: denn wir haben uns heut gehörig im Reigen geschwungen!

Aristophanes – Die Vögel

Aristophanes

Die Vögel

(Orinthes)

Personen.

Pisthetairos

Euelpides

Ein Bettelpoet

Ein Wahrsager

Meton, der Feldmesser

Ein Ausrufer

Ein Kommissär

Ein ungeratener Sohn

Kinesias, der Poet

Ein Sykophant

Sklaven (stumm)

Der Wiedehopf

Der Zaunschlupfer

Vögel als Priester, Musiker, Boten, Herolde, Sklaven

Chor der Vögel

Iris

Prometheus

Herakles

Poseidon

Der Triballe

Basileia (stumm)

Erste Szene

Hochgelegene Wald- und Felsgegend.

Pisthetairos und Euelpides, durch ihr Gepäck als Auswanderer kenntlich, jeder mit einem Vogel auf der Hand, treten auf.

EUELPIDES zu der Dohle, die er auf der Hand trägt.

Gradaus, dort nach dem Baum zu weist du mich?

PISTHETAIROS zu seiner Krähe.

Ei, berste du! – Die krächzt uns nun zurück.

EUELPIDES.

Verdammt! Da stolpern wir nun auf und ab

Und laufen kreuz und quer hinein ins Blaue!

PISTHETAIROS.

Ich Tor! – zu folgen einer Kräh’, und mehr

Als tausend Stadien Wegs herumzuirren!

EUELPIDES.

Ich Narr! – zu folgen einer Dohl’, und mir

Die Nägel an den Zehen abzulaufen!

PISTHETAIROS.

Wo mögen wir in aller Welt nur sein?

EUELPIDES.

Du – fändest du von hier die Vaterstadt?

PISTHETAIROS.

Unmöglich – selbst für Exekestides!

EUELPIDES stolpernd.

Au weh!

PISTHETAIROS.

So geh doch diesen Weg, Kam’rad!

EUELPIDES.

Der Vogelhändler hat uns schön geprellt,

Philokrates, der hirnverbrannte Krämer,

Der log: die beiden führten uns zum Tereus,

Dem Wiedehopf, nunmehrigem Vollblutvogel.

Die Dohle – Tharrheleides’ Kind – verkauft’ er

Uns für ‘nen Obolos, und hier die Krähe

Für drei! und beide können nichts als beißen!

Die Dohle pickt nach ihm.

Was schnappst du wieder? Willst du uns die Felsen

Hinabspedieren? – Hier ist weit und breit

Kein Weg!

PISTHETAIROS.

Beim Zeus, auch nicht der schmalste Fußpfad!

EUELPIDES.

Sagt deine Krähe dir denn nichts vom Weg?

PISTHETAIROS.

Ach nein! die kreischt das alte Lied mir vor.

EUELPIDES.

Was sagt sie denn vom Weg?

PISTHETAIROS.

Was wird sie sagen?

Weghacken wolle sie mir noch die Finger!

EUELPIDES gegen die Zuschauer.

Ist das nicht arg, daß wir, die doch zum Geier

Zu gehn parat und voll Verlangen sind,

Nun erst den Weg dahin nicht finden können?

Denn wißt, ihr Herrn Zuschauer, unsre Krankheit

Ist just das Widerspiel von der des Sakas:

Der, Nichtstadtbürger, drängt sich ein, doch wir,

Von Stamm und Zunft und Haus aus makellos,

Vollbürger, nicht verjagt, aus eignem Antrieb

Entflogen spornstreichs wir der Heimat; – nicht

Als wär’ uns diese Stadt verhaßt und wäre

Nicht herrlich, groß und weit und allen offen,

Die drin ihr Geld verprozessieren wollen!

Denn einen Monat oder zwei nur zirpen

Im Laub die Grillen: doch ihr ganzes Leben

Verzirpen im Gerichtshof die Athener.

Dies ist der Grund, warum wir hier marschieren

Mit Korb und Topf und Myrtenreis; wir streifen

Herum und suchen einen Friedensort,

Um allda unsre Wohnung aufzuschlagen.

Gerad zu Tereus geht jetzt unsre Fahrt,

Zum Wiedhopf, um zu fragen, ob er als

Gereister Vogel so ‘ne Stadt gesehn.

PISTHETAIROS.

Du?

EUELPIDES.

Was?

PISTHETAIROS.

Die Krähe winkt mir immer dort

Hinauf.

EUELPIDES.

Und meine Dohle reckt den Schnabel

Weit offen in die Höh’, mir was zu zeigen.

Kein Zweifel mehr, hier müssen Vögel sein:

Wir schlagen Lärm, da sind wir gleich im klaren.

PISTHETAIROS.

Hör, stoß doch mit dem Fuß hier an den Felsen!

EUELPIDES.

Stoß du doch mit dem Kopf, dann klopft es doppelt.

PISTHETAIROS.

So poch mit einem Stein!

EUELPIDES.

Wie du befiehlst!

He, Bursch!

PISTHETAIROS.

Was rufst du? Nennst den Wiedhopf Bursch?

Nicht Bursch, du mußt Huphup dem Wiedhopf rufen

EUELPIDES.

Huphup! Wie lange muß ich denn noch klopfen?

Huphup!

Zaunschlupfer mit langem, weitoffenem Schnabel tritt heraus; Pisthetairos und Euelpides fahren zurück; Dohle und Krähe fliegen fort.

ZAUNSCHLUPFER.

Wer klopft? Wer ruft hier meinem Herrn?

EUELPIDES.

Apollon, sei uns gnädig! Welch ein Schlund!

ZAUNSCHLUPFER.

Ich Unglücksel’ger, weh, zwei Vogelsteller!

EUELPIDES in höchster Not.

Weh, was passiert mir? Unaussprechliches!

ZAUNSCHLUPFER.

Hol’ euch –

EUELPIDES.

Für Menschen hältst du uns?

ZAUNSCHLUPFER.

Was sonst?

EUELPIDES.

Ich bin der Vogel Graus aus Afrika.

ZAUNSCHLUPFER.

Du lügst!

EUELPIDES.

Da frag die Sauce an meinen Beinen!

ZAUNSCHLUPFER zu Pisthetairos.

Und welch ein Vogel bist denn du? sag an!

PISTHETAIROS.

‘Ne Art von Goldfasan – der Diarrhöling.

EUELPIDES zum Zaunschlupfer.

Was bist denn du nun aber für ein Tier!

ZAUNSCHLUPFER.

Ein Vogelsklave!

EUELPIDES.

Welche Demut! – Hat

Ein Kampfhahn dich besiegt?

ZAUNSCHLUPFER.

O nein! Doch als

Mein Herr zum Wiedhopf wurde, bat er mich,

Als Vogel mitzugehn und ihm zu dienen.

EUELPIDES.

Braucht denn ein Vogel auch noch Dienerschaft?

ZAUNSCHLUPFER.

Er wohl! vermutlich, weil er Mensch einst war;

Bald hätt’ er gern phalerische Sardellen,

Gleich schlupf’ ich mit dem Töpfchen fort und hole;

Dann will er Mus – nach Quirl und Pfanne schlupf’ ich

Durch Heck’ und Zaun –

EUELPIDES.

Nun kenn’ ich dich: Zaunschlupfer!

Hör, weißt du was, Zaunschlupfer, schlupf hinein

Und ruf uns deinen Herrn!

ZAUNSCHLUPFER.

Der macht sein Schläfchen!

Denn Schnaken aß er just und Myrtenbeeren.

EUELPIDES.

Geh nur und wecke ihn!

ZAUNSCHLUPFER.

Ach nein, ich weiß

Gewiß, er brummt. – Nun, euch zulieb’, ich weck’ ihn!

Ab.

PISTHETAIROS ihm nachrufend.

Daß du krepierst! Mich so halbtot zu ängsten!

EUELPIDES.

O weh, auch mir entflogen ist vor Angst

Die Dohle!

PISTHETAIROS.

Feiges Tier, du hast vor Angst

Die Dohle fliegen lassen?

EUELPIDES.

Hast denn du

Beim Fallen nicht die Krähe fahren lassen?

PISTHETAIROS.

Ich nicht, bei Zeus!

EUELPIDES.

Wo ist sie denn?

PISTHETAIROS.

Entwischt!

EUELPIDES.

Und du, du hieltst sie nicht, du tapfrer Held?

WIEDEHOPF hinter der Szene.

Tu auf den Wald, daß ich mich offenbare!

Tritt heraus.

EUELPIDES.

Welch Wundertier! Herakles, welch Gefieder!

Und auf dem Kopf drei Büsche! – Neue Mode!

WIEDEHOPF.

Wer wünscht zu sehn mein Antlitz?

EUELPIDES.

Die zwölf Götter –

Gegen das Publikum.

Traktierten, scheint’s, dich schlecht!

WIEDEHOPF.

Ihr spottet mein

Und meiner Schwingen? Fremdlinge, ich war

Einst Mensch –

EUELPIDES.

Wir lachen dich nicht aus –

WIEDEHOPF.

Wen denn?

PISTHETAIROS.

Dein krummer Schnabel nur erschien uns spaßhaft.

WIEDEHOPF.

So hat der Sophokles mich zugerichtet

In seinem Trauerspiel, ja mich, den Tereus!

EUELPIDES.

Du bist der Tereus? Hahn wohl oder Pfau?

WIEDEHOPF.

Ein Vogel doch!

EUELPIDES.

Wo sind denn deine Federn?

WIEDEHOPF.

Mir ausgefallen –

EUELPIDES.

Wohl in einer Krankheit?

WIEDEHOPF.

Nein, alle Vögel mausern sich im Winter,

Es wachsen dann uns neue nach! – Allein

Wer seid denn ihr?

EUELPIDES.

Wir beide? Menschenkinder!

WIEDEHOPF.

Woher?

EUELPIDES.

Woher die stolze Flotte stammt.

WIEDEHOPF.

So? Heliasten? –

EUELPIDES.

Antiheliasten,

Grad’ umgekehrt!

WIEDEHOPF.

Gedeiht denn solches Korn

Dort auch?

EUELPIDES.

Gar dünn gesät ist’s auf dem Land.

WIEDEHOPF.

Was habt ihr vor? »Was führt euch denn hierher?«

EUELPIDES.

Dich sprechen wollen wir!

WIEDEHOPF.

Worüber denn?

EUELPIDES.

Einmal: du warst ein Mensch einst, so wie wir,

Und hattest wohl auch Schulden, so wie wir;

Und zahltest sie nicht gerne, so wie wir;

Zum zweiten hast, zum Vogel umgestaltet,

Du Erd’ und Meer umflogen, und so weißt

Du, was ein Mensch und was ein Vogel weiß.

Drum nah’n wir uns in Demut dir und bitten,

Ob du vielleicht uns eine Stadt kannst nennen,

Wo weich und warm man in der Wolle sitzt?

WIEDEHOPF.

Und größer als die Stadt der Kranaer?

EUELPIDES.

Nicht größer, aber dienlicher für uns.

WIEDEHOPF.

Haha, du denkst aristokratisch?

EUELPIDES.

Ich?

Mit nichten, Skellios’ Sohn ist mir ein Greuel!

WIEDEHOPF.

In welcher Stadt denn wohntet ihr am liebsten?

EUELPIDES.

Wo dies die wichtigsten Geschäfte wären: –

Früh käm’ an meine Tür ein guter Freund

Und spräche: ›Beim olymp’schen Zeus, du kommst

Doch ja zu mir mit deinen Kindern, wenn

Sie morgens frisch gewaschen sind: wir haben

Ein Hochzeitsmahl: und fehl mir ja nicht, sonst

Bleib mir auch weg, wenn’s einmal schmal mir geht!‹

WIEDEHOPF.

Bei Zeus, du liebst beschwerliche Geschäfte!

Zu Pisthetairos.

Und du?

PISTHETAIROS.

Dergleichen lieb’ auch ich!

WIEDEHOPF.

Zum Beispiel?

PISTHETAIROS.

Wenn einer schwerbeleidigt sich bei mir

Beklagt’, ein Vater eines hübschen Knaben:

›So, schön von dir, Stilbonides! Mein Söhnchen,

Das frischgebadet du beim Ringhof trafst,

Mir nicht zu grüßen, küssen, mitzunehmen –

Und auszugreifen – Du, mein alter Freund?!‹ –

WIEDEHOPF.

Du armer Mann, du liebst vertrackte Dinge!

Nun, in der Tat, solch eine Stadt der Wonne

Liegt fern am Roten Meer –

EUELPIDES.

Um Gottes willen,

Nur nicht am Meer! – daß eines Morgens – schrecklich! –

Die Salaminia auftaucht, uns zu holen?

Kannst du uns keine Stadt in Hellas nennen?

WIEDEHOPF.

Laßt euch zu Lepreos in Elis nieder!

EUELPIDES.

Zu Lepreos, dem Krätznest? Pfui, das hass’ ich,

Eh’ ich’s gesehn, schon von Melanthios her!

WIEDEHOPF.

So siedelt euch bei den Opuntiern an

In Lokris!

EUELPIDES.

Was, in Lokris? Lockrer Lump!

Das würd’ ich nicht um eine Tonne Golds! –

Wie ist denn bei euch Vögeln hier das Leben?

Du kennst es ja!

WIEDEHOPF.

Kein übler Aufenthalt!

Man braucht hier, um zu leben, keinen Beutel!

EUELPIDES.

Da gibt’s auch keine Beutelschneiderei!

WIEDEHOPF.

Wir picken in den Gärten weißen Sesam,

Mohnkörner, Myrtenbeeren, Wasserminze.

EUELPIDES.

Da führt ihr ja ein wahres Hochzeitleben!

PISTHETAIROS.

Ha! Hört!

Zu großen Dingen, seh’ ich, ist bestimmt

Das Vögelvolk – wenn ihr mir folgen wollt!

WIEDEHOPF.

Dir folgen? Wie?

PISTHETAIROS.

Vor allem flattert nicht

Mit offnen Schnäbeln in der Welt herum,

Das schickt sich nicht für euch! Wenn dort bei uns

Man fragt nach solchen flatterhaften Burschen:

»Wer ist der Vogel?« – gleich sagt Teleas:

›Ein wetterwend’scher Mensch, charakterlos,

Heut so und morgen so, ein luft’ger Zeisig!‹

WIEDEHOPF.

Beim Dionysos, und der Mann hat recht!

Was tun?

PISTHETAIROS.

Erbaut euch eine Stadt für alle!

WIEDEHOPF.

Wir Vögel eine Stadt bau’n? Wie denn das?

PISTHETAIROS.

»Mein Gott, wie albern du nur reden kannst!«

Da schau hinab!

WIEDEHOPF.

Ich schau’!

PISTHETAIROS.

Nun schau hinauf!

WIEDEHOPF.

Und nun?

PISTHETAIROS.

Jetzt dreh den Hals herum!

WIEDEHOPF.

Bei Zeus,

Es lohnt sich wohl, den Hals mir zu verrenken?

PISTHETAIROS.

Was sahst du nun?

WIEDEHOPF.

Die Wolken und den Himmel!

PISTHETAIROS.

Das ist doch wohl der Staat der Vögel, nicht?

WIEDEHOPF.

Was, Staat? Wie meinst du das?

PISTHETAIROS.

Die Station,

Wo stattlich ausgestattet, was ihr wollt,

Ihr euch gestattet – sieh, das ist ein Staat!

Und baut ihr Häuser da und Mauern drum.

Dann habt ihr in dem Staat auch eine Stadt!

Heuschrecken sind dann gegen euch die Menschen,

Die Götter hungert ihr gut melisch aus –

WIEDEHOPF.

Wie?

PISTHETAIROS.

Zwischen Erd’ und Himmel ist die Luft,

Nicht wahr? – Wie wir, wenn wir nach Delphi gehn,

Um freien Durchzug die Boioter bitten,

So, wenn die Sterblichen den Göttern opfern

Und die den Durchgangszoll euch nicht entrichten,

Laßt durch die Luftstadt ihr die fremde Ware,

Den Opferbratenduft, nicht mehr passieren.

WIEDEHOPF.

Der Tausend auch!

Bei allen Netzen, Schlingen, Vogelstangen!

Ein beßrer Einfall kam mir nie zu Ohren!

Es gilt! Ich bau’ mit dir die Stadt, wofern

Die andern Vögel einverstanden sind.

PISTHETAIROS.

Wer stellt den Antrag ihnen vor?

WIEDEHOPF.

Du selbst!

Durch langen Umgang bracht’ ich den Barbaren –

Das waren sie – ein bißchen Sprache bei.

PISTHETAIROS.

Kannst du sie denn zusammenrufen?

WIEDEHOPF.

Leicht!

Ich gehe nur geschwind da ins Gebüsch

Und wecke meine Nachtigall; dann rufen

Wir ihnen, und sobald sie unsre Stimme

Vernehmen, eilen sie im Flug herbei.

PISTHETAIROS.

Herzlieber Vogel, steh nicht müßig da,

Ich bitt’ dich, geh nur gleich hier ins Gebüsch,

Geh schnell und wecke deine Nachtigall!

WIEDEHOPF singt hinterm Busch.

O Gespielin, wach auf und verscheuche den Schlaf,

Laß strömen des Liedes geweihte Musik

Aus der göttlichen Kehle, die schmelzend und süß

Um mein Schmerzenskind und das deine klagt

Und melodischen Klangs aushauchend den Schmerz,

Ach, um Itys weint!

Rein schwingt sich der Schall durch das rankende Grün

Zu dem Throne des Zeus, wo Phoibos ihm lauscht,

Der Goldengelockte, zu deinem Gesang

In die elfenbeinerne Harfe greift,

Zu deinem Gesange den schreitenden Chor

Der Unsterblichen führt;

Und weinend mit dir, einstimmig ertönt

Von dem seligen Mund

Der Unsterblichen himmlische Klage.

Flötenspiel hinter der Szene, Nachtigallentöne nachahmend.

PISTHETAIROS.

Welch Vogelstimmchen! Nein, das übertaut,

Bei Zeus! mit Honigseim den ganzen Wald.

EUELPIDES.

Du –

PISTHETAIROS.

Was beliebt?

EUELPIDES.

Sei still doch!

PISTHETAIROS.

Ei, warum?

EUELPIDES.

Der Wiedhopf präludiert, es kommt noch eins!

WIEDEHOPF singt unter Flötenbegleitung.

Hup hup hup op op op, hup hup hup hup hup,

Juhu, Juhu! Heran, heran, heran!

Heran, ihr meine Mitgefiederten,

Was auf Ährengefilden den Kropf sich füllt!

Heran, ihr Gerstenpicker allzumal,

Körnerauflesende, flinke, geschmeidige,

Wohllautatmende Sänger,

Die ihr in Saatenfurchen

Trippelt, des feinen Stimmchens

Froh, behaglich also zwitschert:

Tiotio tiotio tiotio tiotio!

Ihr, die ihr in Gärten im Efeulaub

Verborgen nascht, auf den Bergen schwärmt,

Berberitzenverschlinger, Erdbeerenverschlucker,

Fliegt schleunig herbei auf meinen Ruf:

Trioto trioto totobrix!

Ihr, die ihr im Meer und in sumpfiger Schlucht

Stechfliegen erschnappt und vom Wiesentau

Benetzt durch die blumigen Auen streift

Und Marathons liebliche Gründe!

Komm, rotbehaubtes Haselhuhn!

»Kommt, die ihr über die Wogen des Meers

Fliegt mit den wandernden Halkyonen,«

Eilt zu vernehmen die Kunde, die neuste!

Sammelt, wir rufen euch, sammelt euch all’

Vom langhalsigen Stamme der Vögel!

Denn ein Greis ist gekommen, ein kluger Kopf,

Der ein neues Werk

Hat ausgeheckt, einen neuen Plan:

Drum kommt nun all’ zur Beratung,

Kommet, kommet, kommet, kommet!

Toro toro toro torotix!

Kikkabau! Kikkabau!

Toro toro toro torolililix!

PISTHETAIROS zu Euelpides.

Du, siehst du einen Vogel?

EUELPIDES.

Keinen Schwanz,

Obwohl ich offnen Mauls zum Himmel gaffe!

PISTHETAIROS.

Der Wiedhopf, scheint’s, hat hinterm Busch vergeblich

Gegluckst, gefalzt als wie ein Auerhahn.

Ein Flammbart kommt durch das linke Tor in die Orchestra gelaufen.

FLAMMBART.

Torotix torotix!

PISTHETAIROS.

Ei der Tausend, Freund, ein Vogel! Sieh, da rückt ein Vogel an!

EUELPIDES.

Ei, ein Vogel! Was für einer, möcht’ ich wissen: wohl ein Pfau?

PISTHETAIROS während der Wiedehopf wieder hervorkommt.

Der da wird’s am besten wissen, was das für ein Vogel ist.

WIEDEHOPF.

Das ist kein gemeiner Vogel, den ihr alle Tage seht –

Ein Sumpfvogel!

PISTHETAIROS.

Alle Wetter, prächtig, purpurrot geflammt!

WIEDEHOPF.

Ganz natürlich! Und deswegen ist er Flammbart auch genannt!

Ein Hahn tritt gravitätisch herein.

EUELPIDES.

Du – potz Wetter!

PISTHETAIROS.

Nun, was schreist du?

EUELPIDES.

Sieh, ein zweiter Vogel kommt!

PISTHETAIROS.

Ja, bei Zeus! Wohl der, »der seine Heimat in der Fremde hat«?

Zum Wiedehopf.

Du, »wer ist der seltsam stolze, bergaufsteigende Prophet«?

WIEDEHOPF.

Dieser? Perservogel heißt er!

PISTHETAIROS.

Perser? Beim Herakles, ei,

Sag, wie kommt er denn als Perser ohne sein Kamel daher?

Ein ruppiger Wiedehopf tritt auf.

EUELPIDES.

Sieh, da kommt ein Vogel wieder, einen Helmbusch auf dem Haupt!

PISTHETAIROS.

Ei, wie sonderbar! So bist du nicht der einz’ge Wiedhopf hier?

Gibt’s denn außer dir noch andre?

WIEDEHOPF.

Der da ist Philokles’ Sohn,

Wiedhopfs Enkel, sein Großvater bin ich selbst – gerade wie

»Hipponikos, Sohn des Kallias, Kallias, Hipponikos’ Sohn«.

PISTHETAIROS.

Also Kallias ist der Vogel! Denn er mausert sich, sieh her!

EUELPIDES zu dem zweiten Wiedehopf.

Edler Mann, du kommst herunter, Sykophanten rupfen dich,

Und die letzten Federn raufen dir galante Dirnen aus!

Eine Kropfgans watschelt herein.

PISTHETAIROS.

Potz Poseidon! Welch ein Vogel, der in allen Farben spielt!

Nun, wie heißt denn dieser?

WIEDEHOPF.

Kropfgans, der bekannte Nimmersatt.

PISTHETAIROS.

Heißt denn Nimmersatt noch jemand anders als Kleonymos?

EUELPIDES.

Der – Kleonymos? – Verloren hat er ja den Helmbusch nicht!

PISTHETAIROS.

Überhaupt, was soll das Buschwerk auf dem Kopf des Federviehs?

Gibt’s ‘nen Wettlauf denn?

WIEDEHOPF.

Sie machen’s eben wie die Karier:

Auf den Hügeln unter Büschen sitzen sie vor’m Feind gedeckt.

PISTHETAIROS.

Ach, Poseidon! Welches Vogelungewitter zieht sich, schau,

Dort zusammen!

EUELPIDES.

Ach, Apollon! Wolk’ an Wolke, Gott erbarm’s!

Kaum vor flatterndem Gevögel ist der Eingang mehr zu sehn!

Der Chor der Vögel rückt ein.

PISTHETAIROS.

Dort ein Rebhuhn, ei der Tausend! Hier ein Haselhuhn! Und hier,

Sieh, da patscht ‘ne Wasserente, ein Eisvogelweibchen dort!

EUELPIDES.

Hinter diesem aber? –

PISTHETAIROS.

Der dort? Ein Bartgeier wird es sein!

EUELPIDES.

Heißt Bartgeier denn ein Vogel?

PISTHETAIROS.

Heißt denn Sporgilos nicht so?

Siehst du dort die Eul’?

EUELPIDES.

Ich bitte, »bringt man Eulen nach Athen«?

PISTHETAIROS.

Elster, Turteltaube, Lerche, Weihrauchvogel, Käuzchen, Specht,

Turmfalk’, Amsel, Taucher, Schnepfe, Adler, Häher, Auerhahn!

EUELPIDES.

Ahi, was Federvieh!

Ahi, was Rabenvieh!

Wie sie piepsen, und wie alles kreischend durcheinanderrennt!

Weh! Mit offnen Schnäbeln drohend, mit ergrimmten Augen sehn

Sie mich an und dich –

PISTHETAIROS ängstlich.

Wahrhaftig, ich bemerk’ es ebenfalls.

CHOR DER VÖGEL durcheinander schnarrend.

Wo, wo, wo, wo, wo, wo ist er, der uns rief, wo horstet er?

WIEDEHOPF.

Hier bin ich, wie immer euer treuer Freund, und warte längst.

CHOR.

We – we – we – we – we – we – welche Freundesbotschaft bringst du uns?

WIEDEHOPF.

Eine schöne, kluge, biedre, süße, volksbeglückende!

Denn zwei Menschen, wackre Greise, sind gekommen, sind bei mir.

Aufruhr unter den Vögeln.

CHOR.

Wo? Wie? Wa – was?

WIEDEHOPF.

Von den Menschen, sag’ ich, kamen zwei ergraute Männer her,

Und zu einem »Riesenwerke« bringen sie den Bauplan mit.

CHORFÜHRER.

Einen größern Frevler hab’ ich, seit ich esse, nicht gesehn!

Nun, was sagst du?

WIEDEHOPF.

Laß mich reden! Fürchte nichts!

CHORFÜHRER.

Was tatst du uns?

WIEDEHOPF.

Männer nahm ich auf, die gerne lebten im Verein mit uns!

CHORFÜHRER.

Diese Tat hast du begangen?

WIEDEHOPF.

Und ich freue mich der Tat!

CHORFÜHRER.

Und sie sind schon hier? –

WIEDEHOPF.

In eurer Mitte, so gewiß als ich!

CHOR.

Ach, ach!

Verkauft, verraten, geschändet sind wir!

Denn ein Bruder, ein Freund, der gemeinsam mit uns

Auf den Fluren sein Futter sich suchte,

Hat gebrochen das uraltheil’ge Gesetz,

Hat gebrochen den Eid der Vögel!

Hat ins Netz mich gelockt, mich dem argen Geschlecht

In die Hände geliefert, das, seit es erzeugt,

Mir nur Böses getan!

CHORFÜHRER.

Nun, mit diesem Vogel reden wir dann später noch ein Wort!

Doch die beiden alten Sünder, denk’ ich, züchtigen wir gleich.

Kommt, wir reißen sie in Stücke!

Allgemeine Aufregung.

PISTHETAIROS.

Weh, nun ist’s um uns geschehn!

EUELPIDES.

Ja, und du, du bist an allem diesem Unglück schuld! Warum

Hast du mich auch mitgenommen?

PISTHETAIROS.

Nun, damit du bei mir bist!

EUELPIDES.

Um es bitter zu beweinen!

PISTHETAIROS.

Sieh, wie albern schwatzt du jetzt!

EUELPIDES.

Albern?

PISTHETAIROS.

Wein’ einmal, nachdem sie dir die Augen ausgehackt!

CHOR.

Auf, auf!

Nun drauf und daran, und in grimmigem Sturm

Auf den Todfeind los, und umzingelt ihn rings,

Und schlagt ins Gesicht ihm die Flügel!

Laut heulen soll das verruchte Paar,

Ein Fraß für unsere Schnäbel!

Nicht der waldige Berg, nicht die Wolke der Luft,

Nicht das graue Gewässer des Meeres soll

Sie beschützen vor mir!

CHORFÜHRER.

Nun, was zaudern wir noch länger? Beißt und kratzt und reißt und rupft!

He, wo ist der Hauptmann? – Dringe mit dem rechten Flügel vor!

EUELPIDES.

Nun wird’s Ernst! – Wohin entflieh’ ich Armer?

PISTHETAIROS.

Du, so halt doch stand!

EUELPIDES.

Soll ich mich zerreißen lassen?

PISTHETAIROS.

Hoffst du Narr denn, ihnen noch

Zu entwischen?

EUELPIDES.

Wie? Das weiß ich freilich nicht!

PISTHETAIROS.

So höre denn!

Laß uns kämpfen, unsre Töpfe halten wir in tapfrer Hand!

EUELPIDES.

Und was soll der Topf uns helfen?

PISTHETAIROS.

Daß uns keine Eule packt!

EUELPIDES.

Wider diese krummen Krallen –?

PISTHETAIROS.

Nimm den Bratspieß, stecke dran

Einen nach dem andern!

EUELPIDES.

Sieh da, die Glotzaugen! Ach, was tun?

PISTHETAIROS.

Nimm das Essigkrüglein oder hier die Schüssel, wehre dich!

EUELPIDES.

Ei, Respekt vor deiner Klugheit! Ganz strategisch ausgedacht!

In Kriegs-Listen und Maschinen stichst du selbst den Nikias aus.

CHORFÜHRER.

Hurra! Marsch! Bei Fuß den Schnabel! Vorwärts, vorwärts, drauf und dran!

Rupft, reißt, beißt, zerrt, stoßt, haut, raufet! Schlagt zuerst den Topf entzwei!

WIEDEHOPF dazwischentretend.

Sprecht, was fällt euch ein, was soll das, ungeschlachte Bestien ihr?

Morden wollt ihr Männer, die euch nichts getan, zerreißen wollt

Ihr Landsleute ohne Schonung, Blutsverwandte meiner Frau?

CHORFÜHRER.

Was? Weswegen sollten ihrer mehr wir schonen als des Wolfs?

Haben wir denn schlimmre Feinde noch zu züchtigen als die?

WIEDEHOPF.

Wenn sie aber, von Geburt zwar Feind, im Herzen Freunde sind,

Wenn, euch guten Rat zu geben, nur sie da sind, nun, wie dann?

CHORFÜHRER.

Pah! Wie können die uns lehren oder guten Rat wohl gar

Uns erteilen, unsre Feinde, unsrer Ahnen Feinde schon?

WIEDEHOPF.

Freunde! Kluge Leute lernen auch von ihren Feinden gern.

Vorsicht frommt in allen Stücken: von dem Freunde wirst du sie

Schwerlich lernen, doch die Feinde, ja die zwingen dich dazu.

Denn die Städte – nicht dem Freunde, nein, dem Feind verdanken sie’s,

Wenn sie hohe Mauern bauen und Fregatten für den Krieg;

Daß sie’s lernten, sichert ihnen Hab und Gut und Weib und Kind.

CHORFÜHRER.

Ihrem Wort Gehör zu schenken, kann vorerst, wie mich bedünkt,

Uns nicht schaden: was Gescheites lernt man manchmal auch vom Feind.

PISTHETAIROS zu Euelpides.

Gut, ihr Zorn will, scheint’s, sich legen. Weiche Schritt für Schritt zurück!

WIEDEHOPF zum Chorführer.

Das ist billig, und ihr könnt es mir auch zu Gefallen tun!

PISTHETAIROS zu Euelpides.

Sieh, sie ziehn’s doch vor, in Frieden uns zu lassen: lege drum

Hin die Schüssel samt dem Topfe!

Mit dem Speer im Arm, dem Bratspieß,

Wollen wir auf und ab spazieren

Innerhalb des Waffenplatzes,

Nach dem Topf, des Lagers Marke,

Scharf hinsehend: Fliehn wär’ Schande!

EUELPIDES.

Meinst du? – Aber wenn wir fallen,

Wo zu Land wird unser Grab sein?

PISTHETAIROS.

Auf dem Töpferplatz! – Damit man

Von Staats wegen uns bestattet,

Werden wir den Feldherrn sagen,

Daß wir kämpfend sind gefallen

In der Schlacht am ›Vogelsberg‹!

CHORFÜHRER.

Zurück denn, und stellt euch in Reih und Glied,

Und die Lanze des Muts pflanzt neben dem Schild

Des Schlachtgrimms auf, wie im Feld der Soldat;

Wir verhören indessen die Männer da: wer

Und von wannen sie sind,

Und in welcherlei Absicht sie kommen?

Zum Wiedehopf.

He, Wiedhopf, gib einmal Bescheid!

WIEDEHOPF.

Bescheid? Was willst du wissen, sprich!

CHORFÜHRER.

Wer sind die zwei da, und woher?

WIEDEHOPF.

Gastfreund’ aus Hellas’ weisem Volk!

CHORFÜHRER.

Welch Ungefähr führt sie denn

Beid’ hierher ins Vögelreich?

WIEDEHOPF.

Der Wunsch, mir dir, nach deiner Sitt’

Und Art zu leben allezeit!

CHORFÜHRER.

So? Und was bringen sie da vor?

WIEDEHOPF.

Unglaublich klingt es, unerhört!

CHORFÜHRER.

Wie denken sie die Aufenthaltsbewilligung

Zu lohnen uns? Und wollen sie

Mit uns dem Feinde schaden und

Befördern ihrer Freunde Wohl?

WIEDEHOPF.

Ein großes Glück verheißt er uns,

Unglaublich, unaussprechlich groß!

Daß rundum alles euch gehört,

Was unten, oben, rechts und links,

Das demonstriert er euch aufs Haar.

CHORFÜHRER.

Ist er verrückt denn, der Tropf?

WIEDEHOPF.

Oh, ein durchtriebener Kopf!

CHORFÜHRER.

Sollte was hinter ihm sein?

WIEDEHOPF.

Der ist verschlagen und fein!

Der Witz, der Kniff, der Pfiff, der Scharfsinn selbst!

CHORFÜHRER.

Ich will ihn hören, ruf ihn gleich!

Was du da sagst – mich juckt’s davon

Schon jetzt in allen Federn!

WIEDEHOPF zu Pisthetairos und Euelpides.

Wohlan denn du, und du, den Waffenplunder

Schafft weg und hängt zur guten Stund’ ihn auf

Im Rauchfang, bei dem Bild des Feuergottes!

Du aber laß dein Wort, zu dem ich sie

Berief, uns hören: sprich!

PISTHETAIROS.

Beim Phoibos, nein!

Wenn sie mit mir nicht eingehn den Vertrag,

Wie ihn mit seinem Weib der ›Affe‹ schloß,

Der Messerschmied: – mich nicht zu beißen, nicht

Am Hodensack zu zerren, nicht zu krabbeln

Mir da –

CHORFÜHRER.

Dahinten? – Nein!

PISTHETAIROS.

Am Auge, mein’ ich!

CHORFÜHRER.

Das geh’ ich ein!

PISTHETAIROS.

Beschwöre mir’s!

CHORFÜHRER.

Ich schwöre!

So wahr ich mit den Stimmen aller Richter

Und alles Volks zu siegen wünsch’ –

PISTHETAIROS.

Es gilt!

CHORFÜHRER.

– Und halt’ ich’s nicht – mit einer Stimme nur!

PISTHETAIROS zu Euelpides.

Hört, Bürger und Soldaten, geht mit Wehr

Und Waffen jetzt nach Haus; und habt wohl acht

Des Maueranschlags, der das Weitre sagt!

ERSTER HALBCHOR.

So verschlagen in allen Stücken auch der Mensch

Von Haus aus ist, doch will ich dich hören; sag an!

Denn wohl ist es möglich,

Daß du bessern Rat mir zu geben imstand bist,

Als ich selbst es vermöchte,

Und zu größerer Macht mir verhelfen kannst,

Die mein blöderer Geist nicht geahnt: drum rede!

Was Ersprießliches du uns

Zu verschaffen weißt – wir teilen es redlich!

CHORFÜHRER.

Wohlan denn, was gab den Gedanken dir ein, was bewog dich, an uns dich zu wenden?

Das berichte getrost! Denn wir werden zuerst den geschloßnen Vertrag nicht verletzen!

PISTHETAIROS.

Schon gärt mir’s im Kopfe, beim Zeus, und der Teig zu der Rede, schon ist er im Gehen;

Jetzt ohne Verzug, jetzt knet’ ich ihn aus! Einen Kranz her, Bursch, und ein Becken!

Komm, gieße das Wasser mir über die Hand –

EUELPIDES.

Wie? Geht es zum Schmause denn, oder –

PISTHETAIROS zu Euelpides.

Nichts weniger! Nein, ich studiere schon lang auf ein mächtiges, schlagendes Kraftwort,

Zu erschüttern die Seele des Volks –

An den Chor.

Ja seht, nur für euch bin ich also bekümmert,

Daß ihr, einst Könige –

CHORFÜHRER.

Könige wir? Über was denn?

PISTHETAIROS.

Könige, freilich,

Über alles, was lebt und webet, zuerst über mich, über den da

Auf Euelpides deutend.

ja Zeus selbst;

Denn älter, weit älter ist euer Geschlecht, als Kronos zusamt den Titanen

Und die Erde –

CHORFÜHRER.

Die Erde?

PISTHETAIROS.

Fürwahr, bei Apoll!

CHORFÜHRER.

Ei, das erste Wort, das ich höre!

PISTHETAIROS.

O Einfalt! Du hast dich nicht umgetan und deinen Aisop nicht gelesen,

Der es deutlich doch sagt, daß die Schopflerch’ einst der erste der Vögel gewesen,

Eh’ die Erde noch war! Und da sei ihr am Pips ihr Vater gestorben und habe

Fünf Tag’ unbeerdigt gelegen, dieweil die Erde noch nicht existierte;

Aus Verzweiflung grub dann im eigenen Kopf sie ein Loch zu des Vaters Bestattung.

EUELPIDES.

So liegt denn der Vater der Schopflerch’ jetzt, der sel’ge, begraben im Schopfloch.

PISTHETAIROS.

Und wenn sie nun lang vor der Erde, lang vor den Göttern gelebt, da gebührt doch

Als den Ältesten ihnen mit Fug und Recht die Gewalt und das Zepter der Herrschaft!

EUELPIDES.

Beim Apollon, gewiß! Drum laß dir nur ja lang wachsen in Zukunft den Schnabel,

Denn das Zepter wird Zeus abtreten so schnell nicht dem tannenpickenden Schwarzspecht!

PISTHETAIROS.

Daß wirklich nun aber die Götter nicht vorzeiten die Menschen beherrschten,

Daß die Vögel als Könige herrschten, dafür gibt’s hundert und tausend Beweise.

So war, zum Exempel, vorzeiten der Hahn souveräner Regent und Gebieter

Im persischen Reich, vor den Fürsten lang, vor Dareios und Megabyzos,

Drum heißt er denn auch, weil er einst dort gebot, der persische Vogel noch heute.

EUELPIDES.

Drum stolziert er auch noch auf den heutigen Tag mit der aufrecht spitzen Tiara

Auf dem Kopf umher, wie der große Schah, er allein von sämtlichen Vögeln.

PISTHETAIROS.

So gewaltig war er, so mächtig und stark, daß heut noch, wenn mit dem Tag er

Sein Morgenlied kräht, die Schlafenden all’, seiner sonstigen Größe gedenkend,

Aufspringen und rasch an die Arbeit gehn, die Töpfer, die Schmiede, die Gerber,

Mehlhändler, Barbierer und Schneider und Schuh- und Harfen- und Schildfabrikanten,

In die Schlappschuh’ fahren im Dunkeln sie schnell und rennen –

EUELPIDES.

Da hört ein Geschichtchen:

Mein Mantel von phrygischem Wollenzeug, durch den Göckel kam ich um diesen!

Ich war in die Stadt zu dem Namensfest eines Bübchens geladen, da trank ich

Mir ein Räuschchen und dämmert’ allmählich ein, eh’ die andern noch tranken: da kräht’ er;

Ich, wähnend, es tag’, geh’ Halimos zu und laviere so grad’ vor die Mauern

Hinaus: da versetzt mir ein Straßendieb mit dem Knüttel eins über den Rücken:

Da lag ich im Dreck und versuchte zu schrein, doch davon war Mantel und Spitzbub!

PISTHETAIROS.

Der Hellenen König und Herrscher, das war in selbigen Zeiten der Weihe!

EUELPIDES.

Der Hellenen auch?

PISTHETAIROS.

Und er führte zuerst als ihr Herr

und Gebieter den Brauch ein,

Vor dem Weih’ in den Staub sich zu werfen.

EUELPIDES.

Ach ja, so warf ich mich selbst bei dem Anblick

Eines Weihen einmal in den Staub, und es fuhr, wie ich offnen Maules so dalag,

In den Hals mir hinunter mein Obolosstück: leer bracht’ ich nach Hause den Schnappsack!

PISTHETAIROS.

Im Ägyptenland und im weiten Gebiet der Phoinikier herrschte der Kuckuck,

Und sobald sein ›Kucku‹! der Kuckuck rief, da machten sich schnell auf die Beine

Die Phönizier all’ und schnitten ihr Korn auf den Äckern, und Gersten und Weizen.

EUELPIDES.

Potz Tausend! Da kommt wohl das Sprichwort her: »Kuckuck, in das Feld, ihr Beschnittnen!«

PISTHETAIROS.

So gewaltig regierten die Vögel im Land, daß, wo in den Städten von Hellas

Ein König noch war, Menelaos etwa, Agamemnon oder ein andrer,

Da saß auf dem Zepter ein Vogel ihm auch, um zu teilen mit ihm die – Schmieralien.

EUELPIDES.

Von all dem wußt’ ich kein Wörtchen und sah mit Verwundrung, wie mit dem Vogel

Auf dem Zepter hervor oft Priamos trat auf die Bühne: da stand er, der Vogel,

Und lauerte scharf dem Lysikrates auf, was er etwa bekäm’ an Schmieralien.

PISTHETAIROS.

Doch das Schlagendste, Freunde, das kommt erst jetzt! Zeus selber, der Herrscher von heute,

Da steht er, der König der Könige, doch mit dem Vogel, dem Adler, zu Häupten;

Mit der Eule sein Kind, die Athene; sein Knecht und Getreuer Apoll mit dem Habicht.

EUELPIDES.

Ganz richtig bemerkt: bei Demeter, so ist’s! Doch wozu die Begleitung der Vögel?

PISTHETAIROS.

Deshalb: wenn einer beim Opfern das Herz und die Leber, so wie es gebräuchlich,

In die Hand ihm drückt – daß sie selbst vor Zeus das Herz und die Leber sich nehmen! –

Bei den Göttern schwur kein Sterblicher sonst, jedmänniglich schwur bei den Vögeln;

Noch heut, wenn Lampon aufs Prellen ausgeht – nicht bei Zeus, er schwört bei dem Zeisig.

So hat man vorzeiten euch überall als heilig verehrt und gewaltig!

Jetzt sieht man für Tölpel, für Sklaven euch an

Und schlägt euch wie wütende Hunde tot

Und schießt nach euch in den Tempeln sogar!

Und die Vogelsteller, sie lauern euch auf

Mit Netz, Leimrute, mit Schling’ und Garn,

Mit Dohne, mit Sprenkel und Meisenschlag.

Und sie fangen und bringen euch schockweis zu Markt,

Und da kommen die Käufer und greifen euch aus!

Und sie braten euch, Wetter! Und wären sie nur

Noch zufrieden, euch so zu servieren bei Tisch!

Da kommt noch geriebener Käse dazu,

Weinessig und Baumöl, Teufelsdreck

Und Honig und Speck, durcheinandergerührt,

Und die Sauce dann schütten sie siedendheiß

Euch über das Fell,

Als wär’ es verstunkenes Luder!

ZWEITER HALBCHOR.

O wie schwer, o wie schwer das Wort aufs Herz mir fällt,

Das du, Alter, mir sagst! Ich beweine die Schmach

Und die Feigheit der Väter,

Welche so glänzende Hoheit, ererbt von den Ahnen,

Mir zum Schaden verscherzten.

Doch es führt ja so glücklich ein gutes Geschick

Dich als Retter mir jetzt und Beschirmer entgegen.

In die Arme dir sink’ ich

Mit den Küchlein, um fortan im Frieden zu wohnen!

CHORFÜHRER.

Nun erkläre dich aber, was müssen wir tun? Denn es lohnt nicht der Mühe zu leben,

Wenn wir unser erbeigenes Königtum, wie auch immer, nicht wiedererobern!

PISTHETAIROS.

So vernehmt mein Wort: Eine Stadt muß erstehn zur Behausung sämtlicher Vögel;

Dann müßt ihr die Luft, den unendlichen Raum, müßt Himmel und Erd’ ihr begrenzen,

Wie Babylon, rund mit Mauern umziehn, kolossal aus gebackenen Quadern!

WIEDEHOPF.

Kebriones, ha! und Porphyrion! Welch himmelanstrebender Stadtbau!

PISTHETAIROS.

Und sobald sie dann steht, die erhabene Stadt, dann verlangt ihr von Zeus, daß er abdankt,

Und will er nicht dran und schlägt er es ab und besinnt sich nicht gleich eines Bessern,

Dann erklärt ihr ihm selber den heiligen Krieg und verbietet den sämtlichen Göttern,

Durch euer Gebiet auf den Strich zu gehn mit himmelansteigender Rute,

Wie sie früher so oft eh’brecherisch geil zu Alkmene sich niederließen,

Zu Alope, Leda und Semele; und kommen sie dennoch, dann müßt ihr

Sie kurzweg infibulieren, damit sie die Weiberchen lassen in Ruhe.

‘Nen Vogel schickt ihr dann ohne Verzug zu den Menschen hinab als Gesandten

Und gebietet: als Königen sollen sie euch von der Stund an opfern, den Vögeln;

Und nach euch erst kriegen die Götter ihr Teil: und es steht dann geziemenderweise

Den Göttern stets ein Vogel zur Seit’, wie er eben für jeglichen passend:

So, wer Aphroditen ein Opfer weiht, der streue dann Körner dem Sperling,

Und wer dem Poseidon ein Schaf darbringt, der bedenke die Ente mit Weizen,

Wer ein Rind dem Herakles, bediene zugleich mit Honigkrapfen die Kropfgans,

Wer dem Zeus als König ‘nen Schafbock weiht – Zaunkönig ist ebenfalls König,

Und es ziemt sich, vor Zeus ihm den männlichen – Floh als hüpfendes Böcklein zu schlachten!

EUELPIDES.

Ein ergötzlicher Spaß – der geschlachtete Floh!

Ei, da schlage der Donner des Zeus drein!

WIEDEHOPF.

Wie sollen denn aber für Götter und nicht für Dohlen die Menschen uns achten?

Wir fliegen und haben doch Flügel am Leib?

PISTHETAIROS.

O Einfalt! Hat denn nicht Flügel

Auch Hermes und fliegt, und er ist doch ein Gott, und es fliegen der Götter noch viele,

Die Nike mit goldenen Schwingen, sie fliegt, und es fliegt doch, beim Zeus! auch der Eros,

Und »der schüchternen Taube vergleichbar« ist nach Vater Homeros die Iris?

WIEDEHOPF.

Schlägt Zeus dann nicht drein mit dem Donnerkeil und schickt uns geflügelte Blitze?

PISTHETAIROS.

Und wollen für nichts euch die Sterblichen dann, aus purer Beschränktheit, noch achten

Und für Götter dort oben nur die im Olymp, dann soll eine Wolke von Spatzen,

Ein fliegendes, körneraufpickendes Korps, wegschnappen die Saaten der Äcker;

Und metzenweis mag die Demeter dann an die Hungrigen Weizen verteilen.

EUELPIDES.

Die läßt das wohl sein, gib acht, die ersinnt Ausreden und läßt sie verhungern!

PISTHETAIROS.

Dann laßt ihr die Raben dem mageren Vieh, mit dem sie die Äcker bepflügen,

Und den Schafen aushacken die Augen, damit sie erkennen, wer Herr ist und Meister;

Und Apollon, der Arzt, er kuriere sie dann, wie er pflegt – für bare Bezahlung!

EUELPIDES.

Nur ein bißchen noch wartet! Ich möchte nur erst meine Stierchen zuvor noch verkaufen!

PISTHETAIROS.

Doch beten als Schöpfer und Gott sie dich an, als Poseidon, Kronos und Gaia,

Dann genießen sie Güter im Überfluß!

WIEDEHOPF.

So nenne mir eines der Güter!

PISTHETAIROS.

Nie werden den knospenden Reben fortan Heuschrecken die Augen zerfressen,

Denn Sperber und Eulen – nur eine Schwadron wird genug sein, sie zu vertilgen.

Gallwespen und Fliegen und andres Geschmeiß, sie benagen nicht länger die Feigen,

Denn die Krammetsvögel, ein einziger Schwarm – glattsauber putzt er die Bäume.

WIEDEHOPF.

Wo kriegen wir aber den Reichtum her für die Menschen? Das ist ja ihr Liebstes!

PISTHETAIROS.

Wer um Silberminen die Vögel befragt, – sie verleihn die ergiebigsten Schachte;

Wo die besten Geschäfte zu machen sind, durch die Seher erfährt er’s von ihnen;

Nicht ein Seefahrer verunglückt mehr!

WIEDEHOPF.

Nicht einer? Wie sollte das zugehn?

PISTHETAIROS.

Ein Vogel wird jeden, sobald er ihn fragt, vor der Fahrt aufs beste beraten:

›Jetzt segle nicht ab: denn es droht dir ein Sturm!‹ – ›Du gewinnst: jetzt lichte die Anker!‹

EUELPIDES.

Ei, da kauf’ ich ein Schiff mir und stech’ in die See: ich verlass’ euch, ich bleibe nicht länger!

PISTHETAIROS.

Dann decken sie ihnen die Schätze auf, die die Leute vor alters verscharrten,

Voll blinkenden Silbers: sie wissen gar wohl, wo sie liegen, drum heißt es im Sprichwort:

»Ich hab’ ‘nen Schatz, und es weiß es kein Mensch wo er liegt: das weiß nur der Geier!«

EUELPIDES.

Ich verkaufe mein Boot, schaff’ Hacken herbei, und da grab’ ich mir Töpfe voll Gold aus.

WIEDEHOPF.

Wie verschaffen wir ihnen Gesundheit denn? Bei den Göttern ja wohnt Hygieia?

PISTHETAIROS.

Wenn’s ihnen nun aber recht grundwohl geht, das ist doch Gesundheit die Fülle!

Denn, sieh mal, geht es dem Menschen schlecht, dann fehlt die Gesundheit ihm vornweg!

WIEDEHOPF.

Wo bekommen wir aber das Alter her? Denn das Alter ist auch im Olympos:

Dann sterben die Menschen als Kinder schon weg –

PISTHETAIROS.

Mitnichten! Die Vögel, sie legen

Dreihundert Jahre den Menschen noch zu!

WIEDEHOPF.

Und woher denn?

PISTHETAIROS.

Woher? Von sich selber!

»Die krächzende Krähe«, das weißt du doch wohl, »fünf Menschenalter durchlebt sie.«

EUELPIDES gegen das Publikum.

Potz Wetter, das nenn’ ich mir Könige, die weit besser als Zeus für uns taugen!

PISTHETAIROS ebenso.

Das mein’ ich doch auch!

Wir brauchen da marmorne Tempel nicht mehr

Zu errichten für sie und Portale daran

Zu erbaun aus Gold: oh, die wohnen auch gern

Im Wacholdergebüsch und im Haselnußstrauch,

Und der Ölbaum wölbt sich zum heiligen Dom

Für die Allerhöchsten im Vogelreich.

Nach Delphi zu pilgern, zu Ammons Sitz

Und zu opfern daselbst, fällt keinem mehr ein:

Wir stellen uns mitten ins Dickicht hin

Von wilden Oliven und Erdbeergebüsch

Und streu’n Hanfkörner und Weizen für sie

Und flehn mit erhobenen Händen sie an

Um Geld und Gut, und das wird uns dann auch

Ohne weitres gewährt

Für die Handvoll Korn, die wir streuen!

CHORFÜHRER.

Ehrwürdiger Greis, zum vertrautesten Freund aus dem bittersten Feind mir geworden,

Nie weich’ ich von dir, treu werd’ ich bei dir und deinen Entwürfen verharren!

Durch deiner Worte Kraft begeistert schwör’

Ich’s heilig, und die Drohung sprech’ ich aus:

Wenn du in heiliger Allianz

Mit mir zum Kampf auf Tod und Leben

Dich verbündest und treu

Wider die Götter mir hilfst,

Ein Herz und eine Seele, Freund,

Dann, Götter, sollt ihr länger nicht

Unser Zepter schänden!

Und das machen wir so: wo der rüstigen Kraft es bedarf, da postieren wir selbst uns;

Wo es aber zu denken, zu raten gilt, da vertrauen wir deinem Genie uns!

WIEDEHOPF.

Nun aber ist, beim Zeus, nicht mehr zum Zaudern

Und Schlafen Zeit, zur Nikiasnickerei!

Wir müssen handeln, und das gleich! So tretet

Vorerst hier ein in meine Nestbehausung

Und nehmt vorlieb mit Halmen, Stroh und Reisig!

Ei, nennt uns doch auch eure Namen!

PISTHETAIROS.

Gern,

Ich heiße Pisthetairos!

WIEDEHOPF.

Schön! Und du?

EUELPIDES.

Euelpides von Thria.

WIEDEHOPF.

Seid mir beide

Willkommen!

PISTHETAIROS.

Schönen Dank!

WIEDEHOPF.

Nun tretet ein!

PISTHETAIROS.

Geh du voran, wir folgen dir.

WIEDEHOPF.

So kommt!

PISTHETAIROS.

Halt! Du, wie ist denn das? – Komm doch zurück!

Wie können wir, die Unbeflügelten,

Mit euch denn leben, den Beflügelten?

WIEDEHOPF.

Ganz gut!

PISTHETAIROS.

Du weißt, wie übel in der Fabel

Aisops es jenem Fuchs ergangen ist,

Der mit dem Aar gemeine Sache machte!

