Monthly Archives: Januar 2012

Vincenzo Bellini – Die Puritaner

Vincenzo Bellini

Die Puritaner

Romantische Oper in drei Akten

Personen

Lord Valton, General-Gouverneur, Puritaner

Sir Georg, sein Bruder, Obrist, vom Dienst zurückgezogen, Puritaner

Lord Arthur Talbot, von Stuart’s Partei

Sir Richard Forth, Obrist, Puritaner

Sir Bruno Roberton, Offizier, Puritaner

Henriette v. Frankreich, Wittwe von Carl I.

Elvire, Tochter des Lord Valton

Soldaten Cromwell’s

Herolde und Waffenträger Arthur’s und Valton’s Puritaner. Damen. Pagen. Diener und Dienerinnen des Schlosses.

Die Handlung des ersten Aktes ist in einer Festung, in der Rähe von Plymouth; der zweite und dritte Akt in einer ländlichen Gegend, in der Nähe der Festung.

Erster Akt.

Platz in der Festung.

Erste Scene.

Roberton und Soldaten. Schildwachen

ERSTE SCHILDWACHE.

Seyd wachsam!

ZWEITE SCHILDWACHE.

Seyd wachsam!

ALLE.

Es schwand schon die Nacht!

ERSTE SCHILDWACHE.

Die Trommel –

ZWEITE SCHILDWACHE.

Schallt begrüßend –

ALLE.

Des Tages Pracht! –

CHOR.

Wenn Schlachttrompeten klingen,

Beseelet Muth den Krieger!

Den Lorbeer zu erringen,

Stürmt er zum Sieg hinan.

Schwinget die Schwerdter zum Streiten,

Den Feinden Tod zu bereiten,

Tilget in Feuergluthen

Stuart und seine Brut!

ROBERTON.

O Cromwell’s fromme Söhne,

Erhebt zu Gott das Herz!

Des Morgenliedes Töne

Steigen nun himmelwärts!

CHOR der Puritaner in der Festung.

Laut künden Mond und Sonne

Uns Gottes Allmacht an!

O Herr! lobpreisend nah’n

Wir Deinem Throne!

Der Himmel und die Erde

Erschallt von Deinem Ruhm!

Froh steigt Gesang empor,

Dich hoch zu ehren.

ERSTER SOLDAT.

Sie schweigen.

ZWEITER SOLDAT.

Zu End’ –

ALLE.

Ist das Gebet!

ROBERTON.

Der Reinen Lobgesang

Der sich zum Himmel schwang,

Ist nun verhallt.

Zweite Scene.

Die Vorigen. Diener und Dienerinnen des Schlosses.

ERSTER.

Zum Feste!

ZWEITER.

Zum Feste!

ALLE.

Zum Feste!

Die Freude belebe

Heut jedes Herz!

Es winken Lust und Scherz!

CHOR.

Kein Jüngling kann den Blicken

Elvirens widerstehen!

Er weilet mit Entzücken,

Die Holde anzusehen.

In reiner Unschuld Blüthe

Schmückt Reiz und Seelengüte

Den engelgleichen Blick –

Der Schöpfung Meisterstück!

EINIGE.

Zum Feste!

ANDERE.

Zum Feste!

ALLE.

Zum Feste!

Freut Euch Elvirens Wonne!

Auf, singe mit heiterm Blick,

Die Liebe führt zum Glück!

Alle ab. Roberton bleibt.

Dritte Scene.

Roberton. Richard.

RICHARD.

Wohin soll ich entflieh’n? Wie soll ich bergen

Der Seele herbes Leiden? Die Jubeltöne –

Durchbeben die Brust mit Höllenqualen!

Elvire! Elvire! Dir soll ich entsagen –

Auf ewig von Dir mich trennen!

Wie kann ich ohne Dich das Leben tragen?

Mein Dasein ist zerstört, wem sollt’ ich es weih’n

ROBERTON tritt vor.

Dem Vaterlande! –

RICHARD.

Was hör’ ich! Du fühlst mit mir Erbarmen?

ROBERTON.

Oeffne Dein Herz dem Freunde –

Du findest Trost in seinen Armen.

RICHARD.

Vergebens!

Ach, auf ewig muß ich entsagen

Meiner Liebe Blüthentagen,

Und ein Leben sollt’ ich tragen,

Das nur Qual und Schmerz mir beut?

Statt ersehnter Liebe Freuden,

Naht mir drohend banges Leiden,

Hoffnungslos muß ich verzagen –

Ach, Verzweiflung ist mein Loos!

Trost nur beut für herbes Scheiden

Mir der Erde dunkler Schvoß.

Eine Abtheilung Soldaten marschirt über die Bühne.

ROBERTON.

Auf! zieh’ Deinen Kriegern

Als Führer voran!

RICHARD.

Mit schloß sich auf ewig

Die ruhmvolle Bahn!

ROBERTON.

Ha, glühe nicht für Ehre

Und Vaterland Dein Herz?

RICHARD.

Mir glühet im Busen

Nur Rache, Wuth und Schmerz!

ROBERTON.

Entsage der Rache,

Zu Thaten erwache,

Wo Ehre Dir winkt!

RICHARD.

Ihr seligen Träume

Von Frieden und Wonne –

Ihr starbet im Keime,

Dahin ist mein Glück!

Gelähmt sind die Schwingen,

Umsonst ist mein Streben,

Nicht Thaten erringen,

Was mir das Schicksal raubt.

Ab.

Vierte Scene.

Zimmer der Elvire.

Elvire. Georg.

ELVIRE.

Mein theurer Oheim! O Du, mein zweiter Vater!

GEORG.

Was beweget Dein Herz? O sprich, Elvire!

ELVIRE.

Ach, nenne Tochter mich!

GEORG.

Ja – Tochter – der Name

Sei meines Alters Freude. Die heil’gen Rechte,

Die er verleihet, will ich erfüllen.

Wie sehr Dein Glück mir theuer, wird bald sich Dir enthüllen.

Mit hoher Wonne wird der Tag Dich krönen –

Dem Vater-Auge entlockt er Freudenthränen.

Ja, Dich geliebte Tochter,

Seh ich heut’ noch als Gattin.

ELVIRE.

Gattin! – Nein! Nimmermehr! –

Ach, Du kennst die sanften Triebe,

Kennst des Herzens heil’ge Flammen.

Schuldlos nährt’ ich die reine Liebe,

Ihr wollt’ ich mein Dasein weih’n.

Willst Du so Dein Kind verdammen,

Schleppst Du mich zum Traualtare,

Schmückt der Brautkranz meine Haare

Nur im Tode dann allein.

GEORG.

O verbanne den Gedanken!

ELVIRE.

Meine Treue kann nicht wanken!

GEORG.

Kündet Ahnung nicht Deinem Herzen,

Welchen Gatten ich Dir erwählt?

ELVIRE.

Gott! o rede! nenne ihn!

GEORG.

Ja, bald nah’t er –

ELVIRE.

Himmel! – Wer?

GEORG.

Dein Arthur!

ELVIRE.

Ist es Wahrheit?

GEORG.

Ja, ja ich schwöre!

ELVIRE UND GEORG.

Ist es Wahrheit –?

Ach, Arthur – welch Glück!

Es ist Wahrheit –

Dir lächelt das Glück!

GEORG.

Fließt am treuen Vaterherzen

Sanfte Thränen reiner Wonne,

Deines neuen Glückes Sonne

Leuchtet strahlend durch die Nacht.

Spende Segen, o Gott der Gnade,

Nimmer wanke vom Tugendpfade,

Die Dein Auge treu bewacht,

Güt’ger Gott, durch Deine Macht!

ELVIRE.

Ach, der Trennung Qual und Schmerzen

Lösen sich in reiner Wonne.

Meines neuen Glückes Sonne

Leuchtet strahlend durch die Nacht.

Wer stimmte für mein Glück,

Des Vaters Herz?

GEORG.

O höre!

Es deckte Erd’ und Himmel

Die Nacht mit ihrem Schleier –

Da blickt’ in stiller Feier

Ich auf zur Sternenbahn.

In dieser hehren Stunde

Gedacht ich Deiner Thränen

Ich kannte Deines Busens heißes Sehnen –

Voll Mitleid eilt’ ich zum Vater dann.

ELVIRE.

O edelmüth’ger Mann!

GEORG.

Rasch trat ich ein – mit Rührung

Ergriff ich seine Hand –

Benetzte sie mit Zähren –

Der Bruderliebe Band

Bewog ihn, mich zu hören:

»Für Arthur nährt Elvire

Im Herzen reine Triebe –

Verdammst Du ihre Liebe –

Sinkt diese Blume in’s frühe Grab.«

ELVIRE.

Dich sendete vom Himmel

Die Gottheit mir herab! –

Doch weiter! –

GEORG.

Nach ernstem Schweigen –

ELVIRE.

O Gott!

GEORG.

Sprach er endlich: »Sir Richard

Hab’ ich mein Wort gegeben,

Ihm wird der Tochter Hand!«

ELVIRE.

Gott! mich fasset Angst und Beben!

Und dann –

GEORG.

Ich wiederholte:

»So sinkt Dein Kind in’s frühe Grab.«

»Sie lebe! ja, sie lebe!«

Rief laut sein Vaterherz!

»O eile, sie zu trösten,

Besänft’ge ihren Schmerz!«

ELVIRE.

Höre! – das Horn erschallet!

GEORG.

Fürchte nichts!

Dieser Ruf gilt den Soldaten.

CHOR.

Heil dem Tapfern! Dem edlen Grafen

Arthur Talbot!

GEORG.

Nun, sprach ich Wahrheit?

ELVIRE.

O theurer Vater!

GEORG.

Fasse Dich!

CHOR.

Bald erreicht er uns’re Mauern!

Laßt mit Ehrfurcht uns ihn empfangen!

GEORG.

Deinem Glück darfst Du vertrauen,

Auf die Hoffnung gläubig bauen!

Dieser Tag gewährt nach Leiden

Deiner Seele Himmelslust!

ELVIRE.

Kaum wag’ ich dem Glück zu vertrauen;

Darf ich gläubig auf Dich bauen

Süße Hoffnung, Trost im Leiden,

Du gewährst mir Himmelslust.

Ab.

CHOR.

Heil dem Tapfern! Dem edlen Grafen

Arthur Talbot! – In Jubel – Chören

Lasset uns den Helden ehren,

Unsers Heeres Stolz und Ruhm!

Ab.

Fünfte Scene.

Gothischer Saal.

Lord Arthur Talbot. Ritter. Pagen. Dann Elvire. Lord Valton. Georg. Damen. Diener und Dienerinnen. Soldaten mit Roberton

CHOR DER MÄNNER.

Heil dem edlen Arthur!

DIE FRAUEN.

Rufet Heil Elviren!

ALLE.

Hoch verehrt Schönheit und Muth!

DIE DAMEN.

Alle Jungfrau’n überstrahlet

Sie durch Anmuth, Reiz und Würde,

Und aus jedem Munde schallet

Ihrer hohen Tugend Lob.

DIE RITTER.

Männlich schön und stark im Streite,

Würdig seines Heldenstammes,

Nennet Jeder ihn mit Freude

Zierde uns’rer Ritterschaft.

ARTHUR.

Heißgeliebte! Die reinsten Flammen

Boten uns bisher nur Qualen;

Aber heut, wo Glück und Wonne strahlen,

Reicht der Gatte Dir die Hand!

Fern, o Theure, sind jene Zeiten,

Die das Herz erfüllt mit Bangen!

Dich darf liebend mein Arm umfangen –

Neidet, Götter, meine Lust und Seligkeit!

ELVIRE.

Ach, mein Arthur!

ARTHUR.

Ach, Elvire!

ELVIRE.

Ich bin Dein!

ARTHUR.

Du bist die Meine!

ALLE.

Segne, Gott, der Liebe Flammen,

Segne ihrer Ehe Band!

Sechste Scene.

Vorige, dann Henriette.

VALTON.

Die heil’ge Handlung vollziehet ohne mich.

Mit diesem Blatt versehen,

Könnt ungehindert Ihr zur Kirche gehen.

Zu Georg.

Du wirst sie hingeleiten,

Ihr, edle Dame,

Sollt vor Englands hohem Parlamente,

Wohin ich Euch begleite, schnell erscheinen.

HENRIETTE.

(Weh’ mir! was hör’ ich?) Wozu berief man mich?

VALTON.

Nur zu gehorchen und zu schweigen,

Heischt Pflicht und streng Gebot.

ARTHUR.

Ist sie von Stuart’s Partei?

GEORG.

Seit vielen Monden

Hält man sie gefangen. Ein Jeder glaubt, daß sie

Der Stuart’s Freundin sei, weil sie verkleidet

Sich dieser Festung nahte.

ARTHUR.

(Güt’ger Himmel

Ihr Geschick ist entschieden, sie ist verloren! –

O Unglücksel’ge!)

HENRIETTE

(Mitleid spricht aus dem Blicke!)

VALTON.

Eilet nun! Zur Feier festlicher Vermählung

Bereitet Euch. Mit dem Brautgèwande

Und dem Kranz im Haar mögt Ihr sie schmücken.

Sorg’, daß im Thale die Rosse uns’rer harren.

Zu schneller Reise verpflichtet mein Befehl.

Mit Gott und meinem Segen

Geht Eurem Glück entgegen!

Siebente Scene.

Henriette, und Arthur

HENRIETTE

(Ja, den edlen Zügen vertrau’ ich!)

O Ritter! –

ARTHUR.

Sprecht! Wenn meines Rathes,

Meiner Hülfe Ihr bedürft, schenkt mir Vertrauen.

HENRIETTE.

Und wenn mein schuldlos Leben

Von Gefahr bedrohet?

ARTHUR.

O redet! laßt mich wissen, was Ihr fürchtet?

HENRIETTE.

Ich sterbe nach wenig Stunden. Doch Ihr erbebet –

ARTHUR.

Für Euch – für mich! –

Fiel nicht mein Vater, der treu dem Königblieb,

Unter dem Henkersbeil? Doch sprecht – wer seid Ihr?

Redet – wer seid Ihr – ich rette Euch!

HENRIETTE.

Unmöglich! –

Heinrich’s Tochter – Carl’s Gemahlin –

Wird das Schicksal der Edlen theilen!

ARTHUR.

Ha! Ihr die Königin!

HENRIETTE.

Ja! – Tod harret meiner!

ARTHUR.

Retten, retten werd’ ich Euch! –

Ihr müßt fliehen aus diesen Mauern –

Ja, ich selbst will Euch geleiten –

Auf geheimen, sichern Wegen –

HENRIETTE.

Ach, nur dem Beil entgegen, –

Ohne Rettung bin ich verloren.

ARTHUR.

Noch ist Hoffnung – ich will Euch retten!

Oder mit Euch sterben.

HENRIETTE.

O laß ab von dem Gedanken!

Liebend harret Dein Elvire.

Könnte Dein Entschluß noch wanken?

Ihr gehörest Du allein.

ARTHUR.

Ach, nicht ihren Namen nenne,

Raube mir nicht meinen Muth.

HENRIETTE.

Ueberlaß mich meinem Unglück,

Daß mein Schicksal sich erfülle.

Meines Lebens Stern sinkt nieder,

Doch Dein Morgenroth geht auf.

ARTHUR.

Bei der Theuren Angedenken

Sinkt dahin mein ganzer Muth.

Rettend Dein Geschick zu lenken,

Opfr’ ich heut’ mein höchstes Gut.

Achte Scene.

Elvire, Georg, die Vorigen.

ELVIRE.

Es nahet die Jungfrau im bräutlichen Kleide,

Gleich einfach, bescheiden, der Lilie im Mai

Die Rosen und Myrten, die lieblich mich kränzen –

Die Perlen, die glänzen, sind Pfänder der Treu.

GEORG, HENRIETTE, ARTHUR.

Hell strahlt im heitern Glanze

Der Unschuld lieblich Bild.

Bezauberndes Wesen,

So reizend und mild.

Seh’ ich die holde Jungfrau.

Geschmückt mit dem Kranz,

Fühlt sich von ihrer Schönheit Glanz

Die Seele hochentzückt.

ELVIRE.

Liebreich wirst Du mich belehren –

HENRIETTE.

Holde, was ist Dein Begehren?

ELVIRE.

Für ihn nur, der mir theuer,

Möchte ich reizend sein.

O schmücke mit dem Schleier

Mein Haupt, ich bitte Dich –

Zur hehren Feier.

HENRIETTE.

Ja, gern schmück’ ich Dich für ihn.

ARTHUR, GEORG.

Das Uebermaaß, die Freue,

Entschuld’ge ihr Vergeh’n;

Wer kann ihr widerstehn,

So reizend und so schön.

ELVIRE.

Doch laß zuerst den Schleier

Auf Deinem Haupt mich seh’n;

Er wird von Deinen Zügen

Die Reize noch erhöh’n.

HENRIETTE.

Du lieblich holdes Wesen,

Gern laß ich es gescheh’n.

ELVIRE.

Es berge der Schleier

Die wallenden Locken,

Zur heiligen Feier

Fein sittsam zu geh’n.

Wer Dich so erblicket,

Vom Schleier geschmücket,

Glaubt die Braut

In Dir zu seh’n.

HENRIETTE.

Zu bergen jedem Blick

Des Busens Angst und Schmerz,

Dient jetzt der Schleier mir.

Du kennst, o Gott, mein Herz,

O wende mein Geschick,

Beschütz’ mein schuldlos Haupt,

Laß mich, o Herr, nicht untergeh’n.

ARTHUR.

Sie steht im Mißgeschick,

Erhaben selbst im Schmerz,

Gleich einer Heil’gen im Schleier hier.

O stärke, Gott, mein Herz,

Zu wenden ihr Geschick.

O nimm mein Leben hin,

Nur sie laß mich gerettet seh’n.

GEORG.

Elviren’s Zauberblick

Besieget jedes Herz,

Und Alle huld’gen ihr

Der schuldlos heit’re Scherz

Erhöhet noch ihr Glück.

Ein Engel scheinet sie,

Gesandt von jenen Himmelshöh’n.

VALTON UND CHOR.

Elvire! Elvire!

Schon nahet die Stunde!

ELVIRE.

Leicht zürnet der Vater,

Hinweg muß ich eilen!

Schnell kehr’ ich zurücke,

Nicht lang’ will ich weilen.

ARTHUR, GEORG, HENRIETTE.

Ach, leicht zürnt der Vater Dir,

Ja, Du mußt jetzt eilen!

Und kehrst Du zurück,

Schmückt der Schleier Dich.

Elvire und Georg ab.

Neunte Scene.

Henriette. Arthur.

HENRIETTE.

Hinweg mit diesem Schleier! –

Nur die vom Schicksal Beglückte darf ihn tragen;

Mir ziemt er nicht.

ARTHUR.

Halt’ ein!

Ein Zeichen ist’s von Gott! Durch ihn verhüllet,

Kann es gelingen, die Wachen zu täuschen,

Daß für die Braut sie Dich halten.

Folg’ mir! –

HENRIETTE.

Was willst Du wagen?

Zu schrecklich ist das Loos, das Dich bedrohet.

ARTHUR.

Folg’ mir, weile nicht! Dich rett’ ich vom sichern Tode.

Zehnte Scene.

Die Vorigen. Richard.

RICHARD.

Halt’ ein! – Nicht sollst Du ungestraft mir rauben

Das höchste Gut des Lebens;

Nehmen werd’ ich blut’ge Rache,

Zitt’re heut vor meiner Wuth!

ARTHUR.

Ha, Dein Trotz soll hald sich legen,

Ich verlache Deine Wuth;

Muthig tret’ ich Dir entgegen –

Bald strast dieses Schwerdt den Uebermuth! –

HENRIETTE.

Haltet ein! Lebt in Frieden!

Nicht um mich fließ’ Euer Blut!

ARTHUR.

O Gott! was thust Du?

RICHARD.

Ha, die Gefang’ne! –

HENRIETTE.

Ja, ich bin’s!

ARTHUR.

Komm! Dein stolzes Drohen

Mit dem Schwerte nun zu bewähren!

RICHARD.

Nein! – Mit ihr gehst Du von hinnen –

ARTHUR.

Mit ihr?

HENRIETTE.

(Was hörte ich!)

RICHARD.

Unverwehrt sei Euch zu geh’n.

CHOR hinter der Scene.

Zur Kirche eilt! Auf, eilt zum frohen Feste!

ARTHUR.

Laß uns eilen! Schon nahen Leute.

RICHARD.

Schnell entfliehet! Gott schütz’ Euch Beide!

ARTHUR.

Und Du schweigst, bis wir entronnen

Diesen Mauern?

RICHARD.

Ich werde schweigen!

ARTHUR.

Wohlan, so schwöre –

RICHARD.

Ja, ich schwör’ es!

ALLE DREI.

Leb’ wohl!

Arthur und Henriette ab.

Elfte Scene.

Richard. Valton. Roberton. Elvire mit den Damen. Wachen. Puritaner. Diener und Dienerinnen.

RICHARD.

Schon hob die Brücke sich hinter ihnen –

Schon aus den Thoren trug sie ihr Fuß.

CHOR.

Zur Kirche eilt! Auf, zum Feste

ELVIRE.

Wo weilt Arthur?

RICHARD.

O frage nicht!

ELVIRE.

Wo weilt Arthur? Sprich!

RICHARD.

Er ist entfloh’n!

ELVIRE, RICHARD, GEORG.

Schon fern bei jenen Hütten

Eilt er mit raschen Schritten

CHOR.

Ja, mit raschen Schritten

Nah’t er jenen Höhen!

Ha, seht die Gefang’ne

Zur Seite ihm gehen.

VALTON.

Soldaten, auf, eilet!

Laßt den Donner der Geschütze

Die Lüfte durchhallen!

Schnell rächend, gleich dem Blitze,

Die Schwerdter auf sie fallen!

Ja, rächet den Verrath!

CHOR.

Ha, rächet die Frevelthat!

Ergreifet die Waffen!

Ha, zittert, Verräther!

Die Rache naht!

ELVIRE.

In Arthur’s Geleite? Gehüllt in meinen Schleier

Geht sie an seiner Seite und theure Gattin nennt er sie!

Elvire heißt die Dame – nicht ich bin mehr Elvire!

ALLE.

Elvire, was sagst Du?

ELVIRE.

Ich Elvire? Nein! Nein!

CHOR.

Die Arme ist starr und bleich,

Dem Marmorbilde gleich.

Im Wahnsinn redet sie;

Bedroht ist offenbar

Ihr Leben mit Gefahr!

ELVIRE.

Ach, Arthur! Wie, Du kehr’st zu mir zurück?

Liebe lächelt in Deinem Blick;

Ach, Arthur, folge mir zum Altare,

Ja, ew’ge Treu werd’ ich Dir schwören.

In reiner Weihe schlägt Dir mein Herz –

CHOR.

Ach, am Altare glaubt sie zu stehen,

Noch immer liebt sie den Verräther,

Der ohne Mitleid sie heut verlassen.

Sie wird ihm lieben im Tode noch.

GEORG, RICHARD, CHOR.

O mild’re, Himmel, der Armen Leiden,

Du wirst die Thränen der Unschuld rächen

Besänftige ihres Busens Schmerz,

O Gott, bestrafe die Frevelthat!

ELVIRE.

Treu schlägt für Dich mein Herz! O Gott –

Du entfliehest –

Willst grausam Du verlassen, die ewig Dich liebt?

CHOR.

Ach; wehe der Armen!

Von Wahnsinn befangen, erliegt sie dem Schmerz,

In Schönheitblüthe, voll Anmuth und Güte,

Fluch jener Stunde, wo die Verbrecher entfloh’n!

ELVIRE.

Der Hölle Gluthen gähren im Busen!

Ach, die Flamme wird mich verzehren!

In Nebel entfalten sich Schreckensgestalten –

Ihr Blick, der mir droht, verheißet mir Tod.

CHOR.

Fluch sei der Stunde, wo Beide entfloh’n!

Durch Wälder und Schluchten, von Menschen verlassen,

Ein Abscheu dem Himmel, soll Reue euch fassen.

So irrt, ihr Verfluchten, von Stürmen umgeben,

Verstoßen durchs Leben, oh’n Obdach und Ruh

In Qual und Beschwerde, in Thränen und Leiden,

Soll Himmel und Erde nie Trost Euch bereiten.

Die Rache verfolge Euch selbst im Tod’!

Zweiter Akt.

Saal mit offenen Seitenthüren.

Erste Scene.

Diener und Dienerinnen. Puritaner, Roberton, Georg. Später Richard.

CHOR.

Bringt Ihr Kunde?

GEORG.

Die Aermste schlummert.

CHOR.

Labung bringe ihr die Stunde;

Ihr Herz erfället –?

GEORG.

Bald Freude, bald Kummer.

CHOR.

Ach! Sie vergehet!

GEORG.

Dieser Wechsel von Schmerz und Freude

Hat die Sinne umhüllet.

CHOR.

Wird die Arme nie genesen?

GEORG.

Ach, dieses Hoffen ist vergebens!

Sie, die Freude meines Lebens,

Erliegt dem Schmerz.

CHOR.

Ach, so rede!

GEORG.

O theuren Freunde.

Laßt mich schweigen.

CHOR.

Ach, laß unsre Angst Dich rühren,

Theilen laß uns Deinen Schmerz.

GEORG.

Wohlan, so vernehmt ihr Leiden!

Noch schmückt ihr Haupt die Rosenkrone,

Noch prangt sie im Brautgewande;

Verzweifelnd schreit sie hinauf zu Gottes Throne:

»Wo ist Elvire? Ach sie kehrt nie zurück!«

Oft wähnt zur Trauung sie zu gehen,

Schwört ew’ge Treue mit heiterm Blicke,

Dann schreit sie plötzlich auf: »Er ist entflohen!

O theurer Arthur! Ach, kehre zurück!«

CHOR.

Ach welch grauenvoll Geschick!

Sein Verrath bricht ihr das Herz!

GEORG.

Bald träumt sie von Glück und Freude,

Bald wähnt sie sich des Todes Beute,

Dann klanget sie beim Klang der trauten Harfe

Der stillen Nacht des Busens Schmerz;

Oft glaubet sie in fremden Zügen

Den heißgeliebten zu erblicken.

Schaudernd sieht sie dann, daß sie sich täuschte

Und flehet weinend zu Gott um den Tod.

CHOR.

Ach, weh der Armen! Sie wird erliegen,

Ein Gott erbarme sich ihrer Noth.

RICHARD kommt.

Schon ereilte die Rache den Verräther.

Arthur Talbot ist verfallen dem Heukerbeile,

Durch ein Urtheil vom hohen Parlamente –

Gerecht ist die Strafe!

CHOR.

Der Fluch der That erreicht ihn noch im Leben,

O möge er Allen ein schaudernd Beispiel geben.

Es entgeht Gottes Händen

Kein Missethäter.

RICHARD.

Lord Valton, dessen Unschuld anerkannt,

Ist vom Parlamente zu hohen Würden ernannt.

CHOR.

O armer Vater! Was wirst Du empfinden,

In Wahnsinns Nacht das theure Kind zu finden?

RICHARD.

Ist keine Hoffnung mehr?

GEORG.

Alle Aerzte stimmen ein:

Nur ein Uebermaaß von Freude oder jäher Schrecken

Könnte den Geist vom Wahnsinn befrei’n.

CHOR.

Keine Buße o Arthur, sühnet den Frevel! –

RICHARD.

Durch mich, der ihm ergeben,

Spricht Cromwell heute: verfolgt auf Tod und Leben

Sei Arthur, von England ausgestoßen;

Es theilt sein Mißgeschicke, wer Schutz ihm leiht.

Wagt er frevelnd, dem Lande zu nahen,

Fällt ohne Gnade sein treulos Haupt.

Alle entfernen sich, bis auf Georg.

Zweite Scene.

Georg. Richard. Elvire.

ELVIRE.

Jede Hoffnung ist entschwunden,

Nur im Grabe lächelt Ruhe.

RICHARD UND GEORG.

Schon naht die Arme!

Wie rührend sind ihre Klagen

ELVIRE.

Seiner Stimme sanften Töne

Riefen zärtlich hier meinen Namen –

Hier vernahm ich einst die Schwüre

Ew’ger Treue, die aus seinem Herzen kamen.

Kehrt zurück, ihr Wonnestunden,

Führt den Theuren mir zurück!

Ist die Hoffnung mir entschwunden,

Find’ ich im Grabe die ersehnte Ruh’.

RICHARD, GEORG.

Ach, ihr Herz wahr’t treue Liebe

Noch dem undankbaren Mann.

ELVIRE.

Wer bist Du?

GEORG.

Kenn’st Du mich nicht, theure Tochter?

ELVIRE.

Ja, ja, mein Vater! Und Arthur, mein Geliebter?

Rede, wo weil’t er? Ach! wie Du lächelst?

Hinweg, ihr Thränen! – Zum Altar willst Du mich führen? –

Zum Tanze, zum heitern Feste –

Sind schon versammelt die Hochzeitgäste.

Ja, mit dem Kranze naht schon die Braut zum Tanze.

Ja, auch Du darfst mit mir tanzen!

Komm zum Feste!

RICHARD, GEORG.

(O Gott!)

ELVIRE.

Warum weint er?

Liebt er wohl? – Er weint? – er liebt –

RICHARD, GEORG.

Ach, nichts kann die Thränen hemmen!

ELVIRE.

Sage – hast jemals Du treu geliebt?

RICHARD.

Blick, o Theure, mir in’s Auge,

Lies im Antlitz, was mich betrübt.

ELVIRE.

Ja, Du liehst, doch stets zu Thränen,

Zu herben Leiden ist vom Schicksal

Die getreue Liebe verdammt.

GEORG.

Schweig’, o schweige, theure Tochter,

Deine Seele wird genesen.

ELVIRE.

Niemals!

RICHARD, GEORG.

Gott hört unser Fleh’n.

ELVIRE.

Niemals!

RICHARD, GEORG.

Vergessen wirst Du ihn.

ELVIRE.

Ach! ich werd’ ihn nimmer wiederseh’n.

RICHARD, GEORG.

Heil’, o Gott, des Herzens Wunde,

Wende gnädig ihr Geschick.

ELVIRE.

Nehmt, o nehmet hin mein Leben,

Oder gebt den Theuren mir zurück.

RICHARD, GEORG.

Doch sie lächelt –

Freude strahlt aus ihrem Blick.

ELVIRE.

Mir wird gelingen, zu versöhnen

Des strengen Vaters Herz

Unsre Wünsche wird er bald krönen,

Und vergessen ist jeder Schmerz.

GEORG.

Ihn, der treulos sie verlassen,

Sucht im Wahn sie liebend hier.

RICHARD.

Welche edle schöne Seele

Raubte der Verräther mir.

ELVIRE.

Hier bei Luna’s sanftem Scheine,

Unbelauscht im stillen Haine,

Laß im traulichen Vereine

Treuer Liebe uns erferu’n. –

Theurer Arthur, nicht länger weile,

Dein harret Elvire Eile, o eile!

Laß Dich meine Thränen rühren,

Komm, o theile meine Seligkeit!

RICHARD, GEORG.

Möge bald der Tag erscheinen,

Wo, befreit von bangen Qualen,

Deine Augen nicht beweinen

Ihn, der unwerth Deiner Wahl.

O gönne Ruhe Deinem Herzen,

Tröstend nahet schon die Nacht.

Elvire ab.

Dritte Scene.

Georg. Richard.

GEORG.

Richard, Du mußt Arthur retten,

Sein Geschick vermagst Du zu wenden.

RICHARD.

Ha! unmöglich! –

GEORG.

Du kannst ihn retten!

RICHARD.

Nein! –

GEORG.

Du willst nicht?

RICHARD.

Nein! Ihm werde Tod!

GEORG.

Denkst Du nimmer an jene Stunde,

Wo entflohen die Gefang’ne?

RICHARD.

Ja! –

GEORG.

Sprich, war Arthur allein der Schuld’ge?

RICHARD.

Deiner Worte Sinn –

GEORG.

Ist Wahrheit.

RICHARD.

Rede offen! –

GEORG.

Ich sprach genug.

RICHARD.

Ich gehorche dem Parlamente,

Dem Befehl beugt sich mein Wille,

Ja, es zitt’re der Rebelle! –

Englands Richter verdammen ihn allein.

Schwere Pflichten muß ich erfüllen,

Den Verräther darf ich vom Tod nicht befrein.

GEORG.

Des Hasses wilde Triebe

Nährst Du im Herzen; doch erbebe! –

Ja, die Qualen zu später Reue

Folgen drohend Dir durch’s Leben;

Muß durch Dich einst Arthur sterben,

Folgt Elvire bald dem Theuren nach.

RICHARD.

Ha! –

GEORG.

Ein Tag stürzt Beide in’s Verderben!

Und wo Dein Fuß auch weilt hienieden,

Folgt Dir dann die blut’ge That.

Wenn Dir Abends beim Mondenscheine

Bleich und seufzend ein Schatten erscheint –

Ist’s Elvire, ach sie weint –

Klagt in Dir ihren Mörder an.

Wenn der Sturm sich in Nächten erhebt,

Und Dich blutend ein Schatten umschweht –

Es ist Arthur mit Wuth in dem Blicke,

Der aus dem Grabe Dir drohend naht

RICHARD.

Wenn Elvirens Gestalt mir erscheint,

Mich als Mörder vor Gott anzuklagen,

Wird mein Seufzen und mein Sehnen,

Mir, dem Reinen, Vergebung erfleh’n!

Doch wenn Arthur’s verhaßter Schatten

Aus der Hölle mir drohend auch naht,

Stürze ihn, der Elviren verrathen,

Wuth und Rache in den Abgrund zurück! –

GEORG.

O Richard, laß durch diese Thränen

Dein edles Herz besiegen! –

RICHARD.

Kannst Du mich fühllos wähnen?

Sieh’ mich im Kampf erliegen!

BEIDE.

Ein Herz, getreu der Ehre und Ritterpflicht,

Versagt dem Unglück Mitleid nicht.

GEORG.

Noch fühl’ ich Muth und Kräfte,

An Deiner Seite zu kämpfen.

RICHARD.

Drohend nahet vielleicht der Veste

Arthur mit unsrer Feinde Schaar.

Dann treffe ihn –

GEORG.

Der Tod!

Unser Schlachtruf sei:

Alles für Ehre und Vaterland!

GEORG, RICHARD.

Wenn Schlachttrompeten tönen,

Eil’ ich zum blut’gen Streite!

Muthig dem Tod entgegen

Für Freiheit und Vaterland!

Siegend lacht Englands Söhnen

Ruhmvoll des Lorbeers Beute:

Dann lohne, was ich leide,

Mir jener Augenblick!

Dritter Akt.

Kleiner Garten – Pavillon.

Erste Scene.

Arthur. Dann Elvire.

ARTHUR.

Endlich bin ich gerettet! Die Feinde täuschte ich

Und sie verloren die Spuren meiner Schritte. –

O sel’ge Wonne! Der hoffnungslos Verbannte

Wird endlich die Theure wiedersehen!

Irrend von Strand zu Strande,

Darf ich heute, heil’ge Heimath,

Auf deinem Boden stehen.

ELVIRE.

Einsam an der Silberquelle,

Saß einst trauernd ein Troubadour,

Klagte leis’ der stillen Welle

Seiner Liebe Leiden nur.

ARTHUR.

O himmlisch – süße Klänge! Elvire! Elvire!

Wo weilest, Theure, Du? Doch wie? Du schweigest!

O Gott! – Einst tönten hier im Haine

In holder Eintracht uns’re Gesänge!

Wüßtest Du, daß Arthur liebend Dir nahe weilet –

Ja, der Verkannte kehrte treu zurücke!

Tröstung find’ er heut in Deinem Blicke

O Gott! – Es nahen Leute!

CHOR.

Ohne Weilen folget seiner Spur!

ARTHUR.

Weh’ mir, ich bin verloren!

CHOR.

Sucht ihn genau an jedem Ort!

ARTHUR.

O Himmel! Wo mich verbergen!

CHOR.

Sucht nur genau, er kann nicht fort!

ARTHUR.

Auf’s Neu verfolgen mich Cromwell’s Schergen!

Schon sind sie ferne! Dürft’ ich Unglückseliger es wagen,

Der Geliebten mich zu nahen –

Dürst’ ich ihr meinen Schmerz, meine Leiden klagen!

Doch nein! – Ich stürzte sie mit mir in’s Verderben!

Doch wird Dir, Heißbeweinte,

Meiner Stimme Klang zum Herzen dringen,

Wie einst in schönen Tagen,

Wo uns Liebe und Glück

In Wonne vereinten. –

Ueber Berge, Thal und Glüfte,

Wallt der Pilger rastlos hin,

Nur sein Schmerz erfüllt die Lüfte

Nichts erheitert seinen Sinn.

Ach, vergebens sacht sein Aug’ den Schlummer,

Nirgend findet der Verbannte Ruh’.

Rastlos verfolget ihn der Kummer,

Ewig trägt sein Sehnen ihn dem Vaterlande zu.

So vergehet Tag und Stunde

Dem verbannten Troubadour,

Seines Herzens tiefe Wunde

Heilt im dunkeln Grabe nur.

Zweite Scene.

Arthur. Elvire.

ELVIRE.

O Gott! Er schweiget! Ach, wie die sanften Töne

In die Seele mir drangen – doch wehe mir!

Er schweigt! –

Die Stimme erwecket hier ein heiß Verlangen.

Ach, mein Arthur! Wo bist Du, Theurer!

ARTHUR.

Zu Deinen Füßen!

Elvire! kannst Du vergeben?

ELVIRE.

Ach, Arthur! Ja, mein Arthur!

O Du, mein Glück, mein Leben! –

Du bist’s, Dich seh’ ich wieder!

ARTHUR.

Ach, Elvire! Selige Wonne sinkt auf mich nieder!

ELVIRE.

Sind geendet all’ unsre Leiden?

ARTHUR.

Gnädig wird der Gott uns schirmen,

Dessen Macht uns heut’ vereint.

Strahlt mir Liebe aus Deinen Blicken,

Was kann höher mich beglücken!

Darf ich, Theure, an’s Herz Dich drücken,

Ist vergessen der Trennung Schmerz!

ELVIRE.

Wir getrennt – ich war allein? –

Sprich, wie lange warst Du ferne?

ARTHUR.

Ach, drei Monden!

ELVIRE.

Nein, nein!

Schon drei Jahre! –

Ja, in Qual nicht zu ermessen,

Sind drei Jahre mir entfloh’n.

Ja, beweinend mein Geschick,

Rief ich: Arthur, ach komm’ zurück!

Von Dir getrennt, war ewig mir

Entfloh’n des Lebens Glück!

ARTHUR.

Konnte Mitleid und Erbarmen

Der Gefang’nen ich wohl versagen?

ELVIRE.

Sprich, schwurst Du ihr jemals Liebe?

Laß mich nicht vergebens fragen.

ARTHUR.

Welch ein Argwohn! Retten wollt’ ich

Sie vom Tode!

ELVIRE.

Gott! – o rede!

ARTHUR.

Nun, so wisse – es ist die Königin.

ELVIRE.

Die Königin?

ARTHUR.

Schnell vollzogen an der Armen

Ward das llrtheil, das ihr drohte!

ELVIRE.

Sprichst Du Wahrheit? welch strahlend heit’res Licht

Erhellt die Nacht in meiner Seele! –

Und Du liebst mich? –

ARTHUR.

O zweifle nicht!

ELVIRE.

Und Du schwörest –

ARTHUR.

Dir treu zu sein!

Ruhe am treuen Herzen,

O Du, mein süßes Leben!

Liebend, wenn Feinde uns umgeben,

Beschützt Dich dieser Arm.

Du nur warst mein Gedanke

In banger Trennung Tagen!

Laß dieses Aug’ Dir sagen,

Was meine Brust beseelt!

ELVIRE.

O könnt’ ich Worte finden,

Die Wonne auszudrücken!

Liebe wird mich beglücken,

Ewig bist Du nun mein!

Du warst mein Gedanke,

Dir tönten weine Klagen,

Laß dieses Aug’ Dir sagen,

Was meine Brust beseelt.

ARTHUR.

Auf’s Neue kündet dieser Ton

Die Nähe meiner Feinde!

ELVIRE.

Ja! – Die Schreckenstöne –

Sind zu gut mir bekannt – nichts soll uns trennen –

Sei ohne Sorgen – Du wirst nicht mehr verbannt!

Dort im Gemache – zerriß ich jenen Schleier

Der sie schmückte, als mit Dir sie entflohen.

Ja, schon morgen erwarten Gäste

Uns bei’m Tanz’ – bei’m Feste! –

ARTHUR.

O Gott! Was sagst Du?

ELVIRE.

Auch Du willst mich nicht verstehen!

Gleich alle Andern willst Du mein Leiden

Durch Dein Staunen noch erhöhen?

ARTHUR.

Ach – im Wahnsinn sprichst Du – o Himmel! –

ERSTER SOLDAT.

Wer da!

ZWEITER SOLDAT.

Getreue Freunde!

ERSTER SOLDAT.

Bringt die Losung!

ZWEITER SOLDAT.

Cromwell und England!

ALLE.

Ehre! Ehr’ und Sieg dem Vaterland!

ARTHUR.

Komm! wir müssen fort von hier.

ELVIRE.

Ha, auf’s Neue willst Du fliehen?

Nein, mit ihr darfst Du nicht geh’n.

ARTHUR.

Komm!

ELVIRE.

Laß meinen Schmerz Dich rühren!

ARTHUR.

Schweig!

ELVIRE.

Zu Hülfe! er will flieh’n!

ARTHUR.

Still!

ELVIRE.

Erbarmen! Helft mir!

ARTHUR.

Ha!

Dritte Scene.

Georg. Richard. Roberton. Wachen. Soldaten. Diener und Dienerinnen. Puritaner.

GEORG.

Es ist Arthur!

RICHARD.

Arthur!

ALLE.

Ha, Arthur an diesem Orte!

RICHARD.

Gottes Hund führt Dich, Verräther,

In seinem Grimme, zu diesem Strande!

GEORG, FRAUEN.

Ach, Unglücksel’ger! Welch Schicksal leitet

Dich Verbannten heut’ hierher?

RICHARD, PURITANER.

Arthur Talbot! Vom Vaterlande

Bist Du verurtheilt zum Tode!

ELVIRE.

Zum Tode!

PURITANER.

Zum Tode!

GEORG UND FRAUEN.

Unsel’ge That!

PURITANER.

Schwer räch’t Gott den Hochverrath!

ELVIRE.

Weh’! Was hört’ ich? –

ALLE.

(Es schweigt sein Mund!

Nur sein Blick giebt Leiden kund.)

ARTHUR zu Elvire.

Du wähntest grausam Dich

Von mir verrathen,

Doch schuldlos bin ich

An Deiner Qual.

Trotz biet’ ich heute dem Feind’,

Der Verräther mich nennet –

Ist Dir zur Seite

Zu sterben mir vergönnet.

ELVIRE.

Ach, welche Stimme

Tönet im Herzen,

Aus dunklem Grabe

Zu mir herauf –

Grausam fällt er durch mich

Den Mördern in die Hände!

Mit ihm auch ende

Mein düstrer Lebenslauf! –

GEORG.

Ach, seine Stimme

Ertönt im Herzen,

Sie wecket Mitleid

Im Busen auf,

Es schwimmt mein Auge

In heißen Thränen,

Nimm seine Secle,

Gott, gnädig auf!

RICHARD.

Ach, seiner Stimme Ton

Dringt mir zum Herzen,

Bald wird ihn decken

Das düstre Grab.

Furchtbar trifft ihn

Des Schicksals Zürnen,

Mitleid regt sich

Im Herzen für ihn.

CHOR DER FRAUEN.

Ach, seine Stimme

Erhöht den Schmerz.

Mitleid wecket sie

Im Herzen mir!

Bei seinen Leiden,

Bei seinem Anblick,

Lös’t sich meine Seele

In Thränen auf!

CHOR DER MÄNNER.

Der Frevler sterbe!

In Qual und Schmerzen!

Ja, Gott wird schrecklich

Sein Leben enden.

Den Landesverräther

Nimmt Gott nicht auf!

Es ende heut’ in Schmach

Sein Lebenslauf! –

Säum’t nicht länger, führt ihn zum Tode!

GEORG, RICHARD, FRAUEN.

Ihr folgt nur des Hasses Trieben,

Nicht dem Gotte, den wir ehren.

PURITANER.

Gottes Söhne, die ihn lieben,

Folgen treulich seine Lehren.

ARTHUR.

O theure Elvire!

ELVIRE.

Du lebst noch für mich? –

ARTHUR.

Ja, Heißgeliebte!

ELVIRE.

Kannst Du vergeben?

Nur ich bin schuldig an Deinem Tode!

PURITANER.

Streng’ Gerechtigkeit zu üben,

Schwingen wir das Richterschwert.

ARTHUR.

Haltet ein! – Hinweg, Barbaren!

Entfernet Euch!

Seht, wie sie bebet,

Ihr Geist entschwebet! –

Läßt dieser Anblick

Kalt Euer Herz? –

Auf Augenblicke

Bezähmet die Rache,

Dann sättigt Mordlust

Und Grausamkeit! –

PURITANER.

Zur Rache! Fort zum Tode!

Gott selbst gebot – fort, fort zum Tod! –

ALLE.

Ha! Ein Herold! –

PURITANER.

Eine Botschaft! –

ALLE ANDERN.

Was geschah?

PURITANER.

Laßt uns spähen! –

GEORG.

Frohe Kunde, Frohe Kunde!

Stuart’s Macht ist besiegt!

Ja, Vergebung, Schutz und Frieden

Kündigt England Jedem an!

RICHARD, PURITANER.

Heil sei Cromwells tapfern Schaaren,

Preiset hoch des Helden Sieg!

ELVIRE, ARTHUR.

Selige Stunde! Vom tiefsten Leide

Hebt sich die Seele zur höchsten Freude

Jede Wunde heilt die Liebe,

Mein bist Du, o süßes Glück!

CHOR.

Alle Leiden sind vergessen,

Hohe Freuden Euch beschieden.

Eurer Herzen Treue krönet

Heute segnend das Geschick.

Vincenzo Bellini – I Capuleti e i Montecchi

Vincenzo Bellini

I Capuleti e i Montecchi

Tragedia lirica in quattro atti

Personaggi

Capellio, principe fra i Capuleti

Giulietta, sua figlia

Romeo, capo dei Montecchi

Tebaldo, partigiano dei Capuleti, destinato sposo a Giulietta

Lorenzo, medico e famigliare di Capellio

Capuleti – Montecchi

Damigelle. Soldati. Armigeri

L’ azione è in Verona: I’ epoca è del tredicesimo secolo.

Atto Primo.

Galleria nel palazzo di Capellio.

Scena I.

Seguaci di Capellio.

CORO I.

Aggiorna appena … ed eccoci

Surti anzi l’ alba e uniti.

CORO II.

Che fia? Frequenti e celeri

Giunsero a noi gl’ inviti.

TUTTI.

Già cavalieri e militi

Ingombran la città.

CORO I.

Alta cagion sollecito

Così Capellio rende.

CORO II.

Forse improvviso turbine

Sul capo ai Guelfi or pende:

Forse i Montecchi insorgono

A nuova nimistà!

TUTTI.

Peran gli audaci, ah! perano

Quei Ghibellin feroci!

Pria che le porte s’ aprano

All’ orde loro atroci,

Sui Capuleti indomiti

Verona crollerà.

Scena II.

Capellio, Tebaldo, Lorenzo, e detti.

TEBALDO.

O di Capellio generosi amici,

Congiunti, difensori, è grave ed alta

La cagion che ne aduna oggi a consesso.

Prende Ezzelino istesso

All’ ire nostre parte, e de’ Montecchi

Sostenitor si svela. Oste possente

Ad assalirne invia … Duce ne viene

De’ Ghibellini il più abborrito e reo,

Il più fiero.

CORO.

Chi mai?

TEBALDO.

Romeo.

CORO.

Romeo!

CAPELLIO.

Sì, quel Romeo, quel crudo

Del mio figlio uccisor: egli (fra voi

Chi fia che il creda?) egli di pace ardisce

Patti offerir, e ambasciator mandarne

A consigliarla a noi.

CORO.

Pace! Signor!

CAPELLIO.

Giammai.

LORENZO.

Nè udire il vuoi?

Utili forse e onesti

Saranno i patti. A così lunghe gare

Giova dar fine omai:

Corse gonfio di sangue Adige assai.

CAPELLIO.

Fu vendicato. Il mio soltanto è inulto:

Chi lo versò respira. – E mai fortuna

Non l’ offerse a’ miei sguardi … Ignota a tutti,

Poichè fanciul partì, vagò Romeo

Di terra in terra, ed in Verona istessa

Ardì più volte penetrare ignoto.

TEBALDO.

Rinvenirlo io saprò: ne feci il voto.

È serbata a questo acciaro

Del tuo sangue la vendetta:

L’ ho giurato per Giulietta:

Lo sa Italia, il ciel lo sa.

Tu d’ un nodo a me sì caro

Solo affretta il dolce istante;

Ed il voto dell’ amante

Il consorte adempirà.

CAPELLIO.

Sì; mi abbraccia. A te d’ Imene

Fia l’ altar sin d’ oggi acceso.

LORENZO.

Ciel! Sin d’ oggi?

CAPELLIO.

E d’ onde viene

Lo stupor che t’ ha compreso?

LORENZO.

Ah! Signor, di febbre ardente …

Mesta, afflitta e ognor giacente …

Ella … il sai … potria soltanto

Irne a forza al sacro altar.

TEBALDO.

Come! A forza!

CAPELLIO E CORO.

E avrai tu il vanto

Di por fine al suo penar.

TEBALDO.

L’ amo, ah! l’ amo, e mi è più cara

Più del sol che me rischiara;

È riposta, è viva in lei

Ogni gioia del mio cor.

Ma se avesse il mio contento

A costarle un sol lamento,

Ah! piuttosto io sceglierei

Mille giorni di dolor.

CAPELLIO.

Non temer: tuoi dubbi acqueta:

La vedrai serena e lieta,

Quando te del suo germano

Stringa al sen vendicator.

CORO.

Nostro Duce, e nostro scampo

Snuda il ferro, ed esci in campo;

Di Giulietta sia la mano

Degno premio al tuo valor.

LORENZO.

(Ah Giulietta! Or fia svelato

Questo arcano sciagurato:

Ah non v’ ha potere umano

Che ti plachi il genitor!)

CAPELLIO.

Vanne, Lorenzo: e tu che il puoi, disponi

Giulietta al rito: anzi che il sol tramonti

Compinto il voglio. Ella doman più lieta

Fia che rallegri le paterne mura;

Ubbidisci!

Lorenzo parte.

TEBALDO.

Ah! signor …

CAPELLIO.

Ti rassicura.

Sensi da’ miei diversi

Non può nutrir Giulietta; e a lei fia caro,

Come a noi tutti, il pro’ guerrier che unisce

I suoi destini ai miei.

TEBALDO.

Di tanto bene

Mi persuade amor: è il cor propenso

A creder vero quel che più desìa.

CAPELLIO.

Ma già ver noi s’ invia

Il nemico orator. – Avvi fra voi

Chi de’ Montecchi alle proposte inclini?

TUTTI.

Odio eterno ai Montecchi, ai Ghibellini.

Scena III.

Romeo con seguito di Scudieri, e detti.

ROMEO.

Lieto del dolce incarco a cui mi elegge

De’ Ghibellini il Duce, io mi presento,

Nobili Guelfi, a voi. Lieto del pari

Possa udirmi ciascun, poichè verace

Favella io parlo d’ amistade e pace.

TEBALDO.

Chi fia che nei Montecchi

Possa affidarsi mai?

CAPELLIO.

Fu mille volte

Pace firmata, e mille volte infranta.

ROMEO.

Stassi in tua man che santa

E inviolabil sia. Pari in Verona

Abbian seggio i Montecchi, e sia Giulietta

Sposa a Romeo.

CAPELLIO.

Sorge fra noi di sangue

Fatal barriera, e non sarà mai tolta …

Giammai, lo giuro.

CORO.

E il giuriam tutti.

ROMEO.

Ascolta.

Se Romeo t’ uccise un figlio,

In battaglia a lui diè morte:

Incolpar ne dèi la sorte;

Ei ne pianse, e piange ancor.

Deh! ti placa, e un altro figlio

Troverai nel mio signor.

CAPELLIO.

Riedi al campo, e di’ allo stolto

Che altro figlio io già trovai.

ROMEO.

Come! e qual?

TEBALDO.

Io.

ROMEO.

Tu! (Che ascolto!)

Odi ancor …

CAPELLIO.

Dicesti assai.

TEBALDO E CORO.

Qui ciascuno ad una voce

Guerra a voi gridando va.

ROMEO.

Ostinati! e tal sarà.

La tremenda ultrice spada

A brandir Romeo si appresta:

Come folgore funesta

Mille morti apporterà.

Ma vi accusi al cielo irato

Tanto sangue invan versato:

Ma su voi ricada il pianto

Che alla patria costerà.

TUTTI.

Esci, audace. Un Dio soltanto

Giudicar fra noi saprà.

Partono.

Scena IV.

Gabinetto negli appartamenti di Giulietta.

GIULIETTA sola.

Eccomi in lieta vesta … Eccomi adorna …

Come vittima all’ ara. – Oh! almen potessi

Qual vittima cader dell’ ara al piede!

O nuziali tede,

Abborrite così, così fatal,

Siate, ah! siate per me faci ferali. –

Ardo … una vampa, un foco

Tutta mi strugge. Un refrigerio ai venti

Io chiedo invano. – Ove se’ tu, Romeo?

In qual terra t’ aggiri?

Dove, dove inviarti i miei sospiri?

O quante volte, oh quante

Ti chiedo al ciel piangendo!

Con quale ardor t’ attendo,

E inganno il mio desir!

Raggio del tuo sembiante

Parmi il brillar del giorno:

L’ aura che spira intorno

Mi sembra un tuo respir.

Scena V.

Lorenzo, Giulietta, indi Romeo.

LORENZO.

Propizia è l’ ora. A non sperato bene

Si prepari quell’ alma. –

Giulietta!

GIULIETTA.

Oh! mio Lorenzo!

LORENZO.

Or via; ti calma.

GIULIETTA.

Sarò tranquilla in breve,

Appien tranquilla. A poco a poco io manco,

Il dolore mi uccide … Ah se un istante

Rivedessi Romeo … Romeo potria

La fuggente arrestar anima mia.

LORENZO.

Fa cor, Giulietta … Egli è in Verona …

GIULIETTA.

Oh cielo!

Nè a me lo guidi?

LORENZO.

All’ improvvisa gioia

Reggerai tu?

GIULIETTA.

Più che all’ affanno.

LORENZO.

Or dunque

Ti prepara a vederlo: io tel guidai

Per quel segreto e a noi sol noto ingresso.

ROMEO.

Mia Giulietta! …

GIULIETTA.

Ah! … Romeo! …

LORENZO.

Parla sommesso.

Lorenzo parte.

Scena VI.

Romeo e Giulietta.

GIULIETTA.

Io ti rivedo, oh gioia!

Sì, ti rivedo ancor.

ROMEO.

O mia Giulietta!

Qual ti ritrovo io mai?

GIULIETTA.

Priva di speme,

Egra, languente, il vedi,

E vicina alla tomba. – E tu qual riedi?

ROMEO.

Infelice del pari, e stanco alfine

Di questa vita travagliata e oscura,

Non consolata mai da un tuo sorriso,

Vengo, a morir deciso,

O a rapirti per sempre a’ tuoi nemici. –

Meco fuggir dèi tu.

GIULIETTA.

Fuggir che dici?

ROMEO.

Sì, fuggire: a noi non resta

Altro scampo in danno estremo.

Miglior patria avrem di questa,

Ciel migliore ovunque andremo;

D’ ogni ben che un cor desia

A noi luogo amor terrà.

GIULIETTA.

Ah Romeo! Per me la terra

È ristretta in queste porte:

Qui mi annoda, qui mi serra

Un poter d’ amor più forte.

Solo, ahi! solo all’ alma mia

Venir teco il ciel darà.

ROMEO.

Che mai sento? E qual potere

È maggior per te d’amore?

GIULIETTA.

Quello, ah! quello del dovere,

Della legge e dell’ onore.

ROMEO.

Ah! erudel, d’ onor ragioni

Quando a me tu sei rapita?

Questa legge che mi opponi,

È smentita dal tuo cor.

Deh! t’ arrendi a’ preghi miei,

Se ti cal della mia vita:

Se fedele ancor mi sei,

Non udir che il nostro amor.

GIULIETTA.

Ah! da me che più richiedi,

S’ io t’ immolo e core e vita?

Lascia almeno, almen concedi

Un sol dritto al genitor.

Io morrò se mio non sei,

Se ogni speme è a me rapita:

Ma tu pure alcun mi dèi

Sacrifizio del tuo cor.

ROMEO.

Odi tu? L’ altar funesto

Già s’ infiora, già t’ attende.

GIULIETTA.

Fuggi, ah! fuggi.

ROMEO.

Teco io resto.

GIULIETTA.

Guai se il padre ti sorprende!

ROMEO.

Ei mi sveni, o di mia mano

Cada spento innanzi a te.

GIULIETTA.

Ah Romeo!

ROMEO.

Mi preghi invano

GIULIETTA.

Ah! pietà, di te … di me.

ROMEO.

Vieni, ah! vieni, e in me riposa:

Sei mio bene, sei mia sposa:

Questo istante che perdiamo

Più per noi non tornerà.

In tua mano è la mia sorte,

La mia vita, la mia morte …

Ah! non m’ ami come io t’ amo …

Ah! non hai di me pietà.

GIULIETTA.

Cedi, ah! cedi un sol momento

Al mio duolo, al mio spavento:

Siam perduti, estinti siamo,

Se più cieco amor ti fa.

Deh! risparmia a questo core

Maggior pena, orror maggiore …

Ah! se vivo, è perchè io t’ amo …

Ah! l’ amor con me morrà.

Atto Secondo.

Atrio interno del Palazzo di Capellio.

Scena I.

Cavalieri e Dame.

CORO.

Lieta notte, avventurosa

A rei giorni ancor succede.

Taccion l’ ire e l’ armi han posa

Dove accende Imen le tede:

Dove un riso Amor discioglie

Ivi è giubilo e piacer.

Festeggiam con danze e canti

Questo illustre e fausto imene:

Il gioir di pochi istanti

Sia compenso a molte pene;

Nè ci segua in queste soglie

Alcun torbido pensier.

Dove un riso Amor discioglie

Ivi è giubilo e piacer.

Partono.

Scena II.

Romeo e Lorenzo.

LORENZO.

Deh! per pietà t’ arresta;

Non t’ inoltrar di più: – mal ti nasconde

Questa de’ Guelfi assisa.

ROMEO.

Al mio periglio

Pensar poss’io, quando un rival si accinge

A rapirsi il mio ben! … Ma ciò non fia,

Non fia per certo, il giuro.

LORENZO.

Ahi lasso! è tolta

Forse ogni speme.

ROMEO.

Una men resta … Ascolta.

Segretamente, e in guelfe spoglie avvolti,

Col favor della tregua, entro Verona

Mille si stanno Ghibellini armati.

LORENZO.

Cielo!

ROMEO.

Non aspettati,

Piomberan sui nemici, ed interrotte

Fian le nozze così.

LORENZO.

Funesta notte!

E me di sangue e strage

Complice fai? Me traditor di questa

Famiglia rendi? …

Qual tumulto!

ROMEO.

Oh gioia estrema!

VOCI.

I Montecchi!

ROMEO.

È sava.

CORO.

All’ armi!

LORENZO.

Fuggi … va …

ROMEO.

Tebaldo! trema;

Io già corro a vendicarmi.

Quella tromba è suon ferale,

Suon di morte al mio rivale.

LORENZO.

Taci, taci: d’ ogni lato

Gente accorre … ognuno è armato …

Oh! qual scena il cor prevede

Di furore e erudeltà!

CORO.

Ah! chi d’ armi a noi provvede!

Chi soccorso, o ciel, ne dà?

Partono.

Scena III.

Giulietta sola.

Tace il fragor … silenzio

Regna fra queste porte …

Grazie ti rendo, o sorte:

Libera io sono ancor.

Ma de’ congiunti il sangue

Per me versato or viene …

Forse trafitto, esangue,

Giace l’ amato bene …

Forse … Oh! qual gel! … qual toco

Scorrer mi sento in cor!

Ah! per Romeo v’ invoco,

Cielo, Destino, Amor.

Scena IV.

Romeo e Giulietta.

ROMEO.

Giulietta!

GIULIETTA.

Ahimè! … qui vedo?

ROMEO.

Il tuo Romeo: t’ acqueta.

GIULIETTA.

Ahi lassa! … e ardisci? …

ROMEO.

Io riedo

A farti salva e lieta.

Seguimi.

GIULIETTA.

Ahi! dove? ahi! come!

Te perderesti e me.

ROMEO.

Io te lo chiedo in nome

Della giurata fè.

CORO.

Morte ai Montecchi!

GIULIETTA.

Ah! lasciami;

Gente ver noi s’ avvia.

ROMEO.

Io t’ aprirò fra i barbari

Con questo acciar la via.

Scena V.

Tebaldo e Capellio con armigeri, Lorenzo, e detti.

CAPELLIO.

Ferma.

TEBALDO.

Che miro? Il perfido

Nemico ambasciator!

LORENZO.

(Cielo! … è perduto il misero.)

ROMEO.

Oh! rabbia!

GIULIETTA.

Oh mio terror!

CAPELLIO.

Armato! in queste soglie!

TEBALDO.

Sotto mentite spoglie!

Quale novella insidia,

Empio, tentavi ordir?

Soldati, olà ..

GIULIETTA.

Fermate:

Padre … Signor … pietate …

CAPELLIO.

Scostati …

TEBALDO.

E qual pensiero

Qrendi d’ un menzognero?

CAPELLIO.

Giulietta?

TEBALDO.

Non rispondi,

Tu tremi … ti confondi?

Fellon! … chi sei?

ROMEO.

Son tale …

GIULIETTA.

Ah! no, non ti scoprir.

ROMEO.

Io sono a te rivale.

LORENZO.

(Incauto!)

GIULIETTA.

Oh rio martir!

TEBALDO, CAPELLIO.

Rivale! che intendo?

GIULIETTA.

Lorenzo, m’ aita.

LORENZO.

Oh! istante tremendo!

ROMEO.

Ahimè! l’ ho tradita.

TEBALDO, CAPELLIO, LORENZO.

Oh notte, raddensa

Le tenebre in cielo:

Ricopri d’ un velo

Il nostro rossor.

GIULIETTA, ROMEO.

Soccorso, sostegno

Accordale / Accordagli, o cielo,

Me sola / solo fa segno

Del loro furor.

CORO.

Accorriem … Romeo!

CAPELLIO, TEBALDO.

Quai grida!

ROMEO.

I miei fidi!

GIULIETTA.

Oh! gioia!

CORO.

È desso,

A salvarti un Dio ci guida:

Vien, Romeo, tuoi fidi hai presso,

CAPELLIO.

Tu Romeo! nè ti svenai?

TEBALDO.

E mi sfuggi? … e tu vivrai?

ROMEO.

Sangue, o barbari, bramate,

Ed il sangue scorrerà.

TEBALDO, CAPELLIO, ROMEO, CORO.

Al furor che si ridesta,

Alla strage che s’ appresta.

Come scossa da tremuoto

Tutta Italia tremerà.

LORENZO, GIULIETTA.

Giusto cielo tu gli arresta

Da battaglia sì funesta,

Sveglia in essi un qualche moto

Di rimorso e di pietà.

ROMEO E GIULIETTA.

Se ogni speme è a noi rapita

Di mai più vederci in vita,

Questo addio non fia l’ estremo,

Ci vedremo – almen in ciel.

TEBALDO, CAPELLIO, CORO.

Sul furor che si ridesta,

Sulla strage che si appresta

Anzi tempo, o sol, risplendi,

E dirada all’ ombre il vel.

LORENZO.

Piomba, o notte, e al ciel contendi

Lo spettacolo crudel.

Atto Terzo.

Galleria nel palazzo di Capellio.

Scena I.

Giulietta sola.

Nè alcun ritorna! … Oh! cruda,

Dolorosa incertezza! – Il suon dell’armi

Si dileguò – … Sol tratto tratto un fioco,

Incerto mormorio lunge si desta,

Come vento al cessar della tempesta.

Chi cadde, oimè! chi vinse?

Chi primo io piangerò? – Nè uscir poss’io?

E ignara di mia sorte io qui m’aggiro!

Scena II.

Giulietta e Lorenzo.

GIULIETTA.

Lorenzo, ebben? …

LORENZO.

Salvo è Romeo.

GIULIETTA.

Respiro.

LORENZO.

Nella vicina rocca

Da’ suoi sorpresa, da Ezzelin soccorso

Sperar ei puote … ma tu, lassa! … in breve

Di Tebaldo al castel tratta sarai,

Se in me non fidi, se al periglio estremo

Con estrema fermezza or non provvedi.

GIULIETTA.

Che far? Favella.

LORENZO.

Hai tu coraggio?

GIULIETTA.

E il chiedi?

LORENZO.

Prendi: tal filtro è questo,

E si possente, che sembiante a morte

Sonno produce. A te creduta estinta

Tomba fia data ne’ paterni avelli …

GIULIETTA.

Oh! che di’ tu? fra quelli

Giace il fratello da Romeo trafitto …

Esso del mio delitto

Sorgeria punitor …

LORENZO.

Al tuo svegliarti

Sarem presenti il tuo diletto ed io …

Non paventar. – Tremi? t’ arretri?

GIULIETTA.

Oh Dio!

Morte io non temo, il sai …

Sempre io la chiesi a te …

Pur non provato mai

Sorge un terrore in me.

LORENZO.

Fida, deh fida in me:

Sarai contenta.

GIULIETTA.

Se del licor possente

Fallisse la virtù! …

Se in quell’ orror giacente

Non mi destassi più …

Dubbio crudele!

LORENZO.

Prendi … gl’ istanti volano …

Il padre tuo si avanza …

GIULIETTA.

Il padre! ah! porgi, e salvami.

LORENZO.

Salva già sei: costanza.

GIULIETTA.

Guidami altrove.

Scena III.

Capellio con seguito, e detti.

CAPELLIO.

Arresta.

Ancor sei desta?

Concedo al tuo riposo

Brevi momenti ancor.

Esci: e a seguir lo sposo

Ti appresta al nuovo albor.

CORO.

Lassa! … d’ affanno è piena …

Geme … si regge appena.

Più mite a lei favella;

L’ uccide il tuo rigor.

GIULIETTA.

Ah! non poss’ io partire

Priva del tuo perdono …

Presso alla tomba io sono …

Dammi un amplesso almen.

Pace una volta all’ ire,

Pace ad un cor che more …

Dorma ogni tuo furore

Del mio sepolcro in sen.

CAPELLIO.

Lasciami …

LORENZO.

(Ah! vieni, e simula.)

CAPELLIO.

Alle tue stanze riedi.

CORO.

Ella è morente, il vedi.

Poni al tuo sdegno un fren.

Partono.

Scena IV.

Luogo remoto presso il palazzo di Capellio.

ROMEO solo.

Deserto è il loco. – Di Lorenzo in traccia

Irne poss’ io. – Crudel Lorenzo! anch’ esso

M’ oblìa nella sventura, e congiurato

Col mio destin tiranno,

M’ abbandona a me solo in tanto affanno.

Vadasi. – Alcun si appressa …

Crudele inciampo!

Scena V.

Tebaldo e Romeo.

TEBALDO.

Olà! chi sei, che ardisci

Aggirarti furtivo in queste mura? –

Non odi tu?

ROMEO.

Non t’ appressar. Funesto

Il conoscermi fora.

TEBALDO.

Io ti conosco

All’ audace parlar, all’ ira estrema

Che in me tu desti.

ROMEO.

Ebben mi guarda, e trema.

TEBALDO.

Stolto! ad un sol mio grido

Mille a punirti avrei;

Ma vittima tu sei

Serbata a questo acciar.

ROMEO.

Vieni; io ti sprezzo, e sfido

Teco i seguaci tuoi:

Tu bramerai fra noi

L’ alpi frapposte e il mar.

A DUE.

Un Nume avverso, un fato

Che la ragion ti toglie,

T’ ha spinto in queste soglie

La morte ad incontrar.

TEBALDO.

All’ armi.

ROMEO.

All’ armi.

TEBALDO.

Arresta.

ROMEO.

Qual mesto suono echeggia?

CORO.

Ahi sventurata!

ROMEO.

È questa

Voce di duol.

TEBALDO.

Si veggia.

Scena VI.

Comparisce un corteggio funebre. I detti.

CORO.

Pace alla tua bell’ anima

Dopo cotanti affanni!

Vivi, se non fra gli uomini,

Vivi, o Giulietta, in ciel.

ROMEO.

Giulietta!

TEBALDO.

Spenta! …

ROMEO.

Oh barbari!

A DUE.

Mi scende agli occhi un vel.

ROMEO.

Ella è morta, o sciagurato,

Per te morta di dolore.

Paga alfine è del tuo cuore

L’ ostinata crudeltà.

Svena, ah! svena un disperato …

Ai tuoi colpi il sen presento …

Sommo bene in tal momento

Il morir per me sarà.

TEBALDO.

Ah! di te più disperato,

Più di te son io trafitto.

L’ amor mio come un delitto

Rinfacciando il cor mi va.

Vivi, ah vivi, o sventurato,

Tu che almen non hai rimorso:

Se a’ miei dì non tronchi il corso,

Il dolor mi ucciderà.

Atto Quarto.

Recinto ove sorgono le tombe dei Capuleti.

Scena I.

Romeo coi suoi compagni.

CORO.

Siam giunti. Ah il ciel consenta,

Che non ti sia funesta

L’ esser disceso in questo

Albergo di squallor.

ROMEO.

Ecco la tomba! Ancor di fiori sparsa,

Molle di pianto ancor; il mio ricevi

Più doloroso e amaro.

CORO.

Signor, ritratti!

ROMEO.

Altro fra poco, maggior del pianto,

Altro olocausto avrai.

CORO.

Omai eccede il tuo dolor.

ROMEO.

Oh del sepolcro profonda oscurità,

Cedi un istante al lume del giorno,

E mi rivela per poco la tua preda.

L’ urna mi aprite voi, ch’ io la riveda.

Ah! Giulietta, o mia Giulietta!

Sei tu, ti veggio! Ti ritrovo ancora!

Non morta sei, dormi soltanto

E aspetti, che ti desti il tuo Romeo.

Sorgi, mio bene, al suon de’ miei sospiri;

Ti chiama il tuo Romeo.

CORO.

Lasso, deliri! Vieni, partiamo.

Periglio è l’ indugiar di più.

ROMEO.

Per pochi istanti

Me qui lasciate, arcani ha il duol, che debbe

Solo alla tomba confidar.

CORO.

Lasciarti solo, e in tanto cordoglio!

Ah, tu ci spezzi il cor.

ROMEO.

Partite, il voglio.

Coro parte.

Scena II.

Romeo solo.

Tu sola, o mia Giulietta,

M’ odi tu sola. Ahi! Vana speme; è sorda

La fredda salma di mia voce al suono,

Deserto in terra, abbandonato io sono.

Deh tu, bell’ anima,

Che al cielo ascendi,

A me rivolgiti,

Con te mi prendi.

Cosi scordarmi,

Cosi lasciarmi,

Non puoi, bell’ anima,

Nel mio dolor.

Oh tu, mia sola speme,

Tosco fatal, non mai da me diviso,

Vieni al mio labbro. Raccogliete voi

L’ ultimo mio respiro,

Tombe de’ miei nemici.

Scena III.

Giulietta si desta, Romeo.

GIULIETTA.

Ah!

ROMEO.

Qual sospiro!

GIULIETTA.

Romeo!

ROMEO.

La voce sua!

GIULIETTA.

Romeo!

ROMEO.

Mi chiama, gia m’ invita al suo sen.

Ciel, che vegg’ io.

GIULIETTA.

Romeo!

ROMEO.

Giulietta, oh Dio!

GIULIETTA.

Sei tu?

ROMEO.

Tu vivi?

GIULIETTA.

Ah, per non più lasciarti.

Io mi desto, mio ben,

La morte mia fu simulata.

ROMEO.

Oh, che dì tu?

GIULIETTA.

L’ ignori? Non vedesti Lorenzo?

ROMEO.

Altro non vidi,

Altro non seppi, ahi me!

Ch’ eri qui morta,

E qui venni, ah infelice!

GIULIETTA.

Ebben, che importa? Son teco alfin;

Ogni dolor cancella.

Un nostro amplesso, andiam!

ROMEO.

Restarmi io deggio eternamente qui.

GIULIETTA.

Che dici mai? Parla, parla!

Ah Romeo!

ROMEO.

Tutto già sai.

GIULIETTA.

Ah, crudel! Che mai facesti?

ROMEO.

Morte io volli a te vicino.

GIULIETTA.

Deh, che scampo alcun ti appresti!

ROMEO.

Ferma! E vano.

GIULIETTA.

O rio destino!

ROMEO.

Cruda morte io chiudo in seno.

GIULIETTA.

Ch’ io con te l’ incontri almeno!

Dammi il ferro!

ROMEO.

Ah, no! Giammai!

GIULIETTA.

Un veleno!

ROMEO.

Il consumai.

Vivi, ah vivi, e vien talora,

Sul mio sasso a lagrimar.

GIULIETTA.

Ciel crudele! Ah, pria ch’ ei mora,

I miei di tu dei troncar.

ROMEO.

Giulietta, al seno stringimi,

Io ti discerno appena.

GIULIETTA.

Ed io ritorno a vivere,

Quando tu dei morir.

ROMEO.

Cessa, il vederti in pena,

Accresce il mio martir.

Più non ti veggo … ah! parlami …

Un solo accento ancor …

Rammenta il nostro amor …

Io manco … addio! …

GIULIETTA.

Oh! sfortunato! attendimi …

Non mi lasciare ancor …

Posati sul mio cor …

Ei muore … oh! … Dio!

Vincenzo Bellini – Die Capuleti und die Montecchi

Vincenzo Bellini

Die Capuleti und die Montecchi

Tragische Oper in vier Akten

Personen

Capellio, Haupt der Capuleti

Giulietta, seine Tochter

Romeo, Haupt der Montecchi

Tebaldo, Anhänger der Capuleti und Giulietta’s bestimmter Gemahl

Lorenzo, Arzt, in Capellio’s Diensten

Anhänger der Familien Capuleti und Montecchi

Damen. Wachen. Bewaffnete

Die Handlung geht in Verona, im dreizehnten Jahrhundert vor.

Erster Akt.

Gallerie in Capellio’s Pallast.

Erste Scene.

Capellio’s Freunde und Verbündete.

EINIGE.

Kaum graut der Morgen, erscheinen wir,

Noch in der Dämm’rung Stunde.

ANDERE.

Was giebt es? – uns zu versammeln hier,

Kam uns die schnelle Kunde.

ALLE.

Schaaren von Kriegern zeigen sich,

Und sind zum Kampf bereit.

EINIGE.

Dinge von hoher Wichtigkeit

Sind wohl indeß geschehen? –

ANDERE.

Wohl mag der Bund der Guelfen

Neu sich bedrohet sehen,

Und die Montecchi rüsten sich

Zu blut’gem Kampf und Streit.

ALLE.

Fluch und Verderben treffe sie! –

Tod sey das Loos der Kühnen!

Eh’ unser Thor sich öffnet

Vor diesen Ghibellinen,

Eh’ sey, in Staub und Schutt zermalmt,

Verona unser Grab! –

Zweite Scene.

Capellio, Tebaldo, Lorenzo, Vorige.

TEBALDO.

Ihr, dieses Hauses treu ergeb’ne Freunde!

Vertheid’ger seines Ruhmes, aus wicht’gen Gründen

Seh’ ich heut Euch versammelt in diesen Hallen.

Wißt, Ezzelino selber

Nimmt Theil an unserm Streite.

Und stellt sich kämpfend an der Montecchi Seite.

Mit mächt’gen Schaaren ist er im Feld erschienen;

An ihrer Spitze steht der verhaßte,

Der übermüth’ge Führer der Ghibellinen.

CHOR.

Sein Name?

TEBALDO.

Romeo! –

CHOR.

Romeo? –

CAPELLIO.

Jener Romeo, der Frevler,

Der mir den Sohn erschlug! Ja er, (wer mag

Die Frechheit glauben?) er, der verhaßte Gegner,

Bietet uns Frieden. Ein Bote ward deshalb

Von ihm an uns beschieden.

CHOR.

Friede, o Herr! –

CAPELLIO.

Nein, nimmer! –

LORENZO.

Laß ihn erscheinen!

Wohl kann, was er verkündet,

Vortheil uns bringen. Zu lang’ ward in Verona

Nur Kampf und Mord geübet,

Zu lang’ schon floß die Etsch von Blut getrübet!

CAPELLIO.

Es ward gerächt! Nur meines floß ohne Rache.

Der es vergoß, er athmet. Nie führt der Zufall

Ihn meinem Blick entgegen. Von Allen ungekannt,

Weil er uns früh verlassen, irrte Romeo

Von Land zu Land. Selbst in Verona’s Mauern

Wußt’ er sich öfters tollkühn einzuschleichen! –

TEBALDO.

So vernehmt meinen Schwur! – Mein Arm soll ihn erreichen!

Diesem Schwerdte wird’s gelingen,

Blut’ge Rache Dir zu bringen;

Ja, ich schwör’s bei meiner Liebe,

Ich entdecke seine Spur.

Laß, o laß mit süßen Banden

Uns’re Herzen bald umschlingen,

Der Gemahl wird dann vollbringen,

Was der Liebende Dir schwur!

CAPELLIO.

Sohn! umarme mich! – Euch soll noch heute

Hymens Fackel sich entzünden.

LORENZO.

Wie? noch heute?

CAPELLIO.

Was soll dies Staunen?

Das mir Deine Worte künden?

LORENZO.

Denk’, o Herr, des Fiebers Schmerzen –

Qual und Kummer im kranken Herzen –

Wisse, Giulietta – ach mit Gewalt nur

Träte sie vor den Altar.

TEBALDO.

Mit Gewalt?

CAPELLIO UND CHOR.

Die Hand der Liebe

Bring’ ihr Trost und Hülfe dar.

TEBALDO.

Theurer noch, als dieses Leben,

Ist die Holde meinem Herzen.

Ihre Liebe ist mein Streben,

Meine Wonne sie allein.

Doch erpreßte mein Entzücken

Ihrer Brust nur eine Klage,

O dann soll mir jede Plage,

Jede Qual beschieden seyn!

CAPELLIO.

Laß die bangen Zweifel schwinden,

Ihre Ruhe soll sie finden,

Wirst Du kämpfend überwinden –

Ihres Bruders Rächer seyn.

CHOR.

Führ’ uns hin zum blut’gen Streite!

Ja, wir kämpfen Dir zur Seite.

Reich belohnt wirst Du Dich finden,

Denn Giulietta harret Dein.

LORENZO.

Wehe ihr! vor dem Geheimniß

Muß nun bald der Schleier schwinden

Und kein Retter wird sich finden, –

Niemand wird ihr Schutz verleih’n.

CAPELLIO.

Eile, Lorenzo! Du vermagst zur heil’gen Feier

Sie zu bewegen. Noch eh’ die Sonne sinkt,

Sey sie vollzogen. Morgen soll Lust und Freude

Aus ihren Blicken uns entgegen strahlen. –

Fort! gehorche! –

Lorenzo ab.

TEBALDO.

Herr, ich fürchte –

CAPELLIO.

Laß jede Sorge! –

Nie wird Capellio’s Tochter

Des Vaters Sinn verleugnen; und hoch geehrt,

So wie uns Allen, sey der Tapfre ihr,

Der sich mit uns verbindet.

TEBALDO.

Mag dieses Hoffen

Ein froher Ausgang krönen! Gern glaubt das Herz,

Was es erstrebet mit heißer Liebe Sehnen.

CAPELLIO.

Schon nahet sich der Sprecher,

Den uns der Feind gesandt. Ist hier wohl Einer,

Der den Montecchi die Hand zum Frieden böte?

ALLE.

Fluch den Montecchi! Tod den Ghibellinen!

Dritte Scene.

Romeo mit kriegerischem Gefolge, Vorige.

ROMEO.

Froh meines heil’gen Amtes, das mir verlieh’n,

Der Ghibellinen Haupt, nah’ ich voll Ehrfurcht,

Ihr edlen Guelfen, Euch. Mit gleicher Freude

Möge Jeder mich hören; mit frohem Munde

Bring’ ich der Freundschaft und des Friedens Kunde.

TEBALDO.

O sprich, wer baute je

Auf der Montecchi Treue?

CAPELLIO.

Oft ward der Friede

Mit Euch geschlossen, stets brach’t Ihr ihn auf’s Neue.

ROMEO.

In Deiner Hand bewahrest Du

Des ew’gen Friedens Pfand; gönn’ in Verona

Gleiches Recht den Montecchi, und gieb Romeo

Der Tochter Hand.

CAPELLIO.

Des Blutes heil’ge Schranke

Trennt uns auf immer, und nimmer kann sie schwinden,

Nimmer! ich schwöre.

ALLE.

Wir Alle schwören!

ROMEO.

O höre!

Wenn Romeo den Sohn erschlagen,

So geschah’s im Schlachtgetümmel –

Nur das Schicksal ist anzuklagen –

Heiße Thränen weiht ihm sein Schmerz.

D’rum Versöhnung! Du findest wieder

In Romeo des Sohnes Herz! –

CAPELLIO.

Kehr’ zurück, und sag’ dem Thoren,

Schon hab’ ich den Sohn erkoren.

ROMEO.

Himmel! – und wen? –

TEBALDO.

Tebaldo! –

ROMEO.

Du!

Noch ein Wort! –

CAPELLIO.

Genug der Worte! –

TEBALDO UND CHOR.

Ew’ger Kampf den Ghibellinen! –

Dies ist unser Feldgeschrei!

ROMEO.

Uebermüth’ge! – Wohlan, es sey!

Vor Romeo’s Rächer-Arme

Soll kein Gott Euch nun beschützen,

Und von seines Schwerdtes Blitzen

Treffe Euch der Todesstreich.

Doch zum Himmel schreit um Rache

All’ das Blut, das Ihr vergossen,

Jede Thräne, die geflossen,

Laste schwer, ja schwer auf Euch! –

ALLE.

Fort, Verweg’ner! – Nur der Himmel

Lenkt gerecht den Todesstreich! –

Vierte Scene.

Giulietta’s Gemach.

GIULIETTA allein.

Festlich steh’ ich geschmücket, gleich einem Opfer,

Das zum Altar man führet. Ach, könnt’ ich Verlass’ne

Als Opfer am Altar mein Leben enden! –

Flammende Hochzeitfackeln,

Die mit verhaßtem Glanz mein Auge blenden,

Leuchtet, ach leuchtet zu meiner Todtenfeier! –

Ich glühe, wildes Feuer durchtobt mich!

Will mich verzehren. Der Lüfte kühlend Fächeln

Such’ ich vergebens. Wo weilst du, o Romeo?

Sieh, mein Herz will verzagen! –

Wohin, ach, send’ ich meiner Sehnsucht Klagen?

Ach, wie so oft vom Himmel

Erfleht’ ich dich mit Thränen!

Getäuscht von meinem Sehnen

Wähn’ ich dich nah’ bei mir.

Ein Strahl aus deinen Blicken.

Scheint mir der Glanz der Sonne.

Lüfte, die mich erquicken,

Scheinen ein Hauch von dir.

Fünfte Scene.

Lorenzo, Giulietta, dann Romeo.

LORENZO.

Die Zeit ist günstig! – Zu unverhoffter Wonne

Muß ich sie vorbereiten. –

Giulietta!

GIULIETTA.

Lorenzo! –

LORENZO.

Nur Ruhe! nur Fassung! –

GIULIETTA.

Bald werd’ ich Ruhe finden,

Ja, lange Ruhe – ich fühl’s in meinem Innern,

Wie mir die Kräfte schwinden. Ha! könnt’ ich einmal,

Nur einmal noch ihn sehen! – Er nur vermag es,

Die verlöschende Flamme neu zu beleben! –

LORENZO.

Nur Muth, Giulietta! Er ist in Verona!

GIULIETTA.

O Himmel!

Und mir noch ferne?

LORENZO.

Die allzu jähe Freude,

Trägt sie Dein Herz?

GIULIETTA.

Mehr als dies Leiden! –

LORENZO.

Wohlan!

So sey gefaßt, ihn zu sehen! Ich führt’ ihn her

Auf dem geheimen, nur uns bekannten Pfade.

ROMEO.

Meine Giulietta! –

GIULIETTA.

Romeo!

LORENZO.

Sprecht nur leise!

Lorenzo ab.

Sechste Scene.

Romeo und Giulietta.

GIULIETTA.

Ich seh’ Dich wieder, o Wonne!

Endlich seh’ ich Dich wieder! –

ROMEO.

Meine Giulietta!

Wie muß ich Dich wiederfinden? –

GIULIETTA.

Ach, ohne Hoffnung,

Gramvoll und leidend. Du siehst es,

Nah’ an des Grabes Rande! Und Du, Romeo?

ROMEO.

Unglückselig, gleich Dir, und endlich müde

Dieses verhaßten, qualvollen Lebens,

Das Deiner Liebe Lächeln mir nicht verkläret,

Komm’ ich, mein Daseyn hier zu enden,

Oder Dich zu entführen aus Feindes Händen.

Du mußt mit mir entflieh’n! –

GIULIETTA.

Entflieh’n? – was sagst Du?

ROMEO.

Ja, wir flieh’n! Uns winket Beiden

Fern die Ruh’ nach schweren Leiden.

Du wirst auch in fremden Auen

Deiner Heimath Fluren schauen, –

Jedes Glück, von dem wir scheiden,

Wird die Lieb’ uns neu verleih’n!

GIULIETTA.

Ach, Romeo! im Schooß der Meinen

Laß mich mein Geschick beweinen.

Höh’rer Liebe feste Bande

Fesseln mich im Vaterlande.

Nur mein Geist darf Dich geleiten,

Ewig wird er bei Dir seyn.

ROMEO.

Ha, was hör’ ich? welche Bande

Sind so stark als Lieb’ und Treue?

GIULIETTA.

Die Gesetze, Pflicht und Ehre,

Und die Furcht vor bitt’rer Reue! –

ROMEO.

Ach, Du sprichst von Pflicht und Ehre,

Da man ewig uns will trennen!

Nur Dein Mund spricht diese Lehre,

Doch Dein Herz erkennt sie nicht.

Soll Romeo ferner leben,

So erhör’ sein dringend Flehen! –

Schlägt Dein Herz mir treu ergeben,

Höre nur, was Liebe spricht! –

GIULIETTA.

Willst Du mehr noch, als mein Leben,

Das ich ewig Dir nur weihte? –

Doch an meines Vaters Seite

Bindet mich der Tochter Pflicht.

Bald wird man in’s Grab mich senken,

Muß ich fern von Dir mich seh’n;

Und Du kannst so tief mich kränken,

Da mein Herz vor Jammer bricht! –

ROMEO.

Hörest Du? es sind die Klänge,

Die die Feier Dir verkünden.

GIULIETTA.

Fliehe! – fort! –

ROMEO.

Nein, nein, ich bleibe! –

GIULIETTA.

Weh’! der Vater wird Dich finden!

ROMEO.

Einer falle von uns Beiden,

Unser Schwerdt soll Richter seyn! –

GIULIETTA.

Ach, Romeo! –

ROMEO.

Du flehst vergebens! –

GIULIETTA.

Ach, erbarm’ Dich Dein und mein! –

ROMEO.

Theure, bau’ auf meine Treue,

Folge mir zum schönsten Bunde!

Ach, sonst wird die günst’ge Stunde

Ewig uns verloren seyn.

Des Geliebten Tod und Leben

Sind in Deine Hand gegeben.

Nein, Du fühlst nicht meine Liebe,

Kennest nicht der Sehnsucht Pein! –

GIULIETTA.

Hör’, o hör’ mein banges Flehen! –

Sieh, Geliebter, meine Leiden! –

Nur Verderben droht uns Beiden,

Nichts kann uns vom Tod’ befrei’n.

Ach, erspare meinem Herzen

Größ’re Qualen, größ’re Schmerzen! –

Dein, nur Dein war ich im Leben,

Auch im Tode bin ich Dein! –

Zweiter Akt.

Innere Halle in Capellio’s Pallast.

Erste Scene.

Ritter und Damen.

CHOR.

Wenn des Tages Stürme verfliegen,

Bringt der Abend Freud’ und Vergnügen,

Zorn und Rache seh’n wir entschwinden,

Wenn Hymens Fackeln hell sich entzünden.

Wo Amors Lächeln freundlich uns winket,

Herrscht nur Entzücken, Jubel und Lust.

Laßt mit Gesängen, mit fröhlichen Klängen

Das heut’ge Fest uns froh begehen.

Ja, diese Stunde der reinsten Freuden

Sey uns Belohnung nach langen Leiden.

Wo der Freude Becher blinket,

Flieht der Gram aus jeder Brust,

Und wo Amor’s Lächeln winket,

Herrscht Entzücken, Wonn’ und Lust.

Ab.

Zweite Scene.

Romeo, Lorenzo.

LORENZO.

Hemme die raschen Schritte! wage

Nicht weiter Dich; des Guelfen Kleidung

Schützt Dich nicht vor Verrath.

ROMEO.

Kann an Gefahren

Ich wohl noch denken, wenn der verhaßte Feind

Mir die Geliebte raubt? Ja doch beim Himmel!

Nie soll’s gescheh’n! Ich schwör’ es!

LORENZO.

Du rasest! entschwand Dir

Nicht jede Hoffnung?

ROMEO.

Eine noch bleibt mir. So höre!

Heimlich verweilen, gleich mir verkleidet,

Im Schutz des Waffenstillstandes, hier in Verona

Tausend der Meinen, zum Kampfe gerüstet.

LORENZO.

Himmel!

ROMEO.

Ganz unerwartet stürzt

Die Schaar sich auf die Feinde, und schnell geendet

Sey das heutige Fest.

LORENZO.

O Nacht voll Schrecken!

Mich machst Du zum Genossen

So blut’ger Gräuel? Machst mich zum Verräther

An diesem Hause?

Welch’ Getümmel!

ROMEO.

O Entzücken!

CHOR.

Die Montecchi!

ROMEO.

Wohl mir!

CHOR.

Zum Kampfe!

LORENZO.

Fliehe! schnell!

ROMEO.

Tebaldo, zitt’re!

Meiner Rache sollst Du fallen!

Die Trompeten hör’ erschallen,

Sie verkünden Dir den Tod!

LORENZO.

Schweige, schweige, flieh’, o fliehe!

Waffenlärm von jeder Seite!

Ach, Du bist des Todes Bente

Vom Verderben rings bedroht.

CHOR.

Bringt Waffen, schnell, ihr Leute!

Wer giebt Schutz in dieser Noth? –

Ab.

Dritte Scene.

Giulietta allein.

Still wird’s umher, – und Schweigen

Folget dem Schlachtgetümmel.

Nimm meinen Dank, o Himmel,

Frei athmet dieses Herz.

Doch an den gold’nen Decken

Sah’ ich das Blut der Meinen, –

Muß ich vielleicht, o Schrecken!

Romeo’s Fall beweinen?

Himmel! diese Angst, dies Beben –

Kaum kann ich widersteh’n.

Du nur kannst Schutz ihm geben,

Ew’ger! o hör’ mein Fleh’n!

Vierte Scene.

Romeo, Giulietta.

ROMEO.

Giulietta!

GIULIETTA.

O Gott! wen seh’ ich?

ROMEO.

Deinen Romeo, o fasse Dich!

GIULIETTA.

Entsetzen, Du wagst es?

ROMEO.

Zur Rettung

Biet’ ich Dir meine Hand.

Folg’ mir!

GIULIETTA.

Laß mich! – o Himmel!

Du tödtest mich und Dich!

ROMEO.

Komm, ich beschwöre Dich

Bei unsrer Liebe Band!

CHOR.

Tod den Montecchi!

GIULIETTA.

Fliehe!

Sie stürmen schon heran!

ROMEO.

Mitten durch ihre Reihen

Macht dieses Schwerdt uns Bahn.

Fünfte Scene.

Tebaldo und Capellio mit Bewaffneten. Lorenzo. Vorige.

CAPELLIO.

Haltet!

TEBALDO.

Was seh’ ich! der Abgesandte,

Der heut’ vom Frieden sprach?

LORENZO.

(O Gott, er ist verloren!)

ROMEO.

Ich wüthe!

GIULIETTA.

Welche Schmach!

CAPELLIO.

Bewaffnet! im Pallaste?

TEBALDO.

Gehüllt in dieses Kleid?

Hältst Du vielleicht auf’s Neue

Ein Bubenstück bereit?

Wachen, herbei!

GIULIETTA.

Haltet ein!

Vater! – O schont! Erbarmen!

CAPELLIO.

Fort von mir!

TEBALDO.

Wie kann um seinetwillen

Sorge Dein Herz erfüllen?

CAPELLIO.

Giulietta!

TEBALDO.

Keine Antwort?

Du zitterst? bist verlegen?

Wer bist Du, Bube?

ROMEO.

So wisse! –

GIULIETTA.

Nein, nein, o sprich es nicht!

ROMEO.

Ich bin Dein Nebenbuhler! –

LORENZO.

(Wie unbedacht!)

GIULIETTA.

Mein Herz – es bricht! –

TEBALDO, CAPELLIO.

Verräther, was hör’ ich? –

GIULIETTA.

Lorenzo, zu Hülfe! –

LORENZO.

O Stunde des Jammers! –

ROMEO.

Durch mich stirbt die Arme! –

TEBALDO, CAPELLIO, LORENZO.

Umflort euch, ihr Sterne! –

Bedeckt euern Schein! –

Tief hüll’ uns’re Schande

In Dunkel sich ein! –

GIULIETTA, ROMEO.

O Vorsicht, du wollest

Ihm / Ihr Rettung verleih’n!

Schwer fall’ ihre Rache

Auf mich nur allein!

CHOR.

Wir sind nah’, Romeo! –

TEBALDO, CAPELLIO.

Welch Schreien! –

ROMEO.

Meine Freunde! –

GIULIETTA.

O Wonne!

CHOR.

Er ist es!

Sieh, es kommen die Getreuen,

Dich, Romeo, zu befreien! –

CAPELLIO.

Du Romeo? – Und noch am Leben?

TEBALDO.

Ha, Verräther! Du sollst erbeben! –

ROMEO.

Blut und Leichen wollt Ihr sehen? –

Nun wohlan! es fließe Blut! –

TEBALDO, CAPELLIO, ROMEO, CHOR.

Von des Kampfes wilden Stürmen,

Die sich tobend nun erheben,

Soll Italien erbeben,

Zittern selbst des Meeres Strand! –

GIULIETTA, LORENZO.

Ende, Gott, des Kampfes Stürme,

Die sich tobend nun erheben,

Und der Rache blutig Streben

Sey in Mitleid umgewandt! –

ROMEO, GIULIETTA.

Mag für dieses Erdenleben

Jede Hoffnung uns entschwinden! –

Ja, wir werden einst uns finden,

Dort, vereint in jenem Land! –

TEBALDO, CAPELLIO, CHOR.

Zu des Kampfes wilden Stürmen,

Die sich tobend nun erheben,

Eile, Sonn’, uns Licht zu geben,

Steig’ hervor am Himmelsrand! –

LORENZO.

Sonne, steig’ mit Widerstreben

Spät hervor am Himmelsrand! –

Dritter Akt.

Gallerie in Capellio’s Pallast.

Erste Scene.

Giulietta allein.

Noch keine Kunde! – O Himmel!

Gieb mir Gewißheit! – Der Lärm der Waffen

Ist nun verstummt. Nur noch zuweilen ertönt

Mit fernen dumpfem Schalle ein leises Murmeln

Wie von Wogen des Meers nach Ungewittern.

Wer fiel im Kampfe? O Gott! wer siegte?

Wen muß ich beweinen? Dürft’ ich nur geh’n und fragen!

Gequält von bangen Zweifeln, muß ich verzagen!

Zweite Scene.

Lorenzo, Giulietta.

GIULIETTA.

Lorenzo, o sprich! –

LORENZO.

Romeo lebet!

GIULIETTA.

Ich athme! –

LORENZO.

Des nahen Felsens Gipfel

Schützt ihn und seine Schaar, bis Ezzelin

Ihm selber helfend erscheint. Doch, wisse! Du Aermste

Bald führt Tebaldo Dich nach seinem Schlosse,

Wenn Du noch zögerst, mit fester Zuversicht

Dem lang’ bewährten Freund Dich zu vertrauen!

GIULIETTA.

Was soll ich thun? – O rede! –

LORENZO.

Hast Du Muth? –

GIULIETTA.

Du fragst noch? –

LORENZO.

Nun denn! – Hier, dieses Fläschchen

Enthält ein Mittel, das in Schlummer wieget,

Aehnlich dem Tode, und Dich, die todt man wähnet,

Legt man in’s Grab an Deiner Ahnen Seite.

GIULIETTA.

Ha! welch ein Plan? Bei ihnen

Ruht auch der Bruder, den Romeo erschlagen.

Drohend wird er erstehen

Aus der modernden Gruft.

LORENZO.

Wenn Du erwachst,

Ist Dein Geliebter sammt mir in Deiner Nähe.

D’rum ohne Furcht! Du zitterst? Du zauderst?

GIULIETTA.

O Himmel! –

Mich kann der Tod nicht schrecken! –

Oft wollt’ ich ihn erflehen;

Doch ihn so nah’ zu sehen,

Erfüllt mein Herz mit Gran’n.

LORENZO.

Muthig! Auf, fasse Vertrau’n! –

Kurz wird das Grab Dich decken!

GIULIETTA.

Doch, wenn, mich zu erwecken,

Dem Trank die Kraft gebricht? –

O welch ein Bild voll Schrecken! –

Nimmer soll ich dann schauen,

Sonne, dein strahlend Licht! –

LORENZO.

Nimm doch – die Stunden fliehen,

Ich hör’ des Vaters Tritte.

GIULIETTA.

Mein Vater! – O gieb und rette mich! –

LORENZO.

Du bist gerettet, fasse Dich!

GIULIETTA.

Komm, laß uns geh’n!

Dritte Scene.

Capellio mit Gefolge. Die Vorigen.

CAPELLIO.

Verweile! –

Noch nicht im Schlummer? –

Der Ruhe kurz zu pflegen,

Gönn’ ich Dir noch die Zeit.

Geh’! dem Gemahl zu folgen,

Sey morgen dann bereit.

CHOR.

Kummer und düst’res Baugen

Hält ihren Geist umfangen.

O gönne doch der Armen

Ein Wort der Zärtlichkeit! –

GIULIETTA.

Ohne daß Du vergeben,

Kann ich von Dir nicht geh’n.

Bald schwindet dieses Leben –

Laß mich versöhnt Dich sch’n! –

Kann der so grausam strafen,

Der mir das Leben gab? –

Laß Deinen Zorn entschlafen –

Senk’ ihn mit mir in’s Grab! –

CAPELLIO.

Laß mich!

LORENZO.

(Sey ruhig! Folge mir!)

CAPELLIO.

Nach Deinen Zimmern gehe! –

CHOR.

Sie ist so nah dem Grabe –

O leg’ Dein Zürnen ab! –

Ab.

Vierte Scene.

Gegend in der Nähe von Capellio’s Pallast.

ROMEO allein.

Rings herrschet Stille! – Lorenzo erwartend

Will ich hier weilen. Saumsel’ger Freund! Auch er

Kann mich im Unglück vergessen.

Und ach, im Bund mit meinem Mißgeschicke

Läßt er mich hier allein mit meinen Qualen!

Fort von hier! Ich höre Tritte!

Grausam Verhängniß! –

Fünfte Scene.

Tebaldo. Romeo.

TEBALDO.

Wer bist Du, der Du’s wagest,

Im Kreise dieser Mauern umher zu schleichen?

Hörst Du mich nicht?

ROMEO.

Bleib ferne! Mein Erkennen

Brächte Dir nur Verderben! –

TEBALDO.

Wohl kenn’ ich Dich

An dem verweg’nen Ton, an dieser Wuth,

Die in mir glühet! –

ROMEO.

Wohlan, so sieh mich, und bebe!

TEBALDO.

Frevler! – Geb’ ich ein Zeichen,

Naht sich die Schaar der Meinen!

Doch nur von meinen Streichen

Ereilt Dich hier Dein Loos! –

ROMEO.

Komm, Feiger! ich verachte Dich,

Und Jene, die Dich umgeben.

Bald bärg’st Du gern Dein Leben

Tief in der Erde Schooß.

BEIDE.

Ein feindliches Geschicke

Umdüstert Deinen Sinn,

Und reißt mit schwarzer Tücke

Dich in’s Verderben hin! –

TEBALDO.

Zum Kampfe! –

ROMEO.

Zum Kampfe! –

TEBALDO.

Verweile! –

ROMEO.

Welche dumpfe Klagetöne! –

CHOR.

Ach, armes Mädchen! –

ROMEO.

Klänge

Der Trauer sind’s.

TEBALDO.

Wem gelten sie? –

Sechste Scene.

Ein Trauerzug erscheint. Vorige.

CHOR.

Friede sey Deiner Seele

Nach so viel bangen Leiden! –

Selige Himmelsfreuden

Winken dort oben Dir! –

ROMEO.

Giulietta!

TEBALDO.

Todt!

ROMEO.

Ha, Barbaren! –

ROMEO, TEBALDO.

Die Sinne schwinden mir! –

ROMEO.

Todt Giulietta! – Ha, Verworfener!

Nur durch Dich sank diese Rose! –

Weide jetzt an ihrem Loose

Dein verruchtes, schwarzes Herz! –

Auf! durchbohre diesen Busen –

Segnen will ich Dich im Scheiden! –

Hohes Glück in meinen Leiden

Kann der Tod mir nur verleih’n! –

TEBALDO.

Mehr als Du fühl’ ich den Jammer! –

Meine Lieb’ ist nun Verbrechen! –

Kannst du, o Himmel, so schwer dich rächen?

Mich durchglüht der Hölle Schmerz! –

Lebe, lebe, Unglücksel’ger! –

Keine Schuld darfst Du bereuen:

Von der Qual mich zu befreien,

Dies vermag der Tod allein! –

Vierter Akt.

Die Grabmäler der Capuleti.

Erste Scene.

Romeo mit seinen Gefährten.

CHOR.

Hier sind wir! – Möge Dein kühnes Wagen,

In diese Gruft zu dringen,

Dir nicht Verderben bringen,

An diesem Ort der Nacht! –

ROMEO.

Hier ist das Grabmal! Mit Blumen noch bestreut,

Ach noch von Thränen feucht! Nimm auch die meinen,

Die bitt’rer Schmerz und Zärtlichkeit ihr weinen.

CHOR.

O Herr, ermanne Dich!

ROMEO.

Ein and’res Opfer, mehr als Thränen,

Soll Dir in Kurzem werden.

CHOR.

Gebieter, o hemme der Seele Schmerz!

ROMEO.

Nächtliches Dunkel, das die Gruft umhüllt,

Weich’ einen Augenblick des Tages lichtem Glanz

Und zeige mir noch einmal deine Beute!

Oeffnet des Sarges Deckel, daß ich sie siehe!

Ha! Giulietta, meine Giulietta!

Du bist’s, – ich sehe Dich! Ja! ich habe Dich wieder!

Nein! nicht verblichen, nur leise schlummernd

Und harrend Deines Freundes, daß er Dich wecke.

Wach’, o erwache bei meinen Klagetönen!

Dich rufet Dein Romeo!

CHOR.

Er redet irre! Komm, folg’ uns, laß uns eilen!

Längeres Weilen bringet uns Gefahr.

ROMEO.

Nur einen Augenblick laßt mich noch hier.

Wohl giebt es manch Geheimniß, das der Kummer,

Ach, nur dem Grabe mag vertrauen.

CHOR.

Dich lassen? einsam? in solchem Schmerz?

Du zerreißest uns das Herz.

ROMEO.

Entfernt Euch! ich will es!

Chor ab.

Zweite Scene.

Romeo allein.

Giulietta, Du sollst allein, Theure,

Mich hören! Ach, eitles Hoffen! Verschlossen

Für meinen Jammer ist das Ohr der Geliebten.

Wie steh’ ich einsam, ach! wie verlassen auf Erden!

Verweile, reine Seele,

Daß ich an Deiner Seite

Dich selig froh geleite

Zu jenen lichten Höh’n. –

Du kannst nicht ohn’ Erbarmen

Mich einsam hier verlassen,

Und, fern von Dir, mich Armen

In meinem Jammer seh’n. –

Hervor, mein einz’ger Retter,

Du Trank des Todes, der ewig uns vereint!

O komm’ an meine Lippen! –

Und ihr empfangt von mir den letzten Athemzug,

Gräber, wo meine Feinde schlafen! –

Dritte Scene.

Giulietta erwacht. Romeo.

GIULIETTA.

Ah! –

ROMEO.

Welcher Seufzer!

GIULIETTA.

Romeo!

ROMEO.

Gott! ihre Stimme!

GIULIETTA.

Romeo!

ROMEO.

Sie spricht zu mir, sie ruft mich zu sich!

Himmel! was erblick’ ich?

GIULIETTA.

Romeo!

ROMEO.

Giulietta! o Gott!

GIULIETTA.

Bist Du’s?

ROMEO.

Du athmest?

GIULIETTA.

Ach, um nimmer Dich zu lassen,

Siehest Du mich hier erwachen;

Nur zum Schein lag ich im Tode.

ROMEO.

Ha! was sagst Du?

GIULIETTA.

Du weißt nicht? sah’st Du Lorenzo nicht?

ROMEO.

Nichts anders sah’ ich,

Nichts anders wußt’ ich,

Als Dich im Grabe,

Und ich eilte, ich Unglücksel’ger!

GIULIETTA.

Wohlan, Geliebter! Dein bin ich nun!

Und aller Schmerz entschwindet

In Deinen Armen! – Nun komm’!

ROMEO.

Hier muß ich weilen, ja, ewig, ewig, hier!

GIULIETTA.

Was muß ich hören? rede, rede! –

Ach Romeo! –

ROMEO.

Du weißt nun Alles!

GIULIETTA.

Unglücksel’ger! welch’ Beginnen!

ROMEO.

Dir zur Seite wollt’ ich erblassen!

GIULIETTA.

Helft! herbei! – Laß mich von hinnen!

ROMEO.

Bleibe, zu spät!

GIULIETTA.

Kann ich es fassen?

ROMEO.

Mir im Busen wühlt das Verderben.

GIULIETTA.

Laß mit Dir, mit Dir mich sterben!

Einen Dolch!

ROMEO.

O nein! vergebens!

GIULIETTA.

Dieses Fläschchen!

ROMEO.

Es ist geleeret! –

Leb’! o leb’, um meinen Leiden

Wehmuths-Thränen einst zu weih’n.

GIULIETTA.

Möge doch vor Deinem Scheiden

Mir der Tod beschieden seyn!

ROMEO.

Laß mich an’s Herz Dich drücken!

Nacht – wird’s – vor meinen Blicken.

GIULIETTA.

Vom Grab’ muß ich erstehen,

Ach, und Du sink’st hinein!

ROMEO.

Schweig! Deinen Schmerz zu sehen,

Ist mehr als Todespein.

Ha! welch ein Schleier, – o rede,

Ein einzig Wort von Dir!

Gedenke unsrer Liebe –

Giulietta – ich sterbe – leb’ wohl!

GIULIETTA.

Romeo! O verlaß mich nicht –

Scheide noch nicht von mir!

Hier soll Dein Ruhbett seyn –

Romeo! – Er stirbt! – O Gott!

Vincenzo Bellini – Beatrice von Tenda

Vincenzo Bellini
Beatrice von Tenda

Tragische Oper in zwei Akten

Personen

Filippo Maria Visconti, Herzog von Mailand

Beatrice von Tenda, seine Gemahlin

Agnese del Maino

Orombello, Herr von Ventimiglia

Anichino, ehemaliger Minister des Facino Cane

Rizzardo del Maino, Agnesens Bruder

Höflinge. Richter. Bewaffnete

Hofdamen. Wachen

Die Handlung spielt im Castell Binasco, im Jahre 1418.

Erster Akt.

Innere Halle im Schlosse Binasco.

Erste Scene.

Einige Höflinge. Filippo.

CHOR.

Wie, Gebieter! das Fest der Freude

Wolltet Ihr so schnell verlassen?

FILIPPO.

Laßt, o laßt mich! was dort ich sehe,

Muß ich fliehen, muß ich hassen!

CHOR.

Beatrice?

FILIPPO.

Ja! Wie drückend

Sind die Fesseln, die mich binden!

Meine Herrschaft beschränkt zu finden,

Lieb’ und Treue ihr zu lügen,

Ihren Launen mich zu fügen,

Wenn aus ihr der Argwohn spricht!

Dieser Qual muß ich erliegen –

Nein, ich trag’ es länger nicht!

CHOR.

Ja, die Last ist schwer zu tragen!

Doch des Zwanges könnt Ihr Euch entheben!

FILIPPO.

O wie gerne!

CHOR.

Wer könnt’ es wagen,

Euerm Wunsch zu widerstreben?

Nein nicht länger dürft Ihr schweigen,

Eilt, als Herrscher Euch zu zeigen!

Die Vasallen, die ihr dienen,

Könnten leicht sich sonst erkühnen,

Ihren Herzog zu verrathen,

Fielen treulos von Euch ab,

Pochend auf der Fürstin Staaten,

Die als Gattin sie Euch gab.

AGNESE.

Wahn ist’s, daß auf dem Throne

Des Lebens Glück Dir blühet.

Wenn uns die Liebe fliehet,

Kann uns kein Thron erfreu’n!

FILIPPO.

Agnese! Wie treffend!

CHOR.

In Eure Gefühle stimmt ihr Gesang mit ein.

AGNESE.

Was mag das Herz beglücken

Fern von der Lieb’ Entzücken?

Den Pfad mit Blumen schmücken

Kann Liebe nur allein!

FILIPPO.

Auf meinen Wegen

Sproßt keine Blume der Freude!

CHOR.

Eilt dem Glück entgegen!

Wagt nur die läst’gen Bande

Mit fester Hand zu trennen,

Dann werden alle Herzen

Liebend für Euch entbrennen.

Keine wird Euch verschmähen, –

Alle besieget Ihr.

FILIPPO.

Alle? (Du holde Agnese!

Ach, Du genügtest mir.

Was Du mir bist, o Theure,

Kann nur mein Herz Dir sagen!

Du stillst des Kummers Plagen,

Linderst der Sehnsucht Schmerz.

Könnt’ ich zum höchsten Throne

An meiner Hand Dich führen!

Doch keine Erdenkrone

Lohnte Dein edles Herz!)

CHOR.

Laßt die Hoffnung nicht entschwinden,

Von dem Zwang Euch zu erretten.

Schmachtend bald in schönern Ketten,

Lächelt Euch die Lieb’ auf’s Neu!

FILIPPO UND CHOR.

Nicht verzagt! Vielleicht im Stillen

Ist das Glück mit mir / Euch im Bunde

Nütz’ ich / Nützt Ihr nur die günst’ge Stunde,

Steht auch seine Gunst mir / Euch bei!

Alle ab.

Zweite Scene.

Agnesens Gemach.

OROMBELLO.

So bin ich denn am neidenswerthen Orte,

Der, theure Beatrice, Dich umfängt;

Dich, die dem Himmel mir zum Trost entstiegen;

Der hat gnädig Gott die Wunderkraft geschenkt,

Das Zürnen meines Schicksals zu besiegen.

O Heißgeliebte! wie viel Schmerzensthränen

Entladest meinem Auge Du allein;

Ja, Du wirst ewig meines Herzens Sehnen,

Die Seele meines ganzen Lebens sein.

Den Himmel seh’ ich sich vor mir erschließen,

Blickst Du mich an, und lächelst Du mir zu;

Laß mich als Edens Engel Dich begrüßen,

Der Schutzgeist meines Daseins bist ja Du.

Ha! als ich Dich zum Erstenmal gesehen,

Und wonn’entflammt in’s Antlitz Dir geschaut,

Da wagt’ ich still »O liebe mich« zu flehen,

Doch stumm blieb Deiner Lippen süßer Laut.

Allein in Deinem Auge konnt ich lesen,

Was schüchtern mir verschwieg Dein holder Mund;

Da schien es mir, Du angebetet Wesen,

Als lächle mir das ganze Weltenrund.

Dritte Scene.

Agnese, der Vorige.

AGNESE.

Saget, was soll dies Staunen?

Kommt doch näher!

OROMBELLO.

Verzeihung!

Von fern vernahm ich – die holden Töne –

Und das Verlangen, zu wissen,

Wessen Hand sie entströmten,

Ließ mich wagen – Verzeihung, Agnese!

AGNESE.

Wie, Ihr entfernt Euch? O bleibet!

Kommt näher!

OROMBELLO.

(O Gott!)

AGNESE.

Ich bitte!

Und nur der Neugier dank’ ich diese Freude,

Euch hier zu sehen?

OROMBELLO.

(Was sag’ ich ihr?)

AGNESE.

Und war es kein and’res Sehnen?

OROMBELLO.

Welch’ and’res Sehnen?

AGNESE.

Kann nicht in dieser Stunde,

Vertieft in Schwärmerei’n, ein fühlend Herz

noch wachen,

Und, unter Seufzern, der verschwieg’nen Laute

Ein theures Wort vertrauen, –

Den Namen Orombello?

OROMBELLO.

Wie? Meinen Namen? Unmöglich

AGNESE.

Weg mit Verstellung! Ihr müßt es wissen!

OROMBELLO.

(O Himmel!)

AGNESE.

Sah ich vielleicht am Hofe

Euch nie erscheinen? Drangen Eure Seufzer

Nie in mein Ohr?

OROMBELLO.

(Was muß ich hören!)

AGNESE.

Erst neulich verrieth mir Euer Auge,

Was Ihr empfindet. – Er liebet,

So sprach ich! Mehr als ein Andrer,

Ist er der Liebe würdig, –

Mehr als sein stolzer Nebenbuhler!

OROMBELLO.

Was sagt Ihr?

AGNESE.

Mag ihn Glanz und Hoheit auch umschweben!

OROMBELLO.

(Gott, was hör’ ich?)

AGNESE.

Eitler Schimmer!

Eine Seele, Euch treu ergeben, –

Sie entsagt dem Glanz auf immer!

Hand in Hand mit Euch zu gehen,

Wäre ihr das höchste Glück.

OROMBELLO.

(Alles darf ich ihr gestehen, –

Längst durchschaute mich ihr Blick.)

AGNESE.

Nun, was sagt Ihr?

OROMBELLO.

Agnese!

AGNESE.

Gelangte

Nicht ein Blatt in Eure Hände?

OROMBELLO.

Ja! – O laßt mich Euch vertrauen,

Ja, ich lieb’, und diese Liebe

Ist mein Hoffen, ist mein Glück!

AGNESE.

(Welch Geständniß, welch frohe Kunde

Tönet mir aus seinem Munde!)

OROMBELLO.

Beatrice, Du mein Alles!

AGNESE.

Himmel!

OROMBELLO.

Agnese!

AGNESE.

Ich bin verloren!

OROMBELLO.

Weh! was that ich?

AGNESE.

Für sie schlägt sein Herz!

Sie geliebet! ich verhöhnet,

Hintergangen! Unsel’ger Irrthum!

OROMBELLO.

Ach, Erbarmen! Ihre Ehre, ihr Leben

Sind in Eure Hand gegeben!

AGNESE.

Und mein Leben, meine Ehre

Kann nicht Deine Sorg’ erregen?

Laß den Sturm, den Du erwecket,

Erst in meiner Brust sich legen, –

Diesen Schimpf mach’ ungeschehen, –

Meiner Qual laß mich entgehen!

Dann vielleicht fühl’ ich Erbarmen –

Dann vielleicht kann ich verzeih’n!

OROMBELLO.

Nur Dein Herz hat Dich betrogen,

Darum magst Du mir vergeben

Gern, um Deine Qual zu lindern,

Gäb’ ich selbst mein Blut, mein Leben.

Ach, umsonst hab’ ich gerungen,

Von der Schönheit Reiz bezwungen, –

Drum verzeih’, o hab’ Erbarmen!

Liebe trägt die Schuld allein.

AGNESE.

Schweige, schweige!

OROMBELLO.

Ach nein!

AGNESE.

Entfliehe!

Blutig soll ihr Schicksal enden!

OROMBELLO.

Unglücksel’ge! – Ach, ihr Leben

Ruht allein in Deinen Händen.

AGNESE.

Diesen Schimpf mach’ ungeschehen, –

Meiner Qual laß mich entgehen!

Dann vielleicht fühl’ ich Erbarmen,

Dann vielleicht kann ich verzeih’n!

OROMBELLO.

Ach, umsonst hab’ ich gerungen,

Von der Schönheit Reiz bezwungen!

Drum verzeih’, o hab’ Crbarmen!

Liebe trägt die Schuld allein.

Beide ab.

Vierte Scene.

Ein Bosket im herzoglichen Garten.

Beatrice und ihre Frauen.

BEATRICE.

Frei athm’ ich hier! Im Schatten dieser Zweige,

Umweht von süßen Düften –

O wie erquickend scheint mir des Tages Strahl.

CHOR DER FRAUEN.

Sieh’, wie die Blüthen sich am Morgen

Mit neuem Glanz erheben!

So möge frei von Sorgen,

Neu sich Dein Herz beleben!

BEATRICE.

Ach, meine Lieben!

Neigt, vom Sturme gebrochen, ihr Kelch sich nieder,

Dann erhebt keine Sonne die Blume wieder.

Dies ist mein Schicksal! so welkt, vom Sturm

gebrochen,

Meine Blüthe dahin! – So nicht Filippo,

Wolltest Du mir vergelten, als ich Dich schützte,

Meine Liebe Dir schenkte, und meine Krone!

CHOR DER FRAUEN.

Wahrheit ist’s, was sie spricht!

BEATRICE.

Welch Loos, Du Undankbarer! ward mir zum Lohne?

Nicht allein hab’ ich dies Loos zu tragen,

Nicht allein vertraur’ ich so mein Leben!

O mein Land! ich höre Deine Klagen!

Wessen Hand hab’ ich Dich übergeben!

Solchem Jammer Dich zu weihen,

Traf mein Herz die rasche Wahl.

EHOR DER FRAUEN.

(Seht, sie weinet!)

BEATRICE.

(O meine Treuen!)

CHOR DER FRAUEN.

(Klagt und seufzet –!)

BEATRICE.

(O welche Qual!)

Auch die Meinen floh das Glück,

Dessen sie sich einst erfreut.

Und der Herrin Mißgeschick

Ward für sie zu bitterm Leid!

Doch uns schützt des Ew’gen Hand,

Mild sein Auge auf uns ruht!

Wenn die Hoffnung uns entschwand,

Bleibt, zu dulden, uns der Muth.

CHOR DER FRANEN.

(Nicht verlassen bleibt für immer

Wer die Tugend sich erkor.

Bald hebt sie mit neuem Schimmer

Aus dem Dunkel ihn empor.)

Ab.

Fünfte Scene.

Filippo und Rizzardo.

FILIPPO.

Wohin kann sie entfliehen,

Daß nicht mein Auge sie

Erreichet? Geh, sie einzuholen.

Rizzardo ab.

Mein Zorn erwacht auf’s Neue!

Und – daß sie mich verrathen,

Schmerzte mich so? wünschte ich es nicht schon lange?

Und die Beweise – sind sie mir nicht willkommen?

Sechste Scene.

Beatrice. Filippo.

BEATRICE.

Du hier, Filippo?

FILIPPO.

Wo anders

Bist Du zu finden, als an düstern Orten,

Um Dein geheimes Treiben

Scheu zu verbergen?

BEATRICE.

Ja! keine Zeugen

Will ich für meine Thränen!

Und Du, vor Allen Andern,

Sollst sie nicht schauen!

Denn schon seit langer Zeit sind sie Dir lästig.

FILIPPO.

Nicht lästig hätt’ ich sie gefunden,

Wenn Du die wahre Quelle

Mir nicht verschwiegen.

BEATRICE.

Du kennst sie lange!

Und tiefer muß es mich schmerzen,

Daß Du Dich stellst, sie nicht zu kennen!

FILIPPO.

Ich sollte sie nicht kennen!

So wisse! Dein heimlich Trachten,

Dein sträflich Sinnen, das Du zu bergen wähnest,

Les’ ich auf Deiner Stirn’, im Herzen, im Blicke!

BEATRICE.

Du? mein sträflich Sinnen? und welches?

FILIPPO.

Welches? – Unwürd’ge! Falschheit und Tücke!

BEATRICE.

Falschheit und Tücke! Undankbarer!

Dies kannst Du selbst nicht wähnen!

Kummer, getäuschtes Sehnen,

Magst Du im Aug’ mir lesen, –

Betrog’ner Hoffnung Thränen,

Gekränkter Liebe Schmerz.

FILIPPO.

Wohl kenn’ ich diese Liebe!

Du kannst sie nicht verhehlen!

Die kühne Brust beseelen

Der Herrschsucht stolze Triebe,

Und Schaam und Reue quälen

Dein schuldbelad’nes Herz.

BEATRICE.

Filippo!

FILIPPO.

Ja, Ungetreue!

Kein Schein soll mich mehr blenden!

BEATRICE.

Filippo!

FILIPPO.

Die sichern Proben

Hab’ ich in meinen Händen!

BEATRICE.

Filippo, halt’ ein!!

FILIPPO.

Zitt’re! Sieh! Dein Verbrechen ist hier!

BEATRICE.

Gott! – Wie, meine Siegel

Wagst Du zu verletzen?

FILIPPO.

Ich? Ja!

Klagen empörter Knechte, –

Straflos kannst Du sie hören, –

Zürnst nicht, wenn freche Knaben

Der Treue Eid Dir schwören.

Und wagst mich anzuklagen

Als Schöpfer Deiner Plagen?

In Schuld so tief gesunken,

Nein, nein, – glaubt’ ich Dich nicht!

BEATRICE.

Klagen bedrängter Völker

Enthalten diese Schreiben, –

Wenn ich sie hört’, Unseliger!

Würdest Du Herrscher bleiben?

Sage, sind dies die Gründe,

Daß ich so streng’ Dich finde?

Liebst Du mich nicht, so achte mich,

Raub’ mir die Ehre nicht!

Die Blätter, Filippo, o gieb sie mir wieder!

Vermeide die Schande.

FILIPPO.

Umsonst ist Dein Flehen.

BEATRICE.

Nein, keine Verräth’rin kannst Du in mir sehen.

FILIPPO.

Ja, Alles verklagt Dich, die Schande trifft Dich.

BEATRICE.

Filippo!

FILIPPO.

Hinweg!

BEATRICE.

Ich flehe in Thränen –

Gieb lieber den Tod mir.

FILIPPO.

Erwarte ihn! Fort!

BEATRICE.

Ha, Unmensch, Verleumder! Dein grausam Betragen

Ermuthigt mich wieder, – verstummet, ihr

Klagen!

Die Unschuld soll Stärke und Kraft mir verleih’n.

Die Welt sei mein Zeuge, sie möge entscheiden,

Sie mag mich vertheid’gen, mir Richterin sein.

FILIPPO.

Unwürd’ge, vertilge die Spur der Verbrechen,

Dann magst Du Dich brüsten, zu droh’n Dich

erfrechen!

Verweg’ne, dann kannst Du von Schmach Dich

befrei’n.

Die Welt soll es wissen, sie möge entscheiden,

Sie wird Dich verdammen, mir Rächerin sein!

Beide ab.

Siebente Scene.

Entlegener Theil im Schlosse Binasko.

Eine Abtheilung Bewaffneter.

ERSTER CHOR.

Nun, Ihr saht ihn?

ZWEITER CHOR.

Ja, Verwirrung

Malte sich in seinen Zügen.

ERSTER CHOR.

Und was sprach er?

ZWEITER CHOR.

Durch die Gänge

Eilt er ängstlich, still, verschwiegen!

ERSTER CHOR.

Wohin ging er?

ZWEITER CHOR.

Wie ohne Absicht,

Schlich er an den Wänden hin!

ERSTER CHOR.

Doch umsonst, – er mag sich hüten,

Seine Pläne verrathen ihn.

ALLE.

Gleiche List laßt uns gebrauchen, –

Nichts vermag uns zu entgehen,

Laßt uns lauschen, laßt uns spähen,

Doch vermeidet den Verdacht.

Nein, so dunkel ist kein Schleier,

Unser Blick wird ihn durchdringen, –

Leicht fällt er in unsre Schlingen,

Glaubt er sich nur unbewacht!

Sie gehen ab.

Achte Scene.

Beatrice allein, dann Orombello.

BEATRICE.

Hier will ich sie verbergen, des Schmerzes Thränen,

Des Kummers Klagen! Ach! könnt’ ich, o Facino,

Auch Dir sie bergen, Dir, den kaum verschieden,

Die Gattin so bald vergessen, der meinen Jammer,

Des Leichtsinns Strafe schaut, und seine Rache.

Hast Du mich einst geliebet, o so vergieb,

Du Edler! Einsam, verlassen und hülflos,

Ließ ich zu bald mich verblenden, –

Ach, allzuschwer büßt mein Herz für seine Schwäche!