WIEDEHOPF.

Sei unbesorgt! Es gibt ein Würzelchen:

Das kaut ihr nur, dann seid ihr gleich beflügelt.

PISTHETAIROS.

Nun denn, wir folgen!

Zu den Sklaven.

Du da, Manodoros

Und Xanthias, nehmt die Bagage mit!

CHORFÜHRER.

Noch ein Wort, noch ein Wort, ei so höre doch!

WIEDEHOPF.

Nun?

CHORFÜHRER.

Du geleitest ins Nest sie, die Gäste,

Und bewirtest sie gut! Doch die Nachtigall, Freund, die süße Gespielin der Muse,

Die schick uns heraus zur Gesellschaft und laß mit der Holden uns spielen und scherzen!

PISTHETAIROS.

O ja, bei Zeus, tu ihnen den Gefallen

Und lock das Vögelchen aus dem Gebüsch!

EUELPIDES.

Ja, bei den Göttern, lock es her und gönn’

Auch uns den Anblick deiner Nachtigall!

WIEDEHOPF.

Nun, wenn ihr wollt, so sei es!

Ruft ins Gebüsch.

Philomele,

Komm ‘raus und zeige dich den werten Gästen!

Philomele tritt auf als Flötenspielerin, mit einer Vogelmaske.

PISTHETAIROS.

Großmächt’ger Zeus, welch niedlich Vögelchen,

Wie zart, wie weiß –

EUELPIDES.

Ich sage dir, mit der

Probiert’ ich schon vierfüßig eins zu spielen!

PISTHETAIROS.

Was die mit Gold behängt ist! wie die Jungfrau!

EUELPIDES.

Kaum halt’ ich mich: ich muß, ich muß sie küssen!

PISTHETAIROS.

Du Narr, sieh nur den Bratspießschnabel an!

EUELPIDES.

Ich darf ihr nur die Eierschale da

Vom Köpfchen streifen – komm und laß dich küssen!

WIEDEHOPF nimmt ihn am Arm.

Gehn wir hinein!

PISTHETAIROS.

Glück zu! Wir folgen dir!

Alle ab.

CHOR singt.

Liebliches Blondköpfchen,

Süßestes Vögelein,

Meiner Lieder Begleiterin,

Nachtigall, holde Gespielin!

Bist du’s, bist du es, kommst du,

Bringst du mir süße Gesänge mit?

Komm und flöte mir himmlische

Frühlingstön’! Anapästische

Rhythmen laß uns beginnen!

Flötenspiel.

CHORFÜHRER an die Zuschauer.

O ihr Menschen, verfallen dem dunkeln Geschick, »den Blättern des Waldes vergleichbar,«

Ohnmächtige Zwerge, Gebilde von Lehm, traumähnliche Schattengestalten,

O ihr Eintagsfliegen, der Flügel beraubt, ihr erbärmlichverweslichen Wesen,

Jetzt lauschet und hört die Unsterblichen an, die erhabenen, ewiglich jungen,

Die ätherischen, himmlischen, seligen, Uns, die Unendliches sinnenden Geister,

Die euch offenbaren die Lehre vom All und den überirdischen Dingen:

Wie die Vögel entstanden, der Götter Geschlecht, und die Ströme, die Nacht und das Chaos:

Auf daß ihr erkennet, was ist und was war, und zum Geier den Prodikos schicket!

In der Zeiten Beginn war Tartaros, Nacht, und des Erebos Dunkel und Chaos;

Luft, Himmel und Erde war nicht; da gebar und brütet’ in Erebos’ Schoße,

Dem weiten, die schattenbeflügelte Nacht das uranfängliche Windei;

Und diesem entkroch in der Zeit Umlauf der verlangenentzündende Eros,

An den Schultern von goldenen Flügeln umstrahlt und behend wie die wirbelnde Windsbraut.

Mit dem Chaos, dem mächtigen Vogel, gepaart, hat der in des Tartaros Tiefen

Uns ausgeheckt und heraufgeführt zu dem Lichte des Tages, die Vögel.

Noch war das Geschlecht der Unsterblichen nicht, bis er alles in Liebe vermischte.

Wie sich eins mit dem andern dann paarte, da ward der Okeanos, Himmel und Erde,

Die unsterblichen, seligen Götter all! – Und so sind wir erwiesenermaßen

Weit älter, als alle Unsterblichen sind! Denn, daß wir von Eros gezeugt sind,

Ist sonnenklar: denn wir fliegen wie er und gesellen uns gern den Verliebten:

Manch reizenden Knaben, der kalt sich verschloß, hat nah an der Grenze der Jugend

Durch unsre Gewalt der verliebte Freund noch gewonnen durch Vögelpräsente:

Durch ein Perlhuhn oder ein Gänschen wohl auch, durch Wachteln und persische Vögel!

Was es Schönes auf Erden und Großes gibt, das verdanken uns alles die Menschen:

Wir verkünden die wechselnden Zeiten des Jahrs, den Frühling, den Sommer, den Winter:

Der Kranich, er mahnt euch zu säen im Herbst, wenn er krächzend nach Libyen wandert,

Und der Seemann hängt sein Steuer alsdann in den Rauch, um aufs Ohr sich zu legen:

Den Orestes heißt er sich weben ein Kleid, um im Frost es nicht stehlen zu müssen.

Kommt aber der Weih, so verkündet er euch nach dem Winter die mildere Jahrszeit,

Wo die Frühlingswolle den Schafen ihr müßt abscheren; die zwitschernde Schwalbe,

Die erinnert euch jetzt, zu vertrödeln den Pelz und ein sommerlich Röckchen zu kaufen;

Kurz, Ammon sind wir und Delphi für euch und Dodona und Phoibos Apollon!

Stets wendet ihr euch an die Vögel zuerst, eh’ eure Geschäft’ ihr besorget,

Als: Lohnarbeit und Kauf und Verkauf und Eheverlöbnis und Hochzeit.

Wer beißt euch die Mutter ins Bein und verheißt und beschert euch den Segen? – Der Storch ist’s!

Gar manchem entschlüpft vor Verwund’rung ein ›Ei!‹ und ihr ›höret ein Vögelchen pfeifen‹;

›Das weiß nur der Geier!‹ bekennt ihr, und geht euch ein Licht auf, sagt ihr: ›Es schwant mir!‹

Erkennt ihr es endlich und seht ihr in uns den leibhaftigen Seher Apollon?

Nun wohlan! Wofern ihr als Götter uns ehrt,

Weissagende Musen dann habt ihr für Wind

Und Wetter, für Sommer und Winter und Lenz

Und die Kühle des Herbsts! Wir entlaufen euch nicht,

Wir setzen uns nicht vornehm und bequem

In die Wolken hinauf so breit wie Zeus;

Aus traulicher Nähe verleihen wir euch,

Euch selbst samt Kindern und Enkeln, Gedeih’n

Und Gesundheit die Füll’,

Und Leben und Segen und Frieden und Ruh’

Und Vergnügen und Spaß und Jugend und Tanz,

Und Hühnermilch!

Ja, ihr werdet’s, ihr all’, aushalten nicht mehr

Vor Vergnügen und Lust:

So werdet ihr schwimmen im Reichtum!

ERSTER HALBCHOR.

Gesang mit Flötenbegleitung.

Melodienreiche –

Die Nachtigall fällt ein.

Tiotio tiotio tiotio tiotinx!

Muse des Hains, mit der ich oft

In Tälern und hoch auf waldigen Bergen –

Wie oben.

Tio tio tiotinx!

Schaukelnd im schattigen Laube der Esche mein Lied –

Tiotio tiotio tiotinx!

Aus der Tiefe der Brust ausströmte, den Pan

Feiernd mit heiligem Sang und die hehre

Bergedurchschwärmende Mutter der Götter, –

Tototo tototo totototinx!

Dort, wo gleich der Biene schwärmend

Phrynichos einst sich gepflückt

Des Gesanges ambrosische Frucht, der Sänger

Unerschöpften Wohllauts!

CHORFÜHRER an die Zuschauer.

Hat von euch Zuschauern etwa einer Lust, sein Leben froh

Mit den Vögeln hinzuspinnen? – Macht euch auf und kommt zu uns!

Denn was hierzulande schändlich und verpönt ist durchs Gesetz,

Das ist unter uns, den Vögeln, alles löblich und erlaubt.

Wenn es hier für Infamie gilt, seinen Vater durchzubleu’n,

Ei, bei uns, da gilt’s für rühmlich, wenn der Sohn den Vater packt,

Tüchtig prügelt und noch auslacht: ›Wehr dich, wenn du Sporen trägst!‹

Ist bei euch gebrandmarkt einer als ein durchgebrannter Sklav’,

Der erhält bei uns den Namen: buntgefleckter Pelikan;

Und wenn unter euch ein Myser etwa ist, wie Spintharos,

Der passiert bei uns als Meise, von Philemons Vetterschaft.

Wer ein Sklav’ ist und ein Karer, gleich dem Exekestides,

Mag mit uns als Gimpel leben, und da hat er Vettern g’nug.

Wer, wie Peisias’ Sohn, den Frevlern heimlich öffnen will das Tor,

Ein Zaunschlupfer mag er werden, seines Vaters würd’ge Brut;

Denn bei uns – wer wird ihn schelten, wenn er durch die Zäune schlüpft?

ZWEITER HALBCHOR.

Gesang.

Und Schwäne stimmten –

Tiotio tiotio tiotiotinx!

Lieder mit an und jauchzten laut,

Mit den Flügeln schlagend zum Preis des Apollon, –

Tiotio tiotio tiotinx!

Ruhend am Ufer, den flutenden Hebros entlang;

Tiotio tiotio tiotinx!

Und es schwang ihr Gesang sich zum Äther empor:

Tiere des Waldes, sie lauschten und stutzten,

Spiegelhell ruhten, geglättet die Wogen –

Tototo tototo tototototinx!

Widerhallte der ganze Olympos,

Staunen ergriff auf dem Thron

Die Götter, die Grazien stimmten mit ein

Und Musen in den Jubel!

CHORFÜHRER an die Zuschauer.

Nichts ist schöner, nichts bequemer, glaubt mir, als geflügelt sein!

Posito, ihr hättet Flügel, und gelangweilt fühlte sich

Ein Zuschauer hier, aus purem Hunger, durch ein Trauerspiel:

Nun, der flöge schnell nach Hause, nähm’ ein Gabelfrühstück ein,

Und mit vollem Magen käm’ er dann im Flug hierher zurück.

Wenn ein Patrokleides unter euch in Leibesnöten ist,

Braucht er’s nicht ins Hemd zu schwitzen: ›Platz, ihr Herrn!‹ – er fliegt davon,

Dampft sich aus, und wohlgelüftet kommt er flugs hierher zurück.

Wenn – ich meine nur – in eurer Mitt’ ein Ehebrecher sitzt,

Und er sieht den Mann der Dame auf den Ratsherrnbänken hier,

Über euren Häuptern fliegt er auf der Liebe Schwingen weg,

Protzt schnell ab und ist im Umsehn wieder hier auf seinem Platz!

Flügel zu besitzen – kennt ihr, sagt es selbst, ein schöner Glück?

Hat Diitrephes, der Flügel nur aus Flaschenbast besaß,

Doch zum Hauptmann, Reiteroberst sich erhoben, ist aus nichts

Nun ein großer Mann geworden, wie ein Roßhahn aufgebläht!

Zweite Szene

Der Chor. Pisthetairos und Euelpides, beide mit Vogelmasken und Flügeln. Später nacheinander: Ein Priester, ein Poet, ein Wahrsager, Meton, ein attischer Kommissär, ein Ausrufer.

PISTHETAIROS lachend.

Das wär’ vorüber! – Aber nein, bei Zeus,

So spaßhaft hab’ ich doch noch nichts gesehn!

EUELPIDES.

Was lachst du?

PISTHETAIROS lachend.

Die improvisierten Flügel! –

Du, weißt du, wem du gleichst mit deinen Federn?

‘Ner Gans, die roh ein Maler hingekleckst!

EUELPIDES.

Du einer Amsel mit gerupftem Kopf!

PISTHETAIROS.

So sind wir denn, nach Aischylos, jetzt Vögel,

»Durch fremdes nicht, durch eigenes Gefieder.«

CHORFÜHRER.

Was muß denn jetzt geschehn?

PISTHETAIROS.

Vor allem geben

Der Stadt wir einen Namen, groß und prächtig!

Dann opfern wir den Göttern!

CHORFÜHRER.

Meinetwegen!

Laßt sehn, wie nennen wir die Stadt denn gleich?

EUELPIDES.

Wollt ihr was Großes, was Lakonisches?

Benennen wir sie Sparta?

CHORFÜHRER.

Nein, da sei

Herakles vor! Wer spart da, wo es gilt

Zu baun der Vögel stolze Residenz?

EUELPIDES.

Nun, welchen Namen willst du denn?

CHORFÜHRER.

Er muß

Hoch in die Wolken, in den Weltraum ragen,

– Ein rechtes Maul voll!

PISTHETAIROS der indessen nachdenklich gestanden, ruft plötzlich.

Wolkenkuckucksburg?

Nicht wahr?

CHOR.

Ja, Wolkenkuckucksburg! Juhe!

CHORFÜHRER.

Prachtvoller Name, den du da gefunden!

EUELPIDES.

Ist das dasselbe Wolkenkuckucksburg,

Wo so viel Land Theagenes besitzt

Und Aischines sein Erbgut?

PISTHETAIROS.

Ja, wenn nicht

Dort liegt das Phlegrafeld, wo einst die Götter

Großmäulig die Titanen niedertrumpften!

CHORFÜHRER.

Ha, eine »fette« Stadt! Wer wird denn auch

Ihr Schutzpatron? Wem wirken wir den Peplos?

PISTHETAIROS.

Ich denke, wir behalten die Athene!

EUELPIDES.

Wie kann denn Ordnung sein in einer Stadt,

Wo eine Göttin steht, ein Weib, in Waffen

Bis an die Zähn’ – und Kleisthenes am Webstuhl?

PISTHETAIROS.

Wer schirmt die Mauer, die pelargische?

CHORFÜHRER.

Der Unsern einer, persischen Geblüts,

Ein Vogel, weltbekannt als hitz’ger Degen,

Des Ares Küchlein!

EUELPIDES.

Küchlein, hoher Gott,

Wie thronst du passend auf der Felsenzinne!

PISTHETAIROS zu Euelpides.

Hör, Freund, du mußt jetzt in die Luft hinauf!

Geh dort den Maurern an die Hand, zieh aus

Den Rock, und trage Stein’ und rühre Kalk,

Den Kübel trag hinauf, und fall die Leiter

Herab, stell Wachen aus, hab acht aufs Feuer,

Geh mit der Schell’ herum, und schlaf dabei,

Schick einen Herold zu den Göttern droben,

Und an die Menschen drunten einen zweiten,

Und dann zurück, meinthalb, zu mir –

EUELPIDES in den Bart murmelnd.

Und du

Bleib hier meinthalb und hole dich der –

PISTHETAIROS.

Bester,

Tu, wie ich sag’: es geht nicht ohne dich!

Euelpides ab.

Ich aber will den neuen Göttern opfern

Und zur Prozession den Priester rufen.

Abgehend zu den Sklaven.

Weihwasser, Bursch, und bring’ den Opferkorb!

DER PRIESTER kommt mit Pisthetairos.

Ich bin dabei, ich steh’ zu Dienst;

Ja, den Vorschlag heiß’ ich gut:

Laßt uns in festlichem Zug

Wallen den Göttern zu Ehren!

Und ich denke, wir schlachten auch ihnen zum Dank

Einen stattlichen Bock!

Zum Raben, der als Flötenspieler fungiert.

Voran, voran denn, pythisch Flötenspiel!

Mitpfeifen mag auch Chairis!

PISTHETAIROS zum Raben.

Hör auf zu blasen! Wetter, was ist das?

Beim Zeus, ich sah schon viel’ und närr’sche Dinge,

Doch einen Maulkorbrabenspielmann nie!

Zum Priester.

Auf, Priester, opfre jetzt den neuen Göttern!

PRIESTER.

Sogleich! Wo ist der Bursche mit dem Korbe?

Der Sklave mit dem Korb tritt vor den Priester, nimmt Fleisch usw. heraus.

Jetzt betet zur geflügelten Hestia

Und zum herdbeschirmenden Weihen,

Zu den olympischen Vögeln

Und Vögelinnen,

Zu jeder und jedem ……

PISTHETAIROS.

Heil dir auf Sunion, Seeschwallbeherrscher!

PRIESTER.

Und zum pythischen und zum delischen Schwan,

Zur ortygischen Wachtel Leto,

Und zur Waldschnepfe Artemis ……

PISTHETAIROS.

Waldfürstin einst, Waldschnepfe jetzt, erhör uns!

PRIESTER.

Und zu dem Spatzen Sabazios,

Und zur Straußin, der großen

Mutter der Götter und Menschen ……

PISTHETAIROS.

… Und Kleokrits! Heil, Straußin Kybele!

PRIESTER.

Verleiht den Wolkenkuckucksburgern

Gesundheit, Heil und Segen,

Ihnen und den Chiern!

PISTHETAIROS lachend.

Die Chier sind doch immer hinten dran!

PRIESTER.

Betet auch zu den Vogelhero’n und ihren Sprossen,

Zum Strandreiter und zum Pelikan,

Zum Steißfuß und zur Kropfgans,

Zum Perlhuhn und zum Pfauen,

Zum Kauz und zur Trappe,

Zum Krabbentaucher, zum Reiher,

Zum Urubu und zum Luruku,

Und zum Kohlmeis’chen –

PISTHETAIROS.

Zum Geier, schweig mit deinem: zumzumzum!

Schau doch das Opfer an, zu dem du Narr

Steinadler lädst und Falken! Siehst du nicht:

Ein einz’ger Weihe fräße das ja auf!

Geh fort mit deiner Priesterbinde, geh!

Ich will das Opfer schon allein verrichten.

Priester ab.

PISTHETAIROS beginnt die Zeremonie wieder.

So will ich denn ein ander Lied

Singen zur Besprengung

Mit dem heil’gen Wasser und laut

Feierlich rufen die Götter –

Oder einen zum wenigsten, denk’ ich, wofern

Noch das Futter reicht!

Denn was an Opferstücken hier zu sehn,

Ist nichts als Haut und Knochen!

Betend und den Weihkessel schwingend.

Laßt betend uns den Vogelgöttern opfern ……

EIN BETTELPOET langhaarig und zerlumpt, tritt auf und singt.

Wolkenkuckucksburg, die beglückte Stadt,

Preise mir, Muse,

Mit deiner Hymnen Wohllaut ……

PISTHETAIROS.

Was kommt da für ein Wesen? Kerl, wer bist du?

POET.

Ich bin ein honigsüßengesangausströmender

»Eifriger Diener der Musen –«

Mit Homeros zu sprechen!

PISTHETAIROS.

Wie kommst du denn als Knecht zu langem Haar?

POET.

Nicht doch! Wir all’, des Gesanges Meister,

Sind »eifrige Diener der Musen« –

Mit Homeros zu sprechen!

PISTHETAIROS.

Dein Flaus hat auch schon lang gedient: man sieht’s!

Nun sprich, Poet, was Henkers führt dich her?

POET.

Ich hab’ auf eure Wolkenkuckucksburg

Viel Oden, Hymnen, Jungfraunchör’ ersonnen,

Prachtvoll, im Stile des Simonides.

PISTHETAIROS.

Wann hast du angefangen, die zu machen?

POET.

Schon lang, schon lang besing’ ich eure Stadt!

PISTHETAIROS.

Was? Feir’ ich denn nicht just ihr Namensfest

Und sage, wie das Kindlein heißen soll?

POET singt.

Aber geschwind eilen die Kunden der Musen,

Gleich wie ein Renner blitzend dahinfährt!

Du nun, »o Vater, Gründer von Aitna,

Hieron, Name voll heiligen Klangs,

O ich bitte dich, gib,

Was du gnädig mir willst

Mit dem Haupte zunicken, o gib, gib, gib!«

PISTHETAIROS.

Der Kerl inkommodiert uns nur! Am besten,

Man gibt ihm was, so werden wir ihn los.

Zu einem Sklaven.

He du, du hast ja Rock und Lederwams,

Zieh’s aus und gib’s dem genialen Dichter!

Zum Poeten.

Da, frostiger Geselle, nimm das Wams!

POET es anziehend.

Ungern nicht empfäht das Geschenk,

Freundlich und hold die Muse;

Aber vernimm und beherzige jetzt

Dieses pindarische Lied!

PISTHETAIROS.

Ich sehe schon, der geht noch nicht vom Platz!

POET.

»Unter nomadischem Skythenvolk

Irrt Straton umher,

Der ein, wollegewoben Gewand’ nicht sein nennt!

Ruhmlos geht« ohn’ Weste das Wams –

»Aber du wirst mich verstehn!«

PISTHETAIROS.

Versteh! Du willst ‘ne Unterweste –

Zum Sklaven.

zieh

Sie aus! Die Künstler muß man unterstützen!

Zum Poeten.

Da nimm und geh jetzt!

POET.

Ja, ich geh’ von hinnen!

Und komm’ ich in die Stadt, dann sing’ ich freudig:

›Preis‹, o König auf goldenem Thron,

Preise die fröstelnde, schnatternde!

Zu dem schneeumwehten, besäten Gefild

Schwang ich mich auf: Trala!’

PISTHETAIROS.

Ei nun, der Schwank beschützt dich doch vorm Schnattern,

Indem du hier zu Wams und Weste kamst!

Poet ab.

Zum Sklaven.

Schwing’ wieder den Weihkessel jetzt im Kreis!

Andächt’ge Stille!

EIN WAHRSAGER rennt herein.

Opfre nicht den Bock!

PISTHETAIROS.

Wer bist du?

WAHRSAGER.

Ich? Ein Seher.

PISTHETAIROS drohend.

Sieh dich vor!

WAHRSAGER.

Tollkühner, spaße nicht mit Göttlichem! –

Hört einen Spruch von Bakis, der bezieht

Sich grad auf Wolkenkuckucksburg! –

PISTHETAIROS.

Warum

Hast du ihn nicht, eh’ ich die Stadt gebaut,

Verkündigt?

WAHRSAGER.

Weil der Gott es mir verbot!

PISTHETAIROS.

Nun, ist es uns vergönnt, den Spruch zu hören?

WAHRSAGER zieht eine Rolle hervor und liest.

»Aber wenn Wölfe dereinst und schwärzliche Krähen zusammen

Wohnen inmitten des Raums, der Sikyon trennt von Korinthos –«

PISTHETAIROS.

Was gehn mich hier denn die Korinther an?

WAHRSAGER.

Der Luftraum ist’s, den Bakis angedeutet!

Liest weiter.

»Opfre zuerst der Pandora den schneeweißwolligen Widder,

Aber dem ersten sodann, der dir mein Orakel verkündet,

Schenke dem Seher ein schmuckes Gewand und neue Sandalen –«

PISTHETAIROS.

Stehn die Sandalen drin?

WAHRSAGER.

Da sieh ins Buch!

»Reiche den Becher ihm dar und fülle mit Fleisch ihm die Hände –«

PISTHETAIROS.

Steht auch vom Fleisch was drin?

WAHRSAGER.

Da sieh ins Buch!

Liest.

»Tust du nach meinem Gebot und folgst mir, o göttlicher Jüngling,

Wirst du ein Aar in den Wolken! Doch wenn du die Gabe verweigerst,

Wirst du nicht Fink und nicht Spatz, nicht Adler, noch Falke, noch Grünspecht!«

PISTHETAIROS.

Das alles steht darin?

WAHRSAGER.

Da sieh ins Buch!

PISTHETAIROS.

Seltsam! Ganz anders lautet das Orakel,

Das ich bei Phoibos selbst mir aufgeschrieben.

Liest von seinem Stock ab.

»Aber wenn frech ein Gauner, ein ungebetner Schmarotzer,

Opfernde stört und begehrt von dem Opfer das Herz und die Leber,

Klopfe den Raum ihm durch, der die Schulter trennt von der Schulter!«

WAHRSAGER.

Ein schaler Spaß von dir!

PISTHETAIROS.

Da sieh ins Buch!

Liest.

»Schone des Lästigen nicht, noch des Adlers in Wolken, und wär’s auch

Lampon oder sogar der große Prophet Diopeithes!«

WAHRSAGER.

Steht alles das darin?

PISTHETAIROS.

Da sieh ins Buch –

Und geh zum Henker!

Prügelt ihn.

WAHRSAGER.

Ich geschlagner Mann!

Ab.

PISTHETAIROS.

Nun lauf woanders hin und prophezeie!

Meton tritt auf mit geometrischen Instrumenten.

METON.

Ich such’ euch heim –

PISTHETAIROS.

Schon wieder so ein Unhold?

Was willst du hier? Was brütet dein Gehirn?

Was führt dich im Kothurnschritt her zu uns?

METON.

Vermessen will ich euch das luft’ge Land

Und juchartweis’ verteilen –

PISTHETAIROS.

Alle Wetter!

Wer bist du?

METON.

Wer ich bin? Ich? – Meton, den

Ganz Hellas und Kolonos kennt!

PISTHETAIROS.

Sag an,

Was hast du da?

METON.

Das Meßzeug für die Luft!

Denn schau: die Luft ist an Gestalt durchaus

Backofenähnlich. – Nehmen wir das Reißzeug

Und setzen hier den krummgebognen Fuß

Des Zirkels ein – verstehst du?

PISTHETAIROS.

Nicht ein Wort!

METON.

Nun leg’ ich an das Lineal und bild’

Ein Viereck aus dem Kreis – hier in die Mitte

Da kommt der Markt, und alle Straßen führen

Schnurgrad zum Mittelpunkt und gehn wie Strahlen

Von ihm, als kugelrundem Stern, gradaus

Nach allen Winden –

PISTHETAIROS.

Hört! Ein zweiter Thales! –

Meton!

METON.

Was gibt’s?

PISTHETAIROS.

Ich mein’ es gut mit dir:

Drum folge mir und mach dich aus dem Staub!

METON.

Ist hier Gefahr?

PISTHETAIROS.

Man treibt hier, wie in Sparta,

Die Fremden aus! Schon mancher ward beseitigt,

Und Prügel regnet’s in der Stadt! –

METON.

Ein Putsch?

Rebellion?

PISTHETAIROS.

Nicht doch!

METON.

Was denn?

PISTHETAIROS.

Einmütig

Beschlossen ist’s – Windbeutel auszustäupen!

METON.

So muß ich mich zurückziehn?

PISTHETAIROS.

Leider ist’s

Vielleicht zu spät!

Schlägt ihn.

Schon pfeift dir’s um die Ohren!

METON.

Ach Gott, ach Gott!

Zieht ab.

PISTHETAIROS.

Hab’ ich dir’s nicht gesagt?

Vermiß du jetzt woanders, du Vermeßner!

Ein Kommissär tritt auf.

KOMMISSÄR.

Wo ist der Resident –?

PISTHETAIROS.

Wer ist denn dieser

Sardanapal?

KOMMISSÄR.

Der Kommissär, gewählt

Für Wolkenkuckucksburg.

PISTHETAIROS.

Der Kommissär?

Wer schickt dich her?

KOMMISSÄR.

Der Wisch da, ausgefertigt

Von Teleas –

PISTHETAIROS.

Ei, willst du nicht den Sold

Einstreichen gleich, die Zeit und Mühe sparen,

Und gehn?

KOMMISSÄR.

Nun ja! Zur Volksversammlung sollt’

Ich ohnehin, für Pharnakes zu wirken!

PISTHETAIROS prügelt ihn.

So packe dich, da hast du deinen Sold!

KOMMISSÄR.

Was soll das?

PISTHETAIROS.

Wirken soll’s für Pharnakes!

KOMMISSÄR zum Chor.

Man schlägt den Kommissär, ihr seid mir Zeugen!

PISTHETAIROS.

Willst du dich schieben, du mit deinen Urnen?

Kommissär ab.

Ist’s nicht empörend? Kommissäre schicken

Sie in die Stadt, noch eh’ sie eingeweiht?

Ein Ausrufer tritt auf und liest aus einer Rolle.

AUSRUFER.

»Und so ein Wolkenkuckucksburger einen

Athener injuriiert –«

PISTHETAIROS.

Was ist das? Wieder so ein Schelmenbuch?

AUSRUFER.

Gesetze hab’ ich feil, die allerneusten

Euch anzubieten kam ich her.

PISTHETAIROS.

Zum Beispiel?

AUSRUFER.

»In Wolkenkuckucksburg soll gelten gleiches

Maß und Gewicht und Recht

Wie zu Heulenburg!«

PISTHETAIROS droht ihm mit dem Stock.

Du kriegst dein Maß nach Beulenburgschem Recht!

AUSRUFER.

Mir dieses?

PISTHETAIROS.

Pack dich fort mit den Gesetzen,

Sonst lehr’ ich dich ein bitterböses kennen!

Prügelt ihn.

Der Kommissär kommt zurück mit einem Zeugen.

KOMMISSÄR.

Den Pisthetairos lad’ ich wegen Realinjurien

Vor auf den Monat Munichion!

PISTHETAIROS.

Du? Alle Wetter! Bist du auch noch da?

Prügelt ihn.

AUSRUFER.

»So aber jemand Staatspersonen nicht respektiert

Und fortjagt, der, laut Anschlag an die Säule –«

PISTHETAIROS.

Das ist zum Bersten! So, auch du noch da?

Ausrufer flieht.

KOMMISSÄR.

Wart nur! Zehntausend Drachmen sollst du mir –

PISTHETAIROS.

Ich reiß’ dir dein Dekret in tausend Fetzen!

KOMMISSÄR.

Denkst du daran, wie nachts du an die Säule – –

PISTHETAIROS.

Haha! Nun packt ihn! Willst du halten, Schurke?

Kommissär ab.

Nun laßt uns aber unverzüglich gehn

Und drin im Haus den Bock den Göttern opfern!

Ab.

ERSTER HALBCHOR.

Opfer und Gelübde weih’n

Nun dem Allsehendallgewalt’gen,

Mir fortan die Sterblichen!

Denn den Erdball überschau’ ich

Und beschirme Blüt’ und Frucht;

Ungeziefer aller Art

Rott’ ich aus, das jeden Keim,

Wie er aufschießt aus dem Grund, mit gefräß’gem Zahn benagt,

Auf den Bäumen sitzt und frißt, bis sie abgeleert und kahl;

Alles töt’ ich, was die grünen

Gärten schändet, arg verwüstet;

Alles Gewürm, was kreucht und schleicht,

Ist des Tods, soweit der Schwung

Meiner Fittiche mich trägt!

CHORFÜHRER an die Zuschauer.

Eben heut wird durch den Herold öffentlich bekanntgemacht:

»Wer Diagoras, den Melier, totschlägt, der bekommt dafür

Ein Talent; und wer der toten Volkstyrannen einen noch

Toter schlagen wird, auch dieser soll bekommen ein Talent!«

Wir nun unsrerseits, wir machen öffentlich bekannt, wie folgt:

»Wer Philokrates, den Finkler, totschlägt, der erhält zum Lohn

Ein Talent, und wer anhero ihn lebendig liefert: vier;

Weil er Finken faßt an Schnüre und für einen Obolos

Sieben gibt, und Drosseln scheußlich aufbläst und zu Markte bringt,

Und den Amseln ihre Flügel in die Nasenlöcher steckt;

Item, weil er freie Tauben fängt und in Verschläge sperrt

Und sie, selbst gebunden, andre in das Garn zu locken zwingt!

Solches tun wir euch zu wissen! Wer Geflügel hält im Hof

Eingeschlossen, fliegen lassen soll er’s! So gebieten wir!

Und gehorcht ihr nicht, dann fangen wir, die Vögel, euch: auch ihr

Sollt alsdann bei uns gebunden Menschen locken in das Garn!«

ZWEITER HALBCHOR.

Flaumbedecktes Vogelvolk,

Glücksel’ges, das im Winter nicht

Mäntel umzuwerfen braucht;

Und es sengt uns nicht des Sommers

Alldurchleuchtend heißer Strahl!

Auf den Blumenmatten wohn’ ich,

In der Blätter grünem Schoß,

Während auf dem Feld ihr Lied die Zikade, gotterfüllt,

In der Mittagsschwüle Glut, sonnetrunken, schrillend zirpt.

Winters wohn’ ich dann in Grotten,

Spiele mit des Waldes Nymphen,

Aber im Frühling naschen jungfräuliche,

Weiße Myrtenbeeren wir

In den Gärten der Grazien!

CHORFÜHRER an die Zuschauer.

Noch ein Wort, des Preises wegen, an die Richter richten wir:

Krönt ihr uns, jedwedem schenken wir des Guten Fülle dann;

Zehnmal schönre Gaben werden euch, als Paris einst empfing:

Niemals soll es – was bekanntlich Richtern über alles geht-

Niemals euch an lauriotschen Eulen fehlen: ja, sie baun

Dann ihr Nest bei euch und hecken, legen in den Beutel euch

Eier, und als Küchlein schlüpfen lauter junge Dreier aus.

Ferner sollt ihr, wie in Tempeln, wohnen: denn wir setzen euch

Auf den Giebel eurer Häuser einen Adler obenauf.

Fällt durchs Los euch zu ein Ämtchen, und ihr sacktet gern was ein,

Spielen wir euch an die Hände eines Habichts flinke Klau’n.

Eßt ihr wo zu Gaste, geben wir euch Vogelkröpfe mit. –

Aber wollt ihr uns nicht krönen, setzt dann nur Blechhauben auf,

Den Statuen gleich, und jeder unter euch, der keine trägt,

Wird gerad, wenn er im weißen Mantel prangt, wie er’s verdient,

Vom gesamten Volk der Vögel überschissen um und um!

Dritte Szene

Der Chor. Pisthetairos. Dann: Boten. Iris. Ein Herold. Ein ungeratener Sohn. Kinesias. Ein Sykophant.

PISTHETAIROS.

Das Opfer lief noch günstig ab, ihr Vögel! –

Warum vom Mauerbau kein Bote noch

Uns Meldung bringt, wie’s droben steht? – Doch sieh,

Da kommt ja mit Alpheioshast schon einer!

Ein Vogel tritt auf als Bote.

BOTE keuchend.

Wo, wo, wo ist, wo ist er wohl, wo ist

Der Archon Pisthetairos?

PISTHETAIROS.

Hier bin ich!

BOTE.

Die Mauer ist gebaut!

PISTHETAIROS.

Willkommne Botschaft!

BOTE.

Ein Wunderwerk von kolossaler Pracht,

So breit, daß drauf Proxenides aus Prahlheim

Und Held Theagenes mit zwei Karossen

Und Rossen, wie das troische, bequem

Vorüber aneinander jagen –

PISTHETAIROS.

Oh!

BOTE.

Die Höh’ – »ich hab’ sie selber ausgemessen« –

Ist hundert Klafter!

PISTHETAIROS.

Hoch, erstaunlich hoch!

Wer hat denn dieses Riesenwerk erbaut?

BOTE.

Die Vögel! – Kein ägypt’scher Ziegler half,

Kein Zimmermann, kein Steinmetz! – Sie allein

Mit eigner Hand vollbrachten’s! Staunend sah ich’s:

Es kamen dreißigtausend Kraniche

Aus Libyen, mit Grundsteinen in den Kröpfen,

Die von den Schnärzen dann behauen wurden;

Backsteine lieferten zehntausend Störche,

Und Wasser trugen in die Luft hinauf

Die Taucher und die andern Wasservögel.

PISTHETAIROS.

Wer trug den Lehm denn ihnen zu?

BOTE.

Die Reiher,

In Kübeln –

PISTHETAIROS.

Und wie füllten sie sie denn?

BOTE.

Gar sinnreich, Bester, stellten sie das an!

Die Gänse patschten, mit den Füßen schaufelnd,

Drin ‘rum und schlenkerten ihn in den Kübel.

PISTHETAIROS.

»Was alles doch die Füße nicht vermögen!«

BOTE.

Ja selbst die Enten schleppten, hochgegürtet,

Backstein’; und hintendrein, mit Kellen oben

Am Rücken, wie Lehrbuben, und die Schnäbel

Voll Lehm – so kamen Schwalben angeflogen.

PISTHETAIROS.

Wer wird jetzt noch zum Bau’n Taglöhner dingen? –

Doch sagt, wer hat die Zimmerarbeit denn

Gemacht?

BOTE.

Die Zimmerleute waren Vögel,

Geschickte Tannenpicker: die behackten

Das Holz zu Flügeltüren, und das pickte

Und sägt’ und hämmerte, wie auf der Schiffswerft.

Und nun ist alles wohlverwahrt mit Toren,

Mit Schloß und Riegel, und rundum bewacht:

Patrouillen ziehn herum, die Glocke schellt,

Wachtposten überall, und Feuerzeichen

Auf allen Türmen! – Doch nun muß ich gehn,

Mich abzuwaschen! Sorge du jetzt weiter!

Ab.

CHORFÜHRER zu Pisthetairos.

Du, nun, was ist dir? Staunst du, daß die Mauer

Mit solcher Schnelligkeit zustande kam?

PISTHETAIROS.

Bei allen Göttern, ja, es ist zum Staunen!

Es sieht in Wahrheit aus wie eine Lüge!

Doch sieh, da stürzt ein Wächter von der Höh’

Grad auf uns zu, mit Waffentänzerblicken!

Zweiter Bote tritt auf.

BOTE.

O weh, o weh, o weh, o weh, o weh!

PISTHETAIROS.

Was gibt’s?

BOTE.

Entsetzliches ist vorgefallen!

Der Götter einer, von dem Hof des Zeus,

Flog eben durch das Stadttor, unbemerkt

Von unsrer Dohlenwacht, hier in die Luft!

PISTHETAIROS.

Abscheulicher, verruchter Frevel! Ha,

Wer ist der Gott?

BOTE.

Wir wissen nichts, als nur:

Er hatte Flügel!

PISTHETAIROS.

Und ihr verfolgtet ihn

Nicht gleich mit Grenzbereitern?

BOTE.

Doch! Wir schickten

Gleich dreißigtausend Falken, reisige Jäger,

Ihm nach: was Krallen hat, ist ausgerückt,

Turmeule, Bussard, Geier, Weih und Adler;

Vom Flügelschwirren, Kreischen, Rauschen dröhnt

Die Luft, sie alle fahnden nach dem Gott.

Fern ist er nicht, er steckt wohl hier herum

Schon irgendwo!

Ab.

PISTHETAIROS.

Zur Schleuder greift, zum Bogen!

Es wappne sich die ganze Dienerschaft!

Hierher! Legt an! Mir eine Schleuder! Schießt!

Getümmel.

CHOR.

Krieg! Zu den Waffen! Krieg,

Unerhört blutiger,

Wider die Götter! Auf,

Schließet mit Wachen ein

Rund den umwölkten Raum,

Erebos’ Kind, die Luft,

Daß nicht der Gott uns hier

Durchschlüpft im Luftrevier!

CHORFÜHRER.

Schaut all’ euch um und paßt wohl auf! »Er schwebt

Schon in der Näh’ herum, der Gott! Zu hören

Ist schon das Rauschen seines Flügelschlags!«

Iris fliegt herab.

PISTHETAIROS.

He, Jüngferchen, wo fliegst du hin? Nur sacht!

Halt stille! Rühr dich nicht! Ich sag’ dir: Halt!

Wer bist du, he? Woher? Wo kommst du her?

IRIS.

Ich komme von den Göttern des Olymps.

PISTHETAIROS.

Wie nennst du dich denn? Schlapphut oder Boot?

IRIS.

Iris, die schnelle Botin!

PISTHETAIROS.

So? Ein Boot?

Salaminia oder Paralos?

IRIS.

Was meinst du?

PISTHETAIROS.

Geht denn kein Stößer auf sie los?

IRIS.

Auf mich?

Was soll das geben?

PISTHETAIROS.

Dir den Jungfernstoß!

IRIS.

Bist du verrückt?

PISTHETAIROS.

Zu welchem Tor der Festung

Bist du hereingekommen, freche Dirne?

IRIS.

Durch welches Tor? Bei Zeus, das weiß ich nicht!

PISTHETAIROS zum Chor.

Hört, wie sie schnippisch tut!

Zu Iris.

Du warst doch auf

Der Dohlenhauptwacht? He? Du ließ’st den Paß

Dir auf der Storchenpolizei visieren?

Nicht?

IRIS.

Unsinn!

PISTHETAIROS.

Nicht?

IRIS.

Bist du bei Trost?

PISTHETAIROS.

So gab

Kein Vogeloffizier dir eine Marke?

IRIS.

Du Narr, wer wird mir was gegeben haben!

PISTHETAIROS.

So, so! Du fliegst da nur so mir nichts dir nichts

Durch fremdes Stadtgebiet, durch unsre Luft?

IRIS.

Wo durch denn sollen sonst die Götter fliegen?

PISTHETAIROS.

Das weiß ich nicht, bei Zeus! Nur hier durch nicht!

IRIS.

Du frevelst!

PISTHETAIROS.

Weißt du, daß nach dem, was du

Getan, von sämtlichen Irissen keiner

Mehr recht geschäh’ als dir, wenn wir dich henkten?

IRIS.

Ich bin unsterblich!

PISTHETAIROS.

Sterben müßtest du

Trotzdem! Das wär’ ja gar zu toll, wenn wir,

Die Herrn der Welt, euch Götter machen ließen,

Was euch gelüstet! Merkt’s einmal: die Reih’

Ist nun an euch, dem Stärkern zu gehorchen! –

Inzwischen sag, wo steuerst du jetzt hin?

IRIS.

Ich? Zu den Menschen schickt mich Vater Zeus!

Ich soll sie mahnen, den olymp’schen Göttern

Zu opfern Schaf’ und Ochsen, und die Straßen

Mit Fettdampf anzufüllen –

PISTHETAIROS.

Welchen Göttern?

IRIS.

Wem? Uns, den Göttern, die im Himmel thronen!

PISTHETAIROS.

Ihr – Götter?

IRIS.

Welche Götter gibt’s denn sonst?

PISTHETAIROS.

Die Vögel sind jetzt Götter! Ihnen müssen

Die Menschen opfern, nicht, bei Zeus! dem Zeus.

IRIS.

»Tor, frevler Tor«, erwecke nicht den Grimm

Der Götter, daß nicht »Dike dein Geschlecht

Ausreute mit dem Rachekarst des Zeus«

Und mit »likymnischen Glutblitzen dich

Und deines Hauses Zinnen niederäschre!«

PISTHETAIROS.

Du, hör jetzt auf, den Schwall mir vorzusprudeln!

Glaubst du, du hast ‘nen Lyder oder Phryger

Vor dir, den solcher Kinderpopanz schreckt?

Ich sag’ dir: wenn mich Zeus noch weiter ärgert,

Werd’ ich sein Marmorhaus, »Amphions Hallen«,

»Durch blitzumkrallende Adler niederäschern!«

Porphyrionen schick’ ich in den Himmel

Nach ihm, beschwingte, pardelfellumhüllte,

Mehr als sechshundert: hat ihm doch ein einz’ger

Porphyrion schon heiß genug gemacht!

Dich, Zofe, krieg’ ich, wenn du mich noch reizt,

Zuerst am Bein, und bohre durch und durch

Die Iris, daß sie staunen soll, wie rüstig

Ich alter Knab’ noch Stoß auf Stoß versetze!

IRIS.

Erstick an deinen Worten, Niederträcht’ger!

PISTHETAIROS.

Hinaus mit dir! Husch, husch! Hinaus zum Tempel!

IRIS fortfliegend.

Mein Vater wird die Frechheit dir vertreiben!

PISTHETAIROS.

O weh, ich zittre! – Geh wo anders hin

Und schreck’ und »äschre« jüngre Leute nieder!

CHOR.

Ja, wir verkünden euch

Göttern von Zeus’ Geblüt:

Daß ihr durch unsre Stadt

Nie zu passieren wagt!

Keiner der Sterblichen

Sende vom Opferherd

Ihnen durch unser Reich

Weihrauch und Bratenduft!

PISTHETAIROS.

Seltsam! Der Herold, den wir an die Menschen

Gesandt, er ist noch immer nicht zurück!

Ein Vogel tritt auf als Herold.

HEROLD.

O Pisthetairos, o du Glücklichster,

Du Klügster, Weisester, Gepriesenster,

Geruh’, o dreimal Sel’ger –

PISTHETAIROS.

Nun, heraus!

HEROLD.

Dich schmücken, deine Weisheit tief anbetend,

Mit diesem goldnen Kranz des Erdballs Völker.

Überreicht ihn.

PISTHETAIROS.

Schön Dank! Allein wie komm’ ich zu der Ehre?

HEROLD.

Der weltberühmten Luftstadt hoher Gründer!

So weißt du nicht, wie dir die Menschen huld’gen,

Wieviel Verehrer du im Lande hast?

Eh’ du die neue Stadt gebaut, war alles

Lakonomane, ging mit langem Haar,

War schmutzig, hungerte, trug Knotenstöcke,

Sokratisierte: jetzt dagegen gibt’s

Ornithomanen nur, und alles äfft

Mit wahrer Herzenslust die Vögel nach:

Gleich morgens fliegen aus dem Federbett

Sie aus wie wir zu ihrem Leib-Gericht,

Dann lassen auf Buchblättern sie sich nieder

Und weiden sich an fetten – Volksbeschlüssen.

So umgevogelt sind sie ganz und gar,

Daß viele jetzt schon Vögelnamen tragen:

Rebhuhn, zum Beispiel, heißt der hinkende

Weinschenk; Menippos: Schwalbe; Rabe heißt

Opuntios, der Einäugige; Fuchsente

Theagenes; Schopflerche heißt Philokles;

Lykurgos: Ibis; Syrakosios

Heißt: Elster; Chairephon: die Fledermaus,

Und Meidias dort

Nach den Zuschauerbänken deutend.

die Wachtel: denn er gleicht

Ihr ganz, wenn sie im Spiel Kopfnüsse kriegt.

Auch ihre Lieder all’ sind vogeltümlich,

Und Schwalben sind in allen angebracht,

Kriekenten, Gänschen, Turteltäubchen, immer

Geflügel oder doch ein wenig Federn.

So steht es dort! – Nur dieses noch: Es kommen

Mehr als zehntausend gleich dort unten ‘rauf,

Die wollen modische Klau’n und Flügel: schafft

Drum Federn an für all die Kolonisten!

PISTHETAIROS.

Potz Zeus, da dürfen wir nicht müßig stehn!

Zum Herold.

Du, lauf hinein und fülle Körb’ und Kübel

Und Fässer an mit Federn!

Herold ab.

Zu einem Sklaven.

Manes, du

Spedierst sodann die Flügel hier vors Haus!

Und ich empfange hier die werten Gäste!

ERSTER HALBCHOR.

Bald wird als »männerreich« die Stadt

Gepriesen sein auf Erden!

PISTHETAIROS nimmt dem Sklaven einen Korb voll Federn ab.

Glück zu! Es mag gelingen!

ERSTER HALBCHOR.

Sie schwärmen ja förmlich für unsre Stadt!

PISTHETAIROS zu den Sklaven.

Wie langsam! Macht doch schneller!

ERSTER HALBCHOR.

Denn was könnten hier Fremde,

Einwandrer vermissen,

Wo die Weisheit, die Liebe, ambrosische Lust

Und behagliche Ruhe mit heitrem Gesicht

Uns stets entgegenlächelt?

PISTHETAIROS zu dem Sklaven.

Wie träg’ du bist, wie lendenlahm!

Willst du dich rühren, Schlingel?

ZWEITER HALBCHOR.

So mach dem Kerl nur Füße

Mit der Peitsche! Hurtig!

Er schlendert so lahm wie ein Esel daher!

PISTHETAIROS.

Faul ist und bleibt der Manes!

ZWEITER HALBCHOR.

Nun sortiere die Federn

Und leg sie in Ordnung,

Die prophetischen hier, die melodischen da,

Und die schwimmenden dort! Psychologischen Blicks

Verteilst du dann die Federn!

PISTHETAIROS zu den Sklaven.

Beim Schuhu! Länger seh’ ich’s nicht mit an:

Die Peitsche schwingend.

Ich helf’ euch auf die Beine, faules Pack!

Ein ungeratener Sohn tritt auf und singt.

UNGERATENER SOHN.

»O wär’ ich ein Adler in Lüften hoch

Und trügen mich über das wüste Gefild

Des blauen Meeres die Schwingen!«

PISTHETAIROS.

Ich seh’, der Herold war kein Lügenbold!

Da kommt schon einer, der von Adlern singt.

UNGERATENER SOHN.

Nichts Süßres auf der Welt als Fliegen – herrlich

Ist doch die Vögelkonstitution!

Ich bin ganz vogeltoll, ich flieg’, ich brenne

Bei euch zu sein, nach eurem Brauch zu leben!

PISTHETAIROS.

Nach welchem? Unsrer Bräuche sind gar viel!

UNGERATENER SOHN.

Nach allen, doch vor allen lob’ ich mir

Den, daß man seinen Vater schlägt und beißt.

PISTHETAIROS.

Nun ja, wir halten’s für Bravour an Jungen,

Wenn sie nach ihren Vätern hau’n und kratzen!

UNGERATENER SOHN.

Drum möcht’ ich, naturalisiert bei euch,

Erwürgen meinen Vater und beerben.

PISTHETAIROS.

Gut! Doch wir Vögel haben ein Gesetz,

Uralt, im Storchenkodex aufbewahrt:

»Wenn seine Jungen, bis sie flügge sind,

Ein Storchenvater nährt und pflegt, dann sollen

Dafür die Jungen ihren Vater pflegen!«

UNGERATENER SOHN.

Das lohnt sich schon der Müh’ hierherzukommen,

Wenn ich den Vater auch noch füttern soll!

PISTHETAIROS.

Nu, nu! – Weil du doch guten Willen zeigst,

Will ich als Waisenvogel dich befiedern.

»’Nen guten Rat«, mein Junge, »geb’ ich dir

Darein, den ich als Knabe mir gemerkt«!

Schlag deinen Vater nicht! Da nimm den Flügel

Und hier den Hahnensporn, und diesen Busch

Nimm für ‘nen Hahnenkamm,

Gibt ihm Schild, Schwert und Helm.

und zieh ins Feld,

Steh Wache, schlag dich durch mit deiner Löhnung,

Laß deinen Vater leben! – Willst du kämpfen,

Flieg hin nach Thrakien und kämpfe dort!

UNGERATENER SOHN.

Beim Dionysos! nicht der schlimmste Rat!

Ich folge dir!

Ab.

PISTHETAIROS.

Das wird das klügste sein!

Kinesias tritt auf und singt.

KINESIAS.

»Auf zum Olymp feurigen Schwungs

Flieg’ ich mit flüchtigem Fittich!«

Vagabundisch flieg’ auf den Bahnen des Lieds

Kühn ich herum –

PISTHETAIROS.

Das Wesen braucht allein ‘ne Ladung Federn!

KINESIAS.

Und dem Neuesten stets

Huldig’ ich, stark so am Geist wie am Leib!

PISTHETAIROS.

Du da, Kinesias, Mann von Lindenholz!

Was schwebelt hier dein Säbelbein herum?

KINESIAS.

In ein Vöglein wär’ ich, die Nachtigall,

Die melodische, gerne verwandelt!

PISTHETAIROS.

Nun laß das Trillern! Sprich in schlichten Worten!

KINESIAS.

Von dir beflügelt möcht’ ich hoch mich schwingen

Und aus den Wolken mir schneeflockenduft’ge,

Windsbrautumsauste Dithyramben holen!

PISTHETAIROS.

Wer wird sich aus den Wolken Lieder holen?

KINESIAS.

An diese knüpft sich unsre ganze Kunst!

Ein Dithyramb, ein glänzender, muß luftig,

Recht dunkel, nebelhaft und nachtblau sein,

Und sturmbefitticht – etwa so – vernimm!

PISTHETAIROS.

Bedanke mich!

KINESIAS.

Nein, beim Herakles, nein!

Die ganze Luft durchflieg’ ich gleich mit dir:

Singt.

Die Gebilde der luftdurchsteuernden,

Halsausreckenden Vögel –

PISTHETAIROS.

O hop, halt ein!

KINESIAS.

Wohl über die Wogen, wie Windeswehen,

Die wallenden, wünsch’ ich zu wandeln –

PISTHETAIROS.

Wart, Wicht, den Winden weisen wir den Weg!

Packt ihn und dreht ihn rechts und links herum.

KINESIAS singt dazu.

Bald gegen den Süd hinsteuernd und bald

In des Boreas Kühle die Glieder getaucht,

Hafenlos luftige Furchen durchschneidend –

Sprechend.

Sehr artig, Alter, muß gestehn, recht fein!

PISTHETAIROS reißt ihn herum.

So sturmbefitticht – bist du nicht zufrieden?

KINESIAS.

Das beutst du mir, dem Dithyrambenmeister,

Um den die Stämme jedes Jahr sich reißen?

PISTHETAIROS.

Hör, willst du, hagrer Leotrophides,

Hier bleiben und ‘nen Vogelchor einüben

Für den Kerkopenstamm?

KINESIAS.

Du spottest mein!

Ich aber sag’ dir: ruhen werd’ ich nicht,

Bis ich beflügelt durch die Lüfte schwebe.

Ab.

Ein Sykophant tritt auf.

SYKOPHANT.

»Was für Vögel sind denn das, von Gefieder bunt«,

Doch im übrigen bettelarm?

Sprich, »du flügelausreckende, bunte Schwalbe!«

PISTHETAIROS.

Nun kommt die schwere Not uns auf den Hals!

Da gluckst und überläuft uns wieder einer.

SYKOPHANT.

Noch einmal: »flügelausreckende, bunte« –

PISTHETAIROS.

Der, scheint es, spielt auf seinen Mantel an:

Der braucht wohl mehr als einer Schwalbe Flaum.

SYKOPHANT.

Wer sorgt hier für Befiederung der Fremden?

PISTHETAIROS.

Der Mann bin ich! Was steht zu Dienst? Sag an!

SYKOPHANT.

Ei, Flügel, Flügel! Was bedarf’s der Frage?

PISTHETAIROS.

Du denkst wohl nach Pellene hinzufliegen?

SYKOPHANT.

O nein, ich bin Gerichtsbot’ auf den Inseln

Herum und –

PISTHETAIROS.

Sykophant? – Ein schönes Amt!

SYKOPHANT.

Prozeßaufspürer! Um von Stadt zu Stadt

Zitierend mich zu schwingen, brauch’ ich Flügel.

PISTHETAIROS.

Geht das Zitieren denn mit Flügeln besser?

SYKOPHANT.

O nein, es ist nur der Piraten wegen!

Und heim dann kehr’ ich mit den Kranichen,

Statt mit Ballast den Kropf gefüllt mit – Klagen!

PISTHETAIROS.

Das ist dein Handwerk also! Noch so jung

Und schon Spion und Sykophant auf Reisen?

SYKOPHANT.

Was soll ich machen? Graben kann ich nicht –

PISTHETAIROS.

Es gibt, bei Gott, doch ehrliche Gewerbe,

Von denen sich ein Mensch in deinem Alter

Ernähren sollt’, und nicht vom Händelstiften!

SYKOPHANT.

Salbader! Flügel brauch’ ich, nicht Moral!

PISTHETAIROS.

Mit meinem Wort beflügl’ ich dich!

SYKOPHANT.

Wie soll

Mich das beflügeln?

PISTHETAIROS.

Ei, durch Worte macht

Man jedem Flügel!

SYKOPHANT.

So?

PISTHETAIROS.

Und hast du nie

Gehört, wie Väter in den Baderstuben

Vor jungen Leuten manchmal also sprachen:

›Mein Jung’ hat Schwung, Diitrephes beflügelt

Ihn durch sein Wort – zum Reiten und zum Fahren!‹

Ein andrer meint: der seine habe Schwung

Fürs Trauerspiel, hochfliegend sei sein Geist –

SYKOPHANT.

So könnten Worte Flügel geben?

PISTHETAIROS.

Freilich!

Durch Worte schwingt der Genius sich auf,

Der Mensch erhebt sich! – Und so will auch ich

Mit wohlgemeinten Worten dich beflügeln

Zur Ehrlichkeit –

SYKOPHANT.

Das willst du? – Ich will nicht!

PISTHETAIROS.

Was willst du denn?

SYKOPHANT.

Nicht schänden mein Geschlecht!

Ererbt hab’ ich das Sykophantenhandwerk:

Drum gib mir schnelle, leichte Fittiche,

Vom Habicht oder Falken, daß die Fremden

Ich herzitieren, hier verklagen kann

Und dann ausfliegen abermals –

PISTHETAIROS.

Verstehe!

Du meinst: gerichtet soll der Fremde sein,

Noch eh’ er hier ist?

SYKOPHANT.

Völlig meine Meinung!

PISTHETAIROS.

Er schifft hierher, indes du dorthin fliegst,

Um sein Vermögen wegzukapern?

SYKOPHANT.

Wohl!

Flink wie ein Kreisel muß das gehn!

PISTHETAIROS.

Verstehe!

Ganz wie ein Kreisel! – Ei, da hab’ ich eben

Scharmante Flügel von Kerkyra – schau!

Zeigt ihm die Peitsche.

SYKOPHANT.

Au weh, die Knute!

PISTHETAIROS.

Schwingen sind’s, mit denen

Du mir hinschwirren sollst ›flink wie ein Kreisel!‹

Peitscht ihn durch.

SYKOPHANT.

Au, au!

PISTHETAIROS.

So fliege doch, Halunke, fliege!

Erzgauner, tummle dich, frischauf! – Ich will

Die Rechtsverdreherpraxis dir versalzen!

Sykophant ab.

Zu den Sklaven.

Nun packt die Federn ein! Wir wollen gehn!

Ab.

ERSTER HALBCHOR.

Viel des Neuen, Wunderbaren

Haben wir auf unserm Flug

Schon gesehn! Vernehmt und staunet:

Aufgeschossen, fern von Kardia,

Ist ein seltsam fremder Baum,

Und der heißt: Kleonymos –

Ist im Grund zu nichts zu brauchen,

Aber stämmig sonst und groß;

Sykophantenfrüchte trägt er

Stets im Frühling, goldumlaubte, –

Aber nackt im Wintersturme

Steht er da, schildblätterlos!

ZWEITER HALBCHOR.

In der ampellosen Wüste,

Der ägypt’schen Finsternis

Nah gelegen ist ein Land;

Allda schmausen und verkehren

Menschen mit Heroen immer

Früh, doch spät am Abend nicht!

Denn geheuer ist es nicht,

Ihnen zu begegnen nachts:

Würd’ ein Sterblicher dem Heros

Da begegnen, dem Orestes, –

Schwer vom Schlag getroffen würd’ er,

Ausgezogen bis aufs Hemd!

Vierte Szene

Chor. Prometheus. Pisthetairos.

PROMETHEUS vermummt, ängstlich.

Ach Gott, ach Gott, daß Zeus mich nur nicht sieht! –

Wo ist der Pisthetairos?

Pisthetairos kommt heraus.

PISTHETAIROS.

He, was soll

Der Mummenschanz?

PROMETHEUS.

Pst! Siehst du keinen Gott

Da hinter mir?

PISTHETAIROS.

Bei Zeus, ich sehe nichts!

Wer bist du?

PROMETHEUS.

Welche Zeit ist’s wohl am Tag?

PISTHETAIROS.

Je nun, ich denk’: ein wenig über Mittag!

Wer bist du denn?

PROMETHEUS.

Bald Feierabend? He?

PISTHETAIROS.

Nun wird mir’s bald zu toll!

PROMETHEUS.

Was macht auch Zeus?

Klärt er den Himmel auf? Umwölkt er ihn?

PISTHETAIROS.

Zum Henker –

PROMETHEUS.

Nun, so will ich mich enthüllen!

Tut es.

PISTHETAIROS.

Prometheus, Teurer –

PROMETHEUS.

Schrei nicht! Mäuschenstill!

PISTHETAIROS.

Was hast du?

PROMETHEUS.

Nenne meinen Namen nicht!

Es ist mein Tod, wenn Zeus mich hier erblickt.

Nun laß dir sagen, wie’s da oben steht!

Nimm hier den Sonnenschirm und halte mir

Ihn über, daß die Götter mich nicht sehn!

PISTHETAIROS.

Haha, haha!

Echt prometheïsch, sinnreich vorbedacht!

Macht den Schirm auf.

So, steh da unter, sprich und fürcht’ dich nicht!

PROMETHEUS.

Nun hör einmal!

PISTHETAIROS.

Ich bin ganz Ohr.

PROMETHEUS.

Mit Zeus

Ist’s aus!

PISTHETAIROS.

Ist’s aus? Der Tausend! Und seit wann?

PROMETHEUS.

Seitdem ihr in der Luft euch angebaut!

Den Göttern opfert keine Seele mehr

Auf Erden, und kein Dampf von fetten Schenkeln

Steigt mehr zu uns empor seit dieser Zeit.

Wir fasten, wie am Thesmophorienfest,

Kein Altar raucht, und die Barbarengötter

Schrei’n auf vor Hunger, kreischen auf illyrisch

Und drohn, den Zeus von oben zu bekriegen,

Wenn er kein Ende macht der Handelssperre

Und freie Einfuhr schafft dem Opferfleisch!

PISTHETAIROS.

Gibt’s denn Barbarengötter auch bei euch

Und über euch?

PROMETHEUS.

Barbaren freilich, wie

Der Schutzpatron des Exekestides.

PISTHETAIROS.

Wie heißen die Barbarengötter denn

Mit Namen?

PROMETHEUS.

Wie? Triballen!

PISTHETAIROS.

Ich versteh’:

Ihr Zorn trieb allen Göttern Angstschweiß aus!

PROMETHEUS.

So ist’s! Nun aber laß noch eins dir sagen:

Gesandte kommen bald zur Unterhandlung

Hier an von Zeus und den Triballen droben!

Laßt euch nicht ein mit ihnen, wenn nicht Zeus

Das Zepter wieder abtritt an die Vögel

Und dir zum Weib die Basileia gibt.

PISTHETAIROS.

Wer ist die Basileia?

PROMETHEUS.

Oh, ein Mädchen

Blitzschön, und hat zum Donnern das Geschoß

Des Zeus, die ganze Wirtschaft unter sich,

Recht, Politik, Gesetz, Vernunft, Marine,

Verleumdung, Staatsschatz, Taglohn und Besoldung!

PISTHETAIROS.

Verwaltet sie das alles?

PROMETHEUS.

Wie ich sage!

Bekommst du sie von ihm, dann hast du alles!

Drum bin ich hergekommen, dir’s zu sagen:

Denn für die Menschen feurig brennt mein Herz!

PISTHETAIROS.

O ja, wir backen Fisch’ an deinem Feuer.

PROMETHEUS.

Du weißt, voll Götterhaß ist meine Brust.

PISTHETAIROS.

Der Götter Haß – den hast du! Ja, du bist

Ein wahrer Timon!

PROMETHEUS.

Muß jetzt fort! Den Schirm!

Damit mich Zeus, wenn er heruntersieht,

Für einer Festkorbträg’rin Diener hält.

Ab.

PISTHETAIROS.

Nimm auch den Stuhl, als heil’ger Klappstuhlträger!

CHOR.

Nah beim Land der Schattenfüßler

Liegt ein See, wo Sokrates

Ungewaschen Geister bannt. –

Um zu schauen seinen mut’gen

Geist, der lebend ihm entwischt,

Kam Peisandros auch dahin:

Ein Kamel von einem Lamm

Bracht’ er mit und stach’s durchs Herz,

Trat zurück dann, wie Odysseus –

Da entstieg der Tiefe, lechzend

Nach dem Herzblut des Kameles,

– Chairephon, die Fledermaus!

Fünfte Szene

Der Chor. Pisthetairos. Poseidon. Herakles. Der Triballe.

POSEIDON tritt auf, zum Herakles.

Da siehst du Wolkenkuckucksburg vor dir,

Die Stadt, wohin wir als Gesandte ziehn.

Zum Triballen.

Nein, wirft sich der den Mantel linkisch um!

Schlag ihn doch über, wie’s der Brauch verlangt!

Geht dir’s wie dem Laispodias, armer Tropf? –

Demokratie, wo bringst du uns noch hin,

Wenn Götter solche Kerls zu Ämtern wählen!

DER TRIBALLE.

‘S Maul holten, du!

POSEIDON.

Zum Henker! So barbarisch

Wie den, hab’ ich noch keinen Gott gesehn!

Was tun wir nun, Herakles?

HERAKLES.

Wie ich sage:

Ich dreh’ dem Kerl den Hals um, der es wagt,

Die freie Luft den Göttern zu vermauern!

POSEIDON.

Doch, Freund, zur Unterhandlung schickt man uns.

HERAKLES.

Um so gewisser gurgl’ ich grad ihn ab!

PISTHETAIROS ruft in die Küche hinein.

Die Käseraspel! – Bring’ mir den Asant!

Gut! Und den Käs! So schür doch auch die Kohlen!

HERAKLES zu Pisthetairos.

Du, Mensch, wir Götter, unsrer drei, wir bieten

Dir unsern Gruß!

PISTHETAIROS unter der Türe beschäftigt.

Ich reib’ Asant darauf!

HERAKLES.

Was ist denn das für Fleisch?

PISTHETAIROS ohne sich umzusehen.

Von Vögeln, die

Der Volksgewalt der Vögel trotzend – Unrecht

Zu haben schienen!

HERAKLES.

Und da reibst du nun

Asant darauf?

PISTHETAIROS sich umsehend.

Herakles? Ei, willkommen!

Was schaffst du hier?

HERAKLES.

Die Götter senden uns,

Um gütlich diesen Krieg –

PISTHETAIROS ruft hinein.

Geschwind! Im Krug

Ist nicht ein Tropfen Öl mehr! – Schwimmen müssen

Im Fett gebratne Vögel! So gehört sich’s!

HERAKLES.

Wir sehen keinen Vorteil ab beim Krieg,

Ihr aber, wollt ihr’s mit den Göttern halten,

Habt Regenwasser g’nug in allen Pfützen

Und lebt von nun an halkyonische Tage.

Hierfür ist unsre Vollmacht unbeschränkt!

PISTHETAIROS.

Wir haben nicht zuerst den Krieg mit euch

Begonnen; ja wir wollen, wenn nur ihr

Gefälligst tut, was recht und billig ist,

Gern Frieden machen; recht und billig aber

Ist es, daß Zeus das Zepter uns, den Vögeln,

Zurückgibt! Wollt ihr? – Nun, dann habt ihr Frieden!

Und die Gesandten lad’ ich ein zum Frühstück!

HERAKLES.

Annehmlich scheint mir das; ich stimme: Ja!

POSEIDON.

Was denkst du? – O du Freßmaul! O du Tölpel!

Den Vater willst du um die Herrschaft bringen?

PISTHETAIROS.

Meinst du? – Vergrößert nur wird eure Macht,

Ihr Götter, wenn die Vögel drunten herrschen!

Jetzt ducken unterm Wolkendach die Menschen

Sich schlau und schwören täglich falsch bei euch.

Doch, habt ihr zu Verbündeten die Vögel

Und schwört ein Mensch beim Geier und beim Zeus

Und hält’s nicht: fliegt der Geier ihm urplötzlich

Aufs Haupt und hackt und kratzt das Aug’ ihm aus.

POSEIDON.

Ja, beim Poseidon! Der Beweis ist schlagend!

HERAKLES.

Das mein’ ich doch!

Zum Triballen.

Und du?

DER TRIBALLE.

Heim gan wir drei!

HERAKLES.

Du hörst: er meint, ‘s geht an!

PISTHETAIROS.

Nun höret weiter!

Noch vieles tun wir sonst zu eurem Besten:

Gelobt ein Mensch den Göttern Opferfleisch

Und meint dann pfiffig: ›Götter können warten‹,

Und zahlt die Schuld nicht ab aus purem Geiz –

Wir treiben sie schon ein!

POSEIDON.

Wie macht ihr das?

PISTHETAIROS.

Wenn so ein Mensch sein Geldchen grade hin

Und her zählt oder just im Bade sitzt,

Da schießt ein Weih herunter, rapst das Geld

Ihm für zwei Schafe weg und bringt’s dem Gotte!

HERAKLES.

Ich stimme, wie gesagt, dafür, das Zepter

Ihm abzutreten!

POSEIDON.

Frag auch den Triballen!

HERAKLES seitwärts zum Triballen.

Triballe, soll er Prügel –

DER TRIBALLE.

Ja, stockprügeln ik

Schon wollen dik!

HERAKLES.

Er will! Du hörst es selbst!

POSEIDON.

Gefällt’s euch so, so kann’s auch mir gefallen!

HERAKLES zu Pisthetairos.

Du, mit dem Zepter hat es keinen Anstand!

PISTHETAIROS.

Nun gut! – Doch halt, da fällt mir noch was ein!

Die Hera überlass’ ich gern dem Zeus,

Doch fordr’ ich dann die Jungfrau Basileia

Zum Weib!

POSEIDON.

Dir ist’s nicht Ernst mit dem Vertrag!

Kommt! Laßt uns gehn!

PISTHETAIROS.

Mir gilt es gleich!

Ruft hinein.

Du Koch,

Ich sag’ dir, mach die Sauce nur recht süß!

HERAKLES.

Bleib doch, Poseidon, wunderlicher Kauz!

Krieg um ein Weib – wo denkst du hin?

POSEIDON.

Je nun,

Was denn?

HERAKLES.

Was denn? Wir schließen den Vertrag!

POSEIDON.

Du Tor, du bist betrogen! Merkst du nichts?

Du bist dir selbst zum Schaden! – Wenn nun Zeus

Die Herrschaft abtritt – denk nur – und er stirbt,

Bist du ein Bettler! – Dir gehört die Erbschaft

Ja ganz, die Zeus im Tod einst hinterläßt!

PISTHETAIROS.

Das ist doch arg! Wie der dich übertölpelt!

Komm her zu mir und laß dir’s explizieren:

Dein Oheim täuscht dich, armer Narr! An dich

Kommt nicht ein Deut von deines Vaters Gut

Nach dem Gesetz: denn du – du bist ein Bastard!

HERAKLES.

Ein Bastard, ich?

PISTHETAIROS.

Bei Zeus! Du bist’s: als Sohn

Vom fremden Weib! Gesteh, wie könnte sonst

Athene erbberechtigt sein als Tochter,

Wär’ noch ein ebenbürt’ger Bruder da?

HERAKLES.

Wie aber, wenn mein Vater mir das Gut

Vermacht als Nebenkindsteil?

PISTHETAIROS.

Das Gesetz

Verbeut’s ihm! Hier, Poseidon selbst, der jetzt

Dich spornt – der erste wär’ er, der das Erbe

Dir streitig macht’ als Bruder des Verstorbnen!

Hör an, wie das Gesetz des Solon spricht:

»Ein Bastard ist von der Erbfolg’ ausgeschlossen,

Wenn eheliche Kinder da sind!

Sind aber keine ehelichen Kinder da,

So fällt die Erbschaft an die nächsten Agnaten!«

HERAKLES.

So wär’ des Vaters Hinterlassenschaft

Für mich verloren?

PISTHETAIROS.

Ja! – Ei – hat dein Vater

Dich richtig auch ins Zunftbuch eingetragen?

HERAKLES.

Wahrhaftig, nein! Das hat mich längst gewundert!

PISTHETAIROS.

Was stierst du so hinauf mit Racheblicken? –

Hältst du’s mit uns, dann mach’ ich dich zum König

Und Herrn und speise dich mit Hühnermilch!

HERAKLES.

Mir schien’s von Anfang: billig ist die Ford’rung,

Die du gemacht: ich gebe dir die Dirne! –

Und du, was sagst denn du?

POSEIDON.

Dagegen stimm’ ich.

HERAKLES.

Dann gibt den Ausschlag der Triball!

Zum Triballen.

He, du!

DER TRIBALLE.

Der schöner Junkfrouwen, die Kunigin stolze

Dem Voggel übergebben ick!

HERAKLES.

Du hörst:

Er übergibt sie.

POSEIDON.

Nein, das klingt nur so,

Weil kauderwelsch er wie die Schwalben zwitschert.

PISTHETAIROS.

So meint er wohl: er gebe sie den Schwalben!

POSEIDON.

Macht ihr das miteinander aus: schließt ab!

Ich schweige: denn ihr wollt ja doch nicht hören.

HERAKLES zu Pisthetairos.

Wir gehen alles ein, was du verlangst:

Komm du mit uns jetzt selber in den Himmel

Und hol dir Basileia samt Gefolge!

PISTHETAIROS.

Da hätten wir ja eben recht geschlachtet

Zur Hochzeit!

HERAKLES.

Ist’s euch recht, so bleib’ ich hier

Und mach’ den Braten fertig! Geht ihr nur!

POSEIDON.

Was? Braten, du? Du schwatzst wie ein Schmarotzer!

Du gehst nicht mit?

HERAKLES.

Da wär’ ich schön beraten!

Geht ins Haus.

PISTHETAIROS zu einem Sklaven.

Du, geh und hol mir schnell ein Hochzeitskleid!

Er kleidet sich um. Alle ab.

CHOR.

An der Wasseruhr in Schelmstädt

Wohnt ein wahres Gaunervolk,

Zungendrescher zubenannt.

Mit der Zunge sä’n und ernten,

Dreschen sie und lesen Trauben,

Feigen suchen sie mit ihr.

Von Barbaren stammen sie,

Gorgiassen und Philippen;

Und der Zungendrescher wegen,

Der Philippe, gilt die Sitte,

Daß in Attika die Zunge

Immer ausgeschnitten wird!

Sechste Szene

Der Chor. Ein Bote. Später Pisthetairos mit Basileia.

BOTE tritt auf.

O überschwenglich, unaussprechlich, hoch

Beglücktes, dreimal sel’ges Vögelvolk!

Empfangt im Haus des Segens den Gebieter:

Er naht sich leuchtend, überstrahlend selbst

Den Sternenglast der goldumblitzten Burg,

So blendend, herrlich, daß der Sonne Lichtglanz

Vor ihm erblaßt: so naht er an der Seite

Der unaussprechlich schönen Braut und schwingt

Den Blitzstrahl, Zeus’ geflügeltes Geschoß.

Ein unnennbarer Duft durchströmt des Weltalls

Urtiefen, und der Weste Hauch umfächelt

Des Weihrauchs krause Wölkchen: Sel’ges Schauspiel!

Doch sieh, da naht er selbst! – Erschließt den Mund,

Den glückweissagenden, der heil’gen Muse!

CHOR stellt sich in Parade.

Wendet euch, stellet euch, zeiget euch, neiget euch!

Schwärmet in seliger

Lust um den sel’gen Mann!

Der Zug naht sich.

Ah, welch ein Zauber, welche Schöne!

Glücksel’ges Band, das unsrer Stadt

Zum Heil du geknüpft!

Ja, großes Heil ist dem Vogelvolk

Widerfahren durch dich, o du göttlicher Mann!

So lasset mit bräutlichen Liedern uns denn

Und festlichem Jubel den Bräutigam

Und die Braut Basileia empfangen!

ERSTER HALBCHOR.

Also vermählten die Parzen einst

Mit der olympischen Hera dich,

Mächtiger Herrscher, gewaltiger,

Auf dem erhabenen Götterthron,

Unter rauschendem Hochzeitsjubel!

CHOR.

Segne sie, segne sie, Hymen!

ZWEITER HALBCHOR.

Eros lenkte, der blühende,

Goldbeschwingte, die Zügel des

Bräutlichen Wagens mit sichrer Hand,

Zeus’ Brautführer, des seligen,

Und der beglückten Hera!

CHOR.

Segne sie, segne sie, Hymen!

PISTHETAIROS mit Basileia auf einem Wolkenwagen.

Mich erfreuet das Lied, mich ergötzt der Gesang

Und der festliche Gruß! Doch besinget nun auch

Des ländererschütternden Donners Gewalt

Und die leuchtenden, zuckenden Blitze des Zeus

Und die Glut der zerstörenden Flammen!

CHOR.

Leuchtender, goldner, gewaltiger Flammenstrahl,

Göttliche, glühende Waffe des hehren Zeus,

Erdgrunderschütternde, krachende, regenumrauschte Gewitter,

Welche nun Er in der Hand hält!

Sein, durch dich, ist alle Gewalt nun,

Sein Basileia, das fürstliche Kind des Zeus!

Segne sie, segne sie, Hymen!

PISTHETAIROS.

Nun folgt als Hochzeitsgäste mir,

Leichtbeschwingte Brüder all’,

Folgt mir zum Palast des Zeus,

Zur Vermählungslagerstatt!

Zu Basileia indem sie absteigen.

Sel’ge, gib mir nun die Hand,

Faß mich an den Flügeln, laß

Dich im Reigen schwingen und

Heben hoch empor im Tanz.

Ballett.

CHOR.

Tralala, juhe, juhe!

Heil dem Siegbekränzten, Heil,

Heil dem Götterkönig!

Aischylos – Die Orestie

Aischylos

Die Orestie

(Oresteia)

Aischylos

Agamemnon

(Agamemnon)

Personen.

Wächter

Klytaimestra

Herold

Agamemnon

Kassandra

Aigisthos

Chor argivischer Greise

Königspalast zu Argos. Auf dem flachen Dach der Wächter.

WÄCHTER.

Die Götter bitt ich um Erlösung dieser Mühn

Der langen Jahreswache, die ich, lagernd hier

Im Dach des Atreushauses wie ein Wächterhund,

Der stillen Sterne Nachtverkehr mit angesehn,

Und die den Menschen Winter bringen und Sommerzeit,

Die hellen Führer, funkelnd durch des Äthers Raum.

Und wieder späh ich nach des Flammenzeichens Schein,

Dem Strahl des Feuers, das von Troja Kunde bringt

Und Siegesnachricht; also, denk ich, hat es mir

Geboten meiner Herrin männlich ratend Herz.

Und halt ich so hier meine nachtgestörte Ruh,

Vom Tau durchnäßt, nie mehr von Träumen aufgesucht,

So steht ja statt des Schlafes neben mir die Furcht,

Zufallen könnte gar im Schlaf mein Augenlid.

Und wenn ich ein Lied mir singen oder pfeifen will,

Den besten Schlaftrunk für den Wachestörer Schlaf,

So wein ich seufzend über dieses Hauses Los,

Das nicht, wie sonst wohl, allem Wetter glücklich trotzt.

So käm erwünscht mir meiner Müh Erlösung jetzt,

Erschien’ des nächtgen, botenfrohen Feuers Schein.

Auf den Bergen steigt eine Flamme auf.

O sei gegrüßt mir, Licht der Nacht! Taghelle Lust

Weckst du in mir, erweckst in Argos weit und breit

Festchorgesänge, diesem Glück zum Dank geweiht!

Hoiho, hoiho!

Agamemnons Gattin will ich es laut verkündigen,

Daß schnell ihr Lager sie verlasse, im Palast

Den freudenhellsten Jubel diesem Feuerschein

Entgegenjauchze, da die Troerfeste ja

Gefallen ist, wie dort der Schein es hell erzählt!

Dann will ich selbst beim Fest den Vortanz halten; mir

Auch klecken soll’s, daß meiner Herrschaft Würfel jetzt

Gut fiel; die achtzehn Augen bringt mein Spähen mir.

Nun aber will ich meines Fürsten liebe Hand,

Des Heimgekehrten, schütteln hier mit dieser Hand;

Vom andern schweig ich; mir verschließt ein golden Schloß

Den Mund; das Haus selbst, wenn es sprechen könnte, würd

Am besten ihm erzählen; denn der’s weiß, mit dem

Besprech ich gern; für den, der’s nicht weiß, schweig ich gern.

Wächter ab.

Der Chor der Greise tritt auf.

CHORFÜHRER.

Zehn Jahre nun sind’s,

Seit Priamos’ mächtiger Rechter, der Fürst

Menelaos, mit ihm Agamemnon zugleich,

Das erhabene Paar der Atriden, in Zeus’

Zweithroniger Macht, Zweizeptergewalt,

Der Argiver tausendschiffigen Zug

Von jenem Gestad

Fortführten, Genossen des Krieges.

Voll Zornmut schrien sie gewaltigen Kampf,

Wie der Weih des Gebirgs im verwilderten Schmerz

Um die Brut hoch hin sein einsam Nest

Unermüdlich umkreist,

In der Fittiche ruhendem Ruder gewiegt;

Der ins Nest bannenden,

Für die Küchlein der Sorge verwaiset!

Doch droben ein Gott, ist’s Pan, ist’s Zeus,

Ist es Apollon, er vernimmt des Geschreis

Weithallenden Schmerz um die fehlende Brut;

Die Vergelterin schickt,

Die Erinnys, er dem Verruchten!

Also zum Gericht Alexanders hat Zeus,

So des Gastrechts Hort, die Atriden gesandt;

So läßt um das männerumbuhlete Weib

Unablässigen, gliederzerschmetternden Kampf,

Das ermattende Knie an den Boden gestemmt,

In des Vorkampfs Tosen die Lanze zerschellt –

So läßt er die Danaer kämpfen,

Und die Troer zugleich! Mag’s immer denn sein,

Wie es sei; es erfüllt das Verhängte sich doch,

Nicht Spend und Gebet, nicht Zauber beschwört,

Nicht Tränen vertilgen den lauernden Zorn

Der sühnevergessenen Gottheit!

Doch wir, kraftlos mit gealtertem Leib,

Die vom Zuge zurück man damals ließ,

Wir weilen daheim,

Die kindische Kraft mit dem Stabe gestützt,

Denn das jugendlich rüstige Mark in der Brust,

Das zur Tat anfacht, alt ist’s; hier wohnt

Nicht Kampflust mehr.

Wer dem Alter erliegt, wem herbstlich die Stirn

Sich entlaubet, er wankt dreifüßigen Gang,

Nicht kräftiger mehr denn ein kraftlos Kind,

Ein tagumwandelndes Traumbild!

Aus der königlichen Pforte ist ein festlicher Zug Dienerinnen getreten. Dann erscheint die Königin Klytaimestra.

CHORFÜHRER.

Doch, Königin, sprich,

Du des Tyndaros Kind, Klytaimestra, was ist?

Was Neues geschah?

Auf welches Gerücht, auf wessen Bericht

Ist’s, daß du die Opfer verteilest?

Und den Göttern zumal, den Beschirmern der Stadt,

Himmlischen, Unteren,

Den Behütern des Markts, den Olympiern flammt’s

Von Geschenken auf jeglichem Altar!

Und hüben und drüben zum Himmel empor

Steigt flackernde Glut,

Mit des heiligen Öls duftsüßem Getröpf,

Wie mit arglos schmeichelndem Zauber getränkt,

Mit dem Weihöl fürstlicher Habe!

So sage davon, was kund mir zu tun

Du vermagst und du willst!

So werde du mir der Besorgnis Arzt!

Was mich bang jetzt läßt in die Zukunft sehn,

Jetzt heiter im Schein sich der Opfer erhellt,

Dies Hoffen, die weitere Sorge verbeut’s,

Den geheim herznagenden Kummer!

Das Opfer beginnt.

Opfergesang

Erste Strophe

CHOR.

Ich darf singen der herrlichen, zeichenbegünstigten Fürsten

Glückliche Fahrt – denn es haucht mir Vertraun zu den Göttern

Dies Festlied ein,

Kraft inwohnendes Alter –,

Wie einst die zwiethronige Kraft der Achaier, der griechischen Jugend

Einige Feldherrn,

Fort mit Speer und mit rächendem Arme der Vogel des Mutes

Sandte gen Troja,

Der Luftkönig die Könge der See:

Der im schwarzen Gefieder voran, der im schneeweißen Fittich

Ihm nach zum Palast an der Lanzenseite;

Auf weitschauendem Horste

Saßen sie, weideten dort vom Geweide der tragenden Häsin,

Im letzten Lauf zum Tod erhascht.

Ailinon, Ailinon rufet! Das Gute siege!

Erste Gegenstrophe

Und der erfahrene Seher, die zwei einmütigen, kühnen

Fürsten erkennend, erkannte die Hasenverschlinger,

Des Zugs Führer;

Also sprach er die Deutung:

»Wohl wird dereinst Priamos’ Feste die Beute der Heerfahrt;

Alle des Schlosses,

Alle des Volkes gesammelte Schätze, sie wird mit Gewalt einst

Rauben die Moira;

So hat nimmer der Ewigen Neid

Die gefährdeten Wälle mit Heeresgewalt so nie umnachtet!

Die lautere Artemis zürnt dem Hause,

Den Flugdienern des Vaters,

Weil mit der Frucht sie die tragende, zagende Mutter geopfert;

Sie haßt der Adler arges Mahl!«

Ailinon, Ailinon rufet! Das Gute siege!

Epode

»So treuen Sinns schirmt die Holde

Des zürnenden Leun ungeborne Brut,

Sorgt für alle des heidedurchfliehnden Wildes saugende Jungen!

Enden wird sie, was Gunstreiches der Aare

Zeichen zugleich so erfreuend, so dräuend verkündet!

Dem Helfer will ich, dem Paian rufen,

Daß sie den Danaern nimmer ermüdender, widriger Winde Fahrthemmung zusend,

Lüstern nach anderem Opfer, geweiht mit Verstummen und Blutschuld,

Heimlichen, keimenden Hasses Geburt, mannscheulos Freveln, da furchtbar

Sein die empörte, mißehrte,

Tückische Herrin im Haus,

Schlaflos kindrächende Wut harrt!«

Also geweissagt wurde von Kalchas zu freudigstem Glücke

Böses aus fahrtvordeutendem Aar dem Hause der Fürsten.

Diesem ein gleiches

Ailinon, Ailinon rufet! Das Gute siege!

Zweite Strophe

Zeus, wer Zeus auch immer möge sein, ist er dieses Namens froh,

Will ich gern ihn nennen so;

Ihm vergleichen kann ich nichts, wenn ich alles auch erwäg,

Außer ihm selbst – wenn des Denkens vergebliche Qualen

Ich in Wahrheit bannen will!

Zweite Gegenstrophe

So, wer ehedem gewaltig war, allbewerten Trotzes hehr,

Was er war, nicht gilt es mehr;

Der darauf erstand, dem Allsieger unterlag auch der.

Aber den Zeus im Gesange des Sieges zu preisen,

Alles Denkens Frieden ist’s!

Dritte Strophe

Ihn, der uns zum ernsten Nachsinnen leitet, uns in Leid

Lernen läßt zu seiner Zeit;

Drum weint auch im Traum im Herzen noch

Kummer leideingedenk, und es keimt

Wider Willen weiser Sinn.

Wohl heißt streng und schonungslos der ewgen hochgethronten Götter Gunst!

Dritte Gegenstrophe

Gleiches hat des Griechenzugs ältrer Führer kummervoll,

Seinem Seher sonder Groll,

Ringsandräundem Kummer ernst bereit,

Als in ruhmloser Rast fahrtgehemmt

Schwierig schon das Griechenheer,

An dem Aulisstrand gelagert, rückwärts Chalkis’ Brandung strömen sah –

Vierte Strophe

Vom Strymon her wehten da die Winde

Rastloser Rast, hafenlosen Treibens,

Des Zugs Verzug,

Für Tau und Kiel immer neu Gefährde;

In trostlos langer Säumnis welkend,

Schwand auch des Heers blühnde Jugend schon dahin;

Und als ein Mittel nun,

Ärger den Fürsten selbst als ärgster Verzug, der Seher,

Artemis’ Zorn deutend, erfand, und sie den Stab tief in den Sand

Stießen und selbst Tränen sie nicht hemmten, des Atreus Söhne –

Vierte Gegenstrophe

Da also sprach dieses Wort der Ältre:

»Ein hartes Los ist es, nicht zu folgen,

Und hart, daß ich

Soll schlachten mein Kind, des Hauses Kleinod,

Am Altar tauchen meine Hand soll,

Die Vaterhand, in der Tochter Opferblut!

Was ist von Schmerzen frei?

Soll ich das Heer verraten? Täuschen die Kampfgenossen?

Daß sie das windstillende Sühnopfer, das jungfräuliche Blut

Wilden Geschreis fordern, gerecht ist es; es stünde gut dann!«

Fünfte Strophe

Als er dem Joch so der Not sich beugte,

Als er der unselgen Sinneswandlung

Nachdachte, der arg unheilgen, da

Ergriff er kühn allzukühnen Vorsatz!

Denn so emporstachelt den Menschen ein erster Irrtum, den er begeht

Sinnverstört. Sinnbetört trug er’s nun,

Sein Kind schlachten zu sehn für jenen weibstrafenden Krieg, der Meerfahrt

Bräutliche Totenweihe!

Fünfte Gegenstrophe

Ihr Bitten nicht, nicht ihr »Vater« Rufen,

Nicht ihre jungfräulich süße Jugend

Erbarmte der Feldherrn wilden Mut;

Der Vater sprach sein Gebet; er hieß sie

Den Diener hoch auf dem heilgen Herd niederhalten, in das Gewand

Tiefverhüllt, vorgebeugt, ziegengleich,

Befahl streng zu bewachen ihren schönrosigen Mund, daß nicht sie

Jammernd ihr Haus verfluche.

Sechste Strophe

Sie schwieg dem Machtwort in lautlosem Zwang;

Ihr Safrankleid ließ sie niederfließen,

Und sah mit wehmütgem Blick bang zu jedem bittend ihrer Opfrer,

Als ob sie so mahnen wie ein stummes Bild

Ihn jetztan sonst wollte, wo

Im goldnen mahlreichen Vätersaal sie

Jungfräulich blöd sang ihr Lied, in des Gesangs kindlich frommer Lust

Des vielteuren Vaters dreimal seliges Los zu preisen.

Sechste Gegenstrophe

Was drauf geschah, sah ich nicht, sag ich nicht;

Doch unerfüllt bleibet Kalchas’ Wort nicht!

Denn Dike wägt je für Leid auch Belehrung zu. Die Zukunft –

Wer beugt ihr aus? – mag voraus ich nimmer schaun;

Dem wär voraustrauern gleich;

Denn klar dem Ausspruch entsprechend kommt sie!

Was muß geschehn, wenden mag sich es zum Heil, falls es gönnen will,

Der hier nächster Hort uns weilt, des apischen Landes Schirmherr!

CHORFÜHRER.

Ich nah in Ehrfurcht, Klytaimestra, deiner Macht;

Das ist gerecht, zu ehren seines Königes

Gemahlin, wenn verwaist ist seines Herrn der Thron.

Doch ob du nun Glaubwürdges hörtest oder nicht,

Daß du in botschaftsfroher Hoffnung opfertest,

Das gern erführ ich; aber schweigst du, kränkt’s mich nicht.

KLYTAIMESTRA.

Ein Evangelium, wie’s im Sprichwort heißet, ward

Das Morgenrot uns von der Mutter Nacht gesandt.

Ja, Freude höret über alle Hoffnung groß:

Die Achaier nahmen ein die Stadt des Priamos!

CHOR.

Was ist? Das Wort entging mir aus Unglaublichkeit!

KLYTAIMESTRA.

In der Griechen Hand ist Troja! Sprach ich nun es klar?

CHOR.

Es ergreift mich Freude, Tränen ruft sie mir hervor!

KLYTAIMESTRA.

Daß du es wohl meinst, zeigt dein Aug mir unverstellt.

CHOR.

Sprich, hast du Zeugnis dessen, sicher und gewiß?

KLYTAIMESTRA.

Gewiß, was sonst denn? Wenn ein Gott mich nicht betrog.

CHOR.

Du ehrst vielleicht ein überredend Traumgesicht?

KLYTAIMESTRA.

Nie würd ich Glauben schlafestrunkenem Sinne leihn.

CHOR.

So macht ein schnellbeschwingt Gerücht dich wohl so froh?

KLYTAIMESTRA.

Als wär ich ein kindisch Mädchen, so verhöhnst du mich.

CHOR.

Zu welcher Zeit war’s, daß die Stadt vernichtet ward?

KLYTAIMESTRA.

In dieser Nacht war’s, welche diesen Tag gebar.

CHOR.

Doch welcher Bote mochte sich so schleunig nahn?

KLYTAIMESTRA.

Hephaistos, der vom Ida hellen Strahl gesandt!

Denn hergeschickt hat in der Feuer Wechselpost

Ein Brand den andern. Ida selbst zum Hermesfels

In Lemnos; von der Insel her zum dritten nahm

Den breiten Lichtstrahl auf des Zeus Athosgebirg.

Hochleuchtend, daß der Wanderin Flamme mächtger Schein

Weithin der Meerflut Rücken überflog, ein Brand

Der Freude, ward goldstrahlend, einer Sonne gleich,

Zur Warte von Makistos dann das Licht gesandt.

Die schürte weiter, säumig nicht noch unbedacht

Vom Schlaf bewältigt, ihren Botenteil hinaus.

Und wieder fernhin eilend gen Euripos’ Flut

Rief auf der Strahl die Wächter auf Messapios.

Die dann entbrannten und entsandten neuen Schein,

Der Graias Haufen Heidekraut anzündete.

Die rüstge Flamme, nicht ermüdet noch geschwächt,

Sie eilte weithin über Asopos’ Ebene,

Gleich hellem Mondlicht, gen Kithairons Felsenstirn

Und weckte schnell der Feuerboten Wechsel auf.

Fernhin erkennbar neue Flamme schürte dort

Die Wache; hoch schlug dann das hellste Feuer auf

Und warf den Glanz weit über den Gorgopis-See.

Auf Aigiplanktos’ Scheitel treffend trieb es an,

Des Fanales Lichtbahn nicht zu stören; schnell geschah’s;

Sie sandten glutanschürend zu wolkenglühndem Schein

Den mächtgen Schweif der Flamme, daß er fernhinaus

Die weite Spiegelfläche des saronischen

Meerbusens leuchtend überstrahlte, bis er kam

Zu Arachnaions Gipfel nah bei unsrer Stadt.

Von dort ergoß dies Feuer sich in dieses Schloß

Der Atriden, echter Enkel der idäischen Glut.

So war die Ordnung dieses Fackellaufs bestimmt

Und, so mit Flamme Flamme wechselnd, schnell erfüllt;

Im Flammenlauf die erst und letzte hat den Preis.

Ein solches Zeugnis, solches Zeichen nenn ich dir,

Aus Troja mir voraus von meinem Mann gesandt.

CHOR.

Die Götter, Herrin, preisen will ich sie demnächst;

Doch anzuhören, zu bewundern jenes Wort

Von neuem, möcht ich, daß von neuem du es sprächst.

KLYTAIMESTRA.

‘s ist Ilion der Griechen Beute diesen Tag!

Ich glaub, ein unvermischt Geschrei durchhallt die Stadt;

Gießt Öl und Essig du in einen Krug, so siehst

Du sie geschieden fort und fort und nicht vereint;

So wird der Sieger, so der Besiegten Rufen dort

Geschieden, so zwiefachen Loses Zeichen sein.

Die einen tiefgebeuget bei den Leichen der

Erschlagnen Männer, der Geschwister, und das Kind

Beim greisen Vater, sie beklagen nimmermehr

Mit freier Kehle dies Geschick der Teuersten.

Die andern, nachtdurchirrend, hungermatte Gier

Hat sie zum Imbiß, wie und wo die Stadt ihn beut,

Verwildert, reihlos Reih und Glied, umherzerstreut;

Wie jeder je das Los des Glückes sich gewann,

So hausen sie in Trojas speererrungenen

Palästen, für des freien Feldes Lagerplatz

Und kalten Tau ein guter Tausch – die Glücklichen!

Die ganze Nacht durch schlafen sie nun unbewacht.

Und ehren jetzt sie jenes Landes, jener Stadt,

Der Besiegten Götter und der Götter Tempel, dann

Vielleicht erliegt der Sieger nicht dem eignen Sieg.

Doch reize nicht Begier zu früh das Heer, besiegt

Von schnöder Habsucht mehr zu wollen, als es darf;

Es braucht zur Heimkehr noch zurück die zweite Fahrt,

Bevor des Seezugs Doppelbahn vollendet ist.

Und käme schuldlos auch den Göttern heim das Heer,

Wach könnte dennoch werden der Erschlagnen Blut,

Geschäh hinfort auch keine neue Freveltat. –

Von mir, von einem Weibe, habe das gehört!

Das Gute siege, jedem Blick unzweifelhaft!

Mit teuren Opfern hab ich solchen Wunsch erkauft.

CHOR.

Du sprachst, o Herrin, würdig eines würdgen Manns;

Ich aber will den Göttern, da mich überzeugt

Dein früher Zeugnis, singen meinen frohen Dank;

Denn fromm erkannt sei’s, wenn sich Mühe so belohnt.

CHORFÜHRER.

Allherrschender Zeus und du, freundliche Nacht,

Du Spenderin leuchtenden Schmuckes,

Die du fest anzogst um Ilions Burg

Dein fangendes Garn,

Und keiner entkam, nicht klein noch groß,

Dem gewaltigen Netze der Dienstbarkeit,

Dem alles erfassenden Unheil!

Dich, gastlicher Zeus, hoch ehr ich auch dich,

Der du das zu erfüllen an Priamos’ Sohn

Längst hieltest den Bogen der Rache gespannt,

Daß weder zu früh noch ins Dunkel der Nacht

Ein eitel Geschoß hinschwirrte!

Erste Strophe

CHOR.

Wie Zeus traf, wissen sie zu sagen;

Auch das vermag man aufzuspüren:

Er hat’s vollbracht, zu enden!

Meinet nicht, daß die Götter den

Ihrer Sorg würdigen,

Der unverletzbares Recht

Zertrat – und der scheute’s nicht!

Beweis ward sein Geschlecht,

Das tollkühn Kampf gewagt,

Im Kriegsmut wilder denn gerecht war,

Im Hochmut überstolzen Glückes,

Im Übermaß schuldig!

Sei mein Geschick niedrig, sei der Armut

Reines Gewissen gnug mir!

Schutz nicht bietet der Reichtum

Dem, der, Glückes gesättigt,

Frech zertrat der Gerechtigkeit Altar, gegen Vernichtung!

Erste Gegenstrophe

Gewaltsam treibt die arge Peitho,

Betörend emsig Kind des Unheils;

‘s ist Rettung allvergeblich!

Nie verglimmt, hell, ein lodernd Feuer,

Grausig hell zeugt die Schuld!

Gleich schlechter Goldmünze nützt

Gebrauch und Zeit prüfend ab

Den Goldschein, falsch gemünzt!

Denn nachlief, knabenhaft

Betört, der schnellbeschwingtem Vogel,

Der Heimat bittrer Prüfung Anfang!

Ihr Jammern hört keiner

Der Götter an, sondern zürnend trifft er

Jenen, des Frevels Anfang!

Also Paris, der damals

Gast im Haus der Atriden

Frech den gastlichen Tisch entweiht, der die Gattin entführt hat.

Zweite Strophe

Dem Volk daheim ließ sie kriegsrüstgen Lärm

Und Schildesklang, Speergedräng, Schiffsgeschrei am Strande,

Nahm Ilions Verderben mit als Brautgeschenk;

So floh sie durch die Pforte dahin,

Verwegnes wagend. Und es schrien laut,

Wehklagten laut ihres Hauses Seher:

»O Haus! O Haus! Wehe, weh dir, Fürstenstamm!

Weh, bräutlich Bett! Spuren toter Liebe, weh euch!«

Dort er, beschimpft schweigend, sonder Zorn und Groll,

Süßträumend, die er verlor, zu schauen,

Er wähnt voll Sehnsucht, die Meerentflohne

Walt’ im Geist noch daheim im Hause;

Alles heiligen Bildes

Anmut ist ihm zuwider,

Ihres Auges verlorne Lust aller Liebe Verlust ihm!

Zweite Gegenstrophe

Und traumverwebt, trauerreich umschweben

Gestalten ihn, seines Grams wunderholdes Trugspiel.

So trughaft, wenn du Liebstes wähnst zu schaun,

So flüchtig deinen Händen entflohn

Verfliegt, verschwindet dir mit leisem Flügel

Dein Traumgesicht weit in Schlafes Weiten.

Also der Gram an des Fürstenhauses Herd;

Schon der so groß – und ein andrer größer noch!

Denn wer aus griechischem Lande mitgezogen ist,

Endloses Grämen weilt daheim

In seinem Haus Tag und Nacht;

Vieles nagt tief am tiefsten Herzen:

Denn wen jeder dahingab,

Weiß er; aber zurückkehrt

Statt des Mannes in jeglich Haus sein Gewaffen und Asche.

Dritte Strophe

Ares, der Leichname Goldwechsler ist’s,

Im Kampf des Speers blutger Todeswäger,

Von Troja heimsendet er den Lieben

Ein kleines, trübselges Überbleibsel,

An Mannes Statt mit Staub gefüllt schönverzierten Aschenkrug!

Drum jammern sie, sie preisen ihn aller Schlachten Tapfersten,

Sie rühmen, daß er herrlich fiel, kämpfend um fremden Mannes Weib!

So in der Stille wird gemurrt,

Und es beschleicht des Kampfes Urheber des Hasses Unheil.

Aber wer in der Schlacht fiel,

Ruht dort unter den Mauern,

Ruht im troischen Grabe; fern deckt ihn feindlicher Boden!

Dritte Gegenstrophe

Gefährlich wächst Volkes Murren, grollgemischt,

Zahlt zurück volkentpreßter Flüche Schuld;

Zu hören bangt meine Sorg ein Ende

Endloser Nacht! Unerspäht den Göttern

Bleibt nimmermehr, wer Blut vergoß, und der Erinnyen schwarze Schar

Quält den, der glücklich wider Recht ist, einst mit unglückselger Fristung

Des Lebens tot; geknechtet, so späht er umsonst nach Schutz umher;

Selbst in des Ruhmes Übermaß

Brütet Gefahr; denn seinen Blitz schleudert des Donnrers Neidblick!

Mein mag mäßiges Glück sein,

Nicht als Städtezertrümmrer

Möcht ich, aber in Feindes Hand auch mich nimmer erblicken!

Epode

Ein botenfroh Feuer ließ

Durch unsere Stadt schnell Gerücht

Eilen; aber ob es wahr, wer weiß es?

Wahrheit wahrlich ist der Götter nur!

Wer wird so kindergläubig, so verblendet sein,

An dieses Scheins neuer Kunde sein Gemüt erst zu wärmen, dann, getäuscht, bittren Tausches Bild zu sein?

Für Weibes Witz paßt es, eh sie offenbar, schon zu preisen Glückes Gunst!

Leichtgläubig zu leicht verbreitet sich Frauengeschwätz,

Wie Windeswehn; doch windverweht

Versinkt zu Nichts weiberausposaunt Gerücht! –

KLYTAIMESTRA.

Bald offenbart sich’s, ob der Botenfackellauf,

Die Wachtfanale meiner Feuerwechselpost,

Wahrhaftig waren oder wie ein Traumgesicht

Mit süßer Täuschung meinen Sinn das Licht beschlich.

Ich seh den Herold vom Gestade schon sich nahn,

Das Haupt vom Ölzweig überschattet; schon bezeugt’s

Des Kotes Zwillingsbruder euch, der durstge Staub,

Nicht werde lautlos, nicht von Feuern hochgeschürt

In des Berges Waldung ferner Rauch euch Bote sein,

Nein, klaren Worts bringt uns entweder sein Bericht

Mehr Freude – was entgegen dem, verschweig ich gern,

Auf daß dem nahnden Glücke glücklich sei der Gruß!

CHORFÜHRER.

Wer jenes andere diesem Lande gönnt und wünscht,

Der ernte selbst einst seiner Mißgunst schnöden Wunsch!

Ein Herold tritt auf.

HEROLD.

O meine Heimat, Argos, teures Vaterland!

Mit des zehnten Jahres Sonne kehr ich wieder heim!

Zwar mancher Hoffnung ärmer, doch in einer reich:

Denn nimmer glaubt ich, daß in Argos’ Erde noch

Des liebsten Grabes Stätte mir beschieden sei.

Nun sei gegrüßt, Land! Sei gegrüßt, du Sonnenlicht!

Und du, des Landes Walter, Zeus! Du, pythischer Fürst,

Mit feindlichem Bogen fürder uns nicht pfeilgewiß –

Entgegen gnug erschienst du am Skamander uns –,

Nun wieder sei uns Helfer, sei uns Streitgenoß,

Du, Fürst Apollon! Euch, ihr kampfbeschirmenden

Gottheiten, alle ruf ich, meinen Schützer auch,

Den teuren Herold Hermes, der Herolde Zier!

Und ihr, Heroen, die uns leitetet, gnädig wollt

Das Heer empfangen, das der Lanzen Wut verschont!

Du, meiner Fürsten Palast, vielgeliebtes Haus,

Ihr heiligen Stätten, Götter ihr im Sonnenlicht,

Wenn irgend je, empfanget heitren Auges jetzt

Im Schmuck den König, unsren Herrn, nach langer Zeit;

Denn heimgekehrt ist, euch und diesen allen Licht

Nach trüber Nacht zu bringen, Agamemnons Macht!

Ihr werdet festlich ihn empfahn, wie’s dem gebührt,

Der Ilion zerstörte mit des Rächers Zeus

Gewaltger Grabscheit, die den Boden unterwirft.

Der Götter Tempel und Altäre sind gestürzt

Und allvernichtet alles Feldes Saat umher.

Der solches Joch anschirrte Priams stolzer Stadt,

Der hehre Fürst Atride, der allglückselge Held,

Er kommt, vor allen höchster Ehre wert, soviel

Jetzt leben. Paris noch die mitgestrafte Stadt

Berühmen fürder größrer Tat als Buße sich;

Denn er, des Raubes, der Entführung schuldig, fand

Sich keinen Retter; sein zum Tod gezeitigter

Ureingeborner Fürstenstamm, er riß ihn aus!

So ward der Priamiden Doppelschuld gebüßt!

CHOR.

Achaierherold, Freude dir! Sei froh begrüßt!

HEROLD.

Ja, Freud; ich stürbe gern jetzt; nichts verlang ich mehr!

CHOR.

Verlangen wohl nach deiner Heimat quälte dich?

HEROLD.

So daß die Freude Tränen meinem Aug entlockt!

CHOR.

Gekranket habt auch ihr an diesem süßen Weh?

HEROLD.

Auch ihr? Belehrt erst werd ich deines Wortes Herr!

CHOR.

Getrauert voll Verlangen nach Verlangenden?

HEROLD.

Hat heim das Land sein heim sich sehnend Heer gesehnt?

CHOR.

Drum hab ich oftmals tief geseufzt in trübem Sinn!

HEROLD.

Was ward dem Volke solches bösen Grames Schuld?

CHOR.

Längst heißt mir Schweigen alles Grames einzger Arzt!

HEROLD.

Der Fürsten Fernsein, machte dich’s vor Fremden bang?

CHOR.

So daß mir dein »Jetzt stürb ich gern« gar schön erscheint!

HEROLD.

Ja, schön vollbracht ist’s! Freilich in so langer Zeit,

Mag einer sagen, fügt sich vieles günstig wohl,

Doch andres wieder minder gut. Wer aber ist

Nicht Gott und sonder Leiden all sein Lebelang?

Wollt unsre Mühsal ich erzählen, schwere Wacht

Und selten Ruhtag, schlechtes Lager, und des Tags,

Wann je von Schiffsdienst und Gefährde wir befreit?