Orombello tritt auf.

Alles fliehet vor mir!

OROMBELLO.

O nein! Ein Freund ist nahe!

BEATRICE.

Wen seh’ ich? Orombello!

Du hier? – und heimlich!

OROMBELLO.

Alle hör’ ich jammern über Dein Schicksal,

Ich werde handeln! Nicht länger darfst Du zaudern,

Laß Deine Zweifel schwinden,

Benütze Deine Macht! Alle Provinzen

Hab’ ich bereits durchzogen, und tausend Arme,

Dir treu ergeben, zu Deinem Schutz bewaffnet.

Komm und erhebe siegreich Facino’s Banner,

Räche als Fürstin des Volks gekränkte Rechte,

Und Deine eig’ne Schmach!

BEATRICE.

Sie ruft um Rache,

Und volle Rache soll ihr werden!

OROMBELLO.

O Wonne! – Sobald es dunkelt,

Flieh’n wir aus diesen Mauern,

Tortona’s Wälle nehmen schirmend

Uns auf! Harrend empfängt Dich

Der Getreuen tapfre Schaar. Gieb Dein Versprechen,

Durch keinen neuen Aufschub die That zu hindern.

BEATRICE.

Ach, welchen Rath willst Du mir geben?

OROMBELLO.

Noch kannst Du wanken?

BEATRICE.

Nein, nicht Du darfst mich beschützen, –

Selbst den Schein muß ich vermeiden.

OROMBELLO.

Welch ein Wort!

BEATRICE.

Der Argwohn lauschet, –

Meine Ehre darf nicht leiden!

OROMBELLO.

Deine Ehre?

BEATRICE.

Mein Vertrauen

Gilt dem Neid für Gunst der Liebe;

Deiner Ehrfurcht zarte Triebe

Für geheimer Neigung Gluth!

OROMBELLO.

Ja, ich weiß!

BEATRICE.

Du? und kannst es dulden?

OROMBELLO.

Allzuwahr ist das Gerücht!

BEATRICE.

Welche Sprache?

OROMBELLO.

O zürne nicht!

BEATRICE.

Ha, verstumme! Ach, weh mir!

OROMBELLO.

Seit mein Auge Dich gesehen,

Konnt’ ich nimmer widerstehen!

Täglich wuchsen diese Flammen,

Nährten sich an Deinem Schmerz.

Kannst Du dies Gefühl verdammen,

Dann erliegt mein wundes Herz!

BEATRICE.

Schweige! flieh’! Verweg’ner!

Wem, ach wem kann ich vertrau’n?

OROMBELLO.

O Verzeihung!

BEATRICE.

Fliehe!

Neunte Scene.

Vorige. Filippo. Rizzardo. Agnese mit Gefolge, Anichino; dann Ritter, Frauen und Soldaten.

AGNESE.

Siehst Du?

FILIPPO.

Ha, Verräther!

BEATRICE. OROMBELLO.

O Gott!

FILIPPO.

Ihr seyd ertappt

Wachen!

BEATRICE.

Halt’ ein!

FILIPPO.

O schweige!

Hoffe nicht, mich zu bethören!

Dein Verbrechen –

BEATRICE.

Mein Verbrechen

Lebet nur in Deinem Wahne,

Ach, ich kenne Dich!

FILIPPO.

Auch Dich erkennet

Nun die Welt zu meiner Schmach!

OROMBELLO.

(Sie ist verloren!)

BEATRICE.

O schwarze Seele!

FILIPPO.

Zeig’ Dich schuldlos!

CHOR.

(O Schreckenstag!)

BEATRICE.

Meine Ehre willst Du mir rauben!

Schuldig kannst Du mich nicht finden!

Nein, die Welt, sie wird nicht glauben,

Was Verleumdung aus Dir spricht! –

Daß ich ihn zu mir erhoben,

Bringt Verderben mir und Schande!

Er zerreißt die zarten Bande,

Mir zum Fluch ward der Verein!

FILIPPO.

Wehe mir, in solchen Händen

Ruhte einst mein Glück, mein Leben, –

Meine Ehre seh’ ich schänden!

Schimpf und Schmach bleibt mir allein!

OROMBELLO.

(Großer Gott, welch schrecklich Leiden

Hat mein Wagniß ihr bereitet!

Gern wollt’ ich vom Leben scheiden,

Könnt’ ich sie von Schmach befrei’n!)

AGNESE.

(Armes Herz! an seinen Qualen

Magst Du jubelnd Dich nun weiden!

Seinen Hohn will ich bezahlen!

Das Verderben harret sein.)

ANICHINO.

Mit Gefahr des eig’nen Lebens

Wollt ich von der Schmach sie retten.

Meine Sorge war vergebens,

Das Verderben brach herein!

CHOR.

Ach! zu ihrem Untergange

Hat sich alle Welt verschworen.

Großer Gott, sie ist verloren!

Allzugern glaubt er dem Schein.

FILIPPO.

Ihre Strafe zu erwarten,

Führt sie Beide in’s Gefängniß.

BEATRICE.

Und Du wagst es?

FILIPPO.

Es ist beschlossen!

BEATRICE.

O des Frevels!

OROMBELLO.

Herzòg, hört’ mich!

Nur Verleumdung darf es wagen,

Eines Fehls sie anzuklagen!

Sie ist schuldlos –

FILIPPO.

Nicht für ihr Verbrechen,

Für Dich selber magst Du sprechen.

Fort!

BEATRICE.

Filippo! geh nicht weiter!

Ach, zu spät wirst Du’s bereu’n.

FILIPPO.

Fort! Gehorcht!

DIE ANDERN.

Nichts kann sie retten,

Allzugern glaubt er dem Schein!

BEATRICE.

Steht hier Niemand mir zur Seite,

Einem Weibe Schutz zu geben?

Will für mich im offnen Streite

Keiner seinen Arm erheben?

Nun, so hör’ es, ew’ger Rächer!

Mein Vertrau’n setz’ ich auf Dich!

OROMBELLO.

Ach, ein Schwerdt nur laßt mir reichen

Rächend sei’s im Kampf erhoben!

Und ich will mit blut’gen Streichen

Ihre Unschuld Euch erproben!

Ach, vergebens ist mein Wüthen!

Und die Edle fällt durch mich!

FILIPPO.

Frevler, Euerm eitlen Grimme

Ueberlassen bleibt Ihr Beide, –

Fort, daß des Gerichtes Stimme

Ueber Euer Loos entscheide.

Eine Welt, des Spruches harrend,

Richtet ihren Blick auf mich!

AGNESE.

Also rächt des Weibes Seele

Sich an einem Undankbaren!

Welche Mittel ich erwähle,

Sollst Du zitternd bald erfahren!

Unglückselig sind wir Beide,

Aber Du noch mehr als ich!

ANICHINO UND CHOR.

Dieser Adel in den Zügen,

Diese Gluth in ihren Blicken, –

Strafet die Verleumdung Lügen,

Muß den Argwohn unterdrücken.

Ihre Unschuld Du enthülle,

Ew’ger Gott, wir bau’n auf Dich!

Zweiter Akt.

Gerichtsaal im Schlosse Binasko. Wachen an den Eingängen.

Erste Scene.

Filippo. Anichino und Soldaten.

Beatricens Damen und Höflinge.

FILIPPO.

Von nun soll unbeschränkt über ihr Schicksal

Das Gesetz nur entscheiden!

ANICHINO.

Und welch Gesetz wiche nicht Euerm Spruche?

Ach, ich beschwöre Euch, Herzog,

Bei Euerm Wohle! Bedenket doch die Folgen

Dieses Gerichts! Schon kam davon die Kunde

In die nahen Provinzen! Der Pöbel murret,

Und fühlet Mitleid!

FILIPPO.

Mich soll dies nicht schrecken!

Die Thore von Binasco bleiben geschlossen

Bis zum nächsten Morgen! Keinem sei der Eintritt

In’s Schloß gestattet! Wenn die bethörte Menge

In ihrem Abgott die Frevlerin erkennet,

Preis’t sie als Recht, was jetzt Gewalt ihr dünket.

ANICHINO.

Und wer vermag als Richter

Einen Ausspruch zu fällen,

Da, wo der Herzog die Klage führet?

FILIPPO.

Genug! Spare Deine Worte –

Zu weit führt Dich Dein Eifer!

Die Sitzung beginnt!

ANICHINO.

(O Himmel! ich bebe!)

Zweite Scene.

Vorige. Die Richter. Rizzardo. Filippo Damen und Ritter. Agnese.

ANICHINO.

(Ach! taub für meine Warnung

War Orombello! Meine Furcht hat sich bewährt!)

AGNESE.

(Der Rach’ ersehnte Stunde

Ist uun erschienen! Doch kann ich mich nicht

freuen!

Tief regt in banger Angst sich mein Gewissen!)

FILIPPO.

Wie, Richter, habt Ihr ernst’ren Grundes willen

Vor meinem Angesicht Euch noch versammelt;

Es gilt, zu richten heut so schwarze That,

Daß ich, der Herzog selbst, gezwungen ward,

Dem Spruch des Rechtes sie zu unterwerfen.

Wer auch die Schuld’ge sei, wer ihr Verkläger;

Laßt Eurem Spruch es keinen Eintrag thun;

Bedenkt nur Eins: daß ich ein Urtheil ford’re,

Wie es der höchsten Macht im Staat gebührt.

RICHTER.

Sei denn die Schuldige uns vorgeführt.

Dritte Scene.

Vorige. Beatrice von Wachen umgeben.

CHOR DER RIC HTER.

Die Klage schwerer Frevel lastet

Auf Euerm Haupte. Ihr mögt vor dem Gerichte

Von der Schuld Euch befrei’n!

BEATRICE.

Und wer gab Euch das Recht,

Ueber mich Gericht zu halten?

Wohin ich immer den Blick mag wenden,

Seh’ ich in diesem Kreise nur meine Vasallen

FILIPPO.

Und siehst Du nich

Den Herzog, den verrath’nen Gemahl?

BEATRICE.

Einen Verräther, der meine Huld und Milde

Mit Undank lohnet, meine Liebe mit Schande!

FILIPPO.

Du nennest Liebe – Verbindung

Mit den Feinden, – Empörung

Der Vasallen – und dann am Hofe

Die üppigen Gelage

Mit Zitherschlägern und frechen Harfenspielern?

Himmel! dies nennst Du Liebe?

BEATRICE.

Schweige! – o schweige!

Jede Beschuldigung vernehm’ ich unerschüttert,

Doch mein Herz empört die Klage

So niedern Frevels. O wag’ es nicht, Filippo!

So schwer mich zu beschimpfen,

Lascari’s Tochter, die Wittwe eines Helden!

CHOR DER RICHTER.

Dein Mitgefang’ner

Nennet Dich schuldig! Bringt Orombello!

BEATRICE.

O Himmel! verleih’ mir Kraft und Stärke!

CHOR DER RICHTER.

Hier ist er!

Vierte Scene.

Vorige. Orombello mit Wachen.

AGNESE.

(Weh mir! ach, wie elend

Ist der Arme durch meine Rache!)

OROMBELLO.

Zu welcher neuen Qual will man mich führen?

CHOR DER RICHTER.

Tritt näher! – Ihr gegenüber rede!

Bekräft’ge Dein Geständniß!

BEATRICE.

Orombello!

OROMBELLO.

Die Stimme, – sie ist es!

Und warum muß ich noch leben?

BEATRICE.

Unglücksel’ger! Dein falsch Bekenntniß –

Welchen Vortheil konnt’ es Dir geben?

Darfst Du hoffen, daß, wenn ich sterbe,

Sie vom Tode Dich befrei’n?

Du wirst sterben, als Verbrecher

Wird man Dich dem Tode weih’n!

OROMBELLO.

Schon’, o schone! – ach, wenn Du wüßtest –

Ja mir selber bin ich ein Gräuel!

Höllenqualen hab’ ich erduldet,

Die kein Mensch vermag zu fassen, –

Und die Kraft, sie zu ertragen,

Mußte endlich mich verlassen.

Nur der Schmerz hat mich bezwungen,

Das Geständniß mir entrungen.

Doch hier – hier in Deiner Nähe,

Wo den Tod ich vor mir sehe,

Werde laut vor allen Zeugen

Deine Unschuld offenbar.

BEATRICE.

Dank, o Gott!

AGNESE.

(Ha! mein Gewissen!)

ANICHINO.

(Hört, o Herzog!)

FILIPPO.

(Ich hör’ den Frechen!)

CHOR DER RICHTER.

Allzuweit bist Du gegangen!

Schweig’ und zitt’re!

OROMBELLO.

Nimmer soll der Tod mich schrecken,

Wenn die Edle mir verzeiht!

CHOR DER RICHTER.

Um die Wahrheit zu entdecken,

Steht die Folter noch bereit!

BEATRICE.

Volle Sühnung hast Du gegeben –

Deine Schuld ist abgetragen!

Makellos schließt sich mein Leben –

Und der Tod macht mich nicht zagen!

Möge huldvoll, wie ich vergeben,

Auch der Himmel Dir verzeih’n!

OROMBELLO.

Du wirst leben! nein! die Vorsicht

Duldet nicht ein solch Verbrechen.

Nur an mir, dem Lebensmüden,

Mag sich Haß und Bosheit rächen.

O wie gern, da Du vergeben,

Duld’ ich nun des Todes Pein!

FILIPPO UND CHOR DER RICHTER.

(Mächtig spricht in diesen Tönen

Eine Stimme mir zum Herzen!

Doch ich ließe mich versöhnen,

Rühren mich durch ihre Schmerzen?

Nein, hier walte nur die Strenge,

Fern soll uns das Mitleid sein!)

AGNESE UND CHOR DER FRAUEN.

(Das Geschick der Tiefgebeugten

Flößt mir Angst und Mitleid ein!)

FILIPPO.

Weil der Schuld’ge widerrufet,

Wollt Ihr darum nicht entscheiden?

ANICHINO.

Schenke Freiheit ihnen Beiden!

FILIPPO.

Freiheit?

AGNESE.

O Wonne!

CHOR DER RICHTER.

Nein, unmöglich!

Das Gesetz sei nicht umgangen!

Um Gewißheit zu erlangen,

Tritt auf’s Neu’ die Folter ein!

ANICHINO, AGNESE UND FRAUEN.

(Welch Entsetzen!)

BEATRICE.

(Ungeheuer!)

OROMBELLO.

Ha, wer wagt’s, sie zu verletzen?

Ew’ger Rächer, Deine Blitze

Schleud’re Du auf sie herab!

CHOR DER RICHTER.

Führet ihn zur Folter ab!

BEATRICE.

Haltet! Haltet! – Ach nur zwei Worte!

Keine Klage sollst Du hören!

Dies bedenke: Es lebt ein Rächer!

FILIPPO UND CHOR DER RICHTER.

Strafe ziemet dem Verbrecher!

Ja, sie soll vollzogen sein!

BEATRICE.

Komm’, o Freund, uns winket Beiden

Ew’ger Lohn nach kurzen Leiden.

Frommer Muth – er wird besiegen

Folterqual und Todespein!

OROMBELLO.

Ja, ich folge!

AGNESE.

Ich muß erliegen!

ANICHINO.

Keine Macht kann sie befrei’n!

FILIPPO UND CHOR DER RICHTER.

Kann die Reu’ Cuch nicht bewegen,

Das Geständniß abzulegen,

Nun so mag, es zu erzwingen,

Euch die Folter sich erneu’n!

AGNESE.

Könnt’ ich Rettung ihnen bringen!

ANICHINO UND CHOR DER FRAUEN.

Schützen kann sie Gott allein!

BEATRICE.

Ist die Tugend hier auf Erden

Roher Willkühr übergeben,

Dann entsag’ ich gern dem Leben,

Tod, Du sollst willkommen sein!

OROMBELLO UND BEATRICE.

Nein, mein Herz soll nicht erbeben,

Jenseits schwindet jede Pein!

Ab.

Fünfte Scene.

Filippo allein, dann Anichino, Damen und Höflinge.

FILIPPO.

Sie fühlt Gewissens bisse? Wenn ich sie nicht empfinde,

Wer dürft’ es? Und wer sie fühlt, mag sie verbergen!

Sie mir zeigen, heißt mich verdammen! Ruhig und

heiter

Will ich erscheinen. Bin ich’s vielleicht? Kann ich

es sein?

Nein! Von geheimen Grau’n bebt mir die Brust!

Ha! Gleich einem Nachtgespenst starrt es mich an!

Eine Grabesstimme – schaurig mir drohend,

Zittert durch die Lüfte! – Ist es Täuschung?

Traf nicht mein Ohr ein leises Jammern?

Sie ist es! sie selber, die von der Folter

Zum Kerker wanket! o halt’ ein, bange Klage!

Ha! wer nahet?

ANICHINO.

Mein Herzog! Beatrice bekannte nicht.

Doch die Versammlung verdammt sie zum Tode!

Nur noch Dein hoher Name

Fehlt hier auf diesem Blatte!

FILIPPO.

Sie bekannte nicht?

ANICHINO.

Die Unschuld beugt keine Marter.

CHOR.

In Deiner Hand, Gebieter,

Ruht das Geschick der Armen,

O zeige Huld, Erbarmen, –

Ach höre unser Fleh’n!

FILIPPO.

Nein! ich bin entschlossen,

Das verhängnißvolle Blatt, – ich will es unterschreiben!

Ha! unmöglich! Ich fühle mein Herz sich sträuben!

Als ein Flüchtling irrt’ ich im Lande,

Sie erhob mich zu Glanz und Ehre!

Und ich lohn’ ihr mit Schmach und Schande,

Ich bereite ihr – das Beil!

Flieh’n muß ich der Menschheit Blicke,

Die sich schaudernd von mir kehret.

Meine Ruhe ist zerstöret,

Und dahin mein ewig Heil!

Ja, sie lebe! – Welch’ ein Lärm!

Ha, wer nahet? Geht und sehet!

CHOR DER FRAUEN.

Welch’ ein Schrecken?

FILIPPO.

Sprecht!

CHOR.

O Herr!

Laßt die Thore schnell verwahren!

Denn die alten Kriegerbanden,

Die im Sold Facino’s standen,

Sammeln sich zu dichten Schaaren,

Um die Fürstin zu befrei’n!

FILIPPO.

Und schon hört’ ich des Mitleids Stimme,

War entschlossen, ihr zu verzeih’n?

Ja, das Urtheil sei vollzogen!

CHOR.

Gnade, Herr! hört unser Flehen!

FILIPPO.

Diese Kühnheit der wilden Menge

Stürzt die Schuld’ge in’s Verderben;

Ihr Verbrechen, nicht meine Strenge,

Führet sie zum Blutgerüst!

Tief in’s Grab mit ihr versinket

Jeder Kampf um Reich und Krone.

Ja, sie falle, – auf meinem Throne

Faßt der Raum uns Beide nicht!

CHOR.

Höret doch den Ruf der Gnade,

Der zu Euerm Herzen spricht.

Alle ab.

Sechste Scene.

Vorhof zu den Gefängnissen des Schlosses.

Frauen und Diener der Beatrice. Schildwachen.

CHOR DER FRAUEN UND DIENER.

Sie betet!

Nichts soll die arme Dulderin

In ihrer Andacht stören!

Nie stiegen rein’re Bitten

Auf zu des Himmels Sphären!

Nie blickte Gott hernieder

Auf ein so reines Herz,

Heilig durch frommen Glauben,

Und durch erlitt’nen Schmerz.

Mög’ in der letzten Stunde

Treu sich ihr Muth bewähren,

Daß selbst des Todes Qualen

Nicht ihr Vertrauen stören.

Und ihre hohe Tugend,

Die mit verruchten Händen

Die Bosheit wagt zu schänden,

Besiegle ein frommer Tod.

Siebte Scene.

Vorige. Beatrice.

BEATRICE.

Stumm war die Lippe!

Mit nie gekanntem Muthe stärkte mich

Der Himmel! und nichts bekannt’ ich!

O Wonne! Ich besiegte den Schmerz! –

Ich sterbe, Ihr Freunde!

Doch ruhmvoll sterb’ ich, und hell umstrahlet

Vom Glanze der Tugend. Nicht so jene Frevler!

Die mit der Bosheit Waffen die Unschuld verfolgen,

Ihr ruchloses Urtheil

Mag die Nachwelt bestrafen!

CHOR.

So sei’s! –

BEATRICE.

Mein Tod bring’ Filippo Schande,

Mein Blut, vom Beil vergossen,

Fall’ auf des Frevlers Haupt!

Wer es auch sei, der zu meinem Sturze

Sich mit ihm verbunden!

Achte Scene.

Vorige. Agnese.

AGNESE.

Ha!

ALLE.

Agnese!

AGNESE.

Halt’ ein! Laß Deine Zunge

Mich nicht verdammen! Im Stanb zu Deinen

Füßen

Laß mich vor Reue, vor Angst vergehen!

BEATRICE.

Agnese, Dich quälet Reue?

AGNESE.

Ja, ew’ge Reue! Durch mich gehst Du zum Tode –

Ich liebte Orombello!

BEATRICE.

Ha, was sagst Du?

AGNESE.

Ich wähnte, er sei Dir theuer!

Ich schlich in Deine Zimmer,

Stahl Deine Briefe, und kaufte Dein Verderben

Mit meiner Ehre.

BEATRICE.

Schändliche! –

Schweige, fliehe! meide meine Blicke

Daß in dieser Stunde,

Wo mein Leben sich endet,

Ein Fluch die Lippe nicht entweiht!

AGNESE.

Erbarmen!

OROMBELLO.

Ach, eine Engelsstimme

Dringet in diese Mauern.

Sie wehrt den Todesschauern,

Und – lehret mich verzeih’n!

AGNESE.

Hört, er verzeiht!

BEATRICE.

Laß uns in Frieden scheiden,

Da Dir sein Mund vergeben!

Mag Dir, versöhnt mit Beiden,

Die Ruhe sich erneu’n!

AGNESE.

Daß ich mein Dasein trage,

Hast Du mir Kraft gegeben!

Ich will mein ganzes Leben

Nur weinen und bereu’n!

ANICHINO UND CHOR.

O Gott, sieh die Thränen,

Du wollest ihr verzeih’n.

BEATRICE.

Was hör’ ich?

AGNESE.

Weh’ mir!

BEATRICE.

Ich sehe

Des Trauerzuges Nähe!

Letzte Scene.

Vorige. Rizzardo mit Hellebardieren und Gerichtspersonen.

ALLE.

Ach! die Hoffnung entschwand!

BEATRICE.

Laßt meinen Muth jetzt nicht erliegen!

Nur noch ein Tropfen, ihr Freunde!

Und endlich ist er ausgetrunken

Dieser Kelch bitt’rer Leiden! –

ALLE.

O nimm ihn, Allmächt’ger, o nimm ihn von

ihr! –

BEATRICE.

Ihn ganz zu leeren,

Hat Gott mir Kraft verliehen! –

Ich bin bereit!

AGNESE.

Weh mir, ich sterbe!

BEATRICE.

So lebt denn wohl!

Wenn man mir ein Grab vergönnet,

Laßt ein Blümchen ihm entblühen,

Betet dort auf Euern Knieen,

Für Filippo, nicht für mich! –

Dieser Armen mögt ihr verkünden,

Daß ich sterbend sie umarmet!

Laß, o Gott, sie Ruhe finden!

Ihrer Qual erbarme Dich! –

ANICHINO UND CHOR.

Unglücksel’ge! – Dies zu sehen

Hat das Schicksal uns erlesen!

Weh dem Land, wo solch ein Wesen

Durch das Henkerbeil erblich!

BEATRICE.

Nur für die, die hier verweilen,

Betet, Freunde, nicht für mich!

Kommt, ich folge!

CHOR.

Ach! Euern Segen!

Euern Segen, eh’ Ihr scheidet!

BEATRICE.

Seyd gesegnet! Ach, hemmt die Thränen!

CHOR.

Wer erwehrt der Thränen sich?

BEATRICE.

Nein, der Tod ist mir kein Leiden!

Einen Sieg hab’ ich errungen,

Gleich dem Sclaven, dem’s gelungen,

Seinen Banden zu entflieh’n.

Ohne Kummer, ohne Reue

Scheid’ ich von der Erde Freuden,

Bringe nur der Meinen Treue

Vor den Thron des Höchsten hin!

CHOR.

Möge dort zum Lohn der Leiden

Ew’ge Wonne Dir erblüh’n!

Vincenzo Bellini – Beatrice di Tenda

Vincenzo Bellini

Beatrice di Tenda

Tragedia lirica in due atti

Personaggi

Filippo Maria Visconti, Duca di Milano

Beatrice di Tenda, di lui moglie

Agnese del Maino

Orombello, signore di Ventimiglia

Anichino, antico ministro di Facino

Rizzardo del Maino, fratelio di Agnese

Cortigiani. Giudici. Uffiziali. Armigeri

Dame. Damigelle. Soldati

La Scena è nel Castello di Binasco. L’epoen è dell’ anno 1418.

Atto Primo.

Atrio interno nel castello di Binasco.

Scena I.

Alcuni cortigiani e Filippo.

CORO.

Tu, signor! lasciar sì presto

Così splendida assemblea?

FILIPPO.

M’ è importuna … io la detesto …

Per colei che n’ è la dea.

CORO.

Beatrice!

FILIPPO.

Si: di peso

Emmi il nodo a cui son preso.

Non regnar che per costei!

Simular gli affetti miei!

Un molesto amor soffrire,

Un geloso rampognar!

È tal noja, è tal martire

Ch’ io non basto a tollerar.

CORO.

Si: ben parli … è grave il giogo …

Ma spezzarlo non potrai?

FILIPPO.

Io lo bramo.

CORO.

E pieno sfogo

A tua brama a che non dai?

Sei Visconti … Duca sei,

Sei maggior, signor di lei …

Se più soffri, se più taci,

Non mai paghi, ognor più audaci

I vassalli in lei fidanti

Ponno un di mancar di fè.

Non lasciar che più si vanti

Degli stati che ti diè.

AGNESE.

Ah! non pensar che pieno

Sia nel poter diletto:

Senza un soave affetto

Pena anche in trono un cor.

FILIPPO.

O Agnese! è vero.

CORO.

Il suo canto seconda il tuo pensiero.

AGNESE.

Dove non ride amore

Giorno non v’ ha sereno:

Non ha la vita un siore,

Se non lo nutre amor.

FILIPPO.

Nè più sia lieta

D’ un sol siore la mia!

CORO.

Beatrice il vieta.

Ah! se tu sossi libero

Come gioir potresti!

Di quante belle ha Italia

Nobil desìo saresti:

Tutte a piacerti intese,

Tutte le avresi al piè.

FILIPPO.

Tutte! (O divina Agnese!

Tu basteresti a me.

Come t’ adoro, e quanto

Solo il mio cor può dirti:

Gioja mi sei nel pianto,

Pace nel mio suror.

Se della terra il trono

Dato mi sosse offrirti,

Ah! non varrebbe il dono,

Cara, del tuo bel cor.)

CORO.

Di spezzar gli, odiati nodi

Il pensier depor non dei:

Se d’ un’ altra amante sei,

L’ arti sue t’ insegni amor.

FILIPPO E CORO.

Forse già disposti i modi

Ne ha fortuna in suo segreto;

E non manca a far mi / ti lieto

Che sorprenderne il favor.

Partono.

Scena II.

Appartamento di Agnese.

OROMBELLO.

Questo è il beato luogo

Ove tu alberghi adorata Beatrice

Spirto sceso dai Cieli a consolarmi;

E l’ ira a placar del mio destin perverso

A tè concasse Iddio.

Ah! quante amare lagrime

Mio ben per te versai

Tù del mio core l’ anima

Nel viver mio sarai

Il ciel nel tuo sorrìso

Io veggo ognora in te

Angiol di Paradiso,

Un dio tu sei per me.

… … . Ti vidi,

O cara e in estasi d’ amor;

D’ amor che l’ alma invase

M’ami ti dissi, e tacito

Il labbro tuo rimase.

Ma il guardo lusinghiero

Mi savellò d’amor,

E l’universo intero

Mi parve un riso allor.

Scena III.

Agnese e detto.

AGNESE.

Onde così sorpreso?

Vi mostrate?

OROMBELLO.

Perdono. – Udìa … passando …

Soavi note … e me traea vaghezza ..

Di saper da che man venian destate.

Perdono, Agnese …

AGNESE.

Uscite voi? – Restate. –

Sedete.

OROMBELLO.

(O ciel!)

AGNESE.

Sedete. – E fia pur vero

Che curiosa brama

Sol vi spingesse?

OROMBELLO.

(Oh! incauto me!)

AGNESE.

Null’ altro

Desir fù il vostro?

OROMBELLO.

E qual, Contessa?

AGNESE.

E in queste

Ore sì tarde non può forse un core

Vegliar co’ suoi pensieri … e sospirando

Confidar al liuto un earo nome …

Il nome d’ Orombello?

OROMBELLO.

Il nome mio?

Chi mai?

AGNESE.

Che val tacerlo? Avvi.

OROMBELLO.

(Gran Dio!)

AGNESE.

Voi fra il ducal corteggio

Non veggo io forse? Sospirar non v’ odo?

Gemer sommesso? …

OROMBELLO.

(Oh! che mai sento?)

AGNESE.

Un giorno

Si riscontrar i nostri occhi intenti e fissi –

Egli ama, egli ama, io dissi …

Degno è d’amor, più che non sia mortale …

Più che l’ altero suo rival …

OROMBELLO.

Rivale!

AGNESE.

Si: rival … regnante.

OROMBELLO.

(Ciel! che ascolto!)

AGNESE.

Ma che giova?

Nulla è un regno ad alma amante:

Più che un trono in voi ritrova …

Ogni ben che in terra è dato

È per essa il vostro amor.

OROMBELLO.

(Tutto, ah! tutto è a lei svelato …

Simular che giava ancor?)

AGNESE.

Nè vi basta? …

OROMBELLO.

O Agnese!

AGNESE.

E un foglio

Un suo foglio non aveste?

OROMBELLO.

L’ ebbi … ah! sì … findar mi voglio …

Amo, è vero, e in questo amore

E riposto il ciel per me.

AGNESE.

(Al piacer resisti, o core.

Chi beato al par di te?)

OROMBELLO.

Oh! celeste Beatrice!

AGNESE.

Ella!

OROMBELLO.

Agnese! …

AGNESE.

Oh! me infelice!

OROMBELLO.

Ciel! che feci?

AGNESE.

Amata ell’ è!

Ella amata! ed io schernita! …

Io delusa! … ahi crudo areano!

OROMBELLO.

Ah! pietade … la sua vita,

La sua fama è in vestra mano!

AGNESE.

É la mia? … la mia … spietato!

Nulla è dunque agli occhi tuoi?

Ah! l’ incendio in me destato

Spegni in pria, se tu lo puoi …

Fa che un’ ombra, un sogno sia

La mia pena e l’ onta mia …

Ed allora … allor capaee

Di pietà per lei sarò.

OROMBELLO.

M’ odi, ah! m’ odi … ah! tu non sei

Nè oltraggiata, nè schernita.

Per calmarti io spenderei

Il mio sangue, la mia vita …

Ma perdona se costretto

Da potente immenso affetto

Tutto il prezzo del tuo cuore

Il mio cor sentir non può.

AGNESE.

Taci, taci.

OROMBELLO.

Ah! nò …

AGNESE.

T’ invola.

L’ ira mia di più s’accende.

OROMBELLO.

Ah! crudele, da te sola

La sua vita omai dipende.

AGNESE.

Fa che un ombra, un sogno sia

La mia pena e l’ onta mia,

Ed allora, allor capace

Di pietà per lei sarò.

OROMBELLO.

Ah! perdona se costretto

Da potente, ìmmenso affetto,

Tutto il prezzo del tuo core

Il mio cor sentir non può.

Partono.

Scena IV.

Boschetto nel Giordino Ducale.

Beatrice, Damigelle.

BEATRICE.

Respiro io qui … Fra queste ombrose piante,

All’ olezzar de’ siori, a me più dolce

Sembra il raggio del dì.

DAMIGELLE.

Come ogni cosa

Il suo sorriso allegra,

A voi dolente ed egra

Rechi conforto ancor!

BEATRICE.

Oh! mie sedeli!

Quando affeso il suo stelo il sior vien meno,

Più rav vivar nol puote il Sol sereno.

Quel sior son io: così languir m’ è forza,

Lentamente perir. – Ah! non è questa

La mercè ch’ io sperai d’ averti accolto,

E difeso, o Filippo, e al soglio alzato!

DAMIGELLE.

Misera! è ver.

BEATRICE.

Che non mi diè l’ingrato?

(Ma la sola, oimè! son io,

Che penar per lui si veda?

O mie genti! o suol natìo!

Di chi mai vi diedì in preda?

Ed io stessa, ed io potei

Soggettarvì a tal signor?)

DAMIGELLE.

(Ella piange.)

BEATRICE.

(Oh! regni miei!)

DAMIGELLE.

(Smania, freme …)

BEATRICE.

(Oh! mio rossor!

Ah! la pena in lor piombò

Dell’ amor che mi perdè;

I martir dovuti a me

Il destino a lor serbò.

Ma se in ciel sperar si può

Un sol raggio di pietà,

La costanza a noi darà,

Se la pace ne involò.

DAMIGELLE.

(Ah! per sempre non sarà

Vilipesa la virtù:

Più contenta e bella più

Dalle pene sorgerà.)

Partono.

Scena V.

Filippo e Rizzardo.

FILIPPO.

Ovo fuggir può tanto

Che non la segua il mio vegliante sguardo?

Va, la raggiungi.

Rizzardo parte.

Io fremo d’ira ed ardo.

L’ esser da lei tradito

Duolmi cosi! Non lo bramai sinora?

Non ne cercai, non ne sperai le prove?

Scena VI.

Beatrice e Filippo.

BEATRICE.

Tu quì, Filippo?

FILIPPO.

E altrove

Poss’ io trovarti, che in segreti luoghi,

Ove misteriosa ognor t’ aggiri?

BEATRICE.

Sì … testimoni non vo’ a’ miei sospiri.

E a te celarli io tento,

Più che ad altrui. Troppo ti son molesti

Già da gran tempo.

FILIPPO.

Nè molesti mai

Stati sarian, se la cagion verace

Detta ne avessi.

BEATRICE.

Oh! ben ti è nota … e grave

Più me la rende il simular che fai

Tù d’ ignorarla.

FILIPPO.

E ch’ io la ignori speri?

Non sai che i tuoi pensieri,

E i più segreti, e i più gelosi e rei

Io ti leggo negli occhi, in fronte, in core?

BEATRICE.

Io rei pensieri! … e quali?

FILIPPO.

Odio e livore.

BEATRICE.

Odio e livore! – ingrato!

Nè il pensi tu, nè il credi.

Duolo d’ un cor piagato,

Pianto d’ amor vi vedi,

Speme delusa, e smania

Di gelosia crudel.

FILIPPO.

Smania gelosa, è vero,

Negli occhi tuoi si stampa …

Ma gelosia d’ impero,

Ma d’altro amore è vampa,

Ma l’ ira insieme e l’ onta

D’ un’ anima infedel.

BEATRICE.

Filippo!

FILIPPO.

Sì: spergiura!

Più simular non giova.

BEATRICE.

Filippo!!

FILIPPO.

Ho in man sicura

Del tuo sallir la prova.

Trema.

BEATRICE.

Filippo!!! Basti.

FILIPPO.

La tua persidia è quì.

BEATRICE.

Ciel! … violare osasti …

Tu i miei segreti?

FILIPPO.

Io … sì.

Quì di ribelli sudditi

Soffri le mire audaci:

D’ un temarario giovane

Quì dell’ ardor ti piaci …

E a me delitti apponi?

E a me d’ amor ragioni?

Ah! non ti avrei sì perlido

Giammai creduto il cor.

BEATRICE.

Questi d’ amanti popoli

Voti e lamenti sono.

S’ io gli ascoltassi, o barbaro,

Meco sarcsti in trono?

Ah! non voler fra questi

Vili cercar pretesti.

Se amar non puoi, rispettami …

Mi lascia almen l’ onor.

Quei fogli, o Filippo – quei fogli mi rendi.

Infami il tuo nome.

FILIPPO.

E tanto pretendi?

BEATRICE.

Non farti quest’onta: io sono innocente …

FILIPPO.

No, tutto t’ accusa: tua l’ onta sarà.

BEATRICE.

Filippo!

FILIPPO.

Ti scocta.

BEATRICE.

Tel chiedo piangente …

La morte piuttosto …

FILIPPO.

Attendila … va.

BEATRICE.

Spietato! codardo! eccesso cotanto

Mi rende a me stessa, paventa

Il grido d’ un core che macchia non ha.

Il mondo che invoco, che io chiamo in difesa,

Il mondo d’ entrambi giustizia farà.

FILIPPO.

Del fallo cancella, distruggi la traccia …

Annientala, indegna! poi fremi e minaccia …

Poi spera che illesa tua fama sarà.

Il mondo che invochi, che chiami in defesa,

Il mondo d’ entrambi vendetta farà!

Partono.

Scena VII.

Parte remota nel castello di Binasco.

Un drappello d’ Armigeri.

CORO 1.

Lo vedeste?

CORO 2.

Sì: fremente

Ei ci parve, e insiem confuso.

CORO 1.

Nulla ei disse?

CORO 2.

Nò: tacente

Ei si tenne, e in sè rinchiuso.

CORO 1.

Or dov’ è?

CORO 2.

Qua e là s’ aggira,

Qual chi scopo alcun non ha.

CORO 1.

Finge invan: l’ amore o l’ ira

A tradirsi il porterà.

TUTTI.

Arte egual si ponga in opra;

Nulla ssugga agli occhi nostri,

Ma spiarlo alcun non mostri,

Nè seguirlo ovunque va.

Vel non sia, per quanto il copra,

Che da noi non sia squarciato,

S’ ei si stima inosservato,

S’ ei si crede in securtà.

Si allontanano.

Scena VIII.

Beatrice sola, indi Orombello.

BEATRICE.

Il mio dolore, e l’ ira … inutil ira …

S’ asconda a tutti. – Oh! potess’ io celarla

A te, Facino! … a te obbliato, o prode,

Appena estinto, a te, che forse or miri

Siccome tua vendetta ogni mio scorno. –

Deh! se mi amasti un giorno,

Non m’accusare, o prode. Sola, deserta, inerme

Io mi lasciai sedurre … e caro assai

Della mia debolezza io pago il sio.

Mi abbandona ciascun.

OROMBELLO.

Ciastun, non io.

BEATRICE.

Chi vedo? tu Orombello!

Tu qui surtivo?

OROMBELLO.

Della tua sventura

Favellan tutti – Opro sol io – Le lunghe

Dubbiezze tue vincer tu devi alsine,

Usar del tuo poter. Io tutte ho corse

Le terre a te soggette, e mille in tutte

Fedeli braccia a tua difesa armai.

Vieni – Si spieghi omai

Di Facino il vessillo; e di tue genti

Vendica i dritti offesi e i propri insulti.

BEATRICE.

Son essi al colmo, e non saranno inulti.

OROMBELLO.

Oh! gioja! Appena annotti,

Fuggirem queste mura e di Tortona

Ci accorranno i ripari .. Ivi raggiunta

Da più prodi sarai … Solo prometti,

Che non porrai più inciampo al mio disegno,

BEATRICE.

Oh! che mai mi consigli?

OROMBELLO.

E indigi ancora?

BEATRICE.

A ciascun sidar vorrei,

Fuor che a te la mia difesa.

OROMBELLO.

Che dì tu?

BEATRICE.

Sospetto sei …

La mia fama io voglio illcsa.

OROMBELLO.

La tua fama!

BEATRICE.

Si – Ia fede

Che in te pongo … amor si crede;

La pietà che tu nudrisci …

Tua pietà … creduta è amor.

OROMBELLO.

Io … lo so.

BEATRICE.

Nè inorridici?

OROMBELLO.

Ah! non legger nel mio cor.

BEATRICE.

Qual favella!

OROMBELLO.

Ah’ tu v’ hai letto.

BEATRICE.

Io! t’ acqueta … intesi … intesi …

OROMBELLO.

Sì: d’ immenso, estremo affetto

Da primi anni in te m’ accessi …

Coll’ età si fè maggiore …

Si nutrì del tuo dolore …

Mi sforzai celarlo invano …

O perdono morte avrò.

BEATRICE.

Taci … parti … audace! insano!

Oh! in qual cor più siderò?

OROMBELLO.

Deh! perdona.

BEATRICE.

Sorgi.

Scena IX.

Filippo, Rizzardo, Agnese con seguito, Anichino, indi Cavalieri, Dame e soldati.

AGNESE.

Vedi?

FILIPPO.

Traditori!

BEATRICE. OROMBELLO.

Oh! ciel!

FILIPPO.

Guardie!

BEATRICE.

Arresta.

FILIPPO.

E credi …

Poter sì che ancor t’ ascolti?

La tua colpa …

BEATRICE.

Non seguire.

Ella esiste in tuo desire.

Ti conosco.

FILIPPO.

E a mia vergogna

Conosciuta or sei tu quì.

OROMBELLO.

(L’ ho perduta!)

BEATRICE.

O vil rampogna!

FILIPPO.

Puoi scolparti?

CORO.

(Oh! infausto dì)

BEATRICE.

Al tuo core, al reo tuo core

Lascio, indegno, il discolparmi;

Cerchi invano, o traditore,

D’ avvilirmi, d’ infamarmi.

Ah! tal onta io meritai

Quando a me quest’ empio alzai.

Dell’ amor che mi ha perduta

Sol tal frutto a me restò.

FILIPPO.

A ben tristo e amaro prezzo

Di tal donna ebb’ io l’ amore:

Se il disprezzo è in me maggiore

O lo sdegno io dir non sò.

OROMBELLO.

(Sconsigliato! in qual la trassi

Di miseria abisso orrendo!

Giusto ciel, n eppur morendo

L’ error mio scontar potrò.)

AGNESE.

(Godi, esulta, o cor sprezzato,

Del dolor di questo ingrato:

Vide il tuo, lo vide estremo,

Nè pietà per te provò.)

ANICHINO.

Ciel, tu sai com’ io volea

Prevenir sì ria sventura!

Ah! fù vana ogni mia cura

Il destino l’ affrettò.)

CORL.

(Tutto, ah! tutto a farla rea

Qui congiura a un tempo istesso:

Giusto ciel, d’ innanzi ad esso

Come mai scolpar si può?)

FILIPPO.

Al castigo lor dovuto

Ambo in ferri custodite.

BEATRICE.

E tu l’ osi?

FILIPPO.

Ho risoluto.

BEATRICE.

L’ empio l’ osa!!

OROMBELLO.

Duca, udito…

Innocente è la duchessa…

Insuìtata a torto è d’ essa…

Caluuniata…

FILIPPO.

Te, non lei,

Traditore difender dei.

Va …

BEATRICE.

Filippo! è troppo eccesso…

Pensa ancor: ti puoi pentir.

FILIPPO.

Ubbidite.

CORO.

Ah! certo è desso,

Certo appien del suo fallir.

BEATRICE.

Nè fra voi, fra voi si trova

Chi si levi in mia difesa?

Uom non avvi che si mova

A favor di donna offesa?

A te, vindice supremo,

lo mi volgo e fido in te.

OROMBELLO.

Deh! un momento un sol momento

Un acciaro a me porgete,

Se è colpevole, s’ io mento,

Alme perfide, vedrete.

Oh! furor! inerme io fremo…

Ah! più fè, più onor non v’ è.

FILIPPO.

Ite, iniqui! all’ impossente

Ira vostra io v’ abbandono:

Ogni core è qui fremente,

Sa ciascun che offeso io sono:

Pena estrema a fallo estremo

Terra e ciel domanda a me.

AGNESE.

(Questo, ingrato, il primo è questo

Colpo in te di mia vendetta:

Altro in breve, e più funesto

Più terribile ne aspetta.

Ambo miseri saremo;

Sì … ma tu … più assai di me.)

ANICHINO E CORO.

Ah! quel nobile suo sdegno,

Quel rossor di cui s’ accende,

D’ innocenza è certo pegno,

D’ ogni accusa la difende..

A te, giudice supremo,

Noto è solo il reo qual è.

Atto Secondoo.

Sala nel eastello di Binasco preparata per tener tribunale, Guardie alle porte.

Scena I.

Filippo, Anichino, soldati. Damigelle di Beatrice e Cortigiani.

FILIPPO.

Omai del suo destino arbitra solo

Esser deve la legge.

ANICHINO.

E qual v’ ha legge

Che a voi non ceda? – Oh! vene prego, o Duca,

Per l’ util vostro. A voi funesto io temo

Questo giudizio: già ne corse il grido

Per le vicine terre, e il popol freme,

E lei compiange.

FILIPPO.

Nè Filippo il temo

Fino al novello dì sian di Binasco

Chiuse le porte nè venir vi possa,

Nè uscirne alcuno. – Allor che il popol ved.

Quest’ idol suo di tanto error convinto,

Dirà giustizia quel che forza or dice.

ANICHINO.

E chi di Beatrice

Retto giudice fia dove l’ accusa

Filippo intenti?

FILIPPO.

Or besta…

Omai pon modo al tuo soverchio zelo.

Il consiglio s’ aduna.

ANICHINO.

(Oh! instante! io gelo.)

Scena II.

Escono i Giudici, Rizzardo, Filippo, Dame e Cavalieri, Agnese, e detti.

ANICHINO.

(O troppo a mie preghiere

Sordo Orombello! Fu presago

Il mio timor.)

AGNESE.

(Di mia vendetta è giunta

L’ ora bramata … eppur non sono io lieta.

Qual mi sgomenta il cor voce segreta!)

FILIPPO.

Giudici! Al mio cospetto

Non v’ adunaste mai

Per più grave cagion.

Portar sentenza

Dovete voi

Di cosi nero eccesso

Che a denunziarlo

Fui costretto io stesso.

Pure al giudizio vostro

Forza non faccia alcuna

L’ accusator nè l’ accusata.

E in mente abbiate sol

Che a voi sentenza io chiedo

Cui proferir potea

Sovrana autorità.

GIUDICI.

Venga la rea.

Scena III.

Beatrice fra le guardie, e detti.

GIUDICI.

Di grave accusa il peso

Pende sul capo vostro – A noi d’ innanzi

Vi possiate scolpar!

BEATRICE.

E chi vi diede

Di giudicarmi il dritto? Ovunque io volga

Gli occhi sorpresì, altro non veggio intorno

Che miei vassalli.

FILIPPO.

E il tuo sovran non vedi?

Il tradito tuo sposo?

BEATRICE.

Io veggo un empio

Che i beneficii miei paga d’ infamia,

L’ amor mio di vergogna.

FILIPPO.

Amor tu dici

Tramar co’ miei nemici,

Ribellarmi i vassalli e far mia corto

Campo di tresche oscene

Con citaredi, quanto abbietti, audaci,

Chiami Filippo amar?

BEATRICE.

Taci, deh! taci.

Ferma udir posso ogni altra.

Accusa tua … ma il cor si scote e freme

A sì vil taccia. Oh! non voler, Filippo,

De’ Lascari la figlia, e d’ un eroe

La vedova infamar.

GIUDICI.

Il reo t’ accusa

Complice tuo. – Venga Orombello.

BEATRICE.

(Oh cielo!

La mia virtù sostieni.)

GIUDICI.

Eccolo.

Scena IV.

Orombello fra le guardie, e detti.

AGNESE.

(Oh! come)

Lo ridusse infelice il furor mio!

OROMBELLO.

A quai nuovi martiri tratto son io!

GIUDICI.

Ti rinfranca: a noi t’ appressa.

Parla: e il ver conferma a lei.

BEATRICE.

Orombello!

OROMBELLO.

(Oh! voce! è dessa…

E morire io non potei!)

BEATRICE.

Orombello! – Oh! sciagurato!

Dal mentir che hai tu sperato?

Viver forse? ah! dove ìo moro

Vita speri da costoro?

Tu morrai, con me morrai

Ma qual reo, qual traditor.

OROMBELLO.

Cessa, cessa – Ah! tu non sai…

Di me stesso io son l’ orror.

Io soffrii … soffrii tortura

Cui pensiero non comprende…

Non potè la fral natura

Sopportar le pene orrende…

La mia mente vaneggiava…

Il dolor, non io, parlava…

Ma quì, teco, al mondo in faccia,

Or che morte ne minaccia,

Innocente io ti proclamo,

Grido perfidi costor.

BEATRICE.

Grazie, o cielo!

AGNESE.

(Oh! mio rimorso!)

ANICHINO.

(L’ odi o Duca?)

FILIPPO.

(L’ odo e fremo)

GIUDICI.

Troppo omai tu sei trascorso:

Bada e trema.

OROMBELLO.

Io più non tremo.

Sol ch’ io mora perdonato

Da quest’ angelo d’ amor!

FILIPPO E GIUDICI.

V’ han supplizii, o forsennato,

A strapparti il vero ancor.

BEATRICE.

Al tuo fallo ammenda festi

Generosa, inaspettata.

Il coraggio mi rendesti,

Moro pura ed onorata…

Ti perdoni il ciel clemente,

Col mio labbro, col mio cor.

OROMBELLO.

Non morrai: nè ciel, nè terra

Soffrirà sì nero eccesso.

A me stanco in tanta guerra,

A me sia morir concesso.

Mi offrirò col tuo perdono

Lieto innanzi al mio signor.

FILIPPO E GIUDICI.

(In quegli atti, in quegli accenti

V’ ha poter ch’ io dir non posso,

Cederesti ai lor lamenti,

Ne saresti o cor commosso?

Nò: sottentri a vil pietade

Inflessible rigor.)

AGNESE E DAMIGELLE.

(Ah! sul cor, sul cor mi cade

Quel compianto e quel dolor.

FILIPPO.

Poi che il reo smenti sè stesso,

Fia sosposa la sentenza?

ANICHINO.

Sciorgli entrambi è mio pensiero:

Fia giustizia la clemenza.

FILIPPO.

Sciorgli?

AGNESE.

Oh! gioja!

GIUDICI.

No: non puoi,

Vuol la legge i dritti suoi.

Nuovo esame infra i tormenti

Denno in pria subìr costor.

AGNESE. ANICHINO E DAMIGELLE.

(Ella pure!)

BEATRICE.

(O iniqui!)

OROMBELLO.

Oh! mostri!

Chi porrà su lei le mani?

Tuoni pria sui capi vostri,

Tuoni il cielo …

GIUDICI.

Si allontani.

BEATRICE.

Deh! un istanie… Un solo accento.

Non temer di udir lamento …

Sol t’ avverto … Il ciel ti vede …

O Filippo! hai tempo ancor.

FILIPPO.

Va: pei rei non v’ è mercede …

Ti abbandono al suo rigor.

BEATRICE.

Vieni, amico … insiem soffriamo:

A soffrir per poco abbiamo.

Il destin per breve pena

Ci riserba eterno onor.

OROMBELLO.

Teco io sono.

AGNESE.

(Io reggo appena.)

ANICHINO.

(Oh! pietâ! si spezza il cor.)

FILIPPO E CORO.

Ite entrambi, e poi che il vero

Il rimorso non vi detta,

Il supplizio che vi aspetta

Vi costringa, e strappi il vel.

AGNESE.

(Chi mi cela al mondo intero?)

ANICHINO E DAMIGELLE.

O misfatto! ho in core un gel!)

BEATRICE.

Ah! se in terra frà tiranni

È virtude abbandonata,

D’ una vita sventurata

È la morte men crudel.

OROMBELLO E BEATRICE.

Di costanza armiamo il core:

Qui supplizi, onore in ciel.

Partono.

Scena V.

Filippo solo, indi Anichino, Dame, Cortigiani.

FILIPPO.

Rimorso in lei? … Dove io non ho rimorso

Altri lo avrà? – Dove alcun l’ abbia, il celi:

Il mostrarlo è accusarmi. Esser tranquillo,

Sereno io voglìo – E il sono io forse, e il posso!

No, da terror percosso.

Mi sento io pur, qual se vicino avessi

Terribil larva, qual se udissi intorno

Una minaccia rimbombar sul vento –

M’ inganno?… o mi colpì flebil lamento!

No, non m’ ingenno … è dessa,

Che dai tormenti

Al carcer passa

Ch’ io non n’ oda la voce

Oh! chi s’ appressa!

ANICHINO.

Filippo, la duchessa

Non confessò… pur la condanna

Tutto il consiglio, e il nome tuo sol manca

Alla morta! sentenza.

FILIPPO.

Non confessò!!

ANICHINO.

Constante è l’ innocenza.

CORO.

È in vostra man, signore,

Dell’ infelice il fato:

Ceda il rigor placato

Al grido di pietà.

FILIPPO.

Nò… si resista…

Il decreto fatal si segni alfine…

Ah! non poss’ io: mi si solleva il crine.

Qui mi accolse oppresso, errante,

Qui diè fine a mie sventure…

Io preparo a lei la scure!

Per amor supplizio io dò!

Ah! mai più d’ uman sembiante

Sostener potrò l’ aspetto:

Sulta terra maledetto,

Condannato in ciel sarò

Ella viva! – Qual fragore!

Chi si appressa? – Ite – vedete.

DAMIGELLE.

Crudo inciampo!

FILIPPO.

Ebben?

CORO.

Signore,

Alle mura provvedete.

Di Facian le bande antiche

Si palesano nemiche,

Osan chieder laduchessa.

E Binasco minacciar.

FILIPPO.

Ed io, vil, gemea ger essa!

M’ accingeva a perdonar!

Si eseguisca la sentenza.

CORO.

Ah! Signor pietà, clemenza.

FILIPPO.

Non son io che la condanno:

È la sua, l’ altrui baldanza.

Empia lei, non me tiranno

Alla terra io mostrerò.

(Cada alfine, e tronco il volo

Sia così di sua fidanza.

Un sol trono, un regno solo

Vivi entrambi unir non può.)

CORO.

(Ah! per lei non v’ ha speranza.

Il destin l’ abbandonò.)

Partono.

Scena VI.

Vestibolo terreno che mette alle prigione del castello.

Damigelle, e femiliari di Beatrice.

CORO.

Prega. – Ah! non sia la misera

Nel suo pregar turbata.

Mai non salì di martire

Prece al Signor più grata:

Nè mai più puro spirito

Ei contempiò dal cielo,

Santo d’ amor, di zelo,

Santo del suo soffrir.

Oh! la constanza impavida

Onde sfidò i tormenti,

Data le sia negli ultimi

Terribili momenti!

E la virtù che tentano

Macchiare i suoi tiranni,

Provin gli estremi affanni,

Suggelli un pio morir!

Scena VII.

Beatrice, e detti.

BEATRICE.

Nulla diss’ io… Di sovrumana forza.

Mi armava il cielo … Io nulla dissi, oh! gioja!

Trionfai del dolor. – Perchè piangete!

Nè con me v’ ailegrate? Io moro, o amici!

Ma gloriosa, ma di mia virtude

Nel manto avvolta. Non così gl’iniqui,

Che calpestata e afflitta han l’nnocenza!…

Dell’ iniqua sentenza

L’universo gli accusi.

CORO.

Ah! sì.

BEATRICE.

Mia morte

Filippo infami, e il sangue mio versato

Piombi sul tradìtor, qualunque ei sìa,

Che dell’ misfatto complice si rese.

Dio il punisca… colla vita.

Scena VIII.

Agnese, e detti.

AGNESE.

Ah!

TUTTI.

Agnese!

AGNESE.

Pietà… la mia condanna

Mon proferir… a piedi tuoi mi lascia

Morir d’ angoscia e di rimorso.

BEATRICE.

Oh! Agnese!

Rimorso in te!

AGNESE.

Rimorso etenno. A morte

Ti spingo io sola… Io d’Orombello ardeà.

BEATRICE.

Oh! che dì tu?

AGNESE.

Credea

Tè mia rivale… e violai tuo stanze,

Furai tuoi scritti… e il sangue tuo comprai

Coll’ onor mio…

BEATRICE.

Perfida!… cessa… fuggi

Ch’ io non ti vegga… ch’ io non sia costretta

In quest’ ora funesta

Col cor morente a maledir…

AGNESE.

Oh! arresta…

OROMBELLO.

Angiol di pace all’ anima

La voce tua mi suona.

Segui, e pietoso, inspirami

Virtù di perdonar.

AGNESE.

Egli… perdona!…

BEATRICE.

Con quel perdouo, o misera,

Ricevi il mio perdono.

Salga con queste lagrime

A un Dio di pace e amor.

AGNESE.

Ah! la virtù di vivere

Da te ricevo in dono …

Vivrò, vivrò per piangere

Finchè sl spezzi il cor.

ANICHINO E CORO.

Salga quel pianto al trono

D’ un Dio di pace e amor.

BEATRICE.

Chi giunge?

AGNESE.

Oimè!

BEATRICE.

Lo veggìn …

Il funebre corteggio …

Scena ultima.

Rizzardo con’ Alabardieri e Uffiziali, e detti.

CORO.

E più speme non v’ è!

BEATRICE.

La mia costanza

Non mi togliete. Anche una stilla, e poi

Fia vuotato del tutto e inaridito

Questo calice amare.

TUTTI.

E Iddio ritrarlo

Dal tuo labbro non può!

BEATRICE.

Mi diè coraggio

Per consumarlo Iddio.

Eccomi pronta …

AGNESE.

Io più non reggo.

BEATRICE.

Addio.

Deh! se un urna è a me concessa

Senza un fior non la lasciate,

E sovr’ essa il ciel pregate

Per Filippo, e non per me.

Rammentate a questa oppressa

Che morendo io l’ abbracciai:

Che all’ Eterno il core alzai

A implorar per lei mercè.

ANICHINO E CORO.

Oh! infelice! Oh a qual serbate

Fur le genti orrendo esempio!

Tristo il suolo in cui lo scempio

Di tal donna, o Dio, si fe’!

BEATRICE.

Per chi resta il ciel pregate,

Per chi resta, e non per me.

Io vi seguo.

CORI.

Deh! un amplesso…

Un amplesso concedete..

BEATRICE.

Io vi abbraccio … non piangete.

CORI.

Chi non piange non ha cor.

BEATRICE.

Ah! la morte a cui m’ appresso

È trionfo, e non è pena.

Qual chi fugge a sua catena,

Lasci in terra il mio dolor.

È del Giusto al sommo seggio

Ch’ io già miro e già vagheggio,

Della vita a cui m’ involo

Porto solo – il vostro amor.

CORI.

Il suo spirto, o ciel, ricevi,

E perdona all’ uccisor.

Ludwig van Beethoven – Fidelio

Ludwig van Beethoven

Fidelio

Oper in zwei Aufzügen

Personen

Don Fernando, Minister (Bariton)

Don Pizarro, Gouverneur eines Staatsgefängnisses (Bariton)

Florestan, ein Gefangener (Tenor)

Leonore, seine Gemahlin, unter dem Namen Fidelio (Sopran)

Rocco, Kerkermeister (Baß)

Marzelline, seine Tochter (Sopran)

Jaquino, Pförtner (Tenor)

Erster Gefangener (Tenor)

Zweiter Gefangener (Baß)

Wachthauptmann. Offiziere. Soldaten. Staatsgefangene. Volk

Die Handlung geht in einem spanischen Staatsgefängnisse, einige Meilen von Sevilla vor. 18. Jahrhundert

Spieldauer: 2,5 Stunden

Text, Dekorationsangaben und Regiebemerkungen sind nach dem ursprünglichen Wortlaut, der heute meist sehr verkürzte Dialog strichlos wiedergegeben.

Ouvertüre

Erster Aufzug

Der Hof des Staatsgefängnisses

Im Hintergrunde das Haupttor und eine hohe Wallmauer, über die Bäume hervorragen. Im geschlossenen Tore selbst ist eine kleine Pforte, die für einzelne Fußgänger geöffnet wird. Neben dem Tore das Stübchen des Pförtners. Die Kulissen, von den Zuschauern links, stellen die Wohngebäude der Gefangenen vor, alle Fenster haben Gitter, und die mit Nummern bezeichneten Türen sind mit Eisen beschlagen und mit starken Riegeln verwahrt. In der vordersten Kulisse ist die Tür zur Wohnung des Gefangenenwärters. Rechts stehen Bäume, mit eisernen Geländern eingefaßt, welche nebst einem Gartentore den Eingang zum Schloßgarten bezeichnen.

Erster Auftritt

Marzelline plättet vor ihrer Tür Wäsche; neben ihr steht ein Kohlenbecken, in dem sie den Stahl wärmt. Jaquino hält sich nahe bei seinem Stübchen; er öffnet die Tür mehreren Personen, die ihm Pakete übergeben, die er in sein Stübchen legt.

Nr. 1. Duett

JAQUINO verliebt und sich die Hände reibend.

Jetzt, Schätzchen, jetzt sind wir allein,

Wir können vertraulich nun plaudern.

MARZELLINE ihre Arbeit fortsetzend.

Es wird ja nichts Wichtiges sein,

Ich darf bei der Arbeit nicht zaudern.

JAQUINO.

Ein Wörtchen, du Trotzige du!

MARZELLINE.

So sprich nur, ich höre ja zu.

JAQUINO.

Wenn du mir nicht freundlicher blickest,

So bring ich kein Wörtchen hervor.

MARZELLINE.

Wenn du dich nicht in mich schickest,

Verstopf ich mir vollends das Ohr.

JAQUINO.

Ein Weilchen nur höre mir zu,

Dann laß ich dich wieder in Ruh’.

MARZELLINE.

So hab ich denn nimmermehr Ruh’;

So rede, so rede nur zu.

JAQUINO.

Ich habe zum Weib dich gewählet,

Verstehst du?

MARZELLINE.

Das ist doch klar.

JAQUINO.

Und, wenn mir dein Jawort nicht fehlet,

Was meinst du?

MARZELLINE.

So sind wir ein Paar.

JAQUINO.

Wir könnten in wenigen Wochen –

MARZELLINE.

Recht schön, du bestimmst schon die Zeit.

Man pocht.

JAQUINO.

Zum Henker das ewige Pochen!

MARZELLINE.

So bin ich doch endlich befreit!

JAQUINO.

Da war ich so herrlich im Gang,

Und immer entwischt mir der Fang.

MARZELLINE.

Wie macht seine Liebe mir bang,

Wie werden die Stunden mir lang.

Jaquino öffnet die Pforte, nimmt ein Paket ab und legt es in sein Stübchen. Marzelline fährt unterdessen fort.

Ich weiß, daß der Arme sich quälet,

Es tut mir so leid auch um ihn!

Fidelio hab ich gewählet,

Ihn lieben ist süßer Gewinn.

JAQUINO zurückkommend.

Wo war ich? – Sie sieht mich nicht an.

MARZELLINE.

Da ist er – er fängt wieder an.

JAQUINO.

Wann wirst du das Jawort mir geben?

Es könnte ja heute noch sein.

MARZELLINE beiseite.

O weh, er verbittert mein Leben!

Zu ihm.

Jetzt, morgen und immer: nein, nein!

JAQUINO.

Du bist doch wahrhaftig von Stein!

Kein Wünschen, kein Bitten geht ein.

MARZELLINE für sich.

Ich muß ja so hart mit ihm sein,

Er hofft bei dem mindesten Schein.

JAQUINO.

So wirst du dich nimmer bekehren?

Was meinst du?

MARZELLINE.

Du könntest nun gehn.

JAQUINO.

Wie? Dich anzusehn willst du mir wehren?

Auch das noch!

MARZELLINE.

So bleibe hier stehn!

JAQUINO.

Du hast mir so oft doch versprochen –

MARZELLINE.

Versprochen? Nein, das geht zu weit!

Man pocht.

JAQUINO.

Zum Henker das ewige Pochen!

MARZELLINE.

So bin ich doch endlich befreit!

JAQUINO.

Es ward ihr im Ernste schon bang,

Wer weiß, ob es mir nicht gelang.

MARZELLINE.

Das ist ein willkommener Klang,

Es wurde zu Tode mir bang.

Es wird wieder ein Paket abgegeben.

JAQUINO. Wenn ich diese Tür heute nicht schon zweihundertmal aufgemacht habe, so will ich nicht Kaspar Eustach Jaquino heißen. Zu Marzelline. Endlich kann ich doch wieder einmal plaudern. Man pocht. Zum Wetter! schon wieder! Er geht, um zu öffnen.

MARZELLINE auf der Vorderbühne. Was kann ich dafür, daß ich ihn nicht mehr so gern wie sonst haben kann?

JAQUINO zu dem, der gepocht hat, indem er hastig zuschließt. Ich werde es besorgen. Schon recht! Vorgehend zu Marzelline. So! – Nun, hoffe ich, soll niemand mehr uns stören.

ROCCO ruft im Schloßgarten. Jaquino! Jaquino!

MARZELLINE. Hörst du? Der Vater ruft!

JAQUINO. Lassen wir ihn ein wenig warten. Also, auf unsere Liebe zu kommen –

MARZELLINE. So geh doch. Der Vater wird sich nach Fidelio erkundigen wollen.

JAQUINO eifersüchtig. Ei freilich, da kann man nicht schnell genug sein.

ROCCO ruft wieder. Jaquino, hörst du nicht?

JAQUINO schreiend. Ich komme schon! Zu Marzelline. Bleib fein hier, in zwei Minuten sind wir wieder beisammen. Ab in den Garten, dessen Tür offen ist.

Zweiter Auftritt

Marzelline allein.

MARZELLINE. Der arme Jaquino dauert mich beinahe. Kann ich es aber ändern? Ich war ihm sonst recht gut, da kam Fidelio in unser Haus, und seit der Zeit ist alles in mir und um mich verändert. Ach! Sie seufzt verschämt. Aus dem Mitleiden, das ich mit Jaquino habe, merke ich erst, wie sehr gut ich Fidelio bin. Ich glaube auch, daß Fidelio mir recht gut ist, und wenn ich die Gesinnungen des Vaters wüßte, so könnte vielleicht mein Glück bald vollkommen werden.

Nr. 2. Arie

MARZELLINE.

O wär’ ich schon mit dir vereint

Und dürfte Mann dich nennen!

Ein Mädchen darf ja, was es meint,

Zur Hälfte nur bekennen.

Doch wenn ich nicht erröten muß

Ob einem warmen Herzenskuß,

Wenn nichts uns stört auf Erden –

Die Hoffnung schon erfüllt die Brust

Mit unaussprechlich süßer Lust,

Wie glücklich will ich werden!

In Ruhe stiller Häuslichkeit

Erwach ich jeden Morgen,

Wir grüßen uns mit Zärtlichkeit,

Der Fleiß verscheucht die Sorgen.

Und ist die Arbeit abgetan,

Dann schleicht die holde Nacht heran,

Dann ruhn wir von Beschwerden.

Die Hoffnung schon erfüllt die Brust

Mit unaussprechlich süßer Lust,

Wie glücklich will ich werden!

Dritter Auftritt

Marzelline. Rocco. Jaquino.

Rocco kommt aus dem Garten. Jaquino trägt Gartengeräte hinter ihm her und geht damit in Roccos Haus.

ROCCO. Guten Tag, Marzelline. Ist Fidelio noch nicht zurückgekommen?

MARZELLINE. Nein, Vater.

ROCCO. Die Stunde naht, wo ich dem Gouverneur die Briefschaften bringen muß, welche Fidelio abholen sollte. Ich erwarte ihn mit Ungeduld. Während der letzten Worte wird an die Pforte geklopft.

JAQUINO kommt aus Roccos Hause. Ich komme schon! Er läuft geschäftig, um aufzuschließen.

MARZELLINE. Er wird gewiß so lange bei dem Schmied haben warten müssen. Sie hat währenddessen Leonore zur Tür hereinkommen sehen; mit Lebhaftigkeit. Da ist er!

Vierter Auftritt

Vorige. Leonore.

Leonore trägt ein dunkles Wams, ein rotes Gilet, dunkles Beinkleid, kurze Stiefel, einen breiten Gürtel von schwarzem Leder mit einer kupfernen Schnalle; ihre Haare sind in eine Netzhaube gesteckt. Auf dem Rücken trägt sie ein Behältnis mit Lebensmitteln, auf den Armen Ketten, die sie beim Eintreten an dem Stübchen des Pförtners ablegt; an der Seite hängt ihr eine blecherne Büchse an einer Schnur.

MARZELLINE auf Leonore zulaufend. Wie er belastet ist. Lieber Gott! Der Schweiß läuft ihm von der Stirn. Sie nimmt ihr Schnupftuch und versucht, ihr das Gesicht abzutrocknen.

ROCCO. Warte! Warte! Er hilft mit Marzelline ihr das Behältnis vom Rücken nehmen; es wird beim Bogengange links niedergesetzt.

JAQUINO beiseite auf der Vorderbühne. Es war auch der Mühe wert, so schnell aufzumachen, um den Patron da hereinzulassen. Er geht in sein Stübchen, kommt aber bald wieder heraus, macht den Geschäftigen, sucht aber eigentlich Marzelline, Leonore und Rocco zu beobachten.

ROCCO zu Leonore. Armer Fidelio, diesmal hast du dir zuviel aufgeladen.

LEONORE vorgehend und sich das Gesicht abtrocknend. Ich muß gestehen, ich bin ein wenig ermüdet. Der Schmied hatte an den Ketten so lange auszubessern, daß ich glaubte, er würde nicht damit fertig werden.

ROCCO. Sind sie jetzt gut gemacht?

LEONORE. O gewiß, recht gut und stark. Keiner der Gefangenen wird sie zerbrechen.

ROCCO. Wieviel kostet alles zusammen?

LEONORE. Zwölf Piaster ungefähr. Hier ist die genaue Berechnung.

ROCCO durchgeht die Rechnung. Gut, brav! Zum Wetter! Da gibt’s Artikel, auf denen wir wenigstens das Doppelte gewinnen können. Du bist ein kluger Junge! Ich kann gar nicht begreifen, wie du deine Rechnungen machst. Du kaufst alles wohlfeiler als ich. In den sechs Monaten, seit ich dir die Anschaffung der Lebensmittel übertrug, hast du mehr gewonnen als ich vorher in einem ganzen Jahr. Beiseite. Der Schelm gibt sich alle diese Mühe offenbar meiner Marzelline wegen.

LEONORE. Ich suche zu tun, was mir möglich ist.

ROCCO. Ja, ja, du bist brav, man kann nicht eifriger, nicht verständiger sein. Ich habe dich aber auch mit jedem Tage lieber und – sei versichert, dein Lohn soll nicht ausbleiben. Er wirft während der letzten Worte wechselnde Blicke auf Leonore und Marzelline.

LEONORE verlegen. O glaubt nicht, daß ich meine Schuldigkeit nur des Lohnes wegen –

ROCCO. Still! Mit Blicken wie vorher. Meinst du, ich könnte dir nicht ins Herz sehen? Er scheint sich an der zunehmenden Verlegenheit Leonores zu weiden und geht dann beiseite, um die Ketten zu betrachten.

Nr. 3. Quartett Kanon

MARZELLINE welche während des Lobes, das Rocco Leonore erteilte, die größte Teilnahme hat blicken lassen und Leonore mit immer zunehmender Bewegung liebevoll betrachtet hat, für sich.

Mir ist so wunderbar,

Es engt das Herz mir ein.

Er liebt mich, es ist klar,

Ich werde glücklich sein.

LEONORE für sich.

Wie groß ist die Gefahr,

Wie schwach der Hoffnung Schein.

Sie liebt mich, es ist klar,

O namenlose Pein!

ROCCO der währenddessen wieder auf die Vorderbühne zurückgekehrt ist, für sich.

Sie liebt ihn, es ist klar;

Ja, Mädchen, er wird dein.

Ein gutes, junges Paar,

Sie werden glücklich sein.

JAQUINO der unter dem Beobachten sich immer mehr genähert hat, auf der Seite und etwas hinter den übrigen stehend, für sich.

Mir sträubt sich schon das Haar,

Der Vater willigt ein.

Mir wird so wunderbar,

Mir fällt kein Mittel ein.

Er geht in seine Stube zurück.

ROCCO. Höre, Fidelio, wenn ich auch nicht weiß, wie und wo du auf die Welt gekommen bist, und wenn du auch gar keinen Vater gehabt hättest, so weiß ich doch, was ich tue – ich – ich mache dich zu meinem Tochtermann.

MARZELLINE hastig. Wirst du es bald tun, lieber Vater?

ROCCO lachend. Ei, ei, wie eilfertig! Ernsthafter. Sobald der Gouverneur nach Sevilla gereist sein wird, dann haben wir mehr Muße. Ihr wißt ja, daß er alle Monate hingeht, um über alles, was hier in dem Staatsgefängnis vorfällt, Rechenschaft zu geben. In einigen Tagen muß er wieder fort, und den Tag nach seiner Abreise gebe ich euch zusammen. Darauf könnt ihr rechnen.

MARZELLINE. Den Tag nach seiner Abreise? Das machst du vernünftig, lieber Vater.

LEONORE schon vorher sehr betreten, aber jetzt sich freudig stellend. Den Tag nach seiner Abreise? Beiseite. O welche neue Verlegenheit!

ROCCO. Nun, meine Kinder, ihr habt euch doch recht herzlich lieb, nicht wahr? Aber das ist noch nicht alles, was zu einer guten, vergnügten Haushaltung gehört; man braucht auch –

Er macht die Gebärde des Geldzählens.

Nr. 4. Arie

ROCCO.

Hat man nicht auch Gold beineben,

Kann man nicht ganz glücklich sein;

Traurig schleppt sich fort das Leben,

Mancher Kummer stellt sich ein.

Doch wenn’s in den Taschen fein klingelt und rollt,

Da hält man das Schicksal gefangen,

Und Macht und Liebe verschafft dir das Gold

Und stillet das kühnste Verlangen.

Das Glück dient wie ein Knecht für Sold,

Es ist ein schönes Ding, das Gold.

Wenn sich nichts mit nichts verbindet,

Ist und bleibt die Summe klein;

Wer bei Tisch nur Liebe findet,

Wird nach Tische hungrig sein.

Drum lächle der Zufall euch gnädig und hold

Und segne und lenk’ euer Streben;

Das Liebchen im Arme, im Beutel das Gold,

So mögt ihr viel Jahre durchleben.

Das Glück dient wie ein Knecht für Sold,

Es ist ein mächtig Ding, das Gold.

LEONORE. Ihr könnt das leicht sagen, Meister Rocco, aber ich, ich behaupte, daß die Vereinigung zweier gleichgestimmter Herzen die Quelle des wahren ehelichen Glückes ist. Mit Wärme. O dieses Glück muß der größte Schatz auf Erden sein! Sich wieder fassend und mäßigend. Freilich gibt es noch etwas, was mir nicht weniger kostbar sein würde, aber mit Kummer sehe ich, daß ich es durch alle meine Bemühungen nicht erhalten werde.

ROCCO. Und was wäre denn das?

LEONORE. Euer Vertrauen! Verzeiht mir diesen kleinen Vorwurf, aber oft sehe ich Euch aus den unterirdischen Gewölben dieses Schlosses ganz außer Atem und ermattet zurückkommen. Warum erlaubt Ihr mir nicht, Euch dahin zu begleiten? Es wäre mir so lieb, wenn ich Euch bei Eurer Arbeit helfen und Eure Beschwerden teilen könnte.

ROCCO. Du weißt doch, daß ich den strengsten Befehl habe, niemanden, wer es auch sein mag, zu den Staatsgefangenen zu lassen.

MARZELLINE. Es sind ihrer aber gar zu viele in dieser Festung. Du arbeitest dich ja zu Tode, lieber Vater.

LEONORE. Sie hat recht, Meister Rocco. Man soll allerdings seine Schuldigkeit tun; Zärtlich. aber es ist doch auch erlaubt, mein ich, zuweilen daran zu denken, wie man sich für die, die uns angehören und lieben, ein bißchen schonen kann. Sie drückt eine seiner Hände in den ihrigen.

MARZELLINE Roccos andere Hand an ihre Brust drückend. Man muß sich für seine Kinder zu erhalten suchen.

ROCCO sieht beide gerührt an. Ja, ihr habt recht, diese schwere Arbeit würde mir doch endlich zuviel werden. Der Gouverneur ist zwar sehr streng, er muß mir aber doch erlauben, dich in die geheimen Kerker mit mir zu nehmen. Leonore macht eine heftige Gebärde der Freude. Indessen gibt es ein Gewölbe, in das ich dich wohl nie werde führen dürfen, obschon ich mich ganz auf dich verlassen kann.

MARZELLINE. Vermutlich, wo der Gefangene sitzt, von dem du schon einige Male gesprochen hast?

ROCCO. Du hast’s erraten.

LEONORE forschend. Ich glaube, es ist schon lange her, daß er gefangen ist?

ROCCO. Es ist schon über zwei Jahre.

LEONORE heftig. Zwei Jahre, sagt Ihr? Sich fassend. Er muß ein großer Verbrecher sein.

ROCCO. Oder er muß große Feinde haben, das kommt ungefähr auf eins heraus.

MARZELLINE. So hat man denn nie erfahren können, woher er ist und wie er heißt?

ROCCO. O wie oft hat er mit mir von alledem reden wollen.

LEONORE. Nun?

ROCCO. Für unsereinen ist’s aber am besten, so wenig Geheimnisse als möglich zu wissen, darum hab ich ihn auch nie angehört. Ich hätte mich verplappern können, und ihm hätte ich doch nicht genützt. Geheimnisvoll. Nun, er wird mich nicht lange mehr quälen. Es kann nicht mehr lange mit ihm dauern.

LEONORE beiseite. Großer Gott!

MARZELLINE. Lieber Himmel! Wie hat er denn eine so schwere Strafe verdient?

ROCCO noch geheimnisvoller. Seit einem Monat schon muß ich auf Pizarros Befehl seine Portion immer kleiner machen. Jetzt hat er binnen vierundzwanzig Stunden nicht mehr als zwei Unzen schwarzes Brot und ein halb Maß Wasser; kein Licht als den Schein einer Lampe – kein Stroh mehr – nichts –

MARZELLINE. O lieber Vater, führe Fidelio ja nicht zu ihm! Diesen Anblick könnte er nicht ertragen.

LEONORE. Warum denn nicht? Ich habe Mut und Stärke!

ROCCO sie auf die Schulter klopfend. Brav, mein Sohn, brav! Wenn ich dir erzählen wollte, wie ich anfangs in meinem Stande mit meinem Herzen zu kämpfen hatte! – Und ich war doch ein ganz anderer Kerl als du mit deiner feinen Haut und deinen weichen Händen.

Nr. 5. Terzett

ROCCO.

Gut, Söhnchen, gut,

Hab immer Mut,

Dann wird dir’s auch gelingen.

Das Herz wird hart

Durch Gegenwart

Bei fürchterlichen Dingen.

LEONORE mit Kraft.

Ich habe Mut!

Mit kaltem Blut

Will ich hinab mich wagen.

Für hohen Lohn

Kann Liebe schon

Auch hohe Leiden tragen.

MARZELLINE zärtlich.

Dein gutes Herz

Wird manchen Schmerz

In diesen Grüften leiden.

Dann kehrt zurück

Der Liebe Glück

Und unnennbare Freuden.

ROCCO.

Du wirst dein Glück ganz sicher bauen.

LEONORE.

Ich hab auf Gott und Recht Vertrauen.

MARZELLINE.

Du darfst mir auch ins Auge schauen,

Der Liebe Macht ist auch nicht klein.

Ja, wir werden glücklich sein.

LEONORE.

Ja, ich kann noch glücklich sein.

ROCCO.

Ja, ihr werdet glücklich sein. –

Der Gouverneur soll heut erlauben,

Daß du mit mir die Arbeit teilst.

LEONORE.

Du wirst mir alle Ruhe rauben,

Wenn du bis morgen nur verweilst.

MARZELLINE.

Ja, guter Vater, bitt ihn heute,

In kurzem sind wir dann ein Paar.

ROCCO.

Ich bin ja bald des Grabes Beute,

Ich brauche Hilf’, es ist ja wahr.

LEONORE für sich.

Wie lang bin ich des Kummers Beute!

Du, Hoffnung, reichst mir Labung dar.

MARZELLINE zärtlich zu Rocco.

Ach, lieber Vater, was fällt Euch ein?

Lang Freund und Rater müßt Ihr uns sein.

ROCCO.

Nur auf der Hut, dann geht es gut,

Gestillt wird euer Sehnen.

Gebt euch die Hand und schließt das Band

In süßen Freudentränen.

LEONORE.

Ihr seid so gut, Ihr macht mir Mut,

Gestillt wird bald mein Sehnen!

Für sich.

Ich gab die Hand zum süßen Band,

Es kostet bittre Tränen.

MARZELLINE.

O habe Mut! O welche Glut!

O welch ein tiefes Sehnen!

Ein festes Band mit Herz und Hand.

O süße, süße Tränen!

ROCCO. Aber nun ist es Zeit, daß ich dem Gouverneur die Briefschaften überbringe.

Nr. 6. Marsch

ROCCO. Ah! Er kommt selbst hierher! Zu Leonore. Gib sie, Fidelio, und dann entfernt euch!

Leonore nimmt die Blechbüchse ab, gibt sie Rocco und geht mit Marzelline ab ins Haus.

Während des zuvor begonnenen Marsches wird das Haupttor durch Schildwachen von außen geöffnet, Offiziere ziehen mit einem Detachement ein, dann kommt Pizarro, das Tor wird wieder geschlossen.

Fünfter Auftritt

Rocco. Pizarro. Offiziere. Wachen.

PIZARRO zu den Offizieren. Drei Schildwachen auf den Wall! Sechs Mann Tag und Nacht an die Zugbrücke, ebenso viele gegen den Garten zu, und jedermann, der sich dem Graben der Festung nähert, werde sogleich vor mich gebracht! Zu Rocco. Ist etwas Neues vorgefallen?

ROCCO. Nein, Herr.

PIZARRO. Wo sind die Depeschen?

ROCCO nimmt die Briefe aus der Blechbüchse. Hier sind sie.

PIZARRO öffnet die Papiere und durchgeht sie. Immer Empfehlungen oder Vorwürfe. Wenn ich auf alles das achten wollte, würde ich nie damit zu Ende kommen. Er hält bei einem Briefe an. Was seh ich? Mich dünkt, ich kenne diese Schrift. Er öffnet den Brief, geht weiter vor. Rocco und die Wachen ziehen sich mehr zurück. Er liest. »Ich gebe Ihnen Nachricht, daß der Minister in Erfahrung gebracht hat, daß die Staatsgefängnisse, denen Sie vorstehen, mehrere Opfer willkürlicher Gewalt enthalten. Er reist morgen ab, um Sie mit einer Untersuchung zu überraschen. Seien Sie auf Ihrer Hut und suchen Sie sich sicherzustellen.« Betreten. Ah, wenn er entdeckte, daß ich diesen Florestan in Ketten liegen habe, den er längst tot glaubt, ihn, der so oft meine Rache reizte, der mich vor dem Minister enthüllen und mir seine Gunst entziehen wollte. – Doch, es gibt ein Mittel! Rasch. Eine kühne Tat kann alle Besorgnisse zerstreuen!

Nr. 7. Arie mit Chor

PIZARRO.

Ha, welch ein Augenblick!

Die Rache werd ich kühlen,

Dich rufet dein Geschick!

In seinem Herzen wühlen,

O Wonne, großes Glück!

Schon war ich nah, im Staube,

Dem lauten Spott zum Raube,

Dahingestreckt zu sein.

Nun ist es mir geworden,

Den Mörder selbst zu morden;

In seiner letzten Stunde,

Den Stahl in seiner Wunde,

Ihm noch ins Ohr zu schrein:

Triumph! Der Sieg ist mein!

CHOR DER WACHE halblaut unter sich.

Er spricht von Tod und Wunde!

Nun fort auf unsre Runde,

Wie wichtig muß es sein!

Er spricht von Tod und Wunde!

Wacht scharf auf eurer Runde,

Wie wichtig muß es sein!

PIZARRO. Ich darf keinen Augenblick säumen, alle Anstalten zu meinem Vorhaben zu treffen. Heute soll der Minister ankommen. Nur die größte Vorsicht und Eile können mich retten. Zu dem Offizier. Hauptmann! Hören Sie. Er führt ihn vor und spricht leise mit ihm. Besteigen Sie mit einem Trompeter sogleich den Turm. Sehen Sie unablässig und mit der größten Achtsamkeit auf die Straße von Sevilla. Sobald Sie einen Wagen von Reitern begleitet erblicken, lassen Sie augenblicklich ein Zeichen geben. Verstehn Sie, augenblicklich! Ich erwarte die größte Pünktlichkeit. Sie haften mir mit Ihrem Kopf dafür. Der Offizier geht ab. Pizarro zur Wache. Fort auf eure Posten! Die Wache geht. Pizarro zu Rocco. Alter!

ROCCO. Herr!

PIZARRO betrachtet ihn eine Weile aufmerksam, für sich. Ich muß ihn zu gewinnen suchen. Ohne seine Hilfe kann ich es nicht ausführen. Laut. Komm näher!

Nr. 8. Duett

PIZARRO.

Jetzt, Alter, hat es Eile!

Dir wird ein Glück zuteile,

Du wirst ein reicher Mann;

Er wirft ihm einen Beutel zu.

Das geb ich nur daran.

ROCCO.

So sagt doch nur in Eile,

Womit ich dienen kann.

PIZARRO.

Du bist von kaltem Blute,

Von unverzagtem Mute

Durch langen Dienst geworden.

ROCCO.

Was soll ich? Redet!

PIZARRO.

Morden!

ROCCO erschreckt.

Wie?

PIZARRO.

Höre mich nur an!

Du bebst? Bist du ein Mann?

Wir dürfen gar nicht säumen;

Dem Staate liegt daran,

Den bösen Untertan

Schnell aus dem Weg zu räumen.

ROCCO.

O Herr!

PIZARRO.

Du stehst noch an?

Für sich.

Er darf nicht länger leben,

Sonst ist’s um mich geschehn,

Pizarro sollte beben?

Du fällst – ich werde stehn.

ROCCO.

Die Glieder fühl ich beben,

Wie könnt’ ich das bestehn?

Ich nehm ihm nicht das Leben,

Mag, was da will, geschehn. –

Nein, Herr, das Leben nehmen,

Das ist nicht meine Pflicht.

PIZARRO.

Ich will mich selbst bequemen,

Wenn dir’s am Mut gebricht;

Nun eile rasch und munter

Zu jenem Mann hinunter –

Du weißt –

ROCCO.

Der kaum mehr lebt

Und wie ein Schatten schwebt?

PIZARRO mit Grimm.

Zu dem, zu dem hinab!

Ich wart in kleiner Ferne,

Du gräbst in der Zisterne

Sehr schnell ein Grab.

ROCCO.

Und dann?

PIZARRO.

Dann werd ich selbst, vermummt,

Mich in den Kerker schleichen –

Er zeigt den Dolch.

Ein Stoß – und er verstummt!

ROCCO.

Verhungernd in den Ketten

Ertrug er lange Pein,

Ihn töten, heißt ihn retten,

Der Dolch wird ihn befrein.

PIZARRO.

Er sterb’ in seinen Ketten,

Zu kurz war seine Pein,

Sein Tod nur kann mich retten,

Dann werd ich ruhig sein.

Jetzt, Alter, jetzt hat es Eile!

Hast du mich verstanden?

Du gibst ein Zeichen!

Dann werd ich selbst, vermummt,

Mich in den Kerker schleichen –

Ein Stoß – und er verstummt!

ROCCO.

Verhungernd in den Ketten

Ertrug er lange Pein,

Ihn töten, heißt ihn retten,

Der Dolch wird ihn befrein.

PIZARRO.

Er sterb’ in seinen Ketten,

Zu kurz war seine Pein,

Sein Tod nur kann mich retten,

Dann werd ich ruhig sein.

Ab gegen den Garten. Rocco folgt ihm.

Sechster Auftritt

Leonore allein.

Leonore tritt in heftiger innerer Bewegung von der andern Seite auf und sieht den Abgehenden mit steigender Unruhe nach.

Nr. 9. Rezitativ und Arie

Rezitativ

Abscheulicher! Wo eilst du hin?

Was hast du vor in wildem Grimme?

Des Mitleids Ruf, der Menschheit Stimme,

Rührt nichts mehr deinen Tigersinn?

Doch toben auch wie Meereswogen

Dir in der Seele Zorn und Wut,

So leuchtet mir ein Farbenbogen,

Der hell auf dunklen Wolken ruht:

Der blickt so still, so friedlich nieder,

Der spiegelt alte Zeiten wider,

Und neu besänftigt wallt mein Blut.

Arie

Komm, Hoffnung, laß den letzten Stern

Der Müden nicht erbleichen!

Erhell mein Ziel, sei’s noch so fern,

Die Liebe wird’s erreichen.

Ich folg dem innern Triebe,

Ich wanke nicht,

Mich stärkt die Pflicht

Der treuen Gattenliebe!

O du, für den ich alles trug,

Könnt’ ich zur Stelle dringen,

Wo Bosheit dich in Fesseln schlug,

Und süßen Trost dir bringen!

Ich folg dem innern Triebe,

Ich wanke nicht,

Mich stärkt die Pflicht

Der treuen Gattenliebe!

Ab gegen den Garten.

Siebenter Auftritt

Marzelline kommt aus dem Hause. Jaquino folgt ihr.

JAQUINO. Aber, Marzelline –

MARZELLINE. Kein Wort, keine Silbe. Ich will nichts mehr von deinen albernen Liebesseufzern hören, und dabei bleibt es.

JAQUINO. Wer mir das vorher gesagt hätte, als ich mir vornahm, mich recht ordentlich in dich zu verlieben. Damals, ja da war ich der gute, der liebe Jaquino an allen Orten und Ecken. Ich mußte dir das Eisen in den Ofen legen, Wäsche in Falten schlagen, Päckchen zu den Gefangenen bringen, kurz alles tun, was ein ehrbares Mädchen einem ehrbaren Junggesellen erlauben kann. Aber seit dieser Fidelio –

MARZELLINE rasch einfallend. Ich leugne nicht, ich war dir gut, aber sieh, ich bin offenherzig, das war keine Liebe. Fidelio zieht mich weit mehr an, zwischen ihm und mir fühle ich eine weit größere Übereinstimmung.

JAQUINO. Was? Übereinstimmung mit einem solchen hergelaufenen Jungen, der Gott weiß woher ist, den der Vater aus bloßem Mitleid am Tor dort aufgenommen hat, der – der –

MARZELLINE ärgerlich. Der arm und verlassen ist – und den ich doch heirate.

JAQUINO. Glaubst du, daß ich das leiden werde? He, daß es ja nicht in meiner Gegenwart geschieht, ich möchte euch einen gewaltigen Streich spielen!

Achter Auftritt

Vorige. Rocco, Leonore aus dem Garten.

ROCCO. Was habt ihr denn beide wieder zu zanken?

MARZELLINE. Ach, Vater, er verfolgt mich immer.

ROCCO. Warum denn?

MARZELLINE. Er will, daß ich ihn lieben, daß ich ihn heiraten soll.

JAQUINO. Ja, ja, sie soll mich lieben, sie soll mich wenigstens heiraten, und ich –

ROCCO. Was? Ich sollte eine einzige Tochter so gut gepflegt Er streichelt Marzelline am Kinn, mit so viel Mühe bis in ihr sechzehntes Jahr erzogen haben, und das alles für den Herrn da? Er blickt lachend auf Jaquino. Nein, Jaquino, von deiner Heirat ist jetzt keine Rede, mich beschäftigen andere, klügere Absichten.

MARZELLINE. Ich verstehe, Vater. Zärtlich leise. Fidelio!

LEONORE. Brechen wir davon ab. – Rocco, ich ersuchte Euch schon einige Male, die armen Gefangenen, die hier über der Erde wohnen, in unsern Festungsgarten zu lassen. Ihr verspracht und verschobt es immer. Heute ist das Wetter so schön, der Gouverneur kommt um diese Zeit nicht hierher.

MARZELLINE. O ja! Ich bitte mit ihm!

ROCCO. Kinder, ohne Erlaubnis des Gouverneurs?

MARZELLINE. Aber er sprach so lange mit Euch. Vielleicht sollt Ihr ihm einen Gefallen tun, und dann wird er es so genau nicht nehmen.

ROCCO. Einen Gefallen? Du hast recht, Marzelline. Auf diese Gefahr hin kann ich es wagen. Wohl denn, Jaquino und Fidelio, öffnet die leichteren Gefängnisse. Ich aber gehe zu Pizarro und halte ihn zurück, indem ich Gegen Marzelline. für dein Bestes rede.

MARZELLINE drückt ihm die Hand. So recht, Vater.

Rocco ab in den Garten. Leonore und Jaquino schließen die wohlverwahrten Gefängnistüren auf, ziehen sich dann mit Marzelline in den Hintergrund und beobachten mit Teilnahme die nach und nach auftretenden Gefangenen.

Neunter Auftritt

Die Gefangenen.

Nr. 10. Finale

Während des Vorspiels kommen die Gefangenen nach und nach auf die Bühne.

CHOR DER GEFANGENEN.

O welche Lust, in freier Luft

Den Atem leicht zu heben!

Nur hier, nur hier ist Leben,

Der Kerker eine Gruft.

ERSTER GEFANGENER.

Wir wollen mit Vertrauen

Auf Gottes Hilfe bauen!

Die Hoffnung flüstert sanft mir zu:

Wir werden frei, wir finden Ruh’.

ALLE ANDERN.

O Himmel! Rettung! Welch ein Glück!

O Freiheit! kehrest du zurück?

Hier erscheint ein Offizier auf dem Walle und entfernt sich wieder.

ZWEITER GEFANGENER.

Sprecht leise! Haltet euch zurück!

Wir sind belauscht mit Ohr und Blick.

ALLE.

Sprecht leise! Haltet euch zurück!

Wir sind belauscht mit Ohr und Blick. –

O welche Lust, in freier Luft

Den Atem leicht zu heben!

Nur hier, nur hier ist Leben.

Sprecht leise, haltet euch zurück!

Wir sind belauscht mit Ohr und Blick.

Ehe der Chor noch ganz geendigt ist, erscheint Rocco im Hintergrunde der Bühne und redet angelegentlich mit Leonore. Die Gefangenen entfernen sich in den Garten. Marzelline und Jaquino folgen dahin. Rocco und Leonore nähern sich der Vorderbühne.

Zehnter Auftritt

Rocco. Leonore.

Rezitativ

LEONORE.

Nun sprecht, wie ging’s?

ROCCO.

Recht gut, recht gut!

Zusammen rafft’ ich meinen Mut

Und trug ihm alles vor;

Und sollst du’s glauben,

Was er zur Antwort mir gab?

Die Heirat und daß du mir hilfst, will er erlauben;

Noch heute führ ich in die Kerker dich hinab.

Duett

LEONORE ausbrechend.

Noch heute, noch heute!

O welch ein Glück! O welche Wonne!

ROCCO.

Ich sehe deine Freude;

Nur noch ein Augenblick,

Dann gehen wir schon beide –

LEONORE.

Wohin?

ROCCO.

Zu jenem Mann hinab,

Dem ich seit vielen Wochen

Stets weniger zu essen gab.

LEONORE.

Ha! – Wird er losgesprochen?

ROCCO.

O nein!

LEONORE.

So sprich!

ROCCO.

O nein, o nein!

Geheimnisvoll.

Wir müssen ihn, doch wie? befrein!

Er muß in einer Stunde –

Den Finger auf dem Munde –

Von uns begraben sein!

LEONORE.

So ist er tot?

ROCCO.

Noch nicht, noch nicht.

LEONORE zurückfragend.

Ist ihn zu töten deine Pflicht?

ROCCO.

Nein, guter Junge, zittre nicht,

Zum Morden dingt sich Rocco nicht.

Der Gouverneur kommt selbst hinab,

Wir beide graben nur das Grab.

LEONORE beiseite.

Vielleicht das Grab des Gatten graben,

O was kann fürchterlicher sein?

ROCCO.

Ich darf ihn nicht mit Speise laben,

Ihm wird im Grabe besser sein. –

Wir müssen gleich zu Werke schreiten,

Du mußt mir helfen, mich begleiten;

Hart ist des Kerkermeisters Brot.

LEONORE.

Ich folge dir, wär’s in den Tod.

ROCCO.

In der zerfallenen Zisterne

Bereiten wir die Grube leicht.

Ich tu es, glaube mir, nicht gerne;

Auch dir ist schaurig, wie mich deucht?

LEONORE.

Ich bin es nur noch nicht gewohnt.

ROCCO.

Ich hätte gerne dich verschont.

Doch wird es mir allein zu schwer,

Und gar so streng ist unser Herr.

LEONORE für sich.

O welch ein Schmerz!

ROCCO für sich.

Mir scheint, er weint.

Laut.

Nein, du bleibst hier – ich geh alleine,

Ich geh allein.

LEONORE innig sich an ihn klammernd.

O nein, o nein!

Ich muß ihn sehn; den Armen sehen,

Und müßt’ ich selbst zugrunde gehen.

ROCCO UND LEONORE.

So säumen wir nun länger nicht,

Wir folgen unsrer strengen Pflicht.

Elfter Auftritt

Vorige. Jaquino und Marzelline atemlos hereinstürzend.

MARZELLINE.

Ach, Vater, eilt!

ROCCO.

Was hast du denn?

JAQUINO.

Nicht länger weilt!

ROCCO.

Was ist geschehn?

MARZELLINE.

Voll Zorn folgt mir

Pizarro nach!

Er drohet dir.

ROCCO.

Gemach! Gemach!

LEONORE.

So eilet fort!

ROCCO.

Nur noch dies Wort:

Sprich, weiß er schon?

JAQUINO.

Ja, er weiß es schon.

MARZELLINE.

Der Offizier

Sagt’ ihm, was wir

Jetzt den Gefangenen gewähren.

ROCCO.

Laßt alle schnell zurückekehren.

Jaquino ab in den Garten.

MARZELLINE.

Ihr wißt ja, wie er tobet,

Und kennet seine Wut.

Sie eilt Jaquino nach.

LEONORE.

Wie mir’s im Herzen tobet!

Empöret ist mein Blut.

ROCCO.

Mein Herz hat mich gelobet,

Sei der Tyrann in Wut.

Zwölfter Auftritt

Vorige. Pizarro. Später Marzelline und Jaquino mit den Gefangenen.

PIZARRO.

Verwegner Alter, welche Rechte

Legst du dir frevelnd selber bei?

Und ziemt es dem gedungnen Knechte,

Zu geben die Gefangnen frei?

ROCCO verlegen.

O Herr!

PIZARRO.

Wohlan!

ROCCO eine Entschuldigung suchend.

Des Frühlings Kommen,

Das heitre warme Sonnenlicht,

Dann:

Sich fassend.

habt Ihr wohl in acht genommen,

Was sonst zu meinem Vorteil spricht?

Die Mütze abnehmend.

Des Königs Namensfest ist heute,

Das feiern wir auf solche Art.

Geheim zu Pizarro.

Der unten stirbt – doch laßt die andern

Jetzt fröhlich hin und wider wandern;

Für jenen sei der Zorn gespart.

PIZARRO leise.

So eile, ihm sein Grab zu graben,

Hier will ich stille Ruhe haben.

Schließ die Gefangnen wieder ein,

Mögst du nie mehr verwegen sein!

DIE GEFANGENEN kommen aus dem Garten zurück.

Leb wohl, du warmes Sonnenlicht,

Schnell schwindest du uns wieder;

Schon sinkt die Nacht hernieder,

Aus der so bald kein Morgen bricht.

MARZELLINE die Gefangenen betrachtend.

Wie eilten sie zum Sonnenlicht

Und scheiden traurig wieder.

Für sich.

Die andern murmeln nieder:

Hier wohnt die Lust, die Freude nicht.

LEONORE zu den Gefangenen.

Ihr hört das Wort, drum zögert nicht,

Kehrt in den Kerker wieder.

Für sich.

Angst rinnt durch meine Glieder.

Ereilt den Frevler kein Gericht?

JAQUINO zu den Gefangenen.

Ihr hört das Wort, drum zögert nicht,

Kehrt in den Kerker wieder.

Für sich, Rocco und Leonore betrachtend.

Sie sinnen auf und nieder!

Könnt’ ich verstehn, was jeder spricht!

PIZARRO.

Nun, Rocco, zögre länger nicht,

Steig in den Kerker nieder.

Leise.

Nicht eher kehrst du wieder,

Bis ich vollzogen das Gericht.

ROCCO.

Nein, Herr, ich zögre länger nicht,

Ich steige eilend nieder.

Für sich.

Mir beben meine Glieder;

O unglückselig harte Pflicht!

Die Gefangenen gehen in ihre Zellen, die Leonore und Jaquino verschließen.

Zweiter Aufzug

Ein unterirdischer dunkler Kerker

Links ist eine mit Steinen und Schutt bedeckte Zisterne. Im Hintergrunde sind mehrere mit Gitterwerk verwahrte Öffnungen in der Mauer, durch die man die Stufen einer von der Höhe herunterführenden Treppe sieht; rechts die letzten Stufen und die Tür in das Gefängnis. Eine Lampe brennt.

Erster Auftritt

Florestan sitzt auf einem Stein, um den Leib hat er eine lange Kette, deren Ende in der Mauer befestigt ist.

Nr. 11. Orchestervorspiel, Rezitativ und Arie

Rezitativ

FLORESTAN.

Gott! Welch Dunkel hier! O grauenvolle Stille.

Öd ist es um mich her. Nichts lebet außer mir.

O schwere Prüfung! – Doch gerecht ist Gottes Wille!

Ich murre nicht! Das Maß der Leiden steht bei dir.

Arie

In des Lebens Frühlingstagen

Ist das Glück von mir geflohn!

Wahrheit wagt’ ich kühn zu sagen,

Und die Ketten sind mein Lohn.

Willig duld ich alle Schmerzen,

Ende schmählich meine Bahn;

Süßer Trost in meinem Herzen:

Meine Pflicht hab ich getan!

In einer an Wahnsinn grenzenden, doch ruhigen Begeisterung.

Und spür ich nicht linde, sanft säuselnde Luft?

Und ist nicht mein Grab mir erhellet?

Ich seh, wie ein Engel im rosigen Duft

Sich tröstend zur Seite mir stellet,

Ein Engel, Leonoren, der Gattin, so gleich,

Der führt mich zur Freiheit ins himmlische Reich.

Er sinkt, erschöpft von der letzten Gemütsbewegung, auf den Felsensitz nieder, seine Hände verhüllen sein Gesicht.

Zweiter Auftritt

Florestan, Rocco und Leonore, die man durch die Öffnungen bei dem Schein einer Laterne die Treppe herabsteigen sah, tragen einen Krug und die Werkzeuge zum Graben. Die Hintertür öffnet sich, und das Theater erhellt sich zur Hälfte.

Nr. 12. Melodram und Duett

Melodram

LEONORE halblaut. Wie kalt ist es in diesem unterirdischen Gewölbe!

ROCCO. Das ist natürlich, es ist ja so tief.

LEONORE sieht unruhig nach allen Seiten umher. Ich glaubte schon, wir würden den Eingang gar nicht finden.

ROCCO sich gegen Florestans Seite wendend. Da ist er.

LEONORE mit gebrochener Stimme, indem sie den Gefangenen zu erkennen sucht. Er scheint ganz ohne Bewegung.

ROCCO. Vielleicht ist er tot.

LEONORE schaudernd. Ihr meint es?

Florestan macht eine Bewegung.

ROCCO. Nein, nein, er schläft. – – Das müssen wir benutzen und gleich ans Werk gehen; wir haben keine Zeit zu verlieren.

LEONORE beiseite. Es ist unmöglich, seine Züge zu unterscheiden. – Gott steh’ mir bei, wenn er es ist!

ROCCO setzt seine Laterne auf die Trümmer. Hier, unter diesen Trümmern ist die Zisterne, von der ich dir gesagt habe. – Wir brauchen nicht viel zu graben, um an die Öffnung zu kommen. Gib mir eine Haue, und du, stelle dich hierher. Er steigt bis an den Gürtel in die Höhlung hinab, stellt den Krug und legt den Schlüsselbund neben sich. Leonore steht am Rande und reicht ihm die Haue. Du zitterst, fürchtest du dich?

LEONORE mit erzwungener Festigkeit des Tones. O nein, es ist nur so kalt.

ROCCO rasch. So mache fort, im Arbeiten wird dir schon warm werden.

Rocco fängt gleich mit dem Vorspiel an zu arbeiten; währenddessen benutzt Leonore die Momente, wo sich Rocco bückt, um den Gefangenen zu betrachten. Das Duett wird durchaus halblaut gesungen.

Duett

ROCCO mit halblauter Stimme während der Arbeit.

Nur hurtig fort, nur frisch gegraben,

Es währt nicht lang, er kommt herein.

LEONORE ebenfalls arbeitend.

Ihr sollt ja nicht zu klagen haben,

Ihr sollt gewiß zufrieden sein.

ROCCO einen großen Stein hebend.

Komm, hilf doch diesen Stein mir heben –

Hab acht! Hab acht! Er hat Gewicht!

LEONORE hilft heben.

Ich helfe schon, sorgt Euch nicht;

Ich will mir alle Mühe geben.

ROCCO.

Ein wenig noch!

LEONORE.

Geduld!

ROCCO.

Er weicht.

LEONORE.

Nur etwas noch!

ROCCO.

Es ist nicht leicht!

Sie lassen den Stein über die Trümmer rollen und holen Atem.

ROCCO weiterarbeitend.

Nur hurtig fort, nur frisch gegraben,

Es währt nicht lang, er kommt herein.

LEONORE.

Laßt mich nur wieder Kräfte haben,

Wir werden bald zu Ende sein.

Sie sucht den Gefangenen zu betrachten; für sich.

Wer du auch seist, ich will dich retten,

Bei Gott, du sollst kein Opfer sein!

Gewiß, ich löse deine Ketten,

Ich will, du Armer, dich befrein.

ROCCO sich schnell aufrichtend.

Was zauderst du in deiner Pflicht?

LEONORE fängt wieder an zu arbeiten.

Mein Vater, nein, ich zaudre nicht.

ROCCO.

Nur hurtig fort, nur frisch gegraben,

Es währt nicht lang, so kommt er her.

LEONORE.

Ihr sollt ja nicht zu klagen haben,

Laßt mich nur wieder Kräfte haben,

Denn mir wird keine Arbeit schwer.

Rocco trinkt. Florestan erholt sich und hebt das Haupt in die Höhe, ohne sich nach Leonore zu wenden.

LEONORE. Er erwacht!

ROCCO plötzlich im Trinken einhaltend. Er erwacht, sagst du?

LEONORE in größter Verwirrung immer nach Florestan sehend. Ja, er hat eben den Kopf in die Höhe gehoben.

ROCCO. Ohne Zweifel wird er wieder tausend Fragen an mich stellen. Ich muß allein mit ihm reden. Nun hat er es bald überstanden. Er steigt aus der Grube. Steig du statt meiner hinab und räume noch so viel weg, daß man die Zisterne öffnen kann.

LEONORE steigt zitternd ein paar Stufen hinab. Was in mir vorgeht, ist unaussprechlich!

ROCCO nach einer kleinen Pause zu Florestan. Nun, Ihr habt wieder einige Augenblicke geruht?

FLORESTAN. Geruht? Wie fände ich Ruhe?

LEONORE für sich. Diese Stimme! – Wenn ich nur einen Augenblick sein Gesicht sehen könnte.

FLORESTAN. Werdet Ihr immer bei meinen Klagen taub sein, grausamer Mann? Mit den letzten Worten wendet er sein Gesicht gegen Leonore.

LEONORE für sich. Gott! Er ist’s! Sie fällt ohne Bewußtsein an den Rand der Grube.

ROCCO. Was verlangt Ihr denn von mir? Ich vollziehe die Befehle, die man mir gibt; das ist mein Amt, meine Pflicht.

FLORESTAN. Sagt mir endlich einmal, wer ist Gouverneur dieses Gefängnisses?

ROCCO beiseite. Jetzt kann ich ihm ja ohne Gefahr genugtun. Zu Florestan. Der Gouverneur dieses Gefängnisses ist Don Pizarro.

FLORESTAN. Pizarro!

LEONORE sich allmählich erholend. O Barbar! Deine Grausamkeit gibt mir meine Kräfte wieder.

FLORESTAN. O schickt so bald als möglich nach Sevilla, fragt nach Leonore Florestan –

LEONORE. Gott! Er ahnt nicht, daß sie jetzt sein Grab gräbt!

FLORESTAN. Sagt ihr, daß ich hier in Ketten liege.

ROCCO. Es ist unmöglich, sag ich Euch. Ich würde mich ins Verderben stürzen, ohne Euch genützt zu haben.

FLORESTAN. Wenn ich denn verdammt bin, hier mein Leben zu enden, o so laßt mich nicht langsam verschmachten.

LEONORE springt auf und hält sich an der Mauer fest. O Gott! Wer kann das ertragen?

FLORESTAN. Aus Barmherzigkeit, gib mir nur einen Tropfen Wasser. Das ist ja so wenig.

ROCCO beiseite. Es geht mir wider meinen Willen zu Herzen. Leonore. Er scheint sich zu erweichen.

FLORESTAN. Du gibst mir keine Antwort?

ROCCO. Ich kann Euch nicht verschaffen, was Ihr verlangt. Alles, was ich Euch anbieten kann, ist ein Restchen Wein, das ich in meinem Kruge habe. – Fidelio!

LEONORE den Krug in größter Eile bringend. Da ist er! Da ist er!

FLORESTAN Leonore betrachtend. Wer ist das?

ROCCO. Mein Schließer und in wenigen Tagen mein Eidam. Er reicht Florestan den Krug. Trinkt! Es ist freilich nur wenig Wein, aber ich gebe ihn Euch gern. Zu Leonore. Du bist ja ganz in Bewegung?

LEONORE in größter Verwirrung. Wer sollte es nicht sein? Ihr selbst, Meister Rocco –

ROCCO. Es ist wahr, der Mensch hat so eine Stimme …

LEONORE. Jawohl, sie dringt in die Tiefe des Herzens.

Nr. 13. Terzett

FLORESTAN.

Euch werde Lohn in bessern Welten,

Der Himmel hat Euch mir geschickt.

O Dank! Ihr habt mich süß erquickt;

Ich kann die Wohltat nicht vergelten.

ROCCO leise zu Leonore, die er beiseite zieht.

Ich labt’ ihn gern, den armen Mann,

Es ist ja bald um ihn getan.

LEONORE für sich.

Wie heftig pochet dieses Herz,

Es wogt in Freud’ und scharfem Schmerz.

FLORESTAN für sich.

Bewegt seh ich den Jüngling hier,

Und Rührung zeigt auch dieser Mann.

O Gott, du sendest Hoffnung mir,

Daß ich sie noch gewinnen kann.

LEONORE.

Die hehre, bange Stunde winkt,

Die Tod mir oder Rettung bringt.

ROCCO.

Ich tu, was meine Pflicht gebeut,

Doch haß ich alle Grausamkeit.

LEONORE leise zu Rocco, indem sie ein Stück Brot aus der Tasche zieht.

Dies Stückchen Brot – ja, seit zwei Tagen

Trag ich es immer schon bei mir.

ROCCO.

Ich möchte gern, doch sag ich dir,

Das hieße wirklich zu viel wagen.

LEONORE.

Ach!

Schmeichelnd.

Ihr labtet gern den armen Mann.

ROCCO.

Das geht nicht an, das geht nicht an.

LEONORE wie vorhin.

Es ist ja bald um ihn getan.

ROCCO.

So sei es – ja, so sei’s – du kannst es wagen.

LEONORE in größter Bewegung Florestan das Brot reichend.

Da, nimm das Brot – du armer Mann!

FLORESTAN Leonores Hand ergreifend und an sich drückend.

O Dank dir, Dank! O Dank! O Dank!

Euch werde Lohn in bessern Welten,

Der Himmel hat Euch mir geschickt.

O Dank! Ihr habt mich süß erquickt,

Ich kann die Wohltat nicht vergelten.

LEONORE.

Der Himmel schicke Rettung dir,

Dann wird mir hoher Lohn gewährt.

ROCCO.

Mich rührte oft dein Leiden hier,

Doch Hilfe war mir streng verwehrt.

Für sich.

Ich labt’ ihn gern, den armen Mann,

Es ist ja bald um ihn getan.

LEONORE.

O mehr, als ich ertragen kann!

FLORESTAN.

O daß ich Euch nicht lohnen kann!

Er ißt das Brot.

ROCCO nach augenblicklichem Stillschweigen zu Leonore. Alles ist bereit. Ich gehe, das Signal zu geben. Er geht in den Hintergrund.

LEONORE. O Gott, gib mir Mut und Stärke!

FLORESTAN zu Leonore während Rocco die Türen zu öffnen geht. Wo geht er hin? Rocco öffnet die Türen und gibt durch einen starken Pfiff das Zeichen. Ist das der Vorbote meines Todes?

LEONORE in der heftigsten Bewegung. Nein, nein! Beruhige dich, lieber Gefangener.

FLORESTAN. O meine Leonore! So soll ich dich nie wieder sehen?

LEONORE fühlt sich zu Florestan hingerissen und sucht diesen Trieb zu überwältigen. Mein ganzes Herz reißt mich zu ihm hin! Zu Florestan. Sei ruhig, sag ich dir! Vergiß nicht, was du auch hören und sehen magst, daß überall eine Vorsehung ist. – Ja, ja, es gibt eine Vorsehung! Sie entfernt sich gegen die Zisterne.

Dritter Auftritt

Vorige. Pizarro, vermummt in einen Mantel.

PIZARRO zu Rocco, die Stimme verstellend. Ist alles bereit?

ROCCO. Ja, die Zisterne braucht nur geöffnet zu werden.

PIZARRO. Gut, der Junge soll sich entfernen.

ROCCO zu Leonore. Geh, entferne dich!

LEONORE in größter Verwirrung. Wer? – Ich? – Und Ihr?

ROCCO. Muß ich nicht dem Gefangenen die Eisen abnehmen? Geh, geh!

Leonore entfernt sich in den Hintergrund und nähert sich allmählich wieder im Schatten gegen Florestan, die Augen immer auf Pizarro gerichtet.

PIZARRO beiseite, einen Blick auf Rocco und Leonore werfend. Die muß ich mir noch heute beide vom Halse schaffen, damit alles verborgen bleibt.

ROCCO zu Pizarro. Soll ich ihm die Ketten abnehmen?

PIZARRO. Nein, aber schließe ihn von dem Stein los. Beiseite. Die Zeit ist dringend. Er zieht einen Dolch.

Nr. 14. Quartett

PIZARRO.

Er sterbe! – Doch er soll erst wissen,

Wer ihm sein stolzes Herz zerfleischt.

Der Rache Dunkel sei zerrissen,

Sieh her! Du hast dich nicht getäuscht!

Er schlägt den Mantel auf.

Pizarro, den du stürzen wolltest,

Pizarro, den du fürchten solltest,

Steht nun als Rächer hier.

FLORESTAN gefaßt.

Ein Mörder steht vor mir!

PIZARRO.

Noch einmal ruf ich dir,

Was du getan, zurück;

Nur noch ein Augenblick,

Und dieser Dolch –

Er will Florestan durchbohren.

LEONORE stürzt mit einem durchdringenden Schrei hervor und bedeckt Florestan mit ihrem Leibe.

Zurück!

FLORESTAN.

O Gott!

ROCCO.

Was soll?

LEONORE.

Durchbohren

Mußt du erst diese Brust.

Der Tod sei dir geschworen

Für deine Mörderlust.

PIZARRO schleudert sie fort.

Wahnsinniger!

ROCCO zu Leonore.

Halt ein!

PIZARRO.

Er soll bestrafet sein.

LEONORE noch einmal ihren Mann deckend.

Töt erst sein Weib!

ROCCO UND PIZARRO.

Sein Weib?

FLORESTAN.

Mein Weib!

LEONORE zu Florestan.

Ja, sieh hier Leonoren!

FLORESTAN.

Leonore!

LEONORE zu den anderen.

Ich bin sein Weib, geschworen

Hab ich ihm Trost, Verderben dir!

PIZARRO für sich.

Welch unerhörter Mut!

FLORESTAN zu Leonore.

Vor Freude starrt mein Blut!

ROCCO für sich.

Mir starrt vor Angst mein Blut!

LEONORE für sich.

Ich trotze seiner Wut!

PIZARRO.

Soll ich vor einem Weibe beben?

LEONORE.

Der Tod sei dir geschworen.

PIZARRO.

So opfr’ ich beide meinem Grimm.

Er dringt wieder auf sie und Florestan ein.

LEONORE.

Durchbohren mußt du erst diese Brust!

PIZARRO.

Geteilt hast du mit ihm das Leben,

So teile nun den Tod mit ihm.

LEONORE ihm schnell eine Pistole vorhaltend.

Noch einen Laut – und du bist tot!

Man hört die Trompete von dem Turm.

LEONORE hängt an Florestans Halse.

Ach, du bist gerettet! Großer Gott!

FLORESTAN.

Ach, ich bin gerettet! Großer Gott!

PIZARRO betäubt.

Ha, der Minister! Höll’ und Tod!

ROCCO betäubt.

O was ist das, gerechter Gott!

Man hört die Trompete stärker.

Vierter Aufritt

Vorige. Jaquino. Soldaten mit Fackeln erscheinen an der obersten Gitteröffnung der Treppe.

JAQUINO spricht. Vater Rocco! Der Herr Minister kommt an. Sein Gefolge ist schon vor dem Schloßtor.

ROCCO freudig und überrascht, für sich. Gelobt sei Gott! Zu Jaquino sehr laut. Wir kommen – ja, wir kommen augenblicklich. Und diese Leute mit Fackeln sollen heruntersteigen und den Herrn Gouverneur hinaufbegleiten.

Die Soldaten kommen bis an die Tür herunter. Jaquino geht ab.

LEONORE UND FLORESTAN.

Es schlägt der Rache Stunde!

Du sollst / Ich soll gerettet sein;

Die Liebe wird im Bunde

Mit Mute dich / mich befrein.

PIZARRO.

Verflucht sei diese Stunde!

Die Heuchler spotten mein;

Verzweiflung wird im Bunde

Mit meiner Rache sein.

ROCCO.

O fürchterliche Stunde!

O Gott, was wartet mein?

Ich will nicht mehr im Bunde

Mit diesem Wütrich sein.

Pizarro stürzt ab. Rocco gibt im Abgehen Leonore beruhigende Winke. Soldaten mit Fackeln vorauf.

Fünfter Auftritt

Leonore. Florestan.

FLORESTAN. Meine Leonore! Geliebtes Weib! Engel, den Gott wie ein Wunder zu meiner Rettung mir gesendet, laß an dies Herz dich drücken. Umarmung. Aber dürfen wir noch hoffen?

LEONORE. Wir dürfen es. Die Ankunft des Ministers, den wir kennen, Pizarros Verwirrung und vor allem Vater Roccos tröstende Zeichen sind mir ebenso viele Gründe, zu glauben, unser Leiden sei am Ziele und die Zeit unseres Glückes wolle beginnen.

FLORESTAN. Sprich, wie kamst du hierher?

LEONORE schnell. Ich verließ Sevilla, ich kam zu Fuß in Manneskleidern, der Kerkermeister nahm mich in seine Dienste, dein Verfolger selbst machte mich zum Schließer.

FLORESTAN. Treues Weib! Frau ohnegleichen! Was hast du meinetwegen erduldet!

LEONORE. Nichts, mein Florestan! Meine Seele war mit dir; wie hätte der Körper sich nicht stark gefühlt, indem er für sein besseres Selbst kämpfte?

Nr. 15. Duett

LEONORE.

O namenlose Freude!

Mein Mann an meiner Brust!

FLORESTAN.

O namenlose Freude!

An Leonorens Brust!

BEIDE.

Nach unnennbarem Leide

So übergroße Lust!

LEONORE.

Du wieder nun in meinen Armen!

FLORESTAN.

O Gott, wie groß ist dein Erbarmen!

BEIDE.

O Dank dir, Gott, für diese Lust!

Mein Mann / Weib, mein Mann / Weib an meiner Brust!

FLORESTAN.

Du bist’s!

LEONORE.

Ich bin’s!

FLORESTAN.

O himmlisches Entzücken!

Leonore!

LEONORE.

Florestan.

BEIDE.

O namenlose Freude!

Nach unnennbarem Leide

So übergroße Lust!

Sechster Auftritt

Vorige. Rocco.

ROCCO hereinstürzend. Gute Botschaft, ihr armen Leidenden! Der Herr Minister hat eine Liste aller Gefangenen mit sich; alle sollen ihm vorgeführt werden. Jaquino öffnet die oberen Gefängnisse. Ihr allein Zu Florestan. seid nicht erwähnt. Euer Aufenthalt hier ist eine Eigenmächtigkeit des Gouverneurs. Kommt, folgt mir hinauf. Auch Ihr, gnädige Frau. Und gibt Gott meinen Worten Kraft und lohnt er die Heldentat der edelsten Gattin, so werdet Ihr frei, und Euer Glück ist mein Werk.

FLORESTAN. Leonore!

LEONORE. Durch welche Wunder!

ROCCO. Fort, zögert nicht! Oben werdet ihr alles erfahren. Auch diese Fesseln behaltet noch. Gott gebe, daß sie Euch Mitleid erflehen und dem Grausamen angelegt werden, der Euch so viele Leiden bereitete.

Alle drei ab.

Verwandlung

Paradeplatz des Schlosses mit der Statue des Königs

Siebenter Auftritt

Die Schloßwachen marschieren auf und bilden ein offenes Viereck. Dann erscheint von der Seite der Minister Don Fernando, von Pizarro und Offizieren begleitet. Volk eilt herzu. Von der andern Seite treten, von Jaquino und Marzelline geführt, die Staatsgefangenen ein, die vor Fernando niederknien.

Nr. 16. Finale

CHOR der Gefangenen und des Volkes.

Heil sei dem Tag, Heil sei der Stunde,

Die lang ersehnt, doch unvermeint,

Gerechtigkeit mit Huld im Bunde

Vor unsres Grabes Tor erscheint!

FERNANDO.

Des besten Königs Wink und Wille

Führt mich zu euch, ihr Armen, her,

Daß ich der Frevel Nacht enthülle,

Die all umfangen schwarz und schwer.

Nein, nicht länger knieet sklavisch nieder,

Die Gefangenen stehen auf.

Tyrannenstrenge sei mir fern.

Es sucht der Bruder seine Brüder,

Und kann er helfen, hilft er gern.

CHOR.

Heil sei dem Tag, Heil sei der Stunde!

FERNANDO wiederholt.

Es sucht der Bruder seine Brüder,

Und kann er helfen, hilft er gern.

Achter Auftritt

Vorige. Rocco, durch die Wachen dringend, hinter ihm Leonore und Florestan.

ROCCO.

Wohlan, so helfet! Helft den Armen!

PIZARRO.

Was seh ich? Ha!

ROCCO zu Pizarro.

Bewegt es dich?

PIZARRO zu Rocco.

Fort! fort!

FERNANDO zu Rocco.

Nein, rede!

ROCCO.

All Erbarmen

Vereine diesem Paare sich.

Florestan vorführend.

Don Florestan –

FERNANDO staunend.

Der Totgeglaubte,

Der Edle, der für Wahrheit stritt?

ROCCO.

Und Qualen ohne Zahl erlitt.

FERNANDO.

Mein Freund! Mein Freund! Der Totgeglaubte? –

Gefesselt, bleich steht er vor mir.

ROCCO UND LEONORE.

Ja, Florestan, Ihr seht ihn hier.

ROCCO Leonore vorstellend.

Und Leonore –

FERNANDO noch mehr betroffen.

Leonore?

ROCCO.

Der Frauen Zierde führ ich vor.

Sie kam hierher –

PIZARRO.

Zwei Worte sagen –

FERNANDO.

Kein Wort!

Zu Rocco.

Sie kam –

ROCCO.

dort an mein Tor

Und trat als Knecht in meine Dienste

Und tat so brave, treue Dienste,

Daß ich – zum Eidam sie erkor.

MARZELLINE.

O weh mir, was vernimmt mein Ohr!

ROCCO.

Der Unmensch wollt’ in dieser Stunde

Vollziehn an Florestan den Mord.

PIZARRO in größter Wut.

Vollziehn mit ihm!

ROCCO auf sich und Leonore zeigend.

Mit uns im Bunde!

Zu Fernando.

Nur Euer Kommen rief ihn fort.

CHOR sehr lebhaft.

Bestrafet sei der Bösewicht,

Der Unschuld unterdrückt.

Gerechtigkeit hält zum Gericht

Der Rache Schwert gezückt.

Pizarro wird auf einen Wink Fernandos von der Wache abgeführt.

FERNANDO zu Rocco.

Du schlossest auf des Edlen Grab,

Jetzt nimm ihm seine Ketten ab –

Doch halt! – Euch, edle Frau, allein,

Euch ziemt es, ganz ihn zu befrein.

LEONORE nimmt die Schlüssel, löst in größter Bewegung Florestan die Ketten ab; er sinkt in Leonores Arme.

O Gott! – Welch ein Augenblick!

FLORESTAN.

O unaussprechlich süßes Glück!

FERNANDO.

Gerecht, o Gott, ist dein Gericht!

MARZELLINE UND ROCCO.

Du prüfest, du verläßt uns nicht.

ALLE.

O Gott! o welch ein Augenblick!

O unaussprechlich süßes Glück!