Gar auf dem Festland kam dazu noch neue Not;

Denn unsre Zelte lagen hart an Feindes Wall,

Vom Himmel oben und vom Wiesengrund herauf

Durchnäßte kalter Tau uns, sog verderbend sich

In unsre Kleider, unser Haar verwildernd ein.

Spräch ich vom Winter, jenem Vogeltöter, gar,

Wie unerträglich den des Ida Schnee gebracht,

Gar von der Hitze, wenn um Mittagszeit die See

In wellenlos windstiller Ruh sich legend schlief –

Doch wozu klag ich’s? ‘s ist vorüber alle Müh,

Vorüber nun auch denen, die gefallen sind,

Und nimmermehr verlangt sie wieder aufzustehn.

Was soll ich euch herzählen die Gebliebenen und

Mich, der ich lebe, kränken um ihr traurig Los?

Nein. Lebewohl sei allem bösen Tag gesagt!

Denn uns, die wir vom Griechenheer noch übrig sind,

Siegt der Gewinn doch, und ihn wiegt kein Leiden auf;

Wer heimgezogen über Land und über Meer,

Darf so sich rühmen vor der Sonne heilgem Licht:

Troja erobert hat das Heer der Danaer,

Geweiht den Göttern seine Beute, aufgehängt

In allen Tempeln Griechenlands den teuren Schmuck!

Die solches hören, preisen müssen sie das Volk

Und seine Feldherrn; hochgelobt sei aber auch

Zeus’ Gnade, die’s vollbrachte! Alles weißt du nun.

CHOR.

Von deinem Wort bekenn ich gern mich überzeugt;

Zum steten Lernen bleibet auch das Alter jung.

Das Haus und Klytaimestra mag dafür zunächst

Zu sorgen haben, aber wir uns mitzufreun.

KLYTAIMESTRA.

Laut aufgejauchzet hab ich längst in heller Lust,

Als meines Feuers erster nächtger Bote kam,

Daß eingenommen Troja und verwüstet sei.

Zwar mancher sagte spottend: »Solchem Feuerschein

Vertrauend, glaubst du, Ilion sei nun zerstört?

Doch Weiberart ist’s, außer sich gar bald zu sein!«

Nach solcher Red erschien ich als ein töricht Weib;

Jedennoch opfern ließ ich, und den Jubelruf

Erhuben gellend Weiber, andre anderswo,

In der Stadt umher froh lärmend, in der Götter Sitz

Mit reichen Spenden duftges Feuer sänftigend.

Und nun, was braucht’s noch, daß du mir das weitre sagst?

Die ganze Kunde hör ich bald vom Fürsten selbst;

Drum eil ich, meinen erlauchten Herrn aufs herrlichste

Bei seiner Ankunft hier zu empfahn. Was gäb es auch

Für eine Gattin Süßeres, als den Tag zu schaun,

Wo ihrem Mann, der glücklich heimkehrt aus dem Feld,

Das Tor sie auftut! Also sprich zu meinem Herrn:

Zu kommen mög er eilen, vielersehnt der Stadt;

Treu fänd im Haus er sein Gemahl, wie er sie einst

Verlassen habe als des Hauses Wächterin,

Ihm edlen Sinnes, allen Bösgesinnten feind,

In allem andern noch sich gleich, von ihrer Hand

Kein Siegel drinnen während all der Zeit verletzt;

Noch weiß von Wollust, von verbotner Heimlichkeit

Mit fremdem Manne mehr ich denn vom Bad des Stahls!

Klytaimestra ab.

HEROLD.

Ein solcher Selbstruhm, seiner Wahrheit voll und wert,

Ist tadellos zu sprechen für ein edles Weib!

CHOR.

Sie sagt es selbst dir, und du hörst es von ihr selbst,

Vom besten Dolmetsch, durch ihr eignes klares Wort!

Doch sag mir, Herold, ist Menelaos auch mit euch

Heimwärts gesegelt, ist er wohlbehalten auch

Zurückgekommen, unsres Landes lieber Herr?

HEROLD.

Nicht ist es möglich, daß ich frohe Kunde dir,

Der du dich lange könntest freun, erheuchele!

CHOR.

Wie träfst du auch das Wahre, wenn du Frohes sagst?

Daß das sich ewig scheidet, leicht ist’s einzusehn!

HEROLD.

Der Held, er ist verschollen im Hellenenheer,

Er selbst und seine Schiffe. Falsches hörst du nicht!

CHOR.

Und ging er vor euch noch von Troja aus in See?

Verschlug ein Sturm ihn, euch und ihm zugleich verhängt?

HEROLD.

Recht trafst du wie ein wackrer Bogenschütz das Ziel

Und sprachst ein langes Leiden aus mit kurzem Wort!

CHOR.

Ob er selbst noch lebe, ob er umgekommen sei,

Kam’s durch Berichte fremder Schiffer nicht umher?

HEROLD.

Wohl keiner weiß es, der es nacherzählen kann,

Als, der der Erde Lebenskraft nährt, Helios!

CHOR.

Wie aber, sag uns, ist den Schiffen jener Sturm

Gekommen und vollendet durch der Götter Zorn?

HEROLD.

Mit böser Botschaft sollte man den frohen Tag

Niemals entweihen; des enthält sich Gottesfurcht;

Bringt aber heim ein Bote der gefallenen

Heerscharen unaussprechlich Leid, mit trüber Stirn

Die Wunden heim, die eine des gesamten Volks

Und andere viele, weil aus jedem Haus den Mann

Hinausgepeitschet Ares’ Doppelgeißel hat –

Zweischneidges Unheil, blutge Gramverschwisterung –,

Ja, wem ein solcher Jammer aufgebürdet ist,

Den soll man nennen der Erinnyen Ehrenhold,

Doch Freudenbote glücklich überstandner Not

Den, welcher heimkehrt froh zur frohen Vaterstadt.

Wie misch ich Liebes Bösem bei, wenn ich vom Sturm,

Den Götter uns Achaiern zürnten, sprechen soll?

Denn da verschwur sich, was sich sonst das Feindlichste,

Meerflut und Feuer, sie bewährten ihren Bund,

Vernichtend der Argiver unglückselges Heer.

Es erhob zur Nachtzeit sich der empörten Fluten Sturz,

Aneinander jagte die Schiffe wilder thrakischer

Orkan; sie selbst im Ungestüm des Schloßensturms,

Des typhoischen Wetters, wild vom Horn des Kiels zerfleischt,

Verschwanden spurlos in des Treibers Kreiseltanz.

Als dann das Frühlicht tagend endlich wieder schien,

Da sahn wir rings des stillen Meeres Spiegel blühn

Von Griechenleichen, von zerschellter Schiffe Wrack.

Uns aber hat und unser unversehrtes Schiff

Entwendet, glaub ich, oder bittend frei gemacht

Ein Gott, ein Mensch nicht, der das Steuer uns gelenkt;

Mitfahrend saß beim Ruder Tyche, Retterin,

Daß nicht den Kiel am Ankerplatz noch böse Flut

Bedrohte, noch am Klippenstrand er scheiterte.

Also dem Hades des empörten Meers entflohn,

Mißtrauten unsrem Glück wir auch am heitren Tag

Und ließen weiden unsren Gram das neue Leid

Des mühbeladnen, jammervoll zerstäubten Heers.

Und freut von jenen einer noch des Atems sich,

So redet auch von uns er wie von Toten; denn

Wir wieder meinen, ihnen sei es so geschehn.

So gut es kann, mag’s werden; doch Menelaos nun,

Der kommt zuerst wohl und vor allen noch zurück;

Denn wenn ein Lichtblick irgend noch des Helios

Ihn leben sieht und weben durch Zeus’ ewgen Rat,

Der sein Geschlecht doch nimmermehr vertilgen will,

So bleibet Hoffnung, daß er einst noch wiederkehrt. –

Soviel du hörtest, Wahres nur hast du gehört!

Herold ab.

Erste Strophe

CHOR.

Wer erfand den Namen einst,

Namen überall bewährt,

Wenn nicht der, den keiner schaut, der voraus all Verhängnis überdenkt,

Auch das Wort im Zufall lenkt –

Helena deutungsvoll die vielstreitige, speererrungne nennend,

Die, ein Elend allem Geschwader und Volk, aus des Gemahls

Teppichumhülltem Lager floh, fahrend mit segelblähndem Westwind?

Und des Kiels flutenverwehter Fährte nachjagten mit Schild und Speer die Jäger,

Fern gen Simoeis’ Uferland steuernd, dem laubumgrünten,

Mit dem empörtesten Blutdurst!

Erste Gegenstrophe

Rechte Gramverschwägrung war’s,

Die den Troern Götterzorn,

Endesinnend, hat gesandt, für des Gasttisches arge Schändung einst,

Für des höchsten Hortes Schmach

Buße vom Freudenfest, vom brautfeiernden Hymnos einzufordern,

Von dem Hochzeitlied, das die Schwäger daheim sangen mit Stolz;

Doch es verlernte solchen Sang bald die ergraute Priamsfeste;

Und in Gramliedern beseufzend ihre Not, schrie sie, verfluchte sie Paris’ Untat,

Noch bevor sie das ganze graunvolle Geschick des Volkes sah

In dem entsetzlichen Blutbad!

Zweite Strophe

Es zog also ein Mann einst,

Ein Löwenjunges der Muttermilch raubend, selbst sich den Rächer;

Denn es erschien im Anfang,

Zahm mit den Kindern zu spielen,

Treuer Begleiter der Alten,

Ruhete oft in ihrem Arm,

Wie ein gehegter Säugling pflegt,

Sah hellblickend zur Hand herauf, an sich schmiegend vor Hunger.

Zweite Gegenstrophe

Gereift endlich enthüllte

Die Art er seines Geschlechtes; denn, als der Pflege Vergeltung,

Riß er sich ungeladen

Schafe der Herde zum Mahle,

Tünchte des Haus mit dem Blute rings –

Für die Bewohner übergroß

Unverwindbar bittres Leid;

Gottgesandt dem Geschlecht erwuchs so ein Priester des Unheils.

Dritte Strophe

In gleicher Art kam gen Ilion, ich möchte sagen:

Ein Sinn wie glanzheitre Meeresstille,

Ein Kleinod wunderholden Reichtums,

Lieblich geheimen Blickes Pfeil,

Herzbetrübende Liebesblüte;

Doch enttäuscht endlich, erfüllt’ selbst sie das grambittere Ziel der Hochzeit,

Die, hinweg Frieden und Lust scheuchend, in Priamos’ Haus geflohn kam,

Geschenk des gastlichen Zeus,

Brautbeweinte Erinnys!

Dritte Gegenstrophe

Ein greises Wort, vielberühmt den Menschen, lautet also:

Der große, volkreiche Glückessegen

Gebiert, stirbt nimmer kinderlos;

Und in des Glückes Garten wächst

Unersättlicher Jammer wuchernd!

Doch erkennt anders es mein Geist; denn des Menschen böser Wandel,

Er erzeugt andere Untat, an des Vaters Zügen kenntlich!

Doch frommen Häusern erblüht

Kinderseliges Heil stets!

Vierte Strophe

Es zeuget gern Übermut alter Zeit Übermut fort und fort,

Der im Leide grünt und reift –

Sei’s heut, sei’s morgen, wenn nur erst die rechte Stunde kommt –,

Den unüberwindlichen, den allverhaßten, den Abscheu des Sonnenlichts, in des Geschlechts

Nachtdunkler Schuld göttervergeßne Frechheit,

Wieder dem Vater ähnlich!

Vierte Gegenstrophe

Doch Dike strahlt unter armselgem, rauchschwarzem Dach,

Ehret frommes Leben hoch;

Wer aber goldgewirkte Pracht mit schmutzger Hand sich webt,

Da flieht des Vaters hehre Tochter, den Blick abgewandt, des Reichtumes Gewalt,

Von feilem Lob falsch gemünzt, verachtend;

Jegliches probt am Ziel sie!

Auf hohem Siegeswagen tritt Agamemnon auf; neben ihm sitzend Kassandra. Etwas später tritt Klytaimestra aus dem Palast.

CHORFÜHRER.

Mein König und Herr,

Du des Atreus Sohn, der du Troja bezwangst,

Wie red ich dich an, wie ehr ich dich jetzt

Nicht überentzückt, nicht niedergedrückt

Von der Freude des Tags?

Wohl mancher versucht zu erheucheln den Schein,

Überschreitend das Maß des Gerechten!

Mit dem Unglückselgen zu klagen ist leicht

Alljeder bereit; doch die Nadel des Grams

Dringt dem niemals bis zum Herzen!

Und Fröhlichen wieder erscheinet er froh

Und zwingt nichtlachende Stirn, daß sie lacht.

Doch wer wie ein wackerer Hirte des Volks

Achtgibt, dem birgt solch Auge sich nicht,

Das, ein treues Gemüt zu bekunden bemüht,

Liebäugelt in wäßriger Freundschaft!

Du dünktest mich einst, da du fort in den Krieg

Um Helena zogst – nicht berg ich es dir –,

Sehr töricht zu sein, und es blieb mir im Geist,

Daß du nicht recht lenktest das Steuer des Sinns,

Unwilligen Mut

Für Kampf und Tod zu erzwingen.

Jetzt aber erfreut mich im tiefsten Gemüt

Die Gefahr, die glücklich vorbei euch zog;

Du wirst mit der Zeit, wenn du nachforschst, sehn,

Wer löblich und wer nicht, wie es sich ziemt,

Von den Bürgern die Stadt dir bewahrt hat.

AGAMEMNON.

Zuerst gebührt sich’s, Argos und die heimischen

Gottheiten fromm zu grüßen, die zur Wiederkehr,

Zu meinem Recht mir halfen, das ich von Priams Stadt

Gefordert habe. Sie, des Streites Richter nicht

Nach Red und Gegenrede, warfen offenbar

In des Blutes Urne Trojas männermordende,

Des Todes Kugel; bei der andern, unberührt

Von aller Hand noch, saß die Hoffnung kummervoll.

Am Rauch erkennt man Trojas Trümmerstätte jetzt;

Die Todeswolke lebt und weht, und sterbend haucht

Des einstgen Reichtums schwülen Qualm die Asche noch.

Dafür gebührt den Göttern vielgedenker Dank,

Da auch die Tücke wutgeschürzter Schlingen wir

Vergolten haben und des Weibes wegen jetzt

Die Stadt in Staub trat das Argiver-Ungetüm,

Des Rosses Nestling, unser schildgewandtes Volk,

Das sich zum Fang hob um der Plejaden Untergang;

Da übersprang den Wall es, ein blutdurstger Leu,

Und leckte dürstend sich im Königsblute satt.

Den Göttern hab ich diesen ersten Gruß gesagt;

Zu deiner Meinung, der ich wohl gedenke, dies:

Dasselbe sag ich und vertrete, was du sprachst;

Denn wenig Menschen ist es angeborne Art,

Den hochbeglückten Freund zu ehren sonder Neid;

Denn in das Herz tief frißt sich ein des Neides Rost

Und kränkt mit zweifach bösem Gram den Krankenden;

Von eignem Leide nieder schon gedrückt, beseufzt

Er’s doppelt bitter, daß er andre glücklich sieht.

Wohl nennen darf ich – denn ich hab es selbst erkannt

In meines Lebens Spiegel – eines Schattens Bild

Den Schein der Treue, den mir viele viel gezeigt;

Und nur Odysseus, welcher ungern mit uns zog,

Trug willig mit mir, unter gleiches Joch gebeugt! –

Ob er der Toten einer, ob am Leben noch,

Weiß Gott! – Das weitre für die Götter und die Stadt,

In der Volksversammlung wird es nach gewohnter Art

Erwogen werden; was sich gut und tüchtig zeigt,

Für dessen Aufrechthaltung wird zu sorgen sein;

Doch wo’s des Arztes und der Arzenein bedarf,

Da auch mit Schnitt und Feuer, doch voll Liebe werd

Ich solchen Aussatz wegzutilgen mich bemühn.

Und nun zum Palast und zum Herde heimgekehrt,

Heb ich den Göttern betend meine Hand empor;

Die fern hinaus mich sandte, die mich heimgeführt,

Nike, die mir gefolget, sei mein immerdar!

KLYTAIMESTRA.

Argiver, Bürger, unsrer Stadt ehrwürdger Stolz!

Nicht soll’s mich schämen, wie ich liebe meinen Mann,

Vor euch zu sagen; sondern auslischt uns die Zeit

Die blöde Scheu vor Menschen. Eignen Grams belehrt,

Will ich erzählen, wie ich still und kummervoll

Fortlebte, während jener lag vor Ilion.

Schon daß so weit von ihrem Mann getrennt ein Weib

Einsam daheim sitzt, das ist unaussprechlich hart;

Gerüchte hört sie, viele, widersprechende;

Bald daß er komme, bald er bringe mit zurück,

Was schlimmer als das Schlimmste sei, so heißt’s im Haus.

Und wenn ihm soviel Wunden dort geschlagen sind,

Wie das Gerücht uns fort und fort zu Ohren kam,

Sein Körper wäre wie ein vieldurchlöchert Netz;

Und wär er stets gefallen, wenn gesagt es ward,

Gleich einem zweiten dreigeleibten Geryon

Könnt er im Leben – denn vom Tode red ich nicht –

Gar manch ein dreifach Leichentuch zu haben schon

Sich rühmen, einmal sterbend mit jedwedem Leib.

Um solcher unglückselgen Kunde willen war’s,

Daß mancher Schlinge, hochgeknüpft um meinen Hals,

Mich überrascht und wider Willen man entriß.

Zu Agamemnon.

Drum steht der Knabe nicht mir, wie es müßte sein,

Er mein und deiner Liebe liebes Unterpfand,

Orest mir nicht zur Seite; wundre drum dich nicht!

Dein treuer Gastfreund zieht ihn dir wohlwollend auf,

Der Phoker Strophios, der mir viel Bedenkliches

Vorausgesagt hat, wie in Gefahr vor Ilion

Du schwebtest, wie das herrscherlose Volk den Rat

Leicht in Empörung stürzte, wie es angeborn

Den Menschen sei, Gestürzten doppelt weh zu tun.

Glaub nicht, es berge dies Entschuldgen dir Betrug! –

Mir aber ist der Tränen ewig strömender

Brunnquell versieget; drinnen ist kein Tropfen mehr;

Mein spätentschlummernd Auge krankt und schmerzt mich sehr;

Um dich zu weinen, saß ich Mitternächte durch,

Von denen du nichts wußtest; wieder dann im Traum

Erweckte früh mit schwirrend leisem Flügelschlag

Mich eine Mücke, wann ich deiner Leiden mehr

Sah, denn die Zeit begreifen konnte, die ich schlief.

Nachdem ich alles das mit ungebeugtem Sinn

Ertragen, nun begrüß ich dich des Hauses Hort,

Ein allerrettend Ankertau, des hohen Dachs

Grundfester Pfeiler, eines Vaters einzig Kind,

Und Land, dem Schiffer wider Hoffnung aufgetaucht,

Ein schönster Frühlingsmorgen nach dem Wintersturm,

Dem müden, durstgen Wandersmann ein frischer Quell!

So selig ist es, aller Not entflohn zu sein,

Und solchen Grußes acht ich dich darum mir wert!

Fern bleibe Mißgunst; haben wir doch Gram genug

Zuvor erduldet! – Nun, o du mein teures Haupt,

Steig mir von deinem Wagen; auf die Erde nicht

Setz deinen Fuß, Herr, den Zertreter Ilions!

Was säumt ihr, Mägde, da euch aufgetragen ist,

Die Decken hinzubreiten über seinen Weg!

So eilt, daß purpurüberdeckt ihm sei der Gang,

Den wider Hoffnung Dike leitet seinen Fuß;

Das andre wird mein Sorgen, das kein Schlaf bezwang,

Gerecht, so Gott will, bald erfüllen, wie es muß!

Die Sklavinnen breiten Purpurteppiche bis zum Palast.

AGAMEMNON.

Du Tochter Ledas, meines Hauses Hüterin,

Du sprachst der Zeit, die ich entfernt war, wohlgemäß

In gleicher langer Rede; doch ein echtes Lob –

Aus fremdem Mund muß kommen uns ein solch Geschenk.

Auch wolle sonst nicht mit mir zärteln nach der Art

Der Weiber noch am Boden liegend tief herauf,

So wie’s Barbaren tun, mir knechten deinen Gruß,

Noch mache gar mit deinem Purpur meinen Weg

Verhaßt: die Götter nur ist so zu ehren recht!

Daß ich, ein Mensch, auf bunten Prachtgewanden soll

Hinschreiten, mir ist’s Grund zu mehr als eitler Furcht;

Ich will geehrt als Menschen, nicht als Gott mich sehn;

Auch ohne deiner Decken, deines Purpurs Stolz

Erhebt der Ruf mich, und es ist, nicht argen Sinns

Zu sein, der Götter größt Geschenk. Den mag beglückt

Man preisen, der sein Leben schließt im lieben Glück;

Wenn mir es stets so würde, hätt ich frohen Mut!

KLYTAIMESTRA.

O sage du nicht mir das wider meinen Wunsch!

AGAMEMNON.

Den Wunsch bewahr ich, glaub mir, unveränderlich!

KLYTAIMESTRA.

Hast du gelobt aus Furcht, es irgend je zu tun?

AGAMEMNON.

Wenn einer, hab ich meinen Entschluß wohl bedacht!

KLYTAIMESTRA.

Was, meinst du, täte Priamos wohl an deiner Statt?

AGAMEMNON.

Ich glaube, der beträte deiner Decken Pracht!

KLYTAIMESTRA.

So habe nicht mehr vor der Menschen Tadel Scheu!

AGAMEMNON.

Und doch gewichtig ist des Volkes Stimme stets!

KLYTAIMESTRA.

Wer unbeneidet, ist des Neides nimmer wert!

AGAMEMNON.

Streit aufzusuchen ziemet für ein Weib sich nicht!

KLYTAIMESTRA.

Jedoch besiegt zu werden dem, der glücklich ist!

AGAMEMNON.

So achte du auch meinen Sieg in diesem Streit!

KLYTAIMESTRA.

Gib nach, gewähre willig mir die Oberhand!

AGAMEMNON.

Nun, wenn du gern willst, mag man schnell die Sohle mir

Abbinden, meines Fußes treue Dienerin,

Daß nicht mich fernher treffen mag, wenn ich in ihr

Auf Purpur wandle, eines Gottes neidscher Blick:

Denn ich fürchte sehr zu verderben meines Hauses Glück,

Wann solchen Reichtum, solch Geweb mein Fuß verdirbt!

Davon genug jetzt. Dieses fremde Mädchen führ

Ins Haus mir freundlich; wer als Herr sich mild erzeigt,

Auf den herab sieht mild und gnadenreich der Gott;

Mit frohem Herzen trägt ja niemand Sklavenjoch.

Aus vielen Beuten als die schönste Blume mir

Vom Heer erlesen und geschenkt mir, kam sie mit.

So will ich, da ich dir zu folgen über mich

Gewann, ins Haus gehn, tretend auf des Purpurs Glanz!

Geht in den Palast.

KLYTAIMESTRA.

Es ist ein Meer noch – und das Meer, wer schöpft es leer? –,

Das vielen Purpurs silberaufgewägten Saft

Erzeugt, den immerneusten, prachtkleidfärbenden,

Davon, den Göttern dank es, Herr, dein Haus besitzt!

Zu haben, nicht zu darben hat dein Haus gelernt.

Und viele Decken hätt ich zum Zertreten gern

Gelobt, wenn das mir ein Orakel angezeigt,

Als Dank, daß heim dein Leben du mir hast gebracht.

Denn lebt die Wurzel, so umgrünet Laub das Dach

Und breitet Schatten vor dem heißen Sirius;

Du, heimgekehrt mir an den heimatlichen Herd,

Mir kündest Frühlingswärme du in Winterszeit;

Und wieder, wenn in herber Traube Zeus den Wein

Läßt reifen, lieber Kühle gleich weht’s dann im Haus,

Weil du vollendend wieder heimgekommen bist! –

Zeus, Zeus Vollender, endlich ende mein Gebet;

In deine Hände leg ich, was du enden mußt!

Ab in den Palast.

Erste Strophe

CHOR.

Warum ist’s, daß immerfort

Jenes Zeichen meinem Blick,

Meinem ahndungsvollen Geiste vorschwebt?

Daß der Gesang ungelohnt, ungeboten mir weissagt?

Warum nicht, vergessend sein,

Sein wie eines dunklen Traums,

Weilt auf meines Gemüts liebem Thron getroster Mut?

Und doch: vorbei ist längst die Zeit, daß fern am Strand

Heer und Schiffe man altern ließ, als zur See gen Ilion

Unser Heer gezogen war!

Erste Gegenstrophe

Eigner Zeuge, eignen Augs

Sah ich ihre Wiederkehr;

Dennoch singet drinnen harfenlos mir,

Willenlos mir den Trauergesang der Erinnys

Meine Seele, ruhig nicht

Durch der Hoffnung frohen Mut!

Und dies Bangen, erwägt’s kalter Ernst, so täuscht sich nicht

Mein Herz, vom Strudel nahnder Erfüllung miterfaßt!

Möcht es anders, wie ich’s geahnt, möcht es ewig unerfüllt

Als ein Nichts in Nichts vergehn!

Zweite Strophe

Denn es verzehrt, heimlich zerstört alle blühnde Gesundheit selbst sich; ihr Nachbar,

Wohnt, Mauer an Mauer ihr, lauerndes Siechtum!

Mitten in glücklicher Fahrt

Treibet des Menschen Verhängnis

Auf verborgene Scheiterklippen;

Wirft Besorgnis einen Teil

Dann hinab vom reichen Gut,

Einen vollgemeßnen Wurf,

Nicht versinkt sein Haus dann ganz,

Grambelastet allzusehr,

Noch verschlingt die See den Kiel;

Wahrlich, reifende, reichliche Gabe des Zeus in den jährlichen grünenden Fluren

Sättigt leicht den Hungernden!

Zweite Gegenstrophe

Doch in den Staub wenn das dahinsterbend dunkele Blut einmal sich gemischt hat,

Wer ruft es mit Zauber zurück in das Leben?

Welcher vor allen verstand

Tote zu wecken, es zwang den

Zeus, nicht schonend, zur Ruh des Todes.

Aber wenn es kein Geschick

Gottbeschieden hinderte,

Längren Lebens froh zu sein,

Eilen würde da mein Herz,

Auszuströmen diesen Wunsch;

Doch im Dunkel kummervoll

Pocht es zagend, im Tiefsten verzagend, das Knäuel der Gedanken zu lösen,

Wild umtost von dunkler Angst! –

Klytaimestra tritt eilig aus dem Palast.

KLYTAIMESTRA.

So komm hinein doch! Du, Kassandra, bist gemeint;

Nicht zürnte Zeus dir, daß er in unsrem Hause dich

Am Opfer teil läßt nehmen, mit den übrigen

Dienstboten hinzutreten an den heilgen Herd.

So steig herab vom Wagen! Laß den eitlen Stolz!

Denn auch Alkmenes Sohn, so sagt man, trug es einst,

Verkauft zu leben und gezwungen Knecht zu sein.

Wenn nun ein Schicksal dieser Art jemandem wird,

So ist ein altbegütert Haus am leidlichsten;

Doch die sich Reichtum unerwartet ernteten,

Sind ihren Sklaven immer hart und ungerecht.

So weißt du also, wie’s bei uns gehalten wird.

CHORFÜHRER.

Sie hat zuletzt dir recht ein wahres Wort gesagt,

Und bist du einmal im verhängten Netz, so folg,

Da du ihr doch mußt folgen; oder folgst du nicht?

KLYTAIMESTRA.

Versteht sie nicht, gleich Schwalben, unverständliches

Geschwätze der Barbaren nur, so rat ich ihr

Mit klaren Worten, wohlverständlich, daß sie folgt!

CHOR.

Geh mit! Sie rät das Beste, was dir übrig ist;

Gehorche! Steig aus deinem Wagensitz herab!

KLYTAIMESTRA.

Nicht hab ich Muße, lange vor den Türen hier

Zu weilen; denn in Hauses Mitten am Altar

Steht unser Opfer schon am Feuer uns bereit,

Die wir uns niemals solche Lust erwarteten.

Willst du dabeisein, nun, so zögre länger nicht,

Und kannst du unvernehmlich nicht mein Wort verstehn,

So sag’s mir statt mit Worten mit der Barbarenhand!

CHOR.

Ein klarer Dolmetsch scheint der Fremden not zu sein,

Sie ist so schüchtern wie ein neugefangen Wild.

KLYTAIMESTRA.

Nein, ist von Sinnen, hört nur ihrem argen Trotz,

Daß sie entfernt von ihrer neugefangnen Stadt

Herkam; dem Zügel sich zu fügen scheint ihr fremd,

Eh nicht, gepeitscht, sie blutgen Schaum zu Boden trieft!

Nicht weiter nutzlos sprech ich hier zur eignen Schmach!

Eilig ab.

CHOR.

Und ich – mich jammert deiner –, eifern will ich nicht!

So komm, du Arme; deinen Wagen laß allein;

Dem Zwange weichend, weih das neue Joch dir ein!

Erste Strophe

KASSANDRA.

Ha, Götter! Oh!

Apollon! Apollon!

CHOR.

Was rufst du solch ein traurig Ach dem Loxias?

Er ist der Gott nicht, dem des Grames Ruf gebührt!

Erste Gegenstrophe

KASSANDRA.

Ha, Götter! Oh!

Apollon! Apollon!

CHOR.

Von neuem rief sie mit entweihndem Schrei den Gott,

Dem nie gerecht ist, solchem Jammer nah zu sein!

Zweite Strophe

KASSANDRA.

Apollon! O Apollon!

Du Wegführer! O Abholder mir!

Abhold verdirbst du gar mich ganz zum zweitenmal!

CHOR.

Ihr eignes Unheil will sie wohl verkündigen;

Des Gottes Geist weilt auch im Sklavensinne noch!

Zweite Gegenstrophe

KASSANDRA.

Apollon! O Apollon!

Du Wegführer! O Abholder mir!

Wohin geführt hast du mich, ach, in welches Haus?

CHOR.

Zum Hause der Atriden, wenn du nicht es weißt;

Ich sag es gern dir, falsch erfindest du es nicht!

Dritte Strophe

KASSANDRA.

Ha! Götterverhaßtes Haus! Du von unzählger Schuld

Zeuge, von Strick, von Wechselmord,

Von Mannes Opferbecken, Boden blutbespritzt!

CHOR.

Scharfspürend scheint die Fremde, wie ein Jägerhund,

Zu wittern, wessen Todesblut sie spüren mag!

Dritte Gegenstrophe

KASSANDRA.

Ha! Diese belehren mich, deutliche Zeugen sind’s,

Weinende Kindlein, jäher Mord,

Ihr Fleisch gebraten und vom Vater aufgezehrt!

CHOR.

Wir haben sonst schon viel von deinem Seherruf

Erfahren alle, suchen jetzt Wahrsager nicht!

Vierte Strophe

KASSANDRA.

O Götter ihr! Weh, was ersinnt sie jetzt?

Welch unerhörtes, neues Weh,

Welch gräßlich Unheil drinnen beginnt die Wilde jetzt –

Unsagbar, unsühnbar, ein Fluch allen! Ach, und Hilfe von keiner Seite!

CHOR.

Mir unbegreiflich sprachst du dies Orakel aus;

Klar war mir jenes; denn die ganze Stadt erzählt’s!

Vierte Gegenstrophe

KASSANDRA.

Unselge du! Wehe, du führst’s hinaus!

Der an der Seite dir geruht,

Den du ins Bad lockst, deinen Herrn – wie sag ich’s ganz?

Denn gleich ist’s erfüllt – frech hervor recket, ach! schon hastig sich Arm um Arm!

CHOR.

Ich faß es nimmer, unerklärlich Rätsel birgt

Mir deiner zukunftschwangren Worte dunkler Sinn!

Fünfte Strophe

KASSANDRA.

Ach! ach! o schau! o schau! Wieder, was seh ich da?

Ist’s gar ein Netz des Todes?

Die Schlinge Bettgenossin, Blutgenossin

Des Mordes ist’s! Jauchze, du wilder Haß

Dieses Geschlechtes, jetzt diesem Blutopfer zu!

CHOR.

Weh! Welchen Dämon rufst du auf, in diesem Haus

Wild aufzujubeln? Fröhlich macht dein Wort mich nicht!

Nein, in das Herz zurück stürzt mir in dumpfer Angst

Das Blut totenbleich, wie der Verwundeten

Brechendes Auge der Tod tief in Nacht hüllt;

Verderben eilt gar zu schnell!

Fünfte Gegenstrophe

KASSANDRA.

Ach! ach! o sieh! o sieh! Halt von der Kuh doch fern

Den Stier! Im weiten Mantel

Fängt sie den schwarzgehörnten ein mit arger List!

Sie trifft – er sinkt, sieh, in des Beckens Flut! –

Von dem Geschick in mordlistgem Bad hörtest du!

CHOR.

Nicht großer Kunde rühm ich mich im Deuten von

Orakelsprüchen; doch ein Unglück ahnd ich hier!

Wo ist ein freundlich Wort von den Orakeln je

Den Sterblichen gesandt? Im Leid selber erst

Lassen verstehn die vieldeutigen Sprüche

Die gottgeweissagte Furcht!

Sechste Strophe

KASSANDRA.

O mein, der Armen, gar zu betrübtes Los!

Denn um mein eigen Leid sing ich die Klage mit drein!

Warum denn hierher hast mich Arme du gebracht?

Doch einzig, daß ich mit dir stürbe! Wozu sonst?

CHOR.

Dich hat ein Gott verwirrt,

Dir das Gemüt verstört, daß unselgen Sang

Du von dir wie die Nachtigall wehklagst,

Die im betrübten Sinn, ach! des Rufs nimmer satt,

Itys, o Itys! seufzt; ewiger Gram umblüht

Ihr Wehklageleben!

Sechste Gegenstrophe

KASSANDRA.

O selig Schicksal singender Nachtigall!

In den beschwingten Leib kleideten Götter sie

Und gaben süße, tränenlose Tage ihr;

Doch meiner harret Mord von doppelscharfer Axt!

CHOR.

Aber von wannen kam,

Kam dir vom Gott gestürmt der Angst eitler Wahn,

Daß du dir die Gefahr so tief wehklagst,

Wider sie jammerlaut, hellen Schmerz gellend schreist?

Wer hat das Ziel der weissagenden Klage dir,

Das Fluchziel, gesetzt?

Siebente Strophe

KASSANDRA.

Du Ehe, Paris’ Ehe, weh!

Die du den Freunden Tod gebracht!

O du Skamandros, meiner Väter Trank!

An dem Gestade dein lebte ich Arme wohl glückliche Tage sonst!

Nun glaub ich, am Kokytos, an des Acheron

Felsufern werd ich singen meine Sprüche bald!

CHOR.

Wie du es uns mit dem Wort gar zu verständlich sagst!

Und auch ein Kind verstünde dich;

Mich schlägt, blutig schlägt nagender Kummer mich,

Wie dein bittres Los wissend umsonst du beweinst,

Wunder zu hören mir!

Siebente Gegenstrophe

KASSANDRA.

Du Gram, o Gram du meiner Stadt, die du zumal dem Tod erlagst,

Oh, meines Vaters fromme Opfer ihr,

Prangender Herden Blut, unserer Stadt zum Heil; aber es gab kein Heil,

Daß unsre Stadt nicht litte, was ihr jetzt geschehn! –

Ich aber sinke bald im heißen Todeskampf!

CHOR.

Wie du vorher, so sprichst wieder du gar zu klar!

Sag, welcher schwererzürnte Gott

Erfaßt überstark dich, stürmt wild dich empor,

Daß Wehklage du, Jammer des Todes du singst?

Wie wird das Ende sein?

KASSANDRA.

Es soll von nun an unter Schleiern nicht hervor

Die Verheißung blicken gleich der neuvermählten Braut;

Ein heller Frühwind, wird sie wach, dahinzuwehn

Gen Sonnenaufgang, und es rauscht wie Meeresflut

Bei dieser Blutschuld erstem Strahl gewaltiger

Empor! Verkünden will ich nicht in Rätseln mehr!

Und seid mir Zeuge, daß ich, jeder Spur gewiß,

Des allverübten Frevels Fährte wittere.

Denn dieses Haus läßt nimmermehr des Chors Gesang,

Der, laut und doch mißlautig, Frohes nimmer singt.

Denn, voll und trunken bis zum frechsten Übermut

Vom Menschenblut, tobt durch das Haus ein Trinkgelag,

Der Erinnyen schwergebannter, blutsverwandter Schwarm;

Ihr gellend Trinklied singen sie, an den Herd geschart,

Urerste Blutschuld, schmähen und verfluchen dann

Des Bruders Ehbett, das den Schänder niederschlug!

Verfehl ich’s, treff ich’s, wie die Jägerin ihr Wild?

Und Lügenseherin, Bettelprophetin, sprich, bin ich’s?

So schwöre mir zu zeugen, daß ich klar gewußt

Von dieses Hauses altgeerbter Frevelschuld!

CHOR.

Wie mag des Schwures fromm geschlungen Band ein Heil

Gewähren? Doch dich staun ich an, daß, über See

Geboren, alles du uns Andersredenden

Kannst nacherzählen, gleich als hättest du’s gesehn!

KASSANDRA.

Es gab Apollon mir, der Seher, dieses Amt.

CHOR.

Vielleicht, ein Gott er, dir in Liebe doch besiegt?

KASSANDRA.

Vor diesem hab ich mich geschämt, das zu gestehn.

CHOR.

Zu zartgewöhnt sind freilich alle Glücklichen.

KASSANDRA.

Mein Buhle war er! Und er hat mich sehr geliebt!

CHOR.

Und hat der Gott in seiner Liebe dich erkannt?

KASSANDRA.

Versprochen hatt ich’s, und belog den Loxias!

CHOR.

Da du der gotterfüllten Kunst schon mächtig warst?

KASSANDRA.

Ja; schon verhieß ich meinem Volke jedes Leid.

CHOR.

Ließ ohne Strafe dich der Zorn des Loxias?

KASSANDRA.

Es glaubte niemand nichts mir, seit ich das getan!

CHOR.

Uns wahrlich scheinst du gar zu wahr zu prophezein!

KASSANDRA.

O Gott! Weh! Qualen!

Auf reißt mich wieder der Begeistrung wilder Schmerz!

Im jähen Wirbel stürmen Sprüche wirr hervor!

Ha! seht ihr die dort sitzen vor der Tür, so still,

So jung, der Träume Truggestalten gleich zu schaun,

Zween Knaben gleich, als hätten Freunde sie gewürgt,

Die kleinen Hände mit des eignen Fleisches Kost,

Der eignen Eingeweide jammervollem Mahl

Gefüllt, davon der eigne Vater gessen hat?

Um diese sinnt jetzt auf Vergeltung, sag ich dir,

Ein Löwe Feigling, Hauses Hüter, seines Betts

Nestling, Vergeltung. Wehe deinem teuren Herrn

Und meinem – Sklavin bin ich ja und trag es auch!

Der Schiffe König, Ilions Bewältiger,

Nicht weiß er, wie ihr Willkommen ihm die Gleisnerin,

Der scheußlichen Hündin Lippe, wie ein heimliches

Verhängnis bald vollenden wird zum Gruß des Fluchs!

Sie wagt’s! Das Weib des eignen Mannes Mörderin!

Welch scheußlich Untier leihet seinen Namen ihr,

Der träfe? Nenne Drachen, nenne Skylla sie!

In tiefer Klippenhöhle aller Schiffer Tod,

Wahnwitzge Hadesmutter, die sühnlosen Fluch

Den Lieben zustürmt! – Wie sie laut gejauchzet hat,

Die Allverwegne, gleich als schlage sie den Feind,

Sie nennt es Freude, daß er glücklich heimgekehrt! –

Und ob es niemand glaube, nun gilt’s gleich. Wie nicht?

Es kommt die Zukunft; um ein kleines Zeuge selbst,

Nennst du mich weinend allzuwahre Seherin!

CHOR.

Das Mahl Thyestens von der eigenen Kinder Fleisch

Erkannt ich, und mich schaudert; Furcht bewältigt mich,

So wahr zu hören, was ich nicht mißdeuten kann;

Doch für das andre, da verlier ich jede Bahn!

KASSANDRA.

Agamemnons Ende, sag ich, wirst du heute sehn!

CHOR.

Kein böses Wort, Unselge, schweige deinen Mund!

KASSANDRA.

Und doch ersteht dir keiner, der dem Worte wehrt!

CHOR.

Ja, wenn’s geschehen ist; aber nimmermehr gescheh’s!

KASSANDRA.

Du mögest beten! Jene sorgen für den Mord!

CHOR.

Sprich, wessen Hand wird solche Freveltat begehn?

KASSANDRA.

Was ich geweissagt, überhört hast du es sehr!

CHOR.

Nein, doch begreif ich des Vollbringers Ränke nicht!

KASSANDRA.

Und doch versteh ich der Hellenen Sprache wohl!

CHOR.

So auch die Pythosprüche, dunkel sind sie doch!

KASSANDRA.

Ha! Welches Feuer! Brennend flammt’s an mir empor!

Ha, du, Lykeios Apollon! Wehe, weh mir! Ach!

Da die, die Menschenlöwin, die geschlafen hat

Beim Wolf, da fern der hochgeborne Löwe war,

Mich Arme will sie töten, will zu ihrem Haß

Ihm, ach! in den Gifttrank mischen auch den Lohn für mich;

Sie wetzt das Messer ihrem Herrn, sie rühmt sich laut:

Mord soll es rächen, daß er mich hat mitgebracht!

Was hab ich länger mir zum Gespött den heilgen Schmuck,

Den Zepter noch, den Seherkranz um meine Stirn?

Fort! eh der Tod mich fasset, brech ich dich entzwei!

Euch werf ich hin, verkommt ihr! So vergelt ich euch;

Bringt einer andren eures Elends Bettelstolz!

Sieh her, Apollon, der du mir mein Seherkleid

Nun selber ausziehst, der auf mich du niedersahst,

Als Freund und Feind mich auch in diesem deinen Schmuck

Gar sehr verhöhnten, unverhohlen, wahnbetört!

Gescholten Törin, Bettlerin, Lügenzauberweib,

Wahnwitzig, elend, hungersüchtig – ich ertrug’s!

Nun hat der Seher mich, die Seherin, gestraft!

Hat mich in dies Verhängnis, in den Tod geführt!

Statt meiner Väter Altar harret mein der Block,

Drauf blutig heißer, scharfer Mord bald mich erschlägt!

Doch nein, ich sterbe nicht den Göttern ungerächt;

Denn wieder wird einst unser Rächer nahe sein,

Der Muttermörder, der des Vaters Mord vergilt;

Ein irrer Flüchtling, kehrt er aus der Fremde heim

Und setzt den Schlußstein aller Schuld der Seinigen.

Geschworen also war den Göttern höchster Schwur,

Sie nachzustürzen in des erschlagenen Vaters Sturz! –

Warum erseufzet wieder mein, der Sklavin, Mund?

Da ich zum ersten sah die Feste Ilion,

Wie sie geendet, enden, meines Landes Volk

Also hinweggetilget durch der Götter Spruch! –

Ich geh, zu enden: leiden werd ich dort den Tod!

Dich, Pforte, grüß ich, Pforte mir ins Schattenreich!

Doch fleh ich eins, mich treffe gleich der Todesstreich,

Auf daß, wenn mein sanftsterbend Blut zu Boden fließt,

Sich ruhig ohne Todeskampf mein Auge schließt!

CHOR.

O viel unselges, wieder auch viel weises Weib,

Du sprachest reichlich. Aber wenn wahrhaftig du

Dein eigen Schicksal weißest, warum gehst du, gleich

Dem gottgetriebnen Stier, zum Altar festen Muts?

KASSANDRA.

Nicht gibt es Rettung, Freunde, nicht durch Zögern mehr!

CHOR.

Doch wer der letzte zögernd bleibt, gewinnet schon.

KASSANDRA.

Nein, meine Stund ist kommen; Flucht frommt wenig mir!

CHOR.

So wisse, leiden wirst du um so festen Mut!

KASSANDRA.

Begreifen kann das niemand von den Glücklichen!

CHOR.

Ja, rühmlich sterben ist den Menschen süßer Trost.

KASSANDRA.

– Mein Vater! Über dich und deine Kinder, oh!

CHOR.

Was ist dir? Welch Entsetzen schrecket dich hinweg?

KASSANDRA.

Weh, weh!

CHOR.

Was will der Wehruf? Ist’s ein Graun, das dich erfaßt?

KASSANDRA.

Mord haucht das Haus mir, blutumtrieften Mord mir zu!

CHOR.

Nicht doch; der Weihrauch auf dem Herde duftet so!

KASSANDRA.

Es wehet Dunst mir wie aus einem Grabe zu!

CHOR.

Kein syrisch Duftgepränge, das du rühmst dem Haus!

KASSANDRA.

So geh ich, so bewein ich noch im Hause mein

Und Agamemnons Ende. Sei’s des Lebens gnug!

O Freunde!

Nicht klagen will ich, wie der Vogel im Gebüsch,

Furchtsam, vergebens. Mir, der Toten, zeuget einst,

Wie das Weib an mein, des Weibes, Statt erschlagen liegt,

An des Mannes Statt der fluchgefreite Mann erliegt!

Mit diesem Gastgruß tritt hinein die Sterbende.

CHOR.

Du jammerst, Arme, um den Tod mich, den du ahnst!

KASSANDRA.

Einmal noch sagen will ich letzten Spruch und Gram,

Den eignen, meinen: dich beschwör ich, Helios,

Beim letzten Lichte, fordern müsse, wer mich rächt,

Von meinen Feinden, meinen Mördern gleichen Tod,

Wie mich, die Sklavin, ihre Hand behend erschlug!

O dieses Menschenleben! – wenn es glücklich ist,

Ein Schatten stört es; ist es kummervoll, so tilgt

Ein feuchter Schwamm dies Bild, und alle Welt vergißt’s;

Und mehr denn jenes schmerzt mich dies: vergessen ist’s! –

Ab in den Palast.

CHORFÜHRER.

Ein beglücktes Geschick, unersättlich im Gram,

Ist’s jedem, der lebt, und niemand wehrt

Vom fingergezeigten Palast es zurück,

Wenn er spräche: du nahe dich nimmer!

Und diesem gewährt von den Seligen ward,

Daß er Ilion nahm,

In die Heimat kam, von den Göttern geehrt;

Und soll der jetzt abbüßen das Blut

Der Erschlagenen, soll mit dem eigenen Tod

Der Getöteten Tod er entgelten,

Wer rühmte sich noch, ihm bleibe gewiß

Gramloses Geschick, wenn er das hört?

AGAMEMNON.

Weh, bin verwundet! Todeswunde, die mich traf!

CHOR.

Stille! Wer, zum Tod getroffen, ruft um seine Wunde laut?

AGAMEMNON.

Weh mir noch einmal! Bin geschlagen wiederum!

CHORFÜHRER.

Ausgeführt schon scheint die Untat nach des Königs Weheruf!

Lasset schnell uns überlegen, was zu tun am sichersten!

ERSTER CHOREUTE.

So tu denn ich euch diese meine Meinung kund:

Zum Palast her sogleich zu rufen alles Volk.

ZWEITER.

Mir scheint es besser, einzudringen jetzt und gleich,

Und schnell zu richten mit dem schnellgezückten Schwert.

DRITTER.

Auch ich, derselben Meinung zugetan wie du,

Will, daß man handle; nicht zu säumen drängt die Zeit.

VIERTER.

Das sieht sich leicht ein; denn ein Vorspiel ist’s, als ob

Der Tyrannei Anzeichen uns man zeigen will.

FÜNFTER.

Wir zögern fort noch; aber die des Zögerns Ruhm

Zu Boden treten, lassen nicht die Hände ruhn.

SECHSTER.

Nicht weiß ich, welchen rechten Rat ich sagen soll,

Doch um die Täter muß zuvor beraten sein.

SIEBENTER.

Derselben Meinung bin ich auch; nicht seh ich ein,

Wie man mit Worten Tote wieder wecken will.

ACHTER.

Und sollten zur Gefahr des eignen Lebens wir

Des Hauses Schändern weichen, künftig unsern Herrn?

NEUNTER.

Nein, ich ertrag’s nicht; nein, der Tod ist vorzuziehn,

Da jedes Schicksal süßer ist denn Tyrannei.

ZEHNTER.

Doch sollten auf des Wehgeschreis Anzeige wir

Schon überzeugt sein, daß der Fürst erschlagen ist?

ELFTER.

Erst wenn’s gewiß ist, sollte man zu Rate gehn;

Ein andres ist vermuten, andres klarzusehn.

ZWÖLFTER.

Dem beizustimmen bin ich überall geneigt,

Daß man genau forscht, wie es steht um Atreus’ Sohn.

Aus der königlichen Pforte tritt Klytaimestra, das Beil über der Schulter; hinter ihr unter roten Decken Agamemnons und Kassandras Leichen.

KLYTAIMESTRA.

Wenn vieles sonst ich, wie die Zeit es heischte, sprach,

So scheu ich jetzt das Gegenteil zu sagen nicht.

Wie kann man anders, um den Feinden Feindliches,

Die Freunde scheinen, anzutun, des Jammers Netz

Klug stellen, höher, als ein leichter Sprung heraus?

Mir brachte den Kampf, des ich lange schon gedacht,

Der alte Hader; doch die Zeit erst reifte ihn.

Hier steh ich nach dem Morde, wie ich ihn erschlug;

Ich hab es so vollendet und bekenn es laut,

Daß der dem Tod nicht wehren konnte noch entfliehn.

Ich schlang ein endlos weit Geweb rings um ihn her,

Gleich einem Fischnetz, falschen Glückes Prunkgewand;

Ich schlag ihn zweimal, zweimal weherufend läßt

Er matt die Glieder sinken; als er niederliegt,

Geb ich den dritten Schlag ihm, für des Hades Zeus,

Den Retter der Gestorbnen, frohgebotnen Dank.

So fallend, hauchet er den Lebensatem aus

Und trifft, des Blutes jähen Strahl ausröchelnd, mich

Mit einem dunklen Tropfen feinen, blutgen Taus,

Mir minder nicht zur Freude, als Zeus’ Regenschaur

Dem Acker, wenn in der Knospen Mutterschoß es schwillt.

Um solchen Ausgang dürftet ihr, ehrwürdge Schar,

Wohl freudig sein, wärt ihr es; ich frohlocke laut.

Und war es Sitte, Spenden über Leichen auch

Zu gießen, hier wär’s wohl gerecht. Und ganz gerecht

Hat er den Kelch so vieler fluchgemischten Schuld,

Den er gefüllt, heimkehrend selber auch geleert.

CHORFÜHRER.

Wir staunen deiner Rede, wie du zungenfrech

Noch solche Worte prahlest über dich und ihn!

KLYTAIMESTRA.

Mich prüfen wollt ihr als ein unbesonnen Weib!

Ich aber sag euch sonder Furcht, was jeder selbst

Hier sieht – ob loben du, ob du mich tadeln willst,

Mir gilt es gleich: hier liegt Agamemnon, mein Gemahl,

Und zwar als Leichnam, dieser meiner rechten Hand,

Des gerechten Schlächters, Meisterstück! So steht es jetzt.

CHOR.

Was für ein Gift, o Weib,

Kostetest du, das dir zu essen die Erd, das dir des grauen Meers

Tiefe zu trinken bot,

Daß du dir solche Wut wecktest und Volkes Fluch?

Die du ihn fingst, die du ihn schlugst, ja, dich verjagt die Stadt,

Dich, den Bürgern ein Scheusal!

KLYTAIMESTRA.

Nun sagst du mir mein Urteil, aus der Stadt zu ziehn,

Dem Volk ein Scheusal, von der Bürger Fluch verfolgt;

Und hattest doch gar nichts zu sagen wider den,

Der ohne weitres, gleich als wär es nur ein Lamm,

Wie viele seiner reichen Herden Pracht ihm bot,

Sein eigen Kind doch, meines Schoßes liebste Frucht,

Ließ schlachten, thrakische Winde zu beschwichtigen.

Und mußtest den du nicht verjagen aus dem Land,

Den ungestraften Frevler? Nun, da du vernimmst,

Was ich getan, bist du ein harter Richter. Doch

Ich sag dir, und gerüstet bin ich, so zu drohn:

In gleicher Art magst du mich, wenn du mich besiegst,

Beherrschen; aber wenn ein Gott es anders fügt,

So sollst du spät mir lernen, was verständig ist.

CHOR.

Stolze, wie hoch du prahlst!

Dreisteste du, wie du mir dräust! So frech von dem vergoßnen Blut

Rast dir der Geist noch nach.

Über dem Auge glänzt fett dir der Tropfen Blut,

Noch ungerächt, doch es geschieht, daß du, von Freunden bar,

Mord mit Mord noch entgeltest!

KLYTAIMESTRA.

Vernimm denn diesen meiner Schwüre heiligsten:

So wahr mir Dike, meines Kindes Rächerin,

Mir Ate und Erinnys, der ich ihn erschlug,

Mag helfen, niemals hoff ich mich dem Haus der Furcht

Zu nahn, solang auf meinem Herd das Feuer noch

Aigisthos anschürt, wie bisher mir treugesinnt;

Der wahrlich ist uns kein geringer Schild des Muts. –

Da liegt er tot, der mein, des Weibes, Recht zertrat,

Der Chryseiden Augenlust vor Ilion;

Tot da die Lanzenbeute, Wunderseherin,

Genossin seiner Nächte, Zukunftdeuterin,

Die treue Buhle, die bei Ruderbank und Mast

Mit ihm umherlag; trieben’s doch nicht ungestraft!