Gerecht, o Gott, ist dein Gericht,

Du prüfest, du verläßt uns nicht!

CHOR.

Wer ein holdes Weib errungen,

Stimm’ in unsern Jubel ein!

Nie wird es zu hoch besungen,

Retterin des Gatten sein.

FLORESTAN.

Deine Treu’ erhielt mein Leben,

Tugend schreckt den Bösewicht.

LEONORE.

Liebe führte mein Bestreben,

Wahre Liebe fürchtet nicht.

CHOR.

Preist mit hoher Freude Glut

Leonorens edlen Mut.

FLORESTAN vortretend und auf Leonore weisend.

Wer ein solches Weib errungen,

Stimm’ in unsern Jubel ein!

Nie wird es zu hoch besungen,

Retterin des Gatten sein.

LEONORE ihn umarmend.

Liebend ist es mir gelungen,

Dich aus Ketten zu befrein.

Liebend sei es hoch besungen:

Florestan ist wieder mein!

CHOR.

Wer ein holdes Weib errungen,

Stimm’ in unsern Jubel ein!

Nie wird es zu hoch besungen,

Retterin des Gatten sein.

LEONORE.

Liebend sei es hoch besungen:

Florestan ist wieder mein!

ALLE ÜBRIGEN.

Nie wird es zu hoch besungen,

Retterin des Gatten sein.

Charles Baudelaire – Die Blumen des Bösen

Charles Baudelaire

Die Blumen des Bösen (Auswahl)

(Les Fleurs du Mal)

Spleen und Ideal

Der Albatros.

Oft fängt die Mannschaft auf den Schiffen zum Vergnügen

Sich Albatrosse ein, Seevögel kühnbeschwingt,

Die still und ruhevoll auf ihren weite Zügen

Dem Fahrzeug folgen, wie es durch die Salzflut dringt.

Sobald auf das Verdeck sie die Gefangnen bringen,

So hängen voller Scham, verstört und ungeschickt,

Die Kön’ge des Azurs die mächtgen, weißen Schwingen

Wie Ruder rechts und links, hinschleifend und geknickt.

Der Wandrer, leicht beschwingt, daß er die Luft durchschweife,

Wie häßlich ist er nun, wie plump, verhöhnt und schwach.

Der eine kitzelt ihm den Schnabel mit der Pfeife,

Der andre macht im Spott sein lahmes Wanken nach.

Der Dichter ist der Fürst der stolzen Wolkenthrone,

Der Bogenschützen trotzt und lacht des Seesturms Wehn;

Doch hindern auf dem Land, umringt von lautem Hohne,

Die Riesenflügel den Gewaltigen am Gehn.

Erhebung.

Hoch über den Bergen, hoch über den Meeren,

Den Wäldern, den Talen, den Wolken, der Flur,

Der flammenden Sonne, dem weiten Azur,

Hoch über den Reichen der sternigen Sphären,

Beschwingst du, mein Geist, dich, und tief in der Brust,

Wie ein Schwimmer, den schwellend die Wogen umgleiten,

Fühl froh ich, durchfurchend unendliche Weiten,

Eine unaussprechliche, männliche Lust,

Entfliehe fern in die reineren Düfte,

Befreit von dem Dunst, der betäubend und krank,

Und schlürfe als hellen und göttlichen Trank

Das klare Feuer der ewigen Lüfte.

Weit hinter des Grams und des Trübsinns Gebiet,

Die das irdische Leben in Nebel verschlingen –

Glückselig der, der mit kräftigen Schwingen

Zu strahlenden, heitren Gefilden entflieht,

Dessen Geist, wann die Lichter des Morgens erglühten,

Wie die Lerche aufsteigend den Himmel durchschweift,

Der das Sein überfliegend mühlos begreift

Die Sprache der stummen Welt und der Blüten.

Zusammenhänge.

Lebendgem Tempel gleicht das Wesen der Natur,

Aus seinen Säulenreihn tönt tief geheimes Flüstern,

Durch Wälder geht der Mensch, wo Zeichen ihn umdüstern,

Die stillvertrauten Blicks verfolgen seine Spur.

Geheim verschmelzend wie das Echo fernster Klüfte,

In großer Einheit und voll dunkeltiefer Macht,

Weit wie des Äthers Glanz und die gewaltge Nacht,

Antworten Töne rings und Farben sich und Düfte.

Gerüche sind, wie Duft, der über Kindern ruht,

Grün wie die Wiesen, sanft wie der Hoboen Klingen,

Und andre, die verderbt, reich und voll stolzer Glut,

Still atmend in der Kraft von unbegrenzten Dingen,

Wie Ambra, Benzoe und fremden Weihrauchs Flut,

Stolz tönend den Triumph von unsrem Geist und Blut.

Die Leuchttürme.

Rubens, Gefild der Rast, Strom der Vergessenheiten,

Ein Ruhbett blühnden Fleischs und doch von Liebe leer,

Darin das Leben wogt in ruhelosen Weiten,

Wie im Azur die Luft und wie das Meer im Meer.

Da Vinci, Spiegel, draus sich tiefe Träume heben,

Wo selger Engelschar stillfrohes Lächeln glänzt,

Die in geheimem Duft das Schattenland durchschweben,

Das sich mit Gletschern und mit schlanken Pinien kränzt.

Rembrandt, ein Armenhaus, von Murmeln bang verdüstert,

Wo aller Schmuck der Wand ein Kruzifix allein,

Wo weinendes Gebet aus Schmutz und Lumpen flüstert,

Die kalt und hart durchstrahlt ein winterlicher Schein.

Buonarotti, Nacht, wo in des Dunkels Schweigen

Sich Herakles’ Gestalt mit Christusbildern mengt,

Wo Riesenwesen starr der Dämmerung entsteigen

Und die gestreckte Hand das Leichentuch zersprengt.

Der Faunen freche Glut, des Faustkampfs zornig Toben,

Du, dem aus schmutzgem Troß die Schönheit sich gebar,

Hinfällger, gelber Mann, das Herz von Stolz gehoben,

Puget, gramvoller Fürst im Reich der Sträflingsschar.

Watteau, ein Karneval, wo manche edle Herzen

Wie Schmetterlinge irrn in wechselvollem Glanz,

Gewande, leicht und bunt, erhellt von tausend Kerzen,

Die die Verzückung sprühn dem tollen Wirbeltanz.

Goya, ein schwerer Traum, wo Finsternisse zürnen,

Geburten, die man kocht in zaubertrunkner Wut,

Im Spiegel alte Fraun und junge, nackte Dirnen,

Die Strümpfe glättend, schön für der Dämonen Glut.

Ein Blutsee, Delacroix, mit bösen Engelscharen,

Beschattet durch ein Holz von Fichten, ewig grün,

Wo in vergrämter Luft fremd tönende Fanfaren

Gleich einem Seufzerhauch von Weber fern verglühn.

Dies Lästern, dieser Fluch, dies Weh von Klagesängen,

Dies Heulen, dies Tedeum, dieser wilde Schmerz,

Sie sind ein Widerhall aus tausend irren Gängen,

Ein göttlich Opium für unser sterblich Herz.

Es ist ein Ruf, den man durch tausend Wachen kündet,

Es ist ein Losungswort, das tausendfach erschallt,

Es ist ein Leuchtturm, der auf tausend Festen zündet,

Ein Schrei von Jägern ists, verirrt im großen Wald.

Denn klarer kann sich, Herr, kein Zeugnis offenbaren,

Das unsrem innern Wert je eine Stimme leiht,

Als dieser glühnde Schrei, der rollt von Jahr zu Jahren

Und sterbend untergeht am Rand der Ewigkeit.

Die kranke Muse.

Was, arme Muse, hast du diesen Morgen? sprich!

Noch bebt dein hohler Blick vom Traum, der dich bedrängte,

Abwechselnd breiten bleich auf deinem Antlitz sich

Wahnsinn und Schreck, der stumm und eisig dich beengte.

War es ein grüner Elf, ein rot Gespenst, das dich

Mit Liebe oder Furcht aus seiner Urne tränkte?

War es ein schwerer Traum, der herb und fürchterlich

In einem zaubrischen Minturnä dich versenkte?

Ich wollte, es enthaucht’ den Duft gesunder Kraft

Dein Busen, der stets neu Gedanken formt und schafft,

Es flöss dein christlich Blut in Rhythmen auf und nieder.

Wie mannigfaltiges Getön antiker Lieder,

Da, wo mit Phöbus, dem die Sangkunst untertan,

Vereint, der Ernte Herr regiert, der große Pan.

Der schlechte Mönch.

In alten Klöstern sah auf den gewaltgen Mauern

Die Wahrheit man gemalt in heilgem Strahlenkleid,

Das Herz erwärmte sie den büßenden Beschauern

Und milderte den Frost der strengen Frömmigkeit.

Als damals Christi Saat gesproßt aus Segensschauern,

Nahm mancher Mönch, des Ruhm verlöscht ist durch die Zeit,

Zu seiner Werkstatt sich des Grabfelds ernstes Trauern

Und feierte den Tod mit schlichter Einfachheit.

Mein Herz ist eine Gruft. Ein schlechter Mönch durcheile

Seit Ewigkeiten ich den Raum, wo trüb ich weile,

Kein Bild verschönt mir des verhaßten Klosters Wand.

O tatenloser Mönch! Wann wird es mir gelingen,

Dem schmerzensreichen Spiel des Lebens abzuringen

Der Augen Labsal und die Arbeit meiner Hand!

Der Feind.

All meine Jugend war ein Sturm von Wetterschlägen,

Nur hier und dort durchflammt von hellem Sonnenlicht;

So viel vernichteten der Donner und der Regen,

Daß wenig Früchte man in meinem Garten bricht.

Nun, da der Herbst mir schon berührt der Seele Schauen,

Da Hark und Schaufel ich zu schwerer Arbeit hub,

Muß überschwemmt Gefild ich mühsam neu bebauen,

Wo Löcher grabestief der Sturz des Wassers grub.

Und wer mag sagen, ob den Blumen, die ich träume,

In diesem Boden, der zerspült wie wüste Räume,

Geheimer Saft auch wird, der ihre Kräfte nährt?

O Schmerz! O Schmerz! Die Zeit verschlingt all unser Leben,

Dem dunklen Feinde, der uns stumm am Herzen zehrt,

Muß unser eignes Blut stets neue Stärke geben!

Unstern.

Wer solche Last zu heben sinnt,

Braucht, Sisyphus, deine Stärke

Und hat er Herz auch zum Werke –

Die Kunst ist lang, die Zeit entrinnt.

Fern von prangenden Sarkophagen

Zieht zu einsamem Gräberreich

Mein Herz, verhülltem Trommler gleich,

Den letzten Grabmarsch zu schlagen.

Manch Kleinod schläft im Grund versteckt,

Wo niemals es ein Karst entdeckt,

Wo Nacht und Vergessen sich breiten;

Manch eine Blume füllt die Luft

Umsonst mit süßgeheimem Duft

In der Tiefe der Einsamkeiten.

Vorleben.

Ich wohnte lange Zeit in weiten Säulengängen,

Um die vielfältger Glanz von Meeressonnen weht.

Mit hohen Pfeilern, stolz und voll von Majestät,

Sahn sie am Abend gleich basaltnen Grottenhängen.

Die Woge, drin das Bild der Himmel kommt und geht,

Verwob geheimnisreich in feierlichen Sängen

Den mächtigen Akkord von ihren reinen Klängen

In Abendgluten, die mein spiegelnd Aug erspäht.

Dort habe ich gelebt in stiller Wollust Lächeln,

In Wellen, in Azur, in flüssgen Glanz versenkt,

Mit nackten Sklaven, die von Wohlgeruch getränkt

Die Stirne mir gekühlt mit ihrer Palmen Fächeln,

Und deren einzig Tun sie nur vertiefen hieß

Mein weh Geheimnis, das mein Herz verschmachten ließ.

Der Mensch und das Meer.

Auf immer, freier Mensch, wirst lieben du das Meer,

Dein Spiegel ist das Meer. Du schaust der Seele Bildnis

Im weiten Wellenspiel der ungeheuren Wildnis,

Gleich ihm ist deine Brust von Bitternissen schwer.

Gern schaust dein Bild du, das die Wellen dir enthüllen,

Mit Auge und mit Arm faßt du es, und dein Herz

Vergißt wie trunken oft den eignen lauten Schmerz

Bei dieses Klagesangs unzähmbar wildem Brüllen.

Schweigsam und dunkel seid ihr beide allezeit:

Mensch, noch drang keiner je in deine tiefsten Gründe,

Meer, noch fand keiner je den Reichtum deiner Schlünde,

So bergt ihr euren Hort in finstrer Heimlichkeit.

Jahrtausende hindurch rollt euer nimmermüder

Und mitleidsloser Kampf bar jeder Reue fort.

So sehr liebt beide ihr die Schlachten und den Mord,

O ewges Kämpferpaar, o nie versöhnte Brüder!

Don Juan in der Hölle.

Als Don Juan genaht den unterirdschen Fluten,

Und als er den Obol an Charon gab, ergriff

Stolz wie Anthistenes, im Auge finstre Gluten,

Ein Bettler starken Arms die Ruder in dem Schiff.

In Fetzen das Gewand, die schlaffen Brüste hängend,

Wand sich der Frauen Schar in schwarzer Himmel Pein,

Schlachtopfern gleich, gequält, zuhauf sich angstvoll drängend,

Und wild umheulte ihn ihr langgezognes Schrein.

Voll Spott rief Sganarelle nach dem verheißnen Lohne,

Don Luis wies im Kreis der Toten längs dem Strand

Mit greiser Zitterhand nach dem verruchten Sohne,

Der sein ergrautes Haar zu höhnen sich verwand.

Keusch bebt’ in tiefem Gram die magere Elvire

Und schien vom treulosen Gemahl, den sie geliebt,

Ein Lächeln zu erflehn, süß wie die ersten Schwüre,

Die bang in zarter Glut die junge Liebe gibt.

Ein großer Mann von Stein, sein voll Gewaffen zeigend,

Stand an dem Steuer, das die schwarze Flut durchquert’;

Jedoch der stille Held, auf sein Rapier sich neigend,

Sah in den Strom und hielt nichts seines Blickes wert.

Die Schönheit.

Schön bin ich, Sterbliche, gleich einem Traum von Steine,

Und meine Brust, die nichts als Wunden euch gebracht,

Erfüllt des Dichters Sinn mit einer Liebe Macht,

Die stumm ist wie der Stoff und strahlt in starrer Reine.

Gleich einer Sphinx thron ich in blauer Lüfte Wehn,

Schnee ist mein Herz, mein Leib weiß wie des Schwans Gefieder,

Bewegung bleibe fern dem stillen Ruhn der Glieder:

Nie wirst du weinen mich und niemals lachen sehn.

Wißt, daß die Dichter vor den mächtigen Gebärden,

Die ich den Statuen leihe, stolz und schicksalsschwer,

Mich zu betrachten Herz und Sinn verzehren werden;

Mein sind, stets zu erhöhn der Liebenden Begehr,

Zwei Spiegel, drin verschönt sich alle Dinge malen:

Die Augen, groß und weit, die ewge Klarheit strahlen.

Das Ideal.

Nie wird die Zierlichkeit der Schönen aus Vignetten,

Verdorbne Kinder, die ein krank Jahrhundert trug,

Die Füße, die verschnürt, die Hand mit Kastagnetten

Befriedigen ein Herz wie meins mit ihrem Lug.

Gavarni, der Poet der Blässe, feire seine

Gezierten, flüsternden Geschöpfe vom Spital,

Doch ist in dieser Schar von bleichen Rosen keine,

Die je erreichen mag mein rotes Ideal.

Was meinem Herzen ich, dem abgrundtiefen, wähle,

Bist Lady Macbeth du, im Mord gewaltge Seele,

Ein Traum des Aeschylos, entsprossen frostgem Grund;

Du, Michelangelos erhabne Nacht, die schweigend

Seltsam gewendet liegt, in herber Ruhe zeigend

Die Reize, die geformt für der Titanen Mund.

Die Riesin.

Zur Zeit, als die Natur, von wilder Kraft durchdrungen,

Gewaltge Kinder trug, hätt ich nach meinem Sinn

Bei einer Riesin gern gelebt, bei einer jungen,

Wie eine Katze streicht um eine Königin.

Wie Leib und Seele ihr bei grimmem Spiel erblühten

Und wuchsen, hätt ich gern erschaut von Anbeginn,

Erspäht, wie in der Brust ihr finstre Flammen glühten

Und Nebel traumhaft zog durch ihre Augen hin.

Mit Muße hätte ich erforscht die prächtgen Glieder,

Gestiegen wäre ich die stolzen Kniee nieder,

Und oft im Sommer, wann der Sonnen kranker Strahl

Sie müde hingestreckt quer durch die weiten Wiesen,

Hätt ich geschlummert in der Brüste Schattental,

Gleich wie ein friedlich Dorf am Fuß von Bergesriesen.

Fremdlandischer Duft.

Enthaucht im Herbsttag mir, der müd sein Aug’ geschlossen,

Dein Busen warmen Duft, so fühl ich mich entrafft

Zu seligem Gestad, beglückt und märchenhaft,

Von ewgem Sonnenglanz einförmig übergossen.

Ein träges Eiland, wo, dem üppgen Grund entsprossen,

Manch seltner Baum erblüht und Früchte, reich an Saft,

Und Männer, deren Wuchs schlank und voll sehnger Kraft,

Und Frauen, deren Blick von stolzem Glanz umflossen.

Geführt durch deinen Hauch zu schönrer Himmel Glut,

Schau einen Hafen ich, wo Mast und Segel ruht,

Noch müde vom Gewog der Meereswelle bebend.

Indes der Duft, der von den Tamarinden schwelt

Und in die Nüster dringt, die Lüfte rings belebend,

In meiner Brust sich mit der Schiffer Sang vermählt.

[Ich bete dich an wie des Nachthimmels Schauer].

Ich bete dich an wie des Nachthimmels Schauer,

O große Stumme, o Urne der Trauer!

Und lieb nur heißer dich, weil, Schöne, du mich fliehst,

Und weil, Stern meiner Nacht, voll Hohn du niedersiehst

Und spöttisch lächelnd scheinst die große Kluft zu weiten,

Die mich getrennt hält von den blauen Ewigkeiten.

Ich stürme zum Angriff, ich klettre hinauf,

Wie zu Leichen sich hindrängt der Würmer Hauf,

Und lieb dich, grausam Tier, ob auch dein Stolz mich höhne,

Im kalten Glanz, durch den nur größer deine Schöne.

[In ihrer Kleider Flut, perlmutterfarb und weich].

In ihrer Kleider Flut, perlmutterfarb und weich,

Scheint es, daß selbst das Gehn zum Tanze sie gestaltet,

Den langen Schlangen der geweihten Gaukler gleich

Sich ringelnd um den Stab, der ihrer Künste waltet.

Dem öden Sand gleich und des Wüstenhimmels Glut,

Für jedes Mitgefühl des Menschenleids erkaltet;

Schau, wie gleich dem Gewog der schaumgekrönten Flut

In träger Ruhe sie gleichgültig sich entfaltet!

Der Augen Schimmer ist von kaltem Mineral.

In diesem seltsamen Geschöpfe will uns scheinen,

Daß reiner Engel und antike Sphinx sich einen.

Von ihr, die nichts als Gold, Licht, Diamant und Stahl,

Glänzt, unnütz wie ein Stern im fernen Ätherblauen,

Die kalte Majestät der unfruchtbaren Frauen.

Das Aas.

Weißt du, mein Herz, noch, was im lichten Morgenscheine

Wir jenen Sommertag entdeckt:

Ein schändlich Aas, nicht weit vom schmalen Wegesraine,

Auf Kieselsteinen hingestreckt.

Die Beine in der Luft, wie liederliche Frauen,

Vom Strome glühnder Gifte voll,

Ließ es voll Lässigkeit und ohne Scham uns schauen

Den Leib, dem grauser Stank entquoll.

Die Sonne strahlte auf die ekle Fäulnis nieder,

Die ihre Glut zu kochen schien,

Als gäbe hundertfach sie der Natur das wieder,

Dem einst sie eine Form verliehn.

Der Himmel schaute nach dem wundersamen Aase,

Wie es sich blütengleich erschloß,

So fürchterlich war der Geruch, daß auf dem Grase

Fast eine Ohnmacht dich umfloß.

Die Fliegen summten um die modernden Atome,

Indes gedrängt und schauerlich

Der Larven ekle Schar, in schwerem, schwarzem Strome

Durch die lebendgen Fetzen schlich.

Das alles senkte sich und knisterte verquellend

Und stieg, wie sich die Woge hebt,

Man meinte beinah, daß von fremdem Hauche schwellend

Der Leib vervielfacht aufgelebt.

Und dieser Welt entrann ein Tönen, seltsam klingend,

Wie Wind und Wasser es erregt,

Gleichwie von Körnern, die der Landmann rhythmisch schwingend

Im Siebe schüttelt und bewegt.

Die Form verwischte sich zu einem Traum, der fahler

Als eine flüchtge Skizze war,

Die auf vergeßnem Blatt ergänzt wird, die dem Maler

Aus der Erinnrung sich gebar.

Und eine Hündin sah aus felsigem Geklippe

Unruhig, mit erzürntem Blick,

Nur die Gelegenheit erspähend, vom Gerippe

Zu reißen sich ein neues Stück.

Und dennoch wirst du gleich der eklen Fäulnis werden,

Ganz so zerstört und grauenhaft,

Du meiner Augen Stern, du Sonne mir auf Erden,

Mein Engel, meine Leidenschaft!

So wirst du aussehn, wann, o Kön’gin holder Güte,

Du nach der letzten Ölung gehst

Dorthin, wo unter üppgem Kraut und reicher Blüte

Bei den Gerippen du verwest.

Dann, meine Schöne, sprich zum Wurm, der dich erlesen

Und dem dein Leib zum Küssen lieb,

Daß prangende Gestalt und unvergänglich Wesen

Mir von entstellter Liebe blieb!

De profundis clamavi.

Du, die ich liebe, hör mich um dein Mitleid flehen,

Vom Grund der finstren Schlucht, in die mein Herz versank.

Voll Gram ist diese Welt, ihr Himmel bleich und krank,

Drin Schreck und Lästerung durch böses Dunkel wehen.

Ein kalter Sonnenball kreist dort sechs Monde lang,

Und die sechs andern deckt uns Nacht mit schwarzem Schilde.

Das Land ist nackter als des Nordpols Eisgefilde,

Nicht Bäche, Herden nicht, nicht Wald noch Wiesenhang.

Kein Grauen gibt es auf der Welt, das an die bleiche,

Erstarrte Grausamkeit der eisgen Sonne reiche,

Und an dies Dunkel, wie das Chaos uferlos.

Mich füllt mit heißem Neid der ärmsten Tiere Los,

Weil sie im stumpfen Schlaf vergessen Schmerz und Plage;

So langsam dreht sich ab die Spindel meiner Tage.

Verspätete Reue.

Wann, dunkle Schöne, einst du in der Gruft wirst rasten,

Auf der getürmt und kalt ein schwarzer Marmor liegt,

Und wann du statt im Pfühl, in den du weich geschmiegt,

In feuchter Höhle ruhst, im Grabe, im verhaßten,

Und wann die Blöcke schwer auf banger Brust dir lasten

Und auf den Hüften dir, die lasse Anmut biegt,

Wann länger nicht dein Herz verlangend pocht und fliegt,

Die Füße länger nicht nach Abenteuern hasten –

Dann wird das Grab, dem ich der Träume Last vertraut,

– Mich deucht, daß nur das Grab des Dichters Sehnsucht ahne –

Die langen Nächte, da kein Schlummer niedertaut,

Dir raunen: Was nun hilfts, gleichgültge Courtisane,

Daß du, was Tote noch beweinen, nicht gewußt?

Und grimm wie Reue nagt der Wurm dir deine Brust.

Die Katze.

Komm, schöne Katze, und schmiege dich

An mein Herz, halt zurück deine Kralle.

Laß den Blick in dein Auge tauchen mich,

In dein Aug’ von Achat und Metalle.

So oft dich mein Finger gemächlich streift,

Deinen Kopf und Rücken zu schmeicheln,

Und träumende Lust meine Hand ergreift,

Die magnetischen Glieder zu streicheln,

Schau ich im Geist meine Frau. Der Strahl

Ihres Blicks, mein Tier, gleicht dem deinen,

Ist tief und kalt wie ein schneidender Stahl.

In schmiegsamem Spiel haucht den feinen,

Gefährlichen Duft, wie Schmeichelgruß,

Ihr brauner Leib von Kopf zu Fuß.

Duellum.

Zwei Krieger stürzen aufeinander; ihre Klingen

Durchstieben rings die Luft mit Funken und mit Blut.

Dies Spiel, dies Klirren ist das lärmerfüllte Ringen

Der Jugend, die verzehrt von wilder Liebesglut.

Gleich unsrer Jugend bricht das Eisen vor den Schlägen,

Geliebte! Doch der Zahn, der Nagel, der sich wehrt,

Rächt den Verrat des Dolchs und den zerbrochnen Degen.

O Wut der reifen Brust, in der die Liebe schwärt.

In einen Abgrund, wo die Panther spukhaft schleichen,

Rolln unsre Kämpfenden, in tückschem Sturz gefällt.

Wie Blüten hängt ihr Fleisch an dürren Dorngesträuchen.

Die Höll ist dieser Schlund, die unsre Freunde hält.

Laß, ehrne Kämpferin, uns reulos niedergleiten,

Daß unser Haß erglüht durch alle Ewigkeiten!

Der Balkon.

Quell der Erinnerung, du Liebste aller Lieben,

O du, all meine Lust, o du, all meine Pflicht!

Ist dir Gedenken an der Küsse Glück geblieben.

An Wärme des Kamins, an gütig Abendlicht?

Quell der Erinnerung, du Liebste aller Lieben!

Die Abende erhellt von sanfter Kohlenglut,

Die Dämmrung vom Balkon in rosger Lüfte Wehen –

Wie war dein Busen süß, wie war dein Herz mir gut!

Wir sagten Dinge uns, die nimmermehr vergehen,

Die Abende erhellt von sanfter Kohlenglut.

Wie sind die Sonnen schön im warmen Abendblauen,

Wie mächtig ist das Herz, wie weit und tief die Luft!

Ich neigte mich zu dir, o Königin der Frauen,

Mir war, als atmete ich deines Blutes Duft.

Wie sind die Sonnen schön im warmen Abendblauen!

Die Nacht war um uns her, wie stiller Zelle Raum,

Durchs Dunkel riet mein Blick noch deiner Augen Süße,

Und deinen Hauch trank ich – o Gift, o selger Traum!

In brüderlicher Hand entschliefen deine Füße.

Die Nacht war um uns her, wie stiller Zelle Raum.

Neu wecken kann ich mir der holden Zeit Gebilde,

Mein einstig Leben, das in deinem Schoß versenkt.

Wo sucht’ ich anders wohl solch müder Schönheit Milde,

Die nicht dein lieber Leib, dein gütig Herz geschenkt?

Neu wecken kann ich mir der holden Zeit Gebilde!

Die Schwüre, dieser Duft, die Küsse ohne Zahl,

Erstehn aus Schlünden sie, die unsrem Suchen wehren.

Wie Sonnen aufwärts fliehn mit siegverjüngtem Strahl,

Wann sich ihr Schimmer wusch im Grund von tiefen Meeren?

O Schwüre, Düfte ihr! O Küsse ohne Zahl!

Der Besessene.

Die Sonne überzog ein Schleier. Wie ihr Strahl,

O meines Lebens Mond, hüll dich in warme Schatten;

Umwölk dich oder schlaf! Sei stumm, und im Ermatten

Vergeh und sinke in der Leere nächtig Tal!

So lieb ich dich! Doch wenn du heut mit einem Mal,

Wie Sterne neu erglühn, die sich verdunkelt hatten,

Der Tollheit deinen Glanz zu schauen willst gestatten,

So ist es gut! Entfahr der Scheide, scharfer Stahl!

Entzünde deinen Blick an tausend Kerzenlichtern,

Entzünde die Begier in fühllosen Gesichtern!

Nur Lust kommt mir von dir, Kraft oder Müdigkeit;

Sei alles, was du willst, schwarz Dunkel, rote Frühe,

Kein Nerv ist mir im Leib, der nicht erbebt und schreit:

Mein Fürst Beelzebub! Du bists, für den ich glühe!

Das Porträt.

In Asche lassen Tod und Krankheit sinken

Die stolze Glut, die einst uns licht umfing.

Von dieser großen Augen süßem Blinken,

Von diesem Mund, daran mein Herz verging,

Von diesen Küssen, hold wie Balsamschauer,

Von dieser Flamme, stark wie Strahl des Lichts,

Was ist geblieben? Sag, mein Herz! – o Trauer!

Ein blasser Schattenriß und weiter nichts.

Wer stirbt wie ich, getrennt von allen Dingen,

Und wen die Zeit, zerstörend und ergreist,

An jedem Tage schlägt mit rauhen Schwingen …

Du, die uns Kunst und Leben niederreißt,

Du wirst sie nie mir töten im Gedächtnis,

Sie, meine Lust und meines Ruhms Vermächtnis!

[Dir weihe ich mein Lied, daß, wenn zum blassen Strand].

Dir weihe ich mein Lied, daß, wenn zum blassen Strand

Der fernsten Zeiten sich mein Name einst gefunden

Und Menschen träumen macht in abendlichen Stunden,

Ein Schiff, vom großen Wehn des Nords dahingesandt,

Dein Angedenken gleich verblichnen Fabelkunden,

Wie einer Trommel Klang, den müden Leser bannt,

Durch ein geheimnisvoll und brüderliches Band

An meinen stolzen Reim auf immerdar gebunden;

Verworfner Geist, zu dem vom höchsten Lichtrevier

Bis in die tiefste Nacht nichts redet außer mir!

O du, der schattengleich, mit Spuren, die verfließen,

Leichtfüßig niedertrittst, im Blicke hellen Schein,

Die stumpfen Menschen, die im Groll dich bitter hießen,

Geschöpf mit ehrner Stirn und Augen von Gestein!

Semper eadem.

Wer hat dir, fragtest du, dies fremde Weh gegeben,

Dem Meere gleich, das sich an schwarzen Klippen bricht?

– Hat unser Herz einmal geerntet, ist das Leben

Nur noch ein Leiden! Fremd ist dies Geheimnis nicht,

Es ist ein schlichter Schmerz, der nicht in Nacht verhüllt ist

Und deiner Freude gleich sich ruhig zeigen will.

Drum frag nicht, Schöne, die von Neugier ganz erfüllt ist!

Sei deiner Stimme Klang auch lieblich, schweige still!

Schweig still, Unwissende, die nichts als Freude findet,

Du kindlich froher Mund! Mehr als das Leben bindet

Mit feinen Fäden uns gar oft des Todes Graun.

Die Lüge laß ins Herz mir Trunkenheit enthauchen,

Laß in dein Aug mich wie in schöne Träume tauchen,

Und schlummern lange Zeit im Schatten deiner Brau’n!

[Welch Lied wird, einsam Herz, heut abend dir enttönen?].

Welch Lied wird, einsam Herz, heut abend dir enttönen?

Was wirst du sagen, mein verdorrt und arm Gemüt,

Zu ihr, der Guten, Teuren, Strahlend-Schönen,

Vor deren heitrem Blick die Seele neu erblüht?

All unser Stolz soll sein, ihr hohes Lob zu singen,

Nichts gleicht an Güte ihr und anmutvoller Macht,

Und ihr durchgeistet Fleisch haucht Duft wie Engelsschwingen,

Ihr Auge webt um uns ein Kleid von Licht und Pracht.

Sei’s in der Einsamkeit, wo nächtig Dunkel lastet,

Sei’s in der Straße, wo die Menge ruhlos hastet,

Ihr Bild tanzt in der Luft, wie glüher Fackel Schein.

Oft spricht es: Ich bin schön, euch soll der Liebe Sonne

Durchglühn, daß ihr um mich die Schönheit liebt allein;

Schutzengel bin ich euch und Muse und Madonne!

Geistiges Morgenrot.

Wann an des Wüstlings Pfühl vereint mit bittrem Wehe

Der rosig-weiße Schein der Frühe neu erwacht,

So ists, als ob, geweckt durch rächerische Macht,

Ein Engel wundersam im satten Tier erstehe.

Geahnter Himmel Zelt in fernentrücktem Blau

Vertieft sich und verlockt wie eines Abgrunds Schatten

Den Menschen, der noch träumt in leidendem Ermatten.

So, göttlich Wesen, du, lichthelle, zarte Frau,

Schwebt auf der dumpfen Lust zerfallnen grauen Trümmern

Vor meinen Blicken, die sich weiten, immerdar

Dein hold Gedenken, rosig, mild und klar.

Der Sonne Feuer schwärzt der Kerzen nächtig Flimmern;

So, lichte Seele, ist, verklärt und strahlenreich,

Dein sieggewohntes Bild der ewgen Sonne gleich.

Harmonie des Abends.

Nun naht die Zeit, da mit der Stengel leisem Schwingen

Der Blume Weihrauch steigt, wie Duft des Opferbrands.

Getön und Düfte drehn in abendlichem Tanz,

Sehnsüchtger Schwindelflug und schwermutvolles Klingen.

Der Blume Weihrauch steigt wie Duft des Opferbrands;

Wie ein betrübtes Herz erbebt der Geigen Singen;

Sehnsüchtger Schwindelflug und schwermutvolles Klingen!

Gleich einer Ruhstatt ist der Himmel müder Glanz.

Wie ein betrübtes Herz erbebt der Geigen Singen,

Ein zärtlich Herz, das Feind des dunklen Totenlands!

Gleich einer Ruhstatt ist der Himmel müder Glanz;

Ein starrend Blutmeer scheint die Sonne zu verschlingen …

Ein zärtlich Herz, das Feind des dunklen Totenlands,

Wahrt jede Lichtspur sich aus Stunden, die vergingen!

Ein starrend Blutmeer scheint die Sonne zu verschlingen …

Dein Angedenken strahlt in mir wie die Monstranz!

Das Gift.

Der Wein läßt aus dem Schmutz der ärmsten Hütte blühen

Ein Schloß, das herrlich blinkt,

Und manch Portal erstehn, das feenhaft uns winkt

In seiner Dünste goldnem Glühen,

Wie eine Sonne, die in Nebelhimmeln sinkt.

Das Opium vermehrt, was ohne alle Schranken,

Dehnt die Unendlichkeit,

Höhlt der Genüsse Rausch, vertieft den Strom der Zeit,

Mit finstrer Lust und Nachtgedanken

Füllt und erschöpft es schier der Seele Faßbarkeit.

Das alles kommt nicht gleich dem Gift, dem wunderbaren,

In deiner Augen grünem Schein,

Den Seen, drin spiegelnd mir sich zeigt mein ganzes Sein …

Die Träume nahen sich in Scharen,

Und dieser bittre Quell stillt ihres Durstes Pein.

Das alles kann nicht an der Lippen Feuchte reichen,

Die mich mit Wermut speist,

Die in Vergessen senkt den reuelosen Geist

Und schwindelnd im Erbleichen

Zum Schattenstrand des Tods die Seele niederreißt.

Trüber Himmel.

Durch Schleier scheint dein Auge zu glühn,

Das geheimnisreich – ist es blau oder grün? –

Im Wechsel träumerisch, grausam und weich,

Den Äther spiegelt, so müde und bleich.

Du bist wie ein warmer, weißschleiernder Tag,

Da die Seele in Tränen sich lösen mag,

Wann, erwacht in der Qual, die ihr Tiefstes zerreißt,

Die Nerven verspotten den schlummernden Geist.

Du gleichst einem lieblichen Horizont,

Den der Himmel nebliger Tage besonnt,

Wie milde du leuchtest, gefeuchtete Flur,

Von Strahlen durchglüht aus verhülltem Azur.

O gefährliches Weib! O verführerisch Land!

Hält auch dein Schnee und dein Frost mich gebannt.

Daß vom fühllosen Winter Freuden ich weiß,

Die durchdringender noch als Stahl und als Eis?

Das schöne Schiff.

Ich sage, Mädchen, dir, mein zauberisch Entzücken!

Die Reize mannigfalt, die deine Jugend schmücken,

Und malen will ich deine Pracht,

Wo Zartheit eines Kinds aus reifer Schönheit lacht.

Wann sacht du gehst, die Luft mit weiten Röcken fegend,

Bist du ein schönes Schiff, das langsam sich bewegend

Aussegelt in der See Geroll,

In einem Takt gewiegt, der träg und ruhevoll.

Auf deinem runden Hals, auf deiner Schulter Prangen

Trägst du dein stolzes Haupt, von seltnem Reiz umfangen.

Triumph im Blick und sanfte Ruh,

Kind voller Majestät, gehst deines Weges du.

Ich sage, Mädchen, dir, mein zauberisch Entzücken!

Die Reize mannigfalt, die deine Jugend schmücken,

Und malen will ich deine Pracht,

Wo Zartheit eines Kinds aus reifer Schönheit lacht.

Dein Busen, der sich hebt, geengt von seidnem Flimmer,

Ist einer Lade gleich in seiner Reize Schimmer,

Mit blanker Wölbung, wo das Licht

Wie auf metallnem Schild in hellem Glanz sich bricht.

Verlockend Schilderpaar, mit ros’gen Spitzen prahlend,

Gleich einer Lade, voll von Schätzen, süß und strahlend,

Voll starken Tranks, voll Duft und Wein,

Flößt selge Trunkenheit er Herz und Sinnen ein.

Wann sacht du gehst, die Luft mit weiten Röcken fegend,

Bist du ein schönes Schiff, das langsam sich bewegend

Aussegelt in der See Geroll,

In einem Takt gewiegt, der trag und ruhevoll.

Die edlen Beine, die des Kleides reiche Zierden

Bewegen, stacheln auf die dunkelen Begierden.

Zwei Zauberinnen gleich zu schaun,

Die einen schwarzen Trank in tiefer Urne braun.

Die Arme würden nicht vor jungen Hünen bangen,

Wetteifernd leicht an Kraft mit glatten Riesenschlangen,

Geschaffen, den Geliebten fest

Ans Herz zu drücken, das ihn nie mehr läßt.

Auf deinem runden Hals, auf deiner Schultern Prangen,

Trägst du dein stolzes Haupt, von seltnem Reiz umfangen.

Triumph im Blick und sanfte Ruh,

Kind voller Majestät, gehst deines Weges du.

Verlangen in die Ferne.

Kind und Schwester mein,

Könnten dort wir sein,

Wo das Leben süß uns und reich ist!

Nichts als Liebe sehn,

Lieben und Vergehn

Im Lande, das dir gleich ist!

Trüber Sonnen Licht,

Das durch Schleier bricht,

Gleicht meinem zärtlichen Sehnen,

Wann wunderbar

Dein Augenpaar

Verräterisch leuchtet durch Tränen.

Dort schaust nur Lust und Schönheit du,

Anmut, Pracht und tiefe Ruh.

Leuchtend Hausgerät

Uns im Saale steht,

Verschönt von entschwundenen Jahren.

Seltner Blumen Duft

Will der süßen Luft

Der Ambrawolken sich paaren.

Der Gewölbe Pracht,

Tiefer Spiegel Nacht,

Des Ostens reiches Gepränge,

Alles spräche dort

In flüsterndem Wort

Seiner Heimat liebliche Klänge.

Dort schaust nur Lust und Schönheit du,

Anmut, Pracht und tiefe Ruh.

Sieh, wie auf der Flut

Schiff an Schiff dort ruht,

Die rastlos fernher geschwommen.

Zu erfüllen dir

Jegliche Begier,

Sind vom Ende der Welt sie gekommen.

Des Abendlichts Glut

Ergießt auf die Flut,

Auf die Stadt in dem Flurenkranze,

Hyazinthenen Schein;

Die Welt schläft ein

In warmem goldenem Glanze.

Dort schaust nur Lust und Schönheit du,

Anmut, Pracht und tiefe Ruh.

Unheilbar.

I.

Wer tilgt den alten Fluch der Schuld, der an uns zehrt,

Der sich windet und nimmer will sterben,

Von unsrem Blut sich wie der Wurm von Leichen nährt,

Gleichwie Raupen, die Bäume verderben?

Wer tilgt den alten Fluch der Schuld, der an uns zehrt?

Durch welchen Wein, durch welch Gebräu, durch welche Tränke

Wird der Peiniger eingelullt,

Der Kurtisane gleich voll Gier und finstrer Ränke,

Der Ameise gleich an Geduld?

Durch welchen Wein, durch welch Gebräu, durch welche Tränke?

Sags, schöne Zauberin, o sag es, wenn dirs kund,

Diesem Geist, den die Ängste umkrampfen,

Dem Sterbenden, bedeckt von Leichen, todeswund,

Den der Pferde Hufe zerstampfen,

Sags, schöne Zauberin, o sag es, wenn dirs kund,

Sag es dem Röchelnden, den Wölfe schon umlauern,

Den krächzend der Rabe umschwirrt,

Sags dem Zertrümmerten, daß er in Todesschauern

Verzagt, daß ein Grabmal ihm wird;

Dem armen Röchelnden, den Wölfe schon umlauern!

Wird je ein Himmel blühn, der schwarz wie Schlamm und tot?

Und kannst du zerreißen das Dunkel,

Das zäh wie Pech, und wo kein Früh- noch Abendrot,

Nicht Blitze noch Sternengefunkel?

Wird je ein Himmel blühn, der schwarz wie Schlamm und tot?

Der Hoffnung Licht, das aus der Herberg aufgeglommen,

Verlosch, da kaum wirs gewahrt!

Wie sollen ohne Mond noch Strahl zur Pforte kommen

Die Dulder der bösen Fahrt?

Der Satan losch das Licht, das hell uns aufgeglommen!

Liebst, holde Zauberin, du der Verdammten Qual,

Kennst du des Unheilbaren Schmerzen?

Den Fluch der alten Schuld mit seinem giftgen Stahl,

Den er stößt in unsere Herzen?

Liebst, holde Zauberin, du der Verdammten Qual?

Unwiederbringliches nagt mit verruchtem Bisse

Unsres Geistes zerbrechliches Haus,

Und den Termiten gleich frißt es geheime Risse

In die Fundamente des Baus.

Unwiederbringliches nagt mit verruchtem Bisse!

II.

In einem Schauspielhaus voll abgeschmackter Pracht,

Das der Lärm des Orchesters durchgellte,

Sah ich, wie eine Fee aus tiefer Höllennacht

Ein wundersam Frührot erhellte;

In einem Schauspielhaus voll abgeschmackter Pracht

Sah ich, wie ein Geschöpf, das Licht war, Gold und Gaze,

Den riesigen Satan bezwang;

Jedoch mein Herz, das nie gelöst wird in Ekstase,

Ist ein Theater, das endlos lang

Auf das Geschöpf harrt mit dem Flügelpaar von Gaze.

Gespräch.

Du bist ein Herbstazur, in leisem Rot verblutend!

Jedoch die Traurigkeit steigt in mir wie die See,

Und auf den Lippen läßt allmählich rückwärts flutend

Sie ihres salzgen Schlamms erinnrungsbittres Weh.

Du legst die Hand umsonst auf meines Busens Beben,

Der Tempel, den du suchst, sank, Liebe, längst in Staub.

Der Frauen Krall und Zahn nahm alles mir im Leben,

Nicht suche mehr mein Herz, es ward der Tiere Raub.

Mein Herz ist ein Palast, vom wilden Hauf geschändet,

Der drin sich tötet, packt und tobt, berauscht und roh …

O welchen süßen Duft dein nackter Busen spendet!

O Schönheit! Geißel, die uns schlägt! Du willst es so!

Mit deinem Feuerblick, dem festlich-glanzverklärten,

Verbrenn die Fetzen, die die Tiere nicht verzehrten.

Lied des Herbstes.

I.

Bald tauchen fröstelnd wir ins kalte Dunkel nieder;

Lebt, schnelle Sommer, wohl, die unser Herz erhellt!

Ich höre schon, wie dumpf mit finstrem Schalle wieder

Das Holz erdröhnend auf der Höfe Pflaster fällt.

In meinen Busen kehrt des Winters herb Bedrängnis,

Zorn, Schauer, Schrecken, Haß und Arbeit, scharf und hart,

Gleichwie der Sonnenball in seinem Eisgefängnis

Ist bald mein Herz ein Block, blutfarben und erstarrt.

Erzitternd höre ich das Fallen aller Scheite;

Der Bau des Blutgerüsts tönt nicht so hoffnungslos.

Mir ist, als ob mein Geist ein Turm sei, der im Streite

Zertrümmert hinsinkt vor des Sturmbocks wuchtgem Stoß.

Gewiegt durch diesen Schall, eintönig und verschwommen,

Deucht mir, daß einen Sarg in großer Hast man baut …

Für wen? – Der Sommer ging. Nun ist der Herbst gekommen!

Gleich einem Abschied tönt der rätselhafte Laut.

II.

Wie sehr lieb, Schöne, ich den sanften, grünen Schimmer

Aus deinen Augen, doch scheint alles heut mir schwer,

Und nichts, nicht deine Lieb, der Herd nicht, noch dein Zimmer

Ist wie die Sonne mir, die leuchtet über Meer.

Und dennoch liebe mich mit mütterlicher Süße,

Mag ich auch undankbar und bösen Sinnes sein;

Lieb oder Schwester, sei der Duft der späten Grüße,

Ein Herbst in Strahlenpracht, ein müder Sonnenschein.

Bald ists getan. Schon harrt auf mich des Grabes Kühle!

O laß auf deinen Knien mein Haupt ruhn noch einmal

Und fühlen, trauernd um des weißen Sommers Schwüle,

Der späten Jahreszeit gesänftigt-goldnen Strahl!

An eine Madonna.

Ex-voto in spanischem Geschmack.

Dir, Herrin, will ich baun, Madonna meiner Schmerzen,

Verborgenen Altar in meinem tiefsten Herzen,

Dir in des Busens Nacht errichten einen Thron,

Fern weltlicher Begier und kalter Blicke Hohn,

In einer Nische von Azur und goldnem Flitter,

Wo einem Standbild gleich du lächelst durch das Gitter,

Das meine Verse dir geschmiedet aus Metall,

Das wunderbar geschmückt mit Reimen von Kristall.

Dein sei ein Diadem, das leuchtet wie die Sonne.

In meiner Eifersucht, o sterbliche Madonne,

Will ich umkleiden dich mit starren Mantels Pracht,

Barbarisch, steif und schwer, gepanzert mit Verdacht,

Der einer Rüstung gleich den schönen Leib umschimmert

Und nicht von Perlen, nein, von meinen Tränen flimmert,

Mein Sehnen sei dein Kleid, das bebend sich dir neigt,

Mein Sehnen, wellengleich, das niedersinkt und steigt.

Sich wiegend auf den Höhn, im Tal nach Rast verlangend,

Den weiß und rosgen Leib mit einem Kuß umfangend.

Aus Ehrfurcht wirk ich dir der Seidenschuhe Paar

Und bring den Füßen sie, den göttergleichen, dar,

Daß dich umschließend sie in einer zärtlich-leisen

Umarmung mir getreu der Füße Abbild weisen.

Und kann trotz aller Kunst, der ich von je gewohnt,

Ich nicht als Schemel dir verleihn den Silbermond,

Leg ich die Schlange, die mir grimm das Herz zerbissen,

Zu Füßen dir, daß du gleich einer sieggewissen,

Hilfreichen Königin, stolz lächelnd niedertrittst

Das Ungetüm, das Haß und giftgen Geifer spritzt.

Dir will ich, Königin der Jungfraun, all mein Denken

Vor blumigem Altar gleich Weihekerzen schenken,

Auf daß besternend sie erhellter Wölbung Blaun

Nach dir nur allezeit mit Flammenaugen schaun.

Wie meine Wünsche all um dich bezaubert irren,

Wird alles Oliban und Benzoe und Myrrhen;

Zu dir, verschneit Gebirg, hebt still und feierlich

Mein sturmesdunkler Geist in Weihrauchwolken sich.

Daß du das Ebenbild der Jungfrau mögest scheinen,

Will glühnde Liebe ich mit Grausamkeit vereinen,

Todsünden wähl ich mir in heilger Siebenzahl,

Ein reuger Henker schärf ich Dolche draus von Stahl,

Und einem Gaukler gleich in seelenlosem Spiele

Nehm deiner Liebe tiefst Geheimnis ich zum Ziele,

Und ich stoß sie ins Herz dir, das zuckend vor Schmerz,

In dein schluchzendes Herz, in dein rieselndes Herz!

Sisina.

Denkt euch Diana, wie im Jagdgeleite prangend

Sie durch die Wälder streift und durch das Dickicht fegt,

Im Winde Brust und Haar, lärmtrunken, nie erbangend,

Daß nicht im Laufe sie den schnellsten Renner schlägt!

Und saht ihr Théroigne, wie sie nach Blut verlangend

Ein barfuß Volk zum Sturm aufs Fürstenschloß erregt,

Wie blanken Schwerts sie – Aug und Wange Feuer fangend –

Ihr rascher Fuß empor die Königsstufen trägt?

So die Sisina. Doch der sanften Heldin Milde

Ist nicht geringer, als ihr Mut, der mördrisch-wilde.

Ihr Geist, von Trommelschlag und Pulverdampf berückt,

Streckt seine Waffen vor der Flehnden bangen Qualen,

Und immer hat ihr Herz, von wilder Glut durchzückt,

Für den, der würdig ist, des Mitleids Tränenschalen.

An eine Kreolin.

In duftumhauchtem Land, in fremden Sonnenreichen

Sah unter Bäumen, die ein Purpurglanz umrinnt,

Wo Schlaf von Palmen tropft, Traumregen zu vergleichen,

Ich eine Dame, die ein Zauber fremd umspinnt.

Der Schönen zierem Hals, dem Angesicht, dem bleichen,

Entleuchtet stolzer Reiz, der Herzen ihr gewinnt.

Gleich schlanker Jägerin scheint sie durchs Land zu streichen,

Ihr Aug ist klare Ruh, ihr Lächeln stumm-gelind.

Kämt, Herrin, Ihr dereinst zum wahren Ruhmeslande,

Zur grünen Loire und zum milden Seinestrande,

Wert, daß entschwundner Zeit Paläste euch empfahn,

Zu euch dann, die umhegt von schattger Stille, flehten

Sonette, reich erblüht im Herzen der Poeten,

Die euren Augen mehr als Schwarze untertan.

Das Gespenst.

Den bösen Engeln zu vergleichen

Will ich zu deinem Lager schleichen,

Zurück dir kehrend, heimlich-sacht,

Im Schattenspuk der grauen Nacht.

Und Küsse geb ich dir, du Süße,

Kalt wie des Mondes Strahlengrüße,

Wie einer Schlange Schmeichelein,

Sich ringelnd um der Grüfte Stein.

Im Morgenlicht, im dämmerblassen,

Siehst meine Stätte du verlassen,

Die kalt bleibt bis zum Abendgraun.

Wie andre Jugend dir und Leben

Beherrschen, die dir Liebe geben,

Will ich dein Herr sein durch das Graun!

Herbstsonett.

Es sagt mir deines Augs kristallenhelle Zier:

Was tat, seltsamer Freund, ich wohl dir zu Gefallen?

Sei anmutvoll und schweig! Mein Herz, das feind ist allen,

Nur nicht der Frau von einst, die einfach wie ein Tier,

Zeigt nun und nimmermehr sein schlimm Geheimnis dir,

Dir, deren Hand mich lädt in stumme Traumeshallen,

Noch auch die Glutschrift, wie ich tief dem Gram verfallen,

Ich hasse Leidenschaft, und Geist ist Plage mir.

Drum laß uns lieben sacht. Aus ihrem Machtgebiete

Hält ihren Bogen schon die Liebe stumm gespannt.

Ihr drohend Arsenal ist mir gar wohl bekannt.

Wahnsinn und Graun – gleich mir, o Wiesenmarguerite,

Bist eine Sonne du, die herbstlich-bleich entschwand,

O meine weiße, meine kalte Marguerite.

Trauer Lunas.

Heut nacht ruht Luna aus, von müdem Traum umschmeichelt,

Wie eine Schönheit sich in reiche Kissen schmiegt

Und mit zerstreuter Hand hingleitend leise streichelt

Des Busens Linien, eh der Schlummer sie besiegt.

Auf der Lawinen Pfühl, der glänzt in seidnem Lichte,

Läßt sie ersterbend sich in Ohnmacht untergehn

Und lenkt ihr Auge auf die weißen Traumgesichte,

Die Blütenkelchen gleich fern im Azur erstehn.

Wann diesem Erdball sie, in ihrem müßgen Sehnen,

Verstohlen spendet eine ihrer Tränen,

So nimmt ein Dichter, der des Schlummers Bann verscheucht,

Die Träne in die Hand mit ihrem bleichen Strahle

Und birgt sie, flimmernd gleich zersprungenem Opale,

Im Herzen, ferne von des Sonnengotts Geleucht.

Die Eulen.

Geschirmt von schwarzen Eibenbäumen,

Sitzt stumm der Eulen Schwarm gereiht,

Wie fremde Götzen grauer Zeit

Ihr rotes Auge glüht. Sie träumen.

So halten sie sich regungslos,

Bis zu der Stunde still verbleibend,

Da schrägen Sonnenstrahl vertreibend

Die Nacht sich breitet; schwarz und groß.

Dem Weisen lehrt die Ruhgebärde,

Daß er mit Recht auf dieser Erde

Lärm und Bewegung fürchten mag.

Den Menschen, den ein Nichts erregte,

Trifft stets der Strafe harter Schlag,

Daß er vom Platze sich bewegte.

Die Musik.

Die Musik zieht oft mich hin wie ein Meer,

Meinen Stern, meinen bleichen,

Im weiten Ather, wie in Nebeln trüb und schwer

Im Kahn zu erreichen;

Die Brust im Wind und die Lungen geschwellt,

Die Sturmsegeln gleichen,

Ersteig ich die Welle, die hochbäumt und fällt,

In den nächtigen Reichen.

Ich fühl in mir all den zitternden Krampf,

Wie ein Schiff seine Wunde,

Den günstigen Wind, der Orkane Kampf

Auf unendlichem Schlunde.

Dann wieder spiegelt mir die Fläche still und weit

Mein verzweifelt Leid.

Ein phantastischer Stich.

Statt allem Kleiderprunk hat dies gewandberaubte,

Entsetzliche Phantom auf seinem Knochenhaupte

Ein gräßlich Diadem, wie es zum Fasching paßt.

Ohn Sporn und Peitsche treibt in atemloser Hast

Es ein gespenstig Roß, apokalyptisch-düster,

Das Fallsuchtskranken gleich Schaum sprüht aus seiner Nüster.

Den großen Weltenraum durchqueren sie zu zweit

Und stampfen kühnen Tritts die Unermeßlichkeit.

Der Reiter schwingt ein Schwert, das Feuerflammen wettert

Auf die Legionen, die der Huf des Pferds zerschmettert,

Und reitet, wie ein Fürst, der sein Gebiet beschaut,

Durch eisges Grabfeld, das kein Horizont umblaut.

Dort wesen, hingestreckt in fahlem Sonnenlichte,

Die Völker neuer und antiker Weltgeschichte.

Der freudige Tote.

Schwer soll der Grund und reich an Schnecken sein,

Wo meine Gruft zu schaufeln ich begehre,

Daß dort zum Schlaf sich streckt mein alterndes Gebein

Und im Vergessen ruht gleich wie der Hai im Meere.

Ich hasse Testamente, Grab und Stein,

Und von der Welt erbettl ich keine Zähre;

Nein, lieber lüde ich den Schwarm der Raben ein,

Damit er stückweis mein verwesend Aas verzehre.

O Würmer! Schwarz Geleit ohn Auge, ohne Ohr!

Ein Abgeschiedner kommt, der froh den Tod erkor.

Ihr Söhne des Zerfalls, die dem Genusse leben,

Durch meine Trümmer kriecht mit reuelosem Mut

Und sagt mir: kann es wohl noch eine Folter geben

Für den entseelten Leib, der tot bei Toten ruht?

Die zersprungene Glocke.

Wohl ist es herb und süß in langer Winternacht,

Wann durch den trüben Rauch die Flammen flackernd dringen,

Zu lauschen, wie Erinnern fern erwacht

Heim Klang der Glocken, die im Nebelmeere singen.

Glückselge Glocke siegender Gewalt!

Von der trotz ihres Alters über Welten

Stark und getreu der heilge Ruf erschallt,

Dem grauen Krieger gleich, der wacht in den Gezelten.

Jedoch mein Herz zersprang, und wenn sein gramvoll Lied

In tiefer Pein die Luft der kalten Nacht durchzieht,

So gleicht sein schwacher Ruf dem bangen Röcheln dessen,

Den man an einem See von dunklem Blut vergessen,

Von Leichen ganz bedeckt, in fürchterlichem Krampf,

Und der nun reglos stirbt trotz ungeheurem Kampf.

Spleen.

Der Regenmonat strömt, verfeindet allem Leben,

Aus seiner Urne Guß ein Dunkel frostergraut

Des Kirchhofs bleicher Schar im kalten Dämmerweben

Und Sterben auf die Stadt, in der der Nebel braut.

Es regt am Estrich sich in fröstelndem Erbeben

Die magre Katze, die nach einem Lager schaut,

Verstorbnen Dichters Geist fühl im Getropf ich schweben,

Mit eines irrenden Gespenstes Klagelaut.

Der dumpfe Brummbaß klagt, und rauchger Scheite Knistern

Eint seiner Fistel Ton der Wanduhr heisrem Flüstern,

Derweil im Kartenspiel, von schmutzgem Duft getränkt,

Der eklen Erbschaft einer wassersüchtgen Alten,

Sich leis Piquedame und Cœrbube unterhalten

Und einstgen Liebesglücks ihr Herz trübselig denkt.

Spleen.

Mir ist, als hätte ein Jahrtausend ich geschaut.

Nie barg ein Schrank, darin der Akten Flut gestaut,

Wo Liebesbriefe sich, Urkunden, Blätter schichten,

Mit Haaren, die verpackt in Scheine, mit Gedichten,

Mehr Heimlichkeiten, als mein Hirn, mein müdes, kennt.

Es ist ein Königsgrab, ein Riesenmonument;

Nicht eine Massengruft bedeckt so viele Leichen.

Ich bin ein Kirchhof, der geflohn vom Mond, dem bleichen,

Durch den die Würmer ziehn wie scharfer Reue Pein

Und meinen Teuersten zernagen das Gebein.

Ich bin ein alt Gemach, wo welke Rosen sterben,

Wo in der Jahre Rauch Gewande sich verfärben,

Pastelle wehmutvoll und Bouchers, wie getaucht

In fahle Düfte, die ein offen Fläschchen haucht.

Nichts währt so lange wie der lahmen Tage Stocken,

Wann vor der schneegen Zeit rastlosen schweren Flocken

Die Langeweile, die aus trüber Stumpfheit kam,

Die schreckliche Gestalt der Ewigkeiten nahm.

Nun bist, belebter Staub, allein und unbeachtet,

Du ein Granit, um den ein dumpf Entsetzen nachtet,

Entschlummert wie im Dunst der Wüsten Afrikas,

Gleich einer Sphinx, die längst der nichtge Mensch vergaß,

Die keine Karte nennt, und die vom Gram umsponnen

Ihr grimmes Lied nur singt im Strahl der Abendsonnen.

Spleen.

Dem König eines Lands, das regnerisch und kalt,

Gleich’ ich, reich aber schwach, jung und doch schon sehr alt.

Der voll Verachtung für der Höflingsschar Geziere.

Laß seiner Hunde ist wie aller andren Tiere.

Nichts kann erheitern ihn, nicht Falk noch Jägertroß,

Ja nicht einmal sein Volk, das stirbt vor seinem Schloß.

Des Lieblings-Narren wild-phantastische Gedanken

Entwölken längst nicht mehr die Stirn des Grausam-Kranken.

Zum Sarge wandelt sich sein Lager, reichgeschmückt.

Des Hofes Damen, die ein jeder Fürst entzückt,

So schamlos ihre Tracht, wills ihnen nicht gelingen,

Dem jungen Gramskelett ein Lächeln abzuringen.

Der weise Alchimist, der Gold gewann für ihn,

Kann nicht aus seiner Brust die schlimmen Gifte ziehn.

Und in den Bädern Bluts, die einstmals Rom erfunden

Für Mächtge dieser Welt in späten Lebensstunden,

Wird seinem Leichnam nicht erneute Kraft. Statt Blut

Rinnt durch die Adern ihm des Lethe grüne Flut.

Spleen.

Wann wie ein Deckel sich der Himmel tief gesenkt hat

Auf unsern Geist, den bang die Leere seufzen macht,

Wann er den Horizont umschattet und umschränkt hat

Und schwarzen Tag ergießt, der trüber als die Nacht;

Wann wie ein feucht Verließ das Erdall auf uns lastet,

Darin die Hoffnung gleich geschreckter Fledermaus

Mit angstbeschwingtem Flug längs dunkler Mauer hastet

Und sich den Kopf stößt am Gewölb des dumpfen Baus;

Wann grau der Regenflut Gießfäden niederrinnen

Gleich eines Kerkerraums gewaltger Gitterwand,

Und wann ein stummes Volk von unheilvollen Spinnen

Im Grunde unsres Hirns verruchte Netze spannt,

Dann springen Glocken auf in wütendem Erbeben

Und senden ihr Geheul dem Himmel schrecklich zu,

Wie fremde Geister, die geächtet irrend schweben

Und quälend Klaggetön ausstöhnen ohne Ruh.

Und Leichenzüge, stumm, kein trauernd Grablied singend,

Ziehn langsam durch mein Herz; die Hoffnung siegberaubt,

Flieht weinend, und die Angst, entsetzlich, allbezwingend,

Pflanzt ihre Fahne schwarz auf mein gesenktes Haupt.

Bedrückung.

Ihr großen Wälder schreckt mich tief wie Kathedralen;

Ihr braust wie Orgeln, und in unsren Herzen all,

Grabkammern ewgen Leids, voll Röchelns alter Qualen,

Antwortet eures De profundis Widerhall.

Dich haß ich, Ozean! Dein Toben und Erdröhnen

Fühlt in sich selbst mein Geist! Dies Lachen bittrer Wut

Des unterlegnen Manns, voll von Geschluchz und Höhnen,

Ich hör es im Gelach der ungeheuren Flut.

Wie liebte ich dich, Nacht, ohn dieses Sterngefunkel,

Das heimlich zu mir spricht mit alt-bekanntem Schein!

Denn Leere suche ich und Finsternis allein!

Jedoch ein Vorhang ist das schauervolle Dunkel,

Wo wohlvertrauten Blicks, aus meinem Hirn entschwebt,

Die ungezählte Schar entschwundner Wesen lebt.

Die Liebe zum Nichts.

Geist, dem einst höchste Lust ein kriegrisch-froh Beginnen –

Die Hoffnung, deren Sporn dem Mut zu Hilfe kam,

Treibt dich nicht länger an! Streck hin dich ohne Scham,

Roß, dessen greiser Huf kein Ziel mehr mag gewinnen.

In stumpfem Schlaf ertränk verzweifelnd Herz und Sinnen.

Besiegter, müder Geist! Du Bettler, alt und zahm,

Fühlst weder Lust zum Streit noch Lieb im Herzen drinnen;

Lebt, Flötenseufzer, wohl, die zärtlich mich umspinnen!

Versucht, ihr Freuden, nicht ein Herz voll dunklem Gram!

Tot ist des Frühlings Duft, der süß mich überkam!

Und schleichend zehrt mich auf der Stunden qualvoll Rinnen,

Wie Schnee, der einen Leib in eisge Fänge nahm;

Den Erdball schaut mein Geist, erstarrt und flügellahm,

Und sucht nicht einen Schutz, dem Wirbel zu entrinnen!

Lawine, reißt du mich in deinem Sturz von hinnen?

Alchimie des Schmerzes.

Der eine flößt seine Glut dir ein,

Dem andern, Natur, bist du nur Trauer!

Was einem flüstert: Grabesschauer!

Spricht zum andern: Lebendiger Schein!

Du Hermes, der mit seinen Listen

Noch nie von mir Bedrücktem wich,

Zu Midas Abbild machst du mich,

Dem traurigsten der Alchimisten.

Durch dich verwandl ich Gold zu Erz

Und Edens Lust in Höllenschmerz;

In dem Grabtuch der Wolkendüfte

Schaut teuren Leichnams Bild mein Herz,

Und in selgen Ufers Geklüfte

Erbau ich gewaltige Grüfte.

Anziehendes Grausen.

Bei dem Himmel bleich und zerrissen,

Den das Unheil foltert wie dich,

Was fühlst in den Finsternissen

Deiner Brust du? Lüstling, sprich!

Voller Gier nach dem Ungewissen,

Werde niemals mit Tränen ich

Die Paradiese vermissen,

Wie Ovid, als von Rom er wich.

Ihr verwüsteten Himmelsräume,

Zu euch schaut mein Stolz empor!

Eurer Wolken trauernder Flor

Gleicht dem Leichenzug meiner Träume,

Und der Hölle entstammt euer Schein,

Wo mein Herz sich wohl fühlt allein!

Das Gebet eines Heiden.

Laß nicht diese Gluten verschwelen!

Erstarrende Kälte, entflieh!

Wollust, du Folter der Seelen!

Diva! supplicem exaudi!

Du Flamme, im Tiefsten geboren,

Göttin, die die Lüfte durchdringt,

Erhöre ein Herz, das erfroren

Einen ehernen Sang dir singt.

Du, Königin, bleibe mein Sehnen!

Verbirg dich im Leib der Sirenen,

Der leuchtet in samtenem Schein,

Oder schenke im mystischen Wein

Mir des tiefen Schlummers Genesen,

O Wollust, veränderlich Wesen!

Der Deckel.

Wo er auch weilen mag, zu Land wie auf dem Meere,

In heißer Tropenglut, auf weißbesonntem Firn,

Mag er als Jesu Knecht, als Höfling der Cythere,

Als finstrer Bettelmann, als schlauer Krösus irrn,

Und ob er seßhaft ist, ob schweift ins Ungefähre,

Am Land wie in der Stadt, ob rasch, ob träg sein Hirn,

Stets fühlt der Sterbliche des Rätsels dunkle Schwere

Und schaut nach oben nur mit angstgefurchter Stirn.

Der Himmel droben! Ein Gewölb von Kellerwänden,

Voll trüber Lampen, die ihr Licht der Posse spenden,

Wo jedes Mimen Tritt auf blutgen Boden pocht;

Des Klausners Hoffnungsstrahl, des Wüstlings Schreck und Fessel;

Der Himmel! Deckel auf dem ungeheuren Kessel,

In dem schier unsichtbar die große Menschheit kocht.

Der Unerwartete.

An seines Vaters Bett, der ächzt in Todesqual,

Spricht sinnend Harpagon vor diesen spitzen Zügen:

Im Speicher haben in genügend großer Zahl

Wir alte Bretter doch liegen?

Und Celimene gurrt: Mein Herz ist gut und weich,

Und Schönheit gab mir Gott, die mir gar lieb und teuer.

Ihr Herz! Ein hartes Herz, verrauchtem Schinken gleich,

Verdorrt in dem ewigen Feuer.

Ein stumpfer Schreiber, der für einen Geist sich hält,

Sagt zu dem Armen, den er stieß in Wind und Wetter:

Sag an, wo siehst du ihn, den Schöpfer deiner Welt,

Deinen gütigen Herrn und Erretter?

Wohl mehr als alle Welt kenn einen Wüstling ich,

Der, gähnend Tag und Nacht, mit kläglichen Gebärden

Gelobt, der schwache Narr: Ach glaubt mir, sicherlich

Will ich morgen tugendhaft werden.

»Nun ist der Frevler reif« tickt unheilvoll die Uhr,

Umsonst, daß warnend ichs dem kranken Fleische sagte,

Der Mensch ist taub und blind, so schwach sind Mauern nur,

Die ein Wurm bewohnt’ und zernagte.

Und jäh ist Einer da, der stets geleugnet ward,

Und spricht mit stolzem Hohn: »Glaubt nicht, daß ich vergesse,

Wie um die Hostie ihr euch freudig oft geschart,

Zur Feier der schwarzen Messe!

Ein jeglicher von euch gab mir sein Herz zum Thron,

Verruchte, ihr seid mein, durch Küsse tiefabscheulich.

Lernt Satan kennen nun an seinem Siegerhohn,

Wie die Welt gigantisch und greulich!

Bestürztes Heuchlerpack! Wer ist, der glauben kann,

Daß man den Herren höhnt und fängt in einem Netze,

Und daß der Mensch zugleich zwei Preise je gewann,

Den Himmel und irdische Schätze?

Es ziemt sich, daß das Wild bezahlt den Jäger macht,

Der auf dem Anstand lang gelauert auf die Beute,

Nun trage ich euch fort durch sonnenleere Nacht,

Meiner traurigen Lust Geleite,

Durch Erde und Gefels, durch mitternächtges Graun,

Durch einen Aschenhauf zerfallener Gebeine

In mein gewaltig Schloß, aus einem Block gehaun,

Und nicht aus sänftlichem Steine.

Denn ewge Sünde schuf den Bau, und er enthält

Mein Leiden und den Gram, der meinem Stolz verbündet!«

Indes drommetet hoch ob der erstarrten Welt

Ein Engel, der Sieg verkündet,

Von allen, deren Brust des Herren Geißel preist

Und ausruft: Meinen Schmerz schickt, Vater, deine Gnade!

Kein eitel Spielzeug ist in deiner Hand mein Geist,

Unerforschlich sind deine Pfade.

Wie die Trompete süß und feierlich erklingt,

Zur Himmelsernte der geweihten Dämmerungen,

Daß mit Verzückung sie ein jedes Herz durchdringt,

Dessen Loblied sie gesungen.

Mitternächtige Selbsterforschung.

Die Wanduhr kündet Mitternacht,

Als ob sie höhnend uns frage,

Welch einen Gebrauch vom Tage,

Der nun entschwunden, wir gemacht:

Diesen Freitag, den schicksalsschweren,

Den dreizehnten, haben mit Lust

Wir trotz allem, was wir gewußt,

Gelebt, als ob Ketzer wir wären.

Wir lästerten Jesum Christ,

Den göttlichsten aller Götter!

Wie ein Schmarotzer und Spötter,

Der bei verruchtem Krösus ißt,

Wir haben, dem Tier zu behagen,

Der Dämonen Sklavenschar,

Umschmeichelt, was feind uns war,

Und was uns lieb war, geschlagen.

Gleich Henkern haben am Schwachen wir,

Den man unrecht höhnt, uns verschuldigt,

Der Macht der Dummheit gehuldigt,

Die ehrner Stirn ist, wie ein Stier;

Wir küßten des Staubes Dumpfheit

Und gingen ihm ehrfurchtsvoll nach,

Wir priesen der Fäulnis Schmach

In all ihrer bleiernen Stumpfheit.

Dann saßen, um des Schwindels Qual

Zu ertränken in wilder Feier,

Wir stolzen Priester der Leier,

Denen ihr ruhmvoll Amt befahl

Des Dunkels Rausch zu entdecken,

Ohne Hunger genießend beim Schmaus! …

Rasch, löschen die Lampe wir aus,

In der Finsternis uns zu verstecken!

Der Mahner.

Wer irgend wert, ein Mensch zu sein,

Hat eine Natter in der Seele,

Sie gibt ihm wie ein Fürst Befehle,

Und sagt er: »Ja«, so spricht sie: »Nein!«

Willst du in starre Augen schauen

Den Nymphen und den Wasserfrauen,

Der Zahn sagt: »Deiner Pflicht hab acht!«

Pflanz Bäume oder zeuge Söhne,

Gib Vers und Marmor Form und Schöne,

Der Zahn sagt: »Lebst du diese Nacht?«

Was er auch plane und verlange,

In jedem Augenblicke trifft

Den Menschen warnend all das Gift

Der unerträglich-argen Schlange.

Hymne.

Dich, schöne Liebe, schöne Süße,

Dich Engel, der zum Licht mich weiht,

Unsterbliches Idol, dich grüße

Ich glühend in Unsterblichkeit.

Du flutest durch mein ganzes Leben

Gleich einem Seewind, herb und rein,

Und meiner Seele bangem Streben

Flößt du Begehr nach Ewgem ein.

Stets frischer Wohlgeruch, der blühend

Ein lieb Gemach in Düfte taucht,

Vergeßner Weihrauch, der erglühend

Geheim in tiefer Nacht verhaucht!

Wie soll ich nennen dich in Wahrheit,

Demantenreine Liebesglut,

Die in der Seele ewger Klarheit,

Ein Ambrakorn, verborgen ruht?

Dich, schöne Gute, schöne Süße,

Die Kraft und Freude mir verleiht,

Unsterbliches Idol, dich grüße

Ich glühend in Unsterblichkeit.

Der Rebell.

Ein Engel stürzt sich wie ein Aar vom Himmel nieder

Und rauft mit grimmer Faust des Glaubenslosen Haar.

Lern deine Pflicht! ruft er, und schlägt ihm Haupt und Glieder,

Ich will es. Und ich bin dein Engel in Gefahr.

Denn lieben sollst du und sollst nicht dein Herz versperren

All dem, was häßlich, siech, verirrt auf bösem Pfad,

Daß einen Teppich du bei seinem Nahn dem Herren

Siegjubelnd breiten kannst mit mildbarmherzger Tat.

So ist die Liebe. Eh dein Herz dir ganz erkaltet,

Sieh, daß sich deine Glut an Gottes Ruhm entfaltet,

Das ist die wahre Lust, und dauernd wird sie sein.

Und stark, wie sein Begehr, zum Lichte ihn zu führen,

Läßt ihn der Engel grimm die Riesenfäuste spüren,

Doch der Verdammte gibt ihm stets zur Antwort: Nein!

Bertas Augen.

Die schönsten Augen schmähn darf euer hold Gefunkel,

Ihr Augen meines Kinds, drin lieblich ruht und wacht

Ein Etwas, das so gut und selig wie die Nacht!

Ihr Augen, über mich gießt euer süßes Dunkel!

Ihr Kinderaugen weit, geliebt und rätselhaft,

Ihr gleicht dem Zaubertraum verborgner Grottenhallen,

Wo durch die Dämmerung der Schatten, die dort wallen,

Ein magisch Flimmern rinnt von seltner Schätze Kraft.

Mein Kind hat Augen, die tiefdunkel und verklärend,

Wie du, gewaltge Nacht, erhellt, wie du zu schaun!

In ihrem Feuer eint sich Liebe und Vertraun,

Die scheinen tief im Grund, bald schüchtern bald begehrend.

Der Springbrunnen.

Dein Auge, armes Lieb, ermattet,

Die Wimpern senkend ruhe lang

Von müder Anmut überschattet,

Nun dich die Freude ganz bezwang.

Der Springbrunn, der im Hofe flüstert,

Uns Tag und Nacht sein Murmeln schenkt,

Bleibt dem Entzücken hold verschwistert,

In das die Liebe mich versenkt.

Der Strahl, der schlank sich hebend

In Garben blüht,

Drin Phöbe Flimmer webend

So sanft erglüht,

Fällt, Tränen niederbebend,

Im Duft versprüht.

So schwingt, entzündet von dem Funken

Der Lust, die deinen Busen schwellt,

Sich deine Seele kühn und trunken

Zu ferner Himmel Lichtgezelt.

Dann sinkt sie im Vergehen wieder

In einer Flut von bangem Schmerz,

Die unsichtbaren Pfads hernieder

Hinabtropft in mein tiefstes Herz.

Der Strahl, der schlank sich hebend

In Garben blüht,

Drin Phöbe Flimmer webend

So sanft erglüht,

Fällt, Tränen niederbebend,

Im Duft versprüht.

O du, so schön in nächtgen Schatten,

Wie süß hört, über dich geneigt,

Die Klage sich, die ohn Ermatten

Vom Marmorbecken weinend steigt!

Mond, heilges Dunkel, Wasserschauer,

Gezweig, aus dem ein Rauschen quillt –

Die reine Schwermut eurer Trauer

Ist meiner Liebe Spiegelbild.

Der Strahl, der schlank sich hebend

In Garben blüht,

Drin Phöbe Flimmer webend

So sanft erglüht,

Fällt, Tränen niederbebend,

Im Duft versprüht.

Fern von hier.

Dies ist das geweihte Zimmer,

Wo die Schöne, die hier immer

Wartend liegt in Schmuck und Flimmer,

Fächelnd kühlt des Busens Glut

Und gestützt in Kissen ruht,

Lauschend auf den Sang der Flut:

Es sind Dorotheens Räume.

Fern weint das Wasser und der Wind,

Daß ihr schluchzend Lied verschäume

In der verwöhnten Holden Träume.

Vom Kopf zum Fuß umschmiegt gelind

Salböl und Duft der Nardenbäume

Die Glieder diesem zarten Kind,

Das welker Blumen Hauch umrinnt.

Romantischer Sonnenuntergang.

Wie ist die Sonne schön, wann in azurne Räume,

Ein flammendes Geschoß, sie grüßend aufwärts steigt!

Glückselig, wessen Herz sich ihr in Liebe neigt

Bei ihrem Untergang, der prangender als Träume!

Ich denke dran! … Ich sah Quell, Blume, Furche, Feld,

Gleichwie ein zitternd Herz vergehn vor ihren Pfeilen …

Auf nach dem Horizont, es dunkelt, laßt uns eilen,

Damit auf unser Haupt ein später Strahl noch fällt!

Doch folge ich umsonst dem Gotte, der entschwindet;

Die allgewaltge Nacht hat schon ihr Reich begründet,

Die schwarz und unheilvoll das Herz in Schauern löst;

Ein Grabesdunst enthaucht des Dunkels feuchtem Flore,

Indes mein banger Fuß am Rand der finstren Moore

Auf kalte Schnecken und gescheuchte Kröten stößt.

Der Abgrund.

Pascal sah eine Kluft, wo er auch ging und stand.

Ein Abgrund ist das All: Traum, Handlung, Wort, Verlangen!

Wie oft ist über mich der Wind des Schrecks gegangen,

Daß sich mein Haar erhob, von eisger Furcht gebannt.

Die Tiefen und die Höhn, das Graun, das uns umfangen,

Das Drehn des Weltenraums, der stummen Wüsten Land …

Auf meiner Nächte Grund malt Gott mit kundger Hand

Die Schauer eines Traums voll endlos schwerem Bangen.

Ich fürchte mich vorm Schlaf, gleichwie ein Tor man scheut

Zu unbekanntem Land, wo finstrer Schrecken dräut,

Unendlichkeit seh fahl ich durch die Fenster strahlen,

Und meine Seele, die es schwindelt, füllt mit Neid

Das wesenlose Nichts in seiner Einsamkeit.

O! niemals mehr sein als Geschöpfe und als Zahlen!

Klagen eines Ikarus.

Wer die Liebe der Dirnen genossen,

Ist befriedigt und ohne Gram;

Mein Arm ist gebrochen und lahm,

Weil er Wolkengebilde umschlossen.

Das Sternheer, das vom Himmel glüht,

Ist schuld mit seinem seltnen Scheine,

Daß mein geblendet Aug alleine

Erinnerung von Sonnen sieht.

Umsonst wollt ich den Raum durchdringen,

Um End und Mitte zu erspähn;

Ich fühle, rettungslos zergehn

Vor fremdem Glutblick meine Schwingen.

Mich, den verbrannt der Sehnsucht Glut,

Lebendge Schönheit zu erkennen,

Krönt nicht der Ruhm, nach mir zu nennen

Den Abgrund, drin mein Leichnam ruht.

Sammlung.

Sei linde, o mein Schmerz, und sänftige dein Klagen.

Den Abend riefest du, schau seine Wiederkehr:

Aus seinem trüben Dunst siehst du die Stadt entragen,

Den einen ist er süß, den andern sorgenschwer.

Indes die Sterblichen nach niedren Freuden jagen,

Gepeitscht von der Begier, dem Henker mitleidleer,

Und bittre Reue heim vom Sklavenfeste tragen –

Fern ihnen, reich die Hand, mein Schmerz, mir und komm her!

Sieh auf Altanen du des Himmels die entwichnen,

Verstorbnen Jahre in Gewanden, in verblichnen,

Und wie aus Wassern sich die Wehmut lächelnd hebt,

Sich unter einem Tor die Sonne sterbend breitet,

Und wie ein Leichentuch, das weit gen Osten schwebt,

Horch, o Geliebte, horch, der Nacht, die leise schreitet.

Pariser Bilder

Landschaft.

Mich zart und rein zu weihn der Dichtung der Eklogen,

Will ich dem Himmel nah ruhn wie die Astrologen,

Den Glocken nah, daß mir im Traum, der mich umspinnt,

Ihr Feiersang ertönt, dahingeweht vom Wind.

Wann aufgestützten Haupts ich aus der Kammer spähe,

Schau ich der Werkstatt Fleiß und Lärm in meiner Nähe,

Rauchfänge, Türme rings, wie Masten, und dann weit

Den Himmel, der uns gießt den Traum der Ewigkeit.

Wie süß ist es zu schaun, vom Nebelflor umfeuchtet,

Wann im Azur der Stern, das Licht am Fenster leuchtet,

Wie auf zum Firmament der Strom des Rauches fließt

Und wie das Mondlicht bleich Verzückung niedergießt.

Ich werde Frühlingszeit und Herbst und Sommer sehen,

Und wann der Winter kommt mit Schnee und eisgem Wehen,

So schließe Laden ich und Tür, um in der Nacht

Zu bauen herrlich der Paläste Feeenpracht.

Dann werde träumen ich von blauer Fluren Sehnen,

Von Gärten, Marmorglanz, von weinenden Fontänen,

Von Küssen, Vögeln, die uns singen früh und spät,

Von all der Kindlichkeit, die durch Idylle weht.

Der Aufruhr läßt umsonst im Sturm die Scheiben beben,

Ich werde nimmermehr vom Pult mein Haupt erheben,

Weil dann die Freude ganz mein Herz umfangen hält,

Zu schaffen eigner Kraft des Frühlings junge Welt,

Die Sonne aus der Brust zu ziehn und herzulächeln

Aus der Gefühle Glühn der milden Lüfte Fächeln.

Lola de Valence.

Aufschrift für das Gemälde Edouard Manets.

Bei all dem Schönen, das die Augen rings entzückt,

Schwankt, Freunde, wohl der Wunsch, was er zumeist sich wähle;

Doch Lola de Valence erstrahlt gleich dem Juwele,

Das schwarz und rosig blinkt, von seltnem Reiz geschmückt.

An eine rothaarige Bettlerin.

Blaß Mädchen mit dem roten Haar,

Die Armut werden wir gewahr

Durch all die Löcher deines Kleids

Und deinen Reiz.

Dein schmaler Körper zeigt für mich,

Den schwachen, müden Dichter, sich,

Mit Sommersprossen überstreut,

Voll Süßigkeit.

Wie ihre Prunksandalen in

Romanen eine Königin,

So zierlich und gewandt trägst du

Die schweren Schuh.

Statt deiner Lumpen möge dir

Ein Hofgewand in reicher Zier,

Dess’ Falten rauschend niedergehn;

Den Fuß umwehn.

Statt der zerrißnen Strümpfe soll

Dem Blick des Wüstlings anmutvoll

Ein goldner Dolch an deinem Bein

Sprühn lichten Schein;

Daß Schleif und Band, gelöst, zerknüllt,

Für unsre Sünden froh enthüllt

Der schönen Brüste heiter Paar,

Wie Augen klar;

Daß deine schlanken Arme, Kind,

Dich zu entkleiden willig sind

Und leichter Schlag die Hand verjagt,

Die zuviel wagt.

Ein Perlschmuck rein und fehlerlos,

Ein zärtliches Sonett Belleaus

Bringt der Verehrer Sklavenschar

Dir huldgend dar.

Die Helden all der Reimerein,

Die ihre Erstlinge dir weihn,

Bewundern, wie dein leichter Schritt

Die Stufen tritt.

Manch Page, der auf Wagnis sann,

Manch ein Poet und Edelmann,

Sie schicken all ihr Sehnen nach

In dein Gemach.

Es würden auf dem Lager dein

Mehr Küss’ als Königslilien sein,

Manch Valois machte gerne sich

Zum Knecht für dich!

Indessen aber bettelnd ziehst

Durch arme Gassen du und siehst

Nach dem Gerümpel alten Schutts

Im Straßenschmutz;

Und schielst nach Schmuck hin, vielbegehrt,

Der keine zwanzig Pfennig wert,

Den ich dir, rechn es mir nicht an,

Nicht schenken kann.

So geh denn ohne Prunkgewand,

Riechwasser, Perlen, Diamant,

In magrer Nacktheit immerzu,

O Schönste du!

Der Schwan.

An Victor Hugo.

I.

Du bists, Andromache! Dies Flüßchen, das ein grauer

Und armer Spiegel ist, wo einstmals hoheitsvoll

Geglänzt die Majestät all deiner Witwentrauer,

Der falsche Simois, der durch dein Weinen schwoll,

Scheint mir, als ob belebt er mein Gedächtnis hätte,

Als ich hinüberschritt das neue Karussell.

– Das einstige Paris ist hin, die Form der Städte

Verwischt sich, nicht einmal die Liebe stirbt so schnell.

Im Geiste schau ich nur das Feld von Hütten wimmelnd,

Der Kapitale und der Schäfte wirren Wust,

Das Gras, die Blöcke rings, in feuchtem Moose schimmelnd,

Und durch der Fenster Schein den Trödelkram und Grust.

Schaubuden standen dort. Da sah ich in der Frühe,

Zur Zeit, da fröstelnd sich in klarem Morgenduft

Die Arbeit neu erhebt und es uns deucht, als sprühe

Vom Besen wie ein Sturm Staub in die stille Luft,

Wie sich ein Schwan, der, dem Verließ entkommen, schweifte,

Mit breitem Flossenfuß am staubgen Pflaster rieb,

Die weißen Schwingen auf dem rauhen Boden schleifte,

Den Schnabel öffnend vor der Gosse stehen blieb.

Erzitternd badete im Staub er sein Gefieder

Und sprach, das Herz erfüllt vom blauen Heimatssee:

Wann, Wolke, regnest du? Wann fällst, o Blitz, du nieder?

Ich sah des Armen fremd und sagenhaftes Weh.

Zum Himmel reckte er, wie es Ovid gedichtet,

Zum Himmel, blau und hart wie grausam bittrer Spott,

Auf seinem schwanken Hals sein durstig Haupt, als richtet’

In seiner herben Qual Vorwürfe er an Gott!

II.

Paris wird anders, doch in meiner tiefen Trauer

Bleibt alles! Der Paläst’ und der Gerüste Meer,

Die Vorstadt hüllen sich in deutungsvolle Schauer,

Und die Erinnerung liegt auf mir felsenschwer.

So überkommt ein Bild vorm Louvre mich bedrückend,

Dein denk ich, großer Schwan, gequält, fast lächerlich,

Doch wie Verbannte mit Erhabenheit sich schmückend,

Verzehrt von einem Wunsch ohn Ende, und an dich,

Andromache, die, jäh des Gatten Arm entsunken,

Ein Tier, vorm mächtgen Griff des Pyrrhus niederbrach.

An einer leeren Gruft sich beugend, gramestrunken,

Das Weib des Helenus und Hektors Witwe, ach!

Der Negrin denke ich, die krank zum Niedersinken,

Im Schmutze watend und das Auge unverwandt,

Die Palmen sucht, die schlank in Afrika ihr winken,

Durch die gewaltige, endlose Nebelwand;

An jeden, der verlor, was nie, nie seine Augen

Mehr schauen; an die Schar, gestillt vom Tränentrank,

Die an dem Schmerze, wie an gütger Wölfin saugen,

Die magren Waisen, die gleich Blumen welk und krank!

Es tönt das Horn im Wald, in den mein Geist vertrieben,

Ein alt Erinnern mir mit vollgeschwelltem Hauch!

Der Schiffer denke ich, auf fernem Riff geblieben,

Gefangner, Fliehender! … und mancher andern auch!

Die sieben Greise.

An Victor Hugo.

Du volkdurchströmte Stadt, Stadt, wo die Träume schweben,

Wo das Gespenst uns krallt im hellsten Tagesschein!

Die Rätsel fluten rings, gleichwie die Säfte streben

Durch alle Adern, die dem Riesen Kraft verleihn.

An einem Morgen, als in traueröder Gasse

Die Häuser, überhöht vom Nebel, trüb und bleich,

Erschienen wie ein Deich längs mächtger Wassermasse,

Und als Kulisse, die des Mimen Seele gleich,

Ein gelber Nebel rings die Weiten überschwemmte,

Ging ich, gestählter Kraft und hohen Mutes voll,

Mit meiner Seel im Streit, die schon Erschlaffung hemmte,

Die Straße, schütternd von der Karren dumpf Geroll.

Da sah ich einen Greis, der sich mit Lumpen deckte,

– Sie ahmten tiefstes Grau des Regenhimmels nach –

Und dessen Anblick leicht der Wohltat Fülle weckte,

War nicht die Bosheit, die ihm aus den Augen brach.

Sein Augenstern erschien, als ob ihn Galle tränkte,

Aus seinem Blick rann Frost, indessen langgehaart

Sein steifer Bart sich wie ein Degen niedersenkte,

Erstarrt und fürchterlich gleichwie des Judas Bart.

Gebrochen war er, nicht gebeugt. Es war sein Rücken

In rechtem Winkel zu dem Bein, so daß sein Stab,

Vollendend dies Gebild der Furcht, in allen Stücken

Ihm das Erscheinen und das irre Straucheln gab,

Das einem Juden mit drei Füßen zu vergleichen,

Wie ein gelähmtes Tier durch Schnee und Schmutz er ging,

Als träte ewig er mit seinen Schuhn auf Leichen,

Nicht stumpf, nein, haßerfüllt der Welt, die ihn umfing.

Ihm folgt sein Ebenbild: Bart, Blick, Stock, Rücken, Fetzen,

Kein Unterschied! Entstammt demselben Höllenbrand!

Dies greise Zwillingspaar zog – wunderlich Entsetzen –

Mit gleichem Tritte in ein nie erschautes Land.

Welch böser Anschlag stieß mein Herz in solche Qualen,

Welch schnöder Zufall kam, zu Boden mich zu ziehn,

Denn nacheinander sah mein Blick zu sieben Malen

Den greisen Fremdling, wie er furchtbar mir erschien.

Ein jeder, der den Schreck verhöhnt, der mich umnachtet,

Und der nicht spüren mag ein brüderliches Graun,

Bedenken soll er das: Des Alters ungeachtet

War in der Sieben Blick die Ewigkeit zu schaun!

Wie konnt ich lebend sehn den achten meiner Dränger?

Voll schicksalsschweren Hohns, selbst Sohn und Vater sich?

Den grausen Phönix, den gespenstgen Doppelgänger …

Jedoch den Rücken wandt dem Höllenzuge ich.

Verzweifelnd, Säufern gleich, die alles doppelt sehen,

Stürzt ich nach Haus und schloß die Tür, von Schreck gehetzt,

Krank und zu Eis erstarrt, den Geist in Fieberwehen,

Durch dieses Rätsel und sein sinnlos Spiel entsetzt.

Umsonst rang die Vernunft, daß sie das Steuer fasse,

Im Spiel brach ihre Kraft der Sturm mit mächtgem Stoß,

Und meine Seele schwamm, wild tanzende Barkasse,

Auf einem Ozean voll Graun und uferlos!

Die Blinden.

Betrachte sie, mein Herz, wie sind sie fürchterlich!

Den Gliederpuppen gleich, fast lächerlich zu schauen;

Und wie Nachtwandelnde erwecken sie uns Grauen.

Durchs Leere tastet ihr erstorben Auge sich.

Die Augen, draus entflohn das Licht, das gottgeschenkte,

Erheben sie, als ob sie in die Ferne sähn,

Zum Himmel. Niemals noch sahst je du einen gehn,

Der träumerisch sein Haupt zu Boden niedersenkte.

Das Dunkel unbegrenzt, das sie umfangen hat,

Durchziehn sie, das verwandt der ewgen Ruh. O Stadt,

Indes du singst und brüllst, stets neuen Rausch zu finden

In grauenhafter Lust, der du schon übersatt,

Ich schlepp mich auch, und mehr als sie zerstört und matt,

Frag ich: was suchen sie im Himmel, all die Blinden?

Das Spiel.

In fahlen Sesseln schaut ich alte Buhlerinnen,

Bleich, mit gemalten Braun, geschminkt noch im Verfall,

Verstellten Blicks. Ich sah von magren Ohren rinnen

Ein klirrendes Gehäng von Steinen und Metall.

Gesichter lippenlos, auf grüne Tische stierend,

Die Lippen ohne Blut, Kinnladen ohne Zahn,

Und Finger, wild verkrampft, nach Golde angstvoll gierend,

Durchwühlend Brust und Kleid in grausem Fieberwahn.

An schmutzigem Gewölb unzählge Kerzenlichter

Und riesge Leuchter, die ihr Flimmern bleich und weiß

Entsandten auf die Stirn der finstren, großen Dichter,

Die stumm vergeudeten der Marter blutgen Schweiß.

Das ist das schwarze Bild, das ich in bösem Traume

Mit allzu klarem Blick erspäht in nächtger Zeit.

Ich selber schaute in dem grauenhaften Raume

Mich aufgestützt, erstarrt, stumm und voll tiefem Neid.

Voll Neid auf dieser Schar untilgbar-zäh Verlangen,

Auf dies Vergnügen, das die Dirnen aufrecht hielt,

Wie unter meinem Blick sie frech und unbefangen

Um einstge Schönheit und um Ehrbarkeit gespielt.

Und es erschrak mein Herz, manch Armen zu beneiden,

Der glühnden Eifers stürzt zum Abgrund des Gerichts,

Und der, von seinem Blut berauscht, die grimmsten Leiden

Dem Tode vorzieht und die Hölle selbst dem Nichts.

Totentanz.

An Ernest Christophe.

Von ihrer Schönheit stolz wie Lebende durchdrungen,

Prunkt sie mit Taschentuch, mit Handschuh und mit Strauss;

In kühner Lässigkeit zeigt sie sich ungezwungen –

Wie eine magere Kokette sieht sie aus.

Hat je auf einem Ball man schlankren Wuchs gesehen?

Du schaust ihr grelles Kleid, an weiten Falten reich,

Auf einen Knochenfuß in Wellen niedergehen,

Von buntem Schuh geschmückt, der zieren Blumen gleich.

Ihr magres Schlüsselbein umschmiegen leichte Spitzen,

Gleich einem üppgen Bach, der sich am Felsen reibt,

Und sittsam bergen sie vor possenhaften Witzen

Den unheilvollen Reiz, der tief verborgen bleibt.

Die hohlen Augen sind erloschen und verwittert,

Es nickt der Blumenschmuck vom Schädel grauenvoll,

Der schwank sich wiegend auf den dünnen Wirbeln zittert –

O Zauber eines Nichts, das aufgeputzt und toll!

Gar manche möchten dich ein nächtig Zerrbild nennen,

Die von der Trunkenheit des Fleisches nur gewußt,

Die nicht der menschlichen Gebeine Feinheit kennen:

Du mächtiges Skelett stillst meine höchste Lust!

Kommst du zu stören mit erschreckender Grimasse

Das Fest des Lebens, als ob lüsterne Begehr,

Leichtgläubge, dein Gebein im Grab nicht ruhen lasse,

Zum wilden Taumeltanz des Freudensabbats her?

Beim Sang der Geigen, bei der Kerzen lichtem Prangen

Hoffst zu verscheuchen du der finstren Träume Not?

Willst du vom wilden Strom der Orgien erlangen,

Daß er die Hölle kühlt, die dir im Herzen loht?

Unausgeschöpfter Quell von Wahn und Seltsamkeiten,

Nach dem der Menschheit Schmerz seit alter Zeit geforscht,

Ich sehe durchs Gewand, geschürzt an deinen Seiten,

Die gierge Schlange, die dir das Gebein zermorscht.

Zwar fürchte wahrlich ich, daß deine Reize scheitern,

Und daß kein Preis dich krönt, der würdig deiner Mühn;

Wen dieser Sterblichen wird solcher Spott erheitern?

Das Graun kann Starke nur mit seiner Lust durchglühn.

Der Augen Höhlung, drin des Grabes Schauer nachtet,

Enthaucht den Schwindel, und es wird kein Tänzer sein,

Der ohne Ekel und Beklemmung je betrachtet

Das Lächeln, das uns grinst aus deiner Zähne Reihn.

Doch welches Menschen Arm umfing nicht schon Skelette?

Wer hat sich nicht genährt vom Graun der Grabeswelt?

Was kümmert uns Geruch, Gewandung und Toilette!

Der, der sich ekelt, zeigt, daß er für schön sich hält.

Du Tänzrin, nasenlos! Sieghafte Dirne! Winke

Und sprich zur Tänzerschar, die sich erschrocken ziert!

Ihr Hübschen! Trotz der Kunst des Puders und der Schminke

Riecht ihr nach Grabesdunst! Skelette parfümiert!

Ihr Gecken welker Schmach! Ihr Dandys falschen Glanzes

Grauhaarger Stutzerschwarm! Gefirnißtes Gebein!

Die Welterschütterung des grimmen Totentanzes

Reißt euch in dunkles Land, das niemand sah, hinein.

Am kalten Seinestrand, am Glutgestad des Ganges

Spreizt tanzend sich die Schar der Menschen und sieht nicht,

Daß klaffend durchs Gewölb gleichwie ein dunkles, banges

Sturmwetter, dräuend des Gerichts Posaune bricht.

In deiner Welt bestaunt der Tod dich allenthalben,

Wie, sterbliches Geschlecht, er deinen Krampf verlacht,

Und oft, indem gleich dir er prunkt mit duftgen Salben,

Eint seinen grimmen Hohn er deines Wahnsinns Nacht!

Die Liebe zur Lüge.

Wann du vorbei mir gehst, gleichgültig-stolze Schöne,

Beim Sange der Musik, der am Gewölb zerfließt,

Wie du dich sacht bewegst, harmonisch wie die Töne,

Und Langeweil im Blick tiefmüde um dich siehst;

Erblicke ich belebt vom wehnden Gasgeflimmer

Die krankhaft-bleiche Stirn, wo wundersam der Brand

Der Abendfackeln spielt, wie neuer Morgenschimmer,

Dein Auge, das mich wie der Blick von Bildern bannt –

Denk ich: wie ist sie schön, von frischem Reiz umflutet!

Erinnrung, wie ein Turm, der schwer und königlich,

Bekrönt sie, und ihr Herz, das wie ein Pfirsich blutet,

Beut reif, gleich ihrem Leib, der kundgen Liebe sich.

Bist du des Herbstes Frucht, von auserlesner Milde?

Bist eine Urne du, die sich nach Tränen bangt,

Ein Duft, der träumen macht von seligem Gefilde,

Ein schmeichlerischer Pfühl, ein Korb, der Blüten prangt?

Ich weiß es: Augen sind, voll trauervoller Reine,

Wo sich kein Rätsel birgt, das köstlich zu erschaun,

Wie leere Medaillons, kleinodienarme Schreine,

Und tiefer, öder noch als selbst der Himmel Blaun.

Doch die Erscheinung ists, die zagendem Gefühle,

Das vor der Wahrheit flieht, das Sein versüßen kann.

Was kümmern Torheit mich und seelenlose Kühle?

Ob Maske oder Zier – dich, Schönheit, bet ich an!

Nebel und Regen.

Herbstende, Winter ihr, Frühlinge reich an Regen,

Euch Schlummerzeiten sehnt die Seele sich entgegen,

Die wie ein weites Grab ihr Herz und Hirn umgebt

Im Nebel, der mich wie ein Leichentuch umwebt.

In weiter Ebne, die die kalten Winde fegen,

Wo Wetterfahnen in der Nacht sich kreischend regen,

Spannt meine Seele, die kein warmer Lenz belebt,

Den Rabenfittich, der sie düstren Flugs erhebt.

Nichts kann so süß sein für ein Herz, das gramzerrissen,

Auf das seit langem schon der Frost herniederfällt,

O bleiche Himmel, ihr Gebieter unsrer Welt,

Als stets zu sehn das Graun von fahlen Finsternissen,

Wenn nicht den bittren Schmerz auf unsrem Bett wir sacht

Einschläfern Brust an Brust in mondesleerer Nacht.

Pariser Traum.

An Constantin Guys.

I.

Von diesem schrecklichen Gefilde,

Das nie ein sterblich Aug erblickt,

Hat ein verweht und zart Gebilde

Noch diesen Morgen mich entzückt.

Der Schlaf ist reich an Wunderträumen!

Durch einer Laune fremdes Spiel

Bannt ich aus den erschauten Räumen

Der Pflanzen regellos Gewühl.

Im Bild, das stolz mein Geist sich malte,

Erfreute sich mein kühnes Herz

An ewger Öde, die erstrahlte

Von Wasser, Marmelstein und Erz.

Es war ein Babel von Arkaden,

Ein niemals endender Palast,

Reich an Bassins und an Kaskaden,

Von Schalen matten Golds gefaßt;

Und Wasserfälle, niederschießend

Gleich einem Vorhang von Kristall,

Sie hingen schwer, ihr Licht ergießend,

An steilen Mauern von Metall.

Nicht Bäume sondern Kolonnaden

Umgaben schlummerstille Seen,

Wo die gigantischen Najaden

Wie Frauen sich im Spiegel sehn.

Es breiteten sich blaue Teiche

Entlang den grün und rosgen Strand,

Durch tausend nie ermeßne Reiche,

Bis an der Erde fernsten Rand.

Es waren nie erschaute Steine

Und eine magisch-fremde Flut,

Gewaltge Spiegel, hell vom Scheine

Der Wunder, die darin geruht.

Weltströme wie der Ganges flossen

Verstummt im Ruhn des Ätherblaus,

Und ihrer Urnen Schätze gossen

Sie in demantne Schlünde aus.

Ich ließ, des Feeenreichs Erbauer,

Durch eines Tunnels nächtgen Gang,

Mit edelsteingeschmückter Mauer,

Das Weltmeer gehn, das ich bezwang.

Geschliffen, schillernd und geglättet

War selbst der schwärzen Farben Nacht,

Stolz prangend in die Flut gebettet,

Erleuchtet in kristallner Pracht.

Sonst keine Sterne, keine Flammen

Der Sonne, selbst am Himmelsrand,

Die Dinge all, die wundersamen,

Durchleuchtete ihr eigner Brand.

Und über dieser Welt verloren,

Lag – neuer Schrecken: endlos weit

Dem Auge alles, nichts den Ohren –

Ein Schweigen wie die Ewigkeit!

II.

Den trunknen Blick dem Tag erschlossen,

Sah meiner Kammer Elend ich,

Und vom Bewußtsein neu durchflossen,

Fühlt ich der Sorgen grimmen Stich.

Die Uhr mit ihren dumpfen Schlägen

Schlug Mittag, und vom Himmelszelt

Sank finsteres Gewölk und Regen

Auf diese frosterstarrte Welt.

Morgendämmerung.

Der Weckruf ertönte im Hof der Kasernen

Und der Morgenwind blies auf die Laternen.

Es war die Stunde, da der Träume bösem Bann

Auf seinem Bett der Knab sich nicht entwinden kann,

Da wie ein blutig Aug, das bebt in wehen Qualen,

Die Lampen ihren Fleck rot in den Morgen malen,

Da durch des Körpers Last die Seele niederbricht

Und gleiche Kämpfe ringt wie Tag und Lampenlicht.

Wie ein betränt Gesicht, das trocknet in den Winden,

Erschauern in der Luft die Dinge, die entschwinden.

Des Schreibens ist der Mann, die Frau des Liebens satt.

Schon stiegen hier und dort Rauchsäulen aus der Stadt.

Die Freudenmädchen, tiefgesenkt die bleichen Lider,

Sie lagen offnen Munds in stierem Schlaf danieder;

Und Arme, welk die Brust, die Lippen ohne Blut,

Bliesen die Finger sich und bliesen in die Glut.

Es war die Stunde, da in Kälte und Entbehren

Die Wehn und Nöte der Gebärenden sich mehren,

Gleich einem Schluchzen, das ein Blutsturz jäh verschlang,

Der frühe Ruf des Hahns durch Morgennebel drang;

Um die Gebäude schwamm das Nebelmeer, das fahle,

Schwer keuchten Sterbende im Schoß der Hospitale

Und stießen todesmatt ein letztes Röcheln aus.

Gebrochen schleppten sich die Wüstlinge nach Haus.

Das Morgenrot in grün und rosigem Gewande

Kam fröstelnd langsam her am öden Seinestrande;

Das finstere Paris brach seines Schlummers Bann

Und griff zum Handwerkszeug, ein greiser Arbeitsmann.

Der Wein

Der Wein der Lumpensammler.

Oft schauen wir, wie in der Flammen rotem Flirren,

Im wehnden Flackerschein, bei der Laternen Klirren,

Im Schoß der alten Stadt, von Schmutz und Elend voll,

Dort, wo die Menschheit stöhnt in wetterschwangrem Groll,

Ein Lumpensammler kommt, der, wie ein Dichter schwankend,

Wild schüttelt mit dem Kopf, an alte Mauern wankend;

Und voll Verachtung für der Späher feilen Hauf

Läßt seinem Hoffen er im Rausche freien Lauf.

Er schwört Gelübde, gibt erhabene Gesetze,

Er hebt Gestürzte auf, zerreißt der Bösen Netze,

Der Himmel überwölbt ihn wie ein Baldachin,

Wie trunken macht der Glanz der eignen Tugend ihn.

Ja, diese Leute, die in Sorgen niederbrechen,

Die Arbeit schier zermalmt, die lange Jahre schwächen,

Gelähmt, sich bückend vor der Last gehäuften Schutts,

Die ausgespien Paris, ein wirr Gewühl von Schmutz,

Sie kommen vom Geruch der Fässer wie umflossen,

Mit kampfergrauter Schar, mit jubelnden Genossen,

Ihr Schnurrbart hängt herab wie Fahnen greisen Ruhms,

– Siegbogen, Blumen, all der Glanz des Heldentums

Erhebt vor ihnen sich wie eine Zaubersonne,

Sie bringen, ganz betäubt vom Festlärm und der Wonne

Der Trommeln, des Geschreis, des Horns, der Strahlenpracht,

Die Glorie ihrem Volk, das Liebe trunken macht,

So rollt, auf daß er all die nichtge Menschheit letze,

Der Wein sein reiches Gold, ein Paktolos der Schätze;

Im Mund des Menschen singt sein Tun er, siegeshehr,

Gleich wahren Köngen herrscht durch seine Gaben er.

Den Gram zu tilgen und die Gleichmut sanft zu wiegen

All der Verstoßnen, die ergreist und stumm erliegen,

Gab reuig Gott den Schlaf, der tröstlich und gelind.

Der Mensch erschuf den Wein, der Sonne heilges Kind!

Der Wein des Einsamen.

Der Kurtisanen Blick, der seltsam zu uns gleitet,

Dem flüchtgen Zitterstrahl des blassen Mondes gleich,

Wann er herniedertaucht zum leicht gerillten Teich,

In dem um Silberglanz die Flut sich lässig breitet;

Der letzte Beutel Gold in eines Spielers Hand;

Ein tändelnd-dreister Kuß der magren Adeline;

Ein ferner Schmeichelklang von müder Violine

Wie weher Klagelaut, der sich der Brust entwand …

Das alles, Flasche, gleicht dem Glück nicht, das du sendest,

Wenn du den Balsamtrank aus reichem Innern spendest,

Der das erloschne Herz des Dichters neu entfacht,

Du träufelst Hoffnung ihm und Jugend und das Leben

Und Stolz, den einzgen Schatz, den Armut uns gegeben,

Der triumphierend uns und Göttern ähnlich macht.

Der Wein der Liebenden.

Heut strahlen herrlich die Weiten!

Ohne Zügel und Sporn laß uns reiten

Dahin, beflügelt vom Wein,

In den Himmel der Feen hinein!

Zwei Engeln gleich, die dem Glühen

Der lastenden Schwüle entfliehen,

Laß im Morgen, kristallblau und rein,

Uns folgen dem spiegelnden Schein.

Gewiegt von den weichen Schwingen

Des Wirbelwinds, der uns freund,

In gleichentzücktem Umschlingen,

Meine Schwester, laß eng vereint

Uns rastlos fliehn durch die Räume

Zu dem Paradies meiner Träume.

Blumen des Bösen

Die Zerstörung.

Ohn Unterlaß spür ich, wie mich der Dämon drängt;

Wie regungslose Luft hält er mich rings umfangen;

Ich fühl und schlucke ihn, wie er die Lungen sengt,

Er füllt mein schuldig Herz mit ewigem Verlangen.

Oft nimmt er, meiner Glut zur Kunst gar wohl bewußt,

Die buhlerische Form der schönsten Frau auf Erden,

Und heuchlerischen Trugs läßt meiner Lippen Lust

Er den verruchten Trank verworfner Schande werden.

So führt er mich, vom Blick der Gottheit fern gebannt,

Schwerkeuchend und erschöpft durchs weite Wüstenland

Der toten Leere hin, in endlos-grauen Stunden.

Vor meinen Augen, die Verwirrung dunkelt, sät

Zerfetzte Kleider er und aufgerißne Wunden

Und des Zerstörungswerks bluttriefend Schlachtgerät!

Verdammte Frauen.

Gleich stummen Herden sich im Sande lagernd, wenden

Sie ihre Augen nach dem Horizont der See.

In ihren Füßen, die sich suchen, ihren Händen,

Bebt sehnsuchtsbanger Wunsch und fröstelnd-herbes Weh.

Die einen, trunken von gehauchten Traulichkeiten,

Gehn an den Bächen hin, die lallen durch den Hain,

Und stammeln bang die Glut der scheuen Kinderzeiten

Und ritzen Namen in die jungen Bäume ein.

Und andre, Schwestern gleich, durchwandern ernst und schweigend

Die Felsenküste, die Gesichte läßt erstehn.

Wo Sankt Antonius, wie Lavafluten steigend,

Die nackten Brüste der Versuchung einst gesehn.

Und andre, die im Schein verglommner Fackeln weilen,

In heidnischen Gewölbs verschwiegner Dunkelheit,

Flehn deine Hilfe an, ihr Fieberweh zu heilen,

O Bacchus, der der Qual Vergessenheit verleiht.

Noch andre, deren Brust bedeckt vom Skapuliere,

Die eine Geißel in dem faltgen Kleid versteckt,

Vereinen in der Nacht der öden Waldreviere

Den Rausch der wilden Lust der Pein, die Tränen weckt.

Dämonen, Jungfraun ihr, Untiere, Dulderinnen,

Erhabne Geister, die die Wirklichkeit verschmähn,

Die – lüstern oder fromm – auf Unbegrenztes sinnen,

Die bald verzweifelt schrein, in Tränen bald zergehn,

Ihr, denen ich ins Graun der Hölle nachgegangen,

Ich liebe, Schwestern, euch und klage euer Los,

Um euer finster Leid und ungestillt Verlangen,

Um das Gedächtnis an die Glut, so tief und groß.

Die Fontäne von Blut.

Oft deucht es mich, daß mein Blut mir entflieht,

Wie ein Springbrunn mit seltsam schluchzendem Lied,

Wohl hör ich, wie es strömt, dumpf murmelnd Stund an Stunde,

Doch taste ich umsonst und finde keine Wunde.

Durch die Stadt rinnts wie durch umfriedet Gebiet,

Und das Pflaster gleicht Inseln, die es umzieht.

Jedwede Kreatur trinkt es mit durstgem Munde,

Es taucht in tiefes Rot die ungeheure Runde.

Verzweifelt fleht’ ich an der Weine Zaubermacht,

Daß nur ein Tag mir frei von diesem Graun erscheine.

Jedoch das Ohr wird fein, das Auge klar vom Weine.

Im Lieben suchte ich vergessensdunkle Nacht;

Doch scheint mir, sich im Rausch der Liebe zu versenken,

Ein Bett von Nadeln, wo wir jene Dirnen tränken.

Amor und der Schädel.

Alter Buchzierat.

Auf der Menschheit Haupt hat im Hohne

Sich Amor gesetzt,

Und der Freche, der auf seinem Throne

Sich lachend ergetzt,

Läßt schillernde Kugeln steigen

Hinauf in die Luft,

Zu erreichen der Welten Reigen

Im blauenden Duft,

Der Lichtball schwebt, sich beschwingend,

In endlosen Raum,

Birst und haucht seine Seele verklingend,

Wie goldenen Traum,

Nun hör bei den schwebenden Blasen

Den Schädel ich flehn:

Dieses Spieles grausames Rasen,

Wie lang soll es gehn?

Das, was dein Mund, dein verruchter,

Im Spiele vertut,

Mein Hirn ist’s, Mörder, verfluchter!

Mein Fleisch und mein Blut!

Aufruhr

Die Verleugnung des Heiligen Petrus.

Was macht Gott Vater mit der Flut von Lästerungen,

Die Tag für Tag sich auf zu seinen Engeln schwingt?

Ruht er wie ein Tyrann, den Fleisch und Wein bezwingt,

Von unsrer Flüche Klang in sanften Schlaf gesungen?

Der Dulder Schluchzen und der Schrei der Opfer schwillt

Wohl zu berauschender Musik erwünschter Qualen,

Denn trotz dem Blut, mit dem sie diese Lust bezahlen,

Ist noch der Himmel nicht gesättigt und gestillt.

O Jesus! Denke an des Ölbergs bittre Klagen,

Da, als du kindlich Ihn auf Knien angefleht,

Der bei der Nägel Klang sich lachend weggedreht,

Die niedre Henker in dein zuckend Fleisch geschlagen.

Als deine Göttlichkeit bespien ward und entweiht

Vom niedren Kriegsvolk und vom Auswurf roher Buben,

Als du gefühlt, wie tief die Dornen sich dir gruben

Ins Haupt, in dem gewohnt der ganzen Menschheit Leid,

Als dein gebrochner Leib mit schwerer Last die Arme

Dir grauenhaft gedehnt, und als entsetzlich dann

Dir Blut und Schweiß herab von bleicher Stirne rann,

Als eine Zielscheib du hingst vor der Lästrer Schwarme,

Gedachtest träumend du an jenen lichten Tag,

Da zur Erfüllung des Versprechens froh du schrittest,

Da auf der Eselin, der sänftlichen, du rittest

Den Weg, der voll Gezweig und reichen Blüten lag.

Da ganz das Herz erfüllt von Mut und Hoffnungsglanze

Die Händler du gestäupt in göttlichem Gericht,

Da endlich Herr du warst! … Drang denn die Reue nicht

Dir in die Seite ein noch vor dem Stich der Lanze?

Ich, wahrlich, fliehe gern dies irdische Geschlecht,

Wo Traum und Handlung nicht gleichwägt in Schwesterhänden,

Dürft ich den Degen ziehn und durch den Degen enden!

Petrus verleugnete den Herren – er tat recht!

Abel und Kain.

I.

Stamm Abels, schlafe, iß und trinke,

Gott lächelt dir gnädig zu.

Stamm Kains, in Schmutz und Schlamm versinke,

Erbärmlich leb und ende du.

Stamm Abels, deines Weihrauchs Grüßen

Umschwebt den Seraph mild und rein.

Stamm Kains, wird deinem schweren Büßen

Denn niemals eine Ruhe sein?

Stamm Abels, reich ist deine Weide,

Und üppge Saat entsproßt dem Grund.

Stamm Kains, dich schmerzt im Eingeweide

Des Hungers Qual wie einen Hund.

Stamm Abels, deine Glieder wärme

An väterlichem Herdesbrand.

Stamm Kains, wie scheue Schakalschwärme

Irr frierend, ins Geklüft verbannt.

Stamm Abels, lieb und feilsche teuer!

Dein Silber selbst bringt Junge dir.

Stamm Kains, du Herz voll wildem Feuer,

Verfemt ist deiner Wünsche Gier.

Stamm Abels, groß und zahlreich wirst du,

Den Wanzen in den Wäldern gleich!

Stamm Kains, auf öden Straßen irrst du

Im tiefsten Elend, nackt und bleich.

II.

Dein Aas, Stamm Abels, wird verwesen,

Daß es den Boden fetter macht!

Stamm Kains, die Tat, die dir erlesen,

Hast nicht genügend du vollbracht.

Stamm Abels, hör des Urteils Stimme:

Dem Fangspieß ward das Schwert zum Spott!

Stamm Kains, empor zum Himmel klimme,

Und auf die Erde schleudre Gott!

Die Litanei Satans.

Du Cherub, herrlicher als die Gefährten alle!

Gott ohne Ruhm! Gestürzt in allgewaltgem Falle,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

O König des Exils, der unrecht ward verbannt,

Und der, wenngleich besiegt, stets stärker neu erstand,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

O du, allweiser Fürst in unterirdschen Reichen,

Du Heiland jeder Angst, die Menschen läßt erbleichen,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

Der Aussatzkranken selbst und Parias verleiht

Durch Liebe den Genuß von Edens Seligkeit,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

Der zur Geliebten die Verwesung sich erkoren,

Die jene Törin dir, die Hoffnung, hat geboren,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

Der Todgeweihten gibt den Blick voll stolzem Trotz,

Ein Volk verdammend von der Höhe des Schafotts,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

Du, welcher weiß und kennt, in was für nie entdeckte

Geklüfte Gott voll Neid den Edelstein versteckte,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

Du, dessen klarer Blick die Kammern überfliegt,

Wo der Metalle Volk versargt im Schlummer liegt,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

Du, dessen mächtge Hand am Abgrund sicher leitet

Den Menschen, der im Schlaf längs hoher Zinnen schreitet,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

Du, der des Säufers alt Gebein durch Zauberkraft

Selbst unter Rosseshuf heil und geschmeidig schafft,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

Du, der zum Trost des Manns, den Elend ganz verzehrt hat,

Uns des Salpeters und des Schwefels Kraft gelehrt hat,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

Der auf des Krösus Stirn der Mitschuld Zeichen brennt,

Des Seele käuflich ist und kein Erbarmen kennt,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

Du, der in Aug und Herz den Mädchen das Ergetzen

An offnen Wunden gab und an zerlumpten Fetzen,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

Der stets der Forscher Licht, der Stab der Flüchtgen war,

Beichtger Erhängter und verfolgter Sträflingsschar,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

Du Vater aller, die geschreckt von Wetterstrahlen

Vor Gottes grimmem Zorn aus Eden bang sich stahlen,

Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!

Gebet.

Preis, Satan, dir und Ruhm in hoher Himmel Pracht,

Wo einstmals du geherrscht und in der Hölle Nacht,

In der besiegt du träumst in schweigendem Palaste!

Gib mir, daß unter der Erkenntnis Baum einst raste

Mein Geist, dir nahgesellt, zur Stunde, da dein Haupt

Gleich neuen Tempels Dach sein reich Gezweig umlaubt!

Der Tod

Der Tod der Liebenden.

Wir werden Lager tief wie Grüfte finden,

Die leichte Wohlgerüche übersprühn,

Und seltne Blumen werden sich uns winden,

Die unter schönrem Himmel uns erblühn.

Die letzten Gluten hauchend, die entschwinden,

Sind unsre Herzen Fackeln, licht und kühn,

Und lassen Feuer, die sie hold verbinden,

Aus unsrer Geister Zwillingsspiegeln glühn.

Wann Blau und Rosig abends mystisch scheinen,

Laß tiefen Blick uns tauschen, wie ein Weinen,

Ein Schluchzen, das nur Abschied atmen soll.

Dann schiebt ein Engel sacht zurück die Riegel,

Und neu belebt er, treu und liebevoll,

Die toten Flammen und die trüben Spiegel.

Der Tod der Armen.

Der Tod, ach, ist uns Trost und hoffnungsvolles Lieben,

Er ist des Lebens Ziel, die Kraft, die uns durchdringt,

Er ist der Zaubertrank, von dessen Rausch getrieben

Wir mutvoll weitergehn, bis daß der Abend sinkt.

Durch Sturmwind, Reif und Schnee, die eisig niederstieben,

Ist er die Klarheit, die durchs Dunkel zitternd blinkt;

Die große Herberg, wie sie in dem Buch geschrieben,

Wo man sich setzen kann, wo Schlaf und Speise winkt.

Er ist ein Engel, der des tiefen Schlafs Beglückung

In Zauberhänden hält und selgen Traums Verzückung,

Und der ein weiches Bett den nackten Armen macht;

Er ist der Götter Ruhm, des Erntesegens Milde,

Des Armen Gold, sein alt und heimatlich Gefilde,

Das weiterschloßne Tor zu neuer Himmel Pracht!

Der Tod der Künstler.

Wie oft ertönt mir noch der Narrenschellen Klang,

Wie oft noch, Zerrbild, küss ich deine Stirn voll Grauen?

Wieviel Geschosse noch verfliegen mir im Blauen,

Mein Köcher, eh ein Pfeil das seltne Ziel durchdrang?

Wir schmieden Plan auf Plan, das ganze Leben lang;

Manch schwer Gewaffen wird im Kampfe noch zerhauen,

Eh wir die Kreatur, die riesenhafte, schauen,

Gesucht in ewger Gier, die Tränen uns entrang.

Und Menschen gibt es, die stets fern von dem Idole,

Und diesen Bildnern, die verdammt und lichtberaubt,

Gezeichnet von der Schmach, dir meißeln Brust und Haupt,

Winkt eine Hoffnung nur gleich finstrem Kapitole!

Daß ihnen einst der Tod, ein neues Lichtgestirn,

Die Blume sprießen läßt und blühn aus ihrem Hirn!

Ende des Tages.

In bleiernen Lichtes Weben

Tanzt und windet ohne Grund

Sich schamlos lärmend das Leben,

Drum sobald der Erde Rund

Von seligem Dunkel erfrischt ist,

Wann alles, der Hunger selbst, ruht,

Wann alles, die Schmach selbst, verwischt ist,

Seufzt der Dichter: Nun ist’s gut!

Meine Glieder wie meine Gefühle

Erflehen die Ruhe sich,

In finsterem Traumgewühle

Will ausgestreckt liegen ich,

Und dein Vorhang umhülle mich,

Erquickende, nächtige Kühle.

Traum eines Wißbegierigen.

Kennst du so tief wie ich des Leidens Süßigkeiten,

Und sagt man auch von dir: »Seht, welch ein Sonderling!«?

– Ich lag im Sterben. In der Brust, der todgeweihten,

Rang Schrecken und der Wunsch zum Tod, ein seltsam Ding.

Angst fühlt’ und Hoffnung ich, jedoch kein Widerstreiten.

Je mehr der schlimme Sand der Uhr zu Ende ging,

Je schärfer fühlte ich der Folter Herrlichkeiten;

Mein Herz entriß sich ganz der Welt, die es umfing.

Mein Fühlen glich dem Wunsch von schaubegiergen Kindern,

Den Vorhangsfalten feind, die unsre Blicke hindern …

Bis daß die Wahrheit sich enthüllte, kalt und blaß:

Tot war ich ohne Schreck. Und mich umgab der Schimmer

Des grausen Morgenrots. – Was! ist es nichts als das!

Der Vorhang war entschwebt … ich wartete noch immer.

Die Reise.

An Maxime du Camp.

I.

Dem Kinde, das entzückt von jedem Stich und Bilde,

Erscheint die Erde weit wie seine Träumerein.

Wie ist die Welt so groß bei lichter Lampen Milde!

Für der Erinnrung Blick, wie ist die Welt so klein!

Entflammten Geistes sind wir plötzlich auf dem Wege,

Das Herz von dumpfem Groll und herber Sehnsucht schwer,

Daß unsre Seele bang im Takt der Ruderschläge

Ihr Unbegrenztes wiegt auf dem begrenzten Meer:

Die einen fliehn ihr Land, um Ehr und Glück betrogen,

Die andern jagt der Fluch der Heimat, andre gehn,

In Augen einer Frau versunkne Astrologen,

Der Circe, die verlockt mit süßer Düfte Wehn.

Um nicht in Tiere sich zu wandeln, trinken Wonne

Sie aus der Himmel Glanz, aus Weite, Licht und Strahl;

Die Eisluft, die sie stählt, der Feuerbrand der Sonne

Verwischen allgemach der Küsse haftend Mal.

Doch wahre Wandrer sind, die den Ballons gleich reisen,

Nur um zu reisen, die leichtherzig nie den Bann,

Den ihnen das Geschick auflegte, von sich weisen,

Sie wissen nicht den Grund und sagen doch: Voran!

Die, deren Wünsche gleich den Wolken sich entfalten,

Wie ein Rekrut, der träumt von der Kanonen Ruf,

Erhoffen Freuden sie, die stets sich neu gestalten,

Für die des Menschen Geist noch niemals Namen schuf!

II.

Wir ahmen Kreisel nach und Ball in ihrem Schwirren

Und ihrem blinden Tanz; denn selbst im Schlummer nagt

Die Neugier uns das Herz und läßt uns weiter irren,

Grausamem Engel gleich, der Sonnen peitscht und jagt.

O sonderbares Glück, das stets verschiebt die Ziele,

Das, weil es nirgends ist, uns überall erscheint!

So daß der Mensch, der nie satt wird am tollen Spiele,

In ruhelosem Lauf Ruhm zu erjagen meint!

Ein Fahrzeug ist der Geist, das dreigemastet steuert

Zum Lande seines Glücks. – Schau auf! tönt’s längs dem Schiff;

Vom Mastkorb hallt ein Ruf, von Wahnsinn angefeuert:

Glück … Liebe … Ruhm! O Fluch! Er ist ein Felsenriff.