Da liegt er tot; und sie, die einem Schwane gleich

Sich noch ein letztes Sterbelied gesungen hat,

Tot neben ihrem Liebsten; meinen Nächten ist’s

Der süßen Wollust eine neue Würze mehr!

Erste Strophe

CHOR.

Ach, daß in Eile doch, ohne zu großen Schmerz,

Ohne zögerndes Siechtum,

Der Tod sich uns nahte, ewgen Schlaf,

Nimmer geweckten, zu bringen. Tot liegt,

Der uns der treuste Hüter war,

Der vieles Weh um ein Weib duldete,

Durch ein Weib nun des Lebens ward beraubt!

Weh, Frevlerin dir, weh, Helena dir,

Du allein hast viel, gar vielen entrafft

Vor Ilion rüstiges Leben!

Aber das Glorwürdigste, Rächerin, mörderisch tilgte sie es

In wilder Blutschuld,

Welche, haßempörter Haß,

Mannes Mord, hier daheim im Haus blieb!

Zweite Strophe

KLYTAIMESTRA.

Nicht wünsche das Los dir des Todes herbei,

Hierüber betrübt,

Noch werfe den Zorn auf Helenas Haupt,

Als sei sie schuld, als habe nur sie

So vielen Argivern das Leben entrafft

Und endlos Weh dir erzeuget.

Erste Gegenstrophe

CHOR.

Dämon, der blitzesgleich du in des Tantalos

Stamm und Doppelgezweig flammst,

Gewalt, in gleich wilden Weibern rasend,

Herz mir zerreißend, bewältigt hast du!

Wie ein verhaßter Rabe steht

Sie da an den Leichnamen, gedenkt widerlich

Ihrem Haus herzujubeln ihren Sang!

Zweite Gegenstrophe

KLYTAIMESTRA.

Nun sprach dein Mund wahrhafteren Spruch,

Da den mächtigen du,

Du den Dämon genannt hast unsres Geschlechts;

Der nähret der Frucht in dem hoffenden Schoß

Blutlechzende Gier; eh das alternde Weh

Noch endet, erneut sich der Mord schon.

Dritte Strophe

CHOR.

Fürchterlich rühmst du des Hauses mächtigen haderempörten Dämon,

Ach, traurigen Ruhm des grausen, unersättlichen Elends.

Ach weh, ach Zeus, durch deinen Rat,

Der alles fügt, der alles schafft;

Denn was geschäh den Menschen ohne dich, Zeus?

Was nicht wäre der Götter Schickung?

Wie soll ich, ach,

Mein König und Herr, wie weinen um dich,

In der Liebe zu dir wie sprechen?

Da liegst du verstrickt in der Spinne Geweb,

Tot da, gottlos du erschlagen!

Ach weh! weh! so unwürdige Ruhe dir!

Von der doppelscharfen Axt

Du mit der Hand wie ein Knecht erschlagen!

Vierte Strophe

KLYTAIMESTRA.

Und rühmst du, daß dies mein Werk sei,

So sage doch nicht,

Ich sei Agamemnons Gattin auch;

Denn dem Weibe des Leichnams dort an Gestalt

Nur gleich, hat den des empörenden Mahls

Alträchender, nimmer vergessener Fluch,

Des Atreus wütender Rächer gestraft,

Hinopfernd den Mann für die Knaben!

Dritte Gegenstrophe

CHOR.

Daß du an diesem Blut unschuldig, du Blutge, wer bezeugt’s dir?

Wer? Aber dir mochte beistehn seiner Väter Vergelter;

In Strömen gleich entsprungnen Bluts

Drängt fort und fort der öde Kampf;

Er füllt, wohin er immer auch sich fortwälzt,

Den Sumpf blutigen Kindermordes!

Wie soll ich, ach,

Mein König und Herr, wie weinen um dich,

In der Liebe zu dir wie sprechen?

Da liegst du verstrickt in der Spinne Geweb,

Tot da, gottlos du erschlagen!

Ach weh, weh! so unwürdige Ruhe dir!

Von der doppelscharfen Axt

Du mit der Hand wie ein Knecht erschlagen!

Vierte Gegenstrophe

KLYTAIMESTRA.

‘s ist nicht, glaub ich, unwürdiger Tod

Dem worden zuteil;

Hat denn er nicht blutige Tücke zuerst

In das Haus mir gebracht? Nein, der mein Kind,

Das von ihm ich empfing, das ich ewig bewein,

Iphigenien mir unwürdig erschlug,

Litt Würdiges jetzt; der beklage sich nicht

In des Hades Reich, daß mordender Stahl

Ihn strafte für das, was er anhub!

Fünfte Strophe

CHOR.

Ich sinn umsonst, jedes Rats entraten,

Wie ich der Sorge Steuer

Mir wenden soll, weil das Haus dahinstürzt;

Ich fürcht des Unwetters wilden Schloßensturm,

Den blutgen; aufhört’s fortan zu tröpfeln!

Es wetzt ein Recht zu andrer Buße sich

Die Moira schon auf anderm Wetzstein.

O Grab! o Nacht! o bedecktest du mich,

Eh ihn ich geschaut, in den silbernen Sarg,

In das Becken des Todes gebettet!

Wer gräbt ihm ein Grab? Wer weinet ihm nach?

Und willst denn noch du ihm, deinem Gemahl,

Den du selber erschlugst, Grabfeier begehn?

Für die Taten des Ruhms ihm ein schnödes Gepräng

Lieblosester Liebe bereiten?

Preisenden Feiergesang an dem Grabe, wer wird

Den mit der Tränen Wahrheit

Dem gottgleich hehren Helden singen?

Sechste Strophe

KLYTAIMESTRA.

Nicht ziemt es sich dir, ihm solchen Gesang

Zu begehn; durch mich

Sank er und starb er, ich will ihn beerdigen,

Nicht unter Gewein im Palast und Gemach;

Iphigenia kommt, sein Töchterlein hold,

Liebreich, wie sie muß,

Ihm entgegen, dem Vater, zur schweigenden Fahrt

Auf dem ächzenden Strom,

Umhalset ihn zärtlich und küßt ihn!

Fünfte Gegenstrophe

CHOR.

Vorwurf erhebt sich rasch gegen Vorwurf.

Und zu entscheiden, schwer ist’s!

Wer fällte, fällt; wiederbüßt der Mörder!

Das aber doch währt, solang sich Zeus bewährt:

Was jeder tat, leidet er; denn wer reißt

Aus seinem Stamm die Gerte voll gerechten Fluchs?

Verzweigt hat solch Genist das Schicksal!

Sechste Gegenstrophe

KLYTAIMESTRA.

Eintraf auf den wahrhaftig der Spruch

Der Orakel; doch ich,

Bei dem Dämon im Pleistheniadengeschlecht

Schwör ich’s, selbst dies Unerträgliche bin

Ich zu tragen bereit; nur möge fortan

Er verlassen dies Haus und ein ander Geschlecht

Heimsuchen mit wechselgemordetem Mord!

Und hätt ich der Güter ein spärliches Teil,

Ganz gnügte mir’s doch, wenn des wechselnden Mords

Wahnsinn aus dem Hause verschwände!

Aigisthos kommt aus der Gastwohnung.

AIGISTHOS.

O frohes Licht des Tages, der Gericht gebracht!

Nun sag ich freudig, Rächer schaun den Sterblichen

Die Götter hochher auf der Erde Missetat,

Da den in den prachtgewebten Purpurdecken ich

Der Erinnys, recht zur Lust mir, tot da liegen seh,

Untat zu büßen, die des Vaters Hand beging.

Denn einst hat Atreus, dieses Landes Fürst und Herr,

Sein Vater, meinen Vater Thyestes, hör mich recht,

Den eignen Bruder, der um das Reich mit ihm sich stritt,

Hinausgestoßen aus der Stadt, aus seinem Haus;

Heimkehrend drauf, am Herde hilfesuchend, kam

Gramvoll Thyestes und erflehte Sicherheit,

Daß er der Heimat Boden nicht mit seinem Blut

Gemordet tränkte; doch zum Gastgeschenk gereicht

Hat sein verruchter Vater Atreus, liebend nicht,

Nein, schändlich meinem Vater, Festgelag und Schmaus

Scheinbar bereitend, Kost von der eignen Kinder Fleisch;

Er ließ die Füßlein und der Hände Fingerkamm

Zu Kohlen brennen (über seines Herdes Glut

Und gab vom andren meinem Vater, daß er aß;)

Der, ohne daß er wußte, was er nehme, nahm

Und aß vom Mahl, du siehst’s, dem Fluchmahl des Geschlechts.

Drauf als ihm klar wird dieser Tat Entsetzlichkeit,

Da seufzt er, sinkt er nieder, speiet aus den Mord,

Flucht den Pelopiden ungemeßnen Untergang,

Häuft Graunverwünschung auf die Schmach des schnöden Mahls:

Daß so der ganze Pleisthenidenstamm vergeh!

Nach solchem Fluch kannst dort du den erschlagen sehn!

Ich aber heiße seines Mords gerechter Schmied;

Denn mich, den dritten zu den zween, trieb er fort

Mit dem armen Vater, da ich klein in Windeln lag.

Erwachsen führte Dike wieder mich zurück;

Auch da ich fern war, hatt an ihn ich mich geknüpft,

Geknüpft die ganze sichre Kunst heimtückscher List.

So wäre selbst zu sterben jetzt mir leicht und lieb,

Nachdem ich diesen in die Schlingen Dikes trieb!

CHORFÜHRER.

Aigisthos, Frechheit noch zum Frevel haß ich ganz;

Du sagest, gern ermordet habest du den Mann,

Allein ihm diesen jammervollen Tod gebracht –

Ich sag dir, nicht wird im Gericht dein schuldig Haupt

Des Volkes Flüchen und der Steinigung entgehn!

AIGISTHOS.

Mir redest du das, der du der letzten Ruderbank

Der Stadt gehörst, da unser noch das Steuer ist?

So lern als Greis noch, wie in solchem Alter, Freund,

Schwer ist zu lernen, daß man mäßge seinen Mund;

Denn Ketten lehren und die Qual des Hungers selbst

Das Alter, Wunderärzte, auserlesenste,

Für jede Torheit. Bist du blind mit offnem Aug?

Nicht wider den Stachel löcke, daß er nicht dich sticht!

CHOR.

Weib, der du ins Haus schlichst, aufzulauern, wenn er heim

Von Schlachten käme, und zugleich des Helden Bett

Zu schänden, du sannst Tod dem Fürsten, meinem Herrn?

AIGISTHOS.

Auch dieses Wort scharrt bittrer Tränen Quell dir auf!

Du hast von Orpheus’ Lippen ganz das Widerspiel:

Der riß mit seiner Stimme Zauber alles fort,

Empörend du mit deinem Schmähn die Mildesten,

Wirst fortgerissen. Zahmer macht die Zucht dich bald!

CHOR.

Und also du willst König nur in Argos sein,

Der, als du Mord sannst, nicht einmal mit eigner Hand

Hinauszuführen du gewagt hast deine Tat!

AIGISTHOS.

Des Weibes war natürlich, ihn in List zu fahn;

Ich aber schien verdächtig als ein alter Feind.

Doch jetzt mit seinem reichen Schatz versuchen wir

Das Volk zu knechten; wer mir nicht gehorchen wird,

Ich will ihm schon aufpacken, bis ihn gutbejocht

Der Hafer nicht mehr sticht; ihn wird des dunklen Lochs

Langweilger Wirt, der Hunger, wohl noch ruhig sehn!

CHOR.

Warum denn hast mit deiner feigen Seele du

Nicht selber ihn ermordet, sondern ihn das Weib,

Des Landes Abscheu und der Landesgötter Greul,

Erwürgt? Orestes, lebte der noch irgendwo,

Auf daß, zur Heimat einst in Tyches Schutz gekehrt,

Er dieser zwei glorreicher Mörder möchte sein!

AIGISTHOS.

Daß du also wagst zu sprechen und zu tun, du büßt es gleich!

CHOR.

Auf denn, liebe Kampfgenossen, ferne nicht mehr ist der Kampf!

(AIGISTHOS.

Rüstet euch und stellt euch zu mir, macht zuschanden solchen Hohn!)

CHOR.

Auf denn! Hab zum Kampf ein jeder sein entblößtes Schwert bereit!

AIGISTHOS.

Mein entblößtes Schwert in Händen weigr ich mich dem Tode nicht!

CHOR.

Was du vom Tod gesagt, es gelte! Mag das Glück denn Richter sein!

KLYTAIMESTRA.

Nimmermehr! O teure Männer, häufet nicht noch neues Weh!

Nein, auch das noch einzumähen, allzublutge Ernte wär’s!

Nein, genug schon ist des Jammers; Blutvergießen wollet nicht!

Geht, o Greise, geht nach Hause, eh in Wunden ihr der Tat

Straf und Reue leidet; nehmen müßt ihr dies, wie wir’s getan!

Ja, wenn einem Leid zuteil ward, haben wir des wohl genug,

Die wir schwerste Wunden leiden durch des Dämons harten Zorn.

Dies ist mein, des Weibes, Meinung, wenn mir einer folgen will!

AIGISTHOS.

Aber daß mit frecher Zunge diese mich verhöhneten,

Daß sie solches Wort mir anspien, frech versuchten mit dem Gott,

Jede Mäßigung vergaßen, sich empörten ihrem Herrn –

CHOR.

Einem feigen Mann zu schmeicheln, nicht Argiver Sache wär’s!

AIGISTHOS.

Doch ich denk, in künftgen Tagen bin ich auch noch unter euch!

CHOR.

Nimmer, wenn es fügt der Dämon, daß Orest zurückgekehrt!

AIGISTHOS.

Ja, ich weiß, Vertriebne nähren sich mit solcher Hoffnung gern!

CHOR.

Schalte, schwelge, mach zuschanden Fug und Recht, weil du es darfst!

AIGISTHOS.

Glaub mir, büßen deine Torheit sollst du mir aufs bitterste!

CHOR.

Prahle keck und kühn dem Hahn gleich, wenn er bei der Henne steht!

KLYTAIMESTRA.

Achte nicht ihr eitel Schwätzen weiter; ich und du, wir gehn,

Machen alles uns im Hause, da wir Herr sind, wunderschön!

Beide ab in den Palast, der Chor ab zur Stadt.

Aischylos

Die Grabesspenderinnen

(Choephoroi)

Personen.

Orestes

Pylades

Elektra

Klytaimestra

Kilissa

Aigisthos

Knechte

Chor der Mägde

Königspalast zu Argos. In der Mitte der Bühne Agamemnos Grab. Orestes und Pylades kommen in Wanderstracht und gehn zum Grabe; Orestes steigt die Stufen hinauf.

ORESTES.

O Grabeshermes, der dir beschiednen Macht gedenk,

Sei Retter, sei Mitkämpfer mir, dem Flehenden!

In dieses Land gekommen bin ich, heimgekehrt,

Und rufe meinen Vater hier am Grabesrand,

Daß er mich anhört, meinen heilgen Schwur vernimmt!

(Denn dich zu rächen, Vater, bin ich heimgekehrt,

Dein Sohn Orestes, der ich im fernen Phokerland,

Verwaist der Heimat, durch der Mutter arge List

Verstoßen, aufwuchs, daß ich dir einst Rächer sei;

Mich aber sendet Loxias’ trugloser Spruch,

Daß dir der Mörder wieder, dir die Mörderin,

Dein Blut zu sühnen, fallen muß durch diese Hand.

So hör mich, Vater, schaue gnädig auf mich her,

Daß ich erfülle deines Blutes heilig Recht,

Wie mir der Gott es, Loxias es mir gebeut!

Ich aber weih dir ärmlich, trauerreich Geschenk,

Des eignen Grames treuen Gruß auf deine Gruft;

Zum ersten Male schnitt ich mir als Pflegedank)

Die Scheitellocke für des Inachos Fluten ab,

Zum zweitenmal jetzt meine Locke dir,

(Daß sie dir Zeugnis gebe, deines Blutes Sohn

Sei heimgekommen, Vater, in dein teures Haus,

Die Missetat zu rächen, zu erwerben sein

Und seiner Schwester lang entwöhntes Erb und Recht!)

Aus der Tür der Frauenwohnung kommt der Chor, in schwarzen Kleidern und Trauerschleiern; in gleicher Mägdetracht Elektra.

Was dort erblick ich? Was bedeutet jene Schar

Von Weibern, schwarzverhüllten, die sich trauernd nahn?

Auf welch Ereignis rat ich oder deut ich dies?

Betraf ein neuer Todesfall vielleicht das Haus?

Könnt ich vermuten, ihre Spenden brächten sie

Für meinen Vater, für die Toten fromme Pflicht?

Nicht anders ist es; denn Elektra, glaub ich, selbst

Geht dort mit ihnen, meine Schwester, tief gebeugt

Vor Kummer. O Zeus! gib zu sühnen mir den Tod

Des Vaters, sei mir gern ein Helfer meiner Tat! –

Laß uns zurückgehn, Pylades, damit ich klar

Erkennen könne, was bedeute dieser Zug!

Beide verbergen sich.

Erste Strophe

CHOR.

Entsandt dem Hause kam ich her,

Geleit der Spende mit der Hände wildem Schlag!

Die Wange blutet heiß in tiefen Rissen,

Wiedergerissenen Nägelfurchen mir!

Und rastlos, weh, an Wehklage weid ich meinen Sinn!

Zu Fetzen reißt mein Kleid entzwei,

Zu linnezerrißnen in meinem Gram!

Mein schwarz Brusttuch, mein weitfaltiges Kleid

Zerfetzt der ungewehrte Schmerz!

Erste Gegenstrophe

Denn furchtberedt, gesträubten Haars,

Des Hauses Träumedeuter, aufgeschreckt im Schlaf

Zu neuem Graun, hat mitternächtgen Angstschrei,

Mordgeschrei an dem Herde geschrien,

Zu uns ins Fraungemach taumelwild sich hineingestürzt.

Des Traumes Deuter sprachen dann

Und riefen zu Zeugen die Götter an:

Sehr voll Ingrimm sei’n, sehr zornig die Toten,

Ihren Mördern wildempört!

Zweite Strophe

Und diese Liebe liebelos, die sühnen soll die Schuld,

Io, Erde, Erde!

Spendet, sendet her das gottvergeßne Weib!

Mich bangt’s, auszustoßen dieses Wort!

Denn welche Sühne gibt es für vergossen Blut?

Io, du allbeweinter Herd!

Io, du untergrabnes Haus!

Ja, graungemieden, sonnenlos umhüllt tiefes Dunkel das Haus,

Drin erschlagen der Herr ward!

Zweite Gegenstrophe

Ehrfurcht, versagt, verargt, gefährdet nimmer sonst,

Dem Volk eingewohnt sonst

Tief in Ohr und Herzen – jetzt empört sie sich!

Voll Angst weiß ich eine! – Glücklich sein,

Das gilt als Gott den Menschen und gilt mehr als Gott!

Ein letzter Schlag versieht das Recht

Urplötzlich dem am Tage noch,

Dem stürzt er lauernd im streitgen Licht der Dämmrung heimtückisch hervor,

Nacht fängt andre, die nie tagt!

Dritte Strophe

Das Blut, von seiner Amme, Erde, aufgefahn,

Gerann zum Racheblutmahl, nie verfließt es mehr;

Voll Tücke verschiebt Ata sie noch, daß, wer es tat,

Seh seines Jammers Blütenpracht!

Dritte Gegenstrophe

Wer frech sich fremdes Brautgemach erbrach, gesühnt

Wird nimmer der; und strömte aller Ströme Flut

Allseits her, bluttriefenden Mord

Hinwegzuspülen, doch umsonst strömten sie!

Epode

Doch ich – denn mir wiesen hier Magd zu sein

Die Götter zu; fortgeschleppt vom Herd meiner Heimat

Ward ich früh ins Los der Knechtschaft –,

Ich muß, was recht, muß, was schlecht meine Herrschaft hat getan,

Ich muß, da mich Gewalt zwingt, es preisen,

Muß meines Herzens Haß vergessen! –

Ins Gewand verhüllt, umsonst bewein ich

Meines Königs Los, verstein ich

Im verhaltnen Herzensgram!

ELEKTRA.

Ihr teuren Wärterinnen, vielgetreue Fraun,

Mit mir gekommen seid ihr, dieses heilgen Zugs

Geleiterinnen; drum so sagt mir euren Rat:

Wenn auf das Grab ich gieße diesen Trauerguß,

Wie soll ich freundlich sprechen? Wie zum Vater flehn?

Sag ich, von seiner lieben Gattin sei ich ihm,

Dem lieben Mann, von meiner Mutter ich gesandt?

Dazu gebricht’s an Mut mir; und nicht weiß ich, wie

Ich beten könnte, wenn ich auf des Vaters Grab

Dies spende. Oder sag ich nach dem heilgen Brauch:

Vergelten mög er denen, die ihm diesen Kranz

Gesandt, vergelten auch der Bösen bös Geschenk?

Soll schweigend, schmachvoll, so wie einst mein Vater fiel,

Ich gießen dieser Spende grabgetrunknen Guß,

Die Schale dann, als wär sie unrein, gottverflucht,

Wegschleudern abgewandten Blicks und wieder gehn?

So wollt mir raten, Teure, was ich möge tun;

Ist uns gemeinsam doch der Haß in jenem Haus!

Nicht bergt’s in eurem Herzen, irgendwie besorgt;

Denn sein Verhängnis harrt des Freien ebenso

Wie des von fremden Siegers Hand geknechteten.

So sprich, wenn du mir Beßres weißt, als ich gesagt!

CHORFÜHRERIN.

Gleich einem Altar ehrend dir des Vaters Grab,

Sag ich, du willst es, was ich im tiefsten Herzen denk.

ELEKTRA.

So sag mir, wie wohl ehrtest du des Vaters Gruft?

CHOR.

Zur Spende segne, die ihm treu gesinnet sind.

ELEKTRA.

Wen aber von den Seinen darf ich nennen so?

CHOR.

Zuerst dich selbst und jeden, der Aigisthos haßt.

ELEKTRA.

Für mich und dich denn sag den Segen ich zuerst?

CHOR.

Vergiß Orest nicht, weilt er auch im fremden Land.

ELEKTRA.

Vor allem; du gemahnst mich an das Teuerste!

CHOR.

Und dann den Tätern, wann du an den Mord gedenkst –

ELEKTRA.

Was dann? Belehr mich, sag es mir, ich weiß es nicht!

CHOR.

Sag, ihnen kommen werd ein Gott einst oder Mensch –

ELEKTRA.

Meinst du, der sie richten oder der ihn rächen wird?

CHOR.

Du sprichst es einfach: der den Mord mit Mord vergilt!

ELEKTRA.

Doch ist es fromm auch, von den Göttern das zu flehn?

CHOR.

Warum denn nicht soll büßen seine Schuld der Feind?

ELEKTRA.

Du höchster Herold hier im Licht, im Hades dort,

O Grabeshermes, hör mich und erwecke mir

Des Schattenreichs Gottheiten, daß sie hören mein

Gebet, die Hüter über meines Vaters Blick,

Und auch die Erde, die gebieret alles Ding,

Und was sie aufzog, wieder dessen Keim empfängt;

Ich gieße diese Spenden für die Toten aus

Und rufe dich, mein Vater, mein erbarme dich

Und deines Sohns Orestes. Herrschten wir im Haus!

Denn sieh, verstoßen leben wir und wie verkauft

Von unsrer Mutter; den Aigisthos hat sie sich

Zum Mann erlesen, der dich mit erschlagen hat;

Und einer Magd gleich hält sie mich; Orestes ist

Verjagt aus seinem Erbe, während sie in Prunk

Und eitler Wollust deines Schweißes Frucht vertun!

Daß heim Orestes gottgeleitet kehren mag,

Drum fleh ich dich an, Vater, du erhöre mich!

Mir aber gib du, daß ich tugendhafter sei

Denn meine Mutter, reinen Wandels, reiner Hand!

Für uns gebetet hab ich dies; den Feinden nun

Erscheint, ich weiß es, einer, der dich, Vater, rächt,

Auf daß die Mörder wieder morde ihr Gericht;

Und sei mir laut bezeuget, wie für bösen Fluch

Ich ihnen wiederfluche diesen bösen Fluch!

Du aber send uns alles Heil empor, mit dir

Die Götter und die Erd und Dike Siegerin!

Für diese Bitte spend ich diesen heilgen Guß;

Ihr aber flechtet eurer Klage Totenkranz

Und weihet meinem Vater frommen Grabesgruß!

CHOR.

Weinet die Träne, die rieselnde, sterbende,

Ihm, der starb, unsrem Herrn,

Zu dieser Spende Born,

Der Bösen nichtiger, schnöder Beschwichtigung

Wider der Edlen Zorn!

Höre du, mich höre du,

O Herr und Fürst, in deiner grabstillen Ruh!

Wehe ruf ich jammernd aus!

Wehe, welcher Speeresheld

Wird Befreier diesem Haus?

Der Skythe, dem in des Kampfes wilder Hast

Schwirrenden Pfeiles Flug

Vom rückschnellenden Bogen blinkt,

Der griffgefaßt sein nacktes Schwert blutig schwingt?

ELEKTRA.

Mein Vater hat nun seinen erdgetrunknen Guß –

Doch sieh! Zu diesem neuen Wunder ratet mir!

CHORFÜHRERIN.

O sprich! Es fliegt mein Herz im Busen mir vor Angst!

ELEKTRA.

Hier seh ich eine Locke auf das Grab geweiht!

CHOR.

Von welchem Manne, welchem hochgeschürzten Weib?

ELEKTRA.

Deutbar zu jedem ist sie, wenn du deuten willst!

CHOR.

So laß mich Ältre lernen von der Jüngeren.

ELEKTRA.

Ich wüßte niemand außer mir, der’s weihete!

CHOR.

‘s ist feind, für wen sich sonst die Trauerlocke ziemt!

ELEKTRA.

Und dennoch wahrlich ist so ganz sie wieder gleich –

CHOR.

Sag, wessen Haaren? Hören möcht ich das von dir!

ELEKTRA.

Ganz meinen eignen ähnlich ist sie anzusehn!

CHOR.

Wär’s von Orestes selber heimlich ein Geschenk?

ELEKTRA.

Mit dessen Locken scheint sie in der Tat mir gleich!

CHOR.

Wie hätte der hierherzukommen sich gewagt?

ELEKTRA.

Gesandt dem Vater hat er seiner Locke Gruß! –

CHOR.

Was du gesagt, nicht minder wein ich bitter drum,

Wenn dieses Land doch nimmermehr sein Fuß betritt!

ELEKTRA.

Auch mir ins Herz gießt brandend sich der Galle Flut;

Es schmerzt, als hätte mich ein schneller Pfeil durchbohrt;

Aus meinen Wimpern stürzt mir trocken, ungewehrt

Unsäglicher Tränen bittre Brandung wild hervor,

Da ich diese Locke sehe! Denn wie hofft ich wohl,

Daß einer unsrer Bürger sonst ihr Herr sich nennt?

Und nimmermehr gab dieses Haar die Mörderin,

Nein, meine Mutter nimmer, die stiefmütterlich

Und gottvergessen ihren Kindern ist gesinnt;

Und wieder, daß ich freudig soll gestehn, es sei

Mir dies ein Kleinod von dem Liebsten auf der Welt,

Sei von Orestes – nein, mich täuscht der eigne Wunsch!

Ach! –

Daß freundlich sie mir sprechen könnte, botengleich,

Damit der Zweifel nicht mich jagte her und hin!

Und doch, gewiß, ich hätte dies Haar angespien,

Wär’s abgeschnitten je von eines Feindes Haupt;

Wenn’s mir verwandt ist, durft es mit mir trauern auch

Des Vaters Totenfeier und den Grabesgruß! –

Zu den Göttern laßt uns rufen, den Allwissenden,

In welchen Kreiselstürmen gleich den Schiffern wir

Verirrt sind. Dennoch, wenn uns Rettung werden soll,

Da wächst von kleinem Samen auch ein großer Stamm! –

Sie steigt die Stufen zum Grab hinab.

Und da, die Tritte, sieh, ein zweites Zeichen ist’s

Von gleichen Füßen, ähnlich ganz den meinigen;

Ja, sieh, von zween eingezeichnet ist die Spur,

Hier von ihm selber, da von dem, der mit ihm kam;

Der Sohlen Abdruck und der Fersen, meß ich sie,

Zusammentreffen sie genau mit meinem Fuß! –

Angst übermannt mich; aller Sinn ist mir verrückt!

Orestes tritt ihr entgegen.

ORESTES.

Du bete zu den Göttern enderflehnd Gebet,

Daß auch das andre dir beschieden möge sein!

ELEKTRA.

Was wär’s, das jetzt schon mir gewährt der Götter Gunst?

ORESTES.

Dein Auge sieht nun, drum du lange betetest!

ELEKTRA.

Und wen der Menschen weißt du, daß ich gerufen hab?

ORESTES.

Ich weiß, Orestes hast du oft und heiß ersehnt!

ELEKTRA.

Und wo und wie denn wär erfüllt jetzt mein Gebet?

ORESTES.

Ich bin es, such dir keinen, der dir teurer ist!

ELEKTRA.

Du betrügst mich, Fremdling, du umgarnest mich mit List.

ORESTES.

So schling und strick ich selber um mich selbst Betrug!

ELEKTRA.

Und lachen willst du über mich und meinen Gram!

ORESTES.

Auch über mich und meinen Gram, wenn über dich!

ELEKTRA.

Zu dir, Orestes, hätt ich alles dies gesagt?

ORESTES.

Da du mich selbst siehst, jetzt erkennest du mich nicht;

Und da du diese Locke sahst des Trauerhaars,

Die Locke deines Bruders, deinem Haupte gleich,

Und deinen Fuß einfügend maßest meine Spur,

Da flogst du hoch auf, und du meintest mich zu sehn!

Sieh, diese Locke lag an diesem Schnitt des Haars,

Sieh dies Gewand an, deiner eignen Hände Werk,

Des Weberschiffleins Marken hier, der Tiere Bild –

Sei ruhig, gib die Vorsicht nicht der Freude preis;

Uns beiden, weiß ich, sind die Liebsten bitterfeind!

ELEKTRA.

O letzte, liebste Sorge für des Vaters Haus!

Beweinte Sehnsucht nach der Rettung letztem Reis!

Kraft deines Armes nimm zurück dein Vaterhaus!

O süßes Auge! Dein gehört vierfacher Teil

In meinem Herzen; sieh doch, nennen muß ich dich

Nun meinen Vater; meiner Mutter Liebe kommt –

Denn ganz gerecht haß ich sie selbst –, dir kommt sie zu,

Dir auch der Schwester Liebe, der Geopferten;

Und dann mein Bruder bist du, der mich wiederehrt!

Nun möge Kraft mir, möge mir Gerechtigkeit

Beistehn und Zeus zum dritten, der allergrößeste!

ORESTES.

Zeus, Zeus, auf mein Beginnen schaue du herab!

Sieh meines Vaters, sieh des Adlers arm Geschlecht,

Der selbst den Schlingen, dem Umzüngeln unterlag

Der argen Schlange; aber die verwaiste Brut

Quält nüchtrer Hunger; ihnen fehlt es noch an Kraft,

Des Vaters Beute heimzutragen in das Nest;

So tief bekümmert, so verwaiset siehst du uns,

Mich und Elektra, uns Geschwister vaterlos,

In gleicher Flucht verstoßen unsrem Vaterhaus!

Und hast du dann des Vaters Kinder, der dich fromm,

Der dich mit Opfern ehrte, einst hinweggetilgt,

Wer reicht dir dann noch gleicher Hände vollen Dank?

Nicht bleibt dir, wenn das Geschlecht des Adlers du vertilgst,

Zu senden glaubhaft Zeichen an die Sterblichen,

Noch opfert dieser Königsstamm, so ganz verdorrt,

Auf deinem Altar dir am Feststieropfertag!

Sei unser Hort! Vom Boden richt ein hoch Geschlecht

Empor, das jetzt gar tief dahingesunken scheint!

CHOR.

O Kinder, o Erretter eurem Vaterherd,

Seid still, daß niemand sonst es, o ihr Lieben, hört

Und vielgeschwätzig alles dies euch nacherzählt

Bei meiner Herrschaft, die ich hier hinsterben noch

In der Flammen pechgetränktem Qualm einst möchte sehn!

ORESTES.

Nicht mich verraten wird der allgewaltge Spruch

Des Loxias, der dieses Wagnis mir gebeut,

Der laut mich aufrief, Qualen, sturmgegeißelte,

In meinem heißdurchglühten Herzen mir verhieß,

Wenn ich meines Vaters Mörder nicht verfolgete,

Zur Rache sie zu morden mit demselben Mord;

Zerstört von seinen Strafen, nicht an Hab und Gut,

Nein, an der lieben Seele, sprach er, würd ich dann

Drum leiden vieles, unerträglich bittres Leid;

Denn als der Hassenden Sühne hat er allem Volk

Mißwachs verheißen, schwere Krankheit aber mir,

Aussatz, der tief ins Fleisch sich frißt mit grimmem Zahn,

Der mir hinwegnagt meiner Sehnen alte Kraft,

Mit greisem Haare meiner Locken Schmuck vertauscht!

Und andre Qualen nannte der Erinnyen,

Aus meines Vaters ungerächtem Blut erzeugt,

Der Gott, der hellsieht, dessen Aug die Nacht durchschaut;

Denn auch der nächtig dunkle Pfeil der Unteren,

Die umgebracht sind durch der Verwandten Missetat,

Wahnsinn, Entsetzen, nächtger Träume hohle Furcht,

Treibt mich, verstört mich und verfolgt aus aller Stadt

Mit eherner Geißel meinen gottverfluchten Leib!

Wer so gebrandmarkt, nimmer an der Becher Lust

Sei dem ein Anteil, noch an heilger Spende Guß;

Man scheuch ihn von den Altären, den lebendgen Zorn

Des Vaters, niemand gönn ihm gastlich Tisch und Bad;

Verarmet, ehrlos, ohne Freund, so sterb ich einst

Elend im Siechtum, ausgedörrt bis in den Tod!

Solch einem Ausspruch muß man glauben und vertraun;

Und traut ich minder, dennoch muß die Tat geschehn;

Vielfacher Antrieb strömt vereint auf mich herein,

Des Gottes Auftrag, meines Vaters große Schmach,

Des eignen Lebens Dürftigkeit, das alles läßt

Mich meine Bürger, aller Zeit berühmteste,

Die Überwinder Ilions in Heldenkraft,

Nicht länger untertänig zween Weibern sehn;

Denn weibisch ist sein Mut; wenn nicht, bald sehen wir’s!

CHORFÜHRERIN.

Ihr gewaltigen Moiren, mit Zeus’ Beistand

Werd so es vollbracht,

Wie das Recht mitwandelnd den Pfad zeigt!

»Für feindliches Wort sei feindliches Wort!«

Also ruft Dike, die lautere, laut,

Wenn die Buße des Hasses sie eintreibt!

»Für blutigen Mord sei blutiger Mord!

Wer tat, muß leiden!« So heißt das Gesetz

In den heiligen Sprüchen der Väter!

Erste Strophe

ORESTES.

Vater, du armer Vater, was bringen dir, sagen dir kann ich,

Das tief reichte zu dir hinab, wo du in Grabes Nacht ruhst?

Gleich wechseln sich Licht und Nacht; also erschall zugleich

Freude, Klage dir feierlich, Hort du in Atreus’ Haus sonst!

Zweite Strophe

CHOR.

O Kind, bewältigt

Wird des Toten Gedanke nicht durch den blendenden Zahn der Glut;

Spät einst zeigt er des Zorns Macht!

Und bejammert wird der Tote,

Und erkannt wird, der ihn totschlug;

Des Erzeugers Todesfluch will,

Der gerechte Zorn des Toten,

Sein Recht will er, empört verlangt er’s!

Erste Gegenstrophe

ELEKTRA.

Höre du, Vater, nun meinen Gram, meinen, den tränenreichen!

Die zwei Kinder an deinem Grab jammern den Klagegesang dir!

Schutzflehende müssen wir, landesverjagt, wir hier stehn!

Ist denn recht das? Und ist’s nicht schlecht? Oder erliegt die Schuld nie?

CHORFÜHRERIN.

Doch ein Gott kann einst dafür, wenn er will,

Euch froheres Lied noch zu singen verleihn,

Statt des Klagegesangs, den am Grab ihr weint,

In der Königsburg, in der Väter Palast,

Ein neues, ein freudiges Festlied!

Dritte Strophe

ORESTES.

Wärst du vor Ilion

Unter lykischen Speeren,

Mein Vater, sterbend hingesunken,

Du hättest Ruhm deinem Haus gelassen,

Den Lebenspfad schön und gut vorgebahnt deinen Kindern;

Ein gehügeltes Grab ragte drüben am Seegestad dir,

Ehrte daheim die Deinen!

Zweite Gegenstrophe

CHOR.

Der Freund bei Freunden

Lägest du, die im Heldenkampf fielen, unter der Erde noch

Ihr machtheiliger Führer,

Ein Gefährte du im Hades

Der gewaltgen Totenfürsten;

Denn hienieden warst du König,

In der Hand das höchste Los dir,

Der Macht menschengebietend Zepter!

Dritte Gegenstrophe

ELEKTRA.

Nein, vor den Ilischen

Mauern mußtest du, Vater, nicht

Vom Speer gleich andrem Volk erschlagen,

Begraben nicht bei Skamanders Flut sein;

Nein, mußtest ehr die daheim, welche dich so erschlugen,

Von dem Tode gemäht, selber fern, in der Ferne hören,

Alle das Leid nicht leiden!

CHORFÜHRERIN.

Was du sagst, Kind, kostbarer denn Gold,

Glückseliger ist’s als seligstes Glück,

Hyperboräisches Glück; denn du klagest!

Doch der doppelten Geißel entsetzend Getös,

Schon nahet es sich;

Denn die Toten, sie sind ja zum Beistand nah,

Und der Lebenden Hände, sie sind nicht rein

Von verruchtester Schuld

Und der doppelten Schuld an den Kindern!

Vierte Strophe

ELEKTRA.

Dringt mir das Wort doch ins Ohr

Scharf wie ein schneidender Pfeil!

Zeus! Zeus! der du empor ein spätstrafend Gericht des Schicksals

Der allfrevelnden, frechen Hand schickst,

Gleiches erfülle du unsern Eltern!

Fünfte Strophe

CHOR.

Ein Festlied singen möcht ich einst, hell aufjubeln zum Schein der Fackeln

Über das Blut des Mannes,

Über das Blut des Weibes! Bergen wozu, wie die Hoffnung

Hoch fliegt! Treibt doch scharfwehender Zorn in schneller Fahrt,

In vorauseilender Hast

Gramempörter Haß mich fort!

Vierte Gegenstrophe

ORESTES.

Trifft der gewaltige Gott

Einst sie mit flammender Hand,

Weh, weh, zerschmettert er sie, dann geschieht dem Lande das Seine;

Und Recht fleh ich für freches Unrecht!

Höret, ihr Unteren, mich zur Rache!

CHORFÜHRERIN.

Und es ist ein Gesetz, daß sterbend der Strom

Des vergossenen Bluts Blut wieder verlangt,

Und es fordert, es schreit die Erinnys Tod

Für jeden, der je umkam, Unheil,

Das heraufführt anderes Unheil!

Sechste Strophe

ELEKTRA.

Wo weilt nun ihr, der Nacht Gewalten, wo?

Schauet doch ihr, der Erschlagnen allmächtige Flüche!

Ihr sehet uns, letztes Reis des Atreusstammes,

Ohn Rat und Schutz, ehrentblößt

Und heimatlos! Zeus, wohin uns wenden?

Fünfte Gegenstrophe

CHOR.

Emporkocht wieder mir des Herzens Blut, hör ich dich also jammern!

Jegliche Hoffnung flieht!

Es nachtet in meinem Busen, hör ich auf deine Klage!

Doch dann wieder scheucht sichrer Mut kühnen Blicks

Hinweg jeglichen Gram,

Daß ich es freundlich tagen seh!

Sechste Gegenstrophe

ORESTES.

Welch Wort denn trifft’s? Verzeihlich sei zumal,

Was wir geduldet von der, die geboren uns!

Doch nimmermehr lischt sich auch das andre fort –

Nein, gleich dem blutdürstgen Wolf,

Nie satt noch müd sei der Mutter mein Haß!

Siebente Strophe

ELEKTRA.

Mit wildem Totschlag traf sie ihn, der kissischen

Blutlechzenden Waffendirne gleich;

Weitausgeschwungen im wilden Wechsel jagte sich

Hinabgeschmettert ihres Armes hastger Schlag

Hoch nieder, jäh herab!

Im Echo widerhallte

Mein jammerschlaggetroffen, mein unselig Haupt!

Achte Strophe

Weh dir, ruchloses Weib! Weh dir, Mutter!

Wie der Feind den Feind verscharrt,

Den König so, ungeehrt,

So sonder Wehklage hast

Du tränenlos deinen Herrn begraben!

Neunte Strophe

ORESTES.

O nenne das Schmach und Schande. Weh mir!

Doch büßen soll meines Vaters Schmach sie!

Auf Gottes Kraft bau ich fest!

Auf meine Hand trau ich fest!

Erschlag ich sie, sterben will ich gern dann!

Neunte Gegenstrophe

ELEKTRA.

Dann ward sein Leichnam, o denk, verstümmelt,

Begraben schmachvoll wie erschlagen!

Und schnöde List sann sie dir,

Ersann für dein Leben Tod!

Siebente Gegenstrophe

Des Vaters furchtbar schmacherfüllt Geschick weißest du,

Weißt deines Vaters schnöden Tod!

Mich selber schob man weg,

Unwürdig, schmachvoll, ehrentblößt;

Hinausgestoßen vom Palast wie ein reudger Hund,

Vergaß ich das Lachen, brach ich in bittre Tränen aus,

Froh, wenn ich verhehlte meines Grames nassen Blick!

Was du vernommen, Bruder, schreib es dir ins Herz,

Achte Gegenstrophe

Durchs Ohr bohre tief sich dieses Wort dir

Ein in des Herzens stillen Grund!

Das alles war wahrlich so!

Das andre frag deinen Zorn!

Du mußt mit furchtloser Kraft genaht sein!

Zehnte Strophe

ORESTES.

Ich rufe dich, Vater, sei den Deinen nah!

ELEKTRA.

Mit ruf ich dich, Vater, bitterweinend dich!

CHOR.

Wir allzumal stimmen lauten Rufes ein!

Erhör uns, steig ans Licht empor,

Wider die Feinde hilf du!

Zehnte Gegenstrophe

ORESTES.

So kämpfe Macht gegen Macht, Recht gegen Recht!

ELEKTRA.

O Götter, jetzt endet unser Recht gerecht!

CHOR.

Mich überströmt Zittern, hör ich euer Flehn!

Das Gottverhängte harret längst;

Flehet ihr drum, heraufsteigt’s!

Elfte Strophe

O des verwandten Wehs!

O des verhängten Mordes schneidender blutger Mißlaut!

Weh, weh! Gräßliche Blutverwandtschaft!

Weh, weh! nimmergestillter Jammer!

Elfte Gegenstrophe

Rettung erscheint dem Haus

Nicht von Entfernten, nicht von Fremden, von ihnen selbst nur,

In bluttriefenden Haders Fortgang;

Und das sing ich den Göttern drunten!

CHORFÜHRERIN.

Ihr drunten, vernehmt, ihr Selgen der Nacht,

Hört dieses Gebet! Beistand und Kraft

Schickt gnädig zum Siege den Kindern!

Orestes und Elektra setzen sich auf die Stufen des Grabes.

ORESTES.

Mein Vater, der du nicht königlichen Todes starbst,

Du gib die Herrschaft deines Hauses mir zurück!

ELEKTRA.

Auch ich, o Vater, bete dies Gebet zu dir;

Du hilf mir, wenn ich Aigisthos’ Los mit enden helf!

ORESTES.

Es würden dann Festmahle von den Menschen dir

Geweiht; wenn aber nicht, so bleibst beim Totenfest

Von deines Landes Opferbrand du ungeehrt!

ELEKTRA.

Und Spenden will ich dir von meinem Erbe dann

Bei meiner Hochzeit bringen aus dem Vaterhaus,

Will fromm vor allem andern schmücken dir das Grab!

ORESTES.

O Gaia, send mir meinen Vater, den Kampf zu schaun!

ELEKTRA.

O Persephassa, du gewähr uns frohen Sieg!

ORESTES.

Gedenk des Bades, Vater, drin du umgebracht.

ELEKTRA.

Gedenk des Garnes, drin du eingefangen wardst!

ORESTES.

In eisenlose Banden, Vater, schlug man dich!

ELEKTRA.

Schmachvoll in listig umgeschlungnem Prunkgewirk!

ORESTES.

Wirst du nicht wach, o Vater, über solche Schmach?

ELEKTRA.

Hebst nicht empor, mein Vater, dein geliebtes Haupt?

ORESTES.

So send den Deinen Dike zur Mitkämpferin,

Laß zur Vergeltung jene büßen gleiches Leid,

Wenn du, der einst Bezwungne, wieder siegen willst!

ELEKTRA.

Vernimm, o Vater, diesen meinen letzten Ruf!

Sieh deine Küchlein sitzen hier an deinem Grab!

Erbarme deines Mädchens, deines Sohnes dich;

Der Pelopiden edlen Stamm, vertilg ihn nicht!

Dann bist du nicht tot, ob du auch gestorben seist;

Den toten Vätern sind die Kinder rettender

Nachruhm; dem Kork gleich führen sie, des Fadens Zug

Aus tiefem Meergrund treu bewahrend, Garn und Netz.

Hör mich, um dich ja sag ich laut all meinen Gram,

Du rettest dich ja, wenn du ehrest dies Gebet! –

Sie steht auf.

Und nun – denn reichlich spann ich meine Rede fort,

Das Grab zu ehren, das beweint sonst keiner hat –

Das andre magst du, da du im Geist gerüstet bist,

Zur Tat vollenden, magst versuchen deinen Gott!

ORESTES.

Ich will’s! Doch abwärts liegt es nicht zu fragen noch,

Weshalb die Spenden sie gesandt, um welches Wort

Sie spät geehrt hat dieses unsühnbare Weh;

Dem Toten, der das nimmer achtet, sendet sie

Den feigen Grabgruß; nicht zu deuten weiß ich dies

Geschenk, das weit bleibt hinter ihrer Freveltat.

Denn wer die Blutschuld auszusühnen alles auch

Hingösse, nutzlos ist die Müh; so ist’s und gilt’s.

Darum erzähl’s auf meinen Wunsch, wenn du es weißt.

CHORFÜHRERIN.

Ich weiß es, Kind, stand selbst dabei; von einem Traum,

Von nachtgestörten Grauenbildern aufgeschreckt,

Hat diese Spenden her das arge Weib gesandt.

ORESTES.

Erfuhrt den Traum ihr, daß ihr ihn erzählen könnt?

CHOR.

Sie sagt, ihr war’s, als ob einen Drachen sie gebar.

ORESTES.

Wie hat gewendet und geendet sich das Wort?

CHOR.

Er wand sich einem Kind in seinen Windeln gleich.

ORESTES.

Nach welcher Nahrung langte die junge Drachenbrut?

CHOR.

Sie reichte selbst ihm ihre Brust, so träumte sie.

ORESTES.

Ließ jenes Untier unverwundet ihre Brust?

CHOR.

Nein, mit der Milch aussog es dickgeronnen Blut.

ORESTES.

Nicht eitel Ding ist wahrlich eines Menschen Traum.

CHOR.

Sie aber schrie hell vor Entsetzen auf im Schlaf;

Viel Fackelschein, erloschen mit der tiefen Nacht,

Erhellte schnell die Hallen für die Königin;

Dann sandte diese Trauerspenden sie zum Grab,

Wie sie gedachte, besten Schutz vor ihrer Angst.

ORESTES.

Ich aber fleh dich, Erde, Vaters Gruft, dich an,

Ausgangentsprechend werde mir dies Traumgesicht;

Ich deut es wahrlich, daß es wohl eintreffen muß:

Denn wenn demselben Schoße jener Drach entsprang,

Aus dem ich selbst, in gleiche Windeln lag gehüllt,

Dieselbe Brust scharfleckend, die mich stillte, sog,

Der lieben Milch einmischte frischgeronnen Blut,

Sie selbst entsetzt vor solchem Weh aufjammerte,

Da muß sie furchtbar, wie sie die grause Brut gebar,

So auch den Tod erleiden; drachenwild empört

Will ich sie morden, wie der Traum ihr kundgetan.

Zum Wunderzeugen wähl ich dich für diesen Traum!

CHOR.

Also gescheh’s! Doch weiter sag uns Freunden nun,

Wen willst du mit dir tätig, wen du müßig sehn?

ORESTES.

Ich sag es kurz euch: du, Elektra, gehst hinein,

Doch mußt du sehr verbergen diesen meinen Plan,

Daß, wie sie mit List umbrachten den erhabnen Mann,

Mit gleicher List sie durch dasselbe Todesnetz

Gefangen sterben, wie’s der Seher Loxias

Gebot, der stets noch ohne Trug erfundene.

Gleich einem Fremdling und in vollem Reisezeug

Komm ich und Pylades an des hohen Hauses Tor

Als alter Gastfreund und des Hauses Waffenfreund;

Wir beide sprechen des Parnassos Sprache dann,

Der Phoker Mundart fremde Laute täuschend nach;

Doch wird der Torwart freundlich uns wohl eben nicht

Empfangen, weil das ganze Haus in Freveln rast;

So werden wir da warten, bis wir einen sehn,

Der dort vorbeigegangen kommt, und fragen ihn:

Was läßt Aigisthos vor der Tür den Flehenden

Ausschließen, da, anwesend selbst, er doch es weiß?

Wenn ich dann des Schloßtors Schwellen überschritten hab

Und jenen find auf meines Vaters teurem Thron,

Er dann herabsteigt, nah sich vor mein Angesicht

Hinstellt und spricht und, glaub mir, mich mit dem Blick verhöhnt –

Noch eh er fragt: »Von wannen, Fremdling, kommst du?« tot

Streck ich ihn nieder mit des Schwertes heißem Schlag.

So wird Erinnys, nie des Mordes noch verarmt,

Zum dritten Trunk dann trinken ungemischtes Blut!

Du aber, Schwester, wach im Hause mußt du sein,

Daß alles das mir gut zusammentreffen mag;

Auch euch ermahn und bitt ich, wahret euren Mund,

Schweigt, wo es not ist, sprechet, was sich ziemt und frommt!

Das andre laß ich diesem Gott befohlen sein,

Der diesen Blutkampf meines Schwertes mir gebeut.

Orestes, Pylades und Elektra ab.

Erste Strophe

CHOR.

Erde wohl nähret manch riesengrausig Ungeheur,

Tief in Meeres dunklem Grund wimmelt wohl

Manch Knäul menschengierger Scheusale,

Und durch die Abenddämmrung hin

Schweift des Meteores Schein,

Schweift das Geflügel der Lüfte, das Wild in der Waldung

Und der Windsbraut Wolkenjagd!

Erste Gegenstrophe

Aber wer nennt des Manns freche Stirn mit Namen je,

Wer die scheulose Wut je des Weibs,

Dies allfrechste, lüstre Lustbuhlen,

Den Menschen alles Jammers Kost!

Solcher Ehe, solches Paars

Weibergeherrschtes, verworfenes Lieben erreicht nichts

Ungeheures, Menschliches!

Zweite Strophe

Hört ihr, so ihr nicht mit Flattersinn

Eitlen Spiels forschet,

Was einst Thestias, was die Kindesmörderin arg ersann,

Jenen Brand geheimen Mordes!

Sie hat verbrannt ihres Sohnes

Lebensfackel, die mit ihm war,

Seit ihr Schoß ihn geboren,

Mit ihm währte sein Lebelang,

Bis sein Ende gekommen.

Zweite Gegenstrophe

Ihr gleich sei in aller Mund verhaßt

Skylla bluttriefend;

Sie hat Feindes halb einen, der ihr teuer war, umgebracht!

Mit goldgeflochtnem Kreterhalsband,

Mit Minos’ Brautgabe bestochen,

Schnitt das Haar der Unsterblichkeit

Sie dem schlafenden Nisos,

Die Schamlose, dem Vater ab;

Doch einholte sie Hermes.

Dritte Strophe

Gedacht ich so unerweichbar grauser Wut,

So ist es unzeitig, noch der schnöden Eh, noch dem Greul in diesem Haus,

Den weiberarglistgen Ränken wider ihn,

Den Mann im Kriegswaffenschmuck,

Den Mann, des Ruhm aller Feinde Schrecken war –

Ehrfurcht noch da diesem ausgebrannten Herd,

Dem ohnmachtfeigen Weib zu hegen!

Dritte Gegenstrophe

Vor allen Untaten ragt die lemnische;

Als ganz verrucht wird in aller Sage sie nachgeklagt; doch dieses Greul,

Wohl wird’s mit Recht dem von Lemnos gleich genannt!

Durch gottverabscheute Schuld

Versinkt, entweiht seiner Ehren, dies Geschlecht;

Denn keiner ehrt fürder, was der Gott verwarf.

Ist eins hier, was ich nicht gerecht zeih?

Vierte Strophe

Das auf die Brust gesetzte Schwert,

Hinein bohrt’s tief bitterscharfen Mord unter Dikes Hand; denn Todsünde tritt

Nimmer niemand in den Staub; die alle Furcht

Vor Zeus hinwegwerfen, sind des Todes!

Vierte Gegenstrophe

Auf festem Grund steht Dikes Macht;

Ihr Richtschwert wetzt Aisa schon, die Schwertfegerin; es bringt den Sohn heim ins Haus,

Alten Hauses ältre Schuld zu züchtigen,

Die wache, listkundge Nachterinnys! –

Orestes und Pylades mit einigen Begleitern, alle als Wanderer gekleidet.

ORESTES an die Tür der Gastwohnung pochend.

He, Bursch! Du hörst, man pocht hier an der Außentür!

Ist keiner da? Bursch! heda, Hausbursch! öffne doch!

Zum dritten Male ruf ich dich, mir aufzutun,

Wenn bei Aigisthos’ Zeiten ihr noch gastlich seid!

BURSCHE.

Ja doch, ich höre! Freund, wer bist du und woher?

ORESTES.

Der hohen Herrschaft deines Hauses hier bestell,

Zu ihnen käm ich, brächte Neuigkeiten mit.

Mach schnell; es fährt in ihrem dunklen Wagen schon

Die Nacht herauf; Zeit wird es, daß ein Wandersmann

In seinem Gasthaus Anker wirft, sich auszuruhn.

Es komme jemand, der Gewalt hier hat, die Frau

Etwa des Hauses, doch der Mann ist schicklicher;

Denn wenn Verlegenheit das Wort nimmt, Freund, so tappt

Die Red im Dunkeln, aber dreister spricht der Mann

Zum Mann, und Zeugnis sagt er deutlich und genau.

Bursche ab. Klytaimestra tritt mit Elektra und einigem Gesinde auf.

KLYTAIMESTRA.

Fremdlinge, sagt, was ihr bedürft; euch steht bereit,

Was irgend unsrem Fürstenhause ziemen wird,

Ein warmes Bad und, aller Müdigkeit Entgelt,

Ein weiches Lager, biedrer Wirte Gegenwart;

Und wäre weitres euch mit mehr Bedacht zu tun,

So ist’s der Männer Sache; wir berichten’s gleich.

ORESTES.

Fremd kam ich her, aus Phokis bin ich, ein Daulier;

Als ich, mein eigen Bündel auf den Schultern, her

Gen Argos wandre, wo ich übernachten wollt,

Traf unbekannt mich Unbekannten einer an

Und sprach, nachdem er meinen Weg von mir gehört

– Der Phoker Strophios war es, hört ich im Gespräch –:

»Wenn du denn sonst auch, Freund, gen Argos gehen mußt,

So sage doch den Eltern, die du leicht erfragst,

Orestes sei gestorben, und vergiß es nicht;

Ob dann die Seinen ihn zurückgebracht zu sehn,

Ob ihn im Ausland und für alle Zeiten fern

Begraben wünschen, solchen Wunsch sag mir zurück;

Denn einer erzgetriebnen Urne Raum verschließt

Des vielbeweinten, teuren Mannes Asche jetzt.«

Was ich gehört hab, sag ich nach; ob ich es nun

Den Rechten, die es hören müssen, sage, nicht

Weiß ich’s, erfahren aber muß sein Vater es.

ELEKTRA.

Weh mir! Von Grund aus werden jetzt wir hingestürzt!

Du, dieses Hauses unbezwinglich grauser Fluch,

Wie vieles Nah und Fernes, das uns glücklich stand,

Zerstörst du fernher zielgewiß mit deinem Pfeil!

All meiner Lieben machst du mich ganz Arme arm;

Nun auch Orestes, welcher wohlberaten war,

Daß fern den Fuß er aus des Verderbens Sumpf gelenkt,

Er, unsre Hoffnung, er, dem schönen Taumelrausch

Ein letzter Arzt, sie nennet jetzt ihn – nah und da!

ORESTES.

O wär ich doch Gastfreunden, die so reich und hoch,

Durch gute Botschaft, die ich brächte, heut bekannt

Geworden und als Freund begrüßt. Was Liebres kann,

Als solch ein Gastfreund, einem in der Fremde sein?

Doch mir im Geist erschien es als Gottlosigkeit,

Den Angehörgen solchen Bericht nicht kundzutun,

Da ich’s versprochen und als Freund hier ward begrüßt.

KLYTAIMESTRA.

Nicht minder soll dir werden, was dein würdig ist,

Noch wirst du weniger gelten drum als Hauses Freund;

Dasselbe hätt ein andrer doch uns hinterbracht.

Doch ist es Zeit jetzt, daß den Fremden, die den Tag

Hindurch gewandert, was bequem ist, werd geschafft;

Zu einem der Diener.

Ihn selber führ zum gastlich offnen Männersaal,

Und wenn du zurückkommst, seine Reisegefährten auch,

Damit sie dort sich finden, was für sie bequem.

Dein ist der Auftrag, und du haftest mir dafür.

Wir aber werden dies dem Herrn des Hauses treu

Mitteilen und mit unsern Freunden insgesamt

Wohl überlegen, was in diesem Fall zu tun.

Alle ab.

CHORFÜHRERIN.

Auf, teuere Schar! Auf, Mägde vom Haus!

Wie geben wir kund

Für Orestes unsres Gebets Wunsch?

Du heiliger Herd, du der Gruft heiliger

Erdhügel, der jetzt du des Meerfeldherrn,

Des gewaltigen, Königsleichnam birgst,

Nun hör uns, nun sei hilfreich!

In den Kampf des Betrugs geht Peitho jetzt,

Und der Gruft Hermes, mit hinein tret er,

Und der Nacht Hermes, er begleite dich treu

Zum vertilgenden Kampfe des Schwertes!

Kilissa, die Amme, kommt.

CHOR.

Der fremde Mann hat, scheint es, Böses mitgebracht;

Denn weinend seh ich dort Orestes’ Amme nahn.

Wohin, Kilissa, gehst du aus des Hauses Tor?

Und mit dir kommt ja unbezahlte Traurigkeit!

KILISSA.

Aigisthos, sagt die Herrin, soll ich ungesäumt

Den Fremden herbescheiden, daß er deutlicher,

Der Mann von Männern, ihre Neuigkeiten mag

Mit eignen Ohren hören. Vor dem Gesinde zwar

Verbirgt in finstern Augen sie geflissentlich

Ihr Lachen; denn nun ist geschehn das Freudigste

Für sie, fürs Haus steht’s aber ganz und gar betrübt

Seit dieser Nachricht von den fremden Wanderern!

Und freilich, er wird herzlich sich darüber freun,

Wenn er die Zeitung höret! O ich arme Frau!

Ist doch von alten Zeiten her schon vielerlei

Unsäglich Unglück hier in Atreus’ altem Haus

Bis heut geschehn, das mir das Herz im Leib zerreißt;

Doch solchen Kummer hab ich niemals noch erlebt!

All andres Leid trug ich geduldig bis ans End;

Daß aber mein Orestes, meiner Seelen Lust,

Den aus der Mutter Schoß ich nahm und auferzog

Mit aller Unruh nächtens, wenn das Kindchen schrie,

Und all den vielen Plagen, die ich vergebens nun

Ertrug – denn Kinder ohne Nachgedanken muß

Wie’s liebe Vieh man ziehn, nicht wahr? mit viel Verstand;

Da kann es denn nicht sprechen, solch ein Windelkind,

Ob’s Hunger, ob es Durst hat oder pinkeln will,

Der kleine Magen macht, was je nach seiner Not;

Das muß voraus man merken, und, glaub mir, man irrt

Sich auch und wäscht dem Kinde dann die Windeln rein,

Versieht zugleich der Wäscherin und Amme Dienst;

Und ich versah die beiderlei Geschäfte selbst

Und nahm Orestes, für den Vater aufzuziehn –,

Nun muß ich Arme hören, daß er gestorben ist,

Muß nun zum Herrn gehn, der geschändet unser Haus

Und meine Zeitung frohen Sinnes hören wird!

CHOR.

In welcher Weise will sie, daß er kommen soll?

KILISSA.

Wie welcher? Sag noch einmal, daß ich’s recht versteh!

CHOR.

Ob seine Wache mit ihm oder er allein?

KILISSA.

Umringt von Lanzenknechten will sie, daß er kommt.

CHOR.

Das aber sag dem Herren, den du ja hassest, nicht;

Allein erscheinen mög er, hören ohne Furcht.

Das geh und meld ihm ungesäumt und freue dich;

Bei mancher Botschaft nützet ein verheimlicht Wort!

KILISSA.

Bist gar du froh noch über solche Neuigkeit?

CHOR.

Abwenden wird Zeus’ Willen einst noch allen Gram!

KILISSA.

Wie das? Orestes, unsres Hauses Hoffnung, starb!

CHOR.

Nicht doch; ein schlechter Seher schon erkennte das!

KILISSA.

Was sagst du? Weißt du andres, als berichtet ward?

CHOR.

Geh hin und melde! Mach es, wie ich’s dir gesagt;

In Gottes Hand liegt, was geschehen muß und wird!

KILISSA.

Ich geh und führ es ganz nach deinem Willen aus;

O daß es glücklich ende durch der Götter Rat!

Kilissa ab.

Erste Strophe

CHOR.

Höre jetzt mein Gebet, du der hochselgen Götter Vater, Zeus!

Laß erlosen mich ein Los, unverrückt

Das Weise treu forschenden Sinns zu schaun!

Sprach ich all mein Gebet

Dir doch gerecht, Zeus, du nimm’s in Obhut!

Zeus! Zeus!

Doch Gewalt über die Todfeinde gewähr dem im Palast, den du doch großzogst!

Doppelte Buße laß

Und dreifältige dir gefallen!

Erste Gegenstrophe

Denk es wohl, unsres vielteuren Herrn Waise ward ins Leidenjoch

Eingeschirrt; gib ein Maß seinem Lauf!

Wer hielte leicht, läuft er in diesem Feld,

Richtig Maß, sichres Ziel,

Wenn er des Unheils Bahn dahinstürmt?

(Zeus! Zeus!

Doch Gewalt über die Todfeinde gewähr dem im Palast, den du doch großzogst!

Doppelte Buße laß

Und dreifältige dir gefallen!)

Zweite Strophe

Götter ihr, die ihr der vielreichen Schatzkammer wachet im Palast,

Götter, hört mich gnädig an!

Auf denn! Einst verübter Freveltat

Blutschuld sühnet durch ein neu Gericht;

Der greise Mord zeuge weiter nicht im Haus!

Diesen, der mordet mit Recht,

Herr, du in tiefkündender Kluft,

Lasse zum Heil du ihn des Vaters Haus sehn!

Lasse du frei ihn und hell

Mit seinem teueren Aug durch der grausigen Frevel Nacht schaun!

Zweite Gegenstrophe

Allgerecht helfen mag Maias Sohn, rasch in rascher Förderung

Kühne Tat gern endigen!

Unausforschlich forscht er fernstes Ziel,

Gießt Nacht, gießet Dunkel vor das Aug,

Am hellen Tag heller nicht noch kenntlicher!

(Diesen, der mordet mit Recht,

Herr, du in tiefkündender Kluft,

Lasse zum Heil du ihn des Vaters Haus sehn!

Lasse du frei ihn und hell

Mit seinem teueren Aug durch der grausigen Frevel Nacht schaun!)

Dritte Strophe

Vieler Sang, sühnender,

Soll dem teuren Hause dann,

Weiblich fromm gesungener

Zur Zither, alle Schuld zu bannen,

Tönen durch die Stadt. – Geschäh’s!

Mein, ja mein blüht dann allen Glücks Gewinn,

Und Ata weicht den Teuren fern!

Sohn! Sohn!

Dann im Mut stark, wenn du hintrittst und es ausführst und dazu nennst Vaters Namen

Und sie »Kind!« dich ruft,

So doch ende das Graunverhängnis!

Dritte Gegenstrophe

Dann hinwegblickend, Sohn,

Dann wie Perseus, unerschreckt,

Mußt den Deinen, die das Grab deckt,

Du den Deinen hienieden erfüllen

Der Liebe grambittern Haß!

Führe so drinnen aus dein blutig Amt,

Den Mord der Mordesschuldigen!

(Sohn! Sohn!

Dann im Mut stark, wenn du hintrittst und es ausführst und dazu nennst Vaters Namen

Und sie »Kind!« dich ruft,

So doch ende das Graunverhängnis!)

Aigisthos tritt ohne Gefolge auf.

AIGISTHOS.

Nicht ungerufen komm ich; Boten sandte man;

Denn fremde Männer, hör ich, kamen, brachten uns

Viel Neuigkeiten, aber nicht erfreuliche,

Den Tod Orestens. Würde das im Hause kund,

Entsetzentriefend Grausen weckt’ es leicht im Haus,

Das noch an alten Wunden krankt und altem Schmerz.

Soll ich es wahr, lebendig nennen? Oder ist’s

Ein weiberhaftes, furchtgebornes Truggeschwätz,

Das durch die Luft hin eitel fliegt und eitel stirbt?

Weißt du vielleicht mir irgend drüber Sicheres?

CHOR.

Wir hörten’s freilich; aber drinnen frage selbst

Die fremden Männer; wenig Wert hat Botenwort,

Da du selbst von ihnen selber alles hören kannst.

AIGISTHOS.

Selbst sehn und fragen will ich denn den fremden Mann,

Ob er bei seinem Tod gewesen oder nur

Aus dunklen Reden so erfuhr und weiterspricht;

Denn meines Geistes scharfen Blick betrügt man nicht.

Ab in den Palast.

CHORFÜHRERIN.

Zeus, Zeus, was sag, was nenn ich zuerst

Im heißen Gebet, im brünstigen Wunsch?

Wie sprech ich es aus,

Daß es gleichkommt unserer Treue?

Jetzt muß es geschehn, daß des mordenden Schwerts

Kühnwagende, blutig begonnene Tat

Entweder hinweg von der Erde vertilgt

Das teure Geschlecht Agamemnons –

Oder er selbst schürt Lustfeuer uns bald

An dem Freiheitsfest und gewinnet der Stadt

Herrschaft, sein väterlich Erbteil!

Schon tritt er allein zwei Feinden zugleich

Entgegen zum Kampf, der göttliche Held

Orestes; geschah es zum Siege!

AIGISTHOS hinter der Szene.

Ach! Weh mir, wehe!

CHOR.

Horch doch! weh, o horch!

Weh! was ist?

Was geschieht im Palast?

Laßt uns hinweggehn, denn das Werk wird nun vollbracht,

Auf daß wir schuldlos scheinen mögen dieser Tat;

Denn bald erreicht ist dieses Kampfes Ziel und Schluß.

Der Chor setzt sich auf die Stufen des Grabes.

KNECHT aus dem Palast stürzend.

O weh des Mordes! Totgeschlagen ist der Herr!

O weh noch einmal! Und zum dritten Male weh!

Aigisthos ist nicht mehr! O öffnet, öffnet doch!

Pocht an die Tür des Frauenhauses.

So schnell wie möglich! Schließet, brecht die Riegel auf

Im Weiberhause; ja es braucht da große Kraft,

Nicht ihm zu helfen, der ist tot. Was ist es mehr!

Ho! hoiho!

Wiederholtes Pochen.

Zu Tauben schrei ich, und zu eitel Schlafenden

Umsonst. Wo ist Klytaimestra? Auf! Was säumt sie noch?

Nun scheint’s, daß um ein kleines von des Henkers Schwert

Ihr eigner Nacken im Gericht hinsinken wird!

KLYTAIMESTRA tritt heraus.

Was ist geschehn, sprich? Welch Geschrei tobst du ins Haus?

KNECHT.

Die Toten, sag ich, morden die Lebendigen!

KLYTAIMESTRA.

Weh mir! Im Rätsel auch versteh dein Wort ich wohl!

List fänget uns jetzt, gleich wie wir einst mordeten!

Mein altes Mordbeil gib mir eilig jetzt hervor;

Knecht ab.

Laß sehen, ob wir siegen werden, ob besiegt!

Dahin gekommen ist es nun in meinem Leid!

Orestes und Pylades treten aus dem Palast.

ORESTES.

Ich suche dich auch! Er erhielt sein volles Teil!

KLYTAIMESTRA.

Weh mir! Erschlagen du, Aigisthos’ teure Kraft?

ORESTES.

Du liebst den Mann? So liege denn in einem Grab

Mit ihm; verrat du doch den Toten nimmermehr!

KLYTAIMESTRA.

Halt ein, o Sohn! Nein, scheue diese Brust, o Kind,

Die Mutterbrust, an welcher du einschlummernd oft

Mit deinen Lippen sogst die süße Muttermilch!

ORESTES.

Was tu ich, Pylades? Scheu ich meiner Mutter Blut?

PYLADES.

Wo bleiben dann die andren Gottverheißungen

Des Pythotempels, wo der eignen Eide Band?

Hab alle lieber als die Götter dir zu Feind!

ORESTES.

‘s ist wahr, du siegest und gemahnst ans Rechte mich!

So folg mir, töten will ich neben jenem dich.

Im Leben war vor meinem Vater der dir wert,

Du sollst im Tod auch bei ihm schlafen; denn du liebst

Den Menschen; den du lieben mußtest, hassest du!

KLYTAIMESTRA.

Ich zog dich groß, Kind, altern mit dir will ich auch!

ORESTES.

Du mit mir wohnen, meines Vaters Mörderin?

KLYTAIMESTRA.

Es ist die Moira, liebes Kind, all dessen schuld!

ORESTES.

So hat die Moira auch verschuldet diesen Mord!

KLYTAIMESTRA.

O Sohn, und scheust du deiner Mutter Flüche nicht?

ORESTES.

Die du mich gebarst, verstoßen hast du mich ins Weh!

KLYTAIMESTRA.

Dich nicht verstoßen hab ich in des Freundes Haus!

ORESTES.

Zwiefach verkauft ward ich, des freien Vaters Sohn!

KLYTAIMESTRA.

Wo ist der Kaufpreis, den ich je für dich empfing?

ORESTES.

Die Scham verbeut mir, auszusprechen deinen Schimpf.

KLYTAIMESTRA.

O nein! Doch sag auch, was getan dein Vater hat!

ORESTES.

Wenn du daheim bliebst, richte nicht mit dem, der kämpft!

KLYTAIMESTRA.

Vom Gatten fern sein, Kind, es schmerzt die Gattin sehr!

ORESTES.

Des Mannes Mühsal nährt die still Heimsitzende!

KLYTAIMESTRA.

So willst du mich umbringen, deine Mutter, Sohn?

ORESTES.

Mitnichten ich; nein, du ermordest selbst dich selbst!

KLYTAIMESTRA.

Du! vor der Mutter grimmen Hunden hüte dich!

ORESTES.

Die meines Vaters, laß ich dich, wie meid ich die?

KLYTAIMESTRA.

So wein ich lebend an dem Grabe denn umsonst?

ORESTES.

Des Vaters Schicksal stürmet auf dich diesen Tod!

KLYTAIMESTRA.

Weh, diesen Drachen, den ich geboren und genährt!

ORESTES.

Ein rechter Seher war dir deines Traumes Angst!

Du erschlugst, den du nicht mußtest; gleiches leide jetzt!

Beide ab. Der Chor nähert sich ängstlich.

CHORFÜHRERIN.

Laßt uns beweinen beider doppelt Mißgeschick;

Und weil Orestes traurig jetzt zum Gipfel führt

Die viele Blutschuld, lasset beten uns zugleich,

Daß dieses Hauses Auge nicht ganz brechen mag!

Erste Strophe

CHOR.

Des Bluts Rächerin den Priamiden kam,

Die strafwilde Poina;

Das Blut rächend, kam in Agamemnons Haus

Ein Löwenpaar, ein Arespaar;

Blutig errang sein Ziel

Der gottgesandte Flüchtige,

Der auf des Gottes Rat hierher wanderte.

Jauchzet, o jauchzet laut, daß das erlauchte Haus

Rein der Beschimpfung ward, daß von der reichen Habe nicht

Geudet und schwelgt das Frevlerpaar,

Ein fluchwürdger Hohn!

Erste Gegenstrophe

Längst Vorsorgerin heimlichen Kampfes kam

Die listsinnge Poina;

Und Hand angelegt hat in dem Kampf des Zeus

Wahrhaftes Kind: Gerechtigkeit

Rufen wir Menschen sie

Und nennen recht ihren Namen,

Die mit Verderbens Wut den Feind niederstürmt!

(Jauchzet, o jauchzet laut, daß das erlauchte Haus

Rein der Beschimpfung ward, daß von der reichen Habe nicht

Geudet und schwelgt das Frevlerpaar,

Ein fluchwürdger Hohn!)

Zweite Strophe

Also hat der parnassische Loxias,

Welcher die tiefe Kluft inne der Erden hat,

Mit truglosem Trug sich jetzt genaht,

Der spätstrafende!

Die Gottheit überwindet! Wohl gebührt’s,

Fromm zu scheun der Himmlischen Gericht;

Wieder erscheinet Licht!

Seines gewaltgen Jochs seh ich das Haus befreit!

Wiederersteh, du Haus, das du so lange Zeit

Im Staub gestürzt darniederlagst!

Zweite Gegenstrophe

Und einzieht die Allenderin bald, die Zeit,

In des Palastes Tor, wenn von dem heilgen Herd

Gescheucht jegliche Schuld

Durch reinigende Sühne des Verderbens ist.

Das Glück, liebe Ruh im Antlitz,

Uns Zitternden froh zu schaun,

Die ins Haus sich eingenistet, hat’s gestürzt!

Wieder erscheinet Licht!

(Seines gewaltgen Jochs seh ich das Haus befreit!

Wiederersteh, du Haus, das du so lange Zeit

Im Staub gestürzt darniederlagst!)

Aus der königlichen Pforte tritt Orestes mit bluttriefenden Händen; Pylades, Gefolge; auf einer Bahre werden die Leichen von Aigisthos und Klytaimestra herausgetragen.

ORESTES.

Da seht ihr dieses Landes Doppeltyrannei,

Die Vatermörder, die Zerstörer meines Stamms!

In stolzer Hoheit saßen sonst sie auf dem Thron,

Und jetzt vereint sie Liebe noch, wie dort ihr Los

Es zeigt, und treu bleibt altem Schwure noch ihr Bund.

Vereint den Vater umzubringen schwuren sie,

Vereint zu sterben; nun geschah’s nach ihrem Schwur.

Ihr aber alle, dieser Leiden Zeugen, seht

Dies Truggewirk an, meines armen Vaters Garn,

Die Fessel seiner Hände, seiner Füße Zwang!

Spannt ihr es weit aus, zeigt im Kreise ringsumher

Des Helden Fangnetz, daß es sehn der Vater mag –

Nicht meiner, sondern Helios, der alles dies,

Der meiner Mutter gottverfluchte Taten schaut’,

Auf daß er einst mir im Gericht kann Zeuge sein,

Wie ganz gerecht ich diesem Morde nachgejagt

Der Mutter; denn Aigisthos’ Tod ist tadelfrei;

Er fand, des heilgen Rechts Verletzer, sein Gericht.

Doch wenn ein Weib so argen Haß sann ihrem Mann,

Von dem sie Kinder doch im eignen Schoße trug,

Einst teure Last, jetzt offenkundig ärgsten Feind –

Was meinst du? Giftaal, Viper wurde sie erzeugt,

Daß, wen sie anrührt, ungebissen der verfault

Ob ihrer Frechheit, ihres Sinns Ruchlosigkeit.

Deutet auf das Netz.

Wie nenn ich das gar, daß der Name treffend sei?

Fangzeug des Wildes, fußumschlingend Leichentuch,

Des Beckens Mordgezelte, nenn’s ein Jägernetz,

Heimtückisch Stellgarn, fußverfangend Fluchgewirk!

Ein Straßenräuber finde sich desgleichen aus,

Der seinen Gastfreund tückisch fängt, in Raub und Mord

Sein Leben hinbringt; viele dann mit solcher List

Zu morden, das sei seines Lebens rechte Lust!

Mir aber werde solche Hausgenossin nie,

Ehr wollt mich, Götter, sterben lassen kinderlos!

CHOR.

Weh, weh! Weh, weh der entsetzlichen Tat!

Wie gräßlichen Todes du umkamst!

Weh, weh! Weh, weh!

Weh blüht auch dem, der zurückbleibt!

ORESTES.

Hat er’s vollendet oder nicht? Dort das Gewand

Gibt mir ein Zeugnis, daß es trank Aigisthos’ Blut;

Des Mordes Färbung aber eint sich mit der Zeit,

Hinwegzutilgen, all des Purpurs Farbenpracht!

Nun preis ich mich, nun jammr ich laut auf, hierzustehn

Und anzureden meines Vaters Mordgespinst;

Es quält mich meine Tat, mein Leid, all mein Geschlecht,

Mit dieses Sieges reicher Schuld verflucht zu sein!

CHOR.

Kein Sterblicher ist’s, der das Leben in Ruh

Hinbringt und jeglicher Schuld frei!

O Sohn, Trübsal

Kommt bald dem, anderen später!

ORESTES.

Ein andrer sieht’s einst, wo das Ziel – ich weiß es nicht;

Gleichwie mit Rossen aus der fliegenden Wagen Bahn

Ras ich hinaus; fort reißt mich zügellos der Geist,

Unwiderstehlich. Meines Herzens Entsetzen will

Sein Lied beginnen, seinen Tanz zum Schall der Wut! –

Solang Bewußtsein mir noch bleibt, hört, Freunde, mich!

Die eigne Mutter schlug ich tot mit Fug und Recht,

Die Gottverhaßte, mir um Vatermord verflucht;

Und meiner Kühnheit Liebestrank, ihn mischte mir

Der Pythoseher Loxias durch seinen Spruch:

Daß, wenn ich’s täte, sonder Schuld ich sollte sein,

Wenn ich es ließe – meine Strafe nenn ich nicht;

Mit keinem Pfeil reicht keiner ab ein solches Leid!

Und jetzt, ihr seht mich, wie ich will, fromm angetan

Mit diesem Ölzweig, diesem Kranze, bittend ziehn

Zum Heiligtum der Mitten, Loxias’ Gefild,

Zum Licht der Flamme, die die ewge wird genannt,

Verwandter Blutschuld zu entfliehn; denn Loxias

Gebot mir, keinem andren Herde mich zu nahn.

Ich aber sag euch, die Argiver allzumal

Bezeugen einst mir, welches Leid mir ward erfüllt;

Doch ich, der Heimat flüchtig, irr in fremdem Land;

Leb ich und sterb ich, diesen Ruhm laß ich zurück.

CHORFÜHRERIN.

Du tatst es schön so; drum zu bösem Worte nicht

Schließ deinen Mund auf noch ein schlimmes Zeichen sprich;

Du gabst der Freiheit unsre ganze Stadt zurück,

Da beide Drachen mächtig du zu Boden schlugst!

ORESTES.

Ach!

Getreue Frauen, seht sie dort, Gorgonen gleich,

Die faltig Schwarzverhüllten, Haardurchflochtenen

Mit dichten Schlangen; bleiben nicht mehr kann ich hier!

CHOR.

Was für ein Wahnbild, du des Vaters liebstes Kind,

Scheucht dich empor? Bleib, fürchte nichts, Siegreicher du!

ORESTES.

Nicht ist’s ein Wahnbild, was mich dräuend dort entsetzt,

Nein, meiner Mutter wutempörte Hunde sind’s!

CHOR.

‘s ist frisches Blut dir, Kind, an deinen Händen noch,

Daraus Verwirrung deinen Geist dir überfällt.

ORESTES.

O Fürst Apollon! Wuchernd mehrt sich ihre Schar!

Aus ihren Augen triefen sie grausenhaftes Blut!

CHOR.

Es gibt Entsühnung! Wenn du Loxias berührst,

So wird er huldreich dieser Qualen dich befrein!

ORESTES.

Ihr freilich seht sie nicht; ich aber sehe sie!

Mich jagt’s von hinnen! Bleiben nicht mehr kann ich hier! –

Stürzt hinaus.

CHOR.

All Glück geleit dich; gnädig möge schaun auf dich

Ein Gott und dich bewahren vor Gefahr und Tod!

So ward dem Geschlecht denn der Könige nun

Dreimaliger Sturm,

In das Haus hintobend, geendet!

Zum ersten begann kindfressendes Greul

Die entsetzliche Schuld;

Zum zweiten des Herrn unköniglich Los;

Denn im Becken erwürgt kam um der Achair

Kriegsherrlicher Fürst;

Zum dritten erschien – nenn Heiland ich,

Nenn Mörder ich ihn?

Wo endet es je? Wo findet noch Ruh

Die besänftigte Macht des Verderbens?

Aischylos

Die Eumeniden

(Eumenides)

Personen.

Die pythische Seherin

Apollon

Orestes

Klytaimestras Schatten

Chor der Eumeniden

Athene

Geleitende Schar

Tempel des Apollon zu Delphi; aus den Hallen tritt die pythische Seherin zum Frühgebet.

SEHERIN.

Mit erstem Anruf ehr ich aus der Götter Zahl

Die Urprophetin Gaia; Themis dann, ihr Kind,

Die nach den Sagen hier am Seherherde saß,

Die zweite nach der Mutter; dann zum dritten ward

Mit ihrem Willen, nicht von fremder Macht bestimmt,

Ein andres Kind der Gaia Herrin dieses Orts,

Titanis Phoibe. Zum Geburtsgeschenke gab

Die ihn dem Phoibos, der sich drum nach Phoibe nennt.

Das Klippeneiland Delos ließ er und die See,

Zu Pallas’ meerfahrtoffnem Strande zog er dann

Und kam in dies Land zu des Parnassos Heiligtum;

Und ihn geleiten, frommen Dienstes ehren ihn

Als Wegebahner des Hephaistos Kinder, die

Des Landes Wildnis seinem Zug entwilderten.

Drauf als er einzog, festlich wallt’ entgegen ihm

Das Volk und Delphos, dieser Gegend hehrer Fürst;

Zeus aber gab ihm ewgen Rates Wissenschaft,

Den vierten Seher, setzt’ er ihn auf diesen Thron,

Und seines Vaters Zeus Prophet ist Loxias.

Zu diesen Göttern bitt und bet ich feierlich! –

Dem Gruß die erste mag Pronaia Pallas sein,

Gruß auch den Nymphen drüben, wo Korykis’ Fels,

Hohl, vogelheimisch und der Götter Ruheplatz;

‘s ist Bromios jener Gegend Herr, des denk ich wohl,

Seitdem die Bakchen siegend hergeführt der Gott

Und Tod dem Pentheus einem Häslein gleich gewirkt,

Auch Pleistos’ Quellen grüß ich und die heilge Kraft

Poseidons und zum letzten dich, allhöchster Zeus!

Nun setz ich mich Prophetin auf den heilgen Thron;

Huldreich gesegnen mögen sie vor jedem je

Mir diesen Eingang. Sind Hellenen hier zur Stund,

So nahn sie nach den Losen altem Brauch gemäß;

Denn ich verkünde, wie der Gott es mir gebeut!

Sie öffnet den Tempel und geht hinein; nach kurzer Pause wankt sie entsetzt zurück.

Graunvoll zu nennen, anzuschauen grausenvoll!

Mich jagt es rückwärts aus dem Tempel Loxias’,

So daß die Sohle kaum mich trägt, sich kaum bewegt;

Die Hände laufen, nicht des Fußes nichtge Hast!

Ohnmächtig bin ich zitternd Weib, gleich einem Kind!

Zum vielbekränzten Heiligtume ging ich ein,

Und sitzen seh ich einen gottverfluchten Mann

Am Erdennabel, schutzgewärtig, frisch von Blut

Die Hände triefend, noch das entblößte Schwert zur Hand,

Zugleich des Ölbaums einen hochentsproßnen Zweig

Mit breitgewundner Flocke rings sorgsam bekränzt

Der weißen Wolle; so genau sprech ich es aus.

Um diesen Mann her eine wunderbare Schar

Von Weibern schlafend auf die Sessel hingestreckt;

Doch nicht von Weibern – nein, Gorgonen nenn ich sie,

Und wieder nicht den Bildern der Gorgonen gleich;

Einst sah ich die gemalet, wie sie mit Phineus’ Mahl

Von dannen fliegen; aber ungeflügelt sind

Die dort und schwarz und gar entsetzlich anzuschaun;

Sie schnarchen unnahbaren Odems lauten Hauch,

Aus ihren Augen trieft es, quillt es grausenhaft,

Ihr Putz, zu scheußlich ist er, um den Göttern je,

Der Menschen Wohnung traulich jemals sich zu nahn.

Nie hab ich solch Gelage solcher Schar gesehn,

Noch rühmt sich jemals irgendein Land, dies Geschlecht

Gramlos zu nähren, ohn es schwer zu büßen einst.

Das weitre sei dem Herren dieses Heiligtums,

Dem Loxias, befohlen, dem großmächtigen;

Denn Seherheiland ist er, Zeichenkündiger,

Und allem Hause jeder Schuld Entsündiger.

Ab in die Halle; aus dem Tempel treten Apollon und Hermes; zwischen beiden Orestes.

APOLLON.

Dich werd ich nicht verraten; allzeit Hüter dir,

Ob ich dir nah bin oder weit von dir entfernt,

Nie werd ich deinen Feinden freund und gnädig sein!

Also gefangen siehst du diese Dirnen jetzt,

Vom Schlaf bewältigt, eine gottverhaßte Brut,

Ergraute Mädchen, greise Kinder, welche nie

Der Götter einer, nie ein Mensch noch Tier umarmt;

Des Bösen wegen sind sie da, sie hausen drum

Im bösen Dunkel unten tief im Tartaros,

Der Menschen Abscheu und der Götter im Olymp.

Dennoch entflieh du und vergiß der lieben Ruh;

Dann jagen durch das weite Festland dir sie nach,

Solang du hineilst über irrdurchflüchtet Land,

Dir über Meer und meerumrauschte Inseln nach.

Und nicht zu früh ermüde, weit umhergescheucht

In solcher Mühsal. Ziehe dann gen Pallas’ Stadt,

Setz an ihr altes Bild dich und umschling es fromm.

Und dort, wo Richter solcher Schuld und sühnend Wort

Für uns bereit sind, werden Wege wir erspähn,

Daß frei und los du werdest aller dieser Mühn;

Denn ich gebot’s, daß deine Mutter du erschlugst!

ORESTES.

Du weißt, o Fürst Apollon, Unrecht nie zu tun;

Unrecht mich leiden nicht zu lassen wisse jetzt;

Daß du’s betätgen kannst, verbürgt mir deine Kraft!

APOLLON.

Vertrau, damit nicht Furcht bewältge deinen Geist! –

Du meines Blutes Bruder, Gleichgezeugter mir,

Hermes, behüt ihn, deinem eignen Namen treu,

Sei sein Geleiter, führe wie ein treuer Hirt

Mir meinen Schützling – ehrt doch Zeus selbst diese Pflicht,

Wenn froher Wandrung Zeichen er den Menschen schickt.

Hermes und Orestes ab, Apollon geht in den Tempel zurück.

Das Innere des Tempels wird sichtbar. Man erblickt die schlafenden Erinnyen; der Schatten Klytaimestras steigt empor.

KLYTAIMESTRA.

Ihr schlafet? Ho! auf! Was bedarf’s der Schlafenden?

Und ich, die also vor den andern Toten all

Mißachtet ganz von euch bin, weil ich mordete

Und solcher Vorwurf nimmer stirbt im Totenreich,

Umirr ich schmachvoll! Aber wißt, ich sag es euch,

Die größte Ursach hab ich wider jene doch;

Denn ich, die so Furchtbares von den Liebsten litt,

Von allen Göttern keiner ist für mich erzürnt,

Da Muttermörders Hände mich doch umgebracht!

Da, seht im Herzen diese meine Wunden an!

Denn Schlaf im Auge, bleibt der Sinn euch hell und wach,

Doch über Tag ist Menschenjagen euer Los!

Habt ihr bereits doch vieles schon von mir empfahn,

Weinlose Spenden, nüchtren, hilfeflehnden Gruß

Und mitternächtig stilles Mahl am Herd der Glut

In eurer Stunde, keinem Gott mit euch gemein.

Das alles, seh ich, schnöd in den Staub getreten wird’s –

Und er entrinnt euch, flüchtig, einer Hindin gleich,

Und gar aus eures Garnes Mitten ist er leicht

Entsprungen, blickt hohnlachend nun auf euch zurück!

Vernehmt, was ich von meinem Geist zu euch gesagt,

Bedenkt es wohl, Göttinnen ihr des Totenreichs!

Es ist das Traumbild Klytaimestra, die euch ruft!

Stöhnen des Chors.

Wohl stöhnt ihr; euch entflieht er fern und ferner schon,

Mir Mißgesinnten, schutzgewärtig geht er hin!

Stöhnen des Chors.

Du schläfst so fest noch, dich erbarmt nicht meine Qual,

Und mein, der Mutter, Mörder Orestes, er entkommt!

Geheul des Chors.

Du heulst? du schläfst noch? Raffst dich eilig nicht empor?

Was sonst ist dein Amt, wenn du Jammer nicht verhängst?

Geheul des Chors.

Schlafsucht und Mühsal, schnöde Bundverschworene,

Euch grausen Drachen haben sie die Kraft gelähmt?

CHOR.

Faß ihn! Faß ihn! Faß ihn! Faß ihn! Hetz!

KLYTAIMESTRA.

Im Traum verfolgst du dein Gewild, schlägst wie ein Hund

Laut an, der niemals seines Dienstes Sorge läßt!

Du säumst? Empor spring! Mühe mach dich nimmer feig;

Auch das vergiß nicht, welchen Schaden Schlaf dir schafft!

Mit gerechter Reue geißle deine Nieren wund,

In heißem Antrieb stachle selbst dich wieder auf!

Auf! Deines Mundes jähen Bluthauch stürm ihm nach,

Hindörr in Glut ihn, in der Eingeweide Brand,

Nach jag ihm, hetz in wiederholter Jagd ihn tot!

Verschwindet.

CHOR wild durcheinander.

Erweck, erwecke diese du, ich wieder dich.

Schläfst du? Erheb dich! Stoß den Schlaf von dir hinweg!

Nachsehen laßt uns, ob ihr Reden uns betrog!

Sie stürzen aus dem Tempel hervor.

Erste Strophe

Hohu! wehe! ho! Müssen es leiden, o!

Und vieles schon erlitt ich, und ich litt umsonst!

Müssen erleiden hie Schmähliches! Leiden o

Ein unsäglich Weh.

Aus sichrem Garn entsprungen, flieht mein Wild hinweg!

Vom Schlaf erdrückt, büß ich ein meinen Fang!

Erste Gegenstrophe

Hohu! Sohn des Zeus! Bist ein verschmitzter Dieb!

Uns greise Götter überrennst du, junger Gott!

Daß du den Flüchtling ehrst, Schuldigen! Ihn beschützt,

Den schamlosen Sohn!

Den Muttermörder stahlst du uns, und bist ein Gott!

Wer sagte, das sei gerecht je getan?

Zweite Strophe

Es hat der Vorwurf, den der Traum ins Ohr mir schrie,

Dem Roßlenker gleich mich aufgepeitscht,

Blutigen Geißelhieb in Herz und Mark gepeitscht!

Der Marterknecht meiner Reu,

Wie er mich trifft, wie er mich stäupt,

Durchschauert mich Grausen, entsetzliches, mich!

Zweite Gegenstrophe

Und das bereiten jene neuen Götter uns,

Die Macht üben über alles Recht!

Mordesbespritzter Sitz, zu Haupt und Fuß bespritzt

Ist jetzt der Erdnabel dort;

Blutige Schuld, schuldiges Blut –

Das verruchteste nahm ja beschützend er auf!

Dritte Strophe

Mit solchem Blutgreul, Seher du, an deinem Herd

Schändest dein Haus du selbstwilligend, selbstberufend,

Weil du die Menschen ehrst wider der Götter Recht,

Der Moiren Macht, der uralten, brichst!

Dritte Gegenstrophe

Mir wirst verhaßt du und erlösest den doch nie!

Flöh er zum Hades auch, nimmer doch wird er uns los!

Wie er den Mord beging, also dem Rächer auch

Fällt er mit seinem Haupt dort anheim!

APOLLON aus dem Tempel tretend.

Hinaus! befehl ich; dieses Tempelhaus verlaßt

Sogleich, hinwegzieht aus des Sehers Heiligtum,

Eh diese zischende schnellbeschwingte Schlange dich

Von meines Bogens goldgeflochtner Senne trifft,

Vor Schmerz du ausströmst schwarzen menschentsognen Schaum,

Geronnen Blut ausspeiest, das du bei Mord geleckt!

Fort! Meiner Wohnung dürfet ihr nicht nahe sein!

Nein, da, wo mörderköpfendes, augauswühlendes

Gericht, wo Totschlag, wo der Knab in geiler Lust

Verspritzt den eitlen Samen, wo Entmannete,

Steintodverdammte, unter qualvoll wildem Schmerz

Rückgratdurchspießte jammern! Habt ihr nun gehört,

Um welche Festlust, dran ihr euch ergötzt, verhaßt

Den Göttern ihr seid? Gleiches zeigt auch euer Leib;

Denn solche Scheusal’ müssen in des blutleckenden

Leun Höhle hausen, nicht in diesem Heiligtum

Der Gottorakel weilen, solch entweihend Greul!

So zieht hinaus, weitschwärmend, hirtenlos zerstreut;

Denn solcher Herd’ ist keiner hold der Himmlischen.

CHORFÜHRERIN.

Du, Fürst Apollon, höre nun auch wieder mich!

Wohl bist du nicht zu nennen als Mitschuldiger,

Nein, du allein tatst alles, du Allschuldiger!

APOLLON.

Wie das? So lang noch sei zu reden dir vergönnt!

CHOR.

Du allein gebotst dem Fremdling seiner Mutter Mord!

APOLLON.

Ich gebot ihm seines Vaters Rache. Weiter dann!

CHOR.

Die frische Blutschuld wieder nahmst du über dich!

APOLLON.

In meines Tempels Schutz zu fliehn, befahl ich ihm.

CHOR.

Und uns verschmähst du, die ja doch ihn geleiteten!

APOLLON.

Euch kommt es nicht zu, meiner Wohnung euch zu nahn.

CHOR.

Und dennoch aufgetragen ward uns diese Pflicht.

APOLLON.

Welch eine Pflicht denn? Rühme doch dein schönes Amt!

CHOR.

Den Muttermörder treiben wir aus Haus und Hof!

APOLLON.

Auch den des Weibes, die den Gatten umgebracht?

CHOR.

Nicht soll der ruchlos blutverwandte Mord geschehn!

APOLLON.

So ganz mißehrt wird und geringgeschätzt von dir

Der großen Hera und des Zeus eidheilger Bund,

Mißehrt auch Kypris und beschimpft mit solchem Wort,

Von der doch alles Liebste kommt den Sterblichen!

Geeint vom Schicksal wird des Mann und Weibes Bund

Von diesem Rechte heilger, als durch Schwur bewacht.

Wenn nun du mild bist jenen Wechselmordenden,

Nicht ihnen nachjagst, nicht sie suchst mit wildem Zorn,

So sag ich, nicht treibst du gerecht Orestes fort:

Dies eine, weiß ich, willst du und verlangst du ganz,

Des andren denkst du offenbar saumseliger.

Pallas Athene wird erforschen beider Recht.

CHOR.

Von jenem Mörder laß ich nun und nimmermehr!

APOLLON.

Magst ihn verfolgen, dir zu mehren deine Müh!

CHOR.

Nicht kränk an meinen Ehren mich mit solchem Wort!

APOLLON.

Böt man sie mir, als Schande wies’ ich sie zurück!

CHOR.

Ein Mächtger freilich wirst an Zeus’ Thron du genannt!

Ich aber – forttreibt Mutterblut mich, zum Gericht

Nacheil ich ihm, nachspür ich seinem fliehnden Fuß!

Der Chor ab.

APOLLON.

Ich aber will ihm Retter und Beschützer sein;

Denn vielgewaltig ist bei Mensch und Gott der Zorn

Des Schutzbefohlnen, wenn ich treulos ihn verriet. –

Ab in den Tempel.

Tempel der Pallas Athene zu Athen; vor demselben ein Altar mit dem Bilde der Göttin. Orestes kommt ohne Hermes, setzt sich an den Altar der Göttin und umfaßt ihr Bild.

ORESTES.

Herrin Athene, auf des Loxias Geheiß

Komm ich; so nimm du gnädig auf mich Schuldigen,

Nicht mordbefleckt mehr, nicht mit ungesühnter Hand,

Nein, abgestumpft schon, weit umhergetrieben schon

Auf allen Wegen und in fremder Menschen Haus.

So über Land hin, über See umhergeflohn,

Folgsam der Weisung, die mir Loxias beschied,

Komm ich in dein Haus, Göttin, und zu deinem Bild;

Hier will ich weilen, warten auf des Gerichtes Schluß!

Der Chor tritt auf, zerstreut, suchend.

CHORFÜHRERIN.

Nur weiter! Dies ist seine Fährte offenbar;

Nachspürt dem stummen Rate der Verrätrin Spur!

Ja, wie der Spürhund einem angeschoßnen Reh,

So wittern, seinem Schweiß und Blut nach, wir ihn aus!

Mir keucht die Brust von diesen menschenpirschenden Mühn;

Denn abgetrieben ist der Erde ganz Revier!

Und über Meer hin setzt ich flügellosen Flugs

Ihm nach, und nach blieb hinter mir ein segelnd Schiff!

Jetzt muß er hier gesetzt sich haben irgendwo;

Der Duft von frischem Menschenblute lacht mich an!

So such ihn, such ihn nur!

Spürt genau alles durch, daß nicht heimlich noch

Der Muttermörder entkommt!

Da schau! Da sitzt er wieder unter gutem Schutz!

Der Göttin Bild dicht umfaßt,

Will er erwarten seiner Blutschuld Gericht!

Niemals geschieht das! Mutterblut, zur Erde rann’s!

Unwiederrettbares Blut,

Lebend hinabgeströmt, tot in den toten Staub!

Du sollst es jetzt lebendig abbüßen!

Ich saug dir aus den Adern das rote Geblüt!

Satt mich von dir zu schlürfen, lechz ich, blutgen Mißtrunkes satt!

Abzehr ich dich, den Lebendgen, jag dich so hinab!

Sollst mir im Jammer abbüßen den Muttermord!

Sollst schauen dort, wer andrem Menschen mißgetan,

Frevel geübt an Gott oder Gast,

Frevel am Elternhaupt –

Jedweden, wie ihm verdienter Lohn gerichtet ward!

Denn aller Menschen Richter ist der große Tod,

Unter der Erde tief!

Alles erkennt er in des Gedächtnisses Schrift!

ORESTES.

Ich weiß, in meiner Leiden Übermaß belehrt,

Von vieler Sühnung, weiß auch, wo zu reden recht

Und wo zu schweigen. Aber wie sich jetzt es fügt,

Zu sprechen trug mir da ein weiser Lehrer auf;

Nun schläft die Blutschuld meiner Hand und trocknet auf;

Hinweggewaschen ist des Muttermordes Greul;

Auf Phoibos’ Altar ward das Blut, noch war es frisch,

Von mir genommen durch der Opferferkel Blut.

Viel Worte braucht ich, wenn ich alle nennete,

Die mir Gemeinschaft unbeschadet schon gegönnt;

Es macht die Zeit mitalternd uns von allem rein.

Nun aber ruf ich lautren, freudigen Mundes an

Die Herrin dieses Landes Athenaia; sie

Nah mir zum Beistand, und sie wird dann sonder Kampf

Zu Freunden, kampfverbundnen, treu bewähreten,

Mich selbst gewinnen, meine Stadt und Argos’ Volk.

Drum ob im fernen Uferlande Libyas

Am Busen Tritons, ihrer väterlichen Flut,

Den Fuß sie beuget oder hochhinschreitend eilt

Zum Schirm der Ihren oder ob sie Phlegras Feld

Gleich rüstgem Feldherrn scharenordnend überschaut,

Sie komme – fern auch hört mich doch der Göttin Huld –,

Auf daß sie von mir nehme diese letzte Schuld!

CHOR.

Nicht kann Apollon, nicht Athenes heilge Kraft

Dich schützen, daß du nicht, von meiner Wut verfolgt,

Verkommst, vergissest, wo im Herzen Freude weilt –

Du meine Weide, Blutes leer, ein Schatten du!

Nichts widersprichst du, du verabscheust alles Wort,

Der mir du gefüttert, mir anheimgefallen bist?

Lebendig mußt du mich laben, nicht geopfert erst!

Hör unsren Reigen, dich zu fesseln und zu fahn!

So beginnet und schlinget den Reigen um ihn;

Denn es ist an der Zeit,

Ihm den grausen Gesang zu erheben!

Zu verkünden den Teil in der Menschen Geschick,

Den unsere Schar austeilt und bewacht,

Und gerecht zu entscheiden erfreut uns!

Denn welcher die Hand schuldrein sich bewahrt,

Auf den niemals stürzt unsere Wut;

Gramlos durchwallt er sein Leben.

Wer aber, wie der dort, frevelbewußt

Die blutige Hand uns sucht zu entziehn,

Da treten wir laut als Zeugen der Schuld

Den Erschlagenen auf und erweisen ihm uns

Graunvoll als Rächer der Blutschuld!

Erste Strophe

CHOR.

Mutter, die du mich gebarst, Nacht du,

Mutter der Qualen dem Blinden, Sehnden, oh! hör uns!

Sieh, es schuf Letos Sohn Spott und Hohn, Schimpf und Schmach uns,

Raubet uns unsren Fang,

Muttermordschuldig Wild, das mit Blut gemarket ist!

Drum um den Mordtriefenden dort schlingt den Gesang,

Taumelbetört, grausenverstört bis zum Wahnsinn!

Schlingt Erinnyenfestgesang,

Harfenlos, den Sinn zu fahn, welk zu dörren Menschenkraft!

Erste Gegenstrophe

Solches Los hat mir die grausame

Moira gesponnen, daß ich es treu stets wahre:

Wessen Haupt selbst sich gottlosen Blutfrevel auflud,

Solchem nach jagen wir,

Bis ihn Nacht birgt, und frei laß ich auch im Tod ihn nicht!

Drum um den Mordtriefenden dort schlingt den Gesang,

Taumelbetört, grausenverstört bis zum Wahnsinn!

Schlingt Erinnyenfestgesang,

Harfenlos, den Sinn zu fahn, welk zu dörren Menschenkraft!

Zweite Strophe

Als wir geboren, da wurde befohlen uns dies Amt,

Aber zugleich, den Unsterblichen nimmer zu nahen.

Ihr Mahl teilen wir niemals;

Und weißglänzend Gewand,

Mir ist es versaget, gemißgönnt!

Untergang gehöret mein,

Wenn im Geschlecht, das ihn genährt,

Ares dahinmordet den Freund;

Hinter ihm her fliegen wir schwer;

Wie er in Kraft auch blüht, wir vertilgen ihn blutig.

Zweite Gegenstrophe

Aber es sehnt mich, daß einer mir endige dies Amt,

Rechte der Seligen meinem Verlangen gewähre,

Eh ich muß zu Gericht gehn!

Denn uns blutige Schar,

Uns scheußliche, bannete Zeus, fern

Seiner Nähe stets zu sein!

(Untergang gehöret mein,

Wenn im Geschlecht, das ihn genährt,

Ares dahinmordet den Freund;

Hinter ihm her fliegen wir schwer;

Wie er in Kraft auch blüht, wir vertilgen ihn blutig!)

Dritte Strophe

Menschenruhm, wie herrlich man droben ihn preise,

Bis in die Gruft hin verkümmert, verödet er elend

Unserer schattengewandigen Beutegier,

Unsrer Sohle neideswildem Tanz!

Wieder darum jag ich hinab

Stürmenden Sprungs, nieder zum Staub

Reiß ich den schwerstürzenden Fuß,

Daß er die Flucht versagt – unaussprechliches Elend!

Dritte Gegenstrophe

Stürzt er dann, nicht sieht er’s in blinder Zerrüttung;

Also im Dunkel umschwärmt ihn ein gieriges Hassen;

Und unermeßlichen Nebel, umnachtenden,

Gießt vielschreinder Schmerz um sein Geschlecht!

(Wieder darum jag ich hinab

Stürmenden Sprungs, wieder zum Staub

Reiß ich den schwerstürzenden Fuß,

Daß er die Flucht versagt – unaussprechliches Elend!)

Vierte Strophe

Er weilt! Doch wir, listenreich und endesstark, eingedenk der Schuld, wir Graunvollen,

Den Menschen unerbittlich, unerfreuliches Geschäft

Lieget uns ob, ein ehrlos gottverwiesnes, sonnenlichtfliehndes,

Schwer zu erklimmen mit sehenden Augen,

Gar dem blöden Blicke schwer!

Vierte Gegenstrophe

Wo ist ein Mensch, welcher nicht entsetzte, nicht bangte, wann er mein Gesetz anhört?

Das, gottbeschieden, Moira mir zu endigen gebot;

Doch es gehören alte Würden mein, ich gelte nicht ehrlos,

Ward mir auch unter der Erden die Heimat,

Tief in sonnenleerer Nacht!

Athene kommt durch die Luft daher mit Schild und Lanze.

ATHENE.

Fernher vernommen hab ich einer Stimme Ruf,

Da ich Besitz nahm von Skamandros’ Uferland,

Das dort die Fürsten der Achaier und Mächtige

Mit ihrer Speere Beuten einem reichen Teil,

Mit Baum und Grashalm mir geweiht auf immerdar,

Den Kindern Theseus’ zum erlesenen Eigentum.

Von dort mit nimmermüdem Fuße flog ich her

Ohn Flügel, meiner Ägis Schoß weit aufgesaust,

Jungkräftge Rosse diesem Wagen vorgeschirrt.

Doch nun, da den Besuch ich seh in meiner Stadt,

So macht’s mich bang nicht, aber wundernimmt’s den Blick.