Ein jedes Eiland, das der Mann auf Wache kündet,

Erscheint ein Eden uns, das das Geschick verhieß,

Und unsre Phantasie schaut dort ihr Reich begründet,

Bis eine Klippe nur im Morgengraun sich wies.

Ihn, dessen Wünsche nur erträumten Landen gelten,

Sprecht, soll man fesseln ihn, ihn werfen in die See?

Den trunknen Seemann, den Entdecker neuer Welten,

Die spiegelnd in der Flut verschärfen unser Weh?

Gleichwie ein Vagabund durch Schmutz und Dunkel hinkend,

Die Nase in der Luft, sich Paradiese malt;

Sein Blick schaut überall ein Capua, wo blinkend

Ein ärmlich Talglicht aus zerfallner Hütte strahlt.

III.

Ihr edlen Reisenden! Welch seltne Wunder können

In euren Augen wir, die tief wie Meere, schaun!

Wollt des Gedenkens Schrein, den reichen, ihr uns gönnen,

Kleinodien, die ihr schuft aus Licht und Ätherblaun!

Dann reisen ohne Dampf und Segel wir von dannen!

Damit ein Lichtstrahl uns des Kerkers Nacht besonnt,

Laßt über unsren Geist, den leinwandgleich wir spannen,

Erinnrungsbilder ziehn, umrahmt vom Horizont.

Was saht ihr? Sprecht!

IV.

Wir sahn der Sterne licht Gefunkel,

Wir sahen Wüstensand und Wellen ungezählt;

Trotz manchem Unglücksschlag, trotz Sturm und Wetterdunkel

Hat Langeweile uns ganz so wie hier gequält.

Der Sonne Glorie auf den veilchenfarbnen Meeren,

Der Städte Glorie, wann die Sonne leuchtend sinkt,

Entzündeten in uns ein ruhelos Begehren

Nach eines Himmels Glanz, der fremd verlockend blinkt.

Die reichsten Städte und die prangendsten Gefilde

Enthielten nimmermehr den mystisch-seltnen Reiz,

Wie ihn aus Wolken formt des Zufalls fremd Gebilde.

Stets hauchte Sehnsucht uns die Schauer bangen Leids.

– In dem Genusse weiß die Sehnsucht Kraft zu finden.

O Sehnsucht, alter Baum, der von der Lust sich nährt,

Indessen du ergreist und härtest deine Rinden,

Sieh, wie dein schlank Gezweig zur Sonn’ emporbegehrt.

Strebst ewig, großer Baum, du mächtiger nach oben

Als die Zypresse? – Doch wir haben sorglich, wißt,

Für eures Sammelns Gier euch Skizzen aufgehoben,

Ihr Brüder, die ihr preist, was aus der Ferne ist.

Wir grüßten Götzen, die mit Riesenrüsseln dräuten,

Und Throne, die gebaut aus lichtem Edelstein;

Der Prunkpaläste Glanz, an dem wir uns erfreuten,

Möcht euren Handelsherrn Traum und Verderben sein.

Gewande, die das Aug entzücken und berauschen,

Fraun, die sich färben Zähn und Nägel, schauten wir

Und weise Zauberer, auf welche Schlangen lauschen.

V.

Was noch, was weiter noch?

VI.

O Kinderseelen ihr!

Um nicht das Wichtigste von allem zu vergessen,

Wir sahen überall, obgleich wir’s nie begehrt,

So oft die Stufen auch der Leiter wir durchmessen,

Den lästgen Anblick, den die Sünde uns gewährt:

Das Weib, die Sklavin, die ohn’ Abscheu, ohne Lachen

Sich liebt und tut, was Stolz und Dummheit ihr gebot,

Der Mann, ein Zwingherr, den Begier und Zorn entfachen,

Der Sklavin Sklave und ein Bach in Schmutz und Kot;

Der Henker, der sich freut, des Opfers Qual zu schärfen;

Die Orgie, der das Blut die rechte Würze gibt;

Das Gift der Herrschgewalt, Despoten zu entnerven,

Das stumpfe Volk, das in der Peitsche Schlag verliebt;

Und Religionen, die der unsren alle gleichen,

Zum Himmel klimmend, stolz auf ihre Heiligkeit,

Die, wie ein Zärtling, der sich wälzt im Bett, im weichen,

Sich ihre Wollust sucht in Pein und härnem Kleid.

Die Menschheit redet toll, am eignen Geist sich freuend,

Und wie sie immer war, von Wahnsinn heimgesucht,

In ihrem Todeskampf zu Gott dem Herren schreiend:

O du mein Ebenbild, mein Meister! Sei verflucht!

Die wenigst Dummen noch, die kühn den Wahnsinn lieben,

Den Haufen fliehend, der verschont bleibt vom Gericht,

Ins grenzenlose Reich des Opiums getrieben! –

So heißt des Erdenballs allewiger Bericht.

VII.

Ein bitter Wissen, das auf Reisen wir erspähen!

Die Welt läßt, eng und klein, für ewig festgebannt,

Uns gestern, morgen, heut das eigne Bildnis sehen,

Oase tiefen Grauns in öder Wüsten Sand!

Muß bleiben man, muß fliehn? Kannst bleiben du, so bleibe;

Geh, wenn dir’s not! Der flieht, der duckt verborgen sich,

Daß er die Wachsamkeit des Feindes hintertreibe,

Der Zeit! – O Läufer sind, die unabänderlich

Wie die Apostel und der ewge Jude eilen,

Die Schar, der Kiel und Rad nie schnell genug erschien,

Zu fliehn des Gegners Netz; und andere verweilen

Am Ort, der sie gebar, und töten dennoch ihn.

Wann endlich seinen Fuß im Rücken wir gewahren,

Dann können hoffen wir und rufen laut; Voran!

So wie vor Zeiten einst gen China wir gefahren,

Den Blick auf weiter See, die Haare im Orkan.

Wir werden froh das Meer der Finsternisse grüßen,

Dem jungen Wandrer gleich, des Herz sich freudig hebt,

Hört diese Stimmen ihr, die dunklen, tödlich-süßen,

Die singen: Kommt hierher, die ihr zu speisen strebt

Vom Lotus selgen Dufts. Hier erntet ihr alleine

Die Wunderfrucht, nach der ihr hungernd lang geirrt;

Kommt ihr berauschen euch am seltsam-milden Scheine

Des Sommernachmittags, der niemals enden wird?

Die traute Stimme weist uns Schatten, längst begraben;

Die Schar der Pylade erschließt die Arme weit.

»Schwimm zu Elektren hin, dein müdes Herz zu laben!«

Ruft sie, der wir die Knie geküßt vor langer Zeit.

VIII.

Tod! Greiser Kapitän! Zeit ist zum Ankerlichten!

Dies Land sind müde wir. O Tod, in See hinein!

Dräun, schwarz wie Tinte, Meer und Luft uns zu vernichten, –

Im Herzen, das du kennst, strahlt doch ein lichter Schein!

Laß zu erneuter Kraft dein eisig Gift uns trinken!

Wir wollen – uns verbrennt das Hirn in Glut und Graun –

Tief in des Abgrunds Nacht, ob Höll, ob Eden, sinken,

Ins unbekannte Sein, um Neues zu erschaun!

Aurelius Augustinus – Bekenntnisse

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Aurelius Augustinus

Bekenntnisse

(Confessiones)

Erstes Buch

Mit meinem frühsten Freunde, meinem Hort,

Darf ich noch reden von der Kindheit Tagen,

Ihn traulich mahnen an die kleinen Plagen;

Er war mein sanfter Morgenstern ja dort.

Früh führten mich die Menschen von ihm fort,

Doch muß ich mich, wie sie vor ihm verklagen;

Nach eitlen Spielen mochten wir nur fragen,

Der kleine Thor hing an der großen Wort.

Da uns des Stolzes Hülle dicht umnachtet,

In hohler Weisheit suchten wir den Preis,

Um den wir schnöde deinen Ruhm verachtet.

Du aber kamst geheimnisvoll und leis,

Und heiltest den, der an sich selbst vermachtet,

Der nichts mehr jetzt als deine Gnade weiß.

I.

Groß bist du Herr und hoch zu loben, groß ist die Fülle deiner Kraft und unermeßlich sind die Spuren deiner Weisheit. Und preisen will dich der Mensch, ein Theilchen deiner Schöpfung, der Mensch, sich tragend mit seiner Sterblichkeit, die das Zeugnis seiner Sünde über ihn ablegt, ein Zeugnis, daß du den Stolzen widerstehst. Auch ein solcher Mensch will dich preisen, will dich preisen, eben weil auch er ein Theilchen deiner Schöpfung ist. Du reizest zur Freude an deinem Lobe, weil du für dich uns erschufest und weil unser Herz ruhelos bleibt, so lang es nicht ruhet in dir. So gib denn, Herr, mir zu erkennen, was eher ist: dich anrufen oder dich preisen, dich erkennen oder dich anrufen. Wer vermöchte dich anrufen, ohne daß er dich erkennete? Kann er ja Eines statt des Andern anrufen, so lang er dich nicht erkennt. Oder wirst du zuvor angerufen, damit du erkannt werdest? Aber wie wollen sie den anrufen, an den sie nicht zuvor glaubten und wie wollen sie glauben ohne Prediger? Ja, loben werden den Herrn die nach ihm fragen, denn die ihn suchen werden ihn finden und die ihn fanden ihn loben. Ich will dich suchen, Herr, da ich zu dir rufe und will zu dir rufen, da ich dich glaube, denn du bist uns verkündigt. So ruft denn zu dir mein Glauben, mir von dir gegeben, den du mir einhauchtest durch die Menschwerbung deines Sohnes, durch den Dienst deines Predigers.

II.

Wie soll ich meinen Gott anrufen, meinen Gott und Herrn? Ich rufe ihn ja in mich selbst, so oft ich ihn anrufe. Und welches ist die Stätte in mir, wo Gott in mich eingeht, wo der Gott eingeht, der Himmel und Erde schuf? Herr, mein Gott, so ist in mir etwas, das dich faßt! Fraßen dich denn Himmel und Erde, die du schufst, in denen du mich erschufst? Oder faßt dich darum Alles, was da ist, weil ohne dich nicht wäre. Was da ist? Weil denn auch ich bin, was flehe ich zu dir, daß du in mich kommest, der ich nicht wäre, wenn du nicht in mir wärest? Noch lebe ich, noch sank ich nicht hinab in die Schattenwelt; und doch auch dort bist du, wenn ich hinabsteige in des Todtenreiches Tiefen. Ich wäre gar nicht, mein Gott, wäre niemals und nirgends, wenn du nicht in mir wärest. So wäre ich denn gar nicht, wenn ich nicht wäre in dir, von dem Alles, in dem Alles, durch den Alles ist? Auch so, mein Herr denn, auch so! Wohin soll ich dich rufen, der ich in dir bin? Von wannen ist dein Kommen in mich? Wohinaus soll ich dringen aus Himmel und Erde, daß von dorther mein Gott in mich eingehe, der Sprach: ich erfülle Himmel und Erde? (Jerem. 23, 24.)

III.

So fassen denn dich Himmel und Erde. Weil du sie erfüllst? Oder erfüllst? Oder erfüllst du sie und bleibt noch, das sie überragt, während sie dich nicht erfassen? Und wohin ergießest du den Ueberfluß, nachdem Himmel und Erde von dir sind? Ist dir nicht Noth, gehalten zu werden irgendwo, der du Alles hältst, weil du erfüllst, nur erfüllst, indem du es begreifst in dir? Denn die Gefäße, voll von dir, halten dich nicht fest; wirst ja du nicht ausgeschüttet, wenn sie zerbrechen. Und wenn du dich über uns ausschüttest, so liegst du nicht nieder in uns, du richtest uns auf, wirst nicht zerstreut, du sammelst uns. Aber der du alles erfüllst, erfüllst du auch Alles mit deinem ganzen Wesen? Oder weil nicht Jegliches dein ganzes Wesen fassen kann, faßt es einen Theil von dir, und faßt alles zugleich denselben Theil von dir? Faßt das Einzelne nur einzelne, das Große größere, das Kleine kleinere Theile? Ist damit ein Theil von dir größer und ein Theil von dir kleiner? Bist du der Ganze im Ganzen nur, und faßt dich kein einzelnes Wesen in deiner Fülle?

IV.

Mein Gott, was bist du? Was frage ich? Wer als mein Herr! Denn wer ist Herr außer dem Herrn, und wer ist Gott außer unserm Gott! Du Höchster, Bester Mächtiger, Allvermögender! Du Erbarmungsvoller und Allgerechter, Verborgenster und Allgegenwärtiger, voll Schönheit und voll Stärke! Der du fest stehst und doch nicht zu fassen bist; selber wandellos, Alles wandelst, niemals neu wirst und niemals alt, der du Alles erneuest und die Uebermüthigen hinhalten läßest und vergehen, ohne daß sie darauf merken! Du, immer thatenreich und immer ruhevoll, der sammelt und doch nichts bedarf, der trägt, erfüllt da nichts dir abgeht, liebest ohne aufzuwallen, eiferst ohne daß es dich anficht! Dich schmerzt deine Rene nicht; du zürnst und bleibst die Milde, wandelst deine Werke, und dein Rathschluß bleibt unwandelbar! Auf nimmst du, was du findest, und hast es doch nie verloren; bedarfst nichts, und freuest dich des Gewonnenen; nie habsüchtig treibst du dir Zinsen ein! Dir wird dargeliehen, daß du zum Schuldner werdest, und wer hat etwas, das nicht dein wäre? Schuld entrichtest du, die du Keinem schuldest; erläßest Schuld und verlierst nichts. – Wie vermögen wir dich auszusprechen, o du mein Gott und mein Leben, meine Süße, heilige Wonne! Was weiß der Mensch zu reden, wenn er redet von dir? Der Beredten Mund verstummt vor dir, aber webe denen, die von dir schweigen!

V.

Wer wird mir verleihen, in dir zu ruhen, wer wird mir helfen, daß du in mein Herz kommest und es beseligend sättigest, bis ich vergeße alle meine Schmerzen, und dich umfange, mein einziges Gut? Was bist du mir? Sieh mich erbarmend an, daß ich wage zu reden. Und was bin ich dir, daß du gebeutst von mir geliebt zu werden, und wenn ich’s nicht thue, mir zürnst und unermeßliches Elend drohst? O, ist denn das Elend klein, dich nicht zu lieben? Weh mir! Herr, mein Gott, bei deiner reichen Erbarmung verkünd’ es mir, verkünd’ es mir, was du mir bist! Meiner Seele sage: Ich bin Heil (Psalm 35, 5). So sprich du, daß ich vermöge zu hören. Siehe, meines Herzens Ohren sind vor dir, schließ sie auf und sprich zu meiner Seele: Ich bin dein Heil! Eilen will ich dieser Stimme nach und dich ergreifen. Verbirg dein Angesicht nicht vor mir; streben will ich, um nie zu sterben, damit ich diese sehe! Will ersterben der Welt und mir, damit ich zu leben beginne meine todesfreie Ewigkeit, bis ich in dir lebe und du in mir! Aber eng ist meiner Seele Haus. Wie wirst du einziehen? Mach’ es weit! Es ist hinfällig, bau’ es neu. Ja, in ihm ist, was deine Augen beleidigt; ich bekenne es, denn ich weiß es; wer kann es reinigen? Wen kann ich rufen, außer dir! Reinige mich von den verborgenen Fehlern und bewahre deine Knecht vor den Fremden. Ich glaube, darum rede ich. Herr, du weißest es; habe ich ja dir meine Schuld bekannt und mich vor dir verklagt, vergabest du mir doch die Sünde meiner Seele! Denn nimmer will ich mit dir rechten, der du die Wahrheit bist, will mich selbst nicht betrügen, damit meine Sünde nicht sich selbst belüge; nein, ich will nicht rechten mit dir; denn wer kann bestehen, wenn du die Sünden zurechnest!

VI.

Doch laß mich reden um deiner Erbarmung willen, reden laß mich, den Staub und die Asche. Denn siehe, ich rede zu deiner Erbarmung, rede nicht zu einem Menschen, der meiner spottet. Doch auch du findest mich wohl des Hohnes werth, aber du wendest es und erbarmst dich mein. Und was ist es denn, das ich sagen mag o Herr, mein Gott? Nichts anderes, als daß ich nicht weiß, von wannen ich hieher gekommen, ich weiß nicht soll ich sagen in dieß todbringende Leben oder in diesen lebenbringenden Tod. Aber empfangen haben mich die Tröstungen deiner Erbarmungen, wie ich vernahm von den Eltern meines Fleisches, vom Vater aus dem, und von der Mutter in der du mich gebildet in der Zeit, denn ich selbst weiß nicht davon. Dann stillte mich mild die Milch des Menschen. Meine Mutter nicht, noch meine Ammen füllten sich die spendende Brust, durch sie reichtest du mir die kindliche Nahrung, nach dem Reichthum der lenkenden Weisheit, den du austheilst bis an den kleinen Anfang deiner Erschaffenen. Auch gabst du mir ein, nicht mehr zu wollen als du gabst, und den Ernährerinnen, mir willig zu geben, was du ihnen gabst. Der Liebe Trieb war ja von dir, mit dem sie mir darboten was sie in Fülle von dir hatten; denn gut däuchte ihnen, was ich Gutes aus ihnen empfing, und das war aus ihnen nicht, nur durch sie; aus dir Gott fließt alles Gute und aus meinem Gott kommt mir alles Heil. Wohl erkannte ich das erst in den folgenden Zeiten, wo du an dich mich mahntest und zu dir mich ludest durch Alles, was du mittheilst an innern und an äußern Gaben. Denn damals vermochte ich nichts, als mich zu nähren an der Menschenbrust, zu ruhen im Behagen, zu meinen im Schmerz meines Fleisches. Hierauf begann ich zu lächeln, zuerst im Schlafe, dann im Wachen. Doch siehe allmählich empfand ich, wo ich war, wollte jetzt meine Wünsche denen kund thun, durch die sie sollten erfüllt werden, und vermochte es nicht; denn was ich wünschte, war in mir; die es erfüllen sollten, waren außer mir, und konnten mit keinem ihrer Sinne in meine Seele bringen. Nun erhob ich die Stimme und bewegte die Glieder, um sie, wie wenig ich es auch vermochte, zu Zeichen meiner Wünsche zu machen, aber sie waren nicht bezeichnend. Als man mir nicht zu Willen war, weil man mich nicht verstund, oder weil mir schädlich war was ich begehrte, da ward ich zornig auf die großen Leute, die sich mir nicht unterwarfen, und auf die von mir Unabhängigen, die mir nicht dienen wollten, und rächte mich an ihnen durch Geschrei. Das sah ich an andern Kindern, und die sagten mir deutlicher, als es meine Ernährer mir erzählten, daß auch ich ein solches Kind gewesen. Aber siehe, meine Kindheit ist längst gestorben und ich lebe. Du aber, Gott, der du immer lebst und in dem nichts stirbst, weil du vor der Zeiten Beginn und vor Allem bist, was vordem war, du bist der Gott und Herr von Allem, was du schufest; bei dir bleiben die beständigen Ursachen aller unbeständigen Dinge, die unwandelbaren Ursprüngliche aller wandelbaren Wesen und die ewigen Grundgedanken aller vernunftlosen und vergänglichen. So vertrau es denn mir, deinem Flehenden, vertrau es barmherzig deinem Erbarmenswerthen, ob meine Kindheit gefolgt sei einem ihr schon vorangeschiedenen Leben, oder ob dieß vorangegangene kein anderes war, als das ich zubrachte in meiner Mutter Leibe. War etwas auch vor diesem, du meine Süße Wonne, mein Gott? War ich irgendwo und war ich? Ich habe nicht, der mir es fragte; weder Vater noch Mutter, noch den Versuch Anderer, noch mein Gedächtnis. Aber du lächelst wohl mein, indem ich dieß frage, du gebietest mir, dich über dem zu loben und das zu bekennen, was ich weiß. So will ich dich bekennen, Herr des Himmels und der Erde, will dir danken für meinen Ursprung und für mein Kindesleben, ob ich mich ihrer auch nicht entsinne; denn von Andern sollen wir ihrer auch nicht entsinne; denn von Andern sollen wir in diesen Dingen auf uns selber schließen, sollen den Frauen viel glauben, was sie uns von uns selbst erzählen. Schon damals war ich und suchte nach Zeichen für meine Anliegen und Wünsche. Woher solch ein Lebendiges, als von dir! Denn wo wäre der Künstler, der sich selbst erschaffen hätte? Oder wo ist der Quell, aus dem unser Wesen strömt und seine bewegte Lebendigkeit, als in der Herr, der du uns schufest, in welchem des Daseins ewiger Grund und ausströmendes Leben dasselbe sind, weil du selber bist das tiefste Ursein und die höchste Lebensfülle. Der Höchste bist du und der Unveränderliche, in dir vergeht der heutige Tag nicht und doch vergebt er dir, denn in dir ist alles Leben, das durch die Zeiten fluthet, du läßest es an dir vorübergehen und hältst es doch in deiner mächtigen Hand. Vor dir ist nichts als Gegenwart, weil deine Jahre nicht vergehen. Doch wie viele von unsern Tagen und von den Tagen unsrer Väter sind durch diesen Heutetag deiner ewigen Gegenwart gegangen und haben von dir ihr zugemeßens Theil empfangen, und wie viele werden es noch empfangen! Du aber bist immer derselbe, wirst zum Heute machen alles Morgende uns Alles, was nach diesem folgt, wie du zum Heute gemacht alles Vergangene und längst Vergangene. Wie soll mich bekümmern, was Niemand begreifst? Nein, freuen will ich mich, wenn ich bekenne: das ist mir zu hoch! Und es beglückte mich mehr dich demuthvoll durch Nichtfinden zu finden, als dich übermüthig durch Finden nicht zu finden, du unergründlicher Freudenquell.

VII.

Erhör uns Gott, erbarm dich unser! Weh über unsere Sünden! So ruft der Mensch und du erbarmst dich sein, weil du ihn und nicht die Sünde in ihm schufest. Wer bringt meiner Kindheit Sünden vor mein Gedächtniß? Denn vor dir ist Niemand rein von Sünden, selbst das Kind nicht, dessen Leben nur einen Tag gewährt. Daran mahnt mich jeder dieser Kleinen, an dem ich das sehe, des ich aus meiner Kindheit mich nicht mehr erinnern kann. War es Sünde, daß ich damals auch so ungebärdig nach der Brust begehrte? Verlangte ich so noch jetzt nach meiner Nahrung, mit vollem Rechte würde ich verlacht und getadelt. So verübte ich schon damals Tadelnswerthes, und nur, weil ich den Tadler nicht verstehen konnte, verboten Vernunft und Sitte den Tadel. Zwar legen wir derlei ab, wenn wir älter werden, aber das eben beweist, daß es nichts Gutes war; denn wo man ein Gefäß reinigt, da wirst kein Verständiger weg, denn wo man ein Gefäß reinigt, da wirft kein Verständiger weg, was es Gutes enthält. Nicht gut, fürwahr, war es für jene Zeit, mit Schreien selbst das Schädliche zu verlangen, und denen ungestüm zu zürnen, die unser Verlangen nicht befriedigen, an denen, die über uns stunden, an den Zeugern unseres Lebens selbst, die zudem noch die Klügeren waren, gierig und stößig, verletzen wollend, aufzufahren, weil sie einer Gewaltthätigkeit nicht gehorchten, der sie nur zu des Kindes Schaden gehorcht hätten. Dabei war es Höchstens die Schwachheit der Kindesglieder, was die Sünde nicht gelingen ließ; nicht aber war schuldlos selbst die Kindesseele. Sah ich doch selbst einst einen hadernden Kleinen, der noch nicht einmal zu sprechen vermochte, und doch mit zorngelber, bitterer Miene auf seinen Milchbruder schaute. Die Mütter und Ammen sagen freilich, das mache sich, ich weiß nicht durch was, schon beßer; wenn es nicht gar für schuldlos gehalten wird, an dem reichlich strömenden Nahrungsquell den Mitgenoßen nicht zu dulden, der von der gleichen Nahrung nur am leben erhalten wird. – Aber man erträgt es liebkosend, nicht weil es unbedeutend ist, sondern weil man weiß, es werde mit den Jahren vergehen, in welchen es nicht mehr zu ertragen wäre. Du Herr, mein Gott, hast das Leben dem Kinde gegeben, hast seinen Leib gerüstet mit Sinnen; ihm die Glieder; ihm die Glieder geordnet und schön gebildet; hast ihm der Erhaltung und Unverletztheit Triebe alle ins Herz gepflanzt, und du willst, daß ich lobsinge dafür deinem heiligen Namen. Denn der allmächtige, gütige Gott wärest du, wenn du auch so viel nur an mir erschaffen hättest, das kein Anderer schaffen kann, als du allein, der Alles ordnet. Der Schönste bist du, der du Alles formst und ordnest. Zwar mag ich dieß Kindesalter kaum zu dem Leben rechnen, das ich jetzt durchlebe; mir fehlt sein Gedächtniß, ich glaube nur was mir Andere davon sagten und was ich darüber nur was mir Andere davon sagten und was ich darüber aus der Betrachtung anderer Kinder mit großer Zuverläßigkeit ist es dem gleich, das ich verlebte in meiner Mutter Leibe. Doch wenn ich in Sünden empfangen ward, wenn mich in Sünden schon die Mutter nährte in ihrem Leib, wo, ach, wo mein Gott, und wann, o Herr, war ich, dein Knecht, von Sünden rein! Ich laße jene Zeit nun, von der mir keine Spur geblieben.

VIII.

Aus der Kinderzeit kam ich in’s Knabenalter, oder vielmehr, es kam in mich, auf meine Kindheit folgend; denn diese gieng nicht, wo sollte sie auch hingehen? Und dennoch war sie nicht mehr. Jetzt war ich kein sprachloses Kind mehr, ich war ein gesprächiger Knabe. Das weiß ich noch, und woher ich sprechen lernte, habe ich nachher beobachtet. Aeltere Menschen lehrten mich nicht, theilten mir nicht die Worte mit nach festem Lehrplan, wie bald darauf, als sie mich lesen lehrten, sondern mit dem Verstand, den du mir gegeben, suchte ich damals durch Seufzer und andere Laute, sowie durch mein Gebärdenspiel was mein Herz bewegte und verlangte zu offenbaren. Da ich aber nicht Alles, was ich wollte, vermochte, noch es bei Allen vermochte, so sprach ich meinem Gedächtnisse das Wort vor, mit dem sie einen Gegenstand benannten. Und wenn sie dazu noch sich nach hinwendeten, so merkte ich, das müßte der Gegenstand sein, den sie genannten hatten. Aus ihren Gebärden offenbarte sich das, was sie wollten, denn sie sind die gemeinsame Natursprache aller Völker, wo Miene und Blicke, der Glieder Bewegung und der Stimme Ton es aussprechen was die Seele wünscht und begehrt, verweigert und flieht. So machte ich mir allmählich die Worte eigen, die ich oft genug am rechten Ort aus ihren Aussprüchen vernahm und sprach meine Willensmeinung mit dem Munde aus, den ich nach den vernommen Bezeichnungen zu Rechte stellte. Endlich lernte ich mit den Meinen des Gesprächs pflegen und schritt weiter hinein in die stürmische Geselligkeit des Menschenlebens, noch abhängig vom elterlichen Ansehen und vom Erwachsenen.

IX.

Herr mein Gott, welche Noth ich erfuhr und welche Plagen, da mir als Knaben schon aufgegeben wurde, recht zu leben, das ist, den Ermahnen zu gehorchen, um in der Zeit empor zu kommen und mich in den Künsten der Beredtsamkeit auszuzeichnen, die ja sowohl Ehre vor den Menschen, als trügliche Reichthümer uns bereiten. Hierauf gab man mich in die Schule, um mich die Wißenschaften zu lehren, deren Nutzen ich Unglückskind nicht einsah, während ich doch Schläge bekam, wenn ich träge war im Lernen. So gefiel es den Aeltern; und Viele, die vor uns diese Lebensart erwähnt hatten, bereiteten uns den mühevollen Weg, auf dem wir gehen mußten, in der vermehrten Pein und Mühsal der Söhne Adams. Aber du, Herr, ließest uns auch Menschen finden, die dich anbeteten, und von ihnen lernten wir, so weit wir vermochten, deine Größe fühlen, mit der du auch uns erhören und helfen könntest, ob du gleich unsern Augen nicht erschienest. Daher flehte ich stammelnd zu dir, meiner Hilfe und Zuflucht, so klein ich war, mir nicht kleiner Inbrunst, du mögest mich in der Schule vor Schlägen bewahren. Und da du mich nicht erhörtest, damit mich die scharfe Zucht weiser mache, lachten ältere Menschen, die Aeltern selbst, die doch nie bekam, was mir zum großen und schweren Leiden wurde. Lacht darüber nicht nur die fühllose Thorheit, Herr? Ist Jemand so stark genug, so mächtig fromm dir anhangend, daß er das Folterbrett und die Marterkralle und wie die Folterwerkzeuge sonst heißen, für nichts achten obwohl alle Welt in großer Furcht bittet von ihnen verschont zu werden und daß er verlacht, die sich vor ihnen fürchten, gleichwie Eltern der Marterwerkzeuge lachten, mit welchen die Knaben von ihren Lehrern gestäupt wurden? Wie aber fürchteten sie fürwahr nicht weniger, und flehten nicht mit minderer Angst zu dir um ihre Abwendung. Freilich sündigten wir dadurch, daß wir weniger schrieben, lasen und durchdachten, als es uns aufgegeben worden war. Gedächtniß und Gaben fehlten uns nach dem Maß unserer Alters nicht, aber das Spiel ergötzte uns, und die zerstreuende Lust an ihm wurde von denen an uns abgestraft, die selbst das Gleiche trieben. Aber die Spielereien der Erwachsenen nennt man Geschäfte und wenn die Knaben dasselbe thun, werden sie von den großen Leuten bestraft; bedauert wird keiner, weder sie von den großen Leuten bestraft; bedauert wird keiner, weder der Kleine, noch der Große. Jedermann billigte die Streiche, die ich bekam, weil ich gerne Ball spielte und dadurch am Erlernen jener Kenntnisse gehindert wurde, mit welchen ich in späteren Jahren noch häßlicher spielen sollte, wie es mein Lehrer that; denn er, der mich schlug, wurde mehr von Neid und Galle gequält, wenn ein Gelehrter in einer Streitfrage überwand, als ich es wurde, wenn mich mein Spielgeselle im Ballspiel übertraf.

X.

Und doch habe ich gesündigt, mein Herr und Gott, du Lenker und Schöpfer aller Dinge, aber der Sünde Lenker nur. Gesündigt habe ich gegen die Gebote der Eltern und der Lehrer, denn in der Folgezeichen hätte ich die Kenntnisse zum Guten zu verwenden vermocht, die ich nach dem Willen der Meinen gern oder ungern lernen sollte. Nicht durch die Wahl von etwas Beßerem wurde ich ungehorsam, sondern durch die Liebe zu Spielereien. Im Streit gefiel mir der stolze Sieg, erdichteten Märchen lieh ich die immer lüsterner werdenden Ohren und dieselbe Neugier leuchtete aus meinen Augen mehr und mehr nach den Schauspielen und Festen der Alten. Die Geber solcher Spiele erlangen einen Glanz, den fast alle Eltern ihren Kinder wünschen. Und doch laßen sie sie gerne züchtigen, wenn sie solche Schauspiele vom Lernen abhalten, während sie die Kinder nur dazu lernen laßen, daß diese einst in den Stand gesetzt werden, selbst solche Spiele zu geben. Sieh du erbarmend darein, o Herr, und befreie uns, die wir dich schon anrufen; befreie auch, die dich noch nicht anrufen, auf daß sie dich anrufen und du sie befreiest!

XI.

Schon als Knabe vernahm ich von dem ewigen Leben, das uns verheißen ist durch die Demuth unsers Herrn, der sich zu unserm Stolze niederließ. Ich wurde mit dem Zeichen seines Kreuzes bezeichnet, wurde mit seinem Salze geheiligt, seit ich aus meiner Mutter Leibe kam, die so viel auf dich hoffte. Du sahest es, Herr, wie ich schon als Knabe, von Magenkrampf und Fieberglut ergriffen wurde, die mich dem Tode nahe brachten; du sahest es, mein Gott, der du schon damals mein Hüter warst, mit welcher Seelenbewegung, mit welchem Glauben ich die Taufe deines Gesalbten, meines Gottes und Herrn, von der Treue meiner Mutter und von deiner Kirche verlangte, die unser Aller Mutter ist. Da wurde auch meines Leibes Mutter tief erschüttert, weil sie mein ewiges Seelenheil noch liebevoller unter dem reinen, dir vertrauenden Herzen trug. Sie eilte, dafür zu sorgen, daß ich durch die Sakramente des Heils aufgenommen und gereinigt werde, und dich, o Jesu, zur Versöhnung meiner Schuld bekenne. Aber plötzlich genas ich. Darum wurde meine Taufe aufgeschoben, als müßte ich noch, wenn ich am Leben erhalten würde, befleckt werden; vielleicht auch, weil meine Schuld in sündiger Befleckung nach der Taufe noch größer und gefahrvoller geworden wäre. So glaubten schon damals ich, die Mutter und mein ganzes Haus, nur allein mein Vater nicht, der aber, selbst noch nicht an Christus glaubend, der Muttertreue heiliges Recht an mein Seelenheil nicht beugen konnte. Denn gewissenhaft schärfte sie mir ein, du, o Gott, seiest mein Vater vor jenem; und du halfest ihr, daß sie auch hierin den Gatten übertraf, dem sie als die Bessere diente, weil sie auch hier dir diente, wie du es wolltest. Ich bitte dich Herr, laß mich wissen wenn du willst, aus welcher Absicht ich damals mit meiner Taufe hingehalten wurde und ob mir dadurch zu meinem Besten der Sünde Zügel gelockert wurden oder nicht. Von so Vielen hören wir das entschuldigende Wort: »Laß ihn, er mag thun, was er will, ist er ja noch nicht getauft!« Und doch sagen wir vom Körper nicht zu seinem Besten: »Laß ihn noch weiter verwunden, ist er ja noch nicht geheilt!« O, um wie viel beßer wäre es gewesen, wenn ich bald geheilt, wenn durch meinen und durch der Meinen Eifer meiner Seele Heil in deinen Schutz aufgenommen und behütet worden wäre von dir! Beßer gewis! Aber schon wußte jene Mutter, wie große Versuchungen nach meinem Knabenalter auf mich fluthen würden, und lieber wollte sie ihnen mein irdischen Theil überlaßen, in dem ich später umgewandelt wurde, als Gottes Bild in mir.

XII.

Wohl fürchtete man von meiner Knabenzeit weniger für mich als von meinen Jünglingsjahren, und doch schon in ihr liebte ich den Unterricht nicht und wurde nur mit Widerwillen dazu genöthigt, doch wurde ichs und mir widerfuhr Gutes, aber ich that nicht gut, denn ungezwungen hätte ich nicht gelernt. Niemand aber thut wider Willen wohl, wenn, was er thut, auch etwas Gutes ist. Auch thaten die nicht Gutes, die mich zwangen; das Gute kam von dir allein, mein Gott! Denn Jene sahen nicht ein, zu was ich lernen mußte, es wäre denn zur Sättigung unersättlicher Begierden, überflußvollen Mangels und schmachreichen Ruhmes. Du aber, von dem die Haare meines Hauptes gezählt sind, verwandeltest den Irrthum meiner Lehrer zu meinem Nutzen und meine Lernscheue zu meiner Bestrafung, deren ich würdig war, ein so kleiner Knabe und so großer Sünder. So thatest du Gutes mir durch diejenigen, die mir nicht Gutes thaten, und durch mich, den Sünder selbst, gabst du mir gerechte Vergeltung. Denn du hast es verordnet, und es ist so, daß jede unordentliche Seele sich selbst ihre Strafe ist.

XIII.

Warum aber war mir die griechische Sprache zuwider, in der ich als Knäblein unterrichtet wurde? Noch jetzt begreif ichs nicht. Die lateinischen Schriften aber liebte ich, nicht aber wie sie mich die Lehrer ihrer Anfangsgründe lehrten, sondern wie sie die mir beibrachten, die mich weiter in ihr führten; denn jene Anfangsgründe, bei denen es sich um Lesen, Schreiben und Zählen handelt, waren mir so lästig und peinlich wie alles Griechische. Doch auch das kam nur aus der Sündhaftigkeit und Eitelkeit eines Lebens, in welchem ich Fleisch war und irrer Geist, der keine Rückkehr suchte. Waren doch jene Anfangsgründe weit besser, weil sie zuverläßiger waren, denn durch sie geschieht es ja, daß ich behalte was ich Geschriebenes lese und selber niederschreibe was mir beliebt, waren weit besser als jene Irrfahrten des erdichteten Aeneas, bei denen ich aufgehalten wurde, um meine Irrfahrt zu vergessen. So mußte ich auch der Dido Tod beweinen, die sich aus Liebe getödtet hatte während ich Elender mir trockenen Augen es tragen konnte, daß ich von dir wegstarb, du mein Gott und mein Leben. Denn was ist elender, als ein Elender, der sich selbst nicht beklagt, der den Tod einer Dido beweint, die sich aus Liebe zu Aeneas entleibte, und nicht seinen Tod, den ihm die Lieblosigkeit gegen dich gibt? O Gott, du Licht meines Herzens, du Brot meiner Seele, du Kraft, die mein Gemüht und den Schoß meiner Gedanken befruchtet, die liebte ich nicht, und gab mich, von dir gewendet, der buhlenden Luft hin, und um den Buhler erklang es überall: freue dich, freue dich! Denn die Liebe dieser Welt ist ja doch die Buhlerei, die von dir sich wendet, und »freue dich, freue dich!« rufen sie, bis es für Schande gehalten wird, kein thörichter Knecht der Luft zu sein, wie sie. Aber das beklagte ich nicht, meine Klagen weihte ich Dido, der Verschiedenen, die ihr Ende mit dem Dolch erreicht, und gieng selbst dem verhüllten Gerichte entgegen, da ich dich verließ und Erde zur Erde gieng. Verhinderte mich Jemand am Lesen jener erdichteten Fabeln, so schmerzte mich, das nicht lesen zu dürfen, das mich schmerzte, wenn ich es las. Solche Albernheiten hielt man für edlere und ergiebigere Lehrfächer, als jene, die mich Lesen und Schreiben lehrten; und doch, so ist es nicht, o Gott, denn jene dichterischen Bilder vergaß ich viel leichter, als Lesen und Schreiben. Vorhänge sind vor den Thüren der Gelehrtenschulen, mehr des Irrthums Hülle, als ein hehres Geheimniß bezeichnend. Nicht mögen sie gegen mich auftreten, ich fürchte sie nicht mehr, seit dir meine Seele bekannt du mein Gott, seit ich Ruhe finde im Rücktritt von meinen bösen Wegen, in der Liebe zu deinen guten Pfaden. Nicht mögen gegen mich auftreten die Verkäufer und Käufer weltlicher Weisheit, denn frag ich sie, ob Aeneas wirklich, wie der Dichter sagt, nach Karthago kam, so werden sich die Ungelehrten mit ihrer Unwissenheit entschuldigen und die Gelehrten es verneinen. Frage ich aber, mit welchen Buchstaben des Aeneas Namen geschrieben werde, so werden Alle, die darin unterrichtet sind, das Richtige treffen nach dem Uebereinkommen und Belieben, wodurch die Menschen die Buchstabenzeichen unter sich festgesetzt. Ebenso, wenn ich frage, was man zu größerem Nachtheil vergesse, Lesen und Schreiben, oder jene Erdichtungen, so versteht sich von selbst, was Jeder antwortet, der sein selbst nicht vergaß. Und so sündigte ich als Knabe schon, der ich das Nutzlose dem Nutzreichen vorzog, ja jenes liebte, dieses hasste.

XIV.

Warum aber hasste ich der Griechen Schriften, die doch das Nehmliche sangen? Denn auch Homer weiß solche Fabeln zu weben, fabelt so süß und war dem Knaben doch so bitter. Aber ich glaube, es werde den Griechenknaben mit Virgil nicht besser gehen, wenn sie ihn lernen müssen wie den Homer. Wohl mag die Schwierigkeit, eine fremde Sprache zu erlernen, alle Süßigkeit griechischer Dichtung mit Galle besprengen. Kannte ich ja die Worte jener Sprache nicht und lag man mir mit gestrengen Strafen und rauhen Drohungen an, sie zu erlernen. Doch auch vom Lateinischen kannte einst das Kindlein gar nichts und lernte es doch aufmerksam, ohne Furcht und Qual, selbst unter dem schmeichelnden Kosen der Amme, die es mir in Spiel und Scherz zugelacht. Das lernte ich, ohne die lästige Peinigung der Dränger, denn mich drängte mein Herz zu gebären was es empfangen hatte, und das hätte ich ohne Worte nicht vermocht, die ich nicht vom Lehrenden, sondern von denen lernte, die sie sprachen, für deren Ohren ich zur Welt brachte, was ich empfand. Mehr lernt freie Neugier, als furchtsamer Zwang. Aber dieser hemmt der Neugier Flucht, o Gott nach deinen Gesetzen von den Ruthen der Lehrer bis zu den Qualen der Märtyrer, denn heilsame Bitterkeit weiß deine Vorsehung beizumischen, daß sie und zu dir zurückführe von der verpestenden Ergötzung, durch die wir gewichen sind von dir.

XV.

O Gott, laß meine Seele nicht würde werden deiner Zucht, laß sie nicht müde werden, deine Erbarmungen zu erkennen, mit welchen du mich aus alle Irrwegen reißest, damit du mir lieber werdest als alle Verführungen, denen ich gefolgt war in den Tagen meine Verblendung, damit ich dich liebe mit der ganzen Kraft meines Herzens, und fest deine Hand erfaßte, mit der du mich reißen wolltest aus aller Anfechtung bis ans Ende. Dem dir, mein Gott und mein König, muß nur dienen, was ich Nützliches als Knabe lernte, dienen muß dir nun, was ich rede und schreibe, lese und sinne. Du züchtigtest mich, wenn ich Eitles lernte, und vergabest mir die sündige Lust an jenen Eitelkeiten. Und ich lernte in ihnen viele nützliche Worte, die aber auch in Beschäftigungen erlernt werden können, welche nicht eitel sind, und das ist der Friedensweg für den Knabenwandel.

XVI.

Aber weh über dich, du Strömung der eitlen Sitte der Menschen! Wer mag dir wiederstehen? Wie lange willst du nicht vertrocknen? Wie weit willst du Evas Kinder ins große Meer deiner Schrecken wälzen, über das kaum hinüberschiffen, welche die rettende Arche des Glaubens besteigen? Mußt ich in deinen Fluchten nicht den Donnernden Jupiter lesen, den Ehebrecher, von denen des Dichters Comödie spricht? Zwar ist es nichts und vermag keines von beiden und doch verführt der erdichtete Donnerer kupplerisch zum wirklichen Ehebruch. Und welcher Redekünstler, wie er sich in seinem Mantel spreizt, kann es ruhig anhören, wenn ein Mensch aus Staub, wenn sein Cicero ausruft: »das hat Homer erdachtet und hat die Menschen zu den Göttern erhoben, lieber sagt ich, die Götter zu uns!« Besser sagte man über das was Homer erdichtet: er schrieb den lasterhaften Menschen Göttliches zu, damit man ihre Laster nicht mehr für Schandthaten hielte, weil Jeder, der sie begieng, nicht verworfene Menschen, sondern die himmlischen Götter nachzuahmen schien.

Und doch werden in diese Flucht des Verderbens die Menschenkinder geworfen, damit sie um theuer bezahlten Preis diese Schändlichkeit lernen. Großes meinen sie ausführen, wenn sie ihre verführerischen Schauspiele auf dem Forum öffentlich aufführen, in Gegenwart der Obrigkeit, die den Dichter noch neben dem Lohn besoldet, den er von seinen Hörern bezieht. Aber sie prahlten, als könnten sie Felsen spalten: bei uns lernt man reden! Bei uns wird die unentbehrliche Kunst gelehrt, Alles zu erklären, um Jedermann zu überreden. Nichts wüßten wir vom goldenen Regen, vom buhlerischen Scheingebilde, von den himmlischen Wohnungen, aus welchen Jupiter zu Danaë kam, wenn nicht Terenz seinen nichtswürdigen hätte, der sich Jupiter zum Vorbild seiner Unzucht nahm, als er ein Wandgemälde beschaute, das Jupiter darstellte, wie er als goldener Regen zu Danaë kam. Und Terenz ließ ihn in die Worte ausbrechen, von himmlischem Muster zur Wollust gereizt: »was für ein Gott! Dessen Donner die Himmel erschüttert! Und ich Menschenkind dürfte nicht thun, was er gethan? Ich thats wie er mit Freuden.« Solche Worte gehen leichter ein durch ihre schlüpfrige Schändlichkeit, und durch sie wird das Schändliche um so gieriger vollbracht. Nicht die Worte klag ich an, das auserlesene, köstliche Gefäß, sondern den Taumelwein, der aus ihnen uns von trunkenen Lehrern credenzt wurde. Tranken wir nicht, so wurden wir gepeitscht, und zu keinem nüchternen Schiedsrichter konnten wir uns werden. Und doch o Gott, vor dessen Angesicht Erinnerung und Gewissen Frieden fanden, ich habe das gerne gelernt, habe mich ergötzt, ich Elender, an diesen Schändlichkeiten, und wurde deßhalb ein Hoffnungsvoller Knabe genannt.

XVII.

Herr, laß mich durch deinen Beistand erforschen, in welchen Nichtswürdigkeiten ich meinen Geist aufrieb. Mir wurde eine Aufgabe gestellt, die mein Gemüth mit verheißenem Lobe und mit Furcht vor Schwach und vor Streichen verwirrte: ich sollte die virgilischen Worte der zürnend trauernden Juno vortragen, daß sie den Teukrerkönig nicht von Italien abhalten konnte, die ich Juno niemals sagen gehört: Den Dichterträumen nach irrend sollten wir in ungebundener Rede vortragen, was ihre Verse sagten, und der sprach sich zum Lobe, welcher den Zorn und Schmerz der erdichteten Person ihrem Stande gemäß in passend gekleideten Sätzen aussprach. Was half es mir, daß der Mitschüler viele mir Beifall zollten? O Gott, du mein wahres Leben, war dieß nicht Alles nur Rauch und Wind? Konnten mir Geist und Sprache mit nichts Anderem geübt werden? Dein Lob, o Herr, in dem uns Deine Bücher üben, hätte mein Herz gestützt, wie eine Rebe, und es wäre nicht der Raub jener Nichtswürdigkeiten, nicht die schmähliche Beute der Vögel geworden. Denn nicht nur auf Eine Weise opfert man den gefallenen. Denn nicht nur auf Eine Weise opfert man den gefallenen Engeln.

XVIII.

Aber was ist da zu verwundern, daß ich in solche Nichtswürdigkeiten fiel, und mich dir, mein Gott, entzog? Denn Menschen wurden mir zur Nachahmung aufgestellt, welche bitter getadelt wurden, wenn sie von ihren eben nicht bösen Handlungen mit ungebildeten, unrichtig gestellten Worten sprachen, während sie Aller Lob erhob, sobald sie von ihren sündigen Ausschweifungen nur in recht glatten, gezierten Redensarten zu erzählen wußten. Das siehest du, Herr, und schweigest in Langmuth und reichem Erbarmen; aber du bist die Wahrheit! Und Herr, wirst du immer schweigen? Aus dem abscheulichen Abgrund ziehst du schon jetzt den, der sucht und nach deinen Erquickungen dürstet, wenn nur sein Herz dir sagt: »Einst sucht’ ich dein Antlitz, o Herr, und siehe, ich such’ es wieder!« Denn in finstern Trieben leben, das ist das Fernesein von deinem Antlitz, weil man nicht mit Schritten, nicht durch der Orte Raum von dir geht und wieder zu dir zurückkehrt. Oder, von dem uns dein eingeborener Sohn ein Gleichnis erzählt, suchte jener verlorene Sohn Rosse, Wagen und Segel, flog er mit sichtbaren Schwingen, bewegte er die eilenden Kniee, daß er im fernen Land in seinem Lüsten lebe und verprasse, was du dem Dahinziehenden gegeben hattest? Ein milder Vater warest du, da du ihm gabest, ein milderer noch, da er, von Elend geladen, zurückkam. In üppigen Trieben leben, das ist Finsternis und weite Ferne von dem Lichte deines Angesichts.

Siehe es, Herr, und siehe es, wie du zu sehen pflegst, mit Geduld, wie sich die Menschenkinder so eifrig auf die Wort- und Sylbenstechereien legen, die sie von geschwätzigen Vorgängern erhielten, und wie sie des Heiles ewiges Wort vernachläßigen, das sie von dir empfiengen. Wer gegen ihre Sprachlehre das Wort Mensch (wenn er ominem statt hominem sagt) falsch ausspricht, der misfällt den Menschen mehr, als derjenige, welcher das Wesen Mensch gegen deine Lehre haßt. Als ob ihnen ein feindseliger Mensch verderblicher würde, als der Haß selbst, in dem sie gegen ihn entbrennen, als ob sie, den sie verfolgen, schwerer verletzten als ihr eigenes Herz. Und doch kann kein Wißenskram den innern Vorwurf zum Schweigen bringen, den man fühlt, wenn man einem Andern thut, was man sich selbst nicht will thun laßen. Aber du verborgen in heiligem Schweigen in der Höhe thronst, o Gott, du allein Herrlicher, du streust nach unermüdlichem Gesetz strafende Blindheit auf unlautere Leidenschaft. Ein Mensch, der Ruhm der Beredtsamkeit sucht und von der Menge umgeben, vor einem menschlichen Richter steht, wo er mit dem wildesten Haß seinen Feind verfolgt, hütet sich sorgfältig vor jedem falschgesetzten Wort, aber ohne Scheu vertilgt er den Feind aus dem Kreise der Menschen.

XIX.

An der Schwelle solcher Sitten lag ich als ein elender Knabe. Das war mein Kampfplatz, auf dem ich mich mehr hütete, einen Sprachfehler zu machen, als den zu beneiden, der ihn nicht machte. Löblich und gerecht dünkte mir mein Leben, Wenn ich in solchen Dingen Lob erwarb. Nicht sah den schändlichen Schlund, in den ich, fern von deinen Augen, geworfen war. Nichts Schändlicheres, als Ich damals, der ich selbst jenen Menschen misfiel, da ich mit unzähligen Lügen den Erzieher, die Lehrer und Eltern täuschte, alles aus Hang zum Spiel, nichtiger Schaulust uns spielerischer Nachahmungssucht. Ja, ich bestahl die Vorräthe und den Tisch meiner Eltern, von Nachgier getrieben, oder um den Knaben ihre Rollen im Spiel, das wir aufführten, abzumarkten, die sie mir verkauften, ob sie auch mit gleicher Lust daran hiengen, wie ich. In eitler Begierde nach Auszeichnung erschlich ich den Sieg in meinen Spielen. Und was konnte ich weniger ausstehen, was rügte ich härter, wenn ich’s von Andern erfuhr, als eben das, was ich an Andern selbst begieng? Und wenn ich ertappt wurde, tobte ich lieber, als daß ich nachgegeben und mich gefügt hätte. Ist das die Knabenunschuld? Denn wie größere Strafen an die Stellen der Ruthen treten, so geht es bei zunehmenden Jahren von Erziehern und Lehrern, von Nüssen, Kügelchen und Sperling zu Statthaltern und Königen, zu, Gold, Landgütern und zu Sclaven. Nur der Demuth Merkmal hast du, unser König, gebilligt an dem Knabenstande, da du sprachest: »Ihrer ist das Himmelreich.« (Matth. 19. 14.)

XX.

Doch, Dank dir, Herr, unser Gott, dem erhabensten, heiligsten Schöpfer und Lenker des Weltalls, wenn du auch nur gewollt hättest, daß ich ein solcher Knabe geworben wäre! Denn auch damals lebte ich und empfand, schon lag mir meine Erhaltung am Herzen, eine Spur meiner Verbindung mit deinem unerforschlichen Wesen, aus dem ich war. Mit meinem innern Sinn bewachte ich die äußern Sinne, und freute mich der Wahrheit selbst bei kleinen Gedanken über kleine Dinge. Ich wollte mich nicht täuschen laßen, frisch war mein Gedächtnis, durch Rede wurde ich unterwiesen, durch Freundschaft erfreut; ich floh den Schmerz, die Niederträchtigkeit und die Unwißenheit. Was ist an einem also Lebenden nicht wunderbar und preiswerth? Aber dieß Alles sind meines Gottes Gaben; nicht ich gab sie mir; gut sind sie und das Alles bin ich! Also gut ist, der mich schuf, und er selbst ist mein Gut, und ihm frohlocke ich für alles Gute, das ich schon als Knabe hatte. Aber darin sündigte ich, daß ich nicht in dir, daß ich in deinen Kreaturen, in mir und den andern, Lust, Herrlichkeit und Wahrheit suchte, und damit in Schmerz, Verwirrung und Irrthum sank. Dank sei dir, meine Wonne, meine Ehre, mein Vertrauen, o mein Gott! Dank dir für deine Gaben! Bewahre sie mir! Ja, du wirst mich bewahren, und zunehmen und vollendet werden wird, was du mir gegeben hast, und ich werde mit dir sein; denn daß ich bin auch hast du gegeben.

Zweites Buch

Mir bricht das Herz um meine Jugendzeit,

Wo ich die Sünde liebte, weil sie Sünde,

Wo ich nur dunkle Todeswege finde;

Ich hatte lachend ihnen mich geweiht.

Wagt ihr ihn auch, den frühentbrannten Streit,

Im unheilvollen Wirbeltanz der Winde,

Im Schwärmen um die nachtumwölkten Gründe,

Und lacht ihr mein, als säh’ ich euch zu weit?

Ich lachte so bei meiner Mutter Mahnen.

Durch ihre Stimme riefst du Herr zu mir,

Sanft wie im Lied aus lichten Engelplanen.

Nie sahst du still auf meine Sündengier,

Dann schrie dein Donner mich aus meinen Bahnen –

Dein bin ich endlich, und mir graut vor mir!

I.

Ich will beherzigen meine verübten Befleckungen und die fleischlichen Verderbnisse meiner Seele, nicht weil ich sie liebe, sondern damit ich dich liebe, mein Gott. Aus Liebe zu deiner Liebe thue ich das, und durchgehe meine schändlichen Wege in der Bitterkeit meiner Selbstprüfung, daß du mir süße werdest, o Süßigkeit, die nicht trügt, Süßigkeit, die Glück und Trieben bringt; daß du sammelst mich von meiner Zerstreutheit, in der ich stückweise zerrißen wurde, da ich abgewandt von dir, dem Einzigen, mich verflüchtigte in Vieles. Gierig wollte ich, ein Jüngling, einst mich sättigen an dem, das drunten ist; in meinen unsteten Neigungen wagte ich in’s Holz zu schießen, wie eine nicht beschnitte Rede. Und meine Gestalt zerfiel, und faul ward ich vor deinen Augen, mir selbst gefallend, und den Augen der Menschen gefallen stehend.

II.

Und was war es, das mich ergötzte, als nur Lieben und Geliebtwerden? Aber nicht blieb es bei der Liebe der Seele zur Seele, dieser Lichtschwelle der wahren Zuneigung; es stiegen Nebel aus dem Schlamm meiner Begierden, aus dem Aufbrausen meiner Jugend; die umwölkten und umnachteten mein Herz, bis sich die Heiterkeit der Liebe nicht mehr von der Nacht der sinnlichen Begierde unterscheiden ließ. Beides gohr unter einander, riß das schwache Jugendalter durch die jähren Tiefen der Lüfte und tauchte es in den Pfuhl der Laster. Ueber mir sammelte sich dein Zorn und ich sah es nicht. Betäubt ward ich von dem Kettenklirren meiner sterblichen Natur, von der Strafe des Stolzes meiner Seele. Immer weiter gieng ich von dir und du ließest es zu. Ich wurde gefällt und ausgegoßen, ich zerfloß und wallte auf in meinen Wollüsten, und du schwiegest! O wie wurdest du meine Freue! Damals schwiegest du, und ich gieng so weit, weit weg von dir, tiefer immer tiefer in die Unkrautsaat voll aufwuchernder Schmerzen, voll übermüthiger Verworfenheit und ruheloser Erschaffung. Wer mochte damals mildern mein Elend, zu meinem Nutzen wandeln des Neuen flüchtige Schönheit, und Gränzen setzten ihren Lockungen? Man hätte es vermocht, wenn man zum Ufer der Ehe die Wogen meiner Jugend hätte wallen laßen, da in ihnen keine Ruhe war; der Ehe, die sich genügen läßt mit dem Zwecke der Fortpflanzungen, wie dein Gesetz es gebeut, o Herr, der du auch den Sprößling unserer Sterblichkeit bildest und deine milde Hand lindernd kannst auf die Stacheln legen, die ausgeschloßen sind von deinem Paradiese! Denn nicht fern von uns ist deine Allmacht, auch wenn wir ferne sind von dir. – Oder hätte ich nur aufmerksamer beachtet deiner Stimme Wolkenschall: »Es werden Solche leibliche Trübsal haben. Ich verschonte aber eurer gerne.« (1. Cor. 7, 18.) Und: »Es ist Menschen gut, daß er kein Weib berührte.« (1. Cor. 7, 1. ) Und: »Wer ledig ist, der folgt, was dem Herrn angehört, wie er dem Herrn gefalle. Wer aber freiet, was der Welt angehört, wie er dem Weibe gefalle.« (1. Cor. 7, 32.) Hätte ich wachsamer dieser Stimme gehorcht, von der Sinnenlust abgeschnitten für dein Himmelreich hätte ich seliger dein Umfangen erwartet! Aber hilflos brauste ich auf, und folgend dem Drang meiner Wogen, verließ ich dich! Alles überschnitt ich, was dein Gesetz bestimmt, und entrann deiner Geißel nicht. Denn wer der Sterblichen entrinnt ihr? Du warst immer da mit deinem erbarmenden Eifer und trafest mit harten Stößen alle meine unerlaubten Freuden, damit ich suche, mich ohne Stöße zu vergnügen, wo ich, hätte ich’s vermocht, nichts gefunden als nur dich, o Herr, nur dich, der du den Schmerz legst in dein Gesetz, der du verwundest, um zu heilen, und uns tödtest, damit wir dir nicht sterben. – Wo war ich, wie weit entfernt von den Wonnen deines Hauses, in jenem sechszehnten Jahre meines leiblichen Lebens, da über mich der Wollust Raserei das Zepter schwang und ich ihr ganz die Hände bot, die da erlaubt wird von der Schändlichkeit der Menschen, und verboten durch deine Gebote! Aber die Meinigen sorgten nicht dafür, mich durch ein eheliches Bündnis vor dem Versinken zu bewahren, es war ihnen nur darum zu thun, daß ich eine Rede setzen lernte, so gut, so überredend als möglich.

III.

In jenem Jahre waren meine Studien unterbrochen worden. Von Madaura, in welcher Nachbarstadt ich den ersten Unterricht in Wißenschaft und Beredsamkeit empfangen, ward ich zurückgenommen, und man traf die Vorbereitungen zu einem längeren Aufenthalte in Karthago, wozu mehr meines Vaters Uebermuth, als seine Mittel halfen, da er ein sehr geringer Bürger von Tagastä war. Wem erzähl’ ich dies? Nicht dir, mein Gott, aber vor dir erzähl’ ich es meinem Geschlechte, wie ein kleiner Theil von ihm auch diese Schrift betrachte; ich erzähl’ es ihm, damit ich und jeder Leser bedenke, aus welchen Tiefen man rufen muß zu dir. Und doch was ist näher als dein Ohr, wenn ein Herz seine Schuld bekennt und ein Leben im Glauben erwacht? Aber wer erhob nicht mit Lob meinen menschlichen Vater, daß er über sein Vermögen auf den Sohn wendete, selbst wenn diesen seine Studien lange Zeit in der Ferne hielten? Denn viele weit bemitteltere Bürger machten keinen solchen Aufwand für ihre Kinder. Meinen Vater aber kümmerte nicht, wie ich dir entgegenreifte und wie ich war, wenn ich ihm nur sprachgewandt wurde; und doch in Schmach gewandt von deinem Dienst, o Gott, du einziger, wahrer gütiger Herr meines Herzens, deines Ackers! – Als ich in jenem sechszehnten Jahre, der häuslichen Vorbereitungen wegen, müßige Zeit hatte, von der Schule feierte und bei den Aeltern war, da drangen aus meinem Haupt die Dornen der Wollüste, und keine Hand raufte sie aus. Ja, als Jener, der mein Vater war, mich einst im Bade als üppig reifenden Jüngling sah, sagte er es freudig meiner Mutter, als wollte er sich schon auf Enkel freuen, in jener Trunkenheit, in der eine Welt dich ihren Schöpfer vergaß und die Kreatur statt deiner liebte, hingegeben in ihrer Herzen unreine Gelüste. Jeremia 51, 7. – Römer 1, 24. Aber in meiner Mutter Brust hattest du schon deinen Tempel, den Aufbau deiner heiligen Wohnung begonnen, der Vater war seit Kurzem erst Katechumene. Die Mutter aber bebte auf in Furcht und Zittern, für mich fürchtend die Irrwege des Verderbens, ob ich gleich noch kein getaufte Christ war, die Irrwege, auf welchen Alle wandeln, die den Rücken zukehren und nicht das Angesicht. Weh mir, und ich wage es, zu klagen, daß du, mein Gott, geschwiegen habest, da ich noch weiter mich von dir entfernte? Der frommen Mutter Worte, wessen waren sie als dein? Du sangest sie mir aus ihrem sanften Munde, und nichts davon drang in mein Herz. Sie mahnte, daß ich nie der Wolluft mich ergebe, nie entweihe der Ehe Band und noch weiß ich wohl, wie sie davon mit tiefem Gram mir sprach. Aber weibliche Mahnungen dünkten mich diese, denen zu gehorchen ich erröthen müßte. Die deinen waren es, und ich wußte es nicht. Ich glaubte, du schweigest, jene rede, durch die du mir nicht schwiegest, in der du von mir, ihrem Sohne verachtet wurdest, dem Sohne deiner Magd, deinem Knecht. Ich wußte es nicht und stürzte dem Abgrund zu mit einer Blindheit, in der ich kleiner Schädlichkeit, als die Genoßen sie begiengen, mich geschämt hätte, sobald ich hörte, daß sie mit ihren Zügellosigkeiten sich etwas wußten, und um so mehr mit ihnen prahlten, je schändlicher sie waren. So hat mich nicht nur die Begierde nach der That, mich hat auch dem Lobe verführt. Was ist des Tadels werth, wenn nicht das Laster? Um dem Tadel zu entgehen, wurde ich lasterhafter. Wenn ich nicht begangen, was den Verworfenen mich ähnlich machte, so gab ich vor, es begangen zu haben, um nicht desto verächtlicher zu erscheinen, je unschuldiger ich war, und nicht für desto geringer gehalten zu werden, je reiner ich lebte. Siehe, mit welchen Gesellen ich durch Babylons Straßen zog und mich in ihrem Koth wälzte, als wären es die herrlichsten Würzen. In ihrer Mitte war’s, da traf mich der unsichtbare Feind, daß ich mich fester nur anhieng, und er verführte mich, weil ich verführbar war. Zur Keuschheit mahnte die Mutter mich, die schon aus Babylons Mitte geflohen war, aber auf ihren übrigen Wegen noch zu langsam gieng, denn was sie durch ihren Gatten über mich gehört hatte, dünkte ihr schon verführbar und Gefahr drohend. Doch sie sorgte nicht, in die Schranken eheliche Neigung das zu leiten, was nicht mehr zu vertilgen war. Sie sorgte nicht dafür, aus Furcht, vereiteln möchte der Ehe Feßel ihre Hoffnung. Die Hoffnung nicht, die sie auf dich setzte und auf die das zu sehr von mir beide Eltern wünschten; der Vater, weil er über dich so viel als nichts, über mich nur Nichtswürdiges dachte, die Mutter in dem Wahne, dieß Wißen schade nicht, helfe vielmehr nur zu dir. So vermuthe ich, indem ich so gut ich kann, den Charakter der Eltern bedenke. Auch zum Spiel erhielt ich zügellose Freiheit, und zerstreute mich maßlos in den buntesten Neigungen. Nacht war in allen meinen Neigungen, die verschloß mir, o Gott, den heitern Tag deiner Wahrheit, Und wie auf fettem Boden sproßte meine Ungerechtigkeit auf.

IV.

Herr, den Diebstahl straft dein Gesetz, und das Gesetz, das geschrieben steht in den Menschenherzen, wo es selbst die Ungerechtigkeit nicht austilgt. Denn welcher Dieb erträgt den Dieb an ihm mit Gleichmuth? Nicht einmal der Reiche den durch Mangel dazu getriebenen. Und ich wollte stehlen und stahl, von keiner Noth und keinem Mangel getrieben, that es aus Widerwillen gegen die Gerechtigkeit, und aus Gier nach Ungerechtigkeit. Denn ich stahl, was ich im Ueberfluß und weit beßer besaß. Ich wollte nicht dessen froh werden, was ich durch den Diebstahl erlangte, nein, des Diebstahls und der Sünde selbst. – Es stund ein Birnbaum in der Nähe unseres Weinbergs, von Früchten schwer, die aber weder durch Schönheit reizten noch durch Wohlgeschmack. Um ihn zu plündern, machten wir verderbten Buben uns auf in später Nacht, denn so lange wurden die Spiele auf den Spielplätzen, nach der verderblichen Sitte, von uns fortgesetzt. Große Menge nahmen wir dem Baume, nicht um damit unser Mahl zu halten, wir warfen sie den Schweinen vor und kosteten nur Weniges davon. Das thaten wir, weil uns nach dem Unerlaubten gelüstete. Sieh mein Herz an, denn du hast dich sein erbarmt, da es in des Abgrunds Tiefen lag. Was es dort suchte, sage dir jetzt mein Herz: nicht Anderes, als ohne Zweck böse zu sein, damit die Ursache meiner Bosheit nur die Bosheit wäre. So schändlich sie war, ich liebte sie, liebte verloren zu gehen, den Abfall liebte ich, nicht das, worein ich fiel. Schändlich stürzte meine Seele sich von deiner Himmelsfeste in des Verderbens Tiefen; nicht durch Schande irgend etwas, nur die Schande selbst begehrend.

V.

Körperliche Schönheit reizt unsere Sinne und zwar jeden nach der Art seiner Empfänglichkeit; so der Schmuck von Gold und Silber, so das schöne Ebenmaaß der Glieder. Ebenso haben weltliche Ehre, Macht und Gewalt, und der Trieb nach Freiheit aus Sklavenbanden ihre Reize; aber bei all diesem dürfen wir nicht von dir und deinen Gesetzen weichen. Auch unser irdisches Leben ist um seiner selbst willen liebreizend und eint sich mit jenem niedrigern Schönen der Erde. Süß ist uns das teure Band der Zuneigung, das viele Seelen in Uebereinstimmung bringt. Doch Sünde wird alles, wenn man, in zügelloser Lust nach den niedrigern Gütern, die beßern und die höchsten, dich unsern Herrn und unsern Gott, und dein Gesetz und deine Wahrheit verläßt. Wohl hat auch dieß Niedere seine Freude, nicht aber wie mein Gott sie hat, der alles schuf, da in ihm selbst erfreut wird der Gerechte, da er selbst die Wonne tugendhafter Herzen ist. Fragt man nach der Ursache eines Verbrechens, so sucht man sie nur in der Begierde nach jenen niedrigen Gütern, oder in der Furcht vor ihrem Verluste. Wie schön und lockend sie auch sind, vor jenen höhern, seligen Gütern sind sie schlecht und ohne Werth. Und wo finden wir bei der Menschen Sünden jene Ursachen nicht? Jemand beging einen Mord. Warum wohl? Er liebte des Ermordeten Weib oder Gut; er wollte rauben um zu leben; fürchtete Schaden von dem, den er erschlug; oder dürstete beleidigt nach Rache. Wer möchte glauben, daß er ohne solchem Grund den Mord verübte, nur um am Morde selbst sich zu erfreuen? Von Catilina, dem Unsinnigen, höchst grausamen Menschen, der sich mit den Genoßen seiner Laster zum Untergange seiner Vaterstadt Rom verschwor, wird zwar erzählt, er sei, ohne etwas darin zu suchen, böse und grausam gewesen. Aber doch wurde von de Erzähler seiner Verbrechen als ihre Ursache angegeben, er habe nicht gewollt, daß ihm in der Unthätigkeit Hand und Muth erschlaffe. Er begieng doch nur sein Verbrechen, um durch Eroberung der Stadt Ehre, Gewalt und Reichthum zu erlangen, damit er, dessen Vermögen zerrüttet, dessen Gewissen von Verbrechen belastet war, Gesetz und Noth nicht mehr zu fürchten brauche. So liebte selbst ein Catilina seine Verbrechen nicht, sondern etwas Anderes, das ihn erst in sie stürzte.

VI.

Was liebte ich Erbärmlicher nun an meinem Diebstahl? Schön war er nicht, wie könnte das ein Diebstahl sein? Schön waren jene Früchte, die wir raubten, weil sie von dir geschaffen waren, du schönster von Allen, du guter Gott, du höchstes, du mein wahres Gut. Aber nicht sie verlangte meine erbärmliche Seele; ich hatte eine Menge beßerer, und pflückte jene nur, um zu stehlen. Ich warf sie weg, und die Speise, die mich ergötzte, war nur die Sünde selbst. Und wenn ich auch etwas davon kostete, so wurde es durch meine Sünde gewürzt. Ich finde den ergötzenden Gegenstand nicht, der mich zu jener Schandthat verführt hätte. Und doch, wo fehlte je der ergötzende Reiz? Er bietet sich freilich allem Menschlichen entgegen, aber ganz anders der Mäßigkeit und Klugheit, dem Scharfsinn, der Erinnerung, den Sinnen selber und unserer Lebenslust. Droben liegt er in der hohen Pracht der Gestirne, er liegt in der Erde und Meer, die so voll von keimendem Leben sind, das an die Stelle alles sterbenden tritt. Aber nicht einmal jenen Reiz empfand ich, jenen ärmlichen, heimlichen, der auch den trüglichen Lastern nicht fehlt. Der Stolz will die Hoheit nachahmen, während du, alleiniger Gott, über alles erhaben bist. Die Ehrsucht sucht de Ruhm und den Glanz, und du vor Allen bist einzig verehrungswürdig und ruhmreich in Ewigkeit. Die strenge Macht will gefürchtet sein, aber wer ist zu fürchten, als der alleinige Gott, dessen Macht nichts kann entzogen werden? Der liebkosende Muthwillen will geliebt sein, doch nichts ist liebkosender als deine Huld; und zuträglicher wird nichts geliebt, als deine vor Allem reizende, leuchtende Wahrheit. Die Neugier äfft die Wißbegierde nach, während du Alles am besten weißest. Unwissenheit und Thorheit geben sich den Namen der Unschuld und Unschändlichkeit, und doch ist Niemand unschuldiger als du, und Niemand unschändlicher, während der Bösen Thaten ihre Feinde sind. Für Seelenruhe will die Trägheit gelten, und wo ist wahre Ruhe, als in Gott? Die Schwelgerei will Reichlichkeit und Fülle heißen, du aber bist der nie abnehmende Reichthum und die nie verletzte Wonne. Freigebigkeit will die Verschwendung scheinen, aber du bist der reichliche Geber alles Guten. Vieles möchte die Habsucht, und d hast Alles. Um Vorzüge zankt sich die Scheelsucht, und wer ist vorzüglicher als du? Rache sucht der Zorn, wer rächt gerechter als du? Die Furcht bebt vor dem, das ungewöhnt und überraschend über das kommt, was wir lieben, und will für Sicherheit sorgen; aber was kommt dir ungewöhnt und überraschend? Wer trennt von dir denn, was du liebst? Wo als bei dir ist wahre Sicherheit? Die Traurigkeit verzehrt uns, wenn wir verloren haben, was uns freute, und sie sich nicht darein ergibt; aber dich kann nichts genommen werden. So schweift die Seele aus, wenn sie von dir sich abwendet, wenn sie außer dir sucht, was sie nur rein und klar findet, wenn sie wieder zurückkehrt zu dir. Verkehrt ahmen dich Alle nach, welche sich weit von dir entfernen und sich wider dich erheben. Aber selbst durch solche Nachahmung zeigen sie an, daß du der Schöpfer aller Natur bist und es unmöglich ist, sich ganz von dir zu wenden. – Was liebte nur ich an jenem Diebstahl, in was ahmte ich darin, wenn auch verkehrt und sündig, meinem Gott nach? Wollte ich darum handeln wider dein Gesetz, damit ich die den Beschränkten fehlende Freiheit nachahme, vergebens freilich, da es mir an Macht gebrach? Wollte ich in der ungestraften Ausübung des Verbotenen ein Asterbild deiner Allmacht zeigen?

VII.

Ziehe, das ist der Knecht, der seinen Herrn verließ und einem Schatten folgte. O du faulendes Scheusal aus Tod und Leben! Konnte dich gelüsten nach Unerlaubtem, nur eben weil es nicht erlaubt war? Was kann ich meinem Gott dafür geben, daß mein Gedächtniß dieß heraufruft und meine Seele nicht davon mit Furcht erfüllt wird? Lieben will ich dich, Herr, danken dir und deinem Namen bekennen, der du mir solche Sünde vergeben hast; denn wem dank ich’s, als deiner Gnade und Erbarmung, daß du meine Sünden schmelztest wie das Eis? Ja ihr danke ich, was ich auch nicht an Bösem begieng, denn zu was wäre ich nicht fähig gewesen, der ich selbst eine zwecklose Schandthat liebte? Und nun, o Wonne, ist mir Alles vergeben, was ich nach meinem Willen Böses verübte und Alles, was ich nach deiner Führung nicht verübte. Wo ist der Mensch, der seine Schwachheit erkennen kann, und doch es wagt, der eigenen Kraft es zuzuschreiben, wenn er reiner blieb, nur um dich weniger zu lieben? Denn minder nöthig hält er für sich dein Erbarmen, mit dem du Allen ihre Schuld vergibst, die sich zu dir bekehren. Und wer von dir berufen wird und deinem Rufe folgt, wer das vermied, was er hier von mir liest, und was ich selbst von mir bekenne, er lache mein nicht, daß mich derselbe Arzt von meiner Krankheit heilte, den ihn vor ihr bewahrte oder bewirkte, daß er weniger erkrankte. Er soll dich ebenso, ja mehr noch lieben, wenn er von so großer Sündenkrankheit mich geheilt sieht durch den, der ihn selbst davor bewahrt hat.

VIII.

Was hatte ich Elender einst für Frucht von dem, das mich jetzt erröthen macht, von jenem Diebstahl zunächst, in welchem ich nur den Diebstahl liebte, was für Frucht, als daß er nichts bot und ich durch ihn nur elender wurde? Und doch hätt’ ich es allein nicht gethan, so weit erinnere ich mich des damaligen Zustandes meiner Seele. So liebte ich dabei auch die Gesellschaft der Sünder, mit welchen ich es that, den Diebstahl nicht allein? Wahrlich nichts anderes als ihn, und war doch nichts an ihm. Lehre mich, Herr, der du mein Herz erleuchtest und zerstreuest seine Schatten! Hätte ich begehrt der entwendeten Früchte und gewünscht, sie zu genießen, so hätte ich auch allein die Sünde zu begehn vermocht, durch die ich zu meinem Vergnügen gelangt wäre, ohne daß ich durch die Reizung der Gemüther meiner Mitwißer meine Begierde noch mehr zu entzünden brauchte. Aber weil ich nicht Lust zu den Früchten hatte, so hatte ich sie zur Sünde selbst, die der Mitsünder Gesellschaft nur zugleich begieng.

IX.

O über meine schändliche Begierde, und weh mir, daß ich sie hatte! Was war sie doch, noch ergründete ich sie nicht, wer erkennt die Sünden? Das Lachen war sie, mit dem wir, gekitzelten Herzens, diejenigen hintergingen, die uns ein Solches nicht zutrauten, und sich darüber ärgerten. Ergötzte ich mich nun darum am gemeinschaftlichen Begehen, weil Niemand leicht allein lacht? Nicht leicht wohl Jemand; überwältigt auch einsame Menschen das Lachen ohne Zeugen, sobald ihnen etwas gar zu Lächerliches aufstößt. Aber, wäre ich allein gewesen, so hätte ich’s gar nicht verübt. Vor dir, o Gott, ist die lebendige Erinnerung meiner Seele! Ich hätte, allein stehend, diesen Diebstahl nicht begangen, bei dem wir nicht das Gestohlene, nur das Stehlen gefiel, dessen einsame Ausübung mich nicht erfreut hätte. O höchst feindliche Freundschaft, Verführung des Herzens, aus Spiel und Scherz unerklärlich hervorbrechende Lust zu verletzen, Gelüste nach fremden Verluste, von keiner Gewinnsucht noch Rachgier getrieben, sondern, da gesagt wird: »Laßet uns gehen, und es thun, es ist Schande nicht schandbar zu sein.«

X.

Wer wird diese so verworrene und verwickelte Verknotung lösen? Sie ist so häßlich, ich will mich nicht mehr nach ihr kehren, will sie nimmer sehen. Dich will ich, Gerechtigkeit und Reinheit, die du schön bist und geschmückt mit heiligen Lichtern voll nie ersättlicher Sättigung. Bei dir ist Ruhe und nie getrübtes Leben. Wer in dich eingeht, geht in die Freude seines Herrn ein, nichts wird er fürchten, wird sich am Besten befinden im Besten. Von dir verlief ich mich und weit irrte ich von meiner Stütze weg in meiner Jugend, mir selbst ein Land des Darbens werdend.

Drittes Buch

Gefallen bin ich, und ich lag so tief,

Von falscher Liebe sündenvoll umfangen,

Und konnte nie der Liebe Ruh erlangen,

Ob mich der Weisheit ernster Drang ergrif.

Denn eine falsche war es, die mich rief,

Sie kam in ihrer Truggestalten Prangen,

Ich bin ihr stolz und brünstig angehangen,

Ich träumte lange, ohne daß ich schlief.

In Wollust und im Pfuhl der Ketzerlehren

Floß meine ganze, heiße Jugend hin –

Spät, als ein Mann erst, mocht ich wiederkehren.

Warum so lang in eitlen Sündenmüh’n?

Ich hab’ ein Herz, und konnte dich entbehren!

O Wunderhuld, daß ich dein eigen bin!

I.

Ich kam nach Karthago, und mich umrauschte überall das Gewirre lasterhafter Liebeshändel. Noch liebte ich nicht und begehrte zu lieben, und in tief verhüllter Bedürftigkeit zürnte ich mir, daß ich mich nicht liebebedürftiger fühlte. Der Liebe hold sucht ich den Gegenstand meiner Liebe, aber ich haßte den Seelenfrieden und den von Fallstricken freien Weg. Der Hunger war mir eingepflanzt von dir selbst, meiner innerlichen Speise und ich hungerte doch nicht nach dir, mein Gott, war ohne Verlangen nach der unvergänglichen Nahrung, nicht als wär’ ich voll von dir gewesen, je leerer ich von ihr war, desto mehr widerte sie mich an. Uebel gieng es meiner Seele, wund schon warf sie sich hinaus in die eitle Sinnenwelt in elender Gier nach dem Sinnenkitzel, um meiner Wunden Pein an ihm abzureiben. Freilich würde auch das Sinnliche nicht geliebt, wenn es keine Seele hätte, aber Lieben und Geliebtwerden war mir am süßesten, wenn ich auch der Körperreize der Liebenden genoß. So beflecke ich den Quell der Zuneigung mit unreiner Begehrlichkeit und umwölkte ihr Licht mit der höllischen Wollust. Und doch geberdete ich mich, der ich so schmutzig und verunehrt war, ganz fein und artig in meiner überströmenden Eitelkeit. So stürzte ich denn in die Liebe, von der ich gefangen zu werden wünschte. Mein Gott und mein Erbarmer, mit welch bitterer Galle und mit welch süßer Huld hast du mir diesen Genuß vergällt, da ich geliebt wurde und so unvermerkt in die Feßeln des Genußes fiel, in meiner Freude gebunden von schmerzbringenden Banden, in denen ich geschlagen ward von den glühenden Eisenruthen der Eifersucht, des Argwohns, der Furcht, des Zorns und des Streites!

II.

Auch die Spiele des Theaters rißen mich hin, weil sie voll waren von den Bildern meines Elends und von dem Zunder zu meinen sündigen Flammen. Was ist es, daß dort der Mensch im Anblick des trauervoll Tragischen Schmerzen sucht, die er selbst nicht erdulden möchte? Und doch will der Zuschauer sich davon schmerzen lassen, und ist dieser Schmerz selbst seine Lust. Der kläglichen Thorheit! Nur um so mehr wird Jemand davon gerührt, je weniger er von der Leidenschaft für sie frei ist, mag er sie gleich nur Leiden nennen, wenn er sie selbst erduldet, und Mitleiden, wenn er sie duldet mit Andern. Aber was kann das für ein Mitleiden sein, das nur bei erdichteten Schauspielen empfunden wird? Da wird der Hörer nicht zu Hilfe gerufen, nur zum Schmerz geladen, da ist er dem Schauspieler um so günstiger, je mehr den ihn schmerzt. Und wenn jene ehemaligen, oder ganz erdichteten Menschenleiden bei ihrer Darstellung nicht des Zuschauers Schmerz erregen, so geht er gelangweilt und tadelnd von dannen; erregen sie seinen Schmerz, dann nimmt er aufmerksam Antheil und freut sich in Thränen. Also werden auch die Schmerzen geliebt, während Jedermann doch Freude sucht? Und wenn auch das Leiden Keinem gefällt, so gefällt doch das Mitleid, und weil dieß nicht ohne Schmerzen ist, so werden vielleicht nur die Schmerzen des Mitleids geliebt. Doch der Schmerz durchrinnt auch die Zuneigung. Warum verrinnt ihre Quelle in einen glühenden Pechstrom, der die Gräuel häßlicher Begierden heraufbrodelt, in die sich von Willkür die Liebe wandelt und sich wegreißt von ihrer himmlischer Heiterkeit. – Sollen wir das Mitleid verwerfen? Mit nichten, und so können zuweilen die Schmerzen geliebt werden. – Aber hüte dich vor der Unreinigkeit, meine Seele, hüte dich unter dem Schirm meines Gottes, des Gottes unserer Väter, des Preiswürdigen, in allen Ewigkeiten Erhabenen. – Auch jetzt noch fühl’ ich Mitleid; aber damals freute ich im Schauspielhaus mit den Verliebten mich, daß sie des Lasters Freuden an einander fanden, ob sie’s auch nur nachahmend spielten; mitleidsvoll wurde ich mitbetrübt, wenn sie einander verloren; und doch ergötzte mich Beides. Nun aber bedaure ich den mehr, der sich im Laster freut, als den, der Schweres leidet, sei sein Leiden die Folge schändlicher Lust oder der Verlust seines beklagenswerthen Glücks. Dies ist gewis das ächtere Mitleid fühlt, aber in ihm findet der Schmerz keine Ergötzung. Denn wenn auch Menschenliebe des Mitleidigen Schmerzen billigt, so wünschte doch Jeder, der brüderliches Mitleid fühlt, viel lieber, es möchte dieser Schmerz gar nicht vorhanden sein. Nur wenn es das Unmögliche, wenn es ein übelwollendes Wohlwollen gäbe, könnte der des waren, innigen Mitleids Fähige wünschen, es möge Elende geben, damit er sie bedauern könne. Mancher Schmerz ist somit zu billigen, aber keiner ist zu lieben. Darum, mein Herr und mein Gott, liebst auch du die Seelen weit reiner als wir, und erbarmst dich ihrer viel ächter; denn du nur wirst von keinem Schmerz verwundet. Doch wer ist hiezu tüchtig? Und ich elender liebte den Schmerz einst, und suchte auf, was mich schmerzte, da mir der Schauspieler in seinem fremden, unwahren, vorgegaukelten Schmerz desto beßer gefiel, je mehr er mir Thränen entlockte. So ward ich elendes Lamm – und wie war es zu verwundern – verunreinigt mit schändlichem Aussatz, seit ich von deiner Herde mich verlor und deiner Hut mich entzog. Daher meine Liebe zum Schmerz. Doch nicht tiefer wollt’ ich ihn eingehen, wünschte das nicht zu leiden, was ich zu sehen gewünscht, wollte nur oberflächlich von der angehörten Dichtung gerührt werden. Und doch folgte dieser Thorheit wie von zerfleischenden Klauen ein entzündendes Schwellen, Entkräftung und scheußlicher Eiter. So war mein Leben, und o mein Gott, war das ein Leben? –

III.

Aber dein treues Erbarmen schwebte über mir von Ferne! Ueberall züchtigtest du mich, in welchen Pfuhl von Schändlichkeiten ich mich auch warf, welch gottloser Neugier ich auch folgte, wie sie mich, der dich verlaßen, in den trüglichen Abgrund warf und ich den Dienst der bösen Geister, denen ich opferte mit meinen Uebelthaten. Wagt’ ich ja selbst, in deinem Haus, im feierlichen Gottesdienst, mich um die Todesfrucht meiner Begierden, um sinnlicher Liebe Gewährung, zu bewerben. Dafür hast du mit schweren Strafen mich geschlagen, und nichts doch diente zur Erkenntnis meiner Schuld, o du, mein großes Erbarmen, mein Gott, meine Zuflucht vor den schändlichen Verderben, denen ich vertrauend den Nacken bot, um nur recht weit von dir zu weichen, da ich in flüchtiger Freiheit meine Wege liebte, nicht die deinen!

Auch jene wissenschaftlichen Bestrebungen, für so ehrenvoll gehalten, reizten mich nur in Rücksicht auf die Verhandlungen der Gerichtsplätze, wo man, je trüglicher, desto löblicher, sich hervorthut; denn so verblendet sind die Menschen, daß sie auch ihrer Verblendung sich rühmen. Schon nahm ich in der Rednerschule zu; und freute mich des in schwellendem Stolz. Doch war ich, du weißest es, Herr – noch weit gemäßigter, hielt mich entfernt von dem Unheil, welches damals Karthago’s zügellose Studirende verübten, die man deshalb Verderber nannte. Und gilt diese Benennung albern und doch teuflisch genug jetzt noch als Bezeichnung seiner Lebensart. Unter ihnen lebte ich mit der schaamlosen Schaam, daß ich nicht war wie sie. Mit ihnen war ich, und freute mich der Freundschaft derer, vor deren verderblichen Thaten ich erschrak, mit welchen sie der Einfalt Unerfahrener Schlingen legten, um sie verführerisch um ihren Frieden zu bringen, und ihre boshafte Lust daran zu weiden. Nichts fürwahr ist den Thaten der bösen Geister ähnlicher und ganz nach der Wahrheit heißen sie Verderber, selbst verderbt und verkehrt von den höllischen Geistern, eben in dem, mit welchem sie Andere, sich selbst zum Vergnügen, zum Verderben umgarnen.

IV.

Unter solchen Menschen legte ich mich in meiner unmündigen Jugend auf die Schriften der Beredsamkeit, in welchen ich die Stillung der Eitelkeit suchte, die mein verwerfliches, trügliches Ziel war. Im Unterricht schon weiter fortgeschritten, gerieth ich an die Schrift eines Cicero, dessen Sprache, weniger dessen Geist man allgemein bewundert. Jenes Buch aber enthielt eine Einladung zur Philosophie und hieß Hortensius. Es änderte meinen Sinn, kehrte, o Herr, mein Gebet zu dir und lebte ganz andere Wünsche in mein Herz. Plötzlich sanken jene eitlen Hoffnungen, mit heißer Seelengluth sehnte ich mich nach unsterblicher Weisheit und machte mich auf zur Rückkehr zu dir. Das geschah zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters in meinem neunzehnten Lebensjahre. Und nicht der Sprachübung wegen nahm ich dieß Buch vor; nicht seine Redeweise, sondern sein Inhalt hatte mich gewonnen. Wie glühte ich, mein Gott, mich zu dir wieder zu erheben vom Irdischen, und wußte nicht, was du mit mir thuest. Bei dir ist die Weisheit, aber Menschen gibt es, die uns durch Philosophie, der Weisheit Wissenschaft verführen, indem sie ihre Irrthümer färben und schminken mit prahlenden, einschmeichelnden Worten. Beinahe alle diese, wie aus Cicero’s, so aus frühern Zeiten, werden in seinem Buche berührt und beurtheilt. Auch dort wird deines Geistes heilsame Mahnung bestätigt, die du sprachest durch deinen frommen und getreuten Knecht: »Sehet zu, daß euch Niemand beraube durch die Philosophie und lose Verführung nach der Menschen Lehre und nach der Welt Satzungen, und nicht nach Christo. Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.« (Koloss. 2, 8. 9.) Du weißest es, Licht meines Herzens, daß ich, dem damals jenes apostolische Wort noch nicht bekannt war, mich an jener Ermahnung Cicero’s erfreute, weil ich nicht diese oder jene Secte, weil ich die Weisheit selbst, in welcher Form sie kommen mochte, liebte suchte, ihr folgte und sie eifrig ergrif. Entzündet wurde ich von dieser Schrift, nur dämpfte es meine Glut, daß Christi Namen nicht in ihr war. Denn nach deiner Erbarmung hatte mein junges Herz schon mit der Muttermilch meines Erlösers, deines Sohnes, Namen eingesogen und werthgehalten, und auch das Gelehrteste, Ausgebildetste und wahr Gesprochene gewann nicht ganz mich, wenn ihm jener Name fehlte.

V.

Darum beschloß ich, mich an die heilige Schrift zu wenden, um zu sehen, was an ihr sei. Und siehe, ich sah, was den Stolzen verborgen ist und nicht offenbaret den Buben; so niedrig im Anfang, so erhaben in der Folge, so reizend verhüllt mit heiligen Geheimnissen. Nicht so war ich, daß ich vermocht hätte, in sie einzugehen und den Nacken zu beugen nach ihrem Gang. Ich fühlte nicht wie jetzt; die heilige Schrift schien mir, mit jener Cicero’s, keiner Vergleichung werth. Meine Aufgeblasenheit stieß sich an ihrer Weise, und meine Augen drangen nicht in ihre Tiefen. Und doch war es sie, welche wachsen will mit den Kleinen. Aber ich verschmähte, einer zu sein von diesen Kleinen, und dünkte mich groß in meinem Uebermuth.

VI.

Dadurch gerieth ich zu übermüthigen Menschen voll Fleischeslust und voll Geschwätzigkeit, in deren Mund die Stricke des Teufels, mit dem Scheine deines Namens, des Namens deines Sohnes und unseres Trösters, deines Geistes. Alle diese Namen tönten stets aus ihnen und von deiner Wahrheit. Und sie sprachen Wahrheit und Wahrheit, mir viel von ihr sagend, die in ihnen niemals war. Aber Lügen sprachen sie, von dir nicht nur, der du in Wahrheit die Wahrheit bist, auch von den Elementen dieser Welt, deiner Schöpfung, über welche ich selbst die wahreren Lehren der Philosophen verlaßen mußte, seit ich die Liebe fand zu dir, mein bester Vater, du Schönheit aller Schönheiten. O Wahrheit, Wahrheit, wie seufzte mein Herz nach dir, als jene mir mit Wort und Schrift so viel und häufig von dir sprachen! Nur Lockspeisen waren es, mit welchen sie mir, dem nach dir Hungernden, an deiner Statt Mond und Sonne reichten, deine schönen Werke, doch deine Werke nur, nicht selber du, noch selber deine ersten. Denn vor jenen körperlichen Werken, wie herrlich sie am Himmel strahlen, waren deine geistigen Doch ich hungerte und dürstete auch nach jenen ersten Werken nicht, nur nach dir selbst, du Wahrheit, die sich nie verändert, nie verdunkelt! Und mir wurden bei jenen Gerichten noch gleißende Traumbilder vorgesetzt! Beßer noch hätte ich jener Sonne begehrt, die doch wahrhaft da von unsern Augen ist, als jener Truggebilde, mit der vom Schein berückten Seele. Und dennoch, weil ich sie für dich hielt, ergriff ich sie, zwar nicht mit großer Begierde, da du in mir nicht nach deinem wahren Wesen schmecktest; sie waren nicht du, von ihnen ward ich nicht genährt, nur noch mehr erschöpft. So ist die Speise, die wir im Traume eßen, der Speise der Wachenden ganz ähnlich, und doch werden die Schlafenden nicht von ihr genährt, denn sie schlafen. Aber jene Trugbilder waren dir, der du jetzt offenbar bist, auf keine Weise ähnlich, sie waren nur erdichtete Körper, die himmlischen und die irdischen, die wir mit unsern leiblichen Augen sehen. Auch das Thier des Feldes sieht sie und der Vogel im Flug, und doch sind sie gewisser als jene eingebildeten karge Vorstellung noch der Wahrheit näher, als diejenigen, die wir aus ihnen uns als Wesen höherer Stufen, ja als unendliche zusammendichten, während sie gar nichts sind. Auch mit diesen Leerheiten ward ich gespeist. Aber du meine Liebe, gegen welche ich schwach bin, damit ich stark sei, du bestehst nicht aus jenen Körpern, die wir sehen, ob auch am Himmel, noch aus denen, die wir nicht sehen, denn du hast sie erschaffen und zählst sie nicht zu deinen höchsten Werken. Wie weit bist du gar von jenen meinen Trugbildern, die gar nichts sind! Selbst die Seele bist du nicht, die das Leben der Körper ist, wenn auch diese Seele, dieß Leben der Körper beßer ist, als diese. Du bist das Leben der Leben, die Seele der Seelen, du lebest dich selbst, du Unveränderlicher, der du auch das Leben meiner Seele bist. Wo warest du damals, und wie weit entfernt! Weit weg von dir war ich gezogen, selbst die Träbern, womit ich die Schweine nährte, waren mir versagt. Wie viel beßer sind selbst noch die Fabeln der Dichter, als jene Schlingen; denn Vers und Gedicht und die schwebende Medea sind noch nützlicher, als jene fünf verschieden gefärbten Elemente an den fünf Grotten der Finsterniß, die gar nichts sind und den zu Grunde richten, der an sie glaubt. Jene Verse und Gedichte wurden mir zur ächten Geistesnahrung. Jene schwebende Medea eignete ich mir nicht als etwas Wahres an, auch wenn ich sie sang, und glaubte nicht an sie, auch wenn man mir sie vorsang, an jene Trugbilder aber glaubte ich. Weh, weh, auf welchen Stufen ward ich geführt zu den Tiefen der Hölle, sauer mich abmüdend im Mangel des Wahren, da ich dich, mein Gott, suchte mit fleischlichem Sinn und nicht mit Geistesaugen, mit denen du mich über das Thier erheben wolltest! Das bekenne ich dir, der du mein dich erbarmtest, da ich dich noch nicht bekannte. Du aber warest innerlicher, als mein Innerstes, und warest höher, als mein Höchstes ist. Ich traf jenes freche, thörichte Weib, jenes Räthsel Salomo’s, die auf dem Stuhl in der Straße saß und sprach: die gestohlenen Waßer sind süße und wohlschmeckend sind die versteckten Brote. (Sprüche 9, 17.) Diese hat mich verführt, da sie mich draußen fand, mit meinen fleischlichen Blicken, wo ich wiederkäute, was ich mit ihnen verschlang.

VII.

Von nichts fast wußte ich, was es wirklich ist, und wurde beinahe tändelnd veranlaßt, mich von aberwizigen Betrügern fangen zu laßen, da sie mich fragten: woher das Böse denn rühre, ob Gott begränzt werde durch Körpergestalt, ob er Haare und Nägel habe, ob die im alten Bund für gerecht zu halten seien, die mehrere Weiber zugleich gehabt, Menschen getödtet und Thiere geopfert. In diesen Dingen unerfahren, ward ich verwirrt; von der Wahrheit mich entfernend, meinte ich in sie einzugehen, weil ich nicht erkannte, daß das Böse ein Raub am Guten ist und so weit führt, bis es das Gute vernichtet. Wie sollte ich’s erkennen, da meiner Augen Erkennen auf Körper nur und meiner Seele Erkennen auf Trugbilder gerichtet war? Nicht wußte ich, Gott sei ein Geist, der keine sich in den Raum ausdehnende Glieder hat und keine Körperlichkeit ist, weil diese kleiner in ihren Theilen ist, als in ihrem ganzen Gehalt, ja weil sie, selbst wenn sie unendlich ist, in einem Theile doch von einem Raume beschränkt wird, darin also kleiner ist, als ihr Unendliches, und damit nicht überall in ihrer Ganzheit ist, wie Gott es ist, der Geist ist. Ganz unbekannt war mir, was in uns sei, durch das wir Gott ähnlich werden, weshalb uns die Schrift mit Recht Gottes Bild nennt. Unverständlich war mir die wahre Gerechtigkeit, die nicht nach Gewohnheiten und Sitten richtet, sondern nach dem untrüglichen Gesetz des allmächtigen Gottes, nach welchem die Sitten der Länder und Zeiten sich eben nach jenen Ländern und Zeiten formen, während es selbst überall stets unverändert ist. Nach diesem sind Abraham und Isaak, Jakob, Moses und David, und Alle gerecht, die der Mund Gottes gerecht nennt. Nur von den Unerfahrenen werden sie für ungerecht gehalten, weil diese richten nach einem menschlichen Tage und alle Sitten des Menschengeschlechts nur nach ihrer Sitte beurtheilen. Aber darf ein in Waffen Ungeübter, der nicht weiß, was für jedes Glied passt, darf er murren, daß ihm nichts passe, wenn er mit den Fußschienen das Haupt bedeckt und mit dem Helm sich beschuht? Darf Einer schelten, wenn er auf einer auf den Nachmittag angesagten Gerichtsfeier nichts zum Verkauf ausstellen darf, da es ihm am Morgen erlaubt war, oder daß ein Diener mit seinen Händen etwas verrichtet, das nur dem Mundschenk zu unreinlich wäre; oder daß etwas hinter dem Stall geschieht, das nur vor dem Tische nicht schicklich ist? Darfst du zürnen, daß in einer Familie nicht Allen ganz das Gleiche zur Ausrichtung zugetheilt wird? Was tadeln denn Jene, daß damals den Gerechten erlaubt war, was jetzt ihnen nicht erlaubt ist, und daß Gott Diesen und Jenen Verschiedenes befahl nach den Umständen der Zeit, während sie beide doch derselben Gerechtigkeit dienten? Ist die Gerechtigkeit veränderlich und unbeständig, wenn wir an einem Menschen, an einem Tage, in einem Hause ein für jedes Glied, für jede Stunde, für jeden Bewohner eigenthümlich Geeignetes sehen; wenn viel schon lange Erlaubtes nach einer Stunde nicht mehr erlaubt ist; wenn etwas erlaubt und befohlen wird an einem Ort, das man verbietet und bestraft an einem andern? Nur die Zeiten, welchen die Gerechtigkeit vorsteht, gehen ungleich, denn es sind Zeiten; sie sind veränderlich, aber die Gerechtigkeit ist unveränderlich. Und die Menschen, mit ihrem kurzen Erdenleben, vermögen die Bräuche und Sitten frühere Jahrhunderte nicht mit den ihren zu faßen, ob sie auch an jedem Körper, Tage oder Hause zu erforschen wißen, was jedem Gliede schicklich sei, so wie jedem Augenblick und jedem Mitglied des Hauses: Diesem sich fügend, stoßen sie sich an Jenem. Das bot sich überall mir dar und ich mochte es nicht erkennen. So fertigte ich Gedichte und mußte nach des Versmaßes Ordnung hier so, dort anders verfahren, durfte selbst, wo das Versmaß dasselbe blieb, nicht an allen Stellen das gleiche Glied des Verses setzen, und doch enthielt mein Gedicht nicht nur diese oder jene Versart, sondern alle zugleich. Was sah ich nicht ein, daß die Gerechtigkeit, welcher heilige Menschen gehorchen, auf viel erhabenere Weise Alles zugleich enthalte, was Gott besieht, daß sie dieselbe bleibt unveränderlich, wenn sie such verschiedenen Zeiten nicht Alles zugleich, sondern nur das ihnen Zukommende besieht und ertheilt? Verblendet also tadelte ich die heiligen Väter, die Gott so hoch erhob, wenn er sie nicht nur für ihre Gegenwart mit seinem Geist erfüllte, wenn er sie selbst als Weißager der Zukunft offenbarte.

VIII.

Immer und überall gilt das Gebot, zu lieben Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele, mit allen Kräften, und seinen Nächsten wie sich selbst. Und darum sind die Verbrechen gegen die Natur immer und überall zu verabscheuen gleich Sodoms Gräueln. Begiengen diese alle Völker, so würden sie nach Gottes Gesetz alle auch der nemlichen Strafe, wie Sodom, unterliegen; denn unsere Verbindung mit Gott wird verletzt, wenn die Natur, deren Urheber er ist, auf verkehrte Weise befleckt wird. Die Sünden aber, welche nur gegen die Sitten der Menschen sind, sind zu vermeiden nach der Verschiedenheit dieser Sitten; es soll der Brauch, den Gemeinde oder Volk durch Verjährung oder durch Gesetz bestimmte, durch keines Bürgers, keines Fremdlings Uebertretung verletzt werden, denn jenes Glied ist schändlich, das seinem Ganzen nicht entspricht. Wenn aber Gott gegen Sitten und Vertrag einiger Menschen Befehle gibt, so ist ein Gebot zu vollführen, wenn Gleiches dort auch nie vollführt worden, ist zu erneuen, wenn es unterlaßen ward, und einzuführen, wenn nicht eingeführt. Schon einem Könige steht es zu, seinem Volke etwas zu besehlen, was weder Jemand vor ihm, noch er selbst jemals befahl, und es ist nicht gegen die Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft, wenn ihm gefolgt wird, aber gegen sie ist’s, wenn man ihm nicht folgt, denn Gehorsam gegen die Könige ist der allgemeine Rechtsbrauch der menschlichen Gesellschaft. Um wie viel mehr ist Gott, dem König der Schöpfung in Allem zu gehorchen ohne Widerrede, was er auch gebieten mag. Wie unter den Gewalten der Welt die größere der kleineren vorsteht, damit ihr von dieser gehorcht werde, so stehet Gott über Allen. – Gegen die Nächstenpflichten aber wird gefrevelt bei allen Schandthaten, welche zu schaden suchen durch Zufügung von Schmach und Unrecht, oder der Rache wegen gar durch beides, wie es der Feind gegen den Feind thut; oder um des Andern Gut sich zuzueignen, wie der Räuber auftritt gegen den Wanderer; oder um Uebel zu vermeiden, da, der es fürchtet, dem, den er fürchtet, schadet; oder aus Neid, da der Elende dem Glücklichen Schaden bringt; ja beim glücklichen Fortgang einer Sache, aus Furcht oder aus Aerger über den Wetteifer eines Andern, oder aus bloßem Vergnügen an fremdem Schmerz, wie die Zuschauer es fühlen bei den Fechterspielen, und die Spötter und Neckischer aller Art. Das sind die Häupter der Sünde, welche aus der Sucht zu herrschen, zu schauen und zu fühlen, entweder aus einer, oder aus zweien, oder aus allen diesen zugleich, herauswachsen. – So wird schlecht gelebt wider die drei Gebote der Pflichten gegen dich und wider die sieben Gebote der Pflichten gegen den Nächsten, wider deinen zehnsaitigen Psalter, deine zehen Gebote, du höchster und süßester Gott! Aber können denn Schandthaten gegen dich geschehen, der du nie verletzt wirst, dem Niemand schaden kann? Nein, du strafst das, was die Menschen gegen sich selbst begehen, weil sie gegen dich sündigend, an ihrer eigenen Seele sündig handeln. die Ungerechtigkeit mit ihrer trüglichen Macht verderbt und verkehrt die von dir geschaffene, gelenkte Menschennatur, bis sie das Erlaubte unmäßig genießt, oder bis sie entbrennt nach des Verbotenen widernatürlichem Genuß. Auch fallen sie in Schuld, wenn sie mit Herz und Worten gegen deine Lenkungen toben und wider den Stachel ausschlagen, der sie treibt. Oder sie zerreißen die Ordnung der Gesellschaft durch selbstsüchtige Trennungen und Verbindungen, je nachdem sie etwas beleidigt und ergötzt. So kommt es, wenn du, des Lebens Quelle, du einiger wahrer Lenker der ganzen Welt, veranlaßen wirst, und wenn man im selbstsüchtigen Hochmuth das Einzelne liebt, das falsch und trüglich ist, so es nicht geliebt wird in dir. Nur durch Kindesdemuth kehrt man zurück zu dir; dann reinigst du uns von der bösen Gewohnheit, siehst gnädig auf die Sünden der Bekennenden und hörest die Seufzer der Gefeßelten, du erlösest und von den Ketten, die wir selbst um uns wanden, wenn wir nicht mehr gegen dein sanftes Joch in Zügellosigkeit das Horn erheben, nicht mehr in der Gier, nur mehr zu besitzen, beharren, die uns in Gefahr bringt, Alles zu verlieren, und wenn wir mehr nicht unser Eigenes lieben, als dich, du Gut aller Güter, durch den alles Gute gut ist.

IX.

Unter der Sündenmenge sind auch noch die Unvollkommenheiten der im Guten Vorschreitenden, die nach dem Maßstab der Vollkommenheit getadelt, aber in der Hoffnung, sie dürften gute Frucht einst bringen, gebilligt werden, gleich des Feldes jungen Saaten. Auch sieht gar Manches wie Sünde aus, und ist es nicht, weil es weder dich, unsern Herrn und Gott beleidigt, noch die menschliche Gesellschaft. So wird Manches zeitgemäß zum Nutzen fürs Leben erworben, von dem es ungewiß ist, ob es aus Habsucht geschieht; Manches wird von der eingesetzten Gewalt, in der Absicht zu beßern, bestraft, von dem man nicht weiß, ob es nicht mit Lust bestraft wird nur um wehzuthun. Viel nach dem Urtheil der Menschen Verwerfliches, ist nach deiner Zustimmung zu billigen, und Vieles wird von dir verdammt, das von den Menschen gelobt wird. Denn oft verhält sich das äußere Ansehen einer That ganz anders, als des Handelnden Gemüth und wird von ihm in einem Zeitpunkt gethan, dessen Umstände uns verborgen sind. Wenn die Menschengesellschaft gerecht ist, die dir gehorcht, wer möchte dann zweifeln, daß gethan werden müße, was du, auch plötzlich, neu und ungewöhnlich besiehlst, selbst wenn du sonst es verboten hättest und die Ursache deines Befehls noch verbärgest, ja selbst wenn es gegen den geselligen Brauch mancher Menschen wäre. Glücklich, die wißen, daß du es besahlest; denn alles, was deine Diener so thun, geschieht entweder, um zu üben, was der Gegenwart Noth thut, oder um in die Zukunft zu weisen und sie anzubahnen.

X.

Dieß nicht erkennend, verlachte ich deine heiligen Knechte und Propheten. Aber da ich sie verlachte, wurde ich lächerlich vor dir. Denn allmählich kam ich im manichäischen Irrthum so weit, daß ich glaubte, die Feige sammt ihrem mütterlichen Baume weine milchweiße Thränen, wenn sie gepflückt werde. Wenn jedoch ein auserwählter, für heilig gehaltener Manichäer eine solche Feige gegeßen, und sich nur selbst nicht durch ihr Abpflücken versündigt habe, und wenn er sie nun verdaue, so hauche es aus ihr Engel, ja Theilchen Gottes aus, während er zwischen seinen Reden gähne, aufseufze oder es ihm aufstoße. Diese Theilchen des höchstwahren Gottes wären, meinte ich, an jene Frucht gebunden geblieben, wenn sie nicht die Auserwählten mit ihren Zähnen und ihrem Magen erlöst hätten! So glaubte ich Elender, man müße den Früchten der Erde mehr Mitleid als den Menschen zollen, wegen derer sie erschaffen sind. denn wenn ein Nichtmanichäer hungernd nach Speise begehrte, so hätten wir den Bißen gleichsam für verdammt gehalten, den wir ihm gerreicht hätten.

XI.

Und du recktest deine Hand aus der Höhe und rißest aus dieser tiefen Nacht meine Seele, da für mich meine Mutter, dir so treu, inniger zu dir weinte, als sonst Mütter ihre leiblich Todten beweinen. Sie sah mich dem Glauben und dem Geist gestorben, die sie von dir empfangen hatte, und du erhörtest sie. Du erhörtest sie und hast nicht verachtet ihre Thränen, mit welchen ihre Augen die Erde netzten, wo sie zu dir rief. O treues Erbarmen, und du erhörtest sie! Denn woher kam ihr jener tröstliche Traum, durch den sie mir wieder gestattete, mit ihr zu leben und ihren Tisch zu theilen, was sie mir verweigert hatte in der verabscheuenden Verwerfung meines lästernden Irrthums? – Ihr war, als stünde sie auf einem Richtscheite und träte zu ihr ein glänzender Jüngling, der heiter die vom Gram Erdrückte anlächelte und sie fragte um den Grund ihrer Thränen und ihrer täglichen Trauer, nicht um sie zu erfahren, sondern um zu belehren, wie das deine Gesichte thun. Und als ihm antwortete, mein Verderben beweine sie, gebot er ihr darüber ruhig zu sein und aufzublicken: »wo sie stehe, da stehe auch ich«. Und als sie aufblickte, sah sie mich neben sich auf dem Richtscheit stehen. – Woher dieser Traum, als von dir, der du erhörend dich zu ihrem Herzen neigtest! O du allmächtige Güte, der du dich eines Jeden von uns also annimmst, als nehmest du dich seiner allein an, und so Aller dich zusammt annimmst, wie jedes Einzelnen! – Und da sie mir ihr Traumgesicht erzählte, und ich mich erfrechte, dahin es zu deuten, sie dürfe die Hoffnung nicht aufgeben, einst dahin zu gelangen, wo ich sei: woher, als von dir ihr Wort, mit dem sie mir sagte ohne Bedenken: »Nicht wurde mir gesagt, wo er stehet, da stehest auch du, sondern, wo du stehest, da stehet auch er?« Nach meiner Erinnerung gesteh ich dir Herr, was ich auch sonst nicht verschwieg, daß ich mehr als durch ihren Traum selbst, durch deine Antwort bewegt wurde, die du mir durch die sorgsame Mutter gabst, weil sie durch meine falsche, so nahe liegende Auslegung verwirrt wurde und so schnell das Wahre fand, das mir vor ihrer Antwort verborgen geblieben war. So hast du gar lang zuvor der frommen Frau die tröstende Freude verheißen, die ihrem Grame folgen sollte. Denn neun Jahre folgten, in welchen ich in jenem Abgrund, in jenes Truges Nacht umhergeworfen wurde, aus der ich so oft mich erheben wollte, und doch nur fester gebunden ward. Während all’ dieser Zeit hörte die fromme, weise Witwe – o, wie liebst du eine solche! – nicht auf, in allen ihren Gebeten über mich zu dir zu weinen. Schon durch Hoffnung ermuthigt, wurde sie doch nicht läßiger in ihrem Weinen und Seufzen. Zu dir drang ihr Flehen, aber noch ließest du mich in jener Finsterniß umhergewälzt werden, die um mich ihre Hüllen breitete.

XII.

Inzwischen aber gabest du eine andere Antwort, deren ich noch wohl gedenke, Vieles übergehend, weil ich zu dem Dringenden eile, das ich dir bekennen muß und auch Manches vergaß. Jene Antwort gabst du durch deinen Priester, einen frommen Bischof, dessen Geist in deiner Kirche geübt und genähret war in deinem Wort. Ihn hat die Mutter, er möge einer Unterredung mich würdigen, um meine Irrthümer zu zerstreuen, mich vom Bösen wegzuführen und dem Guten zuzuführen. Und so bat sie Jeden, den sie dazu für tauglich hielt. Er jedoch verweigerte dieß, und wie ich später erkannte, war seine Weigerung weise. Denn er gab ihr zur Antwort, ich sei noch keiner Belehrung fähig, weil ich noch von der Neuheit jener Ketzerei befangen und stolz darauf sei, mit meinen verfänglichen Fragen der Unerfahrenen Viele schon verwirrt zu haben, wie sie ihm selbst ja anvertraut habe. – »Laß ihn dort,« sprach er, »und bete du zum Herrn für ihn, er wird durch Lesen selbst wohl finden, was Jener Irrthum, und wie groß dessen Gottlosigkeit ist.« Dabei erzählte er, wie er noch klein, von seiner verführten Mutter den Manichäern übergeben worden, alle ihre Bücher gelesen, sogar abgeschrieben, und dann von selbst, daß Jemand ihn überwiesen, eingesehen habe, wie verderblich diese Lehre sei, von der er sich dann losgemacht. Als sie sich dennoch nicht zufrieden geben, und mit vielen Thränen weiter in ihn dringen wollte, daß er mich sehe und spreche, erwiederte er mit scheinbarem Unwillen: »laß mich, es ist, so wahr du lebst, nicht möglich, daß ein Sohn solcher Thränen verloren gehe!« Oft erzählte mir meine Mutter, dieß Wort habe sie ergriffen, als wäre es vom Himmel erklungen.

Viertes Buch

Der meiner Seele lichte Hälfte war,

Sie trugen mir den lieben Freund zu Grabe;

Mein Jugendglück, all meine frohe Habe

Versanken mir mit seiner Todtenbahr.

Ich bot mich meinem Schmerz zum Raube dar,

Daß er sich voll am vollen Leben labe;

Er trank sich nimmer satt an seiner Gabe,

Als wär er ewig fessellos und wahr.

Da sprachst du tröstend in mein lautes Weinen:

Er ist bei mir, um den das Herz dir bricht,

Reich mir die Hand, ich will euch froh vereinen.

Ich lieb ihn jetzt in dir und deinem Licht,

Ich hab ihn wieder nach den wilden Peinen,

Herr, du mein Frieden, meine Zuversicht.

I.

In jener Zeit von neun Jahren, von meinem neunzehnten bis zu meinem achtundzwanzigsten Lebensjahre, wurde ich irre geführt und führte Andere irre; zeigte mich in meinen bunten Bestrebungen unwahr und trüglich, sowohl öffentlich durch das, was man die freien Künste nennt, als heimlich durch meine falsche Religion; war dort stolz, hier abergläubisch und nichtig in Allem. Dort suchte ich den eitlen Ruhm vor dem Volke bis zu theatralischem Beifallshaschen, Wettgedichten und Kämpfen um verwelkliche Kränze, ja bis zur Stillung der Zügellosigkeit des Fleisches; hier strebte ich wieder, mich von diesem Unrath zu reinigen, indem ich den für auserwählte Heilige Geltenden Speisen zutrug, von welchen sie uns in den Werkstätten ihres Leibes Engel und Götter machten, durch die wir befreit werden sollten. Das that ich mit meinen durch mich und mit mir betrogenen Freunden. Mögen mich die Uebermüthigen und Alle verlachen, die von dir noch nicht zu ihrem Heile gebeugt wurden; ich will dir zu deinem Lob meine Schande bekennen, will meines Irrthums Umwege durchgehen und dir das Opfer meines Jubels bringen. Denn was bin ich mir ohne dich, als mein eigener Führer ins Verderben; was selbst in meinem Wohlbefinden, wenn ich mich nicht mit dir, meiner milden Nahrung nähre, die nie verdirbt? Was für ein Mensch ist jeder Mensch auf Erden, da er ein Mensch von Erde ist! Mögen mich verlachen, die auf ihre Gewalt pochen, ich bekenne dir meine Mängel und Schwächen.

II.

In jenen Jahren lehrte ich die Redekunst und bot, besiegt von Ehrbegierde, die besiegende Geschwätzigkeit feil. Doch gute Schüler wünschte ich mir, wie man sie so gewöhnlich gut nennt, und lehrte sie ohne Verfänglichkeit die Verfänglichkeiten, mit welchen sie zwar nicht gegen die Unschuldigen, aber doch zu Gunsten der Schuldigen reden sollten. Und du, Gott, sahest von ferne meinen aus eitlem Rauch als schwachen Funken aufflackernden Glauben, den ich den Freunden der Eitelkeit noch unter den Lügen mittheilte, die sie suchten und die ich gab.

Damals hatte ich eine Freundin; sie war mit mir nicht in gesetzlicher Ehe verbunden, meine umherschweifende Leidenschaft hatte sie thöricht aufgespürt. Doch hatte ich nur sie und hielt ihr die Treue. Aber an ihr und mir bewies sich der Unterschied des ehelichen Bundes, der nur für Kindererzeugung geschloßen wird, und der sündhaften Neigung, wo man Kinder zeugt, ohne es zu wünschen, nöthigen sie auch durch ihre Geburt, sie zu lieben.

Auch erinnere ich mich, daß mir, da ich einen dichterischen Wettkampf eingehen wollte, ein Zeichendeuter um gewissen Lohn den Sieg versprach, dem ich aber, diese schändlichen Bräuche verabscheuend, erwiederte: selbst wenn der goldene Siegerkranz unsterblich wäre, gäbe ich nicht zu, für meinen Sieg nur eine Fliege zu tödten. Denn er pflegte Thiere bei seinen Gebräuchen zu opfern, und mir schien, als wollte er dadurch der bösen Geister Gunst erwerben. Aber auch diese Sünde verwarf ich nicht mit der Reinheit, die von dir stammt, du Gott meines Herzens; noch verstund ich ja nicht, dich zu lieben, der ich statt deiner nur von gleißenden Scheinbildern wußte. Denn schweift eine Seele nicht niedrig weg von dir, waidet sie nicht Winde, wenn sie sich nach solchen Truggestalten sehnt? Wollte ich auch nicht, daß man für mich den bösen Geistern opfere, so opferte ich mich doch ihnen selbst in jenem Aberglauben. Denn was ist Winde waiden und hegen anderes, als böse Geister hegen, durch seine Verirrungen ihnen zur Luft und zum Hohne werden?

III.

Dagegen hörte ich nicht auf, jene leichtfertigen Sterndeuter um Rath zu fragen, weil sie keine Opfergebräuche hatten und an keinen Geist Gebete richteten, während doch das ächte Christenthum auch ihr Thun verwirft; denn nur heilsam ist, dich zu bekennen, Herr, und in das Wort einzustimmen: »Herr sei mir gnädig, heile meine Seele, denn an dir habe ich gesündigt« (Psalm 41, 5.). Nicht soll man zur Freiheit im Sündigen deine Nachsicht misbrauchen, man soll dein Wort bedenken: »siehe zu, du bist gesund worden, sündige hinfort nicht mehr, daß dir nicht etwas Aergeres widerfahre« (Joh. 5, 14.). Dieses Gesunden zerstören wieder, die da mit den Sterndeutern lehren: vom Himmel kommt dir die unvermeidliche Ursache zum Sündigen; das hat Venus, oder Saturn gethan. Als wenn der Mensch, dieß stolz verwesende Fleisch und Blut, ohne Schuld – als wenn nur der Schöpfer des Himmels und seiner Gestirne zu beschuldigen wäre! Und wer ists, dem man dieß vorwirft, als du Gott, du Wonne und Quell der Gerechtigkeit, der du einem Jedem vergiltst nach seinen Werken, und doch ein zerstoßenes und gedemüthigtes Herz nicht verachtest. Es lebte damals ein weiser, in der Arzneikunde wohl erfahrener, und sehr berühmter Mann, welcher im Namen des Consuls mir einen Siegeskranz der Beredtsamkeit auf’s kranke Haupt, nicht eben als der beste Arzt für dasselbe, gesetzt hatte. Denn nur du bist der heilende Arzt solcher Kranken, der du den Stolzen widerstehst und den Demüthigen Gnade gibst. Aber fehltest du mir denn in jenem Greise, unterließest du denn, durch ihn meine Seele heilen zu wollen? Zu ihm hielt ich mich und hieng an seinen Reden, die ohne künstliche Ausbildung durch das Belebende ihrer Gedanken anmuthig und gewichtig wurden. Als er nun, durch unsere Gespräche, bemerkte, ich habe mich auf die Schriften der Sterndeuter gelegt, ermahnte er mich mit väterlicher Güte, von ihnen zu lassen und nicht Zeit und Mühe, die nützlichern Dingen gebühre, vergeblich an solche Nichtswürdigkeiten zu wenden. Auch er habe sie in seiner Jugend und in der Absicht erlernt, seinen Lebensunterhalt durch sie zu erwerben, und ob er sie gleich so gut als seinen Hippokrates zu verstehen geglaubt, habe er doch nur darum sie aufgegeben, und sich allein noch auf die Arzneikunde gelegt, weil er ihre Lügenhaftigkeit erkannt und es verschmäht habe, sich durch Täuschung seiner Mitmenschen Ansehen und Unterhalt zu verschaffen. »Du aber,« sprach er weiter zu mir, »suchst dir deinen Unterhalt durch die Redekunst zu erwerben und legst dich nur aus Liebhaberei auf diese Betrügereien, da du nicht nöthig hast, dich durch sie zu ernähren. Um so mehr mußt du mir glauben, der ich sie so gründlich erlernte, daß ich von ihnen leben wollte.« – Als ich ihm hierauf einredete, woher es denn aber komme, daß diese Künste doch viel Wahres verkündigten, antwortete er mit Ueberzeugung: das thue die Macht des Geschickes, welche über alle Welt sich ausgieße. Schon in einem Dichterwerke, in dem Jemand einen Vers aufschlage, um sich von ihm Rath zu holen, könne sich oft ein Vers darbieten, der auffallend mit der Sache stimme, über die man Auskunft gesucht, während das Gedicht selbst etwas ganz Anderes beabsichtige. Um so weniger dürfe man sich wundern, wenn aus einer Menschenseele gleichsam durch einen höhern Zug, ohne daß sie es wiße, Worte kämen, die nicht durch geheime Kunst, die durch das Geschick mit den Umständen übereinstimmen, um die man frage. Dieß ließest du mir durch Jenen sagen, auch fand ich es später selbst so. Doch damals konnte weder Jener, noch mein theurer Nebridius, ein sehr edler, tugendhafter Jüngling, der aller jener Vorherverkündigungen lachte, mich zu ihrer Verwerfung überreden, da mich das Ansehen der Sterndeuter weit mehr anzog und ich den von mir gesuchten Beweis noch nicht gefunden hatte, der mich überzeugt hätte, daß das was mir von den Befragten Wahres gesagt wurde durch Zufall oder Geschick eingetroffen sei und nicht durch die Kunst derer, die in den Gestirnen forschten.

IV.

In jener Zeit, in welcher ich in meiner Geburtsstadt zu lehren anfieng, hatte ich mir einen Freund erworben, der mir durch unsere gemeinschaftlichen Studien äußerst lieb und mit mir im gleichen, blühenden Alter war. Er war mit mir als Knabe aufgewachsen, zusammen giengen wir zur Schule, zusammen spielten wir. Und doch war er mir, weder in unserer Knaben- noch Jünglingszeit, so befreundet, wie es die wahre Freundschaft fordert, die nur die wahre wird, wenn du an dir hangende Seelen mit jener Liebe einander vereinst, die in unser Herz ausgegoßen ist durch den heiligen Geist, der in uns ist. Und dennoch war sie so süß, seit sie uns durch unsern Eifer in den gleichen Studien in einander verschmelzt hatte. Auch wahren Glauben weg, in dem der Jüngling noch nicht fest wurzelte, wendete ich diesen zu jenen abergläubischen, verderblichen Fabeleien, wegen deren meine Mutter mich beweinte. Schon irrte mit mir dieses Menschen Seele so vereint, daß es meine Seele ohne die seine nicht mehr konnte. Aber siehe, du, der du verfolgst, die dich fliehen, du Gott der Vergeltung und du Quell zugleich des Erbarmens, der du zu dir uns bekehrst auf wundervollen Wegen, siehe, du nahmest ihn weg von diesem Leben, da ihn kaum mit mir ein Jahr der Freundschaft verbunden hatte, die mir wonnig war über alle Wonnen dieses Lebens. Wie vermag der Mensch auch nur diejenigen deiner preiswürdigen Offenbarungen zu zählen, die er an sich selbst erfuhr? Welche unergründliche Tiefe deiner Gerichte lag in dem auch, das du damals mir thatest! Am Fieber erkrankt, lag Jener ohne Bewußtsein lang im Todesschweiß. Da man an seinem Aufkommen verzweifelte, tauften sie ihn, ohne daß er davon wußte, und ohne daß ich mich darum kümmerte, der ich voraussetzte, was er von mir empfangen, vermöchte sein Leben eher zu erhalten, als was, ohne sein Wißen, an seinem Körper geschah. Aber weit anders ist es gekommen; er hat sich erholt und ist genesen. Weil ich nie von ihm gewichen – so lieb waren wir uns – so vermochten wir bald wieder zusammen zu sprechen; und nun suchte ich, als würde er mit mir lachen, die Taufe zu verlachen, die er geistesabwesend empfangen hatte und von der er jetzt wußte. Da erschrack er vor mir, wie vor einem Feinde, und mahnte mich mit wundersam raschen Freimuth, solche Reden gegen ihn zu unterlaßen, wenn ich sein Freund sein wolle. Ich aber hielt in Betroffenheit und Verwirrung meine ganze Gemüthsbewegung zurück, damit er um so bälder genese und durch zunehmende Kraft der Gesundheit für das fähig werde, was ich mit ihm verhandeln wollte. Aber er wurde meiner Albernheit entrißen, damit er bei dir zu meinem Troste bewahrt werde. Nach wenigen Tagen raffte ihn, in meiner Abwesenheit, ein wiederholter Fieberanfall weg. Von Schmerz um ihn wurde mein Herz umnachtet, und Tod sah ich nur überall. Zur Marter ward mir die Heimath, zum tiefsten Leid das Vaterhaus; was ich mit ihm getheilt, hatte sich verwandelt in unendliche Qual, seit er mir entrissen war. Ueberall suchten ihn meine Augen, ach, er wurde mir nicht wieder gegeben! Ich haßte Alles; es hatte ja ihn nicht und konnte nicht zu mir sagen: er wird kommen, wie er so oft nach einer Abwesenheit kam, in der Zeit seines beglückenden Lebens. Ich wurde mir selbst wie eine große Klage; meine Seele fragte ich, warum sie so traurig sei und so sehr sich betrübe, aber nichts vermochte sie mir zu antworten. Und wenn ich zu ihr sprach: hoffe auf Gott, so hatte sie Recht, mir nicht zu folgen, weil der Freund, den sie verloren, wahrhaftiger und als Mensch etwas Beßeres war, denn das Trugbild, auf das sie hoffen sollte. Süß waren allein mir meine Thränen, die den Freund vertraten, die letzte Erquickung meiner Seele.