Wer seid ihr? Beide red ich euch mit einem an,

Dich, fremder Flüchtling, der du sitzt an meinem Bild,

Und euch, Gebornen keines seienden Stammes gleich,

Göttinnen weder, wie des Gottes Blick sie schaut,

Noch auch vergleichbar mit der Gestalt der Sterblichen.

Doch Schmähn des Nächsten wegen Mißgestalt, es ist

Gerechtem Sinn fremd und der guten Sitte fern.

CHORFÜHRERIN.

Erfahre du, Zeus’ Tochter, alles kurzgedrängt:

Wir sind die Kinder der geheimnisvollen Nacht,

Die Flüche heißt man unten uns im Schattenreich.

ATHENE.

Ich kenne deines Namens Sinn und dein Geschlecht.

CHOR.

Von meinen Ehren auch vernimm und meinem Amt!

ATHENE.

So laß mich hören und erklär es deutlich mir.

CHOR.

Die Menschenmörder treiben wir aus Haus und Hof.

ATHENE.

Und wo erreicht der Mörder seiner Flucht ein Ziel?

CHOR.

Wo keine Stätte keiner Freude wird gegönnt!

ATHENE.

Und gleiche Flucht schreist heisren Rufs du diesem nach?

CHOR.

Ja, seiner Mutter Mörder wählte der zu sein!

ATHENE.

War keine Pflicht sonst, deren Zorn er fürchtete?

CHOR.

Wo ist ein Stachel, mächtig bis zum Muttermord?

ATHENE.

Zwei sind zu hören; deinen Teil vernahm ich jetzt.

CHOR.

Doch keinen Eid ablegen wird er noch empfahn!

ATHENE.

Gerecht genannt sein willst du lieber als es sein?

CHOR.

Wie das? Belehr mich; denn an Weisheit bist du reich.

ATHENE.

Durch Eide sieget nimmermehr, was nicht gerecht.

CHOR.

So forsche selbst nach und gerecht entscheide dann.

ATHENE.

Mir übergeben also ist des Streites Spruch?

CHOR.

Jawohl, ich ehre würdig dich mit Würdigem.

ATHENE.

Was willst du, Fremdling, dem erwidern deinerseits?

Nenn deine Heimat, dein Geschlecht, dein Mißgeschick,

Sodann entferne solcher Schuld Vorwurf von dir,

Und ob vertrauend deinem Recht an meinem Bild

Du sitzt und wachest meinem heilgen Herde nah

Als Schutzgewärtger, heilig, wie Ixion einst.

So gib mir Antwort und erklär es deutlich mir!

ORESTES.

Herrin Athene, aus dem letzten, was du sprachst,

Laß mich zuerst fortwischen eine große Sorg.

Nicht schuldbefleckt mehr sitz ich hier, nicht haftet Blut

An dieser Hand mehr, die an deinem Bilde lehnt;

Ein großes Zeugnis dessen will ich kund dir tun:

Brauch ist’s, daß stumm bleibt, wer die Hand in Blut getaucht,

Bis daß ein andrer, ihn der Schuld zu reinigen,

Ein saugend Tier ihm opfertötend bluten läßt;

Und so gesühnet ward in fremden Häusern ich

Bereits mit blutgem Opfer und mit heilgem Guß.

So scheuch ich diese Frage fort aus deinem Sinn.

Nun meine Heimat höre noch und mein Geschlecht:

Aus Argos bin ich, meinen Vater kennst du wohl,

Agamemnon, jener Seegeschwader König einst,

Mit dem du Trojas stolze Feste niederwarfst;

Bei seiner Heimkehr aber kam er traurig um,

Denn meine Mutter, die verderbensinnende,

Hat ihn erschlagen unter buntgewirktem Netz,

Drin sie ihn einfing; Mordes Zeuge war das Bad.

Drauf als ich heimkam, denn zuvor war ich verbannt,

Erschlug ich, die mich geboren, leugnen will ich’s nicht,

Des teuren Vaters Mord mit Mord zu züchtigen.

Und alles dessen trägt Apollon mit die Schuld,

Der herzzergeißelnd Leiden mir verkündete,

Wenn ich es nicht vollbrächte an den Schuldigen.

Du woll entscheiden, ob gerecht ich oder nicht;

In deine Hand geb ich mich ganz; du richte mich!

ATHENE.

Das Urteil ist zu schwierig, daß es könnt ein Mensch

Zu fällen meinen; nicht einmal mir steht es zu,

Zu schlichten dieses zornempörten Mordes Streit,

Zumal da du mir, ob du schon die Tat begingst,

Als Flehnder nahst, schon rein, gefahrlos meinem Haus.

Doch jene wurden schwer entfernbar einst gezeugt,

Und wenn der Richtspruch ihnen nicht Sieg zuerkennt,

So bringt der Giftschaum, den ihr Haß zu Boden trieft,

Einst unsrer Landschaft unerträglich grause Pest.

Und doch, dich Tadellosen wähl ich meiner Stadt.

So mag es denn geschehen – blieben beide hier!

Doch ihn hinwegzuweisen, mir unmöglich fällt’s! –

Da nun sich hierher eure Sache hat gedrängt,

So wähl ich Richter über Mord, eidpflichtige,

Und diese Satzung gelte fort in aller Zeit;

Ihr aber schafft euch Zeugen und Beweis herbei

Zu eurem Beistand, und die Schwüre eures Rechts.

Ich geh, zu küren meiner Bürger edelste,

Und kehre dann, wahrhaft zu enden diesen Streit

Nach streng bewahrtem Eide und dem Recht getreu.

Ab.

Erste Strophe

CHOR.

Alles niederstürzen wird neuer Brauch,

Wenn des gottlosen Muttermörders Schuld

Vor Gericht siegen darf!

Allzumal stimmt die Menschen dieser Tat leichtes Spiel zu gleicher Tat,

Wahrlich, und es bedroht die Eltern

Von den Erzeugten Gram und Tod, Mord dann um Mord von Kind zu Kind!

Erste Gegenstrophe

Wird doch fürder meine Wut nimmermehr

Menschenschuldspähend solchem Frevel nahn;

Allen Mord laß ich frei!

Hören wird’s jeder jeden Orts, voraussagen seines Nächsten Weh;

Kümmerlich der Gefahr zu wehren,

Sich zu behüten wird der Gramkundige lehren, doch umsonst!

Zweite Strophe

Jammernd rufe keiner mehr, schwergetroffen schweren Wehs,

Fürder keiner solchen Ruf:

»O Gericht! o Erinnyen, heilge Schar!«

Also wird ein Vater bald,

Eine Mutter, der von dem Sohn

Leid geschehn ist, jammernd schrein, weil zerbricht der Herd des Rechts!

Zweite Gegenstrophe

Sonst geschah’s, daß unsre Furcht tief im Herzen hütend saß

Und zum Frommen ängstigte!

Wohl ist’s gut, ernst und fromm in Tränen sein!

Aber wer, der keine Furcht

Nährt im sonnenheitren Gemüt,

Welcher Mensch noch, welche Stadt wird das Heilge fürder scheun?

Dritte Strophe

Weder drum unbeherrscht,

Noch gewaltgeknechtet sein

Lobe du!

Jeglicher Mitte beschieden die Himmlischen Herrlichkeit; jedes hütet des andren;

Und so sag ich gleichen Spruch:

Frevler Sinn zeuget empörenden Stolz in der Tat,

Doch der Gesinnung

Reinheit den allteuren, allsehnlich erflehten Segen!

Dritte Gegenstrophe

Doch zumeist rühm ich dies:

Scheu den Altar stets des Rechts!

Nimmermehr

Tritt ihn, Gewinn zu erspähen, mit frevelndem Fuß! Denn Poina erfaßt dich,

Sichres Ende wartet dein.

Jeglicher ehre die Eltern mit heiliger Scheu,

Und die Gemeinschaft

Am Tisch des Gastfreundes sei jeglichem hoch und heilig!

Vierte Strophe

Und welcher so sonder Zwang gerecht sich zeigt,

Des wird reicher Lohn sein;

Zugrunde gehn soll er nun und nimmer!

Doch sag ich laut: Übertreter, Trotzes frech,

Die alles wild vermischen sonder Fug und Recht,

Gewaltsam werden die versinken

Einst, wenn die Segel Bruch und Sturz

Faßt der zerschellten Masten!

Vierte Gegenstrophe

Er ruft und fleht, aber keiner höret ihn

Tief im wilden Strudel;

Und sein, des Trotzglühnden, lacht die Gottheit,

Ihn so zu sehn, der sich rühmte, nimmer sei

Gefahr ein Zwang, noch (nie) das hohe Meer befuhr;

Doch spät jetzt strandet er mit allem Gut

Gegen das Felsenriff des Rechts;

Keiner beweint, vermißt ihn!

Aus der Stadt kommt, von einem Herold geführt, ein Zug athenischer Greise; Athene tritt aus ihrem Tempel.

ATHENE.

Verkünde, Herold, daß du Ruhe schaffst im Volk!

Laß durch den Himmel schmetternd die tyrrhenische

Trompete, deines tiefgeschöpften Hauches voll,

Mit übertönendem Rufe strahlen durch das Volk!

Denn da bereits sich füllet dieses Tribunal,

So muß es still sein, daß für alle ferne Zeit

Jetzt mein Gesetz vernehmen mag die ganze Stadt

Und ihr, damit das Urteil werde recht gefällt!

Heroldsruf; Apollon tritt an Orestes’ Seite.

CHORFÜHRERIN.

Du, Fürst Apollon, was dein eigen ist, versieh!

Doch welchen Anteil hast an diesem Streit du? Sprich!

APOLLON.

Sowohl zu zeugen kam ich her – denn dieser Mann

Ist meines Tempels Schützling, meines Tempels Herd-

Genosse; ich hab seines Mordes ihn entsühnt –,

Dann selber mitzurechten, denn ich habe Schuld

Am Morde seiner Mutter. Doch du leit es ein,

Wie du es weißest, zu entscheiden diesen Streit!

ATHENE.

Das Wort ist euer – also leit ich ein den Streit.

Der Kläger also, dem zuerst das Wort gebührt,

Mag uns den Hergang schlecht und recht zu wissen tun.

CHOR.

Zwar viele sind wir, doch berichten wir gedrängt.

Du gib die Antwort deines Teils uns Wort um Wort!

Sag denn zum ersten, ob du die Mutter umgebracht?

ORESTES.

Umbracht ich meine Mutter, und ich leugne’s nicht.

CHOR.

Das wäre ein Kampf von den drei’n der Siegenden!

ORESTES.

Doch fiel ich nicht schon, daß du also prahlen darfst!

CHOR.

Angeben mußt du weiter, wie du umgebracht.

ORESTES.

Ich sag’s: den Nacken schnitt ich durch mit meinem Schwert.

CHOR.

Von wem veranlaßt warst du und durch wessen Rat?

ORESTES.

Durch dieses Gottes heilgen Spruch; er selbst bezeugt’s.

CHOR.

Dich hat der Seher angeführt zum Muttermord?

ORESTES.

Und noch bis jetzt nicht schalt ich über mein Geschick.

CHOR.

Doch faßt der Spruch dich, anders sprechen wirst du bald!

ORESTES.

Ich glaub’s; doch Beistand schickt mein Vater aus dem Grab.

CHOR.

Hoff auf die Toten, der du die Mutter tötetest!

ORESTES.

Zwiefachen Frevel lud sie auf ihr schuldig Haupt.

CHOR.

Wie das? Belehre dessen dort die Richtenden.

ORESTES.

Den Mann erschlug sie und erschlug den Vater mir.

CHOR.

Du aber lebst noch, während sie den Mord gebüßt.

ORESTES.

Warum denn hast im Leben du sie nicht verfolgt?

CHOR.

Sie war dem Mann nicht blutsverwandt, den sie erschlug.

ORESTES.

Ich aber, sagst du, bin von meiner Mutter Blut?

CHOR.

Trug denn, du Blutger, unter ihrem Herzen sie

Dich nicht? Verschwörst du deiner Mutter teures Blut?

ORESTES.

Nun wollest du mir Zeugnis geben, lehren du

Mich nun, Apollon, ob ich mit Recht sie mordete.

Denn schuldig dieser Tat zu sein, nicht leugnen wir’s;

Doch ob gerecht du oder nicht dies Blut erklärst,

Das woll entscheiden, daß ich’s ihnen sagen kann!

APOLLON.

So sag denn ich es Athenaias großem Rat:

Gerecht, und täusch ihn, ich, der Seher, nimmermehr.

Niemals geweissagt hab ich auf dem Seherthron,

Für Mann und Weib, für Stadt und Volk verheißen nichts,

Was Zeus, der Vater im Olympos, nicht befahl.

Zu lernen trachtet dieses Recht, wie hoch es gilt,

Und nachzukommen meines Vaters ewgem Rat;

Denn nicht des Eides Heiligkeit gilt mehr denn Zeus!

CHOR.

Zeus hat, so sagst du, dir geboten solchen Spruch,

Daß du Orestes rietest, seines Vaters Mord

Zu rächen – sollte der Mutter Ehrfurcht nichts ihm sein?

APOLLON.

Gar anders ist es, wenn ein hochgeborner Mann,

Mit gottbeschiednem Zepter heilger Macht belehnt,

Umkommt von einem Weibe, nicht etwa im Kampf

Von einer Amazone ferngeschoßnem Pfeil,

Nein, Pallas, daß du’s hörest, und die mit dir sind,

Mit ihren Stimmen zu entscheiden diesen Streit:

Als er vom Feldzug endlich wieder heimgekehrt,

Den Wohlgesinnten hochgerühmt, da bot sie ihm

Ein Bad, daß er ins Becken ging’, in seinen Tod;

Sie zeltet drüber einen Mantel, fängt ihn ein

Im künstlich unendlichen Gewirk und schlägt ihn tot!

Wie ich erzählt, so war des Helden Untergang,

Des allerhabnen Seegeschwaderköniges;

Sie stell ich so dar, daß es empören muß den Rat,

Dem übertragen dieses Streits Entscheidung ist!

CHOR.

Vorzieht das Los des Vaters Zeus nach deinem Wort

Und band doch seinen greisen Vater Kronos selbst!

Sagst dies du nicht mit jenem klar im Widerspruch?

Ihr aber hört es und bedenkt’s, beschwör ich euch!

APOLLON.

Ihr ganz verhaßten, gottverfluchten Ungeheur!

Erzbanden kann man lösen, da ist Hilfe noch,

Da zur Befreiung viele Mittel vieler Art;

Doch wenn des Mannes Blut der Staub getrunken hat –

Einmal gestorben, und es kommt kein Auferstehn:

Dafür erfand mein Vater keinen Spruch noch Kunst,

Der sonst doch alles allzumal hinab, hinauf

Verkehrend umstürzt, ohne daß sein Atem schwillt!

CHOR.

Versuche, wie du jenen zu befrein erreichst!

Der seiner Mutter blutverwandtes Blut vergoß,

Des sollt in Argos fürder sein das Vaterhaus?

Zu welchen Volksaltären wird er opfernd nahn,

Bei welchem Weihguß seinem Stamm willkommen sein?

APOLLON.

Drauf sag ich also, mein gerechtes Wort vernimm:

Nicht ist die Mutter ihres Kindes Zeugerin,

Sie hegt und trägt den eingesäten Samen nur;

Es zeugt der Vater, aber sie bewahrt das Pfand,

Dem Freund die Freundin, wenn ein Gott es nicht verletzt.

Mit sichrem Zeugnis will ich das bestätigen:

Denn Vater kann man ohne Mutter sein – Beweis

Ist dort die eigne Tochter des Olympiers Zeus,

Die nimmer eines Mutterschoßes Dunkel barg,

Und dennoch kein Gott zeugte je ein edler Kind.

Ich aber, Pallas, werde, wie ich’s kann und weiß,

Groß machen dein Volk, deine Stadt zu aller Zeit.

So sandt ich diesen her in deines Tempels Schutz,

Auf daß er treu dir würde jetzt und immerdar,

Daß du dir, Göttin, ihn gewännst zum Bundesfreund

Und alle nach ihm, und es bleibe ewiglich,

Daß treu dem Bund sei’n alle Nachgeborenen!

ATHENE.

Und so gebiet ich, werft nach eurem Sinn den Stein

Gerechten Urteils; denn des Wortes ist genug!

CHOR.

Wir selber haben abgeschossen jeden Pfeil;

Zu hören harr ich, wie der Kampf gerichtet wird!

ATHENE.

Wie soll ich’s fügen, daß ich euch sei tadellos?

CHOR.

Ihr hörtet, was ihr mußtet; jetzt in tiefer Brust

Erwägt das Urteil, Freunde, eures Schwurs gedenk!

ATHENE.

Hört mein Gesetz nun, Männer, Volk von Attika,

Der ersten Klage Richter um vergossen Blut!

Es soll des Aigeus Bürgern dieses Tribunal

Für alle Zukunft fürder bleiben und bestehn.

Denn dieser Areshügel, der Amazonen Ort

Und Lager, als sie gegen Theseus neidempört

Zu Felde zogen, unsrer neugebauten Stadt,

Der hochgetürmten, gegentürmten ihre Burg

Und sie dem Ares weihten, dessen Namen nun

Der Berg Areiospagos trägt – hier soll des Volks

Ehrwürdigkeit und eingeborne, fromme Scheu

Dem Frevel wehren, beides nächtens und am Tag,

Wenn nicht die Bürger selbst verletzen mein Gesetz.

Wer klares Wasser trübet mit unwürdigem

Zuguß und Schmutz, der schöpft sich fürder keinen Trunk.

Nicht unregiert und nicht gewaltbeherrscht zu sein,

Das sei dem Volk, fürsorgend rat ich’s, hoch und wert!

Und nicht entfernt euch alles Mächtge aus der Stadt;

Denn welcher Mensch bleibt, wenn er nichts mehr scheut, gerecht?

Und scheut gerecht ihr dieses Rats Ehrwürdigkeit,

Des Landes Bollwerk, eures Staates Kraft und Heil,

So nennt ihr euer, was der Menschen keiner hat,

Der Skythe weder noch des Pelops nahes Land.

Goldunbestechlich hab ich dieses Tribunal,

Unschuldvertretend, zornesschnell, den Schlafenden

Zur immerwachen Hut des Landes eingesetzt.

Nach dieser Weisung, die für alle Zeit hinaus

Gegeben meinem Volke sei, erhebet euch,

Nehmt euer Steinchen und entscheidet diesen Streit,

Des Schwurs in Ehrfurcht denkend. Alles wißt ihr nun!

CHOR.

Doch nehmt den Rat an, nimmer unsre grause Schar

Aus eurem Lande fortzuweisen schmachverdammt!

APOLLON.

Und ich gebiet euch, ehrt und fürchtet wohl des Zeus

Und mein Orakel und beraubt es nicht der Frucht!

CHOR.

Ins Amt des Blutes mischst du unberufen dich!

Nicht lauter mehr weissagen kannst du, wenn du weilst!

APOLLON.

Mein Vater hat wohl auch gefehlt in seinem Rat,

Als er Ixion ersten Mordes reinigte?

CHOR.

Du sagst es! Und wird unser Recht uns nicht zuteil,

Heimsuchen furchtbar werden dann wir dieses Land!

APOLLON.

Doch unter allen jung und alten Göttern giltst

Du ewig ehrlos; mein gehören wird der Sieg!

CHOR.

Desselbengleichen tatest du in Pheres’ Haus:

Du zwangst die Moira, daß sie die Toten wiedergab!

APOLLON.

So wär es nicht recht, wohlzutun dem, der mich ehrt,

Vor allem aber, wenn des Beistands er bedarf?

CHOR.

Darnieder stürzest du die Mächte grauer Zeit,

Uralten Göttern stiehlst du, stiehlst uns unser Mahl!

APOLLON.

Du, bald des Siegs verlustig in des Streites Spruch,

Speist Geifer, deinen Feinden nicht entsetzlich mehr!

CHOR.

Wenn du, der Jüngling, mich, die Greise, niederrennst,

So will ich doch zu hören warten ihren Spruch,

Selbst unentschlossen, Zorn zu hegen dieser Stadt.

ATHENE als letzte zur Urne tretend.

Mein ist es, abzugeben einen letzten Spruch,

Und für Orestes leg ich diesen Stein hinein.

Denn keine Mutter wurde mir, die mich gebar,

Nein, vollen Herzens lob ich alles Männliche,

Bis auf die Ehe; denn des Vaters bin ich ganz.

Darum des Weibes Los begünstgen werd ich nie,

Die umgebracht hat ihren Mann, des Hauses Hort.

Es sieg Orestes auch bei stimmengleichem Spruch! –

So schüttet denn die Steinchen aus den Urnen hin,

Wieviel von euch, ihr Richter, dieses Amt versehn!

ORESTES.

Phoibos Apollon, wie entschieden wird es sein?

CHOR.

O Mutter, schwarze Nacht, und siehst du, was geschieht?

ORESTES.

Nun Tod von Henkershänden oder Freud und Licht!

CHOR.

Für uns Versinken oder Ehren alle Zeit!

APOLLON.

Sorgfältig, Freunde, zählet beider Steine Zahl

Und alles Unrecht scheuet bei der Sonderung;

Wenn eine Stimme fehlet, bringt es großen Gram,

Und wieder ein Stein hebt ein tiefgestürztes Haus!

ATHENE.

Du bist, Orestes, frei erkannt im Blutgericht,

Denn gleich in beiden Urnen ist der Steine Zahl!

ORESTES.

O Pallas, o du meines Hauses Retterin!

Und mich, der Heimat ganz Verwaisten, Göttin du,

Heimführest du mich! Die Hellenen sagen nun:

Argiver ist er wieder, wieder wohnet er

Im Haus des Vaters, Pallas gab’s und Loxias

Ihm wieder und der dritte allvollendende

Erretter, der, vielehrend meines Vaters Los,

Wohl sieht der Mutter Vertreter dort, doch mich bewahrt!

Ich aber, deinem Lande, deinem teuren Volk,

Für aller Zukunft unerkennbar ferne Zeit

Schwör euch ich Treue! So zur Heimat will ich ziehn,

Und nimmermehr soll diesem Land aus jenem Land

Ein König mit geschärftem Speer kriegsrüstig nahn,

Nein, ich in meinem Grabe dann, ich selber will

Die Übertreter dieses meines heilgen Schwurs

Mit unentfliehbar schwerem Elend züchtigen,

Will ihre Heerfahrt, zeichentraurig ihren Weg

Verkümmern, bis sie selbst gereuet, was sie tun!

Doch wenn sie recht tun, wenn sie diese teure Stadt

Der Pallas hoch stets ehren mit getreuem Speer,

So werden gnädig ihnen wir und günstig sein!

Heil dir, Athene! Heil dir, Volk in dieser Stadt,

Unüberwindlich sei im Kampfe jedem Feind

Und allerrettend euer Speer und siegesstark!

Orestes und Apollon ab.

Erste Strophe

CHOR.

O neue Götter, alt Gesetz und uraltes Recht,

Ihr rennt sie nieder, reißt sie fort aus meiner Hand!

Und ich Unselge, schmachbeladen, bitterempört,

Zur Erde nieder, oh!

Ohu! hohu!

Rächend zu Boden hier trief ich des Herzens Gifttropfensaat,

Grausige, draus hervor ein blattlos, fruchtlos

Wuchernd Genist, o Schmach! über die Fluren gerankt,

Pestbeulen, todesgiftige, durch das Land verstreut!

Ich wehklage? Was will ich? Was soll ich?

Die Schmach litt vom Volk ich und du,

Die geschickgroßen, unselgen Nachtkinder, entehrungstraurig!

ATHENE.

Folgt meinem Wort; schmerzseufzend tragt nicht, was geschehn;

Denn nicht verurteilt seid ihr, sondern stimmengleich

Entschied der Richtspruch, wahrlich nicht für euch zur Schmach!

Jedoch von Zeus selbst trat ein Zeugnis leuchtend auf,

Und der’s geboten, eben der bezeugete,

Es sei Orestes für die Tat der Strafe frei.

Ihr aber wollt nicht schweren Haß auf dieses Land

Ausschütten, nicht so zürnen, nicht Fruchtlosigkeit

Verhängen, Giftschaum niederspeiend, scheußlichen,

Der grünen Saat zerfressenden schonungslosen Mord!

Denn ich gelob euch und verspreche feierlich,

Daß ihr an rechter Stätte Sitz und Heiligtum,

An Gaben reich zu thronen auf geweihtem Herd,

Euch sollt gewinnen, meinen Bürgern fromm verehrt!

Erste Gegenstrophe

CHOR.

O neue Götter, alt Gesetz und uraltes Recht,

Ihr rennt sie nieder, reißt sie fort aus meiner Hand!

Und ich Unselge, schmachbeladen, bitterempört,

Zur Erde nieder, oh!

Ohu! hohu!

Rächend zu Boden hier trief ich des Herzens Gifttropfensaat,

Grausige, draus hervor ein blattlos, fruchtlos

Wuchernd Genist, o Schmach! über die Fluren gerankt,

Pestbeulen, todesgiftige, durch das Land verstreut!

Ich wehklage? Was will ich? Was soll ich?

Die Schmach litt vom Volk ich und du,

Die geschickgroßen, unselgen Nachtkinder, entehrungstraurig!

ATHENE.

Nicht seid entehrt ihr, drum so macht nicht zu erzürnt,

Göttinnen ihr, den Menschen unwirtbar ihr Land!

Auf Zeus vertrau ich; was bedarf’s der Worte dann?

Von den Göttern ich nur weiß den Schlüssel jener Burg,

In dem der Blitzstrahl siegeleingeschlossen ruht.

Doch dessen braucht’s nicht, aber folge willig mir;

Schütt auf das Land nicht deines Mundes taube Saat

Hinab, die nichts als alles Unwillkommne trägt;

Bring deines Ingrimms schwarzen Wogensturz in Ruh,

Du Heilighehre, die du mit mir wohnen wirst.

Und wenn dir einst Erstlinge dieser weiten Au,

Dir Opfer für der Kinder, für der Ehen Heil

Geweihet werden, loben wirst mein Wort du dann!

Zweite Strophe

Ich das erdulden, oh!

Unter der Erden ich mich verbergen, die Urweise?

Ich da ein Greul, o entehrt!

Hinab schäum ich Wut und jegliches Gehäß!

Hohu, Land, oh!

Wie sich der Schmerz mir tief einnagt in die Brust!

Höre du den Gram,

Mutter Nacht, schnöd beraubet, ach! hat meiner Ehren mich,

Nimmerersetzlich mich beraubt Göttertrug!

ATHENE.

Den Zorn verzeih ich, denn du bist die Ältere;

Jedoch wie sehr viel weiser du auch seist denn ich,

Vergessen nicht hat Zeus mich mit Verständigkeit.

Wenn ihr hinauszieht fern in ferner Menschen Land,

Ihr werdet doch sehr wieder herverlangen; denn

In Ehren herrlich wird die Welle nächster Zeit

Mein Volk empor mir heben. Ja, in ehrender

Wohnung, Erechtheus’ Tempel nah, wirst du dereinst

Von Männern hochgefeiert und von Weibern sein,

Wie dir in andren Ländern nimmer ward zuteil!

Nun aber schleudre nicht in meinem Land umher

Den blutgewetzten Hader, Haßverwilderung

Ins Herz der Jugend, trunken in weinloser Wut,

Noch gleich der Hähne Herzen, wechselkampfempört,

Weih du zur Stätte je dem Ares meine Stadt,

Dem Kampf der Stammverbundnen, Stammvernichtenden!

Im Fernen sei’n die Kriege, doch nicht allzu fern,

In denen aufwacht edlen Heldenruhmes Lust –

Desselben Hofs Geflügel kenne keinen Streit!

Das nun zu wählen laß von mir dich lehren, daß

Wohltuend, wohlempfangend, wohlgeehrt du teil

An meinem Lande nehmst, dem gottgeliebtesten!

Zweite Gegenstrophe

CHOR.

Ich das erdulden, oh!

Unter der Erden ich mich verbergen, die Urweise?

Ich da ein Greul, o entehrt!

Hinab schäum ich Wut und jegliches Gehäß!

Hohu, Land, oh!

Wie sich der Schmerz mir tief einwühlt in die Brust!

Höre du den Gram,

Mutter Nacht! Schnöd beraubet, ach! hat meiner Ehren mich,

Nimmerersetzlich mich beraubt Göttertrug!

ATHENE.

Nicht müde werd ich, dir zu sagen besten Rat,

Damit du nie meinst, du, die alte Göttin, seist

Von mir, der jüngren, und vom Volke meiner Stadt

Ehrlos und gastlos fortgejagt aus diesem Land.

Nein, wenn der Peitho Heiligkeit dir heilig ist,

Dir meiner Rede Sänftigung und süße Kunst,

So würdest hier du bleiben. Aber bleibst du nicht,

So ist es unrecht, daß du diese Stadt bedräust

Mit deiner Wut, mit deinem Zorn und großer Not,

Da dir doch freisteht, hier im vielglückselgen Land

Zu weilen hochehrwürdig stets und hochgeehrt!

CHORFÜHRER.

Herrin Athene, wie versprichst du die Stätte mir?

ATHENE.

Befreit von jedem Kummer; nimm sie willig an!

CHOR.

Wenn ich sie nähme, was für Ehren würden mir?

ATHENE.

Daß fürder kein Haus ohne dich je soll gedeihn!

CHOR.

Willst du erwirken, daß ich also viel vermag?

ATHENE.

Ja, wer dir fromm dient, des Geschick will ich erhöhn!

CHOR.

Und willst du Bürgschaft geben mir für alle Zeit?

ATHENE.

Ich sage niemals, was ich nicht zu enden weiß!

CHOR.

Du überzeugst mich, meines Zorns vergeß ich schon!

ATHENE.

Einheimisch hier gewinnst du manchen dir zum Freund!

CHOR.

Und nun, wie sagst du, daß ich segne dieses Land?

ATHENE.

Was Segen immer solchem kummerlosen Sieg

Entkeimet aus der Erden, aus dem Tau der See,

Dem hohen Himmel und dem sonnigkühlen Wehn

Der Winde, wünsche alles das du unserm Land,

Und aller Herden, aller Fluren froh Gedeihn,

Dem Volk zum Wohlstand, daß es nimmer darben mag,

Gedeihn der lieben Hoffnung auch im Mutterschoß.

Nichtgottesfürchtgen aber sei zwiefach erzürnt,

Denn vollgenug ist nach des treuen Gärtners Art

Mir an der Gerechten frohem Blühn; des sorge du!

Ich aber, stets zum schlachtenkühnen Kampf des Ruhms

Gegürtet, will nicht ruhen, eh nicht alle Welt

In höchsten Ehren meine Stadt des Sieges hält!

Erste Strophe

CHOR.

Haus und Dienst neben Pallas nehm ich gern;

Nicht verschmähn will ich die Stadt,

Die so Zeus der Allbewältger, so Ares ehrt als Götterburg,

Als der Griechen altarschirmend Götterlieblingshaus;

Ihr den Segen sag ich gern,

Ihr verkünd ich gnadenmild:

In stetem Blühn des Lebens Glück, ein reich Gedeihn

Soll aus der Erde Schoß

Schmeicheln heitrer Sonnenschein!

ATHENE.

Ich bereitete wohl vorsorgend dem Volk,

Daß ich euch, Göttinnen, in unsere Stadt,

Die gewaltigen, schwerzuversöhnenden, nahm.

Denn es heischt ihr Amt, all menschliches Tun

Zum Gericht zu erspähn;

Wer den Zürnenden dann zufällt, weiß nicht,

Von wannen der Schlag ihn des Todes erzielt;

Denn in ihre Gewalt hin gibt ihn die Schuld,

Die er einst nicht mied; und ein lautlos End,

Ob er laut auch ruft,

Es vergräbt ihn in grauser Vernichtung!

Erste Gegenstrophe

CHOR.

Wehen soll waldverwüstend Wetter nie!

Das ist mein Geschenk dem Land,

Und nie pflanzenaugesengender Brand heimsuchen dieses Landes Aun;

Nie ersticke Mißwachs jammervoll der Saaten Blühn;

Schafe, froh in Sattigkeit,

Zwillingslämmer um sie her,

Ernähr zu seiner Zeit der jungen Erde Grün,

Der Grasung lieber Ort,

Steter Göttergabe reich!

ATHENE.

Ihr habt es gehört, Obhüter der Stadt,

Was euch sie verheißt!

Denn der hehren Erinnys Wort, es vermag

Bei den Himmlischen viel, bei den Göttern der Nacht;

Und der Menschen Geschick, sie führen es klar,

Kraftvoll es hinaus,

Dem frohen Gesang, dem heimlichen Gram

Des in Tränen verkümmernden Daseins!

Zweite Strophe

CHOR.

Menschenblutlüstres, unselges Amt, ich werf es fort;

Doch den Mädchen lieb und hold

Rüstet die bräutlichen Freuden – die des ihr Gewalt habt,

Ihr Urgöttinnen, Muhmen des Schicksals,

Mächte der friedlichen Ruh,

Jeglichem Bunde Vertraute,

Jeglicher Stunde gewärtig, heilger Pflichten Schutz zu sein,

Allzeit aller Götter Teuerste!

ATHENE.

Daß dieses dem Land huldreich sich erfüllt,

Mich erfreut’s schon jetzt;

Wohl lob ich den Blick mir der Peitho sehr,

Die so hold mir das Wort und die Lippe gelenkt,

Daß ich sie erweicht, die unerweicht sonst;

Doch gesiegt hat Zeus, der Beredenden Hort;

So siege fortan

Stets unser Bemühn für das Gute!

Zweite Gegenstrophe

CHOR.

Mag des Aufruhres blutungesättigt Wüten nie

Stätte finden hier im Land,

Nimmer der Staub mit dem Blute der Bürger sich tränken,

Nie Rachgier, wechselmordender Schuld lüstern,

Blutig zerrütten die Stadt!

Freude belohne, gemeinsam

Gleiches mit allen zu lieben, allen gleich zu hassen auch,

Das heilt vielen Gram der Sterblichen!

ATHENE.

So findet ihr euch wohlwollend den Pfad

Des erfreulichen Worts!

Von der furchtbaren Schar der Erinnyen seh

Ich erblühen dem Volk vielteuren Gewinn!

Wenn die freundlichen ihr mit freundlichem Sinn

Stets fromm hochehrt,

So werdet ihr Stadt und Gebiet allzeit

Euch schmücken im Ruhm des Gerechten!

Dritte Strophe

CHOR.

Freue dich, freu dich im heiteren Glück des Reichtums!

Freue dich, Volk der teuren Stadt,

Nah zu sein dem höchsten Zeus,

Lieb der lieben Parthenos,

Ratbedacht zur rechten Zeit.

Wen Athenes Flügel deckt, den erhöht ihr Vater gern!

ATHENE.

Heil wieder auch euch! Doch ich muß vorgehn,

Zum geweiheten Sitz euch zeigen den Weg;

Mit dem heiligen Schein des geleitenden Zugs

Zieht hin; und hinab führ unter die Erd

Euch heilige Spende, daß all Unheil

Ihr dem Land abwehrt, daß jegliches Heil

Ihr empor zum Siege der Stadt schickt!

So geleitet denn selbst sie, o Kinder der Stadt,

Ihr, Kranaos’ Stamm, daß sie wohnen bei euch!

Stets wahre dem Volk

Für das Rechte sich rechtes Erkenntnis!

Dritte Gegenstrophe

CHOR.

Freue dich, freue dich wieder, du Volk Athenes,

In der Stadt ihr allzumal,

Götter, Menschen, freuet euch,

Daß ihr Pallas’ Stadt bewohnt!

Wenn ihr mich, die mit euch wohnt,

Fromm verehrt, so sollt ihr nie schelten eures Lebens Los!

ATHENE.

Ich lobe dein Wort, deines Segens treuen Wunsch;

Mit strahlendheller Fackeln Licht geleit ich dich

Hinab zum Hades, zu der Toten dunklem Reich

Mit Tempeldienerinnen, die in heilger Hut

Mein Bild bewachen. Komme denn, du liebstes Aug

Des Theseidenlandes, fromme Mädchenschar,

Ihr treuen Frauen, du der greisen Mütter Zug,

Mit eurer Purpurfestgewande Pracht geschmückt;

In frommer Ehrfurcht traget vor der Fackeln Glanz,

Daß diese Mitherrinnen eures Vaterlands

Im Heil des Volks sich gnädig zeigen immerdar!

Chor der Geleiterinnen

Erste Strophe

Wandert nach Haus, ihr Gewaltigen, Hehren,

Kindlose Kinder der Nacht, im getreuleitenden Festzug!

Festruf feiert, o Freundinnen!

Erste Gegenstrophe

Unter der Erd in ogygischen Tiefen

Sollt Ehr und Opfer und Festfeuer empfahn ihr!

Festruf feire, du Volk, mit uns!

Zweite Strophe

Huldvoll, unserem Land vielgewogen,

Kommet, ihr Hochhehren, und freut euch

Mit an der lodernden Fackel im Zug!

Wir jauchzen und jubeln zum Festlied!

Zweite Gegenstrophe

Weihtrank, fackelbestrahlt, bleibe dein stets!

Zeus ja, der Allschauer, und Moira

Einten im Volk der Athene sich froh!

Wir jauchzen und jubeln zum Festlied! –

Aischylos – Der gefesselte Prometheus

Aischylos

Der gefesselte Prometheus

(Prometheus desmotes)

Personen.

Kratos und Bia (Kraft und Gewalt), Riesengestalten

Hephaistos

Prometheus

Chor der Okeaniden

Okeanos

Io, Inachos’ Tochter

Hermes

KRATOS.

Wir stehn am fernsten Saum der Welt, dem skythischen

Gelände jetzt, in unbetretner Einsamkeit.

Hephaistos, du wirst eingedenk jetzt sein des Amts,

Das dir der Vater übertrug, den Frevler hier

In diamantner Fesseln unlösbarem Netz

Hoch anzuschmieden auf den gipfelsteilen Fels.

Denn deines Kleinods, wunderkünstlichen Feuers, stahl

Er einen Funken, gab ihn preis den Sterblichen.

Den Frevel soll er büßen jetzt den Ewigen,

Auf daß er lerne, sich Kronions Herrentum

Zu fügen, seiner Menschengunst Einhalt zu tun.

HEPHAISTOS.

Gewalt und Kraft, euch beiden hat jetzt Zeus’ Gebot

Sein Ziel und Ende, weitres bleibt euch nichts zu tun.

Ich aber selbst, ich zittre, den verwandten Gott

Mit Gewalt zu schmieden an ein unwirtbar Geklüft;

Und dennoch zwingt Notwendigkeit mich, so zu tun;

Des Vater Wort mißachten ist die schwerste Schuld.

Hochsinnger Sohn der rateskundgen Themis, dich

Gezwungnen muß gezwungen ich in Ketten jetzt

Unlösbar schmieden an den menschenöden Fels,

Wo nie Gestalt, nie Stimme eines Menschen dir

Sich naht, vom glühnden Strahl der Sonne dir versengt

Der Glieder blühnde Kraft dahinwelkt, bis ersehnt

Dir dann den Tag einhüllt die buntgewandge Nacht,

Dann fort den Frühreif wieder schmilzt der Sonne Blick.

So stets von jedem Elend, jeder Gegenwart

Wirst du gequält; da ist niemand, der helfen kann.

Den Dank gewinnt dir deine Menschenfreundlichkeit,

Da, Gott du, unbekümmert um der Götter Zorn,

Den Menschen Ehre gönntest mehr, als du gesollt.

Drum wirst du Hüter dieses öden Felsens sein,

Schlaflos, emporgefesselt, ungebeugt das Knie,

Wirst viele Jammerklage, vieles Weh und Ach

Vergebens schrein; denn unerbittlich zürnet Zeus;

‘s ist hart ein jeder, der in neuer Macht sich sieht.

KRATOS.

Auf, auf! Was säumst du und bedauerst ihn umsonst?

Wie, hassest du nicht diesen gottverhaßten Gott,

Der doch den Menschen frevelnd dein Kleinod verriet?

HEPHAISTOS.

Verwandter Ursprung, lange Freundschaft binden stark.

KRATOS.

Ich glaub’s; doch unfolgsam des Vaters Worten sein,

Wie ist es möglich? Scheust du es nicht um vieles mehr?

HEPHAISTOS.

Stets ohn Erbarmen bist du und voll wildem Trotz!

KRATOS.

Es hilft ja doch nichts, Tränen ihm zu weinen; drum

Müh dich umsonst nicht mit so ganz Vergeblichem!

HEPHAISTOS.

O dieser Hände hundertfach verhaßt Gewerb!

KRATOS.

Warum verhaßt dir? Denn mit einem Wort: des Grams,

Der jetzt dich drückt, trägt deine Kunst dir keine Schuld.

HEPHAISTOS.

Und doch, o hätte jeder andre sie erlost!

KRATOS.

Es ward den Göttern alles, nur nicht Herr zu sein;

Denn frei und Selbstherr nennst du niemand außer Zeus.

HEPHAISTOS.

Ich seh’s; entgegen dem zu sprechen hab ich nichts!

KRATOS.

Und eilst dich doch nicht, gleich mit Fesseln ihn zu umfahn,

Damit dich säumig nicht der Vater möge sehn?

HEPHAISTOS.

Nun, mir zu Händen sind die Ketten ja schon zu sehn!

KRATOS.

Um die Hände leg sie, schmiede sie ihm aus aller Kraft

Mit deinem Hammer, nagle fest sie an den Fels!

HEPHAISTOS.

Schon faßt es; nicht ist meiner Arbeit Werk umsonst!

KRATOS.

Schlag’s mehr, noch mehr ein! Keil es fest! Laß nirgend nach!

Der weiß sich Rat zu finden, wo’s unmöglich scheint.

HEPHAISTOS.

‘s ist unerlösbar jetzt geschlossen dieser Arm.

KRATOS.

So schmiede sicher auch den andern an, damit

Er lernt, vor Zeus sei seine Schlauheit eitel Nichts.

HEPHAISTOS.

Der einzig tadelt, keiner sonst mich noch mit Recht.

KRATOS.

Des diamantnen Keiles schonungslosen Zahn,

Hier durch die Brust hin treib ihm den mit aller Kraft!

HEPHAISTOS.

Weh dir, Prometheus! Ach, ich seufz um deinen Schmerz!

KRATOS.

Du zögerst nochmals, seufzest um den Feind des Zeus?

Daß nur du selbst nicht um dich selbst einst jammern mußt!

HEPHAISTOS.

Du siehst ein Schauspiel, nicht mit Augen anzuschaun!

KRATOS.

Des wohlverdienten Lohns beschieden seh ich ihn.

Auf! Um die Seiten leg ihm an den Eisengurt!

HEPHAISTOS.

Ich muß es tun; befiehl es nicht zum Überdruß!

KRATOS.

Jawohl befehlen, an dich treiben obendrein!

Steig nieder, gürte jetzt den Schenkel eisern ein!

HEPHAISTOS.

Und schon geschehn ist’s also sonder viele Müh!

KRATOS.

Jetzt schlage tüchtig ihm der Kette Stift in den Fuß,

Denn deiner Arbeit Richter ist, du weißt es, streng!

HEPHAISTOS.

Dein Mund, er lärmt, wie’s würdig deines Riesenleibs!

KRATOS.

Sei du ein Weichling, aber meinen Eigensinn

Und meines Zornes Härte mach mir nicht zur Schuld!

HEPHAISTOS.

So laß uns gehn; fest liegt um ihn das Eisennetz.

KRATOS.

Hier trotz und frevle, hier entwend den Göttern ihr

Kleinod und bring es deinen Tagesmenschen! Wie

Vermögen sie dir auszuschöpfen deine Qual?

Falsch heißt Prometheus du der Vorbedächtige

Den Göttern; selbst bedurftest du des Vorbedachts,

Mit welcher Wendung du dich entwändest diesem Netz.

Kratos, Bia und Hephaistos ab.

PROMETHEUS an der Höhe des Felsens angeschmiedet.

O heilger Äther! Schnellbeschwingter Windeshauch!

Ihr Stromesquellen! Du im Wellenspiel der See

Unzählges Lachen! Erde, Allgebärerin!

Du allesschauend Sonnenaug, euch ruf ich an!

Seht her, was ich von Göttern dulden muß, ein Gott.

Seht her auf mich, wie in Schmach, wie in Qual,

Wie erniedriget ich Jahrtausende hier

Abhärmen mich soll. Und das hat mir

Der Unsterblichen neuer Gebieter erdacht,

Mir Ketten und Schmach.

Weh! weh! Um das Jetzt, um der Zukunft Qual

Wehklag ich umsonst! Wann wird jemals

Mir der Mühsal Ende sich zeigen!

Und doch, was sag ich? Klar im voraus weiß ich ja

All meine Zukunft; nimmer unerwartet naht

Mir jede Trübsal; mein Verhängnis muß ich dann,

So leicht ich kann, ertragen, im Bewußtsein, daß

Die Gewalt des Schicksals ewig unbezwinglich ist.

Und doch, verschweigen mein Geschick, verschweigen nicht,

Unmöglich ist mir beides. Weil den Menschen ich

Heil brachte, darum trag ich qualvoll dieses Joch.

Im Ferulstabe glimmend, stahl ich ja des Lichts

Verstohlnen Urquell, der ein Lehrer aller Kunst

Den Menschen wurde, alles Lebens großer Hort.

Und diese Strafen büß ich jetzt für meine Schuld,

In Ketten angeschmiedet hoch in freier Luft!

Horch! wehe!

Weh! welch Geräusch, welcher Duft weht mir zu, fremd, gestaltlos?

Von den Ewigen, von den Sterblichen, oder beiden?

Naheten gar sich zu dem fernen Geklüft

Neugierge meines Leides? Oder wozu sonst?

So seht gefesselt mich, den unglückselgen Gott,

Mich, Zeus’ Abscheu, mich verfeindeten Feind

Der unsterblichen Götter zumal, soviel

Eingehn in des Zeus goldleuchtenden Saal,

Weil zuviel Lieb ich den Menschen gehegt!

Weh mir! Aufs neu tönt her das Geschwirr

Wie von Vögeln der Wildnis; es flüstert die Luft

Von der Fittiche leis hinschwebendem Schlag!

Was naht, mir naht es zum Grausen!

Auf geflügeltem Wagen schweben die Okeaniden vor dem Felsen des Prometheus auf und ab und singen im abwechselnden Chorlied.

Erste Strophe

CHOR.

Du fürchte nichts; freundlichen Sinns ist unsre Schar wechselgeschwinden Flügelschlags diesem Geländ

Eilig genaht; sobald ich

Des Vaters Herz endlich erweicht, trugen mich her die geschwinden Lüfte.

Des Hammers weithallender Schlag durchdrang der Meergrotte Gemach, er scheuchte mir

Scheuen die blöde Scham fort;

Schuhlos in geflügeltem Wagen kam ich.

PROMETHEUS.

Weh! weh!

Ihr, Tethys’ Kinder, der kindreichen,

Ihr Töchter des rings um die Welt sein Meer

Schlaflos hinströmenden Okeanos,

Seht, Mädchen, mich an, o schauet empor,

Wie gefesselt ich hier, wie mit Ketten beschwert

Ich am Felsengestad, am zerrißnen Geklüft

Unbeneidete Wacht muß dulden.

Erste Gegenstrophe

CHOR.

Prometheus, ich seh’s! In Entsetzen trübt der vorbrechenden Träne Nebel dichtfallend den Blick,

Daß ich dich also sehn muß

Qualvoll dahinwelken am Fels unter der Last diamantener Banden;

Ach, neue Herrn sind im Olymp am Ruder jetzt, neuem Gesetz gemäß regiert

Ohne Gesetze Zeus jetzt;

Das früher Gewaltige, jetzt vertilgt er’s.

PROMETHEUS.

Hätt unter die Erd in des Hades Reich,

In des totenbehausenden Tartaros Nacht

Er hinab mich gestürzt, unlösbar hart

Mich in Ketten zu fahn, daß nimmer ein Gott

Noch ein anderer je mein lachte zum Spott!

Doch ein Spielzeug jetzt hier den Lüften erduld

Ich den Feinden ergötzliches Elend.

Zweite Strophe

CHOR.

Oh, wer der Götter hegte solch verhärtet Herz, sich des zu erfreun!

Wer fühlte nicht mit deinem Leid

Mitleid? Nur Zeus nicht, der in Erbittrung fort und fort,

In nimmer gebeugtem Übermut

Uranos’ göttlich Geschlecht knechtet!

Nimmer ruht der, es ermüd ihm das Herze denn, oder entrissen ihm

Würde mit List die verhaßte Gewalt einst.

PROMETHEUS.

Mein, mein noch einst, ob in gliedmarternden

Erzbanden zur Schmach ich verdammt jetzt bin,

Mein einst hat not der Unsterblichen Herr,

Daß den neuen Verrat ich enthülle, der ihm

Sein Zepter und Reich zu entreißen sich naht!

Dann nicht von dem honigsüßen Geschwätz

Der Beredsamkeit ihm erweicht, nicht bang

Vor dem wildesten Dräun soll je mein Mund,

Was ich weiß, ihm enthülln, er befreite mir denn

Von den Ketten den Leib und bequemte sich, so

Unwürdige Schmach mir zu büßen!

Zweite Gegenstrophe

CHOR.

Du bist zu hart und fügest selbst in diesen bittren Qualen dich nicht,

Gönnst gar dem Mund zu dreistes Wort.

Doch meinen Busen zerreißt mir schneidende Angst,

Denn ich fürchte sehr um dein Geschick;

Deiner unsäglichen Qual Ende,

Wann erscheint’s, wo du den Hafen erreichst? Denn es hegt ein verschlossenes,

Streng unerbittliches Herz Kronion.

PROMETHEUS.

Wohl weiß ich, wie hart, wie in Willkür Zeus

Sein Recht ausübt; und doch wird sehr

Sanftmütig dereinst

Er erscheinen, wenn so er gebrochen sich fühlt;

Dann tilgend den unnachgiebigen Zorn,

Wird wieder zum Bund und zur Freundschaft er

Dem Bereiten bereiter sich zeigen.

CHORFÜHRERIN.

So offenbar uns alles und erzähl es uns,

Um welcher Ursach willen Zeus denn dich ergriff,

Daß also schmachvoll und erbittert er dich straft;

Belehr mich dessen, wenn’s dich nicht zu sagen schmerzt.

PROMETHEUS.

Ja, wahrlich schmerzvoll ist’s, davon zu sprechen, mir,

Schmerzvoll zu schweigen, bittrer Kummer überall.

Sobald der himmlischen Mächte Haß entzündet war

Und helle Zwietracht wechseleifernd sich erhob,

Die einen Kronos stürzen wollten seines Throns,

Daß Zeus hinfort Herr wäre, wieder andere

Sich mühn, daß Zeus der Götter Herrschaft nicht erlangt’,

Da riet ich wohl das Beste; doch besänftigen

Die Titanen, Gaias Kinder und des Uranos,

Das konnt ich nicht; sie, meinen friedlich klugen Rat

Mit Spott verwerfend in des Mutes wildem Trotz,

Gedachten mühlos sich zu behaupten durch Gewalt.

Doch hatte mehrfach meine Mutter Themis Gê,

In vielen Namen stets dieselbe Urgestalt,

Den Pfad der Zukunft mir vorherverkündiget:

Nicht durch Gewalt sei, nicht in stolzer Übermacht,

Es sei in List nur sicher der jetzt Gewaltgen Reich.

Und als ich ihnen diesen Ausspruch deutete,

Kaum drauf zu hören hielten sie der Mühe wert.

Von allen Wegen, die ich damals vor mir sah,

Schien mir der beste, daß ich nebst der Mutter mich

Mit Zeus verband, freiwillig dem Freiwilligen.

So schließt nach meinem Rate jetzt des Tartaros

Nachttiefer Abgrund ein des greisen Kronos Leib,

Mit ihm die Kampfgenossen. Und also von mir

Vielfach gefördert, hat des Götterreichs Tyrann

Mit diesem Undank bittrer Strafen mir gelohnt;

Denn anzuhaften pfleget aller Tyrannei

Auch dies Gebrechen, treusten Freunden nicht zu traun.

Doch was ihr fraget, welcher Ursach wegen er

Mich so hinausstieß, will ich euch erklären. Denn

Sobald er seines Vaters heilgen Thron bestieg,

Sofort verteilt’ er Ehr und Amt den Ewigen,

Je andern andre, und verlehnt’ des weiten Reichs

Gewalten; einzig für die armen Menschen trug

Er keine Rücksicht; ganz zu vertilgen ihr Geschlecht,

Ein andres, neues dann zu schaffen war sein Plan.

Da trat denn niemand ihm entgegen außer mir;

Ich aber wagt es, ich errang’s den Sterblichen,

Daß nicht zerschmettert sie des Hades Nacht verschlang.

Darum belastet ward ich so mit dieser Qual,

Zu tragen schmerzvoll, anzuschaun erbarmenswert.

Und da ich Mitleid hegte den Menschen, ward ich selbst

Des nicht gewürdigt, sondern unbarmherzig hier

Felsangeschmiedet, schändlich Schaugepräng des Zeus!

CHOR.

Der trägt ein Steinherz, und die Brust ist starres Erz,

Der dir, Prometheus, nicht im tiefsten deine Qual

Mitfühlt; denn ich – nie hätten meine Augen dies

Sehn müssen –, da ich’s nun gesehn, bricht mir das Herz.

PROMETHEUS.

Den Freunden freilich bin ich jammervoll zu schaun.

CHOR.

Du bist doch weiter nicht gegangen, als du sagst?

PROMETHEUS.

Ich nahm’s den Menschen, ihr Geschick vorauszusehn.

CHOR.

Sag, welch ein Mittel fandest du für dieses Gift?

PROMETHEUS.

Der blinden Hoffnung gab ich Raum in ihrer Brust.

CHOR.

Ein großes Gut ist’s, das du gabst den Sterblichen.