V.

Aber nun, Herr, ist auch das vorüber, und durch die Zeit ist meiner Wunde Schmerz geheilt. Doch darf ich es hören von dir, der du die Wahrheit bist, und meines Herzens Ohr legen an deinen Mund, daß du mir sagest, warum das Weinen den Elenden süß ist? Oder hast du, obgleich du überall bist, unser Elend weit von deinem Auge gethan? Du bleibst ewig friedenvoll in dir, wir aber werden durch viele Prüfungen umhergeworfen. Und doch wäre es aus mit unserer Hoffnung, wenn wir vor dir nicht mit unsern Klagen erscheinen dürften. Doch woher kommt es, daß wir von der Bitterkeit des Lebens diese süße Frucht, dieß Seufzen und Weinen, dieß Sehnen und Klagen pflücken? Ist unser Hoffen auf deine Erhörung das Süße darin? Wollen wir ja, um was wir bitten. Aber lag denn das in dem Schmerz, in der Trauer um den Verlust, der mich damals erdrückte? Nicht hoffte ich, er würde wieder lebendig werden, nicht flehte ich das in meinen Thränen, ich konnte nur mich grämen und weinen, denn ich war elend und hatte meine Freude verloren. Oder ist auch das Klagen und das Weinen bitter, und wird es nur süß, in Vergleichung mit dem Schauder vor dem Tode dessen, das durch sein Leben unsere Freude war? Schmilzt die entsetzende Qual hin in der sanften Thräne?

VI.

Was rede ich! Jetzt ist nicht Zeit zu fragen, Zeit ist jetzt, dir zu bekennen. Elend war ich, wie jedes Herz, das gefesselt ist von der Liebe zum Sterblichen. Zerrißen wird es, wenn es dasselbe verliert, und fühlt jetzt das Elend erst, in dem es schon schmachtete, ehe es verlor. So war ich damals, da ich so bitterlich weinte und nicht aus dieser Verbitterung heraus wollte. Aber wie elend ich war, doch liebte ich mein elendes Leben mehr, als den Freund. Ob ich auch den elenden Zustand meines Lebens zu ändern wünschte, wollte ich es doch nicht eher verlieren, als den Freund. Und schwerlich hätte ich das für ihn gewollt, was von Orest und Pylades erzählt wird, wenn es wahr ist, welche füreinander und miteinander zu sterben verlangten, weil ihnen nicht miteinander leben bitterer war, als Tod. Ich hingegen fühlte sowohl größten Lebensüberdruß, als größte Todesfurcht. Ich vermuthe, je mehr ich den Freund liebte, desto mehr haßte und fürchtete ich, gleich dem grausamsten Feinde, den Tod, der mir ihn entrißen hatte; und ich wähnte, er werde nun plötzlich alle Menschen verzehren, weil er es mit diesem vermochte. – So war ich fürwahr, ich weiß es noch; sieh mein Herz an, mein Gott, sieh in mein Tiefstes, da die Erinnerung mich trifft, o du meine Hoffnung, der du mich reinigst von der Unreinigkeit solcher Empfindungen, der du zu dir kehrst meine Blicke und von den Schlingen befreist meine Füße. – Ja, ich wunderte mich, daß die übrigen Sterblichen noch lebten, weil der gestorben war, den ich geliebt, als könnte er niemals sterben; und am meisten wunderte ich mich, daß ich selbst den überlebe, von dem ich der andere Theil war. Denn schön nannte Jemand die Hälfte seiner Seele. Auch ich empfand wie meine und seine Seele nur eine Seele in zwei Leibern waren; darum war mir das Leben so grauenvoll, weil ich nicht leben wollte als ein halber Mensch, und darum fürchtete ich zu sterben, damit der nicht ganz sterbe, den ich so viel geliebt.

VII.

O über die Thorheit, die Menschen nicht menschlich zu lieben weiß; über den thörichten Menschen, der das Menschliche nicht ertragen mag; und ein solcher war ich. Daher glühte ich und seufzte, weinte und kam außer mir, und fand weder Rath noch Frieden. Ein zerrißenes, blutendes Herz trug ich in mir, war nicht im Stande mehr, es zu tragen und fand den Ort nicht, wo ich es zur Ruhe legte. Nicht Ruhe fand es, weder in schattenden Hainen, noch in Spielen und Gesängen; weder in duftenden Räumen, noch bei bereiteten Gelagen; nicht in den Genüßen der Nacht, noch in Büchern und Gedichten. Alles erschreckte mich, das Licht selbst war mir verletzend und gehäßig, und Alles, was nicht war, was er war. Nur in Seufzern und Thränen fand ich noch kleine Erquickung. Wohin ich von ihnen mich kehrte, da drückte mich die schwere Bürde meines Jammers nieder. Herr, ach bei dir allein war Linderung und Genesung, das wußte ich, und konnte sie doch weder verlangen noch erlangen, weil du nichts Wahres mir, und nichts Vertrauenswerthes warest, so oft ich auch über dich dachte: denn nicht du, meines Irrthums nichtiges Trugbild war mein Gott. Wenn ich das festhalten wollte, zerrann es in’s Leere und stürzte sich von Neuem über mich; ich selbst blieb mir der unselige Ort, in dem ich nicht weilen, aus dem ich nicht eilen konnte. Wohin denn sollte mein Herz fliehen aus meinem Herzen? Wohin sollte ich vor mir selbst mich flüchten, wohin mußte ich mir nicht folgen? Doch floh ich aus der Heimath, denn wo ihn meine Augen nicht zu sehen gewöhnt waren, da suchten sie ihn weniger. Und so begab ich mich von der Stadt Tagastä wieder nach Karthago.

VIII.

Nicht leer sind die Zeiten, nicht wirkungslos wogen sie durch unser Bewußtsein, Großes wirken sie an der Seele. Aber siehe, sie kamen und schieden von Tage zu Tage, und im Kommen und Weichen boten sie mir andere Gestalten und andere Erinnerungen, flickten mich wieder mit den alten Ergötzungen, von denen mein Schmerz sich gewendet, und es folgten, wo nicht andere Schmerzen, doch Anläße zu andern Schmerzen; denn jener Schmerz hatte mich nur niedergeworfen, weil ich auf den Sand gebaut, da ich einen Sterblichen liebte, als stürbe er nicht. Den meisten Trost gewährten mir neue Freunde, mit welchen ich statt deiner noch der Manichäer große Fabel und lange Lüge liebte, durch deren treulose unser Geist verderbt wurde, da uns nach ihnen die Ohren jukten; denn wenn auch einer meiner Freunde starb, jene Fabeleien starben mir doch nicht. Vieles war, das nun wieder mein Herz ergriff: Gespräche und Scherze, wohlwollende, wechselseitige Hingebung, gemeinschaftliches Lesen süß redender Bücher, vereintes Schwärmen und Schönthun, zuweilen Uneinigkeiten ohne Haß, so wie der Mensch oft mit sich selbst uneins wird; durch seltene Uneinigkeiten selbst gestiftete häufigere Uebereinstimmung; einander lehren und von einander lernen; nach den Abwesenden mit Leid verlangen und die Wiederkehrenden mit Frohsinn empfangen. Solche Erweisungen treten aus den Herzen der einander Befreundeten, durch Mienen, Sprache, Blicke und tausend freundliche Gebährden und machen sie zusammenflammen wie durch zündende Funken, so daß aus vielen Seelen eine wird.

IX.

Das ist’s, was an Freunden geliebt wird, und so wird es geliebt, daß sich des Menschen Bewußtsein schuldig gibt, wenn es den Wiederliebenden nicht liebt und den Liebenden nicht wieder liebt, nichts Tieferes in seiner leiblichen Erscheinung suchend, als die Merkmale freundlicher Zuneigung. Daher jene Trauer, wenn ein Freund stirbt, und jene Schmerzensnacht; daher das thränenschwere Herz, dem seine Süßigkeit sich in Bitterkeit verwandelt hat, daher aus Sterbenden scheidendem Leben der Tod der Lebendigen. Selig ist, wer dich liebt, und den Freund in dir, und den Feind um deinetwillen! Der allein verliert keinen Theuren, dem sie theuer alle sind in dem, der nie verloren geht. Und wer ist der, als unser Gott, der Gott, der Himmel und Erde schuf, der sie erfüllt, weil er sie schuf, indem er sie mit sich selbst erfüllte. Dich verliert nur wer dich verläßt. Doch wo geht, wo flieht er hin, der dich entläßt, als von dir dem Gütigen zu dir dem Zürnenden? Denn wo findet er dein Gesetz nicht in seinen Strafen? Und dein Gesetz ist die Wahrheit, die Wahrheit aber, die bist du.

X.

Du Gott der Tugenden, bekehre uns, laß leuchten dein Antlitz, so genesen wir! Wohin auch des Menschen Seele sich wenden mag, wenn sie anderswo ist, als in dir, so wird sie an den Schmerz gebunden, mag sie auch an schöne Dinge gebunden sein, die außer dir nur Schein ohne inneren Werth sind. Diese wären nicht, wenn sie nicht wären von dir; sie gehen auf und gehen unter, durch ihren Aufgang treten sie ins Wachsthum des Lebens und werden vollendet; sind sie das, so altern sie und gehen unter, und Vieles geht unter, ehe es altert. Sie entstehen in Werde- und Lebenslust, und je mehr sie zu leben eilen, um so mehr eilen sie dem Tode entgegen. Nur so viel Leben gabst du ihnen, weil sie nur Theile sind, nicht das Ganze. Denn durch Verschwinden und Aufeinanderfolgen bilden sie alle die Welt, deren Theile sie sind. Auch in unsern Reden verklingt ein Wort nach dem andern, und die Rede wird kein Ganzes, wenn ihre einzelne Worte, nachdem sie sich ausgesprochen haben, nicht vergehen und andere ihnen folgen. Auch über dieses Vergängliche lobe dich meine Seele, mein Gott, der du das Alles schufst, aber nicht mehr an das, was vergeht, hefte sich meine Seele mit sinnlichen Liebesbanden. Von jeher gingen die vergänglichen Dinge nur dahin, um bald nicht mehr zu sein und zerreißen die Seele mit verpestenden Begierden, weil sie in ihnen nur leben und in dem ruhen will, das sie liebt. Aber in ihnen ist keine Ruhestätte, sie bestehen nicht, sie fliehen. Wer vermag ihnen zu folgen mit fleischlichem Sinn, wer kann mit ihm sie begreifen, selbst wenn sie da sind? Denn träge und langsam ist des Fleisches Sinn, weil er fleischlich ist und hat in seiner Natur seine Schranke. Nur für das reicht er zu, zu welchem er bestimmt ist, aber so weit reicht er nicht, daß er das Vorübergehende von dem ihm bestimmten Anfang bis zu dem ihm bestimmten Ende festhalte als ein Ganzes. Nur in deinem Wort, das sie schuf, vernehmen alle Dinge die Stimme: bis hieher sollst du gehen und nicht weiter. Hiob 38, 11.

XI.

So sei nicht eitel meine Seele, laß dich durch deines Herzens Sprache nicht ins Getümmel der Eitelkeit zu deiner Betäubung führen. Horch auf, das ewige Wort selbst ruft dich, daß du dahin zurückkehrest, wo der Ort der niegetrübten Ruhe ist, wo die Liebe nie verlassen wird, es sei denn, daß sie selbst verlasse. Sieh, Jenes vergeht und anderes folgt ihm und aus all seinem Einzelwesen besteht das Ganze der Welt. Vom Vergänglichen geh’ du zu deinem Gott, denn »geh ich irgendwo von dannen?« sagt Gottes Wort. (Jeremias 23, 23.) Bei ihm schlage deine Hütte auf, dort birg du, was du von dorther hast, meine Seele, genug schon bist du ermüdet von deinen Täuschungen allen. Ja, gib in der Wahrheit Hut, was dir irgend von der Wahrheit wurde, und du wirst nichts verlieren; wieder grünen wird, was dir vermoderte, geheilt werden deine Schäden alle; was dir zerrann, wird erneut mit dir verbunden, wird dich, von dem es niedersank, nimmer verlaßen, bestehen wird es mit dir und bleiben mit dir, bei Gott, dem immer Bleibenden. Solltest verkehrt du deinem Fleische folgen? Bekehrt folge es dir. – Das Einzelne der Sinnenwesen vergeht, das Ganze der Welt fassest du nicht, ob auch sein Einzelnes dich ergötze. Und wenn du es faßen könntest, und es nicht nur Eins ums Andere begriffest, so würdest du doch wünschen, daß vorüber gienge, was sich in Gegenwärtigkeit dir darbeut, damit dir so das Ganze beßer gefalle. Willst du ja, wenn du reden hörst, auch nicht, daß dieselben Worte da bleiben, sondern daß sie vorüberziehen und ihnen, bis du das Ganze hörtest, andere folgen. Das Ganze würde dich mehr erfreuen, als seine Bruchstücke, die in allmähliger Folge das Ganze bilden. Aber unser Gott, der es schuf, ist beßer, als Alles, er vergeht nicht, und nach ihm ist nichts, in ihm ist das All. Gefallen dir der Leiblichkeit Dinge, so lobe Gott in ihnen, und wende zu ihrem Schöpfer zurück deine Liebe, damit du nicht misfällig werdest in dem, das dir gefällt.

XII.

Selbst wenn Seelen gefallen, so sollen sie in Gott geliebt werden, denn auch sie sind wandelbar und werden in Gott nur unwandelbar befestigt, sonst giengen sie weg und giengen unter. In ihm nur sollst du sie lieben! Reiß mit dir hin zu ihm, so viele du kannst, und sage ihnen: laßt uns ihn lieben, lieben laßt uns ihn, er selber schuf ja, was da ist, und ist nicht fern. Nicht schuf er es und ging von dannen; aus ihm ist es in ihm. Seht wo er ist und wo die Wahrheit zum Verständnis kommt: tief innen ist er im Herzen, aber das Herz irrte weg von ihm. So stehet Antwort eurem Herzen, ihr Sünder, und hanget dem an, der euch schuf; stehet zu ihm und werdet bestehen, ruhet in ihm und ihr habt Frieden. Wo gehet ihr hin in die Bitterkeit, wo gehet ihr hin? Das Gute, das ihr liebet, ist von ihm, aber nur sofern es bei ihm ist und zu ihm führt, ist es gut und lieblich; mit Recht muß Alles bitter sein, was von ihm ist, sobald man es mit Unrecht liebt, indem man ihn verläßt. Wozu dient es auch, daß ihr fort und dort nur mühevolle Wege geht? Da ist die Ruhe nicht, wo ihr sie suchet; sucht was ihr sucht, da ist es nicht, wo ihr es sucht. Ihr suchet das selige Leben im Reich des Todes, da ist es nicht; wie könnte da die Seligkeit des Lebens sein, wo nicht einmal Leben ist?

Aber von des Lebens Seligkeit stieg Christus unser Leben herab und trug unsern Tod; es hat ihn getödtet durch die Fülle seines Lebens und ruft uns mächtig zu, daß wir vom Tode zu ihm in die geheime Stätte zurückkehren, aus der er zu uns heraustrat, in den ersten, jungfräulichen Schooß, wo sich mit ihm die menschliche Natur, das sterbliche Fleisch verband, damit es nicht sterblich bleibe; es ruft uns zu, daß wir im Geist von Neuem geboren werden von ihm, wie er für uns vom Menschenleib geboren ward im Fleisch; daß wir neu uns schaffen laßen im reinen Schooß der ewigen Liebe und Erbarmung, der keuschen, jungfräulichen Weißheit. Und vom jungfräulichen Schooß gieng er hervor, wie ein Bräutigam aus seiner Kammer, und freute sich wie ein Held, zu laufen den Weg (Psalm 19, 6.). Er säumte nicht, er lief, rief mit Worten und Thaten, mit Tod und Leben, mit seiner Höllenfahrt rief er, wir sollen zurückkehren zu ihm. Er verschwand von unsern Augen, daß wir in’s Herz gehen und ihn finden. Er gieng, und siehe, hier ist er. Er wollte nicht lange bei uns weilen, und hat uns nie verlaßen. Dorthin ging er, von wo er nie gegangen war, denn auch auf Erden war er im Himmelreich (Joh. 3, 13), weil Himmel und Erde durch ihn erschaffen ist. Und doch war er in dieser Welt und kam in sie, um die Sünder selig zu machen. Zu ihm bekennt sich meine Seele und er heilt sie, die an ihm gesündigt hat.

Ihr Menschenkinder, wie lange wollt ihr beschwerten Herzens bleiben? Wollt ihr nach eures Lebens Höllenfahrt euch nicht emporheben und leben? Aber wohin könnt ihr euch noch erheben, da ihr voll Stolz in der Höhe seid und im Uebermuth euer Haupt bis zum Himmel brachtet? O steiget herab, damit ihr aufsteiget, damit ihr aufsteiget zu Gott, denn gefallen seid ihr, da ihr euch gegen ihn erhobet! – Das verkünde ihnen, daß sie weinen im Thränenthal. Und so reiße sie mit dir zu Gott. Denn aus seinem Geiste redest du zu ihnen, wenn du entflammt redest mit dem Feuer der Liebe.

XIII.

Damals erkannte ich das nicht, und liebte nur das niedere, sinnliche Schöne, ich wandelte in die Tiefe, zu meinen Freunden sprechend: sollen wir außer dem Schönen etwas lieben? Was ist schön und was ist die Schönheit selbst? Was zieht uns zu dem hin, das wir lieben? Es zöge uns nimmer zu sich hin, wäre ihm nicht Gestalt und Schöne. Und ich bemerkte an den Körpern, wie das über ihr Ganzes ausgegoßene Schöne auch das bedürfe, daß sich seine einzelnen Theile passend ihm anfügen, wie die Ferse dem Fuße. Ich schrieb, angelegentlich diese Betrachtung auffassend, einige Bücher über das Schöne und Schickliche wie ich glaube zwei oder drei. Du weißest es, mir ist’s entfallen, denn ich besitze sie nicht mehr, sie kamen mir, ich weiß nicht wie, aus den Händen.

XIV.

Was veranlaßte mich, jene Bücher, Herr mein Gott, einem gewissen Hierius zuzueignen, einem Redner aus Rom, den ich nicht persönlich kannte? Aber ich liebte den Mann wegen des Ruhmes seiner Gelehrsamkeit und hatte einige seiner Worte durch Andre gehört, die mich ansprachen. Doch noch mehr gefiel er mir, weil er Andern gefiel, die ihn mit ihrem Lob erhoben und anstaunten, da er ein Syrer von Geburt, und früher mit der griechischen Beredtsamkeit vertraut, später sich auch in der lateinischen als ein ausgezeichneter Redner hervor that, und in Allem, was zum Studium der Weißheit gehört, sehr erfahren war. Gelobt wurde der Mensch und auch abwesend geliebt. Kommt wohl diese Liebe nur von des Preisenden Mund in des Hörers Herz? Nimmermehr, denn nur von einem Liebenden wird auch ein anderer Mensch entflammt. Geliebt wird ein Gepriesener, weil man überzeugt ist, der Preisende lobe ihn nicht mit trüglichem Herzen, da er ihn aus Liebe lobe. So liebte auch ich den Menschen nach der Menschen Urtheil und nicht nach deinem, o Gott, in dem Niemand getäuscht wird. Und doch, warum wurde Hierius nicht wie ein berühmter Wagenlenker oder Thierkämpfer durch Volksgunst berühmt, sondern viel anders und weit höher? Und warum wollte auch ich so gepriesen werden? Nicht wollte ich gelobt und geliebt werden wie die Schauspieler, obgleich ich sie lobte und liebte, lieber wäre ich verborgen geblieben, als so gelobt, lieber gehaßt, als so geliebt worden. Woher werden so verschiedene Arten von Liebe von einer und derselben Seele erwogen? Was ist es, das ich in einem Andern liebe und das ich, wenn ich es nicht selbst haßte, nicht an mir verwünschte und verwürfe, da wir doch beide Menschen sind? Denn nicht wie ein gutes Pferd von dem gelobt wird, der, wenn er auch könnte, kein Pferd sein möchte, kann es bei einem Schauspieler der Fall sein, da dieser ja gleicher Natur mit uns ist. Also liebe ich das im Menschen, dessen Dasein ich hasse, weil ich Mensch bin? Eine dunkle Tiefe ist der Mensch, dessen Haare du Herr gezählt hast, die ohne deine Vorsehung nicht vermindert werden, und doch sind seine Haare leichter zu zählen, als seine Neigungen und seines Herzens Bewegungen. Jener Redner jedoch war von der Art, daß ich ihm gleichen wollte, da ich ihn liebte. So irrte ich im Uebermuth und wurde von jedem Winde umhergetrieben und wunderbar verborgen doch von dir geleitet. Und daher weiß ich, und bekenne es dir aufrichtig, daß ich Jenen in der Liebe derer, die ihn priesen, mehr liebte, als in den Dingen selbst, über die er gelobt ward. Denn wäre er von ihnen, statt gelobt zu werden, getadelt worden, und hätten sie von ihm auch ganz dasselbe, aber mit Tadel erzählt und Verachtung, so wäre ich für ihn nicht begeistert worden. Und doch hätte sich nur die Gesinnung der Erzähler, nicht aber die Sache und der Mann selbst anders verhalten. Siehe wie die Seele so kraftlos darnieder liegt, so lange sie der ächten Wahrheit nicht anhängt. Wie nur der Worte Hauche aus der Brust derer wehen, die sie ausdenken, so wird der Seele das Licht gebracht und entzogen, hin und her gewandelt und verdunkelt, und die Wahrheit wird von ihr nicht gesehen, und siehe, sie ist vor uns. Ein Großes dünkte es mir, wenn mein Büchlein jenem Manne bekannt würde. Hätte er es gebilligt, so wäre mein eitles, deiner Wahrheit fremdes Herz noch mehr aufgeblasen, hätte er es misbilligt, so wäre es verwundet worden. Und doch habe ich jenes schön und schicklich Ausgedachte, über das ich ihm schrieb, vor meiner inneren Betrachtung mit Lust bewegt und bewundert auch ohne einen Mitwundernden.

XV.

Nicht sah ich ein, daß das Wesentliche des Schönen in deiner kunstvollen Vorsehung liege, Allmächtiger, der du allein Bewundernswerthes hervorbringst. Die einzelnen Körperformen durchgehend, versuchte ich zu erklären, zu unterscheiden und mit Beispielen zu belegen, was schön an sich ist und was durch sein einem Andern Angepasstes schicklich ist. Hierauf wandte ich mich zur Betrachtung der Natur der Seele; aber meine falsche Meinung über die geistigen Dinge ließ mich auch hier das Wahre nicht erkennen. Nur das Sinnliche hielt ich für wahr, daher richtete ich meinen schwankenden Verstand statt aufs Körperliche, seine Umrisse, Farben und Größen. Und weil ich das am Geiste nicht schon konnte, so glaubte ich meinen Geist nicht erkennen zu können. Weil ich aber in der Tugend den ihr eigenthümlichen Frieden liebte, im Bösen aber den ihm eigenen Streit haßte, so bemerkte ich in der Tugend Einheit, im Bösen Zerrißenheit, und in jener Einheit schien mir die Vernunft, die Natur der Wahrheit und des höchsten Guts selbst zu liegen. Kläglich aber wähnte ich, in jener Zerrißenheit des bösen, vernunftlosen Lebens liege irgend eine wesenhaft urböse Natur, die, ob sie gleich Leben sei doch nicht von dir erschaffen sei, du mein Gott, der doch Alles schuf. Jenes Gute nannte ich die unvermittelte Einheit, eine gleichsam geschlechtslose Seele, dieses Böse die zerrißene Zweiheit, weil ich Widerwillen und Lust zugleich in den Schandthaten bemerkte. Ach ich wußte nicht, was ich da fabelte! Ich hatte nicht erkannt, daß das Böse weder ein selbstständiges Wesen noch unser eigener Geist das höchste, unwandelbare Gut sei. Wie Sünden entstehen, wenn der Seele unreine Gier sich stolz und stürmisch erhebt, und wie Laster aus dem ungezügelten fleischlichen Trieb ersteigen, so beflecken Irrthümer und falsche Meinungen die Seele, wenn die Vernunft selbst unrein ist. So war sie damals in mir, der ich nicht wußte, daß sie erleuchtet werden müße von einem andern Lichte, wenn sie der Wahrheit theilhaftig werden wolle, weil sie nicht selbst die Natur der Wahrheit ist. Herr, mein Gott, nur wenn du meine Lampe erleuchtest, erhellt sie die Nacht, und von deiner Lichtfülle haben wir alle empfangen; denn du bist das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen; in dir ist kein Wechsel des Lichts und der Finsternis. Aber ich strebte nach dir und wurde von dir weggestoßen, daß ich den Tod kosten mußte, weil du den Stolzen widerstehst. Und was gibt es Stolzeres, als in unfaßlicher Verblendung behaupten, das von Natur zu sein, was du bist? Denn da ich wandelbar war und mir dieß eben deutlich wurde, als ich durchaus weise zu werden wünschte, um beßer zu werden, da hielt ich lieber dich selbst für veränderlich, als daß ich dafür gehalten hätte, ich sei das nicht, was du bist. Darum wurde ich weggestoßen, darum widerstandest du meinem stolzen Nacken, und ich träumte mir leibliche Gestalten, klagte, selbst Fleisch, voll fleischlichen Sinnes das Fleisch an, das mich hemmte im Geistesflug; und ein irrender Geist kehrte ich noch nicht zu dir zurück. Ich verirrte mich in das was nicht ist, weder in dir, noch in mir, noch in den Körpern, und das mir nicht aus deiner Wahrheit ins Leben gerufen wurde, sondern das ich in meiner Eitelkeit aus den Körpern erdichtete. Und ich sprach zu den Kleinen der Gläubigen, zu meinen Mitbürgern in deinem Reich, von welchen ich in meiner Unwißenheit weggeirrt war, geschwätzig und ungereimt sprach ich zu ihnen: »Warum irrt die Seele, die Gott schuf? Darf ich mir nicht auch sagen laßen, warum irrt Gott?« So behauptete ich lieber, dein unwandelbares Wesen sei zu irren gezwungen, als daß ich bekannt hätte, mein wandelbares Wesen sei in frecher Willkühr abgeleitet und irre nun zu seiner Strafe. Ich war gegen sieben und zwanzig Jahre alt, als ich jene Hefte schrieb und mich mit Wahnbildern trug, die meiner Seele Ohr umschwirrten. Ich habe es wohl nach dir geneigt, du süße Wahrheit, daß es vernehme die Melodie deines Geistes, als ich dachte über das Schickliche und zuweilen wünschte, dich zu hören und mich hoch zu freuen über des Bräutigams Stimme. Und ich vermochte es nicht, weil ich hinausgezogen ward von meines Irrthums Stimme und in die Tiefe sank, unter der Last meines Stolzes. Denn noch ließest du mich nicht hören Freude und Wonne, daß meine Gebeine fröhlich würden, die du noch nicht geschlagen hattest.

XVI.

Was förderte es mich, daß ich in meinem zwanzigsten Lebensjahre die Schrift des Aristoteles von den zehn Kategorieen allein studierte, nach denen ich lechzte wie nach einem wunderbar Göttlichen, weil sie mir mein karthagischer Lehrer mit gar aufgeblasenen Backen anpries, sowie Andere, die man zu den Gelehrten zählte. Ich besprach sie mit denen, welche bekannten, daß sie ihnen kaum verständlich geworden seien, obgleich sie die gelehrtesten Lehrer hatten, welche, was sie mündlich lehrten durch Zeichnungen verständlich zu machen suchten, und sie konnten mir doch nichts Anderes sagen, als was ich für mich allein lesend schon verstanden hatte. Deutlich genug schienen sie mir zu sprechen von dem Wesen eines Dings und seinen Eigenschaften, wie zum Beispiel vom Menschen und seinem Beiwerk, als da ist seine Gestalt, Statur, seiner Füße Zahl, seine Blutsverwandten, sein Wohnort, seine Geburtszeit, und ob er sitze oder stehe, ob er beschuht, ob er bewaffnet sei, was er thue oder leide, und was derart noch in den neun folgenden Kategorieen des Aristoteles ist, obgleich an einer Substanz nicht neun, sondern unzählige Accidenzien gefunden wurden. Nichts half das mir, es schadete mir nur, denn auch dich, meinen Gott, den Einen, Unveränderlichen, wollte ich unter solche Kategorieen bringen, unter die deiner Größe und Schönheit, als wenn du ihnen unterworfen wärest, und als wenn sie an dir wären, wie an einem Körper, da du doch selbst deine Größe und deine Schönheit bist. Ein Körper könnte ein Körper sein, wenn er auch keine ansehnliche Größe und Schönheit hätte, aber du kannst nicht ohne Größe und Schönheit sein, du bist Größe und Schönheit selbst.

Falsches war es, nichts Wahres, was ich von dir dachte, Trugbild meines Elends, nicht Himmelsbild deiner Seligkeit. Was du befohlen hast, geschah an mir: Dornen und Disteln trug mir die Erde und im Schweiß meines Angesichts fand ich mein Brot. Was half es mir, daß ich alle Bücher über jene Künste las, die man die freien nennt, daß ich sie las, ein schnöder Knecht in bösen Lüsten, nicht wißend, woher das stammte, was etwa auch in ihnen wahr und zuverläßig gewesen? Den Rücken kehrte ich gegen das Licht und das Gesicht gegen das was erleuchtet wurde, daher mein Angesicht, mit dem ich das Erleuchtete sah, nicht erleuchtet war. Was ich in jenen freien Künsten, über Maaß, Musik, Zahlen und Beredtsamkeit so leicht verstehen lernte, ohne daß Jemand es mir erklärte, das weißest du, der du mir den schnellen Geist gabest und das scharfe Urtheil, aber ich dankte dir nicht dafür, und darum war es mir mehr zum Verderben, als zum Gewinn. So gieng ich weg von dir in ein fernes Land und verschwendete das Meine an buhlerische Lüste, da ich es ganz in meiner Gewalt haben wollte und meine Stärke nicht in dir bewahrte. Was half mir mein Vermögen, wenn ich es nicht gut verwendete. Wohl wurden jene Künste auch von Gelehrten und Geistreichen nur schwer verstanden, wenn ich sie ihnen nicht auslegte, und des Trefflichsten Vorzug bestand nur darin, daß er meiner Auslegung am schnellsten folgen konnte. Aber was half mir all mein Geist, so lang ich glauben konnte, du Herr, mein Gott, seiest eine ungeheure, körperliche Lichtmasse und ich davon ein Stückchen? Ich schäme mich nicht, mein Gott, dein Erbarmen gegen mich anzuerkennen und dich anzuflehen, der ich mich nicht schämte, meine Lästerung prahlend auszukramen und gegen dich zu bellen. Was half mir der lebhafte Geist, der jene Lehren bewältigte und ohne menschliche Lehrer jenes Buches verwickelten Knoten löste, während ich häßlich in gotteslästerlicher Schändlichkeit in der Lehre des Heils irrte? Oder was schadete deinen Kleinen der weit langsamere Geist, da sie von dir sich nicht zu weit entfernten, um geschirmt im Nest der Kirche flügge zu werden und der Liebe Schwingen in des gesunden Glaubens Nahrung sich zu stärken? O Herr, unser Gott, wir wollen hoffen unter dem Schatten deiner Flügel, schirme du uns und trag uns! Ja du wirst auch die Kleinen tragen, und wirst sie tragen bis ins Alter. Denn unsere Stärke ist Stärke nur, wenn du sie bist; ist sie unser, so ist sie Schwachheit. Bei dir lebt immer unser Gut: weil wir von ihm uns abkehrten, sind wir verkehrt worden. Wir wollen nun wiederkehren, auf daß wir nicht umgekehrt in Zerstörung werden, wollen wiederkehren, Herr, weil bei dir unser Gut lebt ohne alle Gefahr, da du es selber bist. Und wir fürchten nicht, wir möchten nicht mehr haben, wohin wir zurück könnten, weil wir von dort uns hinwegstürzten; denn uns, auch da wir ferne waren, stürzte unser Haus nicht ein, es ist deine Ewigkeit.

Fünftes Buch

Ein lichter Streifen sind sie in der Nacht,

Die dunkeln Wege, welche Gott bereitet.

So sanft, so heimlich hat er mich geleitet,

Und schnell umfloß mich seines Morgens Pracht.

Ich nahm so lang den Führer nicht in Acht,

Ich hatte mir den Sündenpfad geweitet,

Vermeßen alle Segel ausgebreitet,

Und bin doch froh im Friedensport erwacht.

Von meinen Bahnen fällt der Nebelschleier,

Ich sehe meines Herzens bösen Rath,

Ich sehe deine Vaterhand am Steuer.

Die böse Straße ward ein Gnadenpfad

Im Zweifelsmeer, im wilden Leidensfeuer;

Ich zog ihn wohl, doch ist er deine That.

I.

Nimm hin das Opfer meiner Bekenntnisse aus meinem Munde, den du mir gebildet und nur aufgeschloßen hast, daß er deinen Namen bekenne, und heile alle meine Gebeine, damit sie bekennen: Herr, wer ist dir ähnlich? Wer vor dir bekennt, lehrt dich nicht, was in ihm vorgehe, weil auch von einem verschlossenen Herzen dein Auge nicht ausgeschloßen, noch von des Menschen Härte deine zurückgeschlagen wird; du enthüllst sie erbarmend und rächend, wenn du willst, und Keiner ist, der sich verbergen kann vor deinem brennenden Eifer. Aber meine Seele lobe dich, damit sie dich liebe; sie bekenne sich zu deinem Erbarmen, damit sie dich lobe. Nicht weicht, noch schweigt von deinem Lobe das All deiner Schöpfung: nicht des Menschen Geist, der durch seines Mundes Bekenntnis sich zu dir wendet, nicht der Thiere, nicht der leiblichen Naturen Reich, die dich bekennen durch den Mund derer, die sie schauen, damit unsere Seele sich aus ihrer Läßigkeit zu dir erhebe, wenn sie nach dem sich wendet, das du schufest, und dann hintritt zu dir, der du es so wundervoll bildetest, daraus ihr Erquickung wird und wahre Stärkung.

II.

Ob sie auch gehen und friedenlos und sündig von dir fliehen, du schauest doch auf sie und scheidest die Schatten; und siehe, da ist Alles schön um sie, nur sie sind häßlich. Was vermochten sie dir zu schaden, wo konnten sie dein Reich verunehren, das gerecht bleibt und unverletzt von den uralten Himmeln bis zu den Jüngsten deiner Erschaffenen? Wo flohen sie hin denn, da sie flohen vor deinem Angesicht? Oder, wo ist der Ort, da du sie nicht findest? Aber sie flohen, um dich, der sie sieht, nicht zu sehen, um sich verblendet gegen dich zu empören; denn du läßest nicht von dem, das du schufest. Mit Unrecht empörten sie sich wider dich und werden geplagt mit Recht; sie entzogen sich deiner Milde, traten auf gegen deine Gerechtigkeit und fielen hin in ihre Verwilderung. Vielleicht wißen sie nicht, daß du, den kein Raum beschränkt, überall bist, daß du allein es bist, der gegenwärtig bleibt auch denen, die weit von ihm wegkamen. Daher sollen sie umkehren und dich suchen, denn nicht, wie sie ihren Schöpfer verließen, hast auch du dein Geschöpf verlaßen. Umkehren sollen sie und dich suchen, und siehe, da bist du in ihrem Herzen, im Herzen derer, die dir bekennen, die sich hinwerfen vor dich und in deinem Schooße weinen, nachdem sie den Weg ihres Widerwillens verließen. Und bereitwillig wischest du ihre Thränen ab, reichlicher weinen sie und freuen sich in ihren Thränen, daß du Herr und nicht ein Mensch von Fleisch und Blut, daß du Herr, der sie schuf, sie erquickest und tröstest. Und ich, wo war ich, da ich dich suchte? Du warest vor mir, ich aber war auch von mir gewichen, und mich selber fand ich nicht, wie viel weniger dich!

III.

Neun und zwanzig Jahre alt war ich, als nach Karthago ein manichäischer Bischof, mit Namen Faustus, kam, eine gewaltige Schlinge des Satans, der ihm Viele mit dem lockenden Laut seiner schmeichelnden Rede fieng. Wenn ich diese auch lobte, so unterschieb ich sie doch von dem Wesen der Dinge selbst, die ich eifrig zu lernen begehrte, und darum sah ich nicht auf das Gefäß, auf die Sprache, sondern auf das, was mir darin an gelehrter Nahrung Faustus vorsetzte, der von ihnen glücklich Gepriesene; denn groß war sein Ruf in diesen Dingen, und er ein in den Wißenschaften überhaupt wohl unterrichteter Mann. Weil ich aber in den Philosophen belesen war, und Vieles von ihnen im Gedächtnis behalten hatte, so verglich ich manches von ihnen mit den langen Fabeln der Manichäer, und mir schienen die Aussprüche der Philosophen bewährter, weil sie auf die Durchforschung der Welt gegründet waren, deren Herrn sie freilich nicht entdeckten, da du deine Größe zeigst, o Herr, indem du des Demüthigen dich annimmst, den Stolzen aber in seiner Entfernung kennst. Und so nahest du nur denen, die ein zerschlagen Gemüth haben, von den Stolzen aber wirst du nicht entdeckt. Auch jene Weisen entdecken dich nicht, wenn sie auch in ihrer vorwizigen Gelehrsamkeit die Sterne und den Sand zählen, den Sternenhimmel messen und der Gestirne Bahnen erforschen. Mit dem Geist unternehmen sie das, den du ihnen gegeben hast, viel fanden sie, viele Jahre zuvor wissen sie die Sonnen- und Mondsfinsternisse zu verkündigen und zwar auf Tag und Stunde hin, sowie von welchem Durchmesser sie sein werden und sie täuscht ihre Berechnung nicht, es kommt, wie sie vorhergesagt. Genau wird das von ihnen verzeichnet, und gelesen, jetzt was kommen wird auf den Tag und die Stunde, sowie auf den Umfang der Sonnen- und Mondsscheibe. Das bewundern die Menschen, die es nicht verstehen entsetzen sich, die Kundigen aber erheben sich und werden erhoben, fallen und weichen in ihrem Stolz von deinem Lichte, sehen lange vorher der Sonne Verfinsterung, aber die ihrige sehen sie nicht; denn nicht mit frommem Sinne fragen sie, woher ihr Geist sei, der da Jenes erforsche. Und wenn sie entdecken, nach was sie forschten, weil du sie so bereitetest, so geben sie sich selbst dir nicht, damit du bewahrest, was du bereitet hast. Zu was sie sich auch selber machten, sie richten dir sich zu Grunde; hetzen ihren vermessenen Flug, wie die Vögel der Lüfte, ihre Neugier wie die Fische des Meeres, mit welchen sie schweifen durch der Tiefe verborgene Pfade; ihre Lüste wie des Feldes Thiere, bis du Gott, ein freßend Feuer, ihre ersterbenden Sorgen zerstörest und sie wiederschaffst zu unsterblichem Leben. Noch lernten sie den Lebensweg, dein Wort nicht kennen, durch welches du schufest, was sie zählen, und sie, die da zählen, und den Sinn, mit dem sie sehen was sie zählen, und den Verstand, durch den sie zählen; aber deiner Weisheit ist keine Zahl. Er selbst, der Eingeborne ist uns gemacht zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung, wurde zu uns gezählt und zahlte in Demuth den Schoß dem Kaiser. Nicht lernten sie diesen Weg kennen, auf welchem sie von sich zu ihm hinabsteigen, und zu ihm hinaufsteigen sollen durch ihn: sie lernten Weg nicht kennen, und halten sich für leuchtend und erhaben wie die Sterne. Aber siehe, sie stürzten zur Erde und ihr unverständiges Herz ist verfinstert. Wohl sagen sie des Wahren viel von der Schöpfung, aber die Wahrheit der Schöpfung, den Bildner, suchen sie nicht mit frommen Herzen, und darum finden sie ihn nicht; oder wenn sie ihn finden und Gott erkennen, so ehren sie ihn nicht als Gott und danken ihm nicht. Ja in ihren Gedanken sich ins Leere verlierend, halten sie sich für weise, und schreiben sich zu, was dein ist. Daher suchen sie in verkehrter Blindheit dir zuzuschreiben, was das Ihre ist, häufen Lügen auf dich, der du die Wahrheit bist, und verwandeln die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild, gleich der vergänglichen Menschen und der Vögel, und der vierfüßigen und der kriechenden Thiere, verkehren deine Wahrheit in Lüge, ehren die Geschöpfe und dienen ihnen mehr als dem Schöpfer. Doch behielt ich von ihnen der wahren Aussprüche viele über die Schöpfung; ihre Berechnungsweise der Zeiten, von den sichtbaren Zeugnissen in den Gestirnen bestätigt, wurde mir einleuchtend und ich verglich sie mit den Aussprüchen des Manichäers, welcher viel darüber schrieb in unerschöpflichem Faseln, während mir daraus nichts verständlich wurde über Sonnenwenden, Tage- und Nachtgleichen und Finsternisse, wie denn von seinem Ausspruche auch nichts in den Schriften unserer Weltweisen stund. Hier mußte ich blindlings glauben, meine Kenntnisse, aus den Berechnungen und dem Augenschein entstanden, halfen mir nichts, da war alles ganz anders.

IV.

Gefällt dir der schon, der solches weiß, du Herr und Gott der Wahrheit? Unglückselig ist der Mensch, der das Alles kennt, und dich nicht, kennt, selig aber, wer dich kennt, ob er Jenes auch nicht kenne. Und wenn er auch dich und Jenes erkennt, so ist er Jenes wegen nicht glückseliger; er ist es allein durch dich, wenn er, da er dich erkennt, dich preiset als seinen Gott, Dank dir erstattet und sich mit seinen Gedanken nicht in’s Leere verliert. Beßer ist ja wohl daran, wer weiß, daß er einen Baum besitzt und für dessen Nutzen dir dankt, ob er gleich nicht weiß, wie hoch und wie breit sein Baum ist: als der, welcher ihn ausmißt und alle seine Zweige zählt, während er ihn weder besitzt, noch den Schöpfer desselben erkennt und liebt. So ist dem Glaubigen beßer, des die Welt mit allen ihren Schätzen ist; der Alles hat, wenn er auch nichts besitzt, weil er dir anhangt; dem Alles dient, ob er auch die Zonen der Mitternacht nicht kenne; beßer ist ihm, als dem, der den Himmel mißt, die Sterne zählt und die Elemente wägt, und dich vernachläßigt, der du Alles in Maaß, Zahl und Gewicht brachtest.

V.

Aber von Manes, dem Stifter der Manichäer erwartete man nicht einmal, daß er auch nur über jene Dinge richtig schreibe, die Erlernen der Frömmigkeit nicht nöthig waren. Denn du sprachst zum Menschen: siehe, Frömmigkeit ist Weisheit, in welcher er unerfahren sein konnte, wenn er auch jene Dinge völlig verstand; weil er sie aber nicht verstand und sie doch mit unerhörter Frechheit zu lehren wagte, so konnte er von der Frömmigkeit durchaus nichts wissen. Sich mit diesen Dingen spreizen, auch wenn man sie versteht, ist doch nur weltliche Eitelkeit, die Frömmigkeit bekennt vor dir. Und die Kenntnishabenden konnten aus seiner Unwißenheit in diesen Dingen, über die er so Vieles plauderte, leicht erkennen, welch eine Gesinnung er über die höheren, verborgenen Dinge hatte; ob er gleich für nichts Geringes gehalten werden wollte und die Menschen zu überreden suchte, der heilige Geist, der Tröster und Bereicherer aller deiner Treuen, sei in seiner Fülle in ihm persönlich worden und die Kenntnis der Gestirne und ihrer Veränderungen komme ihm als einer göttlichen Person zu. Und er besaß doch nicht einmal diese Kenntnis! War nicht auch hierin seine Vermeßenheit Gotteslästerung? Und so war seine Frechheit, auch wenn sie nicht eben eine Religionslehre berührte, doch offenbare Gotteslästerung. Denn wenn ich irgend einen christlichen Mitbruder über jene Dinge Folgewidriges reden höre, weil er sie nicht versteht, so habe ich doch Geduld mit ihm, und weiß, daß ihm seine falschen Meinungen keinen Schaden bringen, da er von dir, Herr und Schöpfer des Weltalls, nichts Unwürdiges glaubt, wenn er auch von Lage und Beschaffenheit der leiblichen Natur nichts weiß. Schaden brächte er ihm etwa nur, wenn er wähnte, das gehöre zur Lehre von der Gottseligkeit, und wenn er nun das, was er nicht verstände, hartnäckig zu behaupten wagte. Doch auch solche Schwäche in der Kindheit des Glaubens wird von der Liebe wie von einer Mutter ertragen, bis der neue Mensch zum vollkommenen Mann wird und nicht mehr von jedem Winde der Lehre sich umherwerfen läßt. Aber Jener wagte es, als der Lehrer, Stifter, Führer und Herrscher der von ihm Beredeten aufzutreten, so daß seine Schüler meinten, sie folgten nicht einem Menschen, sondern dem heiligen Geiste. Wer muß solchen Wahnsinn, auch wo er erweislich Irres ausspricht, nicht verdammlich und abscheulich finden? Doch mir war es noch nicht klar, ob nicht auch nach Manis Worten der Wechsel der Tag- und Nachtdauer und der Finsternisse gegen das, was ich in andern Schriften gelesen hatte, erklärt werden könnte, so daß ich ungewiß darüber blieb. Aber des Mannes Ansehen, das man für Heiligkeit hielt, ließ ihn mir als den Glaubwürdigeren erscheinen.

VI.

Fast neun Jahre hindurch, in welchen ich, umherschweifenden Gemüthes, solche Leute anhörte, hoffte ich mit brennender Sehnsucht auf die Ankunft jenes Faustus, auf den mich die Andern vertrösteten, so oft sie meinen Fragen nicht genügen konnten, indem sie mir versicherten, durch persönlichen Verkehr mit ihm werde mir das Alles und noch viel Höheres, wenn ich es erkunden wolle, bestens ausgelegt werden. Er kam, und ich lernte einen einnehmenden, anmuthig redenden Mann kennen, der über das, was Jene abzuhandeln pflegten, weit angenehmer schwatzte. Aber was frommte meinem Durste auch der gefälligste Darreicher der kostbarsten Gefäße? Schon war ich jener Dinge übersatt, sie schienen mir dadurch nicht beßer, daß sie beßer gesagt und dadurch nicht wahrer, daß sie mit Beredtsamkeit vorgetragen wurden; noch schien mir ein Geist darum weise, weil seine Miene sprechend, und seine Rede geschmackvoll war. Jene aber, die mich auf ihn vertröstet hatten, verstunden die Sache schlecht und sie schien ihnen klug und weise, weil sie seine Beredtsamkeit ergötzte. Aber auch eine andere Gattung von Menschen lernte ich kennen, welche die Wahrheit verdächtigen, so bald sie mit geschmückter, reicher Rede vorgetragen wurde. – Mich aber hattest du, mein Gott, schon gelehrt, auf wunderbare und verborgene Weise, und nur darum glaube ichs, weil du es mich gelehrt hast, denn darum ist es wahr und es gibt außer dir keinen Lehrer der Wahrheit, woher er auch kommen möge. Schon hatte ich von dir gelernt, man müße etwas nicht deshalb für wahr halten, weil es beredt gesagt werde, noch deshalb für falsch, weil die Rede ungebildet über die Lippen komme. Aber auch nicht darum sei es wahr, weil es kunstlos gesagt werde, noch darum falsch, weil die Rede glänzend sei. Mit Wahrheit und Thorheit verhalte es sich wie mit gesunden und ungesunden Speisen, mit geschmückten und schmucklosen Worten aber wie mit feinen und rohen Gefäßen, die beide Speisen enthalten können. So wurde meine lang harrende Begierde nach jenem Menschen zwar gestillt durch das einnehmende Wesen, mit welchem er bei seinen Auseinandersetzungen in gewandten Worten seine Sätze schmückte. Vielen that ich es mit Loben und Preisen zuvor; doch nahm ich es übel auf, daß ich im Hörerkreise nichts gegen ihn einwenden und ihm meine dringenden Fragen nicht zur Beantwortung vorlegen durfte, denn er ließ sich auf trauliches Wechselgespräch nicht ein. Als ich dies endlich konnte, als er mir und meinen Freunden zugleich Gehör gab und ich ohne zudringlich zu werden mit ihm disputirte und Einiges vorbrachte, das mich am meisten bewegte, fand ich in ihm einen Mann, der in den freien Künsten unbewandert war, die Grammatik ausgenommen, die er auch nur nach gewöhnlichem Maaß verstund. Er hatte einige Reden Cicero’s gelesen, sehr wenig von Seneka’s Schriften, Etliches aus den Poëten und das was in seiner Sekte in gutem Latein geschrieben war; dazu kam seine tägliche Uebung im Reden halten. Dadurch stand ihm eine Beredtsamkeit zu Gebot, die sich angenehm der Fassungskraft der Hörer einschmeichelte und mit natürlichem Witz geschmückt war. Ist es nicht so, Herr mein Gott, der du schon damals mich mit deiner geheimnisvoll verborgenen Vorsehung leitetest und meine schmählichen Irrthümer schon mir vor Augen brachtest, daß ich sie sah und haßte?

VII.

Nachdem ich mich von seiner Unwissenheit in den freien Künsten überzeugt hatte, in denen ich ihn für stark gehalten, verzweifelte ich an seiner Fähigkeit, mir das was mich bewegte zu eröffnen und auszulegen. Doch hätte er, auch in diesen Künsten unwissend, sich an die Wahrheit der Frömmigkeit halten können, wenn er nur kein Manichäer gewesen wäre. Denn ihre Bücher sind voll von den längsten Fabeln über den Himmel, die Sterne, Sonne und Mond und schon merkte ich, daß er mir keine genaue Auskunft geben konnte, ob die Vergleichung astronomischer Berechnungen, die ich anderswo gelesen hatte, auch die der Manichäer sei. Als ich ihm diesen Gegenstand zur Betrachtung und Besprechung vorlegte, beschied er sich, und wagte nicht in die schwierige Sache einzugehen, denn er wußte wohl, daß er sie nicht verstund, und schämte sich nicht, dieß zu gestehen. Jener Schwätzer einer war er nicht, von welchen ich so viele ertragen mußte, die mich über jene Dinge zu belehren trachteten und nichts sagten; sein Herz war zwar nicht zu dir gekehrt, aber es hielt nicht zu vermeßen auf sich selbst; so sehr unbekannt war er mit seiner Unbekanntschaft nicht, wollte sich nicht blind in Abhandlungen einlaßen, aus welchen er sich nicht herausziehen und von welchen er sich dann nicht leicht mehr zurückziehen konnte, und auch darin gefiel er mir beßer. Denn diese Bescheidenheit einer aufrichtigen Seele ist beßer, als daß, was ich zu wißen wünschte. Und so fand ich ihn bei allen schwierigen und verwickelten Fragen. Nun ließ ich ab von dem Eifer, den ich auf die Schriften der Manichäer gewendet hatte, und verzweifelte um so mehr an ihren anderen Lehrern, da dieser berühmte sich also erwies. Ich fieng an mit ihm in wissenschaftlichen Verkehr zu treten, weil er sich sehr auf die Wissenschaften warf, die ich damals in Karthago als Lehrer der Beredsamkeit die jungen Leute lehrte, und las mit ihm Schriften, die er nur vom Hörensagen her kannte und kennen zu lernen wünschte oder die ich einem solchen Geist für angemessen hielt. So wurde eben durch die Bekanntschaft mit diesem Manne mein Eifer, mich in der Sekte hervorzuthun, untergraben; aber da ich noch nichts Beßeres fand, als was sie mir gab, so wollte ich mich vorläufig zufrieden geben, bis etwa etwas Beßeres erschiene, das eher zu wählen wäre. Und so begann Faustus, der so Vielen eine Schlinge des Todes war, die zu lösen, in der ich gefangen lag, ohne daß er es wollte und wußte, denn deine Hände, o Gott, hatten mich nach dem verhüllten Rathe deiner Vorsehung nicht verlaßen. Meiner Mutter blutendes Herz brachte dir Tag und Nacht für mich das Thränenopfer, und du thatest mit mir auf wundervolle Weise. Von dir ja werden die Schritte des Menschen gelenkt, auf daß er Lust habe an deinen Wegen. Und wo sonst wird Heil geschafft, als durch deine Hand, die wiederbringt, was du schufest?

VIII.

Du veranstaltest es mit mir, daß mir gerathen wurde, nach Rom zu reisen, um dort bequemer zu lehren, was ich in Karthago lehrte. Auch wie mir dieß gerathen ward, will ich vor dir bekennen, weil auch hierin dein verborgener Rath zu erkennen, und dein allwaltendes Erbarmen zu preisen ist. Nicht des Erwerbes und der Ehre wegen wollte ich nach Rom, obgleich auch das mich ansprach, und mir von Freunden in Aussicht gestellt wurde. Ich wollte hin hauptsächlich, weil ich vernahm, die jungen Studirenden lebten dort ruhiger und würden durch geordnetere Zucht in Schranken gehalten, so daß sie nicht in die Schule dessen, den sie nicht zum Lehrer hatten, frech und schaamlos sich eindrängten, daß sie überhaupt dort ohne Erlaubnis des Lehrers gar nicht zugelaßen würden. Dagegen leben in Karthago die Studirenden in der ungebundensten Zügellosigkeit, sie drängen sich unverschämt ein und stören mit fast wüthender Frechheit die Ordnung, die Jeder seinen Schülern, zu ihrem Nutzen, auflegt. Mit unbegreiflicher Rohheit verüben sie viele Vergehungen, welche gerichtlich bestraft werden müßten, wenn sie die Gewohnheit nicht schirmte, die sie um so heilloser zeigt, als sie wie etwas Erlaubtes ausüben, was durch dein Gesetz nie erlaubt ist, und es ungestraft zu begehen meinen, während sie doch schon durch diese sündige Verblendung gestraft werden und über alle Vergleichung mehr böses leiden, als sie thun. Die Sitten, welche ich als Studirender mir nicht aneignen wollte, sollte ich als Lehrer an Andern ertragen und darum wollte ich dahin gehen, wo solches, nach dem Zeugniß Aller, nicht geschah. Aber du, meine Hoffnung und mein Theil im Lande der Lebendigen, bewegtest mich für das Heil meiner Seele, meine Wohnung zu ändern; du erregtest in Karthago die mich forttreibenden Stacheln, und veranlaßtest die nach Rom mich ziehenden Lockungen durch Menschen, welche das Leben des Todes liebten, darin unsinniges übend, und daher Werthloses verheißend. So benütztest du zu Lenkung meiner Schritte sowohl die Verkertheit Anderer, als die meine, denn die mich um meine Ruhe brachten, waren blind in schändlicher Verwilderung und die mich anderswohin luden, hingen an der Erde. Ich aber verwünschte hier das wahre Elend und suchte dort das falsche Glück. Du, Gott, wußtest, warum ich dort fortzog und dahin gieng; machtest es aber weder mir, noch der Mutter kund, die wegen meiner Abreise heftig um mich weinte und mich bis ans Meer begleitete. Ich betrog sie, die mich gewaltsam, um mich entweder zurückzuhalten, oder selbst mit mir zu gehen, festhielt, und gab vor, bei einem Freunde noch bleiben zu wollen, bis ihm günstiger Wind die Einschiffung möglich mache. So belog ich die Mutter, und welch eine Mutter! und entrann, während du mir erbarmend auch dieß vergabest und mich, der ich voll verdammlichen Unraths war, vor den Waßern des Meeres für das Waßer deiner Gnade aufbewahrtest, durch das ich gereinigt wurde, damit die Ströme der Mutteraugen getrocknet würden, mit welchen dir ihr Angesicht täglich für mich die Erde benetze. Ich vermochte sie, da sie sich weigerte, ohne mich zurückzukehren, mit Mühe zu überreden, daß sie in einer zum Gedächtniß des heiligen Cyprian errichteten Kirche, die unserem Schiffe nahe war, übernachtete. In dieser Nacht fuhr ich heimlich ab, und sie blieb zurück in Flehen und Weinen. Wohl bat sie von dir, mein Gott, mit solchen Thränen, du solltest mich nicht abreisen laßen; doch du erhörtest mit deinem erhabenen Rathe die Hauptsache all ihres Flehens um mich, und thatest nicht, um was sie damals bat, damit du in mir thuest, was sie immer bat. Der Wind wehte, unsere Segel füllend, und entzog unsern Augen das Ufer, an dem am Morgen meine Mutter in ihren Schmerzen jammerte und mit Klagen und Aechzen dein Ohr erfüllte, als hättest du ihr Gebet verachtet, während du mich durch meine Leidenschaften hinwegrißest, um diese Leidenschaften zu enden, und während du der Mutter fleischliches Verlangen mit der gerechten Geißel der Schmerzen schlugest. Denn sie wünschte mich bei sich zu haben nach der Mütter Weise, in der sie es freilich vielen zuvorthat; sie wußte nicht, welche Freude du ihr durch meine Abwesenheit bereiten wolltest. Sie wußte es nicht, darum weinte und klagte sie, mit diesen Qualen tragend, was seit der ersten Menschenmutter jede trägt, das Seufzen um ihrer Liebe Kind, das sie mit Seufzen gebar. Und doch, nachdem sie meinen Trug und meine Grausamkeit angeklagt, wendete sie sich wieder, dich für mich um Verzeihung anzuflehen und gieng zu ihrer gewohnten Lebensweise – ich aber nach Rom.

IX.

Und siehe, da wurde ich von der Geißel leiblicher Krankheit getroffen und zog hinab, den Todten zu, mit mir tragend alles Böse, das ich viel und schwer gegen dich und mich und Andere verübt hatte, zu der Erbsünde Feßel, durch die wir alle in Adam sterben. Denn keine meiner Sünden hattest du mir noch in Christus vergeben, noch hatte er am Kreuze die Feindschaft nicht gelöst, in die ich gegen dich durch meine Sünden eingegangen war; denn wie hätte er sie am Kreuze als jenes Scheinbild, für das ich ihn gehalten, zu lösen vermocht? So unwahr mir der Tod seines Leides schien, so wahr war der Tod meiner Seele, und so wahr der Tod seines Lebens war, so unwahr war das Leben meiner Seele, welche nicht daran glaubte. In schwerer werdendem Fieber ging ich schon dem Untergange zu; denn wo sollte ich hingehen, der ich von dir weggieng, als in Feuer und Qualen, meiner Thaten würdig nach der Wahrheit deiner Gesetzgebung? Die Mutter wußte nicht davon, und bat doch für mich auch, fern von mir; und du Allgegenwärtiger erhörtest sie, wo sie auch war, und wo ich war, da erbarmtest du dich mein, daß ich meine Gesundheit wieder erlangte, ob auch noch krank bleibend durch das gottlose Herz. Denn auch in solcher Gefahr verlangte ich nicht nach deiner Taufe! Ach, beßer war ich als Knabe einst, da ich sie, erweckt durch der Mutter Frömmigkeit, verlangte. Gewachsen war ich in meiner Schändlichkeit, wahnsinnig verlachte ich den Rath deines Heils, der du mich als einen solchen nicht zweimal wolltest sterben laßen. O wäre von diesem Schmerz meiner Mutter Herz verwundet worden, es wäre nimmer genesen, denn nicht genug kann ich es aussprechen, mit welcher Liebe sie mich liebte, und mit wie viel größerer Traurigkeit sie mich geistig gebar, als sie mich leiblich geboren hatte. Daher sehe ich ein, wie sie hätte genesen sollen, wenn mein Tod, wie er mich damals hätte treffen müßen, ihr Herz zerrißen hätte. Und wo wären jene großen, ohne Unterlaß vorgebrachten Bitten geblieben? Sie blieben bei dir; solltest wohl du, o Gott des Erbarmens, das zerstoßene und gedemüthigte Herz einer reinen und verständigen Wittwe verachtet haben, die anhaltend ihre Almosen gab, deinen Heiligen folgte und diente, an keinem Tage ihre Darbringung zu deinem Altar unterließ, zweimal täglich, am Morgen und am Abend, ohne auszusetzen, deine Kirche besuchte, nicht leerer Fabeln und altweibischer Geschwätze wegen, sondern damit sie dich höre in deinen Reden, und du sie hörtest in ihren Gebeten? Solltest du ihre Thränen verachten und versagt ihnen deine Hülfe haben, mit welchen sie nicht Gold und Silber von dir hat, noch sonst ein wandelbar, flüchtiges Gut, sondern das Seelenheil ihres Sohnes, du, durch dessen Wirken sie also war? Nein, du warest da, und thatest erhörend nach dem Rathschluße, dessen Erfüllungszeit du vorher bestimmt hattest. Ferne sei es, daß du sie in jenen Gesichten und Offenbarungen getäuscht hättest, die ich schon erwähnte, die sie bewahrte im treuen Herzen, um deren Erfüllung sie immer flehte, als mahnte sie dich an eine ihr ausgestellte schriftliche Versicherung; denn so lange dein Erbarmen währt in der Zeit, läßest du dich herab, denen Schuldner durch deine Verheizungen zu werden, welchen du alle ihre Schulden erläßest.

X.

So hast du mich denn von jener Krankheit hergestellt und den Sohn deiner Magd an seinem Leibe gefunden lassen, damit er fähig werde, deine beßere, bleibendere Heilung zu empfangen. Auch in Rom wurde ich jetzt mit jenen betrogenen und betrügenden Heiligen verbunden und nicht nur mit denen, welche noch den niederen Grad der sogenannten Hörer hatten, zu denen auch der Hausvater gehörte, bei dem ich krank gelegen und genesen war, sondern auch mit denen, welche man die Auserwählten nennt. Und schon schien es mir wie ihnen, nicht wir seien es, die da sündigten, sondern in uns sündige eine andere Natur. Und es freute meinen Stolz, ohne Sündenschuld zu sein, und wenn ich etwas Böses begangen hatte, nicht bekennen zu müssen, ich habe es begangen, worauf du doch meine Seele geheilt hättest, weil sie bekannt hätte, gegen dich gesündigt zu haben. Aber ich liebte es, meine Sünde zu entschuldigen und statt meiner etwas Anderes anzuklagen, das geheimnißvoll in mir sein sollte, ohne daß ich es selber war. Aber das Ganze war ich und wider mein Heil hatte mich meine Gottlosigkeit zertheilt. Und eben in dem bestand das Unheilbarste meiner Sünde, in welchem ich mich nicht selbst für einen Sünder hielt, und das war die fluchwürdige Ungerechtigkeit, daß ich lieber dich, o allmächtiger Gott, dich in mir zu meinem Verderben, als mich von dir zu meinem Heile überwunden haben wollte. Noch hattest du nicht behütet meinen Mund, noch nicht bewahrt meine Lippen, daß ich mein Herz nicht neige auf böse Reden, noch meine Sünden entschuldige mit den Uebelthätern (Psalm 141, 3. 4.). Doch wurde ich irre an der Manichäer Lehre und wurde in ihr läßiger, entschlossen wenigstens so lang mich ihr zu fügen, als ich nichts Beßeres fände. Auch war schon der Gedanke in mich gekommen, jene Weltweisen, die sogenannten Akademiker, seien die Klügsten, welche lehrten, man müße über Alles zweifeln, und der Mensch vermöge nichts wahres zu begreifen. Das schien mir, nach dem allgemeinen Urtheil, ihre Meinung zu sein, der ich nicht erkannte, worauf sie ausgiengen. Auch suchte ich ohne Scheu meinen Hausherrn von dem zu großen Vertrauen abzubringen, das er, wie ich merkte, in die Fabeln setzte, von welchen die Schriften der Manichäer voll sind. Doch blieb es bei der engern Verbindung mit den Manichäern, deren Viele Rom verbarg, und wenn ich ihren Lehren auch nicht mehr mit der frühern Glut zugethan war, so machte mich doch ihr Umgang träger gegen das Suchen eines Andern, da ich ja außerdem schon an der Möglichkeit verzweifelte, es könne das Wahre in deiner Kirche gefunden werden, Herr des Himmels und der Erde, Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren, von der mich jene abgewendet hatten. Für gar häßlich hielt ich den Glauben, du habest die Gestalt des menschlichen Fleisches und werdest begränzt von den leiblichen Umrißen unserer Glieder. Aber weil ich, wenn ich über meinen Gott denken wollte, nichts zu denken wußte, als körperliche Massen, so war dieß die erste unvermeidliche Ursache meines Irrthums. Darum meinte ich auch, es gebe ein ähnliches Körperwesen des Bösen, das entweder seine ungestalte, plumpe Masse habe, welche die Manichäer Erde nannten, oder eine dünne, feinere, wie der Luftkörper ist, und von welcher sie sich einbildeten, sie durchschleiche als ein boshafter Geist die Erde. Und weil meine Religiosität, wie sie auch sein mochte, mich doch zu glauben nöthigte, der gute Gott habe keine böse Natur erschaffen, so nahm ich zwei einander entgegengesetzte Massen an, beide unendlich, aber die böse im engeren, die gute im weiteren Sinne. Aus diesem verderblichen Anfang folgten meine übrigen gottlosen Meinungen, und diese schreckten mich vom Glauben der Kirche ab, während dieser Glaube gar das nicht war, für was ich ihn hielt. O mein Gott, zu dessen Erbarmen ich mich bekenne, wenn ich von dir glaubte, du bestehest endlos aus allen Theilen des Weltalls, obgleich ich dich durch einen Theil, in dem sich dir die Masse des Bösen entgegensetzte, begränzt sehen mußte, so hielt ich mich in diesem Glauben für gottseliger, als wenn ich geglaubt hätte, du werdest, statt von allen Theilen, nur von der Gestalt des menschlichen Körpers eingegränzt. Denn ich vermochte das Geistige gar nicht zu denken, und hielt es nur für einen feinen Körper, der sich durch den Raum ausgieße. Selbst von unserem Erlöser, deinem Eingeborenen, meinte ich, er sei aus dem Stoffe deiner lichthellsten Masse zu unserem Heile herausgehalten worden, aber diese Lichtnatur könne nicht aus der Jungfrau Maria geboren werden, wenn sie nicht mit dem Fleische vermischt werde; diese Vermischung aber wäre ohne Befleckung nicht möglich, weil ich alles Fleisch für böse hielt. Und so fürchtete ich, an einem Fleisch Geborenen zu glauben, um nicht an einen im Fleisch Besteckten glauben zu müßen. – Wohl werden mich deines Geistes Kinder belächeln, wenn sie solche Bekenntnisse von mir lesen, aber so war ich.

XI.

Auch hielt ich für vertheidigungslos, was die Manichäer in deinen Schriften getadelt hatten, doch wünschte ich zuweilen mit gesunderem Geist, mich mit einem in der heiligen Schrift wohl Erfahrenen genauer zu besprechen, um seine Ansicht zu vernehmen. Schon in Karthago hatten mich die Reden eines gewissen Helpidius angeregt, mit welchen er Dinge über die Schrift von den Manichäern und gegen sie vorbrachte, welche sie nicht leicht widerlegen konnten; und schwach dünkte ihre Antwort mir, mit der sie, aus Furcht mehr heimlich als öffentlich, vorbrachten, die Schriften des neuen Testaments seien von unbekannten Händen verfälscht worden, die das jüdische Gesetz dem christlichen Glauben einpflanzen gewollt. Jedoch vermochten sie keine unverfälschten Exemplare vorzuzeigen und darum nicht zu sagen, was verfälscht sei. Aber immer noch erdrückten und erstickten mich jene Körpermassen in meinen das Geistige nicht begreifenden Gedanken, und unter ihnen seufzend vermochte ich nicht in der klaren, reinen Luft deiner Wahrheit zu athmen.

XII.

Mit Eifer führte ich nun das aus, wegen dessen ich nach Rom gekommen war; ich lehrte die Beredsamkeit und versammelte zuerst Einige zu Hause um mich, mit welchen und durch welche ich bekannt wurde. Und auch hier blieb ich nicht frei von Unrecht; zwar kamen hier jene Zügellosigkeit Karthago’s nicht vor, aber plötzlich betrügen hier oft viele junge Leute den Lehrer um seine Belohnung, indem sie ihn, ehe seine Vorlesungen geendet sind, verlaßen und zusammen zu einem Andern laufen. Ich haßte sie, wenn auch nicht mit gerechtem Haß, denn ich haßte was sie thaten nur deshalb, weil sie es mir gethan. Und wahrlich schändlich genug sind Alle, die so von dir in Untreue wegschweifen, die flüchtige Lust, den schmutzigen Gewinn liebend, der wenn er ergriffen wird, die Hand befleckt. Während sie die flüchtige Welt umfaßen, verachten sie dich, der du bleibest und sie zurückrufst, damit du vergebest der aus sündiger Buhlschaft rückkehrenden Seele. Ja ich haße sie noch und liebe sie doch, um sie zu bessern, damit sie die Lehre selbst, die sie lernen, dem Gelde, ihr aber dich, o Gott, vorziehen, der du die Wahrheit bist und der Reichthum des wahren Guten, und der seligste Friede. Ich haße ihre Bosheit und liebe, sie ihnen zu nehmen. Aber damals mochte ich weit eher die Bösen nicht lieben meinetwegen, den sie beleidigten, als daß ich sie gut gewollt hätte deinetwegen, der du sie selig machst.

XIII.

Als daher von Mailand aus um einen Lehrer der Beredsamkeit nach Rom geschrieben, und damit die kostenfreie Reise auf der Staatsreise verbunden wurde, so bewarb ich mich darum durch die vom manichäischen Irrthum Benebelten, während ich gieng, um von ihnen los zu werden; ob wir das gleich beide nicht wußten, als mich Symmachus, der damalige Stadtpräfekt nach genauer Proberede absandte. So kam ich nach Mailand zu dem Bischof Ambrosius, welcher der Erde als einer der Besten bekannt war, zu deinem frommen Verehrer, dessen Predigten damals eifrig das Beste deines Waizens, dein erfreuendes Oel und die nüchterne Trunkenheit deines Weines dem Volke boten. Zu ihm aber wurde ich, ohne daß ich es wußte, von dir geführt, damit ich von ihm, wohl darum wißend, zu dir geführt würde. Väterlich nahm mich dieser Gottesmann auf und freute sich mit Hirtenliebe meiner Uebersiedlung nach Mailand; und ich lernte ihn lieben, anfänglich zwar nicht als einen Lehrer der Wahrheit, weil ich verzweifelte, das Heil in der Kirche zu finden, sondern nur als einen gegen mich gütigen Mann. Eifrig hörte ich seine öffentlichen Vorträge, wohl nicht in der Absicht, die ich schuldig war, sondern nur, um zu prüfen, ob seine Beredtsamkeit ihren Ruf erreiche, ob sie herrlicher oder dürftiger ströme, als man von ihr pries. Von seinen Worten wurde meine Aufmerksamkeit gefeßelt, um die Gegenstände aber, die sie vortrugen, kümmerte ich mich nicht, und war als Verächter gegenwärtig. Mich ergötzte die Annehmlichkeit seines Vortrags, der gründlicher, aber weniger erheiternd und einschmeichelnd war, als der des Faustus, so weit er die Worte an sich betraf, denn die Gegenstände selbst litten keine Vergleichung; jener irrte ja durch die manichäische Trugfelder, dieser aber lehrte auf die heilsamste Weise das Heil. Doch das ist fern von den Sündern, deren einer ich damals mich einfand, und dennoch naht’ ich ihm allmählich und unvermerkt.

XIV.

Denn ob es mir auch nicht darum zu thun war, zu lernen, was er sprach, sondern nur zu hören, wie er sprach, so kamen doch in mein Gemüth mit den Worten die ich liebte, zugleich auch die Dinge selbst; die ich geringschätze; ich konnte sie nicht davon losreißen, obgleich noch voll eitlen Kummers daran verzweifeln, daß dem Menschen irgend ein Pfad zu dir sich aufthue. Während ich nun das Herz aufschloß, um zu erfaßen, was er so beredt sprach, gieng zugleich das auch ein, was er so wahr gesprochen hatte, aber nur allmählich. Zuerst kam mir vor, es sei möglich, auch diese Dinge zu vertheidigen und es sei nicht zwecklos, den kirchlichen Glauben zu behaupten, der mir bisher unhaltbar gegen die Angriffe der Manichäer geschienen. Mit Eifer hörte ich dieses und jenes erklären, nicht selten wurde mir ein Räthsel in den Schriften des alten Bundes gelöst, während ich es buchstäblich nehmend, den Geist verlor. Die meisten Stellen der Schrift wurden mir ausgelegt und schon tadelte ich meine Rathlosigkeit, in der ich meinte, Gesetz und Propheten vermöchten sich gegen die Verwünschungen und Spötereien nicht zu halten, welche die Manichäer gegen sie ausstößen. Doch war ich dadurch noch nicht der Ansicht, der kirchliche Glaubensweg müße schon darum betreten werden, weil er gelehrte Vertheidiger habe, die beredt und verständig die Einwürfe zurückweisen, und ich meinte, das, zu dem ich mich bekannte, müße deßwegen noch nicht verdammt werden, weil einige Theile seiner Vertheidigung zu Nichte gemacht wurden. So schien mir der Kirchenglaube nicht mehr überwunden, aber er konnte mir noch nicht als Sieger auftreten: Nun aber strengte ich mich nach bestimmten Beweisen an, mit welchen ich die Manichäer der Falschheit überweisen könnte, und hätte ich ein geistiges Wesen zu denken vermocht, so wären alle diese Trugwerke entschleiert und aus meiner Seele geworfen worden; doch ich vermochte es nicht. Nun urtheilte ich nach sorgfältiger Erwägung, die meisten Philosophen haben über die Körperwelt und über jedes Wesen, das sich der sinnlichen Betrachtung darbeut, richtiger gedacht. Nach der Weise, die man den Akademikern zuschrieb, zweifelte ich an Allem und wurde zwischen Allem unentschieden umhergeworfen, doch entschloß ich mich endlich, die Manichäer zu verlassen, denn ich mochte in meiner Zweifelzeit nicht mehr in einer Sekte bleiben, der ich bereits einige Philosophen vorzog. Aber ich wollte auch diesen meiner Seele Heilung nicht anvertrauen, weil sie ohne den heilsamen Namen Christi waren. Und so beschloß ich, so lange in der mir von den Eltern empfohlenen Kirche als Katechumen zu bleiben, bis ein helleres Licht meine Schritte lenke.

Sechstes Buch

Du führtest mich in deinen Tempel ein,

Wo mich beglückte deines Redners Treue.

Vor deinem Worte meine schnöde Scheue –

Sie wich, es klang mir himmlisch wahr und rein.

Und meiner Sünden Freundin wurde dein,

Sie gieng von mir in rührend tiefer Reue,

Daß sie ihr Herz in Tugend dir erneue,

Und ließ in meinen Thränen mich allein.

So locktest du mich an die Vaterhand,

So stund vor mir die Wahrheit und die Buße,

Der deine hohe Ladung nicht verstand.

Die böse Lust mit dem vertrauten Gruße

Sie zog mich wieder in ihr Zauberland,

Und ließ mich liegen wund vor deinem Fuße.

I.

Du meine Hoffnung von meiner Jugend an, wo warest du mir und wohin hattest du dich zurückgezogen? Hattest denn nicht du mich erschaffen und mich unterschieden von den Thieren des Feldes und von den Vögeln des Himmels? Du hattest mich weiser gemacht, aber ich wandelte auf dunkeln, schlüpfrigen Wegen, suchte dich außer mir und fand den Gott meines Herzens nicht; in die Tiefen des Zweifelmeeres gerieth ich, da versank mein Glauben und ich verzweifelte am Finden der Wahrheit. Schon war meine glaubensstarke Mutter zu mir gekommen, war mir gefolgt über Land und Meer, ruhig in dir bei allen Gefahren. Denn auch über die Bedrängnisse der See tröstete sie die Schiffleute, von welchen sonst die geschreckten, unkundigen Wanderer der Waßerwüste getröstet werden, und verhieß ihnen glückliche Ankunft, die du ihr in einem Gesichte verheißen. Sie fand mich bedrängt wohl von Zweifeln, und als ich ihr gesagt, daß ich zwar kein Manichäer mehr, aber noch kein rechtgläubiger Christ sei, brach sie nicht in Freuden aus, als ob sie Unerwartetes vernommen hätte. Aber diese Veränderung gab ihr Frieden in’s Herz, denn vorher hatte sie mich wie einen, von dir zu erweckenden, Todten beweint und mich hinausgetragen auf der Bahre ihrer Gedanken, daß du sprechest zu der Wittwe Sohn: »Jüngling, ich sage dir, stehe auf!« und daß er wieder lebendig werde und zu reden beginne, und du ihn seiner Mutter gebest. Von keiner ungestümen Freude also wurde ihr Herz erschüttert, als sie gehört, von so Vielem, um daß ich zwar der Wahrheit noch nicht errungen, aber der Falschheit entrungen sei. Doch gewis, du werdest auch das Uebrige verleihen, der du das Ganze verheißen, antwortete sie mir in Sanftmuth aus dem vertrauenden Herzen: sie glaubte im Herrn, mich noch als rechtgläubigen Christen zu sehn, ehe sie wandere aus diesem Leben. Dieses mir; dir aber, du Quell der Erbarmungen, anhaltendere Bitten und Thränen, auf daß du beschleunigen mögest deine Hilfe und erleuchten meine Finsternisse. Und sie gieng um so eifriger zur Kirche, an des Ambrosius Munde hangend, der Quelle, deren Wasser ins ewige Leben quillt. Sie liebte ihn wie einen Engel Gottes, weil sie erkannte, daß ich inzwischen zu jenem schwankenden Wogen gebracht worden, worin sie meinen Uebergang von Krankheit zur Gesundheit durch herzutretende dringendere Gefahr, wie durch jenen Zustand erwartete, den die Aerzte die Krisis nennen.

II.

Als sie daher einst zu den Kirchen der Heiligen, wie sie in Afrika pflegte, Brot und Wein brachte und vom Thürsteher der Kirche abgewiesen wurde, der ihr sagte, der Bischof habe solches verboten, fügte sie sich so willig und gehorsam, daß ich selbst mich verwunderte, wie leicht sie eher eine Anklägerin ihrer Gewohnheit, als eine ungünstige Beurtheilerin jenes Verbots geworden war. Denn ihren Geist beherrschte die Trunkliebe nicht, und die Liebe zum Wein reizte sie nicht zum Haß gegen die Wahrheit, wie so viele Männer und Frauen, welche zu der Mäßigkeit empfehlend Predigt kommend schon angetrunken nach dem Weine des Liebesmahles lechzten. Wenn meine Mutter ihren Korb mit den Weihegaben zum Verkosten und Mittheilen brachte, brachte sie nur ein kleines, ihrer Mäßigkeit angemeßenes Becherchen, in dessen Inhalt sie sich mit den Anwesenden theilte. Und wenn es auch viele Gedächtnißkirchen der Verstorbenen gibt, welche man mit solchen Libationen ehren wollte, sie brachte in alle nur ihr Becherchen mit dem stark gewässerten oft schon lauen Getränk für sich und die Ihrigen, weil sie Gottseligkeit, nicht aber Vergnügen dabei suchte. Als sie nun erfuhr, solches sei vom Bischof selbst denen verboten, welche es nüchtern und mäßig vollzögen, damit den Trunksüchtigen nie eine Gelegenheit zur Ausschweifung gegeben würde, und weil ohnehin diese todten Ceremonien dem heidnischen Aberglauben so ähnlich wären, so enthielt sie sich ihrer sehr gutwillig und lernte, für den von Erdenfrüchten vollen Korb, ein von reineren Gelübden volles Herz zum Gedächtnis der Märtyrer darbringen, damit sie ihr Uebriges den Armen übergebe. So wurde durch Liebe von ihr die Gemeinschaft des Leibes Christi gefeiert, durch dessen Leidensnachfolge die Märtyrer geopfert und gekrönt wurden. Doch scheint es mir, daß sie nicht leicht von dieser Gewohnheit abgegangen wäre, wenn sie ihr von einem Andern wäre verboten worden, den sie nicht, wie den Ambrosius – allermeist um meines Seelenheils willen – geliebt hätte. Aber auch er liebte sie wegen ihres gottseligen Wandelns, in welchem sie in guten Werken voll Geistesglut sich unabläßig zur Kirche hielt, so daß er oft, meiner ansichtig werdend, in ihr Lob ausbrach und mir Glück wünschte, solch eine Mutter zu haben, ohne daß er wußte, was für einen Sohn sie hatte, der ich an allem Heiligen zweifelte und nicht an den Weg glaubte, der zum Leben führt.

III.

Noch flehte ich nicht seufzend zu dir, daß du mir zu Hilfe kämest, nur aufs Forschen und Grübeln legte sich mein ruheloses Gemüth. Den Ambrosius hielt ich der Welt nach wohl für einen glücklichen Mann, da ihn die Mächtigen der Erde so sehr in Ehren hielten; nur sein eheloses Leben schien mir geplagt. Was für Hoffnungen er in sich trug, wie er kämpfte gegen die Anfechtungen des Bewußtseins seiner eigenen Vortrefflichkeit, welche Trost er in Widerwärtigkeiten hatte, und welch köstliche Freuden seines Herzens verborgener Mund von deinem Lebensbrote kostete, das konnte ich nicht ahnen, denn ich hatte es selbst nicht erfahren. Und auch er wußte nichts von meinen Unruhen, nichts von dem gefahrvollen Abgrunde, vor dem ich stand; denn nicht konnte ich, wie ich es wünschte, seinen Rath einholen, da mich der Haufen geschäftiger Leute, deren geistiger Schwachheit er aufhalf, von seinem Ohr und seinem Munde trennte. Die wenige Zeit über, die er nicht mit ihnen zubringen mußte, labte er entweder den Körper mit der nöthigen Nahrung, oder den Geist mit Lesen. Und wenn er las, schweifte sein Blick über des Buches Seite und forschte sein Geist nach dem Sinn, während er schwieg. Oft wenn wir gegenwärtig waren – denn Niemanden wurde der Eingang verwehrt, auch war es nicht Sitte, die Kommenden anzumelden – sahen wir ihn in ernster Stille lesen, und anders nie, und entfernten uns wieder, nachdem wir in langem Schweigen geseßen; denn wer hätte sich unterstanden, dem also Vertieften zur Last zu werden. Und wir schloßen, er wolle in der ihm zu seiner geistigen Erholung so knapp zugemessen Zeit von der Unruhe fremder Angelegenheiten ungestört ausruhen. Er mochte sein leises Lesen wohl auch deshalb sich angewöhnt haben, damit er nicht genöthigt werde, einem neugierigen aufmerksamen Zuhörer dunkle Stellen des von ihm eben gelesenen Buches zu erklären, oder sich auf schwierige Fragen einzulassen und so im Vollbringen dessen, was er zu lesen unternommen hatte, bei der ihm gegönnten Zeit verhindert zu werden. Vielleicht las er aber leise, um seine Stimme zu schonen, die leicht heiser wurde. Aus welchem Grunde er es gethan haben mag, er that wohl. So wurde mir keine Gelegenheit, von seinem Herzen, deinem heiligen Orakel, zu erfahren, was ich wünschte, und nur kurzes Gehör erlangte ich zuweilen. In einer ruhigen Stunde sich vor ihm auszuschütten, wünschte mein bedrängtes Herz so sehr, und fand ihn nie in einer solchen. Aber an jedem Sonntag hörte ich ihn, wie er in der Gemeinde das Wort der Wahrheit so lauter auslegte, und überzeugte mich mehr und mehr, daß alle Knoten der hinterlistigsten Lästerungen, welche unsere Betrüger gegen deine heiligen Bücher flochten, gelöst werden konnten. Da erfuhr ich denn auch, daß das göttliche Ebenbild, nach dem du den Menschen erschufest, von deinen Geisteskindern, die du aus Gnade durch die Mutter Kirche gebarest, nicht so verstanden werde, als glaubten und dächten sie dich von einer menschlichen Gestalt begränzt. Ob ich wohl noch nicht dunkel ahnte, wie das Wesen des Geistes sei, so mußte ich doch freudig erröthen, daß ich nicht den ächten Kirchenglauben, sondern Hirngespinste fleischlicher Gedanken angebellt hatte, und darin fand ich verwegen mich gottlos, daß ich das angeklagt, worüber mir nach reiflicher Erwägung erst ein Urtheil zugestanden wäre. Du aber, Erhabenster und Nächster, Verborgenster und Gegenwärtigster, du hast keine verschiedene, größere und kleinere Glieder, ganz bist du überall und doch keinem Ort; bist jene Körpergestalt nicht, die ich mir einbildete, und doch schufst du den Menschen nach deinem Bilde, und siehe, der ist vom Kopfe bis zum Fuße an seinem Orte, daß du ihn dort übest und dir heiligest.

IV.

Da ich nicht wußte, wie dieses dein Ebenbild beschaffen sei, so hätte ich mit der Frage anklopfen sollen, wie davon zu glauben sei und nicht das verspotten, was ich mir als den Kirchenglauben einbildete, ohne daß er es gewesen wäre. Eine desto größere Sorge über das, was ich festhalten sollte als das Rechte, nagte an meinem Herzen, je mehr ich mich schämte, daß ich so lange durch trügliche Verheißungen war verschloßen und betrogen worden und in knabenhaftem Irrthum und Uebermuth soviel Ungewisses auf eine Weise herausschwatzte, als wäre es gewis; ach später erst ward mir seine Falschheit klar. Soviel war mir nun doch gewis, daß das nicht von mir für gewis Gehaltene ungewis sei, als ich deine Kirche mit blindem Eifer angeklagt, die ich zwar noch nicht als die Lehrerin der Wahrheit anerkannte, von der ich aber soviel endlich wußte, daß sie das nicht lehre, wegen dessen ich sie so schwer angeklagt. So wurde ich verwirrt und bekehrt, und ich freute, mein Gott, mich, daß deine einige Kirche, deines Einigen Leib, in welcher mir als Kind Christ Namen beigelegt ward, keine kindische Nichtswürdigkeiten aushegte, und mit ihrer gesunden lehre dich, den Schöpfer von Allem, nicht in einem Raum, wenn auch in den herrlichsten, doch überall begränzten – daß sie dich nicht in die Menschengestalt einschloß. Auch freute ich mich, daß mir nicht mehr zugemuthet wurde, die Schriften des Gesetzes und der Propheten in der Auslegung zu lesen, in welcher sie mir früher unsinnig erschienen waren, so lange ich geschloßen, nach dieser Auslegung sei der Sinn und Wandel deiner Heiligen gewesen; aber so meinten sie es nicht. Als wollte er damit uns die Regeln des Verständnisses angelegentlich empfehlen, so hörte ich oft den Ambrosius öffentlich sagen: der Buchstabe tödtet, der Geist aber macht lebendig. Er selbst befreite das, was, buchstäblich verstanden, Verkehrteres zu lehren schien, von seiner geheimnisvollen Hülle und erklärte es geistig, und so trug er nichts vor, das mir anstößig gewesen wäre, wenn ich auch die Wahrheit des von ihm Vorgetragenen noch nicht verstund. Denn mein Herz hielt ich von aller Beistimmung zurück, aus Furcht, in die Tiefe zu fallen, und wurde doch durch diese Zurückhaltung weit eher in den Tod gestürzt. Ich wollte mich von der Wahrheit der unsichtbaren Dinge so gewis überzeugen, als ich überzeugt war, daß Sieben und Drei Zehn seien. So unsinnig war ich jedoch nicht, daß ich geglaubt hätte, auch das sogar lasse sich nicht begreifen, aber gleich diesem wünschte ich auch das Andere zu verstehen, sei es nun etwas Körperliches und meinen Augen Abwesendes, sei es etwas Körperliches und meinen Augen Abwesendes, sei es etwas Geistiges, an das ich nur denken konnte, wie ich an körperliche Dinge dachte. Geheilt konnte ich werden durch den Glauben, durch den mein geläuterter Geist zu deiner immer bleibenden, in nichts irrenden Wahrheit gelenkt worden wäre. Aber wie der einem schlechten Arzte in die Hände Gefallene auch einem guten sich anzuvertrauen fürchtet, so that es meine kranke Seele; allein nur durch den Glauben konnte sie geheilt werden, und aus Furcht, Falsches zu glauben, verschmähte sie die Heilung und that deinen Händen Widerstand, der du die Heilmittel des Glaubens bereitet, der du sie über die Krankheiten der Erde gegoßen und ihnen solche Wirksamkeit zugewiesen hast.

V.

Auch darum zog ich die Lehre der Kirche vor, weil in ihr so mild und arglos verordnet wurde, man solle glauben, was nicht erklärt werde, sei es nun etwas, was wirklich erklärt werden könnte, nur daß ein dafür Empfänglicher fehlte, oder sei es etwas, das man nicht zu erklären vermöchte; während bei den Manichäern solch ein Glaube in den vermeßenen Verheißungen tiefern Wissens verlacht ward, und hierauf doch der blinde Glaube an so viel Fabelhaftes und unsinniges, das gar keine Erklärung zuließ, befohlen wurde. Nach diesem aber hast du, Herr, mit deiner sanften, erbarmenden Hand mein Herz behandelt und belehrt, und mich erwägen laßen, wie unzählig Vieles ich glaubte, ohne daß ich es sah, ohne daß ich bei seinem Verlaufe gegenwärtig war; wie so Vieles in der Geschichte der Völker, so Vieles von Orten und Städten, die ich niemals gesehen, so Vieles von Freunden, von Aerzten, von diesen und von jenen Menschen, ohne dessen glaubige Annahme wir überhaupt gar nichts im Leben zu thun wüßten. Du ließest mich erwägen, wie unerschütterlich fest ich glaube, von meinen Eltern entsprungen zu sein, das ich doch nur wißen könnte, wenn ich es aufs Wort hin glaubte. So überzeugtest du mich, daß nicht diejenigen anzuklagen seien, welche an die heilige Schrift glauben, die du mit so großem Ansehen fast in allen Völkern Grund faßen ließest, sondern Diejenigen, die nicht an sie glauben, und daß ich Denen kein Gehör leihen dürfe, die etwa mir sagten: »Woher weißest du, daß diese Bücher durch den Geist des Einen, wahren wahrhaftigen Gottes dem Menschengeschlechte mitgetheilt wurden?« Um so mehr mußte ich das glauben, als ja auch kein Gezänke der Philosophen mich so weit hatte bringen können, daß ich auch nur einmal nicht geglaubt hätte, du seiest, während ich doch nicht wußte, was du sein mochtest, oder daß ich den Glauben aufgegeben hätte, die Lenkung der menschlichen Dinge gehöre dir zu. Wohl glaubte ich das bald stärker, bald schwächer, aber immer doch glaubte ich, du seiest und sorgest für uns, wenn ich auch nicht wußte, wie ich mir dein Wesen vorstellen sollte und den Weg nicht kannte, der zu dir führt und den Verirrten zurückführt. Wenn nun in solcher Schwachheit unsere Vernunft nicht klar genug zum Finden der Wahrheit ist, und uns darum das Ansehen deiner heiligen Schrift nöthig wird, so hättest du, das war meine Meinung, keineswegs dies hohe Ansehen der Schrift in allen Landen verbreitet, wenn du nicht gewollt hättest, man solle durch sie an dich glauben und solle dich suchen durch sie. Was mir früher ungereimt an ihr geschienen, hatte mir nun die Würde eines göttlichen Heiligthums; und um so ehrwürdiger und des heiligen Glaubens werther schien es mir, je offener sie aller Welt zum Lesen lag und ob auch die Herrlichkeit ihrer Geheimnisse nur tieferem Sinn bewahrend, doch mit der verständlichsten Sprache und den schlichtesten Worten sich Allen erschloß, den Eifer Aller übte, die nicht leichtfertigen Herzens waren, damit sie Alle ans weite freundliche Herz willig aufnehme und auf der engen Bahn Wenige zu dir hinüberführe, und doch weit Mehrere, als sie thäte, wenn sie nicht mit solchem Ansehen hervorleuchtete und die Menge nicht zuließe in ihren heiligen, demuthsvollen Schoß. Das bedachte ich, und du stundest mir bei; ich seufzte, und du vernahmest mich; umher stürmte ich, und du lenktest mich; ich gieng auf dem breiten Wege der Welt, und du verließest mich nicht!

VI.

Ich trachtete gierig nach Ehre, Gewinn und ehelicher Lust, und du lachtest mein. In diesen Begierden erlitt ich die bittersten Nöthe, denn du warest mir um so günstiger, je weniger du mir das, was du nicht warst, zur Wonne machtest. Sieh in mein Herz, Herr, der du wolltest, daß ich dieß bedenke und dir bekenne! Nun soll dir anhangen meine Seele, die du gezogen hast aus dem enggezogenen Netze des Todes. Wie elend sie war, du warst es, der sie mit dem Gefühl ihrer Wunde stach, damit sie Alles verlaße und sich zu dir wende, der du über Allen bist, ohne den Alles, was ist, Nichts wäre, damit sie sich zu dir wende und getheilt werde.

Wie elend ich war, und wie du mich mein Elend fühlen lassen wolltest, das merkte ich an jenem Tage, an welchem ich mich bereitete, auf den Kaiser Valentinian in Mailand eine Lobrede zu halten, in der ich viel lügen und mir durch meine Lügen Lob bei denen bereiten wollte, die sie durchschauten. Von diesen Sorgen und herzverpestenden Gedanken umhergetrieben, wandelte ich einst durch einen Flecken bei Mailand und bemerkte dort einen armen Bettler, der, schon betrunken, scherzte und guter Dinge war. Da seufzte ich und sprach mit den Freunden, die mit mir waren, von den vielen Nöthen unseres unnöthigen Strebens, da wir mit all diesem Trachten, dessen Last mir, je mehr ich sie zog, desto schwerer wurde, nur zu sorgenloser Freude gelangen wollten, in der es uns jener Bettler schon zuvorthat, während wir sie vielleicht nie erlangten. Denn was der sich verschafft hatte mit wenigem, erbettelten Groschen, die Lust des zeitlichen Behagens, darnach trachtete ich durch so mühsame Umwege und Umschweife. Wohl hatte er keine wahre Freude, doch eine weit trüglichere suchte ich mit meinen Planen; aber er freute sich doch, und ich war bange; sorgenlos war er und ich geängstet. Und wenn mich Jemand gefragt hätte, ob ich lieber mich ängsten, oder mich freuen wolle, so hätte ich gewiß geantwortet: mich freuen; hätte er mich aber gefragt: ob ich lieber sein möchte wie dieser Bettler, oder wie ich damals war, so hätte ich mich, den von Sorgen und Angst Gepeinigten, gewählt. Hätte ich recht gewählt? Dem Bettler durfte ich mich nicht meiner Gelehrsamkeit wegen vorziehen, da ich mich ja über sie nicht freute, sondern mit ihr selbst ein Bettler nur Wohlgefallen vor den Menschen suchte, ohne nur den Zweck zu haben, sie zu belehren. Ach meine ganze Absicht gieng nur aus auf Menschengunst, darum hast du mit deinem Zuchthause meine Gebeine zerschlagen. Und deshalb sollen von mir weichen, die da sagen: »es handelt sich davon, woran man sich freuen will; der Bettler freute sich der Trunkenheit, du wolltest dich des Ruhmes freuen.« Welch eines Ruhmes, o Herr? Eines Ruhmes, ach, der nicht in dir ist! Denn wie des Bettlers Freude nicht die wahre war, so war auch das nicht der wahre Ruhm und verkehrte nur noch mehr mein Gemüth. Jener mußte in derselben Nacht seinen Rausch ausschlafen, ich mußte mit dem meinen mich schlafen legen und aufstehen, siehe Herr, wie viele Tage lang! Freilich handelt es sich davon, woran man sich freue, ich weiß das wohl; aber die Freude der glaubensvollen Hoffnung ist so weit von jener nichtswürdigen verschieden, daß sie sich gar nicht mit ihr vergleichen läßt, und so war jene nichtswürdige die Scheidewand zwischen dir und mir. Ohne Zweifel war der Bettler glücklicher, nicht nur weil er voll guter Laune war, während ich von Sorgen zerrißen wurde, sondern auch, weil er durch Glück im Betteln sich doch etwas Wein verschafft hatte, indem ich durch Lügen nichtigen Ruhm suchte. Vieles in diesem Sinn sagte ich damals meinen Freunden, oft überlegte ich dabei, wie mir sei, grämte mich, daß mir so übel zu Muth war und verdoppelte dadurch nur das Uebel. Und wenn mir etwas Freude Verheißendes zuwinkte, so war ich zu verdroßen, um darnach zu greifen, während es doch, ehe es festgehalten werden konnte, entflog.

VII.

Darüber trauerten wir, die wir zusammen Freundschaft hielten, aber am vertrautesten pflegte ich solches mit Alypius und Nebridius zu besprechen, von welchen Alypius aus meiner Vaterstadt, der Sohn angesehener Aeltern, und jünger als ich war. Er ließ sich von mir unterrichten, sowohl da ich in unserer Vaterstadt, als später, da ich in Karthago lehrte, liebte mich innig, weil er mich für gut und gelehrt hielt; ich aber liebte ihn wegen seiner vielversprechenden Richtung auf die Tugend, die ihn schon in frühem Alter auszeichnete. Doch die Tiefe des Sittenverderbens in Karthago, in der nichtswürdige Schauspiele eine so große Rolle spielten, hatte auch ihn zur leidenschaftlichen Neigung für die Spiele der Wettkämpfer in der Rennbahn hingerißen. Er aber hörte in dieser Zeit seiner Verirrung noch nicht auf mich, wie auf seinen Lehrer, eines Zwistes wegen, der zwischen mir und seinem Vater ausgebrochen war; mich jedoch erfüllte seine Leidenschaft schon mit der Angst, solch einen hoffnungslosen Jüngling zu verlieren, ja ich meinte, ihn schon verloren zu haben. Aber weder durch die Gunst der Freundschaft, noch durch des Lehramts Recht erlangte ich die Gelegenheit, ihn zu ermahnen und zu beschränken, ich war ja der Meinung, er sei wie sein Vater gegen mich gesinnt. Doch dem war nicht so; denn des Vaters Willen hintansetzend, fieng er an, mich zu grüßen, besuchte meinen Hörsaal, hörte einige Zeit zu und setze wieder aus. Indessen vergaß ich, ihn zu vermögen, daß er seine gute geistige Natur nicht durch die blinde, verderbliche Leidenschaft für die nichtswürdigen Spiele verderbe. Aber du Herr, der du das Leben aller lenkest, die du schufest, du hattest sein nicht vergessen, der einst ein Vorsteher deines Heiligthums unter deinen Kindern werden sollte. Und damit seine Beßerung offenbar nur dir zugeschrieben würde, so bewerkstelligtest du sie zwar durch mich, aber ohne daß ich es wußte. Denn einst, da ich auf meinem gewöhnlichen Lehrstuhle saß und meine Schüler um mich waren, kam auch er, grüßte, setzte sich und schenkte dem, was verhandelt wurde, seine Aufmerksamkeit. Während ich nun die Schrift erkläre, die ich eben in Händen habe, finde ich eine Vergleichung mit den Spielen der Rennbahn passend, und um das, was ich erweisen will, annehmlicher und klarer zu machen, spreche ich mit beißendem Spott gegen die leidenschaftlichen Freunde dieser Spiele; doch das weißest du unser Gott, ohne daß ich daran gedacht hätte, den Alypius von dieser Sucht heilen zu wollen. Er aber bezog es auf sich, und meinte, ich hätte es seinetwegen allein gesagt. Und was ein Anderer nur auf sich angewandt hätte, um mir zu zürnen, das wandte der edle Jüngling zum Zürnen gegen sich selbst und zur glühenderen Liebe gegen mich an, nach deinem Worte: strafe den Weisen und er wird dich lieben. (Sprüchw. 9, 8.) Ich war es nicht, der ihn strafte; nur du, der du Alle, mögen sie wißen davon oder nicht, nach deinem bestimmten Plan, der stets der rechte ist, verwendest, du bereitest aus meinem Herzen und aus meiner Rede glühende Kohlen, mit welchen du das hoffnungsvolle, dem Erlöschen nahe Gemüth wieder entzündest und heiltest. Dein Lob verschweige, wer deine Erbarmungen nicht beherzigt, zu denen vor dir sich mein tiefstes Herz bekennt! Denn Jener riß sich nach meinen Worten aus der tiefen Grube, und reinigte mit muthiger Enthaltsamkeit seine Seele aus. Aller Unrath des Circus fiel von ihm, ihn selbst betrat er nie mehr. Hierauf brachte er den widerstrebenden Vater dahin, daß er ihm erlaubte, ganz mein Schüler zu werden. Aber nun ward er mit mir in den gleichen Aberglauben gestürzt, weil er an den Manichäern die zur Schau getragene Enthaltsamkeit liebte und sie für wahr und ächt hielt, während sie sinnlos und verführerisch die edlen Seelen fieng, welche die Erhabenheit der Tugend noch nicht an sich erfahren hatten, und sich leicht vom äußerlichen Schein verstellter Tugend blenden ließen.

VIII.

Nicht um den eiteln Weg zu verlassen, auf den ihn seine Aeltern gelockt hatten, zog er vor mir nach Rom, um dort der Rechtsgelehrsamkeit sich zu widmen. Und dort wurde er mit unglaublicher Hinreißung, ich möchte sagen, auf unglaubliche Weise zu den Fechterspielen hingerißen. Denn zu ihm, der sie anfangs verabscheute, traten einige Freunde und Mitschüler, denen er eben, als sie vom Frühmale zurückkehrten, begegnete, und führte ihn, wie er sich sträubte, mit vertraulicher Gewaltthätgkeit in’s Amphitheater, da eben die Zeit dieser grausamen Spiele war. Er sprach dabei zu ihnen: »möget ihr meinen Leib an diesen Ort schleppen und festhalten, könnt ihr damit auch meine Seele und meine Augen auf diese Spiele lenken? So will ich denn abwesend gegenwärtig sein und euch und diese Spiele überwinden!« Nichts desto weniger führten sie ihn mit sich fort, zu erfahren wünschend, ob er durchsetzen werde, was er gesagt hatte. Als sie dort anlangten und auf den gemietheten Sitzen Platz nahmen, brause schon Alles in blutdürstiger Lust auf. Er aber verbot mit geschlossenen Augen seiner Seele, sich dieser Sünde hinzugeben; o hätte er doch auch seine Ohren verstopft! Denn als bei eines Fechters Fall im Kampfe das wilde Geschrei alles Volks ihn überraschte, öffnete er von Neugier besiegt die Augen, als wäre er bereit, auch den Anblick, möge er zeigen was er wolle, zu verachten und zu besiegen; aber er wurde von einer schwereren Wunde in die Seele getroffen, als in den Körper jener Kämpfer, den er zu sehen wünschte, und stürzte kläglicher als jener. Getroffen und gefällt zeigte er, daß sein Muth nicht Stärke, und er selbst um so schwächer gewesen sei, je mehr er sich das selbst zutraute, was er nur von dir hätte erwarten sollen. Denn als er das Blut sah, sog er den Blutdurst zugleich mit ein, wandte sich nicht ab, heftete darauf die Augen, die Geister der Wuth in sich aufnehmend, ohne es zu wißen; und sich nun ergötzend an den verbrecherischen Kämpfen, wurde er trunken von blutdürstiger Freude. Nun war er Der nicht mehr, welcher er gekommen war, er war der Rotte einer, zu der er kam, der ächte Genoße derer, die ihn herbeigeführt hatten. Was soll ich mehr davon sagen? Er schaute, rief Beifall, entbrannte und trug mit sich den wilden Wahnsinn von dannen, durch den er gereizt wurde, wieder zu kommen, nicht nur mit denen, die ihn hingezogen, nein, vor ihnen, Andere nach sich ziehend. Und von dort auch hast du ihn mit deiner starken, erbarmenden Hand entrißen und ihn gelehrt, nicht sich, nur dir zu vertrauen; aber erst lange nachher erfuhr er dieß.

IX.

Doch auch folgende Begebenheit wurde zu seiner einstigen Heilung in seinem Gedächtnis bewahrt. Als er einst in Karthago, noch las mein Zuhörer, eines Mittags im Forum, nach der Weise der Studierenden, auf eine Rede sich vorbereitete, ließest du zu, daß ihn die Diener des Forums ergriffen, als wäre er ein Dieb. Auch das hast du, mein Gott, nur zugelassen, damit er, der später so wichtige Mann, frühzeitig lerne, daß beim Urtheilfällen kein Mensch so leicht von seinem Mitmenschen in unbesonnener Leichtgläubigkeit verdammt werden dürfe. Einsam nämlich gieng er mit Griffel und Schreibtafel vor der Gerichtsbühne auf und nieder, während ein anderer Jüngling aus der Zahl der Studierenden, der wahre Dieb, mit einem verbogenen Beil, ohne daß mein Freund davon etwas wußte, sich an das bleierne Geländer machte, welches über dem Platze der Geldwechsler angebracht war, und das Blei dort abblieb. Die Wechsler, durch den Klang des Beiles aufmerksam gemacht, besprachen sich drunten an ihrem Ort und sandten Häscher aus, die ergreifen sollten, wen sie fänden. Jener aber bloß, da er seine Stimme hörte, und ließ, aus Furcht, damit ergriffen zu werden, das Beil zurück Alypius, welcher ihn nicht hatte eintreten sehen, aber bemerkte, wie er sich schnell davon machte, wollte die Ursache wißen, betrat den Ort und blieb verwundert stehen, während er das gefundene Beil betrachtete. Die Häscher finden nur ihn, mit dem Beil in der Hand, dessen Klang sie herbeigezogen. Sie nehmen ihn fest, führen ihn fort, unter dem Zusammenlauf des Forums, und rühmen sich, den Dieb auf der That ertappt zu haben. Und so wurde er dem Richter zugeführt. Aber nur bis dahin sollte er belehrt werden, denn plötzlich kamst du, Herr, seiner Unschuld zu Hilfe, deren Zeuge du allein warst. Als man ihn hinführte, entweder zum Gefängniß, oder zum Tode, begegnete ihnen ein Baumeister, der die Aussicht über die öffentlichen Gebäude führte. Die Häscher freuten sich, eben ihm zu begegnen, der sie im Verdacht hatte, als pflegten sie das vom Forum abhanden Kommende zu entwenden; sie freuten sich, daß er nun endlich erkennen möchte, wer der Thäter sei. Aber er hatte den Alypius oft im Haufe eines Senators gesehen, dem er aufzuwarten pflegte; sobald er ihn daher erkannte, entriß er ihn eigenhändig der Schaar, erfuhr von ihm, was geschehen war, und befahl dem lärmenden, drohenden Haufen ihm zu folgen. Und sie kamen vor des Jünglings Wohnung, der die That verübt hatte. Dort war ein Knabe vor der Thüre, zu klein noch, als daß er für seinen Herrn – denn er war in des Jünglings Diensten – etwas zu fürchten vermocht hätte, so daß er Alles leicht angeben konnte. Alypius erkannte ihn und vertraute seinen Verdacht dem Baumeister; dieser zeigte dem Knaben das Beil und fragte ihn, wem es gehöre. Sogleich antwortete er: es gehört uns zu, und weiter ausgefragt, eröffnete er Alles. So kam der Proceß über jenes Haus und wurde der Haufen beschämt, der schon über Alypius triumphirt hatte. Er aber, der künftige Verwalter deines Wortes, der Schiedsmann so vieler Angelegenheiten deiner Kirche, gieng erfahrener und belehrter von dannen.

X.

Ihn also traf ich in Rom. Mit der innigsten Freundschaft hieng er an mir und wanderte mit mir nach Mailand, sowohl um bei mir zu sein, als um die Rechtswissenschaft auszuüben, die er mehr nach dem Willen seiner Eltern, als nach seinem eigenen erlernt hatte. Vorher hatte er dreimal das Amt eines Beisitzers in den Gerichten mit der edelhaften Uneigennützigkeit bekleidet, über die sich seine Kollegen wunderten, während er selbst sich noch viel mehr über sie verwunderte, daß sie das Gold der Unbestechlichkeit vorzogen. Dort wurde seine Jugend nicht nur durch lockenden Gewinn, sie wurde auch durch Anfechtung zur Furcht versucht. In Rom nemlich bekleidete er einst die Stelle eines Beisitzers im Schatzmeisteramte für Italien. Und damals war dort ein sehr angesehener Senator, dem Viele durch empfangene Wohlthaten verpflichtet, aber aus Furcht dienstwillig waren. Der machte einst, nach seiner gewaltthätigen Weise, ein gesetzwidriges Ansinnen, dem Alypius entgegen war, dargebotene Belohnung verlachend und angewandte Drohung verachtend, so daß Jedermann den ungewöhnlichen Muth bewunderte, mit dem er solch einen Mann weder zum Freunde wollte, noch als Feind fürchtete. Der Richter aber, dessen Rath Alypius war, verweigerte das Ansinnen nicht offen, ob er es gleich nicht gewähren wollte, sondern schob alle Schuld auf Alypius, der nicht einwilligen, und wenn der Richter selbst einwillige, gegen ihn stimmen würde. In dieser Stellung wurde er einmal bei einer literarischen Arbeit fast versucht sich um prätorianische Gerichtsgelder zu lassen, aber sein Rechtssinn brachte ihn auf beßeren Entschluß und er hielt die Billigkeit, die ihn abhielt für nutzbringender, als seine Gewalt, die ihm Jenes erlaubte. Das ist eine Kleinigkeit, aber wer im Kleinen treu ist, der ist auch im Großen treu. Und kein leeres Wort sprach der Mund deiner Wahrheit: wenn ihr im ungerechten Mammon nicht treu seid, wer wird euch das Wahrhaftige anvertrauen? Und wenn ihr im Fremden nicht treu seid, wer wird euch geben was euer ist? (Lut. 16, 10-12.) Ein Mann solcher Besinnungen hieng er an mir und berieth sich mit mir über die Wahl unserer Lebensweise.

Auch Nebridius hatte seine Heimath bei Karthago und Karthago selbst verlaßen, wo er sich aufzuhalten pflegte, und war von dem reichen väterlichen Erbe aus seinem andern Grunde nach Mailand gereist, als um mit mir im Feuereifer nach Wahrheit und Weisheit zu streben. In gleicher Seelennoth wurde er umhergetrieben, glühend das selige Leben suchend, der scharfsinnigste Erforscher der schwersten Fragen. Drei Hungernde klagten sich da ihre Noth, und sie erwarteten von dir, daß du ihnen Speise gebest zu rechter Zeit. Aber in aller Unannehmlichkeit, welche nach deiner Erbarmung auf unser weltliches Trachten folgte, legte sich Finsterniß über uns, wir nach dem Zwecke dieser Leiden fragten; seufzend widerstrebten wir und sprachen: wie lange soll das währen? So oft wir das sprachen, wir ließen doch nicht von unserem weltlichen Trachten ab, weil nichts Zuverläßiges aus Licht trat, das wir zu erfaßen vermocht hätten, wenn wir jenes verließen.

XI.

Mit Schmerz bedachte ich die lange Zeit, welche nun von meinem neunzehnten Lebensjahre an verstrichen war, seit welchem ich in brennendem Eifer die Weisheit mit dem Vorhaben gesucht, wenn ich sie gefunden hätte, alle meine verwerfliche Begierden und lügnerische Albernheiten aufzugeben; denn siehe, ich lebte im dreißigsten Jahre und klebte noch an diesem Unrath, voll Gier nach dem flüchtigen, zerstreuenden Genuß der Gegenwart. Und das waren in der langen Zeit meine Gedanken: »Morgen werde ich es finden, es wird sich mir darbieten und fest werde ichs halten; siehe, Faustus wird kommen und wird mir Alles erklären. – Und ihr große Akademiker, sollte wirklich nichts zu erfragen sein, nach dem man sein Leben einrichte? Nein, wir wollen um so eifriger suchen und nicht verzweifeln. Siehe, schon ist nicht mehr sinnlos in den heiligen Büchern der Kirche, was wir für sinnlos hielten; anders kann es und würdig verstanden werden. So will ich meine Schritte lenken auf die Bahn, auf die mich als Kind schon die Eltern stellten, bis ich sie finde dort, die einleuchtende Wahrheit. Und wo und wann werde ich sie finden? Es fehlt nicht an Ambrosius, es mangelt nicht an zu lesenden Schriften. Wie wollen wir nur die Zeit eintheilen fürs Heil unserer Seele? Große Hoffnung ist uns aufgegangen; nicht lehrt der katholische Glauben, was wir in solcher Meinung ihm vorwarfen. Seine Lehrer halten es für sündhaft, an einen in Menschengestalt eingeschlossenen Gott zu glauben, und wir zweifeln noch, in ihm das Licht für alles zu finden? Die Stunden des Vormittags müßen wir unsern Schülern widmen; was thun wir in den übrigen Stunden? Warum nicht das, was allein Noth thut? Aber wann sollen wir den Gönnern dann aufwarten, deren Kunst wir bedürfen? Wann uns auf das vorbereiten, was von uns die Studierenden um Lohn suchen? Wann uns von der Arbeit erholen? Weg mit dem Allen, wir wollen es verwerfen als eitel und unnütz, und uns allein der Erforschung der Wahrheit weihen. Des Elends voll ist dieses Leben und ungewiß ist die Stunde des Todes. Wie müßten wir aus diesem Leben scheiden, wenn er plötzlich über uns käme? Wo wollten wir erlernen noch, was wir hier versäumten? Müßten wir nicht weit eher die Strafe dieser Vernachläßigung büßen? Aber wie, wenn der Tod all unser Streben mit unserem Bewußtsein abschnitte und vernichtete? Auch das ist die Frage. Doch ferne sei, daß es also sei. Nicht leer, nicht ohne Wahrheit ist, was als der herrlichste Gipfel des christlichen Glaubens auf der ganzen Erde verbreitet ist und Geltung hat. Nimmermehr würde so Großes und so Herrliches für uns von Gott vollbracht, wenn bei des Leibes Tod auch der Seele Leben verzehrt würde. Nun, was zaubern wir, die Hoffnung aufzugeben auf diese Welt und uns von ganzer Seele dem Suchen Gottes und eines seligen Lebens zu weihen! Doch gemach! Auch das Weltliche reizt, und nicht klein ist sein süßer Genuß, nicht leicht ist’s, das Trachten nach ihm aufzugeben, während es schändlich ist, den Rückschritt wieder dahin zu nehmen. Siehe doch, wie viel daran liegt, daß uns Ehre werde! Der Gönner Menge fördert uns schnell vorwärts, selbst zu Amt und Ehren kommen wir dadurch; ein Weib läßt sich heimführen, mit erklecklichem Vermögen, damit sie uns im Aufwand für sie nicht lästig werde. Viele große, höchst nachahmungswürdige Männer weihten sich ja, trotz ihres Ehebündnisses, mit Eifer der Weisheit!« – Während ich also zu sprechen pflegte und solche Winde der Eitelkeit ihr wechselndes Spiel mit mir trieben, und hierhin mein Herz rißen, verstrich die Zeit, zauderte ich, mich, Herr, zu dir zubekehren, säumte von einem Tag zum andern, in dir zu leben und säumte doch nicht, täglich in mir selbst zu sterben. Ich liebte das selige Leben, und fürchtete, es in seiner Wohnung zu finden, ich floh vor ihm, da ich es suchte. Denn ich wähnte, ich würde gar zu elend werden, wenn ich des Weibes Umarmungen entbehren müßte, und dachte nicht an das Heilmittel deiner Erbarmung, das mich von diesem Uebel erlösen konnte, denn ich hatte es nie noch versucht. Ich hielt die Enthaltsamkeit für Sache der eigenen Kraft, von der ich wußte, daß sie mir fehlte, da ich in Thorheit nicht wußte, was geschrieben steht: »ich kann nicht anders züchtig sein, es gebe mirs denn Gott.« (Weish. 8, 21.) Wahrlich, mir hättest du es gegeben, wäre ich mit Seufzen zu dir gekommen und hätte mit festem Glauben mein Anliegen auf dich geworfen.

XII.

Wohl suchte mich Alypius von der Heimführung einer Gattin abzuhalten und mich zu überzeugen, wenn ich das ausgeführt hätte, könnten wir nicht ungestört der Liebe zur Weisheit leben, der wir schon so lange verlangten. Er selbst lebte rein, während er sich in der ersten Jugend befleckt, aber dem Laster nicht hingegeben hatte, und es in schmerzendem Gedächtnis seines Falls um so mehr verachtete und um so enthaltsamer lebte. Ich hielt ihm das Beispiel derer entgegen, welche sich auch in der Weisheit befleißigt, Gott erworben und ihre Freunde treu und werth gehalten hätten; und doch war ich weit entfernt von dem Seelenadel solcher Männer, war gebunden von der krankhaften Sinnenlust nach tödlichem Genuße und schleppte mich an meiner Kette. Ich fürchtete, von ihr gelöst zu werden, und da mir schon die Wunde geschlagen war, verschmähte ich die Worte des freundlich Rathenden, die doch einer heilenden Hand glichen. Ja, durch mich sprach die Schlange selbst zu Alypius und umstrickte mit meinen lockenden Worten seinen bisher reinen Pfad. Er selbst wurde mehr aus Neugier, als aus sinnlichen Frieden heirathslustig, da ich, den er so hoch achtete, ihm betheuerte, gar nicht ohne ehelichen Umgang leben zu können und als ich ihn versicherte, der Ehe Freuden seien etwas ganz Anderes, als jene von ihm genoßene, vorübergehende Lust. So wurde er nach dem begierig, ohne dessen Genuß ich mein Leben, das ihm so wohlgefiel, kein Leben, sondern eine Strafe nannte. Seine noch freie Seele wunderte sich über meine Sklaverei, im Verwundern schritt sie zur Neugier und war nahe am Fall und an der Verlobung mit dem Tode. Denn wer die Gefahr liebt, den stürzt sie. Keinen von uns veranlaßte ja das Würdige des Ehestandes, häusliches Walten, Kindes- und Elternliebe, kaum nebenbei dachten wir des; mich trieb gewöhnte Gier, ihn ihre neugierige Verwunderung. So waren wir, bis du Höchster, der du unser niedriges Leben nicht verließest, dich der elenden erbarmtest und wunderbar und verborgen halfest.

XIII.

Ohne Rast wurde nun darauf hingewirkt, daß ich eine Gattin heimführen möge. Schon freite ich und erhielt das Jawort, wobei sich meine Mutter die größte Mühe gab; denn sie hoffte, nach meiner Verehelichung sollte mich die heilsame Taufe reinigen, für die sie mich mit Freuden täglich tauglicher werden sah. Und fest war ihr Hoffen; wurde ja doch durch meine Bekehrung sowohl ihr Flehen, als deine Verheißung erfüllt. Da sie aber, sowohl auf meine Bitten, als nach ihrem Verlangen zu dir flehte, du mögest in einem Gesichte ihr Einiges von meiner künftigen Ehe offenbaren, erfülltest du niemals ihren Wunsch. Sie sah nur einige nichts bedeutende Traumgeschichte, die durch den Drang ihres mit dieser Ungelegenheit so sehr beschäftigten Geistes entstunden, und erzählte sie mir, aber nicht mit dem Vertrauen, das sie gewöhnlich hatte, wenn du ihr etwas offenbartest, sondern ohne Werth auf sie zu legen. Denn sie äußerte, sie wiße durch eine Empfindung, die sie mit Worten nicht auszusprechen vermöge, deine Offenbarungen von ihren natürlichen Träumen zu unterscheiden. Doch blieben wir bei unserer Wahl, die auf eine Jungfrau gefallen war, wegen deren Jugend wir mit der Vollziehung der Ehe noch zwei Jahre zu warten gedachten.

XIV.

Wir erwogen, viele Freunde zusammen, die lästigende Beschwerde des Menschenlebens; indem wir sie verwünschten, waren wir schon beinahe fest entschlossen, fern vom Weltgetümmel uns der Ruhe zu weihen und hofften sie zu erreichen, wenn wir das, was wir erwerben konnten, zusammenlegten und eine gemeinsame Familie bildeten, so daß in einem Freundesbund jeder eigene Besitz aufhöre und Alles Allen gehöre. Wir hofften unsere Verbindung auf zehn Männer zu bringen und sehr Begüterte waren unter uns, vor Allen unser Landsmann Romanianus, mein vertrautester Freund von Jugend an, den damals schwierige Geschäfte aus Hoflager nach Mailand gezogen hatten. Er nahm sich auch der Sache am meisten an, und bei seinem großen Vermögen hatten seine Rathschläge das meiste Gewicht. Wir bestimmten, daß je Zwei ein Jahr lang, wie es bei den Magistraten der Fall ist, das Nöthige besorgen sollten, während die Uebrigen in Ruhe leben möchten. Aber als wir endlich bedachten, ob das den Frauen wohl gefallen möchte, die Einige von uns schon hatten, und welche wir andern uns wünschten, da verschwand der ganze Plan, den wir so fein ausgesponnen hatten, aus unsern Händen. So giengen wir wieder trauervoll auf den breiten, zertretenen Wegen dieser Welt, während gar vielerlei Gedanken in uns wechselten. Denn Herr, nur dein Rath bleibt in Ewigkeit! Mit deinem Rathe lachtest du des unsern und bereitetest den deinen, daß du uns ernährest zu rechter Zeit, daß deine Hand du aufthuest und unsere Seelen erfüllest mit deinen segnenden Gaben.

XV.

Inzwischen mehrten meine Sünden sich. Und da Sie, ein Hinderniß gegen meine Vermählung, von meiner Seite gerißen wurde, mit welcher ich mein Lager zu theilen gewöhnt war, wurde mein ihr anhängliches Herz getroffen, verwundert und wollte in Schmerzen verbluten. Sie aber war nach Afrika zurückgekehrt und hatte dir gelobt, nie mehr von einem andern Manne zu wißen. Mir wurde von ihr ein natürlicher Sohn zurückgelassen. Ich Elender aber konnte nicht einmal eines Weibes Nachahmer werden, und den Aufschub nicht ertragen, durch welchen ich die Verlobte erst nach zwei Jahren heimführen sollte; denn ich war nicht ein Freund der Ehe, ein Knecht der Lust war ich; und so nahm ich eine Andere zu mir, ohne sie zum Weibe zu nehmen. Nicht wurde diese neue Wunde geheilt, wie die erste, deren Gift ausgeschnitten wurde, sondern nach Brand und Qal ging sie in Fäulnis über, schmerzte gleichsam kühler, aber hoffnungsloser.

XVI.

Dir sei Preis, dir sei Ehre, du Quell der Erbarmungen! Elender ward ich, da kamst du näher! Schon nahte sich mehr und mehr deine Rechte, mich aus dem Pfuhle zu reizen und mich zu reinigen, und ich wußte nicht davon. Nichts hielt mich vom tiefern Abgrund der fleischlichen Lust zurück, als Furcht vor dem Tode und vor dem Gerichte, die auch bei meinen wechselnden Meinungen nie aus meiner Brust verschwand. In dieser Furcht besprach ich mit meinen Freunden Alypius und Nebridius über das höchste Gut und das größte Uebel, und hätte dabei dem griechischen Philosophen Epikur, der im Vergnügen das hüchste Gut fand, den Preis zuerkannt, wenn ich nicht an ein anderes Leben und an eine Vergeltung nach dem Tode gedacht hätte, was Epikur läugnete. Da stellte ich die Frage auf, ob wir denn nicht glückselig wären und noch etwas zu wünschen hätten, wenn wir, ohne je zu sterben, in beständiger Sinnenlust, sonder Furcht vor ihrem Verluste, lebten. Nicht wußte ich, wie das meines Elendes Elend war, da ich zu versunken und zu verblendet war für die Gedanken an das Licht der Tugend, an eine um ihrer selbst willen zu umfassende reine Schönheit, die kein leibliches Auge schaut, da sie sich offenbart im Innersten der Seele. Aus der Liebe himmlischem Born quillt auch die Freundesliebe, aber nur im Befleckenden uns gefallend, erkannten wir ihr Edles nicht. Nicht konnte ich ohne Freunde glücklich, selbst nach der Besinnung sein, die mich damals in jeden Strom sinnlicher Lüfte riß; und ich liebte führwahr diese Freunde ohne Nutzen, und wußte, daß ich von ihnen auch ohne Nutzen geliebt wurde. O über den schlangengleich sich windenden Weg! Weh dem frechen Gemüthe, das da hofft, es werde etwas Besseres besitzen, wenn es von dir gewichen sei. Mag es sich wenden und drehen, rückwärts, zur Seite oder vorwärts, überall findet es nur den rauhen Weg seines Elends. Du allein bist die Ruhe; und siehe, da bist du und machst uns frei von den kläglichen Irrthümern, setzest uns in dein Leben ein, und richtest uns auf mit dem trötzlichen Wort: »Voran! Ich will euch tragen; will es ausführen, da ich euch trage.«

Siebentes Buch

Geboren bin ich unter deinem Licht:

Sie waren günstig, meines Sternes Zeichen,

Der Zukunft Wonnen wollten sie mir reichen –

Du warst der Stern, Herr, meine Zuversicht.

Ich sah den Strahl und seine Freuden nicht:

Da wo er leuchtet, muß die Macht entweichen;

Im Wolkenflug, mit ihrer Stürme Streichen

Umbrauste düster sie mein Angesicht.

Nichts ist die Nacht mit allen ihren Schrecken,

Das Böse nichts mit aller seiner Muth;

Das Leben bist du, Leben kannst du wecken.

Lang lag ich todt, und habe nicht geruht,

Da brachst du Herr, mein Licht, durch alle Decken –

Nun ruh’ ich, und dein Leben ist mein Gut.

I.

Sie war dahin, die Zeit des verwerflichen Jünglings, und ich trat in die männliche Jugend ein, je älter an Jahren, desto schändlicher an schnöder Eitelkeit. Ob ich nur Sichtbares zu denken vermochte, Gott, nie dachte ich dich doch in Menschengestalt, floh das, seit ich der Weisheit mein Ohr geliehen, und freute mich, daß ich das auch im Glauben unserer geistlichen Mutter, der katholischen Kirche, so stand. Aber, was ich Anderes dich denken sollte, wußte ich nicht; ich ein Mensch und solch ein Mensch versuchte dich zu denken, den höchsten, alleinigen wahren Gott und an dich, den Unzerstörbaren, Unverletzlichen, Umwandelbaren glaubte ich von Herzensgrund, aber ich wußte nicht woher und auf welche Weise ich meine Gedanken über dich zu ordnen habe; nur so viel sah ich ein, daß das Zerstörbare schlechter sei, als das Unzerstörbare und so zog ich alsbald das Unverletzliche dem Verletzlichen vor und hielt das Unwandelbare. Heftig schrie mein Herz gegen alle meine Truggebilde, und mit einem Streiche meinte ich ihre Schaar von meines Geistes Sehkraft abzutreiben. Aber kaum einen Augenblick zurückgeworfen, war sie vereint wieder da, stürzte gegen mein Angesicht und verdunkelte es, so daß ich dich, mein Gott, wenn auch nicht in der menschlichen Gestalt, doch als etwas Körperliches denken mußte, das den Raum erfülle, sei es nun durch die Welt, oder über die Welt hinaus in’s Unendliche ergoßen, wohl selbst auch unvergänglich, unverletzlich und wandellos, und dem Vergänglichen, Verletzlichen und Wandelbaren vorzuziehen. Denn was ich mir nicht räumlich denken konnte, schien mir gar nicht sein zu können, nicht einmal als ein Leeres, wie etwa ein von seinem Körper verlaßener Raum, sei dieser Körper nun von Erde, Wasser, Luft oder himmlischer Art, ein von ihm leerer Ort däuchte mir gleichsam ein räumliches Nichts. Verdickt im Herzen (Psalm 119, 70), ich selbst mir nicht sichtbar, meinte ich, das sei gar nicht, was nicht durch einen Raum ausgedehnt werde, sich ausgießend, oder zusammenballend, oder aufquellend und sonst noch der Raum ausgefüllt wird. Die Formen, die sich meinen Augen vergegenwärtigen, bildete sich mein Herz ein und ich sah nicht ein, daß das Vorstellungsvermögen, durch welches ich jene Einbildungen schuf, selbst nichts ihrer Art sei, und doch hätte es jene sich nicht gebildet, wenn es nicht selbst etwas Großes wäre. So dachte ich auch von dir, du meines Lebens Leben, du durchdringest als eine Größe die ganze Weltmasse durch gränzenlose Räume, und ragest gränzenlos, unendlich über sie hinaus, so daß dich Erde, Himmel und Alles habe und in dir begränzt sei, während du es nirgends seiest. Wie dem Sonnenlichte die, obgleich körperliche Lust, die über der Erde ist, nicht hindernd entgegensteht, so daß es sie nicht durchdringen und durchschneiden könnte – wie es sie ganz erfüllt, so glaubte ich auch von dir, es sei dir nicht nur Aether, Luft und Wasser zugänglich, sondern selbst die feste, undurchsichtige Erde. In allen ihren größten und kleinsten Theilen sei sie durchdringbar, um deine Gegenwart zu erfassen, der du innerlich und äußerlich alles was du erschufest, geheimnißvoll durchwehest. So vermuthete ich, weil ich mir es nicht anders zu denken vermochte. Aber ich irrte, denn nach dieser Vorstellung besäße ein größeres Geschöpf einen größern, ein kleineres einen kleineren Theil von dir und Alles wäre voll von dir dergestalt, daß der Elephant um so mehr von dir enthielte, als der Sperling, um wie viel er größer ist als dieser; und so würdest du stückweise dich den Einzelnwesen der Welt vergegenwärtigen und hätten die großen große, die kleinen kleine Theile von dir inne. Aber so bist du nicht! Und noch hattest du meine Finsternisse nicht erhellt.

II.

Mit diesem Wahne reichte ich aus, o Herr, gegen die Betrogenen und Betrüger, jene nichtssagenden Schwätzer, weil sie nichts dagegen aus deinem Worte vorzubringen wußten; ich reichte aus damit, seit vor langer Zeit solcher Wahn schon von Karthago her durch Nebridius aufgebracht war, und uns Alle durchdrang. Aus der entgegengesetzten, bösen Weltmasse setzten sie dir ein Volk der Finsternis entgegen, mit dem du zu streiten haben solltest. Was konnte dir dies thun, wenn du nicht mit ihm streiten wolltest? Konnt’ es dir schaden, so warest du verletzlich, konnt’ es das nicht, so war kein Grund zum Streite da, und zwar zu einem solchen Streite, in welchem nach dem Wahn der Manichäer irgend ein Theil, ein Glied von dir, oder ein Ableger deines Wesens mit den feindlichen, von dir nicht geschaffenen Naturen, kampfgemein werden mußte und von ihnen verderbt und elend gemacht wurde, so daß es zu seiner Befreiung und Reinigung der Hilfe bedurfte. Solch ein Theil, solcher Ableger von dir war nach dem manichäischen Irrthum die Seele, der dein Wort zu Hilfe kommen sollte, und zwar der dir dienenden in seiner Klarheit, der befleckten in seiner Reinheit, der verderbten in seiner Unverderbtheit, und doch selbst verderbbar, weil es aus derselben Substanz bestund, wie die Seelen. Wenn sie dich und was du bist, dein Wesen, unverderbbar nannten, so mußte ihnen das Erschaffene falsch und verabscheuungswerth erscheinen vor deinem Angesicht, fanden sie dich aber verderbbar, so warst du selbst das Grundfalsche und Allerabscheulichste. Es war also Veranlassung genug vorhanden, um mein Herz von dem Druck zu befreien, den die Manichäer darauf ausübten, indem ihr Herz und ihr Mund dich schaudervoll lästerten, während sie solches über dich verbrachten und aussprachen.

III.

Ich bekannte dich als den Unbeflecklichen und Unwandelbaren und erkannte dich fest als unsern Herrn, den wahren Gott, der du nicht nur unsere Seelen schufest, sondern auch unsere Leiber, und nicht nur unsere Seelen und Leiber, sondern alle, aber noch war mir die Ursache des Bösen nicht entwirrt und gelöst. Was sie aber auch sein mochte, ich glaubte sie so aufspüren zu müssen, daß ich durch sie nicht genöthigt würde, dich den unveränderlichen Gott für veränderlich zu halten, um nicht selbst das zu werden, was ich suchte. So suchte ich gesicherter des Bösen Ursache, fest überzeugt, unwahr sei, was die Manichäer lehrten, die ich nun mit ganzer Seele floh, weil ich einsah, sie forschten voll Bosheit nach des Bösen Grund, mit der sie erdachten, viel eher sei dein Wesen dem Bösen leidend unterworfen, als daß ihr Wesen das Böse thue. Ich suchte nun die anderswoher vernommene Lehre zu verstehen, nach der unser freier Willen die Ursache unseres bösen Thuns, und dein Gericht gerecht ist, das uns dafür leiden läßt. Aber diese Ursache vermochte ich mir nicht klar zu machen. Während ich meine Gedankenreihen aus der Tiefe heraufzuholen suchte, stürzte ich wieder hinab, und das wiederholte sich, wie oft ich den Versuch auch machte. Zum Lichte deiner Wahrheit half mir, daß ich so gewis wußte, ich habe freien Willen, als ich wußte, daß ich lebe. wenn ich etwas wollte oder nicht wollte, so war ich ja gewis, daß kein Anderer als ich das wollte, und schon begann ich zu bemerken, wie hierin die Ursache meiner Sünde liege. Was ich aber ungerne that, das sah ich eher für mein Leiden, als für meine That an, hielt es nicht für Schuld, hielt es für Strafe, und halb bekannte ich, du, den ich für gerecht hielt, strafest mich damit nicht ungerecht. Aber dagegen sprach ich: wer schuf mich? Nicht mein Gott, der nicht nur gut, der selbst das Gute ist? Woher will ich nun das Böse und nicht das Gute, und will’s auf eine Weise, daß ich dafür mit Recht bestraft werde? Wer legte das in mich, wer pflanzte in mich den Setzling der Bitterheit, da ja mein ganzes Wesen von meinem Gott, dem allersüßesten, geschaffen ward? Wenn der Teufel der Urheber ist, woher ist denn selbst ein Teufel? Wenn er durch seinen verkehrten Willen aus einem guten Engel zum Teufel wurde, woher kam in ihn selbst der böse Wille, der ihn zum Teufel machte, da er, der Engel, seinem Wesen nach vom vollkommen guten Urheber geschaffen ist? Durch solche Gedanken wurde ich wieder erdrückt, doch fiel ich nicht mehr in den manichäischen Irrthum zurück, in welchem Niemand dir seine Schuld bekennen kann, weil man da glaubt, du seiest eher der Dulder des Bösen, als der Mensch der Thäter desselben.

IV.

Nun strebte ich Weiteres zu finden und schon fand ich, das Unverletzliche sei besser, als das Verletzliche. Und nun bekannte ich, was du auch sein mögest, du seiest unverletzlich, denn welcher Geist vermöchte etwas Besseres zu denken, als dich, das höchste Gut? Weil aber wahrhaftig und gewis das Unverletzliche dem Verletzlichen vorgezogen wird, wie ich schon vorausgesetzt, so konnte ich mit meinem Forschen so viel erreichen, daß ich wußte, es müßte etwas Besseres als Gott geben, wenn du Gott verletzlich wärest. Sobald ich nur einfach, daß das Unverletzliche dem Verletzlichen vorzuziehen sei, mußte ich dich suchen und von da aus forschen, wo das Böse sei, nämlich jene Verderbniß, durch die dein Wesen nie verletzt werden kann; denn nimmermehr verletzt es unsern Gott, durch keinen Willen, keine Nöthigung, kein Ungefähr; er selbst ist Gott, und was er will, ist gut, er selber ist das Gute; verderbt werden aber, heißt nicht das Gute sein. Noch wirst du wider deinen Willen zu etwas je genöthigt, denn nicht ist dein Willen größer als deine Macht; er wäre größer nur, wenn du selbst größer wärest, als du bist; denn Gottes Wille und Gottes Macht sind Gott selbst. Und was käme dir, der Alles kennt, denn unvermuthet? Ist jegliche Natur ja dadurch nur, daß du sie kennst. Was sollen wir darüber viel sagen, warum unwandelbar das Wesen sei, das Gott ist! Wäre es nicht also, so wäre Gott nicht.

V.

Ich suchte, woher das Böse sei und suchte böse, und in meiner Untersuchung selbst sah ich das Böse nicht. Vor meinen Geist stellte ich die ganze Schöpfung, und was nur in ihr zu sehen ist, die Erde, das Meer und die Luft, die Gestirne, die Bäume und die sterblichen, lebenden Geschöpfe; eben so was nicht an ihr zu sehen ist, den Himmel droben, mit seinen Engeln allen und geistigen Kräften. Doch auch dieß ordnete meine Phantasie in Räume zusammen, als ob es aus Körpern bestünde, wie diese Erde. Nun machte ich mir deine Schöpfung zu einer großen Körpermasse, die sich theilte, in die Gattungen der Körperwesen, mochten sie nun wahre Körper sein, oder mochte ich mir die Geister als Körper vorstellen. Groß machte ich diese Masse mir, nicht wie sie wirklich war, was ich nicht wissen konnte, sondern nach meiner Willkühr, und begränzt von allen Zeiten, dich aber, Herr, bildete ich mir ein, als den sie überall Umfaßenden und Durchdringenden, aber allenthalben Unbegränzten. Gesetzt, allenthalben durch die unermeßlichen Räume wäre nur allein das Meer, und das enthielte in sich einen Schwamm von möglicher, doch begränzter Größe, so wäre dieser Schwamm ganz und in allen seinen Theilen voll von diesem gränzenlosen Meere. Auf diese Weise stellte ich mir die Schöpfung in ihrem Erfülltsein von dir, dem Gränzenlosen, vor und behauptete: »Siehe, so ist Gott, und so ist, was Gott schuf, und gut ist Gott, viel beßer als Jenes, doch hat der Gute Gutes erschaffen, und siehe, wie er’s umfaßt und erfüllt! Wo wohnt das Böse nun, und woher, und auf welchem Wege hat es sich hier eingeschlichen? Was ist seine Wurzel und sein Saamen? Ist es denn etwa nicht in Wirklichkeit? Für was dann fürchteten wir, und hüteten uns vor dem, was nicht ist? Oder aber, wenn wir ganz ohne Noth es fürchten, ist denn die Furcht selbst das Böse, von der das Herz somit vergeblich gemartert wird? Und um so schwerer ist das Böse, je weniger wirklich da ist, was wir zu fürchten haben, während wir uns doch wirklich fürchten; denn alsdann ist die Furcht unergründlich und ein Theil unseres Wesens. So besteht nun das Böse entweder in dem, das wir fürchten, oder in der Furcht selbst. Woher ist es doch, da Gott alles schuf, der Gute Gutes? Das größere, das höchste Gut schuf kleineres Gute, doch sind der Schöpfer und seine Erschaffenen gut zusammt. Woher das Böse? War es ein böser Stoff, aus dem er seine Kreaturen schuf, hat er dieselben gebildet und geordnet, und blieb etwas zurück in diesem Stoff, das er nicht wandeln konnte in’s Gute? Fehlte die Macht ihm, den ganzen Stoff zu wandeln, bis nichts Böses mehr darin blieb, da er doch Alles kann? Ja warum wollte er aus solcher Masse etwas machen, warum hat er sie mit seiner Allmacht nicht gänzlich vernichtet? Oder konnte sie gegen seinen Willen da sein? Wenn sie ewig war, warum doch ließ er sie so lange vor der gränzenlosen Dehnung der Zeiten sein, und wollte erst so lang hernach etwas aus ihr machen? Und wenn er nun plötzlich etwas mit ihr vornehmen wollte, warum hat der Allmächtige sie nicht vernichtet, damit er selbst allein das ganze, wahre, höchste, unbeschränkte Gute wäre? Und wenn nichts gut vorhanden war, aus dem er, der gut war, Gutes bilden und schaffen konnte, warum hat er nicht, die böse Masse aufhebend, eine gute bereitet, aus der er Alles schaffen mochte? Nicht der Allmachtvolle wäre er ja, wenn er nichts Gutes schaffen könnte, er würde dann von einer Masse unterstützt, die er nicht selber schuf.« Derlei bewegte ich im jämmerlichen Herzen, beschwert von nagendem Kummer und von der Furcht, mich möchte der Tod treffen, ehe ich die Wahrheit fände. Doch schon fest hielt sich in meinem Herzen der Mutterkirche Glauben an deinen Besalbten, unsern Herrn und Erlöser, in Vielem freilich noch gestaltlos. Aber auch über die Richtschnur des wahren Glaubens springend, ließ ihn doch meine Seele nicht, und täglich sog sie mehr von ihm ein.

VI.

Schon hatte ich auch die trüglichen Verkündigungen und Albernheiten der Sterndeuter verworfen. Auch das, mein Gott, dankt mein Herz nur deinen Erbarmungen. Denn du, nur du, wer Anders ruft uns weg von aller tödlichen Verirrung, als das Leben, das nicht zu sterben weiß, als die Wahrheit, die den bedürftigen Verstand erhellt und keines Lichts bedarf, die ihre Welt erhellt, bis zu der Bäume fliegenden Blättern? Du nahmst dich meiner Verkehrtheit, ihr zum Lichte helfend, an, mit der ich dem Vindician widerstund, dem weisen Greise und dem Nebridius, dem Jüngling mit der wunderbaren Seele; von welchen Jener mit eifriger Wahrheitskraft behauptete, dieser mit etwas Zweifel noch, doch beredt sprach: es sei das nicht die Kunst, Künftiges vorher zu sagen. Die Berechnungen der Menschen hätten oft die Macht des Zufalls für sich, und wenn man so viel spreche, so werde zufällig auch Manches gesagt, das künftig komme, ohne daß es diejenigen wüßten, die es sagen, während sie durch nicht Schweigen auf dasselbe gestoßen seien.

Da sorgtest du mir für einen männlichen Freund, der kein läßiger Frager der Sterndeuter war, doch ihre Schriften nicht gründlich verstund, sondern sie nur aus Vorwitz fragte und Einiges daraus wußte, das er von seinem Vater gehört haben wollte. Er wußte nicht, wie viel er beitrug, mir meine Meinung von dieser Kunst zu nehmen. Dieser Mann, mit Namen Firminus, in der Beredtsamkeit wohlbewandert, fragte mich mit Freundesvertrauen über Einiges, auf das er seine zeitlichen Hoffnungen baute, und wollte dabei wißen, was ich von der Constellation halte, unter der er geboren sei. Ich aber, der ich mich schon der Ansicht des Nebridius zu fügen begonnen, versagte ihm zwar nicht, mich auf das Verlangte einzulaßen, wendete ihm jedoch ein, ich sei beinahe von der Lächerlichkeit und Thorheit dieser Künste überzeugt. Da erzählte er mir: sein Vater sei auf derlei Bücher sehr erpicht gewesen und habe einen Freund von gleicher Neigung beseßen. Beide hätten sich mit wahrem Feuereifer auf diese Thorheiten gelegt, so daß sie selbst die Stunden beobachteten, in welchen ihre Hausthiere Junge gebaren, und die dabei erscheinenden Stellungen der Gestirne sich bemerkten, um Versuche für ihre Kunst zu sammeln. Als nun seine Mutter mit ihm, dem Firminus, guter Hoffnung war, befand sich eben eine Sclavin des väterlichen Freundes in gleichen Umständen, und konnte das ihrem Herrn um so weniger verbergen, als er es selbst an seinen Hausthieren mit größtem Fleiße beobachtete. Nun zählte Jener für die Gattin, dieser für die Sclavin Tage, Stunden und Minuten ganz genau. Die Weiber beide gebaren zugleich, und die Constellation wurde auf die Minute hin übereinstimmend und ganz gleich gefunden für den Sohn und für den kleinen Sclaven. Durch wechselseitige Boten konnten sie einander in ihrem kleinen Reiche die Nachricht von der Geburt auf’s Genaueste mittheilen; und es kam, daß beide Boten, jeder in gleicher Entfernung von dem Hause, das ihn entsandte, zusammentrafen, so daß keiner der Herrn einen andern Augenblick und eine andere Stellung der Gestirne sich bemerken konnte. Aber Firminus, in vornehmen Umständen geboren, ging den glänzenden Weg der Welt, überkam Reichthümer und wurde zu Ehren erhoben; der Andere dagegen wurde nie von seinem Sclavenjoche los und mußte seinem Herrn dienen. Da ich das hörte und glaubte, denn glaubwürdig war der Erzähler, sanken vollends alle meine Einwendungen gegen die Freunde. Und nun war ich der Erste, der den Firminus von seinem Vorwitze zurückzubringen suchte, indem ich ihm betheuerte, wenn ich nach der Einsicht seiner Constellation die Wahrheit sprechen wollte, so müßte ich durchaus aus ihr ersehen haben, daß seine Eltern vornehmen Standes, eine angesehene Familie in ihrer Stadt seien, daß er frei geboren sei, von feinerer Erziehung und höherem Unterrichte. Wenn mich aber jener Sclave über seine Constellation gefragt hätte, die ja bei ihm ganz dieselbe sei, so müßte ich in ihr der Wahrheit nach seine geringe Familie, seinen Sclavenstand und alles Uebrige, dem Vorigen so ganz Unähnliche, gesehen haben. Wie sollte es nur gekommen sein, daß ich dasselbe sah und doch sich Entgegengesetztes aussprach, oder Falsches aussagte, wenn ich beiden Gleiches zusprach? Daraus schloß ich mit Bestimmtheit, was durch jene Constellationen Wahres verkündet werde, sei nicht Sache der Kunst, sondern des Zufalls, ihr falsch Verkündigtes beruhe nicht auf Mangel an Kunstfertigkeit, sondern sei so zufällig falsch, als Jenes zufällig wahr gewesen. So war mir der rechte Weg aufgethan, und ich spann mir, zur Widerlegung jener Betrüger, die mit dieser heillosen Kunst Gewinn suchten, die Sache noch weiter aus, und wendete meine Betrachtung auf Diejenigen, welche als Zwillinge geboren werden, von welchen die meisten einander so schnell in’s Leben folgen, daß die Zwischenzeit nicht beachtet und in jenen Schriften aufgezeichnet werden kann, von denen der Sterndeuter zu seiner Vorherverkündigung Einsicht nehmen muß. Wollte er aber aus der gleichlautenden Schrift Gleichlautendes verkündigen, so verkündigte er falsch, denn da müßte er von Esau und Jakob ganz dasselbe sagen, was ihnen doch wahrlich nicht begegnet ist. Falsch also wäre sein Ausspruch, oder wenn er hie und da auch Wahres sagte, so dankte er das nicht seiner Kunst, sondern hätte es nur zufällig errathen. Aber du gerechter Herr, des Weltalls Lenker, handelst an den Fragenden, die selbst keinen Rath wißen, durch nur dir offenbare Lenkung also, daß jeder Frager das hört, was ihm, gemäß dem dir offenbaren Verdienst der Seelen, nach der Tiefe deines gerechten Urtheils zu hören ziemt, von dem der Mensch nicht sagen soll? Was ist das? Wie so das? Nicht sage er so, der kurzsichtige Mensch.

VII.

Aus diesen Banden hattest du mich losgemacht, aber noch fand ich kein Ziel meiner Forschungen nach der Ursache des Bösen. Doch hieltest du treu mich im Glauben an dich, dein unveränderlich Wesen, an dein Gericht über die Menschen und an Christus, deinen Sohn, unsern Herrn, so wie an deine heiligen Schriften, welche deine katholische Kirche den Seelen vertraut, daß sie den Weg zu seinem Leben, das da folgen wird diesem Tode. Das war gerettet und unerschütterlich in meiner Seele, und mit Sehnsucht fragte ich, woher das Böse sei. Welche Qualen meines kreisenden Herzens, o mein Gott, welche Seufzer! Und nahe war mir da dein Ohr, doch wußte ich nicht davon. Aber da ich also schweigend suchte, war der stille Gram meiner Seele eine laute Stimme vor deinem Erbarmen: nur du, der Menschen keiner, wußtest, was ich litt. Denn was war es, daß ich davon mit Worten meinen Trautesten vertraute? Brauste vor ihnen der ganze Aufruhr meiner Seele, für den weder die Zeit zureichte, noch mein Mund? Nur vor dein Ohr kam Alles, von meines Herzens stillem Seufzen bis zu seinem lauten Schreien, vor dir war all’ mein brennendes Sehnen! Doch meiner Augen Licht war nicht mit mir, denn es war in mir, ich aber war draußen. Nicht war es da an irgend einem Ort; ich lenkte meine Gedanken auf das, was der Raum einschließt, und fand dort die Stätte nicht, auf der ich ruhen konnte; nicht nahm es mich auf, daß ich zu sagen vermocht hätte: es ist genug und hier ist’s gut; nicht ließ es mich an einem Ort zurück, wo mir genugsam wohl gewesen wäre, denn ich war mehr als das, und weniger als du. Aber du bist meine wahre Freude, seit ich dir unterthan bin, und hast mir unterthan gemacht, was du geringer schufft als mich. Das war das rechte Maß und die sichere Gegend meines Heils, daß ich nach deinem Bilde blieb und in deinem Dienst den Leib beherrschte. Aber als ich mich übermüthig wider dich erhob und wider den Herrn anlief mit halsstarrigem Trotz, da wurde jenes Niedrige über mich gesetzt und presste mich, und nirgends war Linderung und Erholung. Haufenweise liefen jene Trugbilder von Körperwesen auf den Schauenden zu und stemmten sich dem in seine Gedanken Zurückkehrenden entgegen, als sagten sie: wohin du Unwürdiger, du Befleckter? Das wuchs heraus aus meiner Seelenwunde, weil du den Stolzen niederwirfst, gleich einem Verwundeten. Dann trennte mich meines Gemüthes Aufgedunsenheit von dir, und meines Geistes Licht wurde verschloßen, wie es die Augen werden, wenn das Angesicht allzusehr aufschwillt.

VIII.

Du aber, Herr, bleibst in Ewigkeit und zürnst uns nicht in Ewigkeit. Weil du erbarmt dich hast des Staubes und der Asche, so wolltest du, erbarmend mir nahend, meine Misgestalt wieder umbilden, und mit dem innern Stachel mich treiben, daß ich nimmer ruhen konnte, bis du mir gewis wurdest durch inneres Schauen. Da wich meine Aufgedunsenheit deiner verborgenen, heilenden Hand und die verletzte und verdunkelte Sehkraft meines Geistes wurde mit dem scharfen Augenbalsam der Schmerzen von Tag zu Tag mehr geheilt.

IX.

Vor Allem wolltest du mir zeigen, wie du den Stolzen widerstehest, den Demüthigen aber Gnade gebest, und wie groß sich dein Erbarmen den Menschen auf dem Pfade der Demuth erwiesen habe, da dein Wort Fleisch wurde und unter den Menschen wohnte. Du schafftest mir durch einen gewissen, von unbändigem Stolze aufgeblasenen Menschen einige aus der griechischen Sprache in die lateinische übersetzte Bücher der Platoniker, und darin las ich, daß sie zwar nicht mit diesen Worten, aber dem Sinn nach mit den vielfachsten Redewendungen dein Wort aufführten (Joh. 1): »Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Dasselbige war im Anfang bei Gott, alle Dinge sind durch dasselbige gemacht und ohne dasselbige ist nichts gemacht, das gemacht ist, in ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheinet in die Finsterniß, aber die Finsternisse habens nicht ergriffen.« Aber das las ich nicht in ihnen, daß die Menschenseele, obgleich sie Zeugnis vom Lichte ablegt, doch nicht selbst das Licht, daß nur Gottes Wort, Gott selbst, das Licht ist, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen; daß er in sein Eigenthum kam und die Seinen ihn nicht aufnahmen, und daß er denen, die ihn aufnahmen, Macht gab, Kinder Gottes zu heißen, die an seinen Namen glauben. – Auch las ich dort nicht, daß sich das ewige Wort zur Knechtsgestalt erniedrigte und gehorsam war bis zum Tode am Kreuz; daß er für uns Gottlose starb, und du deines eingeborenen Sohnes nicht verschontest, sondern ihn für uns Alle dahingabst. Denn das hast du den Weisen verborgen und hast es den Unmündigen geoffenbart, auf daß die Mühseligen und Beladenen zu ihm kämen und er sie erquicke, weil er sanft ist und von Herzen demüthig, und leitet die Sanftmüthigen mit Gerechtigkeit und lehrt die Gelaßenen seine Wege, indem er ansieht unsere Niedrigkeit und Mühsal, und vergibt uns alle unsere Sünden. Die sich aber, mit einer für höher sich ausgebenden Weisheit, groß machen, die hören ihn nicht, wenn er spricht: lernet von mir, denn ich bin sanftmüthig und von Herzen demüthig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Und wenn sie auch Gott erkennen, so ehren sie ihn nicht als Gott, und danken ihm nicht, sondern werden eitel in ihren Gedanken und ihr unverständiges Herz wird verfinstert, und indem sie sich für weise halten, werden sie Thoren. Daher sah ich auch in diesen platonischen Schriften, wie im übrigen Heidenthum, die Herrlichkeit deines unvergänglichen Wesens verwandelt in Bilder der Menschen, der Vögel, der vierfüßigen und der kriechenden Thiere (Röm. 1, 22). Mir kam dies Verlieren des Christlichen an heidnische Weisheit vor, wie Esau’s Linsengericht, um das er seine Erstgeburt verkaufte, oder wie dein erstgeboren Volk, das einst an deiner Statt eines Thieres Haupt angebetet, da es sein Herz nach Aegypten wandte, und dein Bild, seine Seele, beugte vor dem Bilde eines Gras kauenden Kalbes. Das fand ich dort, doch kaute ich nicht davon, denn du wolltest des Jüngern Entbehrung und Niedrigkeit von Jakob nehmen, daß der Größere dem Kleineren diene, und die Heiden riefest du in dein Erbe. Auch ich war von den Heiden zu dir gekommen und streckte die Hand nach dem Golde aus, das du von Aegypten dein Volk mitnehmen ließest, weil es dein Gold war, wo es auch war. Und zu den Athenern sprachst du durch deinen Apostel: »in ihm leben, weben und sind wir, wie auch Einige von den Euren sagen.« (Apostelgesch. 17, 28.) Von dieser Art waren jene Bücher, sie hatten sich aus dem lauteren Golde der evangelischen Wahrheit, mit ihren selbstsüchtigen Zuthaten, ein ägyptisches Götzenbild gemacht, das sie anbeteten und hatten so die Herrlichkeit in Lüge verwandelt.

X.

Dadurch gemahnt, zurückzukehren zu mir selbst, gieng ich unter deiner Führung ein in mein Innerstes, und ich vermochte es, denn du warest mein Helfer. Ein gieng ich mit dem Auge meiner Seele, wie schwach es auch war. Und siehe, ich schaute erhoben über meines Geistes Auge, erhoben über meinen Geist, das wandellose Licht; nicht dieß gemeine, jedem Fleische sichtbare, nicht auch, als ob es dieser Art, nur größer wäre, und weit, weit heller noch erglänzend über Alles schiene. Nicht war es dieß, es war hoch, hoch verschieden von dem Allen. Auch war es nicht so über meinem Geist, wie das Oel ist über dem Wasser, noch wie der Himmel ist über der Erde; es war erhabener, weil es mich selber schuf, und tiefer ich, weil ich geschaffen bin von ihm. Wer die Wahrheit kennt, der kennt es, und wer sie kennt, der kennt die Ewigkeit. Die Liebe kennt es. Die ewige Wahrheit und wahre Liebe und liebe Ewigkeit! Du bist mein Gott, und Tag und Nacht seufze ich zu dir! Sobald ich dich kannte, nahmst du mich auf, damit ich sähe, es sei da in Wahrheit, was ich sehe, und doch noch sei ich der nicht, der da sehe. Du schlugest weg die Schwäche meiner Sehkraft, da du strahltest über mir in deiner Kraft. Und beben mußte ich in Lieb und Schreck, und finden mußte ich, ich sei fern von dir in weiten Abstand meiner Unähnlichkeit mit dir; da war mir, als hörte ich aus der Höhe deine Stimme: »Ich bin die Speise der zur Mannheit Erstarkten; wachse, und genießen wirst du mein. Nicht wirst du mich in dich wandeln, gleich der Speise deines Fleisches, du wirst gewandelt werden in mich.« – Und ich erkannte, wie du den Menschen züchtigst um der Sünde willen, und wie du, gleich einem zerstörten Spinngewebe, meine Seele verschrumpfen ließest. Da rief ich: ist denn die Wahrheit nichts, da sie weder im endlichen, noch im unendlichen Raume verbreitet ist? Und du riefst aus der Ferne: »Ja sie ist, denn ich bin, der ich bin!« Da hörte ich, wie man hört im Herzen, und nimmer war, woran ich zweifeln sollte. Eher hatte ich daran gezweifelt, daß ich lebe, als daß nicht Wahrheit sei, die ich erkannte, an dem, das erschaffen ist.

XI.

Nun wendete ich mich zur Betrachtung dessen, das unter dir ist und bemerkte, daß es weder durchaus ist, noch durchaus nicht ist. Es ist zwar, weil es von dir ist, aber es ist nicht, weil es das nicht ist, was du bist. Denn nur das ist wahrhaft, was ohne Wandel bleibt. Mir aber ist mein Anhangen an Gott mein Gut, weil ich nicht in mir kann bleiben, wenn ich nicht in ihm bleibe. Er aber bleibt in sich und erneuert Alles. Und Herr, mein Gott bist du, der meines Gutes nicht bedarf.

XII.

Ich erkenne die verderbbaren Güter, welche weder, wenn sie die höchsten Güter wären, noch wenn sie keine Güter wären, verderbt werden können, weil sie als die höchsten unverderbbar wären, und wenn keine, sie nichts hätten, das an ihnen zu verderben wäre; denn die Verderbnis kann nur dem schaden, was gut ist. Also entweder schadet die Verderbnis nicht, was doch unmöglich ist, oder, was ganz wahr ist, alles was verderbt wird, wird eines Gutes beraubt. Wenn es aber alles Guten beraubt wird, so kann es gar nicht mehr da sein. Wenn es aber sein wird, und schon nicht mehr verderbt werden kann, so wird es etwas Besseres geworden sein, weil es unverderbbar bleiben wird. Und was wäre wahnsinniger, als die Behauptung: Besser sei geworden, was all sein Gutes verloren habe? Was alles Guten beraubt wurde, ist gar nichts mehr. So lange etwas ist, ist es gut, also ist Alles gut, was da ist. Und so kann das Böse, nach dessen Ursprung ich forschte, kein Wesen an sich sein, denn wenn es das wäre, so wäre es gut, weil ohne Gutes gar nichts ist. Entweder wäre es ein unverderbbares Wesen, also ein hohes Gut, oder es wäre ein verderbbares, das dann nicht verderbt werden könnte, wenn es nicht gut wäre. Und weil du, Gott, Alles Gute machtest, so ist kein Wesen, das du nicht gemacht hast. Aber weil du nicht Alles gleich gemacht, und alles Einzelne gut ist, so ist Alles zusammen sehr gut, denn unser Gott machte Alles sehr gut.

XIII.

An dir ist kein Böses; nicht an dir nur, auch nicht an deiner Schöpfung, wie du sie schufest, und lenkest; denn nichts ist außer ihr, das in sie einbräche und die Ordnung zerstörte, die du ihr gabest. Um Einzelnen aber hält man das für böse, was ihm nicht angemessen ist und ebendasselbe ist einem Andern angemessen und darum ist es in sich selber gut. Und alle diejenigen Dinge, welche mit einander nicht übereinstimmen, sind einem Niedrigeren angemessen, das wir die Erde nennen. So stehet der Erde selbst ihr wolkichter und stürmischer Himmel an. Fern sei der Wunsch von mir, daß dies Niedrige lieber gar nicht sein möchte, denn wenn ich es allein schaute, so würde ich Höheres suchen und doch dich schon über Jenem zu loben haben (Psalm 148): »weil dich in deiner Preiswürdigkeit offenbaren des Meeres Ungeheuer und alle seine Tiefen; des Feuers Flammen, Hagel und der Schnee; das Eis, des Sturmes Geister, deines Wortes Boten; die Berge und die Hügel alle, die fruchtbaren Bäume und die Cedern alle; die Thiere all zusammen; was kriecht und was befiedert fliegt. – Der Erde Könige und alle Völker; die Fürsten und die Richter all auf Erden; die Jünglinge und Jungfrauen; die Alten mit den Jungen loben deinen Namen.« – Und da sie dich auch vom Himmel zu loben haben, so sollen unsern Gott dich loben alle deine Engel in der Höhe; alle deine Kräfte, Sonne und Mond; die Sterne alle in ihrem Licht; der Himmel und die Wasser, die droben sind am Himmel, sie sollen loben deinen Namen. – Was gibt Besseres mir, der ich aller Dinge gedachte, und das Höhere zwar für besser als das Niedere hielt, aber mit noch besserem Urtheil erwog, daß das Weltall zusammengedacht noch besser und herrlicher sei, als seine einzelnen herrlichsten Theile für sich es sind.

XIV.

Der Vernunft entbehren, denen etwas in deiner Schöpfung misfällt, wie auch ich keine hatte, so lange mir so Vieles, das du schufest, nicht gefallen wollte. Und weil sich meine Seele nicht so weit wagte, daß du, mein Gott, ihr misfällig geworden wärest, so wollte ich das, was ihr misfiel, nicht für das Deine halten. So kam ich auf die Meinung von zwei Grundwesen, auf ein gutes und auf ein böses, fand keine Ruhe und sprach Widersprechendes. Davon zurückkommend machte sie sich einen Gott, der allenthalben durch die unendlichen Räume verbreitet sein sollte, den hielt sie für dich und stellte ihn im Herzen auf, sich selbst zum Tempel deines falschen Bildes machend, der abscheulich war vor deinen Augen. Doch darauf nahmst du, ohne daß ich es wußte, mein Haupt in deinen Schooß, schloßest meine Augen, damit sie nicht sähen, was eitel ist, ich nickte ein und meine Thorheit entschlief: da wachte ich auf in dir und sah dich unendlich anders, doch dieß Schauen kam nicht von meinem Fleische.

XV.

Ich betrachtete die andern Wesen, und fand, daß sie dir ihr Dasein schulden und in dich ausgehen, aber auf andere nicht räumliche Weise, sondern indem du Alles hältst mit der Hand deiner allmächtigen Vorsehung, der du allein enthältst das wahrhaftige Leben, das wandellos in sich und aus sich selbst und das Leben aller Leben ist. Alles ist so weit wahr, als es ist, und nichts ist Falschheit, als das, was nicht ist, während man glaubt, es sei; und nicht ist, was nicht ist aus dir. Und ich sah, daß Alles seinem Ort und seiner Zeit gemäß ist, da du, der allein Ewige, nicht erst nach unzählbaren Zeiträumen zu wirken angefangen, weil du von Ewigkeit an vor allen Zeiten wirkst und weil alle Zeitenreihen, die vergiengen und vergehen werden, weder giengen noch kämen, wenn du nicht wirktest und bliebest.

XVI.

Ich weiß es aus Erfahrung, daß man sich nicht verwundern darf, wenn dem kranken Gaumen das Brot zur Pein wird, das dem gesunden lieblich mundet, und daß dem kranken Auge das Licht zuwider ist, welches die hellen Augen lieben. Und eben so mißfällt deine Gerechtigkeit den Ungerechten. Aber nicht nur die Natter und der Wurm, welche du schufest, sind für die niedersten Reihen deiner Schöpfung passend, auch die Ungerechten passen für diese, je unähnlicher sie dir sind, sie werden aber für die höheren Reihen passen, je ähnlicher sie dir werden. Ich fragte, was die Ungerechtigkeit wäre, und fand sie nicht als ein wirkliches Wesen, nur als eine, von Gott dem höchsten Wesen zum Niedrigsten gewendete Verkehrtheit des Willens, der sein innerstes Heiligthum hinausstößt und sich fern von ihm in Stolz aufbläht.

XVII.

Ich wunderte mich, daß ich dich schon liebte und nicht ein Trugbild an deiner Statt. Aber nicht bestand ich fest darin, meines Gottes zu werden; ich wurde zu dir hingerißen von deiner Schöne und bald von dir hinweggezogen durch meine Last, so daß ich in’s Alte wieder mit Seufzen sank; und diese Last war meine fleischliche Gewohnheit. Doch noch war mit mir das Andenken an dich; nicht mehr zweifelte ich, daß der in Wahrheit sei, dem ich anhängen möchte, aber ich war der noch nicht, der anzuhöngen vermochte, weil der Leib, der verderbliche, das Gemüth beschwert, und was uns von der Erde anklebt, den vielsinnenden Geist niederdrückt. Und gewis war ich, daß dein unsichtbares Wesen, deine ewige Kraft und Gottheit, von der Schöpfung der Welt an durch das, was geschaffen ist, ersehen und erkannt werde. Denn als ich fragte, woher ich die Schönheit der Erd- und Himmelskörper zu fassen vermöge, und was sich mir vergegenwärtige, wenn ich richtig über die veränderlichen Dinge urtheile, und sprach: Das muß so sein und Jenes nicht so! da fand ich eine unveränderliche und wahre Ewigkeit der Wahrheit über meinem veränderlichen Geist. Nun stieg ich stufenweise vom Körperlichen zu der das Körperliche empfindenden Seele, von da zu ihrem tiefern Vorstellungsvermögen, durch das ihr die leiblichen Sinne, wie einem innern Sinn, die Außenwelt verkünden. So weit reichen auch die Vermögen der Thiere. Jetzt aber stieg ich zu dem Vermögen der Schlüße, vor deren Urtheil gebracht wird, was man mit den leiblichen Sinnen vernahm. Dieses erkannte sich selbst in mir als ein veränderliches und erhob sich damit zur Erkenntniß seiner selbst; entzog seine Gedanken der bisher gewöhnten Denkweise, entschlug sich der verworrenen, ihr widersprechenden Trugbilder, damit es das finde, das ihm Licht zuwerfe, da es ja selbst, von allen Zweifeln frei, behauptete, das Wandellose sei dem Wandellose sei dem Wandelbaren vorzuziehen. So suchte es das Wandellose selbst zu erkennen, das es nie mit Sicherheit dem Wandelbaren vorzuziehen vermochte, so lange es das Wandellose nicht irgendwo an sich selbst erkannte. Da gelangte es, plötzlich im heiligen Schauer schauend, zu dem, das ist. Nun sah und erkannte ich dein unsichtbares Wesen in deiner Schöpfung; aber ich vermochte meine geschärfte Erkenntnis nicht daran festzuhalten, mit meiner wieder über mich kommenden geistigen Schwäche wurde ich ins Altgewöhnte zurückgestürzt, und behielt nichts mehr in mir, als die liebende Erinnerung, die nach der Speise Duft begehrte, die selbst zu kosten ich noch nicht fähig war.

XVIII.

Jetzt suchte ich mir die Mittel zur beharrlichen Stärke, die da fähig wäre, dein zu genießen, und fand sie nicht, bis ich umfaßte den Mittler Gottes und der Menschen, den Menschen Christus Jesus, welcher ist über Alles, der in Ewigkeit hochgelobte Gott, der uns zuruft: ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; welcher jene Speise, für die ich zu schwach war, mit dem Fleisch vereinte; denn das Wort ward Fleisch, daß es unsere Kindheit stille mit der Milch deiner Weisheit, durch die du Alles geschaffen hast. So lange mir selbst die Demuth fehlte, hatte ich Jesum, meinen Herrn, in seiner Demuth nicht erhalten, hatte nicht erkannt, welche Dinge seine Niedrigkeit lehre. Denn dein Wort ist die ewige Wahrheit, das ist erhoben auch über die höheren Glieder deiner Schöpfung, und erhebt sie zu sich, indem es sie sich unterwirft. Aber unter den Niedrigen deiner Schöpfung hat es sich aus der Erde, von der wir gemacht sind, ein demuthvolles Haus erbaut, durch das es Alle, die es sich unterwerfen wollte, aus ihnen selbst heraustrieb und zu sich überführte, vom Stolz sie heilend, ihre Liebe nährend, damit sie nicht im eitlen Selbstvertrauen noch weiter verirrten, sondern ihr Trotz breche, wenn sie zu ihren Füßen sähen (Joh. 13, 5.) die Gottheit, ihnen dienend, da sie Theil nahm an unserer Schwachheit und sich theilhaftig machte unseres Pilgerkleides, und wir in unserer Ermattung uns vor Dem niederwürfen, der uns emporhebt in Kraft.

XIX.

Ich aber meinte anders und hielt nur so viel von meinem Herrn, als ich von einem Manne, voll unvergleichbarer Weisheit, gehalten hätte. Durch Gottes Fürsorge uns gegeben, schien er und seine Lehre mir ein solches Ansehen zu verdienen, mit seiner wunderbaren Geburt durch eine Jungfrau und mit seiner Verachtung des Zeitlichen aus Liebe zum Unsterblichen; nicht ahnen konnte ich das Gnadenzeichen des fleischgewordenen Wortes. Nur so viel erkannte ich aus den Schriften, die von ihm erzählen, weil er aß und trank, schlief, wandelte, sich freute, betrübt war und redete, so könne das Fleisch sich nur mit deinem Wort verbunden haben, wenn sich auch eine menschliche Seele und ein menschlicher Geist mit ihm verband, denn das erkennt Jeder, der die Umwandelbarkeit deines Wortes erkennt, die ich nun erkannte, soweit ich vermochte, ohne noch daran zu zweifeln. Und da ist Menschenseele und Menschengeist, wo sich nach dem Willen des Leibes Glieder bald bewegen, bald nicht bewegen, wo man bald von etwas gereizt wird, bald nicht, bald der Weisheit Gedanken ausspricht, bald stille schweigt. Wahrhaftig, denn redete die Schrift in diesen Aussagen nicht Wahres über ihn, so wäre Alles in Gefahr, nur Lüge zu sein, und bliebe der Schrift kein Glaubenstrost mehr für die Menschheit. Aber was von ihm geschrieben steht, ist Wahrheit. So erkannte ich ihn als einen wirklichen, völligen Menschen, doch hielt ich ihn nicht für die persönlich gewordene, wahrhaftige Gottheit, ich zog ihn nur den andern Menschen vor, weil ich ihm eine ausgezeichnete Menschennatur und höhere Weisheit zuschrieb. – Alypius war der Meinung, der Gott im Fleische werde von den Kirchlichen so geglaubt, daß neben Gott und dem Fleische in Christus keine menschliche Seele und kein menschlicher Geist sei; und weil er überzeugt war, das was von Christus uns erzählt ist, sei nur einem wirklichen, mit Seele und Vernunft begabten Menschen möglich, so hielt ihn dieß vom eifrigern Ergreifen des Christenthums ab. Später erkannte er in seiner Ansicht die Irrlehre der Apollinaristen und freute nun fügsam sich des ächten Glaubens; und später noch erkannte ich in meiner Meinung die Irrlehre des Photinus, von welcher die katholische Wahrheit verfälscht wird. Denn die Misbilligung der Häretiker stellt ans Licht, was deine Kirche denkt und an gesunder Lehre hat. Rotten müßen ja sein, auf daß die Bewährten unter den Schwachgläubigen offenbar werden.

XX.

Jene platonischen Bücher lehrten mich nun wohl deine unkörperliche Wahrheit und dein unsichtbares Wesen an den Werken der Schöpfung erkennen, ich fand, was mich meiner Seele Verfinsterung früher nicht hatte erkennen laßen, und ich wußte gewiß, du seiest, seiest unendlich gränzenlos, und werdest doch nicht in des Weltalls Räume ausgegoßen, so daß du nur durch sie zerstreut, und nicht in dir selbst wärest; gewiß war ich, du seiest in dir ewig unveränderlich und alles Andere sei aus dir, aus keinem andern Grunde, als weil es sei. Des war ich wohl gewis, doch weit zu schwach, um dein auch zu genießen und mich dein zu freuen. Wie ein Erfahrener that ich mich auf in meinen Reden, aber nicht erfahren, sondern in des Untergangs Gefahren war ich, so lange ich deinen Weg nicht in Christus, unserm Heiland, suchte. Schon hielt ich mich für weise, und war noch gestraft mit Thorheit, und, statt zu weinen unter des Strafenden Hand, erhob ich mich in meiner Weisheit, die vor dir Thorheit war. Wo war jene Liebe, die auf Christus Jesus, den Grund der Demuth, baut? Wie hätten jene Bücher vermocht, mich diese zu lehren? Doch glaube ich du wolltest mich, ehe ich deine heilige Schrift betrachtete, auf jene Bücher kommen laßen, damit ich nie vergeße, wie sie mich mehr zur stolzen Thorheit, als zur liebenden Demuth anregten, und damit ich, gezähmt von deiner Schrift, von deiner pflegenden Hand geheilt, erkennen lernte, welch ein Unterschied sei zwischen philosophischer Anmaßung und dem glaubigen Bekenntnis, zwischen denen, die da sehen, wohin zu sehen ist, und denen, die da sehen, auf welche Weise zu gehen ist, und den Weg erblicken zum seligmachenden Vaterland, das sie nicht schauen nur, das sie auch bewohnen sollen. Denn wäre ich zuerst von deinem Wort unterrichtet worden, hätte, vertraut mit ihm, deine Wonnen geschmeckt, und wäre nachher erst auf jene platonischen Bücher gekommen, so hätten sie mich leicht dem Grund der wahren Gottseligkeit entrißen; oder wenn ich auch festgeblieben wäre am dürstend eingesogenen Heil, so wäre ich wohl auf die Meinung gerathen, es könne auch allein aus jenen Schriften geschöpft werden. So aber fühlte ich, was sie gaben und was du gibst.

XXI.

Mit heißer Begierde griff ich nun zum heiligen Worte deines Geistes, besonders zu dem, das der Apostel Paulus schrieb; und der Irrthum schwand, mit dem ich gewähnt, Paulus widerspreche sich selbst und den Schriften des alten Bundes. Ein einziger Geist nur that sich kund in den reinen Reden; des lernte ich mich freuen mit Zittern. Nun fand ich, das was ich dort bei den Platonikern Wahres gelesen hatte, werde hier bei Paulus durch die Herrlichkeit deiner Gnade ausgesprochen, damit der es erkennt, sich nicht rühme, als hätte er es nicht empfangen. Er hat ja empfangen, nicht nur daß er es erkennt, sondern auch wie er es erkennt. Denn wer hat etwas, das er nicht empfangen hätte? Nicht nur wird er von dir an dich gemahnt, damit er dich sehe, er wird geheilt von dir, damit er dich halte und nimmer laße. Und wer dich auch in seiner Entfernung noch nicht vermag, er gehe nur den Gnadenweg, auf dem er hingelangt, dich zu schauen und zu halten; denn wenn auch sein inneres Vernunftgesetz Gefallen fand an Gottes Gesetz, was will er thun, da er ein anderes Gesetz in seinen Gliedern hat, das gegen das Gesetz seines Geistes ist und ihn gefangen nimmt in der Sünde Gesetz, welches ist in seinen Gliedern? Nur du Herr bist gerecht und wir sind Sünder, wir thaten Unrecht, führten Böses aus, und schwer liegt deine Hand auf uns, und zu Rechte sind wir dem alten Sünder, dem Fürsten, hingegeben, denn er hat unsern Willen überredet, daß er ähnlich ward dem seinen, mit dem er nicht bestanden ist in deiner Wahrheit. Was soll er thun, womit sich helfen, der Mensch des Elends? Wer wird ihn befreien von dem Leibe dieses Todes, als deine Gnade durch Jesus Christus, unsern Herrn, den du dir gleich ewig zeugtest und ließest ihn hervortreten im Anfang deiner schaffenden Liebeswege, an dem der Fürst dieser Welt nichts des Todes Würdiges fand; den er erschlug, wodurch vertilget ward die Handschrift, die wider uns zeugte. – Das enthalten jene Menschenschriften nicht; nicht haben sie die Züge dieser Gottseligkeit, nicht die Thränen des Bekenntnisses, nicht sein Opfer, nicht den zerknirschten Geist, nicht das zerschlagene und gedemüthigte Herz, des Volkes Heil, die Braut, die Gottesstadt, des heiligen Geistes Unterpfand, nicht den Kelch unserer Erlösung. Dort singet Keiner: »Meine Seele ist Stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Hort, meine Hilfe, mein Schutz, daß mich kein Fall stürzen wird, wie groß er ist!« Keiner hört dort die Stimme des Rufenden: »Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid!« – Und sie verschmähen, von ihm zu lernen, weil er sanftmütig ist und von Herzen demüthig. Denn das hast du den Weisen und Klugen verborgen, und hast es den Unmündigen geoffenbart. Wohl viel ein Anderes ist es, von des wilden Waldgebirges Gipfel das Friedensland zu schauen und doch den Pfad zu ihm nicht zu finden, dahin zu streben auf vergeblichen Umwegen, wo sie ringsum lauern und nachstellen, die Flüchtlinge und Ueberläufer, mit dem Löwen und Drachen, ihrem Anführer – und ein Anderes ist’s, zu halten den sicher dahin führenden Weg, der da geschirmt ist durch die Fürsorge des himmlischen Königs, wo die nicht rauben, welche verlaßen haben die himmlische Kämpferschaar, denn sie meiden ihn wie eine Marter. – Dieß Alles drang mir wundertief in’s Herz, da ich den geringsten deiner Apostel las, da ich betrachtete dein Werke und zitterte.

Achtes Buch

Ich durfte sie in ihrer Schöne sehn

Die himmlische Enthaltsamkeit der Frommen!

In Thränen ist der Seele Sturm verschwommen,

Und jetzt, ach jetzt ist wahr vor dir mein Flehn.

Du lässest deiner Gnade Ruf ergehn,

Von Engellippen ist er mir gekommen,

Sie sangen fröhlich, ich sei aufgenommen

Und hießen mich in neuem Muth erstehn.

Ich nahm dich auf, der nie mehr ist gegangen,

Du hieltest aus in meiner schwachen Brust,

Und läßest deine Stärke mich erlangen.

Ich kost’ in dir die reine Himmelslust,

In deinem Worte darf ich dich empfangen,

Und bin nur deiner Liebe mir bewußt.

I.

Mein Gott, dein will ich denken in preisendem Dank, und bekennen, wie du mein dich erbarmtest! Durchströmt sollen meine Gebeine werden von deiner Liebe, und sagen: Herr, wer ist wie du? Du hast gesprengt meine Bande, und dir sei geopfert das Opfer meines Lobes. Erzählen will ich, wie du sie sprengtest, dann werden sagen Alle, die dich anbeten, so sie’s hören: »Gepriesen sei der Herr im Himmel und auf Erden! Groß und wunderbar ist sein Name!« – Es hafteten in meinem Herzen deine Worte, und rings umschirmt war ich von dir. Gewis war ich deines ewigen Lebens, obwohl ich’s erschaute nur wie in einem Räthsel und wie durch einen Spiegel; genommen von mir war jeder Zweifel in dein unwandelbares Wesen, aus dem jedes Wesen hervorgeht. Nicht verlangte ich, deiner gewisser zu sein, aber standhafter zu sein in dir. In meinem irdischen Leben wankte noch Alles, vom alten Sauerteige mußte mein Herz gereinigt werden. Der Heiland, der selbst der Weg ist, gefiel mir, aber noch war der Gang auf seiner engen Bahn mir widerlich. Da legtest du es mir in’s Herz, und dünkte es mir gut vor meinen Augen, zu gehen zu Simplician, den ich kannte als deinen treuen Knecht, an dem offenbar war deine Gnade. Auch hatte ich über ihn vernommen, daß er von Jugend an nur dir sein Leben geweiht. Er war ein Greis geworden, und ich dachte, der hat im langen Leben voll treuen Eifers für deines Weges Nachfolge wohl viel erfahren und gelernt. Und wahrlich, so war er. Damit, das war mein Wunsch, sollte er mir zeigen, wie ein sturmvoll bedrängtes Herz, gleich dem meinen, deinen Weg zu wandeln vermöchte; denn auf verschiedene Weise gieng ihm die Menge der Kinder deiner Kirche. Mein menschliches Treiben war mir misfällig und zur schweren Last geworden, und nicht mehr entflammte mich die gewohnte Lust, um in Hoffnung auf Gold und Ehren diese schwere Sklavenbürde noch zu tragen. Sie hatte ihren Reiz verloren vor deiner Süßigkeit und vor deiner Herrlichkeit deines Hauses, das ich lieben gelernt. Nur an das Weib, das mir verlobte, war ich noch festgebunden; nicht verbot mir ja dein Apostel die Ehe, obgleich er zu Beßerem rieth und so sehr wollte, daß alle Menschen wären, wie er war. Aber zu schwach, wählte ich die weichlichere Lage, und wegen dieses Einen wurde ich träger für das Uebrige und ermattete in verzehrenden Sorgen, weil mich das eheliche Leben, an dem ich haften blieb, an Dinge wieder band, die ich nicht mehr ertragen wollte. Vernommen hatte ich aus der Wahrheit Munde auch: es gäbe jungfräuliche Seelen, welche für das Himmelreich ihre Jungfrauschaft bewahrten; aber nur wer es faßen könne, möge es faßen. (Matth. 19, 12) Es sind zwar alle Menschen natürlich eitel, die von Gott nichts wißen und an den sichtbaren Gütern den nicht erkennen, der ist. Aber ich war nicht mehr in solcher Eitelkeit, überschritten hatte ich sie, und unter dem Zeugnis deiner ganzen Schöpfung hatte ich dich gefunden, unsern Schöpfer, hatte gefunden dein Wort, das Gott ist in dir und Gott ist mit dir, und durch das schuftest du Alles, was ist. Aber es gibt noch eine andere Art von Gottlosen, welche Gott erkennen und ihn nicht ehren als Gott, und ihm nicht danken, und zu diesen hatte ich mich verirrt; aber deine Rechte faßte mich und zog mich hin an den Ort, da ich genesen konnte und dein Wort vernahm: »Die Gottesfurcht ist die Weisheit. Hiob. 28, 28. Dünke dich nicht weise zu sein. Sprüchw. 3. 7. Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden. Röm. 1, 22.« – Da hatte ich die köstliche Perle gefunden, sie war zu erkaufen um alle meine Habe, und ich stand an und zweifelte.

II.

So trat ich zu Simplician, dem väterlichen Berather des Bischofs Ambrosius, der ihn wie einen Vater liebte. Ich erzählte ihm die Umwege, auf die mich meine Irrtümer getrieben hatten; als ich aber erwähnte, ich habe einige Bücher der Platoniker gelesen, von dem ehemaligen römischen Redner Victorinus, der als Christ starb, in die lateinische Sprache übersetzt, wünschte er mir Glück, daß ich nicht in andere philosophische Schriften voll weltlichen Truges und Täuschung gerathen, während in diesen allenthalben auf Gott und auf sein ewiges Wort gedeutet werde. Hierauf, um mich zur demüthigen Nachfolge Christi zu bewegen, die den Weisen verborgen und den Unmündigen geoffenbart ist, kam er auf Victorinus selbst zu reden, mit dem er zu Rom in vertrauter Freundschaft gelebt hatte, und erzählte mir von ihm, was ich nicht verschweigen will; denn hoch zu preisen ist über diesem Mann deine Gnade. Ein hochgelehrter Greis, erfahren in allen Wißenschaften war er, hatte so viele philosophische Schriften gelesen und beleuchtet, war der Lehrer vieler angesehener Senatoren, so daß dem trefflichen Meister die in den Augen der Welt so hohe Ehre widerfuhr, daß man ihm ein Standblid auf Roms Forum errichtete. Aber bis ins Greisenalter war er ein Verehrer der Götzenbilder, und ihrem gottlosen Dienst mit ergeben, von dem beinahe der ganze römische Adel angesteckt war, durch welchen das Volk die Ungeheuer aller Arten von Göttern überkam samt dem hundsköpfigen Anrubis, welche von Aegypten stammend die altrömischen Götter Neptun, Venus und Minerva ausstachen. Aegypten war von Rom besiegt und nun betete er dessen Götter an. Und Victorinus, der Greis, hatte sie so viele Jahre mit Verderben tönendem Munde vertheidigt. Und dieser Mann schämte sich nicht, einer der Unmündigen Christi, ein Säugling seines Gnadenquells zu werden, beugte den Nacken unter der Demuth Joch, und zähmte den Stolz unter der Schmach des Kreuzes! – O Herr, Herr, der du neigtest die Himmel und fuhrest herab, der du die Berge berührtest, daß sie rauchten: wie bahntest du den Eingang dir in dieses Herz? Er las, wie mir Simplician sagte, die heilige Schrift, durchforschte eifrigst alle Bücher der Christen, und dann sprach er heimlich, im Vertrauen, zu Simplician: »wiße, jetzt bin ich ein Christ!« – Jener gab ihm zur Antwort: »ich glaube es nicht und zähle dich nicht zu den Christen Zahl, es sei denn, daß ich dich in der Kirche Christi sehe.« – Victorin erwiderte lächelnd: »so machen denn die Wände den Christen aus?« – Diese Worte wiederholten sich oft bei ihnen, denn er scheute sich, seine vornehmen, den Dämonen dienenden Freunde zu beleidigen, und fürchtete ihre Feindschaft, von der er glaubte, sie würde sich in ihrem babylonischen Uebermuth auf ihn stürzen, denn sie stunden stolz, wie Libanons vom Herrn noch nicht gebrochene Cedern. Nachdem er aber durch weiteres Lesen und Forschen Stärke erlangt hatte, fürchtete er, einst von Christus vor allen seinen heiligen Engeln verläugnet zu werden, wenn er sich scheute, ihn vor den Menschen zu bekennen, fürchtete, sich schwer zu verschulden, wenn er sich des Dienstes an deinem ewigen Worte schämte, während er sich doch nicht geschämt, götzendienerisch dem Stolze der bösen Geister, als ihres Stolzes Nachahmer, sich zu ergeben, Erröthend über seine Eitelkeit und schamroth vor deiner Wahrheit, sprach er plötzlich unvermuthet zu Simplician: »laß uns zur Kirche gehen, ich will ein Christ werden!« – Und jener ging mit ihm, kaum sich vor Freude faßend. Er gesellte sich zu denen, welche den ersten Unterricht empfiengen, und bald war er unter der Zahle derer, welche durch die Taufe wiedergeboren zu werden verlangten; Rom staunte und die Kirche freute sich. Die Stolzen knirschten mit den Zähnen in ohnmächtiger Wuth, aber du, Herr, bliebtest seine Hoffnung und nimmer kehrte er sich an den alten, unsinnigen Trug. Und als die Stunde kam, in der er seinen Glauben bekennen sollte – von erhabener Stätte, im Angesicht des glaubigen Volkes, geschieht dieß in Rom nach einer auswendig gelernten Formel von denen, die deiner Gnade nahen wollen – so wurde von den Geistlichen ihm der Antrag gemacht, sein Bekenntniß heimlich anzuhören, wie man das oft Solchen zugestand, von welchen man fürchtete, sie möchten sich unsicheraus Schüchternheit benehmen; er aber zog es vor, sich zu seinem Heil öffentlich vor der Gemeinde der Heiligen zu bekennen. Denn das Heil war es nicht, das er sonst als Lehrer der Beredsamkeit lehrte, und doch hat er das öffentlich gethan; wie sollte er, zu deinem Worte sich bekennend, deine sanfte Heerde scheuen, der einst bei seinen Vorträgern die Horde der Unsinnigen nicht gescheut! Als er daher die erhöhte Stätte bestieg, um sein Bekenntniß abzulegen, riefen sich Alle, die ihn kannten, glückwünschend und mit lautem Jubel seinen Namen zu; und wer war da, der ihn nicht gekannt hätte? Und Victorinus, Victorinus! schallte es einstimmig aus der Freudigen Munde. Plötzlich wie sie ihn sahen, brach ihr Jubel aus, und plötzlich schwiegen sie, um ihn zu hören. Mit hoher Zuversicht legte er das Bekenntnis des wahrhaftigen Glaubens ab. Da zogen ihn alle ins freudig jauchzende Herz hinein, und ihre Liebe und ihre Freude waren ihre umschlingenden Arme.

III.

O mein gütiger Gott, wie kommt es, daß sich der Mensch mehr des Glücks seiner Seele freut, wenn sie nimmer darauf hoffte und von großer Gefahr befreit wurde, als wenn sie immer ohne je in große Gefahr gekommen zu sein, gehofft hatte? Auch du ja, erbarmender Vater, freust dich mehr über den Sünder, der zurückkehrt, als über neun und neunzig Gerechte die der Buße nicht bedürfen. Und wir hören mit Wonne vom verirrten Lamm, das der treue Hirte im Jubel seiner Freunde auf seinen Schultern zurückbrachte, und wie unter der Mitfreude der Nachbarn das Weib den wiederfundenen Groschen zu ihrem Schatze legte. Thränen entlockt uns die festliche Freude deines Hauses, da wir in deinem Hause von jenem jüngeren Sohne lesen: er war todt und ist wieder lebendig geworden. Er war verloren und wurde wieder gefunden. Ja, du freuest dich in uns und in deinen Engeln, die da geheiligt sind durch heilige Liebe. Du bist immer derselbe, und kennst das, was weder immer ist, noch stets dasselbe ist, doch immer nur auf gleich Weise. Warum nun freut sich die Seele mehr des Geliebten, das sie wieder findet, als dessen, das sie stets besaß? Daß dem so ist, zeigen alle menschlichen Dinge. Es triumphirt der siegbeglückte Feldherr und hätte ohne Kampf nicht gesiegt; je größer seine Schlachtgefahr, desto größer ist seine Siegesfreude. Den Seefahrer peitschen die Stürme, der Schiffbruch droht; erblaßt erwarten alle ihr ende, aber ruhig werden Luft und Meer, und ohne Maaß, wie ihre Furcht war, ist ihre Freude. Ein Freund ist erkrankt, sein fieberischer Puls ist der Anzeiger schweren Uebels, und die Herzen Aller, die ihn gesund wünschen, erkranken mit ihm; ihm wird beßer, noch wandelt er nicht mit der vorigen Kraft, und jetzt ist die Freude größer, als sie es war, da er rüstig und gesund einst wandelte. Selbst ihre Vergnügungen erwerben sich die Menschen nicht durch Beschwerden, die unvermuthet und wider ihren Willen hereinbrechen, sondern durch gesuchte. Eßen und Trinken ergötzen nicht, es gehe ihnen denn die Beschwernis des Hungers und Durstes voran. Der Trunkliebende nimmt ein scharfes Reizmittel zu sich, damit ihm die Abkühlung des brennenden Schlundes im Trunk zur Lust gereiche. Die verlobte Braut gibt sich nicht alsbald dem Manne hin, damit er sie nicht gering achte, wenn er nicht zuvor nach der Zögernden seufzte. Das finden wir in der sündlichen, wie in der erlaubten Lust, ja in der reinsten Liebe, finden es in Dem, der gestorben war und wieder lebendig ward, verloren war und sich wieder fand. Allenthalben bahnt ein größere Schmerz die größere Wonne an. Wie kommt das, mein Gott, da du dir selbst die ewige Freude bist und da es Geister gibt in deiner seligen Nähe, die von nichts wißen, als von der Freude an dir? Warum wechselt bei Andern Schaden und Gewinn, sich Verlieren und Wiederfinden? Ist das die Bedingung ihres Lebens, o du, der du all deinem Guten und allen deinen heiligen Werken ihre Stätte anwiesest und ihre Zeit, von der Himmel Höhe bis zu der Erde Tiefen, vom Anfang bis zum Ende der Zeiten, vom Engel bis zum Wurm, von der ersten bis zur letzten Regung des Lebens? O wie hoch bist du in der Höhe und wie tief in den Tiefen, nirgends wendest du dich hinweg, und kaum kehren wir zurück zu dir!

IV.

Wohlan Herr, vollführe es! Rühre uns und rufe uns zurück, erhebe dich und reiße uns mit dir, entflamme uns und werd’ uns wonnereich, daß wir dich lieben und zu dir eilen! Aber so Viele kehren aus einer tiefern Höhe der Verblendung zu dir zurück, als Victorinus, erheben sich in deines Lichts Empfang, das sie zu deinen Kindern macht; doch wenn sie weniger berühmt im Volke sind, so freuen sich ihrer Rückkehr selbst ihre Bekannten weniger. Ist aber die Freude vielfach, so wird sie auch reichlicher in den Einzelnen, weil einander Alle wechselweise mit ihr durchbringen. Sind daher die Rückkehrenden Vielen bekannt, so wirkt ihr Beispiel in Vielen das Heil, und gehen sie zu ihm Vielen voran; darum freuen sich ihrer so reichlich auch Diejenigen, die selbst schon vorangiengen, denn sie haben sich nicht über sie allein zu freuen. Aber mit Nichten nimmst du die Reichen vor den Armen und die Vornehmen vor den Niedringen auf in dein Heiligthum, sondern was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, daß er zu Schanden mache, was stark ist. Und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hast du erwählet, und das da nichts ist, daß du zu Nichte machest, was etwas ist (1. Cor. 1, 28). Und doch wollte selbst der geringste Apostel, durch den du diese Worte sprachest, statt Saulus Paulus heißen, des herrlichen Sieges wegen an Paulus, dem Proconsul, dessen Stolz er durch seinen heiligen Dienst überwand, da er ihn beugte unter das sanfte Joch deines Gesalbten, und ihn zum Stadthalter eines höheren Königs machte. Denn mehr wird der Feind in dem besiegt, den er fester in Banden hielt und durch den er Viele gefangen hatte; und fester hält er die Stolzen durch ihren hohen Rang unter den Menschen, durch den so Viele an ihn gefeßelt werden. Mit je größerem Danke deiner Kinder eines Victorinus Herz schauten, das der Satan gleich einem undurchbrechlichen Vollwerke beseßen, mit je größerem Danke sie die Sprache eines Victorinus jetzt vernahmen, die Satans scharfer Pfeil gegen Viele gewesen: desto voller mußt der Jubel ausbrechen, weil unser König den Starken band, weil sie das ihm entrißene Gefäß gereinigt sahen und geschickt gemacht für deine Ehre, nützlich seinem Herrn zu jedem guten Werke.

V.

Als mir Simplician, dein Heiliger, dieß von Victorius erzählte, entbrannte ich im Eifer, ihm nachzuahmen, und darum hatte er es mir auch erzählt. Dazu berichtete er mir, als zu des Kaisers Julian Zeiten ein Gesetz gegeben wurde, welches den Christen den Unterricht in Wißenschaften und Beredsamkeit verbot, habe Victorinus lieber die geschwätzige Schule verlaßen, als dein Wort, mit dem du der Unmündigen Zungen beredt machst. Da fand ich ihn nicht minder glücklich als stark, weil er nun Gelegenheit hatte, ganz dir zu leben. Und nach dem auch seufzte ich, nicht mit eisernen Ketten, nur mit meinem eisernen Willen gebunden; ach diesen hatte der Feind befangen und mir daraus dir umwindende Kette geschmiedet. Denn aus verkehrtem Willen entsteht böse Begierde und wird dieser gefröhnt, so wird sie zur Gewohnheit, die, wenn man ihr nicht widersteht, sich in Nöthigung verschlimmert. Dieß waren die Ringe der Ketten, die mich in harter Knechtschaft hielt. Der neue Wille aber, mit dem ich begann, dich dankbar zu ehren, mit dem ich verlangte, dein zu genießen, o Gott, der du allein wahre Wonne bist, der war noch nicht stark genug, um den alten durch Gewohnheit erstarkten, Willen zu überwinden. Zwei Willen bestritten sich in mir, ein neuer und ein alter, jener geistig, dieser fleischlich, und verwirrten in Zwietracht meine Seele; und so mußte ich an mir erfahren, wie das Fleisch wider den Geist und den Geist wider das Fleisch gelüstet. Von beiden wurde ich gehalten, dort mehr von dem, das ich billigte, als hier von dem, das ich misbilligte; auch war ich hier es nicht selbst mehr, da ich des Fleisches Gelüsten mehr wider Willen litt, als mit willen übte. Aber durch mich ward die Gewohnheit so mächtig in mir, und hatte mich in meinem Willen zu dem gerißen, was ich nicht wollte. Wer wollte sich daher beschweren, wenn dieß als seiner Sünden gerechte Strafe folgt? Nicht mit deiner Wahrheit unsicherer Erkenntnis konnte ich mich entschuldigen, daß ich fortfuhr, statt dir, der Welt zu dienen; denn heil und sicher war deine Wahrheit mir geworden. Gebunden an die Welt zögerte ich, in deine Dienst zu treten, und fürchtete so mich von allen Hindernissen loszureißen, wie diese Hindernisse selbst zu fürchten sind. So lag der Welt Last sanft, wie auf einem Schlafenden, auf mir, und die Gedanken, womit ich dein gedachte, waren gleich dem Streben derer, die gern aufstehn möchten, und von des Schlummers Macht gehalten wieder zurückfinden. Obwohl der Mensch oft verschiebt, den Schlaf abzuschütteln, indem große Schläfrigkeit auf seinen Glieder liegt, die zu der Zeit des Aufstehens selbst wider Willen ihr festbannt: so ist doch Keiner, der immer schlafen möchte, denn nach gesundem Urteil ist Wachen beßer; und ebenso war ich gewiß, beßer wäre es, mich deiner Liebe zu ergeben, als meinen Lüsten nachzugehen. Aber jenes gefiel und behiehlt Recht, dieß wirkte Lust und feßelte. Keine Antwort hatte ich auf deinem Ruf: wache auf, der du schläfst, vom Tod erstehe, so wird dich Christus erleuchten. – Du zeigtest überall, daß wahr du redest, und besiegt von der Wahrheit, hatte ich nichts zu antworten, als träge, schläfrige Worte: »sogleich, ja sogleich, wart’ ein wenig!« Aber das Sogleich und Sogleich hatte kein Ende, und das: wart’ ein wenig! zog sich in die Länge. Vergebens hatte ich Lust an deinem Gesetze nach de inwendigen Menschen, da ein ander Gesetz in meinen Gliedern wider das Gesetz meines Geistes war, und mich gefangen führte unter das Gesetz der Sünde in meinen Gliedern. Denn das Gesetz der Sünde besteht in der bösen Macht der Gewohnheit, die den Geist auch wider seinen Willen lenkt und beherrscht, zum Lohn, daß er sich freiwillig in sie warf. Wer sollte mich Elenden retten aus dem Leibe dieses Todes, als deine Gnade durch Jesus Christus, unsern Herrn?

IV.

Loben will ich deinen Namen, Herr, du mein Helfer und Erretter, und erzählen, wie du mich befreitest von der beherrschenden Sinnenglut und dem weltlichen Treiben. Ich that, was ich zu thun mir angewöhnt, aber mein Bangen wuchs und täglich seufzte ich zu dir, deine Kirche besuchte ich, so oft es die Arbeit erlaubte, unter deren Last ich ächzte. Alypius wohnte bei mir und hatte Muße nach den Arbeiten des Rechtsgelehrten, nachdem er darin das Amt eines Besitzers bei den Gerichten begleitet hatte. Er wartete auf diejenigen, an die er seinen Rechtsbeistand verkaufen konnte, wie ich meine Beredsamkeit als Lehrer zu Kaufe bot. Nebridius hatte es uns zu Liebe gethan, daß er einem unserer vertrautesten Freunde als Lehrgehilfe beistund, nämlich dem Verekundus, einem Bürger und Litteraturlehrer in Mailand, welcher eines Beistandes gar sehr bedurfte und ihn aus unserem Kreise verlangte, sich auf sein Freundesrecht dabei berufend. Nicht durch Gewinnsucht ließ sich Nebridius überreden, er hätte für sich allein Größeres zu erreichen vermocht, sondern der sanfte, hingegeben Freund folgte unserem Verlangen aus liebendem Pflichtgefühl. Und sehr weislich that er, den Weltruhm vermeidend und die damit verbundene Unruhe, denn frei und unabhängig wollte er der Herr seiner Zeit bleiben, um in dem was weise macht, sich durch Forschen, Lesen und Zuhören zu unterrichten. Einst, als ich mit Alypius zusammen war, besuchte uns Pontitian, unser Landsmann aus Afrika, der einen ansehnlichen Dienst am Hoflager bekleidete. Als wir mit ihm im Gespräche saßen, bemerkte er zufällig auf dem Tische vor uns ein Buch, öffnete es und fand, ihm unvermuthet, die Schriften des Apostels Paulus; denn er glaubte eines der Bücher über die Beredsamkeit, die mein Gewerbe war, zu finden. Lächelnd sah er mich an, verwundernd wünschte er mir Glück, weil er nun dieß, weil er kein anderes als dieß Büchlein bei mir gefunden, von dem ich ihm sagte, daß ich mich jetzt ausschließlich damit beschäftigte. Denn er war ein aufrichtiger Christ, de sich oft vor dir, o Gott, in deiner Kirche niederwarf und dich anhaltend anrief. Im Gespräch kam er auf den Antonius, den ägyptischen Mönch, dessen Gedächtnis bei deinen Verehrern in hoher Ehre steht, von dem wir aber bis dahin nichts gewußt hatten. Mit Staunen vernahmen wir, wie nahe an unsern Tagen, im ächten Glauben deiner Kirche, sich so unzweifelhaft Wunderbares ereignet habe; und ebenso staunte der Erzähler, daß wir von all dem nichts wußten. Seine Rede verbreitete sich nun weiter über die Menge der Klöster, über die gottgefälligen Sitten derselben, über das Prangen ihrer Einöden in Geistesfrüchten, von welch Allem wir nichts kannten. Selbst vor Mailands Mauern war unter des Ambrosius Pflege ein solches Kloster frommer Brüder, und wir wußten nichts davon. Pontitian, nun schon einmal am Klosterleben, erzählte weiter: er habe sich einst mit dem Kaiser im Amphitheater in Trier befunden, um der nachmittägigen Spiele willen. Das habe er mit drei Freunden verlassen, um in den der Stadt nahen Gärten zu lustwandeln, wo sie sich zu zwei Paaren auf ihrem Spaziergang getrennt hätten. Die beiden Andern seien bei ihrem Umherschweifen auf eine Hütte gestoßen, die von geistlich armen Gottesdienern, derer das Himmelreich ist, bewohnt wurde; und dort haben sie eine Schrift gefunden, welche das Leben des Antonius enthalten. Als einer von ihnen in ihr las, staunte er tief bewegt, und kam unter dem Lesen auf den Gedanken, ein solches Leben zu ergreifen und den Dienst der Welt mit deinem Dienste zu vertauschen; beide waren nämlich kaiserliche Provinzialbeamte. Plötzlich erfüllt von heiliger Liebe, und in geistlicher Schaam sich selbst zürnend, warf er die Blicke auf den Freund und sprach zu ihm: »Sag du mir, wohin gelangen wir mit allen unsern Anstrengungen? Was suchen wir? Weshalb dienen wir? Ist das unsere größte Hoffnung, daß wir in näheres Verhältnis mit dem Kaiser kommen? Aber auch dann, ist da nicht Alles hinfälliger noch und gefahrvoller? Durch die vielen Gefahren streben wir nach noch größeren Gefahren? Und wann erreichen wir das Ziel? Will ich aber Gottes Freund sein, siehe, sogleich kann ich es werden!« – So sprach er und in den Geburtswehen seines neuen Lebens heftete er die Augen auf das Buch und las weiter, bis er verwandelt war im Innersten, in das du siehst, und sein Herz von der Welt befreite, wie sich bald ergab. Denn während er liest und es im Herzen ihm wogt und stürmt, immer nach Beßerem ringend, und schon dein, spricht er zum Freunde: »Ich habe mich losgerißen von all unserm Hoffen, meinem Gott will ich dienen, und beginnen will ich’s an diesem Ort, in dieser Stunde. Willst du mir nicht nachahmen, so sei mir nicht entgegen.« Aber jener antwortete ihm, er wolle mit ihm Ein Herz und Eine Seele werden, in solchem Dienst, um solchen Preis. So schnell wurden sie dein, und erbauten sich die Hütte, ihren sicheren Thurm vor der Welt, alles verlaßend und dir nachfolgend. Pontitian und seine Begleiter fanden sie an diesem Ort nach langem Suchen, und ermahnten sie, zurückzukehren, weil der Tag sich geneigt habe. Aber jene erzählten ihnen ihren Entschluß und die Ursache seiner Entstehung und Befestigung, und baten, sie nicht zu beschweren, wenn sie sich nicht ausschließen wollten. Diese blieben, obwohl sie selbst darüber beweinend, in ihrem alten Stande, wünschten ihnen Heil und empfahlen sich ihrem Gebete; und ihr Herz zur Erde lenkend, kehrten sie in den Palast zurück; jene aber blieben in der Hütte, das Herz zum Himmel richtend. Beide hatten Bräute, die sich nun auch dir verlobten.

VII.

Das erzählte Pontitian. Du aber, Herr, drängtest mich bei diesen Worten zu mir selbst zurück, erhobest mich, der ich mich niedergelegt hatte und nicht erheben wollte, und stelltest mich vor mich selbst, daß ich sähe, wie schändlich ich wäre, wie verwildert und verunreinigt, wie befleckt, ach, und verwundert! Ich sah und schauderte und fand den Ort nicht, wohin ich fliehen könnte vor mir selbst. Und wenn ich von mir selbst den Anblick wenden wollte, da erzählte Jener und erzählte, und du stelltest mich mir selbst wieder gegenüber, und triebest mich selbst vor meinen Anblick, damit ich meine Ungerechtigkeit erkennte und haßte. Wohl kannte ich sie zuvor, aber ich entschuldigte mich, wendete mich weg von ihr und vergaß sie. Jetzt aber, je glühender ich die heiligen Regungen liebte, mit welchen sich jene deine Knechte ganz in dein Heil hingaben, um so flammender haßte ich mich, wenn ich mit ihnen mich verglich. Denn schon waren zwölf Jahre dahin, seit ich im ein und zwanzigsten Jahre meines Lebens den Hortensius des Cicero gelesen hatte und durch ihn zum Erlernen der Weisheit angeregt wurde, und noch verzog ich, mit Verachtung des Erdenglücks, mich ihr ganz zu weihen, die ich nicht nur suchen, die ich in ihrem Werth schätzen und lieben lernen sollte, selbst wenn ich alle Schätze und Reiche dieser Welt gefunden hätte und auf meine Wink mir alle sinnlichen Lüste dienten. Aber schon als Jüngling war ich elend genug, um beim Erwachen der unreinen Jugendlüste dich um die Gabe der Keuschheit und Zucht erst für eine spätere Zeit zu bitten; denn ich fürchtete, bald erhört und geheilt zu werden von der verzehrenden Sinnenglut, die ich lieber ganz erschöpfen, als erlöschen wollte. So wandelte ich auf der Sünde und des Aberglaubens Wege, ohne auf ihm Ueberzeugung zu finden, aber ihn den andren Wegen vorziehend, die ich nicht redlich suchte, sondern feindselig bekämpfte. Und ich miente mich von Tag zu Tag abzuquälen in Verachtung weltlicher Hoffnung und dir allein zu folgen, weil ich nach nichts Gewissem meinen Lauf richten konnte, bis der Tag kam, an dem ich mich sah in meiner Blöße, in dem mein Gewißen mich anrief: »Wie willst du dich entschuldigen? Wohl sagtest du so oft, weil dir die Wahrheit noch nicht gewiß sei, so wolltest du deiner Eitelkeit Bürde nicht ablegen; aber siehe, nun ist sie dir gewis und noch drückt dich die Bürde, während Solche auf die freie Schulter Flügel empfangen, die nicht, wie du, sich zehen Jahre und mehr nur in thatenloses Grübeln versenken.« – So wurde von Pontitians Erzählung mein Innerstes zerrißen und von tiefster Schaam erdrückt. Wie drang in mich, was ich zu mir sprach, als er gegangen war, mit welch strafenden Gründen schlug ich meine Seele, daß sie nachkomme meinem Vorhaben, dir zu folgen? Wie sie widerstund – sie hatte keine Entschuldigung mehr, nur das stumme Zagen blieb ihr übrig, mit dem sie das Entnommenwerden aus der Todesfluth der Gewohnheit fürchtete, wie den Tod.

VIII.

Und in diesem großen Kampfe, den ich tief im Herzen gegen meine Seele aufgenommen, Sturm in den Mienen und im Herzen, breche ich gegen Alypius los und rufe aus: »Wie geschieht uns? Was ist das? Was hast du gehört? Die Ungelehrten erheben sich und reißen das Himmelreich an sich, und wir, mit unserer herzlosen Gelehrsamkeit, siehe wie wir uns wälzen in Fleisch und Blut! Schämen wir uns, weil sie es uns zuvorgethan, und schämen uns nicht, ihnen nicht zu folgen?« So ungefähr waren meine Worte; dann riß ich mich los von ihm in meiner Aufregung, der schweigend und tief ergriffen mich ansah; denn nicht sprach ich, wie ich gewöhnt war; mehr als meine Worte sprachen die glühende Stirne, Wangen und Augen und das Beben meiner Stimme die Bewegung meiner Seele aus. – Es war ein Gärtchen an unserer Miethwohnung, das uns, sowie das ganze Haus, zur Verfügung stund, denn des Hauses Wirth und Herr wohnte nicht darin; dorthin trieb mich der Aufruhr meiner Brust, daß Niemand den heißen Streit störe, in dem ich mit mir rang, bis er im Frieden endete in der Stunde, die nur die bekannt war; denn mir zum Heile diente mein kämpfender Zorn, ich starb dem Leben entgegen, nur wißend, wie schlecht ich war, nicht wie gut ich werden sollte über ein Kleines. Ich begab mich in den Garten und Alypius folgte mir auf dem Fuße nach; denn er störte mich nicht in meinem tiefen Leid, und wie konnte er mich in solcher Aufregung verlaßen? Entfernt vom Hause saßen wir; ich ergrimmte im Geist, voll stürmischen Unwillens, daß ich nicht eingegangen in den vereinenden Bund mit dir, mein Gott; und alle meine Gebeine schrieen: da mußt du hin! und erhoben zum Himmel dieses Bundes Preis. Aber nicht geht man in ihn zu Schiffe, oder zu Wagen, oder zu Fuße, nicht einmal so weit, wie aus dem Hause zur Stätte, da wir saßen; denn Hingehen oder Hingelangen ist da nichts Anderes, als hingehen Wollen, aber Wollen mit ganzer Kraft, nicht zu wanken und hin und her sich zu werfen mit zerscheitertem Willen, der bald sich aufrichtet, bald niedersinkt im Kampfe. Wohl begann ich auch viel mit dem Körper in der Gluth meiner Unentschiedenheit, was die Menschen angeblich versuchen, wenn ihnen die dazu nöthigen Glieder fehlen, oder wenn diese in Fesseln geschlagen, durch Mattigkeit abgespannt oder sonst wie verhindert sind, denn der Körper drückt den Jammer der Seele aus. Wenn ich meine Haare ausraufte, meine Stirne schlug und die Knie umschlang mit gefalteten Händen, so that ich’s, weil ich es wollte. So Vieles that ich, wo der Wille selbst kleiner war, als das Vermögen; warum that ich das nicht, was mir so unaussprechlich wohl gefiel, und das vermochte ich doch, sobald ich es wollte, da ja, durch innigen Willen, Wollen und Thun plötzlich eins geworden wären? So folgte mein Körper leichter dem leisesten Wink meiner Seele, als die Seele selbst ihrem hohen Willen folgte, zu dessen Ausführung sie nur des Wollens selbst bedurfte.

IX.

Woher und warum diese Unnatürlichkeit? Laß leuchten dein Erbarmen, denn fragen will ich, ob die verborgenen Strafgerichte der Menschen und die dunklen Bedrängnisse der Söhne Adams mir Antwort geben können. Woher diese Unnatur und warum? Die Seele gebeut dem Körper, und sogleich wird ihr gehorcht; die Seele befiehlt sich selbst und ihr wird widerstanden. Die Seele befiehlt, daß die Hand sich bewegen soll, und so leicht geschieht es, daß Befehl und Folge kaum sich unterscheiden laßen. Die Seele befiehlt, daß die Seele es wollen soll, und keine andere ist’s und thut es doch nicht. Woher diese Unnatur und warum? Die Seele befiehlt, daß sie es wolle, sie würde es nicht befehlen, wenn sie es nicht wollte, und doch geschieht nicht, was sie befiehlt. Aber sie will es nicht mit ganzer Kraft, daher befiehlt sie es nicht mit ihr, denn nur so weit befiehlt sie es, als sie es nicht will. Der Wille befiehlt, weil er es will und kein anderer; befiehlt er nicht mit ganzer Kraft, so hat er nicht, da er zu befehlen hätte; und befähle er mit ganzer Kraft, so brauchte er nicht zu befehlen, daß etwas geschehe, denn schon wäre es geschehen. So ist dies Schwanken zwischen Wollen und nicht Wollen nichts Unnatürliches, sonder eine Krankheit der Seele, weil sie, von der Gewohnheit belastet, sich nicht ganz an der Wahrheit Hand erheben kann. Und zweierlei Willen hat sie, weil der deine Wille nicht ihr ganzer Wille ist, und der eine nur das hat, was dem andern fehlt.

X.

Vergehen müßen vor deinem Angesicht, o Gott, als die da Eitles reden und Herzen verführen, welche, da sie zwei Willen in ihres Herzen Rath vernehmen, zwei geistige Naturen, eine gute und eine böse, und zweierlei Geist behaupten. Derselbe Mensch ist böse, so lange sein Trachten böse ist, und gut, wenn er nach deiner Wahrheit trachtet, wie dein Apostel sagt: »ihr waret einst Finsterniß, und seid nun Licht im Herrn geworden.« (Eph. 5, 8) – Wollen sie Licht werden in sich und nicht in Gott, da sie wähnen, die natürliche Seele sei das, was Gott ist, so werden sie nur dichtere Finsternis, weil sie in gräulichem Stolz nur weiter weg von dir wandten, von dir, dem wahren Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt. Merket auf eure Rede und erröthet über sie, erhebet euch zu ihm, und ihr werdet Licht und euer Antlitz wird nimmer erröthen. – Da ich mit mir zu Rathe gieng, ob ich nun dienen wollte dem Herrn meinem Gott, wie ich so lange schon mir vorgenommen, so war ich es, der da wollte, ich, der da nicht wollte, ich, ich war es. Nicht wollte ich völlig, noch wollte ich völlig nicht; so stritt ich mit mir selbst und wurde von mir selbst verwirrt; und ob ich selbst auch diese Verwirrung nicht wollte, so kann sie doch nicht aus einem fremden Gemüthe, sie war die Strafe des meinen. Und so habe nicht ich sie versucht, sondern die Sünde, die in mir wohnte; vom ersten Sündenfalle her, denen ich war Adams Sohn. Wenn so viele einander entgegengesetzte Naturen sind, als sich Willen widersprechen, so sind nicht nur zwei, sondern mehrere. Wenn einer Anstand nimmt, ob er in den Conventikel der Manichäer oder ins Theater gehen soll, so schreien die Manichäer: da siehst du die zwei Naturen! die eine ist gut und führt dahin, die andere ist böse und führt dorthin; denn woher jenes Zaudern der beiden einander widersprechenden Willensrichtungen? In meinen Augen sind die beide schlecht, sowohl diejenige, welche in den Conventikel, als diejenige, die ins Theater will. Aber das glaube sie nicht, wenn man den Willen nicht gut nennt, der zu ihnen führt. Und wie nun, wenn Einer der Unsern unter dem Streit seiner beiden Willensrichtungen mit sich beräth, ob er ins Theater gehe oder in unsere Kirche, werden nicht auch diejenigen, die ihm rathen sollen, in Ungewißheit schwanken? Entweder werden sie bekennen, was sie nicht wollen, es werde mit vollem Willen in unsere Kirche gegangen, wie es diejenigen thun, welche von ihren Gnadengütern hingerißen sich an sie gebunden fühlen, oder sie werden glauben, in einem und demselben Menschen seien zwei böse Naturen und zwei böse Gemüther mit einander im Streit, und es wird nicht wahr sein, was sie zu behaupten pflegen, daß eine Natur gut, die andere böse sei; oder sie werden sich zur Wahrheit bekehren und anerkennen, wenn Jemand mit sich zu Rathe gehe, so sei es nur eine und dieselbe Seele, welche in verschiedenen Willensrichtungen sich umtreibe. So sollen sie also nicht behaupten, wenn sie zwei einander widersprechende Willen in sich spüren, zwei verschiedene Gemüther, ein gutes und ein böses, streiten miteinander, weil sie aus zwei entgegengesetzten Grundlagen kommen. Denn du, wahrhaftiger Gott, verwirrst die und überweisest sie gleichsam an ihre beiden bösen Willen. Jemand geht mit sich zu Rathe, ob er in Menschen mit Gift oder mit dem Schwerte morden soll; ob er in dieses oder in jenes Landgut einbreche, da er nicht in beide zugleich kann; ob er in verschwenderischen Lüsten lebe oder sein Geld habsüchtig zusammenhäufe; ob er auf die Rennbahn oder in’s Schauspielhaus gehe, wenn beide an Einem Tage offen sind; ob er noch zu diesen Beiden als Drittes einen gelegenen Hausdiebstahl, als Viertes einen Ehebruch begebe, der sich ihm eben darbeut; wünscht er das Alles nicht mit gleicher böser Lust, wenn er auch nicht Eines nach dem Andern üben kann, weil sie alle auf Einen Augenblick zusammenkommen? Sie zerreißen sich das Herz mit dem einander widerstrebenden vier Willensrichtungen oder mit mehreren, da so vielerlei begehrt werden kann, und doch behaupten sie keine so große Zahl von Grundlagen der Seele, sondern nur ihrer zwei. Dasselbe findet statt bei guten Willen: frage ich, was besser sei, sich an Paulus, am Evangelium oder an den Psalmen mit Lesen zu erquicken, so wird man wohl von jedem sagen, es sei gut. Wie nun, wenn sie alle zu gleicher Zeit in gleichem Grad uns erfreuen? Bringen da nicht verschiedene Willensansichten das Herz mit sich selbst in Zwiespalt, wenn wir berathen, was wir zuerst ergreifen sollen? Alle sind gut und streiten doch unter sich, bis das Eine erwählt wird, an das der ganze, eine Wille komme, der zuvor in mehrere Willen getheilt war. – Wenn nun die Ewigkeit das Höhere, die Erdenlust das Niedere in uns reizt, so trifft der Reiz dieselbe Seele, die nur nicht mit ganzem, vollem Willen Dieses oder Jenes will und so zerrißen wird in schwerem Druck, das Höhere vorziehend, dessen Wahrheit sie erkannte und noch das Niedere nicht laßend, mit dem sie so vertraut ist.

XI.

So elend war ich und gequält, mich schärfer verklagend las je, mich drehend und windend an meiner Kette, bis sie ganz von mir falle, die mich nicht ganz mehr, aber doch noch fest hielt. Und du, Herr, warest in meinem verborgenen Herzen, mit strengem Erbarmen, mit der doppelten Geißel der Furcht und Scham, daß ich nicht wieder ablaße im schmerzlichen Ringen und die lockere Kette nicht wieder fester mich umschnüre. Da sprach ich zu meinem Herzen: o siehe, bald, ach bald nun wird’s geschehen! Schon bekannte mein Mund meine Willigkeit, nahe war ich der That und that sie doch nicht, doch stürzte ich nicht zurück in’s Alte, nahe stund ich, tief aufathmend in Verlangen und Müdigkeit. Ich wiederholte den Versuch und schon war ich um ein Weniges entfernter und hielt mich schon weniger fest; ach nimmer war ich da und nimmer hielt ich mich, schwankend zwischen dem ewig tödtenden Sterben und dem ewig belebenden Leben; mehr vermochte in mir das Schlechtere, mir Angewachsene, als das Beßere, mir so Neue. Und der Augenblick, in dem ich ein Anderer werden sollte, je näher ich ihm entgegentrat, desto mehr schreckte er mich; er zog mich, ich konnte nicht nahen noch weichen. Zurück riefen mich die nichtigen Spielereien und die Eitelkeiten der eitlen Welt, meine alten Freundinnen zerrten mich an meinem Fleisch, wie an einem Kleide und lispelten: »Uns willst du von dir laßen? Und von dem Augenblick an werden wir nicht mehr bei dir sein in Ewigkeit, und von dem Augenblick an wird deine Wahl nicht frei sein in alle Ewigkeit!« – Aber, o Gott, was war es, das sie mir vorsetzten zur Wahl! Von deinem Knecht wende dein Erbarmen den Unrath weg und die Schmach, die sie mir vorsetzten. Schon hörte ich sie nimmer zur Hälfte an, schon sprachen sie, meinen Weg betretend, weniger frei zu mir, murrten nur hinter meinem Rücken, und zupften heimlich den Entweichenden, daß er zurücksehe. Aber sie verzögerten meinen Gang zu dem, der mich rief, denn die verderblichen Gewohnheit sprach: glaubst du es zu können ohne sie? Aber auch diese sprach schon läßiger, denn dorther, wohin ich mein Antlitz wandte und doch bebte hinzugehen, von dort her enthüllte sich mir die keusche Herrlichkeit der Zucht; heiter und so friedenvoll froh, so mit liebreizenden Wort mich lachend, daß ich doch komme und nicht mehr zage; nach mir breitend die segnenden Hände und die Arme all ihrer heiligen Frommen, die da umfangen und umschlugen waren, wie ich es werden sollte: Knaben und Mägdlein, der Jugendlichen reiche Zahl, ach! jedes Alter, vielgeprüfte Witwen, Alte im jungfräulichen Reize, der nimmt welkt. Und in Allen, Allen die selige Keuschheit, die gesegnete Mutter der himmlischen Freuden, gezeugt mit dir, o Herr, in deinem Umfaßen. Und sie legte den heiligen Spott in ihr Mahnen, als sagte sie: »Und du vermagst nicht, was diese vermochten? Nicht durch sich haben es diese vermocht, sie vermochten es in ihrem Herrn und Gott. Ja, ihr Gott, ihr Herr hat mich ihnen gegeben. Was suchst du in dir zu beharren, und siehe, du kannst es ja doch nicht! Wirf dich hinein in ihn, fürchte dich nicht, er entzieht sich dir nicht und läßt dich nicht fallen; wirf dich in ihn im Frieden, er wird dich aufnehmen, er wird dich heilen!« – O wie mußte ich erröthen, denn noch hörte ich das Murmeln jener Nichtswürdigkeit, noch hieng ich am Zaudern. Und wieder nahte die Himmlische: »Sei taub gegen des Fleisches und der Erde Reiz und er wird ersterben. Er verheißet dir Freuden, aber die Freuden nicht, die das Gesetz des Herrn, deines Gottes hat.« – So rang und kämpfte mein Herz mit sich; staunend saß Alypius mir zur Seite, und erwartete schweigend, wohin es kommen sollte mit der ungewöhnlichen Bewegung meiner Seele.

XII.

Als sich aber aus geheimnisvollen Tiefe die ernste Betrachtung sammelte und mein Herz mein ganzes Elend schauen ließ, brach es aus in mir, wie ein nie erfahrener Sturm und löste sich auf in einem Strom von Thränen. Ihn ganz zu ergießen, mit allen seinen Lauten, erhob ich mich von des Alypius Seite; denn passender schien mir die Einsamkeit für solche Thränen. Ich entfernte mich so weit, daß mir seine Gegenwart nicht mehr lästig werden konnte. Staunend blieb ich zurück, schon zuvor bemerkend, daß zurückgehaltene Thränen meine Stimme dämpften. Ich warf mich unter einen Feigenbaum nieder, da ließ ich meinen Thränen den Lauf, und ein dir wohlgefällig Opfer ergoßen sich die Quellen meiner Augen. Und Vieles rief ich zu dir, nicht mit diesen Worten, aber dieses Sinnes: »Und du, Herr, wie so lange! Wie lange, Herr, willst du zürnen! Sei nicht eingedenk unserer vorigen Missethat!« – Denn von ihr fühlte ich mich gehalten, und entsandte meine Klagelaute: »Wie lange? Wie lange? Morgen ach und wieder Morgen! Warum nicht jetzt? Warum in dieser Stunde nicht das Ende meiner Schmach?« – So reif ich und weinte bitterlich in der Zerknirschung meines Herzens. Und siehe, da höre ich eine Stimme vom benachbarten Hause her; sie klang wie die Stimme eines singenden Knaben oder Mägdleins, und wiederholte oft die Worte: »Nimm und lies! Nimm und lies!« Ich entfärbte mich und sann nach, ob etwa Kinder in einem ihren Spiele diese Worte zu singen pflegten, aber ich erinnerte mich nicht, dergleichen je gehört zu haben. Da drängte ich zurück meine Thränen, sprang auf, und konnte diese Stimme mir nur erklären als ein Geheiß von Gott, sein Buch zu öffnen, und zu lesen, auf was ich träfe, sogleich beim ersten Aufrollen der Schrift. – Denn ich hatte von Antonius gehört, er sei einst in eine Kirche getreten, als eben das evangelische Wort gelesen wurde: »Gehe hin, verkaufe Alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach.« (Matth. 19, 21) – Und er habe das Wort angewendet, als wäre es zu ihm gesagt, und habe es, als eine Gottesstimme, sogleich befolgt. – Eilig gehe ich hin, wo Alypius sitzt und wo ich die Briefe des Paulus zurückgelaßen. Ich ergreife das Buch, öffne es, und lese für mich den Abschnitt, der mir zuerst in die Augen fällt: – »Nicht in Gelagen und Trunkenheit, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid; sonder ziehet an den Herrn Jesus Christ und wartet des Leibes nicht zur Stillung fleischlicher Lüste.« (Röm. 13, 13) Nicht las ich weiter, mehr bedurfte ich nicht. Ich hatte gelesen und das Licht des Friedens kam über mein Herz, und alle Zweifelsnächte flohen. Ich bezeichnete die Stelle mit dem Finger, oder irgend einem andern Zeichen, schloß das Buch und erzählte mit ruhiger Miene dem Alypius, was mir geschehen. Er aber zeigte, was in ihm, mir verborgen, vorgieng, zeigte es damit, daß er zu sehen wünschte, was ich gelesen, und als ich’s ihm aufschlug, las er das Folgende: »den Schwachen im Glauben nehmet auf,« (Röm. 14, 1.) es auf sich deutend und mir eröffnend. Diese Worte stärkten ihn; friedenvoll, ohne von Zweifeln bestürmt, zu werden, vereinigte er sich mit mir in gleichem Entschluß, seinen Sitten so gemäß, in welchen er stets viel reiner war, als ich. Nun gieng es zu Mutter; wir erzählen ihr, was geschehen, sie jauchzt und frohlockt, und preist dich, der überschwänglich mehr thun kann, als wir bitten und verstehen. Sie sah ja, wie sie weit mehr von dir für mich erhalten, als sie gebeten hatte im Flehen ihrer Seufzer und Thränen; denn du hattest mich zu dir bekehrt, keiner Ehe Band, keine weltliche Hoffnung suchte ich mehr, fest stand ich auf der Regel des Glaubens, auf welcher du mich vor vielen Jahren ihr im Traumgesichte gezeigt hattest. Du wandeltest ihre Trauer in Freude, thatest es reichlicher, als sie je gehofft, und holdseliger und reiner, als sie es erwartet, da sie durch mich auf Enkel gehofft.

Neuntes Buch

Du hast mir mein Heilige gesandt,

Die treubewährte an des Duldens Proben.

Sie hat für mich ihr flehend Herz erhoben

Bei meiner Sünden hartem Widerstand.

Da du erhörend dich zu ihr gewandt,

Und ich gerettet jauchzte, dich zu loben,

Da war sie reif für deine Liebe droben,

Und nichts mehr, das sie an die Erde band.

Was hast du mit der Einen mir gegeben,

Ach Mutter, Priesterin und Engel mir,

Der liebe Dienst, und Macht und Sieg und Leben!

Zum zweitenmal gebar sie mich, und dir,

Und mußte lang in Mutterwehen schweben,

Doch eine ew’ge Freude ward ich ihr.

I.

O Herr, ich bin dein Knecht und der Sohn deiner Magd! Du hast zerbrochen meine Bande, dafür will ich dir darbringen das Opfer meines Lobes. Es sollen dich loben mein Herz und meine Zunge und sagen sollen alle meine Gebeine: Herr, wer ist wie Du? So sollen sie sagen und du mögest mir antworten, und meiner Seele verkünden: ich bin dein Heil. Wer bin ich und was bin ich? Was war nicht böse an meinen Thaten, und waren es meine Thaten nicht, so waren es meine Worte, und waren es diese nicht, so war es mein Willen. Aber, du Herr, bist gut und erbarmend, deine Rechte langte nach der Todestiefe, in der ich lag, und aus dem Grunde meines Herzens schöpfte sie weg den Pfuhl des Verderbens. Und befreit wurde ich, da ich ganz nicht mehr wollte, was ich gewollt, und nur noch wollte, was du wolltest. Aber wie lange säumte ich, während so hoch und tief mein Willen berufen wurde, den Nacken unter dein sanftes Joch zu beugen, und die Schulter unter deine leichte Last, o Jesus Christus, mein Helfer, mein Versöhner! Und wie geschah mir auf einmal so lieblich, daß ich entbehren konnte der nichtigen Ergötzung, und mit Freuden verlaßen, das ich zu verlaßen mich gefürchtet hatte. Denn du warest es, der aus mir warf, du wahre und höchste Lieblichkeit; du warest es aus und tratest dafür ein, der du süßer bist denn alle Lust, nur nicht dem Fleische und Blute; der du heller bist, denn jedes Licht, aber innerlicher als Alles, das verborgen ist; der du höher bist, als alle Herrlichkeit, doch denen nicht, die sich selber herrlich dünken. Schon war meine Seele frei von den nagenden Sorgen des Beifallhasches und Erwerbens, des Wälzens und Scharrens im Aussatze der zügellosen Lust, und kindlich sprach ich mit dir, meiner Ehre, meinem Reichthum, meinem Heil, meinem Herrn und meinem Gott.

II.

Allmählich, nicht gewaltsam auffallend, wollte ich meinem Lehramte der Beredsamkeit mich entziehen, diesem Markte der Geschwätzigkeit, in welchem in den sich ihrer befleißenden Knaben weder dein Gesetz noch deinen Frieden, in welchem ich ihnen den unsinnigen Trug und der Gerichte Streitfertigkeit, als Waffen für die Sündenwuth, verkaufte. Noch waren es wenige Tage bis zu den Ferien der Weinlese; in ihnen beschloß ich noch auszuharren, und dann förmlich abzutreten und von dir erkauft, nicht käuflich mehr zurückzuweichen. Doch diese Vorhaben war nur dir und den Meinen bekannt, ohne daß wir es weiter verbreiteten, obwohl du uns, die wir in Lobgesängen wandelten durch’s Thränenthal, scharfe Geschoße gabst und versengende Kohlen gegen jede trügliche Sprache, die unsrem Vorhaben widersprechen und uns ihre Lockspeise wieder bieten konnte. Mit deiner Hand ja hattest du unser Herz bewahrt, wir fürchten deine, das Innerste durchbohrende Wort; die Vorbilder deiner Knechte, die du aus Schatten zu Kindern des Lichtes, aus Todten zu Lebendigen gemacht, entflammten unser Herz und machten uns fester gegen jeden Rückfall, so daß uns der trüglichen Sprache Widerrede, statt uns auszulöschen, nur noch mehr entflammen konnte. Doch weil deines Namens wegen, den du überall auf Erden heilig gemacht, unser Gelübde und Vorhaben allenthalben Loben gefunden hätte, so wären wir großsprecherisch erschienen, wenn wir die so nahe Zeit der Ferien nicht erwartet hätten, sondern aus unserem öffentlichen Beruf zuvor schon vor den Augen der Welt geschieden wären. Und Alle, vor deren Augen ich meine That vollbracht, ehe die Weinlese kam, hätten mir nachgefragt: ich wolle groß erscheinen. Was könnte freilich mich es kümmern, wie über meine Gesinnung hin und wieder geurtheilt und unser Gutes verlästert wurde. Auch war durch zu angestrengtes litterarisches Arbeiten im Sommer meiner Lunge angegriffen und hatte mir Heiserkeit, erschwerten Athem und Brustschmerzen zugezogen, was mich ohnehin genöthigt haben würde, mein Lehramt aufzugeben, oder wenigstens bis zur Genesung einzustellen. Da ich aber mit fest gewordenem Willen mein Amt aufgeben wollte, um zu sehen, daß du der Herr bist, dem ich nun dienen sollte, so freute ich mich auch über diesen nicht unwahren Grund meines Zurücktretens, weil sich nun die Menschen weniger daran stießen, die ihrer Kinder wegen nie wollten, daß ich dein Kind würde. Voll dieser Freude, fügte ich mich nun in die Zwischenzeit, die gegen zwanzig Tage betragen mochte, denn wenn auch die Liebe zu dieser schweren Beschäftigung erloschen war, so war mir doch Geduld geworden, ohne die ich mich jetzt sehr gedrückt gefühlt hätte. Vielleicht mag einer deiner Knechte, meiner Brüder einer sagen, ich habe gesündigt, daß ich, mit vollem Herzen mich deinem Dienst ergeben, nur eine Stunde noch auf dem Lehrstuhle der Lüge geseßen, und ich kann nichts dagegen vorbringen. Aber du Herr, Erbarmungsvollster, hast du nicht auch diese Sünde mit den übrigen schrecklichen und trauervollen in deinem heiligen Wasser verziehen und erlassen?

III.

Aber Verecundus, unserer Freunde einer, wurde von Bangigkeit bei unserem Glücke verzehrt, weil er seiner Bande wegen, die ihn so fest hielten, an unserem heiligen Bunde nicht theilnehmen konnte; denn der Mann einer glaubigen Christin, war er selbst kein Christ geworden. Eben aber sein christliches Gemahl hielt er für die hauptsächlichste Feßel, die ihn vom Mitgehen auf unserem Pilgerwege trennte; denn er wollte nur auf eine Weise Christ werden, auf die er es nicht vermochte, wollte es durch Befreiung von den sinnlichen Banden der Ehe. Er machte uns das gütige Anerbieten, auf seinem Landgute zu wohnen, so lange wir uns noch in der Gegend aufhielten. Du wirst es ihm wiedererstatten, Herr, bei der Auferstehung der Gerechten, der du ihm sein Erbe im Licht schon gegeben hast. Denn da wir bereits in Rom waren, wurde er in unserer Abwesenheit von einer Krankheit ergriffen, und, in ihr zum glaubigen Christ geworden, wanderte er aus diesem Leben. So hast du dich seiner und unser erbarmt, damit wir, seiner Freundesliebe denkend, nicht von unerträglichem Schmerz gemartert würden, wenn wir ihn nicht zählen dürften zu deiner Herde. Dank sei dir, unserem Gott, wir sind dein, und das sagen uns deine Mahnungen und Tröstungen, du treuer Verheißer, vergelten wirst du den Verecundus für Cassiacum, sein Landgut in den friedlichen Bergen, wo wir vom Treiben der Welt ruhten in dir; vergelten wirst du ihm dafür mit den Wonnen deines ewig grünenden Paradieses, auf dem Berge, da die ewigen Hütten stehn, auf deinem wonnenträufenden Berge, denn vergeben hast du ihm die Sünden der Erde. Damals wurde Verecundus bange, Nebridius aber, sein Gehülfe im Lehramt der schönen Wißenschaft, wurde mit Freude begnadigt. Kein Christ noch, war er, wie ich früher, in den Abgrund jenes verderblichsten Irrthums gefallen, daß er deines Sohnes Leib für einen Scheinkörper hielt; und aus diesem Irrthum sich erhebend war er noch kein Glied deiner Kirche, kein Theilnehmer ihrer Segnungen geworden, sondern suchte nur für sich mit brennendem Eifer nach Wahrheit. Aber kurze Zeit nach unserer Bekehrung und Wiedergeburt durch deine Taufe, wurde auch er ein glaubiges Glied deiner Kirche, und bewahrte sich in vollständiger Zucht und Reinheit. Nach Afrika zu den Seinen zurückkehrend, bekehrte er sein ganzes Haus zum Christenthum, wurde durch dich gelöst von des Leibes Banden, und lebt nun in Abrahams Schooße. Was wird mit diesem Schooße bezeichnet, in dem mein Nebredius lebt, mein holder Freund, Herr, einst ein Freigelaßener von der Sünde, nun von dir an Kindesstatt angenommen? Dort lebt er nun; welch andern Ort sollte solch eine Seele finden? Er lebt an dem Orte, über den er einst mich unerfahrenes Kind so Vieles fragte. Nun neigt er das Ohr nicht mehr zu meinem Munde, seines Geistes Mund neigt er ewig selig jetzt zu deinem Quell, in dürstendem Verlangen sich mit deiner Weisheit nährend. Doch in der Fülle des Genußes wird er mein nicht vergeßen, denn du, aus dessen Fülle er trinkt, bist unser eingedenk, und wir sind vereinigt in dir. So lebten wir, da wir den Verecundus trösteten in seiner Trauer, denn auch nach unserer Bekehrung hielt unsere Freundschaft fest und ermahnten wir ihn, den Glauben zu suchen im Bande seiner Ehe. Des Nebridius aber hatten wir geharrt, da er so nahe schon der Wahrheit mit dem verlangenden Herzen kam; und endlich kam auch ihm sein Tag, auf den wir, ihm die friedenvolle Freiheit wünschen, lang geharrt, an dem er aus vollem Herzen in den Lobgesang einstimmte: Dir sagt mein Herz, o Herr, daß ich dein Antlitz suche.

IV.

Endlich kam die Zeit, in welcher ich auch in der That, wie schon im Geiste es geschehen war, von dem Berufe des Redners befreit werden sollte; frei, wie mein Herz, hattest du nun auch meine Zunge gemacht, und, freudig dir dankend, zog ich mich mit all den Meinen auf das Landgut zurück. Ich ergab mich dort wissenschaftlichen Arbeiten, die dir schon dienten, aber gleichsam der Schule Stolz vollends ausschnaubten. Es entstand dort meine Schrift der Dialogen mit den Akademikern, sowie die meiner Selbstgespräche, sammt meinen Briefen an den abwesenden Nebridius. Die Zeit reicht nicht zu, um alle deine großen Wohlthaten zu preisen, die du uns erwiesen in jener Zeit, welche uns deinen höhern ewigen Wohlthaten zugeführt. Süß, o Herr, ist mir die Erinnerung, in der ich vor dir bekenne, mit welchen innerlichen Stacheln du mich bändigtest, wie du die Berge und Hügel meiner Gedankenwelt erniedrigtest, das Krumme richtig und das Unebene eben machtest; wie du Alypius, den Bruder meines Herzens, dem Namen deines eingeborenen Sohnes, unsers Herrn und Heilands Jesu Christi, unterthänig machtest, welchem er anfänglich unsere christliche Thätigkeit nicht weihen wollte; denn er wollte sich mehr am Dufte der stolzen Cedern unserer alten Bestrebungen, die der Herr schon gefällt hatte, laben, als an den Heilkräutern der Kirche, den Gegenmitteln gegen das Schlangengift der Sünde. – Wie pries ich dich, mein Gott, da ich die Psalmen Davids las, die glaubensvollen Gesänge, die mit ihrem frommen Schall den Geist des trotzigen Uebermuthes austreiben. Ich las sie, da ich noch, ein Neuling in deiner innigen Liebe, als Katechumene mit dem Kateschumenen Alypius auf dem Landgute der Ruhe lebte und die Mutter uns anhieng mit stiller Weiblichkeit, mit männlichem Glauben, mit des Alters Frieden, der Mutter Liebe und der Gottseligkeit des Christen. Wie pries ich dich bei diesen Psalmen, wie wurde ich von ihnen für dich entflammt und hätte sie gerne dem ganzen Erbkreis gegen den Stolz seines Menschengeschlechts verkündigt. Und werden sie denn nicht in aller Welt gesungen, und breitest du nicht aus mit ihnen deine allumfaßende Wärme? Voll Schmerz zürnte ich den Manichäern, die deine Schrift verwerfen, und bemitleidete sie wieder, daß sie nichts wüßten von diesem himmlischen Heilmittel und im Unsinn verschmähten, was sie heilen kann. Ich wollte, daß sie damals ohne mein Wißen in meiner Nähe gewesen wäre, mein Antlitz gesehen und meine Stimme gehört hätten, als ich in jener Ruhezeit den vierten Psalm las, damit sie bemerkten, was aus mir jene Psalmworte gemacht hatten: »als ich rief, erhörte mich der Gott meiner Gerechtigkeit. Der du mich tröstetest in Angst, sei mir gnädig und erhöre mein Gebet.« Sie hätten es gehört, ohne daß ich gewußt, was für einen Menschen sie gehört, damit sie nicht auf die Meinung gekommen wären, ich hätte ihretwegen gesagt, was ich unter jenen Worten sprach, weil ich es wahrhaftig gar nicht, oder nicht so gesagt hätte, wenn von mir bemerkt worden wäre, daß sie mich hörten und scheuten. Und wenn ich es auch gesagt hätte; so hätte sie es nicht so aufgenommen, wie ich mit mir und für mich vor dir in der traulichen Andacht meiner Seele sprach. Denn ich schrak in Furcht auf und wurde doch von Hoffnung und Freude entflammt über dein Erbarmen, Vater. Das sprach siech aus in meinen Augen und in meiner Stimme, während dein Geist, in Güte zu uns gewendet, spricht: »Lieben Herren, wie lange soll meine Ehre geschändet werden, wie habt ihr das Eitle so lieb und die Lügen so gerne?« (V. 3.) Denn ich hatte das Eitle lieb und die Lügen gerne. Und du, Herr, hattest erhöht schon deinen Heiligen, ihn erweckt von den Todten, ihn gesetzt zu deiner Rechten, von wannen er niedersendet den verheißenen Geist der Wahrheit. Und schon hatte er ihn gesandt und ich wußte es nicht; er hatte ihn gesandt, da er schon durch seine Auferstehung von den Todten und seine Auffahrt in den Himmel verherrlicht war. Denn vorher war der Geist noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war. Doch die Weissagung rief: »Wie lange soll meine Ehre geschändet werden? Wißen sollt ihr, daß der Herr seinen Heiligen verherrlicht« (B. 4.) Sie rief: »wie lange?« sie rief: »wißen sollt ihr es!« Und ich, in banger Unwißenheit, hatte das Eitle lieb und die Lüge gerne; und darum hörte ich mit Zittern das Wort; zu solchen ja wird es gesagt, wie ich wußte, daß ich gewesen war. Denn Eitelkeit und Lüge war in jenen Trugbildern, die ich für die Wahrheit hielt; und laut klagte ich im Schmerz meiner Erinnerung: O hätten sie es vernommen, die das Eitle noch lieben und der Lüge noch anhängen! Sie wären erschüttert worden und hätten von sich geworfen ihre Verblendung, und du hättest sie erhört, wenn sie zu dir gerufen hätte, weil der für uns den wahren Leibestod gestorben ist, der für uns redet zu dir. Weiter las ich: »Zürnet ihr, so sündiget nicht.« Wie wurde ich bewegt, mein Gott, der ich gelernt hatte, auf mich zu zürnen über das Vergangene, damit ich fortan mich nicht versündigte. Ja wohl galt es, mir mit Recht zu zürnen, weil keine fremde Natur aus dem Volk der Finsterniß sich an mir versündigt hatte, wie diejenigen sagen, die sich selbst nicht zürnen und sich den Zorn häufen auf den Tag des Zorns und der Offenbarung deines gerechten Gerichtes. Meine Güter waren keine mehr von denen, die draußen sind in der Sinnenwelt; nicht mit fleischlichen Augen, nicht unter dieser Sonne hatte ich sie mehr zu suchen. Ach, die sich freuen wollen draußen, wie leicht werden sie eitel und in das geworfen und zerstreut, was nur scheinbar und zeitlich ist, an dessen trüglichem Schaugericht sie mit hungernden Gedanken lecken. O würden sie matt von Hunger und riefen dann: wer zeigt uns das Gute? Wir wollen ihnen Weiteres sagen und möchten sie es vernehmen: »Herr, erhebe über uns das Licht deines Antlitzes.« (B. 7.) Denn wir selbst sind nicht das Licht, das jeden Menschen erleuchtet, wir werden erleuchtet von dir, daß wir, die wir einst Finsterniß waren, Licht werden in dir. O daß sie sähen das innere, ewige Licht, das ich kostete und doch zürnte, weil ich es ihnen nicht zeigen konnte, wenn sie auch zu mir kamen und nach dem Guten fragten, mit nach Außen gekehrten Gedanken. Denn erst, da ich im Innersten mir zürnte, da ich getroffen war und meinen Alten Menschen zum Opfer schlachtete, und auf dich hoffte in meines Geistes Erneuerung, da erst begannst du süß mir zu werden und gabest Freude in mein Herz. Und mein Freudenruf erschallte, da ich das Wort las von Außen und es geschrieben sah in meinem Innern, und nimmer wollte ich reich werden an irdischen Gütern, das Zeitliche verschlingend und von ihm verschlungen; denn in ewigem Genügen hatte ich andere Früchte, andern Wein und anderes Oel. Und laut rief mein Herz beim folgenden Vers: o im Frieden, o in dir selbst darf ich ruhen und schlafen. (B. 9) Denn wer mag wider uns sein, seit geschrieben steht: der Tod ist verschlungen in den Sieg? In dir, der nicht wandelt, der du über Allem bist, in dir ist Ruhe, die aller Müh’ vergißt, da man nicht suchen geht nach andern Dingen, die doch nicht sind, was du bist, und darum, Herr, hilfst du allein uns, daß wir sicher werden. – So las ich und entbrannte, und fand nicht, wie ich helfen möchte jenen fühllosen Todten, deren einer ich gewesen war, o ein verpestender Verpesteter, ein unwirscher Beller, ein Blinder gegen die Worte, die da süß sind von himmlischem Honigsein, und lichtvoll von deinem Lichte. Und der Schmerz verzehrte mich über die Feinde dieser Schrift.

Nicht zu zählen ist, was ich von dir empfing in jenen Tagen ländlicher Ruhe; aber ich vergaß deiner nicht, noch will ich verschweigen deiner Geißel Zucht und die wunderbare Eile deines Erbarmens. Damals war es auch, daß du mich mit Zahnschmerzen züchtigtest, deren heftige Zunahme mich der Sprache unfähig machte, und da kam es mir in’s Herz, alle anwesenden Lieben zu ermahnen, sie sollten für mich zu dir beten, du Gott eines jeglichen Heiles. Ich mußte ihnen, in meiner Sprachunfähigkeit, mein Verlangen niederschreiben. Und alsbald, da wir die Kniee beugten in innigem Flehen, floh der Schmerz. Welch ein Schmerz, und wie ist er geflohen! Mein Herr und mein Gott, ich schauderte; denn nie, seit ich lebte, nie hatte ich Solches erfahren. Und ich erkannte deinen wundervollen Wink und lobte in des Glaubens Freude deinen Namen; aber dieser Glaube gab mir noch keine Ruhe über die Sünden meiner Vergangenheit, denn noch waren sie mir nicht durch deine Taufe vergeben; noch hatte ich es nicht empfangen dieß Unterpfand der Aufnahme in den Bund deiner Erlösten.

V.

Nach den Ferien der Weinlese entsagte ich meinem mailändischen Lehramte und ließ sie sich nach einem andern Wortverkäufer für ihre studierende Jugend umsehen, weil ich mich entschieden habe für deinen Dienst und meinem Lehramt wegen Athmungsbeschwerden und Brustschmerzen nicht mehr genügen könne. Nun machte ich deinen Bischof, den heiligen Mann Ambrosius, in einem Schreiben mit meinen ehemaligen Irrthümern bekannt, und bat um seinen Rath, was für ein Buch deiner Schrift mich vor allen bereitwilliger und geschickter für die Gnade der Aufnahme in deiner Kirche machen würde. Er rieth mir den Propheten Jesaias, wohl deswegen, weil dieser vorzüglich der Verkündiger des Evangelismus und der Berufung der Wörter ist. Da ich jedoch diese Schrift schon von vorne herein nicht verstand, und mich für das Verständnis auch des Uebrigen noch für zu unreif hielt, so schob ich sie auf spätere Zeit auf, in der ich geübter in deinem Worte wäre.

VI.