PROMETHEUS.

Und bot zum andern ihnen dar des Feuers Kunst.

CHOR.

Die Tageskinder kennen jetzt der Flamme Blick?

PROMETHEUS.

Der künftig tausendfache Kunst sie lehren wird.

CHOR.

Um diesen Frevel also ist’s, daß Zeus dich so –

PROMETHEUS.

Mit Schmach und Qual straft und die Qual nie mildern wird.

CHOR.

Und auch ein Ziel nicht dieses Leides siehst du je?

PROMETHEUS.

Kein andres jemals, als wenn es ihm gefallen wird.

CHOR.

Gefallen, wie? Ist Hoffnung? Siehst du nicht, du hast

Gefrevelt; wie gefrevelt, das zu sagen ist

Mir keine Freude, Kummer dir; so laß ich’s gern;

Nur find Erlösung irgend dir von dieser Qual!

PROMETHEUS.

Leicht ist’s, wenn fern dem Leide weilt der eigne Fuß,

Zu warnen, besten Rat zu weihn dem Leidenden;

Das alles aber sah ich selbst in meinem Sinn.

Gern, gern gefrevelt hab ich, gern – ich leugn es nicht –

Zum Heil der Menschheit dieses Leid mir selbst erzeugt.

Doch glaubt ich das nicht, unter solcher Strafe Last

Dahinzuschmachten hoch an luftger Felsenstirn,

Verbannt in dies einsame nachbarlose Land.

Darum beklagt mir meine jetzigen Schmerzen nicht;

Kommt, steigt hernieder, höret mein zukünftig Los,

Auf daß ihr einseht, wie es sich alles fügen muß.

Tut’s mir zuliebe, tut es, teilt mein Leid mit mir,

Jetzt Mühbeladnem! Denn in gleicher Weise schweift

Und sucht die Trübsal andre heim zu andrer Zeit.

Während des folgenden steigen die Okeaniden hinab auf den felsigen Boden.

CHOR.

Nicht unfolgsam dem, was du gewünscht,

Sind wir, Prometheus;

Mit behendem Fuße verlaß ich den leicht

Hinschwebenden Sitz, der ätherischen Flur

Luftpfade der Vögel; das rauhe Gestein

Fühlt wohl mein Fuß – doch all dein Leid

Von dir zu vernehmen verlangt mich.

Okeanos erscheint auf einem Flügelroß reitend.

OKEANOS.

Von weither komm ich gefahren zu dir,

Prometheus, endlich am endlichen Ziel,

Das mein flugkundiger Vogel, gelenkt

Von dem eigenen Sinn, ohn Zügel sich fand.

Dein Schicksal, wiß es, bemitleid ich,

Denn Verwandtschaft wohl kann, denk ich, dazu

Mich nötigen schon; zum Geschlecht kommt noch,

Daß ich niemand weiß, auf welchen ich mehr

Hielte denn auf dich.

Sehn wirst du, wie wahr das gesprochen, wie fern

Leer freundlich Geschwätz mir sei. Auf denn,

Und bezeichne, wie mit dir wirken ich kann;

Denn du sollst mir gestehn, vor Okeanos sei

In der Welt kein Freund dir bewährter!

PROMETHEUS.

Ha, sieh! Was ist denn? Kamst denn du auch, meinen Schmerz

Dir anzuschauen? Wie gewannst du’s über dich,

Von deinem gleichgenannten Strom, vom Felsenbau

Der stillen Grotte fern zum eisenzeugenden

Berghang zu fahren? Oder kamst du, eignen Augs

Mein Los zu sehen, mitzufühlen meine Qual?

Sieh dieses Schauspiel, ich, Kronions Freund und Rat,

Der seiner Herrschaft mächtgen Thron ich mitgebaut,

Mit welchem Elend ich von ihm belastet bin!

OKEANOS.

Ich seh’s, Prometheus, und ich will den besten Rat

Ans Herz dir legen, bist du selbst schon vielgewandt.

Erkenn dich selbst; gestalte neu zu neuer Art

Dich um, denn neu ist auch der Götter Fürst und Herr.

Doch wenn du so wilde, zorngeschärfte Reden noch

Ausstößest, leicht vernähme Zeus dich, höher selbst

Noch thronend, so daß deines jetzgen Ungemachs

Gesamte Mühsal Kinderspiel noch möchte sein.

Nein, laß, du Armer, ab vom Trotze deines Zorns,

Und nur Errettung suche dir von dieser Not. –

Wie alte Weisheit scheinet dir mein Wort vielleicht;

Und doch, Prometheus, für des allzustolzen Sinns

Zu stolze Red ist aller Zeiten dies der Lohn.

Du, nimmer dich bescheidend, weichst selbst nicht dem Schmerz

Und wirst dem jetzigen neuen noch vereinigen.

Doch wenn du mir und meinem Rate folgen willst,

So löcke wider den Stachel nicht mehr; denn du siehst,

Daß jetzt ein strenger Herrscher unumschränkt gebeut.

So geh ich selbst denn zu ihm und versuche, dich,

Wenn ich’s vermag, zu retten noch aus deiner Qual;

Du bleibe ruhig und enthalt des Trotzes dich

Ganz. Oder weißest du, vor allen Weiser, nicht,

Daß deines Trotzens eitler Lärm den Stab dir bricht?

PROMETHEUS.

Beneidenswerter, daß du frei bist aller Schuld,

Da du doch alles mit mir wagtest und begingst.

Jetzt aber laß nur, laß es unbekümmert gehn,

Du bewegst ihn doch nicht; unerbittlich kennst du ihn.

Hab acht, daß nicht schon dieser Weg dir Schaden bringt.

OKEANOS.

Viel beßre Lehre weißt du jedem andern denn

Dir selbst; die Tat, nicht Worte überzeugen mich.

Doch meinen Eifer hältst du nimmermehr zurück;

Ich hoffe, ja ich hoffe, mir zuliebe wird

Zeus leicht gewähren, dich zu befrein von deiner Not.

PROMETHEUS.

Das werd ich dir hochpreisen jetzt und alle Zeit,

Denn alles besten Willens hast du gnug; jedoch

Laß deine Müh, vergebens wirst du, ohne mir

Zu nützen, Müh dir machen, falls du dich bemühst.

Nein, bleibe ruhig, bleibe fern von alledem;

Denn wenn ich selbst muß leiden, wünsch ich darum nicht,

Daß mehr und mehren gleiches Los begegnen mag.

O nein! – denn schon auch meines teuren Bruders Los

Schmerzt mich, des Atlas, der in den Abendlanden fern,

Des Himmels und der Erden Säule, steht und stützt

Mit seinen Schultern eine schwergewaltge Last;

Und auch den Riesen, der in Kilikias Schlucht gehaust,

Des Erdgebornen, Hunderthäuptigen wilde Kraft,

Ich sah voll Schmerz gebrochen und bewältigt ihn,

Den mächtigen Typhon, der den Göttern allen stand,

Aus grausem Zahne zischend flammenspeinden Mord,

Aus jedem Auge schleudernd wutempörten Blitz,

Als wollt er Zeus’ Gewalt vertilgen mit Gewalt;

Da aber traf ihn schmetternd Zeus’ schlaflos Geschoß,

Der niederfahrende, flammensprühnde Donnerkeil,

Der alles Trotzes dräunden Übermut in ihm

Erschlug, indem durchs Herz getroffen seine Kraft,

In den Staub geschmettert, tote Kohl’ und Asche ward.

Und nun ein kraftlos welkdahingestreckter Leib,

Liegt er des Meeres ufersteilem Sunde nah,

Gedrückt vom Fuß des Ätna; auf der wolkigen

Bergkuppe sitzt und schmiedet sein glutsprühend Erz

Hephaistos; dorther werden Feuerströme einst

Herniederbrechen, rings zerfleischen mit wildem Zahn

Die saatengrünen, selgen Aun Sizilias,

So wild hervor wird Typhon tosen seine Wut

In des heißen Auswurfs flammenschloßenden Glutorkan,

Ob auch von Zeus’ Blitzstrahlen selbst schon längst verkohlt. –

Du aber bist vorsichtig und bedarfst von mir

Nicht Rat; errette du dich selbst, so gut du kannst.

Ich aber werde trinken meiner Leiden Kelch,

Bis einst in Zeus’ Herz Haß und Zorn sich lösen mag!

OKEANOS.

Hast du, Prometheus, nie bemerkt, wie Worte doch

Ein rechter Arzt sind für ein zorngereiztes Herz?

PROMETHEUS.

Wenn man zur rechten Stunde sänftigt das Gemüt,

Das schwellende Herz nicht wider Willen niederdrückt.

OKEANOS.

Wenn aber so Teilnahme sich bemüht, ja wagt,

Siehst du darin Gefahr der Strafe? Sag es mir.

PROMETHEUS.

Verlorne Arbeit und ein leeres gutes Herz!

OKEANOS.

An dieser Krankheit laß mich kranken; gern erträgt’s

Der Treugesonnene, daß er unbesonnen scheint.

PROMETHEUS.

Es würde mein auch diese Schuld geheißen sein.

OKEANOS.

Hinweg nach Hause weist mich deutlich dieses Wort.

PROMETHEUS.

Damit dir dein Mitleid für mich nicht Haß erzeugt.

OKEANOS.

Des neuen Königs auf dem allgewaltgen Thron?

PROMETHEUS.

Sehr hüte dich, niemals zu kränken seinen Sinn!

OKEANOS.

Dein Los, Prometheus, soll mir ewge Lehre sein!

PROMETHEUS.

Geh! Fahre wohl! Bewahre stets so weisen Sinn!

OKEANOS.

Bereits zur Abfahrt rüstend hör ich deinen Rat;

Denn des weiten Äthers Pfade schlägt mein Vogelroß

Schon wild mit seinen Flügeln; es verlangt ihn auch,

Daheim den müden Huf zu ruhn auf weicher Streu.

Okeanos durch die Luft ab.

Erste Strophe

CHOR.

Ich klag um dein traurig Geschick, Prometheus, vorperlen die Tränen, meines Auges feuchtem Gestad zitternd entströmt;

Der Wange Flur netz ich mit reichem Quell; denn das wehret mir keiner. Ach, in willkürlicher Satzung herrschet Zeus,

Übergewaltig zeigt er sein Zepter der Urzeit hehren Göttern!

Erste Gegenstrophe

Schon hallen Wehklagen in allem Land, der kraftriesigen, heilighehren Urzeiten und dein, deines Geschlechts

Gewaltges Reich laut zu betrauern; ja, soviel rings in der heiligen Asia weitem Gefild(e) wohnen, dein

Kummergesättigt bittres Los fühlen sie laut wehklagend mit dir!

Zweite Strophe

Kolchis’ Volk, die kampfgeschürzten,

Schlachtenkühnen Waffenjungfraun,

Und die Skythen, deren Horden

Nah dem fernsten Geländ der Welt hausen am See Maiotis.

Zweite Gegenstrophe

Und Arabias Heldenblüte,

Und die rings die steile Felsburg

Nah dem Kaukasus umwohnen,

Wilde Scharen im Lärm der erzklirrenden Lanzen furchtbar.

Dritte Strophe

Nur einmal sah ich so noch einen Gott

Im Fluch diamantener Banden dulden,

Atlas so, den Titanen, nur,

Der ewig auf ihn gewälzter Weltenlasten Unmaß,

Ewig des himmlischen Pols Last trägt mit seinen Schultern.

Dritte Gegenstrophe

Und klagend rauscht der weiten See Wogenschlag, die Tiefe seufzt,

Fern nachhallt Hades’ düsterer Abgrund,

Der heilgen Ströme rieselnde Quelln beweinen deine Trübsal.

PROMETHEUS.

Glaubt nicht, Behagen oder Hochmut lasse mich

So schweigen; tief nachsinnend nag ich wund mein Herz,

Daß ich mich selbst muß also tief erniedrigt sehn.

Und diese neuen Götter mit all ihrer Macht –

Wer sonst denn ich hat ihnen alles ausgeteilt?

Doch schweig ich davon, da ich, was ihr selber wißt,

Euch sagen würde; aber hört, was meine Schuld

An den Menschen ist, die, Träumer sonst und stumpfen Sinns,

Des Geistes mächtig und bewußt ich werden ließ!

Nicht einer Schuld zu zeihn die Menschen, sag ich das,

Nur um die Wohltat meiner Gabe darzutun.

Denn sonst mit offnen Augen sehend sahn sie nicht,

Es hörte nichts ihr Hören, ähnlich eines Traums

Gestalten mischten und verwirrten fort und fort

Sie alles blindlings, kannten nicht das sonnige

Dachüberdeckte Haus und nicht des Zimmrers Kunst;

Sie wohnten tief vergraben gleich den winzigen

Ameisen in der Höhlen sonnenlosem Raum;

Von keinem Merkmal wußten sie für Winters Nahn

Noch für den blumenduftgen Frühling, für den Herbst,

Den erntereichen; sonder Einsicht griffen sie

Alljedes Ding an, bis ich ihnen deutete

Der Sterne Aufgang und verhülltren Niedergang;

Die Zahlen, aller Wissenschaften trefflichste,

Der Schrift Gebrauch erfand ich und die Erinnerung,

Die sagenkundige Amme aller Musenkunst.

Dann spannt ins Zugjoch ich zum erstenmal den Ur,

Des Pfluges Sklaven; und damit dem Menschenleib

Die allzugroße Bürde abgenommen sei,

Schirrt ich das zügelstolze Roß dem Wagen vor,

Des mehr denn reichen Prunkes Kleinod und Gepräng.

Und auch das meerdurchfliegend lein’geflügelte

Fahrzeug des Schiffers ward von niemand ehr erbaut.

So mir zum Elend vieles Rates vielgewandt

Den Menschen, bin ich alles Rates bar und bloß,

Mir jetzt zu lösen dieser Qual schmachvolles Los.

CHOR.

Du trägst ein schmachvoll Leid, entraten alles Rats;

Du schwankst; dem schlechten Arzte gleich jetzt selbst erkrankt,

Verzagst du mutlos und vermagst dir selbst den Trank

Nicht mehr zu finden, welcher dich gesunden läßt.

PROMETHEUS.

Laß dir das weitre sagen und erstaune mehr,

Wie große Mittel, welche Künste ich erfand.

Das größte war’s, daß, wenn sie Krankheit niederwarf,

Kein Mittel da war, keine Salbe, kein Gebräu,

Kein Brot der Heilung, sondern, aller Arzenei

Entraten, sie verkamen – bis sie dann von mir

Gelernt die Mischung segensreicher Arzenei,

Die aller Krankheit wilde Kraft zu stillen weiß.

Dann gab ich viele Weisen an der Seherkunst

Und schied zuerst aus, was in den Träumen als Gesicht

Zu nehmen, tat dann alles Tons geheimen Sinn

Und aller Fahrt Vorzeichen sorgsam ihnen kund,

Bestimmte deutlich jedes krummgeklaueten

Raubvogels Aufflug, welcher traurig, welcher froh

Nach seiner Art sei, welches Fanges jegliche

Sich nähren, welcher Weise gegenseitig sie

Freundschaft und Feindschaft halten und Geselligkeit;

Wie des Eingeweides Ebenheit den Ewigen,

Wie der Milz und Leber adernbunte Zierlichkeit

Und welche Farbe recht und wohlgefällig sei.

Indem zuletzt ich dann ein Hüftbein opferte,

Dazu ein Rückteil fettumwickelt, ward ich selbst

Der schweren Kunst Lehrmeister, nahm vom Seherblick

Der Flamme fort die Blindheit, die sie zuvor verbarg.

Soweit von diesem, aber die im Erdenschoß

Verborgenen Schätze, welche sein jetzt nennt der Mensch,

So Eisen, Erz, Gold, Silber, wer mag sagen, daß

Er diese vor mir aufgefunden und benutzt?

Niemand, ich weiß es, wenn er sich lügend nicht berühmt.

So ist, mit einem Worte, daß ihr kurz es hört,

Den Menschen von Prometheus alle Kunst gelehrt.

CHOR.

Nicht hilf den Menschen fürder über alles Maß,

Des eignen Unheils unbekümmert; denn ich bin

Der festen Hoffnung, daß du einst noch, dieser Qual

Entfesselt, nicht von mindrer Macht wirst sein denn Zeus.

PROMETHEUS.

Nicht so hat Moira mir, die Allvollenderin,

Mein Los gesponnen. Nein, in tausendfachem Schmerz

Und Gram gebeugt, so geh ich einst aus dieser Haft –

Dem Werk der Ohnmacht vor des Schicksals ewger Kraft!

CHOR.

Wer lenkt des Schicksals Ruder denn in seiner Hand?

PROMETHEUS.

Die Moiren und die allgedenken Erinnyen.

CHOR.

Und Zeus ist selbst ohnmächtig gegen ihre Macht?

PROMETHEUS.

Dem verhängten Lose kann er nimmermehr entfliehn.

CHOR.

Was sonst ist Zeus’ Los, als zu herrschen fort und fort?

PROMETHEUS.

Das wolle nicht mich fragen, dringe nicht in mich.

CHOR.

‘s ist wohl ein Heilges, was du so bei dir verschließt?

PROMETHEUS.

Sprecht andre Dinge; das zu sagen ist die Zeit

Noch nicht gekommen; sondern bergen muß ich es

So tief wie möglich. Denn bewahr ich dies getreu,

So werd ich einst noch meiner Qual und Banden frei! –

Erste Strophe

CHOR.

Nimmer erküre sich Zeus’

Allgewalt mein Herz zu empörendem Trotze,

Noch ich selbst sei lässig, mit heiligen Feststieropfern den Göttern zumal

Fromm zu nahn bei Vater Okeanos’ allrastlosem Strom;

Nimmer auch frevle mein Mund,

Sondern dies sei fest in mir und schwinde nun und nimmer!

Erste Gegenstrophe

Seliges Los, wenn ich still

Dürfte fernhin leben der freudigen Hoffnung,

Mein Gemüt zu weiden in sonniger Lust; doch faßt mich ein Graun, wie ich dich

So in unaussprechlichen Qualen erdrückt muß dulden sehn,

Weil du nach eignem Rat

Sonder Furcht vor Zeus zu hoch die Menschen ehrst, Prometheus!

Zweite Strophe

Wie verlassen die Liebe der Liebe, du Teurer! Wo ist Heil, sprich?

Von den Kindern des Tages, welches Heil? Du sahst nicht

Die verkümmerte, blöde Ohnmacht,

Die, wie Traumgestalten hinschwankend, das blinde Geschlecht

Übernetzet der Sterblichen! Niemals wird von der menschlichen Kraft

Zeus’ ewger Fügung vorgegriffen!

Zweite Gegenstrophe

Ich erkenn es in deiner unendlichen Schmerzenslast, Prometheus!

Wie so anders erschallt jetzt dieses Lied denn jenes,

Das herüber von eurem Brautbad,

Eurem Brautbett klang in hochzeitlicher lachender Lust,

Da du unsere Schwester im Brautschmuck, freudig die freudige dir

Heimführtest, Hesionen!

Io, des Inachos Tochter, kommt gestürmt; Hörner bezeichnen ihre Verwandlung zur Kuh.

IO.

Welch Land? Welch Volk? Wen seh ich da hoch

In die Fesseln gebannt an dem hohen Geklüft,

Wie den Wettern zum Spiel? Um welch Unrecht

Sollst so du vergehn? Tu kund mir, wohin

Ich Heimatlose geirrt bin!

Weh mir! weh mir!

Es sticht mich Arme, mich die Bremse wieder!

Gespenst, des Argos Riesenbild,

Wehrt ihm! Huh! Entsetzen!

Den Tausendäugigen, meinen Hüter seh ich!

Und er umschleicht mich schon, tückischen Haß im Blick,

Den auch erschlagen nicht der Erde Gruft birgt!

Nein, von den Tiefen aufwärts wider mich Arme steigt er

Und scheucht mich, jagt mich Lechzende fort über den sandigen Strand einsam;

Zu mir herüber trägt der wachsgefügten Rohrflöte Schall

Sein Schlaflied so süß!

Weh, weh! wohin, wohin schweif ich, irr ich fern in die Ferne fort?

Was denn an mir, o Kronos’ Sohn, was denn an mir

Hast du Ursach erkannt, daß du so schwerer Qual Joch mir auflegst? Oh!

Mit dieser wahnsinngeißelnden Angst mich Angstzerrüttete also marterst?

Gib mir der Flammen Tod, birg in ein Grab mich tief, tief ins Meer

Wirf mich dem Hai zum Raub!

Nein, versag nicht, Herr, mir diesen einen Wunsch!

Mein Schweifen fern in die Ferne hat

Mich gnug gequält, nicht weiß ich mehr, auf welchem Pfad

Dieser Qual ich fliehn soll!

CHOR.

Du hörst der stierhörngen Jungfrau Gesang?

PROMETHEUS.

Wohl schallt der wahnsinnschweifenden Jungfrau Ruf herauf,

Des Inachoskindes, welche Zeus’ Herz einst getränkt

Mit süßer Liebe, jetzt in endlos irrem Lauf

Von Heras bittrem Haß verfolget und gequält!

IO.

Wie denn erfuhrst du meines Vaters Namen schon, sag es mir,

Mir, der Gequälten? Wer,

Dulder, wer bist du selbst,

Daß du so gar zu wahr mich Dulderin schon begrüßest

Und mir den gotträchenden Jammer benennst,

Der mich aufzehrt in Glut, der mich aufpeitscht in schmerzglühndem Wahnsinn! Oh! –

Rastlosen Schweifens stürmt ich daher ohn Trank und Speise, gescheucht von Hera,

In der Verfolgung Hast so überwältigt! Wer ist gottverstoßen wie ich? Wehe! wehe!

Wer wie ich gemartert? Offenbar’ du mir,

Was fürder mir zu erdulden bleibt,

Was fürder nicht mehr, wo ein Balsam meinem Schmerz?

Sag mir’s, wenn du’s weißest.

CHOR.

O sag’s, tu’s der irrselgen Jungfrau zulieb!

PROMETHEUS.

Ich will dir alles sagen, was du hören willst,

Nicht rätseleingeschleiert, nein, mit schlichtem Wort,

Wie recht den Freunden sich des Freundes Mund erschließt:

Der den Menschen Licht gab, ‘s ist Prometheus, den du siehst.

IO.

O du, den Menschen allgemeinsam teurer Hort,

Sag an, Prometheus, wessenwegen duldest du?

PROMETHEUS.

Kaum hört ich auf zu klagen meinen ganzen Gram.

IO.

Und du, gewährtest diese kleine Gunst mir nicht?

PROMETHEUS.

So sprich, was meinst du? Sagen will ich alles dir.

IO.

So sag mir, wer dich an den Fels geschlagen hat?

PROMETHEUS.

Des Zeus Gebot war’s, durch Hephaistos’ Hand geschah’s.

IO.

Doch welches Frevels Strafen sollst du leiden hier?

PROMETHEUS.

O laß genug sein, daß ich dies dir nur gesagt.

IO.

Dann aber weiter: meiner Irrfahrt Ende, sprich,

Wann wird es jemals nahn mir Unglückseligen?

PROMETHEUS.

Daß du es nicht weißt, frommt dir mehr, als daß du weißt.

IO.

Verbirg mir nicht mehr, was ich doch ertragen muß.

PROMETHEUS.

Ich, glaub es mir, mißgönne dir nicht diese Gunst.

IO.

Was säumst du dennoch, alles das mir kundzutun?

PROMETHEUS.

Mißdeut es nicht; dein Herz zu betrüben säum ich gern.

IO.

Nicht sorge du mein weiter, als mir selbst erwünscht.

PROMETHEUS.

Weil du es wünschest, muß ich sprechen; höre denn.

CHOR.

Noch nicht! Des Wunsches gönnet mir auch einen Teil;

Zuvor erfahren laß mich dieses Mädchens Leid,

So daß sie selbst nennt ihr verderbenreich Geschick

Und dann von dir hört ihrer Mühsal andren Teil.

PROMETHEUS.

Recht wär es, Io, daß du ihnen schon zulieb

Dies tust, die dann auch deines Vaters Schwestern sind.

Und da zu klagen, auszuweinen seinen Gram,

Wo man des Mitleids Träne von den Hörenden

Sich darf erwarten, das ist wohl des Weilens wert.

IO.

Auch weiß ich nicht, warum ich euch es weigern soll;

In klaren Worten sollt ihr alles, was ihr wünscht,

Vernehmen. Freilich auch zu sagen schäm ich mich,

Von wannen dieses gottverhängte Wetter mir,

Der einstgen Schönheit grauser Tausch mir Armen kam.

Denn immer schwebten nächtige Traumgestalten still

Herein in meine Kammer und liebkosten mich

Mit leisen Worten: »O du vielglückselge Maid,

Was bleibst du jetzt noch Mädchen, da dir werden kann

Die höchste Brautschaft? Zeus erglüht in Liebe dir

Vom Pfeil der Sehnsucht; nach der Kypris süßem Kampf

Verlangt’s ihn; du, Kind, weise von dir nicht den Kuß

Kronions; geh nun nach der tiefen Wiesenau,

Gen Lerna, nach des Vaters Herden und Gehöft,

Daß seiner Sehnsucht ruhn des Gottes Auge mag.«

Und solche Träume kamen mir Vieltraurigen

In allen Nächten, bis dem Vater ich zuletzt

Zu sagen wagte meine Träume, meinen Gram.

Der sandte nun gen Pytho, gen Dodonas Wald

Vielfache Frage, zu erkunden, was er tun,

Was sagen müßte, das die Götter gerne sähn.

Bald kamen seine Boten mit vieldeutigen,

Mit unerklärlich rätselhaften Sprüchen heim;

Dann aber endlich kam an Inachos ein Spruch,

Der unverkennbar uns gebot und anbefahl,

Mich auszustoßen aus dem Haus, dem Vaterland,

Verstoßen fern zu schweifen bis zum Saum der Welt;

Und wollt er nicht, glutzückend fahre dann des Zeus

Blitzstrahl herab, all sein Geschlecht hinwegzutun.

Von diesen Sprüchen so belehrt des Loxias,

Stieß er mich von sich, schloß des Vaterhauses Tor

Mir Zögernden zögernd; doch es zwang allmächtig ja

Ihn wider Willen Zeus’ Gebot zu solchem Tun.

Und alsobald war Leib und Seele mir verkehrt;

Die Stirn, ihr seht es, stiergehörnt, endlos gequält

Vom Stich der Bremse, irren Sprungs, wahnsinnverwirrt,

So floh ich rastlos gen Kechreias klarem Quell,

Zum Hügel Lerna. Und ein Riesenhirte kam,

Der erdgeborne, wilde Argos hinter mir,

Zahllosen Auges spähend, hütend meine Spur;

Doch unerwartet, eines schnellen Todes Raub

Sank hin der Leib des Riesen. Wahnsinnaufgepeitscht

Jagt nun der Göttin Geißel mich von Land zu Land. –

Du hast vernommen, wie’s geschehn; doch so du weißt,

Was mein noch wartet, sag es mir, versüße nicht

Mitleidig mir mit falschem Wort, was doch mich trifft.

Denn kluggewandte Worte sind das schlimmste Gift.

CHOR.

O laß! o laß! halt ein! wehe!

Nimmer, nimmer drang, so ins Ohr mir drang

Noch nie fremdes Klagewort,

Nie mir so unerträgliche, so unsägliche

Marter und Qualen und Angst mit zweischneidger Wunde

Eiskalt ins tiefste Herz!

Weh, Moira, Moira!

Ein Graun faßt mich, Ios Qual zu schauen!

PROMETHEUS.

Du klagst im voraus, dich erfüllt Bekümmernis;

Halt ein, bis du vernommen, was noch übrig ist.

CHOR.

Sprich, sag ihr alles; allen Kranken ist es Trost,

Was übrig noch des Leides, klar vorauszusehn.

PROMETHEUS.

Was ihr vorher euch wünschtet, habt ihr leicht von mir

Erreicht; denn hören wolltet ihr zunächst sie selbst

Von ihrer Trübsal sprechen, ihrer Seele Gram.

Nun aber höret, welche Leiden weiter noch

Das arme Mägdlein dulden muß von Heras Zorn;

Du aber, Kind des Inachos, schließ treu ins Herz

Mein Wort, damit du wissest deines Weges Ziel.

Zuerst von hier aus mußt du wenden deinen Fuß

Gen Sonnenaufgang, über ungepflügt Gefild.

Du kommst zu Skythenhorden, die in geflochtenen

Korbhütten wohnen hoch auf Rädern, wagengleich,

Ferntreffende Bogen ihren Schultern umgehängt;

Nicht nah dich ihnen, sondern scheu den Fuß gewandt

Zum meerumrauschten Klippenstrand, durcheil ihr Land.

Landein zur Linken wohnen dann die Chalyber,

Die Eisenschmiede; hüte dich vor ihnen, sie

Sind wild und roh; kein Fremdling kehrt zu ihnen ein.

Und weiter kommst du an des Hybristes wilde Flut;

Geh nicht hinüber, denn er bietet keine Furt,

Bevor du Kaukasus’ höchsten Gipfel siehst und dort

Ankommst, wo brausend aus des Felsens dunkler Schlucht

Der Strom hervorstürzt. Diese sterngenahten Höhn

Dann überschreitend, mußt du mittagswärts den Weg

Hinuntersteigen, wo du der Amazonen Volk,

Die männerfeindlichen, triffst, die Themiskyra einst

Bewohnen werden beim Thermodon, wo im Meer

Die salmydessische Klippenbai die Schiffenden

Ungastlich aufnimmt, allem Schiff stiefmütterlich;

Sie werden selbst dir freundlich zeigen deinen Weg;

Zum kimmrischen Isthmos dicht am engen Tor des Sees

Gelangst du so; getrosten Mutes mögest du

Den Ort verlassen, durch Maiotis’ Sund zu gehn;

Dort soll den Menschen großes Zeugnis immerdar

Von deiner Wandrung bleiben, Bosporos der Sund

Nach dir genannt sein. Scheidend aus Europas Flur,

Kommst du zum Festland Asia. – Wahrlich, scheinet euch

Nicht aller Orten dieser Fürst der Götter gleich

Grausam? Denn weil, ein Gott, er diese Sterbliche

Umarmen wollte, gab er solcher Qual sie preis.

Dir, armes Mädchen, ward ein arger Bräutigam;

Denn sieh, die Kunde, welche du bis jetzt gehört,

Mag kaum ein Vorspiel dir erscheinen deines Grams.

IO.

Weh mir! weh mir!

PROMETHEUS.

Du jammerst laut und weinest! Was gar wirst du tun,

Wenn du die andern Leiden alle noch erfährst!

CHOR.

So willst du mehr noch kund ihr tun von ihrem Leid?

PROMETHEUS.

Ein sturmgepeitschtes, ödes Meer graunhafter Qual!

IO.

Was soll das Dasein mir noch? Warum stürz ich nicht

Mich schnell von diesem jähen Felsgeländ hinab,

Daß ich zerschmettert drunten los sei aller Qual?

Denn besser wäre so mit einemmal der Tod,

Als aller Tage dulden meine Qual und Not!

PROMETHEUS.

Dir müßte trostlos mein Geschick zu tragen sein,

Dem auch der Tod nicht vom Verhängnis ward gegönnt;

Es wäre das doch noch Erlösung meiner Qual;

Nun aber tagt kein Ende mir zu keiner Zeit,

Es stürze Zeus denn selbst hinab von seinem Thron.

IO.

Geschieht es je? Sprich, stürzet Zeus von seinen Höhn?

PROMETHEUS.

Froh, glaub ich, wärst du, sähst du selbst einst seinen Sturz!

IO.

Wie könnt ich anders, ich, die von Zeus Verstoßene?

PROMETHEUS.

Daß dies in Wahrheit so geschehen wird, glaub es mir.

IO.

Wer wird der Herrschaft Zepter ihm entreißen, sprich?

PROMETHEUS.

Er selbst sich selbst durch seines Rats Leichtsinnigkeit.

IO.

Auf welche Weise? Sag es mir, wenn du es kannst!

PROMETHEUS.

Ein Ehebündnis schließt er, das ihn wird gereun.

IO.

Mit einer Göttin, einem Weib? Sprich, so du kannst!

PROMETHEUS.

Was fragst du? Noch darf’s nicht geoffenbaret sein!

IO.

Und ist’s die Gattin, die ihn vom Throne stürzen wird?

PROMETHEUS.

Sie zeugt ein Knäblein, mächtiger als der Vater selbst.

IO.

Wird keine Rettung ihm vor diesem Lose sein?

PROMETHEUS.

Nein, keine, ich sei meiner Banden denn erlöst!

IO.

Wer aber wird dich lösen wider Zeus’ Gebot?

PROMETHEUS.

Von deinem Schoß wird stammen, der es enden muß.

IO.

Wie sagst du, mein Kind wird dich deiner Qual befrein?

PROMETHEUS.

Dein Enkel nach zehn Gliedern selbst das dritte Glied.

IO.

Noch wird mir nicht verständlich, was du prophezeist.

PROMETHEUS.

Auch forsche nun nicht weiter deinem Leide nach.

IO.

Was du dem Wunsche botest, nimm es nicht zurück!

PROMETHEUS.

Zwiefacher Kunde sei denn eine dir gewährt.

IO.

Sag an die beiden und vergönne mir die Wahl.

PROMETHEUS.

So sei es; wähle, ob ich dir dein ferneres Leid

Soll offenbaren oder, wer mich lösen wird.

IO.

Das eine wolle diesen, mir das andere

Gewähren, nicht mißgönne deines Wortes uns!

CHOR.

So sage dieser ihrer Irrsal weitren Weg,

Mir aber, wer dich rette; danach sehn ich mich.

PROMETHEUS.

Da ihr es wünschet, will ich nicht entgegen sein,

Zu offenbaren alles, was ihr gern vernehmt.

Erst dir denn, Io, deinen vielverwirrten Weg,

Und zeichne treu ihn auf im Täflein deines Sinns.

Sobald der zwei Festlande Grenzstrom hinter dir,

Zum morgenflammenden, sonnenbahnumkreisten Ost

(Geh deines Weges weiter durch der Phryger Land,

Durchs Tal von Teutras, über Lydiens Wiesenaun,

Zur waldumkränzten Bergeshöh Kilikias.

Zwei Ströme gießen ihre Wasser dort hinab

In Aphrodites weizenreiche Niederung;

An ihren Ufern geh entlang. Dann hüte dich,

Daß dich der Hundeköpfigen, der Einaugigen,

Der Brustbeaugten grinsend Volk nicht schrecken mag.)

Dann fern und ferner unermüdet deines Wegs,

Durchschreit des kühlen Meeres Brandung, bis du kommst

Zu den gorgoneischen Feldern von Kisthene, wo

Die drei Phorkiden wohnen, schwangestaltige

Vergreiste Jungfraun, angetan mit einem Aug

Und einem Zahne, die des Helios Strahlenblick

Niemals erreicht hat noch des Mondes nächtig Aug;

Drauf ihre Schwestern, jene drei geflügelten

Gorgonen, schlangenhaarig, menschenhaßgetränkt,

Vor deren Anblick jedem stirbt des Lebens Hauch.

Dies hab ich so dir ausgeführt zum eignen Heil;

Doch höre weiter deine traurige Pilgerschaft.

Sei wohl vor Zeus’ scharfzahnigen, stummen Hunden dann,

Den Greifen, achtsam und dem roßgewandten Volk

Einäugiger Arimaspen, welche weithinaus

Am stillen Goldstrom hausen bei Plutons Gestad;

Vermeide sie. Drauf wirst du fern im fernsten Land

Zu einem schwarzen Volke kommen, das am Quell

Der Sonne wohnet, längs dem Aithiopenstrom;

An seinen Ufern schreite fort, bis daß du nahst

Dem Felsendurchbruch, wo von Byblos’ Bergen her

Der Nil hinabgießt seines Stromes fruchtbare Flut;

Der wird den Weg dir weisen ins dreieckte Land

Neilotis, wo ein neues Heimatland du fern,

Io, für dich und deine Kinder finden wirst. –

Scheint schwankend dir, schwer aufzufinden irgend was,

So wiederhol mir’s und vernimm es deutlicher;

Denn reichre Muße hab ich, als ich wünschen mag!

CHOR.

Wenn du ihr weitres, oder was du noch verschwiegst,

Von ihrer mühsalreichen Fahrt zu sagen hast,

So sag’s; doch hast du alles angeführt, so tu

Auch uns nach unsrer Bitte und vergiß es nicht!

PROMETHEUS.

All ihrer Irrsal Ende hat sie nun gehört;

Doch daß sie sehn mag, wie sie mich nicht nutzlos gehört,

So will ich sagen, was sie, eh sie hergelangt,

Ertrug, um Zeugnis so zu stellen meinem Wort;

Doch laß ich jener Kunde größren Teil hinweg

Und wende mich zum Ziele deines Schweifens selbst.

Denn als du ankamst auf Molossas Ebene

Und bei Dodonas rückensteilem Bergeshang,

Wo Zeus Thesprotos’ Tempel und Orakelort

Und der redenden Eichen vielbestauntes Wunder ist,

Von denen deutlich, alles Rätsels unverhüllt,

Du selbst begrüßet wurdest, Zeus’ vielselge Braut

Dereinst zu werden – lächelst du? du freuest dich? –,

Damals, von Wahnsinn aufgestachelt, flohst du wild

Den Weg am Strand hin bis zu Rheas weiter Bucht,

Von der hinweg du stürmtest rückgewandten Laufs.

In aller Zukunft wird der Busen dieses Meers

Geheißen sein der Ionische – merkt es euch genau –

Zu deiner Fahrt Gedächtnis bei den Sterblichen.

Das sei ein Zeichen meines Sehergeistes dir,

Daß ich zu sehn mehr als das Offenbare weiß. –

Vom weitern hört jetzt beide, du und ihr, Bescheid,

Einbiegend so zu meines Wortes ernstem Gleis,

‘s ist eine Stadt Kanobos fern am Uferland,

Dicht bei des Niles Mündung und erhöhtem Deich,

Dort gibt dir Zeus des Geistes ganze Kraft zurück,

Berührend dich, liebkosend dich mit linder Hand;

Dort wirst du den schwarzen Epaphos gebären, der,

Nach Zeus’ geheimer Kraft genannt, die ihn gezeugt,

Soweit der flurentränkende Nil fließt, ernten wird.

Nach ihm das fünfte, fünfzigkinderblühende

Geschlecht, es wird ungern gen Argos fliehn zu See,

Die fünfzig Jungfraun, vor der Blutverwandten Eh

Der Vettern flüchtig, die, von Liebesglut entflammt,

Gleich Falken wild nachsetzen der Tauben scheuem Flug

Und dieser Hochzeit böse Jagd sich selbst zum Gram

Erjagen; ihres Leibes hütet sie ein Gott.

Aufnimmt sie Pelasgia, wenn die nachtverstohlne List

Des mädchenkühnen Kampfes überwunden hat;

Denn jede bringt ums Leben ihren Bräutigam,

Im heißen Blute kühlend ihr zweischneidig Schwert.

So möge Kypris meinen Feinden blutig nahn!

Indes der Jungfraun eine rührt der Liebe Pfeil,

Den Schlaf des Lieblings nicht zu morden; gramerweicht

Läßt sie’s und wählt von zweien Wegen dies Vergehn,

Ehr schwach genannt zu werden als blutschuldbefleckt.

Sie ist’s, die Argos’ Königsstamm gebären wird;

Viel Worte würd es brauchen, klar dies darzutun;

Doch diesem Stamm entsprießen wird ein kühner Held,

Der Held des Bogens, der mich selbst aus dieser Qual

Wird retten; meine urgeborne Mutter hat,

Titanis Themis, dies Orakel mir gesagt;

Doch wie und wo zu sagen brauchte lange Zeit

Und wäre doch nicht, wenn du’s wüßtest, dir zunutz.

IO.

Eleleu! Eleleu!

Wie mich wieder der Krampf, des zerrütteten Sinns

Wahnwitz mich durchzuckt! Wie die Bremse mich sticht

Mit dem Stachel der Glut!

Es zersprengt mein Herz in Entsetzen die Brust,

Und im Kreis schweift wild der verwilderte Blick!

Von der Bahn mich hinweg reißt taumelgepeitscht,

Ohnmächtig des Worts, mich des Wahnsinns Sturm!

Mein wildes Geschrei, es verhallt mir umsonst

In des Unheils tosender Brandung! –

Io ab.

Erste Strophe

CHOR.

Weise, ja weise genannt

Sei, wer zuerst sich dies in Gedanken ersann und lehrenden Worten es aussprach,

Daß die Brautwahl passend dem eigenen Stamm den Preis verdient.

Nie mag des Reichtums üppig verweichlichender,

Nie des Adels ahnenverherrlichender

Ehe nachgehn, wer um Lohn arbeiten muß!

Erste Gegenstrophe

Nimmer, ja nimmer gescheh’s,

Daß ihr, o Moiren, mich in dem Lager des Zeus je säht zur Genossin erkoren;

Nahe niemals einer der Himmlischen mir als Bräutigam!

Mich graust’s, der scheuen, bräutigamflüchtigen Braut,

Ios hochzeitwelkende Jugend zu schaun,

Ihrer Irrsal arge Qual durch Heras Haß!

Epode

Doch ich, wenn ich in ruhiger, glücklicher Ehe bin, fürchte mich nicht;

Nimmer mög in Liebe mich der hohen Götter unentfliehbar Auge sehn;

Denn das ist ein Kampf, zu bekämpfen, zu leiden, zu meiden nie!

Weiß ich dann, was mir geschähe?

Wie ich Zeus’ Gericht entfliehn könnte, nimmer weiß ich’s! –

PROMETHEUS.

Zeus selbst erscheint noch trotz des stolzen Eigensinns

Einst tief erniedrigt; also knüpft er selbst zum Netz

Sein Ehebündnis, welches ihn aus seiner Macht,

Von seinem Thron ihn tief hinabstürzt. Dann erfüllt

Alloffenbar sich seines Vaters Kronos Fluch,

Den, seines ewgen Throns entstürzend, der geflucht.

Wie dieses Unheil abzuwenden, das vermag

Der Götter niemand ihm zu sagen außer mir.

Ich aber weiß es, weiß den Spruch; drum mag er jetzt

Krafttrotzend thronen, seines luftgen Donners stolz,

Vom Flammenpfeil des Blitzes hell die Hand umsprüht;

Denn alles das wird nichts ihm helfen, nicht hinab-

Zustürzen schmachvoll unerträglich bittren Fall!

Und solchen Gegner rüstet er und wappnet er

Sich selbst, ein allunüberwindbar Wunder einst,

Der heißre Flammen als den Blitzstrahl finden wird

Und lautre Stimme, daß des Donners Macht verstummt,

Der aller Meer und Lande allerschütternden

Trident, Poseidons Zepter, gar zerschmettern wird!

Kommt dies Verhängnis über ihn, dann sieht er ein,

Wie gar verschieden Herrschen und Erliegen sei’n.

CHOR.

Schon lange dräust du, was du gern sähst, gegen Zeus!

PROMETHEUS.

Was einst erfüllt wird, was ich sehr ihm wünsche, war’s!

CHOR.

Und darf sich jemand träumen, Zeus zu bewältigen?

PROMETHEUS.

Furchtbarer Unheil muß er leiden noch denn dies!

CHOR.

Und bist du bang nicht, auszusprechen dieses Wort?

PROMETHEUS.

Was sollt ich fürchten, dem zu sterben nicht verhängt?

CHOR.

Den er vielleicht qualvollre Qual noch dulden heißt.

PROMETHEUS.

So mag er; alles seh ich und erwart ich dreist.

CHOR.

Vor Adrasteia beugt sich stumm des Weisen Geist!

PROMETHEUS.

Bet an, verstumme, beuge dich den Herrschenden,

Mich aber kümmert minder dieser Zeus denn nichts!

Er schalt’ und walte diese kleine Spanne Zeit,

Wie’s ihm gefällt; lang bleibt er nicht der Götter Herr! –

Doch seh ich dorther seinen raschen Läufer schon,

Des neuen Königs neuen Boten eilig nahn;

Gar neue Dinge kommt er wohl uns kundzutun! –

Durch die Luft kommt Hermes daher mit dem Heroldstab und Flügelschuhen.

HERMES.

Dir, Ränkespinner, allen allunleidlichster,

Der du an den Göttern für der Tagesmenschen Heil

Gefrevelt, frecher Feuerdieb, dir sag ich dies:

Der Vater heißt dich, was du prahlst von einstger Eh,

Und wer vom Thron ihn stürzen würde, kundzutun;

Das alles sollst du sonder Rätsel und Betrug

Bestimmt und einfach sagen. Nicht zwiefachen Weg

Laß mich, Prometheus, machen; denn das siehst du wohl,

Zeus wirst du damit nimmermehr besänftigen!

PROMETHEUS.

Vornehm und prunkvoll, stolzen Mutes strotzend, lärmt

Dein Wort, wie freilich dir, dem Götterbuben, ziemt!

Neu herrschet ihr Neulinge und gedenket schon

Gramlos in goldner Burg zu schwelgen! Hab denn ich

Nicht dort hinab schon zween Herrscher stürzen sehn?

An diesem dritten, deinem Herrn, seh ich es bald

Geschehn, am schnellsten, schmählichsten – oder wähnest du,

Den neuen Göttern zittert ich und beugt ich mich?

Dran fehlet viel und alles! Du nun aber magst

Desselben Weges, den du kamst, heimeilen; denn

Von jenem allen, was du fragst, erfährst du nichts!

HERMES.

Du weißt, mit diesem Eigensinn hast du dich einst

In diesen Port gelotset deiner bittren Qual!

PROMETHEUS.

Mit deinem Frondienst möcht ich dies mein Jammerlos,

Daß du es weißest, nimmermehr vertauschen; nein,

Mir ist es süßer, diesem Fels fronbar zu sein

Denn so dem Vater Zeus ein Bote treu und fein!

So muß getrotzt sein gegen euch Alltrotzende!

HERMES.

Behaglich scheint es dir in deinem Los zu sein!

PROMETHEUS.

Behaglich? So behaglich möcht ich allzumal

All meine Feinde sehn! Du selbst gehörst dazu!

HERMES.

So wirfst du mir auch Schuld an deinem Leide vor?

PROMETHEUS.

Mit einem Wort, ganz haß ich all und jeden Gott,

So viele froh selbst wider Recht so bös mir tun!

HERMES.

Wohl seh ich, wie du an schwerer Geistzerrüttung krankst.

PROMETHEUS.

Ja, krank, wenn Krankheit seine Feinde hassen heißt!

HERMES.

Du wärest nicht zu ertragen, wenn’s dir wohl erging’!

PROMETHEUS.

Ach!

HERMES.

Diesen Laut hat Zeus von dir sonst nicht gekannt!

PROMETHEUS.

Die Zeit, sie lernt und lehret alternd alles Ding!

HERMES.

Du aber hast noch nicht verständig sein gelernt!

PROMETHEUS.

Sonst hätt ich dir, dem Götterknecht, kein Wort gegönnt!

HERMES.

Es scheint, du willst nicht sagen, was dir Zeus gebeut?

PROMETHEUS.

Wohl gar ein Schuldner soll ich vergelten seine Lieb?

HERMES.

Als wär ich ein Kind, so höhnst du mein mit deinem Spott!

PROMETHEUS.

Und bist du ein Kind nicht, und beschränkter als ein Kind,

Dir einzubilden, daß von mir du’s hören wirst?

‘s ist keine Marter, keine List, mit der mich Zeus

Bewegen könnte, das zu offenbaren ihm,

Es sei zuvor denn dieser Fesseln Schmach gelöst!

Darum so fahre nieder sein blitzzuckender Strahl,

Im weißgeflügelten Schneegestöber, im donnernden

Erdbeben schwindle, stürze das All rings wild gemischt,

Er soll mich doch nicht beugen, je ihm kundzutun,

Wer ihn hinab einst stürzt von seinem Königtum!

HERMES.

Bedenk, ob dies dir je zum Heil gereichen kann!

PROMETHEUS.

Längst schon bedacht und festbeschlossen hab ich so!

HERMES.

So wag es, Unglückselger, wag es endlich doch,

Des eignen Elends Fülle ganz zu überschaun!

PROMETHEUS.

Du machst mir Ekel mit der Worte leerem Schwall!

Das komme niemals dir in den Sinn, daß ich in Angst

Um Zeus’ Belieben weibisch feig gebärden mich,

Anflehen könnte jenen Allhaßwürdigen

Mit weiberhaftem, armemporgehobnem Flehn,

Zu befrein mich dieser Banden! Nun und nimmermehr!

HERMES.

Zu sprechen schein ich viel vergeblich und umsonst;

Denn dich besänftigt, denn dich rühret nimmermehr

Mein Flehn; den Zügel gleich dem junggezäumten Roß

Zerknirschend, reißend bäumst du wild dich noch im Joch.

Und doch – mit der Ohnmacht Stolz berühmst, betäubst du dich!

Denn Eigensinn kann ohn Verständigkeit und Maß

Für sich allein niemandes Meister sein im Streit.

Bedenke, wenn du meinen Worten nicht gehorchst,

Welch ein Orkan dich, welcher Qualen Brandung dich

Fluchtlos zerschmettert. Denn es wird dies Felsgeklüft

Mit seinen Donnern, mit des Wetterstrahles Keil

Des Vaters Zorn zerreißen, deinen eignen Leib

Versenken, rings umschlossen von des Gesteines Arm.

Wenn dann der Zeiten weites Maß vollendet ist,

So kommst du aufwärts an das Licht; es wird dir dann

Zeus’ flügelwilder, mächtger Aar in heißer Gier

Zerfleischen deines Leibes großes Trümmerfeld,

Wird Gast dir ungeladen, Gast den langen Tag,

Ausweiden deiner schwarzbenagten Leber Rest.

Und dieser Mühsal Heil erwart dir nimmermehr,

Es erscheine dir als deiner Qual Vertreter denn

Ein Gott, bereit, hinabzusteigen in die Nacht

Des Hades, ins grabdunkle Reich des Tartaros!

Demnach bedenk dich; denn erdichtet keineswegs

Ist diese Drohung, sondern nur zu ernst gemeint.

Denn Lügen reden, das versteht Zeus’ heilger Mund

Nicht, sondern all sein Wort erfüllt er; aber du

Betracht es, überleg es dir und halte nicht

Den Eigensinn mehr besser als Besonnenheit! –

CHOR.

Uns scheinet Hermes wahrlich kein unzeitig Wort

Zu sagen; denn er riet dir an, den Eigensinn

Zu lassen, dich zu wenden zur Besonnenheit;

Folg ihm, denn unrecht handeln ist den Weisen Schmach.

PROMETHEUS.

Was zuvor ich bereits längst wußte, das tatst

Du als Bote mir kund! Von dem Feinde der Feind

Solch Leid zu empfahn, das entehrt niemals!

So fahr auf mich zweischneidig des Zorns

Haarsträubender Blitz denn herab, und die Luft,

Sie zerreiße vom Krachen des Donners, vom Krampf

Des empörten Orkans, und die Erde zerwühl

In den Tiefen, empor von den Wurzeln, der Sturm;

Es vermische gepeitscht in verwilderter Wut

Sich die heulende See mit der schweigenden Bahn

Der Gestirne; hinab in die ewige Nacht,

In den Tartaros stürze zerschmettert der Leib

Mit des Schicksals reißendem Strudel hinab –

Doch töten kann er mich nimmer!

HERMES.

Wie der Geist, wie das Wort sich verkehrt, wenn ein Wahn

Die Gedanken verstört, das zeiget sich hier.

Was bleibet ihm fremd denn des Wahnsinns noch?

Und trifft es ihn jetzt, wie vergäß er der Wut?

Doch ihr, die ihr tief sein qualvoll Los

Mitfühlt und beweint, geht, Mädchen, hinweg

Aus diesem Bereich, flieht ferne, damit

Das Bewußtsein euch nicht schwinde, betäubt

Vom unendlichen Krachen des Donners!

CHORFÜHRERIN.

Find besseren Rat und ermahne mich so,

Wie ich folgen dir kann; denn es ist in der Tat

Unerträglich der Rat, der verführen mich soll!

Wie gebietest du mir, mich der Schande zu weihn?

Nein, dulden mit ihm will ich sein Los;

Denn ich habe Verräter zu hassen gelernt,

Und ich weiß kein Gift,

Mir mehr denn dieses verächtlich!

HERMES.

Wohl denn; was ich jetzt euch sage, bedenkt!

Wenn der lärmenden Jagd ihr des Jammers erliegt,

Klagt euer Geschick nicht an, sagt nie,

Euch habe so Zeus unerwartet hinab

Ins Verderben gestürzt; denn wissentlich seid,

Nicht eilig verlockt, nicht heimlich umgarnt,

Ins unendliche Netz des Verhängnisses jetzt

Ihr verstrickt durch eure Verblendung! –

Hermes ab; mächtiges Tosen in der Luft; Erdbeben.

PROMETHEUS.

Schon wird es zur Tat, kein nichtiges Wort!

Es erbebet die Erd,

Und es zuckt und es zischt wild, Blitz auf Blitz,

Sein Flammengeschoß, aufwirbeln den Staub

Windstöße; daher rast allseits Sturm,

Wie im Taumel gejagt; ineinander gestürzt

Mit des Aufruhrs Wut, mit Orkanes Geheul,

Ineinander gepeitscht, stürzt Himmel und Meer! –

Und solch ein Gericht, es umtost, es umschlingt

Mich, von Zeus mir gesandt, mich zu schrecken mit Graun! –

O heilige Mutter, o Äther, des all-

Heilspendenden Lichts allheilige Bahn,

Seht, welch Unrecht ich erdulde! –

Prometheus’ Felsen verschlingt ein Abgrund.