Als nun die Fastzeit kam, in welcher man um die Gnade der Taufe anzusuchen hatte, verließen wir das Land und kehrten zurück nach Mailand. Alypius wollte mit mir wiedergeboren werden, schon erfüllt mit der für deine Segnungen fähig machenden Demuth, mit Muth des Leibes niedere Lüste bändigend, so daß er den Winter hindurch, der unserer Taufe vorangieng, barfuß, was er nie gewöhnt war, auf dem Boden Italiens zu wandeln wagte. Auch den Knaben Adeodatus nahmen wir mit, den Sohn meiner Sünde, den mir die Afrikanerin geboren hatte. Und wohlgebildet hattest du ihn; denn erst fünfzehn Jahre alt, übertraf er an Geist viele Männer. Deine Gabe war es, Herr mein Gott, du Urheber von Allem, der du wiederherstellst, was die Sünde an uns entstellt hat, denn ich hatte kein Verdienst an dem Knaben, als die Sünde; und wenn wir ihn in deiner Zucht erzogen, so hattest nur du es uns eingegeben. Ich verfaßte ein Buch, das den Titel führt: »der Lehrmeister«. In diesem laße ich Adeodatus mit mir sprechen. Und Alles, was er dort spricht, bewegte er auch wirklich schon in seiner Seele, im sechzehnten Lebensjahre. Ich erschrack über das schnelle Reifen seines Geistes, das du so wunderbar hervortreten ließest. Aber nicht lange nachher nahmst du sein Leben von der Erde weg, und ruhiger denke ich sein nun, nichts fürchtend mehr für seine Knaben- und Jünglingsjahre, und für sein ganzes Leben. Wir hatten ihn als unsern Lehrling uns zugestellt, und doch war er, was die Gnade anbelangt, mit uns gleichen Alters, denn er war gleicher Gnade voll. So empfiengen wir zusammen die Taufe und von uns floh der Kummer und der Schmerz über unsere Vergangenheit. Ach, nicht satt war ich in jenen Tagen, voll wundervoller Wonne den hohen Rathschluß deiner Liebe für das Heil der Menschheit zu betrachten. Heiße Thränen weinte ich bei deinen Lobgesängen, tief ergriffen von dem Wohllaut, mit dem sie deine Kirche sang. In meine Ohren drangen die Töne und mit ihnen strömte deine Wahrheit in mein Herz und weckte in ihm die fromme Beseligung; reicher floßen meine Thränen, und mir war selig wohl in ihnen.

VII.

Vor Kurzem erst hatte die mailändische Kirche dieses Mittel der Erbauung aufgenommen, und mit heiligem Eifer waren Stimme und Herzen ihrer Glaubigen dabei. Denn ein Jahr etwa vor unserer Bekehrung verfolgte Justina, die Mutter des unmündigen Kaisers Valentinian, deinen Ambrosius ihrer Ketzerei wegen, zu der sie von den Arianern verführt worden war. Da flüchtete sich das Volk deiner Frommen in die Kirche, zu sterben bereit mit seinem Bischof, deinem Knecht; unter ihnen auch meine Mutter, deine Magd, die sich in diesen kirchlichen Nachtwachen als eine der Eifrigsten zeigte, und sich am Troste deines Wortes aufrichtete. Und auch wir, die wir noch nicht erwärmt waren von deiner Geistesglut, wurden doch von dem Bangen und der Beunruhigung deiner Gemeinde tief ergriffen. Damals wurden jene Lobgesänge, nach dem Gebrauche der morgenländischen Kirche, eingeführt, damit sie das Volk in seiner Trauer aufrecht hielten, und bis heute dauern sie beinahe überall in allen deinen Kirchen fort. Aber in jener Zeit seiner Noth hattest du deinem Bischof durch ein Gesicht geoffenbart, wo die Leiber der mailändischen Märtyrer und Brüder Protasius und Gervasius ruhten, die du so viele Jahre hindurch verborgen hattest, damit du sie zur rechten Zeit, zur Stillung der Wuth jenes Weibes, der Kaiserin herausgebest. Sie wurden ausgegraben und feierlich in die ambrosianische Kirche, welche der Bischof kurz zuvor erbaut hatte, gebracht, und da wurde nicht nur von bösen Geistern Beseßene, nach dem Bekenntnis ihrer bösen Geister selbst, getheilt, sondern auch ein seit vielen Jahren blinder, allgemeiner bekannter Bürger. Als er die laute Freude des bewegten Volkes und ihre Ursache hörte, sprang er auf und ließ sich von seinem Führer in die Kirche geleiten, bat dort, mit seinem Schweißtuche die Bahre deiner heiligen Todten berühren zu dürfen, und als er dieses auf seine Augen drückte, wurden sie ihm aufgethan. Der Ruf dieser Dinge verbreitet sich mit deinem Lobe, und hielt die Feindin von ihrer Verfolgungswuth ab, wenn er sie auch nicht im wahren Glauben genesen ließ. Dank sei dir, Herr, mein Gott! Wie wecktest du meine Erinnerung, daß ich das auch dir bekenne! So Großes konnte ich vergessen, das ich erwähnen gesollt, als ich dir die Zeit bekannte, die meiner Bekehrung vorgegangen. Und doch, da der Weiheduft deiner Salben brannte, machten wir uns nicht auf zu dir und darum weinte ich mehr unter deinen Lobgesängen. Aber der einst niedergedrückt war in Seufzen, in ihm athmete endlich die Freude auf, wie die Luft athmet in des Grafen Blumen.

VIII.

Der du Frieden bringst in die Wohnungen der Menschen, du verbandest mit uns den Evodius, einen jungen Mann aus unserer Vaterstadt. Er war kaiserlicher Sachwalter und hatte sich früher, als wir, zu dir bekehrten und früher auch die Taufe empfangen, den Weltdienst verlaßend und sich zu deinem Dienste gürtend. In heiligem Wohlwollen lebten wir zusammen, und da wir uns eine Stätte suchten, an der wir ungestörter dir dienen möchten, beschloßen wir miteinander nach Afrika zurückzureisen. Als wir bei Ostia, an der Tiber, waren, starb die Mutter. Vieles übergehe ich, weil ich sehr in Eile rede. Nimm hin meine Bekenntnisse und meinen Dank, mein Gott, nimm sie aus meinem Schweigen auch hin über unzähliche Wohlthaten. Doch das kann ich nicht verschweigen, was mir in der Seele auflebt über deine Magd, die mich in’s Leben, dem Leibe nach für’s zeitliche, dem Herzen nach für’s ewige Licht, gebar. Nicht ihre, deine Gaben waren es, in ihr mir gewähret. Denn nicht hatte sie selbst sich also gemacht und erzogen, du schufest sie, da Vater und Mutter nicht wußten, welch einem Herzen sie das Leben gaben. In deiner Furcht erzog sie der Hirtenstab deines Gesalbten, das Walten deines eingeborenen Sohnes; er erzog sie in einer glaubigen, deiner Kirche treuen Familie. Doch nahm sich weniger ihre Mutter ihrer Erziehung an, als eine alte Dienerin, welche schon ihren Vater in seiner Kindheit als junges Mädchen auf den Armen getragen hatte. Deswegen und wegen ihres Alters und ihrer reinen Sitten wurde sie von ihrer christlichen Herrschaft werth gehalten, so daß man ihr die Aussicht über des Hauses Töchter überließ, die sie mit treuem Eifer, und wo es für ihre Zucht nöthig war, mit heiliger Strenge und besonnener Umsicht führte. So erlaubte sie ihnen, außer den Stunden ihrer mäßigen Mahlzeiten, selbst wenn sie dürsteten, nicht einmal Wasser, um für die Zukunft einer bösen Gewohnheit vorzubeugen, und sie sprach dabei das verständige Wort: »Jetzt trinket ihr Waßer, weil ihr noch keinen Wein habt; wenn ihr aber einmal verheirathet und Herinnen über Speise-und Vorrathskammer sein werdet, da wird euch das Waßer zu schlecht sein und euch die angewöhnte Trinklust doch bleiben.« – So zügelte sie die Gier des zarten Alters, und half den Mädchen zu mäßigem Dürften, auf daß sie nur das Schickliche wollen sollten. Und dennoch schlich sich bei meiner Mutter, wie sie mir erzählte, die Lust zum Weine ein. Die Aeltern pflegten ihr das Herbeiholen des Weines aus der Kufe aufzutragen; ehe sie nun die Flasche mit dem an der Kufe hängenden Schöpfbecher füllte, nippte sie ein wenig daran, nicht in roher Begierde, nur in kindischer Naschsucht, wie sie der Muthwillen erzeugt, den das Gewicht älterer Personen in den Kinderherzen zu unterdrücken pflegt. Zu diesem Wenigen, das sie nippte, fügte sie täglich noch ein Weniges hinzu, denn wer Mäßigkeit nicht achtet, der kommt allmählich zu Falle. Und so kam es mit ihrer Gewohnheit bald dahin, daß sie ganze Becherchen Weines gierig austrank. Wo war da die verständige Alte mit all ihren strengen Verboten? Was hilft uns gegen die verborgene Krankheit der Sünde, wenn deine heilende Macht nicht über uns wacht? Auch da Vater, Mutter und Pflegerin ferne waren, warest du da, Schöpfer und warnender Rufer, ob du wohl uns auch Menschen versetzest zu unserm Heil. Und was thatest du damals, mein Gott, wie halfest und heiltest du? Du machtest eine harte Schmährede einer Andern zum heilenden Eisen und schnittest mit einem Schnitt die Fäulnis aus; denn eine Magd, mit welcher sie zur Kufe zu gehen pflegte, gerieth, wie das oft so geschieht, in Streit mit der kleinern Gebieterin, warf ihr ihr Vergehen vor und schalt sie eine Weinsäuferin. Von diesem Schimpf getroffen, erkannte sie ihr Vergehen, verdammt es sogleich und machte sich frei davon. So wie uns schmeichelnde Freunde verderben, beßern uns gewöhnlich zankende Feinde; aber nicht das Gute, das du durch sie vollbringst, nur das Böse, das sie ausüben wollten, vergiltst du ihnen. Jene wollte in ihrem Zorn die kleine Herrin nur aufbringen, nicht beßern. Sie that es heimlich, denn sie war allein mit ihr, entweder weil ihr Ort und Zeit zu Händeln gelegen schien, oder damit sie nicht selbst bestraft würde, wenn sie so spät erst Anzeige machte. Aber, Herr, du Lenker von Allem, was im Himmel und auf Erden ist, der du zu deinen heiligen Zwecken die Wogen der tiefe aufregst, und den stürmischen Lauf der Zeiten ordnest, du auch hast mit der Heillosigkeit der Einen nur die Andere geheilt, damit Niemand, der dieß bedenkt, auch wenn er es gut gemeint, seiner Macht es zuschreibe, wenn durch sein Wort Jemand, den er beßern will, gebeßert wird.

IX.

Züchtig und verständig, mehr von dir den Eltern als von den Eltern dir untergeben, erreichte sie die jungfräulichen Jahre und wurde an einen Mann vermählt, dem sie als ihrem Herrn diente, und den sie dir zu erwerben sich bemühte, dich mit ihren Sitten ihm verkündend, mit welchen du sie verschönt und ihrem Manne so liebenswürdig und bewunderswerth gemacht hattest. Sie mußte seine eheliche Untreue ertragen, und that es, ohne je mit ihm deshalb sich in Hader einzulaßen; denn sie hoffte durch dein Erbarmen auch ihn im Glauben gereinigt zu sehen. Zudem war er, obwohl in hohem Grade gutmüthig, doch äußerst jähzornig; aber sie befolgte die Regel, einem zornigen Manne weder mit That noch Wort zu widerstreben. Erst wenn er sich wieder von seiner heftigen Uebereilung gefaßt hatte, suchte sie sich gelegentlich mit ihm zu verständigen. Wenn daher manche Frauen sanftmüthigere Männer mit den Spuren erlittener Misshandlungen auf dem beschimpften Angesichte, in traulichem Gespräche sich über ihre Männer beschwerten, so nannte sie scherzend ihre Zunge die Ursache des Erlittenen, und mahnte sie ernstlich an die ihnen bei ihrer Verheirathung vorgehaltene eheliche Ordnung, nach welcher sie Dienerinnen geworden seien und sich daher gegen ihre Herrn nicht ungeberdig stellen dürften. Und an diesen ihren Grundsatz mahnte sie auch jene Frauen, wenn sie sich wunderten, daß man noch nie vernommen habe, sie sei von Patricius, ihrem so zornmüthigen Gatten, je misshandelt worden, habe je mit ihm auch nur einen Tag lang in häuslichem Unfrieden gelebt. Die ihr folgten, wünschten sich Glück zu der gemachten beßern Erfahrung, die ihre Worte aber nicht beachteten, blieben der alten Unbill unterworfen. Auch ihre Schwiegermutter, die anfänglich durch Zuflüsterungen boshafter Mägde gegen sie eingenommen war, gewann sie so sehr durch Hingebung, anhaltende Verträglichkeit und Sanftmuth, daß sie aus freien Stücken ihrem Sohne die Zuflüsterungen der Mägde verrieth, durch welche der Friede zwischen ihr und der Schwiegertochter gestört wurde und Bestrafung verlangte. Er aber, der Mutter zu Willen, des Hauses Zucht im Auge behaltend, für die Eintracht der Seinen sorgend, hielt die Mägde durch Streiche im Zaum und verhieß ihnen, das werde fortan die Belohnung für Jede sein, welche über seine Gattin, sei es wo es wolle, Uebles rede. Keine wagte es mehr und sie lebten nun in lieblichstem Wohlwollen zusammen. Auch die große Gabe hattest du, mein Gott und mein Erbarmer, deiner treuen Magd, durch die du mir das Leben gabest, verliehen, daß sie, wo sie konnte, zur Friedensstifterin der Herzen wurde, und nichts der Andern wieder sagte, als was die Versöhnung förderte, wenn auch die beiden in Zwietracht Lebenden in den bittersten Reden über die Gegnerin wechselseitig zu ihr sprachen; wie das die ergrimmte, unversöhnte Zwietracht zu thun pflegt, wo so oft durch feindselige Gespräche der Haß der anwesenden Freundin gegen die abwesende Feindin gesteigert wird. Wohl schiene mir dieß eine kleine Gabe, wenn ich nicht selbst zu meiner Trauer so unzählige Feindseligkeiten erfahren hätte, da sich die abscheuliche Sündenpest so allgemein verbreitet, mit der man dem zürnenden Feinde nicht nur die Worte seines Feindes hinterbringt, sondern noch Erdichtetes dazu häuft; während der Menschenfreundliche es sich nicht nur angelegen sein laßen muß, die Feindseligkeit der Menschen durch böse Reden weder zu wecken, noch zu mehren, sondern sie auch durch freundliche Rede auszulöschen. Das lernte meine Mutter; ihr Herz war die Schule, du warst der Lehrer. Endlich hat sie auch ihren Gatten noch am Ende seines Zeitlichen Lebens dir gewonnen, und seit er glaubig geworden, hatte sie nicht mehr über das zu weinen, was sie nur in der Zeit seines Unglaubens von ihm ertragen mußte. Auch war sie die Magd deiner Knechte. Wer von ihnen sie kennen lernte, der mußte dich in ihr loben, ehren und lieben, denn er sah dich gegenwärtig in ihrem Herzen, unter dem Zeugnis der Früchte ihres heiligen Wandels. Sie war eines Mannes Weib gewesen, hatte ihrer Eltern Liebe vergolten, fromm ihr Haus verwaltet und das Zeugnis guter Werke, hatte treu erzogen ihre Söhne, und sie so oft im Schmerz geboren, als sie sie von dir weichen sah. Und für uns Alle, die wir vor ihrem Entschlafen, nach unserer Gnadentaufe, in dir zusammenlebten, sorgte sie, als hätte sie uns Alle geboren, und diente uns, als wäre sie von uns Allen gezeugt worden.

X.

Als aber der Tag nahte, nun dir, nicht uns bekannt, an dem sie scheiden sollte aus diesem Leben, begab es sich, durch dein verborgenes Walten, daß ich und sie allein an einem Fenster stunden, vor uns der Garten des Hauses, indem wir uns aufhielten bei Ostia, vom Sturme nach langen Reisebeschwerden zurückgeworfen, und uns auf’s Neue zur Schiffahrt bereitend. Da sprachen wir so süß mit uns, vergaßen alles Vergangene, nur nach dem uns streckend, das vor uns ist, und befragten uns bei der ewigen Wahrheit, die du bist, wie das ewige Leben deiner Heiligen sein möge, das kein Auge sieht, kein Ohr vernimmt und zu dem kein Menschenherz sich erheben kann. Aber unseres Herzens dürftigender Mund schmachtet nach der himmlischen Flut deiner Quelle, nach der Quelle des Lebens, die bei dir ist, damit wir, nach unserem Vermögen, von ihr besprengt, den erhabenen Gegenstand sorgsam bedächten. Alls nun unsere Rede dahin gelangte, daß uns auch die höchste sinnliche Freude, wie sie das leibliche Auge nur zu schauen vermag, vor der Wonne jenes Lebens keiner Vergleichung, ja keiner Erwähnung werth schien, suchten wir uns, glühenden Sehnens voll, zum Gegenstande unserer Betrachtung selbst zu erheben, und durchgiengen stufenweise alles Körperliche, den Himmel selbst, von dem sie sonne, der Mond und die Sterne zur Erde niederleuchten. Weiter bringend im Bedenken, Versprechen und Bewundern deiner Werke, kamen wir auf unsere Geister, und auch über diese erhoben wir uns, damit wir gelangten in’s Reich der unverwelklichen Fülle, wo du Israel weidest mit der wahren Nahrung ewiglich, und wo die Weisheit ist durch die Alles gemacht ist, was da war und sein wird. Aber sie selber wird nicht, sie ist, wie sie war, und wird so immer sein; denn Gewesensein und Seinwerden sind nicht in ihr, sondern das Sein allein, weil sie ewig ist, und Gewesensein und Seinwerden nicht das Ewige wäre. Und während wir so sprachen und nach ihr verlangten, berührten wir sie leise mit voll schlagendem Herzen, seufzten auf und ließen dort geborgen die Erstlinge unseres Geistes zurück; denn nur kurz dauerte die Entzückung der ihre Himmelswonne vorausahnenden Seele. Und wir wendeten uns zurück zum Laut unseres Mundes, wo das Wort beginnt und endet. Und was gleicht deinem Wort, unserem Herrn, das in sich bleibt, ohne zu altern, und Alles erneut? Wir sprachen nun: wenn Jemand schwiege der Tumult seines Fleisches, sammt den Vorstellungen von der Erde, den Waßern und der Luft, und Allem, was im Raume ist, wenn selbst die Seele sich schweigend und nicht mehr sich denkend sich über sich selbst erhöbe, wenn auch die Träume und die Bilder der Einbildungskraft schweigen würden, ja wenn die Worte und Zeichen schwiegen und Alles, was vorübergeht – denn wer sie hört, dem sagen sie: wir machten uns nicht selbst, uns machte, der da bleibt in Ewigkeit – wenn sie schweigen und unser Gehör nur zu dem erhöben, der sie schuf; und wenn er selbst nun spräche allein, nicht durch sie, durch sich selbst, auf daß wir hörten sein Wort, nicht mit Menschenzungen, nicht durch eines Engels Stimme, noch durch der Wolke Schall, noch durch irgend eines Gleichnisses Räthsel, sondern ihn selbst, den wir lieben in jenen; wenn wir hörten ihn selbst ohne diese, so wie wir uns jetzt erhoben und im reißenden Fluge der Gedanken an die ewige Weisheit rührte, die über Allem bleibt; und wenn dieß fortdauerte, und keine andern ihr fremdartigen Vorstellungen sich einmischten, und ach, diese eine die Schauenden hinriße, und verschlänge und versenkte in die innigste Wonne, wenn das, wenn das geschähe, wenn so das ewige Leben wäre, wie dieser Augenblick der Erkenntnis war, bei dem wir in Seligkeit aufseufzten; – wären wir da nicht, wo es heißt: geh ein in deines Herrn Freude? Und das, wann wird es sein? Wird es sein, wenn wir Alle auferstehen, aber nicht Alle verwandelt werden? – So sprach ich; wenn nicht auf diese Weise und nicht mit diesen Worten, doch sprach ich es, das weist du, Herr, da unter solchen Worten diese Welt uns zurückwich mit allen ihren Freuden. Und darauf sprach meine Mutter: Sohn, ich habe keine Lust mehr an irgend etwas dieses Lebens. Was ich noch thun soll hienieden, und warum noch hier sein, weiß ich nicht; ich habe nichts zu hoffen mehr für diese Welt. Nur Eines war, warum ich noch zu weilen wünschte – daß ich dich sehen möge einen glaubigen Christen, ehe denn ich sterbe. Und reichlicher hat mein Gott mir dieß gewährt, da ich dich sehen darf als seinen Knecht, der nimmer achtet das Glück dieser Erde. Was thu ich hier?

XI.

Ich weiß nicht mehr, was ich hier darauf antworte. Fünf Tage etwa nachher erkrankte sie an Fieberanfällen. Während ihrer Krankheit sank sie einst in Ohnmacht und verlor auf kurze Zeit das Bewußtsein. Wir eilten herbei, aber bald erlangte sie das Bewußtsein wieder, sah mich und meinen Bruder Navigius, die wir um sie waren, an, und fragte uns: wo war ich? Als sie unsere Trauer sah, sprach sie: ihr werdet hier eure Mutter begraben. Ich schwieg und bezwang meine Thränen. Mein Bruder aber erwiederte: er wünschte, daß sie nicht in der Fremde, daß sie im Vaterland sterbe, es wäre ihr Sterben dort wohl glücklicher. Als sie dieß vernahm, legte sich Kummer auf ihre Mienen, und sie strafte den Bruder mit den Augen über solche Gedanken, sah dann mich an und sprach: hör doch, was der spricht! Und darauf zu uns Beiden: Begrabt diesen Leib, wo es auch sei, und laßet euch deßhalb von keiner Sorge beunruhigen. Nur darum bitte ich euch: gedenket mein, am Altare des Herrn, wo ihr auch wandelt. Mit Mühe brachte sie diese Worte hervor, und erschwerender ward ihre Krankheit. Ich aber dachte deiner Gaben, du unsichtbarer Gott, die du in die Herzen deiner Glaubigen legst, damit aus ihm ihre wunderbare Früchte sproßen; ich freute mich und dankte dir, weil mir einfiel, wie ängstlich sie immer um ihr Grab besorgt war, das sie sich neben der Leiche ihres Gatten bestimmt und bereitet hatte. Denn weil sie friedlich mit ihm gelebt hatte, so wollte sie auch hier mit ihm verbunden werden, wie denn des Menschen Seele ist, so lange für das Göttliche noch weniger empfänglich bleibt; sie wollte, es möge den Menschen im Gedächtnis bleiben, wie ihr gewährt worden sei, daß nach ihrer Wanderung über Land und Meer vereinte Erde beider Gatten Erde decke. Nicht erfuhr ich, wann deine Güte diesen Wunsch der Schwachheit von ihr nahm und freudenvoll staunte ich, daß sie sich also gegen mich ausgesprochen, obwohl sie schon damals nicht verlangte im Vaterlande zu sterben, als sie während unseres Gespräches am Fenster zu mir sprach; was thu ich noch hier? Doch hörte ich nachher, daß sie, da wir in Ostia waren, mit einigen meiner Freunde in mütterlicher Traulichkeit von der Verachtung dieses Lebens und dem Gute des Todes in meiner Abwesenheit sprach. Und als sie die Tugend, die du ihr gegeben hattest, bewunderten und sie fragten: ob ihr nicht bange sei, so ferne von ihrer Heimath begraben zu werden, gab sie zur Antwort: »Nichts ist fern von Gott, und nicht ist zu fürchten, er werde am Ende der Zeit die Stätte nicht kennen, von der er mich auferweckte.« Ihre gottselige, treue Seele wurde am neunten Tage ihrer Krankheit, im sechs und fünfzigsten Jahre ihres Alters, und im drei und dreißigsten des meinen vom Leibe gelöst.

XII.

Ich drückte ihr die Augen zu. Große Trauer ergoß sich in mein Herz und wollte in Thränen überströmen; aber ich that mir Gewalt an, ihren Quell zurückzudrängen, und sehr übel ward meine Seele in diesem Ringen mit ihrem Schmerz. Bei ihrem letzten Athemzug weinte Adeodatus, der Knabe, laut auf, und wurde von uns mit Mühe zum Schweigen gebracht. Und so wurde auch in mir das knabenhaft Empfindsame, das sich bei des Herzens jugendlautem Klageton in Thränen ergießen wollte, zurückgedrängt und mußte schweigen. Denn wir hielten es für unwürdig, eine solche Leiche mit thränenden Klagen und Seufzern zu betrauern, mit welchen man die Sterbenden nur beklagen mag, deren Elend im Tode, oder deren gänzliches Erlöschen man beweint. Sie ist nicht elend gestorben, sie ist nicht ganz gestorben, davon gab uns sichern Beweis ihr Leben und ihr ungeheuchelter Glauben. Aber tiefen Schmerz brachte die neue Wunde mir, die ich empfieng durch die plötzliche Zerreißung des süßen, lieblichen Umgangs mit ihr. Wohl fand ich trost in dem Zeugniß, das sie mir noch in ihrer letzten Krankheit gab, mit Zärtlichkeit meine Sorge für sie sehend, da sie mich ihren treuen Sohn nannte und mit aller Innigkeit ihrer Liebe aussprach: ich habe sie nie mit einem harten oder schmähenden Wort beleidigt. Doch was will das sagen, mein Gott, der du uns schufest? Wie konnte ich die Ehre, die ich ihr erwies, mit der Hingebung vergleichen, die sie mir gewährte? Darum, verlaßen von ihrer hilfreichen Nähe, wurde meine Seele verwundet und mein Leben zerrißen; es war ja ein Leben worden aus dem ihren und dem meinen. Als aber der Knabe sein lautes Weinen ließ, ergriff Evodius die Harfe und begann den Psalm zu singen, in den wir Alle einstimmten: »Von Gnade und Recht will ich singen, Herr, und dir lobsingen!« (Psalm 101, 1.) Da ihr Abschied bekannt wurde, kamen viele Brüder und fromme Frauen, und während, am die Leiche besorgte, sprach ich zu denen, die sich zu mir versammelt hielten, was dieser Stunde gemäs war. Durch dieses Linderungsmittel, das aus der Wahrheit kommt, die von dir ist, suchte ich meine Qual zu mildern, die dir nur, nicht Jenen bekannt war, welche aufmerksam auf meine Rede hörten und mich ohne Schmerzgefühl wähnten. Aber zu dir, da Niemand es vernahm, flehte ich um die Linderung meiner Herzensqual und preßte der Trauer Flut zurück; sie wich ein wenig und wogte wieder auf in ihrem Drang, nicht bis zum Ausbruch von Thränen, nicht bis zur Aenderung meiner Mienen, aber ich wußte, was ich hinabdrücken mußte in mein Herz. Und weil mir so sehr misfiel, daß das Menschliche, das unser Aller nothwendiges Loos ist, so viel über mich vermöge, so wurde ich noch von Schmerz über meinen Schmerz erfüllt und von zwiefacher Trauer gemartert. Wir hatten die Leiche eingesargt, waren mit ihr zu ihrem Grabe gegangen und von dort zurückgekehrt ohne Thränen. Und auch da weinte ich nicht, als man sie, ehe sie bestattet wurde, nach der Sitte am Grabe ausstellte und wir für sie das Opfer unserer Gebete brachten. Aber den ganzen Tag brachte ich in verschloßener Trauer zu und bat dich, mit bestürmtem Gemüthe, um die Heilung meines Schmerzes. Du thatest es nicht, wohl um mich zu erinnern, wie wir gebunden seien an der Gewohnheit Band, selbst gegen des Geistes Billigung, der schon von deinem untrüglichen Worte genährt wird. Es dünkte mir auch gut, mich zu baden, weil ich gehört hatte, die Griechen nannten das Bad deswegen Balaneion, das ist, Trauertilger, weil es den pressenden Schmerz aus dem Herzen nehme. Auch das bekenne ich deiner Barmherzigkeit, du Vater der Waisen, ich blieb nach dem Bade derselbe wie zuvor, denn der Trauer Bitterkeit entzog sich meiner Seele nicht; darauf legte ich mich schlafen, erwachte mit besänftigtem Gram; und allein auf meinem Lager, suchte ich Ruhe in dem frommen Liebe deines Ambrosius:

Gott, du bist Schöpfer aller Welt,

Der alle Himmel lenkend hält,

Dem Tage gibt des Lichtes Pracht,

Des Schlummers Gnade jeder Nacht;

Da sich die Ruh dem Müden beut,

Für seine Pflicht die Kraft erneut,

Erleichtert den bedrängten Geist,

Zum Frieden seinen Kummer weist.

Dank sei dir, da der Tag vergeht,

Und Flehen, da die Nacht ersteht.

Wir singen dir des Lobes Pflicht,

O hilf uns, unsre Zuversicht.

Vom Herzen tief erschall’ es dir,

Es rausche sanft dein Lied aus mir –

Dich wähle keusche Liebe sich,

Und Geistesreinheit ehre dich.

Und ob uns tiefe Nacht umfängt,

Des Tages letzte Spur verdrängt,

Der Glaube weiß von keiner Nacht,

Ihm müße weichen ihre Macht.

Laß meinen Geist enschlafen nicht,

Entschafen Schuld nur und Gericht,

Sie weichen vor des Glaubens Hut,

Der hütet jeden Schlummer gut.

Fern von der Sinne Trug und Raum,

Sei du des Herzens hoher Traum.

Vom Neid des falschen Feindes sei,

Von seinem Schreck die Ruhe frei. –

Den Christ und Vater flehend preist

Des Sohnes und des Vaters Geist:

Dreieiniger, unser dich erbarm,

Schließ uns in deiner Allmacht Arm!

Und allmählich dachte ich wieder deiner Magd mit der Empfindung, mit welcher ich immer ihrer gedacht hatte; dachte an ihren gottseligen Wandel vor dir, und an ihren lieberfüllten, reinen Wandel vor uns, von dem ich so plötzlich getrennt wurde, und um sie und für sie, um mich und für mich floßen vor dir meine Thränen. Jetzt ließ ich ihnen den freien Lauf, und mein Herz schwamm in ihnen und ruhte in ihnen: denn da warest nur du, nicht ein Mensch, der mit kalter Geringschätzung meine strömenden Thränen beurtheilt hätte. Hier bekenne ich es dir, mag es lesen, wer da will, und es beurtheilen, wie er will. Der lächle mein nicht, der es mir zurechnet, daß ich eine Stunde lang um meine Mutter weinte, um meine Mutter, die auf ein Kleines nur meinen Augen gestorben war, und viele Jahre lang um mich geweint hatte, daß ich ewig leben möge vor deinen Augen. Und wenn ihm reiche Liebe ward, so weine er selbst, weine über meine Sünde zu dir, dem Vater aller Brüder deines Gesalbten.

XIII.

Aber, da mein Herz von dieser Wunde geheilt war, an welcher ich des Fleisches und der Erde zu überwindenden Schmerz erkannte, vergoß ich vor die, unserm Gott, noch ganz andere Thränen für deine Magd, wie sie rinnen aus dem zerschlagenen Geist, der die Gefahren jeder Seele betrachtet, die in Adam gestorben ist. Denn ob sie wohl von Christus neu belebt war, und, auch von des Leibes Banden nach nicht befreit, doch so gelebt hatte, daß über ihr Leben und ihre Sitten dein Name zu preisen war, so wage ich doch nicht zu behaupten, es sei, seit ihrer Wiedergeburt durch die Taufe, auch nie ein Wort gegen dein Gebot aus ihrem Munde gegangen. Und er hat es gesagt dein Sohn, die Wahrheit selbst; wer zu seinem Bruder sagt: du Narr! der ist höllischen Feuers schuldig. Wehe auch dem lobwürdigsten Leben des Menschen, wenn du es beurtheilen wolltest, ohne dein Erbarmen in dein Urtheil zu legen! Und nur, weil du nicht mit Strenge unsere Fehler ansiehst, hoffen wir vertrauend, Schonung finde der Mensch bei dir. Wer dir sein Verdienst vorhält, kann dir damit nichts vorhalten, als nur deine Gaben. O würden sich die Menschen als Menschenerkennen, so würde Jeder, der sich rühmen wollte, sich nur des Herrn rühmen. Darum du, mein Lob und mein Leben, du Gott meines Herzens, will ich ihre guten Thaten, für die ich dir danke mit Freuden, ein wenig zur Seite legen, und will zu dir um Vergebung flehen für die Sünden meiner Mutter. Erhöre mich bei dem Heiland unserer Wunden, der am Holze hieng, und zu deiner Rechten sitzend uns vertritt. Ich weiß von ihr, daß sie erbarmend handelte, und von Herzen denen die Schuld vergab, die sich an ihr verschuldet hatten; vergib auch du ihr ihre Schuld, die sie in der langen Zeit nach ihrer Gnadentaufe noch über sich gebracht haben mag. Vergib, Herr, vergib, ich beschwöre dich im Flehen meiner Liebe – gehe nicht mit ihr in’s Gericht! Es erhebe sich dein Erbarmen über dein Gericht, weil wahr deine Worte sind und du Erbarmen verhießest, den Erbarmenden. Und daß sie das wurden, haben sie von dir allein, der du gnädig bist dem, welchem du gnädig sein willst, und dich dessen erbarmest, welches du dich erbarmest. (Röm. 9, 15.) Ich glaube es, du habest schon gethan, um was ich dich bitte, aber, Herr, nimm gnädig auf meines Mundes williges Opfer! Denn da ihr nahte der Todestag, dachte sie nicht des Gepränges ihrer Verstattung, nicht wünschte sie ihrer Leiche köstliche Specereien und ein auserlesenes Denkmal, verlangte nicht nach dem Grabe ihrer Väter; sie bat nur, wir sollten eingedenk sein an deinem Altare, vor dem sie dir gedient hatte, ohne nur an einem Tage auszusetzen, an deinem Altare, von dem ihr das heilige Opfer gespendet wurde, das die Handschrift austilgte, die gegen uns war; das den Feind überwand, der unsre Sünden aufrechnet, der sucht, was er gegen uns finde, und an Dem nichts gefunden hat, in welchem wir siegen. Wer kann ihm erstatten sein schuldloses Blut, wer ihm den Preis erstatten, um den er uns losgekauft, damit er dem Feinde uns entreiße? An dieses Gnadengut band sich deine Magd mit dem Band des Glaubens und Niemand entreißt sie deinem Schutz, nicht mit Gewalt und List kann sich der Löwe und Drache entgegensetzen; nicht kann sie zwar antworten, sie schulde nichts, an dem sich zu halten vermöge der listige Ankläger, aber antworten wird sie, die Schuld sei ihr von dem erlaßen, dem Niemand wiedererstatten kann, was er für uns, selbst nichts schuldend, erstattet hat. Sie ruhe im Frieden mit ihrem Gatten, vor dem und nach dem sie keinem vermählt war; dem sie unterthänig war, da sie dir Frucht brachte in Geduld, und auch ihn dir gewann. Und du, Herr, mein Gott, lege es in’s Herz deinen Knechten, meinen Brüdern, deinen Söhnen, meinen Herren, welchen ich diene mit Wort und Herz und Schrift, daß sie, so oft sie dieß lesen, eingedenk seien vor deinem Altar Monica’s, deiner Magd, und Patricius, ihres einstigen Gatten, durch deren Fleisch du mich in dieß Leben eingeführt, ich weiß nicht wie. Laß sie mit frommer Liebe ihrer denken, die meine Eltern waren in diesem vergänglichen Lichte, meiner Eltern, die zugleich mir Geschwister sind unter dir, dem Vater, in der Mutter der Kirche, und meine Mitbürger in der himmlischen Jerusalem, nach der dein Volk seufzet auf seiner Pilgrimschaft vom Ausgang bis zum Eingang. So wird meiner Mutter letzte Bitte an mich ihr reichlicher gewährt werden durch die Fürbitten Vieler, die durch meine Bekenntnisse dazu bewegt wurden, als sie ihr gewährt würde durch meine Bitten allein!

Zehntes Buch

Du schlugst mich brausend wie der Sturm den Strand,

Brachst mich in Trümmer, heiliger Zerstörer,

Du zeigst mich mir ein gnädiger Erhörer:

Du kommst die Flammenfackeln in der Hand.

Da liegt zerschellt des Stolzes Mauerwand,

Des Trotzes Turm, der Gotteshuld Verwehrer,

Des Irrthums Götzentempel und Ernährer,

Der Luft Altar, die mich als Opfer fand.

Ich bin erhellt von deinem hehren Schimmer,

Ich glühe auf in deinem reinen Licht,

Hin schmilzt es mich mit jeder meiner Trümmer.

Und neu gestaltet aus dem Feuer bricht

Der neue Mensch, dein Tempel nun und immer,

O du mein Leben, meine Zuversicht.

I.

Ich werde dich erkennen, mein Schöpfer; werde erkennen dich, wie auch ich erkannt bin. Deine Kraft gehe ein in meine Seele, gehe ein in sie und bereite sie dir, daß du sie habest ohne Flecken und besitzest ohne Falten. Das ist meine Hoffnung, darum rede ich, und in dieser Hoffnung freue ich mich, so oft ich wahre Freude habe. Was das Leben noch hat außer diesem. das ist um so weniger zu beweinen, ja mehr in ihm geweint wird, und um so mehr zu beweinen, je weniger, man in ihm weint. Denn siehe, du liebtest die Wahrheit, und wer sie thut, der kommt an’s Licht. Ich will sie von Herzen thun vor dir in meinen Bekenntnissen und vor vielen Zeugen mit diesen Worten.

II.

Und was wäre dir von mir unbekannt, auch wenn ich es nicht bekennen wollte, dir, vor dem der verborgene Grund unseres Bewußtseins offen liegt? Dich würde ich mir, nicht mich dir verbergen. Nun aber, wenn mein Seufzen sagt, wie ich mir misfalle, da leuchtest du mir entgegen, da gefällst du und wirst geliebet und verlangt, daß ich erröthe über mich selbst, und mich verwerfe und dich erwähle, und weder dir noch mir gefalle, wenn ich nicht wohlgefällig gemacht wurde durch dich. Dir also, Herr, bin ich offenbar, wie ich auch sein mag, und warum ich dieß dir bekenne, sprach ich aus. Denn nicht thue ich das mit fleischlichem Wort und leidlicher Stimme, sondern, mit der Seele Wort und mit der Gedanken Stimme, die du kennest; wenn ich böse bin, so sind mein Misfallen an mir und mein Bekennen vor dir eins; und wenn ich fromm bin, so ist mein Bekenntnis nur, daß ich mein Frommsein nicht mir zurechne; denn du, Herr, segnest den Gerechten, aber vorher machst du ihn dazu aus einem Ungerechten. Still, und doch schweigend nicht, ist daher mein Bekenntnis vor dir, o Herr, es schweiget dem Ohr und ruft so laut doch aus dem Herzen. Nichts kann ich Gutes den Menschen sagen, du habest es denn zuvor vernommen, und du hörst es nicht von mir, du habest es mir denn zuvor gesagt.

III.

Warum aber will ich auch die Menschen meine Bekenntnisse hören laßen, als wäre auch sie fähig, mich von allen meinen Schwächen zu heilen? Neugierig will ihr Geschlecht ein fremdes Leben kennen lernen, und ist so träge doch, sein eigenes zu beßern. Was wollen sie von mir denn hören, wer ich sei, wenn sie von dir nicht hören wollen, wer sie sind? Und woher sind sie denn gewis, daß, was sie durch mich über mich hören, auch nur wahr ist, da Niemand weiß, was im Menschen vorgeht, als der Geist des Menschen, der in ihm selbst ist? Wenn sie aber dich hören über sich, so werden sie nicht sagen können: der Herr lügt. Und was ist dich hören über sich Anderes, als sich selbst erkennen? Wer aber das Erkannte für falsch ausgibt, ist selbst ein Lügner. Weil jedoch die Liebe Alles glaubt, weil sie es hauptsächlich bei denen thut, die sie in ihren Bund vereint, so will auch ich, o Herr, meine Bekenntnisse vor dir den Menschen hörbar machen, und wenn ich ihnen auch nicht beweisen kann, daß ich Wahrheit rede, so werden mir doch diejenigen glauben, die mich in Liebe vernehmen. Aber du, Arzt meiner Seele, offenbare es mir, warum ich dieß thun soll. Wenn gelesen und gehört werden die Bekenntnisse meiner vergangenen Sünden, welche du vergeben und bedeckt hast, damit du mich selig machst in dir, und meine Seele umwandelst durch Glauben und Gnadenmittel – so erwecken sie das Herz, daß es nicht schlafe in Verzweiflung und sage: ich kann nicht, sondern erwache in der Liebe deines Erbarmens und in der Süßigkeit deiner Gnade, durch die der Schwache stark, durch die er seiner Schwäche sich bewußt wird. Und die Guten freuet, von meinem vergangenen Sünden zu hören, von denen sie schon frei sind, es freuet sie, nicht weil es Sünden sind, sondern weil sie es waren und nicht mehr sind. Zu welchem Nutzen aber, mein Gott, dem täglich mein Gewißen Bekenntnis ablegt – sicherer durch seine Hoffnung auf dein Erbarmen, als durch seine Unschuld – zu welchem Nutzen bekenne ich dir vor den Menschen auch mit diesen Worten, wer ich noch bin, nicht nur wer ich war? Denn jenen Nutzen sah und erwähnte ich. Aber was ich noch bin, jetzt eben in der Zeit meiner Bekenntnisse, das wollen Viele wißen, die mich kennen und nicht kennen, aber von mir hörten; aber ihr Ohr ist nicht an meinem Herzen, wo ich doch bin, ich mag sein, wie ich will. So wollen sie denn hören, was ich sei im inwendigen Menschen, zu dem ihr Auge, ihr Ohr und ihr Verstand nicht bringt, sie wollens im Glauben und werden sie’s erkennen? Ihnen sagt die Liebe, in der sie mir gut sind, ich lüge nicht, wenn ich über mich bekenne, und die Liebe selbst, die in ihnen ist, glaubt mir.

IV.

Aber zu welchem Nutzen wollen sie das? Wollen sie mir Glück wünschen, wenn sie vernehmen, wie ich zu dir komme durch deine Gnade; wollen sie beten für mich, wenn sie hören, wie sehr ich von meiner Last zurückgehalten werde? Ja, diesen will ich mich entdecken. Denn groß ist der Nutzen, o Herr, wenn Viele für uns danken und zu dir beten. Es liebe in mir des Bruders Seele, was du ihr Liebenswerthes zeigst, sie fühle Schmerz um mich, wo du ihr Schmerzendes in mir offenbarst. Nicht kann das eine fremde Seele, eines andern Vaters Kind thun; Solcher Mund redet Eitelkeit und Solcher Rechte häuft Unrecht; nur der Bruder kann es, welcher mein sich freut, wenn er meine Thaten billigt, und über mich trauert, wenn er sie misbilligt, weil er mich liebt, er mag mich loben oder tadeln. Solchen will ich mich entdecken, damit sie sich freuen meines Guten und trauen über mein Böses. Mein Gutes ist deine Schickung und dein Geschenk, mein Böses meine Fehle und dein Gericht; sie mögen freuen sich über jenes, und trauern über dieses, ja Loblied und Thränen mögen zu dir aufsteigen aus der Brüder Herzen, deinen Weihrauchschalen. Und du, Herr, der du mit Wohlgefallen annimmst deines Tempels süßen Geruch, erbarme dich mein, nach der Größe deines Erbarmens, um deines Namens willen. Der du nie aufgibst, was du begannest, mein Unvollendetes wollende du. Das ist die Frucht meiner Bekenntnisse, die nicht aussprechen was ich war, sondern was ich bin, daß ich es bekenne nicht nur vor dir in heimlichem Jubel mit Schrecken, in heimlicher Trauer mit Hoffnung, sondern auch vor den Ohren der glaubigen Menschenkinder, der Genoßen meiner Sterblichkeit, meiner Mitbürger und Mitwanderer, meiner Vorgänger und Nachfolger, der Gefährten meines Lebens. Deine Knechte sind sie und meine Brüder. Und du machtest sie zu deinen Söhnen und zu meinen Herren, denen ich dienen muß, wenn ich durch dich mit dir leben will. Von wenig Heil wäre mir dein ewiges Wort, wenn es mir nur geböte mit Worten, und nicht als mein Vorbild mir vorangienge. Ich will das thun mit Wort und That, aber ich thäte es in größter Gefahr, wenn unter dem Schatten deiner Flügel sich meine Seele dir nicht ergäbe, wenn dir meine Schwachheit nicht bekannt wäre. Wohl bin ich klein, aber mein Vater lebt immerdar und hat Macht, mich zu schirmen. Er selber ist’s, der mich schuf und schirmt. O du bist all mein Gut. Allmächtiger, der du mit mir bist, noch ehe ich mit dir bin. So will ich mich denn entdecken, welchen ich nach deinem Befehl dienen soll, nicht als den, der ich war, sondern als den, der ich schon bin und noch bin, aber mich selbst will ich nicht beurtheilen. Nur so will ich vernommen werden.

V.

Du allein, Herr, richtest mich; denn wenn auch Niemand weiß, was im Menschen ist, außer des Menschen Geist, der in ihm ist, so ist doch etwas im Menschen, das selbst der Geist nicht weiß, der in ihm ist. Du, Herr, der du ihn schufest, weißest Alles in ihm. Ich aber, obgleich ich vor dir mich verachte, der ich Staub und Asche bin, weiß doch etwas von dir, das ich von mir nicht weiß, ob wir auch jetzt dich nur durch einen Spiegel in Räthseln sehen, und noch nicht von Angesicht zu Angesicht. So lange ich hienieden als dein Fremdling walle, bin ich mir näher als dir und weiß doch von dir, du könnest auf keine Weise verletzt werden; ich aber weiß nicht von mir, welchen Versuchungen ich zu widerstehen vermag, und welchen nicht. Doch Hoffnung ist, du, Getreuer, werdest uns nicht versuchen laßen über unser Vermögen, und werdest machen, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß wir sie ertragen können. Und so will ich bekennen, was ich von mir weiß, und will mich zu dem bekennen, was ich nicht von mir weiß, zu den verborgenen Schwächen und Fehlern, von denen ich noch nicht weiß, wie sie mich versuchen werden, und wie ich sie durch dich überwinden werde. Denn was ich von mir weiß, das weiß ich nur, wenn du mir leuchtest, und was ich nicht von mir weiß, das werde ich wißen, wenn einst meine Finsternisse werden, wie der Mittag vor deinem Angesichte.

VI.

Mein Bewußtsein bezeugt mir in fester Zuversicht, daß ich dich liebe, Herr, denn mit deinem Wort hast du mein Herz getroffen, da mußte ich dich lieben. Ja auch Himmel und Erde, und Alles was darin ist, siehe, sie sagen mir überall, ich soll dich lieben, sie sagen es ohne Aufhören Allen, also daß sie keine Entschuldigung haben. Und derer du dich erbarmt hast, ihrer wirst du dich weiter erbarmen, daß sie nicht taub bleiben, da Himmel und Erde dein Lob verkünden, daß sie dich fühlen in Liebe, du Leben ihres Lebens. Aber was liebe ich, wenn ich dich liebe? Nicht Körpergestalt, nicht zeitliche Schöne, nicht des Lichtes Glanz, der diesen Augen so freundlich ist, nicht das süße Tönen alles dessen, was da singt und klingt, den lieblichen Duft der Blumen nicht, und alles dessen, was ihn aushaucht, nicht Manna und Honig, nicht der Glieder Reiz, der die Umarmung empfängt. Das Alles liebe ich nicht, wenn ich, meinen Gott liebe, und liebe doch irgend ein Licht und eine Stimme, einen Duft und eine Speise, liebe eine Umarmung, wenn ich meinen Gott liebe, ihn, das Licht und die Stimme, den Duft, die Speise und die Umarmung meines innern Menschen; wo meiner Seele zustrahlt, was kein Raum erfaßt, wo ihr tönet, was in keiner Zeit verhallt, wo ihr duftet, was kein Lufthauch verweht, wo sie kostet, was durch kein Speisen vermindert wird, wo sie nimmer satt wird, zu liegen in der seligen Umarmung. Das liebe ich, wenn mein Gott liebe. Und was ist dieses? Ich fragte die Erde und sie sprach: ich bin es nicht, und Alles was auf ihr ist, hat mir dasselbe bekannt. Das Meer fragte ich und seine Gründe alle und belebten Wesen, und sie antworteten: wir sind nicht dein Gott, such’ ihn über uns. Ich fragte die wehenden Lüfte, und der Luftraum sprach mit allen seinen Bewohnern: Anaximenes irrt, ich bin nicht Gott. Den Himmel fragte ich, die Sonne, den Mond und die Sterne, und ihre Rede war: wir sind Gott nicht, den du suchst. Da sprach ich zu Allen, die sich darstellten meiner Augen Gesichtskreis: wohl sagtet ihr mir, ihr wäret nicht mein Gott; was ist es, das ihr von ihm mir sagen könnt? Und sie riefen zusammen Alle mit großer Stimme: er selber schuf uns! Und siehe, ihre Schönheit war ihre Antwort. – Da wendete ich mich zu mir und fragte mich: Du, was bist du? Und ich antwortete: ich bin ein Mensch aus Leib und aus Seele, die sind an mir das Aeußere und Innere. In was hier habe ich meinen Gott zu suchen, der ich mit meinem Leibe schon suchen gieng von der Erde bis zum Himmel, so weit ich senden konnte meine Boten, die Strahlen meiner Augen? aber höher steht mein innerer Mensch, denn der war der Herr jener Boten, er sandte sie, und vor sein Urtheil brachten sie der Antworten jede, die ihnen Himmel und Erde gaben, da sie sprachen: wir sind nicht Gott, aber er schuf uns. Das erfuhr der innere Mensch durch den Dienst des äußern; ich, ich die Seele erkannte das durch die leiblichen Sinne. Die ganze Welt fragte ich über meinen Gott und sie hat mir geantwortet: ich bin er nicht, aber er selbst hat mich bereitet. Und derselbe Anblick wird Allen, denen gesunde Sinne wurden, und doch nicht Alle vernehmen die hohe Runde. Die Thiere alle, die kleinen und großen, sehen dasselbe und vermögen doch nicht zu fragen, denn ihre Boten, die Sinne, haben keine Vernunft, die sie sendet und ihre Antwort beurtheilt. Die Menschen aber vermögen zu fragen, damit Gottes unsichtbares Wesen von ihnen erkannt werde durch die leibliche Schöpfung. Aber sie werfen ihre Liebe nur auf diese und werden ihr unterthan, und in ihrer Unterwerfung vermögen auch sie nicht, jene hohe Runde zu beurtheilen; denn die Körperwelt steht denen nur Antwort, die mit des befreiten Geistes Urtheil forschen. Und doch spricht die Körperwelt keine verschiedenartige Sprache, sie hat verschiedenerlei Gestalt, so daß der gedankenlos und der im Geiste fragende Verschiedenes schaute und sie dem Einen so, dem Andern anders erschiene. Sie ist dieselbe überall, aber Jenen ist sie stumm, zu Diesem redet sie: ja sie redet zum Allen, aber die nur vernehmen ihre Sprache, welche sie mit der urtheilenden Wahrheit vergleichen, die in ihnen selber spricht. Denn diese Wahrheit sagt mir: weder Himmel noch Erde, noch alles Leibliche sind dein Gott. Das sagt ihre Natur dem Schauenden, und sie ist nur Körpermasse, kleiner im Einzelnen als im Ganzen. Schon du bist höher, meine Seele, denn du belebst deine Körpermasse, du reichst ihr das Leben, was kein Körper kann dem Körper reichen; dein Gott aber, meine Seele, ist das Leben deines Lebens, der es belebt, der es dir erhält.

VII.

Was liebe ich denn nun, wenn ich meinen Gott liebe? Was ist er hoch über meiner Seele? Durch meine Seele selbst steige ich zu ihm empor. aber ich muß über jene Seelenkraft hinaus, durch die ich an meinem Leibe hange und ihn belebend erfülle. Fände ich ihn mit dieser, so fände ihn auch Ross und Maulthier, die wie ich jene Kraft, nur ihnen nicht bewußt, haben. Es ist noch eine andere Kraft in mir, durch welche ich meinen Leib nicht nur belebe, sondern lenke an dem Bande seiner Sinne; darum wies Gott jedem meiner Sinne seine eigene Verrichtung an, dem Auge gebietend, nicht zu hören, und dem Ohr gebietend, nicht zu sehen, sondern jenem das Gesicht, diesem das Gehör. Und wie Verschiedenartiges ich durch die Sinne auch thue, doch bin ich dabei immer ein und dieselbe Seele. Doch auch über diese Seelenkraft muß ich hinaus, wenn ich meinen Gott erkennen will, denn auch dem Ross und Maulthier ist sie gegeben, auch sie führen ein fühlendes Leben durch das Band ihrer leiblichen Sinne.

VIII.

Ueber die Sinnlichkeit erhob ich mich auf meinem Wege zu Gott, und komme nun in die weiten Paläste meines Gedächtnisses, wo der Schatz unzähliger Bilder aufgehäuft liegt, die aller Art durch die Sinne eingezogen. Dort ist aufbewahrt, was wir je gedacht; bald ist es mehr, bald weniger als das, was die Sinne vernahmen und in vielfach wechselnder Gestalt, indem die Seele selbst dazu oder davonthat oder änderte. So ist alles, was da eingegangen und aufbewahrt ist, wenn es von der Vergeßlichkeit nicht verzehrt und bestattet wurde. Von dort aus kann ich, so lang ich bin, Befehl thun, daß hervortrete, was ich will. Manches tritt sogleich vor, Manches nach längerem Suchen; Anderes muß ich erst aus dem verworrenen sich mir Darbietenden auslesen; wieder Anders stürzt sich geschaart heraus; während etwas ganz Anderes verlangt und gesucht wird, springt es auf den Plan und ruft: ich bin auch noch da! Da weise ich es mit meiner geistigen Hand zurück aus dem Blick meiner Erinnerung, bis sich enthüllt was ich will, und aus der Verborgenheit vor die innern Augen tritt. Vieles stellt sich leicht in ununterbrochener Reihe auf, sobald es gefordert wird. Das Frühere weicht dem Späteren und verbirgt sich um neu vorzutreten, wenn ich ihm rufe. Das Alles geschieht, so oft ich etwas aus dem Gedächtniß erzähle. Dort liegt Alles nach seiner Gattung geordnet aufbehalten, jedes fand seinen eigenen Weg herein: durch die Augen fand ihn das Licht sammt allen Farben und körperlichen Gestalten, durch die Ohren alles was schallt, durch die Nase jeglicher Duft, durch den Mund jeder Geschmack, durch das im ganzen Körper verbreitete Gefühl das Harte und Weiche, das Warme und Kalte, das Gelinde und Herbe, das Schwere und Leichte, sowohl im Geistigen als im Leiblichen. Das Alles nimmt der große Sammelort des Gedächtnisses in Wohnung und zum Herausholen; ich weiß nicht, in welche geheime, unerforschliche Kammer geht es durch seine besonderen Pforten ein und wird dort zurecht gelegt. Aber nicht die Dinge selbst gehen ein, nur ihre Bilder sind dort den Gedanken des sich Erinnernden gegenwärtig. Wer kann es aussprechen, wie diese Bilder gemacht wurden, da nur offenbar ist, durch welche Sinnen sie aufgefangen und im Innern niedergelegt wurden. Denn selbst in der schweigenden Nacht ruft mein Gedächtniss die Farben herauf, unterscheide ich zwischen Weiß, Schwarz und allen andern. Und die rauschenden Töne verwirren nicht, was ich mit den innern Augen heraufhole, obgleich sie selbst auch dort sind in besonderem Bergungsort. Ich rufe sie und sie sind da, und ich singe sie lautlos im Geist. Auch sie werden von Farben-und Gestaltenbildern nicht gestört, denn dort hat Alles seine eigene Schatzkammer. So ist’s mit Allem, was durch die Sinne eingegangen, sein erinnere ich mich, wenn ich will, unterscheide Lilien- und Veilchenduft und rieche doch nichts, Honig und Most, Süßes und Saures und schmecke doch nichts.

Innerlich thu ich’s am großen Hof meines Gedächtnisses. Dort sind mit Himmel, Erde und Meer zu Gebot, sammt Allem was ich in ihm fand, mit Ausnahme dessen, was ich vergaß. Auch mir selbst begegne ich hier und wiederhole mich selbst mit Allem, was ich that, sammt Zeiten und Raum darin ich’s that, und der Stimmung, die ich damals hatte. Dort ist Alles, was ich selbst erfuhr oder Andern glaubte. Aus derselben Schatzkammer vergegenwärtige ich mir die Bilder des Erfahrenen und Geglaubten und verbinde sie mit einander, ja selbst mit künftigen Thaten, Hoffnungen und Erfolg. Ich will Dieses oder Jenes thun, so sprach ich zu mir inmitten der unermeßlichen Bilderheere meiner Seele und es muß geschehen. Ach, daß es schon wäre! Ach, daß Gott es abwende! Und während ich so zu mir rede, ist Alles da, aus dem Gedächtnißschatz, von dem ich rede, nur das nicht, von dem ich rede.

Ja, mein Gott, unendlich groß ist das Reich des Gedächtnisses, dieß geheimnißvolle Heiligthum. Wer kommt zu seinem Grunde? Es ist eine Kraft meiner Seele und gehört meiner Natur an und doch faß’ ich nicht ganz, was ich bin. Zu eng ist die Seele um sich selbst zu erfaßen. Wo ist, was sie nicht erfaßt? Ist es außer ihr, nicht in ihr? Auf welche Weise ist es ihr unerfaßlich? Deß wundere ich mich mit Staunen. Da ziehen die Menschen hin, um zu bewundern der Berge Höhe, des Meeres mächtige Wogen, der Ströme weiten Fall, des Ozeans und des Sternenkreises Weiten und verlassen sich selbst und staunen nicht, daß ich alles das, von dem ich sprach, nicht mit den Augen sah, und doch nur von Bergen, Wogen, von Strömen und Gestirnen sprach, die ich gesehen und vom Weltmeere, daß ich nie gesehn und schaute das Alles im ungeheuren Raum meines Gedächtnisses, als wäre es mir vor die Augen getreten, und doch haben es meine Augen nicht aufgezehrt und verschlungen, als sie es einst gesehen. Die Dinge sind nicht selbst in mir nur ihre Bilder sind in mir, und bewußt ist mir, durch welchen Sinn meines Körpers sie in mich eingezogen.

IX.

Mit noch mehr trägt sich die unermeßliche Faßungskraft unseres Gedächtnisses. In ihm ist auch Alles, was auch von erlernten Wissenschaften behielt, in einem Raum bewahrt, der doch kein Raum ist, und die habe ich selbst in mir, nicht nur ihre Bilder. Denn was ich an Wortvorrath, an Disputirkunst und gelehrten Untersuchungen weiß, ist darin nach Grad meines Wißens; nicht als ob ich die Sache selbst draußen gelaßen und nur ihr Bild in mich aufgenommen hätte. Was mir je getönt, tönt mir wieder ohne Ton, wie der Wind verwehte Duft von meinem Gedächtnis noch gerochen wird, wie die längst verdaute Speise dem Gedächtnis noch nachmundet, wie was ich Körperliches berührte auch fern von mir Gedächtnis berührt wird. Nicht jene Dinge selbst, nur ihre Bilder werden wunderbar schnell vom Gedächtnis ergriffen, in wunderbaren Zellen aufgehoben und wunderbarlich durch Erinnerung herausgeholt.

X.

Ich höre dreierlei gelehrte Fragen: ob etwas sei, was es sei und welcher Art es sei. Der Worte Schall zwar, von dem ich hier erlernte, prüfte und ergründete, ist verhallt, die Sache selbst aber ist mir geblieben. Sage mir, wer es kann, wie das in mich eingieng? Ich frage an allen Pforten meiner leiblichen Sinne, und sie sagten es nicht; denn das schallende oder gelesene Wort waren diese Dinge nicht selbst; und da ich sie lernte, glaubte ich keinem Fremden, in mir selbst erkannte ich, was wahr gewesen, und behielt es in mir, daß ich es vortrüge, wann ich wollte. Wohl war es da, ehe ich es lernte, aber nicht in meinem Gedächtnis. Wo war es, und wie lernte ich es und hielt es für wahr, noch ehe es in meinem Gedächtnis gewesen? Aus einem andern, verborgenen Schatz wurde es mir angeboten; wäre das nicht, ich hätte nicht vermocht es zu denken.

XI.

Lernen wir jene Gegenstände, so schöpfen wir nicht ihre Bilder ein, sondern sehen sie selbst, wie sie sind, in uns. Was aber allmählich und ungeordnet das Gedächtnis enthielt, das sammeln wir durch Nachdenken und verarbeiten es, als etwas, das uns im Gedächtnis zur Hand ist, wo es zerstreut und vernachläßigt lag und nun leicht dem wohlbewanderten Suchen entgegenkommt. Wie viel der Art trägt mein Gedächtnis was schon aufgespürt und, wie gesagt, mir zur Hand ist, wovon man sagt, wie hätten es eingelernt. Aber wenn ich das Erlernte nach einem Zwischenraum der Zeit wieder hervorrufen will, so weicht es wieder in einem tiefer verborgenen Ort zurück, so daß es von Neuem wieder denken, aus seiner Tiefe und Zerstreuung holen und sammeln muß.

XII.

Ebenso enthält mein Gedächtnis Zahl und Maas von allem und auch das kommt nicht in mich durch leibliche Sinne, hat nicht Farbe und Ton, nicht Geruch und Geschmack und läßt sich nicht betasten. Mit Worten wurde es mir erklärt, aber Wort und Sinn war nicht das Gleiche, denn jene töne anders in griechischer, anders in lateinischer Sprache, der Sinn aber ist weder griechisch, noch lateinisch, noch einer andern Sprache. So sah ich auch die Linien der Künstler, oft zart, wie Spinngewebe hingezeichnet. Aber jene Linien der Mathematiker sind in meinem Gedächtnis nicht nur Bilder sinnlich wahrnehmbarer Linien, wie diese, die man auch ohne Nachdenken in sich aufnimmt. Und denk ich vollends der unbenannten Zahlen, die kein Körperliches zählen und meßen, so sind sie, was sie sind, an sich schon, ohne alles Bild. Mag mich verlachen, wer sie nie gesehen, er dauert mich.

XIII.

Das Alles behalte ich im Gedächtnis, sammt der Weise, in der ich es erlernt. Auch viel Irrthümliches habe ich darüber gehört und behalten. Aber ob es gleich falsch ist, so ist doch sein Behalten nicht falsch. Und auch das behielt ich, daß ich jenes Falsche mit Wahrheit aufhellte, ganz anders unterschiede ich es jetzt, als damals, da ich erst den Unterschied aufsuchte und mein Gedächtnis sagt mir von beidem. Ich erinnere mich dessen, was ich einst erlernt, nehme in mein Gedächtnis auf, was ich jetzt lerne, damit ich mich in Zukunft seiner erinnere. Ich erinnere mich meines früheren Erinnerns, so wie ich das nicht zu Herzen nehmen werde, dessen ich mich jetzt erinnere.

XIV.

Auch die Gefühle meiner Seele sind mir im Gedächtnis geliebten, aber nicht, wie sie die Seele empfand, während sie von ihr empfangen wurden. Ich erinnere mich ohne Freude empfangener Freuden und ohne Trauer empfundener Traurigkeit; ohne Furcht bin ich gefühlter Furcht, ohne Begierde früherer Begierde eingedenk. Ja ich denke an manche Trauer mit Freude und an manche Freude mit Trauer.

Bei den Leiden und Freuden des Körpers wäre dieß nicht zu verwundern, denn er ist etwas anderes als die Seele, und das Gedächtnis ist nur Sache der Seele. Aber der Schmerz trifft auch die Seele, wie wandelt ihn das Gedächtnis nun in Freude? Ich möchte es, selbst wenn das Bild lächerlich wäre, ich möchte es den Magen der Seele, Schmerz und Freude seine bittere und süße Speise nennen. Werden die nun im Gedächtnis aufbewahrt, so können sie in ihm nicht mehr den Geschmack haben, den sie nur hatten, während sie gekostet wurden, und so ist ihr Geschmack dahin, auch wenn das Gedächtnis sie wieder heraufbringt. So werde ich denn auch von jenen Gemüthserschütterung, von Begierde und Lust, Furcht und Trauer nicht mehr erschüttert, wenn ich sie aus meinem Gedächtnis zurückrufe.

XV.

Und vom Gedächtnis rede ich, wenn ich von den vier Bewegungen der Seele spreche, von der Begierde, Freude, Furcht und Traurigkeit; wenn ich sie nach ihren Eigenthümlichkeiten von einander trenne, so kann ich das Gedächtnis. Ihre Bewegungen erfaßen mich nicht mit ihrer Unruhe, wenn ich mich ihrer erinnere und doch wecke ich sie aus der Ruhe, in der sie im Schatzhause des Gedächtnis lagen. Sie stoßen mir daraus auf, wie die Speisen aus dem Magen, aber der Freude fehlt nun ihre Süßigkeit und der Trauer ihrer Bitterkeit. Ist das darum unähnlich, weil es nicht allerwegs ähnlich ist? Wer möchte über etwas Trauriges und Furchtbares reden, wenn er dadurch jedesmal mit Trauer und Furcht erfüllt würde? Und doch redeten wir nicht darüber, wenn wir nur die Bilder körperlicher Eindrücke und nicht auch die Begriffe fänden, die wir durch keine Sinnenpforte empfiengen. Die Seele selbst hat sie in ihrem Leidensgefühl dem Gedächtnis eingepflanzt, oder das Gedächtnis hat sie behalten, ohne solche Einpflanzung.

Aber wer mag leicht behaupten, ob das Gedächtnis die Vorstellung der Bilder sei oder nicht? Ich nenne einen Stein, oder die Sonne da diese selbst nicht vor meine Sinne treten und nur ihre Bilder dem Gedächtnis sich stellen. Einem Körperschmerz nenne ich, während nichts von ihm da ist, und mir nichts weh thut. Wäre aber sein Bild nicht in meinem Gedächtnis, so könnte ich ihn in meiner Aussage nicht von der Lust unterscheiden, wüßte gar nicht, was ich sagte. Ich nenne ein körperliches Behagen, während mir wohl ist. Da ist mir die Sache selber gegenwärtig, aber wäre ihr Bild nicht in mein Gedächtnis, so würde ich mich nicht erinnern, was das Wort bedeutet, mir dem ich diesen Zustand benenne. Auch die Kranken würden, wenn man ihnen vom Wohlbefinden spräche, nicht verstehen, was des Wortes Sinn ist, wenn nicht, troz ihres Uebelbefindens, die Vorstellung des Wohlbefindens in ihrem Gedächtnis lebte. Nenne ich die Zahlen, mit welchen wir zählen, sie selbst, nicht ihr Bild, sind in meinem Gedächtnis. Rede ich von der Vorstellung der Sonne, so ist diese Vorstellung in meinem Gedächtnis, ich aber meine nicht die Vorstellung von dieser Vorstellung, sondern sie, die Vorstellung, selbst, sie schwebt mir vor. Ebenso nenne ich das Gedächtnis und erkenne, was ich nenne. Erkenne ich es wo anders, als im Gedächtnis selbst? Nur seine Vorstellung ist mir gegenwärtig, nicht es selbst.

XVI.

Erkenne ich, was ich nenne, wenn ich die Vergeßenheit nenne? Woher würde ich erkennen, wenn ich mich erinnerte? Ich rede nicht vom Wort, sondern von dem Gegenstande, den es bezeichnet; hätte ich den vergeßen, was sollte mir das Wort? Nenne ich das Gedächtnis, so ist es selbst von mir, nenne ich die Vergeßenheit, so sind Gedächtnis und Vergeßenheit vor mir, das Gedächtnis, durch das ich mich erinnere, die Vergeßenheit an die ich mich erinnere. Aber was ist Vergeßenheit als Beraubung des Gedächtnisses? Wie kann sie da sein um mich an sie zu erinnern, da ich mich nicht erinnern kann, wenn sie da ist? Wenn wir das, dessen wir uns erinnern, im Gedächtnis behalten, so wird auch die Vergeßenheit im Gedächtnis behalten, wenn ihr Nennen nicht sinnloser Schall sein soll. Sie ist also da, damit wir sie nicht vergeßen, während wir vergeßen, wenn sie da ist. Ist sie vielleicht nicht selbst da, sondern nur ihre Vorstellung? Wäre sie selber da, so würden sie bewirken, daß wir sie vergäßen und nicht, daß wir uns ihrer erinnerten. Wer vermag das zu erforschen, wer kann begreifen, wie es damit zugeht?

Ich mach mir, o Herr, Arbeit in mir selber, bin mir der Acker voll vom Schweiß der Mühsal. Nicht gilt es jetzt des Himmels Zonen zu erkunden und die Sternenräume zu messen, noch der Erde Gewicht zu erwägen, ich bins der sich seiner erinnert, ich die Seele. Es ist nicht zu verwundern, wenn das mir fern ist, was ich nicht selbst bin; aber was ist mir näher als ich selbst? Und meines Gedächtnisses Macht wird nicht von mir begriffen und ich bin doch selbst nicht außer ihm. Was soll ich sagen, wenn mir gewiß ist, ich erinnere mich meiner Vergeßenheit? Soll ich sagen, das, dessen ich mich erinnere, sei nicht in meinem Gedächtnis? Oder die Vergeßenheit sei darum in meinem Gedächtnis, damit ich nicht vergeße? Beides ist ganz sinnlos. Oder gilt es Drittes? Soll ich sagen, nicht die Vergeßenheit, nur die Vorstellung von ihr werde von meinem Gedächtnis behalten? Aber das Bild einer Sache kann sich nur als ihr Abbild einprägen, vor ihm muß sie selbst da sein. So erinnere ich mich Karthagos und aller meiner Wohnorte, so der Menschengestalten, die ich sah und alles sinnlich Wahrnehmbaren, so selbst des Wohl- und Uebelbefindens meines Leibes. Das Alles ließ seine Vorstellung dem Gedächtnis, nur diese rief ich hervor, statt der abwesenden Dinge selbst. So mußte also die Vergeßenheit selbst sich vergegenwärtigen, wenn ihre Vorstellung im Gedächtnis stattfand. Wie konnte sie aber ihr Bild in’s Gedächtnis zeichnen, während sie doch alles darin Verzeichnete auslöscht, sobald sie auftritt? So unbegreifliches es ist, ich bin gewiß, daß ich mich auch der Vergeßenheit erinnere, die alles auslöscht, wessen ich mich erinnere.

XVII.

Eine große Kraft ist das Gedächtnis, mein Gott, voll unergründlicher, unzähliger Fälle, und so ist meine Seele, und so bin ich selbst. Was bin ich also, mein Gott, und welche Natur bin ich? Ein unaussprechlich vielfaches Leben bin ich. Siehe in den unzähligen Gefilden und Gründen meines Gedächtnisses die Arten unzähliger Dinge, mögen sie in mich gekommen sein als Bilder, wie sie von der Körperwelt kommen, oder als die Sachen selbst, wie bei den Wissenschaften, oder gar unergründlich, wie bei den Gefühlen der Seele! Durch das Alles bewege ich mich und finde das Ende nicht. Solche Lebenskraft ist das Gedächtnis im sterblicher Menschen! Und auch über sie muß ich mich erheben, wenn ich zu dir gelangen will, zu dir, mein süßes Licht, denn durch meine Seele hindurch muß ich zu dir, der du über ihr bleibest, der ich dich erreichen will, wo du erreichbar bist und dir anhangen um an dir zu bleiben. Denn auch die Thiere haben Gedächtnis – wie könnten sie sonst ihre Lager und Nester wiederfinden – und finden dich nicht; du aber erhebst mich über sie, du machtest mich weiser als sie. Aber wo finde ich dich nun, meine Friedenswonne? Wo find ich dich? Wenn ich dich außerhalb meines Gedächtnisses finde, vergeß ich dich und wie soll ich dich finden, wenn ich dein vergaß?

XVIII.

Jenes Weib verlor ihren Groschen und suchte ihn mit der Leuchte; wäre er ihr nicht im Gedächtnis gewesen, so hätte sie ihn nicht gefunden. Und hätte sie ihn gefunden, so hätte sie nicht gewußt, daß er es war. Auch ich suchte und fand schon viel Verlorenes.

Als man mir, dem Suchenden, Verschiedenes mit der Frage zeigte: ist es das? verneinte ich es bis ich gefunden hatte, was ich suchte. Hätte ich mich seiner nicht erinnert, so hätte ich es, selbst wenn man mir es gezeigt hätte, nicht gefunden, denn ich hätte es ja nicht erkannt. Aber was aus den Augen schwindet, das schwindet nicht aus dem Gedächtnis, im Innern ruht sein Bild und wird gesucht, bis es geschaut wird, gleich einem sichtbar Körperlichen und aus dem Bild wirds erlernt, das in meinem Innern ist. Verlorenes halten wir nur für gefunden, wenn wir es erkennen und erkennen es nicht ohne Erinnerung, wohl aus den Augen wars, doch nicht aus dem Gedächtnis.

XIX.

Selbst wenn das Gedächtnis etwas verliert, wie das geschieht durch Vergeßen, so können wir es nun darum suchen, damit wir uns sein wieder erinnern. Wir suchen es also allein im Gedächtnis. Mag uns Eins ums Andere darauf hervortreten, wir verwerfen es, bis das uns entgegentritt, was wir suchen und nun sprechen wir: das ist es! was wir nicht sagen würden, wenn wir es nicht erkennten und was wir nicht erkennen würden, wenn wir uns seiner nicht erinnerten. Wir hatten es also zuverläßig vergeßen gehabt. Oder war es uns nicht ganz ausgefallen? War etwas daran geblieben, bei dem man nach dem Uebrigen fragen konnte? Denn das Gedächtnis merkt wohl, daß nicht alles zumal und zugleich in sich in Bewegung setzt, was es zusammt in sich hat, daß es damit nur zeitweisen, oberflächlichen Umgang pflegt, bis es nach dem wieder verlangt, was ihm fehlt. So können wir den Namen eines an- oder abwesenden Menschen vergeßen haben und werden nun alle Namen, die uns über ihn einfallen, abweisen, bis der uns aufkommt, mit dem wir an ihn zu denken pflegten. Und woher kommt er, als aus dem Gedächtnis? Selbst dann kommt er daraus, wenn ihn uns ein Anderer sagt. Diesem glauben wir nichts Neues, sondern unsere Erinnerung bejaht, was er spricht. Wäre der Name im Gedächtnis ganz erloschen, wir erinnerten uns seiner nicht, wie oft man ihn uns auch sage. Wir müßen uns ja erinnern, daß wir ihn vergeßen haben und nichts ganz Vergeßens werden wir ja wieder suchen können.

XX.

Wie nun such ich dich, Herr? Wenn ich meinen Gott suche, so suche ich das selige Leben. Ich will dich suchen, auf daß meine Seele lebe, denn mein Leib lebt durch meine Seele, sie aber lebt durch dich. Wie soll ich suchen das selige Leben? Noch habe ich nicht, daß ich sagen könnte: es ist genug, noch muß ich es suchen durch Erinnerung, als hätte ich es vergeßen und wüßte noch, daß ich es vergaß? Oder soll ich es suchen, nach ihm verlangend als einem noch Unbekannten, von dem ich noch nie wußte, oder das ich so ganz vergaß, daß ich nicht einmal mehr weiß, ich habe sein vergeßen? Ist es nicht ein seliges Leben, was Alle wollen, und ist wirklich Keiner, der nicht wollte? Woher kennen sie es, daß sie alle so nach ihm verlangen? Wo sahen sie es, daß sie es lieben? Wir haben es, ich weiß nicht wie. Aber verschieden ist die Weise, in der Jeder glücklich ist, wenn er es hat. Und es gibt welche, die in der Hoffnung glücklich sind. Sie haben es in niedererem Grade, als diejenigen, welche schon glücklich im Besitze sind, und doch sind sie beßer daran, als solche, die wieder sein Besitz noch seine Hoffnung beglückt. Und hätten diese gar nichts von Glückseligkeit je beseßen, so wollten sie nicht so glücklich sein, wie sie es waren, was sie doch zuverläßig wollen. Wie lernten nun sie es kennen? Sie haben es durch irgend eine Kunde, und ist diese nicht in ihrem Gedächtnis? Ist sie in ihm, so waren wir schon einmal glücklich. Waren das alle Einzelnenen schon, oder waren sie es in dem Menschen, welcher der erste Sünder war, in welchem wir Alle gestorben sind, aus dem wir Alle im Elend geboren wurden. Wenn ich das auch jetzt nicht frage, so frag ich doch, ob uns das selige Leben im Gedächtnis sei. Wir liebten es ja nicht, wenn wir nichts von ihm wüßten. Wir hören das Wort und bekennen, daß wir Alle die Sache selbst verlangen, denn nicht am Worte finden wir die Freude. Hört es der Grieche latein aussprechen, so freut es ihn nicht, denn er versteht das ihm fremde Wort nicht. Wir Lateiner freuen und dann, wie sich der Grieche freuen würde, wenn er das Wort in seiner Sprach hörte. Der Gegenstand selbst ist ja weder lateinisch, noch griechisch. Könnte man alle Menschen und Völker in einer Sprache: wollet ihr selig werden? Sie würden alle antworten: wir wollen! Die Seligkeit selbst also, nicht ihr Name nur, ist in Aller Gedächtnis.

XXI.

Ist es mit diesem Gedächtnis, wie mit dem Gedächtnis einer Stadt, die man gesehen? So ist es nicht; das selige Leben wird nicht gesehen, es ist nicht körperlich. Ist es, wie mit dem Gedächtnis der Zahlen? Nein, wer dieses hat, der hat die Zahlen selbst und braucht sie nicht erst zu verlangen; vom seligen Leben aber haben wir Kunde, darum lieben wir es, und doch sehen wir uns erst, seine Wonne zu erreichen. Ist es damit, wie mit der Erinnerung der Beredsamkeit? Nein, wenn auch Manche, welche noch nicht selbst beredet sind, es zu werden wünschen, so liegt zwar Erinnerung von Beredsamkeit in ihnen, jedoch von einer gehörten fremden; das selige Leben aber sehen wir nicht durch leibliche Sinne im Besitze Anderer. Ist es damit, wie mit dem Gedächtnis der Freude? Vielleicht ist es so. Denn meiner Freude Gedächtnis bleibt mir auch in meiner Trauer, wie das seligen Lebens in meinem Elend. Denn nie habe ich mit einem leiblichen Sinn meine Freude selbst gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt und betastet, sondern das war Erfahrung meiner Seele, dessen mein Gedächtnis eingedenk ist, so daß ich mich sein mit Geringschätzung oder Sehnsucht erinnere nach seinem Werth. Denn auch die schändlichen Genüße durchdringen mich mit einer Freude, deren Erinnerung ich jetzt verwerfe und verwünsche, der edlen Freuden aber denk ich mit Trauer darüber, daß sie nicht mehr sind. Aber wann und wo erfuhr ich von meinem seligen Leben, daß ich sein gedenke, daß ich es liebe und sein begehre? Und so Alle, wie ich nicht ich allein, nicht nur Wenige mit mir. Und kennten sie’s nicht, so wollten sie es nicht. Zwar, wenn man zwei Menschen fragte, ob sie Kämpfer werden wollten im Kriege, so könnte der eine es wollen, der andere nicht, und doch wollten beide dasselbe, beide wollten Glück, der Eine im Kampf, der Andere ohne Kampf. So mögen die Menschen auf verschiedenen Wegen ihre Freunden suchen, alle stimmen doch darin überein, daß sie Freude wollen, und nennen ihre Freude ihre Glückseligkeit. Mögen sie dieselbe von hierher, oder von dorther erreichen, sie wollen Alle doch zum gleichen Ziel, zur Freude. Und weil sie im Gedächtnis liegt und aus ihm erkannt wird, so oft man sie nennt, so kann Keiner sagen, ich kenne sie nicht.

XXII.

Lerne sei es, Herr, ferne sei es von dem Herzen deines Knechts, der dir bekennt, ferne sei es, daß ich in jeder Freude, der ich mich freue, mich für glückselig halte. Denn eine Freude gibts, die kein Gottloser empfängt, aber die empfangen sie, die dich ehren, ohne es sich zum Verdienst anzurechnen, und ihre Freude bist du. Das selige Leben ist, sich freuen nach dir, aus dir und deinetwegen, und kein selig Leben gibt es außer diesem. Die ein anderes dafür halten, suchen auch andere Freude, aber sie ist nicht wahre Freude; nach irgend einem Freudenbild wendet sich doch ihr Willen.

XXIII.

So ist es also nicht erwiesen, daß alle glückselig zu sein wünschen, da ja Alle, welche sich nicht dein freuen wollen, der allein das selige Leben ist, das selige Leben gar nicht verlangen? Oder, ist es dennoch so, wollen es Alle? – Wohl, weil das Fleisch gelüstet wider den Geist und den Geist wider das Fleisch – also daß sich nicht thun, was sie wollen, so fallen sie in das, zu dem sie vermögend sind, und sind mit ihm zufrieden, weil sie das, zu dem sie nicht vermögend sind, nicht so weit wollen, daß es sie vermögend machte. Denn ich fragte Alle, ob sie nicht lieber sich der Wahrheit als des Irrthums freuen wollen? Und sie werden so wenig anstehen, sich zur Freude an der Wahrheit zu bekennen, als sie anstehen, zu bekennen, sie wollen sich des seligen Lebens freuen; denn das selige Leben ist Freude an der Wahrheit, und das ist die Freude aus dir, der du die Wahrheit bist, Herr, mein Licht, meines Angesichtes Heil, mein Gott. Dieß selige Leben wollen Alle, dieß Leben, das allein selig ist, wollen Alle; die Freude, die aus der Wahrheit kommt, wollen Alle! Ich lernte zwar Viele kennen, die betrügen wollten, aber kein Einzigen, der betrogen werden wollte. So lieben auch sie das selige Leben, das nur aus der Wahrheit zu erkennen ist, die sie lieben, weil sie nicht betrogen werden wollen. Und die Wahrheit liebten sie nicht, wäre ihrem Gedächtnis nicht Kunde von ihr geliebten. Warum aber freuen sie sich ihrer nicht, warum sind sie nicht glückselig? Weil sie mächtiger von andern Dingen befangen werden, die sie elend machen, da sie sich dessen, was sie glückselig macht, nur schwach erinnern. Denn noch ist ein schwacher Lichtschein in den Menschen; sie mögen eilen, eilen, daß sie die Finsternis nicht ergreife. – Warum aber zeugt die Wahrheit den Haß, warum behandeln sie als Feind den Mann, der ihnen die Wahrheit verkündigt, wenn doch das ewige Leben geliebt wird und dieß nichts Anders ist, als die Freude an der Wahrheit? Weil sie die Wahrheit also lieben, daß sie nur das, was sie lieben, für Wahrheit gehalten wißen wollen; und weil, die nicht betrogen werden wollen, sich doch selbst nicht wollen überweisen laßen, daß sie falsch sind. Wegen dessen, was sie für Wahrheit halten, haßen sie die Wahrheit. Sie lieben ihr Licht und haßen sie, wenn sie von ihr an’s Licht gebracht und überwiesen werden. Denn weil sie nicht betrogen werden wollen, und doch selbst betrügen wollen, so lieben sie die Wahrheit, wenn sie sich offenbart, und haßen sie, wenn sie selbst vor ihr geoffenbart werden. Und deswegen wird sie ihnen damit vergelten, daß sie wider ihren Willen sie offenbar macht, und sich selbst ihnen doch nicht offenbart. So, auch so will die blinde und schlafsüchtige, die sündliche und schmachvolle Seele verborgen bleiben, und will doch nicht, daß vor ihr etwas verborgen bleibe. Aber es wird ihr vergolten werden, daß sie vor der Wahrheit nicht verborgen bleibe, sondern die Wahrheit vor ihr. Und doch auch, wenn sie so elend ist will sie lieber sich des Wahren freuen, als des Falschen. Und darum wird sie nur selig sein, wenn sich kein selbstverschuldetes, lastendes Hindernis entgegen stellt, da sie sich freuen will allein an der Wahrheit, durch welche Alles wahr ist.

XXIV.

Siehe, Herr, wie weit ich mich immer nur in meinem Gedächtnis ergangen habe, da ich dich suchte und dich doch nicht außer ihm fand. Denn ich fand nichts von dir, dessen ich mich nicht erinnert hätte, seit ich dich lerne; seit ich dich ja lerne, habe ich dein nicht vergeßen. Und wo ich die Wahrheit fand, da fand ich meinem Gott, die Wahrheit selbst, die ich, seit ich lerne, nie vergaß. Darum, seit ich dich lerne, bleibst du in meinem Gedächtnis, und da finde ich dich, wenn ich dein gedenke und mich dein erfreue. Das sind meine heiligen Wonnen, die du mir schenktest durch dein Erbarmen, weil du ansahest meine Armut.

XXV.

Aber, o Herr, wo weilest du in meinem Gedächtnis? Welch ein Lager hast du dir darin bereitet, welch ein Heiligthum dir in ihm erbaut? Du hast mein Gedächtnis gewürdigt, in ihm zu weilen, aber in welchem Theile desselben du weilest, möchte ich erfahren. Dein gedenkend durchgieng ich den niedern Raum der Erinnerung, welchen auch die Thiere besitzen; und als ich dich, unter den Bildern der leiblichen Dinge, nicht fand, wandte ich mich dahin wo ich die Empfindungen meiner Seele aufbewahrte, und fand dich auch dort nicht. Da gieng ich zum Sitz meiner Seele selbst, der in meinem Gedächtnis ist, weil sich die Seele auch ihrer selbst erinnert, und auch da warst du nicht. Denn du bist nicht das Bild eines Körperlichen; du bist nicht das Gefühl des Lebens, wir mögen uns freuen oder trauern, begehrten oder fürchten, eingedenk sein oder vergeßen, und was dieser Art ist; du bist nicht meine Seele weil du der Herr und Gott meiner Seele bist. Das Alles wandelt sich, du aber bleibest unwandelbar über Allem. Und du hast mich gewürdigt, in meinem Gedächtnis zu wohnen, seit ich dich lerne. Was frage ich noch, an welchem Ort meines Gedächtnisses du wohnest, als ob dort Orte wären? Du wohnest in ihm zuversichtlich, weil ich dein eingedenk bin, seit ich dich lerne, und in ihm dich finde, so oft ich dein gedenke.

XXVI.

Wo nun fand ich dich, daß ich dich lernte? Denn ehe ich dich lernte, warest du nicht in meinem Gedächtnis. Wo fand ich dich, daß ich dich lernte, als nur in dir selbst und über mir? Und nirgends ist dieser Ort, wir mögen ihm zu weichen oder ihm zu nahen suchen; nirgends ein solcher Ort! Die allgegenwärtige Wahrheit, waltest du über Allen, die nach dir fragen, und antwortest Allen, wie verschieden sie auch fragen. Klar antwortest du, aber klar hören dich nicht Alle. Alle fragen, über was sie wollen, aber nicht immer vernehmen sie das, was sie wißen wollen. Der aber ist dein bester Diener, welcher mehr das will, was er von dir gehört, als daß er das hören wollte, was er will.

XXVII.

Ich habe spät dich geliebt, die Schönheit, so uralt und so neu, ich habe spät dich geliebt! Und siehe, du warst im Innern, aber ich war draußen und suchte dich dort. Und in deine schöne Schöpfung stürzte ich mich in meiner Häßlichkeit, denn du warest mit mir und ich nicht mit dir! Ferne von dir hielt mich die Außenwelt, und wäre doch nicht, wenn sie nicht wäre in dir. Du riefest laut und lauter und durchbrachtest meine Taubheit. Du schimmertest strahlend und strahlender und schlugest meine Blindheit. Du wehte stund ich kam zu Odem wieder und Leben, und athme in dir. Ich kostete dich und hungre und dürste. Du berührtest mich und ich lebte auf in deinem Frieden.

XXVIII.

Wenn ich einst in dir leben werde mit Allem, was in mir ist, dann wird mich nimmer treffen Schmerz und Ungemacht; ganz von dir erfüllt, wird Alles an mir Leben sein. Nun aber, da du nur den erleichterst, den du erfüllst, bin ich mir selbst zur Last, weil ich noch nicht völlig erfüllt bin vor dir. Noch streiten in mir zu beweinende Freuden mit erfreulicher Traurigkeit, und wer den Sieg gewinne, weiß ich nicht. Weh mir, Herr, erbarme dich mein! Auch unreine Trauer ist mit reinen Freuden in mir in Streit, und wer den Sieg gewinne, weiß ich nicht. Weh mir! Herr, erbarme dich mein! Weh mir! Siehe, meine Wunden verberge ich nicht; du bist der Arzt ja, ich bin der Kranke; der Erbarmer bist du, und ich bin der Eebarmenswerthe; denn aller Menschen Leben ist Anfechtung, so lange es auf Erden dauert. Wer wünschte aber seine Widerwärtigkeiten und Beschwerden? Du heißest sie tragen uns, nicht lieben, und Niemand liebt, was er trägt, wenn er auch lieber zu tragen; ihm dünken die Lasten leicht, und er hofft sie mit Freuden zu tragen; aber wird die Last seine Last, so dünkt sie ihm zu schwer, und nun will er lieber, es wäre nicht, das er zu tragen hätte. Und darum sehne ich nach Glück mich im Unglück und fürchte vor Unglück mich im Glück. Läßt sich zwischen diesem die Mitte finden, in der das Leben keine Anfechtung ist? Doppelt Weh dem Glück dieser Welt über der Furcht vor Unglück und seiner zerstörlichen Freude! Und dreifach Weh dem Unglück der Welt, über dem Sehnen nach Glück, über seiner eigenen Härte, über dem Schiffbruch, den die Geduld an ihm leidet! Ja, Aller Leben auf Erden ist ununterbrochene Anfechtung!

XXIX.

Alle meine Hoffnung ruht nur in deinem reichen Erbarmen, so gibt denn, was du befiehlst, und befiel, was du willst. Du befiehlst uns Enthaltsamkeit – gib sie mir; denn ich kann nicht anders enthaltsam sein, es gebe mir sie denn Gott; und Weisheit ist, erkennen was solche Gnade ist. Durch Enthaltsamkeit werden wir gesammelt und wiedergebracht zu dem Einen, von dem wir uns in Vieles zerstreuten. Denn weniger liebt dich, der neben dir etwas liebt, das er nicht liebt deinetwegen. O Liebe, du immer brennende und immer erlöschende Liebe, die du mein Gott bist, entzünde mich! Enthaltsamkeit gebeutst du mir; gib, was du gebeutst, und gebeut, was du willst.

XXX.

Du gebeutst mir, daß ich enthalte mich von des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffährtigem Leben. Du gebeutst Enthaltsamkeit von fleischlicher Lust, denn du gestattest die Ehe; aber mahnst auch zu Beßerem, zum bräutlichen Bunde allein mit dir. Und das gabest du mir, ehe ich noch in ein Amt deiner Kirche trat. Aber in meinem Gedächtnisse sind noch die alten Bilder meiner Verirrung, denn dort hat Gewohnheit sie eingebürgert, und wenn ich sie von mir banne im Wachen, so kommen sie lockend und verlockend in meine Träume. Und so mächtig ist dann das Trugbild in meiner Seele und in meinem Fleisch, daß es dem Träumenden als wahr erscheint, was es am Wachenden nicht zu thun vermag. Herr, mein Gott, bin ich im Traum nicht, der ich bin? Es ist ein so großer Unterschied zwischen mir und mir im Augenblick des Einschlafens und Aufwachens. Wo ist die Vernunft des Schlafenden, die im Wachen solchen Einwirkungen widerstehen, die da unerschüttert bleibt, wenn jene lüsternen Bilder sich zeigen? Schließt sie sich mit den Augen zu? Woher kommt es, daß wir ihnen oft auch im Traum widerstehen, unseres Vorsatzes auch da eingedenk, und rein bleiben, den Lockungen nicht bestimmend? Und doch welch ein Unterschied zwischen mir und mir! Stimmte ich jenen Lockungen bei, so kehrt mir beim Erwachen die Ruhe des Bewußtseins zurück und ich finde, daß ich das selbst nicht gethan habe, daß es an mir zu meinem Leid gethan worden ist. Aber sollte deine Hand nicht mächtig sein, allmächtiger Gott, alle Schlafsucht meiner Seele zu heilen und mit reichlicher Gnade selbst der Träume Lüsternheit zu vertilgen? Du wirst mir mehr und mehr deine Gabe reichen, daß mir meine Seele folge zu dir und selbst im Traume voll Reinheit bei dir sei, der du mehr kannst, als wir bitten und verstehen. So freue ich mich mit Zittern dessen, was du gabst, ich traure über das, in dem ich noch nicht vollkommen bin, und hoffe, völlig werde dein Erbarmen werden an mir, bis zum vollen, ungestörten Frieden des äußern und innern Menschen mit dir, wenn der Tod verschlungen sein wird in den Sieg.

XXXI.

Noch eine andere, schlimme Versuchung hat jeglicher Tag; wäre es genug an ihr! Des Leibes Hinfälligkeit müßen wir täglich mit Speise und Trank begegnen, bis du Nahrung und des Leibes Nahrungswerkzeuge von uns abthust und unsern Mangel endest mit wundervoller Sättigung, wenn du dieß Vergängliche in ewige Unvergänglichkeit wandelt. Nun ist mir diese Nothwendigkeit der täglichen Nahrung angenehm und streiten muß ich gegen dieß ergötzende Gefühl, daß ich nicht von ihm gefangen werde. Aber wie ich auch täglich mit Enthaltung gegen mich streite und meinem Leib zu unterwerfen suche, der Schmerz davon wird doch zum Vergnügen, denn gegen des Hungers und des Durstes Schmerzen wird die Nahrung zum Heilmittel, das du uns reichest von der Erde, den Waßern und den Lüften, aber der Genuß dieses Heilmittels bringt Ergötzung nach des Mangels Schmerz. Und doch lehrst du mich damit, ich soll meine Nahrung nur als Heilmittel empfangen; aber nach des Mangels Beschwernis befängt sie mich mit den Schlingen der Begehrlichkeit: denn dieser Uebergang vom Mangel zur Sättigung ist Vergnügen. Und so heftet sich dem Heilmittel der Speise und des Trankes die gefährliche Lust an die Ferse, ja geht ihm gewöhnlich voran und wird zur Hauptsache, und was für des Hungers und Durstes Heilung genug wäre, das ist für die begehrliche Lust noch zu gering, so daß es oft ungewis ist, ob die Sorge für des Leibes Wohl noch mehr verlange, oder ob die trügliche Lüsternheit noch Befriedigung forderte. An dieser Ungewisheit freut sich die unglückliche Seele, und wendet sie als Entschuldigung vor, sich vergnügend an dem, was über des Körpers und seiner Gesundheit Bedürfnis ist und unter dem Vorwand der Gesundheit nur der Lust fröhnt. Diesen Versuchung muß ich täglich widerstehen und anrufen zu meinem Heil deine Rechte, weil ich hier noch nicht in Klarheit bin. Ich höre die gebietende Stimme meines Gottes: »hütet euch, daß eure Herzen nicht beschweret werden mit Freßen und Saufen.« (Luk. 21, 34.) Wohl ist das ferne von mir, aber erbarme dich, daß es ferne von mir bleibe. Denn zu große Lust an Speis und Trank ließ deinen Knecht doch schon mehr genießen, als ihm kann nicht enthaltsam sein, es werde mir denn durch dich. Du gibst uns Vieles auf unsere Bitten, und was wir Gutes empfangen, noch ehe wir darum baten, haben wir von dir empfangen wir, daß wir hernach es erkennen. Nie war ich ein Knecht der Unmäßigkeit und Trunksucht, aber ich lernte Trunksüchtig kennen, die du zu Mäßigen machtest. Und so hast du bewirkt, daß ich nie war, was diese waren, damit wir beide wißen, es komme allein von dir, was ich gewesen sei nicht, und was wir Beide jetzt seien. Auch vernahm ich dein Wort: »Folge nicht bösen Lüsten, sondern brich deinen Willen«. (Sir. 18, 30.) Und: »Eßen wir, so werden wir darum nicht beßer sein; eßen wir nicht, so werden wir darum nicht weniger sein« (1. Cor. 8, 8.) Auch hörte ich: »Ich habe gelernt, bei welchem ich bin, mir genügen zu laßen; ich kann übrig haben und Mangel leiden. Ich vermag Alles durch den, der mich mächtig macht.« (Phil. 4, 12.) So spricht der Streiter im himmlischen Herr, der Staub nicht, der wir sind. Aber ich weiß, daß du es bist, der aus Staub den Menschen machte, der verloren war und wieder gefunden wurde. Auch Paulus konnte das nicht durch sich: auch er war Staub, er, der mir so lieb ist, weil er dieß sagen konnte, angeweht von deines Geistes Beseligung. Er sagt: ich vermag Alles durch den, der mich mächtig machte. Stärke auch mich, daß ich das könne! Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst! Paulus gesteht, es empfangen zu haben, und wenn er sich rühmt, so rühmt er sich des Herrn. Einen Andern hörte ich flehen um diese Gnadengabe: »wende von mir alle unreinen Lüste.« (Sir. 23, 5.) So gibst du, wenn geschieht, was du befiehlst. Du lehrtest mich, gütiger Vater: »es ist zwar Alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es ißet mit dem Anstoß seines Gewißens. (Röm. 14, 20.) Und alle Kreatur Gottes ist gut und nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird. (1. Tim. 4, 4.) Aber die Speise fördert uns nicht vor Gott«. (1. Cor. 8, 8.) Das lernte ich, Lob und Dank dir, meinem Gott und Lehrer, der du mein Ohr mir aufgethan und mein Herz mir erleuchtet hast. Reiße mich aus aller Versuchung! Ich fürchte nicht die Unreinigkeit der Speise, ich fürchte die Unreinigkeit der Begierde. Ich weiß, daß Noa alle eßbaren Thiere erlaubt waren (1. Mos. 9, 3.) und daß Elias mit dem Fleisch der Thiere sich labte (1. Kön. 17, 7), daß Johannes in seiner hohen Enthaltsamkeit Heuschrecken aß, ohne sich zu beflecken. Aber ich weiß auch, daß Eschau durch seine Lüsternheit nach Speise betrogen wurde; daß David einst seine Eier nach einem labenden Waßertrunke selber tadelte (2. Sam. 23, 7.) und daß unser himmlischer König nicht mit Fleisch, sondern mit Brot versucht ward; daß das Volk in der Wüste misfällig wurde vor Gott, weil es um Speise murrte. – In diese Versuchungen gestellt, muß ich täglich, so oft ich mich der lüsternen Begehrlichkeit streiten und meiner Kehle den Zügel halten; denn ich kann es damit nicht halten, wie mit der geschlechtlichen Lust, die ich aufgab für immer. Und wer ist, o Herr, der nicht etwas über das Maaß des Nothwendigen schritte? Gibt es einen Solchen, so steht er hoch und erhöhe dankend deinen Namen. Der Art aber bin ich nicht; ich bin noch ein sündiger Mensch. Doch auch ich erhöhe dankend deinen Namen und bitte meiner Sünden wegen zu dir, der die Welt überwand, der mich zählt zu den schwachen Gliedern seines Leibes, auf dessen unvollkommene Theile auch in Gnaden deine Augen sehen, denn du wirst deine Treuen alle in das Buch des Lebens schreiben.

XXXII.

Die Wohlgerüche sind mir nicht sehr zur Versuchung; ich suche sie nicht und verschmähe sie nicht, und konnte sie auch immer entbehren. Doch die Seele liegt in kläglicher Finsternis und kann sich über ihre Kräfte nicht trauen, es sei denn, daß ihre Erfahrung den Schleier lüfte. Und Niemand soll in diesem Leben sicher werden; denn muß nicht der Mensch immer im Streit sein auf Erden, damit er, aus einem Schlechtern ein Beßerer geworden, nicht wieder ein Schlechterer werde? Deine Erbarmung ist die einzige sichere Verheißung.

XXXIII.

Hartnäckiger und beherrschten mich die Vergnügungen der Ohren, aber du hast mich gelöst und befreiten. Wohl ruhe ich etwas in den Tönen, welche deine Worte beseelen, wenn sie lieblich und kunstreich gesungen werden; doch feßeln sie mich nicht, ich kann von ihnen gehen, wenn ich will. Aber mit den Worten selbst, aus denen sie ihr Leben ziehen, verlangen sie in meinem Herzen einen Ehrenplatz und ich weiß ihnen kaum einen paßenden, gleich dem der Worte selbst, zu gewähren. Oft mein ich, sie zu hoch zu stellen, weil uns die heiligen Worte durch ihren Sang mehr zur Andacht entstammen, als ohne ihn. Aber auf mir verborgene Weise entsprechen in unsere Seele den Liedertönen verwandte Regungen. Das Gemüth darf nicht durch sinnliche Ergötzungen entnervt, und doch hat mich diese oft auch bei jenen Tönen befangen, so daß der sinnliche Eindruck den geistigen nicht nur als Beiwerk begleitete. So fehlte ich auch hierin, ob ich es gleich hernach erst merke. Bin ich aber zu behutsam gegen jene Trugmacht der Töne, so irre ich aus zu großer Strenge. Und gar oft wollte ich, alle die lieblichen Sangweisen der davidischen Psalmen möchten von mir und von der Kirche fern bleiben und scheint mir gefahrloser, was mir von Athanasius, Alexandriens Bischof, hinterbracht wurde, welcher den Vorleser die Psalmen nur mit wenigen Tönen psalmodiren ließ, so daß der Vertrag mehr ein Sprechen als ein Singen war. Wenn ich aber der Thränen denke, welche ich am Anfang meiner Bekehrung bei deinen Kirchenmelodien vergoß und wenn ich auch jetzt noch von ihnen gerührt werde, wo mit reiner Stimme und paßender Melodie gesungen wird, freilich nicht vom Sang nur, sondern auch von seinen Worten, so erkenne ich den großen Nutzen unserer ambrosianischen Einrichtung wieder. So schwanke ich zwischen der vergnügenden Gefahr und der erfahrenen heiligen Wirkung unserer Einrichtung und ohne maßgebend reden zu wollen, ist sie mir doch lieber, damit schwächere Gemüther durch Ohrenlust zu frommer Andacht erhoben werden. Wenn es mir jedoch widerfährt, daß mich mehr der Sang, als seine Worte rührt, so fehle ich sträflich und wollte lieber den Sänger nicht hören. So steht es um mich! Weint um mich und mit mir weinet, die ihr des Guten etwas im Herzen bewegt, aus dem ihm angemeßene Thaten folgen. Die ihr nichts davon in euch bewegt, wie könnte euch rühren, was ich rede? Du aber, Herr, mein Gott, sieh erhörend auf mich nieder, erbarme dich mein und heile mich, du von dessen Augen ich mir selbst zum Räthsel werde, o du, dem meine schwankende Schwäche bekannt ist.

XXXIV.

In meinen Bekenntnissen, welche hören mögen die Ohren deines Tempels, die Ohren der Brüder und Frommen, muß ich noch reden von der fleischlichen Augenergötzung, um alle fleischliche Lust zu erwähnen, welche mich seufzen macht nach meiner Behausung, die vom Himmel ist, nach der ich verlange, daß ich damit überkleidet werde. Die Augen lieben schöne und verschiedene wechselnde Formen, leuchtende und reizende Farben. Sie sollen meine Seele nicht feßeln, die feßle Gott, der diese Dinge schuf, der gut sie schuf; er ist mein Gut, nicht sie. Sie treffen mich, so lange ich wache, die ganzen Tage über; nicht wird mir Ruhe vor ihnen, wie vor den Stimmen de Gesangs, die mir verstummen, wenn ich in Einsamkeit mich von ihnen trenne. Denn der Farben Königin ist das Licht, das alles Sichtbare durchströmt, das mich unabweisbar schmeichelnd umwallt, was ich auch thun mag; das sich so lieb uns macht, daß wir sein begehren, wenn es einen Augenblick nur uns fehlt und traurig sind, so es lange entfernt ist. – O Licht, das Tobias schaute, da er mit erblindeten Augen den Sohn den Weg des Lebens lehrte, den er ihm in Liebe vorangieng, ohne irgendwo irr zu gesehen, als ihm das Alter seine leiblichen Augen verdunkelte und ihm nicht gegeben war, seine Söhne zu segnen, indem er sie mit leiblicher Augen erkannte, sondern sie durch seinen Segen als das anzuerkennen, was sie werden sollten, und er es nicht erlangte, seine Kinder zu segnen, weil er sie erkannte, aber sie durch den Segen, den er ihnen gab, als seine Kinder erkannte mit der Liebe innerem Auge. Jakob schaute dich, da ihn das Alter des Lichtes beraubt, und seine Söhne segnend, sprach er mit erleuchtetem Herzen über die Söhne das aus, was ihren Nachkommen, dem Volke Gottes, widerfahren sollte. Und Josephs Söhnen legte er die Hände auf, mit erleuchtetem Herzen des Volkes kommenden Geschlechtern, nicht wie es ihr Vater verlangte, sondern wie er ihres Stammes geheime Zukunft sah im inneren Licht. (1. Mos. 48, 19.) Das ist das alleinige Licht, das wahre Licht allein, und eins sind Alle, die es schauen und lieben. – Aber das leibliche Licht verbringt das Leben mit lockend gefährlichen Reiz vor den blinden Anhängern dieser Sinnenwelt. Doch, die dich zu loben wißen auch über dieses Licht, Gott, Schöpfer von Allem, sie wenden es an zu deinem Lobgesang und laßen sich nicht von ihm abwenden in geistigem Schlaf, dem du fehlst, du Licht des Lichtes. So wünsche ich zu sein. Ich widerstehe der Augen sinnlicher Lockung, damit sie meinen Wandel auf deinem Wege nicht umstricke; und erhebe zu dir die unsichtbare Augen, daß du meinen Wandel von allen Schlingen befreiest. Du hörst nicht auf, mich loszumachen, ob ich auch oft noch an den überall gelegten Netzen hafte, denn du schläfst nicht und wirft nimmermehr schlafen, der du Israel hütest. Wie unzählig Vieles, in Kleidern und Geräthen, in Gemälden und andern Bildwerken, bereiten sich die Menschen, um die Augen zu befragen, wie Vieles, das weit das Bedürfnis und die auch im Bilde mögliche Bezeichnung des Heiligen überschreitet, und kehren sich nach dem nur, das sie äußerlich schaffen, im Innern den verlaßend, von dem sie geschaffen sind, und vergeßend, daß sie selbst nur geschaffene Wesen bleiben. Aber, o Gott du, meine Schönheit, auch für die Werke und Kunst und des Fleißes singe ich dir meinen Lobgesang und opfere mein Lob dem, der sich für mich geopfert hat, weil auch, was des Künstlers Seele mit seiner Hand in’s Dasein rief, von der Schönheit kommt, die über unsern Seelen ist, nach der Tag und Nacht meine Seele seufzt. Doch die Meister und Liebhaber des äußern Schönen wißen dieß Schöne zu loben, und nicht zu nützen, und du, der du selbst dieser Nutzen bist, du bist da in allem Schönen, und sie sehen dich nicht. Möchten sie ihre bildende Kraft in deinem Schirm geben, damit sie nicht weiter irren, und sich nicht zerstreuten in ergötzender Entkräftung! Davon befreie du mich, du, dessen Erbarmung vor meinen Augen ist, denn auch ich werde befragen, oft, ohne daß ich es weiß, weil ich nur aus Uebereilung hineinfiel, oft zu meinem Schmerz, weil ich mich fester befangen ließ.

XXXV.

Noch nenne ich eine andere, vielseitiger gefährliche Versuchung; denn außer der fleischlichen Lust, welche in dem Reiz aller Sinne und ihrer Vergnügung ist, und die den, der sich in ihrem Dienste von dir entfernt, zu Gnade richtet, ist in der Seele noch eine andere, welche sie zwar nicht sinnlich ergötzen will, aber die Sinne zu Werkzeugen ihrer Eitelkeit und Neugier macht und sich hinter den Namen des Erkenntnisdranges verschanzt. Sie ist die Neugier, und zu ihr frühen die Augen vor allen Sinnen, daher wird sie von deinem Wort auch der Augen Lust genannt. Denn das Auge will sehen, wir sprechen freilich auch ein Sehen den andern Sinnen zu, wenn wir mit ihnen etwas erkennen wollen. Wir sagen zwar nicht: horch was schimmert, riech wie es glänzt, schmeck wie es strahlt, greif wie es leuchtet, man sagt bei diesem Allem, es werde gesehen. Und doch sagen wir nicht nur: sieh was leuchtet, was allein mit den Augen vernommen wird, sondern wir sagen auch: sieh was tönt, sieh was riecht, sieh was schmeckt, sieh wie hart das ist, und so wird alles, was die Sinne begehren, ausgedrückt als geschehe es durch die Augen, weil auch die übrigen Sinne sich der Augen Beruf, das Sehen zuschreiben, so oft sie den Augen Aehnliches thun, auf etwas ausgehen nämlich, um es zu erkunden.

Nach diesem wird genau unterschieden, was die Sinne für Vergnügen suchen und was sie für eine Neugier treibt. Vergnügen bringt das Schöne, Wohllautende, lieblich Duftende, Geschmackvolle und weich Anzufühlende, die Neugier will auch das Gegentheil von diesen versuchen, nicht um sich damit zu belästigen, sondern aus Wißbegierde. Was ist denn für ein Vergnügen, den erschreckenden Anblick eines zerfleischten Leichnams zu haben? und doch laufen sie da zusammen wo er liegt, um zu bedauern und zu erschrecken. Nicht einmal im Traume möchten sie so etwas sehen, sie gehen wachend darnach, als hätte sie Jemand genöthigt, oder etwas schön Ausgegebenes zu schauen. So ists auch mit den andern Sinnen, bei denen ich mich jetzt nicht aufhalte. Um diese krankhafte Neugier zu befriedigen, gibt man im Theater Effektstücke; will man die außermenschliche Natur ergründen, nur aus Neugier, ohne Nutzen. Die Neugier verblendet den Menschen zum Glauben an magische Künste, sie versucht Gott, Zeichen und Wunder von ihm fordernd, nicht um Heil damit zu erwerben, nur um sich zu vergnügen. Unzählig sind ihre Lockungen: viele davon half deine Gnade mir überwinden. Aber es ist nicht auszusprechen, wie vielfach sie das tägliche Leben umschwirren; und ich kann nicht behaupten, niemehr von ihnen ergriffen zu werden. Wohl lockt mich kein Schauspieler mehr, noch der Sterndeuter Trug, wohl suche ich keine Kunde bei den Todten und verabscheuen gottlose Gebräuche; aber, mein Gott, dem ich in Demuth und in Einfalt dienen soll – wie versucht mich der Feind noch mit seinen Eingebungen, daß ich ein Zeichen zuweilen von dir fordern möge? Ich beschwöre dich bei unserm König, bei der reinen Heimat der Einfalt, bei der himmlischen Jerusalem – wie ich schon ferne bin, dem Versucher beizustimmen, so laß mich ferner immer davon werden und verleiht mir immer dir zu folgen, der du an mir thust nach deinem Wohlgefallen. Von wie unzähligen werthlosen Kleinigkeiten wird unsere Neugier täglich erregt! Fade Schwätzer hören wir anfänglich an, um diese Schwachen nicht zu beleidigen, allmählich aber hören wir ihnen gerne zu. Ich seh dem Hund nicht nach, der den Hasen verfolgt, wenn das im Circus geschieht, aber auf dem Felde draußen stört er mich vielleicht an nichtigen Gedanken und ich lauf ihm wenigstens mit der Seele nach. Gedankenlos starr ich hin, wenn du mir nicht diese Schwäche vorhältst und mich durch beßere Gedanken zu dir erhebst. Und zu Hause erregt oft meine Aufmerksamkeit eine Eidechse, die Fliegen fängt, oder eine Spinne, die sie umkrallt, wenn sie in ihr Netz gerathen. Es geht mir dabei, wie dort auf dem Felde, so klein auch diese Thierchen sind. Und lob ich dich dann, den weisen Schöpfer und Ordner aller Wesen? Nicht von dir aus schaue ich ja zu deinem Lob auf diese Dinge. Ein Anders aber ist, schnell sich wieder faßen, ein Anderes, gar nicht in Zerstreuung fallen. Von solcher Dingen voll ist mein Leben, und meine Hoffnung ist nur dein reiches Erbarmen. Wird unser Herz der Sammelplatz solch werthloser Dinge, so werden selbst unsere Gebete oft unterbrochen und gestört, und vor deinem Angesicht, da wir des Herzens Stimme vor dich bringen, wird diese große Sache durch das Einschleichen jener nichtigen Gedanken zerrißen. Wenn wir solches Zerstreutsein verwerfen, so können wir nur hoffen, dein Erbarmen werde uns davon befreien, der du begonnen hast uns zu erneuern.

XXXVI.

Du weißest, wie du mich wandeltest, der du zuerst nicht heiltest von der Sucht, mich für gerecht zu halten in meinem Uebermuth, auf daß du gnädig alle meine übrigen Sünden vergebest, und heilest alle meine Gebrechen: daß du mein Leben vom Verderben erlösest und mich krönest mit Gnade und Barmherzigkeit, daß du mein Verlangen sättigest mit deinen Gütern, der du mit deiner Furcht meinen Stolz gebeugt und meinem Nacken hast unter deinem Joch gebändigt. Und nun trage ich es und es liegt sanft auf mir, weil geschehen ist, was du verhießest; und so war es und ich wußte es nicht, da ich mich fürchtete es aufzunehmen. Aber Herr, der du allein herrschest ohne Stolz, weil du allein bist der wahre Herr, der keinen Herrn du hast – ist endlich nach des Fleisches und der Auge Lust auch die dritte Hauptversuchung, die Hoffahrt, von mir gewichen oder kann sie welchen in diesem Leben? Gefürchtet und geliebt sein wollen von den Menschen, nicht wegen etwas Anderem, sondern damit daraus schon Freude entstehe, die doch keine Freude ist, das ist ein elend Leben und ein unfläthig Prahlen. Daraus kommt es vor Allem, daß man dich nicht liebt, und dich nicht in Lauterkeit fürchtet. Darum widerstehst du den Hoffährtigen, den Demüthigen aber gibst du Gnade; darum donnerst du über dem Prahlen der Welt und machst zittern die Gründe der Berge. Wohl müßten wir, wegen mancher Aemter und Pflichten in der Menschengesellschaft, von den Menschen gefürchtet und geliebt werden, und da erhebt sich der Feind unserer Seligkeit und schreit in die Schlingen, die er uns legt: wohlauf, wohlauf! Und wenn wir gierig uns herzumachen, werden wir, in unserer Unvorsichtigkeit, gefangen, und setzen unsere Freude nicht mehr in die Wahrheit, setzen sie nur in die Trüglichkeit der Menschen, wollen geliebt und gefürchtet werden nicht deinetwegen, sondern an deiner Statt. So hat der Feind uns und macht uns sich ähnlich, nicht zu liebender Eintracht, sondern zur Genoßenschaft im Gerichte; er, der seinen Thron gesetzt hat gegen Mitternacht, daß ihm, der auf verkehrtem, qualvollem Wege dich nachäfft, die dunkeln und die kalten Herzen dienen. Wir aber, Herr, siehe, wir sind deine kleine Heerde, besitze du uns und breite über uns deine Flügel, daß wir uns unter sie flüchten. Sei du unser Ruhm; deinetwegen wollen wir geliebt werden, dein Wort nur werde in uns gefürchtet. Wer da gelobt will werden von den Menschen, wenn du ihn tadelst, der wir nicht vertheidigt werden von den Menschen, wenn du ihn richtest, und nicht befreit werden, wenn du ihn verdammst. Der Sünder wird nicht gelobt über seinen Muthwillen, noch gesegnet für seine Uebelthaten, sondern gelobt wird der Mensch über eine Gnadengabe, die er von dir empfieng, und freut er sich mehr nur des Lobes, als der löblichen Gabe, so wird auch er von dir getadelt, da er gelobt wird, und ist der Lobende beßer als der Gelobte; denn jenem gefiel die Menschengabe mehr als die Gottesgabe.

XXXVII.

Täglich, o Herr, ohne Aufhören werden wir von diesen Versuchungen angefochten. Und eine täglich aufglühende Feueresse ist unsere Zunge. Auch hier gebeutst du uns Enthaltsamkeit. Gib was du befielst, und befiel, was du willst. Auch darüber kennst du die Seufzer meines Herzens und die Ströme meiner Augen. Nicht leicht faße ich, wie weit ich von dieser Pest frei sei, und sehr fürchte ich meine verborgenen Fehler, welche von deinen Augen erkannt werden, nicht von den meinen. In allen andern Versuchungen kann ich mich erforschen, in dieser fast nicht. Bei des Fleisches und der Augen Lust sehe ich, wie weit ich meine Seele zügeln kann, sobald diese Lockungen – durch meinen Willen, oder durch ihre Abwesenheit – von mir sind; denn so kann ich mich fragen, wie ich ihr Entbehren ertrage. Auch die Reichthümer, welche verlangt werden, damit man diese Lüste alle oder theilweise sich mit ihnen erkaufe, können verlaßen werden, damit die Seele beweisen könne, daß sie dieselben verachte, was sie nicht kann, wenn sie dieselben besitzt. Ein größerer Unsinn könnte allerdings weder behauptet noch gedacht werden, als wenn Jemand, um nicht gelobt zu werden, so schlecht und verworfen lebte, daß er von Jedermann verwünscht würde. Wenn das Lob der Begleiter eines guten Wandels und guter Werke zu sein pflegt und sein soll, so soll man weder den guten Wandel, noch seinen Begleiter verlaßen. Ob ich aber diesen Begleiter mit Gleichmuth oder entbehren kann, empfinde ich erst, wenn er mir fehlt. Ich muß dir, Herr, bekennen, daß das Lob, mehr aber noch die Wahrheit mich erfreuen; denn wenn mir die Wahl gegeben würde, ob ich verrückt und in Allem irrend von allen Menschen gelobt, oder in der Wahrheit bestehend von allen getadelt werden wollte, so weiß ich was ich wählte. Ich wollte nicht, daß mir die Freude an einem Gut erst durch Menschengunst erhöht würde. Und doch erhöht mir das Lob die Freude und der Tadel mindert sie, und wenn ich davon beunruhigt werde, so suche ich mich, ich weiß nicht warum, zu entschuldigen. Du hast uns nicht nur Enthaltsamkeit von der Liebe zu Manchem, du hast uns auch Gerechtigkeit geboten, mit der wir die Liebe Manchem zuwenden sollen. Und so wolltest du nicht nur, daß wir dich, du wolltest auch, daß wir den Nächsten lieben. Und oft glaube ich mich über die Fortschritte oder das Hoffnungsvolle meines Nächsten zu erfreuen, wenn ich mich an seinem verständigen Lob erfreue, und über ihn zu trauen, wenn ich ihn tadeln höre, was er an mir nicht versteht, oder was gar an mir gut ist. Oft aber traure ich auch über mir gewordenes Lob, wenn das an mir gelobt wird, über dem ich mir selbst misfalle, oder wenn kleineres und werthloseres Gute höher geschätzt wird, als es zu schätzen ist. Geschieht das deswegen, weil ich nicht will, daß, der mich lobt, anders über mich denke, als ich selbst? Geschieht es nicht deswegen, weil mir sein Nutzen am Herzen liegt, sondern nur weil mein mir wohlgefallendes Gute mir noch wohlgefälliger wird, wenn es auch einem Andern gefällt? Gewissermaßen ist das kein Lob für mich, wenn man an mir übertrieben lobt oder das lobt, was mir an mir misfällt, da man damit die Meinung, die ich von mir selbst habe, nicht lobt. Ich bin mir darüber nicht gewis. Aber in dir sehe ich, o heilige Wahrheit, daß mich das Lob nicht meinetwegen, sondern wegen des Nutzens, den es dem Nächsten bringt, bewegen darf. Aber ob es so sei, weiß ich nicht. Ich bin mir darin selbst weniger bekannt, als du, dessen Lob Jeden beglückt, der dich lobt. Mein Gott, zeige mich mir selbst, daß ich den Brüdern, die für mich beten, bekenne, wo ich mich verwundet weiß. Noch genauer will ich mich fragen: wenn mich des Nächsten Nutzen bei dem Lob bewegt, das ich empfange, warum bewegt es mich weniger, wenn ein Anderer, als ich, ungerecht getadelt wird? Warum werde ich von demselben Schimpfe mehr gequält, wenn er mich, als wenn er in meiner Gegenwart meinen Nächsten, ganz mit derselben Ungerechtigkeit, trifft? Weiß ich auch das nicht? Ist auch das noch übrig, daß ich mich selbst verführe, und mit Herz und Mund das Wahre nicht thue in deiner Gegenwart? Entferne weit von mir diese schädliche Thorheit, o Herr, damit nicht mein eigener Mund meine Sünde schmücke. Ich bin elend und arm, und beßer bin ich, wenn ich in verborgenem Seufzen mir selbst misfalle, und dein Erbarmen suche, bis meinem Mangel abgeholfen, bis es im Frieden vollendet wird, den nimmer kennt das Auge des Stolzen.

XXXVIII.

Die dem Munde entgehende Rede aber, und die bekannt werdenden Thaten werden höchst gefährlich durch die Lobsucht, mit welcher wir den erbettelten Beifall nur zur Erhöhung unserer Selbstsucht verwenden. Ja die Lobsucht versucht mich selbst da, wo ich sie in mir verwerfe, denn eben durch ihr Verwerfen komme ich mir lobwürdig vor. Und oft rühmt sich selbst der Mensch, durch seine Verachtung des eitlen äußerlichen Ruhmes noch viel eitler, und hat sich jetzt doch über die Verachtung des Ruhmest nicht zu rühmen, denn er verachtet ihn ja nicht, wenn er ihn zwar nicht zwar nicht mehr durch Andere, aber durch sich selbst sucht, wenn er verschmäht, von Andern gerühmt zu werden, nur um sich selbst zu rühmen.

XXXIX.

Innerlich, tief kommt auch ein versuchendes Uebel dieser Gattung vor, wodurch an geistlichen Güter leer werden, die ein Wohlgefalle an sich selber haben, obwohl sie Anderen nicht gefallen, oder misfallen, oder sich über ihren Beifall hinwegsetzen. Aber die sich selbst gefallen, misfallen dir sehr, mögen sie sich nun gefallen über Gütern, die keine Güter sind, oder deinen Gütern, als wäre sie die ihren, oder wenn sie solche zwar für die deinen halten, aber ihren Empfang dem eigenen Verdienst zuschreiben; ja selbst wenn sie in solchen die Gaben deiner Gnade sehen, aber sich ihrer nicht in gemeinnütziger Verwendung freuen, sondern sie den Andern in neidischer Ungunst nicht mittheilen. In allen diesen Gefahren siehst du beben mein Herz, und ich erkenne nicht, daß ich von ihnen nie verwundert wurde, sondern nur, daß du solche Wunden heilest.

XL.

O Wahrheit, du warest mein Geleite und lehrtest mich, was ich meiden und verlangen sollte, so oft ich, was ich in mir sehen konnte, vor dich brachte und deinen Rath erbat. Ich durchgieng die Welt, die vor meinen Sinnen liegt, und fand, daß mein Leib und meine Sinne ihr Leben aus meiner Seele haben. Dann zog ich mich zurück in die weiten Räume meines Gedächtnisses, so wunderbar voll von Unzähligem; ich betrachtete und staunte und konnte nichts davon unterscheiden ohne dich, und fand doch, daß du selbst nichts von diesem Allem seiest. Ich selbst aber war der Erfinder dieser Dinge nicht, ob ich sie alle auch durchmusterte und nach ihrem Werth beurtheilte, denn einige davon nahm ich mit den Sinnen in mich auf, andere fand ich in mir selbst, sie als deine Boten unterscheiden und aufzählend, indem ich sie in den weiten Wohnung meines Gedächtnisses musterte, zurückwies oder vortreten ließ. Aber nicht ich, nicht meine Kraft war es, mit der ich das gethan, auch du warest sie nicht, denn du bist das ewig unveränderliche Licht, das ich bei Allem fragte, das zwischen mir und dir gewesen, ob es sei, was es sei und wie hoch zu schätzen. So hörte ich deine Lehren und Mahnungen, und thue das oft noch, denn das ist meine Freude, zu der ich fliehe, so oft mich des Tages Arbeit entläßt. Aber in diesem Allem, das ich, dich fragend, durchgehe, finde ich keine Ruhestätte für meine Seele; nur in dir ist sie, in dem ich sammle von meiner Zerstreutheit; o nichts von dir weiche mehr aus mir! Und zuweilen nimmst du mich auf in selige Gefühle und Wonnen, die nicht von dieser Welt sind; o was wird es sein und wo werde ich sein, wenn diese Wonnen in mir einst völlig sind und bleibend? Aber jetzt falle ich von diesen Wonnegefühlen wieder zurück in die Sorgenlasten dieser Erde und werde wiederverschlungen vom Gewöhnten und von ihm festgehalten; da weine ich so viel, denn ich werde so vielfach gehalten. Ach eine wahre Last ist nur die Gewohnheit! Hier kann ich sein und will nicht, dort will ich sein und kann nicht; so bin ich elend in beidem.

XLI.

So lernte ich meiner Sünden Uebel in der dreifachen Lust, in des Fleisches, der Augen und der Hoffahrt Lust, erkennen, und flehe deine Rechte zu meiner Hilfe an. Da sah ich deinen Lichtglanz mit verwundetem Herzen, und rief zurückgeschlagen von seinem Strahl: wer kann dorthin? Ich bin verworfen vor deinen Augen! Denn du bist die allwaltende Wahrheit, und in meiner Habsucht wollte ich dich nicht verlieren und doch neben dir noch im Besitz der Lüge bleiben: so wie niemand so weit im Lügen kommen möchte, daß er selbst nicht mehr wüßte, was wahr ist. Und so verlor ich dich, denn du verschmähst es dich besitzen zu laßen neben der Lüge.

XLII.

Wo finde ich den, der mich wieder mit dir vereint? Sollte ich an die Engel mit Gebeten und Mysterien mich wenden? Viele, die zu dir zurückkehren wollten, und dazu die Kraft nicht in sich selbst hatten, versuchen das, und stürzten sich in die vorwitzige Sucht nach Visionen, während sie nur Täuschungen sich bereiteten. Im stolz ihrer falschen Lehren suchten sie dich und erhoben ihr Herz statt es zu zerschlagen und so wurden sie eins mit den bösen Geistern, die in der Luft herrschten, denn gleicher Hochmuth brachte beide zusammen. Durch magische Kräfte ließen sie sich fangen und statt des Mittlers, den sie suchten, kam der Satan, in einen Engel des Lichts sich verstellt, über sie. Und vielfach verlockte er das übermüthige Fleisch, der selbst keinen fleischlichen Leib hat. Sie waren sterblich und waren Sünder, du aber, Gott, mit dem sie in Uebermuth sich vereinen wollten, bist unsterblich und ohne Sünde. So mußte der Mittler zwischen Gott und den Menschen etwas Gott und etwas den Menschen Aehnliches haben, damit er nicht in Beidem den Menschen ähnlich fern von Gott sei, oder in Beidem Gott ähnlich fern von den Mensch, also nicht ihr Mittler. Er konnte mit den Menschen ihre Natur, nicht ihre Sünde gemein haben, und mit Gott seine Natur, nicht seine Unsterblichkeit. Jener Lügengeist, der sich den Irrenden als Mittler bot, und durch den der Uebermuth, nach deinem verborgenen und gerechten Rathschluß, irre geleitet wird, hat Eins mit den Menschen gemein: die Sünde; das Andere, sagt er, habe er mit Gott gemein, seine Unsterblichkeit, deren er sich rühmt, weil er nicht von der Sterblichkeit umfangen ist. Aber weil der Tod der Sold der Sünden ist, so hat er auch den mit den Menschen gemeinen, denn er wird mit ihnen zum Todeselend verdammt.

XLIII.

Der wahrhaftige Mittler, den du mit tiefem Erbarmen den Gedemüthigten gezeigt und gesendet hast, damit sie von ihm die Demuth selber lernten, der Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Jesus Christus ist gestorben mit den sterblichen Menschen und gerecht geblieben mit dem gerechten Gott. Und weil die Frucht der Gerechtigkeit Leben und Frieden ist, so hat er mit seiner göttlichen Gerechtigkeit den Tod der gerechtgemachten Gottlosen vertiligt, den er mit ihnen wollte gemein haben. Es ist geoffenbart worden den Heiligen des alten Bundes, daß sie gerettet würden durch den Glauben an sein künftiges Leiden, wie wir gerettet werden durch den Glauben an sein vergangens Leiden. So weit er Mensch ist, so weit ist er Mittler, so weit er das ewige Wort ist, steht er nicht nur in der Mitte zwischen Gott und den Menschen, er ist Gott gleich, Gott mit Gott, zugleich mit dem heiligen Geist der alleinige Gott.

Wie hast du geliebt uns, Vater der Güte, der du deines eingebornen Sohnes nicht verschont hast, sondern hast ihn für uns Gottlose dahin gegeben! Wie hast du geliebt uns, für die Der gehorsam war bis zum Tod am Kreuze, der seine Gottgleichheit nicht zur Schau trug, der allein todesfrei war unter den Kindern des Todes, da er Macht hatte, sei Leben zu laßen, und Macht, es wieder zu nehmen: für uns Sieger und todt und Sieger, weil er gestorben war, Priester für uns und Opfer war, der unser Knecht ist und aus Knechten uns zu deinen Kindern macht; aus dir gezeugt von Ewigkeit an und uns dienend. Wohl habe ich in ihm sichere Hoffnung, daß du heilen wendest alle meine Gebrechen, durch ihn, der sitzt zu deiner Rechten und uns vertritt. Und ich müßte verzweifeln ohne ihn! Denn groß und viel sind meine Gebrechen, aber größer und weiter ist deine heilende Gnade. Wir können nicht glauben, dein Wort sei ferne von uns und habe uns aufgegeben, daß wir verzweifelnd uns selbst müßten aufgeben, denn es ward Fleisch und wohnte unter uns. Von meinen Sünden geschreckt und von der Last meines Elends, bewegte ich’s im Herzen und dachte zu fliehen ins ewige Verlaßensein, einsam, ohne Trost; aber du hast mich gehalten und mich aufgerichtet, denn gesprochen hast du: »Er ist darum für Alle gestorben, auf daß die, so da leben, hinfort nicht ihnen selbst leben, sondern ihm, der für sie gestorben und auferstanden ist«. (2. Kor. 5, 15.) Siehe, Herr, auf, auf dich warf ich mein Anliegen, auf daß ich lebe und sehe die Wunder in deinem Gesetz. Dir ist bekannt meine Unerfahrenheit und Schwäche; lehre mich und gib mir Kraft. Er selbst, dein Eingeborner, in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis, hat mich losgekauft mit seinem Blut. Nicht sollen mich schmähen die Stolzen, weil ich gedenk bin des Preises meiner Erlösung, eße und trinke und darum flehe, weil ich in meiner Armut Sättigung suche aus ihm, mit denen wallend, die da eßen und satt werden, und den Herrn loben, da sie ihn finden.

Johann Christian Bach – Il Catone in Utica

Johann Christian Bach

Il Catone in Utica

Drama per musica

Personaggi

Catone

Cesare

Marzia, Figlia di Catone, ed Amante occulta di Cesare

Arbace, Principe Reale di Numida, amico di Catone, ed Amante di Marzia

Emilia, Vedova di Pompeo

Fulvio, Legato del Senato Romano a Catone, del partito di Cesare, ed Amante di Emilia

La Musica è del Signor D. Giovanni Bach all’ attual servizio di S. M. la Regina d’ Inghilterra.

Mutazioni Di Scene.

Nell’ Atto Primo.

Sala d’Armi.

Parte interna delle mura di Utica con porta della Città in prospetto chiusa da un ponte, che poi si abbassa.

Fabriche in parte rovinate vicino al soggiorno di Catone.

Nell’ Atto Secondo.

Alloggiamenti militari su le rivo del fiume Bagrada con varie Isole che comunicano fra loro per diversi Ponti.

Camera con sedie.

Nell’ Atto Terzo.

Cortile.

Luogo ombroso circondato d’Alberi con fonte d’ Iside da un lato, e dall’ altro ingresso praticabile d’ acquedotti antichi.

Gran piazza d’armi dentro le mura di Utica, parte di dette diroccate. Campo di Cesariani fuori della Città, con padiglioni, tende, e macchine militari.

Argomento.

Doppo la morte di Pompeo, il di lui contraditore Giulio Cesare fattosi perpetuo Dittatore si vide rendere omaggio non solo da Roma, e dal Senato, ma da tutto il rimanente del Mondo, fuor che da Catone il minore, Senatore Romano, che poi fu detto Uticense dal luogo della sua Morte: Uomo già venerato come Padre della Patria non meno per l’avstera integrità de’ Costumi, che per il valore; grand’ amico di Pompeo, ed acerbissimo difensore della libertà Romana. Questi avendo raccolti in Utica i pochi avanzi delle disperse milizie Pompejane, con l’ ajuto di Juba Rè de’ Numidi, amico fedelissimo della Republica, ebbe costanza di opporsi alla felicità del Vincitore. Cesare vi accorse con esercito numeroso, e benchè in tanta disugualianz a di forze fosse sicurissimo di opprimerlo, pure in vece di minacciarlo, innamorato della virtù di lui, non trascurò offerta, o preghiera per renderselo amico; ma quegli ricusando aspramente qualunque condizione, quando vide disperata la difesa di Roma, volle almeno morir libero uccidendo se stesso. Cesare nella morte di lui diede segni di altissimo dolore, lasciando in dubbio alle posterità, se fosse più ammirabile la generosità di luì, che venerò a si alto segno la virtù ne’ suoi Nemici, o la costanza dell’ altro, che non volle sopravvivere alla libertà della Patria.

La Scena è in Utica Città dell’ Africa.

Atto Primo

Scena Prima.

Sala d’Armi.

Catone, Marzia, e Arbace.

MARCIA.

Perchè si mesto, o Padre? Oppressa è Roma,

Se giunge a vacillar la tua costanza.

Parla: al cor d’ una figlia

La sventura maggiore

Di tutte le sventure è il tuo dolore.

ARBACE.

Signor che pensi? In quel silenzio appena

Riconosco Catone.

Ah se del tuo gran core

L’ardir primiero è in qualche parte estinto;

Non v’ è più libertà, Cesare ha vinto.

CATONE.

Figlia, Amico, non sempre

La mestizia, il silenzio

E segno di viltà. Tutto ha sconvolto

Di Cesare il furor: In me ripone

La speme, che le avanza,

Roma, che geme al suo Tiranno in braccio:

E chiedete ragion s’ io penso, e taccio?

MARCIA.

Chi sa? Figlio è di Roma

Cesare ancor.

CATONE.

Ma un dispietato figlio

Che serva la desia.

ARBACE.

Tutta Roma non vinse

Cesare ancora. A superar gli resta

Il riparo più forte al suo furore.

CATONE.

E che gli resta mai?

ARBACE.

Resta il tuo core.

E se dal tuo consiglio

Regolati saranno ultima speme

Non sono i miei Numidi.

CATONE.

M’ è noto, e ‘l più nascondi,

Tacendo il tuo valor; l’anima grande,

A cui, fuor che la sorte

D’esser figlia dí Roma, altro non manca.

ARBACE.

Deh tu Signor correggi

Questa colpa non mia. La tua virtude

Nel sen di Marzia io da gran tempo adoro.

Nuovo legame aggiungi

Alla nostra amista, soffri ch’io porga

Di Sposo a lei la mano:

Non mi sdegni la figlia, e son Romano.

MARCIA.

E tu Padre vorrai, ch’ una che nacque

Cittadina di Roma, e fu nudrita

All’ avra trionfal del Campidoglio,

Scenda al nodo d’un Rè?

ARBACE.

(Che bell’ orgoglio!)

CATONE.

Come cangia la sorte,

Si cangiano i costumi.

Principe, non temer, fra poco avrai

Marzia tua Sposa. In queste braccia in tanto

Del mio paterno amore

Abbraccia Arbace.

Prendi il pegno primiero, e ti rammenta

Ch’ oggi Roma è tua patria. Il tuo dovere

Or che Romano sei

E di salvarla, o di cader con lei.

Con si bel nome in fronte

Combatterai più sorte:

Rispetterà la sorte

Di Roma un figlio in te.

Libero vivi, e quando

Te’l nieghi il Fato ancora;

Almen come si mora

Apprenderai da me.

Scena II.

Marzia, Arbace.

ARBACE.

Poveri affetti miei,

Se non sanno impetrar dal tuo bel core

Pietà, se non amore

MARZIA.

Ma qual prova finora

Ebbi dell’ amor tuo?

ARBACE.

Nulla chiedesti?

MARZIA.

E s’ io chiedessi, o Prence,

Questa prova or da te?

ARBACE.

Fuor che lasciarti,

Tutto farò.

MARZIA.

Bramo. che in questo giorno

Non si parli di nozze: a tua richiesta

Il Padre vi acconsenta,

Non sappia ch’ io l’imposi; e son contenta.

ARBACE.

Perchè voler, ch’ io stesso

La mia felicità tanto allontani?

MARCIA.

Servi al mio cenno, e pensa

A quanto promettesti, a quanto imposi.

ARBACE.

Ma poi quegli occhi amati

Mi saranno pietosi, oppur sdegnati?

MARCIA.

Non ti minaccio sdegno,

Non ti prometto amor:

Dammi di fede un pegno,

Fidati del mio cor,

Vedrò se m’ ami.

E di premiarti poi

Resti la cura a me:

Nè domandar mercè,

Se pur la brami.

Partono.

Scena III.

Parte interna delle mura di Utica con porta della Città in prospetto chiusa da un Ponte, che poi si abbassa.

Catone, poi Cesare, e Fulvio.

CATONE.

Dunque Cesare venga. Io non intendo

Qual cagion lo conduca. E inganno? E tema?

Nò: d’un Romano ìn petto

Non giunge a tanto ambizion d’impero,

Che dia ricetto a così vil pensiero.

Cala il Ponte, e si vede venir Cesare con Fulvio.

CESARE.

Con cento squadre e cento

A mia difesa armate in campo aperto

Non mi presento a te. Senz’ armi, e solo

Sicuro di tua fede

Fra lc mura nemiche io porto il piede.

Tanto Cesare onora

La Virtù di Catone, emulo ancora.

CATONE.

Mi conosci abbastanza, onde in fidarti

Nulla più del dovere a me rendesti.

CESARE.

E ver, noto mi sei. Fu poi la sorte

Prodiga all’ armi mie del suo favore.

Ma l’ acquisto maggiore,

Per cui contento ogn’ altro acquisto io cedo,

E l’ amicizia tua, questa ti chiedo.

FULVIO.

E’l Senato la chiede: a voi m’invia

Nuncio del suo volere.

CATONE.

Chi vuol Catone amico,

Facilmente l’ avrà: sia fido a Roma.

CESARE.

Chi più fido di me! Spargo per lei

Il sudor da gran tempo, e’l sangue mio.

CATONE.

E tu dunque mi credi

Mal accorto così?

FULVIO.

Signor che dici?

Di ricomporre i disuniti affetti

Non son queste le vie: di pace io venni,

Non di risse ministro.

CATONE.

E ben si parli.

(Udiam che dir potrà.)

FULVIO.

(Tanta virtude

Troppo acerbo lo rende.)

A Cesare.

CESARE.

(Io l’ammiro però, sebben m’offende.)

Pende il mondo diviso

Dal tuo, dal cenno mio: sol che la nostra

Amicizia si stringa, il tutto è in pace.

Se del sangue latino

Qualche pietà pur senti, i sensi miei

Placido ascolterai.

Scena IV.

Emilia, e detti.

EMILIA.

Che veggio, o Dei!

Questo è dunque l’ asilo

Ch’io sperai da Catone? Un luogo istesso

La sventurata accoglie

Vedova di Pompeo col suo nemico!

FULVIO.

(In mezzo alle sventure

E bella ancor.)

CATONE.

Tanto trasporto, Emilia,

Perdono al tuo dolor.

CESARE.

Se tanto ancora

Sei sdegnata con me, sei troppo ingiusta

FULVIO.

Signor, questo non parmi

Tempo opportuno a favellar di pace.

Chiede l’ affar più solitaria parte,

E mente più serena.

CATONE.

Al mio soggiorno

Dunque in breve io v’attendo. E tu frattanto

Pensa Emilia, che tutto

Lasciar l’ affanno in libertà non dei,

Giacchè ti fe la sorte

Figlia a Scipione, ed a Pompeo consorte

Parte.

Scena V.

Cesare, Emilia, e Fulvio.

CESARE.

Tu taci Emilia? In quel silenzio io spero

Un principio di calma.

EMILIA.

T’inganni. Allor ch’io taccio,

Medito le vendette.

FULVIO.

E non ti plachi

D’ un Vincitor si generoso a fronte?

EMILIA.

Io placarmi? Anzi sempre in faccia a lui

Se fosse ancor di mille squadre cinto,

Dirò, che l’odio, e che lo voglio estinto.

CESARE.

Ma ciò Emilia non basta

A turbar la mia pace;

L’odio tuo perchè imbelle non mi spiace

Fiumicel che s’ ode appena

Mormorar fra l’erbe e i fiori

Mai turbar non sa l’arena,

E alle Ninfe, ed ai Pastori

Bell’ oggetto è di piacer.

Venticel che appena scuote

Picciol mirto, o basso alloro;

Mai non desta la tempesta:

Ma cagione è di ristoro

Allo stanco passaggier.

Parte.

Scena VI.

Emilia, e Fulvio.

EMILIA.

Quanto da te diverso

Io ti riveggio, o Fulvio! E chi ti rese

Di Cesare seguace a me nemico?

FULVIO.

Allor ch’io servo a Roma,

Non son nemico a te. Troppo ò nell’ alma

De’ priegi tuoi la bella imago impressa.

EMILIA.

Mal si accordano insieme

Di Cesare l’amico,

E l’amante d’Emilia: o lui difendi,

O vendica il mio Sposo: a questo prezzo

Ti permetto che m’ami.

FULVIO.

(Ah che mi chiede!

Si lusinghi.)

EMILIA.

Che pensi?

FULVIO.

Penso, che non dovresti

Dubitar di mia fe.

EMILIA.

Dunque sarai

Ministro del mio sdegno.

FULVIO.

Un tuo comando

Prova ne faccia.

EMILIA.

Io voglio

Cesare estinto. Or posso

Di te fidarmi?

FULVIO.

Io ti precedo, e sia

Tuo del colpo il consiglio, e l’opra mia.

Parte.

Scena VII.

EMILIA sola.

Se gli altrui folli amori ascolto, e soffro.

E s’io respiro ancor dopo il tuo fato,

Perdona, o Sposo amato,

Perdona; a vendicarmi

Non mi restano altr’armi. A te gli affetti

Tutti donai, per te gli serbo, e quando

Termini il viver mio, saranno ancora

Al primo nodo avvinti

S’ è ver ch’ oltre la tomba amin gli estinti.

O nel sen di qualche stella,

O su’l margine di Lete

Se mi attendi, anima bella,

Non sdegnarti, anch’io verrò.

Si verrò: ma voglia pria,

Che preceda all’ ombra mia

L’ ombra rea di quel tiranno,

Che a tuo danno

Il mondo armò.

Parte.

Scena VIII.

Fabbriche in parte rovinate vicino al soggiorno di Catone.

Cesare, e Fulvio.

CESARE.

Giunse dunque a tentarti

D’ infedeltade Emilia? E tanto spera

Dall’amor tuo?

FULVIO.

Si, ma per quanto io l’ ami,

Amo più la mia gloria.

CESARE.

A Fulvio amico

Tutto fido me stesso.

FULVIO.

E Catone?

CESARE.

A lui vanne, e l’ assicura

Che pria che giunga a mezzo il corso il giorno,

A lui farò ritorno.

FULVIO.

Andrò, ma veggio

Marzia che viene.

CESARE.

In libertà mi lascia

Un momento con lei.

FULVIO.

Io so che l’ami,

So che t’ adora anch’ ella, e so per prova

Qual piacer si ritrova

Dopo lunga stagíon nel dolce istante

Che rivede il suo bene un fido amante.

Scena X.

Marzia, e Cesare.

CESARE.

Pur ti riveggo, o Marzia. Agli occhi miei

Appena il credo, al par di tua bellezza

Crebbe il tuo amore, oppur scemò? Qual parte

Anno gli affetti miei

Neglì affetti di Marzia?

MARZIA.

E tu chi sei?

CESARE.

Chi sono! E qual richiesta? è scherzo? è sogno?

Cesare non ravvisi?

Quello che tanto amasti,

Quello a cui tu giurasti

Per volger d’ anni, o per destin rubello

Di non essergli infida.

MARCIA.

E tu sei quello?

No: tu quello non sei, n’usurpi il nome.

Un Cesare adorai, no’l niego, ed era

Del mondo intier dolce speranza, e mia:

Questo Cesare amai, questo mi piacque

Pria che l’ avesse il Ciel da me diviso.

Questo Cesare torni, e lo ravviso.

CESARE.

Che far di più dovrei? Catone adoro

Nel sen di Marzia: il tuo bel cor ammiro

Come parte del suo: quà più mi trasse

L’Amicizia per lui, che ‘l nostro amore:

MARCIA.

Ecco il Cesare mio. Comincio adesso

A ravvisarlo in te: così mi piaci

Così m’ innamorasti. Ama Catone

Io non ne son gelosa; un tal rivale

Se divide il tuo core,

Più degno sei ch’io ti conservi amore.

CESARE.

Questa è troppa vittoria. Ah mal da tanta

Generosa virtude io mi difendo.

Ti rassicura, io penso

Al tuo riposo, e pria che cada il giorno

Dall’ opre mie vedrai

Che son Cesare ancora, e che t’ amai.

Chi un dolce amor condanna,

Vegga la mia nemica;

L’ascolti, e poi mi dica

S’è debolezza amor.

Quando da si bel fonte

Derivano gli affetti,

Vi son gli Eroi soggetti,

Amano i Numi ancor.

Parte.

Scena XI.

Marzia, e poi Catone.

MARZIA.

Mie perdute speranze

Rinascer tutte entro il mio sen vi sento;

Chi sa? Gran parte ancora

Resta di questo dì.

CATONE.

Andiamo, o Figlia.

MARZIA.

Dove?

CATONE.

Al tempio, alle nozze

Del principe Numida.

MARCIA.

(Oh Dei!) Ma come

Sollecito così?

CATONE.

Non soffre indugio

La nostra sorte.

MARCIA.

(Arbace infido!) All’ Ara

Forse il Prence non giunse.

CATONE.

Un mio fedele

Già corse ad affrettarlo.

In atto di partire.

MARCIA.

(Ah che tormento!)

Scena XII.

Arbace, e detti.

ARBACE.

Deh t’ arresta, o Signor.

A Catone.

MARCIA.

(Sarai contento.)

Piano ad Arbace.

CATONE.

Vieni, o Principe, andiamo

A compir l’imeneo.

ARBACE.

Ah se pur vuoi,

Che si renda più grato; all’ altra avrora

Differirlo ti piaccia.

CATONE.

Nò: già fumano l’are,

Son raccolti i Ministri, ed importuna

Sarebbe ogni dimora.

ARBACE.

(Marzia, che deggio far?)

MARCIA.

(Me’l chiedi ancora?)

CATONE.

Ma qual freddezza è questa? Ah qualche arcano

Quì si nasconde – Arbace

Non ti sarebbe già tornato in mente,

Che nascesti Africano?

ARBACE.

Io da Catone

Tutto sopporto, e pure –

CATONE.

E pur assai diverso

Io ti credea.

ARBACE.

Vedrai –

CATONE.

Vidi abbastanza,

E nulla ormai più da veder m’avanza.

Parte.

ARBACE.

Brami di più crudele?

MARCIA.

Ad ubbidirmi,

Incominciasti appena, e in faccia mia

Già ne fai si gran pompa?

ARBACE.

O tirannia!

Scena XIII.

Emilia, e detti.

EMILIA.

In mezzo al mio dolore a parte anch’io

Son de’ vostri contenti, illustri Sposi.

ARBACE.

Riserba ad altro tempo

Gl’ avgurj, Emilia: è ancor sospeso il nodo.

EMILIA.

Io non l’intendo, e parmi

Il vostro amore inusitato, e nuovo.

ARBACE.

(Anch’io poco l’intendo; e pur lo provo)

E in ogni core

Diverso amore.

Chi pena, ed ama

Senza speranza;

Dell’ incostanza

Chi si compiace:

Questo vuol guerra,

Quello vuol pace;

V’ è fin che brama

La crudeltà.

Frà questi miseri

Si vivo anch’ io,

Ah non deridere

L’affanno mio:

Che forse merito

La tua pietà.

Parte.

Scena XIV.

Marzia, ed Emilia.

EMILIA.

Se manca Arbace alla promessa fede,

E Cesare l’indegno,

Che l’ha sedotto.

MARCIA.

I tuoi sospetti affrena.

E Cesare incapace

Di cotanta viltà benchè, nemico.

EMILIA.

E ragioni così. Che più diresti

Cesare amando? Ah ch’io ne temo, e parmi

Che ‘l tuo parlar lo dica.

Nò, non pensa in tal guisa una nemica.

Parte.

Scena XV.

MARZIA sola.

Ah troppo dissi, e quasi tutto Emilia

Comprese l’amor mio. Ma chi può mai

Si ben dissimular gli affetti sui,

Che gli asconda per sempre agli occhi altrui?

E van turbar la calma

Amanti al vostro core,

Se a discoprir un’ alma

Basta un sguardo ancor.

Se sia celar follia

Quel che celar non giova,

Ben lo conosce a prova

Chi sa che cosa è amor.

Fine dell’ Atto Primo.

Siegue il Ballo.

Atto Secondo

Scena Prima.

Alloggiamenti militari su le rive del fiume Bagrada con varie Isole, che comunicano fra loro per diversi Ponti.

Catone con seguito, poi Marzia, indi Arbace.

CATONE.

Romani, il vostro Duce,

Se mai sperò da voi prove di fede,

Oggi da voi le spera.

MARCIA.

Io veggio, o Padre,

Segni di guerra; e pur sperai vicina

La sospirata pace.

CATONE.

In mezzo all’ armi

Non v’è cura che basti: il solo aspetto

Di Cesare seduce i miei più fidi.

ARBACE.

Signor, già dé’ Numidi

Giunser le schiere: eccoti un nuovo pegno

Della mia fedeltà.

CATONE.

Non basta Arbace

Per togliermi i sospetti.

ARBACE.

Che l’Imeneo nel nuovo dì succeda,

Sì gran colpa non è.

CATONE.

Vio, si conceda.

Ma dentro a queste mura,

Finche Sposo di lei te non rimiro,

Cesare non ritorni.

MARCIA.

(Oh Dei!)

ARBACE.

(Respiro.)

Scena II.

Fulvio, e detti.

FULVIO.

Signor, Cesare è giunto.

MARCIA.

(Torno a sperar.)

CATONE.

Dov’ è?

FULVIO.

D’ Utica appena

Entro le mura.

ARBACE.

(Io son di nuovo in pena.)

CATONE.

Vanne Fulvio: al suo Campo

Digli che rieda: Io farò noto a lui

Quando giovi ascoltarlo.

FULVIO.

In van lo speri.

Si gran torto non soffro.

CATONE.

E che farai?

FULVIO.

Il mio dover.

CATONE.

Ma tu chi sei?

FULVIO.

Son io

Il legato di Roma.

CATONE.

E ben, di Roma

Parta il Legato.

FULVIO.

Si, ma leggi pria

Che contien questo foglio, e chi l’invia.

Fulvio da a Catone un soglio.

ARBACE.

(Marzia perchè si mesta?)

MARCIA.

Eh non scherzar, (che da sperar mi resta?)

Catone apre il foglio, e legge.

CATONE.

Il Senato a Catone. E nostra mente

Render la pace al Mondo. Ognun di noi,

I Consoli, i Tribuni, il Popol tutto,

Cesare istesso, il Dittator la vuole.

Servi al publico voto, e se ti opponi

A così giusta brama,

Suo nemico la Patria oggi ti ebiama.

FULVIO.

(Che dirà!)

Un tal comando

Improviso ti giunge.

CATONE.

E ver. Tu vanne,

E a Cesare – –

FULVIO.

Dirò, che quì l’ attendi,

Che ormai più non soggiorni.

CATONE.

Nò; gli dirai che parta, e più non torni.

FULVIO.

E’l foglio – –

CATONE.

E un foglio infame

Che concepì, che scrisse

Non la ragion, ma la viltade altrui.

FULVIO.

E Roma – –

CATONE.

E Roma

Non sta fra quelle mura, ella è per tutto

Dove ancor non è spento

Di gloria, e liberta l’ amor natio:

Son Roma i fidi miei, Roma son io.

Va, ritorna al tuo Tiranno,

Servi pur al tuo Sovrano;

Ma non dir, che sei Romano

Se non vanti libertà.

Se al tuo cor non reca affanno

D’ un vil giogo ancor lo scorno

Vergognar faratti un giorno

Il pensier di tua beltà.

Scena III.

Marzia, Arbace, e Fulvio.

FULVIO.

A tanto eccesso arriva

L’ Orgoglio di Catone?

MARCIA.

Ah Fulvio. e ancora

Non conosci il suo zelo? Ei crede –

FULVIO.

Ei creda

Pur ciò che vuol, conoscerà fra poco

Se di Romano il nome

Degnamente conservo,

E se a Cesare sono amico, o servo.

Parte.

ARBACE.

Marzia, posso una volta

Sperar pietà?

MARCIA.

Dagli occhi miei t’ invola,

Non aggiungermi affanni

Colla presenza tua. Io ti disciolgo

D’ ogni promessa.

ARBACE.

E acconsenti, ch’io possa

Libero favellar?

MARCIA.

Tutto acconsento,

Purchè le tue querele

Più non abbia a soffrir.

ARBACE.

Marzia crudele.

Parte.

Scena IV.

Marzia, poi Emilia, indi Cesare.

MARZIA.

E qual sorte è la mia! Di pena in pena

Di timore in timor passo, e non provo

Un momento di pace.

EMILIA.

Al fin partito

E Cesare da noi. Come sofferse

Quell’ Eroe si gran torto?

Che disse? Che fara? Tu lo saprai,

Tu che sei tanto alla sua gloria amica.

MARCIA.

Vanne, e chiedilo a lui, egli tel dica.

Parte.

EMILIA.

Che disprezzo, che orgoglio:

Quanto deggio soffrir; ma quì il tiranno

Vien di nuovo! che tenta?

CESARE.

A tanto eccesso

Giunse Catone? Ei brama

Che al mio Campo mi renda?

Io vò; di che m’aspetti, e si difenda.

In atto di partire.

EMILIA.

E si difenderà;

Sarò contenta

Del sangue tuo, ma non in tutto, oh Dio!

Poichè nel petto mio

Del tradito Consorte

Solo non giungi a esacerbar la morte.

Nacqui agl’ affanni in seno,

Ognor così penai,

Ne vidi un raggio mai

Per me sereno in Ciel.

Quell’ empia traditore

Pensa di lusing armi

Ma non potrà ingannarmi

Perchè lo sò infedel.

Parte.

Scena V.

Cesare, e Marzia.

CESARE.

Partì al fine: d’ aletto l’ire atroci

Puoi serbar nel sen, ch’io non le temo.

Del mio bene mi spiace

Solo il tormento, ma che far poss’io,

Se il Padre è l’ostinato? Eccola oh Dio!

MARCIA.

Cesare dove vai?

CESARE.

Io riedo al Campo.

Da Catone schernito in questo giorno.

MARCIA.

Oimè! pace una volta;

Fine all’ire, e alle stragi.

CESARE.

Sitibondo

Sol di sangue è Catone, ei vuol che parta.

MARCIA.

Ti piaca:

Sei sdegnato a ragion, ma con ragione

Il Padre dubitò de’ suoi sospetti,

M’ è nota la cagion, tutto saprai.

CESARE.

Ma che far posso?

Scena VI.

Fulvio, e detti.

FULVIO.

Ormai

Consolati, Signor, la tua fortuna

Degna è d’invidia: ad ascoltarti al fine

Scende Catone. Io di favor si grande

La novella ti reco.

CESARE.

E così presto

Si cangiò di pensiero?

FULVIO.

Aspramente assentì: quasi da lui

Tu dipendessi, e la comun speranza.

CESARE.

Che fiero cor, che indomita costanza!

(E tanto ho da soffrir?) Ah Marzia –

MARCIA.

Io dunque

A moverti a pietà non son bastante?

CESARE.

(Quanto costa al mio cor l’esser amante)

FULVIO.

(Ha vinto amor.)

CESARE.

Per poco ti allontana.

FULVIO.

Vuò a riveder le squadre.

Parte.

CESARE.

Fa quel che vuoi. Marzia, di nuovo al Padre

Vuò chieder pace, e se soffrir conviene

Nuovamente il suo orgoglio,

Ie soffrirò fintanto,

Che di giovargli possa averne il vanto.

MARCIA.

Sì, Cesare mio ben

(Vuò dirlo ancora a dispetto del fato)

Soffri, che lo vedrai mio ben placato.

Se ti è caro l’ amor mio,

Se mi brami a te fedele,

Deh mi salva il Genitor.

CESARE.

Cara, sai che sol desio

Di non essergli crudele:

Cara, sai ch’ io l’ amo ancor.

MARCIA.

Sì, mio ben, in te sol spero.

CESARE.

Spera pur, sarò sincero.

CESARE, MARCIA.

Secondate amiche stelle

L’innocente nostro amor.

Partono.

Scena VII.

Camera con sedili.

Catone, indi Marzia.

CATONE.

Si vuole ad onta mia

Che Cesare s’ ascolti?

L’ ascolterò; ma in faccia

Agli uomîni, ed ai Numi io mi protesto

Che da tutti costretto

Mi riduco a soffrirlo, e con mio affanno

Debole io son per non parer tiranno.

MARCIA.

Oh di quante speranze

Questo giorno è cagion! Da due si grandi

Arbitri della Terra

Incerto il Mondo, e curioso pende;

E da voi pace, o guerra

O servitude, o libertade attende.

CATONE.

Inutil cura.

MARZIA.

Or viene

Guardando verso la scena.

Cesere a te.

CATONE.

Lasciami seco.

MARZIA.

(Oh Dei!

Per pietà secondate i voti miei.)

Parte.

Scena VIII.

Cesare, e detto.

CATONE.

Cesare, a me son troppo

Preziosi í momenti, e qui non voglio

Perdergli in ascoltarti:

O stringi tutto in poche note, o parti.

Siede.

CESARE.

T’appaghero. Ad ogni costo io voglio

Siede.

Pace con te: tu scegli i patti, io sono

Ad accettargli accinto,

Come faria col Vincitor il vinto.

(Or che dirà?)

CATONE.

Tanto offerisci?

CESARE.

E tanto

Adempirò, che dubitar non posso

D’ un’ ingiusta richiesta.

CATONE.

Giustissima sarà. Lascia dell’ armi

L’ usurpato comando: il grado eccelso

Di Dittator deponi: e come reo

Rendi in carcere angusto

Alla Patria ragion de’ tuoi misfatti.

Questi, se pace vuoi, saranno i patti.

CESARE.

Ed io dovrei – –

CATONE.

Di rimaner oppresso

Non dubitar, che allora

Sarò tuo difensore.

CESARE.

(E foffro ancora!)

Tu sol non basti: io so quanti nemici

Con gli eventi felici

M’irritò la mia sorte, onde potrei

I giorni miei sagrificare in vano.

CATONE.

Ami tanto la vita, e sei Romano?

S’ alza.

CESARE.

Ferma, Catone.

CATONE.

E vano

Quanto puoi dirmi.

CESARE.

Un sol momento aspetta

Altre offerte io farò.

CATONE.

Parla, e t’ affretta.

Torna a sedere.

CESARE.

(Quanto sopporto!) Il combattuto acquisto

Dell’ impero del Mondo, il tardo frutto

De’ miei sudori, de perigli miei,

Se meco in pace sei

Dividerò con te.

CATONE.

Si, perchè poi

Diviso ancor fra noi

Di tante colpe tue fosse il rossore.

CESARE.

Perchè fra noi sicura

Rimanga l’ amistà, darò di sposo

La destra a Marzia.

CATONE.

Alla mia figlia?

CESARE.

A lei.

CATONE.

Ah prima degli Dei

Piombi sopra di me tutto lo sdegno;

E a proposte si ree – –

CESARE.

Taci una volta:

S’ alzano.

Hai cimentato assai

La tolleranza mia.

In atto di partire.

Scena IX.

Marzia, e detti.

MARZIA.

Cesare, e dove?

CESARE.

Al Campo.

MARCIA.

Oh Dio t’ arresta.

Questa è la pace?

A Catone.

E questa

L’ amistà sospirata?

A Cesare.

CESARE.

Il Padre accusa:

Egli vuol guerra.

MARCIA.

Ah Genitor.

CATONE.

T’ accheta.

Di costui non parlar.

MARCIA.

Cesare.

CESARE.

Ho troppo

Tollerato fin’ora: quasi con lui

Vile mi resi. Addio –

In atto di partire.

MARCIA.

Fermati.

CATONE.

E lascia

Che s’involi al mio sguardo.

MARCIA.

Ah nò, placate

Ormai l’ire ostinate. Ah più non cada

Al figlio, che l’uccise, il Padre accanto.

Basti alfin tanto sangue, e tanto pianto.

CATONE.

Non basta a lui.

CESARE.

Non basta a me? Se vuoi,

A Catone.

V’ è tempo ancor: pongo in oblio le offese

E la tua scelta attendo.

Chiedimi guerra, o pace,

Sodisfatto sarai.

CATONE.

Guerra! guerra mi piace.

CESARE.

E guerra avrai.

Se in Campo armato

Vuoi cimentarmi,

Vieni: che ‘l fato

Frà l’ ire, e l’ armi,

La gran contesa

Deciderà.

Delle tue logrime,

A Marzia.

Del tuo dolore

Accusa il barbaro

Tuo Genitore:

Il Cor di Cesare

Colpa non bà.

Parte.

Scena X.

Catone, e Marzia, indi Emilia.

MARCIA.

Ah Signor che facesti? Ecco in periglio

La tua, la nostra vita.

CATONE.

Il viver mio

Non fia tua cura, a te pensai.

EMILIA.

Qual via

D’ uscir da queste mura

Cinte d’ assedio?

CATONE.

In solitaria parte

A me noto è l’ingresfo

Di sotterranea via.

EMILIA.

(Può giovarmi il saperlo.)

Scena XI.

Arbace, e detti.

ARBACE.

Signor, so che a momenti

Pugnar si deve. Imponi

Che far degg’io. Senz’aspettar l’aurora,

Ogn’ingiusto sospetto a render vano

Vengo Sposo di Marzia, ecco la mano.

(Mi vendico così.)

MARCIA.

Temo. ed ammiro

L’incostante tuo cor.

ARBACE.

D’ogni riguardo

Disciolto io sono, e la ragion tu sai.

CATONE.

Che tardi?

A Marzia.

EMILIA.

(Che farà!)

MARCIA.

(Numi, consiglio.)

CATONE.

Più non s’aspetti, a lei

Porgi, Arbace, la destra.

ARBACE.

Eccola; in dono

Il cor, la vita, il soglio

Così presento a te.

MARCIA.

Va: non ti voglio.

ARBACE.

Come!

EMILIA.

(Che ardir!)

CATONE.

Perchè?

A Marzia.

MARCIA.

Finger non giova

Tutto dirò. Mai non mi piacque Arbace

Mai no ‘l soffersi, egli può dirlo: ei chiese

Il differir le nozze

Per cenno mio: sperai che al fin più saggio

L’autorità d’un Padre

Impegnar non volesse a far soggetti

I miei liberi affetti.

Ma giacchè sazio ancora

Non è di tormentarmi, e vuol ridurmi

A un’ estremo periglio,

A un’ estremo rimedio anch’io m’ appiglio.

CATONE.

Son fuor di me, onde tant’ odio, e d’onde

Tant’ avdacia in costei?

Ad Emilia, e ad Arbace.

EMILIA.

Forse altro foco

L’accenderà.

ARBACE.

Oh Dio!

EMILIA.

Chi sa?

CATONE.

Parlate.

ARBACE.

Il rispetto – –

EMILIA.

Il decoro – –

MARCIA.

Tacete, io lo dirò. Cesare adoro.

CATONE.

Cesare?

MARCIA.

Si, perdona,

Amato Genitor.

CATONE.

Togliti indegna,

Togliti agli occhi miei.

MARCIA.

Padre –

CATONE.

Che Padre?

D’ una perfida figlia

Ch’ ogni rispetto oblia, che in abbandono

Mette il proprio dover, Padre non sono.

Dovea svenarti allora

A Marzia.

Che apristi al dì le ciglia.

Dite, vedeste ancora

Ad Emilia, e ad Arbace.

Un Padre, ed una figlia

Perfida al par di lei

Misero al par di me?

L’ira soffrir saprei

D’ ogni destin tiranno

A questo solo affanno.

Costante il cor non è.

Parte.

Scena XII.

Marzia, Emilia, e Arbace.

MARCIA.

Sarete paghi al fin. Volesti al Padre

Ad Arbace.

Vedermi in odio? Eccomi in odio. Avesti

Ad Emilia.

Desio di guerra? Eccoci in guerra. Or dite,

Che bramate di più?

ARBACE.

M’ accusi a torto

Tu mi togliesti, il sai,

La legge di tacere.

EMILIA.

Io non t’ offendo,

Se vendetta desio.

MARCIA.

Ma uniti intanto

Contro me congiurate.

Ditelo, che vi feci, anime ingrate?

So, che godendo vai

Del duol che mi tormenta;

Ma lieto non sarai,

Ad Arbace.

Ma non sarai contenta;

Ad Emilia.

Voi penerete ancor.

Nelle sventure estreme

Noi piangeremo insieme.

Tu non avrai vendetta,

Ad Emilia.

Tu non sperare amor.

Ad Arbace.

Parte.

Scena XIII.

Emilia, ed Arbace.

EMILIA.

Udisti, Arbace? Il credo appena. A tanto

Giunge dunque in costei

Un temerario amor? A tale oltraggio

Si riscuota una volta il tuo coraggio.

Scena XIV.

ARBACE solo.

L’ingiustizia, il disprezzo,

La tirannia, la crudeltà, lo sdegno

Dell’ ingrato mio ben senza lagnarmi

Tollerar io saprei. Tutte son pene

Soffribili ad un cor. Ma su le labbra

Della nemica mia sentire il nome

Del felice rival: saper che l’ama;

Udir che i pregi ella ne dica, e tanto

Mostri per lui di ardire:

Questo, questo è penar, questo è morire.

Così talor rimira

Fra le procelle, e i lampi,

Nuotar sù l’ onde, e i campi

L’afflitto agricoltor.

Geme, e si lamenta

E nel suo cor rammenta

Quanto vi sparse in vano

D’ affanno, e di sudor.

Parte.

Fine dell’ Atto Secondo.

Siegue il Ballo.

Atto Terzo

Scena Prima.

Cortile.

Cesare, e Fulvio.

CESARE.

Tutto, amico, ho tentato: Andiamo ormai

Giusto è il mio sdegno, ho tollerato assai.

In atto di partire.

FULVIO.

Ferma, tu corri a morte.

CESARE.

Perchè?

FULV.

Già su le porte

D’ Utica v’ è, chi nell’ uscir ti deve

Privar di vita.

CESARE.

E chi pensò la trama?

FULVIO.

Emilia: altro riparo

Offre la sorte.

CESARE.

E quale?

FULVIO.

Un che fra l’ armi

Milita di Catone, infino al Campo

Per incognita strada

Ti condurrà. Ti attende

D’ Iside al fonte. Egli m’è noto, a lui

Fidati pur; intanto al campo io riedo.

E per renderti più la via sicura,

Darò l’assalto alle nemiche mura.

CESARE.

E fidarsi così?

FULVIO.

Vivi sicuro.

Avran di te, che sei

La più grand’ opra lor, cura gli Dei.

La fronda

Che circonda

A’ vincitori il crine,

Sogetta alle ruine

Del folgore non è.

Compagna della cuna

Apresse la fortuna

A militar con te.

Parte.

Scena II.

Cesare, e poi Marzia.

CESARE.

Quanti aspetti la sorte

Cangia in un giorno!

MARCIA.

Ah Cesare, che fai?

Come in Utica ancor?

CESARE.

L’insidie altrui

Mi son d’inciampo.

MARCIA.

Per pietà, se m’ami,

Come parte del mio

Difendi il viver tuo: Cesare, addio.

In atto di partire.

CESARE.

Fermati, dove fuggi?

MARZIA.

Al germano, alle navi. Il Padre irato

Vuol la mia morte. (Oh Dio

Guardando intorno.

Giugesse mai.) Non m’arrestar, la fuga

Sol può salvarmi.

CESARE.

Abbandonata, e sola

Arrischiarsi così? Ne’ tuoi perigli

Seguirti io deggio.

MARCIA.

Nò; s’ è ver che m’ami,

Me non seguir, pensa a te sol, non dei

Meco venir, addio.

In atto di partire.

CESARE.

Così t’ involi?

MARCIA.

Chi sa se più ci rivedremo, e quando,

Chi sa, che’l fato rio

Non divida per sempre i nostri affetti!

CESARE.

E nell’ ultimo addio tanto ti affretti!

MARCIA.

Confusa, smarrita

Spiegarti vorrei

Che fosti – che sei –

Intendimi oh Dio!

Parlar non poss’ io,

Mi sento morir.

Fra l’ armi se mai

Di me ti rammenti,

Io voglio – tu sai –

Che pena! Gli accenti

Confonde il martir.

Parte.

Scena III.

Cesare, poi Arbace.

CESARE.

Quali insoliti moti

Al partir di costei prova il mio core!

ARBACE.

Quale ardir, qual disegno

T’ arresta ancor fra noi?

CESARE.

E tu chi sei?

ARBACE.

Non mi conosci?

CESARE.

Nò.

ARBACE.

Son tuo rivale

Nell’ armi, e nel’ amor.

CESARE.

Dunque tu sei

Il Principe Numida

Di Marzia amante, e al Genitor sì caro?

ARBACE.

Si quello io sono.

CESARE.

Ah se pur l’ ami, Arbace

La siegui, la raggiungi, ella s’ invola

Del Padre all’ ira intimorita, e sola.

ARBACE.

Dove corre?

CESARE.

Al germano.

ARBACE.

Ammiro il tuo gran cor, tu del mio bene

Al soccorso m’affretti, il tuo non curi;

E colei che t’ adora

Con generoso eccesso

Rival confidi al tuo rivale istesso.

Parte.

Scena IV.

CESARE solo.

Del rivale all’ vita

Or che Marzia abbandono, ed or che ‘l fato

Mi divide da lei, non so qual pena.

Incognita fin or m’ agita il petto,

Taci importuno affetto.

Nò, fra le cure mie luogo non hai,

Se a più nobil desio servir non sai.

Quell’ amor che poco accende

Alimenta un cor gentile;

Come l’ erbe il nuovo Aprile,

Come i fiori il primo albor.

Se tiranno poi si rende

La ragion ne sente oltraggio;

Come l’ erba al caldo raggio,

Come al gielo esposto il fior.

Parte.

Scena V.

Luogo ombroso circondato d’ Alberi con fonte d’ Iside da un lato, e dall’ altro ingresso praticabile d’ acquedotti antichi.

MARZIA sola.

Pur veggo al fine un raggio

D’ incerta luce in fra l’ orror di queste

Dubbiose vie; ma non ritrovo il varco

Gardando attorno.

Che al mar conduce. Ah se d’ uscir la via

Rivenir non sapessi – Eccola. Al lido

S’ avvede della porta.

S’affretti il piè. Ma s’io non erro il passo

Chiuso mi sembra. Oh Dei!

Pur troppo è vero: ma quali io sento

Di varie voci, e di frequenti passi

Suono indistinto? Ove n’ andrò?

S’ avvanza.

Forza è celarsi. E quando

I timori, e gli affanni

Avran fine una volta, astri tiranni.

Si nasconde.

Scena VI.

Emilia con spada nuda, e gente armata, e Marzia in disparte.

EMILIA.

E’ questa, amici, il luogo, ove dovremo

La vittima svenar. Fra pochi istanti

Cesare giungerà. Chiusa è l’ uscita

Per mio comando, onde non v’è per lui

Via di fuggir. Voi fra que’ sassi occulti

Attendete il mio cenno.

La gente di Emilia si ritira.

MARCIA.

(Ahimè che sento!)

Scena VII.

Cesare, e dette in disparte.

CESARE.

Quì il calle si dilata; ai noti segni

Questo il varco sarà. Io di mia sorte

Feci in rischio maggior più certa prova.

EMILIA.

Ma, questa volta il suo favor non giova.

Esce.

MARCIA.

(O sorte!)

CESARE.

Emilia armata!

EMILIA.

E giunto il tempo

Delle vendette mie.

CESARE.

Fulvio ha potuto

Ingannarmi così?

EMILIA.

No, dell’ inganno

Tutta la gloria è mia. Forse volevi

Che insensati gli Dei sempre i tuoi falli

Soffrissero così?

CESARE.

Alfin che chiedi?

EMILIA.

Il sangue tuo.

CESARE.

Sì lieve

Non è l’ impresa.

EMILIA.

Or lo vedremo.

MARCIA.

(Oh Dio!)

EMILIA.

Olà costui svenate.

Esce la gente d’ Emilia.

CESARE.

Prima voi caderete.

Cava la spada.

MARCIA.

Empj fermate.

CESARE.

(Marzia!)

EMILIA.

(Che veggio!)

MARCIA.

E di tradir non sente

Vergogna Emilia?

EMILIA.

E di fuggir con lui

Non ha Marzia rossore?

CESARE.

(O strani eventi!)

MARCIA.

Io con Cesare! Menti.

L’ ira del Padre ad evitar m’ insegna

Giusto timor.

Scena VIII.

Catone con spada nuda, e detti.

CATONE.

Pur ti ritrovo, indegna,

Verso Marzia.

MARCIA.

(Misera.)

CESARE.

Non temer.

Si pone avanti a Marzia.

CATONE.

Che miro!

Vedendo Cesare.

EMILIA.

O stelle!

Vedendo Catone.

CATONE.

Tu in Utica, o superbo?

A Cesare.

Tu seco, o scellerata?

A Marzia.

Voi quì senza mio cenno?

Alle genti.

Emilia armata?

Che si vuol? che si tenta?

CESARE.

La morte mia, ma con viltà.

EMILIA.

Eh s’ uccida.

A Catone.

MARZIA.

Padre pietà.

CATONE.

Deponi il brando.

A Cesare.

CESARE.

Il brando

Io non cedo così.

S’ ode di dentro rumore.

EMILIA.

Qual’ improviso

Strepito ascolto!

CATONE.

Insidia è questa. Ah prima

Ch’ altro ne avvenga, all’ onor mio si ferva.

L’ empia figlia uccidete,

Disarmate il tiranno, io vi precedo.

Alle genti.

Scena IX.

Fulvio con gente armata, e detti.

FULVIO.

Venite, amici.

EMILIA, MARZIA.

O Ciel!

CATONE.

Numi che vedo!

EMILIA.

Inutil ferro.

Getta la spada.

MARZIA.

Oh Dei!

FULVIO.

Parte di voi rimanga

Di Cesare in difesa. Emilia, addio.

EMILIA.

Va, indegno.

FULVIO.

A Roma io servo, e al dover mio.

Parte Fulvio, e restano alcune guardie con Cesare.

CESARE.

Catone, io vincitor –

CATONE.

Taci, se chiedi

Ch’io ceda il ferro, eccolo; un tuo comando

Getta la spada.

Udir non voglio.

CESARE.

Ah nò, torni al tuo fianco,

Torni l’ illustre acciar.

CATONE.

Sarebbe un peso

Vergognoso per me, quando è tuo dono.

MARCIA.

Caro Padre –

CATONE.

T’ accheta:

Il mio rosfor tu sei.

MARCIA.

Si plachi almeno

Il Cor d’ Emilia.

EMILIA.

Il chiedi in vano.

CESARE.

Amico

A Catone.

Pace pace una volta.

CATONE.

In van la speri.

MARCIA.

Ma tu che vuoi?

Ad Emilia.

EMILIA.

Viver fra gli odj, e l’ ire.

CESARE.

Ma tu che brami?

A Catone.

CATONE.

In libertà morire.

MARCIA.

Deh in vita ti serba.

A Catone.

CESARE.

Deh sgombra l’ affanno

Ad Emilia.

CATONE.

Ingrata, superba.

A Marzia.

EMILIA.

Indegno, Tiranno.

A Cesare.

CESARE.

Ma t’ offro la pace.

A Catone.

CATONE.

Il dono mi piace.

MARCIA.

Ma l’odio raffrena.

Ad Emilia.

EMILIA.

Vendetta sol voglio.

CESARE.

Che duolo!

MARCIA.

Che pena!

EMILIA.

Che fasto!

CATONE.

Che orgoglio!

CESARE, MARCIA, CATONE, EMILIA.

Più strane vicende

La sorte non bà.

MARCIA.

M’ oltraggia, m’ offende

Da se.

Il Padre sdegnato.

CESARE.

Non cangia pensìero

Verso Catone.

Quel core ostinato.

EMILIA.

Vendetta non spero.

Da se.

CATONE.

La figlia è ribelle.

Da se.

EMILIA, CATONE, CESARE, MARCIA.

Che voglian le stelle,

Quest’ alma non sà.

Partono.

Scena X.

Arbace con spada nuda, ed alcuni seguaci, indi Emilia.

ARBACE.

Dove mai l’ Idol mio,

Dove mai si celò? Compagni, amici,

Ah per pietà si cerchi,

Si diffenda il mio ben – Ma avrà già forse

Fulvio con l’ armi – Ardir, miei fidi, andiamo

Contro lo stuolo audace

A vendicarci Arbace.

Parte furioso con gli altri.

EMILIA.

Fermati Arbace

Ei non m’ ode, e mi lascia

Così incerta a penar. Numi di Roma

Assisteteci voi – ma no; voi siete

Tutti sordi per me – più non amate

Che l’ inganno, e l’ error – Che dissi! ah oppressa

Dal dolor, non ravviso omai me stessa.

Se un’ istante io m’ abbandono

All’ affanno, che mi guida,

E’ ragion ch’ io mi divida

Frà la speme, ed il timor.

E men grata (ancorchè fida)

So ben io che a voi sarei,

Se sprezzare, eterni Dei,

Io potessi il vostro amor.

Parte.

Scena XI.

Gran piazza d’armi dentro le mura di Utica, parte di dette diroccate. Campo di Cesariani fuori della Città, con padiglioni, tende, e macchine militari.

Nell’ aprirsi della Scena si vede l’ attacco sopra le mura, Arbace al di dentro, che tenta respinger Fulvio già entrato con parte de’ Cesariani dentro le mura, poi Catone in soècorso d’ Arbace, indi Cesare difendendosi da alcuni, che l’ anno assalito. I Cesariani entrano le mura, Cesare, Catone, Fulvio, ed Arbace si disviano combattendo. Siegue gran fatto d’ armi fra i due eserciti. Cade il resto delle mura, suggono i Soldati di Catone respinti: I Cesariani li seguitano, e rimasta la Scena vuota, esce di nuovo Catone con spada rotta in mano.

CATONE solo.

Vinceste, inique stelle. Ecco distrugge

Un punto sol di tante etadi e tante

Il sudor, la fatica. Ecco soggiace

Di Cesare all’ arbitrio il mondo intero.

Dunque (chi’l crederia?) per lui sudaro

I Metelli, i Scipioni? Ogni Romano

Tanto sangue versò sol per costui?

E l’ istesso Pompeo pugnò per lui?

Misera libertà, patria infelice,

Ingratissimo figlio! Altro il valore

Non ti lasciò degli Avi

Nella terra già doma

Da soggiogar, che ‘l Campidoglio, e Roma.

Ah non potrai, Tiranno,

Trionfar di Catone. E se non lice

Viver libero ancor; si vegga almeno

Nella fatal ruina

Spirar con me la libertà Latina.

In atto d’ uccidersi.

Scena XII.

Marzia da un lato, Arbace dall’ altro, e detto.

MARCIA.

Padre.

ARBACE.

Signor.

MARCIA, ARBACE.

T’ arresta.

CATONE.

Al guardo mio

Ardisci ancor di presentarti ingrata?

MARCIA.

Perdono, o Padre,

S’ inginocchia.

Caro Padre, pietà. Questa che bagna

Di lagrime il tuo piede, è pur tua figlia.

ARBACE.

Placati alfine.

CATONE.

Or senti.

Se vuoi, che l’ ombra mia vada placata

Al suo fatal soggiorno, eterna fede

Giura ad Arbace, e giura

All’ oppressore indegno

Della patria, e del mondo, eterno sdegno.

MARCIA.

(Morir mi sento.)

CATONE.

E pensi ancor? Conosco

L’ animo avverso. Ah da costei lontano

Volo a morir.

MARCIA.

Nò, Genitore: ascolta:

S’alza.

Tutto farò. Vuoi che ad Arbace io serbi

Eterna fè? La serberò. Nemica

Di Cesare mi vuoi? Dell’ odio mio

Contro lui t’ assicuro.

CATONE.

Giuralo.

MARCIA.

(Oh Dio!) Su questa man lo giuro.

Prende la mano di Catone, e la baccia.

ARBACE.

Mi fa pietade.

CATONE.

Or vieni

Fra queste braccia, e prendi

Gli ultimi amplessi miei, figlia infelice.

Son Padre alfine, e nel momento estremo

Cedi ai moti del sangue

La mia fortezza. Ah non credea lasciarti

In Africa così.

MARZIA.

Questo è dolore.

Piange.

CATONE.

Non seduca quel pianto il mio valore.

Per darvi alcun pegno

D’ affetto il mio core;

Vi lascia uno sdegno,

Vi lascia un amore;

Ma degno di voi,

Ma degno di me.

Io vissi da forte,

Più viver non lice:

Almen sia la sorte

Ai figli felice,

Se al Padre non è.

Parte.

Scena XIII.

A suono di giolivi stromenti vien portato Cesare sopra Carro trionfale formato di scudi, e d’ insegne militari, preceduto dall’ esercito vittorioso de’ Numidi, istromenti bellici, e Popolo.

Cesare, e Fulvio.

CESARE.

Il vincere, o Compagni,

Non è tutto valor: la sorte ancora

Ha parte ne’ trionfi. Il proprio vanto

Del vincitore è il moderar se stesso,

Nè incrudelir sù l’ inimico oppresso.

Conservate in Catone

L’ esempio degli Eroi

A me, alla patria, all’ universo, a voi.

FULVIO.

Cesare non temerne, e già sicura

La salvezza di lui. Corse il tuo cenno

Per le schiere fedeli.

Scena ultima.

Marzia, Emilia, e detti.

MARCIA.

Lasciatemi, o crudeli.

Verso la Scena.

Voglio del Padre mio

L’ estremo fato accompagnare anch’ io.

FULVIO.

Che fù?

CESARE.

Che ascolto!

MARCIA.

Ah quale oggetto! Ingrato

A Cesare.

Và, se di sangue hai sete, estinto mira

L’ infelice Catone. Eccelsi frutti

Del tuo valor son questi. Il più dell’opra

Ti resta ancor. Via quell’ acciaro impugna

E in faccia a queste squadre

La disperata figlia unisci al Padre.

Piange.

CESARE.

Ma come! per qual mano? –

Si trovi l’ uccisor.

EMILIA.

Lo cerchi in vano.

MARCIA.

Volontario morì. Catone oppresso

Rimase, è ver, ma da Catone istesso.

CESARE.

Roma, chi perdi!

EMILIA.

Roma

Il suo vindice avrà.

Parte.

CESARE.

Tu, Marzia, almen rammenta –

MARCIA.

Io mi rammento,

Che son per te d’ ogni speranza priva,

Orfana, desolata, e fuggitiva.

Giurai d’ odiarti; e per maggior tormento

Che un ingrato adorai pur mi rammento.

Parte.

CESARE.

Quanto perdo in un di!

FULVIO.

Quando trionfi,

Ogni perdita è lieve.

CESARE.

Ah se costar mi deve

I giorni di Catone il serto, il trono,

Repigliatevi, o Numi, il vostro dono.

Getta il lavro.

Fine dell’ Atto Terzo.

Siegue l’ultimo Ballo.

Johann Christian Bach – Cato in Utica

Johann Christian Bach

Cato in Utica

Ein Musikalisches Singe-Spiel

Personen

Cato

Cesar

Marcia, Tochter des Cato, und heimliche Liebhaberin des Cesars

Arbaces, Königlicher Numidischer Prinz, Freund des Caro, und Liebhaber der Marcia

Emilia, des Pompejus Witwe

Fulvio, Abgesandter des Römischen Raths an den Cato, von der Parthey des Cesars, und Liebhaber der Emilia

Die Musik ist von dem bey Ihro Königlichen Majestät der Königin von England in Diensten stehenden Kapellmeister, Herrn D. Johann Bach.

Veränderung der Schaubühne.

In der ersten Abhandlung.

Waffensaal.

Innerer Theil der Maure von Utika, und in Prospekt das Thor der Stadt, mit einer Zugbrücke verschlossen, die sich aber nachhero herunter läßt.

Gebäude so zum Theil verwüstet sind, nahe bey der Wohnung des Cato.

In der zweyten Abhandlung.

Kriegeslager an dem Ufer des Flusses Bagrada, mit verschiedenen Inseln, welche durch Brücken zusammen vereiniget sind.

Zimmer mit Stühlen.

In der dritten Abhandlung.

Vorhof.

Ein von Bäumen umgebener schattigter Ort, auf der einen Seite Quellen der Ists, auf der andern ein bequemer Eingang mit alten Canälen.

Ein großer Waffenplatz in den Mauren von Utika. Stücke der schon gedachten verfallnen Häuser. Ausser der Stadt das Lager von Cesars Truppen mit Zelten, und kriegerischen Maschinen.

Inhalt.

Nach dem Tode des Pompejus, machte sich sein Gegner Julius Cesar zum beständigen Diktator. Man sahe, daß ihm nicht allein Rom und der Rath, sondern die ganze Welt huldigte, ausser dem jüngern Cato, ein Römischer Rathsherr, welcher nachhero nach dem Orte, wo er gestorben war, Cato von Utika genannt wurde: Ein Mann, welcher als Vater des Landes, nicht blos wegen seiner strengen Beobachtung der alten Gebräuche, sondern auch seiner Tapferkeit wegen, verehrt wurde. Er war ein großer Freund des Pompejus, und ein strenger Beschützer der Römischen Freyheit. Diese hatten in Utika den kleinen Rest der zerstreueten Armee des Pompejus, mit Hülfe des Juba Königs der Numidier, eines aufrichtigen Freundes der Republik zusammengezogen, und hatte den Muth sich dem Glücke des Siegers entgegen zu stellen. Cesar kam hier mit einem zahlreichen Heer an, und ob er ihn gleich mit einer so überwiegenden Macht unterdrücken konnte, so wandte er doch statt der Drohungen nur Bitten an, um sich ihm zum Freunde zu machen, weil er seine Tugend sehr hoch schätzte; allein Cato, nachdem er alle Anträge verächtlich abschlagen, und von dem Schutz der Römer sich verlassen sahe, wollte lieber als ein freyer Mann sterben, indem er sich selbst tödtete. Cesar ließ bey dessen Tode Zeichen der grössesten Betrübniß blicken, daß die Nachwelt in Zweifel blieb, ob sie mehr seine Großmuth, welche die Tugend auch im Feinde verehret, oder die Standhaftigkeit des andern bewundern sollte, welcher die verlohrne Freyheit des Vaterlandes nicht überleben wollte.

Der Schauplatz ist in Utika, einer Afrikanischen Stadt.

Erste Handlung

Erster Auftritt.

Ein Waffensaal.

Cato, Marcia und Arbaces.

MARCIA.

Warum bist du so betrübt, o Vater?

Wenn auch deine Standhaftigkeit

An zu wanken fängt, so ist Rom schon unterdrückt.

Rede: deine Betrübniß

Ist dem Herzen einer Tochter

Weit schmerzlicher

Als alles Unglück.

ARBACES.

Woran denkst du Herr? Bey diesen Stillschweigen

Kenne ich kaum den Cato mehr.

Ach, wenn das erste Feuer

Deines großen Herzens schon einigermaßen erlöscht ist;

So ist keine Freyheit mehr für uns übrig, und Cesar hat gesiegt.

CATO.

Tochter, Freund, die Traurigkeit

Und das Stillschweigen sind nicht allezeit

Merkmale der Niederträchtigkeit. Die Wuth des Cesars

Hat alles verändert. Die Hoffnung

Wohnt noch in mir, die ihm zuvorkömt;

Rom ists, welches in den Armen seines Tyrannen seufzet,

Und ihr fraget, warum ich tiefsinnig bin, warum ich schweige?

MARCIA.

Wer weiß? Cesar ist vielleicht noch

Roms Sohn.

CATO.

Aber ein unbarmherziger Sohn

Welcher seinen Leidenschaften dienet.

ARBACES.

Cesar bat noch nicht ganz Rom besiegt,

Seiner Wuth bleibt noch

Der stärkste Widerstand zu überwinden übrig.

CATO.

Und was bleibt denn Rom noch übrig?

ARBACES.

Dein Herz bleibt ihm übrig,

Und wenn nicht durch deinen Rath

Unsre letzte Hoffnung einschlägt,

So würde ich meine Numidier nicht keñen.

CATO.

Es ist mir bekannt, und ich habe viel verborgen,

Da ich deine Tapferkeit verschwiegen; erhabene Seele

Welcher nichts ermangelt, als das Glück

Eine Geburth Roms zu seyn.

ARBACES.

Ach Herr, verbessere diesen Fehler

Der nicht von mir herkömt; deine Tugend

Verehre ich schon seit langer Zeit in der

Brust der Marcia. Verknüpfe also

Unsre Freundschaft noch stärker.

Erlaube, daß ich als Bräutigam ihr die Hand reiche:

Die Tochter haßt mich nicht, so bin ich ein Römer.

MARCIA.

Und du, Vater, könntest zugeben, daß die, welche als eine Bürgerin

In Rom gebohren, und ernährt ist,

Zum Verbündnisse mit einem Könige

In das Capitolium gienge?

ARBACES.

(Welch ein edler Stolz!)

CATO.

So wie sich das Schicksal verändert,

Verändern sich auch die Gebräuche.

Prinz, fürchte nichts; in kurzem

Soll Marcia deine Braut seyn. Nimm bis dahin

Das erste Pfand meiner väterlichen Liebe

In dieser Umarmung

Er küßt ihn.

Und bedenke, daß von heute an

Rom dein Vaterland sey. Du bist nun

Ein Römer, und deine Pflicht ist

Rom zu erretten, oder mit ihm zu fallen.

Mir diesen schönen Namen auf der Stirn

Wirst du weit tapferer fechten

Und das Geschick wird in dir

Einen Sohn Roms verehren.

Lebe frey, und wenn das Schicksal

Dir auch dieses versagt,

So wirst du wenigstens von mir lernen,

Wie man sterben muß.

Zweyter Auftritt.

Marcia, Arbaces.

ARBACES.

Ihr meine unglücklichen Triebe,

Wenn sie von deinen schönen Herzen kein Mitleid

Erlangen können, wenn nicht Liebe –

MARCIA.

Allein was habe ich bis hieher

Für Proben von deiner Liebe?

ARBACES.

Du hast noch keine gefodert?

MARCIA.

Und wenn ich, o Prinz

Nun jetzt diese Proben von dir verlangte?

ARBACES.

Ausser dich nicht zu verlassen,

Werde ich sonst alles thun.

MARCIA.

So verlange ich denn, daß an diesen Tage von keiner

Vermählung geredet werde: Deiner Foderung

Hat der Vater beygestimmt,

Er muß nicht wissen, was ich dir aufgelegt, und ich bin zufrieden.

ARBACES.

Allein, warum willst du, daß ich selbst

Meine Glückseligkeit so weit entferne?

MARCIA.

Erfülle meinen Befehl, und bedenke

Wie viel du versprochen, und wie viel ich befohlen habe.

ARBACES.

Werden mir hernach diese geliebten Augen

Mitleid oder Haß bringen?

MARCIA.

Ich drohe dir keinen Haß,

Ich verspreche dir keine Liebe:

Gieb mir nur ein Merkmal der Treue,

Verlaß dich auf mein Herz,

Ich will sehn, ob du mich liebst.

Dich hernach zu belohnen,

Laß meine Sorge seyn

Verlange keine Belohnung,

So sehr du sie wünschest.

Gehn ab.

Dritter Auftritt.

Innerer Theil der Mauer von Utika, nebst dem Stadtthore, welches im Prospekt mit einer Zugbrücke geschlossen ist, die sich hernach herabläßt.

Cato, hernach Cesar und Fulvius.

CATO.

So komme denn Cesar. Den Grund

Welcher ihn herführt, begreife ich nicht.

Ist es Betrug? Ist es Furcht?

Nein: einen Römer wird der Ehrgeitz

Zum herrschen nicht so ins Herze kommen,

Daß er darüber niederträchtig denken solte.

Die Brücke wird herunter gelassen, und man sieht den Cesar mit den Fulvius kommen.

CESAR.

Ich zeige mich nicht vor dir mit vielen hundert Kriegsschaaren,

Die ich bewaffnet zu meiner Vertheidigung

In offnen Felde habe. Ohne Waffen, und

Allein mich auf deine Treue verlassend

Komme ich in diese feindseligen Mauren.

So sehr ehrt Cesar

Des Cato Tugend, und bestrebt sich selbige nachzuahmen.

CATO.

Du kennest mich genung, und da du dich auf mich verläßt,

Thust du nichts als deine Schuldigkeit.

CESAR.

Es ist wahr, ich kenne dich. Und gegen meine Waffen

War das Schicksal

Zu verschwenderisch mit seiner Gunst.

Aber ich verlange noch eine weit grössere Eroberung,

Wofür ich alle andern hingebe.

Es ist deine Freundschaft, hierum ersuche ich dich.

FULVIUS.

Auch der Senat wünscht sie; und dieses Verlangens wegen

Schickt er mich als Abgesandter hieher.

CATO.

Wer den Cato zum Freunde haben will,

Kann ihn sehr leicht erlangen: Er sey Rom getreu.

CESAR.

Wer ist ihm getreuer als ich? Ich vergieße für selbiges

Mein Schweiß und Blut.

CATO.

So hälst du mich denn

Für so wenig unterrichtet?

FULVIUS.

Herr, was sprichst du?

Dieses ist nicht der Weg

Die Zwistigkeiten zu dämpfen: ich komme als ein Gesandter des Friedens,

Und nicht des Streites.

CATO.

Nun wohlan, rede!

(Wir wollen hören, was er sagen wird.)

FULVIUS.

(Die zu große Tugend

Hat ihn zu erbittert gemacht.)

Zum Cesar.

CESAR.

(Doch bewundere ich sie, ob sie mich gleich beleidigt.)

Zu Fulvius.

Durch deine und meine Macht

Ist die Welt getheilt, sobald als die

Freundschaft uns wieder verbindet, so ist alles in Ruhe.

Und wenn du für das römische Blut

Noch einiges Mitleiden hegst, so wirst du meinen Antrag

Gefällig anhören.

Vierter Auftritt.

Emilia, und Obgedachte.

EMILIA.

O Götter! was sehe ich!

Ist dieses die Freystatt

Die ich vom Cato hoffte? Die unglückliche Witwe des Pompejus

Muß sich an einem Orte

Mit ihrem Feinde befinden.

FULVIUS.

(Mitten in ihren Unglück

Ist sie noch schön.)

CATO.

Emilia, deiner Betrübniß wegen

Verzeihe ich dir diese Uebereilung.

CESAR.

Du bist zu ungerecht, wenn du mich

Noch immer so sehr hassest.

FULVIUS.

Herr, dies scheint mir

Keine gelegene Zeit, um von Frieden zu reden.

Die Sache erfodert einen weit einsamern Ort,

Auch ein weit heiteres Gemüth.

CATO.

Ich erwarte euch also in kurzen

In meiner Wohnung. Und du, Emilia

Denke indessen, daß du deinem Schmerz

Nicht alle Freyheit verstatten mußt,

Ob dich gleich das Schicksal zur Tochter des Scipio

Und zur Gemahlin des Pompejus gemacht hat.

Geht ab.

Fünfter Auftritt.

Cesar, Emilia und Fulvius.

CESAR.

Du redest nicht Emilia? Bey diesen Stillschweigen

Hoffe ich einen Anfang deiner Beruhigung.

EMILIA.

Du betrügst dich. Indem ich schweige,

Denke ich auf Rache.

FULVIUS.

Und du kannst dich nicht besänftigen,

Ob du gleich einen so großmüthigen Sieger vor dir hast?

EMILIA.

Ich, mich besänftigen? Vielmehr will ich

Wenn er auch mit tausend Kriegsschaaren umringt wäre,

Ihm ins Gesicht sagen, daß ich ihn hasse, und seinen Tod wünsche.

CESAR.

Alles dieses ist nicht fähig genug, Emilia

Meine Ruhe zu stören.

Weil dein Haß ohnmächtig ist, so mißfällt er mir nicht ganz.

Ein Bach, den man kaum durch Blumen und Gras

Hinmurmeln hört,

Ran den Sand nicht einmal aufrühren,

Und den Nymphen und Hirten

Ist er ein Gegenstand des Vergnügens.

Das sanfte Lüftchen

Welches kaum einen Myrten- oder Lorbeerbaum bewegt,

Kan das Ungewitter nicht herzurufen,

Und ist den ermüdeten Wanderer

Nur eine Erquickung.

Geht ab.

Sechster Auftritt.

Emilia und Fulvius.

EMILIA.

Wie sehr von dir selbst verschieden,

Sehe ich dich wieder, o Fulvius. Und wer hat dich

Zum Begleiter des Cesars, und zu meinem Feinde gemacht?

FULVIUS.

Da ich jetzo Rom diene,

So bin ich nicht dein Feind. Zu stark habe ich

Die schöne Vorstellung deiner Bitten in mein Herz gedrückt.

EMILIA.

Ein Freund des Cesars,

Und ein Liebhaber der Emilia

Stimmen schlecht zusammen, entweder vertheidige ihn,

Oder räche meinen Gemahl; zur Belohnung

Erlaube ich dir, daß du mich lieben kanst.

FULVIUS.

(Ach was schmeichelt sie sich!

Sie irrt sich!)

EMILIA.

Was denkst du?

FULVIUS.

Ich denke, daß du an meiner

Treue nicht zweifeln solltest.

EMILIA.

So sollst du also

Meinen Zorn ausrichten.

FULVIUS.

Befiehl mir eine Probe

Von deinem Verlangen.

EMILIA.

Ich verlange,

Daß Cesar sterbe. Kan ich mich

Jetzt auf dich verlassen?

FULVIUS.

Ich komme dir zuvor, und der Streich

Geschehe nach deinen Rath; das Werk verrichte ich.

Geht ab.

Siebenter Auftritt.

EMILIA allein.

Wenn ich noch andre thörichte Liebe anhöre, oder erdulde,

Wenn ich nach deinem Tode noch Oden schöpfe,

So verzeihe mir, liebster Gemahl,

Ja verzeihe es mir; denn es bleiben

Mir keine andre Waffen mich zu rächen übrig. Dir habe ich

Alle meine Triebe gewidmet, und dir erhalte ich sie auch,

Selbst wenn sich mein Leben endet, soll doch

Die ersten Bande unsrer Liebe noch verknüpft bleiben,

Wenn es wahr ist, das Todte sich noch jenseit der Gruft lieben.

Wenn du mich im Schooße irgend eines Gestirns,

Oder am Ufer des Flusses Lethe erwartest;

So werde nicht unwillig, theure Seele,

Auch ich werde dahin kommen.

Ja ich will kommen, doch verlange ich vorher,

Daß der schuldige Schatten dieses Tyrannen,

Welcher zu deinen Unglück

Die Welt bewaffnete,

Vor dem meinigen vorhergehe.

Geht ab.

Achter Auftritt.

Gebäude zum Theil verwüstet, nahe bey der Wohnung des Cato.

Cesar und Fulvius.

CESAR.

So unterstand sich Emilia

Dich zur Untreue zu verleiten? Und hofft

So viel von deiner Liebe?

FULVIUS.

Ja, allein so sehr ich sie auch liebe,

Liebe ich doch mehr meine Ehre.

CESAR.

Ach mein Freund Fulvius,

Ich setze mein ganz Vertrauen auf mich selbst.

FULVIUS.

Und Cato?

CESAR.

Eile zu ihm mit der Versicherung,

Daß ich, ehe es Mittag würde,

Wieder hieher komme.

FULVIUS.

Ich gehe, allein dort seh ich

Die Marcia herannahen.

CESAR.

Laß mich einen Augenblick

Mit ihr in Freyheit.

FULVIUS.

Ich weiß du liebst sie;

Sie betet dich an, und ich weiß aus der Erfahrung

Was für Freude man in dem

Augenblick empfindet,

Wenn der getreue Liebhaber seine Geliebte wieder sieht.

Zehnter Auftritt.

Marcia und Cesar.

CESAR.

So sehe ich dich wieder, o Marcia?

Kaum trau ich meinen Augen! Nimmt mit deiner Schönheit

Auch deine Liebe zu? Welchen Antheil

Nehmen der Marcia Triebe

An den meinigen?

MARCIA.

Und wie bist du gesinnt?

CESAR.

Wie ich gesinnt bin? Welch eine Frage?

Ist es Scherz, oder ein Traum?

Kennest du den Cesar nicht?

Welchen du so sehr geliebt,

Welchen du geschworen,

Weder durch die Zeit, noch durch ein feindliches Schicksal

Ihm ungetreu zu werden.

MARCIA.

Und so denkst du noch jetzo?

Nein: du bist nicht, wer du gewesen, und nimst nur den Namen an.

Den Cesar betete ich an, ich läugne es nicht, und er war

Der ganzen Welt süßeste Hoffnung, und auch die meinige.

Diesen Cesar liebte ich, dieser gefiel mir,

Ehe mich der Himmel von ihm trennte.

Dieser Cesar kömmt zurück, und ich sehe ihm wieder.

CESAR.

Was kan ich mehr thun? ich bete den Cato

In dem Herzen der Marcia an: Dein schönes Herz

Bewundre ich wie einen Theil des seinigen

Hier hat mich mehr die Freundschaft, als unsre Liebe für ihn, hergezogen.

MARCIA.

Dies ist mein Cesar. Ich fange jetzo an

Ihn in dir zu erkennen: so gefällst du mir,

So hast du mich verliebt gemacht. Liebe nur den Cato,

Ich bin nicht eifersüchtig, wenn ein solcher Nebenbuhler

Dein Herze theilt,

So bist du nur noch würdiger, daß ich dir meine Liebe erhalte.

CESAR.

Dieses ist ein zu großer Sieg. Ach ich vertheidige

Mich zu schlecht wieder eine so großmüthige Tugend.

Erheitere dich, ich bin auf deine Ruhe

Bedacht, und ehe der Tag vergeht,

Sollst du durch Thaten sehen,

Daß ich noch eben der Cesar bin, der dich geliebt hat.

Der welcher eine süße Liebe verdammt

Sehe nur meine Feindin an;

Er höre sie, und sage mir nachher,

Ob die Liebe Schwachheit ist.

Wenn die Triebe aus einer

So schönen Quelle entstehen;

So sind ihr die Helden unterthan

Und selbst die Götter lieben.

Geht ab.

Eilfter Auftritt.

Marcia, und hernach Cato.

MARCIA.

Jetzt empfinde ich, daß alle meine

Verlohrne Hoffnungen sich wieder in meiner Brust entzünden.

Doch wer weiß es? Es ist noch ein großer

Theil von diesen Tage übrig.

CATO.

Laß uns gehen, Tochter.

MARCIA.

Wohin?

CATO.

In dem Tempel, zu der Hochzeit

Des Numidischen Peinzen.

MARCIA.

(O Götter!) Aber warum

So eilfertig?

CATO.

Unser Schicksal leidet

Keinen Aufschub.

MARCIA.

(Treuloser Arbaces!) Der Prinz

Wird sich vielleicht dem Altar nicht nähern.

CATO.

Einer meiner Getreuen ist schon gegangen

Ihn aufzumuntern.

Im Begrif wegzugehen.

MARCIA.

(Welche Qual!)

Zwölfter Auftritt.

Arbaces, und Obgedachte.

ARBACES.

Ach verweile, o Herr.

Zu dem Cato.

MARCIA.

(Du wirst befriedigt werden.)

Leise zu den Arbaces.

CATO.

Kom, o Prinz, laß uns gehen,

Das Beylager zu vollziehen.

ARBACES.

Ach wenn du willst,

Daß ich noch dankbarer werde; so laß es dir gefallen,

Solches bis auf den künftigen Tag zu verschieben.

CATO.

Nein: die Altäre rauchen schon,

Die Priester sind zusammen, und der geringste

Aufschub würde itzo zur Unzeit kommen.

ARBACES.

(Marcia, was soll ich thun?)

MARCIA.

(Du frägst mich noch darum?)

CATO.

Allein was ist dieses für ein Kaltsinn?

Gewiß hierunter

Verbirgt sich ein Geheimniß.

Es kömmt dir doch nicht in den Sinn, Arbaces,

Daß du ein Afrikaner bist?

ARBACES.

Ich erdulde alles

Für den Cato, und wenn –

CATO.

Und ich habe dich,

Für sehr was anders gehalten.

ARBACES.

Du wirst sehen –

CATO.

Ich habe genug gesehen,

Und verlange weiter nichts zu sehen.

Geht ab.

ARBACES.

Verlangst du noch mehr? Grausame!

MARCIA.

Mir zu gehorsamen

Hast du kaum angefangen, und vor meinen

Angesicht erhebst du dich schon so sehr?

ARBACES.

O Grausamkeit!

Dreyzehnter Auftritt.

Emilia und Obgedachte.

EMILIA.

Erhabene Liebhaber, mitten in meinen

Schmerz nehm ich Antheil an eurer Freude.

ARBACES.

Erhalte bis zu einer andern Zeit

Die Wünsche, Emilia: das Bündniß ist noch nicht fest.

EMILIA.

Ich verstehe es nicht, und eure Liebe

Scheint mir ungewöhnlich und sehr neu.

ARBACES.

(Ach ich verstehe es nicht; und doch empfinde ichs.)

In jeder Brust

Herrscht eine verschiedene Liebe.

Der eine leidet, und seufzt

Ohne Hoffnung.

Der andre liebt

Die Unbeständigkeit;

Dieser verlangt Krieg,

Und der andre Frieden.

Und was ihr wünscht

Ist Grausamkeit.

Unter diesen Elenden

Lebe ich auch,

O verlache

Meinen Schmerz nicht:

Der vielleicht

Dein Mitleid verdienet.

Geht ab.

Vierzehnter Auftritt.

Marcia und Emilia.

EMILIA.

Wenn Arbaces die versprochene Treue nicht halten sollte,

So ist Cesar der Unwürdige

Der ihn verführt hat.

MARCIA.

Mäßige deinen Argwohn,

Cesar ist so vieler Niederträchtigkeit nicht fähig,

Ob er gleich unser Freund ist.

EMILIA.

Und du redest so? was würdest du sagen,

Wenn du den Cesar liebtest? Ach ich fürchte nichts,

Und doch scheint es, daß deine Reden es sagen.

Nein, eine Feindin denket nicht auf eine solche Art.

Geht ab.

Fünfzehnter Auftritt.

MARCIA allein.

Ach ich habe zu viel gesagt; und Emilia

Hat meine ganze Liebe gesehn. Allein wer kann

Wohl seine Leidenschaften so verstellen,

Welche man allezeit in andern Augen sieht?

Es ist vergebens, ihr Liebhaber,

Die Ruhe in euren Herzen zu stören

Da ein Blick schon genung ist

Selbige zu entdecken.

Es ist thöricht etwas zu verhehlen,

Was zu verbergen nichts hilft;

Und der sieht es bald in Handlungen,

Der weiß, daß dies Liebe ist.

Ende der ersten Abhandlung.

Es folgt der Tanz.

Zweyte Handlung

Erster Auftritt.

Kriegeslager an dem Ufer des Flusses Bagrada, mit verschiedenen Inseln, welche durch Brücken zusammen vereiniget sind.

Cato, nebst Gefolge, Marcia, und nachher Arbaces.

CATO.

Römer, euer Anführer hoffet,

Wenn er es jemals gethan hat,

Heute Proben eurer Treue zu sehn.

MARCIA.

O Vater, ich sehe hier

Kriegeszeichen, und doch hoffte ich

Daß der erwünschte Friede nahe wäre.

CATO.

Mitten unter Waffen

Ist die Vorsorge nicht hinreichend: schon der Anblick

Des Cesars verführt meine Getreuesten.

ARBACES.

Herr, die Fahnen der Numidier

Kommen schon näher, siehe hier

Ein neues Band meiner Treue.

CATO.

Es ist nicht genug, Arbaces,

Mir den Argwohn zu benehmen.

ARBACES.

Daß das Beylager an einem andern Tage vollzogen wird

Ist kein so groß Verbrechen.

CATO.

Wohlan, es wird dir zugestanden.

Allein in diese Mauren,

Soll Cesar, ehe ich dich nicht als ihren Gemahl sehe,

Nicht wieder kommen.

MARCIA.

(O Götter!)

ARBACES.

(Ich schöpfe wieder Odem.)

Zweyter Auftritt.

Fulvius und Obgedachte.

FULVIUS.

Herr, Cesar ist angekommen.

MARCIA.

(Ich kann noch hoffen.)

CATO.

Wo ist er?

FULVIUS.

Er ist eben in die Mauren

Von Utika eingetreten.

ARBACES.

(Jetzt bin ich wieder in Angst.)

CATO.

Geh Fulvius: sag ihm, daß er in sein

Lager sich begebe, sage ihm; ich würde ihn bekannt machen,

Wenn ich ihn anhören will.

FULVIUS.

Vergebens hoffest du.

So viel Unrecht erdulde ich nicht.

CATO.

Und was willst du denn thun?

FULVIUS.

Meine Schuldigkeit.

CATO.

Aber wer bist du?

FULVIUS.

Ich bin

Der Römische Gesandte.

CATO.

Nun wohlan, der Römische Abgesandte

Kann wieder gehen.

FULVIUS.

Ja, aber erst lies was dieses Blatt

In sich hält, und sieh wer es schickt.

Fulvius giebt den Cato ein Blatt.

ARBACES.

(Marcia, warum bist du so traurig?)

MARCIA.

Ach scherze nicht. (Was bleibt mir zu hoffen übrig?)

Cato eröffnet das Blatt und lieset.

CATO.

Der Rath an den Cato. Unser Wille ist

In der ganzen Welt Friede zu stiften. Ein jeder von uns

Die Consuls, die Tribunen, das ganze Volk,

Cesar selbst, und der Dictator wollen es.

Erfülle den allgemeinen Wunsch; wenn du dich

Einer so gerechten Foderung widersetzest,

So ist heute das Vaterland dein Feind.

FULVIUS.

(Was wird er sagen?)

Einen solchen unverhofften

Befehl bringe ich dir.

CATO.

Es ist wahr, und du gehe

Und sage dem Cesar –

FULVIUS.

Ich will sagen, daß du ihn hier erwartest,

Daß du nicht den Tag über mehr da bleibst.

CATO.

Nein, du sollst sagen, daß er gehe, und niemals wieder komme.

FULVIUS.

Und der Brief – –

CATO.

Es ist ein schändliches Blatt,

Welches nicht die Vernunft, sondern eine fremde Niederträchtigkeit

Aufgesetzt und geschrieben hat.

FULVIUS.

Und Rom – –

CATO.

Rom

Bestehet nicht in diesen Mauren, und es ist allerwegen,

Wo die Vaterlandsliebe

Noch nicht von Ruhm und Freyheit getrennt ist:

Meine Getreuen sind Rom! Rom bin ich selbst.

Kehre zurück nach deinem Tyrañen

Und gehorche deinem Oberherrn.

Allein sage nicht, daß du ein Römer bist,

Wenn du dich nicht der Freyheit rühmen kannst.

Wenn der Schimpf eines niedrigen Joches

Deinem Herzen keinen Kummer macht,

So wird der Gedanke von deiner Schönheit

Dich noch eines Tages erröthend machen.

Dritter Auftritt.

Marcia, Arbaces und Fulvius.

FULVIUS.

Zu einem so hohen Grade

Steigt der Hochmuth des Cato?

MARCIA.

Ach Fulvius, und du kennst noch nicht

Seinen Eifer? Er glaubt – –

FULVIUS.

Er glaube, was er wolle; ob ich in kurzen

Den Namen Römer

Würdig verdiene,

Oder ob ich ein Freund des Cesars bin, und ihm diene.

Geht ab.

ARBACES.

Marcia, darf ich einmal

Mitleid hoffen?

MARCIA.

Entferne dich aus meinen Augen,

Und füge mir keine Angst mehr

Durch deine Gegenwart zu. Ich entbinde

Dich von allen deinen Versprechen.

ARBACES.

Und du bewilligst, daß ich

Frey reden kann.

MARCIA.

Ich willige in alles,

Wenn ich nur deine Klagen

Nicht mehr zu erdulden habe.

ARBACES.

Grausame Marcia.

Geht ab.

Vierter Auftritt.

Marcia, hernach Emilia und Cesar.

MARCIA.

Was wird mein Schicksal seyn? Ich gerathe aus einer Qual

Und aus einer Furcht in die andere, und

Finde keinen Augenblick Ruhe.

EMILIA.

Endlich ist Cesar abgereiset.

Wie konnte dieser Held

So großen Schimpf ertragen?

Was sagte er? Was wird er thun? Du wirst es wissen,

Du, die du für seinem Ruhm so besorgt bist.

MARCIA.

Gehe, und frage ihn darum, er kann es dir sagen.

Geht ab.

EMILIA.

Welche Verachtung, welch ein Stolz!

Wie viel muß ich erdulden! allein der

Tyranne kömt von neuen wieder zurück; was sucht er?

CESAR.

So weit konnte Cato gehn!

Er verlangt, daß ich mich

Auf dem Kampfplatz stellen soll?

Ja, sage ihm, daß er mich erwarte, und sich vertheidige.

Im Begriff wegzugehn.

EMILIA.

Er wird sich vertheidigen; und ich werde,

O Götter! wiewol nicht gänzlich,

Durch dein Blut versöhnt werden,

Da ich mir doch nicht

Den Tod meines verrathenen Gemahls

Aus den Gedanken bringen kann.

Ich bin zu den Qualen gebohren,

Die ich in dieser Brust itzt leide,

Und nie habe ich für mich

Einen heitren Strahl des Himmels erblickt.

Der treulose Verräther

Sucht mich zu hintergehen,

Allein er wird mich nicht betrügen

Weil ich es weiß, daß er ungetreu ist.

Geht ab.

Fünfter Auftritt.

Cesar und Marcia

CESAR.

Laß uns fortgehn: du kannst in deiner

Brust das Vergnügen des heftigen Zorns behalten; ich fürchte ihn nicht,

Nur die Qual meiner geliebten

Peinigt mich; aber was kan ich machen,

Da der Vater unbeweglich ist. O Himmel, sie kömt!

MARCIA.

Cesar, wo gehst du hin?

CESAR.

Auf dem Kampfplatz,

Dem mir Cato auf diesen Tag bestimt hat.

MARCIA.

O Weh mir! würde doch einmal Friede,

Einmal ein Ende des Zorns, und des Mordens!

CESAR.

Cato kan nur blos

Durch Blut gesätigt werden; er verlangt daß ich es vergieße.

MARCIA.

Beruhige dich:

Du erzürnst dich mit Recht, allein mein

Vater hat auch Ursach zu seinen Argwohn,

Der Grund davon ist mir bekannt, und du sollst alles erfahren.

CESAR.

Allein, was kann ich thun?

Sechster Auftritt.

Fulvius und Obgedachte.

FULVIUS.

Beruhige dich,

O Herr, denn dein Glück

Ist beneidenswerth, endlich komt Cato

Um dich anzuhören. Ich bringe dir

Von einer so großen Gnade die Bothschaft.

CESAR.

Und so hat er

So schnell die Gedanken verändert?

FULVIUS.

Zornig bewilligte ers: als ob du,

Und die allgemeine Hoffnung von ihm abhänge.

CESAR.

Welch ein stolzes Herz, welch eine ungebändigte Beständigkeit!

(Und ich muß so viel erdulden?) Ach Marcia –

MARCIA.

So vermag ich denn nicht

Dich zum Mitleid zu bewegen?

CESAR.

(Wie viel kostet es meinen Herzen, daß ich itzt Liebhaber bin.)

FULVIUS.

(Die Liebe hat gesieget.)

CESAR.

Entferne dich auf eine kurze Zeit.

FULVIUS.

Ich eile wieder zu den Kriegsschaaren.

Geht ab.

CESAR.

Thue was du gut findest. Marcia ich will aufs neue

Deinen Vater um Frieden bitten, und wenn ich

Seinen Stolz auch annoch einmal erdulden muß,

So will ich es thun

Um den Ruhm zu haben, ihn zu retten.

MARCIA.

Ja, mein geliebter Cesar,

(Ich will ihn zum Trotz des Schicksals so nennen:)

Erdulde, du wirst ihn, mein Geliebter, versöhnen.

Wenn dir meine Liebe theuer ist,

Wenn du mich getreu zu sehn wünschest,

O so erhalte mir meinen Vater!

CESAR.

Geliebte, du weißt, daß ich nur blos

Gegen ihn nicht grausam zu seyn wünsche,

Du weißt es, daß ich ihn liebe.

MARCIA.

Ja, mein Leben, ich hoffe auf dich

CESAR.

Hoffe nur, ich werde aufrichtig seyn.

MARCIA, CESAR.

Beglücker ihr gütigen Sterne

Unsre unschuldsvolle Liebe!

Gehn ab.

Siebenter Auftritt.

Zimmer mit Stühlen.

Cato, hernach Marcia.

CATO.

Man verlangt, daß ich wider meinen

Willen den Cesar anhöre?

Ich will ihn hören, aber vor den Augen der Welt

Und den Göttern bekräftige ich,

Daß ich von jedermann gezwungen werde,

Ihn zu ertragen, und zu schwach bin

Bey meiner Qual grausam zu seyn.

MARCIA.

Wie viel läßt uns doch

Dieser Tag hoffen? Von zwey so großen

Befehlshabern der Erde hängt die ganze Welt ab,

Und von euch erwartet sie

Krieg, oder Frieden, Sklaverey oder Freyheit.

CATO.

Unnütze Sorge.

MARCIA.

Jetzt kömt

Sieht nach der Bühne hinauf.

Cesar zu dir.

CATO.

Laß mich mit ihm allein.

MARCIA.

(O Götter!

Erfüllet aus Mitleiden meine Wünsche.)

Geht ab.

Achter Auftritt.

Cesar und Obgedachte.

CATO.

Die Augenblicke, Cesar, sind mir

Zu kostbar, und ich will sie dich anzuhören

Nicht verliehren,

Rede kurz, oder entferne dich.

Er setzt sich nieder.

CESAR.

Ich will dir gehorchen, ich will, es koste was es wolle,

Wie oben.

Mit dir Friede haben. Schreibe mir das Bündniß vor,

Ich bin bereit es anzunehmen,

Wie es der Sieger mit den Besiegten fordern kann.

(Was wird er jetzt sagen?)

CATO.

Und zu so viel erbietest du dich?

CESAR.

So viel will ich erfüllen,

Weil ich keiner ungerechten Forderung vermuthen bin.

CATO.

Sie wird die gerechteste seyn. Lege das geraubte Commando

Des Krieges ab, und verlaß den erhabnen

Stand eines Dietators; und als ein Schuldiger

Bekeñe dem Vaterlande deine Uebelthaten

In einem finstern Gefängnisse,

Wenn du Frieden verlangst, so sind dieses die Bedingungen.

CESAR.

Und ich sollte – –

CATO.

Besorge nicht,

Daß du unterdrücket bleiben sollst, denn ich bin alsdenn

Dein Vertheidiger.

CESAR.

(Und ich erdulde dies alles?)

Du allein vermagst dies nicht, denn ich weiß

Wie viel Feinde, mein glückliches Schicksal

Mir entgegen gestellt hat,

So daß ich mein Leben also vergeblich hingeben würde.

CATO.

Du bist ein Römer, und liebst das Leben so sehr?

Steht auf.

CESAR.

Halt ein Cato.

CATO.

Es ist alles vergebens

Was du mir sagen kannst.

CESAR.

Noch einen Augenblick warte!

Ich will dir noch andre Anerbietung thun.

CATO.

Rede, und endige bald.

Setzt sich wieder.

CESAR.

(Wie viel ertrage ich!) Das durch die Schlacht erlangte

Reich der Welt, und die späten Früchte

Meines vergossenen Schweisses, und meiner Gefahren,

Will ich, wenn du mit mir in Frieden leben willst,

Mit dir theilen.

CATO.

Ja, so wäre hernach der Schimpf

Deiner großen begangenen Uebelthaten

Auch unter uns getheilt.

CESAR.

Und damit die Freundschaft

Unter uns fester bleibe, so will ich

Als Bräutigam der Marcia die Hand geben.

CATO.

Meiner Tochter?

CESAR.

Ja ihr selbst.

CATO.

Ach viel eher falle auf mich

Der Götter gänzlicher Zorn!

Und solche Vorschläge – –

CESAR.

Schweige endlich einmal;

Sie stehn auf.

Du hast nun

Meine Geduld genug beleidigt.

Im Begriff wegzugeben.

Neunter Auftritt.

Marcia und Obgedachte.

MARCIA.

Cesar, wohin?

CESAR.

Auf dem Kampfplatz.

MARCIA.

Um des Himmels willen bleibe.

Ist dieses der Friede?

Zu Cato.

CESAR.

Ist dieses die erseufzete Freundschaft?

Zum Cesar.

CESAR.

Dein Vater klagt mich an:

Er verlangt Krieg.

MARCIA.

Ach Vater!

CATO.

Schweige,

Und rede nicht von ihm.

MARCIA.

Cesar.

CESAR.

Ich habe bis anjetzt

Zu viel erlitten; ich habe mich gleichsam

Mit ihm erniedrigt. Lebe wohl –

Im Begriff zu gehen.

MARCIA.

Halt ein.

CATO.

Erlaube ihn,

Daß er sich meinen Augen entziehe.

MARCIA.

Ach nein, mäßige einmal

Die erregten Zwistigkeiten. Ach der Vater

Falle nicht, auch, da der Sohn getödtet ist, an seine Seite.

Laß so viel Blut, so viel Thränen genug seyn.

CATO.

Es ist ihm nicht genug.

CESAR.

Mir nicht genug? wenn du willst,

Ist es noch Zeit: ich vergesse die Beleidigungen,

Und erwarte deine Wahl!

Wähle Krieg, oder Frieden,

Du sollst befriedigt werden.

CATO.

Krieg! Krieg vergnüget mich.

CESAR.

Du sollst Krieg haben.

Wenn du bewaffnet auf dem Kampfplatz

Mich zu sehn verlangst;

So komm: das Schicksal

Soll unter Zorn und Waffen

Den wichtigen Streit

Entscheiden.

Wegen deiner Thränen

Zu der Marcia.

Wegen deiner Leiden

Klage deinen grausamen

Vater an.

Cesars Herz ist

Daran unschuldig.

Geht ab.

Zehnter Auftritt.

Cato und Marcia, hernach Emilia.

MARCIA.

Ach Herr, was hast du gethan? Siehe dein Leben

Und das meinige ist in Gefahr.

CATO.

Sey nicht um mein

Leben besorgt; ich dachte nur an dich!

EMILIA.

Welch einen Weg nimmt man

Um aus diesen völlig verschloßnen

Mauren zu kommen.

CATO.

Mir ist der Eingang

Eines einsamen

Unterirdischen Weges bekannt.

EMILIA.

(Dies zu wissen kann mir sehr nützlich werden.)

Eilfter Auftritt.

Arbaces und Obgedachte.

ARBACES.

Herr, ich weiß, daß man alle Augenblick

Zum Fechten bereit seyn muß. Lege mir den Befehl auf,

Was ich thun soll; bevor die Morgenröthe aufgeht

Will ich allen falschen Argwohn zernichten.

Da ich der Marcia Gemahl werde, so siehe hier meine Hand.

(Auf diese Art will ich mich rächen.)

MARCIA.

Ich fürchte, und bewundre

Dein unbeständiges Herz.

ARBACES.

Ich bin in aller Absicht entschuldigt,

Die Ursache weißt du.

CATO.

Was verweilest du?

Zu der Marcia.

EMILIA.

(Was wird sie thun?)

MARCIA.

(Götter steht mir mit Rath bey.)

CATO.

Zaudre nicht länger,

Arbaces gieb ihr die Hand.

ARBACES.

Hier ist sie; das Herz ist dein,

Das Leben, den Thron

Biete ich dir hiermit an.

MARCIA.

Entferne dich: ich verlange dich nicht.

ARBACES.

Wie!

EMILIA.

(Welch ein Entschluß!)

CATO.

Und warum?

Zu der Marcia.

MARCIA.

Es hilft kein weiteres Verstellen,

Ich will alles sagen. Arbaces hat mir niemals gefallen,

Und habe ihn nie ausstehn können, er wird es sagen müssen,

Er suchte auf meinen Befehl

Den Aufschub der Vermählung.

Ich hoffte, daß das Ansehen

Eines Vaters meine freyen Triebe

Nicht einschränken würde.

Allein da er noch nicht müde ist

Mich zu quälen, und mich

In die allergrösseste Gefahr stürzen will,

So nehme ich zum allerletzten Mittel meine Zuflucht.

CATO.

Ich bin ausser mir! woher kommt so großer Haß

Und so viele Verwegenheit in ihr?

Zu Emilia und den Arbaces.

EMILIA.

Vielleicht ist sie durch

Ein andres Feuer entzündet.

ARBACES.

O Götter!

EMILIA.

Wer weiß es?

CATO.

Redet!

ARBACES.

Die Ehrfurcht – –

EMILIA.

Der Wohlstand – –

MARCIA.

Schweigt, ich will es sagen. Ich bete den Cesar an.

CATO.

Den Cesar?

MARCIA.

Ja, verzeihe es mir,

Geliebter Vater.

CATO.

Fort von hier, Undankbare,

Fort aus meinen Augen!

MARCIA.

Mein Vater –

CATO.

Was für ein Vater?

Der Vater einer treulosen Tochter,

Die alle Ehrfurcht vergißt; und ihre Schuldigkeit

Aus den Augen setzt! Ich bin nicht Vater mehr.

Als du das Tageslicht erblicktest

Zu der Marcia.

Hätte ich dich tödten sollen.

Sagt habt ihr jemals

Zu Emilia und Arbaces.

Einen unglücklichern Vater

Und eine treulosere Tochter gesehen?

Ich konnte den Zorn

Von jedem grausamen Schicksal erdulden,

Aber bey dieser einzigen Qual

Bleibt mein Herz nicht standhaft.

Geht ab.

Zwölfter Auftritt.

Marcia, Emilia und Arbaces.

MARCIA.

Ihr werdet zuletzt zufrieden seyn. Ihr wünschtet

Zu Arbaces.

Daß mein Vater mich hassen sollte. Seht er haßt mich!

Zu Emilia.

Ihr verlangtet Krieg? Und Krieg ist da.

Sagt, was verlangt ihr noch mehr?

ARBACES.

Du beschuldigst mich mit Unrecht.

Du weißt es, du hast mir

Das Stillschweigen auferlegt.

EMILIA.

Ich beleidige dich nicht

Wenn ich Rache wünsche.

MARCIA.

Sagt es mir, was habe ich euch gethan, undankbare Seelen?

Daß ihr euch wider mich

Verschworen habt.

Ich weiß, daß du bey meinen Schmerz

Der mich quält, dich freuest,

Aber deine Freude wird nicht dauren,

Zu Arbaces.

Und du wirst nicht zufrieden seyn,

Zu Emilia.

Ihr werdet es noch bereuen.

In dem äußersten Unglück

Werden wir bald zusammen weinen

Du wirst dich nicht rächen,

Zu Emilia.

Und du keine Liebe hoffen können.

Zu Arbaces.

Geht ab.

Dreyzehnter Auftritt.

Emilia und Arbaces.

EMILIA.

Hast du es gehört, Arbaces? Ich glaube es kaum.

So weit ist denn doch bey ihr

Eine verwegene Liebe gekommen!

Bey einer solchen Beleidigung zeige einmal deinen Muth.

Vierzehnter Auftritt.

ARBACES allein.

Ist es möglich, daß ich die Ungerechtigkeit,

Die Verachtung, die Tyranney, die Grausamkeit,

Den Haß einer undankbaren Geliebten,

Ohne mich zu beklagen, erdulden kann?

Dieses sind alles noch dem Herzen erträgliche Qualen,

Aber in dem Munde meiner Feindin den Namen

Eines glücklichen Nebenbuhlers nennen zu hören,

Zu wissen, daß sie ihn liebt,

Zu hören, daß sie bittet:

Dies, dies ist Leiden; dies ist Sterben.

So sieht der bekümmerte Landmann

Unter Stürmen und Blitzen

Seine Felder verschwemmt

Von der Fluth.

Er seufzet und weint,

Und erinnert sich in seinem Herzen,

Wie viel Mühe und Schweiß

Er umsonst angewandt.

Geht ab.

Ende der zweyten Abhandlung.

Es folgt der Tanz.

Dritte Handlung

Erster Auftritt.

Ein Vorhof.

Cesar, und Fulvius.

CESAR.

O Freund, ich habe alles versucht. Laß uns gehen,

Denn mein Zorn ist gerecht, und ich habe genug erduldet.

Im Begriff wegzugehn.

FULVIUS.

Bleib, denn du gehst sonst zum Tode.

CESAR.

Warum?

FULVIUS.

Es ist schon jemand

An den Thoren von Utika bereit,

Im Hinausgehen dich zu tödten.

CESAR.

Und wer hat dieses angegeben?

FULVIUS.

Emilia. Doch das Glück

Hat dir einen andern Ausweg aufbehalten.

CESAR.

Und was für einen.

FULVIUS.

Einer, der unter den Waffen

Des Cato steht, soll dich bis in das Lager

Durch einen unbekannten Weg fahren,

Er erwartet dich am Quell Isis,

Er ist mir bekannt, du kannst dich auf ihn verlassen.

Inzwischen eile ich ins Lager, und

Um dir den Weg noch sicherer zu machen.

Will ich einen Anfall auf die feindlichen Mauren thun.

CESAR.

Und dem soll ich mich so anvertrauen?

FULVIUS.

Du kannst es sicher thun.

Die Götter werden für dich sorgen,

Da du eines ihrer größten Werke bist.

Die Lorbeerzweige,

Welche das Haupt

Eines Siegers kränzen,

Sind der Verwüstung des Blitzes

Nicht unterworfen.

Schon von der Wiege an,

War das Glück an deiner Seite,

Um mir dir zu kämpfen.

Geht ab.

Zweyter Auftritt.

Cesar, und hernach Marcia.

CESAR.

Wie oft verändert sich

Nicht das Schicksal in einen Tage.

MARCIA.

Ach Cesar, was machst du?

Du bist noch in Utika?

CESAR.

Anderer Nachstellungen

Sind mir hinderlich.

MARCIA.

Ach aus Mitleiden, wenn du mich liebst,

So vertheidige dein Leben,

Als einen Theil des meinigen: Cesar, lebe wohl.

Im Begriff wegzugehn.

CESAR.

Bleib! wo fliehst du hin?

MARCIA.

Zu meinen Bruder, zu den Schiffen.

Mein erzürnter Vater

Verlangt meinen Tod. (Ach Himmel!)

Sieht sich um.

(Wenn er sich doch näherte.) Halt mich nicht auf,

Denn blos die Flucht kan mich retten.

CESAR.

Allein, und verlassen

So viel zu wagen? ich sollte dir wenigstens

In deiner Gefahr folgen.

MARCIA.

Nein; wenn es wahr ist, daß du mich liebst

So folge mir nicht, denke an dich selbst,

Du darfst nicht mit mir gehn, lebe wohl!

Im Begriff wegzugehen.

CESAR.

So entreissest du dich von mir?

MARCIA.

Wer weiß, ob wir uns je wieder sehn!

Wer weiß, ob nicht das grausame Schicksal

Unsre Triebe auf ewig trennet.

CESAR.

Und bey dem letzten Lebewohl, eilest du so?

MARCIA.

Ganz verwirrt, ganz beklemmt,

Möchte ich dir sagen,

Daß du warest – daß du bist –

O Himmel vernimm meine Gedanken.

Ich kan nicht reden,

Und fühle nur, daß ich sterbe.

Wenn du unter den Waffen

Dich noch meiner erinnerst

So verlange ich – du weißt es –

Welche Qual! der Schmerz

Verwirrt meine Worte.

Geht ab.

Dritter Auftritt.

Cesar, hernach Arbaces.

CESAR.

Welche ungerechte Bewegungen

Empfindet mein Herz bey ihren Weggehn.

ARBACES.

Welche Bemühung, welches Vorhaben,

Hält dich noch so lange unter uns auf?

CESAR.

Und wer bist du?

ARBACES.

Kennest du mich nicht?

CESAR.

Nein.

ARBACES.

Ich bin dein Nebenbuhler,

Sowol in Waffen, als in der Liebe.

CESAR.

So bist du denn

Der Numidische Prinz,

Der Liebhaber der Marcia, der du ihrem

Vater so theuer bist?

ARBACES.

Ja, der bin ich!

CESAR.

Ach wenn du sie liebst Arbaces,

So folge ihr, du begegnest ihr; sie floh

urchtsam und allein vor dem Zorne des Vaters.

ARBACES.

Und wohin eilt sie?

CESAR.

Nach ihrem Bruder.

ARBACES.

Ich bewundre dein großes Herz, du treibst mich an,

Meiner Geliebten zu Hülfe zu eilen, deine

Sicherheit achtest du nicht;

Und sie, die dich anbetrift

Tritst du selbst großmüthig

An deinen Nebenbuhler ab.

Geht ab.

Vierter Auftritt.

CESAR allein.

Ich weiß nicht, welche unbekannte Qual

Mein Herz in Bewegung setzt,

Da ich meinen Nebenbuhler Hülfe leiste,

Und die Marcia verlasse.

Weil mich itzt das Schicksal von ihr trennt,

Schweig verhaßte Leidenschaft!

Nein, bey meinen Sorgen findest du keinen Platz,

Wenn du keinen edlern Verlangen zu dienen weißt.

Die Liebe welche nur wenig entzündet,

Ernährt ein zartes Herz,

Wie der neue April das Gras,

Wie die Morgenröthe die Blumen.

Aber wenn sie sich zum Tyrannen macht,

So wird die Vernunft eben so sehr durch sie verwüstet,

Als das Gras durch den heissen Mittagsstral,

Als die Blume durch den rödtenden Frost.

Geht ab.

Fünfter Auftritt.

Ein von Bäumen umgebener schattigter Ort, auf der einen Seite Quellen der Isis, auf der andern ein bequemer Eingang mit alten Canälen.

MARCIA allein.

Endlich sehe ich einen Strahl

Von einem ungewissen Lichte,

Auf diesen schreckens- und zweifelsvollen

Wege; aber ich finde den Weg nicht,

Der zum Meere führt. Ach wenn ich den Weg

Hier herauszukommen nicht wüßte –

Man wird des Thors gewahr.

Zum Ufer eilt der Fuß, aber wenn ich den Weg nicht fehle,

So scheint er mir ungewiß zu seyn. O Götter!

Zu sehr ist es wahr; allein was höre ich

Für Stimmen? was für beständiges Gehen?

Wo eile ich hin? Es nähert sich.

Ich muß mich verbergen! Und wenn wird die Furcht

Und die Qual einmal

Sich endigen, grausames Gestirn!

Sie verbirgt sich.

Sechster Auftritt.

Emilia mit bloßen Degen, und bewaffneten Gefolge, und Marcia beyseite.

EMILIA.

Dieses ist der Ort, Freunde,

Wo man das Opfer tödten soll,

In wenig Augenblicke wird Cesar kommen

Der Ausgang ist auf meinen Befehl verschlossen,

Weswegen für ihn kein Weg zur Flucht übrig ist.

Ihr aber erwartet indessen unter

Diesen Felsen verborgen meinen Befehl.

Das Gefolge der Emilia zieht sich zurück.

MARCIA.

(O Weh mir, was hör ich!)

Siebenter Auftritt.

Cesar und Obgedachte beyseite.

CESAR.

Hier erweitert sich das Gewölbe; nach den mir gegebenen Merkmalen

Muß dieses der Ausgang seyn. Ich habe in viel grösserer Gefahr

Von meinem Glücke noch gewissere Proben gehabt.

EMILIA.

Allein diesesmal hilft dir die Gunst des Glückes nichts.

Kommt hervor.

MARCIA.

(Grausames Schicksal!)

CESAR.

Emilia bewaffnet!

EMILIA.

Die Zeit mich zu rächen

Ist herbey gekommen.

CESAR.

Hat mich denn Fulvius

Auf solche Art hintergehen können?

EMILIA.

Nein, von dieser List

Ist der ganze Ruhm meine.

Denkst du vielleicht, daß die unbedachtsamen Götter

Deine Verbrechen immer so begünstigen sollen?

CESAR.

Wohlan! was verlangst du?

EMILIA.

Dein Blut.

CESAR.

Dies ist nicht so leicht

Zu vergießen.

EMILIA.

Wir werden es bald sehen.

MARCIA.

(O Götter!)

EMILIA.

Hier! man erwürge ihn.

Das Gefolge der Emilia kömt hervor.

CESAR.

Ihr müßt zuerst sterben!

Entblößt den Degen.

MARCIA.

Haltet ein, Treulose!

CESAR.

(Marcia!)

EMILIA.

(Was sehe ich?)

MARCIA.

Und Emilia schämt sich

Dieser Verrätherey nicht?

EMILIA.

Und Marcia erröthet nicht,

Daß sie mit ihm fliehen will?

CESAR.

(Was für seltsame Zufälle!)

MARCIA.

Ich mit dem Cesar? Du lügst,

Der Zorn und die gerechte Furcht

Für meinen Vater ermunterte mich zur Flucht.

Achter Auftritt.

Cato mit entblößten Degen, und Obgedachte.

CATO.

So finde ich dich denn wieder, Undankbare.

Zu Marcia.

MARCIA.

(Ich Unglückselige.)

CESAR.

Fürchte nichts!

Stellt sich vor die Marcia.

CATO.

Was sehe ich!

Da er den Cesar sieht.

EMILIA.

O Sterne!

Da sie den Cato sieht.

CATO.

Du in Utika, Stolzer!

Zum Cesar.

Und du bist bey ihm, Gottlose?

Zu der Marcia.

Ihr seyd hier ohne meinen Befehl?

Zur Wache.

Emilia bewaffnet!

Was hast du für Absicht? Was willst du unternehmen?

CESAR.

Sie sucht meinen Tod, aber auf eine niederträchtige Art.

EMILIA.

Tödtet ihn!

Zu den Cato.

MARCIA.

Vater, ich bitte um Mitleiden.

CATO.

Lege dein Schwerdt ab.

Zum Cesar.

CESAR.

Mein Schwerd

Gebe ich nicht so weg.

Man hört hinten Lärm.

EMILIA.

Was höre ich

Für einen ungewohntem Lärm?

CATO.

Dieses ist eine Hinterlist. Ach ehe

Noch andre herzukommen, so rettet meine Ehre,

Tödtet die gottlose Tochter,

Und entwaffnet den Tyrannen, ich gehe voraus.

Zu der Wache.

Neunter Auftritt.

Fulvius nebst bewaffneten Gefolge und Obgedachte.

FULVIUS.

Kommet, Freunde.

EMILIA, MARCIA.

O Himmel!

CATO.

Götter, was seh ich!

EMILIA.

Unnützes Schwerdt.

Wirft den Degen weg.

MARCIA.

O Götter!

FULVIUS.

Ein Theil von euch bleibe

Zu Cesars Vertheidigung, Emilia, lebe wol.

EMILIA.

Gehe, Undankbarer.

FULVIUS.

Ich diene Rom, und erfülle meine Pflicht.

Fulvius geht ab, und einige von der Wache bleiben bey den Cesar.

CESAR.

Cato, ich bin Sieger –

CATO.

Schweige, wenn du verlangst

Daß ich den Degen abgebe, so nim ihn hin,

Wirft den Degen weg.

Ich will von dir keinen Befehl anhören.

CESAR.

O nein, stecke dein Schwerdt wieder an deine Seite,

Nimm dein tapferes Schwerdt wieder.

CATO.

Es wäre für mich ein Schimpf,

Wenn ich es als ein Geschenk von dir annähme.

MARCIA.

Geliebter Vater –

CATO.

Schweig!

Du machst mir Schande.

MARCIA.

Man befriedige doch endlich

Das Herz der Emilia.

EMILIA.

Du verlangst es vergeblich.

CESAR.

Freund

Zu dem Cato.

Friede! einmal Friede!

CATO.

Du hoffest dies vergebens.

MARCIA.

Was verlangst du denn?

Zu Emilia.

CATO.

Unter Zorn und Haß stets zu leben.

CESAR.

Und was willst du denn?

Zum Cato.

CATO.

In Freyheit zu sterben!

MARCIA.

Laß mich dir im Leben dienen!

Zum Cato.

CESAR.

Bezwinge deinen Zorn.

Zur Emilia.

CATO.

Stolze, Undankbare!

Zur Marcia.

EMILIA.

Grausamer, Tyranne.

Zum Cesar.

CESAR.

Aber ich biete dir Frieden an.

Zum Cato.

CATO.

Das Geschenk gefällt mir.

MARCIA.

Aber mäßige deinen Zorn.

Zu Emilia.

EMILIA.

Ich verlange blos Rache!

CESAR.

Welch ein Schmerz!

MARCIA.

Welche Qual!

EMILIA.

Welch ein Stolz!

CATO.

Welch ein Hochmuth!

CESAR, MARCIA, CATO, EMILIA.

Grausamere Begebenheiten

Kann das Schicksal nicht haben.

MARCIA.

Der erzürnte Vater

Für sich.

Reizet mich zum Zorn und beleidiget mich.

CESAR.

Dieses widerspenstige Herz

Gegen Cato.

Verändert die Gedanken nicht.

EMILIA.

Ich hoffe keine Rache.

Für sich.

CATO.

Die Tochter ist aufrührisch.

Für sich.

EMILIA, CATO, CESAR, MARCIA.

Diese Seele weiß nicht

Was die Sterne verlangen.

Gehn ab.

Zehnter Auftritt.

Arbaces mit bloßen Degen, und einige vom Gefolge, hernach Emilia.

ARBACES.

Wo verbirgt sich doch

Meine Geliebte? Gefolge, Freunde,

Aus Mitleiden suche man sie,

Man vertheidige meine Schöne – Muth, meine Getreuen,

Laßt uns den Kühnen entgegen gehen,

Um den Arbaces zu rächen.

Geht wüthend mit den andern weg.

EMILIA.

Halt, Arbaces!

Er höret mich nicht, und läßt mich

In Ungewißheit seufzen – Götter Roms

Steht uns bey – aber nein, ihr seyd

Alle gegen mich taub – ihr liebet weiter nichts

Als Betrug und Falschheit – Was habe ich gesagt?

Ach von Schmerz unterdrückt, kenne ich mich fast selbst nicht.

Wenn ich mich einen Augenblick

Dem Schmerz, der mich leitet überlasse,

So ist der Grund, daß ich mich

In Furcht und Hoffnung theile.

Sie ist nicht dankbar, meine Hoffnung, aber doch standhaft.

Ich weiß, ich würde euch angenehm seyn,

Wenn ich, ewige Götter,

Eure Liebe verachten könnte.

Geht ab.

Eilfter Auftritt.

Ein großer Waffenplatz in den Mauren von Utika. Stücke der schon gedachten verfallnen Häuser. Ausser der Stadt das Lager von Cesars Truppen mit Zelten, und kriegerischen Maschinen.

Bey Eröffnung der Schaubühne siehet man die Schlacht auf der Mauer. Arbaces, welcher sucht, den schon mit einem Theil der Truppen des Cesars in die Mauren gekommenen Fulvius zurück zu treiben; hernach Cato dem Arbaces zu Hülfe. Cesar sich vertheidigend gegen einige die ihn anfallen. Cesars Soldaten dringen in die Mauern. Cesar, Cato, Fulvius und Arbaces theilen sich streitend. Es folgt ein großer Streit zwischen beyden Armeen. Es fällt der Rest der Mauer, und die Soldaten des Cato fliehn. Cesars Soldaten verfolgen sie, und da die Schaubühne leer ist, kömt Cato mit zerbrochenen Degen wieder heraus.

CESAR allein.

Ihr habt gesiegt, unbillige Sterne! Siehe

Ein einziger Augenblick vernichtet den Schweiß und die Arbeit

So großer Länder und Staaten! Und nun liegt die ganze Welt

Unter dem Joche des Cesars. Für ihn also

(Wer sollte es glauben?)

haben die Metallen, die Scipionen gearbeitet?

Jeder Römer hat für ihn sein Blut vergossen?

Und sogar Pompejus stritt also blos für ihn?

Arme Freyheit! unglückliches Vaterland!

Undankbarster seiner Söhne! Keine andre Tapferkeit laß ich dir

Von deinen Vorfahren zu überwinden,

Als Rom und das Capitol.

Aber doch sollst du Tyranne,

Nicht über den Cato triumphiren!

Und kan er nicht mehr frey leben; so soll man wenigstens

Unter seinen Ruinen,

Die Freyheit mit vergraben sehen.

Er will sich erstechen.

Zwölfter Auftritt.

Marcia von der einen Seite, und Arbaces von der andern, und Obgedachter.

MARCIA.

Vater.

ARBACES.

Herr.

MARCIA, ARBACES.

Bleib.

CATO.

Undankbare! du unterstehst dich noch

Meinen Augen dich zu zeigen?

MARCIA.

Verzeihe, o Vater,

Kniet nieder.

Geliebter Vater, Mitleiden! Diese

Die deine Füße mit Thränen benetzt, ist noch immer deine Tochter.

ARBACES.

Beruhige dich doch endlich!

CATO.

Höre,

Wenn du willst, daß mein Schatten sich beruhigen soll,

So schwöre dem Arbaces

Eine ewige Treue, und dem gottlosen Unterdrücker

Des Vaterlandes und der Welt, einen ewigen Haß.

MARCIA.

(Ich sterbe bereits!)

CATO.

Du bedenkst dich noch? Ich erkenne

Dein widerspenstiges Gemüth. Ach weit von dieser

Eile ich zu sterben.

MARCIA.

Nein, Vater, höre mich an:

Steht auf.

Ich will alles thun Du willst, daß ich den Arbaces

Ewige Treue schwöre? Ich will es thun. Du verlangst

Daß ich des Cesars Feindin sey? Ich versichere dich

Ich will ihn hassen.

CATO.

Schwöre es.

MARCIA.

(O Götter!) bey dieser Hand schwöre ichs.

Nimt des Cato Hand und küßt sie.

ARBACES.

Sie bewegt mich zum Mitleid.

CATO.

So komm

In diese Arme, und empfange

Die letzte Umfassung, unglückliche Tochter,

Ich bin Vater, und in dem letzten Augenblicke

Weicht meine Strenge

Den Bewegungen des Bluts.

Ach ich glaubte nicht,

Dich in Afrika so zurück zu lassen.

MARCIA.

Dieses nenne ich Schmerz

Sie weint.

CATO.

Dieses Weinen macht meine Tapferkeit nicht abwendig.

Um euch ein Zeichen

Von der Neigung meines Herzens zu geben;

So hinterlasse ich euch Haß,

Und hinterlasse euch Liebe;

Aber die eurer,

Und die meiner würdig ist.

Da mir nicht mehr

Tapfer zu leben erlaubt ist:

So mag das Schicksal

Den Söhnen günstig seyn,

Wenn es solches nicht gegen den Vater ist.

Geht ab.

Dreyzehnter Auftritt.

Nach einer angenehmen Musik wird Cesar auf einem Triumpfsitze von Schildern und Siegszeichen hergetragen. Das siegreiche Heer der Numidier geht voraus; mit kriegerischen Instrumenten und Soldaten.

Cesar und Fulvius.

CESAR.

O Gefährte, zu siegen

Kömt nicht immer von Tapferkeit allein:

Auch das Glück

Hat Theil an dem Triumpf. Der größte Ruhm

Eines Siegers ist, sich zu mäßigen,

Und nicht zu grausam gegen den unterdrückten Feind zu seyn.

Erhaltet im Cato

Das Beyspiel der Helden

Mir, dem Vaterlande, der Welt, und euch.

FULVIUS.

Fürchtet nichts Cesar, seine Rettung

Ist schon geschehn. Dein Befehl ist

Durch alle deine treue Schaaren bekannt gemacht worden.

Letzter Auftritt.

Marcia, Emilia und Obgedachte.

MARCIA.

Laßt mich, o ihr Grausamen,

Gegen das Theater.

Ich will in seinem letzten Unglück

Meinen Vater nicht verlassen.

FULVIUS.

Was ist geschehen?

CESAR.

Was höre ich!

MARCIA.

Ach, welch ein Gegenstand! Geh, Undankbarer,

Zum Cesar.

Wenn du so blutdürstig bist,

So betrachte den Tod des Unglücklichen Cato. Dieses sind

Die schönen Früchte deiner Tapferkeit. Das größte

Ist noch zu thun übrig. Nimm diesen Säbel

Und vor dem Angesicht dieser Krieger

Vereinige die verzweiflungsvolle Tochter mit ihrem Vater.

Sie weint.

CESAR.

Aber wie! durch welche Hand? –

Man entdecke den Mörder!

EMILIA.

Den suchest du vergebens.

MARCIA.

Er ist freywillig gestorben. Cato ward besiegt,

Es ist wahr, aber durch niemand als durch sich selbst.

CESAR.

Rom! was verlierst du?

EMILIA.

Rom

Wird seinen Rächer finden.

Geht ab.

CESAR.

Und du, Marcia, bedenke wenigstens –

MARCIA.

Ich erinnere mich,

Daß ich durch dich aller Hoffnung beraubt

Daß ich eine trostlose Waise bin, und die Flucht ergreifen muß.

Ich habe geschworen dich zu hassen, und erinnere mich,

Daß ich zur größten Qual einen Undankbaren angebetet habe.

Geht ab.

CESAR.

Wie viel verliere ich in einem Tage?

FULVIUS.

Wenn du siegst

Ist aller Verlust leicht.

CESAR.

O wenn der Lorbeerkranz und der Thron

Mit dem Leben des Cato erkauft werden muß,

So nehmet, o ihr Götter! euer Geschenk zurück.

Wirft den Lorbeerkranz weg.

Ende der dritten Abhandlung.

Es folgt der letzte Tanz.